Auf der Kasperle-Insel

Wo waren Kasperle und Marlenchen geblieben?

Die Kasperles hatten die beiden fortgeschleppt.

Gar so lange war der Weg nicht gewesen. Und Kasperle, dem es gelang, das Tuch zu lupfen, sah, daß es ein wunderhübscher Weg war, der durch lauter Blumengärten führte. So ein Blütenmeer. Von Erde oder Rasen war nichts zu sehen, nur Blumen, Blumen, wohin man schaute. Es war einfach wundervoll.

Dem Kasperle gefiel dies Heimatland gut, und er wäre ganz vergnügt gewesen, wenn Marlenchen nicht gar so schrecklich geweint hätte. Aber Marlenchen weinte ohne Aufhören, und dem Kasperle tat sein Herz weh deshalb.

»Wein‘ nicht so, Marlenchen, wir kommen schon wieder zurück!«

»Das Schiff fährt fort, ich weiß, ich sehe meinen Vater nie wieder!« klagte Marlenchen.

»Das Schiff fährt erst in drei Tagen, der Kapitän hat es gesagt,« tröstete Kasperle.

»Wirklich?«

»Ja, ganz bestimmt. Und bis dahin können wir ausreißen.«

»Du mit?«

»Ja, ich lasse dich doch nicht im Stich.« Kasperle war ein Held! Was für einer, das sollten die Kasperles gleich sehen.

Kasperle dachte nämlich, zum Ausreißen muß man den Weg kennen, da riß er geschwind das Tuch vom Kopf, ei, wie fuhren ihn da die Kasperles an! Aber Kasperle fuhr sie noch schlimmer an.

Jemine, schimpfte das Kasperle los. Und ritsch, ratsch, zerrte er Marlenchen das Tuch vom Kopf. Mit dem Munde tat er es, und dazu schrie er: »Ich bin Prinz Bimlim, mich behandelt man nicht so!«

Kasperle dachte, gewiß weiß ich’s ja nicht, aber vielleicht stimmt es und vielleicht haben sie Angst.

Und die Kasperles kriegten mächtige Angst. Von Prinz Bimlim, der bei den Menschen war, wußten alle auf der Insel, aber die meisten sagten, er würde wohl nicht mehr am Leben sein. Und nun war er auf einmal da.

»Bist du wirklich Prinz Bimlim?« fragte ein Kasperle.

»Freilich bin ich’s, siehst du es nicht?«

Marlenchen dachte, wie sich Kasperle aufbläst; dabei weiß er gar nicht, ob er der Prinz ist.

Aber Kasperle ließ sich nicht einschüchtern. Als die Kasperles immer wieder fragten, ob er wirklich Prinz Bimlim sei, behauptete er kühnlich, er wäre es.

»Dann wird sich unser König nicht freuen.«

»Warum denn nicht?« fragte Kasperle verdutzt, der ein bißchen aus seiner Prinzenrolle fiel.

»Weil du doch dann der rechtmäßige König wärst.« Und ein Kasperle, das blitzdumm war, sagte: »Dein Vater, König Hoppsasa, ist doch lange tot. Weißt du das denn nicht?« Das blitzdumme Kasperle dachte, ich lege ihn recht rein, um zu sehen, ob er wirklich Bimlim ist.

Aber Kasperle herrschte ihn an: »Hach, bist du dumm, wie soll ich denn das wissen, ich war doch schon so lange bei den Menschen.«

Dem Kasperle leuchtete das ein, und sie wurden nun ganz höflich zu Kasperle und Marlenchen, banden sie los, und die beiden konnten den Weg sehen. Der wurde immer lieblicher, sie kamen jetzt an einem kleinen See vorbei, in dem lauter bunte Fische schwammen, ringsum blühten wunderbare Lilien, weiß, rot, gelb, lila und blau waren sie und so groß wie ein Kasperlekopf.

Marlenchen vergaß beinahe ihren Kummer vor Entzücken über die vielen Blumen. Eine gefiel ihr besonders, die wuchs wie Kletterrosen an einem Spalier, rosenrot war sie, mit einem himmelblauen Kelch, wie die Farben eines schönen Abendhimmels war sie anzuschauen.

Die Kasperles lachten, als Marlenchen so entzückt war. »Das ist die Lachblume,« sagten sie. »Alle zehn Jahre blüht sie nur und ein Jahr dauert es, bis ihre Frucht reif wird. Weil es nur wenige ihrer Art gibt, müssen wir sparsam mit dem Lachpulver umgehen.« – »Sei vorsichtig, Prinz Bimlim,« rief es, »du weißt doch, daß der getötet wird, der eine Lachblume abpflückt.«

Und wieder wunderte sich Marlenchen über Kasperle, der sagte ganz gelassen: »Freilich weiß ich das, aber ein Prinz darf doch mal riechen.«

Das durfte ein Prinz. Die Kasperles gewannen immer mehr die Überzeugung daß es wirklich Prinz Bimlim war, den sie gefangen hatten. Nur das blitzdumme Kasperle fragte nochmal: »Bist du es wirklich?«

»Woher wüßte ich denn sonst meinen Namen?«

»Freilich, freilich, und daß unser guter König ‚Tolu‘ heißt, weißt du denn das auch?«

»Natürlich, Tolu heißt er,« sagte Kasperle.

»Er weiß wirklich alles,« sagten die Kasperles. »Erinnerst du dich auch noch an Valrosa, unsre Stadt?«

»Natürlich kenne ich Valrosa, da blühen die Blumen auf den Dächern.«

»Hei, er ist’s!« Und nun erhoben die Kasperles laut ihre Stimme. »Wir bringen Prinz Bimlim, den Verlorenen.«

Das gab eine Aufregung in der winzigen Kasperlestadt. Marlenchen sah mit Erstaunen diese Stadt, dreiundzwanzig Häuser hatte sie, jedes sah aus wie ein Blumenhügel, Blumen auf den Dächern, Blumen an den Fenstern, Blumen an den Wänden, Blumen, wohin man sah. Das war Valrosa, die Kasperlestadt. Der Palast, in den die beiden Gefangenen geführt wurden und in dem der König Tolu wohnte, war eigentlich kein Haus, sondern nur ein aus Blumenwänden gebildeter offener Raum. Da es auf der Kasperle-Insel immer warm war, brauchten die Kasperles keine Häuser, die sie vor Kälte schützten. Ein wunderbarer Duft, den alle die vielen Blumen ausströmten, lag über Valrosa, und als der Ruf ertönte: »Prinz Bimlim kommt!« rissen die Kasperles gleich die Blumen von den Hauswänden und bestreuten den Weg damit.

Das ging so schnell, daß sich auf einmal der schönste Blumenteppich vor Kasperles und Marlenchens Füßen ausbreitete.

»Ist es wirklich Bimlim?« fragten die Leute von Valrosa.

»Freilich doch, er sagt es ja,« rief das blitzdumme Kasperle.

»Sagen kann einer viel,« kam eine Stimme aus der Höhe.

Das war König Tolu, der gesprochen hatte.

Er saß nicht etwa auf einem Thron, bewahre, er saß in einer Schaukel, die ganz oben an den äußersten Spitzen der Blumenwände schwebte.

»Ich bin Prinz Bimlim, potztausend, ich werde doch wissen, wer ich bin,« rief Kasperle frech. »Und mein Vater war König Hoppsasa.«

»Und deine Mutter war Holla, nicht wahr?« fragte das blitzdumme Kasperle.

»Freilich war meine Mutter Königin Holla.«

»Er weiß alles, es ist wirklich Bimlim,« riefen alle.

»Ja und eigentlich bin ich König,« rief Kasperle.

Plumps! – fiel da der König vor Schreck aus seiner Schaukel. So etwas. Nun sollte er wohl nicht mehr König sein, das war doch zu arg.

Kasperle merkte wohl, daß ihn der König nicht gern sah und froh wäre, wenn er nicht gekommen wäre, er sagte darum leise, daß es nur der aus der Schaukel gefallene König hörte: »Ich mag ja gar nicht König werden.«

Das war nun ungeheuer schlau, der König nickte ihm zu und sagte leise: »Ich helfe dir!«

Da waren sich die beiden einig. Die anderen Kasperles riefen jetzt aber alle: »Er muß etwas vorkaspern, damit wir sehen, ob es wirklich Prinz Bimlim ist, sonst muß er sterben.«

»Ja, das kleine Menschenmädchen muß auch sterben,« riefen alle.

»Nä,« sagte Kasperle, den Marlenchen erschrocken ansah. »Die stirbt nicht, und jetzt habe ich Hunger, und Marlenchen muß trockene Kleider bekommen, denn Marlenchen ist beinahe eine Prinzessin.«

»Aber sterben muß sie doch, so verlangt es unser Gesetz,« rief ein vorwitziges Kasperle.

Witsch – hatte es einen Nasenstüber von Kasperles Bein. Da merkten schon alle, Prinz Bimlim verstand seine Sache. Er verstand auch das Essen. Potzwetter, konnte Kasperle schlingen. Es wurde allen himmelangst und alle dachten, einen solchen Vielfraß als König mögen wir nicht.

Und dann kasperte Prinz Bimlim.

Ja, das konnte er fein.

Er machte alle seine Teufels-, Räuber-, Prinzessin-Gundolfine- und Mister-Stopps-Gesichter und die Kasperles lachten, als hätten sie Lachpulver verschossen. Sie riefen alle begeistert: »Er soll unser König sein! So einen klugen König haben wir noch nie gehabt. Prinz Bimlim lebe hoch! Hurra!« Und Kasperle nickte gnädig und sagte: »Aber erst muß ich auf dem Schiff Abschied nehmen. Und Marlenchen auch.« Aber da erhoben alle Kasperles ihre Stimme und schrien: »Das geht nicht!«

»Es geht doch, potzwetter, wenn es der König will.«

»Sei ruhig, Kasperle,« sagte König Tolu leise, »ich helfe dir; wenn du noch etwas sagst, dann geht es gleich dem Mädchen schlimm.« Da bekam Kasperle einen argen Schreck. Und Marlenchen, die wohl sah, wie feindlich sie angeblickt wurde, fing bitterlich zu weinen an.

»Sei ruhig, ich helfe,« sagte der König noch einmal.

