830. Der Stettfelder Rügerecht

830. Der Stettfelder Rügerecht

Zwischen dem Städtlein Eltmann am Main und Bamberg liegt ein Dorf, Stettfeld geheißen, da haben sie ein sonderes Rügerecht, wenn einen Mann die Frau prügelt. Solch ein Mann, der nicht viel Mut und Kraft hatte, lebte vor sechzig oder siebenzig Jahren allda, der hatte einen Höllendrachen zum Weib und bekam den Häslinger von ihr weit öfter zu schmecken als Hasenbraten, und wenn die Nachbarn herbeiliefen von dem schrecklichen Geschrei, das gewöhnlich vorfiel, wenn die Frau die Motten aus des Mannes Pelz klopfte, obschon er selbigen noch am Leibe hatte, so bekamen auch sie an Schimpf- und Scheltworten ihr überreichlich Teil, und wenn auf einen, der sich zu nahe heranwagte, ein Klaps abfiel, so mußt‘ er’s haben. Als nun eines Tages auch so ein Ehesturm und Wetter mit Blitz, Hagel und verschiedenen Schlägen vorübergebraust war, da übten die Stettfelder ihr Rügerecht; sie kamen in stiller Nacht herbeigeschlichen, legten Leitern an das Haus, kletterten in Scharen zum Dach hinan und deckten selbiges in aller Stille ab, daß auch kein Ziegel droben blieb. Himmel, gab das einen Zorn, als nun am Morgen der Boden aussah wie ein Judendach, darunter das Lauberhüttenfest gefeiert werden soll! Nun war das Ehepaar auf einmal einig, denn Pack schlägt sich, Pack verträgt sich, und rannten in voller Hurre zum Landrichter nach Eltmann und klagten ob ihres abgedeckten Daches und aufgedeckter Schande, denn die war und ist es für beide Teile, wo die Frau dem Manne Prügelsuppe bei ungebrannter Asche kocht. Darauf machte der Landrichter einen großen Bericht über Tat- und Sachbestand gen Würzburg und erbat Bescheid, denn er mochte diese hochwichtige Sache, weil das Dach hoch und die Ziegeln gewichtig waren, nicht selbst entscheiden. Da kam denn ein Spruch von Würzburg, der war lang und breit und Hub an: Sintemal und alldieweil, das heißt auf neudeutsch: In Erwägung daß, und daß, und ferner daß, und noch mehrere daß – so kann den Stettfeldern ihr altes Rügerecht, einem vom Weibe geprügelten Manne das Dach abzudecken, nicht genommen werden, wasmaßen die Sache damit ihr Bewenden behält und die zänkischen Eheleute in Tragung von Gerichtskosten und Sporteln zu nehmen, im Wiederholungsfalle aber zur Tragung des Strafhelms mit der Schelle und den Eselsohren und öffentlicher Ausstellung mit selbigen zu verurteilen sind. V.R.w., das heißt: von Rechts wegen. Dabei blieb es.

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820. Die scharfe Schere

820. Die scharfe Schere

Außen an der Pfarrkirche zu Münnernerstadt ersieht man einen Grabstein, auf welchem eine Schere eingehauen ist. Der unter dem Grabstein Ruhende war ein andächtiger Schneider, welcher sich aber in seiner Andacht gar zu oft vom Teufel gestört sah. Dieser erschien ihm dann und flüsterte ihm zu, daß er recht viel Tuch in die Hölle werfen solle, und trieb auch sonst mit dem Schneider viele verfängliche Possen. Der Geplagte klagte seine Not einem frommen Manne und empfing von diesem den Rat, so der Teufel das nächste Mal sich wieder einstelle, solle er die Schere nehmen und ihm den Schwanz abschneiden. Diesem Rat beschloß der andächtige Schneider zu folgen; er schärfte seine Schere, und als der Teufel wiederkam, schnitt er ihm den Schwanz rups und kahl vom Leibe weg. Der Teufel schrie Mordio!, fuhr von dannen und ließ den Schneider fortan in Ruhe. Die Schere blieb lange als Erbstück bei der Familie, und auf des Schneiders Grabstein wurde ihr Abbild eingegraben. Von dieser Zeit an hat der Teufel keinen Schwanz mehr. Der arme Teufel! Es ist schrecklich, wie ihm die Menschheit mitgespielt hat, und was er sich alles hat müssen gefallen lassen; er müßte sich vor seinem Schatten schämen, wenn er einen Schatten hätte. Haare, Hörner, Klauen und den schönen Schwanz hat er lassen müssen, beide nicht unbeträchtliche Ohren sind ihm längst abgelogen worden, denn das Sprüchwort besagt ja: Der lügt dem Teufel ein Ohr ab. Schuhe oder Stiefeln hat er auch nicht mehr, denn sehr viele haben ihn barfuß laufen sehen. Deswegen ist er so unkenntlich geworden, daß die Welt gar nicht mehr recht an ihn glauben kann und mag, und daher eben kommt es, daß jetzt immer, ehe man sich’s versieht, bald da, bald dort der Teufel los ist, weil man ihn nicht mehr am Äußeren erkennt und meidet. Es sind auch sonst noch an der Münnerstädter Kirche unterschiedliche Wahrzeichen, unter andern ein Wolf, der eine Henne frißt, der soll das Hochstift Würzburg bedeuten, das einen guten, ja den besten Teil der alten Grafschaft Henneberg verschluckt hat, denn das ganze Gebiet ringsumher, was nicht kaiserliches Dominium war, war hennebergisch, und ward auch hier wiederum bestätigt, daß die Kirche einen guten Magen habe.

