849. Schweppermanns Eier und Grab

849. Schweppermanns Eier und Grab

Ohnweit Amberg in der bayrischen Oberpfalz, im Kloster Castel, ruht der fromme Schweppermann, der war Feldmarschall Kaiser Ludwigs des Bayern, tapfer und bewährt, und half ihm vornehmlich zum Siege wider seinen Gegenkönig, Friedrich den Schönen von Österreich. Da nun die Siegesschlacht geschlagen war, darin Friedrich der Schöne gefangen worden, so sprach der Sieger zu dem Besiegten: Seid gottwillkommen, Herr Vetter! Wir sehen Euch gerne – und behandelte ihn mild und gütig. Wie es nun an des Königs Tafel wenig zum besten war, denn die Kriegsgurgeln hatten allen Vorrat aufgezehrt, und gab nur Eier, und auch deren nur ein einziges mehr, als Personen an der Tafel saßen, so überzählte sie der Kaiser, nahm zwei Eier, legte diese auf Schweppermanns Teller und sprach:

Jedem ein Ei,
Dem frommen Schweppermann zwei.

Als nun Schweppermann gestorben und begraben war, da wurde ihm diese schöne Grabschrift gesetzt:

Hie liegt begraben Herr Seyfried Schwepperman
Alles thuns wandel an (makellos)
Ein Ritter keck vnde fest
Der czu Grundersdorf thät das best
Er ist nu tod
Dem genate got
Jedem eyn ey
Deme frommen Schwepperman zwey.

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850. Trausnitz

850. Trausnitz

Da Ludwig der Bayer den Österreicher Friedrich den Schönen in seine Macht und Gewalt gebracht hatte, so ließ er ihn nach der sichern Feste Trausnitz ob Landshut bringen, ihn da verwahrlich aufzubehalten. Wie nun Friedrich nach dem Namen des Schlosses fragte und selben erfuhr, erseufzete er und sprach: Ja wohl, truwes nit, trau’s nicht! Ich habe sein je nit getraut, daß ich sollte darein gebracht werden. – Zu Friedrichs Bruder, Herzog Leopold dem Ruhmreichen, trat bald darauf ein Zauberer, der erbot sich, mit des Teufels Beihülfe Friedrich zu befreien, und sandte auch wirklich einen Teufel auf die Trausnitz, den Gefangenen hinwegzuführen. Dieser stellte sich dem Könige in Pilgrimstracht vor Augen und erbot sich, ihn auf seinen Schultern von dannen zu tragen, wie Herzog Heinrich den Löwen über Meer. Da fragte der König Friedrich: Wer bist du? – Mußt du es wissen? fragte der Teufel zurück. Dich aus dem Kerkerschloß zu holen, kam ich her, nicht um deinen Fragen Rede zu stehn. – Da graute dem Könige, und schlug ein Kreuz, und der höllische Postmeister fuhr von dannen. Hernach hat Herzog Leopold dem König Ludwig mit Krieg also weh getan, daß er den Gefangenen doch entlassen mußte.

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851. Der Krötenberg

851. Der Krötenberg

Im Landgerichte Rottenburg, zwischen Landshut und Abensberg, liegt im Biebertale ein kleines Kirchdorf, Nordholz geheißen, und nahe dabei ein Berg, der eine Burgtrümmer trägt, allwo ein ritterliches Geschlecht gleichen Namens hauste. Mit diesem Berge hat es eine sondere Beschaffenheit; alljährlich im Maimond gebiert er – nicht Mäuse gleich dem kreisenden Berge des Sprüchworts, sondern eitel Kröten. Scharenweise wie aus einer Quelle schwulgern sie hervor und purzeln und patschen übereinander in Haufen den Berg hinab und rauschen und rascheln im Laub und Gesträuch. Drunten ist ein Weiher, da ziehen sich die Kröten hinein, und binnen drei Tagen ist der so voll, daß er überläuft, und da laufen die Kröten auch mit über und statten der nahen Mühle Besuch ab, verbreiten sich über Hof und Garten, in Stuben und Keller, Kammern und auf den Boden und machen das Haus fast unbewohnbar. Niemand weiß, woher der so plötzliche Zuspruch, item, die Kröten sind da, und niemand tut ihnen etwas, denn – das ist die Hauptsache – je mehr ihrer kommen, je willkommener sind sie, weil sie prophetische Tiere sind, nämlich Vorboten einer reichen Getreideernte, wenn sie in recht großer Zahl erscheinen, wie der Heerwurm auf dem Thüringer Walde. Nach drei Tagen verlieren sie sich, ohne daß man gewahrt, wo sie hinkommen; zurück in den Berg gehen sie nicht, derselbe hat aber von dieser seltsamen Naturerscheinung den Namen Krötenberg erhalten.