»Bäh,« machte Kasperle wütend gegen alle Kasperles, weil die alle schrien: »Das Menschenmädchen muß sterben!«

Das war nun sehr ungezogen.

Die Kasperles nahmen es aber als ganz besondere Höflichkeit und machten auch alle »bäh«. Nur der König hatte gemerkt, daß die Sache anders gemeint war, er machte nicht »bäh«, sondern sagte: »Bimlim, du bist ein Schlingel.«

Das war Kasperle freilich, es ahnte aber keiner, in welcher Angst Kasperle um Marlenchen war. Ich reiße mit ihr aus, dachte er. Aber wie sollte er ausreißen, wie an all den Kasperles, die heute Wache hielten, vorbeikommen! Kasperle sann und sann, es wollte ihm gar nichts einfallen.

Darüber verging die Zeit. Es wurde Abend.

Ein wunderbarer Abend. Die Blumen dufteten betäubend, und auf einmal erhoben sich Hunderte von Vogelstimmen.

Aber was war das?

Der Gesang klang ganz mißtönig.

So, als quakten Frösche, schrien Krähen und Elstern daheim, dachte Marlenchen. Kasperle dachte es auch und rief: »Pfui, wie das klingt!«

»Schön,« schrien alle Kasperles.

»Nä, ich danke. – Dann singe ich auch schön,« schrie Kasperle frech.

»Dann singe einmal,« verlangten alle.

Und Kasperle sang zu Marlenchens Entsetzen mit schallender Stimme, mit hundert falschen Tönen Florizels Lied:

»Mußt net weinen,
Mußt net greinen;
Auf Gott vertrau‘,
Zum Himmel schau‘!
Himmelslichter blinken,
Und die Englein winken.
Halt nur aus,
Halt nur aus,
Schon nach Haus
Finden ich und du
Einst in guter Ruh‘,
Einst in guter Ruh‘.«

Marlenchen hörte das bekannte Lied, und so schlecht Kasperle sang, das kleine Herz tat ihr bitter weh. Eine namenlose Sehnsucht und Angst ergriff sie und sie fing so bitterlich zu weinen an, wie es die Kasperles noch nie gehört hatten. Zum Überfluß heulte Kasperle mit und auf einmal fingen alle Kasperles an, erschrecklich zu heulen.

Es war schon ein wunderbares Abendkonzert.

Der König dachte, so etwas ist noch nie passiert. Wenn ich den verflixten Bimlim nur erst zum Lande hinaus hätte. Sehr gescheit war der König auch nicht gerade, und ihm fiel nicht ein, wie er ihn hinausbringen könnte.

Dem Kasperle machte aber das Weinen der Kasperles, das gar nicht aufhören wollte, Mut. Er dachte, schießt ihr nur mit Lachpulver, ich weine euch halbtot. Er sah aber ein, daß es gut sei, diesen Abend aufzuhören, also hörte er auf.

Gleich waren alle still.

Die vielen bunten Vögel schwiegen aber auch, sie waren beleidigt, weil Kasperle schöner gesungen hatte als sie.

»Er ist aber auch ein Prinz,« krächzte ein goldrotbraunblaugrünschwarzer Vogel.

Ja freilich, Kasperle war ein Prinz.

Er muß fort, dachte der König, aber das kleine Menschenmädchen gefällt mir, das soll meine Frau werden.

Das hätte dem Marlenchen wohl schlecht gefallen. Überhaupt war das Marlenchen tieftraurig, denn ihr Kasperle redete immer vom Dableiben, und sie müßte auch dableiben, da bekam sie rechte Angst.

Als sie Kasperle einmal allein erwischte, sagte sie zu ihm: »Wenn ich hierbleiben muß, sterbe ich.«

»Stirbse nicht, Marlenchen, ich bringe dich schon fort. Mir fällt schon ein Streichlein ein.«

»Aber wann?« Marlenchen weinte.

»Morgen.«

»Und du bleibst hier und wirst König?«

»Nä, das mag ich nicht. So viele Kasperles ist dumm, ich will zu dir, aber nicht zu Mister Stopps, zu dir.«

»Ach ja,« rief Marlenchen, »das wird fein, du kommst mit nach Lindeneck. Wenn wir nur erst fort wären!«

»Was hat das kleine Menschenmädchen, Kasperle?« fragte auf einmal der König, der das Marlenchen weinen sah.

»Sie will mich heiraten und Königin werden, eben hat sie es gesagt.«

»Aber ich will doch König bleiben.«

»Dann mußt du uns beide wegbringen.«

»Das darf ich nicht, kein Gefangener darf die Insel verlassen.«

»Papperlapapp,« schrie Kasperle, »ich darf, was ich will« und – witsch, hatte er mit seinem Bein dem Kasperlekönig einen Nasenstüber versetzt.

Da schrie der laut. Kasperle aber sagte spöttisch: »Ich muß König werden, ich kann alles besser als du.«

»Ist nicht wahr!«

»Ist doch wahr. Morgen werden wir einen Wettkampf veranstalten, ich kann auch schneller laufen als du.«

So dumm war der König doch nicht. Er merkte, wo Kasperle hinauswollte und sagte flink: »Gut, wir machen morgen einen Wettlauf.« Und leiser fügte er hinzu, »aber ehe das Schiff abfahren kann, schießen sie mit der Lachkanone.«

»Tun sie nicht.«

»Doch, sie tun es.«

»Nä, tun sie nicht, paß auf.«

Da hob plötzlich ein lautes Rufen an. »Prinz Bimlim soll jetzt erzählen.«

»Was denn?«

»Wie es bei den Menschen war.«

»Meinetwegen,« sagte Kasperle, »ich will alles erzählen, aber erst morgen früh. Jetzt bin ich müde, huuh, huuhu.« Er gähnte so laut, daß alle mitgähnen mußten.

Da hieß es allgemein: »Wir gehen zu Bett!«

Die Gäste wurden an ein riesengroßes Gestell geführt, in dem lauter kleine Schaukeln hingen, wie Wiegen waren sie. Dahinein legte sich in jede ein Kasperle, und kaum lagen sie, blies ein Wind daher und bewegte die Wiegen. Hin und her, her und hin.

Kasperle fand das fein. Marlenchen aber hätte lieber in einem weichen Bett gelegen. Doch schlief es bei dem sanften Wiegen bald ein. Auch Kasperle schlief, und auf einmal ertönte ein großes Geschrei mitten in der Nacht.

»Die Feinde kommen, die Feinde kommen!«

Hei, da sprangen alle auf.

Wer waren denn die Feinde, waren es am Ende die guten Freunde vom Schiff?

Aber soviel sich auch alle Kasperles umschauten, niemand und nichts war zu erblicken.

»Wer will uns denn überfallen?« fragte der König.

Niemand wußte etwas.

»Wer hat den Lärm zuerst gehört?«

»Ich, ich, ich,« drei Kasperles meldeten sich.

»Wie war der Lärm? Hat’s geschossen?«

»Nein, immer ‚rrrrrrrrr‘ hat’s gemacht.«

Da kam auf einmal aus Marlenchens Schaukelwiege ein silberhelles Klingen, Marlenchen lachte. »Kasperle hat geschnarcht,« rief sie.

Geschnarcht! So etwas hatten die Kasperles noch nie gehört, aber auch nicht so ein helles Lachen. Der König rief: »Das gefällt mir, die will ich heiraten.«

Da kroch Marlenchen ganz erschrocken unter ihre buntfarbene Seidendecke, Kasperle aber flüsterte aus seiner Wiege herüber: »Hab‘ keine Angst, Marlenchen, ich beschütze dich!«

Die Flucht

Ja, Kasperle war ein Held.

Als er am nächsten Morgen erwachte, wußte er ganz genau, was er tun mußte, um Marlenchen zu retten.

Leicht war das nicht.

Und wie sich Kasperle so umschaute, wurde ihm sein Herzlein zentnerschwer. Da lag Valrosa, seine Heimat, und wie schön war sie. Blumen, wohin er sah, alles voll Blumen, und der Himmel blau wie Seide. Die Sonne schien heller, strahlender als selbst in Lugano auf das kleine Eiland hernieder. Und hier könnte nun Kasperle als König hausen, aber was geschah dann mit dem feinen Marlenchen? Das sah nie seine Heimat wieder, nie seinen Vater.

Kasperle dachte an alle Liebe, die das feine Marlenchen ihm erwiesen hatte, denn Kasperle war dankbar, was Menschen nicht immer sind. Er beschloß, Marlenchen zu retten, wenn er dann auch die Heimat für immer verlor.

Er fühlte auch, so schön es hier war, unter so vielen Kasperles würde er nie glücklich sein, dazu hatte er die Menschen zu lieb gewonnen.

»Kasperle,« sagte das Marlenchen aus der anderen Wiege, »was wird heute werden?«

»Ich helfe dir schon,« sagte Kasperle. Und dann nickte er Marlenchen zu, purzelbaumte aus seiner Wiege und schrie: »Holla, ho – holla, seid ihr aber Langschläfer!«

»Wir dürfen doch erst aufstehen, wenn der König ruft,« sagten die Kasperles.

»Nä, dann steht nur auf, ich bin der König.«

»König Bimlim,« klang es und drang zu dem König Tolu.

Der ärgerte sich, aber als Kasperle ihn ansah, nickte der ihm zu, als wollte er sagen: »Ärgere dich doch nicht, es wird alles gut.«

Dann gab es Frühstück.

Dies war wieder für die Kasperles eine große Verwunderung, denn Kasperle vergaß seinen Wettlauf und aß sich plumpsatt. Er kann nicht laufen, dachte der König, er will im Lande bleiben.

Aber er kannte Kasperle schlecht. Der konnte mehr vertragen als so ein bißchen Kasperle-Frühstück mit rosenroter Milch und himmelblauen Brötchen und grasgrünem Honig.

»Nun der Wettlauf!« riefen die Kasperles.

»Nä, erst die Erzählung,« antwortete Prinz Bimlim. »Erst müßt ihr wissen, was ich alles erlebt habe.«

»Ja,« schrien alle, »das ist fein,« und alle purzelbaumten, aber keiner konnte es so gut wie Prinz Bimlim, trotz des Frühstücks.

