845. Sankt Sebaldus‘ Wunder und Grab

845. Sankt Sebaldus‘ Wunder und Grab

Es ist eine alte Sage, daß der heilige Sebaldus zu Ende des achten oder zu Anfang des neunten Jahrhunderts nach Christo nach Nürnberg gekommen. Dieser Heilige war eines Königs von Dänemark Sohn, hatte in Paris studiert und eines Grafen in Frankreich Tochter geheiratet. Er war aber gar fromm und gottesfürchtig, und seine Braut erhielt in ihm nicht einen Gemahl, sondern einen vollkommenen Behüter und Beschirmer ihrer Jungfräulichkeit, und nachdem er ihr guten Unterricht in der Keuschheit erteilt, verließ er sie und seines Vaters Palast heimlich und wurde ein Einsiedel, wälzte sich auf Dornen und Disteln und kreuzigte sein aufrührerisches Fleisch, daß sein Leib davon ganz armselig und mager wurde. Darauf pilgerte er samt seinem Schüler Dionysius barfuß gen Rom, traf auch auf seinem Wege die heiligen Männer Willibald und Wunibald und nahm sie in seine Gesellschaft und gab ihnen Speise, die er aus Engelhand, empfing, hatte auch einen Legel, der immer wieder voll Weines wurde, wann die Gesellschaft ihn ausgetrunken, und wann etwan ein Glas zerbrach, so machte St. Sebald selbiges wieder ganz, und lehrte und predigte hin und her auf seinem Wege allem Volke die sanfte Lehre unsers Herrn und Heilandes. Da sich einstmals ein verdammter Ketzer fand, der dem Volke zuschrie, Sebalds Lehre sei falsch, so mußte sich auf der Stelle das Erdreich auftun und selben Ketzer verschlingen, doch nur bis an den Hals. Da nun der arme Ketzer so im Erdloch stak und nicht einmal zappeln konnte, so wünschte er wieder herauszukommen und bekehrte sich, da hob ihn der milde Heilige wieder heraus. Über die Donau schwamm St. Sebald auf dem groben Mantel, den er über seinem härenen Hemde trug und aus das Wasser breitete, stehenden Fußes, weil kein Nachen vorhanden war. Und da kam der Heilige in den Norgau, da hatte ein Bäuerlein seine Ochsen verloren und jammerte, denn es war Nacht, und es wußte nicht, wo es die Ochsen suchen sollte. Da schuf St. Sebald durch sein Gebet, daß des Bauern Finger leuchteten und großen Schein warfen, wie ein Kronleuchter, und da fand und fing er seine Ochsen wieder. Nun kam der heilige Mann gen Nürnberg und nahm seine Herberge bei einem Wagner. Selbem Wagner aber ging es wie jenem Müller, des Mühle die drei Gänge hatte, nach Wasser, Korn und Brot – er hatte nicht einmal Holz zum Einheizen, geschweige zum Wagenbauen. Da heizte der heilige Sebald mit Eiszapfen ein, die brannten, daß es knitterte und knatterte, und wärmte sich, und der Wagner und sein Weib lobten Gott für so billiges Brennmaterial. Eines Tages wünschte Sebaldus Fische zu speisen, es war aber durch die Herrschaft, die auf der Burg wohnte, bei Verlust des Augenlichts allen verboten, vor ihr Fische zu kaufen. Da nun Sebaldus‘ Wirt solches dennoch tat, so ward er ergriffen und geblendet. Dieses tat Sebalds leid, er tat sein Gebet zu Gott und gab dem Wirt sein Augenlicht wieder. Bei diesem guten Manne und dessen Weibe blieb auch Sebaldus bis zu seinem seligen Ende, vor welchem er noch verordnete, daß zwei Ochsen seinen auf einen Wagen gelegten Leichnam ohne Lenker dahin ziehen sollten, wo er bestattet sein wolle, und zogen die Ochsen den Wagen bis zu Sankt Peters Kapelle und keinen Schritt weiter trotz aller Bezwangnis und Geißelhiebe. Da ruhete und rastete Sankt Sebaldus gnädiglich, und ward über ihn ein hölzern Kapellchen erbaut, welches aber hernachmals der Blitz entzündete und einäscherte. Da setzten sie den heiligen Leichnam in das Schottenkloster St. Agidien. Darin war ein vorwitziger, junger Mönch, der zupfte den heiligen Leichnam am Bart und sprach spöttlich: Ei du alter Lügenvater!

