Zweites Kapitel.


Zweites Kapitel.

Mrs. General.

Es ist unerläßlich, die vollendete Dame vorzustellen, die bedeutend genug im Gefolge der Familie Dorrit war, um ihre eigne Linie im Fremdenbuch zu haben.

Mrs. General war die Tochter eines geistlichen Würdenträgers an einem Bischofssitz, wo sie den Ton angegeben, bis sie so nahe an fünfundvierzig war, wie es eine einzelne Dame sein kann. Ein steifer Kommissariatsbeamter von sechzig Jahren, bekannt als ein Mann, der auf strenge Zucht hielt, verliebte sich zu dieser Zeit in die Anstandsgefühle, die sie vierspännig durch die Bischofsstadt kutschierte, und hatte darum angehalten, neben ihr seinen Sitz auf dem Zeremonienwagen nehmen zu dürfen, an den dieses Gespann geschirrt war. Nachdem sein Heiratsantrag von der Dame angenommen worden, nahm der Beamte seinen Sitz hinter den Anstandsgefühlen mit großer Ehrbarkeit ein, und Mrs. General lenkte die Zügel, bis er starb. Im Verlauf ihrer gemeinsamen Reisen überfuhren sie verschiedene Leute, die den Anstandsgefühlen in den Weg kamen; aber immer großartig und mit äußerster Ruhe.

Nachdem der Kommissariatsbeamte mit allem dem Dienst entsprechenden Aufwande begraben worden (das ganze Gespann von Anstandsgefühlen war an seinen Leichenwagen geschirrt, und sie hatten alle Federn und schwarze Samtschabracken mit seinem Wappenschild in der Ecke), begann Mrs. General nachzuprüfen, welche Masse Staub und Asche bei den Bankiers deponiert sei. Es wurde ruchbar, daß der Kommissariatsbeamte in der Stille Mrs. General zuvorgekommen und sich einige Jahre vor der Hochzeit eine Leibrente gekauft, welchen Umstand er verschwiegen hatte, indem er zur Zeit seiner Bewerbung vorgab, sein Einkommen datiere von den Zinsen seines Vermögens. Mrs. General sah infolgedessen ihre Mittel so verringert, daß, wenn sie nicht mit ihrem Verstande sehr im reinen gewesen, sie sich hätte veranlaßt fühlen können, die Richtigkeit des Teiles der Leichenrede zu bezweifeln, der behauptete, der Kommissariatsbeamte könne nichts mit sich hinübernehmen.

In dieser Lage kam Mrs. General auf den Gedanken, sie wolle sich der »Geistesbildung« und gesellschaftlichen Erziehung einer jungen vornehmen Dame widmen. Oder auch die Anstandsgefühle an den Wagen einer reichen jungen Erbin oder einer Witwe schirren und zu gleicher Zeit Kutscher und Schaffner eines solchen Fuhrwerks durch die sozialen Irrgänge werden. Die Mitteilung, die Mrs. General ihren geistlichen und kommissariatlichen Bekanntschaften von dieser Idee machte, fand so warmen Beifall, daß, wenn die Verdienste der Dame nicht so außer allem Zweifel gestanden hätten, die Vermutung nahegelegen wäre, man wolle sie los werden. Zeugnisse, die Mrs. General als ein Wunder von Frömmigkeit, Gelehrsamkeit, Tugend und feiner Lebensart schilderten, wurden von einflußreichen Quartieren verschwenderisch beigesteuert, und ein ehrwürdiger Archidiakon vergoß sogar Tränen, wenn er an sein Zeugnis über die Vollkommenheiten (die ihm von Leuten, auf die er sich verlassen konnte, geschildert wurden) dachte, obgleich er nie in seinem ganzen Leben die Ehre und den sittlichen Genuß gehabt, seine Blicke auf Mrs. General ruhen zu lassen.

So gleichsam von Kirche und Staat zu ihrer Mission beordert, fühlte sich Mrs. General, die immer auf vornehmem Boden gewandelt, in der Lage, diesen zu behaupten, und begann damit, ein sehr stolzes Gesicht zur Schau zu tragen. Es trat eine Zwischenzeit von einiger Dauer ein, während der nicht auf Mrs. General geboten wurde. Endlich eröffnete ein gräflicher Witwer mit einer Tochter von vierzehn Jahren Unterhandlungen mit der Dame, und da es entweder im Charakter der angeborenen Würde oder der künstlichen Politik von Mrs. General lag (sicher jedoch eines von beiden), sich dabei zu benehmen, als wäre sie weit mehr die Gesuchte, denn die Suchende, verfolgte der Witwer Mrs. General, bis es ihm gelang, sie zu bewegen, seiner Tochter Geist und Sitten beizubringen.

Die Durchführung dieser Aufgabe beschäftigte Mrs. General ungefähr sieben Jahre. Währenddessen machte sie die Tour durch Europa und sah den größten Teil jenes umfangreichen Durcheinanders von Dingen, die wesentlich jeder Mensch von seiner Bildung mit den Augen andrer Leute und niemals mit den seinen sehen sollte. Als ihre Aufgabe endlich gelöst war, hatte sich nicht nur die junge Dame, sondern gleicherweise auch ihr Vater, der Witwer, zum Heiraten entschlossen. Der Witwer, der nun Mrs. General unbequem und kostspielig zu finden begann, wurde beinahe ebenso vernarrt in ihre Verdienste, als es der Archidiakonus gewesen, und verbreitete solche Lobeserhebungen ihres ausnehmenden Wertes in allen Quartieren, wo er glaubte, es könne sich eine Gelegenheit bieten, ihren Segen auf jemand andern zu übertragen, daß Mrs. General ein geschätzterer Name denn je war.

Der Phönix stand auf dieser erhabenen Stange zu vermieten, als Mr. Dorrit, der in jüngster Zeit in den Besitz seiner Erbschaft gekommen war, seinen Bankiers gegenüber erwähnte, er wünsche eine feingebildete, gesittete, mit der guten Gesellschaft bekannte und vertraute Dame zu finden, die geeignet wäre, zu gleicher Zeit die Erziehung seiner Töchter zu übernehmen und als Ehrendame oder Anstandswauwau zu dienen. Mr. Dorrits Bankiers, als die Bankiers des gräflichen Witwers, sagten augenblicklich: »Mrs. General.«

Dem Lichte folgend, das ihm so glücklich aufgegangen, und das einstimmige Urteil der ganzen Bekanntschaft von Mrs. General so erhaben findend, wie wir bereits erwähnt, nahm sich Mr. Dorrit die Mühe, sich nach der Grafschaft des gräflichen Witwers zu begeben und Mrs. General kennenzulernen, in der er eine Dame fand, die seine höchsten Erwartungen übertraf. »Entschuldigen Sie mich«, sagte Mr. Dorrit, »wenn ich Sie frage – ha – welche Belohn –«

»Nein,« versetzte Mrs. General, ihn unterbrechend, »das ist eine Sache, auf die ich lieber nicht eingehen möchte. Ich habe nie darüber mit meinen Freunden hier verhandelt, und ich kann die Delikatesse, mit der ich diese Sache stets betrachtet, Mr. Dorrit, nicht überwinden. Ich bin keine Gouvernante, wie Sie bemerkt haben werden –«

»O, gewiß nicht!« sagte Mr. Dorrit. »Bitte, Madame, glauben Sie nicht einen Augenblick, daß ich so etwas denke.« Er errötete wirklich, daß man ihn habe in solchem Verdacht haben können.

Mrs. General neigte feierlich den Kopf. »Ich kann deshalb nicht einen Preis auf Dienste setzen, die ich mit Vergnügen leiste, wenn ich sie freiwillig leisten kann, die ich jedoch als Ersatz unter keiner Bedingung zu leisten imstande wäre. Auch weiß ich nicht, wie und wo ich einen Fall finden sollte, der dem meinen ähnlich wäre. Er ist einzig in seiner Art.«

»Allerdings. Aber wie sollte man denn«, bemerkte Mr. Dorrit ganz natürlich, »die Sache anfangen?«

»Ich kann nichts dagegen einwenden,« sagte Mrs. General, »obgleich selbst das mir unangenehm ist, wenn Mr. Dorrit im Vertrauen meine Freunde fragt, wieviel sie vierteljährlich an meine Bankiers auszubezahlen gewohnt waren.«

Mr. Dorrit verbeugte sich zustimmend.

»Erlauben Sie mir, hinzuzufügen,« sagte Mrs. General, »daß ich mich nicht weiter auf dieses Kapitel einlassen werde. Ferner, daß ich keine zweite oder untergeordnete Stellung einnehmen kann. Wenn mir die Ehre zuteil würde, Mr. Dorrits Familie kennenzulernen – ich glaube, von zwei Töchtern war die Rede?«

»Zwei Töchter.«

»So könnte ich es nur unter der Bedingung vollkommener Gleichheit, als Gesellschafterin, Beschützerin, Mentor und Freundin annehmen.«

Mr. Dorrit kam es trotz des Bewußtseins seiner Würde vor, als ob es wirklich eine Freundlichkeit wäre, wenn sie es überhaupt unter irgendeiner Bedingung annähme. Er ließ dies beinahe in seinen Worten merken.

»Ich glaube,« wiederholte Mrs. General, »von zwei Töchtern war die Rede.«

»Zwei Töchter,« sagte Mr. Dorrit wieder.

»Es würde deshalb nötig sein,« sagte Mrs. General, »ein Drittel mehr zu der Summe hinzuzufügen (wie groß immer ihr Betrag auch sein mag), die meine Freunde hier bei meinen Bankiers niederzulegen gewohnt waren.«

Mr. Dorrit verlor keine Zeit, die delikate Frage dem gräflichen Witwer vorzulegen, und da er fand, daß dieser gewohnt war, jährlich dreihundert Pfund an die Bankiers von Mrs. General zu bezahlen, kam er, ohne seine Arithmetik besonders anzustrengen, zu dem Resultat, daß er vier bezahlen müsse. Da Mrs. General ein Artikel von jener glänzenden Außenseite war, der einen glauben macht, daß sie jeden Preises wert sei, so machte er ihr den förmlichen Antrag, ihm zu gestatten, sie als ein Glied seiner Familie zu betrachten. Mrs. General bewilligte das stolze Privilegium und gehörte von nun an zur Familie.

Persönlich war Mrs. General, mit Einschluß ihrer Toiletten, die eine bedeutende Rolle dabei spielten, von würdiger, imposanter Erscheinung: groß, rauschend und sehr umfangreich; beständig aufrecht hinter ihren Anstandsgefühlen. Man hätte sie nach den Höhen der Alpen und den Tiefen von Herkulanum mitnehmen können, und nahm sie auch mit, ohne daß eine Falte ihres Kleides aus der Ordnung gekommen oder eine Stecknadel verrückt worden wäre. Wenn ihr Gesicht und ihr Haar ein ziemlich mehliges Aussehen hatten, als wenn dies vom Aufenthalt in einer außerordentlich eleganten Mühle käme, so war dies eher darum der Fall, weil sie überhaupt eine kreidige Natur, als weil sie ihre Gesichtsfarbe mit Veilchenpulver aufbesserte oder grau geworden war. Wenn ihre Augen keinen Ausdruck besaßen, so war dies wohl deshalb der Fall, weil sie nichts auszudrücken hatten. Wenn sie wenig Runzeln besaß, so war es, weil ihr Geist nie seinen Namen oder eine Inschrift auf ihr Gesicht gezeichnet. Eine kalte, wachsartige, ausgelöschte Person, die niemals gut geleuchtet hatte.

Mrs. General hatte keine Meinungen. Ihre Art, einen Geist zu bilden, war die, daß sie ihn hütete, sich Meinungen zu bilden. Sie hatte eine kleine Anzahl kreisförmiger geistiger Rinnen oder Schienen, auf denen sie kleine Züge von andrer Leute Meinungen führte, die sich niemals überholten und nie irgendwohin kamen. Selbst ihr Anstandsgefühl konnte nicht bestreiten, daß es Unanständigkeit in der Welt gebe; aber Mrs. Generals Art, sich davon loszumachen, war, dergleichen aus dem Gesichtskreis zu rücken und glauben zu lassen, daß das gar nicht existiere. Dies war eine zweite Art, wie sie den Geist bildete – alle schwierigen Dinge in Schränke zu kramen, diese zuzuschließen und zu behaupten, sie existierten nicht. Es war die leichteste Art und ohne Vergleich die anständigste.

Mrs. General konnte nichts Angreifendes hören. Unglücksfälle, Jammer und Mißhandlungen durften nie vor ihr erwähnt werden. Leidenschaft schlief gewöhnlich in Mrs. Generals Gegenwart ein und Blut ging in Milch und Wasser über. Das wenige zu firnissen und zu beschönigen, was in der Welt übrigblieb, wenn man alle diese Abzüge gemacht, war Mrs. Generals Aufgabe. In diesem ihrem Bildungsprozeß tauchte sie den kleinsten Pinsel in den größten Topf und firnißte die Oberfläche aller Dinge, die in Betracht kamen. Je mehr Risse eine Sache hatte, desto mehr firnißte sie.

Es war Firnis in Mrs. Generals Stimme, Firnis in Mrs. Generals Berührung, eine Firnisatmosphäre um Mrs. Generals Gestalt. Mrs. Generals Träume waren sicher gefirnißt – wenn sie welche hatte –, als sie in den Armen des guten hl. Bernhard schlief, während der federige Schnee auf seinen Hausgiebel fiel.

Zwanzigstes Kapitel.


Zwanzigstes Kapitel.

Einleitung zum nächsten

Die Passagiere stiegen vom Paketboot an dem Hafendamm von Calais aus. Calais war ein niedrigliegender und niederdrückender Ort in diesem Augenblick, wo die Ebbe aus ihrem niedrigsten Punkte stand. Es war auf der Barre nur noch so viel Wasser, um das Paketboot hereinzulassen; und nun sah die Barre selbst, während eine seichte Brandung sich darüber hinwälzte, wie ein träges, eben an die Oberfläche gekommenes Seeungeheuer aus, dessen Gestalt nur undeutlich zu unterscheiden war, während es so schlafend dalag. Der hagere, ganz weiße Leuchtturm, der wie ein Gespenst am Meeresufer umging, als wäre er der Geist eines Gebäudes, das einst Farbe und Rundung gehabt, weinte melancholische Tränen, wenn die See gegen ihn angestürmt. Die langen Reihen nackter, schwarzer Pfähle, schleimig und naß und wasserzerfressen, mit Leichenkränzen von Seetang, die die letzte Flut ihnen umgewunden, hätten einen unheimlich aussehenden Meereskirchhof vorstellen können. Jeder wellenumbrauste, windumsauste Gegenstand erschien unter dem weiten, grauen Himmel, in dem Lärm von Wind und Meer und vor den krausen Gestalten der Brandung, die sich wild an ihnen brach, so niedrig und klein, daß man sich wundern mußte, daß es überhaupt noch ein Calais gab und daß seine niedrigen Tore und niedrigen Mauern und niedrigen Dächer und niedrigen Gräben und niedrigen Dünen und niedrigen Festungsgräben und flachen Straßen nicht längst der unterwühlenden und belagernden See zur Beute geworden wie die Festungen, die die Kinder am Meeresufer bauen.

Nach vielfachem Ausgleiten zwischen schleimigen Pfählen und Planken, vielfachem Stolpern auf nassen Treppen und mancher Überwindung der Schwierigkeiten, die das Salzwasser bot, traten die Passagiere ihre trostlose Wanderung über den Hafendamm an, wo alle französischen Vagabunden und englischen Flüchtlinge der Stadt (die Hälfte der Bevölkerung) sie erwarteten, um sie von ihrer Verwirrung sich nicht erholen zu lassen. Nachdem alle Engländer sie aufmerksam besichtigt und alle Franzosen als Beute in Anspruch genommen und sich streitig gemacht und endlich Beschlag auf sie gelegt hatten, durften sie, nachdem sie ein meilenlanges Handgemenge durchgemacht hatten, endlich die Straßen betreten und hitzig verfolgt ihre verschiedenen Richtungen einschlagen.

Clennam, den mehr als eine Sorge in Anspruch nahm, war unter diesen Opfern. Nachdem er die Wehrlosesten unter seinen Landsleuten aus dieser äußerst peinlichen Lage befreit hatte, ging er allein seines Weges oder eigentlich so allein, wie es möglich war, verfolgt von einem eingeborenen Herrn in einem schmierigen Anzug und einer Mütze von derselben Beschaffenheit, der ihm in einer Entfernung von fünfzig Schritt nacheilte und ihm beständig in geradebrechtem Englisch nachrief: »Sir! Sir! halten Sie! Ich führe Sie nach dem schönsten Hotel!«

Aber selbst dieser gastfreundliche Mann mußte zuletzt zurückbleiben, und Clennam setzte seinen Weg unbelästigt fort. Die Stadt hatte ein ruhiges, stilles Aussehen nach dem Lärm des Kanals und des Strandes, und die Öde hatte im Vergleich damit sogar etwas Angenehmes. Er begegnete neuen Gruppen seiner Landsleute, die alle ein wucherpflanzenartiges Aussehen hatten, als wenn sie einmal zu stark geblüht hätten, wie gewisse ungesunde Arten von Blumen, und wären nun reines Unkraut; sie hatten den Anstrich, als wenn sie Tag für Tag in einem beschränkten Raum die Runde machten, was ihn stark an das Marschallgefängnis erinnerte. Aber ohne weiter Notiz von ihnen zu nehmen, als genügte, um diesen Gedanken in ihm wachzurufen, suchte er eine gewisse Straße und Hausnummer auf, die er im Kopfe hatte.

»Pancks nannte mir dies«, murmelte er vor sich hin, als er vor einem düstern Hause stillhielt, das mit seiner Adresse korrespondierte. »Ich denke, seine Weisung wird richtig sein und seine Entdeckung unter Mr. Casbys zerstreuten Papieren unbestreitbar, sonst würde ich dies schwerlich für das richtige Haus gehalten haben.«

Ein totes Haus mit einer kahlen Mauer gegenüber und einem öden Torweg an der Seite, wo ein hängender Glockengriff ein totes Geklingel und ein Klopfer ein totes, mattes Geklopf hervorbrachte, das nicht kräftig genug zu sein schien, um selbst durch die geborstene Tür durchzudringen. Die Tür ging jedoch langsam durch eine tote Springfeder auf, und er schloß sie hinter sich, als er in einen stillen Hof trat, den bald eine andere kahle Wand abschloß, an der man den Versuch gemacht, einige Schlinggewächse emporzuziehen, die jedoch abgestorben waren; auch hatte man einen kleinen Springbrunnen in einer Grotte angelegt, er war jedoch vertrocknet; die kleine Statuette, die man darauf angebracht, war zerbrochen.

Der Eingang in dies Haus war zur Linken und war wie der äußere Torweg mit zwei gedruckten Anschlägen in französischer und englischer Sprache geschmückt, die meldeten, daß hier augenblicklich möblierte Zimmer zu vermieten seien. Eine kräftige, muntere Bauerfrau, ganz Strumpf, Unterrock, weiße Mütze und Ohrring, stand hier in einem dunklen Torweg und sagte, indem sie ihre hübschen, weißen Zähne zeigte, in gebrochenem Englisch: »Was gibt es, Sir? Wen rufen Sie?«

Elennam antwortete auf französisch: Die englische Dame, er wünsche die englische Dame zu sprechen.

»So treten Sie ein und kommen Sie herauf, wenn’s gefällig«, versetzte die Bäuerin jetzt gleichfalls französisch. Er tat beides und folgte ihr eine dunkle kahle Treppe hinauf nach einem hinteren Zimmer des ersten Stocks. Hier hatte man eine düstere Aussicht auf den stillen Hof und die abgestorbenen Schlinggewächse und den vertrockneten Springbrunnen und das Piedestal der zerbrochenen Statuette.

»Monsieur Blandois«, sagte Elennam.

»Mit Vergnügen, Monsieur.«

Darauf entfernte sich die Frau und ließ ihm Zeit, sich in dem Zimmer umzusehen. Es war das Muster eines Zimmers, wie sie in solchen Häusern immer zu finden sind. Kühl, düster und dunkel. Ein gebohnerter, sehr glatter Boden. Ein Zimmer, nicht groß genug, um darin Schlittschuh zu laufen; und ungeeignet zum bequemen Betrieb einer andern Beschäftigung. Rot und weiß verhangene Fenster, eine kleine Strohmatte, ein kleiner runder Tisch mit einer wirren Masse von Beinen, plumpe Strohstühle, zwei große, rotsamtne Armstühle, in denen Platz genug war, um sich unbehaglich zu fühlen, ein Schreibtisch, ein Kaminspiegel aus mehreren Stücken zusammengesetzt, der sich aber das Ansehen gab, als wäre er aus einem Stück, ein paar übertrieben glänzende Vasen mit äußerst künstlichen Blumen: zwischen ihnen ein griechischer Krieger mit abgenommenem Helm, der dem Genius Frankreichs eine Uhr opfert.

Nach einer kurzen Pause ging eine Nebentür auf und eine Dame trat ein. Sie legte großes Erstaunen an den Tag, als sie Clennam sah, und ihr Blick lief im Zimmer umher, als ob sie noch jemand suche.

»Verzeihen Sie, Miß Wade. Ich bin allein.«

»Man hat mir doch nicht Ihren Namen gemeldet?«

»Nein; ich weiß das. Entschuldigen Sie mich. Ich habe bereits die Erfahrung gehabt, daß mein Name Sie nicht gerade sehr zu einer Unterredung mit mir geneigt macht; und ich wagte, den Namen eines Mannes nennen zu lassen, den ich suche.«

»Bitte«, versetzte sie, indem sie ihm so kalt einen Stuhl anbot, daß er stehenblieb, »unter welchem Namen ließen Sie sich melden?«

»Unter dem Namen Blandois.«

»Blandois?«

»Ein Name, den Sie kennen.«

»Es ist seltsam«, sagte sie, indem sie ihre Stirn runzelte, »daß Sie beständig ein Interesse an mir und meinen Bekanntschaften, an mir und meinen Angelegenheiten nehmen, das man gar nicht von Ihnen heischt, Mr. Clennam. Ich weiß nicht, was Sie wollen.«

»Verzeihen Sie. Sie kennen jenen Namen?«

»Was können Sie mit dem Namen zu schaffen haben? Was kann ich mit dem Namen zu schaffen haben? Was geht es Sie an, ob ich irgendeinen Namen kenne oder nicht? Ich kenne viele Namen und habe noch mehr vergessen. Dieser kann zu der einen oder zu der andern Klasse gehören, oder ich habe ihn vielleicht auch nie vernommen. Ich kenne keinen Grund, warum ich mich darüber besinnen oder mich nach ihm fragen lassen sollte.«

»Wenn Sie mir erlauben wollen«, sagte Clennam, »so werde ich Ihnen den Grund sagen, weshalb ich mich mit so großem Eifer danach erkundige. Ich gebe zu, daß ich zudringlich bin, und ich muß Sie sehr ernstlich um Verzeihung bitten, daß ich es bin. Der Grund rührt ganz von mir her. Ich will durchaus nicht andeuten, daß es irgendwie Ihretwegen geschähe.«

»Gut, Sir«, versetzte sie, indem sie etwas weniger stolz als zuvor ihre frühere Aufforderung, sich zu setzen, wiederholte; – er gehorchte ihr diesmal, da sie das gleiche tat. »Ich freue mich wenigstens zu erfahren, daß es sich nicht abermals um eine Sklavin eines Ihrer Freunde handelt, die nicht frei wählen darf und die ich weggelockt habe. Ich will Ihren Grund hören, wenn’s gefällig ist.«

»Um bei der Person zu bleiben, von der wir sprechen«, sagte Clennam, »lassen Sie mich bemerken, daß es dieselbe Person ist, die Sie vor einiger Zeit in London trafen. Sie werden sich erinnern, es war unweit des Flusses – in Adelphi.«

»Sie mischen sich auf ganz unerklärliche Weise in meine Geschäfte«, antwortete sie und sah ihn mit strenger Unzufriedenheit an. »Wie wissen Sie das?«

»Ich bitte Sie, es nicht übelzunehmen. Durch reinen Zufall.«

»Wie durch Zufall?«

»Durch den einfachen Zufall, daß ich in der Straße hinter Ihnen drein ging und Zeuge der Zusammenkunft war.«

»Sprechen Sie von sich selbst oder von sonst jemand?«

»Von mir selbst. Ich sah es.«

»Allerdings war es auf offener Straße«, bemerkte sie, nachdem sie einige Augenblicke nachgedacht und ihr Ärger nachgelassen hatte, »fünfzig Leute hätten es sehen können. Es würde nichts ausgemacht haben.«

»Ich lege auch keine Bedeutung darauf, es gesehen zu haben; ebensowenig bringe ich meinen Besuch (außer als eine Erklärung, daß ich überhaupt hierherkomme) oder die Gunst, die ich mir von Ihnen zu erbitten habe, in irgendwelche Verbindung damit.«

»Oh! Sie haben von mir eine Gunst zu erbitten! Es dünkt mich«, und das schöne Gesicht sah ihn bitter an, »als wenn Sie milder geworden wären, Mr. Clennam.«

Er begnügte sich, mit einer leichten Handbewegung dagegen zu protestieren, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Dann erwähnte er Blandois‘ Verschwinden, von dem sie wahrscheinlich gehört hätte? Nein. So unwahrscheinlich es ihn auch dünken möge, habe sie doch nichts davon gehört. Er möge sich umsehen (sagte sie) und selbst urteilen, wie eine allgemeine Kunde zu dem Ohr einer Frau dringen könne, die hier, ganz ihrem Schmerze lebend, wohne. Als sie diese Verneinung ausgesprochen, an deren Wahrheit er glaubte, fragte sie ihn, was es mit dem Verschwinden für eine Bewandtnis habe? Dies veranlaßte ihn, die Umstände ausführlich zu erzählen, und seinen lebhaften Wunsch zu erkennen zu geben, zu erfahren, was wirklich aus dem Mann geworden, um den schwarzen Verdacht zu verscheuchen, der auf seiner Mutter Haus lastete. Sie hörte ihn mit sichtlichem Staunen an und verriet mehr heimliche Teilnahme, als er bisher an ihr bemerkt hatte; aber dennoch änderte sich dadurch nichts Wesentliches in ihrem fernhaltenden, stolzen und verschlossenen Wesen. Als er zu Ende war, sagte sie nichts als die Worte:

»Sie haben mir noch nicht gesagt, was die Sache mich angeht und welche Gunst Sie von mir fordern. Wollen Sie die Güte haben, jetzt darauf zu kommen?«

»Ich setze voraus«, sagte Arthur, noch immer bemüht, ihr verächtliches stolzes Benehmen zu besänftigen, »daß, da Sie im Verkehr – darf ich sagen, im vertrauten Verkehr? – mit dieser Person stehen –«

»Sie können natürlich sagen, was Ihnen beliebt«, bemerkte sie, »aber ich unterschreibe Ihre Voraussetzungen nicht, Mr. Clennam, so wenig wie die jedes andern.«

»– daß, da Sie wenigstens im persönlichen Verkehr mit ihm stehen«, sagte Clennam, seine Worte anders stellend, um einem neuen Widerspruch zu begegnen, »Sie mir etwas von seinem früheren Tun und Treiben, seinen Erlebnissen, seinem gewöhnlichen Wohnorte werden sagen können, daß Sie mir eine Andeutung an die Hand geben können, um ihn am ehesten aufzufinden und ihn entweder herbeizuschaffen oder nachzuweisen, was aus ihm geworden ist. Das ist die Gefälligkeit, die ich mir von Ihnen erbitte, und ich erbitte sie in einer Seelenpein, auf die Sie einige Rücksicht nehmen werden. Wenn Sie irgendeinen Grund haben, mir Bedingungen aufzuerlegen, so werde ich ihn achten, ohne weiter danach zu fragen.«

»Sie haben mich zufällig mit dem Manne auf der Straße gesehen«, bemerkte sie, nachdem sie sehr zu seinem Verdruß sich offenbar mehr mit ihren eigenen Gedanken über diese Sache als mit seiner Bitte beschäftigt hatte. »Sie kannten also den Mann früher?«

»Nicht früher: ich lernte ihn erst später kennen. Ich habe ihn nie zuvor gesehen, aber ich sah ihn wieder in jener Nacht, als er verschwunden ist. Wirklich in meiner Mutter Hause. Dort verließ ich ihn. Sie werden in diesem Blatt alles finden, was von ihm bekannt ist.«

Er übergab ihr einen der gedruckten Zettel, den sie mit ruhigem und aufmerksamem Gesicht las.

»Das ist mehr, als ich von ihm wußte«, sagte sie und gab das Blatt zurück.

Clennams Blick gab seine schmerzliche Enttäuschung zu erkennen, vielleicht sogar seinen Unglauben; denn sie fügte in dem gleichen teilnahmslosen Tone hinzu: »Sie glauben es nicht. Und doch ist dem so. Was den persönlichen Verkehr betrifft, so scheint es mir, daß er im persönlichen Verkehr mit Ihrer Mutter stand: Und dennoch sagen Sie, Sie glaubten ihrer Erklärung, daß sie nicht mehr von ihm wisse.«

Es lag ein so deutlicher Verdacht in diesen Worten und dem Lächeln, das sie begleitete, daß Clennam das Blut in die Wangen schoß.

»Nun, Sir«, sagte sie mit einem grausamen Vergnügen den Stich wiederholend, »ich will offen gegen Sie sein, wie Sie nur immer wünschen mögen. Ich will gestehen, daß, wenn mir etwas an meinem Ruf läge (was nicht der Fall ist) oder ich mir einen guten Namen zu erhalten hätte (was wieder nicht der Fall ist, denn es ist außerordentlich gleichgültig, ob er für gut oder schlecht gilt), so würde ich mich für schwer kompromittiert halten, daß ich irgend etwas mit diesem Menschen zu tun gehabt habe. Aber er schritt nie über meine Schwelle – noch hat er je mit mir bis Mitternacht zusammengesessen.«

Sie rächte ihren alten Groll, indem sie so die Sache gegen ihn kehrte. Es lag nicht in ihrer Natur, zu schonen, und sie hatte kein Mitleid. »Daß er ein gemeiner, für Geld zu habender Mann ist: daß ich ihn zuerst in Italien fand, wo er sich herumtrieb (und wo ich vor nicht langer Zeit war), und daß ich ihn dort als das geeignetste Werkzeug für einen Zweck, den ich gerade verfolgte, in Sold nahm, will ich Ihnen offen gestehen. Kurz, ich hielt es für der Mühe wert, zu meinem Vergnügen – zur Befriedigung eines sehr lebhaften Gefühls – einen Spion zu bezahlen, der mir für Geld zutrug, was ich wissen wollte. Ich bezahlte diese Kreatur. Und ich darf wohl sagen, wenn ich ihn zu einem solchen Geschäft gebraucht und wenn ich ihm genug hätte bezahlen können und wenn er es im Dunkeln tun gekonnt, ohne etwas zu riskieren, er würde jemand mit ebensowenig Bedenken das Leben genommen haben, wie er mein Geld nahm. Das ist wenigstens meine Meinung von ihm; und ich sehe, sie ist nicht sehr von der Ihrigen verschieden. Die Ansicht Ihrer Mutter von ihm, darf ich wohl annehmen (indem ich Ihrem Beispiele folge, dies und jenes anzunehmen), war eine ganz andere.«

»Meine Mutter, lassen Sie mich Ihnen sagen«, versetzte Clennam, »kam erst im unglücklichen Verlauf des Geschäftes mit ihm in Verkehr.«

»Es scheint mir ein unglückliches Geschäft gewesen zu sein, das ihn mit ihr in Verkehr brachte«, versetzte Miß Wade; »und die Geschäftsstunden waren bei dieser Gelegenheit sehr spät.«

»Sie wollen zu verstehen geben«, sagte Arthur, unter diesen kaltblütigen Stichen zuckend, deren Kraft er bereits tief gefühlt hatte, »daß noch etwas –«

»Mr. Clennam«, unterbrach sie ihn ruhig, »erinnern Sie sich, daß ich durchaus nicht andeutungsweise von diesem Manne spreche. Er ist, ich sage es noch einmal ohne allen Hehl, eine niedrige Söldnernatur. Ich glaube, ein solches Geschöpf geht überall hin, wo es für sich etwas zu tun findet. Wenn ich nichts für ihn zu tun gehabt hätte, so würden Sie ihn und mich nicht beisammen gesehen haben.«

Gequält von der Beharrlichkeit, mit der sie diese dunkle Seite der Sache, die ihm selbst wie ein flüchtiger Schatten durch die Seele zog, ihm vor Augen hielt, schwieg Clennam.

»Ich sprach von ihm, als ob er noch lebte«, fügte sie hinzu, »aber er kann ebensogut aus irgendeinem Grunde aus dem Wege geschafft worden sein. Mir ist es völlig gleichgültig. Ich habe nichts weiter mit ihm zu schaffen.«

Mit einem schweren Seufzer und verzweifelnder Miene stand Arthur Clennam langsam auf. Sie stand nicht auch auf, sondern sagte, nachdem sie ihn eine Zeitlang mit einem festen Blick voll Argwohn und die Lippen fest zusammengepreßt betrachtet hatte:

»Er war der Lieblingsumgang Ihres werten Freundes Mr. Gowan, nicht wahr? Warum holen Sie sich nicht Rat bei Ihrem werten Freunde?«

Die Antwort, daß er nicht sein werter Freund sei, stand bereits auf Arthurs Lippen; aber er hielt sie zurück, indem er sich an seine alten Kämpfe und Entschlüsse erinnerte, und sagte:

»Anderes, als daß er Blandois nicht gesehen, seitdem dieser von England abgereist ist, weiß Mr. Gowan nichts von ihm. Es war eine zufällige Reisebekanntschaft.«

»Eine zufällige Reisebekanntschaft!« wiederholte sie. »Ja. Ihr werter Freund hat wohl das Bedürfnis, sich mit allen Bekanntschaften, die er machen kann, zu amüsieren, wenn man bedenkt, was für eine Frau er hat. Ich hasse seine Frau, Sir.«

Die Aufgeregtheit und die Leidenschaft, mit der sie dies sagte und die um so auffälliger war, als sie sich sonst so sehr in ihrer Gewalt hatte, fesselte Clennams Aufmerksamkeit und bewog ihn, noch länger zu bleiben. Es blitzte aus ihren dunklen Augen, als sie ihn ansah, zuckte in ihren Nasenflügeln und durchglühte sogar den Atem, den sie ausströmte; auf ihrem Gesicht lag im übrigen eine geringschätzige Ruhe verbreitet, und ihre Haltung war so sicher und stolz, als ob sie völlig gleichgültig gegen alles wäre, was um sie her vorging.

»Alles, was ich sagen will, Miß Wade«, bemerkte er, »ist, daß man Ihnen keinen Anlaß zu einem Gefühl gegeben haben kann, das, wie ich glaube, niemand mit Ihnen teilt.«

»Sie mögen Ihren werten Freund fragen, wenn Sie wollen, was er über diese Sache denkt«, versetzte sie.

»Ich stehe kaum auf so vertrautem Fuße mit meinem werten Freunde«, sagte Arthur, trotz seiner Entschlüsse, »um eine solche Berührung der Sache sehr wahrscheinlich zu machen, Miß Wade.«

»Ich hasse ihn«, versetzte sie. »Mehr als seine Frau noch, weil ich einst töricht genug und treulos genug gegen mich selbst war, ihn fast zu lieben. Sie haben mich nur bei gewöhnlichen Gelegenheiten gesehen, Sir, wo Sie mich vermutlich auch nur für ein gewöhnliches Weib gehalten, höchstens etwas eigenwilliger als die meisten andern sind. Sie wissen nicht, was ich unter Hassen verstehe; Sie können es nicht wissen, ohne zu wissen, mit welcher Sorgfalt ich mich und die Menschen um mich her studiert habe. Aus diesem Grunde hatte ich seit einiger Zeit Lust, Ihnen meine Lebensgeschichte zu erzählen – nicht um Ihre gute Meinung mir zu gewinnen, denn ich lege keinen Wert darauf, sondern damit Sie begreifen, wenn Sie an Ihren werten Freund und an Ihre werte Freundin denken, was ich unter Haß verstehe. Soll ich Ihnen etwas geben, was ich geschrieben und für Sie zurückgelegt habe, oder soll ich es behalten?«

Arthur bat sie, es ihm zu geben. Sie ging nach dem Schreibtisch, schloß ihn auf und holte aus einer verborgenen Schublade einige zusammengelegte Bogen Papier hervor. Ohne ihn im mindesten zu gewinnen zu suchen, ja, kaum die Worte an ihn richtend, sondern eher sprechend, als rechtfertigte sie sich gegen ihren Spiegel wegen ihres Trotzes, sagte sie, indem sie ihm die Papiere gab: »Jetzt werden Sie erfahren, was ich unter Haß verstehe! Genug jedoch davon. Sir, Sie mögen mich nun vorübergehend in einer billigen leeren Londoner Wohnung finden oder in einem Hause von Calais, Sie werden stets Harriet bei mir treffen. Sie möchten sie vielleicht gern sehen, ehe Sie gehen. Harriet, kommen Sie!« Sie rief Harriet noch einmal. Auf das zweite Rufen kam Harriet, einst Tattycoram.

»Hier ist Mr. Clennam«, sagte Miß Wade, »er kommt nicht Ihretwegen; er hat Sie aufgegeben. Ich vermute es wenigstens.«

»Da ich weder Autorität noch Einfluß habe – ja«, stimmte Clennam bei.

»Sie sehen, er sucht Sie nicht, aber er sucht dennoch jemand. Er möchte wissen, wo jener Blandois ist.«

»Mit dem ich Sie am Strand zu London sah«, fügte Arthur als nähere Bezeichnung hinzu.

»Wenn Sie etwas von ihm wissen, Harriet, außer daß er von Venedig kam – was wir alle bereits wissen – so sagen Sie es Mr. Clennam offen.«

»Ich weiß nichts weiter von ihm«, sagte das Mädchen.

»Sind Sie zufrieden?« fragte Miß Wade Arthur.

Er hatte keinen Grund, ihnen nicht zu glauben; das Benehmen des Mädchens war so natürlich, daß es beinahe hätte überzeugend wirken müssen, wenn er früher gezweifelt hätte. Er antwortete: »Ich muß anderswo etwas zu erfahren suchen.«

Er ging nicht im selben Augenblick; aber er war bereits aufgestanden, ehe das Mädchen eintrat, und sie glaubte offenbar, er sei im Begriff zu gehen. Sie sah ihn lebhaft an und sagte:

»Geht es ihnen gut, Sir?«

»Wem?«

Sie unterbrach sich selbst, indem sie im Begriff war zu sagen: »ihnen allen«; sie sah Miß Wade an und sagte: »Mr. und Mrs. Meagles.«

»Jawohl, als ich zuletzt von ihnen hörte, – sie sind nicht in England. Erlauben Sie mir beiläufig eine Frage. Ist es wahr, daß man Sie dort gesehen hat?«

»Wo? Wo will man mich gesehen haben?« versetzte das Mädchen und schlug verdrießlich die Augen nieder.

»Als Sie an der Gartentür des Landhauses standen.«

»Nein«, sagte Miß Wade. »Sie war nie dort.«

»Sie irren sich«, sagte das Mädchen. »Ich ging, als wir das letztemal in London waren, hin. Ich tat es eines Nachmittags, als Sie mich allein ließen. Und ich warf einen Blick hinein.«

»Du armseliges Geschöpf«, versetzte Miß Wade mit unendlicher Verachtung; »hat all unser Zusammensein, haben alle unsere Gespräche und alle Ihre früheren Klagen so wenig bewirken können?«

»Es war ja ganz unschuldig, einen Augenblick hineinzublicken, als ich an der Gartentür stand«, sagte das Mädchen. »Ich bemerkte an den Fenstern, daß die Familie nicht da war.« »Warum gingen Sie in die Nähe jenes Ortes?«

»Weil ich ihn sehen wollte, weil ich fühlte, daß ich gern wieder einmal einen Blick darauf ruhen lassen würde.«

Wie so die beiden hübschen Gesichter sich gegenseitig ansahen, hatte Clennam ein Gefühl, als ob diese beiden Naturen sich beide beständig zerfleischen müßten.