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821. Die heiligen Salzflüsse und die Salzburgen

821. Die heiligen Salzflüsse und die Salzburgen

Im gesegneten Frankenlande fließt die Saale, an deren Ufernähe reiche Salzquellen hervorbrachen und noch hervorbrechen. Eine andere Saale, und zwar ein ungleich mächtigerer Strom, durchfließt das Thüringerland, und auch dort gaben ergiebigreiche Salzquellen den Völkern der germanischen Frühzeit Anlaß zu blutigen Kämpfen um das den Göttern heilige, den Menschen unentbehrliche Salz. Darum wurden die Flüsse Saalen genannt, an beiden kämpften Chatten und Hermunduren, und letztere waren meist siegreich, und die Sieger opferten alle gefangenen Männer und Pferde ihren Göttern. Hoch über das Ufer der fränkischen Saale ward eine mächtige Feste hingebaut, die Salzburg, welche den weiten Saal- und Grabfeldgau beherrschte; auf ihr weihte der thüringische Apostel Bonifazius vor mehr als eintausendeinhundert Jahren, nachdem schon vor ihm die Apostel Frankoniens, St. Kilian, Totnan und Kolnat, in jene Gegenden das Kreuz und die Leuchte des Christentums getragen, drei Bischöfe und hielt dort mehr als ein geistliches Konzil.

Auf der alten Salzburg weilte schon Karl Martell, ein naher umfangreicher Wald hieß der Salzforst und war Reichsdomäne; in ihm hat auch Pipin gejagt, und Karl der Große empfing auf dieser fränkischen Salzburg die Abgesandten des griechischen Kaisers Nikophoras aus dem fernen Byzanz, welche den heiligen Leichnam Josephs von Arimathia mitbrachten, den Kaiser Karl der Große in den Dom zu Aachen schenkte.

Zum öftern haben auch die spätern Karolinger auf der Salzburg verweilt, bis Kaiser Otto III. im Jahr des Herrn Eintausend das Palatium Salz dem Hochstift Würzburg zu eigen gab.

Schon die Quellen des fränkischen Saalflusses heißen Salzbrunnen und Salzloch, und die Sage geht, daß der jetzt kleine Fluß, der bei Gemünden in den Main einmündet, vorzeiten schiffbar gewesen, und daß Kaiser Karl der Große von Worms zu Schiffe den Rhein hinab, von da in den Main, vom Main in die Saale gekommen sei und also zu Wasser gefahren bis zur Salzburg, als er die Burg zum ersten Male besuchte.

So erbaute auch die Völkerschaft, die an der thüringischen Saale siegreich und im Besitz der Salzquellen blieb, allmählich eine Stadt und nannte sie Hala, das ist soviel als Salzstätte, daraus wurde später sprachüblich Halle. Kaiser Otto II. hat dann diesen Ort erweitert und ihm Stadtrecht verliehen. Eine andere Stadt, Hall in Schwaben, trägt gleicherweise ihren Namen von ihren Salzquellen.