Wie viele Menschen hast du dein Lebtage betrogen?! – Solches Schmähwort verdroß den heiligen Leichnam sehr; er erhob sich und verehrte dem Mönch eine so schreckliche Ohrfeige, daß jenem davon alsbald ein Auge aus dem Kopfe sprang. Der Mönch schrie Zeter, alle Mönche liefen herbei und riefen St. Sebald um Vergebung an und um Wiederherstellung des Geschlagenen. Darob wurde der heilige Leichnam beweget, dem Mönch das geschlagene Auge wieder einzusetzen, die Schelle konnte er ihm aber nicht wieder abnehmen, und war ihm selbe auch gar gesund. Nach diesem Vorgang gefiel es Sebalds nicht mehr in St. Agidien, und war ihm lieb, in sein eigen Münster und in einen silbernen Sarg zu kommen. Allda ruhend, war es Sebaldi Segen, der Nürnberg groß und reich und blühend machte als der Stadt sonderlicher Patron und Hauptherr, und fortwährend tat er hohe Wunder. Blinde machte er sehend, Pilgrime errettete er von Straßenräubern, Kranke machte er gesund, Tote lebendig. Einst sandte eine fromme Bäuerin in Nürnbergs Nähe St. Sebald einen großen Käs zum Opfer; der Nachbar aber, dem sie den Käse mitgab, dachte: der liebe Gottesheilige ißt doch keinen Käs, sondern im Paradiese das himmlische Manna, es tut’s also auch ein kleiner, den großen willst du für dich behalten. Da machte St. Sebald den kleinen Käse zu Stein und auf dem Heimwege des Bauers auch den großen. – Da nun zu Nürnberg der unübertreffliche Rotgießermeister Peter Bischer lebte, so bekam derselbe den Auftrag mit seinen fünf verheirateten Söhnen Peter, Hermann, Hans, Paul und Jakob, die alle bei ihm im Hause wohnten und in seiner Gießhütte arbeiteten, St. Sebald ein neues schönes Grabmal zu fertigen, auf dem der Silbersarg mit den heiligen Gebeinen ruhen sollte, und fertigte dieses also herrlich und kunstvollendet schön, mit frommem Sinn und hohem Geist, daß es als Nürnbergs größte Zier dasteht. Und von den vielen Tausenden, die von Jahr zu Jahr dieses herrliche Kenotaph anstaunen, denkt kaum einer noch an den Heiligen, der darinnen ruhet, und an dessen Wunder, sondern nur an die Wunderwerke deutscher Kunst, die Nürnbergs unsterbliche Söhne, ein Peter Bischer, ein Albrecht Dürer, ein Adam Kraft, bewirkt und vollbracht durch den schaffenden wunderwirkenden Gottesgeist in der Menschenseele.

