Kapitel 5

Kapitel 5

 

Draußen auf dem Gange ließen sich Stimmen vernehmen. »Tür Nr. 19?« fragte die eine. »Ja, ja«, antwortete die andere. Ein rasches Klopfen, ein rasches Öffnen der Tür, und hereintrat, den Hut auf dem Kopfe, den Spazierstock geschultert – Herr Moritz Salmeyer.

»Ich überfalle Sie«, sprach er zu dem über diesen unerwarteten Besuch verblüfften Andreas. »Ah! Ah!… Sie wohnen hier recht hübsch. Aussicht ein Dach, ein paar Schornsteine, zwischendurch ein bißchen Himmel.«

Er nahm den Hut ab und setzte sich in den Lehnstuhl, den ihm Andreas mit den Worten zurechtrückte: »Ich weiß nicht, was mir die Ehre verschafft …«

»Der Wunsch, Ihnen nützlich zu sein. – Eine Art von Reue!« sagte Salmeyer. Er schlug ein Bein über das andere, stützte den Ellbogen auf die Sessellehne, das Gesicht auf die Hand und sah den Poeten mit gescheiten Augen an, in denen ein Strahl von wirklichem Wohlwollen glänzte.

»Ich will Ihnen einen Rat geben und einen Vorschlag machen. Ich interessiere mich für Sie und bin bereit, Ihre Bestrebungen zu fördern.«

»Sie, mein Herr?«

»Zur Sache! – Haben Sie alle Rezensionen gelesen, die über Ihr Stück geschrieben wurden?«

»Nein, doch höre ich, daß sie fast ausnahmslos abfällig lauteten.«

»Nun denn! Daraus mögen Sie ersehen, daß sich heutzutage in der Literatur nichts machen läßt, wenn man nicht wenigstens einen Teil der Kritik für sich hat. Ein Buch, ein Stück hinausschicken in die Welt und denen, die ihm die Wege bahnen, einen Ruf machen sollen, nicht sagen: Nehmt euch meiner Arbeit an, das ist so kühn, daß man es schwerlich klug nennen darf.«

»Aber …« wollte Andreas einwenden.

»Erlauben Sie!« fiel ihm Salmeyer ins Wort. »Jeder Schaffende bedarf der Gunst der Kritik. Ein Tor, der sie verschmähte, wenn sie ihm angeboten wird.« Er machte eine kleine Pause und sprach dann mit einer komisch huldvollen Bewegung: »Sie bietet sich Ihnen an. Noch mehr, die Kritik nimmt Sie auf in ihre Genossenschaft … Erlauben Sie!« wiederholte er, da sich Andreas von neuem anschickte, ihn zu unterbrechen. »Ich bin Redakteur des Feuilletons der Staatszeitung, ich öffne Ihnen die Spalten unseres Blattes.«

»Mir?!« rief Andreas.

»Warum nicht?«

»Weil ich ein langsamer Arbeiter, weil ich nicht schlagfertig bin.«

»Das ist im Anfange keiner – und dann, ich dränge Sie nicht. Liefern Sie mir nur jeden Monat einen Aufsatz über dies und das … Historische Essays, ästhetische Aperçus, verwerten Sie Ihre Lesefrüchte. Sie können auch Kritiken bringen über neue Erscheinungen in der Literatur. Versuchen Sie sich einmal als Humorist; wer weiß, ob Sie nicht, Ihnen selbst unbewußt, Talent zur Satire haben? Es findet sich oft bei solchen zurückgezogenen, melancholischen Naturen wie die Ihre.«

»Spotten Sie meiner?« fragte Andreas.

»Fällt mir nicht ein!« erwiderte Salmeyer ungeduldig. »Ich sagte schon, daß ich mich Ihnen hilfreich erweisen will … Mein Handwerk ist, die Leute zu unterhalten oder zu plagen … Ihnen will ich Gutes tun. Schlagen Sie Kapital aus dieser Velleität. – Ein rascher Entschluß! Nehmen Sie meinen Antrag an. Wenn Sie Fuß fassen in der Kritik, ist Ihre Schriftstellerlaufbahn gesichert. Ihr Drama wird in allen Zeitschriften, die mit uns in Verbindung stehen, besprochen, an vielen Bühnen angenommen werden und auf einigen vielleicht Erfolg haben.«

»Und dann?« fragte Andreas. »Daß mein Stück keinen Erfolg hatte, das ist es ja nicht, was mich niederdrückt. Was – Erfolg!… Den machen die anderen. Aber die Leistung ist mein, für die habe ich einzustehen; die habe ich gerichtet und den Stab gebrochen über mein Talent.«

»Lächerlich«, entgegnete Salmeyer. »Sie haben soviel und mehr Talent als hundert andere, die damit Glück machen … Bei Ihnen ist nur ein Umstand bedenklich …« Er hielt inne, zwinkerte mit den Augen und fuhr dann lebhaft fort: »Sie sind zu spät geboren! Vor dreißig oder fünfzig Jahren wäre man Ihnen verständnisvoll entgegengekommen, Ihre Stimme hätte einen lauten Widerhall erweckt. Aber heute!… Die Menschen, für welche Sie schreiben, sind tot.«

»Damit ist alles gesagt«, sprach Andreas schmerzlich. »Ich bin nur ein Pfuscher. Der rechte Dichter schreibt für solche, die noch nicht geboren sind.«

»Das ist eine Phrase!« erklärte Salmeyer. »Welchen Maßstab legen Sie an?«

»Den höchsten natürlich«, antwortete Andreas leuchtenden Auges, »den einzig berechtigten in der Kunst, der zeitlichen Offenbarung des Ewigschönen und des Ewigguten.«

Der Literat lachte. »Also auch Sie beten dieses hohle Schlagwort nach. Ich hätte mir’s denken können. Wann werdet ihr endlich einsehen, ihr Träumer, daß nichts bleibend ist als die Veränderung, nichts schön, als was dafür gilt, nichts gut, als was Nutzen bringt.«

Andreas erhob sich. Ihm schwindelte. Alles, woran er geglaubt, woran er sich begeistert, was ihm den festen Halt geboten hatte, konnte das weggeleugnet und schwankend genannt werden? – Und wenn – warum hatte er’s nicht selbst, nicht früher erkannt?

»Ich bitte Sie«, hub Salmeyer von neuem an, »verzichten Sie auf Ihre Ideale. Stimmen Sie sich herab. Sinken Sie, sinken Sie! herunter – bis zum jetzigen Geschmack! Je mehr Sie sich verfeinern, desto unverständlicher, ungenießbarer werden Sie, und werden es endlich mit Recht. Ein hohes Streben, das immer unbelohnt bleibt, beschädigt zuletzt den reinsten Charakter, weil es ihn verbittert. Glauben Sie mir: tragen Sie den Anforderungen des Tages Rechnung! Unser heutiges Publikum will nicht Erhebung, es will Unterhaltung, und den, der sie ihm gewährt, belohnt es nach Verdienst, sehr oft über Verdienst … Zum Beispiel – mich!… Meinen Sie, daß ich mich täusche über den Wert der Produktionen, denen ich meine Popularität verdanke?… Doch genug! Sie sind nicht ohne Talent, machen Sie nur davon den richtigen Gebrauch.«

Er hatte, während er sprach, die Banknoten vom Tische genommen und rollte sie zu Tüten zusammen, faltete sie zu dreieckigen Hütchen. Jetzt hielt er sie in die Höhe.

»Ihre Tantieme, nicht wahr?«

Andreas nickte bejahend.

»Soviel«, sprach Salmeyer leichthin, »bezahlt die Staatszeitung für drei meiner Feuilletons. Ich schreibe sie meistens im Kaffeehause, auf dem Billard, zwischen zwei Kegelpartien. – Nun, was beschließen Sie?«

»Mir selbst treu zu bleiben, meinem alten Selbst, von dem ich doch nicht mehr lassen kann«, erwiderte Andreas und glättete die Banknoten, die Salmeyer wieder auf den Tisch gelegt hatte, sorgfältig mit beiden Händen.

»Nach Ihrem Belieben denn!« sagte der Journalist gereizt. »Sie gehören zu den Leuten, denen nicht zu helfen ist.«

Er stand auf, wendete sich und bemerkte das Bild der Gräfin von Auwald über der Bücherstelle.

»Ha!« rief er aus, »die schöne Auwald! – Wie kommen Sie zu ihrem Porträt?«

»Ich habe es gekauft«, stotterte Andreas erblassend, wie im Vorgefühle eines Unglücks.

Der Literat drohte ihm mit dem Finger: »So – so – gekauft?… Ei, Sie stiller Sünder!… Deshalb also Ihre Parteinahme für den Gemahl?…«

»Was meinen Sie?« fragte Andreas in peinvoller Bestürzung.

»O die böse, böse Welt – o diese vornehmen Damen!« seufzte Salmeyer mit drolligem Pathos. Er schlug eines der Manuskripte auf und blätterte darin.

»Das sind wohl Ihre Werke?… Und wie schön geschrieben, wie prächtig! – zehn – fünfzehn – wahrhaftig, fünfzehn sorgfältig ausgearbeitete Theaterstücke! In jedem, ich bin’s überzeugt, so viel Gutes, daß man, wär’s von einem Freunde und Mitarbeiter, leicht ein Lorbeerreislein für den Dichter daraus entsprießen lassen könnte. Aber Sie wollen nichts von uns, und alle diese Buchstaben bleiben tot.«

Andreas blickte zu dem Sprechenden empor. Ein eigentümlicher Ausdruck feiner Selbstironie belebte seine Züge: »Tot diese Buchstaben, von denen ich jeden mit soviel Liebe hingemalt habe? – Das doch nicht«, sagte er. »Jeder davon ist ein Teilchen einer Gedankenseele; sie fügen sich zu Worten zusammen, und Worte bilden den Körper des Gedankens.«

Der Literat hörte ihm mit lächelnder Aufmerksamkeit zu und rief plötzlich: »Ich war blind! Ich war blind!… Nein, Sie sind nicht angetan, mitzuwirken in unserer heißen Werkstätte, in unserer großen stoffzermalmenden Maschine! Sie werden niemals ein Rädchen, nicht einmal eine Speiche an einem Rädchen sein.«

Er klopfte mit keckem Humor Andreas auf die Schulter: »Sie selbst sind Stoff und sollen verarbeitet werden. Und damit grüße ich Sie!«

Salmeyer sah aufmerksam im Zimmer umher, als wollte er sich dessen Bild fest einprägen, und ging.

Andreas wartete, bis er sicher sein konnte, ihn auf der Treppe nicht mehr einzuholen, und schlug dann hastigen Schrittes den Weg nach Zieglers Wohnung ein.

Es dunkelte schon, als Andreas vor dem Hause anlangte, und er zögerte einzutreten und vielleicht die Ruhe des Freundes zu stören. Im Hofe brannte eine Gasflamme und warf ihren flackernden Schein auf das Fenster des von Ziegler bewohnten Zimmers im Erdgeschosse. Andreas konnte nicht wahrnehmen, ob sich noch Licht darin befand, denn der Vorhang war herabgelassen.

Er trat an die Tür der kleinen Küche, die den Eingang zur Stube des Lehrers bildete. Die Klinke gab seinem leisen Drucke nach, man hatte vergessen abzusperren. Im angrenzenden Gemache herrschte tiefe Stille; ein schwacher Schimmer fiel durch die Risse der geborstenen Türe. Andreas näherte sich und pochte.

Nach einer Weile antwortete eine Frauenstimme zögernd: »Herein.«

Die Eheleute saßen am Tische einander gegenüber. Das Weib nähte an einem Knabenhemde, der Mann hielt die Hände über den Knien verschränkt und starrte regungslos vor sich hin auf den Boden. Er erwachte nicht aus seinem Sinnen, als Andreas eintrat und der Frau die Hand reichte, die sie weinend ergriff.

Erst nachdem der Freund ihn angeredet hatte, erhob er den Kopf.

»Ei, ei!« sprach er und betrachtete Muth mit verwirrtem Blicke, dann, als besänne er sich plötzlich, fügte er hinzu: »Vorlesen? ganz recht, ein neues Drama?… Ich bin begierig.«

»Nein, nein«, antwortete Andreas und sah nach der Ecke des Zimmers hin. Dort ruhte, mit einem Linnen bedeckt, auf dem Lager der Eltern die Leiche des Kindes. Ihr zu Häupten brannte eine Wachskerze, mit einem Kränzlein künstlicher Blumen umwunden, daneben stand ein Kruzifix aus schwarzem Holze.

Als die Frau die Richtung bemerkte, die das Auge des Besuchers genommen, machte sie eine abwehrende Bewegung.

»Sehen Sie ihn jetzt nicht an«, bat sie. »Morgen bahren wir ihn erst auf. Ich bin noch nicht zustande gekommen mit seinem Sterbehemde. Mein Gott, in der langen Krankheit wurde soviel gebraucht …«

»Not im Hause«, sagte der Mann. »Ehrlicher Name dahin. Mein Wort gegeben – es nicht gehalten. Nicht halten können.«

»Du wirst Wort halten, du kannst es!« rief Andreas, zog ein Päckchen aus der Tasche und legte es vor Ziegler hin.

»Das ist dein, dein Eigentum.«

Der Lehrer sah ihn fragend an, faltete die Banknoten auseinander, und stumm vor Erstaunen schob er sie seiner Frau hin. Die stieß bei dem unerwarteten Anblick einen Freudenschrei aus, der jedoch in einem schmerzlichen Schluchzen endigte. Sie legte die Stirn auf den Rand des Tisches, und ihre Tränen flossen unaufhaltsam.

»Woher kommt das?« fragte Ziegler, auf das Geld deutend.

Andreas legte ihm die Hand auf die Schulter.

»,Marc Aurel’ schickt es, dem du auf die Bühne geholfen hast.«- Er sprach zu seinem alten Freunde wie zu einem Kind. -»Du allein, mit deinem Rate: Einreichen! – weißt du noch? – Sonst hätte ich mich ja niemals getraut …«

Ziegler lehnte weder ab, noch sagte er ein Wort des Dankes. Er reichte Andreas nicht einmal die Hand. Er sah seinen Retter nur an, lange, fest. Und dem war dabei zumute, als wüchse und erstarke er unter diesem Blicke, als erlöse dieses ehrliche Auge, das ihm das Glück verdankte, sich wieder frei erheben zu können, ihn, ihn selbst von allem Leid, von aller Pein. Als stände er in der Schuld des Mannes, durch den ihm gegönnt worden zu erfahren, was es heißt, einem guten Menschen wohlzutun.

Ziegler erhob sich lautlos wie einst beim Schlusse der Vorlesungen und trat an das Fenster. Dort stand er unbeweglich. Angstvoll betrachteten ihn Andreas und die Frau. Sie wagten kaum zu atmen.

Endlich kam er zu ihnen zurück; die peinliche Spannung war aus seinem Gesichte verschwunden. Sein Weib stürzte sich an seine Brust.

Andreas aber benützte diesen Augenblick, um hinwegzueilen. Er fürchtete, sich von seiner Rührung übermannen zu lassen.

Kapitel 6

Kapitel 6

 

Am Morgen des nächsten Sonntags wurde der kleine Ziegler begraben. Andreas begleitete die Eltern auf dem Heimweg vom Friedhofe noch eine gute Strecke und ging dann seiner Wohnung zu.

Unter dem Tore begegnete er seiner Hausfrau, die zugleich ihre eigene Hausbesorgerin war; eine rüstige Witwe von fünfzig Jahren. Sie hatte ihn nicht selten merken lassen, daß sie keineswegs abgeneigt wäre, ihren stattlichen Nacken noch einmal dem Ehejoch zu beugen, im Falle sich ein Mann fände von reinen Sitten und von geachteter Lebensstellung – ein Beamter zum Beispiel –, der den Wert dieser freiwilligen Unterwerfung zu würdigen wüßte.

Das Gesicht der Dame, das sich sonst bei Muths Anblick immer freundlich erhellte, grollte heut wie eine Gewitterwolke.

Sie hielt Andreas eine Nummer der Staatszeitung hin und sprach: »Lesen Sie doch das Zeug da. – Heilige Jungfrau!… Mir soll man so etwas nicht weismachen. Ich kenne Ihren Lebenswandel und weiß, wer ein und aus geht bei meinen Mietsleuten. – Zeitungsjuden! Lügenpack!« fügte sie mit der vollsten Energie ihres konfessionellen und staatsbürgerlichen Bewußtseins hinzu.

Der Zeitungsartikel, der die Hausfrau so sehr in Harnisch brachte, führte den Titel: »Die letzten Originale«, war mit M.S. unterzeichnet und in seiner Art ein Meisterstück. Andreas las ihn mit schaudernder Bewunderung.

Nicht mehr als zwanzig bis dreißig Zeilen waren jeder der Persönlichkeiten gewidmet, die Salmeyer in seinem Aufsatze mit beißender Satire, mit etwas Sentimentalität und mit ausbündigem Talent schilderte. Es war kein Zweifel möglich, daß hier nach der Natur gezeichnet worden, doch war’s in einer Art geschehen, die die Urbilder der Porträts, trotz ihrer unverkennbaren Ähnlichkeit, nicht berechtigte zu sagen: »Ich fühle mich getroffen«, so fest ihnen auch der Pfeil im Fleische saß.

Der geschickteste Staatsanwalt hätte den Versuch aufgegeben, den Verfasser dieses Libells zur Verantwortung zu ziehen. Seine Anklage wäre ihm unter den Händen zerronnen, ein Ding, das man sehen muß, aber nicht fassen kann.

In einem Kapitel des Feuilletons war Andreas geschildert. Er sah sich selbst in dem Bilde des rastlos und unbelohnt schaffenden Dichters. Mit welchem dämonischen Geiste war es entworfen! mit welcher Divinationsgabe! – Wie war die Wurzel aller seiner Leiden bloßgelegt! – das Mißverhältnis in ihm zwischen Drang und Talent, zwischen dem Blick für das Künstlerische und dem Blick für das Praktische, zwischen seinem Verständnis der Vergangenheit und seinem Nichtverstehen der Gegenwart. Mit welcher Virtuosität war das Messer geführt, das seine Brust öffnete und sein Herz enthüllte, sein zuckendes Herz, das er mit so keuschem Stolze vor jedem Menschenauge verbarg!

Den Schluß des Aufsatzes bildete, nach einer kurzen Beschreibung der Dachstube des Gelehrten, folgende »schöne Stelle«:

 

»Und allabendlich öffnet sich die Tür dieses stillen Heiligtums, und hereinschwebt, geschmückt zu den Festen in den Fürstensälen unserer Residenz, eine dort heimische und gefeierte Schönheit.

Und über den armen Poeten beugt sich ihre königliche Gestalt. Auf der bleichen Stirn des Denkers ruhen Lippen so duftig und frisch wie die Rose im Tau. Lippen, für deren Kuß die Reichsten, die Edelsten, die Mächtigsten ihre Schätze hingäben, ihren Ruhm, ihre Macht!…

Vergebliche Liebesmühe!… Für sie steigt die Göttin nicht aus den Wolken. Ihnen ist sie unerreichbarer als dem Sünder die himmlische Au, als dem Wanderer im Wüstenbrand der schattenkühle Wald.«

Um dieser Abgeschmacktheit die entsprechende Würze zu geben, waren die beiden Silben des Namens Auwald mit gesperrter Schrift gedruckt.

Andreas hatte langsam gelesen, Wort für Wort, seinen Augen nicht trauend, wegzweifelnd, was er sah … Er träumt, er fiebert. Seine Phantasie treibt mit ihm ein fürchterliches Spiel, zeigt ihm den Namen, der ihm heilig ist, schmachvoll an die Öffentlichkeit gezerrt, besudelt und entweiht. Teuflischer Traum, hinweg mit deinem Spuk!

O sich nur besinnen – nur besinnen, und er verschwindet …

Aber nein!… Es steht da … schwarz auf weiß, unleugbar steht es da …

Andreas sprang auf. Rote Funken tanzten vor seinen Augen, eine Empfindung wahnsinniger Wut loderte in ihm empor.

Außer sich rannte er im Zimmer umher und suchte in seiner friedlichen Behausung nach einer Waffe – nach irgend etwas, das als solche dienen konnte. Aber da war nichts als ein spanisches Rohr mit schwerem Messingknopfe, ein Erbstück seines Vaters. Das ergriff er und eilte zur Tür.

In diesem Augenblicke öffnete sie sich, und auf der Schwelle stand in seiner ganzen Breite und Wucht Finanzrat Seydelmann.

»Wohin?« rief dieser, als Andreas, den Stock in der Hand, an ihm vorbeistürzen wollte, ohne Notiz zu nehmen von der unerhörten Ehre, die ihm durch einen Besuch seines Chefs zuteil wurde.

»Bleiben Sie!« befahl Seydelmann und drängte den Widerstrebenden mit überlegener Kraft in das Zimmer zurück. »Was wollen Sie tun?«

Er hatte sich dem Tische genähert und deutete mit einer Hand auf die Zeitung, die dort aufgeschlagen lag, während er mit der andern den Arm Muths umklammert hielt.

»Mit dem Stocke über den Verfasser dieses Artikels herfallen? Einen Skandal machen? Einen Kriminalprozeß heraufbeschwören? Sie – ein Beamter!… Das, was heut der Gegenstand des Geschwätzes ist in einigen Salons und in einigen Kaffeehäusern und morgen vergessen sein wird, zum Markt- und Kneipengespräch machen?… Sie sind verrückt! Meiner Treu – verrückt!«

»Widerrufen muß er! Ich will ihn dazu zwingen!« keuchte Andreas. »Er muß öffentlich Abbitte tun, muß bekennen, daß er erfunden, gelogen, schändlich verleumdet hat!«

»Widerrufen? – Und was?« fragte der Rat. »Er hat ja nichts behauptet. Sie scheinen das Feuilleton nicht zu Ende gelesen zu haben. Er verwahrt sich am Schlusse ausdrücklich gegen den Verdacht, daß er nach der Natur gezeichnet hätte.,Die letzten Originale’ sind Figuren aus einem Romane, den er unter der Feder hat und für vollständig erfunden erklärt.«

»Damit schützt er nur sich!« fiel Andreas zornig ein. »Das Publikum weiß, was von solchen Erklärungen zu halten ist.«

»Da haben Sie recht, leider recht«, bestätigte der Rat, »und ich staune, woher Ihnen diese plötzliche Einsicht kommt, da Sie doch so wenige bewiesen, indem Sie einen Menschen, der von Indiskretionen lebt, zu Ihrem Vertrauten machten.«

»Zu meinem – Vertrauten?!« rief Andreas.

Der Finanzrat betrachtete seinen Untergebenen mit einem durchbohrenden Blicke.

»Herr Salmeyer kann doch nicht erraten haben …«

Er stockte und fuhr nach einer Pause in verändertem Tone fort: »Ihre Bestürzung, Ihre Verlegenheit, sooft der Name Auwald vor Ihnen ausgesprochen wird, brachten noch ganz andere Leute als diesen Rezensenten auf die rechte Fährte.«

Andreas stiegen die Haare zu Berge. Also wirklich – man glaubte, was er nicht auszudenken wagte? – hielt das Unsinnige für möglich?… Ein dummer, blöder Wahn, für den niemand auch nur den Schatten eines Grundes anzuführen vermochte, fand Anhänger, wuchs heran zu einer Macht, gewaltig – vielleicht nicht mehr zu besiegen!

Dies alles war so wunderlich, so toll, daß es aufhörte, ein Unglück zu sein, daß man nur noch Sinn haben konnte für den Humor des tödlichen Spaßes, der ihn, Andreas, Andreas den armen Teufel, in einem Atem nannte mit der glänzenden Schönheit, die, überschüttet mit den reichsten Gütern des Lebens, ihr heiteres Dasein in einer Sphäre genoß, der seinen so fern wie Sterne der Erde.

Dem Finanzrat wahrhaftig zum Schrecken, brach Andreas plötzlich in ein krampfhaftes Lachen aus und rief: »Ich schwöre, daß ich die Sonne nicht gestohlen, sie nicht in meine Tasche gesteckt habe. Sie steht noch am Himmel. Nur Geduld! warten Sie bis morgen, da geht sie wieder auf.«

Und er lachte von neuem, aber mit einem Lachen, das der schneidendste Schmerz erpreßte, mit einem Lachen, herzzerreißender als das Schluchzen der Qual.

Dem Rat wurde angst und bange.

»Nehmen Sie sich zusammen, Herr Muth! Ich ersuche, ich bitte Sie, ernsthaft zu sein. Einmal in Ihrem Leben«, fügte er mit unüberlegter Härte hinzu – »einmal in Ihrem Leben beherrschen Sie sich!«

»Einmal in Ihrem Leben …« Mechanisch sprach Andreas die Worte nach.

Du ewige Gerechtigkeit!

Seine Vergangenheit rollte sich auf vor seinem geistigen Auge wie ein Bild, er übersah mit einem Blicke sein ganzes Dasein. –

Es war nur eine lange Kette von niedergehaltenen Empfindungen, nur ein unterdrückter Schrei. Ein stillschweigendes Verzichten, so lange geübt, bis sich im fortwährenden Selbstbesiegen sogar die Kraft des Wunsches abgestumpft. Eine Reihe fehlgeschlagener Hoffnungen, über die niemals eine Klage sich seinen Lippen entrang. Um ihn, wohin er blickte, der Sieg der Mittelmäßigkeit, der Parteilichkeit, und all sein Schmerz, alle seine Entrüstung erdrückt in seinem Innern. Unterdrückt mit Macht selbst der Schatten einer unreinen Regung: Erbitterung, Neid, Mißgunst. Nichts lebendig in ihm als das Bewußtsein, entsagt zu haben und in aller Zukunft entsagen zu können, demütig, starkmütig und ohne Groll.

Und nun: »Beherrschen Sie sich einmal in Ihrem Leben!«

Er erwiderte nichts, er lachte lauter als zuvor und erschien dem Finanzrat nachgerade unheimlich. Es geschah, was sich in seiner langen Dienstzeit nicht ereignet hatte, der hohe Beamte vergaß seiner offiziellen Würde und sprach mit dem Untergebenen, wie ein gewöhnlicher Mensch zu einem andern spricht.

Dennoch war jedes Wort ein Dolchstoß für den armen Andreas.