Außer diesen beiden Salzströmen, Saalen, hat Deutschland aber auch noch andere, deren Namen auf Salzquellen hindeuten, da ist die Salza (Salzach) und Saala und die Sulzbach in Osterreich und im Bayernland. An der österreichischen Salza liegt die bedeutende Stadt Salzburg mit ihrer stattlichen Feste, und ihr nahe liegt der berühmte Salzort Hallein. Ein anderer Fluß, Salzbach, ergießt sich in den Rheinstrom. All diese Ströme und Flüsse waren den Urvätern heilig, und Salz und Brot waren es nicht minder; Salz zu verschütten galt für eine ungünstige Vorbedeutung, Brot unnütz zu verwüsten für eine Versündigung. Salz und Brot mit jemand zu essen, war Zeichen des Friedens und der Gastlichkeit, ja selbst ein deutsches Sprüchwort sagt aus, man solle keinem eher trauen, bis man eine Metze Salz mit ihm gegessen habe, wozu eine gute und lange Zeit des gegenseitigen Bekanntseins und Zusammenlebens gehört.

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822. Vom Kloster Theres und Adalberts des Babenbergers Grab

822. Vom Kloster Theres und Adalberts des Babenbergers Grab

Zwischen Schweinfurt und Haßfurt lag vorzeiten ein stattliches Schloß, das gehörte dem Grafen Adalbert von Babenberg, der auch ein Kloster allda gegründet hatte, das führte den Namen Sondernshus. Diesen Adalbert verriet auf eine schändliche Weise jener Bischof Hatto von Mainz, den die Mäuse bei lebendigem Leibe gefressen haben. Adalbert hatte den Bruder des Königs Ludwig im Kampfe erlegt, und der König belagerte ihn in seiner hohen Feste, der Babenburg über Bamberg, und Hatto war des Königs Ratgeber und Kanzellar. Der ging als Abgesandter hinauf auf die Babenburg und beredete den Grafen zu einer persönlichen Zusammenkunft mit dem Könige und verhieß ihn vor dem Essen wieder sicher und ungefährdet auf die Burg zurückzubringen. Da sie nun hinabstiegen, ward es dem Hatto flau, und klagte sich Heißhungers, da er noch nüchtern, so lud ihn Adalbert zur Umkehr in die Burg ein, erst etwas zu frühstücken. Dann gingen sie hinab in des Königs Lager, und der König ließ den Grafen alsobald verstricken. Adalbert klagte über den Treuebruch und berief sich auf Hattos Zusage freien und sicheren Geleites zurück auf die Burg, da sprach der lügnerische Pfaff: Hab‘ ich dich nicht, wie ich versprochen, vor dem Essen ohne Gefährde wieder auf deine Babenburg zurückgebracht? – Und da ließ der König Ludwig den Grafen Adalbert zur Sühne seines Bruders Konrad gleich im Lager enthaupten, andere sagen, es sei dies in Adalberts Schloß Sondernshus geschehen, denn alldort liegt er begraben. Der König Ludwig hatte Adalberts Leichnam nach der Enthauptung in den Main werfen lassen, davon kam schnelle Kunde nach Adalberts Schloß, da sammelte sich die Dienerschaft am Strom, und als der Leichnam geschwommen kam, riefen sie weinend: Der is! der is! (der ist es) – und davon wurde Hernachmals das Schloß und Kloster Theris und Theres genannt. In der Klosterkirche wurde Adalbert feierlich beerdigt und ihm ein stattliches Epitaphium errichtet; es stand an der Wand, linker Hand gegen den Hochaltar, und der Graf war darauf abgebildet in seinem Harnisch und lebensgroß, stehend auf einem liegenden Löwen, und darum oder darunter die Worte: Anno Domini DCCCCVIII obiit nobilis Alberrtus comes de Babenberg qui hic incinneratus monasterii hujus fundator opum quantam dator, cujus anima requiescit cum sanctis. Amen. (Im Jahre des Herrn 908 starb der edle Albert, Graf von Babenberg, dessen Asche hier beigesetzt wurde, dieses Klosters Gründer, ein Geber reicher Güter, dessen Seele ruhe mit den Heiligen. Amen.) Nach der Zeit ist die Kirche samt dem Kloster neu gebaut worden, und man weiß nicht, wohin das Epitaphium gekommen. Von Adalberts Grab hat sich die Sage erhalten, daß dasselbe ein kostbares, reich mit Schätzen gefülltes und noch nicht wieder aufgefunden sei. Alte Leute geben an, wenn man im Tore des Klosterhofes gestanden und zwischen zwei Säulen, die einen Betstock gebildet, hindurchgeschaut habe, so habe man die Linie der Richtung gehabt, in welcher sich das Grab befinde. Noch soll der alte doppelsäulige Bildstock ohnweit des ehemaligen Klosters vorhanden sein, man weiß aber nicht, ob er noch auf der alten Stelle steht. Im Klosterhofe steht ein neuerer schöner Bildstock, zwei Säulen tragen ein Bild der Kreuzigung mit einem geteilten Wappenschilde, darinnen St. Veit und ein Saitenspiel, welches ein Abtshut krönt. Gerade durch die Säulen geht der Meridian, und wer durch sie hindurchblickt, blickt über Adalberts Begräbnisstätte.