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852. Die Abensberger Schar

852. Die Abensberger Schar

Da Kaiser Heinrich II. zu Regensburg Hof hielt, stellte er ein Jagen an in den Forsten zwischen Regensburg und Abensberg und lud dazu die benachbarten Edeln, doch mit dem Gebot, es möchte ihrer keiner mehr denn nur einen Diener mitbringen, sintemalen es schien, als sei der Kaiser freigebiger gegen die Pfaffen gewesen als gegen die Jäger. Siehe, da nahete dem Hoflager im Walde von Avensberg her eine starke und stattliche Männerschar, alle in guter Jagdwehr und hoch zu Roß, und große Dienerschaft lief neben den Rossen. Wer nahet dorten mit so vielem Gefolge? fragte der Kaiser, und die Antwort lautete: Graf Babo ist’s, der Abensberger. – Da nun der Graf nahe herzuritt, sah ihn der Kaiser ungnädig an und fragte: Du hast wohl Unser Gebot nicht vernommen oder verstanden, daß du so viele Mäuler uns ins Lager führest? – Darauf sprang Graf Babo vom Roß und beugte seine Kniee vor dem Kaiser und sprach: Hoher Herr! Du hattest die Gnade, mir und meinen Söhnen zu erlauben, dem Jagen beizuwohnen. Jeder von uns kommt selbander nur mit einem Diener! – Das sind ja über sechzig Mannen! rief der Kaiser. – Ja, hoher Herr! Es sind unserer sechsundsechzig! erwiderte mit heiterer Miene Graf Babo. Und da traten zweiunddreißig Männer, Jünglinge und Knaben, die indes von ihren Rossen gestiegen waren, und knieten nieder, und Babo sprach: Siehe, hoher Herr, das sind alle meine lieben Söhne, die und noch acht Töchter habe ich mit zwei Frauen erzeugt in Gottes Hülfe und die Söhne erzogen zu deinem Dienst, und übergebe und widme sie dir mit Leib und Leben! – Das laß ich gelten! rief der Kaiser, sind das deine Söhne, ei, so sollen es auch meine Söhne sein. Einem ist die Natur freigebig, einem ist sie karg. – Und reichte einem jeden der zweiunddreißig die Hand, und dem Vater zu allererst, und verhieß ihnen Schlösser und Lehen, ihren gräflichen Stand wohl fortzuführen.

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853. Die heilige Stilla

853. Die heilige Stilla

Aus dem Geschlechte der Grafen von Abensberg ging eine fromme Maid hervor, deren Name war Stilla. Sie war die Tochter Wolfram II. Stilla erbaute eine Kapelle unfern Abensberg in die Ehre Sankt Peters und stiftete mit ihren Brüdern Rapoto und Konrad das Kloster Heilsbronn. Stilla gelobte dem Himmel ewige Keuschheit, besuchte täglich im Geleit ihrer Frauen ihren Andachtsort und hätte nichts lieber gehabt, als auch an dessen Stätte ein Kloster erstehen zu sehen. Sie teilte mit dem heiligen Sebald ganz ein und dasselbe Sehnen, da zu ruhen, wohin weiße Stiere ihren Leichnam ohne Führer ziehen würden. Diesen Ort bezeichnete auch bereits ein Handschuh, den Stilla in die Luft warf, aber nicht im Zorn wie die thüringische Sophia oder Alberade von Banz, sondern in lauterer frommer Zuversicht, und der Handschuh war, einer weißen Taube gleich, nach ihrer Kapelle zugeflogen und hatte auf diese sich niedergelassen. Da nun Stilla gestorben war, sollte sie in das Kloster gen Heilsbronn begraben werden, aber da taten die Dienerinnen deren letzten Willen kund, und so ward derselbe befolgt, und das weiße Stiergespann zog ihre Leiche ohne Lenker zu ihrer Kapelle hin. Danach ist auch ihr heißer Wunsch noch erfüllt und an deren Stätte ein Frauenkloster erbaut worden, welches den Namen Marienburg empfing. Rechts beim Eingang in die Klosterkirche erblickt man Stillas Grab, und geschahen allda viele Wunder, und wurde Stilla als Heilige vom Volke verehrt, gleichwie die preußische Dorothea, obschon kein Papst sie kanonisierte; aber Bischof Rainboto von Eichstätt hatte in der Peterskapelle ihr zu Ehren einen Altar errichtet und geweiht.