»Beruhigen Sie sich«, sagte Seydelmann, »Sie sind empfindlich wie ein bloßgelegter Nerv. – Das Unglück ist einmal geschehen, Sie können nur noch seine Konsequenzen verringern oder erhöhen. Je weniger Bedeutung Sie ihm geben, desto weniger Bedeutung wird es haben. – Kommen Sie morgen in das Büro, so ruhig, als wäre nichts vorgefallen. Man ist gewöhnt, jede Ihrer Empfindungen auf Ihrem Gesicht zu lesen; gelingt es Ihnen, gleichgültig zu scheinen, so wird man glauben, daß Sie es seien. Wenn Ihre Kollegen über den Zeitungsartikel von Herrn Salmeyer scherzen, so scherzen Sie mit. Diesen Rat Ihnen zu geben, bin ich gekommen. Und noch eines!… Nehmen Sie das Bild dort von der Wand. Die Neugier könnte leicht einen oder den andern Ihrer Bekannten zu Ihnen führen. Es wäre nicht gut, wenn sie das Porträt da hängen sähen.«

Seydelmann war am Schlusse dieser Rede wieder zum Bewußtsein seiner Stellung gekommen und verabschiedete sich mit gewohnter Gemessenheit.

 

Andreas blieb vernichtet zurück.

Ja, der Rat hatte recht: das Unglück war geschehen! Wer vermöchte der Skandalsucht ihren Wahn zu benehmen? Ohnmächtig steht die Wahrheit der Lüge gegenüber und die reinste Tugend dem blödesten Verdacht.

Ruhe denn. – Gleichmut – Standhaftigkeit! und dann: »Entfernen Sie das Bild.«

Andreas nahm es von der Wand und betrachtete noch einmal diese edlen und anmutigen Züge. Wie so oft versenkte er sich wieder in den geliebten Anblick … Da schrak er plötzlich zusammen. O Gott! Schritte … Schritte, die sich seiner Türe nähern … Wenn jemand käme und fände ihn – das Bild in den Händen … Mit dem Unverstand des Schreckens stürzt er auf die Türe zu und schiebt den Riegel vor. Gleich darauf besinnt er sich: er hätte nichts Ungeschickteres tun können. Draußen steckt der Schlüssel und verrät dem Nahenden seine Anwesenheit.

Nie, niemals war es einem seiner Kollegen eingefallen, ihn zu besuchen, jetzt kommen sie, von Neugier getrieben …

Er stand und lauschte. Draußen war wieder alles still geworden; die Schritte verhallten auf der Dachstiege. Gerettet – für dieses Mal!

Aber die Furcht vor einem Überfall wird sich wiederholen, Andreas ist nicht mehr sicher in seinen vier Wänden, nicht mehr zu Hause in seinem Daheim, seitdem die Bosheit und der Vorwitz dieses arme Stübchen belauern und, was darin vorgeht, roh entstellt hinausschreien in die Welt.

Nein, seine entweihte Behausung ist kein Aufenthalt mehr für das Bild der von ihm verehrten Frau. Der Entschluß ist gefaßt – kein Zögern also!

Fest, mit beiden Händen, ergriff er den Rahmen und brach ihn entzwei. Das Glas zertrümmerte in tausend Stücke, zerschnitt ihm die Hände; er achtete dessen nicht, schürte das Feuer im Ofen und warf die Reste des Bildes hinein.

Die Nacht hindurch wandelte er auf und ab in seinem Zimmer. Er wartete auf Müdigkeit, er sehnte sich nach Erschöpfung. Wenn er keine Kraft mehr zur Aufregung besitzt, dann kommt die Ruhe von selbst, dann wird es leicht sein, gleichgültig zu scheinen, dann mögen sie im Büro spötteln, soviel sie wollen.

All sein Blut hat sich zum Herzen gedrängt, dort liegt und lastet es, unbeweglich, schwer … O das regt sich nicht, das steigt nicht in die Wangen!

Es schlägt Mitternacht, schlägt ein Uhr.

Die Nacht vergeht zu schnell, die Müdigkeit hat nicht Zeit, zu kommen. Andreas fühlt sich so wach wie am hellen Mittag.

Zwei Uhr!

Die Lampe flackert auf und erlischt. Dem unsteten Wanderer in der Dachstube fährt es durch den Sinn, daß er sie nie mehr entzünden, daß sie nie mehr seiner stillen Arbeit am Schreibtische leuchten wird. – Der Dichter ist tot, seine Zelle steht leer. –

Drei Uhr!… Wie die Tage wachsen! Ein fahler Lichtschein dämmert schon am Himmel …

Könnte Andreas nur müde werden! Aber er ist rüstig, sein Schritt wird immer rascher, immer leichter, er meint zu schweben. Und was er alles sieht! Der kleine Ziegler schreitet an seiner Seite, schmiegt sich an ihn und sagt: »Wir wollen ja zusammen in die Berge – wann denn – wann gehen wir?«

»Bald, mein Junge, bald, mein lieber Junge!«

Andreas legt die Hand auf die blonden Locken des Knaben, der ihn anlächelt mit freudestrahlendem Gesicht. Jetzt wendet er sich – geht – geht fort –

»O bleibe, Kind« – Torheit das!… Er liegt ja draußen auf dem Friedhof, Andreas war selbst dabei, als man ihn begrub, und hat sich nur eingebildet … Aber dort – das kann nicht Täuschung sein! dort wo das Bild Mathildens gehangen, dort bewegt sich etwas – die Mauer ist geöffnet – eine Lichtgestalt tritt hervor …

»Um Gottes willen, Sie, Frau Gräfin – -? Was denken Sie? Hinweg! Wenn man Sie hier träfe …«

Nein – wahrhaftig, Andreas muß über seine eigenen Phantasien lachen. Wen hat er für die Gräfin gehalten? – Es ist zu toll – den jungen Fanghund des Zollrevisors, den dieser vorgestern so unbarmherzig züchtigte, weil er sich erdreistete, den Herrn Finanzrat anzuknurren, was sich denn doch nicht schickt, nicht schickt – nicht schickt!

Andreas wiederholte die zwei Worte unzähligemal in allen Arten, tröstend, belehrend, verweisend, indem er den Hund streichelte, bis sich dieser – sonderbar genug – in eine Katze verwandelte, die ihn anglotzte mit Augen aus grünem Feuer. Dann sprach er sie vor sich hin, stiller, lauter, singend, klagend: »Nicht schickt! nicht schickt!«

Dabei erfaßte ihn ein Wirbelsturm und drehte ihn im Kreise, bis ihn schwindelte und er niederzusinken meinte – aber nicht sank. Seine Muskeln schienen Stahl geworden, er fühlte sich stark, fühlte alles Leben in sich erhöht, fühlte sich von einer Kraft beseelt, nicht zu bewältigen, nicht zu verbrauchen …

Fünf Uhr!

In einer Stunde geht die Sonne auf. Andreas tritt an das Fenster. Eine Spatzenfamilie macht sich lustig auf dem Dach gegenüber; der Vater ist voll Mutwillen, die respektable Mutter muß ihre Jungen gegen seine Neckereien in Schutz nehmen. – Aus dem Schornstein wirbelt Rauch empor, Andreas vertieft sich in die Betrachtung seines braungrauen Qualms, der langsam hingleitet über die Firste, sich immer mehr ausbreitet, immer durchsichtiger wird und endlich wie ein zerrissenes Gewebe davonflattert in die Lüfte.

Jetzt pocht es mit derber Faust an die Türe, und draußen ruft eine rauhe Stimme: »O je, was wär denn das? Herr Muth, Sie haben vergessen, Ihre Stiefel herauszustellen. Und das Wasserweib ist auch da.«

 

Die beiden dienenden Geister haben ihres Amtes gewaltet. Andreas ist wieder allein.

Er badet den Kopf und die blutigen Hände in frischem Wasser, er kleidet sich mit äußerster Sorgfalt an. Kein Stäubchen duldet er auf seinem Rocke, knüpft seine Krawatte wie ein eitler Pedant, wählt seine besten Handschuhe. Alles an ihm soll beweisen, daß er unbefangen ist, daß ihn nichts abzieht von den kleinen Alltagssorgen, daß er Zeit hat und Stimmung, sich um Nebensächliches zu bekümmern.

Dann tritt er seine Wanderung an … Nur noch umwenden muß er sich auf der Schwelle und einen fast zärtlichen Blick auf den Raum werfen, in dem der größte Teil seines Lebens verfloß – der beste. Andreas gedenkt der Stunden seines beglückenden Schaffens. O hätte er sich begnügt! hätte er, was hier geboren ward, auch hier sterben lassen, in dem Schutze und Frieden seines Daheim!

Er eilt die Treppe hinab.

Eine Stunde später kommt zufällig die Hausfrau an seine Türe und schreit auf: »O Wunder! Herr Muth hat vergessen, den Zimmerschlüssel abzuziehen. Das ist nicht geschehen, seit er sich hier eingemietet hat.«

Mit fieberhafter Hast legt indessen Andreas den Weg nach seinem Büro zurück. Seine Aufregung hat sich nicht beschwichtigt, doch traut er sich zu, ihrer Herr zu bleiben.

Siehe da! er kommt doch nicht so früh, als er meinte. Dort, zwanzig Schritte vor ihm, biegt schon der Sekretär um die Ecke der Seitengasse, in der er wohnt. Eine Minute früher, und Andreas hätte ihn eingeholt, hätte mit ihm eintreten können. Das ist nun leider versäumt. Schade!… Wie gut hätte es sich gemacht, wenn er früher ausgegangen wäre, wenn er jetzt nicht allein eintreten und Spießruten laufen müßte an den anderen vorbei.

Er steht am Tor und wünscht dem Portier einen guten Morgen; der dankt und wendet sich ab. Andreas sieht aus seiner großen, pelzverbrämten Rocktasche das magistrale »St« der Staatszeitung ragen.

Im Hofe herrscht schon geschäftiges Treiben. Mein Gott, wie spät ist es denn?… Alle schon da und er der letzte! – Er tritt in das Büro, grüßt auf gut Glück nach rechts und links, ohne jemanden anzusehen, und setzt sich an sein Pult und schreibt und rechnet.

Zwei Beamte in seiner Nähe flüstern miteinander, es ist gewiß nur seine Einbildung, daß sie dabei nach ihm hinschielen. Er tut jedenfalls, als bemerke er’s nicht. Eine Weile geht das so fort, jetzt aber bleibt ihm doch nichts übrig, als herauszutreten aus seinem Schweigen. Da ist eine Verordnung erschienen, die neue Bestimmungen enthält über den Zolltarif von Warenproben nach den amerikanischen Ländern. Die muß er einsehen oder zu arbeiten aufhören oder Irrtum auf Irrtum häufen. Er nimmt alle seine Kaltblütigkeit zusammen, erhebt den Kopf und eine heisere Stimme, deren Klang ihn selbst befremdet, so mühsam ringt sie sich aus seiner Kehle – und zu seinem Nachbarn gewendet, stößt er die Worte hervor: »Den letzten Zolltarif, Herr Pfeiffer – darf ich Sie bitten?«

Herr Pfeiffer steht eben im Begriffe, eine große Prise konfiszierten Schnupftabaks in seine kleine Nase zu befördern, und liebt es nicht, bei der Operation beobachtet oder gestört zu werden. Er tut, als hätte er Muths Anfrage überhört, und dieser ist gezwungen, sie zu wiederholen. Herr Pfeiffer hält das Taschentuch mit beiden Händen wie einen Vorhang vor sein Gesicht bis an die Augen und zwinkert so den Fragenden an. »Zolltarif?« erwidert er endlich – »dort, Herr Munk hat ihn.«

Herr Munk sitzt an seinem Pulte, mitten im Büro. Bis dahin also heißt es schreiten, von dem Platz am Fenster aus, an dem Andreas arbeitet. Er steht auf, macht einige Schritte, ein leises Gewisper geht von Pult zu Pult. Kanzlist Schmidel, ein junger Mann mit strotzendem Lockengebäude und rosenrotem Antlitz, auf dem beständig, wie angeleimt, der Ausdruck dummer Freude liegt, vertritt Andreas den Weg. Er hält einen Bleistift in der Hand, legt die Spitze desselben an die Lippen und spricht:

»Herr Muth.«

»Was wünschen Sie?«

Schmidel verneigt sich: »Dürft ich wohl fragen – wie befindet sich heut die Gräfin Auwald?«

Andreas erbebt, aber er hält sich gut, zuckt die Achseln und geht weiter; ruhig weiter, obwohl die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet ist. Er fühlt es, er sieht es durch die zu Boden gesenkten Lider. Alle starren ihn an. Da ist keiner, der die Barmherzigkeit hat, den Blick abzuwenden.

Je näher Andreas Herrn Munk kommt, desto tiefer versenkt der sich in das Studium der neuen Verordnung. Jetzt ist Andreas am Ziele, jetzt bittet er: »Wollen Sie die Güte haben, mir dieses Blatt einen Augenblick …«

Er hält inne. Der junge Kollege drückt, statt zu antworten, die Stirne in seine Hände und diese auf den Tisch. Seine ganze Gestalt wird von konvulsivischen Bewegungen erschüttert, deren er vergeblich Herr zu werden strebt.

»Was haben Sie? Was ist Ihnen?« fragt Andreas und vergißt seiner eigenen Qual über dem Anblick des Jünglings, der sich auf seinem Stuhle wie in Schmerzen windet.

»Was ist ihm?« fragt Andreas und blickt angstvoll um sich.

»Nichts!« platzt Munks Nachbar heraus, und alle lachen; der mit leisem Gekicher, jener gellend, unbezwinglich hallt es durch den weiten Raum, prallt zurück von den Wänden, von der Decke und schlägt wie Hagel um das Haupt des unglücklichen Andreas.

»Ach, die Gräfin von Auwald!«

»Sie Glückspilz!«

»Wenn man sich das vorstellt – Herr Muth und die Frau Gräfin!«

»Es ist eine Ehre für das ganze Büro!« rufen sie einer um den andern, und bei jeder neuen Bemerkung erschallt neues Gelächter.

Andreas blickt sprachlos vor Zorn im Kreise umher, stürzt plötzlich auf den Kollegen zu, der durch seine Frage das Signal zu dem tollen Lustigkeitsausbruch gegeben hatte, und packt ihn bei den Schultern: »Bube!« schreit er ganz außer sich. Der kleine Mann schüttelt den kräftigen Jüngling, daß dem die Zähne klappern. »Bube! Bube!« wiederholt Andreas und ist im Begriffe, den blondgelockten Schmidel unter das Pult zu schleudern.

Einige Beamte befreien diesen zwar aus den Händen Muths, aber er bebt vor Furcht, und dabei hört er nicht auf zu schwören, das lasse er sich nicht gefallen, und das stecke er nicht ein!

»Sie werden Abbitte tun!« dekretiert Munk.

»Unter keiner Bedingung!« erklärt Andreas. Da wird die Tür aufgerissen, und der Sekretär tritt ein. Er übersieht die Situation mit einem Blicke, spricht rasch und leise einige Worte zu den älteren Beamten, die ihm halb lachend, halb grollend Platz machen.

»Herr Muth!« ruft er von weitem. »Der Herr Finanzrat will Sie sprechen.« Er tritt an Andreas’ Seite, nimmt seinen Arm und führt ihn fort. Auf der Treppe sagt er zu ihm: »Wir hofften, Sie würden sich würdiger benehmen.«

»Die Kerle haben es zu arg getrieben!« erwidert Andreas ohne eine Spur von Beschämung oder Reue.

Der Sekretär blickt ihn von der Seite an und denkt: Ist dies Andreas Muth? Man könnt es fast bezweifeln. Seine weichen Züge sind über Nacht steinern geworden. Ein schlimmes Zeichen, wenn das Gesicht eines Menschen sich so plötzlich verändert.

Jetzt waren die beiden an der Schwelle des Empfangszimmers Seydelmanns angelangt.

»Fassung«, sprach der Sekretär, »Ihnen steht eine große Überraschung bevor.«

Sie traten ein.

Seydelmann war nicht allein. Neben ihm saß ein Mann in mittleren Jahren, von feinem und einnehmendem Wesen.

»Hier, Euer Exzellenz«, sagte der Finanzrat, »ist Herr Muth.«

»Seine Exzellenz, Herr Graf von Auwald«, flüsterte der Sekretär Andreas zu. Dieser hatte bisher finster zu Boden geblickt und fuhr nun wie vom Blitze getroffen zusammen. Zuviel, zuviel stürmte heute auf ihn ein, allen diesen Gemütsbewegungen war er nicht gewachsen.

Auwald erhob sich. Ein mitleidiges Lächeln umspielte seinen Mund, verwandelte sich aber, je länger sein Auge auf der gramgebeugten Gestalt vor ihm ruhte, in den Ausdruck wehmütiger Teilnahme.

»Ich höre soeben«, sagte er, »welch ein übergroßes Gewicht Sie, Herr Muth, auf die Scherze legen, in denen sich gestern einer unserer Feuilletonisten ergangen hat. Sind solche Kindereien es denn wert, einem tüchtigen Manne wie Sie auch nur eine Stunde zu vergällen?«

Bei dem milden Klang der Stimme Auwalds erbebte der Poet wie der frosterstarrte Baum beim ersten Hauch der Frühlingsluft. Er wagte es, den Blick zu dem Sprechenden zu erheben, und verwandte ihn dann nicht mehr von seinem männlich-schönen, ruhigen Angesichte.

»Die Vernünftigen und Gerechten«, fuhr Auwald fort, »werden uns deshalb nicht geringer achten, weil wir von der Mißgunst angegriffen wurden, und was die anderen betrifft, die müssen uns dankbar sein, denn wir haben ihnen die Freude verschafft, die sie am besten zu empfinden verstehen – freilich die ärmste und kläglichste von allen: die Schadenfreude.«

»Sehr gut, vortrefflich!« rief der Rat aus, und der Sekretär murmelte etwas von »besonderen und allgemeinen Standpunkten«, das zwar nicht verständlich, aber zustimmend klang.

»Die einzige Person«, begann Auwald von neuem, »die sich durch jene versuchte Beleidigung verletzt fühlen könnte, hat ihr keine Bedeutung beigelegt. Sie glaubt eben nicht, daß der wohlerworbene Ruf einer braven Frau, ehe man sich’s versieht, durch einen literarischen Taschenspieler eskamotiert werden kann.«

Die Blicke des Poeten hingen an Auwalds Lippen, als ob jedes Wort, das sie sagten, ihm Heil und Erlösung bedeute. Gerührt von der auflebenden Hoffnung, die sich in seinen verstörten Zügen aussprach, streckte ihm der Graf die Hand entgegen.

»Empor!« rief er treuherzig, »empor das Haupt! Was an uns spurlos vorüberging, soll Ihnen das Herz nicht schwer machen. Lassen Sie sich aufrichten! Sie haben um meinetwillen gelitten. Ihr Schauspiel wäre nie so herb beurteilt worden, wenn ich nicht für den Autor gegolten hätte. Erlauben Sie mir, das Mißgeschick, das ich über Sie heraufbeschworen habe, gutzumachen, soweit es in meinen Kräften steht. Der Herr Finanzrat wird Ihnen mitteilen, in welcher Weise ich es zu versuchen wünsche. Nehmen Sie meinen Antrag an, den zu vermitteln er so gütig sein will. – Ich verehre«, setzte Auwald mit Wärme hinzu, »den edlen Geist, die reine Seele, die aus Ihrem Werke zu mir gesprochen haben. Wir müssen Freunde werden … Nun, so lassen Sie mich doch ein Wort der Einwilligung hören – ich kenne noch nicht den Klang Ihrer Stimme.«

So gedrängt, versuchte Andreas zu reden. Während Auwald sprach, während seine frische Weise befreiend und wohltuend auf ihn wirkte, dachte er: – Jawohl! Du bist ein Mann! Aufgewachsen in der bewegten Welt, danach angetan, dein Haupt hoch zu tragen im Gedränge. Du hast gelebt, gekämpft, Stürme erfahren und bestanden, bist verwundet und bist geheilt worden … Ich bin nicht stark wie du. Die Streiche, die dir kaum die Haut geritzt haben, haben mich das Blut meines Herzens gekostet. Ich bin gebrochen und nicht mehr aufzurichten, doch habe Dank, daß du’s versuchtest – –

»Haben Sie Dank!« sagte er laut. Tränen zitterten in seinen Augen.

»Halt!« rief Auwald, »danken dürfen Sie mir nicht. Nebst der Freude, Sie zu gewinnen, empfinde ich ja bei dieser Gelegenheit die ganz besondere Befriedigung, beweisen zu können, daß manchmal sogar die böse Absicht einen guten Zweck fördern kann!«

Damit empfahl sich der Graf, von Seydelmann bis zur Tür begleitet.

Wie im Traume vernahm nun Andreas die Mitteilung des Finanzrates, daß Auwald gekommen war, um bei ihm Erkundigungen über den Beamten einzuziehen, den ein Journalartikel in so seltsame Verbindung mit seiner Gattin brachte. Er freute sich, Andreas eröffnen zu können, daß der Graf, sobald er erfuhr, daß Muth und der Verfasser des »Marc Aurel« ein und dieselbe Person sei, sich sofort auf das schmeichelhafteste über ihn geäußert und erklärt habe, es sei sein innigster Wunsch, ihm die Möglichkeit zu verschaffen, den Dienst aufzugeben, der ihm nicht zusagen könne, und sich einer für ihn passenderen Beschäftigung zu widmen. Zu dem Ende biete er ihm die Stelle eines Bibliothekars auf einem seiner Schlösser in Steiermark an. Dort, in herrlicher Gegend, in milder Luft, könne er ausschließlich seinen Lieblingsstudien leben, einsam, wenn er wolle, gesellig, wenn es ihm beliebe.

»Sie nehmen natürlich an«, schloß der Rat, »sind jetzt ein unabhängiger, gutsituierter Mann, brauchen übrigens deshalb dem Staate nichts zu schenken. Ich will auf Ihre Pensionierung antragen. Gehen Sie nach Hause, setzen Sie Ihr Gesuch um Versetzung in den Ruhestand auf und legen Sie es mir morgen zur Einbegleitung vor.«

Andreas hörte dies alles schweigend und mit unbegreiflicher Gleichgültigkeit an. Gläsern und ausdruckslos ruhte sein Blick auf der Stelle, die Auwald eben verlassen hatte. Mehrmals hielt der Rat während seiner Rede inne und fragte: »Hören Sie? verstehen Sie?« und jedesmal antwortete Andreas mit einem leisen Ja, das ebensogut für ein Nein gelten konnte.

Einige Minuten später sah ihn der Portier, den Hut tief in die Stirn gedrückt, totenblaß, aus dem Hause stürzen und eine seiner Wohnung entgegengesetzte Richtung einschlagen.

Kapitel 8

Kapitel 8

 

Wir befinden uns, wie Sie sich erinnern, im Jahre neun«, hub die Hofrätin von neuem an, »es ist im Beginn des Monats Mai. Daß unsre schönen Träume von einem siegreichen Vordringen unsrer Armee unter ihrem großen Führer sich nicht erfüllten, wissen wir bereits. Etwas ganz Bestimmtes, Unwiderrufliches haben wir aber noch nicht erfahren.

Ein Mainachmittag also, ein gar lieblicher noch dazu; der Doktor, Anka und ich kehren vom Spaziergang zurück, und wie wir uns dem Tore des Hofes nähern, sehen wir es offen und vor dem Schlosse einen großen Reisewagen stehen, schwer bepackt, mit vier Schimmeln bespannt. ›Anka!‹ ruft der Doktor, ›wessen Equipage ist das? Wer ist angekommen?‹ Die Kleine schreit auf: ›Großmama! Es ist Großmama!‹ und läuft, so schnell sie kann, in den Hof. Ich ging dem Kinde nach, ohne meine Schritte zu beschleunigen, und hatte alle Zeit, die Dame zu betrachten, die unbeweglich neben dem Grafen stand und ihre Enkelin heraneilen ließ. Sie blickte über Anka hinweg und hielt mich ins Auge gefaßt, aufmerksam, neugierig, ohne Mißgunst und ohne Wohlwollen. Erst nachdem Anka bei ihr angelangt war, beugte sie sich zu dem Kinde nieder, drückte es an ihre Brust und begann mit ihm zu plaudern. Ich sah die Gräfin zum erstenmal; in der Stadt war ich ihres Anblicks nie teilhaftig geworden, und überrascht und unwillkürlich zweifelnd fragte ich: ›Die Großmutter? Ist das möglich? Die Dame eine Großmutter?‹ Der Doktor murmelte etwas von ›wunderbar erhalten‹, ›unglaublich konserviert‹, aber die Gräfin machte nicht den Eindruck einer gut konservierten, sondern wirklich den einer jungen Frau. Ihre hohe, junonische Gestalt bewegte sich mit der Leichtigkeit und Anmut jener Jahre, die für klassische Frauenschönheit die der höchsten Blüte und Entfaltung sind. Trotz des hellen Sonnenlichtes, von dem sie umwoben wurde, war nicht die Spur einer künstlichen Nachhilfe im rosigen Inkarnat ihres schönen Gesichtes zu bemerken. Ihre niedere Stirn, von glatt gescheiteltem, dunkelblondem Haar umrahmt, die klaren blauen Augen, die feine Nase, der liebliche, etwas schwellende Mund erinnerten an die verstorbene Gräfin. Dieser freilich sah man ihr Leiden schon an, als ich sie kennenlernte, während ihre Mutter sich der vollen Frische blühender Gesundheit erfreute. So heiter und sorglos sie dreinsah, so finster und verstört erschien der Graf: ›Schlechte Nachrichten!‹ rief er uns schmerzlich entgegen. ›Geschlagen! Unsere Armee auf dem Rückzug, Bonaparte auf dem Wege nach Wien!…‹

›Ich bin auf der Flucht, Herr Doktor‹, sagte die Gräfin, ›auf der Flucht vor unsern heimkehrenden Truppen. Das sind jetzt traurige und beschämte Leute. Kolowrat übernachtet heut in meinem Hause. Der Arme! Vor kurzem sprach ich ihn, da war er trunken von Siegeshoffnung. Ich konnte mich nicht entschließen, ihn jetzt wiederzusehen … Er hat so große Enttäuschungen durchgemacht, er, und alle, alle … Mademoiselle Helene, nicht wahr?‹ wandte sie sich an ihren Schwiegersohn, nachdem sie von neuem ihren glänzenden und teilnahmslosen Blick auf mir hatte ruhen lassen.