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823. Die Ritterkapelle in Haßfurt

823. Die Ritterkapelle in Haßfurt

Am obern Ende der Stadt Haßfurt Main, an welcher jetzt die Eisenbahn vorbeizieht, steht die Ritterkapelle, eine geräumige Kirche und Muster deutscher Architektur. Man sagt, die gesamten Edeln des Frankenlandes haben sie erbauen lassen zu einer Grabdenkmalkapelle ihrer Geschlechter, deshalb zieht auch rings um die Kapelle ein Fries von lauter Wappen, und mag wohl kein Adelsgeschlecht in Franken geblüht haben oder noch blühen, des Wappen hier nicht mitgefunden würde. Unter dem Portal und über der Vorhalle wird ein wunderlich Steinbild erblickt, das nennen sie in Haßfurt das Wahrzeichen der Ritterkapelle. Eine männliche nackte Figur ist mit Armen und Beinen so ausgespannt, daß die Glieder die Gradrippen des Gewölbbogens bilden. Das sei des Meisters Bildnis, geht die Sage, der die Kapelle erbaute und die Gesellen betrog. Er soll an seinen Gliedern mit Gewichten also ausgespannt worden sein, die auch an der Steinfigur angebracht sind.

Noch ein anderes Wahrzeichen findet sich an der Außenseite der Kapelle linker Hand, nämlich an einem der nördlichen Pfeiler in ziemlicher Höhe ein Fisch, andeutend, daß einst bei einer Überschwemmung das Wasser also hoch gestanden.

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824. Der Kirchenbau zu Königsberg

824. Der Kirchenbau zu Königsberg

An der schönen neuen Pfarrkirche zu Unser lieben Frauen in Königsberg in Franken, ohnweit Haßfurt, erblickt man außen zwei Steingebilde in lächerlicher Gestalt. Davon wird folgendes erzählt. Der Kirchenbau, bereits l297 begonnen, schritt äußerst langsam vorwärts und verzögerte sich an siebenundsechzig Jahre. Man hatte den Bau einem fremden Meister übertragen, dieser aber zog von dannen, arbeitete anderswo und ließ sich lange mahnen und drängen, den Bau doch zu vollenden; darüber entstand viel Unwillen in der Stadt und üble Nachreden des Meisters, und besonders konnten zwei Bürger und Ratsherrn, die der Kirche gegenüberwohnten, kein Ende ihres Scheltens über den Steinmetzen finden. Eines Tages erblickten die Wächter eine große Männerschar, die von Haßfurt her herannahte, und stießen in die Lärmhörner, denn es dünkte ihnen ein feindliches Heer, das einen Überfall des Städtleins versuchen wollte. Hell blinkte und blitzte es im Strahl der Morgensonne wie Partisanen und Streitäxte von ferne her. Die Bürgerschaft griff zu den Waffen, schickte sich an, den Feind abzuwehren, und sandte einen Abgeordneten entgegen mit der Frage, was des Haufens Begehren sei. Da war es der bestellte Steinmetz mit nicht weniger als vierhundert Gesellen, die er allesamt herbeiführte mit ihrem Werkzeug, Äxten und Beilen, blanken Sägen und Winkelmaßen, die so hell erglänzten. Und nun ging die Arbeit rüstig und wacker vonstatten; da aber dem Baumeister zu Ohren kam, daß die beiden Bürger so übel von ihm gesprochen, brachte er ihre beiden Gestalten an der Kirche auf lächerliche Weise an, darum, daß sie als alberne Philister voreilig über ihn geurtelt.

