792. Riesenpflugschar

792. Riesenpflugschar

Im Schloßhofe zu Aschaffenburg hängt eine ungeheuer große Pflugschar offen da und auch eine großmächtige Rippe, welche für die Rippe eines Riesen gilt. Eine dunkle Sage, welche durch moderne Dichtungen nicht hell gemacht ist, läßt einen Riesen mit dieser Schar dem Main, der früher vom Nilkheimer Hof hinter dem schönen Busch vorbei gerade nach dem Dorfe Main =Aschaff floß, ein neues Bette in großer Krümmung pflügen, damit er an Aschaffenburg vorüberfließe, allwo Kaiser Karl der Große eine Burg gehabt haben soll. Aber dadurch, daß die Stadt die Zier eines vorüberfließenden mäßigen Stromes gewann, hatte ein Dorf in der Stadtnähe durch Überflutung gar oft zu leiden, und die Bewohner sprachen: Leider ist der Main zu uns geleitet – und davon hat es den Namen Leider überkommen, den es bis diese Stunde führt. Aschaffenburg hieß in alten Zeiten Asciburgum, und war daselbst, wie auch im nahen Stockstadt, eine Römerkolonie. Zahlreiche Reste römischen Altertums wurden dort, vornehmlich in Stockstadt, ausgegraben. Der Riese, der im nahen Walde hauste, soll nicht im Kampfe gefallen, sondern von wilden Tieren zerrissen worden sein, und ward nichts weiter von ihm aufgefunden als eine Rippe von ihm und seine Pflugschar.

Beim Nilkheimer Hofe soll Bonifazius dem Volke des Bachgaues, so war jene Gegend benannt, die Christuslehre gepredigt und dort ein Kirchlein begründet haben, das die Mutterkirche aller andern des Gaues ward. Nicht weit vom Nilkheimer Hof liegt das Pfarrkirchdorf Groß-Ostheim. Mitten im Großostheimer Walde zeigt man den Hexenkirchhof, den Ort, allwo die Hexen der ganzen Umgegend, deren es nicht wenige gab, verbrannt wurden; es herrscht in derselben auch noch der Glaube an nächtliche Bockreiter, nicht minder der an Butter und Fleisch zuführende Drachen, an Feuermänner, Heerwische, und am Gernspringbach, der durch Stockstadt fließend in den Main fällt, zeigen sich gespenstige Reiter und halten ein Schlagen in den Lüften, während ein schwarzer Reiter ohne Kopf die Grenze umreitet. Zu Stockstadt hat man im Jahre 1842 gar ein wildes Getöse in den Lüften gehört, wie ein glaubhafter Mann versicherte, es war im Monat April, und kam vom Rodenstein herüber, der nur sechs Stunden von dort entfernt liegt. Das Sausen und Brausen des nächtlichen Heerzuges in den Lüften zog sich über den nahen Odenwald und verlor sich in den waldigen Höhen des Spessart.

In Stockstadt hat auch lange Zeit ein Mautner gespukt, genannt Starhart der böse Zöllner oder auch der schwarze Mann im Zollhaus. Als 1812 ein Brunnen aufgegraben ward, hörte er auf zu rumoren.

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793. Heunsäulen und Heunaltar

