Eine vergnügte Abschiedsfeier

Das feine Marlenchen hatte mit Kasperle das allertiefste Mitleid. Es dachte sogar, Kasperle würde nur noch weinen, und gar nichts mehr essen können. Doch darin irrte sich die kleine, gute Freundin sehr.

Kasperle heulte zwar erst eine Weile erbärmlich, aber als dann der Bürgermeister selbst den allerschönsten Kuchen schickte, den Torburgs einziger Zuckerbäcker, Meister Dusterling, in seinem Laden hatte, da schmauste Kasperle für drei. Erst heulte er noch dabei, weil aber der Kuchen gar so gut schmeckte, stopfte er immer mehr und mehr in seinen Mund und vergaß das Heulen.

Meister Severin, der, trotzdem er Kasperle sehr, sehr ungern hergab, sich doch freute, daß die armen Abgebrannten nun ohne Sorge an den Wiederaufbau ihrer Häuser denken konnten, tröstete auch: »Du hast ja Ferien, und dann besuchst du uns immer.«

»Ferien, ja Ferien!«

Kasperle wußte wohl, dies war etwas Köstliches. Und je mehr gute Dinge er aß, desto mehr wuchs seine Ferienfreude. Zuletzt dachte Kasperle, der Schelm, überhaupt nicht mehr an Mister Stopps, sondern nur an die Ferien. Und als Mister Stopps am Spätnachmittag kam und sagte: »Uir fahren heute noch!« Da schrie Kasperle: »Erst muß ich Ferien haben!«

Na, gleich eine Sache mit Ferien anfangen zu wollen, das war etwas viel verlangt. Mister Stopps sagte es, selbst Herr Severin stand Kasperle nicht bei, und auch das feine Marlenchen meinte: »Kasperle, das geht nicht!«

Da hing der Schelm die Nase, sah wie ein betrübtes Lohgerberlein drein, wagte aber doch kein Gegenwort. Weil der Kuchen ohnehin alle war, dachte er, nun kann ich ja wieder heulen, und schon wollte er damit beginnen, als Mister Stopps eine ungeheuer große Zuckertüte aus der Tasche zog. Die bekam Kasperle, und glücklicherweise lief der Zuckertüte nicht gleich die Mahnung hinterdrein: »Iß nicht so viel!«

Kasperle zog also ganz getröstet mit Marlenchen und der Zuckertüte in den Garten, dort gesellte sich sein Freund, das Prinzlein, dazu, und die Zuckertüte wurde geteilt. Kasperle war gut. Marlenchen bekam die besten Bissen, aber Marlenchen war nicht wie Kasperle, die konnte vor Kummer nicht essen. Da fing Kasperle wieder mit Heulen an, dazwischen steckte er ein Zuckerle nach dem andern in seinen Mund, und so verging mit Heulen und Schmausen der Nachmittag.

Und dann kam etwas Wunderbares. Mister Stopps dachte just an das Weiterfahren, als der Bürgermeister kam und bat, er möchte noch bis morgen früh bleiben, Torburg wollte Kasperle feiern. Und ganz Torburg lief auf dem Kirchplatz zusammen zur Kasperlefeier, und als Mister Stopps das sah, versprach er das Bleiben. Die Feier war sehr rührend und lustig zugleich. Erst sangen Sänger ein Wanderlied. Dann kletterte der dicke Bürgermeister auf einen Stuhl, der auf einem Tisch stand, und hielt eine Lobrede auf Kasperle, und ringsherum standen alle Buben und Mädels von Torburg mit bunten Papierlaternen, und allemal, wenn der Bürgermeister sagte: »Unser allerbestes, herzensgutes Kasperle,« da schwenkten sie die Laternen. Wunderhübsch sah es aus, und zuletzt sagte der Bürgermeister: »Kasperle lebe hoch!« und dabei purzelte er vom Tisch, und alle dachten, er habe das getan, damit Kasperle oben stehen sollte. Da hoben sie Kasperle auf den Stuhl, und während sich der arme Bürgermeister rieb, denn er hatte sich braun und blau geschlagen, kasperte Kasperle auf dem Stuhl herum. Es war eine herrliche Feier.

Die Sänger sangen: »Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt,« und Kasperle steckte vor Rührung sein rechtes Bein in den Mund. Und weil das noch nicht half, wollte er auch sein linkes Bein in den Mund stecken, aber das war zuviel und auf einmal lag Kasperle auf dem Bürgermeister, der gleich umfiel, und alle riefen: »Jetzt soll Mister Stopps reden!«

»Au,« stöhnte der Bürgermeister, denn Kasperle lag gerade auf seinem Bauch. Aber dann stand Kasperle auf, und der Bürgermeister stand auf, und Mister Stopps kletterte auf den Tisch und sagte: »Uerte Festgenossen! Ich haben Kahspärle –«

»Kasperle heißt es,« schrien ein paar Buben.

»Kahspärle, uohl, uohl! Kahs – pärle.«

»Kasperle heiß ich,« brüllte Kasperle.

»Gekaufen,« schloß Mister Stopps.

»Gekauft heißt es,« rief ein Bube naseweis.

»Für eine – – –«

»Zwei,« schrie der Bürgermeister.

»Oh, zwei Millionen! Das sein sehr viel.«

»Ich bin mehr wert,« brüllte Kasperle, »drei Millionen bin ich wert.«

»Ja, das ist er wert,« riefen Buben, Mädel, Männer, Frauen, alle durcheinander.

»Zwei Millionen sein genug, und –«

»Ferien,« schrie Kasperle.

»Ja, Ferien,« brüllten alle Schulkinder, »und die muß er in Torburg verleben.«

»Ja, er soll leben,« stotterte Mister Stopps, »und nun sein ich fertig, und – –«

Pardauz, da fiel auch Mister Stopps von oben herab.

»Hurra, hurra!« schrien die Torburger, die dachten, dies wäre wie vom Bürgermeister eine neue Mode, vom Rednerstuhl herabzusteigen.

»Hurra, hurra!«

»Jetzt kommt Meister Severin,« sagte plötzlich jemand.

Wirklich stieg Meister Severin auf den Tisch.

»Er fällt dann auch runter, fein!« riefen die Buben.

Doch Meister Severin fiel nicht herab. Der nahm seine Geige und begann wunderherrlich zu spielen, so schön, wie ihn noch niemand hatte spielen hören. Kasperles Abschiedslied spielte er. Die Geige weinte und klagte, und das Kasperle weinte auch, dicke Tränen rollten über sein schalkhaftes Gesichtlein.

Es weinten überhaupt viele. Am allerheftigsten begann aber plötzlich Mister Stopps zu weinen. Steif, feierlich saß der auf der Kante des Tisches, auf dem Meister Severin stand, und steif und feierlich hielt er ein großes himmelblaues seidenes Taschentuch in der Hand, in das seine Tränen liefen.

Niemand lachte, denn Meister Severins Spiel hielt alle im Banne. Alle waren gerührt, und selbst der Bürgermeister dachte dabei: »Ist doch schade, daß unser Kasperle weggeht.«

Und als Meister Severin fertig war, kletterte Mister Stopps wieder auf den Tisch. Er schwenkte sein himmelblaues Taschentuch und rief: »Ich uerden gut mit ihm sein!«

»Hurra,« riefen alle, »Kasperle soll es gut haben.«

Kasperle rief mit, und dann wäre Meister Severin beinahe umgefallen, denn Kasperle hing plötzlich an seinem Halse, und Mister Stopps merkte, daß auch ein armes, unnützes Kasperle tiefes Leid haben kann. Er klopfte Kasperle auf die Schulter und sagte: »Sein nicht bange, uir kommen bald uieder.« Das war ein Trost.

Einer der Abgebrannten kletterte nun auch auf den Tisch und sagte Kasperle viel tausend Dank, und wieder schrien alle: »Kasperle soll leben hoch! hoch!«

Da dachte das Kasperle: »Nun werde ich ihnen doch noch etwas vorkaspern.« Er kletterte also wieder auf den Tisch, und seine Freunde riefen ängstlich: »Fall nicht runter!« Doch Kasperle fiel diesmal nicht herab. Er machte zwar die tollsten Sprünge, schnitt die allerseltsamsten Gesichter, sah einmal wie der, einmal wie jener aus Torburg aus, und Mister Stopps riß seine kugelrunden Augen immer weiter auf.

»Nein, war das Kasperle spaßig!«

Dem langen Herrn wurde das Stehen zu mühsam, so sehr mußte er lachen, er sah sich nach einem Sitze um und – –

»Jemine, jetzt sieht das Kasperle wie unser Herr Bürgermeister aus,« riefen die Torburger, und ein gewaltiges Lachen erhob sich.

Bumbum!

Was war denn das wieder?

Zwei Beine stocherten in der Luft herum. Einer schrie jammernd: »Meine Trommel, meine Trommel!«

Kasperle lachte wie toll, und die Leute, die etwas abseits standen, reckten die Hälse und fragten: »Was ist denn los?«

Ja was!

Mister Stopps war in die große Trommel gefallen. Er hatte gedacht, auf eine Trommel könnte man sich setzen, doch da die Trommel anderer Meinung war, platzte sie.

Meister Severin faßte Mister Stopps am rechten Bein, der Bürgermeister am linken, und heidi hopsassa, da war er wieder draußen.

»Komisch,« dachte Mister Stopps, »sehr kurios!«

Man muß es sagen, er machte dazu ein arg dummes Gesicht, und flink machte ihm Kasperle das Gesicht nach.

»Er sieht aus wie Mister Stopps,« jauchzten die Leute.

»Uer sehen aus wie ich?«

»Kasperle, Kasperle.«

»Oh, sehr kurios, sehr kurios!«

»Fein, Kasperle, fein!«

Mister Stopps nahm so etwas nicht übel, der fand es so seltsam, daß Kasperle aussehen konnte wie er, daß er erst vor Staunen seinen Mund riesengroß aufriß und dann laut lachte.

Na, Mister Stopps konnte beinahe wie Kasperle lachen. Ein paar Buben meinten sogar: »Vielleicht ist’s ein altes Kasperle!«

Der lange Herr lachte gewöhnlich nur einmal im Jahr, aber dann gründlich. An diesem Tage aber lachte er, als hätte er drei Jahre nicht gelacht. Kasperle lachte mit, er hopste und sprang, Mister Stopps lachte, und das Lachen steckte an.

War das eine vergnügte Abschiedsfeier! Das Lachen schallte nur so über den Kirchplatz. Selbst die griesgrämigsten Leute lachten, und zuletzt sagte Mister Stopps: »Ich sein glücklich, das Kahspärle zu haben.«

»Kasperle, Kasperle!« brüllten die Torburger Buben.

»Oh, uell, Kahspärle. Ich lieben ihn.«

Kasperle legte plötzlich den Kopf auf die Seite, schielte Mister Stopps an und brummte: »Ich dich nicht!«

»Aber Kasperle!« mahnte der Bürgermeister.

»Oh, er liebt mir nicht!«

»Mich,« schrien die Buben wieder.

»Mich nicht! ich bin traurig!«

Und da sagte Kasperle, das wilde, lachlustige Kasperle plötzlich ganz ernsthaft: »Ich hab’ dich auch lieb, aber –«

»Uas aber?« fragte Mister Stopps.

»Die lieb’ ich lieber.« Kasperle zeigte im weiten Bogen herum, und alle Torburger konnten denken, er meinte sie. Sie riefen denn auch alle wieder hoch und hurra, schwenkten die Taschentücher, die Musik spielte, die Sänger sangen, Kasperle hopste und sprang, kurz und gut, es war eine sehr vergnügliche Abschiedsfeier.

Meister Severin sagte zu seiner schönen Frau Liebetraut: »Es wird ihm doch nicht zu schwer.«

Aber ach, dem Kasperle tat sein kleines Herzchen doch arg weh. Und als er in seinem Bette lag und dachte, es ist das letzte Mal für lange, lange Zeit, da fing er plötzlich herzbrechend zu weinen an und klagte: »Nie hab’ ich eine rechte Heimat, immer muß ich wandern!«

»Oh du armes Kasperle, du!« Frau Liebetraut, die das Kasperle wirklich recht wie eine gute Mutter lieb hatte, streichelte den armen, traurigen Schelm. Meister Severin aber holte sich die Geige, und dann setzte er sich an Kasperles Bett und spielte nur ihm allein das allerschönste Abschiedslied.

Da meinte Kasperle plötzlich, er wäre draußen im alten, lieben Waldhaus, es zöge wieder wie einst mit Meister Severin über Berg und Tal, und sein trauriges Herzlein wurde still. Ganz sacht kam der Schlaf, schloß Kasperles Schelmenaugen, fröhliche Traumengelchen setzten sich an sein Bett, und das Kasperle schlief ein, schlief zum letztenmal in Meister Severins Haus so friedlich und fest wie schon viele, viele Nächte nicht. Kasperle wachte nicht einmal auf, und schlaftrunken drehte er sich um, als auf einmal auf dem Kirchplatz Wagenrollen erklang, und der Postillon grade unter seinem Fenster mit seiner Knurrstimme traurig sang:

»Traratrara,
Die Post ist da,
Will mit Kasperlein
Fahren in die Welt hinein,
Traratrara in die weite Welt.
Zwei Millionen sind viel Geld.«

Kasperle drehte sich einmal um, als Frau Liebetraut rief: »Aufstehen!« dann noch einmal, und dann schlief er wieder. Rrrrrrrrrr rasselte er ein Schnarcherlein herab, und als Frau Liebetraut wieder rief und ihn schüttelte, brummelte er: »Nä, ich mag nicht!«

Ach, du lieber Himmel, das half aber nichts, Kasperle mußte aufstehen und mit Mister Stopps in die weite, weite Welt reisen.