Der Graf erwiderte, sie müsse mich von Wien aus kennen. Alles in ihm kochte vor Zorn über den Gleichmut dieser Frau. Sie nahm davon keine Notiz. ›Mais pas du tout‹, sagte sie. ›Ich hatte noch nicht das Vergnügen, und es ist eines, Sie zu sehen, mein liebes Kind.‹ Nun, wenn es ihr eines war, sie gönnte sich’s. So hartnäckig, so gleichsam zergliedernd, wie die Gräfin tat, hatte mich noch niemand betrachtet, und ich fühlte es: Sie weiß dich jetzt auswendig, sie könnte dich malen, sie könnte Rechenschaft geben von jedem Faden an dir, vom Band an deinem Hut bis zu dem an deinem Schuh. Und dabei beantwortete sie die Fragen, mit denen der Doktor sie bestürmte. Ja, ja, wir hatten furchtbare Verluste erlitten; über das Schicksal ihrer Söhne jedoch konnte die Gräfin, Gott sei Dank, ruhig sein. Sie hatten sich wacker gehalten und waren in mörderischen Gefechten unversehrt geblieben. Aber der arme Stephan – ja der … ›Was ist’s mit ihm?‹ rief der Graf, der bisher geschwiegen, die Zähne zusammengebissen hatte und offenbar mit Widerstreben den Erzählungen seiner Schwiegermutter zuhörte. Er wollte wissen, was sie sagte; die Art, in der sie es sagte, war ihm ein Greuel. Er wiederholte seine Frage, und die Gräfin antwortete, indem sie bedauernd die Achseln zuckte: ›Verwundet, vielleicht schwer …‹ – ›Vielleicht tot!‹ warf der Graf heftig ein, und ich erbebte bis ins Innerste. Andächtig – dafür stehe ich Ihnen gut – habe ich an dem Abend das Vaterunser gebetet, das Graf Stephan sich ausbedungen.

Die Gräfin berichtete alles, was sie wußte. Es war nicht viel, sie hatte es durch einen ihrer Söhne erfahren, der Mittel gefunden, ihr Nachricht zukommen zu lassen. In der Nähe von Regensburg, bei dem heldenmütigen Angriff der Stipsiczhusaren auf die Kavalleriedivisionen St. Sulpice und Nansouty, hatte man den jungen Rittmeister an der Spitze seiner Schwadron, von mehreren Karabinerkugeln zugleich getroffen, vom Pferde stürzen sehen.

›Tot also oder gefangen‹, sprach der Graf und stampfte ingrimmig mit dem Fuße; ›Doktor, Doktor, wann machen Sie mich endlich gesund?!‹

Die Gräfin meinte, man würde auch ohne ihn mit den Franzosen fertigwerden, und ließ sich in das Schloß führen, um vor der Tafel ein wenig auszuruhen. Beim Diner erschien sie umgekleidet, parfümiert, in einer hellgrauen Toilette von entzückender und sehr kostbarer Einfachheit. Sobald sie am Tische Platz genommen hatte, war sie die Herrin des Hauses, der Graf schien nur noch ihr Gast zu sein; sie führte ein sehr lebhaftes Gespräch und unterhielt uns, und zugleich auch sich selbst, auf das beste. Nach dem Speisen spielte sie mit Anka Domino, ließ die Kleine gewinnen und bezahlte den Verlust der Partie mit einem blanken Dukaten, den sie durch ihren Kammerdiener herbeibringen ließ. Dann schickte sie ihr Enkelchen schlafen, erklärte zu wissen, daß die Abende bei uns mit Lesen zugebracht würden, und rief: ›Zur Lektüre denn!‹

Hocherfreut rieb der Doktor sich die Hände: ›Schön! schön! und zu welcher befehlen Eure Erlaucht?‹

Zu welcher? Ja, dafür wußte Ihre Erlaucht Rat. Sie besaß ein nicht mehr ganz neues, gewiß jedoch sehr schönes Buch und hatte es hierher mitgenommen.

›Oh, Liebe‹, wandte die Gräfin sich zu mir, ›es liegt irgendwo in meinem Zimmer … auf dem Tisch oder auf der Toilette … gehen Sie es holen, Liebe …‹

Ich war rasch aufgestanden, zugleich mit mir aber auch der Graf: ›Bleiben Sie, Fräulein!‹ befahl er, ›ich will das Buch holen …‹ – ›Oder – ich‹, fand der Doktor für gut zu sagen und machte Miene, sich zu erheben. Zu spät; der Graf hatte das Zimmer schon verlassen.

Die Gräfin stieß ein leises, langgedehntes ›Ah!‹ hervor und sah mich heiter lächelnd und diesmal nicht ohne Wohlwollen an. Doch war es ein sonderbares Wohlwollen, eines, das nichts mit Herzlichkeit zu tun hat, sondern aus übermütiger Laune, aus munterem Belustigtsein entspringt; ein Wohlwollen war’s, das nicht wohltut. Ich errötete und wußte eigentlich nicht warum.

Der Graf kam zurück. Er legte vier kleine Bände vor seine Schwiegermutter hin. ›Sind das die rechten? Ich kann es nicht glauben – französische Bücher, wir werden doch nicht französische Bücher lesen, Mama?‹

›Französische?‹ wiederholte der Doktor entrüstet, und die Gräfin lachte. ›Geniert Sie das? Haben Sie am Ende gar Ihr Französisch vergessen?‹ sprach sie, worauf der Alte mit unbeschreiblicher Geringschätzung entgegnete: ›Wär unmöglich, Erlaucht, sintemal ich nie ein Wort davon gewußt habe.‹ Er erhielt den Rat, nur recht gut zuzuhören; mit Hilfe des Lateinischen, das er als Arzt doch kennen müsse, werde er heute etwas, morgen mehr und übermorgen alles verstehen.

Da rief der Graf, der inzwischen in einem der Bücher geblättert hatte: ›Ich finde nichts als Betrachtungen und Predigten. Die Geschichte scheint mir langweilig. Erlassen Sie uns diese Prüfung, Mama.‹

Langweilig! – Das eine Wort kühlte den Leseeifer der Gräfin plötzlich ab. Sie war auf einmal zu nichts mehr so gut aufgelegt wie zu einer Partie Pikett mit ihrem Schwiegersohne. Ich aber kam bei dieser Gelegenheit zu dem ersten französischen Roman, den ich je mit Augen geschaut. Die Gräfin übergab mir ihn zur Durchsicht, und noch am selben Abend machte ich die Bekanntschaft der ›Delphine‹ von Madame de Staël.

Lesen Sie das Buch heute, und vieles darin wird Ihnen sentimental und veraltet erscheinen. Das immerwährende Niedertauchen in die eigene Seele, das Belauschen der eigenen Empfindungen, in dem besonders die Heldin sich gefällt, wird Sie ermüden, und dennoch, ich wette! aus der Hand legen Sie den Roman nicht gern. Die Menschen, mit denen er Sie vertraut macht, sind doch gar zu interessant. Diese Delphine ist gar zu herrlich in dem Glänze ihres weltumfassenden Geistes, gar zu rührend in der Naivität ihrer großartigen Wahrhaftigkeit. So wirkt das Buch heute noch; ermessen Sie, wie es auf ein neunzehnjähriges Mädchen wirken mußte, das zu einer Zeit damit bekannt wurde, in der die Sitten, die es schildert, noch nicht antiquiert waren und das Wort ›romantisch‹ bei weitem nicht für einen Tadel galt. Delphine ist die schöne junge Witwe eines Greises, der sie nur geheiratet hat, um ihr sein Vermögen hinterlassen zu können. Sie hat durch ihre Großmut die Verbindung ihrer Kusine mit einem Manne ermöglicht, den weder die ihm bestimmte Braut noch Delphine bisher gesehen haben. Die letztere hört viel von ihm, sieht sein Porträt, ihre Phantasie ist von ihm erfüllt, sein bester Freund sagt ihr: ›Sie sind für ihn geschaffen, Sie allein würden es verstehen, ihn dauernd zu beglücken …‹ Er wird infolge eines Abenteuers auf der Reise verwundet, man bringt ihn nach Paris, er ruft seine zukünftige Schwiegermutter an sein Krankenlager und hofft, seine Braut werde sie begleiten. Statt dieser, die es aus übertriebenen Schicklichkeitsrücksichten verweigert, läßt Delphine sich dazu herbei. Unterwegs bereut sie ihre Nachgiebigkeit. Sie fürchtet, Leonce – der Held – könne den Schritt, den sie tut, mißbilligen. Ein Zagen ergreift sie, als sie vor ihn treten soll, aber sobald sie ihn gesehen, weicht jede andre Empfindung der des Mitleids. Sie steht an seinem Ruhebett; er vermag kaum den Kopf zu erheben, um sie zu begrüßen, und bietet in seiner Hilflosigkeit den Anblick des edelsten und rührendsten Leidens. Eine tiefe Gemütsbewegung bemächtigt sich ihrer …

Bis dahin kam ich, nicht weiter – an diesem Tage nicht um ein Wort weiter!… Ich sah nicht mehr, was auf den Blättern stand vor meinen leiblichen Augen, ich sah ein andres Bild als das dort geschilderte, ein andres und doch so ähnliches Bild, und gewaltiger, als es mich in der Wirklichkeit ergriffen hatte, ergriff es mich in der Erinnerung. Was ich damals ahnungslos empfunden, jetzt wußte ich’s! Dieses Buch hatte es mich gelehrt!

Am nächsten Vormittag wurden Anka und ich zur Gräfin gerufen. Es roch köstlich in ihrem Zimmer, sie sah frisch aus wie eine Rose, war eben aus dem Bade gestiegen, lag auf der Chaiselongue und trank Schokolade. Jetzt wollte sie eine kleine Konversation mit uns haben. ›Unterhalte mich, Anka!‹ Sie begannen zu schwatzen, und die Großmama war die Lustigere von beiden, zog auch mich ins Gespräch, machte mir Komplimente über meine Augen, meine Zähne, meinen Teint, über was weiß ich. Die große Dame zeigt gegen unsereinen ebensowenig Stolz wie gegen ein Hündchen oder einen Kanarienvogel. Man spielt mit solchen Wesen, wenn sie niedlich sind, schmeichelt ihnen und verwöhnt sie. Der Vogel löscht seinen Durst aus dem Glase der Gebieterin, das Hündchen schläft auf ihrem Schoß, aber die Vertraulichkeit, in der man mit ihnen lebt, ändert nichts an der Rangordnung, die sie in der Stufenleiter der Geschöpfe einnehmen. So wenig Menschen- und Weltkenntnis ich damals besaß, über den Wert der Freundlichkeiten, die mir die Gräfin erwies, gab ich mich keiner Täuschung hin.

Mitten in ihrem Geplauder fiel es Anka plötzlich ein zu fragen, ob ihre Großmutter in die Gruft gehen werde, den schönen Sarkophag zu sehen, in dem Mama liege.

Da vereiste gleichsam das Gesicht der Gräfin, ein Ausdruck des Widerwillens umzuckte ihren Mund, wie zurückgestoßen drückte sie sich in die Kissen. ›Nein, nein, was denkst du?… Man darf die Ruhe der Toten nicht stören‹, sagte sie, und sogleich entließ sie uns mit dem Auftrag, ihr Francine zu schicken.

›Wissen Sie was?‹ begann Anka, nachdem sie ein Weilchen schweigend neben mir einhergegangen war, und mit der wichtigsten Miene und in belehrendem Tone fügte sie hinzu: ›Wir müssen, wenn wir uns bei Großmama langweilen, nur anfangen von der Gruft zu sprechen, da schickt sie uns gleich fort.‹

Wir sahen die Gräfin erst bei Tische wieder. Abends beteiligten wir uns alle an einem Lottospiel mit Anka. Ich saß dem Grafen gegenüber, dessen Blick mit einer Aufmerksamkeit auf mir ruhte, die abzulenken seine Schwiegermutter mehrmals umsonst versuchte. Ob mir dabei wohl oder weh zumute war, dürfen Sie mich heute nicht fragen; vielleicht habe ich es sogar damals nicht deutlich gewußt. Klar empfand ich nur eines: ein nicht ganz trostloses, sondern mit einer geheimnisvollen, schmerzlich süßen Befriedigung gemischtes Gefühl: Du mußt fort … Und immer mehr befestigte sich die Überzeugung in mir: Du mußt fort!«

Kapitel 9

Kapitel 9

 

Die Erzählerin machte eine kleine Pause. »Vergangene Freuden, vergangene Leiden sind wie geträumte Freuden und Leiden«, sagte sie. »Vermutlich schlage ich als Siebzigjährige zu gering an, was ich als neunzehnjähriges Mädchen im stillen und ganz allein mit mir selbst durchzumachen hatte. Mag sein und hat weiter nichts zu bedeuten. Wovon aber Notiz genommen werden muß, das ist die Veränderung, die sichtlich im Benehmen des Grafen gegen mich eingetreten war. Er kam jetzt öfters am Vormittag auf unser Zimmer, wohnte einer oder der andern Unterrichtsstunde bei und verließ uns nicht, ohne seine Freude über Ankas Fortschritte ausgedrückt, ohne gesagt zu haben: ›Anka und ich können Ihnen nie genug danken.‹ Er begann mir eine Rücksicht, ja eine Ehrerbietung zu erweisen, die mich in Verlegenheit setzte, die Gräfin zum Spott reizte und das Kind entrüstete. Die Kleine wies jeden, auch den geringsten Tadel, den ich ihr erteilte, zurück, sie tat es sogar mit den Worten: ›Sie sind böse, weil ich nicht soviel Wesens mit Ihnen mache wie Papa.‹ Indes ihr Vater meinte, sie unter meiner Leitung zu einer kleinen Vollkommenheit heranwachsen zu sehen, wurde sie immer herber und eigenwilliger und ich ihr gegenüber immer machtloser. Ich hätte das eingestehen, dem Grafen die Wahrheit sagen sollen, aber er tat mir zu leid, er war ohnehin gequält genug. Die verhängnisvolle Wendung, die der Krieg genommen hatte, das peinliche Bangen vor den Entscheidungen der nächsten Zukunft, die Untätigkeit, zu der er dabei verdammt war – ich konnte es nicht über mich gewinnen, den Seelenzustand noch zu verschlimmern, in den alles das ihn versetzte. Ich wußte, was in dem Manne vorging, was er litt und schweigend leiden mußte. Ihm war nicht einmal der karge Trost vergönnt, seine Befürchtungen oder Erwartungen mit einem gleichfühlenden Wesen zu besprechen. Den Doktor hatte das neuerliche Unglück unsrer Waffen außer Rand und Band gebracht. Im Anfang tobte er, dann erklärte er sich für schwer krank, legte sich zu Bett und stand nur einmal im Tage auf, um den Arm des Grafen nachzusehen. Was die Gräfin betrifft, so entfaltete sie in ihren Bemühungen, jede ernste Erörterung zu vermeiden, eine unnachahmliche Meisterschaft. ›Ja, mein Gott, c’est la guerre!’ war ihre stehende Antwort auf jede Besorgnis, jede Klage, die in ihrer Gegenwart laut wurde. Und sogleich brachte sie eine angenehme Nichtigkeit, eine erfreuliche Lappalie aufs Tapet. Sie kam mir vor wie eine höchst alberne Fee, die, in der Absicht, alles Elend auf Erden zu verdecken, mit einem Vorrat rosenfarbiger Schleier einhergeschwebt käme. Diese Frau – ich fing an, sie zu hassen. Ihre beiden Söhne standen vor dem Feind, jeder Tag konnte ihr die Nachricht bringen: Du hast keine Kinder, uns allen aber die: Ihr habt kein Vaterland mehr! – und sie glitt dahin voll Anmut, in spiegelheller Heiterkeit und erzählte charmante Anekdoten von charmanten Dingen und charmanten Leuten.

Eine Woche ungefähr befand sie sich auf dem Schlosse, da kamen eines Abends durch die Post Nachrichten für den Grafen und für die Gräfin.

Trostlos lauteten die Mitteilungen an den Grafen.

Die Franzosen waren in Wien. – Gescheitert waren alle Hoffnungen des Erzherzogs, vor dem Feinde die Kaiserstadt zu erreichen, gescheitert alle auf ihren Entsatz gerichteten Entwürfe. Wien hatte kapituliert, die Franzosen waren in Wien!… Zum zweitenmal im Verlauf von vier Jahren schrieb Napoleon der Welt Gesetze vor aus dem Hauptquartier Schönbrunn.

Dies also das letzte Ergebnis!… Und der Preis, um den es errungen worden? Der Tod von Tausenden, von denen jeder einzelne ein Held gewesen war, Regimenter aufgerieben, Bataillone gefangen …

Knirschend warf der Graf die unheilverkündenden Blätter auf den Tisch: ›Welchen Trost wissen Sie dafür?‹ rief er seiner Schwiegermutter zu. Sie atmete etwas rascher als gewöhnlich und fuhr leicht mit den Fingern über ihre Stirn, auf der sich ein paar Fältchen gebildet hatten. ›Nur nicht verzweifeln, nur nicht den Kopf verlieren. Ich habe einen Brief, der einen weniger düstern Ton anschlägt. Höre den an, es wird dir wohltun. Lesen Sie, Liebe.‹

Das Schreiben, das mir die Gräfin mit diesen Worten reichte, war von ihrem älteren Sohne verfaßt und von dem jüngeren mitunterzeichnet. Kraus die Züge, kühne Wendungen, ein komischer Stil, im ganzen – der frischeste Soldatenbrief, den je ein wackerer Bursch in seines Herzens ungelöschtem Durst nach Siegesglück geschrieben. Oben am Rande stand: ›19. Mai, irgendwo am Ufer vom Rußbach‹, und die ersten Worte des Textes lauteten: ›Mama, es geht uns gut!‹ Graf Albert gab zu, daß es ein Elend gewesen sei bei Thann und Landshut, bei Abensberg und Regensburg und ein verfluchtes Reiten heimwärts über Böhmen, erst zu schnell und dann viel zu langsam. Indessen – das ist vorüber und wird wiedergutgemacht werden, so denkt die Armee … Wenn die Mama sich nur einen Begriff davon machen könnte, wie ihren Söhnen jetzt zumute ist! Sie brächte ebensowenig wie die beiden heute Nacht ein Auge zu. ›Morgen in aller Früh geht’s in die Lobau!‹ – der Satz löste sich förmlich aus dem Briefe wie ein Jubelschrei –, ›die Franzosen machen sich breit auf der Insel, scheinen sogar über den großen Donauarm eine Brücke zu schlagen. Man muß schauen, was sie denn wollen, und ein Teil der Avantgarde unter Klenau und ein paar von unsern Regimentern brechen morgen dahin auf. Da wollen wir uns andre Sporen verdienen als die, die wir in dem verwünschten Bayern unsern Pferden in die Flanken setzten. Hoch lebe Österreich!‹

Die Gräfin nickte beistimmend, bemühte sich zu lächeln, und ihr Gesicht erhielt etwas Verzerrtes, Maskenhaftes, ein grünlicher Schatten bildete sich um ihren Mund. Nein! Sie war nicht angetan, Schmerz und Sorge zu ertragen, und wenn sie immer und um jeden Preis nach Gelassenheit rang, so geschah’s aus Notwehr, und sie rang dabei um ihr Leben.

Sie griff nach dem Briefe in meiner Hand. ›Frau Gräfin!‹ rief ich, ›da ist noch eine Nachschrift …‹ Sie erzitterte: ›Nun – lesen Sie …‹

Ich las: ›Was sagst Du zur Rettung Stephans? Sind das brave Kerle, seine drei Husaren, die ihn zurückgetragen haben!‹

Diese gute Nachricht am Schluß, so unbestimmt sie war, verlieh der Gräfin wunderbare Erquickung. Eine gute Nachricht, ein günstiges Omen! Jetzt befand sie sich wieder in ihrem Element, und der Name Stephans, den sie, seitdem das Gerücht von seinem Tode zu uns gedrungen, nicht mehr ausgesprochen hatte, kam an dem Abend immer von neuem über ihre Lippen.

Am nächsten Tage, es war der 24. Mai, hatte Ankas Unterrichtsstunde eben begonnen, da hörten wir plötzlich Pferdegetrappel im Hofe und sahen einen Reiter hereintraben, vor dem Schlosse absteigen, die Zügel eines müdegejagten, schweißtriefenden Postgaules dem ersten Diener, der herbeilief, zuwerfen und mühsam, mit ganz steifen Beinen, ins Tor treten. Anka hatte in dem Angekommenen sogleich den Reitknecht ihres Onkels Albert erkannt. Der brachte große Neuigkeiten. Sie ließen nicht lange auf sich warten … So sag ich jetzt; damals kam es mir anders vor, und ich war in meiner Ungeduld schon im Begriff, ein Verbrechen am geheiligten Hausbrauch zu begehen und Anka mit einer Bitte um Nachricht an ihren Vater abzusenden, als die Tür aufgerissen wurde und er selbst hereinstürmte. Er selbst, der Graf, totenbleich, mit leuchtenden Augen.

›Fräulein!‹ rief er, ›teures Fräulein!…‹

Betroffen über diese vertrauliche Ansprache steh ich da – er tritt auf mich zu, ergreift meine Hand und zieht sie an seine Brust: ›Fräulein!‹ wiederholt er, ›Sie müssen es durch mich erfahren. Österreich ist gerettet, Napoleon ist geschlagen, Napoleon ist in zweitägiger Schlacht vom Erzherzog Karl geschlagen …‹

›Geschlagen?‹ fragte Anka, und jetzt erst schien er ihrer Gegenwart innezuwerden, das Blut schoß ihm ins Antlitz, er wandte sich zu ihr.

›Merke dir, Anka: Aspern und Eßlingen – den 21. und 22. Mai … da haben die Österreicher die große, unüberwindliche Armee glorreich besiegt …‹ Die Stimme versagte ihm. Ich sah ihn zum erstenmal überwältigt und nicht mehr Herr seiner selbst, ich sah die ersten Tränen in seinen Augen. ›Und ich!…‹ schrie er plötzlich auf, erhob den rechten Arm, streckte ihn gewaltsam aus und ließ ihn mit einer Gebärde der Verzweiflung niedersinken.

Ich war sprachlos und hatte nicht weniger Mühe, meine Fassung zu bewahren, als er, die seine wiederzugewinnen.

›Albert hat einen Boten geschickt, er ist bei der Gräfin – gehen Sie hinauf mit Anka, hören Sie, was er erzählt‹, sagte der Graf. ›Gehen Sie!‹ wiederholte er, als ich einen Augenblick zögerte, ›ich folge.‹

Wir trafen die Gräfin auf ihrem Kanapee ruhend, der Doktor, Francine und August, der Reitknecht, standen vor ihr. Francine triumphierend über die Niederlage des ›usurpateur‹, der Doktor, die Stirnader hochgeschwollen, die Brille verkehrt aufgesetzt, die Schleife der Krawatte am Ohr, rief die Französin zur Ordnung, sooft sie den Erzähler mit Freuden- und Beifallsäußerungen unterbrach. Der aber hielt sich so steil aufrecht, als sein runder Rücken und seine zitternden Beine es erlaubten, und berichtete von den Heldentaten seiner jungen Herren. Von dem Generalissimus, von Wimpffen und Smola, von Liechtenstein, Hohenzollern und andern Leuten zu sprechen, überließ er der Geschichte. Er sprach von Albert und Viktor, seinen Helden, war unerschöpflich in ihrem Preise, in der Beschreibung ihres Aussehens und dessen, was sie getan und gesagt hatten und wie es nach der Schlacht ihr erster Gedanke gewesen sei, Botschaft zu schicken an die erlauchte Mama. Und wie dann er, August, gemeint: ›Ich reit halt hinüber, ich kenn mich schon aus‹, und wie er Pferde requiriert hatte, wo er sie fand, und in achtundvierzig Stunden kaum aus dem Sattel gekommen war. Schreiben würden die Herren Grafen später. Jetzt sei er da und vermelde unterdessen, was er zu vermelden habe: einen Handkuß.

Damit beugte er sich, um denselben gehorsamst zu übermitteln. Sein altes, gelbes, mit Schweiß und Staub bedecktes Gesicht näherte sich der Hand der Gräfin, und fast wäre sein langer Schnurrbart, dessen Enden wie die Zweige einer Trauerweide niederhingen, mit dieser schönen, duftenden Hand in Berührung gekommen. Aber ihre Eigentümerin zog sie rasch zurück und sprach, den allzu gewissenhaften Boten fortwinkend: ›Laß Er’s gut sein!‹

Der Graf war vor einer Weile eingetreten, hatte, von niemand außer mir bemerkt, ganz still in einer Ecke Platz genommen und bis jetzt schweigend, mit gesenktem Haupte, zugehört.

›Geh, lieber Alter‹, sprach er nun, sich erhebend, ›iß, trinke, schlafe, laß dir’s wohlgeschehen.‹

Der Doktor machte sich anheischig, für August auf das beste zu sorgen, und führte ihn hinweg.

›Ein braver Mensch!‹ sagte die Gräfin, ›wirklich exzellent. Aber welche Atmosphäre! – Francine, öffnen Sie das Fenster!‹

An dem Tage war natürlich nur noch von den Nachrichten die Rede, die August gebracht hatte.

Eine Trauerbotschaft befand sich darunter.

Der älteste Bruder des Grafen Stephan war bei Aspern geblieben. Seinem unglücklichen Vater stand der Jammer bevor, die Todesnachricht des Erstgeborenen am Kranken-, vielleicht am Sterbebett des jüngsten Sohnes zu erfahren. Leider hatte der Wachtmeister, der den Grafen Stephan nach Hause geleitet, bei der Rückkehr zum Regiment nicht viel Tröstliches über den Verwundeten zu berichten gewußt. Man hoffte ihn am Leben zu erhalten, man hoffte! aber sicherlich war es noch lange hin bis zu seiner Genesung, und ob diese jemals ganz vollständig sein werde – das konnte nur Gott wissen.

So meinte August, weil er es so gehört hatte. Die Gräfin hingegen meinte, die Ärzte wüßten wohl auch, daß alles gut enden würde, gäben es nur noch nicht zu; das ist schon ihre Art, man kennt das, Klappern gehört zum Handwerk. Ein paar Kugeln in der Brust bringen einen jungen kräftigen Menschen nicht um; man nimmt sie heraus, und er ist wieder gesund.

Wunderbarerweise gewann es wirklich den Anschein, als ob die verwegenen Voraussetzungen der eingefleischten Optimistin eintreffen sollten. Die nächste Kunde von dem Grafen Stephan, die bald darauf zu uns drang, sprach von einer kleinen Besserung.