793. Heunsäulen und Heunaltar

In der Grafschaft Erbach liegt eine Heun- oder Riesensäule, und zwar auf dem Felsberge ohnweit Reichenbach; sie ist von graugrünlichem Granit und über einunddreißig Schuh lang. Früher war sie noch um elf Fuß länger, aber ein Stück sprang ab und liegt im Dorfe Bedenkirche. Viel Spuren alter Römerbauten werden in dieser Gegend angetroffen, so das Kestrich ( Castrum) bei Stockstadt, die gepflasterte Heerstraße bei Mudau von Oberscheidenthal nach Schloßau, wo auch ein Castrum, dann liegen nahe beim Dorfe Bullau auf dem Heunberge ohnweit Miltenberg a.M. sieben Heunsäulen beieinander und weiterhin rief versteckt noch zwei. Daran sind noch die Handgriffe, wie die Riesen sie herumgedreht bei der Bearbeitung, und wollten sie brauchen, eine Brücke über den Main zu bauen. Die Säulen bestehen aus rotem Sandstein, sind hier gebrochen, ordentlich behauen und mit Handhaben zum Wegschaffen versehen. Die größte der Säulen hat siebenundzwanzig Fuß Länge und mißt am Fuße dreieinhalb, am oberen Ende zwei Fuß im Durchmesser. Die andern sind fünfundzwanzig, vierundzwanzig und zwanzig Fuß lang. Vier davon sind mit Schriftcharakteren bezeichnet, welche indes weder mit nordischen oder deutschen noch sonst bekannten Runen auch nur die geringste Ähnlichkeit haben. Die größte hat eine ziemlich regelmäßige Reihe derselben; bei den andern ist weniger Ordnung sichtbar. Die Gelehrten können diese Schriften so wenig lesen wie die Heilsberger Steinschrift, die Riesen haben aber auch nicht für die Zwerge geschrieben.

Wandelt einer von dem Dorfe Großheubach am Main, zur Linken des Engelberges, eine halbe Stunde den Rücken des Baulandes hinauf und nach der Seite zu, welche bei der Krümmung des Mains über diesen hinweg einzelne Dörfer und auch Miltenberg erblicken läßt, so gelangt er zu einem Meer von Felsstücken und von dort zu einem freien Platz, auf welchem hie und da große Felsmassen zerstreut liegen. Unter diesen zeichnen sich besonders zwei übereinanderliegende große Stücke aus, die bei einem Umfang von ungefähr dreißig Fuß sicher vierzehn Fuß Höhe messen und den Namen des Heunenaltars führen. Ob die Heunen gebetet haben, können wir freilich so eigentlich nicht wissen, doch formte und türmte ihre übermenschliche Kraft wohl nicht vergebens Säulen und Altäre.

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794. Amorbach

794. Amorbach

In einer Gegend, wo die Römerzeit so viele Spuren hinterließ, würde es kaum befremden, wenn der Name eines Gottes der antiken Mythe in deutscher Sage begegnete, und niemand würde schneller bereit gewesen sein, dem Herzenbewältiger Amor hier ein frühes Heiligtum zuzuweisen, als jene überklugen Diftler, die den Remus in die Altmark auswandern und dort begraben, der Isis im märkischen Sande Tempel gründen lassen und darüber, ob dergleichen nur möglich, in ihrem archäologischen Gemüte völlig beruhigt sind. Sie würden aber hier mit dem Amor geradeso fehl schießen wie mit der Isis in Gardelegen und dem Sol in Soliswelte, heute Salzwedel, allwo, zu Salzwedel, auch Doktor Faust geboren worden sein soll – denn das gemeine Sprüchwort sagt: Trifft’s nicht, so fehlt’s doch.

Es war ein Abt, der hieß Amor – als welches für einen Abt gar ein hübscher Name – und zwar der erste der Abtei, welcher er seinen Namen verlieh; das ist aber schon lange her, denn die Sage geht, daß schon im Jahre des Herrn 734 sotaner Amor gelebt, und daß Karl Martell und Pipin unter Zurateziehung eines Jüngers des heiligen Maurus namens Pirmin diese Abtei begründet, zu der ein Graf Richard von Berg den Grund und Boden gab. Nahebei liegt auch ein Gehöft, heißt Amorsbrunn; allda soll sich Amor bisweilen sehen lassen.