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825. Die kühne Magd

825. Die kühne Magd

Vor vielen Jahren ist am Breitenweg zu Königsberg, wo man auf Altershausen ins Rod oder auf den Pappelsee zugeht, rechter Hand am Fahrwege gegen die Warte zu eine Kapelle zur Ehre Unser lieben Frauen erbaut worden. Schon im vierzehnten Jahrhundert wird ihrer gedacht. Im Jahre 1535 wurde sie bei einer Kirchenvisitation vom Stadtrat den Kastenpflegern zum Aufbau einer Hofstätte bewilligt und deshalb abgebrochen.

Von vielen Leuten wird für gewiß ausgegeben, daß bei dieser Kirche eine denkwürdige Geschichte sich ereignet habe. Was die Zeit betrifft, so läßt sich aus der Erzählung der Leute vermuten, daß es nach der Reformation, da die Kapelle ohne Gebrauch und ohne Kapellmann gewesen, geschehen sei. In der Vorstadt vor dem Haßfurter Tor hatten die jungen Dirnen eine Spinnstube. Nun kam das Gespräch auf die Kapelle, von der man immer sagte, daß es darin nicht geheuer sei, und das mutwillige Volk sprach, wer zur Kapelle laufe und ein Wahrzeichen zurückbrächte, solle ein neues Kleid bekommen. Eine kühne Magd lief auch wirklich in der finstern Nacht zur Kapelle, da erblickt sie vor der Türe ein Pferd mit einem Bündel und vernimmt aus der Kirche ein großes Gewinsel und Wehklagen, sie schneidet jedoch den Bündel vom Pferd und eilt heimwärts. Unterdessen kommt ein Reiter ihr stracks nachgeritten, und die Magd verbirgt sich in der größten Angst hinter einem am breiten Weg liegenden Düngerhaufen. Als der Reiter vorbeigesprengt, eilt, vor Furcht am ganzen Leibe zitternd und schreckenbleich, die Magd in die Spinnstube, öffnet den Bündel, da finden sich darin allerlei Kostbarkeiten, Gold, Perlen und dergleichen, wie auch Briefe, woraus sie denn ersehen, daß eine reiche Jungfrau verreisen wollte, aber von ihrem Gefährten, dem treulosen Knecht, in der Kapelle ermordet wurde.

Diese Sage wiederholt sich mit mancher kleinen Abwandlung da und dort. Auch vom Dorfe Schwarza bei Meiningen, allwo Frau Holle mit dem treuen Eckart durchzog, soll sich mit einem Mädchen in der Kirchhofkapelle das gleiche begeben haben. Der nacheilende Reiter hieb noch mit seinem Schwerte Schrammen in die Haustürpfosten.

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817. Die Petersstirne

817. Die Petersstirne

Bei Schweinfurt war ein hoher Hügel, da wo das rechte Maingelände von Mainberg her mit seinen reichen Rebenpflanzungen endet, die Petersstirne genannt; darauf hatte vor alters eine Burg und später dann ein Kloster gestanden. Jetzt durchschneidet sie die Eisenbahn, bei deren Bau sich viele Menschenknochen gefunden haben. Von dieser Petersstirn gehen mancherlei Sagen im Munde des Volkes um. Viele haben schon zu verschiedener Zeit und Stunde drei Jungfrauen in schneeweißen Kleidern auf diesen Mauertrümmern sitzen sehen. Einer Frau aus Schweinfurt erschienen einst diese drei Jungfrauen im Traume und sagten ihr an, sie möge auf die Petersstirn gehen und dort einen Schatz heben. Sehr frühzeitig erwachte die Frau, kleidete sich an und ward oon einer wahren Sehnsucht nach jenem Orte erfüllt, dem sie unverweilt zueilte. Schon stand sie am Fuße des Berges, als die ersten Strahlen der Morgensonne jene Mauertrümmer und das kleine Häuschen vergoldeten, welches daneben für die Weinbergshüter erbaut stand; da erblickte sie droben die drei Jungfrauen gerade so, wie sie ihr im Traume erschienen waren, freundlich winkend. Aber der wunderbare Anblick dieser geisterhaften Wesen erschreckte die Frau auf den Tod, so daß sie bewußtlos niedersank. Andere Weinbergsleute fanden sie und brachten sie wieder zum Bewußtsein. Hastig blickte sie nach den drei Jungfrauen, doch diese waren verschwunden. Als die Frau zu ihrem Mann zurückgeführt wurde, schmälte dieser sie aus, daß sie nicht mehr Mut an den Tag gelegt, sie würde ihr und sein Glück gemacht haben. Auch einem Bürger aus Schweinfurt sind auf der Mainleite, dicht über der Petersstirn, da er auf der alten Straße fuhr, in einer stürmischen Novembernacht die drei Jungfrauen, schleierweiß auf der Mauer stehend, erschienen. Und es schauerte ihn, daß er eilend vorüberfuhr.