Inzwischen hatten wir erfahren, daß der Sieg bei Aspern nicht zu einem offensiven Vorgehen von seiten des Erzherzogs benutzt worden war. Die beiden Heerführer standen einander gegenüber, ohne Anstalten zu einer neuen großen Schlacht zu treffen, jeder nur auf die Verstärkung seiner Streitkräfte bedacht. Da hoffte nun der Graf, wenn die Waffenruhe ein paar Wochen dauere, wenigstens an dem Schlusse des Feldzuges teilnehmen zu können. Er werde den Arm wohl bald notdürftig gebrauchen können, gab ihm der Doktor zu und fragte: ›Sind Sie jetzt getröstet?‹ Aber der Graf antwortete: ›Ach, Doktor! Im Jahre neun ein Mann gewesen sein, ein Österreicher und ehemaliger Soldat, und von Aspern und Eßlingen nur gehört haben – darüber tröstet nichts!‹

Die Gräfin beschloß nun, in den nächsten Tagen heimzureisen; der Graf gedachte in ungefähr einer Woche zur Armee zu gehen und wollte vorher Anka bei ihrer Großmutter installieren, wo wir die Zeit seiner Abwesenheit zubringen sollten. Da geschah es, daß die Kleine, von der Gräfin kommend, zu mir sagte: ›Fräulein, die Großmama hat Sie gar nicht gern, aber gar nicht!‹ Bei Tisch fand ich den Grafen düster und unfreundlich, die Gräfin aber war äußerst angeregt, sonnig und eisig wie ein schöner Wintertag. Am Abend, gleich nachdem wir den Salon betreten, empfahl sich der Doktor; er warf mir beim Fortgehen einen mitleidigen Blick zu und sagte leise: ›Seien Sie wacker!‹ – Anka wurde früher als gewöhnlich zu Bett geschickt, sie weinte, und der Graf, dem sonst die geringfügigste Verstimmung seiner Tochter eine wahre Seelenpein verursachte, blieb diesmal gleichgültig bei den Tränen, die sie vergoß.

Sobald wir allein waren, eröffnete die Gräfin das Gespräch …«

Die Hofrätin zog die Achseln ein wenig in die Höhe, überlegte ein Weilchen und sprach: »Ich will Sie nicht auf die Folter der Neugier spannen, liebe Freundin, sondern gleich sagen: was die Gräfin mir mitzuteilen hatte, war etwas Überraschendes, etwas ganz Außerordentliches. Der Vater des Grafen Stephan ersuchte die Gräfin, meine Gesinnungen gegen seinen Sohn zu erforschen. Im Falle diese günstig seien, solle in aller Form um meine Hand geworben werden.

›Ich entledige mich meines Auftrages‹, sprach die Gräfin nachlässig, ›halte es aber für meine Pflicht, Ihnen meine Meinung von der Sache zu sagen.‹

O weh! wenn die Gräfin den Ton anschlug, da mochte man sich vorsehen! Da durfte die Eitelkeit oder das Zartgefühl oder irgend etwas leicht Verwundbares in der Seele des andern – ich hatte es schon erfahren – einer schmerzlichen Berührung gewärtig sein. Ich wollte eine solche überhaupt nicht erleiden, am wenigsten jedoch in Gegenwart des Grafen, und beeilte mich, der Gräfin ins Wort zu fallen und ihr sehr lebhaft zu erklären, daß ich keine Neigung für ihren Neffen habe und mich niemals entschließen könnte, seine Frau zu werden.

›Was sagte ich Ihnen, Mama?‹ fragte der Graf; und so leise es geschah, eine mächtige Freude klang aus diesen Worten. Der sie gesprochen, erhob sich und verließ das Zimmer.

Der Gräfin mußte ungefähr zumute sein wie jemandem, der sich zu einem Pistolenduell vorbereitet und im Augenblick, in dem er auf den Gegner anlegen will, plötzlich bemerkt, daß er keinen hat. Sie rückte sich in ihrem Sessel zurecht, betrachtete mit flüchtiger Aufmerksamkeit die Stickerei ihres Taschentuches, sagte mir einige Schmeicheleien und forderte mich auf, Vertrauen zu ihr zu haben. Sie gab mir zugleich einen Beweis des ihren, indem sie gestand, von allem unterrichtet zu sein, was zwischen dem Grafen Stephan und mir vorgegangen war. Sie wußte nicht nur, daß ihr Neffe mir den Hof gemacht, sondern auch, daß er es ohne Glück getan hatte. Sie fand das erste unrecht, aber begreiflich, das zweite anerkennenswert und gleichfalls begreiflich. Jetzt aber müsse sie über einiges staunen.

Die Gräfin räusperte sich und suchte nach Worten; zu ihrer Ehre sei es gesagt: es wurde ihr nicht leicht fortzufahren.

›Was mich in Verwunderung setzt, ist nicht der Antrag Stephans … Mein Gott, Stephan ist eben verliebt, jung und töricht. Auch das ist es nicht, daß sein Vater sich dahin bringen ließ, diesen Antrag zu billigen und zu protegieren … Mein Gott, ein Greis, der seinen Kindern gegenüber schwach geworden und es mehr ist denn je in diesem Augenblick. Wenn man soeben einen Sohn verloren hat, schlägt man dem zweiten, kaum wiedergewonnenen einen Wunsch nicht ab, an dem sein Herz hängt. Ein Stärkerer als mein armer Vetter wäre vielleicht unfähig. Wie gesagt, über die andern staune ich nicht, ich staune über Sie und über die Raschheit und Bestimmtheit, mit der Sie Stephans Bewerbung ablehnen.‹

Sie heftete die Augen auf mich, und ich fühlte mein Gesicht hoch aufflammen und dann erbleichen im Strahle dieses kalten und durchdringenden Blickes.

›Sie haben keine Neigung für Stephan‹, fuhr die Gräfin fort, ›haben Sie auch keinen Ehrgeiz?‹

Fragend und verwundert wiederholte ich dieses letzte Wort, und sie mußte sehen, daß ich seinen Sinn in Wahrheit nicht erfaßte, denn sie ließ sich zu einer Erklärung herbei.

›Ich meine, Stephan ist arm, er wird siech bleiben, heißt es. Seine Frau, wenn sie pflichttreu sein will, würde das Leben einer Krankenwärterin führen. Aber sie wäre doch seine Frau und nach seinem Tode die verwitwete Gräfin Stephan … Haben Sie keinen Ehrgeiz …‹ Ihre Stimme veränderte sich; ohne lauter zu werden, wurde sie schärfer und eindringlicher. ›Keinen Ehrgeiz oder einen viel höherfliegenden? – Sie haben keine Neigung für Stephan, für ihn nicht. Seine Liebe hat Sie nicht gerührt – hoffen Sie vielleicht, daß die Ihre rühren werde – einen Mann rühren, der Ihnen wünschenswerter erscheint?‹

Dieser furchtbare Angriff kam so unversehens, daß ich nicht einmal daran dachte, mich zu verteidigen. Halb sinnlos vor Beschämung und Schmerz empfand ich nur den brennenden Wunsch, sogleich und unwiderleglich zu beweisen, daß mir Unrecht geschah.

Die Gräfin sah den Eindruck, den sie hervorgebracht hatte. Sie lehnte sich behaglich zurück, sie war wieder lauter Freundlichkeit. Es ist ja so angenehm, aus dem Frieden der eigenen unzerstörbaren Ruhe dem Kampfe einer armen Seele zuzusehen, die bebt und flattert wie ein verwundeter Vogel und vergeblich nach Befreiung von ihren Qualen ringt.

›Nun, Liebe, was antworten Sie mir?‹ fragte die Gräfin, und ich erwiderte mit soviel Festigkeit, als ich aufzubringen vermochte – ach, sie war höchst gering! –, daß ich längst den Entschluß gefaßt, das Haus zu verlassen, und nur noch gezögert habe, ihn dem Herrn Grafen mitzuteilen. Der Herr Graf würde fragen, warum ich fort wolle, und ihm darauf der Wahrheit gemäß zu antworten sei mir schwer. Doch müsse es endlich gesagt werden. Ich gehe, weil ich die Hoffnung aufgegeben habe, irgendeinen Einfluß auf meinen Zögling zu gewinnen. Wir hätten durchaus kein Verständnis füreinander, denn ich flöße Anka ebensowenig Sympathie ein, als ich für sie empfinde.

Die Gräfin nickte mir mit etwas ironischem Beifall zu. Nicht übel, schien sie sagen zu wollen, das hast du nicht übel gemacht. Die Worte, die sie indessen aussprach, waren: ›A-h?… ja so!… das ist schlimm. Das können Sie meinem Schwiegersohn allerdings nicht sagen. Es klänge doch gar zu sonderbar in dem Munde einer Erzieherin.‹ Sie bot mir an, dem Grafen mein Gesuch um Entlassung vorzubringen, und ich hatte noch Selbstbeherrschung genug, ihre Vermittlung anzunehmen und ihr dafür zu danken.

Wie ich dann in mein Zimmer gekommen bin, weiß ich nicht. Ich erinnere mich nur, daß ich den Doktor noch am selben Abend sprach und daß es mich befremdete, ihn von dem Schritt unterrichtet zu finden, den der Vater des Grafen Stephan bei mir unternommen hatte – ohne Vorwissen seines Sohnes, behauptete der Doktor, und ich glaubte es gern. Es war ein Opfer, das der schwache und gütige Greis der Neigung seines ihm wiedergeschenkten Kindes bringen wollte.

›Sie haben abgelehnt‹, sprach der Doktor, ›das versteht sich von selbst. Was geschieht aber jetzt?‹

Er stand vor mir mit gesenktem Kopfe; sein Gesicht drückte die tiefste Verstimmung aus, und seine dichten weißen Brauen waren finster zusammengezogen. Als ich ihm sagte, daß ich das Haus verlassen werde, erklärte er sich damit einverstanden: ›Je eher, desto besser. Am besten gleich morgen mit der Gräfin.‹

Er wurde am nächsten Tage sehr zornig, als es hieß, die Gräfin reise allein. ›Welcher Unsinn!‹ rief er. ›Weil eine Reise mit einem Kinde ihr lästig wäre, werden Sie zurückgelassen. Sie ist klug, diese Frau, sie ist klug – bis an die Grenze der Bequemlichkeit. Wo aber die Unbequemlichkeit anfängt, da hört ihre Klugheit auf … Na‹, unterbrach er sich, ›gehen Sie ihr Lebewohl sagen, sie ist mit Anka und dem Grafen im Speisezimmer.‹

Ich ging dahin, und die Gräfin empfing mich mit den Worten: ›Kommen Sie endlich, meine Schönste? Ich bin im Begriff, in den Wagen zu steigen.‹

Sie scherzte mit Anka, und der Graf trat an mich heran, auch er in vorzüglich guter Laune.

›Was höre ich?‹ fragte er, ›Sie wollen uns verlassen? Das ist ja treulos und grausam. Darauf war meine arme Anka nicht gefaßt. Indessen, wenn Sie durchaus nicht bei uns bleiben wollen … durchaus nicht‹, wiederholte er nachdrücklich und forschend, ›dürfen wir Sie nicht zurückhalten.‹

Die Gräfin klopfte mich auf die Wange: ›Wir meinen es gut mit Ihnen‹, sagte sie, ›wir werden Ihrer nicht vergessen. Adieu!‹

Sie ging, und wenige Minuten später rollte der Wagen, der sie entführte, aus dem Hofe.

Kapitel 10

Kapitel 10

 

Acht Tage noch, dann sollten auch wir das Schloß verlassen. Unser Weg war gemeinsam bis zu dem Städtchen, in dessen Posthause wir auf der Reise nach unserm früheren Wohnort Mittagsrast gehalten hatten. Dort teilte er sich. Der Graf gedachte mit Anka nach dem Gute seiner Schwiegermutter zu fahren, der Doktor mit mir nach einem kleinen Badeorte unweit von Wien, wo mein Vormund mit seiner Familie vor den Kriegsereignissen Zuflucht gesucht hatte.

Acht Tage noch! – Eine lange und – eine kurze Zeit. Lang, weil ich sie in Erwartung eines schrecklichen Augenblicks zubrachte, kurz, weil mir schien, daß es die letzte sei, die ich zu leben habe, und als könne nach ihr nur der Tod noch kommen.

Anka bemühte sich, mir den Abschied leicht zu machen. Sie verbarg ihre Freude darüber nicht, daß sie eine Zeitlang ohne Gouvernante sein sollte. Sie brauchte keine. Francine blieb vorläufig allein bei ihr, Großmama liebte die neuen Gesichter nicht.

Am Abend nach der Abreise der Gräfin, als Anka ihrem Vater gute Nacht sagte, empfahl ich mich zugleich mit ihr. ›Sie kommen doch wieder?‹ rief der Graf. Er war unzufrieden, als ich es verneinte, und erwiderte kaum meinen Gruß. Am nächsten Vormittag erschien er bei unserer Unterrichtsstunde und hörte seiner Anka, die ihm alle Reiche Deutschlands an den Fingern herzählte und auf der Karte nachwies, mit stiller Bewunderung zu. Sie nahm eine kluge Miene an und fragte ihn: ›Weißt du das auch?‹ Er behauptete, gar nichts zu wissen als das, was sie ihn soeben gelehrt hatte; da jubelte die Kleine und wiegte sich in der Wonne ihrer befriedigten Eitelkeit. Sie lachte ihn aus und war dann wieder ein wenig zärtlich mit ihm, um ihn zu trösten. Man mochte ihr gut sein oder nicht, man mochte die Veranlassung zu ihrer Freude billigen oder nicht, das stand fest: sie sprühte von Geist und Lebendigkeit, sie war herzig, sie war fast hübsch in diesen Augenblicken. Und der Graf küßte ihre mageren Händchen – und sie verstanden einander, und sie liebten einander und gehörten zusammen wie der Schatten zum Licht. Er selbstlos und sie selbstsüchtig, er die anbetende Unterwürfigkeit und sie die verkörperte Tyrannei. Wehe dem Dritten, der sich hätte eindrängen wollen in ihren festgefügten Bund. Wehe dem Billigen und Gerechten, der gesucht hätte, ihre schreienden Gegensätze auszugleichen, der dem starren Geiz zugerufen hätte: Gib auch du einmal! und dem überquellenden Reichtum: Halte Maß!

Ich saß neben ihnen und fühlte mich ihnen so fern, als schwebten sie durch den Weltraum auf einem andern Gestirn. Ich blickte in das schöne, offene Gesicht des Vaters und dachte: Nie wirst du ein Weib lieben wie dieses Kind. Ich sah das Kind an und dachte: Dir den Vater entwenden, hieße die einzige lebendige Empfindung in deiner Seele ertöten.

Die Zeit verging. Der Abend des letzten Tages kam heran. Als ich mich mit Anka entfernen wollte, ersuchte mich der Graf zu bleiben.

›Ich habe mit Ihnen zu sprechen‹, sagte er und gab dem Doktor ein verabschiedendes Zeichen, das dieser übersah. ›Allein zu sprechen!‹ fügte der Graf streng und herrisch hinzu, und dem Alten blieb nichts übrig, als sich, langsam freilich und mit offenbarem Widerstreben, zurückzuziehen.

Die Überwachung, der er sich unterworfen sah, hatte den Grafen verstimmt; wenigstens war der Ton durchaus nicht freundlich, in dem er zu mir sprach: ›Sie sind meiner Schwiegermutter zu Dank verpflichtet, Fräulein, sie bemüht sich sehr um Sie. Da hat sie Ihnen schon einen vortrefflichen Platz als Erzieherin ausfindig gemacht, im Hause der Herzogin v.P., einer Österreicherin von Geburt, aber an einen Franzosen verheiratet. Sie lebt in Paris … Reflektieren Sie auf einen solchen Platz, Fräulein? Wünschen Sie auszuwandern?‹

Ich antwortete, daß ich dazu bereit sei, und er rief ungeduldig: ›Machen Sie ein Ende. Wie lange soll denn die Komödie noch dauern?‹

›Komödie?‹ wiederholte ich, und der Graf fuhr gereizt fort: ›Jawohl, Komödie! Meine Schwiegermutter können Sie über die Gründe täuschen, die Ihnen eine Trennung von Anka wünschenswert machen, aber nicht mich. Ich kenne Sie besser, kenne Sie so gut, daß Sie wohltäten, wahr gegen mich zu sein. Ich bitte also um Aufrichtigkeit: Warum wollen Sie fort?‹

›Weil ich mir bewußt bin, meiner Aufgabe nicht gerecht werden zu können.‹

›Es ist zum Lachen!‹ rief er, erhob sich, trat an das Fenster, und nachdem er eine Weile dort gestanden und in die Nacht hinausgeblickt hatte, kam er zurück, setzte sich mir gegenüber und begann ruhig und ernst: ›Ich begreife, daß Sie sich dagegen sträuben, einige Zeit in der Nähe meiner Schwiegermutter zuzubringen. Die Gräfin ist Ihnen nicht angenehm, kann es nicht sein. Auch sind Sie der Gefahr ausgesetzt, Stephan bei ihr zu begegnen. Sie tun klug, ein Haus zu meiden, von dem man ihn nicht fernhalten kann. Ich sehe das ein, ich freue mich dessen sogar, ja – daß ich es nur gestehe! – ich hätte Sie selbst gebeten, für die Dauer meiner Abwesenheit Urlaub zu nehmen, wenn Sie mir nicht zuvorgekommen wären.‹

Ich nahm alle meine Selbstüberwindung und Kraft zusammen, um dem Grafen jetzt zu sagen, daß ich nicht um einen Urlaub, sondern um eine Entlassung ersucht habe.

›Die bekommen Sie nicht!… Ich habe eine wahre Freude gehabt, als ich erfuhr, daß Sie meine Schwiegermutter nicht begleiten wollen, aber Sie verstehen es, mir diese Freude zu vergällen. Sie sind edel und charaktervoll, ich ehre Sie, man muß jedoch nichts übertreiben, nicht einmal die Tugend. Was ist das für ein Opfermut und für eine Lust, sich selbst und andere zu quälen, wenn Sie, nur damit ich Ihren Fluchtversuch nicht vereitle, Ihren Wert in meinen Augen verringern?‹

›Das war nicht meine Absicht‹, entgegnete ich.

›Dann hatten Sie unrecht, einen Vorwand zu ersinnen, der diese Folge haben und der mich nebenbei tief verletzen mußte.‹

Ich gab keine Antwort. Ich kämpfte mit meinen Tränen, aber wacker; denn mir blieb der Sieg!

›Kein Verständnis für Anka?‹ nahm der Graf wieder das Wort. ›Keine Neigung für Anka? Sie haben soviel für das Kind getan und behaupten, daß Sie es nicht lieben?‹

›Fragen Sie doch, Herr Graf, ob das Kind mich liebt‹, sprach ich, mir mit unsagbarer Mühe soviel Atem abringend, als ich brauchte, um meine Stimme vernehmbar zu machen. Ich wählte den mildesten Ausdruck, den ich fand: ›Wir sind einander gleichgültig. Sie wollen Wahrhaftigkeit von mir – ich gebe sie …‹

›Helene!‹ rief der Graf.

Zum erstenmal nannte er mich Helene … und so genannt, mit diesem Ausdruck, mit dieser Leidenschaft, dieser Liebe – klang mein eigener Name mir fremd.

›Helene, ich bat Sie um Wahrhaftigkeit, jetzt möchte ich Sie beinah um eine barmherzige Lüge bitten. Indessen – nein! besser hoffnungslos als getäuscht. Der geirrt hat – leide!… Ich habe geirrt, als ich glaubte, in Ihnen die einzige gefunden zu haben, die meinem armen verwaisten Kinde die Mutter ersetzen könnte!‹

Damit wandte er sich und verließ nach kurzem Gruße das Zimmer.

Am frühen Morgen brachen wir auf, die beiden Herren im ersten Wagen, Francine, Anka und ich im zweiten. Anka war wieder von ihrem Reisetaumel erfaßt. Bis an ihr Ende soll ihr die Lust am Reisen geblieben sein, die so viele Menschen haben, in deren Seele nichts vorgeht. Unbewußt fühlen sie sich getrieben, den Mangel an innerer Bewegung durch äußere zu ersetzen.

Bei den Haltestationen kam der Graf zu uns, schritt auch wohl, wenn es langsam bergan ging, neben unserm Wagen, sprach mit Anka und bedauerte Francine, die an einer heftigen Migräne litt. An mich richtete er nicht ein einziges Mal das Wort.

Am letzten Tage vor einem Abschied für das Leben demütigte er mich vorsätzlich durch die Hartnäckigkeit, mit der er mich übersah.

Und Anka wurde immer toller. – ›Du bist ja sehr lustig‹, sagte er zu ihr. – ›Ja, sehr lustig und froh.‹ – ›Worüber denn?‹ Sie warf einen vielsagenden Blick auf mich, beugte sich aus dem Wagen, drückte den Mund an das Ohr ihres Vaters und flüsterte ihm etwas zu; dann warf sie sich zurück, um den Eindruck zu beobachten, den ihre Worte gemacht hatten.

Es war ein tiefer und peinlicher. Der Graf wurde feuerrot, seine Lippen zuckten. ›Anka!‹ sagte er in drohendem Tone und verließ uns.

Wir sahen ihn erst im Speisezimmer des Posthauses wieder, vor dem wir mit einbrechender Nacht anlangten. Das Abendessen erwartete uns. Francine nahm daran nicht teil; sie hatte sich, aus dem Wagen steigend, sogleich ein Zimmer anweisen lassen, nachdem sie einen raschen Abschied von mir genommen. Beim Souper wurde wenig gesprochen und noch weniger gegessen. Wäre Anka nicht gewesen, man hätte die Speisen unberührt abgetragen.

Plötzlich erhob sich der Graf: ›Geh schlafen, Anka! Fräulein, ich sage Ihnen Lebewohl. Sie reisen früher als wir, Sie haben einen weiteren Weg, ich sehe Sie morgen nicht mehr‹, sprach er rauh und bestimmt; seine Worte klangen wie eine Kriegserklärung. ›Ich danke Ihnen im Namen Ankas für die Sorgfalt, die Sie ihr angedeihen ließen. Ihr Verdienst ist um so größer, als alles, was Sie taten, für Menschen geschah, die Ihre Freundschaft nicht zu gewinnen vermochten.‹

Er verneigte sich, und ich wollte sprechen, wollte stark bleiben bis ans Ende. Aber der Abschied zerriß mir das Herz. Ich war erschöpft von den Qualen dieses Tages, ich vermochte nicht länger die Tränen zu unterdrücken, die mich erstickten …

›Sie weinen?‹ rief der Graf voll Bestürzung und gleich darauf mit seltsamer Freudigkeit: ›Nun, Gott sei Dank, daß Sie doch weinen können!‹

Der Doktor näherte sich mir und wollte meinen Arm ergreifen. ›Sie bleibt!‹ befahl der Graf. ›Führen Sie Anka indessen auf ihr Zimmer. Geht!‹

Der Alte und das Kind gehorchten nach einigem Zögern, und wir waren allein.

Finster und schweigend stand der Graf eine Weile vor mir, dann begann er mit erregter Stimme: ›Ich bitte Sie, Fräulein, zeigen Sie sich einmal, wie Sie sind! Würdigen Sie mich eines Einblicks in Ihre Seele. Seien Sie ehrlich gegen mich. Sie waren es bisher nicht. Sich schlimmer machen, als man ist, sich hart und gefühllos zeigen – gleichviel aus welchem edelmütigen Grunde –, ist das ehrlich?‹

Eine große Verwirrung und Angst erfaßte mich. Was verlangte er?…

Ehrlich sein ihm gegenüber, das hieß mein schmerzlich bewahrtes Geheimnis verraten und meinen Stolz aufgeben, der allein mir geholfen hatte, die schwerste Prüfung zu bestehen, die einem jungen Menschenherzen auferlegt werden kann: den stillen Kampf mit seiner ersten Liebe.

Er schien zu erraten, was in mir vorging; plötzlich erhellte sich sein Gesicht, er machte einen raschen Schritt auf mich zu – unwillkürlich trat ich zurück.

›Was fürchten Sie?‹ fragte er. ›Sie stehen unter meinem Schutz – vertrauen Sie mir, Helene … Wenn ich Ihnen wert bin, so fassen Sie den Mut … was sag ich – den Entschluß, es auszusprechen.‹ Er faltete die Hände. ›Lassen Sie sich bewegen, lassen Sie sich herab, es auszusprechen: Sind Sie mir gut? Wollen Sie mein Weib werden – mit einem Worte: Lieben Sie mich?‹

Bangende Hoffnung, bittende Erwartung sprachen aus seiner Stimme – und ohne mich länger zu besinnen, ohne zu denken, was ich tat, gab ich in einem Augenblick die Frucht meines langen Kampfes preis und antwortete: ›Ja!‹ Da faßte er mich in seine Arme. ›Endlich!‹ jauchzte er. ›Törin, Selbstquälerin!‹

Er legte seine Hand auf meinen Scheitel und blickte mir lange schweigend in die Augen.

›Und ich, Helene, habe für Sie die tiefste und innigste Liebe. Der Quell dieser Liebe – ich will Sie nicht täuschen – war Dankbarkeit für die Sorgfalt, mit der Sie Anka umgaben. Und Anka muß auch in Zukunft das Erste und Letzte für uns sein.‹ Er unterbrach sich, ein Schatten flog über seine Stirn. – ›Meine Liebe zu Ihnen, die – ich fühle es – wachsen wird von Tag zu Tag, darf den Rechten Ankas keinen Eintrag tun. Anka darf nicht verarmen, weil ich reicher geworden bin, reicher, als ich glaubte jemals wieder werden zu können. Ich hatte auf alles Glück verzichtet, und nun erblüht es mir von neuem. Ich blickte in die Zukunft wie in trübes, einförmiges Dunkel, und nun steht sie in lichter Schönheit vor mir.‹

Er begann diese Zukunft auszumalen. Nicht alles war sonnig darin. ›Wir werden uns vereinsamen oder kämpfen müssen um unser Glück‹, sagte er. ›Versöhnung mit unserm Bunde ist von den Meinen nicht zu hoffen – ich ertrage ihren Tadel, ich weiß, was ich gewinne und was ich verliere, ich kenne die Welt und habe ihre Freuden genossen und deren Wert gewogen. Aber du –‹

Er wollte mich nicht betrügen, er sprach offen mit mir, er schilderte mir getreulich alle Bitternisse, die mir bevorstanden. Ich gedachte der Großmutter Ankas, und wie ihr niedriger Verdacht gegen mich nun gerechtfertigt sei in ihren Augen und in denen der vielen, die durch diese Augen sahen. Sie war ja die größte Egoistin und darum die Herrin in der Familie. Frei von diesem tyrannischen Einfluß fühlte sich nicht einmal der Mann, der um mich warb, den Vorurteilen seines Standes zum Trotz.