»Oh!« sagte Miß Wade, kalt ihrem Blick gebietend und ihn abwendend, »wenn Sie irgend den Wunsch hatten, den Ort wiederzusehen, wo Sie jenes Leben führten, von dem ich Sie befreite, weil Sie zur Erkenntnis gekommen waren, was das für ein Leben sei, so ist das etwas anderes. Aber ist das Ihre Wahrheit gegen mich? Ist das Ihre Treue gegen mich? Heißt das gemeinschaftliche Sache mit mir machen? Sie sind des Vertrauens nicht würdig, das ich Ihnen geschenkt habe. Sie sind nicht besser als ein Schoßhündchen und täten besser, Sie gingen zu den Leuten zurück, die Ihnen noch mehr als die Peitsche zu kosten geben.«

»Wenn Sie im Beisein eines Dritten so von ihnen sprechen, so werden Sie mich reizen, ihre Partei zu ergreifen«, sagte das Mädchen.

»Kehren Sie zu ihnen zurück«, entgegnete Miß Wade. »Gehen Sie nur zu ihnen zurück.«

»Sie wissen Wohl«, versetzte nun Harriet, »daß ich nie zu ihnen zurückkehren werde. Sie wissen ganz wohl, daß ich mich von ihnen losgesagt habe und nie mehr zu ihnen zurückkehren kann, will und werde. Also sprechen Sie nicht mehr von ihnen, Miß Wade.«

»Sie ziehen ihren Überfluß Ihrer weniger üppigen Kost hier vor«, versetzte sie. »Sie setzen sie hinauf und mich herunter. Was hätte ich sonst von Ihnen erwarten können. Ich hätte es wissen sollen.«

»Dem ist nicht so«, sagte das Mädchen, hochrot werdend, »und Sie sagen nicht, was Sie meinen. Ich weiß, was Sie meinen. Sie machen mir unter der Hand den Vorwurf, daß ich niemand habe als Sie. Und weil ich niemand habe als Sie, glauben Sie, ich solle alles tun und lassen, was Sie wünschen, und solle mir jede Beleidigung von Ihnen gefallen lassen. Sie sind in jeder Hinsicht so schlimm wie jene. Aber ich will mich nicht ganz zahm und unterwürfig machen lassen. Ich sage es noch einmal, daß ich hinging, um mir das Haus anzusehen, weil ich oft gedacht, daß ich es gern noch einmal sehen würde. Ich will mich noch einmal erkundigen, wie sie sich befinden, weil ich sie einst lieb gehabt und bisweilen gedacht habe, sie seien freundlich gegen mich.«

Darauf sagte Clennam, er sei überzeugt, sie würden sie freundlich aufnehmen, wenn sie jemals zurückzukehren wünschen sollte.

»Nie!« sagte das Mädchen leidenschaftlich. »Das werde ich nie tun. Niemand weiß dies besser als Miß Wade, obgleich sie mich schmäht, weil sie mich von sich abhängig gemacht hat. Und ich weiß, daß ich es bin; und ich weiß, daß es ihr außerordentliche Freude macht, wenn sie es mir vorwerfen kann.« »Ein guter Vorwand!« sagte Miß Wade mit nicht weniger Entrüstung, Stolz und Bitterkeit; »aber zu abgenützt, um zu bedecken, was ich klar dahinter sehe. Meine Armut hält den Wettstreit mit deren Geld nicht aus. Es ist besser, auf der Stelle zurückzukehren, besser, auf der Stelle zurückzukehren und damit die Sache abzumachen!«

Arthur Clennam betrachtete sie, wie sie in dem dunklen beschränkten Zimmer unfern voneinander standen, jedes nur seinem Zorn sich stolz hingebend, jedes mit dem festen Entschluß, sein eigenes Herz und das des andern zu peinigen. Er sprach etwas vom Abschiednehmen; aber Miß Wade neigte einfach den Kopf, und Harriet tat mit der geheuchelten Demut einer abhängigen Sklavin (aber dennoch nicht, ohne Trotz), als ob sie zu niedrig stände, um zu beachten oder beachtet zu werden.

Er ging die dunkle Wendeltreppe hinab in den Hof mit einem lebhafteren Gefühl des düstern Eindrucks, den die leere Mauer und die abgestorbenen Gewächse und die vertrocknete Fontäne und die geborstene Statue auf ihn machte. Ganz beschäftigt mit dem Gedanken an das, was er in diesem Hause gesehen und gehört, und an das Fehlschlagen aller seiner Bemühungen, die Spur des verdächtigen Charakters, der verschwunden war, aufzufinden, kehrte er mit demselben Paketboot nach London zurück, das ihn herübergebracht hatte. Auf dem Wege nahm er die Papiere auseinander und las in ihnen, was das nächste Kapitel wiedergibt.

Einundzwanzigstes Kapitel.


Einundzwanzigstes Kapitel.

Die Geschichte einer Selbstquälerin

Ich hatte das Unglück, nicht einfältig zu sein. Schon in frühester Jugend durchschaute ich, was meine Umgebung mir verborgen zu halten dachte. Wäre ich gewöhnlich hintergangen worden, statt daß ich gewöhnlich hinter die Wahrheit kam, so hätte ich so ruhig leben können, wie die meisten Toren leben.

Meine Kindheit verlebte ich bei meiner Großmutter, das heißt bei einer Dame, die diese Stelle bei mir vertrat und diesen Titel für sich in Anspruch nahm. Sie hatte kein Recht auf denselben, aber ich – so töricht war ich doch damals – hegte kein Mißtrauen gegen sie. Sie hatte einige Kinder ihrer eigenen Familie bei sich und einige Kinder von anderen Leuten. Lauter Mädchen, zehn an der Zahl, mich eingerechnet. Wir lebten alle miteinander, wurden alle zusammen erzogen.

Ich muß ungefähr zwölf Jahre alt gewesen sein, als ich zu merken anfing, wie entschlossen diese Mädchen waren, mich zu bevormunden. Man sagte mir, ich sei eine Waise. Es war keine andere Waise unter uns; und ich bemerkte (das war der erste Nachteil, nicht einfältig zu sein), daß sie mich mit einem zudringlichen Mitleid und mit einer gewissen Überlegenheit schonten. Ich nahm dies nicht so unbesonnen hin. Ich stellte sie oft auf die Probe. Ich konnte sie nur mit Mühe dahin bringen, daß sie sich mit mir zankten. Wenn es mir bei einer gelang, so kam sie gewiß nach einer oder zwei Stunden und versuchte eine Aussöhnung. Ich stellte sie immer und immer wieder auf die Probe und erlebte es nie, daß eine auf mich gewartet hätte, bis ich begonnen. Sie verziehen mir immer in ihrer Eitelkeit und Herablassung. Kleine Ebenbilder erwachsener Leute.

Eines der Mädchen war meine erwählte Freundin. Ich liebte dieses dumme unbedeutende Geschöpf mit einer Leidenschaft, die sie ebensowenig verdiente, wie ich mich ihrer erinnern kann, ohne mich zu schämen, obgleich ich nur ein Kind war. Sie hatte, was man ein liebenswürdiges Temperament, ein liebevolles Wesen nannte. Sie hatte für jedes von uns einen freundlichen Blick und ein freundliches Lächeln. Ich glaube, es war nicht eine Seele im Hause außer mir, die wußte, daß sie es vorsätzlich tat, um mich zu verletzen und zu erbittern.

Demungeachtet liebte ich dieses unwürdige Mädchen so, daß mein Leben durch meine Liebe zu ihr ein ungemein unruhiges wurde. Ich bekam beständig Strafreden und zog mir ihren Unwillen zu, weil, wie sie es nannte, ich »sie reize«, mit andern Worten, weil ich dem Mädchen seine kleine Perfidie vorwarf und sie zu Tränen brachte, indem ich ihr zeigte, wie ich in ihrem Herzen las. Und dennoch liebte ich das Kind aufrichtig und begleitete sie mal während der Festtage nach Hause.

Sie war zu Hause schlimmer, als sie in der Schule gewesen war. Sie hatte eine Unzahl von Kusinen und Bekannten, und wir tanzten zu Hause bei ihr und bei andern Leuten, und sowohl zu Hause als auswärts quälte sie meine Liebe, daß es nicht zu ertragen war. Ihre Absicht war, alle in sich verliebt zu machen und mich vor Eifersucht wahnsinnig werden zu lassen, mit allen vertraut und gegen alle liebreich zu sein – und mich vor Neid vergehen zu lassen. Des Abends, wenn wir allein in unserm Schlafzimmer waren, machte ich ihr gewöhnlich Vorwürfe und zeigte ihr, wie sehr ich ihre niedrige Gesinnung durchschaue; dann weinte sie in einem fort und sagte, ich sei grausam; dann hielt ich sie in meinen Armen bis zum Morgen: und liebte sie so sehr wie immer, und oft war es mir, als wenn, lieber denn so zu leiden, ich sie so in meinen Armen halten und mich in einen tiefen Strom stürzen möchte – wo ich sie immer noch umschlungen halten würde, wenn wir beide längst tot wären.

Es kam zu einem Ende, und ich wurde wieder frei. In der Familie war eine Tante, die mich nicht leiden mochte. Ich zweifle, daß irgend jemand von der Familie mich leiden mochte; aber ich kümmerte mich ja auch nicht darum, daß sie mich leiden mochten, so sehr nahm mich ganz und gar dieses eine Mädchen in Anspruch. Die Tante war eine junge Frau, und sie hatte eine ernste Art, mich mit ihren Augen zu beobachten. Sie war eine kecke Frau und sah mich mit unverhohlenem Mitleid an. Nach einer von den Nächten, von denen ich gesprochen, kam ich vor dem Frühstück in ein Gewächshaus.

Charlotte (so hieß meine falsche junge Freundin) war vor mir hinuntergegangen, und ich hörte, wie ihre Tante mit ihr von mir sprach, als ich eintrat. Ich blieb einen Augenblick stehen, wo ich war, und lauschte, von dem Laub versteckt.

Die Tante sagte: »Charlotte, Miss Wade quält dich zu Tode, und das darf nicht fortdauern.« Ich wiederhole wörtlich, was ich gehört hatte.

Was antwortete sie nun? Sagte sie: »Ich bin es, die sie zu Tode quält, ich, die sie beständig auf der Folter hält, ich bin der Henker, und doch sagt sie mir jede Nacht, dass sie mich von Herzen liebt, obwohl sie weiß, was sie von mir zu erdulden hat?« Nein. Meine erste denkwürdige Erfahrung entsprach ganz dem, was ich von ihr erwartet, und all meinen übrigen Erfahrungen. Sie begann zu schluchzen und zu weinen (um sich die Teilnahme der Tante zu sichern) und sagte: »Liebe Tante, sie hat ein unglückliches Temperament; auch andere Mädchen in der Schule, außer mir, geben sich viele Mühe, es zu bessern: wir geben uns alle viele Mühe.«

Als sie dies sagte, liebkoste die Tante sie, als wenn sie etwas Edles gesagt hätte, statt etwas Verächtliches und Falsches, und ging auf die niederträchtige Behauptung durch die Antwort ein: »Aber es gibt für alles Vernünftige Grenzen, mein liebes Kind, und ich sehe, daß dies arme dürftige Mädchen dir mehr beständigen und nutzlosen Schmerz verursacht, als sogar ein so guter Zweck rechtfertigt.«

Das arme dürftige Geschöpf trat aus seinem Schlupfwinkel hervor, wie Sie sich wohl denken können, und sagte: »Schicken Sie mich nach Hause.« Ich habe nie ein anderes Wort zu einem von ihnen gesprochen als: »Schicken Sie mich nach Hause, oder ich werde allein heimgehen, bei Tag und Nacht!« Als ich nach Hause kam, erzählte ich meiner vermeintlichen Großmutter, wenn man mich zur Vollendung meiner Erziehung nicht anderswohin schicke, ehe dies Mädchen oder eines von den andern zurückkäme, so würde ich mir lieber die Augen ausbrennen, indem ich mich selbst in das Feuer würfe, als den Anblick ihrer intriganten Gesichter ertragen.

Ich kam darauf unter andre junge Mädchen und fand sie nicht besser. Schöne Worte und schöner Schein: aber ich durchschaute diese Versicherungen von sich und ihre Herabsetzungen meiner Person, und sie waren nicht besser. Ehe ich sie verließ, erfuhr ich, daß ich keine Großmutter und keine anerkannten Verwandten hatte. Ich beleuchtete mit dem Lichte dieses Wissens meine Vergangenheit und meine Zukunft. Es zeigte mir viele neue Gelegenheiten, wo Leute über mich triumphierten, während sie sich den Anschein gaben, als behandelten sie mich voll Rücksicht oder erwiesen mir einen Dienst.

Ein Geschäftsmann hatte für mich ein kleines Vermögen zu verwalten. Ich sollte Gouvernante werden und kam in die Familie eines armen Edelmanns, der zwei Töchter hatte – kleine Mädchen, aber die Eltern wünschten sie womöglich unter einer Erzieherin aufwachsen zu lassen. Die Mutter war jung und hübsch. Vom ersten Augenblick an machte sie es recht in die Augen fallend, daß sie mich mit großem Zartgefühl behandeln wolle. Ich behielt meinen Groll für mich; aber ich wußte recht wohl, daß dies ihre Art war, sich mit dem Bewußtsein zu schmeicheln, daß sie meine Herrin sei und ihre Dienerin anders behandeln könnte, wenn ihr das in den Sinn käme.

Ich sage, daß ich keinen Groll hegte, und es war auch nicht der Fall; aber ich zeigte ihr, indem ich ihr nicht zu Gefallen lebte, daß ich sie durchschaute. Wenn sie mich aufforderte, Wein zu nehmen, so nahm ich Wasser. Wenn etwas ausgesucht Feines auf den Tisch kam, so schickte sie es immer mir; aber ich lehnte, es stets ab und aß von den verschmähten Gerichten. Dies Zurückweisen ihrer Gönnerschaft war ein scharfer Gegendruck und gab mir ein Gefühl der Unabhängigkeit. Ich liebte die Kinder. Sie waren schüchtern, aber im ganzen sehr willig, sich an mich anzuschließen. Es war jedoch eine Kinderfrau im Hause, eine Frau mit einem rosigen Gesicht, die immer ihre Heiterkeit und ihre gute Stimmung jedermann aufdrängte: sie hatte beide gestillt und sich ihre Liebe zu erwerben gewußt, ehe ich sie sah. Ich hätte, wenn diese Frau nicht gewesen wäre, mit meinem Schicksal zufrieden sein können. Ihre Kunstgriffe, ihren beständigen Wettkampf mit mir vor den Kindern zu zeigen, hätte manches Mädchen an meiner Stelle nicht bemerkt; aber ich durchschaute sie vom ersten Augenblick an. Unter dem Vorwand, in meinem Zimmer aufzuräumen und mich zu bedienen und für meine Garderobe zu sorgen (was sie alles mit großer Geschäftigkeit besorgte), war sie beständig um mich. Der schlauste ihrer vielen Kunstgriffe war die Art, wie sie sich stellte, als gebe sie sich Mühe, die Kinder mich liebgewinnen zu lehren. Sie führte sie mit allen möglichen Liebkosungen zu mir. »Kommt zur guten Miß Wade, kommt zur lieben Miß Wade, kommt zur hübschen Miß Wade. Sie liebt euch so sehr. Miß Wade ist eine gescheite Dame, die eine Menge von Büchern gelesen hat und euch weit bessere und interessantere Geschichten erzählen kann als ich. Kommt und hört Miß Wade zu!« Wie konnte ich ihre Aufmerksamkeit gewinnen, während mein Herz gegen diese gemeinen Pläne sich empörte? Wie konnte ich mich wundern, wenn ich sah, wie ihre unschuldigen Gesichter sich abwandten und ihre Arme sich um den Hals der Kinderfrau schlangen statt um den meinen. Dann sah sie mich wieder an, strich die Haare aus dem Gesicht und sagte: »Sie werden bald zu Ihnen kommen. Miß Wade; sie sind sehr einfach und herzensgut; grämen Sie sich nicht deshalb, Ma’am.« Das war ein Triumph für sie.

Noch etwas anderes tat die Frau. Bisweilen, wenn sie sah, daß es ihr gelungen war, mich auf diese Weise in ein finsteres, dumpfes Brüten zu versetzen, richtete sie die Aufmerksamkeit der Kinder darauf und zeigte ihnen den Unterschied zwischen ihr und mir. »Still! Die arme Miß Wade ist nicht wohl. Macht kein Geräusch, Kinder, sie hat Kopfweh. Kommt, tröstet sie. Kommt und fragt sie, ob sie sich besser befinde. Kommt und bittet sie, daß sie sich zu Bett lege. Ich hoffe, Sie haben doch keinen Kummer, der Sie drückt, Ma’am? Nehmen Sie’s nicht so schwer, Madame, und grämen Sie sich nicht.«

Es wurde unausstehlich. Als die gnädige Frau, meine Herrin, eines Tages, da ich allein war, zu mir kam und ich recht lebhaft fühlte, daß ich es nicht länger ertragen könne, sagte ich ihr, daß ich um meine Entlassung bitten müsse. Ich könne das Zusammensein mit dieser Dawes nicht ertragen.

»Miß Wade! Die arme Dawes hat Sie ja so sehr lieb: sie würde alles für Sie tun!«

Ich wußte es im voraus, daß sie das sagen würde; ich war ganz darauf vorbereitet; ich antwortete nur, es sei nicht meine Sache, meiner Herrin zu widersprechen; ich müsse gehen.

»Ich hoffe, Miß Wade«, versetzte sie, indem sie augenblicklich den Ton der Überlegenheit anschlug, den sie bis dahin so schwach verdeckt hatte, »daß nichts, was ich seit unsrem Zusammensein gesagt oder getan habe, Ihren Gebrauch dieses unangenehmen Wortes ›Herrin‹ gerechtfertigt habe. Es müßte ganz unabsichtlich von meiner Seite geschehen sein. Bitte sagen Sie mir, was es ist.«

Ich antwortete, daß ich mich nicht zu beklagen habe, weder über meine Herrin, noch gegen meine Herrin; aber ich müßte fort.

Sie war einen Augenblick unschlüssig, setzte sich aber dann neben mich und legte ihre Hand auf die meine, als wenn diese Ehre jede Erinnerung verwischen würde.

»Miß Wade, ich fürchte, Sie sind unglücklich, aus Gründen, auf die ich keinen Einfluß habe.«

Ich lächelte, indem ich an die Erfahrung dachte, die dieses Wort mir vor Augen rief, und sagte: »Ich habe vermutlich ein unglückliches Temperament.«

»Ich sagte das nicht.«

»Es läßt sich auf solche Weise alles erklären«, sagte ich.

»Wohl möglich; aber ich sagte das nicht. Was ich zu berühren wünschte, ist etwas ganz anderes. Mein Gemahl und ich haben mehrmals darüber gesprochen, seit wir mit Schmerz bemerkt haben, daß Sie sich nicht behaglich bei uns fühlen.«

»Behaglich? Oh! Sie sind so vornehme Leute, Mylady«, sagte ich.

»Ich bin unglücklich, wenn ich ein Wort gebrauchte – und offenbar ist dies der Fall -, das gar nicht in meiner Absicht lag. (Sie hatte meine Antwort nicht erwartet, die sie in Verlegenheit setzte.) Ich meinte nur, daß Sie sich nicht glücklich bei uns fühlen. Es ist ein schwieriger Gegenstand, über den nicht leicht zu sprechen ist: aber eine junge Frau kann das doch wohl gegenüber einer andern tun, – kurz, wir haben befürchtet, daß gewisse Familienverhältnisse, an denen niemand weniger schuld sein kann als Sie, auf Ihren Geist niederdrückend wirken möchten. Wenn dies der Fall ist, so lassen Sie uns bitten, daß Sie sich nicht zu sehr darüber grämen. Mein Gatte selbst, wie wohl bekannt ist, hatte früher eine sehr liebe Schwester, die nicht seine rechtmäßige Schwester war, die jedoch allgemein beliebt und geachtet war.«

Ich sah gleich, daß sie mich nur wegen dieser Verstorbenen aufgenommen hatte, wer diese auch war, nur um mir diese gegenüberzustellen und dadurch einen Vorteil über mich zu haben: ich sah darin, daß die Kinderfrau es wußte, eine Aufmunterung für sie, mich zu quälen, wie sie es getan hatte; und ich sah in dem Fernbleiben der Kinder den Ausdruck des unbestimmten Gefühls, daß ich nicht sei wie andere Leute. Ich verließ noch am selben Abend das Haus.

Nach ein oder zwei kurzen ähnlichen Erfahrungen, die hier zu erzählen unnütz wäre, trat ich in eine andere Familie, wo ich nur einen Zögling hatte: ein Mädchen von fünfzehn Jahren, die einzige Tochter des Hauses. Die Eltern waren ältliche Leute: Leute von Rang und Vermögen. Ein Neffe, den sie auferzogen, besuchte neben manchen andern Gästen das Haus häufig, und er begann, mir den Hof zu machen. Ich war entschlossen, ihn zurückzuweisen: denn ich hatte den festen Vorsatz, als ich in diese Familie eintrat, mich von niemand mitleidig und herablassend behandeln zu lassen. Aber er schrieb mir einen Brief. Es führte dazu, daß wir uns verlobten.

Er war ein Jahr jünger als ich und sah noch jünger aus, als diese Verlobung eingegangen wurde. Er war auf Urlaub von Indien, wo er einen Posten innehatte, der bald sehr einträglich zu werden versprach. In sechs Monaten wollten wir uns heiraten und dann nach Indien gehen. Ich sollte im Hause bleiben, und im Hause sollte auch die Hochzeit gefeiert werden. Niemand hatte etwas gegen die Sache einzuwenden.

Ich kann nicht verschweigen, daß er mich bewunderte: aber ich würde es gern, wenn ich es könnte. Eitelkeit ist bei dieser Erklärung nicht im Spiel, denn seine Bewunderung quälte mich. Er gab sich keine Mühe, sie zu verbergen: ja, er machte nur den Eindruck, als stellte er mich unter den reichen Leuten aus, um zu zeigen, daß er mich wegen meines Gesichts gekauft und seinen Kauf rechtfertigen wolle. Sie schätzten mich im stillen ab, wie ich sah, und waren neugierig, was wohl mein voller Wert wäre. Ich war entschlossen, sie es nicht wissen zu lassen. Ich war unbeweglich vor ihnen und stumm und hätte mich lieber von jedem von ihnen töten lassen, als daß ich mich zur Schau gestellt, um mir ihren Beifall zu erringen.

Er sagte mir, ich handle ungerecht gegen mich. Ich sagte ihm, das sei nicht der Fall, und gerade weil ich gegen mich gerecht sei und bis zum letzten Augenblick bleiben würde, wolle ich mich nicht herablassen, einen von ihnen zu gewinnen zu suchen. Er war betroffen und sogar verletzt, als ich hinzufügte, ich wünschte, er würde seine Neigung zu mir nicht so zur Schau tragen: aber er sagte, er wolle selbst diese ehrlichen Regungen seiner Liebe meinem Frieden opfern.

Unter diesem Vorwand begann er Vergeltung an mir zu üben. Ganze Stunden lang hielt er sich fern von mir, indem er mit jedermann eher als mit mir sprach. Ich saß halbe Abende lang allein und unbemerkt, während er mit seiner jungen Kusine, meinem Zögling, sich unterhielt. Während dieser Zeit las ich in den Augen der Leute, daß sie dachten, diese beiden paßten besser zusammen als er und ich. Ich ahnte ihre Gedanken und erwog sie lange bei mir, während ich so dasaß, bis ich fühlte, daß sein junges Aussehen mich lächerlich mache, und ich habe gegen mich gewütet, daß ich ihn jemals geliebt hatte.

Denn ich liebte ihn einst. So wenig er es verdiente und so wenig er an all diese Kämpfe dachte, die es mich kostete, – Kämpfe, die ihn hätten bis an mein Lebensende mir ganz zu eigen und dankbar machen sollen – liebte ich ihn. Ich ertrug es, daß seine Kusine ihn mir ins Gesicht lobte und zu glauben vorgab, daß es mir Freude mache, obgleich sie wohl wußte, daß es mir das Herz zerriß. Ich ertrug es um seinetwillen. Während ich in seiner Gegenwart dasaß und mir alles von ihm geschehene Unrecht, alle Vernachlässigungen ins Gedächtnis zurückrief und mir überlegte, ob ich nicht gleich aus dem Hause fliehen sollte, um es nie wieder zu sehen, – liebte ich ihn.

Seine Tante – man wolle sich erinnern, daß es meine Herrin war – trug absichtlich und wohlüberlegt zu meinen Prüfungen und Qualen bei. Es machte ihr Vergnügen, sich in Schilderungen unseres Lebens in Indien und des Hauses, das wir machen, und der Gesellschaft, die wir bei uns sehen würden, sobald er sein Avancement habe, zu ergehen. Mein Stolz empörte sich gegen dieses plumpe Hervorheben des Kontrastes, in dem mein Leben als Frau zu meiner gegenwärtigen abhängigen und untergeordneten Stellung stehen würde. Ich verbarg meine Entrüstung; aber ich zeigte ihr, daß ihre Absicht an mir nicht unerreicht bleibe, und bezahlte ihre Quälereien mit geheuchelter Demut. Was sie schildere, sei sicherlich zu viel Ehre für mich, sagte ich dann gewöhnlich. Ich fürchtete, einen so großen Wechsel der Verhältnisse nicht ertragen zu können, wenn man sich denke, eine Gouvernante, die Gouvernante ihrer Tochter, die zu einer so hohen Auszeichnung gelange! Sie war verlegen, und alle übrigen waren verlegen, wenn ich auf solche Weise antwortete. Sie wußten, daß ich sie vollständig verstand.

Gerade zu der Zeit, als meine Qual am höchsten gestiegen und ich am aufgebrachtesten gegen die Undankbarkeit meines Geliebten war – der sich so wenig um die zahllosen Kränkungen kümmerte, die ich um seinetwillen erfuhr, erschien Ihr teurer Freund, Mr. Gowan, in dem Hause. Er war mit demselben seit lange befreundet, aber auf Reisen gewesen. Er merkte mit einem Blick, wie es stand, und verstand mich.

Er war die erste Person, die mir je im Leben begegnet, die mich verstand. Er war nicht dreimal bei uns gewesen, als ich schon wußte, daß er jeder Regung meines Geistes folgte. In seiner kalten nachlässigen Weise, wie er sich gegen alle und gegen mich benahm und die ganze Sache behandelte, sah ich das deutlich. In seiner flüchtigen Beteurung der Bewunderung meines künftigen Gatten, in seinem Enthusiasmus über unsere Verbindung und unsere Aussichten, in seinem hoffnungsvollen Glückwunsch zu unserm künftigen Reichtum und seinen niedergeschlagenen Äußerungen über seine Armut – alle gleich hohl, ironisch und voll Spott – sah ich das klar. Er machte mich immer ungehaltener über mich und lehrte mich, mich verachten, indem er mir alles, was mich umgab, in einem neuen hassenswerten Lichte zeigte, während er sich beständig den Anschein gab, als stelle er sie mir in ihrem besten Lichte, zu meiner und seiner Bewunderung dar. Er war wie der aufgeputzte Tod in den holländischen Totentänzen; was für eine Gestalt es sein mochte, die er mit seinem Arm umfaßte, mochte sie jung oder alt sein, hübsch oder häßlich, ob er mit ihr tanzte, sang, spielte oder betete, sie bekam ein geisterhaftes Aussehen.

Sie werden begreifen, daß, wenn Ihr teurer Freund mir Komplimente machte, er mich wirklich bedauerte: daß, wenn er mich in meinem Kummer zu trösten suchte, er jede schmerzende Wunde bloßlegte: daß, wenn er erklärte, mein »getreuer Schäfer« zu sein, der verliebteste junge Mann mit dem zärtlichsten Herzen, das jemals geschlagen, er meine alte Besorgnis wieder wachrief, man mache mich lächerlich. Das waren keine großen Dienste, werden Sie sagen. Sie waren dennoch annehmbar für mich, weil sie das Echo meines eigenen Gefühls waren und meine eigene Ansicht bestätigten. Ich war bald gern in der Gesellschaft Ihres teuren Freundes, lieber als in jeder andern.

Als ich gewahr wurde (was fast sogleich geschah), daß Eifersucht daraus entstand, war mir diese Gesellschaft noch lieber. Hatte ich nicht selbst von Eifersucht leiden müssen und sollte ich allein leiden? Nein. Er sollte wissen, was es ist. Ich freute mich, daß er es erfahren sollte; ich freute mich, daß er es tief empfand, und ich hoffte es. Mehr noch. Er war zahm im Vergleich mit Mr. Gowan, der mich auf gleichem Fuß zu behandeln verstand und unsre elende Umgebung zu zergliedern wußte.

Das ging so fort, bis die Tante, meine Herrin, es übernahm, mit mir zu sprechen. Es sei kaum der Rede wert: sie wüßte, ich dächte nichts dabei: aber sie möchte von sich aus die Andeutung machen, und sie wisse, daß eine solche genüge, ob es nicht besser wäre, wenn ich etwas weniger mit Mr. Gowan verkehrte.

Ich fragte sie, wie sie für das, was ich meinte, stehen könne? Sie antwortete, sie könne gewiß dafür stehen, daß ich nichts Böses dabei denke. Ich dankte ihr, sagte jedoch, ich würde vorziehen, für mich selbst zu stehen und mir selbst Rede zu stehen. Ihre andern Diener würden ihr wahrscheinlich für ein gutes Zeugnis dankbar sein, aber ich brauchte keines.

So gab ein Wort das andere, und es bot sich die Veranlassung, sie zu fragen, wie sie wisse, daß es nur eine Andeutung von ihr bedürfe, um mich gehorchen zu machen? Ob sie meine Geburt oder meinen Lohn dabei in Anschlag bringe? Ich sei nicht mit Leib und Seele gekauft. Sie scheine zu glauben, daß ihr ausgezeichneter Neffe auf den Sklavenmarkt gegangen und sich eine Frau erhandelt habe.

Es würde wahrscheinlich früher oder später zu dem Ende gekommen sein, zu dem es kam, aber sie brachte die Sache sogleich zur Entscheidung. Sie sagte mir mit gemachtem Mitleid, daß ich ein unglückliches Temperament habe. Bei dieser Wiederholung der alten boshaften Beleidigung hielt ich nicht länger an mich, sondern setzte ihr alles auseinander, was ich von ihr wußte und gesehen, und was ich innerlich durchgemacht, seitdem ich diese verabscheuungswerte Stellung, mit ihrem Neffen verlobt zu sein, eingenommen hätte. Ich sagte ihr, Mr. Gowan sei mein einziger Trost in meiner Erniedrigung; ich hätte es zu lange ertragen und schüttle es zu spät ab; aber ich wolle nie wieder einen von ihnen zu Gesicht bekommen. Und dies geschah auch.

Ihr werter Freund folgte mir in meine Einsamkeit und war sehr drollig, wenn er über den Bruch des Verhältnisses sprach: obgleich ihm auch die ausgezeichneten Leute leid taten (in ihrer Art die besten, die er kannte) und die Notwendigkeit bedauerte, bloße Stubenfluren rädern zu müssen. Er beteuerte bald und weit aufrichtiger, als ich vermutete, daß er nicht wert sei, vor einer Frau von solchen Gaben und solcher Charakterkraft Gnade zu finden: aber – schon gut, schon gut! –

Ihr werter Freund amüsierte mich und amüsierte sich, solange er daran Geschmack fand; und dann erinnerte er mich, daß wir beide Leute von Welt seien und daß wir beide die Welt kennten, daß wir beide wüßten, es gebe keine Poesie auf Erden, daß wir beide darauf gefaßt seien, verschiedene Wege zu gehen, um unser Glück zu suchen wie vernünftige Menschen, und daß wir beide einsähen, wenn wir uns wieder einmal begegnen sollten, wir uns als die besten Freunde von der Welt begrüßen würden. So sagte er, und ich widersprach ihm nicht.

Es dauerte nicht lange, so entdeckte ich, daß er seiner gegenwärtigen Frau den Hof machte, und daß man mit ihr weggereist sei, um sie aus seinem Bereich zu bringen. Ich haßte sie damals, ganz wie ich sie jetzt noch hasse; und ich konnte deshalb natürlich nichts mehr wünschen, als daß sie ihn heirate. Aber ich hatte keine Ruhe mehr, ich mußte sie sehen – ich war so neugierig, daß ich fühlte, es sei einer der wenigen Genüsse, die mir noch geblieben wären. Ich machte einige kleine Reisen: reiste, bis ich mit ihr zusammenkam und mit ihr und ihnen reiste. Ihr teurer Freund war, wie ich glaube, Ihnen damals noch nicht bekannt, und er hatte Ihnen noch keinen jener ausgezeichneten Beweise seiner Freundschaft gegeben, mit denen er Sie seitdem beschenkte.

In dieser Gesellschaft befand sich ein Mädchen, dessen Lage in verschiedenen Beziehungen der meinen so ähnlich war, und in dessen Charakter ich mit Interesse und Freude viel von dem als mir eigentümlich bezeichneten Widerstand gegen anmaßende Gönnerschaft und Selbstsucht fand, die sich Freundlichkeit, Herablassung, Wohlwollen und andre schönen Namen beilegt. Ich hörte oft von ihr sagen, »daß sie ein unglückliches Temperament habe«. Da ich wohl wußte, was durch diese bequeme Phrase gesagt werden sollte, und da ich eine Gefährtin brauchte, die wußte, was ich wußte, und erfahren, was ich erfahren hatte, so kam ich auf den Gedanken, das Mädchen von ihrer Sklaverei und dem Gefühl ungerechter Behandlung zu befreien. Ich brauche Ihnen nicht zu erzählen, daß es mir gelang.

Wir haben die ganze Zeit zusammen gelebt und meine kleinen Mittel miteinander geteilt.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.


Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Wer kommt so spät bei Nacht vorbei?

Arthur Clennam hatte seine nutzlose Expedition nach Calais inmitten eines großen Geschäftsandrangs gemacht. Eine gewisse barbarische Macht, mit bedeutenden Besitzungen auf der Landkarte, brauchte die Dienste von ein bis zwei Ingenieuren von rascher Erfindungsgabe und Entschlossenheit in der Durchführung: praktischen Männern, die die Menschen und Mittel, die ihr Scharfsinn für notwendig hielt, aus bestem Material, das sie finden konnten, zu machen imstande waren; und die so kühn und fruchtbar in der Verwendung solchen Stoffes zu ihrem Zweck waren als im Entwerfen ihrer Pläne selbst. Da diese Macht eine barbarische war, so kamen sie nicht auf den Gedanken, eine große Nationalsache in einem Circumlocution Office zu begraben, wie man starken Wein in einem Keller vom Licht abschließt, bis sein Feuer und seine Jugend verflogen und die Arbeiter, die im Weinberg gearbeitet und die Trauben gepreßt, zu Staub geworden sind. Mit charakteristischer Unwissenheit handelte diese Macht nach dem entschiedensten und energischsten Begriffe, »wie man’s machen müsse«, und zeigte nie die geringste Achtung vor der großen politischen Wissenschaft, »wie man’s nicht machen müsse«, oder beachtete sie auch nur im mindesten. Kurz, sie hatte eine barbarische Art, die letztere geheimnisvolle Kunst in der Person jedes erleuchteten Kopfes, der sie übte, totzuschlagen.

In dieser Richtung wurden die Männer, deren man bedurfte, gesucht und gefunden: was schon an und für sich ein höchst unzivilisiertes und unregelmäßiges Verfahren war. Als man sie gefunden, behandelte man sie mit großem Vertrauen und vieler Auszeichnung (was abermals die größte politische Unwissenheit bewies) und lud sie ein, sogleich zu kommen und zu tun, was ihnen als Aufgabe gestellt war. Kurz, man betrachtete sie als Männer, die etwas zu tun beabsichtigten, und die mit andern Männern einen Kontrakt eingehen, die etwas getan wissen wollten.

Daniel Doyce war einer von den Auserwählten. Man konnte nicht absehen, ob er Monate oder Jahre abwesend sein würde. Die Vorbereitungen zu seiner Abreise und die gewissenhafte Zusammenstellung aller Einzelheiten und Resultate ihres gemeinschaftlichen Geschäfts, damit er eine Übersicht habe, veranlaßte in kurzer Zeit große Arbeit, die Clennam Tag und Nacht beschäftigt hatte. Im ersten freien Augenblick war er über See gegangen und war ebenso bald wieder zurückgekehrt, um Doyce Lebewohl zu sagen.

Arthur legte ihm jetzt sorgfältig und genau den Stand ihrer Gewinne und Verluste, ihrer Verbindlichkeiten und Aussichten dar. Daniel sah alles in seiner geduldigen Weise durch und bewunderte es ganz außerordentlich. Er ging die Rechnungen durch, und sie erschienen ihm ein weit sinnreicherer Mechanismus, als er jemals einen konstruiert, und blieb dann betrachtend vor ihnen stehen und hielt den Hut in der Hand, als wenn er in die Betrachtung einer herrlichen Maschine versunken wäre.

»Es ist alles wunderschön, Clennam, so einfach und geordnet. Nichts kann einfacher sein. Nichts kann besser sein.«

»Ich freue mich, daß Sie der Sache Ihre Billigung zuteil werden lassen, Doyce. Was jedoch nun die Verwendung unseres Kapitals während Ihrer Abwesenheit betrifft und das Flüssigmachen der Summen, die das Geschäft von Zeit zu Zeit nötig hat –« Sein Associé unterbrach ihn.

»Was das betrifft und alles andere, so bleibt das Ihnen überlassen. Sie werden auch künftig in allen derartigen Dingen für uns beide handeln, wie Sie bisher getan, und meiner Seele eine Last abnehmen, um die sie sich bisher leichter gefühlt hat.«

»Obgleich, wie ich Ihnen oft sage«, versetzte Clennam, »Sie ganz ungerecht Ihre Fähigkeiten als Geschäftsmann herabsetzen.«

»Vielleicht wohl«, sagte Doyce lächelnd. »Und vielleicht auch nicht. Wie dem nun aber auch sei, ich habe einen Beruf, den ich gründlicher als dergleichen Sachen studiert, und ich tauge besser für diesen Beruf. Ich habe vollkommenes Vertrauen in meinen Associé gesetzt, und ich bin überzeugt, daß er tun wird, was das beste ist. Wenn ich ein Vorurteil in Beziehung auf Geld und Geldzahlen habe«, fuhr er fort, indem er den sprechenden Arbeiterdaumen auf den Revers des Rockes seines Associé legte, »so ist es gegen das Spekulieren. Ich glaube nicht, daß ich ein anderes habe. Ich möchte freilich behaupten, daß ich dieses Vorurteil habe allein deshalb, weil ich niemals ernstlich darüber nachgedacht habe.«

»Aber Sie sollten es kein Vorurteil nennen«, sagte Clennam. »Mein lieber Doyce, es ist der gesundeste Verstand.«

»Ich freue mich, daß Sie so denken«, versetzte Doyce.