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846. Die Teufelssäulen

846. Die Teufelssäulen

Zu Nürnberg in der alten Kaiserburg ist eine Kapelle, die ruht auf vier Säulen, eine davon ist, weil sie gebrochen, in der Mitte mit einem eisernen Reif umschlossen. Oben am Gewölbe aber schaut ein Pfaffengesicht herab, das ist der Kopf des ersten Kapellans an dieser Burgkirche, der ging mit dem Teufel eine Wette ein, oder umgekehrt der Teufel mit ihm, daß er, bevor das Pfäfflein, das sehr hurtig Messe lesen konnte, eine Messe läse, vier Säulen aus Rom herbeibringen wolle, eine nach der andern. Vermöge der Teufel solches, so solle des Pfaffen Seele sein eigen sein, vermöge er es nicht, so sollten die schönen Säulen aus einem antiken Heidentempel die christliche Kapelle stützen und schmücken. Der Teufel fuhr ab, und der Kapellan begann seine Messe; da ging es fast wie beim Puppenspiel, wenn Fausts Diener die Furien beschwört: perlicko – perlocko! – Im Hui war der Teufel fort, und im Hui war er wieder da und brachte die erste Säule. Als der Pfaffe an das Credo kam, war schon die zweite Säule da, und beim Evangelium die dritte – jetzt hieß es hurtig und geschwind. Ite! missa est! scholl dem Teufel entgegen, als er mit der vierten Säule anrasaunt kam, da warf der Teufel die Säule hin, daß sie mit einem Donnerkrach in zwei Stücke zersprang, und fuhr erhitzt von dannen, denn er kochte von Anstrengung und nun vor Ärger, und stürzte sich in den Dutzendteich, wo die Druden-Eila haust und spukt. Um die zerborstene Säule aber ward der eiserne Reif gelegt, und alle viere schmückten nun die alte Burgkapelle. Sie sind von weißem Marmelstein und gar schön. Des schnellen Messelesers steinern Haupt blickt sie noch immer mit stillem Vergnügen an.

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847. Hausgeister zu Nürnberg

847. Hausgeister zu Nürnberg

Zu Nürnberg hat es von je allerlei Merkwürdiges gegeben, auch Hausgeister und Alraune fehlten nicht, und da neben dem Hausgeist der Handelsgeist in dieser ehrwürdigen Reichsstadt besonders mächtig war, ist es vorgekommen, daß heimlich Handel getrieben ward mit leibhaften Alraunen und Spiritus familiares. Ein altes Handelshaus hatte sie unter dem Namen Heckewurm und hielt sie hoch im Preise, eine bis zwei Pistolen das Stück, und es gab in der Tat gläubige Narren, die davon kauften.

Eine Goldschmiedsfrau hatte einen Spiritus familiaris. Einst sprach er zu ihr: Frau, ein Sandkörnchen hat Euer Leben behütet! – Dieser Geist warnte sie vor Gefahren, betete mit ihr und sang mit ihr schöne Lieder und Psalmen und war ihr gut und nütze. Da überkam sie der leidige Frauentrieb, die schlimme Neugier, sie wollte den Geist durchaus sehen, wie jene Köchin den Hinzelmann. Vergebens warnte sie der Geist und sagte ihr, sie werde es bereuen. Sie drang immer heftiger in ihn – und da sie nun in ihre Kammer trat, so sah sie an der Mauer einen Schatten gleiten, anzusehen wie ein todbleiches Kind in weißem Totenhemdchen, eine Sanduhr in der Hand haltend, deren Sand fast verronnen war, und auf sotanes oberes Glas deutend und schnell verschwindend. Die Frau entsetzte sich, fiel alsbald in schwere Krankheit, ihr Lebenssand verrann, und ihr Geist entfloh.

So war auch einer zu Nürnberg, der konnte die Geister beschwören, aber so, daß auch wirklich welche kamen. Er machte aber dazu sondere Zeremonien, deckte ein Tischlein, setzte Milchschüsselchen darauf, neue Messerchen und Tellerchen und Jungfernhonig, riß einer schwarzen Henne den Kopf ab, ließ Blut auf die Speise träufeln und nahm noch allerlei sonstiges seltsames Gebaren vor. Dies tat er im Freien auf einem heimlichen Plan, und dann barg er sich hinter einen Baum, und da kamen zwei Erdmännlein, setzten sich an den Tisch, speiseten und beantworteten die Fragen, die Paul Cruz, so hieß der Mann, an sie tat. Selbst den König dieser Geisterlein brachte er ans Licht, der kam ganz allein, trug ein rotes Scharlachmäntelein, warf ein Buch auf den Tisch und ließ den Geisterbanner darinnen lesen, der schöpfte daraus große Weisheit und seltsame Geschehnisse. Ob er aber auch das Geheimnis, selig zu sterben, darinnen funden, ist Gott allein bekannt.