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854. Sankt Emmeran

854. Sankt Emmeran

Was der heilige Sebald für Nürnberg ward, hochverehrter Wundertäter, segenwirkender Schutzpatron und gefeierter Heiliger, das alles wurde Sankt Emmeran für die freie Reichs- und Reichstagstadt Regensburg, von der die Rede geht, daß sie so viele Kirchen und Kapellen gehabt als das Jahr Tage. Der heilige Emmeran oder Heimeran stammte aus Guienne und war Bischof von Poitiers. Aus Neigung, die Heiden zu bekehren, kam er nach Deutschland und nach Bayern. In diesem Lande hatte zwar der heilige Rupert bereits den Samen des Christentums ausgestreut, jedoch noch nicht an allen Orten, und Theodo V., der Bayerherzog, bat Sankt Emmeran, das gottselige Werk fortzusetzen. Herzog Theodo hatte eine schöne Tochter namens Utha, und Utha hatte einen Liebsten namens Siegebald, und der hatte den Namen mit der Tat, er hatte bald gesiegt, und zwar allzubald, und war darüber bei Utha großes Herzeleid, und wußte sich keines Rates, fürchtete vielmehr, daß der Zorn ihres Vaters und Bruders sie und ihren Geliebten töten würde. Da entdeckte sie sich dem heiligen Emmeran, und der fromme reine Mann war von so himmlischer Güte, daß er ihr den Rat gab, sie möge ihn als Täter nennen. Ob er nun glaubte, die Sache damit minder schlimm für Utha zu machen und der Rache zu entgehen, da er gerade im Begriff war, gen Rom zu reisen, oder ob er sich nach dem martervollsten Tode sehnte, weiß man nicht. Er reiste ab, und die geängstigte Utha befolgte seinen Rat. Zornentbrannt warf sich alsbald Landopert, ihr Bruder, mit einer Schar Mannen aufs Roß und setzte dem frommen Pilger nach, holte ihn auch bald genug zwischen dem Inn und der Isar beim Dorfe Helfenburg ein und schrie ihn spöttlich an: Ei guten Tag, Bischof! Ei guten Tag, Herr Schwager! – ließ alsbald Emmeran greifen, auf eine Leiter binden, ihm die Hände und Füße abhauen, die Nase und Ohren abschneiden, die Augen ausstechen und den verstümmelten noch lebenden Körper in die Sonne stellen. Als die grause Tat geschehen war, wurden zwei Männer sichtbar, welche eilig die abgelösten Gliedmaßen des heiligen Mannes sammelten und vor den Augen der Mordknechte verschwanden, und zu dem wahnbetörten Landopert trat Wolflet, ein Geistlicher, dem Emmeran alles vertraut und seinen Tod vorausgesagt hatte, und welcher, als die Mordtat geschah, nicht beihanden war, hätte sie auch schwerlich hemmen können. Nun freilich ward Landopert die übereilte grausame Tat von Herzen leid, war aber einmal geschehen, und wurde der Körper erhoben und gen Regensburg geführt, und da fuhr die Seele aus dem Munde des Gemordeten wie ein rosenroter Blitzstrahl und fuhr gen Himmel. An dem Orte des Mordes wölbte sich von selbst ein grüner Hügel, wie ein Grab, und geschahen daselbst unzählige Wunder. Der heilige Leichnam wurde zu Regensburg in St. Georgen beigesetzt, und Landopert erbaute zur Sühne und zur Buße seiner Untat das berühmte Stift St. Emmeran. Solches alles hat sich begeben im Jahre des Herrn 652, da noch die Agilolfinger in Bayern herrschten. Ob des heiligen Mannes schuldloser und blutiger Opfertod der Prinzessin Utha zugute gekommen, meldet die Sage nicht, aber der Stadt Regensburg ist dieser Tod zu hohem Glück gediehen bis zur Zeit, da in Kostnitz das Konzil war und der Huß verbrannt wurde. Da sind in Regensburg zwei Geistliche gewesen, die haben es laut gesagt, daß dem Huß zu viel geschehen sei. Da wurden diese beiden ergriffen und ihnen auch gleichwie dem Huß getan, und ward damals der Ketzerturm erbaut. Von dieser Zeit an, erging die Sage, habe man bemerken wollen, daß sich das Glück dieser Stadt gar merklich verkehrt und ins Abnehmen gekommen.