»Eben jetzt, keine halbe Stunde, ehe Sie kamen, sagte ich dasselbe zu Pancks, der hier vorsprach. Wir waren beide der Ansicht, daß das Anlegen von Kapitalien in unsicheren Unternehmungen eine der gefährlichsten, wenn auch eine der gewöhnlichsten von den Torheiten ist, die häufig sogar den Namen Verbrechen verdienen.« »Pancks?« sagte Doyce, indem er seinen Hut hinten in die Höhe schob und mit einer vertrauensvollen Miene nickte. »Ja, ja, ja, das ist ein vorsichtiger Mann.«

»Allerdings, er ist ein sehr vorsichtiger Mann«, versetzte Arthur. »Ein wahres Muster von Vorsicht.«

Sie schienen beide aus dem vorsichtigen Charakter von Pancks weit mehr Befriedigung zu schöpfen, als man aus ihrem Gespräch schließen konnte.

»Und jetzt«, sagte Daniel, indem er auf seine Uhr blickte, »da Zeit und Flut auf niemand warten, mein wackerer Associé, und da ich bereit bin abzureisen, denn meine Bagage ist bereits vor der Tür unten, so lassen Sie mich Ihnen ein letztes Wort sagen. Sie sollten mir eine Bitte gewähren.«

»Jede Bitte, die Sie aussprechen. – Ausgenommen«, Clennam kam rasch mit seiner Ausnahme, denn er las rasch auf dem Gesicht seines Associé, »ausgenommen die, daß ich Ihre Erfindung auf sich beruhen lassen soll.«

»Das ist die Bitte, und Sie wissen sie schon im voraus«, sagte Doyce.

»So sage ich nein. Ich sage entschieden nein. Jetzt, da ich einmal begonnen, will ich einen entschiedenen Grund, eine verläßliche Darlegung, etwas, was wie eine wirkliche Antwort aussieht, von diesen Leuten haben.«

»Sie werden sie aber nicht erhalten«, versetzte Doyce, den Kopf schüttelnd. »Ich gebe Ihnen mein Wort, Sie bekommen sie nicht.«

»Wenigstens will ich es versuchen«, sagte Clennam. »Es wird mir keinen Kummer machen, wenn ich es versuche.«

»Davon bin ich nicht überzeugt«, versetzte Doyce, indem er ihm überredend die Hand auf die Schulter legte. »Es hat mir Kummer bereitet, Freund. Es hat mich alt, müde gemacht, es hat mich geärgert und enttäuscht. Es tut niemand gut, wenn seine Geduld erschöpft wird und er Unrecht leiden zu müssen glaubt. Ich meine selbst jetzt schon, daß nutzloses Warten auf Verzögerungen und Ausflüchte Ihnen etwas von der Elastizität genommen, die Sie früher besessen haben.«

»Familiensorgen mögen daran im Augenblick schuldig sein«, sagte Clennam, »aber nicht amtliche Quälereien. Noch nicht, ich bin noch nicht verwundet und verletzt.«

»Dann wollen Sie also meine Bitte nicht gewähren?«

»Entschieden nicht«, sagte Clennam. »Ich würde mich schämen, wenn ich mich so bald aus dem Felde schlagen ließe, wo ein weit älterer und weit näher bei der Sache interessierter Mann so lange und so tapfer ausgehalten hat.«

Da es unmöglich war, ihn andern Sinns zu machen, erwiderte Daniel Doyce den Druck seiner Hand, und nach einem Abschiedsblick in dem Kontor umher ging er mit ihm die Treppe hinab. Doyce wollte nach Southampton, um dort die kleine Zahl seiner Mitreisenden zu treffen; und ein Wagen stand an der Tür, wohl ausgestattet und gepackt, und bereit, ihn fortzufahren. Die Arbeiter standen an der Tür, um ihn abreisen zu sehen, und waren außerordentlich stolz auf ihn. »Glückliche Reise, Mr. Doyce!« sagte einer von ihnen, »wo Sie auch hingehen mögen, die Leute werden finden, daß sie einen Mann berufen, einen Mann, der seine Instrumente kennt und den seine Instrumente kennen, einen Mann, der will und der kann, und wenn das kein Mann ist, wo ist dann noch ein Mann!« Diese Rede, von einem sonst mürrischen Freiwilligen gehalten, der im Hintergrund stand, und dem man früher so etwas gar nicht zugetraut hatte, wurde mit drei lauten Cheers aufgenommen; und der Sprecher wurde dadurch in der Folge ein Mann von Ansehen und Bedeutung. Inmitten der drei Cheers sagte ihnen Daniel ein herzliches: »Lebet wohl, Ihr Lieben!« und der Wagen verschwand, als wenn die Erschütterung der Luft ihn aus dem Hofe zum blutenden Herzen hinausgeblasen hätte.

Mr. Baptist hatte als dankbarer Mensch, der einen Vertrauensposten einnahm, unter den Arbeitern gestanden und bei diesen Cheers so viel mitgejauchzt, als es einem Fremden überhaupt möglich ist. Denn niemand auf der Welt kann so »cheer« rufen wie die Engländer, die, wenn es ihnen ernst damit ist, so ihr Blut und Feuer zusammenraffen, daß man glauben möchte, ihre ganze Geschichte vom sächsischen Alfred bis auf unsere Tage brause mit allen ihren Bannern im Winde daher. Mr. Baptist war gewissermaßen vor dem Sturm einhergewirbelt worden und schöpfte ganz verwirrt Atem, als Clennam ihm winkte, er solle mit ihm hinaufkommen und Bücher und Papiere wieder an ihren Platz bringen.

Während der nach der Abreise eintretenden Stille – in jener ersten Leere, die immer auf jede Trennung folgt und eine Ahnung von der großen Trennung gibt, die beständig über der ganzen Menschheit schwebt – stand Arthur an seinem Pulte und sah träumerisch einem Sonnenstrahle nach. Aber seine freigewordene Aufmerksamkeit kehrte bald zu dem Gegenstand zurück, der seine Gedanken am meisten beschäftigte, und er begann zum hundertsten Male auf jedem Umstand zu verweilen, der in jener geheimnisvollen Nacht, als er den Mann bei seiner Mutter gesehen, sich seinem Gedächtnisse eingeprägt hatte. Wiederum stieß der Mann in der krummen Straße auf ihn, wiederum folgte er dem Mann und verlor ihn aus den Augen, wiederum fand er den Mann auf dem Hofe, nach dem Hause hinaufschauend, wiederum folgte er dem Mann und stand neben ihm auf den Stufen der Haustür.

»Wer kommt so spät bei Nacht vorbei?
Compagnon de la Majolaine;
Wer kommt so spät bei Nacht vorbei?
Immer froh!«

Es war nicht das erstemal, daß er sich das Liedchen aus dem Kinderspiel zurückrief, von dem jener Mann, als er neben ihm stand, diesen Vers gesummt hatte; aber er wußte so wenig, daß er es hörbar gesummt, daß er erschrak, als er den nächsten Vers hörte:

»Die Blüte aller Ritterschaft,
Compagnon de la Majolaine,
Die Blüte aller Ritterschaft,
Immer froh!«

Cavaletto hatte bescheiden die Worte und die Melodie ergänzt, da er geglaubt hatte, er habe abgebrochen, weil ihm die Fortsetzung unbekannt war.

»Ah! Sie kennen das Lied, Cavaletto?«

»Beim Bacchus, ja, Sir! Jedermann kennt es in Frankreich. Ich habe es oft von kleinen Kindern singen hören. Das letztemal, als ich es gehört«, sagte Mr. Baptist, früher Cavaletto, der immer zu seiner von Jugend auf gewohnten Konstruktion des Satzes zurückkehrte, wenn sein Gedächtnis sich der Heimat näherte, »war es von einer süßen kleinen Stimme. Einer kleinen, sehr hübschen, sehr unschuldigen Stimme. Altro!«

»Das letztemal, daß ich es gehört habe«, versetzte Arthur, »war es von einer Stimme, die ganz das Gegenteil von hübsch und ganz das Gegenteil von unschuldig war.« Er sagte dies mehr zu sich als zu seinem Gefährten und fügte mit jenes Mannes weitern Worten bei sich hinzu: »Tod meines Lebens, es liegt in meinem Charakter, ungeduldig zu sein.«

»Oh!« lief Cavaletto erstaunt, und alle Farbe war mit einem Male aus seinem Gesicht verschwunden.

»Was gibt es?«

»Sir! Sie wissen, wo ich dieses Lied zum letztenmal gehört habe?«

Mit der raschen Gebärdensprache des Italieners machten seine Hände den Umriß einer großen Habichtsnase, zerzausten seine Haare, machten seine Oberlippe dick, um einen vollen Schnurrbart anzudeuten, und warfen den schweren Zipfel eines eingebildeten Mantels über seine Schulter. Während er dies mit einer Schnelligkeit tat, die jedem unbegreiflich ist, der nicht einen italienischen Landmann beobachtet hat, zeigte er ein sehr merkwürdiges und falsches Lächeln. Die ganze Veränderung fuhr wie ein Blitz über ihn hin, und er stand im selben Augenblick wieder leichenblaß und erstaunt vor seinem Patron.

»Im Namen aller Wunder«, sagte Clennam, »was wollten Sie damit sagen? Kennen Sie einen Mann mit Namen Blandois?«

»Nein«, sagte Mr. Baptist, den Kopf schüttelnd.

»Sie haben eben einen Mann beschrieben, der dabei war, als Sie jenes Lied hörten, nicht wahr?«

»Ja!« sagte Mr. Baptist, fünfzigmal nickend.

»Und hieß er nicht Blandois?«

»Nein!« sagte Mr. Baptist. »Altro, Altro, Altro, Altro!« Er konnte mit der gleichzeitigen Bewegung seines Kopfes und seines rechten Zeigefingers nicht energisch genug von sich abweisen.

»Halt!« rief Clennam und breitete die Bekanntmachung auf seinem Pulte aus. »War es dieser Mann? Sie verstehen doch, was ich laut lese?«

»Ganz und gar. Vollkommen.«

»Aber sehen Sie zugleich hinein. Kommen Sie hierher und sehen Sie mir über die Schulter, während ich lese.«

Mr. Baptist näherte sich, folgte jedem Wort mit seinen raschen Augen, sah und hörte alles mit der größten Ungeduld; dann schlug er mit beiden Händen flach auf den Zettel, als wenn er in seiner Wut ein gefährliches Tier finge, und rief, indem er Clennam dabei fest ins Auge faßte: »Das ist der Mann! Sehen Sie ihn!«

»Das ist mir von unendlich größerer Wichtigkeit«, sagte Clennam äußerst aufgeregt, »als Sie sich denken können. Sagen Sie mir, wo Sie den Mann kennengelernt haben.«

Mr. Baptist, der das Papier sehr langsam und sehr ungern losließ und zwei bis drei Schritte zurücktrat, tat, als ob er seine Hände abstäubte, und versetzte sehr gegen seinen Willen:

»In Marsiglia – Marseilles.«

»Was war er?«

»Ein Gefangener und – Altro! Ich glaube ja! – ein«, Mr. Baptist trat näher, um ihm zuzuflüstern, »ein Mörder!«

Mr. Clennam fuhr zurück, als wenn das Wort ihm einen Schlag versetzt: so furchtbar ließ es ihm den Verkehr seiner Mutter mit diesem Mann erscheinen. Cavaletto sank auf ein Knie und bat ihn mit den lebhaftesten Gebärden, anzuhören, was ihn in solche schlechte Gesellschaft gebracht.

Er erzählte ihm vollkommen der Wahrheit gemäß, wie er durch ein kleines Schmuggelgeschäft in das Gefängnis geraten, wie er seinerzeit wieder frei geworden, und wie er sein früheres Tun und Treiben aufgegeben habe. Wie er in dem Wirtshaus zum Tagesanbruch in Chalons an der Saone von demselben Mörder, der damals den Namen Lagnier angenommen, obgleich er früher Rigaud geheißen, bei Nacht in seinem Bett aufgeweckt worden sei; wie der Mörder ihm vorgeschlagen, sie wollten gemeinschaftliche Sache machen; wie er solche Furcht und solchen Abscheu vor dem Mörder gehegt, daß er mit Tagesanbruch ihm entflohen sei, und wie ihn seitdem beständig die Angst gequält habe, dem Mörder wieder zu begegnen und von ihm als alter Bekannter angeredet zu werden. Als er dies mit großer Emphase und einem Nachdruck auf dem Worte Mörder, der seiner Muttersprache eigentümlich war, und der es Clennam nicht gerade weniger schrecklich machte, erzählt hatte, sprang er plötzlich wieder auf, stürzte auf den Zettel los und rief mit einer Heftigkeit, die bei jedem Nordländer unbedingt Wahnsinn gewesen wäre: »Sehen Sie hier den Mörder! Das ist derselbe!«

In seiner heftigen Aufregung vergaß er ganz die Tatsache, daß er kürzlich in London den Mörder gesehen hatte. Als er sich daran erinnerte, schöpfte Clennam anfangs Hoffnung, das Zusammentreffen möchte von späterem Datum sein als der nächtliche Besuch bei seiner Mutter, aber Cavaletto wußte zu genau Zeit und Ort, um einen Zweifel offen zu lassen, daß es vorher gewesen war.

»Hören Sie nun«, sagte Arthur mit großem Ernst. »Dieser Mann ist, wie wir hier gelesen haben, gänzlich verschwunden.«

»Das ist mir äußerst angenehm«, sagte Cavaletto, indem er seine Blicke dankbar zum Himmel erhob. »Tausend Dank dem Himmel! Verwünschter Mörder!«

»Nicht doch«, versetzte Clennam, »denn bis ich nicht etwas weiteres von ihm höre, habe ich keine ruhige Stunde.«

»Genug, Wohltäter; das ist etwas anderes. Bitte tausendmal um Entschuldigung.«

»Jetzt, Cavaletto«, sagte Clennam, indem er ihn sanft beim Arme umdrehte, daß sie sich in die Augen sehen konnten. »Ich bin überzeugt, daß Sie für das wenige, was ich für Sie tun konnte, der aufrichtigste und dankbarste Mensch sind.«

»Ich schwöre es«, rief der andere.

»Ich weiß es. Wenn Sie diesen Mann finden oder herausbringen, was aus ihm geworden ist, oder irgendeine spätere Kunde von ihm bekommen könnten, so würden Sie mir einen Dienst erweisen, der mir über jeden andern in der Welt ginge, und würden mich (mit weit mehr Grund) so dankbar gegen Sie machen, wie Sie es gegen mich sind.«

»Ich weiß nicht, wohin ich meine Blicke richten soll«, rief der kleine Mann, indem er Arthurs Hand in seiner Begeisterung küßte, «ich weiß nicht, wo beginnen. Ich weiß nicht, wohin gehen. Aber Mut! Genug! Es ist eins! Ich gehe noch diesen Augenblick.«

»Kein Wort davon mit jemand anderem als mir, Cavaletto!«

»Altro!« rief Cavaletto. Und war in größter Eile fort.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.


Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Mrs. Affery macht ein bedingtes Versprechen bezüglich ihrer Träume.

Clennam, der jetzt allein war, während die ausdrucksvollen Blicke und Gebärden Mr. Baptists, ehemals Giovanni Baptista Cavaletto, ihm lebhaft vor der Seele standen, begann einen langweiligen Tag. Vergebens suchte er seine Aufmerksamkeit zu fesseln, indem er sie auf ein Geschäft oder einen Gedankengang richtete; sie lag beständig vor dem unheimlichen Hauptgedanken vor Anker und wollte bei keiner andern Idee festhalten. Wie wenn ein Verbrecher in einem stillstehenden Boote auf einem tiefen klaren Flusse an Ketten gebunden gewesen wäre, verurteilt, wie zahllose Meilen Wassers auch an ihm vorüberflossen, immer den Leichnam des Mitmenschen, den er ertränkt, am Grunde liegen zu sehen, unbeweglich und unveränderlich, nur daß die Wirbel ihn bald breit, bald lang machten, seine Umrisse bald auseinander-, bald zusammenzogen, so sah Arthur, unter dem wechselnden Flusse durchsichtiger Gedanken und Phantasiebilder, die verschwanden und durch andere ebenso rasch wieder ersetzt wurden, unveränderlich und düster, und unverrückbar von seinem Platze, den einen Gegenstand, von dem er sich mit aller Macht loszureißen suchte, und dem er nicht entfliehen konnte.

Die Überzeugung, die er jetzt besaß, daß Blandois, wie auch sein wahrer Name lauten mochte, einer der schlimmsten Charaktere sei, vermehrte die Last seiner Sorgen wesentlich. Wenn auch morgen schon das Verschwinden sich erklärte, so blieb doch die Tatsache, daß seine Mutter mit einem solchen Mann in Verbindung gestanden, unverändert stehen. Daß die Verbindung von geheimnisvoller Art, und daß sie unterwürfig gegen ihn gewesen und sich vor ihm gefürchtet, hoffte er, werde niemand bekannt sein außer ihm; da er es jedoch wußte, wie konnte er es von seinen alten unbestimmten Befürchtungen trennen und wie glauben, daß in solchen Beziehungen nichts Schlimmes sei?

Ihre Entschlossenheit, nicht mit ihm auf diese Frage einzugehen, und seine Kenntnis ihres unbeugsamen Charakters erhöhte das Gefühl seiner Hilflosigkeit. Es wirkte wie der Druck eines Traumes, denken zu müssen, daß Schande und Bloßstellung ihr und seines Vaters Gedächtnis drohe, und wie durch eine eherne Mauer von der Möglichkeit abgehalten zu sein, ihnen zu Hilfe zu kommen. Der Vorsatz, den er in seine Heimat zurückgebracht und an dem er beständig seit jener Zeit festgehalten hatte, wurde, immer wenn er fürchtete, daß es am meisten dränge, von seiner Mutter mit größter Entschiedenheit vereitelt. Sein Rat, seine Energie, seine Tätigkeit, sein Geld, sein Kredit, all seine Mittel wurden nutzlos gemacht. Wenn sie den alten Einfluß aus den Zeiten der Fabel gehabt und die, die sie angesehen, in Stein verwandelt hätte, sie könnte sie nicht machtloser gemacht haben (so erschien es ihm in seinem Herzenselend) als jetzt, wo sie ihr starres Antlitz in ihrem düstern Zimmer ihm zuwandte.

Aber das Licht, das ihm durch die Entdeckung des heutigen Tages aufgegangen war und das auf diese Betrachtungen fiel, brachte ihn zu dem Entschluß, ein entschiedeneres Verfahren einzuschlagen. Auf die Rechtlichkeit seines Vorsatzes bauend und durch ein Gefühl ringsumher schwer drohender Gefahr gedrängt, beschloß er, wenn seine Mutter fortfahre, unnahbar für ihn zu bleiben, sich in seiner Verzweiflung an Affery zu wenden. Wenn sie dazu gebracht werden könnte, offenherzig zu sein und, was an ihr war, zu tun, um den Zauberbann des Geheimnisses, der auf dem Hause lag, zu brechen, so mußte er auch die Lähmung loswerden, die ihm mit jeder Stunde, die über sein Haupt hinging, fühlbarer wurde. Das war das Resultat der Herzensbeklemmung, die ihn den ganzen Tag niedergedrückt hatte, und dies der Entschluß, den er zur Ausführung bringen wollte, sobald der Tag zu Ende ging.

Seine erste Enttäuschung, als er an das Haus kam, war, die Tür offen und Mr. Flintwinch auf der Treppe eine Pfeife rauchend zu finden. Wenn die Umstände sich nur gewöhnlich günstig gestaltet hätten, würde Mrs. Affery die Tür auf sein Pochen geöffnet haben. Da die Umstände jedoch ungewöhnlich ungünstig waren, so stand die Tür offen, und Mr. Flintwinch rauchte seine Pfeife auf der Treppe.

»Guten Abend«, sagte Arthur.

»Guten Abend«, sagte Mr. Flintwinch.

Der Rauch kam in gewundenen Wölkchen aus Mr. Flintwinchs Munde, als wenn er sich durch seinen ganzen verdrehten Körper gewunden und in seinen krummen Hals zurückkäme, ehe er herausträte, um sich mit dem Rauch der gewundenen Kamine und dem Nebel des gewundenen Flusses zu vermischen.

»Wissen Sie irgend etwas Neues?« sagte Arthur.

»Wir wissen nichts Neues«, sagte Jeremiah.

»Ich meine von dem fremden Mann«, erklärte Arthur.

»Ich meine von dem fremden Mann«, sagte Jeremiah.

Er sah so griesgrämig aus, wie er so quer dastand, mit dem Knoten seiner Halsbinde unter dem Ohr, daß Clennam der Gedanke in den Sinn kam, und dies nicht zum erstenmal, ob Flintwinch nicht in seinem eignen Interesse Blandois auf die Seite geschafft hatte? Galt es sein Geheimnis und seine Sicherheit? Er war klein und gebeugt und vielleicht nicht sehr stark; aber er war zähe wie ein alter Eibenbaum und listig wie eine alte Dohle. Wenn solch ein Mann hinter einen weit jüngeren und weit kräftigeren Mann kommt und den festen Willen hat, ihm den Garaus zu machen und sich nicht erweichen zu lassen, so ließ sich das an diesem einsamen Ort zu so später Stunde gar leicht machen.

Während in dem krankhaften Zustande seiner Phantasie diese Gedanken sich über den Grundgedanken lagerten, der Clennams Geist unablässig beschäftigte, stand Mr. Flintwinch mit einem bösartigen Ausdruck seines Gesichtes da und betrachtete das gegenüberliegende Haus über den Einfahrtweg mit gekrümmtem Nacken und einem Auge; und er machte mehr den Eindruck, als wolle er die Mundspitze seiner Pfeife zerbeißen, als sich an ihr erfreuen. Und doch genoß er sie in seiner Weise.

»Sie werden das nächste Mal, wenn Sie wiederkommen, wie mich dünkt, Mr. Arthur, mein Bild malen können«, sagte Mr. Flintwinch trocken, als er sich bückte, um die Asche auszuklopfen.

Etwas verlegen, als er inneward, was er getan, bat Arthur um Verzeihung, wenn er ihn unhöflich lange angesehen hatte. »Aber meine Gedanken drehen sich so viel um diesen Gegenstand«, sagte er, »daß ich mich ganz vergesse.«

»Hah! Ich sehe nicht ein«, versetzte Flintwinch gemächlich, »warum das Sie kümmern sollte, Arthur.«

»Nicht?«

»Nein«, sagte Flintwinch kurz und entschieden; ganz als wenn er von der Hunderasse wäre und nach Arthurs Hand schnappte.

»Es ist gleichgültig für mich, wenn ich solche Plakate angeschlagen sehe? Es ist gleichgültig für mich, wenn ich meiner Mutter Haus und Wohnung in solcher Verbindung in der Leute Mund sehe?«

»Ich sehe keinen Grund ein«, versetzte Mr. Flintwinch, indem er sich die hornige Wange strich, »warum das für Sie so wichtig sein soll. Aber ich sage Ihnen, was ich sehe, Arthur«, fuhr er fort, indem er nach den Fenstern hinaufblickte, »ich sehe das Kamin- und Kerzenlicht im Zimmer Ihrer Mutter.«

»Und was hat das damit zu schaffen?«

»Nun, Sir, ich ersehe daraus«, sagte Flintwinch, sich an ihm hinaufschraubend, »daß, wenn es rätlich ist (wie das Sprichwort sagt), einen schlafenden Hund liegen zu lassen, es vielleicht ebenso rätlich ist, einen vermißten Hund liegen zu lassen. Kümmern Sie sich nicht darum. Sie stehen beide gewöhnlich bald genug wieder auf.«

Mr. Flintwinch drehte sich kurz um, nachdem er diese Bemerkung gemacht hatte, und ging in die dunkle Halle. Clennam stand da und folgte ihm mit den Blicken, während er in dem kleinen Zimmer an der Seite in die Phosphorbüchse tauchte, um ein Licht anzuzünden, und nach drei- bis viermaligem Versuch endlich Licht gemacht hatte, worauf er die trübe Lampe an der Wand anzündete. Während der ganzen Zeit beschäftigte sich Mr. Clennam mit der vermutlichen Art und Weise – mehr, als wenn sie ihm von einer unsichtbaren Hand gezeigt würden, denn als daß er sie selbst beschwöre – mit der vermutlichen Art und Weise, sagen wir, von Mr. Flintwinchs Mitteln und Wegen, jene dunklere Tat zu tun und die Spuren derselben in einem der dunklen Schattengänge ringsumher zu entfernen.

»Nun, mein Herr«, sagte der mürrische Jeremiah, »ist es Ihnen angenehm, mit mir heraufzukommen?«

»Meine Mutter ist hoffentlich allein?«

»Nein«, sagte Mr. Flintwinch, »Mr. Casby und seine Tochter sind bei ihr. Sie kamen, während ich rauchte; ich blieb deshalb zurück, um meine Pfeife auszurauchen.«

Das war die zweite Enttäuschung. Arthur machte keine Bemerkung darüber und ging nach dem Zimmer seiner Mutter, wo Mr. Casby und Flora Tee mit Sardellenbrot und gerösteten Schnitten mit Butter nahmen. Die Überreste dieser Delikatessen waren noch nicht entfernt, weder von dem Tisch, noch von dem erhitzten Gesicht Afferys, die mit der Röstgabel in der Hand wie eine Art allegorischer Figur aussah, nur daß sie in Beziehung auf die sinnbildliche Bedeutung ihrer Erscheinung weit im Vorteil gegenüber dem gewöhnlichen Schlag der Allegorien war.

Flora hatte ihren Hut und Schal auf eine Art über das Bett ausgebreitet, daß man deutlich erkennen konnte, sie beabsichtige einige Zeit zu bleiben. Auch Mr. Casby strahlte neben dem Kaminrücken, indem die wohlwollenden Erhöhungen auf seiner Stirn glänzten, als wenn die warme Butter der gerösteten Schnitten durch den patriarchalischen Schädel schwitzte, und sein Gesicht so rot war, als wenn der Färbestoff des Sardellenteiges über diese patriarchalische Physiognomie sich ausbreitete. Da er dies bei dem Austausch der gewöhnlichen Begrüßungen bemerkte, beschloß Clennam ohne Aufschub mit seiner Mutter zu sprechen.

Es war eine alte Gewohnheit, da sie niemals ihr Zimmer verließ, wenn ihr jemand etwas im geheimen sagen wollte, sie an ihren Schreibtisch zu rollen; dort saß sie gewöhnlich, den Rücken ihres Stuhls dem übrigen Zimmer zukehrend, während die Person, die mit ihr sprach, in einer Ecke auf einem Stuhl saß, der immer zu diesem Zwecke bereit stand. Ausgenommen, daß es lange her war, seit Mutter und Sohn ohne Einmischung einer dritten Person miteinander gesprochen, war es eine alte Gewohnheit, die jeder Besuch von Mrs. Clennam kannte, daß sie mit einem Wort der Entschuldigung wegen der Unterbrechung befragt wurde, ob man mit ihr in einer Geschäftsangelegenheit sprechen könne, und wenn sie bejahend antwortete, daß man sie in der bezeichneten Richtung fortrollte.

Als deshalb Arthur eine solche Entschuldigung machte und diesen Wunsch aussprach, dann sie an ihren Schreibtisch rollte und sich auf den Stuhl setzte, begann Mrs. Finching noch lauter und schneller zu sprechen, um anzudeuten, daß sie nichts hören könne, und Mr. Casby strich seine langen weißen Haare mit schläfriger Ruhe.

»Mutter, ich habe heute etwas gehört, wovon ich überzeugt bin, daß Sie es nicht wissen, und das Sie, nach meiner Ansicht, wissen müssen: es betrifft das frühere Leben des Mannes, den ich hier traf.«

»Ich weiß nichts von dem früheren Leben des Mannes, den du hier trafst, Arthur.«

Sie sprach laut. Er hatte seine Stimme gedämpft; aber sie wies dieses Entgegenkommen des Vertrauens ab, wie sie jedes andere Entgegenkommen abwies, und sprach in ihrer gewöhnlichen Weise und in ihrem gewöhnlichen strengen Tone.

»Ich habe dies nicht auf Umwegen erfahren; sondern es ist mir ganz direkt zugekommen.«

Sie fragte ihn, genau wie zuvor, ob er ausdrücklich deshalb gekommen sei, um ihr zu sagen, was es sei.

»Ich halte es für gut, daß Sie es wissen.«

»Und was ist es?«

»Er saß in einem französischen Gefängnis.«

Sie antwortete mit der größten Ruhe: »Ich halte das für sehr möglich.«

»Aber in einem Gefängnis für Verbrecher, Mutter. Er war eines Mordes beschuldigt.«

Sie fuhr bei diesem Worte zusammen, und ihre Blicke drückten ihren unwillkürlichen Schauer aus. Aber sie sprach dennoch laut, als sie fragte:

»Wer sagte dir das?«

»Ein Mann, der mit ihm gefangen saß.«

»Die Vergangenheit jenes Mannes war dir, glaube ich, nicht bekannt, ehe er dies sagte?«

»Nein.«

»Aber der Mann selbst?«

»Ja.«

»Das ist auch mein und Mr. Flintwinchs Fall mit jenem andern Mann. Die Ähnlichkeit ist indes, darf ich wohl sagen, nicht so groß, da der Mensch, der dir diese Mitteilung gemacht, dir wohl nicht durch einen Brief eines Korrespondenten zugeführt wurde, bei dem er Geld deponiert hatte? Wie steht es mit diesem Punkte der Parallele?«

Arthur hatte keine andere Wahl, als zu erklären, daß sein Gewährsmann ihm nicht durch Vermittlung solcher Beglaubigungsschreiben, wie überhaupt durch gar keine Beglaubigungsschreiben, bekannt geworden. Mrs. Clennams aufmerksames Gesicht bekam immer mehr den Ausdruck strengen Triumphs, und sie versetzte mit Emphase: »Nimm dich in acht mit deinem Urteil über andere. Ich sage dir, Arthur, nimm dich in acht mit deinem Urteil: es könnte dir gefährlich werden!«

Ihre Emphase lag ebensosehr in dem Ausdruck ihrer Augen als in dem Nachdruck, den sie auf ihre Worte legte. Sie sah ihn unverwandt an, und wenn er bei seinem Eintritt ins Haus die geringste Hoffnung im stillen hegte, Eindruck auf sie zu machen, so verscheuchte ihr Blick diese Hoffnung wieder aus seinem Herzen.

»Mutter, kann ich Ihnen in nichts behilflich sein?«

»Nein.«

»Wollen Sie mir kein Vertrauen schenken, mir keinen Auftrag und keine Erklärung geben? Wollen Sie keinen Rat von mir annehmen? Wollen Sie mich Ihnen nicht näher kommen lassen?«

»Wie kannst du mich so fragen? Bist du es denn nicht gewesen, der sich von meinen Sachen losgesagt? Es war nicht mein Werk, sondern das deine. Wie kannst du beständig eine solche Frage an mich richten? Du weißt, daß du mich den Händen Mr. Flintwinchs überließest, und daß er nun deine Stelle einnimmt.«

Mit einem Blicke auf Jeremiah sah Clennam sogar an den Gamaschen desselben, daß seine ganze Aufmerksamkeit auf sie gerichtet war, obwohl er, sein Kinn reibend, an der Wand lehnte und tat, als ob er auf Flora horchte, die in höchst zerstreuender Weise sich in einem Chaos von Gegenständen bewegte, in dem Makrelen und Mr. Finchings Tante in einer Schaukel mit Maikäfern und dem Weinhandel verstrickt wurden.

»Ein Gefangener in einem französischen Gefängnis, der des Mordes angeklagt war«, wiederholte Mrs. Clennam, ruhig überlegend, was ihr Sohn gesagt. »Das ist alles, was du von seinem Mitgefangenen über ihn erfahren hast?«

»Genau genommen alles.«

»Und war der Mitgefangene auch sein Mitschuldiger, ebenfalls ein Mörder? Aber er wird freilich besser von sich als von seinem Freunde sprechen; ich brauche gar nicht zu fragen. Casby, Arthur sagt mir –«

»Halten Sie ein, Mutter. Halten Sie ein, halten Sie ein!« Er unterbrach sie rasch, denn es war ihm nicht in den Sinn gekommen, daß sie laut preisgeben würde, was er ihr gesagt hatte.

»Was soll’s?« fragte sie mißvergnügt. »Was gibt’s?«

»Ich bitte um Entschuldigung, Mr. Casby – und auch Sie, Mrs. Finching – gestatten Sie nur noch einen Augenblick mit meiner Mutter –«

Er hatte seine Hand auf ihren Stuhl gelegt, sie hätte ihn sonst mit einem Druck des Fußes auf den Boden herumgedreht. Sie saßen sich auf diese Weise noch immer gegenüber. Sie sah ihn an, während er an die Möglichkeit eines Resultats dachte, das er nicht beabsichtigt und nicht voraussehen konnte, und das er von dem Offenkundigwerden von Cavalettos Enthüllung fürchten mußte; er kam deshalb rasch zu dem Entschluß, daß es besser wäre, wenn man gar nicht davon spräche; obwohl ihn bei seiner Mitteilung vielleicht kein entschiedenerer Grund leitete, als daß er es für gewiß betrachtete, seine Mutter werde es für sich und ihren Kompagnon behalten.

»Was gibt es?« sagte sie wiederum ungeduldig. »Was soll’s?«

»Ich meinte nicht, daß Sie wiederholen sollten, was ich Ihnen mitteilte. Ich hielte es für besser, wenn Sie’s nicht preisgeben.«

»Machst du mir das zur Bedingung?«

»Nun ja!«

»So bedenke wohl, du bist es, der daraus ein Geheimnis macht«, sagte sie, ihre Hand aufhebend, »nicht ich. Du bist es, Arthur, der Zweifel und Verdacht und Bitten um Aufklärungen hierherbringt, und du bist es, Arthur, der Geheimnisse hier hereinschleppt. Was gilt es mir, wo der Mann war oder was er war? Was kann es mir bedeuten? Die ganze Welt darf es wissen, wenn sie es wissen will, es gilt mir gleich. Nun, laß mich gehen.«

Er gab ihrem gebietenden und stolzen Blick nach und rollte ihren Stuhl wieder zurück an den Ort, wo er vorher gestanden hatte. Während er dies tat, bemerkte er einen übermütigen Ausdruck auf Mr. Flintwinchs Gesicht, der gewiß nicht durch Flora hervorgerufen war. Die Art und Weise, wie sie sein Wissen und seinen Angriff und seine Pläne gegen ihn drehte, überzeugte ihn sogar noch weit mehr als die Entschiedenheit und Festigkeit seiner Mutter von der Vergeblichkeit aller seiner Bemühungen. Es blieb ihm nichts übrig, als sich an seine alte Freundin Affery zu wenden.

Aber selbst nur dies höchst zweifelhafte und näherbringende Ziel zu erreichen, sich an Affery wenden zu können, schien eine der wenigst versprechenden menschlichen Unternehmungen. Sie war so vollständig in der Sklaverei der beiden Gescheiten, wurde so systematisch von dem einen oder andern beaufsichtigt und fürchtete sich außerdem so sehr, im Hause umherzugehen, daß jede Gelegenheit, mit ihr allein sprechen zu können, im voraus unmöglich zu sein schien. Überdies hatte Mrs. Affery durch gewisse Mittel (es war nicht schwer zu ahnen, daß es die strengen Argumente ihres Eheherrn waren) eine so lebendige Überzeugung von der Gefährlichkeit, irgend etwas unter irgendwelchen Umständen zu sagen, gewonnen, daß sie die ganze Zeit in einem Winkel stehengeblieben war, indem sie sich mit ihrem symbolischen Instrument vor jedem Nahenden schützte; so daß, als Flora oder der flaschengrüne Patriarch selbst einige Worte an sie richteten, sie wie eine Stumme jedes Gespräch mit ihrer Röstgabel von sich abwies.

Nach verschiedenen vergeblichen Versuchen, Affery zu vermögen, daß sie ihn ansehe, während sie den Tisch abräumte und das Teeservice reinigte, dachte Arthur an ein Auskunftsmittel, zu dem ihm Flora behilflich sein sollte. Er flüsterte ihr deshalb zu: »Könnten Sie nicht sagen, Sie möchten gern einen Gang durch das Haus machen?«

Die arme Flora, die immer in der schwankenden Erwartung der Zeit war, wo Clennam seine Jugend wieder aufleben lassen und sterblich in sie verliebt sein würde, vernahm das Geflüster mit dem höchsten Entzücken; denn es wurde nicht nur durch seinen geheimnisvollen Charakter ihr wertvoll, sondern bahnte ihr auch den Weg zu einem zärtlichen Rendezvous, bei dem er ihr den Zustand seiner Neigungen erklären würde. Sie begann deshalb alsbald den Wink auszuführen.

»Ach mein Gott, das gute alte Zimmer«, sagte Flora und sah sich dabei um, »es sieht gerade noch immer so aus Mrs. Clennam das rührt mich wahrhaftig nur ist es etwas rauchiger was sich mit der Zeit erwarten ließ und was wir alle erwarten müssen und worein wir uns fügen müssen ob wir Lust haben oder nicht wie ich überzeugt bin daß es auch mit mir der Fall sein wird nur daß ich nicht gerade rauchiger geworden aber schrecklich viel dicker was dasselbe oder gar noch schlimmer wenn ich an die Tage denke wo Papa mich hierherbrachte das kleinste Mädchen eine reine Frostbeulenmasse und man mich auf einem Stuhle festsetzte die Füße auf den Rädern wo ich Arthur – bitte entschuldigen Sie – Mr. Clennam den kleinsten Knaben in der furchtbarsten Halskrause und Jacke ansah ehe Mr. Finching erschien ein nebliger Schatten am Horizont und aufmerksam gegen mich war wie das wohlbekannte Gespenst eines gewissen Ortes in Deutschland der mit B anfängt eine moralische Lehre die uns sagt daß alle Wege im Leben den Wegen im Norden von England ähnlich sind wo sie die Kohlen gewinnen und das Eisen und die Dinge die mit Asche bedeckt sind.«

Nachdem sie den Tribut eines Seufzers der Unbeständigkeit der menschlichen Dinge bezahlt, fuhr Flora rasch in ihrem Vorhaben fort.

»Nicht daß jemals sein schlimmster Feind hätte sagen können es sei ein freundliches Haus denn das war es nie aber es machte immer einen großen Eindruck ein verliebtes Gedächtnis erinnert sich einer Gelegenheit in der Jugend ehe das Urteil reif war wo Arthur –- eingewurzelte Gewohnheit – Mr. Clennam mich in eine unbenutzte Küche hinabnahm die in außerordentlich verschimmeltem Zustande war und mir den Vorschlag machte mich dort mein ganzes Leben lang zu verbergen und mich mit dem zu nähren was er von seinen Mahlzeiten beiseite schaffen könnte außer wenn er während der Feiertage nicht zu Hause oder in Ungnade und auf trocken Brot gesetzt war, was in jener friedlichen Zeit gar häufig vorkam – wäre es unpassend oder zuviel verlangt wenn ich bäte man möge mir erlauben diese Szene wieder in meinem Gedächtnis aufzufrischen und einen Gang durch das Haus zu machen?«

Mrs. Clennam, die Mrs. Finching gezwungen für die Güte dankte, daß sie überhaupt hier sei, obwohl ihr Besuch (vor Arthurs unerwartetem Erscheinen) eine Art reiner Gutmütigkeit und nicht des Egoismus war, sagte ihr, daß ihr das ganze Haus offen stehe. Flora stand auf und sah Arthur mit einem Blicke an, der ihn aufforderte, daß er sie begleite. »Gewiß«, sagte er laut, »und Affery wird uns hoffentlich leuchten.«

Affery entschuldigte sich mit den Worten: »Verlangen Sie nichts von mir, Arthur!« als Mr. Flintwinch sie zum Schweigen brachte, indem er sagte: »Warum nicht? Affery, was ist mit dir, Weib? Warum nicht, Dirne?« Auf solche Weise zur Rede gestellt, kam sie aus ihrem Winkel hervor, lieferte die Röstgabel der einen Hand ihres Gatten aus und nahm den Leuchter, den er ihr bot, von der andern in Empfang.

