Drittes Kapitel.


Drittes Kapitel.

In welchem sich Mr. Dombey als Mann und Vater an der Spitze seines Hauswesens zeigt.

Das Begräbnis der verstorbenen Frau war vorüber – zur völligen Zufriedenheit des Bestatters sowohl, als auch der Nachbarschaft im allgemeinen, die in derartigen Punkten sehr eigen ist und gar gerne an jedem Unterlassungs- oder Verkürzungsfall der Feierlichkeiten Anstoß nimmt; die verschiedenen Glieder von Mr. Dombeys Hauswesen konnten also ihre Plätze wieder einnehmen. Eine solche kleine Welt ist, ebenso wie die große draußen, geeignet, ihre Toten sternchenland.com gar bald zu vergessen, und nachdem die Köchin die Selige für eine gute Dame erklärt, die Haushälterin ihre Meinung dahin abgegeben, daß Sterben das gemeinsame Los sei, der Kellermeister sich gewundert und gefragt, wer das auch gedacht hätte, die Hausmagd erklärt, daß sie es kaum glauben könne, und der Diener gesagt hatte, der Vorfall komme ihm wie ein Traum vor, war der Gegenstand für sie einstweilen erledigt, und sie dachten daran, daß die Trauer zuletzt langweilig werden würde.

Für Richards, die wie eine ehrenwerte Gefangene eine Treppe hoch einquartiert worden war, begann der nächste Morgen kalt und grau. Mr. Dombeys großes Haus stand auf der Schattenseite einer langen, düsteren, traurig vornehmen Straße in der Gegend zwischen Portland-Place und Bryanstone-Square. Es war ein Eckhaus, hatte große weite Höfe, Keller mit vergitterten Fenstern und schielte einen durch schiefäugige Türen an, die zu Staubbehältern führten. Es war ein unheimliches, mit einer halbkreisförmigen Hinterseite versehenes Haus, und die Besuchzimmer gingen auf einen Kieshof hinaus, wo zwei hagere Bäume mit geschwärzten Stämmen und Zweigen standen, deren vom Rauch ausgetrocknete Blätter eher rasselten als rauschten. Die Mittagssonne sandte ihre Strahlen nie in diese Straße, sondern kam nur morgens um die Frühstückszeit mit den Wasserkarren, den Kleidertrödlern, den Blumenverkäufern, den Schirmflickern und dem Mann, der während seiner Wanderung die Schwarzwälderuhr schlagen ließ, war aber bald wieder verschwunden, um sich an diesem Tage nicht mehr blicken zu lassen. Die Musikbanden und die Puppenspieler zogen ihr nach, um den Platz den unheimlichen Drehorgeln und den weißen Mäusen, hin und wieder auch zur Abwechslung einem Stachelschweine als Beute zu überlassen, bis die Diener, deren Familien auswärts speisten, im Zwielicht unter die Haustüren traten und der Laternenanzünder jeden Abend einen vergeblichen Versuch machte, die Straßen durch Gaslicht zu erhellen.

Innen war das Haus ebenso öde wie außen. Nachdem das Begräbnis vorüber war, erteilte Mr. Dombey Befehl, alle Möbel zu verhüllen – vielleicht, um sie für den Sohn, an den sich alle seine Pläne knüpften, aufzubewahren – und aus den Zimmern, mit Ausnahme derjenigen, die er im Erdgeschoß selbst bewohnen wollte, alle Ziergegenstände zu entfernen. Tische und Stühle, die mitten im Zimmer einfach zusammengehäuft und mit großen Tüchern bedeckt wurden, nahmen geheimnisvolle Formen an. Die Klingelhandgriffe, die Jalousien und die Spiegel erhielten eine Umhüllung aus Zeitungspapier, in denen sich fragmentarische Berichte über Todesfälle und schreckliche Mordtaten unwillkürlich dem Beschauer aufdrängten. Sämtliche Kronleuchter sahen, in Leinwand gehüllt, wie ungeheure Tränen aus, die von der Decke herabhingen. Aus den Kaminen drangen Gerüche wie aus Gewölben und feuchten Plätzen hervor. Die tote und begrabene Dame blickte unheimlich aus einem Bilderrahmen, der eine geisterhafte Umhüllung erhalten hatte, sternchenland.com nieder. Jeder Windstoß wirbelte aus den benachbarten Pferdeställen um die Ecke herum etwas von dem Stroh, das man vor das Haus gestreut hatte, als sie noch krank war, und das noch immer in verwitterten Überresten an den Pflastersteinen der Nachbarschaft klebte. Diese Überbleibsel wurden nun stets vermöge einer unsichtbaren Anziehung nach der Schwelle des Hauses, das unmittelbar gegenüber zu vermieten war, geweht, und richteten ihre unheimliche Beredsamkeit gegen Mr. Dombeys Fenster.

Die Gemächer, die Mr. Dombey sich für den eigenen Gebrauch vorbehalten hatte, waren alle von der Halle aus zu betreten und bestanden aus einem Wohnzimmer, aus einer sogenannten Bibliothek, die aber in Wirklichkeit ein Ankleidezimmer war, so daß sich der Geruch von heißgepreßtem Papier, Pergament, Maroquin und Juchten mit dem Geruch mehrerer Stiefelpaare stritt, und einer Art Speisekammer oder einem kleinen verglasten Frühstückszimmer jenseits, das eine Aussicht auf die vorerwähnten Bäume und in der Regel auch auf etliche herumschleichende Katzen bot. Diese drei Zimmer gingen ineinander. Morgens, wenn Mr. Dombey in einem der beiden zuerst genannten Gemächer beim Frühstück saß, oder nachmittags, wenn er zum Diner nach Hause kam, wurde eine Klingel gezogen, die Richards nach dem verglasten Gemach rief, wo sie mit ihrem jungen Pflegling auf und ab gehen mußte. Aus den Blicken, die sie zu solchen Zeiten nach Mr. Dombey hingleiten ließ, der hinten im Zimmer saß und hinter einem der dunkeln, schwerfälligen Möbel hervor nach dem Kinde sah – das Haus war vor Jahren von seinem Vater bewohnt worden, und manche Gegenstände machten einen geradezu finsteren und altmodischen Eindruck –, begann sie sich Vorstellungen über seinen einsamen Zustand zu machen, und es kam ihr vor, als sei er ein einsamer Gefangener in einer Zelle, oder eine seltsame Erscheinung, die nicht angeredet oder näher betrachtet werden durfte.

Die Amme des kleinen Paul Dombey hatte schon mehrere Wochen ihr einsames Leben geführt und ihren Paul umhergetragen. Eines Tages war sie nach einem melancholischen Spaziergang durch die traurigen Prunkgemächer (sie ging nämlich nie ohne Mrs. Chick aus, die, gewöhnlich vom Miß Tox begleitet, an schönen Vormittagen vorzusprechen pflegte, um sie und ihren Säugling an die Luft zu führen, oder mit andern Worten, sie wie eine wandelnde Trauer gravitätisch auf dem Pflaster hin und her traben zu lassen) nach ihrem obern Stübchen zurückgekehrt und hatte gerade Platz genommen, als die Tür sich langsam öffnete und ein schwarzäugiges kleines Mädchen hereinsah.

»Ohne Zweifel ist es Miß Florence, die von ihrer Tante nach Haus zurückgekommen ist«, dachte Richards, die das Kind nie zuvor gesehen hatte. »Freut mich, Euch wohl zu sehen, Miß.«

»Ist das mein Bruder?« fragte das Kind und zeigte auf den Säugling.

»Ja, mein Töchterchen«, antwortete Richards. »Kommt her und küßt ihn.«

Statt aber näher heranzutreten, sah ihr das Kind ernst ins Gesicht und sagte:

»Was habt Ihr mit meiner Mama gemacht?«

»Gott segne das kleine Geschöpf!« rief Richards, »welch betrübte Frage! Was ich mit Eurer Mama gemacht habe? Nichts, Miß.«

»Was hat man mit meiner Mama angefangen?« fragte das Kind.

»In meinem Leben hat mich noch nichts so ergriffen«, sagte Richards, die sich natürlich an Stelle dieses Kindes eines ihrer eigenen dachte, das unter ähnlichen Umständen nach ihr fragte. »Kommt nur näher heran, meine teure Miß! Ihr braucht Euch nicht vor mir zu fürchten.«

»Ich fürchte mich nicht vor Euch«, sagte das Kind, näher tretend. »Aber ich möchte wissen, was man mit meiner Mama angefangen hat.«

»Mein Herzchen«, entgegnete Richards, »Ihr tragt dieses hübsche schwarze Kleidchen zur Erinnerung an Eure Mama.«

»Ich kann mich in jedem Kleide an meine Mama erinnern«, erwiderte das Kind und Tränen traten ihm in die Augen.

»Aber die Leute kleiden sich schwarz zum Gedächtnis der Personen, die dahingegangen sind.«

»Wohin gegangen?« fragte das Kind.

»Kommt und setzt Euch zu mir«, sagte Richards, »ich will Euch dann ein Geschichtchen erzählen.«

In der Hoffnung, sie werde Auskunft erhalten, über das, wonach sie gefragt hatte, legte die kleine Florence ihr Hütchen, das sie bisher in der Hand gehalten hatte, bei Seite und setzte sich hurtig auf einen Schemel zu den Füßen der Amme, und sah ihr ins Gesicht.

»Es war einmal eine Frau«, begann Richards – »eine sehr gute Frau, und ihr Töchterlein liebte sie sehr.«

»Eine sehr gute Frau und ihr Töchterlein liebte sie sehr«, wiederholte das Kind.

»Da dachte Gott, es sei recht, daß es so sein sollte; und sie wurde krank und starb.«

Das Kind schauderte.

»Starb, um nie wieder von jemand auf Erden gesehen zu werden, und wurde begraben in der Erde, wo die Bäume wachsen.«

»In der kalten Erde«, versetzte das Kind, abermals schaudernd.

»Nein, der warmen Erde«, erwiderte Polly, ihren Vorteil erfassend, »wo die kleinen Samenkörner sich in schöne Blumen verwandeln, und in Gras, und in Korn und was weiß ich alles. Wo gute Menschen zu schönen Engeln werden und nach dem Himmel hinauf fliegen!«

Das Kind, welches das Köpfchen gesenkt hatte, erhob es jetzt wieder und blickte die Erzählerin aufmerksam an.

»So – laßt mich sehen«, fuhr Polly fort, die durch diese ernste sternchenland.com Musterung, ihren Wunsch, das Kind zu trösten, ihren plötzlichen Erfolg und das geringe Vertrauen in ihre eigenen Kräfte ein wenig in Verwirrung geriet. »Ja, so ist es – als diese Dame starb, ging sie zu Gott, wohin immer man sie auch genommen haben mag; und sie betete zu ihm. – Ja, das tat sie«, sagte sie in großer Erregung, da es ihr Ernst war, »er möge ihr Töchterlein lehren, daß es diese Überzeugung immer fest in seinem Herzen trage, und ihm kund tun, daß sie im Himmel glücklich sei, und ihr Kind noch immer liebe. Es solle daher hoffen und alle seine Kräfte aufbieten – ja, das ganze Leben lang –, daß es eines Tages dort wieder mit ihr zusammentreffe, um nie, nie, nie wieder von ihr getrennt zu werden.«

»Das war meine Mutter!« rief das Kind aufspringend und schlang seine Arme um den Nacken der Amme.

»Und das Herz des Kindes«, sagte Polly, sie an ihre Brust ziehend, »das Herz der kleinen Tochter war so voll von dieser Wahrheit, daß sie, selbst als sie sie von einer fremden Amme erzählen hörte, die es nicht mal recht erzählen konnte, sondern selbst weiter nichts als eine arme Mutter war, einen Trost darin fand. Sie fühlte sich nicht mehr so einsam – sie schluchzte und weinte an ihrem Busen – und sie liebte das kleine Kindlein, das in ihrem Schoß lag und – da, da, da!« fügte Polly bei, indem sie die Locken des Kindes zurückstrich, auf welche ihre Tränen niederfielen, »das arme Herzchen!«

»So, das ist ja schön, Miß Floy! Und wird Euer Pa nicht wieder zornig werden?« rief von der Tür her eine schrille Stimme, die aus dem Munde eines kleinen, braunen, altklugen Mädchens von vierzehn Jahren mit einer Mopsnase und pechschwarzen Augen kam. »Hat er doch ausdrücklich befohlen, Ihr sollt nicht zu der Amme gehen und sie belästigen?«

»Aber sie belästigt mich durchaus nicht«, erwiderte Polly überrascht. »Ich habe die Kinder gerne.«

»O, ich bitte um Verzeihung, Mrs. Richards; doch Ihr müßt wissen, daß es darauf nicht ankommt«, versetzte das schwarzäugige Mädchen, das so verzweifelt scharf und beißend war, daß es wie eine Zwiebel einem das Wasser in die Augen bringen konnte. »Ich esse auch gerne Penny-Semmeln, Mrs. Richards, aber daraus folgt noch nicht, daß ich sie statt des Tees erhalte.«

»Na, das macht nichts«, sagte Polly.

»O, danke schön, Mrs. Richards – meint Ihr?«, entgegnete das schnippische Mädchen. »Vergeßt übrigens nicht, wenn Ihr so gut sein wollt, daß Miß Floy unter meiner Obhut steht und Master Paul unter der Eurigen.«

»Deswegen brauchen wir uns ja nicht zu zanken«, sagte Polly.

»O nein, Mrs. Richards«, erwiderte der kleine Sprühteufel. »Durchaus nicht, ich wünsche das auch nicht, denn wir stehen nicht auf solchem Fuße miteinander. Miß Floy ist ein dauernder Pflegling, Master Paul nur ein vorübergehender.« Sprühteufel bediente sich sternchenland.com keiner andern als Kommapausen, und alles, was sie zu sagen hatte, strömte womöglich in einem einzigen Satze, in einem Atem heraus.

»Miß Florence ist eben erst nach Hause gekommen, nicht wahr?« fragte Polly.

»Ja, Mrs. Richards, eben erst nach Hause gekommen, und kaum daß Ihr eine Viertelstunde hier seid, Miß Floy, geht Ihr schon hin und beschmiert mit Eurem feuchten Gesicht das teure Trauerkleid, das Mrs. Richards für Eure Ma trägt.«

Nach dieser Vorhaltung riß der junge Sprühteufel, deren eigentlicher Name Susanna Nipper war, mit einem Ruck die Kleine von ihrer neuen Freundin los, als ob sie ein fauler Zahn wäre. Doch schien sie es mehr aus übergroßem Diensteifer, als aus überlegter Lieblosigkeit zu tun.

»Sie freut sich so, daß sie wieder zu Hause ist«, sagte Polly, indem sie Florence mit einem ermutigenden Lächeln zunickte, »und wird sich noch mehr freuen, wenn sie heute abend ihren lieben Papa zu sehen bekommt.«

»Du meine Güte, Mrs. Richards!« rief Miß Nipper, ihr rasch ins Wort fallend, »sprecht nicht so. Ihr meint doch ihren lieben Papa sehen! So etwas möchte ich wohl auch mal erleben!«

»Wird sie es denn nicht?« fragte Polly.

»Du meine Güte, Mrs. Richards, nein, ihr Papa ist viel zu sehr auf jemand anders versessen, und schon ehe dieser jemand anders da war, war sie nie sonderlich beliebt. Mädchen gelten in diesem Hause nichts, Mrs. Richards, kann ich Euch versichern.«

Die Kleine sah hastig von der einen Pflegerin auf die andere, als ob sie fühlte und verstünde, was gesprochen wurde.

»Ihr setzt mich in Erstaunen!« rief Polly. »Hat Mr. Dombey nie nach ihr gefragt, seit –«

»Nein«, unterbrach sie Susanna Nipper. »Nicht ein einziges Mal, und seit Jahr und Tag hat er sie kaum mit einem Auge angesehen, und ich glaube, er würde in ihr sein eigenes Kind nicht erkennen, wenn er sie auf der Straße getroffen hätte, oder er würde sie nicht als eigenes Kind erkennen, wenn er ihr morgen auf der Straße begegnete, Mrs. Richards. Was mich betrifft«, fügte Sprühteufel mit einem Kichern hinzu, »so zweifle ich, ob er überhaupt von meinem Dasein etwas weiß.«

»Liebes Herz«, sagte Richards, meinte aber damit nicht Miß Nipper, sondern die kleine Florence.

»O, nicht weit von hier, wo wir jetzt sprechen, ist ein Tatar, kann ich Euch sagen, Mrs. Richards, Anwesende natürlich immer ausgenommen«, bemerkte Susanna Nipper; »wünsche Euch guten Morgen, Mrs. Richards, nun, Miß Floy, kommt jetzt mit mir und bleibt nicht zurück wie ein garstiges unartiges Kind, das nicht verständig sein will.«

Trotz dieser Beschwörung und ungeachtet eines Rucks von seiten der Susanna Nipper, der recht wohl eine Verrenkung der Schulter sternchenland.com hätte zur Folge haben können, riß die kleine Florence sich los und küßte ihre neue Freundin mit Innigkeit.

»Lebt wohl!« sagte das Kind. »Gott behüte Euch! Ich komme bald wieder zu Euch, und Ihr werdet mich doch auch besuchen? Susanna wird es schon zugeben. Nicht wahr, Susanna?«

Sprühteufel schien von Natur aus ein gutmütiges Geschöpf zu sein, obschon sie in jener Schule gebildet worden war, in der man sich mit der neuen Idee trägt, die Jugend müsse wie das Geld tüchtig geschüttelt und gerüttelt werden, um blank zu bleiben. Bei dieser durch liebkosende Gebärden unterstützten Berufung faltete sie ihre kleinen Arme, schüttelte den Kopf und legte einen mildernden Ausdruck in ihre weit offenen schwarzen Augen.

»Es ist nicht recht von Euch, das zu verlangen, Miß Floy, denn Ihr wißt, ich kann Euch nichts abschlagen. Aber Mrs. Richards und ich, wir wollen sehen, was sich tun läßt, wenn Mrs. Richards gerne eine Fahrt nach Chaney macht, aber ich weiß vielleicht nicht, wie ich aus den London Docks kommen soll.«

Richards ging auf diesen Vorschlag ein.

»In diesem Hause geht es gerade nicht so lustig her«, fuhr Miß Nipper fort, »daß man gerne noch einsamer sein möchte, als man ohnehin schon ist. Die Toxes und Chickes können mir zwar meine beiden Vorderzähne ausziehen, Mrs. Richards, aber das ist noch kein Grund für mich, ihnen die ganze Reihe anzubieten.«

Diese Ansicht fand als sehr vernünftig bei Richards gleichermaßen Beifall.

»Es ist mir wahrhaftig ganz angenehm«, sagte Susanna Nipper, »mit Euch in Freundschaft zu leben, Mrs. Richards, solang Master Paul unter Euren Händen bleibt, und wenn es sich so einrichten läßt, daß nicht offen gegen die Befehle gehandelt wird, – aber du meine Güte, Miß Floy, Ihr habt Eure Sachen noch nicht gehabt, Ihr garstiges Kind, nein, Ihr habt nicht, so kommt mit!«

Mit diesen Worten unternahm Susanne Nipper einen gewaltigen Angriff auf ihren jungen Schützling und fegte mit Florence zur Tür hinaus.

In ihrem Kummer und in ihrer Vernachlässigung war die Kleine so sanft, so ruhig und klaglos; sie besaß so viel Anhänglichkeit, um die sich niemand zu kümmern schien, und aus ihrer wehmütigen Stimmung machte man sich so gar nichts, daß Polly das Herz sehr schwer wurde, als sie sich wieder allein befand. Durch den einfachen Vorgang, der zwischen ihr und dem mutterlosen kleinen Mädchen stattgefunden hatte, war ihr Gemüt nicht weniger ergriffen worden, als das des Kindes, und sie fühlte gleich dem Kinde, daß in diesem Augenblicke eine Grundlage des Vertrauens und der Teilnahme zwischen ihnen gelegt worden war.

So großes Vertrauen Mr. Toodle auch zu Polly hatte, stand sie vielleicht im Punkte erworbener Vorzüge nur sehr wenig über ihm; sie war indes ein gutes einfaches Pröbchen jener Natur, die man bei Frauen in untergeordneter Stellung stets besser, treuer, edler, sternchenland.com zartfühlender und aufopferungsvoller findet, als bei den Männern. So wenig Schulbildung sie auch genossen, hätte sie doch vielleicht jetzt schon eine Art dämmernder Erkenntnis in Mr. Dombeys Haus bringen können und es würde den Gebieter desselben jetzt noch nicht so wie es zuletzt doch geschah, gleich einem Blitze getroffen haben.

Doch das führt uns von der Hauptsache ab. Polly dachte damals nur daran, wie sie die Geneigtheit der Miß Nipper benützen und ein oder das andere Mittel ersinnen könne, um auf gesetzlichem Wege und ohne Rebellion die kleine Florence auf ihre Seite zu bringen. Eine Einleitung dazu bot sich schon am selben Abend.

Die Klingel hatte sie wie gewöhnlich nach dem verglasten Gemache hinunter berufen, und sie ging lange mit ihrem Säugling in dem Arme auf und ab, als plötzlich zu ihrem großen Erstaunen und Entsetzen Mr. Dombey herauskam und vor sie hintrat.

»Guten Abend, Richards.«

Ganz der nämliche strenge, steife Gentleman, wie er ihr am ersten Tage erschienen war. Ein Herr mit einem so scharfen Blicke, daß sie unwillkürlich die Augen senkte und einen Knix machte.

»Wie geht es Master Paul, Richards?«

»Er ist wohl und gedeiht vortrefflich, Sir.«

»Er sieht so aus«, versetzte Mr. Dombey mit großem Interesse das Gesichtchen betrachtend, das sie mit scheinbarer Sorglosigkeit zur Beschauung enthüllte. »Hoffentlich gibt man Euch doch alles, was Ihr braucht.«

»O ja, ich danke Euch, Sir.«

Dieser Antwort folgte aber plötzlich ein so augenfälliges Stocken, daß Mr. Dombey, der sich bereits abgewendet hatte, stehen blieb und sich fragend umwandte.

»Ich glaube, nichts ist so geeignet, Kinder lebhaft und heiter zu machen, Sir, als wenn sie andere Kinder um sich spielen sehen«, bemerkte Polly, allen ihren Mut zusammennehmend.

»Ich denke, Richards«, versetzte Mr. Dombey mit einem Stirnrunzeln, »ich habe Euch schon bei Eurem Hierherkommen gesagt, daß ich von Eurer Familie so wenig als möglich zu sehen wünsche. Ihr könnt jetzt Euren Spaziergang wieder fortsetzen.«

Mit diesen Worten zog er sich wieder in das Innere seines Zimmers zurück. Für Polly war es eine gewisse Genugtuung, zu wissen, daß er sie durchaus mißverstanden hatte, doch fühlte sie zugleich, daß sie in Ungnade gefallen war, ohne ihren Zweck auch nur im mindesten gefördert zu haben.

Als sie am nächsten Abend wieder herunter kam, ging Mr. Dombey in dem Konservatorium hin und her. Durch diesen ungewohnten Anblick eingeschüchtert, blieb sie an der Tür stehen; ihrer Ungewißheit aber, ob sie vortreten oder sich zurückziehen sollte, machte der Hausherr selbst ein Ende, indem er sie hereinrief.

»Wenn Ihr wirklich glaubt, daß diese Art von Gesellschaft gut für das Kind sei«, sagte er in herbem Tone und als ob zwischen dem sternchenland.com Vorschlage und seiner jetzigen Erwiderung gar kein Zwischenraum liege, »wo ist Miß Florence?«

»Gerade an Miß Florence dachte ich, Sir«, versetzte Polly hastig; »aber ich habe von ihrer kleinen Jungfer gehört, daß sie nicht dürften –«

Mr. Dombey zog die Klingel und ging im Zimmer auf und ab, bis jemand erschien.

»Ich befehle hiermit ein- für allemal, daß Miß Florence zu Richards darf, so oft sie will; auch kann sie mit ihr ausgehen und dergleichen. Ich will, daß man die Kinder zusammen lasse, so oft Richards es wünscht.«

Das Eisen war jetzt heiß und Richards schmiedete tapfer darauf los – handelte es sich doch um eine gute Sache, und das gab ihr Mut, obschon sie sich instinktiv vor Mr. Dombey fürchtete. So stellte sie nun das Gesuch, man möchte Miß Florence hin und wieder herunterschicken, damit sie sich mit ihrem kleinen Bruder befreunden könne. Als der Diener sich mit dieser Weisung entfernte, stellte sie sich, als spiele sie mit dem Kinde; indes glaubte sie zu bemerken, daß Mr. Dombeys Farbe sich veränderte, daß der Ausdruck seines Gesichtes ganz anders wurde, und daß er sich hastig abwendete, als möchte er gerne seine, ihre oder beider Worte widerrufen, wenn ihn nicht die Scham davon abhielte.

Und sie hatte recht. Er hatte sein vernachlässigtes Kind zum letztenmal gesehen, wie es in der schmerzlichen Umarmung seiner sterbenden Mutter lag, und dieser Rückblick war für ihn mit einem Male eine Enthüllung sowohl als ein Vorwurf. Mochte er, so sehr er wollte, von dem Sohn in Anspruch genommen sein, auf den er so hohe Hoffnungen baute, diese Schlußszene konnte er nicht vergessen, und stets mußte sich ihm die Erinnerung aufdrängen, daß er keinen Teil daran gehabt hatte. Sie war so voll tiefer, klarer Innigkeit und Wahrheit gewesen; die beiden Gestalten hatten sich mit ihren Armen umschlungen, während er, ganz ausgeschlossen davon, von einer kleinen Erhöhung aus als bloßer Zuschauer, fremd und kalt auf sie herabsah.

Er konnte diese Dinge nicht aus seinem Gedächtnis verdrängen und seinen Geist nicht frei halten von den unvollkommenen Gestalten, die sich zur Läuterung der Wahrheit ihm aufdrangen, als wollten sie gewaltsam durch den Nebel seines Stolzes brechen. Seine frühere Gleichgültigkeit gegen die kleine Florence ging in ein ganz außergewöhnliches Unbehagen über, und es kam ihm fast vor, als ob das Kind ihn bewache und Mißtrauen in ihn setze – als habe es den Schlüssel zu einem Geheimnis in seiner Brust, dessen Wesenheit er selbst kaum kannte, – als erschaue es instinktartig eine schrille mißtönende Saite in seiner Seele, die es schon durch seinen Atem zum Vibrieren bringen könne.

Seine Gefühle gegen die Kleine waren schon von ihrer Geburt an bloß negativ gewesen. An eine Abneigung dachte er nie, denn diese hätte der Zeit und Mühe nicht verlohnt. Sie war ihm nie sternchenland.com ein entschieden unangenehmer Gegenstand gewesen, aber jetzt fühlte er sich um ihretwillen beunruhigt. Sie störte seinen Frieden. Wie gerne hätte er die Gedanken an sie ganz und gar beseitigt, wenn er nur gewußt hätte, wie er es angreifen sollte. Vielleicht fürchtete er sich – wer vermag in solche Mysterien einzudringen? – daß er zuletzt so weit kommen könnte, sie zu hassen.

Als die kleine Florence schüchtern eintrat, unterbrach Mr. Dombey sein Hin- und Hergehen, um sie ins Auge zu fassen. Würde er sie mit größerer Teilnahme und mit dem Auge eines Vaters betrachtet haben, so hätte er in ihrem scharfen Blicke die Gründe und die Besorgnisse, unter denen sie erbebte, erfassen können – den leidenschaftlichen Wunsch, auf ihn zuzueilen, ihr Antlitz an seiner Brust zu verbergen und ihm zuzurufen: »O Vater, versuche es, mich zu lieben! Es ist ja kein fremdes, es ist dein eigenes Kind!« – die Furcht vor einer Zurückweisung, die Scheu, als zu dreist zu erscheinen und ihm Anstoß zu geben, die Hoffnung auf irgendeine Ermutigung oder Beruhigung. Ach, das arme, schwer bedrückte junge Herz sehnte sich nach einem natürlichen Ruheplatz für sein Leid, für seine Innigkeit.

Aber er sah nichts von alledem – nur daß sie unschlüssig an der Tür stand und ihn ansah, weiter nichts.

»Nur herein«, sagte er; »komm herein. Wovor fürchtet sich denn das Kind?«

Sie trat ein, und nachdem sie sich einen Augenblick mit unsicherer Miene umgesehen hatte, blieb sie in der Nähe der Tür stehen und preßte ihre Händchen fest zusammen.

»Komm her, Florence«, sagte der Vater kalt. »Weißt du, wer ich bin?«

»Ja, Papa.«

Die Tränen, die an ihren Wimpern hingen, als sie ihre Augen rasch zu seinem Antlitz erhob, erstarrten ob dem Ausdruck, den sie daselbst wahrnahm. Sie sah wieder zur Erde und streckte die zitternde Hand aus.

Mr. Dombey nahm sie leicht zwischen seine Hände und blickte einen Moment auf das Kind nieder, als wisse er ebensowenig als Florence, was er sagen oder tun sollte.

»So! Sei ein gutes Mädchen«, sagte er, ihr den Kopf streichelnd und gewissermaßen mit einem verstohlenen, unruhigen und zweifelhaften Blick auf sie niederschauend. »Geh zu Richards! Geh!«

Die Kleine zögerte noch einen Augenblick, als möchte sie noch immer sich an ihm festhalten oder als habe sie doch wenigstens die Hoffnung, er könne sie auf seine Arme nehmen und sie küssen. Abermals blickte sie zu seinem Gesicht auf. Da kam ihm der Gedanke, wie sehr der Ausdruck ihres Antlitzes dem gleiche, den er bemerkt hatte, als sie sich in jener Nacht nach dem Doktor umsah. Instinktiv ließ er ihre Hand fallen und wandte sich ab.

Man konnte leicht bemerken, daß sich Florence in Gegenwart ihres Vaters sehr unfrei benahm. Nicht nur auf dem Geiste des sternchenland.com Kindes, sondern auch auf der natürlichen Anmut und Freiheit ihrer Bewegungen lag ein unnatürlicher Zwang. Gleichwohl freute sich Polly über diese Szene und setzte, da sie Mr. Dombey nach sich selbst beurteilte, ein großes Vertrauen in die stumme Berufung, die sich in dem Trauerkleide der armen kleinen Florence aussprach. »’s ist in der Tat hart«, dachte Polly, »daß er nur an das eine mutterlose Kindlein denkt, während er doch ein anderes und dazu noch ein Mädchen vor seinen Augen hat.«

Und so hielt sie denn Florence so lang als sie nur konnte vor seinen Augen und wußte es mit dem kleinen Paul so einzurichten, daß auch der Vater sehen mußte, das Brüderchen sei nur um so lebhafter und munterer, wenn ihm die Schwester Gesellschaft leiste. Als es Zeit war, wieder hinaufzugehen, hätte sie gar gerne die Kleine in das innere Zimmer geschickt, damit sie ihrem Vater gute Nacht sage; aber das Kind war zu schüchtern und wollte nicht. Als sie aufs neue in Florence drang, verhüllte diese die Augen mit ihren Händchen, als wollte sie sich ihre eigene Unwürdigkeit verbergen, und rief:

»O nein, nein! Er will nichts von mir. Er will nichts von mir!«

Der kleine Wortstreit hatte Mr. Dombeys Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Er fragte vom Tische her, wo er bei seinem Weine saß, was es gebe.

»Miß Florence ist besorgt, Euch zu stören, Sir, wenn sie hineinkäme, um Euch gute Nacht zu sagen«, versetzte Richards.

»Tut nichts«, entgegnete Mr. Dombey. »Ihr könnt sie kommen und gehen lassen, ohne daß sie auf mich zu achten braucht.«

Als das Kind das hörte, erbebte es und war fort, ehe ihre bescheidene Freundin wieder sich nach ihr umsehen konnte.

Gleichwohl triumphierte Polly nicht wenig über den Erfolg ihres wohlangelegten Planes und über die Gewandtheit, die sie dabei zutage gefördert hatte. Als sie wieder wohlbehalten in ihrem oberen Stübchen angelangt war, machte sie dem Sprühteufel eine ausführliche Mitteilung davon. Miß Nipper nahm diesen Beweis ihres Vertrauens und die Aussicht auf einen freieren Verkehr für die Zukunft etwas kalt auf und zeigte sich durchaus nicht enthusiastisch in ihren Freudenbezeugungen.

»Ich hätte geglaubt, Ihr würdet Euch darüber freuen«, sagte Polly.

»O ja, Mrs. Richards, ich freue mich recht sehr darüber, danke Euch«, entgegnete Susanne, die plötzlich so kerzengerade geworden war, daß es den Anschein hatte, als habe sie ihrem Schnürleib ein neues Fischbein einverleibt.

»Ihr zeigt es aber nicht«, sagte Polly.

»O, da ich ja nur eine permanente Person bin, so kann von mir nicht erwartet werden, daß ich mich dabei wie eine temporäre benehme«, versetzte Susanna Nipper. »Temporäre greifen hier rasch durch, finde ich, aber obgleich eine treffliche Scheidewand zwischen diesem Haus und dem nächsten ist, möchte ich mich doch nicht gerade dort einquartieren, Mrs. Richards.« sternchenland.com

Dreißigstes Kapitel.


Dreißigstes Kapitel.

Die Zeit vor der Hochzeit.

Obgleich das gespenstische Haus nicht mehr vorhanden war und die eingebrochenen Arbeiter, die den ganzen Tag treppauf und treppab mit ihren Werkzeugen und schweren Stiefeln einen unerhörten Lärm machten, von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang Diogenes in einer stetigen Bellwut hielten – der Hund war augenscheinlich überzeugt, sein Feind habe endlich die Oberhand über ihn gewonnen und plündere nun in triumphierendem Trotze das Haus – so trat doch vorderhand in Florences Lebensweise kein anderer großer Wechsel ein. Wenn sich abends die Werkleute entfernten, wurde das Gebäude wieder traurig und verlassen, und Florence, die auf die im Flur und im Treppenhause widerhallenden Stimmen der Abziehenden lauschte, vergegenwärtigte sich das gemütliche Heim, zu dem sie zurückkehrten, nebst den Kindern, die daselbst ihrer harrten – eine Betrachtung, an die sich der für sie wehmütig frohe Gedanke knüpfte, daß die Leute sich auf ihren heimischen Herd freuten.

Die Stille des Abends war ihr wie eine alte Freundin willkommen, aber sie erschien jetzt mit einem andern Gesicht und blickte freundlicher auf das einsame Mädchen nieder. Eine neue Hoffnung hatte Raum gewonnen; und die schöne Dame, die sie in demselben Zimmer an die Brust gedrückt, wo ihr sonst das Herz brechen wollte, erschien ihr als Geist der Verheißung. Sanfte Schatten von dem Aufdämmern eines glücklicheren Lebens, wenn die Liebe ihres Vaters allmählich gewonnen und ihr alles oder wenigstens viel von dem zurückgegeben sein würde, was für sie verlorenging, als die Liebe ihrer Mutter mit dem letzten Atemzug an ihrer Wange erstarb, schwebten im Zwielicht um sie her und wurden ihr willkommene Gefährten. Sobald sie nach den rosigen Kindern ihres Nachbars hinüberschaute, tauchte ein neues köstliches Gefühl mit dem Gedanken in ihr auf, sie würde nun bald mit ihnen sprechen und eine nähere Bekanntschaft anknüpfen können. Sie brauchte dann nicht, wie früher, Furcht zu hegen, sich vor ihnen zu zeigen, damit es ihnen nicht schmerzlich werde, sie so einsam in ihren Trauerkleidern dasitzen zu sehen.

Unter den Gedanken an die Mutter und an das liebevolle Vertrauen, von dem ihr reines Herz gegen diese überströmte, wuchs auch ihre Liebe gegen die Gestorbene mehr und mehr. Sie scheute sich nicht, ihrer toten Mutter in ihrem Innern eine Nebenbuhlerin zu geben, da sie wohl wußte, wie die neue Blume nur der tiefgehenden, lange mit Wärme gepflegten Wurzel entsproßte. Jedes sanfte Wort, das von den Lippen der schönen Dame entfallen, klang für Florence wie ein Echo der Stimme, die so lange hatte schweigen müssen. Wie hätte ihr um des Andenkens willen die lebende Zärtlichkeit weniger teuer sein sollen, da diese die Erinnerung an alle elterliche Zärtlichkeit und Liebe umschloß!

Florence saß eines Tages lesend in ihrem Zimmer und machte sich, da ihr Buch von einem verwandten Gegenstand handelte, eben Gedanken über die Dame und ihren versprochenen baldigen Besuch, als sie mit einem Male beim Erheben ihrer Augen sie auf der Schwelle stehen sah.

»Mama!« rief Florence, ihr freudig entgegentretend. »Ihr seid wieder hier?«

»Noch nicht Mama«, versetzte die Dame mit einem ernsten Lächeln, während sie Florences Nacken mit ihrem Arme umschlang.

»Aber doch sehr bald«, entgegnete Florence.

»Ja, sehr bald, Florence – sehr bald.«

Edith senkte ihr Haupt ein wenig, um Florences blühende Wange an die ihrige zu drücken, und blieb für eine Weile stumm. Es lag etwas ungemein Inniges in ihrem Wesen, und Florence fühlte das sogar noch mehr als bei ihrer ersten Begegnung.

Sie rückte für Florence einen Stuhl an ihre Seite und setzte sich nieder. Florence blickte ihr, verwundert über ihre Schönheit, ins Gesicht und überließ der künftigen Mutter bereitwillig ihre Hand.

»Du bist wohl viel allein gewesen, seit ich zum letztenmal hier war, Florence?«

»Ach ja«, versetzte Florence eifrig und lächelte.

Dann hielt sie inne und schlug die Augen nieder; denn der Blick ihrer neuen Mama haftete sehr ernst und gedankenvoll auf ihrem Gesicht.

»Ich – ich – ich bin ans Alleinsein gewöhnt«, sagte Florence, »und mache mir nichts daraus. Di und ich bringen oft ganze Tage allein miteinander zu.«

Sie hätte wohl von Wochen und Monaten sprechen dürfen.

»Ist Di dein Mädchen, meine Liebe?«

»Nein, mein Hund, Mama«, versetzte Florence lachend, »Susanna ist mein Mädchen.«

»Und das sind deine Zimmer?« sagte Edith umherschauend. »Man hat sie mir letzthin nicht gezeigt. Wir müssen sie besser herrichten lassen, Florence. Sie sollen die schönsten werden im Hause.«

»Wenn ich umziehen dürfte«, entgegnete Florence, »so ist eine Treppe weiter oben eins, das mir viel besser gefiele?«

»Liegt dieses hier nicht hoch genug, liebes Mädchen?« fragte Edith lächelnd.

»Das andere war das Zimmer meines Bruders und ist mir deshalb so lieb«, sagte Floren«. »Als ich bei meiner Rückkehr die Arbeiter hier fand, die alles veränderten, hätte ich gar gerne mit Papa darüber gesprochen, aber –«

Florence senkte die Augen, damit nicht der gleiche Blick sie wieder zum Stocken bringen möchte.

»– aber ich fürchtete, es möchte ihm unangenehm sein. Da Ihr mir nun versprochen habt, bald wiederzukommen, Mama, und Ihr doch die Gebieterin von allem seid, so faßte ich den Entschluß, meinen Mut zusammenzunehmen und Euch darum zu bitten.«

Edith heftete ihre leuchtenden Augen angelegentlich auf ihr Gesicht, bis Florence ihr eigenes erhob: dann kam die Reihe an sie, den Blick abzuwenden und zu Boden zu blicken. Damals dachte Florence, wie ganz anders die Schönheit dieser Dame sei, als sie geglaubt hatte; sie war ihr vornehm und stolz vorgekommen, und doch zeigte sie ein so mildes sanftes Wesen, daß die Dame, selbst wenn sie von Florences Alter und Charakter gewesen wäre, kaum mehr Vertrauen hätte einflößen können.

Ausgenommen, wenn eine gewisse gezwungene Zurückhaltung sie überflog, denn dann gewann es den Anschein – Florence begriff dieses freilich nicht, obschon es ihr auffallen und zu Gedanken Anlaß geben mußte –, als sei es ihr gar nicht wohl zumute und als fühle sie sich gedemütigt vor dem Mädchen. Namentlich hatte sich diese Veränderung gezeigt, als sie sagte, sie sei noch nicht ihre Mama, und als Florence sie die Gebieterin von allem nannte. Auch jetzt, während Florences Augen auf ihrem Gesicht ruhten, saß sie da, als ob sie lieber vor ihrer jungen Gefährtin sich verbergen, als die Rechte einer so nahen Beziehung durch Liebe und Innigkeit geltend machen möchte.

Sie gab Florence bereitwillig ihre Zusage wegen des neuen Zimmers und sagte, sie wolle selbst die betreffenden Weisungen erlassen. Sie stellte dann einige Fragen nach dem armen Paul, und nachdem sie eine Weile miteinander gesprochen hatten, erklärte sie Florence, sie sei gekommen, um sie nach ihrer Heimat mitzunehmen.

»Wir wohnen jetzt in London, meine Mutter und ich«, sagte Edith, »und du wirst bei uns bleiben, bis ich verheiratet bin. Ich wünsche, daß wir uns kennen und Vertrauen ineinander setzen lernen, Florence.«

»Ihr seid sehr gütig gegen mich, teure Mama«, versetzte Florence. »Wie sehr bin ich Euch zu Dank verpflichtet.«

»Es ist vielleicht jetzt die beste Gelegenheit«, fuhr Edith mit gedämpfterer Stimme fort, und sah sich um, als wollte sie sich überzeugen, daß sie auch ganz allein wären, »dir zu sagen, daß mir das Herz weit leichter sein wird, wenn du während meiner Hochzeitsreise wieder hier bist. Gleichviel, wer dich dann auch anderswohin einladen mag. Komm nur wieder her. Es ist besser, allein zu sein« – sie hielt inne und fügte dann bei –, »ich wollte sagen, ich weiß wohl, daß du zu Hause am besten aufgehoben bist, liebe Florence.«

»Ich will an demselben Tage wiederkommen, Mama.«

»Recht so. Ich verlasse mich auf dieses Versprechen. Triff jetzt deine Vorbereitungen, mich zu begleiten, liebes Mädchen. Wenn du fertig bist, wirst du mich unten finden.«

Edith wandelte langsam und gedankenvoll allein durch das Haus, dessen Gebieterin sie so bald werden sollte, obschon sie nur wenig auf den Prunk achtete, der sich bereits darin zu entfalten begann. Derselbe unbezähmbare Hochmut des Geistes, der gleiche stolze Hohn um das Auge und die Lippen, dieselbe trotzige Schönheit, nur gemildert durch das Bewußtsein ihres eigenen geringen Werts und der Unbedeutsamkeit der ganzen Umgebung – alles wie damals unter dem Schatten der Bäume, ging sie jetzt in wilder innerer Leidenschaft durch die prächtigen Säle und Hallen. Die gemalten Rosen an den Wänden und in den Fluren waren mit scharfen Dornen umgeben, die ihre Brust zerrissen. In jedem Streifen Goldes, der das Auge blendete, sah sie ein verhaßtes Atom ihres Kaufpreises. Die hohen breiten Spiegel zeigten ihr in voller Länge eine Frau, in deren Wesen noch eine edle Eigenschaft weilte, obschon sie zu herabgewürdigt und verloren, zu treulos gegen ihr besseres Ich war, um sich selbst zu retten. Sie glaubte, alles das müsse jedem Auge mehr oder weniger so klar sein, daß sie nirgends eine Quelle der Selbstberuhigung fand als im Stolze; und mit diesem Stolze, der Tag und Nacht ihr Herz folterte, kämpfte sie sich kühn und trotzig durch ihr Schicksal.

War das die Frau, auf die Florence – ein unschuldiges Mädchen, das nur stark war in ihrer Innigkeit und in ihrer treuen Einfalt – einen so beschwichtigenden Eindruck üben konnte, daß sie in solcher Nähe zu einem andern Wesen wurde, daß der Sturm der Leidenschaft sich legte und sogar ihr Stolz sich beugte? War das die Frau, die jetzt, die Arme um sie geschlungen, neben ihr im Wagen saß und, indem sie bittend um ihre Liebe und ihr Vertrauen rang, das schöne Köpfchen innig an ihre Brust drückte, fest entschlossen, es mit ihrem Leben gegen Unrecht und Kränkung zu schirmen?

O, Edith, wärest du in einem solchen Augenblick gestorben! Weit besser und glücklicher vielleicht, so zu sterben, Edith, als zu leben bis zum Ende!

Die hochwohlgeborene Mrs. Skewton, die lieber an alles andere, als an derartige Gefühle dachte – denn gleich vielen galanten Leuten, die zu verschiedenen Zeiten lebten, glaubte sie dem Tode ganz und gar trotzen zu können, und wollte nichts davon hören, wenn von diesem gemeinen, alles gleichmachenden Emporkömmling die Rede war – hatte in Brookstreet, Grosvenor-Square, ein Haus geliehen, das einem vornehmen Verwandten aus dem Geschlechte der Feenixe gehörte. Dieser, der gerade nicht in London war, ließ sich freundschaftlichst herbei, dieses sein Eigentum vorübergehend zum Zweck der Verehelichung abzutreten, weil er dadurch die Aussicht gewann, für die Zukunft aller weiteren Darlehen und Geschenke an Mrs. Skewton und ihre Tochter enthoben zu werden. Da es in einer solchen Zeit für die Ehre der Familie nötig war, sich mit Anstand zu zeigen, so versah Mrs. Skewton unter dem Beistand eines gefälligen sternchenland.com Geschäftsmanns aus dem Kirchspiel Mary-le-bone, der dem Adel und der Honoratiorenschaft mit Gegenständen aller Art, vom Silberservice an bis zu einer Armee von Bedienten, auszuhelfen pflegte, das Haus mit einem silberhaarigen Kellermeister. Dieser wurde gerade wegen seines Silberhaars gemietet, weil es ihm das Aussehen eines alten Familiendieners verlieh. Dazu kamen zwei sehr lange junge Männer in Livree und ein auserlesener Stab von Küchendienstboten, so daß man sich im Erdgeschoß mit der Sage trug, der Page Withers, der mit einem Male seiner zahlreichen Haushaltobliegenheiten, namentlich aber des Dienstes hinter dem mit der Hauptstadt sich nicht vertragenden Räderstuhl enthoben war, habe sich oft und oft die Augen gerieben und seine Glieder gezwickt, als zweifle er, ob er nicht noch immer im Schuppen des Leamingtoner Milchmanns schlafe und sich in einem himmlischen Traum befinde. Aus derselben dienstwilligen Quelle wurden auch unterschiedliche Requisiten in Silber und Porzellan, nebst mehreren gemischten Artikeln, einschließlich eines hübschen Wagens und zweier Fuchsstuten, nach dem Hause geschafft, wo Mrs. Skewton sich in der Kleopatrahaltung auf dem prächtigsten Sofa aufpolsterte und in großem Prunk ihren Hof hielt.

»Wie geht es meiner bezaubernden Florence?« sagte Mrs. Skewton, als Edith mit ihrer Schutzbefohlenen eintrat. »Florence, du mußt kommen und mich küssen – willst du so gut sein, meine Liebe?«

Florence beugte sich schüchtern nieder, um in dem weißen Teil von Mrs. Skewtons Gesicht eine Stelle auszulesen – eine Schwierigkeit, der sie die hochwohlgeborene Dame dadurch enthob, daß sie dem jungen Gast ihr Ohr hinbot.

»Edith, meine Liebe«, sagte Mrs. Skewton, »gewiß, ich – tritt doch für einen Augenblick mehr ins Licht, meine süßeste Florence.«

Florence willfahrte errötend.

»Erinnerst du dich nicht, liebe Edith«, fuhr Mrs. Skewton fort, »wie du aussahst, als du ungefähr in dem Alter unserer köstlichen Florence oder einige Jahre darunter warst?«

»Ich habe das längst vergessen, Mutter.«

»Ich glaube wahrhaftig, meine Liebe«, sagte Mrs. Skewton, »in unserer ungemein bezaubernden jungen Freundin eine entschiedene Ähnlichkeit mit dem zu entdecken, was du in jener Zeit warst. Und man sieht daraus«, fuhr sie mit gedämpfterer Stimme fort, in der sich ihre Ansicht ausdrücken mochte, daß sich Florence in einem noch sehr unvollendeten Zustande befinde, »was die Ausbildung zu leisten imstande ist.«

»Jawohl – ganz richtig!« lautete Ediths ironisch-harte Antwort.

Ihre Mutter warf ihr für einen Moment einen scharfen Blick zu, und da sie die Unsicherheit ihres Bodens fühlte, so fuhr sie, um davon abzugehen, fort:

»Meine bezaubernde Florence, du mußt mir noch einen Kuß geben – willst du so gut sein, meine Liebe?«

Florence gehorchte natürlich und drückte abermals ihre Lippen auf Mrs. Skewtons Ohr.

»Und du hast ohne Zweifel gehört, mein Herzchen«, sagte Mrs. Skewton, ihre Hand festhaltend, »daß dein Papa, den wir alle eigentlich anbeten, heute über acht Tage mit meiner lieben Edith vermählt werden soll.«

»Ich wußte, daß es sehr bald geschehen würde«, entgegnete Florence, »obschon ich nicht genau die Zeit kannte.«

»Aber meine liebe Edith«, sagte die Mutter heiter, »ist es möglich, daß du es Florence nicht gesagt hast?«

»Warum sollte ich auch?« erwiderte sie so plötzlich und hart, daß Florence kaum glauben konnte, es sei die nämliche Stimme.

Mrs. Skewton erzählte sodann Florence als weitere und sichere Abschweifung, daß ihr Vater zum Diner kommen und ohne Zweifel ungemein überrascht sein werde, sie zu sehen. Er habe gestern abend von Kleidereinkäufen in der City gesprochen und wisse nichts von Ediths Plan, dessen Ausführung ihm, wie sie erwartete, das größte Entzücken bereiten müsse. Florence wurde bei dieser Kunde sehr unruhig, und ihre Bangigkeit steigerte sich beim Herannahen der Dinerstunde so sehr, daß sie, wenn sie nur gewußt hätte, wie sie die Bitte um Erlaubnis zur Rückkehr einleiten sollte, ohne dabei ihren Vater bloßzustellen, lieber zu Fuß, barhäuptig, atemlos und allein nach Hause geeilt wäre, ehe sie sich der Gefahr aussetzte, sein Mißfallen auf sich zu ziehen. Als die Zeit herannahte, vermochte sie kaum mehr zu atmen. Sie wagte es nicht, ans Fenster zu treten, damit er sie nicht von der Straße aus sehe, und getraute sich ebensowenig, die Treppe hinaufzueilen, um ihre Erregung zu verbergen, weil sie ihm, wenn sie zur Tür hinausging, unerwartet begegnen konnte. Abgesehen von dieser Furcht, war es ihr auch, als sei sie außerstande, wieder zurückzukommen, wenn er sie zu sich entbieten ließ. In diesem angstvollen Kampfe saß sie noch neben Kleopatras Ruhebette, sich alle Mühe gebend, die faden Reden dieser Dame zu verstehen und zu beantworten, als sie seinen Fußtritt auf der Treppe vernahm.

»Ich höre ihn jetzt!« rief Florence zusammenfahrend. »Er kommt.«

Kleopatra, die in ihrer Jugendlichkeit stets zu Neckereien aufgelegt war und sich in einer solchen Stimmung nicht an die Gefühle anderer kehrte, schob Florence hinter ihr Ruhebett und ließ einen Schal über sie fallen als Vorbereitung zu einer entzückenden Überraschung für Mr. Dombey. Das war kaum geschehen, als Florence seinen einschüchternden Tritt im Zimmer vernahm.

Er grüßte seine künftige Schwiegermutter und Braut; aber der befremdliche Ton seiner Stimme schauderte dem armen Kinde durch den ganzen Körper.

»Mein teurer Dombey«, sagte Kleopatra, »kommt her und sagt mir, was Eure hübsche Florence macht.«

»Florence geht es recht gut«, versetzte Mr. Dombey, auf das Ruhebett zugehend.

»Ist sie zu Hause?«

»Ja«, antwortete Mr. Dombey.

»Mein teurer Dombey«, entgegnete Kleopatra mit einer bezaubernden Lebhaftigkeit, »seid Ihr auch überzeugt, daß Ihr mich nicht täuscht? Ich weiß nicht, was meine liebe Edith sagen wird, wenn ich Euch eine solche Erklärung gebe; aber auf Ehre, ich fürchte, Ihr seid der falscheste aller Männer, mein teurer Dombey.«

Wenn das eine Wahrheit gewesen und er urplötzlich auf der ungeheuersten Falschheit, die er in Wort oder Tat begangen, ertappt worden wäre, so hätte er nicht betroffener sein können, als in dem Augenblick, in dem Mrs. Skewton den Schal wegzog und Florence sich bleich und zitternd gleich einem Gespenst vor ihm erhob. Er hatte seine Fassung noch nicht wiedergewonnen, als Florence auf ihn zueilte, ihre Hände um seinen Nacken schlang, sein Gesicht küßte und zum Zimmer hinauseilte. Er schaute umher, als ob er diesen Vorgang auf jemand anders beziehen müsse; aber Edith war sogleich Florence nachgegangen.

»Gesteht nur, mein teurer Dombey«, sagte Mrs. Skewton, ihm die Hand reichend, »daß Ihr in Eurem Leben nie freudiger überrascht wurdet.«

»Es ist allerdings eine Überraschung«, versetzte Mr. Dombey.

»Keine freudige, mein teuerster Dombey?« erwiderte Mrs. Skewton, ihren Fächer erhebend.

»Hm – ja, es freut mich sehr, Florence hier zu treffen«, sagte Mr. Dombey. Er schien einen Augenblick ernstlich darüber nachzudenken und fügte dann entschiedener bei: »Ja, in der Tat – es ist mir sehr lieb, daß Florence hier ist.«

»Und Ihr möchtet wohl wissen, wie sie hierher kam?« fragte Mrs. Skewton. »Nicht wahr?«

»Vielleicht Edith –« versetzte Mr. Dombey.

»Ach, wie boshaft in Eurem Raten!« entgegnete Kleopatra, ihren Kopf schüttelnd. »Ach! schlauer, schlauer Mann. Man sollte zwar etwas Derartiges nicht sagen, denn Euer Geschlecht, Mr. Dombey, ist so eitel und mißbraucht so gerne unsere Schwächen; aber Ihr kennt die Offenheit meines Herzens – – schon gut; sogleich.«

Diese letztere Anrede galt einem der sehr langen jungen Männer, der das Diner ankündigte.

»Edith, mein lieber Dombey«, fuhr sie flüsternd fort, »kann Euch nicht immer in ihrer Nähe haben – ich sage ihr stets, daß solches unmöglich ist – und da wünscht sie wenigstens etwas in ihrer Umgebung, was Euch gehört. Nun, das ist auch ganz natürlich. Von einer solchen Gesinnung beseelt, konnte sie heute nichts zurückhalten, anspannen zu lassen und unsern Liebling Florence zu holen. Wie ungemein bezaubernd dies ist!«

Da sie auf eine Antwort wartete, so erwiderte Mr. Dombey:

»Ja, in der Tat sehr.«

»Gott segne Euch, mein teurer Dombey, für diesen Beweis von Herz!« rief Kleopatra, ihm die Hand drückend. »Aber ich werde ernst! Gebt mir Euern Arm – wir wollen hinuntergehen und sehen, sternchenland.com was man uns zum Diner vorzusetzen gedenkt. Gottes Segen über Euch, mein teurer Dombey!«

Nach diesem Schlußsegen hüpfte Kleopatra mit leidlicher Schnelligkeit von ihrem Ruhebett herunter, worauf Mr. Dombey ihren Arm in den seinen legte und sie sehr förmlich die Treppe hinunterführte. Als das würdige Paar in das Speisezimmer eintrat, steckte einer der gemieteten sehr langen jungen Männer, dessen Ehrfurchtsorgan nur sehr unvollkommen entwickelt war, die Zunge in den Nacken, um durch diese Gebärde den andern sehr langen jungen Mietsmann zu belustigen.

Florence und Edith saßen bereits dort Seite an Seite. Die erstere wollte, als ihr Vater eintrat, von ihrem Stuhle aufstehen, um ihm diesen abzutreten; aber Edith legte die Hand auf ihren Arm, und Mr. Dombey nahm auf der andern Seite des runden Tisches Platz.

Die Unterhaltung wurde fast ausschließlich von Mrs. Skewton geführt. Florence getraute sich kaum die Augen aufzuschlagen, um nicht die Spuren von Tränen zu verraten, noch weniger wagte sie es, zu sprechen, und auch Edith blieb stumm, wenn sie nicht gerade auf eine Frage antworten mußte. In der Tat hatte Kleopatra um der Versorgung willen, die so nahezu erfaßt war, schwere Arbeit, und sie durfte wohl froh sein, wenn der Lohn ihrer Mühe entsprechen sollte.

»Eure Vorbereitungen sind also nahezu beendigt, mein teurer Dombey?« sagte Kleopatra, nachdem der Nachtisch aufgetragen war und der silberlockige Kellermeister sich entfernt hatte. »Auch die des Notars?«

»Ja, Madame«, versetzte Dombey. »Wie mir mitgeteilt wurde, ist der Ehevertrag ausgefertigt, und wie ich Euch bereits bemerkte, erwarte ich von Edith nur die Gunst, die Zeit zum Vollzug desselben festzusetzen.«

Edith saß da wie eine schöne Statue – ebenso kalt und stumm.

»Meine Liebe«, ergriff Kleopatra wieder das Wort, »hast du gehört, was Mr. Dombey sagte? Ach mein teurer Dombey«, bemerkte sie heimlich leise zu diesem Gentleman, »wie mich ihre Zerstreutheit beim Herannahen der Zeit an die Tage erinnert, als jener angenehmste von allen Männern, ihr Papa, in der gleichen Lage war.«

»Ich habe nichts zu erwidern. Es soll geschehen, wenn es Euch beliebt«, sagte Edith, kaum einen Blick über den Tisch hinüber nach Mr. Dombey hinwerfend.

»Morgen?« versetzte Mr. Dombey.

»Wie es Euch paßt.«

»Oder habt Ihr vielleicht über Eure Zeit verfügt und ist es Euch übermorgen lieber?« fragte Mr. Dombey.

»Meine Zeit ist frei. Ich stehe Euch immer zu Gebote. Also ganz nach Eurem Belieben.«

»Deine Zeit frei, meine liebe Edith«, stellte ihr die Mutter vor, »da du doch den ganzen Tag schrecklich viel zu tun und tausend Bestellungen bei Kaufleuten aller Art zu machen hast?«

»Das ist Eure Sache«, erwiderte Edith, mit einem leichten sternchenland.com Runzeln der Stirn sich an sie wendend. »Ihr und Mr. Dombey könnt es unter Euch bereinigen.«

»In der Tat ganz richtig, meine Liebe, und sehr rücksichtsvoll von dir«, sagte Kleopatra. »Meine herzige Florence, du mußt mir in der Tat noch einen Kuß geben – willst du so gut sein, meine Liebe?«

Ein sonderbares Zusammentreffen, daß diese Ergüsse von Teilnahme an Florence fast jeden, selbst den unbedeutendsten Zwiespalt beenden mußten, an dem sich Edith ihrer Mutter gegenüber beteiligte. Das arme Mädchen hatte sich nie so vielen Umarmungen unterziehen müssen und war vielleicht, ohne daß sie eine Ahnung davon hatte, in ihrem ganzen Leben nie so nützlich gewesen.