›Ist dir bange?‹ fragte er. ›Du wirst manches erleiden, gegen das ich dich nicht zu schützen vermag; es ist ja nicht zu greifen, nicht zu erweisen, es hat keinen Namen und verwundet doch bis in die innerste Seele. Willst du es um mich erleiden?‹

Erleiden!… O Gott, alles um ihn – und mit himmlischer Wonne!«

Die Greisin erhob das Haupt, ihr Gesicht erschien mit einem Mal verjüngt und verklärt.

»Noch sehe ich das Leuchten seiner Augen, ich fühle seinen reinen glühenden Kuß noch auf meinen Lippen. Ich habe lange Jahre in einer zufriedenen Ehe gelebt, ich habe Kinder geboren und Freude an ihnen gehabt – jenen einzigen Augenblick hat nie ein andrer überboten, kein dauerndes Glück hat die Erinnerung an dieses flüchtige verlöscht …

›Und du wolltest uns verlassen? Das Kind und mich? Und mit welchem Mißklang‹, begann er plötzlich, ›mit welcher Täuschung, mit welcher Verleumdung deiner selbst!… Du konntest sagen, daß du mein Kind nicht liebst?!‹

Er hielt inne – er sah mich zagend und staunend an. Ich hatte mich erbleichen gefühlt, die Arme waren mir gesunken, und wie ein Hauch des Todes überlief es mich.

›Helene‹, fuhr er fort, ›es war eine Ausflucht, ich bin davon überzeugt, ich schwöre dir: ich zweifle nicht – aber schwör auch du, daß ich nicht zu zweifeln brauche! Es ist nur eine Laune, eine Grille – aber aus Liebe zu mir, aus Erbarmen gib ihr nach!‹

Nun – – ich konnte nicht. Ich konnte nur weinen und flehen: ›Erlaß es mir!‹

Er fuhr heftig auf: ›Die Stunde trennt uns oder vereinigt uns für immer … Die mein Kind nicht liebt, liebt mich nicht … Helene, so war es keine Lüge?… Nun, dann war alles, was mich rührte, was Ihnen meinen Dank gewann, Heuchelei! Lieblosigkeit im Gewande der Liebe, dem kalten Herzen mühsam abgerungene Pflichterfüllung?… Sagen Sie mir, wie kann man bei Ihnen unterscheiden zwischen Liebe und ihrem Gegenteil – der Pflicht?… Sie sind furchtbar … Der Mann, der am Altar Ihren Schwur empfängt, wird sich ewig fragen müssen: Folgt sie dem eigenen Herzenszug, oder hält sie nur gewissenhaft ein gegebenes Wort?‹

Was jetzt folgte, was er sprach, was ich erwiderte – nicht einmal in Gedanken vermag ich dabei zu verweilen.

Meine schwer erkämpfte Ruhe, Selbstüberwindung und Selbstverleugnung – zu meinem Unheil hatte ich sie ausgeübt. Was ich für das Beste an mir gehalten, erhob sich gegen mich und klagte mich an. Wie hätte ich mich gegen diese Zeugen verteidigen sollen?

Er sah, was ich litt, und in der letzten Sekunde noch hatte er eine Regung des Mitleids. ›Wir trennen uns, aber wir gehen nicht aus der Welt. Prüfen Sie sich … Wenn Ihre Gesinnungen sich ändern sollten, wenn Ihnen die Abneigung gegen Anka vielleicht doch in einiger Zeit nicht mehr so unbesiegbar scheinen sollte wie jetzt, wenn Sie noch einen Versuch wagen wollten – dann geben Sie mir ein Zeichen! Ich werde es begrüßen wie einen Boten des Lichts. Helene! werden Sie mir das Zeichen geben können? Glauben Sie es? Darf ich darauf hoffen?‹

Noch einmal zog er mich an seine Brust, aber ich empfand nur Qual, Beschämung und Reue. Wie ein Raub erschien mir jedes Wort der Zärtlichkeit, das er an mich verlor, und Schrecken flößte die stürmische Heftigkeit mir ein, mit der er mich plötzlich umfaßte.

Angstvoll entzog ich mich seiner Umarmung … Auf seine letzte Frage hat er keine Antwort erhalten – mein letzter Blick hat den seinen vergeblich gesucht. Stumm, unbeweglich stand er da und starrte mit düsterer Entschlossenheit vor sich nieder.

Auf halbem Wege nach meinem Zimmer kam mir der Doktor entgegen. ›Es bleibt doch dabei? Wir reisen?‹ sprach er hastig. ›Sie haben Abschied genommen für immer? Nun, Gott sei Dank! Ein Freund sagt Ihnen das, ein Vater!‹

Er geleitete mich durch sein eigenes Gemach, das von dem Anka und mir bestimmten nur durch ein leerstehendes getrennt war. Einen andern Eingang schien unsere Stube nicht zu haben. Auf der Schwelle blieb der Alte stehen, empfahl uns, sogleich zur Ruhe zu gehen, und schloß die Tür.

Anka war noch hellmunter und spielte Fangball mit ihrem Clovek. Als ich eintrat, näherte sie sich mir, betrachtete mich von unten hinauf, das Gesichtchen gesenkt, die Augen erhoben.

›Sie haben geweint, Fräulein?‹ fragte sie, und wie innerlich abgestoßen, zog sie sich vor mir zurück und begann von einer Ecke in die andre zu hüpfen. Auf einmal blieb sie in der Nähe des geöffneten Fensters stehen und rief ganz erschreckt: ›Hören Sie, Fräulein, hören Sie! – Es wohnt jemand neben uns.‹

›Was liegt daran, Anka?‹

›Ich höre jemand auf und ab gehen.‹

›So mag er doch.‹

›Wenn er aber hereinkäme?‹

›Wie denn? – Durch die Wand?‹

›Da herein! Da ist eine Tür … Sehen Sie den Schlüssel?‹

Sie hatte recht. Am Ende des Zimmers, in der dunkeln Ecke, welche die Wand gegen das Fenster bildete, befand sich eine Tapetentür. Anka glitt auf den Fußspitzen an sie heran, legte das Ohr an den Spalt und schrie laut auf: ›Es ist Papa! Der neben uns wohnt, ist Papa!‹ und bevor ich’s verhindern konnte, hatte sie die Tür geöffnet und war in das Nebenzimmer eingedrungen.

Ich hörte den Ausruf der Überraschung, mit dem der Graf sie empfing. Sie wechselten einige Reden, die Kleine erschien wieder, ich schloß hinter ihr die Tür und legte den Schlüssel auf den Tisch.

Anka ließ sich auskleiden. Sie half dabei, so gut sie konnte, wich meiner Berührung soviel als möglich aus, vermied, mich anzusehen, und kniete endlich unaufgefordert in ihrem Bett zum Abendgebet nieder. Dann legte sie sich hin, drückte den Kopf in das Kissen und sagte vergnügt: ›Wenn ich morgen erwache, sind Sie nicht mehr da.‹

›Wird Sie das sehr freuen, Anka?‹

Sie lachte ein wenig verlegen. ›Warum fragen Sie? – Sie wissen schon, Sie wissen recht gut.‹

Jawohl, ich wußte!… Was ich von ihr zu erwarten hatte, wußte ich.

Eine Weile verging, das Kind schlief. Ich saß an seinem Bett und sann – und sann – und in mir nagte der Schmerz!… Was ich empfand, war einzig darum nicht Verzweiflung, weil ich noch nicht wußte, wieviel man überlebt, und mich wie jedes junge Geschöpf, das unter einem schweren Schicksalsschlag zusammenbricht, tödlich getroffen wähnte.

Ich sah mich als eine Sterbende an, und als solche gab ich mir Rechenschaft von den verhülltesten Vorgängen in meiner Seele. Im Begriff zu scheiden, brauchte ich vor der vollen Erkenntnis meiner Liebe nicht mehr zu zagen, durfte sie gelten lassen in ihrer Unermeßlichkeit. Hatte sie nicht, bewußt und unbewußt, all mein Denken und Empfinden gelenkt? Nicht mit eifersüchtiger Qual jede Äußerung der Zärtlichkeit des Vaters gegen sein Kind bewacht? Hatte sie ihn nicht beherrschen wollen, wie sie mich beherrschte? Im stolzen Gefühl ihrer Echtheit und Größe sich an die Stelle von allem setzen wollen, was ihm bisher teuer gewesen?… Und war das nicht ihr heiliges Recht? War sie nicht ohne Falsch und bot ihm echte Treue und wirklichen Wert für eingebildeten? Aber sie gab nicht nur, sie forderte auch. Forderte gebieterisch, was der geliebte Mann nicht mehr geben durfte: ein ganzes Herz.

›Prüfen Sie sich!‹ hatte er zu mir gesagt. Es war geschehen und der letzte Zweifel getilgt, die letzte Hoffnung erloschen. Ich wollte nichts mehr als hingehen und sterben und ihn dem Kinde lassen – ich dachte nicht mehr: er wird enttäuscht werden. An Göttern kann man zweifeln, aber an Götzen nicht. Die schafft man und schmückt man täglich neu, die liebt man wie der Künstler sein Werk; sie bleiben gut und schön, solange das Auge offen ist, das in ihnen das Gute und Schöne sieht.

Anka bewegte sich, murmelte einige Worte; ich blickte in ihr kleines, unerbittliches Gesicht … herausfordernd schien der halbgeöffnete Mund noch im Schlafe zu sagen: Was fragen Sie? Sie wissen schon.

Eine Regung des Hasses zuckte in mir auf. Ich erhob, ich wandte mich und trat an das geöffnete Fenster.

Es war eine gewitterschwüle Julinacht. Über dem Städtchen lag Dunkel und Stille, eine bleierne Schwere in der Luft. Kein Licht schimmerte auf Erden und kein Stern am Himmel. Ich beugte mich hinaus, nach Erquickung lechzend …

Da pochte es … leise pochte es an der Tür, und eine bange, gedämpfte, sehnsüchtige Stimme flüsterte: ›Helene … Helene … Hören Sie mich!‹

Und es lag ein Ton in dieser Stimme, der an jenen mahnte, vor dem ich einmal schon zurückgebebt … Ich hielt den Atem an, umklammerte das Fensterkreuz mit aller Gewalt meiner Arme … Da stehst du und regst dich nicht! Schweige, Herz – schweig oder brich … Herrgott im Himmel, beschütze mich, beschütze mich vor mir selbst. So betete ich, und dennoch – unwillkürlich, unwiderstehlich streckte meine Hand sich aus, und ich hielt den Schlüssel in meiner Hand – eine Bewegung nur noch, und alles war vorbei, und das Flehen dessen war erhört, der immer heißer beschwor: ›Helene – öffnen Sie!‹

Nein, nein! – Um seinetwillen nicht. Was du für dich nicht könntest, tu’s für ihn, erspare ihm Zwiespalt und Reue, rief es in mir, und ich schleuderte den Versucher, den Schlüssel, hinaus in die Nacht.

Er flog, er klirrte und schlug im Auffallen einen kleinen Funken aus dem Stein. Nun war’s geschehen, und was ich nachher empfand – am besten ist es, darüber zu schweigen. Es gibt seltsame Dinge in der Menschenseele, die klarste hat ihre dunklen Stunden …

Am Bett des Kindes sank ich zusammen und vergrub mein Gesicht in die Decken und wünschte taub zu sein oder bewußtlos oder am liebsten tot! Beim ersten Morgengrauen verließ ich das Haus, begleitet von meinem alten Freunde.«

»Und der Graf machte keinen Versuch, Sie zurückzuhalten, Sie wenigstens noch einmal zu sprechen?«

»Keinen, Gott sei Dank!«

»Und Sie haben ihn nie wiedergesehen?«

»Nie wiedergesehen, aber noch oft durch die Herzogin von ihm gehört. Er hat sich nicht wieder verheiratet und seine Tochter auch dann nicht verlassen, als sie einen eigenen Hausstand gegründet hatte. Laut wurde es auf seinen Schlössern nur noch, wenn sie mit ihrem Gefolge dort verweilte. Manche haben gefunden, sie sei gegen ihn nicht rücksichtsvoll genug gewesen, indessen – die beiden gehörten wahrlich zueinander. Anka war in ihren Gemahl verliebt, hat ihn aber um viele Jahre überlebt. Ihrem Vater ist sie bald nachgestorben. Sie war erst im vierzigsten Jahre«, schloß die alte Frau und lehnte sich erschöpft zurück; ihr durchgeistigter Blick schien in weite Ferne zu schauen.

Ich war ergriffen von dem Ausdruck stiller Hoheit in ihren edlen Zügen, stand auf und nahm ihre Hand. Da fühlte ich sie leise in der meinen zittern.

Kapitel 4

Kapitel 4

 

Graf Stephan führte denselben Familiennamen wie meine Gräfin, war ihr Vetter und der jüngste von acht Brüdern, die alle im kaiserlichen Heere dienten. Ihr Vater lebte noch, sie bezogen von ihm eine spärliche Apanage und waren von klein auf zum Waffenhandwerk bestimmt. Sie machten dem Beruf auch Ehre, hatten sich in den letzten Feldzügen durch ihre Tapferkeit und ihr kaltes Blut glänzend hervorgetan. Unser Graf Stephan stand seinen Brüdern nicht nach; ebenso tollkühn, aber weniger glücklich als sie war er als neunzehnjähriger Jüngling in der Schlacht von Caldiero durch einen Hieb über die Schulter verwundet worden. Eine Zeitlang blieb es zweifelhaft, ob er seine militärische Laufbahn je wieder werde aufnehmen können. Indessen kam es besser, als man anfangs gemeint hatte; er war jetzt hergestellt. Seine Verletzung hatte keine Folgen hinterlassen, eine geringe Steifheit der Finger seiner rechten Hand ausgenommen, die ihm jedoch um alle Schätze der Erde nicht feil gewesen wäre. Die Steifheit mein ich. Er paradierte damit, vergaß ihrer nie und sorgte dafür, sie den andern in Erinnerung zu bringen.

Einige Tage nach unsrer Ankunft erschien der Vetter der Gräfin auf dem Schlosse; er sollte nur eine Woche da verweilen und sich dann zu seinem Regiment begeben. Nun waren aber schon zwei Monate vergangen, und der junge Herr traf noch immer keine Anstalten zu seiner Abreise. Anka ärgerte sich darüber; sie konnte ihn nicht leiden, und wenn ich sie fragte, warum, antwortete sie; ›Ich weiß nicht – halt so – er ist so dumm.‹

Er war aber durchaus nicht dumm; er war ein liebenswürdiger, hübscher, unbedeutender Mensch, moralisch so schwach und zaghaft, wie er physisch stark und mutig war. Anka gegenüber legte er eine Geduld und Nachsicht an den Tag, die für mich etwas Rätselhaftes hatte. Er ließ sich von ihr necken, mißhandeln, verspotten, er kam immer wieder, er war von allen Gästen ihrer Eltern der einzige, der sich um sie bekümmerte. Wir trafen ihn erstaunlich oft auf unsern Spaziergängen im Walde, und immer schloß er sich uns an, beschäftigte sich aber nur mit Anka und schien sich so gut mit ihr zu unterhalten, daß es mir nicht einfiel zu denken, ein andres Interesse als das an seiner kleinen Nichte führe uns den jungen Herrn fast täglich in den Weg. Allmählich jedoch mußte ich trotz aller Unbefangenheit innewerden, daß er mit mir kokettierte, daß die gute Laune, das kindliche Wesen, deren er sich befliß, die Geschicklichkeit und Kühnheit, mit der er für die Kleine eine Blume von steiler Felswand, einen Mistelzweig aus einer Baumkrone herabholte oder zu ihrem Ergötzen einen schäumenden Waldbach übersprang – doch nur von mir bewundert werden sollten. Einen Augenblick vielleicht – ich sage vielleicht, denn ich weiß es wirklich nicht mehr gewiß – schmeichelte mir diese Entdeckung; der bleibende Eindruck jedoch, den sie auf mich hervorbrachte, war der des Widerwillens. Naive Gefallsucht ist nur albern, man kann sie entschuldigen, sogar bei einem Manne; aber bewußte, berechnete Gefallsucht, die erschien mir immer verachtenswert, und ich fand nicht nötig, das dem jungen Grafen zu verbergen. Statt darüber in Zorn zu geraten, wurde er sentimental, begann den Gekränkten zu spielen und trieb großen Aufwand mit Seufzern und verschleierten Blicken. Niemals aber tat er eine Äußerung, die er nicht auch vor hundert Zeugen hätte tun oder die ihn hätte verhindern können, mich für verrückt zu erklären, wenn ich behauptet haben würde, er mache mir den Hof. Diese Vorsicht war überflüssig. Seiner Freiheit drohte durch mich keine Gefahr, und wie wenig mir daran lag, ihn in Bande zu schlagen, das erfuhr er später.

Ich habe Ihnen gesagt, daß der Graf seine Tochter fast regelmäßig in den Abendstunden zu sich rufen ließ und daß ich die Weisung hatte, sie zur Zeit ihres Schlafengehens abzuholen. Ich erwartete sie im großen Saale, wohin der Graf sie brachte, um sie persönlich meiner Obhut zu übergeben. Dabei sagte er mir immer ein paar freundliche Worte, wenn auch nur ganz eilig und kurz, denn seine Gäste folgten ihm gewöhnlich schon auf dem Fuße, da die Gesellschaft sich vor dem Souper im Saale versammelte.

Eines Abends hatte ich mich, überpünktlich in meinem Eifer, nicht auf mich warten zu lassen, zu früh im Saale eingefunden. Er war noch unerleuchtet, und in dem mit Gobelins und dunkelm Getäfel versehenen Raum, den sogar das Tageslicht nicht völlig zu erhellen vermochte, herrschte jetzt im Zwielicht beinahe völlige Finsternis. Ich tappte mich zu meinem Platz in der Nähe der Tür, durch die der Graf einzutreten pflegte. Sie führte aus seinen Zimmern in den Saal, und ihr gegenüber lag der Eingang zu den von der Gräfin bewohnten Gemächern. Dann gab es noch zwei Türen, einander gleichfalls gegenüberliegend: die des Altans und eine, durch die man aus der Halle hereingelangte, in welche das Treppenhaus mündete. Nun denn, ich sitze eine Weile ganz ruhig und warte. Da ist mir plötzlich, als ob ich am andern Ende des Saales ein Geräusch vernähme und dort etwas sich regen sähe, das meine allmählich an die Dunkelheit gewöhnten Augen als eine hoch über das menschliche Maß hinausragende und doch menschliche Gestalt erkennen. Ich rufe sie an und schreite geradeswegs auf sie zu. Ängstlich und flüsternd antwortet sie mit einer Beschwörung, mich ruhig zu verhalten. Ich stehe jetzt dicht vor ihr, fasse sie am Kleide und überzeuge mich, daß ich es mit meiner Feindin, der Bonne, zu tun habe, die auf einen Schemel gestiegen ist, um ihr Ohr an das Schlüsselloch der hohen Flügeltür legen zu können, an der sie lauscht, die Abscheuliche!

›Herunter!‹ sage ich, ›herunter – oder ich rufe …‹ Sie mußte gehorchen, stieg von ihrem Schemel, schob ihn weg und brummte: ›Ich kann ohnehin nichts mehr hören, sie sind ins zweite Zimmer gegangen; er bekam schöne Vorwürfe – Ihretwegen!‹

›Wer?‹ fragte ich bestürzt. ›Nun – wer?… Ihr Seladon!‹ zischelt sie, und im nächsten Augenblick: ›Still, er kommt!‹ und zerrt mich in die Nähe der Wand … Die Tür, vor der wir eben gestanden hatten, öffnet sich, ein Mann durcheilt mit leisen Schritten das Gemach, die Balkontür wird vorsichtig aufgetan und wieder geschlossen … Einige Sekunden vergehen, die energische Französin hat mich in die Mitte des Zimmers geführt und tut, während eben eingetretene Diener sich damit beschäftigen, die Kerzen an den Kronleuchtern und Girandolen zu entzünden, als ob sie mit mir ein eifriges Gespräch über Anka fortsetzte. Dann geht sie mit der unschuldigsten und heitersten Miene ihrer Wege. Ich vermochte nur sie anzustarren und zu schweigen. Was bedeutete der geheimnisvolle Vorgang? Wer hatte sich soeben aus dem Zimmer der Gräfin gestohlen wie ein Dieb und stand jetzt auf dem Altan wie ein Ausgesetzter?… Er konnte nicht mehr in den Saal zurück, die Diener hatten den Eingang schon verriegelt und waren noch mit dem Herablassen der Vorhänge beschäftigt, als der Graf eintrat. Er führte Anka an der Hand und ersuchte mich, sie sogleich zu Bett bringen zu lassen, sie scheine nicht ganz wohl zu sein. Indessen war sie nur verdrießlich. Gewiß hatte Papa, ohne es zu ahnen – absichtlich tat er es ja leider nie –, ihr eine Laune durchkreuzt, und jetzt schmollte sie mit ihm. Und ihr Schmollen war etwas Widerwärtiges. Jeder Zug von Kindlichkeit verschwand dabei aus ihrem Gesicht, sie wurde ganz blaß, man konnte sie wirklich für leidend halten. – Dieser Zustand änderte sich wie auf einen Zauberschlag, sobald sie ihrem Vater aus den Augen kam, und als wir unsere Gemächer betraten, begann sie wie eine Rasende umherzutollen. Sie wollte noch spielen, wollte tanzen, wollte sich nicht auskleiden lassen, entwischte kreischend dem Stubenmädchen, das ihr nachrannte, und wurde in diesem Getreibe durch Francine unterstützt, die an der Tür stand mit ihrer Nachtlampe in der Hand und sich krümmte vor Lachen.

Ich machte zuletzt der Komödie ein Ende, indem ich meine wilde Hummel einfing und selbst ihre Toilette besorgte. Die Bonne erschwerte mir die Aufgabe und begann immer von neuem mit Anka zu scherzen. Zuletzt gelang es mir aber doch, die Kleine zu beruhigen, und als ihr Kopf auf dem Kissen lag, da schlief sie auch schon.

Klug wäre es nun gewesen, mit der Bonne, die sich noch immer in der Nähe hielt und mich zu beobachten und auf etwas zu warten schien, nicht mehr zu sprechen; doch war die Angst, von der ich gepeinigt wurde, zu unerträglich und die Art und Weise der Französin zu herausfordernd. Voll Entrüstung sagte ich, daß ihre Lustigkeit mich staunen mache. ›Warum‹, erwiderte sie, ›ich habe ja keinen Grund, mich zu kränken.‹ Ihr lederfarbenes Gesicht, das einst schön gewesen sein mochte, und ihre schwarzen Augen drückten eitel Bosheit aus, sie erging sich in Andeutungen und halben Worten, die ich nicht verstand. Plötzlich nahm sie eine freche Protektormiene an und raunte mir zu: ›Seien Sie ruhig. Ihr Vogel hat zwar keine Flügel, kann aber doch fliegen.‹

Wer denn ›mein Vogel‹ sei, fragte ich. Aber sie wollte mir nicht Rede stehen, erhob ihr widerwärtiges Gekicher und lief davon.

In dieser Nacht habe ich wenig geschlafen, das weiß Gott! Sie eröffnete den Reigen der ›weißen Nächte‹, wie die Franzosen sagen, die mir in nächster Zukunft bevorstanden. Am folgenden Morgen, als ich mit Anka auf dem Wege zur Einsiedelei an dem Balkon vorüberkam, sah ich aufmerksam zu ihm hinauf und bemerkte, daß er von einem ziemlich breiten Mauervorsprung umgeben war, auf dem es sich allenfalls wegschreiten ließ. Aber von ihm aus wohin? Sich in die Blumen fallen lassen, die in weiches Erdreich dicht um das Haus gepflanzt waren, hätte sichtbare Verheerungen angestellt. Auf den harten Kiesweg herunterspringen von der Höhe des ersten Geschosses, wäre kaum ohne Beinbruch abgegangen; und im Sprung den Weg übersetzen und den Rasen erreichen – das schien unmöglich. So dachte ich und – stand im selben Augenblick vor zwei Fußstapfen, die, wie mit dem Prägstock eingeschlagen, am äußersten Rande des Grases sichtbar waren. Unheilvoll sichtbar, denn es hatte in der Nacht geregnet, und die beiden Vertiefungen bildeten ein paar kleine Wasserreservoirs. Ich beeilte mich, diese verräterischen Zeichen mit dem Stocke meines Sonnenschirmes zu verwischen. Erst als es vollkommen gelungen war, folgte ich Anka nach, die vorausgelaufen war und mir zurief, sie zu haschen.

Als wir den Grafen Stephan das nächstemal auf unserer Waldpromenade von weitem auf uns zukommen sahen, durchschauerte es mich, als ob ich ein giftiges Gewürm erblickt hätte, und ich sagte Anka, daß wir versuchen wollten, dem Onkel auszuweichen; es sollte ihm nicht gelingen, uns zu entdecken. Das war nun etwas für die Kleine! Da glänzten ihr die Augen vor Vergnügen, und sie entfaltete an dem und an folgenden Tagen die Pfiffigkeit und den Spürsinn eines Indianers. Wir sahen den Grafen Stephan von einem Hügel aus in einer Lichtung zu unsern Füßen jeden Heger und Jäger, dem er begegnete, anhalten, offenbar, um nach uns zu fragen. Wir sahen ihn aus unserm Versteck hinter einem Felsstück oder einem Gebüsch ratlos vorübereilen, hörten ihn fluchen und rufen, rührten uns nicht, und während er tiefer in den Wald drang, schritten wir dem Hause zu. Dieses Spiel konnte nicht lange fortgesetzt werden. Es war eine zu reiche Quelle der Schadenfreude für Anka. Ich dachte schon daran, ihm durch das Aufgeben unserer Spaziergänge überhaupt ein Ende zu machen, als eben jenes Ereignis eintrat, bis zu dem ich vorhin meine Geschichte geführt habe.

An einem Vormittage war es. Wir hatten unsere Lektionen beendet. Anka machte sich in dem Puppengärtchen zu tun, das wir unter einer Ulmengruppe in der Nähe der Einsiedelei angelegt hatten; ich war mit dem Ordnen der Lehrsachen beschäftigt – da stand plötzlich Graf Stephan vor mir.