Mister Stopps und der Stier

Mister Stopps hatte auch lange geschlafen, und als er erwachte, stand Bob vor seinem Bett und flüsterte: »Leise, leise, wir müssen rasch das Kasperle retten.«

»Oh,« der gute Mister Stopps war gar flink dabei. Kasperle, was war mit seinem Kasperle geschehen? Er stand auf, Bob packte eins, zwei, drei, und Mister Stopps saß zu seiner eigenen Verwunderung plötzlich im Reisewagen. Dabei hatte er vier Wochen in Interlaken bleiben wollen. Aber kaum saß er drin, da fiel ihm etwas um den Hals. Das Kasperle war es, das dumme, kleine, unnütze Kasperle.

»Oh Kahs – pärle, uo uarst du?«

Da erzählte Kasperle, und dabei rollte der Wagen weiter und weiter. Einmal hielt er eine halbe Minute, Mister Stopps merkte es kaum, er hörte immer nur sein Kasperle erzählen: von dem langen, langen Weg, und dem Adler, den Sennen, und daß die Berge gar nicht aus Schlagsahne wären.

»Armes Kahs – pärle, ich uerde nie mehr machen Spaß.«

»Doch,« rief Kasperle, »Spaß ist fein. Wir haben auch Spaß gemacht.«

»Uas denn für Spaß?«

»Na, wir rissen doch aus.«

»Aus – reißen? Uarum?«

Und da erzählte Kasperle von Angelas Vormund, Tante Mitta, Herrn von Löwenzahn, die alle miteinander in Interlaken angekommen waren. Darum die schnelle Abreise mitten in der Nacht.

Erst wollte Mister Stopps bitterböse werden, doch das Kasperle bat und flehte. Ja, als Mister Stopps immer weiter schalt, fing Kasperle bitterlich zu weinen an.

Es klagte und schluchzte, und Mister Stopps merkte wieder einmal, es war ein gar zu schweres Ding, einem Kasperle böse zu sein. Darum rief er endlich: »Ich sein uieder gut,« und weg waren die Tränen, wie weggeblasen. Kasperle lachte und lachte, umarmte Mister Stopps, und der steife Herr fing schließlich auch an zu lachen. Das war eine vergnügliche Fahrt. Hell die Nacht, und lind die Luft. Bergbäche rauschten. Hoch ragten die weißen Schneeriesen empor, Sterne am Himmel und friedsame Stille ringsum. Florizel spielte und sang, und als es hell wurde, hielten sie vor einem Wirtshaus, ein blaues Rauchwölkchen stieg aus dem Schornstein zum Morgenhimmel empor, und Kasperle jauchzte: »Frühstück!«

Es gab Frühstück. Die Gäste ruhten sich aus, und weiter ging die Fahrt. Ein See blaute neben der Straße, und Florizel erzählte Kasperle, dies wäre der Vierwaldstättersee. Er erzählte von Tell und dem bösen Landvogt Geßler, aber dem Kasperle war der Tell ganz gleichgültig, er dachte nur an die nahe Mittagsrast.

Mittagsrast, Mittagessen, Ausruhezeit, – Kasperle schlief wie ein Rätzlein. Mister Stopps schlief, und der schlief auf der grünen Matte noch sanfter als das Kasperle. Dieses hörte auf einmal ein dumpfes Brüllen und sah plötzlich einen wilden Stier auf sich zukommen. Einen Augenblick dachte das Kasperle daran, auszureißen, aber da sah es Mister Stopps, und flink rüttelte es ihn, er möchte aufwachen. Mister Stopps wachte auch auf, sah den Stier auf sich zukommen und fing ein furchtbares Gebrüll an.

»Ausreißen!« schrie Kasperle.

Aber Mister Stopps war viel zu verdattert, um auszureißen, er brüllte nur. Aus dem Wirtshaus, aus den nahen Bauernhöfen kamen Leute angerannt. Alle schrien, schwenkten Heugabeln, aber so recht wagte sich keiner an den wütenden Stier heran. Es sah aus, als würde der den Mister Stopps aufspießen, denn er lief gerade auf ihn zu, und Mister Stopps saß im Grase und brüllte. Ja, wenn das Kasperle nicht gewesen wäre!

Kasperle dachte: »Ich purzelbaume ihm auf den Rücken, da wird er schön erschrecken!« Und bums, saß das Kasperle dem Stier auch auf dem Rücken und brüllte dazu, wie nur ein Kasperle brüllen kann. Der Stier blieb erschrocken stehen. Das brüllende Ding auf seinem Rücken war ihm doch unheimlich. Dazu stach ihn Kasperle noch mit einem Stock, den er in der Hand hatte, und der Stier wußte wirklich nicht, was er von der ganzen Geschichte denken sollte. Das Nachdenken wird so einem Stier ohnehin schwer. Ehe er jedoch damit fertig war, hatten ihm die Bauern eine Kette übergeworfen – er war gefangen. Da purzelbaumte Kasperle geschwind vom Stierrücken herab gerade Mister Stopps auf den Bauch. Der Herr lag nämlich lang ausgestreckt mitten auf der Wiese. »Oh!« rief Mister Stopps.

»Aaah!« rief Kasperle, und dann lachte Kasperle, und Mister Stopps weinte und nannte Kasperle seinen Lebensretter.

Das sagten Florizel und Bob und die Dorfleute auch, und Angela weinte, und ein paar Mägde lachten über den großen Buben, der gleich heulte.

»’s ist gar kein Büebli, ’s ist ein Maideli,« meinte eine. »Die Zöpfe stecken ja unter dem Käppeli.«

An diesem Abend reiste die Gesellschaft nicht weiter. Mister Stopps mußte sich ins Bett legen. Der Schreck und Kasperles Purzelbaum auf seinen Bauch, das war zu viel gewesen. Er wurde krank. Bob brachte ihm heißen Tee, und Kasperle bot ihm an, er wolle ihm etwas vorkaspern, aber Mister Stopps rief erschrocken: »Nein, nein!« Er dachte, nun purzelbaumt er mir wieder auf den Bauch. Danke schön! Da lief Kasperle hinaus, fand Florizel, der unter einem dicken Nußbaum vor dem Hause saß und sang:

»Möcht’ einer gern ein Maidli frei’n,
Nennt aber auf der Welt nichts sein
Als Himmel, Luft und Sonnenschein,
Wird dies genug dem Maidli sein?«

»Wer ist denn das?« fragte Kasperle verdutzt.

Aber da kam schon ein feines Singen vom Hause her, und Florizel und Kasperle hörten die Worte und leises Lachen dazu:

»Fehlt einem auch der Sack voll Geld,
Wer für die Schönheit dieser Welt
Hält beide Augen offen,
Der darf aufs Glück wohl hoffen.«

»Tralala,« jauchzte Florizel, Kasperle aber warf die Beine in die Luft, saß wieder einmal auf der Erde, statt auf dem Bänklein und schrie: »Heiho, das bin ich! Wer ist aber die Maid?«

Florizel lachte, strich über die Saiten und sang:

»Der Kasper ist ein Dummerlein,
Sonst wüßt’ er, wen ich mein’,
Die schöne Maid heißt Angela,
Lallallala, lallallala,
Und reist sie durch das Land,
Wird sie der Tom genannt.«

»Fein!« schrie Kasperle. Vom Hause her klang Lachen und dann wieder Singen:

»Morgen ist die Angela
Nimmer da, nimmer da,
Nur den Tom mit Locken braun
Könnt ihr morgen wieder schaun.«

»Reißt sie aus?« fragte Kasperle erschrocken.

»Ich denke nicht,« gab Florizel zur Antwort. »Aber nun geh ins Bett, kleines Kasperlein.«

Aber das kleine Kasperlein saß da und sah ganz tiefbetrübt aus. Da fragte ihn der Spielmann: »Was fehlt dir? Was hast du denn?«

»Nichts!« stöhnte Kasperle. »Ich mag sie nur nicht heiraten.«

»Wen denn, Kasperle?«

»Na, die Angela. Wenn ich heirate, muß es Marlenchen sein.«

»O du Dummkopf, du brauchst sie doch nicht zu heiraten.«

»Aber du hast es doch gesungen.«

»Ich meine eine andere.« Und Florizel flüsterte dem Kasperle ein Wörtchen zu. Da lachte der vergnügt und rannte flugs ins Haus. Er hätte sich am liebsten mit Höslein, Strümpfen und Schuhen in das Bett gelegt, aber das erlaubte Bob nicht, und das müde Kasperle mußte sich ausziehen lassen. Zuletzt schlief es darüber ein und schlief bis zum hellen Morgen. Siehe, da kam Angela, die nun wirklich Tom war, mit braunen Locken daher. Die Zöpfe hatte sie sich abgeschnitten und die Haare mit Nußblättern gefärbt. »Nun erkennt dich niemand,« sagte Florizel, er war aber doch über das Weiterreisen froh. Mittags ging die Fahrt weiter.

Wohin?

Mister Stopps wußte es selbst nicht. Er ließ den Wagen fahren, wie der Kutscher wollte, und der dachte: »Immer im Tal zu bleiben, ist nicht gut. Meine Pferde können auch einmal bergauf fahren.«

Es kamen schöne Wälder, wundervolle Wiesen, auf denen die herrlichsten Blumen blühten. Bäche rauschten, und Wasserfälle stürzten von den Bergen herab. Auf einmal standen die Reisenden oben und sahen den Wildbach ins Tal brausen.

»Fein!« sagte Kasperle.

»Geh nicht zu nah heran,« mahnte Mister Stopps. Aber da lag Kasperle schon im Bach und sauste talabwärts.

Heidi, hopsasa! Das ging schnell. Mister Stopps wäre vor Schreck dem kleinen Unnütz beinahe nachgesprungen, doch Bob und Florizel hielten ihn fest.

»Kahs – pärle, mein Kahs – pärle!« jammerte Mister Stopps.

Aber von Kasperle war nichts mehr zu erblicken, der war in einem dunklen Felsenloch verschwunden. Weg war er.

»Der wird wohl tot sein,« meinte der Kutscher.

»Tot? Mein Kasperle ist tot?« Mister Stopps rang die Hände. »Und zuei Millionen haben er gekostet.«

Ja, es war schon schlimm!

»Wir fahren abwärts, dorthin, wo der Bach in ein Wiesental einmündet.«

»Schnell, schnell,« schrie Mister Stopps.

Aber so schnell ging das nicht. Der Fahrweg machte einen weiten Bogen, Kasperle aber kam viel schneller unten an.

Mister Stopps kommt nach Torburg

»Brrr, halt!« Da hielt die Postkutsche vor Torburg, und der dicke Postillon drehte sich um und sagte zu seinem einzigen Fahrgast: »Da sin mer, aber scheene ist’s nicht.«

Mister Stopps, ein schrecklich reicher, etwas verdrehter Engländer, streckte den Kopf zum Fenster hinaus und schrie: »Ueiter!«

»Nee, hinein lohnt es sich nicht zu fahren.«

»Uarum?«

»Darum, weil’s gebrannt hat.«

»Uas?«

»Na, die Stadt.«

»Uo?«

»Na, potz Wetter, das sieht doch ein Blinder,« brummte der Kutscher. »Halb Torburg ist niedergebrannt, ein schreckliches Unglück.«

»Ich uill fahren hinein.« Mister Stopps sah ziemlich ungerührt auf die Brandspuren neben dem Tor. Vor zwei Tagen hatte ein Brand das hübsche, freundliche Städtchen heimgesucht; ganze Gassen lagen in Schutt und Asche. Am Tor standen klagende und jammernde Menschen, und Mister Stopps schaute sie erstaunt an und fragte: »Uas machen sie?«

»Na, tanzen tun se nicht.« Der Postillon tippte mit dem Finger an die Stirn, sein Fahrgast kam ihm schon etwas seltsam vor. Der aber lehnte sich in den Wagen zurück, schaute in ein rotes Buch und rief: »Ueiter! Von Brand steht hier nichts drin, ich uill nur sehen Merkuürdiges.«

In diesem Augenblick schrien die Leute draußen laut: »Kasperle, oh unser gutes Kasperle!«

»Uas sein das?« Mister Stopps blickte nun wieder zum Wagen hinaus und sah zu seinem grenzenlosen Erstaunen ein putzlebendiges Kasperle mitten zwischen den Leuten stehen. Es heulte schrecklich, weil ihm die armen Abgebrannten so bitter leid taten.