Mr. Dombey war weit entfernt, in seinem Innern das Benehmen seiner schönen Verlobten tadelnswert zu finden. Er hatte ja jenen guten Grund zur Sympathie für Stolz und Kälte, der sich in einem verwandten Gefühl darbietet. Der Gedanke war für ihn schmeichelhaft, daß in Ediths Fall auch diese Empfindungen sich ihm unterwürfig machten und die Dame selbst keinen andern Willen zu haben schien als den seinen. Es tat ihm wohl, sich ausmalen zu können, wie diese stolze stattliche Frau die Honneurs seines Hauses machte und nach seiner eigenen Weise einen erkältenden Eindruck auf die Gäste übte. Die Würde von Dombey und Sohn konnte durch solche Hände nur gewahrt und erhöht werden.

So dachte Mr. Dombey, als er allein bei Tisch zurückblieb und über sein vergangenes und zukünftiges Geschick Betrachtungen anstellte. Er fühlte sich nicht unbehaglich im Anblick des spärlichen düsteren Prunkes, der in dunkelbrauner Farbe mit den die Wände beklecksenden schwarzen Wappenbildern das Zimmer beherrschte. Inmitten der vierundzwanzig schwarzen Stühle, die gleich Särgen mit weißen Nägeln beschlagen waren und wie stumme Leidtragende auf dem Rand des türkischen Teppichs standen, und der beiden erschöpften Neger, die auf dem Seitentisch zwei dürre Arme eines Kandelabers in die Höhe hielten, während der modrige Geruch im Gemach auf die Asche von zehntausend Diners hinzudeuten schien, die in dem darunter liegenden Sarkophag eingeschlossen war.

Der Eigentümer des Hauses lebte viel auswärts, da die Luft Englands selten einem Mitglied der Feenix-Familie auf die Dauer wohl bekam. So hatte sich das Zimmer allmählich tiefer und tiefer in Trauer gekleidet, bis es am Ende so leichenhaft geworden war, daß zur Vervollständigung nur noch der tote Körper fehlte.

Als eine nicht üble Versinnlichung der Leiche, wenn auch nicht in der Haltung, so doch der regungslosen Gestalt nach, schaute Mr. Dombey in die kalten Tiefen eines toten Meers von Mahagoni nieder, auf dem Fruchtkörbe und Flaschen vor Anker lagen, als ob die Gegenstände seiner Gedanken allmählich nach der Oberfläche aufstiegen, um dann wieder unterzutauchen. Edith zeigte sich da in der ganzen Majestät ihrer Stirn und Gestalt. Dicht neben ihr kam Florence, die, wie es vorhin stattgefunden, als sie das Zimmer verließ, ihr schüchternes Haupt einen Augenblick ihm zugekehrt hatte, sternchenland.com während Ediths Augen auf ihr hafteten und ihre Hand schützend auf ihr ruhte. Zunächst sprang eine kleine Gestalt auf einem niedrigen Lehnstuhl ins Dasein und schaute mit ihren hellen Augen und ihrem altjungen Gesicht, das wie im Flackern eines Abendfeuers erglänzte, verwundert nach ihm hin. Abermals trat Florence auf diese zu und nahm deren ganze Aufmerksamkeit in Anspruch – ob als ein vom Schicksal ihm in den Weg geworfenes Hemmnis, ob als Nebenbuhlerin, die ihm stets hinderlich gewesen war und es vielleicht wieder werden sollte, ob als sein Kind, an dessen Ansprüche er auch bei seinem erfolgreichen Freien denken mußte und das nicht mehr als Fremde betrachtet werden wollte, oder ob als ein Wink für ihn, daß seine neuen Verwandten den bloßen Anschein der Sorge für sein eigenes Blut wahren wollten – er wußte das selbst am besten. Im günstigsten Falle war er vielleicht gleichgültig dagegen. Die Hochzeitsgesellschaften, Traualtäre und Szenen des Ehrgeizes – da und dort immer von Florence und wieder von Florence beklagt – tauchten so schnell und verwirrt auf, daß er sich von seinem Stuhl erhob und die Treppe hinaufschritt, um solchen Bildern zu entrinnen.

Es war schon spät, als die Lichter gebracht wurden; denn sie machten Mrs. Skewton Kopfweh. Inzwischen hatte Florence sich mit der alten Dame unterhalten (denn Kleopatra sorgte dafür, sie nicht von ihrer Seite zu lassen) oder zu Mrs. Skewtons Vergnügen mit sanfter Hand die Tasten des Pianos berührt, einiger Anlässe im Laufe des Abends nicht zu gedenken, die diese liebevolle Dame – stets nachdem Edith etwas gesagt hatte – bewogen, sich abermals einen Kuß zu erbitten. Das kam jedoch nicht sehr häufig vor, denn Edith saß die ganze Zeit über (ohngeachtet der Besorgnisse ihrer Mutter, daß sie sich erkälten könnte) abseits am offenen Fenster und blieb in dieser Stellung, bis Mr. Dombey sich verabschiedete. Bei dieser Gelegenheit benahm er sich sehr gnädig gegen seine Tochter, und als Florence in dem gleichen Zimmer mit Edith zu Bett ging, fühlte sie sich glücklich und hoffnungsvoll, daß ihr früheres Dasein ihr nun wie das eines andern armen verlassenen Mädchens erschien, das sie um ihres Kummers willen bemitleidete. Im Gefühl dieser Teilnahme schluchzte sie fort, bis sie einschlief.

Die Nacht entschwand schnell. Man fuhr zu den Putzmacherinnen, den Damenschneidern, den Juwelieren, den Rechtsgelehrten, den Blumengärtnern und den Pastetenbäckern – Ausflüge, an denen Florence sich beteiligte. Sie sollte in dem Hochzeitszug mitgehen und deshalb ihre Trauer ablegen, um bei diesem Anlaß eine prächtige Kleidung zu tragen. Die Ansichten der Putzmacherin, einer Französin, die große Ähnlichkeit mit Mrs. Skewton hatte, waren in dieser Beziehung so züchtig und elegant, daß Mrs. Skewton für sich selbst einen ähnlichen Anzug bestellte. Die Französin war der Meinung, er würde ihr zur Bewunderung gereichen, so daß alle Welt sie für die Schwester der jungen Dame ansehen müßte.

Die Woche entschwand schnell. Edith sah nach nichts und kümmerte sich um nichts. Die reichen Kleider kamen ins Haus, sternchenland.com wurden anprobiert und von Mrs. Skewton und der Putzmacherin laut gelobt, von der Eigentümerin aber, ohne daß sie ein Wort darüber verlor, beiseite gelegt. Mrs. Skewton machte für jeden Tag ihre Pläne und brachte sie selbst in Ausführung. Hin und wieder fuhr Edith, wenn es Einkäufe zu machen galt, mit und besuchte auch bisweilen, falls es unbedingt nötig war, die Läden; Mrs. Skewton aber leitete alles, was da vorkommen mochte, und ihre Tochter benahm sich dabei so teilnahmlos und gleichgültig, als ob das alles sie gar nichts anginge. Florence mochte sie vielleicht für stolz und unbekümmert halten. Aber gegen sie selbst war sie es nie, und ihre Verwunderung erstickte schnell in den Gefühlen des Dankes.

Die Woche entschwand schnell – fast als hätte sie Flügel. Der letzte Abend der Woche – der Abend vor der Trauung war herangekommen.

Mrs. Skewton, Edith und Mr. Dombey saßen in dem unbeleuchteten Zimmer; denn Kleopatras Migräne war noch immer nicht besser, obschon sie erwartete, daß es morgen gut werden würde.

Edith saß an dem offenen Fenster und schaute in die Straße hinaus, während Mr. Dombey sich mit seiner Schwiegermutter auf dem Sofa unterhielt. Es war spät, und die von den Anstrengungen des Tages ermüdete Florence war zu Bett gegangen.

»Mein lieber Dombey«, sagte Kleopatra, »wenn Ihr mich morgen meiner süßen Edith beraubt, so müßt Ihr Florence bei mir lassen.«

Mr. Dombey versprach das mit Vergnügen.

»Sie während Eures Aufenthalts in Paris um mich zu haben und dabei denken zu dürfen, daß ich in ihrem Alter an der Ausbildung ihres Geistes mitwirken kann, mein lieber Dombey«, fuhr Kleopatra fort, »wird für mich in dem Leid um meinen Verlust ein wahrer Balsam sein.«

Edith wandte den Kopf plötzlich um. Ihr unbekümmertes Wesen hatte sich im Augenblick in die glühendste Teilnahme umgewandelt, und sie lauschte, in der Dunkelheit unbemerkt, sorgfältig auf das Gespräch.

Mr. Dombey war entzückt, Florence unter einer so bewundernswürdigen Obhut lassen zu können.

»Mein teurer Dombey«, entgegnete Kleopatra, »tausend Dank für Eure gute Meinung. Ich fürchtete, Ihr habt im Sinn, mit vorbedachter Bosheit, wie die schrecklichen Anwälte sagen – diese entsetzlichen, langweiligen Menschen! – mich zu einer gänzlichen Einsamkeit zu verdammen.«

»Warum tut Ihr mir so schweres Unrecht, meine liebe Madame?« sagte Mr. Dombey.

»Weil meine herzige Florence mir mit Entschiedenheit erklärt hat, daß sie morgen nach Hause gehen müsse«, erwiderte Kleopatra. »Ich begann darum, mich zu sorgen, mein teuerster Dombey, daß Ihr eigentlich ein Tyrann seiet.«

»Ich versichere Euch, Madame«, – sagte Mr. Dombey, »daß sie sternchenland.com von mir aus keinen Befehl erhalten hat. Wenn übrigens dies auch der Fall wäre, so ist Euer Wunsch mir Gebot.«

»Ihr seid ein wahrer Kavalier, mein lieber Dombey«, versetzte Kleopatra, »obschon ich eigentlich nicht so sagen sollte, denn Kavaliere haben kein Herz, und das Eurige blickt in Eurem herrlichen Leben und Charakter überall durch.«

»Aber wollt Ihr wirklich so früh gehen, mein teurer Dombey?«

Ja in der Tat – es war spät, und Mr. Dombey fürchtete, daß er jetzt wirklich aufbrechen müsse.

»Ist es eine Tatsache oder ist das Ganze nur ein Traum!« lispelte Kleopatra. »Kann ich glauben, mein teuerster Dombey, daß Ihr morgen früh zurückkehren werdet, um mich meiner süßen Lebensgefährtin, meiner Edith, zu berauben?«

Mr. Dombey, der gewohnt war, alles buchstäblich zu nehmen, erinnerte Mrs. Skewton daran, daß sie sich morgen in der Kirche wieder treffen würden.

»Der Schmerz, auch an Euch, mein lieber Dombey, ein Kind abtreten zu müssen«, sagte Mrs. Skewton, »ist das Bitterste, was man sich nur denken kann. Rechne ich dazu noch eine von Natur aus zarte Konstitution und die ungeheure Dummheit des Pastetenbäckers, der die Besorgung des Frühstücks übernommen hat, so wird es fast zu viel für meine armen Kräfte. Aber ich will mich morgen aufraffen, mein teurer Dombey; seid um meinetwillen völlig unbesorgt. Der Himmel behüte Euch! Teuerste Edith«, rief sie schalkhaft, »es geht jemand, mein Herz.«

Edith, die den Kopf wieder dem Fenster zugekehrt hatte, da das Gespräch ihr kein weiteres Interesse bot, stand von ihrem Sitze auf, ohne jedoch ihm entgegenzukommen oder auch nur eine Silbe verlauten zu lassen. Mr. Dombey brachte mit stolzer Galanterie, wie seiner Würde und dem Anlaß gemäß war, die knarrenden Stiefel in ihre Nähe, führte ihre Hand an seine Lippen und sagte: »Morgen früh werde ich also das Glück haben, diese Hand als die einer Mrs. Dombey für mich in Anspruch zu nehmen.«

Und er entfernte sich unter feierlichen Verbeugungen.

Sobald die Haustür sich hinter ihm geschlossen hatte, klingelte Mrs. Skewton nach Licht. Mit den Kerzen erschien auch ihre Kammerjungfer, die den jugendlichen Anzug brachte, der morgen die Welt blenden sollte.

Nach der Weise derartiger Kleider schlossen auch diese das Wiedervergeltungsrecht in sich, daß sie die Dame unendlich älter und häßlicher machten, als der alte Flanellunterrock. Doch Mrs. Skewton probierte sie mit betulicher Selbstzufriedenheit an, schmunzelte nach dem leichenhaften Abbild ihres Ichs in den Spiegel hin, als vergegenwärtige sie sich die vernichtende Kraft eines solchen Eindrucks auf den Major, und hieß dann ihre Kammerjungfer all diesen Prunk wieder fortnehmen. Dann mußte der gleiche dienstbare Geist sie zur Ruhe vorbereiten, und die Dame sank in Trümmer zusammen wie ein Kartenhaus.

Mittlerweile blieb Edith in ihrer finsteren Ecke und schaute auf die Straße hinaus. Als sie endlich mit ihrer Mutter allein war, kam sie zum erstenmal diesen Abend hervor und trat ihr gegenüber. Das Gähnen, das Recken und die grämliche Gestalt der Mutter, als sie ihre Augen auf die stolz und aufrecht dastehende Tochter richtete, die einen Glutblick auf sie niederfallen ließ – alles das hatte einen Ausdruck von Schuldbewußtsein an sich, den weder Leichtfertigkeit noch Laune zu verbergen vermochte.

»Ich bin bis in den Tod erschöpft«, sagte sie. »Man kann sich nicht einen Augenblick auf dich verlassen; du bist schlimmer als ein Kind. Was rede ich von Kind! Nicht einmal ein Kind würde so störrisch und ungehorsam sein.«

»Hört mich an, Mutter«, versetzte Edith, ihre Worte mit einer Miene von Verachtung begleitend, die andeutete, daß sie sehr ernsthaft gemeint seien. »Ihr müßt allein bleiben, bis ich zurückkehre.«

»Allein bleiben, bis du zurückkehrst, Edith?« wiederholte die Mutter.

»Oder ich schwöre Euch im Namen dessen, den ich morgen so schnöde und falsch zum Zeugen meines Handelns aufrufen werde, daß ich sogar in der Kirche noch die Hand dieses Mannes zurückweisen will. Ich will tot auf dem Pflaster niedersinken, wenn es nicht geschieht!«

Die Mutter antwortete mit der Miene großer Unruhe, die durch den Blick, den sie äußerlich herauszubringen suchte, in keiner Weise gemildert wurde.

»Es ist genug«, sagte Edith mit Festigkeit, »daß wir sind, was wir sind. Ich will nicht haben, daß Jugend und Treuherzigkeit in meine Tiefe hinabgezogen wird, und ich kann es nicht dulden, daß man ein argloses Wesen verderbe und verkehre, selbst wenn es sich darum handelte, einer Welt von Müttern die Langeweile zu vertreiben. Ihr wißt, was ich meine. Florence muß nach Hause.«

»Du bist eine Törin, Edith«, rief ihre Mutter zornig, »Meinst du, es sei in jenem Hause je Frieden für dich zu finden, bis sie verheiratet und fort ist?«

»Ihr fragt mich? – Fragt lieber Euch selbst, ob ich von diesem Hause überhaupt Frieden erwarte«, sagte die Tochter. »Ihr kennt die Antwort.«

»Und ich soll mir nach all der Mühe, die ich mir gegeben habe, und durch die du im Begriffe stehst, eine unabhängige Stellung zu erlangen, heute nacht sagen lassen«, schrie ihre Mutter in ihrer Leidenschaftlichkeit laut hinaus, während ihr Kopf wie ein Laub zitterte, »daß in mir Befleckung und Ansteckung liege – daß ich keine passende Gesellschaft für ein Mädchen sei? He, was bist denn du – was bist denn du?«

»Ich habe, als ich dort saß, mir diese Frage mehr als einmal vorgelegt«, versetzte Edith mit aschfahlem Gesicht, indem sie nach dem Fenster deutete. »Es ist etwas in dem verblichenen Abbild meines Geschlechts draußen vorbeigegangen, und Gott weiß, ich habe meine sternchenland.com Antwort darin gelesen. O Mutter, Mutter, hättet Ihr mir nur mein natürliches Herz gelassen, als auch ich ein Mädchen war – ein Mädchen, noch jünger als Florence – wie ganz anders könnte ich jetzt dastehen!«

In dem Bewußtsein, daß jede Kundgebung von Zorn hier nutzlos war, tat die Mutter sich Zwang an, brach in ein Gewinsel aus und beklagte, daß sie zu lange gelebt habe, weil sogar ihr einziges Kind sich von ihr lossage. Das Pflichtgefühl gegen Eltern sei in diesen schlimmen Tagen vergessen, und nun sie einen so unnatürlichen Hohn hören müsse, kümmere sie sich nicht mehr um ihr Leben.

»Wenn man unaufhörlich solche Szenen durchmachen muß«, wimmerte sie, »dann ist es wahrhaftig besser, wenn ich auf Mittel denke, meinem Dasein ein Ende zu machen. O, der Gedanke, daß du meine Tochter bist, Edith, und mich in solcher Weise morden kannst!«

»Zwischen uns, Mutter«, entgegnete Edith im Ton der Trauer, »ist die Zeit zu wechselseitigen Vorwürfen vorbei.«

»Warum sie also immer wieder aufwärmen?« klagte die Mutter weiter. »Du weißt, daß du mich in der grausamsten Weise verwundest. Du weißt, wie tief ich dein unkindliches Benehmen empfinde. Und noch dazu in einem solchen Augenblick, in dem ich so viel zu denken habe und natürlich besorgt sein muß, mich im vorteilhaftesten Licht zu zeigen! Ich kann mich nicht genug wundern über dich, Edith. Willst du, daß deine Mutter an dem Tag deiner Vermählung wie eine Vogelscheuche erscheine?«

Edith heftete, während die Mutter schluchzte und ihre Augen rieb, den früheren durchbohrenden Blick auf sie und sagte mit derselben gedämpften, festen Stimme, mit der sie bisher gesprochen hatte:

»Ich habe Florence erklärt, daß sie nach Hause gehen müsse.«

»Na denn schön!« rief die gequälte und erschreckte Mutter hastig. »Ich habe wahrhaftig nichts dagegen. Was kümmert mich auch das Mädchen?«

»Mir liegt sie am Herzen, und ehe ich zugebe, daß ihr auch nur ein Gran von dem Schlimmen mitgeteilt werde, das in meinem Innern zehrt, Mutter, sage ich mich lieber von Euch los, wie ich auch morgen in der Kirche ihn zurückweisen werde, falls Ihr mir Anlaß dazu gebt«, erwiderte Edith. »Befaßt Euch nicht mit dem Mädchen. Sie soll, so lange ich es hindern kann, nicht durch die Lehren befleckt und verderbt werden, die man mir beibrachte. Das ist in einer so bittern Nacht keine schwere Bedingung.«

»Wenn du sie in kindlicher Weise gestellt hättest, Edith«, wimmerte ihre Mutter, »so wäre es vielleicht nicht der Fall, und ich hätte nichts dagegen. Aber so schneidende Worte –«

»Es ist jetzt zwischen uns vorbei und abgetan«, sagte Edith. »Geht Euren eigenen Weg, Mutter; teilt Euch in das Errungene nach Belieben; verbraucht es; erfreut Euch dessen, macht es Euch zunutze und seid so glücklich, wie Ihr es könnt. Unser Lebenszweck ist erreicht, und wir wollen fortan weitergehen. Von Stunde an sind sternchenland.com meine Lippen über die Vergangenheit geschlossen. Ich vergebe Euch Euren Anteil an der morgigen Schändlichkeit – möge mir Gott den meinigen verzeihen!«

Ohne ein Beben in ihrer Stimme, ruhig und festen Schrittes, als wolle sie jede sanftere Erregung niedertreten, sagte sie zu ihrer Mutter gute Nacht und begab sich nach ihrem Zimmer.

Aber nicht zur Ruhe. Es gab in der Einsamkeit keine Ruhe für den Sturm ihrer Empfindungen. Hundert- und hundertmal ging sie zwischen den prächtigen Vorbereitungen zu ihrer morgigen Ausschmückung auf und nieder. Ihre dunkeln Haare waren aufgelöst, ihre schwarzen Augen blitzten von einem wilden Lichte, und ihr schneeiger Busen rötete sich unter der ergrimmten Faust, mit der sie ihn schonungslos schlug, während sie abgewandten Hauptes hin und her ging, als wolle sie den Anblick ihrer eigenen schönen Gestalt vermeiden und sich von ihr losreißen. So kämpfte in der stillen Nacht vor dem Brautgang Edith Granger mit ihrem unruhigen Geist – trocknen Auges, freundlos, stumm, stolz und ohne Klage.

Endlich berührte sie zufällig die offene Tür, die nach dem Zimmer führte, wo Florence lag. Sie fuhr zusammen, blieb stehen und schaute hinein.

Es brannte ein Licht dort. Florence lag da in der Blüte ihrer Unschuld und Schönheit in tiefem Schlaf. Edith hielt den Atem an sich und fühlte sich zu ihr hingezogen.

Näher, näher und näher – endlich so nahe, daß sie, sich niederbeugend, ihre Lippen auf die weiche Hand drückte, die auf der Bettdecke lag, und sie sanft an ihre Brust zog. Diese Berührung übte eine Wirkung, wie der Stab Mosis auf den Felsen. Ihre Tränen quollen darunter hervor, während sie auf die Knie niedersank und den schmerzenden Kopf und das wallende Haar auf das Kissen daneben niederdrückte.

So verbrachte Edith Granger die Nacht vor ihrer Trauung. So fand sie die Sonne an ihrem Hochzeitsmorgen.

Einunddreißigstes Kapitel.


Einunddreißigstes Kapitel.

Die Trauung.

Das Grauen des Tages mit seinem leidenschaftslosen Antlitz stiehlt sich schaudernd nach der Kirche, unter welcher der Staub des kleinen Paul neben dem seiner Mutter liegt, und blickt durch die Fenster hinein.

Es ist kalt und dunkel. Die Nacht duckt sich noch nieder auf dem Pflaster und brütet schwer und düster in den Nischen und Winkeln des Gebäudes. Die über die Häuser erhabene Turmuhr, auftauchend unter den andern zahllosen Wellen in der Flut der Zeit, die regelmäßig nach dem ewigen Gestade rollt und sich daran bricht, ist nur in graulichem sternchenland.com Lichte sichtbar gleich einem steinernen Leuchtturm, der den Wogengang anzeigt; aber innerhalb der Türen kann die Dämmerung nur nach der Nacht hereinschauen und sehen, daß sie da ist.

Matt um die Kirche her sich breitend und hineinblickend, stöhnt und weint das Zwielicht um seine kurze Herrschaft. Seine Tränen träufeln an den Fensterscheiben nieder, und die Bäume beugen ihre Häupter gegen die Kirchenmauer, indem sie zugleich teilnehmend ihre vielen Hände ringen. Die erbleichende Nacht schwindet allmählich aus der Kirche, zögert aber noch in den Gewölben unten und setzt sich auf die Särge. Und nun kommt der helle Tag, die Uhr vergoldend, den Kirchturm rötend, die Tränen der Dämmerung trocknend und ihre Klagen erstickend. Das scheue Zwielicht folgt der Nacht, jagt sie aus ihren letzten Zufluchtsorten, schleicht selbst in die Gewölbe und verbirgt sich mit erschrecktem Gesichte unter den Toten, bis die Nacht neu belebt zurückkehrt, um es davon auszutreiben.

Und jetzt verbergen die Mäuse, die sich mit den Gebetbüchern mehr zu schaffen machen als ihre regelmäßigen Eigentümer, und mit ihren kleinen Zähnen die Kirchenröcke mehr abnützen, als es von menschlichen Knien geschieht – ihre hellen Augen in den Löchern und drücken sich dicht aneinander in ihrem Schrecken über das dröhnende Knarren der Kirchentür. Denn der Kirchendiener, dieser gewaltige Mann, ist am heutigen Morgen mit dem Küster früh auf den Beinen, und Mrs. Miff, die schweratmige kleine Kirchstuhlöffnerin – eine außerordentlich ausgetrocknete, dürftig gekleidete alte Dame, an welcher der Finger nirgends auch nur einen Zoll Fülle fassen kann – hat sich gleichfalls eingefunden und an dem Portal, als an dem ihr zustehenden Platz, schon eine halbe Stunde auf den Kirchendiener gewartet.

Mrs. Miff hat ein Essiggesicht, ein zerbeultes Hütchen und eine nach Sixpencen und Schillingen dürstende Seele. Das Hereinwinken verirrter Leute nach den Kirchstühlen hat ihr eine geheimnisvolle Miene verliehen, und auch in ihrem Auge drückt sich eine Zurückhaltung aus, als wisse sie noch immer einen weicheren Sitz, obschon sie mißtrauisch sei wegen der Belohnung. Es gibt keinen Mr. Miff und hat auch seit zwanzig Jahren keinen gegeben; darum vermeidet auch Mrs. Miff es gerne, auf ihn anzuspielen. Wie es scheint, hegte er gar schlimme Ansichten betreffs Freisitze, und obschon Mrs. Miff hofft, seine Seele werde aufwärts gegangen sein, wagt sie es doch nicht, dies mit Bestimmtheit zu behaupten.

Mrs. Miff ist diesen Morgen vor der Kirchtür mit Ausstäuben des Altartuchs, des Teppichs und der Polster emsig beschäftigt. Auch weiß sie viel über die bevorstehende Hochzeit zu erzählen. Sie weiß, daß die neuen Möbel und die Veränderung im Hause ein Vermögen kosten, und hat aus der besten Quelle in Erfahrung gebracht, daß die Braut kein Sixpencestück besitzt, um sich damit bekreuzigen zu können. Ferner erinnert sich Mrs. Miff, als sei es gestern gewesen, des Leichenbegängnisses der ersten Frau, dann der Taufe und endlich der andern Beerdigung. Auch meint sie, sie wolle doch sogleich jenes sternchenland.com Täfelchen dort mit Seifenwasser bearbeiten, ehe der Brautzug anlange. Mr. Sownds, der Kirchendiener, der die ganze Zeit über auf der Kirchentreppe in der Sonne sitzt und selten etwas anderes tut, wenn er nicht etwa bei kaltem Wetter das Feuer vorzieht, schenkt beifällig Mrs. Miffs Reden Gehör und fragt sie, ob ihr nicht zu Ohren gekommen wäre, daß die Dame ungemein schön sei. Mrs. Miff hat hievon Kunde, und Sownds, der Kirchendiener, der trotz seiner Rechtgläubigkeit und Korpulenz noch immer ein Bewunderer von weiblicher Schönheit ist, bemerkt mit Salbung, ja, er habe in Erfahrung gebracht, sie sei ein Kernstück – ein Ausdruck, der Mrs. Miff ein wenig zu kräftig scheint und auch von jeder andern Lippe als von der des Kirchendieners Mr. Sownds so erscheinen dürfte.

Mittlerweile geht es in Mr. Dombeys Hause wirr und bunt durcheinander, namentlich unter den Dienstmägden, denn keine derselben hat von vier Uhr an auch nur einen Augenblick geschlafen, und alle sind schon vor sechs in vollem Putz. Mr. Towlinson wird von der Hausmagd mehr als je berücksichtigt, und beim Frühstück sagt die Köchin, daß eine Hochzeit noch viele nach sich ziehe – eine Behauptung, der die Hausmagd keinen Glauben schenken kann, da sie dieselbe für ganz und gar unrichtig hält. Mr. Towlinson behält seine Ansicht über diese Frage für sich und ist überhaupt etwas verstimmt über die Einstellung eines Ausländers mit einem Backenbart (Mr. Towlinson ist selbst bartlos), der das glückliche Paar nach Paris begleiten soll und sich eben mit Bepackung des neuen Wagens zu schaffen macht. In Beziehung auf diese Person weiß Mr. Towlinson sogleich, daß bei Ausländern nie etwas Gutes herausgekommen sei, und da ihn die weibliche Dienerschaft des Vorurteils zeiht, so erklärt er, man solle nur den Bonaparte ansehen, der an ihrer Spitze gestanden habe; ob dieser nicht das beste Beispiel gebe. Das ist ein Hinweis, gegen den die Damen des Haushalts keine Einsprache zu erheben vermögen.

Der Pastetenbäcker hat in dem leichenhaften Zimmer zu Brook-Street alle Hände voll zu tun, und die sehr langen jungen Männer sehen emsig zu. Einer derselben riecht bereits stark nach Wein, und seine Augen verraten die Neigung, starr in seinem Kopf stehenzubleiben und die Gegenstände anzuglotzen, ohne sie selbst zu sehen. Der sehr lange junge Mann ist sich selbst dieses Gebrechens bewußt und teilt seinen Kameraden mit, die Erbauung sei daran schuld; seine Sprache war jedoch etwas umnebelt, und er wollte wahrscheinlich Erregung sagen.

Die Glockenmänner haben eine Witterung von der Hochzeit; ebenso auch die mit den Markknochen und die Blechmusikbande. Die ersten üben sich in einem hinteren Hofe unfern von Battle Bridge ein; die zweiten setzen sich durch ihren Hauptmann mit Mr. Towlinson in Verbindung, dem sie die Honorarforderungen mitteilen. Die dritte lauert und duckt sich in der Person eines schlauen Posaunisten um die Ecke und harrt auf irgendeinen gefälligen Menschen, der ihm gegen Bestechung den Platz und die Stunde des Frühstücks andeuten soll.

Die Erwartungen und Aufregungen greifen noch mehr um sich und verbreiten sich weiter. Mr. Perch bringt von Balls Pond seine Frau mit, damit sie den Tag unter Mr. Dombeys Dienstleuten zubringe und diese verstohlenerweise begleite, um die Trauung mitanzusehen. Mr. Toots kleidet sich in seiner Wohnung, als sei er selbst wenigstens der Bräutigam, und entschließt sich, das prachtvolle Schauspiel von einer geheimen Ecke der Emporkirche aus mitanzusehen, wohin ihn der Preishahn begleiten soll. Denn Mr. Toots hegt den verzweifelten Plan, letzterem Florence zu zeigen und unverhohlen zu ihm zu sagen: »Ich will Euch nicht länger täuschen, Preishahn. Der Freund, von dem ich hin und wieder mit Euch sprach, bin ich selbst, und Miß Dombey ist der Gegenstand meiner Leidenschaft. Was haltet Ihr bei solchem Stand der Dinge von der Sache, und was ratet Ihr mir nunmehr?«

Der Preishahn, dem eine solche Überraschung bevorsteht, netzt inzwischen in Mr. Toots Küche seinen Schnabel mit einem Becher starken Biers und pickt ein paar Pfunde Beefsteaks zusammen. Auf dem Prinzessinnenplatz ist Miß Tox geschäftig; denn ungeachtet ihrer tiefen Betrübnis hat auch sie sich vorgenommen, Mrs. Miff einen Schilling in die Hand zu drücken und die Feierlichkeit, die für sie eine so grausame Entzauberung ist, von einer einsamen Ecke aus anzusehen. Selbst in dem Quartier des hölzernen Midshipman geht es lebhaft zu; denn Kapitän Cuttle sitzt mit seinen Bundstiefeln und einem ungeheuren Hemdkragen bei seinem Frühstück und hört Rob dem Schleifer zu, der ihm zum voraus das Trauungsritual vorlesen muß, damit sein Gebieter die hehre Szene, an der er teilnehmen will, gehörig verstehe. Dabei erteilt der Kapitän von Zeit zu Zeit an seinen Kaplan die ernste Weisung, »haltzumachen« oder »diesen Artikel noch einmal zu wiederholen«, verweist ihn auf die ihm zustehende Pflicht und verlangt, daß er die »Amen« ihm, dem Kapitän, überlasse – eine Obliegenheit, die er mit klangvoller Selbstbefriedigung erfüllt, so oft Rob, der Schleifer, eine Pause macht.

Außerdem haben allein in Mr. Dombeys Straße zwanzig Kindermädchen ebenso vielen Familien von kleinen Frauenzimmern, deren instinktartiges Interesse für Hochzeiten schon von der Wiege herstammt, versprochen, daß sie die Trauung mitansehen dürften. Mr. Sownds, der Kirchendiener, hat in der Tat guten Grund, die Würde seines Amtes zu fühlen, wie er so dasitzt, um seine stattliche Gestalt auf der Kirchentreppe zu sonnen, und der Trauungsstunde entgegensieht. Ferner darf Mrs. Miff auf ein unglückliches zwerghaftes Kind mit einem riesigen Wickelbübchen, das zum Portal hineinschaut, losstürzen und es entrüstet fortjagen.

Vetter Feenix ist ausdrücklich in der Absicht, der Hochzeit beizuwohnen, von seiner Reise zurückgekehrt. Er hat schon vor vierzig Jahren als ein Lebemann gegolten, ist aber noch so jugendlich in Gestalt und Benehmen, dabei so gut erhalten, daß Fremde nicht genug erstaunen können, wenn sie in Seiner Herrlichkeit Gesicht verborgene Falten und in seinen Augen Krähenfüße entdecken, oder zum erstenmal sternchenland.com die Bemerkung machen, daß sein Gang etwas unsicher sei. Wenn aber Vetter Feenix um halb acht Uhr oder so aufsteht, ist er etwas ganz anderes, als der aufgestandene Feenix, und er hat in der Tat ein sehr trübes Aussehen, solange er noch in Longs Hotel zu Bond-Street rasiert wird.

Mr. Dombey verläßt sein Ankleidezimmer unter einem allgemeinen Zurückweichen des Frauenpersonals von der Treppe, das sich mit einem gewaltigen Rauschen der Kleider nach allen Richtungen zerstreut. Nur Mrs. Perch, die sich wie gewöhnlich in einer interessanten Lage befindet, ist nicht so fix, sondern muß ihm entgegentreten und ist in ihrer Verwirrung bereit, vor lauter Knixen in die Erde zu sinken – möge der Himmel alle übeln Folgen von dem Hause Perch abwehren! Mr. Dombey begibt sich nach dem Besuchszimmer hinauf, um zu warten, bis seine Zeit gekommen ist. Wie prächtig ist nicht sein neuer blauer Frack, die rehfarbene Beinbekleidung und die lila Weste Auch verbreitet sich ein Geflüster durch das Haus, daß Mr. Dombeys Haar gekräuselt sei.

Ein Doppelschlag meldet die Ankunft des Majors, der sich gleichfalls prachtvoll herausgeputzt hat und einen ganzen Geraniumstock in seinem Knopfloch trägt. Auch sein Haar ist schön gekräuselt, und der Eingeborene weiß davon zu erzählen.

»Dombey«, sagt der Major, indem er seine beiden Hände ausstreckt, »wie geht es Euch?«

»Major«, versetzt Mr. Dombey, »wie befindet Ihr Euch

»Beim Herkules, Sir«, sagt der Major, »Joey B. ist diesen Morgen in einer Stimmung«, – und er klopft sich dabei hart auf die Brust – »diesen Morgen in einer Stimmung, Sir, daß er, soll ihn der Teufel holen, Dombey, halb Lust hat, zu einer Doppelheirat die Hand zu bieten, Sir, und die Mutter zu nehmen.«

Mr. Dombey lächelt, aber nur leicht; denn er fühlt, daß die Mutter zu seiner Verwandtschaft gehören wird und daß er unter solchen Umständen keinen Scherz verstehe.

»Dombey«, sagt der Major, der das bemerkt, »ich wünsche Euch Glück. Ich gratuliere Euch, Dombey. Beim Himmel, Sir«, fügte er bei, »Ihr seid heute mehr zu beneiden als irgendein Mann in England.«

Auch hier ist Mr. Dombeys Beifall nur bedingt; denn es handelt sich bei ihm darum, einer Dame eine große Auszeichnung zuteil werden zu lassen, weshalb ohne Zweifel sie am meisten zu beneiden ist.

»Was Edith Granger betrifft, Sir«, fährt der Major fort, »so gibt es in ganz Europa kein Mädchen, das nicht seine Ohren und seine Ohrenringe dazu hergeben möchte, – erlaubt Bagstock beizufügen, Sir: und sie auch hergeben würde – um an Edith Grangers Stelle zu sein.«

»Ihr seid sehr gütig«, sagt Mr. Dombey.

»Dombey«, erwidert der Major, »Ihr wißt es selbst. Wozu auch eine falsche Bescheidenheit! Ihr wißt es. Wißt Ihr es oder wißt Ihr es nicht?« sagte der Major fast in Leidenschaft.

»O, in der Tat, Major–«

»Gott verdamm mich, Sir«, entgegnet der Major, »wißt Ihr diese Tatsache oder wißt Ihr sie nicht? Dombey, ist der alte Joe Euer Freund? Stehen wir auf jenem Fuß rückhaltloser Vertraulichkeit, Dombey, der einen Mann, wie den derben alten Joseph B., rechtfertigt, Sir, sich offen auszusprechen? Oder muß ich das für eine Weisung annehmen, Dombey, den Abstand zu berücksichtigen und zeremoniös zu werden?«

»Mein lieber Major Bagstock«, sagt Mr. Dombey geschmeichelt, »Ihr werdet ja ganz warm.«

»Bei Gott, Sir«, versetzt der Major, »ich bin warm. Joseph B. stellt es nicht in Abrede, Dombey. Er ist warm. Es handelt sich ja um eine Gelegenheit, Sir, die alle ehrenhaften Sympathien, welche etwa noch in dem Gerippe des alten, höllischen, zerbeulten, aufgebrauchten, invaliden J.B. zurückgeblieben sind, in Tätigkeit ruft. Ich muß Euch etwas sagen, Dombey, – zu einer solchen Zeit muß der Mann mit dem herausplatzen, was er fühlt, oder einen Maulkorb anlegen, und Joseph Bagstock erklärt es Euch ins Gesicht, wie er es auch hinter Eurem Rücken in seinem Klub tut, daß er sich nie einen Maulkorb anlegen lassen will, wenn Paul Dombey in Frage kommt. Gott verdamm mich, Sir«, schließt der Major mit großer Festigkeit, »was habt Ihr darauf zu erwidern?«

»Major«, sagt Mr. Dombey, »ich versichere Euch, daß ich mich Euch in der Tat zu Dank verpflichtet fühle. Es fiel mir nicht ein, Eurer allzu parteiischen Freundschaft Einhalt zu tun.«

»Nicht allzu parteiisch, Sir!« ruft der cholerische Major. »Dombey, ich stelle das in Abrede!«

»So will ich sagen, Eurer Freundschaft zu mir«, fährt Mr. Dombey fort. »Auch kann ich bei einem Anlaß wie der gegenwärtige nicht vergessen, Major, wie sehr ich Euch verpflichtet bin.«

»Dombey«, sagt der Major mit einer entsprechenden Gebärde, »dies ist die Hand des Joseph Bagstock – des einfachen alten Joey B., Sir, wenn Ihr lieber so wollt. Dies ist die Hand, von der Seine Königliche Hoheit der verstorbene Herzog von York gegen Seine Königliche Hoheit den verstorbenen Herzog von Kent zu bemerken mir die Ehre erwies, daß es die Hand Joeys sei, eines rauhen, zähen, alten Vagabunden. Dombey, möge der gegenwärtige Augenblick der am wenigsten unglückliche in unserm Leben sein. Gottes Segen über Euch!«

Jetzt tritt Mr. Carker ein, der gleichfalls prächtig gekleidet ist und in der Tat wie ein Hochzeitsgast lächelt. Er ist so reich an Glückwünschen, daß er kaum Mr. Dombeys Hand loslassen kann. Dabei schüttelt er dem Major die Hand so herzlich, daß auch seine Stimme im Einklang mit den Armen beweglich wird, während sie sich durch die Zähne hindurch ihre Bahn bricht.

»Sogar der Tag deutet auf Glück«, sagt Mr. Carker. »Das heiterste, lieblichste Wetter! Hoffentlich komme ich doch nicht zu spät?«

»Ihr seid durchaus pünktlich, Sir«, bemerkt der Major.

»Das freut mich in der Tat«, sagt Mr. Carker. »Ich fürchtete, ich möchte mich um einige Sekunden über die bestimmte Zeit verspätet haben; denn ich wurde durch einen Zug von Frachtwagen aufgehalten. Ich nahm mir die Freiheit, nach Brook-Street zu reiten« – dies zu Mr. Dombey – »und ein paar kleine Seltenheiten von Blumen für Mrs. Dombey dort zurückzulassen. Ein Mann in meiner Stellung, der durch eine solche Einladung ausgezeichnet wird, rechnet es sich zur hohen Ehre an, in Anerkennung seiner Lehenspflichtigkeit eine Huldigung darzubringen. Da ich natürlich nicht zweifle, Mrs. Dombey sei schon mit allem Kostbaren und Prächtigen überschüttet worden« – er begleitet diese Worte mit einem seltsamen Blick auf seinen Chef – »so hoffe ich, daß deshalb auch meine arme Gabe Gnade finden wird.«

»Ich bin überzeugt«, erwidert Mr. Dombey herablassend, »daß die künftige Mrs. Dombey Eure Aufmerksamkeit zu schätzen wissen wird.«

»Und wenn sie noch heute morgen Mrs. Dombey sein soll, Sir«, sagt der Major, seine Kaffeetasse niedersetzend und auf seine Uhr sehend, »so ist es hohe Zeit, daß wir uns auf den Weg machen.«

Mr. Dombey, Major Bagstock und Mr. Carker fahren in einer Equipage nach der Kirche. Mr. Sownds, der Kirchendiener, hat sich längst von der Treppe erhoben und wartet mit dem Eckenhut in der Hand. Mrs. Miff knixt und bietet Stühle in der Sakristei an. Mr. Dombey zieht es vor, in der Kirche zu bleiben. Als er nach der Orgel hinaufblickt, verbirgt sich Miß Tox auf der Emporkirche hinter dem fetten Bein eines Cherubs, der Backen hat wie ein junger Wind. Kapitän Cuttle dagegen steht auf und schwenkt seinen Haken zum Zeichen des Willkomms und der Ermutigung. Mr. Toots teilt dem Preishahn hinter der vorgehaltenen Hand mit, daß der mittlere Gentleman, der in den rehfarbenen Hosen, der Vater des Gegenstands seiner Liebe sei. Der Preishahn flüstert darauf Mr. Toots in heiseren Lauten zu, er sei ein so steifer Kunde, wie er nur je einen gesehen habe, aber es liege in der Macht der Wissenschaft, ihn gelenkig zu machen, und man bedürfe hierzu nur eines einzigen Schlages in die Magengegend.

Mr. Sownds und Mrs. Miff besehen sich Mr. Dombey aus einiger Entfernung, als sich auf einmal das Getöse rasselnder Räder vernehmen läßt und Mr. Sownds hinausgeht. Mr. Dombey wendet eben seinen Blick von dem anmaßenden Tollhäusler auf der Emporkirche ab, der ihn mit so viel Leutseligkeit begrüßt, und begegnet dabei dem der Mrs. Miff, die ihm einen Knix macht und die Bemerkung beifügt, sie glaube, daß seine »gute Dame« komme. Dann gibt es ein Gedränge und ein Flüstern in der Nähe der Tür, worauf die gute Dame mit stolzen Schritten eintritt.

Auf ihrem Gesicht zeigt sich keine Spur von den Leiden der letzten Nacht. Man bemerkt in ihrem Wesen nichts von dem knienden Weibe, das in schönem Selbstvergessen das verwirrte Haupt niedergelegt hat auf das Kissen des schlafenden Mädchens. Jenes sternchenland.com sternchenland.com Mädchen, so sanft und lieblich, geht an ihrer Seite – ein auffallender Gegensatz zu ihrer eigenen trotzigen Gestalt, wie sie dasteht, ruhig, aufrecht, und unergründlich in ihren Gefühlen, prächtig und majestätisch in der höchsten Blüte ihrer Reize, aber doch die Bewunderung, zu der sie Anlaß gibt, abweisend und unter die Füße tretend.

Eine Pause tritt ein, während der Mr. Sownds, der Kirchendiener, in die Sakristei schlüpft, um den Geistlichen und den Küster zu holen. Mrs. Skewton redet Mr. Dombey an – bestimmter und nachdrücklicher, als es ihre Gewohnheit ist. Dabei tritt sie dicht an Ediths Seite.

»Mein teurer Dombey«, sagte die gute Mama, »ich fürchte, ich muß am Ende doch auf die liebe Florence verzichten und sie nach Haus gehen lassen, wie sie es selbst vorgeschlagen hat. Nach dem Verlust, der mich heute betrifft, mein lieber Dombey, fühle ich meinen Geist so gedrückt, daß mir vielleicht auch ihre Gesellschaft zuviel wird.«

»Wäre es nicht besser, wenn sie bei Euch bliebe?« versetzt der Bräutigam.

»Ich glaube nicht, mein teurer Dombey. Nein, ich glaube nicht. Es wird besser sein, wenn ich allein bin. Außerdem ist nach Eurer Rückkehr meine liebe Edith ihre natürliche und beständige Schützerin; deshalb will ich ihr in keiner Weise vorgreifen. Sie könnte eifersüchtig werden – meinst du nicht, meine liebe Edith?«

Die zärtliche Mama drückt bei diesen Worten den Arm ihrer Tochter, vielleicht um sich ihre Aufmerksamkeit zu erbitten.

»Im Ernst, mein teurer Dombey«, sagt sie weiter, »ich will unser liebes Kind nach Haus lassen und es nicht mit meiner Schwermut behelligen. Wir haben uns hierüber ganz verständigt. Sie sieht es vollkommen ein, mein teurer Dombey. Edith, meine Liebe – sie sieht es vollkommen ein.«

Abermals drückt die gute Mutter den Arm ihrer Tochter. Mr. Dombey macht keine weitere Gegenvorstellung; denn der Geistliche erscheint mit dem Küster, und Mrs. Miff weist unter dem Beistande des Kirchendieners, Mr. Sownds, der Gesellschaft die geeigneten Plätze vor dem Altargeländer an.

»Wer vergibt diese Frau, daß sie mit diesem Manne vermählt werde?«

Vetter Feenix tut das. Er ist deshalb ausdrücklich von Baden-Baden hergekommen. »Zum Henker«, sagte Vetter Feenix; ein herrlicher Mann, dieser Vetter Feenix – »wenn wir einen reichen City-Burschen in die Familie kriegen, so müssen wir ihm einige Aufmerksamkeit zeigen. Wir müssen etwas für ihn tun.«

»Ich vergebe diese Frau, damit sie mit diesem Manne vermählt werde«, sagt demgemäß Vetter Feenix.

Vetter Feenix, der geradeaus gehen will, aber vermöge seiner eigensinnigen Beine ein wenig seitab gerät, vergibt anfangs die unrechte Frau, damit sie mit diesem Manne vermählt werde, nämlich eine Brautjungfer von Stand, entfernt mit der Familie verwandt sternchenland.com und etwa zehn Jahre jünger als Mrs. Skewton. Aber Mrs. Miff, die das zerbeulte Hütchen dazwischen steckt, zieht ihn gewandt zurück und läßt ihn voll auf die »gute Dame« loslaufen, die nun Vetter Feenix vergibt, damit sie mit diesem Manne vermählt werde.

»Und wollen Sie im Angesicht des Himmels –?«

Ja, sie wollen. Mr. Dombey erklärt, er wolle. Und was sagt Edith? Auch sie will.

So verpflichten sie sich von Stunde an zu gegenseitiger Treue – sich zu lieben und zu tragen in Glück und Unglück, in Reichtum und Armut, in kranken und gesunden Tagen. Sie sind vermählt.

Mit fester, freier Hand zeichnet die Braut ihren Namen in das Kirchenregister ein, das in der Sakristei aufgeschlagen ist.

»Es kommen nicht viele Damen her«, sagt Mrs. Miff mit einem Knix – denn wenn man sie zu solchen Zeiten ansieht, so geht es stets mit ihrem zerbeulten Hütchen auf und nieder – »die ihre Namen schreiben wie diese gute Dame!«

Mr. Sownds, der Kirchendiener, meint, es sei eine wahrhafte Kern-Unterschrift, die der Schreiberin Ehre mache – dies jedoch nur zwischen ihm und seinem Gewissen.

Auch Florence unterzeichnet, findet aber keinen Beifall; denn ihre Hand zittert. Alle Zeugen unterschreiben – Vetter Feenix zuletzt, obschon er seinen edlen Namen an den unrechten Platz setzt und sich selbst unter diejenigen einreiht, die an jenem Morgen geboren wurden.

Der Major küßt nun die Braut in höchst galanter Weise und dehnt diesen Zweig militärischer Taktik auf alle Damen aus, obschon der Mrs. Skewton nur sehr schwer beizukommen ist und sie in dem heiligen Gebäude ein schrilles Quieken erschallen läßt. Vetter Feenix und sogar Mr. Dombey folgen diesem Beispiel. Endlich naht sich auch Mr. Carker mit seinen glänzenden weißen Zähnen der Braut, wie es scheint eher in der Absicht, sie zu beißen, als um die Süßigkeiten zu kosten, die ihre Lippen umschweben.

Auf ihren stolzen Wangen und in dem Blitzen ihrer Augen zeigt sich eine Glut, die vielleicht den Zweck hat, ihn zurückzuhalten. Das nutzt aber nichts; denn er küßt sie, wie die übrigen es getan haben, und wünscht ihr alles Glück.

»Wenn bei einem Bund, wie der gegenwärtige, Wünsche nicht etwa überflüssig sind«, fügt er mit gedämpfter Stimme bei.

»Ich danke Euch, Sir«, antwortet sie mit aufgeworfener Lippe und klopfendem Busen.

Aber fühlt Edith noch wie an dem Abend, als sie erfuhr, Mr. Dombey werde zurückkehren, um ihr seine Hand anzubieten, daß Carker sie durchaus kennt, daß er in ihrer Seele gelesen hat und daß sie hierdurch mehr herabgewürdigt wird als durch irgend etwas anderes? Ist dies der Grund, warum ihr Stolz unter seinem Lächeln zusammenschmilzt gleich dem Schnee in der ihn zerdrückenden Hand? Läßt sie deshalb ihren gebieterischen Blick sinken, um den Boden zu suchen, wenn er dem seinigen begegnet?

»Ich bin stolz darauf«, sagt Mr. Carker mit einer unterwürfigen sternchenland.com Beugung seines Halses, welche die Offenbarung, die in seinen Augen und Zähnen zu lesen ist, Lügen straft, »ich bin stolz darauf, zu sehen, daß meine geringe Gabe von Mrs. Dombeys Hand gnädig aufgenommen wurde und bei diesem frohen Anlaß einen so begünstigten Platz einnehmen durfte.« Obschon sie als Erwiderung den Kopf verneigt, liegt doch etwas in der augenblicklichen Bewegung ihrer Hand, das andeutet, als wolle sie die Blumen, die sie hält, zerdrücken und mit Verachtung auf den Boden werfen. Sie legt indessen diese Hand in den Arm ihres neuen Gatten, der in der Nähe sich mit dem Major bespricht, und ist wieder stolz, stumm und regungslos.

Die Wagen stehen vor der Kirchentür. Mr. Dombey führt seine Braut durch die zwanzig Familien kleiner Damen, die sich auf der Treppe aufgestellt haben, und von denen jede sich den Schnitt und die Farbe der Kleidung im einzelnen genau merkt, daß sie diese an ihrer Puppe nachzubilden vermag, die gleichfalls den ewigen Bund der Treue eingehen muß. Kleopatra und Feenix steigen in den nämlichen Wagen. Der Major hilft Florence und der Brautjungfer, die aus Irrtum beinahe selbst vergeben worden wäre, in den zweiten, um dann selbst mit Mr. Carker nachzufolgen. Die Pferde stampfen und legen aus. Kutscher und Lakaien prunken in flatternden Schleifen, Blumen und neuen Livreen. Rasselnd geht es durch die Straßen, und tausend Köpfe drehen sich zum Nachsehen, während tausend nüchterne Moralisten sich für den Umstand, daß sie nicht auch an jenem Morgen vermählt wurden, durch die Betrachtung rächen, wie wenig die Leute daran denken, daß ein solches Glück nicht ewig währen kann.

Sobald alles ruhig ist, schlüpft Miß Tox hinter dem Cherubim hervor und kommt langsam von der Galerie herunter. Ihre Augen sind rot, und ihr feuchtes Taschentuch deutet auf Tränen. Sie fühlt sich tief verwundet, ist aber nicht bitter und hofft, das Paar möge glücklich sein. Sie gesteht sich ein, wie schwach ihre eigenen verblichenen Reize der Schönheit der Braut gegenüber sind. Aber auch das stattliche Bild des Mr. Dombey in der lila Weste und den rehfarbenen Beinkleidern vergegenwärtigt sie sich in ihrem Geiste, und sie weint aufs neue hinter ihrem Schleier auf dem ganzen Wege nach dem Prinzessinnenplatz. Kapitän Cuttle, der in alle Responsorien und Amen mit andächtigem Brummen eingestimmt hat, fühlt sich durch seine religiösen Übungen sehr gehoben und geht in friedevoller Geistesstimmung, den Glanzhut in der Hand, nach dem Kirchenschiff hinunter, wo er das Täfelchen zum Andenken des kleinen Paul liest. Der galante Mr. Toots verläßt, von dem getreuen Preishahn begleitet, das Gebäude in einer wahren Liebesfolter. Der Preishahn ist bis jetzt noch nicht imstande gewesen, einen Plan auszudenken, um Florence zu gewinnen; aber die erste Idee haftet in ihm fest, und er meint, wenn man durch einen tüchtigen Schlag vor den Magen Mr. Dombey gelenkiger mache, so wäre das ein Vorgehen in geeigneter Richtung. Mr Dombeys Mägde kommen sternchenland.com aus ihren Verstecken hervor und schicken sich an, im Sturmschritt nach Brook-Street zu eilen, werden aber durch Symptome von Übelkeit seitens Mrs. Perch aufgehalten, die um ein Glas Wasser bittet und ihre Begleiterinnen in großen Schrecken versetzt. Mrs. Perch befindet sich indessen bald wieder besser und wird mit fortgedrängt, während Mrs. Miff mit Mr. Sownds, dem Kirchendiener, auf der Treppe niedersitzt, um von ihrem heutigen Erwerb zu sprechen, und der Küster die Glocke zu einem Leichenbegängnis anzieht.

Die Wagen langen vor der Wohnung der Braut an, die Glockenmänner beginnen ihr Spiel, die Blechmusikbande fällt ein, und Mr. Polichinell, dieses Urbild ehelichen Glückes, küßt sein Weib. Die Leute laufen, schieben und drücken sich in gaffendem Gedränge, während Mr. Dombey, die Braut an der Hand führend, mit feierlichen Schritten auf die Feenixhallen zuschreitet. Jetzt steigen die übrigen Hochzeitsgäste aus und begeben sich hinter dem Brautpaar in das Gebäude. Warum denkt wohl Mr. Carker, während er durch den Volkshaufen nach der Hallentür sich Bahn bricht, an das alte Weib, das ihm an jenem Morgen unter den Bäumen nachgerufen hat? Oder warum erinnert sich Florence beim Eintreten in das Haus mit Zittern der Zeit, in der sie als Kind irreging, und warum vergegenwärtigt sich ihr das Gesicht der guten Mrs. Brown?

An diesem glücklichsten der Tage gibt es noch mehr Glückwünsche und Grüße, obschon im ganzen nicht viel. Sie verlassen jetzt das Besuchszimmer und verteilen sich an dem Tisch in dem dunkelbraunen Speisesaal, den kein Konditor aufheitern kann, mag er auch die beiden erschöpften Neger mit so vielen Blumen und Liebesschleifen verzieren, wie er will.

Gleichwohl hat der Pastetenbäcker seine Pflicht erfüllt wie ein Mann, und ein reiches Frühstück steht bereit. Unter andern haben sich auch Mr. und Mrs. Chick der Gesellschaft angeschlossen. Mrs. Chick drückt ihr Erstaunen aus, daß Edith schon von Natur eine so vollkommene Dombey ist, und benimmt sich mit redseliger Vertraulichkeit gegen Mrs. Skewton, die eine schwere Last von ihrem Herzen gewälzt sieht und bei dem Champagner nicht zu kurz kommen will. Der sehr lange junge Mann, der am Morgen mit seiner Erbauung so viel zu schaffen hatte, befindet sich wohler. Aber ein unbestimmtes Gefühl von Reue hat sich seiner bemächtigt, und er haßt den andern sehr langen jungen Mann, dem er mit Gewalt seine Schüsseln entreißt, wie er denn überhaupt eine grimmige Lust daran zu hoben scheint, der Gesellschaft sich in keiner Weise verbindlich zu zeigen. Die Gesellschaft selbst ist kalt und ruhig, ohne es sich einfallen zu lassen, die auf sie niederschauenden schwarzen Wappenbilder durch irgendein Übermaß von Heiterkeit zu beleidigen. Vetter Feenix und der Major sind die lebhaftesten. Aber Mr. Carker hat ein Lächeln für den ganzen Tisch – ein besonders eigentümliches Lächeln für die Braut, obschon diese nur sehr, sehr selten darauf achtet.

Nachdem die Gesellschaft das Frühstück eingenommen und die Dienerschaft den Speisesaal verlassen hat, erhebt sich Vetter Feenix. sternchenland.com Wie wunderbar jung er aussieht in den weißen Manschetten, die seine sonst etwas knöchernen Hände fast ganz bedecken, und in der Glut des Champagners auf seinen Wangen!

»Auf Ehre«, sagt Vetter Feenix, »obschon dies etwas Ungewöhnliches in dem Privathause eines Gentleman ist, muß ich doch um die Erlaubnis bitten, euch zu einem Bescheid auf das aufzufordern, was man gemeinhin einen Toast nennt.«

Der Major gibt mit sehr heiserer Stimme seinen Beifall zu erkennen. Mr. Carker, der in der Richtung des Vetter Feenix seinen Kopf über den Tisch vorbeugt, lächelt und nickt zu öfteren Malen.

»Ist es – in der Tat, ist es nicht –« beginnt Vetter Feenix abermals, ohne weiter fortfahren zu können.

»Hört, hört!« ruft der Major im Tone der Überzeugung.

Mr. Carker drückt sanft seine Hände zusammen, beugt sich wieder über den Tisch vor und lächelt und nickt noch öfter als zuvor, wie wenn er durch die letzte Bemerkung besonders angeregt worden sei und den wohltuenden Eindruck kundzugeben wünsche, den er davon gehabt.

»Es ist in der Tat ein Anlaß«, sagt Vetter Feenix, »bei dem man ohne Ungebühr von dem gewöhnlichen Brauch abgehen kann, und obschon ich in meinem Leben nie ein Redner war, und ich während meines Sitzes im Unterhaus die Ehre hatte, die Adresse zu unterstützen, die dann in der Überzeugung des Fehlschlagens auf zwei Wochen vertagt wurde –«

Der Major und Mr. Carker sind über dieses Bruchstück von Privatgeschichte so entzückt, daß Vetter Feenix lacht und ausdrücklich gegen sie fortfährt:

»In Wahrheit, es ging mir verteufelt schlecht dabei – gleichwohl könnt Ihr Euch denken, daß ich wohl fühle, welche Pflicht mir obliegt. Und wenn ein Engländer eine Pflicht zu erfüllen hat, muß er, wie ich meine, diese erfüllen, so gut er kann. Wohlan, unserer Familie wird heute die Freude, sich in der Person meiner liebenswürdigen und begabten Verwandten, die ich in der Tat hier gegenwärtig sehe –«

Allgemeiner Beifall.

