I. Name


I. Name

Daß das Wort Elfe den allgemeinsten Ausdruck unserer Sprache für jene geisterhaften Wesen enthalte, geht aus der Betrachtung jeder einzelnen deutschen Mundart hervor. Erst später sind einschränkende Bestimmungen hinzugetreten oder die Benennung hat sich verloren.

1. Der hochdeutschen Sprache gebührt die Form alp, welches einfache Wort zwar in keinem einzigen alten Denkmal vor dem 13ten Jahrhundert anzutreffen ist, unstreitig bloß, weil es an Veranlassung fehlte, eines heidnischen, von den Schriftgelehrten verachteten Begriffs Meldung zu tun. Der Ausdruck muß aber von uralter Zeit her gang und gäbe gewesen sein. Eine Menge männlicher und weiblicher Eigennamen sind mit ihm gebildet und zusammengesetzt: Alpinc, Alpirìh, Alpkôz, Alpkast, Alphart, Alpkêr, Alpwin, Alphâri, Alptac, Alphilt, Alplint, Alploug, Alpsuint, Westralp, woraus zugleich erhellt, daß man sich dabei nichts Böses noch Gehässiges dachte.

Die mittelhochdeutschen Dichter bedienen sich des Ausdrucks hin und wieder, wenn gleich im ganzen selten. Gewöhnlich steht die männliche Form. In dem alten Meistergesangbuch 37b ruft ein Dichter Gott an: got unde niht alp! Gott, kein Truggeist! Ungewiß ist im Parc. 46a zer wilder albe klûsen, welches zwar heißen kann: zur Klause wilder Geister, aber auch zur wilden Alpklause, Bergklause (vgl. Barl. 194. gein den wilden alben und Parc. 62a zer wilden muntâne.) Deutlicher gehen folgende Stellen auf den Geist.

Ein fahrender Schüler (Altd. Wäld. II. 55.) nennt ein Mittel: guot vür den alp. Die meisten Anspielungen stehen in dem noch ungedruckten Gedichte Ruodigers von zwein Gesellen (Königsberg. Handschr.) 12a

dich hat geriten der mar,
ein elbischez âs.
dû solt daz übele getwâs
mit dem kriuze vertrîben;
sêt, daz hât man von iu wîben,
swenne uns mannen iht geschehe,
daz ir immer des jehet:
uns triege der alp.

und gleich darauf:

dir enhät nieman niht getân
wan so vil, daz dich zoumet
ein alp, davon dir troumet;
der var der sunnen haz!

Die letzte Zeile ist eine auch sonst gebrauchte Verwünschungsformel. Und 14b:

in bedûhte, daz er vlüge,
oder daz in lihte trüge
ein alp in sime troume.
ez gezame michel baz,
daz dû mit zühten läges
unt solher ruowe pfläges,
als ûf dem beite wäre
den elbischir gebare.

In der letzten Zeile steckt ein Fehler, vielleicht ist zu lesen:

dem elbischen gebäre

und das voraus gehende ûf der beite scheint zu bedeuten: etwas erwarten, einem Ding auf der Lauer sein.

Ferner 16d:

ich sehe wol, daz dû elbisch bist;
ein elbische ungehiure!
sprach sie, dû sist verwâzen!

d. i. verflucht seist du, du elbisches Ungeheuer!

18a:

nû sagâ mir, elbischez getwàs
vil rehte dînen namen.

In einem andern Gedicht (Altes Meistergesangbuch 2b):

elbe triegent niht so vil junge
unde alte, alsô ez mich tuot.

Herbort (trojan. Krieg 84c) redet von elbischem viure (Irrlichtern?); statt der alp scheint er aber das Neutrum daz alp oder elbe, Pl. diu elber zu brauchen (daselbst 5d):

diu elber triegent mich
unreinez getwâs!

wie man schon früher neben dem männlichen der tiuvel auch daz tiuvel, Pl. diu tiuvler (althochdeutsch diufilir Otfr. III. 14, 103) sagte. Sonst wird der christliche, männlich gedachte Teufel in der altdeutschen Sprache gern weiblich, weil unserm Volksglauben der Begriff Unholdin, Hexe geläufiger war, als der des bösen Feindes und Zauberers. Ulfilas sagt lieber unhulthô als unhultha und in althochd. Denkmälern (hymn. XXIV, 3. gloss. Ker. 85) wird diabolus statt durch das Masc. unholdo durch das Fem. únholdâ übersetzt. Deutsche Märchen legen dem Teufel wenigstens seine Großmutter bei und der böse Geist Grendel im angelsächsischen Gedicht hat seine noch ärgere Mutter zur Seite. Desto weniger kann befremden, daß zuweilen das Fem. diu alp, Gen. der elbe vorkommt. Heinrich von Mörungen singt (M. S. I. 50b):

von der elbe wirt entsehen vil maniger man,
alsô wart ich von grôzer liebe entsehen,

d. h. von der Alb wird es manchen Leuten angetan, so ist es mir angetan worden von der Liebe. Die Bedeutung von entsehen bestätigt folgende Stelle aus dem ungedruckten Eraclius Z. 3329-35.

ich sage iu guotiu märe,
sprach diu alte, do sie sie ersach,
iuwers kindes ungemach
kan ich wol vertriben,
hie geredet under uns wiben,
ich hân in gesegent, er was entsehen,
im sol arges niht geschehen.

Neben dieser beschränkten Bedeutung von nächtlichem, die Menschen reitendem Gespenst, mag noch die ältere und ursprünglich allgemeinere für Geist überhaupt bestanden haben, wie sich teils aus dem Elberich der Nibelungen und des Heldenbuchs, teils aus einer Stelle in der Verdeutschung der Ovidischen Metamorphosen (Buch VI Cap. 9.) folgern läßt, wo der Ausdruck die Elben und Elbinnen vorkommt. Wahrscheinlich hat ihn Wikram in dem durch ihn umgearbeiteten Werke Albrechts von Halberstadt bereits vorgefunden.

Heutzutage dauert in Deutschland bloß der Aberglaube von dem Reiten und Drücken des Alps mit dem alten Namen fort; was sonst von den Geistern zu erzählen ist, wird den Zwergen, Wichteln zugeschrieben, nicht den Elben, wiewohl dieser Ausdruck selbst noch in den spätern Hexenprozessen mitunter gebraucht zu werden scheint.8

Der unhochdeutsehen, nie unter dem Volk gebräuchlichen, Wortform Elfen hätten wir uns enthalten, wenn sie nicht von den Dichtern des vorigen Jahrhunderts in Übersetzungen aus dem Englischen, ohne die Eigenheit unserer Mundart zu beachten, angenommen und nun einmal eingeführt worden wäre.

2. Aus der deutschen Sprache haben auch die Franzosen das Wort Alb für Geist übernommen, sie verwandelten es aber nach ihrem Organ in Aube, nämlich so muß der in einer altfranzösischen Volkssage auftretende Auberon, später Oberon, verstanden werden. Er entspricht etwa unserm Elberich und hat ganz das Wesen der gutmütigen Elfen. Aus dieser altfranzösischen Quelle haben die englischen Dichter ihren Elfenkönig Oberon geschöpft, den sie schicklicher in einen Elfric übersetzt haben würden, da Ob nichts anderes als das englische Elf bedeutet.

3. In angelsächsischen Denkmälern begegnet sowohl das einfach älf als die Zusammensetzungen älfric, älfrêd usw. Fürs Fem. gilt älfen, Gen. älfenne. Über die ältere, weitere Bedeutung kann kein Zweifel sein; mägälf und älfscîne werden in den Dichtungen auch als Epitheta von Menschen gebraucht (Cädm. 40. 58, Beov. 194. Ind. 9.). Sagen selbst scheinen nicht erhalten. In den Handschriften finden sich wohl die Ausdrücke dûnälfenne (monticolae, castalides), feldälfenne (moïdés, hamadryades), muntälfenne (oreades) saeälfenne (najades) vudälfenne (dryades), die jedoch mehr zur Übersetzung der griechischen Wörter gebildet scheinen, als uns Unterscheidungen einheimischer Geister lehren. Spätere altenglische Dichter enthalten dafür genug Beispiele von lebendiger Fortdauer des Worts und der Sache. Es wird hinreichen ihrer einige aus den Canterbury tales hier folgen zu lassen.

5174.

the mother was an elve by aventure
ycome by charmes or by sorcerie.

6442.

the elfquene with hire joly compagnie
danced ful oft in many a grene mede,
this was the old opinion, as I rede,
I speke of many hundred yeres ago,
but now can no man see non elves mo.

13718. 13720. 13724. an elfquene, 13633. se semeth elvish by his contenance. 16219. elvish craft 16310 elvish nice. Eine Menge anderer stehen bei Spenser und Shakespeare,9 nach und nach ist der ungefähr gleichbedeutige Name fairy gebräuchlicher worden.

Wiewohl nun jenes elf zuweilen völlig den Sinn des spätem, hochdeutschen Alp hat und elvish gerade so den von phantastisch, so gibt es doch auch eine Reihe echter Elfensagen unter dem alten Namen, ohne solche Beschränkung auf bloße Zauberei.

4. Am reinsten und in der ursprünglichen ausgedehnten Bedeutung haben die nordischen Sagen und Gedichte diese Benennung erhalten. Altnordisch âlfr, Pl. âlfar; schwedisch elf, Pl. elfar, woneben häufig der weibliche Pl. elfvor gebraucht wird; dänisch elv, Pl. elve, in Zusammensetzungen heutzutage ellefolk, ellekone, ellekonge statt elvefolk usw.; aus welchem ellekonge durch ein Mißverständnis die unrichtige deutsche Übersetzung Erlkönig entsprungen ist, da der Name des Geists mit dem des Baums Erle, dänisch eile, altnordisch elni (alnus) nichts zu schaffen hat.

5. Die Urbedeutung des Namens alp, älf, âlfr hängt wahrscheinlich mit dem lateinischen albus (weiß) zusammen, vergleiche das griech. αλφιτον (Mehl), αλφιτω, ein weibliches Gespenst, vor dem sich die Kinder fürchteten (weiße Frau?); nicht aber mit dem latein. alpes (Berge). Sie berührt sich auch mit dem allgemeinen Flußnamen Elbe, elf, albis (französ. aube), ohne daß man daraus zu schließen braucht, die Elfen seien Wassergeister, was sie nur zuweilen sind.

  1. Vgl. Pomarios colleg. synopt. phys. disp. 15. sent. 23. 24. 26. und Prätorius Weltbeschreib. I, 181. 182.
  2. Der Shakespearischen Elfen Eigentümlichkeiten, an denen der Dichter einen nicht geringen Anteil haben mag, obgleich er im ganzen den Glauben des Volks zu Grund gelegt hat, findet man zusammengestellt von Voß in den Anmerkungen zum Sommernachtstraum. S. 509-511.

II. Abstufung und Verschiedenheit


II. Abstufung und Verschiedenheit

Die Sagen, welche die Elfen als vom Himmel verstoßene, der Hölle halb verfallene Engel, eben deshalb als halb teuflische Wesen schildern,10 haben einen Gegensatz, der schon vorhanden war, in christlicher Ansicht erklärt, schwerlich aber erst geschaffen.

Die Edda unterscheidet weiße, leuchtende Elfen des Lichts und schwarze Elfen der Finsternis, nicht als gute und böse, sondern um sie als Geister der verschiedenen Regionen des leuchtenden Himmels und der dunklen Erde zu bezeichnen. Deutlich wird dies daraus, daß sie die schwarzen Elfen zugleich Zwerge nennt (so wie auch ein Zwerg in den Kenningar den Namen âlfr führt), denn dies ist der besondere Ausdruck für die in den dunklen Berghöhlen wohnenden und hausenden Unterirdischen. Die Lichtelfen von reiner Farbe erscheinen fast durchsichtig, ganz ätherisch, mit weißen, silberschimmernden Kleidern, wie in den irischen Märchen. In deutschen Sagen (Nr. 10 und 11.) sitzen sie als schneeweiße Jungfrauen im Sonnenschein, zeigen sich um Mittag (Nr. 12.) und dürfen nur solange als die Sonne am Himmel ist verweilen. Diese heißt daher in der Edda (Säm. I. 70. u. 231.) âlfrödull, die Elfen anstrahlend. Die Erdelfen dagegen sind körperlich und von dunkler Farbe, darum sind sie in Norwegen blau, in dem Sinne, in welchem die nordische Sprache einen Neger blâmadr nennt; der schottische Brownie ist braun und zottig, wie die wilde Berta in der deutschen Sage (Nr. 268.) und brauner Zwerge in Northumberland gedenkt eine Anmerkung in Walter Scotts Lady of the Lake. Die Erdelfen tragen auch dunkelfarbige Kleider. Sie treiben ihr Wesen in der Nacht und fliehen im Gegensatz zu den Lichtelfen die Sonne, die daher auch in der Edda (Hamdismâl Str. 1.) die Sorge der Elfen (graeti âlfa) heißt. Überrascht sie der Tag, so werden sie von dem Strahl der Sonne in Stein verwandelt. (Vgl. Edda Säm. I. 274. II. 44.)

Natürlich bestand diese Unterscheidung nicht länger, sobald man sie auf sittliche Eigenschaften bezog und die Elfen beider Art wurden verwechselt. Daß aber in Deutschland der Begriff der Lichtelfen vorhanden, ja vielleicht gerade im Gegensatz zu der spätem Zeit der allgemeinere war, zeigt nicht bloß die vorhin auseinander gesetzte Verwandtschaft des Worts mit dem lateinischen albus, sondern auch der Umstand, daß seit der Bekehrung das christliche engil ebenso wie früherhin alp zu Namenbildungen gebraucht wurde und insoweit an seine Stelle trat, z. B. Engilrîch, Engilhart, Engilgêr usw. Bei den Angelsachsen zeugt die Zusammensetzung älfscîne, d. h. leuchtend wie ein Elfe.