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787. Das Herrenbild

787. Das Herrenbild

Lange bevor der Erbauer des Jagdschlosses zu Hessenthal daselbst eine Kapelle baute, stand ein Kapellchen über dem Ort auf einem Berge. Hessenthal hat seinen Namen nicht von Hessen, es hieß ursprünglich Häslenthal von den vielen Haselnußbäumen (Häslen), die dort wachsen. Das bezeugt noch ein gar nicht alter Bildstock auf der Hohenwart, einem Waldberge über Aschaffenburg, über den auch der wilde Jäger zieht, und wo feurige Männer spuken. Da könnte einer auch schreien: Halbpart auf der Hohenwart – wie jener Wanderer im Valleidatale bei Saalfeld, und würd‘ ihm am Ende auch ein Hinterviertel von einem verruchten Wild zufliegen. Hans Spatz aber, der einstmals nachts darüberging, die wilde Jagd brausen hörte und feurige Männer sich miteinander schlagen sah, daß die Funken umherstoben, und sah Raben mit tollem Kreischen eine Schlacht aufführen, schrie nicht also, sondern gelobte zitternd und bebend einen Bildstock für die heile Haut, die er gar zu gerne heimtragen mochte. Und die lieben Gottesheiligen schützten ihn, daß er heil heimkam, und er ließ dankbar den Bildstock aufrichten und seinen Namen hineinmeißeln: Hans Hénrich Spatz von Heslendahl 1745.

Von Hessenthal führte früher die alte Straße nach Oberbessenbach durch tiefen öden Wald. Ein Postknecht ritt seine Pferde von Aschaffenburg nach der Station zurück, es war Nacht, und er schlief. Da standen plötzlich die Pferde, aus dem nahen Busche drang ein Ruf, und lichter Schimmer leuchtete dort, woher die wundersame Stimme drang. Der Postknecht stieg ab, ging mutig auf die Stelle zu und fand tief im Buschwerk vernachlässigt, moosüberwachsen und altergrau ein Muttergottesbild aus Holz. Treulich erhob er dasselbe, säuberte es, trug es heraus und stellte es auf einen Steinhaufen am Wege, denn es mitzunehmen, dazu war es zu schwer. Es dauerte nicht lange, so taten sich einige fromme Herren zusammen und erbauten dem Bilde eine kleine Kapelle, und das Bild tat Wunder, und die Hessenthaler gingen hinauf und beteten dort. Da nun die Echter in Hessenthal die Kapelle erbauten, zogen die Bewohner hinauf und trugen das Gnadenbild herab in die neue geweihte Kapelle. Allein das Herrenbild – so ward und wird es noch genannt – machte es wie jenes auf der Milseburg im Rhöngebirge und jenes am Räti und kehrte wieder an seinen Ort zurück. Dreimal holten die Hessenthaler das Bild in ihre neue, schöne Kapelle, und an jedem Morgen stand es wieder droben in dem alten einfachen Kapellchen. Da gelobten die Hessenthaler, wenn das Bild bei ihnen bleiben wollte, so wollten sie es alljährlich auf den Pfingstmontag in feierlicher Prozession hinauf auf den Berg tragen. Diesen Akkord hat hernach das Bild eingegangen, und geschieht noch also.

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788. Die Garnkocherin

788. Die Garnkocherin

Zu Hessenthal, das so recht mitten im Schoß des Spessart liegt, steht in einer großen offnen kapellenartigen Halle das Bildwerk einer Kreuzigung mit reicher Gruppierung auf einem dreißig Fuß langen und neun Fuß hohen Piedestal. In der Mitte desselben, unter dem mittleren Kreuze, ist an der Vorderseite eine eingehauene zweikantige Vertiefung in den Stein. Hält man nun hier den Kopf hinein, so vernimmt man ein Brausen, ähnlich dem Strudeln kochenden Wassers. Hierüber geht diese Sage. Es standen früher an diesem Platze zwei Hütten. Die Bewohnerin einer derselben kochte am Pfingstmontage, wo man das Marienbild in Prozession zum Berge trug, Garn, um es zu bleichen. Ihre Nachbarsfrau, die es sah, sagte zu ihr: Was! Du kochst heute am Pfingstmontag Garn? – Allein jene gab ihr zur Antwort: Pfingstmontag hin, Pfingstmontag her, mein Garn muß gekocht sein. – Und alsbald sank sie unter furchtbarem Getöse samt ihrer Hütte unter die Erde. Seitdem vernimmt man nun hier das brodelnde und strudelnde Getöse, das an Pfingstmontagen immer stärker ist als an andern Tagen, und hört aus der Tiefe ein jammerndes Ächzen. Aber die Höhlung hat die wunderbare Eigenschaft, Schwerhörige, die hineinhorchen, von ihrer Taubheit zu heilen.