»Gegenwärtig sehe«, wiederholte Vetter Feenix, der fühlt, daß es sich hier um einen Glanzpunkt handelt, der wohl eine Wiederholung vertragen kann – »mit einem Mann zu verbinden, auf dem nie der Finger der Verachtung – in der Tat, mit meinem ehrenwerten Freund Dombey, wenn er mir erlauben will, ihn so zu nennen.«

Vetter Feenix verbeugt sich gegen Mr. Dombey, der mit großer Feierlichkeit das gleiche tut. Jedermann fühlt sich mehr oder weniger freudig angeregt von dieser außerordentlichen, vielleicht beispiellosen Ansprache an das Herz.

»Ich habe nicht so viele Gelegenheit gehabt, als ich wohl wünschen möchte«, fuhr Vetter Feenix fort, »die Bekanntschaft meines Freundes Dombey zu pflegen und die Eigenschaften kennenzulernen, die seinem Kopf und in der Tat auch seinem Herzen so große Ehre machen; denn unglücklicherweise mußte es sich treffen, daß ich, wie sternchenland.com wir zu meiner Zeit im Unterhause zu sagen pflegten – denn damals spielte man noch nicht auf die Lords an, und in den parlamentarischen Verhandlungen wurde die Ordnung weit besser gewahrt, als heutzutage – an – in Wahrheit –« fügt Vetter Feenix bei, der seinen Spaß sehr zu lieben scheint und zuletzt unter einem Anlauf mit ihm herausrückt – »›an einem anderen Platze‹ war.«

Der Major gerät in Zuckungen, aus denen er nur mit Mühe sich wieder aufrafft.

»Aber ich kenne meinen Freund Dombey hinreichend«, sagt Vetter Feenix in ernsterem Ton, als sei er plötzlich ein ganz anderer, weiserer Mann geworden, »um zu wissen, daß er in Wahrheit ist, was man bedeutungsvoll einen Kaufmann – einen britischen Kaufmann – und einen – einen Mann nennt. Und obschon ich seit einigen Jahren mich im Ausland aufhalte – es würde mir das größte Vergnügen bereiten, wenn ich meinen Freund Dombey oder jeden der anwesenden Gäste in Baden-Baden begrüßen und ihn bei dieser Gelegenheit mit dem Großherzog bekannt machen könnte – so darf ich mir doch schmeicheln, daß ich meine liebliche und begabte Verwandte zureichend kenne, um überzeugt zu sein, sie besitze jedes Erfordernis, das einen Mann zu beglücken imstande ist, und ihre Verbindung mit meinem Freund Dombey sei aus gegenseitiger Neigung hervorgegangen.«

Mr. Carker lächelt und nickt sehr viel.

»Deshalb gratuliere ich der Familie, deren Mitglied ich bin«, fährt Vetter Feenix fort, »zu der Erwerbung meines Freundes Dombey. Ich gratuliere meinem Freund Dombey zu seiner Verbindung mit meiner liebenswürdigen und begabten Verwandten, die jedes Erfordernis besitzt, um einen Mann glücklich zu machen; und ich nehme mir die Freiheit, alle Anwesenden aufzufordern, daß sie sich den Glückwünschen anschließen, die ich bei dem gegenwärtigen Anlaß meinem Freund Dombey und meiner liebenswürdigen, begabten Verwandten darbringe.«

Die Rede des Vetter Feenix wird mit großem Beifall aufgenommen, und Mr. Dombey dankt darauf in seinem und Mrs. Dombeys Namen. J.B. bringt unmittelbar nachher einen Trinkspruch auf Mrs. Skewton aus. Dann wird das Frühstück wieder langweilig, die beleidigten Wappenbilder erhalten ihre Sühne, und Edith erhebt sich, um sich in ihr Reisekostüm zu werfen.

Mittlerweile haben sämtliche Dienstboten unten ihr Mahl eingenommen. Der Champagner ist unter ihnen etwas zu Gemeines geworden, als daß er sich nur der Rede verlohnte, und gebackene Hühner, hohe Pasteten und Hummernsalat stehen nur noch im Lichte von Hausmannskost. Der sehr lange junge Mann hat sich wieder aufgefrischt und beginnt abermals auf Erbauung anzuspielen, während das Auge seines Kameraden mit dem seinen zu wetteifern anfängt, da es gleichfalls die Gegenstände anstiert, ohne sie zu erkennen. Auf den Gesichtern der Damen zeigt sich ein allgemeines Rot, namentlich auf dem der Mrs. Perch, die vor Lust ganz strahlend wird und sich sternchenland.com so weit über die Sorge des Lebens erhoben fühlt, daß sie wohl Schwierigkeit haben dürfte, auf Befragen irgendeinem verirrten Wanderer den Weg nach Balls Pond, wo sie ihre Sorgen zurückgelassen, anzudeuten. – Mr. Towlinson hat einen Toast auf das glückliche Paar ausgebracht und der silberhaarige Kellermeister mit viel Zierlichkeit und Empfindung darauf geantwortet, denn die Hälfte der Anwesenden beginnt zu glauben, er sei wirklich ein alter Familiendiener, dem die Verpflichtung obliegt, durch solche Wechsel sich sehr ergriffen zu fühlen. Sämtliche Teilnehmer an dem Frühstück, namentlich die Damen, zeigen eine ausgelassene Fröhlichkeit. Mr. Dombeys Köchin, die in der Gesellschaft das große Wort zu führen pflegt, hält es für unmöglich, nach einem solchen Morgen gleich wieder ins alte Geleise einzufahren; warum also nicht lieber gemeinschaftlich das Theater besuchen?

Alles – selbst Mrs. Perch mit inbegriffen – zollt diesem Vorschlag Beifall, namentlich der Eingeborene, der wie ein Tiger getrunken hat und die Damen (Mrs. Perch insbesondere) durch das Rollen seiner Augen in Schrecken setzt. Einer der sehr langen jungen Männer hat sogar den Antrag gestellt, daß man nach dem Schauspiel einen Ball halten sollte – ein Gedanke, der niemand (nicht einmal Mrs. Perch) im Lichte der Unmöglichkeit erscheint. Zwischen der Hausmagd und Mr. Towlinson ist es zu einem Wortwechsel gekommen; denn sie behauptet die Wahrheit des alten Sprichworts, daß die Ehen im Himmel beschlossen werden, während er meint, der Handel gehe anderswo vor, und sie spreche nur so, weil sie selbst unter die Haube kommen möchte. Dagegen verwahrt sie sich mit der Erklärung, Gott möge jedenfalls verhüten, daß sie nicht etwa mit ihm den Bund schließen müsse. Um diese Hohnreden zu beschwichtigen, erhebt sich der silberhaarige Kellermeister, um die Gesundheit Mr. Towlinsons auszubringen, den man nur zu kennen brauche, um ihn zu achten; und wer ihn achte, müsse wünschen, daß er im Leben ein gutes Auskommen habe mit dem Gegenstand seiner Wahl, gleichviel – dabei haften seine Augen auf der Hausmagd – woher er auch denselben holen möge.

Mr. Towlinson bedankt sich darauf in einer sehr gefühlvollen Rede und geht sodann auf die Ausländer über, die, wie er meint, bisweilen bei schwachen, flatterhaften Köpfen in Gunst kämen. Er hoffe aber nur, er möge nie etwas von solchen Ausländern hören, die einen Reisewagen ausgemaust hätten. Dabei wird Mr. Towlinsons Auge so streng und ausdrucksvoll, daß die Hausmagd in Krämpfe verfällt, sich aber bald wieder erholt und mit allen übrigen die Treppe hinaufeilt, weil sich die Kunde verbreitet, daß die Braut abreise.

Der Wagen steht an der Tür, und die Braut kommt nach der Halle herunter, wo Mr. Dombey sie erwartet. Florence steht auf der Treppe, um gleichfalls aufzubrechen, während Miß Nipper in einem Putze, der die Mitte hält zwischen der Küche und dem Besuchzimmer, alle Vorbereitung getroffen hat, sie zu begleiten. Wie Edith erscheint, eilt Florence auf sie zu, um von ihr Abschied zu nehmen.

Friert es Edith, daß sie so zittert? Liegt in Florences Berührung etwas Unnatürliches oder Ansteckendes, daß die schöne Frau zurückweicht und zusammenzuckt, als könne sie das nicht ertragen? Hat sie es so eilig, daß sie nur die Hand schwenkt, vorüberrauscht und hinweg ist?

Von mütterlichen Gefühlen überwältigt, sinkt Mrs. Skewton, sobald das Rasseln des Reisewagens verhallt ist, in einer Kleopatra-Pose auf ihren Sofa und vergießt mehrere Tränen. Der Major kommt mit der übrigen Gesellschaft von der Tafel und versucht sie zu trösten; da sie aber um keinen Preis Trost annehmen will, so verabschiedet er sich. Vetter Feenix und Mr. Carker tun das gleiche. Alle Gäste entfernen sich. Kleopatra, die allein zurückbleibt, fühlt infolge der allzu großen Aufregung einen Schwindelanfall und schläft ein.

Auch im Erdgeschoß herrscht Schwindel. Der sehr lange junge Mann, bei dem die Erbauung so bald wieder zurückgekehrt ist, scheint mit dem Kopf an dem Speisekammertisch angeleimt zu sein und kann ihn nicht loskriegen. Mit Mrs. Perchs Heiterkeit ist ein großer Wechsel vorgegangen, und sie zeigt eine sehr wehmütige Stimmung in bezug auf Mr. Perch, indem sie der Köchin ihre Besorgnisse mitteilt, er hänge nicht mehr mit derselben Liebe an der Heimat, wie in der Zeit, als ihre Familie nur aus neun Gliedern bestand. Mr. Towlinson spürt ein Sausen in seinen Ohren, und es ist ihm, als ob ihm ein Mühlrad im Kopf herumgeht. Die Hausmagd hofft, daß es keine Sünde sein möchte, wenn man jemandem den Tod wünsche.

Was die Zeit angeht, so zeigt sich in den unteren Regionen gleichfalls eine allgemeine Verblendung. Jeder meint, es müsse mindestens schon zehn Uhr abends sein, während es doch nicht einmal drei geschlagen hat. Eine schattenhafte Vorstellung von irgendeiner Bosheit spukt in allen Köpfen, und jeder hält den andern dabei für beteiligt, weshalb es am besten sei, ihm auszuweichen. Niemand hat die Kühnheit, auf den beabsichtigten Theaterbesuch anzuspielen; und wer den Gedanken an den Ball wieder aufgewärmt hätte, wäre von allen übrigen als ein boshafter Tollhäusler angesehen worden.

Zwei Stunden später liegt Mrs. Skewton noch immer in ihrem Schlummer; und in der Küche ist das Schlafen noch nicht vorüber. Die Wappenbilder im Speisesaal schauen wieder auf Krumen, unreine Teller, verschütteten Wein, halbaufgetautes Eis, alte verfärbte Fußspuren, Überreste von Hummern, Schenkelknochen von Geflügel und schwermütige Gelees, die in lauwarme Gummibrühen zerfließen. Die Hochzeit ist inzwischen fast ebenso allen ihren Prunks entkleidet wie das Frühstück. Mr. Dombeys Dienstboten moralisieren so viel darüber und benehmen sich zu Hause bei ihrem Tee so reuig, daß gegen acht Uhr hin allenthalben der tiefste Ernst waltet. Mr. Perch, der um diese Zeit in weißer Weste und mit einem lustigen Liedchen frisch und heiter aus der City kommt, um sich einen fröhlichen Abend zu machen, ist im höchsten Grade erstaunt über die kalte Aufnahme, die ihm zuteil wird, und da sich Mrs. Perch gar übel befindet, so fällt ihm die angenehme Pflicht zu, diese Dame im ersten besten Omnibus nach Hause zu begleiten.

Die Nacht bricht an. Florence, die in dem schönen Haus Zimmer nach Zimmer durchwandelt hat, sucht ihr eigenes Gemach auf, wo sie sich infolge von Ediths Sorgfalt von aller Bequemlichkeit umgeben sieht. Nachdem sie ihr schönes Gewand abgelegt hat, zieht sie das einfache Trauerkleid, das sie seit Pauls Tod getragen, wieder an und setzt sich nieder, um zu lesen, während Diogenes auf dem Boden neben ihr nickt und blinzelt. Aber Florence kann heute nacht nicht lesen. Das Haus kommt ihr fremd und neu vor: auch ist das Echo so laut. In ihrem Herzen lauert ein Schatten; sie fühlt es beschwert, ohne daß sie sich den Grund anzugeben vermag. Sie schließt ihr Buch. Diogenes, der das für ein Signal hält, legt seine Pfote auf ihren Schoß und reibt seine Ohren gegen ihre liebkosenden Hände. Aber Florence kann ihn für eine Weile nicht deutlich sehen; denn es liegt zwischen ihren Augen und ihm ein Nebel, in dem ihr toter Bruder und ihre gestorbene Mutter wie Engel auftauchen. Ach Walter – der arme, unstete, schiffbrüchige Knabe – ach, wo ist er!

Soviel ist gewiß, daß es der Major nicht weiß, und daß er sich auch nicht darum kümmert. Nachdem er den ganzen Nachmittag Erstickungsanfällen ausgesetzt gewesen ist und viel geschlummert hat, nimmt er ein spätes Diner in seinem Klub ein und sitzt jetzt bei seinem Glase Wein, um einen jungen Mann von frischer Gesichtsfarbe am nächsten Tisch – wie gerne ließe es sich dieser nicht ein Schönes kosten, wenn es ihm möglich wäre, aufzustehen und sich zu entfernen – mit Anekdoten von Bagstock, Sir, bei Dombeys Hochzeitsfeier und von des alten Joe verteufelt ritterlichem Freund, dem Lord Feenix, zum Wahnsinn zu bringen. Vetter Feenix, der jetzt schon in Longs Hotel und in den Federn sein sollte, befindet sich statt dessen an einem Spieltisch, nach dem ihn seine eigensinnigen Beine, vielleicht gegen seinen Willen, getragen haben.

Die Nacht erfüllt gleich einem Riesen die Kirche vom Pflaster bis zum Dach und übt während der schweigenden Stunde ihre Herrschaft. Das gleiche Zwielicht kommt wieder, um durch die Fenster hereinzuschauen, weicht dem Tag, sieht nach, ob die Nacht sich in den Gewölben verbirgt, folgt ihr, verscheucht sie und nimmt selbst ihren Versteck ein unter den Toten. Die schüchternen Mäuse drängen sich wieder zusammen, wenn die große Tür erknarrt und Mr. Sownds und Mrs. Miff, gleich dem Trauring den ununterbrochenen Kreislauf ihres täglichen Lebens beginnend, hereintreten. Der Eckenhut und das zerbeulte Hütchen stehen wieder während der Stunde der Vermählung im Hintergrund, und abermals nimmt dieser Mann dieses Weib und dieses Weib diesen Mann unter der feierlichen Versicherung:

›Von Stund‘ an fest auszuharren in gegenseitiger Treue – sich zu lieben und zu tragen in Glück und Unglück, in Reichtum und Armut, in kranken und gesunden Tagen, bis der Tod sie scheidet.‹

Dieselben Worte, die Mr. Carker auf seinem Ritte stadteinwärts vor sich hin wiederholt, mit einem Mund, der sich mit Macht in die Breite zieht, während er die saubersten Stellen der Straße auswählt.

Viertes Kapitel.


Viertes Kapitel.

In dem einige weitere erste Anzeichen in betreff des Schauplatzes dieser Abenteuer auftreten.

Obgleich die Geschäftsräume von Dombey und Sohn im Freibann der City von London und in Hörweite der Bow Bells lagen, wenn das Geläute derselben nicht durch den Aufruhr in den Straßen ertränkt wurde, ließen sich doch in einigen der benachbarten Gegenstände Hindeutungen auf eine abenteuerliche und romantische Geschichte wahrnehmen. In einer Entfernung von etlichen hundert Schritten hielten Gog und Magog ihren Hofstaat; die königliche Börse befand sich dicht in der Nähe, und auch die Bank von England mit ihren Gewölben voll Gold und Silber »drunten bei den Toten unter der Erde« war eine großartige Nachbarin. Gleich um die Ecke stand das reiche East India House, angefüllt mit Mustern von kostbaren Stoffen und Steinen, Tigern, Elefanten, Howdahs, Huhkahs, Sonnenschirmen, Palmbäumen, Palankins und prachtvollen Prinzen von brauner Farbe, die mit an den Zehen sehr aufwärts gedrehten Pantoffeln auf Teppichen saßen. Überall in der unmittelbaren Nachbarschaft konnte man Bilder von Schiffen sehen, die in voller Eile nach allen Teilen der Welt segelten – Ausstattungs-Magazine, die bereit waren, jedermann zu bedienen und in einer halben Stunde vollständig auszurüsten; auch fehlte es nicht an kleinen hölzernen Midshipmen in abgetragenen Flottenuniformen, die vor den Ladentüren der Verfertiger nautischer Instrumente Beobachtungen über die Mietkutschen machten.

Der alleinige Herr und Eigentümer eines dieser Abbilder, das man im Vertrauen wohl als das hölzernste hätte bezeichnen können, – es trat nämlich, den rechten Fuß voran, mit ganz unerträglicher Anmut auf das Pflaster heraus, hatte Schuhschnallen und eine Pattenweste, die sich am allerwenigsten mit der menschlichen Vernunft in Einklang bringen ließen, und trug an seinem rechten Auge das anstößigste, unverhältnismäßigste Stück Maschinerie –, alleiniger Herr und Eigentümer dieses Midshipmans, der noch obendrein stolz auf ihn war, war ein ältlicher Gentleman in einer welschen Perücke, der seine Hausmiete, seine Taxen, Steuern und Gebühren schon mehr Jahre bezahlt hatte, als mancher ausgewachsene Midshipman von Fleisch und Blut in seinem Leben zählte, obschon es in der englischen Flotte nicht an Midshipmen fehlt, die ein hübsch grünes Alter auf dem Rücken tragen.

Der Handelsvorrat dieses Gentlemans bestand aus Chronometern, Barometern, Kompassen, Land-, See- und Himmelskarten, Sextanten, Quadranten und Exemplaren von Instrumenten aller Art, die zur Ausarbeitung eines Schiffskurses, zur Führung der Gissung oder zur Verfolgung der Entdeckung eines Schiffes erforderlich sind. Gegenstände von Messing und Glas befanden sich in Schubladen oder auf Gesimsen, deren obere Seite wohl kein Uneingeweihter gefunden, oder deren Nutzen wohl niemand erraten sternchenland.com haben würde; ja wer auch einmal Einsicht davon genommen hatte, konnte sicherlich nie wieder ohne Beistand in ihre Mahagoninester zurückkommen. Alles war in die knappsten Gehäuse eingezwängt in den engsten Ecken angebracht, hinten durch die ungebührlichsten Kissen verschanzt und in den schärfsten Winkeln eingeschraubt, um zu verhindern, daß die philosophische Ruhe nicht durch das Rollen der See gestört werde. Diese außerordentlichen Vorsichtsmaßregeln hatten allenthalben den Zweck der Raumersparnis und der gedrängten Aufbewahrung; auch war in jedem Behälter – mochte dieser nun aus einem einfachen Schalbrett bestehen, wie es bei einigen, oder aus einem Mittelding zwischen einem Eckenhut und einem Sternfisch, wie es bei andern der Fall war (und diese gehörten in Vergleichung mit den übrigen zu den ganz milden und bescheidenen Schachteln) – so viel von der praktischen Schiffsmannskunst eingezwängt, daß sich der Laden, der die allgemeine Ansteckung teilte, fast wie ein knappes, seefertiges Schiff ausnahm, dem es für den Fall eines unerwarteten Vom-Stapel-Gehens nur an gutem Seeraum fehlte, um seinen Weg sicher und nach jeder wüsten Insel in der Welt zu finden.

Aus dieser Liebhaberei fanden viele kleinere Vorfälle in dem häuslichen Leben des Schiffsinstrumentenmachers, der auf seinen kleinen Midshipman so stolz war, Vorschub und Unterstützung. Da er seine Bekanntschaft hauptsächlich unter den Schiffslieferanten usw. hatte, so war sein Tisch stets reichlich mit echtem Schiffszwieback besetzt; auch verrieten die Zungen, Schinken, Speckschwarten und dergleichen einen ganz außerordentlichen Geruch nach Schiffstauen. Ferner zeigten sich auf seiner Tafel große Krüge mit Eingepökeltem, die die Firmen von Schiffsproviantierern aller Art zur Schau trugen; auch wurden die geistigen Getränke in massigen Flaschen ohne Hals aufgetragen. An den Wänden hingen eingerahmte alte Kupferstiche von Schiffen mit alphabetischem Verzeichnis für ihre verschiedenen Geheimnisse; auf dem Zinngeschirr sah man die Tatar-Fregatte unter Segel; ausländische Muscheln, Seegräser und Seemoose zierten den Kaminsims, und das kleine vertäfelte Hinterstübchen war gleich einer Kajüte durch ein Oberlicht erhellt.

Hier wohnte er nun nach Seemannsart allein mit seinem Neffen Walter, einem Knaben von vierzehn Jahren, der eben genug wie ein Midshipman aussah, um der vorherrschenden Idee des Alten zur Unterstützung zu dienen. Hiermit war es übrigens zu Ende, denn Solomon Gills selbst, den man allgemein den alten Sol nannte, hatte durchaus kein seemännisches Aussehen. Abgesehen von der welschen Perücke, die eine so einfache und rauhborstige Perücke war, wie nur je eine getragen wurde, und in der er nicht die geringste Ähnlichkeit mit einem Seeräuber hatte, war er ein langsamer, bedächtiger alter Knabe, mit so roten Augen, als wären sie ein Paar kleine Sonnen, die durch einen Nebel blickten. Eine seltsame Art das, und man konnte dabei auf den Gedanken kommen, er habe sie sich dadurch angeeignet, daß er drei oder vier Tage lang der Reihe sternchenland.com nach durch jedes optische Instrument seines Ladens guckte und dann plötzlich wieder auf die Welt zurück, um nun zu finden, daß sie grün sei. Die einzige Veränderung, die man je an seinem äußeren Menschen wahrnahm, war ein vollständiger kaffeebrauner Anzug von sehr eckigem Schnitt, mit grell blinkenden Knöpfen, und dasselbe Kaffeebraun mit Ausnahme der Unaussprechlichen, die in letzterem Falle aus blassem Nanking bestanden. Er trug einen sehr sorgfältig gefalteten Busenstreifen, eine Brille bester Qualität auf seiner Stirne und einen ungeheuren Chronometer in seiner Uhrtasche – ein Instrument, auf welches er so große Stücke hielt, daß er eher geglaubt hätte, alle Turm- und Taschenuhren der Stadt, ja sogar die Sonne selbst stünden gegen sein Kleinod in Verschwörung, ehe er demselben einen Irrtum zugetraut hätte. So war nun dieser Mann, und war Jahr um Jahr so in der Werkstätte und dem Wohnstübchen hinter dem kleinen Midshipman gewesen; auch pflegte er sich regelmäßig jede Nacht nach einem luftigen Dachstübchen zurückzuziehen, welches so weit entfernt war von den übrigen Hausbewohnern, daß es daselbst oft in grobem Geschütz blies, wenn die Gentlemen von England, die gemächlich weiter unten lebten, nur eine geringe oder gar keine Ahnung von dem Zustande des Wetters hatten.

Es ist ein Herbstabend, ungefähr halb sechs Uhr, da der Leser mit Solomon Gills bekannt wird. Solomon ist eben im Begriffe, seinen unanfechtbaren Chronometer zu Rate zu ziehen. Schon vor einer Stunde oder mehr hat die gewöhnliche tägliche Räumung der City stattgefunden, und die menschliche Flut rollt noch immer gen Westen. Die Straßen haben sich sehr gelichtet, wie Mr. Gills zu sagen pflegt. Die Nacht droht mit Regenwetter. Alle Barometer in dem Laden sind kleinmütig, und auf dem Eckenhut des hölzernen Midshipmans lassen sich bereits Tropfen erkennen.

»Möchte nur wissen, wo Walter ist«, sagte Solomon Gills, nachdem er seine Uhr sorgfältig wieder verwahrt hatte. »Das Essen ist schon eine halbe Stunde bereit und immer noch kein Walter.«

Er drehte sich auf seinem Stuhle hinter dem Werktisch und schaute durch die Instrumente hinter dem Fenster hinaus, um zu sehen, ob sein Neffe nicht über die Straße komme. Nein. Er war nicht unter den auftauchenden Schirmen, und sicherlich durfte er ihn nicht in dem Zeitungsjungen mit der Wachstuchkappe suchen, der sich langsam an dem Messingschild außen weiter arbeitete und die Gelegenheit benutzte, um mit dem Zeigefinger seinen Namen über Mister Gills‘ Namen zu schreiben.

»Wenn ich nicht wüßte, daß er mich zu sehr liebt, um auszureißen und gegen meine Wünsche an Bord eines Schiffs zu gehen, so müßte ich wohl unruhig werden«, sagte Mr. Gills, indem er mit seinen Fingerknöcheln an zwei oder drei Wettergläser klopfte. »Ja, das müßte ich wahrhaftig.«

»Alle drunten, he? Es gibt viel Feuchtigkeit! Nun ja, man hat’s brauchen können.«

»Ich glaube«, fuhr Mr. Gills fort, und blies den Staub von dem Deckelglase eines Kompasses, »du zeigst nicht richtiger und unmittelbarer nach dem hintern Wohnstübchen, als sich der Knabe dahin gezogen fühlt. Und das Wohnstübchen könnte gleichfalls nicht besser liegen. Genau nach Norden. Nicht den zwanzigsten Teil eines Striches Abweichung.«

»Holla, Onkel Sol!«

»Holla! mein Junge!« rief der Instrumentenmacher, indem er sich rasch umwandte. »Wie, du bist wirklich da?«

Ein fröhlich aussehender heiterer Junge, frisch vom Nachhauserennen im Regen – ein hübsches Gesicht, glänzende Augen und krause Haare.

»Nun, Onkel, wie seid Ihr heute den ganzen Tag zurechtgekommen ohne mich? Ist das Essen fertig? Ich bin so hungrig.«

»Was das Zurechtkommen betrifft«, sagte Solomon in gutmütigem Scherze, »so müßt‘ es kurios zugehen, wenn ich das ohne einen solchen jungen Schlingel, wie du bist, nicht weit besser könnte, als mit dir. Na, das Essen ist fertig und wartet schon eine halbe Stunde auf dich. Und was das Hungrigsein anbelangt, so bin ich es auch.«

»Nun, so kommt denn Onkel!« rief der Knabe. »Ein Hurra dem Admiral!«

»Zum Henker mit dem Admiral!« entgegnete Solomon Gills. »Du meinst den Lord-Mayor.«

»Nein, den meine ich nicht«, entgegnete der Junge. »Ein Hurra für den Admiral! Hurra dem Admiral. Vor – wärts!«

Durch dieses Kommandowort sah sich die welsche Perücke und ihr Träger unwiderstehlich nach dem Hinterstübchen gezogen, als ständen beide an der Spitze einer Enterpartie von fünfhundert Mann; auch waren Onkel Sol und sein Neffe bald aufs eifrigste beschäftigt mit einer gebratenen Meersole, der ein appetitliches Beefsteak folgen sollte.

»Der Lord-Mayor, Wally«, sagte Solomon – »für immer! Keine Admiräle mehr. Der Lord-Mayor ist dein Admiral.«

»O, meint Ihr?« versetzte der Knabe, den Kopf schüttelnd. »Nein, der Schwertträger ist mir lieber, als er. Dieser zieht doch bisweilen vom Leder.«

»Und machte eine saubere Figur damit«, erwiderte der Onkel. »Höre mich an, Wally. Höre mich an. Sieh nach dem Kaminsims.«

»Ei, wer hat meinen silbernen Becher dort an den Nagel gehängt?« rief der Knabe.

»Ich«, sagte der Onkel. »Jetzt keine Becher mehr. Wir müssen von heute an aus Gläsern trinken, Walter. Wir sind Geschäftsleute. Wir gehören zu der City. Wir sind heute morgen ins Leben eingetreten.«

»Nun, Onkel«, entgegnete der Knabe, »ich will aus allem trinken, was Ihr haben wollt, solange ich Euch zutrinken kann. Eure Gesundheit, Onkel Sol, und ein Hurra für den –«

»Lord-Mayor«, unterbrach ihn der alte Mann.

»Für den Lord-Mayor, die Sheriffs, den Gemeinderat und seinen ganzen Anhang«, sagte der Knabe. »Mögen sie sich eines langen Lebens erfreuen.«

Der Onkel nickte sehr zufrieden mit dem Kopf.

»Und nun«, sagte er, »laß mich etwas von der Firma hören.«

»O, über die Firma ist nicht viel zu sagen, Onkel«, versetzte der Knabe mit Messer und Gabel spielend. »Es ist eine köstliche Reihe finsterer Geschäftsräume, und in dem Zimmer, in dem ich sitze, befindet sich ein hohes Gitter, eine eiserne Kiste, einige Karten über Schiffe, die aussegeln sollen, ein Kalender, einige Schreibpulte nebst Schemeln, eine Tintenflasche, ein paar Bücher und etliche Schubladen, von denen eine just über meinem Kopf mit Spinnweben angefüllt ist; da steckt denn eine eingeschrumpfte blaue Fliege darin, welche aussieht, als ob sie schon eine Ewigkeit da so hinge.«

»Sonst nichts?« fragte der Onkel.

»Nein, sonst nichts, als ein alter Vogelkäfig – ich möchte nur wissen, wie das dahin gekommen ist – und ein Kohlenkorb.«

»Keine Bankbücher, Wechselbücher, Kassenanweisungen oder sonstige Zeichen von Reichtümern, die Tag für Tag einlaufen?« fragte der alte Sol, aus dem Nebel, der ihn stets zu umschweben schien, bedächtig seinen Neffen anschauend und auf jedes seiner Worte einen salbungsvollen Nachdruck legend.

»O ja, davon gibt es, glaube ich, genug«, entgegnete der Neffe gleichgültig; »aber dergleichen Dinge sind in dem Zimmer des Mr. Carker, des Mr. Morfin oder des Mr. Dombey.«

»Ist Mr. Dombey heute da gewesen?« fragte der Onkel.

»O ja, er lief den ganzen Tag ein und aus.«

»Vermutlich hat er auf dich nicht geachtet?«

»O freilich. Er kam zu meinem Sitze her – wenn er nur nicht so steif und feierlich wäre, Onkel – und sagte: ›Ah, Ihr seid der Sohn von Mr. Gills, dem Schiffsinstrumentenmacher?‹ ›Neffe, Sir‹, versetzte ich. ›Ich sagte Neffe, junger Mensch‹, entgegnete er. Aber ich könnte einen Eid darauf ablegen, Onkel, daß er Sohn sagte.«

»Du hast ihn vermutlich nicht recht verstanden. Das macht aber nichts.«

»Nein, es macht wohl nichts, aber er hätte, sollte ich meinen, nicht nötig gehabt, so scharf zu sein. Etwas Unrechtes war es ja nicht, wenn er den Ausdruck Sohn brauchte. Dann sagte er mir, Ihr hättet wegen meiner mit ihm gesprochen, und er habe mir deshalb Beschäftigung im Hause gegeben; dagegen erwarte er aber auch, daß ich aufmerksam und pünktlich sei. Dann ging er weg. Es kam mir vor, als ob er keinen besonderen Gefallen an mir fand.«

»Du willst vermutlich sagen«, bemerkte der Instrumentenmacher, »daß du keinen besonderen Gefallen an ihm hast.«

»Ei, Onkel«, erwiderte der Knabe lachend, »vielleicht ist es so. Daran habe ich noch gar nicht gedacht.«

Nachdem die Mahlzeit beendigt war, nahm Solomon eine etwas sternchenland.com ernstere Miene an und blickte von Zeit zu Zeit nach dem heiteren Gesicht des Knaben hin. Das Mahl war aus einem benachbarten Speisehaus herbeigeschafft worden; er räumte das Tischtuch beiseite, zündete eine Kerze an, und stieg in einen kleinen Keller hinunter, während sein Neffe pflichtschuldigst auf der moderigen Treppe stehen blieb und leuchtete. Nachdem der alte Gentleman eine kleine Weile hin und her getastet hatte, kehrte er mit einer sehr altertümlichen von Sand und Staub bedeckten Flasche zurück.

»Ei, Onkel Sol«, sagte der Knabe, »was wollt Ihr? Das ist ja der herrliche Madeira. Wir haben außer dieser hier doch nur noch eine einzige Flasche.«

Onkel Sol nickte mit dem Kopf, um dadurch anzudeuten, daß er wohl wisse, woran er sei. Er zog den Kork unter feierlichem Schweigen, füllte die beiden Gläser und setzte die Flasche nebst einem dritten leeren Glas auf den Tisch.

»Du sollst die andere Flasche trinken, Wally«, sagte er, »wenn du einmal dein Glück gemacht hast – wenn du ein angesehener Mann in einem guten Geschäfte bist – wenn der heutige Anlauf im Leben (wie mein tägliches Gebet zum Himmel lautet) dich einmal in ein schönes ebenes Geleise gebracht hat, mein Kind. Meine Liebe zu dir!«

Etwas von dem Nebel, der den alten Sol umflorte, schien ihm in die Kehle geraten zu sein, denn seine Stimme war heiser geworden. Auch seine Hand zitterte, als er mit seinem Neffen anstieß. Sobald er aber das Weinglas an die Lippen gebracht hatte, leerte er es wie ein Mann und schmatzte hinterher.

»Lieber Onkel«, sagte der Knabe mit erkünstelter Leichtherzigkeit, obschon ihm zu gleicher Zeit Tränen in den Augen standen: »für die Ehre, die Ihr mir angetan habt, et cetera, et cetera. Ich bitte nun um die Erlaubnis, den Toast auszubringen – Herr Solomon Gills hoch – dreimal hoch und noch einmal hoch! Hurra! Und Ihr werdet es erwidern, Onkel, wenn wir die letzte Flasche miteinander trinken – meint Ihr nicht?«

Sie stießen abermals mit den Gläsern an. Walter, der seinen Wein sparte, schlürfte nur davon, und hielt dann das Glas mit einer so kritischen Miene, wie er sie nur annehmen konnte, vor das Auge.

Sein Onkel sah ihm eine Weile schweigend zu, und als ihre Augen sich endlich wieder begegneten, begann er ohne weiteres das Thema, das seine Gedanken beschäftigt hatte, laut fortzuspinnen, als ob er die ganze Zeit über gesprochen hätte.

»Du siehst, Walter«, sagte er, »mein Geschäft ist mir tatsächlich zur bloßen Gewohnheit geworden. Ich habe mich so daran gewöhnt, daß ich kaum mehr leben könnte, wenn ich es aufgeben müßte; aber es gibt nichts zu tun, nichts zu tun. Als jene Uniform noch getragen wurde«, er deutete nach dem kleinen Midshipman hinaus, »damals konnte man sich in der Tat noch ein Vermögen machen und hat es auch gemacht. Aber die Konkurrenz, die Konkurrenz – neue Erfindungen, neue Erfindungen – Abänderungen, Veränderungen – sternchenland.com die Welt ist an mir vorbeigegangen. Ich weiß kaum mehr, wo ich selbst bin, geschweige denn, wo meine Kunden sind.«

»Kümmert Euch nicht um sie, Onkel!«

»So zum Beispiel – seit du von deiner Wochenkostschule zu Peckham zurückkamst – und das ist jetzt zehn Tage her«, sagte Solomon, »erinnere ich mich nicht, daß mehr als eine einzige Person in den Laden kam.«

»Besinnt Euch doch, Onkel, – es waren zwei. Der Mann, der ein Goldstück wechseln lassen wollte –«

»Das ist der einzige«, versetzte Solomon.

»Ei, Onkel, ist die Frau nicht auch jemand, die hereinkam, um nach dem Schlagbaum von Mile-End zu fragen?«

»O, es ist wahr«, sagte Solomon. »Ich habe sie vergessen. Zwei Personen.«

»Freilich haben sie nichts gekauft«, entgegnete der Knabe.

»Nein, sie haben nichts gekauft«, entgegnete Solomon ruhig.

»Und auch nichts gebraucht«, rief der Knabe.

»Nein. Wenn das der Fall gewesen wäre, hätten sie sich nach einem andern Laden umgesehen«, sagte Solomon in dem gleichen Tone.

»Aber doch sind es ihrer zwei gewesen, Onkel«, rief der Knabe, als sei das ein großer Triumph. »Ihr spracht nur von einer einzigen Person.«

»Ei, Wally«, nahm der alte Mann nach einer kurzen Pause das Gespräch wieder auf: »da wir nicht wie die Wilden sind, die auf Robinson Crusoes Insel kamen, so können wir nicht leben von einem Mann, der ein Goldstück wechseln, und von einer Frau, die sich den Weg nach dem Schlagbaum von Mile-End weisen lassen will. Wie ich schon eben gesagt habe, die Welt ist an mir vorbeigegangen. Ich kann ihr damit keinen Vorwurf machen, aber soviel steht fest, ich verstehe sie nicht mehr. Die Handelsleute sind nicht mehr wie sonst, die Lehrlinge auch nicht, das Geschäft ist anders geworden, und die Waren sind gleichfalls nicht mehr dieselben. Sieben Achtel von meinen Verkaufsgegenständen sind Ladenhüter. Ich bin ein altmodischer Mann in einem altmodischen Laden und wohne in einer Straße, die nicht mehr dieselbe ist, wie ich mich ihrer erinnere. Ich bin hinter der Zeit zurückgeblieben, und das Alter lastet zu schwer auf mir, als daß ich sie wieder einholen könnte. Sogar der Lärm, den sie weit von mir entfernt draußen macht, verwirrt mich.«

Walter wollte etwas erwidern; aber sein Onkel hielt die Hand hoch.

»Eben deshalb, Wally – eben deshalb war es mir so sehr darum zu tun, daß du früh in die geschäftige Welt und in ihr Geleise hineinkommst. Ich bin nur noch der Geist des Geschäfts – seine Wesenheit ist längst entschwunden, und wenn ich sterbe, wird der Geist erlöst sein. Da natürlich mein Gewerbe keine Erbschaft für dich ist, so habe ich es für das beste gehalten, in deinem Interesse fast den einzigen Überrest alter Bekanntschaft, der mir von alter Zeit her zu sternchenland.com Gebot stand, zu benutzen. Einige Leute halten mich für reich. Ich wünschte um deinetwillen, daß sie recht hätten. Aber was ich auch zurücklasse, oder was immer ich dir geben kann, in einem Hause, wie in dem des Mr. Dombey, kannst du es gut benutzen und auf das vorteilhafteste verwenden. Gib dir Mühe – lerne deinen Beruf lieben, mein lieber Junge, – arbeite nach Kräften, um dir eine unabhängige Stellung zu sichern, und möge das Glück dir günstig sein.«

»Ich will tun, was ich kann, Onkel, um Eure Liebe zu verdienen. Ja, wahrhaftig, das will ich«, sagte der Knabe mit Eifer.

»Ich weiß es«, sagte Solomon. »Ich bin davon überzeugt.« Und er machte sich nun mit erhöhtem Behagen an ein zweites Glas des alten Madeira. »Was die See betrifft«, fuhr er fort, »so ist sie ganz schön in der Poesie, Wally, aber in der Wirklichkeit paßt sie nicht – durchaus nicht. Ich finde es ganz natürlich, daß du an sie denkst und die Vorstellungen von so vielen vertrauten Dingen damit in Verbindung bringst; aber es geht einmal nicht – es geht nicht.«

Mit der Miene stillen Wohlbehagens rieb Solomon Gills die Hände, denn er sprach gerne von der See und sah dabei mit unaussprechlichem Wohlbehagen auf die Seemannsgerätschaften, die im Zimmer umherstanden.

»Denke dir z.B. nur diesen Wein«, sagte der alte Sol. »Er hat, ich weiß nicht wie oft, den Weg nach Ostindien und wieder zurückgemacht – ja, er ist sogar einmal um die ganze Welt gesegelt. Denke an die pechfinstern Nächte, an den tosenden Wind und an die rollenden Wogen.«

»An Donner und Blitz, Regen, Hagel und Unwetter aller Art«, sagte der Knabe.

»Natürlich«, sagte Solomon; »alles das hat der Wein da mit durchgemacht. Denk‘ an das Ächzen und Krachen des Gebälks und der Masten – das Heulen und Toben des Sturms durch Tau- und Takelwerk –«

»Das Aufwärtsklettern der Matrosen, die miteinander wetteifern, um zuerst auf die Rahen hinauszukommen und die eisstarren Segel zu beschlagen, während das Schiff wie toll hin und her rollt!« rief der Neffe.

»Ganz richtig«, sagte Solomon. »Alles das hat das alte Faß erlebt, das diesen Wein enthielt. Ja, als die bezaubernde Sally unterging in dem –«

»In dem Baltischen Meer, mitten in der Nacht, fünfundzwanzig Minuten nach zwölf, als dem Kapitän die Uhr in der Tasche stehen blieb. Er lag tot an den Hauptmast gelehnt – am vierzehnten Februar siebzehnhundertneunundvierzig!« rief Walter mit großer Lebhaftigkeit.

»Ja freilich!« rief der alte Sol, »ganz richtig. Damals waren fünfhundert Fässer solchen Weins an Bord, und alle Mannschaft (mit Ausnahme des ersten Maaten, der ersten Leutnants, zwei Matrosen und einer Dame, die sich in einem lecken Boote retteten), sternchenland.com machte sich daran, die Dauben der Fässer einzuschlagen und sich zu betrinken. Trunken starben sie unter dem Gesange ›Rule Britannia‹, als das Schiff in den Wellen untersank und sein Ende mit einem einzigen schauerlichen Chorruf feierte.«

»Aber als der Georg II. am vierten März einundsiebzig zwei Stunden vor Tagesanbruch in einer unheimlichen Bö an der Küste von Cornwallis scheiterte, Onkel, hatte er fast zweihundert Pferde an Bord; und die Pferde rissen sich schon zu Anfang des Sturmes unten los, trampelten hin und her, traten sich zu Tode, machten einen solchen Lärm, und ächzten so ganz menschlich, daß die Mannschaft meinte, das Schiff sei voll von Teufeln. Sogar die besten Matrosen verloren darüber Herz und Kopf, sprangen verzweifelt über Bord, und nur zwei davon blieben am Leben, um die Geschichte zu erzählen.«

»Und als der Polyphemus –« griff der alte Sol wieder auf –

»Privatwestindienfahrer, Last dreihundertundfünfzig Tonnen, Kapitän John Brown von Deptfort, Eigentümer Wiggs und Kompanie«, rief Walter.

»Derselbe«, sagte Sol. »Als er nach viertägiger Fahrt unter günstigem Wind vom Jamaikahafen aus nachts Feuer fing –«

»Waren zwei Brüder an Bord«, unterbrach ihn sein Neffe sehr schnell und laut sprechend, »und es war nicht Raum genug für beide in dem kleinen Boot, das nicht mit versunken war. Keiner von ihnen wollte gehen, bis der ältere den jüngeren um den Leib faßte und ihn hinein warf. Und dann der jüngere, der sich im Boot aufrichtete und rief: ›Lieber Edward, denk‘ an deine Braut in der Heimat. Ich bin nur ein Knabe, zu Hause wartet niemand auf mich. Nimm meinen Platz ein!‹ Und mit diesen Worten sprang er in die See!«

Das leuchtende Auge und das höhere Rot auf dem Antlitz des Knaben, der sich im Feuer seiner Begeisterung von seinem Sitz erhoben hatte, schienen den alten Sol an etwas zu erinnern, was er vergessen oder in dem ihn umkreisenden Nebel bisher nicht bemerkt hatte. Statt sich auf weitere Histörchen einzulassen, wie er augenscheinlich noch einen Moment vorher beabsichtigt hatte, erging er sich in einen kurzen trockenen Husten und sagte: »Na, ich denke, wir wollen auf einen andern Gegenstand übergehen.«

Die Sache verhielt sich nämlich so, daß der einfache Onkel in seiner geheimen Neigung zu dem Wunderbaren und Abenteuerlichen, zu dem er einigermaßen durch sein Gewerbe in entfernter Beziehung stand, dieselbe Liebhaberei im Neffen geweckt hatte, und alles, was er dem Knaben vorzuhalten pflegte, um ihn von einem Leben voll Gefahr abzuschrecken, mußte an diesem die gewöhnliche unerklärliche Wirkung üben, seinen Geschmack dafür nur zu steigern. So geht’s unabänderlich, und es scheint, als sei nie in der ausdrücklichen Absicht, Knaben am Land zu halten, ein Buch geschrieben oder eine Geschichte erzählt worden, wodurch sie nicht, wie durch einen Zauber, nach dem Meere verlockt worden wären.

Die kleine Gesellschaft erhielt übrigens jetzt einen Zuwachs, denn es trat ein Gentleman mit sehr buschigen, schwarzen Augenbrauen in einem weiten blauen Anzug herein, dem statt der Hand am rechten Handgelenk ein Haken angeschraubt war, und der in der Linken einen dicken Stock, so knotig wie seine Nase, trug. Um den Hals hatte er ein loses, schwarzseidenes Halstuch, das über einen großen groben Hemdkragen, einem kleinen Segel vergleichbar, geschlungen war. Augenscheinlich hatte das dritte Weinglas die Bestimmung, diesem Herrn zu dienen, und er schien es zu wissen; denn nachdem er seinen rauhen Überrock abgelegt und an einem besonderen Nagel hinter der Tür einen so steif gewichsten Hut aufgehängt hatte, daß eine empfindsame Person schon vom Anblick Kopfweh bekommen konnte, da er auf der Stirne seines Trägers einen roten Streifen zurückließ, als hätte daselbst ein knapp anliegendes Zinnbecken gesessen, brachte er einen Stuhl in die Nähe des leeren Glases und setzte sich hinter diesem nieder. Dieser Gast wurde gewöhnlich mit Kapitän angeredet; er war Lotse, Schiffer oder Kapermatrose gewesen, hatte vielleicht gar in allen diesen drei Eigenschaften gedient und sah in der Tat ganz wie ein Seemann aus.

Sein Gesicht, das sich durch eine merkwürdige braune Solidität auszeichnete, klärte sich auf, als er dem Neffen die Hand reichte; er schien übrigens von sehr lakonischer Art zu sein, da er bloß sagte:

»Wie geht’s?«

»Alles gut«, versetzte Mr. Gills, indem er ihm die Flasche zuschob.

Er nahm sie auf, betrachtete sie, roch daran und sagte mit einem außerordentlichen Ausdruck:

»Der

»Der«, entgegnete der Instrumentenmacher.

Hierauf füllte er pfeifend sein Glas und schien zu denken, daß sie sich heute tatsächlich einen Feiertag machten.

»Wal’r«, sagte er, indem er sich das dünne Haar mit dem Haken zurecht strich und dann auf den Instrumentenmacher deutete, »seht ihn an! Lieben – ehren – und gehorchen! Schlagt in Eurem Katechismus nach, bis Ihr diese Stelle findet, und wenn Ihr sie gefunden habt, knickt die Ecke um. Gut Glück, mein Junge!«

Er war mit seiner Zitation sowohl, als mit der Anwendung derselben so sehr zufrieden, daß er sich nicht versagen konnte, mit gedämpfter Stimme die Worte zu wiederholen und dabei zu bemerken, »er habe sie schon seit vierzig Jahren vergessen gehabt.«

»Aber ich habe nie in meinem Leben zwei oder drei Worte gebraucht, ohne daß ich wußte, wo ich sie fassen sollte, Gills«, bemerkte er. »Es kommt eben daher, daß ich meine Reden nicht verschwende, wie manche es tun.«

Die Erwägung erinnerte ihn vielleicht daran, daß es besser sei, gleich dem Vater des jungen Norvall »seinen Vorrat zu vergrößern.« Jedenfalls wurde er jetzt schweigsam, und blieb es, bis der alte Sol in den Laden hinausging, um dort die Lichter anzuzünden. Da sternchenland.com wandte er sich an Walter und sagte ohne irgendeine einleitende Bemerkung:

»Ich glaube, er könnte auch eine Turmuhr machen, wenn er es versuchte?«

»Es sollte mich nicht wundern, Kapitän Cuttle«, entgegnete der Knabe.

»Und sie würde gehen!« sagte der Kapitän Cuttle, mit seinem Haken eine Art Schlange in die Luft beschreibend. »Herr, wie diese Uhr gehen würde!«

Für einige Augenblicke schien er ganz in der Betrachtung der Bewegung dieses idealen Zeitmessers vertieft zu sein und sah dabei den Knaben an, als ob dessen Gesicht das Zifferblatt wäre.

»Er besitzt ein überaus großes Wissen«, bemerkte er, seinen Haken gegen die Ladenvorräte schwenkend. »Schaut nur her! Eine ganze Sammlung davon. Erde, Luft oder Wasser. Es ist alles das gleiche. Ihr braucht bloß zu sagen, was Ihr haben wollt. Hinauf in einem Ballon? Steht zu Diensten. Nieder in einer Taucherglocke? Steht zu Diensten. Wollt Ihr das Gewicht des Polarsterns in einer Wagschale untersuchen? Er wird es für Euch besorgen.«

Aus diesen Bemerkungen kann man entnehmen, daß Kapitän Cuttles Verehrung vor dem Instrumentenvorrat sehr groß war, daß aber seine Philosophie nicht so weit reichte, um sich den Unterschied des Verkaufens und des Erfindens derselben genau zu vergegenwärtigen.

»Ah«, sagte er mit einem Seufzer, »es ist was Schönes, wenn man es versteht. Und doch ist es auch was Schönes, wenn man es nicht versteht. Ich weiß kaum, welches von beiden das Beste ist. Es wird einem so behaglich, wenn man dasitzt und fühlt, daß man gewogen, gemessen, magnifiert, elektrisiert, polarisiert und wie das Teufelszeug sonst heißen mag, werden kann, ohne daß man weiß wie.«

Nichts Geringeres als der herrliche Madeira in Verbindung mit der Gelegenheit, die so gut dazu paßte, Walters Geist zu erleuchten und zu erweitern, wäre je imstande gewesen, die Zunge des alten Gentleman zu einem so wunderbaren Redeerguß zu lösen. Er schien selbst erstaunt zu sein über die Art, in der sich seine Lippen öffneten, um die Quellen des stummen Entzückens zu rühmen, die sich bei Gelegenheit von Sonntagsmahlzeiten seit zehn Jahren in diesem Stübchen für ihn ergossen hatten. Er fühlte, daß er mit der zunehmenden Weisheit auch schwermütiger wurde, und schwieg fortan in tiefem Nachsinnen.

»Na«, rief der zurückkehrende Gegenstand seiner Bewunderung, »ehe wir zum Grog schreiten, Ned, müssen wir die Flasche zu Ende bringen.«

»Ich halte mit«, sagte Ned, sein Glas füllend: »gebt dem Burschen auch noch etwas.«

»Nicht mehr – ich danke, Onkel!«

»Ja, ja, noch ein bißchen«, sagte Sol. »Wir leeren die Flasche auf das Haus, Ned – auf Walters Haus. Warum könnte es nicht sternchenland.com eines Tages wenigstens teilweise seins werden? Wer weiß! Sir Richard Whittington heiratete die Tochter seines Prinzipals.«

»›Kehrum, Whittington, Lord-Mayor von London, und wenn du alt bist, wirst du nie mehr draus weichen‹«, fiel der Kapitän ein. »Wal’r, lies das Buch, mein Junge.«

»Und obgleich Mr. Dombey keine Tochter hat,« begann Sol –

»Ja, ja, er hat eine, Onkel«, sagte der Knabe lachend und errötete.

»Wirklich?« rief der alte Mann. »In der Tat, ich glaube, du hast recht.«

»O, ich weiß es gewiß«, sagte der Knabe. »Man hat heut‘ im Bureau davon gesprochen. Auch sagt man, Onkel und Kapitän Cuttle«, er dämpfte dabei seine Stimme – »daß er eine Abneigung gegen sie habe und daß sie unbeachtet bei dem Gesinde aufwachse; sein Sinn sei so ganz und gar von dem Sohn, den er jetzt im Haus habe, in Anspruch genommen, daß er, obschon dieser noch ein Säugling sei, die Bilanzen weit öfter ziehe, als früher – daß die Bücher weit strenger geprüft würden, und daß man ihn schon gesehn habe (freilich ohne daß er es merkte), wie er nach dem Hafen ging, um seine Schiffe, sein Eigentum und all dies zu betrachten, als freue er sich über das, was er und sein Sohn zusammen besitzen werden. So sagt man – ich kann das natürlich nicht beurteilen.«

»Ihr seht, er weiß schon alles von ihr«, sagte der Instrumentenmacher.

»Aber ich bitte dich, Onkel«, rief der Junge noch immer in knabenhaftem Erröten und Lachen. »Ich muß es doch wohl hören, wenn man mir etwas erzählt?«

»Ich fürchte, Ned, der Sohn ist uns zurzeit ein wenig im Weg«, sagte der alte Mann, den Scherz heiter weiter verfolgend.

»Und ob!« versetzte der Kapitän.

»Trotzdem wollen wir auf sein Wohl trinken«, fuhr Sol fort. »Es gilt also für Dombey und Sohn!«

»O, ganz schön, Onkel«, rief der Knabe lustig. »Und weil Ihr das Mädchen erwähntet und mich mit ihr in Verbindung gebracht habt, indem Ihr sagtet, daß ich alles von ihr wisse, so will ich mir erlauben, den Toast zu verbessern. Dombey und Sohn – und Tochter!«

Fünfundzwanzigstes Kapitel.


Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Seltsame Neuigkeiten von Onkel Sol.

Obschon Kapitän Cuttle kein Langschläfer war, so kroch er am Morgen nach dem Tag, als er den schreibenden Sol Gills durch das Ladenfenster beobachtet hatte, während Rob der Schleifer sein Bett unter dem Tisch, auf dem der Midshipman stand, anfertigte – nicht so früh aus den Federn, und es hatte bereits sechs Uhr geschlagen, als er sich auf den Ellenbogen aufrichtete und in seinem kleinen Stübchen umherschaute. Die Augen des Kapitäns mußten einen schweren Dienst haben, wenn er sie beim Erwachen gewöhnlich so weit öffnete, wie an diesem Morgen, und erhielten für ihre Aufmerksamkeit nur einen rauhen Lohn, falls er sie in der Regel nur halb so zart zu reiben pflegte. Der Anlaß war übrigens auch kein sternchenland.com gewöhnlicher; denn sicherlich hatte Rob der Schleifer nie zuvor unter der Schwelle von Kapitän Cuttles Schlafzimmer gestanden. Aber jetzt zeigte er sich daselbst keuchend und mit einem roten, schlaftrunkenen Gesicht, als komme er eben von seinem Bette her.

»Holla!« schrie der Kapitän. »Was gibt’s?«

Ehe Rob ein Wort der Erwiderung stammeln konnte, war Kapitän Cuttle hurtig aus seinem Bett gefahren und hatte den Mund des Knaben mit seiner Hand bedeckt.

»Halt, mein Junge«, sagte der Kapitän. »Für jetzt noch keine Silbe!«

Nachdem er ihm diese Einschärfung gegeben, wobei er ihn mit großer Bestürzung betrachtete, drehte er ihn sacht an der Schulter ins nächste Zimmer hinaus. Dann verschwand er für einige Augenblicke und erschien bald darauf in dem blauen Anzuge wieder. Indem er die Hand erhob, als ob sein Verbot noch nicht aufgelöst sei, ging er auf den Schrank zu, goß sich selbst ein Gläschen ein und füllte ein zweites für den Boten. Hierauf stellte sich der Kapitän in eine Ecke gegen die Wand, als wolle er der Möglichkeit vorbeugen, daß die bevorstehende Mitteilung ihn rücklings zu Boden werfe, schluckte, ohne ein Äuge von dem Boten zu verwenden, seinen Branntwein hinunter und forderte dann mit einem Gesicht, so blaß als es bei dem seinigen nur möglich war, Rob auf, »loszuschieben«.

»Meint Ihr damit, daß ich sprechen solle, Kapitän?« fragte Rob, dem die frühere Warnung noch schwer auf dem Gemüte lag.

»Ja«, versetzte der Kapitän.

»Wohlan, Sir«, entgegnete Rob, »ich habe nicht eben viel zu sagen. Aber schaut her!«

Rob brachte einen Schlüsselbund zum Vorschein.

Der Kapitän betrachtete ihn von seiner Ecke aus und musterte dabei fortwährend den Boten.

»Und dieses hier!« fuhr Rob fort.

Der Knabe zog ein versiegeltes Paket hervor, das Kapitän Cuttle mit ebenso großen Augen anstaunte, wie er es zuvor bei den Schlüsseln gehalten hatte.

»Als ich heute morgen erwachte, Kapitän«, sagte Rob – »es mochte ungefähr Viertel auf sechs sein, fand ich das auf meiner Bettdecke. Die Ladentür war aufgeriegelt und offen, Mr. Gills aber fort!«

»Fort?« rief der Kapitän.

»Keine Spur mehr von ihm da, Sir«, versetzte Rob.

Die Stimme des Kapitäns war so furchtbar, und er kam in einer Weise aus seiner Ecke hervor, daß sich Rob vor ihm in eine andere flüchtete; dabei hielt letzterer den Schlüsselbund und das Paket vor sich hin, als wolle er den Kapitän hindern, daß er ihn nicht niederrenne.