Für die Mischung beider Arten gibt Elberich das beste Beispiel ab. Sein Name verrät schon seine Abkunft, er heißt in den Nibelungen (1985) wie im Otnit (Str. 127 bei Mone) ein wildez getwerc, schmiedet und haust in Berghöhlen, und gleichwohl erscheint er geistig überlegen und äußerlich glänzend, wo er in letzterem Gedicht, dessen Hauptperson er eigentlich ist, auftritt. In Norwegischen Sagen wird es noch ausgedrückt, daß der Zwerg körperlicher und weniger geistig ist, als der Elfe; je genauer er aber in Verbindung mit dem Menschen kommt, desto menschlicher werden auch seine Bedürfnisse. Als Hausgeist dient er um Speise und Kleider, während er wunderbare Dinge verrichten kann und ist beides, ein hilfsbedürftiges und ein übermächtiges Wesen.

Die Ausdrücke Wichte, Schrate, Schretlein bezeichnen gleichfalls nichts anders, als die Kleinen, Unterirdischen oder Zwerge, wiewohl sich leicht an jede besondere Benennung eine besondere, oft schwer zu bestimmende leise Nebenbedeutung hängt. Wir teilen die Stellen mit, wo wir diese Namen gefunden haben:

Glossae lindenbrog. 995a fauni, silvestres homines: waltscrechel, die im Wald herumspringen. – 996b larvae, lares mali: screza. – gl. vindob. larvae: screzzol scraito. – gl. trev. screiz, larvae, von späterer Hand dabei geschrieben: klein herchin (Herrchin) – Barlaam 251, II. ein wilder waltschrate und Alt. Wälder III. 225. wo es für Faun steht. Schretel im Cod. palat. Nr. 341. f. 371. – Titurel 190. sie (die Minne) ist villîhte ein schrat‘ ein geist von helle. – Hans Vintlers Tugendbuch vom Jahr 1411 (nach der gotha. Handschr.):

– etliche die jehent,
daz schretlîn daz si ein kleinez kint
unde sî als ringe als der wint
unde si ein verzwîvelôter geist. (d. h. gefallener Engel)

  1. S. unten das irische Märchen Nr. 4. die Mahlzeit des Geistlichen und die Anmerkung dazu, wo die übereinstimmende dänische und schottische Sage angeführt ist. Auch in Schweden ist sie allerorten bekannt, nur, und das ist merkenswert, mit entgegengesetzter Auflösung (Schwedische Volkslieder III. 128). Zwei Kinder spielen an einem Fluß, da sitzt ein Nix auf dem Wasser und läßt seine Harfe ertönen. Die Kinder rufen ihm zu: »Was hilft, daß du da sitzest und spielst, du wirst doch nicht selig!« Der Nix weint bitterlich, wirft seine Harfe hin und sinkt in die Tiefe. Als die Kinder heim zu ihrem Vater kommen erzählen sie ihm, was sich zugetragen hat. Der Vater heißt sie zuückgehen, den Nix trösten und ihm die Versicherung der Erlösung geben. Als sie bei dem Fluß anlangen, sitzt der Nix auf dem Wasser und weint. »Nix, trauere nicht«, rufen sie ihm zu, »der Vater hat gesagt, daß auch dein Erlöser lebe.« Da nimmt der Nix seine Harfe wieder und spielt fröhlich. (Vgl. auch das. III. 158.)

III. Untergang


III. Untergang

Allgemein verbreitet, und am wahrscheinlichsten durch Einführung des Christentums entstanden, sind die Sagen von dem allmählich näherrückenden Verschwinden der Elfen. Nicht bloß entfernen sie sich vor dem Geräusch und geschäftigen Treiben der Menschen, sondern es erfolgt ein großer Auszug der Unterirdischen. Sie schließen einen Vertrag mit den Menschen ab und auf einem vorher bestimmten Weg, über eine Brücke, hört man in der Nacht die Kleinen in unzähliger Menge forttrippeln oder sie werden über das Wasser gefahren und ihre große Zahl drückt das Schiff. (Deutsche S. Nr. 152-54. dänische bei Thiele II. 2.) Manchmal wird erzählt, daß zum Andenken oder aus Dankbarkeit für das von den Menschen genossene Gute, jeder ein kleines Stück Geld von altem Gepräge in eine hingestellte Schüssel gelegt habe.

Man hat in dem Auszug der Zwerge eine geschichtliche Tatsache, die Unterdrückung und Vertreibung eines alten, einheimischen Volkes durch neue Ankömmlinge erkennen wollen und wozu auch ein Zug von Scheu, Trauer und Ironie, der über die Natur des Geistervolks verbreitet ist, stimmt.

IV. Gestalt


IV. Gestalt

1. Erblickt man den Elfen in seiner wahren Gestalt, so sieht er aus, wie ein schönes Kind von einigen Jahren, zart und wohl gegliedert; die schottischen und walisischen Sagen beschreiben ihn ausdrücklich auf diese Art. Elberich liegt als Kind von vier Jahren unter einer Linde, wo ihn Otnit kraft eines Ringes sehen kann und ihn meint als ein Kind forttragen zu können. (Str. 99. 108.) Und als der Elfe sich vor den Leuten sehen läßt, so heißt es (Str. 517.):

ich wäne daz nie kein ouge schöner bilde ie gesach.

dô vienc er (Siegfried) bì dem barte den altgrîsen man.

ich trage ûf mînem rücken mê dan vierdehalp hundert jâr.

V. Kleidung


V. Kleidung

1. Der Verschiedenheit in der Kleidung der Elfen nach der Verschiedenheit ihres Ursprungs ist schon vorhin gedacht und nur noch anzumerken, daß auch die serbischen, den nordischen Elfinnen entsprechenden Vilen weiß gekleidet sind. Elberich hat glänzende mit Gold und Edelsteinen gezierte Kleider an (Str. 104.); die Tracht der Unterirdischen ist dunkelfarbig, meist grün oder moosfarbig, in deutschen (Nr. 48. 270.) wie in schottischen, walisischen und shetländischen Sagen. Auf den Färöer und in Dänemark grau (Thiele I. 122. 125.), doch zeigen sich auch hier grüngekleidete Elfinnen (Thiele I. 109.). Geister, die mit den Menschen im Verkehr stehen, tragen buntfarbige und rote Röckchen (Deutsche S. Nr. 71. 75.) oder erhalten sie von jenen geschenkt (Nr. 37.). Merkenswert ist eine Übereinstimmung. In dem irischen Märchen von der Flasche („Die Flasche“) erscheint der Elfe ganz in sein Kleid eingewickelt, damit man seine Füße nicht sehen kann; eine Schweizersage (Nr. 149.) erzählt, daß die Zwerge in langen Mänteln dahergetrippelt wären, die ihre Füße ganz bedeckt hätten. Neugierig streut einer Asche und findet, daß ihre Füße platt sind wie Gänsefüße, wiewohl diese eigentlich nur Wasserelfen zuzugehören scheinen; man erinnert sich an die weiße Bertha mit dem großen Fuß (Vergl. Altd. Wälder III. 47, 48.).

2. Von besonderer Wichtigkeit ist die Kappe oder Mütze, so sehr, daß die norwegischen Elfen, obgleich sonst ganz nackt, doch einen heruntergeschlagenen Hut auf dem Kopf haben. Die irischen bedienen sich dazu der roten Blüten des zauberkräftigen Fingerhuts oder sie haben weiße, breite Hüte, gleich Pilzendeckeln. Auch in Dänemark und Schweden sind ihre Mützen rot (Thiele I. 122. II. 3. Schwed. Volksl. III. 127.) sowie bei den Nisser der Färöer, sonst aber auf diesen Inseln schwarz. In Preußen tragen sie spitze Hüte, die wie jene der Cluricaunen aufgekrämpt sind; ebenso sind die Mützen der Hausgeister in Dänemark spitz, während die Hüte, die sie im Sommer tragen, rund sind (Thiele I. 135.). In den deutschen Sagen ist der Hut nicht vergessen. Die Bergmännlein haben weiße Hauptkappen an dem Hemd (Nr. 37.); der Nix trägt einen grünen Hut (Nr. 52.), ein anderer grauer Geist einen großen Schlackhut (Nr. 271.). Hodeken hat den Namen von einem großen Hut, den er so tief in den Kopf drückte, daß man sein Gesicht niemals sehen konnte und dieser Hut bringt dadurch einigermaßen die Wirkung der Nebelkappe hervor, welche völlig unsichtbar macht, deren schon der junge Misener (Man. S. II. 156.) gedenkt und welche den Zwergen am Harz (Deutsche S. Nr. 152. 153. 155.) zugeteilt wird. Mit dieser hat Elberichs Tarnkappe, wenn sie auch zugleich den Mantel enthält und der tamhût entspricht, doch offenbar Zusammenhang. Dienstbar wurde er und sein Reich dem Siegfried, weil der Held die Tarnkappe genommen hatte und das machen deutsche Sagen (Nr. 152. 153. 255.) noch deutlicher, wenn sie erzählen, daß man nach den unsichtbaren Zwergen mit Ruten geschlagen, bis man ihre Mützen getroffen und abgeschlagen habe, worauf sie sichtbar geworden und in die Macht der Menschen geraten seien. Eske Brok schlug zufällig einem Zwerg im Felde den Hut ab und um ihn wieder zu erhalten, bewilligte dieser alle Forderungen (Thiele III. 49.). Nun erklärt sich die Wichtigkeit der Kopfbedeckung bei den Elfen, sie halten sich dadurch vor den Blicken der Menschen verborgen. Laurin hat eine Nebelkappe, so wie Euglin, welcher sie über Siegfried wirft und ihn dadurch den Augen des Riesen entzieht; dem Kopfschleier der Kriemhild legt der Rosengarten gleiche Kraft bei. Der Kobold Zephyr (in dem altfranzös. Roman Perceforest, Mélanges T. XII.), der wie eddische Zwerge nach einem Wind benannt ist, trägt eine schwarze Kappe, durch welche er sich unsichtbar machen, oder eine andere Gestalt annehmen kann.

Unbeständigen, schalkhaften Leuten (von Zwergsnatur) werden auch sonst Nebelkappen beigelegt (Man. Samml. II. 258b) und der römische Volksglaube dachte sich zu seinem incubo, welcher völlig dem deutschen Alp verglichen werden darf, gerade so den Hut und knüpfte an ihn die Unsichtbarkeit des Geistes. Die Stelle findet sich in Petronii satyric. c. 38. (Burm. p. 164): »sed quomodo dicunt, ego nihil scio, sed audivi, quomodo incuboni pileum rapuisset et thesaurum invenit.« – Incubones qui thesauris invigilant. (Sabinus ad II. Georg. v. 507.) und ein neuerer Erklärer Petrons fügt aus dem Volksglauben seiner Zeit hinzu: ex superstitione veteri, cujus hodieque passim exstant reliquiae, velut incubones sint ornati pileis, quibus surreptis compellantur ad obsequium in indicandis pecuniis absconditis. Hieran schließen sich vollkommen die Worte des Nibelungenlieds:

399.

dô er die tarnkappen sit Alberîch angewan,
dô was des hordes herre Sîvrit der vreislîche man.

Anmerkungen


Anmerkungen

1. Das weiße Kalb

Der Berg wird im Irischen Knocksheogowna genannt, welches wörtlich übersetzt der Berg des Elfenkalbs heißt. Die seltsamen und auffallenden Erscheinungen wie z. B. der Lachs mit der Halsbinde, sind kein Zusatz, sondern genau nach den mündlichen Erzählungen beibehalten und dienen zugleich als Beispiel von der wunderlichen Einbildungskraft der Einwohner; es gibt ein im südlichen Irland wohlbekanntes Lied von Castle Hyde, in welchem sogar vorkommt: »die Forelle und der Lachs spielten im Brett zusammen.«

Das Märchen hat Verwandtschaft mit dem deutschen von dem Jungen, der nicht weiß, was Fürchten ist und den durchaus kein Hexenspuk in Schrecken setzen kann, weniger in der Fabel als im Charakter. S. Hausmärchen Nr. 4 und die Anmerkungen dazu.

2. Die erzürnten Elfen

Knockfierna heißt soviel als: Berg der Wahrheit, des Rechts und diesen Sinn setzt auch die Redensart voraus: »geh nach Knockfierna und du wirst sehen, wer Recht hat!« welche gewöhnlich gebraucht wird, wenn sich jemand durchaus nicht will überzeugen lassen.

Die literary gazette vom 11ten Septbr. 1824 erzählt diese Sage auch, doch nicht ganz genau, so wie sie in der Erklärung des Namens irrt, den sie »Berg der Elfen« übersetzt.

Caroll O’Daly ist in den irischen Sagen und Liedern wohl bekannt, wie überhaupt sein Geschlecht wegen seines Muts und der Geschicklichkeit in der Bardenkunst berühmt war. Er soll eine Volksmelodie erfunden und gesungen haben bei einer Begebenheit, welche in dem Leben von Cormac Common erzählt ist, welches man in Walkers Abhandlung über die irischen Barden findet. Ein beliebtes irisches Lied besingt, was ihm an den Ufern des Sees Lean (von Killarney) mit einer Sheban oder einem weiblichen Geist begegnet ist. Eine andre Erzählung von ihm in Miss Brooke’s Relics of irish poetry p. 13, wovon wahrscheinlich ein irisches Manuskript vorhanden ist, welches zu der schottischen Ballade of the Gay Goss Hawk in der Sammlung von Walter Scott (II. 273.) angeführt wird.

3. Fingerhütchen

Knockgrafton, nach der Aussprache des Volks, sollte O’Briens irischem Wörterbuch zufolge vielmehr Knockgraffan oder Raffan geschrieben sein; daselbst wird auch bemerkt, daß dies in alten Zeiten ein Haus der Könige von Munster gewesen und hierhin der berühmte Cormac Mac Airt als Gefangener sei gebracht worden.

Die Worte des einfachen Gesanges bezeichnen die Wochentage: Montag, Dienstag und Mittwoch und mußten eigentlich geschrieben sein: Dia Luain, Dia Mairt, agus Dia Ceadaoine.