»Na, das ist halt Kasperle.«

»Uer sein – Kahs – Kahs – Kasperle?«

»Na, Kasperle ist Kasperle. Potz Wetter, so ein saudummes Gefrage!« murrte der Postillon. »Jetzt fahr’ ich den närrischen Herrn zum Bürgermeister, der mag ihm Antwort geben.«

Und mit hü und hott rumpelte die gelbe Postkutsche durch das Tor in das Städtchen hinein, und Mister Stopps rief: »Halten, ich sehen uill Kahs – Kahs –«

Aber wenn der alte Postillon Heinrich einmal fuhr, dann fuhr er, da mochten die Fahrgäste rufen soviel sie wollten. Und weil er seinen Gast für übergeschnappt hielt, fuhr er noch schneller als sonst. Rumpelpumpel, vorbei ging’s an Häusern und Schutthaufen. Da war endlich das Bürgermeisterhaus, und Heinrich blies so lange: Trara, trara, ich bin da! bis der Bürgermeister, seine Frau und die Mägde alle angelaufen kamen. »Himmel, was ist los? Brennt’s schon wieder?«

»Da drinne sitzt wer!« Heinrich deutete mit der Peitsche auf Mister Stopps. Der steckte sein rundes, großes Gesicht zum Fenster hinaus und fragte; »Sein Sie Vater von Kahs – Kahs – Kahs?« Das verstand niemand, denn Mister Stopps hatte den ganzen Namen schon vergessen, und das war ein Glück. Der Bürgermeister von Torburg hätte es gewaltig übelgenommen, als der Vater Kasperles angesehen zu werden. So sah er aber, daß der Fremde ein reicher Mann war, und weil Heinrich noch schrie: »’s ist ’n reicher Engländer,« bekam er nach deutscher Art ungeheuren Respekt. Er machte eine tiefe Verbeugung, noch eine, und fragte: »Was wünschen Sie, mein Herr?«

»Kahs – Kahs –,« Mister Stopps würgte an dem Wort herum, und die Frau Bürgermeisterin sagte: »Ach, der Goldene Adler ist niedergebrannt, der Fremde hat Hunger, er will Käse. Komisch, diese Engländer!«

»Aussteigen soll er, meine Pferde sind müde,« brummte Heinrich. Einen richtigen, lebendigen Engländer hatte man noch nie in Torburg gesehen, darum verneigte sich der Bürgermeister noch einmal und lud den Fremden ein, in sein Haus zu kommen. Der dachte, das ist sicher ein Wirtshaus. Er stieg also aus und rief: »Mein room!«

Daß dies auf deutsch Zimmer hieß, wußte die gute Bürgermeisterin nicht, sie nahm es für englische Sitte und rief: »Flink, Trine, bring Käse und Rum.« Und dann nötigte sie den Gast in das Wohnzimmer; in dem warf der sich lang auf das Sofa, legte die Beine auf den Tisch und rief wieder: »Ich uill Kahs – Kahs –!« »Jemine, der hat aber Hunger,« dachte die Bürgermeisterin und rief flink der Magd zu: »Eil dich doch!«

Und kaum hatte Mister Stopps wieder seinen Mund aufgetan und noch einmal »Kahs« gesagt, als Trine hereinmarschierte. Sie trug allen Käse, den es im Hause gab, herbei, und weil es so viel war, hatte die Käseglocke nicht gereicht, und sie hatte den Käse auf eine Bratenschüssel gelegt. Er duftete nicht sehr lieblich, und Mister Stopps schrie auf einmal: »Oh!« und hielt sich seine Nase zu, und dann wieder: »Ooooh!«

»Das ist der Käse,« sagte die Bürgermeisterin. »Und gut ist er.«

»Oh, no, no, Kahs – Kahs –.« Mister Stopps merkte, daß man ihn mißverstanden hatte, und weil er Kasperles Namen nicht herausbekam, fing er an Gesichter zu schneiden, mit Händen und Füßen zu zappeln, und der Bürgermeister, seine Frau und Trine starrten verdutzt den sonderbaren Gast an. »No, no, oh schrecklich,« schrie der und zeigte auf Trine.

»Na, das verbitt’ ich mir, schrecklich bin ich nicht,« brummte die. »Der Herr ist aber, weiß der Himmel, das reine Kasperle.«

»Oh ja, den ich meine, nicht das da,« schrie Mister Stopps, deutete auf den Käse und schnitt ein fürchterliches Gesicht dazu. Da rannte Trine mit dem Käse wütend hinaus und rief zweimal: »Alter Kasper, alter Kasper!«

»Dies ich meine! Uas sein das für ein merkuürdiges Ding?«

»Kasperle meint er!« Der Bürgermeister tippte sich an die Stirn und brummte: »Da kommt ein Kasper zum andern.«

»Erzählen! Ist es ein Menschen?«

»Ih bewahre, Kasperle ist Kasperle.«

Der Bürgermeister sah seinen seltsamen Gast an; der hatte die Füße wieder auf den guten Tisch von Kirschbaumholz gelegt. So etwas! Er nahm kurz entschlossen Mister Stopps an den Beinen, und platsch, da lag der lange Herr auf der Erde.

»Oh!« sagte der verdutzt, »ich kann machen uas ich uill in meine room.«

»Ach, Unsinn, Rum gibt’s hier nicht, das ist kein Wirtshaus.«

»Oh!« Wieder riß der Fremde seinen Mund auf, als wollte er den dicken Bürgermeister verschlingen. »Uo bin ich?«

»In meinem Haus, und ich bin der Bürgermeister.«

»Ja, und ich bin die Frau Bürgermeisterin,« rief die rundliche Hausfrau. »Und mir hat noch nie ein Gast seine Füße auf den Tisch gelegt. Es ist mein bester!«

Da begriff Mister Stopps, daß er gar nicht in einem Wirtshaus war, und weil er an den Postillon dachte, der ihn hierhergeführt, rief er empört: »Schafskopf!«

»Na, das verbitte ich mir aber.« Schwipp, schwapp, griff der Herr Bürgermeister, der trotz seiner Dicke sehr behende war, zu, und pardauz flog Mister Stopps zur Türe hinaus.

Rissel rassel bums! Da lag Trine mit der Käseschüssel. Trine hatte ein bißchen horchen wollen, und da bekam sie unversehens Mister Stopps an den Kopf.

Trine schrie, Mister Stopps brüllte, die Frau Bürgermeisterin weinte, der Bürgermeister schimpfte, aus der Amtsstube kamen die Schreiber. Die Kinder und die Dienstmagd kamen auch angelaufen, und auf einmal kam noch Heinrich, der Postillon, zurück. Der hatte in der Hand den Regenschirm des Engländers, den der in der gelben Kutsche vergessen hatte. »Jemine, was ist denn nu los?«

»Da ist er, der Schafskopf,« schrie Mister Stopps.

»Ach so, den haben Sie gemeint?«

Der Bürgermeister sah Heinrich streng an: »Warum hat Er mir den gebracht?«

»Na, er wollte doch durchaus was Merkwürdiges sehen!«

»Ich bin nichts Merkwürdiges,« schrie der Bürgermeister erbost.

»No, Kahs – Kahs –«

»Kahs – Kahs – da liegt er,« jammerte Trine, »Kasperle meint er.«

Heinrich rieb sich das Knie. Die ganze Geschichte kam ihm recht sonderbar vor, und dem Bürgermeister kam Mister Stopps auch sonderbar vor, als er hörte, der wollte durchaus Kasperle sehen.

»Ich uill ihn kaufen,« schrie Mister Stopps, »kauufen!«

»Ach, Unsinn, den gibt unser Organist, Meister Severin, nicht für eine Million her.«

»Ich zahlen uill eine Million.«

»Donnerwetter!« Beinahe hätte sich der Bürgermeister vor Erstaunen in den Käse gesetzt, aber seine liebe Frau hielt ihn noch fest, und dann holten beide vereint Mister Stopps wieder herein und führten ihn nun in ihre allerbeste Stube. Und diesmal legte Mister Stopps nicht die Beine auf den Tisch, er setzte sich sehr steif auf einen Stuhl. Der Bürgermeister tat es ihm nach, die Bürgermeisterin setzte sich auf das Sofa, und dann fragte Mister Stopps: »Uer sein Kasperle?«

»Ja, wer? Ein unnützes Ding!« Der Bürgermeister, der eine ungeheure Ehrfurcht vor dem fremden Manne hatte, der für ein Kasperle eine Million zahlen wollte, fing an zu erzählen.

Eine lange Geschichte war es, und wer sie noch nicht kennt, der lese in den drei vorhergehenden Kasperlebänden nach, was Mister Stopps zu hören bekam. Höchst erstaunlich! Da gab es ein putzlebendiges Kasperle, das kein Mensch war und doch einer war. Das achtzig Jahre und länger geschlafen hatte; das in der weiten Welt herumgelaufen war, und das der Herzog August Erasmus jetzt manchmal einlud, und von dem die schöne Gräfin Rosemarie und der berühmte Geiger Michele Freunde waren und vieles andere noch. Und seit vier Jahren lebte das Kasperle in Torburg, war das närrischste Ding, war aller Liebling und Freund, war immer vergnügt und spielte mit dem mächtigen Herzog und dem feinen Marlenchen.

Während der Bürgermeister erzählte, nickte Mister Stopps ein paarmal mit dem Kopf und murmelte: »Uerde ihn kaufen!«

»Ach, du lieber Himmel, so viel Geld haben Sie doch nicht, um ’s Kasperle zu bezahlen,« sagte da einmal die Bürgermeisterin, die nicht an die Million glaubte.

Und wieder rief Mister Stopps: »Ich geben eine Million!«

»Taler?« fragte der Bürgermeister vorsichtig, der dachte, dieser Fremde könnte ja auch Gröschlein oder Pfennige meinen.

»Pfund,« antwortete Mister Stopps.

»Pfund?« Die Bürgermeisterin dachte an die schönen, blanken Pfundgewichte aus Messing in ihrer Küche und sagte kopfschüttelnd: »Was soll man da mit einer Million anfangen!«

Der Bürgermeister aber wußte wohl, daß Pfund eine englische Münze ist und ungefähr sechseinhalb Taler wert war. Er dachte bei sich, dafür könnte man ganz Torburg aufkaufen, und aller Jammer und alle Not hätten ein Ende. Ach, du lieber Himmel, wäre das ein Glück für seine liebe Heimatstadt! Aber Kasperle, Kasperle, würde der sich verkaufen lassen? Der Bürgermeister stand plötzlich mit einem Ruck auf. »Kommen Sie,« sagte er feierlich zu Mister Stopps, »wir gehen zu Kasperle.«

»Ja, und ich uerde ihn kaufen. Kahs – Kahs –!«

Und damit gingen sie, und die Bürgermeisterin dachte, es ist doch kurios, daß man mit Pfundstücken bezahlt. Ob die dieser Fremde wohl alle mit hat? Dann muß er doch ungeheure Kisten haben. Seltsam, höchst seltsam!

Der Prinz von England

Mister Stopps schlief. Vor seinem Zimmer aber standen der Bürgermeister, Stadträte und etliche vornehme und reiche Bürger, die wollten alle den englischen Prinzen sehen. Florizel, Kasperle und Bob waren inzwischen durch ein Balkonfenster hineingeklettert, und Bob machte jetzt mit dem ernstesten Gesicht die Türe auf und flüsterte: »Der Prinz schläft, niemand kann ihn sehen.«

»Oh, das ist aber schade,« riefen etliche. »Wann will er denn abfahren?«

»Morgen abend,« sagte Bob flink, der dachte, sonst kommen alle morgen angerannt. »Wir wollen ihm Blumen überreichen lassen,« flüsterte ein reicher Kaufmann.

»Das ist schön,« sagte Bob. »Sie haben so ein nettes Gesicht, Sie dürfen auch den Prinzen einmal sehen, wie er schläft.«

»Oh, tausend Dank, Herr Oberhofmeister.« Der Kaufmann war schrecklich eingebildet, er tänzelte in das Zimmer hinein. Damit auch alle sehen konnten, daß er den Prinzen zu sehen bekam, blieb er sogar noch ein Weilchen in der Türe stehen.

»Hat’s der Herr Binder gut,« murmelten die andern draußen, und der Stadtrat Knackermann kam flugs angelaufen, er mußte unbedingt den Prinzen sehen.

»Meinetwegen,« brummte Bob.

Die andern nahmen es gewaltig übel, daß die beiden so bevorzugt wurden. Sie drängten nach, und dann standen sie alle im Zimmer.

Kasperle lag im Bett, tat, als ob er schliefe, und machte dazu ein Gesicht wie Mister Stopps. Neben ihm stand Florizel.

»Na, schön ist er nicht,« brummte der Stadtrat Wichtelmeyer.

»Doch, er ist schön, er sieht so geistreich aus.«

»Nicht so nahe!« Florizel machte ein sehr ernstes Gesicht und dachte, wenn sie nahe kommen, merken sie sonst, was für ein Wichtlein im Bett liegt.

Es merkte es aber niemand, nur der Stadtrat Knackermann sah etwas höchst Seltsames. Als er sich beim Hinausgehen noch einmal umdrehte, um, wie er zu Bob sagte, den schönen Prinzen noch einmal zu sehen, fiel er gleich zur Tür hinaus vor Schreck.

»Aber, Herr Stadtrat, was haben Sie? Sie sehen ja käseweiß aus,« rief der Bürgermeister.

Der arme Stadtrat brachte vor Entsetzen kein Wort heraus. Erst unten auf der Straße stöhnte er: »Der Prinz ist etwas – hm sonderbar.«

»Dafür ist’s ein Engländer,« sagte Stadtrat Wichtelmeyer.

»Aber – aber – er hat eine lange Nase gemacht.«

»Eine lange Nase?« Die andern sahen den guten Stadtrat an, als wäre er vom Monde gefallen, und der Bürgermeister riet ihm endlich: »Gehen Sie nach Hause, und legen Sie sich ins Bett. Sie haben Fieber, Sie bekommen einen Schnupfen.«

Das meinten die andern auch. Wie konnte ein Prinz von England eine lange Nase ziehen! Das war doch unmöglich.

Im Bett aber lag Kasperle vergnügt, lachte und lachte. Oh, er wußte schon, woher die lange Nase kam.

Bob lachte auch, und Florizel sagte: »Seid nicht zu übermütig! Denkt, wir müssen noch das schöne Fräulein Angela befreien.«

»Da sind Sachen von mir, die sind mir zu klein, die kann sie anziehen.« Bob legte einen weißen Matrosenanzug zur Seite.