»›Für Kapitän Cuttle‹, Sir«, rief Rob, »steht auf den Schlüsseln und auf dem Paket. Auf mein Ehrenwort, Kapitän Cuttle, ich weiß weiter nichts von der Sache, und ich will sterben, wenn es nicht wahr sternchenland.com ist! Das ist wohl ein Platz für einen jungen Burschen, der eben eine Stelle erhalten hat«, rief der unglückliche Schleifer, mit dem Rockärmel sein Gesicht bearbeitend. »Der Meister läuft davon, und ich soll am Ende die Schuld tragen!«

Diese Klagen bezogen sich auf Kapitän Cuttles Blick, in dem sich ein Ausdruck, gemischt aus Argwohn, Drohung und Anklage, kundgab. Nachdem der Kapitän das hingehaltene Paket in Empfang genommen hatte, öffnete er es und las, wie folgt:

»›Mein lieber Ned Cuttle. In der Anlage befindet sich mein letzter Wille und Testament!‹«

Der Kapitän wandte mit einer bedenklichen Miene das Blatt um. »Wo ist das Testament?« rief er, unverweilt auf den armen Schleifer losgehend. »Was hast du damit angefangen, Junge?«

»Ich hab‘ es nie gesehen,« winselte Rob. »Habt doch keinen solchen Argwohn gegen einen unschuldigen Jungen, Kapitän. Ich habe das Testament nie angerührt.«

Kapitän Cuttle schüttelte den Kopf, als wolle er damit andeuten, daß irgend jemand dafür verantwortlich gemacht werden müsse, und fuhr mit ernster Miene fort:

»›Ihr dürft es vor Jahresfrist nicht öffnen oder wenigstens nicht eher, bis Ihr bestimmte Nachrichten erhalten habt von meinem lieben Walter, der, wie ich überzeugt bin, auch Euch teuer ist, Ned.‹« Der Kapitän hielt inne und schüttelte in einiger Erregung den Kopf. Um jedoch bei diesem seinem Prüfungsamt seiner Würde nichts zu vergeben, schaute er unmittelbar darauf mit großer Strenge nach dem Schleifer hin. »›Wenn Ihr nichts mehr von mir hören oder sehen solltet, Ned, so bleibt liebevoll eingedenk eines alten Freundes, der auch Euch bis zum letzten Augenblick in der Erinnerung tragen wird. Bis mindestens die vorerwähnte Periode abgelaufen ist, haltet für Walter an dem alten Platz eine Heimat bereit. Es sind keine Schulden vorhanden; denn das Darlehen von Dombey ist abbezahlt, und ich sende Euch hiermit alle meine Schlüssel. Verhaltet Euch ruhig und stellt keine Nachforschungen nach mir an; denn es ist vergeblich. Weiter nichts, mein lieber Ned, von Eurem treuen Freunde Solomon Gills.‹« Der Kapitän atmete tief auf und las dann folgende unten hingeschriebenen Worte: »›Wie ich Euch sage, ist der Knabe Rob von Dombeys Hause wohl empfohlen. Wenn alles sonst zum Verkauf kommen sollte, Ned, so tragt Sorge für den kleinen Midshipman.‹«

Um der Nachwelt einen Begriff von der Art zu geben, wie der Kapitän, nachdem er den Brief wohl zwanzigmal überlesen hatte, in seinem Stuhle Platz nahm und in seinem Innern über den Gegenstand ein Kriegsgericht hielt, wäre wohl der vereinte Genius aller großen Männer erforderlich, die, ohne Rücksicht auf die ungünstigen Verhältnisse der Mitwelt, den Entschluß gefaßt hätten, auf die Nachwelt zu kommen, ohne daß es ihnen übrigens je gelänge. Anfangs war der Kapitän viel zu sehr verwirrt und beunruhigt, um an etwas anderes als den Brief zu denken, und selbst als seine Gedanken sternchenland.com die verschiedenen begleitenden Tatsachen zu überblicken begannen, hätten sie sich vielleicht um des Lichtes willen, das sie brachten, ebensogut mit dem früheren Gegenstand beschäftigen können. In dieser Gemütsverfassung fand Kapitän Cuttle, der außer dem Schleifer niemanden vor seinem Gerichtshof hatte, eine große Erleichterung in dem allgemeinen Bescheid, daß letzterer ein verdächtiger Gegenstand sei, und er drückte das so deutlich in seinem Gesichte aus, daß Rob Einwände dagegen erhob.

»O, laßt es doch, Kapitän!« rief der Schleifer. »Ich begreife gar nicht, wie Ihr das könnt! Was habe ich denn getan, daß Ihr mich so anseht?«

»Mein Junge«, versetzte Kapitän Cuttle, »schrei nicht vor dem Streich, und was du auch tun magst, gib dir keine Blöße.«

»Ich tue dies nicht, und habe auch nichts getan, Kapitän«, antwortete Rob.

»So halt dein Schifflein frei«, sagte der Kapitän mit Nachdruck, »und laß es ruhig vor Anker liegen.«

Mit einem tiefen Gefühl der ihm obliegenden Verantwortlichkeit und des dringenden Bedürfnisses, die geheimnisvolle Angelegenheit durchaus zu ergründen, wie es einem Mann von seiner Beziehung zu allen Parteien zustand, beschloß Kapitän Cuttle, nach Sols Wohnung zu gehen, das Haus zu untersuchen und den Schleifer mitzunehmen. In Anbetracht der Tatsache, daß der junge Mensch vorderhand als Arrestant anzusehen war, blieb der Kapitän einigermaßen zweifelhaft, ob es nicht passend sein dürfte, ihm Handschellen anzulegen, seine Fußknöchel zusammenzubinden oder ein Gewicht an seine Beine zu hängen. Weil er indessen über die Gesetzlichkeit solcher Formalitäten nicht ganz mit sich ins klare kommen konnte, so beschränkte er sich darauf, ihn während des ganzen Wegs an der Schulter festzuhalten und im Falle einer Einwendung zu Boden zu schlagen, Rob ließ sich dies ruhig gefallen und erreichte deshalb das Haus des Instrumentenmachers, ohne daß weitere Zwangsmaßregeln gegen ihn nötig wurden. Die Läden waren noch nicht herabgenommen. Deshalb trug Kapitän Cuttle zuerst Sorge dafür, daß der Laden geöffnet wurde; und sobald das Tageslicht freien Zutritt gewonnen, schickte er sich, wie er sagte, zu weiterer Nachforschung an.

Sein erstes Geschäft bestand darin, daß er im Laden sich einen Stuhl verschaffte, um dem feierlichen Tribunal, das in seinem Innern Sitzung hielt, präsidieren zu können. Dann forderte er Rob auf, sich in sein Bett unter dem Ladentisch zu legen und genau anzudeuten, wie er bei seinem Erwachen den Schlüsselbund und das Paket entdeckt habe. Hierauf mußte der Junge zeigen, wie er die Tür gefunden, als er aufgestanden, um sie zu probieren, und wie er nach Brig-Place aufgebrochen sei. Dabei verhinderte er vorsichtigerweise den Knaben, das Manöver weiter als bis zur Schwelle auszuführen. So ging es denn bis zum Ende des Kapitels. Nachdem diese Prozeduren mehrere Male vorgenommen waren, schüttelte der Kapitän den Kopf und schien zu denken, daß die Sache ein gar übles Aussehen habe.

Zunächst stellte der Kapitän in der unbestimmten Vorstellung, er könnte möglicherweise eine Leiche finden, eine genaue Durchsuchung des ganzen Hauses an, indem er mit einer angezündeten Kerze in den Kellern herumtappte, seinen Haken hinter die Türen steckte, den Kopf oft in ungestümen Zusammenstoß mit Balken brachte und sich selbst mit Spinnweben bedeckte. Als sie nach dem Schlafzimmer des alten Mannes hinaufstiegen, fanden sie, daß er die Nacht zuvor nicht in seinem Bett gelegen, sondern sich nur leicht darauf hingeworfen hatte, wie aus dem noch vorhandenen Eindruck ersichtlich war.

»Und ich glaube, Kapitän«, sagte Rob sich im Zimmer umsehend, »daß Mr. Gills, als er die letzten paar Tage so oft ein- und ausging, jedesmal kleine Gegenstände mitgenommen hat, um keine Aufmerksamkeit zu wecken.«

»So?« versetzte der Kapitän geheimnisvoll. »Warum denn das, mein Junge?«

»Ei«, entgegnete Rob umherschauend, »ich sehe nichts von seinem Rasierzeug, Auch seine Bürsten fehlen, Kapitän. Es sind keine Hemden da. Und auch seine Schuhe sind fort.«

Während jeder dieser Gegenstände erwähnt wurde, schenkte Kapitän Cuttle dem entsprechenden erwähnten Gegenstand bei dem Schleifer eine besondere Aufmerksamkeit, ob nicht etwa dieser kürzlich davon Gebrauch gemacht habe oder noch im Besitz derselben sei. Aber Rob hatte keinesfalls schon einen Anlaß, sich zu rasieren, war augenscheinlich auch nicht ausgebürstet und trug – so viel war über jede Möglichkeit eines Irrtums erhaben – noch dieselben Kleider, in denen er seit langer Zeit sich blicken zu lassen pflegte.

»Und was sagt Ihr, ohne Euch selbst eine Blöße zu geben«, fuhr der Kapitän fort, »über die Zeit seines Abrückens, he?«

»Nun, ich denke, Kapitän«, versetzte Rob, »daß er bald darauf fortgegangen sein muß, nachdem ich zu schnarchen anfing.«

»Um welche Stunde kann das gewesen sein?« fragte der Kapitän, dem besonders viel daran gelegen zu sein schien, genau die Zeit zu ermitteln.

»Wie kann ich das sagen, Kapitän?« antwortete Rob. »Ich weiß nur, daß im Anfang mein Schlaf sehr fest ist und daß er gegen morgen hin leicht wird. Wäre nun Mr. Gills sogar auf den Zehenspitzen gegen Tagesanbruch durch den Laden gekommen, so bin ich ziemlich überzeugt, daß ich es jedenfalls gehört haben würde, wenn er die Tür schloß.«

Nach reifer Erwägung dieses Zeugnisses begann Kapitän Cuttle zu der Überlegung zu gelangen, daß der Instrumentenmacher wohl aus eigenem Antrieb verschwunden sein müsse, und in dieser logischen Folgerung unterstützte ihn der an ihn gerichtete Brief, der, da er unzweifelhaft von dem alten Mann selbst geschrieben war, ohne eine sehr gezwungene Annahme zu dem Schluß leitete, der Schreiber habe gehen wollen und sei demgemäß gegangen. Die nächsten Betrachtungen des Kapitäns beschäftigten sich nun mit dem Wohin und Warum, und da ihm die Lösung der ersten Frage eigentümliche sternchenland.com Schwierigkeiten bot, so beschloß er, seine Gedanken der zweiten zuzuwenden.

Er erinnerte sich des auffallenden Benehmens, mit dem sich der alte Mann von ihm verabschiedet hatte. Damals war es ihm unerklärlich vorgekommen, aber jetzt schien es ihm ganz begreiflich. Der Kapitän kam dadurch auf den schrecklichen Argwohn, die Angst und Sorge um Walter hätte den alten Sol so weit getrieben, daß er einen Selbstmord verübte. Wie jener so oft erklärt hatte, war er nicht mehr imstande, das Leid und die Trübsal des täglichen Lebens zu ertragen, und da in letzter Zeit noch die Ungewißheit und eine stets sich verzögernde Hoffnung dazu gekommen waren, so schien die Annahme nicht zu gezwungen, sondern leider nur zu wahrscheinlich zu sein.

Der Mann war schuldenfrei und hatte weder etwas für seine persönliche Freiheit noch für sein Eigentum zu fürchten; was also sonst, wenn nicht ein Zustand von Wahnsinn, konnte ihn veranlaßt haben, sich allein und heimlich zu entfernen? Daß er einige Kleidungssachen mitgenommen hatte, wenn anders dies wirklich der Fall war – denn sie hatten nicht einmal hierüber Sicherheit – mochte nach des Kapitäns Vermutung darin begründet sein, daß er Nachforschungen verhindern, die Aufmerksamkeit von seinem wahrscheinlichen Schicksal ablenken oder das Gemüt des Mannes erleichtern wollte, der eben jetzt alle diese Möglichkeiten erwog. Dies war in einfacher und gedrungener Sprache das wesentliche Endergebnis von Kapitän Cuttles Betrachtungen, obschon er lange brauchte, um so weit zu kommen, und die dazu führenden Erörterungen nach dem Beispiel mancher öffentlicheren Verhandlungen sehr weitschweifig und ungeordnet waren.

Im höchsten Grade kleinmütig und niedergeschlagen, hielt es Kapitän Cuttle jetzt für billig, Rob aus seiner Haft zu entlassen und ihn in Freiheit zu setzen, zugleich aber fortwährend eine Art ehrenhafter Aufsicht über ihn zu führen. Er ließ sich von dem Makler Brogley einen Diener abtreten, der während ihrer Abwesenheit den Laden hüten sollte, worauf er in Begleitung Robs ausging, um einen traurigen Streifzug nach den sterblichen Resten des Solomon Gills anzutreten.

In der ganzen Hauptstadt gab es kein Stationshaus, keinen Kirchhof und kein Arbeitshaus, das einer Inspektion des harten Glanzhutes entgangen wäre. An den Kais, auf den Schiffszimmerplätzen, an den Ufern, flußauf und flußab, da, dort und überall glänzte er unter den dichtesten Menschenmassen, wie der Helm eines Helden in einer epischen Schlacht. Eine ganze Woche lang las der Kapitän die Zeitungen und sonstige Ankündigungen über gefundene und vermißte Leute, und keine Stunde des Tages war ihm zu viel, wenn es galt, von über Bord gefallenen armen Schiffsjungen und langen Fremden mit schwarzen Bärten, die sich vergiftet hatten, Einsicht zu nehmen – »um sich zu überzeugen«, sagte Kapitän Cuttle, »daß es nicht Solomon Gills sei«. Es war in der Tat eine saure sternchenland.com Arbeit für ihn, die immer vergeblich sein sollte, obwohl einiger Trost für den guten Kapitän darin lag.

Endlich gab er diese Versuche als hoffnungslos auf und schickte sich an, zu überlegen, was weiterhin zu tun sei. Nachdem er den Brief seines armen Freundes noch einige Male aufs neue durchgelesen hatte, drängte sich ihm die Überzeugung auf, die Erhaltung »einer Heimat an dem alten Platz für Walter« sei die erste Pflicht, die ihm obliege. Er beschloß daher, die Wohnung von Solomon Gills selbst zu beziehen, sich mit dem Instrumentenhandel abzugeben und zu sehen, was dabei herauskomme.

Da jedoch dieser Schritt die Notwendigkeit in sich schloß, das Quartier bei Mrs. Mac Stinger aufzugeben, und der Kapitän wohl wußte, diese entschlossene Frauensperson werde nichts von einem Ausziehen hören wollen, so setzte er sich den verzweifelten Plan in den Kopf, ihr zu entlaufen.

»Nun, schau einmal her, Junge«, sagte der Kapitän zu Rob, nachdem dieser denkwürdige Entwurf zur Reife gediehen war, »ich werde mich auf dieser Reede hier nicht blicken lassen bis morgen nacht – vielleicht erst nach Mitternacht. Du hältst aber Wache, bis du mich klopfen hörst, und sobald das geschieht, kommst du, um die Tür zu öffnen.«

»Sehr gut, Kapitän«, versetzte Rob.

»Du wirst hier in den Büchern fortlaufen«, fügte der Kapitän herablassend bei, »und wer weiß, welche Beförderung dir bevorsteht, wenn wir beide miteinander kräftig weiterschieben. Sobald du mich aber morgen nacht klopfen hörst – gleichviel, um welche Zeit es sei – so wirst du dich mit der Tür eilen.«

»Daran soll’s nicht fehlen, Kapitän«, entgegnete Rob.

»Denn du begreifst wohl«, fuhr der Kapitän fort, um ihm den Auftrag recht nachdrücklich ans Herz zu legen, »man kann nicht wissen, ob es nicht eine Jagd gibt, und ich könnte während des Wartens ergriffen werden, wenn du nicht hurtig mit der Tür bereit bist.«

Rob versicherte seinem nunmehrigen Gebieter abermals, daß er sich auf ihn verlassen dürfe, und nachdem der Kapitän diese kluge Maßregel getroffen hatte, kehrte er zum letztenmal nach Mrs. Mac Stingers Wohnung zurück.

Das Bewußtsein, daß es wirklich zum letzten Male war, und der fürchterliche Entschluß, der sich unter der blauen Weste barg, flößte dem Kapitän eine solche Todesangst vor Mrs. Mac Stinger ein, daß zu jeder Zeit des Tages schon der Fußtritt dieser Dame auf der Treppe ausreichte, ihn am ganzen Leibe zittern zu machen. Zufälligerweise befand sich auch Mrs. Mac Stinger in einer ganz bezaubernden Stimmung; sie war so mild und gefällig wie ein Lämmchen, und Kapitän Cuttle erlitt eine herbe Gewissensqual, als sie mit der Frage heraufkam, ob sie ihm nicht ein Diner zurichten solle.

»Einen appetitlichen kleinen Nierenpudding, Kapt’n Cuttle«, sagte die Hausfrau, »oder ein Schafsherz. Kümmert Euch nicht darum, ob es mir auch Mühe macht.«

»Nein, ich danke, Ma’am«, versetzte der Kapitän.

»Oder ein gebratenes Huhn mit etwas Füllung und einer Eiersauce«, sagte Mrs. Mac Stinger. »Na, Kapt’n Cuttle, tut Euch einmal ein bißchen was zugute.«

»Nein, ich danke Euch, Ma’am«, entgegnete der Kapitän sehr demütig.

»Wahrhaftig, Ihr seid dann nicht ganz wohl und braucht etwas Stärkendes«, sagte Mrs. Mac Stinger. »Wollt Ihr’s nicht einmal mit einer Flasche Wein versuchen?«

»Na schön, Ma’am«, entgegnete der Kapitän, »wenn Ihr so gut sein wollt, ein Gläschen oder zwei mit zu genießen, so denke ich, daß ich dies versuchen könnte. Wollt Ihr mir den Gefallen erweisen, Ma’am«, fügte er in tiefer Gewissenszerknirschung hinzu, »eine Vierteljahrsmiete im voraus in Empfang zu nehmen?«

»Und warum das, Kapitän Cuttle?« erwiderte Mrs. Mac Stinger – in scharfem Ton, wie es ihrem Gefährten vorkam.

Der Kapitän war in den Tod erschrocken.

»Wenn Ihr es wollt, Ma’am«, sagte er mit großer Unterwürfigkeit, »so würdet Ihr mir einen großen Gefallen tun. Ich kann mein Geld nicht gut aufheben. Es ist, als ob es Flügel hätte. Es wäre mir recht lieb, wenn Ihr die Vorausbezahlung annähmet.«

»Na, Kapt’n Cuttle«, versetzte die arglose Mac Stinger, indem sie ihre Hände rieb. »Ihr könnt das halten, wie Ihr wollt. Mit meiner Familie steht es mir nicht zu, es zu verweigern, ebensowenig als ich es fordern möchte.«

»Und mögt Ihr wohl so gut sein, Ma’am«, fuhr der Kapitän fort, indem er die Zinnbüchse, in der er sein Geld aufbewahrte, von dem Schranksims herunterlangte, »jedem von der kleinen Familie ein Achtzehnpencestück zu geben? Oder wenn sich’s einrichten ließe, Ma’am, so könntet Ihr die Kinder miteinander heraufkommen lassen. Es würde mich freuen, sie zu sehen,«

Die unschuldigen Mac Stingers waren ebenso viele Dolche für die Brust des Kapitäns, als sie in Haufen erschienen und mit der vertrauensvollen Anhänglichkeit, die er so wenig verdiente, an ihm herumzerrten. Das Auge von Alexander Mac Stinger, der sein Liebling gewesen, war ihm unerträglich, und die Stimme der Juliane Mac Stinger, dieses leibhaftigen Ebenbildes ihrer Mutter, machte ihn ganz und gar zur Memme.

Gleichwohl erhielt Kapitän Cuttle den Anschein ziemlich gut und ließ sich ein paar Stunden recht übel von den jungen Mac Stingers mitspielen, die in ihrer kindlichen Fröhlichkeit auch dem Glanzhut einigen Schaden zufügten, indem ihrer zwei zumal wie in einem Nest darin saßen und mit ihren Schuhen auf der Innenseite der Krone trommelten. Endlich entließ sie der Kapitän mit schwerem Herzen und verabschiedete sich von diesen Cherubs mit dem herben Weh eines Mannes, der zur Hinrichtung hinausgeführt wird.

In der Stille der Nacht packte der Kapitän sein schweres Eigentum in eine Truhe, die er in der Absicht verschloß, sie aller Wahrscheinlichkeit sternchenland.com nach für immer hier zu lassen, wenn er nicht vielleicht eines Tages einen Mann fand, der hinreichend kühn und verzweifelt war, sie zu holen. Aus den leichten Habseligkeiten machte er ein Bündel, worauf er sein Silberzeug in die Tasche steckte und sich so zur Flucht anschickte. Um die Mitternachtsstunde, als Brig-Place in tiefem Schlummer und auch Mrs. Mac Stinger mit ihrem unschuldigen Nachwuchs in süßem Vergessen lag, schlich sich der schuldige Kapitän in der Dunkelheit die Treppe hinunter, öffnete die Tür, drückte sie leise zu und zahlte Fersengeld.

Verfolgt von dem Bilde der Mrs. Mac Stinger, die aus dem Bette sprang und ohne Rücksicht auf das mangelhafte Kostüm ihm folgte, um ihn zurückzubringen, zugleich auch von dem Bewußtsein seines ungeheuren Verbrechens gequält, griff Kapitän Cuttle nach Kräften aus und ließ zwischen Brig-Place und der Tür des Instrumentenmachers kein Gras unter seinen Füßen wachsen. Auf sein Klopfen wurde sogleich geöffnet; denn Rob hatte treue Wache gehalten, Nachdem die Tür wieder abgeschlossen und zugeriegelt war, fühlte sich Kapitän Cuttle einigermaßen in Sicherheit.

»Puh!« rief der Kapitän sich umsehend. »Das hat Atem gekostet.«

»Hat es etwas gegeben, Kapitän?« rief Rob, die Augen weit aufsperrend.

»Nein, nein!« versetzte Kapitän Cuttle, dem alle Farbe aus dem Gesicht wich, als er auf einen vorübergehenden Fußtritt in der Straße draußen lauschte, »aber merke dir, mein Junge: wenn, was immer für eine Dame – mit Ausnahme der beiden, die du letzthin hier sahst – hierher kommt und nach Kapitän Cuttle fragt, so melde ihr nur, daß man hier nichts von einer Person dieses Namens wisse und überhaupt nie von ihm gehört habe. Willst du es nicht vergessen?«

»Nein, Kapitän«, versetzte Rob.

»Du kannst meinetwegen auch sagen«, fuhr der Kapitän zögernd fort, »du habest in der Zeitung gelesen, ein Kapitän dieses Namens sei nach Australien ausgewandert mit einem ganzen Schiff voll Leuten, die alle geschworen hätten, nie wieder zurückzukommen.«

Rob nickte zur Andeutung, daß er den Befehl verstanden habe: und nachdem Kapitän Cuttle ihm für den Fall, daß er Ordre pariere, versprochen hatte, einen Mann aus ihm zu machen, entließ er ihn gähnend nach seinem Bett unter dem Ladentisch, um sich selbst nach dem Dachstübchen des alten Solomon Gills hinaufzubegeben.

Es läßt sich nicht beschreiben, was der Kapitän am nächsten Tage litt, so oft ein Damenhut vorbeiging, oder wie oft er au« dem Laden hinausstürzte, um eingebildeten Mac Stingers zu entwischen und in dem Dachstübchen Sicherheit zu suchen. Um übrigens die Erschöpfung zu vermeiden, die derartige Mittel der Selbsterhaltung mit sich führten, versah er die gläserne Verbindungstür zwischen dem Laden und dem Wohnstübchen von innen mit einem Vorhang, suchte den dazu gehörigen Schlüssel aus dem ihm überantworteten Bunde und bohrte ein kleines Spionierloch in die Wand. Der Vorteil dieser Verschalung war augenfällig! denn so oft sich ein Weiberhut blicken sternchenland.com ließ, huschte der Kapitän augenblicklich in seine Garnison, schloß sich ein und stellte an dem Feind geheime Beobachtungen an. War es nur ein falscher Lärm gewesen, so kam er wieder heraus: aber die Weiberhüte waren in der Straße so sehr zahlreich und der falsche Lärm von ihrem Erscheinen so unzertrennlich, daß er den ganzen Tag fast ohne Unterlaß aus- und einhuschte.

Trotz dieses erschöpfenden Dienstes fand übrigens der Kapitän Zeit, die Ladenvorräte in Augenschein zu nehmen, und er hegte von ihnen die für Rob sehr lästige Vorstellung, daß sie nicht zu viel poliert werden könnten. Auch versah er einige anziehend aussehende Gegenstände aufs Geratewohl mit Zetteln, setzte die Preise auf zehn Schillinge bis zu fünfzig Pfund und legte sie zum großen Erstaunen des Publikums im Fenster aus.

Nachdem Kapitän Cuttle diese Verbesserungen angebracht hatte, begann er sich im Kreise der Instrumente als ein Mann zu fühlen, der von allen diesen Dingen eine tiefe Wissenschaft besitzt. Auch schaute er nachts, wenn er vor Schlafengehen in dem kleinen Hinterstübchen seine Pfeife rauchte, durch da« Oberlichtfenster nach den Sternen auf, als habe er dort eine Art Kapital angelegt. Als ein Kaufmann in der City begann er ein Interesse an dem Lord-Mayor, den Sheriffs und den Handelsgesellschaften zu nehmen: und außerdem hielt er sich verpflichtet, jeden Tag die Aufzeichnungen der Fonds zu lesen, obschon ihn sein Schiffahrtsgrundsatz zu belehren imstande war, was die Zahlen bedeuteten, und er die Bruchteile recht wohl hätte entbehren können. Unmittelbar nach Besitznahme de« Midshipman wollte der Kapitän Florence seine Aufwartung machen, um ihr die befremdliche Kunde von Onkel Sol zu überbringen: aber er traf sie nicht zu Hause. So setzte er sich nun in seiner veränderten Lebensstellung fest, ohne eine andere Gesellschaft zu haben als Rob, den Schleifer, und da er, wie es hin und wieder den Menschen zu gehen pflegt, wenn große Wechsel über sie kommen, bald auch die Zeitrechnung verlor, so dachte er oft an Walter, an Solomon Gills und sogar an Mrs. Mac Stinger wie an Dinge, die gewesen sind.

Sechsundzwanzigstes Kapitel.


Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Schatten der Vergangenheit und der Zukunft.

»Euer Gehorsamster, Sir«, sagte der Major. »Gott verdamm mich, Sir, ein Freund meines Freundes Dombey ist auch mein Freund, und ich freue mich, Euch kennenzulernen.«

»Ich bin Major Bugstock sehr Verpflichtet für seine Gesellschaft und seine Unterhaltung, Carker«, fügte Mr. Dombey erklärend hinzu. »Major Bagslock hat mir einen großen Dienst geleistet, Carker.«

Mr. Carker, der Geschäftsführer, der den Hut noch in der Hand hatte, war eben zu Leamington angelangt und zeigte dem Major, dem er vorgestellt wurde, seine ganze Doppelreihe von Zähnen. Er sternchenland.com hoffe sich die Freiheit nehmen zu dürfen, ihm von Herzen zu danken, daß es ihm gelungen sei, in Mr. Dombeys Aussehen und Stimmung eine so wesentliche Verbesserung zu erwirken.

»Bei Gott, Sir«, entgegnete der Major, »ich verdiene hier keinen Dank; denn die Einwirkung ist gegenseitig. Ein großer Mann wie unser Freund Dombey, Sir«, fuhr der Major fort, indem er seine Stimme dämpfte, aber doch nicht so weit, daß seine Worte nicht auch dem fraglichen Gentleman verständlich wurden, »muß notwendig einen erhebenden Einfluß auf seine Freunde ausüben. Dombey kräftigt und belebt einen, Sir, durch sein moralisches Wesen.«

Mr. Carker schnappte nach dem Ausdruck. Durch sein moralische Wesen. Ganz richtig. Die nämlichen Worte, die er selbst andeuten wollte.

»Aber wenn mein Freund Dombey von dem Major Bagstock mit Euch spricht, Sir«, fügte der Major bei, »so muß ich mir erlauben, ihn und Euch auf den richtigen Standpunkt zu stellen. Er will damit einfach Joe sagen, Sir – Joey B. – Josh Bagstock – Joseph – den rauhen, zähen, alten J., Sir, Euch zu dienen.«

Mr. Carker verbeugte sich ungemein freundlich gegen den Major, und die Bewunderung über dessen rauhe, zähe Einfachheit glänzte aus jedem Zahn seines Kopfes.

»Und nun, Sir«, sagte der Major, »habt Ihr wohl einen wahren Teufelshaufen von Geschäftssachen mit Dombey zu besprechen.«

»Keineswegs, Major«, bemerkte Mr. Dombey.

»Dombey«, erwiderte der Major herausfordernd, »ich weiß das besser. Ein Mann von Eurer Bedeutsamkeit – der Koloß der Handelswelt – darf nicht gestört werden. Eure Augenblicke sind kostbar. Wir sehen uns wieder beim Diner. Bis dahin wird sich der alte Joseph rar machen. Punkt sieben wird gespeist, Mr. Carker.«

Nach diesen Worten entfernte sich der Major mit sehr aufgeblähtem Gesicht, steckte aber unmittelbar darauf den Kopf wieder zur Tür herein und sagte:

»Ich bitte um Verzeihung. Dombey, habt Ihr nichts dorthin aufzutragen?«

Mit einiger Verlegenheit und nicht ohne einen Blick auf den höflichen Bewahrer seines geschäftlichen Vertrauens machte Mr. Dombey dem Major seine Komplimente.

»Beim Himmel, Sir«, sagte der Major. »Ihr müßt es etwas wärmer machen als so, oder der alte Joe wird nicht sonderlich willkommen sein.«

»So meldet meine Verehrung, wenn Ihr wollt, Major«, entgegnete Mr. Dombey. »Gott verdamm mich, Sir«, erwiderte der Major, scherzhaft seine Schultern und seine breiten Backen schüttelnd, »macht es etwas wärmer als so.«

»So handelt nach Eurem Gutdünken, Major«, bemerkte Mr. Dombey.

»Unser Freund ist schlau, Sir, schlau, Sir, verteufelt schlau«, sagte der Major, um die Tür herum nach Mr. Carter hinlugend. »Ganz wie Bagstock.« Dann hielt er plötzlich in einem Kichern inne, pflanzte sich in seiner vollen Höhe auf und rief feierlich, während er sich auf die Brust schlug: »Dombey, ich beneide Eure Gefühle. Gott behüte Euch!«

Und er entfernte sich.

»Ihr müßt in dem Gentleman einen wahren Schatz gefunden haben«, sagte Carker, ihm mit seinen Zähnen folgend.

»In der Tat«, versetzte Mr. Dombey.

»Er hat ohne Zweifel Freunde hier«, fuhr Carker fort. »Aus seinen Worten muß ich schließen, daß Ihr in Gesellschaft geht. Ich kann Euch versichern«, fügte er mit einem schrecklichen Lächeln bei, »es freut mich ungemein, daß Ihr Gesellschaft besucht.«

Mr. Dombey erkannte diese Kundgebung der Teilnahme von seiten seines Nächsten im Kommando dadurch an, daß er an seiner Uhrkette drehte und leicht den Kopf nickte.

»Ihr seid für die Gesellschaft geschaffen«, sagte Carker. »Von allen Menschen, die ich kenne, seid Ihr von Natur und durch Eure Stellung am meisten darauf hingewiesen. Ich gebe Euch mein Wort, schon oft war ich erstaunt darüber, daß Ihr Euch so lange fern von ihr gehalten habt.«

»Ich hatte meine Gründe, Carker. Ich war allein, und sie hatte kein Interesse für mich. Aber Ihr seid selber im Besitz guter geselliger Eigenschaften, und ich kann mir daher wohl denken, daß Ihr Euch darüber wundertet.«

»O, ich!« erwiderte der andere mit schnellfertiger Selbstgeringschätzung, »Bei einem Mann, wie ich, ist es etwa« ganz anderes. Mit einem Mann, wie Ihr es seid, kann ich mich gar nicht vergleichen.«

Mr. Dombey steckte seine Hand ins Halstuch, versenkte das Kinn darin, hustete und blickte seinen treuen Freund und Diener einige Augenblicke schweigend an.

»Ich werde das Vergnügen haben, Carker«, sagte endlich Mr. Dombey nach einer Anstrengung, als habe er etwas hinuntergeschluckt, was ein wenig zu groß für seine Kehle war – »Euch meinen – des Majors Freunden vorzustellen. Sehr angenehme Leute.«

»Vermutlich Damen darunter?« deutete der geschmeidige Geschäftsführer an.

»Lauter – das heißt beide sind Damen«, versetzte Mr. Dombey.

»Nur zwei?« – lächelte Carker.

»Ja, nur zwei. Ich habe meine Besuche auf ihr Haus beschränkt und keine andere Bekanntschaften hier angeknüpft.«

»Vielleicht Schwestern?« bemerkte Carker.

»Mutter und Tochter«, entgegnete Mr. Dombey.

Während Mr. Dombey seine Augen senkte und wieder an seinem Halstuch ordnete, wandelte sich im Augenblick und ohne eine Übergangsstufe sternchenland.com das Lächeln auf dem Gesicht Mr. Carters, des Geschäftsführers, in ein angelegentliches, finsteres Spähen, in dem sich zugleich ein häßlicher Hohn bemerklich machte. Mr. Dombey erhob die Augen wieder, und Carkers Gesicht nahm nicht weniger schnell abermals den alten Ausdruck an, dabei das ganze Zahnfleisch seiner Mundhöhle zeigend.

»Ihr seid sehr gütig«, sagte Mr, Carker, »und ich werde mich glücklich schätzen, sie kennenzulernen. Doch da eben von Töchtern die Rede ist – ich habe Miß Dombey gesehen.«

Ein mächtiger Blutstrom ergoß sich plötzlich in Mr. Dombeys Gesicht.

»Ich habe mir die Freiheit genommen, ihr meine Aufwartung zu machen«, fuhr Carker fort, »und sie zu fragen, ob sie mir nicht einen kleinen Auftrag mitzugeben habe. Ich bin nicht so glücklich, Euch mehr überbringen zu können, als ihre – ihre liebevollen Grüße.«

Was für ein Wolfsgesicht, in dem sich sogar durch den vorgestreckten Mund die heiße Zunge sichtbar machte, als die Augen denen von Mr. Dombey begegneten!

»Was habt Ihr hier für Geschäftsangelegenheiten?« fragte der gleiche Gentleman nach einer Pause, während der Mr. Carker einige Papiere und andere Notizen hervorgezogen hatte.

»Sehr wenig«, antwortete Carker. »Im ganzen haben wir in letzter Zeit nicht unser gewöhnliche« Glück gehabt: aber das hat für Euch keine sonderliche Bedeutung. Zu Lloyds gibt man den Sohn und Erben für verloren. Na, er war versichert vom Kiel bis zur Mastspitze.«

»Carker«, bemerkte Mr. Dombey, neben dem Berichterstatter einen Stuhl nehmend, »ich kann nicht sagen, daß der junge Mensch, der Gay, je einen günstigen Eindruck auf mich gemacht hätte –«

»Auf mich auch nicht«, unterbrach ihn der Geschäfteführer.

»Aber es wäre mir doch lieb«, fuhr Mr. Dombey fort, ohne auf die Störung zu achten, »wenn er nicht an Bord jenes Schiffs gekommen wäre. Ich wünschte, man hätte ihn nicht hinausgeschickt.«

»Es ist recht schade, daß Ihr Euch nicht zur rechten Zeit hierüber ausgesprochen habt«, erwiderte Carker mit Kälte. »Ich glaube übrigens, daß es am Ende so am besten war. Ja, ich bin überzeugt, es hätte nicht besser gehen können. Habe ich Euch schon gesagt, daß eine Art kleinen Vertrauens zwischen Miß Dombey und ihm stattfand?«

»Nein«, sagte Mr. Dombey finster.

»Ich zweifle nicht daran«, fuhr Mr. Carker nach einer ausdrucksvollen Pause fort, »daß Gay, wo er jetzt auch sein mag, an einem passenderen Ort ist, als wenn er in der Heimat wäre. An Eurer Stelle würde ich mich vollkommen darüber zufrieden geben, wie denn auch ich die volle Überzeugung in mir trage, es hätte nicht besser kommen können. Wenn Miß Dombey je einen Fehler hat, so besteht er darin, daß sie ein allzu vertrauensseliges junges Wesen ist – vielleicht nicht stolz genug für Eure Tochter. Ich habe allerdings sternchenland.com nicht im Sinn, ihr damit einen Vorwurf zu machen. Wollt Ihr diese Bilanzen mit mir vergleichen?«

Mr. Dombey lehnte sich in seinem Stuhl zurück und blickte, statt sich über die ihm vorgelegten Papiere niederzubeugen, dem Geschäftsführer fest ins Gesicht. Dieser, der seine Augenlider leicht erhob, tat dergleichen, als sei er bloß bei seinen Zahlen und warte, bis sein Chef Zeit gewinne. Dieses Benehmen war sichtlich erkünstelt und schien aus einem großen Zartgefühl hervorzugehen, das Mr. Dombeys Empfindungen schonen wollte. Auch erkannte dieser die wohlmeinende Rücksicht an, und sein Inneres sagte ihm, sein vertrauter Geschäftsführer hätte wohl noch viel mitteilen können, was Mr. Dombey durch Fragen herauslocken zu wollen zu stolz war. Mr. Carker pflegte es in Geschäftssachen oft so zu halten. Allmählich verlor Mr. Dombeys Blick seine Strenge, und die Aufmerksamkeit dieses Gentlemans wurde durch die Papiere vor ihm in Anspruch genommen. Aber selbst während er damit beschäftigt war, hielt er häufig inne und blickte wieder Mr. Carker an. So oft dies aber geschah, zeigte der Geschäftsführer sein früheres Zartgefühl und machte dadurch nur einen um so größeren Eindruck auf seinen Chef.

Während die beiden Männer so beschäftigt waren und unter der gewandten Leitung des Geschäftsführers in Dombey an die Stelle der kalten Abneigung, die dort gewöhnlich herrschte, zornige Gedanken gegen die arme Florence traten, ging der von den alten Damen Leamingtons so sehr bewunderte Major Bagstock im Geleite des Eingeborenen, der das gewöhnliche leichte Gepäck trug, auf der schattigen Seite des Weges weiter, um bei Mrs. Skewton einen Besuch zu machen. Es war schon Mittag, als der Major Kleopatras Palast erreichte; er hatte das Glück, seine Prinzessin wie gewöhnlich auf dem Sofa zu finden. Sie schmachtete über eine Tasse Kaffee, und das Zimmer war zum Zwecke einer schwelgerischen Ruhe so verdunkelt und schattig, daß der aufwartende Withers sich wie ein gespenstiger Page ausnahm.

»Was kommt da für ein unerträglicher Mensch!« sagte Mrs. Skewton. »Nein, es ist nicht auszuhalten. Geht nur wieder fort, wer Ihr auch sein mögt!«

»Ihr habt nicht das Herz, J. B. zu verbannen, Ma’am!« versetzte der Major, der, um seine Gegenvorstellungen anzubringen, mit dem Rohr über der Schulter in der Mitte des Zimmers haltmachte.

»O, Ihr seid es? Nun ja, wenn ich’s weiter überlege, so könnt Ihr näher kommen«, bemerkte Kleopatra.

Demgemäß kam der Major näher, trat auf das Sofa zu und drückte ihre bezaubernde Hand an seine Lippen.

»Nehmt Platz«, sagte Kleopatra, leicht mit ihrem Fächer winkend, »aber nur recht weit von mir. Kommt mir nicht zu nahe, denn ich bin diesen Morgen schrecklich angegriffen und reizbar. Ihr riecht nach der Sonne und seid absolut tropisch.«

»Beim Georg, Ma’am«, entgegnete der Major, »es hat eine Zeit gegeben, in der Joseph Bagstock von der Sonne eigentlich gebraten sternchenland.com wurde. Damals, Ma’am, brachte ihn die hohe Treibhaushitze Westindiens zu einem so üppigen Wachstum, daß er nur als die Blume bekannt war. In jenen Tagen hörte man nie etwas von Bagstock, Ma’am, sondern nur von der Blume – die Blume der Unsrigen. Die Blume mag mehr oder weniger verblüht sein, Ma’am«, bemerkte der Major, sich in einen viel näheren Stuhl niederlassend, als ihm von seiner grausamen Göttin angedeutet worden war, »aber es ist noch immer eine zähe Pflanze und beständig wie das Immergrün,«

Unter dem Schutz des dunkeln Zimmers schloß jetzt der Major das eine Auge, rollte seinen Kopf wie ein Harlekin und gelangte in seiner großen Selbstzufriedenheit vielleicht näher an die Grenzen eines Schlaganfalls, als dies je zuvor der Fall gewesen.

»Wo ist Mrs. Granger?« fragte Kleopatra ihren Pagen.

Withers glaubte, daß sie sich auf ihrem Zimmer befinde.

»Sehr gut«, versetzte Mrs. Skewton. »Geh jetzt und schließe die Tür. Ich bin beschäftigt.«

Nachdem Withers verschwunden war, drehte Mrs. Skewton ohne weitere Bewegung ihren Kopf matt gegen den Major hin und fragte, wie es seinem Freund ergehe.

»Dombey, Ma’am«, erwiderte der Major mit einem scherzhaften Gurgeln in seiner Kehle, »ist so munter, wie es ein Mann in seiner Lage nur sein kann. Aber sein Zustand ist ein verzweifelter, Ma’am, Dombey ist getroffen – tief getroffen!« rief der Major. »Ein Bajonett steckt ihm im Leibe.«

Kleopatra warf einen scharfen Blick auf ihren Gefährten, der einen lebhaften Gegensatz zu dem künstlich gedehnten Ton bot, in dem sie jetzt sagte:

»Major Bagstock, ich kenne die Welt nur wenig und kann in der Tat meine Unerfahrenheit bedauern, denn ich fürchte, es ist eine falsche Welt, voll von lähmenden gesellschaftlichen Rücksichten, wobei auf die Natur nur wenig Rücksicht genommen wird und die Musik des Herzens, der Erguß der Seele und dergleichen wahrhaft poetische Dinge nur selten gehört werden. Trotzdem kann ich mich nicht täuschen in dem, was Ihr sagen wollt, Ihr spielt mit Euren Worten auf Edith an – auf mein mir über die Maßen teures Kind« – fügte Mrs. Skewton bei, indem sie mit dem Zeigefinger über die Augenbrauen hinfuhr, »und da erbeben in der Tat die zartesten Saiten.«

»Derbheit, Ma’am«, erwiderte der Major, »ist stets ein charakteristischer Zug der Bagstock-Rasse gewesen. Ihr habt recht. Joe gibt es zu.«

»Und jene Anspielung«, fuhr Kleopatra fort, »betrifft, glaube ich, eines der ergreifendsten – wenn nicht entschieden das ergreifendste und heiligste Gefühl, dessen unsere kläglich gefallene Natur fähig ist.«

Der Major legte seine Hand auf die Lippen und warf Kleopatra einen Kuß zu, als wolle er dadurch das fragliche Gefühl näher bezeichnen.

»Ich bin sehr angegriffen. Ich fühle, daß es mir an jener Tatkraft fehlt, die in einer solchen Angelegenheit eine Mutter aufrecht erhalten sollte«, sagte Mrs. Skewton, ihre Lippen mit dem Spitzenrande ihres Taschentuchs berührend; »aber ich kann mich kaum ohne ein Gefühl, das an Ohnmacht grenzt, auf einen Gegenstand einlassen, der für meine teure Edith so ungemein wichtig ist. Da Ihr übrigens, schlimmer Mann, so kühn darauf losgegangen seid, so will ich ungeachtet des großen Schmerzes« – Mrs. Skewton berührte dabei ihre linke Seite mit dem Fächer – »den es mir bereitet hat, nicht vor meiner Pflicht zurückbeben.«

Unter dem Schutze der Dunkelheit ließ der Major sein mehr und mehr anschwellendes Purpurgesicht umherrollen; dabei blinzelte er mit den Hummer-Augen, bis er in einen Zustand von Kurzatmigkeit verfiel, die ihn zwang, sich zu erheben und einige Male im Zimmer auf und ab zu gehen, ehe seine schöne Freundin fortfahren konnte.

»Mr. Dombey«, nahm Mr. Skewton endlich das Gespräch wieder auf, »ist nun schon viele Wochen so gefällig, uns in Eurer Gesellschaft, mein teurer Major, mit seinen Besuchen zu beehren. Laßt mich offen gegen Euch sein. Es ist mein Fehler, daß ich ein Geschöpf des Impulses bin und mein Herz, sozusagen, außen trage. Ich bin mir meiner Mängel vollkommen bewußt, und mein Feind könnte sie nicht besser kennen. Aber es tut mir nicht leid, daß es so ist; denn ich möchte nicht einfrieren in dieser herzlosen Welt und lasse es mir gern gefallen, wenn man mir mit Recht einen solchen Vorwurf macht.«

Mrs. Skewton ordnete ihr Vorstecktuch, kniff ihren mageren Hals, um ihm eine glatte Oberfläche zu geben, und fuhr mit großer Selbstgefälligkeit fort:

»Es hat mir und zuverlässig auch meiner lieben Edith ein ungemeines Vergnügen gemacht, Mr. Dombey hier aufzunehmen. Da er Euer Freund ist, mein teurer Major, so waren wir natürlich schon zum vorhinein für ihn eingenommen, und es dünkt mich, ich habe an Mr. Dombey eine Überfülle von Herz wahrgenommen, die ungemein erfrischend ist.«

»Es ist jetzt ein verteufelt kleines Herz in Dombey, Ma’am«, versetzte der Major.

»Sie böser Mann!« rief Mrs. Skewton, schmachtend nach ihm hinblickend, »ich bitte, redet nicht so«.

»J. B. ist stumm, Ma’am«, sagte der Major.

»Mr. Dombey«, fuhr Kleopatra fort, indem sie die rosige Farbe auf ihren Wangen glättete, »hat später seine Besuche wiederholt. Vielleicht findet er etwas Anziehendes in der Einfachheit und Kunstlosigkeit unserer Gewohnheiten – denn es liegt stets ein Zauber in der Natur – ein so gar süßer Zauber –, und darum wurde er jeden Abend ein Glied unseres kleinen Kreises. Freilich dachte ich wenig an die schwere Verantwortlichkeit, die ich mir auflud, als ich Mr. Dombey ermutigte –«

»Diese Quartiere zu bestürmen, Ma’am«, ergänzte Major Bagstock.

»Roher Mensch!« sagte Mr. Skewton. »Ihr greift dem vor, was ich sagen wollte, obschon in einer sehr häßlichen Sprache.«

Mrs. Skewton legte jetzt ihren Ellenbogen auf den nebenstehenden kleinen Tisch, ließ, wie sie meinte, ihre Hand in einer anmutigen geziemenden Weise sinken, schwang ihren Fächer hin und her und bewunderte während ihrer Rede mit lässigem Blick ihre Finger.

»Die innere Pein, die ich erduldete«, fuhr sie geziert fort, »wie allmählich die Wahrheit in mir aufdämmerte, ist zu schrecklich gewesen, als daß ich mich weiter darüber verbreiten könnte. Mein ganzes Dasein ist an meine süße Edith gekettet, und es ist wirklich im höchsten Grade ergreifend, wenn ich mitansehen muß, wie mein schöner Liebling, der seit dem Tod jenes herrlichen Granger sein Herz eigentlich abgeschlossen hält, sich von Tag zu Tag verändert.«

Die Welt Mrs. Skewtons war keine durch Kritik sonderlich getrübte. Das mußte man aus der Art merken, wie selbst die ergreifendsten Dinge auf sie wirkten. Doch das nur nebenbei.

»Man sagt«, fuhr Mr. Skewton in geziertem Ton fort, »Edith, diese vollkommene Perle meines Lebens, habe Ähnlichkeit mit mir, und ich glaube, daß sie mein leibhaftiges Ebenbild ist.«

»Es gibt einen Mann in der Welt, der nie zugeben wird, daß irgend etwas mit Euch zu vergleichen sei, Ma’am«, sagte der Major; »und dieser Mann ist der alte Joe Bagstock.«

Kleopatra tat, als wolle sie mit ihrem Fächer dem Schmeichler das Gehirn einschlagen, kam übrigens doch auf eine mildere Gesinnung zurück und lächelte ihm zu, während sie weiter sprach:

»Boshafter Mann«, – hiermit war der Major gemeint – »wenn mein bezauberndes Mädchen irgend etwas Gutes von mir geerbt hat, so ist sie auch die Erbin meiner törichten Natur. Sie besitzt große Charakterstärke – auch an mir wollte man sie in ungemeinem Grade bemerkt haben, obschon ich es nicht glaube – aber einmal gerührt, ist sie ausnehmend empfänglich und gefühlvoll. Denkt Euch meine Empfindungen, wenn ich sehen muß, wie sie sich abhärmt! Wahrhaftig, sie bringen mich noch unter die Erde.«

Der Major schob sein Doppelkinn vor, legte in seine blauen Lippen einen beschwichtigenden Ausdruck und bekundete seine tiefste Teilnahme.

»Das Vertrauen, das zwischen uns bestanden hat«, sagte Mrs. Skewton – »die freie Entfaltung der Seele und die Offenheit der Empfindung – ach, wie ergreifend ist es nicht, nur daran zu denken. Wir lebten mehr wie Schwestern, als wie Mutter und Kind.«

»Ganz J. B.s Ansicht«, bemerkte der Major, »von J. B. schon fünfzigtausendmal ausgesprochen.«

»Unterbrecht mich nicht, roher Mann!« sagte Kleopatra. »Was müssen also meine Gefühle sein, wenn ich finde, daß e i n Gegenstand vorhanden ist, der von uns vermieden wird – daß (wie soll ich’s doch nennen?) eine Meeresenge sich zwischen uns geöffnet hat – daß sternchenland.com meine arglose Edith sich so gegen mich ändern könnte! Die« schneidet natürlich tief in die Seele ein.«

Der Major verließ seinen Stuhl und setzte sich auf einen andern, der dem kleinen Tische näher stand.

»Von Tag zu Tag muß ich das mit ansehen, mein teurer Major«, fuhr Mr. Skewton fort. »Von Tag zu Tag fühle ich es. Von Stunde zu Stunde mache ich mir Vorwürfe über das Übermaß der Vertrauensfülle, die zu so betrübenden Folgen führte, und fast von Minute zu Minute hoffe ich, Mr. Dombey werde sich erklären und mir die Folter abnehmen, die mich aufreibt. Aber nichts von alledem ergibt sich, mein teurer Major. Ich bin eine Sklavin meiner Gewissensbisse – nehmt doch die Tasse in acht; Ihr seid so ungeschickt – meine teure Edith ist ein ganz anderes Wesen, und ich sehe in der Tat nicht ein, was sich tun läßt oder mit welcher wohlmeinenden Person ich mich beraten kann.«

Vielleicht ermutigt durch den sanften und vertraulichen Ton, in den Mrs. Skewton mehrere Male für eine kurze Weile verfallen war, schien der Major geneigt zu sein, den Wohlmeinenden zu spielen; denn er streckte seine Hand über den kleinen Tisch aus und sagte mit einem Schielblick:

»Beratet Euch mit Joe, Ma’am.«

»O Ihr abscheuliches Ungeheuer«, versetzte Kleopatra, die eine Hand dem Major reichend und mit dem Fächer, den sie in der andern hielt, dessen Finger klopfend, »warum sprecht Ihr dann nicht mit mir? Ihr wißt, was ich meine. Warum sagt Ihr mir nicht etwas Sachgemäßes?«

Der Major lachte, küßte die ihm vertraute Hand und lachte abermals aus vollem Hals.

»Ist in Mr. Dombey so viel Herz, wie ich ihm zutraue?« sprach Kleopatra mit zärtlichem Schmachten. »Glaubt Ihr, es sei ihm Ernst, mein teurer Major? Ratet Ihr dazu, daß man mit ihm darüber spreche, oder soll man es unterlassen? So sprecht Euch aus wie ein lieber Mann, und sagt mir Eure Ansicht.«

»Sollen wir ihn mit Edith Granger verheiraten, Ma’am?« versetzte der Major mit heiserem Kichern.

»Geheimnisreicher Mensch!« entgegnete Kleopatra, ihren Fächer in die Nähe der Nase des Majors bringend. »Wie können wir ihn verheiraten?«

»Sollen wir ihn mit Edith Granger verheiraten, Ma’am? sage ich«, kicherte der Major abermals.

Mrs. Skewton gab keine Erwiderung in Worten, lächelte aber dem Major so schlau und lebhaft zu, daß der wackere Offizier, der hierin eine Herausforderung sah, ihren ungemein roten Lippen einen Kuß aufgedrückt haben würde, wenn sie nicht mit sehr gewinnender jugendlicher Gewandtheit den Fächer dazwischen gebracht hätte. Möglich, daß der Grund in ihrer Verschämtheit lag; vielleicht aber fürchtete sie auch Gefahr für ihr Rot.

»Dombey, Ma’am«, sagte der Major, »ist ein guter Fang.«

»O, Ihr jämmerlicher Geldmensch!« rief Kleopatra mit einem leichten Schrei. »Ihr entsetzt mich.«

»Und Dombey, Ma’am«, fuhr der Major fort, indem er den Kopf vorwärts schob und die Augen weit aufsperrte, »meint es ernsthaft. Joseph versichert Euch das. Bagstock weiß es, und J. B. hat ihn scharf auf dem Korn. Überlaßt es nur Dombey selbst, Ma’am. Benehmt Euch bloß wie bisher: tut nichts weiter und baut im übrigen auf J. B.«

»Glaubt Ihr dies wirklich, mein teurer Major?« entgegnete Kleopatra, die ihn ungeachtet ihrer gleichgültigen Haltung sehr behutsam und spähend ins Auge gefaßt hatte.

»Seid davon überzeugt, Ma’am«, antwortete der Major. »Kleopatra, die Unvergleichliche, und ihr Antonius Bagstock werden oft triumphierend davon sprechen, wenn sie an der Eleganz und dem Reichtum von Edith Dombeys Hause teilnehmen. Dombeys rechte Hand, Ma’am«, fügte der Major bei, indem er plötzlich in einem Kichern abbrach und sehr ernst wurde, »ist angekommen.«

»Heute morgen?« fragte Kleopatra.

»Ja, heute morgen, Ma’am«, antwortete der Major. »Und Dombeys sehnliches Verlangen nach ihm, Ma’am – nehmt J. B.s Wort dafür: denn Joe ist verteufelt schlau«, – der Major klopfte dabei an seine Nase und riß das eine seiner Augen weit auf, so daß seine natürliche Schönheit nicht sonderlich dadurch erhöht wurde – »hat bloß in dem Wunsch seinen Grund, daß dieser erfahre, wohin der Wind weht, ohne daß Dombey nötig hat, es ihm zu sagen, oder sich mit ihm zu beraten. Denn Dombey ist so stolz, Ma’am«, fügte der Major bei, »wie Luzifer.«

»Eine bezaubernde Eigenschaft«, lispelte Mrs. Skewton, »die sehr an die liebe Edith erinnert.«

»Gut, Ma’am«, sagte der Major. »Ich habe bereits Winke hingeworfen, und die rechte Hand versteht sie. Ich will noch mehr fallen lassen, ehe der Tag vorbei ist, Dombey ist heute auf den Gedanken gekommen, morgen nach einem Frühstück bei uns einen Ausflug nach Warwick Castle und Kenilworth zu machen. Ich übernahm die Besorgung dieser Einladung. Wollt Ihr uns so weit beehren, Ma’am?« fragte der Major, den Schlauheit und kurzer Atem geradezu aufblähten, als er ein Billet, der gefälligen Besorgung des Major Bagstock an die hochwohlgeborene Mrs. Skewton übergeben, hervorzog. Darin ersuchte ihr stets getreuer Paul Dombey sie und ihre liebenswürdige hochbegabte Tochter um die Gunst, sich dem beantragten Ausflug anzuschließen, während in einer Nachschrift derselbe stets getreue Paul Dombey seine schönsten Empfehlungen an Mrs. Granger ausrichten ließ.

»Pst!« sagte Kleopatra plötzlich. »Edith!«

Es läßt sich kaum beschreiben, wie die liebevolle Mutter bei diesem Ausrufe ihr lässiges und geziertes Wesen wieder annahm, da sie es eigentlich nie abgelegt hatte. Daß sie es jemals tun würde, konnte man an keinem andern Orte als etwa im Grabe für möglich sternchenland.com halten. Indes beseitigte sie hastig jeden Schatten von Ernst, jedes leise Zugeständnis von löblicher oder arglistiger Absichtlichkeit, das sich für einen Augenblick in ihrem Gesicht, ihrer Stimme oder ihrem Wesen kundgegeben hatte, so daß sie, als Edith ins Zimmer trat, in ihrer trägsten und nachlässigsten Haltung wieder auf dem Sofa saß.

Edith, so schön und stattlich, aber doch so kalt und abstoßend! Mit einer leichten Verbeugung von der Gegenwart des Majors Bagstock Notiz nehmend, warf sie einen stechenden Blick auf ihre Mutter, zog von einem Fenster den Vorhang zurück, setzte sich vor diesem nieder und schaute hinaus.

»Meine teure Edith«, sagte Mrs. Skewton, »wo in aller Welt bist du denn gewesen? Ich habe dich kläglich vermißt, meine Liebe.«

»Ihr sagtet, daß Ihr beschäftigt seid, und deshalb blieb ich fort«, entgegnete Edith, ohne ihren Kopf umzuwenden.

»Es war eine Grausamkeit gegen den alten Joe, Ma’am«, sagte der Major in seiner Galanterie.

»Ich weiß, eine große Grausamkeit«, versetzte sie, noch immer zum Fenster hinaussehend, mit einer so ruhigen Verachtung, daß der Major sich geschlagen sah und nichts zu erwidern wußte.

»Major Bagstock, teure Edith«, sprach die Mutter in gedehntem Ton, »ist, wie du weißt, in der Regel der nützlichste und angenehmste Mann von der Welt –«

»Es ist in der Tat nicht der Mühe wert, solche Phrasen zu beachten, Ma’am«, entgegnete Edith zurückblickend. »Wir sind ja unter uns und kennen einander.«

Der ruhige Spott auf ihrem schönen Gesicht – ein Spott, der augenscheinlich ebensogut ihr selbst, wie den andern galt – war so nachdrücklich ausgeprägt, daß für den Augenblick ungeachtet ihrer sehr zähen Konstitution die Ziererei der Mutter davor weichen mußte.

»Mein liebes Mädchen«, begann sie wieder.

»Noch immer nicht Frau?« versetzte Edith mit einem Lächeln.

»Ach, wie bist du doch heute so seltsam, meine Liebe! Ich muß dir mitteilen, mein Kind, daß Major Bagstock ein sehr freundliches Billett von Mr. Dombey überbracht hat; er lädt uns ein, morgen bei ihm zu frühstücken und eine Fahrt nach Warwick und Kenilworth mitzumachen. Willst du dich anschließen. Edith?«

»Ob ich will!« wiederholte sie mit tiefem Erröten, und ihre Atemzüge flogen schneller, als sie nach ihrer Mutter hinblickte.

»Ich wußte es wohl, daß du damit einverstanden bist, mein Herz«, bemerkte die letztere gleichgültig, »und wie du sagst, frage ich nur um der Form willen. Hier ist Mr. Dombeys Brief, Edith.«

»Ich danke, es verlangt mich nicht danach, ihn zu lesen«, lautete die Antwort.

»Dann ist es vielleicht besser, wenn ich die Antwort übernehme«, sagte Mrs. Skewton, »obschon ich im Sinne hatte, dich zu bitten, daß du das Amt meines Sekretärs versehest.«

Da Edith keine Bewegung machte und auch nichts darauf erwiderte, sternchenland.com bat Mrs. Skewton den Major, ihr den kleinen Tisch etwas näher zu rücken, das Pult darauf zu öffnen und für sie Feder und Papier herauszunehmen. Alle diese galanten Dienstleistungen versah der Major mit vieler Unterwürfigkeit und Ergebung.

»Deine Empfehlung, liebe Edith?« fragte Mrs. Skewton, als sie, die Feder in der Hand, bei der Nachschrift innehielt.

»Was Ihr wollt, Mama«, antwortete Edith mit ungemeiner Gleichgültigkeit, ohne daß sie den Kopf umwandte.