Die Melodie, welche hier folgt, hat A. D. Roche aufgezeichnet, sie ist ohne Zweifel alt und wird gemeinlich von jedem geschickten Erzähler gesungen, um den Eindruck zu erhöhen:

Unter Fingerhut (lusmore, wörtlich: das große Kraut) ist die zierliche pupurea digitalis gemeint, welche das Volk Elfenkäppchen nennt, weil die Mützen der Elfen ihren Blüten ähnlich sein sollen. Mit dieser Pflanze ist noch mancher Aberglaube verbunden, namentlich soll sie überirdische Wesen grüßen, indem sie zum Zeichen der Anerkenntnis ihren hohen Stengel beuge.

Es gehört zu jener Reihe von Märchen, in welchen dargestellt wird, daß die Geister nur den Guten Glück gewähren, und dem Bösen dieselbe Gunst, wenn er sie fordert, zum Bösen ausschlägt. Vergl. die Anmerkungen im 3ten B. der Hausmärchen, S. 155.

4. Die Mahlzeit des Geistlichen

Thiele in dem 4ten Band der dänischen Volkssagen erzählt eine ähnliche Geschichte. In einer Nacht reiste ein Geistlicher nach Rothschild auf Seeland und der Weg führte an einem Berg vorbei, in welchem Tanz und Musik war und man sich sehr lustig machte. Einige Zwerge sprangen plötzlich heraus, hielten den Wagen an und fragten den Geistlichen:

»Wo willst du hin?«

»Auf die Kirchenversammlung«, antwortete er. Sie fragten ihn, ob er glaube, daß sie selig würden. Er erwiderte, daß er hierüber sogleich Entscheidung nicht geben könne. Hierauf baten sie ihn, er möge übers Jahr ihnen die Antwort mitteilen. Als sie bei seiner Rückkehr dieselbe Frage taten, versetzte er: »Nein, Ihr seid alle verdammt!« Kaum hatte er das Wort gesprochen, so stand der ganze Berg in Flammen.

Aus dem schottischen Hochland enthält Stewarts Werk gleichfalls diese Sage S. 58-62. Ein frommer Geistlicher hatte einem Sterbenden Beistand geleistet und mußte spät in der Nacht auf dem Heimweg durch eine Gegend, in welcher die Elfen hausten. Der Weg ging eine Strecke neben einem See her, als er an das Ende desselben kam, wurde er von einer melodischen Musik überrascht. Vergnügen und Neugierde bewogen ihn, stillzustehen, bald kam die Musik und ein Licht näher und über den See zu ihm her und er unterschied eine Gestalt, die auf der Oberfläche des Wassers daherschritt, von einer Menge kleiner Musikanten umgeben, wovon ein Teil Lichter trug, der andre musikalische Instrumente, auf welchen sie spielten. Der Anführer entließ seine Diener und betrat das Ufer. Es war ein kleiner Mann mit grauem Haar und seltsamer Kleidung. Er trat grüßend zu dem Geistlichen, der ihn einlud sich neben ihn zu setzen und fragte: »Wer bist du, Fremder, und wo kommst du her?« Er antwortete, er sei einer aus dem guten Volk, doch der umgekehrte Name würde schicklicher sein. Ursprünglich ein Engel und des Lichtes teilhaftig, habe er sich von dem Teufel verführen lassen und sei zur Strafe mit einer unzähligen Menge seinesgleichen herabgeworfen worden, um über Seen und Berge zu wandern bis zu dem großen Tage des Gerichts; sie wüßten nicht, was ihr Schicksal sein würde, aber sie fürchteten das schlimmste. Er fragte hierauf mit Ängstlichkeit den Geistlichen, was seine Meinung sei. Dieser ließ sich in eine lange Unterredung mit dem Elfen ein, welcher ihm das Unser Vater hersagen mußte, wo er aber nicht aussprechen konnte: »der du bist im Himmel«, sondern sprach: »der du warst«; zuletzt gestand der Geistliche, daß er es nicht wage, ihm Hoffnung zu einer Verzeihung zu machen, weil ihr Verbrechen zu groß sei. Hierauf stieß der unglückliche Elfe einen Schrei der Verzweifelung aus und stürzte sich kopfüber in den See.

5. Der kleine Sackpfeifer

Wenn der Wechselbalg auf eine Schaufel gelegt werden soll, oder sonst gequält, so geschieht es in der Absicht, die Elfen dadurch zu nötigen, das gestohlene Kind wieder zu bringen. In Dänemark heizt die Mutter den Ofen, setzt das Kind auf den Schieber und droht, es hineinstecken zu wollen, oder sie haut es tüchtig mit einer Rute oder wirft es ins Wasser. In Schweden bedient man sich einer Weise, die mit der irischen sehr übereinkommt, indem man es auf eine Schaufel setzt. Ihre merkt an (de superstitionibus hodiernis): von Wechselbälgen: tales subinde morbosos infantes esse judicant; quos si in fornacem ardentem se injicere velle simulaverint, aut si tribus diei Jovis vesperis ad Trivium deportentur, proprios se accepturos credunt.

Vertauscht wird allezeit das Kind, bevor es getauft ist und man schützt es am besten, wenn man bei ihm wacht, ein brennendes Licht unterhält, ein Kreuz über Türe und Wiege schlägt und einige Stückchen Eisen, eine Nadel, einen Nagel, ein Messer, in die Wiege legt. – In Thüringen wird als ein unfehlbares Mittel betrachtet, daß man des Vaters Unterkleider an die Mauer hängt. Es ist ein Aberglaube in Irland, daß man keine Katze mitnehmen dürfe, wenn man auszieht, besonders wenn man über einen Fluß gehen muß.

Der kleine Sackpfeifer ist Hans mein Igel im deutschen Märchen (Nr. 108.), der gleichfalls von seinem Vater einen Dudelsack verlangt und darauf kunstreich spielt. Noch deutlicher ist die Übereinstimmung mit deutschen Sagen (S. unsere Sammlung I., Nr. 81. u. 82.) von Wechselbälgen, die, als sie ans Wasser oder über eine Brücke kommen, hinabspringen und darin wie in ihrem Element lustig spielen, während in demselben Augenblick das rechte Kind frisch und gesund von der Mutter in der Wiege gefunden wird.

Eine der ältesten Fabeln vom Wechselbalg ist die in dem plattdeutschen Gedicht von Zeno (Bruns Sammlung S. 26 ff.) Der Teufel entführt das ungetaufte Kind und legt sich in dessen Wiege, saugt aber die Brüste der Mutter so aus, daß sie ihn mit ihrer Milch nicht stillen kann. Ammen werden zur Hilfe genommen und da auch sie dem unersättlichen Balg nicht hinreichen, Kühe zu seiner Nahrung gekauft. Die Eltern müssen ihr ganzes Vermögen zur Auffütterung des falschen Kindes anwenden und zusetzen.

Was die Dichter, der christlichen Ansicht gemäß, dem Teufel zuschreiben, legt das Volk in Sagen und Liedern den Elfen und Zwergen bei. Der Norden ist voll von Erzählungen solcher Umtauschungen (umskiptingar), denen neugeborne, ungetaufte Kinder ausgesetzt sind, vergl. die faroische Liedersammlung p. 294.

6. Die Brauerei von Eierschalen

In Grose’s Provincial Glossary wird dasselbe Märchen mit einigen unwesentlichen Abweichungen erzählt. Die Stelle nämlich der grauen Lene nimmt ein alter Mann ein, und die Mutter des Wechselbalgs, anstatt die Eierschalen zu brauen, bricht ein Dutzend Eier entzwei und stellt die vier und zwanzig halbe Schalen vor das Kind hin, welches ausruft:

»Sieben Jahre war ich alt, eh ich zur Amme kam und vier Jahre habe ich seitdem gelebt und doch habe ich niemals so viel Milchpfannen gesehen!« Das übrige stimmt überein. Auch in W. Scotts Minstrelsy of the scottish Border II. 173.

Ein deutsches Märchen, an sich offenbar dasselbe (Hausmärchen 39, III), hat den feinen Zug voraus, daß die Mutter ihr rechtes Kind zurückerhält, so wie es ihr gelingt, den Wechselbalg zum Lachen zu bringen. Die Mutter schlägt ein Ei entzwei und in den beiden Schalen setzt sie Wasser ans Feuer, damit es koche, da ruft der Wechselbalg aus: »Ich bin so alt, wie der Westerwald und habe nicht gesehen, daß jemand in Schalen kocht!« lacht und in dem Augenblick wird das rechte Kind zurückgebracht. – Auch in Dänemark wird es erzählt. S. Thiele I. 47.

Die graue Lene (Ellen Leah oder genauer geschrieben: Liath, d. h. Helene mit dem grauen Haar) ist eine wirklich lebende, nach der Natur gezeichnete Person und folgendes verdient noch von ihr erzählt zu werden, weil es Denkungsart und Sitten des Landes schildert.

Man glaubte, die graue Lene stände in Verbindung mit Geistern und hätte Verkehr mit dem stillen Volke. Man wußte, daß sie niemals zu Haus schlief. Sie sagte den Tod jedes Menschen voraus, wenn sie ihn auch nicht persönlich kannte, sie vermochte jede Bewegung derselben in der andern Welt zu beschreiben und wußte ihre Bedürfnisse, welche sie den Freunden des Verstorbenen mitteilte, welche dadurch in den Stand gesetzt wurden, jenen Bedürfnissen abzuhelfen. Eine Frau hatte zwei Söhne in Ostindien und da sie lange Zeit nichts von ihnen hörte, nahm sie ihre Zuflucht zu der grauen Lene, die sie auch sogleich, ohne das geringste Zaudern, benachrichtigte, daß ihre beiden Söhne tot wären und daß sie in vierzehn Tagen einen Brief mit der Nachricht empfangen wurde. So seltsam es scheinen mag, der Erfolg bestätigte ihre Aussage.

Johanna Sullivan, eine junge Frau, hatte lange Zeit mit ihrem Schwager, der ein Unrecht gegen sie begangen, in schlechtem Vernehmen gestanden. Als er auf dem Todbette lag, sendete er nach ihr, um Vergebung von ihr zu erhalten, doch sie schlug es ab, hinzugehen und er starb, ohne sie zu sehen. Die Folge war, daß sie nicht mehr allein ausgehen konnte, ohne durch eine gespensterhafte Erscheinung gequält zu werden, die so sehr an ihr nagte, daß die beständige Verwirrung ihrer Seele nach und nach ihre Gesundheit unter-grub. In dieser bedauerungswürdigen Lage suchte sie bei der grauen Lene Hilfe, welche ihr sagte, sie solle den Geist anreden und ihrem Schwager aufrichtig vergeben, so lange bis sie das täte, würde der Geist nicht aufhören, sie zu quälen; die graue Lene nannte ihr noch genau die Stelle, wo er wieder erscheinen würde.

Sie entschloß sich also, all ihren Mut zusammenzunehmen und den Geist zu befragen; doch wenn sie ihn erblickte, so verließ sie die Kraft völlig: das Blut in den Adern erstarrte und mit einem heftigen Schrei fiel sie sinnlos zur Erde. In diesem Zustand wurde die arme Frau gefunden und heimgetragen; als sie wieder zu sich selbst kam, schickte man nach der grauen Lene, die bei ihrem Anblick über diesen Mangel an Mut sehr bestürzt war und sie aufs ernstlichste ermahnte, nicht wieder eine solche Schwachheit zu zeigen. Der Geist würde ihr ohne Zweifel abermals erscheinen und es, wofern sie ihre Verzeihung nicht erklärte, für sie beide die traurigsten Folgen haben.

Der Geist zeigte sich nochmals, aber Johanna Sullivan war, wie das vorigemal, ihrer Sinne nicht mächtig und ohne ein Wort hervorbringen zu können, fiel sie ohnmächtig nieder. Sie verletzte sich bei diesem Falle an verschiedenen Orten.

Die graue Lene war bald hernach bei ihr, mit furchtbaren Verzerrungen des Gesichts und den Zeichen des größten Jammers verkündigte sie ihr, daß die arme Seele ihres Schwagers jetzt unwiderruflich zu endlosen Qualen verurteilt sei und in wenigen Stunden ihr eigenes Leben endigen werde. Johanna Sullivan starb den folgenden Morgen.

7. Der Wechselbalg

Castle Martyr, vormals Bally Martyr genannt, ist ein hübsches Dorf, welches auf der Landstraße von Cork nach Youghall liegt.

8. Die beiden Gevatterinnen

Es gibt mehr Geschichten von einer unsichtbaren Macht, wie diese hier, welche das Kind aus dem Fenster herausreicht, vorzüglich gehört eine hieher, welche Waldron, in der Geschichte der Insel Man, erzählt.

Eine ähnliche schottische Sage, wo zwei Freunde das Kind, das die Elfen haben verlassen müssen, auf der Landstraße finden, und der Mutter wiederbringen, worauf der Wechselbalg entflieht, aus Stewarts Werk in der Einleitung.

9. Die Flasche

Mourne liegt zwei Stunden südlich von Mallow und man sieht die Ruinen noch immer zwischen dem alten und neuen Weg von Cork nach jener Stadt, welche beide unter den Mauern herlaufen. Sonst gehörte es den Tempelherrn. S. Archtale’s Monasticon hibernicum und Smith’s history of Cork.

Der Flaschenberg (Bottle hill) liegt in der Mitte zwischen Cork und Mallow und ist eine dürftig angebaute Strecke, auf der man nur zuweilen die nackten Mauern verlassener Häuser erblickt, welches samt der Dürre und Unfruchtbarkeit einen unglaublich traurigen Eindruck macht.