»Geh voran, du Närrin!« sagte Jeremiah. »Wollen Sie hinauf- oder hinuntergehen, Mrs. Finching?«

Flora antwortete: »Hinunter!«

»Dann gehe die Treppe hinunter voran, Affery«, sagte Jeremiah. »Und mache deine Sache gut, sonst komme ich die Treppe hinunter und falle über dich her!«

Affery ging der Expedition voran, Jeremiah schloß sie. Er hatte nicht die Absicht, sie zu verlassen. Clennam sah zurück, und da er bemerkte, daß er drei Stufen hinterdrein in der kältesten und methodischsten Weise folgte, rief er mit leiser Stimme: »Kann man ihn denn nicht loswerden?« Flora beruhigte ihn, indem sie rasch antwortete: »Nun obgleich nicht ganz passend Arthur und etwas woran ich vor einem jüngern Mann oder einem Fremden nicht denken möchte kümmere ich mich doch nicht um ihn besonders wenn Sie es so wünschen und vorausgesetzt Sie haben die Güte mich nicht zu fest anzufassen.«

Da er nicht das Herz hatte, zu erklären, daß das gar nicht sei, was er meinte, bog Arthur seinen unterstützenden Arm um Floras Hüfte.

»O du meine Güte«, sagte sie, »Sie sind wirklich sehr gehorsam, und es ist gewiß außerordentlich ehrenhaft und artig von Ihnen aber wenn Sie mich etwas fester anfassen wollten würde ich es doch nicht für zudringlich halten.«

In dieser albernen Stellung, die in unendlichem Widerspruch mit der Beklommenheit seines Herzens stand, stieg Clennam in den untern Stock des Hauses hinab, und er fand, je dunkler es wurde, desto schwerer wurde Flora und umgekehrt. Als sie von der düstern Küchenregion zurückkehrten, die so traurig wie möglich war, ging Mrs. Affery mit dem Licht in seines Vaters einstiges Zimmer und dann in das alte Speisezimmer, immer voran wie ein Phantom, das man nicht einholen kann; auch wandte sie sich weder um, noch antwortete sie, wenn er flüsterte: »Affery, ich möchte mit Ihnen sprechen!«

In dem Speisezimmer überkam Flora der sentimentale Wunsch, in das Drachenkabinett hineinzusehen, das Arthur so oft in den Tagen seiner Kindheit verschlungen – wahrscheinlich wohl auch, weil es als ein sehr dunkles Kabinett die vortreffliche Gelegenheit bot, sehr schwer zu sein. Arthur, der beinahe verzweifelte, öffnete es, als man ein Klopfen an der äußeren Tür hörte.

Mrs. Affery zog mit einem unterdrückten Schrei ihre Schürze über den Kopf.

»Wie? Du brauchst wohl wieder eine Dosis?« sagte Mr. Flintwinch. »Du sollst sie haben, Frau. Du sollst eine tüchtige Dosis haben! Oh! Ich will dich striegeln und prügeln!«

»Geht inzwischen jemand nach der Tür?« sagte Arthur.

»Ich gehe inzwischen nach der Tür, Sir«, versetzte der alte Mann, so wild, daß es klar wurde, er fühle, in solcher Verlegenheit müsse er selbst gehen, obgleich er vorgezogen hätte, nicht zu gehen. »Bleibe indessen ruhig stehen! Affery, wenn du dich um einen Zoll breit bewegst oder ein Wort in deiner Dummheit sprichst, so werde ich die Dosis verdreifachen.«

Sobald er gegangen war, ließ Arthur Mrs. Finching los; es war dies mit einiger Schwierigkeit verbunden, weil diese Dame seine Absicht mißverstand und ihre Arrangements so traf, daß sie ihn fesselten, statt ihm freie Hand zu lassen.

»Affery, sprechen Sie jetzt mit mir!«

»Berühren Sie mich nicht, Arthur!« rief sie, ihm ausweichend. »Kommen Sie mir nicht nahe. Er wird Sie sehen. Jeremiah wird es sehen. Tun Sie es nicht.«

»Er kann mich nicht sehen«, versetzte Arthur, indem er die Tat mit dem Worte verband, »wenn ich das Licht ausblase.«

»Er wird Sie hören«, rief Affery.

»Er kann mich nicht hören«, versetzte Arthur, indem er wieder die Tat dem Wort folgen ließ, »wenn ich Sie in dieses dunkle Kabinett ziehe und hier spreche. Warum verbergen Sie Ihr Gesicht?«

»Weil ich etwas zu sehen fürchte.«

»Sie können nicht fürchten, in dieser Dunkelheit etwas zu sehen, Affery.«

»Doch, ich fürchte mich. Noch mehr, als wenn es hell wäre.«

»Warum fürchten Sie sich?«

»Weil das Haus voll von Geheimnissen steckt; weil es voll Geflüster und Gewisper ist; weil es voll Geräusch ist. Es wird mich noch umbringen, wenn Jeremiah mich nicht vorher erdrosselt; was er sicherlich tut.«

»Ich habe hier nie ein Geräusch gehört, das der Beachtung wert gewesen.«

»Ach ja! Aber Sie würden solches hören, wenn Sie noch in dem Hause wohnten und darin herumgehen müßten wie ich«, sagte Affery; »und Sie würden fühlen, daß es wohl der Beachtung wert ist, und Sie würden zu bersten glauben, wenn Sie nicht davon sprechen dürften. Da ist Jeremiah! Sie werden noch schuld sein, daß man mich umbringt.«

»Meine gute Affery, ich erkläre Ihnen feierlich, daß ich das Licht der offenen Tür auf den Fliesen des Ganges sehen kann, und das würden Sie auch können, wenn Sie die Schürze von Ihrem Gesicht und Ihren Augen wegnehmen wollten.«

»Ich möchte das nicht tun«, sagte Affery, »ich möchte es um keinen Preis tun, Arthur. Ich habe immer etwas vor den Augen, wenn es Jeremiah nicht sieht, und sogar bisweilen, wenn er es sieht.«

»Er kann die Tür nicht schließen, ohne daß ich es sehe«, sagte Arthur, »Sie sind so sicher bei mir, als wenn er fünfzig Meilen von mir entfernt wäre.«

(»Ich wünschte, er wäre es!« rief Affery.)

»Affery, ich möchte wissen, was hier für ein Unrecht begangen worden; ich möchte einiges Licht auf die Geheimnisse dieses Hauses geworfen wissen.«

»Ich sage Ihnen, Arthur«, unterbrach sie ihn, »das Geheimnis besteht in dem Geräusch, dem Gerassel und dem Schleichen, dem Zittern und den Tritten über uns und unter uns.«

»Aber das sind doch nicht alle Geheimnisse?«

»Ich weiß nicht«, sagte Affery. »Fragen Sie mich nicht mehr, Ihre ehemalige Geliebte ist in der Nähe, und sie ist eine Schwätzerin.«

Seine Geliebte war allerdings so nahe bei der Hand, daß sie in diesem Augenblick in einem wirklichen Winkel von fünfundvierzig Graden sich schwankend zu ihm herabneigte und ihnen ins Wort fiel, um Mrs. Affery mit mehr Ernst als direkter Beteuerung zu versichern, was sie auch hören möge, nichts werde über ihre Lippen kommen, sondern sie werde es für sich behalten, wenn auch nur um Arthurs willen – sie wisse wohl, diese Vertraulichkeit klinge aufdringlich, besser Doyce und Clennam.

»Ich wende mich bittend an Sie, Affery, an Sie, eine der wenigen angenehmen Erinnerungen aus früheren Zeiten, die ich habe, – um meiner Mutter, um Ihres Mannes, um meiner, um unserer aller willen wende ich mich an Sie. Ich bin überzeugt, Sie können mir etwas sagen, was sich auf das Hierherkommen dieses Mannes bezieht, wenn Sie nur wollen.«

»Nun, so will ich Ihnen sagen, Arthur«, versetzte Affery, – »Jeremiah kommt.«

»Nein, wahrhaftig nicht. Die Tür ist offen, und er steht draußen und spricht.«

»So will ich Ihnen sagen«, sagte Affery, nachdem sie gelauscht hatte, »daß das erstemal, als er kam, er selbst das Geräusch hörte. ›Was ist das?‹ sagte er zu mir. ›Ich weiß nicht, was es ist‹, sagte ich zu ihm, indem ich ihn festhalte, ›aber ich habe es schon oft gehört.‹ Während ich dies sage, steht er an allen Gliedern zitternd da und starrt mich an.«

»War er oft hier?«

»Nur jenes Mal, und als er zum letzten Male hier war.«

»Was sahen Sie von ihm an jenem letzten Abend, nachdem ich fortgegangen war?«

»Die beiden Gescheiten waren ganz allein mit ihm. Jeremiah kam hüpfend neben mir her, nachdem ich Sie hinausgelassen (er kommt immer hüpfend neben mir her, wenn er mir wehe tun will), und sagte zu mir: ›Nun, Affery, ich komme hinter dir drein, Weib, um dir Füße zu machen.‹ Damit nahm er mich hinten am Halse und drückte mich, bis ich den Mund aufsperrte, und trieb mich vor sich zu Bett, indem er mich den ganzen Weg zwickte. Das nennt er mir Füße machen. Oh, er ist ein bösartiger Mann.«

»Und hörten und sahen Sie sonst nichts, Affery?«

»Sagte ich Ihnen nicht, ich wurde zu Bett geschickt, Arthur? Hier ist er!«

»Ich versichere Sie, er ist noch immer an der Tür. Dieses Geflüster und Gewisper, Affery, von dem Sie gesprochen haben, was ist das?«

»Wie kann ich wissen! Fragen Sie mich nicht weiter, Arthur. Gehen Sie jetzt.«

»Ich versichere Sie, er ist noch immer an der Tür. Das Geflüster und Gewisper, von dem Sie gesprochen, Affery. Was ist damit?«

»Wie sollt‘ ich es wissen! Fragen Sie mich nicht danach, Arthur. Gehen Sie!«

»Aber meine liebe Affery, wenn ich nicht einen Einblick in diese verborgenen Dinge, trotz Ihres Mannes und trotz meiner Mutter, bekommen kann, so wird das größte Verderben daraus entstehen.«

»Fragen Sie mich nichts«, wiederholte Affery. »Ich war die ganze Zeit in einem Traum. Gehen Sie, gehen Sie!«

»Sie sagten das früher schon«, versetzte Arthur. »Sie gebrauchten denselben Ausdruck in jener Nacht an der Tür, als ich Sie fragte, was hier vorgehe. Was meinen Sie mit dem Ausdruck ›in einem Traum sein‹?«

»Ich kann es Ihnen nicht sagen. Gehen Sie! Ich würde es Ihnen nicht sagen, wenn Sie allein wären; noch weniger, da Ihre ehemalige Geliebte zugegen ist.«

Es war gleich vergeblich, daß Arthur bat und Flora ihre Verschwiegenheit beteuerte. Affery, die die ganze Zeit zitterte und sich loszumachen suchte, hatte ein taubes Ohr für alle Beschwörungen und dachte nur, wie sie aus dem Kabinett hinauskommen, könnte.

»Ich würde lieber Jeremiah rufen, als noch ein Wort sagen! Ich werde ihn rufen, wenn Sie nicht aufhören, mit mir zu sprechen. Vernehmen Sie das allerletzte Wort, das ich sage, ehe ich ihn rufe. Wenn Sie jemals der beiden Gescheiten Meister werden (Sie sollten es tun, wie ich Ihnen am ersten Tage Ihrer Ankunft sagte, denn Sie haben hier nicht so lange Jahre zugebracht, daß Sie sich Ihr Leben lang zu fürchten brauchen wie ich), so werden Sie ihrer vor meinen Augen Meister; und dann sagen Sie zu mir: ›Affery, erzählen Sie Ihre Träume.‹ Vielleicht erzähle ich sie Ihnen dann.«

Das Schließen der Tür schnitt Arthurs Antwort ab. Sie stellten sich wieder an den Ort, wo Jeremiah sie verlassen; und Clennam, der vortrat, als der alte Mann zurückkam, sagte ihm, daß er durch Zufall das Licht ausgelöscht habe. Mr. Flintwinch sah darauf hin, während er es an der Lampe in der Halle wieder anzündete, und beobachtete ein tiefes Schweigen bezüglich der Person, mit der er gesprochen hatte. Vielleicht forderte seine Reizbarkeit Ersatz für die Langeweile, die ihm der Besuch verursacht; wie dem nun auch war, er wurde so ärgerlich, als er seine Frau mit der Schürze über dem Kopf sah, daß er über sie herfiel, und indem er ihre verhüllte Nase zwischen Daumen und Zeigefinger nahm, in dem Druck, mit dem er jene umdrehte, seine ganze Schraubkraft zu erschöpfen schien.

Flora entband Arthur der Besichtigung des Hauses nicht früher, als bis sie auch in seinem ehemaligen Schlafzimmer gewesen war, das sich in dem Giebelstock befand. Seine Gedanken waren mit andern Dingen beschäftigt als mit dieser Besichtigungstour; aber später, wenn er sich bisweilen wieder daran erinnerte, fiel ihm besonders die dumpfe Luftlosigkeit des Hauses auf; ferner, daß man die Spur ihrer Tritte in dem Staub der obern Boden sah; und daß endlich eine Zimmertür Widerstand leistete, was Affery veranlaßte, laut zu schreien, es habe sich jemand drin verborgen, auf welchem Glauben sie beharrte, obgleich man jemand suchte und niemand fand. Als sie endlich nach seiner Mutter Zimmer zurückkehrten, fanden sie sie, das Gesicht mit ihrer eingehüllten Hand beschattend, während sie leise mit dem Patriarchen sprach, der vor dem Kamin stand. Seine blauen Augen, sein glatter Kopf und seine seidenen Haare, die sich ihnen zuwandten, als sie eintraten, verliehen einen unschätzbaren Wert und eine unerschöpfliche Liebe der Bemerkung, die er machte:

»So, Sie haben das Haus sich angesehen, – das Haus – das Haus sich angesehen!«

Es war an und für sich nicht gerade ein Juwel von Wohlwollen und Weisheit, aber er machte seine Worte doch zu einem Muster von beidem, daß man gerne eine Kopie davon gehabt hätte.

Vierundzwanzigstes Kapitel.


Vierundzwanzigstes Kapitel.

Der Abend eines langen Tages

Der berühmte Mann und anerkannte Schmuck der Nation, Mr. Merdle, schritt auf seiner glänzenden Bahn voran. Es begann weit und breit anerkannt zu werden, daß ein Mann, der der Gesellschaft den bewundernswerten Dienst geleistet, so viel Geld aus ihr herauszuschlagen, nicht ein Mitglied vom Unterhause bleiben dürfe. Man sprach mit Zuversicht von einer Baronie; häufig war auch von der Pairswürde die Rede. Das Gerücht ging, Mr. Merdle habe sein goldenes Gesicht von einer Baronie mit Verachtung abgewandt; er habe Lord Decimus offen zu verstehen gegeben, daß eine Baronie nicht genug für ihn sei; er habe gesagt: »Nein, eine Pairswürde oder einfach Merdle.« Man erzählte sich, dies habe Lord Decimus‘ adliges Kinn so tief in eine Pfütze von Zweifeln gestürzt, wie eine so hohe Person sinken konnte. Denn die Barnacles, als eine abgesonderte Gruppe in der Schöpfung, waren der Ansicht, daß solche Auszeichnungen nur für sie seien und daß, wenn ein Soldat, Seemann oder Advokat geadelt würde, sie ihn gleichsam durch einen Akt besonderer Herablassung an der Familientür empfingen und diese dann alsbald wieder schlössen. Nicht allein (sagte das Gerücht) hatte der verlegene Decimus seine eignen Erben dabei vor Augen, sondern er wußte auch von mehreren Barnacles, die auf der Liste standen und mit den Ansprüchen des vornehmsten Geistes in Kollision kamen. Mit Recht oder Unrecht, das Gerücht war sehr geschäftig, und Lord Decimus, der die Schwierigkeit in ernstliche Erwägung zog, oder von dem man vermutete, daß er es tat, lieh ihm einigen Vorschub, indem er bei verschiedenen öffentlichen Gelegenheiten seinen Elefantentrott durch eine Dschungel von hochgewachsenen Redensarten anschlug, indem er auf seinem Rüssel Mr. Merdle als Riesenunternehmungsgeist, Reichtum von England, Elastizität, Kredit, Kapital, Wohlfahrt und alle Arten von Segen hin und her bewegte.

So ruhig mähte die alte Sense fort, daß volle drei Monate unbemerkt vergangen waren, seit die beiden englischen Brüder in ein Grab auf dem Fremdenkirchhof von Rom gelegt worden waren. Mr. und Mrs. Sparkler hatten sich nun in ihrem eignen Hause eingerichtet; ein kleines Herrschaftshaus, etwa von der Tite Barnacle-Klasse, ein wahrer Triumph der Unbequemlichkeit mit dem beständigen Geruch der Suppe vom vorgestrigen Tage und von Wagenpferden, aber außerordentlich teuer, weil es genau im Mittelpunkt des bewohnbaren Globus lag. In dieser beneidenswerten Wohnung (und sie wurden wirklich darum von vielen beneidet) hatte Mrs. Sparkler die Absicht, sogleich sich ans Werk der Vernichtung des Busens zu machen, als der Ausbruch der Feindseligkeiten durch die Ankunft des Kuriers mit der Todesnachricht unterbrochen wurde. Mrs. Sparkler, die nicht gefühllos war, hatte die Kunde mit einem heftigen Ausbruch von Schmerz vernommen, der zwölf Stunden lang dauerte. Nach diesen hatte sie sich aufgerafft, um an ihre Trauerkleidung zu denken und alle Vorbereitungen zu treffen, die sie so vorteilhaft machen könnten wie Mrs. Merdle. Ein düsterer Schatten fiel auf mehr als eine hohe Familie (so berichteten die höflichsten Anzeigen), und der Kurier kehrte wieder zurück.

Mr. und Mrs. Sparkler hatten allein gespeist, und der düstere Schatten ruhte auf ihnen; nun lag Mrs. Sparkler auf einem Salonsofa. Es war ein heißer Sommersonntagsabend. Die Wohnung in der Mitte des bewohnbaren Globus, die zu allen Zeiten verstopft und verschlossen war, als wenn sie an einer unheilbaren Erkältung des Kopfes litt, war an jenem Abend besonders dumpf. Die Kirchenglocken hatten ihr abscheulichstes Gewimmer angestimmt, das in den Straßen ein unmelodisches Echo fand, und die erleuchteten Fenster der Kirchen hatten in dem grauen Nebel ihre gelbe Farbe verloren und waren in dunkles Schwarz übergegangen. Mrs. Sparkler, die auf ihrem Sofa lag und lange durch ein offenes Fenster auf der entgegengesetzten Seite über Nelken- und andere Blumenkistchen hinweg nach der entgegengesetzten Seite einer engen Straße gesehen hatte, war dieses Anblicks müde. Mrs. Sparkler sah dann zu einem andern Fenster hinaus, wo ihr Gatte auf dem Balkon stand, und ward bald auch dieses Anblicks müde. Mrs. Sparkler sah sich selbst in ihrer Trauerkleidung an und ward sogar dieses Anblicks müde; obgleich natürlich nicht so müde wie die beiden andern Male.

»Es ist, als wenn man in einem Brunnen läge«, sagte Mrs. Sparkler, indem sie verdrießlich ihre Stellung änderte. »Mein Gott, Edmund, wenn du etwas zu sagen hast, warum sagst du es nicht?«

Mr. Sparkler hätte aufrichtig antworten können: »Meine Liebe, ich habe nichts zu sagen.« Da ihm jedoch diese passende Antwort nicht einfiel, so begnügte er sich, den Balkon zu verlassen und sich neben das Sofa zu stellen, auf dem seine Frau lag.

»Du meine Güte, Edmund!« sagte Mrs. Sparkler noch verdrießlicher, »du wirst die Nelken noch in deine Nase stecken! Laß das, bitte!«

Mr. Sparkler, der geistesabwesend war – vielleicht wörtlicher geistesabwesend, als man gewöhnlich diese Phrase versteht –, hatte so dicht an einem Schößling in seiner Hand gerochen, daß er das fragliche Vergehen beinahe begangen hätte. Er sagte lächelnd: »Ich bitte um Vergebung, meine Liebe«, und warf ihn zum Fenster hinaus. »Du machst mir Kopfweh, wenn du in dieser Stellung bleibst, Edmund«, sagte Mrs. Sparkler, indem sie nach einer weitern Minute die Blicke zu ihm erhob. »Du siehst in diesem Lichte so ungeheuer groß aus. Setze dich.«

»Gern, meine Liebe«, sagte Mr. Sparkler. Und stellte einen Stuhl an den Ort, wo er gestanden hatte.

»Wenn ich nicht wüßte, daß der längste Tag vorüber ist«, sagte Fanny, furchtbar gähnend, »so wäre ich fest überzeugt gewesen, dies sei der längste Tag. Ich habe nie einen solchen Tag erlebt.«

»Ist das dein Fächer, meine Liebe?« fragte Mr. Sparkler, indem er einen solchen aufhob und ihn ihr gab.

»Edmund«, versetzte seine Frau noch müder, »frage nicht dergleichen, ich bitte dich. Wem kann er denn gehören als mir?«

»Ja, ich dachte mir, daß er dir gehören werde«, sagte Mr. Sparkler.

»Dann solltest du nicht fragen«, versetzte Fanny. Nach einer kurzen Weile drehte sie sich auf ihrem Sofa um und rief: »Mein Gott, mein Gott, es war noch kein Tag so lang wie dieser!« Nach einer zweiten Pause erhob sie sich langsam, ging auf und nieder und kam wieder zurück.

»Meine Liebe«, sagte Mr. Sparkler, den ein origineller Gedanke durchblitzte, »ich denke, du wirst einen Nervenanfall haben –«

»Oh! Nervenanfall!« wiederholte Mrs. Sparkler. »Sage das nicht!«

»Mein anbetungswürdiges Kind!« bat Mr. Sparkler, »versuche deinen aromatischen Essig. Ich habe meine Mutter oft Gebrauch davon machen sehen, und es schien sie zu erfrischen. Und sie ist, wie du wohl bemerkt haben wirst, eine außerordentliche feine Frau, die keinen –«

»Gütiger Gott!« rief Fanny, wieder auffahrend, »es ist, um alle Geduld zu verlieren! Das ist gewiß der langweiligste Tag, der je über der Welt anbrach!«

Mr. Sparkler sah ihr demütig nach, während sie im Zimmer auf und ab ging, und schien etwas erschrocken. Nachdem sie mehrere Kleinigkeiten umhergeworfen und aus allen drei Fenstern in die dunkler werdende Straße hinabgesehen hatte, kehrte sie zu ihrem Sofa zurück und warf sich in die Kissen.

»Nun, Edmund, komm hierher! Komm etwas näher, weil ich dich mit meinem Fächer zu berühren imstande sein möchte, um dir genau einzuschärfen, was ich dir nun zu sagen im Begriff bin. So wird’s recht sein. Schon nahe genug. Oh, du siehst so groß aus!«

Mr. Sparkler entschuldigte sich wegen dieses Umstandes, versicherte, daß er nichts dafür könne, und sagte »unsre Jungen«, ohne besonders zu sagen, welche Jungen, hätten ihn gewöhnlich Quinbus Flestrin Junior oder den »Young Man Mountain« genannt. »Das hättest du mir früher sagen sollen«, klagte Fanny. »Meine Liebe«, versetzte Mr. Sparkler, fast angenehm berührt, »ich wußte nicht, daß dich das interessieren würde, sonst würde ich dir gewiß davon gesprochen haben.«

»Nein! Um aller Güte willen, sprich nicht«, sagte Fanny, »ich möchte selbst sprechen. Edmund, wir dürfen nicht mehr allein sein. Ich muß Vorkehrungen treffen, die es unmöglich machen, daß ich immer wieder in diesen Zustand schrecklicher Gedrücktheit verfalle, in dem ich mich heute abend befinde.«

»Meine Liebe«, antwortete Mr. Sparkler, »da du als eine außerordentlich feine Frau bekannt bist, die keinen –«

»O, Grundgütiger!« rief Fanny.

Mr. Sparkler wurde durch die Heftigkeit dieses Ausrufs, der von einem Auffahren vom Sofa und einem Niedersinken begleitet war, so außer Fassung gebracht, daß es ein bis zwei Minuten dauerte, ehe er sich imstande fühlte, zur Erklärung zu sagen:

»Ich wollte sagen, meine Liebe, jedermann wisse, du seiest darauf angewiesen, in Gesellschaft zu glänzen.«

»Darauf angewiesen, in. Gesellschaft zu glänzen«, versetzte Fanny mit großer Gereiztheit! »ja, wahrhaftig. Ich erhole mich durch die Besuche kaum von dem Schlag des Todes meines armen teuren Vaters und meines armen Onkels – obgleich ich nicht verhehle, daß das letztere eine große Wohltat war, denn wenn man nicht in Gesellschaft gebracht werden kann, so tut man besser zu sterben –«

»Du meinst damit hoffentlich nicht mich?« unterbrach sie Mr. Sparkler demütig.

»Edmund, Edmund, du könntest einen Heiligen aus der Fassung bringen. Spreche ich nicht ausdrücklich von meinem armen Onkel?«

»Du sahst mich so bedeutsam an, mein liebes Kind«, sagte Mr. Sparkler, »daß mir etwas unbehaglich wurde. Ich danke dir, meine Liebe.«

»Nun hast du mich aus dem Konzept gebracht«, bemerkte Fanny mit einem resignierten Schlag ihres Fächers, »und ich ginge besser zu Bett.« .

»Tue das nicht, meine Liebe«, drängte Mr. Sparkler. »Bleibe noch etwas.«

Fanny wartete noch etwas lange; sie lehnte sich zurück, schloß die Augen und zog die Augenbrauen mit einem hoffnungslosen Ausdruck hinauf, als wenn sie alle irdischen Dinge völlig aufgegeben hätte. Endlich öffnete sie ohne die geringste Warnung die Augen wieder und begann in ihrer kurzen, scharfen Weise:

»Was geschieht, frage ich? Was geschieht? In der Lebensperiode, wo ich am meisten in der Gesellschaft glänzen sollte und aus sehr wichtigen Gründen am meisten in der Gesellschaft zu glänzen wünschte – sehe ich mich in einer Lage, die bis zu einem gewissen Grade mich unfähig macht, in Gesellschaft zu erscheinen. Es ist wahrhaftig schrecklich!«

»Meine Liebe«, sagte Mr. Sparkler, »ich glaube nicht, daß du deshalb zu Hause zu bleiben brauchst.« »Edmund, du lächerlicher Mensch«, versetzte Fanny mit großer Entrüstung; »glaubst du, daß eine Frau in der Blüte der Jugend, und nicht ganz aller persönlichen Reize bar, sich zu solcher Zeit mit ihrer Gestalt dem Vergleich mit einer Frau aussetzen darf, die in jeder andern Beziehung unter ihr steht? Wenn du das glaubst, so bist du ein grenzenloser Narr.«

Mr. Sparkler machte den bescheidenen Einwurf, er habe gemeint, »daß es sich überwinden ließe.«

»Überwinden!« sagte Fanny in grenzenlosem Zorn.

»Eine Zeitlang!« meinte Mr. Sparkler bescheiden.

Diesen letzten schwachen Einwurf keiner Beachtung würdigend, erklärte Mrs. Sparkler mit bitterem Ausdruck, daß es wirklich zu traurig sei und hinreichend, einen zu dem Wunsche zu bringen, man wäre tot.

»Freilich«, sagte sie, als sie sich einigermaßen des Gefühls entschlagen, daß sie grausam behandelt werde, »so empörend es ist, und so grausam es scheint, man muß sich eben darein finden.«

»Namentlich, wenn man es erwarten mußte«, sagte Mr. Sparkler.

»Edmund«, versetzte seine Frau, »wenn du nichts Passenderes zu tun weißt, als die Frau zu beleidigen zu suchen, die dich mit ihrer Hand beehrte, wenn sie sich unglücklich fühlt, so glaube ich, es wäre besser, du gingest zu Bett.«

Mr. Sparkler war sehr unglücklich über diese Beschuldigung und suchte sich aufs zärtlichste und ernstlichste zu entschuldigen. Seine Entschuldigung wurde angenommen; aber Mrs. Sparkler bat ihn, auf die andere Seite des Sofas zu gehen, hinter dem Fenstervorhang zu sitzen und leiser zu sprechen.

»Nun, Edmund«, sagte sie, indem sie ihren Fächer ausstreckte und ihn damit auf Armslänge berührte, »was ich dir sagen wollte, als du wie gewöhnlich zu schwatzen begannst, ist, daß ich nicht länger allein zu sein im Sinne habe und daß, wenn die Umstände mir verbieten, nach Belieben auszugehen, ich es arrangieren muß, beständig die einen oder die andern bei mir zu haben; denn ich kann und will keinen solchen Tag mehr erleben wie den heutigen.«

Mr. Sparklers Ansicht in Beziehung auf diesen Plan war in Kürze die, daß kein Unsinn darin sei. Er fügte hinzu: »Und außerdem, wie du weißt, wirst du bald deine Schwester hier haben –«

»Die liebe Amy, ja!« rief Mrs. Sparkler mit einem liebevollen Seufzer. »Ein allerliebstes kleines Ding. Aber Amy würde allein doch nicht genügen.«

Mr. Sparkler war im Begriff, mit einem fragenden »Nein?« zu antworten. Aber er sah, welche Gefahr für ihn darin lag, und sagte bestätigend: »Nein. Allerdings nicht: sie würde allein nicht genügen.«

»Nein, Edmund. Denn nicht nur sind die Vorzüge dieses kostbaren Kindes von jener stillen Art, daß sie eines Kontrastes bedürfen – Leben und Bewegung um sich her brauchen, um sie ins richtige Licht zu stellen und sie allgemein beliebt zu machen; sondern sie muß in mehr als einer Beziehung aufgeweckt werden.« »Das ist es«, sagte Mr. Sparkler, »aufgeweckt.«

»Bitte, laß das, Edmund! Deine Gewohnheit zu unterbrechen, ohne daß du das geringste von der Welt zu sagen hast, bringt einen in Verwirrung. Das mußt du dir abgewöhnen. Ich sprach von Amy; meine arme Kleine war außerordentlich anhänglich an den armen Papa und hat gewiß seinen Tod schmerzlich beweint und sich sehr gehärmt. Ich habe es ja auch getan. Ich habe den Verlust tief empfunden. Aber Amy wird ihn noch schmerzlicher empfunden haben, da sie die ganze Zeit an Ort und Stelle war und den armen, lieben Papa bis zum letzten Augenblick gepflegt hat; was mir leider nicht vergönnt war.«

Hier hielt Fanny inne, um zu weinen, und sagte dann: »Der liebe, liebe, gute Papa! Was für ein echter Gentleman er war! Was für ein Kontrast mit dem armen Onkel!«

»Die Nachwirkungen dieser Prüfungszeit«, fuhr sie fort, »wird man bei meiner guten kleinen Maus durch Aufheiterung zu verwischen suchen müssen. Ebenso die Nachwirkungen der langen Pflege bei Edwards Krankheit: einer Pflege, die noch nicht vorüber ist und die noch einige Zeit dauern kann, die außerdem uns alle so lange nicht zur Ruhe kommen läßt, bis die Angelegenheiten des armen guten Papa ins reine gebracht werden können. Glücklicherweise sind die Papiere bei seinen Agenten hier alle gesiegelt und verschlossen, wié er sie zurückließ, als er gewissermaßen ahnungsvoll nach England kam; seine Sachen sind in dem geordneten Zustande, daß es mit ihnen Zeit hat, bis mein Bruder Edward sich in Sizilien wieder so weit erholt hat, um herüberzukommen und anzuordnen, was zu tun ist, auszuführen oder was sonst geschehen soll.«

»Er konnte keine bessere Pflegerin bei sich haben«, war Mr. Sparkler so kühn auszusprechen.

»Es ist ein Wunder, daß ich dir recht geben kann«, versetzte seine Frau, indem sie langsam ihre Augenlider etwas nach ihm hinrichtete (sie predigte sonst, als wenn es den Möbeln des Wohnzimmers gälte), »und deinen Worten beipflichten kann. Er konnte keine bessere Pflegerin bei sich haben. Es gibt Zeiten, wo mein liebes Kind für einen lebhaften Geist etwas Ermüdendes hat; aber als Pflegerin ist sie die Vollkommenheit selbst. Die beste Amy, die es gibt!«

Mr. Sparkler, dem nach seinem letzten Erfolg der Mut rasch gestiegen war, bemerkte, Edward schlage sich wahrlich lange herum.

»Wenn ›sich herumschlagen‹ der technische Ausdruck für Unwohlsein ist«, versetzte Mrs. Sparkler, »so ist das allerdings der Fall. Wenn aber nicht, so bin ich außerstande, eine Meinung über die barbarische Sprache abzugeben, die du an Edwards Schwester richtest. Daß er sich das Malariafieber irgendwo geholt – entweder, als er Tag und Nacht nach Rom reiste, wo er doch zu spät angekommen, um den armen lieben Papa noch vor dem Sterben zu sehen, oder bei einer andern unglücklichen Gelegenheit – ist unzweifelhaft, wenn es das ist, was du meinst. Ebenso, daß sein außerordentlich leichtfertiges, Leben die Krankheit sehr gefährlich für ihn gemacht hat.« Mr. Sparkler hielt es für einen ähnlichen Fall, wie den mit einzelnen von unsern jungen Leuten in Westindien, wenn sie das gelbe Fieber bekommen. Mrs. Sparkler schloß ihre Augen wieder und wies jede Bekanntschaft mit unseren jungen Leuten in Westindien oder dem gelben Fieber von sich ab.

»Amy«, fuhr sie fort, als sie ihre Augen wieder öffnete, »wird es nötig haben, daß man sie von den Nachwirkungen mancher ermüdenden und bangen Woche durch Erheiterung befreit. Endlich wird sie nötig haben, daß man ihr die Richtung aufs Niedrige benimmt, die, wie ich wohl weiß, in der Tiefe ihres Herzens ruht. Frage mich nicht, Edmund, was es ist, weil ich dir eine Antwort versagen müßte.«

»Ich will es auch gar nicht wissen, meine Liebe«, sagte Mr. Sparkler.

»Ich werde somit manches an meinem lieben Kind gutzumachen haben«, fuhr Mrs. Sparkler fort, »und kann sie nicht bald genug bei mir haben. Die liebenswürdigen und lieben kleinen Füßchen! Was das Ordnen der Angelegenheiten des armen Papa betrifft, so ist mein Interesse dabei durchaus nicht selbstsüchtiger Natur. Papa zeigte sich außerordentlich freigebig gegen mich, als ich heiratete, und ich habe wenig oder nichts zu erwarten. Vorausgesetzt, daß er kein rechtsgültiges Testament gemacht, das Mrs. General ein Legat aussetzt, bin ich zufrieden. Der liebe Papa, der liebe Papa!« Sie weinte wieder, aber Mrs. General war das beste stärkende Mittel. Der Name schon veranlaßte sie, ihre Augen zu trocknen und zu sagen:

«Es ist ein sehr ermutigender Umstand bei Edwards Krankheit, ich erkenne es mit Dank an, und es gibt mir die größte Zuversicht, daß sein Kopf nicht gelitten oder sein Geist schwächer geworden ist – wenigstens nicht bis zu des lieben Papas Tod –, daß er Mrs. General augenblicklich ausbezahlte und sie aus dem Hause wegschickte. Ich muß ihm dafür meinen Beifall zollen. Ich könnte ihm viel vergeben, weil er so rasch und so genau tat, was ich selbst getan haben würde!«

Mrs. Sparkler glühte ganz vor Dankbarkeit, als man zweimal an die Tür pochen hörte. Ein höchst wunderliches Pochen. Leise, als wenn man ein Geräusch zu machen oder die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen vermeiden wollte. Lange, als wenn die Person, die klopfte, mit andern Dingen beschäftigt wäre und aufzuhören vergäße.

»Hallo!« sagte. Mr. Sparkler. »Wer ist das?«

»Doch nicht Amy und Edward, ohne es uns zuvor wissen zu lassen und ohne einen Wagen?« sagte Mrs. Sparkler. »Sieh hinaus!«

Das Zimmer war dunkel, aber die Straße war wegen der Lampen heller. Mr. Sparklers Kopf sah, während er über den Balkon herabschaute, so groß und schwer aus, daß er das Übergewicht zu bekommen und den Unbekannten unten plattzuschlagen drohte.

»Es ist ein Mann«, sagte Mr. Sparkler. »Ich kann nicht sehen, wer – halt, indessen!«

Bei diesem zweiten Gedanken ging er wieder auf den Balkon und sah zum zweiten Male hinab. Er kam zurück, als die Tür unten geöffnet wurde, und meldete, daß, er »seines Erziehers Hut« erkannt zu haben glaube. Er hatte sich nicht getäuscht, denn sein Erzieher trat unmittelbar darauf mit seinem Hut in der Hand in das Zimmer.

»Lichter!« sagte Mr. Sparkler mit einem Wort der Entschuldigung wegen der Dunkelheit.

»Es ist hell genug für mich«, sagte Mr. Merdle.

Als die Lichter hereingebracht waren, sah man Mr. Merdle hinter der Tür stehen und sich auf die Lippen beißen, »Ich dachte, ich wollte euch besuchen«, sagte er. »Ich bin jetzt gerade sehr beschäftigt; und da ich zufällig einen Gang durch die Stadt machte, dachte ich, ich wollte euch besuchen.«

Da er wie zu einem Diner gekleidet war, fragte Fanny, wo er diniert habe?

»Nun«, sagte Mr. Merdle, »ich habe eigentlich nirgends diniert.«

»Sie haben doch gespeist?« sagte Fanny.

»Ja – nein, ich habe eigentlich nicht gespeist«, sagte Mr. Merdle.

Er fuhr mit der Hand über die Stirn und besann sich, als wenn er die Sache nicht ganz gewiß wüßte. Man bot ihm etwas zu essen an. »Nein, ich danke«, sagte Mr. Merdle. »Ich habe keinen Appetit. Ich wollte mit Mrs. Merdle auswärts speisen. Da ich aber die Lust verlor, ließ ich Mrs. Merdle, gerade als wir in den Wagen stiegen, allein gehen und dachte, ich wolle statt dessen einen Gang durch die Stadt machen.«

Ob er Tee oder Kaffee wolle? »Nein, ich danke«, sagte Mr. Merdle. »Ich war einen Augenblick im Klub und trank eine Flasche Wein.«

Nun nahm Mr. Merdle den Stuhl, den Edmund Sparkler ihm angeboten und den er bisher langsam vor sich hergeschoben hatte, wie ein unbehilflicher Mensch, der zum ersten Male ein Paar Schlittschuhe anhat und sich nicht entschließen kann, damit auszuschreiten. Dann stellte er seinen Hut auf einen anderen Stuhl neben sich, sah in denselben hinein, als wenn er zwanzig Fuß tief wäre, und sagte wieder: »Ihr seht, ich wollte euch einen Besuch machen.«

»Sehr schmeichelhaft für uns«, sagte Fanny, »denn Sie sind kein Mann, der Besuche macht.«

»N – ein«, versetzte Mr. Merdle, der sich inzwischen an den Rockärmeln in Haft genommen. »Nein, ich bin kein Mann, der Besuche macht.«

»Dafür haben Sie zu viel zu tun«, sagte Fanny. »Da Sie so viel zu tun haben, Mr. Merdle, ist der Mangel an Appetit bei Ihnen sehr bedenklich, und Sie müssen etwas dafür tun. Sie dürfen nicht krank sein.«

»Oh, ich bin ganz wohl«, versetzte Mr. Merdle, nachdem er die Sache überlegt hatte. »Ich bin so wohl wie immer. Ich bin wohl genug. Ich bin so wohl, wie ich zu sein brauche.«

Der vornehmste Geist des Zeitalters, treu seinem Charakter, immer so wenig wie möglich für sich zu sagen zu haben, und dies nur mit großer Mühe zu sagen, ward wieder stumm. Mrs. Sparkler hätte gern gewußt, wie lange der vornehmste Geist zu bleiben beabsichtige.

»Ich sprach vom armen Papa, als Sie eintraten, Sir.«

»Ah! Ein hübsches Zusammentreffen«, sagte Mr. Merdle.

Fanny sah das nicht ein, aber hielt es für ihre Aufgabe, weiterzusprechen. »Ich sagte«, fuhr sie fort, »meines Bruders Krankheit habe einen Aufschub der Prüfung und Ordnung des Vermögens meines Papa veranlaßt.«

»Ja, ja«, sagte Mr. Merdle. »Sie veranlaßte einen Aufschub.«

»Nicht, daß dieser gerade von Bedeutung wäre«, sagte Fanny.

»Nein«, stimmte Mr. Merdle bei, nachdem er den ganzen Kreis, rings im Zimmer umher, soweit sein Gesichtskreis reichte, gemustert hatte, »nicht daß es von Bedeutung wäre.«

»Das einzige, woran mir, liegt«, sagte Fanny, »ist, daß Mrs. General nichts bekommt.«

» Siewird nichts bekommen«, sagte Mr. Merdle.

Fanny war entzückt, ihn diese Ansicht aussprechen zu hören. Nachdem Mr. Merdle noch einen Blick in die Tiefen seines Hutes geworfen, als wenn er darin etwas zu sehen glaubte, fuhr er sich in die Haare und hing langsam seiner letzten Bemerkung die bestätigenden Worten an: »Oh, sicher nicht. Nein. Sie nicht. Nicht wahrscheinlich.«

Da dieser Gesprächsgegenstand erschöpft zu sein schien und auch Mr. Merdle, so fragte Fanny, ob er Mrs. Merdle und den Wagen unterwegs abholen würde?

»Nein«, antwortete er; »ich werde den kürzesten Weg machen, und Mrs. Merdle« – dabei blickte er über das Innere seiner beiden Hände hin, als wenn er sich sein Schicksal prophezeite– »für sich selbst sorgen lassen. Ich bin überzeugt, es wird ihr gelingen.«

»Wahrscheinlich«, sagte Fanny.

Es entstand eine lange Pause, wahrend der Mrs. Sparkler, sich wieder in ihr Sofa zurücklegend, die Augen schloß und ihre Augenbrauen in die Höhe zog, um sich wie zuvor ganz von weltlichen Dingen abzuwenden.

»Aber«, sagte Mr. Merdle, »ich halte euch und mich auf, Ich dachte, ich wollte euch einen Besuch machen.«

»Gewiß, wir fühlen uns sehr geschmeichelt«, sagte Fanny.

»So will ich denn gehen«, fügte Mr. Merdle hinzu und stand auf. »Könnten Sie mir ein Federmesser leihen?« .

Es sei doch seltsam, bemerkte Fanny lächelnd, daß sie, die es selten über sich vermöchte, auch nur einen Brief zu schreiben, einem Mann von so großen Geschäften etwas leihen sollte. »Nicht wahr?« stimmte Mr. Merdle bei; »aber ich brauche ein solches; und ich weiß, ihr habt zur Hochzeit mehrere kleine Keepsakes bekommen, mit Scheren und Zänglein und dergleichen. Ihr sollt es morgen wiederhaben.«

»Edmund«, sagte Mrs. Sparkler, »öffne mal (aber sehr vorsichtig, ich bitte dich dringend, denn du bist so ungeschickt), öffne das Perlmutterkästchen auf meinem kleinen Tischchen dort, und gib Mr. Merdle das Perlmutterfedermesser.«

»Ich danke«, sagte Mr. Merdle, »aber wenn Sie eines mit einem dunklern Griff hätten, so würde ich das vorziehen.«

»Schildpatt?«

»Ich denke«, sagte Mr. Merdle, »ja. Ich glaube, ich würde Schildpatt vorziehen.«

Edmund erhielt demzufolge Befehl, das Schildpattkästchen aufzumachen und Mr. Merdle das Schildpattfedermesser zu geben. Während er dies tat, sagte seine Frau gnädig zu dem großen Geist:

»Ich werde Ihnen verzeihen, wenn Sie einen Tintenfleck darauf machen.«

»Ich denke nicht, einen Tintenfleck darauf zu machen«, sagte Mr. Merdle.

Der berühmte Besuch streckte jetzt seinen Ärmelaufschlag vor und begrub für einen Augenblick Mrs. Sparklers Hand, Armgelenke, Bracelet und alles darin. Wo sich seine eigene Hand hinverlor, war nicht deutlich, aber Mrs. Sparkler konnte sie so wenig fühlen, als wenn er ein hochverdienter Chelseaveteran oder Greenwichpensionär gewesen wäre.

Vollständig überzeugt, als dieser das Zimmer verließ, daß es der längste Tag sei, der jemals zu Ende gegangen, und daß nie eine Frau existiert, die, nicht ganz aller persönlichen Reize bar, so von einfältigen und langweiligen Leuten gequält würde, trat Fanny auf den Balkon hinaus, um etwas frische Luft zu schöpfen. Tränen des Verdrusses füllten ihre Augen, und sie machten den Eindruck durch sie, als ob der bejahrte Mr. Merdle, wie er die Straße hinabging, spränge und walzte und sich im Kreise herumdrehte, als wäre er von verschiedenen Teufeln besessen.

Vierzehntes Kapitel.


Vierzehntes Kapitel.

Rats erholen.

Als die Briten am Ufer der gelben Tiber erfuhren, daß ihr intelligenter Landsmann Mr. Sparkler einer der Lords des Circumlocution Office geworden, nahmen sie es als eine Nachricht auf, die sie nicht näher anging als jede andere Neuigkeit – jedes andre Ereignis oder Verbrechen – in den englischen Zeitungen. Die einen lachten, die andern sagten, als Entschuldigung, die Stelle sei eine Sinekure, und jeder Dummkopf, der seinen Namen richtig schreiben könne, sei gut genug für dieselbe: noch andre endlich, und dies waren die feierlichsten politischen Orakel, sagten, Decimus handle klug, sich zu verstärken, und der einzige konstitutionelle Zweck aller Stellen, die Decimus zu vergeben habe, sei, daß Decimus sich verstärke. Einige gallige Briten waren allerdings vorhanden, die diesen Glaubensartikel nicht unterschreiben wollten: aber ihre Einwürfe waren rein theoretischer Art. In praktischer Hinsicht ließen sie die Sache gleichgültig liegen, als wenn es die Sache andrer irgendwo oder nirgendwo befindlichen Briten wäre. In gleicher Weise behaupteten viele Briten in der Heimat, wenigstens vierundzwanzig Stunden lang nachher, daß diese unsichtbaren und namenlosen Briten »die Sache in die Hand nehmen sollten« und daß, wenn sie sich’s ruhig gefallen ließen, sie es auch nicht besser verdienten. Aber welcher Klasse diese trägen und gleichgültigen Briten angehörten, und wo diese unglücklichen Geschöpfe steckten, und weshalb sie sich verbargen, und woher es beständig kam, daß sie ihr Interesse vernachlässigten, während so viele andere Briten sich gar nicht erklären konnten, warum sie sich nicht um ihre Interessen kümmerten, war weder den Leuten an dem Ufer der gelben Tiber noch den Leuten am Ufer der schwarzen Themse klar.

Mrs. Merdle verbreitete die Nachricht, wie sie auch die Gratulationen empfing, mit der sorglosesten Grazie, die die Sache sehr zu ihrem Vorteil hob, wie die Fassung den Juwel. Ja, sagte sie, Edmund hat die Stelle angenommen. Mr. Merdle wünschte, daß er sie annehme, und er hat sie angenommen. Sie hoffe, die Stellung werde Edmund gefallen, aber gewiß wisse sie es nicht. Sie würde ihn einen großen Teil des Jahres in der Stadt festhalten, und er ziehe das Land vor. Es sei jedoch keine unangenehme Stellung – und es sei doch eine Stellung. Es sei nicht zu leugnen, daß es ein Kompliment für Mr. Merdle und keineswegs schlecht sei, wenn Edmund Geschmack daran finde. Es sei ganz gut, daß er etwas zu tun habe, und sei auch ganz gut, daß er etwas dafür bekäme. Ob es besser für Edmund, als wenn er in der Armee diente, das müsse man erst abwarten.

So sprach der Busen, geübt in der Kunst, scheinbar nur wenig Wert auf etwas zu legen und es dadurch gerade im Wert zu steigern. Indessen machte Henry Gowan, den Decimus abgeworfen, die Rundreise bei allen seinen bekannten, von der Porta del Popolo bis nach Albano, und beteuerte fast (wenn auch nicht ganz) mit Tränen in den Augen, daß Sparkler der gutmütigste, einfachste, kurz, der liebenswürdigste Esel sei, der jemals auf der Staatswiese gegrast: und daß nur eines ihm (Gowan) Freude bereitet, falls jener (der geliebte Esel) diesen Posten nicht bekommen, und das wäre gewesen, wenn er (Gowan) den Posten erhalten hätte. Er sagte, er passe ganz vortrefflich für Sparkler. Es sei nichts dabei zu tun und das würde er allerliebst machen, und dabei sei eine hübsche Besoldung einzustreichen und diese würde er allerliebst einstreichen; es sei eine angenehme, ganz passende, vortreffliche Stellung, und er vergab dem Verleiher derselben beinahe, daß er ihn übergangen, in der Freude darüber, daß der liebe Esel, für den er eine so große Vorliebe hatte, einen so guten Stall bekommen habe. Damit ließ sein Wohlwollen sich noch nicht genügen. Er nahm sich die Mühe, bei allen geselligen Gelegenheiten Mr. Sparkler hervorzuholen und ihn in der Gesellschaft zu zeigen; und obgleich diese rücksichtsvolle Handlung stets damit endigte, daß dieser junge Mann sich in einem traurigen und hilflosen geistigen Lichte zeigte, so ließ sich doch nicht an der freundlichen Absicht zweifeln.

Nur der Gegenstand von Mr. Sparklers Herzensneigung erlaubte sich daran zu zweifeln. Miß Fanny war nun in der schwierigen Lage, allgemein als dieser Gegenstand bekannt zu sein und Mr. Sparkler nicht verabschiedet zu haben, obgleich sie ihn sehr launisch behandelte. Daher war sie genug mit diesem Gentleman verknüpft, um sich kompromitiert zu fühlen, wenn er sich mehr als gewöhnlich lächerlich zeigte, und daher kam sie, da es ihr keineswegs an raschen Einfällen fehlte, ihm gegen Gowan zu Hilfe und leistete ihm sehr gute Dienste. Aber während sie dies tat, schämte sie sich seiner, unentschlossen, ob sie ihn gehen lassen oder ihn noch entschiedener aufreizen sollte, durch die Befürchtung in Verwirrung gesetzt, daß sie sich jeden Tag mehr in das Netz ihrer Ungewißheiten verstrickte, und gequält von dem Argwohn, daß Mrs. Merdle über ihre Verlegenheit triumphiere. Bei so stürmisch bewegtem Gemüt war es nicht zu verwundern, daß Miß Fanny eines Abends von einem Konzert und Ball bei Mrs. Merdle in großer Aufregung nach Hause kam, und als die Schwester sie liebreich trösten suchte, diese von dem Toilettentisch wegstieß, an dem sie saß, und zornig weinend mit gehobenem Busen erklärte, daß sie alle Menschen verabscheue und wünschte, sie wäre tot.

»Liebe Fanny, was gibt es? Sage es mir.«

»Was es gibt, du kleiner Maulwurf«, sagte Fanny. »Wenn du nicht die Blindeste der Blinden wärest, so brauchtest du mich nicht zu fragen. Der Gedanke, zu behaupten zu wagen, daß man Augen im Kopfe habe, und mich doch zu fragen, was es gebe?«

»Handelt es sich um Mr. Sparkler, meine Liebe?«

»Mi–ster Spark–ler!« wiederholte Fanny mit unendlicher Verachtung, als wenn er das letzte im Sonnensystem wäre, was möglicherweise ihrem Geiste nahe sein konnte. »Nein, Miß Fledermaus, das ist’s nicht.«

Alsbald jedoch wieder bereuend, daß sie ihrer Schwester solche Namen gegeben, erklärte sie unter Seufzern, sie wisse, sie mache sich verhaßt, aber die Leute drängten sie dazu.

»Ich glaube, du bist heute abend nicht ganz wohl, liebe Fanny.«

»Welch ein Unsinn!« versetzte das junge Mädchen ärgerlich werdend, »ich bin so wohl wie du. Vielleicht könnte ich sagen besser, ohne damit zu prahlen.«

Die arme Klein-Dorrit, die nicht wußte, wie sie ein beruhigendes Wort anbringen sollte, ohne befürchten zu müssen, zurückgewiesen zu werden, hielt es für das beste, ruhig zu bleiben. Anfangs nahm Fanny auch dies übel auf, indem sie ihrem Spiegel versicherte, daß von allen Prüfungen, die ein Mädchen ertragen müßte, eine Schwester, die nicht begreifen wolle, die größte Prüfung sei. Sie wisse, daß sie zu Zeiten in schrecklicher Stimmung sei; sie wisse, sie mache sich verhaßt, nichts wäre so gut für sie, als wenn man es ihr offen sagte; da sie jedoch eine Schwester habe, die nichts begreifen wolle, so sage man es ihr nie, und daher komme es, daß sie geradezu gereizt und gestachelt sei, sich unangenehm zu machen. Außerdem (sagte sie zornig zu ihrem Spiegel) wolle sie nicht, daß man ihr verzeihe. Es sei doch nicht richtig, wenn sie sich immer durch die Nachsicht einer jüngern Schwester demütigen lassen müsse. Das sei die Kunst, – daß man sie immer in die Lage bringe, wo ihr vergeben werden müsse, ob sie’s nun wolle, oder nicht. Zuletzt brach sie in heftiges Weinen aus, und als ihre Schwester kam und sich dicht neben sie setzte, um sie zu trösten, sagte sie: »Amy, du bist ein Engel!«

»Aber ich will dir etwas sagen, liebe Kleine«, sagte Fanny, als die Sanftmut ihrer Schwester sie etwas beruhigt hatte, »es ist jetzt an einem Punkt angekommen, daß es nicht mehr so fortgehen kann und soll, wie es im Augenblick geht, und daß auf die eine oder andere Art ein Ende gemacht werden muß.«

Da die Erklärung unbestimmt, obgleich sehr peremtorisch war, gab Klein-Dorrit zur Antwort: »Laß uns näher von der Sache sprechen.«

»Ganz recht, meine Liebe«, stimmte Fanny zu, während sie ihre Augen trocknete. »Laß uns von der Sache sprechen. Ich bin jetzt wieder vernünftig, und du sollst mir deinen Rat geben. Willst du mir deinen Rat geben, mein süßes Kind?«

Selbst Amy lächelte über diese Idee, sagte jedoch: »Ich will es, Fanny, so gut ich kann.«

»Dank dir, liebste Amy«, versetzte Fanny, indem sie sie küßte. »Du bist mein Anker.«

Nachdem sie ihren Anker mit großer Liebe geküßt, nahm Fanny einen Flacon mit feinem Parfüm vom Tisch und rief ihrem Mädchen, daß sie ihr ein feines Taschentuch bringe. Dann entließ sie die Dienerin für diese Nacht und machte sich bereit, sich Rats zu holen, indem sie von Zeit zu Zeit sich die Augen und Stirn mit dem Tuche betupfte, um sich zu kühlen.

»Meine Liebe«, begann Fanny, »unsre Charaktere und Ansichten sind sehr verschiedener Art (küsse mich wieder, mein Liebling), um es sehr wahrscheinlich zu machen, daß dich das, was ich zu sagen im Begriff bin, überraschen werde. Was ich sagen will, meine Liebe, ist, daß wir, trotz unseres großen Vermögens, sozial nicht die richtige Stellung einnehmen. Du wirst nicht verstehen, was ich meine, Amy?«

»Ich glaube doch, daß ich dich verstehen werde, wenn du noch ein paar Worte mehr sagst«, versetzte Amy mild.

»Gut, mein Liebe, was ich meine, ist dies, daß wir im ganzen Neulinge im fashionablen Leben sind.«

»Ich bin überzeugt, Fanny«, warf Klein-Dorrit in ihrem Eifer zu bewundern ein, »niemand wird dies an dir entdecken.«

»Gut, mein liebes Kind, vielleicht nicht«, sagte Fanny, »obgleich es recht freundlich und liebevoll von dir ist, du kostbares Mädchen, das zu sagen.« Hier tupfte sie die Stirn ihrer Schwester und blies ein wenig darauf. »Aber du bist, wie jedermann weiß, das liebste kleine Ding, das jemals existiert! Um jedoch wieder auf das frühere zu kommen, mein Kind. Papa ist außerordentlich vornehm in seinem Wesen und sehr gut unterrichtet; aber er ist in einigen Kleinigkeiten etwas verschieden von andern Gentlemen in seinen Vermögensumständen: teils infolgedessen, was er durchgemacht, der arme liebe Mann; teils, glaube ich, weil es ihm oft einfällt, daß andere Leute daran denken, während er mit ihnen spricht. Der Dünkel, meine Liebe, ist ganz unpräsentabel. Obgleich ein lieber Mann, dem ich sehr zugetan bin, ist er doch sozial höchst anstößig. Edward ist furchtbar verschwenderisch und liederlich. Ich sage damit nicht, daß etwas Ungentiles dabei sei – weit entfernt –, aber ich meine, daß er nichts geschickt angreift und daß er, wenn ich mich so ausdrücken darf, für den Ruf der Liederlichkeit, in den er sich setzt, nicht genug bekommt.«

»Der arme Edward!« seufzte Klein-Dorrit, und die ganze Geschichte der Familie lag in diesem Seufzer.

»Ja. Und auch du Arme und ich Arme«, versetzte Fanny ziemlich scharf. »Sehr wahr. Ferner, meine Liebe, haben wir keine Mutter, nur eine Mrs. General. Und ich sage dir noch einmal, mein Liebling, diese Mrs. General, wenn ich ein gewöhnliches Sprichwort umkehren und auf sie anwenden darf, ist eine Katze in Handschuhen, die Mäuse fangen wird. Diese Frau, davon bin ich fest überzeugt, wird unsere Stiefmutter werden.«

»Ich kann mir kaum denken, Fanny«, – Fanny unterbrach sie.

»Widersprich mir nicht, Amy«, sagte sie, »weil ich es besser weiß.« Da sie fühlte, daß sie wieder etwas scharf gewesen, tupfte sie ihrer Schwester Stirn und blies darauf. »Um jedoch wieder auf die Sache zu kommen, meine Liebe. Es entsteht jetzt für mich die Frage (aber ich bin stolz und lebhaft, Amy, wie du wohl weißt, vielleicht zu sehr), ob ich mich entschließen und es auf mich nehmen soll, der Familie durchzuhelfen.«

»Wie?« fragte Amy ängstlich.

»Ich will mich nicht von Mrs. General bestiefmuttern lassen«, sagte Fanny, ohne die Frage zu beantworten, »und ich will mich, auch in keiner Weise von Mrs. Merdle patronisieren und quälen lassen.«

Klein-Dorrit legte ihre Hand auf die Hand, die das Parfümfläschchen hielt, und sah dabei noch ängstlicher aus. Fanny, die ihre eigene Stirn mit dem heftigen Tupfen, das sie nun begann, eigentlich mehr strafte, fuhr etwas heftig fort:

»Daß er auf die eine oder andere Art – das Wie ist gleichgültig –- eine sehr gute Stellung bekommen hat, kann niemand leugnen. Daß er eine gute Partie ist, kann ebenfalls niemand leugnen. Und was die Frage betrifft, ob er gescheit oder nicht gescheit, so zweifle ich sehr, ob ein gescheiter Mann für mich taugte. Ich kann mal nicht nachgeben. Ich wäre nicht imstande, mich ihm genügend unterzuordnen.«

»Ah, meine liebe Fanny!« rief Klein-Dorrit, die eine Art von Schrecken erfaßt hatte, als sie begriff, was ihre Schwester meinte. »Wenn du jemanden liebtest, würden alle diese Gefühle sich ändern. Wenn du jemanden liebtest, würdest du nicht mehr du selbst sein, sondern dich ganz in der Hingabe an ihn aufgeben und verlieren. Wenn du ihn liebtest, Fanny«, – Fanny hatte mit Tupfen aufgehört und sah sie fest an.

«Oh, wirklich!« rief Fanny. »Wirklich? Der Tausend, wieviel gewisse Leute über gewisse Dinge wissen. Man sagte, jedermann habe einen Lieblingsgegenstand, und ich scheine wirklich den deinen berührt zu haben, Amy. Ich habe nur gescherzt, du kleines Ding«, sagte sie und betupfte dabei die Stirn ihrer Schwester; »aber sei kein albernes Kätzchen, und sprich nicht leichtsinnig und beredt von entarteten Unmöglichkeiten. So! Nun will ich aber wieder auf meine Sache zurückkommen.«

»Liebe Fanny, laß mich dir zuerst sagen, daß es mir weit lieber wäre, wenn wir für ein dürftiges Auskommen arbeiteten, als daß ich dich reich und mit Mr. Sparkler verheiratet sehen sollte.«

»Ich soll dich sagen lassen, meine Liebe?« versetzte Fanny. »Nun, ganz natürlich werde ich dich alles sagen lassen. Du brauchst dir hoffentlich keinen Zwang anzutun. Wir sind beieinander, um uns offen auszusprechen. Und was das Heiraten mit Mr. Sparkler betrifft, so habe ich nicht die geringste Absicht, es heute nacht, meine Liebe, oder morgen früh zu tun.«

»Aber irgendeinmal?«

»Niemals, soviel ich für jetzt weiß«, antwortete Fanny gleichgültig. Dann plötzlich aus ihrer Gleichgültigkeit in glühende Unruhe übergehend, fügte sie hinzu: »Du sprichst von gescheiten Männern, du kleines Ding. Es ist ganz hübsch und leicht, von gescheiten Männern zu sprechen: aber wo sind sie? Ich sehe sie nirgend in meiner Nähe!«

»Meine liebe Fanny, in der kurzen Zeit« –

»Kurze Zeit oder lange Zeit«, unterbrach Fanny, »ich bin unsrer Stellung überdrüssig, unsre Stellung ist mir zuwider, und wenig wäre nötig, um mich zu bewegen, sie zu verändern. Andre Mädchen, die anders erzogen und in andern Verhältnissen sind, würden sich vielleicht über das wundern, was ich sage oder tue. Meinetwegen, ihr Leben und ihr Charakter weist ihnen die Richtschnur an; mir weist sie mein Leben und mein Charakter an.«

»Fanny, meine liebe Fanny, du weißt, daß du Eigenschaften besitzest, die dich zur Gattin eines Mr. Sparkler weit überlegenen Mannes befähigen.«

»Amy, meine liebe Amy«, versetzte Fanny, ihre Worte parodierend, »ich weiß, daß ich eine entschiedenere, bestimmtere Stellung in der Gesellschaft einnehmen möchte, durch die ich mich mit größerem Nachdruck gegen diese insolente Frau behaupten könnte,«

»Würdest du dann – vergib mir die Frage, Fanny – ihren Sohn heiraten?«

»Nun, vielleicht«, sagte Fanny mit triumphierendem Lächeln. »Es kann viel weniger versprechende Wege geben, zu seinem Ziele zu kommen als diese, meine Liebe. Diese insolente Person denkt jetzt vielleicht, daß es ein großer Erfolg ihrer Taktik wäre, wenn sie ihren Sohn an mich losschlüge und mich losschälte. Aber es fällt ihr vielleicht wenig ein, wie ich’s ihr vergelten würde, wenn ich ihren Sohn heiratete. Ich würde ihr in allem opponieren und ihr den Rang streitig machen. Ich würde mir dies als Lebensaufgabe stellen.«

Fanny setzte das Riechfläschchen nieder, als sie soweit gekommen war, und ging im Zimmer auf und ab: sie blieb jedoch immer stehen, sobald sie sprach.

»Eines, mein Kind, könnte ich sicher tun: ich könnte sie älter machen, und ich würde es auch tun!«

Sie ging wieder auf und nieder.

»Ich würde von ihr als von einer alten Frau sprechen. Ich würde tun, als wüßt‘ ich – wenn ich’s auch nicht wüßte, aber ich wüßt‘ es von ihrem Sohne –, wie alt sie sei. Und sie sollte mich sagen hören, liebevoll, ganz wie es mir gebührt, und voll Hingebung, wie gut sie aussehe, wenn man ihr Alter in Anschlag bringe. Ich könnte sie älter aussehen machen, sofern ich weit jünger neben ihr wäre. Ich bin vielleicht nicht so hübsch wie sie, ich bin keine Autorität in dieser Beziehung, wie ich glaube: aber ich weiß, ich bin hübsch genug, um ihr ein Dorn im Auge zu sein. Und ich wäre es auch wirklich.«

»Aber, meine liebe Schwester, möchtest du dich auf solche Weise zu einem unglücklichen Leben verurteilen?«

»Das wäre ja kein unglückliches Leben für mich, Amy. Das wäre das Leben, wie ich’s brauche. Sei es nun, daß meine Disposition oder meine Umstände mich darauf hinweisen, das gilt gleich: ich brauche mal ein solches Leben mehr als ein anderes.«

Es klang eine gewisse Verzweiflung aus diesen Worten heraus, aber mit einem kurzen stolzen Lachen begann sie aufs neue im Zimmer auf und ab zu gehen, und nachdem sie vor einem großen Spiegel vorübergekommen, begann sie abermals stehenzubleiben. »Figur! Figur, Amy! Wohl, die Frau hat eine hübsche Figur. Ich will ihr geben, was ihr gebührt, und leugne es nicht. Aber ist sie darin allen andern so sehr überlegen, daß sie geradezu unnahbar wird? Auf mein Wort, ich bin davon nicht so sehr überzeugt. Gib einer viel jüngern Frau, wenn sie verheiratet ist, die Erlaubnis, sich so zu kleiden, wie sie, wir wollen sehen, wie es dann steht, meine Liebe!«

Es lag etwas in diesem Gedanken, das ihr angenehm war und schmeichelte, wodurch sie in bessere Stimmung kam und sich wieder setzte. Sie nahm ihrer Schwester Hände in die ihren, klatschte mit allen vier Händen über ihrem Kopfe, während sie Amy lachend ins Gesicht sah, und sagte:

»Und die Tänzerin, Amy, die sie ganz vergessen hat – die Tänzerin, die auch nicht die geringste Ähnlichkeit mit mir hatte, und an die ich sie auch nie erinnere, o Liebe, nein! –, sollte durch ihr Leben tanzen und ihr im Wege herumtanzen nach einer Melodie, die ihre anmaßende Ruhe ein wenig aufrütteln würde. Ein ganz klein wenig, meine liebe Amy, nur ein ganz klein wenig!«

Da sie dem ernsten und bittenden Blicke Amys begegnete, brachte sie die vier Hände herunter und legte nur eine auf Amys Mund.

»Widersprich mir nicht, Kind«, sagte sie in ernsterem Ton, »weil es doch nichts nützt. Ich verstehe diese Sachen weit besser als du. Ich bin noch durchaus nicht entschlossen, aber es wird schon kommen. Wir haben nun die Sache ruhig miteinander besprochen und können zu Bett gehen. Du allerbestes und liebstes kleines Mäuschen, gute Nacht!« Mit diesen Worten lichtete Fanny ihren Anker und ließ – nachdem sie sich so viel Rats geholt – des Ratholens für diesmal genug sein.

Von dieser Zeit an beobachtete Amy die Behandlung, die Mr. Sparkler von seinem Unterdrücker zuteil wurde, mit neuen Gründen, allem, was zwischen ihnen vorging, Bedeutung beizulegen. Es gab Zeiten, wo Fanny durchaus nicht imstande zu sein schien, seine geistige Schwäche zu ertragen, und wo sie so ärgerlich und ungeduldig darüber wurde, daß sie gar nicht übel Lust hatte, ihm den Abschied zu geben. Zu andern Zeiten kam sie besser mit ihm zurecht, wo er sie amüsierte und das Bewußtsein der Überlegenheit diese andere Wagschale in der Schwebe zu erhalten schien.

Wenn Mr. Sparkler nicht der getreueste und gehorsamste Liebhaber gewesen wäre, so hätte die Härte, mit der er behandelt wurde, ihn wohl dazu bringen können, den Schauplatz seiner Leiden zu fliehen und mindestens die ganze Entfernung von Rom nach London zwischen sich und die Zauberin zu bringen. Aber er hatte keinen größeren Eigenwillen denn ein Boot, das von einem Dampfschiff ins Schlepptau genommen ist, und er folgte seiner grausamen Gebieterin, von gleich starker Macht in Bewegung gesetzt, durch dick und dünn. Mrs. Merdle sprach während dieser Zeit wenig mit Fanny, aber desto mehr von ihr. Sie war wie gezwungen, sie durch ihre Lorgnette anzusehen und in der allgemeinen Unterhaltung sich Lobeserhebungen über ihre Schönheit und die Unwiderstehlichkeit derselben abringen zu lassen. Der herausfordernde Charakter, den Fanny annahm, wenn sie diese Lobsprüche hörte (wie dies gewöhnlich geschah), zeugte nicht von Konzessionen, die sie dem unparteiischen Busen machte: aber die größte Rache, die der Busen nahm, war, recht vernehmlich zu sagen: »Eine verwöhnte Schönheit – aber bei diesem Gesicht und dieser Gestalt, kann man sich darüber wundern?«

Es mochte ungefähr einen Monat oder sechs Wochen nach dem Abend sein, an dem man sich Rats geholt, als Klein-Dorrit ein neues Einverständnis zwischen Mr. Sparkler und Fanny zu entdecken schien. Wie wenn ein Vertrag stipuliert worden, sprach Mr. Sparkler kaum je, ohne erst Fanny zuvor um Erlaubnis angesehen zu haben. Diese junge Dame war zu diskret, um ihn je wieder anzusehen: hatte Mr. Sparkler jedoch Erlaubnis zu sprechen, so schwieg sie: hatte er diese nicht, so sprach sie selbst. Außerdem ward es in die Augen springend, daß sooft Henry Gowan ihm den Freundschaftsdienst erweisen wollte, ihn bloßzustellen, er nicht bloßzustellen war. Und nicht allein das, sondern er pflegte auch stets ohne die mindeste nachweisbare Beziehung in der Welt etwas zu sagen, was einen solchen Stachel in sich hatte, daß Gowan augenblicklich sich zurückzog, als wenn er seine Hand in einen Bienenkorb gesteckt hätte.

Noch ein andrer Umstand bestärkte Klein-Dorrit nachdrücklich in ihren Besorgnissen, obgleich die Sache an und für sich unbedeutend war. Mr. Sparklers Benehmen gegen sie wurde anders. Es wurde brüderlich. Bisweilen, wenn sie in den äußersten Kreisen der Gesellschaft war – sei es nun im eigenen Hause, bei Mrs. Merdle oder sonstwo –, sah sie sich unversehens von Mr. Sparklers Arm umschlungen. Mr. Sparkler gab nie die geringste Erklärung über diese Aufmerksamkeit, sondern lächelte nur mit der Miene eines läppischen, zufriedenen, gutmütigen Menschen, der Eigentumsrechte geltend macht, was bei einem so schwerfälligen Menschen ominös ausdrucksvoll war.

Klein-Dorrit war eines Tages zu Hause und dachte mit schwerem Herzen an Fanny. Sie hatten ein Zimmer an dem einen Ende ihrer Reihe von Salons, das fast ganz aus einem über die Straße hervorragenden Erker bestand und das malerische Leben und Treiben des Korso hinauf und hinunter beherrschte. Um drei oder vier Uhr nachmittags, nach englischer Zeitrechnung, war die Aussicht von diesem Fenster sehr hübsch und eigentümlich: und Klein-Dorrit saß gewöhnlich in sinnendes Träumen versunken hier, wie sie in Venedig auf ihrem Balkon die Zeit zu verscheuchen gewöhnt gewesen war. Als sie eines Tages so dasaß, wurde sie sanft auf der Schulter berührt, und Fanny sagte: »Nun, meine liebe Amy«, und nahm neben ihr Platz. Ihr Sitz war ein Teil des Fensters; wenn eine Prozession oder eine derartige Feierlichkeit war, so pflegten sie bunte Teppiche aus diesem Fenster hinauszuhängen und knieten oder saßen auf einem Sitz und schauten über die glänzende Farbenpracht hinaus. An jenem Tage war jedoch keine Prozession, und Klein-Dorrit staunte einigermaßen darüber, daß Fanny zu dieser Stunde zu Hause war, während sie sonst gewöhnlich um diese Zeit ausritt.

»Nun, Amy«, sagte Fanny, »woran denkst du, kleines Geschöpf?«

»Ich dachte an dich, Fanny.«

»Wirklich? Welch ein Zusammentreffen. Hier ist noch jemand, muß ich dir sagen. Du hast doch nicht auch an diesen jemand gedacht; hm, Amy?«

Amy hatte wirklich auch an diesen Jemand gedacht: denn es war Mr. Sparkler. Sie sagte es jedoch nicht, als sie ihm die Hand gab. Mr. Sparkler kam herbei und setzte sich auf die andre Seite von ihr, und sie fühlte den brüderlichen Arm hinter sich herkommen, der offenbar auch Fanny einzuschließen im Begriff war.

»Nun, meine kleine Schwester«, sagte Fanny mit einem Seufzer, »ich denke, du weißt, was das bedeutet?«

»Sie ist so schön, wie sie feurig angebetet wird«, stammelte Mr. Sparkler, »und es ist kein Unsinn an ihr – es ist alles in Ordnung.«

»Du brauchst das nicht auseinanderzusetzen, Edmund«, sagte Fanny.

»Nein, meine Liebe«, sagte Mr. Sparkler.

»Kurz, mein Kind«, fuhr Fanny fort, »um es gleich heraus zu sagen, wir sind verlobt. Wir müssen heute abend oder morgen mit Papa davon sprechen, wie sich die Gelegenheit bietet. Dann ist die Sache abgemacht, und wir brauchen wenig Worte mehr darüber zu verlieren.«

»Meine liebe Fanny«, sagte Mr. Sparkler mit ehererbietigem Wesen, »ich möchte Amy ein Wort sagen.«

»Nun! nun! sage es meinetwegen«, versetzte die junge Dame.

»Ich bin überzeugt, meine liebe Amy«, sagte Mr. Sparkler, »wenn je ein Mädchen existiert, außer unsrer hochbegabten und schönen Schwester, die keinen Unsinn an sich hat –«

»Wir wissen das alle wohl, Edmund«, warf Miß Fanny ein. »Sprich nicht davon. Bitte, sprich von etwas anderem als davon, daß wir keinen Unsinn an uns haben.«

»Ja, meine Liebe«, sagte Mr. Sparkler. »Und ich versichere Ihnen, Amy, daß nichts ein größeres Glück für mich, für mich sein kann – nächst dem Glück, durch die Wahl eines so herrlichen Mädchens geehrt zu sein, das nicht ein Atom von –«

»Bitte, Edmund, bitte«, unterbrach ihn Fanny, mit einem leichten Aufstampfen ihres hübschen Fußes auf den Boden. »Meine Liebe, du hast ganz recht«, sagte Mr. Sparkler, »und ich weiß, es ist meine Gewohnheit. Was ich Ihnen erklären wollte,, war, daß nichts ein größeres Glück für mich sein kann, mich sein kann – nächst dem Glück der Verbindung mit dem ausgezeichnetsten und herrlichsten Mädchen –, als das Glück zu haben, die aufrichtige Freundschaft Amys mir zu gewinnen und erhalten zu suchen. Ich bin vielleicht«, sagte Mr. Sparkler mit männlicher Offenheit, »über manche Dinge nicht immer ganz im reinen und aufgeklärt, und ich bin überzeugt, daß, wenn Sie die Gesellschaft um ihre Meinung befragen, diese ziemlich einstimmig sagen wird, ich sei es nicht, aber in Beziehung auf Amy bin ich im reinen!«

Mr. Sparkler küßte sie zum Zeugnis dessen.

»Ein Messer, eine Gabel und ein Zimmer wird immer Amy zu Gebote stehen«, fuhr Mr. Sparkler fort, der im Vergleich mit seinen Redeantezedenzien ganz weitschweifig wurde. »Mein Erzieher wird, das bin ich überzeugt, immer stolz sein, jemanden zu empfangen, den ich so hoch achte. Und rücksichtlich meiner Mutter«, sagte Mr. Sparkler, »welche eine merkwürdig schöne Frau ist –«

»Edmund, Edmund!« rief Fanny wie zuvor.

»Mit deiner Erlaubnis, meine Seele«, entschuldigte sich Mr. Sparkler. »Ich weiß, ich habe die Gewohnheit, und ich bin dir sehr dankbar, mein anbetungswürdiges Mädchen, daß du dir die Mühe nimmst, mich zurechtzuweisen; aber meine Mutter ist, nach der allgemeinen Stimme, eine merkwürdig schöne Frau und hat wirklich keinen Unsinn an sich.«

»Das mag sein oder nicht«, versetzte Fanny, »aber ich bitte, sprich nicht wieder davon.«

»Es soll nicht mehr geschehen, meine Liebe«, sagte Mr. Sparkler.

»Dann hast du wirklich nichts mehr zu sagen, Edmund, nicht wahr«, fragte Fanny.

»So wenig, mein anbetungswürdiges Mädchen«, antwortete Mr. Sparkler, »daß ich mich entschuldige, so viel gesagt zu haben.«

Mr. Sparkler bemerkte durch eine Art Inspiration, daß die Frage die weitere enthielt, ob es nicht besser wäre, wenn er ginge? Er zog daher den brüderlichen Arm zurück und sagte hübsch, daß er mit ihrer Erlaubnis Abschied nehmen wolle. Er ging, nicht ohne Amys Glückwunsch zu empfangen, so gut sie dies in ihrer Aufregung und Betrübnis zu tun imstande war.

Als er fort war, sagte sie: »O Fanny, Fanny!« und drehte sich in dem hellen Fenster nach ihrer Schwester um und sank ihr an die Brust und weinte dort. Fanny lachte anfangs; aber bald lag ihr Gesicht an dem ihrer Schwester, und nun weinte auch sie – ein wenig. Es war das letztemal, daß Fanny zeigte, daß ein verborgenes, unterdrücktes oder überwundenes Gefühl in dieser Richtung in ihr lebte. Von dieser Stunde an lag der Weg, den sie gewählt, vor ihr, und sie ging ihn mit ihrem herrischen, eigenwilligen Schritt.

Fünfzehntes Kapitel.


Fünfzehntes Kapitel.

Keine gegründete Ursache und kein Hindernis, warum diese beiden Personen nicht getraut werden sollen.

Als Mr. Dorrit durch seine ältere Tochter angezeigt wurde, daß sie einen Heiratsantrag von Mr. Sparkler erhalten, mit dem sie sich verlobt habe, nahm er diese Mitteilung zu gleicher Zeit mit großer Würde und mit pomphafter Entfaltung seines väterlichen Stolzes auf: denn seine Würde vergrößerte sich durch die erweiterte Aussicht auf ein vorteilhaftes Terrain, von dem aus man leicht Bekanntschaften machen konnte, und sein väterlicher Stolz entwickelte sich durch Miß Fannys bereitwillige Sympathie mit seinem großen Lebenszweck. Er gab ihr zu verstehen, daß ihr edler Ehrgeiz harmonische Echos in seinem Herzen finde, und gab ihr seinen Segen, als einem Kinde voll Pflichtgefühl und guter Grundsätze, das sich der Vergrößerung des Familiennamens opfere.

Zu Mr. Sparkler, als Fanny ihm die Erlaubnis zu erscheinen gab, sagte Mr. Dorrit, er wolle nicht verhehlen, daß die Verbindung, die Mr. Sparkler ihm vorzuschlagen so freundlich sei, ganz mit seinen Gefühlen harmoniere, da sie sowohl mit den Herzensneigungen seiner Tochter Fanny im Einklang stehe, als auch eine Familienverbindung der freundlichsten Art mit Mr. Merdle, dem ersten Geist des Zeitalters, anknüpfe. Auch Mrs. Merdles, als einer tonangebenden, durch Eleganz, Grazie und Schönheit gleich ausgezeichneten Dame, erwähnte er in sehr rühmenden Ausdrücken. Er halte es jedoch für seine Pflicht zu bemerken (er sei überzeugt, ein Mann von Mr. Sparklers feinem Geist würde seine Worte richtig beurteilen), daß er diesen Antrag nicht als eine abgemachte Sache betrachten könne, bis er erlaubt habe, sich mit Mr. Merdle in Korrespondenz zu setzen, und sich versichert hätte, die Sache stimme soweit mit den Plänen dieses großen Mannes überein, daß seine (Mr. Dorrits) Tochter, in dem, was er, ohne den Schein der Dienerei auf sich zu laden, das Auge der großen Welt nennen dürfe, eine Stellung erhalte, wie ihr Stand, ihre Mitgift und ihre Aussichten ihn für sie zu fordern berechtigten. Während er dies sage, was sein Charakter als Mann von einiger Stellung und sein Charakter als Vater in gleicher Weise von ihm forderten, wolle er nicht so diplomatisch sein, zu verbergen, daß der Vorschlag vorderhand in hoffnungsvoller Unentschiedenheit bleibe und bloß bedingt angenommen sei, und daß er Mr. Sparkler für das Kompliment, das er ihm und seiner Familie gemacht habe, danke. Er schloß mit einigen weiteren und noch allgemeineren Bemerkungen über den – ha – Charakter eines unabhängigen Mannes und den – hm – Charakter eines möglicherweise zu parteiischen und von Bewunderung erfüllten Vaters. Alles in allem nahm er Mr. Sparklers Antrag ungefähr gerade so entgegen, wie er drei bis vier halbe Kronen in vergangenen Zeiten von ihm angenommen hätte. Mr. Sparkler, der sich durch die auf sein harmloses Haupt gehäuften Worte ganz betäubt fühlte, gab eine kurze, aber passende Antwort, die nicht weniger noch mehr besagen wollte, als daß er schon lange bemerkt, Miß Fanny habe keinen Unsinn an sich, und nicht zweifle, daß es seinem Erzieher genehm sein werde. Als er so weit gekommen, schloß ihn der Gegenstand seiner Neigung wie eine Büchse mit einer Springfeder zu und schickte ihn fort.

Als Mr. Dorrit kurz darauf dem Busen seinen Besuch abstattete, wurde er mit großer Achtung empfangen. Mrs. Merdle hatte durch Edmund von der Sache gehört. Sie sei anfangs sehr erstaunt gewesen, da sie nicht gedacht hätte, daß Edmund heiraten würde. Die Gesellschaft habe gedacht, Edmund würde nicht heiraten, und doch habe sie natürlich als Frau gesehen (wir Frauen sehen instinktmäßig dergleichen Sachen, Mr. Dorrit!), daß Edmund außerordentlich von Miß Dorrit eingenommen sei, und sie habe offen ausgesprochen, Mr. Dorrit treffe eine große Verantwortung, daß er ein so reizendes Mädchen ins Ausland gebracht habe, das seinen Landsleuten die Köpfe verdrehe.

»Darf ich also zu schließen wagen, Madame«, sagte Mr. Dorrit, »daß die Richtung, die die Neigung von Mr. Sparkler genommen, von – ha – Ihnen gebilligt wird?«

»Ich versichere Ihnen, Mr. Dorrit«, versetzte die Dame, »daß es mir persönlich angenehm ist.«

Das sei für Mr. Dorrit sehr erfreulich.

»Persönlich«, wiederholte Mrs. Merdle, »angenehm.«

Diese zufällige Wiederholung des Wortes »persönlich« veranlaßte Mr. Dorrit, die Hoffnung auszudrücken, daß Mr. Merdles Zustimmung nicht ausbleiben werde.

»Ich kann es nicht auf mich nehmen«, sagte Mrs. Merdle, »positiv für Mr. Merdle zu antworten; Männer, namentlich Männer, die die Gesellschaft Kapitalisten nennt, haben ihre eignen Ideen über diese Sachen. Aber ich sollte denken – doch ist es nur eine Meinung, Mr. Dorrit –, ich sollte denken, daß es Mr. Merdle im ganzen« – hier hielt sie eine Rundschau über sich, ehe sie behaglich hinzufügte – »sehr angenehm sein werde.«

Bei der Erwähnung von Männern, die die Gesellschaft Kapitalisten nennt, hatte Mr. Dorrit gehustet, als ob er einen inneren Protest nicht unterdrücken könnte. Mrs. Merdle hatte es bemerkt und fuhr fort, um diesen Wink aufzunehmen.

»Obwohl es freilich, Mr. Dorrit, kaum nötig ist, diese Bemerkung zu machen; ich wollte nur die größte Offenheit gegen einen Mann an den Tag legen, den ich so hoch schätze und mit dem ich in noch angenehmere Verbindung zu kommen das Vergnügen zu haben hoffe. Denn es läßt sich mit der größten Wahrscheinlichkeit voraussetzen, daß Sie diese Sachen von Mr. Merdles eigenem Gesichtspunkte aus betrachten, wenn die Umstände nicht etwa es für Mr. Merdle glücklicher- oder unglücklicherweise so gestalten, daß er ganz in Geschäften steckt und, wie groß diese auch sein mögen, sein Horizont dadurch sich etwas verengt hat. Ich bin ein wahres Kind in Beziehung auf Geschäfte«, sagte Mrs. Merdle, »aber ich fürchte, das könnte der Fall sein.«

Dieses gewandte Hin- und Herwägen von Mr. Dorrit und Mr. Merdle, daß jeder den andern in die Höhe schnellte und jeder den andern herabzog und keiner im Vorteil blieb, wirkte beruhigend auf Mr. Dorrits Husten. Er bemerkte mit der größten Höflichkeit, er müsse bitten, daß die vollendete und anmutige Mrs. Merdle (sie verbeugte sich bei diesem Kompliment) sich der Ansicht entschlage, als wenn solche Unternehmungen wie die von Mr. Merdle, die ganz anderer Art als die jämmerlichen Unternehmungen der übrigen Menschen, irgendeine geringere Wirkung hätten, als den Geist, in dem sie empfangen worden, zu erweitern und vergrößern. »Sie sind die Großherzigkeit selbst«, erwiderte Mrs. Merdle mit ihrem anmutigsten Lächeln, »wir wollen uns dieser Hoffnung hingeben. Aber ich gestehe, daß ich in meinen Ansichten von Geschäften beinahe abergläubisch bin.«

Mr. Dorrit warf hier ein anderes Kompliment ein, das besagen wollte, Geschäfte, gerade wie die Zeit, die dabei so kostbar, seien für Sklaven gemacht; daß sie deshalb nichts für Mrs. Merdle taugen, die alle Herzen nach ihrem Gefallen regiere. Mrs. Merdle lachte und brachte Mr. Dorrit die Idee von dem Erröten des Busens bei – einem ihrer besten Effekte.

»Ich sagte dies bloß«, erklärte sie dann, »weil Mr. Merdle immer das größte Interesse an Edmund nahm und stets den lebhaftesten Wunsch an den Tag legte, seiner Zukunft förderlich zu sein. Edmunds öffentliche Stellung, denke ich, kennen Sie. Seine Privatstellung ruht ganz in Mr. Merdles Händen. In meiner kindischen Unfähigkeit für alles, was Geschäft heißt, versichere ich Sie, daß ich nichts weiter weiß.«

Mr. Dorrit drückte aufs neue in seiner Weise die Überzeugung aus, daß Geschäftssachen außerhalb des Gesichtskreises von Zauberinnen, die alles zu Sklaven machen, liegen. Er erwähnte dann seine Absicht, als Gentleman und Vater an Mr. Merdle zu schreiben. Mrs. Merdle war von ganzem Herzen – oder mit all ihrer Kunst, was genau dasselbe war – einverstanden und schickte selbst mit umgehender Post einen vorbereitenden Brief an das achte Wunder der Welt.

In seiner brieflichen Mitteilung wie in seinen Gesprächen und Abhandlungen über die große Frage, um die es sich handelte, umgab Mr. Dorrit die Sache mit Floskeln aller Art, wie Schreibkünstler die Schreib- und Rechenbücher mit Arabesken verschönern, wodurch die Titel der Elementarregeln der Arithmetik in Schwäne, Adler, Greife und andere kalligraphische Unterhaltungen auseinanderlaufen und die Anfangsbuchstaben in Extasen von Feder und Tinte Leib und Seele verleugnen. Nichtsdestoweniger machte er den Gegenstand seines Briefes hinlänglich klar, um Mr. Merdle in den Stand zu setzen, sagen zu können, daß er die Sache aus dieser Quelle erfahren habe. Mr. Merdle antwortete Mr. Dorrit demgemäß; Mr. Dorrit antwortete Mr. Merdle; Mr. Merdle antwortete Mr. Dorrit, und bald verlautete, daß die korrespondierenden Mächte zu einem befriedigenden Einverständnis gediehen seien.

Nun erst und nicht früher trat Miß Fanny, vollständig für ihre neue Rolle kostümiert, auf die Szene. Nun und nicht früher saugte sie Mr. Sparkler ganz in ihrem Lichte auf und leuchtete für beide und noch zwanzig mehr. Nicht länger den Mangel eines bestimmten Platzes und Charakters vermissend, was ihr so vielen Kummer verursacht, begann dieses schöne Schiff in einer festen Richtung zu steuern und mit einem Tiefgang und einem Gleichgewicht, die ihre hohen Seglereigenschaften entfalteten.

»Nachdem die Präliminarien zur Zufriedenheit arrangiert sind, so denke ich, mein liebes Kind«, sagte Mr. Dorrit, »will ich – ha – formell Mrs. General …«

»Papa«, versetzte Fanny, indem sie ihm bei diesem Namen rasch ins Wort fiel, »ich sehe nicht ein, was Mrs. General damit zu tun haben sollte.«

»Meine Liebe«, sagte Mr. Dorrit, »es ist ein Akt der Höflichkeit gegen – hm – eine feingebildete und noble Dame –«

»Oh! ich habe Mrs. Generals feine Bildung und Noblesse satt, Papa«, sagte Fanny, »ich bin Mrs. Generals müde.«

»Müde«, wiederholte Mr. Dorrit mit vorwurfsvollem Erstaunen, »Mrs. Generals müde!«

»Ganz übersatt, Papa«, sagte Fanny, »ich weiß wirklich nicht, was sie mit meiner Heirat zu tun hat. Lasse sie sich mit ihren eigenen Heiratsprojekten beschäftigen – wenn sie welche hat.«

»Fanny«, versetzte Mr. Dorrit mit ernster und schwerfälliger Langsamkeit des Begreifens, die stark mit der Leichtfertigkeit seiner Tochter kontrastierte, »ich bitte, mir gefälligst erklären zu wollen – ha –, was du meinst.«

»Ich meine, Papa«, sagte Fanny, »daß, wenn Mrs. General zufällig selbst Heiratsprojekte haben sollte, diese meiner Ansicht nach ihre freie Zeit in Anspruch zu nehmen imstande sein werden. Wenn sie keine solchen hat, um so besser: aber ich wünsche doch nicht die Ehre zu haben, ihr besondere Mitteilung zu machen.«

»Erlaube mir zu fragen, Fanny«, sagte Mr. Dorrit, »weshalb nicht?«

»Weil sie selbst hinter meine Verlobung kommen kann, Papa«, versetzte Fanny. »Sie ist meiner Ansicht nach wachsam genug. Ich glaube das an ihr beobachtet zu haben. Kommt sie nicht selbst dahinter, so wird sie’s merken, wenn ich verheiratet bin. Und ich hoffe, Sie werden mich deshalb nicht der Liebe gegen Sie zu ermangeln glauben, wenn ich sage, es scheint mir immer noch Zeit genug für Mrs. General zu sein.«

»Fanny«, versetzte Mr. Dorrit, »ich bin erstaunt, ich bin höchst ungehalten über diese – hm – launenhafte und unbegreifliche Gehässigkeit, die du gegen – ha – Mrs. General an den Tag legst.«

Bei diesen Worten erhob er sich mit einem festen Blick voll strengen Vorwurfs von seinem Stuhl und blieb in seiner Würde vor seiner Tochter stehen. Seine Tochter drehte das Bracelet an ihrem Arm, sah ihn bald an, bald von ihm weg und sagte: »Nun gut. Ich bedaure wirklich, wenn es dir nicht gefällt: aber ich kann mal nicht anders. Ich bin kein Kind mehr und bin nicht Amy, ich muß sprechen.«

»Fanny«, sagte Mr. Dorrit halb atemlos nach majestätischem Schweigen, »wenn ich verlange, daß du hier bleibst, während ich Mrs. General, als einer ausgezeichneten Dame, die – hm – ein treues Mitglied unserer Familie ist, – die Veränderung mitteile, die unter uns beabsichtigt ist; wenn ich – ha – nicht allein dies fordere, sondern – hm – darauf bestehe –«

»O, Papa«, fiel Fanny mit bedeutungsvollem Nachdruck ein, »wenn du, wie es scheint, so großes Gewicht darauf legst, so ist es meine Pflicht, zu gehorchen. Ich hoffe jedoch, daß ich mir meine Gedanken darüber machen darf, denn ich muß mir unter so bewandten Umständen welche machen.« Fanny setzte sich darauf mit einer Ergebung, die, wenn man die Extreme betrachtete, wie Herausforderung aussah: und ihr Vater, der entweder sie keiner Antwort würdigte oder nicht wußte, was er antworten sollte, lief nach Mr. Tinkler.

»Mrs. General.«

Mr. Tinkler, der nicht gewöhnt war, so kurze Befehle zu erhalten, wenn es sich um die schöne Firnisserin handelte, blieb stehen. Mr. Dorrit aber, der das ganze Marschallgefängnis und alle Ehrengaben in diesem Stehenbleiben erblickte, fuhr augenblicklich auf ihn zu und rief: »Wie können Sie es wagen, Sir? Was wollen Sie damit?«

»Ich bitte um Entschuldigung«, sagte Mr. Tinkler zu seiner Verteidigung, »ich wünschte zu wissen –«

»Sie wünschten nichts zu wissen, Herr«, rief Mr. Dorrit stark gerötet. »Sagen Sie mir das nicht. Ha! Das war nichts. Sie haben sich einen Spott erlaubt, Herr.«

»Ich versichere Sie, Sir –«, begann Mr. Tinkler.

»Versichern Sie mir nichts!« sagte Mr. Dorrit. »Ich will keine Versicherung von einem Bedienten. Sie haben sich einen Spott zuschulden kommen lassen. Sie können zum Teufel gehen –-hm – die ganze Dienerschaft kann zum Teufel gehen, auf was warten Sie noch?«

»Nur auf meinen Auftrag, Sir.«

»Das ist nicht wahr, Sie haben Ihren Auftrag. Ha – hm. Meine Empfehlung an Mrs. General, und ich lasse sie bitten, die Güte zu haben, herüberzukommen, wenn es ihr gefällig, nur auf einige Minuten. Das ist Ihr Auftrag.« Bei der Entledigung dieses Auftrags ließ Mr. Tinkler vielleicht verlauten, daß Mr. Dorrit höchst aufgebracht sei. Wie dem nun auch war, Mrs. Generals Kleider hörte man alsbald draußen mit ungewöhnlicher Eile rauschen – ja, man möchte beinahe sagen anprallen. An der Tür ließen sie sich jedoch wieder nieder und schwebten mit gewöhnlicher Kälte herein.

»Mrs. General«, sagte Mr. Dorrit, »setzen Sie sich.«

Mrs. General ließ sich mit anmutig dankender Verbeugung, die einen schönen Bogen bildete, in den Stuhl nieder, den ihr Mr. Dorrit anbot.

»Madame«, fuhr dieser fort, »da Sie die Freundlichkeit hatten, sich – hm – mit der Bildung meiner Töchter zu beschäftigen, und da ich überzeugt bin, daß nichts, was dieselben nahe angeht – ha –, Ihnen gleichgültig sein kann –«

»Ganz unmöglich«, sagte Mrs. General in ihrer ruhigsten Art.

»– so wünsche ich Ihnen mitzuteilen, Madame, daß meine anwesende Tochter –«

Mrs. General machte eine leichte Kopfverbeugung gegen Fanny. Diese machte gleichfalls eine sehr tiefe Kopfverbeugung gegen Mrs. General und richtete sich dann wieder stolz auf.

»– daß meine Tochter Fanny sich – ha – mit Mr. Sparkler verlobt hat, den Sie kennen. Sie werden von nun an der Hälfte Ihrer schwierigen – ha – schwierigen Aufgabe enthoben sein.« – Mr. Dorrit wiederholte seine Worte mit einem ärgerlichen Blick auf Fanny. »Dagegen wird, wie ich hoffe, in keinem andern Teil der Stellung, die Sie im Augenblick in meiner Familie einzunehmen die Güte haben, die geringste Änderung oder Verminderung eintreten.«

»Mr. Dorrit«, versetzte Mrs. General, während ihre behandschuhten Hände in exemplarischer Ruhe aufeinander lagen, »ist stets ungemein rücksichtsvoll und schlägt meine freundlichen Dienste viel zu hoch an.«

(Miß Fanny hustete, als wollte sie sagen: »Sie haben recht!«)

»Miß Dorrit hat ohne Zweifel mit der größten Besonnenheit gewählt, soweit dies die Umstände gestatteten, und wird mir wohl erlauben, ihr meine aufrichtigsten Glückwünsche darzubringen. Wenn keine Fesseln der Leidenschaft uns binden«, Mrs. General schloß ihre Augen bei dem Worte, als ob sie es nicht aussprechen und dabei jemanden ansehen könnte, »wenn die nächsten Verwandten ihre Zustimmung geben und das stolze Gebäude einer Familie dadurch befestigt wird – so sind dies gewöhnlich gute Vorbedeutungen. Ich hoffe. Miß Dorrit wird mir erlauben, ihr meine besten Glückwünsche darzubringen.«

Hier hielt Mrs. General inne und fügte bei sich hinzu, um ihr Gesicht wieder in die richtigen Falten zu legen: »Papa, Potatoes, Poultry, Prunes und Prism.«

»Mr. Dorrit«, fügte sie laut hinzu, »zeigt sich sehr verbindlich gegen mich: und für die Aufmerksamkeit, ja, ich möchte sagen Auszeichnung, daß mir von ihm und Miß Dorrit so früh diese vertrauliche Mitteilung geworden ist, erlaube ich mir, meinen lebhaftesten Dank auszusprechen. Mein Dank und mein Glückwunsch gehören gleicherweise Mr. Dorrit und Miß Dorrit.«

»Mir«, bemerkte Miß Fanny, »ist dies ausnehmend erfreulich, ganz außerordentlich erfreulich. Das wohltuende Bewußtsein, daß Sie nichts gegen meine Verbindung einzuwenden haben, Mrs. General, nimmt mir wahrhaftig eine große Last vom Herzen. Ich weiß kaum, was ich getan«, sagte Fanny, »wenn Sie Einwürfe gemacht, Mrs. General.«

Mrs. General änderte die Lage ihrer Handschuhe, indem sie den rechten nach oben, den linken nach unten legte und dabei lächelte, während ihr Mund Prunes und Prism auszusprechen schien.

»Ihre Zufriedenheit mir zu erhalten, Mrs. General,« sagte Fanny mit einem Lächeln, in dem nichts von Prunes und Prism zu gewahren war, »wird natürlich das höchste Streben meines Lebens sein; sie zu verlieren, wäre natürlich das größte Unglück für mich. Ich bin jedoch überzeugt, Ihre große Freundlichkeit wird nichts dagegen haben, und ich hoffe, auch Papa wird nichts dagegen haben, wenn ich einen kleinen Irrtum, den Sie begangen, berichtige. Die besten Menschen sind so sehr dem Irrtum ausgesetzt, daß selbst Sie, Mrs. General, einen kleinen Irrtum begangen haben. Die Aufmerksamkeit und Auszeichnung, deren Sie so nachdrücklich als in diesem Vertrauen liegend erwähnten, Mrs. General, mögen allerdings äußerst schmeichelhaft und wohltuend sein; aber sie kommen nicht von mir. Das Verdienst, Sie wegen dieser Sache zu Rate gezogen zu haben, wäre so groß für mich gewesen, daß ich fühle, ich darf keinen Anspruch darauf machen, wenn ich es nicht wirklich habe. Es ist ganz und gar Papas Verdienst. Ich bin Ihnen sehr verbunden für Ihre Ermutigung und Ihr Wohlwollen, aber Papa war es, der sie heischte. Ich habe Ihnen zu danken, Mrs. General, daß Sie meine Brust von einer schweren Last befreiten, indem Sie so freundlich Ihre Zustimmung zu meiner Verbindung geben; aber Sie haben mir durchaus nicht dafür zu danken. Ich hoffe, Sie werden auch künftig, wenn ich das Vaterhaus verlassen habe, mein Tun und Treiben billigen, und meine Schwester wird der Lieblingsgegenstand Ihrer herablassenden Güte sein, Mrs. General.«

Nach dieser Anrede, die sie in ihrer höflichsten Weise vorbrachte, verließ Miß Fanny das Zimmer mit artiger und freundlicher Miene, um mit dunkelrotem Gesicht die Treppe hinaufzustürmen, sobald sie aus dem Hörkreis war, auf ihre Schwester loszufahren, sie einen kleinen Hamster zu schelten, sie zu schütteln, daß sie die Augen besser öffne, ihr zu sagen, was unten vorgegangen, und sie zu fragen, was sie jetzt von Papa dächte?

Gegen Mrs. Merdle benahm sich die junge Dame mit großer Unabhängigkeit und Selbstbeherrschung; aber noch immer, ohne entschieden die Feindseligkeiten zu eröffnen. Bisweilen hatten sie ein kleines Scharmützel, wenn Fanny sich durch diese Dame auf den Rücken geklopft glaubte, oder wenn Mrs. Merdle besonders jung und gut aussah; aber Mrs. Merdle schloß diese Waffengänge immer nach kurzer Zeit damit, daß sie mit der anmutigsten Gleichgültigkeit in ihre Kissen sank und ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes richtete. Die Gesellschaft (denn dieses geheimnisvolle Wesen saß auch auf den sieben Hügeln) fand, daß Miß Fanny sich durch ihre Verlobung sehr gebessert habe. Sie war zugänglicher, freier und einnehmender, weit weniger anmaßend; und dies in solchem Grade, daß sie jetzt ein ganzes Heer von Verehrern und Bewunderern um sich versammelte – zu nicht geringem Ärger der Frauen, die heiratsfähige Töchter hatten und die gewissermaßen wegen des Miß Dorritschen Kriegsfalls aus der Gesellschaft aufstanden und eine rebellische Fahne aufpflanzten. Miß Dorrit, die sich der Unruhen freute, die sie hervorrief, schritt nicht nur in eigner Person stolz durch dieselben hindurch, sondern führte selbst Mr. Sparkler prahlend durch die Massen, indem sie zu sagen schien: »Wenn ich es für passend halte, nur von diesem einen schwachen Gefangenen lieber, als von einem stärkeren in Fesseln begleitet, meinen Triumphzug zu halten, so ist das meine Sache. Genug, ich will es so!« Mr. Sparkler seinerseits fragte nichts, sondern ging, wohin man ihn führte, tat, was man ihm sagte, fühlte, daß, wenn er wegen seiner Brautwahl ausgezeichnet wurde, diese Auszeichnung zu erringen ihm wenig Mühe gekostet, und war herzlich dankbar für diese öffentliche Anerkennung.

Da der Winter seinem Ende entgegeneilte und der Frühling nahte, während diese Dinge vor sich gingen, wurde es nötig, daß Mr. Sparkler in die Heimat zurückkehrte und die ihm angewiesene Stellung für die Betätigung und Richtung seines Geistes, seiner Kenntnisse, seines Handelstalentes, seiner geistigen und körperlichen Kräfte einnehme. Das Land Shakespeares, Miltons, Bacons, Newtons, Watts, das Land eines Heeres von verstorbenen und lebenden abstrakten Philosophen, Naturphilosophen und Bezwingern der Natur und Kunst in ihren Myriaden Formen rief Mr. Sparkler, daß er komme und sich seiner annehme, da es sonst zugrunde gehen müsse. Mr. Sparkler, der nicht imstande war, den Todesschrei, der aus der Tiefe der Seele seines Landes drang, zu widerstehen, erklärte, daß er gehen müsse.

Dadurch wurde natürlich die Frage, wann, wo und wie Mr. Sparkler dem ersten Mädchen der ganzen Welt, das keinen Unsinn an sich habe, angetraut werden sollte, zu einer brennenden. Die Lösung derselben teilte Miß Fanny, nachdem man eine Zeitlang geheime Verhandlungen darüber gepflogen, ihrer Schwester selbst mit.

»Nun, mein Kind«, sagte sie, indem sie sie eines Tages aufsuchte, »ich will dir etwas sagen. Es ist eben erst zum Beschluß gekommen, und natürlich eile ich im selben Augenblick zu dir, wo die Sache zum Beschluß gekommen ist.« »Deine Heirat, Fanny?«

»Mein kostbares Kind«, sagte Fanny, »greife mir nicht vor. Lasse mich auf meine Weise mein Vertrauen mit dir teilen, du kleines, unruhiges Ding. Wenn ich deine Vermutung wörtlich beantwortete, so würde ich nein antworten. Denn es handelt sich nicht so sehr um meine Heirat als um Edmunds Heirat.«

Klein-Dorrit schien, und vielleicht nicht ohne Ursache, etwas verlegen, diese seine Unterscheidung zu verstehen.

»Ich mache keine Schwierigkeit«, rief Fanny, »und habe keine Eile. Mich braucht man auf keinem öffentlichen Bureau, noch bedarf man meiner Stimme sonstwo. Aber Edmund wird verlangt. Und Edmund ist sehr niedergeschlagen, daß er fort muß, und wahrhaftig, ich wünschte nicht, daß er sich selbst überlassen wäre. Denn wo es möglich – und es ist gewöhnlich möglich – etwas Törichtes zu tun, so tut er es sicher.«

Als sie diesen unparteiischen Inbegriff des Vertrauens, das man auf ihren künftigen Gatten setzen könne, geschlossen, nahm sie mit einer Geschäftsmiene den Hut ab, den sie trug, und ließ ihn an den Bändern auf dem Boden baumeln.

»Es handelt sich deshalb mehr um Edmund, als um mich. Doch wir brauchen nicht mehr davon zu sagen. Es springt von selbst in die Augen. Nun, meine liebste Amy, wenn die Frage aufsteigt, geht er allein, oder geht er nicht allein?, so steigt die weitere Frage auf, sollen wir hier und bald getraut werden, oder sollen wir in der Heimat und in einigen Monaten getraut werden?«

»Ich sehe, ich soll dich verlieren, Fanny.«

»Was für ein kleines Ding du bist«, rief Fanny, halb nachsichtig und halb ungeduldig, »daß du mir immer zuvorkommst! Bitte, mein Liebling, lasse mich ausreden. Jene Frau«, sie sprach natürlich von Mrs. Merdle, »bleibt bis nach Ostern hier; im Falle ich nun hier heirate und mit Edmund nach London gehe, hätte ich den Vorsprung vor ihr. Das ist etwas. Weiter, Amy. Ist jene Frau mir au« dem Wege, so wüßte ich nicht, was ich Besonderes gegen den Vorschlag einzuwenden haben sollte, den Mr. Merdle Papa machte, daß Edmund und ich unsere Wohnung in jenem Hause aufschlagen – du weißt, wo du einst mit einer Tänzerin warst, meine Liebe –, bis unser eigenes Haus gewählt und eingerichtet werden kann. Noch weiter, Amy. Da Papa immer die Absicht hatte, im Frühjahr nach London zu gehen, so würden wir, wenn Edmund und ich verheiratet wären, nach Florenz gehen, wohin uns Papa nachkäme, und wir könnten dann alle drei zusammen nach Hause reisen. Mr. Merdle hatte Papa gebeten, in dem bereits erwähnten Hause bei ihm zu wohnen, und ich glaube auch, er hat die Absicht. Aber er ist Herr seines Tuns, und über diesen Punkt (der auch gar nicht wesentlich ist) kann ich nicht mit Bestimmtheit sprechen.«

Fanny legte auf den Unterschied, daß Papa Herr seines Tuns sei, was bei Mr. Sparkler in keiner Weise der Fall, durch die Art, wie sie die Sache darstellte, einen besonderen Nachdruck. Ihre Schwester bemerkte es jedoch nicht; denn ihre Gefühle waren zwischen dem Schmerz einer baldigen Trennung und dem sehnsüchtigen Wunsche geteilt, daß man auch sie in den Plan, England zu besuchen, mit eingeschlossen habe.

»Das sind die Arrangements, liebe Fanny?«

»Das sind die Arrangements!« wiederholte Fanny. »Nun, wahrhaftig, Kind, du stellst mich nicht wenig auf die Probe. Du weißt, ich hütete mich ganz besonders davor, die Worte so zu setzen, daß irgendeine derartige Deutung möglich war. Was ich sagte, war, daß gewisse Fragen sich darbieten; und dies sind die Fragen.«

Klein-Dorrits gedankenvolle Augen ruhten zärtlich und sanft auf ihr.

»Nun, mein süßes Mädchen«, sagte Fanny, ihren Hut an seinen Bändern mit großer Ungeduld hin- und herschwingend, »was soll das Stieren? Eine kleine Eule könnte mich ebenso stark ansehen. Ich verlange Rat von dir, Amy. Was rätst du mir zu tun?«

»Glaubst du«, fragte Klein-Dorrit nach kurzem Zögern überredend, »glaubst du, Fanny, daß es nicht besser wäre, wenn man alles in Betracht zieht, daß du die Heirat noch einige Monate verschöbest?«

»Nein, kleine Schildkröte«, versetzte Fanny in außerordentlich scharfem Tone, »das denke ich durchaus nicht.«

Hier schleuderte sie den Hut ganz von sich und warf sich in einen Stuhl. Aber gleich darauf wieder von zärtlichen Gefühlen ergriffen, sprang sie vom Stuhl auf und kniete auf den Boden nieder, um ihre Schwester und den Stuhl und alles zu umarmen.

»Glaube nicht, daß ich heftig und unfreundlich bin, liebes Kind, ich bin es wirklich nicht. Aber du bist so ein kleines närrisches Ding! Du machst, daß man dir gleich den Kopf abbeißt, wenn man dich liebkosen möchte. Habe ich dir nicht gesagt, mein liebes Kind, daß man Edmund nicht sich selbst überlassen darf? Und weißt du wirklich nicht, daß dem so ist?«

»Doch, doch, Fanny. Du sagtest das, ich weiß es.«

»Und du weißt es, das weiß ich«, versetzte Fanny. »Nun, mein kostbares Kind! Wenn man ihn nicht sich selbst überlassen darf, denke ich, so sollt‘ ich mit ihm gehen – habe ich dich also, liebste Amy, so zu verstehen, daß du, nachdem du gehört, welche Schritte in dieser Sache möglich sind, mir im ganzen rätst, sie zu tun?«

»Es scheint so, meine Liebe«, sagte Klein-Dorrit.

»Nun gut!« rief Fanny mit resignierter Miene, »dann muß es wohl auch geschehen? Ich kam zu dir, meine Liebe, in dem Augenblick, wo ich den Zweifel und die Notwendigkeit, einen Entschluß zu fassen, fühlte. Ich habe meinen Entschluß nunmehr gefaßt. So mag es nun sein.«

Nachdem Fanny in dieser musterhaften Weise schwesterlichem Rat und dem Drang der Umstände nachgegeben, wurde sie außerordentlich wohlwollend, wie jemand, der seine eigenen Neigungen der teuersten Freundin geopfert und in diesem Bewußtsein ein höchst wohltuendes Gefühl empfand. »Im Grunde, meine Amy«, sagte sie zu ihrer Schwester, »bist du das beste kleine Geschöpf, das man sich denken kann; voll Klugheit und Einsicht; und ich wüßte nicht, wie ich’s ohne dich anfangen sollte!«

Mit diesen Worten umarmte sie sie noch einmal und mit noch größerer Innigkeit und Herzlichkeit.

»Nicht, daß ich beabsichtigte, je ohne dich zu sein, Amy, keineswegs, denn ich hoffe, wir werden beinahe unzertrennlich sein. Und nun, mein Liebling, will ich auch dir einen Rat geben. Wenn du hier allein mit Mrs. General bleibst –«

»Ich soll hier allein mit Mrs. General bleiben?« sagte Klein-Dorrit ruhig.

»Natürlich, mein kostbares Kind, bis der Papa zurückkommt! Wenn du nicht etwa Edward Gesellschaft nennen willst, was er gewiß nicht ist, selbst wenn er hier ist, und noch weniger natürlich, wenn er in Neapel oder Sizilien ist. Ich war im Begriff, zu sagen – aber du bist solch ein närrisches Ding, daß du einen aus dem Konzept bringst – wenn du hier allein mit Mrs. General zurückbleibst, Amy, so dulde nicht, daß sie dich irgendwie auf schlaue Weise dazu bringt, es als etwas Natürliches anzusehen, daß sie sich um Papa oder daß Papa sich um sie bekümmert. Sie wird das tun, wenn sie es kann. Ich kenne ihre schlaue Manier, sich mit ihren Handschuhen fortzutasten. Du aber darfst sie unter keiner Bedingung verstehen. Und wenn Papa dir bei seiner Rückkehr sagen sollte, daß er die Absicht habe, Mrs. General zu deiner Mama zu machen (was durch mein Weggehen nicht wenig wahrscheinlich wird), so rate ich dir, daß du sogleich erklärst: »Papa, ich bitte, mich entschieden dagegen aussprechen zu dürfen. Fanny hat mich davor gewarnt; sie ist dagegen, und ich bin dagegen.« Ich will damit nicht sagen, daß irgendein Einwurf von deiner Seite auch nur die geringste Wirkung zu machen, Aussicht hat, oder daß ich glaube, du werdest ihn mit der nötigen Festigkeit vorbringen. Aber es handelt sich hier um ein Prinzip – ein kindliches Prinzip, und ich bitte dich dringend, dich nicht von Mrs. General bestiefmuttern zu lassen, ohne jenes Prinzip dadurch zu manifestieren, daß du es jedermann so unbehaglich wie möglich machst. Ich erwarte von dir nicht, daß du fest bei demselben beharrst – ich weiß wirklich, du wirst es nicht tun, soweit die Sache Papa betrifft, aber ich möchte dich zum Bewußtsein des Pflichtgefühls bringen. Was die Unterstützung von meiner Seite oder den Widerspruch betrifft, den ich gegen eine solche Heirat einsetzen kann, so werde ich dich nicht im Stiche lassen, meine Liebe. Alles Gewicht, das mir meine Stellung als verheiratete Frau gibt, die nicht ganz aller Anziehungskraft entbehrt, – und gewohnt, dieser Frau Widerstand zu leisten, wie dies immer bei mir der Fall sein wird – all dies Gewicht, darauf kannst du dich verlassen, werde ich auf das Haupt und das falsche Haar (denn ich bin überzeugt, es ist nicht echt, so häßlich es auch ist, und so unwahrscheinlich es auch ist, daß jemand vernünftiges Geld dafür ausgeben sollte) von Mrs. General fallen lassen!«

Klein-Dorrit hörte diesen Rat an, ohne zu wagen, etwas gegen denselben einzuwenden, ohne jedoch auch Fanny irgendeinen Grund zu dem Glauben zu geben, sie beabsichtige, ihn zu befolgen. Da Fanny nun gewissermaßen ihr Jungfrauenleben förmlich abgeschlossen und ihre weltlichen Angelegenheiten geordnet hatte, begann sie mit dem ihr eigentümlichen Eifer, sich für die ernste Veränderung in ihrer Lage vorzubereiten.

Die Vorbereitung bestand darin, daß sie ihr Mädchen, in Begleitung eines Kuriers, nach Paris sandte, um die Ausstattung für eine Braut zu kaufen, der die gegenwärtige Erzählung –- ohne ins Platte zu verfallen – keinen englischen Namen geben kann, der jedoch einen französischen Namen zu geben (nach dem gewöhnlichen Grundsatz, bei der Sprache zu bleiben, in der sie mal geschrieben), ihr ebenso widerstrebt. Die von diesen Agenten angekaufte schöne und reiche Garderobe machte im Verlaufe weniger Wochen ihren Weg durch das dazwischen liegende Land, das mit Zollhäusern überfüllt war, in dem eine ungeheure Armee schäbiger Bettler in Uniform garnisonierte, die beständig die Bitte um Almosen wiederholten, als wenn jeder einzelne dieser Krieger der alte Belisar wäre, und deren es so zahlreiche Legionen gab, daß, wenn der Kurier nicht genau anderthalb Scheffel Silbergeld ausgegeben hätte, um ihrer Not abzuhelfen, sie durch das bloße Umdrehen schon die Garderobe zerfetzt hätten, ehe sie nach Rom gelangt wäre. Aus all diesen Gefahren ging sie jedoch siegreich hervor, Zoll um Zoll, und kam in bester Beschaffenheit am Ziel ihrer Reise an.

Dort wurde sie auserlesenen Gesellschaften von Besucherinnen vorgelegt, in deren zartem Busen sie unversöhnliche Gefühle weckte. Gleichzeitig wurden lebhafte Vorbereitungen für den Tag gemacht, an dem einige von diesen Schätzen öffentlich zur Schau gestellt werden sollten. Die Hälfte der Engländer in der Stadt des Romulus erhielt Einladungskarten zum Frühstück; die andre Hälfte machte Vorbereitungen, um als kritisierende Freiwillige an verschiedenen Vorposten der Feierlichkeit unter Waffen zu sein. Der hochgestellte und ausgezeichnete englische Signor Edgardo Dorrit kam mit Extrapost durch den tiefen Schmutz und auf den schlechten Wegen von Neapel (wo er dem strebenden neapolitanischen Adel Manieren beibrachte), um der Feierlichkeit anzuwohnen. Das beste Hotel und alle seine Kochkünstler waren mit der Bereitung des Festmahles in Anspruch genommen. Die Anweisungen von Mr. Dorrit brachten bei Torlonia beinahe eine Krisis hervor. Der britische Konsul hatte während seines ganzen Konsulats keine solche Hochzeit gehabt.

Der Tag erschien, und die Wölfin auf dem Kapitol hätte vor Neid die Zähne fletschen können, wenn sie hatte sehen müssen, wie die Inselwilden die Sache heutzutage treiben. Die bösen Kaiser der Soldateska mit den Mördergesichtern, denen die Bildhauer die abscheuliche Häßlichkeit nicht hatten wegschmeicheln können, hätten von ihren Piedestalen herabkommen können, um die Braut zu entführen. Die vertrocknete alte Fontäne, wo sich ehedem die Gladiatoren gewaschen, hätte zu Ehren der Feierlichkeit wieder springen können. Der Tempel der Vesta hätte sich wieder aus seinen Trümmern erheben können, um bei dieser feierlichen Gelegenheit sich in seiner ganzen Schönheit zu zeigen. Sie hätten es tun können: aber taten es nicht. Wie lebendige Wesen – selbst wie manchmal die Herren und Herrinnen der Schöpfung – hätten sie viel tun können, taten aber nichts. Die Feierlichkeit ging mit staunenswertem Pomp vor sich: Mönche in schwarzen Kutten, weißen Kutten und braunen Kutten blieben stehen, um den Wagen nachzusehen; herumziehende Landleute in Schafpelzen bettelten und bliesen unter den Fenstern des Hauses; die englischen Freiwilligen zogen vorüber; der Tag verging bis zur Vesperstunde; das Fest war vorbei; die Tausende von Kirchenglocken läuteten, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, und St. Peter leugnete, daß er irgend etwas damit zu tun habe.

Inzwischen war die Braut dem Ziel ihrer ersten Tagreise auf dem Wege nach Florenz nahe. Es war eine Eigentümlichkeit dieser Hochzeit, daß sie ganz nur Braut war. Niemand nahm von dem Bräutigam Notiz. Niemand nahm von der ersten Brautjungfer Notiz. Wenige hätten vor dem Glanz Klein-Dorrit (die diese Stelle versah) bemerken können, selbst vorausgesetzt, daß viele sie gesucht hätten. So war die Braut in ihren schönen Wagen gestiegen, zufällig von dem Bräutigam begleitet, und fing jetzt an, nachdem sie wenige Minuten lang sanft über ein schönes Pflaster gerollt, sich durch einen melancholischen Sumpf und durch eine lange, lange Straße von Verfall und Trümmern hindurchzuwinden. Andere Hochzeitswagen sollen vorher und seitdem dieselbe Straße gefahren sein.

Wenn sich Klein-Dorrit an diesem Abend ein wenig einsam und gedrückt fühlte, so würde sie nichts so sehr erleichtert haben, als wenn sie neben ihrem Vater wie in frühern Zeiten an der Arbeit hätte sitzen oder ihm sein Nachtessen und sein Bett bereiten können. Aber daran war jetzt nicht zu denken, wo sie mit Mrs. General auf dem Bock der Zeremonienkutsche saß. Und das Nachtessen! Wenn Mr. Dorrit ein solches verlangte, mußten ein italienischer Koch und ein Schweizer Konditor Mützen so hoch wie die Mitra des Papstes aufsetzen und die Geheimnisse von Alchimisten in einem mit kupfernen Kasserollen versehenen Laboratorium unter der Erde verrichten, ehe er es bekommen konnte.

Er war an diesem Abend sententiös und belehrend; wäre er einfach herzlich gewesen, so hätte das Klein-Dorrit wohler getan; aber sie nahm ihn, wie er war – wann hatte sie ihn nicht genommen, wie er war – und faßte ihn von seiner besten Seite auf. Mrs. General zog sich endlich zurück. Ihr Weggehen am I?7 Abend war immer ihre frostigste Zeremonie, als fände sie es notwendig, die menschliche Phantasie zu Stein erstarren zu machen, daß man ihr nicht folge. Als sie ihre strengen Präliminarien gemacht, die bis zu platonischen Übungen sich verstiegen, verließ sie das Zimmer. Klein-Dorrit schlang dann ihren Arm um ihres Vaters Hals, um ihm gute Nacht zu sagen.

»Meine liebe Amy«, sagte Mr. Dorrit, indem er ihre Hand ergriff, »das ist das Ende eines Tages, der mich – ha – sehr gerührt und mir sehr wohlgetan hat.«

»Wohl auch ein wenig müde gemacht, Vater?«

»Nein«, sagte Mr. Dorrit, »nein, ich fühle keine Müdigkeit, wenn sie eine so – hm – mit Freude der reinsten Art verbundene Veranlassung hat.«

Klein-Dorrit freute sich, ihn bei so guter Stimmung zu finden, und lächelte voll Glückseligkeit.

»Mein Liebe«, fuhr er fort. »Dies ist ein Tag – ha –, der als ein gutes Beispiel gelten kann. Ein gutes Beispiel, mein treuer Liebling, – hm – für dich.«

Klein-Dorrit, durch seine Worte etwas in Verlegenheit gebracht, wußte nicht, was sie sagen sollte, obgleich er innehielt, als ob er erwartete, sie werde etwas sagen.

»Amy«, fuhr er fort, »deine liebe Schwester, unsere Fanny, hat – ha, hm – eine Ehe geschlossen, die vortrefflich geeignet ist, die Basis unserer – ha – Bekanntschaft auszudehnen und unsere – hm – sozialen Beziehungen zu konsolidieren. Meine Liebe, ich glaube, daß die Zeit nicht fern sein wird, wo eine – ha – annehmbare Partie sich für dich finden wird.«

»O, nein! Laß mich bei dir bleiben. Ich bitte dich, laß mich bei dir bleiben. Ich verlange nichts weiter, als bei dir zu bleiben und für dich zu sorgen!«

Sie sagte es wie jemand, der plötzlich aufgeschreckt wird.

»Nein, Amy, Amy«, sagte Mr. Dorrit. »Das ist schwach und kindisch, schwach und kindisch. Deine Stellung – ha – legt dir eine Verpflichtung auf. Es gilt, diese Stellung geltend zu machen; ich kann – ha – selbst für mich sorgen. Oder«, fügte er nach einem Augenblick hinzu, »wenn ich jemand brauchte, der für mich sorgte, so – hm – kann ich, mit dem – ha – Segen der Vorsehung, jemand finden, der für mich sorgt. Ich kann nicht – ha, hm – alle Last auf dich wälzen, liebes Kind, und – ha – dich gewissermaßen aufopfern.«

O, welch eine Tageszeit für diese Beteurung von Selbstverleugnung: o; welche Zeit, um sie mit einer Miene auszusprechen, als ob man Glauben für sie forderte; welch eine Zeit, daran zu glauben, wenn das möglich wäre!

»Sprich nicht, Amy. Ich sage es ganz entschieden, ich kann das nicht zugeben. – Ich – ha – darf – es nicht zugeben. Mein – hm – Gewissen würde es nicht erlauben. Ich ergreife daher die mir durch diese angenehme und rührende Gelegenheit gebotene Veranlassung, dir feierlich – ha – kundzutun, daß es jetzt mein innigster Wunsch und Vorsatz ist, dich – ha – angemessen (ich wiederhole angemessen) verheiratet zu sehen.«

»O nein, mein lieber Vater, ich bitte dich!«

»Amy!« sagte Mr. Dorrit, »ich bin fest überzeugt, daß, wenn die Sache, die wir hier besprechen, einer Person von höherer Weltkenntnis, größerem Zartgefühl und schärferer Einsicht vorgelegt würde – wir wollen zum Beispiel sagen, Mrs. General –, so würden nicht zweierlei Ansichten über den – hm – liebevollen Charakter und die Richtigkeit meiner Gefühle stattfinden. Da ich jedoch deinen liebevollen und gehorsamen Charakter aus – hm – Erfahrung kenne, so bin ich überzeugt, daß ich nichts weiter zu sagen brauche. Ich habe – hm – für den Augenblick keinen Gatten, den ich dir vorschlagen könnte; ich habe sogar nicht mal einen in Aussicht. Ich wünsche nur – ha –, daß wir uns verstehen. Hm. Gute Nacht, meine liebe und einzig mir bleibende Tochter. Gute Nacht. Gott sei mit dir!«

Wenn Klein-Dorrit jemals in dieser Nacht der Gedanke kam, daß er sie jetzt in seinem Glücke leicht hingeben könnte, jetzt, da er im Sinn hatte, sie durch eine zweite Gattin zu ersetzen, so verscheuchte sie diesen Gedanken alsbald wieder. Unverändert treu gegen ihn wie in den schlimmsten Zeiten, wo sie allein mit ihrer Hand ihn gestützt und aufrechterhalten, wies sie diesen Gedanken von sich ab und kannte in ihrer tränenvollen Ruhelosigkeit keinen herberen Gedanken, als daß er jetzt alles im Licht ihres Reichtums und mit der beständigen Sorge ins Auge faßte, reich zu bleiben und reicher zu werden.

Sie saßen noch drei Wochen länger in ihrer Staatskutsche, mit Mrs. General auf dem Bock; dann reiste er nach Florenz, um mit Fanny zusammenzutreffen. Klein-Dorrit hätte ihm so gern bis dahin Gesellschaft geleistet, einzig um ihrer Liebe willen, und wäre dann, an ihr teures England denkend, zurückgekehrt. Aber da der Kurier mit der Braut gegangen, war der Kammerdiener nunmehr an der Reihe; und diese wäre erst an sie gekommen, wenn man niemand mehr für Geld hätte haben können.

Mrs. General nahm das Leben leicht – so leicht, heißt das, wie sie überhaupt etwas nehmen konnte –, als der römische Haushalt in ihrem alleinigen Besitz blieb; und Klein-Dorrit fuhr oft in einem Mietswagen, den man ihnen gelassen, aus oder sprang auch allein aus dem Wagen und wanderte unter den Ruinen des alten Rom umher. Die Trümmer des großen alten Amphitheaters, der alten Tempel, der alten erinnerungsreichen Bogengänge, der alten vielbetretenen Straße, der alten Gräber erschienen ihr außer in ihrer eigentlichen Gestalt auch als Ruinen des alten Marschallgefängnisses – als Ruinen ihres eigenen ehemaligen Lebens – als Ruinen der Gesichter und Gestalten derer, die es damals bevölkert, als Ruinen der Neigungen, Hoffnungen, Sorgen und Freuden, die darin gewaltet hatten. Zwei untergegangene Sphären I?9 des Tuns und Leidens standen vor dem einsamen Mädchen, das oft auf einem zerbröckelten Steine saß; und an dem einsamen Orte, unter dem blauen Himmel, sah sie beides zugleich.

Dann kam gewöhnlich Mrs. General, nahm allem die Farbe, wie Natur und Kunst alle Farbe aus ihr genommen; sie schob zwischen Mr. Eustaces Text überall Prunes und Prism, wo sie nur konnte; sah sich überall nach Mr. Eustace und Kompagnie um und hatte sonst für nichts Auge; scharrte die dürrsten Knochen Altertum zusammen und verschlang sie ohne menschliches Erbarmen – wie ein Werwolf in Handschuhen.

Sechzehntes Kapitel.


Sechzehntes Kapitel.

Vorwärts

Das neuverheiratete Ehepaar wurde bei seiner Ankunft in Harleystreet, Cavendishsquare, London, von dem Oberhaushofmeister empfangen. Dieser große Mann nahm kein Interesse an ihnen, aber er duldete sie im ganzen. Es müssen beständig Leute verheiratet und getraut werden, sonst brauchte man keine Haushofmeister. Wie Staaten zum Besteuern da sind, so sind Familien da, um gehaushofmeistert zu werden. Der Oberhaushofmeister dachte jedenfalls, daß der Lauf der Natur seinetwegen die Fortpflanzung der reichen Bevölkerung vorschreibe.

Er ließ sich deshalb herab, den Wagen von der Haustür aus ohne zürnende Blicke zu betrachten, und sagte zu einem seiner Untergebenen auf höchst liebenswürdige Weise: »Thomas, hilf beim Abpacken!« Er geleitete sogar die junge Frau die Treppe hinauf zu Mr. Merdle; aber dies war als ein Akt der Huldigung gegen das schöne Geschlecht (das er bewunderte, wie er notorisch in die Reize einer gewissen Herzogin sich verliebt hatte) und nicht als ein Unterordnen seiner selbst unter die Familie zu betrachten.

Mr. Merdle schlich auf dem Kaminteppich umher und erwartete die Ankunft Mrs. Sparklers. Seine Hand schien beim Willkomm in seinen Rockärmel hinaufzukriechen, und er gab ihr einen solchen Überfluß von Rockaufschlag, daß es wie ein Empfang von dem der Volksvorstellung entsprechenden Bilde von Guy Fawkes3 war. Als er seine Lippen auf die ihren drückte, nahm er sich bei den Handgelenken fest und deckte sich den Rücken durch die Ottomanen und Stühle und Tische, als wenn er sein eigner Polizeimann wäre, und sagte zu sich: »Nun, nichts da! Kommt! Ich habe euch mal, wie ihr seht, und ihr geht ruhig mit mir!«

Mrs. Sparkler, die nun in den Staatszimmern installiert war – dem Allerheiligsten von Eiderdaunen, Seide und feinem Linnen –, fühlte, daß ihr Triumph gelungen und ihr Weg Schritt für Schritt gemacht sei. Am Tage vor ihrer Hochzeit hatte sie der Kammerfrau von Mrs. Merdle mit anmutiger Gleichgültigkeit in Mrs. Merdles Gegenwart ein hübsches kleines Andenken (Armband, Hut und zwei Kleider, alles ganz neu) geschenkt, was ungefähr viermal so viel wert war als das Geschenk, das Mrs. Merdle ihr früher gemacht hatte. Sie wohnte jetzt in Mrs. Merdles eigenen Zimmern, die mit einigen Extranachbesserungen ihrer würdiger gemacht worden waren. Während sie hier weilte, umgeben von allen Luxusgegenständen, die der Reichtum kaufen und die Phantasie erfinden konnte, sah sie mit ihrem innern Auge den schönen Busen, der im Einklang mit ihrem frohlockenden Herzen schlug, mit dem so lange berühmt gewesenen Busen wetteiferten, ihn überglänzen und verdrängen. Glücklich? Fanny mußte glücklich sein, denn sie wünschte nicht mehr, lieber tot zu sein.

Der Kurier hatte es nicht gebilligt, daß Mr. Dorrit in dem Hause eines Freundes wohne, und vorgezogen, ihn nach einem Hotel in Brook Street, Grosvenorsquare zu bringen. Mr. Merdle befahl, morgen früh seinen Wagen bereit zu halten, damit er sogleich nach dem Frühstück Mr. Dorrit seine Aufwartung machen könne.

Der Wagen sah glänzend aus, die Pferde waren glatt, das Geschirr funkelte, die Livreen machten den Eindruck des Reichen und Soliden. Ein herrliches entsprechendes Äußere. Eine Equipage für einen Merdle. Leute, die früh auf waren, sahen ihr nach, wie sie durch die Straßen hinrollte, und sagten mit ehrfurchtsvollem Ton: »Da fährt er!«

Da fuhr er hin, bis Brook Street ihm Halt gebot. Dann kam er wie ein Juwel aus seinem prachtvollen Gehäuse, aber nicht durch sich glänzend, sondern ganz das Gegenteil.

Aufruhr in dem Bureau des Hotels. Merdle! Der Wirt, obgleich ein Gentleman von großem Stolz, der kaum mit zwei Vollblutpferden in die Stadt gekommen war, kam heraus, um ihn die Treppe hinaufzuführen. Die Kommis und die Diener schnitten ihm durch Seitengänge den Weg ab und warteten wie zufällig an Gängen und Ecken, um ihn zu sehen. Merdle! O Sonne, Mond und Sterne, der große Mann! Der reiche Mann, der gewissermaßen das Neue Testament verbessert hat, indem er bereits in das Himmelreich gekommen war. Der Mann, der jeden, den er wollte, zu Tische einladen konnte und der so viel Geld verdiente. Als er die Treppe hinaufging, standen die Leute schon auf den untern Stufen, damit sein Schatten auf sie fiele, wenn er herabkäme. So brachte man die Kranken und legte sie auf den Weg, den der Apostel kommen mußte – der nicht in die gute Gesellschaft gekommen und kein Geld verdient hatte.

Mr. Dorrit saß im Schlafrock, mit der Morgenzeitung beschäftigt, beim Frühstück. Der Kurier meldete mit aufgeregter Stimme: »Mr. Mairdaile!« Mr. Dorrits übervolles Herz hüpfte vor Freude, als er aufsprang. »Mr. Merdle, das ist wahrhaftig eine Ehre. Erlauben Sie mir, Ihnen auszusprechen, wie – hm – hoch ich die Ehre – ha – diesen – ha, hm – schmeichelhaften Beweis Ihrer Aufmerksamkeit zu schätzen weiß. Ich weiß recht gut, mein Herr, wie sehr Ihre Zeit in Anspruch genommen ist und – ha – welch unermeßlichen Wert sie hat.« Mr. Dorrit konnte das Wort unermeßlich nicht rund genug zu seiner Zufriedenheit aussprechen. »Daß Sie – ha – zu dieser frühen Stunde etwas von Ihrer unschätzbaren Zeit auf mich verwenden, ist – ha – ein Kompliment, das ich mit der größten Achtung anerkenne.« Mr. Dorrit zitterte wirklich, als er den großen Mann anredete.

Mr. Merdle ließ in seiner gedämpften, innerlichen, zögernden Stimme ein paar Worte hören, die nichts besagen wollten; und zuletzt sagte er: »Ich bin sehr erfreut, Sie zu sehen, Sir.«

»Sie sind sehr freundlich«, sagte Mr. Dorrit, »wirklich sehr freundlich.« Inzwischen hatte sich der Besuch gesetzt und fuhr mit seiner großen Hand über die erschöpfte Stirn. »Sie sind hoffentlich wohl, Mr. Merdle?«

»Ich bin so wohl, wie ich – ja, ich bin so wohl, wie ich gewöhnlich bin«, sagte Mr. Merdle.

»Ihre Geschäfte müssen Sie außerordentlich in Anspruch nehmen?«

»So ziemlich. Aber – o nein, es fehlt mir eigentlich nichts«, sagte Mr. Merdle im Zimmer umhersehend.

»Etwas schlechte Verdauung?« deutete Mr. Dorrit an.

»Wohl möglich. Aber ich – o ich befinde mich ganz gut«, sagte Mr. Merdle.

Auf seinen Lippen, wo sie sich schlossen, waren schwarze Streifen, als wenn etwas Pulver darauf abgebrannt worden wäre; und er sah aus wie ein Mann, der, wenn er von etwas lebhafterem Temperament wäre, heute morgen starkes Fieber gehabt haben würde. Dies und die schwerfällige Weise, wie er über seine Stirn strich, hatten Mr. Dorrits besorgliche Erkundigungen veranlaßt.

»Mrs. Merdle«, fuhr Dorrit einschmeichelnd fort, »verließ ich, wie Sie wohl zu hören erwarten werden, als die von allen – ha – Beobachtern Beobachtete, von allen – hm – Bewunderern Bewunderte, als die, die die ganze römische Gesellschaft entzückt und bezaubert hat. Sie sah außerordentlich gut aus, als ich die Römerstadt verließ.«

»Mrs. Merdle«, sagte Mr. Merdle, »gilt im allgemeinen als eine sehr anziehende Frau. Und sie ist es auch ganz gewiß. Ich weiß es wohl, daß sie es ist.«

»Wer wüßte es nicht?« antwortete Mr. Dorrit.

Mr. Merdle drehte seine Zunge in seinem geschlossenen Munde umher – es schien eine steife und unlenksame Zunge –, feuchtete die Lippen an, strich mit der Hand über die Stirn und sah wieder im Zimmer umher, hauptsächlich unter die Stühle. »Aber«, sagte er, indem er Mr. Dorrit zum ersten Male ins Gesicht sah und dann augenblicklich die Blicke auf die Westenknöpfe von Mr. Dorrit herabsinken ließ, »wenn wir von anziehendem Wesen sprechen, so sollte Ihre Tochter unser Gesprächsgegenstand sein. Sie ist ausnehmend schön. Nach Gesicht wie Gestalt ist sie eine ungewöhnliche Erscheinung. Als die jungen Leute vergangenen Abend ankamen, war ich wirklich überrascht von dem Anblick solcher Reize.«

Mr. Dorrit fühlte sich so geschmeichelt, daß er sagte – ha –, er könne nicht umhin, mündlich Mr. Merdle zu wiederholen, was er bereits brieflich getan, daß er die Verbindung ihrer Familien für eine große Ehre und ein großes Glück halte. Und er bot ihm seine Hand. Mr. Merdle betrachtete die Hand eine Augenblick, nahm sie einen Augenblick, als wenn sie ein gelber Präsentierteller oder eine Fischscheibe wäre, und gab sie dann Mr. Dorrit zurück.

»Ich dachte, ich wolle sogleich hierherfahren«, sagte Mr. Merdle, »um meine Dienste anzubieten, im Falle ich etwas für Sie tun kann, und Ihnen zu sagen, ich hoffe, Sie werden mir wenigstens die Ehre erweisen, heute und immer bei mir zu speisen, solange Sie in der Stadt und nicht anderwärts besser in Anspruch genommen sind.«

Mr. Dorrit war entzückt über diese Aufmerksamkeiten.

»Werden Sie sich lange hier aufhalten?«

»Ich habe vorderhand die Absicht«, sagte Mr. Dorrit, »nicht länger als vierzehn Tage zu verweilen.«

»Das ist nach einer so langen Reise ein sehr kurzer Aufenthalt«, versetzte Mr. Merdle.

»Hm. Ja«, sagte Mr. Dorrit. »Aber offen gesagt – ha – mein lieber Merdle, ich finde das Leben auf dem Kontinent meiner Gesundheit so zuträglich und meinem gegenwärtigen Geschmack so entsprechend, daß ich – hm – bei meinem gegenwärtigen Besuche in London nur zweierlei im Auge habe. Nämlich erstens – ha – das ausgezeichnete Glück und – ha – die Ehre, die mir gegenwärtig zuteil wird und die ich zu schätzen weiß; und zweitens das Arrangement – hm –, das heißt, die beste Anlegung – ha, hm – meiner Kapitalien.«

»Nun, Sir«, sagte Mr. Merdle, nachdem er seine Zunge noch einmal gedreht, »wenn ich Ihnen in dieser Beziehung irgendwie von Nutzen sein kann, so befehlen Sie über mich.«

Mr. Dorrit zögerte mehr denn gewöhnlich mit seinen Worten, als er auf diesen kitzlichen Punkt zu sprechen kam, denn er war sich nicht ganz klar, wie ein so erhabener Potentat es aufnehmen möchte. Er zweifelte, ob die Erwähnung eines persönlichen Kapitals oder Vermögens nicht ein zu elender Detailkram für einen solchen Großhändler sei. Sehr erleichtert durch Mr. Merdles freundliches Anerbieten seiner Dienste, säumte er nicht, sie anzunehmen, und überhäufte ihn mit Dank.

»Ich hätte – ha – kaum gewagt«, sagte Mr. Dorrit, »versichere ich Ihnen, einen so außerordentlichen Vorteil wie Ihren unmittelbaren Rat und Beistand zu hoffen. Obgleich ich natürlich, unter allen Umständen, wie die – ha, hm – ganze übrige zivilisierte Welt Mr. Merdles Spuren gefolgt wäre.«

»Sie wissen, wir können uns beinahe Verwandte nennen, Sir«, sagte Mr. Merdle, indem er mit großem Interesse das Muster des Teppichs betrachtete, »und deshalb können Sie ganz auf meine Dienste zählen zu dürfen versichert sein.«

»Ah. Sehr hübsch, wahrhaftig!« rief Mr. Dorrit. »Ah. Sehr hübsch!«

»Es würde«, sagte Mr. Merdle, »im gegenwärtigen Augenblick für einen, der nicht eingeweiht ist, sehr schwer sein, an einer der guten Spekulationen teilzunehmen – natürlich spreche ich von meinen eigenen guten Spekulationen –«

»Natürlich, natürlich!« rief Mr. Dorrit, in einem Ton, der deutlich zu sagen schien, daß es gar keine andern guten Spekulationen geben könne.

»– außer zu sehr hohem Preis, was wir eine sehr lange Zahl zu nennen pflegen.«

Mr. Dorrit lachte in der gehobenen Stimmung, in der er sich befand. »Ha, ha, ha! Lange Zahl. Gut. Ha. Wirklich sehr bezeichnend.«

»Ich behalte jedoch«, sagte Mr. Merdle, »gewöhnlich die Vollmacht für mich, einzelne zu bevorzugen – die Leute würden es vielleicht begünstigen heißen –, was ich als eine Art Belohnung für meine Sorge und Mühe ansehe.«

»Und ihren Gemeingeist und Ihr Genie«, fügte Mr. Dorrit hinzu.

Mr. Merdle schien mit einer trocknen schlingenden Bewegung diese Eigenschaften wie eine Pille hinunterzuschlucken; dann fügte er hinzu: »Eine Art von Entschädigung. Wenn Sie mir erlauben, will ich sehen, wie ich von dieser beschränkten Vollmacht (denn die Leute sind eifersüchtig, und sie ist beschränkt) in Ihrem Interesse Gebrauch machen kann.«

»Sie sind sehr gut«, versetzte Mr. Dorrit. »Sie sind sehr gut.«

»Natürlich«, sagte Mr. Merdle, »muß bei diesen Geschäften die größte Rechtschaffenheit und Ehrlichkeit herrschen; Glaube auf Wort muß zwischen den einzelnen gelten; zweifelloses und unzweifelhaftes Vertrauen muß obwalten; sonst könnte man kein Geschäft machen.«

Mr. Dorrit begrüßte diese edlen Gesinnungen lebhaft und freudig.

»Deshalb«, sagte Mr. Merdle, »kann ich Ihnen bloß bis zu einer gewissen Ausdehnung den Vorzug geben.«

»Ich verstehe. In einer beschränkten Ausdehnung«, bemerkte Mr. Dorrit.

»Beschränkten Ausdehnung. Und ganz offen vor der Welt. Mit meinem Rate dagegen ist es etwas anderes«, sagte Mr. Merdle. »Soviel dieser gilt –«

»Oh! Soviel dieser gilt!« (Mr. Dorrit konnte selbst bei Mr. Merdle nicht die geringste Unterschätzung seines Wertes ertragen.)

»– diesen zu geben, wenn ich Lust habe, hindert mich nichts, was die makellose Ehre zwischen mir und meinen Genossen verlangt. Und dieser«, sagte Mr. Merdle, jetzt ganz auf den Kehrichtkarren, der unter dem Fenster vorüberfuhr, seine Aufmerksamkeit richtend, »wird stets zu Ihren Diensten stehen, wenn Sie denselben einzuholen für passend erachten.«

Neuer Dank von seiten Mr. Dorrits. Abermaliges Über-die-Stirne-Fahren von Mr. Merdles Hand. Pause und Schweigen. Betrachten der Westenknöpfe Mr. Dorrits von seiten Mr. Merdles.

»Da meine Zeit ziemlich kostbar ist«, sagte Mr. Merdle plötzlich aufstehend, als wenn er inzwischen auf seine Beine gewartet und diese nun gekommen wären, »so muß ich mich jetzt nach der City begeben. Kann ich Sie vielleicht irgendwohin mitnehmen? Ich würde mich glücklich schätzen, Sie irgendwo aussteigen oder mit meinem Wagen weiterfahren zu lassen. Er steht zu Ihren Diensten.«

Mr. Dorrit bedachte sich, daß er Geschäfte bei seinem Bankier habe. Sein Bankier wohnte in der City. Das traf sich glücklich; Mr. Merdle konnte ihn in die City mitnehmen. Aber er dürfe natürlich Mr. Merdle nicht aufhalten, bis er seinen Rock angezogen? Jawohl dürfe und müsse er das; Mr. Merdle bestand darauf. Mr. Dorrit zog sich deshalb in das nächste Zimmer zurück, vertraute sich seinem Kammerdiener an und kam nach fünf Minuten strahlend wieder.

Dann sagte Mr. Merdle: »Erlauben Sie mir, Sir. Nehmen Sie meinen Arm.« Dann stieg Mr. Dorrit, auf Mr. Merdles Arm gelehnt, die Treppe hinab, sah die Gläubigen auf den Stufen stehen und fühlte, daß ein Abglanz des Lichts von Mr. Merdle auf ihn fiel. Dann stieg man in den Wagen und fuhr in die City, und das Volk staunte sie an, und die Hüte flogen von grauen Köpfen herunter, und es war ein allgemeines Bücken und Kriechen vor diesem wunderbaren Sterblichen; eine solche Demut im Geiste war – beim Himmel, nein! das mögen die Schmeichler aller Namen bedenken – weder in der Westminster-Abtei noch in der St. Paulskirche zusammengenommen an irgendeinem Sonntag im Jahre zu sehen. Es war ein berauschender Traum für Mr. Dorrit, so hoch erhaben in diesem öffentlichen Triumphwagen zu sitzen und diese prachtvolle Fahrt nach dem entsprechenden Ziele, der goldenen Lombardstraße mitzumachen.

Dort bestand Mr. Merdle darauf, auszusteigen und seinen Weg zu Fuß zu machen, indem er seinen armen Wagen zu Mr. Dorrits Disposition stellte. So wurde der Traum noch berauschender, als Mr. Dorrit allein von dem Bankier herauskam und die Leute in Abwesenheit Mr. Merdles ihn ansahen und er mit den Ohren seines Geistes den häufigen Ausruf hörte, während er blitzschnell dahinfuhr: »Ein ausgezeichneter Mann muß das sein, wenn er Mr. Merdles Freund ist!«

Bei dem Mittagsmahl dieses Tages, obgleich es ganz unvorbereitet arrangiert war, befand sich eine glänzende Gesellschaft von lauter Leuten, die nicht aus irdischem Staube, sondern aus einem wertvolleren, bis jetzt unbekannten Stoffe gemacht waren und ihren herrlichen Segen auf die Ehe der Tochter Mr. Dorrits ausströmten. Und Mr. Dorrits Tochter begann an diesem Tage in allem Ernst ihren Wettkampf mit jener nicht anwesenden Frau; und begann ihn so gut, daß Mr. Dorrit, wenn man es verlangt, die eidliche Erklärung hätte abgeben können, Mrs. Sparkler habe ihr ganzes Leben der vollen Länge nach im Schoße des Glückes gelegen und habe nie von einem so groben Worte der englischen Sprache wie Marshalsea gehört.

Am nächsten und übernächsten und allen darauffolgenden Tagen, die stets von neuen Tischgesellschaften beehrt waren, wirbelten Karten auf Mr. Dorrit herab wie Theaterschnee. Als Freund und Verwandter des berühmten Mr. Merdle wünschten Advokat, Bischof, Schatz, Chornus und jedermann Mr. Dorrit kennenzulernen. In den zahlreichen Kontors Mr. Merdles in der City war, wenn Mr. Dorrit in einem derselben bei seinen Geschäftsbesuchen im Osten erschien (was häufig geschah, denn diese nahmen erstaunlich zu), der Name Dorrit stets ein Paß, der Zutritt zu dem großen Merdle verschaffte. So wurde der Traum mit jeder Stunde berauschender, und Mr. Dorrit fühlte immer mehr, daß diese Verbindung ihn wirklich vorwärtsgebracht habe.

Nur eines lag nichts weniger als golden und leicht auf Mr. Dorrits Seele. Das war der Oberhaushofmeister. Diese erstaunliche Persönlichkeit sah ihn während seiner offiziellen Beaufsichtigung des Diners in einer Weise an, die Mr. Dorrit sehr in Frage zu ziehen geneigt war. Wenn er durch die Halle und über die Treppe ging, um sich zum Diner zu begeben, sah er ihn mit einer glasigen Starrheit an, die Mr. Dorrit nicht gefiel. Wenn Mr. Dorrit bei Tische saß und trank, sah er durch sein Weinglas, wie der Oberhaushofmeister ihn mit kaltem und geisterhaftem Blicke betrachtete. Der Zweifel stieg in ihm auf, ob ihn nicht der Oberhaushofmeister als Gefangenen gekannt, ihn im Gefängnis gesehen – vielleicht ihm sogar vorgestellt worden. Er sah den Oberhaushofmeister so genau an, als man überhaupt einen solchen Mann ansehen kann, und doch erinnerte er sich nicht, daß er ihn je anderwärts gesehen hatte. Zuletzt neigte er sich zu der Ansicht, daß der Mann keine Ehrfurcht, diese große Kreatur kein Gefühl besitze. Aber das beruhigte ihn nicht, denn, er mochte denken, was er wollte, der Oberhaushofmeister ließ sein geringschätziges Auge auf ihm ruhen, selbst wenn dieses Auge auf das Silberzeug oder andern Tafelschmuck sah. Ihm einen Wink zu geben, daß diese Begrenzung seines Blickes unangenehm sei, oder ihn zu fragen, was das heißen solle, war ein zu kühnes Wagstück, um sich dazu zu entschließen, denn er war gegen seinen Herrn und dessen Gäste entsetzlich streng und erlaubte ihnen nicht, sich die geringste Freiheit gegen ihn herauszunehmen.

Erstes Kapitel.


Erstes Kapitel.

Reisegenossen.

Im Herbste des Jahres krochen Dunkelheit und Nacht zu den höchsten Gipfeln der Alpen empor.

Es war die Zeit der Weinlese in den Tälern auf der Schweizer Seite des St. Bernhardpasses und an den Ufern des Genfer Sees. Die Luft war von dem Duft der eingeernteten Trauben geschwängert. Körbe, Bütten und Kübel mit Trauben standen in den dunklen Dorftorwegen, verstellten die steilen und engen Dorfgassen und wurden den ganzen Tag auf Wegen und Straßen hin und her getragen. Trauben, von den Füßen zertreten und zerquetscht, lagen überall umher. Die junge Bäuerin, die sich schwerbeladen nach Hause schleppte, beruhigte ihr schreiendes Kind mit Trauben. Der Idiot, der seinen dicken Kropf unter der Traufe der hölzernen Hütte an dem Wege zum Wasserfall sonnte, saß gierig Trauben kauend da. Der Atem der Kühe und Ziegen duftete angenehm von dem Laub und den Kämmen der Trauben. Die versammelten Gäste in jedem kleinen Wirtshause sprachen, während sie aßen und tranken, von Trauben. Schade, daß aus dem großen Überfluß nicht etwas Reife auf den dünnen, harten, steinigen Wein überging, der im ganzen aus diesen Trauben gemacht wurde!

Die Luft war den ganzen schönen Tag über warm und durchsichtig gewesen. Glänzende metallene Kirchturmspitzen und Kirchendächer, die man da und dort in der Ferne sah, hatten die weite Gegend durchblitzt: und die schneeigen Berggipfel waren so klar gewesen, daß nicht daran gewöhnte Augen mit dem Blick über das dazwischenliegende Land hinwegeilten und ihre rauhe Höhe als etwas Fabelhaftes gering achtend, gewöhnlich glaubten, sie seien in wenigen Stunden zu erreichen. Bergkuppen von großer Berühmtheit sah man von den Tälern, wo bisweilen monatelang keine Spur von ihrer Existenz sichtbar war, seit dem Morgen klar und nahe an dem blauen Himmel stehen. Und selbst jetzt, wo es unten dunkel wurde, hoben sie sich – gleichsam feierlich zurückschreitend wie Geister, die entschwinden wollen – doch noch deutlich in ihrer Einsamkeit über dem Nebel und dem Schatten bleich und kalt vom Himmel ab.

Von diesen Einöden und vom Paß des großen St. Bernhard aus gesehen stieg die Nacht an den Bergen flutartig empor. Als sie endlich die Mauern des Klosters auf dem großen St. Bernhard erreicht hatte, erschien dieser wetterharte Bau wie eine zweite Arche, die auf den Schattenwogen schwamm.

Die Dunkelheit, die einige Fremde überholte, hatte die rauhen Klostermauern erreicht, als diese Reisenden noch den Berg hinanklommen. Wie die Hitze des glühenden Tages, die sie haltzumachen und an den Strömen geschmolzenen Schnees und Eises zu trinken eingeladen hatte, nun in die durchdringende Kälte der frostigen verdünnten Nachtluft auf großer Höhe übergegangen war, so war die frische Schönheit der Reise in tieferliegenden Gegenden jetzt der Dürre und Öde gewichen. Ein schroffer, holperiger Pfad, auf dem die Maultiere, eines hinter dem andern, von Block zu Block kletterten und sich wanden, als wenn sie die verbröckelte Treppe einer riesigen Ruine hinaufstiegen, war jetzt ihr Weg. Kein Baum war zu sehen, keine Pflanze zu erblicken, nur ein armes, braunes, elendes Moos, das in den Ritzen der Felsen erstarrt war. Geschwärzte Skelettarme von Holz zeigten am Wege hinauf nach dem Kloster, als wenn die Gespenster früherer Reisenden, die im Schnee begraben worden waren, an dem Schauplatz ihres Unglücks umgingen. Eiszapfenbehangene Höhlen und Hütten, als Zufluchtsorte für plötzliche Stürme gebaut, glichen ebenso vielen flüsternden Stimmen, die die Gefahren dieses Ortes den Reisenden ins Ohr raunten. Nimmerruhende Wirbel und Labyrinthe von Nebel wanderten, von einem Klagewind gescheucht, umher; und Schnee, die ringsum drohende Gefahr des Berges, gegen die man alle Sicherheitsmaßregeln getroffen, trieb heftig in die Tiefe.

Die Reihe der von ihrem Tagewerk müden Maulesel wand sich langsam an dem steilen Abhang in die Höhe: der vorderste wurde von einem Führer zu Fuß geleitet, der einen breitkrempigen Hut und eine runde Jacke hatte, auf der Schulter ein bis zwei Alpenstöcke trug und mit einem andern Führer plauderte. Die Schar der Reiter führte kein Gespräch. Die scharfe Kälte, die Anstrengung der Reise und ein neues Gefühl von gehemmtem Atem, zum Teil, als stiegen sie gerade aus sehr klarem, gekräuseltem Wasser, zum Teil, als wenn sie schluchzten, ließ sie schweigen.

Endlich glänzte ein Licht auf der Höhe der Felsentreppe durch Schnee und Nebel. Die Führer trieben die Maultiere an; diese hoben die gesenkten Köpfe, die Jungen der Reisenden waren gelöst, und unter einem plötzlich entstandenen Wirrwarr von Ausgleiten, Klettern, Klingeln, Klirren und Schwatzen kamen alle bei dem Tor des Klosters an.

Andre Maultiere waren nicht lange zuvor angekommen, einige mit reisenden Landleuten, andere mit Waren, und hatten den Schnee vor der Tür in einen Pfuhl von Schmutz getreten. Reitsättel und Zügel, Packsättel und Glockenriemen, Maultiere und Menschen, Laternen, Fackeln, Säcke, Mundvorräte, Fässer, Käselaibe, Tönnchen mit Honig und Butter, Strohbündel und Pakete mancherlei Art lagen in diesem aufgetauten Sumpfe und auf den Stufen durcheinander. Hier oben in den Wolken sah man alles durch Wolken, und alles schien sich in Wolken aufzulösen. Der Atem der Leute war Wolke, der Atem der Maultiere war Wolke, die Lichter waren von Wolke umgeben, die dicht nebenan Sprechenden waren vor Wolken nicht zu sehen, obgleich ihre Stimmen und alle andern Klänge überraschend klar waren. Von der wolkigen Reihe von Maultieren, die rasch innerhalb der Mauer Kreise bildeten, biß oder schlug gewöhnlich das eine das andre, und dann war der ganze Nebel zerstreut. Die Männer drangen dazwischen, Geschrei von Menschen und Tieren scholl aus dem Knäuel, und niemand, der dabeistand, konnte unterscheiden, was geschehen war. Mitten in diesem Treiben strömte der Klosterstall, der den untern Stock des Gebäudes bildete und in den man durch die Grundstocktür trat, außerhalb der all dieses Durcheinander sich umhertrieb, seinen Beitrag an Wolke aus, als wenn das ganze rauhe Gebäude mit nichts sonst gefüllt wäre und zusammenstürzen würde, sobald es sich geleert, so daß dann der Schnee auf die kahlen Berggipfel fiele.

Während all dieser Lärm und diese Unruhe unter den lebenden Reisenden herrschte, waren still versammelt in einem vergitterten, ein halbes Dutzend Schritte entfernten Hause, das von der gleichen Wolke umhüllt war und in das die gleichen Schneeflocken trieben, die toten Reisenden, die man auf dem Berge gefunden. Die vor vielen Wintern vom Sturm überraschte Mutter, die noch immer mit dem Säugling an der Brust in der Ecke stand; der Mann, der erfroren, während er aus Hunger oder Furcht den Arm zum Munde erhob, und ihn noch immer nach vielen Jahren an seine trockenen Lippen drückte. Eine schreckliche, auf seltsame Weise zusammengekommene Gesellschaft! Ein furchtbares Schicksal für eine Mutter, vorhergesehen zu haben: »Umgeben von so manchen und solchen Gefährten, die ich niemals gesehen und nie sehen werde, werden ich und mein Kind unzertrennlich auf dem großen St. Bernhard zusammen wohnen, Generationen überdauern, die uns zu sehen kommen und nie unsere Namen oder ein Wort von unserer Lebensgeschichte, außer dem Ende, erfahren werden.«

Die lebenden Reisenden dachten in jenem Augenblick wenig oder gar nicht an die toten. Sie dachten weit mehr daran, vor dem Klostertor abzusteigen und sich an dem Klosterfeuer zu wärmen. Aus dem Gewirr sich loswindend, das bereits weniger lärmend wurde, da man die Masse der Maultiere in dem Stall unterzubringen begann, eilten sie, schauernd vor Kälte, die Treppe hinauf in das Haus. Dort herrschte ein Geruch, der durch den Boden von den angebundenen Tieren herausdrang, ähnlich dem Geruch einer Menagerie von wilden Tieren. Drinnen befanden sich starke gewölbte Gänge, hohe steinerne Pfeiler und dicke Mauern mit kleinen verfallenen Fenstern – Bollwerke gegen die Bergstürme, als wenn es menschliche Feinde gewesen wären. Ferner düstere gewölbte Schlafzimmer, schrecklich kalt, aber reinlich und gastlich für Fremde eingerichtet. Endlich ein gemeinsames Konversationszimmer, in dem die Gäste saßen und aßen, wo auch bereits ein Tisch aufgestellt war und ein helles Feuer rot und hoch im Kamin flackerte.

In diesem Zimmer setzten sich die Reisenden, nachdem ihnen von zwei jungen Mönchen die für die Nacht bestimmten Quartiere angewiesen waren, um den Kamin. Es waren drei Gesellschaften: die erste, als die zahlreichste und bedeutendste, war die langsamste und hatte sich von einer und der andern auf dem Wege herauf überholen lassen. Sie bestand aus einer älteren Dame, zwei grauen Herren, zwei jungen Damen und ihrem Bruder. Diese hatten (vier Führer ungerechnet) einen Kurier, zwei Diener und zwei Kammermädchen bei sich: diese große lästige Gesellschaft wurde anderwärts unter einem Dache untergebracht. Diejenige Gesellschaft, die sie überholte und nun hinterdrein kam, bestand nur aus drei Gliedern: einer Dame und zwei Herren. Die dritte Gesellschaft, die von dem Tal auf der italienischen Seite des Passes heraufkam und zuerst da war, bestand aus vier Gliedern: einem vollblütigen, hungrigen und schweigsamen deutschen Hofmeister mit einer Brille, der sich auf einer Tour mit drei jungen Männern, seinen Zöglingen, befand, lauter vollblütigen, hungrigen und schweigsamen Menschen mit Brillen.

Diese drei Gruppen saßen rings um das Feuer, sich trocken ansehend und auf das Nachtessen wartend. Nur einer unter ihnen, einer von den Herren, die zu der Gesellschaft von den dreien gehörten, machte einen Ansatz zu einer Unterhaltung. Indem er seine Angelschnur nach dem Häuptling des bedeutenden Stammes auswarf, während er sich an seine eigenen Reisegenossen wandte, bemerkte er in einem Ton, der die ganze Gesellschaft einschloß, wenn sie eingeschlossen sein wollte, daß es ein langer Tag gewesen und daß er die Damen bedauere. Daß er fürchte, eine von den jungen Damen sei nicht stark genug und nicht hinlänglich ans Reisen gewöhnt und sei vor zwei bis drei Stunden außerordentlich ermüdet gewesen. Er habe von seinem Standort im Nachtrab aus bemerkt, daß sie ganz erschöpft auf ihrem Maultier gesessen. Er habe später zwei- oder dreimal sich die Ehre gegeben, einen von den Führern zu fragen, der nach hinten gekommen sei, wie es der jungen Dame gehe. Er sei entzückt zu erfahren, daß sie sich erholt und daß es nur ein vorübergehendes Unbehagen gewesen wäre. Er glaube (diesmal faßte er den Häuptling ins Auge und wandte sich an ihn), es werde ihm erlaubt sein, seine Hoffnung auszusprechen, daß sie sich nun ganz wohl befinde und nicht bereue, die Reise gemacht zu haben.

»Meine Tochter, – ich bin Ihnen sehr verbunden, Sir«, versetzte der Häuptling, – »ist vollkommen wiederhergestellt und fand großes Interesse an der Gesellschaft.«

»Vielleicht zum erstenmal in den Bergen?« sagte der einschmeichelnde Reisende.

»Zum – ha – zum erstenmal in den Bergen«, sagte der Häuptling. »Aber Sie sind damit vertraut, mein Herr?« fuhr der einschmeichelnde Reisende fort.

»Ich bin – hm – ziemlich vertraut damit. Nicht aus den letzten Jahren. Nicht aus den letzten Jahren«, versetzte der Häuptling, mit der Hand winkend.

Der einschmeichelnde Reisende antwortete auf das Winken der Hand mit einer Verbeugung des Kopfes und wandte sich von dem Häuptling zu der zweiten jungen Dame, die er bis jetzt noch nicht angeredet hatte, außer, daß er sie zu den Damen zählte, die er so innig bedauerte.

Er sprach die Hoffnung aus, daß die Anstrengungen des Tages sie nicht zu sehr mitgenommen hätten.

»Mitgenommen haben sie mich allerdings«, versetzte die junge Dame, »aber sie haben mich nicht ermüdet.«

Der einschmeichelnde Reisende machte ihr sein Kompliment über die richtige Unterscheidung. Das habe er sagen wollen. Jede Dame müsse sich freilich über dieses sprichwörtlich unfügsame und beschwerliche Tier, den Maulesel, beschweren.

»Wir mußten natürlich«, sagte die junge Dame, die ziemlich zurückhaltend und stolz war, »die Wagen und den Fourgon in Martigny zurücklassen. Und die Unmöglichkeit, etwas, was man braucht, an diesen unzugänglichen Ort herauszubringen, und die Notwendigkeit, allen Komfort zurückzulassen, ist nicht sehr angenehm.«

»Ein wüster Ort, allerdings«, sagte der einschmeichelnde Reisende.

Die ältliche Dame, die ein Muster von pünktlichem Anzug war und die in ihrer Art vollkommen genannt werden konnte, wenn man sie als ein Stück Maschine betrachtete, warf hier mit sanfter leiser Stimme eine Bemerkung ein.

»Aber wie andere unbequeme Orte«, bemerkte sie, »muß man ihn sehen. Als ein Ort, von dem viel die Rede, muß er mal besucht werden.«

»Oh! ich habe durchaus nichts dagegen, daß man ihn sieht, ich versichere Sie, Mrs. General«, versetzte die andere nachlässig.

»Sie, Madame«, sagte der einschmeichelnde Reisende, »haben diesen Ort schon früher besucht?«

»Ja«, versetzte Mrs. General. »Ich war früher schon hier. Ich möchte Ihnen raten, meine Liebe«, sagte sie zu der genannten jungen Dame, »Ihr Gesicht vor der Hitze des Feuers zu schützen, nachdem es der Bergluft und dem Schnee ausgesetzt gewesen. Auch Ihnen, meine Liebe«, fügte sie, an die andere junge Dame gewandt, hinzu, die sogleich tat, wie ihr anempfohlen worden, während die erstere einfach sagte: »Ich danke Ihnen, Mrs. General; ich fühle mich ganz behaglich so und ziehe es vor, zu bleiben, wie ich bin.«

Der Bruder, der vom Stuhl aufgestanden war, um das Piano zu öffnen, das in dem Zimmer stand, und hineingepfiffen hatte, schlenderte jetzt, das Monokel im Auge, wieder zu dem Feuer zurück. Er war im vollsten und vollständigsten Reiseanzug. Die Welt schien kaum groß genug, um ihm eine seiner Equipierung entsprechende Reisegelegenheit zu bieten.

»Diese Burschen brauchen ungeheuer lange zu ihrem Nachtessen«, sagte er schleppend. »Ich bin begierig, was sie uns geben werden! Hat jemand ein Vorstellung davon?«

»Keine gebratenen Menschen, glaube ich«, antwortete die Stimme des zweiten Herrn von der Gesellschaft der drei.

»Ich vermute nicht. Was meinen Sie?« fragte er.

»Daß, da Sie nicht bei dem allgemeinen Souper aufgesetzt werden sollen, Sie uns vielleicht die Gefälligkeit erweisen werden, sich nicht an dem allgemeinen Feuer zu rösten«, versetzte der andere.

Der junge Herr, der in einer bequemen Stellung am Kamin stand, das Monokel auf die Gesellschaft gerichtet, den Rücken nach dem Feuer zu und die Rockflügel unter den Armen, als ob er zum Hühnergeschlecht gehörte und an den Spieß gesteckt wäre, um zu braten, verlor bei dieser Antwort die Fassung; er schien im Begriffe, eine Erklärung zu fordern, als man entdeckte – indem alle Augen auf den Sprechenden gerichtet waren –, daß die Dame, die bei ihm war, ein junges und hübsches Geschöpf, nichts von dem gehört hatte, was vorgegangen, da sie ohnmächtig den Kopf auf die Schulter hatte sinken lassen.

»Ich glaube«, sagte der Herr in gedämpften Tone, »es wäre das beste, ich brächte sie sogleich nach ihrem Zimmer. Wollen Sie jemanden rufen, daß man Licht bringt?« fügte er, an seinen Begleiter gewandt, hinzu; »man muß uns den Weg zeigen. Ich glaube nicht, daß ich mich in diesem seltsamen Labyrinth zurechtfinden werde.«

»Bitte, lassen Sie mich mein Mädchen rufen«, sagte die größere von den jungen Damen.

»Bitte, lassen Sie mich dies Wasser an ihre Lippen bringen«, sagte die kleinere, die bis jetzt noch nicht gesprochen hatte.

Da jeder tat, was er vorschlug, so war kein Mangel an Beistand. Und als gar die beiden Mädchen eintraten (begleitet vom Kurier, damit niemand ihnen den Mund verstopfe, wenn er sie unterwegs in einer fremden Sprache anredete), war sogar die Aussicht auf zuviel Beistand. Als der Herr dies sah, sagte er einige Worte zu der kleinern und jüngern von den beiden Damen, legte den Arm seiner Frau um seine Schulter, hob sie in die Höhe und trug sie hinweg.

Sein Freund, der mit den andern Fremden nun allein war, ging langsam in dem Zimmer auf und ab, ohne wieder zu dem Feuer zu kommen: er zupfte nachdenklich an seinem schwarzen Schnurrbart, als ob er sich für die letzte Erwiderung verantwortlich fühlte. Während der Gegenstand derselben in einer Ecke Schmähungen ausstieß, wandte sich der Häuptling stolz an diesen Herrn.

»Ihr Freund, mein Herr«, sagte er, »ist – ha – etwas ungeduldig, und in seiner Ungeduld weiß er vielleicht nicht genau, was er andern schuldig ist – aber wir wollen darüber hinwegsehen, wir wollen darüber hinwegsehen. Ihr Freund ist etwas ungeduldig, mein Herr.«

»Es mag wohl sein, mein Herr«, versetzte der andere. »Da ich jedoch die Ehre gehabt, die Bekanntschaft dieses Herrn im Hotel zu Genf zu machen, wo wir und zahlreiche gute Gesellschaft vor einiger Zeit uns trafen, und da ich die Ehre gehabt, bei verschiedenen späteren Ausflügen mich seiner Gesellschaft und Unterhaltung zu erfreuen, so kann ich nichts hören – nicht einmal von einem Mann Ihres Äußern und Ihrer Stellung, was diesem Gentleman nachteilig wäre.«

»Sie sind durchaus in keiner Gefahr, mein Herr, irgend etwas Derartiges von mir zu hören. Wenn ich die Bemerkung machte, daß Ihr Freund Ungeduld an den Tag gelegt, so sage ich damit nichts Nachteiliges. Ich mache diese Bemerkung nur, weil nicht zu bezweifeln ist, daß mein Sohn, der durch Geburt und – ha – durch Erziehung – hm – Gentleman ist, sich bereitwillig jedem artig ausgesprochenen Wunsche bezüglich des Feuers gefügt, das für alle Glieder dieser Gesellschaft gleich zugänglich ist. Was ich grundsätzlich richtig finde, denn – ha – alle sind –hm – in solchen Fällen gleichberechtigt.«

»Gut!« lautete die Antwort. »Und damit genug! Ich bin Ihres Sohnes ergebener Diener. Ich bitte Ihren Sohn, die Versicherung meiner vollkommensten Hochachtung zu empfangen. Und nun, mein Herr, gestehe ich, gestehe ich offen, daß mein Freund bisweilen von sarkastischem Temperament ist.«

»Die Dame ist Ihres Freundes Frau, mein Herr?«

»Die Lady ist meines Freundes Frau, mein Herr.«

»Sie ist sehr schön.«

»Sie ist unvergleichlich schön. Sie befinden sich im ersten Jahre ihrer Verbindung. Sie sind zum Teil noch auf einer Hochzeits-, zum Teil auf einer Kunstreise.«

»Ihr Freund ist ein Künstler?«

Der Herr antwortete, indem er die Finger seiner rechten Hand küßte und den Kuß armhoch zum Himmel emporwarf, was soviel heißen sollte, wie: ich weihe ihn den himmlischen Mächten als einen unsterblichen Künstler.

»Er ist jedoch ein Mann aus vornehmer Familie«, fügte er hinzu. »Er hat die besten Beziehungen. Er ist mehr als ein Künstler. Er stammt aus sehr vornehmem Hause. Er mag seine Verwandtschaft wirklich stolz, ungeduldig, sarkastisch (ich erlaube mir beide Ausdrücke) zurückgestoßen haben, aber er besitzt sie einmal. Funken, die während unserer Unterhaltung fielen, haben mich darüber belehrt.«

»Nun! Ich hoffe«, sagte der stolze Herr, mit einer Miene, als wollte er die Sache endlich abtun, »daß die Unpäßlichkeit der Dame nur vorübergehend sein werde.«

»Das hoffe ich auch, mein Herr.« »Bloße Ermüdung, glaube ich.«

»Nicht Ermüdung allein, mein Herr, denn ihr Maultier strauchelte heute, und sie fiel aus dem Sattel. Sie fiel leicht und stand ohne Unterstützung wieder auf den Füßen; dann ritt sie lachend voraus: aber sie klagte gegen Abend über eine leichte Quetschung in der Seite. Sie sprach mehr als einmal davon, als wir hinter Ihnen den Berg hinauf ritten.«

Der Häuptling des großen Gefolges, der gnädig, aber nicht vertraulich war, schien nun der Ansicht zu sein, daß er sich mehr als genug herablassend bewiesen. Er sagte nichts mehr, und es trat für eine Viertelstunde Stille ein bis zum Abendessen.

Mit dem Abendessen kam einer von den jungen Mönchen (es schien hier keine alten Mönche zu geben) und setzte sich oben an die Tafel. Das Mahl war ganz ähnlich wie das Abendessen in einem gewöhnlichen Schweizer Hotel, und guter roter Wein, in einer heitereren Luft gewachsen, fehlte nicht. Der reisende Künstler kam ruhig zurück und nahm seinen Platz am Tisch ein, als die übrigen sich setzten: er schien nicht entfernt mehr an sein letztes Scharmützel mit dem Fremden in dem vollkommenen Reiseanzug zu denken.

»Bitte«, fragte er den Wirt über seine Suppe hinüber, »hat Ihr Kloster jetzt viele von seinen berühmten Hunden?«

»Monsieur, drei.«

»Ich sah drei im Gange unten. Ohne Zweifel die fraglichen drei.«

Der Wirt, ein schlanker, helläugiger, ernster, junger Mann von feinen Manieren, dessen Kleidung in einer schwarzen Kutte mit Streifen von weißem Tuch darüber, wie Tragbänder, bestand und der der klösterlichen Eigenart der Bernhardiner Mönche nicht mehr glich als wie der klösterlichen Zucht der Hunde von St. Bernhard, antwortete, ohne Zweifel würden es die drei fraglichen sein.

»Und ich glaube«, sagte der reisende Künstler, »ich habe einen derselben früher schon gesehen.«

Es sei möglich. Es sei ein wohlbekannter Hund. Monsieur könne ihn leicht im Tale oder sonstwo an dem See gesehen haben, wenn er (der Hund) mit einem vom Orden hinabgegangen, um Unterstützung für das Kloster zu sammeln.

»Was regelmäßig zu einer bestimmten Zeit im Jahr geschieht, nicht wahr?«

Monsieur habe recht.

»Und nie ohne den Hund. Der Hund ist sehr wichtig.«

Monsieur habe wieder recht. Der Hund sei sehr wichtig. Die Leute interessieren sich sehr für den Hund als einen von den überall bekannten Hunden, wie Mademoiselle begreifen werde.

Mademoiselle war etwas langsam im Begreifen, als ob sie noch nicht recht an das Französische gewöhnt wäre. Mrs. General begriff es jedoch statt ihrer.

»Fragen Sie ihn, ob er viele Menschen gerettet hat?« sagte der junge Mann, der seine Fassung verloren hatte, in seinem heimischen Englisch.

Der Wirt bedurfte keiner Übersetzung der Frage. Er antwortete rasch französisch: »Nein. Dieser niemanden.«

»Warum nicht?« fragte derselbe Herr.

»Entschuldigen Sie«, antwortete der Wirt gelassen, »geben Sie ihm die Gelegenheit, und er wird es sicher tun. Zum Beispiel, ich bin fest überzeugt«, fügte er, indem er das Kalbfleisch aufschnitt, um es herumreichen zu lassen, ruhig nach dem jungen Mann hinüberlächelnd, der aus der Fassung gekommen, hinzu: »daß, wenn Sie, Monsieur, ihm die Gelegenheit geben sollten, er mit größtem Eifer sich beeilen würde, seine Pflicht zu tun.«

Der reisende Künstler lachte. Der einschmeichelnde Reisende (der die lebhafte Besorgnis an den Tag legte, er möchte nicht seinen vollen Anteil an dem Abendessen erhalten) wischte sich einige Tropfen Wein mit einem Stück Brot von dem Schnurrbart und mischte sich in das Gespräch.

»Es wird etwas spät, mein Vater«, sagte er, »für Vergnügungsreisende, nicht wahr?«

»Ja, es ist spät. Noch zwei bis drei Wochen, und wir liegen im Winterschnee begraben.«

»Dann«, sagte der einschmeichelnde Reisende, »gilt’s den ausscharrenden Hunden und den begrabenen Kindern, nach den Bildern.«

»Entschuldigen Sie«, sagte der Wirt, der die Anspielung nicht ganz verstand, »wie ist das gemeint mit den ausscharrenden Hunden und begrabenen Kindern, nach den Bildern?«

Der reisende Künstler fiel wieder ins Wort, ehe eine Antwort gegeben werden konnte.

»Wissen Sie nicht«, fragte er seinen Reisegenossen kalt über den Tisch hinüber, »daß nur Schmuggler im Winter dieses Weges kommen oder irgendein Geschäft auf diesem Wege haben können?«

»Herr, mein Gott! Nein, davon habe ich nie gehört.«

»Dem ist aber so. Und da sie die Vorzeichen des Wetters ziemlich gut wissen, so machen sie den Hunden nicht viel zu schaffen – die infolgedessen auch ziemlich ausgestorben sind – obwohl diese Herberge bequem für sie gelegen ist. Ihre jungen Familien, sagte man mir, lassen sie gewöhnlich zu Hause. Aber es ist ein großer Gedanke!« rief der reisende Künstler, unerwartet in einen enthusiastischen Ton ausbrechend. »Es ist eine erhabene Idee. Es ist die schönste Idee von der Welt und preßt uns Tränen aus, beim Himmel!« Nachdem er geendigt, aß er mit großer Ruhe an seinem Kalbfleisch fort.

Es lag genug höhnenden Widerspruchs in diesen Worten, um einen Mißton hervorzurufen, obgleich die Art, wie sie hervorgebracht wurden, sehr fein und die Person, die sie vorbrachte, sehr viel Manier hatte, und obgleich der herabsetzende Teil derselben so geschickt eingekleidet war, daß es für ein an die englische Sprache nicht vollkommen gewöhntes Ohr sehr schwer war, es zu verstehen oder selbst, wenn man es verstanden, sich beleidigt zu fühlen, so einfach und leidenschaftslos war der Ton. Nachdem er mit seinem Kalbfleisch mitten in der allgemeinen Stille zu Ende war, richtete der Sprecher wieder das Wort an seinen Freund.

»Sehen Sie«, sagte er in seinem früheren Ton, »sehen Sie diesen Herrn, unsern Wirt, an, der noch nicht mal in dem besten Mannesalter steht und auf so anmutige Weise und mit so seiner Lebensart und Bescheidenheit uns die Honneurs macht! Manieren für eine Krone geeignet! Essen Sie mit dem Lord-Mayor von London (wenn Sie eine Einladung bekommen können) und bemerken Sie den Kontrast. Dieser liebe Junge, mit dem feinstgeschnittenen Gesicht, das ich jemals sah, einem Gesicht von vollendeter Zeichnung verläßt ein tätiges Leben und kommt hier herauf, ich weiß nicht, wie viele Fuß über dem Spiegel des Sees, in keiner andern Absicht (ausgenommen, hoffe ich, um sich in einem trefflichen Refektorium zu ergötzen), als um ein Hotel für müßige arme Teufel, wie Sie und ich, zu halten und die Rechnung unsrem Gutdünken zu überlassen! Wie, ist das nicht ein schönes Opfer? Was brauchen wir mehr, um uns rühren zu lassen? Weil nicht acht bis neun Monate lang von den zwölfen gerettete Leute von interessantem Äußern sich am Halse der klügsten Tiere, die hölzerne Flaschen tragen, festhalten, sollen wir deshalb den Ort tadeln? Nein! Segen über diesen Ort. Es ist ein großer Ort, ein herrlicher Ort!«

Die Brust des grauen Gentleman, der der Häuptling der bedeutenden Gesellschaft war, schwoll, als wollte er dagegen protestieren, daß man ihn unter die armen Teufel zähle. Kaum hatte der reisende Künstler zu sprechen aufgehört, als er selbst mit großer Würde das Wort ergriff, als läge es ihm ob, an den meisten Orten das erste Wort zu führen, und er hätte diese Pflicht eine kurze Weile versäumt.

Er teilte mit großer Gewichtigkeit ihrem Wirt seine Ansicht mit, daß sein Leben im Winter hier ein höchst trauriges sein müsse.

Der Wirt gestand dem Monsieur zu, daß es etwas einförmig sei. Die Luft sei lange Zeit schwer zu atmen. Die Kälte sei sehr streng. Man müsse jung und kräftig sein, um es auszuhalten. Sei man dies jedoch und habe man den Segen des Himmels …

Ja, das sei sehr gut. »Aber die Gefangenschaft?« fragte der graue Herr.

Es gebe viele Tage, selbst bei schlechtem Wetter, wo es möglich sei, auszugehen. Es sei dann ihre Gewohnheit, einen kleinen Weg zu bahnen und sich dort Bewegung zu machen.

»Aber der Raum«, machte der graue Herr geltend. »So klein! So – ha – sehr beschränkt.«

Monsieur möge sich erinnern, daß man die Zufluchtorte besuchen und auch dorthin Wege bahnen müsse.

Monsieur machte dagegen geltend, daß der Raum –ha – hm – so schmal sei. Mehr als das. Es sei immer derselbe, immer derselbe. Mit einem ausweichenden Lächeln hob und senkte der Wirt sanft seine Schultern. Das sei wahr, bemerkte er, aber es möge ihm zu sagen gestattet sein, daß beinahe alle Dinge ihre verschiedenen Gesichtspunkte hätten. Monsieur und er sehen dies sein armes Leben nicht vom gleichen Gesichtspunkt an. Monsieur sei nicht an Gefangenschaft gewöhnt.

»Ich – ha – ja, sehr wahr«, sagte der graue Gentleman. Er schien einen tüchtigen Stoß von der Kraft dieses Beweises zu bekommen.

Monsieur, als ein reisender Engländer, umgeben von allen Mitteln, angenehm zu reisen, ohne Zweifel im Besitz von Vermögen, Wagen, Dienerschaft –

»Ja wohl, ja wohl. Ganz richtig –« sagte der Gentleman.

Monsieur könne sich nicht leicht in die Lage einer Person setzen, die nicht die Macht habe, zu wählen, ich will heute dahin gehen und morgen dorthin: ich will diese Grenzen überschreiten, die Fesseln, die mich binden, erweitern. Monsieur könnte sich vielleicht nicht vorstellen, wie der Geist sich in solchen Dingen der gebieterischen Notwendigkeit fügt.

»Es ist wahr«, sagte Monsieur. »Wir wollen – ha – die Sache nicht weiter verfolgen. Sie sind – hm – sehr genau, ich zweifle nicht daran. Wir wollen nicht weiter davon reden.«

Als das Essen vorüber war, zog er während des Sprechens seinen Stuhl weg und bewegte sich nach seinem früheren Platz bei dem Feuer. Da es am größten Teil des Tisches sehr kalt war, nahmen die andern Gäste gleichfalls ihre früheren Sitze bei dem Feuer ein, denn sie hatten die Absicht, sich vor Schlafengehen tüchtig zu wärmen. Als sie sich vom Tische erhoben, verbeugte sich der Wirt vor allen Anwesenden, wünschte ihnen gute Nacht und ging von dannen. Zuvor hatte ihn jedoch der einschmeichelnde Reisende gefragt, ob sie etwas Wein heiß gemacht bekommen könnten; und da er »ja« geantwortet und das Getränk kurz darauf hereingesandt, setzte sich dieser Reisende in die Mitte der Gruppe und war in der vollen Hitze des Feuers bald damit beschäftigt, es den übrigen zu servieren.

Um diese Zeit schlüpfte die jüngere von den beiden jungen Damen, die stumm und aufmerksam in ihrer dunklen Ecke (das Kaminfeuer war das Hauptlicht in dem finstern Zimmer, die Lampe brannte rauchig und düster) auf das gehorcht, was von der abwesenden Dame gesprochen wurde, zur Tür hinaus. Sie wußte nicht, welchen Weg sie gehen sollte, als sie leise dieselbe geschlossen hatte; nach einigem Hin- und Hergehen in den hallenden Gängen und den zahlreichen Wegen kam sie an ein Zimmer in einer Ecke des Hauptgangs, wo die Diener beim Abendessen saßen. Diese gaben ihr eine Lampe und zeigten ihr den Weg nach dem Zimmer der Dame.

Es lag über der großen Treppe im obern Stock. Da und dort waren die kahlen weißen Wände durch ein eisernes Gitter unterbrochen, und sie glaubte, als sie vorüberging, der Ort sei eine Art Gefängnis. Die rundbogige Tür des Zimmers oder der Zelle der Dame war nicht ganz geschlossen. Nachdem sie zwei- bis dreimal daran geklopft hatte, ohne eine Antwort zu erhalten, drückte sie sie langsam auf und sah hinein.

Die Dame lag mit geschlossenen Augen außen auf dem Bett, durch wollene Decken und Umschlagtücher, mit denen sie bei ihrem Erwachen aus der Ohnmacht zugedeckt worden, vor der Kälte geschützt. Ein düstres Licht in der tiefen Fensternische verbreitete wenig Helle in dem gewölbten Zimmer. Die Fremde trat schüchtern an das Bett und sagte leise flüsternd: »Befinden Sie sich besser?«

Die Dame lag im Schlummer, und das Geflüster war zu schwach, um sie aufzuwecken. Ihr Besuch, der noch immer ganz stille stand, sah sie aufmerksam an.

»Sie ist sehr hübsch«, sagte sie bei sich. »Ich sah noch nie ein so schönes Gesicht. O, wie anders sehe ich aus!«

Es war ein seltsamer Ausspruch, aber er hatte seine verborgene Bedeutung, denn ihre Augen füllten sich mit Tränen.

»Ich weiß, ich hatte recht. Ich weiß, er sprach von ihr, an jenem Abend. Ich konnte sehr leicht über alles andre im Irrtum sein. Aber darüber nicht, nicht darüber!«

Mit sanfter und zarter Hand strich sie eine verirrte Locke von dem Haar der Schlafenden zurück und berührte dann die Hand, die außerhalb der Decke lag.

»Ich sehe sie gern an«, atmete sie leicht vor sich hin. »Ich sehe gerne, was ihn so sehr angezogen hat.«

Sie hatte ihre Hand noch nicht losgelassen, als die Schlafende ihre Augen öffnete und zurückfuhr.

»Bitte, beunruhigen Sie sich nicht. Ich bin nur eine von den Reisenden unten. Ich kam, um Sie zu fragen, ob Sie sich besser befänden und ob ich etwas für Sie tun könnte.«

»Ich danke: Sie waren bereits so freundlich, Ihr Kammermädchen zu meiner Unterstützung zu senden.«

»Nein, nicht ich, das war meine Schwester. Befinden Sie sich besser?«

»Viel besser. Es ist nur eine leichte Quetschung; man hat nach ihr gesehen und nun geht es beinahe ganz gut. Es machte mich nur einen Augenblick schwindlig und ohnmächtig. Es hatte mir zuvor schon weh getan. Aber zuletzt überwältigte es mich plötzlich.«

»Darf ich bei Ihnen bleiben, bis jemand kommt? Ist es Ihnen angenehm?«

»Es würde mir sehr lieb sein, denn es ist hier sehr einsam; aber ich fürchte, Sie werden die Kälte zu sehr fühlen.«

Ich kümmere mich nicht um die Kälte. Ich bin nicht zart, wenn ich auch danach aussehe.« Sie rückte augenblicklich einen von den rohen Stühlen an das Bett und setzte sich. Die andere nahm ebenso rasch einen Teil eines Reisemantels vom Bett und legte ihn auf sie, so daß ihr Arm, indem sie ihn um sie hielt, auf ihrer Schulter ruhte.

»Sie haben so ganz das Aussehen einer freundlichen Pflegerin«, sagte die Dame, sie anlächelnd, »daß es mir ist, als wenn sie aus meiner Heimat zu mir kämen.«

»Das freut mich sehr.«

»Ich träumte gerade von der Heimat, als ich aufwachte. Von meiner alten Heimat, meine ich, ehe ich verheiratet war.«

»Und ehe Sie so weit davon entfernt waren.«

»Ich war schon weiter entfernt von ihr, aber damals war der beste Teil derselben bei mir, und ich vermißte nichts. Ich fühlte mich so verlassen, als ich einschlief, und, die Heimat vermissend, wanderten meine Gedanken zu ihr zurück.«

Es lag ein traurig inniger und kummervoller Klang in ihrer Stimme, der ihren Gast einen Augenblick lang abhielt, sie anzusehen.

»Es ist ein seltsamer Zufall, der uns zuletzt unter dieser Decke zusammenführt, mit der Sie mich umhüllt haben«, sagte die Fremde nach einer Pause: »denn Sie müssen wissen, ich habe Sie schon lange gesucht.«

»Sie haben mich gesucht?«

»Ich glaube, ich habe ein kleines Billett bei mir, das ich Ihnen geben sollte, wenn ich Sie fände. Da ist es. Wenn ich mich nicht sehr täusche, ist es an Sie adressiert. Nicht wahr?«

Die Dame nahm es, sagte ja und las es. Ihr Besuch beobachtete sie, während sie dies tat. Es war sehr kurz. Sie errötete etwas, als sie ihre Lippen an die Wangen ihres Besuches legte, und drückte ihre Hand.

»Die liebe junge Freundin, der er mich vorstellt, soll mir bisweilen ein Trost sein, sagt er. Sie ist wahrlich ein Trost für mich, im ersten Augenblick, da ich sie sehe.«

»Vielleicht kennen Sie«, sagte die Fremde zögernd, »vielleicht kennen Sie meine Geschichte nicht? Vielleicht hat er Ihnen nie meine Geschichte erzählt?«

»Nein.«

»O nein, warum sollte er auch! Ich habe selbst kaum ein Recht, es zu tun, da ich nicht dazu aufgefordert worden bin. Es ist nicht viel dabei, aber sie möchte Ihnen erklären, weshalb ich Sie bitte, nichts von dem Briefe hier zu sagen. Sie sahen vielleicht meine Familie bei mir? Einige Mitglieder derselben – ich sage das zu Ihnen – sind etwas stolz, etwas vorurteilsvoll.«

»Sie sollen ihn wieder haben«, sagte die andere, »dann ist mein Gatte sicher, daß er ihn nicht sieht. Er möchte ihn sonst durch irgendeinen Zufall finden oder davon sprechen. Wollen Sie ihn wieder in Ihren Busen stecken, um dessen gewiß zu sein?«

Sie tat es mit großer Vorsicht. Ihre kleine, zarte Hand hielt den Brief noch, als sie jemand im Gange draußen hörten.

»Ich versprach«, sagte die Fremde aufstehend, »daß ich ihm schreiben wolle, wenn ich sie gesehen hätte (ich mußte Sie sicher früher oder später sehen), um ihm zu sagen, ob Sie wohlauf und glücklich seien. Ich darf wohl sagen, daß Sie wohl und glücklich seien?« »Ja, ja, ja! Sagen Sie ihm, ich sei sehr wohlauf und sehr glücklich. Und ich danke ihm herzlich und werde ihn nie vergessen.«

»Ich werde Sie morgen früh sehen. Wir werden uns somit recht bald wiedersehen. Gute Nacht!«

»Gute Nacht. Ich danke Ihnen, danke Ihnen. Gute Nacht, meine Liebe.«

In größter Hast und Unruhe nahmen sie voneinander Abschied, und ebenso rasch war die Fremde aus der Tür. Sie hatte erwartet, dem Gatten der Dame zu begegnen: aber die im Gange befindliche Person war nicht er: es war der Reisende, der die Weintropfen mit einem Stück Brot vom Schnurrbart gewischt hatte. Als er die Schritte hinter sich hörte, drehte er sich um – denn er ging in der Dunkelheit.

Seine Höflichkeit, die ausnehmend groß war, wollte nicht dulden, daß sie sich selbst die Treppe hinableuchte und allein gehe. Er nahm ihre Lampe, hielt sie so, daß das beste Licht auf die steinerne Treppe fiel, und begleitete sie den ganzen Weg bis zu dem Speisezimmer. Sie hatte Mühe, auf dem Weg hinab zu verbergen, daß sie jeden Augenblick nahe daran war, zitternd zusammenzusinken; denn die Erscheinung dieses Reisenden war ihr besonders unangenehm. Sie hatte vor dem Essen in ihrer Ecke gesessen und sich vorgegaukelt, was er wohl in den Szenen und an den Orten ihrer Vergangenheit für eine Rolle gespielt, um ihr einen solchen Widerwillen einzuflößen, der ihn ihr nahezu furchtbar erscheinen ließ.

Er begleitete sie mit seiner lächelnden Höflichkeit hinab, führte sie in das Zimmer und nahm seinen Sitz am besten Platz des Kamins wieder ein. Dort saß er, während das Feuer, das bereits schwächer zu brennen begann, in dem dunklen Zimmer seinen Schein bald heller, bald matter auf ihn warf, die Beine nach der Wärme ausgestreckt, den heißen Wein bis auf den Grund leerend, während ein ungeheurer Schatten seine Bewegungen an Wand und Decke nachahmte.

Die müde Gesellschaft war aufgebrochen, und alle andern waren zu Bett gegangen, außer dem Vater der jungen Dame, der in seinem Stuhl am Fenster schlummerte. Der Reisende hatte sich die Mühe genommen, seine Taschenflasche mit Branntwein aus seinem entfernten, im zweiten Stock befindlichen Schlafzimmer zu holen. Er sagte es ihnen, als er den Inhalt in den Rest des Weines goß und ihn mit neuem Behagen trank.

»Darf ich Sie fragen, ob Sie auf dem Wege nach Italien sind?«

Der graue Herr war aufgestanden und rüstete sich zum Gehen. Er antwortete bejahend.

»Ich gleichfalls!« sagte der Reisende. »Ich darf wohl hoffen. Sie in schöneren Gegenden und unter freundlicheren Umständen wieder zu begrüßen als auf diesem traurigen Berge.«

Der Fremde verbeugte sich, ziemlich entfernt, und sagte, er sei ihm sehr verbunden.

»Wir armen Leute, Sir«, sagte der Reisende, den Schnurrbart mit der Hand trocknend, denn er hatte ihn in den Wein und Branntwein getaucht, »wir armen Leute reisen nicht wie Fürsten, aber die Galanterie und feinere Lebensart hat auch für uns ihren hohen Wert. Ihre Gesundheit, mein Herr!«

»Ich danke Ihnen, mein Herr.«

»Auf die Gesundheit Ihrer ausgezeichneten Familie, – der schönen Ladies, Ihrer Töchter!«

»Nein Herr, ich danke Ihnen abermals. Ich wünsche Ihnen gute Nacht. Meine Liebe, warten unsre – ha – Leute?«

»Sie sind ganz nahe zur Stelle, Vater.«

»Erlauben Sie!« sagte der Reisende, indem er aufstand und die Tür offen hielt, als der alte Herr, seinen Arm in den seiner Tochter steckend, durch das Zimmer darauf zuschritt. »Angenehme Ruhe! Auf das Vergnügen, Sie wiederzusehen! Auf morgen denn!«

Als er in der höflichsten Art und mit dem feinsten Lächeln seine Hand küßte, schmiegte sich die junge Dame fester an ihren Vater an und ging voller Angst, ihn zu berühren, an ihm vorüber.

»Hm!« sagte der einschmeichelnde Reisende, der sich gehen und seinen Ton sinken ließ, als er allein war. »Wenn sie sich alle zu Bett begeben, nun, so muß ich eben auch gehen. Sie haben ja eine verdammte Eile. Man sollte glauben, die Nacht wäre lang genug in dieser schauerlich kalten Stille und Einsamkeit, wenn man erst in zwei Stunden zu Bett ginge!«

Den Kopf zurücklehnend, während er das Glas austrank, fielen seine Blicke auf das Fremdenbuch, das, nebst Feder und Tinte, offen auf dem Piano lag, wie wenn die Namen während seiner Abwesenheit eingezeichnet worden wären. Er nahm es in die Hand und las die eingetragenen Namen:

William Dorrit, Esquire, Frederick Dorrit, Esquire, Edward Dorrit, Esquire, und Dienerschaft. Von Frankreich Miß Dorrit, nach Italien. Miß Fanny Dorrit, Mrs. General, Mr. und Mrs. Henry Gowan. Von Frankreich nach Italien.

Dazu fügte er mit einer kleinen, verwickelten Handschrift, in einen dünnen Schnörkel endigend, der einem um alle übrigen Namen geworfenen Lasso ähnlich sah:

Blandois. Paris. Von Frankreich nach Italien.

Dann begab er sich, während seine Nase über seinen Schnurrbart herabkam und sein Schnurrbart sich unter seiner Nase bäumte, nach der ihm angewiesenen Kammer.