Auf der Petersstirn ist schon oftmals eine Schlange erblickt worden, die trägt auf ihrem Haupte ein goldenes Krönlein. Einst ging ein Hecker (Weinbergsmann) den Berg hinauf, wo noch die geringen Mauerschädel des alten Klosters liegen; da rauschte mit raschem Ringeln ihm eine große und glänzende Schlange entgegen, die trug auf dem Haupt eine goldene Krone und im Maul ein großes Bund Schlüssel, die glitzerten und klingelten wie Silber. Der Hecker entsetzte sich, hob seinen Karst, um nach der Schlange zu schlagen, da sah ihn die Schlange wehmütig an und bezauberte ihn mit ihrem Blick, daß er regungslos stand, und da sah er denn, daß sie weinte wie ein Kind. Als das einige Minuten gedauert, schwand die Schlange in die Erde und war ihm aus den Augen und hinweg und war nirgends im Boden ein Loch zu sehen, die Tränen aber, so die Schlange geweint, sind große köstliche Perlen gewesen und haben den Hecker reich gemacht.

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818. Die auferstandene Frau

818. Die auferstandene Frau

Auf dem Schweinfurter Gottesacker ist ein alter Grabstein mit dem lebensgroßen Bildnis einer vornehmen Frau zu sehen, welche ein eingewickeltes Kind zu ihren Füßen liegen hat. Diese war die Frau eines Syndikus Albert. Man sagt von ihr, daß sie sehr schnell und plötzlich gestorben sei, und als ihr Tod erfolgt war, wurde sie unter einem Schwibbogen, in welchem sich ihr Familienbegräbnis befand, beigesetzt. Ihr zurückgelassener Gatte betrauerte sie sehr aufrichtig. Es ging ihm aber wie dem Herrn Richmuth von Andocht zu Köln. Der Totengräber, ein habgieriger Mann, hatte an dem Finger der Leiche einen kostbaren Ring bemerkt, den er der Toten nicht lassen wollte; er machte sich daher des Nachts heimlich auf, hob den Sargdeckel ab und wollte der Leiche den Ring vom Finger ziehen; da richtete sich diese plötzlich auf. Entsetzt lief der Totengräber davon; die Frau im weißen Totengewande entstieg ihrem Sarg, wandelte von hinnen und kam ruhigen Ganges vor ihr Haus, wo sie anläutete. Eine Magd sieht zum Fenster hinaus: Wer da? – Ich bin’s, die Frau! Öffne! – Schreiend stürzt die Dienerin zu ihrem Herrn: Die Frau ist unten an der Türe, ich habe sie an der Stimme erkannt! – Der Herr schüttelt ungläubig den Kopf und läßt seinen Diener hinaussehen. – Öffne mir um Gottes willen! Ich komme um vor Kälte! – Da eilt auch der Diener rasch zum Herrn: Es ist die Frau, ich erkenne sie an ihrer Stimme! – Der Herr aber sagte: Ihr seid Toren und dümmer wie das Vieh! Wenn meine Pferde zum Fenster hinaussähen, würden sie gescheiter antworten als ihr! – Kaum ist das Wort gesprochen, so kommt es mit Gelärm und Gepolter die Treppe herauf und stampft und trappt und wiehert – die Pferde sind’s – zur Stube herein, und sie stecken die Köpfe durch die Fenster, daß die Scheiben klirren und die Flügelbänder brechen, und beide sehen vom Vorsaal hinab zum Fenster hinaus und wiehern. Nun läßt der Herr, erschrocken, schleunig öffnen, und die halberstarrte Frau wird zu Bette gebracht und geneset bald darauf eines Töchterleins. Doch Mutter und Kind lebten nicht lange mehr, und die erste wurde zum zweiten Male begraben und beiden dieser Grabstein zum Andenken gesetzt. – Alle Jahre am ersten Ostertage ist eine wahre Wallfahrt nach dem Gottesacker, der dann prächtig mit herrlichen Blumen geschmückt ist, aber das erste, was man den Kindern zeigt und was sie alle gerne sehen wollen, ist die wiedererstandene Frau mit ihrem Kinde.