Der Glaube, daß Schätze unter alten Mauern verborgen liegen, ist allgemein verbreitet und es gibt wenig Ruinen, wo man nicht Spuren von Nachgrabungen findet, die denn zu völliger Zerstörung der alten Gebäude beitragen. Anderthalb Stunden südlich von Cork bei dem Dorfe Douglas liegt ein Berg, Castle Treasure genannt, wo man nicht selten eine alte Frau findet, die da nach einem kleinen Topf mit Gold sucht, welcher der Sage nach daselbst vergraben sein soll. Eine rote Urne von Ton und ein paar Geräte von Metall, einige Jahre zuvor dort gefunden, hatten geraume Zeit hindurch eine Menge Leute an die Stelle gezogen, und noch immer herrscht der Glaube, daß der Topf mit Gold irgend einen Glücklichen belohnen werde.

Owen Pughe teilte dem Verf. über die Reisen der Elfen von dem Volksglauben in Wales folgendes mit. Dort gibt es einen Berggeist, Ellyll genannt, was durch herumschweifender Elfe kann übersetzt werden, sowie ein giftiger Schwamm Bwyd Ellyllon, »Speise der Elfen«, und die Blütenglocken des Fingerhuts Menyg Ellyllon, »Elfenhandschuh« genannt werden. »In jedem kleinen Tale sind hundert schiefmäulige Elfen« sagt D. ab Gwilym in seiner Anrede an den Nebel.

Diese Geister sind oft geneigt, den nicht ganz unschuldigen Bergbewohnern Streiche zu spielen, die es wagen in dem Nebel herumzuschwärmen. Sie bemächtigen sich eines verirrten Reisenden und tun ihm den Vorschlag, ihn durch die Luft zu tragen, dabei lassen sie ihm die Wahl unter drei Wegen, nämlich unter dem Wind, über dem Wind oder mit dem Wind. Diejenigen, die an solche Reisen schon gewohnt sind, hüten sich etwas anders, als den mittleren Weg zu wählen; sollte einer, der das Ding nicht kennt, über dem Wind hinfahren wollen, so wird er so hoch getragen, daß er verzweifelt, je wieder zurück zur Erde zu kommen. Zieht aber einer in der Unwissenheit vor, unter dem Wind herzugehen, so wird der arme Wicht durch alle Brombeer- und wilde Rosen-Gesträuche gezogen, die nur zu finden sind. Ein Rechtsgelehrter mit einer zerbrochenen Nase und auch in anderer Hinsicht entstellt, pflegte in Owens Gegenwart, als dieser noch ein Knabe war, zu erzählen, daß ihm einmal dies Schicksal zuteil geworden sei und er dadurch so verunstaltet, weswegen er Y Trwyn, der Nasige hieß. Diese Erzählung machte auf Owen solchen Eindruck, daß wenn er danach im Nebel ging, er sorgfältig darauf achtete, im Gras zu gehen, falls er genötigt sein sollte, sich an ein Grashälmchen zu halten, welches die Elfen zu brechen nicht Macht haben.

Das deutsche Märchen »Tischchen deck dich!« (Haus-M. Nr. 36.) stimmt im Hauptgang überein und in den Anmerkungen dazu ist auch das verwandte italienische angegeben.

10. Die Bekenntnisse des Thomas Bourke

Der Charakter des Thomas Bourke ist genau nach der Natur gezeichnet.

Der alte Bettler, dem Thomas begegnet, ist ein Bocough oder Buckaugh, wie eine gewisse Klasse irischer Bettler heißt, die in ihrem Wesen viel Ähnlichkeit haben mit dem schottischen Gaberlunzie man.

Ballyhefaan ist ein Furt in dem Fluß Funcheon auf dem Weg von Fermoy nach Araglin: eine wilde Gegend der Grafschaft Cork, da wo sie an Waterford und Tipperary stößt.

Der große Wiesengrund (the big Inch) bei dem Furt von Ballyhefaan, auf welchem die Elfen tanzen, ist eine große Ebene, südlich von dem Funcheon, östlich von Blacwater begränzt.

Der Kilcrumper Kirchhof liegt etwa zweihundert Ruten von dem Dubliner Weg zwischen Kilworth und Fermoy.

11. Die verwandelten Elfen

Leute, welche an Elfen glauben, werden die Erscheinung so auslegen, daß die Geister, welche sich den Augen der beiden jungen Leute nicht zeigen wollten, sich in Pilze verwandelt hätten, unter welchen sie ohnehin gerne hausen; und es ist nicht die Absicht der Sage, den Glauben daran lächerlich zu machen. Dahin deutet die Überschrift im Original: fairies or no fairies?, die hier mit einer andern ist vertauscht worden.

12. Der verwünschte Keller

Eine andere aus Cork herrührende Erzählung enthält manches Eigentümliche.

Herr Harns, ein Quäker, hatte einen Cluricaun von sehr kleiner Gestalt. Wenn einer seiner Leute, wie sie manchmal aus Nachlässigkeit taten, das Bierfaß laufen ließ, so verstopfte der kleine Wildbeam, denn das war sein Name, den Zapfen mit seiner eigenen Person, auf die Gefahr erstickt zu werden, bis jemand kam und den Hahn umdrehte. Zur Vergeltung solcher Dienstleistungen war die Köchin gewohnt nach ihres Herrn Befehl, dem kleinen Wildbeam ein gutes Mittagessen in den Keller zu stellen. An einem Freitag trug es sich zu, daß sie nichts für ihn übrig hatte, als ein Stückchen Häring und einige kalte Kartoffel. Gerade um Mitternacht wurde sie aus ihrem Bett gerissen, von einer unwiderstehlichen Gewalt oben auf die Kellertreppe geschleppt, an den Fersen ergriffen und herabgezogen. Bei jedem Schlag, den ihr Kopf von den Stufen erhielt, schrie der Cluricaun, der an der Tür stand, aus vollem Halse:

»Häringsgräten und Kartoffelschalen!
die Steine sollen dir den Kopf zerschlagen!«

13. Der Schuhmacher

Ahnamoe, genau geschrieben Ath na bo, d.h. Furt der Kuh, ist ein kleiner heller Strom, welcher, die Straße von Carrignavar quer durchschneidend, zwei Meierhöfe scheidet, vier kleine Stunden nordöstlich von Cork.

Grenaugh oder Grinagh ist eine zerfallene Kirche, vier Stunden nordwestlich von Cork, von welcher so wie von einer andern in der Nähe sich befindlichen zu Garrycloyne wunderbare Geschichten in großer Menge im Umlauf sind. Folgende hat der Pächter Rilehan, der in der Nähe wohnt, mitgeteilt.

»Es waren acht Männer, einer von denen ist jetzt mein Mietsmann, die gingen auf den Kirchhof von Garrycloyne, was unrecht von ihnen war, in der Absicht, Stöcke zu schneiden um Hafer zu dreschen, die junge Weide, die sie zuerst abschnitten, schien ganz in Feuer zu stehen, gleich dem feurigen Busch und alle die Bäume rings im Kirchhof waren ebenso anzusehen, desgleichen auf der Straße von der Kirche. Es überfiel sie große Furcht und sie liefen zurück ohne die Stöcke und Gerten. Doch sie fingen ihr Werk wieder an, gegen das Ende der folgenden Nacht, als der Morgen herankam; sie hieben einen Baum auf dem Kirchhof ab und nahmen ihn mit sich fort; er stand ganz in Feuer, bis sie an den Fluß kamen und dann stieg er auf in die Luft, brüllend gleich einem tollgewordenen Ochsen. Sie bekamen einen solchen Schrecken und Angst, daß sie es in zwei Monaten nicht verwinden konnten.

14. Herr und Diener

Die Fahrt mit den Geistern geschieht gewöhnlich auf Binsen, doch auch ein Strohhalm, Grasblatt, Farrenkraut oder Kohlstengel können dabei Dienste tun. Der Sage nach muß mancher mit dem Geist fort in die Nähe und Ferne, eine Nacht nach London, die andere nach Amerika und die Pferde, deren sie sich bei diesen großen Reisen bedienen, sind Kohlstrünke in der Gestalt natürlicher Pferde.

Zu Dundaniel, einem Dorfe eine Stunde von Cork in der angenehmen Ebene, die Blackrock heißt, lebt gegenwärtig (im Dezember 1824.) ein Gärtner, namens Crowley, den seine Nachbarn für einen solchen halten, der unter Aufsicht der Geister steht. Er leidet an der fallenden Sucht als Folge seiner Anstrengung bei den Reisen, die er jede Nacht mit den Geistern auf einem seiner eigenen Kohlstrünke zu machen genötigt wird.

Hierher gehört eine Sage, die ein Glied der Familie Duffus aufbewahrt hat, welches durch die Worte Horse and Hattock! die mit Borram, Borram, Borram! gleiche Wirkung hatten, in Gesellschaft der Geister eine kleine Luftfahrt machte, den Weinkeller des Königs von Frankreich zu untersuchen. Dort, des süßen Weins voll, entschlief er und ward den folgenden Tag mit einem silbernen Becher gefunden und vor den König gebracht. Er erhielt aber von diesem nicht bloß gnädige Verzeihung, sondern auch den silbernen Becher zum Geschenk, der in der Familie allzeit soll aufbewahrt worden sein.

Walter Scott erzählt in dem zweiten Bande der altschottischen Balladen S. 177. dieselbe Geschichte mit der Bemerkung, daß sie sich im sechszehnten Jahrhundert zugetragen habe. Der Mann sei, als er auf dem Feld umher gegangen, plötzlich weggetragen worden, indem er das Geräusch eines Wirbelwindes und jene Worte gehört habe. Der Becher erhielt den Namen Geisterbecher.

Ähnlich ist die Sage, welche in einem unterm 15ten März 1695 geschriebenen, in Aubrey’s Miscellen S. 158. abgedruckten Brief erzählt wird und welche gleichfalls von Walter Scott S. 178. 179. mitgeteilt ist.

Einige Schüler zu Forres schlugen ihre Kräusel auf dem Kirchhof, als sie, wiewohl der Tag ruhig war, das Geräusch eines Windes hörten, in einiger Entfernung ein dünner Staub sich erhob und im Kreise drehte. Er kam näher und die Knaben segneten sich, doch einer, von etwas kecker Natur rief: »Horse and Hattock, with my top.« Augenblicklich wurde der Kräusel aufgehoben und fortgeführt, wohin konnten sie wegen einer Staubwolke nicht sehen, aber sie fanden ihn hernach hinter dem Kirchhof auf der andern Seite der Kirche.

Das junge Paar, das Mac Daniel durch seinen Ausruf rettet, ist aus einem Volkslied bekannt, worin die Brautwerbung beschrieben wird. Folgende Verse kommen darin vor:

Young Darby Riley,
He approached me slyly,
And with a smile he
Unto me cried,
Sweet Bridget Rooney,
Here’s Father Cooney,
And very soon he
‚ll make you my bride.

15. Das Feld mit Hagebuchen

Hagebuche ist hier nach Gutdünken gewählt, weil mit diesem oft strauchartigen Baum unfruchtbare und wüste Flecken pflegen bepflanzt zu werden. Im Original steht boliaun, das Wort findet sich nicht in Nemnichs Catholicon, geschweige in einem Wörterbuch. Geborne Irländer, die ein Freund befragt hat, versichern, daß boliaun ein Stab oder Knüttel sei, doch dem Zusammenhang nach muß es notwendig eine Pflanze bedeuten, wird auch durch ein beigesetztes ragweed erklärt, das zwar gleichfalls kein englisches Wort ist, worunter man aber nach Versicherung der Irländer ein Unkraut versteht, das buschartig und ellenhoch auf wüsten Plätzen wächst und gelbe übelriechende Blumen trägt.

Es ist eine in Irland allgemein verbreitete Überlieferung, daß die Dänen eine Art berauschendes Bier aus Heide zu brauen wüßten. Vgl. Smith history of kerry p. 173.

16. Die kleinen Schuhe

Es kommt öfter in den Erzählungen vor, daß der Cluricaun wenigstens die Schuhe zurückläßt, wenn er auch die Erwartung auf Geld täuscht. In einem öffentlichen Blatt wurde vor drei Jahren zu Kilkenny bekannt gemacht, daß ein Bauer, der in der Dämmerung abends nach Haus gegangen, einen von den Kleinen bei seiner Arbeit entdeckt habe und als es ihm geglückt sei, zu entwischen, habe der Bauer der Schuhe sich bemächtigt; welche Schuhe, um die öffentliche Neugierde zu befriedigen, im Bureau des Blatts niedergelegt seien.

17. Die Banshi von Bunworth

Der Charakter Bunworths so wie die einzelnen von ihm erzählten Züge sind völlig der Wahrheit gemäß. S. Ryan’s Worthies of Ireland I. 228, wo bezeugt steht, daß eine für ihn verfertigte Harfe mit einer Inschrift noch immer in der Familie aufbewahrt wird. Dieses merkwürdige Andenken ist jetzt in den Händen seiner Enkelin Miss Dillon von Blackrock bei Cork, auf welche das musikalische Talent ihres Großvaters scheint übergegangen zu sein.

Keening ist der irische Ausdruck für einen Trauergesang, welcher von bestimmten Klagemännern bei Leichen gesungen und hier der unter dem Baum sitzenden Banshi zugeschrieben wird. Man findet darüber Nachricht und zugleich eine musikalische Aufzeichnung in dem vierten Bande der Verhandlungen der königl. irischen Academie.

18. Die Banshi von Mac Carthy

Eine unwesentliche Kleinigkeit abgerechnet, sind auch die Namen der Personen und Orte völlig der Wahrheit gemäß.

Miss Lefanu, Nichte von Sheridan, erzählt folgende Begebenheit in den Denkwürdigkeiten ihrer Großmutter Frances Sheridan (London 1824. S. 32.)

Gleich mancher irischen Frau, welche ihre Jugendzeit in ihrem Vaterland zugebracht hat, glaubte Miss Elisabeth Sheridan fest an die Banshi, welche mit gewissen irischen Familien verbunden ist. Sie behauptete standhaft, daß die Banshi der Sheridanischen Familie unter den Fenstern von Quilca, dem Aufenthaltsort der Familie, klagend sei gehört worden, bevor die Nachricht aus Frankreich von dem Tode der Frau Frances Sheridan zu Blois angelangt sei.