Mrs. Skewton schrieb, was sie wollte, ohne weitere bestimmtere Weisungen einzuholen, und übergab ihr Billett dem Major, der, als er die kostbaren Zeilen in Empfang nahm, tat, als wolle er das Blatt in der Nähe seines Herzens aufbewahren. Da jedoch seine Weste ein etwas unsicherer Platz war, so mußte er es der Tasche seiner Hosen anvertrauen. Der Major nahm sodann von den beiden Damen einen sehr höflich galanten Abschied, der von der älteren in der gewöhnlichen Weise aufgenommen wurde, während die jüngere, die mit ihrem Gesicht gegen das Fenster gekehrt dasaß, ihren Kopf nur so leicht verneigte, daß es für den Major ein größeres Kompliment gewesen wäre, wenn sie gar kein Zeichen von sich gegeben und ihn bei der Meinung gelassen hätte, sein »Auf Wiedersehen« sei gar nicht gehört worden.

Was die Veränderung an ihr betrifft, Sir, dachte der Major auf seinem Heimwege, auf dem er, da der Nachmittag sehr sonnig und heiß war, den Eingeborenen mit dem leichten Gepäck vorausgehen ließ, um in dem Schatten dieses aus dem Vaterland verbannten Prinzen wandeln zu können – was die Veränderung, das Abhärmen usw. betrifft, so muß man damit Joseph Bagstock nicht kommen wollen. Nichts da, Sir. Es verfängt hier nicht. Aber daß eine Art Spaltung zwischen ihnen herrscht – eine Meeresenge, wie es die Mutter nennt, – Gott verdamme mich, Sir, dies scheint richtig genug zu sein. Und es ist auch seltsam genug! Na, Sir, keuchte der Major, Edith Granger und Dombey sind sich gegenseitig trefflich gewachsen; sie mögen es miteinander ausfechten! Bagstock hält sich auf die Seite des gewinnenden Teils.

Da der Major in der Wärme seiner Gedanken diese letzteren Worte laut sprach, so blieb der unglückliche Eingeborene, der sich persönlich angeredet wähnte, stehen und schaute zurück. Über diesen Akt des Ungehorsams im höchsten Grade aufgebracht, stieß der Major, obschon er in jenem Augenblicke aus Freude über seinen eigenen Humor förmlich aufgedunsen war, sogleich seinen Stock zwischen die Rippen des Eingeborenen und fuhr fort, in kurzen Zwischenräumen diesen dauernd auf dem ganzen Weg nach dem Hotel in solcher Weise zu spornen.

Der Unmut des Majors hatte sich noch nicht gelegt, als er sich zum Diner ankleidete; denn während dieses Geschäfts war der schwarze Diener einem Schauer von unterschiedlichen Gegenständen ausgesetzt, die der Größe nach vom Stiefel bis zur Haarbürste wechselten und alles in sich schlossen, was in den Bereich des strengen sternchenland.com Gebieters geriet. Der Major tat sich nämlich viel darauf zu gut, den Eingeborenen vollkommen einexerziert zu haben, und suchte daher auch das mindeste Abweichen von der pünktlichsten Mannszucht mit einer derartigen erschöpfenden Anstrengung heim. Dazu kam noch, daß der Eingeborene als ein Gegenmittel gegen Gicht und alle anderen, sowohl körperlichen wie geistigen Verdrießlichkeiten stets in seiner Nähe sein mußte, so daß der arme Schwarze augenscheinlich seinen nicht großen Lohn sauer verdiente.

Nachdem endlich der Major alle Wurfgeschoße, die ihm unter die Hand kamen, verbraucht und den Eingeborenen mit so vielen neuen Titeln beehrt hatte, daß dieser wohl allen Grund erhielt, sich über den Reichtum der Sprache seines Herrn zu wundern, ließ er sich seine Halsbinde anlegen. Sobald er nun angekleidet war und die Bemerkung machte, daß er durch die erwähnte Übung in einen hohen Geistesschwung versetzt worden, begab er sich die Treppe hinunter, um zu der Erheiterung von Dombey und dessen rechter Hand beizutragen.

Dombey befand sich noch nicht im Zimmer, aber die rechte Hand war da und hielt wie gewöhnlich die Zahnschätze für den Major bereit.

»Nun, Sir,« rief der Major, »wie habt Ihr die Zeit verbracht, seit ich das Glück hatte, zum erstenmal mit Euch zusammenzutreffen? Seid Ihr ausgegangen?«

»Ich bin kaum ein halbes Stündchen umhergeschlendert«, versetzte Carker. »Wir waren sehr in Anspruch genommen.«

»Vermutlich durch Geschäftsangelegenheiten?« fragte der Major.

»Es waren allerlei Kleinigkeiten zu verhandeln«, entgegnete Carker. »Ihr müßt übrigens wissen – das ist ganz ungewöhnlich für mich, denn ich bin in einer mißtrauischen Schule erzogen und in der Regel nicht zur Mitteilsamkeit geneigt.« Dann brach er plötzlich ab und sprach in einem bezaubernden Tone von Freimut: »Trotzdem ist es mir, als könne ich ganz vertraulich gegen Euch sein, Major Bagstock.«

»Sehr viele Ehre für mich, Sir«, entgegnete der Major, »Ihr dürft es übrigens unverhohlen.«

»So will ich Euch denn sagen«, fuhr Carker fort, »daß ich meinen Freund – oder unsern Freund, sollte ich ihn vielmehr nennen –«

»Ihr meint wohl Dombey, Sir?« erwiderte der Major. »Ihr seht mich, Mr. Carker, wie ich hier stehe – J.B. –?«

Er war gedunsen und blau genug anzusehen, und Mr. Carker entgegnete, daß er das Vergnügen habe.

»Dann seht Ihr einen Mann, Sir, der durch Feuer und Wasser gehen würde, um Dombey zu dienen«, entgegnete Major Bagstock.

Mr. Carker lächelte und entgegnete, daß er davon überzeugt sei.

»Um da fortzufahren, Major, wo ich stehenblieb«, nahm er wieder auf, »muß ich Euch sagen, daß ich unsern Freund heute nicht so aufmerksam auf Geschäftssachen fand, wie gewöhnlich.«

»Nicht?« bemerkte der entzückte Major.

»Er war etwas zerstreut und schien geneigt zu sein, seine Gedanken anderwärts umherirren zu lassen«, sagte Carker.

»Beim Jupiter, Sir«, rief der Major, »dann ist eine Dame mit im Spiel.«

»Ich fange in der Tat an, zu glauben, daß etwas Derartiges der Fall sein muß«, versetzte Carker. »Als Ihr heute einen Wink hinzuwerfen schienet, hielt ich es für einen Scherz, denn ich weiß, Ihr Herren vom Militär –«

Der Major ließ seinen Pferdehusten erschallen und schüttelte Kopf und Schultern, als wollte er sagen, »ja wir sind freilich lockere Zeisige; das ist nicht in Abrede zu stellen«. Dann faßte er Mr. Carker beim Knopfloch und flüsterte ihm mit weit vorspringenden Augen ins Ohr, sie sei ein Frauenzimmer von außerordentlichen Reizen, Sir – eine junge Witwe, Sir – von einer ausgezeichneten Familie, Sir – Dombey sei über Kopf und Ohren in sie verliebt, Sir, und es handle sich dabei um eine treffliche Partie von beiden Seiten. Sie besitze Schönheit, Blut und Talent, Dombey dagegen sei reich; was könne man also von einem Paar weiter verlangen. Da sich jetzt draußen Mr. Dombeys Fußtritt vernehmen ließ, so brach der Major kurz mit den Worten ab, Mr. Carter werde sie morgen früh sehen und könne sich dann selbst ein Urteil bilden. In dieser geistigen Aufregung und unter der Anstrengung, alles dies in einem kurzatmigen Flüstern zu sagen, blieb der Major mit gurgelnder Kehle und tränenden Augen sitzen, bis das Diner bereit war.

Wie einige andere edle Tiere nahm sich der Major bei der Fütterungszeit sehr vorteilhaft aus. Bei dieser Gelegenheit glänzte er eigentlich am einen Ende der Tafel, gehoben durch das mildere Strahlen Mr. Dombeys an dem anderen, während Mr. Carker sein Licht bald nach der einen Seite hin, oder nach Befund der Umstände nach beiden leuchten ließ.

Während der ersten paar Gänge war der Major gewöhnlich ernst; denn der Eingeborene sammelte gemäß der insgeheim an ihn erlassenen Weisungen alle Tellerchen und Näpfe um seinen Gebieter her, und gab ihm deshalb mit Herausnehmen der Stöpsel und Mischen des Inhalts auf seinem Teller viel zu schaffen. Außerdem hatte der schwarze Diener besondere Zugaben und Gewürze auf einem Seitentisch stehen, mit denen der Major sich täglich beizte, der seltsamen Maschinen gar nicht zu gedenken, aus denen er unbekannte Flüssigkeiten in das Getränk spritzen ließ. Doch auch bei dieser Gelegenheit und sogar in Mitte der vielen Beschäftigungen fand Major Bagstock Zeit, gesellig zu sein, und seine Unterhaltsamkeit bestand in einer ausnehmenden Schlauheit gegen Mr. Carker, wie auch im Bloßlegen von Mr. Dombeys Gemütszustand.

»Dombey«, sagte der Major; »Ihr eßt nicht; was fehlt Euch?«

»Ich danke«, entgegnete dieser Gentleman. »Ich befinde mich wohl, habe aber heute keinen sonderlichen Appetit.«

»Aber, Dombey, was ist denn daraus geworden?« fragte der sternchenland.com Major. »Wo ist er geblieben? Ich will darauf schwören, Ihr habt ihn nicht bei unsern Freundinnen gelassen; denn ich stehe dafür, daß sie heute niemanden beim Lunch hatten. Für eine davon kann ich wenigstens Bürgschaft leisten, obschon ich nicht sagen will, für welche.«

Der Major blinzelte sodann Carker zu und wurde dabei so schrecklich schlau, daß der schwarze Diener ihn ohne Auftrag auf den Rücken klopfen mußte, weil sein Gebieter sonst wahrscheinlich unter dem Tisch verschwunden wäre.

In einem späteren Zeitpunkt des Diners – d.h. als der Eingeborene neben seinem Gebieter stand, um die erste Flasche Champagner einzugießen, wurde der Major noch schlauer.

»Fülle dies bis zum Rand, du Schurke«, sagte der Major, ihm sein Glas hinhaltend. »Gieße auch Mr. Carker randvoll ein – desgleichen Mr. Dombey. Bei Gott, Gentlemen«, fuhr der Major mit einem Blinzeln gegen seinen neuen Freund fort, während Mr. Dombey mit schuldbewußter Miene auf seinen Teller schaute, »wir wollen dieses Glas einer Gottheit weihen, die Joe mit Stolz unter seine Bekanntschaften zählt und die er aus dem Staube ehrerbietig bewundert. Edith ist ihr Name«, sagte der Major. »Die engelgleiche Edith.«

»Die engelgleiche Edith!« rief Carker lächelnd.

»Auf alle Fälle Edith!« sagte Mr. Dombey.

Das Eintreten der Kellner, die neue Schüsseln brachten, bewog den Major zu noch größerer Schlauheit, obschon er in eine ernstere Stimmung überging.

»Wenn wir unter uns sind, Sir«, sagte der Major, einen Finger an seine Lippen legend und halb beiseite zu Carker sprechend, »so liebt es Joe Bagstock wohl, in dieser Angelegenheit Scherz und Ernst zu mengen. Aber er hält den erwähnten Namen für viel zu heilig, als daß solche Kerle oder überhaupt gewöhnliche Kreaturen darin eingeweiht werden dürften. Keine Silbe darüber, Sir, solange sie hier sind!«

Das war anerkennenswert und achtungsvoll von seiten des Majors, und Mr. Dombey fühlte es vollkommen. Obschon in seiner kalten Weise durch die Anspielungen seines Freundes in einige Verlegenheit gebracht, hatte er doch nichts gegen solche Neckereien einzuwenden, sondern schien sich sogar darin zu gefallen. Vielleicht hatte der Major ziemlich die Wahrheit getroffen, als er sich heute morgen einbildete, der große Mann sei zu stolz, um sich in einer solchen Angelegenheit mit seinem Premierminister förmlich zu beraten oder ihn ins Vertrauen zu ziehen, obschon er wünschte, daß dieser vollkommen davon in Kenntnis gesetzt werde. Mochte dem übrigens sein, wie es wolle, Dombey schaute, während der Major seine leichten Geschosse spielen ließ, oft nach Mr. Carker hin und schien beobachten zu wollen, welche Wirkung sie auf seine rechte Hand machten.

Der Major aber, der sich einen aufmerksamen Zuhörer, einen Mann mit einem Lächeln, wie es in der ganzen Welt keines mehr sternchenland.com gab, kurz »einen verdammt gescheiten und angenehmen Burschen«, wie er ihn später oft nannte, gesichert hatte, wollte ihn nicht bloß mit dem bißchen Schlauheit, die sich persönlich auf Mr. Dombey bezog, loslassen. Daher zeigte er sich nach Entfernung des Tischtuches als einen ganz erlesenen Geist in dem weit umfassenderen Bereiche des Erzählens von Regimentsgeschichten und Vorbringens von Soldatenspäßen. Das tat er mit einem so erstaunlichen Überströmen, daß Carker – wenn er nicht nur sich so anstellte, von Lachen und Bewunderung völlig erschöpft wurde, während Mr. Dombey über seiner steifen Halsbinde herausblickte, als sei er der Eigentümer des Majors oder irgendein Raritätenvorweiser, der sich darüber freute, daß sich sein Bär so gut aufs Tanzen verstand.

Nachdem der Major vom Essen, Trinken und der Kundgebung seiner gesellschaftlichen Fähigkeiten zu heiser geworden war, um sich länger verständlich zu machen, ging man zum Kaffee über. Dann fragte der Major Mr. Carker, den Geschäftsführer, scheinbar mit geringer Hoffnung auf eine bejahende Antwort, ob er Pikett spiele.

»Ja, ein wenig«, versetzte Mr. Carker.

»Vielleicht auch Brettspiel?« bemerkte der Major zögernd.

»Auch dies ein wenig«, versetzte der Mann der Zähne.

»Ich glaube, Carker versteht sich auf alle Spiele«, sagte Mr. Dombey, sich wie ein hölzerner Mann ohne Gelenk und ohne Scharnier auf das Sofa hinstreckend, »und zwar recht gut.«

In der Tat kannte er die fraglichen beiden Spiele so vollkommen, daß der Major ganz erstaunt wurde und aufs Geratewohl hin ihn fragte, ob er auch Schach spiele.

»Ja, ich kann es ein wenig«, antwortete Carker. »Bisweilen machte ich mir schon den Spaß zu spielen, und gewann, ohne daß ich auf das Brett hinsah.«

»Bei Gott, Sir«, sagte der Major, die Augen aufsperrend, »Ihr seid ein vollkommener Gegensatz von Dombey, der sich auf gar kein Spiel versteht.«

»O! er!« entgegnete der Geschäftsführer. »Er hat nie Gelegenheit gehabt, sich mit solchen kleinen Künsten abzugeben, während sie für Männer, wie ich bin, bisweilen nützlich werden können. Im gegenwärtigen Augenblick zum Beispiel, Major Bagstock, setzen sie mich in den Stand, meine Geschicklichkeit gegen Euch zu erproben.«

Der glatte, weite Mund war vielleicht nicht der rechte; aber doch schien unter der Demut und Unterwürfigkeit dieser kurzen Rede etwas zu lauern, gleich einem Knurren; und für einen Augenblick hätte man denken können, die weißen Zähne seien geneigt, die Hand zu beißen, der sie schmeichelten. Der Major machte sich übrigens keine Gedanken darüber, und Mr. Dombey lag während des ganzen Spiels, das bis zum Schlafengehen dauerte, mit halbgeschlossenen Augen nachsinnend da.

Obschon Mr. Carker gewann, stieg er doch hoch in der guten Meinung des Majors. Und zwar in dem Grade, daß dieser, als sich Carker nach seinem Schlafgemach begab, aus besonderer Aufmerksamkeit sternchenland.com den Eingeborenen, der stets sein Lager auf einer Matratze vor der Tür seines Gebieters hatte, in die Galerie hinausschickte, um mit allem Prunk dem neuen Freunde nach seinem Zimmer zu leuchten.

Auf der Oberfläche des Spiegels in Mr. Carkers Gemach lag ein trüber Duft, so daß er vielleicht einen falschen Widerschein bot. Aber er zeigte in jener Nacht das Bild eines Mannes, der vor seinem geistigen Auge eine Menge zu seinen Füßen auf dem Boden schlummernder Menschen sah, ähnlich dem armen Eingeborenen vor der Tür seines Gebieters. Er schlich sich dazwischen durch und schaute boshaft darauf nieder, obschon er wenigstens vorderhand noch nicht auf ein aufwärts gekehrtes Gesicht trat.

Siebenundzwanzigstes Kapitel.


Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Tiefere Schatten.

Mr. Carker, der Geschäftsführer, stand mit der Lerche auf und begab sich ins Freie, um sich in dem schönen Sommermorgen zu ergehen. Die Betrachtungen, denen er sich auf seinem Spaziergange mit gerunzelter Stirne hingab, schienen sich kaum so hoch aufzuschwingen wie die Lerche, oder die Richtung dieses heiteren Vogels einzuschlagen. Vielmehr hielten sie sich eher dicht an ihr Nest auf der Erde und sahen sich unter dem Staub und den Würmern um. Aber kein unsichtbar in der Luft singender Vogel befand sich weiter aus dem Bereich des menschlichen Auges als Mr. Carkers Gedanken. Er hatte sein Gesicht so vollkommen in seiner Gewalt, daß man über den Ausdruck desselben mit Bestimmtheit nicht viel weiter sagen konnte, als daß es lächelte oder tiefsinnig war. Eben jetzt war es sehr tiefsinnig, und je höher die Lerche sich erhob, desto tiefer senkten sich seine Gedanken. Je heller und kräftiger die Lerche ihre Melodien erschallen ließ, desto ernster und düsterer wurde sein Schweigen; und als endlich der glückliche Frühlingsvogel mit einem sich kräftigenden Gesangstrom zwischen dem in der Nähe grünenden und in der Morgenluft gleich einem Strome wallenden Weizen niedersank, sprang Mr. Carker aus seiner Träumerei auf und schaute plötzlich mit einem so geschmeidigen und sanften Lächeln umher, als wolle er zahllosen Beobachtern etwas Angenehmes sagen. Nachdem er also geweckt worden war, stellte sich kein Rückfall mehr ein; denn sein Gesicht klärte sich jetzt auf wie das eines Mannes, der bedacht hat, daß man allerlei darin lesen könnte; und er ging lächelnd weiter, als ob er sich in dieser Kunst üben wolle.

Vielleicht mit Rücksicht auf erste Eindrücke hatte Mr. Carker sich an jenem Morgen sehr sorgfältig und stattlich herausgeputzt. Obwohl er nach dem Beispiel des großen Mannes, dem er diente, stets etwas förmlich war in dem, was seine Kleidung anging, so trieb er es doch nicht bis zu Mr. Dombeys Steifheit. Denn er wußte sternchenland.com vielleicht, daß er sich dadurch lächerlich gemacht haben würde und daß eben hierin ein weiteres Mittel lag, seine Anerkennung des Abstandes zwischen ihm und seinem Chef an den Tag zu legen. Manche Personen meinten zwar, er biete in dieser Beziehung einen merkwürdigen, nicht schmeichelhaften Kommentar zu seinem eiskalten Gebieter. Aber die Welt ist so geneigt zu Mißdeutungen, und man konnte Mr. Carker dafür nicht verantwortlich machen.

Reinlich, geschniegelt, hellen Teints, der in der Sonne sozusagen noch lichter wurde, und mit seinem zierlichen Tritt die Weichheit des Rasens noch erhöhend, ging Mr. Carker, der Geschäftsführer, in den Wiesen umher und glitt unter den Alleen weiter, bis es Zeit war, zum Frühstück zurückzukehren. Er wählte dafür, seine Zähne lüftend, einen nähern Weg und sprach dabei laut vor sich hin:

»Jetzt werden wir die zweite Mrs. Dombey sehen!«

Er war weit über die Stadt hinausgekommen und bog jetzt in einen angenehmen Spazierweg unter schattigen Bäumen ein, wo da und dort einzelne Bänke zur Ruhe einluden. Der Platz war nie sonderlich besucht und hatte namentlich in der stillen Morgenzeit ein sehr verlassenes, abgeschiedenes Aussehen, so daß Mr. Carker ganz allein zu sein glaubte. In der Stimmung eines müßigen Mannes, dem für Erreichung seines Bestimmungsortes, an dem er leicht in zehn Minuten anlangen konnte, noch zwanzig übrig blieben, ging Mr. Carker in einer Wellenlinie unter den großen Baumstämmen weiter, indem er den einen rechts, den andern links ließ, und so eine Kette von Fußstapfen auf den tauigen Boden zeichnete.

Er fand jedoch, daß er sich in seiner Ansicht, allein auf dem Spazierwege zu sein, getäuscht hatte; denn als er leise um den Stamm eines starken Baumes herumkam, an dem die harte Rinde knotig und rissig war, wie die Haut eines Nashorns oder irgendeines vorsintflutlichen Ungeheuers, sah er unerwartet auf einer nahe gelegenen Bank, um die er im nächsten Augenblick seine Kette geschlungen haben würde, eine Gestalt sitzen.

Es war die einer elegant gekleideten, sehr schönen Dame, deren dunkle, stolze Augen auf dem Boden hafteten, und in der irgendeine Leidenschaft oder ein Kampf zu toben schien. Während sie nämlich so niederschaute, hatte sie einen Teil ihrer Unterlippe eingekniffen, ihre Brust wogte, ihre Nasenlöcher dehnten sich aus, das Haupt bebte, auf ihrer Wange zeigten sich Tränen des Unmuts, und ihr Fuß war so fest auf das Moos gesetzt, als wolle sie es zu Nichts zertreten. Und doch belehrte ihn fast derselbe Blick darüber, daß die erwähnte Dame in der Haltung geringschätziger Sorgfalt aufstand und weiterging, ohne daß sich in ihrem Gesicht oder ihrer Figur etwas anderes ausdrückte, als eine unbekümmerte Schönheit und eine herrische Weltverachtung.

Auch ein welkes, sehr häßliches altes Weib, das weniger wie eine Zigeunerin, sondern eher wie jene Mischlingsrasse von Vagabunden gekleidet war, die abwechselnd unter Bettel, Diebstahl, Kesselflicken und Korbflechten das Land durchziehen, hatte der Dame sternchenland.com aufgelauert; denn als sie sich erhob, trat ihr jene zweite Gestalt, die in seltsamer Weise fast aus dem Boden aufzusteigen schien, in den Weg.

»Ich will Euch prophezeien, meine schöne Dame«, sagte die Alte, die mit ihren Kinnbacken mummelte, als wolle der Totenkopf unter ihrer gelben Haut hervorbrechen.

»Ich kann das selbst«, lautete die Antwort.

»Ja, meine hübsche Dame, aber nicht recht. Ihr habt nicht gut prophezeit, als Ihr so dasaßet. Ich sehe Euch dies an! Gebt mir ein Silberstück, hübsche Dame, und ich will Euch Eure Zukunft der Wahrheit gemäß sagen. Es liegen Reichtümer in Eurem Gesicht, schöne Dame.«

»Ich weiß es«, entgegnete die Dame, mit düsterem Lächeln und stolzem Schritt an ihr vorbeigehend. »Es ist mir nichts Neues.«

»Wie – Ihr wollt mir nichts geben?« rief die Alte. »Ihr wollt mir nichts dafür geben, daß ich Euch Euer Glück voraussage, hübsche Dame? Wieviel erhalte ich dann, wenn ich es Euch nicht sage? Gebt mir etwas, oder ich rufe es Euch nach!« krächzte die Alte leidenschaftlich.

Mr. Carker, an dem die Dame eben vorbeizugehen im Begriff war, wich gegen einen Baum zurück, als sie seinen Pfad kreuzte, um in den Weg einzubiegen, und trat dann so weit vor, um sie von vorne zu sehen und seinen Hut vor ihr abziehen zu können. Dabei hieß er die Alte schweigen. Die Dame dankte für seine Dazwischenkunft mit Kopfneigen und ging ihres Weges.

»So gebt Ihr mir etwas, oder ich rufe es ihr nach!« schrie die Alte, ihre Arme aufwerfend und gegen seine ausgestreckte Hand vordringend. »Ja«, fügte sie bei, ihre Stimme plötzlich dämpfend, während sie ihn ernst ansah und für einen Augenblick den Gegenstand ihres Zorns zu vergessen schien, »gebt mir etwa«, oder ich rufe es Euch nach!«

»Mir, alte Frau?« entgegnete der Geschäftsführer, die Hand in seine Tasche steckend.

»Ja«, sagte da« Weib, in ihrer Musterung beharrlich fortfahrend und ihre welke Hand hinhaltend. »Ich weiß –«

»Was wißt Ihr?« fragte Carker, der ihr einen Schilling zuwarf. »Könnt Ihr mir sagen, wer die schöne Dame ist?«

Mummelnd gleich dem Matrosenweib der alten Sage mit den Kastanien im Schoß, und finster blickend, wie die Hexe, die vergeblich einige davon forderte, las die Alte den Schilling auf und ging dann rückwärts wie ein Krebs oder wie ein Haufen von Krebsen; denn ihre abwechselnd sich ausbreitenden und wieder zusammenziehenden Hände konnten recht gut zwei Tiere dieser Art, und ihr kriechendes Gesicht noch ein halbes Dutzend davon vertreten. Auf der Wurzel eines alten Baumes sich niederkauend, zog sie aus der Krone ihres Hutes eine kurze schwarze Pfeife hervor, zündete sie mit einem Schwefelhölzchen an und rauchte stillschweigend, während sie zugleich den Frager fest ins Auge faßte. sternchenland.com Mr. Carker lachte und wandte ihr den Rücken zu.

»Gut!« sagte die Alte. »Ein Kind tot und ein Kind am Leben. Ein Weib tot und ein anderes, das kommt. Geht und seht sie.«

Der Geschäftsführer blickte unwillkürlich wieder zurück und machte halt. Die Alte, die ihre Pfeife nicht entfernt hatte und unter dem Rauchen fortwährend mummelte und schwatzte, als verkehre sie mit einem unsichtbaren vertrauten Geist, deutete mit dem Finger in die Richtung, in der er ging, und lachte.

»Was habt Ihr gesagt, Mütterchen?« fragte er.

Die Alte mummelte, rauchte fort und deutete noch immer vor sich hin, ohne ihr Schweigen zu unterbrechen. Mr. Carker brummte einen Abschied, der keineswegs schmeichelhaft war, und setzte seinen Weg fort. Als er jedoch am Ende des Platzes wieder nach dem alten Baum zurückschaute, konnte er sehen, wie der Finger noch immer in die Richtung seines Weges deutete, und er meinte das Weib kreischen zu hören: »Geht und seht sie!«

Er fand, daß im Gasthause Vorbereitungen zu einem auserlesenen Mahle getroffen worden waren. Mr. Dombey, der Major und das Frühstück harrten auf die Damen. Ohne Zweifel hat die individuelle Konstitution viel mit der Entwicklung solcher Tatsachen zu schaffen, aber in dem gegenwärtigen Falle zeigte sich der Appetit nur schlecht, der zarten Leidenschaft gegenüber. Mr. Dombey war sehr ruhig und gefaßt; der Major aber dampfte in einem Zustand großer Hitze und Aufregung. Endlich öffnete der Eingeborene die Tür, und nach einer Pause, die in seinem lässigen Schlendern durch die Galerie ihren Grund hatte, erschien eine sehr blühende, aber nicht sehr jugendliche Dame.

»Mein lieber Mr. Dombey«, begann die Dame, »ich fürchte, wir haben uns etwas verspätet; aber Edith ist schon aus gewesen, um einen günstigen Gesichtspunkt für eine Skizze zu suchen, und ließ mich warten. Treulosester aller Majore« – sie gab ihm ihren kleinen Finger – »wie geht es Euch?«

»Mrs. Skewton«, sagte Mr. Dombey, »erlaubt mir, meinem Freund Carter ein Vergnügen zu machen«, – Mr. Dombey legte unwillkürlich einen Nachdruck auf das Wort Freund, als wollte er sagen: ›Es ist nicht eigentlich so gemeint: ich erlaube ihm nur die Ehre einer solchen Auszeichnung‹, – »indem ich ihn Euch vorstelle. Ich habe Mr. Carkers bereits bei Euch gedacht.«

»Ich bin in der Tat ganz bezaubert«, entgegnete Mrs. Skewton huldreich.

Mr. Carker war natürlich auch bezaubert. Würde er es wohl noch mehr um Dombeys willen gewesen sein, wenn er in Mrs. Skewton, wie er anfangs glaubte, die Edith gefunden hätte, auf die sie abends zuvor den Toast ausbrachten?

»Ach, um Himmels willen, wo bleibt denn Edith?« rief Mrs. Skewton, sich umsehend. »Sie ist wohl noch an der Tür und gibt Withers Aufträge über das Einrahmen jener Zeichnungen. Mein lieber Dombey, wollt Ihr die Güte haben –«

Mr. Dombey war bereits fort, um sie aufzusuchen. Im nächsten Augenblick kehrte er zurück und brachte am Arm dieselbe elegant gekleidete, sehr schöne Dame herbei, der Mr. Carker unter den Bäumen begegnet war.

»Carker –« begann Mr. Dombey.

Aber ihr wechselseitiges Erkennen war so augenfällig, daß Mr. Dombey überrascht innehielt.

»Ich bin dem Gentleman verpflichtet«, sagte Edith mit einer stattlichen Verbeugung, »weil er vor kurzem die Aufdringlichkeit einer Bettlerin von mir abwehrte.«

»Ich habe es meinem guten Glück zu danken«, versetzte Mr. Carker mit einer tiefen Verbeugung, »daß mir die Gelegenheit zuteil wurde, einer Dame, deren Diener zu sein ich mir zum Stolze rechne, einen so geringen Dienst zu leisten.«

Als ihr Auge einen Augenblick auf ihm ruhte und dann sich zu Boden senkte, bemerkte er in dem hellen spähenden Blick den Argwohn, daß er nicht in dem Zeitpunkt seiner Einmengung auf sie zugekommen, sondern im geheimen sie schon früher beobachtet habe. Wie er dies bemerkte, erkannte sie aus seinem Blicke, daß ihr Mißtrauen nicht ohne Grund sei.

»In der Tat«, rief Mrs. Skewton, die diese Gelegenheit benützt hatte, um Mr. Carker durch ihr Glas zu besichtigen, und dabei, wie sie dem Major hörbar zuflüsterte, zu der Überzeugung gekommen war, daß er ganz Herz sei – »in der Tat, dies ist wohl das wunderbarste Zusammentreffen, von dem ich je gehört habe. Schon der Gedanke! Meine liebe Edith, es liegt hierin so augenfällig eine Bestimmung, daß man sich wahrhaftig fast veranlaßt sehen könnte, über dem Brusttuch die Arme zu kreuzen und mit den ungläubigen Türken zu sprechen: es gibt keinen, wie heißt er doch, als der So und So, und Dingsda ist sein Prophet!«

Edith würdigte dieses höchst bemerkenswerte Zitat aus dem Koran keiner Antwort; aber Mr. Dombey hielt es für nötig, einige höfliche Bemerkungen einzuflechten.

»Es macht mir ein großes Vergnügen«, sagte Mr. Dombey mit schwerfälliger Galanterie, »daß ein Gentleman, der zu mir in so naher Beziehung steht wie Carker, die Ehre und das Glück hatte, Mrs. Granger auch nur den mindesten Beistand zu leisten.« Er begleitete diese Worte mit einer Verbeugung. »Trotzdem ist es mir peinlich, und ich möchte wahrhaftig neidisch werden auf Carker –« er legte auf diese Worte einen unwillkürlichen Nachdruck, als fühle er, daß sie die Eigenschaft einer sehr überraschenden Voraussetzung in sich trügen – »neidisch werden auf Carker, daß nicht mir selbst diese Ehre und dieses Glück zuteil wurde.«

Mr. Dombey verbeugte sich abermals. Edith aber blieb vollkommen bewegungslos, wenn wir das leichte Aufwerfen ihrer Lippen ausnehmen.

»Beim Himmel, Sir«, rief der Major bei dem Anblick des Kellners, der zu Anmeldung des Frühstücks hereingekommen war, sternchenland.com in eine Rede ausbrechend, »es ist für mich etwas Außerordentliches, daß man nicht die Ehre und das Glück haben kann, alle solche Bettlerinnen durch den Kopf zu schießen, ohne dafür ins Protokoll genommen zu werden. Doch hier ist ein Arm für Mrs. Granger, wenn sie J.B. die Ehre erweisen will, ihn anzunehmen. Eben jetzt ist es der größte Dienst, den Euch Joe erweisen kann, Euch zur Tafel zu führen.«

Mit diesen Worten gab der Major Edith seinen Arm, und Mr. Dombey ging mit Mrs. Skewton voran, während Mr. Carker lächelnd nachfolgte.

»Ich bin sehr erfreut, Mr. Carker«, sagte die mütterliche Dame beim Frühstück, nachdem sie den Angeredeten abermals durch ihr Glas gemustert hatte, »daß Ihr Euern Besuch so glücklich eingerichtet habt, um uns heute begleiten zu können. Ich verspreche mir den bezauberndsten Ausflug.«

»Jeder Ausflug muß bezaubernd sein in solcher Gesellschaft«, entgegnete Carker, »aber ich glaube, er ist an sich schon reich an Interessantem.«

»O«, rief Mrs. Skewton mit einem kleinen, matten Ausruf des Entzückens, »das Schloß ist bezaubernd! – mittelalterliche Erinnerungen und alles das, was in der Tat so köstlich ist. Seid Ihr nicht auch ein Verehrer des Mittelalters, Mr. Carker?«

»O ja, in hohem Grade«, versetzte der Geschäftsführer.

»Welch‘ entzückende Zeiten!« rief Kleopatra, »So voll von Wahrheit! So schwunghaft und kräftig! So malerisch! So vollkommen fern von allen Gemeinplätzen! Ach Himmel, wenn sie unserer schrecklichen Zeit nur ein wenig mehr Poesie des Daseins übrig gelassen hätte!«

Mrs. Skewton sah, während sie das sprach, scharf nach Mr. Dombey hin, der seinerseits keinen Blick von Edith abwandte. Letztere hörte zu, ohne ihr Auge zu erheben.

»Wir sind schrecklich nüchtern, Mr. Carker«, fuhr Mrs. Skewton fort. »Meint Ihr nicht?«

Nicht viele Leute hatten Grund, sich weniger über ihre Nüchternheit zu beklagen, als Kleopatra, da sie so viel Falsches an sich hatte, als sich nur immer mit dem nüchternen Dasein eines Individuums vereinbaren ließ. Gleichwohl bedauerte Mr. Carker unsere Nüchternheit und stimmte mit ihr überein, daß wir in dieser Beziehung allerdings sehr verwahrlost seien.

»Die Gemälde im Schloß sind wahrhaft göttlich!« sagte Kleopatra. »Ich hoffe, Ihr seid ein Freund von Gemälden?«

»Ich kann Euch die Versicherung geben, Mrs. Skewton«, ergriff jetzt Mr. Dombey in feierlicher Ermutigung seines Geschäftsführers das Wort, »daß Carker in Beziehung auf Gemälde einen feinen Geschmack und von Natur aus den Geist eines Kenners besitzt. Er versteht sich selbst nicht übel auf Führung des Pinsels und wird, wie ich überzeugt bin, ganz entzückt sein von Mrs. Grangers Geschmack und Kunstfertigkeit.«

»Gott verdamm mich, Sir«, rief Major Bagstock, »ich glaube wahrhaftig, Ihr seid der bewunderungswürdige Carker und versteht Euch auf gar alles.«

»O«, versetzte Carker mit einem Lächeln der Demut, »Ihr seid viel zu zuversichtlich, Major Bagstock. Ich kann nicht viel. Mr. Dombey ist nur so großmütig in Würdigung jeder kleinen Geschicklichkeit, deren Erwerbung für einen Mann, wie ich, fast notwendig ist, obwohl er selbst in einer viel zu hohen Sphäre lebt, als daß – –«

Mr. Carker zuckte die Achseln, als wolle er jedes weitere Lob ablehnen, und sprach nicht weiter.

Diese ganze Zeit über erhob Edith ihre Blicke bloß gelegentlich, wenn ihre Frau Mama den ihr innewohnenden Feuergeist in Worten entströmen ließ; als jedoch Carker zu sprechen aufhörte, sah sie für einen Moment nach Dombey hin. Aber nur für einen Moment, und ihr Antlitz zeigte dabei einen flüchtigen Ausdruck spöttischer Verwunderung, der auch dem über den Tisch herüberlächelnden Beobachter nicht entging.

Mr. Dombey erfaßte die dunkle Wimper, wie sie im Begriff war, sich wieder zu senken, und benützte die Gelegenheit, sie zu fesseln.

»Leider werdet Ihr schon oft in Warwick gewesen sein«, sagte er.

»Schon mehrere Male.«

»So wird, wie ich fürchte, ein abermaliger Besuch dieses Platzes Euch nur Langeweile bereiten können.«

»O nein, durchaus nicht.«

»Ach, meine liebe Edith, du bist wie dein Vetter Feenir«, sagte Mrs. Skewton. »Er ist schon fünfzig für einmal in Warwick Castle gewesen, und wenn er morgen wieder nach Leamington käme – ich wünschte, der süße Engel täte es – so würde er schon tags darauf zum zweiundfünfzigsten Male wieder hingehen.«

»Nicht wahr, Mama, wir sind alle sehr begeistert?« entgegnete Edith mit einem kalten Lächeln.

»Vielleicht viel zu sehr für unsern Frieden, meine Liebe«, erwiderte die Mutter. »Aber wir wollen uns nicht beklagen, denn wir finden einen Lohn dafür in unfern eigenen Gefühlen. Wenn, wie unser Vetter Feenir sagt, das Schwert die – wie nennt man’s doch? –«

»Scheide vielleicht?« versetzte Edith.

»Ganz richtig – die Scheide ein wenig zu schnell abnützt, so geschieht es, wie du wohl weißt, meine Liebe, aus keinem andern Grunde, als weil es scharf und blank ist.«

Mrs. Skewton ließ einen leichten Seufzer ertönen, der wahrscheinlich einen Schatten werfen sollte auf die hölzerne Waffe, deren Scheide ihr empfänglicher Busen war. Dann neigte sie nach Kleopatra-Art ihren Kopf auf die eine Seite und blickte mit sinniger Zärtlichkeit nach ihrem geliebten Kinde hin.

Edith hatte, als Mr. Dombey sie anredete, diesem ihr Gesicht zugekehrt und blieb, während sie ihre Mutter und diese wiederum sternchenland.com die Tochter anredete, in der gleichen Haltung, als ob sie ihm alle Aufmerksamkeit schenken wolle für den Fall, daß er etwas Weiteres vorzubringen habe. In der Art dieser einfachen Höflichkeit lag fast etwas Trotziges; und sie hatte den Anschein, als werde sie durch Zwang oder eine gewisse Spekulation bedingt, an der die Dame sich nur mit Widerwillen beteiligte – ein Zug, der dem gleichen über den Tisch herüberlächelnden Beobachter ebenfalls nicht entging. Er vergegenwärtigte sie sich, wie sie ihm zum erstenmal erschien, als sie sich unter den Bäumen allein glaubte.

Das Frühstück, bei dem der Major wie eine Boa Constrictor geschluckt und gewürgt hatte, war jetzt vorüber, und da Mr. Dombey nichts weiter zu sagen wußte, so machte er den Vorschlag, den Ausflug anzutreten. Dem Befehle dieses Gentlemans gemäß wartete ein Wagen vor dem Hotel, und die beiden Damen sowohl als er selbst und der Major nahmen jetzt im Innern desselben Platz, während der Eingeborene und der spindeldürre Page den Bock bestiegen. Mr. Carker bildete zu Pferde die Nachhut, und Towlinson mußte zu Hause bleiben.

Mr. Carker trabte in einer Entfernung von etwa hundert Schritten hinter dem Wagen her und verwandte während der ganzen Fahrt keinen Blick davon, als sei er eine Katze, deren Aufgabe es war, auf die vier Insassen des Wagens wie auf ebenso viele Mäuse zu lauern. Wohin er auch schauen mochte – rechts oder links vom Wege, über die ferne Landschaft mit ihren sanften Wellenlinien, den Windmühlen, den Wiesen und Getreidefeldern, den wilden Blumen, Gehöften, Heuschobern und dem aus dem Walde hervorsehenden Kirchturm, aufwärts in die sonnige Luft, wo Schmetterlinge über seinem Kopfe spielten und Vögel ihre Lieder erschallen ließen, abwärts, wo die Schatten der Zweige sich verwoben und einen zitternden Teppich über den Boden breiteten, oder nach vorn, wo die überhängenden Bäume Ausblicke und Bogengewölbe bildeten, düster in dem sanften Lichte, das durch die Blätter drang – so haftete doch stets der eine Winkel seines Auges an dem ihm zugekehrten stattlichen Haupt des Mr. Dombey und an der Hutfeder, die in ihrem Wallen dieselbe Geringschätzung zeigte, wie jenes stolze Auge, das er sich hatte senken sehen, und das von diesem Eindrucke nichts verlor, wenn das Gesicht davor dem der Dame begegnete. Einmal – aber nur ein einziges Mal – schweifte sein spähender Blick von diesen Dingen ab. Das geschah, als ein Satz über ein niedriges Gehege und ein Galopp über das Feld ihn befähigte, dem Wagen zuvorzukommen, damit er bereit wäre, am Ziel der Fahrt den Damen beim Aussteigen seine Hand zu bieten. Damals und nur damals begegnete er ihrem Auge für einen Augenblick in ihrer ersten Überraschung; als er sie jedoch beim Aussteigen mit seiner weißen weichen Hand berührte, schenkte sie ihm wieder so wenig Berücksichtigung wie zuvor.

Mrs. Skewton ließ es sich nicht nehmen, in eigener Person über Mr. Carker ihre schützenden Fittiche zu breiten und ihm alle Schönheiten sternchenland.com des Schlosses zu zeigen. Er und der Major mußten ihr den Arm geben. Eine solche Gesellschaft konnte jenem unverbesserlichen Menschen, der im Punkte der Poesie ein so barbarischer Ungläubiger war, nur zustatten kommen. Diese ganz unabsichtliche Maßnahme setzte Mr. Dombey in die Lage, sich ausschließlich Edith zu widmen; und er säumte nicht, diese Gelegenheit zu benutzen, indem er ihr den Arm bot und mit kavaliermäßiger Feierlichkeit vor dem ebengenannten Kleeblatt her durch die Zimmer schritt.

»Die köstlichen Zeiten der Vergangenheit, Mr. Carker«, sagte Kleopatra, »mit ihren entzückenden Festungswerken, ihren lieben alten Kerkern, den herrlichen Folterkammern, der romantischen Blutrache, den malerischen Kämpfen und Belagerungen und allem, was das Leben so wahrhaft zauberisch macht! Wie schrecklich sind wir entartet!«

»Ja, wir sind kläglich zurückgekommen«, bemerkte Mr. Carker.

Das Eigentümliche ihrer Unterhaltung bestand darin, daß Mrs. Skewton trotz ihrer Entzückungen und Mr. Carker bei all seiner Leutseligkeit kein Auge von Mr. Dombey und Edith verwandten. Eine Folge davon war, daß das Gespräch, ungeachtet der gesellschaftlichen Eigenschaften der Beteiligten, einen etwas zerstreuten, unzusammenhängenden Charakter gewann.

»Es ist entschieden keine Treue mehr übrig geblieben«, fuhr Mrs. Skewton fort, indem sie ihr welkes Ohr vorwärts schob, weil Mr. Dombey eben etwas zu Edith sagte. »Es fehlt uns die Treue jener köstlichen alten Ritter, der lieben Bischöfe, die selbst so kriegerische Männer waren, oder sogar die aus den herrlichen goldenen Tagen der unschätzbaren Königin Beß,2 die wir an der Wand dort sehen. Welch ein köstliches Wesen! Sie war ganz Herz! Und dann ihr entzückender Vater! Ich hoffe, Ihr seid ein Verehrer Heinrichs VIII.?«3

»Er hat meine Bewunderung in hohem Grade«, versetzte Mr. Carker.

»So rauh und derb – meint Ihr nicht?« entgegnete Mrs. Skewton. »So wahrhaft englisch. Welchen Eindruck macht nicht sein Bild mit den lieben blinzelnden kleinen Augen und dem wohlwollenden Kinn!«

»Ah, Ma’am«, erwiderte Carker, plötzlich stehenbleibend, »weil Ihr eben von Bildern sprecht, so haben wir hier eine herrliche Komposition. Welche Gemäldegalerie der Welt wäre imstande, ein Gegenstück dazu zu bieten!«

Als der lächelnde Gentleman so sprach, deutete er durch eine Tür nach der Stelle hin, wo Mr. Dombey und Edith in der Mitte eines anderen Gemaches allein standen.

Sie wechselten weder Wort noch Blick, und während sie so – Arm in Arm – dastanden, hatte es den Anschein, als finde eine sternchenland.com Trennung zwischen ihnen statt; weiter als die Scheidung durch endlose Meere. Auch in dem Stolz der beiden lag ein Unterschied, der sie sich gegenseitig mehr entfremdete, als wäre der eine Teil das hochmütigste, der andere das bescheidenste Wesen in der ganzen Schöpfung. Er dünkelvoll, unbeugsam, förmlich, streng – sie in ausgezeichnetem Grade lieblich und anmutig, ohne daß sie übrigens Rücksicht nahm auf sich selbst, auf ihn oder auf ihre Umgebung, da sie im Gegenteil mit hochmütigem Spott auf ihre eigenen Reize zu blicken schien, als seien sie nur ein ihr verhaßtes Abzeichen der Dienstbarkeit. Welch ungleiches Paar, sich so widerstrebend und durch eine von widrigen Zufällen geschmiedete Kette so ungereimt aneinandergefesselt, daß die Phantasie dem Gedanken Raum geben konnte, selbst die Bilder an der Wand hätten ihr Erstaunen über die unnatürliche Verbindung ausgedrückt und seien zu aufmerksamen Beobachtern geworden. Grimmige Ritter und Krieger schauten finster auf sie nieder. Ein Diener der Kirche erhob seine Hand in bitterer Anklage über den Hohn, daß ein solches Paar vor Gottes Altar treten wolle. Ruhige Wasserflächen in Landschaften mit der widerstrahlenden Sonne auf ihrer Tiefe fragten, ob es denn nicht ein besseres Mittel gebe zum Entrinnen, und ob ihr eigener feuchter Schoß nicht einen glücklicheren Ausweg biete. Ruinen riefen: ›Schaut her und seht, was wir sind in unserm Bunde mit einer uns nicht befreundeten Zeit‹. Tiere, von der Natur einander gegenübergestellt, befehdeten sich, als wollten sie ihnen zur Lehre dienen. Amoretten und Liebesgötter ergriffen entsetzt die Flucht, und das Märtyrertum zeigte keine ähnliche Qual in seiner gemalten Leidensgeschichte.

Gleichwohl war Mrs. Skewton von dem Anblick, auf den Mr. Carker ihre Aufmerksamkeit gelenkt hatte, so bezaubert, daß sie es sich nicht versagen konnte, halblaut vor sich hin zu sprechen, wie süß, wie so voll von Seele das sei. Edith, die es hörte, blickte zurück, und der Scharlach der Entrüstung breitete sich bis unter ihre Locken.

»Meine liebe Edith weiß, wie mein Herz an ihr hängt!« sagte Kleopatra, fast schüchtern mit ihrem Sonnenschirm sie auf den Rücken klopfend. »Mein süßes Leben!«

Abermals bemerkte Mr. Carker den Kampf, dessen unerwarteter Zeuge er unter den Bäumen gewesen. Aufs neue sah er, wie die stolze nachlässige Gleichgültigkeit ihr Antlitz überflog und es wie eine Wolke beschattete.

Sie erhob ihre Blicke nicht zu ihm; aber mit einem leichten entschiedenen Winke gegen das Kleeblatt hin schien sie ihrer Mutter zu befehlen, daß sie näher komme. Mrs. Skewton hielt es für zweckmäßig, dieser Andeutung Folge zu geben, und trat rasch mit ihren beiden Kavalieren heran, um sich fortan stets in der Nähe ihrer Tochter zu halten.

Da für Mr. Carker nichts mehr vorhanden war, was seine Aufmerksamkeit zerstreuen konnte, so begann er von den Gemälden zu sprechen, die besten auszuwählen und Mr. Dombey darauf aufmerksam sternchenland.com zu machen. Er benahm sich dabei mit der gewohnten vertraulichen Anerkennung der Größe seines Chefs, dem er außerdem noch weitere Huldigungen darbrachte, indem er das Augenglas für ihn zurechtmachte, im Katalog die betreffende Nummer aufsuchte, Mr. Dombeys Stock hielt und dergleichen mehr. Allerdings gingen diese Dienstleistungen weniger von Mr. Carker selbst, als vielmehr von Mr. Dombey aus, der gerne seine Oberherrlichkeit an den Tag zu legen pflegte, indem er mit gedämpfter Würde und in nachlässiger Weise die Worte hinwarf – »da, Carker; wollt Ihr nicht die Güte haben, mir ein wenig beizustehen?« – eine Andeutung, welcher der lächelnde Gentlemen stets mit Vergnügen entsprach.

Sie machten ihren Rundgang durch die Gemäldesäle, an den Wänden hin usw., und da sie noch immer eine einzige kleine Partie bildeten, so kam der Major ziemlich in den Schatten zu stehen, weil er infolge des Verdauungsprozesses etwas schläfrig war, Mr. Carker aber in hohem Grade den Angenehmen und Mitteilsamen spielte. Dieser wandte sich anfänglich hauptsächlich an Mrs. Skewton; die empfindsame Dame geriet jedoch über die Kunstwerke so sehr in Verzückungen, daß sie nach der ersten Viertelstunde nur noch gähnen konnte – eine Reaktion auf die Begeisterung, wie sie es nannte, und ein Beweis des Übermaßes ihrer Wonne. Dies bewog ihn, seine Aufmerksamkeit mehr auf Mr. Dombey zu richten, der jedoch nicht viel weiter darauf erwiderte, als daß er gelegentlich ein »Sehr wahr, Carker«, oder ein »Wirklich, Carker?« hinwarf. Gleichwohl ermutigte er schweigend seinen Geschäftsführer und fand in seinem Innern dessen Benehmen sehr löblich. Er hielt es nämlich für passend, daß jemand redete, und er dem Gedanken Raum gab, Carkers Bemerkungen, die sozusagen von einem Zweig des Hauptgeschäfts ausgingen, könnten Mrs. Granger angenehm sein. Mr. Carker besaß Takt genug, sich nie die Freiheit zu nehmen, diese Dame unmittelbar anzureden, und sie wiederum schien zuzuhören, obschon sie nie nach ihm hinblickte. Nur ein- oder zweimal, wenn er seine eigentümliche Demut besonders nachdrücklich zeigte, schlich sich das gedämpfte Lächeln über ihr Gesicht, nicht aber wie ein Licht, sondern wie ein tiefer dunkler Schatten.

Warwick-Castle war endlich erschöpft und der Major ebenso, der Mrs. Skewton nicht zu gedenken, deren eigentümliche Wonneäußerungen in der Tat zuletzt sehr häufig geworden waren. Sofort wurde der Wagen wieder in Anspruch genommen, und sie fuhren nach den schönsten Stätten in der Umgegend. Bei einer von diesen Gelegenheiten machte Mr. Dombey in seiner förmlichen Manier die Bemerkung, daß eine Skizze – gleichviel, wie leicht hingeworfen – von der schönen Hand der Mrs. Granger ein teures Erinnerungszeichen an diesen angenehmen Tag für ihn sein würde, obschon natürlich – Mr. Dombey machte hier abermals eine Verbeugung – keine künstliche Beihilfe nötig sei, um dem heutigen Glück für ihn stets einen hohen Wert zu verleihen. Withers, der Spindeldürre, der Ediths Skizzenbuch unter dem Arm hatte, wurde unverzüglich sternchenland.com von Mrs. Skewton aufgeboten, und der Wagen machte halt, damit Edith eine Zeichnung anfertige, die Mr. Dombey unter seinen Schätzen aufbewahren konnte.

»Aber ich fürchte, Euch allzusehr zu belästigen«, sagte Mr. Dombey.

»Keineswegs. Von welchem Punkt aus wünscht Ihr die Aufnahme?« antwortete sie, indem sie mit ihrer früheren erzwungenen Aufmerksamkeit sich an ihn wandte.

Mit einer weiteren Verbeugung, unter der die Stärke in der Halsbinde krachte, wollte Mr. Dombey dieses der Künstlerin überlassen.

»Es wäre mir lieber, wenn Ihr selbst eine Wahl träfet«, versetzte Edith.

»Wollen wir sagen, von hier aus?« entgegnete Mr. Dombey. »Die Stelle scheint sehr ansprechend zu sein – oder – was haltet Ihr davon, Carter?«

Zufälligerweise befand sich in einiger Entfernung eine Baumgruppe, derjenigen nicht unähnlich, in der Mr. Carker am Morgen seine Kette von Fußtritten gezogen hatte, und unter einem der Bäume stand ein Sitz, fast ganz so gelegen wie der Punkt, wo jene Kette unterbrochen worden war.

»Darf ich es wagen, Mrs. Granger anzudeuten«, sagte Carker, »daß jene Gruppe dort einen interessanten – fast bedeutsamen Gegenstand darbietet?«

Sie folgte mit ihren Augen der Richtung seiner Reitpeitsche und erhob sie dann rasch zu dem Gesicht des Sprechers. Es war der zweite Blick, den sie seit ihrer näheren Bekanntschaft ausgetauscht hatten, und er hatte große Ähnlichkeit mit dem ersten, nur daß sein Ausdruck viel verständlicher war.

»Gefällt Euch die Partie?« fragte Edith Mr. Dombey.

»Ich werde ganz bezaubert sein«, versetzte Mr. Dombey.

Der Wagen mußte deshalb nach der Stelle hinausfahren, die für Mr. Dombey so bezaubernd werden sollte, und Edith öffnete, ohne von ihrem Sitz aufzustehen, mit ihrer gewöhnlichen stolzen Gleichgültigkeit die Mappe, um ihre Skizze zu beginnen.

»Alle meine Bleistifte sind stumpf«, sagte sie, indem sie innehielt und die gedachten Zeichnungswerkzeuge musterte.

»Ich bitte, erlaubt mir«, entgegnete Mr. Dombey, »der Carker kann es vielleicht besser, da er sich auf dergleichen Dinge versteht. Carker, habt die Güte, für Mrs. Grangers Bleistifte zu sorgen.«

Mr. Carker ritt auf Mrs. Grangers Seite an den Kutschenschlag heran, ließ die Zügel auf den Hals seines Pferdes fallen, nahm mit einer lächelnden Verbeugung die Bleistifte aus ihrer Hand und setzte sich im Sattel zurecht, um sie zu spitzen. Nachdem er das getan hatte, bat er um die Erlaubnis, sie halten und ihr einhändigen zu dürfen, wie sie dieselben brauchte, und so blieb er unter vielen Lobsprüchen über ihre außerordentliche Geschicklichkeit, namentlich im Baumschlag, dicht an ihrer Seite und sah dem Fortschritt der Zeichnung zu. Mr. Dombey, der mittlerweile gleich einem hochachtbaren sternchenland.com Gespenst kerzengerade im Wagen stand, verwandte gleichfalls keinen Blick von dem Papier, während Kleopatra und der Major wie ein paar alte Tauben miteinander schäkerten.

»Seid Ihr zufrieden damit, oder soll ich es noch ein wenig weiter ausführen?« fragte Edith, indem sie Mr. Dombey die Skizze zeigte. Mr. Dombey bat, sie möchte ja keinen Strich mehr daran machen, da das bereits Gelieferte etwas Vollkommenes sei.

»Es ist etwas Außerordentliches«, sagte Carker, sein Lob mit der ganzen Masse seines Zahnfleisches begleitend. »Auf etwas so Schönes und zugleich so Ungewöhnliches war ich nicht vorbereitet.«

Das ließ sich ebensogut auf die Zeichnerin als auf die Skizze anwenden. Aber Mr. Carkers Benehmen war die Offenheit selbst, nicht nur in Beziehung auf seinen Mund, sondern auch auf seinen ganzen Geist. So blieb es auch, während die Skizze für Mr. Dombey beiseite gebracht und das Zeichnungsmaterial wieder eingepackt wurde. Nachdem Mr. Carker die Bleistifte wieder abgegeben hatte – dies geschah unter einem abgemessenen Danke für seine Beihilfe, aber ohne Begleitung eines Blickes – griff er den Zügel wieder auf, blieb zurück und folgte aufs neue dem Wagen.

Während seines Rittes dachte er vielleicht, daß sogar diese unbedeutende Skizze gefertigt und dem Besteller überliefert wurde, als habe ein Kauf dabei stattgefunden. Vielleicht dachte er, obschon sie mit so vollkommener Bereitwilligkeit auf das Ersuchen einging, so sei doch ihr stolzes Gesicht, das sich über die Zeichnung niederbeugte oder auf die nachzubildenden fernen Gegenstände blickte, das einer hochmütigen Frau, die sich mit einem schmutzigen, erniedrigenden Geschäft abgeben mußte. Möglich, daß dergleichen Dinge sich seinem Geist vergegenwärtigten. Soviel ist aber gewiß, daß er lächelte und, während er in der Behaglichkeit der frischen Luft frei um sich her zu schauen schien, jenen Augenwinkel stets scharf nach dem Wagen spähen ließ.

Es folgte nun ein Spaziergang durch die unheimlichen Ruinen von Kenilworth,4 und dann fuhr man nach weiteren schönen Plätzen, von denen, wie Mrs. Skewton gegen Dombey bemerkte, Edith bereits die meisten aufgenommen hatte, wie ihm aus der Betrachtung ihrer Zeichnungen noch erinnerlich sein werde. So näherte sich der Ausflug dieses Tages seinem Ende zu. Mrs. Skewton und Edith fuhren nach ihrer Wohnung. Kleopatra lud noch Mr. Carker huldreich ein, abends mit Mr. Dombey und dem Major einen Besuch zu machen, damit er auch etwas von Ediths musikalischer Fertigkeit hören könne, und die drei Gentlemen begaben sich dann nach ihrem Hotel, um das Diner einzunehmen.

Das Mahl bildete ein Gegenstück zu dem gestrigen mit der einzigen Ausnahme, daß der Major um vierundzwanzig Stunden triumphierender und minder geheimnisvoll war. Abermals wurde auf Ediths Gesundheit angestoßen, und Mr. Dombey geriet wieder sternchenland.com in eine angenehme Verlegenheit, während Mr. Carker der Lobpreisungen kein Ende finden konnte.

Mrs. Skewton empfing in ihrem Hause keine andern Besuche. Ediths Zeichnungen lagen vielleicht ein wenig reichlicher als gewöhnlich im Zimmer umher zerstreut, und Withers, der spindeldürre Page, wartete mit etwas stärkerem Tee auf. Die Harfe war da, das Piano war da, und Edith sang und spielte. Aber auch die Musik wurde von Edith nur auf Mr. Dombeys Wunsch in derselben unverheißungsvollen Weise sozusagen ausbezahlt. Wenigstens hatte es ganz diesen Anschein.