»Ich helfe mit befreien,« schrie Kasperle.

»Du nicht, du machst nur Dummheiten.«

»Ich mach’ keine, mache nie eine!«

»Oh, Kasperle, kleiner Schwindelpeter!«

»Nä, nur manchmal.«

»Manchmal? Oft!« Florizel, der Spielmann, stritt sich noch eine Weile mit Kasperle herum, bis er schließlich nachgab, Kasperle dürfe die schöne Angela befreien helfen.

Ach, und wie wichtig war Kasperle dabei. Erstens plumpste er durch den Schornstein in das Gartenhaus oben hinein, und mit seiner Hilfe gelang es Angela, oben eine Luke aufzumachen, und gerade wollten sie beide durchkriechen, als Florizel von der Mauer her rief: »Pst, es kommt jemand!«

Herr von Löwenzahn kam. Der hatte den Schlüssel in der Hand und flüsterte: »Angela, mein holdes Kind, ich komme, dich zu befreien.«

»Du kommst auch zur unrechten Zeit,« brummte Bob.

»Laß nur, Kasperle wird schon helfen,« flüsterte Florizel.

Und Kasperle half. Herr von Löwenzahn bückte sich gerade und schloß auf, als ihm etwas auf den Kopf fiel. »Aber Angela, holdes Mädchen,« flüsterte er, »was ist denn das?«

Ein Sack hing ihm über dem Kopf, und ehe er recht etwas sehen und den Sack vom Kopf entfernen konnte, erhielt er ein kräftiges Rippenstößlein. Er purzelte in das Gartenhaus, etwas umflatterte ihn, und dann saß der Herr von Löwenzahn darin, und die schöne Angela wurde über die Mauer gehoben.

Im Gartenhaus war es wirklich nicht schön, und eine Stunde verging, ehe sich der Herr von Löwenzahn darin zurechtfand und endlich oben eine Luke offen fand. Da schrie er denn aus Leibeskräften: »Hilfe, Hilfe!«

Erst hörte ihn lange niemand, dann sagte die Tante: »Im Garten schreit jemand. Himmel sie werden doch Angela nicht rauben.«

»Unsinn,« brummte der Onkel Griesgram.

Weil aber das Geschrei immer lauter wurde, stand er doch endlich auf, rief seinem Diener und dem alten, verdrossenen Kutscher und ging mit der Tante nach dem Gartenhaus.

Herr von Löwenzahn schaute zur Luke heraus. Der Sack hing ihm noch immer über dem Kopf, sein Gesicht war ganz schwarz geworden, weil es im Gartenhaus wenig säuberlich war und er sich beschmiert hatte. Da hielt ihn die Tante für einen Räuber. Sie schrie laut, der Onkel Griesgram rannte davon, der Diener und der alte Kutscher rannten hinterdrein.

Alle dachten, Räuber wären im Gartenhaus, die hätten das Fräulein Angela überfallen.

»Und gewiß haben sie den guten Löwenzahn getötet,« jammerte die Tante.

»Man hole die Wache,« schrie der Onkel.

»Die Wache!« Der alte Kutscher konnte vor Entsetzen kein Glied mehr rühren.

»Wache, Wache!« Das rief jemand aus dem Ofenwinkel, dort kauerte der Diener. Der klapperte vor Angst.

»Wache, Wache!« schrien alle vier.

Endlich ging die Magd Bärbe und brummte: »So schlimm ist’s doch nicht, auf die Wache zu gehen.« Sie ging also, und unterwegs fuhr ihr der Wagen, in dem Mister Stopps saß, an der Nase vorbei. Und Bärbe blieb stehen und sah sich alles recht genau an, denn einen Prinzen von England bekommt man nicht alle Tage zu sehen.

Darüber verging die Zeit, und es dauerte lange, ehe ein paar Stadtsoldaten zu dem Oheim Griesgram in das Haus kamen. Der Herr von Löwenzahn hatte sich schon ganz heiser gebrüllt, und vor Schreck und Angst war er so elend, daß er zuerst nur »Schnapp« sagen konnte, mehr nicht.

»Da ist der Räuber!« – »Der schreckliche Räuber!« – »Haltet ihn fest!« Die Tante und die Magd quiekten, der Oheim brüllte, Diener und Kutscher fingen an, Herrn von Löwenzahn durchzuprügeln, und der Wachtmeister befahl streng: »Bindet ihn, der kommt ins Gefängnis. Dem ergeht es übel.«

Na, übel erging es Herrn von Löwenzahn in dem Augenblick schon, denn kaum tat er seinen Mund auf, da schlug ihm einer darauf. Das war der alte Kutscher, der hatte ihn gar wohl erkannt, aber er war so bitterböse auf ihn, weil er die arme, schöne Angela so gequält hatte, daß er immer noch tat, als hielte er ihn wirklich für einen Räuber. Er hatte auch Florizel ganz heimlich über die Mauer steigen sehen, und bei sich gedacht, das Fräulein Angela lasse sich gewiß ganz gern von dem jungen Spielmann befreien.

Weil der Kutscher Herrn von Löwenzahn auch immer den Sack über das Gesicht zog, dauerte es sehr lange, bis die andern sahen, wer eigentlich der Räuber war.

Nachher war freilich das Entsetzen und Erstaunen sehr groß. Die Tante fiel gleich in Ohnmacht, und der Kutscher nahm sie und trug sie geschwind an das Haus und hielt sie dort unter die Pumpe. Davon wurde die Tante wieder munter, aber sie schalt wie eine ganze Spatzenfamilie, und der Herr von Löwenzahn konnte wieder nicht erzählen.

Endlich, endlich kam er dazu. Da riefen gleich alle: »Das ist der Florizel gewesen, der sie hat ansingen wollen. Wir müssen hinüber in den Mondschein laufen und dort sehen, ob Angela da ist.«

»Ich tu’s,« rief der alte Kutscher. Aber diesmal gelang ihm sein Streichlein nicht. Die Tante lief mit, das Mädchen lief mit, und der Herr von Löwenzahn humpelte hinterdrein.

Zur Mitternachtsstunde langten sie vor dem »Mondschein« an. Der lag nun wirklich im Mondschein. Alle Fenster waren dunkel. Wirt, Kellner, Mägde, Hausknechte, alle schliefen friedlich nach mühsamer Tagesarbeit, und keiner war sehr für schnelles Aufwachen. Endlich kam der Hausknecht und fragte, was los sei. »Wir wollen den englischen Prinzen sprechen.« Herr von Löwenzahn pustete sich auf wie ein Gockel. »Aber flink, es eilt!«

»Ach meinetwegen kann’s eilen, bei uns wohnt kein englischer Prinz mehr.«

»Aber Johann, besinn dich doch, heute ist doch ein englischer Prinz angekommen.«

»Is nicht! Hier war nur ein Mister Stopps, und der ist schon wieder weg.«

»Kein englischer Prinz?« Herr von Löwenzahn fiel vorsichtshalber nicht in Ohnmacht, er dachte, sonst komme er auch unter die Pumpe.

»Kein englischer Prinz?« riefen alle.

»Nä, aber ’n sehr reicher Herr mit ’nem kuriosen Ding, ’nem richtigen Kasperle,« brummte Johann. »Auf einmal, vor zwei Stunden sind sie alle weg.«

»Mit einem jungen Fräulein?« schrie die Tante.

»Nä, ohne Fräulein.«

»Das ist eine Lüge!« sagte Herr von Löwenzahn zornig.

Aber da kam er bei Johann schlecht an. »Ich lüge nicht!« brummte der, und bums schlug er die Haustüre zu.

Da mußten die draußen wieder klopfen und rufen, und Johann machte erst auf, als der Wachtmeister rief: »Im Namen des Gesetzes, aufgemacht!« Da tat der »Mondschein« seine Tür wieder auf, und jetzt kam der Wirt und erzählte auch, Mister Stopps sei eben Mister Stopps und kein englischer Prinz gewesen, und abgereist wäre er, weil er nicht für einen englischen Prinzen gehalten werden wollte.

»Und das Fräulein, das Fräulein Angela,« rief Herr von Löwenzahn aufgeregt, »wo ist meine liebe Braut?«

»Im Fremdenbuch steht sie nicht,« brummte der Wirt.

O arme, schöne Angela. Beinahe wäre alles gut gegangen, wenn nicht ein Stubenmädchen gesehen hätte, wie Angela heimlich in das Hotel geführt wurde. Dieses verriet alles.

»Ha,« schrie der alte Kutscher, »ich hab’ die Postkutsche nach Osten fahren sehen, die Gründorfer Straße entlang ging es.« Der gute Alte dachte: »Nun führ’ ich sie auf eine falsche Fährte.« Aber da war Bärbe, und Bärbe hatte die Kutsche die Delsheimer Straße entlang fahren sehen; denn jetzt hatte Mister Stopps seinen eigenen Wagen, und der Wirt meinte, das könne schon stimmen.

»Auf, auf! Der entführten Angela nach!« schrie Herr von Löwenzahn.

»Schnell eine Extrapost!«

»Eine Extrapost! Ich reise mit,« rief die Tante.

»Ich auch,« brummte der Oheim.

»Nein, ich fahre allein,« erklärte Herr von Löwenzahn, »eine Verfolgung muß man schlau anfangen.«

»Dann fahre ich auch allein,« erklärte der Onkel, »ich nehme nur den Peter mit.«

»Und ich Bärbe,« sagte die Tante rasch entschlossen, »fahren tu’ ich auch.«

»Nehmen Sie mich mit, gnädiger Herr von Löwenzahn,« bat der alte Kutscher, »ich kenne Fräulein Angela unter jeder Verkleidung heraus.« Der gute Alte dachte: »Wenn er mich mitnimmt, dann wollen wir schon an Fräulein Angela vorbeifahren.«

Aber Herr von Löwenzahn dachte an die Klapse auf den Mund und an den Sack über den Kopf. Er sagte nein, und die Tante sagte auch nein, denn sie dachte an die Pumpe.

Der alte Martin seufzte, aber dann mußte er gehen und geschwind die Extrapost bestellen. Und als er ging, brummte er: »Klug willst du sein, Herr von Löwenzahn, aber dumm bist du doch. Mein Fräulein Angela soll dich doch nicht heiraten.«

Als es Morgen war, hielt endlich eine Extrapost vor dem gelben Hause, nur eine, denn zuletzt hatte selbst Herr von Löwenzahn gefunden, mehrere Wagen wären zu teuer. Innen saßen der Onkel Griesgram, Herr von Löwenzahn, die Tante und Bärbe, auf dem Bock zwei Postillone. Der eine war Martin als Postillon verkleidet. Peter mußte daheim bleiben und das Haus verwahren. Und fort ging die Reise.

»Martin hat nicht mal Lebewohl gesagt, na, das soll ihm aber angestrichen werden!« sagte die Tante, als der Wagen zur Stadt hinausrollte.

»Es war schlau von mir, ihn nicht mitzunehmen.« Herr von Löwenzahn lächelte stolz, und der Oheim brummte: »Sehr schlau, er hält es sicher mit Angela.«

Traratrara! blies der eine Postillon, und der andere lachte vergnügt vor sich hin. Sonderbar, der sah beinahe wie der Martin aus.

Eine lustige Fahrt

Sonnenschein, Maienglanz, blühende Blumen, Vogelgesang. Wie war es schön, so am lichten Morgen in die weite Gotteswelt hinein zu fahren!

Dem Kasperle hüpfte sein kleines Herz vor Freude. Beim Mondenschein waren sie aus der Stadt hinausgefahren, durch einen stillen, schlafenden Wald. Da hatten leise die Quellen gesungen, und das Mondlicht war an den dicken Baumstämmen niedergerieselt. Ein feines, sachtes Rauschen dazu. Schön war es gewesen, wunderschön. Aber nun schien die Sonne. Ein Tag voll Lieblichkeit war heraufgezogen, und das kleine Kasperle baumelte vor Vergnügen mit seinen Beinchen. Es saß in dem Wagen Mister Stopps gegenüber. Florizel hatte sich vorn auf den Bock gesetzt, Bob auf den Bedientensitz hinten am Wagen.

Florizel sang zur Violine:

»Wie bist du herrlich, liebe Erde!
Im Glanze deiner schönen Fluren
Geh’ ich auf unsres Herrgotts Spuren
Und hör’ sein schaffendes »Es werde.«

»Es gefällt mir,« sagte Mister Stopps, und dann steckte er den Kopf zum Wagenfenster hinaus und rief: »Oh, mehr, mehr!«

Florizel spielte wieder und sang dazu:

»Wald und Wiese,
Feld und Baum,
Alles grüße,
Wie im Traum.
Vogelsingen,
Bäumerauschen,
Quellenklingen
Möcht’ erlauschen.
In dies schöne Vielerlei,
Heller tönt mein Tarandei,
Tarandei, dideldum.«

Mister Stopps nickte wieder zufrieden, und das Kasperle, das ihm gegenüber saß und etwas auf seinem Herzen hatte, dachte: »Nun sag’ ich es!« und nickte auch mit. Da sprach Mister Stopps plötzlich, just als Kasperle seinen Mund auftun wollte:

»Kahspärle, uie ist das? Mal sitzt Bob vorne, mal sitzt Bob hinten. Uie kann ein Mensch vorne und hinten zu gleicher Zeit sitzen?«

Kasperle wurde feuerrot: »Das ist Bobs Bruder, der vorne sitzt,« stotterte er.