Kasperle sollte sich in die Königsschaukel setzen, aber das gefiel ihm nicht, er setzte sich auf einen goldenen Tisch, und dann erzählte er.

Marlenchen hörte auch zu und ihre Augen wurden größer und größer. Hilf, Himmel! konnte Kasperle aufschneiden! Sie kannte doch alles, von dem er erzählte, aber so riesengroß war ihr alles noch nie erschienen, wie es Kasperle darstellte. Da war der Herzog August Erasmus ein mächtiger König und Schloß Himmelhoch wirklich das größte und höchste Schloß in allen Landen. Und was hatte Kasperle alles getan! Jedes dumme Streichlein war eine Heldentat und jedes dumme Torburger Straßenbüble, mit dem Kasperle Freundschaft gehalten hatte, war ein mutiger Soldat.

So etwas! So ein kleiner Schwindelpeter!

Und von der Prinzessin Gundolfine erzählte Kasperle, und dabei schnitt er die allertollsten Gesichter. Die Kasperles verrenkten sich beinahe Mund und Nase, um diese Gesichter nachzumachen. Und komisch, alle schlimmen Dinge wie das In-die-Schlagsahne-Fallen und dergleichen, waren in Kasperles Erzählung der Prinzessin passiert, und die Kasperles lachten und lachten, sie drehten und wendeten sich vor Lachen und der König dachte, das wird schlimm. Es wurde auch was Schlimmes daraus, denn sie bekamen alle Leibschmerzen vor Lachen.

»Hör‘ auf!« gebot der König.

Aber Kasperle hörte nicht auf. Er erzählte gerade von seiner Reise in die Schweiz, wo nicht er, sondern die Prinzessin nach den Schneebergen um Schlagsahne gelaufen war und wo er, das Kasperle, sie aus den Klauen des Adlers gerettet und sie aus dem Käsebottich herausgezogen hatte.

»Aufhören!« gebot der König.

Aber Kasperle sagte ruhig: »Ich bin noch lange nicht fertig, ich habe noch sehr viel zu erzählen!«

»Wir haben schon Bauchschmerzen!« klagten die Kasperles.

»Dann eßt Obst und trinkt saure Milch dazu, das ist gut für Bauchschmerzen.«

Die armen Kasperles. Sie glaubten Bimlims dummer Rede wirklich, sie baten, er solle ein Weilchen warten, und liefen alle hinaus und wollten saure Milch trinken. Aber da rief Kasperle selbst, sie sollten es lieber lassen, es wäre nur ein Scherz gewesen. Und dabei machte er ein Gesicht wie Mister Stopps.

»Aufhören,« schrien die Kasperles, »wir können nicht mehr! Wir wollen jetzt Mittag essen.«

»Nä,« sagte Kasperle, »ich bin noch nicht fertig. Noch lange nicht. Jetzt sehe ich aus wie Mister Plumpudding.«

»Aufhören, uns tut alles weh!«

»Mir nicht,« rief Kasperle frech und sah aus wie Mister Plumpudding.

Er schwindelte, denn ihm tat schon etwas weh, sein Herz nämlich. Je näher die Stunde rückte, daß er von der Heimat weg mußte, je schwerer wurde ihm sein Herz. Da hatte er sich viele Jahre nach der Heimat gesehnt, und nun, da er sie gefunden hatte, mußte er am zweiten Tage fliehen!

Es war schon hart.

Aber Kasperle war doch ein Held, er dachte nur an Marlenchens Rettung, das war ihm selbstverständlich. Wie hätte er seine liebe, kleine Freundin im Stich lassen können!

Das ging nicht.

Aber Helden verlieren auch mal die Fassung. Das geht nun eben so. Als die Kasperles so furchtbar lachten und immer schrien »aufhören, aufhören,« da überkam Kasperle plötzlich die tiefste Traurigkeit, und er fing zu weinen an.

Das war nun dumm, denn gleich fingen die Kasperles auch zu weinen an und mit dem Lachen war es vorbei.

Kasperle aber merkte wohl, daß er eine Dummheit gemacht hatte, aber er konnte sich gar nicht helfen und in seiner großen Angst weinte er immer mehr. Die Kasperles weinen nicht gern und lassen es nicht gern vor andern sehen, wenn sie weinen. Sie steckten also die Köpfe zwischen die Füße und weinten laut und kläglich.

Kasperle war heute ein rechtes Gescheitle. Er sagte leise zu Marlenchen: »Reiße aus, sie sehen es nicht!«

»Allein?«

»Reiß aus!«

Da rannte Marlenchen wie der Wind davon in ihrem bunten Kasperlekleid, das man ihr gegeben hatte, und kein Kasperle sah das fliehende Marlenchen.

Würde Kasperle nachkommen?

Das heulte weiter und die Kasperles schrien: »Hör‘ auf, wir können nicht mehr!«

Aber Kasperle hörte noch lange nicht auf. Der heulte wie ein hungriger Wolf zur Winterszeit. Auf einmal aber schrie er: »Hurra, jetzt schießt König Bimlim einen Purzelbaum, damit ihm das Essen auch gut schmeckt.«

Und – wuppdiwupp purzelbaumte er über den König und viele Kasperles hinweg.

Wohin? Dem Marlenchen nach!

Kasperle fühlte, ohne Marlenchen war ihm die schöne Heimat öde und leer. Er mußte auch sehen, ob das feine Marlenchen aufs Schiff kam.

Bis sich die Kasperles besannen und zu weinen aufhörten, war Kasperle schon ein gut Stück in das Land hinausgepurzelbaumt.

Und dann dauerte es wieder eine Weile, bis ihnen einfiel, Kasperle, der Prinz Bimlim, könnte geflohen sein.

Wer sagte es zuerst?

Das blitzdumme Kasperle. Das legte auf einmal den Finger an die Nase und sagte mit dem dümmsten Gesicht, das es machen konnte: »Er ist vielleicht ausgerissen.«

Die andern lachten alle.

Ausreißen, wenn einer König vom Kasperland werden kann, hohoho, hihihi, so dumm ist keiner.

»Und er ist doch ausgerissen. Marlenchen fehlt auch,« rief der König.

Da schrien alle durcheinander. »Man muß sie fangen.«

»Ja, man muß sie fangen.«

»Man muß sie schnell fangen.«

»Ja, man muß sie schnell fangen.«

»Wir holen sie schon ein.«

»Nein, wir holen sie nicht mehr ein.«

»Man muß die Lachkanone nehmen.«

»Ja, die Lachkanone.«

Es dauerte lange, bis die Kasperles zur Verfolgung bereit waren. Gerade als sie aus dem Tor von Valrosa zogen, purzelbaumte Kasperle über Marlenchen hinweg, die am Ufer stand und nach dem Schiff hinüberwinkte.

»Helft, helft!«

Aber noch sah es niemand. Doch da war Kasperle.

»O Kasperle, du kommst mit mir?«

Kasperle nickte ernsthaft und sagte: »Du bist doch meine Freundin, Marlenchen!«

Da fiel das feine Marlenchen ihrem Kasperle um den Hals und weinte laut, und dies Weinen hörte drüben Mister Stopps.

»Marlenchen weint.«

»Ih wo!« sagte seine liebe Braut.

»Doch, und da drüben steht sie, und mein Kahspärle ist auch da. Hurra, mein Kahspärle!« rief Mister Stopps und fiel ins Wasser.

Da konnten die Matrosen gleich Kasperle und Marlenchen mit herüberholen, es war eine Arbeit.

»Mein Kahspärle, mein liebes Kahspärle, nun hab‘ ich dich uieder!« schrie Mister Stopps.

»Nä,« sagte Kasperle, »ich bin’s nicht.«

»Du bist’s nicht?«

»Nä, ich bin Prinz Bimlim, den haste nicht gekauft.«

Vielleicht hätte der gute Mister Stopps doch gesagt: »Du bist es,« wenn nicht Piet ein furchtbares Geschrei erhoben hätte: »Sie kommen, sie kommen und sie haben die Lachkanone mit!«

Die Kasperles kamen wirklich, und sie kamen schneller als es vorher den Anschein gehabt hatte. Die Lachkanone hatten sie auch mit, aber diesmal rannten alle Schiffsleute in die Kabinen und als die rosenrote Wolke kam, traf sie allein Mister Stopps, den traf sie aber gründlich.

Mister Stopps brach in ein riesengroßes Gelächter aus, er lachte und wackelte dabei so hin und her wie neulich der Mastbaum im Sturm.

»Hahaha, hohoho, huhuhu« – Mister Stopps lachte alle Tonarten durch. Er lachte und lachte und zuletzt fiel er um.

Die von drüben schrien immerzu: »Wir wollen unsern König Bimlim haben!«

Das hörte Mister Stopps trotz seines Gelächters. Er schrie: »N –n –nein – da – da – das geht n – n – nicht, er ha – ha – hat zw – zw – zwei Mimimimi –« da brach Mister Stopps ab, mehr brachte er nicht heraus.

Die Kasperles aber hatten ihn überhaupt nicht verstanden und sie schrien immer lauter: »Wir wollen unsern König Bimlim, unsern König Bimlim!«

Kasperle aber lag in der Kabine und – weinte.

Er hörte wohl das Schreien, und Marlenchen sah ihn ganz traurig an. Würde er gehen?

Herr Severin sagte: »Kasperle, willst du nicht? Es ist deine Heimat.«

Ach, das arme Kasperle, es wäre schon gerne nach Valrosa zurückgekehrt, aber der Abschied von seinen lieben Freunden wurde ihm zu schwer.

Mein Kasperle bleibt bei mich, dachte Mister Stopps, der schon halbtot vor Lachen war. Sagen konnte er nichts mehr.

»Wir schießen so lange, bis sich alle tot gelacht haben,« riefen die Kasperles, gerade als Piet auf Deck kam, um zu sehen, was nun los wäre.

»Wir lachen ja gar nicht, aber Kasperle wird gleich kommen und weinen und wir werden alle weinen, da müßt ihr euch totweinen.«

Da rissen die Kasperles aus, der König voran. Der war heilfroh, denn wenn einer einmal König vom Kasperland ist, dann will er es auch bleiben. Nur das Marlenchen hätte er gerne behalten. Sie rissen aus und waren auf einmal verschwunden.

Aber Mister Stopps lachte immerzu. Er war schon ganz schwach vor Lachen.