»Meine liebe Edith«, sagte Mrs. Skewton eine halbe Stunde nach dem Tee, »ich weiß, Mr. Dombey stirbt vor Verlangen, dich zu hören.«

»Ohne Zweifel ist in Mr. Dombey noch Leben genug übrig, um das selbst zu sagen, Mama«, versetzte die Tochter.

»Ich werde mich über die Maßen glücklich schätzen«, pflichtete Mr. Dombey bei.

»Was wünscht Ihr?«

»Das Piano?« entgegnete Mr. Dombey verlegen.

»Wie Euch beliebt. Es steht ganz in Eurer Wahl.«

Demgemäß begann sie mit dem Piano. Ebenso ging es mit der Harfe, mit dem Gesang und mit der Auswahl der Stücke, die sie singen und spielen sollte. Ein so kaltes und gezwungenes, aber doch so bereitwilliges Eingehen auf die Wünsche, die er gegen niemanden anders als gegen sie äußerte, daß es sogar durch alle die Geheimnisse des Piquets hinreichend auffallen mußte und Mr. Carkers scharfer Beobachtung nicht entgehen konnte. Auch die Tatsache wurde ihm klar, daß Mr. Dombey augenscheinlich stolz war auf seine Macht und sie gern zur Schau trug.

Gleichwohl spielte Mr. Carker so gut – bald eine Partie mit dem Major, bald eine mit Kleopatra, deren Wachsamkeit über Mr. Dombey und Edith kein Luchs hätte übertreffen können – daß er nur um so höher in der Gunst der gnädigen Mama stieg. Als er nämlich beim Abschied sein Bedauern ausdrückte, daß er am nächsten Morgen nach London zurückkehren müsse, gab Kleopatra der Hoffnung Raum, es werde wohl nicht das letztemal sein, daß sie zusammenträfen, denn einer solchen wechselseitigen Sympathie begegne man nicht jeden Tag.

»Ich hoffe das«, sagte Mr. Carker mit einem ausdrucksvollen Blick nach dem in der Ferne stehenden Paare hin, als er sich in Begleitung des Majors nach der Tür zurückzog. »Ich denke es.«

Nachdem Dombey einen pompösen Abschied von Edith genommen hatte, beugte er sich, so gut es bei seiner Steifheit gehen wollte, über Cleopatras Sofa nieder und sagte mit gedämpfter Stimme:

»Ich habe Mrs. Granger um die Erlaubnis gebeten, sie in einer gewissen Angelegenheit morgen besuchen zu dürfen, und sie nannte mir zwölf Uhr. Darf ich wohl auf das Vergnügen hoffen, Madame, Euch nachher zu Hause zu finden?«

Ob dieser unbegreiflichen Sprache war natürlich Kleopatra so ergriffen und verwirrt, daß sie nur ihre Augen schließen, den Kopf schütteln und Mr. Dombey ihre Hand geben konnte, die dieser, da er nichts damit anzufangen wußte, wieder sinken ließ.

»Dombey, so kommt doch!« rief der Major zur Tür herein, »Gott verdamm mich, Sir, der alte Joe hat gute Lust, im Namen des Royal-Hotel eine Veränderung zu beantragen und es uns und Carker zu Ehren die drei fidelen Junggesellen nennen zu lassen.« Mit diesen Worten klopfte der Major Mr. Dombey auf den Rücken, blinzelte mit schrecklich rotem Kopf über seine Schulter nach den Damen hin und führte ihn ab.

Mrs. Skewton blieb in ihrer gestellten Pose auf dem Sofa, während Edith stumm bei ihrer Harfe saß. Die Mutter, die mit ihrem Fächer spielte, warf der Tochter mehr als einmal verstohlene Blicke zu, ohne daß diese sich dadurch stören ließ; denn sie brütete mit niedergeschlagenen Augen düster vor sich hin.

So verging eine lange Stunde in ununterbrochenem Schweigen, bis wie gewöhnlich Mrs. Skewtons Mädchen eintrat, um ihre Gebieterin allmählich für die Nacht vorzubereiten. Bei dieser Obliegenheit mochte die Dienerin eher wie ein Skelett mit Stundenglas und Hippe als wie ein Frauenzimmer erscheinen; denn ihre Berührung war die des Todes. Der bemalte Gegenstand welkte unter ihrer Hand. Die Gestalt sank zusammen, das Haar fiel ab, die gewölbten dunkeln Augenbrauen veränderten sich in dürftige graue Bürstchen, die blassen Lippen schrumpften ein, und die Haut wurde schlaff und leichenhaft. An Kleopatras Platz blieb nur ein altes, dürres, gelbes, nickendes Weib zurück, mit roten Augen, das wie ein Bündel schmutziger Wäsche in einen schmierigen Flanellappen eingewickelt war.

Sogar die Stimme, mit der sie Edith anredete, hatte sich verändert, als sie wieder allein waren.

»Warum sagst du mir nichts«, fragte sie in scharfem Tone, »daß du ihn auf morgen herbestellt hast?«

»Weil Ihr es schon wißt, Mutter«, entgegnete Edith.

Welch ein höhnischer Nachdruck, den sie auf das letzte Wort legte!

»Ihr wißt«, nahm sie wieder auf, »daß er mich gekauft hat, oder daß er es morgen tun wird. Die Ware mußte zuvor von seinem Freund beaugenscheinigt werden; er tut sich sogar etwas darauf zu gut, meint, sie könnte ihm passen und sei hinreichend billig zu haben, und deshalb will er morgen den Kauf abschließen. Gott, daß ich das erleben – daß ich dies fühlen muß!«

Drängt in ein einziges schönes Gesicht das Bewußtsein der Selbsterniedrigung und die glühende Entrüstung von hundert Frauen, stark in Leidenschaft und in Stolz, zusammen, und ihr habt dieses Bild hier hinter zwei weißen schaudernden Armen verborgen.

»Was meinst du damit?« erwiderte die Mutter zornig. »Hast du nicht von Kindheit auf –«

»Von Kindheit auf?« entgegnete Edith, nach ihr hinsehend. »Wann hatte ich eine Kindheit? Welche Kindheit habt Ihr mir je gelassen? Ich war alt an Arglist, Intrigen, habgieriger Gesinnung, und mußte den Männern Schlingen legen, noch ehe ich mich selbst und Euch kannte – noch ehe ich die Grundlage und den schändlichen Zweck eines jeden neuen Spieles verstand, das ich lernen mußte. Ihr habt mich zu einem Weibe geboren. Betrachtet sie – seht sie diesen Abend in ihrem Stolze.«

Und während sie so sprach, schlug sie mit ihrer Hand auf die schöne Brust, als wolle sie sich selbst niederschlagen.

»Seht mich an«, fuhr sie fort, »Ihr, die Ihr nie erfahren habt, was es ist um ein ehrliches Herz und um Liebe. Seht mich an, die gelehrt wurde, Anschläge zu schmieden, wo Kinder sich noch im Spiele umtreiben – die in ihrer Jugend, obschon alt an Ränken, zusammengekuppelt wurde mit einem Mann, für den sie kein anderes Gefühl hatte als Gleichgültigkeit. Seht mich an, die er als Witwe zurückließ, noch ehe sein Erbe auf ihn übergegangen war – ein wohlverdientes Gericht über Euch – und sagt mir, was seit zehn Jahren mein Leben gewesen ist.«

»Wir haben uns alle Mühe gegeben, dir eine gute Versorgung zu sichern«, versetzte die Mutter. »Das war die Aufgabe deines Lebens, und du hast sie jetzt erreicht.«

»Nie hat es eine Sklavin, nie ein Pferd auf dem Markt gegeben, die so angeboten, geprüft und zur Schau ausgestellt wurden, Mutter, wie ich im Lauf dieser zehn schimpflichen Jahre!« rief Edith mit glühender Stirne und demselben bitteren Nachdruck auf das nämliche in gesperrter Schrift gedruckte Wort. »Ist es nicht so? Habe ich nicht das Schlagwort für Männer aller Art abgeben müssen? Haben nicht Toren, Wüstlinge, Knaben und alte Gecken mit mir gespielt, und einer um den andern trat wieder zurück, weil Ihr mit aller Eurer Klugheit Euch zu plump benahmt – ja, und zu wahr auch mit allen jenen unaufrichtigen Vorspiegelungen – bis wir zuletzt fast allenthalben verschrien wurden? Bin ich nicht der Zügellosigkeit des Blickes und der Berührung preisgegeben worden« – fuhr sie mit blitzenden Augen fort – »an fast allen Sammelplätzen der Gesellschaft, die auf der Karte Englands zu finden sind? Wurde ich nicht da und dort verhökert und verkauft, bis der letzte Funke von Selbstachtung in mir erstarb und ich mir selbst zum Ekel war? Ist dies meine späte Kindheit gewesen? denn eine frühe kannte ich nicht. Ha, widersprecht mir das von allen Nächten meines Lebens nur nicht in der heutigen!«

»Du hättest wenigstens schon zwanzigmal gute Partien treffen können, Edith«, versetzte die Mutter, »wenn du dich ermutigender benommen haben würdest.«

»Nein! Wer den Abfall haben will, der ich bin und der ich zu sein verdiene«, erwiderte sie, indem sie den Kopf aufrichtete und in der Fülle ihrer Scham und ihres stürmischen Zornes erzitterte, »soll mich haben, wie dieser Mann, ohne daß von meiner Seite eine Kunst sternchenland.com aufgeboten wird, um ihn zu verlocken. Er sieht mich in der Versteigerung und meint, es sei ganz passend, mich zu kaufen. Also schön! Da er kam, um mich in Augenschein zu nehmen und dann vielleicht sein Angebot zu machen, wollte er sich zuerst von der ganzen Liste meiner Eigenschaften überzeugen. Ich gab sie ihm. Verlangt er, daß ich ihm eine davon zeige, um den Kauf vor seinen Dienern rechtfertigen zu können, so soll er sagen, welche er fordert, und ich entspreche seinem Geheiß. Weiter will ich nichts tun. Er schließt den Handel aus freiem Willen und nach eigener Würdigung von dem Wert des zu Erstehenden in dem Vertrauen auf die Gewalt seines Geldes. Gebe Gott, daß er sich nicht täuschen möge. Ich habe nicht geprahlt und ihm die Ware aufgedrängt; auch von Euch ist es nicht geschehen, so weit es mir möglich war, Euch daran zu hindern.«

»Du sprichst heute seltsam mit deiner Mutter, Edith.«

»So scheint es mir – für mich wohl noch seltsamer, als für Euch«, erwiderte Edith. »Aber meine Erziehung ist schon längst beendigt. Ich bin jetzt zu alt und allmählich zu tief gesunken, um eine neue Bahn einzuschlagen, Euch in der Eurigen Einhalt zu tun und mir selbst zu helfen. Der Keim von allem, was ein weibliches Herz reinigt und es wahr und gut macht, hat in dem meinigen nie sein Leben gezeigt, und es bleibt mir nichts anderes, um mich aufrechtzuerhalten, als die Selbstverachtung.« Eine rührende Wehmut lag in ihrer Stimme, als sie dies sprach; aber sie entschwand schnell wieder, als Edith mit stolz aufgeworfener Lippe fortfuhr: »Da wir in vornehmer Armut leben, so füge ich mich darein, durch solche Mittel zu Reichtum zu gelangen, und ich sage nichts weiter, als daß ich den einzigen Entschluß, den ich an der Seite meiner Mutter zu bilden die Kraft hatte, zur Ausführung brachte. Ich habe diesen Menschen nicht verlockt.«

»Diesen Menschen?« entgegnete die Mutter. »Du sprichst, als ob du ihn hastest.«

»Und Ihr habt wohl geglaubt, daß ich ihn liebe?« entgegnete Edith, in ihrem Gang durch das Zimmer haltmachend und sich nach ihr umsehend. »Soll ich Euch sagen«, fuhr sie, die Augen fest auf ihre Mutter gerichtet, fort, »wer uns bereits vom Grund aus kennt, uns vollkommen richtig sieht, und vor dem ich sogar weniger Selbstachtung oder Vertrauen besitze als vor meinem eigenen Innern, weil mich diese seine Kunde von meinem Ich so tief herabwürdigt?«

»Vermutlich soll dies ein Angriff sein«, erwiderte ihre Mutter mit Kälte, »auf den armen unglücklichen – wie heißt er doch – Mr. Carker! Dein Mangel an Selbstachtung und Vertrauen, meine Liebe, in Beziehung auf diesen Mann, der mir sehr angenehm vorkommt, wird wahrscheinlich nicht viel Einfluß üben auf deine Versorgung. Warum siehst du mich so an? Bist du unwohl?«

Ediths Gesicht erblaßte plötzlich wie unter einem tiefen Schmerz, und während sie die Hand auf ihre Stirne drückte, bebte ein heftiges Zittern über ihren ganzen Körper. Das war jedoch schnell vorüber, und sie verließ mit ihrem gewöhnlichen Schritte das Zimmer.

Das Kammermädchen, das die Stelle des Sensenmannes so gut vertreten haben würde, trat nun wieder ein, reichte ihrer Gebieterin, die mit dem falschen Zauber auch ihr ganzes früheres Wesen abgelegt zu haben und mit dem Flanellgewand die Lähmung des Alters aufgenommen zu haben schien, den einen Arm, umfaßte mit dem anderen die Asche Kleopatras und trug sie zur Auferstehung am andern Morgen von hinnen.

  1. Beß ist Abkürzung für Elisabeth (Königin von England, 1558-1603, Tochter Heinrichs VIII.)
  2. König Heinrich VIII., geb. 1491, gest. 1547, war sechsmal vermählt. Er gründete die anglikanische Kirche.
  3. Gemeint ist das aus Walter Scotts Roman berühmt gewordene ehemalige Schloß Kenilworth, das einst Eduard II. zum Kerker diente.

Achtundzwanzigstes Kapitel.


Achtundzwanzigstes Kapitel.

Veränderungen.

»So ist endlich der Tag gekommen, Susanna«, sagte Florence zu der trefflichen Nipper, »der uns zurückbringen soll nach unserer ruhigen Heimat.«

Susanna atmete mit einem Ausdruck, der sich nicht gut beschreiben läßt, tief ein, erleichterte ihre Gefühle noch weiter mit einem kurzen Husten und erwiderte:

»In der Tat sehr ruhig. Miß Florence, ohne Zweifel, im höchsten Grade ruhig.«

»Hast du, als ich noch jünger war«, fuhr Florence nach einem kurzen Nachsinnen gedankenvoll fort, »je den Gentleman gesehen, der sich nun schon dreimal die Mühe nahm, herunterzureiten, um mit mir zu sprechen – ich denke, es war dreimal, Susanna?«

»Ja, dreimal, Miß«, versetzte die Nipper. »Einmal waret Ihr auf einem Spaziergang ausgegangen mit jenen Sket –«

Florence blickte sie sanft an, und Miß Nipper hielt inne.

»Mit Sir Barnet und seiner Lady, wollte ich sagen. Miß, und mit dem jungen Gentleman. Und seitdem wieder an zwei Abenden.«

»Sahst du jenen Gentleman je in unserm Hause, Susanna, als ich noch ein Kind war und Gesellschaft zu kommen pflegte, um den Papa zu besuchen?« fragte Florence.

»Ach, Miß«, entgegnete Susanna, »wenn ich mich auch hin und her besinne, kann ich wahrhaftig doch nicht sagen, daß ich ihn je gesehen hätte. Als Eure liebe arme Ma starb, Miß Florence, war ich, Ihr wißt es ja, noch sehr neu in der Familie, und mein Element« – Miß Nipper warf sich in die Brust, als sei sie der Ansicht, daß ihre Verdienste von Mr. Dombey stets in den Schatten gestellt wurden – »bestand in dem Dachstübchen unter dem Boden.«

»Da konntest du natürlich alle die nicht kennenlernen«, versetzte Florence, noch immer gedankenvoll, »die ins Haus kamen. Ich habe das ganz vergessen.«

»Nein, Miß«, sagte Susanna; »aber wir sprachen viel von der Familie und den Besuchen, und da hörte ich allerlei, obschon die Wärterin vor Mrs. Richards in meiner Gesellschaft allerlei unangenehme Bemerkungen machte und gerne von kleinen Nasenweisen sprach, doch dies konnte nur seinen Grund in der Trunksucht des sternchenland.com armen Geschöpfs haben« – fügte Miß Nipper mit gefaßter Nachsicht bei – »um derentwillen sie das Haus verlassen mußte.«

Florence, die an dem Fenster ihres Gemaches saß, das Gesicht auf ihrer Hand ruhen ließ und zum Fenster hinaussah, war so in Gedanken vertieft, daß sie kaum zu hören schien, was Susanna sagte.

»Jedenfalls erinnere ich mich sehr gut, Miß«, fuhr Susanna fort, »daß der gleiche Gentleman, Mr. Carker, in der guten Meinung Eures Vaters damals fast eben, wo nicht ganz so hoch stand, wie jetzt. Man pflegte zu jener Zeit im Hause zu sagen, Miß, er stehe in der City an der Spitze von allen Angelegenheiten Eures Vaters und verwalte das Ganze, Euer Vater nehme mehr Rücksicht auf ihn, als auf irgend jemanden, was, mit Eurer Erlaubnis, Miß Florence, nicht eben hoch geschworen ist, da er sich um andere Personen gar nicht kümmert. Dies merkte ich wohl, wie sehr ich auch ein Naseweis gewesen sein mag.«

In beleidigtem Hinblick auf die Wärterin vor Mrs. Richards legte Susanna Nipper auf das Wort »Naseweis« einen besonders kräftigen Nachdruck.

»Und daß Mr. Carker nicht in Ungnade geriet, Miß«, sagte sie weiter, »sondern seinen Boden behauptete und stets bei Eurem Vater in Kredit blieb, weiß ich aus dem, was jener Perch, so oft er ins Haus kommt, unter unsern Leuten erzählte. Dabei ist Perch das schwächste Rohr in der Welt, Miß Floy, und niemand kann es auch nur einen Augenblick mit dem Menschen aushalten, indes weiß er doch ziemlich gut, was in der City vorgeht, und er sagt, Euer Vater unternehme nichts ohne Mr. Carker, überlasse alles Mr. Carker, handle stets nach Mr. Carkers Rat und habe Mr. Carker stets an seiner Seite. Deshalb glaube ich auch, dieser schwächste von allen Perchen ist der Ansicht, daß nach Eurem Vater der Kaiser von Indien nur ein neugeborenes Kind sei gegen Mr. Carker.«

Nicht ein Wort dieses Redeschwalls ging an Florence verloren, die, nachdem Miß Nippers Vortrag ihr Interesse geweckt hatte, nicht länger zerstreut ins Freie hinausschaute, sondern nach ihrer Gefährtin zurückblickte und ihr aufmerksam zuhörte.

»Ja, Susanna«, sagte sie, nachdem diese junge Dame zum Schluß gekommen war, »es kann nicht fehlen, daß er ein Freund meines Papas ist und in dessen Vertrauen steht.«

Florences Geist hatte sich schon seit einigen Tagen viel mit diesem Gegenstand beschäftigt. Bei Gelegenheit der zwei Besuche, die jenem ersten folgten, hatte sich Mr. Carker eine Vertraulichkeit gegen sie herausgenommen – ein gewisses Recht, den Geheimnisvollen zu spielen, indem er ihr sagte, daß von dem Schiff noch immer keine Nachrichten eingelaufen – eine Art milder verhaltener Gewalt und Autorität über sie, die sie in Erstaunen setzte und ihr nicht wenig Unruhe bereitete. Sie hatte nicht die Mittel, diese Aufdringlichkeit zurückzuweisen oder sich von dem Gewebe zu befreien, das er allmählich um sie spann; denn einer solchen Annäherung zu begegnen, wären Schlauheit und Weltkenntnis erforderlich gewesen, die Florence sternchenland.com abgingen. Allerdings hatte er nichts weiter zu ihr gesagt, als daß keine Neuigkeiten von dem Schiff eingelaufen seien und er darum das Schlimmste fürchte; aber wie konnte er wissen, daß sie sich für das Schiff interessierte. Welches Recht aber hatte er, seine Kunde davon ihr so schleichend und rätselhaft mitzuteilen? Das waren Umstände, die Florence sehr beunruhigten.

Mr. Carkers Benehmen und die Tatsache, daß Florence so oft staunend und besorgt sich Gedanken darüber machte, begannen dem Geschäftsführer in den Augen des armen Mädchens einen unheimlichen Zauber zu verleihen. Wenn sie sich sein Gesicht, seine Stimme und sein Wesen, das sie bisweilen vor sich heraufbeschwor, vergegenwärtigte und seine Persönlichkeit durch eine andere ihr liebevolle Gestalt zu überwinden suchte, war jener schattenhafte Eindruck nicht zu beseitigen. Und doch war sein Gesicht nie finster. Er blickte sie nie mit der Miene der Abneigung oder Feindseligkeit an, sondern benahm sich stets heiter und lächelnd.

Wenn dann Florence wieder auf den Entschluß zurückkam, den sie ihrem Vater gegenüber gefaßt hatte, und sie sich vorhielt, daß die zwischen ihnen bestehende Entfremdung, freilich ohne ihre Absicht, in ihr selbst begründet sei, so fiel der Gedanke nunmehr doppelt ins Gewicht, dieser Gentleman sei sein vertrauter Freund. Sie fragte sich mit klopfendem Herzen, ob nicht das in ihrem Innern kämpfende Gefühl der Abneigung und Furcht ein Teil jenes Unglücks sei, das ihr die Liebe des Vaters geraubt und sie so einsam in die Welt hingestellt hatte. Sie fürchtete, dies möchte der Fall sein, und glaubte es bisweilen sogar. Deshalb beschloß sie, diese ungerechte Gesinnung zu unterdrücken, und überredete sich, in der Aufmerksamkeit eines Freundes ihres Vaters liege eine Ehre und eine Ermutigung für sie, und das Vertrauen, das sie in ihn setze, werde zuletzt ihre wunden Füße über den steinigen Pfad wegführen, der in dem Herzen ihres Vaters endete.

In solcher Weise und allen Rats entbehrend – denn sie konnte sich niemandem gegenüber aussprechen, ohne daß es den Anschein gewann, als wollte sie Klage erheben – trieb sich die arme Florence auf einem stürmischen Meer von Zweifeln und Hoffnungen umher, während Mr. Carker gleich einem schuppigen Ungeheuer der Tiefe unten schwamm und sein funkelndes Auge auf sie geheftet hielt.

Bei alledem hatte Florences einen neuen Grund, sich wieder in die Heimat zu wünschen. Das einsame Leben paßte besser zu dem Strom ihrer scheuen Hoffnungen und Besorgnisse, und bisweilen fürchtete sie, daß durch ihre Abwesenheit irgendein verheißungsvoller Zufall, dem Vater ihre Liebe kundzugeben, versäumt werden könne. Der Himmel weiß, in dieser Beziehung hätte sich das erniedrigte Kind wohl beruhigen dürfen. Aber das verschmähte Herz pochte in ihr, selbst während des Schlafes, flog fort in ihren Träumen und schmiegte sich gleich einem zurückkehrenden Zugvogel an die väterliche Brust.

Auch an Walter dachte sie oft – ach, wie oft, wenn in düsteren sternchenland.com Nächten der Wind um das Haus brauste. Aber die Hoffnung lebte kräftig in ihrem Innern. Selbst bei Erfahrungen wie den ihrigen wurde es einer warmen jugendlichen Seele schwer, der Vorstellung Raum zu geben, Jugend und Feuer könnten erlöschen wie eine schwache Flamme und der helle hoffnungsstarke Tag sich mitten auf seiner Lebenshöhe zur Nacht umwandeln. Zwar vergoß sie häufig Tränen über Walters mutmaßliche Leiden; aber der Gedanke an seinen Tod konnte nur selten und nie für lange in ihrem Innern Boden gewinnen.

Sie hatte dem alten Instrumentenmacher geschrieben; aber sie hatte keine Antwort erhalten, da letztere überhaupt nicht verlangt worden war. So standen die Angelegenheiten an dem Morgen, als Florence freudig den Heimweg antrat, um ihr einsames Leben wieder aufzunehmen.

Doktor und Mrs. Blimber waren in Begleitung ihres nur ungern mitziehenden Pfleglings, des Master Barnet, bereits nach Brighton zurückgekehrt, wo der junge Gentleman mit den übrigen Wallfahrern zum Parnaß ohne Zweifel unablässig beschäftigt war, die Studien wieder aufzunehmen. Die Ferien waren vorüber, die meisten jugendlichen Gäste hatten sich entfernt, und auch Florences langer Besuch nahm jetzt ein Ende.

Es war indessen noch ein anderer Gast zugegen, der zwar nicht im Hause wohnte, aber doch der Familie seine größte Aufmerksamkeit widmete und ihr fortwährend sehr zugetan blieb. Wir meinen niemanden anders als Mr. Toots. Dieser Gentleman hatte vor einigen Wochen die Bekanntschaft wieder aufgenommen, die ihn an jenem Abend, der ihn der Blimberschen Knechtschaft entriß und ihm mit dem Ring am Finger den Aufschwung in die Luft der Freiheit öffnete, so glücklich mit Skettles junior zusammenführte. Man machte regelmäßig jeden zweiten Tag einen Besuch. Bei diesen Gelegenheiten verbrauchte er an der Hallentür ein ganzes Paket Karten, so daß es den Anschein gewann, als sei Mr. Toots in einer Whist-Partie der Ausgeber und der Diener die mitspielende Person.

In der kühnen und glücklichen Idee, die wahrscheinlich ihren Ursprung in dem gärenden Hirn des Preishahns gewonnen, die Familie zu hindern, daß sie sein nicht vergesse, hatte sich Mr. Toots einen sechsruderigen Kutter angeschafft, der von den fahrlustigen Freunden des besagten Preishahns bemannt und von diesem hohen Charakter in Person gesteuert wurde. Der edle Steuermann trug zu diesem Zweck einen hellroten Feuermannsrock und verbarg das blaue Auge, mit dem er stets behaftet war, unter einem grünen Schirme. Vor der Erwerbung dieses Fahrzeugs holte Mr. Toots den Preishahn über einen hypothetischen Fall aus, indem er ihn fragte, wie er wohl das Schifflein nennen würde, wenn es ihm selbst gehörte und er in eine junge Dame, namens Mary, verliebt wäre. Der Preishahn erwiderte unter verschiedenen kräftigen Beteuerungen, daß unter solchen Umständen der Kutter den Namen »Poll« oder »des Preishahns Lust« führen müßte. Auf dieser Idee fortbauend, und sternchenland.com unter Anwendung tiefen erfinderischen Studiums beschloß Mr. Toots, das Fahrzeug »Toots‘ Freude« zu taufen – als zartes Kompliment auf Florence, das nicht wohl jemand, der die beteiligten Personen kannte, mißverstehen konnte.

In seiner wackern Barke auf ein Scharlachpolster ausgestreckt und die Schuhe am Bordsrand trocknen lassend, war Mr. Toots wochenlang Tag um Tag den Fluß heraufgekommen. Bei solchen Gelegenheiten ließ er in der Nähe von Sir Barnets Garten die kunstgerechtesten Schwenkungen ausführen und die »Toots‘ Freude« in so bewunderungswürdiger Weise manöverieren, daß die Uferbewohner in das größte Erstaunen gerieten. So oft er aber jemand in dem bis ans Wasser hinunterlaufenden Garten des Sir Barnet bemerkte, tat er stets, als müsse er infolge einer Verkettung der auffallendsten Umstände daselbst hart am Lande vorbeifahren.

»Wie geht es Euch, Toots?« pflegte ihm Mr. Barnet zuzurufen und winkte vom Rasen aus ihm mit der Hand zu, während der verschmitzte Preishahn scharf uferwärts steuerte.

»Wie geht es Euch, Sir Barnet?« lautete Mr. Toots‘ Antwort. »Wie überraschend, daß ich Euch hier sehe.«

In seiner Schlauheit brauchte Mr. Toots stets die Phrase, als ob nicht Sir Barnets Haus in Flußnähe stände, sondern das, was er sah, irgendein verlassenes Gebäude an den Ufern des Nil oder des Ganges wäre.

»In meinem Leben ist mir nie eine solche Überraschung vorgekommen«, konnte Mr. Toots rufen. – »Ist Miß Dombey da?«

Vielleicht war sie in der Nähe und kam herzu.

»O, Diogenes ist ganz wohl, Miß Dombey«, pflegte dann Mr. Toots zu sagen. »Ich bin heute morgen dort gewesen, um nachzufragen.«

»Ich danke Euch recht sehr«, erwiderte Florences liebliche Stimme.

»Wollt Ihr nicht ans Land kommen, Toots?« nahm vielleicht Barnet das Gespräch wieder auf. »Ihr habt ja keine Eile. Kommt und macht uns einen Besuch.«

»O, es ist nicht von Belang – danke Euch!« konnte Toots errötend entgegnen. »Ich dachte nur, es könnte für Miß Dombey von Interesse sein, dies zu erfahren – das ist alles. Gott befohlen!«

Und der arme Toots, der vor Sehnsucht verging, die Einladung anzunehmen, gab mit blutendem Herzen dem Preishahn das Signal, worauf »Toots‘ Freude« wie ein Pfeil durch das Wasser weiterschoß.

An dem Morgen vor Florences Abreise lag der Kutter im Zustande außerordentlichen Glanzes vor der Treppe zum Garten, und als Miß Dombey aus ihrem Gemach herunterkam, um sich zu verabschieden, fand sie im Besuchszimmer Mr. Toots, der sie erwartete.

»O, wie geht es Euch, Miß Dombey?« begann der junge Gentleman, der, wenn er den sehnlichsten Wunsch seines Herzens, sie sprechen zu können, erreicht hatte, stets schrecklich verlegen war. »Im übrigen – ich bin in der Tat recht wohl und hoffe, bei Euch ist es auch der Fall. Auch bei Diogenes habe ich es gestern so gefunden.« sternchenland.com »Ihr seid sehr gütig«, versetzte Florence.

»Danke Euch, – es ist nicht von Belang«, entgegnete Mr. Toots. »Ich dachte, Ihr hättet vielleicht Lust, bei diesem schönen Wetter die Rückreise zu Wasser zu machen, Miß Dombey. Das Boot hat Platz genug für Euch und Euer Mädchen.«

»Ich bin Euch sehr verbunden«, erwiderte Florence zögernd. »Ich weiß in der Tat – nein, ich will es lieber nicht tun.«

»O, es macht ja nichts«, sagte Mr. Toots. »Guten Morgen!«

»Wollt Ihr nicht ein wenig warten, bis Lady Skettles kommt?« fragte ihn Florence freundlich.

»O nein, danke Euch«, versetzte Mr, Toots, »es macht durchaus nichts.«

So scheu und verwirrt benahm sich Mr. Toots bei derartigen Anlässen! Da jedoch in diesem Augenblicke Lady Skettles eintrat, so wurde er plötzlich von einer wahren Leidenschaft ergriffen, sich nach ihrem Befinden zu erkundigen und seine Hoffnung auszudrücken, daß sie recht wohl sei. Auch konnte er nicht aufhören, ihr die Hand zu reichen, bis Sir Barnet erschien, an den er sich sodann mit der Zähigkeit der Verzweiflung anklammerte.

»Ich kann Euch versichern, Toots«, sagte Sir Barnet mit einem Hinweis auf Florence, »daß wir heute das Licht unseres Hauses verlieren.«

»O, es macht – – ja, freilich etwas aus, wollte ich sagen«, stotterte Toots. »Recht guten Morgen!«

Ungeachtet dieser sehr nachdrücklichen Verabschiedung blieb doch Mr. Toots, statt sich zu entfernen, mit großen Augen stehen und blickte ausdruckslos umher. Um ihm aus seiner Verlegenheit zu helfen, sagte Florence der Lady Skettles unter vielen Dankesbezeugungen Lebewohl und reichte Sir Barnet ihren Arm.

»Meine teure Miß Dombey«, bemerkte Sir Barnet, als er den scheidenden Gast nach dem Wagen hinführte, »darf ich Euch bitten, Eurem lieben Papa meine besten Grüße auszurichten?«

Dieser Auftrag setzte Florence in große Betrübnis, denn es kam ihr vor, als täusche sie Sir Barnet, wenn sie ihn in dem Glauben lasse, eine ihr bewiesene Liebe gelte ebensogut auch ihrem Vater. Da sie jedoch hierüber keine Erklärung geben konnte, so neigte sie bloß das Haupt und dankte ihm. Dabei machte sie sich Gedanken, daß das einsame Haus, wo sie mit solchen Verlegenheiten, die nur ihren Schmerz erhöhen konnten, verschont blieb, die natürlichste und beste Zuflucht sei.

Diejenigen unter ihren neuen Bekannten, die sich noch in der Villa befanden, kamen jetzt aus dem Hause und Garten herbei, um sich von ihr zu verabschieden. Alle hatten sie lieb gewonnen und sagten ihr ein herzliches Lebewohl. Sogar dem Gesinde tat es leid, daß sie ging, und die Dienerschaft sammelte sich jetzt unter Knixen und Verbeugungen um den Kutschenschlag. Florence sah sich unter den freundlichen Gesichtern um. Sir Barnet mit seiner Gattin war zugegen, und in der Ferne bemerkte sie den kichernden Mr. sternchenland.com Toots, der mit großen Augen nach ihr hinschaute. Das erinnerte sie an den Abend, an dem sie mit Paul Doktor Blimbers Anstalt verließ, und als der Wagen abfuhr, war ihr Antlitz feucht von Tränen.

Schmerzliche Tränen, aber zugleich auch Tränen des Trostes, denn jetzt tauchten alle die sanften Erinnerungen wieder in ihr auf, die ihr das öde alte Haus, nach dem sie zurückkehrte, teuer machten. Wie lange erschien ihr nicht der Zwischenraum, seit sie durch die schweigenden Zimmer gewandelt war – seit sie zum letzten Male leise und verstohlen nach dem Gemach ihres Vaters hinuntergeschlichen – seit sie den ernsten, aber doch beschwichtigenden Einfluß des geliebten Toten in jeder Handlung ihres Lebens empfunden hatte! Außerdem erinnerte sie dieser Abschied an ihr Lebewohl von dem armen Walter – an seine Blicke und Worte an jenem Abend, an das liebliche Zusammen von entschlossenem Mut und inniger Zärtlichkeit für die Zurückbleibenden, das sie an ihm bemerkt hatte. Auch seine kleine Geschichte stand im Zusammenhang mit dem alten Haus und verlieh diesem neue Ansprüche an ihr Herz.

Sogar Susanna Nipper fühlte eine mildere Stimmung gegen die Heimat so vieler Jahre, als sie auf dem Rückweg nach ihr hin begriffen waren, und obschon sie dem Düster des Hauses nur strenge Gerechtigkeit widerfahren lassen wollte, konnte sie ihm doch auch viel Nachsicht nicht versagen.

»Ich leugne es nicht, daß ich mich freue, wieder hinzukommen, Miß«, sagte die Nipper. »Das Haus hat zwar nicht viel, dessen es sich rühmen kann; aber ich möchte doch nicht, daß es in Flammen aufginge oder niedergerissen würde.«

»Du wirst froh sein, wieder durch die alten Zimmer gehen zu können – meinst du nicht, Susanna?« versetzte Florence lächelnd.

»Nun, Miß«, entgegnete die Nipper, deren Stimmung immer milder und milder wurde, je näher sie der Wohnung kamen, »ich will das nicht in Abrede stellen, obschon es recht wohl möglich ist, daß ich sie morgen wieder hassen werde.«

Für ihre Person fühlte Florence, daß dort ein größerer Friede zu finden sei als anderswo. Sie konnte ihr Geheimnis weit besser und leichter bewahren, wenn sie es in den hohen düstern Wänden einschloß, als wenn sie es mit sich ins Licht hinausnahm und versuchen mußte, es vor einer Menge glücklicher Augen zu verbergen. Sie konnte in der Einsamkeit dem Studium ihres liebenden Herzens viel mehr obliegen und hatte keine liebenden Herzen um sich her, die entmutigend auf sie wirkten. In dem ruhigen Heiligtum ihrer Erinnerungen konnte sie viel leichter und unbekümmerter hoffen, beten und fortlieben, ob auch alles um sie her moderte, rostete und verfiel. Ein neuer Schauplatz, wie heiter er auch sein mochte, gab ihr keine Gelegenheit dazu. Der alte Zaubertraum ihres Lebens war ihr willkommen, und sie sehnte sich darnach, wieder einmal die alte dunkle Tür hinter sich abschließen zu können.

Während sie mit solchen Gedanken erfüllt war, bog der Wagen in die lange düstere Straße ein. Florence saß nicht auf der Seite, sternchenland.com die ihrem Hause zugekehrt war, und als sie diesem sich hinreichend genähert hatte, blickte sie zu den Fenstern hinaus nach den Kindern über der Straße drüben.

Als sie noch damit beschäftigt war, bewog sie ein Ausruf ihrer Gefährtin, plötzlich zurückzuschauen.

»Gütiger Himmel!« rief Susanna atemlos. »Wo ist denn unser Haus?«

»Unser Haus?« versetzte Florence.

Susanna, die den Kopf aus dem Kutschenfenster zurückgezogen hatte, steckte ihn wieder hinaus, und als der Wagen haltmachte, blickte sie abermals zurück, mit großem Erstaunen ihre Gebieterin ansehend.

Um das ganze Haus her von der Grundmauer an bis zum Dach war ein Labyrinth von Gerüsten aufgeschlagen. Ladungen von Ziegeln und Steinen, Haufen von Mörtel und hohe Holzschichten versperrten auf dieser Seite die halbe Breite und Länge der weiten Straße. An den Wänden lehnten Leitern, an denen Arbeiter auf- und niederstiegen. Auf den Brettern des Gerüstes waren Männer eifrig beschäftigt. Im Innern trieben sich Anstreicher und Dekorateure um. Aus einem Wagen vor der Tür wurden große Rollen von Tapeten abgeladen. Auch ein Tapeziererwagen versperrte den Weg. Durch die offenen und zerbrochenen Fenster der Zimmer war nirgends Möbelwerk zu sehen, und von der Küche unten bis hinauf zur Dachkammer wimmelte es von Arbeitern, die sich mit ihren verschiedenen Arbeitsgeräten umhertummelten. Innen und außen die gleiche Verwirrung. Maurer, Zimmerleute und Gipser – Hämmer, Sägen, Spitzäxte und Mörteltröge – alles zusammen arbeitend in vollem Chor.

Florence stieg aus der Kutsche, halb im Zweifel, ob dies wirklich das rechte Haus sein könne, bis sie Towlinson erkannte, der mit sonnverbranntem Gesichte unter der Tür stand, um sie zu bewillkommen.

»Es ist doch nichts vorgefallen?« fragte Florence.

»O nein, Miß.«

»Ich bemerke, daß hier große Veränderungen vorgehen.«

»Ja, Miß – große Veränderungen«, sagte Towlinson.

Als sei alles nur ein Traum, ging Florence an ihm vorbei und eilte die Treppe hinauf. Durch die lang verdunkelten Besuchszimmer strahlte das grellste Licht. Tritte und Plattformen waren darin angebracht, und auf den erhöhten Plätzen standen Männer mit Papiermützen. Das Porträt ihrer Mutter war samt den übrigen Möbeln fortgeschafft worden, und an der Stelle, wo ersteres gehangen, stand mit Kreide angeschrieben: »Dieses Zimmer in Fächern. Grün und Gold.« Wie die Außenseite des Gebäudes bestand auch das Treppenhaus aus einem Irrgewinde von Pfählen und Brettern, während ein ganzer Olymp von Bleigießern und Glasern in verschiedenen Haltungen an den Hochlichtfenstern lehnten. Das Innere ihres eigenen Gemachs war noch nicht berührt worden, aber außen hatte man Balken und Bretter aufgerichtet, die das Tageslicht ausschlossen. sternchenland.com Sie eilte schnell nach jenem andern Schlafgemach, wo das kleine Bett stand. Ein schwarzer, riesiger Mann mit einer Pfeife im Mund, dessen Kopf mit einem Taschentuch umwickelt war, glotzte zum Fenster herein.

Hier fand Susanna Nipper ihre Gebieterin, die sie aufgesucht hatte, und sagte zu ihr, ob sie nicht zu ihrem Papa hinuntergehen wolle, da dieser sie zu sprechen wünsche.

»Er ist zu Haus und wünscht mich zu sprechen?« rief Florence zitternd.

Susanne, die noch viel verwirrter war als ihre Gebieterin, wiederholte ihren Auftrag, und Florence eilte blaß und aufgeregt ohne Zögern wieder hinunter. Auf dem Wege dachte sie, ob sie es wohl wagen dürfe, ihn zu küssen. Ihr sehnendes Herz antwortete auf diese Frage mit Ja.

Ihr Vater hätte dieses Herz pochen hören können, als es in seine Nähe kam. Ein einziger Augenblick, und es würde an seiner Brust geschlagen haben.

Aber er befand sich nicht allein. Es waren zwei Damen zugegen, und Florence hielt inne. Sie rang einen so schweren Kampf mit der Erregung ihres Innern, daß sie ohnmächtig zu Boden gesunken sein würde, wenn nicht ihr unvernünftiger Freund Di hereingestürmt wäre und sie mit seinen Liebkosungen bewillkommnet hätte. Über diesen ungebetenen Gast stieß eine der Damen einen leichten Schrei aus, und das lenkte die Aufmerksamkeit Florences von ihr selbst ab.

»Florence«, sagte ihr Vater, indem er seine Hand so steif ausstreckte, daß die Tochter ihm nicht nahen konnte, »wie geht es dir?«

Florence ergriff die Hand mit der ihrigen, drückte sie schüchtern an ihre Lippen und fügte sich geduldig, als er sie wieder zurückzog. Diese Hand hätte nicht kälter eine Tür zudrücken können, als sie das arme Mädchen berührte.

»Was ist das für ein Hund?« fragte Mr. Dombey mißvergnügt.

»Es ist ein Hund, Papa – – von Brighton.«

»Schon gut!« versetzte Mr. Dombey, und eine Wolke ging über sein Gesicht; denn er verstand sie.

»Er ist ein sehr gutmütiges Thier«, sagte Florence, sich mit ihrer natürlichen Anmut und Milde an die beiden fremden Damen wendend, »und freut sich nur, mich zu sehen. Ich bitte für ihn um Verzeihung.«

Der Austausch der Blicke belehrte sie, daß die sitzende Dame, die geschrien hatte, alt und die andere, die neben ihrem Vater stand, sehr schön und von eleganter Gestalt war.

»Mrs. Skewton«, sagte der Vater, sich an die erstere wendend und seine Hand ausstreckend, »dies ist meine Tochter Florence.«

»Wahrhaftig ganz bezaubernd«, bemerkte die Dame, von ihrem Augenglas Gebrauch machend. »So natürlich! Meine herzige Florence, Ihr müßt mich küssen, wenn Ihr so gut sein wollt.«

Nachdem Florence dieser Aufforderung entsprochen hatte, wandte sie sich an die andere Dame, an deren Seite ihr Vater stand.

»Edith«, sagte Mr. Dombey, »dies ist meine Tochter Florence. Florence, diese Dame wird bald deine Mama sein.«

Florence fuhr zusammen und blickte zu dem schönen Gesicht auf. Sie tat dies unter einem Widerstreit von Erregungen, in denen die Tränen, die dieser Name weckte, für einen Augenblick mit Überraschung, Teilnahme, Bewunderung und einer unbestimmten Furcht kämpften.

»O, Papa, mögt Ihr glücklich sein – sehr glücklich Euer ganzes Leben lang!« rief sie endlich und sank weinend der Dame an die Brust.

Es folgte ein kurzes Schweigen. Die schöne Dame, die anfangs nicht recht zu wissen schien, ob sie Florence entgegenkommen sollte oder nicht, hielt das Mädchen an ihrer Brust fest und drückte die sie umschlingende Hand, als wolle sie Florence ermutigen und trösten. Kein Wort glitt über ihre Lippen. Sie beugte sich zu Florence nieder und küßte sie auf die Wange, ohne jedoch zu sprechen.

»Wollen wir durch die Zimmer gehen und nachsehen, welche Fortschritte unsere Arbeiter machen?« fragte Mr. Dombey. »Gestattet mir, bitte, meine teure Madame.«

Mit diesen Worten bot er Mrs. Skewton seinen Arm. Diese hatte fortwährend Florence durch ihr Glas gemustert, als vergegenwärtige sie sich, was aus dem Mädchen werden könne, wenn demselben – ohne Zweifel aus ihrem eigenen, reichlich versehenen Vorratshaus – ein wenig mehr Herz und Natur eingegossen würde. Florence schluchzte noch immer an der Brust der jungen Dame und hielt sich an ihr fest, als man Mr. Dombey in dem Unterhaltungsraum sagen hörte:

»Wir wollen Edith fragen. Aber wo bleibt sie denn?«

»Edith, meine Liebe«, rief Mrs. Skewton, »wo bist du? Ich weiß, sie wird sich irgendwo nach Mr. Dombey umsehen. Wir sind hier, meine Liebe.«

Die schöne Dame ließ Florence los, drückte hastig noch einen Kuß auf ihr Antlitz und eilte fort, um sich den beiden anzuschließen. Florence blieb glücklich und bekümmert, freudig und in Tränen, allezumal, ohne daß sie wußte, wie dies kam, auf derselben Stelle stehen, bis ihre neue Mama zurückkehrte und sie wieder in ihre Arme nahm.

»Florence«, sagte die Dame rasch, indem sie ihr mit großem Ernst ins Gesicht sah, »du wirst gewiß nicht damit anfangen, daß du mich hassest?«

»Daß ich Euch hasse, Mama?« rief Florence, indem sie den Arm um ihren Hals schlang und den Blick mit Innigkeit erwiderte.

»Still! Fange damit an, daß du gut von mir denkst«, sagte die schöne Dame. »Glaube, daß ich versuchen will, dich glücklich zu machen, und daß ich darauf vorbereitet bin, dich zu lieben. Florence, Gott sei mit dir. Wir werden uns bald wiedersehen. Lebe wohl! Du darfst jetzt nicht hier bleiben.«

Sie drückte sie aufs neue an die Brust – ihre Worte waren sternchenland.com sternchenland.com zwar hastig, aber fest gewesen – und Florence sah, daß sie zu den andern in das nächste Zimmer zurückkehrte.

Florence begann jetzt der Hoffnung Raum zu geben, sie werde von ihrer neuen schönen Mama lernen können, wie sie die Liebe ihres Vaters gewinnen müsse. Als sie die erste Nacht wieder in ihrer alten Heimat schlief, lächelte ihre eigene Mama mit leuchtendem Antlitz dieser Hoffnung zu und segnete sie. Arme träumende Florence!

Zweiundzwanzigstes Kapitel.


Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Wie Mr. Carker, der Geschäftsführer, ein kleines Geschäft betreibt.

Mr. Carker, der Geschäftsführer, saß so geschmeidig und glatt wie gewöhnlich an seinem Schreibpult und las die Briefe, die ihm zum Öffnen vorbehalten geblieben waren, indem er gelegentlich, je nachdem es ihr Inhalt verlangte, Notizen auf ihre Rückseiten schrieb und sie dann in kleine Haufen abteilte, damit diese an die verschiedenen Departements des Hauses abgegeben werden könnten. Die Post war am Morgen sehr schwer gewesen, und Mr. Carker, der Geschäftsführer, hatte viel zu tun.

Die allgemeine Haltung eines so beschäftigten Mannes, der einen Bündel Papiere in der Hand hat, sie in verschiedene Haufen verteilt, ein anderes Paket aufnimmt, mit zusammengekniffenen Brauen und aufgeworfenen Lippen den Inhalt untersucht, ausgibt, sortiert und zwischendurch nachdenkt, könnte leicht an die eines Kartenspielers erinnern. Das Gesicht Mr. Carkers, des Geschäftsführers, stand im vollen Einklang mit einer derartigen Vorstellung. Es war das Gesicht eines Mannes, der schlau sein Spiel studierte, alle starken und schwachen Punkte desselben genau kannte, seine Karten im Geiste genau nach ihrem Werte ordnete und verschmitzt genug war, die Blätter der andern Spieler zu entdecken, ohne daß er je die in seiner eigenen Hand verriet.

Die Briefe waren in verschiedenen Sprachen geschrieben; aber Mr. Carter, der Geschäftsführer, las sie alle. Wäre in dem Bureau von Dombey und Sohn etwas gewesen, das er nicht lesen konnte, so würde in dem Spiel eine Karte gefehlt haben. Er las fast mit einem Blicke, und kombinierte in schnellem Verlauf einen Brief mit dem andern, ein Geschäft mit dem andern, in solcher Weise dem Häuflein neuen Stoff zufügend – gerade so wie ein Mensch, der die Karten vom Ansehen kennt und im Geiste seine Rechnungen macht, sobald er sie aufgenommen hat. Etwas zu schlau für einen Partner und viel zu schlau für einen Gegner, saß Mr. Carker, der Geschäftsführer, in den Strahlen der Sonne, die schräg durch das Oberlicht der Fenster auf ihn niederfielen, um seinem Spiel allein zuzusehen.

Und obschon es nicht zu dem Instinkt der wilden oder in Häusern wohnenden Katzenzunft gehört, mit Karten zu spielen, war doch Mr. Carker, der Geschäftsführer, katzenartig vom Wirbel bis zur Zehe, während er sich in dem Streifen Sommerlicht wärmte, das auf seinen Tisch und den Boden fiel, als wären letztere eine gebrochene Sonnenuhr und er die einzige Zahl darauf. Mit Haar und Backenbart, die zu allen Zeiten der Farbe ermangelten, nie aber mehr dem Felle einer gelbfleckigen Katze ähnlich, als in dem reichen Sonnenschein, – mit langen, sauber beschnittenen und geschärften Nägeln, mit einem natürlichen Widerwillen gegen jeden Schmutzflecken, der ihn bewog, manchmal innezuhalten, die fallenden Sonnenstäubchen zu beobachten und sie von seiner glatten weißen Hand oder der schneeweißen Leinwand sternchenland.com wegzupusten, saß Mr. Carker, der Geschäftsführer, schlau in seinem Benehmen, mit scharfen Zähnen, leis auftretend, wachsamen Auges, mit glatter Zunge, grausamen Herzens und pünktlich aus Gewohnheit, in geleckter Beharrlichkeit und Geduld an seiner Arbeit, als ob er vor einem Mauseloch lauere. Endlich waren die Briefe abgefertigt, einen einzigen ausgenommen, den er für eine besondere Audienz zurücklegte. Nachdem er die vertraulichere Korrespondenz in ein Schubfach eingeschlossen hatte, läutete er mit seiner Klingel.

»Warum kommst du?« waren die Worte, mit denen er seinen Bruder empfing.

»Der Laufbursche ist unterwegs, und ich bin der nächste«, lautete die unterwürfige Antwort.

»Du der nächste!« murmelte der Geschäftsführer. »Ja! sehr ehrenvoll für mich! Da!«

Er deutete dabei auf den Haufen geöffneter Briefe und wandte sich in seinem Armstuhl verächtlich ab, um das Siegel des Schreibens zu erbrechen, das er noch in seiner Hand hielt.

»Es tut mir leid, dich behelligen zu müssen, James«, sagte der Bruder, sie aufnehmend, »aber – –«

»O, du hast etwas zu sagen. Ich dachte mir’s. Nun?«

Mr. Carker, der Geschäftsführer, erhob seine Augen nicht, um sie auf seinen Bruder zu richten, sondern ließ sie auf dem Briefe haften, obschon er ihn nicht öffnete.

»Nun?« wiederholte er mit Schärfe.

»Ich bin unruhig wegen Harriet.«

»Welcher Harriet? was für einer Harriet? Ich kenne niemand dieses Namens.«

»Sie ist nicht wohl und hat sich in letzter Zeit sehr verändert.«

»Sie hat sich schon vor vielen Jahren sehr verändert«, versetzte der Geschäftsführer. »Weiter kann ich nichts darüber sagen.«

»Ich glaube, wenn du mich anhören würdest –«

»Warum sollte ich dich anhören, Bruder John?« erwiderte der Geschäftsführer, einen sarkastischen Nachdruck auf die beiden letzten Worte legend und den Kopf in die Höhe werfend, obschon er seine Augen nicht aufschlug. »Ich sage dir, Harriet Carker hat schon vor vielen Jahren ihre Wahl getroffen zwischen ihren beiden Brüdern, Vielleicht bereut sie’s, aber sie muß dabei bleiben.«

»Mißverstehe mich nicht. Ich sage nicht, daß sie es bereut. Es wäre schwarzer Undank von mir, wenn ich etwas der Art andeuten wollte«, erwiderte der andere. »Aber glaube mir, James, ihr Opfer tut mir ebenso leid wie dir.«

»Wie mir?« rief der Geschäfteführer. »Wie mir?«

»Ich beklage ihre Wahl – das, was du ihre Wahl nennst – da du darüber zürnst«, sagte der Junior.

»Zürne?« entgegnete der andere und zeigte dabei seine weißen Zähne.

»Oder mißvergnügt bist – wie du willst. Du weißt, was ich sagen will. Es lag nichts Beleidigendes in meiner Absicht.«

»In allem, was du tust, liegt Beleidigung«, erwiderte der Bruder, plötzlich finster nach ihm hinschauend, obschon unmittelbar darauf ein noch weiteres Lächeln folgte, als das letzte. »Sei so gut, diese Papiere fortzunehmen. Ich habe zu tun.«

Seine Höflichkeit war um so viel schneidender als sein Zorn, daß sich der Junior nach der Tür begab. Dort aber machte er noch einmal halt, sah sich um und sagte:

»Als Harriet es vergeblich versuchte, bei deinem ersten gerechten Unwillen und meiner ersten Schmach ein Fürwort für mich einzulegen – als sie dich verließ, James, um meinem Unglück zu folgen und sich in mißverstandener Liebe einem zugrunde gerichteten Bruder zu weihen, weil er ohne sie niemand hatte und verloren gewesen wäre, war sie jung und hübsch. Ich meine, ich könne sie jetzt noch sehen. Wenn du sie besuchen wolltest, so würde sie deine Bewunderung und dein Mitleid erregen.«

Der Geschäftsführer senkte den Kopf und zeigte seine Zähne, als wolle er als Antwort auf ein unbedeutendes Gerede sagen: »Ach, Himmel, ist’s möglich?« aber es kam keine Silbe über seine Lippen.

»Du und ich, wir beide dachten damals, sie werde jung heiraten und ein glückliches frohes Leben führen können«, fuhr der andere fort. »O, wenn du wüßtest, wie freudig sie auf alle diese Hoffnungen verzichtete, wie getrost sie auf dem gewählten Pfade fortging, ohne auch nur ein einziges Mal zurückzuschauen, so könntest du nicht wieder sagen, ihr Name sei fremd in deinen Ohren. Nein, gewiß nicht!«

Wieder senkte der Geschäftsführer den Kopf, zeigte seine Zähne und schien zu sagen: »In der Tat merkwürdig! Du setzt mich in Erstaunen!« Doch abermals verlautete kein Wort.

»Darf ich weitergehen?« fragte John Carker mild.

»Auf deinem Wege?« versetzte der Bruder lächelnd. »Wenn du die Güte haben willst.«

John Carker war im Begriffe, mit einem Seufzer langsam durch die Tür zu schreiten, als ihn die Stimme seines Bruders noch auf der Schwelle zurückhielt.

»Wenn sie so freudig ihren Weg gegangen ist und noch geht«, sagte er, den noch immer ungeöffneten Brief auf das Pult werfend und die Hände fest in seine Taschen steckend, »so kannst du ihr sagen, daß ich ebenso wohlgemut den meinigen verfolge. Hat sie auch nicht ein einziges Mal zurückgeschaut, so magst du ihr bedeuten, ich habe das bisweilen getan, um mir ins Gedächtnis zurückzurufen, wie sie für dich Partei nahm. Meine Entschlüsse sind so fest« – er lächelte jetzt sehr süß – »wie Marmor.«

»Ich sage ihr nichts von dir. Wir sprechen nie von dir. Einmal im Jahr, an deinem Geburtstag, versäumt Harriet nicht, zu sagen: ›Wir wollen uns des Namens James erinnern und ihm Glück wünschen.‹ Weiter reden wir nicht.«

»So sag‘ es meinetwegen dir selbst«, erwiderte der andere. »Du kannst es dir nicht oft genug wiederholen, als eine Lehre, den fraglichen sternchenland.com Gegenstand gegen mich nie zu berühren. Ich kenne keine Harriet Carker. Für mich gibt es keine solche Person, Du magst eine Schwester haben; mache aus ihr, was du willst. Ich habe keine.«

Mr. Carker, der Geschäftsführer, nahm den Brief wieder auf und winkte mit einem Lächeln höhnischer Höflichkeit nach der Tür hin. Der Junior entfernte sich, und er sah ihm eine Weile finster nach; dann drehte er sich wieder in seinem Lehnstuhl, öffnete den Brief und las aufmerksam dessen Inhalt.

Die Handschrift war die seines großen Prinzipals Mr. Dombey und der Brief von Leamington aus datiert. Obschon Mr. Carker mit allen andern Briefen sehr schnell fertig war, las er diesen doch sehr langsam; er erwog jedes Wort, und alle seine Zähne wirkten dabei aufmerksam mit. Nachdem er damit fertig war, fing er wieder von vorn an und beachtete namentlich folgende Stellen: ›Die Veränderung bekommt mir gut, und ich kann noch keine Zeit für meine Rückkehr bestimmen.‹ ›Ich wünsche, Carker, Ihr möchtet es so einrichten, daß Ihr mich einmal hier besucht und mich persönlich über den Geschäftsgang unterrichtet.‹ ›Ich habe vergessen, mit Euch über den jungen Gay zu sprechen. Wenn er noch nicht mit dem Sohn und Erben abgereist ist oder der Sohn und Erbe noch im Dock liegt, so gebt den Auftrag einem andern jungen Menschen und behaltet ihn vorderhand noch in der City. Ich bin noch unschlüssig.‹ »Schade!« sagte Mr. Carker, der Geschäftsführer, und erweiterte seinen Mund, als wäre er aus Gummi-Elastikum, »denn er ist schon weit weg.«

Gleichwohl fesselte diese Stelle, die in der Nachschrift vorkam, noch einmal seine Aufmerksamkeit und seine Zähne.

»Ich glaube«, sagte er, »mein guter Freund, Kapitän Cuttle, erwähnte etwas vom Fortgetautwerden im Kielwasser jenes Tages. Wie schade, daß er so weit weg ist!«

Er legte das Schreiben wieder zusammen, spielte damit, stellte es der Länge und der Breite nach auf den Tisch und drehte es über und über nach allen Seiten – vielleicht mit seinem Inhalt so ziemlich das gleiche vornehmend. Während er noch in diesem Geschäft begriffen war, klopfte Mr. Perch, der Bote, leise an die Tür, kam auf den Zehenspitzen herein, beugte seinen Körper bei jedem Schritt, als ob Verbeugungen die Wonne seines Lebens seien, und legte einige Papiere auf den Tisch.

»Beliebt es Euch, beschäftigt zu sein, Sir?« fragte Mr. Perch, die Hände reibend und ehrerbietig den Kopf auf die eine Seite neigend, wie ein Mann, der fühlt, daß er nicht befugt sei, denselben in einer solchen Gegenwart aufrechtzuhalten, und ihn deshalb so viel als möglich aus dem Weg schaffen möchte.