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81. Der wilde Jäger

81. Der wilde Jäger

Der Wild- und Rheingrafen einer war ein gewaltiger Jäger, aber nicht wie Nimrod vor dem Herrn, sondern so recht vor dem Teufel. Einen Tag und alle Tage ging es hinaus in die Forste, mit wildem, wüstem Gefolge. Werktag und Feiertag, das war dem Grafen alles gleich, in die Kirche ging er nicht, und die Pfaffen achtete er nicht, nur Jagen war seine Freude. Da geschah es eines Sonntagmorgens, daß der Wild- und Rheingraf abermals vom hohen Stein mit dem Gefolge seiner Jagdknechte und Rüden herab zu Tale zog, mit Horrido und Hussassa, wie der Dichter singt, durch Felder und Saaten, nichts achtend, niederstampfend in den Boden junge Saat und reife Ähren. Es währte nicht lange, so brachten die Hunde einen großen weißen Hirsch auf, dessen Spur sie nun mit lautem Kliffen und Klaffen folgten, und die Hifthörner klangen, die Hetzpeitschen knallten, daß es nur so sauste und brauste, immer dem Hirsch nach. In allen Tälern riefen die Kirchenglocken zu Gebet und Amt, der Wildgraf hörte es gar nicht. Ein Bäuerlein, in dessen Feld der fliehende Hirsch sich zu bergen suchte, sah den Troß auf sein Feld losjagen und fiel auf die Knie und flehte, seines Ackers, des einzigen, welchen es besitze, doch gnädiglich zu schonen – der Wild- und Rheingraf überritt den Bauer und stürmte mit dem ganzen Jagdtroß über den Acker hin. Der fliehende Hirsch mischte sich unter eine weidende Herde, da Sicherheit zu suchen – der Hirte sah die wilde Jagd annahen und flehte um Barmherzigkeit für das ihm anvertraute Vieh – der Wild- und Rheingraf knallte ihm mit der Peitsche um die Ohren und schrie: Hui hatz! hui hatz! – da fiel die blutgierige Meute mit wütenden Bissen den Hirten an, und rissen ihn nieder, und bissen die Rinder tot, und jagten den Hirsch weiter. Dieser gewann einen Wald, dessen friedliche Sonntagsstille jetzt gellend laut der Zug des wilden Jägers durchtobte.

Im Walde stand eine Einsiedlerklause, und in diese floh jetzt der auf den Tod gehetzte Hirsch. Der Wild- und Rheingraf stürmte mit seinem Troß gegen die Klause an – der Klausner, ein Greis mit schneeweißem Bart, trat heraus und hob warnend die Hand. Nicht weiter! rief er mit starker Stimme. Hier ist das Asyl der Kreatur! – In der Hölle ist dein Asyl, du alter Hund und Narr! schnaubte der Wild- und Rheingraf den Klausner an und hob die Peitsche hoch gegen ihn auf. Aber die aufgehobene Rechte fiel nicht mehr zum Schlage nieder. – Nacht ward es plötzlich – der Klausner und die Hütte, der Hirsch und die Hunde, die Jäger und die Knechte – alles schwand, und des Wild- und Rheingrafen keuchendes Roß brach zusammen. Und da zuckte ein Blitz, und da fuhr des Teufels Faust riesengroß aus der Erde und drehte dem wilden Jäger den Hals um, und eine Stimme donnerte: Jage so fort, bis an der Welt Ende! – Und also geschieht es, wie viele viele Sagen melden, daß von Zeit zu Zeit die wilde Jagd durch die Lüfte und über Felder und Wälder fährt mit gräßlichem Geschrei, mit dem Kliffen und Klaffen der Hunde, mit gespenstischem Wild, und der wilde Jäger selbst als Wild gehetzt vom wilden Heere der Hölle.

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