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846. Die Teufelssäulen

846. Die Teufelssäulen

Zu Nürnberg in der alten Kaiserburg ist eine Kapelle, die ruht auf vier Säulen, eine davon ist, weil sie gebrochen, in der Mitte mit einem eisernen Reif umschlossen. Oben am Gewölbe aber schaut ein Pfaffengesicht herab, das ist der Kopf des ersten Kapellans an dieser Burgkirche, der ging mit dem Teufel eine Wette ein, oder umgekehrt der Teufel mit ihm, daß er, bevor das Pfäfflein, das sehr hurtig Messe lesen konnte, eine Messe läse, vier Säulen aus Rom herbeibringen wolle, eine nach der andern. Vermöge der Teufel solches, so solle des Pfaffen Seele sein eigen sein, vermöge er es nicht, so sollten die schönen Säulen aus einem antiken Heidentempel die christliche Kapelle stützen und schmücken. Der Teufel fuhr ab, und der Kapellan begann seine Messe; da ging es fast wie beim Puppenspiel, wenn Fausts Diener die Furien beschwört: perlicko – perlocko! – Im Hui war der Teufel fort, und im Hui war er wieder da und brachte die erste Säule. Als der Pfaffe an das Credo kam, war schon die zweite Säule da, und beim Evangelium die dritte – jetzt hieß es hurtig und geschwind. Ite! missa est! scholl dem Teufel entgegen, als er mit der vierten Säule anrasaunt kam, da warf der Teufel die Säule hin, daß sie mit einem Donnerkrach in zwei Stücke zersprang, und fuhr erhitzt von dannen, denn er kochte von Anstrengung und nun vor Ärger, und stürzte sich in den Dutzendteich, wo die Druden-Eila haust und spukt. Um die zerborstene Säule aber ward der eiserne Reif gelegt, und alle viere schmückten nun die alte Burgkapelle. Sie sind von weißem Marmelstein und gar schön. Des schnellen Messelesers steinern Haupt blickt sie noch immer mit stillem Vergnügen an.

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847. Hausgeister zu Nürnberg

847. Hausgeister zu Nürnberg

Zu Nürnberg hat es von je allerlei Merkwürdiges gegeben, auch Hausgeister und Alraune fehlten nicht, und da neben dem Hausgeist der Handelsgeist in dieser ehrwürdigen Reichsstadt besonders mächtig war, ist es vorgekommen, daß heimlich Handel getrieben ward mit leibhaften Alraunen und Spiritus familiares. Ein altes Handelshaus hatte sie unter dem Namen Heckewurm und hielt sie hoch im Preise, eine bis zwei Pistolen das Stück, und es gab in der Tat gläubige Narren, die davon kauften.

Eine Goldschmiedsfrau hatte einen Spiritus familiaris. Einst sprach er zu ihr: Frau, ein Sandkörnchen hat Euer Leben behütet! – Dieser Geist warnte sie vor Gefahren, betete mit ihr und sang mit ihr schöne Lieder und Psalmen und war ihr gut und nütze. Da überkam sie der leidige Frauentrieb, die schlimme Neugier, sie wollte den Geist durchaus sehen, wie jene Köchin den Hinzelmann. Vergebens warnte sie der Geist und sagte ihr, sie werde es bereuen. Sie drang immer heftiger in ihn – und da sie nun in ihre Kammer trat, so sah sie an der Mauer einen Schatten gleiten, anzusehen wie ein todbleiches Kind in weißem Totenhemdchen, eine Sanduhr in der Hand haltend, deren Sand fast verronnen war, und auf sotanes oberes Glas deutend und schnell verschwindend. Die Frau entsetzte sich, fiel alsbald in schwere Krankheit, ihr Lebenssand verrann, und ihr Geist entfloh.