»Wer will etwas von mir?«

»Ei, Sir«, versetzte Mr. Perch mit sehr sanfter Stimme, »in der Tat niemand, Sir, bei dem sich’s sonderlich der Mühe verlohnte. Mr. Gills, der Schiffs-Instrumentenmacher, Sir, hat vorgesprochen – wegen einer kleinen Zahlung, wie er sagt; aber ich deutete ihm an, Sir, daß Ihr sehr beschäftigt seid.«

Mr. Perch hustete einmal hinter seiner Hand und wartete auf weitere Befehle.

»Sonst niemand?«

»Ich möchte mir nicht die Freiheit nehmen, Sir«, entgegnete Mr. Perch, »zu erwähnen, daß sonst jemand da gewesen sei; aber der gleiche junge Bursche, der gestern und die letzte Woche hier war, Sir, hat um den Platz herum geschlendert, und es sieht schrecklich ungeschäftsmäßig aus, Sir«, fügte Mr. Perch bei, indem er innehielt, um die Tür zu schließen, »wenn man so mitanschauen muß, wie er den Sperlingen im Hof drunten pfeift und sie veranlaßt, ihm zu antworten.«

»Ihr sagtet, er wünsche Beschäftigung – ist’s nicht so, Perch?« fragte Mr. Carker, indem er sich in seinen Stuhl zurücklehnte und den Boten ansah.

»Ei, Sir«, versetzte Mr. Perch, abermals hinter seiner Hand hustend, »er sprach allerdings davon, daß es ihm an Arbeit fehle und er meine, man könne ihm etwas an den Docks zu tun geben, weil er sich auf das Fischen mit der Rute und Leine verstehe: aber –«

Mr. Perch schüttelte sehr bedenklich den Kopf.

»Was sagt er, wenn er kommt?« fragte Mr. Carker.

»Ja, Sir«, entgegnete Mr. Perch mit einem weiteren Husten hinter seiner Hand – seiner gewöhnlichen Zuflucht als einer Demutsäußerung, wenn ihm nichts anderes einfiel – »seine Bemerkung ist in der Regel, daß er untertänigst einen von den Gentlemen zu sehen wünschte, und daß er gerne etwas verdienen möchte. Aber Ihr seht, Sir«, fügte Perch hinzu, indem er seine Stimme zu einem Flüstern ermäßigte und in der Unverletzlichkeit seines Vertrauens sich umwandte, um mit Hand und Knie der Tür einen Stoß zu geben, als ob dann das bereits Geschlossene noch fester schließe, »es ist kaum zu verwinden, daß ein gemeiner Bursche, wie dieser da, spionierend hierher kommt und behauptet, seine Mutter sei die Amme von unseres Hauses jungem Gentleman gewesen, und daß er von unserem Hause hoffe, man werde ihm darum eine Anstellung geben. Gewiß und wahrhaftig«, bemerkte Mr. Perch, »obgleich meine Frau damals ein so kleines Mädchen nährte, als wir nur je mit einem unsere Familie zu vermehren so frei waren, so würde ich mir doch nicht erlaubt haben, eine Bemerkung fallen zu lassen, daß sie fähig sei, Nahrung abzutreten – nein, und wenn’s zehnmal mehr gewesen wäre!«

Mr. Carker grinste nach ihm hin wie ein Haifisch, aber mit einer zerstreuten, gedankenvollen Miene.

»Ob es nicht wohl das beste wäre«, deutete Mr. Perch nach einem kurzen Schweigen und einem weiteren Husten an, »wenn ich ihm sagte, daß man ihn einsperren lasse, falls er sich wieder hier sehen lasse? Was leibliche Frucht betrifft«, fügte er bei, »so bin ich von Natur aus selbst so schüchtern, Sir, und meine Nerven sind durch Mistreß Perchs Zustand so abgespannt, daß ich’s leicht auf mein Gewissen nehmen könnte.«

»Laßt mich diesen Burschen sehen, Perch«, sagte Mr. Carker. »Bringt ihn herein.«

»Ja, Sir. Aber ich bitt‘ um Verzeihung, Sir«, sagte Mr. Perch, indem er an der Tür zögernd stehenblieb–»er ist grob von Aussehen.«

»Gleichwohl. Wenn er da ist, so soll er hereinkommen. Ich will nachher mit Mr. Gills sprechen. Heißt ihn warten!«

Mr. Perch verbeugte sich, schloß die Tür so genau und sorgfältig, als gedenke er, eine Woche auszubleiben, und ging, um die gewünschte Person unter den Sperlingen des Hofs aufzusuchen. Während seiner Abwesenheit nahm Mr. Carker seine Lieblingsstellung vor dem Kamin ein und schaute nach der Tür hin, so daß er, die untere Lippe zu einem Lächeln verzogen, das die ganze obere Zahnreihe zeigte, ein eigentümlich lauerndes Aussehen gewann.

Der Bote ließ nicht lange auf sich warten, und ihm folgten ein Paar schwere Stiefel, die gleich Koffern den Gang entlang polterten. Mit den unzeremoniösen Worten: »Nur herein mit Euch!« – eine sehr ungewöhnliche Einführungsformel von seinen Lippen – brachte nun Mr. Perch einen kräftig gebauten Knaben von Fünfzehn, mit rundem, rotem Gesicht, rundem, glattem Kopf, runden, schwarzen Augen, runden Gliedern und rundem Leib, der außer der allgemeinen Rundung seines Äußeren einen völlig krempenlosen, runden Hut in der Hand trug, zur Tür herein.

Auf einen Wink von Mr. Carker hatte Perch kaum den Burschen vorgestellt, als er sich wieder entfernte. Sobald die beiden sich allein gegenüber standen, faßte Mr. Carker ohne ein Wort der Einleitung denselben bei der Kehle und schüttelte ihn, bis ihm der Kopf von den Schultern zu fallen schien.

Der Knabe konnte sich trotzdem seines Erstaunens nicht erwehren, den Gentleman mit seinen vielen weißen Zähnen, der ihn würgte, und die Bureauwände wild anzuglotzen, als sei er entschlossen, wenn es ihm wirklich ans Leben gehe, so solle doch sein letzter Blick noch den Geheimnissen gewidmet sein, für deren aufdringliche Erspähung er so schwere Strafe erleiden sollte. Endlich brachte er die Worte hervor:

»Ei, Sir, so laßt mich doch los!«

»Dich loslassen!« rief Mr. Carker. »Wie! Ich habe dich jetzt einmal – he?« Ohne Zweifel war die« der Fall, und zwar recht fest. »Du Hund«, fügte Mr. Carker durch die geschlossenen Kiefer sprechend, bei, »ich will dich erdrosseln!«

Die unverhoffte Art dieses Empfangs schlug den Mut Sieders, der sich doch sonst auch aufs Raufen verstand, völlig nieder, und als sein Kopf endlich stationär wurde und er dem Gentleman ins Gesicht oder vielmehr in die Zähne sah, die nach ihm hinkläfften, so vergaß er endlich seine Mannheit so weit, daß er zu heulen begann.

»Ich habe Euch ja nichts getan, Sir«, sagte Sieder, sonst auch Rob oder Schleifer und stets Toodle.

»Du junger Halunke!« entgegnete Mr. Carker, indem er ihn langsam losließ und rücklings wieder in seine Lieblingsstellung zurücktrat, »was soll das heißen, daß du dich unterstehst, hierherzukommen?«

»Ich habe nichts Unrechtes damit gemeint, Sir«, winselte Rob, indem er die eine Hand an den Hals und die Knöchel der andern an seine Augen legte. »Ich will nie wiederkommen, Sir. Ich wollte nur Arbeit.«

»Arbeit, du junger Kain?« wiederholte Mr. Carker, ihn scharf ansehend. »Bist du nicht der faulste Tagedieb in London?«

Die Beschuldigung war zwar sehr kränkend für Mr. Toodle junior, paßte aber so gut auf seinen Charakter, daß er kein Wort der Widerrede vorzubringen wußte; er sah daher den Gentleman mit erschreckter, selbstanklagender und reuevoller Miene an. Wir müssen bemerken, daß Mr. Carkers Anblick so schreckhaft auf ihn wirkte, daß er seine runden Augen keinen Moment von ihm wandte.

»Bist du nicht ein Dieb?« sagte Mr. Carker, dessen Hände in den Hosentaschen staken.

»Nein, Sir«, entgegnete Rob.

»Ja!« sagte Mr. Carker.

»Nein, gewiß nicht, Sir«, sagte Rob schüchtern. »Ihr dürft mir’s glauben, daß ich in meinem Leben nicht gestohlen habe, Sir. Ich weiß zwar, daß ich auf unrechten Wegen ging, Sir, seit ich das Vogelfangen und Wettlaufen anfing. Ein junger Bursch kann freilich denken«, fügte Mr. Toodle junior, mit einem Reueausbruch bei, »daß singende Vögel eine unschuldige Gesellschaft sind; aber niemand weiß, welches Unheil in den kleinen Geschöpfen steckt und wie sie einen herunterbringen können.«

Ihn schienen sie bis auf eine Velpeljacke, sehr abgetragene Hosen, eine besonders kleine rote Weste, die schon einem Brustlätzchen glich, ein darunter hervorsehendes blau kariertes Hemd und auf den erwähnten Hut heruntergebracht zu haben.

»Ich bin nicht zwanzigmal nach Hause gekommen, seit mir’s die Vögel angetan hatten«, sagte Rob, »und das ist jetzt zehn Monate her. Wie kann ich auch in die Heimat gehen, wo alles sich unglücklich fühlt, wenn es mich zu Gesicht kriegt! Ich wundere mich nur«, fuhr Sieder mit einem lauten Weinen fort, indem er sich die Augen mit dem Rockärmel beschmierte, »daß ich mir nicht schon lange das Leben genommen habe!«

Alles das, samt der erstaunten Äußerung, daß das letztere seltene Kunststück nicht gelungen war, sprach der Knabe so, als zögen es Mr. Carkers Zähne aus ihm heraus, und als liege es nicht in seiner Macht, irgend etwas zu verhehlen, solange diese Anziehungsbatterie in voller Tätigkeit war.

»Du bist mir ein sauberes Früchtlein!« sagte Mr. Carker, den Kopf gegen ihn schüttelnd. »Für dich ist Hanf gesät, du feiner Patron!«

»Jawohl, Sir«, erwiderte der unglückliche Sieder, abermals heulend und aufs neue seine Zuflucht zu dem Rockärmel nehmend, »und bisweilen würde ich mich auch nicht darum kümmern, wenn er schon aufgegangen wäre. Mein ganzes Unglück hat mit dem Schwänzen angefangen, Sir; aber was konnte ich auch anderes tun, als schwänzen?«

»Als was?« fragte Mr. Carker.

»Schwänzen, Sir. Die Schule schwänzen.«

»Willst du damit sagen, du habest getan, als gehest du hin, obschon du es unterließest?« fragte Mr. Carker.

»Ja, Sir – das ist schwänzen, Sir«, erwiderte der vormalige Schleifer sehr gedrückt. »Wenn ich hinging, wurde ich durch die Straßen verfolgt, Sir, und war ich dort, so bekam ich Schläge. Deshalb schwänzte ich und verbarg mich irgendwo – und so fing die Sache an.«

»Und du willst mir sagen«, erwiderte Mr. Carker, indem er ihn wieder an die Kehle packte, auf Armeslänge vor sich hinhielt und eine Weile schweigend betrachtete, »daß du einen Platz wünschest?«

»Ich würde es dankbar annehmen, wenn man es mit mir versuchen wollte, Sir«, entgegnete Toodle junior in ersticktem Tone.

Mr. Carker, der Geschäftsführer, drückte ihn rücklings in eine Ecke – der Knabe ließ sich’s ruhig gefallen und wagte kaum zu atmen, ja nicht einmal ein Auge abzuwenden vom Gesicht des Gentleman – und zog die Klingel.

»Sagt Mr. Gills, er solle herkommen.«

Mr. Perch war zu ehrerbietig, um über die Gestalt in der Ecke ein Merkmal der Überraschung oder des Erkennens auszudrücken, und unmittelbar darauf trat Onkel Sol ein.

»Nehmt Platz, Mr. Gills«, sagte Carker mit einem Lächeln. »Wie geht es Euch? Ich hoffe, Ihr erfreut Euch einer guten Gesundheit.«

»Danke, Sir«, versetzte Onkel Sol, sein Taschenbuch herausnehmend und einige Banknoten überreichend. »Meinen Körper belästigt nichts als das Alter. Fünfundzwanzig, Sir.«

»Ihr seid so pünktlich, Mr. Gills, wie einer von Euren Chronometern«, entgegnete der lächelnde Geschäftsführer und nahm aus einem seiner vielen Schubfächer ein Papier heraus, auf dessen Hinterseite er eine Bemerkung verzeichnete, während Onkel Sol ihm über die Schulter zusah. »Ganz richtig.«

»Ich lese in den Seeberichten, Sir, daß der Sohn und Erbe nicht angetroffen worden ist, Sir«, sagte Onkel Sol mit einiger Erhöhung des gewöhnlichen Zitterns in seiner Stimme.

»Dem Sohn und Erben ist keiner begegnet«, versetzte Carker. »Er scheint stürmisches Wetter gehabt zu haben, Mr. Gills, und wurde wahrscheinlich von seinem Kurse abgetrieben.«

»Gebe Gott, daß er in Sicherheit ist«, sagte der alte Sol.

»Ja, gebe es der Himmel!« pflichtete Mr. Carker in jener stimmlosen Art bei, die den aufmerksamen jungen Toodle wieder zittern machte. »Mr. Gills«, fuhr er laut fort, indem er sich in seinen Stuhl zurückwarf, »Ihr werdet wohl Euren Neffen sehr vermissen.«

Onkel Sol, der an seiner Seite stand, nickte mit dem Kopf und seufzte tief auf.

»Mr. Gills«, sagte Carker, seine weiche Hand um den Mund spielen lassend und dem Instrumentenmacher ins Gesicht sehend, »es wäre doch kurzweiliger für Euch, wenn Ihr jetzt einen jungen Menschen sternchenland.com in Eurem Laden hättet, und ich würde es als Gefälligkeit ansehen, wenn Ihr vorderhand einem solchen Quartier geben wolltet. Nein, ich weiß natürlich wohl«, fügte er hastig bei, um dem, was der alte Mann sagen wollte zuvorzukommen, »daß es bei Euch nicht viel zu tun gibt; aber Ihr könnt ihn das Haus fegen, die Instrumente polieren und sonstige geringe Arbeit verrichten lassen, Mr. Gills. Der dort ist der Junge!«

Sol Gills drückte die Brille von der Stirne nach den Augen nieder und betrachtete Toodle junior, der aufrecht in der Ecke stand. Sein Kopf sah, wie es gewöhnlich der Fall war, aus, als sei er frisch aus einem Eimer kalten Wassers gezogen worden, seine kleine Weste hob sich und fiel rasch unter dem Spiel der inneren Erregungen, und seine Augen hafteten unausgesetzt auf Mr. Carker, ohne die mindeste Berücksichtigung des ihm vorgeschlagenen Dienstherrn.

»Wollt Ihr ihm Quartier geben, Mr. Gills?« fragte der Geschäftsführer.

Ohne gerade in Begeisterung zu geraten, erwiderte der alte Sol, er freue sich über jede Gelegenheit, wie gering sie auch sein möge, Mr. Carker einen Gefallen zu erweisen, da ihm dessen Wunsch in einer solchen Sache Befehl sei; der hölzerne Midshipman werde sich glücklich schätzen, einen Gast, den Mr. Carker auserlesen, in sein Berth aufzunehmen.

Mr. Carkers ganzes Zahnfleisch wurde sichtbar, so daß der achtsame Toodle junior nur noch mehr zitterte. Der Geschäftsführer dankte dem Instrumentenmacher für seine Höflichkeit freundlichst.

»Ich will ihn also bei Euch unterbringen, Mr. Gills«, sagte er, indem er aufstand und den alten Mann bei der Hand nahm, »bis ich mich entschlossen habe, was ich mit ihm anfangen will und was er verdient. Da ich durch meine Empfehlung eine Verantwortlichkeit für ihn übernehme, Mr. Gills«, er warf jetzt Rob ein so weites Lächeln zu, daß dieser am ganzen Leibe bebte, »so wird es mir lieb sein, wenn Ihr ihm scharf auf die Nähte geht und über sein Betragen mir Bericht erstattet. Diesen Nachmittag will ich auf meinem Heimwege seinen Eltern, die achtbare Leute sind, einige Fragen vorlegen und über einige Einzelheiten seiner eigenen Angaben weitere Auskunft einholen. Ist das geschehen, Mr, Gills, so will ich ihn morgen früh zu Euch schicken. Gott befohlen!«

Sein Abschiedslächeln war so voll von Zähnen, daß der alte Sol ganz verwirrt wurde und sich nicht recht behaglich dabei fühlte. Er ging jedoch nach Hause und dachte unterwegs an tobende Wellen, scheiternde Schiffe, ertrinkende Menschen, an eine alte Flasche Madeira, die vielleicht nie ans Licht kam, und an andere unheimliche Dinge.

»Jetzt, Bursche«, sagte Mr. Carker, indem er den jungen Toodle an die Schulter faßte und in die Mitte des Zimmers zog – »hast du mich verstanden?«

»Ja, Sir«, lautete Robs Antwort.

»Du begreifst nun vielleicht«, fuhr sein Gönner fort, »daß du, statt hierher zu kommen, in der Tat besser getan hättest, ins Wasser sternchenland.com zu springen, wenn es dir je einfallen sollte, mich zu täuschen oder mir irgendeinen Streich zu spielen.«

Nichts schien Rob klarer zu sein als das.

»Würdest du mich einmal belogen haben, so komm mir nie wieder in den Weg«, sagte Mr. Carker. »Wenn nicht, so warte heute nachmittag in der Nähe des Hauses deiner Mutter auf mich. Ich reite um fünf Uhr von hier weg. Gib mir die Adresse.«

Rob nannte langsam Straße und Hausnummer, die Mr. Carker aufschrieb; auch buchstabierte sie Rob noch einmal durch, als glaube er, das Auslassen eines Striches oder eines Tüpfelchens könnte ihn zugrunde richten. Mr. Perch führte ihn dann zur Tür hinaus, und Rob, der bis zum letzten Moment seine runden Augen nicht von seinem Gönner gewandt hatte, verschwand für eine Weile.

Mr. Carker hatte im Laufe des Tages noch sehr viel zu tun und zeigte verschiedenen Leuten seine Zähne. Im Bureau, im Hof, auf der Straße und auf der Börse glänzten und starrten sie in ihrer ganzen Fülle. Punkt fünf Uhr langte Mr. Carkers Fuchs an. Der Geschäftsführer saß auf und schlug den Weg nach Cheapside ein.

Da um diese Stunde niemand, selbst wenn er Lust dazu hat, leicht schnell durch das Gedränge der City reiten kann, so ließ Mr. Carker sein Tier zwischen den Karren und Wagen hindurch gemächlich im Schritt gehen. Er mied dabei, wo es immer auch war, die feuchten, schmutzigen Plätze der Straße und gab sich ungemein viel Mühe, sich selbst und sein Roß reinzuhalten. Während er so weiterritt und die Vorübergehenden betrachtete, fiel sein Blick plötzlich auf die runden Augen des glattköpfigen Rob, die so fest auf seinem Gesichte hafteten, als hätten sie sich nie von demselben losgelöst, während der Knabe selbst ein Taschentuch, zusammengedreht wie ein gefleckter Aal, um den Leib geknüpft trug und sich augenscheinlich anschickte, seinen Beschützer zu begleiten, mochte dieser nun im Schritt, Trab oder Galopp gehen.

Diese schmeichelhafte Aufmerksamkeit war von so ungewöhnlicher Art und fesselte auch die Aufmerksamkeit der Passanten so, daß Mr. Carker bei erster Gelegenheit eine saubere Straße benutzte und sein Tier zu traben anfangen ließ. Rob tat augenblicklich dasselbe. Mr. Carker ließ sein Roß schärfer ausgreifen, aber Rob verhielt sich auch hier nicht flau. Dann kam ein kurzer Galopp – auch das brachte den Jungen nicht in Verlegenheit. So oft Mr. Carker seine Blicke nach der Wegseite hinüber richtete, sah er Toodle junior stets mit ihm gleichen Schritt halten, ohne daß es denselben anzufechten schien; denn Rob arbeitete sich nach der erprobtesten Weise der Wettläufer mit dem Ellenbogen vorwärts.

Wie lächerlich sich diese Begleitung auch ausnehmen mochte, war sie doch ein Zeichen des über den Knaben gewonnenen Einflusses, und Mr. Carker ritt, wenn er schon nicht dergleichen tat, als ob er darauf achte, in die Gegend von Mr. Toodles Haus. Dort ließ er sein Tier langsamer schreiten, und Rob ging voraus, um ihm den Weg durch die Straßen anzudeuten. Als endlich Mr. Carker einen sternchenland.com an einem benachbarten Tore stehenden Mann herbeirief, der während seines Besuches in den Gebäuden, die an die Stelle von Staggs Gärten getreten waren, das Roß in Verwahrung nehmen sollte, hielt Rob dem absteigenden Geschäftsführer dienstfertig den Steigbügel.

»Nun, Bürschlein«, sagte Mr. Carker, indem er ihn bei der Schulter faßte, »komm mit!«

Dem verlorenen Sohne war es wahrscheinlich nicht sehr wohl zu Mute beim Besuch der elterlichen Wohnung; da ihn aber Mr. Carker vor sich hinschob, so blieb ihm keine andere Wahl, als die rechte Tür zu öffnen und sich in die Mitte seiner Brüder und Schwestern, die in erstaunlicher Anzahl den Teetisch der Familie umstanden, hineinschieben zu lassen. Beim Anblick des Verlorenen, den ein Fremder am Kamisol hatte, brach die ganze zarte Verwandtschaft in ein allgemeines Geheul aus, das Rob durch seine eigene Stimme verstärken half, sobald er in der Mitte der Familie seiner Mutter ansichtig wurde, die den Jüngsten in den Armen hielt und bei seinem Eintritt blaß und zitternd sich erhob.

Fest überzeugt, der Fremde müsse, wenn er nicht Meister Knüpfauf in Person sei, doch zu dessen Gesellschaft gehören, wehklagte die junge Familie nur um so lauter, während die kindlicheren Mitglieder derselben, die die ihrem Alter eigentümlichen Erregungen nicht zu zügeln vermochten, sich wie junge Vögel, wenn sie durch einen Habicht erschreckt werden, auf den Rücken warfen und ungestüm mit den Füßen zappelten. Endlich gelang es der armen Polly, sich Gehör zu schaffen und mit bebenden Lippen zu sprechen:

»Ach, Rob, mein armer Junge, was hast du getan!«

»Nichts, Mutter«, versetzte Rob mit kläglicher Stimme. »Fragt den Gentleman.«

»Ihr braucht nicht zu erschrecken«, sagte Mr. Carker. »Ich habe etwas Gutes mit ihm vor.«

Bei dieser Ankündigung brach Polly, die bisher nicht geweint hatte, in Tränen aus, und die älteren Toodles, die eine Rettung beabsichtigt hatten, öffneten die geballten Fäuste wieder. Die jüngeren Toodles scharten sich um den Schoß ihrer Mutter und sahen unter ihren eigenen runden Armen nach dem banditenmäßigen Bruder und dessen unbekannten Freunde hin. Alles segnete den Gentleman mit den schönen Zähnen, der in so guter Absicht gekommen war.

»Dieser Bursche ist Euer Sohn«, sagte Mr. Carker zu Polly, indem er Rob leicht rüttelte. »Nicht wahr, Ma’am?«

»Ja, Sir«, schluchzte Polly mit einem Knix. »Ja, Sir.«

»Ich fürchte, ein schlimmer Sohn?« fragte Mr. Carker.

»Nie schlimm gegen mich, Sir«, entgegnete Polly.

»Gegen wen sonst?« fragte Mr. Carker.

»Er ist ein bißchen wild gewesen, Sir«, antwortete Polly, den Jüngsten festhaltend, der mit Armen und Beinen strampelte, um sich durch die Luft auf Sieder niederzulassen, »und ist mit schlimmen Kameraden umgegangen. Aber ich hoffe, er hat seinen Fehler eingesehen, Sir, und wird wieder gut werden.«

Mr. Carker betrachtete Polly, das reinliche Zimmer, die reinlichen Kinder und das einfache Toodle-Gesicht, das, das Bild von Vater und Mutter vereint gebend, sich überall um ihn her reflektierte und wiederholte. Der eigentliche Zweck seines Besuches schien erfüllt zu sein.

»Euer Mann ist wohl nicht zu Hause?« fragte er.

»Nein, Sir«, antwortete Polly. »Er ist mit dem Zug fort.«

Der verlorene Rob schien bei dieser Kunde sich sehr erleichtert zu fühlen, obschon seine Geistesfähigkeiten noch immer von seinem Gönner so in Anspruch genommen waren, daß er seine Augen nicht von dessen Gesicht abwandte, wenn er nicht etwa gelegentlich einen Moment erstahl, um der Mutter einen bekümmerten Blick zuzuwerfen.

»So will ich Euch sagen«, fuhr Mr. Carker fort, »wie mir Euer Junge da in den Wurf kam, wer ich bin und was ich für ihn zu tun beabsichtige.«

Mr. Carker tat das in seiner eigenen Art, indem er sagte, er habe sich anfänglich vorgenommen, namenlose Schrecken auf Robs anmaßendes Haupt zu häufen, weil er es wagte, sich in Dombey und Sohns Bereich zu zeigen; aus Rücksicht auf seine Jugend, seine Reue aber habe sich später sein Herz erweicht. Er fürchte zwar, eine Übereilung zu begehen, wenn er sich für den Knaben interessiere, da er sich dadurch leicht den Tadel anderer Menschen zuziehen könne; er tue es übrigens aus freien Stücken und nehme die Verantwortlichkeit auf sich, denn die frühere Beziehung der Mutter zu Mr. Dombeys Familie und Mr. Dombey selbst habe damit durchaus nichts zu schaffen, so daß er, Mr. Carker, in dieser Sache ganz allein die handelnde Person sei. Nachdem er seine gute Absicht ins beste Licht gestellt und von der ganzen anwesenden Familie den wärmsten Dank entgegengenommen hatte, deutete er zwar mittelbar, aber doch ziemlich deutlich an, daß Robs unbedingte Treue und Anhänglichkeit dessen Pflicht der allergeringste Dank sei, den er erwarten könne. Rob fühlte diese große Wahrheit so tief, daß er, mit über die Backen rollenden Tränen seinen Gönner ansehend, heftig mit dem Kopf nickte, bis er fast so wackelig zu sein schien, wie am Morgen unter den Händen des Gentleman.

Polly, die weiß der Himmel wie viele schlaflose Nächte wegen ihres verirrten Erstgeborenen verbracht und denselben seit Wochen nicht mehr gesehen hatte, fühlte sich so ergriffen, daß sie vor Mr. Carker, dem Geschäftsführer, trotz seiner Zähne, wie vor einem guten Geiste hätte niederknien mögen. Da sich jedoch Mr. Carker zum Gehen erhob, so dankte sie ihm nur mit ihren mütterlichen Gebeten und Segenswünschen – ein reicher Dank, wenn er vom Herzen kommt, ja, überreich für alle Dienstleistungen Mr. Carkers, so daß er wohl hätte einen großen Überschuß herauszahlen dürfen.

Als der Geschäftsführer durch den Kinderschwarm zur Tür ging, eilte Rob auf seine Mutter zu und schloß sie und den Jüngsten in die gleiche reuige Umarmung ein.

»Ich will mir jetzt alle Mühe geben, liebe Mutter. Bei meiner Seele, das will ich!« sagte Rob.

»O, tu‘ es doch, mein lieber Sohn! Ich bin überzeugt, du wirst Wort halten, um unserer und deiner selbst willen«, erwiderte Polly, die ihn unter Tränen küßte. »Aber du kommst doch wieder zurück, um mir zu erzählen, wenn du den Gentleman begleitet hast?«

»Ich weiß nicht, Mutter«, versetzte Rob zögernd und schaute zu Boden. »Der Vater – wann kommt er nach Hause?«

»Nicht vor morgen früh um zwei Uhr.«

»So will ich kommen, liebe Mutter!« rief Rob.

Und er eilte durch das schrille Geschrei, mit dem seine Brüder und Schwestern dieses Versprechen aufnahmen, um Mr. Carker zu folgen.

»Wie?« fragte Mr. Carker, der das Abschiedsgespräch mitangehört hatte, »du hast wohl einen schlimmen Vater?«

»Nein, Sir«, versetzte Rob erstaunt, »Es gibt auf der ganzen Welt keinen besseren oder liebevolleren Vater, als der meinige ist.«

»Warum weichst du ihm aus?« fragte ihn sein Gönner.

»Es ist ein mächtiger Unterschied zwischen einem Vater und einer Mutter, Sir«, entgegnete Rob nach einigem Stocken. »Er würde mir kaum glauben, daß ich mich wirklich bessern wolle – obschon ich weiß, daß er’s gerne tun würde; aber eine Mutter – sie glaubt immer, was gut ist, Sir; wenigstens weiß ich das von meiner Mutter, und Gott möge sie dafür segnen.«

Mr. Carkers Mund öffnete sich zum Sprechen; er schwieg jedoch, bis er sein Pferd bestiegen, und den Mann, der es gehalten, entlassen hatte. Dann schaute er aus seinem Sattel scharf auf das achtsame Gesicht des Knaben nieder und sagte:

»Du kommst morgen früh zu mir. Man wird dir dann sagen, wo der alte Gentleman wohnt, der heute morgen bei mir war. Du hast von mir gehört, daß du zu ihm gehen sollst.«

»Ja, Sir«, versetzte Rob.

»Ich nehme großen Anteil an jenem alten Herrn, und wenn du ihm dienst, dienst du mir – hast du mich verstanden? Schon gut«, fügte er bei, denn er sah das runde Gesicht des Knaben bei dieser Frage zur Antwort erglänzen. »Ich sehe, du verstehst mich. Ich will alles von diesem Gentleman erfahren – wie es ihm von Tag zu Tag ergeht; es ist mir angelegentlich darum zu tun, ihm Dienste zu leisten – und ich muß namentlich wissen, wer ihn besucht. Du begreifst?«

Rob neigte das sich nicht von Mr. Carker abwendende Gesicht und sagte – »Ja, Sir.«

»Es wäre mir lieb, wenn ich hörte, daß er Freunde hat, die ihm Aufmerksamkeit erweisen und mit ihm gut sind – denn der arme Mann lebt jetzt sehr verlassen. Deshalb will ich wissen, wer an ihm und seinem Steffen im Ausland Anteil nimmt. Vielleicht kommt eine sehr junge Lady zu ihm auf Besuch. Namentlich über die möchte ich Auskunft erhalten.«

»Ich will Sorge tragen, Sir«, sagte der Knabe.

»Und nimm dich in acht«, erwiderte der Gönner, indem er sein grinsendes Gesicht dem des Knaben näher brachte und ihn mit dem Handgriff seiner Peitsche auf die Schulter klopfte – »nimm dich in acht, daß du über meine Aufträge mit niemand sprichst, als mit mir.«

»Mit niemand in der Welt, Sir«, entgegnete Rob, mit dem Kopf nickend.

»Weder dort«, fuhr Mr. Carker fort, nach dem Platze hindeutend, den sie eben verlassen hatten, »noch sonst irgendwo. Ich will dich auf die Probe stellen, wie treu und dankbar du sein kannst.«

Nach diesen Worten, die durch das Zeigen der Zähne und die Bewegung des Kopfes ebensogut zu einer Drohung als zu einem Versprechen wurden, wandte er sich von Robs Augen ab, die noch immer auf ihm hafteten, als habe er den Knaben mit Leib und Seele durch einen Zauber gewonnen, und ritt weiter. Er war noch nicht weit gekommen, als er bemerkte, daß sein getreuer Knappe, wie zuvor gegürtet, ihm zur großen Belustigung einiger Zuschauer die frühere Aufmerksamkeit schenkte. Das bewog ihn, sein Tier zu zügeln und Rob Gegenbefehl zu erteilen. Um sich zu überzeugen, daß ihm Gehorsam geleistet wurde, drehte er sich im Sattel und sah dem sich Entfernenden nach. Es war merkwürdig, daß selbst jetzt noch Rob seine Augen nicht ganz von dem Gesichte des Reiters abwenden konnte; denn er drehte noch öfter den Kopf herum, um ihm nachzuschauen, und verwickelte sich dadurch in ein wahres Gewitter von Püffen und Stößen, die er von den auf der Straße Laufenden erhielt, ohne aber daß er in der Verfolgung der einen unabweisbaren Idee etwas davon zu verspüren schien.

Mr. Carker, der Geschäftsführer, ritt mit der ruhigen Miene eines Mannes, der die Angelegenheiten des Tages in befriedigender Weise erledigt hat und deshalb sich im Gemüte behaglich fühlt, im Schritt weiter. So selbstgefällig und freundlich, wie es ein Mensch nur sein kann, summte er auf dem Wege durch die Straßen ein Liedchen vor sich hin. Sein Herz schien vor Freude schneller zu schlagen.

Und im Geiste wärmte sich auch Mr. Carker auf einem Herd. Gemächlich zusammengerollt war er bereit zum Springen, zum Kratzen, zum Zerreißen oder zum Samtpfötchen, je nachdem er Laune hatte oder die Gelegenheit sich darbot. Gab es vielleicht einen Vogel in einem Käfig, der seine Blicke auf sich zog?

»Eine sehr junge Dame!« dachte Mr. Carker während seines Liedchens. »Ja, als ich sie das letztemal sah, war sie ein kleines Kind. Ich erinnere mich, mit schwarzen Augen und Locken, und einem schönen Gesicht – einem sehr schönen Gesicht! Sie ist wahrhaftig hübsch.«

Noch freundlicher, behaglicher, und sein Liedchen vor sich hinsummend, bis seine vielen Zähne dazu vibrierten, trieb Mr. Carker sein Pferd weiter und bog endlich in die schattige Straße ein, wo sternchenland.com Mr. Dombeys Haus stand. Er war so geschäftig gewesen, um für schöne Gesichter Gewebe zu stricken und sie mit Maschen zu verdunkeln, daß er kaum daran dachte, das Ende seines Rittes schon erreicht zu haben, und erst als er durch die kalte Perspektive der hohen Häuser hinunter schaute, hielt er einige Schritte vor der Tür rasch sein Pferd an. Um jedoch zu erklären, warum Mr. Carker sein Roß so hurtig zügelte, und was er jetzt mit nicht geringem Erstaunen bemerkte, müssen wir uns eine kleine Abschweifung erlauben.

Sobald Mr. Toots sich aus Blimbers Knechtschaft emanzipiert hatte und in den Besitz eines gewissen Teils seiner irdischen Habe gekommen war, der, wie er während des letzten Halbjahrs seiner Probezeit jeden Abend Mr. Feeder als neue Entdeckung mitzuteilen pflegte, ihm von den Testamentsvollstreckern nicht vorenthalten werden konnte, legte er sich mit großem Fleiß auf die Wissenschaft des Lebens. Von dem edlen Wetteifer beseelt, eine glänzende und ausgezeichnete Laufbahn zu verfolgen, hatte Mr. Toots eine Auswahl von Zimmern möbliert und unter denselben eines mit den Porträts von gewinnenden Rennpferden, die für ihn keine Spur von Interesse hatten, wie auch mit einem Diwan, auf dem es ihm ganz ärmlich zumute wurde, verschönert. In dieser künstlichen Wohnung widmete sich Mr. Toots der Kultur der schönen Künste, die das Dasein verschönern und humanisieren; sein Hauptlehrer darin war ein interessanter Charakter, der Preishahn genannt, der stets in der Schenkstube zum schwarzen Dachs lärmte, im wärmsten Wetter einen weißen Flaus trug, und dreimal wöchentlich für die kleine Entschädigung von zehn Schillingen sechs Pencen per Gang Mr. Toots um die Ohren klopfte.

Der Preishahn, der der eigentliche Apollo von Mr. Toots‘ Pantheon war, hatte bei ihm einen Marqueur eingeführt, der ihn Billardspielen lehrte, einen Leibgardisten, der Fechtstunden gab, einen Wechselreiter, der im Reiten Unterricht erteilte, einen Gentleman aus Cornwales, von dem im athletischen Fach Nutzen gezogen werden konnte, und zwei oder drei andere Freunde, die in die schönen Künste nicht weniger tief eingeweiht waren. Unter solchen Umständen konnte es kaum fehlen, daß Mr. Toots rasche Fortschritte machte, und er säumte nicht, den Unterricht dieser Lehrer bestens auszunutzen.

Wir wissen nicht, wie es kam, aber während sogar diese Gentlemen noch den Glanz der Neuheit für sich hatten, fühlte sich Mr. Toots, ohne sich dafür einen Grund angeben zu können, nicht ganz wohl und behaglich. Es gab Spreu in seinem Korn, die kein Preishahn herauspicken, und düstere Reisebilder vor seiner Phantasie, die nicht einmal ein Athlet niederzuschlagen vermochte. Nichts schien Mr. Toots so wohl zu bekommen, als wenn er stets Karten an Mr. Dombeys Tür abgeben konnte. Kein Steuereinnehmer in den britischen Domänen – das verbreitetste Gebiet, in dem die Sonne nie untergeht, und unablässig der Steuereinnehmer auf den Beinen sternchenland.com ist – war so regelmäßig und beharrlich in seinen Besuchen, wie Mr. Toots.

Mr. Toots ging nie die Treppe hinauf, sondern verrichtete stets dieselbe Zeremonie, für die er sich reich herausputzte, an der Flurtür.

»Ah, guten Morgen«, lautete regelmäßig seine erste Bemerkung gegen den Diener. »Für Mr. Dombey« die zweite, indem er eine Karte abgab – »für Miß Dombey« die nächste, gleichfalls von einer Karte begleitet.

Mr. Toots wandte sich dann um, als ob er gehen wolle; aber der Diener kannte ihn zu gut und wußte, daß er das nicht tun würde.

»O, ich bitte um Verzeihung«, sagte Mr. Toots, als sei ihm plötzlich ein Gedanke gekommen. »Ist die junge Kammerfrau zu Hause?«

Der Diener glaubte es, wußte es aber nicht genau, deshalb zog er an einer aufwärts gehenden Klingel und schaute die Treppe hinauf. Dann pflegte er zu sagen, ja sie sei zu Haus und komme eben herunter. Miß Nipper erschien dann, und der Diener entfernte sich.

»Ah, wie geht es Euch?« fragte dann Mr. Toots stockend, indem er leicht errötete.

Susanna dankte ihm und erwiderte:

»Ganz gut.«

»Was macht Diogenes?« lautete Mr. Toots‘ zweite Frage.

Er hielt sich in der Tat recht gut. Miß Florence liebte ihn mit jedem Tage mehr. Mr. Toots versäumte nicht, diese Meldung mit einem Ausdruck von Kichern zu begrüßen, ähnlich dem, wenn eine Flasche mit schäumendem Getränk geöffnet wird.

»Miß Florence ist ganz wohl, Sir«, fügte Susanna meistens bei.

»O, es ist nicht von Belang – danke Euch«, lautete dann unabänderlich die Erwiderung des Mr. Toots, der sich alsbald schnell auf die Beine machte.

Nun ist gewiß, daß Mr. Toots eine Art Nebel in seinem Kopf hatte, der ihn zu der Folgerung führte, wenn er im Laufe der Zeit erfolgreich die Hand von Florence anstreben könnte, so dürfte er sich für den glücklichsten Menschen halten. Ferner hat es seine Richtigkeit, daß er auf einem weiten Umwege bis zu diesem Punkt gekommen und hier stehengeblieben war. Sein Herz fühlte sich verwundet und schmolz zusammen; er war verliebt. Einmal des Nachts hatte er in dem verzweifelten Versuch, ein Gedicht auf Florence zu schreiben, bis zum Morgen gesessen und sich damit bis zu Tränen gerührt, obschon er in der Ausführung nie mehr als die Worte zustande brachte: »Für dich, Geliebte«; denn die im voraus niedergeschriebenen sieben andern Anfangsbuchstaben verwirrten den Flug seiner Einbildungskraft dermaßen, daß er keine Silbe weiter zu finden wußte.

Außer der Erfindung jener schlauen und politischen Maßregel, täglich für Mr. Dombey eine Karte abzugeben, wußte Mr. Toots‘ Gehirn zur Annäherung an den Gegenstand, der seine Gefühle gefangen sternchenland.com hielt, nichts zu ersinnen, bis er endlich nach tiefer Erwägung zu der Überzeugung kam, ein wichtiger Schritt vorwärts sei, wenn er sich in Miß Susanna Nippers Gunst einschleiche und sodann dieser Dame einen Wink über den Zustand seines Gemüts gebe.

Einige leichte, scherzhafte Aufmerksamkeiten gegen Miß Nipper schienen ihm da« beste Mittel zu sein, um sie für seinen Plan zu gewinnen. Da er jedoch mit sich selber nicht einig werden konnte, so befragte er den Preishahn, ohne jedoch diesen Gentleman ins Vertrauen zu ziehen, indem er ihm bloß andeutete, ein Freund aus Yorkshire habe sich brieflich von ihm (Mr. Toots) eine Auskunft über einen derartigen Fall erbeten. Der Preishahn antwortete, seine Losung sei stets: »Wagen gewinnt«, und meinte noch weiter: »Habt Ihr Euern Mann vor Euch und wißt Ihr, was zu tun ist, so geht hin und tut es.« Mr. Toots meinte, das unterstütze auch seine Meinung von der Sache, und faßte den heldenmütigen Entschluß, am andern Tag Miß Nipper zu küssen.

Tags darauf ließ sich Mr. Toots mit dem größten Wunder der Schneiderkunst versehen, das je von der Bude von Burgeß und Komp. gekommen war, und trat mit dem vorerwähnten Anschlag seinen Weg nach Mr. Dombeys Haus an. Je näher er aber dem Schauplatze des Handelns kam, desto mehr schwand ihm der Mut, und obgleich er schon nachmittags um drei Uhr in der Nähe des Hauses angelangt war, wurde es doch sechs Uhr, bis er an die Tür klopfte.

Alles verlief wie gewöhnlich bis zu dem Abschnitte, wo Susanna sagte, ihre junge Gebieterin sei wohl, und Mr. Toots darauf erwiderte, daß das nicht von Belang sei. Statt aber wie sonst gleich einer Rakete von hinnen zu schießen, blieb Mr. Toots nach dieser Bemerkung zu ihrem großen Erstaunen stehen und kicherte.

»Vielleicht wollt Ihr die Treppe hinaufgehen?« fragte Susanna.

»Ei, ja, ich denke, ich will hineinkommen«, versetzte Mr. Toots«.

Statt jedoch die Treppe hinaufzugehen, stürzte der kühne Toots, sobald die Tür geschlossen war, linkisch auf Susanna zu, umarmte dieses schöne Geschöpf und küßte sie auf die Wange.

»Fort mit Euch!« rief Susanna – »oder ich kratze Euch die Augen aus!«

»Nur noch einen!« sagte Mr. Toots.

»Macht, daß Ihr fort kommt!« entgegnete Susanna, indem sie ihm einen Stoß gab. Und noch obendrein so unschuldiges Volk, wie Ihr! Wer wird zunächst anfangen! Geht Eurer Wege, Sir!«

Susanna fühlte sich nicht sehr verlegen, denn sie konnte kaum sprechen vor Lachen; aber Diogenes hörte auf der Treppe das Rascheln von Kleidern an der Wand, ein Scharren von Füßen, und bemerkte durch das Geländer, daß gekämpft werde und eine fremde Kriegsmacht im Hause war. Da ihm nun das nicht gefiel, so eilte er zur Rettung herbei und hatte im Nu Mr. Toots bei den Waden.

Susanna kreischte, lachte, öffnete die Haustür und eilte die Treppe hinunter; der kühne Toots stolperte die Straße hinaus, sternchenland.com sternchenland.com während sich Diogenes an seiner Beinbekleidung festhielt, als seien Burgeß und Komp. Köche, die diesen leckeren Bissen zu einer Festtagslabung für ihn zubereitet hätten. Nachdem der Hund abgeschüttelt war, überkugelte er sich im Staub, stand wieder auf, kreiste um den schwindligen Toots her und schnappte nach ihm. Und all das Getümmel sah Mr. Carker, der in kleiner Entfernung sein Pferd hatte haltmachen lassen, zu seinem großen Erstaunen aus Mr. Dombeys stattlichem Hause herauskommen.

Mr. Carker behielt den unglücklichen Toots noch immer im Auge, während Diogenes hineingerufen und die Tür geschlossen wurde. Der junge Gentleman nahm jetzt seine Zuflucht nach einem nahegelegenen Torweg und verband das zerschlissene Bein seiner Pantalons mit einem kostbaren seidenen Taschentuch, das einen Teil der wertvollen Ausstattung für das heutige Abenteuer gebildet hatte.

»Ich bitte um Verzeihung, Sir«, sagte Mr. Carker, mit dem gewinnendsten Lächeln auf ihn zureitend. »Ich hoffe, Ihr habt keinen Schaden genommen.«

»O nein – ich danke Euch«, versetzte Mr. Toots, sein glührotes Gesicht erhebend; »es ist nicht von Belang.«

Mr. Toots hätte, wenn es tunlich gewesen wäre, gar gerne angedeutet, daß der Schaden ihn empfindlich schmerzte.

»Wenn die Zähne des Hundes ins Fleisch gegangen sind, Sir« – begann Carker mit einer Darstellung seiner eigenen –

»Nein, danke Euch«, sagte Mr. Toots. »Es ist alles recht und gut – danke Euch.«

»Ich habe das Vergnügen, Mr. Dombey zu kennen«, bemerkte Carker.

»Wirklich?« entgegnete Toots errötend.

»Und Ihr erlaubt mir vielleicht«, fuhr Mr. Carker fort, indem er den Hut abnahm, »in seiner Abwesenheit für ihn mein Bedauern und meine Verwunderung auszudrücken, wie dieser Unfall möglich gewesen ist.«

Mr. Toots ist über diese Höflichkeit und über den glücklichen Zufall, sich mit einem Freund von Mr. Dombey zu befreunden, so erfreut, daß er sein Kartenfutteral, das er nie zu benutzen versäumt, wo sich eine Gelegenheit dazu bietet, herauszieht und Mr. Carker seinen Namen und seine Adresse gibt. Letzterer erwidert diese Aufmerksamkeit damit, daß er ihm seine eigene gibt, und so trennen sie sich.

Wie Mr. Carker langsam an dem Haus vorbeireitet, nach dem Fenster hinaufblickt und das sinnige Gesicht hinter dem Vorhang, das nach den Kindern herunterschaut, zu erspähen sucht, kommt der rauhe Kopf des Hundes daneben zum Vorschein, und Diogenes bellt und knurrt ohne Rücksicht auf alle Beschwichtigungsversuche ihm von oben nach, als wolle er auf ihn niederspringen und ihn in Stücke zerreißen.

Wohl gesprochen, Di, so nahe deiner Gebieterin! Belle ihm in sternchenland.com Ermangelung des anderen nur nach – wieder und wieder mit aufgerichtetem Kopf, funkelnden Augen und geiferndem Rachen. Belle nur zu, wie er dahinschleicht! Du hast eine gute Witterung, Di – fass‘, fass‘ die Katze!

Dreiundzwanzigstes Kapitel.


Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Florence ist einsam und der Midshipman geheimnisvoll.

Florence lebte allein in dem traurigen großen Hause. Tag um Tag verging – sie blieb einsam, und die weißen Wände schauten mit leerem Stieren auf sie nieder, als hätten sie eine gorgonenartige Lust, ihre Jugend und Schönheit in Stein zu verwandeln.

Kein verzauberter Platz eines Märchens, mitten im dichtesten Wald eingeschlossen, war je für die Phantasie einsamer und verlassener, als das lauernd in der Straße stehende Haus ihres Vaters in seiner grimmigen Wirklichkeit. Selbst bei Nacht, wenn aus den benachbarten Fenstern die Lichter blinkten, stand es mit seiner spärlichen Beleuchtung da wie ein dunkler Klecks, während es bei Tag ein düsteres Zürnen auf seinem nie lächelnden Gesichte zeigte.

Es standen zwar keine zwei Drachen-Schildwachen davor, die in den Märchen gewöhnlich die gefangene Unschuld hüten müssen; aber außer einem glotzenden Gesicht mit boshaft geöffneten dünnen Lippen, das über den Türbogen alle Kommenden anstarrte, sah man ein ungeheuerliches Phantasiestück von rostigem Eisen über der Schwelle, das sich wie eine versteinerte Laube ausnahm, in Speere und korkzieherartige Spitzen auslief und zu jeder Seite zwei unheilverkündende Löschhörner hatte, als sollte damit gesagt werden: »Wer hier eintritt, lasse das Licht hinter sich!« Auf dem Portal waren keine talismanischen Zeichen eingegraben, aber das Haus hatte ein so vernachlässigtes Aussehen, daß die Knaben, namentlich an der Seitenwand um die Ecke, das Geländer und Pflaster mit Kreide bemalten und Gespenster an die Stalltür zeichneten. Wenn dann Mr. Towlinson die gottlose Jugend verscheuchte, so machte sie zum Dank Porträts von ihm, an denen die Ohren wagerecht unter dem Hut hervorwuchsen. Lärm gab es unter dem Schatten des Daches nicht. Die Blechmusikbande, die einmal in der Woche morgens durch die Straße kam, ließ nie eine Note unter diesen Fenstern ertönen, und alle derartigen Musiken, bis zu der quieksenden, geistesschwachen Drehorgel herunter mit den zitterbeinigen Automatentänzern, die durch sich öffnende Türen hinein- und herauswälzten, wichen wie auf gemeinsamen Antrieb davor zurück, als scheuten sie den hoffnungslosen Platz.

Der Bann, der darauf lag, war giftiger, als derjenige, der verzauberte Häuser für eine Zeitlang in Schlaf legte und sie wieder frisch und unbeschadet erwachen ließ. Die Verödung des Nichtgebrauchs zeigte sich überall in stummer Klarheit. Im Hause sternchenland.com selbst verloren die schwerfällig niederfallenden Vorhänge ihre früheren Falten und gewannen das Aussehen von Leichentüchern. Hekatomben von Möbeln, noch aufgeschichtet und zugedeckt, schrumpften ein wie gefangene, vergessene Menschen und veränderten sich unmerklich. Die Spiegel waren blind vom Hauch der Jahre. Die Farben der Teppiche verschossen und wurden matt, wie die Erinnerung an jene unbedeutenden Vorfälle des Jahres. Tische, die bei ungewohnten Fußtritten zusammenfuhren, knarrten und zitterten. Die Schlüssel rosteten in den Türschlössern. Feuchtigkeit bedeckte die Wände, und mit dem Hervortreten der weiß-grauen Stockflecken schienen die Bilder ins Innere zu kriechen und sich zu verbergen. Schimmel und Moder schlichen sich in den Schränken fort, und ganze Bäume von Pilzen wuchsen in den Kellerecken. Der Staub häufte sich derart an, daß niemand wußte, wie oder woher er kam, und jeden Tag hörte man von Spinnen, Motten und Maden. Auf Entdeckungsreisen ausgezogene schwarze Käfer fand man hin und wieder unbeweglich auf den Treppen oder in einem oberen Zimmer, als wunderten sie sich, wie sie dahin gekommen seien, und nachts begannen die Ratten durch die dunkeln Galerien, die sie hinter dem Getäfel untergruben, zu quieksen und zu scharren.

Die traurige Pracht der Gemächer, die in dem durch die geschlossenen Jalousien einfallenden zweifelhaften Lichte nur unvollkommen sichtbar wurden, stand ganz im Einklang mit dem Gedanken an einen verzauberten Platz – ebenso auch die fleckigen Pfoten der vergoldeten Löwen, die verstohlen unter ihren Umhüllungen hervorlugten – die auf Sockeln stehenden marmornen Büsten, die unheimlich durch ihre Schleier schauten – die Uhren, die nie die Stunde angaben, oder, wenn sie zufälligerweise aufgezogen wurden, falsche Zeiten andeuteten und gespenstische Zahlen schlugen, die nicht auf dem Zifferblatt standen – das gelegentliche Geklimper unter den Hängeleuchtern, das noch schauerlicher tönte als das Geläute von Lärmglocken – träge Luftzüge, die unter diesen Gegenständen umherschlichen, und eine geisterhafte Schar von andern Dingen, die sich vermummt wie auferstandene Leichen ausnahmen. Außerdem war auch noch die große Treppe vorhanden, auf die der Herr des Hauses so selten seinen Fuß setzte und vermittels welcher sein kleines Kind zum Himmel hinaufgestiegen war. Ferner andere Treppen und Gänge, die wochenlang von keinem Fuß betreten wurden, dann zwei geschlossene Zimmer mit ihren flüsternden Erinnerungen an tote Mitglieder der Familie; und in der ganzen Wohnung nur Florence, die sanfte Gestalt, die durch die Öde und das Düster wandelte – sie die einzige, welche den leblosen Dingen einen Anflug von menschlichem Interesse verlieh!

Denn Florence lebte allein in dem verlassenen Hause. Tag um Tag verging – sie blieb einsam, und die weißen Wände schauten mit leerem Stieren auf sie nieder, als hätten sie eine gorgonenartige Lust, ihre Jugend und Schönheit in Stein zu verwandeln.

Auf dem Dach und in den Ritzen des Pflasters begann Gras zu wachsen. Eine schuppige zerbröckelnde Vegetation sproßte um die Fensterrahmen. Bruchstücke von Mörtel verloren ihren festen Halt an der Innenseite der unbenutzten Schornsteine und fielen polternd nieder. Die zwei Bäume mit den rauchbraunen Stämmen waren welk bis oben hinauf, und die dürren Zweige überragten die wenigen Blätter. Durch das ganze Gebäude hatte sich das Weiß in Gelb, das Gelb in Braun umgewandelt, und seit der Zeit, als die arme Dame starb, war es langsam zu einer schwarzen Lücke in der langen eintönigen Straße geworden.

Aber Florence blühte hier wie die schöne Königstochter im Märchen. Die Bücher, die Musik und die täglichen Lehrer waren ihre einzigen Gesellschafter, Susanna Nipper und Diogenes ausgenommen, von denen die erstere infolge der Aufmerksamkeit auf die Studien ihrer jungen Gebieterin selbst gelehrt zu werden begann, während der letztere, vielleicht durch denselben Einfluß besänftigt, den Kopf auf die Fensterbank zu legen und den ganzen Sommermorgen über behaglich seine Augen nach der Straße hin auf- und zuzumachen pflegte. Manchmal reckte er auch seinen Kopf, um mit großer Bedeutsamkeit nach einem lärmenden Wagen zu sehen, der durch die Straße rasselte, während er zu andern Zeiten in aufgebrachter und unerklärlicher Erinnerung an seinen vermeintlichen Feind in der Nachbarschaft nach der Tür hinstürzte, ein betäubendes Gebell anschlug und dann mit der possierlichen Selbstgefälligkeit, die ihm eigen war, und mit der Miene eines Hundes, der einen öffentlichen Dienst geleistet hat, wieder zurückkehrte, um seine Schnauze abermals auf die Fensterbank zu legen.

So lebte Florence in ihrer Wildnis von einer Heimat – in dem Kreis ihrer unschuldigen Beschäftigungen und Gedanken, ohne daß sie darin gestört wurde. Sie konnte jetzt, ohne eine Zurückweisung besorgen zu müssen, nach dem Zimmer ihres Vaters hinuntergehen, an ihn denken und ihr bebendes Herz ihm schüchtern nachsenden. Es war ihr nicht verwehrt, die Gegenstände zu betrachten, die ihn umgeben hatten in seinem Leid, und sich in die Nähe seines Stuhles zu schmiegen, ohne Angst vor dem Blicke, dessen sie sich so wohl erinnerte. Sie konnte ihm kleine Zeichen ihrer Aufmerksamkeit geben, indem sie eigenhändig alles für ihn ordnete, kleine Blumensträuße auf seinen Tisch stellte, sie fortwährend mit andern wechselte, da sie welkten, ehe er zurückkam, jeden Tag etwas für ihn zurichtete und in der Nähe seines gewöhnlichen Sitzes irgendein scheues Merkmal ihres Dagewesenseins zurückließ. Heute war es ein kleines, gemaltes Gestell für seine Taschenuhr; aber morgen hatte sie Angst, es dazulassen, und ersetzte es mit einer andern selbstgefertigten Kleinigkeit, die ihm vielleicht weniger auffiel. Wenn sie in den Nächten erwachte, so zitterte sie bei dem Gedanken, er könnte nach Hause kommen und ihr kleines Geschenk zornig zurückweisen; und dann eilte sie in ihren Pantoffeln und mit klopfendem Herzen hinunter, um es wegzuschaffen. Oft legte sie nur ihr sternchenland.com Gesicht auf sein Pult, nichts zurücklassend als einen Kuß und eine Träne.

Doch keiner wußte davon. Wenn nicht in ihrer Abwesenheit das Gesinde ihr stilles Treiben entdeckte – aber alle hatten große Furcht vor Mr. Dombeys Zimmern – so blieb es ein tiefes Geheimnis in ihrer Brust. Florence pflegte sich zur Zeit der Dämmerung, früh am Morgen und wenn drunten das Essen ausgeteilt wurde, nach diesen Zimmern zu stehlen, und obgleich ihre Sorgfalt jede Ecke derselben verschönerte, ging sie doch so ruhig ein und aus wie ein Sonnenstrahl, nur mit dem Unterschied, daß sie ihr Licht zurückließ.

Eine schattenhafte Gesellschaft begleitete Florence auf und ab in dem widerhallenden Hause und setzte sich mit ihr in den öden Zimmern nieder. Als wäre ihr Leben ein Zaubergesicht, stiegen aus ihrer Einsamkeit dienende Gedanken auf, die sie mit phantastischen Wesenheiten bevölkerten. Sie vergegenwärtigte sich so oft, was ihr das Leben sein würde, wenn ihr Vater für sie ein Herz und er in ihr ein geliebtes Kind hätte, daß sie zuweilen für einen Augenblick fast glaubte, es sei wirklich so, und getragen von dem Strom dieser sinnigen Dichtung schien sie sich zu erinnern, wie sie beide dem verstorbenen Bruder ins Grab gesehen, wie sie dessen Herz unter sich geteilt, und wie sie die Erinnerung an ihn gemeinschaftlich empfunden hatten – wie oft sie jetzt noch von ihm sprachen, und wie ihr Vater liebevoll auf sie niedersah und ihr erzählte von ihrer gemeinsamen Hoffnung und von ihrem Vertrauen auf Gott. Zu andern Zeiten dachte sie sich ihre Mutter noch lebend. O, des Glückes, ihr um den Hals zu fallen und sich mit der Liebe und Zuversicht ihrer ganzen Seele an sie anzuklammern! Ach, und dann wieder die Verödung des einsamen Hauses, wenn der Abend kam und niemand da war!