Da sagte seine liebe Braut: »Man muß ihn unter die Pumpe halten, das wird gut tun.«

Also hielt man ihn unter die Pumpe und plantschte ihn pudelnaß. Da hörte er auf zu lachen. Er tat einen tiefen Seufzer und sagte: »Das haben mich gut getan.«

»Die Pumpe, das glaube ich, das hilft,« meinte der Kapitän.

»O no, das Lachen, das hat mich gut getan, ich uollte, ich hätte eine Lachkanone und meine liebe Frau könnte mich schossen. O schade, sehr schade! Aber ich habe mein liebes Kahspärle uieder.«

»Nä, ich bin’s nicht, ich bin Prinz Bimlim.«

Mister Stopps war damit gar nicht einverstanden, aber dem Kasperle kam Hilfe. Die Prinzessin sagte: »Er hat recht, als du ihn kauftest, war er Kasperle, jetzt ist er beinahe ein König. Er gehört dir nicht.«

»Er kommt zu uns,« rief Frau Liebetraut.

»Zu uns,« riefen Michele und Rosemarie.

»Zu mir,« rief das Prinzlein.

Marlenchen sagte gar nichts, sie sah Kasperle nur an. Da rief Kasperle: »Ich geh zu Marlenchen und zu den andern komme ich auf Besuch.«

»Zu mich auch?« rief Mister Stopps.

»Nä,« rief Kasperle, »du hast jetzt ’ne Frau.«

Das war Mister Stopps gar nicht recht, denn im Grunde war ihm das Kasperle lieber als die Prinzessin. Die aber sagte: »Ich bin dein Kasperle,« da war er schließlich zufrieden. Wenn er nur lachen konnte.

Die Kasperle-Einladung

Auf der Kasperle-Insel war man sehr traurig über Kasperles Flucht und König Tolu hatte einen schlimmen Stand. Die Kasperles beschuldigten ihn, er hätte um Bimlims Flucht gewußt, und König Tolu konnte reden, soviel er wollte, sie glaubten ihm nicht. Es wurde großer Kasperlerat gehalten, zuerst machten alle »bäh« und glaubten das wäre schön, aber König Tolu fand es nicht schön, doch sagte er nichts, denn wenn die Kasperles einmal böse waren, dann waren sie schlimm, selbst gegen ihren König.

Endlich, nachdem sie viele Purzelbäume geschossen hatten, und sehr oft »bäh« gemacht, kamen sie überein, König Tolu müsse auf das Schiff gehen und Prinz Bimlim um sein Bleiben bitten.

»Und dann,« sagte ein uraltes Kasperle, »mußt du nachsehen, ob Kasperle ein herzförmiges Mal an der linken Schulter hat. Das hatte nämlich Prinz Bimlim, das weiß ich noch.«

»Aber ich fürchte mich,« schrie König Tolu, »die Menschen nehmen mich mit, und dann sehe ich auch meine liebe Kasperle-Insel nicht wieder.«

»Ein König muß sich für seine Kasperles opfern können,« schrie das uralte Kasperle.

Da schwieg König Tolu und dachte bei sich, »auf alle Fälle nehme ich Lachpulver mit, um mich retten zu können«.

Er nahm also seine Dose Lachpulver, die er gut verbarg, und dann rüstete er sich zu der Reise nach dem Schiff.

Dort hielt man sorgsam Umschau.

»Sie kommen, sie kommen wieder und holen Kasperle,« schrie auf einmal der Matrose, der die Wache hatte.

»Oh, sie schossen wieder,« schrie Mister Stopps erfreut.

Doch sie schossen nicht. Sie schwenkten einen großen weißen Blumenkranz, das war ihr Friedenszeichen, und die auf dem Schiff verstanden es und fragten: »Was wollt ihr denn?«

»Unser König Tolu soll es sagen!«

Da trat König Tolu vor und rief: »Bimlim, sage, hast du ein herzförmiges Mal auf deiner Schulter, das hatte nämlich Prinz Bimlim.«

Nun hatte das gute Kasperle am ganzen Körper kein kleines Mal, er wollte aber nicht sagen, daß er nicht Bimlim wäre; also schrie er sofort: »Jawohl, wie ein Herz sieht es aus.« Das war nun frech geschwindelt.

»Er ist Bimlim,« dachte Tolu, »also müßte er König werden.«

Er rief hinüber: »Du sollst mein Mitkönig sein.«

»Mag ich nicht. Ich gehe ins Menschenland zurück! Ich will Marlenchen heiraten.«

»Komme mit ihr wieder, es soll euch nichts geschehen,« bat der Kasperlekönig.

In dem Augenblick kam Prinzessin Gundolfine auf das Verdeck, und weil sie sich mal wieder geärgert hatte, schnitt sie ein furchtbares Gesicht.

»Sie haben noch ein Kasperle auf dem Schiff,« schrien ein paar Kasperles, als sie die Prinzessin erblickten.

»Jawohl,« schrie das Kasperle, »es ist sogar eine Prinzessin Kasperle und will Mister Stopps heiraten.«

Hui, fuhr die Prinzessin wütend auf Kasperle los und drüben lachten alle laut, denn sie nahmen es für ein Späßlein, daß die Prinzessin Kasperle in das Wasser werfen wollte. Kasperle schrie mörderisch und Mister Stopps kam ihm zu Hilfe. Darüber fing er an, sich mit seiner lieben Braut zu streiten, und drüben lachten die Kasperles immer mehr.

König Tolu trat ganz dicht an das Ufer und bat: »Bimlim, komm wenigstens und besuche uns noch mal und bringe den großen Prinzessinnen-Kasper mit.«

Doch Kasperle schrie: »Die will nicht.«

So ging das Reden ein Weile hin und her. Kasperle wollte nicht mitgehen, und die Kasperles wollten nicht ohne ihn nach Valrosa zurückgehen. Dem König wäre es schon recht gewesen, aber er fürchtete den Zorn seiner Landeskinder. Endlich sagte er: »Weißte was, Bimlim, du besuchst uns.«

»Nä,« schrie Kasperle, »dann wird es wie beim Herzog, erst bin ich Besuch und dann werde ich eingesperrt.«

»Ich gebe dir mein Kasperlewort, du wirst nicht eingesperrt, das kleine Menschenmädchen auch nicht, und der große Menschenkasper soll auch mitkommen,« sagte König Tolu.

Alle hörten es und alle Kasperles sagten, »ein König hält sein Wort, Bimlim, komme zu uns, du wirst unser König.«

Der Strick Kasperle dachte, »ich bin ja gar nicht Bimlim, ich habe ja das Mal nicht, aber das brauchen sie nicht zu wissen,« und fragte: »Marlenchen, willst du mit?«

Aber Marlenchen wollte nicht.

Doch da fing der kleine Kasperlekönig furchtbar an zu weinen, er weinte so sehr, daß das gutherzige Marlenchen endlich sagte, einen Besuch könnten sie ja schließlich noch machen.

»Aber der alte Menschenkasper muß mitkommen,« riefen die Kasperles.

Die Prinzessin Gundolfine war zwar sehr entrüstet, daß sie für ein Kasperle gehalten wurde, aber neugierig war sie auch sehr. Also sagte sie, sie wollte mitgehen. Da wollte der gute Mister Stopps auch mitgehen, was der Prinzessin nicht recht war, sie machte ein Mäulchen und flugs machte jedes Kasperle ein Mäulchen, sie dachten, das wäre besonders lustig.

Mister Stopps war ganz traurig, aber das Kasperle sagte zu ihm: »Laß sie ziehen, vielleicht kommt sie nicht wieder, das wäre am besten.« Das war nun wieder arg frech von Kasperle.

Zuletzt fiel es aber der Prinzessin noch ein, Mister Stopps wäre ein guter Schutz und sie verlangte sein Mitgehen.

»Ich ging nicht,« brummte Kasperle.

Doch Mister Stopps ging auch mehr aus Neugier als aus Sorge um die Prinzessin mit.

Sie wurden alle vier drüben mit lautem Jubel empfangen, und dann ging es den bekannten Weg, nach Valrosa zu. Der König mit Kasperle und der Prinzessin Gundolfine voran; denn die hatte gesagt: »Ich bin eine Prinzessin, ich muß vorangehen.«

»Du sein meine liebe Braut, du mußt mit mich gehen,« rief Mister Stopps, aber davon wollte die Prinzessin nichts wissen. Sie stolzierte allen voran und König Tolu konnte ihr kaum folgen. So langten sie in Valrosa an und alle Kasperles verdrehten sich beinahe Augen und Hälse, weil alle die Prinzessin sehen wollten, die auch ein Kasperle war. Das fand die Prinzessin frech und sie schnitt solche Gesichter, daß die Kasperles kaum aus dem Lachen herauskamen. Auf einmal schrie das blitzdumme Kasperle: »Er muß sie heiraten!«

»Wer?«

»Bimlim die Menschenprinzessin.«

Das ging dem Kasperle doch über die Hutschnur. Er verdrehte fürchterlich seine Augen und schrie: »Ich stirbse.«

»Oh, stirbse nicht, mein Kahs – pärle,« schrie Mister Stopps erschrocken, »und die Prinzessin kannst du nicht heiraten, die heirate ich.«

»Nein, ich!« Und schwapp! fiel der Kasperlekönig vor der Prinzessin auf die Knie nieder und fragte: »Schöne Prinzessin, willst du mich heiraten?«

»Ach ja,« antwortete die Prinzessin etwas unüberlegt.

»So, nun bist du meine Frau,« rief Tolu, »denn bei uns Kasperles geht das Heiraten so geschwinde wie das Brezelbacken. Jetzt darfst du nicht mehr zu den Menschen zurück, jetzt mußt du bei uns bleiben.«

Da fing die Prinzessin furchtbar zu weinen an und Mister Stopps weinte auch, obgleich es ihm keinen rechten Spaß mehr machte, die Prinzessin zu heiraten.

»Schluß,« rief König Tolu, als die Prinzessin weiter klagte. »Jetzt bist du meine Frau und bleibst sie und nun ziehen wir in Valrosa ein. Voran, los, macht Musik!« und unter Bimmelbammelbimblimbim zogen alle in Valrosa ein und darin schrien alle: »König Bimlim soll leben und Prinz Tolu mit seiner Menschenprinzessin!«

Tolu ärgerte sich und der falsche Bimlim hatte ein mordsschlechtes Gewissen.