So war auch einer zu Nürnberg, der konnte die Geister beschwören, aber so, daß auch wirklich welche kamen. Er machte aber dazu sondere Zeremonien, deckte ein Tischlein, setzte Milchschüsselchen darauf, neue Messerchen und Tellerchen und Jungfernhonig, riß einer schwarzen Henne den Kopf ab, ließ Blut auf die Speise träufeln und nahm noch allerlei sonstiges seltsames Gebaren vor. Dies tat er im Freien auf einem heimlichen Plan, und dann barg er sich hinter einen Baum, und da kamen zwei Erdmännlein, setzten sich an den Tisch, speiseten und beantworteten die Fragen, die Paul Cruz, so hieß der Mann, an sie tat. Selbst den König dieser Geisterlein brachte er ans Licht, der kam ganz allein, trug ein rotes Scharlachmäntelein, warf ein Buch auf den Tisch und ließ den Geisterbanner darinnen lesen, der schöpfte daraus große Weisheit und seltsame Geschehnisse. Ob er aber auch das Geheimnis, selig zu sterben, darinnen funden, ist Gott allein bekannt.

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848. Nürnberger Wahrzeichen

848. Nürnberger Wahrzeichen

Zu Nürnberg befindet sich ein Ochs, der nie ein Kalb war, das ward sonst für eine große Rarität erachtet und galt als der Stadt absonderliches Wahrzeichen. Ein Kälbchen ist ein g’spaßig’s Tierlein; heutzutage brüllen, brummeln und bummeln nicht allein zu Nürnberg, sondern allenden Geschöpfe umher, die niemals Kälber waren, sondern gleich von vornherein nicht norische, sondern notorische Ochsen sind. Der Nürnberger Wahrzeichenochs ist zu finden, wenn man über die Fleischbrücke geht, er ist von Stein, wiegt neunundzwanzig und dreiviertel Zentner und liegt über dem Portal zur Metzig. Die Fleischbrücke ist in einem Bogen gespannt und wurde vom Architekten des Eskurials aus seiner Reise nach Wien als das trefflichste Werk einer Brücke solcher Art gepriesen. Auf besagten Ochsen sind viele Verse und Reime gemacht worden, und hat mancher Poet an ihm sein Ingenium geübt, wie das in frühern Zeiten Brauch war, dem Rindvieh zu schmeicheln, es zu verehren, ja in gewissen Fällen anzubeten, wie schon die Heilige Schrift dartut in der Geschichte vom goldnen Kalbe.

Die alte werte Reichsstadt Nürnberg hat der Wahrzeichen noch andere und viele und der Sagen so mannigfaltige, daß sie allein ein mäßig Buch füllen würden. So, um nur ein Wahrzeichen noch zu nennen, der Stein am berühmten St. Johanniskirchhof, welcher kündete, wie ein Familienvater mit dreizehn der Seinen an einem Tage gestorben.

Ist das nit ein senlich vnde jammerliche klag,
Ich starb vs mynem hus selp dryzehend vf einen tag
1827.

Hier tritt abermals die mythische fränkische Vierzehntzahl, wie bei Eppela von Gailing, dem Nürnberger Feind, und den vierzehn Heiligen, vor Augen.

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841. Die Waldjungfrauen

841. Die Waldjungfrauen

In der Nähe des Städtchens Baiersdorf zwischen Erlangen und Forchheim liegt ein Wald und in dem Wald ein Quell, aus diesem kamen, so erzählen alte Leute, zum öftern Jungfrauen in die Stadt von holdseliger Gestalt und Gebärde. Sie wohnten den Tänzen der Jugend bei und erfreuten auch mit süßem Gesang die Zuhörer. Da traf sich’s wohl bisweilen, daß eines Jünglings Herz in Liebe kam gegen diese zarten Mädchen, und daß er ihnen nachfolgte, wenn sie zum Wald zurückgingen. Oder es trieb auch manchen die Neugier hinaus in den Wald, zu erspähen, in welchem Schloß oder Haus diese Huldinnen wohnten, doch hat es keinem Glück gebracht, der ihren Spuren folgte. Die Liebenden kehrten meist in sich gekehrt und tiefsinnig zurück; einer sprach, ein anderer lachte nie mehr, ein dritter fiel in schwere Krankheit des Gemüts, daran er starb. Die Neugierigen wurden geschreckt durch häßliche Waldgespenste und empfingen zum Teil allen Übeln Lohn des Vorwitzes. Daher wurde es bald im Volke üblich, die Kinder zu warnen, zumal abends, nicht in den Wald zu gehen oder im Walde einer Jungfrauenerscheinung nachzuwandeln, weil es Unglück bringe. Heutzutage sieht man die Waldjungfrauen nicht mehr und hört nichts mehr von ihnen.

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