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77. Taube zeigt den Tod an

77. Taube zeigt den Tod an

Zu Armsheim auf dem Kirchhof steht ein Grabstein, darauf ist ein Pflug, auf dem eine Taube sitzt, eingehauen. Vor vielen Jahren hat dort ein junges Ehepaar gelebt, und die Frau hatte eine zahme Taube, die war ihr Liebling und nahm ihr aus dem Munde, was sie der Taube darbot. Die junge Frau war in guter Hoffnung, und eines Frühlingsmorgens befiel sie ein Bangen, als eben ihr Mann hinaus an den Acker gehen wollte zur Saat, denn es war Säezeit und der Morgen windstill und heiter. Aber die Frau bat gar herzlich ihren Mann: Bleibe bei mir! – Doch er entschuldigte sich mit seiner Arbeit Dringlichkeit und verhieß sich zu eilen und baldige Heimkehr. – Er hatte aber den Samen noch nicht zur Hälfte ausgestreut, da kam die Lieblingstaube seiner Frau geflogen, und flatterte umher, und setzte sich auf den Pflug, der auf dem Acker stand, und sah den Sämann an, und schlug mit den Flügeln. Und da er nicht abließ von seiner Arbeit, so flog ihm die Taube gegen die Brust und pickte ihn in das Kinn, und da gedachte er an seine Frau und eilte heim. Da fand er seine junge schöne Frau tot im Bette, denn sie hatte ohne Hülfe geboren, und zwei lebende gesunde Kinder lagen in ihren Armen. Es war niemand da gewesen, den sie nach Hülfe senden konnte, und er hatte ihre zarte Bitte nicht verstanden. Und war die treue Taube nicht, so wären auch die Kindlein Todes verblichen. Der Mann trauerte, solange er lebte, freite nie wieder und zog die Zwillinge mit Liebe auf. Auf der Gattin Grab ließ er das Bild der Taube meißeln und betete oft um Mitternacht auf dem Grabe seiner Entschlafenen.

Mehr andere Sagen gehen von Tauben, deren eine einen Schatz angezeigt, die andere den Feind abgehalten, eine Stadt zu beschießen.

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779. Die Ritter des Ebersberges

779. Die Ritter des Ebersberges

An einer Abdachung des Ebersberges im Rhöngebirge ist ein kleiner Moorfleck; aus diesem kommen, vornehmlich zur Adventszeit und in den zwölf Nächten, große gespenstige Feuermänner mit Wehr und Waffen, die so heftig miteinander kämpfen, daß man in den nahen Höfen, welche am Fuß des Berges liegen, deutlich das Schwertgeklirr vernimmt. Dieser Kampf dauert vom Einbruch der Nacht bis tief in dieselbe, ja oft bis zur Morgendämmerung und bis zum Hahnenschrei. Gewöhnlich ziehen sich die streitenden Flammengestalten allmählich bis zur Ruine Ebersberg und den zerfallenen Türmen hinauf, wo sie endlich, immer heftiger fechtend, in dem einen offenstehenden Turme mit fürchterlichem Geprassel verschwinden. Die Umwohner sagen, daß es die noch unerlösten Geister der in wilden Kämpfen um die Burg und bei deren Verteidigung erschlagenen und gefallenen Ritter seien.

Von der Ebersburg, im Volke insgemein nur Eberszwackel geheißen, wäre viel zu schreiben, von den Fehden ihrer Ritter mit den fuldaischen Äbten, von ihrem unterirdischen Gange bis herab nach Weihers und von ihren vergrabenen Schätzen.

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780. Der verlorene Schleier

780. Der verlorene Schleier

Fast völlig gleichlautend mit der Schleiersage von der Gründung des berühmten Klosters Neuburg in Österreich barg sich deren Wiederholung in eine stille enge Talrinne der südlichen Rhöngebirgsabdachung. Darinne stand vormals ein Nonnenkloster, davon bis auf die Kirche jede Spur von der Zeit hinweggetilgt worden ist.