Auch tat Kasperle die Prinzessin leid, so ungut sie auch sonst war, jetzt war sie doch sehr traurig und Mister Stopps war ebenfalls traurig vor Mitleid. Der flüsterte leise Kasperle zu: »Du mußt sie befreien.«

»Immer soll ich jemand befreien,« brummte Kasperle, »wenn ich nur erst selbst wieder draußen wäre.«

Kasperle denkt nach

Kasperle lag unter einem Palmenbaum, streckte beide Beine in die Luft und ließ sich die Sonne auf die Nase scheinen, was diese auch gründlich tat. Die kleinen, schmalen Blätter des Palmenbaumes vermochten vor den Sonnenstrahlen nicht zu schützen, die sich Kasperles große Nase zum Zielpunkt nahmen.

Eino, der Gärtnerbursche, stand vor Kasperle, als der so mit seinen Beinen in der Luft herumfuchtelte, und fragte: »Was machst du?«

»Ich denke nach.«

»Worüber denn?«

»Wie’s früher war.«

»Was denn früher?«

»Dummkopf!«

»Bist selbst einer, Kasperle, das stimmt.«

»Nä, du bist einer!«

Doch mit dieser Bezeichnung war Eino nicht einverstanden, er drohte: »Kasperle, ich werfe dich in den Springbrunnen!«

»In den kann ich allein gehen.« Und hoppla-hopp! purzelbaumte Kasperle über Eino hinweg – pardauz – lag er im Springbrunnen. Der war kühl und erfrischte Kasperle. Dann sprang er wieder aus dem Brunnen, lief zu seinem Palmbaum zurück, dabei schüttelte er sich wie ein Spatz nach einem Regenguß und spritzte Eino ganz naß.

Der mußte lachen: »Du bist ein Strick, ich werd’s Mister Stopps sagen.«

»Meinetwegen,« brummte Kasperle. »Nun störe mich nicht, ich muß nachdenken.«

»Erzähl‘ mir, an was denkst du?« Eino war neugierig wie eine Elster, denn wenn Kasperle nachdachte, kam meist nachher ein Streichlein heraus, und Eino hatte Kasperles Streichlein gern. Er mochte überhaupt das Kasperle gut leiden, und er paßte auch immer auf das Kasperle auf, weil dessen Besitzer, Mister Stopps, gesagt hatte: »Kahspärles reißen manchmal aus. Paß auf ihn auf, Eino!«

Kasperle mochte aber keinen Aufpasser leiden, darum fuhr er jetzt Eino mit seinem rechten Bein an die Nase und als der schrie: »Laß das!« kriegte er auch einen Nasenstüber mit dem linken Bein. »Schwippdiwipp, der war nicht von Pappe,« sagte Bob, der gerade dazu kam. Bob war Mister Stopps Diener und Kasperles guter Freund. Als Bob jetzt kam, klagte Kasperle ärgerlich: »Eino langweilt mich.«

»Er denkt nach,« rief Eino, »da wird er wieder ein Streichlein machen wollen.«

»Ja,« Kasperle nickte, »ich fall dir heute abend in dein Essen.«

»Lieber nicht.«

»Doch, ich falle.«

»Ich sag’s Mister Stopps.«

»Dann bin ich böse.«

»Warum?«

»Darum.«

»Dumm, dumm.«

Eino war wütend. Und weil er ohne dies Bob nicht leiden konnte, lief er davon. Bob aber sagte: »Kasperle, an was denkst du?«

»An Marlenchen und an Herrn Severin und Frau Liebetraut, an Rosemarie und Michael, an Mutter Annettchen, an Vater Friedolin, an –« *

»An alle, die du lieb hast?«

»Ja.« Auf einmal sah Kasperles Schelmengesicht tief traurig aus und Bob merkte, daß Kasperle wieder einmal Heimweh hatte. Denn wenn Kasperle nachdachte, kam nicht immer ein Streichlein heraus, sondern manchmal auch Heimweh. Bob tröstete: »Du wirst sie bald wiedersehen.«

»Nein,« schrie Kasperle und machte ein bitterböses Gesicht, »er erlaubt es nicht.«

»Er« war Mister Stopps, ein reicher Engländer, der Kasperle vor zwei Jahren für zwei Millionen in Torburg gekauft hatte. Von dem Geld war die kleine Stadt Torburg nach einem großen Brande wieder neu aufgebaut worden. Und aus Torburg schrieben immer wieder die guten Freunde: »Kasperle, komm doch und sieh, wie schön es bei uns geworden ist. Kasperle, hast du nicht bald Ferien? Mister Stopps hat doch versprochen, dir Ferien zu geben.«

Das war es eben, versprochen hatte Mister Stopps wohl die Ferien, aber er gab sie Kasperle nicht. Mister Stopps war ein wunderlicher Herr, er konnte sehr gut sein, wenn er wollte, aber er wollte nicht immer. Manchmal wollte er gar nicht, dann war er so verdrießlich, als wäre sein Großvater ein Brummbär gewesen. Das Kasperle hatte er sehr lieb, und aus lauter Liebe war er eifersüchtig auf jeden, den das Kasperle gern hatte. Er dachte immer, Kasperle würde ausreißen, weil er ihm das Versprechen mit den Ferien nicht hielt, aber das wollte er nicht halten, weil er eifersüchtig auf alle Torburger war. Am liebsten hätte er das Kasperle in einen Glasschrank gestellt und nur zum Spaßmachen herausgenommen.

Bob wußte das wohl, auch daß Mister Stopps das mit den Ferien nur gesagt hatte, um Kasperle zu trösten. Aber Kasperle schrie wütend: »Er gibt mir keine, er ist schlecht, er hält sein Wort nicht!«

»Aber Kasperle!« rief Bob.

»Ja, schlecht, schlecht!« schrie Kasperle und machte sein allerbitterbösestes Räubergesicht, »ich kann ihn nicht leiden.«

»Uen kannst du nicht leiden?«

Ein langer Schatten fiel über Kasperle hinweg. Himmel, Mister Stopps war es, der die Frage tat.

»Dich kann ich nicht leiden,« schrie das wütende Kasperle.

»Aber du sein ein böses Kahspärle.«

Mister Stopps war böse, Kasperle aber war noch viel böser, er sah aus wie Mister Stopps an Schlechtelaunetagen. »So bist du!« schrie er.

»Aber Kasperle!« mahnte Bob. Der dachte, es gehe nicht gut aus. Und es ging auch nicht gut aus.

Mister Stopps wurde wütend. Sehr böse. Und Kasperle sollte Streiche bekommen, der jedoch meinte, eigentlich hätte Mister Stopps die Strafe verdient, denn wenn einer nicht Wort hielte, müsse er bestraft werden. Mister Stopps dachte aber gar nicht daran, sich selbst zu bestrafen, sondern rief: »Oh Kahspärle, du sein böse, wirst eingesperren.«

»Nä,« rief Kasperle, »ich will nicht.«

»Aber ich uill. Bob, sperren ihn ein!«

»Nä,« schrie Kasperle und – heidi hoppsasa! purzelbaumte er über Mister Stopps hinweg und – – weg war er.

»Er sein ausgerissen,« schrie Mister Stopps erschrocken. »Uo ist er?«

»Weg.« Bob sah sich um und um, er sah Kasperle nicht mehr. Auf einmal aber hörte er etwas plätschern, da dachte er: »Der liegt im Springbrunnen.« Da sagte er, um den kleinen Schelm vor dem Eingesperrtwerden zu retten, flink zu Mister Stopps: »Ich denke, Kasperle ist im Haus.«

Mister Stopps wollte gerade dorthin eilen, als Eino kam. Und Eino war ein Verräter und schrie: »Kasperle liegt im Springbrunnen.«

Da lag er auch wirklich drin und Mister Stopps rief erschrocken: »Oh, er sein ertrinkt!«

»Ja, ich bin ertrinkt!« schrie Kasperle aus dem Brunnen heraus mit einer wahren Bärenstimme, wie einer sicherlich nicht schreit, der ertrunken ist.

»O Kahspärle, du sein schlimm.«

»Du auch,« brummte Kasperle. Da war es gut, daß plötzlich der Briefbote kam und meldete, er habe einen Brief für Mister Stopps. Da vergaß dieser, daß Kasperle eingesperrt werden sollte. Kasperle stieg patschnaß aus dem Springbrunnen und schüttelte sich da, wo Eino stand. Da wurde auch der wieder patschnaß. Mister Stopps nahm den Brief von dem Briefträger entgegen, aber auf einmal sah er ungemein nachdenklich aus, und Kasperle, der schon wieder die ihm zugedachte Strafe vergessen hatte, kam ganz nahe an Mister Stopps heran, reckte und streckte neugierig seine Nase hoch und schrie: »Vom Michele?«

Der Brief war wirklich von dem berühmten Geiger Michael, Kasperles Freund, und Mister Stopps erschrak gewaltig darüber, daß Kasperle das herausbekommen hatte.

»Du sein neugierig, Kahspärle,« sagte er streng.

»Der Brief ist für mich,« schrie Kasperle.

»Nein, für mich.«

»Ich will ihn lesen.«

»Du sein frech.«

»Ich will ihn lesen.« Kasperle machte wieder ein bitterböses Gesicht, und Mister Stopps schrie wieder: »Du uirst eingesperren!«

Hoppla-hopp! Mister Stopps saß auf einmal auf dem Rasen und Kasperle verschwand im Hause.

»Suchet ihn, er soll eingesperren uerden,« rief Mister Stopps ganz wütend. – Weg war Kasperle.