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848. Nürnberger Wahrzeichen

848. Nürnberger Wahrzeichen

Zu Nürnberg befindet sich ein Ochs, der nie ein Kalb war, das ward sonst für eine große Rarität erachtet und galt als der Stadt absonderliches Wahrzeichen. Ein Kälbchen ist ein g’spaßig’s Tierlein; heutzutage brüllen, brummeln und bummeln nicht allein zu Nürnberg, sondern allenden Geschöpfe umher, die niemals Kälber waren, sondern gleich von vornherein nicht norische, sondern notorische Ochsen sind. Der Nürnberger Wahrzeichenochs ist zu finden, wenn man über die Fleischbrücke geht, er ist von Stein, wiegt neunundzwanzig und dreiviertel Zentner und liegt über dem Portal zur Metzig. Die Fleischbrücke ist in einem Bogen gespannt und wurde vom Architekten des Eskurials aus seiner Reise nach Wien als das trefflichste Werk einer Brücke solcher Art gepriesen. Auf besagten Ochsen sind viele Verse und Reime gemacht worden, und hat mancher Poet an ihm sein Ingenium geübt, wie das in frühern Zeiten Brauch war, dem Rindvieh zu schmeicheln, es zu verehren, ja in gewissen Fällen anzubeten, wie schon die Heilige Schrift dartut in der Geschichte vom goldnen Kalbe.

Die alte werte Reichsstadt Nürnberg hat der Wahrzeichen noch andere und viele und der Sagen so mannigfaltige, daß sie allein ein mäßig Buch füllen würden. So, um nur ein Wahrzeichen noch zu nennen, der Stein am berühmten St. Johanniskirchhof, welcher kündete, wie ein Familienvater mit dreizehn der Seinen an einem Tage gestorben.

Ist das nit ein senlich vnde jammerliche klag,
Ich starb vs mynem hus selp dryzehend vf einen tag
1827.

Hier tritt abermals die mythische fränkische Vierzehntzahl, wie bei Eppela von Gailing, dem Nürnberger Feind, und den vierzehn Heiligen, vor Augen.

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834. Alberade

834. Alberade

Im alten Banzgau saß ein Gaugraf Hennebergischen Stammes, der vermählte sich mit einer frommen Dame aus dem Niederland, die hieß Alberade. Deren Leben ward gar schwer geprüft; einen blühenden Sohn verschlang ihr der Main, als der Knabe auf dem gefrornen Strom seinen Kreisel trieb, und auch den Gemahl verlor sie; nur eine einzige Tochter gleichen Namens Alberade blieb ihre Stütze, ihre Freude, ihr Glück. Da gründete sie das herrliche Benediktinerstift Banz, indem sie einen Teil ihres umfangreichen Schlosses demselben einräumte, und hoffte nun den Himmel versöhnt zu haben und ihre Tage in Ruhe zu beschließen. Dies ward ihr auch vergönnt, und sie erlebte noch die Freude, daß ihre Tochter sich einem Grafen Vohburg vermählte. Aber nach dem Tode der alten Gaugräfin begann das von ihr begründete Kloster schnell in Abnahme zu kommen; solches ging der Tochter sehr zu Herzen, und sie wandte alles an, das gottselige Werk ihrer frommen Mutter im Flor zu erhalten. Aber auch ihr legte der Himmel herbe Prüfungen auf. Ihr Gemahl fiel in einer Schlacht, und sie zog sich nun mit ihrer Tochter Hedwig auf das mütterliche Erbe, nach Schloß und Kloster Banz, zurück. Da entbrannte einer ihrer Vasallen, einer von Ratzeburg, in Minne gegen Hedwig, und da die Mutter ihm deren Hand verweigerte, so entführte er Hedwig mit Gewalt. Außer sich vor Zorn tat die Mutter, was jene Thüringerin Sophia, der heiligen Elisabeth Tochter, zu Eisenach tat, sie schleuderte ihren Handschuh in die Luft und schrie: Wie diesen Handschuh so übergebe ich den schamlosen Räuber dem Teufel! – und wie dort kam auch hier der Handschuh nicht wieder aus den Lüften herunter. Der Ratzeburger aber setzte sich auf seiner Burg Steglitz fest, plagte die Gegend und bedrängte Kloster Banz so arg, daß die Mönche sich entschlossen, von bannen zu ziehen. Da sann Alberade auf eine List. Sie kleidete ihre Mannen in die Farben der Ratzeburger und legte sie in einen Hinterhalt, lauernd, bis der Raubritter mit seinem Haufen auszog. Als dieser aus dem Gesicht war, sprengten und liefen die Banzer, wie in eiliger Flucht, gegen Steglitz, und da der Burgwart die Farben der Mannen seines Herrn sah und rufen hörte: Der Feind! der Feind!, so ließ er rasch die Zugbrücke nieder und öffnete Tor und Fallgatter. Rasch bemächtigten sich die Eindringenden der Burg, befreiten Hedwig, und als der Ratzeburger wiederkehrte, fand er statt seiner Burg Steglitz eine Ratzeburg, ein Ratzennest, einen Steinhaufen. Lange lebte das Andenken der beiden Frauen Alberade, welche das Hernachmals so prachtvolle Stift Banz gründeten und zur Blüte hoben, im dankbaren Andenken.

