Die Dioskuren



Die Dioskuren

Leda, die Mutter der schönen Helena, hatte zwei Söhne, Kastor und Polydeukes. Jener war der Sohn des Königs Tyndareus von Sparta, aber Zeus selbst galt für den Vater des Polydeukes; daher war letzterer unsterblich, Kastor dagegen sterblich. Da aber die Zwillingsbrüder, am schroffen Meeresabhang des wilden Taygetosgebirges geboren, einander an Gestalt und Gemüt völlig glichen und sich so herzlich liebten, nannte man sie auch beide Tyndariden nach Kastors Vater oder Dioskuren, das heißt Zeussöhne. Sie waren ihr ganzes Leben hindurch, ja auch im Tode unzertrennlich und unternahmen ihre mancherlei kühnen Heldenstücke immer gemeinsam. Von Schönheit und Anmut strahlend, zu Frohsinn und hilfreicher Güte geneigt, wuchsen sie zu herrlichen Jünglingen heran; Kastor war vor allem erfahren in der Kunst, unbändige Rosse zu lenken, Polydeukes aber wurde der berühmteste Faustkämpfer. Schon in früher Jugend hatten sie Gelegenheit, ihren unwiderstehlichen Heldenmut zu bewähren, als Theseus ihre geliebte Schwester Helena entführt hatte. Auf ihren windschnellen Rossen, die die Götter ihnen geschenkt hatten, jagten sie dem kühnen Räuber nach und befreiten die Schwester aus der festen Burg Aphidnai, wo sie gefangen saß. Später beteiligten sich die Zwillinge an der Jagd des Kalydonischen Ebers und vor allem an der Argonautenfahrt, wo Polydeukes den berühmten Faustkampf mit dem riesigen Bebrykenkönig Amykos bestand. Durch diese und viele andere Heldentaten erwarben sich die Dioskuren unsterblichen Ruhm, so daß der große Herakles sie zu Leitern der von ihm erneuerten Olympischen Spiele erkor.

In Messenien herrschte damals der König Aphareus, ein Schwager des Tyndareus, welcher ebenfalls zwei gewaltige Heldensöhne hatte, den Lynkeus und den Idas. Lynkeus, das heißt Luchsauge, führte seinen Namen mit Recht, denn seine Augen konnten durch einen Baumstamm, ja selbst durch den Erdboden hindurchschauen. Sein Bruder Idas war von ungeheurer Körperkraft und so verwegenem Mute, daß er es einst sogar mit dem erhabenen Apollon aufnahm. Die Tochter des Flußgottes Euenos, die schöne Marpessa, ward nämlich von Apollon geliebt und in seinem Tempel eingeschlossen. Aber Idas, der ebenfalls von heftiger Liebe zu der Jungfrau ergriffen war, brach in das Heiligtum ein und raubte die Geliebte. Als nun der erzürnte Gott ihm drohend entgegentrat, spannte Idas unerschrocken den Bogen gegen ihn, und es wäre zum Kampfe gekommen, wenn nicht Zeus selbst dem Streite ein Ende gemacht hätte, indem er der Marpessa freie Wahl zwischen dem göttlichen und dem sterblichen Freier ließ. Da wählte sie den Idas, der sie freudig heimführte; doch ein hartes Geschick raffte die blühende Gattin bald dahin.

Mit den beiden Aphariden Lynkeus und Idas waren die Dioskuren anfangs innig befreundet; zuletzt aber wurden die Freunde zu Todfeinden, und das ging so zu: Die zwei Brüderpaare zogen einstmals auf Beute aus. In Arkadien raubten sie eine herrliche Rinderherde, die sie untereinander zu teilen beschlossen; dem Idas übertrugen die drei andern das Amt der Teilung. Da zerlegte dieser einen Stier aus der Beute in vier Stücke und bestimmte, daß der, welcher seinen Teil zuerst verzehrt haben würde, die Hälfte des Raubes, der zweite das übrige haben sollte. Nun begann der seltsame Wettstreit. Aber kaum hatten die andern sich ans Essen gemacht, da war Idas mit seinem Teil schon fertig und half nun auch dem Bruder, sein Stück zu verspeisen. So hatten die Aphariden die Wette gewonnen und führten die ganze Beute lachend hinweg, während die Dioskuren leer ausgingen. Aus Zorn hierüber brachen nun diese in Messenien ein, entführten die schönen Töchter des Leukippos, Phöbe und Hilaeira, welche die Bräute der Aphariden waren, und vermählten sich mit ihnen. Dann brachten sie ihren Raub in Sicherheit und versteckten sich in einem hohlen Eichbaum; aus diesem Hinterhalt lauerten sie den Aphariden auf, um sie zu überfallen; denn sie wußten wohl, daß diese ihren Schimpf nicht ruhig ertragen, sondern sie verfolgen würden. Lynkeus aber eilte schnellen Fußes zum Taygetos und stieg auf den höchsten Gipfel; von da durchspähte er die ganze Insel des Pelops bis an die Küsten des blauen Meeres, und bald erblickte er mit den gewaltigen Augen die beiden im hohlen Stamme versteckt, Kastor den Rossebezwinger und den preiswerten Helden Polydeukes, und zeigte sie seinem Bruder Idas. Rasch schlichen sie nun herzu, und ehe die Dioskuren sie gewahr wurden, schleuderte Idas den schweren Wurfspeer und durchbohrte Kastors Brust, daß er zu Boden sank. Polydeukes sah den blutenden Bruder zu seinen Füßen; da sprang er wütend hervor, um mit beiden Feinden zugleich zu kämpfen. Seinem Andrang vermochten sie nicht zu widerstehen, in wilder Flucht rannten sie dahin, bis an das Grab ihres Vaters Aphareus. Dort hob der starke Idas den Stein vom Grabhügel und schmetterte ihn gegen des Verfolgers Brust. Aber wie ein Fels im Meere stand Polydeukes, unerschüttert von der Wucht des anprallenden Marmors. Nun stürmte er auf Lynkeus ein und schleuderte ihm die Lanze tief in die Weichen, daß dieser sterbend zu Boden stürzte. Ein furchtbarer Kampf begann zwischen Polydeukes und Idas; jeder brannte vor Begierde, seinen toten Bruder zu rächen. Da blickte Zeus hernieder und nahm sich seines lieben Sohnes an. Eben war Idas im Begriff, einen riesigen Feldstein dem Gegner ans Haupt zu werfen, da entsandte der Donnerer einen feurigen Blitzstrahl, und von der himmlischen Flamme verzehrt, endete der letzte Apharide.

Einen dankbaren Blick nur schickte Polydeukes zum Vater empor, dann eilte er zu seinem sterbenden Bruder zurück. Noch war dieser nicht tot, aber schwer röchelte die wunde Brust im Todeskampfe. Da stürzte Polydeukes laut weinend an der Seite des heißgeliebten Bruders nieder und rief mit gewaltiger Stimme: »O Vater Zeus, wie soll mein Jammer enden? O laß mich sterben mit diesem zusammen, Herr! Ehre und Freude ist dem Manne verloren, der seines liebsten Freundes beraubt ward.« Da schwebte der Götterkönig zu ihm herab und sprach: »Du bist unsterblich, denn du bist mein Sohn. Dieser aber entstammt einem sterblichen Vater. Wohlan denn! Frei stell ich dir selber die Wahl: Willst du, dem Tod und dem verhaßten Alter entflohen, im Olymp bei den seligen Göttern, selbst ein Gott, in Ewigkeit wohnen, doch ohne Kastor: es sei dir gewährt; oder willst du alles mit dem lieben Bruder teilen, so magst du mit ihm zugleich die Hälfte der Zeit in der finstern Unterwelt, die andere Hälfte im goldenen Himmelssaal weilen.« Also sprach der Gott, und jenem war das Herz nicht einen Augenblick von schwankendem Zweifel bedrückt; freudig und ohne Zaudern wählte er das gemeinsame Schicksal mit dem Bruder. Da erschloß Zeus dem Kastor Auge und Zunge. Und so bringen die Zwillinge, unzertrennlich wie im irdischen Leben, einen Tag beim Vater Zeus und den übrigen Göttern, den andern im dunkeln Hades gemeinsam zu. Die Menschen aber beten zu ihnen in allen Nöten des Lebens, denn sie verehren die Dioskuren als gnädige Helfer in Gefahr. Im Getümmel der Schlacht erscheinen die Brüder als leuchtende Sterne dem bedrängten Helden und führen ihn zum Sieg; auf tobender See, in Sturm und Wetter schweben sie auf goldenen Flügeln herab, den verzweifelnden Schiffbrüchigen zu helfen. Sankt-Elms-Feuer nennt jetzt der Seemann die wundersame heilkündende Lohe, welche in der Finsternis des Unwetters an Masten, Segeln und Tauen plötzlich aufleuchtet und in der der Grieche die hilfreichen Zwillinge herniedersteigen sah.

Die drei ersten Arbeiten des Herakles



Die drei ersten Arbeiten des Herakles

Die erste Arbeit, welche dieser König ihm auferlegte, bestand darin, daß Herakles ihm das Fell des Nemeischen Löwen herbeibringen sollte. Dieses Ungeheuer hauste auf dem Peloponnes, in den Wäldern zwischen Kleonai und Nemea in der Landschaft Argolis. Der Löwe konnte mit keinen menschlichen Waffen verwundet werden. Die einen sagten, er sei ein Sohn des Riesen Typhon und der Schlange Echidna, die andern, er sei vom Mond auf die Erde herabgefallen. Also zog Herakles gegen den Löwen aus, den Köcher auf dem Rücken, den Bogen in der einen Hand, in der andern eine Keule aus dem Stamme eines wilden Ölbaumes, den er selbst auf dem Helikon angetroffen und mitsamt den Wurzeln ausgerissen hatte. Als er in den Wald von Nemea kam, ließ Herakles seine Augen nach allen Seiten schweifen, um das reißende Tier zu entdecken, ehe er von ihm erblickt würde. Es war Mittag, und nirgends konnte er die Spur des Löwen bemerken, nirgends den Pfad zu seinem Lager erkunden; denn keinen Menschen traf er auf dem Felde bei den Stieren oder im Walde bei den Bäumen an: alle hielt die Furcht in ihre fernen Gehöfte verschlossen. Den ganzen Nachmittag durchstreifte er den dichtbelaubten Hain, entschlossen, seine Kraft zu erproben, sobald er des Ungeheuers ansichtig würde. Endlich gegen Abend kam der Löwe auf einem Waldwege gelaufen, um vom Fang in seinen Erdspalt zurückzukehren: er war von Fleisch und Blut gesättigt, Kopf, Mähne und Brust troffen von Mord, mit der Zunge leckte er sich das Kinn. Der Held, der ihn von ferne kommen sah, rettete sich in einen dichten Waldbusch, wartete, bis der Löwe näher kam, und schoß ihm dann einen Pfeil in die Flanken zwischen Rippen und Hüfte. Aber das Geschoß drang nicht ins Fleisch, es prallte wie von einem Steine ab und flog zurück auf den moosigen Waldboden. Das Tier hob seinen zur Erde gekehrten blutigen Kopf empor, ließ die Augen forschend nach allen Seiten rollen und im aufgesperrten Rachen die entsetzlichen Zähne sehen. So streckte es dem Halbgotte die Brust entgegen, und dieser sandte schnell einen zweiten Pfeil ab, um ihn mitten in den Sitz des Atems zu treffen; aber auch diesmal drang das Geschoß nicht bis unter die Haut, sondern prallte von der Brust ab und fiel zu den Füßen des Ungetüms nieder. Herakles griff eben zum dritten Pfeile, als der Löwe, die Augen seitwärts drehend, ihn erblickte; er zog seinen langen Schweif an sich bis zu den hinteren Kniekehlen, sein ganzer Nacken schwoll von Zorn auf, unter Murren sträubte sich seine Mähne, sein Rücken wurde krumm wie ein Bogen. Er sann auf Kampf und ging mit einem Sprung auf seinen Feind los. Herakles aber warf seine Pfeile aus der Hand und seine eigene Löwenhaut vom Rücken, mit der Rechten schwang er über dem Haupte des Tieres die Keule und versetzte ihm einen Schlag auf den Nacken, daß es mitten im Sprunge wieder zu Boden stürzte und auf zitternden Füßen zu stehen kam, mit dem Kopfe wackelnd. Eh es wieder aufatmen konnte, kam ihm Herakles zuvor; er warf auch noch Bogen und Köcher zu Boden, um ganz ungehindert zu sein, nahte dem Untier von hinten, schlang die Arme um seinen Nacken und schnürte ihm die Kehle zu, bis es erstickte und seine grauenvolle Seele zum Hades zurücksandte. Lange versuchte er vergebens, die Haut des Gefallenen abzuweiden; sie wich keinem Eisen, keinem Steine. Endlich kam ihm in den Sinn, sie mit den Klauen des Tiers selbst abzuziehen, was auch sogleich gelang. Später verfertigte er sich aus diesem herrlichen Löwenfell einen Panzer und aus dem Rachen einen neuen Helm; für jetzt aber nahm er Kleid und Waffen, in denen er gekommen war, wieder zu sich und machte sich, das Fell des Nemeischen Löwen über den Arm gehängt, auf den Rückweg nach Tiryns. Als der König Eurystheus ihn mit der Hülle des gräßlichen Tieres daherkommen sah, geriet er über die göttliche Kraft des Helden in solche Angst, daß er in einen ehernen Topf kroch. Auch ließ er forthin den Herakles nicht mehr unter seine Augen kommen, sondern ihm seine Befehle nur außerhalb der Mauern durch Kopreus, einen Sohn des Pelops, zufertigen.

Die zweite Arbeit des Helden war, die Hydra zu erlegen, die ebenfalls eine Tochter des Typhon und der Echidna war. Sie war zu Argolis, im Sumpfe von Lerna aufgewachsen und pflegte aufs Land herauszukommen, die Herden zu zerreißen und das Feld zu verwüsten; dabei war sie unmäßig groß, eine Schlange mit neun Häuptern, von denen acht sterblich, das in der Mitte stehende aber unsterblich war. Herakles ging auch diesem Kampfe mutig entgegen; er bestieg sofort einen Wagen; sein geliebter Neffe Iolaos, der Sohn seines Stiefbruders Iphikles, der lange Zeit sein unzertrennlicher Gefährte blieb, setzte sich als Rosselenker ihm an die Seite, und so ging es im Fluge Lerna zu. Endlich wurde die Hyder auf einem Hügel bei den Quellen der Amymone sichtbar, wo sich ihre Höhle befand. Hier ließ Iolaos die Pferde halten; Herakles sprang vom Wagen und zwang durch Schüsse mit brennenden Pfeilen die vielköpfige Schlange, ihren Schlupfwinkel zu verlassen. Die kam zischend hervor, und ihre neun Hälse schwankten emporgerichtet auf dem Leibe, wie die Äste eines Baumes im Sturm. Herakles ging unerschrocken ihr entgegen, packte sie kräftig und hielt sie fest. Sie aber umschlang einen seiner Füße, ohne sich auf weitere Gegenwehr einzulassen. Nun fing er an, mit seiner Keule ihr die Köpfe zu zerschmettern. Aber er konnte nicht zum Ziele kommen. War ein Haupt zerschlagen, so wuchsen deren zwei hervor. Zugleich kam der Hyder ein Riesenkrebs zu Hilfe, der den Helden empfindlich am Fuße faßte. Den tötete er jedoch mit seiner Keule und rief dann den Iolaos zu Hilfe. Dieser hatte schon eine Fackel gerüstet; er zündete damit einen Teil des nahen Waldes an, und mit den Bränden überfuhr er die neu wachsenden Häupter der Schlange bei ihrem ersten Emporkeimen und hinderte sie so, hervorzutreiben. Auf diese Weise wurde der Held der emporwachsenden Köpfe Meister und schlug nun der Hyder auch das unsterbliche Haupt ab; dieses begrub er am Wege und wälzte einen schweren Stein darüber. Den Rumpf der Hyder spaltete er in zwei Teile, seine Pfeile aber tauchte er in ihr Blut, das giftig war. Seitdem schlug des Helden Geschoß unheilbare Wunden.

Der dritte Auftrag des Eurystheus war, die Hirschkuh Kerynitis lebendig zu fangen; dies war ein herrliches Tier, hatte goldene Geweihe und eherne Füße und weidete auf einem Hügel Arkadiens. Sie war eine der fünf Hindinnen gewesen, an welchen die Göttin Artemis ihre erste Jagdprobe abgelegt hatte. Diese allein von den fünfen hatte sie wieder in die Wälder laufen lassen, weil es vom Schicksal beschlossen war, daß Herakles sich einmal daran müde jagen sollte. Ein ganzes Jahr verfolgte er sie, kam auf dieser Jagd zu den Hyperboreern und an die Quellen des Isterflusses und holte die Hindin endlich am Flusse Ladon, unweit der Stadt Önoe, am artemisischen Berge, ein. Doch wußte er des Tieres nicht auf andere Weise Meister zu werden, als daß er es durch einen Pfeilschuß lähmte und dann auf seinen Schultern durch Arkadien trug. Hier begegnete ihm die Göttin Artemis (Diana) mit Apoll, schalt ihn, daß er das Tier, das ihr geheiligt war, habe töten wollen, und machte Miene, ihm die Beute zu entreißen. »Nicht Mutwille hat mich bewogen, große Göttin«, sprach Herakles zu seiner Rechtfertigung, »die Notwendigkeit hat mich gezwungen, es zu tun; wie könnte ich sonst vor Eurystheus bestehen?« So besänftigte er den Zorn der Göttin und brachte das Tier lebendig nach Mykene.

Der Tod des Palinurus. Landung in Italien. Latinus. Lavinia



Fünftes Buch

Äneas – Zweiter Teil

Der Tod des Palinurus. Landung in Italien. Latinus. Lavinia

Äneas mußte das Ende Didos, das sein Leichtsinn herbeigeführt hatte, obgleich ihm von den Göttern selbst geboten worden war, sie zu verlassen, mit neuen Irrfahrten und wiederholten Unglücksfällen büßen. Ein Sturm verschlug ihn rückwärts nach Sizilien, wo er vom Könige Acestes, dessen Mutter eine Trojanerin war, gütig aufgenommen wurde und dem Schatten seines Vaters Anchises, welchen er ein Jahr zuvor bei Drepanum begraben hatte, bei der Wiederkehr dieses Tages herrliche Leichenspiele feierte. Inzwischen warfen die trojanischen Frauen, von der Botin Junos, Iris, angereizt und der langen Seefahrt überdrüssig, Feuer in die Flotte, daß vier der schönsten Schiffe verbrannten; die übrigen rettete Jupiter durch einen Regenguß. In der folgenden Nacht erschien dem kummervollen Helden sein Vater Anchises im Traum und brachte ihm Jupiters Befehl, die älteren Weiber und unkriegerischen Greise in Sizilien zurückzulassen; er selbst solle mit dem Kern der Mannschaft nach Italien segeln.

Der Held gehorchte dem Götterwinke, gründete zu Ehren seines königlichen Wirtes die Stadt Acesta in Sizilien und bevölkerte sie mit den Greisen und den alten Müttern seiner Flotte; er selbst brach mit den kräftigsten Männern, den Jünglingen, Frauen, Jungfrauen und Knaben der Auswanderung auf und verließ die Küste. Diesmal gewährte ihm Neptunus, durch die Bitten der Liebesgöttin bewältigt, sicheres Meer und glückliche Fahrt. Zuletzt wurden sie bei dem günstigsten Winde und blauesten Himmel so sorglos, daß die Ruderer selbst in einer heitern Nacht sich unter ihre Ruderbänke legten und dem tiefsten Schlafe überließen. Der verführerische Gott des Schlafes hatte sich von den am hellen Nachthimmel funkelnden Gestirnen des Äthers herabgesenkt und nahte in der Gestalt des Helden Phorbas selbst dem wachsamen Steuermanne Palinurus, der auf dem hohen Verdeck am Steuer saß: »Sohn des Jasius«, sprach er leise zu ihm, »Siehest du nicht, wie das Meer die Flotte selber treibt und die sanftwehende Luft dich einlädt, endlich einmal auch ein Stündlein dir Ruhe zu gönnen? Lege doch dein Haupt nieder, entziehe die ermüdeten Augen der steten Arbeit; komm, laß mich ein wenig dein Amt für dich übernehmen!« Palinurus vermochte kaum den schläfrigen Blick gegen den Redenden aufzuheben und sprach: »Was sprichst du? Ich soll das tückische Element nicht kennen, wenn es Ruhe heuchelt, und ihm vertrauen? Ich, den so oft der Betrug des heitern Himmels hintergangen hat!« So sprach er und klammerte sich an das Ruder, indem er sich zwang, seine Augen nach den Sternen zu richten. Aber der Gott träufelte ihm in einem Zweige ein paar Tropfen von Lethe auf seine Schläfe, und plötzlich schlossen sich seine Augen. Dann zerbrach er die Planken am Steuer und gab dem Schlummernden einen Stoß, daß er mitsamt dem Ruder kopfüber in die Wellen stürzte. Der Schlaf erhob sich wie ein Vogel in die Luft. In den Wogen erwachte der arme Steuermann und rief umsonst, mit den Wellen ringend, die Hilfe seiner schlafenden Genossen an.

Die Flotte verfolgte indessen, unter dem versprochenen Schutze des Meergottes, auch ohne Steuermann ihren Weg, und endlich war Italiens Küste erreicht. Äneas fuhr das Gestade entlang und landete zuletzt in dem Hafen von Kajeta. Damals hatte er diesen Namen noch nicht und erhielt ihn erst von der alten treuen Amme des Helden, welche Kajeta hieß, nach der Landung hier starb und, ehe der Zug weiterging, an dem Orte feierlich beigesetzt wurde. Dann begab sich der Führer noch einmal mit seinen Genossen zu Schiffe und gelangte glücklich in den Hafen von Ostia. Hier sah er vom Meer aus ein großes Gehölz; zwischen diesem brach der Tiberstrom, gelb von Sande, unter reißenden Wirbeln sich seine Bahn ins Meer. Bunte Vögel umflatterten unter lieblichem Gesange den Ausfluß und durchschwebten den Hain.

Das italische Land, in welchem sich die trojanischen Auswanderer nun befanden, war das alte Latium, das Gebiet der Laurenter. Seine ruhigen Städte und Felder beherrschte ein schon alternder König mit Namen Latinus, ein Sohn des Faunus und ein Urenkel des Gottes Saturnus. Das Geschick hatte diesem Fürsten keinen Sohn gegönnt; aber um seine einzige schon herangereifte schöne Tochter Lavinia warben aus Latium und ganz Italien viele Fürstensöhne, vor allen Turnus, der schönste aller Jünglinge, der Sohn des Rutulerköniges Daunus, und ihn begünstigte die Mutter Lavinias, die Königin Amata, vor allen andern. Aber schreckhafte Götterzeichen setzten sich dieser Verbindung entgegen. In den hohen Höfen der latinischen Königsburg stand ein Lorbeerbaum, welchen der alte König schon angetroffen und dem Phöbus geweiht hatte, als er den Palast gründete. Nun besetzte einst plötzlich den Gipfel des Baumes ein dichter Bienenschwarm, der mit lautem Gesumse durch die heitere Luft herbeigeflogen kam; Füße an Füße klammernd, hing der ganze Schwarm wie eine Blumendolde plötzlich vom grünenden Aste des Baumes herunter. Man rief einen Wahrsager herbei, der das Zeichen deuten sollte. Dieser sprach: »Ich sehe einen Mann und ein Heer vom Auslande herbeiziehen, aus einer Himmelsgegend nach einer andern Himmelsgegend, und sehe ihn zuoberst in dieser Burg herrschen!« Und wiederum geschah ein neues Zeichen. Als die Jungfrau Lavinia mit ihrem Vater am Altare stand und dieser die Opferflamme anfachte, da schien es, als fingen die Locken der Jungfrau Feuer, ihr Haar brenne, die Krone von Gold und Edelsteinen glühe und verstreue, in Rauch und Flammen gehüllt, Glut durch den ganzen Palast. Das wurde nun vollends für ein bedeutsames und grausenhaftes Wunder gehalten: zwar Lavinia selbst – so lautete die Deutung der Seher – gehe einem herrlichen Geschick und großem Ruhm entgegen, aber dem Volke weissage dieses Zeichen einen fürchterlichen Kriegsbrand. Latinus befragte darüber das Orakel seines Vaters Faunus. Aber auch dieses wahrsagte ihm einen fremden Eidam, aus dessen Stamm ein Geschlecht erwachsen werde, dem die Herrschaft der ganzen Welt bestimmt sei.

Am Tibergestade streckte sich der gelandete Äneas mit seinem Sohne Julus und den übrigen Trojanerfürsten unter einem hohen, schattigen Baume nieder und bereitete ein Mahl. In der Eile nahmen sie sich nicht einmal die Mühe, das Geräte aus den Schiffen herbeizuholen, sondern sie buken breite Weizenkuchen, die ihnen statt der Tische und Teller dienten und auf welchen sie die Speisen ausbreiteten. Als der kleine Vorrat, den sie mit zu Lande gebracht, verzehrt und ihr Hunger noch nicht gestillt war, ergriffen sie Teller und Tische von Weizenmehl und bissen rüstig ein. Da sagte der kleine Julus lachend: »Wir verzehren ja unsere eigenen Tische!« Dieser Scherz fiel allen mit schwerem, entscheidendem Gewicht ins Ohr. Freudig sprang Äneas vom Boden auf und rief. »Heil dir, du fremdes Land! Du bist’s, das mir vom Geschicke verheißene! Auf heitre Weise wird erfüllt, was uns die Harpyie Celäno als etwas Entsetzliches prophezeit hatte. Der Hunger werde uns an unbekannten Gestaden, so krächzte sie, nötigen, die eigenen Tische zu verzehren. Wohlan denn, es ist geschehen, der Spruch hat sich erfüllt, von dem auch mein Vater Anchises mir geweissagt hatte. ›Wenn dieses geschieht‹, sprach er, ›dann ist das Ende der Mühseligkeiten da, dann bauet Häuser!‹«

Jetzt erkundigten sich die Fremdlinge, welche das fruchtbare Land durchstreifend bald auf Wohnungen stießen, nach dem Volk und Könige des Landes, und schnell ward eine Gesandtschaft an Latinus, den König der Laurenter, beschlossen.

Der Tod des Paris



Der Tod des Paris

Als die Griechen das ersehnte Schiff, das den Philoktet mit den beiden Helden am Borde hatte, in den Hafen des Hellesponts einlaufen sahen, eilten sie scharenweise unter lautem Jubel an den Strand. Philoktet streckte die schwächlichen Hände hinaus und wurde von seinen beiden Begleitern ans Ufer gehoben, welche mühselig den Hinkenden in die Arme der harrenden Danaer führten. Diese jammerte seines Anblickes. Da sprang einer der Helden aus dem Haufen heraus, heftete einen forschenden Blick auf die Wunde, rief mit lauter Rührung seinen Vater Pöas bei Namen und versprach, ihn mit der Götter Hilfe schnell zu heilen. Laut jauchzten die Griechen auf, als sie seine Verheißung hörten. Es war Podaleirios der Arzt, ein alter Freund des Pöas. Schnell schaffte dieser die nötigen Heilmittel herbei; die Argiver aber wuschen und salbten den Körper des alten Helden. Die Unsterblichen gaben ihren Segen: das verzehrende Übel schwand ihm aus den Gliedern und aller Jammer aus der Seele. Der sieche Leib des Helden Philoktet blühte auf wie ein Ährenfeld, das, am Regen dahinwelkend, von sommerlichen Winden erquickt wird. Die Atriden selbst, die Häupter des Volkes staunten, als sie ihn so gleichsam vom Tode auferstehen sahen, und nachdem er sich an Trank und Speise gelabt, trat Agamemnon zu ihm, ergriff ihn bei der Hand und sprach mit sichtbarer Beschämung: »Lieber Freund! Es ist in der Betörung unseres Geistes, aber auch nach göttlicher Fügung geschehen; hege nicht länger Groll darüber im Herzen, die Götter haben uns genug dafür gestraft und diese Versuchung über uns verhängt, um uns ihren Zorn fühlen zu lassen. Für jetzt nimm die Geschenke freundlich auf, die wir dir bereitet haben: sieben trojanische Jungfrauen, zwanzig Rosse und zwölf Dreifüße. Daran labe dein Herz und nimm in meinem eigenen Zelte Platz. Beim Mahl und allenthalben soll dir königliche Ehre erwiesen werden.«

»Lieben Freunde«, erwiderte Philoktet gütig, »ich zürne nicht mehr, weder dir, Agamemnon, noch irgendeinem andern Danaer, sollte sich auch einer an mir vergangen haben. Weiß ich doch, daß der Sinn edler Männer beugsam ist und sich bald streng, bald nachgiebig zeigen muß. Doch jetzt laßt uns schlafen gehen, denn wer sich nach dem Kampfe sehnt, tut wohler daran, sich des Schlummers zu freuen als des Schmauses!« So sprach er und eilte ins Gezelte seiner Freunde, wo er bis an den Morgen behaglich der Ruhe pflegte.

Am andern Tage waren die Trojaner außerhalb der Mauer mit der Beerdigung ihrer Toten beschäftigt, als sie die Griechen schon wieder zum Streite heranrücken sahen. Polydamas, der weise Freund des gefallenen Hektor, riet ihnen, im Gefühl ihrer Schwäche sich hinter die Mauern zurückzuziehen und sich dort getrost zu verteidigen. »Troja«, sprach er, »ist das Werk der Götter, und ihre Werke sind nicht leicht zu zerstören; auch fehlt es uns weder an Speise noch an Getränk, und in den Hallen unseres reichen Königes Priamos liegen noch Vorräte genug, um dreimal soviel Volk zu sättigen, als wir sind.« Aber die Trojaner gehorchten seinem Rate nicht und jauchzten vielmehr dem Äneas Beifall, der sie zu rühmlichem Sieg oder Tod auf dem Schlachtfelde aufforderte. Bald stürmte der Kampf wieder in beider Heere Reihen. Neoptolemos erschlug zwölf Trojaner hintereinander mit dem Speere seines Vaters, aber auch Eurymenes, der Gefährte des kühnen Äneas, und Äneas selbst rissen blutige Lücken ins griechische Heer, und Paris tötete den Begleiter des Menelaos, den Demoleon aus Sparta. Dagegen rasete Philoktet unter den Trojanern wie der unbezwingliche Ares selber oder wie ein tosender Strom, der breite Fluren überschwemmt. Wenn ein Feind ihn nur von ferne erblickte, so war er verloren; schon des Herakles herrliche Rüstung, die er trug, schien die Troer zu verderben, als stünde das Medusenhaupt auf seinem Panzer. Zuletzt aber wagte es doch Paris und drang auf ihn ein, Bogen und Pfeile mutig in der Luft schwenkend. Auch schnellte er bald einen Pfeil ab; doch der schwirrte an Philoktet vorüber und verwundete seinen Nebenmann Kleodoros in die Schulter. Dieser wich, mit der Lanze fortkämpfend, zurück; aber ein zweiter Pfeil des Paris traf ihn zum Tode. Jetzt griff Philoktet zu seinem Bogen, und mit donnernder Stimme rief er: »Du trojanischer Dieb, Urheber alles unsres Unheils, du sollst es büßen, daß dich gelüstet hat, in der Nähe dich mit mir zu messen. Wenn du einmal tot bist, so wird deinem Haus und deiner Stadt das Verderben mit schnellen Schritten heraneilen!« So sprach er und zog die gedrehte Sehne des Bogens bis nahe an die Brust, so daß das Horn sich bog, und legte den Pfeil so auf, daß er nur ein weniges über den Bogen hervorragte. Mit einem Schwirren der Sehne flog das zischende Geschoß dahin und verfehlte aus der Hand des göttlichen Helden sein Ziel nicht, doch ritzte er dem Paris nur die schöne Haut, und auch dieser spannte seinen Bogen wieder; da traf ihn ein zweiter Pfeil des Philoktet in die Weiche, daß er nicht länger im Kampf auszuharren vermochte, sondern entfloh wie ein Hund vor dem Löwen, am ganzen Leibe zitternd.

Der blutige Kampf dauerte noch eine Weile fort, während die Ärzte sich um die schmerzliche Wunde des Paris bemühten. Aber das Dunkel der Nacht war eingebrochen, und die Trojaner kehrten in ihre Mauern, die Danaer zu ihren Schiffen zurück. Paris durchstöhnte die Nacht ohne Schlaf auf seinem Schmerzenslager. Der Pfeil war bis ins Mark des Gebeines eingedrungen und die Wunde durch die Wirkung des scheußlichen Giftes, in das die Pfeile des Herakles getaucht waren, ganz schwarz vor Fäulnis. Kein Arzt vermochte zu helfen, ob sie gleich Mittel aller Art anwandten. Da erinnerte sich der Verwundete eines Orakelspruches, daß ihm einst in der größten Not nur seine verstoßene Gattin Önone helfen könne, mit welcher er, als er noch Hirte auf dem Ida war, glückliche Tage verlebt hatte. Aus dem eigenen Munde der Gattin hatte er damals, als er nach Griechenland zog, diese Wahrsagung vernommen. So ließ er sich denn jetzt ungerne, aber von der harten Qual gezwungen, dem Berge Ida, wo seine erste Gemahlin noch immer wohnte, zutragen. Von dem Gipfel des Berges herab krächzten Unglücksvögel, als die Diener mit ihm hinanstiegen. Ihre Stimme erfüllte ihn bald mit Entsetzen, bald trieb ihn wieder die Lebenshoffnung, sie zu verachten. So kam er in der Wohnung seiner Gattin an. Die Dienerinnen und Önone selbst erfüllte der unerwartete Anblick mit Staunen; er aber stürzte sich zu den Füßen seines verschmähten Weibes und rief. »Ehrwürdige Frau, o hasse mich jetzt nicht in meiner Bedrängnis, weil ich dich einst unfreiwillig als Witwe zurückließ. Denn sieh, es waren die unerbittlichen Parzen, die mich Helena entgegengeführt. O wäre ich doch gestorben, ehe ich sie in den Palast meines Vaters gebracht! Doch jetzt beschwöre ich dich bei den Göttern und unserer früheren Liebe, habe Mitleid mit mir und befreie mich von dem quälenden Schmerz, indem du auf meine Wunde die Heilmittel auflegst, die nach deiner eigenen Weissagung mich allein zu retten vermögen!«

Aber seine Worte erweichten den harten Sinn der Verstoßenen nicht. »Was kommst du zu der«, sprach sie scheltend, »die du verlassen und dem bitteren Jammer preisgegeben hast, weil du an Helenas ewiger Jugend dich zu erfreuen hofftest? So geh nun und wirf dich ihr zu Füßen, ob sie dir helfen möge; meine Seele aber hoffe nicht mit deinen Tränen und Klagen zum Mitleid zu stimmen!« So schickte sie ihn wieder aus ihrer Behausung fort, ohne zu ahnen, daß ihr eigenes Schicksal an das ihres Gatten gebunden sei. Paris schleppte sich, von den Dienern gestützt und getragen, kummervoll über die Höhen des waldigen Ida hin, und Hera vom Olymp herab labte sich an dem Anblicke. Noch war er nicht an den Abhang des Berges gelangt, als er der giftigen Wunde erlag und seinen Geist noch auf den Gipfeln des Ida selbst aushauchte, so daß seine Buhlin Helena ihn nicht wieder erblickte.

Ein Hirte brachte seiner Mutter Hekabe die erste Kunde von seinem traurigen Tode. Ihr wankten die Knie bei der Nachricht, und sie sank bewußtlos nieder. Priamos aber wußte noch nichts davon, er saß klagend am Grabe seines Sohnes Hektor und erfuhr nicht, was draußen vorging. Helena dagegen ließ ihren strömenden Klagen bei der Botschaft ihren Lauf, wiewohl ihr Gemüt wenig davon empfand; denn sie war nicht sowohl über den Tod des Mannes betrübt als über ihre eigene Schuld, an welche sie sich jetzt mit Zagen erinnerte.

Unerwartete Reue bemächtigte sich der Seele Önones, die ferne von allen trojanischen Frauen auf der Höhe des Ida im einsamen Hause lag und der jetzt erst die Erinnerung an ihre mit Paris in Liebe verlebte Jugend zurückkehrte. Wie das Eis, das auf dem hohen Gebirge sich in den Wäldern angesetzt und die Klüfte umher deckt, unter dem lauen Hauche des Westwinds wieder schmilzt und in strömende Quellen zerfließt, so schmolz die Härtigkeit ihres Herzens dahin vor dem Kummer; das Herz ging ihr auf, und Ströme von Tränen quollen aus ihren lang vertrockneten Augen. Endlich raffte sie sich auf, öffnete mit Heftigkeit die Pforte ihres Hauses und stürzte wie ein Sturmwind hinaus. Von Fels zu Fels, über Schluchten und Bergströme trugen sie die flüchtigen Füße durch die Nacht hin. Mitleidsvoll blickte Selene vom blauen Nachthimmel auf sie herunter. Endlich gelangte sie an die Stelle des Gebirges, wo der Leichnam ihres Gatten auf dem Holzstoß flammte und von den Schafhirten des Berges umringt war, die dem Freund und dem Königssohn die letzte Ehre erwiesen. Als ihn Önone erblickte, machte sie der heftige Schmerz ganz sprachlos; sie verhüllte ihr schönes Antlitz in die Gewänder, sprang rasch auf den Scheiterhaufen, und ehe die Umstehenden sie retten, ja nur beklagen konnten, war sie mit der Leiche des Gatten ein Opfer der Flammen.

Der Tod Hektors



Der Tod Hektors

Immer näher kam Achill geschritten, dem Kriegsgott an furchtbarer Herrlichkeit gleich; auf der rechten Schulter bebte ihm entsetzlich seine Lanze aus Pelions Eschenholz, seine Erzwaffen schimmerten um ihn wie eine Feuersbrunst oder wie die aufgehende Sonne. Als Hektor ihn sah, mußte er unwillkürlich zittern; er vermochte nicht mehr stillezustehen: er wandte sich um, dem Tore zu, und hinter ihm her flog der Pelide, wie ein Falk der Taube nachstürzt, die oft seitwärts schlüpft, während der Raubvogel grad andringt in seinem Fluge. So flüchtete Hektor längs der Mauer von Troja über den Fahrweg hinüber an den beiden sprudelnden Quellen des Skamander vorbei, der warmen und der kalten, immer weiter um die Mauer: ein Starker floh, aber ein Stärkerer folgte. Also kreisten sie dreimal um die Stadt des Priamos, und vom Olymp sahen alle ewigen Götter dem Schauspiele mit gespannter Aufmerksamkeit zu. »Erwägt es wohl, ihr Götter«, sprach Zeus, »die Stunde der Entscheidung ist gekommen; jetzt fragt es sich: soll Hektor dem Tode noch einmal entfliehen, oder soll er, wie tapfer er auch sein mag, fallen?« Da nahm Pallas Athene das Wort und sprach: »Vater, wo denkst du hin? Einen Sterblichen, der längst dem Verhängnis anheimgefallen ist, willst du vom Tod erlösen? Tu, was dir gut dünkt, aber hoffe nicht, daß die Götter deinen Rat billigen werden!« Zeus nickte seiner Tochter Gewährung zu, und sie schwang sich wie ein Vogel von den Felsenhöhen des Olymp aufs Schlachtfeld hinab,

Hier floh Hektor noch immer vor seinem Verfolger, der ihn, wie ein Jagdhund den aus dem Lager aufgejagten Hirsch, bedrängte und ihm, wie dieser seinem Wild, keinen Schlupfwinkel und keine Rast gönnte. Auch winkte Achill seinem Volke zu, daß keiner sein Geschoß auf Hektorn werfen und ihm den Ruhm rauben sollte, der erste und einzige gewesen zu sein, der den furchtbarsten Feind der Griechen erlegte.

Als sie nun zum viertenmal auf ihrer Runde um die Mauer an die Quellen des Skamander gelangt waren, da erhub sich Zeus auf dem Olymp, streckte die goldne Waage vor und legte zwei Todeslose hinein, das eine für den Peliden, das andre für Hektor. Dann faßte er die Waage in der Mitte und wog: da sank Hektors Waagschale tief nach dem Hades zu, und augenblicklich verließ Phöbos Apollo seine Seite. Zu Achill aber trat Athene die Göttin und flüsterte ihm ins Ohr: »Steh und erhole dich, während ich jenem zurede, dich kühn zu bekämpfen.« Achill lehnte sich, der Göttin gehorchend, auf seinen eschenen Speer, sie aber, in der Gestalt des Deïphobos, trat ganz nahe zu Hektor und sprach zu ihm: »Ach, mein älterer Bruder, wie bedrängt dich der Pelide! Wohlan, laß uns standhalten und ihn abwehren!« Freudig aufblickend erwiderte Hektor: »Du warst immer mein trautester Bruder, Deïphobos, jetzt aber muß dich mein Innerstes nur um so mehr hochachten, daß du dich, sobald mich dein Auge wahrnahm, aus der Stadt gewagt hast, während die andern alle hinter der Mauer sitzen!« Athene winkte dem Helden zu und schritt ihm, die Lanze gehoben, voran, dem ausruhenden Achill entgegen. Diesem rief Hektor zuerst zu: »Nicht länger entfliehe ich dir, Pelide; mein Herz treibt mich, dir fest entgegenzustehen, daß ich dich töte oder falle! Laß uns aber die Götter zu Zeugen eines Eidschwures nehmen: Wenn mir Zeus den Sieg verleiht, werde ich dich nimmermehr mißhandeln, sondern nachdem ich dir deine Rüstung abgezogen, die Leiche deinen Volksgenossen zurückgeben. Ein Gleiches sollst du mir tun!«

»Nicht von Verträgen geplaudert!« erwiderte finster Achill; »sowenig ein Hund zwischen Löwen und Menschen Freundschaft stiftet, sowenig zwischen Wölfen und Lämmern Eintracht besteht, sowenig wirst du mich mit dir befreunden. Einer von uns muß blutig zu Boden stürzen. Nimm deine Kunst zusammen, du mußt Lanzenschwinger und Fechter zugleich sein. Doch du wirst mir nicht entrinnen, all das Leid, das du den Meinigen mit der Lanze angetan hast, das büßest du mir jetzt auf einmal!« So schalt Achill und schleuderte die Lanze: doch Hektor sank ins Knie, und das Geschoß flog über ihn weg in die Erde; hier faßte es Athene und gab es dem Peliden, unbemerkt von Hektor, sogleich zurück. Mit zornigem Schwung entsandte nun Hektor auch seinen Speer, und dieser fehlte nicht, er traf mitten auf den Schild des Achill, aber prallte auch davon ab; bestürzt sah sich Hektor nach seinem Bruder Deïphobos um, denn er hatte keine zweite Lanze zu versenden. Doch dieser war verschwunden. Da wurde Hektor inne, daß es Athene war, die ihn getäuscht hatte. Wohl sah er ein, daß das Schicksal ihn jetzt fassen würde; er dachte daher nur darauf, wie er nicht ruhmlos in den Staub sinken wollte, zog sein gewaltiges Schwert von der Hüfte und stürmte, das geschwungene in der Rechten, wie ein Adler einher, der auf einen geduckten Hasen oder ein Lämmlein aus der Luft herabschießt. Der Pelide wartete den Streich nicht ab, auch er drang unter dem Schilde vor; sein Helm nickte, die Mähne flatterte, und sternhell strahlte sein Speer, den er grimmig in seiner Rechten schwenkte. Sein Auge durchspähte den Leib Hektors, forschend, wo etwa eine Wunde haften könnte. Da fand er alles blank von der geraubten Rüstung umhüllt: nur wo Achsel und Hals das Schlüsselbein verbindet, erschien die Kehle, die gefährlichste Stelle des Lebens am Leib, ein weniges entblößt. Dorthin lenkte Achill schnell besonnen seinen Stoß und durchstach ihm den Hals so mächtig, daß die Lanzenspitze zum Genick herausdrang. Doch durchschnitt ihm der Speer die Gurgel nicht so, daß der Verwundete nicht noch reden konnte, obgleich er in den Staub sank, während Achill laut frohlockte und den Leichnam Hunden und Vögeln preiszugeben drohte. Da begann der liegende Hektor, schon schwächer atmend, zu flehen: »Ich beschwöre dich bei deinem Leben, Achill, bei deinen Knien, bei deinen Eltern, laß nicht die Hunde bei den Schiffen der Danaer mich zerreißen! Nimm Erz und Gold, soviel du willst, zum Geschenk und entsende dafür meinen Leib nach Troja, daß Männer und Frauen dort ihm die Ehre des Scheiterhaufens zuteil werden lassen.«

Aber Achill schüttelte sein fürchterliches Haupt und sprach: »Beschwöre mich nicht bei meinen Knien und meinen Eltern, du Mörder meines Freundes! Niemand sei, der dir die Hunde verscheuche von deinem Haupt, und wenn mir deine Landsleute zwanzigfältige Sühnung darwögen und noch mehr verhießen. Ja, wenn dich Priamos mir selbst mit Gold aufwägen wollte!« »Ich kenne dich«, stöhnte Hektor sterbend, »ich ahnte, daß du nicht zu erweichen sein würdest; dein Herz ist eisern! Aber denk an mich, wenn die Götter mich rächen und am hohen Skäischen Tore du vom Geschosse Phöbos Apollos getroffen im Staube endest wie jetzt ich!« Mit dieser Weissagung verließ Hektors Seele den Leib und flog zum Hades hinunter. Achill aber rief der fliehenden nach: »Stirb du; mein Los empfang ich, wann Zeus und die Götter wollen!« So sprach er und zog den Speer aus dem Leichnam, legte ihn beiseite und zog die eigene, blutige Rüstung von den Schultern des Gemordeten.

Nun kamen aus dem griechischen Heere viel Streiter herbeigelaufen und betrachteten den Wuchs und die hohe Bildung des toten Hektor bewundernd, und mancher sprach, ihn anrührend: »Wunderbar, wieviel sanfter ist doch der Mann nun zu betasten, als da er den Feuerbrand in unsere Schiffe schleuderte!« Jetzt stellte sich Achill mitten unter das Volk und sprach: »Freunde und Helden! Nachdem die Götter mir verliehen haben, diesen Mann hier zu bändigen, der uns mehr Böses getan hat als alle andern zusammen, so laßt uns in unserer Rüstung die Stadt ein wenig auskundschaften, um zu erforschen, ob sie uns wohl die Burg räumen werden oder ob sie es wagen, uns auch ohne Hektor Widerstand zu leisten. Aber was rede ich? Liegt nicht mein Freund Patroklos noch unbestattet bei den Schiffen? Darum stimmet den Siegsgesang an, ihr Männer, und laßt uns vor allen Dingen meinem Freunde das Sühnopfer bringen, das ich ihm geschlachtet habe!«

Mit solchen Worten wandte sich der Grausame dem Leichnam aufs neue zu, durchbohrte ihm an beiden Füßen die Sehnen zwischen Knöchel und Fersen, durchzog sie mit Riemen von Stierhaut, band sie am Wagensitze fest, schwang sich in den Wagen und trieb seine Rosse mit der Geißel den Schiffen zu, den Leichnam nachschleppend. Staubgewölk umwallte den Geschleiften, sein jüngst noch so liebliches Haupt zog mit zerrüttetem Haar eine breite Furche durch den Sand. Von der Mauer herab erblickte seine Mutter Hekabe das grauenvolle Schauspiel, warf den Schleier ihres Hauptes weit von sich und sah jammernd ihrem Sohne nach. Auch der König Priamos weinte und jammerte. Geheul und Angstruf der Trojaner und der fremden Völker hallte durch die ganze Stadt. Kaum ließ sich der alte König abhalten, selbst in seinem zornigen Schmerz zum Skäischen Tore hinauszustürmen und dem Mörder seines Sohnes nachzueilen. Er warf sich zu Boden und rief: »Hektor, Hektor! Alle andern Söhne, die mir mein Feind erschlug, vergesse ich über dir: o wärest du doch nur in meinen Armen gestorben!«

Andromache, Hektors Gemahlin, hatte von dem ganzen Jammer noch nichts vernommen, ja ihr war nicht einmal ein Bote gekommen, der gemeldet hätte, daß ihr Gatte sich noch draußen vor den Toren befinde. Ruhig saß sie in einem der Gemächer des Palastes und durchwirkte ein schönes Purpurgewand mit bunter Stickerei. Und eben rief sie einer der Dienerinnen, einen großen Dreifuß ans Feuer zu stellen, um ihrem Gemahl ein wärmendes Bad vorzubereiten, wenn er aus der Feldschlacht käme. Da vernahm sie vom Turme her Geheul und Jammergeschrei. Finstre Ahnung im Herzen, rief sie: »Weh mir, ihr Mägde, ich fürchte, Achill habe meinen mutigen Gatten allein von der Stadt abgeschnitten und bedrohe seine Kühnheit, die ihn niemals im Haufen weilen läßt; folget euer zwei mir, daß wir schauen, was es gibt!« Mit pochendem Herzen durchstürmte sie den Palast, eilte auf den Turm und sah herab über die Mauer, wie die Rosse des Peliden den Leichnam ihres Gatten, erbarmungslos an den Wagen des Siegers gebunden, durchs Gefilde schleppten. Andromache sank rückwärts in die Arme ihrer Schwäger und Schwägerinnen in tiefe Ohnmacht, und der köstliche Haarschmuck, das Band, die Haube, die schöne Binde, das Hochzeitgeschenk Aphrodites, flogen weit weg von ihrem Haupte. Als sie endlich wieder aufzuatmen anfing, begann sie mit gebrochener Klage schluchzend vor Trojas Frauen: »Hektor! wehe mir Armen! Du, elend wie ich, zu Elend geboren, wie ich! In Schmerz und Jammer verlassen, sitze ich nun im Hause; eine Witwe mit unserem unmündigen Kinde, das des Vaters beraubt, die Augen gesenkt, mit immer betränten Wimpern aufwächst! Betteln wird es müssen bei den Freunden des Vaters und bald den am Rock, bald den am Ärmel zupfen, daß er ihm das Schälchen reiche und zu nippen gebe! Manchmal auch wird ein Kind blühender Eltern es vom Schmause verstoßen und sagen: ›Trolle dich, dein Vater ist ja nicht beim Gastmahl!‹ Dann flüchtet es sich weinend zu der Mutter, die keinen Gatten hat. Der aber wird die Hunde sättigen, und die Würmer werden den Überrest verzehren! Was helfen mir nun die schmucken zierlichen Gewande in den Kästen? Der Flamme will ich sie alle übergeben: was frommen sie mir? Hektor wird nicht mehr auf ihnen ruhen, nicht mehr in ihnen prangen!« So sprach sie weinend und wehklagend, und ringsumher seufzten die Trojanerinnen.

Das hölzerne Pferd



Das hölzerne Pferd

Nachdem nun die Griechen lange erfolglos um Tore und Mauern von Troja gekämpft und der versuchte Sturm auf allen Seiten abgeschlagen worden war, rief der Seher Kalchas eine Versammlung der vornehmsten Helden zusammen und redete so vor ihnen: »Unterziehet euch nicht ferner den Mühseligkeiten eines gewaltsamen Kampfes, denn auf diesem Wege kommt ihr nicht zum Ziele: besinnet euch vielmehr auf irgendeinen Anschlag, der euren Schiffen und euch selber zum Heile gereichen mag. Denn vernehmet, was für ein Zeichen ich gestern geschaut habe: Ein Habicht jagte einem Täubchen nach; dieses aber schlüpfte in die Spalten eines Felsens hinein, um seinem Verfolger zu entgehen. Lange verweilte dieser grimmig vor dem Felsenspalt, aber das Tierchen ging nicht heraus; da verbarg sich der Raubvogel mit unterdrücktem Unmut ins nahe Gebüsch: und siehe da, jetzt schlüpfte das Täublein in seiner Torheit wieder heraus, der Habicht aber schießt auf das arme Tier nieder und erwürgt es ohne Erbarmen. Laßt uns diesen Vogel zum Muster nehmen und Troja nicht fürder mit Gewalt zu erobern bestrebt sein, sondern es einmal mit der List versuchen.«

So sprach der Seher, aber keinem der Helden, obgleich sie hin und her sannen, wollte ein Mittel einfallen, wie dem grausamen Kriege ein Ziel gesetzt werden könnte; der einzige Odysseus kam endlich durch die Verschmitztheit seines Geistes auf ein solches. »Wisset ihr was, Freunde«, rief er, freudig bewegt durch den glücklichen Einfall, »laßt uns ein riesengroßes Pferd aus Holz zimmern, in dessen Versteck sich die edelsten Griechenhelden, so viele unser sind, einschließen sollen. Die übrigen Scharen mögen sich inzwischen mit den Schiffen nach der Insel Tenedos zurückziehen, hier im Lager aber alles Zurückgelassene verbrennen, damit die Trojaner, wenn sie dies von ihren Mauern aus gewahr werden, sich sorglos wieder über das Feld verbreiten. Von uns Helden aber soll ein mutiger Mann, der keinem der Troer bekannt ist, außerhalb des Rosses bleiben, sich als Flüchtling zu ihnen begeben und ihnen das Märchen vortragen, daß er sich der frevelhaften Gewalt der Achajer entzogen habe, welche ihn um ihrer Rückkehr willen den Göttern als Opfer schlachten wollten. Er habe sich nämlich unter dem künstlichen Rosse, welches der Feindin der Trojaner, der Göttin Pallas Athene, geweiht sei, versteckt und sei jetzt, nach der Abfahrt seiner Feinde, eben erst hervorgekrochen. Dies muß er den ihn Befragenden so lange zuversichtlich wiederholen, bis sie ihr Mißtrauen überwunden haben und ihm zu glauben anfangen. Dann werden sie ihn als einen bemitleidenswerten Fremdling in ihre Stadt führen. Hier soll er darauf hinarbeiten, daß die Trojaner das hölzerne Pferd in die Mauern hineinziehen. Überlassen sich dann unsre Feinde sorglos dem Schlummer, so soll er uns ein zu verabredendes Zeichen geben, auf welches wir unsern Schlupfwinkel verlassen, den Freunden bei Tenedos mit einem lodernden Fackelbrande ein Signal geben und die Stadt mit Feuer und Schwert zerstören wollen.«

Als Odysseus ausgeredet, priesen alle seinen erfinderischen Verstand, und zumeist lobte ihn Kalchas, der Seher, dessen Sinn der schlaue Held vollkommen getroffen hatte. Er machte auf günstige Vogelzeichen und zustimmende Donnerschläge des Zeus, die sich vom Himmel herab hören ließen, aufmerksam und drängte die Griechen, sogleich zum Werke zu schreiten. Aber da erhub sich der Sohn des Achill unwillig in der Versammlung: »Kalchas«, sprach er, »tapfre Männer pflegen ihre Feinde in offener Feldschlacht zu bekämpfen; mögen die Trojaner, das Treffen vermeidend, von ihren Türmen herab als Feige streiten, uns aber lasset nicht auf eine List sinnen oder auf irgendein andres Mittel außer offenem Kampfe! In diesem müssen wir beweisen, daß wir die besseren Männer sind.«

So rief er, und Odysseus selbst mußte den hochsinnigen Jüngling bewundern; doch erwiderte er ihm: »O du edles Kind eines ebenso furchtlosen Vaters, du hast dich ausgesprochen wie ein Held und wackrer Mann. Aber doch konnte dein Vater selbst, der Halbgott an Mut und Stärke, diese herrliche Feste nicht zerstören. Du siehst also wohl, daß Tapferkeit in der Welt nicht alles ausrichtet. Deswegen beschwöre ich euch, ihr Helden, daß ihr den Rat des Kalchas befolget und meinen Vorschlag ohne Säumen ins Werk setzet!«

Alle andern Helden gaben dem Sohne des Laërtes Beifall; nur Philoktet stellte sich auf die Seite des Neoptolemos, denn er lechzte noch immer nach Kampf und Schlachtgetümmel, und sein Heldenherz war noch nicht gesättigt. Am Ende hatten die beiden auch den Rat der Danaer zu sich herübergezogen. Aber Zeus bewegte den ganzen Luftkreis, schleuderte Blitz auf Blitz unter krachendem Donner zu den Füßen der widerstrebenden Helden herab und gab so hinlänglich zu verstehen, daß sein Wille sich mit den Vorschlägen des Sehers und des Laërtiaden vereinige. So verloren die beiden Helden den Mut, sich länger zu widersetzen, und gehorchten, obgleich mit innerlichem Widerwillen.

Nun kehrten alle miteinander zu den Schiffen zurück, und ehe ans Werk gegangen wurde, überließen sich die Helden dem wohltätigen Schlafe. Da stellte sich um Mitternacht im Traume Athene an das Haupt des griechischen Helden Epeios und trug ihm als einem kunstreichen Manne auf, das mächtige Roß aus Balken zu zimmern, indem sie selbst ihm ihren Beistand zur schnelleren Vollendung des Werkes versprach. Der Held hatte die Göttin erkannt und sprang freudig vom Schlafe auf: alle Gedanken wichen in seinem Geiste dem einen Auftrag, und der Geist seiner Kunst bewegte ihm die Seele. Mit Tagesanbruch erzählte er die Göttererscheinung in der Mitte alles Volkes, und nun schickten die Atriden in aller Eile in die waldreichen Täler des Idagebirges und ließen daselbst die hochstämmigsten Tannen fällen. Diese wurden eilig zum Hellespont hinabgetragen, und viele Jünglinge gingen ans Werk und halfen dem Epeios: die einen zersägten die Balken, die andern hieben die Äste von den noch unzersägten Stämmen, wieder andere taten anderes. Epeios aber zimmerte zuerst die Füße des Pferdes, dann den Bauch; über diesen fügte er den gewölbten Rücken, hinten die Weichen, vorn den Hals; über ihn formte er zierlich die Mähne, die sich flatternd zu bewegen schien; Kopf und Schweif wurden reichlich mit Haaren versehen, aufgerichtete Ohren an den Pferdekopf gesetzt und gläserne leuchtende Augen unter der Stirne angebracht; kurz, es fehlte nichts, was an einem lebendigen Pferde sich regt und bewegt. So vollendete er mit Athenes Hilfe das Werk in dreien Tagen, und das ganze Heer bewunderte die Schöpfung des Künstlers, so ausdrucksvoll hatte er Leben und Bewegung nachzubilden gewußt; man meinte jeden Augenblick, jetzt werde das Riesenpferd zu wiehern anfangen. Epeios aber hob die Hände gen Himmel und betete vor allem Heere: »Mächtige Pallas, erhöre mich, rette dein Pferd und mich selbst, hohe Göttin!« Und alle Griechen stimmten in dieses Gebet ein.

Die Trojaner waren in der Zwischenzeit vom letzten Kampfe an scheu hinter ihren Mauern geblieben. Um so lauter tobte der Zwiespalt unter den Göttern selbst jetzt, wo Trojas Verhängnis erfüllt werden sollte. Sie fuhren in zwei getrennten Haufen, der eine den Griechen günstig, der andere ihnen abhold, auf die Erde herunter und stellten sich am Flusse Xanthos, den Sterblichen unsichtbar, in zwei Schlachtordnungen gegeneinander auf. Auch die Meergottheiten schlossen sich der einen oder andern Seite an. Die Nereiden hielten es, als Verwandte des Achill, mit den Griechen; andere Meergötter waren auf der Seite Trojas, und diese empörten die Flut gegen die Schiffe und trieben sie an Land gegen das tückische Roß. Sie hätten beide zerstört, wenn das Schicksal es gestattet hätte. Unter den obern Göttern begann indessen der Streit, und Ares stürzte der Athene zum Kampf entgegen. Damit war das Zeichen der allgemeinen Schlacht gegeben, und die Götter warfen sich gegenseitig aufeinander: bei jeder Bewegung klirrten die goldenen Rüstungen, und das Meer rauschte mit seinen Wogen darein; unter den Füßen der Unsterblichen bebte die Erde, und alle schrien laut zusammen, so daß der Schlachtruf der Götter bis zur Unterwelt hinabdrang und die Titanen im Tartaros davor erbebten. Es hatten aber die Himmlischen sich zum Kampf eine Zeit ersehen, wo Zeus, der Vater der Götter und Menschen, fern auf einer Reise an den Ozean begriffen war, wohin die Regierung der Erde ihn gerufen. Doch seinem scharfsichtigen Geiste entging auch aus der Ferne nichts von dem, was auf der Oberfläche des Erdbodens sich ereignete. Und so wurde er kaum den Götterkampf inne, als er schnell von der Flut des Ozeans mit seinen geflügelten Windrossen auf dem Donnerwagen, den Iris leitete, in den Olymp zurückkehrte und von dort aus seine Blitze unter die kämpfenden Götter warf. Da erbebten die Unsterblichen und hielten inne mit Kämpfen. Themis, die Göttin des Rechts, die allein dem Streite ferngeblieben war, trat ein unter die Götter und schied sie voneinander, indem sie ihnen verkündigte, daß Zeus die gänzliche Vernichtung der Himmlischen beschlossen hätte, wofern sie nicht gehorchten. Jetzt ward den Göttern bange für ihre Unsterblichkeit, sie unterdrückten die Erbitterung ihrer Herzen und kehrten zurück aus dem Kampfe, die einen zum Olymp die andern in die Tiefe des Meeres.

Das Pferd im griechischen Lager war indessen in vollkommene Bereitschaft gesetzt, und Odysseus erhub sich in der Versammlung der Helden. »Jetzt gilt es«, sprach er, »ihr Führer des Danaervolks! Jetzt beweise es, wer wirklich durch Kraft und Mut hervorragt. Denn jetzt ist’s Zeit, in dem Bauche des Rosses, der uns beherbergen wird, der dunkeln Zukunft entgegenzugehen! Glaubet mir, es gehört mehr Mut dazu, in diesen Schlupfwinkel zu kriechen, als dem Tode in offener Feldschlacht zu trotzen! Darum, wer sich am tapfersten fühlt, der entschließe sich zu diesem Wagestück. Die andern mögen vorerst nach Tenedos schiffen! Ein wackerer Jüngling aber bleibe in der Nähe des Pferdes und tue, wie ich geraten habe. Wer will sich diesem Auftrag unterziehen?«

Die Helden zögerten. Da trat ein tapferer Grieche, namens Sinon, auf und sprach: »Sehet mich bereit, das verlangte Werk zu tun! Mögen mich die Trojaner mißhandeln, mögen sie mich lebendig ins Feuer werfen: mein Entschluß steht fest!« Die Völker jubelten ihm Beifall zu, und mancher alte Held sprach bei sich im Herzen: ›Wer ist doch dieser junge Mensch? Wir haben seinen Namen nie gehört; noch keine tapfere Tat hat ihn ausgezeichnet. Ihn treibt gewiß ein Dämon, entweder den Trojanern oder uns selbst Verderben zu bringen!‹ Nestor aber erhub sich und sprach ermunternd zu den Danaern: »Jetzt, liebe Kinder, bedarf es wackern Mutes, denn jetzt legen die Götter das Ziel zehnjähriger Mühseligkeiten in unsre Hände: darum rasch hinein in den Bauch des Pferdes! Ich selbst fühle noch die jugendliche Kraft in meinen Greisengliedern, von der ich beseelt war, als ich mit Iason das Argonautenschiff besteigen wollte und es auch bestiegen hätte, wenn ich nicht von dem Könige Pelias abgehalten worden wäre!«

So rief der Greis und wollte sich vor allen andern durch die geöffnete Seitentüre in den Bauch des hölzernen Rosses schwingen; aber Neoptolemos, der Sohn des Achill, beschwor ihn, diese Ehre ihm, dem Jüngling, abzutreten und, seines Greisenalters eingedenk, die Führung der übrigen Griechen nach der Insel Tenedos zu übernehmen. Mit Mühe ließ sich Nestor überreden, und nun stieg der Jüngling in voller Rüstung zuerst in die geräumige Höhle. An ihn schlossen sich Menelaos, Diomedes, Sthenelos und Odysseus, dann Philoktet, Ajax, Idomeneus, Meriones, Podaleirios, Eurymachos, Antimachos, Agapenor und so viele sonst noch der Bauch des Rosses fassen mochte. Zuletzt stieg der Verfertiger des Rosses, Epeios, selbst hinein. Dann zog er die Leitern zu sich in die Höhlung, verschloß dieselbe von innen fest und setzte sich vor den Riegel; die übrigen harrten im Bauche des Rosses in tiefem Schweigen und saßen in dunkler Nacht zwischen Tod und Sieg.

Die andern Griechen aber, nachdem sie die Zelte und alles Lagergeräte in Brand gesteckt hatten, brachen, von Agamemnon dem Völkerfürsten, und dem Könige Nestor befehligt, mit den Schiffen auf und segelten der Insel Tenedos zu. So war es von den Danaern bestimmt worden, welche den beiden Helden nicht gestattet hatten, sich dem Pferde anzuvertrauen, dem ersten um seiner Würde, dem andern um seines Alters willen. Vor Tenedos warfen sie die Anker aus, stiegen ans Land und sahen mit sehnendem Herzen dem Feuerzeichen entgegen.

Die Trojaner bemerkten es bald, wie am Hellespont der Rauch in die Lüfte emporwirbelte, und als sie von den Mauern aufmerksamer nach dem Gestade hinabspähten, waren auch die Schiffe der Griechen verschwunden. Voll Freuden strömten sie in Scharen dem Ufer zu; doch vergaßen sie nicht, sich in ihre Rüstungen zu hüllen, denn sie waren der Furcht noch nicht ganz los. Als sie nun auf der Stelle des alten feindlichen Lagers das glatte hölzerne Pferd gewahr wurden, stellten sie sich staunend rings um dasselbe her; denn es war ein gar gewaltiges Werk. Während sie noch darüber stritten, was mit dem seltsamen Wunderding anzufangen sei, und die einen der Meinung waren, es in die Stadt zu schaffen und als Siegesdenkmal für alle Zukunft auf der Burg aufzustellen, die andern das unheimliche Gastgeschenk der Griechen in die See zu werfen oder zu verbrennen rieten, eine Beratung, welche die im Bauche des Pferdes eingeschlossenen griechischen Helden zu ihrer Qual anhören mußten, da trat mit eiligen Schritten Laokoon, der trojanische Priester des Apollo, in die Mitte des gaffenden Volkes und rief schon von weitem: »Unselige Mitbürger, welcher Wahnsinn treibt euch? Meint ihr, die Griechen seien wirklich davongeschifft oder eine Gabe der Danaer verberge keinen Betrug? Kennet ihr den Odysseus so? Entweder ist irgendeine Gefahr in dem Rosse verborgen, oder es ist eine Kriegsmaschine, die von den in der Nähe lauernden Feinden gegen unsre Stadt angetrieben werden wird! Was es aber auch sein mag, trauet dem Tiere nicht!« Mit diesen Worten stieß er eine mächtige eiserne Lanze, die er einem neben ihm stehenden Krieger entriß, in den Bauch der Maschine. Der Speer zitterte im Holz, und aus der Tiefe tönte ein Widerhall wie aus einer Kellerhöhle. Aber der Geist der Trojaner blieb verblendet.

Während dies vorging, zogen einige Hirten, welche die Neugierde dicht an das hölzerne Pferd herangelockt hatte, unter dem Bauche desselben den schlauen Sinon hervor und schleppten ihn als einen gefangenen Griechen vor den König Priamos, und bald sammelte sich das trojanische Kriegsvolk, das bisher um das Pferd herumgestanden hatte, um dieses neue Schauspiel. Er aber, waffenlos und zagend, spielte die Rolle, die ihm von Odysseus aufgegeben war. Flehend streckte er die Arme gen Himmel und dann wieder nach den Umstehenden aus und rief unter Schluchzen: »Wehe mir, welchem Lande, welchem Meere soll ich mich anvertrauen, ich, den die Griechen ausgestoßen haben und die Trojaner niedermetzeln werden?« Diese Seufzer rührten die Jünglinge selbst, die ihn anfangs als einen Feind gepackt und roh behandelt hatten. Alle Krieger traten teilnehmend herzu und hießen ihn sagen, wer und woher er sei, auch guten Mutes sein, wenn er nichts Feindliches im Schilde führe. Jener ließ die erheuchelte Furcht endlich fahren und sprach: »Ich bin ein Argiver, das will ich ja nicht leugnen; wenn Sinon auch unglücklich ist, so soll er doch nicht zum Lügner werden. Vielleicht habt ihr etwas von dem euböischen Fürsten Palamedes gehört, der von den Griechen auf Odysseus‘ Anstiften abscheulicherweise gesteinigt wurde, weil er den Feldzug gegen eure Stadt mißriet: als sein Verwandter zog ich in diesen Krieg, arm und nach seinem Tod ohne Stütze. Und weil ich es wagte, mit Rache für die Ermordung meines Vetters zu drohen, zog ich den Haß des falschen Laërtiaden auf mich und wurde diesen ganzen Krieg über von ihm geplagt. Auch ruhte er nicht, bis er mit dem lügnerischen Seher Kalchas meinen Untergang verabredet hatte. Als nämlich meine Landsleute die oft beschlossene und wieder aufgeschobene Flucht endlich ins Werk setzten und dieses hölzerne Pferd hier schon aufgezimmert stand, schickten sie den Eurypylos zu einem Orakel des Apollo, weil sie am Himmel bedenkliche Wunderzeichen beobachtet hatten. Dieser brachte aus dem Heiligtum des Gottes den traurigen Spruch mit: ›Ihr habt bei eurem Auszuge die empörten Winde mit dem Blut einer Jungfrau versöhnt: mit Blut müßt ihr auch den Rückweg erkaufen und eine Griechenseele opfern.‹ Dem Kriegsvolke lief ein kalter Schauder durch die Gebeine, als es dieses hörte. Da zog Odysseus den Propheten Kalchas mit großem Lärm in die Volksversammlung und bat ihn, den Willen der Götter zu offenbaren. Fünf Tage lang schwieg der Betrüger und weigerte sich heuchlerisch, einen Griechen für den Tod zu bezeichnen. Endlich, wie gezwungen durch das Geschrei des Odysseus, nennt er meinen Namen. Alle stimmten bei, denn jeder war froh, das Verderben von seinem eigenen Haupte abgewendet zu sehen. Und schon war der Schreckenstag erschienen, ich wurde zum Opfer ausgeschmückt, mein Haupt mit den heiligen Binden umwunden, der Altar und das geschrotene Korn in Bereitschaft gehalten. Da zerriß ich meine Bande, entfloh und versteckte mich, bis sie abgesegelt waren, im Schilfrohr eines nahen Sumpfes. Dann kroch ich hervor und suchte ein Obdach unter dem Bauch ihres heiligen Rosses. In mein Vaterland und zu meinen Landsleuten kann ich nicht zurückkehren. Ich bin in eurer Hand, und von euch hängt es ab, ob ihr mir großmütig das Leben schenken oder mir den Tod geben wollt, der mich von der Hand meiner eigenen Volksgenossen bedroht hat.«

Die Trojaner waren gerührt; Priamos sprach gütige Worte zu dem Heuchler, hieß ihn die argen Griechen vergessen und versprach ihm eine Zufluchtsstätte in seiner Stadt, wenn er ihnen nur offenbaren wolle, was für eine Beschaffenheit es mit dem hölzernen Rosse habe, dem er soeben den Beinamen eines heiligen gegeben. Sinon hob seine der Fesseln entledigten Hände gen Himmel und betete mit trügerischer Andacht: »Ihr Götter, denen ich schon geweiht war, du Altar und du verfluchtes Schwert, das mich bedrohte, ihr seid mir Zeugen, daß die Bande, die mich an mein Volk bisher knüpften, zerrissen sind und daß ich nicht frevle, wenn ich ihre Geheimnisse aufdecke! Von jeher war alle Hoffnung der Danaer in diesem Kriege auf die Hilfe der Göttin Pallas Athene gebaut. Seitdem aber aus dem Tempel, den sie bei euch zu Troja hat, ihr Bild, das Palladion, entwendet worden – und zwar, was ihr Trojaner wohl zum erstenmal erfahret, durch die Hände schlauer Griechen –, ging alles rückwärts; die Göttin war erzürnt, und das Glück hatte die Waffen der Danaer verlasen. Da erklärte Kalchas, der Seher, auf der Stelle müßte man mit den Schiffen umkehren, um im Vaterlande selbst neue Befehle der Götter einzuholen. Ehe das Palladion an seine Stelle zurückgebracht sei, dürften sie auf keinen glücklichen Ausgang des Feldzuges hoffen. Dies bewog die Danaer, die Flucht zu beschließen, welche sie nun auch wirklich ausgeführt haben. Zuvor aber erbauten sie noch, auf den Rat ihres Propheten, dieses hölzerne Riesenpferd, das sie als Weihgeschenk für die beleidigte Göttin zurückließen, um ihren Zorn zu versöhnen. Diese Maschine ließ Kalchas so unermeßlich in die Höhe bauen, wie ihr sehet, damit ihr Trojaner sie nicht durch eure Tore führen und in eure Stadt bringen könntet, weil auf diese Weise der Schutz der Athene euch zuteil werden würde. Wenn hingegen eure Hand sich an dem geheiligten Pferde, als einem Überbleibsel eurer Feinde vergriffe – dies war es, was sie zu hoffen wagten –, dann wäre euer und eurer Stadt Verderben gewiß. Und in dieser Zuversicht gedenken sie in kurzer Frist, sobald sie zu Argos die Götterbefehle vernommen, zurückzukehren und hoffen, das Palladion der Göttin eurer eroberten Stadt zurückgeben zu können.«

Das Lügengewebe war so wahrscheinlich ersonnen, daß Priamos und alle Trojaner dem Betrüger Glauben schenkten; Athene aber wachte über das Geschick ihrer Freunde, die in dem Rosse noch immer in banger Erwartung eingeschlossen saßen und seit der Warnung des Laokoon in beständiger Todesangst schwebten. Die Helden wurden aus dieser Gefahr durch ein entsetzliches Wunder befreit. Eben jener Laokoon, der Priester des Apollo, hatte nach dem Tode des Poseidonpriesters auch diese Würde durchs Los erhalten und opferte jetzt gerade am Meeresgestade dem Gott einen stattlichen Stier am Altare. Siehe, da kamen von der Insel Tenedos aus durch die spiegelglatte Meerflut zwei ungeheure Schlangen gerudert und nahmen ihren Weg nach dem Ufer: ihre Brust und die blutrote Mähne ragten aus dem Wasser hervor, der übrige Teil ihrer Leiber ringelte sich unter den Fluten fort. Die See plätscherte unter ihrer Spur, und jetzt waren sie am Lande, züngelten und zischten und sahen sich mit feurigen Augen um. Die Trojaner, die noch immer in Menge um das Roß herumstanden, wurden totenblaß und ergriffen die Flucht, die Tiere aber nahmen ihre Richtung nach dem Uferaltare des Meergotts, wo Laokoon mit seinen zwei jungen Söhnen beim Opfer beschäftigt war. Zuerst wandten sie sich um die Leiber der beiden Knaben und bohrten ihren giftigen Zahn in ihr zartes Fleisch. Als die Verwundeten laut aufschrien und der Vater selbst ihnen mit gezogenem Schwerte zu Hilfe kommen wollte, schlangen sie sich mit mächtigen Windungen auch diesem zwiefach um den Leib und überragten ihn bald mit ihren aufgerichteten Hälsen und zischenden Häuptern. Seine Priesterbinde troff von Eiter und Gift. Vergebens bestrebte er sich, die Schlingen mit seinen Händen loszumachen; und inzwischen entfloh der schon getroffene Stier blutig und brüllend vom Altar und schüttelte das Beil aus dem Nacken. Laokoon erlag mit seinen beiden Kindern den Schlangenbissen, und nun schlüpften die Tiere in langen Krümmungen dem hochragenden Tempel der Athene zu und bargen sich dort unter den Füßen und dem Schilde der Göttin.

Das Trojanervolk sah in diesem gräßlichen Ereignis eine Bestrafung der frevelhaften Zweifel seines Priesters. Ein Teil eilte der Stadt zu und riß die Mauern nieder, um dem unheilvollen Gaste den Weg zu bahnen, ein anderer fügte Räder an die Füße des Rosses, wieder andere drehten gewaltige Seile aus Werg und warfen sie dem hölzernen Riesentier um den Hals. Dann zogen sie es im Triumphe nach der Stadt; Knaben und Mädchen, die Hand an die Seile gelegt, sangen in Chören feierliche Hymnen dazu. Als die Maschine über die erhöhten Torschwellen rollte, stockte viermal ihr Lauf und viermal dröhnte ihr Bauch wie von Erze. Aber die Trojaner waren mit Blindheit geschlagen und führten das Ungeheuer jubelnd auf ihre heilige Burg. Mitten unter der Raserei der öffentlichen Freude blieb nur das Gemüt und der Geistesblick der Seherin Kassandra, der gottbegabten Königstochter des trojanischen Hauses, ungetrübt. Nie sprach sie ein Wort aus, das nicht erfüllt worden wäre. Aber sie hatte das Unglück, niemals Glauben zu finden. So hatte sie auch jetzt unheilvolle Zeichen am Himmel und in der Natur beobachtet und stürzte mit flatternden Haaren, vom Geiste der Weissagung getrieben, aus dem Königspalaste hervor: ihre Augen starrten in fieberischer Glut, ihr Nacken wiegte sich hin und her wie ein Zweig im Windhauche, sie holte einen tiefen Seufzer aus der Brust herauf und rief durch die Gassen der Stadt: »Ihr Elenden, sehet ihr nicht, daß wir die Straße zum Hades hinunterwandeln? daß wir am Rande des Verderbens stehen? Ich schaue die Stadt mit Feuer und Blut erfüllt, ich sehe es aus dem Bauche des Rosses hervorwallen, das ihr mit Jauchzen auf unsere Burg hinaufgeführt habt. Doch ihr glaubet mir nicht, und wenn ich unzählige Worte spräche. Ihr seid den Erinnyen geweiht, die Rache an euch nehmen wegen Helenas frevelhafter Ehe.«

Wirklich wurde die weissagende Jungfrau nur verlacht oder geschmäht, und hier und da sprach einer der Begegnenden zu ihr: »Hat dich denn die jungfräuliche Scham ganz verlassen, Kassandra, bist du ganz irre geworden in deinem Geiste, daß du dich öffentlich auf den Straßen herumtreiben magst und nicht siehest, wie die Menschen dich verachten, törichte Schwätzerin? Kehre zurück in dein Haus, daß dich nicht Schlimmes treffe!«

Demophoon



Demophoon

Es dauerte nicht lange, so hatte den König in seiner Burg die Kunde erreicht, daß der Markt von Flüchtlingen besetzt und fremde Heeresmacht mit einem Herolde erschienen sei, sie zurückzufordern. Er selbst begab sich auf den Markt und vernahm aus dem Munde des Heroldes das Begehren des Eurystheus. »Ich bin ein Argiver«, sprach zu ihm Kopreus, »und Argiver sind es, die ich wegführen will, über die mein Herr Gewalt hat. Du wirst nicht so sinnverlassen sein, o Sohn des Theseus, daß du, allein von ganz Griechenland, dich des ratlosen Unglückes dieser Flüchtlinge erbarmst und zu einem Kampf um dieselben mit der Kriegsmacht des Eurystheus und der mächtigen Bundesgenossenschaft dieses Fürsten dich entschließest!«

Demophoon war ein weiser und besonnener Mann. »Wie sollte ich«, sprach er auf die heftige Rede des Herolds, »die Sache richtig ansehen und den Streit entscheiden können, ehe ich beide Parteien angehört habe? Darum sprich du, Führer dieser Jünglinge, was hast du für dein Recht zu sagen?« Iolaos, an den diese Worte gerichtet waren, erhob sich von den Stufen des Altares, neigte sich ehrerbietig vor dem Könige und hub an: »König, nun erfahre ich zum ersten Male, daß ich in einer freien Stadt bin; denn hier gilt reden lassen und anhören; anderswo aber bin ich mit meinen Schützlingen verstoßen worden, ohne daß mir Aufmerksamkeit geschenkt worden wäre. Nun höre mich. Eurystheus hat uns aus Argos vertrieben; keine Stunde hätten wir länger in seinem Lande verweilen dürfen. Wie kann er nun uns noch Untertanen heißen noch als auf Argiver auf mich und diese Anspruch machen, die er aller Untertanenrechte und dieses Namens selbst beraubt hat? Es müßte denn derjenige, der aus Argos geflohen ist, auch ganz Griechenland meiden müssen! Nein, wenigstens Athen nicht! Die Einwohner dieser heldenmütigen Stadt werden die Söhne des Herakles nicht aus ihrem Lande jagen. Ihr König wird die Schutzflehenden nicht vom Altare der Götter reißen lassen. Seid getrost, meine Kinder; wir sind im Lande der Freiheit, ja noch mehr, wir sind bei Verwandten angekommen. Denn wisse, König dieses Landes, daß du keine Fremdlinge beherbergest. Dein Vater Theseus und Herakles, der Vater dieser verfolgten Söhne, waren beide Urenkel des Pelops. Noch mehr, sie beide waren Waffenbrüder, ja, der Vater dieser Kinder hat deinen Vater aus der Unterwelt erlöst.« Als Iolaos so gesprochen, umfaßte er die Knie des Königes, ergriff seine Hand und sein Kinn und betrug sich in allem, wie im Altertum ein Schutzflehender sich zu gebärden pflegte. Der König aber hub ihn von dem Boden auf und sprach: »Dreifache Nötigung drängt mich, deine Bitte nicht abzuweisen, o Held. Zuerst Zeus und dieser heilige Altar; dann die Verwandtschaft und endlich die Wohltaten, die ich vom Vater her dem Herakles schulde. Lasse ich euch vom Altare hinwegreißen, so wäre dies Land nicht mehr das Land der Freiheit, der Götterfurcht und der Tugend! Darum, du Herold, kehre nach Mykene zurück und melde solches deinem Herrscher. Nimmermehr wirst du diese mit dir führen!« »Ich gehe«, sprach Kopreus und erhob drohend seinen Heroldsstab, »aber ich komme wieder mit argivischer Heeresmacht. Zehntausend Schildträger harren auf den Wink meines Königes: er selbst wird ihr Führer sein. Wisse, sein Heer ist schon an deiner Grenze gelagert.« »Geh zum Hades!« sprach Demophoon verächtlich, »ich fürchte dich und dein Argos nicht!«

Der Herold entfernte sich, und jetzt sprangen die Söhne des Herakles, eine ganze Schar blühender Jünglinge und Knaben, freudig vom Altare auf und bewillkommten mit Gruß und Handschlag ihren Blutsverwandten, den König der Athener, in welchem sie ihren großmütigen Retter sahen. Iolaos führte abermals das Wort für sie und dankte dem trefflichen Manne und den Bürgern der Stadt mit Worten voll Rührung: »Wenn uns je wieder Heimkehr beschert ist«, sprach er, »und wenn ihr Kinder Haus und Würden eures Vaters Herakles wieder in Besitz nehmt, so vergesset diese eure Retter und Freunde nie, und nimmer laßt euch einfallen, diese gastliche Stadt mit Krieg zu überziehen, sondern erblicket vielmehr stets in ihr die liebste Freundin und treueste Bundesgenossin!«

Der König Demophoon traf nun alle Anstalten, das Heer seines neuen Feindes gerüstet zu empfangen; er versammelte die Seher und verordnete feierliche Opfer. Dem Iolaos und seinen Schützlingen wollte er Wohnungen im Palaste anweisen. Aber dieser erklärte, den Altar des Zeus nicht verlassen und mit allen den Seinigen unter Gebeten für das Heil der Stadt hier verharren zu wollen. »Erst wenn der Sieg mit der Götter Hilfe errungen ist«, sprach er, »wollen wir unsre müden Leiber unter dem Dache der Gastfreunde bergen.« – Inzwischen bestieg der König den höchsten Turm seiner Burg und beobachtete das heranziehende Heer der Feinde; dann sammelte er die Streitmacht der Athener, traf alle kriegerischen Anordnungen, beratschlagte mit den Sehern und war bereit, die feierlichen Opfer darzubringen. Am Altare des Zeus war indes Iolaos und seine Schar in flehenden Gebeten begriffen, als Demophoon mit schnellen Schritten und verstörtem Gesichte auf sie zugegangen kam.«Was ist zu tun, ihr Freunde?« rief er ihnen sorgenvoll entgegen. »Wohl ist mein Heer gerüstet, die nahenden Argiver zu empfangen; aber der Ausspruch aller meiner Seher knüpft den Sieg an eine Bedingung, die nicht zu erfüllen ist. Das Lied der Orakel, sagen sie, lautet so: ›Ihr sollt kein Kalb und keinen Stier schlachten, sondern eine Jungfrau, die vom edelsten Geschlechte ist; nur dann dürfte ihr, nur dann darf diese Stadt auf Sieg und Rettung hoffen!‹ Wie soll nun aber solches geschehen? Ich selbst habe blühende Töchter in meinem Königshause; aber wer darf dem Vater zumuten, ein solches Opfer zu bringen? Und welcher andere der edelsten Bürger, der eine Tochter hat, wird sie mir ausliefern, wenn ich es auch wagen wollte, sie ihm abzuverlangen? So würde mir, während ich den auswärtigen Krieg zu beendigen bedacht bin, in der Stadt selbst der Bürgerkrieg erwachen!« Mit Schrecken hörten die Söhne des Herakles die angstvollen Zweifel ihres Beschützer. »Weh uns«, rief Iolaos, »die wir Schiffbrüchigen gleichen, die schon den Strand erreicht haben und vom Sturme wieder in die hohe See hinausgeschleudert werden! Eitle Hoffnung, warum hast du uns in deine Träume eingewiegt? Wir sind verloren, Kinder, nun wird er uns ausliefern; und können wir’s ihm verdenken?« Doch auf einmal blitzte ein Strahl der Hoffnung in dem Auge des Greisen. »Weißt du, was mir der Geist eingibt, König, was uns alle retten wird? Hilf mir dazu, daß es geschieht! Liefere mich dem Eurystheus aus anstatt dieser Söhne des Herakles! Gewiß würde jener am liebsten mir, dem steten Begleiter des großen Helden, einen schmählichen Tod antun. Ich aber bin ein alter Mann; gern opfere ich meine Seele für diese Jünglinge!« »Dein Anerbieten ist edel«, erwiderte Demophoon traurig,«aber es kann uns nichts helfen. Meinst du, Eurystheus werde sich mit dem Tode eines Greisen zufriedenstellen? Nein, das Geschlecht des Herakles selbst, das junge, blühende, will er ausrotten. Weißt du einen andern Rat, so sage mir ihn; dieser aber ist vergeblich.«

Den Flüchtlingen wird Italien versprochen



Den Flüchtlingen wird Italien versprochen

Über diese Deutung waren die Auswanderer hocherfreut. Ehe sie wieder zu Schiffe gingen, schlachteten sie dem Meeresgotte Neptunus und dem Apollo, der sie mit seinem Orakel getröstet hatte, jedem einen Stier und den mächtigsten Winden Lämmer, dem wilden Sturm ein schwarzes, dem sanften Zephyr ein weißes. Dann verließen sie den Hafen von Delos, und ihre Schiffe durchflogen mit dem günstigsten Fahrwinde die Wellen; es war das Inselmeer der Zykladen, das Gewässer schien ganz vor Eilanden zu wimmeln, die da und dort mit ihren schneeweißen Marmorfelsen aus den Fluten stiegen. Der heiterste Himmel begünstigte die Fahrt; in die Wette steuerten die Fahrzeuge dahin, und von allen Seiten ertönte fröhliches Geschrei der Schiffenden. »Auf, ihr Freunde, Kreta gesucht, das teure Heimatland unserer Väter aufgefunden!«

Am dritten Morgen hatte die Flotte wirklich, wie es von Anchises vorausgesagt worden war, den lachenden Strand der Insel Kreta erreicht; und als die Flüchtlinge ausgeschifft waren und sich von den Einwohnern wohl aufgenommen sahen, fing Äneas abermals mit großer Begierde die ersehnten Mauern einer Pflanzstadt zu gründen an. Die Flotte war ans Ufer gezogen, und unter den fleißigen Händen der Pflanzer stiegen bald Mauern und Häuser empor, und sie fingen an, sich wohnlich einzurichten. Nach Pergamus, der Burg von Troja, gab Äneas der neuen Stadt den Namen Pergamus; und auch sie erhielt ihre gesonderte Burg auf einem Hügel. Schon beschäftigte sich die Pflanzung mit den ersten bürgerlichen Einrichtungen; unter dem jungen Volke der Auswanderer wurden Ehen geschlossen, Äcker wurden verteilt, und die Häupter des Volkes traten zusammen und berieten sich über die Gesetze des erneuten Volkes; da bedrohte ein neues Unglück die armen Flüchtlinge mit gänzlichem Verderben. Ein glutheißer Sommer brannte ringsum die Felder aus, ohne Nahrung erkrankte die Saat, Gras und Kräuter verdorrten, auf den Bäumen verwelkten die Blüten ohne Früchte; ein schreckliches Sterben riß unter den Menschen selbst ein, und was der Tod verschonte, das schleppte sieche Leiber umher. Auf einer Versammlung, in welcher der zusammenschmelzende Haufen über seine trostlose Lage beratschlagte, stand Anchises mit bekümmertem Herzen auf und riet seinen Unglückgefährten, die Schiffe wieder zu besteigen, rückwärts nach dem Zykladenmeere zu steuern und wieder auf der Insel Delos das Orakel dieses Gottes um gnädigen Aufschluß anzuflehen, wohin sie die Schiffahrt ferner zu richten hätten und welches Ziel ihrer Not bestimmt sei. Diesem Rate trat das gesamte Volk bei, und sie beschlossen, alles bewegliche Eigentum auf die Schiffe zurückzubringen, sobald dieses geschehen sei, die Anker zu lichten und die fast vollendete Stadt zu verlassen.

Als alle Vorbereitungen getroffen waren und unter fortdauerndem Elende die letzte Nacht herankam, welche sie unter Kretas unglücklichem Himmel zuzubringen gedachten, lag Äneas müde von Sorgen und doch schlaflos auf seinem Bette, und sein Geist brütete in der stillen Finsternis. Jetzt stellte sich ein plötzliches Gesicht seinen Augen dar. Der Vollmond brach eben aus den Wolken und erhellte mit seinen Strahlen die Räume seines Schlafgemachs. Da schienen in voller Beleuchtung hart vor dem Liegenden die heiligen Hausgötter der Trojaner, die er aus dem wütenden Feuer seiner Vaterstadt gerettet hatte, zu stehen. Ihr Mund tat sich auf, ihre nie vernommene Stimme sprach zu ihm, und was sie redeten, waren Worte des Trostes: »Apollo selbst«, so lautete ihre Rede, »schickt uns in deine Behausung. Du sollst uns vertrauen: wir, die wir aus dem Brande Trojas dir folgten und auf deiner Flotte mit dir durch die stürmische Meeresflut gefahren sind, wir werden deinem Geschlecht einen Wohnsitz finden, den Ruhm deiner Enkel verherrlichen und ihrer Stadt die Herrschaft der Welt verleihen. Du selbst bist dazu erkoren, deinen großen Nachkommen diesen Sitz vorzubereiten, und darfst deswegen die langen Beschwerden der Flucht nicht scheuen. Freilich, den Ort, wo du dich jetzt angesiedelt, mußt du verlassen, nicht dieses Ufer hat der delische Apollo gemeint, nicht auf Kreta solltest du dich anbauen; nein, weit von hier liegt das Land, auf welches dich der Götterspruch hinweist, die Griechen nennen es Hesperien: es ist ein uraltes Land, mächtig durch die Waffen seiner Bewohner, reich durch den Segen seines Bodens. Seine ersten Bewohner hießen Önotrier, von den jüngern soll es jetzt Italien genannt werden und das Volk Italervolk, nach dem Namen eines einheimischen Königes Italus. Dies ist der Sitz, der euch von euren Ahnen her gehört, dorther stammen eure Väter Dardanus und Jasius, die ältesten Begründer eures Geschlechts. Wohlan, mach dich auf, melde deinem betagten Vater fröhlich dieses unzweifelhafte Wort: Italien soll er aufsuchen; die Gefilde Kretas verweigert euch Jupiter.«

Ein kalter Angstschweiß hatte den Helden überlaufen, solange die Götter vor ihm standen und sprachen; doch als sie verschwunden waren, fühlte er sich von ihren Worten wunderbar getröstet, raffte sich vom Lager auf, streckte die flachen Hände betend, wie die Alten pflegten, gen Himmel empor und brachte auf seinem Hausherde den heimischen Göttern ein Trankopfer dar. Nachdem dieses fröhlich vollbracht war, eilte Äneas zu seinem alten Vater und meldete ihm ausführlich das Nachtgesicht. Diesem gingen die Augen des Geistes auf. er erkannte den doppelten Ursprung der Trojaner, den einen von Dardanus, den andern von Teucer und sah nun wohl ein, daß er in der Verwechslung der beiden alten Stammländer sich getäuscht habe. »Lieber Sohn«, sprach er, »jetzt erst erinnere ich mich, daß die Seherin Kassandra allein es war, welche mir das Geschick der Zukunft richtig geweissagt hat. Sie verkündigte unserem Geschlecht ein Land, welches sie bald Hesperien, bald Italien benannte. Das geschah aber, als Troja noch lange stand, und wer dachte damals im Ernste daran, daß jemals teukrische Männer ihre Heimat verlassen und nach den fernen Küsten Hesperiens auswandern würden, ja wer achtete damals überhaupt nur auf die Reden Kassandras, die für eine Närrin und keine Seherin galt? Jetzt aber laßt uns dem Wort Apollos nachgeben und auf seine Warnung dem besseren Winke folgen.«

So sprach Anchises. Inzwischen hatte sich das Volk zur beschlossenen Abfahrt nach Delos versammelt; als es nun die neue Weisung der Götter vernommen, brach es in einen lauten Jubel aus. Alles rüstete sich; nur wenige Kranke und Genesende blieben in der neugegründeten Pflanzstadt zurück. Durch sie wurde die neue Ansiedelung der Trojaner erhalten; glücklichere Zeiten kamen, die Einwohner vermehrten sich, und in späten Tagen blühte auf der Insel Kreta noch Pergamus, die Troerstadt.

Die andere aber richteten die Segel, und bald steuerte die Flotte wieder durch die hohe See.

Der Amazonenkrieg



Der Amazonenkrieg

Während Theseus damit beschäftigt war, den Staat durch Götterfurcht zu befestigen, und daher den Dienst der Athene (Minerva) als Schutzgöttin des Landes begründete, auch dem Poseidon zu Ehren, dessen besonderer Schützling er war und für dessen Sohn er lange gegolten hatte, die heiligen Kampfspiele auf dem Isthmus von Korinth einführte oder doch erneuerte, wie einst Herakles die olympischen Spiele dem Zeus angeordnet hatte, wurde Athen von einem seltsamen und außerordentlichen Kriege heimgesucht. Theseus war nämlich in jüngeren Jahren auf einem Fehdezug an der Küste der Amazonen gelandet, und diese, die nicht männerscheu waren, flohen so wenig vor dem stattlichen Helden, daß sie ihm vielmehr Gastgeschenke zusandten. Dem Theseus aber gefielen nicht nur die Gaben, sondern auch die schöne Amazone, die deren Überbringerin war. Diese hieß Hippolyte, und der Held lud sie ein, sein Schiff zu besuchen; als sie dieses bestiegen hatte, fuhr er mit seinem schönen Raube davon. Zu Athen angekommen, vermählte er sich mit ihr. Hippolyte war nicht ungerne die Gemahlin eines Helden und eines herrlichen Königs. Aber das streitbare Weibervolk der Amazonen war über jenen frechen Raub entrüstet, und noch als derselbe längst vergessen schien, sannen sie auf Rache, nahmen eine Gelegenheit wahr, wo der Staat der Athener unbewacht schien, und plötzlich eines Tages landeten sie mit einer Schiffeschar, bemächtigten sich des Landes und umzingelten die Stadt, in welche sie im Sturm einbrachen. Ja sie schlugen mitten in derselben ein ordentliches Lager, und die erschrockenen Einwohner hatten sich auf die Burg zurückgezogen. Beide Teile verzögerten darauf aus Scheu den Angriff; endlich begann Theseus den Kampf von der Burg herab, nachdem er dem Orakel gemäß dem Gotte des Schreckens ein Opfer gebracht hatte. Anfangs wichen die athenischen Männer dem Andrange der fremden Mannweiber und wurden bis zu dem Tempel der Eumeniden zurückgedrängt. Dann aber erneuerte sich der Kampf von einer andern Seite her; der rechte Flügel der Amazonen wurde bis zu ihrem Lager zurückgetrieben, und viele wurden getötet. Die Königin Hippolyte soll in dieser Schlacht, ihres Ursprungs uneingedenk, mit ihrem Gemahl gegen die Amazonen gekämpft haben. Ein Wurfspieß traf sie an Theseus‘ Seite und streckte sie tot darnieder. Ihrem Gedächtnis wurde später eine Säule zu Athen errichtet. Den ganzen Krieg beschloß ein Friedensschluß, dem zufolge die Amazonen Athen verließen und in ihr Vaterland zurückkehrten.

Der Brüder Zweikampf



Der Brüder Zweikampf

Auf solche Weise endete der Sturm auf die Stadt Theben. Als Kreon und Eteokles mit den Ihrigen in die Mauern zurückgekehrt waren, ordnete sich das geschlagene Heer der Argiver wieder, und bald war es von neuem imstande, der belagerten Stadt näher zu rücken. Wie dies die Thebaner innewurden und die Hoffnung, das zweite Mal zu widerstehen, nachdem auch ihre Kräfte durch den ersten Angriff nicht wenig geschwächt worden, ziemlich gesunken war, faßte der König Eteokles einen großen Entschluß. Er sandte seinen Herold zur Stadt hinaus nach dem Argiverheere, das, wieder dicht um die Mauern Thebens gelagert, am Rande des Stadtgrabens lag, und ließ sich Stille erbitten. Dann rief er, auf der obersten Höhe der Burg stehend, seinen eigenen, innerhalb der Stadt aufgestellten Scharen und den die Stadt umringenden Argivern mit lauter Stimme zu: »Ihr Danaer und Argiver alle, die ihr hierhergezogen seid, und ihr Völker Thebens, gebet doch so vielfaches Leben nicht, ihr einen, dem Polyneikes – noch mir, seinem Bruder, ihr anderen, preis! Laßt vielmehr mich selbst die Gefahr dieses Kampfes übernehmen und so allein im Gefechte mit meinem Bruder Polyneikes mich messen. Töte ich ihn, so laßt mich allein den Herrn im Hause bleiben; fall ich von seiner Hand, so sei ihm das Zepter überlassen, und ihr Argiver senket dann die Waffen und kehret in euer Heimatland zurück, ohne vor diesen Mauern euer Leben nutzlos zu verbluten.« Aus den Reihen der Argiver sprang jetzt Polyneikes hervor und rief zur Burg hinauf, daß er den Vorschlag seines Bruders anzunehmen bereit sei. Von beiden Seiten war man des blutigen Krieges, der nur einem von zwei Männern zugute kommen sollte, schon lange müde. Daher riefen beide Heere dem gerechten Gedanken Beifall. Es wurde ein Vertrag darüber abgeschlossen, und der Eid der Führer bekräftigte ihn von beiden Seiten auf dem Felde, das zwischen beiden Heeren lag. Jetzt hüllten sich die Söhne des Ödipus in ihre vollen Waffenrüstungen; den Beherrscher Thebens schmückten die edelsten Thebaner, den vertriebenen Polyneikes die Häupter der Argiver. So standen beide im Stahle prangend da, stark und festen Blickes. »Bedenke«, riefen die Freunde dem Polyneikes zu, »daß Zeus von dir ein Siegesdenkmal zu Argos erwartet!« Die Thebaner aber ermunterten ihren Fürsten Eteokles: »Du kämpfest für die Vaterstadt und das Zepter; dieser doppelte Gedanke verleihe dir den Sieg!« Ehe der verhängnisvolle Kampf begann, opferten auch noch die Seher, aus beiden Heeren zusammentretend, um aus den Gestaltungen der Opferflamme den Ausgang des Streites zu mutmaßen. Das Zeichen war zweideutig, es schien Sieg oder Untergang beiden zugleich zu verkünden. Als das Opfer vorbei war und die beiden Brüder noch immer in kampfbereiter Stellung dastanden, erhob Polyneikes flehend seine Hände, drehte sein Haupt rückwärts dem Argiverlande zu und betete: »Hera, Beherrscherin von Argos, aus deinem Lande habe ich ein Weib genommen, in deinem Lande wohne ich; laß deinen Bürger im Gefechte siegen, laß ihn seine Rechte färben mit des Gegners Blute!« Auf der andern Seite kehrte sich Eteokles zum Tempel der Athene in Theben: »Gib, o Tochter des Zeus«, flehte er, »daß ich die Lanze siegreich zum Ziele schleudere, in die Brust dessen, der mein Vaterland zu verwüsten kam!« Mit seinem letzten Worte schmetterte der Trompetenklang, das Zeichen des blutigen Kampfes, und die Brüder stürzten wilden Laufes aufeinander ein und packten sich wie zwei Eber, die die Hauer grimmig aufeinander gewetzt haben. Die Lanzen sausten aneinander vorüber und prallten beide von den Schilden ab; nun zielten sie mit den Speeren sich gegenseitig nach dem Gesichte, nach den Augen; aber die schnell vorgehaltenen Schildränder vereitelten auch diesen Stoß. Den Zuschauern selbst floß der Schweiß in dichten Tropfen vom Leibe, beim Anblick des erbitterten Kampfes. Endlich vergaß sich Eteokles, und während er beim Ausfallen mit dem rechten Fuße einen Stein, der ihm im Wege lag, beiseite stoßen wollte, streckte er das Bein unvorsichtig unter dem Schilde hervor; da stürzte Polyneikes mit dem Speere heran und durchbohrte ihm das Schienbein. Das ganze Argiverheer jubelte bei seinem Stoße und sah darin schon den entscheidenden Sieg. Aber während des Stoßes hatte der Verwundete, der seine Besinnung keinen Augenblick verlor, die eine Schulter an seinem Gegner entblößt gesehen und warf seinen Wurfspieß danach, der auch haftete, doch so, daß die Spitze ihm abbrach. Die Thebaner ließen nur einen halben Laut der Freude von sich hören. Eteokles wich zurück, ergriff einen Marmelstein und zerschlug die Lanze seines Gegners in zwei Hälften. Der Kampf war jetzt gleich, da beide sich ihres Wurfgeschosses beraubt sahen. Nun faßten sie rasch die Griffe ihrer Schwerter und rückten einander ganz nahe auf den Leib; Schild schlug gegen Schild, lautes Kampfgetöse hallte. Da besann sich Eteokles auf einen Kunstgriff, den er im thessalischen Lande gelernt. Er wechselte plötzlich seine Stellung, zog sich nach hinten auf seinen linken Fuß zurück, deckte sich den eigenen Unterleib mit Sorgfalt, fiel dann mit dem rechten Fuß aus und stach den Bruder, der auf eine so veränderte Haltung des Gegners nicht gefaßt war und den untern Teil des Leibes nicht mehr mit dem Schilde gedeckt hatte, mitten durch den Leib über den Hüften. Schmerzlich neigte sich nun Polyneikes auf die Seite und sank bald unter Strömen Blutes zusammen. Eteokles, nicht mehr an seinem Siege zweifelnd, warf sein Schwert von sich und legte sich über den Sterbenden, ihn zu berauben. Dies aber war sein Verderben; denn jener hatte im Sturze sein Schwert doch noch fest mit der Hand umklammert, und jetzt, so schwach er atmete, war ihm doch noch Kraft genug geblieben, dasselbe dem über ihn gebeugten Eteokles tief in die Leber zu stoßen. Dieser sank um und hart neben dem sterbenden Bruder nieder.

Nun öffneten sich die Tore Thebens; die Frauen, die Diener stürzten heraus, die Leiche ihres Herrschers zu bejammern; Antigone aber warf sich über ihren geliebten Bruder Polyneikes, um seine letzten Worte von den Lippen zu nehmen. Mit Eteokles war es schneller zu Ende gegangen als mit diesem; nur noch ein tiefer Seufzer aus röchelnder Brust, und er war verschieden. Polyneikes aber atmete noch, wandte sein brechendes Auge nach der Schwester und sprach: »Wie beklage ich dein Los, Schwester, wie auch das Schicksal des toten Bruders, der aus einem Freunde mein Feind geworden ist. Jetzt erst, im Tode, empfinde ich, daß ich ihn geliebt habe! Du aber, liebe Schwester, begrabe mich in meiner Heimat und versöhne die zürnende Vaterstadt, daß sie mir, obschon ich der Herrschaft beraubt worden bin, wenigstens so viel gewähre! Drücke mir auch die Augen mit deiner Hand zu; denn schon breitet die Nacht des Todes ihre Schatten über mich aus.«

So starb er auch in der Schwester Armen. Nun erhob sich lauter Zwist von beiden Seiten unter der Menge. Die Thebaner schrieben ihrem Herrn Eteokles den Sieg zu, die Feinde dem Polyneikes. Derselbe Hader war unter den Anführern und den Freunden der Gefallenen; »Polyneikes führte den ersten Lanzenstoß!« hieß es da. »Aber er war auch der erste, der unterlegen ist!« scholl’s von der andern Seite entgegen. Unter diesem Streite wurde zu den Waffen gegriffen; glücklicherweise für die Thebaner hatten sie sich geordnet und in voller Waffenrüstung teils vor dem Zweikampfe, teils während desselben und bei seinem Schlusse eingefunden, während die Argiver die Waffen abgelegt und, wie des Sieges gewiß, sorglos zugeschaut hatten. Die Thebaner warfen sich also plötzlich aufs Argiverheer, ehe dieses sich mit Rüstungen bedecken konnte. Sie fanden keinen Widerstand; die waffenlosen Feinde füllten in ungeregelter Flucht die Ebene; das Blut floß in Strömen, denn der Wurf der Lanzen streckte zu Hunderten die Fliehenden nieder.

Auf dieser Flucht der Argiver geschah es auch, daß der thebanische Held Periklymenos den Seher Amphiaraos nach dem Strande des Flusses Ismenos verfolgte. Hier hemmte den mit Roß und Wagen Fliehenden das Wasser. Der Thebaner war ihm auf den Fersen. In der Verzweiflung hieß der Seher seinen Wagenlenker die Pferde ihren Weg durch die tiefe Furt suchen; aber ehe er im Wasser war, hatte der Feind das Ufer erreicht und sein Speer drohte seinem Nacken. Da spaltete Zeus, der seinen Seher nicht auf unrühmlicher Flucht umkommen lassen wollte, mit einem Blitze den Boden, daß er sich auftat wie eine schwarze Höhle und die Rosse, die eben den Übergang suchten, zusamt dem Wagen, dem Seher und seinem Genossen verschlang.

Bald war die Umgebung Thebens von sämtlichen Feinden gereinigt. Von allen Seiten her brachten die Thebaner Schilde der erlegten Flüchtlinge und andere Beute herbei und trugen sie triumphierend in die Stadt.