Alles Suchen half nichts, Kasperle war nirgends zu finden. Bob und Eino suchten überall; Eino wollte sogar die Speisekammer durchsuchen, aber das litt die alte Haushälterin Angela nicht, die sagte: »Den Schlüssel habe ich in der Tasche, da kommt mir keiner rein.«

»Aber Kasperle.«

»Kasperle hin, Kasperle her, durch das Schlüsselloch kann er nicht kriechen.«

»Nein, das kann er nicht. Komm, Eino, wir sehen auf dem Boden nach,« sagte Bob lachend. Er wußte ganz genau, wo Kasperle war, aber er verriet den kleinen Schelm nicht. Und die alte Angela tat es auch nicht. Die holte ihren Speisekammerschlüssel aus der Tasche und redete in die geöffnete Kammer hinein: »Sei nur recht ruhig, Kasperle, du wirst überall gesucht, und wenn du hungrig bist, kannst du etwas essen.«

Na, das hätte sie dem Schelm nicht zu sagen brauchen. Der hatte schon einen halben Kuchen aufgegessen und platzte beinahe.

Während Mister Stopps in jeden Schrank, in den Waschtisch und unter jedes Bett schaute, ob Kasperle da nicht steckte, saß Kasperle ganz ruhig in der Speisekammer und dachte wieder nach. Er dachte an den Brief vom Michele, den er himmelgern gelesen hätte. Was mochte wohl darin stehen? Gewiß, daß er in den Ferien auf Rosemaries Schloß kommen sollte, oder sonst etwas Schönes.

Wie Kasperle so nachdachte, sah er auf einmal ganz oben an der Decke eine kleine Tür. Wohin führte die? Das mußte Kasperle untersuchen, denn geheimnisvolle Türen öffnete er gar zu gern. Er kletterte also flink auf ein großes Speiseregal, auf dem lauter Büchsen mit guten Dingen standen. Daß etliche davon herunterfielen, kümmerte Kasperle nicht viel. Eins – zwei – drei war er oben, saß auf dem höchsten Brett des Regals und sah, daß er von da gerade das Türchen aufmachen konnte. Er tat es, kletterte in die Öffnung hinein und sah – ja wohin sah Kasperle?

Den Raum kannte er doch.

Es war das Gefängnis, in das Mister Stopps Kasperle immer sperrte, wenn er unnütz gewesen war. Und darin stand Mister Stopps selbst.

Kasperle wäre vor Schrecken beinahe durch die kleine Türe gefallen, aber glücklicherweise sah weder Mister Stopps noch Bob das Kasperle. Mister Stopps sagte gerade: »Also, uenn du ihn findest, sperrst du ihn gleich ein. Ich geh‘ schlafen, ich bin von die Angst zu angegrifft.«

Damit ging er aus dem Gefängnis, und Bob folgte ihm und keiner sah das Kasperle. Das kletterte wieder zurück, warf dabei wieder etliche Büchsen und Einmachgläser um und kam so glücklich unten in der Speisekammer an.

Da saß nun Kasperle wieder und dachte weiter nach: Er mußte den Brief lesen, das mußte er! Aber wie sollte er zu dem Brief gelangen?

Wo hatte den Mister Stopps verborgen?

Das Kasperle wurde ganz trübsinnig vor lauter Nachdenken. Da hörte er auf einmal Bob in der Küche sagen: »Nun könnte Kasperle wieder zum Vorschein kommen, Mister Stopps schläft.«

Da war Kasperle draußen, stand auf einmal in der Küche wie aus einer Pistole geschossen.

»Ich dachte es mir doch!« Bob lachte. »Kasperle,« drohte er, »wenn Mister Stopps mal merkt, daß du immer in der Speisekammer steckst, dann wird es schlimm.«

Aber seit Kasperle gehört hatte, daß Mister Stopps schlief, hatte er keine Angst mehr, auch nicht, als Bob sagte: »Ich muß dich nachher einsperren.«

»Tu’s nur.« Kasperle lachte, denn das Schlüsselein zum neuentdeckten Türchen klapperte in seinem Hosensäcklein herum. Das bedeutete Freiheit.

»Kasperle, du hast ein Dummheitle im Sinn,« sagte Bob.

Kasperle machte ein unschuldiges Bubengesicht, aber Bob sah doch, wie seine Äuglein glitzerten. Da mahnte er: »Mach’s nicht gar zu schlimm, sonst wird Mister Stopps ganz wütend, du weißt –«

Oh je, Kasperle wußte. Wenn Mister Stopps ganz wütend war, dann war mit ihm kein gutes Auskommen, und Kasperle liebte ihn dann ganz und gar nicht. »Nun geh‘ und mache keinen Lärm, jetzt lasse ich dich noch frei, aber versprich mir, daß du dich nicht wieder versteckst und zum Vorschein kommst, wenn Mister Stopps ausgeschlafen hat,« sagte Bob.

Das versprach Kasperle. Und dann kugelte er zur Küche hinaus.

Ach, Bob ahnte gar nicht, wie unnütz das Kasperle sein konnte.

* Anmerkung: Wer von allen den Personen, die Kasperle kannten und ihn lieb hatten, hören will, muß die vier ersten Bände: »Kasperle auf Reisen«, »Kasperle auf Burg Himmelhoch«, »Kasperls Abenteuer in der Stadt« und »Kasperles Schweizerreise« lesen.

Sturm

Und der Sturm kam.

Erst schwankte das Schiff nur etwas hin und her.

Das wurde heftiger und heftiger und auf einmal tanzte das Schiff wie ein Kinderkahn auf dem Wasser.

Blitze zuckten, Donner krachten.

Der Sturm toste, daß niemand den andern verstehen konnte. Und allen wurde es himmelangst in ihren Kabinen.

Jedes legte einen Rettungsgürtel um, und damit krochen sie in den Speisesaal zurück. Gehen konnte niemand mehr, so sehr schwankte das Schiff.

Im Speisesaal trafen sich alle.

Auch Mister Stopps kam mit der Prinzessin, von Kasperle geführt. Ja, Kasperle führte. Kasperle war der einzige von den Passagieren, der sich auf seinen eigenen Beinen halten konnte. Auf einen Purzelbaum kam es dem Kasperle nicht an. Und als die Prinzessin klagte, ihr wäre so übel, purzelbaumte Kasperle in die Küche, er wußte, wo der dicke Koch seinen Kirschgeist aufbewahrte. Den holte er. Es war übrigens gut, daß er wußte, wo die Flasche stand, denn der Koch lag am Boden und wollte sterben. Kasperle hatte Mitleid mit ihm und gab ihm auch Kirschwasser zu trinken, gleich aus der Flasche, das focht Kasperle nicht an.

Und der Koch trank und sagte, nun würde ihm besser. Kasperle wäre doch ein ganzer Kerl.

Mit diesem Lob und dem Kirschwasser kam Kasperle zurück, und die Prinzessin trank auch aus der Flasche, und als sie getrunken hatte, sagte sie: »Das tut gut.«

»Ja,« Kasperle nickte, »das hat der Koch auch gesagt, als er getrunken hatte.«

»Hat der auch aus der Flasche getrunken?«

»Ja, freilich.« Kasperle fand das gerade nicht schlimm, aber die Prinzessin wäre beinahe böse geworden. Doch nur beinahe.

So ein Sturm ist wunderlich.

Auf dem Schiff warf er alles durcheinander und in den Menschen warf er auch alles durcheinander. Bei Herrn Severin, Frau Liebetraut, Rosemarie und Michele konnte der Sturm nicht viel durcheinander werfen. Da war alles so wohl geordnet und festgestellt, daß keine Todesangst alles durcheinander strudeln konnte. Auch bei Marlenchen nicht, das war ein reinliches Herzstübchen, in das der Sturm gar nicht hineinfegte. Beim Prinzlein gab es Hochmutsgedanken durcheinander zu wirbeln, aber bei der Prinzessin Gundolfine und Mister Stopps fuhr der Sturm recht hindurch und kehrte das Unterste zu oberst.

Die Prinzessin dachte an ihre vielen üblen Launen und Mister Stopps hätte viel darum gegeben, wenn er das Kasperle nicht belogen hätte.

Ja und Kasperle, wie sah’s in dem aus?

Kasperle hatte keine üble Laune zu beklagen, nur ein Streichlein tat ihm leid, das war die Seife, über die am Mittag die Prinzessin ausgeglitscht war.

Die bedrückte ihn. Er rückte auf einmal ganz dicht an die Prinzessin heran und bat: »Du, sei nicht böse.«

»Wegen was denn?«

»Wegen der Seife.«

Huppla-hupp! machte das Schiff und die Prinzessin stöhnte ganz sanftmütig: »Ach mein gutes Kasperle du.«

Das hatte sie noch nie gesagt.

Dazu mußte ein Sturm kommen.

Und wie der toste.

Manchmal hielt er den Atem an, dann dachten die geängstigten Menschen, er läßt nach, aber gleich darauf erhob sich ein Brausen und Pfeifen, ein Rollen und Heulen, ganz furchtbar.

Im Speisesaal lagen die Menschen alle lang auf dem Fußboden, aufrechtsitzen war nicht möglich.

Einmal kam Piet und fragte: »Leben Sie noch?«

Als alle »ja« sagten, erzählte er gemütlich: »Nun sind wir bald an deiner Insel, Kasperle, dann fallen wir alle ins Meer.’«

»O je!«

Kasperle dachte, ich muß mal Spaß machen, damit alle ein bißchen lachen, da wird es ihnen besser werden. Also fing er an, Gesichter zu schneiden, und die Prinzessin rief: »Nun wird auch noch Kasperle seekrank.«

»Ich mache doch nur Spaß!«

Aber da merkte er, daß zum erstenmal niemand über ihn lachte. Selbst Mister Stopps stöhnte: »Oh, ich kann nicht lachen. Mich ist es so schlecht.«

Mir, wollte die Prinzessin verbessern, aber – hupp – machte das Schiff, da ließ sie es bleiben.

Und immer toller brauste der Sturm.

Ein Mastbaum war schon zersplittert, just der, in dessen Korb Kasperle gesessen hatte. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, kollerte auf dem Schiff durcheinander, und der Kapitän dachte, wir kommen nicht lebendig aus diesem Wirrsal heraus. Wenn es wenigstens bei Nacht aufhörte!

Aber es hörte nicht auf.

Ja, es wurde gegen Abend schlimmer. Die Menschen waren ganz verzweifelt, als sie nun in der Nacht in dem dunklen Speisesaal lagen. Licht durfte der Feuersgefahr wegen nicht gebrannt werden.