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835. Burg-Ebracher Gericht

835. Burg-Ebracher Gericht

Wunderlicher Rechtsbrauch der Altvordern ist stets zu beachten. Wem der Weiber Wetzstein zu Westhausen mit seinen Kunkelrichterinnen und der Stettfelder Rüg erecht seltsam bedünken will, dem wird in gleicher Weise seltsam dünken das Mannsbildgericht zu Burg-Ebrach. Alljährlich kamen allda am Aschermittwoch zwölf Jungfrauen des Ortes auf freiem Felde zusammen, richteten ein Mannsbild von Holz auf, bekleideten es, wie die Brüßler ihr Pissemännchen, und beschuldigten nun dieses Bild aller Übeltaten, die während des vergangenen Jahres im Orte selbst und in der ganzen Umgegend begangen worden waren; mußte sonach dieses Bild der Sündenbock und -block für alle sein. Da aber besagtes Bildnis stumm war und sich gegen die vorgebrachten Anschuldigungen nicht verteidigen konnte, so ward ihm ein Fürsprech bestellt, der es wacker verteidigte und rechtfertigte. Ward nun Klage vorgebracht wegen geraubter Jungfernkränzlein, gebrochener Eheversprechen und andere schreckliche Übeltaten, so kam oft vor, daß der Fürsprech sprach: Ei mitnichten, Kätterle, das hat ja nicht dieses Mannsbild getan, sondern ein anderes, das du besser kennst! Soll ich’s laut sagen, wie jenes heißt? – Da kreischten die Mädchen laut auf und schrieen viele: Ja, und andre kreischten: Nein! – die es nicht wußten, wollten’s wissen, und die es wußten, wollten’s nicht wissen lassen. So auch bei gestohlenen Sachen, bei üblem Leumund, und es versteht sich, daß des Bildes Fürsprech Haare auf den Zähnen haben und so ziemlich im voraus Taten und Täter kennen mußte, die zur Sprache und Klage kamen, auch mußte er wissen, wenn er einen Täter nannte, mit diesem vor dem wirklichen Gericht fertig zu werden. So übte dieses eigentümliche Gericht einen sittigenden Einfluß, denn jedermann scheute sich. Böses zu tun, weil es unfehlbar zu seiner Zeit zur unlieben Öffentlichkeit kam. Auch half gar wenig, daß die, welche keine guten Briefe hatten, wohlweislich vom Mannsbildgericht wegblieben, um so eher wurden sie genannt und bekannt.

Heutzutage wird das Mannsbildgericht überall nicht mehr im freien Felde, sondern in den Stuben beim Kaffeekränzchen geübt, und da hat leider das arme Mannsbild niemals einen Fürsprech.