Walter Scott in den Anmerkungen zur Lady of the Lake, nachdem er die Banshi als eine alte Frau mit blauem Mantel und fliegendem Haar geschildert hat, führt aus den handschriftlichen Denkwürdigkeiten der Lady Fanshaw, jenes Musters ehelicher Treue, folgendes an. Sie und ihr Gemahl Sir Richard besuchten während ihres Aufenthaltes in Irland einen Freund, das Haupt einer Familie, welcher auf einer alten, mit einem Graben umgebenen Ritterburg seinen Sitz hatte. Um Mitternacht wurde sie durch einen grauenhaften, übernatürlichen Schrei aufgeweckt und als sie aus dem Bett sah, erblickte sie im Mondlicht ein weibliches Gesicht und einen Teil der Gestalt an dem Fenster schwebend. Die Entfernung von dem Boden sowohl, als der Graben unten machten es unmöglich, daß dasjenige, was sie erblickte, von dieser Welt sein konnte. Es war das Gesicht einer jungen, eigentlich hübschen Frau, doch bleich, und das etwas rötliche Haar hing frei und aufgelöst. Die Kleidung, welche genau zu beachten der Schrecken die Lady Fanshaw nicht abhielt, war die altirische. Die Erscheinung dauerte noch einige Zeit und verschwand hierauf mit einem zweimal wiederholten Schrei, jenem ähnlich, welcher zuerst der Lady Aufmerksamkeit erregt hatte. Den folgenden Morgen erzählte sie mit großem Schrecken ihrem Wirt, was sie erlebt hatte und dieser war nicht nur bereit, ihr Glauben beizumessen, sondern ihr auch von der Erscheinung Rechenschaft zu geben.

»Ein naher Verwandter meiner Familie«, sagte er, »ist vorige Nacht in dieser Burg verschieden. Wir verhehlten die sichere Erwartung dieses Ereignisses vor Euch, damit der freundliche Empfang, den wir Euch schuldig waren, nicht dadurch getrübt wurde. Aber jedesmal, kurz vorher ehe ein solches Ereignis in der Familie und Burg statt findet, zeigt sich das weibliche Gespenst, das Ihr gesehen habt. Man glaubt, es sei der Geist einer Frau aus geringem Stand, welche zu ehelichen einer meiner Vorfahren sich herabwürdigte, und welche er hernach, um den Schimpf, den er seiner Familie angetan hatte, auszulöschen, in dem Graben hatte ersaufen lassen.«

In der Familie des Verfassers dieser Sammlung zeigte sich noch ganz neulich der Glaube an die Banshi. Ein Dienstmädchen Margreth Rilehan erklärte, daß ein großes Unglück bevorstehe, sie habe einen Schrei gehört und etwas am Fenster vorüberschreiten sehen. Die Schwester des Verfassers, die gerade zugegen war, bemerkte: Ich sah nichts, nur hörte ich Margreth schreien und ausrufen: »Da ist’s! Da ists! was immer erscheint, wenn einer von Rilehans sterben muß!« Sie sagte, sie habe dasselbe gesehen, als ihre Großmutter zu Mallow gestorben wäre. Der Vetter des armen Mädchens war zu der Zeit im Gefängnis wegen Teilnahme an aufrührerischen Bewegungen und nach drei Tagen gerichtet und erschossen.

Die wälsche Gwrâchy Rhibyn oder die Geiferhexe hat einige Ähnlichkeit mit der irischen Banshi. Sie soll in der Dämmerung kommen, mit ihren häutigen Flügeln an das Fenster schlagen und in einem heulenden, gebrochenen Ton zu verschiedenen Malen den anrufen, der das Leben verlassen muß.

19. Das Hexenpferd

Ballyvourney (Stadt meines Geliebten) liegt drei Stunden westlich von Macrum und wird als ein besonders heiliger Platz betrachtet. Ein Ablaß von Papst Clemens VIII. unterm 12ten Juli 1601, denen bewilligt, die dahin wallfahrten, steht in Smiths’s history of Cork, wo man noch einiges andre von diesem Ort angemerkt findet.

Von der heil. Gobinate (ihr Tag ist der 11te Febr.) hat man außerdem eine Sage. Vor etwa achthundert Jahren war ein mächtiger Häuptling mit dem Oberhaupt eines andern Stammes im Krieg begriffen und als er sah, daß sein Feind ihm an Kräften überlegen war, bat er die heil. Gobinate auf einem Feld, nahe bei dem zum Kampf bestimmten Platz, um Beistand. Hier befand sich ein Bienenstock und die heil. Gobinate erfüllte seine Bitte, indem sie die Bienen in bewaffnete Krieger verwandelte, welche aus dem Korb mit allem Schein militärischer Zucht, in Reih und Glieder hervorgingen und ihrem Führer in den Kampf folgten, in dem er Sieger blieb. Diesen trieb hernach Dankbarkeit an, die Stelle zu besuchen, von wo aus er so wunderbaren Beistand erhalten hatte; aber er fand, daß der Bienenkorb gleicherweise verwandelt war, aus dem Stroh und den Binsen in Metall, und an Gestalt einem Helm nicht unähnlich. Diese Reliquie ist im Besitz der Familie O’Hierlyhie und wird von dem irischen Landvolk in großer Verehrung gehalten, so daß sie stundenweit gehen um sich einige Tropfen Wasser daraus zu verschaffen, welches, wenn es einem sterbenden Verwandten oder Freund gereicht wird, nach ihrem Glauben ihm den alsbaldigen Eintritt in den Himmel sichert. Vor noch nicht lang ward Wasser aus diesem metallenen Bienenkorb einem sterbenden Priester von seinem Beistand erteilt in Übereinstimmung mit dem herrschenden Aberglauben.

Der Irwisch, von welchem Morty geneckt wird, heißt im südlichen Irland bei dem Volk Miscaun marry.

In Schottland heißt das Licht, das die Wanderer von dem Weg ab, in Sümpfe und Abgründe lockt, Spunkie. S. Stewart S. 161, 162.

Morty schwört bei der Hand des O’Sullivan; ein Eid, der als besonders kräftig betrachtet wird, denn in einer alten Sage von der Familie heißt es:

Nulla manus,
tam liberalis,
atque generalis,
atque universalis,
quam Sullivanis.

20. Daniel O’Rourke’s Irrfahrten

Dieses Märchen ist in Irland sehr verbreitet und hier aus der besten Quelle erzählt. S. Gosnell von Cork hat es in Blackwoods Magazin in Stanzen gebracht.

Die Burg von Carrigaphuka oder der Phuka Felsen ist ohne Zweifel jene dieses Namens, die eine Stunde westlich von Macrum liegt. Smith history of Cork I. 190. irrt, wenn er sie so beschreibt, als sei es kaum möglich, sie zu erklimmen; es macht gar keine Schwierigkeit hinauf zu steigen, nur daß sie von einer Seite nah beim Wasser liegt.

Der Mann im Mond ist ein noch jetzt vielleicht in ganz Europa verbreiteter Volksglaube, der aber schon im Mittelalter herrschte und sich wahrscheinlich auf ältere, heidnische Vorstellungen gründet. Aus den Mondflecken wird die Gestalt eines nackten Menschen, mit einem Dornbündel auf dem Rücken und einem Beil in der Hand gedeutet. Dem Volk in Deutschland ist es der Mann, welcher sonntags Holz fällte und zur Strafe für die Entheiligung des Feiertags einsam auf dem kalten Mond frieren muß, vgl. Hebels Lied in den Alemannischen Gedichten. Hierbei scheint auf eine biblische Stelle (IV. Moses 15, 32-36.) Rücksicht genommen. Den Italienern des dreizehnten Jahrh. war der Mann im Mond Cain, der Gott Dörner, das Elendeste der Ernte, opfern will, vgl. Dante Inferno XX, 124. Paradiso II, 50 (Caino e li spine) und die Kommentatoren. Ein ziemlich schwieriges, altenglisches Lied des vierzehnten Jahrh. findet sich in (Ritson’s) ancient songs Lond. 1790, p. 35-37; der Mondmann wird frierend, mühevoll, mit einer Gabel und Dörnern, die ihm das Gewand zerrissen haben, vorgestellt. Er war sonst auf der Erde und hat unbefugt Holz gehauen, der Flurschütz hat ihn um den Rock gepfändet. Bekannter sind die Anspielungen bei Shakespeare (Mids. nightsdream und Tempest II, 2.). Ein englischer Kinderreim lautet:

the man in the moon,
came down too soon,
to ask his way to Norwich.

21. Das gebückte Mütterchen

Das Schleuderspiel (hurling oder goal) hat einige Ähnlichkeit mit dem schottischen Golfspiel, nur ist der Ball größer, da er in der Regel vier Daumen im Durchmesser hat; der Stock zum Schlagen ist mithin breiter und unten krumm gebogen.

Die Zahl der Teilnehmer beläuft sich auf zwanzig, hundert oder mehr. Es wird gewöhnlich in einer großen Ebene gespielt von zweien sowohl der Zahl als Geschicklichkeit nach ziemlich gleichen Parteien und die Aufgabe ist, den Ball über eine oder zwei gegenüberliegende Hecken zu schlagen, die vor dem Anfang des Spiels bestimmt werden. Baire comortais bedeutet: »zwei Seiten einer Landschaft (d. h. eine gewisse Anzahl Jünglinge aus jeder), welche an einem bestimmten Platz zusammentreffen«; gewöhnlich den Sonntag oder Festtag nach der Kirche. Bei dieser Gelegenheit werden statt der Hecken auf dem Feld zwei in die Augen fallende Merkzeichen, z. B. eine Landstraße, ein Wald bezeichnet und innerhalb dieses Raums wird das Spiel mit einer Hitze und Heftigkeit betrieben, die oft zu ernsthaften und blutigen Händeln Anlaß gibt, wenn eine bei diesem Volk so mächtige Stammfeindschaft zwischen den beiden entgegengesetzten Teilen herrschen sollte. Der Stock (the hurley oder hurlet) ist eine wirkliche und furchtbare Waffe. Das Spiel hat den einen Namen von diesem Stock und den andern, goal, von dem Ziel oder Zeichen, über welches der Ball muß hinausgegangen sein, ehe das Spiel kann gewonnen werden.

Ähnliche Spiele in Deutschland. S. Hausmärchen II. XXIII.

Die Vermummten in Irland sind offenbar verwandt mit jenen lustigen Banden in England, die man Mohrentänzer nennt. Sie erscheinen in Irland zu allen Jahreszeiten, doch vorzüglich am Maitag, welcher ihr eigentlicher Festtag ist. Sie bestehen aus einer den Umständen nach verschiedenen Anzahl Mädchen und Jünglingen aus der Umgegend, gewöhnlich wegen eines hübschen Äußern ausgewählt oder wegen ihrer Geschicklichkeit und zwar der Mädchen im Tanz, der Jünglinge im Ballspiel oder andern Leibesübungen. Sie kommen in Prozession je zwei und zwei in drei Abteilungen. Voran und zuletzt die Jünglinge, gekleidet in Jacken oder Wämser von weißer oder einer andern muntern Farbe und geziert mit Bändern an den Hüten und Ärmeln. Die jungen Mädchen sind gleichfalls in hellfarbigen Kleidern herausgeputzt, zwei von ihnen tragen einen grünen Kranz, in welchem verschiedene neue Schleuderbälle hängen; ein Maigeschenk der Mädchen an die Jünglinge des Dorfs. Der Kranz ist geschmückt mit einem Überfluß von langen Bändern oder bandweise ausgeschnittenem Papier, welches nicht wenig zu dem heitern und lustigen, doch vollkommen ländlichen Anblick beiträgt, den das Ganze gewährt. Musik geht voran, manchmal eine Sackpfeife, doch gewöhnlich eine Soldaten-Querpfeife, und eine Trommel dabei. Ein Narr mit furchtbarer Maske ist natürlich im Gefolge, er trägt eine lange Stange, an deren einem Ende Zeuglappen fest genagelt sind, wie an einem Wischer. Diese taucht er in eine Lache oder Pfütze und bespritzt damit jeden aus dem Haufen, der sich an seine Gesellschaft zu sehr andrängt zu großem Vergnügen der jugendlichen Zuschauer, welche seine Taten mit schallendem und wiederholtem Gelächter begrüßen. Dieser Aufzug der Vermummten geht den ganzen Tag über durch die benachbarten Dörfer oder von einem Edelhofe zu dem andern; vor dem Herrnhaus wird getanzt, wofür sie eine Belohnung in Geld erhalten. Der Abend wird mit Trinken zugebracht.

Mai-Abend wird als eine besonders gefährliche Zeit betrachtet. Man glaubt, das stille Volk habe dann Macht und Neigung, alle Art von Unheil anzurichten ohne die geringste Zurückhaltung. Das »böse, schielende Auge (evil eye)« urteilt man, hat dann mehr als gewöhnlich Wachsamkeit und Bosheit und eine Amme, die in freier Luft mit dem Kind im Arme auf und ab ginge, würde als ein Ungeheuer geschmäht werden. Jugend und Liebenswürdigkeit sind besonders der Gefahr ausgesetzt. Von tausend Fragen wagt es nicht eine sich draußen sehen zu lassen. Die grauen Haare des Alters retten nicht immer die Wange vor dem Anhauch, noch ist die abgearbeitete Hand des rauhsten Ackermanns sicher, auf diese Art heimgesucht zu werden. Der Anhauch (the blast) ist eine große, runde Beule, welche sich plötzlich an der Stelle erhebt, die von dem giftigen Atem berührt wird, den einer von dem stillen Volk in dem Augenblick rachsüchtiger und eigensinniger Bosheit darauf richtet. Maitag wird genannt la na Beal tina und Mai-Abend neen na Beal tina, d.h. Tag und Abend von Beals Feuer, weil er in heidnischer Zeit dem Gott Beal oder Belus geheiligt war, weshalb auch der Mai im irischen Mi na Beal-tine heißt. – Die Sitte, am Mai-Abend eine Kuh über angezündetes Stroh oder Reisig springen zu machen, soll ein Überbleibsel von der Verehrung dieses Gottes sein. Jetzt wird sie gewöhnlich angewendet, um die Milch vor den Diebereien des stillen Volkes zu sichern.

Eine andere am Mai-Abend herrschende Sitte ist das schmerzhafte und boshafte Peitschen mit Nesseln. In dem südlichen Irland ist es bei den Schulknaben allgemein üblich, zu tun, als hätten sie das Vorrecht, wie toll mit einem Bündel Nesseln herumzurennen und ihren Kameraden damit ins Gesicht und auf die Hände zu schlagen, oder auch andern Personen, bei welchen sie denken ungestraft ihre Unart ausüben zu können.

Über ähnliche, durch ganz Europa verbreitete Sitten am Maitag und bei Frühlingsanfang vergl. Hausmärchen, Einleitung zum zweiten Band S. 30. u. fg.

Der schädliche Anhauch der Elfen heißt in Norwegen alvgust (Hallager u. d. Wort) und auf Island wird ein gewisser Ausschlag âlfa-bruni genannt.

23. Springwasser

Im westlichen Irland erzählte ein Bauer eine ähnliche Sage. Geht man an einem schönen Sommerabend, wenn die Sonne gerade hinter die Berge sinkt, zu dem See und kommt man zu einem kleinen Überhang auf der Westseite, so hat man, wenn man sich bückt und in das Wasser schaut, den schönsten Anblick von der Welt, denn man sieht unter dem Wasser ganz deutlich eine große Stadt mit Palästen, langen Straßen und Plätzen.

Giraldus Cambrensis (aus dem 12ten Jahrh.) gedenkt der Sage, daß der See Neagh vormals eine Quelle gewesen, welche das ganze Land überschwemmt habe: »piscatores aquae illius turres ecclesiasticas, quae more patrio arctae sunt et altae, necnon et rotundae, sub undis manifeste sereno tempore conspiciunt et extraneis transeuntibus reique causas admirantibus frequenter ostendunt.«

Waldron hat eine Sage von der Insel Man, wonach ein Taucher in eine Stadt unter dem Meer kam, deren Pracht er nicht genug beschreiben kann und wo der Boden der Zimmer aus Edelsteinen zusammengesetzt war.

Es gibt auch in Deutschland und sonst genug Sagen von Seen, die an der Stelle ehmaliger Städte und Burgen stehen, vgl. z.B. Deutsche Sagen Num. 131.

24. Der See Corrib

Der See Corrib liegt in der Grafschaft Galway, ist etwa zehn Stunden lang und an der breitesten Stelle etwas über fünf Stunden breit. Er ist in der Mitte so zusammengezogen, daß er zwei Seen ähnlich sieht.

Gervasius von Tilbury bemerkt (Otia imper. p. 331.): gewisse Wassergeister, Dracae genannt, lockten Mädchen und Kinder in ihre Wohnungen unter Seen und Flüssen.

Einer frommen Ausrufung wird die Kraft zugeschrieben, den Zauber zu brechen, womit die Geister den halten, den sie entführt haben.

Ein Messer mit schwarzem Stiel wird als besonders dienlich erachtet, wenn es sollte nötig sein, mit einem von den bösen Geistern zu kämpfen. Das Kleid oder den Mantel umzuwenden wird auch in dieser Hinsicht empfohlen.

Im Original ist es eine Ballade, welche aber nach der ausdrücklichen Versicherung des Verfassers nur ein Versuch war, eine den übrigen ursprünglich ähnliche Sage umzuarbeiten, welche wir in ihre erste Gestalt zurückzuführen versucht haben.

25. Die Kuh mit den sieben Färsen

In der Grafschaft Tipperary, nicht weit von Callir, ist ein See, genannt Longh na Bo oder See der Kuh, nach einer Sage, die Ähnlichkeit hat mit der vom See Gur. Die Hörner dieser Kuh sollen so lang sein, daß man bei niedrigem Wasserstand die Spitzen kann hervorragen sehen.

Aus dem See Blarney hat man zwei Kühe heraussteigen gesehen, die in den zunächst liegenden Wiesen und Kornfeldern bedeutenden Schaden sollen angerichtet haben.

Alle sieben Jahre kommt ein großer, vornehmer Mann aus dem See und wandelt eine Stunde oder weiter in der Hoffnung, daß jemand mit ihm rede, aber da es niemand wagt, so kehrt er in den See zurück.

Dieser große Mann ist ohne Zweifel niemand als der Graf von Clancarthy, eifrig bemüht, Mittel an die Hand zu geben, wie man seinen Silberkasten entdecken könne, welcher der Sage zufolge in den See geschleudert wurde, um zu verhindern, daß er nicht den Feinden, die seine Burg erobert hatten, in die Hände falle.

Dieses Märchen hängt mit den schottischen und nordischen Sagen vom Elfstier zusammen, worüber die Einleitung nachzusehen ist.

26. Der verzauberte See

Die Einleitung, daß ein Ring in den See fallt, kommt häufig in den irischen Sagen vor, vgl. z. B. Miss Brookes Relicts of irish poetry p. 100.

Wie abweichend in der äußern Darstellung, ist dennoch dieses Märchen mit dem deutschen von der Frau Holle (Hausmärchen Nr. 24) dem Grunde nach sehr übereinstimmend. Seltsam ist der Umstand, daß die Frau unter dem See große Zähne hat, wie Frau Holle unter dem Wasser. Auffallend ist auch, daß, wie man beim Schneien in Hessen sagt: »Frau Holle macht ihr Bett, die Federn fliegen«, die irischen Kinder mit einer ähnlichen Idee rufen: »Die Schotten rupfen ihre Gänse!« (p. 361.)

27. Die Erscheinungen des O’Donoghue

Jeder, der Killarney gesehen hat, dem muß auch die Sage von O’Donoghue und seinem weißen Roß bekannt geworden sein. Sie wird erzählt in Weld’s Bericht von diesem See, in Derricks Briefen, und eine große Anzahl von Gedichten haben sie zum Gegenstand. Moore hat ein Lied darüber in seinen Irish Melodies.

Wie am Mai-Morgen O’Donogbue auf seinem weißen Roß über das Wasser sprengt, so zeigt sich in einer Augustnacht einer von den alten Grafen von Kildare ganz in Rüstung auf einem prächtigen Streitroß und mustert die Schatten seiner Krieger auf der breiten Ebene, the Currag of Kildare genannt.

Erinnert an die deutschen Sagen vom Auszug des wilden Jägers und des Rodensteiners.

21. Das gebückte Mütterchen


21. Das gebückte Mütterchen

(Siehe auch die Anmerkungen)

Margareth Barrett war in ihrer Jugend schlank, artig und wohlgesittet und zeichnete sich durch die Vereinigung zweier Eigenschaften aus, die man nicht oft beisammen findet. Sie war nämlich eine sehr sparsame Hausfrau und zugleich die beste Tänzerin in ihrem Geburtsort dem Dorfe Ballyhuley. Gegenwärtig ist sie an den sechszigen und in den letzten zehn Jahren ihres Lebens durchaus nicht mehr imstand gewesen, sich aufzurichten. Sie geht gebückt, beinahe bis zur Erde, doch ihre Glieder gebraucht sie, so weit es in dieser Stellung möglich ist, mit völliger Freiheit; ihre Gesundheit ist gut, ihr Geist kräftig und in der Familie ihres ältesten Sohns, bei welchem sie seit dem Tode ihres Mannes lebt, verrichtet sie alle häuslichen Arbeiten, welche ihr Alter und jenes Gebrechen zulassen. Sie wäscht die Kartoffeln, macht Feuer an, kehrt das Haus (lauter Geschäfte, wobei ihr, wie sie mit guter Laune bemerkt, ihr krummer Rücken sehr zustatten kommt), spielt mit den Kindern und erzählt ihren Hausgenossen und den Freunden aus der Nachbarschaft, die sich oft rund um sie beim Feuer versammeln, ihr in den langen Winterabenden zuzuhören, allerlei Geschichten. Die anziehende Kraft ihrer Unterhaltung wird sehr gepriesen sowohl wegen ihrer guten Laune als auch wegen ihrer Erzählungen; und drollige und scherzhafte Begebenheiten, die sich auf ihre gekrümmte Gestalt beziehen, dann aber das Ereignis selbst, welches Schuld an diesem Mißgeschick ist, sind das Lieblingskapitel ihrer Gespräche. So hörte man sie unter andern erzählen, wie an einem gewissen Tage, bei dem Schluß einer schlechten Ernte, als verschiedene Pächter in der Gegend, wo sie lebte, auf dem Feld eine Bittschrift um Verminderung des Pachtgeldes beschlossen hätten, das Papier zum Schreiben sei auf ihren Rücken gelegt und dieser als ein leidlich guter Tisch befunden worden.

Margrethe, wie alle gescheite Erzähler, pflegte sich sowohl was die Ausführlichkeit als den Inhalt ihrer Geschichten betraf, nach den Zuhörern und den Umständen zu richten. Sie wußte, daß bei hellem Tageslicht, wenn die Sonne glänzend scheint, die Bäume knospen, die Vögel rings um uns singen, rührige und gesprächige Menschen ihren Geschäften oder Vergnügungen nachgehen; sie wußte, doch gewißlich ohne die Ursache zu kennen oder sich viel darum zu bekümmern, daß wenn wir mit dem wirklichen Leben und der wirklichen Welt beschäftigt sind, der glaubige Sinn fehlt, ohne welchen Erzählungen, die sonst aufs gewaltigste die Teilnahme anregen, einen Eindruck hinterlassen. In solchen Stunden war Margareth kurz, hielt sich nur an Tatsachen und berührte das Wunderbare gar nicht. Doch an einem Weihnachtsabend bei dem flackernden Herde, wenn Ungläubigkeit aus allen Gesellschaften verbannt ist, wenigstens bei stiller und einfacher Lebensart, als eine Eigenschaft, welche, um das geringste zu sagen, in diese Zeit nicht paßt: wenn die Winde in düstern Dezembertagen kalt um die Mauern pfeifen und durch die Türen des kleinen Hauses dringen, eine Mahnung an seine Bewohner, daß wenn die Welt von Elementen, die stärker als menschliche Kräfte sind, geplagt wird, sie auch Wesen einer höheren Natur besuchen – in solchen Stunden pflegte Margareth Barrett ihren Erinnerungen und ihrer Phantasie, oder beiden, ohne Rückhalt nachzugeben, und bei einer solchen Gelegenheit war es, wo sie umständlich erzählte, wie sie zu dieser gekrümmten Gestalt gekommen sei.

»Es war gerade unter allen Tagen im Jahr, der Tag vor dem Mai, wo ich hinaus in den Garten ging, die Kartoffel zu jäten. Ich wäre den Tag nicht herausgegangen, wäre ich nicht traurig und kummervoll gewesen und gerne für mich allein. Die Burschen und Mädchen im Haus lachten alle, scherzten und machten Bälle zum Schleudern oder Bänder zurecht für die Vermummten am folgenden Tage. Ich konnte das nicht ertragen. Eben erst die vergangenen Ostern, und die letzten Ostern waren es zehn Jahre, ich werde die Zeit niemals vergessen, hatte ich meinen armen Mann begraben und ich dachte daran, wie vergnügt und voller Freude ich war, so manches lange Jahr vorher eben an diesem Tage, als Robin neben mir saß und ich die Bänder für den Schleuderball schnitt und nähte, die ich den folgenden Tag den Burschen geben wollte mit dem stolzen Gefühl, allen Mädchen an den Ufern des Blackwaters vorgezogen zu werden von dem hübschesten und besten Schleuderer in dem Dorf. Ich verließ das Haus und ging in den Garten. Ich blieb da den ganzen Tag und kam nicht heim zum Essen. Ich weiß nicht, wie es war, und nur soviel, daß ich in kummervollen Gedanken immer fortfuhr zu jäten, einige von den alten Liedern singend, die ich aber und abermals in den Tagen gesungen habe, die nun dahin sind, vor dem, der nimmer zurückkehrt, sie anzuhören. Die Wahrheit zu sagen, es war mir unerträglich, hinzugehen und schweigend und finster zu Haus zu sitzen, unter Menschen, die lustig und jung waren und ihre besten Tage vor sich hatten. Es ward spät, ehe ich an die Heimkehr dachte und ich verließ den Garten erst einige Zeit nach Sonnenuntergang. Der Mond stand am Himmel, obgleich kein Wölkchen zu sehen war und hier und da ein Stern blinkte, so war der Tag noch nicht lang genug verschwunden, um helles Mondlicht zu haben; doch schien er hinlänglich, um auf einer Seite alle Dinge in des Himmels Licht bleich und silberfarbig zu machen und ein dünner Nebel begann soeben über die Felder hin zu ziehen. Auf der andern Seite, nach Sonnenuntergang zu, war noch mehr Tageslicht und der Himmel blickte ängstlich, rot und feurig durch die Bäume gleich als ob unten eine große Stadt in Brand aufloderte. Überall Schweigen, wie auf einem Kirchhof, nur dann und wann hörte man in der Ferne einen Hund bellen, oder eine eben gemelkte Kuh brüllen. Kein lebendes Wesen war zu sehen, weder auf dem Wege, noch auf dem Feld. Ich verwunderte mich erst, dann erinnerte ich mich, daß es der Abend vor dem Mai war und daß mancherlei, Gutes und Böses, in dieser Nacht umher schwärme und ich die Gefahren meiden müsse, wie jeder andre. Ich ging so rasch zu, als ich konnte und gelangte bald an das Ende der Mauer, die das Gut umgibt, wo die Bäume hoch und dicht auf jeder Seite des Wegs aufsteigen und sich meist mit den Wipfeln berühren. Mein Herz hatte ein Vorge-fühl, als ich unter ihre Schatten kam. Die Öffnung oben ließ so viel Licht herab, daß ich einen Steinwurf weit vor mir sehen konnte. Plötzlich hörte ich in den Ästen auf der rechten Seite des Wegs ein Rascheln und sah etwas, das einem kleinen schwarzen Ziegenbock ähnlich war, nur mit langen, breiten Hörnern auswärts gerichtet statt rückwärts gekrümmt; es stand auf den Hinterfüßen am Rand der Mauer und schaute auf mich herab. Der Atem stockte mir, und ich konnte mich fast eine Minute lang nicht bewegen. Ich mußte, wie es auch zuging, meine Augen unverwandt dahin richten, aber es schaute immer starr auf mich herab. Endlich nahm ich mich zusammen und ging fort, aber ich hatte noch keine zehn Schritte getan, als ich dieselbe Erscheinung auf der Mauer zu meiner linken erblickte, genau in derselben Stellung, nur noch drei- oder viermal so hoch und beinahe so groß, als der größte Mann. Die Hörner sahen schrecklich aus, es starrte mich an, wie dort. Meine Beine zitterten, die Zähne schnatterten und ich glaubte jeden Augenblick ich würde tot hinfallen. Endlich war es mir, als wäre ich gezwungen zu gehen und ich ging wirklich fort, aber ich fühlte nicht, wie ich mich bewegte oder wie meine Beine mich forttrugen. Eben als ich an der Stelle vorbei kam, wo das entsetzliche Wesen stand, hörte ich ein Geräusch, als ob etwas die Mauer herabspränge und hatte ein Gefühl, als wenn ein schweres Tier auf mich stürzte, das mit den Vorderfüßen mich fest um die Schultern packend die Hinterfüße in meinen faltigen, zusammengesteckten Rock verwickelte. Ich verwunderte mich noch und werde es tun, solange ich lebe, wie ich die heftige Erschütterung ertragen habe, aber ich fiel weder, noch schwankte ich bei der Wucht, sondern ging darauflos, als hätte ich die Stärke von zehn Männern; jedoch fühlte ich, daß ich gezwungen war, mich fortzubewegen und nicht die Macht hatte, still zu stehen, wie ich es wünschte. Doch ich keuchte ängstlich, ich wußte was ich tat, so deutlich, als ich es in diesem Augenblick weiß; ich versuchte zu schreien, doch ich konnte es nicht, versuchte zu laufen, aber es war nicht möglich, versuchte rückwärts zu schauen, aber Kopf und Nacken waren wie in einen Schraubstock gespannt. Ich konnte nur meine Augen nach beiden Seiten hindrehen und dann erblickte ich so klar und deutlich, als wäre es in vollem Licht der lieben Sonne, einen schwarzen und gespaltenen Fuß fest auf meine Schulter gelegt. Ich hörte ein leises Atmen in meinem Ohr, ich fühlte, daß bei jedem Schritt, den ich tat, meine Beine an die Füße jener Kreatur stießen, die auf meinem Rücken hing. Endlich sah ich das Haus und es war mir ein willkommener Anblick, denn ich dachte, ich würde erlöst, wenn ich es erreichte. Ich kam bald nah an die Türe, doch sie war verschlossen, ich schaute nach dem kleinen Fenster, aber es war auch verschlossen, denn sie waren an diesem Abend vorsichtiger als ich; ich sah innen das Licht durch die Spalten in der Türe, ich hörte sie drinnen reden und lachen. Ich fühlte, nur drei Ellen weit war ich von denen entfernt, die alles würden aufgeboten haben, mich zu retten. Und möge Gott mich bewahren, noch einmal zu fühlen, was ich in jener Nacht gefühlt habe! Ich fand mich gehalten von etwas, das nicht gut sein konnte, ohne Macht mir zu helfen, oder meine Freunde anzurufen, oder meine Hand auszustrecken, um zu klopfen, oder nur meinen Fuß zu heben, um an die Türe zu stoßen und sie wissen zu lassen, daß ich außen wäre. Es war, als ob meine Hände an die Seite wüchsen oder meine Füße an den Boden geheftet wären, oder als hätte das Gewicht eines Felsen sie daran befestigt. Endlich dachte ich daran, mich zu bekreuzigen und meine rechte Hand, die sonst nichts tat, tat es für mich. Die Last blieb auf meinem Rücken und alles war wie zuvor. Ich bekreuzigte mich abermals, es war immer dasselbe. Ich gab mich für verloren, doch ich bekreuzigte mich zum drittenmal und meine Hand hatte nicht sobald das Zeichen vollendet, als ich fühlte, wie die Bürde von meinem Rücken sprang. Die Türe fuhr auf, als wenn der Donner sie einschlüge und ich stürzte vorwärts gerade auf die Stirne mitten in die Flur. Als ich wieder aufstand, war mein Rücken krumm, und ich konnte mich nicht wieder gerade aufrichten von jener Nacht an, bis zu dieser Stunde.«

Es entstand eine kleine Stille, als Margareth Barrett geendigt hatte. Diejenigen, welche die Geschichte schon kannten, hatten mit dem Ausdruck halb befriedigter Teilnahme, gemischt indessen mit jenem ernsthaften und feierlichen Gefühl, welches eine Erzählung übernatürlicher Wunder erregt, sooft sie auch erzählt wird, zugehört. Sich auf ihren Sitzen bewegend verließen sie die Stellung, in welcher sie während der Erzählung verharrt hatten und nahmen eine andre an, welche zu erkennen gab, daß ihre Neugierde in Beziehung auf die Ursache dieser seltsamen Begebenheit schon längst befriedigt war. Diejenigen aber, welche sie noch nicht gekannt hatten, behielten den Ausdruck und die Stellung gespannter Aufmerksamkeit und ängstlicher, aber feierlicher Erwartung. Ein Enkel der Margareth von etwa neun Jahren (doch kein Kind des Sohnes, bei welchem sie lebte), hatte noch nie die Geschichte gehört. So wie seine Aufmerksamkeit wuchs, drängte es sich immer fester an die Seite der alten Frau und beim Schluß schaute es unverwandt nach ihr hin, mit seinem Leib über ihre Knie zurückgebogen, und sein Gesicht zu ihr hinauf gerichtet, mit einem Ausdruck, in welchem die Neigung zu weinen mit der Neugierde zu kämpfen schien. Nach einem augenblicklichen Stillschweigen konnte es nicht länger seine Neugierde bezähmen, und ihre grauen Locken mit einem Händchen fassend, während Tränen der Furcht und des Erstaunens gerade von seinen Augenwimpern herab tröpfelten, rief es: »Großmutter, wer war das?«

Margareth lächelte erst nach dem ältern Teil der Zuhörer, dann nach ihrem Enkel hin und ihm sanft über die Stirne streichelnd sagte sie:

»Es war die Phuka!«

22. Die verwünschte Burg


22. Die verwünschte Burg

Ich hatte versprochen, die Weihnachten 1820 auf der Insel Bawn Horne in der Grafschaft Tipperary zuzubringen und war dort den achtzehnten Dezember von Dublin angelangt. Müde von der Reise blieb ich zwei Tage lang bei einem Buche, das mich anzog, ruhig am Kamin sitzen.

Als ich ausging, war der erste, der mir begegnete, der alte Schmied Pierce Grace, dessen Sohn mich auf die Jagd zu begleiten pflegte.

»Willkommen hier zu Lande!« hub er an, »ich habe gestern den ganzen Tag darauf gehofft, Ew. Gnaden zu sehen.«

»Ich danke Euch, Pierce, ich bin bei der Frau vom Hause geblieben.«

»Das hörte ich«, antwortete er, »und getraute deshalb nicht, mich vor Euch zu zeigen. Johann ist bereit, Euch zu begleiten und hat Spur von einer großen Anzahl Vögel.«

Mit der Flinte in der Hand durchstreifte ich am folgenden Morgen die Umgegend und wurde von Johann, des alten Pierce Sohn, bedient. Nachdem wir einige Stunden umhergezogen waren, gelangten wir in ein gewundenes Tal, durch welches der Currihihn fließt, und erblickten die Burg von Ballinatotty, deren Grundmauern er bespült, in der Ferne.

Diese Burg ist noch immer gut erhalten und war vordem ein einigermaßen fester Platz. Hier hatte das mächtige und grausame Geschlecht O’Brian, das eine Geißel und ein Schrecken des Landes war, seinen Sitz. Die Sage hat die Namen von dreien Gliedern der Familie erhalten: Phelim mit der starken Hand, Morty mit der blutigen Hand, der Sohn, und Donough ohne Barmherzigkeit in der Finsternis, der Enkel, dessen Grausamkeiten die blutigen Taten seiner Vorfahren völlig in Schatten stellten. Von ihm wird erzählt, daß er auf einem seiner Raubzüge in das Gebiet eines benachbarten Stammhäuptlings alles, Mann und Kinder, mit dem Schwert umbrachte, die Frauen aber, nachdem sie auf seinen Befehl halb in die Erde eingegraben waren, von Bluthunden zerreißen ließ. »Gerade um seine Feinde in Furcht zu setzen«, fügte der Erzähler hinzu. Die Handlung jedoch, welche die heftigsten Verwünschungen auf ihn hervorrief, war der Mord seines Weibes, Helene mit dem Goldhaar, deren Schönheit und Freundlichkeit im ganzen Land gerühmt wurde. Sie war die Tochter des O’Kennedy von Lisnabonney Castle und schlug die angebotne Hand des Donough aus; in dieser Weigerung durch ihren Bruder Brian Oge (mit dem Beinamen der Überredende) unterstützt, wurde ihr vergönnt, unverheiratet bei ihrem Vater zu bleiben, dessen Tod sie von aller Furcht vor Zwang zu befreien schien. Doch ehe ein Monat verging, wurde Brian Oge von unbekannter Hand ermordet, bei welcher Gelegenheit Helene das gefühlvolle und wohlbekannte Trauerlied »mein Herz ist krank und schwer von Jammer« dichtete. Als sie von dem Leichenbegängnis ihres Bruders zurückkam, lauerte Donough dem Zuge auf, ihre Diener wurden niedergehauen und sie selbst sah sich genötigt, seine Frau zu werden. Helene kam zuletzt durch seine Hand um, indem er sie, der Sage nach, aus einem Bogenfenster herabstürzte, weil sie ihm mit dem Mord ihres Bruders belastet habe. Die Stelle, wo sie hinfiel, wird gezeigt und an dem Jahrestag ihres Todes, den zweiten Dienstag im August, glaubt man, besuche ihr Geist diese Stelle.

Ich gab meine Flinte ab und stieg hinauf, die Burg näher zu betrachten. Ein Fenster an der Südseite wird als dasjenige bezeichnet, aus welchem Helene sei herabgestürzt worden, doch ist es viel wahrscheinlicher, daß es von der Zinne darüber geschah, eines besondern Umstands wegen, es sind nämlich in dem Mauerwerk oben und unten regelmäßige Löcher sichtbar, woraus hervorgeht, daß zur Zeit der Erbauung Eisengitter eingefügt waren, mithin das Fenster nicht offen sein konnte.

Nachdem meine Neugierde befriedigt war, stand ich im Begriff, den Ort wieder zu verlassen, als ich eine Öffnung in einer Ecke nach Südosten bemerkte. Ich geriet in Versuchung nachzuforschen, und fand eine enge Steintreppe, welche zu einer Schlafkammer führte. Diese Kammer war von einem Dachshund und seiner ganzen jungen Brut besetzt. Gereizt durch mein Eindringen ging die Alte auf mich los und da ich ohne Mittel zur Verteidigung war, mußte ich mich schleunig zurückziehen. Wie weit mich das wütende Tier verfolgte, kann ich nicht sagen, denn bei meiner übereilten Flucht, als ich die zweite Steintreppe herabstieg, glitt mein Fuß aus und ich rollte durch eine breite Öffnung in einen Raum, der wahrscheinlich sonst als Behälter gedient hatte. Doch die Gefahr, in welche ich jetzt geriet, war viel größer, als jene, welcher ich entfloh, denn der Boden dieses Gemachs befand sich im höchsten Grad von Verfall. Eine Katze würde kaum ohne Gefahr darüber weggeschlichen sein und bei der Gewalt, mit welcher ich anlangte, konnte die vermoderte Oberfläche nicht mehr Widerstand leisten, als ein Spinnengeweb; ich stürzte hindurch und in die finstere Tiefe hinab. Eine Menge Fledermäuse, welche meine plötzliche Ankunft auf-störte, schwangen ihre Flügel und umschwirrten mich.

Als ich wieder zu Besinnung kam, drangen verwirrte Klänge menschlicher Stimmen in meine Ohren und ich unterschied darauf eine weibliche, welche mit dem Ton der liebreichsten Zärtlichkeit sagte: »Er ist gerettet! Er ist gerettet! Das Leben kehrt zurück!« Ich schlug die Augen auf und fand mein Haupt in dem Schoße eines Bauernmädchens von achtzehn Jahren liegen, welches meine Schläfe rieb. Gesundheit oder Besorgnis gaben ihren milden, aber ausdrucksvollen Zügen eine eigene Glut und ihr hellbraunes Haar war einfach über die Stirne gescheitelt. Auf einer Seite stand ein alter Mann, ihr Vater, mit einem Bund Schlüssel, und an der andern kniete Johanne Grace mit einer Schale gebranntem Wasser, welches sie anwendete, mich wieder zu mir selbst zu bringen. Ich blickte mich um und bemerkte, daß wir uns auf einem Felsen in der Nähe der Burg befanden und der Fluß zu unsern Füßen floß. Verschiedene Ausrufungen der Freude folgten und der alte Mann bestand darauf, als Johann die Schale wegschütten wollte, daß ich einen Schluck davon nähme; nachdem ich das getan und mich aufgerichtet hatte, dankte ich ihnen und bot eine geringe Belohnung in Geld an, doch sie wollten nichts nehmen. »Gewiß und wahrhaftig«, sagten sie,»wir hätten mit Freuden zehnmal so viel für Ew. Gnaden getan, ohne Belohnung oder Vergeltung.«

Ich fragte hierauf, wie sie mich gefunden hätten. »Da ich dachte«, antwortete Johann, »daß Ew. Gnaden sich einige Zeit in den Gängen und Ecken der Burg umsehen wollten, so machte ich die Runde, um mit Hannchen da ein wenig zu schwätzen und wie wir so über dieses und jenes redeten, und Hannchen mir gerade sagte, die Jungen, ihre Brüder, hätten im Fluß gefischt und einen ganzen Zuber voll großer Aale gefangen, und wenn ich dächte, der gnädigen Frau geschähe ein Gefallen damit, so könnte ich soviel davon nehmen, als ich Lust hätte und es sollte ihnen lieb sein; als wir ein gewaltiges Getöse und Krachen hörten. ‚Was ist das?‘ rief ich. ‚Ich denke‘, antwortete Hannchen, ‚das alte, graue Pferd hat sich totgefallen oder es ist Paddy’s spanischer Hund, der umher springt, es ist nicht zu sagen, was für Verdruß mir der macht; sie sind beide in dem Torfhaus neben uns.‘ Sie meinte den untern Teil der Burg, in welchen Cromwell Bresche schoß und neben welchem die Hütte stand.«

»Eben kam Thomas Hagerty daher und wir hörten einen Schrei. ‚Das ist des Herrn Stimme‘, sagte ich, ‚er ist durch die Flur gefallen.‘ ‚Ach! wenn das ist‘, rief Thomas, ’so bin ich auf immer verloren. Noch vorigen Montag hieß mich mein Herr die Treppe herstellen, oder, sagte er, es könnte da jemand sich totstürzen und wahrhaftig, ich gedachte es morgen am Tag zu tun.‘ Wir holten ein Licht und sahen die Phukas, welche die Ursache eures Falls waren, in Gestalt von Fledermäusen fortfliegen, und da fanden wir Ew. Gnaden und Torf überall auf dem Platz, und gewiß und wahrhaftig, wenn ihr nicht zuerst darauf gefallen wärt, sondern auf die Knochen, die Paddy und Michael von der Hochzeit des jungen Herrn da aufgesammelt hatten, ihr wärt ganz zerschmettert. Wir alle waren in Eifer und Verwirrung über die verwünschten Phukas, die da waren, und wußten nicht, was wir anfangen sollten. Doch Hannchen gab den Rat, Euch an die frische Luft zu bringen und das taten wir auch und, Gott sei gedankt! unserer Sorge und Bemühung gelang es, Euch wieder ins Leben zu bringen, aber es dauerte verzweifelt lang und mir kam es vor, als sei es so gut als aus mit Euch.«

Das Land der Jugend


Das Land der Jugend

(Siehe auch die Anmerkungen)

Wenn man aus der Stadt Cork geht, unweit der Galgenwiese, liegt ein großer See, auf dem sich Winters das Volk mit Schlittschuhlaufen ergötzt, aber die Lust über dem Wasser ist nichts in Vergleich mit der, die darunter ist, denn auf dem Boden dieses Sees stehen Gebäude und Gärten, die prächtigsten, die man je gesehen. Wie sie dahin kamen, hat sich folgendermaßen zugetragen.

Lange bevor ein sächsischer Fuß irischen Grund betrat, lebte ein großer König namens Corc; sein Schloß stand da, wo jetzt der See ist, in einer grünen, meilenbreiten Aue. Mitten im Burghof befand sich ein Springbrunnen so reinen, klaren Wassers, daß es ein Wunder war. Der König freute sich auch nicht wenig, eine solche Merkwürdigkeit in seinem Schlosse zu besitzen; als aber die Leute in Haufen herbei kamen von fern und von nah, das köstliche Wasser dieses Brunnens zu schöpfen, fürchtete er, daß es mit der Zeit versiegen möchte. Er befahl eine hohe Mauer rundherum zu bauen und wollte niemand mehr zu dem Wasser lassen, was ein großer Schaden für die armen Leute war, die in der Gegend wohnten. So oft er aber selbst Wasser brauchte, sandte er seine Tochter hin, es zu holen und vertraute den Schlüssel zu der Quelltüre keinem seiner Diener, aus Besorgnis, sie könnten etwas davon weggeben.

Eines abends feierte der König ein großes Fest, viele Fürsten waren zugegen, Grafen und Edelleute ohne Zahl, das ganze Schloß war voll Herrlichkeit, Freudenfeuer stiegen in die Wolken auf, der Tanz drehte sich und so süße Musik ging dazu, daß sie die Toten aus ihren Gräbern hätte wecken mögen; Speisen standen für jeden bereit, der hereinkam und niemand wurde von dem Schloßtor zurückgewiesen, jedem rief der Pförtner »willkommen, herzlich willkommen!« entgegen.

Nun geschah es aber, daß bei diesem großen Feste auch ein junger Prinz erschienen war, lieblich von Ansehen, so schlank und gerade, wie sich ihn nur ein Auge wünschen möchte zu erblicken. Recht lustig tanzte er den Abend mit des alten Königs Tochter auf und nieder, federleicht und die Füße so zierlich setzend, daß es allgemeine Bewunderung auf sich zog. Die Musikanten spielten aufs beste, um einem solchen Tanze Ehre zu machen und jene tanzten, als stände ihr Leben darauf. Nach dem Tanz folgte das Abendessen, der junge Prinz saß seiner schönen Tänzerin zur Seite und so oft er mit ihr sprach, lächelte sie ihm zu, er tat es aber lange nicht so oft, als sie wünschte, denn er mußte sich vielmals zu der Gesellschaft umdrehen und für die Komplimente danken, die seiner schönen Tischgefährtin und ihm gemacht wurden.

Mitten in der Mahlzeit sagte einer von den großen Herrn zu dem König Corc: »Mit eurer Majestät Erlaubnis, alles ist hier im Überfluß, was das Herz sich wünschen mag, beides zu essen und zu trinken, nur kein Wasser.«

»Wasser!« sagte der König mit Wohlgefallen darüber, daß jemand das forderte, woran absichtlich Mangel gelassen war: »Wasser sollt ihr gleich haben und von so köstlicher Art, daß ich die ganze Welt auffordere, ein gleiches vorzuweisen. Tochter«, rief er, »geh, hole welches, in dem Goldeimer, den ich dazu habe machen lassen.«

Die Königstochter, welche Fior Usga (Springwasser) hieß, schien eben nicht zufrieden damit, heute vor so vielen Leuten diese gemeine Hausarbeit zu übernehmen. Sie wagte nicht ihres Vaters Geheiß zu widerstreben, aber sie zögerte, auf den Boden schauend. Der König, welcher seine Tochter sehr liebte, merkte ihre Verlegenheit und es tat ihm leid, daß er es von ihr begehrt hatte, doch sein königliches Wort durfte er nicht zurücknehmen, er sann auf ein Mittel, sie gleich dahin zu bringen, daß sie das Wasser holte und fiel auf den Gedanken, der Prinz, ihr Tischgesell solle sie begleiten. Mit lauter Stimme sagte er: »Meine Tochter, mich wundert nicht, daß du dich fürchtest allein auszugehen so spät in der Nacht, der junge Prinz dir zur Seite, hoffe ich, wird dich begleiten.« Der Prinz hörte das mit Vergnügen und den Goldeimer an die eine Hand nehmend, mit der andern die Königstochter aus dem Saal führend, zog er die Blicke aller Gäste auf sich.

Als sie zu dem Wasserbrunnen im Schloßhof kamen, schloß die schöne Usga das Tor sorgfältig auf, bückte sich mit dem Goldeimer und wollte Wasser schöpfen, aber das Gefäß wurde ihr so schwer, daß sie das Gleichgewicht verlor und in den Brunnen stürzte. Vergeblich strebte der junge Prinz sie zu retten, das Wasser stieg und stieg so mächtig, daß es schnell den ganzen Schloßhof einnahm, außer sich eilte er zurück zu dem König.

Das Brunnentor war offen geblieben und das lang verschloßne Wasser, froh über die erlangte Freiheit, rauschte unablässig herein, stieg jeden Augenblick höher und war in dem Gastsaal so schnell wie der junge Prinz selbst, dergestalt, daß, wie er versuchte mit dem König zu reden, er bis an den Hals im Wasser stand. In die Länge stieg das Wasser zu solcher Höhe, daß es die ganze grüne Aue, in welcher des Königs Schloß lag, erfüllte und so wurde der jetzige See von Cork gebildet.

Aber der König und seine Gäste ertranken nicht, noch seine Tochter, die schöne Usga, sondern die nächste Nacht nach dem schreckenvollen Ereignis kehrte sie zum Festgelag zurück und seitdem jede Nacht geht das Fest und der Tanz an in dem Boden des Sees und wird so lange dauern, bis es einem gelingt, den Goldeimer heraus zu bringen, der die Ursache des Unheils war.

Und niemand kann zweifeln, daß dies Gericht darum über den König erging, weil er den Brunnen im Schloßhof den armen Leuten verschlossen hatte. Wer aber der Sage nicht glaubt, gehe hin an den See, wenn das Wasser niedrig und hell steht, so wird er mit guten Augen die Turmspitzen und andere Häuser in der Tiefe erblicken.

24. Der See Corrib


24. Der See Corrib

(Siehe auch die Anmerkungen)

Nicht weit von dem See Corrib in der Grafschaft Galway lebte ein junges Paar, Cormak und Marie, die sich zärtlich liebten und deren Glück nichts im Wege zu stehen schien. Ihr Hochzeitstag war schon bestimmt, als Marie plötzlich verschwand, niemand wußte wohin. Sie war ausgegangen und abends zu der gewöhnlichen Stunde nicht wieder nach Haus gekommen, und als ihre Eltern, während Sorge und Angst jede Minute wuchs, vergeblich die ganze Nacht auf sie gewartet und auch der helle Morgen ihr geliebtes Kind nicht zurückgeführt hatte, so gaben sie alle Hoffnung auf, und der nagende Schmerz über ihren Verlust wurde noch geschärft durch den Gedanken, daß ein Sturz in Abgründe oder sonst ein jämmerlicher, qualvoller Tod ihrem jungen Leben ein Ende gemacht habe.

Wer vermag Cormaks Schmerz und Verzweiflung zu beschreiben! Er irrte weit und breit umher, die heimlichsten und unzugänglichsten Orte suchte er auf, doch es schien, wenn auch Wald und Feld, Bäume, Blumen und Steine die Sprache erhalten hätten, sie würden nichts von ihr haben sagen können; kein lebendes Wesen hatte sie erblickt und alle Spur von ihrem Dasein war verschwunden.

Von nun an ging er jeden Abend hinaus zu dem See Corrib, setzte sich auf die Felsen am Ufer, wo die wildesten und traurigsten Gedanken, wahnsinnige Wut und lebloses Erstarren, sich abwechselnd seiner Seele bemächtigten und sie in immer tiefere Verwirrung senkten.

»Nein, sie ist nicht tot!« rief er aus, »sie lebt, das dunkle Grab hat kein Verlangen nach dieser reinen Taube, die schneeweiß und unschuldig ist und ohne Sünde; der Tod zielt nur nach jenen, deren Seele gereinigt werden soll. Sie lebt hier unter dem Wasser des Corribs, bei jeder Welle, die daher rauscht, höre ich ihre Stimme und vernehme die Lieder, die ich sie selbst gelehrt habe. Kalt ist der Felsen, auf dem ich sitze, frostig wehen die Winde mich an, Nebel bedeckt das dunkle Gewässer, aber ihr Herz ist noch kälter! Warum kehrt sie nicht zu mir zurück? Ach! harte, entsetzliche Zauberworte halten sie gebannt!«

Einmal lag der See in der tiefsten Ruhe. Nur eine einzige weiße Welle rollte sanft darüber hin. Sie kam näher und näher bis zu Cormaks Sitze. Da schien es ihm, als entwickle sich daraus ein ganzer Zug wunderbarer Gestalten. Der Vollmond leuchtete so hell darüber hin, daß er imstand war, sie deutlich zu unterscheiden, und doch waren die Gestalten so zart und luftig, daß der Strahl des Mondes ungehindert durch sie drang. Vor ihnen entfaltete sich flatternd eine Fahne, dann folgte ein langer Zug in prächtiger Rüstung, Helme und Speere leuchteten in höchstem Glanz und deutlich war zu sehen, wie der Widerschein davon auf dem leicht zitternden Wasserspiegel in beständiger Bewegung hin und her schwankte. Sie saßen auf geschmückten Rossen, welche auf dieser pfadlosen Bahn in die Höhe stiegen und wild sich bäumten, während über ihren Häuptern wallende Düfte hingen, deren Säume in den Farben des Regenbogens schimmerten. Rührte ein leiser Wind daran, so lösten sich schillernde Flöckchen ab und zitterten in dem sanften Luftstrom. Kein Schweigen herrschte, es erhob sich ein langsamer, feierlicher Gesang, dessen Töne in unaussprechlicher Süßigkeit leis und doch mächtig heranschwollen. Bei diesem Gesang bewegte sich die ganz luftige Schar in anmutiger Leichtigkeit.

Cormak saß und starrte die Erscheinung an, seine betäubten Sinne wußten nicht, ob er sich selbst mit diesem Blendwerk täusche, oder ob es wirklich vor ihm nach dem Takt der Musik auf- und abwalle, bald in höchster Lust anschwellend, bald dahinsterbend, als spotte es seiner.

Endlich sich ermannend rief er mit lauter Stimme: »Christ, rette ihre Seele!« und kaum war der geheiligte Namen über seine Lippen gekommen, als ein furchtbares Geheul und teuflisches Geschrei antwortete und die ganze Erscheinung verschwand. Neben ihm am Ufer stand Marie, schöner als je, frei durch das eine Wort von aller Macht des Zaubers und ihm zu neuem Leben und neuer Liebe zurückgegeben.