»Ach,« seufzte auf einmal die Prinzessin, »die Bretter krachen schon, das Schiff bricht auseinander. Hörst du es, Marlenchen?«

Marlenchen hörte es wohl. Sie schrie aber ganz vergnügt: »Das ist ja Kasperle, der schnarcht.«

Kasperle verschlief den Sturm. Er schlief wie ein Rätzlein. Risselrassel ging das immerzu die ganze Nacht hindurch.

»Ach,« seufzte und stöhnte die Prinzessin, »wer so schlafen könnte!«

»Dazu müßte man schon ein Kasperle sein,« meinte Herr Severin. »Aber mir scheint, der Sturm läßt nach.«

Er ließ auch wirklich nach.

Um Mitternacht änderte sich das Wetter und es wurde klar.

Am Morgen lag die See glatt und ruhig da und nichts erinnerte an den Sturm der Nacht.

Nur auf dem Schiff sah es wüst aus. Ein Mast zerbrochen, Segel zerfetzt, Planken abgerissen, es war ein Wunder, daß kein Mann über Bord gefallen war.

Aber der Kapitän sah noch immer sehr sorgenvoll aus. Der Sturm hatte freilich nachgelassen, aber das Schiff war von seinem Kurs abgekommen, und der Kapitän fürchtete, es könnte auf einem Riff auflaufen.

Er stand im Speisesaal, um endlich einmal nach den schweren Stunden auszuruhen, als Kasperle erwachte.

Der gähnte und sah sich verdutzt um und fragte ganz erstaunt: »Es ist doch so ruhig?«

»Ja freilich, der Sturm ist vorbei.«

»Hunger,« schrie Kasperle. Er dachte, nun kann man endlich wieder ans Essen denken.

Die Prinzessin wollte etwas sagen, aber in ihrem Herzen war alles so durcheinandergeweht, daß sie kein böses Wort fand. Sie sagte ganz sanftmütig: »Mein Kasperle muß etwas zu essen haben.«

» Mein Kahspärle!« rief Mister Stopps eifersüchtig.

» Mein Kasperle.«

Da war der Streit wieder aufgewacht und Herr Severin sagte: »Komisch, kaum ist die Gefahr vorüber, dann streiten sich die Menschen wieder.«

Da schämten sich die andern und Mister Stopps sagte: »Uir uollen nicht zanken. Ich habe Kahspärle gekaufen für zwei Millionen, geben Sie mich die, ich uerde Sie geben Kahspärle.«

»Zwei Millionen. Ich glaube,« sagte die Prinzessin, »so viel hat niemand von uns.«

»Also behalte ich mein Kahspärle.«

Mister Stopps war sehr zufrieden. Die Prinzessin war es nicht, aber sie sah ein, daß Mister Stopps ein Recht hatte, von seinem Kahspärle zu sprechen.

Also schloß sie mit Mister Stopps Frieden, und beinahe hätte nun Kasperle etwas zu essen bekommen. Da erscholl aber draußen ein lautes Rufen. »Oiho, oiho, oiho! Land, Land!«

Alle rannten aufs Deck hinauf. Das hungrige Kasperle voran.

»Meine Insel!« schrie er.

War’s wirklich Kasperles Insel, was da im Meere auftauchte?

»Ja, sie ist’s,« sagte Piet.

»Unsinn,« schrie der Kapitän.

»Meine Insel!« Kasperle schrie und hoppste wie besessen. »Er muß essen, dann wird er ruhiger,« sagte Frau Liebetraut.

»Uir uollen alle essen. Uenn das Kahspärles Insel ist, müssen uir gegeßt haben,« meinte Mister Stopps.

Da der Kapitän sagte, das Schiff würde an der Insel vorbeifahren, dann könnte man ja sehen, was es wäre, gingen alle in den Speisesaal, um zu essen.

So eine Sturmnacht macht hungrig.

Kasperle wollte gerade ein riesengroßes Stück Braten in den Mund stecken, als es einen fürchterlichen Krach gab.

Und Prinzessin, Braten, Brot, Mister Stopps, Marlenchen, Kellner, Schüsseln, alles kugelte und purzelte durcheinander.

Was war geschehen?

An Bord ein lautes Rufen und Schreien: »An die Pumpen, an die Pumpen!«

Das Schiff war auf ein Riff aufgefahren.

Eine Stunde furchtbarer Angst verging.

Dann stellte es sich heraus, daß das Schiff nicht sehr beschädigt war und in kurzer Zeit wieder flott gemacht werden konnte.

»Ein paar Tage werden wir festliegen,« meinte der Kapitän, »aber ich hoffe, wir kommen los. Schwer ist’s freilich, wenn ich nur wüßte, wo wir sind. Die Inselgruppe ist mir ganz fremd.«

»Es ist die Kasperle-Insel,« schrie Piet.

»Ach, Unsinn!«

»Doch, sie ist’s.«

»Meine Insel!«

Kasperle wäre am liebsten über Bord gegangen, aber der Kapitän befahl, man sollte ihn festbinden, so ein Quirlzeug könnte man jetzt nicht auf dem Schiff gebrauchen.

Na, so eine Beleidigung!

»Es ist doch meine Insel!«

»Ja, es ist die Kasperle-Insel!«

»Wo sind denn eigentlich die Kasperles?« höhnte der Kapitän.

»Da,« Piet streckte die Hand aus.

Auf der Insel, der man nun ganz nahe war, zeigten sich wirklich ein paar Gestalten. »Es sind Wilde,« rief der Kapitän, »Vorsicht, sie wollen ihre Pfeile abschießen!«

»Es sind Kasperles!« rief Piet.

»Unsinn, es sind Wilde!« Des Kapitäns Stimme klang böse.

»Vorsicht, sie schießen!«

Die merkwürdigsten Dinge geschehen

Die Wilden machten wirklich Anstalten zu schießen. Sie hatten merkwürdigerweise sogar eine Kanone. Deren Mündung richteten sie auf das Schiff und die Seefahrer starrten entsetzt darauf.

»Sie schossen!« Mister Stopps jammerte, als ob er schon angeschossen wäre. Er warf sich lang auf den Boden und der Kapitän sagte, das sollten alle tun. »Sie werden nicht schießen.« Er ließ eine weiße Flagge aufhissen zum Zeichen der friedlichen Gesinnung, aber auf einmal gab es einen Blitz, einen Knall, und über das Schiff hinweg zog eine rosafarbige Wolke und hüllte alle in ihren Dunst.

Die noch nicht gelegen hatten, fielen um, und ein paar Minuten lagen alle stumm und steif da und man konnte meinen, sie wären tot. Sie waren aber kein bißchen tot, sondern sehr lebendig. Zuerst hob Piet die Nase, schnüffelte in der Luft herum und brummte: »Wie das riecht!«

Da lachte der Schiffsjunge Jörg hell auf und Piet schalt nicht, sondern lachte herzhaft mit.

Der Kapitän aber wollte schelten, doch, als er es tun wollte, kam ihn unversehens das Lachen an. Und er lachte so laut und schallend, daß ihn Kasperle ganz verwundert ansah. Da kicherte Marlenchen neben ihm: »I – i – i – ich weiß nicht, es i – i – ist so ko – ko – komisch.«

Rrrrr – ging es wie ein Sägewerk, und auf einmal lachte Mister Stopps, wie er noch nie gelacht hatte. Seine Beine fuchtelten dabei in der Luft herum wie zwei Pumpenschwengel.

Und hihihihi, hahahaha, hohohoho, huhuhuhu ging es nun los auf dem Schiff in allen Tonarten. Hoch und tief lachte es. Selbst die Prinzessin Gundolfine kicherte ohne Aufhören, und Mister Stopps rief: »Sie haben mit La – Lachpu – pulver gescho – sch – –«

»Ge – scho – scho – scho –«

»Geschossen,« wollte die Prinzessin verbessern, sie brachte aber das Wort vor Lachen nicht heraus.

Der Kapitän wollte »Unsinn« rufen, er rief aber immer nur »Un – un – un«.

Nur einer lachte nicht: Kasperle.

Auf den hatte der sonderbare Schuß keine Wirkung gehabt, ja eine Traurigkeit, die dem lustigen Kasperle sonst fremd war, war über ihn gekommen, und das Heulen war ihm näher als das Lachen.

»I – i – ich kann nicht m – m – mehr.« Die Prinzessin hatte schon Schmerzen vor Lachen, alles tat ihr weh.

»Haste Bauchschmerzen?« fragte Kasperle.

»I – i – i – ich sterbe,« stöhnte sie lachend.

»I – i – i – ich sterbe auch,« schrie Mister Stopps.

»I – i – i – ich bin schon tot,« klagte Piet.

»I – i – ich sterbe bald,« jammerte Marlenchen, »hihihihi, ist das komisch.«

»Eine hei – hei – heillose Ge – ge – geschichte,« rief der Kapitän, »sie haben ge – ge – ge – –«

»Ge – ge – geschoßt,« half Mister Stopps.

Selbst der ernste Herr Severin, Frau Liebetraut und Michele lachten, nur die Gräfin Rosemarie nicht, die hatte in der Kabine einen warmen Schal holen wollen und war verschont geblieben.

Die sagte jetzt zu Kasperle: »Kasperle, wir beide wollen weinen, vielleicht hilft das.«

Da setzten sich die beiden hin und weinten, und es wurde ihnen gar nicht sehr schwer, sie waren alle beide im Herzen tieftraurig über das allgemeine Lachen. Kasperle heulte wie ein Wolf, und was Kasperle tat, steckte an. Marlenchen begann am ersten zu weinen, dann Mister Stopps, der klagte sogar dabei: »Das Lachen war so gut.«

»Hm hm sehr, aber recht an – anstrengend,« schluchzte die Prinzessin, und »– Ka – ka – kasperle hör‘ auf, ich muß nun w – w – weinen.«

Sie lachte und weinte durcheinander und so ging es den andern auch, sie lachten und weinten durcheinander, bis das Weinen siegte. Da saßen sie alle auf dem Schiff und heulten, daß das Schiff beinahe wieder ausgepumpt werden mußte.

»Hör‘ nun auf, Kasperle,« sagte Rosemarie, »ich glaube, sie sind geheilt.«

Und sie waren wirklich geheilt. Der Schiffsjunge und der Kapitän, die weinten am längsten, aber als sie alle aufhörten, sagten sie: »Gott sei Dank, das war anstrengend.«

»Aber es hat mich gut getan,« rief Mister Stopps.