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836. Der Seckendorfs Lindenkränzlein

836. Der Seckendorfs Lindenkränzlein

Kaiser Heinrich II. hatte einen Leibjäger, der hieß Walter, den nannten sie den schönen Jäger, und war nicht allein bei jedermänniglich und bei dem Kaiser selbst beliebt, sondern auch sonsten. Einst jagte der Kaiser in den tiefen Forsten am Roten Main und verfolgte hitzig einen Edelhirsch, da scheuchte er einen mächtigen Ur auf, der sich ihm brüllend entgegenstürzte. Schon glaubte der Kaiser sich verloren, denn er war kein Jüngling mehr, und wie weit er ein Mann war, mocht‘ er wohl am besten selbst wissen, und zitterte vor dem Untier um sein Leben, da warf sich Walter dem Ur entgegen und stieß ihm den Jagdspeer durchs Herz, daß er röchelnd zusammenbrach; darauf erschellete er sein Horn, da fand sich das Gefolge zusammen, das den Herrn aus den Augen verloren hatte, und sah den toten Ur und den erschrockenen Kaiser und den kühnen unerschrocknen Jäger. Den hieß alsbald der Kaiser niederknieen und schlug ihn eigenhändig zum Ritter, brach von einem nahen Lindenbaum einen jungen Sproß mit acht Blättern, bog ihn in ein leichtes Kränzlein zusammen und sprach: Dies sei deines Geschlechtes Wappen fortan, ein ruhmreiches Siegeskränzlein, zum Preis der tapfern Tat, damit du deinem Kaiser und Herrn das Leben gerettet. – Darauf ritt der Herr mit allem Gefolge und dem neuen Ritter aus den Forsten nach Forchheim hinab, andern Tages aber gen Nürnberg, allwo er seinen und des Reiches Kanzellar Eberhard berief und ihn fragte, ob kein ritterlich Lehen anheimgefallen. Darauf eröffnete der Kanzellar dem kaiserlichen Herrn, daß ein Ritter des Namens Cuno, im Rangau am Flüßchen Zenn seßhaft, erbenlos abgegangen, der besaß ein Mannlehen, das hieß Seckendorf, und dieses schenkte der Kaiser dem treuen Walter. Und ist selbiger der Ahnherr und Stammvater des Hernachmals reichen und weitverzweigten Geschlechts derer von Seckendorf geworden, welche sich in nicht weniger als sechs Linien teilten und dem Hochstift Eichstätt einen Bischof gaben.

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837. Pfaffeneifer

837. Pfaffeneifer

Zu Forchheim war ein alter Pfaff, so schwach und lahm, daß er mußte von zwei Diakonen auf die Kanzel geführt werden. Da geschah es am Gründonnerstage 1557, wo man in den Kirchen vom Nachtmahl unsers Herrn predigt, daß der Greis sich auch hinaufführen ließ und begann zu predigen über Pauli erste Epistel an die Korinther das eilfte Kapitel, tadelte aber das klare Wort des Apostels und verteidigte des Papstes Satzung und die Eucharistie in einerlei Gestalt gar hoch. Letzteres zumal hätt‘ ihm niemand verargen dürfen, denn er war katholisch, aber er überschritt in seinem Eifer alle schickliche Grenze, schlug auf das Kanzeltuch, daß Staub und Motten wie ein Rauch herausfuhren, ballte die Fäuste und warf die Hände empor und schrie, gegen den Apostel scheltend, daß er das heilige Mahl in doppelter Gestalt zu nehmen gelehrt: Paule! Paule! Ist dem also, wie du lehrest, und ist es unrecht, sub una specie zu kommunizieren, ei so hole mich doch gleich der Teufel! – Und zum Volke sich wendend, brüllte der Eiferer: Ja, meine geliebten Christen, meine Seele setze ich euch zum Pfände ein, daß des allerheiligsten Vaters, des Papstes, Wort und Lehre die rechte und richtige ist, und wenn sie es nicht ist, so soll mich gleich bei lebendigem Leibe der Teufel holen! – Über solche gotteslästerliche Rede und Predigt hat sich das Volk über alle Maßen entsetzt, und alsbald entstand ein Knacken, Krachen und Brechen in der Kirche, als wolle sie zusammenstürzen – und alles Volk stürzte hinaus – und da hat sich in der Kirche ein langer schwarzer Mann sehen lassen, von dem ging ein starker Wind, daß ein Brausen in der ganzen Kirche erschollen, der hat den gottlosen Pfaffen vom Predigtstuhl geführt, und niemand hat erfahren, wo er hingekommen ist. Hernach hat sich der schwarze Mann wieder sehen lassen und in des Bischofs Bruderssohn Hans Fuchs Rugenstein Stuhl gesessen, der hat gegen ihn sein Schwert gezogen, aber immer nur damit sich selbst geschlagen, und ist darüber gar viel Rumor und Lärmens worden.