»Uie komisch! Uie kann Bob einen Bruder haben, uenn er doch ein Uaisenkind ist und nie einen Bruder gehabt hat?«

»Er – er – er – ist von der Mauer gefallen!«

Kasperle dachte: »Das ist nun schlimm, Mister Stopps die Wahrheit zu sagen,« denn Mister Stopps sah ihn mit einem strafenden Blick an: »Kahs – pärle, du tust lügen.«

Kasperle suchte seine Nase. Es half nichts, er mußte bekennen. Da tönte draußen Florizels heitere Stimme:

»Schönes Fräulein,
Sagt mir an,
Warum den Herrn von Löwenzahn
Ihr wolltet gar nicht frei’n.«

Und eine silberhelle Stimme antwortete:

»Oh Florizel,
Lieber Spielmann mein,
Ich will ihn nicht,
Ich mag ihn nicht,
Er ist ein aufgeblasener Wicht.«

»Das ist er,« schrie innen Kasperle.

»Uer, Kahs – pärle?«

»Der Herr von Löwenmaulzahn. Und Angela ist Bobs Bruder, nein, sie ist es eigentlich nicht, und sie saß im Gartenhaus, und nun sitzt der Herr von Löwenmaulzahn drin, und – und – und –«

Kasperle wußte nicht weiter, und Mister Stopps wußte erst recht nicht weiter, denn die Namen, die Kasperle genannt hatte, waren ihm ganz unbekannt.

»Bob soll kommen,« riefen Herr Stopps und Kasperle zu gleicher Zeit.

Und Bob kam und brachte Florizel mit, und Mister Stopps sagte streng: »Bob, jetzt stehst du hier und sitzt doch auf dem Bock, wie ist das?« Da erzählten Bob und Florizel, wie sie die schöne Angela gerettet hatten, und Mister Stopps rief: »Umkehren, das geht nicht!«

Wie gut war es, daß Kasperle so unbändig heulen konnte! Heiliger Bimbam, schrie der kleine Wicht. Mister Stopps erschrak gewaltig, er versuchte Kasperle zu trösten, aber der war schlau, er tat ganz jämmerlich unglücklich. Je aufgeregter Mister Stopps wurde, desto mehr heulte das Kasperle. Der riß seinen Mund ganz ungeheuer auf und schluchzte, als wäre ihm selbst das tiefste Herzeleid widerfahren.

Als Mister Stopps, dem es immer ängstlicher zumute wurde, einmal sagte: »Uir müssen in die Stadt zurückkehren,« schrie Kasperle: »Ich stirbse, ich stirbse!« und klapp fiel er um und verdrehte die Augen. Florizel beugte sich über ihn und flüsterte: »Jetzt müßtest du eins aufs Hosenbödle haben.«

Der Florizel war doch ein guter Arzt. Kasperle starb nicht, sondern war auf einmal wieder ganz munter und bat Mister Stopps zärtlich: »Bitte, bitte nicht umkehren, lieber Mister Stopps!«

»Aber das fremde Fräulein?« fragte Mister Stopps.

»Das ist doch kein Fräulein mehr, ist Bobs Bruder geworden, und Bobs Bruder heißt Tom und kann mitfahren.« Kasperle fand die Geschichte äußerst einfach. Mister Stopps fand sie weniger einfach, aber was sollte er mitten auf der Landstraße tun? Er sagte also: »Meinetwegen!« Und dann hielt er sich die Ohren zu und rief: »Nichts mehr hören. Kahspärle haben mich die Ohren entzuei geschreit – geschrieht – geschreiten.« »Hahaha!« Kasperle tat wieder seinen Mund weit auf, aber diesmal, um zu lachen, und Mister Stopps, Florizel, Bob und Angela und der Kutscher, alle lachten mit. Heio, das war eine lustige Fahrt. Immer glänzender wurde der Himmel, immer strahlender die Sonne. Mittagsfriede lag über dem Lande.

Im Wagen schmausten sie, und Angela, genannt Tom, schmauste fröhlich mit. Dann setzte sie sich neben Florizel hinten auf das Bedientenbänklein, Bob setzte sich neben den Kutscher, und weiter ging die Fahrt. »Bis zur Schwarzen Ente,« sagte der Kutscher. »Das ist ein feines Wirtshaus.«

Florizel spielte ganz, ganz leise, und Angela erzählte ihm. Ein Waislein war sie, und einen geizigen Vormund hatte sie. In Italien lebte ihre gute, gute Großmutter, aber zu der wollte der Vormund sie nicht reisen lassen, obgleich Angela die gute alte Frau von Herzen liebte. »Wenn ich erst dort bin, bin ich geborgen,« erzählte Angela weiter. »Die Großmutter ist –«

»Himmelsgut,« sagte jemand, und das war Kasperle.

Mister Stopps schlief, da war es dem Kasperle zu langweilig geworden. Er war aus dem Fenster geklettert und schaute nun vom Verdeck des Wagens auf die beiden herab.

»Ja, himmelsgut. Oh Kasperle, liebes, kleines Kasperle,« sagte Angela, »ich habe schon so viel von dir gehört, denn ich war eine Zeitlang bei der Prinzessin Gundolfine –«

»Brrrrrrr!« Kasperle schüttelte sich so, daß Florizel fragte: »Wird dir übel?«

Da schrie Kasperle: »Hach, ich weiß jetzt, wer die Heirat mit Herrn von Löwenmaulzahn ausgeheckt hat.«

»Die Prinzessin,« rief Angela.

»Ja, die,« Kasperle machte ein bitterböses Räubergesicht, und dann –

»Die Prinzessin!« Angela purzelte beinahe vom Wagen. Auf einmal sah nämlich das Kasperle wie die Prinzessin aus und gleich darauf wie Herr von Löwenzahn, und dann gab es ein fröhliches Gelächter, und Bob, der es hörte, kletterte auch auf das Kutschenverdeck, legte sich neben Kasperle, und beide schwatzten mit Florizel und Angela.

Und weiter ging die Fahrt, immer weiter, vorbei an kleinen Dörfern, die im Baumschatten malerisch zwischen Wiesen und Feldern lagen. Einmal kam ein Städtchen. Da rollte und rumpelte der Wagen über holpriges Pflaster. Kinder, Erwachsene, Hunde, Katzen, alles lief herbei, denn Kasperle schnitt die ungeheuersten Fratzen. Lautes Lachen umtoste die Kutsche, in der Mister Stopps behaglich schlief. Der Kutscher lachte, ja, ja, mit einem Kasperle fuhr es sich schon lustig in der Welt herum.

»Was ist das für ein kecker Wicht?« fragte der Wächter ernsthaft. Wutsch, da machte ihm Kasperle sein Gesicht nach, und der Wächter rief verdutzt: »Der sieht beinahe aus wie ich, komisch!«

»Hier bleiben!« riefen die Kinder.

Und die Wirtin vom Schwan knickste und rief auch:

»Solche Gäste müßten doch ausspannen.«

Aber der Kutscher sagte: »’Ne Schwarze Ente ist mir lieber als ’n schmutziger Schwan, und dann sind wir auch bald an der Grenze.«

»An was für ’ner Grenze?« fragte Kasperle.

»An der Schweizer Grenze.«

»Uo sein die Schweiz? Sein uir da?« Mister Stopps war aufgewacht, schaute sich erstaunt um, und da kletterte Kasperle zum großen Vergnügen der Reisegesellschaft wieder über das Verdeck in den Wagen zurück und setzte sich Mister Stopps gegenüber.

»Was ist die Schweiz?« fragte Kasperle.

»Ein Land!«

»Wegzoll!« schrie jemand, und Bob warf von oben herab dem Zollbeamten ein Geldstück zu.

»Halt!« schrie der, »wieviel Personen passieren?«

»Fünf und ein Kasperle.« Bums, fiel der Schlagbaum herunter. »Verspotten lasse ich mich nicht,« brummte der Beamte. »Was ist ein Kasperle?«

»Das bin ich.« Kasperle schoß einen Purzelbaum aus dem Wagen heraus, und der Zollwärter rief: »Potztausend, das ist wirklich ein Kasperle.«

Mister Stopps zeigte ihm nun seinen Schein von Torburg, auf dem stand, daß er Kasperle für sehr viel Geld gekauft hätte.

Da machte der Mann große Augen, er schrieb aber alles ordentlich in ein Buch hinein. Als Mister Stopps seinen Namen und Geburtstag genannt hatte und gerade Bob nennen wollte, schrie Kasperle: »Und das ist Bob und Tom, zwei Brüder, und das ist Florizel, der kann besser singen als die Nachtigall des Kaisers von China.«

»Gut, gut!« Der Zollwächter lachte, er sah sich nur noch Florizel an, dann konnte der Wagen weiterfahren, und weiter ging es, immer weiter.

Wieder Wiesen, Felder, Wald, ein Dorf, und dann kam die Schwarze Ente, und hier rief der Kutscher: »Hühott! Hier wird Halt gemacht, und morgen geht es in die Schweiz hinein, da sind alle Berge mit Zucker bestreut.«

»Stimmt nicht!« rief Kasperle, der gerade auf dem Bock gesessen hatte, und kletterte wieder in den Wagen hinein und fragte drinnen Mister Stopps: »Ist das wahr?«

»Uas denn?«

»Daß in der Schweiz die Berge mit Zucker bestreut sind.«

Der steife Mister Stopps machte selten einen Scherz, und wenn er einmal einen machte, dann tat er es mit einem ganz ernsten Gesicht, und jeder dachte, es sei Ernst gewesen.

Darum glaubte es das arme dumme Kasperle ihm auch, als er sagte: »Nicht mit Zucker, aber alle Berge sind von Schlagsahne.«

»Schlagsahne?« schrie Kasperle, denn das war seine Lieblingsspeise.

»Kann man die essen?«

»Gewiß,« antwortete Florizel.

»Dann esse ich in der Schweiz immerzu Schlagsahne. Kann man sie auch nur so schlecken, ohne Löffel?«

Herr Stopps wollte antworten, wollte sagen: »Es war nur ein Späßlein,« als der Kutscher rief: »Brrr, halt, hier ist die Schwarze Ente, hier ist gut sein.«

Kasperle will Schlagsahne essen

Es ließ sich gut leben in der Schwarzen Ente. Kasperle dachte erst, er wäre im Wirtshaus zum Grünen Kranze, aber dann war es doch die Schwarze Ente. Schwarz war darin nichts, alles hell und sauber, das Essen gut, die Betten weich, im Gärtlein duftete und blühte es, und vom Walde her kam köstliche Luft.

Die schöne Angela, die schon so viele trübe Tage in ihrem jungen Leben gehabt hatte, dachte auch, es müsse sich gut wohnen in dem uralten gemütlichen Haus. Mister Stopps wollte auch bleiben, aber Florizel, Bob und Kasperle sagten, sie hätten eine schreckliche Sehnsucht, in das Schweizerland zu kommen. Die drei Schelme hatten aber ein gedrücktes Gewissen; sie dachten an Herrn von Löwenzahn, an Angelas Vormund und die Tante. Wenn die ihre Spur fanden, dann würde es schlimm werden. Darum nur schnell fort!

»Wenn wir erst weiter in der Schweiz sind, sind wir sicher,« meinte Florizel.

Mister Stopps fand die Geschichte komisch, aber er gab nach, ließ anspannen und fuhr am nächsten Tage in das Schweizerland hinein.

Traratrara! Der Kutscher blies, Kasperle steckte seine große Nase zum Wagenfenster hinaus. Wo sind denn nun die großen Schlagsahneberge?

Ja, wo waren sie? Nebel verhüllte alles, und der Nebel wurde zum Regen. Da rauschte ein Wasserfall, und Florizel sagte, das wäre der Rheinfall von Schaffhausen, aber er war nur nicht zu sehen. Dann kamen sie nach Zürich, und es goß in Strömen. Den See sah Kasperle erst, als er drinnen lag, und am Fraumünster stieß er sich beinahe die Nase kaputt.

»Es wird schon aufhören,« tröstete Florizel. Aber es hörte nicht auf. Man fuhr im Regen durch Luzern und überquerte den Brünigpaß. Es regnete lustig weiter. Bald flossen Wäscheleinen vom Himmel, bald regnete es Bindfaden: plitsch, platsch, es regnete, ohne an ein Aufhören zu denken.

Auf dem Brienzer See lag der Nebel wie ein Scheuerlappen, und als man in Interlaken war, konnte man meinen, man säße auf einer wüsten Insel. Alles grau rings herum. Dazu war es kalt, und Mister Stopps klapperte vor Frost. Kasperle klapperte flink mit, der tat es aber nur aus Übermut.

»Man muß heizen,« rief Bob.

»Ja, Feuer,« sagte Mister Stopps, und »Feuer, ach ja!« flüsterte die zarte Angela, die schon beinahe blau gefroren war.

»Und morgen wird schönes Wetter, die Wolken teilen sich,« tröstete Florizel.

»Das sagste jeden Tag,« brummte Kasperle unwirsch, »und ich sehe nichts von der Schlagsahne.«

»Du kannst noch genug essen. Paß auf, morgen steht dir ein ganzer dicker Berg voll vor der Nase.«

Da mußte auch Mister Stopps lachen, der warnte: »Iß nur nicht zu viel!«

Kasperle lugte abends zum Fenster hinaus. Es regnete zwar noch immer, aber in der Ferne sah er doch etwas Weißes schimmern. Vielleicht stimmte es mit dem Schlagsahneberg. Und dann träumte er die ganze Nacht davon, und früh, als er aufwachte, schien ihm wirklich die Sonne auf die Nase. Kasperle sprang auf und rannte an das Fenster, und da – wahrhaftig, da saß ein großer, großer Schlagsahneberg mitten auf der Wiese, ganz nahe schien er, ganz nahe. Kasperle wußte noch nichts davon, daß die Ferne im Gebirge nahe scheinen kann. Er dachte: »Nu aber los! Zu dem Schlagsahneberg ist’s nur ein Katzensprünglein.« Und flugs fuhr das Kasperle in die Höschen. Auf einem Tisch im Wohnzimmer, durch das er leise schlich, sah er eine Schüssel stehen, die nahm er mit. Er dachte: »Jetzt hol’ ich Schlagsahne zum Frühkaffee.« Und auf und davon lief das Kasperle.