›Grausame!‹ sagte er leise im weichsten Molltone und sah mich mit dem allertraurigsten seiner Blicke an. Er hatte uns um diese Zeit und an diesem Orte noch nie aufgesucht, mein Schrecken über sein unerwartetes Erscheinen war im Anfang nicht gering, wurde aber bald durch die Empörung überwogen, die in mir aufstieg, als der junge Herr zu klagen begann, sein höchstes Glück sei ihm geraubt, er fühle sich elend, seitdem es ihm nicht mehr vergönnt sei, mich zu sehen, den Laut meiner Stimme zu hören und so weiter! Statt aller Antwort wandte ich mich und rief nach Anka. Da schrie der Graf laut auf, daß ich ihn mißhandle, daß er nicht verdiene, so gequält zu werden. – In dem Augenblick, in dem er begann die Stimme zu erheben, hörte ich die Glocke in der Einsiedelei anschlagen und dachte, Anka sei eingetreten, um, wie sie pflegte, den Turm zu ersteigen und in ungeduldiger Erwartung des Mittagessens nach Freund Peterl auszuspähen. Ich rief nochmals und nochmals – aber sie … sah mich vermutlich, sah meine Ungeduld, hatte ihre Freude daran und antwortete um keinen Preis. Mir war abscheulich zumute in meinem Ärger über diesen Kobold von einem Kind und in der Angst, die mich allmählich vor dem jungen Herrn erfaßte, der mehr und mehr den Kopf verlor und im Begriff schien, sich aus einem girrenden in einen sehr kecken Ritter zu verwandeln. Doch war ich viel zu hoffärtig, um etwas von meiner Unruhe zu verraten, und schritt ganz langsam der Tür zu, die sich auf der andern Seite des Hauses befand. Graf Stephan folgte mir Schritt für Schritt. Er sprach nur noch von Liebe und Seligkeit oder Verzweiflung und Tod.

Endlich bogen wir um die Ecke, und der Anblick der offenstehenden Tür der Einsiedelei, in der ich Anka vermutete, erfüllte mich mit all der Unverzagtheit, die ich bisher nur geheuchelt. Mein Verfolger hatte mich vergeblich um ein Wort, ein einziges Wort beschworen, jetzt sprach ich deren mehrere, und ich glaube, lieber als diese war ihm mein früheres Schweigen. Wenigstens stockte der Strom seiner Beredsamkeit plötzlich, und als ich nun wagte, ihm ins Gesicht zu sehen, erblickte ich darin den Ausdruck der peinlichsten Überraschung und Beschämung. Ich eilte vorwärts, ich war am Ziel, setzte den Fuß auf die Schwelle und – prallte erschrocken zurück … Die Gräfin trat mir entgegen …

Liebe Freundin, ich war damals neunzehn Jahre alt und heute bin ich siebzig, aber ich brauche nur zu wollen und …« die Hofrätin streckte den Arm aus und blickte mit weitgeöffneten Augen vor sich hin – »da steht sie! deutlich wie in jener Stunde. Da steht sie, schrecklich und wunderschön in ihrem weißen Sommerkleide und der griechischen Frisur, die so gut zu ihrem klassischen Profil paßt und die edle Form des kleinen Kopfes und des schlanken Nackens so herrlich zur Geltung bringt. Ja, wunderschön, aber nicht wie eine Lebendige, sondern wie eine Tote, der man vergessen hat, die Augen zu schließen. So starrt sie mit unbeweglichem und glanzlosem Blick den an, der bei ihrem unerwarteten Erscheinen in voller Fassungslosigkeit aufgeschrien hat, der sich aber jetzt mit aller Gewalt zusammennimmt und sein Entsetzen hinter erzwungenem Lachen und kläglichem Gestotter zu verbergen sucht.

Sie antwortete ihm nicht; sie fuhr fort, ihn mit diesem grauenhaften Blick anzusehen, und schritt aufrecht und stolz an mir vorüber aus der Hütte. Stephan faltete mit stummer Beschwörung die Hände gegen mich und folgte der Gräfin gesenkten Hauptes langsam nach.

Sie waren kaum fort, als ein vortrefflich nachgeahmter Wachtelschlag sich im Gebüsch hinter den Ulmen hören ließ und Anka herbeisprang. Als ihr Onkel auf mich zugekommen war, hatte sie sich versteckt, war Zeuge von allem gewesen, was hier geschah, mußte gehört haben, was gesprochen wurde, und – verlor auch nicht ein Wort darüber. Machte sie sich keine Gedanken oder mehr, als sie gestehen wollte? Ich wußte es nicht und erfuhr es damals auch nicht. So verschlossen war mir der Einblick in dieses Kindergemüt, daß ich von allem, was darin vorging, nur das kannte – und das ist ja bei einem Kinde das wenigste –, wonach sich fragen läßt. Es war so gar kein Verständnis zwischen uns, so gar keine Spur davon! Und wenn es aufs Erraten ankam, da erriet Anka viel eher mich als ich sie.

Am Abend desselben Tages war Ball im Schlosse, und Anka hatte die Erlaubnis, dem Tanze zuzusehen. Wir erhielten unsern Platz auf der Galerie des Saales; der Doktor geleitete uns hinauf und leistete uns Gesellschaft. Die Gräfin und ihr Vetter eröffneten das Fest. Ich bemerkte, wie die besorgten Blicke des Grafen seiner Frau folgten. Sie war kaum imstande, sich zu schleppen, aber sie tanzte leidenschaftlich, mit Raserei. Es war ein unbeschreiblich qualvoller Anblick, der auch das Kind mit Schrecken erfüllte. Es preßte sich an mich und flüsterte: ›Sehen Sie doch Mama … Ich werde gewiß von ihr träumen!‹

Der Graf suchte uns auf unter dem Vorwand, seiner Tochter gute Nacht zu sagen; den wahren Grund seines Kommens aber verriet bald die Bitte, die er an den Arzt stellte. ›Lieber Doktor, meine Frau scheint leidend, Sie sollten ihr heute das Tanzen verbieten.‹

›Das Tanzen ist Ihrer Erlaucht schon vor zwei Jahren, seitdem öfters und niemals nachdrücklicher als am heutigen Morgen verboten worden‹, erwiderte der Doktor in trockenem Ton, und der Graf schwieg. Er mochte wissen, wie lange, wie hartnäckig die Warnungen des Alten mißachtet und als Schwarzseherei verspottet worden waren.

Sobald der Graf uns verlassen hatte, verlangte Anka hinweg. Sie hielt meine Hand fest, während wir durch die hell erleuchteten Gänge nach unsern Zimmern zurückkehrten. ›Bleiben Sie da, bleiben Sie neben mir‹, wiederholte sie beständig, als sie schon im Bett lag. ›Sie müssen die ganze Nacht neben mir sitzenbleiben.‹ Sie zitterte, ihre Zähne schlugen aneinander, ihre Stirn und ihre Lippen glühten. Sie schien von einem plötzlichen Fieberanfall ergriffen. Mir war bang, ich läutete, ich wollte um den Arzt schicken, aber niemand kam, keiner war da von der ganzen zahlreichen Dienerschaft. Die einen hielt ihr Dienst, die andern ihre Neugier und Schaulust in der Nähe des Festes.

›Fehlt Ihnen etwas, haben Sie Schmerzen, Anka?‹ fragte ich.

Nein, ihr fehlte nichts, und es tat ihr nichts weh als nur das Gellen der Geigen, der Lärm der Musik. Nun herrschte aber tiefste Stille um uns, auch nicht ein Laut drang von dem entfernten Teile des Schlosses herüber, in dem getanzt wurde, und ich sagte zu der Kleinen, sie träume schon. Da begann sie zu klagen und zu wimmern, sie träume nicht und wolle nicht träumen, wolle lieber nie mehr schlafen. Auf jede meiner Einwendungen hatte sie ein Dutzend Antworten. Endlich wurde sie ruhiger und schloß sogar die Augen. Doch schreckte sie bei meiner geringsten Bewegung auf und rief: ›Bleiben Sie bei mir!‹

Mitternacht war längst vorüber, da traten unsre Frauen alle zugleich in das Nebenzimmer. Durch die nur angelehnte Tür drang das Geflüster ihrer Stimmen, ein hastiges, verworrenes Durcheinander, aus dem kein deutliches Wort zu entnehmen war. Anka legte den Finger an den Mund und lauschte mit gespanntester Aufmerksamkeit; als jedoch der Kopf Francines an der Tür erschien, stellte das Kind sich sogleich schlafend und erreichte auch seinen Zweck. Trotz meiner abwinkenden Zeichen, die sie nur der Sorge zuschrieb, Anka könne geweckt werden, raunte die Bonne mir zu: ›Der Ball ist aus. Die Gräfin stirbt.‹

Anka stieß einen fürchterlichen Schrei aus und warf sich mir um den Hals. Ihr kleiner Körper zuckte und wand sich in einem Ausbruch wahnsinniger Angst. ›Sie war schon tot, sie war schon den ganzen Abend tot und hat noch getanzt und wird jetzt gleich hereintanzen!‹ rief sie und drückte sich zitternd und bebend an mich.

Francines alberne Versuche, sie zu beruhigen, regten sie nur noch mehr auf. ›Du lügst!‹ schrie sie und schlug ihr mit der Faust ins Gesicht, als die Bonne nun plötzlich zu behaupten begann, Mama habe nur eine kleine Ohnmacht gehabt, eine unbedeutende kleine Ohnmacht, und werde morgen gesund sein.

Wir wachten die ganze Nacht hindurch.

Jetzt ging es wirklich sehr lärmend um uns zu. Die Wagen der abfahrenden Gäste rollten unter unsern Fenstern vorüber, auf den Treppen, den Gängen war es laut von auf und ab eilenden Schritten, im Hofe wieherten die Pferde der Estafetten und Kuriere, die nach dem nächsten Städtchen und von dort aus auf Postpferden weiterreiten sollten, um Ärzte aus der Residenz herbeizuholen.

Am Morgen kam der Doktor und brachte Nachricht von der Gräfin. Sie war auf dem Balle plötzlich umgesunken, konnte lange nicht zu sich gebracht werden. Eine Lungenentzündung stand zu befürchten. Anka hörte ihm halb ungläubig, halb befriedigt zu und wiederholte mehrmals leise, als ob sie sich selbst Trost zusprechen wollte: ›Meine Mutter ist nur krank, nur krank …‹ Dann schlief sie ein und schlief bis zum Abend. Mit der Dunkelheit kehrten all ihre Schrecken und Bangigkeiten wieder; wir durchwachten diese wie die vorige Nacht, und bei Tag wurde wieder geschlafen. So ging es fort, eine Woche lang, am Morgen des achten Tages verschied die Gräfin.

Der Graf hatte während ihrer Krankheit nicht von ihrer Seite weichen dürfen. ›Sie klammert sich an ihn wie die Reue an die Barmherzigkeit‹, sagte Francine, die sich mit ihrer zudringlichen Dienstfertigkeit den Eintritt ins Krankenzimmer erzwang. Anka zu sehen hatte die Gräfin nur einmal verlangt, und als man ihr sagte, sie schliefe, sich damit zufrieden gegeben und nicht wieder nach ihr gefragt. Graf Stephan irrte im Schlosse umher wie ein Verzweifelter. Er wußte nicht, wohin sich flüchten. Wenn er schwer gesündigt hatte, in diesen Tagen hat er schwer gebüßt. Auf Wunsch des Grafen mußte er alle Berichte über das Befinden der Kranken an die Verwandten, namentlich an die Mutter der Gräfin, schreiben. Ratlos kam er, um meinen Beistand zu erbitten. Die Feder führen war nicht seine Sache, und er gestand es ohne Beschämung ein. Es versteht sich von selbst, daß ich ihm hilfreiche Hand bot, und er war so gequält, so zerknirscht und so dankbar, daß ich beinah Mitleid mit ihm hätte haben können. Damals begegnete ihm, was ihm wohl nie vorher begegnet war, er vergaß, an sich und an den Eindruck zu denken, den er hervorbrachte, er wußte nichts, als daß er ein geschlagener Mensch war. Das Leben, das er gedankenlos und leichtfertig als Freudenjagd behandelt, hatte plötzlich mit stummer und gewaltiger Beredsamkeit zu ihm gesprochen und sein Gewissen geweckt. Er sah um zehn Jahre gealtert aus, als er am Todestage der Gräfin Anka holte, um sie zu ihrem Vater zu führen. Sie sträubte sich, man mußte ihr beteuern, um sie fortzubringen, daß sie gewiß nicht in die Nähe der Verstorbenen kommen würde. Als sie eine halbe Stunde später zurückkehrte, sprach sie nicht ein Wort von ihrem Vater; sie fing gleich an, mit ihren Puppen zu spielen, führte eine ganze Komödie auf und unterbrach sich auf einmal, um zu sagen: ›Ich habe immer gehört, daß ein Kind traurig ist, wenn seine Mutter stirbt. Warum bin denn ich nicht traurig, Fräulein?…‹ Ja, die war merkwürdig, diese Kleine! Ich kam mir bei ihren Fragen, auf die ich gar oft keine Antwort wußte, ganz kläglich vor.

Den Herrn Grafen sah ich erst am dritten Tage nach dem Tode der Gräfin bei den Trauerfeierlichkeiten wieder. Er erschien ehrfurchtgebietend in seinem großen, stolz getragenen Schmerz. Ich wagte kaum ihn anzusehen, und als er zu mir trat und sagte: ›Ich empfehle Ihnen Anka‹, hätte ich die Hand, die er mir reichte, küssen mögen.

Nach der Einsegnung, die am frühen Morgen stattgefunden hatte, wurde die Leiche der Gräfin zur Beisetzung in die Familiengruft nach dem Stammsitze des Hauses gebracht. Einige Stunden später begaben wir uns dahin. Den Grafen begleiteten Graf Stephan und die beiden Brüder der Gräfin, die sich eingefunden hatten, um ihrer Schwester die letzte Ehre zu erweisen. Anka und ich folgten. Ein Teil der Dienerschaft war vorausgeschickt worden, um alle Vorbereitungen zum Empfang der toten Herrin und ihres Geleites zu treffen.

Das war eine andere als die erste Reise!

Unser Zug richtete sich durch eine rauhe, unwirtliche Gegend nach dem Norden des Landes. Langsam, trotz der häufig gewechselten Pferde, fuhren wir über schlechte Wald- und Gebirgswege in den trüben Herbsttag hinein, im Gefolge einer Leiche.

Kapitel 5

Kapitel 5

 

Mitternacht war vorüber, als wir uns dem Ziel unsrer Wanderung näherten. Anka schlief längst, den Kopf auf meinem Schoß. Zuletzt ging es noch eine Stunde lang steil aufwärts durch den Wald unter der Eskorte einer Schar von Leuten, die man mit Windlichtern versehen und uns entgegengeschickt hatte. Wir erreichten endlich die Platte eines stumpfen Bergkegels und rollten im raschen Trabe einer dunklen Masse zu, deren Umrisse in den wallenden Nebeln verschwammen. Nur ein schlanker Turm löste sich scharf und deutlich vom Hintergrund des Horizontes ab, den der verschleierte Mond mit fahlem Schimmer erhellte. Plötzlich ging ein Riß durch die Nebel, in dem Düster vor uns flammte es auf, und wie riesige rote Feuerzungen erglänzten die Fenster der Kapelle, in der die letzte Nachtwache am Sarge der Gräfin gehalten wurde.

Nun rasselten unsre Wagen über eine hölzerne Brücke und durch eine Einfahrt, des wildesten Raubschlosses würdig: hoch, düster und ganz mittelalterlich, von Fackeln erleuchtet, die in eisernen Ringen an den schwarzen Mauern staken.

Die Herren wurden von der männlichen Dienerschaft über die Treppe geleitet, Anka und mich nahmen die Frauen in Empfang. Francine half mir, das Kind, das nicht zu erwecken war, nach den für uns vorbereiteten Zimmern tragen. Sie lagen im Hochparterre, und wir gelangten zu ihnen nach einer Wanderung durch öde Gänge, die mir endlos schienen. An der Schwelle begrüßte uns Peterl taumelnd, mit Augen, die vor Schläfrigkeit ganz schief standen, und lallte die Meldung, das Abendessen sei aufgetragen. Wir traten ein. Nicht ein paar Zimmer, eine lange Reihe von Zimmern hatte man für uns zurechtgemacht, alle geräumig, unregelmäßig und, soviel sich bei dem schwachen Scheine der Wachskerzen, die auf den Tischen flackerten, erkennen ließ, mit großem, wenn auch längst überlebtem Luxus eingerichtet. Es herrschte darin der seltsame Duft, der gutgehaltenen, aber unbewohnten Gemächern alter Schlösser eigentümlich ist, eine Mischung von Kampfer-, Moschus-und Staubgeruch – parfümierter Moder dünkt mich die beste Bezeichnung dafür. Anka wurde zu Bett gebracht, Francine und die Stubenmädchen empfahlen sich, und meine Wenigkeit stand vor dem Lager, das man ihr angewiesen hatte, und betrachtete es mit fröstelnder Scheu. Lange konnte ich mich nicht entschließen, die Stufen zu ersteigen, die, mit verschossenem rotem Sammet überzogen, zu der feierlichen Schlafstelle emporführten.

Mit ihrem reichen, zum Teil vergoldeten Schnitzwerk, ihren schweren Säulen und dem Himmel aus Damast, der all die Herrlichkeiten überwölbte, war sie ebenso prachtvoll wie unheimlich. Wenn sich von den hochaufgespeicherten Kissen die Ahnfrau des Hauses erhoben und mich mit erloschenen Augen angestarrt hätte – ich würde mich gefürchtet, aber nicht gewundert haben. Mehr als einmal wanderte ich zu Anka zurück, um mir Ermutigung zu holen aus dem Anblick ihres friedlichen Schlummers, bevor ich mich endlich entschloß, meinerseits Ruhe zu suchen. Ich fand keine, ich wagte nicht das Licht zu löschen, erwartete jeden Augenblick die Kleine aus ihren Träumen aufschrecken und nach mir rufen zu hören. Erst als die aufgehende Sonne ihre ersten Strahlen durch die Fenster warf, übermannte mich die Müdigkeit, und ich sank in tiefen Schlaf. Anka weckte mich mit gewohntem Ungestüm schon nach ein paar Stunden. Sie wollte sich in ihrem schwarzen Staat bewundern lassen und mir auch sagen, sie fühle schon einige Traurigkeit kommen, seitdem man ihr Trauerkleider angezogen hätte.

Am Nachmittag fand die Beerdigung der Gräfin statt. Man hatte vergeblich auf das Eintreffen ihrer Mutter gewartet, sie erschien nicht und sandte auch keine Kunde; erst am folgenden Morgen brachte ein reitender Bote, der sich unterwegs verspätet hatte, die Absage. Die Gräfin fühlte sich zu angegriffen, um die Fahrt von ihrem zwei Tagereisen entfernten Gute wagen zu dürfen. Sie hatte bis zum letzten Augenblick an den Ernst der Krankheit ihrer Tochter nicht glauben wollen, sie mußte von der Todeskunde wie von einem Blitzstrahl getroffen worden sein. Ich fand ihr Ausbleiben sehr begreiflich und tadelte Francine, die ihre Glossen darüber machte. Die Bonne hatte mehrere Jahre hindurch das, wie ich glaube, nicht besonders anstrengende Amt einer Vorleserin bei der Gräfin versehen und behauptete, sie zu kennen wie niemand. Wegen dieser Vertrautheit mit den Lebensgewohnheiten ihrer einstigen Gebieterin hatte Francine den Auftrag erhalten, die Vorbereitungen zum Empfang der alten Dame zu überwachen. Allein sie war mit gekreuzten Armen müßig dabeigestanden, immer nur wiederholend: ›Oh, Madame la Douairière kommt nicht dahin, wo man weint.‹

Als ihre Vorhersagung bestätigt wurde, triumphierte sie. Sie hatte es gewußt, sie war wie von ihrem Dasein überzeugt, die Gräfin denke vorderhand nur daran, sich zu zerstreuen. Ihre lebendige Tochter war von ihr geliebt worden, o gewiß! die tote möchte sie aus dem Gedächtnis streichen können.

Francine schwatzte so viel, daß ich mir fast abgewöhnt hatte, ihr zuzuhören. Diese Worte jedoch fielen mir unwillkürlich wieder ein, als ich die Gräfin kennenlernte … aber halt! Das kommt erst später, ich mag nicht wieder nachzuholen haben. Was jetzt kam, war eine Reihe von gleichförmig stillen und trüben Tagen. Unendlicher Regen fiel vom Himmel, wir konnten nicht ins Freie. Anka, die mit einer großen Dosis Rastlosigkeit gesegnet war, machte sich Bewegung auf den Gängen. Ihr größtes Vergnügen fand sie darin, die unbewohnten Räume des Schlosses zu durchwandern. ›Oh, Fräulein! Erlauben Sie, daß ich die antiken Zimmer aufsperren lasse, die antiken! die antiken!‹ rief sie mit ihrer dünnen Fistelstimme und stieß das ›i‹ so gellend heraus, daß es mir wie eine Nadel ins Ohr drang. Ach, was hatte ich oft zu tun, um die Ungeduld zu bemeistern, in die mich dieses Kind zu versetzen wußte!

Die Frau des Kastellans wurde geholt, erschien mit ihrer taubstummen Tochter und mit ihrem Schlüsselbunde und öffnete vor uns lange Galerien und weite Säle und kleine, winklige Stübchen, alles eingerichtet, alles angefüllt mit Möbeln, Geräten und Kunstwerken aus entschwundenen Jahrhunderten. Dieses Schloß, von außen so häßlich und kahl, ein viereckiger Kasten auf hohem Unterbau von zyklopischem Mauerwerk, mit plumpen Türmen, mit kleinen, unregelmäßigen Fenstern, barg in seinem Innern einen Reichtum an köstlichen Altertümern, der heutzutage den Stolz jedes Museums ausmachen würde. Damals legte man auf die Reliquien der Vorfahren geringen Wert; man ließ sie an ihrer Stelle stehen, weil sie seit undenklichen Zeiten dastanden und niemand genierten. Liebe für diese Sachen besaß nur die Kastellansfamilie, in der sich die mit ihnen verknüpften Traditionen von Kind auf Kindeskind vererbt hatten. Unsere Führerin offenbarte jedoch höchst widerwillig ihre Kenntnis der Geschichte des gräflichen Hauses. Jede Auskunft, nach der man verlangte, mußte ihr abgerungen werden. Es hieß, sie habe zwischen ihrem verstorbenen Mann, der ein Schwätzer gewesen, und ihrer stummen Tochter das Sprechen verlernt. Auf meine Fragen antwortete sie gewöhnlich nur mit einem Nicken, auf die Ankas mit Ja oder Nein. Und dabei neigte ihre große, schattenhafte Gestalt sich ehrfurchtsvoll und feierlich, ihre blassen Lippen zitterten leise, und sie schien in Demut zu erstreben vor ihrer jungen Gebieterin, dem Sprößling so vieler Generationen, deren tote Schätze zu hüten ihre Lebensaufgabe war. Diese Huldigungen hatten etwas Unheimliches, wie das Weib, das sie spendete, und wie die Umgebung, in der wir uns befanden; ich freute mich immer, wenn Anka sich endlich müde gegangen und geschaut hatte und wir in unsere doch auch nichts weniger als heitere Wohnung zurückkehrten. Am liebsten hätte ich aber wieder einmal frische Waldluft geatmet, und ich empfand es wie ein Gnadengeschenk des Himmels, als wir eines Morgens bei hellem Sonnenschein erwachten. Es war gerade der für die Abreise der Schloßgäste bestimmte Tag. Den jungen Herren brannte schon, wie ich durch Anka hörte, der Boden unter den Füßen. Sie wissen ja, in welcher Zeit wir damals lebten. Österreich bereitete sich zu neuem Kriege gegen Napoleon vor. Man hat ihn später den Koalitionskrieg genannt; warum weiß ich nicht, da wir ihn doch ganz allein ausfechten mußten. Eine Kampfbegeisterung ohnegleichen war im ganzen Lande entbrannt, alle Provinzen rüsteten. Was jung war oder sich so fühlte, arm und reich, niedrig- und hochgeboren lief zu den Fahnen, die jüngsten Knaben wünschten Männer zu sein, um zu den Waffen greifen zu können gegen den Zwingherrn der Welt. Am wütendsten gehaßt in unserm Hause wurde dieser von der legitimistisch gesinnten Francine. Sie blies ihre Gefühle auch der kleinen Anka ein, die nur noch von der Vernichtung des Emporkömmlings träumte, zu der ihre drei jungen Oheime das meiste beitragen sollten. Die Brüder der seligen Gräfin waren im Begriff, sich in Wien für die Dauer des Feldzugs anwerben zu lassen, Graf Stephan begab sich zu seinem Regiment.