Doch war ein Gedanke vorhanden – ein Gedanke kaum in ihr klar, aber gleichwohl glühend und kräftig in ihrem Innern – der Florence aufrecht erhielt, wenn sie sich bemühte, ihr so schwer geprüftes treues junges Herz mit Beharrlichkeit zu erfüllen. Wie in alle andern, die mit dem großen Leid unserer sterblichen Natur ringen, hatten sich auch in ihr Gemüt festliche Hoffnungen eingeschlichen, die einer unbestimmten jenseitigen Welt entstammten und ihr wie leise Musik von einer Wiedererkennung in dem fernen Lande, wo der Bruder und die Mutter ihrer harrten, zuflüsterten. Gewiß wußten beide von ihr, hatten Liebe und Mitleid für sie, waren unterrichtet von dem Weg, den sie auf Erden ging. Es gereichte Florence zum Trost, solchen Gedanken Raum zu geben, bis eines Tages – es war bald nachher, als sie ihren Vater nachts spät in seinem Zimmer gesehen hatte – die Vorstellung in ihr auftauchte, wenn sie um sein ihr entfremdetes Herz weine, so könnte sie die Geister der Toten gegen ihn aufregen. So ungereimt und kindisch das Zittern vor einem halbgebildeten derartigen Gedanken erscheinen mag, quoll es doch aus einer liebenden Seele sternchenland.com hervor, und von Stunde an kämpfte Florence gegen die grausame Wunde in ihrem Herzen, indem sie versuchte, an den, dessen Hand ihr dieselbe geschlagen hatte, nur mit Hoffnung zu denken.

Ihr Vater wußte nicht – denn sie behielt es seit jener Zeit für sich – wie sehr sie ihn liebte. Sie war sehr jung, hatte keine Mutter, und leider war niemand vorhanden, der sie gelehrt hatte, ihrer Liebe die geeigneten Worte zu verleihen. Deshalb geduldete sie sich in der Erwartung, die Zeit werde sie in dieser Kunst unterrichten und es ihr möglich machen, ihm eine bessere Kenntnis von seinem einzigen Kinde beizubringen.

Dies machte sie sich zur Aufgabe ihres Lebens. Die Morgensonne leuchtete nieder auf das verblichene Haus und fand diesen Entschluß frisch und rege im Herzen seiner einsamen Bewohnerin. Durch alle Obliegenheiten des Tages beseelte er sie; denn Florence hoffte, je mehr sie lerne, je mehr sie sich ausbildete, desto größer werde seine Freude sein, wenn er einmal so weit gekommen sei, sie zu lieben. Bisweilen wunderte sie sich mit schwellendem Herzen und einer aufsteigenden Träne, ob sie sich auch in irgend etwas hinreichend vervollkommnet habe, um ihn zu überraschen, wann sie sich einmal näherstehen würden. Sie machte sich oft und oft Gedanken, ob es nicht irgendeinen Zweig des Wissens gebe, der sein Interesse mehr als ein anderer zu wecken geeignet sei. Bei ihren Büchern, ihrer Musik und ihrer Arbeit – auf ihren Morgenspaziergängen und in ihren nächtlichen Gebeten hatte sie stets nur dieses einzige Ziel im Auge. Eine seltsame Aufgabe für ein Kind, den Weg lernen zu müssen zu dem harten Herzen eines Vaters!

Wenn die Sommerabende sich zur Nacht vertieften, kamen manche Spaziergänger sorglos durch die Straße und sahen nach dem düstern Haus hinüber, wo sie, im Gegensatz zu diesem, die jugendliche Gestalt am Fenster bemerkten; und gewiß würde es ihren Schlaf getrübt haben, wenn sie gewußt hätten, mit welchen Gedanken sie so sehnsüchtig nach den blinkenden Sternen hinaufsah. Das Haus machte den Eindruck, als müßten Gespenster darin spuken, und das äußerliche Düster, das den auf ihren Geschäftswegen daran Hin- und Hergehenden auffiel, wäre noch erhöht worden, wenn sie in dem Antlitz, auf das die Schatten der Nacht fielen, seine Geschichte hätten lesen können. Aber Florence verfolgte ihr heiliges Vorhaben unbemerkt und unablässig. Ihr ganzes Sinnen ging nur darauf hin, wie sie ihren Vater zu der Überzeugung bringen könnte, daß sie ihn liebte, und kein einziger unsteter Gedanke ihres Innern trat als Kläger gegen ihn auf.

So lebte Florence allein in dem verödeten Hause. Tag um Tag entschwand ihr in der Einsamkeit, und die einförmigen Wände schauten mit dem gewohnten Starrblick auf sie nieder, als hätten sie die Lust der Meduse, ihre Jugend und Schönheit in Stein zu verwandeln.

Eines Morgens stand Miß Nipper ihrer jungen Gebieterin gegenüber, als diese eben ein zusammengelegtes Billett siegelte, und deutete durch ihre Miene an, daß sie den Inhalt des Schreibens billigte.

»Besser spät als nie, liebe Miß Floy«, sagte Susanna; »und glaubt mir, sogar ein Besuch bei den alten Skettlesen wird für uns eine Fügung Gottes sein.«

»Es ist sehr gütig von Sir Barnet und Lady Skettles«, versetzte Florence, ihrer Gefährtin in mildem Ton die vertrauliche Erwähnung der fraglichen Familie verweisend, »daß sie ihre Einladung so freundschaftlich wiederholen.«

Miß Nipper, die vielleicht auf der ganzen Erde die entschiedenste Parteigängerin war, indem sie die von ihr ergriffene Seite in allen Dingen, groß oder klein, verfocht und deshalb in ewigem Krieg mit der Gesellschaft lag, warf ihre Lippen auf und schüttelte den Kopf, als protestiere sie gegen jede Anerkennung von Uneigennützigkeit bei den Skettlesen, da Florences Gesellschaft für das Freundliche der Einladung reichen Ersatz biete.

»Wenn je Leute wußten, wie sie daran sind, so ist es bei diesen der Fall«, murmelte Miß Nipper, den Atem anhaltend: »o, lehrt mich die Skettles nicht erst kennen.«

»Ich gestehe, es ist mir nicht sonderlich um diesen Besuch in Fulham zu tun, Susanna«, entgegnete Florence gedankenvoll: »aber es wird recht sein, wenn ich gehe. Ich denke, es ist besser so.«

»Viel besser«, ergriff Susanna mit einem abermaligen, nachdrücklichen Kopfnicken das Wort.

»Zwar wäre ich lieber hingegangen«, sagte Florence, »wenn niemand dort ist; denn während der Ferien werden sich einige junge Leute im Hause aufhalten. Trotzdem habe ich dankbar zugesagt.«

»Und ich sage, Miß Floy, freut Euch darüber!« versetzte Susanna. »Ah! h –h!«

Dieser letzte Ausruf, mit dem Miß Nipper um jene Zeit oft einen Satz schloß, galt unter der Dienerschaft für eine allgemeine Bezugnahme auf Mr. Dombey und schien in Miß Nipper das Verlangen auszudrücken, diesem Gentleman ein wenig die Meinung zu sagen. Sie erklärte sich jedoch nie darüber, und der Laut verband demgemäß mit dem Vorteil eines sehr scharfen Ausdrucks den Zauber des Geheimnisses.

»Wie lange es doch ansteht, bis wir Kunde von Walter erhalten, Susanna!« bemerkte Florence nach einem kurzen Schweigen.

»Ja wohl lange, Miß Floy!« versetzte ihre Jungfer, »und Perch, der vor kurzem erst nachgesehen hat, ob keine Briefe eingelaufen sind, sagte – doch was liegt daran, was dieser sagt!« rief Susanna, indem sie errötend abbrach. »Was kann er davon wissen!«

Florence schlug rasch die Augen auf, und ein glühendes Rot breitete sich über ihr Gesicht.

»Wenn ich nicht«, sagte Susanna Nipper, augenscheinlich mit einer geheimen Beklommenheit kämpfend und ihre junge Gebieterin voll ansehend, während sie sich Mühe gab, sich in einen Zustand von Zorn gegen Mr. Perchs harmloses Bild zu versetzen – »wenn ich nicht mehr Männlichkeit besäße als dieser Einfältigste seines Geschlechtes, sternchenland.com so würde ich nie wieder einen Stolz in meine Haare setzen, sondern sie hinter meinen Ohren aufbinden und eine grobe Haube trauen, ohne Spitzen und alles, bis mich der Tod von meiner Unbedeutsamkeit erlöste; ich bin zwar keine Amazone, Miß Floy, und möchte mich nicht durch eine solche Entstellung herabwürdigen; aber jedenfalls hoffe ich, daß ich nicht alles gleich aufgebe.«

»Was aufgebe?« rief Florence mit der Miene des Schreckens.

»Ach, nichts«, versetzte Susanna. »Du lieber Himmel, nichts! Es ist nur dieser nasse Papierwickel von einem Menschen, der Perch da, daß man ihm fast mit einem Fingerdruck den Garaus machen möchte, und in der Tat, es wäre für alle Teile ein glückliches Ereignis, wenn sich jemand einmal seiner erbarmen und die Güte haben möchte!«

»Gibt er das Schiff auf, Susanna?« fragte Florence sehr blaß.

»Nein, Miß«, erwiderte Susanna, »ich möchte wohl sehen, daß er so dreist wäre, mir etwas Derartiges ins Gesicht zu sagen! Nein, Miß; aber er geht immer mit einem einfältigen Ingwer um, den Mr. Walter Mrs. Perch schicken sollte, schüttelt dabei seinen erbärmlichen Kopf und sagt, er hoffe, daß er noch kommen werde; freilich, sagt er, könne er nicht zur rechten Zeit für die beabsichtigte Gelegenheit eintreffen, aber doch wohl für das nächste Mal, und dies« – fügte Miß Nipper mit sich steigerndem Unmut bei – »bringt mich in der Tat um alle Geduld mit dem Menschen; denn obschon ich viel ertragen kann, bin ich doch weder ein Kamel, noch bin ich« – schloß Susanna nach einer kurzen Überlegung – »wenn ich mich anders kenne, ein Dromedar.«

»Was sagt er sonst noch, Susanna?« fragte Florence dringend. »Willst du es mir nicht sagen?«

»Als ob ich Euch nicht alles und jedes sagen wollte. Miß Floy«, erwiderte Susanna. »Ach, Miß, er sagt, man fange schon überall von dem Schiff zu reden an, und es sei unerhört, daß ein Schiff nur die Hälfte Zeit zu dieser Reise gebraucht habe; das Weib des Kapitäns sei gestern im Bureau gewesen und habe darüber gejammert, aber jedermann konnte das sagen, und wir haben es fast vorher gewußt.«

»Ich muß, ehe ich meine Reise antrete, Walters Onkel besuchen«, sagte Florence hastig. »Ich will noch diesen Morgen zu ihm gehen. Komm, wir wollen nicht säumen, Susanna.«

Da Miß Nipper gegen diesen Vorschlag nichts einzuwenden hatte, sondern im Gegenteil vollkommen damit zufrieden war, so kleideten sie sich hastig an und machten sich auf den Weg zu dem kleinen Midshipman.

Die Gemütsstimmung, in der Walter an dem Tag, als der Makler Brogley zur Besitznahme gekommen war und in der Seele des armen Knaben sogar auf jedem Kirchturm eine Auspfändung vorgenommen zu werden schien, zu Kapitän Cuttle hineilte, glich vollkommen derjenigen, in der sich jetzt Florence nach Onkel Sols Wohnung begab. Es gab nur den einen Unterschied, daß die Qual des Mädchens durch sternchenland.com den Gedanken erhöht wurde, sie sei vielleicht die unschuldige Ursache, die Walter in Gefahr gestürzt und allen, die ihn liebten, sich selbst mit eingeschlossen, die peinliche Angst der Ungewißheit bereitet hatte. Im übrigen glaubte sie aus allem Gefahr und Hoffnungslosigkeit lesen zu müssen. Die Wetterhähne auf den Türmen und Hausgiebeln warfen geheimnisvolle Winke über Stürme hin und zeigten gleich gespenstischen Fingern auf gefährliche Meere, wo vielleicht Trümmer großer Schiffe schaukelten und hilflose Menschen in einen Schlaf gewiegt wurden, so tief wie das unergründliche Wasser. Als Florence in das Stadtzentrum kam und an Gentlemen vorbeieilte, die miteinander sprachen, fürchtete sie, daß sie von dem Schiff und dessen Untergang reden könnten. Die Bilder und Kupferstiche von Fahrzeugen, die mit rollenden Wellen kämpften, erfüllten sie mit Schrecken. Der Rauch und die Wolken, obschon sie sich nur langsam weiter trieben, gingen viel zu schnell für ihre Besorgnisse und flößten ihr die Furcht ein, daß in diesem Augenblick auf dem Meere draußen ein Sturm wüte.

Mochte nun Susanna Nipper ähnliche Gedanken hegen oder nicht, – jedenfalls gewann es den Anschein, als habe sie auf dem Wege nicht viel Muße für grüblerische Gedanken, da sie, so oft die Menschenmassen sich dichter drängten, fortwährend mit Jungen zu kämpfen hatte, sie schien nämlich mit dieser Art des menschlichen Geschlechts in einer natürlichen Feindschaft zu leben, die unabänderlich losbrach, so oft eine Berührung stattfand.

Im Laufe der Zeit erreichten sie den Teil der Straße, der dem hölzernen Midshipman gegenüberlag, und blieben dort stehen, bis sie mit Sicherheit über den Weg hinüberkommen konnten. Zu ihrer Überraschung bemerkten sie aber unter der Haustür des Instrumentenmachers einen rundköpfigen Jungen, der sein pausbackiges Gesicht gen Himmel gerichtet hielt und, während sie nach ihm hinsahen, plötzlich zwei Finger einer jeden Hand in seinen weiten Mund steckte, um unter dem Beistand dieser Maschinerie in erstaunlich gellendem Ton einigen Tauben zu pfeifen, die in beträchtlicher Höhe durch die Luft flogen.

»Mrs. Richards‘ Ältester, Miß«, sagte Susanna, »und die Plage von Mrs. Richards‘ Leben.«

Da Polly von den wiedererwachten Aussichten ihres Sohnes und Erben Florence Mitteilung gemacht hatte, so war diese auf die Begegnung vorbereitet. Die beiden Mädchen achteten daher nicht weiter auf Mrs. Richards‘ Plage, sondern benutzten die erste günstige Gelegenheit, um über die Straße hinüberzueilen. Der vogelkundige Knabe, der von ihrer Annäherung nichts bemerkte, pfiff wieder aus Leibeskräften und schrie dann in entzückter Aufregung: »Hisch! hu– up! hisch!« – eine Kundgebung, die auf die erschrockenen Tauben eine solche Wirkung übte, daß sie, statt unmittelbar einer Stadt im Norden Englands zuzufliegen, wie ihre ursprüngliche Absicht gewesen zu sein schien, auseinanderzuflattern und zu zögern anfingen. Mrs. Richards‘ Erstgeborener begrüßte sie dann abermals mit einem sternchenland.com gellenden Pfiff und schrie mit einer Stimme, die das Getümmel der Straße weit übertönte: »Hisch! hu–up! hisch!«

Aus dieser Verzückung rief ihn plötzlich ein Rippenstoß von Miß Nipper, der ihn durch die Ladentür hineinwarf, zu irdischen Gegenständen zurück.

»Ist das die Art, wie du deine Reue zeigst, nachdem sich Mrs. Richards Monate um Monate um dich abgehärmt hat?« lauteten die Worte, mit welchen Susanna ihre fühlbare Anrede begleitete. »Wo ist Mr. Gills?«

Rob milderte seinen ersten rebellischen Blick auf Miß Nipper, da er ihr Florence folgen sah, fuhr dieser zu Ehren mit den Fingern in sein Haar und antwortete seiner schönen Feindin, daß Mr. Gills ausgegangen sei.

»So hole ihn nach Hause«, versetzte Miß Nipper gebieterisch, »und sage ihm, daß meine junge Dame hier sei.«

»Ich weiß nicht, wohin er gegangen ist«, entgegnete Rob.

»Ist das deine Reue?« rief Susanna mit beißender Schärfe.

»Aber, wie kann ich ihn holen, wenn ich nicht weiß, wo ich ihn suchen soll?« winselte der verwirrte Rob. »Wie könnt Ihr nur so unvernünftig sein!«

»Hat Mr. Gills gesagt, wann er zurückkommen werde?« fragte Florence.

»Ja, Miß«, antwortete Rob, der abermals seine Finger nach den Haaren führte. »Er sagte, er werde nachmittags früh zurückkommen – in ein paar Stunden etwa, Miß.«

»Ist er sehr in Sorge wegen seines Neffen?« fragte Susanna.

»Ja, Miß«, antwortete Rob, der es unter Vernachlässigung von Miß Nipper vorzog, sich an Florence zu wenden. »Ich kann wohl sagen, daß er sehr in Sorge ist. Es hält ihn gar nichts mehr zu Hause, Miß, und er kann keine Viertelstunde bleiben. Ja, es läßt ihm keine fünf Minuten Ruhe am nämlichen Platz. Er geht umher wie – wie verirrt«, sagte Rob und duckte sich, um durch das Fenster nach den Tauben zu sehen. Dabei hielt er plötzlich mit seinen Fingern inne, die schon zum Zweck eines abermaligen Pfeifens auf dem halben Wege nach dem Munde waren.

»Kennst du nicht einen Freund des Mr. Gills, der Kapitän Cuttle heißt?« fragte Florence nach kurzem Besinnen.

»Den mit dem Haken, Miß?« entgegnete Rob mit einem bildlichen Drehen an seiner linken Hand. »Ja, Miß, er war erst vorgestern hier.«

»Seitdem nicht wieder?« fragte Susanna.

»Nein, Miß«, erwiderte Rob, seine Antwort noch immer an Florence richtend.

»Vielleicht ist Walters Onkel dorthin gegangen, Susanna«, bemerkte Florence zu ihrer Begleiterin.

»Zu Kapitän Cuttle, Miß?« versetzte Rob; »o nein, dort ist er nicht, denn er hat mir ausdrücklich aufgetragen, wenn Kapitän Cuttle sternchenland.com vorspräche, solle ich ihm sagen, sein gestriges Ausbleiben habe ihn sehr überrascht, und er solle warten, bis er wieder zurückkomme.«

»Weißt du, wo Kapitän Cuttle wohnt?« fragte Florence.

Rob antwortete mit Ja und griff nach einem schmierigen Pergamentbuch auf dem Ladentisch, aus dem er laut die Adresse las.

Florence wandte sich wieder an ihre Begleiterin und beriet leise mit ihr, während der rundäugige Rob, des geheimen Auftrags seines Gönners eingedenk, aufmerksam lauschte. Florence machte den Vorschlag, sie sollten zu Kapitän Cuttle gehen, von seinen eigenen Lippen hören, was er von dem langen Ausbleiben aller Nachrichten über den Sohn und Erben halte, und ihn, wenn es anginge, mitbringen, daß er Onkel Sol tröste. Susanna erhob anfangs einige Einwendungen wegen des weiten Weges. Da aber ihre Gebieterin von einer Mietkutsche sprach, so nahm sie ihren Einwand zurück und sagte zu. Es währte einige Minuten, bis sie zu diesem Entschlusse kamen, und Rob, der mit großen Augen dastand, schenkte beiden Sprecherinnen die größte Aufmerksamkeit, indem er abwechselnd sein Ohr der einen oder der andern zuwandte, als sei er der bestellte Schiedsrichter ihrer Gründe.

Endlich wurde Rob abgesandt, um eine Kutsche herbeizuholen, während die beiden Damen im Laden zurückblieben. Als er mit dem bestellten Wagen ankam, stiegen sie ein und trugen ihm auf, Onkel Sol zu melden, daß sie auf dem Rückweg bestimmt wieder vorsprechen würden.

Nachdem Rob der Kutsche nachgeschaut hatte, bis sie ebenso unsichtbar war, wie jetzt die Tauben, setzte er sich höchst diensteifrig hinter das Pult und machte, um ja nichts von dem Gehörten zu vergessen, unter einem ungeheuren Aufwand von Tinte auf verschiedene kleine Papierstreifen seine Notizen. Es war nicht zu besorgen, daß diese Dokumente, wenn sie etwa zufällig verlorengingen, etwas verrieten; denn lange, ehe die Worte trocken geworden, waren sie schon für Rob selbst ein so tiefes Geheimnis, als ob er nie beim Niederschreiben derselben beteiligt gewesen wäre.

Während er noch in dieser Arbeit begriffen war, machte die Mietkutsche, die allerlei unerhörte Schwierigkeiten von Drehbrücken, schmutzigen Straßen, hindernden Kanälen, Frachtwagen, Bohnengärten, Waschhäusern und ähnlichen in jener Gegend reichlich vorkommenden Hemmnissen zu bestehen hatte, an der Ecke von Brig-Place halt. Florence und Susanna Nipper stiegen hier aus und gingen zu Fuß die Straße hinab, um Kapitän Cuttles Wohnung aufzusuchen.

Zum Unglück war gerade einer von Mrs. Mac Stingers großen Scheuertagen. Bei solchen Gelegenheiten ließ sich Mrs. Mac Stinger morgens um drei Viertel auf drei Uhr durch den Polizeidiener wecken und kam dann selten vor nachts zwölf Uhr in die Federn. Die Hauptaufgabe dieser Einrichtung schien darin zu bestehen, daß Mrs. Mac Stinger früh mit dem Dämmern des Tages alles Möbelwerk in den hinteren Garten trug, während des ganzen Tages in Überschuhen sternchenland.com das Haus durchlief und nach Einbruch der Dunkelheit ihre Möbel zurückholte. Diese Feierlichkeiten verstörten jene Täublein, die jungen Mac Stingers, in hohem Grade; denn sie konnten zu solchen Zeiten nicht nur kein Ruheplätzchen finden, sondern wurden auch im Verlauf der Zeremonie in der Regel von dem mütterlichen Vogel tüchtig gepickt und zerzaust.

In dem Augenblick, als Florence und Susanna Nipper sich unter Mrs. Mac Stingers Tür zeigten, war diese würdige, aber furchtbare Frauensperson eben im Begriff, Alexander Mac Stinger, alt zwei Jahre und drei Monate, durch den Hausflur zu tragen und ihn gewaltsam auf das Straßenpflaster niederzusetzen. Alexander war nämlich, weil er nach der Strafe den Atem an sich gehalten, ganz schwarz im Gesicht geworden, und ein kalter Pflasterstein erwies sich in der Regel als ein sehr kräftiges Heilmittel für solche Fälle.

Die weiblichen und mütterlichen Gefühle der Mrs. Mac Stinger wurden natürlich im höchsten Grade verletzt durch die mitleidige Miene, mit der Florence Alexander betrachtete, und so rüttelte und knuffte die empfindsame Dame, statt der Schwäche der Neugier nachzugeben, vor und während der Anwendung des Pflastersteins die Frucht ihres Leibes tüchtig, ohne daß sie den Fremden weitere Aufmerksamkeit schenkte.

»Ich bitte um Verzeihung, Ma’am«, sagte Florence, nachdem das Kind wieder zu Atem gekommen war und denselben zu brauchen anfing, »ist dies Kapitän Cuttles Haus?«

»Nein«, versetzte Mrs. Mac Stinger.

»Nicht Nummer neun?« fragte Florence zögernd.

»Wer hat gesagt, daß es nicht Nummer neun sei?« entgegnete Mrs. Mac Stinger.

Susanna Nipper fiel jetzt plötzlich ein und nahm sich die Freiheit, zu fragen, was Mrs. Mac Stinger damit wolle, und ob sie wisse, mit wem sie spreche.

Als Antwort dafür betrachtete Mrs. Mac Stinger Susanna vom Kopf bis zu den Füßen.

»Was wollt denn Ihr von Kapitän Cuttle? Dies möchte ich doch auch wissen«, sagte Mrs. Mac Stinger.

»Möchtet Ihr? Dann bedaure ich, daß Eure Neugierde nicht befriedigt werden wird«, entgegnete Miß Nipper.

»Sei so gut, zu schweigen, Susanna«, sagte Florence. »Vielleicht habt Ihr die Freundlichkeit, Ma’am, uns zu sagen, wo Kapitän Cuttle wohnt, wenn wir ihn hier nicht finden können.«

»Wer sagt, daß er nicht hier wohnt?« versetzte die ungefällige Mac Stinger. »Ich habe gesagt, es sei nicht Kapt’n Cuttles Haus – und es ist auch nicht sein Haus – Gott behüte, daß es je sein Haus werde – denn Kapt’n Cuttle weiß nicht, wie er ein Haus in Ordnung halten soll – und ist nicht wert, ein Haus zu haben – es ist mein Haus – und wenn ich den oberen Stock an Kapt’n Cuttle vermiete, so tue ich etwas sehr Undankbares und werfe Perlen vor die Säue.«

Mrs. Mac Stinger hatte bei Äußerung dieser Bemerkungen ihre Stimme für die oberen Fenster berechnet und ließ jede Silbe derselben gesondert krachen, als kämen sie aus einer Büchse mit zahllosen Läufen. Nach dem letzten Schuß ließ sich der Kapitän vernehmen, der von seinem Zimmer aus in schwacher Gegenvorstellung die Worte sagte:

»Nur ruhig da unten!«

»Wenn Ihr zu Kapt’n Cuttle wollt – da ist er!« rief Mrs. Mac Stinger mit einer zornigen Handbewegung.

Florence nahm sich jetzt die Freiheit, ohne weiteres Parlamentieren einzutreten, und da auch Susanna ihr folgte, so begann Mrs. Mac Stinger abermals ihre Leibesbewegung in Überschuhen. Alexander Mac Stinger, der noch immer auf dem Pflasterstein saß und zu weinen aufgehört hatte, um auf die Unterhaltung zu lauschen, begann nun wieder zu heulen und unterhielt sich während dieses schrecklichen Konzertes, das eigentlich mechanisch war, mit einer allgemeinen Musterung der Aussicht, die mit der Mietkutsche schloß.

Der Kapitän saß in seinem Zimmer, die Hände in die Taschen gesteckt und die Beine unter seinem Stuhl emporgezogen, auf einer sehr kleinen wüsten Insel, die mitten in einem Ozean von Seifenwasser lag. Seine Fenster, der Kamin und die Wände hatten sich dem Scheuerprozeß unterziehen müssen und waren naß und glänzend von Sand und weicher Seife, die mit ihrem Geruch die Luft erfüllte. In der Mitte dieser traurigen Szene sah sich der nach seiner Insel verschlagene Kapitän mit einer Jammermiene auf dem Meere von Wasser um und schien auf eine freundliche Barke zu harren, die des Weges kam, um ihn aufzulesen.

Als er jedoch den trüben Blick nach der Tür richtete und daselbst Florence mit ihrer Jungfer bemerkte, geriet er in ein Erstaunen, das keine Worte zu schildern vermögen, Mrs. Mac Stingers Beredsamkeit hatte alle andern Laute völlig unvernehmlich gemacht. Deshalb erwartete er denn auch keinen andern Besuch als den des Blutjungen oder des Milchmannes. Als daher Florence eintrat, sich seiner Insel bis an ihre Grenzen näherte und ihre Hand in die seinige legte, stand er entsetzt auf, als glaube er für einen Augenblick, irgendein junges Mitglied aus der Familie des fliegenden Holländers zu sehen.

Der Kapitän gewann jedoch schnell seine Fassung wieder und trug zuerst Sorge dafür, sie auf trockenes Land zu bringen, was durch eine einzige Bewegung seines Armes glücklich vonstatten ging. Dann stach er in die See, faßte Miß Nipper um den Leib und holte sie gleichfalls nach der Insel. Nachdem dies vollbracht war, erhob er mit großem Respekt Florences Hand zu seinen Lippen, steuerte, da die Insel für drei nicht groß genug war, ein wenig auswärts und drehte im Seifenwasser bei, wie eine neue Art von einem Triton.

»Ihr wundert Euch wohl sehr, uns zu sehen,« sagte Florence mit einem Lächeln.

Der unbeschreiblich erfreute Kapitän küßte zur Antwort seinen sternchenland.com Hut und brummte, als läge ein besonders ausgesuchtes Kompliment in den Worten:

»Halt bei! halt bei!«

»Aber ich konnte nicht ruhen«, fuhr Florence fort, »bis ich Eure Ansicht gehört hatte, was Ihr von dem lieben Walter haltet – der jetzt mein Bruder ist. Ich wollte Euch fragen, ob etwas zu fürchten sei und ob Ihr nicht alle Tage seinen armen Onkel besuchen und ihn trösten wollt, bis wir Nachricht von ihm haben.«

Bei diesen Worten schlug Kapitän Cuttle wie in unwillkürlicher Gebärde mit der Hand an den Kopf, der für den Augenblick nicht mit dem harten Glanzhut belastet war, und machte eine Jammermiene.

»Seid Ihr in Sorge wegen Walters Sicherheit?« fragte Florence, von deren Gesicht der verzückte Kapitän seine Augen nicht abzuwenden vermochte, während sie ihrerseits ihn gleichfalls angelegentlich betrachtete, als wolle sie sich von der Aufrichtigkeit seiner Antwort überzeugen.

»Nein, meine Herzensfreude,« sagte Kapitän Cuttle, »ich fürchte nichts. Wal’r ist ein Junge, der durch viel schlimmes Wetter kommen wird. Wal’r ist ein Junge, der jener Brigg so viel Erfolg bringen muß, wie es nur irgendeinem jungen Menschen möglich ist. Wal’r«, fuhr der Kapitän fort, und seine Augen glänzten bei dem Lob des jungen Freundes, während sein Haken sich hob, um eine schöne Redewendung anzukündigen, »ist, was Ihr ein äußeres und ein sichtbares Zeichen der inneren geistigen Kraft nennen könnt – und wenn Ihr es gefunden habt, so biegt ein Ohr ein.«

Florence, die ihn nicht ganz verstand, obschon der Kapitän augenscheinlich meinte, er habe sich sehr deutlich und befriedigend ausgedrückt, blickte ihn mild an, als erwarte sie etwas Weiteres.

»Ich bin völlig unbesorgt, meine Herzensfreude,« nahm der Kapitän seine Rede wieder auf. »Man kann freilich nicht leugnen, daß es in jenen Breiten ganz ungewöhnlich schlechtes Wetter gegeben hat, und die Schiffe sind schon getrieben und getrieben und verschlagen worden – vielleicht bis auf die andere Seite der Welt. Aber das Schiff ist ein gutes Schiff und der Junge ein guter Junge, und es ist, Gott sei Dank,« – der Kapitän machte eine kleine Verbeugung – »nicht leicht, Eichenherzen zu brechen, ob sie nun in Briggen sind oder in eines Menschen Brust. Hier haben wir sie nun in beiderlei Weise, so oder so, und wir dürfen deshalb bis jetzt nicht das mindeste fürchten.«

»Bis jetzt?« wiederholte Florence.

»Nicht das mindeste«, entgegnete der Kapitän, seinen Haken küssend, »und ehe es bei mir so weit kommt, meine Herzensfreude, wird Wal’r von der Insel oder von einem oder dem andern Hafen nach Haus geschrieben haben, so daß alles in Ordnung und schiffsgerecht ist. Und was den alten Sol Gills betrifft«, der Kapitän wurde jetzt feierlich, »so will ich bei ihm aushalten und ihn nicht verlassen, bis der Tod uns trennt, wie auch die stürmischen Winde sternchenland.com wehen, wehen und wehen – seht im Katechismus nach,« sagte der Kapitän nebenher, »und dort werdet Ihr die Ausdrücke finden. Kann es übrigens Sol Gills trösten, wenn er die Ansicht eines seefahrenden Mannes hört, dessen Geist jedem Unternehmen gewachsen ist, das ihm in den Wurf kommt, – eines Mannes, der schon als Lehrling alles durchmachte, so daß er nur mit knapper Not das Leben davontrug, und dessen Name Bunsby ist, so soll ihm dieser Mann in seiner eigenen Stube ein Gutachten geben – ein Gutachten, sage ich Euch, daß ihm Hören und Sehen vergehen wird. Ja« – fügte Kapitän Cuttle prahlerisch bei – »gerade so, als hätte er sich halb den Kopf an der Tür eingerannt!«

»Wir wollen diesen Gentleman zu ihm bringen und mit anhören, was er sagt«, entgegnete Florence. »Ihr werdet doch mit uns gehen? Wir haben eine Kutsche hier.«

Der Kapitän schlug wieder mit der Hand an den seines harten Glanzhutes baren Kopf und schaute verblüfft umher. Doch in demselben Augenblick trug sich ein merkwürdiges Naturereignis zu. Ohne Anmeldung oder Vorbereitung öffnete sich wie von selbst die Tür, und der fragliche harte Glanzhut flog wie ein Vogel ins Zimmer herein, um vor den Füßen des Kapitäns schwerfällig niederzuplumpsen. Dann schlug die Tür ebenso ungestüm, wie sie aufgegangen war, wieder zu, und es erfolgte nichts weiter, um dieses Wunder aufzuklären.

Kapitän Cuttle las seinen Hut auf, betrachtete ihn mit einem Blick der Teilnahme und des Willkomms, drehte ihn und begann mit dem Ärmel daran zu polieren. Während dieser Beschäftigung schaute er gelegentlich nach seinen Gästen hin und sagte mit gedämpfter Stimme:

»Ihr seht, ich hätte gestern und heute morgen zu Sol Gills hinuntersteuern sollen; aber sie – sie nahm ihn weg und gab ihn nicht heraus. Dies ist das Lange und Kurze von der Sache.«

»Du lieber Himmel, wer tat dies?« fragte Susanna Nipper.

»Die Hausfrau, meine Liebe«, versetzte der Kapitän mit grämlichem Flüstern und unter geheimnisvollen Zeichen. »Wir hatten einen kleinen Wortwechsel wegen des Schwapperns dieser Planken da, und sie – mit einem Wort«, fügte der Kapitän hinzu, indem er nach der Tür hinsah und sich durch einen langen Atemzug Erleichterung verschaffte, »sie hat mich meiner Freiheit beraubt.«

»O, ich wünschte nur, daß sie mit mir zu schaffen hätte!« sagte Susanna, in dem Ungestüm ihres Wunsches errötend. »Ich wollte mit ihr schon fertig werden.«

»Meint Ihr, dies ginge so leicht, meine Liebe?« entgegnete der Kapitän, zweifelhaft den Kopf schüttelnd, aber den rücksichtslosen Mut der jungen Schönen mit augenfälliger Bewunderung aufnehmend. »Ich weiß nicht. Es ist eine schwierige Schiffahrt. Es ist sehr schwer, mit ihr fortzukommen, meine Liebe. Seht Ihr, man kann nie sagen, wie sie ihren Schnabel stellen will. Die eine Minute hält sie ihn voll, die nächste geht’s rund herum. Und wenn nicht sie ein sternchenland.com Berserker ist« – fügte der Kapitän bei, und der Schweiß trat ihm auf die Stirne.

Der Satz schloß mit einem nachdrücklichen Pfeifen. Dann schüttelte der Kapitän den Kopf, kam abermals auf seine Bewunderung von Miß Nippers verzweifelter Tapferkeit zurück und wiederholte schüchtern:

»Meint Ihr, es ginge so leicht, meine Liebe?«

Susanna antwortete nur mit einem hochmütigen Lächeln, in dem jedoch so viel Trotz lag, daß der Kapitän vielleicht noch lange in verzückter Betrachtung dagestanden wäre, wenn nicht Florence in ihrer Angst wieder auf den Vorschlag zurückgekommen wäre, ohne Zögern den orakelhaften Bunsby zu Rate zu ziehen. So an seine Pflicht erinnert, drückte Kapitän Cuttle seinen Glanzhut fest auf den Kopf, griff nach einem andern Knotenstock, womit er den an Walter verschenkten ersetzt hatte, bot Florence seinen Arm und schickte sich an, sich durch den Feind Bahn zu brechen.

Es zeigte sich übrigens, daß Mrs. Mac Stinger schon wieder ihren Kurs geändert und den Schnabel, wie sie nach des Kapitäns Bemerkung oft zu tun pflegte, in eine ganz neue Richtung gestellt hatte. Als sie die Treppen hinunterkamen, fanden sie diese musterhafte Frau, wie sie eben auf der Hausschwelle die Matten ausklopfte, so daß der noch immer auf dem Pflasterstein sitzende Alexander in dem Staubnebel nur undeutlich zu erkennen war. Diese häusliche Verrichtung nahm Mrs. Mac Stinger dermaßen in Anspruch, daß sie, als Kapitän Cuttle und seine Gäste vorbeigingen, nur um so stärker klopfte und weder durch ein Wort noch durch eine Gebärde ein Bewußtsein von ihrer Nähe zu erkennen gab. Die Matten übten zwar auf den Kapitän einen Eindruck wie der reichliche Gebrauch des Schnupftabaks, so daß er niesen mußte, bis ihm die Tränen über das Gesicht herunterliefen. Trotzdem aber war er über dieses leichte Entkommen so erfreut, daß er kaum seinem guten Glück glauben konnte; denn selbst zwischen der Tür und der Mietkutsche schaute er mehr als einmal über seine Schulter zurück, augenscheinlich voll Furcht, Mrs. Mac Stinger möchte noch jetzt Jagd auf ihn machen.

Sie erreichten jedoch die Ecke von Brig-Place, ohne weiter von diesem Schrecknis belästigt zu werden, und der Kapitän stieg auf den Kutschbock, weil es ihm seine Galanterie nicht erlaubte, von dem Ersuchen der Damen, sich mit ihnen in den Wagen zu setzen, Gebrauch zu machen. Von hier aus lotste er den Kutscher in seinem Kurse nach Kapitän Bunsbys Schiff, das die »vorsichtige Klara« hieß und ganz in der Nähe von Ratcliffe lag.

Bei dem Kai, vor dem das Fahrzeug dieses großen Kommandeurs zwischen etwa fünfhundert Kameraden eingeklemmt war, so daß das wirre Takelwerk sich wie eine ungeheure Masse halb weggekehrter Spinnweben ausnahm, erschien Kapitän Cuttle an dem Kutschenschlag und lud Florence und Miß Nipper ein, ihn an Bord zu begleiten. Zugleich bemerkte er, Bunsby sei in Beziehung auf Damen im höchsten Grade weichherzig, und nichts könne mehr dazu beitragen, sternchenland.com seinen gewaltigen Geist in einen Zustand von Harmonie zu bringen, als ihr Erscheinen auf der »vorsichtigen Klara«.

Florence entsprach sogleich seiner Aufforderung, und der Kapitän, der ihre kleine Hand in seine ungeheure Pfote nahm, führte sie mit einem gemischten Ausdruck von Gönnerschaft, väterlicher Liebe, Stolz und Feierlichkeit, der recht erbaulich anzusehen war, über verschiedene sehr schmutzige Decks, bis sie endlich zu der Klara gelangten. Dieses vorsichtige Fahrzeug, das außerhalb des Dammes lag, hatte seine Laufplanke abgetragen und stand etwa sechs Fuß von seinem nächsten Nachbar entfernt. Aus Kapitän Cuttles Erklärung schien hervorzugehen, daß der große Bunsby, wie er selbst, von seiner Hauswirtin grausam behandelt wurde; und wenn sie es ihm zuletzt so arg machte, daß er es nicht mehr auszuhalten vermochte, so brachte er als letzte Zuflucht einen Streifen Wasser zwischen sich und seine schöne Feindin.

»Klara, ahoi!« rief der Kapitän, seine Hand als Trichter für den Mund benutzend.

»Ahoi!« antwortete zum Echo ein Junge, der aus dem Raum heraufkam, des Kapitäns Ruf.

»Bunsby an Bord?« brüllte der Kapitän den Jungen mit einer Stentorstimme an, als sei das Fahrzeug wenigstens ein paar hundert Ruten, nicht aber bloß einige Ellen entfernt.

»Ja!« rief der Junge in dem gleichen Ton.

Der Junge schob sodann eine Planke auf Kapitän Cuttle zu, der sie sorgfältig auflegte und Florence hinüberführte. Nachdem das geschehen war, kehrte er zurück, um Miß Nipper zu holen. Sie befanden sich jetzt auf dem Deck der »vorsichtigen Klara«, in deren stehendem Takelwerk allerlei flatternde Kleidungsstücke in Gemeinschaft mit etlichen Zungen und Makrelen trockneten.

Unmittelbar darauf erhob sich langsam über die Scheidewände der Kajüte ein sehr großer menschlicher Kopf mit einem feststehenden Auge in dem Mahagoni-Gesicht, während das andere nach dem bei einigen Leuchttürmen angebrachten Grundsatze beweglich war. Dieser Kopf war mit zottigem, wergartigem Haar geziert, das keine vorherrschende Neigung gegen Nord, Ost, Süd oder West besaß, sondern nach allen vier Strichen des Kompasses und nach jedem einzelnen Punkte desselben hinging. Dem Kopf folgte eine wahre Wüste von Kinn, ein Hemdkragen samt Halstuch, eine unzerreißbare Lotsenjacke und ein Hosenpaar von demselben festen Gewebe. Dieses wurde durch einen so breiten und hohen Gurt festgehalten, daß er (d.h. der Gurt) zugleich die Stelle der Weste vertrat. Besagter Gurt war in der Nähe des Brustbeins mit einigen massiven hölzernen Knöpfen verziert, die einem Brettspiel entnommen zu sein schienen. Als die unteren Teile der Hose sichtbar wurden, zeigte sich Bunsby endlich in vollem Format, die Hände in seine ungeheuren Taschen gesteckt, während sein Blick sich nicht auf Kapitän Cuttle oder die Damen, sondern nach der Stengenspitze richtete.

Das tiefsinnige Aussehen dieses derben, kräftig gebauten Philosophen, sternchenland.com auf dessen ungemein rotem Gesicht ein Ausdruck von Schweigsamkeit thronte, der in vollem Einklang stand mit dem augenfälligen Stolz seines Charakters, schüchterte fast Kapitän Cuttle ein, obschon er sonst gut Freund mit ihm war. Während er Florence zuflüsterte, Bunsby habe in seinem Leben nie Verblüfftsein an sich bemerken lassen, weshalb man im allgemeinen glaube, er wisse gar nicht, was dieser Ausdruck zu bedeuten habe, beobachtete er den Mann, der seine Stengenspitze betrachtete und nachher sich am Horizont umsah. Als endlich das sich drehende Auge in die Richtung des Kapitäns zu kommen schien, begann dieser:

»Bunsby, mein Junge, wie geht’s?«

Eine tiefe, brummende, heisere Stimme, die in gar keiner Beziehung zu Bunsby zu stehen schien und jedenfalls auch nicht den mindesten Eindruck auf dessen Gesicht hervorrief, gab die Antwort:

»Hei, ja, Schiffskamerad, wie wird’s gehen.«

Zu gleicher Zeit tauchte Bunsbys rechte Hand samt dem Arm aus der Tasche empor, schüttelte die des Kapitäns und kehrte wieder zurück. »Bunsby«, sagte der Kapitän, sogleich auf sein Ziel losgehend, »Ihr seid ein Mann von Geist und ein Mann, der eine Ansicht vertreten kann. Da ist nun eine junge Dame, die Euer Gutachten hören möchte in betreff meines Freundes Wal’r, und außerdem habe ich noch einen andern Freund, Sol Gills, eine Persönlichkeit, die wohl verdient, daß Ihr in ihre Rufweite kommt; denn er ist ein Mann der Wissenschaft, die eine Mutter der Erfindung ist und kein Gesetz kennt. Bunsby, wollt Ihr mir den Gefallen erweisen, zu fieren und mit uns zu kommen?«

Der große Kommandant, der dem Ausdruck seines Gesichtes zufolge stets nach irgendeinem Gegenstand in der weitesten Ferne auszulugen und für nichts, was im Bereich von vier Stunden lag, ein Auge zu haben schien, behielt die Antwort hartnäckig für sich.

»Hier ist ein Mann«, sagte der Kapitän, sich an seine schönen Zuhörerinnen wendend und mit seinem ausgestreckten Haken auf den Kommandanten deutend, »der mehr als irgendein lebender Mensch ausgestanden hat. Ihm sind mehr Unfälle begegnet, als allen den Leuten im Matrosenhospital zusammengenommen, und es sind ihm, als er noch jung war, so viele Spieren, Balken und Bolzen um den Kopf geflogen, daß man damit auf dem Chathamhof eine Lustjacht bauen könnte. Was daher in solchen Dingen seine Erfahrung betrifft, so bin ich überzeugt, daß ihm hierin nichts gleich kommt, weder zu Wasser noch zu Lande.«

Der dickköpfige Kommandant schien durch ein leichtes Zucken seines Ellenbogens einige Zufriedenheit über dieses Lob auszudrücken; aber wenn auch sein Gesicht ebenso fern gewesen wäre wie sein Blick, so hätte es die Anwesenden kaum weniger unterrichten können, was in seinem Innern vorging.

»Schiffskamerad«, sagte Bunsby mit einem Male, indem er sich sternchenland.com niederbeugte, um unter eine im Wege liegende Spiere zu sehen, »was wollen die Damen trinken?«

Kapitän Cuttle, dessen Zartgefühl bei der Verbindung einer solchen Frage mit Florence sich entsetzte, zog den Weisen beiseite, schien ihm eine Aufklärung ins Ohr zu flüstern und begleitete ihn nach der Kajüte hinunter, wo er, um nicht Anstoß zu geben, sich selbst den Trunk belieben ließ, den, wie Florence und Susanna durch das offene Fenster sahen, der Weise, der zwischen seinem Berth und einem sehr kleinen Ofen kaum Raum fand, für sich selbst und seinen Freund eingoß. Sie erschienen bald wieder auf Deck, und Kapitän Cuttle führte Florence triumphierend über den Erfolg seines Unternehmens nach der Kutsche zurück, während Bunsby Miß Nipper, die er unterwegs zur großen Entrüstung dieser jungen Dame mit seinem Lotsenärmel wie ein grauer Bär umkrallte, in seine Obhut nahm.

Der Kapitän brachte sein Orakel im Wagen unter, überglücklich, daß er sich dieses Mannes versichert und einen solchen Geist in eine Mietkutsche gezwängt hatte. Auch konnte er sich nicht enthalten, durch das kleine Fenster hinter dem Kutscher oft nach Florence hineinzusehen und sein Entzücken durch Lächeln oder durch ein Klopfen an seine Stirne auszudrücken, um ihr damit anzudeuten, daß Bunsbys Gehirn in voller Tätigkeit sei. Mittlerweile behauptete Bunsby, der noch immer Miß Nipper umarmt hielt – denn sein Freund hatte die Weichheit seines Herzens nicht übertrieben – gleichförmig seine ernste Haltung und gab durch kein weiteres Zeichen kund, daß er der Anwesenheit seiner Nachbarin oder irgendeines andern Gegenstandes sich bewußt sei.

Onkel Sol, der nach Hause gekommen war, empfing sie an der Tür und führte sie sogleich nach dem kleinen Hinterstübchen, das sich seit Walters Abreise seltsam verändert hatte. Auf dem Tische und im Zimmer umher lagen die Karten, auf denen der betrübte Instrumentenmacher oft und oft das vermißte Schiff über die See verfolgte. Er hatte erst noch vor einer Minute mit einem Zirkel, den er noch immer in der Hand hielt, die Trifftung gemessen, die angenommen werden mußte, wenn das Fahrzeug da oder dorthin gekommen sein sollte. Aus diesen Berechnungen suchte er sich zu beweisen, daß man noch lange nicht die Hoffnung aufgeben dürfe.

»Ob es wohl verirrt ist«, sagte Onkel Sol, gedankenvoll über der Karte wegsehend; »aber nein, das ist fast unmöglich. Oder ob es durch ungestümes Wetter verschlagen wurde – aber das ist vernünftigerweise nicht wohl anzunehmen. Oder ob Hoffnung vorhanden ist, es habe den Kurs so weit geändert, um – doch ich kann das kaum hoffen!«

Mit solchen abgebrochenen Andeutungen streifte der arme alte Onkel Sol über die Karte hin, ohne auf ihr einen Flecken hoffnungsvoller Wahrscheinlichkeit zu finden, der groß genug gewesen wäre, um eine kleine Zirkelspitze darauf zu setzen.

Florence sah augenblicklich – es wäre auch schwer gewesen, das nicht zu bemerken –, daß mit dem alten Manne eine auffallende, unbeschreibliche sternchenland.com Veränderung vorgegangen war; denn neben seinem viel unruhigeren und unsteteren Wesen zeigte er eine eigentümliche, nicht damit im Einklang stehende Entschiedenheit, über die sie sehr betroffen war. Einmal kam es ihr vor, er spreche ohne allen Zusammenhang und aufs Geratewohl; denn als sie gegen ihn ihr Bedauern ausdrückte, daß sie ihn am Morgen nicht getroffen habe, entgegnete er anfangs, er habe sie besuchen wollen, obschon er unmittelbar darauf die Antwort zu widerrufen schien.

»Ihr seid also bei mir gewesen?« fragte Florence. »Heute?«

»Ja, meine liebe junge Lady«, versetzte Onkel Sol, indem er sie ansah und dann in verwirrter Weise wegblickte. »Ich wollte Euch noch einmal mit meinen eigenen Ohren hören, ehe –«

Dann hielt er inne.

»Ehe? Was wollt Ihr mit diesem Ehe sagen?« entgegnete Florence, ihre Hand auf seinen Arm legend.

»Habe ich von ›Ehe‹ gesprochen?« erwiderte der alte Sol. »Wenn ich es tat, so muß ich gemeint haben, ehe wir Kunde von meinem lieben Jungen erhalten.«

»Ihr seid nicht wohl«, sagte Florence liebevoll. »Ihr habt so viel in Angst gelebt – gewiß. Ihr seid nicht wohl.«

»Nein, ich bin gesund«, entgegnete der alte Mann, indem er seine rechte Hand schloß und sie ausstreckte, um sie ihr zu zeigen – »so gesund und kräftig, wie es ein Mann von meinen Jahren nur erwarten kann. Seht – sie ist fest. Sollte ihr Herr nicht ebenso entschlossen und standhaft sein können, wie mancher Jüngere? Ich denke doch. Wir müssen abwarten.«

Sein Benehmen mehr als seine Worte, obgleich ihr auch letztere unvergeßlich blieben, machten auf Florence einen so tiefen Eindruck, daß sie gewünscht hätte, ihre Unruhe sogleich Kapitän Cuttle mitteilen zu können. Dieser aber ergriff die Gelegenheit, um den Stand der Dinge auseinanderzusetzen, über den man das Urteil des weisen Bunsby hören wollte, und bat diese gründliche Autorität, sein Gutachten abzugeben.

Bunsby, dessen Auge fortwährend auf irgendeiner Stelle etwa halbwegs zwischen London und Gravesend zu haften schien, streckte zwei- oder dreimal seinen rauhen rechten Arm aus, als wolle er diesen aus Begeisterung um die schöne Gestalt von Miß Nipper schlingen. Diese junge Dame hatte sich jedoch sehr unzufrieden nach der andern Seite des Tisches zurückgezogen, so daß das weiche Herz des Kommandanten der vorsichtigen Klara sich in unerwiderten Regungen erschöpfen mußte. Nach mehreren derartigen Fehlgriffen ließ sich der große Mann, ohne übrigens seine Worte an irgend jemanden zu richten, folgendermaßen vernehmen; oder vielmehr die Stimme in seinem Innern sprach aus eigenem Antrieb und ganz unabhängig aus dem Manne, als sei er von einem grämlichen Geiste besessen.

»Mein Name ist Jack Bunsby!«

»Er wurde John getauft!« rief der entzückte Kapitän Cuttle. »Hört ihn.«

»Und was ich sage«, fuhr die Stimme nach einiger Erwägung fort, »dabei bleibe ich auch.«

Der Kapitän, der Florences Arm in dem seinen liegen hatte, nickte dem Auditorium zu und schien zu sagen: »Jetzt rückt er mit seinen Offenbarungen heraus. Das wollte ich, als ich ihn hierher brachte.«

»Weswegen«, fuhr die Stimme fort, »und warum nicht, und wenn so, wozu ein Widerspruch? Kann jemand etwas anders sagen? Nein. Also Punktum!«

Nachdem seine Folgerung so weit gediehen war, hielt die Stimme inne und ruhte. Dann fuhr sie sehr langsam, wie folgt, fort:

»Glaube ich, daß jener Sohn und Erbe untergegangen ist, meine Jungen? Kann sein. Sage ich so? Wer behauptet es? Wenn ein Schiffer durch den St.-Georg-Kanal nach den Dünen hinaussteuert, was liegt gerade vor seinem Schnabel? Die Goodwins. Er ist nicht gezwungen, auf die Goodwins zu laufen, aber er kann es. Der Sinn dieser Bemerkung liegt in der Anwendung. Diese gehört nicht zu meinen Obliegenheiten. Also zu, legt gut nach vorne aus, und gut Glück für Euch!«

Die Stimme verließ jetzt das Hinterstübchen und begab sich in die Straße hinaus, den Kommandanten der vorsichtigen Klara mit fortnehmend und ihn mit aller bequemen Eile wieder an Bord begleitend, wo dieser sich ohne weiteres hineinbugsierte und seinen hohen Geist mit einem Schlaf erfrischte.

Es blieb also den Hörern dieser weisen Vorschriften überlassen, selbst ihre Anwendung darauf zu machen – nach einem Grundsatz, der stets das Hauptbein von Bunsbys Dreifuß war, wie er zufälligerweise auch die erste Stütze einiger andern Orakelstühle ist. Sie sahen sich gegenseitig mit einiger Ungewißheit an, während Rob, der Schleifer, der sich die harmlose Freiheit genommen hatte, durch das Hochfenster des Daches zu gucken und zu lauschen, in einem Zustand der größten Verwirrung langsam wieder herunterkam. Dagegen war Kapitän Cuttles Bewunderung gegen Bunsby durch die glänzende Art, wie er seinen Ruf mit einem so feierlichen Schluß gerechtfertigt hatte, wo möglich noch erhöht worden. Er schickte sich jetzt an, auseinanderzusetzen, daß Bunsby damit nichts anderes habe sagen wollen, als daß man am Vertrauen festhalten müsse. Bunsby habe kein Bedenken, und das Gutachten eines solchen Geistes sei der wahre Hoffnungsanker mit dem herrlichsten Verankerungsgrund. Florence versuchte zu glauben, daß der Kapitän recht habe, aber Miß Nippel, die mit dicht verschlungenen Armen dastand, schüttelte in entschlossenem Widerspruch den Kopf und setzte auf Bunsby nicht mehr Vertrauen, als sogar auf Mr. Perch.

Der Philosoph schien Onkel Sol so ziemlich in dem nämlichen Zustand verlassen zu haben, in dem er ihn gefunden; denn der alte Mann streifte, den Zirkel in der Hand, noch immer auf der wässerigen Welt umher und konnte keinen Ruheplatz entdecken für die Spitzen seines Instrumentes. Während er noch immer bei diesem Geschäfte sternchenland.com sternchenland.com begriffen war, flüsterte Florence Kapitän Cuttle etwas ins Ohr, worauf dieser seine schwere Hand auf die Schultern seines Freundes legte.

»Wie ist’s Euch, Sol Gills?« rief der Kapitän in herzlichem Ton.

»Nur so so, Ned«, versetzte der Instrumentenmacher. »Ich habe den ganzen Nachmittag an den Abend denken müssen, an dem mein Junge zum ersten Male aus Dombeys Hause zurückkam. Er saß dort, wo Ihr jetzt steht, beim Essen; wir sprachen von Sturm und Schiffbruch, und es wurde mir kaum möglich, ihn von diesem Gegenstand abzubringen.«

Jetzt begegnete sein Blick dem von Florence, der angelegentlich forschend auf seinem Gesicht ruhte. Der alte Mann hielt inne und lächelte.

»Haltet dichter, alter Freund!« rief der Kapitän. »Macht nur ein munteres Gesicht! Ich will Euch was sagen, Sol Gills; sobald ich die Herzensfreude da glücklich nach Haus gebracht habe« – er küßte dabei seinen Haken gegen Florence – »so komme ich zurück und nehme Euch für den Rest dieses lieben Tages ins Schlepptau. Ihr kommt dann mit mir, und wir nehmen irgendwo unsere Mahlzeit ein, Sol.«

»Heute nicht, Ned!« sagte der alte Mann rasch und augenscheinlich sehr bestürzt über diesen Vorschlag. »Heute nicht. Ich kann nicht!«

»Warum nicht?« entgegnete der Kapitän, ihn erstaunt ansehend.

»Ich – ich habe so viel zu tun. Ich – ich wollte sagen, so viel zu denken und zu ordnen. Ich kann in der Tat nicht, Ned. Ich muß wieder ausgehen und dann allein sein. Es gehen mir heute so viele Dinge durch den Kopf.«

Der Kapitän sah zuerst den Instrumentenmacher, dann Florence und dann wieder den Instrumentenmacher an.

»Also morgen«, sagte er endlich.

»Ja, ja, morgen«, versetzte der alte Mann. »Vergeßt mich morgen nicht. Also morgen.«

»Wohl gemerkt, Sol Gills, ich komme früh«, machte der Kapitän zur Bedingung.

»Ja, ja, morgen so früh Ihr wollt«, entgegnete der alte Sol. »Und nun lebt wohl, Ned Cuttle. Gott behüte Euch.«

Während er das sagte, drückte er die Hand des Kapitäns mit ungewöhnlicher Wärme. Dann wandte er sich an Florence, nahm ihre beiden Hände in die seinen und führte sie an seine Lippen, worauf er in sehr befremdlicher Hast mit ihr nach der Kutsche eilte. Sein auffallendes Benehmen machte einen solchen Eindruck auf den Kapitän, daß er zurückblieb und Rob nachdrücklich einschärfte, er solle bis zum Morgen ja recht achtsam auf seinen Gebieter sein. Diese Ermahnung bekräftigte er mit der Vorausbezahlung eines Schillings und dem Versprechen weiterer sechs Pence, die noch vor dem andern Mittag bezahlt werden sollten. Nach Erfüllung dieses freundlichen Dienstes bestieg er, da er sich als die natürliche und gesetzliche Leibwache Florences betrachtete, nicht wenig stolz auf sternchenland.com seine Schutzbefohlene, den Bock und geleitete sie nach Hause. Zum Abschied gab er Florence die Versicherung, er werde sich treulich Sol Gills‘ annehmen; und da ihm Susanna Nippers mutige Worte in betreff der Mrs. Mac Stinger noch immer durch den Kopf gingen, so fragte er schließlich noch einmal die heldenkühne Jungfrau: »Meint Ihr noch immer, dies ginge so leicht, meine Liebe?«

Als sich das verödete Haus hinter den beiden Mädchen geschlossen hatte, kehrten die Gedanken des Kapitäns wieder zu dem alten Instrumentenmacher zurück. Es war ihm nicht recht wohl zumut bei der Sache. Statt daher nach Hause zu gehen, spazierte er etliche Male auf der Straße auf und ab, dehnte seine Muße bis zum Abend aus und speiste spät in einem gewissen Winkelkneipchen der City, dessen keilförmige Wirtsstube von Glanzhüten reichlich benutzt wurde. Seine Hauptabsicht war, nach Einbruch der Dunkelheit noch einmal an der Wohnung seines alten Freundes vorbeizugehen und durchs Fenster hineinzuschauen. Das geschah. Da Hinterstübchen stand offen, und er konnte Sol Gills sehen, wie er an dem Tisch drinnen eifrig schrieb, während der kleine Midshipman, der bereits zum Schutz gegen den Nachttau unter Dach gebracht worden war, von dem Ladentisch aus nach ihm hinschaute. Unter dem letzteren machte sich Rob, der Schleifer, sein Bett zurecht und schickte sich an, den Laden zu schließen.

Durch die Ruhe, die im Bann des hölzernen Midshipmans herrschte, zufriedengestellt, richtete der Kapitän seinen Schnabel nach Brig-Place, fest entschlossen, am andern Morgen in aller Frühe wieder den Anker zu lichten.