Im Gasthof schliefen noch alle, nur Florizel war auf, und ging draußen über die Wiesen und sang, sah aber kein Kasperle laufen. Das flitzte flink an ihm vorbei, hörte gar nicht auf sein Lied:

»Berge im Schnee,
Blaustrahlender See,
Enziane blühn
Auf Matten grün.
Schönes Land,
Schweizerland,
Sei mir gegrüßt!«

Da war das Kasperle vorbei, und kein Mensch hatte es gesehen. Kasperle lief wie der Wind. Weiter rückte der schneeweiße Berg, immer weiter.

Da lief ein Mann dem kleinen Kerl in die Quere, und den fragte Kasperle nach dem Weg.

»Wohin?«

»Dahin, Schlagsahne holen.«

»Ah, so guet!« Der Mann verstand zwar nicht, was Kasperle meinte, aber er sah die Schüssel. Am Weg war eine Käserei, dahin mochte das Bübli laufen wollen! Er zeigte geradeaus, und Kasperle rannte geradeaus.

Lieber Himmel, wie weit war das bis zu dem Schlagsahneberg! Die Sonne brannte, dem Kasperle wurde es heiß, die Schüssel wurde ihm schwer. Er setzte sich am Wegrand nieder und tat einen kellertiefen Seufzer. Sollte er heimgehen?

I nein, damit Florizel und Bob ihn noch auslachten! Lieber nicht. Aber die Schlagsahne lockte auch. Also stand Kasperle wieder auf und ging weiter. Es ging jetzt bergauf. Ein Wald kam, dahinter schimmerte es weiß, also brauchte das dumme, dumme Kasperle sicher nur durch den Wald zu gehen, dann war es am Ziel. Nach zehn Schritten kam ein Berg, und Kasperle begann zu steigen, und wilder wurde der Wald, steiler der Weg, und auf einmal stand das Kasperle mutterseelenallein in einer tiefen, tiefen Einsamkeit, und über ihm kreiste ein riesiger Vogel. Es war ein Adler!

Kasperle erschrak. Er wußte, Adler entführen auch manchmal Kinder, warum nicht ein Kasperle?

Vor Schreck ließ es die Schüssel fallen und rannte heimwärts. Ja, heimwärts, wenn es nur den rechten Weg gewußt hätte. Kasperle überlegte: »Jetzt muß das Wirtshaus und der Ort, der Interlaken heißt, bald kommen,« aber immer einsamer, immer stiller wurde es ringsum. Zuletzt gab es keinen Weg mehr, kein Mensch antwortete auf Kasperles Klagen und Rufen, nur über ihm zog der Adler seine Kreise.

 

Inzwischen war Mister Stopps aufgewacht. Er rief nach Bob und Kasperle. Bob kam, Kasperle nicht.

»So ein Faulpelz, der schläft noch! Na, ich werde ihn wecken,« sagte Bob. Er ging an Kasperles Bett und rief: »Aufstehn, du kleiner Faulpelz!« Und dann nahm er die Decke weg, und – da lag kein Kasperle mehr im Bett.

Er wird unten bei Florizel sein, dachte Bob.

Just da kam Florizel ins Zimmer, seine Augen glänzten, auf seinen Lippen lag noch ein Lied, er trillerte:

»Angela, du allerschönste Maid,
Wach auf, wach auf, ’s ist Sonnenzeit.«

»Und Kasperle?« fragte Bob.

»Ja, Kasperle liegt gewiß noch im Bett,« antwortete Florizel.

»Das tut er eben nicht.«

»Dann ist er bei Angela.«

»Meinetwegen nenne du Angela Tom,« rief Florizel und ging, um Angela zu fragen. Doch die wußte nichts von Kasperle, und niemand im Hause wußte etwas von ihm. Es hatte ihn nicht einmal jemand fortlaufen sehen.

»Mein Kasperle ist ausgerückt,« schrie Mister Stopps.

»Nein, das ist er nicht. Ausreißen tut er nicht mehr, aber eine Dummheit hat er vielleicht gemacht. Man muß ihn suchen,« meinte Florizel.

Alle liefen auf die Straße, selbst die schöne Angela, und gerade fand sie den Mann, der Kasperle hatte laufen sehen. Der Mann wußte gleich Bescheid, als Angela den Kleinen beschrieb. Der habe was holen wollen, was Komisches – Schlagsahne.

Der Mann lachte über das Wort, aber Angela lachte nicht. Sie ahnte plötzlich, wohin Kasperle gelaufen war. Der hatte den Scherz für Ernst genommen.

»Oh, du dummes, dummes Kasperle!« Angela rannte zurück, und erzählte.

Mister Stopps, Florizel, Bob, alle drei riefen auch: »Ist Kasperle dumm!« aber dann dachten sie doch, ja, dumm ist das Kasperle, aber fort ist es auch. Man muß es suchen gehen.

Sie gingen alle vier zusammen weg. Es wollte keins zurückbleiben. Erst dachten sie: »Na, wir finden es bald!« Aber dann wurde es immer stiller und einsamer. Sie konnten rufen, soviel sie wollten, das Kasperle war nicht zu finden, und niemand hatte es gesehen. Die Sonne stand schon hoch, da kehrten die vier um, denn Mister Stopps sagte: »Vielleicht ist er inzwischen wiedergekommen. So weit wird er nicht sein.«

Aber Kasperle war nicht wiedergekommen.

Nun wuchs die Sorge. Florizel und Bob beschlossen, das Kasperle nochmals zu suchen, Angela mußte bei Mister Stopps bleiben. Ein wegkundiger Führer begleitete die beiden, und der Bauer, der Kasperle den Weg gewiesen hatte, ging auch mit.

Kaum waren die vier zum Ort hinaus, da fuhr, rissel-rassel, eine große Reisekutsche vor, und Angela sah zu ihrem Entsetzen darin ihren Vormund, die Tante und Herrn von Löwenzahn sitzen. Sie erwischte just noch einen Kellner am Jackenzipfel, und bat ihn, er möchte Mister Plumpudding nicht stören.

»Wer ist denn das?«

»Na, der Herr auf Nummer zehn, und ich bin sein Diener Tom.«

»Ich denke, Mister Plumpudding heißt Mister Stopps,« stotterte der Kellner verdutzt.

»Aber Mister Stopps ist doch eben in die Berge gegangen, das Kasperle zu suchen,« rief Angela. Sie zitterte dabei wie Espenlaub, und der Kellner fragte: »Warum zitterst du so?«

»Weil ich mich erkältet habe und mich ins Bett legen muß!« Husch, weg war Angela. Der Kellner aber ging hinab, da fragte ihn Herr von Löwenzahn: »Ist Mister Stopps oben?«

»Nein, nur Mister Plumpudding. Mister Stopps sucht Kasperle.«

»Wo sucht er es denn?«

»Kasperle ist auf die Jungfrau geklettert.« Das hatten die Reisenden noch nie gehört, daß man diesen Berg besteigen könne, und Herr von Löwenzahn rief gleich:

»Ich will auch hinauf.«

»Aber erst wollen wir uns ausruhen.« Die Tante sah sich um. »Plumpudding? Den Namen habe ich noch nie gehört. Hat er Dienerschaft bei sich, vielleicht noch eine Nichte?«

»Oh, der hat nur Tom bei sich.«

»So? Und Bob? Mister Stopps Diener?«

»Bob ist mit auf die Jungfrau gestiegen!«

»Du siehst, Liebe,« brummte der Onkel, »sie sind alle weg, wir können uns ausruhen.« Da alle sehr müde waren, legten sie sich in ihre Betten und schliefen bis zum späten Nachmittag. Angela aber saß zitternd in ihrem Zimmer, bis sie endlich wagte, leise hinauszugehen. Da kam sie denn an den Weg, den Florizel und Bob gegangen waren, um das Kasperle zu suchen. Die mußten weit, weit wandern und fanden das Kasperle nirgends. Und wie sie so gingen, kamen sie an eine Almhütte. Ziegen und Kühe liefen draußen herum. Da die Sonne just untergehen wollte, glühten die weißen Schneeberge rosenrot, und Florizel setzte sich auf eine Bank vor der Hütte und sagte: »Hier muß ich einmal ausruhen. Das vermaledeite Kasperle!«

Grad in dem Augenblick kam eine Frau aus der Hütte, die lachte über das ganze Gesicht und rief immerzu: »Ich muß mich totlachen, totlachen!«

»Warum denn, gute Frau?«

»Ach,« sagte die Frau, »mein Mann hat heute ein Bergwichtlein gefangen, just als es ein Adler davontragen wollte, das macht so ungeheure Späße.«

»Das ist Kasperle,« schrien Florizel und Bob. Und es war Kasperle, das saß in der Almhütte auf einem Butterfaß und kasperte den Hüttenleuten etwas vor.

»Oh Kasperle!«

»Florizel, Bob!«

Da lag das Kasperle samt Butterfaß auf dem Boden. Und nun erst merkte es, daß es angebunden war.

Die Sennen wollten es auch nicht leiden, daß Kasperle abgebunden würde. So ein Wichtlein brächte Glück, sie wollten es behalten, sagten sie.

Das gab ein Handeln. Vergebens erzählten der Bauer und der Führer, wer Kasperle war, die Sennen wollten es nicht freigeben. Und da es sechs waren, dachten Florizel und Bob schon, sie müßten wirklich ohne Kasperle abziehen. Da fing das auf einmal sein allerschaurigstes Räubergebrüll zu brüllen an, und schnitt dazu die fürchterlichsten Gesichter. Es sah aus wie ein Räuber, ein Teufele und wie die böse Köchin im Goldenen Knopf.

Die Almleute erschraken. Dazu drohte ihnen Kasperle noch mit grimmigster Miene, und die Frau sagte flink: »Nein, so einen Unhold wollen wir gewiß nicht in unserem Hüttli haben. Hinaus mit ihm! Hätte den nur der Adler geholt.« Sie schnitt rasch den Strick durch, und hops saß Kasperle dem Florizel auf dem Rücken. Es drehte sich, als der rasch mit ihm zur Türe ging, flink noch einmal um und machte ein lustiges Schelmengesicht.

»Es soll bleiben! Ihr seht doch, es ist nicht böse.«

»Es soll bleiben,« riefen alle, aber Bob und Florizel rannten mit ihrem Kasperle so schnell sie konnten, davon.

»Kasperle, du heilloser Wicht, gleich machst du dein schlimmstes Gesicht!« keuchte Florizel, der an dem kleinen Kerl schon zu tragen hatte.

»Hach,« schrie Kasperle und sah gleich wie die Prinzessin Gundolfine aus. Ein schlimmeres Gesicht konnte es nicht machen. Es war auch schlimm genug. Die Almleute purzelten vor Schreck fast den Berg wieder hinauf. Wehklagend rannten sie davon, und Kasperle lachte und lachte, bis Bob sagte: »Kasperle, sei still, dir platzt noch dein Bäuchlein.«

»Das kann’s nicht,« schrie Kasperle kläglich. »Es ist nichts drin.« Florizel setzte den Kleinen ab, denn niemand verfolgte sie mehr. »Ich dachte, du bist von der vielen Schlagsahne satt,« sagte der Spielmann neckend.

Aber da wurde Kasperle fuchsteufelswild. Es, wußte nun schon, daß die Sahne Schnee, ewiger Schnee war, und vor Wut und Herzeleid fing er jämmerlich zu heulen an. Er klagte dazu, seine Füße täten ihm arg weh, und Bob nahm ihn auf den Arm, tröstete ihn sacht und sagte: »Wenn wir zurückkommen, bekommst du Schlagsahne und darfst so lange schlafen, wie du willst.«

Es kam aber alles anders als Bob sagte und Kasperle hoffte. Als sie alle spät heimkamen, kauerte Angela in der Nähe des Wirtshauses und flüsterte zitternd: »Sie sind da!«

»Wer denn? Die Sennleute?« kreischte Kasperle.

»Halt den Mund, Kasperle,« sagte Florizel, »jetzt müssen wir es klug machen, damit der Vormund die arme Angela nicht erwischt.«

»Klug,« sagte Kasperle, aber ihm rutschte sein Stimmlein aus, und es gellte laut durch das Haus: »Klug.«

»Himmel, mir war es gerade, als habe jemand geschrien,« sagte die Tante, aber glücklicherweise hatte Bärbe nichts gehört, da schlief die Tante wieder ein, auch Herr von Löwenzahn schlief, und der Vormund schnarchte, sie hörten niemand und nichts.

Kasperle ist krank

Personen:

Kasperle

Der Arzt

Spielt beim Arzt.