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838. Die geraubte Hostie

838. Die geraubte Hostie

Bei Eckenbütter spielte ein Metzgerbursche mit einem andern, dem sein Meister vieles Geld zum Vieheinkauf mitgegeben, und verspielte alles; zuletzt zog er den Rock aus, trennte die Silberknöpfe von der Weste und verlor auch die. Da kam ihm der Gedanke, in der Martinskirche eine goldene Monstranz zu stehlen; er brach heimlich ein, nahm die Monstranz und entwich. Auf dem Wege nach Forchheim entnahm er der Monstranz die heilige Hostie und warf sie auf einen Acker in das Korn. Als er durch Forchheim wanderte und sich nach einem Goldschmiedsladen umsah, siehe, da stellten ihn die Hunde, wie vordessen die Torsoldaten zu Forchheim die Wanderer stellten, und ließen ihn nicht weiter. Als nun hochlöbliche Polizei zu Forchheim des Gesellen sich annahm und die Monstranz bei ihm fand, wurde er eingesponnen. Am andern Morgen ging eine Magd ins Gras, die sah helle Lichter auf dem Kornacker brennen, sie ging näher und sah nichts; als sie wieder entfernter war, sah sie die Lichter wieder, gerade wie es dem Seher im Frankental erging. Sie sagte das Gesicht ihrer Herrschaft an, und auch dieser geschah das gleiche. Darauf gelangte an Geistliche die Kunde, die kamen und erhoben die geweihte Hostie, und auf der Stelle, wo sie gefunden ward, wurde eine Kapelle erbaut. Der Dieb aber ward auf einer Kuhhaut zum Richtplatz geschleift.

Diese Sage wiederholt sich an vielen Orten, unter andern in Erfurt, so genau, daß es auch dort eine Martinskirche ist, aus welcher die Monstranz geraubt wird, nur sind dort der Diebe drei, die Hostie wird in ein Loch geworfen, und den einen der Diebe treibt Reue zur Offenbarung der Missetat.

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83. Vom Ursprung des Moselweins

83. Vom Ursprung des Moselweins

Es ist eine alte Sage, daß der herrliche Moselwein aus dem deutschen Franken stamme. Merowig, der Westfranken König, habe zwölftausend Bewohner des Mosellandes in das morgenländische Franken geführt und aus letzterem zwölftausend Einwohner in das Moselland versetzt. Diese östlichen Franken waren gute Wingersleute, entnahmen aus ihrem heimatlichen Boden edle Reben und pflanzten diese im neuen Vaterlande an, wo sie herrlich gediehen und liebliche Weine lieferten bis auf diesen Tag.

Die Mosel entspringt im Vogesengebirge im deutschen Sundgau aus zwei Hauptquellen, deren Flüsse sich bei Remiremont vereinigen, und durchfließt in den mannigfaltigsten Krümmungen das welsche Lothringen, dann begrüßt sie deutsche Gaue und rauscht altberühmten Städten vorüber.

Wie vom Frankenwein bis auf den heutigen Tag der Spruch geht und gilt: Frankenwein, Krankenwein, also daß selbst Kranken derselbe heilsam sei, so von seinem Sohne, dem Moselwein, dem Erben seines Ruhmes und seiner Tugenden, geht und gilt der lateinische Reim: Vinum Mosellanum fuit omni tempore sanum, das ist zu deutsch: Moselwein soll allzeit gesund gewesen sein.

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