Eines Tages lustwandelten Herr Otto und Frau Beatrix, Graf und Gräfin von Henneberg, sie eine geborene Gräfin von Courtenay, Fürstin von Tiberias und Gräfin zu Edessa, die ihr Gemahl im Morgenlande sich erworben, auf ihrer Burg Botenlauben dicht über Kissingen. Da erhob sich ein starker Wind, welcher den Schleier der Gräfin von ihrem Haupte riß und denselben hoch in die Lüfte entführte. Da sie diesen Schleier hoch und wert hielt, so tat sie ein Gelübde, an der Stelle, wo er sich wiederfinden würde, ein Kloster zu erbauen, welchen frommen Vorsatz ihr Gemahl gern bestätigte. Es wurden nun talaufwärts, wohin der Schleier seinen Flug genommen, Boten ausgesandt, doch fanden diese den Schleier nicht, wohl aber fanden ihn nach drei Tagen einige Frauen in dem Tale, das von Burkardrode nach Waldaschach sich herabzieht, hängend auf einem blühenden Rosenstrauch. Als der Graf und die Gräfin davon Nachricht erhalten, begaben sie sich alsbald selbst an Ort und Stelle und legten bald darauf zu dem Kloster den Grund, das sie Unser Frauen Rod nannten, auf Latein: Novale sanctae Mariae. Beide Gatten begabten das Kloster sehr reichlich, und als sie nach einem gottseligen Leben starben, erst der Graf, dann später die Gräfin, sind beide im Kloster vor dem Altar begraben, und es sind ihnen steinerne Denkmäler errichtet worden, die noch heute in der Kirche zu sehen sind. Hierauf wurde ihr Sohn, auch Otto geheißen, welcher erst eine Dynastentochter des Geschlechts von Hiltenburg geheiratet, dann aber von ihr sich mit ihrer Bewilligung geschieden hatte, um sich ganz dem gottseligen Leben zu weihen, der Klosterfrauen zu Frauenrode Provisor. Nachdem das Kloster, welches lange Zeit sich im besten Flor befand, und in dessen Kirche sogar mehrere Hennebergische Grafen, die es mit Schenkungen bedacht, sich begraben ließen, in Verfall geraten, ist es endlich bis auf die Kirche ganz von der Erde verschwunden. Die Gebeine der Gründer aber sind nachmals wieder ausgegraben worden und in zwei Glaskästen auf dem Altar aufgestellt, während ein dritter Glaskasten, zwischen beiden, den Schleier enthält, welcher zur Gründung des Klosters den ersten Anlaß gegeben.

Bei der alten Klosterstätte zu Frauenrode ist es der Sage nach nicht geheuer. Lodernde Feuer oder bläuliche Flämmchen werden in gewissen Nächten brennend auf dem Kirchhof oder in der Nähe der Klosterkirche erblickt, welche einen großen dort vergrabenen Schatz anzeigen. Nicht weit von der Kirche erhebt sich ein Hügel, auf welchem vor langen Zeiten erst eine Burg, dann ein Teil des Klostergebäudes gestanden. Von dort führt ein bedeckter Gang nach der Kirche, über welchen die Nonnen schritten, wenn sie auf dem Chor sich versammelten, die Horas zu singen. Man sieht noch überm Portal die vermauerte Öffnung. Alljährlich in gewissen heiligen Nächten erblickt man diesen Gang durch die Luft und den Zug gespenstiger Nonnen und sieht die Kirche erleuchtet, doch ist es nicht gut, lange hinzusehen, noch viel weniger, die Kirche dann zu betreten, denn in dieser halten die Geister Mette, und es knieen vor dem Altar die Gestalten des Stifters und der Stifterin und hinter ihnen alle, die in der Kirche begraben wurden; von dem Haupte Beatricens weht der weiße Schleier, und auf Ottos Haupte rauschen die Blätter eines welken Kranzes geisterhaft im Hauche der Nacht. Nach der Mette ziehen die Nonnen alle still zurück und schwinden in Nebel, wie sie dem Hügel sich nähern.