»Mir,« die Prinzessin konnte wieder reden.

»Sie auch, oh uie gut. Aber –« er machte einen Sprung, »sie schossen nochmal!«

Drüben luden sie wirklich ihre Kanone, denn sie hatten gemerkt, daß auf dem Schiff niemand mehr lachte.

Ja, was wäre geworden, wenn Kasperle nicht gewesen wäre?

Der hatte längst gesehen, die da drüben waren Kasperles wie er.

Ich kaspere ihnen etwas vor, dachte er, dann merken sie, daß ein Kasperle an Bord ist.

Und eins – zwei – drei sprang Kasperle auf eine Tonne, die am Bug des Schiffes stand. Und nun ging’s los.

Arme, Beine, Nase, Mund, Ohren, alles begann zu zappeln. Das Kasperle war wie ein aufgezogenes Puppenwerk.

Nichts hielt still, der Mund ging auseinander wie ein Scheunentor, und Gesichter schnitt der kleine Kerl, unglaublich.

Mister Stopps lachte, als hätte er wieder Lachpulver bekommen, schließlich mußte ihm die Prinzessin den Kopf wegdrehen, damit er das Kasperle nicht mehr ansah, sonst wäre er geplatzt.

Die drüben auf der Insel waren ganz nahe gekommen, und da standen sie, und der Kapitän dachte, jetzt müßte man jedem eine Kanonenkugel in den Mund schießen, solche Mäuler hatten sie. Es sind, weiß der Himmel, Kasperles!

Hier ein Kasperle, da ein Kasperle. Denen auf dem Schiff war es zu erstaunlich, wie dies möglich war.

So etwas war noch nie vorgekommen.

Kasperle aber wollte denen drüben zeigen, daß er das Kaspern gut verstand. Er kletterte auf seiner Tonne herum und gedachte auf ihr einen feinen Purzelbaum zu schießen.

Sehr fein sollte der werden.

Aber selbst einem Kasperle gelingt mal was daneben.

Die Prinzessin schrie: »Kasperle du fällst!«

Da lag er schon. Im Wasser nämlich.

Plumps, pardauz, war er hineingefallen, und auf dem Schiff und auf der Insel erhob sich gleichzeitig ein großes Geschrei. Die auf der Insel schrien fast noch mehr als die auf dem Schiff. Dafür waren es auch Kasperles.

Am meisten schrie aber Mister Stopps. Der bat himmelhoch, man solle sein Kasperle retten, er wolle viel, viel Geld geben. Die Matrosen hatten auch die Absicht, es zu tun, aber die auf der Insel waren geschwinder. Eins – zwei – drei, wie der Blitz waren die im Wasser, schwammen darin wie Fische und zogen drüben das Kasperle ans Land.

»Mein Kahspärle, mein armes Kahspärle!« jammerte Mister Stopps.

»Das ist verloren,« meinte der Kapitän. »Mein geliebtes Kahspärle, es hat zwei Millionen gekosten.«

»Und wenn es drei gekostet hätte, verloren ist verloren,« sagte der Kapitän.

»Man muß schießen!« Mister Stopps war ganz aufgeregt, und der Kapitän schüttelte über ihn den Kopf. »Unsere Kanone ist doch ins Wasser gefallen, mit was sollen wir schießen?«

»Mit die Geuehre!«

»Drei haben wir nur, und treffen tut niemand. Wir wollen froh sein, wenn die nicht mit ihrem Lachpulver schießen, das ist schlimmer.«

»Aber mein Kahspärle, mein armes Kahspärle!«

»Sie schleppen es weg,« sagte Piet.

Wirklich, sie schleppten drüben das Kasperle weg.

Das schrie gewaltig. Aber es schrie nicht nach Mister Stopps, sondern nach Marlenchen.

Und Marlenchen stand bitterlich weinend am Geländer und hätte ihrem Freunde so gern geholfen.

»Fall nicht auch noch hinein!« mahnte die Prinzessin.

»Marlenchen ist doch kein Kasperle,« meinte der Kapitän.

»Sie fällt.«

»Nein doch.«

Da machte das Schiff eine Bewegung, weil eine große Welle gekommen war, und plumps lag Marlenchen auch im Wasser.

Und es ging wie vorher.

Geschrei hüben und drüben.

Diesmal waren die Matrosen aber fixer im Wasser, und es gab eine große Prügelei, bei der das arme Marlenchen beinahe ertrunken wäre.

Herr Severin wollte auch das Kind retten, er sprang auch ins Wasser, Michele ihm nach, beide erwischten Marlenchen am Kleid, hoben das Kind empor und wollten gerade mit ihm nach dem Schiff zurückschwimmen, als ein Kasperle daher kam und ihnen beiden mit einer kleinen Pistole Lachpulver in die Gesichter schoß.

Im ersten Schreck, und weil sie gleich so furchtbar lachen mußten, ließen sie Marlenchen los, und wutsch! hatten die Kasperles Marlenchen ergriffen.

Piet kam zu Hilfe, er schlug zwar wie ein Scheunendrescher auf die Kasperles ein, es half aber alles nichts, auch Piet begann zu lachen. Immerzu, unaufhaltsam, und da er tief lachte, klang es ganz schauerlich »huhuhuhu«.

Marlenchen aber war verloren.

Ehe sich die Retter noch etwas ausgelacht hatten, war das arme Marlenchen schon auf die Insel geschleppt, und die Prinzessin Gundolfine, Frau Liebetraut, Rosemarie und das Prinzlein sahen laut weinend zu, wie das arme Marlenchen und Kasperle weggeschleppt wurden. Und dabei stürzten sich immer mehr Matrosen in das Wasser und erhielten Schüsse und lachten.

Es war schon schrecklich.

Marlenchen schrie und jammerte, vom Schiff her tönte Wehklagen und Lachen durcheinander. Kasperle tobte drüben wie ein toll gewordener Wolf, die Kasperles sagten zu ihm: »Aber sei doch nicht so dumm, du kommst doch in deine Heimat. Du bist doch ein richtiges Kasperle, du gehörst zu uns.«

»Bäh,« da streckte Kasperle so lang er konnte aus Wut seine Zunge heraus.

Die Kasperles schrien: »Das ist Menschensitte, aber fein ist’s« und »bäh« machten alle Kasperles.

»Dumm, dumm, bäh,« Kasperle platzte bald vor Ärger.

»Dumm, dumm, bäh,« ahmten ihm die Kasperles nach.

Aber wie Kasperle immer lauter brüllte, Marlenchen immer bitterlicher weinte, bekamen sie beide auf einmal Tücher über den Kopf geworfen, wurden zusammengebunden und dann ging’s heidi, wer weiß wohin.

Auf dem Schiff sahen sie mit Grausen, daß die beiden weggeschleppt wurden, und Mister Stopps verlangte stürmisch, alle sollten ihnen nacheilen.

Aber der Kapitän zeigte auf die lachenden Matrosen und sagte: »Es geht nicht, sie lachen sich sonst tot.«

»Oh, Marlenchen!«

»Oh, Kahspärle!«

Mister Stopps und die Prinzessin klagten um die Wette, bis auf einmal Mister Stopps sagte: »Sie sehen uie mein libbes Kahspärle aus.«

»Ich,« rief die Prinzessin doch ein wenig entrüstet.

»Ja Sie, Sie haben so ein großes Mund uie Kahspärle.«

»Aber ich bitte.«

»Oh, yes, ein ungeheures Mund.«

»Aber Mister Stopps!«

»O yes, und uann Sie lachen, schneiden Sie Gesichter ganz uie Kahspärle.«

»Aber das ist doch unerhört.«

»Oh no, ich höre gut,« rief Mister Stopps. »Sie lachen uirklich uie Kahspärle.«

»Aber ich bin doch kein Kasperle.«

»Und Sie purzelbaumen uie Kahspärle.«

»Ich purzelbaume nicht.«

»Doch, ich haben gesehen. Sehr komisch, uie mein libbes Kahspärle.«

Nun wurde die Prinzessin aber ganz böse, sie schrie Mister Stopps an: »Ich bin doch nicht Ihr Kasperle.«

»Oh uundervoll, uie Sie schreien, uie Kahspärle. Und das Gesicht ganz uie Kahspärle. Oh, ich libbe Ihnen.«

»Mich oder Kasperle?« fragte die Prinzessin.

»Oh Ihnen, ueil Sie aussehen uie Kahspärle. Oh, ich müssen Ihnen heiraten.«

»Mich oder Kasperle?« Jetzt mußte die Prinzessin lachen.

»Ihnen,« schrie Mister Stopps begeistert. »Sie reißen das Maul auf –«

»Wie Kasperle, ich weiß schon.«

»Uollen Sie mir heiraten?«

Sie sagt nein, denn sie ist jetzt wütend, dachte der Kapitän, der die sonderbare Unterhaltung mit angehört hatte.

Aber die Prinzessin schrie ganz flink: »Ja!«

»Und purzelbaumen Sie mich jeden Tag was vor?«

Das wollte die Prinzessin doch nicht, und beinahe hätte sie gesagt, »dann lieber nicht,« aber sie besann sich noch und sagte sanft, sie könne nicht purzelbaumen, weil sie doch eine Prinzessin wäre und für eine Prinzessin schicke sich so etwas nicht.

Das sah Mister Stopps denn auch ein und er erklärte: »Ich bin sehr glücklich, eine Frau zu bekommen, die meinem libben Kahspärle so ähnlich ist. Man kann denken, sie wäre eine Kahspärlerin.«

Sehr schmeichelhaft für die arme Prinzessin war das nun nicht. Sie dachte aber, mal wird das Kasperle schon vergessen werden. Es kommt sicher nicht wieder.

Das dachte auch der Kapitän, weil aber Marlenchens und Kasperles Freunde so sehr traurig waren, tröstete er: »Vielleicht kommen sie in drei Tagen zurück, so lange dauert es, bis das Schiff ausgebessert wird. Hoffentlich schießen sie nicht wieder mit ihrer Lachkanone.«

Das taten die Kasperles nun nicht. Sie ließen sich überhaupt nicht mehr blicken, es war, als wäre die Insel unbewohnt. Und von Marlenchen und Kasperle war nichts zu sehen, gar nichts.