Die Stunde der Abreise kam, die Wagen fuhren vor, und Anka wurde zum Grafen gerufen, um Abschied von ihren Verwandten zu nehmen. Sie hatte unser Zimmer kaum verlassen, als ich im Vorgemach die Stimme des Grafen Stephan hörte, der eine Frage an die Kammerfrau richtete, ohne die Antwort abzuwarten vorwärts eilte und plötzlich vor mir stand. ›Wo ist Anka? Ich möchte ihr Lebewohl sagen‹, sprach er, und als ich erwidert hatte, sie sei bei ihrem Vater, stieß er mühsam das Bekenntnis hervor, das habe er gewußt und eben deshalb sei er gekommen. Er wolle nicht mehr lügen, er sei fertig mit der Lüge für alle Zeit. Er wisse, wie schlecht meine Meinung von ihm sei, und würde sie gern verbessert haben, nicht durch Worte, sondern durch seine Lebensführung. Dazu brauche es aber Zeit, und so wolle er jetzt dennoch sprechen. ›Ich bin nicht so verworfen, wie Sie denken. Mein ganzes Unrecht war, daß ich nicht den Mut hatte, einer – glauben Sie mir! – unschuldigen Jugendschwärmerei ein Ende zu machen, zu sagen: Es ist aus!… Die Ehre eines andern habe ich nie verletzt. Glauben Sie mir!… Ich stehe vielleicht bald vor Gott. Glauben Sie mir auch, daß ich einen Ekel an meinem Treiben empfand von der Stunde an, in der ich Sie kennengelernt habe. Leben Sie wohl, Fräulein Helene. Wenn ich wiederkomme, werde ich ein Besserer geworden sein. Erlauben Sie mir, Ihnen dann in Ehrfurcht zu nahen. Wenn ich nicht wiederkomme, wenn Sie hören, daß ich tot bin, beten Sie ein Vaterunser für mich.‹ Er schwieg und bot mir die Hand. Unwillkürlich zog ich die meine zurück … Ich sah ihn erbleichen, und bevor ich mich besann, bevor ich ein Wort des Abschieds sprechen konnte, hatte er das Zimmer verlassen.«

»Das wird Ihnen doch leid gewesen sein«, fiel ich der Hofrätin ins Wort, »denn der bleibt, der arme, junge Mensch, das sieht man voraus, der bleibt bei Eckmühl oder Regensburg.«

»Leid?« wiederholte die Hofrätin und strickte emsig fort. »Ich will Ihnen aufrichtig gestehen – nein. Im ersten Augenblick empfand ich nichts als die Wohltat, von einem Menschen, dessen Nähe mich beängstigte, befreit zu sein. Es gibt nichts so Hartherziges wie ein junges Mädchen dem Manne gegenüber, den es gerichtet hat; und gerichtet hatte ich ihn. Was wußte ich damals von einem Verrat, der dem Nächsten an die Ehre geht oder nicht geht. Verrat ist’s einmal, und ich litt für den, an dem er verübt, dem das Herz seiner Frau entwendet worden war. So wenig ich diese Frau begreifen konnte, so unverzeihlich ihr Vergehen in meinen Augen war, bedauerte ich sie doch. Sie hatte gewiß viel gelitten und wenige Tage vor ihrem Ende noch die demütigende Eifersucht auf ein untergeordnetes Wesen kennenlernen müssen, vielleicht sogar geahnt, daß Stephan mit ihr nur gespielt hatte. All dies war nicht geeignet, Mitleid für den Scheidenden in mir aufkommen zu lassen, und ich befand mich, nachdem er gegangen, keineswegs in weicher Stimmung. Dennoch berührte es mich peinlich, als Anka bald darauf hereinlief und mit übermütiger Lustigkeit auf die Melodie des ›Pulverstofferl‹ die selbsterfundenen Worte sang: ›Sie fahren fort, sie fahren fort, sie fahren in den Krieg.‹«

»Was machte sie denn gar so lustig?« warf ich ein.

»Ich glaube, nur der Ernst, den sie auf allen Gesichtern sah. Ja, sie war ein merkwürdiges Kind und ist doch eine so wenig merkwürdige Frau geworden … Ich sagte Ihnen, daß die Antwort, die sie mir einst in bezug auf ihre Puppe gab, prophetisch gewesen ist. In der Tat hat meine Anka auch später nie etwas anderes geliebt als ihren Vater und einen Popanz. Der zweite freilich war lebendig, war ihr Gemahl; er wurde von ihr unter einer Schar von Bewerbern, die der Majoratskomtesse nicht fehlten, auserkoren. Ihr Vater widersetzte sich ihrer Verbindung mit dem schönen, aber ganz hohlen, fischblütigen Menschen. Anka bestand auf ihrem Willen, und er geschah. Ob sie unglücklich geworden ist, weiß ich nicht, aber daß sie unglücklich gemacht hat, davon hatte ich Gelegenheit mich zu überzeugen. Ihr Tod war eine Erlösung für ihre Kinder und ist als solche von ihnen empfunden worden, obwohl diese Kinder brave und warmherzige Menschen sind. Ja, warmherzig! die Kinder Ankas und ihres fürstlichen Clovek des Zweiten. Die Gelehrten erklären uns, wieso in gewissen Fällen Licht zu Licht gefügt Dunkelheit erzeugt; vielleicht vermögen sie auch Auskunft darüber zu geben, wieso aus der Verbindung von Kälte und Kälte – Wärme entspringen kann. Jetzt aber den Kaffee«, sagte die Hofrätin und zog den Glockenstrang: »Fortsetzung folgt.«

Kapitel 6

Kapitel 6

 

Es war später geworden, als wir beide gedacht hatten, und die Hofrätin mußte die Erfüllung ihres Versprechens auf einen andern freien Abend verschieben. Zu meiner Freude fand sich ein solcher bald.

»Nach der Abreise der jungen Herren«, fuhr sie in ihrer Erzählung fort, »kam der Graf auf unser Zimmer und teilte mir seine Absicht mit, den ganzen Winter in … – den Namen dürfen Sie nicht wissen – zuzubringen. Der Doktor sei zwar dagegen, finde den Aufenthalt zu einsam, die Entfernung von der nächsten Stadt zu groß, allein der Graf wünschte dennoch zu bleiben, vorausgesetzt, daß es seiner Umgebung, namentlich mir, nicht allzu schrecklich sei. Natürlich erwiderte ich, meine Meinung käme hier nicht in Betracht, da er sie aber zu hören verlange, könne ich nur sagen, ich sei überall gern, wohin die Pflicht mich stelle. Ja, meine liebe Freundin, wir waren damals ganz anders erzogen als die Damen, die heutzutage erziehen. So gern ich auch fort wollte aus dem alten Eulenneste und nach unserm früheren schönen Aufenthalt zurück, als mein Herr und Gebieter so gnädig war, Notiz von meinem Willen zu nehmen, da hatte ich keinen mehr. Er dankte mir mit einigen gütigen Worten, beugte sich zu Anka nieder, nahm sie in seine Arme, küßte sie zärtlich und sprach: ›Wir werden hierbleiben bei der armen Mama, wir werden sie oft besuchen in ihrer Gruft und ihr Blumen bringen.‹ Und während er das sagte, hatte sein männliches Gesicht den Ausdruck eines so tief brennenden und dabei so kraftvoll und edel getragenen Schmerzes, daß ich mich abwenden mußte, denn mir traten Tränen in die Augen.

Wir winterten uns ein auf dem Schlosse. Der Graf verließ die gegen Norden gelegenen Prunkgemächer und bezog im ersten Stock dieselben Zimmer, die wir im Erdgeschoß innehatten. Es waren die freundlichsten des ganzen Hauses. Sie empfingen die Strahlen der Morgensonne und sahen auf einen mit efeuumrankten Mauern eingefaßten Vorhof, den ein paar magere Rasenplätze und einige Gruppen Monatsrosen zierten. Durch ein steinernes Tor gelangte man ins Freie, auf den Bergrücken; ›die Glatze‹ wurde er im Volksmunde genannt. Basaltblöcke bedeckten den Boden, zwischen zerbröckeltem Gestein sproß niederes Gesträuch und eine spärliche Vegetation von würzigen Kräutern und wunderbar mannigfaltig gebildeten Moosen. Von dieser Seite glitt die Gebirgslehne in sanften Wellenlinien ins Tal herunter. Nach kurzer Wanderung gelangte man in den Wald und durch diesen auf einem gut gehaltenen Wege, am Forsthause vorbei, zu einem ansehnlichen Marktflecken.

Wir führten ein sehr einförmiges Leben. Den Vormittag verbrachten Anka und ich bei unsern Lektionen; zum Gabelfrühstück fanden sich der Graf und der Doktor ein. Der Speisesaal und der Salon, den wir benützten, lagen im Erdgeschoß, von unsern Gemächern nur durch die der Frauen getrennt. Nach dem Frühstück wurde spazieren gegangen oder gefahren, wir kehrten erst mit einbrechender Dunkelheit nach Hause zurück. ›Der Mensch ist ein Lufttier‹, sagte der Doktor und litt uns vor Sonnenuntergang, sogar bei recht schlechtem Wetter, nicht im Zimmer. Das Diner wurde erst am Abend aufgetragen. Von sieben bis acht Uhr spielte der Graf mit seiner Tochter Domino, ich mit dem Doktor eine Partie Schach, oder wir beteiligten uns alle an irgendeinem Gesellschaftsspiel. Dann ging Anka schlafen, und wenn ich meine kühle Nixe zu Bett gebracht hatte, blieben mir einige Stunden für mich. Aufrichtig gestanden, wurden sie mir manchmal lang, und die Augen fielen mir zu über einem Buche, das ich las, oder einem Brief, den ich schrieb.

Ich war jung, schlafbedürftig und dennoch des Nachts zu höchst unfreiwilligem Wachen verurteilt. Sie wissen, daß der Graf die Zimmer bezogen hatte, die über den unsern lagen; je weiter die Nacht vorschritt, desto lauter hörte ich ihn mit langsamen, dröhnenden Tritten in seinem Gemach auf und ab gehen. Mir verriet dieses rastlose Wandeln in der Nacht das Geheimnis der Sehnsucht, die ihn quälte. Ich sah ihn im Geiste vor mir, dem Schmerz ganz hingegeben, den er mit starkmütiger Selbstverleugnung vor uns verbarg; ich bildete mir ein, ihn aufschluchzen, ich meinte ihn klagen zu hören um die Frau, die er geliebt und verloren hatte. Endlich trat eine Pause ein, ich vernahm eine Zeitlang nichts mehr und gab mich der Hoffnung hin, daß er endlich Ruhe gefunden habe. Nach kurzem jedoch erschallten seine Schritte von neuem über meinem Haupte, weckten mich aus dem Schlummer, in den ich kaum gesunken war, und hielten mich wach bis zum Tagesgrauen. Am Morgen aber, sobald Anka die Augen aufgeschlagen hatte, rief sie nach mir und bat mich, die Laden zu öffnen, und wenn ich nun ans Fenster trat, sah ich schon den Grafen sich aufs Pferd schwingen, oder ich erkannte an dem erschlossenen Hoftor, daß er ausgeritten war auf einem seiner wilden Hengste, die nur er allein zu bändigen verstand. Einige Stunden später erschien er beim Frühstück so ruhig und in so gleichmäßiger Laune, als ob er sich im tiefsten Frieden mit seinem Schicksal befände. Was auch in ihm vorging, wie gequält er war, wir litten nicht unter seiner Trauer, er war gegen seine Umgebung gütig und rücksichtsvoll, wie es sogar die nur äußerst selten sind, die am meisten dazu verpflichtet wären – die Glücklichen. Es verflossen Wochen, Monate, ein neues Jahr war angebrochen, da ereignete es sich eines Tages, daß die Schloßuhr die erste Nachmittagsstunde schlug, Anka vor Hunger bereits weinte – das Kind hatte einen Appetit wie Ludwig XVI. –, vom Gabelfrühstück aber noch immer nicht die Rede war. Sie schellte, sie fragte nach der Ursache dieser Verspätung, und da hieß es, der Graf sei vom Spazierritte noch nicht heimgekehrt, der Doktor aber, der Anka sonst zürnen half, wenn die Mahlzeiten nicht pünktlich aufgetragen wurden, hatte Urlaub genommen, um Verwandte zu besuchen, die im benachbarten Städtchen lebten; wir erwarteten ihn nicht vor dem nächsten Morgen.

Der Tag war eisig kalt, der Schnee zwischen den Steinen und Blöcken zu festen Eismassen zusammengefroren. Blank wie ein Spiegel schimmerte der Teil des Waldweges, den wir vom Fenster aus überblickten. Plötzlich kam mir der Gedanke, es könne ein Unglück geschehen, der Graf mit dem Pferde auf dem Glatteis gestürzt sein, und im selben Moment rief Anka: ›Da kommt Papa zu Fuß und führt den Fuchs!‹ Der Graf näherte sich langsam dem Tore, die Zügel des Pferdes in der linken Hand, die rechte im Rock eingeknöpft und – der Atem verging mir vor Schrecken – das Gesicht von Blut überrieselt. Die Diener rannten ihm über den Hof entgegen, Anka begann zu schreien und schoß wie ein Pfeil aus dem Zimmer. Ich folgte ihr. Der Graf war schon ins Treppenhaus getreten, als wir dort anlangten. Er ging hoch aufgerichtet, wischte das Blut vom Gesicht und wehrte ungeduldig, wie ich ihn nie gesehen, die Hilfeleistungen seiner Diener ab. Als er die Stimme Ankas vernahm, wandte er sich und lachte. Sie stürzte auf ihn los und stieß, da er sich beugte, um ihr die Stirn zu küssen, an seinen im Rock eingeknöpften Arm. Der Graf zuckte zusammen, erbleichte bis an die Lippen und preßte mit zorniger Willenskraft einen Ausruf des Schmerzes zurück. Ich trat rasch vor und zog Anka an mich … ohne besondere Zärtlichkeit scheint mir, vielleicht nicht sehr sanft, jedenfalls in einer Weise, die ihrem Vater mißfiel. Er warf mir einen strafenden Blick zu und sprach in aggressivem Tone, und recht wie jemand, der die Gelegenheit, einen Tadel zu äußern, vom Zaune bricht: ›Ich hoffe, daß Anka gefrühstückt hat.‹

›Noch nicht‹, erwiderte ich und fügte hinzu, wir hätten auf ihn gewartet. Er rügte das, äußerte sehr trocken den Wunsch, ich möge in Zukunft, ohne Rücksicht auf ihn, die Tagesordnung einhalten, grüßte und stieg mühsam, von seinem alten Haushofmeister gefolgt, die Treppe empor.

Kleinlaut wandte ich mich mit Anka zur Rückkehr in unsere Gemächer. Francine, die im Gange stehengeblieben war und alles mit angesehen hatte, begleitete uns. ›Ja, so ist er … Oh, Sie kennen ihn noch nicht‹, flüsterte sie mir zu, ›er hat sich geärgert, nicht über das verspätete Frühstück, sondern über Ihre Bestürzung und über das Mitleid, mit dem Sie ihn ansahen. Das war aber auch gewaltig …‹ Sie kicherte und warf mir einen spöttischen Blick zu. Sie hatte so häßliche Augen! Tiefschwarze, kugelrunde Augen, fast ohne Lider, dafür aber mit dichten, halbkreisförmigen Brauen. ›Oh, Mitleid verträgt er nicht, der Graf, Sie sollten das wissen; bemerken Sie nicht, wieviel Mühe er sich gibt, seinen Schmerz um seine Frau zu verbergen? Wie er sich stellt, als ob er ihren Verlust mannhaft ertrüge, während er des larmes de sang um sie weint. Jetzt darf niemand wissen, wie übel er sich beim Sturz mit dem Pferde, den er ohne Zweifel getan, zugerichtet hat, damit er nur ja nicht bedauert werde. Aber, das können Sie mir glauben, sein Kopf tut ihm nicht wohl in diesem Moment, und der rechte Arm ist verrenkt oder gebrochen.‹

Instinktmäßig, ich wußte damals wirklich nicht, warum ich es tat, suchte ich ihr den Schrecken zu verbergen, in den ihre Worte mich versetzten, und fragte mit anscheinender Ruhe, ob man nicht einen Boten nach dem Doktor schicken sollte. Sie meinte nein, der Doktor komme morgen früh, müsse demnach schon unterwegs sein; es bliebe nichts übrig, als zu warten.

Warten – ja, wenn es nur mit dem Gedanken hätte geschehen können, der Kranke sei bis zum Eintreffen des Arztes leidlich versorgt. Diesem Tröste durften wir uns jedoch nicht hingeben. Der Haushofmeister, den der Graf, gelangweilt durch dessen Klagen, aus seiner Nähe gewiesen, kam am Nachmittag, Francine zu beschwören, sie möge sich der Pflege des Patienten ein wenig annehmen. Der Alte hatte an der Tür gelauscht und behauptete, der Graf sei bewußtlos, der Kammerdiener allein bei ihm, und der sitze in einem Winkel, die Hände im Schoß. Er wage nicht sich zu rühren und dem Fiebernden auch nur ein feuchtes Tuch auf die Stirn zu legen. Anka und ich stimmten in die Bitten des alten Dieners ein, aber Francine blieb unbeweglich und erklärte ein Mal ums andere, sie dränge sich nicht auf; wenn der Graf ihrer bedürfe, möge er sie rufen lassen. Und sooft wir wiederholten: er sei ja bewußtlos, er könne sie nicht rufen lassen, so oft wiederholte sie, wie eine gedankenlose Maschine, ihren albernen Satz. Endlich riß mir die Geduld. ›Bleiben Sie denn hier, ich gehe zu ihm!‹ rief ich und schritt resolut aus dem Zimmer und über die Treppe und pochte an der Tür des Grafen. Der Kammerdiener öffnete mir. Er hieß Raimund, war ein ältlicher, dicker Mensch, der immer schläfrig aussah, und obwohl anfangs erschrocken über mein kühnes Eindringen, dankte er bald dem Himmel und jedem einzelnen Heiligen darin, daß ich da war. Kein Wunder, denn ich wußte bei Kranken Bescheid. Hatte doch mein jüngerer Bruder, dessen Wartung zumeist mir obgelegen, von den dreizehn Jahren seines Lebens neun auf dem Siechbette zugebracht. Überdies, meine Teuerste, bleiben das Kinder- und das Krankenzimmer ewig die Domäne, in der der Frau recht gern die Herrschaft eingeräumt wird.

So hatte ich bald Ordnung geschafft, Verbandszeug herbeibringen und einen Kübel mit Eis vor das Bett stellen lassen, an das ich nun trat und dessen Vorhänge ich zurückschlug. Der Graf lag gerade ausgestreckt auf dem Rücken, wachsbleich und regungslos, aber nicht in Ohnmacht, sondern in jenem dumpfen, schweren Schlaf, in den kräftige Leute nach überstandenen körperlichen Schmerzen versinken. Um die Stirnwunde war das Blut geronnen; sie schien klein und tief, durch den Sturz auf einen spitzen Stein hervorgebracht. Der beschädigte Arm lag hoch angeschwollen auf der Decke, ich schnitt den Ärmel des Hemdes entzwei und begann meinen Krankenpflegerdienst. Raimund ging mir treulich an die Hand, solange er sich des Schlafes erwehren konnte. Als er aber nur noch wie ein Träumender meinen Weisungen nachkam, eine halbe Stunde brauchte, um das erlöschende Feuer im Kamin anzufachen, als er begann, die Umschläge statt auf die Stirn und den Arm des Grafen auf das Kissen und die Decke zu legen, da dankte ich ihm für seine Beihilfe und ließ ihn ungestört schlafen auf einem Bärenfell, auf das er hingesunken war wie ein Klotz.

Mein Kranker begann indes zu fiebern und zu phantasieren, sein Atem wurde kürzer; die Tücher, die ich eiskalt auf seine Stirn gelegt hatte, nahm ich wenige Minuten später dampfend vor Hitze wieder hinweg. So kam die Mitternacht heran.

Daß ich müde oder schläfrig werden könnte, fürchtete ich nicht, davor schützten mich meine Aufregung und meine Besorgnis; doch waren infolge des beständigen Hantierens mit dem Eise meine Finger ganz erstarrt, ich mußte ihnen Zeit gönnen, sich zu erwärmen, und Raimund wecken, um mich von ihm ablösen zu lassen. Im Begriff, auf ihn zuzugehen, wandte ich mich und – fühlte mich plötzlich zurückgehalten. Der Graf hatte meine Hand erfaßt. ›Sitta!‹ rief er – der Name seiner Frau – ›Sitta! Sitta!‹ und den Kopf etwas erhoben, blickte er mich mit weitgeöffneten Augen an … Augen freilich, die nur sahen, was das Fieber ihnen vorspiegelte; aber ich war doch sehr erschrocken, regte mich nicht mehr, als wenn ich von Stein gewesen wäre, und verwünschte mein albernes Herz, das zu pochen anfing – laut, bildete ich mir ein, so laut, daß man es hören konnte … Der Kranke lächelte, seine Lippen bewegten sich und flüsterten Worte der Liebe und Zärtlichkeit. Er sank auf das Kissen zurück, die Wange an meine Handfläche geschmiegt, schloß die Augen und schlief ein. Noch einige rasche Atemzüge, dann hob und senkte sich seine Brust gleichmäßig, und er lag in süßem, erquickendem Schlaf.

Ich aber stand da und hatte nicht den Mut, meine Hand zurückzuziehen. Ein Wunsch nur beseelte mich und stieg als inbrünstiges Gebet zum Himmel. Herrgott, laß ihn nicht erwachen! laß ihn jetzt nicht erwachen, barmherziger Gott, sonst muß ich sterben vor Scham … Meine Knie wankten, ich war erschöpft und mußte mich endlich, um nicht umzusinken, auf den Rand des Bettes setzen und dachte immer nur an das eine: Laß ihn nicht erwachen! Damals lernte ich eine von jenen Stunden kennen, in denen jede Sekunde zur Ewigkeit wird. Das sind die Stunden, die uns alt machen; die Leute, die solche nicht erlebt haben, bleiben jung bis zum Tode. Endlich gelang mir doch, was ich wohl hundertmal vergeblich versucht hatte: meine Hand zu befreien, ohne den Grafen zu wecken. Wie erlöst atmete ich auf, trat ans Fenster, und da fuhr auch schon der Wagen, der den Doktor brachte, in den Hof. Ich lief dem sehnlich Erwarteten entgegen, erzählte ihm in kurzen Worten, was sich ereignet hatte, und begab mich auf mein Zimmer, als ich den Arzt bei dem Kranken wußte. Die Spöttereien, mit denen Francine mich im Laufe des Tages neckte, ließen mich gleichgültig. Ich war von Natur aus gegen dergleichen kleinliches Zeug gefeit, besonders war ich es jedoch in jenen Augenblicken. Mir war ein heißes Gebet erfüllt worden, und nachmittags kam der Doktor zu uns und sagte: ›Der Arm ist eingerichtet, und Ihnen verdankt es der Graf, daß es ohne übermäßigen Schmerz geschehen konnte.‹

Kapitel 7

Kapitel 7

 

Der Graf erholte sich nicht ganz so rasch, als der Arzt erwartet hatte. Erst nach drei Wochen erschien er wieder bei Tisch, einen Verband um die Stirn, den Arm, der an zwei Stellen gebrochen war, in der Schiene. Seine Unbehilflichkeit machte ihn ärgerlich, und die Ruhe, die ihm seiner Kopfwunde wegen vorgeschrieben war, verursachte ihm Langeweile. Bis zur Speisestunde hielt er es in seinen Zimmern aus, nach dem Essen blieb er nun im Salon, auch nach beendeter Spielpartie mit Anka, und wir erlaubten uns, das Kind eine Stunde länger als sonst aufbleiben zu lassen, ohne daß dieser Frevel an der unverbrüchlichen Tagesordnung von ihm gerügt worden wäre.

›Erzähle mir etwas‹, sagte er eines Abends zu der Kleinen, und sie erwiderte, zu erzählen wisse sie nichts, aber vorlesen wolle sie ihm. Er staunte, er wollte es nicht glauben, daß sie schon lesen könne – sie ging damals ins achte Jahr –, und als sie begann, geriet er in stilles Entzücken; aus seinen tiefliegenden Augen brachen Blitze der Bewunderung, während sie auf dem klugen und kalten Gesicht des lesenden Kindes ruhten.

›Das war für den Grafen! Jetzt etwas für mich!‹ rief der Doktor, als Anka mit ihrem Märchen zu Ende gekommen. Er trug einige Bücher herbei, unter denen die Herren – ziemlich aufs Geratewohl – den ›Cid‹ von Herder wählten. Der Zögling wurde schlafen geschickt, und die Erzieherin begann vorzulesen. Ein dankbares Publikum wie früher war der Graf jetzt nicht, aber er hörte mir doch zu, und von nun an verstanden die Leseabende sich von selbst, Anka las regelmäßig eine halbe Stunde, ich regelmäßig eine ganze Stunde, und die Befriedigung hatte ich, meinen guten Grafen nach einem Weilchen mannhaft mit dem ersten Gähnen kämpfen zu sehen. Seine Züge nahmen einen friedlichen, etwas müden Ausdruck an, und wenn ich beim Glockenschlag der zehnten Stunde das Buch schloß, dankte er mir, versicherte, es sei sehr interessant gewesen, und wünschte mir gute Nacht. Und ich hatte sie, denn um mich und in mir herrschte Ruhe.

Einmal, nachdem Anka uns verlassen hatte, brach der Graf in Lobpreisungen seiner Tochter aus. Er fand, daß sie erstaunliche Fortschritte im Lernen gemacht hätte, ihr Verstand entwickle sich von Tag zu Tag mehr, das Herz sei von jeher vortrefflich gewesen. ›Sie ist ein gutes, liebevolles Kind‹, schloß er mit einer Innigkeit in seinem Tone, einer beglückenden Überzeugung, die mir weh taten. Ich schwieg, der Doktor warf mir einen vielsagenden Blick zu. Die Worte des Grafen waren Wasser auf seine Mühle, sie bestätigten eine Behauptung, die er gern wiederholte: ›Eltern haben nie ein richtiges Urteil über ihre Kinder.‹ Er hätte seinen Satz gewiß aufgestellt und dem Grafen ins Gesicht verteidigt, wenn ihm in diesem Augenblick überhaupt an etwas anderm gelegen gewesen wäre als an der Fortsetzung unsrer Lektüre. Er brannte zu heiß darauf, zu erfahren, ob der Cid, ›matt von Jahren, matt von Kriegen‹, im Kampf mit Bucar erlegen und ob das gute Pferd Babieka wirklich ohne den Helden vom Schlachtfeld zurückgekehrt war, um nicht alles zu vermeiden, was die Befriedigung seiner Neugier hätte verzögern können. So begnügte er sich damit, ausweichend zu sagen: ›Gut? gut? alle Kinder sind gut, und alle Kinder sind böse, wie man’s nimmt … Lesen Sie, Fräulein, lesen Sie, verlieren wir keine Zeit.‹

Mir gaben die Worte des Grafen viel zu denken. Für so verblendet hatte ich ihn doch nicht gehalten, daß er gerade das Gegenteil dessen, was seine Tochter war, in ihr sah: ein gutes, liebevolles Kind. Es schnürte mir das Herz zusammen, wenn ich mir vorstellte, wie herb die Enttäuschung sein werde, die er früher oder später an dem Wesen erleiden müsse, das ihm über alles in der Welt teuer war.

Du lieber Gott, was machte den ganzen Reichtum dieses Mannes aus? Was hielt ihn aufrecht und spendete ihm Trost in dem großen Unglück, das er erfahren hatte? Wahn und wieder Wahn! Der Glaube an die Liebe und Treue seines Weibes verklärte ihm seine Erinnerungen, der Glaube an die Güte seines Kindes schimmerte wie ein mildes Licht über seinem Leben.