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781. Jud Schwed

781. Jud Schwed

Am Rathaus der Stadt Kissingen schaut oben ein bärtiger Mannskopf, der sich in den Haaren rauft, als ein Wahrzeichen herab. Das nennen die Einwohner den Jud Schwed und erzählen davon folgende Sage. Im Dreißigjährigen Kriege, als die Schweden diese ganze Gegend heimsuchten, wurde auch Kissingen von ihnen belagert und hart bedroht. Doch widerstand die Stadt tapfer und wäre vielleicht nicht erobert worden, wenn nicht ein Jude an ihr zum Verräter geworden wäre. Dieser wußte einen unbewachten Ausgang durch die Mauer und führte die Feinde dort ein. Doch empfing er seinen Lohn, und zum Andenken wurde sein Bild, wie er sich aus Reue die Haare ausrauft, am Rathaus befestigt. Hernach kam es auch, daß man ihn und die Seinen nicht mehr bei ihrem wahren Namen, welcher der Vergessenheit überliefert wurde, rief, sondern Schwed, zur ewigen Erinnerung; und diese blieb auch, denn noch heute leben Nachkommen von ihm zu Kissingen, welche den Namen Schwed führen.

Eine andere Sage von diesem Juden kündet aber gerade das Gegenteil des Vorstehenden. Nach dieser goß der Jude für die Bürger Kugeln, welche die geheimnisvolle Eigenschaft hatten, unfehlbar zu treffen, und den Schweden so tödlich wurden, daß sie abziehen mußten. Darauf wurde des Juden Kopf als Erinnerungszeichen dankbar am Rathaus angebracht.

Ein anderer steinerner Kopf am Kissinger Rathaus ist, wie die Sage will, dem Andenken eines Bürgers namens Peter Heil gewidmet. Es war eben auch im Schwedenkriege, und zwar im Jahr 1643. Die Schweden hatten bereits die ganze Gegend von ihrem Lager über Bischofsheim aus verheert und geplündert und drohten nun unter ihrem Führer Reichwald auch der Stadt Kissingen mit einem heimlichen Überfall, der an einem Jahrmarkt geschehen sollte. Der Feind barg sich in dem nordöstlichen Bergwalde, wo ihn jedoch einige Krämer entdeckten und den Kissingern die nahe Gefahr anzeigten. So kam es, daß der Feind tapfern Widerstand fand, der nun aber die Stadt mehrere Tage lang beschoß und sie durch einen Sturm zu gewinnen suchte. Kaum vermochten die kampfesmüden Einwohner dem immer heftiger andringenden Feind Widerstand zu leisten, als Peter Heil den Rat gab, die zahlreichen Bienenkörbe, welche die Bürger besaßen, von der Mauer hinab auf den anstürmenden Feind zu stürzen. Dies geschah, und die Bienen, so gestört, fielen voll Grimm auf die Feinde und stachen manchen derselben bis zum Tode. Da ward schleuniger Rückzug anbefohlen, und die Stadt war gerettet, dem Peter Heil aber, dessen Rat ihr zum Heil geworden, setzten sie das verewigende Denkmal.

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782. Liebfrauensee

782. Liebfrauensee

Neben der romantisch gelegenen Kapelle bei Kissingen liegt ein tiefer See, Liebfrauensee, dessen Abfluß treibt eine starke Mühle. Manche wunderbare Mär erzählen sich von diesem See die Umwohner, ganz auf ähnliche Weise, wie die Sagen von dem berufenen Frickenhäuser See ohnweit Mellrichstadt. Er soll in seiner Grube Verbindung haben mit weitentlegenen mächtigen Gewässern, und ein ungeheuer großer Fisch sei einst darin gefangen worden. Einem liebenden Jüngling, der aus Gram und Verzweiflung, daß er sein geliebtes Mädchen nicht sein nennen sollte, sich einst in diesen See stürzen wollte, erschien warnend und in Verklärung über dem Wasser schwebend Unsre liebe Frau, so daß er zurückschrak und allenthalben die Erscheinung verkündete. Darauf wurde die Erkorne sein, und der See erhielt den schönen bedeutungsvollen Namen.

Aber es geht auch von ihm die Sage, daß er dereinst der ganzen Gegend in einem Umkreise von vier Meilen verderblich werden werde, dann werde er ausbrechen und sich ergießen und alles Land überschwemmen, weil er mit unermeßlichen Wasserbecken verbunden ist.

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