Kasperle: »Schlechten guten Tag, Herr Doktor!«

Arzt: »Was willst du denn, Kasperle, warum wünschest du mir einen schlechten Tag?«

Kasperle: »Weil es mir schlecht ist, miserabel schlecht, au, au!«

Arzt: »Na, Kasperle, wo tut es denn weh?«

Kasperle: »Überall, Kopf, Bein, Bauch.«

Arzt: »Wo denn im Bauch?«

Kasperle (deutet auf den Magen): »Hier, aber arg!«

Arzt: »Kasperle, das ist doch nicht der Bauch, das ist der Magen.«

Kasperle:

»Ob Bauch, ob Magen,

Schmerz kann ich net vertragen.«

Arzt: »Und welches Bein tut dir weh?«

Kasperle: »Das linke.«

Arzt: »Du hinkst aber doch mit dem rechten.«

Kasperle:

»Ob links, ob rechts ist eine Soße,

Mit beiden fahr ich in die Hose.«

Arzt: »Und wie ist es mit dem Kopf?«

Kasperle: »Da hab ich einen so furchtbaren Druck darauf.«

Arzt: »Nimm mal deine Mütze ab.« (Kasperle tut es, und ein großes Gewicht fällt heraus.)

Kasperle: »O jemine, das habe ich aus Versehen eingesteckt, das hat aber gedrückt.«

Arzt: »Das glaube ich. Ein Zehnpfundgewicht auf dem Kopf tragen, ist keine Kleinigkeit. Nun zieh mal deinen rechten Schuh aus.« (Kasperle zieht den linken Schuh aus.)

Kasperle: »Der tut doch gar nicht weh.«

Arzt (lacht): »Weil du den verkehrten ausgezogen hast, den anderen.«

Kasperle: »Das hättest du doch gleich sagen können.« (Zieht den rechten Schuh aus und ein Bund Schlüssel fällt heraus)

Arzt: »Himmel, was ist denn das?«

Kasperle: »Hurra, meine Hausschlüssel. Ich dachte schon, ich hätte sie verloren.«

Arzt: »Na, die müssen freilich gedrückt haben. Tut der Fuß immer noch weh?«

Kasperle: »Kein bißchen mehr. Aber au, mein Magen, der tut schrecklich weh.«

Arzt: »Was hast du denn gegessen?«

Kasperle: »Oh, ganz wenig.«

Arzt: »Na, was denn zum ersten Frühstück?«

Kasperle: »Bloß sechs Semmeln gegessen und sechs Tassen Kaffee getrunken.«

Arzt: »Na, das genügt für einen kranken Magen. Und was hast du zum zweiten Frühstück gegessen?«

Kasperle: »Nur sieben Butterbrote, mehr nicht.«

Arzt: »Ist schon genug für einen ganzen Tag.«

Kasperle: »Och, so wenig. Dann habe ich zu Mittag ein paar Kartoffelklöße gegessen, ich glaube zehn Stück, und nur vier Portionen Hasenbraten, dann war es zu Ende, der Magen tat zu weh.«

Arzt: »Du bist ein Vielfraß, Kasperle. Es hilft nichts, ich muß den Magen aufschneiden, sonst stirbst du.«

Kasperle: »Uh jegerle, jetzt werde ich aufgeschnitten wie eine Wurst.« (Der Arzt nimmt Kasperle und legt es hin, nimmt eine Schere und tut, als ob er Kasperle aufschneide.)

Kasperle (lacht): »Hihihihihihi, wie das kitzelt.« (Der Arzt zieht eine große Pillenschachtel aus dem aufgeschnittenen Bauch hervor.)

Arzt: »Was ist denn das?«

Kasperle: »Die sollte ich einnehmen, immer drei Pillen auf einmal, aber ich habe gleich die ganze Schachtel mit den Pillen verschluckt, damit ich schneller gesund werde.«

Arzt: »Wer hat sie dir verschrieben?«

Kasperle: »Ein anderer Doktor. Er versteht aber nichts, alle seine Medizin hat nichts genutzt.«

Arzt: »Ja, du Schafskopf, wenn du die ganze Schachtel gleich mitverschluckst.«

Kasperle: »Es stand doch da: Eine Schachtel Pillen.«

Arzt (bringt eine Flasche Medizin zum Vorschein): »Und was ist denn das hier?«

Kasperle: »Das ist die andere Medizin, die mir der andere Doktor auch noch verschrieben hat.«

Arzt: »Oh, Kasperle, bist du dumm. Und was ist das?« (Hält ein Paket Tee in die Höhe)

Kasperle: »Da ist Tee drin, den sollte ich trinken.«

Arzt (lacht): »Hahahahaha, und jetzt kommen die Löffel, mit denen du alles löffelweise schlucken solltest.« (Hält einen Teelöffel und einen Eßlöffel in die Höhe)

Kasperle: »Hach, nun bin ich gesund.« (Er will aufspringen, aber der Arzt hält ihn fest.)

Arzt: »Erst muß ich dich wieder zunähen.« (Nimmt eine große Stopfnadel und einen Faden grüner Wolle und näht an Kasperle herum): »So, und nun acht Tage nur Wassersuppe essen, dann bist du gesund.«

Kasperle (weint): »Wassersuppe kann ich nicht essen, die liegt mir zu schwer im Magen, davon stirbse ich.«

Arzt (lacht): »Was willst du denn essen?«

Kasperle (springt auf): »Pfannküchlein und Schweinebraten. Hurra ich bin gesund!« (Ab)

Arzt: »Das Danken hat er natürlich vergessen.« (Der Vorhang fällt.)

Kasperle und Prinzessin Gundolfine

Personen:

Kasperle

Binchen, Kammerjungfer

Prinzessin Gundolfine

Die erste Szene spielt im Walde, die zweite Szene im Schloß der Prinzessin.

Kasperle (tritt auf, seufzt und stöhnt): »Uff, ich habe sechzehn Küchlein gefressen und dreizehn Bratwürstlein, ich bin plumpsatt.« (Binchen kommt und weint.)

Kasperle: »Jemine, was ist denn dir etwa passiert?«

Binchen: »Ach, was ganz Schreckliches.«

Kasperle: »Erzähle mal, Kleine, wie heißt du denn?«

Binchen: »Binchen.«

Kasperle: »Ach so, Tinchen.«

Binchen: »Nein, Binchen.«

Kasperle »Also Linchen.«

Binchen: »Nein, Binchen.«

Kasperle »Meinetwegen Minchen.«

Binchen: »Ach, du machst dich über mich lustig.«

Kasperle (weinerlich): »Ich bin doch Kasperle, ich muß doch ein Späßlein machen.«

Binchen: »Ach, Kasperle bist du, dann kannst du mir nicht helfen, denn auf dich ist die Prinzessin Gundolfine ganz schlecht zu sprechen.«

Kasperle: »Uh je, die Prinzessin Gundolfine, ich bekomme gleich Leibschmerzen vor Schreck.«

Binchen: »Das glaube ich, die kann dich auch gar nicht leiden.«

Kasperle: »Was hast du denn mit der Prinzessin zu tun?«

Binchen: »Ich bin ihre Kammerjungfer.«

Kasperle: »Ach so, ihre Jammerkungfer.«

Binchen: »Ach du verdrehtes Kasperle! Ich habe wirklich meine Tränen vergessen über deinem Unsinn. Aber nun muß ich gehen. Na, das wird einen schönen Krach von der Prinzessin geben.« (Fängt wieder an zu weinen)

Kasperle: »Warum heulst du denn schon wieder, alte Heulsuse?«

Binchen: »Ach, ein Bauer hat sich auf den neuen Hut der Prinzessin gesetzt.«

Kasperle: »Was ist denn dabei?«

Binchen: »Nun ist er ganz zerdrückt.«

Kasperle: »Wer? Der Bauer?«

Binchen: »Aber nein doch, der Hut.«

Kasperle: »Ist das schlimm?«

Binchen: »Sehr schlimm.«

Kasperle: »Was gibt’s denn da?«

Binchen: »Krach.«

Kasperle: »o jerum, das ist schlimm! Aber nicht so schlimm wie Hiebe. Ich habe einen Einfall!«

Binchen: »Wenn es nur kein Reinfall ist. Was willst du tun?«

Kasperle: »Ich ziehe mich als Mädchen an und gehe zur Prinzessin. Ich käme an deiner Stelle, sage ich, du hättest den Schnupfen bekommen oder wärest von Räubern geraubt oder von einem Löwen zerrissen worden.«

Binchen: »Bleibe nur beim Schnupfen! Hazzih! (niest), den habe ich wirklich, und vor einem Schnupfen hat die Prinzessin große Angst.«

Kasperle: »Gut, ich werde sagen, du hättest schon eine ganz rote Nase. Und weißt du, was ich tue? Ich bringe die Prinzessin dazu, daß sie sich selbst auf den Hut setzt. Patsch, da soll sie sitzen.«

Binchen: »Und patsch, da fällt Kasperle rein.«

Kasperle: »Es fällt nicht herein, dazu bin ich zu klug.«

Binchen: »Ja, schon neunmalklug. Aber woher bekommst du Mädchenkleider?«

Kasperle: »Waldwärters Liese borgt mir ihre Sonntagskleider, warte hier, ich bin gleich wieder da.« (Kasperle verschwindet.)

Binchen (singt):

»Ein Kasperlemann, der alles kann,

Auch reinfallen kann! Trallala.«

Kasperle (kommt wieder, als Mädchen verkleidet):

»Bin ich nicht ein Mägdelein

Hübsch und fein?«

Binchen:

»Bis auf die Nase

Wie meine Base.«

Kasperle:

»Nun führ mich, liebe Bine,

Zur Prinzessin Gundolfine.«

(Der Vorhang fällt.)

Kasperle (schreit hinter dem Vorhang): »Warten, sitzenbleiben, ich komme gleich wieder.«

Der Spielleiter (sagt an): »Hier ist das Schloß der Prinzessin.«

Prinzessin: »Wo nur das Binchen mit meinem neuen Hute bleibt?«

Kasperle (poltert draußen laut und schreit): »Potz Blitz, komme ich denn gar nicht hinein.« (Kommt herein) »Uff, da wäre ich endlich drin.«

Prinzessin: »Wer bist du denn?«

Kasperle: »Ich bin Linchen, nein Minchen, nein Tinchen.«

Prinzessin: »Ich erwarte nicht Minchen, Linchen oder Tinchen, sondern Binchen.«

Kasperle: »Die hat der Löwe gefressen.«

Prinzessin: »Wie traurig.«

Kasperle: »Nicht doch, die hat der Räuber geraubt.«

Prinzessin: »Wie schade.«

Kasperle: »Nicht doch, sie hat einen Schnupfen.«

Prinzessin: »Um Himmelswillen, wie entsetzlich, wenn sie mich nur nicht ansteckt.«

Kasperle: »Ja, und sie schickt mich, ihre Base, mit dem Hut, und Eure Hoheit möchte sich draufsetzen.«

Prinzessin: »Draufsetzen? Aufsetzen meinst du wohl?«

Kasperle: »Aufsetzen natürlich, erst aufsetzen, dann draufsetzen, nein, erst draufsetzen, dann aufsetzen.«

Prinzessin: »Was redest du für Unsinn?«

Kasperle: »Ich rede, wie mir der Schnabel gewachsen ist.«

Prinzessin: »Dann ist er dir sehr verkehrt gewachsen.«

Kasperle: »Dir auch.«

Prinzessin: »Was, du nennst du mich? Warte, ich werde dich einsperren lassen.«

Kasperle (schreit): »Ich will nicht eingesperrt sein!«

Prinzessin: »Ha, wie ist mir denn, du bist doch Kasperle. Ich rufe gleich die Polizei!«

Kasperle (fällt in die Hutschachtel): »Hach, jetzt wäre ich aber reingefallen.«

Prinzessin: »Oh, er ist in meine Hutschachtel gefallen. Bist du auf meinen Hut gefallen?«

Kasperle: »Dumme Frage! Denkst du, ich sei in Apfelmus gefallen?« (Steht auf und schlenkert die Glieder): »Au weh, mein Einfall war wirklich ein Reinfall.«

Prinzessin (schreit): »Hilfe, Polizei! Hier ist ein Mädchen, das wahrscheinlich ein Kasperle ist. Hilfe, Polizei!«

Kasperle: »Lebt wohl, ich reiße aus, ich habe nichts mit der Polizei zu tun. Wenn sie etwas mit mir zu tun hat, soll sie mich suchen.« (Kasperle verschwindet) (Man hört die Polizei kommen.)

Prinzessin: »Sie kommt zu spät, und es war doch Kasperle, das schreckliche Kasperle!« (Der Vorhang fällt.)

Ein Späßlein mit Kasperle

Kasperle aber lag im Sonnenschein auf einem Heuhaufen und schlief. Es schnarchte sogar ein bißchen. Da kam der Bauer, dem die Wiese gehörte, um das Heu einzufahren. Er sah Kasperle liegen und dachte, mit dem mache ich mir jetzt ein Späßlein. Er lud darum das schlafende Kasperle auf seinen Wagen. Daheim sollten alle das Kasperle recht necken und auslachen, wenn es aufwachen würde.

Als der Bauer mit seinem Wagen in den Hof einfuhr, schlief Kasperle noch immer. Als aber der Wagen auf einmal anhielt, wachte es auf und hörte den Bauer sagen: »Ich habe Kasperle mitgebracht. Es schläft, wir wollen es necken und auslachen, wenn es aufwacht.«

Der Bauer sagte das zu seiner Frau. Die trug gerade eine große Kanne voll Kaffee in die Gartenlaube, in der Besuch saß. Sie erzählte ihrem Mann von den Gästen und fügte hinzu: »Die sollen auch ihren Spaß an Kasperle haben.« Kasperle hatte das Gespräch mitangehört. Es ärgerte sich gewaltig über das, was man mit ihm vorhatte und beschloß auszureißen. Auf einmal schoß es einen gewaltigen Purzelbaum von dem Wagen herab und purzelbaumte die Bäuerin mit ihrer Kaffeekanne um.

»Jemine, was ist denn das?« rief die Magd, die der Bäuerin mit einer gefüllten Kuchenschüssel folgte. Weil sie wohl dachte, Kaffee und Kuchen gehörten zusammen, ließ sie vor Schreck die Schüssel fallen. Als der Bauer das Unheil sah, fing er an zu schelten. Er wollte Kasperle fangen, doch das hatte keine Lust dazu, sich fangen zu lassen. Es riß aus, rannte in den Garten hinein, raste die Wege entlang und kam auch an die Laube. Es wollte gerade hineinflüchten, als es die Gäste drin sitzen sah. Da der Bauer hinter ihm drein kam, flüchtete Kasperle erschrocken auf die Laube. Aber das Dach war schon altersschwach, es trug das kletternde, zappelnde Kasperle nicht mehr. Krach pardauz! ging es, das Dach brach zusammen und Kasperle saß plötzlich auf dem Kaffeetisch, und die Besuchstassen lagen in Stücken um es herum. Die Gäste aber starrten Kasperle entsetzt an, sie konnten sich gar nicht erklären, was das für ein sonderbares Wesen war, das da so plötzlich auf dem Tisch saß.

Da kam der Bauer und nahm Kasperle beim Kragen: »Warte, dir geht es jetzt ganz schlecht!« drohte er.

Kasperle schrie und zappelte, und unwillkürlich ließ es der Bauer los, und Kasperle riß wieder aus. Der Bauer rannte hinter ihm drein. Ihnen nach rannte der Besuch.

Die Bäuerin, die eine Kanne voll frischen Kaffee in die Laube bringen wollte, kam ihnen entgegen. Kasperle purzelbaumte über sie hinweg, der Bauer aber stieß mit ihr zusammen und klirr! lag auch die zweite Kanne am Boden, und die Magd, die mit neuem Kuchen kam, wollte der Bäuerin wieder auf die Beine helfen und warf dabei den Kuchen vom Teller.

Da lag nun der Kuchen neben den Scherben der Kaffeekanne am Boden, und Kasperle das das sah, griff rasch nach einem Stück Kuchen und rannte damit in den Hof zurück. Das fremde Bauernpaar sah das und dachte, das ist eigentlich richtig, man muß den Kuchen essen. Sie setzten sich einfach auf den Weg und aßen den Kuchen, als wäre der Erdboden der schönste Kaffeetisch. Die Bäuerin freute sich darüber, da konnten sich ihre Gäste wenigstens satt essen, denn einen anderen Kuchen konnte sie ihnen nicht vorsetzen. Ganz unzufrieden mit diesem Ausgang der Geschichte war aber der Bauer. Der lief mißmutig in den Hof, um Kasperle zu fangen und zu bestrafen.

Auf dem Hof herrschte inzwischen große Aufregung, alles Getier war in Unruhe. Die Gänse und die Enten schnatterten, die Hühner gackerten, als hätte jede Henne zehn Eier gelegt, die Schweine grunzten, und die Kühe brüllten wütend. Selbst das Pferd, das noch immer vor dem Wagen angespannt war, wieherte. Ein Knecht und eine Magd aber standen dabei und barsten fast vor Lachen. Warum all der Lärm?

Kasperle saß auf dem Taubenschlag, aß seinen Kuchen, baumelte mit den Beinen und schnitt Gesichter.

Die Tauben gurrten wütend um es herum, aber Kasperle störte das kein bißchen. Es hatte alle Gefahr vergessen, so gut schmeckte ihm der Kuchen, auch fand es den Sitz auf dem Taubenhaus wunderschön. – Da kam der Bauer auf den Hof gerannt, und, wütend wie er war, schrie er: »Wenn du nicht gleich heruntergehst, hole ich mein Gewehr und schieße dich herunter!«

Das wurde gefährlich. Aber Kasperle war ein Bruder Leichtfuß und rief kühn: »Ich geh net runter!« Es dachte nämlich, wenn der Bauer ins Haus geht, um das Gewehr zu holen, reiße ich aus. Aber der Bauer ging nicht ins Haus, er ahnte wohl schon so etwas und gebot dem Knecht: »Jochen, geh ins Haus und hole mein Gewehr.«

Da saß nun Kasperle arg in der Klemme. Es überlegte, was es tun sollte. Da sah es den Wagen, und gerade, als der Bauer sich nach dem Hause umdrehte, sprang Kasperle mit einem kühnen Satz in den Wagen, ergriff die Zügel und schwang die Peitsche über dem erschrockenen Pferd. Heidi, begann das zu rennen!

Der Bauer sah seinen Wagen davonfahren; er ließ das Gewehr im Stich und rannte rasch hinterdrein.

Aber Pferd und Wagen waren schneller als der dicke Bauer. Er sah sie nach einer Weile nicht mehr und rannte eigentlich ins Blaue hinein.

Das Pferd aber dachte: Auf der Heuwiese war vorhin gut sein. Es lief daher nach der Heuwiese zurück. Dort stellte es sich an einen Heuhaufen und fraß lustig das frische Heu.

Kasperle dagegen kugelte vom Wagen herunter, legte sich auf den gleichen Heuhaufen und schlief im Umsehen ein. Es meinte, der Bauer würde es hier nicht finden. Der Bauer war inzwischen Leuten begegnet, an denen Kasperle vorbeigefahren war. Die gaben ihm Auskunft, wohin Kasperle ungefähr gefahren sein konnte. So kam der Bauer auf die Heuwiese und fand dort das schlafende Kasperle.

Er sagte unwillkürlich laut: »Donnerwetter, da liegt es ja.«

Der Bauer meinte, das hätte Kasperle nicht gehört. Das fing nämlich auf einmal rissel, rassel so laut zu schnarchen an, daß ein anderer als der dicke Bauer sicher auf den Gedanken gekommen wäre, Kasperle verstelle sich nur.

Der Schelm war wirklich putzmunter und wartete nur darauf, daß der Bauer ein Stückchen weitergehen würde, dann wollte er ausreißen. Der Bauer sah sich um. Da erblickte er einen Haselnußstrauch. Er ging rasch darauf zu und schnitt eine tüchtige Rute ab. Dabei sprach er immer halblaut zu sich: »Wart, mein Bürschchen, ich will dich lehren, Menschen und Kaffeekannen zu überrennen. Der Stock soll dir auf dem Buckel tanzen.« Wie er im besten Schnitzeln war, flog etwas wie ein großer Gummiball über ihn hinweg. Er setzte sich erschrocken hin und dachte, es wäre ein Adler. Als er aber näher hinsah, war es Kasperle.

Heidi, sprang da der dicke Bauer auf, um den Ausreißer einzuholen. Er holte ihn aber nicht ein, und da er Kasperle nie wiedersah, blieb sein schöner Stock unbenutzt, und die Bäuerin steckte ihn in den Ofen.

Kasperle und der Zauberer

Personen:

Kasperle

Der Zauberer

Schlambus und Bambus, des Zauberers Diener

Höhle des Zauberers, zur Seite ein dunkles Loch, von einer kleinen Tür verschlossen.

Kasperle: »Guten Tag, Herr Zauberer.«

Zauberer: »Guten Tag, wer bist du denn?«

Kasperle: »Nu, Kasperle.«

Zauberer: »So, Kasperle, na, das freut mich. Was willst du denn?«

Kasperle: »Zaubern lernen.«

Zauberer: »Dazu bist du viel zu dumm.«

Kasperle: »Oho, ich bin neunmalklug und siebenmalgescheit.«

Zauberer: »Wer sagt denn das?«

Kasperle: »Der Kasperlemann.«

Zauberer: »Der muß es freilich wissen.«

Kasperle: »Na und ob, sogar singen kann ich.«

Zauberer: »Singen, was denn?«

Kasperle: »Ein Frühlingslied, paß mal auf!« (Es singt nach eigener Melodie):

»Der Mai ist gekommen,

Die Pferde schlagen aus,

Da bleibe, wer Kinder hat,

Mit ihnen zu Haus.«

Zauberer: »Das ist aber ein seltsames Frühlingslied.«

Kasperle: »Schön, nicht wahr, da staunste?«

Zauberer: »Was kannst du dann noch?«

Kasperle (stößt ihn mit der Fußspitze an die Nase): »Das!«

Zauberer: »Das war aber frech, ich werde dich zur Strafe verzaubern.«

Kasperle: »Erst können vor Lachen!«

Zauberer: »Du bist ja ganz frech. Warte, jetzt verwandle ich dich in einen Storch.«

Kasperle: »Nä, das will ich nicht.«

Zauberer: »Doch, Strafe muß sein.«

Kasperle: »Mir schmeckt’s ohne Strafe.«

Zauberer: »Ach was, Hokuspokus, eins, zwei, drei, ein Storch er sei!«

Kasperle (lacht): »Heißa! ich bin kein Storch geworden, ich bin Kasperle!«

Zauberer: »Dann werde ich stärker zaubern, warte, jetzt wirst du ein Hase.«

Kasperle: »Nä, das will ich auch nicht, da muß ich immer Kohl fressen, und ich fresse lieber Pfannküchlein und Pudding.«

Zauberer: »Nichts da, jetzt wirst du verzaubert. Hokuspokus, eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, ein Hase ist geblieben.«

Kasperle: »Hach, der Hase ist davongelaufen und Kasperle ist geblieben.«

Zauberer: »Potzhundert, das Zaubern geht heute aber schlecht, es muß am Wetter liegen, ich werde den Zaubermantel nehmen.« (Wirft einen Mantel über Kasperle) »Hokuspokus, eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, ein Löwe sollst du sein. Bist du jetzt ein Löwe?«

Kasperle: »Nä, ich bin Kasperle.«

Zauberer: »Noch einen stärkeren Zauber muß ich anwenden.«

Kasperle: »Da bin ich doch neugierig, was bei der Zauberei herauskommt.«

Zauberer: »Hokuspokus, Hokuspokus –«

Kasperle: »Jetzt sagt er zweimal seinen Quatsch.«

Zauberer: »Stille, man unterbricht keinen Zauberer. Hokuspokus, eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, einen Löwen will ich sehn.«

Kasperle (brüllt): »Huhuhuhuhuhuhu!«

Zauberer: »Ha, nun bist du ein Löwe.«

Kasperle (wirft den Mantel ab): »Nä, ich bin Kasperle.«

Zauberer: »Du hast aber doch gebrüllt.«

Kasperle: »Hach, ich kann noch viel besser brüllen. Huhuhuhuhu!«

Zauberer: »Genug, mir platzen die Ohren.«

Kasperle: »Mir platzt höchstens mal der Bauch, wenn ich nämlich zuviel gegessen habe, das kommt aber höchstens alle acht Tage einmal vor.«

Zauberer: »Jetzt gehste mal ins Zauberloch.«

Kasperle: »Was soll ich denn da drin?«

Zauberer: »Du kriechst als Kasperle hinein und kommst als Löwe wieder heraus.«

Kasperle: »Hach, fein! Aber du mußt es mir vormachen, ich weiß nicht, wie man in das Loch kriecht.«

Zauberer: »Bist du aber dumm!«

Kasperle: »Du bist noch dümmer. Du kannst mir nicht einmal vormachen, wie man in das Loch kriecht.«

Zauberer: »Oho, du Einfaltspinsel, das kann ich schon. Paß mal auf!« (Schlüpft in das Loch; Kasperle wirft schnell die Türe zu.)

Kasperle: »Wer ist nun ein Einfaltspinsel? Nun bist du in die Falle gegangen, jetzt geht es dir schlecht.«

Zauberer (schreit) »Holla Bambus, Schlambus, herbei, kommt schnell herbei!« (Des Zauberers Diener, der große Schlambus und der kleine Mohr Bambus, kommen eilig herbei.)

Schlambus: »Was ist denn los?«

Kasperle: »Was nicht angebunden ist.«

Schlambus: »Was ist denn nicht angebunden?«

Kasperle: »Was los ist.«

Schlambus: »Du bist aber frech.«

Bambus: »Ja, sehr frech, Kasperle, wir kennen dich.«

Zauberer (schreit): »Zu Hilfe! Zu Hilfe!«

Kasperle: »Etsch, ihr kennt mich nicht, der da drinne schreit, ist Kasperle, ich bin der Zauberer.«

Bambus: »Du siehst doch aber aus wie Kasperle.«

Kasperle: »Ich habe mich in Kasperle verzaubert und das Kasperle in den Zauberer, weil es so ungezogen war und nicht glauben wollte, daß ich zaubern kann. Dafür muß es bestraft werden.«

Schlambus: »Ja, dafür muß es bestraft werden, wir wollen es durchprügeln.«

Bambus: »Ja, wir wollen das verzauberte Kasperle durchprügeln.«

Kasperle: »So ist es recht, aber tüchtig. Ich mache jetzt das Loch auf und lasse es heraus.« (Er öffnet die Türe, und der Zauberer kommt heraus, Schlambus und Bambus fallen über ihn her und verprügeln ihn.)

Zauberer: »Zu Hilfe! Zu Hilfe! Ich bin doch der Zauberer!«

Kasperle: »Ein Schwindler bist du und kein Zauberer, du kannst gar nicht zaubern. Wenn du zaubern kannst, verwandle uns doch alle in Kohlköpfe.« (Der Zauberer schweigt.)

Kasperle: »Siehst du, du kannst es nicht.« (Zieht den Vorhang zu) »Meine Herrschaften, die Geschichte ist aus.«

Zauberer (schreit hinter dem Vorhang): »Ich will’s nicht wieder tun!«