Ein tiefes Erbarmen erfüllte mich und zugleich eine Verehrung ohne Grenzen. Dieser Mann hatte gewiß nicht viel über sich nachgedacht, die edlen Eigenschaften, die ihn erfüllten, kamen ihm nur in andern zum Bewußtsein … Oh, Freundin! die Welt verlacht die Betrogenen – ich liege vor ihnen auf den Knien … Ich konnte meinen Grafen nicht ansehen, konnte nicht an ihn denken, ohne mir zu sagen: Du braves Herz! Aus deiner Ehrlichkeit entspringt dein Glaube, aus deiner eigenen, lauteren Seele dein Vertrauen, dein günstiges Vorurteil … Du armer Mann, wie reich bist du!

Ich bedauerte und bewunderte ihn und meinte nun doch zu können, was mir bisher unmöglich geschienen hatte: sein Kind zu lieben und es lieben zu lehren. Er sollte nicht nur eingebildete Güter besitzen, das eine unter ihnen, das meiner Obhut anvertraut war, mußte durch mich ein wirklich wertvolles werden, und ich wollte mir sagen können, wenn ich es einst in seine Hand zurückgäbe: Jetzt gleicht dein Kind dem Bilde, das du dir von ihm gemacht hast.

Damals habe ich meinen ersten großen Kampf gekämpft mit einem kleinen Mädchen. Ach Gott, mir erging es schlimmer als Moses in der Wüste Zin. Zweimal pochte der an einen Felsen – wie oft ich es getan, ist nicht zu zählen, und wie vergeblich, nicht auszudrücken. Ich hatte mich dahin gebracht, Anka gegenüber eine eherne Stirn anzunehmen, und sie stellte ihre Feindseligkeiten ein, als sie zu bemerken glaubte, daß sie mir keinen Eindruck machten. Jetzt, ganz beseelt von meinen neuen Vorsätzen, begann ich freundlicher mit ihr zu werden, und augenblicklich, so rasch wie ein Messer einschnappt, der Hahn eines Gewehrs knackt, sprang sie aus ihrer Gleichgültigkeit in ein herausforderndes, verletzendes Wesen über. ›Ich weiß recht gut, Sie wollen sich bei mir einschmeicheln‹, warf sie mir einmal hin, ›aber es nützt Ihnen nichts.‹ Je nachsichtiger ich sie behandelte, desto gereizter schien sie. Ich sah wohl, daß Francine sich’s angelegen sein ließ, sie wider mich zu hetzen, konnte aber nicht erraten, durch welches Mittel. Ebenso rätselhaft war mir manches im Benehmen der Dienerschaft. Jeder einzelne zeigte sich kriechend und unterwürfig, wenn er mir allein begegnete, steif und verlegen in Gegenwart seiner Genossen. Es schien jedem um meine Gunst zu tun und jedem auch darum, es nicht einzugestehen. Nur der Doktor blieb immer derselbe. Er war weder ein Mann von vielen Worten noch von feiner Erziehung. ›Ich bitte‹ oder ›ich danke‹ hat er selten gesagt. Seine ärztlichen Ratschläge erteilte er kurz und verachtete jene, die sie nicht befolgten. Armen und Dienern gegenüber besaß er nicht die nötige Duldsamkeit, war immer gleich bereit, die Hand von ihnen abzuziehen, wenn sie sich einen Zweifel an der Wirksamkeit seiner Mittel und der Weisheit seiner Anordnungen erlaubten. Blinden Glauben und Gehorsam jedoch belohnte er durch unermüdliche, aufopfernde Fürsorge, und seine Patienten fuhren wohl dabei. Mir ist er von dem Tage, an welchem ich das Haus betrat, bis zu dem, an welchem ich es verließ, ein treuer Freund gewesen, und er zeigte sich auch damals mir gegenüber unverändert.

Wir lebten allerdings samt und sonders in schrecklicher Spannung, und nur spärlich drangen Nachrichten in unsern vergessenen Erdenwinkel. Aufs höchste verstimmt war der Graf. Er litt noch heftige Schmerzen, die zu verbeißen ihm nicht immer gelang, und grollte darüber mit sich selbst. Krank sein erschien ihm wie eine Art Schande für einen Mann. Und nun gar jetzt in diesen Tagen, in denen er sich am liebsten aufs Pferd geworfen hätte, um dem Erzherzog nachzureiten, der an der Spitze der Hauptarmee über Böhmen zog, gegen Regensburg. Wie begreiflich war diese Sehnsucht, wie gut konnte ich sie verstehen! Er hatte als Jüngling unter Erzherzog Karl gedient, den Feldzug vom Jahre neunundneunzig mitgemacht; an Stocksach, Zürich, Mannheim knüpften sich seine glorreichen Erinnerungen, er betete den Helden an, dem er sie verdankte. Wir erfuhren oder errieten vielmehr aus einzelnen seiner Äußerungen, daß es schon im Spätherbst beschlossene Sache bei ihm gewesen war, an dem neuen Feldzuge teilzunehmen, und daß er alle vorbereitenden Schritte zu seinem Wiedereintritt ins Heer durch Stephan hatte machen lassen. Nun schrieb dieser: ›Komm!‹ und gab den Ort an, nach dem die Kriegsequipage zu senden sei, und der Graf saß da in seinem einsamen Schloß, unfähig, einen Säbelgriff zu halten, ein Pferd zu besteigen, und führte statt des ersehnten Kampfes gegen tapfere Feinde einen erniedrigenden und nutzlosen Kampf mit elenden Gebresten.

Von Zeit zu Zeit fuhr der Doktor nach dem Städtchen, um dort Neuigkeiten einzusammeln. Dies war denn einmal wieder geschehen; Anka und ich befanden uns allein bei dem Grafen. Er hielt die Kleine auf seinem Schoß; sie plauderten von der schönen Sommerzeit, von dem Schlosse, das wir früher bewohnt hatten, von dem Garten und seinen Wundern. Endlich kam die Rede auf die Einsiedelei. Ach, wie gut hatte sich Anka in der Einsiedelei unterhalten … aber welchen Schrecken hatte sie einmal dort ausgestanden! Wenn der Papa das wüßte, und – ich sage Ihnen, das Blut erstarrte in meinen Adern … ›Soll ich’s erzählen, Fräulein?‹ wandte sie sich plötzlich zu mir. Der Graf sah meine Bestürzung, sie schien ihn zu ergötzen; lachend munterte der Unglückliche sein Kind zum Schwatzen auf. Anka ließ sich nicht bitten, berichtete alles genau – wie Stephan uns im Walde gesucht und wir ihm ausgewichen. ›Da kommt er in die Einsiedelei‹, sprach sie lebhaft, ›ich seh ihn von weitem und lauf davon; dann seh ich auch Mama, die im Garten spazierengeht und rufe: Komm uns zu Hilfe, Stephan ist da! – und da wird Mama ganz weiß – ich fürchte mich, verstecke mich und rühr mich nicht … Mama versteckt sich auch vor Stephan und dem Fräulein. Will sie überraschen, verstehst du? Stephan ist zornig und schreit – nun ja, es ärgert ihn, daß wir nicht mehr mit ihm sprechen wollen. Er wird immer zorniger. Da tritt Mama aus dem Hause und schaut ihn an‹ – das Kind erzitterte bei dieser Erinnerung und wiederholte flüsternd: ›Schaut ihn an – – und ich, ganz erschrocken, rühr mich wieder nicht, und dem Stephan ist himmelangst geworden! Umgedreht hat er sich, weg vom Fräulein, und ist der Mama gefolgt, wie dir die Lady folgt, wenn du sie geprügelt hast.‹ Der Graf hob die Kleine von seinem Schoß und sprang auf. Ein dumpfer Laut der Qual entstieg seiner Brust. Hatte das Kind an eine verborgene Wunde gerührt? leise glimmende Zweifel entfacht?… Ich wagte nicht, in sein Gesicht zu sehen, dachte nur: Jetzt gilt’s! und sprach so munter und so ruhig, als ich vermochte: ›Ich werde der Frau Gräfin ewig danken, daß sie mich durch ihre Dazwischenkunft aus einer peinlichen Verlegenheit gerettet hat. Graf Stephan scherzte nur, aber sehr keck. Das Erscheinen der Frau Gräfin war für mich eine wahre Wohltat …‹ Ich schwieg, ich hörte ihn tief aufatmen, und jetzt erhob ich die Augen zu ihm … Nie bin ich imstande, Ihnen den Ausdruck seines Gesichtes zu beschreiben, die Befürchtung, die Hoffnung, die Freudigkeit, den Schmerz, die sich abwechselnd in seinen Zügen aussprachen. Seine Augen hingen an meinen Lippen, als spendeten meine Worte ihm das Leben. Nachdem ich geendet hatte, gelang es ihm, mit ziemlicher Gelassenheit zu sagen: ›Stephans Scherze waren vielleicht sehr ernst gemeint. Übrigens habe ich Sie, Fräulein, stets für entschlossen gehalten und für vollkommen fähig, Zudringlichkeit ohne fremden Beistand in Schranken zu halten.‹

›Dennoch habe ich den der Frau Gräfin gesegnet …‹

Er richtete sich empor. ›Genug!‹ unterbrach er mich und setzte leise, aber mit einer Gebärde unwiderruflicher Entschlossenheit hinzu: ›Ich will es glauben.‹ Er faßte Anka in seine Arme, sie umklammerte seinen Hals und schmiegte ihr Gesichtchen an seine Wange; so nahm er mit ihr seinen früheren Platz wieder ein, verweilte lange unbeweglich und stumm in Gedanken versunken und fragte endlich zerstreut: ›Was lesen wir heute?‹ Nichts mehr, meinte ich, da es sehr spät geworden sei. ›So geht denn, gute Nacht! gute Nacht!‹ und plötzlich reichte er mir die Hand, hielt die meine fest in der seinen und sprach dabei kein Wort; aber welchen innigen, warmen Dank sagte mir der Händedruck!

Anka und ich traten aus dem Salon, und in dem Augenblick, in dem ich die Tür aufstieß, huschte Francine von ihr hinweg. Sie hatte wieder gelauscht.

›Schämen Sie sich nicht?‹ fragte ich empört. Aber sie lachte: Nein, sie schämte sich nicht im geringsten. ›Wie echauffiert Sie sind!‹ sagte sie, ›und das Kind hat wohl schon geschlafen?‹

Es lag ein so frecher Verdacht in ihrem Blick, ihr Mund verzog sich so höhnisch, daß ich alle Herrschaft über mich verlor und ihr, die uns inzwischen auf unser Zimmer gefolgt war, befahl, sich augenblicklich zu entfernen.

Da warf sie sich mit einem Ausbruch leidenschaftlicher Klagen Anka zu Füßen und kroch mit zigeunerhafter Geschmeidigkeit vor ihr auf dem Boden. ›Mein Herzchen hört, wie man die arme Francine behandelt – mein Herzchen sieht es! Nun, ich gehe schon!‹ Sie drückte ihr Tuch vors Gesicht und eilte hinweg. Das Kind jedoch trat vor mich hin wie eine kleine wütende Megäre und sagte: ›Warten Sie nur, Großmama weiß alles, Francine schreibt alles der Großmama!‹

›Was wollen Sie damit sagen?‹ fragte ich, ›was bedeutet Ihre Drohung? Großmama darf alles wissen, was hier vorgeht, und Francine mag es ihr nur schreiben.‹ Die Kleine blickte betroffen zu mir empor und begann mich anzuflehen, niemand etwas von dem zu verraten, was sie mir eben gesagt, niemand – am wenigsten Francine. Ich suchte sie zu beruhigen. Sie forderte ungestüm ein förmliches Versprechen, und nachdem ich es gegeben, küßte sie mich ein paarmal, kalt, mit augenscheinlicher Selbstüberwindung, als ob sie höchst ungern eine zu hohe Rechnung bezahle. Das war ich dir schuldig, da hast du’s!… Sie gab so schwer etwas weg von ihrer Armut, diese karge Seele.

Ich aber, meine liebe Freundin, hatte nun erfahren, zu welchem Zweck mich Francine mit stündlicher Überwachung umgab, warum sie mir nachschlich auf Schritt und Tritt, unversehens neben mir auftauchte, wenn ich sie am wenigsten in der Nähe vermutete. Sie war eben nichts andres als ein elender Spion und berichtete über mich in Briefen an die Schwiegermutter des Grafen. Ich hatte sie oft schreibend gefunden, wenn ich durch ihr Zimmer kam, und gelacht über die Hast, mit welcher sie bei meinem Nahen ihr Gekritzel mit der Hand bedeckte oder in die Schublade schob. Angeekelt hat mich das alles, aber nicht besorgt gemacht. Ich war in mancher Hinsicht jünger als meine Jahre und dachte: Übles kann von mir nicht gesagt werden, wenn auch, wie Anka sich ausgedrückt hatte, ›alles‹ gesagt wurde; es fiel mir nicht ein, daß sich mehr sagen lassen könne als alles Wahre, nämlich etwas Falsches.

Kapitel 1

Kapitel 1

Es ist schon ziemlich lange her, seit ich die Entdeckung gemacht habe, daß ich anfange ungesellig zu werden. Ein gewisser Schrecken bemächtigt sich meiner, sooft mir ein Billett ins Zimmer gebracht wird, das danach aussieht, als ob es eine Einladung oder eine Ansage enthielte. Kein Tag vergeht mir so rasch, hinterläßt mir eine so angenehme Erinnerung wie einer, an dem ich weder einen Besuch zu machen noch zu empfangen brauche. Kein Abend scheint mir besser angewendet als der, den ich in meiner Kaminecke verträume, allein mit meinen Gedanken und mit meiner Strickerei.

Indessen, es gibt eine Ausnahme. Es gibt eine Frau Hofrätin, die mich noch niemals zu sich beschieden hat, ohne daß ich ihrem Rufe mit Freude und Eilfertigkeit Folge geleistet hätte.

Die Hofrätin ist eine liebenswürdige, schöne, ja bildschöne, mehr als siebzigjährige Frau. Edlere Züge lassen sich nicht denken als die ihres zarten, blassen, mit unzähligen Fältchen bedeckten Gesichtes. Die großen hellbraunen Augen haben ihr Feuer längst verloren, aber es spiegelt sich in ihnen der Widerschein eines inneren Lichtes, einer Seele voll Güte, Geist und Adel. Die Lippen sind farblos und schmal geworden, doch umgibt sie im Schweigen wie im Sprechen ein Ausdruck, den man geradezu hold nennen muß.

Ihre Gestalt ist hager und etwas über mittelgroß. Wenn ich meiner alten Freundin auf der Straße begegne, bewundere ich jedesmal die Leichtigkeit ihres Ganges, ihre gerade Haltung, ihre eigentümliche Art, den Kopf zu tragen, so hoch und frei, so ungebeugt von des Lebens Mühen.

Ich liebe sie, das heißt, wir lieben uns, denn sie ist nachsichtig, und ich bin dankbar. Sie tadelt zwar meinen Hang zur Ein- oder höchstens Zweisiedelei, aber sie verzeiht, ja sie unterstützt ihn noch. »Ich lasse es Ihnen wieder sagen, wenn ich nicht zu Hause bin«, beschwichtigt sie regelmäßig meine Klagen über die allzu rasche Flucht eines mit ihr zugebrachten Abends.

Leider jedoch ist sie meistens zu Hause für einen großen Bekanntenkreis, der sich in zwei roten Salons auf gleißenden Atlasmöbeln und unter Kronleuchtern für je achtundvierzig Kerzen um die gastfreie Greisin versammelt. Schöne, mir aber unheimliche Ungeheuer, diese beiden Säle! Es heißt zwar, daß man sich in ihnen sehr gut unterhält, daß gefeierte Menschen darin umherwandeln, Tee trinken und sich dabei so natürlich benehmen, daß man sie von gewöhnlichen Sterblichen kaum unterscheiden kann. Trotzdem fühle ich keine Sehnsucht nach ihrem Anblick. Ein gutgearteter, alter Vogel begleitet gewiß alles, was noch fliegen kann, mit seinen innigsten Segenswünschen; wenn er aber dabei den Kopf unter dem erlahmenden Flügel versteckt, braucht ihm das niemand übelzunehmen.

Was mich betrifft, ich danke für die roten Salons und bin es zufrieden, im grauen Schlafgemach meiner Hofrätin empfangen zu werden.

Das ist mir ein liebes Zimmer! Geräumig, einfach und nett. An den vier Wänden stehen einander ehrlich und gerade gegenüber ein Pfeilerkasten und ein Etablissement, ein schmales Bett und ein breiter Schrank. In dem Pfeilerkasten residieren sicherlich Hüte und Hauben, und den mächtigen Schrank habe ich in Verdacht, trotz seiner eingelegten Flügeltüren und gewundenen Säulen doch nur ein Kleider- und Wäschebehältnis zu sein. Das Etablissement besteht aus einem Kanapee, einem Tisch, zwei Fauteuils und vier Stühlen, alles dünnbeinig, und die Sitzmöbel mit einem Wollenstoff überzogen, auf dem seit unvordenklichen Zeiten indische Schützen ihre Pfeile auf phantastische Vögel anlegen, die, inmitten zierlicher Arabesken thronend, das tödliche Geschoß getrosten Mutes erwarten. – Das Bett ist mit glattem, grünem, auf einen Rahmen gespanntem Zeuge überdeckt, und über dem Bett hängt das Porträt des Herrn Hofrates selig. Ein freundlicher alter Herr im schwarzen Frack mit hoher, weißer Krawatte, das Kommandeurkreuz des Leopold-Ordens an rotem Bande um den Hals. Er trägt einen etwas zu reichen Haarschmuck, der nicht auf seinem Kopfe gewachsen zu sein scheint. Die Augen sind klein, die Nase ist groß, gebogen und messerrückendünn, der Mund eingekniffen, das Kinn spitzig, und man kann nicht genug darüber staunen, daß so scharfe Züge soviel Milde auszudrücken vermögen. Unwillkürlich denkt man: Der hat seiner Umgebung das Leben leicht gemacht! Und diesen Gedanken äußern heißt, der Hofrätin eine Freude bereiten. Sie hat mit ihrem Mann eine sehr glückliche Ehe geführt, obwohl sie ihn dereinst lange schmachten ließ, bevor sie die Seine wurde.

Er hatte sie in Paris kennengelernt, wo sie ihre Jugend als Erzieherin der einzigen Tochter der Herzogin von P. zubrachte und er als Beamter an der österreichischen Botschaft angestellt war. Wie der Blitz schlug die Liebe in sein Herz ein. Von ihrer göttlichen Zuversicht und dem Glauben an Erwiderung erfüllt, warb er um die Hand Fräulein Helenens und erhielt ein wohlgeflochtenes Körblein. Sie sprach ihren Dank für den ehrenvollen Antrag aus und den Entschluß, ihren teuern Zögling nicht zu verlassen, bevor dessen Erziehung beendet sei.

Aus Verzweiflung über die erlittene Enttäuschung stürzte sich der abgewiesene Freier – in die Arme einer hübschen Französin, deren Neigung bis jetzt von ihm verschmäht worden war. Ein paar Jahre hindurch quälte ihn das verwöhnte und kränkliche Geschöpfchen mit eifersüchtigen und andern Launen, dann starb es und hinterließ ihm ein zartes Töchterlein, das sein Dasein erst nach Monden zählte. Bald nach dem Tode seiner Frau wurde der Beamte zu einem höheren Posten befördert und nach der Heimat zurückberufen. Dort setzte er seine Laufbahn fort und erlaubte sich, alljährlich an Fräulein Helene ein ehrfurchtsvolles, ein wenig steif gehaltenes Schreiben zu richten, in dem er nach ihrem werten Befinden fragte und kurzen Bericht über das seiner kleinen Dora erstattete. Darauf wurde ihm regelmäßig eine freundliche Antwort zuteil.

So ging es fort, bis ihm die Kunde zukam, daß die Tochter der Herzogin im Begriff stehe, sich zu verheiraten, und nun beeilte er sich, ihrer Erzieherin seinen vor Jahren gemachten Antrag zu erneuern. Er tat es in warmen Worten und nicht nur in Berücksichtigung des eigenen, sondern auch des Wohles seiner Tochter. Diese setzte zum Zeichen, daß sie den Schritt billige, ihren Namen neben den seinen unter das inhaltreiche Schriftstück. Sie tat es mit Buchstaben, die so groß waren wie Fingerhüte und eine verhängnisvolle Ähnlichkeit mit Runen hatten. Sie gaben Zeugnis von einem bedenklich niedrigen Bildungsgrade des achtjährigen Kindes. Vielleicht trug gerade dieser Umstand zu der Einwilligung bei, mit der die Erzieherin ihren standhaften Bewerber jetzt beglückte. Bald darauf verließ sie das Haus, das ihr in der Fremde ein heimisches geworden war, um daheim ein fremdes zu beziehen. Die alte Herzogin klagte, daß sie zwei Töchter zugleich verliere; man machte für die Zukunft allerlei Wiedervereinigungspläne, allein sie gingen nicht in Erfüllung. Man sah einander nie wieder, blieb aber immer in schriftlichem Verkehr.

Die Nachrichten, die Frau Helene von sich, von Mann und Kind zu geben hatte, waren durchweg gute. Später gesellten sich zu dem Stieftöchterchen eigene Kinder, die von ihrer Mutter sehr geliebt und gut erzogen wurden, nicht mehr und nicht besser jedoch als Dora, für die Helene eine wahrhaft mütterliche Empfindung hatte und bewahrte. Die kleine Familie wurde nach und nach eine große, und als der Tod des Hofrats eine schmerzliche Lücke in dieselbe riß, blieb seine Witwe der Mittelpunkt der Liebe und Verehrung ihrer Kinder und einer zahlreichen, zum Teil auch schon herangewachsenen Enkelschar. Niemals aber erstickte im Herzen dieser Frau das Interesse für ihre Angehörigen jenes für fremdes Wohl und Weh. Sie darf wohl fragen: »Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Brüder?« Sie macht das Wort lebendig: »Kommet zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid«, und jeder, dem daran gelegen ist, sich bei ihr einzuschmeicheln, der ergreift das sicherste Mittel dazu und hilft ihr – helfen.

So tue auch ich nach meinen schwachen Kräften und werde reich belohnt für die lobsüchtige Emsigkeit, die ich dabei entfalte. Vor kurzem erst bot sich eine Gelegenheit, den besonderen Dank meiner Gönnerin zu verdienen. Sie hatte allen ihren Bekannten aufgetragen, für ein junges Mädchen, das ihrem Schutze empfohlen war, eine Stelle als Erzieherin in einem achtungswerten Hause ausfindig zu machen. Nun ließ mein guter Freund, der Zufall, mich das Gesuchte an einem Tage entdecken, an dem mich die Hofrätin, ein weiblicher Gleim, »auf einen Kuß und einen Kaffee« zu sich geladen hatte.

O große Wonne! Ich brauchte nicht meine herrliche Neuigkeit durch ein völlig gleichgültiges Blatt Papier übermitteln zu lassen, ich konnte sie selbst bringen und glückliche Zeugin der Freude sein, die hervorzurufen ich nicht verfehlen konnte.

Frohlockend trat ich vor die Hofrätin, schwang triumphierend meinen bereits bis zur Hälfte gediehenen Bettlerstrumpf und sprach: »Ich hab’s! ich hab’s!… Eine Stelle, besser als gut … ein Haus, mehr als achtungswert … alle Erwartungen übertroffen!«

Die alte Frau reichte mir beide Hände: »Ah – wirklich – nein – Sie sind … Nehmen Sie Platz!«

Sie setzte sich in die Ecke ihres Kanapees, ich mich ihr gegenüber, auf einen Fauteuil, den ich immer mit Vergnügen einnehme, obwohl er Schuld an manchem blauen Fleck an meinen Ellenbogen trägt.

»Das Haus also mehr als achtungswert? Jetzt bitte ich aber, es mir zu nennen.«

Ich tat es, und sie wurde plötzlich ernst: »Da ist ja kürzlich die Frau gestorben.«

»Ganz recht. Zwei kleine Mädchen sind zurückgeblieben. Allerliebste Kinder, an denen Mutterstelle zu vertreten …«

»Niemand vermag!« fiel sie mir ins Wort. »Niemand auf Erden. Mutterstelle vertritt niemand.«

»Sie sagen das?… Sie?… Ihre Stieftochter ist andrer Meinung.«

Sie beantwortete meinen Einwand nicht. Ich war im Zweifel, ob sie ihn gehört hatte, so vertieft schien sie in ihre eigenen Gedanken. Nach einer Pause des Nachsinnens sprach sie: »Der Vater dieser Kinder ist noch jung, soviel ich weiß … Er wird sich wohl wieder verheiraten?«

»Das glaube ich nicht. Er hat seine verstorbene Frau zu sehr geliebt.«

Ich begann ihn herauszustreichen, soviel ich konnte und mit dem besten Rechte auch durfte. Ich erzählte, welch ein treuer, redlicher Mensch und zärtlicher Vater er sei.

Sie hörte mir aufmerksam zu, allein je mehr ich ihn lobte, desto enttäuschter schien sie zu werden.

»Er trauert um seine Frau, er beschäftigt sich viel mit seinen Kindern. Das ist schlimm«, sagte sie endlich. »Nein, nein – ich danke Ihnen, aber die Stelle paßt nicht für meinen Schützling.«

Ich muß gestehen, daß diese Äußerung mich verdroß und daß ich augenblicklich so unangenehm wurde, wie gutmütige Leute zu werden pflegen, wenn man ihnen eine Gelegenheit verdirbt, sich nützlich zu erweisen.

Eine lange Kontroverse begann. Ich geriet in Eifer, mir scheint sogar, daß ich Bosheiten sagte.

Die Hofrätin bemühte sich, mich zu beschwichtigen. »Ärgern Sie sich nicht«, sprach sie. »Was kommt dabei heraus? – Daß Sie jedes Ihrer Worte bereuen werden und daß ich meine Weigerung doch nicht zurücknehme. Ich habe meine Gründe dafür. Wenn Sie wüßten! – Gute Gründe, aus einer eigenen Erfahrung geschöpft.«

Ich bat sie, mir dieselben mitzuteilen, und sie wollte im Anfang nichts davon wissen. Sie hatte »von dieser Geschichte« nur einmal in ihrem Leben gesprochen, und zwar mit ihrem seligen Mann, am Tage vor der Verlobung. Sie konnte sich nur schwer entschließen, die alten, schlummernden Erinnerungen wiederzuerwecken. Endlich jedoch gab sie meinem Flehen und Drängen nach und begann: