Zweiunddreißigstes Kapitel.


Zweiunddreißigstes Kapitel.

Die Räuberei in der Bank beschäftigte fortwährend in erster Linie die Aufmerksamkeit des Direktors. Er war ein gewichtiger Mann in prahlerischer Schaustellung seiner Geschäftsbereitschaft und Tätigkeit. Er war ein Mann, der es aus sich selber zu etwas gebracht hatte. Er war ein Wunder in der Geschäftswelt, das herrlicher als Venus, aus Schlamm anstatt aus dem Meere emporgestiegen ist, und er zeigte gern, wie wenig seine häuslichen Angelegenheiten imstande seien, seinen Geschäftseifer niederzuschlagen. Daher bewegte er sich gleich in den ersten Wochen seines wiederangenommenen Junggesellenstandes in seiner gewöhnlichen geräuschvollen Weise und erneuerte jeden Tag seine Nachforschungen betreffs des Diebstahls mit solchem Lärm, daß die Polizeibeamten, die diese Sache in Händen hatten, fast wünschten, sie wäre niemals begangen worden.

Auch waren sie ganz ratlos und weit ab von der Witterung. Obgleich sie sich seit Beginn der Angelegenheit so ruhig verhalten hatten, daß die meisten Leute wirklich glaubten, sie sei als hoffnungslos aufgegeben worden, so wollte sich doch kein neuer Indizienpunkt zeigen. Keine der beteiligten Personen verriet unzeitigen Mut oder tat einen kompromittierenden Schritt. Und was noch auffallender war, von Stephen Blackpool konnte keine Spur aufgefunden werden, und das geheimnisvolle alte Weib blieb ein Geheimnis.

Da die Dinge einen solchen Gang nahmen, und sich keine geheimen Merkmale, die zur Entdeckung hätten führen können, zeigen wollten, so war das Endresultat von Mr. Bounderbys Nachforschungen, daß er beschloß, einen kühnen Streich zu wagen. Er setzte eine Ankündigung auf, in dem er zwanzig Pfund Belohnung für die Ergreifung von Stephen Blackpool aussetzte, der der Teilnahme an dem Einbruch in der Coketowner Bank in der und der Nacht verdächtig sei. Er beschrieb besagten Stephen Blackpool nach Kleidung, Aussehen, mutmaßlicher Größe und Manieren so genau er konnte. Er erzählte, wie er die Stadt verlassen und nach welcher Richtung hin man ihn zuletzt habe gehen sehen. Das Ganze ließ er in großen schwarzen Lettern auf einem Riesenbogen drucken und sorgte dafür, daß die Wände in der Stille der Nacht damit beklebt wurden, so daß es der ganzen Bevölkerung mit einem Male in die Augen fallen mußte.

An diesem Morgen hatten die Fabrikglocken nötig, noch einmal so stark zu läuten, um die Arbeitergruppen zu zerstreuen, die mit Tagesanbruch rund um die Plakate versammelt standen und sie mit neugierigen Augen verschlangen. Nicht am wenigsten neugierig von den versammelten Augen waren die Augen derjenigen, die nicht zu lesen verstanden. Als diese Leute der gefälligen Stimme lauschten, die laut vorlas – es findet sich immer so jemand, der gern aus der Not hilft – starrten sie mit so unbestimmtem, ehrfurchtsvollem Respekt auf die Buchstaben, die so viel sagten, daß es ergötzlich gewesen wäre, wenn der Anblick der Unwissenheit solcher Leute je anders als bedrohlich und unheilvoll sein könnte. Manche Augen und Ohren wurden noch Stunden später von diesen Plakaten als Vision verfolgt, während die Spindeln schnurrten, die Webstühle rasselten und die Räder schwirrten: und als die »Hände« wieder auf die Straßen entlassen wurden, fanden sich immer noch so viel Leser, als zuvor.

Slackbridge, der Arbeiterdelegierte, hatte diesen Abend seine Zuhörer auch daraufhin anzureden: und Slackbridge hatte ein reine« Plakat vom Drucker erhalten und es in seiner Tasche mitgebracht. O! meine Freunde und lieben Landsleute, mit Füßen getretene Arbeiter von Coketown, o! meine lieben Brüder, Arbeitsgenossen, Mitbürger und Kollegen, was war das für eine Szene, als Slackbridge das entfaltete, was er das »verdammte Dokument« nannte, und es an die Gasflamme hielt zum Abscheu der Arbeitergemeinde! O, meine teuren Brüder, seht, wozu ein Verräter in dem Feldlager dieser großen Geister, die eingeschrieben sind auf der heiligen Rolle der Gerechtigkeit und Eintracht, wirklich fähig ist! O, meine niedergetretenen Freunde, mit dem drückenden Joch der Tyrannen auf eurem Nacken und von dem eisernen Fuße des Despotismus in den Staub der Erde getreten, wie erfreut würden eure Unterdrücker sein, euch alle Tage eures Lebens auf den Bäuchen kriechen zu sehen, wie die Schlange in dem Garten, – o, meine Brüder, und soll ich als Mann nicht auch hinzufügen: meine Schwestern, was sagt ihr nun von Stephen Blackpool, dem Manne mit einer leichten Senkung an der Schulter und ungefähr fünf Fuß sieben Zoll Größe, wie es in diesem entwürdigenden und widerlichen Dokument, auf diesem nichtswürdigen Zettel, diesem ehrlosen Plakat, diesem abscheulichen Anschlag geschrieben steht: und mit welcher Majestät der Anklage werdet ihr die Viper zerschmettern, die diese Schande und Schmach über den gottgleichen Stand bringen würde, der ihn glücklicherweise für immer aus seinen Reihen gestoßen hat! Ja, meine Kompatrioten, glücklicherweise für immer ausgestoßen und fortgeschickt! Denn ihr erinnert euch, wie er hier vor euch stand auf dieser Plattform: ihr erinnert euch, wie ich ihn, Auge gegen Auge und Fuß gegen Fuß, durch all seine verwickelten Krümmungen hin verfolgte: ihr erinnert euch, wie er sich klein machte und schlich und sich schmiegte und haarspaltete: bis ich ihn, ohne einen Schatten von Grund, an dem man sich halten konnte, ausstieß aus unserer Mitte, als Gegenstand für den unvergänglichen Finger des Spottes, auf ihn zu weisen, und für das rächende Feuer jedes freien und denkenden Geistes ihn zu versengen und zu verbrennen! Und jetzt, meine Freunde – meine arbeitenden Freunde, denn ich setze einen triumphierenden Stolz in diesen »Schandfleck« – meine Freunde, deren harte, aber ehrenvolle Betten auf Trübsal gemacht, und deren karge, aber unabhängige Töpfe auf Mühseligkeit gekocht sind: und nun sage ich, meine Freunde, wie hat sich diese feige Memme auf sich selbst berufen, jetzt, wo er die gleisnerische Maske von seinen Lastern gerissen, vor uns steht in all seiner ursprünglichen Häßlichkeit! Ein was? Ein Dieb! Ein Plünderer! Ein geächteter Flüchtling mit einem Preise auf seinen Kopf; eine Wunde und Eiterbeule auf dem edlen Charakter der Coketownschen Arbeiterverbündeten. Daher, meine zu einem heiligen Bunde verbündeten Brüder, einem Bunde, auf den eure Kinder und Kindeskinder noch ungeboren ihre kindlichen Hände und Siegel gedrückt haben, schlage ich vor im Namen des vereinigten, vollzähligen Gerichtshofes, der immer wachsam für eure Wohlfahrt, immer voll Eifer für euren Nutzen ist, daß diese Versammlung beschließe: daß, da Stephen Blackpool, Weber, von dem auf diesem Plakat die Rede ist, bereits feierlich von der Gemeinde der Coketowner ›Hände‹ verworfen worden, dieselbe frei ist von der Schande seiner Missetaten und nicht als Klasse für seine ehrlosen Handlungen verantwortlich gemacht werden kann!«

So weit Slackbridge, knirschend und schwitzend ins Unglaubliche. Wenige rauhe Stimmen riefen: »Nein!« und ein oder zwei Dutzend stimmten mit »Hört! Hört!« einem Manne bei, der mit den Worten zur Vorsicht mahnte: »Slackbridge, Ihr verfahrt zu hitzig hierbei. Ihr geht zu weit!« Aber da« waren Pygmäen gegen eine Armee: die allgemeine Mehrheit der Versammlung unterzeichnete das Slackbridgesche Evangelium und brachte ihm ein dreifaches Hoch, als er sich, scheinbar außer Atem, zu ihnen niedersetzte.

Diese Männer und Frauen waren noch in den Straßen und gingen ruhig nach Hause, als Cili, die vor wenigen Minuten von Luise weggerufen worden war, zurückkehrte.

»Wer ist es?« fragte Luise.

»Es ist Mr. Bounderby«, sagte Cili, vor dem Namen zusammenschreckend, »und Euer Bruder, Mr. Tom, mit einer jungen Frau, die sich Rachael nennt und Euch zu kennen vorgibt.«

»Was wollen sie, liebe Cili?«

»Sie verlangen Euch zu sehen. Rachael hat geweint und scheint betrübt zu sein.«

»Vater«, sagte Luise, denn dieser war gegenwärtig, »ich kann aus einem selbstverständlichen Grunde nicht abschlagen, sie zu sehen. Sollen sie hereinkommen?«

Als sie eine bejahende Antwort erhielt, ging Cili hinaus, um sie zu holen. Sie kehrte im Augenblick mit ihnen zurück. Tom war der letzte und blieb in der dunkelsten Ecke des Zimmers bei der Tür stehen.

»Mrs. Bounderby«, sagte ihr Gatte, mit einer kühlen Verbeugung eintretend, »ich störe Sie doch hoffentlich nicht. Es ist eine unpassende Stunde, aber dieses junge Frauenzimmer hier hat Eröffnungen gemacht, die meinen Besuch nötig machen. Tom Gradgrind, da Euer Sohn, der junge Tom, aus irgendeinem eigensinnigen Grunde sich weigert, das Allergeringste betreffs dieser Eröffnungen auszusagen, weder Gutes noch Böses, so sehe ich mich genötigt, sie Eurer Tochter gegenüberzustellen.«

»Ihr habt mich schon einmal früher gesehen, junge Dame«, sagte Rachael, indem sie sich vor Luise stellte.

Tom hustete.

»Ihr habt mich schon einmal früher gesehen, junge Dame«, wiederholte Rachael, als sie ohne Antwort blieb.

Tom hustete wieder.

»So ist es.«

Rachael warf Mr. Bounderby einen stolzen Blick zu und fuhr fort: »Wollt Ihr mitteilen, junge Lady, wo und in welcher Gesellschaft das war?«

»Ich kam in das Haus, wo Stephen Blackpool wohnte, am Abend seiner Entlassung aus der Arbeit, und hier sah ich Euch. Er war auch da; und eine alte Frau, die nicht sprach und kaum zu sehen war, stand in einer dunklen Ecke. Mein Bruder war mit mir.«

»Warum konntet Ihr das nicht sagen, junger Tom?« fragte Bounderby.

»Ich versprach meiner Schwester, es nicht zu tun.« Dies wurde schnell von Luise bestätigt. »Und außerdem«, sagte der Bengel bitter, »erzählt sie ihre eigene Geschichte so außerordentlich gut und so ausführlich, daß es schade gewesen wäre, sie ihr aus dem Munde zu nehmen!«

»Saget gefälligst, Madame«, fuhr Rachael fort, »warum Ihr zu einer bösen Stunde an jenem Abend überhaupt zu Stephen kamt?«

»Ich fühlt« Mitleid mit ihm«, sagte Luise errötend, »und wünschte zu wissen, was er nun anzufangen gedenke, und wollte ihm meinen Beistand anbieten.«

»Danke schön, Madame«, sagte Bounderby. »Sehr geschmeichelt und verbunden!«

»Botet Ihr ihm«, fragte Rachael wieder, »eine Banknote an?«

»Ja: aber er schlug sie aus und wollte bloß zwei Pfund in Gold annehmen.«

Rachael warf Mr. Bounderby abermals einen bedeutungsvollen Blick zu.

»O, gewiß!« versetzte Bounderby. »Wenn Ihr die Frage stellt, ob Eure lächerliche und unglaubliche Erzählung wahr war oder nicht, so bin ich zu der Erklärung genötigt: Sie war es!«

»Junge Dame«, sagte Rachael, »Stephen Blackpool ist jetzt in öffentlichem, durch die ganze Stadt und wo sonst überall verbreitetem Druckanschlage als Dieb bezeichnet. Heute abend hat eine Versammlung stattgefunden, wo in derselben schimpflichen Weise von ihm gesprochen wurde. Stephen, der ehrenhafteste, treueste, beste Bursche!« Ihr Unwille versagte ihr die Worte und sie brach schluchzend ab.

»Ich bin sehr, sehr betrübt darüber«, sagte Luise.

»O! junge Dame, junge Dame«, erwiderte Rachael, »ich hoffe. Ihr seid es, aber ich weiß es nicht. Ich kann nicht sagen, was Ihr getan haben mögt! Euresgleichen kennt uns nicht, hat keine Teilnahme für uns, gehört nicht zu uns. Ich weiß nicht gewiß, warum Ihr an jenem Abend gekommen sein mögt. Ich kann nicht sagen, was für einen eigennützigen Zweck Ihr bei Eurem Besuche gehabt, da ich nicht vermuten kann, in welche traurige Lage Ihr den armen Knaben gestürzt. Damals sagte ich, Gott lohne Euch Euren Besuch, und ich sagte es von Herzen. Ihr schient so teilnehmend für ihn zu sein; aber jetzt weiß ich nicht mehr, was ich denken soll!«

Luise konnte sie wegen ihres ungerechten Argwohnes nicht tadeln, sie war so treu in ihrem Glauben an den Mann und so betrübt.

»Und wenn ich denke«, sagte Rachael unter Schluchzen, »wie der arme Junge dankbar war, da er Euch für so gütig hielt: wenn ich mich erinnere, wie er seine Hand über sein abgehärmtes Gesicht legte, die Tränen zu verdecken, die Ihr in seine Augen brachtet. – O, ich hoffe, daß Ihr über sein Unglück betrübt sein möget, und – daß Ihr keine schlimme Ursache dazu habt: aber ich weiß nicht, ich weiß nicht!«

»Ihr seid ein sauberes Stück«, brummte der Bube, indem er sich verdrießlich in seiner Ecke regte, »mit solchen kostbaren Beschuldigungen hierher zu kommen! Ihr solltet hinausgeworfen werden, da Ihr Euch so wenig zu benehmen wißt, und es würde Euch recht geschehen.«

Sie erwiderte nichts, und ihr leise« Schluchzen war der einzige Ton, der sich vernehmen ließ, bis Mr. Bounderby sprach:

»Kommt! Ihr wißt, was Ihr zu tun übernommen habt. Ihr hättet besser getan. Eure Ansicht hierüber mitzuteilen, als über jenen Gegenstand.«

»Wirklich, es tut mir leid«, entgegnete Rachael, ihre Augen trocknend, »wenn jemand hier mich so ansehen sollte: aber ich will nicht noch einmal so angesehen werden. Als ich gelesen hatte, Madame, was auf Stephen gedruckt ist, und was gerade soviel Wahrheit enthält, als wenn es auf Euch gedruckt wäre – ging ich direkt zur Bank, um zu erklären, daß ich Stephens Aufenthalt kenne, und das bestimmte Versprechen zu geben, daß er in zwei Tagen hier sein solle. Ich konnte damals Mr. Bounderby nicht sprechen, und Euer Bruder schickte mich weg; ich versuchte nun Euch zu finden, aber auch Ihr wäret nicht zu treffen, daher kehrte ich zu meiner Arbeit zurück. Sobald ich diesen Abend aus der Fabrik kam, beeilte ich mich zu hören, was man von Stephen spräche – denn ich weiß mit Stolz, er wird zurückkommen und seine Verleumder beschämen! – Darauf suchte ich wieder Mr. Bounderby auf, fand ihn und erzählte ihm alles haarklein, was ich wußte; er aber glaubte kein Wort von dem, was ich sagte, und brachte mich hierher.«

»Soweit ziemlich wahr«, stimmte Mr. Bounderby bei, mit den Händen m den Taschen und dem Hut auf dem Kopfe. »Aber ich kenne euch Art Leute nicht erst seit gestern, bitte ich zu bemerken, und ich weiß, daß ihr aus Mangel an Worten nie umkommen werdet. Nun, ich empfehle Euch jetzt, weniger zu sprechen, als zu handeln. Ihr habt übernommen, etwas zu tun: all meine Bemerkung hierauf ist gegenwärtig: tut es!«

»Ich habe an Stephen mit der Post, die diesen Nachmittag abgeht, geschrieben, wie ich ihm schon einmal geschrieben hatte, seitdem er abgereist ist«, sagte Rachael, »und er wird spätestens in zwei Tagen hier sein.«

»Dann will ich Euch etwas sagen. Ihr wißt vielleicht nicht«, erwiderte Mr. Bounderby, »daß man Euch selbst dann und wann beobachten läßt, da ihr als nicht ganz frei von dem Verdacht in dieser Angelegenheit angesehen wurdet, denn meistens beurteilt man die Leute nach dem Umgang, den sie pflegen. Da« Postbureau ist ebenso wenig vergessen worden. Was ich Euch nun sagen will, ist, daß kein Brief an Stephen Blackpool je aufgegeben worden ist. Daher überlasse ich Euch zu raten, was au« den Eurigen geworden ist. Vielleicht irrt Ihr Euch und habt niemals an ihn geschrieben.«

»Er war noch keine Woche von hier weg, Madame«, sagte Rachael, indem sie sich beschwörend an Luise wandte, »als er mir den einzigen Brief übersandte, den ich von ihm erhalten habe, und worin er sagte, daß er sich genötigt sehe, unter einem andern Namen Arbeit zu suchen.«

»O, bei St. Georg!« rief Bounderby, den Kopf schüttelnd und pfeifend, »er wechselt seinen Namen, so! Das ist ein schlimmer Fall für einen so fleckenlosen Burschen. Da« gilt, glaube ich, bei den Gerichtshöfen für ein wenig verdächtig, wenn ein Unschuldiger zufälligerweise mehrere Namen hat.«

»Was«, sagte Rachael, und wieder traten ihr Tränen in die Augen, »was um Gottes Barmherzigkeit willen blieb dem armen Jungen anders übrig. Die Meister gegen sich auf der einen Seite und die Arbeiter auf der andern, da er nur verlangte, in Frieden zu arbeiten und zu tun, was er für recht hielt. Kann ein Mann keine Seele und keine Überzeugung für sich allein haben? Muß er durch alles Unrecht mit dieser Seite, oder muß er durch alles Unrecht mit jener Seite gehen, oder sich wie ein Wild hetzen lassen?«

»Ja, ja, ich bemitleide ihn von ganzem Herzen«, erwiderte Luise: »und ich hoffe, daß er sich rechtfertigen wird.«

»Was das betrifft, so braucht Ihr nichts zu fürchten, junge Dame. Das tut er gewißlich!«

»Um so gewisser vermutlich«, warf Mr. Bounderby ein, »da Ihr zu sagen verweigert, wo er sich befindet. He?«

»Er soll durch keine Handlung von meiner Seite die unverdiente Schmach erdulden, zurückgebracht zu werden. Er soll auf eigenen Antrieb zurückkommen, um sich zu rechtfertigen, und alle diejenigen beschämen, die seinen guten Charakter verunglimpft haben, während er selbst zu seiner Verteidigung nicht zugegen war«, sagte Rachael, allem Mißtrauen trotzend, wie ein Felsen im Meere, »und er wird längstens in zwei Tagen hier sein.«

»Nein, noch mehr als dies«, setzte Mr. Bounderby hinzu, »wenn er an einem früheren Tage zu haben ist, so soll er noch eher Gelegenheit zu seiner Rechtfertigung finden. Was Euch betrifft, so habe ich nicht« gegen Euch.. Was Ihr mir gesagt habt, erweist sich als wahr, und ich habe Euch die Mittel verschafft, die Wahrheit zu beweisen, damit ist die Sache zu Ende. Ich wünsche euch allerseits gute Nacht. Ich muß mich ans Werk machen, um ein wenig weiter in dieser Sache zu sehen.«

Tom kam aus seiner Ecke, als Mr. Bounderby aufbrach, brach ebenfalls auf, hielt sich dicht hinter ihm und ging mit ihm hinweg. Der einzige Abschiedsgruß, zu dem er sich herabließ, war ein mürrisches »Gute Nacht, Vater!« Mit diesem kurzen Worte und einem finsteren Gesicht für seine Schwester, verließ er das Haus.

Seitdem sein Stammhalter in da« Haus getreten war, hatte Mr. Gradgrind kein Wort gesprochen. Er saß noch schweigend, als Luise in einem milden Tone sagte:

»Rachael, Ihr werdet eines Tages kein Mißtrauen in sich setzen, wenn Ihr mich besser kennt.«

»Es geht mir wider die Natur«, antwortete Rachael freundlicher, »jemandem zu mißtrauen: aber wenn man mir so sehr mißtraut, wenn man uns allen so sehr mißtraut – so kann ich eine gleiche Empfindung nicht ganz fernhalten. Ich bitte um Verzeihung, daß ich Euch Unrecht getan habe. Jetzt glaube ich nicht mehr, was ich sagte. Doch könnte ich wieder dahin kommen, es zu glauben, da man den armen Jungen so großes Unrecht tut.«

»Sagtet Ihr ihm in Eurem Briefe«, fragte Cili, »daß Verdacht auf ihn gefallen zu sein schien, weil er des Nachts bei der Bank gesehen worden sei? Er würde dann wissen, worüber er sich zu erklären hat, wenn er zurückkommt und vorbereitet sein.«

»Ja, Liebe«, antwortete sie: »aber ich kann nicht erraten, was ihn je dahin getrieben haben mag. Er pflegte nie dahin zu gehen. Das lag ganz außer seinem Wege. Sein Weg war derselbe wie meiner, und niemals dahinaus.«

Cili hatte schon neben ihr gestanden und fragte sie, wo sie wohne, und ob sie morgen abend kommen und sich nach Nachrichten von ihm erkundigen dürfe.

»Ich glaube nicht«, sagte Rachael, »daß er vor übermorgen hier sein kann.«

»Dann will ich auch am nächsten Abend kommen«, erwiderte Cili.

Als Rachael zugestimmt hatte und gegangen war, erhob Mr. Gradgrind seinen Kopf und sagte zu seiner Tochter:

»Luise, meine Teure, ich habe, soviel ich weiß, diesen Mann gesehen. Hältst du ihn für schuldig?«

»Ich glaube, ich habe ihn dafür gehalten, Vater, obgleich mit großem Widerstreben. Ich halte ihn nicht mehr dafür.«

»Das heißt, es gab eine Zeit, wo du dich selbst überredetest, es zu glauben, weil du wußtest, daß er verdächtig war. Sind seine Erscheinung und seine Manieren so ehrlich?«

»Sehr ehrlich.«

»Und ihr Vertrauen nicht zu erschüttern! Ich frage mich oft selbst«, sagte Mr. Gradgrind sinnend, »weiß der wirkliche Schuldige von diesen Anklagen? Wo ist er? Wer ist er?«

Sein Haar hatte seit kurzem begonnen, die Farbe zu ändern. Als er sich wieder so auf seine Hand stützte und grau und alt aussah, eilte Luise, Besorgnis und Teilnahme in ihren Zügen, voll Unruhe auf ihn zu und setzte sich dicht an seine Seite. Ihre Augen trafen zufällig in diesem Augenblick die Cilis. Cili fuhr errötend zusammen, und Luise legte ihren Finger an die Lippen.

Am nächsten Abend, als Cili heimkam und Luise erzählte, daß Stephen nicht gekommen sei, tat sie es flüsternd. Am darauffolgenden Abend, als sie mit derselben Nachricht nach Hause kam und hinzufügte, daß er nicht das geringste von sich habe hören lassen, sprach sie in demselben gedämpften, furchtsamen Tone. Von dem Augenblick an, wo sie diese Blicke gewechselt, erwähnten sie niemals seinen Namen oder irgend etwas, das mit ihm in Beziehung stand, laut; noch wurde jemals die Diebstahlsaffäre verfolgt, wenn Mr. Gradgrind davon sprach.

Die zwei ausbedungenen Tage verflossen, drei Tage und Nächte verflossen, und Stephen Blackpool erschien nicht, er blieb verschollen. Am vierten Tage kam Rachael, mit unerschütterlichem Vertrauen, jedoch in der Meinung, daß ihr Brief verunglückt sei, zur Bank und zeigte ihren von ihm erhaltenen Brief mit seiner Adresse in einer der vielen Arbeiterkolonien, die abseits von der Hauptstraße lag, sechzig Meilen weit. Boten wurden zu diesem Ort geschickt, und die ganze Stadt war erwartungsvoll, Stephen am folgenden Tage eingebracht zu sehen.

Während dieser ganzen Zeit folgte der Bengel Mr. Bounderby wie sein Schatten und nahm tätigen Anteil an allen Vorgängen. Er war sehr aufgeregt, schrecklich erhitzt, zerbiß seine Nägel bis ins Fleisch, sprach mit rauher, rasselnder Stimme und mit Lippen, die schwarz und verbrannt erschienen. Zur Stunde, wo der verdächtige Mann erwartet wurde, war der Bengel an der Station, Wetten anbietend, daß er vor Ankunft der Polizeiboten sich davongemacht haben und nicht erscheinen werde.

Der Bengel hatte recht, die Boten kehrten allein zurück, Rachaels Brief war abgegangen, Rachaels Brief war abgegeben, Stephen Blackpool hatte zur selben Stunde sich aus dem Staub gemacht; und keine Seele wußte mehr von ihm. Der einzige Zweifel in Coketown war, ob Rachael geschrieben hatte in gutem Glauben, daß er zurückkommen würde, oder ob sie ihm geraten, zu fliehen. In diesem Punkte waren die Meinungen geteilt.

Sechs Tage, sieben Tage, eine neue Woche. Der gemarterte Bengel trug einen totenbleichen Mut zur Schau und begann trotzig zu werden. »War der verdächtige Mensch der Dieb? Eine hübsche Frage! Wenn nicht, wo war der Mann, und warum kam er nicht zurück?«

Wo war der Mann und warum kam er nicht zurück? In der Stille der Nacht kehrte das Echo seiner eigenen Worte, die am Tage, der Himmel weiß, wie weit gerollt waren, wieder zu ihm zurück und weilten bei ihm bis zum Morgen.

Dreiunddreißigstes Kapitel.


Dreiunddreißigstes Kapitel.

Tag und Nacht kamen, Tag und Nacht gingen. Kein Stephen Blackpool. Wo war der Mann und warum kam er nicht zurück?

Jeden Abend kam Cili zu Rachaels Wohnung und saß mit ihr in ihrem kleinen, reinlichen Zimmer. Den ganzen Tag mühte sich Rachael an ihrer Arbeit ab, wie sich dieser Schlag Leute abmühen muß, so groß ihr Kummer auch sein mag. Die Rauchschlangen waren gleichgültig dagegen, wer verloren oder gefunden wurde, wer einen guten oder schlimmen Ausgang nahm; die melancholisch tollen Elefanten verloren, gleich den Männern der »harten Tatsachen«, nichts von ihrer gesetzten Routine, was immer auch sich ereignen mochte. Tag und Nacht kamen, Tag und Nacht gingen. Die Einförmigkeit war ununterbrochen. Selbst Stephen Blackpools Verschwinden fiel der Alltäglichkeit anheim und wurde ein ebenso eintöniges Wunder wie irgendein Maschinenstück von Coketown.

»Ich zweifle«, sagte Rachael, »ob im ganzen noch zwanzig in der ganzen Stadt übrig sind, die an dem armen, lieben Jungen noch Glauben haben.«

Sie sagte das zu Cili, als sie in ihrer Wohnung beisammensaßen, die einzig von der Lampe an der Straßenecke beleuchtet wurde. Cili war hergekommen, als es schon dunkel war, um ihre Heimkehr von der Arbeit zu erwarten; und sie hatten seitdem am Fenster gesessen, wo Rachael sie gefunden, ohne ein helleres zu verlangen, um ihr kummervolles Gespräch zu bescheinen.

»Wenn es nicht aus Barmherzigkeit so gefügt wäre, daß ich mit Euch sprechen könnte«, fuhr Rachael fort, »so gibt es Zeiten, wo ich glaube, mein Verstand würde sich nicht unverwirrt gehalten haben. Aber ich erhalte Hoffnung und Stärke durch Euch; und Ihr glaubt, daß, obgleich der Anschein sich gegen ihn erheben mag, er unschuldig befunden werden wird?«

»Ich glaube so«, antwortete Cili, »von ganzem Herzen. Ich fühle so zuversichtlich, Rachael, daß das Vertrauen, das Ihr allen Entmutigungen zum Trotze auf das Eurige setzt, nicht falsch sein kann, daß ich nicht mehr an ihm zweifle, als wenn ich ihn durch die Erfahrung so vieler Jahre kennengelernt hätte, wie Ihr.«

»Und ich, meine Teure«, sagte Rachael mit zitternder Stimme, »habe ihn während aller dieser Zeit als so treu gegen alles Edle und Gute in seiner ruhigen Weise erkannt, daß, selbst wenn nie wieder etwas von ihm gehört und ich hundert Jahre alt werden sollte, ich mit meinem letzten Atemzuge erklären könnte: Gott kennt mein Herz, ich habe niemals aufgehört, Stephen Blackpool zu trauen!«

»In unserem Hause, Rachael, glaubt alles, daß er vom Verdachte freikommen werde, früher oder später.«

»Je mehr ich erkenne, daß man mir dort glaubt, meine Teure, und je dankbarer ich es empfinde, daß Ihr von dort herkommt, um mich zu trösten, mir Gesellschaft zu leisten und bei mir gesehen zu werden, während ich selbst noch nicht von allem Verdachte frei bin, desto mehr betrübt es mich, daß ich je diese mißtrauischen Worte zu der jungen Lady sprechen konnte. Und doch –«

»Ihr setzt kein Mißtrauen mehr in sie, Rachael?«

»Jetzt, wo Ihr uns einander nähergebracht habt, nein. Aber ich kann es nicht zu jeder Zeit aus meinem Sinne verbannen –«

Ihre Stimme sank so vollständig zu einem leisen und langsamen Insichhineinreden herab, daß Cili, die dicht neben ihr saß, mit Aufmerksamkeit horchen mußte.

»Ich kann es nicht zu jeder Zeit aus meinem Sinne verbannen, irgend jemanden in Verdacht zu haben. Ich kann mir nicht denken, wer es ist, ich kann mir nicht denken, wie und warum es geschehen sein mag, aber ich hege Verdacht, daß jemand Stephen aus dem Wege geräumt hat. Ich hege Verdacht, daß irgend jemand durch seine freiwillige Zurückkunft und dadurch, daß er sich vor ihnen allen als unschuldig erweisen werde, bloßgestellt würde und, um das zu verhüten, ihn aufgehalten und aus dem Wege geräumt hat.«

»Das ist ein schrecklicher Gedanke«, sagte Cili erbleichend.

»Es ist ein schrecklicher Gedanke, anzunehmen, daß er gemordet sein könnte.«

Cili schauderte und wurde noch bleicher.

»Wenn mir das in den Sinn kommt, Liebe«, sagte Rachael, »und es kommt manchmal, obgleich ich alles tue, um es mir fern zu halten, indem ich bis zu hohen Zahlen bei meiner Arbeit zähle und immer wieder und wieder Stücke hersage, die ich konnte, als ich Kind war, – so verfalle ich in eine so wilde, heiße Unruhe, daß ich trotz meiner Ermüdung meilenweit gehen möchte. Ich muß Herr darüber werden, ehe ich schlafen gehe. Laßt mich mit Euch nach Hause gehen.«

»Er könnte vielleicht auf der Rückreise krank geworden sein«, versetzte Cili, indem sie ihr schüchtern einen abgenutzten Hoffnungsbrosamen hinwarf; »und in diesem Falle gibt es viele Orte am Wege, wo er weilen könnte.«

»Aber er ist in keinem von allen. Er ist in allen gesucht und nicht gefunden worden.«

»Wahr«, mußte Cili widerstrebend zugestehen.

»Er konnte den Weg in zwei Tagen machen. Wenn er schlecht zu Fuß war und nicht gehen konnte, so habe ich ihm in dem Brief, den er erhielt, das Geld geschickt, um zu fahren, damit er sein eigenes nicht auszugeben brauche.«

»Laßt uns hoffen, daß der morgende Tag etwas Besseres bringen werde, Rachael. Kommt an die Luft!«

Ihre freundliche Hand legte Rachaels Schal über ihr glänzend schwarzes Haar zurecht in der gewöhnlichen Weise, wie sie ihn trug, und sie gingen hinaus. Da der Abend schön war, so standen kleine Arbeitergruppen hier und da an den Straßenecken; aber für den größten Teil derselben war es Abendessenzeit, und daher waren nur wenige Leute auf den Straßen.

»Ihr seid jetzt nicht so aufgeregt, Rachael, und Eure Hand ist kühler.«

»Es geht mir besser, Liebe, wenn ich nur gehen und ein wenig frische Luft schöpfen kann. Zur Zeit, wo ich es nicht kann, werde ich schwach und verwirrt.«

»Aber Ihr dürft nicht anfangen, schwach zu werden, denn man könnte Eurer einst bedürfen, um Stephen zur Seite zu stehen. Morgen ist Sonnabend. Wenn wir morgen nichts Neues hören, so laßt uns am Sonntagmorgen einen Spaziergang aufs Land machen und Euch für eine neue Woche stärken. Wollt Ihr?«

»Ja, Liebe.«

Sie befanden sich jetzt in der Straße, wo Mr. Bounderbys Haus stand. Der Weg zu Cilis Bestimmungsort führte sie an der Tür vorüber, und sie gingen gerade darauf los. Vor kurzem war ein Eisenbahnzug in Coketown angekommen, der eine Anzahl Fahrzeuge in Bewegung gesetzt und ein beträchtliches Geräusch über die Stadt verbreitet hatte. Verschiedene Kutschen rasselten vor ihnen und hinter ihnen, als sie sich Mr. Bounderbys Wohnung näherten; und eine von den letzteren fuhr mit solcher Plötzlichkeit vor, als beabsichtige sie das Haus umzufahren, so daß sie sich unwillkürlich umsahen. Das helle Gaslicht über Mr. Bounderbys Treppe zeigte ihnen Mrs. Sparsit in dem Wagen, in einem Übermaß von Aufregung, die sich anstrengte, den Schlag zu öffnen. Mrs. Sparsit, die sie in demselben Augenblick bemerkte, rief ihnen zu, stehenzubleiben.

»Das ist ein glücklicher Zufall«, schrie Mrs. Sparsit, als sie vom Kutscher herausgelassen worden war. »Das ist ein Wink der Vorsehung! Kommt heraus, Madame«, sagte sie darauf zu jemandem drinnen, »oder wir werden Euch herausziehen müssen!«

Hierauf stieg niemand anders als das geheimnisvolle alte Weib aus. Mrs. Sparsit hielt sie unablässig am Kragen fest.

»Rührt sie nicht an, kein Mensch!« rief Mrs. Sparsit mit großer Energie. »Laßt niemand ihr nahe kommen. Sie gehört mir. Kommt herein, Madame, oder wir werden Euch hereinziehen müssen!« sagte sie darauf, ihr früheres Befehlswort wiederholend.

Der Anblick einer Matrone von klassischer Haltung, welche ein altes Weib am Schöpfe gefaßt hält und sie in ein Wohnhaus schleppt, würde unter allen Umständen für alle echt englischen Pflastertreter, denen das Glück geworden, es zu sehen, eine hinreichende Versuchung gewesen sein, sich mit Gewalt einen Weg in dieses Wohnhaus zu bahnen und das Ende der Geschichte mit anzusehen. Aber wenn diese Erscheinung noch erhöht worden wäre durch das Offenkundige und doch Geheimnisvolle, das sich zur Zeit für die ganze Stadt an die Bankräuberei knüpfte, so würde es die Pflastertreter hineingezogen haben mit unwiderstehlicher Gewalt, selbst wenn zu erwarten gestanden hätte, daß die Decke über ihren Häuptern zusammenfalle. Demgemäß drängten sich die Zuschauer, welche sich zufällig vor dem Hause befanden und aus einigen fünfundzwanzig der flinksten Nachbarn bestanden, dicht hinter Cili und Rachael hinein, als diese hinter Mrs. Sparsit und ihrem Opfer eintraten, und die ganze Masse machte einen wüsten Einfall in Mr. Bounderbys Speisesaal; und ohne einen Augenblick Zeit zu verlieren, stiegen die hinten stehenden Leute auf die Stühle, um besser über die vornstehenden hinwegsehen zu können.

»Ruft Mr. Bounderby herunter!« schrie Mrs. Sparsit. »Jungfer Rachael, wißt ihr, wer das ist?«

»Es ist Mrs. Pegler«, antwortete Rachael.

»Ich sollte denken, daß sie es ist!« rief Mrs. Sparsit frohlockend. »Holt Mr. Bounderby. Weg von hier, jedermann!« Hier murmelte die alte Mrs. Pegler, während sie sich verhüllte und der Beobachtung entzog, ein bittendes Wort. »Nichts davon«, rief Mrs. Sparsit laut, »ich habe Euch zwanzigmal auf dem Wege gesagt, daß ich Euch nicht lassen will, bis ich Euch ihm selbst überliefert habe.«

Jetzt erschien Mr. Bounderby, in Begleitung von Mr. Gradgrind und seinem Bengel, mit denen er droben eine Besprechung gehalten hatte. Mr. Bounderby sah mehr erstaunt als gastfreundlich aus, als er diese ungebetene Gesellschaft in seinem Speisezimmer zu Gesicht bekam.

»Wie, was ist da los!« rief er aus: »Mrs. Sparsit, Madame?«

»Sir«, erklärte die würdige Frau, »ich schätze mich glücklich, eine Person vorzuführen, die zu finden Sie großes Verlangen getragen haben. Ich wurde angefeuert von dem Wunsche, Ihrer Absicht zu Hülfe zu kommen, Sir. Mich leiteten die unvollkommenen Angaben über die Gegend, wo diese Person sich möglicherweise aufhalten könnte, wie sie von der jungen Rachael, die glücklicherweise hier ist, um die Identität zu beweisen, dargeboten wurden, und ich war so glücklich, meine Bemühungen von Erfolg gekrönt zu sehen und besagte Person mitzubringen, ich brauche nicht hinzuzufügen, ganz gegen ihren Willen. Es ist nicht ohne einige Beschwerlichkeit gewesen, daß ich es durchgesetzt habe; aber Beschwerlichkeit in Ihrem Dienste ist mir ein Vergnügen, und Hunger, Durst und Kälte eine wirkliche Befriedigung.«

Hier hielt Mrs. Sparsit inne, denn Mr. Bounderbys Gesicht zeigte eine außergewöhnliche Mischung von allen möglichen Farben und Äußerungen des Mißvergnügens, als sich die alte Mrs. Pegler seinem Blicke entschleierte.

»Wie, was meinen Sie damit?« lautete seine höchlich unerwartete Frage, in großem Zorne. »Ich frage Sie, was Sie damit meinen, Mrs. Sparsit, Madame?«

»Sir!« rief Mrs. Sparsit, mit einer Ohnmacht ringend.

»Warum, bekümmern Sie sich nicht um Ihre eigenen Angelegenheiten, Madame?« brüllte Bounderby. Wie erkühnen Sie sich, Ihre zudringliche Nase in meine Familienangelegenheiten zu stecken?« Diese Anspielung auf ihren bevorzugten Gesichtsteil überwältigte Mrs. Sparsit, sie fiel auf einen Stuhl nieder, als wenn sie erfroren wäre; und mit einem starren Blick auf Mr. Bounderby rieb sie langsam die Handschuhe gegeneinander, als wären sie auch erfroren.

»Mein teurer Josiah!« rief Mrs. Pegler zitternd. »Mein geliebtes Kind! Ich bin nicht zu tadeln. Es ist nicht meine Schuld, Josiah! Ich sagte dieser Lady wieder und wieder, daß ich wüßte, sie wäre im Begriff etwas zu tun, was dir nicht angenehm sein würde, aber sie wollte es so.«

»Warum ließt Ihr Euch von ihr herbringen? Konntet Ihr nicht ihr die Haube ein- oder einen Zahn ausschlagen, oder sie kratzen oder ihr etwas anderes antun?« fragte Bounderby.

»Mein einziges Kind! Sie drohte mir, daß ich, wenn ich ihr Widerstand leistete, von Schutzleuten hergebracht werden würde, und es sei besser, ruhig mitzukommen, als einen solchen Aufruhr in einem –« Mrs. Pegler blickte scheu aber stolz im Zimmer umher – »so feinen Hause, wie dieses zu erregen. Wahrlich, wahrlich, es ist nicht meine Schuld! Mein lieber, guter, stattlicher Junge! Ich habe immer ruhig und geheim gelebt, Josiah, mein Lieber. Ich habe nicht ein einziges Mal die Bedingung gebrochen. Ich habe nie gesagt, ich sei deine Mutter. Ich habe dich aus der Entfernung bewundert; und wenn ich zuweilen zur Stadt kam, in langen Zwischenräumen, um einen stolzen Blick auf dich zu tun, so habe ich es unerkannt getan, meine Seele, und bin wieder fortgegangen.«

Mr. Bounderby, seine Hände in den Taschen, ging in tödlicher Ungeduld an dem langen Speisetische auf und ab, während die Zuschauer gierig jede Silbe von Mrs. Peglers Rede verschlangen und mit jeder neuen Silbe größere Augen machten. Da Mr. Bounderby noch auf und ab ging, als Mrs. Pegler geendet hatte, so redete Mr. Gradgrind das angeschuldigte alte Weib an:

»Ich bin erstaunt, Madame«, bemerkte er streng, »daß Ihr in Euren alten Tagen noch die Stirne habt, auf Mr. Bounderby als Euren Sohn Anspruch zu machen, nachdem Ihr ihn so unnatürlich und unmenschlich behandelt habt.«

»Ich unnatürlich!« schrie die arme alte Mrs«. Pegler. »Ich unmenschlich gegen mein teures Kind?«

»Teuer!« wiederholte Mr. Gradgrind. »Ja teuer durch sein selbsterworbenes Vermögen, Madame, nehme ich mir die Freiheit zu sagen. Jedoch nicht sehr teuer, als Ihr ihn in seiner Kindheit verließet und der Roheit einer versoffenen Großmutter ausliefertet.«

»Ich meinen Josiah verlassen!« rief Mrs. Pegler aus, ihre Hände zusammenschlagend, »Nun, der Herr vergebe Euch Eure gottlosen Erfindungen und Eure Sünde gegen das Andenken meiner armen Mutter, welche in meinen Armen starb, ehe Josiah geboren ward. Möget Ihr Reue deshalb finden, Sir, und leben, um zur besseren Erkenntnis zu gelangen!«

Sie war so ernsthaft und empört, daß Mr. Gradgrind, von der Möglichkeit, die in ihm aufdämmerte, betroffen, in freundlicherem Tone weiter sagte:

»Ihr leugnet also, Madame, daß Ihr Euren Sohn in einer Gosse seinem Schicksal überließt?«

»Josiah in der Gosse!« rief Mrs. Pegler aus. »Nichts von der Art, Sir. Schämt Euch vor Euch selbst! Mein liebes Kind weiß und wird es Euch wissen lassen, daß, wenn er auch von geringen Eltern herkommt, er doch von Eltern herkommt, die ihn so sehr liebten, wie es die besten nur zu tun vermöchten. Sie hielten es nie für eine harte Entbehrung, sich einen Bissen abzuzwacken, damit er gut schreiben und rechnen lernen möchte; und ich habe seine Bücher noch zu Hause, die es beweisen. Wahrhaftig, ich habe sie!« sagte Mrs. Pegler mit unwilligem Stolze. Und mein lieber Knabe weiß und wird es Euch auch wissen lassen, Sir, daß nach seines geliebten Vaters Tode, als er acht Jahre alt war, seine Mutter sich ebenfalls ein bißchen absparen konnte, wie zu tun ihre Schuldigkeit und ihr Stolz und ihr Glück war, um ihm im Leben aufzuhelfen und Erziehung beizubringen. Und er war ein beharrlicher Junge, und ein gütiger Lehrer stand ihm zur Seite. So ging er schön seinen eigenen Weg vorwärts, bis er reich und glücklich wurde. Und ich will Euch wissen lassen, Sir – denn mein Sohn wird es nicht tun –, daß, obgleich seine Mutter nur einen kleinen Dorfladen unterhält, er sie nimmer vergaß, sondern mir eine Pension von dreißig Pfund jährlich aussetzte – mehr als ich nötig habe, denn ich lege davon auf die Seite. Er stellte nur die Bedingung, daß ich mich in stiller Zurückgezogenheit halten, nicht mit ihm großtun und ihn nicht in Verlegenheit bringen sollte. Und ich habe es nie getan, außer daß ich einmal des Jahrs nach ihm sah, ohne daß er es wußte. Und es ist recht«, sagte die arme alte Mrs. Pegler in ihrer liebevollen Verteidigung, »daß ich mich zurückhalten sollte. Ich habe gar keinen Zweifel, daß ich, wenn ich hier wäre, gar viel unpassende Dinge tun würde, und ich bin wohl zufrieden damit. Ich kann meinen Stolz auf meinen Josiah für mich behalten, und ich kann lieben um der Liebe selbst willen. Und ich schäme mich in Eure eigene Seele hinein, Sir«, sagte Mrs. Pegler am Ende, »für Eure Lügen und Verdächtigungen. Und ich stand hier nie zuvor, noch verlangte ich je hier zu stehen, da mein lieber Sohn nein sagte. Und ich würde auch jetzt nicht hier sein, wenn ich nicht hierher gebracht worden wäre. Und Pfui über Euch, o! ob der Schande, mich anzuklagen, meinem Sohne eine schlechte Mutter zu sein, während mein Sohn hier steht und es Euch so anders sagen könnte!«

Die Beistehenden, an und auf den Stühlen des Speisezimmers, erhoben ein Gemurmel der Teilnahme für Mrs. Pegler, und Mr. Gradgrind fühlte sich unschuldigerweise in eine sehr unangenehme Lage versetzt, als Mr. Bounderby, der unablässig auf und nieder gegangen, und jeden Augenblick dicker und dicker aufgeschwollen und röter und röter geworden war, plötzlich stehenblieb.

»Ich weiß nicht genau«, sagte er, »wie ich dazu komme, mit der Gegenwart der anwesenden Gesellschaft beehrt zu werden, aber ich will es unerörtert lassen. Wenn sie ganz zufriedengestellt sind, so wollen sie vielleicht so gut sein, sich zu verlieren. Oder mögen sie zufriedengestellt sein oder nicht, vielleicht wollen sie doch so gut sein, sich zu verlieren. Ich bin nicht verpflichtet, eine Vorlesung über meine Familienangelegenheiten zu halten, ich habe nicht übernommen, es zu tun, und bin nicht willens, es zu tun. Daher werden diejenigen, welche irgendwelche Auseinandersetzung über diesen Gegenstand erwarten, sich sehr getäuscht sehen, – namentlich Tom Gradgrind, und er kann dieses nicht zu früh erfahren. Was den Bankdiebstahl anbelangt, so ist hier ein Versehen gemacht, soweit es meine Mutter betrifft. Wenn hier nicht Überdienstfertigkeit stattgefunden hätte, so würde es nicht gemacht worden sein, und ich hasse Überdienstfertigkeit zu jeder Zeit, mit oder ohne Erfolg. Guten Abend!«

Obgleich Mr. Bounderby es in dieser Weise totzuschlagen suchte, indem er die Türe für den Abmarsch der Gesellschaft offenhielt, so war doch eine polternde Unsicherheit an ihm, die ihn zu gleicher Zeit sehr niedergeschlagen und über alle Maßen albern erscheinen ließ. Entlarvt als ein Mensch, der mit seiner Demut renommiert, der sein windiges Ansehen auf Lügen erbaut und in seiner Prahlerei die einfachste Wahrheit soweit von sich abgetan hatte, daß er den verächtlichen Anspruch erhob (es gibt keinen verächtlicheren), einen Stammbaum zu besitzen. Als die Leute an der Tür vorüberzogen, welche er hielt, wußte er, daß sie das Geschehene in der ganzen Stadt herumtragen und seinen Namen den vier Winden preisgeben würden. Er hätte nicht augenfälliger als ein geschorener und verlorener Aufschneider erscheinen können, und wenn er abgestutzte Ohren gehabt hätte. Selbst das unglückliche Frauenzimmer, Mrs. Sparsit, die vom Gipfel ihres Frohlockens in den Sumpf der Verzweiflung herabgestürzt war, befand sich nicht in einem so kläglichen Zustande, als jener gewichtige Mann und selbstgeschaffene Humbug, Josiah Bounderby von Coketown.

Als Rachael und Cili Mrs. Pegler, die für diese Nacht ein Bett im Hause ihres Sohnes erhalten sollte, verließen, gingen sie miteinander bis zum Tore von Stone Lodge und trennten sich hier. Mr. Gradgrind holte sie ein, ehe sie noch sehr weit gegangen waren, und sprach mit großem Interesse von Stephen Blackpool, für den seiner Meinung nach dieses wunderbare Aufhören des Verdachtes gegen Mrs. Pegler von guter Wirkung sein mußte.

Was den Bengel anbetraf, so hielt er sich während dieser ganzen Szene sowie bei allen früheren Gelegenheiten dicht hinter Bounderby. Er schien zu fühlen, daß, solange Bounderby keine Entdeckungen ohne sein Mitwissen machen konnte, er so ziemlich sicher war. Er besuchte nie seine Schwester; seitdem sie heimgekehrt war, hatte er sie nur einmal gesehen, an dem Abend, als er Bounderby auf den Fersen gefolgt war, wie schon erwähnt.

Es lagerte eine dunkle, unbestimmte Furcht auf dem Gemüte seiner Schwester, der sie nie Sprache verlieh, aber die den gottlosen und undankbaren Bengel mit einem geheimnisvollen Grauen umgab. Dieselbe dunkle Möglichkeit hatte sich auch in gleich gestaltloser Weise Cilis Geiste gerade an diesem Tage vorgestellt, als Rachael von jemandem sprach, der vielleicht durch Stephens Rückkunft hätte bloßgestellt werden können und ihn deshalb aus dem Wege geräumt habe. Luise hatte nie davon gesprochen, daß sie irgendwelchen Verdacht auf ihren Bruder in betreff des Diebstahls hege; sie und Cili hatten sich hierüber einander nicht anvertraut, ausgenommen in jenem Austausch von Blicken, als der Vater ahnungslos sein greises Haupt auf die Hand stützte; aber sie hatten sich verstanden, und sie wußten es beide.

Diese andere Befürchtung war so grauenhaft, daß sie jede von ihnen wie ein geisterhafter Schatten umschwebte; obgleich keine zu denken wagte, er sei ihr nahe, und noch weit weniger, daß er sich neben der andern befinde.

Und immer wuchs der künstliche Mut, den der Bengel gefaßt hatte. Wenn Stephen Blackpool der Dieb nicht war, laßt ihn sich doch zeigen. Warum tat er es nicht?

Eine andere Nacht. Wieder ein Tag und eine Nacht. Kein Stephen Blackpool. Wo war der Mann und warum kam er nicht zurück?

Vierunddreißigstes Kapitel.


Vierunddreißigstes Kapitel.

Es war ein strahlender Herbstsonntag, klar und kühl, als Cili und Rachael früh am Morgen sich trafen, um einen Spaziergang aufs Land zu machen.

Da Coketown nicht nur sein eigenes Haupt, sondern auch das der Nachbarschaft mit Asche bestreute – nach Art jener frommen Menschen, die für ihre eigenen Sünden Buße tun, indem sie andere Leute in den Sack stecken – so pflegten diejenigen, die dann und wann nach einem Zug frischer Luft dürsteten (nicht gerade die schlimmste von den Eitelkeiten des menschlichen Lebens) erst einige Meilen weit auf der Eisenbahn zu fahren und dann ihren Spaziergang zu beginnen oder sich gemächlich im Freien zu lagern.

Cili und Rachael halfen sich aus dem Rauche durch das übliche Mittel und stiegen auf der Station, die auf halbem Wege zwischen der Stadt und Mr. Bounderbys Landsitz lag, aus.

Obgleich die grüne Landschaft hier und da mit Kohlenhaufen befleckt war, so war sie doch an andern Orten grün, und es waren Bäume zu sehen, und Lerchen sangen (obgleich es Sonntag war) und angenehme Düfte erfüllten die Luft, und alles war von einem glänzend blauen Himmel überwölbt. Nach einer Richtung hin zeigte sich Coketown wie ein schwarzer Nebel; nach einer andern begannen Hügel emporzusteigen; nach einer dritten machte sich eine leise Veränderung in der Beleuchtung des Horizontes bemerkbar, da wo er auf das ferne Meer schien. Unter ihren Füßen war das Gras frisch, schöne Schatten von Baumzweigen spielten auf ihm hin und her und sprenkelten es; die Laubhecken waren üppig; über alles verbreitete sich Friede. Grubenmaschinen und magere, alte Pferde, welche den Kreislauf ihrer täglichen Arbeit auf dem Felde unterbrochen hatten, waren gleichfalls ruhig; die Räder hatten für eine kurze Zeit aufgehört, sich zu drehen, und das große Erdrad schien sich ohne seine gewöhnlichen Stöße und lärmenden Töne umzuwälzen.

Sie wanderten weiter durch die Felder und die schattigen Heckenwege hinunter, zuweilen stiegen sie über die Reste eines Zaunes, so modrig, daß sie unter der Berührung ihres Fußes zusammenfielen, zuweilen kamen sie an mit Gras bewachsenen Trümmern von Ziegelsteinen und Balken vorbei, die die Stelle verlassener Werkstätten bezeichneten. Sie folgten Pfaden und Spuren, so unbedeutend sie auch sein mochten. Schlünde, wo das Gras dicht und hoch, und wo Brombeersträuche, Ampferkraut und ähnliche Vegetation verworren zusammengehäuft war, vermieden sie immer; denn man erzählte sich in dieser Gegend schreckliche Geschichtchen von alten Gruben, die unter solchen Kennzeichen verborgen lägen.

Die Sonne stand hoch, als sie sich zur Ruhe niedersetzten. Sie hatten seit lange keinen Menschen, weder nah noch fern, gesehen; und die Einsamkeit blieb ununterbrochen. »Es ist so still hier, Rachael, und der Weg ist so unbetreten, daß ich glaube, wir müssen die ersten sein, die den ganzen Sommer über hier gewesen sind.«

Als Cili das sagte, wurden ihre Augen von einem andern dieser verrotteten Gehegeüberbleibsel auf dem Felde angezogen. Sie stand auf, um es in Augenschein zu nehmen. »Ich weiß nicht, dies ist noch nicht lange abgebrochen worden. Das Holz ist ganz frisch, wo es gebrochen. Hier sind auch Fußtapfen. – O, Rachael!«

Sie lief zurück und fiel ihr um den Hals. Rachael war schon aufgesprungen.

»Was gibt’s?«

»Ich weiß nicht. Da liegt ein Hut im Grase.«

Sie gingen zusammen vorwärts. Rachael nahm ihn auf, am ganzen Leibe zitternd. Sie brach in eine Flut von Tränen und Wehklagen aus. »Stephen Blackpool« stand auf der Innenseite von seiner eigenen Hand geschrieben.

»O, der arme Junge, der arme Junge! Er ist also doch auf die Seite geschafft worden; er liegt ermordet hier!«

»Hat denn – hat der Hut eine Blutspur an sich?« stammelte Cili.

Sie fürchteten sich, darauf zu blicken; gleichwohl untersuchten sie ihn und fanden kein Merkmal von Gewalttätigkeit, weder auswendig noch inwendig. Er mußte hier einige Tage gelegen haben, denn Regen und Tau hatten ihn gehärtet, und der Abdruck seiner Form befand sich auf dem Grase, da, wo er gefallen war. Sie blickten angstvoll um sich, ohne sich von der Stelle zu rühren, aber sie konnten nichts weiter bemerken. »Rachael«, flüsterte Cili, »ich will allein ein wenig vorwärts gehen.«

Sie hatte ihre Hand losgemacht und war im Begriff, vorwärtszuschreiten, als Rachael sie mit beiden Armen umschloß und einen Schrei ausstieß, der weithin über das Feld ertönte. Gerade vor ihren Füßen war der Abgrund eines schwarzen, zerrissenen Schlundes, unter dichtem Grase verborgen. Sie sprangen zurück und fielen auf ihre Knie, indem jede ihr Gesicht auf der Schulter der andern verbarg.

»O, mein guter Gott, er liegt dort unten, dort unten!« Dies und ihre schrecklichen Schmerzensrufe waren fürs erste alles, was von Rachael herausgebracht werden konnte, trotz aller Tränen, Bitten, Vorstellungen und Versuche. Es war unmöglich, sie zu besänftigen, und dringend notwendig, sie zu halten, oder sie würde sich selbst in den Abgrund gestürzt haben.

»Rachael, liebe Rachael, gute Rachael, bei der Liebe des Himmels, nicht diese fürchterlichen Schreie! Denk an Stephen, denk an Stephen, denk an Stephen!«

Durch eine ernstliche Wiederholung dieser Beschwörung, die mit all der Verzweiflung eines solchen Augenblickes ausgesprochen wurde, brachte es Cili endlich dahin, daß sie schwieg und sie mit einem tränenlosen, versteinerten Gesichte anblickte.

»Rachael, Stephen kann noch leben. Du würdest ihn doch nicht einen Augenblick verstümmelt auf dem Grunde dieses fürchterlichen Ortes liegen lassen wollen, wenn du ihm Hilfe bringen könntest?«

»Nein, nein, nein!«

»Rühre dich nicht von der Stelle, ihm zu Liebe! Ich will gehen und horchen.«

Sie schauderte, sich der Grube zu nähern; aber sie kroch auf Händen und Knien auf sie zu und rief seinen Namen, so laut sie nur rufen konnte. Sie lauschte, aber kein Schall antwortete. Sie rief wieder und horchte wieder, und immer kein antwortender Ton. Sie tat das zwanzig-, dreißigmal. Sie nahm eine Erdscholle von dem aufgewühlten Boden, worüber er gestolpert war, und warf sie hinein. Sie konnte ihren Fall nicht hören.

Die weite Aussicht, noch vor wenigen Minuten so schön in ihrer Stille, erfüllte jetzt ihr mutiges Herz fast mit Verzweiflung, als sie sich erhob und nach allen Seiten blickte, ohne Hilfe zu sehen. »Rachael, wir dürfen keinen Augenblick verlieren. Wir müssen nach verschiedenen Richtungen gehen und Hilfe suchen. Du wirst den Weg gehen, den wir gekommen, und ich will auf dem Pfade vorwärts gehen. Erzähle jedermann, den du triffst, was sich ereignet hat, wer es auch sei. Denk an Stephen, denk an Stephen!«

Sie sah an Rachaels Gesicht, daß sie jetzt Vertrauen auf sie setzen konnte. Nachdem sie ihr eine Zeitlang nachgesehen, während sie so dahinlief und die Hände rang, wandte sie sich um und ging fort, um selbst nachzusuchen: sie hielt an der Hecke an, um hier ihren Schal zu befestigen, als einen Wegzeiger zu dem Platze, dann warf sie ihren Hut zur Seite und lief, wie sie nie zuvor gelaufen war.

Laufe, Cili, laufe, in des Himmels Namen! Halte nicht an, um Atem zu schöpfen. Lauf, lauf! Sich selbst zur Eile antreibend, indem sie sich solche Ermahnungen in ihren Gedanken gab, lief sie von Feld zu Feld, von Heckenweg zu Heckenweg, von Platz zu Platz, wie sie noch nie zuvor gelaufen war: bis sie zu einem Schuppen an einem Maschinenhause kam, in dessen Schatten zwei Männer lagen und auf Stroh schliefen.

Erst sie zu wecken, und dann ihnen zu erzählen, so verstört und atemlos wie sie war, was sie hierhergeführt, hatte seine Schwierigkeiten: aber kaum hatten sie verstanden, warum es sich handelte, als ihre Lebensgeister von gleichem Feuer ergriffen wurden, wie die ihrigen. Einer der Männer war in einem betrunkenen Dusel, aber als sein Kamerad ihm laut zuschrie, daß ein Mann in den »Alten Höllenschacht« gefallen sei, sprang er fort zu einem Pfuhle schmutzigen Wassers, steckte seinen Kopf hinein und kam nüchtern zurück.

Mit diesen zwei Männern lief sie zu einem andern eine halbe Meile weiter, und mit diesem noch zu einem andern, während die ersten wieder zu andern liefen. Dann wurde ein Pferd gefunden, und sie gab einem andern Mann den Auftrag, auf Leben und Tod zur Eisenbahn zu reiten und Luise eine Botschaft zu übermitteln, die sie schrieb und ihm einhändigte. Mittlerweile war die Bevölkerung eines ganzen Dorfes auf den Beinen, und Winden, Stricke, Stangen, Lichter, Laternen und alle notwendigen Sachen wurden schnell herbeigeschafft, um zu dem »Alten Höllenschacht« gebracht zu werden.

Es schienen ihr bereits Stunden verflossen zu sein, seitdem sie den unglücklichen Mann in dem Grabe liegend, worin er lebendig begraben worden war, verlassen hatte. Sie konnte nicht länger ertragen, von ihm entfernt zu bleiben – das schien ihr wie ein Imstichlassen – und sie eilte schnell zurück, von einem halben Dutzend Arbeiter begleitet, einschließlich des betrunkenen Mannes, den die Nachricht nüchtern gemacht hatte, und welcher der tüchtigste von allen war. Als sie zu dem »Alten Höllenschacht« kamen, fanden sie ihn so einsam, als sie ihn verlassen hatten. Die Leute riefen und horchten, wie sie getan hatte, untersuchten den Rand des Abgrundes, besprachen, wie es hätte gekommen sein können, und setzten sich dann nieder, um zu warten, bis die Werkzeuge, die sie brauchten, herankämen.

Jedes Schwirren der Insekten in der Luft, jede Bewegung der Blätter, jedes Geflüster unter diesen Männern machte Cili erzittern, denn sie hielt es für einen Schrei in der Tiefe der Grube. Aber der Wind blies lässig darüber hin und kein Ton drang zur Oberfläche, und sie saßen auf dem Grab, wartend und wartend. Nachdem sie eine Zeitlang so gewartet hatten, begannen herumstreifende Leute, welche von dem Unfall gehört hatten, heranzukommen, dann langte die wahre Hilfe der Werkzeuge an. Mitten unter ihnen kehrte Rachael zurück, und mit ihr kam ein Wundarzt mit Wein und Arzneien. Aber die Hoffnung unter den Leuten, daß der Mann noch am Leben gefunden werden könnte, war in der Tat sehr klein.

Da jetzt genug Leute da waren, um die Arbeit zu beginnen, so stellte sich der nüchtern gewordene Mann an die Spitze des Ganzen, oder wurde durch allgemeine Zustimmung dazu berufen, zog einen weiten Kreis um den »Alten Höllenschacht« und stellte Männer an, ihn zu hüten. Außer solchen Freiwilligen, die zur Hülfeleistung angenommen worden waren, wurde vorerst nur Cili und Rachael gestattet, sich in diesem Kreis aufzuhalten: aber im Verlaufe des Tage«, al« die Nachricht einen Extrazug von Coketown brachte, befanden sich auch Mr. Gradgrind und Luise und Mr. Bounderby und der Bengel da.

Die Sonne stand vier Stunden tiefer als zu der Zeit, wo sich Rachael und Cili zuerst in das Gras niedergesetzt hatten, ehe eine Maschine von Stangen und Stricken errichtet war, vermittels deren zwei Männer mit Sicherheit hinabsteigen konnten. Bei dem Bau dieser Maschine hatten sich Schwierigkeiten erhoben, so einfach sie auch war: man hatte gefunden, daß gewisse Erfordernisse mangelten, und Botschafter mußten hin und zurück geschickt werden. Es war fünf Uhr am Nachmittage dieses heitern Sonntags, ehe ein Licht hinuntergelassen werden konnte, um die Luft zu prüfen, während drei bis vier rauhe Gesichter dicht zusammengedrängt standen, um es aufmerksam zu beobachten, und die Männer an der Winde drehten, wie sie angewiesen wurden. Das Licht wurde wieder herausgebracht, noch schwach brennend, dann wurde etwa« Wasser hineingeschüttet. Hierauf wurde der Eimer angehakt, und der nüchtern gewordene Mann stieg in Begleitung eines anderen mit Lichtern hinein und gab das Kommando »Niedergelassen!«

Als das Seil auslief, fest gespannt und angezogen und die Winde knarrte, war kein Atem unter den ein- oder zweihundert männlichen und weiblichen Zuschauern, der so ging, wie er zu gehen gewohnt war. Das Signal wurde gegeben, und die Winde hielt an, ein ansehnliches Stück Tau war unbenutzt. Jetzt folgte dem Anscheine nach ein so langer Zwischenraum, während dessen die Männer an der Winde müßig standen, daß einige Weiber schrien, es habe sich ein zweites Unglück ereignet! Aber der Arzt, welcher die Uhr in der Hand hielt, erklärte, daß noch nicht fünf Minuten verflossen wären und forderte sie streng auf, sich still zu verhalten. Kaum hatte er zu Ende gesprochen, als die Winde sich umdrehte und von neuem arbeitete. Geübte Augen bemerkten, daß sie nicht so schwer ging, als wenn beide Arbeiter heraufkämen, und daß nur einer zurückkehrte. Das Seil kam an, fest und stramm, Ring auf Ring wurde um den Windebaum gewunden, und alle Augen waren auf die Grube gerichtet. Der ernüchterte Mann wurde herausgebracht und sprang lebhaft auf das Gras. Jetzt erhob sich ein allgemeiner Schrei: »Lebendig oder tot?« und dann tiefe, atemlose Stille.

Als er antwortete: »Lebendig!« erhob sich ein allgemeiner Ausruf der Freude, und manches Auge füllte sich mit Tränen.

»Aber er ist sehr schwer verletzt«, fügte er hinzu, sobald er sich wieder Gehör verschaffen konnte. »Wo ist der Doktor? Er ist so außerordentlich schwer verletzt, daß wir nicht wissen, wie wir ihn herausbringen sollen.«

Sie beratschlagten gemeinsam miteinander und blickten gespannt auf den Arzt, al« er einige Fragen tat und bei den erhaltenen Antworten seinen Kopf schüttelte. Die Sonne neigte sich jetzt, und die rote Beleuchtung des Abendhimmels fiel auf jedes Gesicht, so daß es genau in all seiner zweifelnden Spannung beobachtet werden konnte.

Da« Ergebnis der Beratung war, daß die Männer zur Winde zurückkehrten und der Grubenmann nochmals hinunterstieg und den Wein und einige Kleinigkeiten mit sich nahm. Dann kam der andere Mann herauf. Mittlerweile brachten einige Männer unter Anleitung des Wundarztes eine Hürde herbei, auf welche andere ein dickes Bett von mit Tüchern überdecktem losen Stroh machten! er selbst verfertigte sich einige Bandagen und Binden aus Schals und Taschentüchern. Als diese fertig waren, wurden sie dem Grubenmanne, der zuletzt heraufgekommen war, über den Arm gehängt, mit Anweisungen, wie er sie gebrauchen solle. Als er so dastand, von dem Lichte, das er bei sich führte, beleuchtet, während er seine kräftige Hand leicht auf einen der Pfähle stützte, bald in die Grube hinunterblickend, bald auf das Volk im Kreise umher, war er nicht die am wenigsten hervorragende Gestalt in der Szene. Es war jetzt finster, und man zündete Fackeln an.

Nach dem wenigen, was der Mann zu den Umstehenden sagte, und was schnell übel den ganzen Kreis hin wiederholt wurde, schien es, daß der verunglückte Mann auf einen Haufen zerkrümelten Schuttes gefallen war, mit dem die Grube halb verstopft war. Ferner war die Gewalt seines Falles durch Erdunebenheiten an der Seite gebrochen worden. Er lag auf seinem Rücken, den einen Arm gequetscht unter sich, und hatte seinem eigenen Glauben nach kaum sich geregt, seitdem er gefallen, außer daß er seine freie Hand zu einer Seitentasche geführt, worin er sich erinnerte, etwas Fleisch und Brot zu haben. Er verschluckte ein paar Krumen davon und tunkte damit ab und zu etwas Wasser auf. Er war geradenwegs von seiner Arbeit gegangen, sobald man an ihn geschrieben hatte, und war den ganzen Tag über marschiert: er befand sich gerade auf dem Wege zu Mr. Bounderbys Landsitz nach Einbruch der Dunkelheit, als er fiel. Er durchschritt diese gefährliche Gegend zu einer so gefährlichen Zeit, weil er unschuldig an dem war, was man ihm zur Last legte, und den nächsten Weg einschlagen wollte, auf dem er sich stellen konnte. Der »Alte Höllenschacht«, sagte der Grubenmann, mit einem Fluche auf ihn, hätte sich endlich seines bösen Namen« würdig gezeigt, denn obgleich Stephen setzt noch nicht sprechen könne, so glaubte er doch, man würde bald sehen, wie er ihn ums Leben gebracht.

Als alles bereit war, verschwand dieser Mann in der Grube. Er empfing noch die letzten hastigen Aufträge von seinen Kameraden und dem Arzte, nachdem die Winde schon begonnen hatte, ihn hinabzulassen. Das Tau lief aus wie zuvor, das Signal wurde gegeben wie zuvor, und die Winde hielt an. Kein Arbeiter zog jetzt seine Hand von ihr zurück. Jeder wartete, seine Hand am Griffe und seinen Körper zur Maschine niedergebeugt, bereit, umzuwinden und aufzuwinden. Endlich wurde das Zeichen gegeben, und der ganze Kreis neigte sich vorwärts.

Denn jetzt wand sich das Seil ein, wie es schien, aufs äußerste angespannt und stramm gezogen. Die Männer drehten mit Anstrengung, und die Winde ächzte. Es war fast unerträglich, auf das Seil zu blicken und zu denken, daß es reißen könnte. Aber Ring auf Ring schlang sich sicher um den Windebaum, und die Verbindungsketten erschienen, und endlich der Eimer mit den zwei Männern, die sich an den Seiten festhielten – ein Anblick, um den Kopf schwindeln zu machen und das Herz zu erdrücken –, und die Gestalt eines armen, zerschlagenen, menschlichen Wesens, sorgsam von ihnen unterstützt, umschlungen und angeknüpft.

Ein leises Gemurmel des Mitleids erhob sich rings aus dem Gedränge. Die Weiber weinten laut, als diese Gestalt, beinahe ohne Gestalt, ganz langsam von seiner eisernen Transportmaschine befreit und auf da« Strohbett gelegt wurde. Zuerst trat niemand als der Wundarzt heran. Er tat, was er konnte, bei seinem Niederlegen auf das Ruhebett, aber das beste, was er tun konnte, war ihn zuzudecken. Als er das sanft getan hatte, rief er Rachael und Cili herbei. Und jetzt sah man da« bleiche, abgehärmte, leidende Gesicht zum Himmel emporblicken, während die gebrochene rechte Hand bloß auf der Außenseite der Kleiderdecken lag, als wenn sie darauf wartete, von einer anderen Hand ergriffen zu werden.

Sie gaben ihm zu trinken, besprengten sein Gesicht mit Wasser und reichten ihm einige Tropfen zur Herzstärkung und etwas Wein. Obgleich er ganz bewegungslos dalag und zum Himmel blickte, lächelte er und sagte: »Rachael.«

Sie fiel nieder aufs Gras an seine Seite und beugte sich über ihn, bis sich ihre Augen zwischen den seinigen und dem Himmel befanden, denn er war nicht imstande, sie zu bewegen, um Rachael anzublicken.

»Rachael, meine Geliebte!«

Sie nahm seine Hand. Er lächelte wieder und sagte: »Laß sie nicht wieder los.«

»Du hast viele Schmerzen, mein einzig lieber Stephen?«

»Ich habe sie gehabt, aber jetzt nicht mehr. Ich habe sie gehabt – schrecklich und lang gelitten – aber es ist jetzt vorüber. Ah, Rachael, und alles ein trüber Schlamm! Ein trüber Schlamm, von Anfang bis zu Ende!«

Ein Schatten seines früheren Wesens schien zurückzukehren, als er diese Worte sprach.

»Ich bin in die Grube gefallen, Liebe, wie, nach den Erzählungen alter Leute, bereits Hunderte und Hunderte von Menschenleben – Väter, Söhne, Brüder, die Tausenden und Tausenden teuer waren, die sie vor Mangel und Hunger schützten. Ich bin in eine Grube gefallen, die mit Feuerdampf angefüllt war, schrecklicher als eine Schlacht. Ich habe in der öffentlichen Bittschrift gelesen, wie jedermann lesen konnte, von den Männern, die in den Gruben arbeiten. Darin flehten sie die Gesetzgeber um Christi willen an, ihre Arbeit nicht zum Mörder an ihnen werden zu lassen, sondern sie zu schonen für Weib und Kind, die sie ebensosehr lieben, wie vornehme Leute die ihren. Als die Grube in Betrieb war, tötete sie ohne Not: jetzt, wo sie verlassen ist, tötet sie auch ohne Not. Sieh, wie wir sterben ohne unser Verschulden, so oder so – in einem trüben Schlamme – alle Tage!«

Er sagte das matt, ohne den geringsten Zorn gegen irgendwen. Lediglich als Wahrheit.

»Du hast deine kleine Schwester nicht vergessen, Rachael. Du wirst sie nicht so leicht vergessen und mich, der ich ihr so nahe bin. Du weißt – arme, stille, liebe Dulderin – wie du für sie arbeitetest, während sie alle Tage lang in ihrem kleinen Stuhl an deinem Fenster saß. Sie starb, jung und ungestaltet, hinsiechend an krankhafter Luft, wie es doch nicht zu sein brauchte, und hinsiechend an den elenden Wohnungen des Arbeitervolkes. Ein schmutziger Schlamm! Alles ein schmutziger Schlamm!«

Luise näherte sich ihm; aber er konnte sie nicht sehen, da er mit seinem Antlitze gegen den nächtlichen Himmel gerichtet lag.

»Wenn nicht alle Dinge, die sich auf uns beziehen, Liebe, so finster und schmutzig wären, so hätte ich nicht brauchen hierherzukommen. Wenn wir uns nicht unter uns selbst im Schlamme bewegten, so würde ich nicht von meinen eigenen Webergenossen und Arbeiterbrüdern so mißverstanden worden sein. Wenn Mr. Bounderby mich jemals recht gekannt hätte – wenn er mich überhaupt gekannt hätte, so würde er sich niemals gegen mich erzürnt haben. Er hätte mich nicht in Verdacht haben können. Aber sieh nur dort, Rachael! Blicke nach oben hin!«

Indem sie seinen Augen folgte, bemerkte sie, daß er auf einen Stern blickte.

»Der hat auf mich geschienen«, sagte er ehrfurchtsvoll, »in meinen Leiden und meinem Elend da unten. Er hat in mein Herz geschienen. Ich habe auf ihn geblickt und habe an dich gedacht, Rachael, bis das Dunkel in meinem Geist sich zerstreute. Wenn manche sich die Mühe genommen hätten, mich besser zu verstehen, so würde ich mir auch die Mühe genommen haben, sie besser zu verstehen. Als ich deinen Brief erhielt, glaubte ich leicht, daß das, was die junge Lady mir sagte und tat, und was ihr Bruder mir sagte und tat, ein und dasselbe wäre, und daß eine böse Übereinkunft zwischen ihnen bestände. Als ich fiel, war ich sehr aufgebracht auf sie und ließ mich verleiten, so ungerecht gegen sie zu sein, wie andere gegen mich waren. Aber in unseren Urteilen wie in unseren Handlungen müssen wir duldsam und geduldig sein. Als ich in meiner Not und Trübsal so nach oben blickte und – der Stern über mir leuchtete – habe ich klarer gesehen und habe es zu meinem Sterbegebet gemacht, daß die ganze Welt nur näher zusammenrücken und ein besseres gegenseitiges Verständnis gewinnen möge, als es meinem armen schwachen Selbst vergönnt war.«

Als Luise hörte, was er sagte, beugte sie sich auf der andern Seite, Rachael gegenüber, auf ihn herunter, so daß er sie sehen konnte.

»Ihr habt gehört?« sagte er nach einem Schweigen von einigen Augenblicken. »Ich habe Euch nicht vergessen, Lady.«

»Ja, Stephen, ich habe Euch gehört; und Euer Gebet ist das meinige.« »Ihr habt einen Vater. Wollt Ihr einen Auftrag für ihn übernehmen?«

»Er ist hier«, sagte Luise mit Schrecken. »Soll ich ihn zu Euch bringen?«

»Bitte.«

Luise kehrte mit ihrem Vater zurück. Hand in Hand dastehend, blickten beide nieder auf das feierliche Gesicht.

»Sir, Ihr werdet mich rechtfertigen und meinen ehrlichen Namen bei allen Menschen wieder herstellen. Das überlasse ich Euch als mein Vermächtnis.«

Mr. Gradgrind war betroffen und fragte: »Wie?«

»Sir«, war die Antwort, »Euer Sohn wird Euch sagen, wie. Fragt ihn. Ich klage nicht an: ich lasse nichts hinter mir, nicht ein einziges Wort. Ich habe Euren Sohn gesehen und mit ihm gesprochen eines Nachts. Ich verlange nicht mehr von Euch, als daß Ihr mich rechtfertigt, – und ich habe das Vertrauen zu Euch, daß Ihr es tun werdet.«

Da die Träger nun bereit waren, ihn wegzuschaffen und der Arzt auf seine Entfernung drang, so schickten sich diejenigen, die Laternen und Fackeln hatten, an, sich vor der Tragbahre in Marsch zu setzen. Bevor sie erhoben wurde und während sie darüber übereinkamen, wie sie gehen sollten, sagte er zu Rachael, zum Stern hinaufblickend:

»So oft ich zu mir selbst kam und ihn auf mein Elend herniederscheinend fand, dachte ich, es wäre der Stern, der zu unseres Erlösers Heimat führte; ich glaube fast, es ist der Stern wirklich.«

Sie nahmen ihn jetzt auf, und er war innig erfreut, als er fand, daß sie im Begriff waren, ihn nach der Richtung hinzutragen, wohin der Stern ihn zu führen schien.

»Rachael, geliebtes Mädchen! Laß meine Hand nicht los. Wir wollen heute abend zusammengehen, meine Liebe.«

»Ich will deine Hand halten und an deiner Seite bleiben, den ganzen Weg über, Stephen.«

»Gott lohne es dir! Will jemand so gut sein, mein Gesicht zuzudecken?«

Sie trugen ihn sehr sanft über die Felder, die Zaunpfade herab durch die weite Landschaft. Rachael hielt immer seine Hand in ihrer. Selten unterbrach ein Flüstern das traurige Schweigen. Es war bald ein Leichenzug. Der Stern hatte ihm gezeigt, wo der Gott des Armen zu finden, und durch Erniedrigung, Not und Vergebung war er zur Ruhe seines Erlösers eingegangen.

Fünfunddreißigstes Kapitel.


Fünfunddreißigstes Kapitel.

Ehe der Kreis, der sich rings um den »Alten Höllenschacht« gebildet hatte, sich öffnete, war eine Gestalt aus ihm verschwunden. Mr. Bounderby und sein Schatten standen nicht bei Luise, welche ihren Vater am Arm hielt, sondern an einem entfernten Orte allein. Als Mr. Gradgrind zu der Bahre gerufen wurde, schlüpfte Cili, aufmerksam auf alles, was vorging, hinter diesen bösen Schatten – welch ein Blick wäre es gewesen auf das Entsetzen in seinem Gesicht, wenn hier Augen zu einem Anblick vorhanden gewesen wären, außer für einen – und flüsterte etwas in sein Ohr. Ohne seinen Kopf umzudrehen, sprach er einige Augenblicke mit ihr und verschwand. So war der Bengel aus dem Kreise fortgegangen, ehe die Leute aufbrachen.

Als der Vater nach Hause kam, schickte er in Mr. Bounderbys Wohnung und ließ seinen Sohn auffordern, sofort zu ihm zu kommen. Die Antwort war, Mr. Bounderby habe, da er ihn in dem Volksgedränge verloren und seitdem nichts von ihm gesehen, angenommen, daß er in Stone Lodge sei.

»Ich glaube, Vater«, sagte Luise, »er wird heute nacht nicht nach der Stadt zurückkommen.« Mr. Gradgrind wandte sich ab und sagte nichts mehr.

Am andern Morgen ging er selbst zur Bank hinunter, sobald sie geöffnet wurde. Als er den Platz seines Sohnes leer sah (anfänglich hatte er nicht den Mut, hineinzugehen), kehrte er die Straße entlang zurück, um Mr. Bounderby auf seinem Wege hierher zu treffen. Er sagte ihm dann, daß er aus Gründen, die er sehr bald auseinandersetzen würde, über die er jedoch jetzt nicht gefragt zu werden wünsche, es nötig gefunden habe, seinen Sohn für kurze Zeit wo anders zu beschäftigen. Auch sagte er, daß er beauftragt sei, das Andenken Stephen Blackpools von Verdacht zu reinigen und den Dieb anzugeben. Mr. Bounderby blieb ganz verwirrt auf der Straße stehen, nachdem ihn sein Schwiegervater verlassen hatte, aufschwellend wie eine ungeheure Seifenblase, jedoch ohne ihre Schönheit.

Mr. Gradgrind kehrte nach Hause zurück, verschloß sich in sein Zimmer und blieb dort den ganzen Tag über. Als Cili und Luise an seine Türe klopften, sagte er, ohne sie zu öffnen: »Jetzt nicht, meine Lieben, am Abend.« Als sie des Abend« wiederkamen, gab er zur Antwort: »Ich bin jetzt nicht fähig – morgen.« Er aß den ganzen Tag nichts und zündete kein Licht nach Dunkelwerden an; sie hörten ihn auf und ab gehen bis spät in die Nacht.

Aber am nächsten Morgen erschien er zur gewöhnlichen Zeit beim Frühstück und nahm seinen gewöhnlichen Platz am Tische ein. Er sah alt und gebeugt und ganz niedergedrückt aus; und doch erschien er als ein weiserer Mann und ein besserer Mann, als in den Tagen, wo er nichts in seinem Leben verlangte, als »Tatsachen«. Ehe er das Zimmer verließ, bestimmte er ihnen eine Zeit, wo sie zu ihm kommen sollten, und dann ging er, sein graues Haupt zu Boden gebeugt, hinweg.

»Lieber Vater«, sagte Luise, als sie zur bestimmten Zeit bei ihm eintraten. »Sie haben noch drei Kinder; es wird besser mit ihnen werden. Ich will mich noch bessern, mit Gottes Hilfe.«

Sie gab Cili die Hand, als wenn sie ausdrücken wollte: auch mit ihrer Hilfe.

»Dein unglücklicher Bruder«, sagte Mr. Gradgrind. »Glaubst du, daß er diesen Diebstahl geplant hatte, als er mit dir in das Haus ging?«

»Ich fürchte so, Vater. Ich weiß, er brauchte dringend Geld und hatte eine große Menge ausgegeben.«

»Da der arme Mann im Begriff war, die Stadt zu verlassen, kam es ihm in den verderbten Sinn, den Verdacht auf ihn zu wälzen?«

»Ich glaube, Vater, es muß ihm plötzlich eingefallen sein, während er dort saß. Denn ich bat ihn, mit mir hinzugehen. Der Besuch war nicht sein ursprünglicher Plan.«

»Er hatte eine Besprechung mit dem armen Manne. Nahm er ihn beiseite?«

»Er rief ihn aus dem Zimmer. Ich fragte ihn später, warum er das getan hätte, und er gab eine glaubwürdige Entschuldigung. Aber seit gestern abend, Vater, wenn ich die Umstände in diesem Lichte betrachte, fürchte ich, daß ich mir nur zu gut vorstellen kann, was zwischen ihnen verhandelt wurde.«

»Laß mich wissen«, sagte ihr Vater, »ob deine Ansichten deinen schuldigen Bruder in derselben schwarzen Gestalt erscheinen lassen, als meine.«

»Ich fürchte, Vater«, sagte Luise zögernd, »daß Stephen Blackpool irgendwelche Vorstellungen gemacht haben muß, vielleicht in meinem Namen, vielleicht in seinem eigenen, die ihn bewogen, in gutem, ehrlichem Glauben etwas zu tun, was er nie zuvor getan hatte, und sich an zwei oder drei Abenden in der Nähe der Bank aufzuhalten, ehe er die Stadt verließ.«

»Zu klar!« erwiderte ihr Vater. »Zu klar!«

Er verhüllte sein Gesicht und saß einige Augenblicke schweigend da. Dann faßte er sich wieder und sagte: »Und jetzt, wie kann er aufgefunden, wie kann er der Gerechtigkeit entzogen werden? Wie kann er in den wenigen Stunden, die ich vergehen lassen darf, ehe ich den wahren Sachverhalt veröffentliche, von uns gefunden werden und von uns allein? Zehntausend Pfund könnten dies nicht bewerkstelligen.«

»Cili hat es bewerkstelligt, Vater!«

Er wandte seine Augen nach dem Platze, wo sie stand wie eine gute Fee des Hauses, und sagte in einem Tone sanfter Dankbarkeit und gerührter Güte: »Immer du, mein Kind!«

»Wir hatten unsere Besorgnisse«, erklärte Cili auf Luise blickend, »schon vorgestern, und als ich sah, wie Sie an die Bahre gerufen wurden, und hörte, was vorging (denn ich stand während der ganzen Zeit dicht neben Rachael), so schlüpfte ich zu ihm, ohne von jemandem gesehen zu werden, und sagte ihm: ›Blickt nicht auf mich. Seht, wo Euer Vater ist. Flieht unverzüglich, um seinet- und um euretwillen‹. Er zitterte, ehe ich ihm diese Worte zuflüsterte, dann fuhr er zusammen und zitterte noch mehr und sagte: ›Wohin kann ich gehen? Ich habe sehr wenig Geld, und ich weiß nicht, wer mich verbergen wollte!‹ Ich dachte an meines Vaters alten Zirkus. Ich habe nicht vergessen, wo sich Mr. Sleary zu dieser Jahreszeit aufzuhalten pflegt, und las erst neulich von ihm in der Zeitung. Ich gab ihm daher den Rat, dahin zu eilen, seinen Namen zu nennen und Mr. Sleary zu bitten, bis ich käme. ›Vor morgen früh will ich bei ihm sein‹, sagte er. Und ich sah ihn unter dem Volke verschwinden.«

»Dem Himmel sei gedankt!« rief sein Vater aus. »Er mag noch ins Ausland entkommen sein.«

Das war um so mehr zu hoffen, als die Stadt, wohin ihn Cili gewiesen hatte, nur drei Stunden von Liverpool entfernt lag, von wo er schnell nach einem beliebigen Teil der Welt befördert werden konnte. Aber man mußte vorsichtig sein, sich mit ihm in Verbindung zu setzen. Die Gefahr, daß man ihn in Verdacht ziehen würde, wurde mit jedem Augenblicke größer. Niemand konnte ganz sicher sein, ob nicht Bounderby selbst, in einer lärmenden Laune öffentlichen Eifers, eine Römerrolle spielen werde. – So verabredete man, daß Luise und Cili allein sich auf Umwegen an den fraglichen Ort begeben, und der unglückliche Vater nach einer entgegengesetzten Richtung hin abreisen und auf einem andern und weiteren Wege zu demselben Ziele gelangen sollte. Es wurde ferner vereinbart, daß er nicht zu Mr. Sleary gehen sollte, damit seine Absichten kein Mißtrauen erregten oder die Nachricht von seiner Ankunft seinen Sohn von neuem zur Flucht veranlaßten. Es sollte Cili und Luise überlassen bleiben, die Verbindung herzustellen und den Urheber von soviel Kummer und Unglück von der Anwesenheit seines Vaters und von der Ursache ihres Kommens zu benachrichtigen. Als diese Anordnungen genau überlegt und von allen dreien hinlänglich begriffen worden waren, war es Zeit, ihre Ausführung zu beginnen. Früh am Nachmittag begab sich Mr. Gradgrind direkt von seinem Hause auf das Land, um an die Eisenbahnlinie zu kommen, mit der er reisen mußte; und am Abend machten sich die zwei Zurückgebliebenen in anderer Richtung auf den Weg, sehr ermutigt durch den Umstand, daß ihnen kein bekanntes Gesicht begegnete.

Die zwei reisten die ganze Nacht hindurch, ausgenommen, wenn sie für schlimme Minuten an Zweigstationen hielten mit unendlichen Treppen hinauf oder hinunter – worin die einzige Mannigfaltigkeit solcher Stationen beruhte. Früh am Morgen stiegen sie bei einem Sumpfe ans, eine oder zwei Meilen von der Stadt, die sie suchten.

Von diesem traurigen Platze wurden sie durch einen rohen, alten Postillion erlöst, der zufällig früh auf war und einen Einspänner hatte; so wurden sie durch all die Hintergäßchen, wo die Ferkel wohnten, geführt. Das war zwar kein glänzender oder sehr wohlriechender Zugang, jedoch, wie in solchen Fällen üblich, die gesetzliche Landstraße.

Das erste, was sie beim Eintritt in die Stadt sahen, war das Gerippe von Slearys Zirkus. Die Gesellschaft war in eine andere, über zwanzig Meilen entfernte Stadt gereist und hatte dort am vergangenen Abend ihre Vorstellungen eröffnet. Die Verbindung zwischen diesen beiden Plätzen wurde durch eine hügelige Zollstraße unterhalten, und das Reisen ging hier sehr langsam vonstatten. Obgleich sie nur in aller Eile ein wenig frühstückten und nicht rasteten (was unter so sorgenvollen Umständen ein vergeblicher Versuch gewesen sein würde), so war es doch Mittag, ehe sie die Zettel von Slearys Reitervorstellungen an Scheunen und Mauern angeschlagen fanden, und ein Uhr, als sie auf dem Marktplatz hielten.

Eine große Morgenvorstellung der Reiter, die gerade anfangen sollte, wurde eben von dem Ausrufer ausgeschellt, als sie ihren Fuß auf das Pflaster setzten. Cili riet, um Nachfragen und Aufsehen in der Stadt zu vermeiden, sich selbst am Eingang ein Billett zu nehmen. Wenn Mr. Sleary das Geld einnehme, so würde er sie gewiß erkennen und sich taktvoll benehmen. Wo nicht, so würde er sie gewiß drinnen bemerken, und im Bewußtsein dessen, was er mit dem Flüchtling vorgenommen, ebenfalls Vorsicht beobachten.

Daher erschienen sie mit klopfendem Herzen bei der wohlbekannten Bude. Die Fahne mit der Inschrift »Slearys Reiter-Akademie« war vorhanden, und die gotische Nische war vorhanden, aber Mr. Sleary war nicht vorhanden. Master Kidderminster war zu groß und bärtig geworden, als daß er auch von der schrankenlosesten Leichtgläubigkeit noch länger als Cupido hätte hingenommen werden können. Er hatte der unwiderstehlichen Gewalt der Umstände (und seines Bartes) nachgegeben und präsidierte in der Eigenschaft eines Mannes, der sich allgemein nützlich macht, bei dieser Gelegenheit der Kasse. Zugleich hatte er eine Trommel neben sich, der er seine müßigen Augenblicke und seine überflüssigen Kräfte widmete. Bei der außerordentlichen Schärfe, mit der er auf falsche Münze ausspähte, sah Mr. Kidderminster, wie man ihn nach seiner jetzigen Stellung nennen muß, nie etwas anderes als Geld. So kam Cili unerkannt an ihm vorüber, und sie traten ein.

Der Kaiser von Japan, auf einem treuen alten Schimmel, hübsch mit schwarzen Flecken bemalt, war gerade damit beschäftigt, fünf Waschbecken auf einmal zu drehen, wie das die Lieblingserholung dieser Monarchen ist. Cili, obgleich wohlvertraut mit seinem fürstlichen Stammbaum, kannte den gegenwärtigen Kaiser nicht persönlich, und seine Herrschaft war friedlich. Darauf wurde Miß Josephine Sleary mit ihrer berühmten »Equestrischen Tyroler Blumen-Tour« von einem neuen Clown (der humoristisch »Blumenkohl-Tour« sagte) angekündigt, und Mr. Sleary erschien, sie einführend.

Mr. Sleary hatte dem Clown kaum einen Schlag mit seiner langen Peitsche gegeben, und dieser nur geantwortet: »Wenn Ihr das noch einmal tut, so werde ich das Pferd auf Euch werfen!« als Cili von Vater und Tochter zugleich erkannt wurde. Aber sie spielten den Akt mit großer Selbstbeherrschung zu Ende; und Mr. Sleary legte, ausgenommen im ersten Augenblick, nicht mehr Ausdruck in sein bewegliches als in sein unbewegliches Auge. Die Vorstellung kam Luise und Cili ein wenig lang vor, besonders, als sie unterbrochen wurde, um dem Clown Gelegenheit zu gewähren, Mr. Sleary, der mit der größten Ruhe auf all seine Bemerkungen »Nicht möglich, Sir!« erwiderte und sein Auge auf das Haus gerichtet hielt), von zwei Beinen zu erzählen, die auf drei Beinen saßen und auf ein Bein schauten, als vier Beine hereinkamen und sich eines Beines bemächtigten, worauf zwei Beine aufsprangen, drei Beine ergriffen und sie nach vier Beinen warfen, die mit einem Bein davonliefen. Denn obgleich es eine geistreiche Allegorie auf einen Metzger, einen dreibeinigen Stuhl, einen Hund und ein Schöpfenbein war, so nahm diese Erzählung doch Zeit weg, und sie waren in großer Ungewißheit. Endlich jedoch machte die kleine schönhaarige Josephine ihre Verbeugung unter großem Beifall. Der Clown, der allein in der Bahn geblieben war, hatte sich gerade erwärmt und sagte: »Jetzt kommt die Reihe an mich!« als Cili sich an der Schulter berührt fühlte und herausgewinkt wurde.

Sie nahm Luise mit sich, und sie wurden von Mr. Sleary in einem sehr kleinen Privatzimmer empfangen mit Segeltuchwänden, Grasboden und hölzerner, ganz schiefer Decke, auf die das Logenpublikum seinen Beifall stampfte, als wenn es durchbrechen wollte. »Tetilia«, sagte Mr. Cleary, der Branntwein und Wasser zur Hand hatte, »et tut mir wohl, Euch tu tehen. Ihr wart immer ein Liebling von unt, und ich bin dicher, ihr habt unt deit der alten Teil nur Ehre gemacht. Ihr mütt untere Leute tehen, meine Liebe, bevor wir von Getäften tprechen, oder et wird ihnen dat Hert brechen, – vor allen den Frauen. Da it Jotephine, tie it mit E.W.B. Childerth verheiratet und hat einen Jungen, und obgleich er nur drei Jahre alt it, klettert er auf jedet Ponny, dat man ihm vorführt. Er führt den Namen: Dat kleine Wunder in Tuhlreiterei; und wenn Ihr von dem Knaben nicht bei Atley hören tolltet, so werdet Ihr von ihm in Parit hören. Und Ihr erinnert Euch an Kidderminter, von dem man glaubte, dat er tiemlich galant gegen Euch telbt war? Nun, der it auch verheiratet. Verheiratet mit einer Witwe. Alt genug, teine Mutter tu tein. Tie war Teiltänterin und jett it tie nicht – infolge ihret Fettet. Tie haben twei Kinder! to tind wir tark in der Feen-Branche und in Kindertubenterten. Wenn Ihr untere »Kinder im Wald« tähet, Vater und Mutter beide auf einem Pferd terbend, – ihr Onkel, tie in teine Hut nehmend, auf einem Pferde, – tie telbt beide Heidelbeeren tuchend auf einem Pferde, und der Robint herbeikommend und tie mit Blätter bedeckend, auf einem Pferde – Ihr würdet tagen, dat et dat vollkommente Ding tei, wat je Eure Augen getehen. Und Ihr erinnert Euch an Emma Gordon, meine Liebe, die fat Muttertelle an Euch vertrat? Gant gewit tut Ihr dat; et it unnötig tu fragen. Nun gut. Emma hat ihren Mann verloren. Er türtte in einem traurigen Rückenfall von einem Elefanten in einer Art von Pagodenvortellung alt Tultan von Indien, und er erholte tich nicht wieder; und tie hat tich tum tweiten Male verheiratet – verheiratet mit einem Kätekrämer, der gleich beim erten Anblick in Liebe tu ihr erglühte – und er it ein Knauter und auf dem Wege, reich tu werden.«

Diese verschiedenen Vorkommnisse wurden von Mr. Sleary, der sehr kurzatmig geworden, mit großer Herzlichkeit und in wunderbar kindlicher Weise erzählt. Man muß dabei bedenken, was für ein triefäugiger und bejahrter Grogveteran er war. Später brachte er Josephine herein und E.W.B. Childers (der bei Tageslicht ziemlich scharfe Linien um den Mund hatte) und »das kleine Wunder von Schulreiterei«, mit einem Worte die ganze Gesellschaft. Es waren erstaunliche Geschöpfe in Luisens Augen, so weiß und rot von Gesichtsfarbe, so spärlich bekleidet und mit so unverhüllten Beinen; aber es war sehr nett, sie um Cili geschart zu sehen, und sehr natürlich bei Cili, daß sie sich der Tränen nicht enthalten konnte.

»To! Jett hat Tetilia alle Kinder gekütt, und alle Frauen umarmt, und allen Männern der Reihe nach die Hände getüttelt, nun fort jeder von Euch, und klingelt tie Truppe tur tweiten Abteilung.«

Sobald sie gegangen waren, fuhr er in gedämpftem Tone fort. »Nun, Tetilia, ich will mich nicht in Geheimmitte eindrängen, aber ich vermute, dat ich diete Dame alt Mitt Tquire antutehen habe.«

»Es ist seine Schwester. Ja.«

»Und det andern Tochter. Dat it gerade, wat ich meine. Ich hoffe, Euch wohl tu tehen, Mitt. Und ich hoffe der Tquire befindet tich auch wohl.«

»Mein Vater wird bald hier sein«, sagte Luise, ängstlich bemüht, ihn zur Sache zu bringen. »Ist mein Bruder in Sicherheit?«

»Ticher und getund!« antwortete er. »Ich möchte Euch gerade bitten, einen Blick auf die Reitbahn tu werfen, hier durch. Tetilia, Ihr kennt die Kniffe, tucht Euch telbt ein Guckloch.«

Jeder von ihnen blickte durch eine Bretterritze.

»Dat it Jack, der Rietentöter, – ein Tück, dat tum komiten Kinderfache gehört«, sagte Sleary. »Dort it ein eigenet Haut für Jack, wie Ihr teht, um tich darin tu verrecken; da mein Clown mit einem Pfannendeckel und Brattpiet als Jacks Bertienter; hier der kleine Jack telbt in gläntender Rüttung; dort twei komite twarte Bertienten, tweimal to grot alt dat Haut, die beauftragt tind, tich daneben tutellen und et herein- und hinauttutragen; und der Riete (ein tehr teurer Korb) it noch nicht da. Nun, teht Ihr tie alle?«

»Ja«, sagten beide.

Blickt noch einmal hin«, sagte Sleary, »blickt noch einmal genau hin. Teht Ihr alle? Tehr gut. Nun, Mitt«, er schob ihnen eine Bank hin zum sitzen; »ich habe meine Antichten, und der Tquire, Euer Vater, hat tie teinigen. Ich verlange nicht tu witten, wat Euer Bruder begangen hat; et it better für mich, et nicht tu witten. Allet, wai ich tage, ist, der Tquire hat bei Tetilia getanden und ich will bei dem Tquire tehen. Euer Bruder it einer von den twarten Bertienten.«

Luise entfuhr ein Schrei, der teils Bekümmernis, teils Erleichterung verriet.

»Et it Tattache«, fuhr Sleary fort, »und obgleich Ihr ihn jett kennt, dürftet Ihr Euch ihm doch nicht tu erkennen geben. Latt den Tquire kommen. Ich werde Euren Bruder nach der Vortellung herkommen latten. Ich werde ihn nicht umkleiden und ebentowenig teine Malerei abwaten latten. Latt den Tquire nach der Vortellung herkommen oder kommt telbt her nach der Vortellung und Ihr tollt Euren Bruder finden und den ganten Raum für Euch haben, um mit ihm tu tprechen. Latt Euch tein Auttehen nicht tören, to lange er wohl verteckt it.«

Unter vielem Dank und mit erleichtertem Herzen empfahl sich darauf Luise, um Mr. Sleary nicht länger aufzuhalten. Sie ließ mit Augen voller Tränen Grüße für ihren Bruder zurück, und ging mit Cili bis zum Nachmittag fort.

Eine Stunde darauf langte Mr. Gradgrind an. Auch er war keinem begegnet, den er gekannt hätte; und war jetzt voller Hoffnung, seinen entehrten Sohn mit Slearys Hilfe in der Nacht nach Liverpool zu schaffen. Da ihn niemand von den dreien begleiten konnte, ohne ihn in jeder Verkleidung so gut wie kenntlich zu machen, so hielt er einen Brief bereit an einen Empfänger, dem er Vertrauen schenken konnte, und ersuchte ihn, den Überbringer um jeden Preis nach irgendeiner Küste von Nord- oder Südamerika einzuschiffen, oder nach einem andern entfernten Weltteil, wohin er am schnellsten und geheimsten befördert werden konnte. Nachdem dies geschehen war, gingen sie umher und warteten, bis der Zirkus ganz geräumt sein würde, nicht nur vom Publikum, sondern auch von der Gesellschaft und den Pferden. Nachdem sie den Zirkus eine lange Zeit beobachtet hatten, sahen sie Mr. Sleary einen Stuhl herausbringen und mit der Pfeife im Munde an der Seitentür sich niedersetzen, als wenn das sein Signal wäre, daß sie kommen könnten.

»Euer Diener, Tquire«, war seine vorsichtige Begrüßung als sie herzutraten. »Wenn Ihr meiner bedürft, to werdet Ihr mich hier finden. Ihr dürft Euch nicht daran toten, dat Euer Tohn eine komite Livree an hat.«

Sie traten alle drei ein, und Mr. Gradgrind setzte sich, in düsteres Sinnen verloren, auf den Stuhl, auf dem der Clown seine Vorstellung zu geben pflegte, mitten in der Bahn. Auf einer der hinteren Bänke, fern gerückt durch das gedämpfte Licht und die Abenteuerlichkeit des Ortes, saß der böse Bube, trotzig bis aufs äußerste, den er das Unglück hatte, seinen Sohn zu nennen.

Er war in einen abgeschmackten Rock gekleidet wie ein Kirchentürsteher,13 mit Aufschlägen und Lappen von unsäglicher Ausdehnung; in einer ungeheuren Weste, Kniehosen, Schnallenschuhen und aufgestutztem Narrenhute. Nichts saß ihm, alles war von grobem Stoffe, mottenzerfressen und voller Löcher. Er hatte Streifen in seinem schwarzen Gesichte, da wo Furcht und Hitze durch die schmierige Mischung gedrungen war, die es über und über besudelte.

Etwas so widerlich, verächtlich, lächerlich Schmachvolles, wie der Bengel in dieser komischen Livree war, würde Mr. Gradgrind bei einer andern Gelegenheit nie für möglich gehalten haben, eine so unleugbare und greifbare Tatsache es auch war. Und eins von seinen Musterkindern war so weit gekommen!

Anfangs wollte der Bengel nicht näher rücken, sondern bestand darauf, in seiner Zurückgezogenheit zu bleiben. Endlich gab er, wenn ein so mürrisch gemachtes Zugeständnis ein Nachgeben genannt werden kann, den Bitten Cilis nach – denn Luise verleugnete er gänzlich. Er kam Bank für Bank herunter, bis er in den Sägespänen stand, am Rande der Bahn, so weit als möglich von dem Platze, wo sein Vater saß.

»Wie wurde das ausgeführt?« fragte der Vater.

»Wie wurde was ausgeführt?« antwortete der Sohn mürrisch.

»Dieser Diebstahl«, sagte der Vater, indem er einen besonderen Nachdruck auf das Wort legte.

»Ich selbst machte den Schrank in der Nacht auf und schloß ihn wieder halb, ehe ich wegging. Ich hatte den Schlüssel, der gefunden wurde, lange vorher machen lassen. An dem Morgen warf ich ihn hin, damit man glauben sollte, er sei zum Diebstahl benutzt worden. Ich nahm das Geld nicht alles auf einmal. Ich gab vor, meinen Kassenüberschuß jede Nacht wegzulegen, tat es jedoch nicht. Nun wißt Ihr alles, was sich darauf bezieht.«

»Wenn ein Donnerschlag auf mich gefallen wäre«, sagte der Vater, »es würde mich weniger erschüttert haben, als dieses.«

»Ich sehe nicht ein, warum«, murrte der Sohn. So viele Leute sind in Vertrauensstellungen, so viele Leute unter den vielen werden unehrlich sein. Ich habe Euch zu hundert Malen davon sprechen hören, daß dies ein Gesetz sei. Wie kann ich für Gesetze verantwortlich sein? Ihr habt andere mit solchen Dingen getröstet, Vater. Tröstet Euch jetzt selbst!«

Der Vater vergrub sein Gesicht in den Händen, und der Sohn stand in seiner schimpflichen Seltsamkeit da und kaute Stroh; seine Hände glichen, da das Schwarze auf der Innenseite zum Teil abgerieben war, denen eines Affen. Der Abend brach herein; und von Zeit zu Zeit richtete er das Weiße seiner Augen rastlos und ungeduldig auf seinen Vater. Sie waren der einzige Teil seines Gesichts, der irgendwelches Leben oder irgendeinen Ausdruck zeigte; die Farbe lag zu dick darauf.

»Du mußt nach Liverpool geschafft und außer Landes geschickt werden.«

»Ich vermute so. Ich kann nirgends elender sein«, winselte der Bengel, »als ich hier gewesen bin, so weit ich zurückdenken kann. Das ist eins.«

Mr. Gradgrind ging zur Tür und kehrte mit Sleary zurück, dem er die Frage vorlegte: »Wie dies beklagenswerte Subjekt wegschaffen?«

»Freilich, ich habe daran gedacht, Tquire. Da it nicht viel Teit tu verlieren. To mütt Ihr ja oder nein tagen. Et it über twantig Meilen tur Eitenbahn. In einer halben Tunde kommt eine Kute, die geht tur Eitenbahn, um den Posttug tu treffen. Dieter Tug wird ihn ticher nach Liverpool bringen.«

»Aber betrachtet ihn«, stöhnte Mr. Gradgrind. »Wird eine Kutsche –«

»Ich meine nicht, dat er in dieter komiten Livree gehen toll«, sagte Sleary. »Tagt ein Wort und ich will mit Hilfe der Garderobe in fünf Minuten einen Jotkin aus ihm machen.«

»Ich verstehe nicht«, sagte Mr. Gradgrind.

»Ein Jotkin it ein Fuhrmann. Faßt schnell Euren Entschluß, Tquire. Da mut Bier her. Ich habe nie etwat gefunden, dat to tnell einen komiten Mohren reinigt, alt Bier.«

Mr. Gradgrind stimmte schnell zu. Mr. Sleary nahm eben so schnell aus einem Kasten einen Kittel, einen Filzhut und andere notwendige Kleidungsstücke; der Bengel wechselte schnell seine Kleider hinter einem Schirm von Wollzeug; Mr. Sleary brachte schnell Bier und wusch ihn wieder weiß.

»Jett«, sagte Sleary, »kommt tur Kute und tpringt hinten auf; ich werde mit Euch gehen und tie werden Euch für einen von meinen Leuten halten. Tagt Eurer Familie Lebewohl und macht et kurt!« Hiermit zog er sich zartfühlend zurück.

»Hier ist dein Brief«, sagte Mr. Gradgrind. »Alle notwendigen Mittel werden dir verabfolgt werden. Mache durch Reue und Besserung die gräßliche Tat wieder gut, die du begangen, und die traurigen Folgen, zu denen sie geführt hat. Gib mir deine Hand, mein armer Junge, und möge Gott dir vergeben, wie ich dir vergebe!«

Der Verbrecher wurde durch diese Worte und ihren bewegten Ton zu wenigen, verrinnenden Tränen gerührt. Aber als Luise ihre Arme öffnete, stieß er sie von neuem zurück.

»Nicht du. Ich will nichts mit dir zu tun haben.«

»O, Tom, Tom, sollen wir so enden, nach all meiner Liebe!«

»Nach all deiner Liebe!« antwortete er verstockt. »Schöne Liebe! die den alten Bounderby sich selbst überläßt, meinen besten Freund, Mr. Harthouse fortjagt, und gerade, während ich in der größten Gefahr schwebe, nach Hause geht. Schöne Liebe das! Mit jedem Wort in bezug auf unsern Besuch an dem bewußten Orte herauszurücken, während du wußtest, daß sich das Netz rings um mich zusammenzog. Schöne Liebe das! Du hast mich in aller Form aufgegeben. Du hast mich nie geliebt!«

»Macht et kurt!« rief Sleary an der Tür.

Sie eilten alle bestürzt heraus; Luise rief ihm nach, daß sie ihm vergebe und ihn noch immer liebe, daß er es eines Tages bereuen werde, sie so verlassen zu haben, und daß er sich mit Freuden an diese ihre letzten Worte erinnern würde, in weiter Ferne. Da lief jemand gegen sie an. Mr. Gradgrind und Cili, die beide vor ihm hergingen, während seine Schwester noch an seinen Schultern hing, hielten an und prallten zurück.

Denn es war Bitzer, außer Atem, seine dünnen Lippen auseinandergerissen, seine kleinen Nasenlöcher erweitert, seine weißen Augenwimpern zitternd, sein farbloses Gesicht noch farbloser als gewöhnlich. Als wenn er sich in eine weiße Hitze liefe, während sich andere Leute in Glut zu laufen pflegen. Da stand er, keuchend und schnaufend, als wenn er seit dem Abend nicht angehalten, bereits lange Zeit, nachdem er sie angerannt hatte.

»Es tut mir leid, daß ich Eure Pläne durchkreuze«, sagte Bitzer, den Kopf schüttelnd, »aber ich kann mich nicht durch Kunstreiter betrügen lassen. Ich muß den jungen Mr. Tom haben, er darf nicht von Kunstreitern weggeschafft werden; da steht er in einem Kittel und ich muß ihn haben!«

Am Rockkragen noch dazu, schien es. Denn so ergriff er Besitz von ihm.

Sechsunddreißigstes Kapitel.


Sechsunddreißigstes Kapitel.

Sie gingen in die Bude zurück und Sleary verschloß die Tür, um Eindringlinge abzuhalten. Bitzer stand, den gelähmten Verbrecher, noch immer am Kragen haltend, in der Bahn und blickte auf seinen alten Patron durch das Dunkel des Zwielichts.

»Bitzer«, sagte Mr. Gradgrind, niedergebrochen und mit kläglicher Unterwürfigkeit, »habt Ihr ein Herz?«

»Der Blutumlauf, Sir«, erwiderte Bitzer, über die Seltsamkeit der Frage lächelnd, »würde sich ohne ein solches nicht bewerkstelligen lassen. Niemand, Sir, der mit den Harveyschen Untersuchungen über den Blutumlauf vertraut ist, kann zweifeln, daß ich ein Herz habe.«

»Ist es irgendeiner Regung des Mitleids zugänglich?« rief Mr. Gradgrind.

»Es ist der Vernunft zugänglich, Sir«, erwiderte der vortreffliche junge Mann, »und nichts anderm.«

Sie standen sich gegenüber und sahen sich an, und Mr. Gradgrinds Gesicht war so bleich, wie das des Verfolgers.

»Was für einen Beweggrund – selbst was für einen vernünftigen Beweggrund – könnt Ihr haben, das Entkommen dieses unglücklichen Jünglings zu verhindern«, sagte Mr. Gradgrind, »und seinen beklagenswerten Vater zu Boden zu treten? Blickt auf seine Schwester hier. Habt Mitleid mit uns!«

»Sir«, antwortete Bitzer, in einer sehr geschäftsmäßigen und logischen Weise, »da Ihr mich fragt, was für einen vernünftigen Beweggrund ich habe, den jungen Mr. Tom nach Coketown zurückzubringen, so ist es nicht mehr als vernünftig, es Euch wissen zu lassen. Ich habe den jungen Mr. Tom vom ersten Augenblick an wegen dieses Bankdiebstahls beargwöhnt. Ich hatte mein Auge auf ihm schon vor dieser Zeit, denn ich kannte seine Schliche. Ich habe meine Beobachtungen für mich behalten, aber ich habe sie gemacht. Ich habe mir jetzt vollgültige Beweise gegen ihn verschafft, ganz abgesehen von seiner Flucht und seinem eigenen Bekenntnis, das ich gerade rechtzeitig mit anhören konnte. Ich hatte das Vergnügen, Euer Haus gestern morgen zu umlauern und Euch hierher zu folgen. Ich will den jungen Mr. Tom nach Coketown zurückbringen, um ihn Mr. Bounderby zu überliefern. Sir, ich habe nicht den geringsten Zweifel, daß Mr. Bounderby mich auf den Platz des jungen Mr. Tom befördern wird. Und ich wünsche seine Stellung zu haben, denn sie wird eine Beförderung für mich sein und mir gut tun.«

»Wenn dies ausschließlich eine Frage des persönlichen Interesses für Euch ist –« begann Mr. Gradgrind.

»Ich bitte um Verzeihung«, daß ich Euch unterbrechen muß, Sir«, fiel ihm Bitzer in die Rede; »aber es wird Euch gewiß nicht unbekannt sein, daß das ganze soziale System eine Frage des persönlichen Interesses ist. Woran Ihr Euch immer wenden müßt, das ist der persönliche Eigennutz. Das ist Euer einziger Halt. So sind wir nun einmal beschaffen. Ich wurde in diesem Katechismus erzogen, als ich noch sehr jung war, Sir, wie Euch bekannt ist.«

»Was für eine Summe«, sagte Mr. Gradgrind, »wollt Ihr gegen Eure gehoffte Beförderung gesetzt haben?«

»Ich bin Euch zu Dank verpflichtet, Sir«, entgegnete Bitzer, »daß Ihr mir diesen Vorschlag macht; aber ich will gar keine Summe dagegen gesetzt haben. Da ich voraussah, daß Euer heller Kopf diese Alternative stellen würde, so habe ich diese Berechnungen in meinen Gedanken überschlagen, und finde, daß eine Untreue zu begehen, selbst um eine sehr hohe Summe nicht so sicher und vorteilhaft für mich sein würde, als meine besseren Aussichten bei der Bank.«

»Bitzer«, sagte Mr. Gradgrind, seine Hände ausstreckend, als wollte er sagen: Sieh, wie elend ich bin! »Bitzer, ich sehe nur noch eine Möglichkeit, Euren Sinn zu beugen. Ihr wart viele Jahre in meiner Schule. Entschließt Euch in dankbarer Erinnerung an die Mühe, die man dort auf Euch verwandt hat, von Eurem augenblicklichen Interesse abzusehen und meinen Sohn loszulassen. Ich bitte Euch inständig, ihm die Wohltat dieser dankbaren Erinnerung zu gewähren.«

»Ich wundere mich wirklich, Sir«, versetzte sein alter Schüler im Tone eines Beweisführers, »Euch in einer so unhaltbaren Stellung zu sehen. Mein Unterricht wurde bezahlt; er beruhte auf einem Handelskontrakt, und der Kontrakt war zu Ende, als ich die Schule verließ.«

Es war ein Hauptgrundsatz der Gradgrindschen Philosophie, daß alles zu bezahlen sei. Niemand war unter irgendwelchen Umständen verpflichtet, jemandem irgend etwas zu geben oder irgendwelche Hilfe zu leisten ohne Kaufpreis. Dankbarkeit mußte abgeschafft werden und die aus ihr entspringenden Tugenden mußten aufhören zu existieren. Jeder Zoll des menschlichen Daseins hatte ein auf dem Kassentische abgeschlossener und geregelter Vertrag zu sein. Und wenn wir über den Zahltisch nicht in den Himmel kommen konnten, dann war er kein nationalökonomischer Platz, und wir hatten nichts dort zu suchen.

»Ich leugne nicht«, fuhr Bitzer fort, »daß mein Unterricht billig war. Aber das paßt ja gerade gut, Sir. Ich bin um den billigsten Marktpreis geliefert worden, und habe mich um den teuersten zu verkaufen.«

Hier wurde er durch Luisens und Cilis Weinen etwas außer Fassung gebracht.

»Laßt das, wenn ich bitten darf«, sagte er, »das nützt nichts und stört nur. Ihr scheint zu glauben, ich hätte eine gewisse Feindseligkeit gegen den jungen Mr. Tom; aber ich habe gar keine. Ich beabsichtige nur, aus den erwähnten vernünftigen Gründen, ihn nach Coketown zurückzubringen. Wenn er Widerstand leisten sollte, so würde ich den Ruf erheben: Haltet den Dieb! Aber er wird keinen Widerstand leisten. Ihr könnt Euch darauf verlassen.«

Mr. Sleary, der mit offenem Munde und sein rollendes Auge so unbeweglich in seinen Kopf gezwängt, wie sein feststehendes, diesen Lehrsätzen in tiefer Aufmerksamkeit sein Ohr geliehen hatte, tat jetzt einen Schritt vorwärts.

»Tquire, Ihr wißt tehr wohl und Eure Tochter weit sehr wohl (better alt Ihr, weil ich et ihr getagt habe), dat et mir unbekannt war, wat Euer Tohn begangen, und dat ich et auch nicht tu wissen wünte – ich tagte, et wäre better, obgleich ich tu der Teit nur glaubte, et wäre eine Lumperei. Jedoch, da dieter junge Mann erklärt hat, bat et ein Bankdiebtahl it, so it dat eine tehr ernthafte Tache; viel tu ernthaft für mich, um diete Tache beitulegen, wie dieter junge Mann tich tehr pattend auttudrücken beliebt. Daher dürft Ihr mir et nicht übel nehmen, Tquire, wenn ich mich auf die Teite von dietem jungen Mann telle und tage, er hat recht und da it nicht tu helfen. Aber ich will Euch tagen, wat ich tun will, Tquire, ich will Euren Tohn und dieten jungen Mann tur Eitenbahn fahren und hier eine öffentliche Blottellung verhüten. Ich kann nicht versprechen, mehr tu tun, aber dat will ich tun.«

Neue Wehklagen von Luise und tiefere Betrübnis von seiten Mr. Gradgrinds folgten diesem Verrat ihres letzten Freundes. Aber Cili blickte mit großer Spannung auf ihn, auch mißverstand sie ihn nicht. Als sie alle im Begriff waren hinauszugehen, begünstigte er sie mit einem leichten Rollen seines beweglichen Auges, um ihr anzuzeigen, daß sie zurückbleiben sollte. Als er die Türe schloß, sagte er aufgeregt:

»Der Tquire tand Euch bei, Tetilia, und ich werde dem Tquire beitehen. Mehr alt dat. Diet it ein Prachttaugenicht‘ und gehört dem polternden Turken, den meine Leute fat aus dem Fenster warfen. Et wird eine fintere Nacht geben. Ich habe ein Pferd besorgt, dat allet tun wird, nur nicht tprechen; ich habe ein Pony in Bereittaft, dat fünftehn Meilen in einer Tunde macht, wenn et Childert lenkt, ich habe einen Hund, der teinen Mann vierundtwantig Tunden auf einem Platte hält. Wechtelt ein Wort mit dem jungen Tquire. Tagt ihm, wenn er tieht, dat unter Pferd tu tanten beginnt, so toll er tich nicht fürchten, umgeworfen tu werden, tondern tarf nach einem herankommenden Pony-Gig auttuen. Tagt ihm, wenn er dat Gig dicht hinter tich bemerkt, to toll er heruntertpringen, et werde ihn im Trab davonfahren. Wenn mein Hund dieten jungen Mann einen Fut aufheben lätt, to gebe ich ihm die Erlaubnit, tu gehen. Und wenn mein Pferd tich von dem Platte rührt, wo et tu tanzen anfängt, vor Morgen, – dann kenne ich it tlecht! Macht et kurt!«

Es wurde so kurz gemacht, daß innerhalb zehn Minuten Mr. Childers, der auf dem Marktplatze in einem Paar Pantoffeln herumschlenderte, seinen Wink hatte und Mr. Slearys Equipage bereit war. Es war ein schöner Anblick, den gelehrigen Hund um dieselbe herumbellen und Mr. Sleary ihn mit seinem einzigen brauchbaren Auge unterweisen zu sehen, daß Bitzer der Gegenstand seiner besonderen Aufmerksamkeit sein solle. Bald nach Dunkelwerden stiegen alle drei ein und fuhren ab. Der gelehrige Hund (ein furchteinflößendes Tier) verfolgte schon Bitzer mit seinen Augen und hielt sich neben dem Wagen hart an seiner Seite, damit er für ihn bereit sei, im Falle er die leiseste Neigung zum Aussteigen verraten sollte.

Die andern drei blieben im Wirtshaus die ganze Nacht hindurch in großer Unruhe auf. Um acht Uhr des Morgens erschien Mr. Sleary mit dem Hunde wieder; beide sehr frohen Mutes.

»Allet in Ordnung, Tquire!« rief Mr. Sleary, »Euer Tohn kann in dietem Augenblicke am Bord einet Tiffes tein. Childert nahm ihn anderthalb Tunden nach unterer Abfahrt am vergangenen Abend auf. Dat Pferd tantte die Polka, bit et ermüdet war (et würde gewallt haben, wenn et nicht im Getirr geweten wäre), dann gab ich ihm dat Wort und et begann behaglich tu tlafen. Alt dat Prachtexemplar vom jungen Taugenicht‘, tagte, er wolle tu Fut weiter gehen, hing tich der Hund an tein Halttuch mit allen vier Beinen in der Luft, tog ihn nieder und rollte ihm dat Unterte tu oben. To kam er turück in den Wagen und tat hier, bit ich dat Pferd umwandte, um halb tieben Uhr dieten Morgen.«

Mr. Gradgrind überschüttete ihn natürlich mit Danksagungen, und spielte so zart er konnte auf eine anständige Geldbelohnung an.

»Ich telbt verlange kein Geld, Tquire, aber Childert it Familienvater, und wenn Ihr ihm etwa eine Fünfpfundnote anbieten tolltet, to dürfte tie nicht turückgewieten werden. In gleicher Weite, wenn Ihr vielleicht willent wäret, ein Haltband für den Hund oder ein Glockentpiel für dat Pferd tu ertehen, to würde ich tehr erfreut tein, et antunehmen. Grog nehme ich immer.« Er hatte bereits ein Glas bestellt, und jetzt bestellte er ein anderes. »Wenn Ihr nicht glauben tolltet, er hiete ut weit gehen, eine kleine Tpende der Geselltaft tu machen, ungefähr drei Mark techtig auf den Kopf, Luce nicht gerechnet, to würde et tie glücklich machen.«

Mr. Gradgrind übernahm es sehr gern, alle diese kleinen Beweise seiner Dankbarkeit zu geben; obgleich er sagte, sie seien seiner Meinung nach viel zu gering für einen solchen Dienst.

»Tehr gut, Tquire; dann, wenn Ihr untere Vortellungen betuchen wollt, to oft Ihr könnt, to werdet Ihr die Rechnung mehr alt aufgeglichen haben. Nun, Tquire, wenn Eure Tochter mir erlauben will, ich möchte ein Wort in’t Geheim mit Euch tprechen.«

Luise und Cili zogen sich in ein anstoßendes Gemach zurück; Mr. Sleary, der seinen Grog stehend umrührte und trank, fuhr fort:

Tquire, ich brauche Euch nit erst tu tagen, dat Hunde wunderbare Tiere tind.«

»Ihr Instinkt«, sagte Mr. Gradgrind, »ist überraschend.

»Wie Ihr et auch heiten mögt – und ich bin froh, wenn ich weit, wie et heiten et it erstaunlich. Der Weg, auf dem ein Hund Euch finden will – in der Richtung wird er kommen!«

»Weil«, versetzte Mr. Gradgrind, »sein Geruch so fein ist.«

»Et würde mich glücklich machen, wenn ich wütte, wie ich et nennen tollte«, widerholte Sleary, sein Haupt schüttelnd, »aber, Tquire, ich habe Hunde mich finden getehen, auf eine Weite, die mich denken lätt, ob der Hund nicht tu einem andern Hunde gegangen und ihn gefragt hat: ›Kennt ihr nicht vielleicht eine Perton nament Tleary? Perton nament Tleary, im Kuntreiterberuf – untertetzter Mann – Tielauge?‹ Und dieter dürfte dann getagt haben: ›Nun, ich kann nicht tagen, dat ich ihn pertönlich kenne, aber ich kenne einen Hund, der, glaube ich wohl, mit ihm bekannt tein könnte.‹ Und dann mag dieter Hund noch einmal darüber nachgedacht und getagt haben: ›Tleary, Tleary! O ja, gant ticher! Ein Freund von mir erwähnte ihn einmal. Ich kann euch teine Adrette augenblicklich geben.‹ Weil ich vor dem Publikum tehe und to viel herumkomme, to begreift Ihr, Tquire, dat eine grote Tahl Hunde mit mir bekannt tein mut, die ich nicht kenne?«

Mr. Gradgrind schien durch diese Betrachtungen ganz verwirrt zu werden.

»Einmal«, sagte Sleary, nachdem er seine Lippen an den Grog gesetzt hatte, »waren wir in Chethter, et mag wohl ungefähr viertehn Monate her tein. Wir waren gerade im Begriff, an einem Morgen untere »Kinder im Walde« eintuüben, alt ein Hund durch dat Theatertor in untere Reitbahn hereinkam. Er hatte einen langen Weg turückgelegt und war in einer tehr üblen Verfattung, lahm und fat gant blind. Er ging rund herum tu unteren Kindern, von einem tum andern, alt wenn er ein Kind tuchte, dat er kannte; dann kam er tu mir, tellte tich hinten auf und mit den twei Vorderfüten in die Höhe, krank wie er war, und darauf wedelte er mit dem Twante und krepierte. Tquiere, dieter Hund war Merrylegt.«

»Cilis Vaters Hund?«

»Tetilias Vaters alter Hund. Nun, Tquiere, kann ich einen Eid darauf ablegen, wie ich den Hund kenne, dat jener Mann tot und begraben war – bevor der Hund tu mir zurückkam. Jotephine, Childert und ich betprachen et lange Teit, ob ich treiben tollte oder nicht. Aber wir kamen überein: Nein. Denn et gibt nicht‘ angenehmet tu berichten, warum alto ihren Tinn beunruhigen und tie unglücklich machen? Ob ihr Vater tie bötwillig verlier, oder ob er lieber tein Hert allein brechen latten, alt tie tugleich mit tich verderben wollte, wird nie bekannt werden, Tquire, bit – nein, bit wir witten, wie ein Hund unt autfindet.«

»Sie bewahrt die Flasche, nach der er sie ausgeschickt hatte, noch bis zu dieser Stunde; und sie wird an seine Liebe noch bis zum letzten Augenblick ihres Lebens glauben«, sagte Mr. Gradgrind.

»Dat teint einem twei Dinge tu beweiten, nicht wahr, Tquire?« sagte Mr. Sleary, während er nachdenklich auf den Grund seines Grogs blickte. »Dat eine it, dat et eine Liebe in der Welt gibt, die nicht durchweg im tieften Grunde Eigennutz, tondern etwat gant anderet it; dat andere, dat die eine Art Telbtberechnung oder Nichtberechnung kennt, die in gewitter Weite to twer tu beteichnen it, alt die Handlungtweite einet Hundet!«

Mr. Gradgrind blickte aus dem Fenster und gab keine Antwort, Mr. Sleary leerte sein Glas und rief die Damen zurück.

»Tetilie, meine Liebe, kütt mich und leb wohl! Mitt Tquire, tu tehen, wie Ihr tie alt eine Tweter behandelt und alt Tweter, der Ihr Vertrauen und Achtung von ganter Teele tenkt und noch mehr alt dat, it ein Anblick, der mir tehr wohl tut. Ich hoffe, Euer Bruder wird leben, um et better um Euch tu verdienen und Euch mehr Freude tu machen. Tquire, gebt mir Eure Hand tum erten und tum lettenmale. Ärgert Euch nicht über arme Vagabunden. Dat Volk mut amütiert werden. Nicht alle Leute können gelehrt und nicht alle können Arbeiter tein; untereint it nicht dafür gemacht. Ihr mütt unt haben, Tquire. Teil daher klug und freundlich tugleich, und macht dat bete aut unt, und nicht dat tlechtete!«

»Und ich würde nie tuvor geglaubt haben«, sagte Mr. Sleary, indem er seinen Kopf noch einmal zur Tür hereinstreckte, »dat ich to viel von einem Schwätzer hätte!«

Zweiundzwanzigstes Kapitel.


Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Es dunkelte, als Stephen Mr. Bounderbys Haus verließ. Die Schatten der Nacht waren so dicht herabgesunken, daß Stephen nicht um sich blickte, während er die Tür zumachte, sondern sich gerade die Straße hinabschleppte. Nichts lag seinen Gedanken ferner als die sonderbare Alte, der er bei seinem früheren Besuche in demselben Hause begegnet war, als er einen wohlbekannten Schritt hinter sich hörte und sich umwendend diese in Rachaels Gesellschaft erblickte.

Er sah Rachael jetzt erst, da er sie vorher nur gehört hatte.

»Ach, meine gute Rachael! Liebe Frau, Sie mit ihr!«

»Jawohl, und nun seid Ihr sicherlich überrascht, und ich muß sagen, mit Recht«, entgegnete die Alte. »Hier bin ich wieder, wie Ihr seht.«

»Aber, wieso mit Rachael?« fragte Stephen. Er schloß sich ihnen an und ging, von einer zur andern blickend, zwischen beiden.

»Nun, ich traf dieses hübsche, gute Mädchen, als ich auf Euch gestoßen war«, sagte die Alte, in munterem Ton antwortend. »Meine Besuchszeit fällt dieses Jahr später als gewöhnlich, denn ich war von Atemnot geplagt und verschob daher die Reise, bis das Wetter gut und warm geworden. Aus demselben Grunde lege ich die Reise nicht an ein und demselben Tage zurück, sondern verteile sie auf zwei Tage, und übernachte heute im Kaffeehaus bei der Eisenbahn (ein hübsches, reinliches Haus das), und fahre morgen früh um sechs Uhr wieder mit dem Parlamentszug zurück. ›Nun, was hat das alles aber mit diesem guten Mädchen zu tun?‹ fragt Ihr. Das will ich Euch sagen. Ich habe gehört, daß sich Mr. Bounderby verheiratet hat. Ich las es in der Zeitung, wo es sich großartig ausnahm – oh, es nahm sich prachtvoll aus!« die Alte verweilte bei diesem Gedanken mit sonderbarer Begeisterung, »und ich möchte seine Frau sehen. Ich habe sie noch nie gesehen. Nun stellt Euch nur vor, seit heute mittag hat sie das Haus nicht verlassen. Um sie aber nicht zu leicht aufzugeben, wartete ich noch ein letztes Weilchen, als ich an diesem guten Mädchen zwei- oder dreimal vorüberging, und sie so freundlich ausschaute, so sprach ich sie an und wir kamen in eine Unterhaltung. Da habt Ihr’s nun!« sagte die Alte zu Stephen, »das übrige könnt Ihr selbst erraten, und wie ich glaube, um vieles rascher, als ich es sagen kann.«

Stephen mußte abermals einen instinktmäßigen Widerwillen gegen diese Frau überwinden, obgleich ihr Benehmen so anständig und einfach wie nur möglich war. Mit einem Wohlwollen, das ihm und, wie er wußte, auch Rachael so natürlich war, blieb er bei dem Gegenstand, der sie in ihrem Alter noch so interessierte.

»Nun, Frauchen«, sagte er, »ich habe die Dame gesehen, und sie ist ebenso jung als schön. Sie hat schöne, dunkle und verständige Augen und ein stilles Wesen, Rachael, wie ich nie etwas Ähnliches erblickt habe.«

»Jung und schön. Ja«, rief die Alte ganz entzückt. »So lieblich wie eine Rose. Und was für eine glückliche Frau!«

»Freilich, liebe Frau, ich vermute, sie ist es«, sagte Stephen, warf jedoch einen zweifelhaften Blick auf Rachael.

»Ihr vermutet, daß sie es sei? Sie muß es sein. Sie ist die Frau Eures Herrn«, versetzte die Alte.

Stephen nickte beistimmend. »Obwohl, was den Herrn anbelangt«, sagte er, einen flüchtigen Blick auf Rachael werfend, »mein Herr gewesen. Es ist aus zwischen mir und ihm.«

»Hast du die Arbeit bei ihm verlassen?« fragte Rachael besorgt und schnell.

»Nun, Rachael«, antwortete er, »ob ich die Arbeit verlasse oder ob die Arbeit mich verläßt, kommt auf eins heraus. Seine Arbeit und ich sind geschieden. Es ist auch gut so – besser noch – dachte ich, als daß du mit mir hättest gehen müssen. Es hätte mir nur Verdruß verursacht, wenn ich geblieben wäre. Vielleicht ist’s gar eine Wohltat für mich. Jedenfalls muß es geschehen. Ich muß nun Coketown den Rücken kehren und mein Glück suchen, Liebe, indem ich von vorne anfange.«

»Wohin willst du gehen, Stephen?«

»Ich weiß noch nicht heute nacht«, sagte er, indem er den Hut lüftete und sich das dünne Haar mit der flachen Hand glättete. »Aber ich gehe noch nicht heute nacht fort, Rachael, auch morgen nicht. Es ist nicht so leicht zu wissen, wohin ich mich wenden soll, doch werden mir schon gute Gedanken kommen.«

Auch hier kam ihm seine Natur, uneigennützig zu denken, wieder zu Hilfe. Bevor er noch Mr. Bounderbys Haustür zugemacht hatte, war ihm der Gedanke gekommen, daß es wenigstens für sie gut sei, wenn er nun gehen müsse, da sie dadurch der Möglichkeit entgehe, in seine Angelegenheit mit hineingezogen zu werden, bloß weil sie zu ihm hielt. Obwohl es ihm viel Schmerz verursachen mußte, sie zu verlassen, und obwohl er keinen Ort wußte, wohin seine Verfehmung ihn nicht verfolgen würde, so war es vielleicht gegen die Schwierigkeiten und Drangsale, die ihm bevorstanden, noch eine Erleichterung, die Leiden der verflossenen vier Tage aufgeben zu müssen.

Darum sagte er auch mit voller Wahrheit: »Es ist mir wohler dabei, Rachael, als ich gedacht hätte.« Sie mochte nicht seine Last schwerer machen. Sie antwortete mit ihrem trostreichen Lächeln, und die drei setzten ihren Weg fort.

Das Alter findet, besonders wenn e« sich bestrebt, selbstvertrauend und munter zu erscheinen, viel Rücksicht bei den Armen. Die alte Frau war so anständig und machte so wenig Umstände mit ihren Gebrechen, obwohl diese seit ihrer ersten Zusammenkunft mit Stephen sich noch vermehrt hatten, daß sie beide Interesse für sie faßten.

Sie war zu lebhaft, um zu dulden, daß sie ihretwegen langsamer gingen. Aber sie nahm es dankbar auf, daß man mit ihr sprach, und sie sprach selbst gern und ausführlich wie immer. Als die beiden nun ihr Stadtviertel erreichten, war die Alte munterer und lebhafter als je.

»Kommt mit in meine bescheidene Wohnung, Frau«, sagte Stephen, »und trinkt etwas Tee. Rachael wird auch kommen, und dann will ich Euch nach Eurem Reisehotel bringen. Es dürfte lange dauern, Rachael, eh ich wieder die Gelegenheit habe, in deiner Gesellschaft zu sein.«

Sie sagten zu, und alle drei begaben sich nach dem Hause, wo er wohnte. Als sie in die enge Straße kamen, warf Stephen einen flüchtigen Blick nach dem Fenster mit einer Angst, die seine trostlose Wohnung stets umschwebte. Es war jedoch offen, so wie er es verlassen hatte, und niemand befand sich daselbst. Der Dämon seines Lebens war seit einigen Monaten wieder verschwunden, und seitdem hatte er nichts von ihr vernommen. Das einzige Zeugnis von ihrer letzten Wiederkehr gaben die spärlicheren Möbel seines Zimmers und die grauer gewordenen Haare seines Kopfes.

Er zündete ein Licht an, machte ein Teebrett zurecht, holte warmes Wasser von unten und brachte von dem nächsten Kaufladen kleine Portionen Tee und Zucker, einen Laib Brot und etwas Butter. Das Brot war neubacken und krustig, die Butter frisch und der Zucker natürlich weiß – als Bestätigung der apodiktischen Behauptung der Coketowner Magnaten, daß »diese Leute wie die Prinzen leben«. Rachael bereitete den Tee (eine so große Gesellschaft machte das Borgen einer Tasse nötig) und der Gast genoß ihn mit vielem Vergnügen. Es war der erste Strahl gesellschaftlicher Freuden, der dem Wirt seit langer Zeit zuteil geworden. Auch er, vor dem die Welt wie eine weite Wüste dalag, erfreute sich des bescheidenen Mahles – wieder ein Beispiel zur Bekräftigung des Magnatenausspruches, daß es »diesen Leuten an aller und jeder Berechnung fehlt«.

»Ich hab‘ noch nicht daran gedacht, Mistreß«, sagte Stephen, »Euch nach Eurem Namen zu fragen.«

Die alte Frau stellte sich als »Mrs. Pegler« vor.

»Witwe vermutlich?« fragte Stephen.

»Oh, seit langen Jahren.« – Mrs. Peglers Mann (einer der besten, die es je gegeben) war, nach Mrs. Peglers Berechnung, schon tot, als Stephen geboren wurde.

»Das war auch ein schlimmes Schicksal, einen so guten Mann zu verlieren«, sagte Stephen. »Sind Kinder da?«

Mrs. Peglers Obertasse rasselte, wie sie diese in der Hand hielt, gegen die Untertasse und deutete auf ihre nervöse Aufregung. »Nein«, sagte sie. »Nicht jetzt, nicht jetzt.«

»Tot, Stephen«, deutete Rachael mit sanfter Stimme an.

»Es tut mir leid, daß ich davon gesprochen«, sagte Stephen. »Ich hätte daran denken sollen, daß ich eine wunde Stelle berühren würde. Ich – ich muß mich selbst tadeln.«

Während er sich entschuldigte, rasselte die Tasse der alten Frau immer mehr. »Ich hatte einen Sohn«, sagte sie mit seltsamer Betrübnis, die nicht den gewöhnlichen Schmerzäußerungen gleichkam, »dem es wohl, wunderbar wohlging. Aber, bitte, schweigen wir davon. Er ist –«, indem sie die Tasse niederstellte, machte sie eine Bewegung mit der Hand, wie um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, »tot«. Dann rief sie laut: »Ich habe ihn verloren!«

Stephen hatte sich noch nicht darüber beruhigt, der alten Frau Schmerz verursacht zu haben, als die Hauswirtin die enge Treppe heraufgestolpert kam, ihn an die Tür rief und ihm etwas ins Ohr flüsterte. Mrs. Pegler war durchaus nicht taub, denn sie griff das Wort auf, so wie es ausgesprochen wurde.

»Bounderby«, rief sie mit gedämpfter Stimme, indem sie vom Tische aufsprang. »Oh, verbergt mich. Laßt mich um alle Welt nicht gesehen werden. Laßt ihn nicht herauf, bis ich fort bin. Bitte, bitte sehr!« Sie zitterte und war über die Maßen aufgeregt. Als Rachael sie zu beruhigen suchte, verbarg sie sich hinter dieser und schien nicht zu wissen, was sie anfangen sollte.

»Aber hört doch, liebe Frau, hört doch«, sagte Stephen erstaunt. »Es ist nicht Mr. Bounderby. Es ist seine Frau. Ihr werdet Euch doch vor ihr nicht fürchten. Ihr waret ja kaum vor einer Stunde noch ganz beglückt von ihr.«

»Seid Ihr aber gewiß, daß es die Lady und nicht der Herr ist?« fragte sie noch immer zitternd.

»Vollkommen gewiß.«

»Nun denn, bitte, sprecht nicht mit mir und nehmt auch keine Notiz von mir«, sagte die Alte. »Überlaßt mich ganz mir selbst in dieser Ecke.«

Stephen nickte zustimmend und sah Rachael fragend an. Aber auch sie konnte ihm keine Erklärung geben. Dann nahm er das Licht, ging hinunter und kehrte nach einigen Augenblicken, Luisen ins Zimmer leuchtend, wieder zurück. Der Bengel folgte ihr nach.

Rachael hatte sich erhoben und stand abseits mit ihrem Schal und Hut in der Hand, als Stephen, durch diesen Besuch höchst überrascht, das Licht auf den Tisch setzte. Dann stand er da, die Hände auf einem nahen Tische übereinandergelegt und harrte, was sie begehre.

Luise hatte zum erstenmal in ihrem Leben eine der Wohnungen der Coketowner Arbeiter besucht, und zum ersten Male in ihrem Leben erschienen ihr diese mit einer Art Individualität behaftet. Sie wußte von deren Existenz zu Hunderten und Tausenden. Sie wußte, welche Resultate eine gegebene Zahl derselben in einem bestimmten Zeiträume an Arbeitsmengen leisten würde. Sie wußte, wie diese in Massen, gleich Ameisen und Käfern, von oder zu ihren Nestern sich bewegten.

Etwas, das so und so viel Arbeit liefern muß und mit so und so viel bezahlt wird und dann endigt! etwas, das unfehlbar nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage reguliert werden muß – zugleich aber etwas, das stets gegen diese Gesetze verstößt und sich in Verlegenheiten stürzt; etwas, das ein bißchen hungert, wenn Weizen teuer ist und sich überißt, wenn Weizen wohlfeil ist: etwas das mit so viel Prozent sich vermehrt, und wieder so viel Prozent in Verbrechen und so viel Prozent an Verarmung und Verelendung abwirft: etwas, das ein Handelsartikel im großen ist, wodurch schon unermeßliche Reichtümer erworben wurden: etwas, das gelegentlich gleich der See steigt und viel Schaden und Nachteil (vorzüglich sich selbst) verursacht und darauf wieder fällt – das war alles, was sie über die Coketowner Arbeiter wußte. Sie hatte jedoch kaum mehr daran gedacht, diese Massenbegriffe in Einheiten aufzulösen, wie die See selbst in die Tropfen, aus denen sie zusammengesetzt ist, zu teilen.

Einige Augenblicke stand sie da und blickte sich im Zimmer um. Von den wenigen Stühlen, den wenigen Büchern, den billigen Kupferstichen und dem Bett warf sie einen flüchtigen Blick auf die beiden Frauen und auf Stephen.

»Ich kam, um Euch wegen des soeben Vorgefallenen zu sprechen. Ich möchte mich Euch gern nützlich erweisen, wenn Ihr nichts dagegen habt. Ist das Eure Frau?«

Rachael erhob ihre Augen, die genugsam die Frage verneinten, und ließ sie dann wieder sinken.

»Ich besinne mich«, sagte Luise, über den Mißgriff errötend, »ich besinne mich, von Eurem häuslichen Unglück sprechen gehört zu haben, obwohl ich damals den Einzelheiten keine besondere Aufmerksamkeit schenkte. Es lag nicht in meiner Absicht, eine Frage zu stellen, die einem der Anwesenden Schmerz verursachen könnte. Sollte ich eine andere Frage tun, die das gleiche Resultat hervorbringen könnte, so bitte ich Euch, mir zu glauben, daß es nur aus Unwissenheit geschieht, wie ich mit Euch zu sprechen habe.«

So wie Stephen sich erst vor kurzem instinktmäßig an sie gewandt hatte, so wandte sie sich jetzt instinktmäßig an Rachael. Ihr Benehmen war kurz und abgebrochen und doch unsicher und furchtsam.

»Er hat Euch gesagt, was zwischen ihm und meinem Manne vorgegangen war. Ihr müßt wohl, wie ich glaube, seine erste Zuflucht sein?«

»Ich habe das Ende davon gehört, junge Dame«, sagte Rachael.

»Verstand ich recht, daß er, wenn er von einem Arbeitgeber zurückgewiesen ist, wahrscheinlich von allen zurückgewiesen werden dürfte? Ich glaube, er sagte das ungefähr?«

»Die Aussicht ist sehr gering, junge Dame, beinahe gleich Null für einen Mann, der einen schlechten Ruf unter ihnen erlangt hat.«

»Was muß ich unter dem Ausdruck »schlechten Ruf« verstehen?«

»Den Ruf, ein unruhiger Kopf zu sein.«

»Er ist also durch die Vorurteile seines eigenen Standes und durch die Vorurteile des andern auf gleiche Weise aufgeopfert worden? Sind diese beiden Stände in unserer Stadt so sehr geschieden, daß sich zwischen ihnen für einen redlichen Arbeiter kein Platz vorfindet?«

Rachael schüttelte stillschweigend mit dem Kopf.

»Er fiel«, sagte Luise, »bei seinen Arbeitsgenossen in Verdacht, weil er das Versprechen geleistet, ihnen nicht beizutreten. Ich glaube, er muß Euch das Versprechen gemacht haben. Darf ich fragen, warum das geschah?«

Rachael brach in Tränen aus. »Ich habe ihn nicht dazu gedrängt, den Armen. Ich bat ihn, zu seinem eigenen Besten alle Unannehmlichkeiten zu vermeiden und dachte wenig daran, daß er durch mich dazu kommen werde. Aber ich weiß, daß er eher hundertmal sterben würde, als daß er sein gegebenes Wort bräche. Dafür kenne ich ihn zu gut.«

Stephen hatte in seiner gewöhnlichen, nachdenklichen Stellung, mit der Hand am Kinn, in stiller Aufmerksamkeit dagestanden. Er sprach jetzt mit einer etwas minder ruhigen Stimme als gewöhnlich.

»Niemand außer mir kann wissen, welche Ehrfurcht, welche Liebe und Achtung ich für Rachael fühle – oder aus welcher Ursache das geschieht. Als ich jenes Versprechen leistete, hielt ich sie wirklich für den Schutzgeist meines Lebens. Es war ein feierliches Versprechen. Ich habe es geleistet für immer.«

Luise wandte sich mit dem Kopfe gegen ihn und neigte ihn mit einer Ehrerbietung, die neu an ihr war. Sie blickte von ihm auf Rachael, und ihre Züge nahmen einen milderen Ausdruck an.

»Was wollt Ihr beginnen?« fragte sie ihn. Ihre Stimme war ebenfalls milder geworden.

»Nun, Ma’am«, sagte Stephen, der gute Miene zum bösen Spiel machte, mit einem Lächeln, »wenn ich mit der Arbeit zu Ende bin, dann muß ich diesen Ort verlassen und es an einem andern versuchen. Glücklich oder unglücklich – der Mensch kann nichts tun, als versuchen. Man soll nichts lassen, ohne es versucht zu haben – außer das Sichniederlegen und Sterben.«

»Wie wollt Ihr reisen?«

»Zu Fuß, meine gute Lady, zu Fuß.«

Luise errötete, während eine Geldbörse in ihrer Hand sichtbar wurde. Das Rauschen einer Banknote ließ sich hören, während sie eine entfaltete und auf den Tisch legte.

»Wollt Ihr ihm sagen, Rachael – denn Ihr wißt, wie es ohne Beleidigung anzustellen sei – daß dies ihm ganz zu Gebote steht, um ihm die Reise zu erleichtern? Wollt Ihr ihn inständig bitten, es anzunehmen?«

»Ich kann es nicht, junge Frau«, antwortete sie, sich mit dem Kopfe abwendend. »Gott segne Sie, daß Sie mit so viel Güte an den armen Mann denken. Aber er muß sein Herz selber kennen und wissen, was demgemäß recht ist.«

Luise sah teils ungläubig, teils erschrocken und teils von schneller Sympathie ergriffen aus, als dieser Mann von so vieler Selbstbeherrschung, der so einfach und gesetzt während der kürzlichen Unterredung gewesen war, seine Fassung in einem Augenblick verlor, und nun mit der Hand vor dem Gesicht dastand. Sie streckte die ihrige aus, wie um ihn zu berühren – dann bezwang sie sich und blieb ruhig.

»Nein, selbst Rachael«, sagte er, als er wieder mit unbedecktem Gesicht dastand, »könnte ein so liebreiches Anerbieten nicht mit liebreicheren Worten machen. Um zu zeigen, daß ich kein Mann ohne Verstand und Dankbarkeit bin, will ich zwei Pfund nehmen. Ich will sie als Darlehen annehmen und sie wieder zurückbezahlen. Und die Arbeit soll mir die süßeste sein, die ich je verrichtet: denn sie soll mich in den Stand setzen, noch einmal meine ewige Dankbarkeit für Ihre heutige Tat zu erkennen zu geben.«

Sie mußte gern oder ungern die Banknote wieder zurücknehmen und die viel kleinere Summe, die er genannt hatte, an deren Stelle setzen. Stephen war weder höflich, noch hübsch, noch pathetischer Geste: und doch lag in der Art, wie er das Geld annahm und seinen Dank ohne viel Worte ausdrückte, eine Anmut, die Lord Chesterfield seinem Sohne in einem ganzen Jahrhundert nicht hätte beibringen können.10

Tom hatte, bis der Besuch in dieses Stadium getreten war, auf dem Bett gesessen: er schwang mit ziemlicher Gleichgültigkeit einen Fuß hin und her und lutschte an seinem Spazierstock. Als er seine Schwester zum Aufbrechen bereit sah, stand er ziemlich rasch auf und rief:

»Warte nur einen Augenblick, Lu. Ehe wir fortgehen, möchte ich ihn auf einen Moment sprechen. Es fällt mir gerade was ein. Wenn Ihr mit mir auf die Treppe hinausgehen wollt, Blackpool, so will ich’s Euch sagen. Wir brauchen kein Licht, Mann.« Tom war in merkwürdiger Ungeduld, als sich Stephen nach dem Speiseschrank hin wandte, um eines zu holen. »Man braucht kein Licht dazu.«

Stephen folgte ihm nach und Tom machte die Zimmertür zu und hielt das Schloß in der Hand.

»Hört einmal!« flüsterte er. »Ich glaube. Euch einen guten Dienst erweisen zu können. Fragt mich nicht, was es ist, weil vielleicht nichts daraus werden dürfte. Aber es schadet nichts, wenn ich’s versuche.« Sein Atem wehte, einer Feuerflamme gleich, Stephens Ohren an, so heiß war er.

»Es war unser Bürodiener auf der Bank, der Euch diesen Abend die Botschaft hinterbracht hatte«, sagte Tom. »Ich heiße ihn unsern Bürodiener, weil ich auch zur Bank gehöre.«

Stephen dachte: »Was für Eile er hat!« Tom sprach auch wirklich ganz konfus.

»Nun, laßt einmal hören«, fuhr Tom fort. »Wann ist Eure Arbeitszeit hier endgültig aus?«

»Heute ist Montag«, erwiderte Stephen nachdenkend. »Nun, Sir, Freitag oder Samstag ungefähr.«

»Freitag oder Samstag«, sagte Tom. »Nun seht einmal. Ich bin nicht gewiß, ob ich Euch den guten Dienst erweisen kann, den ich beabsichtige – wißt, das ist meine Schwester, die in Eurem Zimmer ist – aber ich dürfte imstande sein, es zu tun, und sollte ich es nicht sein, so ist doch kein Schaden dabei. Darum will ich Euch was sagen. Würdet Ihr unsern Bürodiener wiedererkennen?«

»Ganz gewiß«, sagte Stephen.

»Sehr gut«, versetzte Tom. »Wenn Ihr eines Abends, zwischen heute und Eurer Abreise zu arbeiten aufhört, dann wartet doch ungefähr ein Stündchen bei der Bank. Wollt Ihr das? Laßt keine Absicht merken, wenn er Euch dort warten sieht; denn ich werde ihn nicht beauftragen, mit Euch zu sprechen, außer ich kann Euch den Dienst erweisen, den ich beabsichtige. In diesem Falle würde er einen Zettel oder eine Botschaft für Euch haben, sonst nicht. Also gebt acht! Ihr habt mich doch richtig verstanden?«

Er hatte in der Dunkelheit einen Finger in das Knopfloch von Stephens Rock gezwängt und drehte in einer ungewöhnlichen Weise jenen Winkel des Kleidungsstückes zu einem Knäuel zusammen.

»Ich verstehe wohl, Sir«, sagte Stephen.

»Nun, seht einmal«, wiederholte Tom. »Seid gewiß, daß Ihr Euch nicht irrt und vergeßt nichts. Ich werde meiner Schwester im Nachhausegehen sagen, was ich beabsichtige, und ich weiß, sie wird es billigen. Nun, seht einmal, die Sache ist doch in Ordnung, nicht wahr? Ihr versteht alles davon? Sehr gut also. Komm fort, Lu!«

Er stieß die Tür auf, während er sie rief, kehrte jedoch nicht mehr ins Zimmer zurück und wartete auch nicht, bis man ihr die engen Treppen hinunterleuchtete. Er war schon unten, als sie herabstieg, und befand sich schon auf der Straße, ehe sie seinen Arm nehmen konnte.

Mrs. Pegler blieb in ihrem Winkel, bis das Geschwisterpaar fort war und Stephen mit dem Licht in der Hand zurückkam. Sie befand sich in einem Zustand unaussprechlicher Bewunderung für Mrs. Bounderby, und weinte wie eine höchst seltsame Alte, »weil sie so ein liebes Wesen sei«. Zugleich war sie aber in solcher Angst, daß der Gegenstand ihrer Bewunderung zurückkehren oder sonst jemand kommen könnte, daß es mit ihrer Fröhlichkeit für heute abend vorbei war. Es war auch spät für Leute, die früh aufstanden und hart arbeiteten. Die Gesellschaft brach daher auf, und Stephen und Rachael begleiteten ihre rätselhafte Bekanntschaft bis an die Tür des Passagierhotels, wo sie sich von ihr verabschiedeten.

Sie gingen zusammen bis zur Ecke der Straße zurück, in der Rachael wohnte, und je näher sie dieser kamen, desto schweigender wurden sie. Als sie zu der dunklen Straßenecke gelangten, wo ihre seltenen Zusammenkünfte gewöhnlich endeten, hielten sie, noch immer schweigend, inne, als ob beide sich scheuten zu sprechen.

»Ich werde versuchen, dich noch einmal zu sehen, Rachael, bevor ich gehe, wo nicht aber –«

»Du wirst das nicht tun, Stephen, ich weiß es. Es ist besser, wir entschließen uns, offen gegeneinander zu sein.«

»Du hast immer recht. Es ist kühner und besser. Ich dachte daran, Rachael, daß es besser ist, wenn man dich nicht mit mir sieht, meine Liebe, da es doch nur einen oder zwei Tage dauern wird. Es könnte dir nur, ohne irgendeinen Nutzen, Unannehmlichkeiten verursachen.«

»Deshalb hätte ich nichts dagegen, Stephen. Aber du kennst unsere frühere Übereinkunft. Und das ist die Ursache.«

»Gut, gut«, sagte er. »Es ist besser so, wie es auch immer sei.«

»Du wirst mir schreiben, Stephen, und mir alles mitteilen, was vorfällt?«

»Ja. Was kann ich aber nun mehr sagen, als: Gott sei mit dir, Gott segne dich, Gott belohne dich und vergelte dir’s!«

»Möge er auch dich segnen, Stephen, auf all deinen Wegen und dir endlich Frieden und Ruhe schenken!«

»Ich sagte dir, Liebste«, versetzte Stephen Blackpool, »an jenem Abend – daß ich nichts sagen oder denken wollte, was meinen Zorn reizte, ohne daß du zu meinem Besten im Geiste bei mir stehen würdest. Du stehst mir auch jetzt zur Seite. Du läßt es mich mit gelassenem Blick ansehen. Gott segne dich. Gute Nacht. Leb‘ wohl!«

Es war ein rascher Abschied auf der gewöhnlichen Straße, und doch blieb er für diese beiden gewöhnlichen Leute eine heilige Erinnerung. Ihr Staatsökonomen und Nützlichkeitstheoretiker, ihr Schulmeistergerippe, eleganten und abgenützten Ungläubigen, ihr Prediger so mancher armseligen Glaubensbekenntnisse, die Armen sind immer euch nahe! Pflegt in ihnen, während es noch Zeit ist, alle Gaben der Phantasie und des Herzens, um ihr Leben damit zu schmücken, das so sehr der Schönheit bedarf, oder die Wirklichkeit wird, in dem Augenblicke eures Triumphes – wo die Romantik aus ihrer Seele gänzlich verscheucht ist und sie kahler Existenz euch von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen, einen wolfsartigen Charakter annehmen und euch ein Ende machen.

Stephen arbeitete den nächsten Tag und den folgenden, ohne von jemanden mit einem Wort erfreut zu werden. Er blieb wie früher in seinem Tun und Lassen von allen gemieden. Am Ende des zweiten Tages erblickte er Land, und am Ende des dritten stand sein Webstuhl leer.

An jedem der ersten zwei Abende hatte er länger als eine Stunde vor der Bank gewartet, aber nichts war vorgefallen, weder Gutes noch Schlimmes. Damit er jedoch nicht seinerseits nachlässig erscheine, entschloß er sich, in der dritten und letzten Nacht volle zwei Stunden zu warten.

Er sah die Dame, die einst den Haushalt von Mr. Bounderby besorgte, wie früher am Fenster des ersten Stockwerkes sitzen, und auch der Bürodiener befand sich dort, der zuweilen mit ihr sprach, zuweilen über das Firmenschild herabsah, wo »Bank« geschrieben stand, und zuweilen vor die Tür kam und sich auf die Stufen stellte, um frische Luft zu schöpfen. Als er zuerst herauskam, meinte Stephen, er suche ihn und ging nahe an ihm vorbei; der Bürodiener warf ihm aber nur einen blinzelnden Blick zu, sagte indessen nichts. Zwei Stunden wartend herumstreifen war nach der langen Tagesarbeit eine starke Anstrengung. Stephen setzte sich auf eine Haustürstufe, lehnte sich an die Mauer eines Schwibbogens, schlenderte hin und her, lauschte den Schlägen der Turmuhr, hielt inne und betrachtete die spielenden Kinder auf der Gasse. Es ist aber natürlich, daß jeder Wartende eine bestimmte Absicht hat, daß ein bloßer Faulenzer immer sonderbar aussieht und sich auch so fühlt. Als die erste Stunde um war, fing selbst Stephen an, von einem unbehaglichen Gefühl beschlichen zu werden, daß er für den Augenblick eine schimpfliche Rolle spiele.

Dann erschienen der Lampenanzünder und zwei sich verlängernde Lichtstreifen längs der ganzen Perspektive der Straße, bis sie sich in der Ferne vermengten und verloren. Mrs. Sparsit schloß das Fenster des ersten Stockwerkes, ließ die Jalousien herab und ging in das obere Stockwerk. Ein Licht folgte ihr gleich nach, indem es auf seinem Weg nach oben zuerst an dem fächerartigen Türfenster und an den beiden Treppenfenstern vorüberschwebte. Bald darauf geriet eine Ecke der Jalousie im zweiten Stockwerk in Bewegung, als ob Mrs. Sparsits Blick sich dahinter befände; ebenso die zweite Ecke, als ob das Auge des Bürodieners an dieser Stelle wäre. Dennoch erhielt Stephen keine Mitteilung. Um vieles erleichtert, als die zwei Stunden endlich vorüber waren, ging er, um die verlorene Zeit wieder einzuholen, raschen Schrittes nach Hause.

Er hatte nur noch von der Hauswirtin Abschied zu nehmen und sich dann auf das improvisierte Lager auf dem Boden niederzulegen; denn sein Bündel war für den folgenden Tag schon geschnürt und alles für seine Abreise vorbereitet. Er beabsichtigte, die Stadt frühzeitig zu verlassen – noch ehe die »Hände« sich in den Straßen zeigten.

Es war kaum Tagesanbruch, als er das Zimmer verließ, nachdem er einen Abschiedsblick um sich geworfen und traurig darüber nachdachte, ob er es je wiedersehen werde. Die Stadt lag so öde da, als ob deren Einwohner sie lieber verlassen hätten, als mit ihm Gemeinschaft zu pflegen. Alles hatte einen blaßtrüben Anstrich um diese Stunde. Selbst die aufgehende Sonne erschien blaß und öde am Himmel – wie ein trübes Meer.

Vorbei an dem Hause, wo Rachael wohnte, obgleich es nicht in seiner Wegrichtung lag – durch die ziegelroten Straßen – vorbei an den großen stillen Fabriken, die noch nicht erzitterten – vorbei an der Eisenbahn, wo die Signallichter in dem heller werdenden Tag erblichen – vorbei an der unordentlichen Umgebung der Eisenbahn, die halb niedergerissen und halb wieder aufgebaut war – vorbei an den zerstreuten, ziegelroten Landhäusern, wo das rauchgeschwärzte Immergrün mit schmutzigem Staub gesprenkelt war, gleich unsauberen Schnupfern – vorbei an kohlenbestaubten Wegen und einem großen Durcheinander von häßlichen Dingen – gelangte Stephen auf die Spitze eines Hügels, von wo aus er zurücksah.

Die Sonne ergoß ihren hellen Schimmer über die Stadt, und die Glocken läuteten zur Morgenarbeit. Noch brannte kein Herdfeuer, und den hohen Schornsteinen gehörte noch der Himmel, den sie bald genug bedeckten, wenn sie ihre giftigen Massen emporbliesen. Für eine halbe Stunde jedoch erglänzten die Fenster von manchen Häusern golden, Fenster, die den Coketownern durch rauchgeschwärztes Glas eine ständig verfinsterte Sonne zeigten.

Es ist so sonderbar, von den Kaminen zu den Vögeln zu gelangen – so sonderbar, den Straßenstaub anstatt der Kohlenschlacken unter den Füßen zu haben – so sonderbar, solange schon gelebt zu haben und doch an diesem Sommermorgen wie ein Schulknabe wieder zu beginnen! Mit diesen Betrachtungen im Kopf und mit dem Bündel unter dem Arm, wandte Stephen sein gedankenvolles Gesicht längs der Landstraße. Und die Bäume wölbten sich über ihm und flüsterten ihm zu, daß er ein treues, liebevolles Herz zurückgelassen.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.


Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Mr. James Harthouse widmete sich voller Hingebung seiner Partei und war bald bei ihr gut angeschrieben. Mit Hilfe von etwas vermehrtem Phrasengepäck für die politischen Kannegießer, von etwas vermehrter eleganter Lässigkeit gegen die allgemeine Gesellschaft und einem leidlichen Zurschautragen äußerer Ehrlichkeit bei innerer Unehrlichkeit – dieser höchst wirksamen und höchst begünstigten aller seinen Todsünden – wurde er bald als ein vielversprechender Mann betrachtet. Daß er nicht von Ernsthaftigkeit geplagt wurde, fiel nur als günstiger Umstand für ihn ins Gewicht; denn es ermöglichte ihm, sich unter die Herren der harten Tatsachen mit solchem Geschick zu mengen, als wäre er ein Eingeborener ihrer Sekte, und so konnte er dabei alle übrigen Sekten als bewußte Betrüger über Bord werfen.

»Lauter Leute, denen keiner von uns Glauben schenkt, meine teure Mrs. Bounderby, und die sich nicht einmal selbst Glauben schenken. Der einzige Unterschied, der zwischen uns und den Professoren der Tugendlehre, der Wohlfahrt und der Humanität – der Name tut nichts zur Sache – obwaltet, besteht darin, daß wir wohl wissen, alles ist Phrase, und es auch eingestehen, während sie es ebenfalls wissen, aber niemals das Geständnis davon ablegen wollen.«

Warum sollte ihr diese Lehre Ärgernis einflößen oder ihr als Abschreckungsmoment dienen? Solche Behauptungen waren den Grundsätzen ihres Vaters und ihrer ersten Erziehung recht verwandt, daß sie darob nicht zu erschrecken brauchte. Wo lag der Unterschied zwischen den beiden Schulen, da beide sie an die materielle Wirklichkeit schmiedeten und ihr für nichts sonst Glauben ließen? Was war in ihrer Seele für James Harthouse noch zu zerstören übriggeblieben, die Thomas Gradgrind im Zustand der Unschuld ehedem also großgezogen?

Diese Lage war aber um so schlimmer für sie, als in ihrem Geiste – in sie eingepflanzt, ehe ihr ausgezeichnet praktischer Vater ihn zu bilden begann – zwei Neigungen miteinander kämpften: ihre Ahnung von einer höheren und umfassenderen Menschlichkeit lag ständig im Kampf mit ihrer Skepsis und ihrem zweifelnden Groll. Mit Zweifeln, weil das Streben damit in ihrer Jugend erstickt worden. Mit grollenden Empfindungen, der Unbilden halber, die ihr zugefügt worden, als wären sie in der Tat Einflüsterungen der Wahrheit. Einer an Selbstunterdrückung seit langer Zeit gewöhnten Natur, die so zerrissen und mit sich selbst zerworfen war, erschien die Harthousische Philosophie als Trost und Rechtfertigung. Da doch alles hohl und wertlos war, so hatte sie nichts verloren und nichts aufgeopfert. ›Was liegt daran‹, sagte sie zu ihrem Vater, als er ihr ihren Gatten vorschlug. ›Was liegt daran‹, sagte sie noch immer. Mit »die Welt verachtender Bitterkeit« fragte sie sich selbst: ›Was ist überhaupt an allem gelegen‹, und blieb sie auf dem eingeschlagenen Wege.

Wohin? Schritt für Schritt, vorwärts und abwärts, einem Ziele zu, und doch so allmählich, daß sie selbst glaubte, still zu stehen. Was Harthouse anbelangt, so wußte er es weder, noch kümmerte er sich darum, wohin ihn seine Richtung führte. Vor ihm lag kein besonderer Entwurf, kein Plan; kein zielkräftig böses Tatverlangen störte ihn aus seiner Mattigkeit auf. Augenblicklich unterhielt und interessierte er sich gerade so viel, wie es für einen so feinen Gentleman schicklich war, vielleicht noch etwas mehr, als zu gestehen mit seinem Rufe sich vertragen hätte. Bald nach seiner Ankunft schrieb er einen lässigen Brief an seinen Bruder, das ehrenwerte und witzige Parlamentsmitglied, daß die Bounderby’s ihm »viel Spaß« machten, und ferner, daß Frau Bounderby, anstatt die Gorgone zu sein, die er vermutet hatte, jung und auffallend hübsch sei. Später schrieb er nicht mehr von ihnen, und widmete seine freie Zeit vorzüglich ihrem Hause. Er fand sich während seiner Streifereien und Besuche im Coketowner Distrikt sehr oft bei ihnen ein, wozu er von Mr. Bounderby aufgemuntert worden. Es lag ganz in Mr. Bounderbys Windmanier, vor seinen sämtlichen Bekannten damit zu prahlen, daß er sich um vornehme Leute durchaus nicht schere, daß aber, wenn seine Frau, Tom Gradgrind’s Tochter, es tue, sie in ihrem Kreise willkommen sei.

Mr. James Harthouse geriet auf den Gedanken, daß es für ihn einen neuen Reiz ausmachen müsse, wenn Luises Gesicht, das sich so schön für den Bengel veränderte, sich auch für ihn verändern würde.

Er war rasch genug im Beobachten, er besaß ein gutes Gedächtnis, und vergaß kein Wort von den Enthüllungen des Bruders. Er verwob die Worte mit allem, was er von der Schwester sah, und fing an, sie zu verstehen. Der bessere und tiefere Teil ihres Charakters lag wahrlich nicht im Bereich seiner Auffassung; denn die Naturen gleichen hierin dem Meer, in dessen Tiefen nur die Tiefe des Himmels sich abspiegelt – das übrige jedoch begann er bald mit dem Auge des Gelehrten zu lesen.

Mr. Bounderby hatte ein Haus mit Zubehör an Grund und Gelände in Besitz genommen, das ungefähr fünfzehn Meilen von der Stadt entfernt und in einer oder zwei Stunden von der nächsten Eisenbahnstation zu erreichen war. Die Eisenbahn rollte auf mehreren Schwibbogen über eine wüste Gegend hin, die von öden Kohlengruben unterminiert und des Nachts von Feuern und den dunklen Formen der Maschinen gefleckt war. Diese Gegend verlor nach Mr. Bounderby’s Ruhesitz hin allmählich an Härte und nahm daselbst einigermaßen den Schmelz einer Landschaft an, die zur Frühlingszeit golden von Heidekraut und schneeig von Hagedorn, und zur Sommerszeit zitternd von Blattlaub und deren Schatten erschien. Die Bank hatte auf dem so lieblich gelegenen Landsitz eine Hypothek gehabt, die von einem Coketowner Magnaten aufgenommen worden war. Dieser hatte sich entschlossen, einen rascheren Sprung als gewöhnlich zur Erwerbung eines enormen Vermögens zu machen und sich daher mit ungefähr zweimal hunderttausend Pfund verspekuliert. Dergleichen Fälle trugen sich zuweilen in den bestregulierten Familien von Coketown zu, obgleich die Bankrotteure in gar keiner Verbindung mit sonst liederlichen Gesellschaftsklassen standen.

Es gewährte Mr. Bounderby die höchste Befriedigung, sich auf diesem eingefriedeten, kleinen Grundbesitz häuslich einzurichten und daselbst in dem Blumengarten Kohl anzubauen. Es ergötzte ihn, inmitten der eleganten Möbel ein Barackenleben zu führen, und er übertäubte selbst die Gemälde mit seiner Herkunft. »Nun, Sir«, pflegte er zu einem Gaste zu sagen, »man sagte mir, daß Nickit, der frühere Eigentümer, siebenhundert Pfund für jenes Strandgemälde zahlte. Um aufrichtig zu sagen, so wird es schon viel sein, wenn ich in meinem ganzen Leben es siebenmal anblicke, was hundert Pfund für den Blick macht. Nein, Donnerwetter! Ich will nicht vergessen, daß ich Josiah Bounderby von Coketown bin! Jahrelang waren die einzigen Bilder, die ich besaß, oder die ich bekommen konnte, ohne sie stehlen zu müssen, in dem Bilde von dem Mann, der sich im glänzend gewichsten Stiefel spiegelt, und in den Etiketten von Stiefelwichs-Büchsen. Ich war froh, wenn ich solche Etiketten beim Schuhwichsen bekam und verkaufte sie dann mit Vergnügen für ein Viertelpency.«

Dann sprach er Mr. Harthouse in ähnlicher Weise an: »Harthouse, Sie haben da unten ein paar Pferde. Bringen Sie noch ein halbes Dutzend und es wird sich Platz für sie finden. Hier gibt es Stallungen für ein Dutzend Pferde, und wenn man Nickit nicht verleumdet hat, so hielt er diese runde Zahl. Ein rundes Dutzend, Sir. Als Knabe besuchte jener Mann die Westminster Schule. Ging als königlicher Stipendiat in die Westminster Schule, während ich hauptsächlich von Wildbretgedärmen lebte und in Marktkörben schlief. Nun, wenn ich ein Dutzend Pferde halten müßte – was ich aber nicht zu tun brauche, eins ist genug für mich – so könnte ich ihren Anblick in den Ställen hier nicht ertragen, ohne dabei denken zu müssen, was meine eigene Wohnung zu sein pflegte. Ich könnte sie nicht ansehen, ohne sie gleich ’nauszuschmeißen. Aber so ändern sich die Dinge. Sie sehen diesen Ort. Sie wissen, was für ein Ort es ist. Sie wissen wohl, daß es keinen vollkommeneren Ort von seinem Umfange in diesem Königreiche oder anderwärts gibt – Es ist mir auch einerlei wo – und hier befindet sich in seiner Mitte, wie die Made im Speck – Josiah Bounderby. Während Nickits (wie ein Mann, der gestern in mein Büro kam, mir berichtete), der in den lateinischen Stücken der Westminster Schule mitzuspielen pflegte, wobei ihn die Hauptautoritäten und der Adel unseres Landes solange beklatschten, bis sie schwarz im Gesichte wurden – in diesem Augenblicke halb blödsinnig ist – halb blödsinnig, Sir, und das im fünften Stock in einer düsteren, engen Gasse in Antwerpen!

Es war in den langen schwülen Sommertagen unter den Blätterschatten dieses Ruhesitzes, wo Mr. Harthouse seine Experimente mit dem Gesicht begann, dessen erster Anblick ihn so außerordentlich berührte und versuchte, ob es sich nicht für ihn verändern würde.

»Mrs. Bounderby, ich halte es für einen sehr glücklichen Zufall, daß ich Sie hier allein finde. Ich hege seit einiger Zeit den besonderen Wunsch, Sie zu sprechen.«

Es war nicht durch einen wunderbaren Zufall, daß er sie gefunden, da es um jene Tageszeit war, wo sie sich immer allein befand und dieser Platz ihren Lieblingsaufenthalt bildete. Es war eine Lichtung im dunklen Hain, wo einige gefällte Bäume umherlagen, und wo sie zu sitzen pflegte, um das abgefallene Laub vom vergangenen Jahre zu beobachten, sowie sie im elterlichen Hause die fallende Asche beobachtete.

Er setzte sich neben sie, indem er einen flüchtigen Blick auf ihr Gesicht warf.

»Ihr Bruder, mein junger Freund Tom –«

Ihre Züge klärten sich auf, und sie wandte sich gegen ihn mit einem teilnahmsvollen Blick. »Nie in meinem Leben«, dachte er, »sah ich etwas so Merkwürdiges und Einnehmendes als das Aufstrahlen jener Züge!« Sein Gesicht verriet seine Gedanken – vielleicht ohne ihn zu verraten, denn es mochte wohl auf diese Wirkung eingeschult gewesen sein.

»Verzeihen Sie. Der Ausdruck Ihrer schwesterlichen Teilnahme ist so schön – Tom sollte stolz darauf sein. – Ich weiß, dies ist nicht zu entschuldigen – aber ich kann nicht umhin, Sie zu bewundern –«

»Bei Ihrer Empfänglichkeit?« sagte sie ruhig.

»Nein, Mrs. Bounderby, Sie wissen, ich heuchle nicht vor Ihnen. Sie wissen, ich bin ein grobes Stück von Menschennatur, bereit, mich zu jeder Zeit für jede vernünftige Summe zu verkaufen, und durchaus jedes arkadischen Benehmens unfähig.«

»Sie wollten mir wohl von meinem Bruder etwas sagen«, entgegnete sie.

»Sie sind sehr streng gegen mich, und ich verdiene es. Ich bin ein so unwürdiger Hund, wie man nur einen finden kann, mit der Ausnahme, daß ich nicht falsch bin – durchaus nicht falsch. Aber Sie überraschten mich und entfernten mich von einem Gegenstand, der Ihren Bruder betrifft. Ich fühle Interesse für ihn.«

»Fühlen Sie überhaupt für etwas Interesse, Mr. Harthouse?« fragte sie halb ungläubig und halb dankbar.

»Hätten Sie mich das bei meinem ersten Besuche gefragt, so würde ich Nein geantwortet haben. – Jetzt aber muß ich – selbst auf die Gefahr hin, anspruchsvoll zu erscheinen, und gerechterweise Ihre Ungläubigkeit zu erwecken – Ja antworten.«

Sie machte eine leichte Bewegung, als ob sie zu sprechen versuchte, und die Stimme ihr versagte. Endlich sagte sie: »Mr. Harthouse, ich traue es Ihnen zu, sich für meinen Bruder zu interessieren.«

»Ich danke Ihnen. Ich glaube dies zu verdienen. Sie wissen, auf wie wenig Verdienste ich Anspruch machen kann. Diese will ich aber behaupten. Sie haben so viel für ihn getan. Sie haben ihn so lieb. Ihr ganzes Leben – Mrs. Bounderby legt eine so reizende Selbstvergessenheit seinethalben an den Tag – bitte abermals um Verzeihung, ich entferne mich zu sehr von dem Gegenstände. Ich interessiere mich um seinetwillen für ihn.« Sie hatte eben eine ganz leise Bewegung gemacht, als wollte sie sich rasch erheben, um sich zu entfernen. Er aber änderte in demselben Augenblick den Ton des Gesprächs, und sie blieb.

»Mrs. Bounderby«, fuhr er in einer leichteren Weise fort, wobei man ihm jedoch die Mühe anmerkte, die er sich gab, und die noch ausdrucksvoller als jene Taktik war, die er soeben fallen ließ, »es ist bei einem jungen Mann, von dem Alter Ihres Bruders, kein unverzeihliches Vergehen, unbesonnen, unbedachtsam und verschwenderisch zu sein: ja selbst ein wenig liederlich, wie man so sagt. Das ist doch bei ihm der Fall, nicht wahr? Ist er’s?«

»Ja.«

»Erlauben Sie mir offen zu reden. Glauben Sie, daß er überhaupt spielt?«

»Ich glaube, er pflegt zu wetten.«

Da Mr. Harthouse wartete, als ob dies nicht die ganze Antwort sei, fügte sie hinzu: »Ich weiß, er tut es.«

»Natürlich verliert er?«

»Ja.«

»Jedermann, der wettet, verliert. Darf ich auf die Wahrscheinlichkeit hindeuten, daß Sie ihn zu diesen Zwecken zuweilen mit Geld versehen?«

Sie saß mit niedergeschlagenen Augen da, erhob diese jetzt aber ein wenig forschend und beleidigt.

»Halten Sie meine Neugier nicht für zudringlich, meine teure Mrs. Bounderby. Ich meine, Tom müßte allmählich in Verlegenheit geraten, und ich möchte ihm aus der Tiefe meiner sündhaften Erfahrung eine helfende Hand entgegenstrecken. Muß ich abermals sagen, seinetwillen? Ist das notwendig?«

Sie schien eine Antwort zu suchen, konnte aber nichts hervorbringen.

»Um alles aufrichtig zu gestehen, was mir einfiel«, sagte James Harthouse, indem er abermals mit dem gleichen Anschein von Anstrengung in seine leichtere Weise überging, »so will ich Ihnen meine Zweifel mitteilen, daß er vielen Vorteil gehabt. Ob – entschuldigen Sie meine Geradheit – ob es wahrscheinlich ist, daß ein großes Vertrauen zwischen ihm und seinem höchst ehrenwerten Vater obwaltete.«

»Ich«, antwortete Luise errötend, »halte es nicht für wahrscheinlich.«

»Oder zwischen ihm – ich darf doch sicherlich Ihrem vollständigen Verständnis meiner Meinung vertrauen – und seinem hochgeschätzten Schwager?«

Sie errötete immer tiefer, und war glühend rot, als sie mit einer gedämpfteren Stimme antwortete: »Ich halte auch das nicht für wahrscheinlich.«

»Mrs. Bounderby«, sagte Harthouse nach kurzem Stillschweigen »darf ein besseres Vertrauen zwischen uns bestehen? Tom hat wohl eine beträchtliche Summe von Ihnen geliehen?«

»Sie werden wohl begreifen, Mr. Harthouse«, entgegnete sie nach einiger Unschlüssigkeit – sie war während des Gesprächs mehr oder weniger unsicher und verwirrt gewesen, hatte aber im ganzen ihre Selbstbeherrschung beibehalten – »Sie werden wohl begreifen, daß, wenn ich Ihnen sage, was Sie zu erfahren wünschen, dieses nicht auf dem Wege der Beschwerde oder des Bereuens geschieht. Ich würde mich nie über etwas beklagen, und was ich tat, das bereue ich nicht im geringsten.«

»So geistreich noch dazu«, dachte James Harthouse.

»Als ich heiratete, fand ich, daß mein Bruder eben damals schwer verschuldet war – schwer für ihn, meine ich, schwer genug, um mich zum Verkaufe einiger Schmucksachen zu zwingen. Das war für mich kein Opfer, ich verkaufte sie sehr gerne. Ich legte ihnen keinen Wert bei, sie waren ganz unnütz für mich.«

Entweder, sie sah es ihm am Gesichte an, daß er es wußte, oder sie fürchtete bloß in ihrem Gewissen, daß es ihm bekannt sei, sie habe von den Geschenken ihres Mannes gesprochen. Sie hielt inne und errötete abermals. Wenn er es nicht früher gewußt hätte, so würde es ihm nun klar geworden sein, selbst wenn er noch flacheren Geistes gewesen wäre, als er wirklich war.

»Inzwischen gab ich meinem Bruder zu verschiedenen Zeiten alles Geld, das ich entbehren konnte. Kurz, alles Geld, das ich besaß. Da ich Ihnen im Vertrauen auf das Interesse, das Sie für ihn äußern, volles Zutrauen schenke, so will ich es nicht halb tun. Seitdem Sie uns hier zu besuchen pflegen, brauchte er selbst die Summe von hundert Pfund. Ich bin nicht imstande gewesen, sie ihm zu geben. Ich fühlte mich unbehaglich wegen der Folgen seiner Verschuldung, ich habe diese Geheimnisse jedoch bis jetzt bewahrt, wo ich sie Ihrer Ehre anvertraue. Ich habe niemanden in mein Vertrauen eingeweiht, weil – Sie haben den Grund soeben angegeben.« – Hierauf brach sie rasch ab.

Er war ein gewandter Mann, nahm die Gelegenheit wahr und ergriff sie, ihr jetzt unter der leichten Verkleidung ihres Bruders ihr eigenes Bild vorzustellen.

»Mrs. Bounderby, obschon ich ein unwürdiger Mensch auf dieser irdischen Welt bin, so empfinde ich doch die aufrichtige Teilnahme – dessen versichere ich Sie – für Ihre Mitteilung. Ich kann unmöglich streng gegen Ihren Bruder urteilen. Ich begreife und teile die kluge Anschauung, mit der Sie seine Fehler betrachten. Bei allem möglichen Respekt, sowohl für Mr. Gradgrind als für Mr. Bounderby, glaube ich doch zu bemerken, daß seine Erziehung keine glückliche war. Zum Nachteil für die Gesellschaft erzogen, in der er eine Rolle zu spielen hat, stürzt er auf seine eigene Rechnung in diese Extreme aus entgegengesetzten Extremen, die man – ohne Zweifel mit den besten Absichten – seit langer Zeit ihm aufgedrungen. Mr. Bounderbys ausgezeichnet barsche, englische Geradheit, obwohl sie eine höchst anziehende Charakteristik gewährt, ist nicht geeignet – und darüber sind wir einverstanden – Vertrauen einzuflößen. Wenn ich wagen dürfte, zu bemerken, daß jener Mangel an Zartgefühl am wenigsten geeignet ist, einem verirrten Jüngling, einem schlechtverstandenen Charakter und übelgeleiteten Fähigkeiten Trost und Halt zu gewähren – so drücke ich ungefähr aus, was meine eigene Ansicht ist.«

Wie sie dasaß, gerade vor sich hinblickend, mitten durch das auf dem Grase spielende Licht in die Dunkelheit des Gehölzes hinein, nahm er in ihrem Gesicht die Wirkung seiner deutlich gesprochenen Worte und deren Anwendung auf ihre eigene Person wahr. »Man muß«, fuhr er fort, »jede Nachsicht walten lassen. Eines Fehlers muß ich jedoch Tom zeihen, den ich ihm nicht vergeben kann, und für welchen ich ihn schwer zur Rechenschaft ziehe.« – Luise sah ihn an und fragte, worin dieser Fehler bestünde?

»Vielleicht«, entgegnete er, »habe ich genug gesagt. Vielleicht wäre es im ganzen besser gewesen, wenn gar keine Anspielung darauf mir entwischt wäre.«

»Sie erschrecken mich, Mr. Harthouse, lassen Sie es mich wissen.«

»Um Sie von unnützer Furcht zu befreien – und da dieses Vertrauen hinsichtlich Ihres Bruders – das ich über alles in der Welt hochschätze, zwischen uns begründet werden – gehorche ich. Ich kann es ihm nicht vergeben, daß er nicht in jedem Worte, Blicke, in jeder Handlung seines Lebens sich empfänglicher für die Neigung seiner besten Freundin zeigt. Für die Ergebenheit seiner besten Freundin, für ihre Uneigennützigkeit, für ihre Aufopferung. Die Erkenntlichkeit, die er ihr, meiner Beobachtung gemäß, erweist, ist eine sehr armselige. Für das, was sie für ihn getan, sollte er ihr ewige Liebe und Dankbarkeit, nicht aber die üble Laune und Grillenhaftigkeit zuteil werden lassen. Ein so unbedachtsamer Mensch ich auch bin, so bin ich doch, Mrs. Bounderby, nicht so unempfindlich, daß ich diesen Fehler in Ihrem Bruder nicht beachten oder geneigt sein sollte, ihn als ein verzeihliches Unrecht anzusehen.«

Das Gehölz schwamm vor ihren Augen, die sich mit Tränen füllten. Sie entsprangen einer tiefen, lang verborgenen Quelle. Ihr Herz war vom stechenden Schmerz überfüllt, das keinen Trost in ihnen fand.

»Mit einem Worte, ich strebe hauptsächlich danach, Mrs. Bounderby, Ihren Bruder hierin zu bessern. Meine bessere Bekanntschaft mit seinen Verhältnissen, meine Leitung und meine Ratschläge, um ihn aus seinen Schwierigkeiten herauszuziehen – hoffentlich von einigem Wert, da dies alles von einem großzügigen Taugenichts kommt – wird mir einigen Einfluß über ihn verschaffen, und meinen ganzen Vorteil werde ich gewiß zu diesem Zweck benutzen. Ich habe genug gesagt und mehr als genug. Es scheint, ich wolle mich für einen guten Kerl ausgeben, da ich doch, bei meiner Ehre, nicht die geringste Absicht hege, dergleichen zu beteuern und offen erkläre, daß ich nichts dergleichen bin. Dort zwischen den Bäumen«, fügte er hinzu, nachdem er die Augen erhoben und um sich geblickt hatte; denn bis jetzt beobachtete er nur Luise, »ist Ihr Bruder selbst – der ohne Zweifel eben gekommen ist. Da er in dieser Richtung herzuschlendern scheint, so dürfte es wohl gut sein, ihm entgegenzugehen, um ihm in den Weg zu treten. Seit kurzem ist er still und düster geworden. Vielleicht ist sein brüderliches Gewissen erwacht, wenn es ein Ding wie ein Gewissen überhaupt gibt. Freilich, ich höre, bei meiner Ehre, ich höre zuviel davon, um daran zu glauben.« Er half ihr beim Aufstehen, worauf sie seinen Arm nahm und sie zusammen vorschritten, um ihrem Bruder zu begegnen. Dieser schlug trägerweise die Zweige, wie er so herschlenderte, oder blieb mißmutig stehen, um mit seinem Stock das Moos von den Bäumen zu reißen. Er schrak auf, als sie auf ihn zukamen, während er mit diesem Zeitvertreib beschäftigt war, und wechselte die Farbe.

»Hallo«, stammelte er, »ich wußte nicht, daß ihr da seid.«

»Tom«, sagte Mr. Harthouse, indem er die Hand auf seine Schulter legte und ihn herumzog, worauf sie alle drei dem Hause zugingen, »wessen Namen haben Sie in die Bäume geschnitten?«

»Wessen Namen?« erwiderte Tom. »Oh! Sie meinen was für einen Mädchennamen?«

»Sie haben das verdächtige Aussehen, den Namen eines holden Wesens in die Rinde geschnitten zu haben, Tom.«

»Schwerlich, Mr. Harthouse. Es sei denn, daß irgendein Engel mit einem namhaften Vermögen, das zu seiner eigenen Verfügung steht, mich auf einmal liebgewänne. Sie könnte auch ebenso häßlich wie reich sein, ohne meinen Verlust zu befürchten. Dann würde ich ihren Namen, so oft sie wollte, einschneiden.«

»Ich fürchte, Sie sind geldsüchtig, Tom.«

»Geldsüchtig?« erwiderte Tom, »wer ist nicht geldsüchtig? Fragen Sie meine Schwester.«

»Hast du einen Beweis, daß dies mein Fehler ist, Tom?« sagte Luise, die nichts weiter über seine Mißlaune und Bosheit äußerte.

»Du mußt am besten wissen, Lu, ob diese Anspielung auf dich paßt«, entgegnete ihr Bruder mürrisch, »wenn sie es tut, so kannst du sie hinnehmen.«

»Tom ist heute Menschenhasser, wie zuweilen alle Leute, wenn sie Sorgen haben«, sagte Mr. Harthouse. »Glauben Sie ihm nicht, Mrs. Bounderby, er weiß es viel besser. Ich werde einige von seinen Urteilen über Sie preisgeben, die er mir privatim mitgeteilt, wenn er nicht ein bißchen aufgeräumter wird.«

»Jedenfalls können Sie, Mr. Harthouse«, sagte Tom, indem er aus Respekt vor seinem Gönner milder ward, aber doch düster den Kopf schüttelte, »ihr nicht sagen, daß ich sie je deshalb gelobt, weil sie geldsüchtig ist. Ich mag sie des Gegenteils wegen gelobt haben, und ich würde es abermals tun, wenn ich guten Grund dazu hätte. Lassen wir aber das jetzt gut sein. Das ist für sie nicht sehr interessant, und mich ekelt die Sache an.«

Sie gingen dem Haus zu, wo Luise den Arm ihres Gastes losließ und hineintrat. Er stand da und betrachtete sie, als sie die Treppe hinaufging und im Dunkel der Tür verschwand. Dann legte er wieder die Hand auf die Schulter ihres Bruders und lud ihn mit einem vertraulichen Nicken zu einem Spaziergang in den Garten ein.

»Tom, mein lieber Junge, ich habe ein Wort mit Ihnen zu sprechen.«

Sie blieben in einer Wildnis von Rosen stehen – es machte einen Teil von Mr. Bounderby’s Demut aus, Nickits Rosen in vernachlässigtem Zustande zu halten, und Tom setzte sich auf eine Rasenbank, pflückte Knospen ab und zerriß sie in Stücke, während sein gewaltiger Schutzgeist über ihm mit einem Fuße auf der Rasenbank stand und sein Körper leicht auf dem Arm ruhte, der von dem gebogenen Knie gestützt war. Sie waren just von ihrem Fenster aus sichtbar; vielleicht wurden sie von ihr gesehen.

»Tom, was gibt es?«

»Oh, Mr. Harthouse«, sagte Tom stöhnend, »mir geht’s schlimm, und ich weiß nicht mehr aus noch ein.«

»Mein guter Junge, so geht’s auch mir.«

»Ihnen?« entgegnete Tom. »Sie sind das leibhaftige Bild der Unabhängigkeit. Mr. Harthouse, ich befinde mich in einer schrecklichen Patsche. Sie haben keinen Begriff davon, in welche Lage ich mich gestürzt habe, – aus welcher Lage meine Schwester mich erretten könnte, wenn sie es nur tun wollte.«

Er fing jetzt an, die Rosenknospen zu zerbeißen, und er riß sie aus seinen Zähnen mit einer Hand, die wie die eines alten kranken Mannes zitterte. Nach einem scharf forschenden Blick auf ihn nahm sein Gesellschafter sein leichtestes Wesen an.

»Tom, Sie erwarten zu viel von Ihrer Schwester, Sie haben Geld von ihr erhalten, Sie Taugenichts, das wissen Sie wohl.«

»Gut, Mr. Harthouse, ich weiß es. Wo sollte ich es sonst hernehmen? Hier ist der alte Bounderby, der stets damit groß tut, daß er in meinem Alter mit zwei Pence monatlich, oder so etwas, gelebt hat. Da ist mein Vater, der, wie er’s so zu nennen beliebt, eine Linie zieht und mich mit Kopf und Fuß von Kindheit an daran bindet. Dort ist meine Mutter, die nie etwas besitzt, außer ihren Beschwerden. Was soll man nun tun, um Geld zu erlangen, und wo soll ich’s herkriegen, wenn nicht von meiner Schwester?«

Er weinte beinahe und warf die Knospen zu Dutzenden umher. Mr. Harthouse faßte ihn besänftigend bei seinem Rock.

»Aber, mein lieber Tom, wenn Ihre Schwester nichts mehr hat?«

»Nichts mehr hat, Mr. Harthouse? Ich sage ja nicht, daß sie welches hat. Ich dürfte wohl mehr brauchen, als sie wahrscheinlich besitzt. Aber dann sollte sie sich welches verschaffen. Sie könnte es sich verschaffen. Nach dem, was ich Ihnen bereits mitgeteilt habe, ist es ganz unnütz, aus diesen Dingen ein Geheimnis machen zu wollen. Sie wissen, daß sie den alten Bounderby nicht ihret- oder seinetwegen, sondern meinetwegen geheiratet hat. Warum bemüht sie sich also nicht, meinetwegen das aus ihm herauszukriegen, was ich brauche? Sie ist nicht genötigt, anzugeben, was sie damit anfangen will. Sie ist gescheit genug. Sie könnte es leicht durch Liebkosungen von ihm erlangen, wenn sie nur wollte. Warum aber will sie nicht, wenn ich ihr sage, wie wichtig es für mich ist? Aber nein. Da sitzt sie wie ein Stein in seiner Gesellschaft, anstatt sich liebenswürdig zu zeigen und es leicht zu bekommen. Ich weiß nicht, was Sie davon halten, ich meinerseits halte es für ein unnatürliches Benehmen.«

Ein kleiner Teich befand sich dicht bei der Rasenbank und Mr. Harthouse empfand große Lust, Thomas Gradgrind jun. hineinzuschleudern, ähnlich, wie die beleidigten Männer von Coketown gedroht hatten, ihr Eigentum in den atlantischen Ozean zu schleudern. Er behielt jedoch seine leichte Stimmung bei, und nichts Solideres flog über die steinerne Balustrade, als die aufgehäuften Rosenknospen, die jetzt auf der Oberfläche, eine kleine Insel bildend, umherschwammen.

»Mein lieber Tom«, sagte Harthouse, »lassen Sie mich versuchen. Ihr Bankier zu sein.«

»Um Gottes willen«, rief Tom plötzlich aus, »sprechen Sie nicht von Bankier.« Dabei sah er im Kontraste zu den Rosen sehr bleich aus. Äußerst bleich.

Mr. Harthouse konnte als ein wohlerzogener Mann, der an die beste Gesellschaft gewöhnt war, nicht überrascht werden – er hätte ebenso leicht in Rührung geraten können – er erhob jedoch um ein weniges die Augenlider, als wären sie durch eine leise Berührung der Überraschung gelüpft worden. Trotzdem war es ebenso den Vorschriften seiner Schule, wie den Dogmen der Gradgrinds-Erziehung zuwider, sich zu wundern.

»Wieviel brauchen Sie jetzt, Tom? Drei Ziffern? Heraus damit. Nennen Sie den Betrag.«

»Mr. Harthouse«, entgegnete Tom, der jetzt wirklich weinte, wobei seine Tränen viel besser waren als seine Schmähungen, wie kläglich er auch immer dabei aussah. »Es ist zu spät. Das Geld ist für mich jetzt ganz nutzlos. Ich hätte es früher haben müssen, wenn es mir nützen sollte. Aber ich bin Ihnen sehr verbunden. Sie sind ein treuer Freund.«

Ein treuer Freund! »Bengel! Bengel!« dachte Harthouse träge. »Was du für ein Esel bist!«

»Ich betrachte Ihr Anerbieten als einen großen Freundschaftsdienst«, sagte Tom, indem er seine Hand ergriff. »Als einen besonderen Freundschaftsdienst, Mr. Harthouse.«

»Gut«, entgegnete der andere, »vielleicht kann ich Ihnen bald später einmal von Nutzen sein. Und wenn Sie, mein guter Freund, Ihre verwünschten Verlegenheiten mir mitteilen wollen, sobald sie Ihnen zu dick kommen, so dürfte ich Ihnen einen besseren Ausweg zeigen, als Sie selbst finden können.«

»Danke«, sagte Tom, trübselig den Kopf schüttelnd und Rosenknospen kauend. »Ich wollte, ich hätte Sie früher gekannt, Mr. Harthouse.«

»Nun, sehen Sie«, sagte Mr. Harthouse schließlich, indem er einige Rosen als Beitrag zu der Insel fortschleuderte, die immer zu der Mauer trieb, als wollte sie sich dem festen Land verbinden, »jedermann ist in allem, was er tut, eigennützig, und ich bin gerade so wie meine übrigen Nebenmenschen. Ich bin verzweifelt darauf erpicht«, dabei war die Schlaffheit seiner Verzweiflung vollkommen tropisch, »daß Sie Ihr Betragen gegen Ihre Schwester gefälligst bessern. Daß Sie künftig ein liebevollerer und angenehmerer Bruder seien – was Ihre Schuldigkeit ist.«

»Ich werde es tun, Mr. Harthouse.«

»Nichts geht über das Heute. Fangen Sie sogleich an.«

»Das werde ich gewiß, und meine Schwester Lu soll es selbst bezeugen.«

»Da wir nun diesen Handel abgeschlossen haben, Tom«, sagte Harthouse, indem er ihm abermals auf die Schulter in einer Weise klopfte, die es ihm freistellte, daraus zu folgern – wie der arme Tropf es auch tat – daß diese Bedingung ihm aus bloßer anspruchsloser Gutmütigkeit auferlegt worden, um ihm das Gefühl seines zu Dank Verpflichtetseins zu mindern, »so wollen wir uns bis zur Tischzeit trennen.«

Als Tom vor Essenszeit erschien, riß er sich zusammen, obgleich sein Gemüt noch gedrückt genug war – er war auch erschienen, ehe Mr. Bounderby eintrat. »Ich habe es nicht böse gemeint, Lu«, sagte er, indem er ihr die Hand reichte und sie küßte. »Ich weiß, du hast mich lieb, und du weißt, daß ich auch dich lieb habe.

Nach diesem Vorgang schwebte auf Luises Gesicht diesen ganzen Tag ein Lächeln für einen andern. Ach, für einen andern!

»Um so weniger ist der Bengel das einzige Geschöpf, an dem sie Anteil nimmt«, dachte James Harthouse, indem er jetzt das Gegenteil von dem dachte, was er beim ersten Anblick ihres hübschen Gesichtes gedacht hatte. »Um so weniger! Um so weniger!«

Vierundzwanzigstes Kapitel.


Vierundzwanzigstes Kapitel.

Der nächste Morgen war zu schön zum Schlafen, und James Harthouse stand früh auf und saß in einem schönen Bogenfenster seines Ankleidezimmers, den feinen Tabak rauchend, der einen so wohltätigen Einfluß auf seinen jungen Freund gehabt. Im Sonnenlicht ruhend, umgeben von den Wohlgerüchen seiner morgenländischen Pfeife, deren träumerischer Rauch in der von den Düften des Sommers erfüllten milden Luft verschwand, berechnete er seinen Vorteil, wie ein ruhiger Gewinner seinen Gewinn berechnen dürfte. Er war in diesem Augenblick gar nicht gelangweilt und konnte dieser Berechnung seine ganze Aufmerksamkeit schenken.

Er hatte ein Vertrauensverhältnis mit ihr hergestellt, von dem ihr Gatte ausgeschlossen war. Er hatte ein Vertrauensverhältnis mit ihr hergestellt, das sich ganz auf ihre Gleichgültigkeit gegen ihren Gatten und auf den gegenwärtigen und zu allen Zeiten bestehenden Mangel irgendwelcher Seelenverwandtschaft zwischen den Ehegatten begründete. Er hatte ihr fein aber deutlich erklärt, daß er ihr Herz in seinen geheimsten Falten kenne; er hatte sich ihr durch ihre schwache Seite der Liebe zum Bruder so sehr genähert: er hatte sich mit diesem Gefühl verbunden; und die Schranke, hinter der sie lebte, war gefallen. Alles sehr seltsam, aber sehr befriedigend.

Und dennoch hatte er, selbst jetzt nicht, eine ernstlich schlechte Absicht. Es wäre besser für das Zeitalter, in dem er lebte, wenn im öffentlichen und im Privatleben, er und die Legion, deren einer er war, absichtlich schlecht wären, anstatt indifferent und ziellos. Es sind die treibenden Eisberge, die sich, je nach der Strömung, irgendwo ansetzen, an denen die Schiffe scheitern.

Wenn der Teufel gleich einem brüllenden Löwen umhergeht, so geht er in einer Gestalt um, durch die nur einige wenige Wilde und Jäger angezogen werden. Aber wenn er, nach der Mode geschmückt, gefirnist und poliert ist, wenn er ermüdet vom Laster und ermüdet von der Tugend, abgenützt selbst gegen Leiden und abgenützt selbst gegen Freuden ist, dann ist er, ob er sich mit dem Servieren von Spirituosen oder mit dem Anfachen von Spirituellem abgibt, der wahre Teufel.

So lehnte James Harthouse, indolent rauchend, in dem Fenster und berechnete die Schritte, die er auf dem Wege getan, auf dem er sich zufällig bewegte. Das Ende, wohin er führte, war ihm ziemlich klar, aber er beunruhigte sich durch keinerlei Berechnungen desselben. Was kommen mußte, würde kommen. Da er an diesem Tage einen ziemlich langen Ritt zu machen hatte, – es galt nämlich eine öffentliche Versammlung in einiger Entfernung mitzumachen, wobei sich eine ziemlich gute Gelegenheit darbot, sich den Gradgrind-Parteimännern zu zeigen – so kleidete er sich früh an und ging zum Frühstück hinab. Er war begierig zu sehen, ob nicht, seit dem vorhergehenden Abend, ein Rückfall bei ihr stattgefunden. – Nein. – Er fuhr fort, wo er aufgehört hatte. Sie hatte wieder einen Blick der Teilnahme für ihn.

Er kam über diesen Tag so sehr (oder so wenig) zu seiner Befriedigung weg, wie man es unter so ermüdenden Umständen erwarten konnte, und kam gegen sechs Uhr nach Hause geritten. Es war eine Strecke von etwa einer halben Meile zwischen dem Torweg und dem Haus, und er ritt langsamen Schrittes über den weichen Sand dahin, der einst Nickit gehörte, als Mr. Bounderby mit solcher Heftigkeit aus dem Gebüsch hervorbrach, daß sein Pferd scheu über den Weg sprang.

»Harthouse«, schrie Bounderby, »haben Sie gehört?«

»Gehört, was?« sagte Harthouse, sein Pferd beruhigend und innerlich Herrn Bounderby nicht mit den besten Wünschen beehrend. »So haben Sie nicht gehört?«

»Ich habe Sie gehört, und das Tier hat dies auch getan. Sonst habe ich nichts gehört.«

Mr. Bounderby, rot und erhitzt, pflanzte sich in der Mitte des Weges vor des Pferdes Kopf auf, um seine Bombe mit mehr Erfolg platzen zu lassen.

»Die Bank ist ausgeplündert.«

»Sie sprechen nicht im Ernst.«

»Vergangene Nacht ausgeplündert, Sir. In außerordentlicher Weise ausgeraubt. Mit einem falschen Schlüssel ausgeraubt.«

»Um viel?«

Mr. Bounderby schien bei seinem Wunsch, soviel wie möglich daraus zu machen, wirklich betrübt, zu einer Auskunft genötigt zu sein. »Nein, nicht um sehr viel. – Aber es hätte viel sein können.«

»Um wieviel?«

»O, was die Summe betrifft, – wenn Sie auf der Summe bestehen, so ist’s nicht mehr als hundertundfünfzig Pfund«, sagte Bounderby ungeduldig. »Aber es handelt sich nicht um die Summe, es handelt sich um das Faktum, um die Tatsache, daß die Bank ausgeraubt worden, das ist der wichtige Umstand. Ich bin erstaunt, daß Sie das nicht einsehen.«

»Mein lieber Bounderby«, sagte James, absteigend und den Zaum seinem Diener gebend, »ich sehe ein und bin so bestürzt, wie Sie es nur immer wünschen können, durch das, was ich hören muß. Trotzdem hoffe ich, daß Sie mir erlauben werden, Ihnen Glück zu wünschen, und ich tue es von ganzem Herzen, daß sie keinen größeren Verlust erlitten haben.«

»Danke«, sagte Bounderby kurz und unfreundlich. »Aber ich will Ihnen nur sagen, es hätten zwanzigtausend Pfund sein können.«

»Ich vermute, es hätte so sein können.«

»Vermuten es? Bei Gott, Sie mögen es vermuten. Zum Donnerwetter!« sagte Mr. Bounderby, mit ständigem drohendem Nicken und Schütteln seines Kopfes. »Man kann nicht wissen, was es hätte sein können, oder was es nicht hätte sein können, da es nur soviel war, weil die Kerle gestört wurden.«

Luise, Mrs. Sparsit und Bitzer waren währenddem hinzugekommen.

»Hier ist Tom Gradgrinds Tochter, sie weiß ziemlich gut, was es hätte sein können, wenn Sie es nicht wissen«, polterte Mr. Bounderby. »Sie sank um, Sir, wie von einer Kugel getroffen, als ich’s ihr sagte. Habe sie vorher nie so gesehen. Macht ihr Ehre unter den Umständen in meiner Meinung.«

Sie sah immer noch schwach und blaß aus. James Harthouse bat sie, seinen Arm zu nehmen, und fragte, als sie langsam weitergingen, wie der Diebstahl sich zugetragen.

»Nun, ich will es Ihnen erzählen«, sagte Mr. Bounderby, gereizt Mrs. Sparsit seinen Arm anbietend. »Wenn Sie nicht so außerordentlich auf die Summe versessen gewesen wären, so würde ich damit angefangen haben, es Ihnen vorhin zu erzählen. Sir kennen diese Lady (denn es ist eine Lady) Mrs. Sparsit?«

»Ich habe schon die Ehre gehabt.«

»Gut denn, und diesen jungen Mann, Bitzer, Sie sahen ihn bei der gleichen Gelegenheit?« Mr. Harthouse neigte sein Haupt bejahend, und Bitzer duckte seine Stirne.

»Gut denn, beide wohnen in der Bank. Sie wissen vielleicht, daß sie in der Bank wohnen? Also gut. Gestern nachmittag, beim Schluß der Geschäftsstunden, wurde alles wie gewöhnlich beiseite geschafft. In dem eisernen Gemach, vor dem dieser junge Bursche schläft, war – es ist einerlei, wieviel. In der kleinen Kasse, in des jungen Toms Kabinet, der Kasse, die für Kleinigkeiten benützt wird, waren hundert und einige fünfzig Pfund.«

»Hundertvierundfünfzig Pfund, sieben Schilling, ein Penny«, sagte Bitzer.

»Laß das gut sein«, entgegnete Bounderby, sich wie ein Rad zu ihm umdrehend, »lasse uns keine deiner Unterbrechungen hören. Es ist genug, bestohlen zu werden, während du schnarchst, weil du zu bequem bist, ohne daß man noch mit deinen vier Pfund, sieben Schilling und ein Pence behelligt wird. Ich schnarchte nicht, als ich in deinem Alter war, das kann ich dir sagen. Ich hatte nicht Lebensmittel genug, um zu schnarchen. Und ich sagte nicht vier, sieben, eins. Nicht daß ich’s wüßte!«

Bitzer duckte wieder seine Stirn in der kriechenden Art und schien augenblicklich von dem Beispiel, das Mr. Bounderby zuletzt von seiner moralischen Enthaltsamkeit angeführt, eine eindrückliche und niederdrückende Wirkung zu empfinden.

»Hundertfünfzig und einige Pfunde«, fuhr Bounderby fort. »Diese Summe schloß der junge Thomas in seine Kasse, keine sehr starke Kasse, aber das ist jetzt von keinem Belang. Alles befand sich in guter Ordnung. In der Nacht, während der Bursche schnarchte – Mrs. Sparsit, Ma’am, Sie sagen, Sie haben ihn schnarchen hören?«

»Sir«, erwiderte Mrs. Sparsit, »ich kann nicht sagen, daß ich ihn gerade habe schnarchen hören, und vermag deshalb nicht diese Behauptung aufzustellen. Aber an Winterabenden, wenn er an seinem Tisch eingeschlafen war, habe ich es, was ich als engbrüstiges Atmen am liebsten bezeichnen möchte, bei ihm wahrgenommen. Ich habe ihn bei solchen Gelegenheiten Töne hervorbringen hören, ähnlich denen, die man manchmal bei holländischen Uhren vernimmt. – Nicht«, sagte Mrs. Sparsit, im stolzen Bewußtsein, ein wahrhaft getreues Zeugnis abzulegen, »als ob ich irgendeinen Tadel gegen seinen moralischen Charakter vorbringen wollte. Im Gegenteil. Ich habe Bitzer immer für einen jungen Mann von den biedersten Grundsätzen gehalten, und in dieser Weise bitte ich Sie mein Zeugnis aufzufassen.«

»Gut«, sagte der erbitterte Bounderby, »während er schnarchte oder erstickte, oder wie eine holländische Uhr schnarrte, oder das eine oder das andere tat, während er schlief, kamen irgendwie einige Kerle herbei – ob vorher im Hause versteckt oder nicht, wissen wir nicht – sie fielen über des jungen Toms Kasse her, erbrachen sie und entwendeten ihren Inhalt. Da sie hierbei gestört wurden, machten sie sich davon; sie gingen zur Haupttür hinaus, und verschlossen sie doppelt. Die Tür war nämlich doppelt verschlossen gewesen, und der Schlüssel unter Mrs. Sparsits Kissen. Also sie verschlossen mit einem falschen Schlüssel, der heute gegen zwölf Uhr in der Nähe der Bank auf der Straße gefunden worden. Kein Alarm findet statt, bis dieser Mensch, Bitzer, heute morgen aufsteht, um die Kontore für das Geschäft zu öffnen und in Ordnung zu bringen. Als er dabei nach Toms Kasse sah, fand er die Tür offen, das Schloß erbrochen und das Geld fort.«

»Wo ist Tom eigentlich?« fragte Harthouse, um sich schauend.

»Er hat der Polizei geholfen und ist länger in der Bank geblieben. Ich wollte, diese Kerle hätten versucht, mich zu berauben, als ich in seinem Alter war. Sie hätten dabei Verluste gehabt, und wenn sie auch nur achtzehn Pence für die Sache ausgelegt hätten. Das kann ich Sie versichern.«

»Hat man Verdacht auf jemanden?«

»Verdacht?« Ich sollte meinen, daß man Verdacht auf jemanden hat, zum Donnerwetter!« sagte Bounderby, Mrs. Sparsits Arm loslassend, um seinen erhitzten Kopf abzutrocknen. »Josiah Bounderby von Coketown wird nicht ausgeplündert, ohne daß man Verdacht auf jemanden hat. – Nein, danke Ihnen schönstens.«

»Dürfte Mr. Harthouse wohl fragen, wer verdächtig ist?«

»Nun«, sagte Bounderby stillstehend und sich so stellend, daß er sie alle sich gegenüber hatte, »es soll nirgends davon gesprochen werden, damit die in Frage stehenden Schurken (es ist eine ganze Bande) nicht gewarnt werden, auf ihrer Hut zu sein. So hören Sie dies im Vertrauen. Nun, warten Sie ein wenig.« Mr. Bounderby trocknete seinen Kopf von neuem. »Was würden Sie sagen, wenn es« – heftig losplatzend – »eine ›Hand‹ wäre?«

»Ich hoffe«, sagte Harthouse lässig, »nicht unser Freund Blackpot?«

»Sagen Sie Pool anstatt Pot«, erwiderte Bounderby, »und Sie haben den Mann.«

Luise äußerte leise einige Worte des Zweifels und des Erstaunens.

»O ja, ich weiß«, sagte Bounderby, augenblicklich den Ton auffangend. »Ich weiß, ich bin daran gewöhnt. Ich weiß alles darüber. Sie sind das schlaueste Volk von der Welt, diese Gesellen. Sie haben die Gabe der Rede, das haben sie. Sie wollen nur ihr Recht erklärt haben, das wollen sie. Aber ich will Ihnen etwa« sagen. Zeigen Sie mir eine unzufriedene ›Hand‹ und ich will Ihnen einen Mann zeigen, der zu allem erdenkbar Schlechtem fähig ist.«

Eine neue von den beliebten Fabeln über die Coketowner, die auszusprengen man sich einige Mühe genommen, und die bei einigen Personen wirklich Glauben fand.

»Aber ich kenne diese Gesellen«, sagte Bounderby, »ich kann in ihnen lesen, wie in Büchern, Mrs. Sparsit, Ma’am, ich berufe mich auf Sie. Welche Warnung gab ich diesem Gesellen, als er das erstemal seinen Fuß in das Haus setzte, und der ausgesprochene Grund seines Besuches war zu wissen, wie er die Religion niederschlagen und die bestehende Kirche über den Haufen werfen könne? Mrs. Sparsit, in bezug auf vornehme Verwandtschaft, stehen Sie auf einer Höhe mit der Aristokratie – sagte ich, oder sagte ich nicht zu diesen Gesellen, Ihr könnt die Wahrheit nicht vor mir verbergen. Ihr seid nicht von dem Schlage, den ich leiden mag! Ihr werdet zu nichts Gutem kommen?«

»Gewiß, Herr«, erwiderte Mrs. Sparsit, »das taten Sie. Sie gaben ihm diese Warnung in einer sehr eindringlichen Weise.«

»Als er Sie beleidigte, Ma’am«, sagte Bounderby, »als er Ihre Gefühle verletzte?«

»Ja, Herr«, erwiderte Mrs. Sparsit, mit einem demütigen Kopfschütteln, »er tat dies wirklich. Obgleich ich nicht sagen will, daß meine Gefühle in solchen Punkten vielleicht empfindlicher, törichter wären – wenn dieser Ausdruck vorgezogen werden sollte – als sie sonst sein würden – wenn ich mich stets in meiner gegenwärtigen Lage befunden hätte.«

Mr. Bounderby starrte Mr. Harthouse mit emporsprudelndem Stolz an, der so viel sagen wollte als: »Ich bin der Eigentümer dieser Frau, und mich dünkt, sie ist deiner Beachtung würdig«, worauf er wieder in dem Gespräch fortfuhr.

»Sie können sich wohl erinnern, Harthouse, was ich dem Mann sagte, als Sie ihn sahen. Ich machte mit ihm keine Umstände. Ich mache keine Geschichten mit diesen Leuten, ich kenne sie sehr gut, Sir. Drei Tage darauf riß er aus, ging fort. Niemand weiß wohin, wie es mein Mutter mit mir in der Kindheit machte, nur mit dem Unterschiede, daß er womöglich noch ein schlechteres Subjekt ist, als meine Mutter. Was tat er, ehe er fortging? Was sagen Sie dazu«. Mr. Bounderby, der den Hut in der Hand hielt, gab bei jedem kleinen Absätze seiner Worte einen Schlag auf den Deckel, als wäre derselbe ein Tambourin, »daß er – Nacht für Nacht – bei der Bank herumstreichend gesehen worden? – daß er dort – nach Dunkelwerden – umherschlich? – daß Mrs. Sparsit auf den Gedanken kam, daß er nichts Gutes im Sinne haben müsse – daß sie Bitzers Aufmerksamkeit auf ihn lenkte – daß sie beide Notiz von ihm nahmen – daß es sich heute auf Erkundigungen ergeben, er sei gleichfalls von der Nachbarschaft bemerkt worden?« – Nachdem Mr. Bounderby zu dieser Steigerung gelangt war, setzte er sich, gleich einem Tänzer des Orients, das Tambourin auf.

»Verdächtig«, sagte James Harthouse, »sicherlich.«

»Das will ich meinen, aber es sind noch mehrere von ihnen im Spiele. Auch eine alte Frau ist dabei. Man hört nie von diesen Dingen, bis das Unglück geschehen ist. Erst wenn das Pferd gestohlen worden, findet man allerhand Fehler an der Stalltür. Jetzt taucht ein altes Weib auf. Eine Alte, die zuweilen auf einem Besenstiel nach der Stadt geflogen zu sein scheint. Sie besichtigt die Bank während eines ganzen Tages, ehe der Kerl beginnt, und an dem Abend, wo man ihn sah, schleicht sie sich mit ihm davon, pflegt mit ihm Rat – wahrscheinlich um ihm zu berichten von dem, was sie beobachtet hat, die verdammte Alte.«

»An jenem Abend fand sich eine solche Person im Zimmer, und sie scheute sich, bemerkt zu werden«, dachte Luise.

»Das sind noch nicht alle, von denen wir wissen«, sagte Bounderby, den Kopf mehrere Male bedeutungsvoll schüttelnd. »Aber ich habe für jetzt genug gesagt. Haben Sie nur die Güte, die Sache geheim zu halten und sie vor niemandem zu erwähnen. Es mag noch einige Zeit dauern, aber wir werden sie schon kriegen. Man muß ihnen klugerweise erst freien Spielraum lassen, und dagegen ist nichts einzuwenden.«

»Sie werden natürlich nach der äußersten Strenge des Gesetze bestraft werden«, entgegnete James Harthouse, »und es geschieht ihnen schon recht. Kerle, die auf Bankraub ausgehen, müssen sich schon die Folgen gefallen lassen. Wenn es keine Folgen gäbe, so würden wir alle auf Bankraub ausgehen.« – Er hatte in sanfter Weise Luisen den Sonnenschirm aus der Hand genommen und öffnete ihn für sie. Sie ging unter seinem Schatten dahin, obgleich die Sonne auf dieser Seite nicht schien.

»Für den Augenblick, Lu Bounderby«, sagte ihr Mann, »muß Mrs. Sparsit gepflegt werden. Mrs. Sparsits Nerven sind durch diese Geschichte angegriffen worden, und sie wird sich hier einen oder zwei Tage aufhalten. Richte es ihr daher bequem ein.«

Danke Ihnen sehr, Sir«, bemerkte diese bescheidene Lady, »aber bitte, halten Sie meine Bequemlichkeit nicht der Beachtung wert. Für mich wird alles gut sein.«

Es ergab sich bald, daß wenn Mrs. Sparsit in diesem Hause unbequem wurde – so war es bloß deshalb, weil sie um sich selbst gänzlich unbekümmert war, und um andere sich so sehr bekümmerte, daß es lästig werden mußte. Als man sie auf ihr Zimmer führte, war sie über dessen Komfort so ergriffen, daß sie zu der Annahme berechtigte, sie hätte die Nacht über lieber im Waschhause auf der Rolle geschlafen. »Es ist wahr, daß die Powlers und Scadgers an Pracht gewohnt waren, – aber es ist meine Pflicht, mich zu erinnern«, pflegte sie gerne mit stolzer Anmut zu bemerken – besonders wenn jemand von der Dienerschaft gegenwärtig war – »daß ich nicht mehr bin, was ich gewesen. In der Tat«, sagte sie, »wenn ich ganz und gar die Erinnerung ausmerzen könnte, daß Mrs. Sparsit eine Powler war, oder daß ich selbst mit der Scadgers-Familie in Verwandtschaft stehe – oder wenn ich selbst dies Faktum zunichte machen und mich in eine Person von niedriger Herkunft und gewöhnlichen Verbindungen verwandeln könnte, so würde ich es gerne tun. Ich würde es unter den obwaltenden Umständen für recht halten, so zu handeln.« – Derselbe asketische Geisteszustand veranlaßte sie auch auf besonders lecker bereitete vornehme Gerichte und Wein bei Tisch zu verzichten, bis Mr. Bounderby ihr geradezu gebot, diese Dinge anzunehmen, wobei sie sagte: »Sie sind wirklich sehr gütig, Sir.« Dann gab sie den Entschluß auf, den sie formell und offiziell verkündigt hatte, auf einfaches Hammelfleisch warten zu wollen. Sie war ebenfalls voll Entschuldigungen, wenn sie Salz gerührt haben wollte, und da sie die angenehme Verpflichtung fühlte, Mr. Bounderbys Hymnus auf ihre Nervenschwäche in vollem Maße zu bestätigen, pflegte sie sich zuweilen in ihrem Stuhle zurückzulegen und im stillen zu weinen. Dabei konnte man eine höchst umfangreiche Träne, groß wie ein kristallener Ohrring, sehen, oder vielmehr man mußte den Tränentropfen sehen (denn sie bestand auf öffentliche Aufmerksamkeit), wie er ihre römische Nase hinabglitt.

Mrs. Sparsits Hauptstärke bestand jedoch in ihrem Entschluß, Mr. Bounderby zu bedauern. Es gab Momente, wo sie ihn betrachtete und zugleich den Kopf in einer Weise schüttelte, als wollte sie sagen: »Ach, armer Yorick!« Nachdem sie also ihre Rührung verraten hatte, zwang sie sich zu flüchtiger Heiterkeit, ward plötzlich munter und sagte: »Sie sind immer noch heiterer Laune, Sir, Gott sei Dank!« Sie schien es als wahren Segen zu betrachten, daß Mr. Bounderby so gelassen sein Joch ertrug. Eine Merkwürdigkeit, für die sie sich öfters entschuldigte, konnte sie außerordentlich schwer besiegen; sie hatte einen besonderen Hang, Mrs. Bounderby Miß Gradgrind zu heißen, und gab demselben während des Abends einige Dutzend Male nach.

Jedesmal, wenn ihr der Irrtum passierte, hüllte sie sich in bescheidene Verwirrung, – aber wirklich, sagte sie, es scheine ihr so natürlich, Miß Gradgrind zu sagen, während sie’s beinahe für unmöglich hielt, sich zu überreden, daß die junge Lady, die sie das Glück hatte von Kindheit an zu kennen, in der Tat und Wirklichkeit Mrs. Bounderby sei. Eine weitere Eigenheit in dieser merkwürdigen Sache war, daß es ihr, je mehr sie darüber nachdachte, desto unmöglicher erschien, da ihre Verschiedenheiten, wie sie bemerkte, zu groß seien. –

Nach dem Essen stellte Mr. Bounderby im Gesellschaftszimmer über den Diebstahl eine gerichtliche Untersuchung an, verhörte die Zeugen, notierte ihre Aussagen, fand die verdächtigten Personen schuldig und verurteilte sie zur äußersten gesetzlichen Strafe. Nachdem dies vorüber war, wurde Bitzer in die Stadt geschickt, um Tom zu bestellen, er möge mit dem Postzug nach Hause kommen.

Als Lichter gebracht wurden, murmelte Mrs. Sparsit: »Seien Sie nicht niedergeschlagen, Sir! Gönnen Sie mir die Freude, Sie fröhlich zu sehen, wie ich es gewohnt bin.« Mr. Bounderby, auf den diese Trostworte derart wirkten, daß er in ochsige, abgeschmackte Sentimentalität verfiel – seufzte wie ein Seeungeheuer. – »Ich kann es nicht ertragen, Sie so zu sehen, Sir«, sagte Mrs. Sparsit, »versuchen Sie eine Partei Back-Gammon,11 Sir, wie Sie es zu tun pflegten, als ich noch die Ehre hatte, unter Ihrem Dache zu leben.«

»Ich habe seit jener Zeit kein Back-Gammon gespielt«, sagte Mr. Bounderby.

»Nicht, Sir?« sagte Mrs. Sparsit gütig, »ich weiß, daß Sie es nicht getan. Ich weiß, daß Miß Gradgrind für dieses Spiel kein Interesse hat. Ich werde mich aber glücklich schätzen, wenn Sie sich herbeilassen wollten.«

Sie spielten in der Nähe eines Fensters, das auf den Garten ging. Es war eine schöne Nacht – nicht mondhell, aber warm und duftig. Luise und Mr. Harthouse schlenderten in dem Garten, von wo man ihre Stimmen, jedoch nicht ihre Worte vernehmen konnte. Mrs. Sparsit strengte von ihrem Platze bei dem Back-Gammon-Brett aus dauernd die Augen an, um draußen die Schatten zu durchdringen.

»Was gibt’s, Ma’am?« fragte Mr. Bounderby. »Sie sehen doch wohl kein Feuer?«

»O, du lieber Himmel, nein! Sir!« entgegnete Mrs. Sparsit, »ich dachte bloß an den Tau.«

»Was geht Sie der Tau an, Ma’am?« fragte Mr. Bounderby.

»Es ist nicht meinetwegen«, entgegnete Mrs. Sparsit, »ich fürchte bloß, Miß Gradgrind werde sich erkälten.«

»Sie erkältet sich niemals«, sagte Mr. Bounderby.

»Wirklich, Sir?« fragte Mr«. Sparsit, und hatte darauf einen Anfall von Husten.

Als die Zeit zum Schlafengehen heranrückte, trank Mr. Bounderby ein Glas Wasser.

»O, Sir«, rief Mrs. Sparsit, »keinen warmen Sherry mit Zitronenschale und Muskatnuß?«

»Nun, ich bin jetzt aus der Gewohnheit herausgekommen, das vor dem Schlafengehen zu nehmen«, sagte Mr. Bounderby.

»Um so mehr ist es zu bedauern«, sagte Mrs. Sparsit. »Sie entwöhnen sich all‘ ihrer guten Gewohnheiten. Seien Sie nicht so asketisch, Sir! Wenn Miß Gradgrind es mir gestattet, will ich gern den Trank für Sie bereiten, wie ich es oft getan.«

Da Miß Gradgrind bereit war, Mrs. Sparsit gern alles zu gestatten, was sie nur tun wollte, so bereitete diese aufmerksame Lady das Getränk und reichte es Mr. Bounderby. »Das wird Ihnen gut bekommen, Sir. Es wird Ihnen das Herz erwärmen. E« ist gerade das, was Sie brauchen und nehmen sollen, Sir.«

Und als Mr. Bounderby sagte: »Ihre Gesundheit, Ma’am!« antwortete sie mit tiefem Gefühl: »Danke Ihnen, Sir! Ihnen ein gleiches und viel Glück!« Endlich wünschte sie ihm mit vielem Pathos gute Nacht. Und Mr. Bounderby ging zu Bett mit der benebelten Überzeugung, daß er in einer zarten Angelegenheit benachteiligt worden, obgleich er für sein Leben nicht hätte sagen können, um was es sich eigentlich handle.

Lange nachdem Luise sich entkleidet und niedergelegt hatte, wachte und wartete sie auf die Rückkehr ihres Bruders. Diese konnte erst, das wußte sie wohl, eine Stunde nach Mitternacht stattfinden – in der ländlichen Stille jedoch, die die Aufregung ihrer Gedanken durchaus nicht beruhigen konnte, schlich die Zeit langsam dahin. Als endlich die Dunkelheit und Stille stundenlang sich gegenseitig zu vergrößern schienen, hörte sie die Hausglocke. Es war ihr, als hätte sie es mit Vergnügen hören können, wenn diese bis Tagesanbruch fortschellte. Sie hörte aber auf, und das Erklingen des letzten Tones verbreitete sich schwach und weit in der Luft, worauf alles wieder totenstill ward.

Sie wartete nach ihrer Berechnung noch eine Viertelstunde. Dann erhob sie sich, warf ein weites Kleid um, verließ im Dunkeln ihr Zimmer und begab sich die Treppe hinauf zu dem ihres Bruders. Da die Tür des Zimmers zugemacht war, öffnete sie diese leise und sprach zu ihm, während sie sich seinem Bett mit geräuschlosem Schritt näherte.

Sie kniete neben dem Bett nieder, schlang den Arm um seinen Nacken und zog sein Gesicht an das ihrige. Sie wußte, er stellte sich bloß, als ob er schliefe, sagte aber nichts darüber.

Er fuhr bald darauf empor, als wäre er eben erwacht, fragte, wer es sei und was es gäbe?

»Tom, hast du mir etwas zu sagen? Wenn du mich je in deinem Leben lieb hattest und du etwas hast, das du vor allen übrigen verbirgst, so sage es mir.«

»Ich weiß nicht, was du meinst, Lu. Du mußt geträumt haben.«

»Mein teurer Bruder!« Sie legte ihren Kopf auf sein Kopfkissen nieder, und ihr Haar wallte über ihn, als ob sie ihn vor allen andern verbergen wollte. »Hast du mir denn gar nichts zu sagen? Gibt es nichts, das du mir sagen könntest, wenn du wolltest? Du kannst mir nichts sagen, das mich gegen dich verändern könnte. O, Tom, sag‘ mir die Wahrheit!«

»Ich weiß nicht, was du meinst, Lu!«

»Wie du, mein teurer Bruder, hier in der dunklen Nacht allein liegst, so wirst du einst irgendwo allein liegen, wo selbst ich, wenn ich noch am Leben sein sollte, dich werde verlassen haben. Wie ich hier bei dir bin, barfuß, entkleidet, unerkennbar in der Dunkelheit, so werde ich liegen müssen während der ganzen Nacht meiner Verwesung, bis ich zu Staub geworden. Im Namen jener Zeit, Tom, sage mir nun die Wahrheit!«

»Was willst du denn eigentlich wissen?«

»Du kannst gewiß sein«, – in der Gewalt der Liebe drückte sie ihn, einem Kinde gleich, an ihre Brust – »daß ich dir keinen Vorwurf machen werde. Du kannst gewiß sein, daß ich mitleidsvoll und treu gegen dich sein werde. Du kannst gewiß sein, daß ich dich um jeden Preis retten werde. O, Tom, hast du mir nichts zu sagen? Flüstere es ganz leis, sage bloß ›Ja‹, und ich werde dich verstehen.« Sie wandte ihr Ohr gegen seine Lippen, er aber verharrte in mürrischem Schweigen.

»Nicht ein Wort, Tom?«

»Wie kann ich ›Ja‹, oder wie kann ich ›Nein‹ sagen, wenn ich nicht weiß, was du meinst? Lu, du bist ein liebes, gutes Mädchen, und wie ich zu glauben anfange, eines besseren Bruders würdig. Ich habe aber nichts mehr zu sagen, geh‘ schlafen, geh‘ schlafen.«

»Du bist müde«, flüsterte sie gleich darauf, mehr in ihrer gewöhnlichen Weise.

»Ja, ich bin schrecklich müde.«

»Du hast heute so viel Unruh‘ und Mühe gehabt. Sind neue Entdeckungen gemacht worden?«

»Bloß die, von denen du schon gehört hast. Von – ihm.«

»Tom, hast du jemandem mitgeteilt, daß wir jene Leute besuchten, und daß wir die drei beisammensahen?«

»Nein. Hast du es mir nicht besonders aufgetragen, die Sache geheim zu halten, als du mich auffordertest, mit dir hinzugehen?«

»Ja.«

»Aber damals wußte ich nicht, was vorfallen würde.«

»Auch ich nicht. Wie könnt‘ ich auch?«

Er war mit dieser Antwort sehr rasch gegen sie.

»Sollte ich nach dem, was vorgefallen ist, sagen«, frug seine Schwester, die jetzt bei seinem Bette stand – sie hatte sich allmählich zurückgezogen und erhoben – »daß ich jenen Besuch machte, soll ich es sagen? muß ich es sagen?«

»Du lieber Himmel, Lu!« entgegnete ihr Bruder, »du bist nicht gewohnt, mich um Rat zu fragen. Sage, was dir beliebt. Wenn du es verschweigst, so will ich es auch verschweigen, wenn du es aufdeckst, so hat die Geschichte ein Ende.«

Es war für beide zu dunkel, das Gesicht des andern zu sehen. Jedes schien jedoch höchst aufmerksam zu sein und genau zu bedenken, was zu sprechen sei.

»Tom, glaubst du, daß der Mann, dem ich das Geld gab, bei diesem Verbrechen wirklich beteiligt ist?«

»Ich weiß nicht. Ich sehe es nicht ein, warum er es nicht sein sollte.«

»Er schien mir ein redlicher Mann.«

»Ein anderer mag dir ehrlos erscheinen, und ist es doch nicht.«

Eine Pause trat ein, denn er zögerte und hielt inne. »Kurz«, fuhr Tom fort, als ob er einen Entschluß gefaßt hätte, »wenn du darauf zurückkommst, so bin ich vielleicht durchaus nicht in seiner Gunst gestanden, weil ich ihn vor die Tür rief, um ihm zu sagen, daß er sich glücklich schätzen mag, zu einem solchen guten Fund durch meine Schwester gelangt zu sein, und ich hoffe, er werde einen guten Gebrauch davon machen. Du wirst dich erinnern, ob ich ihn hinausrief oder nicht. Ich will nichts gegen den Mann sagen – er mag nach dem, was ich von ihm weiß, ein ehrlicher Kerl sein: ich will hoffen, er ist es.«

»War er durch deine Worte beleidigt?«

»Nein. Er nahm sie ziemlich gut auf. Er war höflich genug. Wo bist du, Lu?« Er richtete sich im Bett empor und küßte sie. »Gute Nacht, meine Liebe, gute Nacht!«

»Du hast mir nichts mehr zu sagen?«

»Nein. Was sollte ich sagen? Du willst doch nicht, daß ich dir eine Lüge sage?«

»Ich wollte nicht, du tätest es diese Nacht, Tom, vor allen andern Nächten deines Leben«, deren du, wie ich hoffe, noch viele und glücklichere haben wirst.«

»Ich danke dir, meine gute Lu. Ich bin so müde, daß es mich wirklich wundern sollte, wenn ich nicht alles Mögliche sage, um nur schlafen zu können. Geh‘ schlafen, geh‘ schlafen!«

Indem er sie abermals küßte, drehte er sich um, zog sich die Decke über den Kopf und lag so still, als ob jene Zeit schon gekommen wäre, bei der sie ihn beschworen. Sie stand ein wenig bei dem Bett still, ehe sie sich langsam zurückzog. An der Tür verweilte sie, blickte still zurück, nachdem sie dieselbe geöffnet hatte, und frug ihn, ob er sie gerufen. Aber er lag still, und sie schloß sachte die Tür und kehrte in ihr Zimmer zurück.

Der elende Junge blickte jetzt vorsichtig auf und sah, daß sie fort war, schlich aus dem Bett, schloß die Tür und warf sich wieder auf sein Lager, wobei er sich das Haar zerraufte, trotzig weinte, mit widerwilliger Liebe ihrer gedachte, sich selbst voll Haß aber unbußfertig verachtete, und ebenso haßerfüllt und zwecklos alles Gute in der ganzen Welt verachtete.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.


Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Indem sich Mrs. Sparsit ruhig verhielt, um die Spannkraft ihrer Nerven auf Mr. Bounderbys Ruhesitz wieder zu erlangen, paßte sie unter ihren Corolianischen Augenbrauen Tag und Nacht äußerst wachsam auf. Ihre Augen hätten wie ein Paar Leuchttürme an einer mit eisernen Reifen versehenen Küste, alle vorsichtigen Seeleute vor jenen kühnen Felsen ihrer römischen Nase und der düsteren und holperigen Region in ihrer Nachbarschaft warnen müssen, wenn ihr Benehmen nicht so sanft gewesen wäre. Man konnte schwerlich anderes glauben, als daß sie sich nur der Form wegen in der Nacht zurückzog, – so weit offen standen ihre klassischen Augen und so unmöglich schien es, daß ihre strenge Nase einem erschlaffenden Einfluß nachgeben könnte. Aber war doch ihre Weise zu sitzen, und ihre unbequemen, um nicht zu sagen kratzigen Handschuhe zu glätten, (sie waren nach dem kühlenden Prinzip eines Fleischschranks gebaut) oder mit ihrem Fuß in dem Steigbügel von Baumwollgarn hinzubaumeln – so vollkommen harmlos, daß die meisten Beobachter sie für eine Taube hätten halten müssen. Für eine Taube, die durch eine Laune der Natur in den irdischen Körper eines Vogels von dem Habichtschnabelgeschlecht verkörpert worden.

Ihre Art, im Haus umherzustreifen, war höchst sonderbar. Wie sie von Stockwerk zu Stockwerk geriet, war ein unlösbares Rätsel. Eine Lady, die an und für sich selbst so anständig und so vornehm war, konnte nicht in den Verdacht geraten, über die Geländer zu setzen oder diese hinunterzugleiten, und dennoch mußte ihre außerordentliche Leichtigkeit in ihren Bewegungen auf diese kühne Idee führen. Ein zweiter bemerkenswerter Umstand bei Mrs. Sparsit war, daß sie nie in übermäßiger Eile erschien, sie schoß mit vollkommener Geschwindigkeit vom Dache zur Halle, und war, sobald sie unten anlangte, dennoch im vollen Besitze ihres Atems und ihrer Würde. Auch hatte kein menschliches Auge sie große Schritte machen sehen.

Sie benahm sich sehr freundlich gegen Mr. Harthouse und hatte bald nach ihrer Ankunft ein angenehmes Gespräch mit ihm. Sie machte ihm eines Morgens vor dem Frühstück in dem Garten ihre Staatsaufwartung.

»Es scheint mir, als wäre es erst gestern gewesen, Sir«, sagte Mrs. Sparsit, »daß ich die Ehre hatte, Sie in der Bank zu empfangen. Damals wünschten Sie liebenswürdigerweise Mr. Bounderby’s Adresse zu erfahren.«

»Gewiß, ein Ereignis, das von mir im Verlauf der Zeiten nicht vergessen werden wird«, sagte Mr. Harthouse, indem er mit möglichster Lässigkeit den Kopf vor Mrs. Sparsit verneigte.

»Wir leben in einer sonderbaren Welt, Sir«, sagte Mr«. Sparsit.

»Durch eine Begegnung, auf die ich stolz bin, habe ich die Ehre gehabt, eine dem Sinn nach gleiche Beobachtung zu machen. Nur daß ich sie nicht, wie Sie, in so epigrammatischer Kürze ausdrücken kann.«

»In einer sonderbaren Welt, möchte ich sagen, Sir«, fuhr Mrs. Sparsit fort, nachdem sie für das Kompliment mit einer Neigung ihrer dunklen Augenbrauen gedankt, deren Ausdruck nicht ganz so mild war, wie ihre süßtönende Stimme. »Ich meine, eine sonderbare Welt hinsichtlich der Bekanntschaften, die wir zu einer Zeit mit Personen machen, die uns zu anderen Zeiten ganz unbekannt waren. Ich erinnere mich, Sir, daß Sie damals so weit gingen, zu gestehen, daß Sie vor Miß Gradgrind wirkliche Furcht hätten.«

»Ihr Gedächtnis erweist mir mehr Ehre, als mein unbedeutendes Wesen verdient. Ich machte von Ihren gefälligen Andeutungen Gebrauch, um meine Schüchternheit zu überwinden, und ich brauche nicht hinzuzufügen, daß Ihre Winke völlig richtig waren; Mrs. Sparsits Talent für – in der Tat für alles, was Genauigkeit bedarf, mit einer Kombination von Geistesstärke – und Familie – ist zu gewohnheitsmäßig entwickelt, um noch bezweifelt zu werden.«

Er war über diesem Kompliment beinahe eingeschlafen – so lange dauerte es, bis er sich durchwand; sein Geist war laß und abschweifend.

»Sie finden Miß Gradgrind – ich kann sie wirklich nicht Mrs. Bounderby nennen – das ist höchst dumm von mir – so jugendlich, wie ich sie beschrieben?« fragte Mrs. Sparsit in süßlichem Tone.

»Sie zeichneten ihr Porträt vollkommen«, sagte Mr. Harthouse, »stellten ihr leibhaftes Bild dar.«

»Sehr liebenswürdig, Sir?« fragte Mrs. Sparsit, indem sie ihre Handschuhe langsam umeinander drehte.

»Ganz außerordentlich.«

»Man meinte immer«, sagte Mrs. Sparsit, »daß es Miß Gradgrind an Lebhaftigkeit fehle – aber ich gestehe, es scheint mir, als hätte sie in dieser Hinsicht höchst bedeutende und auffallende Fortschritte gemacht. – Ja, und in der Tat, hier kommt Mr. Bounderby!« rief Mrs. Sparsit, indem sie mit dem Kopfe vielmals nickte, als ob sie über niemand anders gesprochen oder gedacht hätte.

»Wie geht es Ihnen heute morgen, Sir? Bitte, zeigen Sie sich uns fröhlich, Sir.«

Diese beharrlichen Besänftigungen seines Elends und Erleichterungen seiner Bürde, fingen nun an, die Wirkung zu haben, daß Mr. Bounderby milder als je gegen Mrs. Sparsit und härter als gewöhnlich gegen alle übrigen, von seiner Frau abwärts, war. Als daher Mrs. Sparsit mit erzwungener Gemütsruhe bemerkte: »Sie warten auf Ihr Frühstück, Sir, – ich glaube jedoch, daß Miß Gradgrind sich bald einfinden wird, um bei Tisch die Hausfrau zu stellen«, antwortete Mr. Bounderby: »Wenn ich warten wollte, bis meine Frau sich um mich bekümmerte, Ma’am, so wissen Sie recht gut, daß ich dann wohl bis zum jüngsten Tag warten müßte. Ich möchte Sie daher bitten, den Tee zu servieren.«

Mrs. Sparsit fügte sich und nahm ihre einstige Position bei Tische ein. Auch hierbei zeigte sich die treffliche Frau höchst sentimental. Sie war bei alledem so demütig, daß sie sich erhob, als Luise erschien, und dabei beteuerte, jetzt wirklich nicht mehr an jenem Platz sitzen zu können, so oft sie auch die Ehre gehabt habe, Mr. Bounderby’s Frühstück zu bereiten – ehe Miß Gradgrind – sie bitte um Verzeihung – sie wollte sagen: Mrs. Bounderby – sie hoffe, man werde sie entschuldigen, aber sie könne sich wirklich noch nicht darein finden – obwohl sie die Hoffnung hege, bald daran gewöhnt zu sein – ihre gegenwärtige Stellung eingenommen hatte. Es geschah bloß (bemerkte sie) weil Miß Gradgrind sich ein wenig verspätete, und Mr. Bounderbys Zeit so kostbar sei. Sie wisse es von früher, wie wesentlich es für ihn sei, pünktlich zu frühstücken. Da habe sie sich die Freiheit genommen, seinem Ersuchen zu willfahren; denn sein Wille wäre seit langem für sie Gesetz.

»Bleiben Sie nur, wo Sie sind, Ma’am«, sagte Mr. Bounderby; bleiben Sie nur, wo Sie sind. Ich glaube, Mrs. Bounderby wird sich freuen, der Mühe überhoben zu sein.«

»Sagen Sie das nicht, Sir«, entgegnete Mrs. Sparsit beinahe mit Strenge, »denn das klingt sehr ungütig für Mrs. Bounderby; und ungütig sein, sieht Ihnen nicht gleich.«

»Sie können sich beruhigen, Ma’am. Du kannst es doch ruhig mit ansehen, nicht wahr, Lu?« sagte Mr. Bounderby in polternder Weise zu seiner Frau.

»Natürlich, die Sache hat keine Bedeutung, warum sollte sie für mich von Wichtigkeit sein?«

»Warum sollte sie überhaupt für jemand von Wichtigkeit sein, Mrs. Sparsit, Ma’am?« sagte Mr. Bounderby mit aufgeblasener Verachtung. »Sie legen diesen Dingen zu viel Wichtigkeit bei, Ma’am, zum Donnerwetter! Manche Ihrer Begriffe werden hier zurechtgewiesen werden. Sie sind noch altmodisch, Ma’am, Sie sind hinter der Zeit von Gradgrinds Kindern zurück.«

»Was fehlt Ihnen?« fragte Luise mit kaltblütigem Erstaunen. »Was hat Sie beleidigt?«

»Beleidigt?« wiederholte Bounderby. »Glauben Sie, wenn ich beleidigt worden wäre, ich würde dazu schweigen und nicht darauf dringen, daß es gutgemacht würde? Ich bin, wie ich glaube, ein gerader Mann, ich brauche nicht auf Nebenwegen zu schleichen.«

»Ich glaube, niemand ist je veranlaßt worden, Sie für zu schüchtern oder zu zartfühlend zu halten«, antwortete ihm Luise gefaßt. »Ich habe Ihnen nie diesen Vorwurf gemacht, weder als Kind, noch als Frau. Ich begreife nicht, was Sie haben wollen.«

»Haben?« erwiderte Mr. Bounderby, »nichts. Weißt du, Lu Bounderby, denn nicht recht gut, daß ich, Josiah Bounderby von Coketown, es sonst auch haben würde?«

Sie sah ihn, wie er auf den Tisch schlug und die Teetassen klirren machte, mit flammender Nöte im Gesichte an, die nach der Meinung von Mr. Harthouse eine neue Nuance seines Wesens war.

»Sie sind heute morgen unbegreiflich«, sagte Luise, »bitte bemühen Sie sich nicht weiter, sich zu erklären, ich bin nicht neugierig, Ihre Meinung zu wissen. Was ist daran gelegen?«

Es wurde über diesen Gegenstand nichts weiter gesprochen, und Mr. Harthouse unterhielt sich bald in lässiger Lustigkeit über gleichgültige Gegenstände. Von diesem Tage an wurden jedoch Luise und James Harthouse durch den Sparsit-Einfluß auf Mr. Bounderby enger aneinander geknüpft. Das verstärkte Luises gefährliche Entfremdung von ihrem Manne und das vertrauliche Verhältnis mit einem anderen gegen ihn. Sie war in dieses Verhältnis auf so seine Weise geraten, daß sie die Spuren, wie alles gekommen, trotz ihrer Versuche nicht aufzufinden vermochte. Ob sie es aber je versucht hatte oder nicht, lag in ihrem eigenen verschlossenen Herzen verborgen.

Mrs. Sparsit aber war von diesem Vorgang so sehr ergriffen, daß sie nach dem Frühstück Mr. Bounderby den Hut reichte und während ihres Alleinseins in der Halle ihm einen keuschen Kuß auf seine Hand drückte, indem sie murmelte: »Mein Wohltäter!« worauf sie sich von Schmerz überwältigt zurückzog. Dennoch bleibt nach dem Zeugnis dieser Geschichte folgendes eine unzweifelhafte Tatsache: fünf Minuten, nachdem er das Haus mit demselben Hut verlassen, schwang das Familienmitglied der Scadgers und Powlers den Handschuh ihrer rechten Hand gegen sein Porträt, schnitt eine verächtliche Grimasse gegen jenes Kunstwerk, und rief: »Geschieht dir schon recht, du Esel, und ich freue mich darüber!«

Mr. Bounderby war noch nicht lange fort, als Bitzer erschien. Bitzer war mit einem Sonderzug von Stone Lodge herabgekommen. Dieser Zug war pfeifend und rasselnd über die lange Schwibbogenlinie dahingefahren, die sich in jener wilden Gegend ehemaliger und jetziger Kohlengruben erhebt. Er brachte die eilige Botschaft für Luise, daß Mrs. Gradgrind sehr krank sei. Sie hatte sich, wie ihrer Tochter bekannt war, nie wohl befunden, seit den letzten Tagen jedoch hatte sie sehr abgenommen und war in der Nacht schwächer und schwächer geworden; jetzt war sie dem Tode so nahe, wie es ihre beschränkte Fähigkeit, in einem Zustand zu schweben, nur irgend gestattete, der den Schatten einer Absicht in sich schlösse, seiner ledig zu werden.

Begleitet von dem strohköpfigsten aller Laufburschen – einem geeigneten farblosen Portier an der Todespforte, wo Mrs. Gradgrind anklopfte – rasselte Luise nach Coketown, über die ehemaligen und jetzigen Kohlengruben hinweg, und wurde in den rauchgefüllten Rachen der Stadt hineingewirbelt. Sie überließ den Boten seinen eigenen Geschäften und fuhr ihrem elterlichen Hause zu.

Seit ihrer Verheiratung war sie selten dagewesen. Ihr Vater befand sich gewöhnlich bei seinem parlamentarischen Kehrichthaufen in London, sichtend und sichtend (ohne daß man ihn je viele kostbare Dinge aus dem Quarke herausfinden sah), und war sehr emsig in dem nationalen Schutt- und Müll-Abfuhrplatz beschäftigt. Ihre Mutter hätte es mehr als Störung betrachtet, wenn man sie besuchte, während sie auf dem Sofa ruhte. Als junge Person fühlte sich Luise ganz ungeschickt dazu; Cili hatte sich seit jener Nacht, wo des Landstreichers Kind die Augen zu Mr. Bounderbys künftiger Frau erhob, nie freundlich genähert. So hatte sie keine Veranlassung, zurückzugehen, und tat es auch selten.

Auch wurden keine schönen Eindrücke des Schauplatzes ihrer Kindheit in ihr rege, als sie sich jetzt dem Vaterhause näherte. Ihre Träume der Kindheit – ihre lustigen Märchen; ihre anmutigen, schönen, menschlichen, unmöglichen Freuden einer reichen Welt, an die einmal zu glauben so wohltuend ist, und so süß sich deren zu erinnern, wenn wir erwachsen sind! Denn dann wird die bescheidenste Erinnerung an jene Welt zur Stätte erbarmender Liebe im Herzen, wo Kinder eintreten dürfen, und mit ihren reinen Händen inmitten der steinigen Pfade dieses Lebens einen Garten pflegen; allwo, in vertrauensvoller Einfachheit, fern allem Welttreiben, sich öfter zu sonnen, für alle Adamskinder weit besser wäre – was wußte sie von alledem! Erinnerungen an eine Zeit, wo sie dem Wenigen, was sie wußte, auf dem Zauberpfade entgegengewandert war, auf dem Pfade des Lebens, das sie und Millionen unschuldiger Geschöpfe erhoffte. Jenes Kinderparadies, in dem man beim Erwachen des Verstandes im duftigen Licht der Phantasie zuerst den liebenden Gott sah, der sich vor anderen, gleich großen Gottheiten beugte: keinen grimmigen Götzen, grausam und kalt, der seine Opfer an Händen und Füßen fesselt und der als stumpfe dumpfe Masse geistlos ins Leere von so und soviel Pferdekräften umzurechnen ist – was für Teil hatte sie daran? – Ihre Erinnerungen an Elternhaus und Kindheit waren Erinnerungen an das Austrocknen jeder Quelle und jedes Brunnens in ihrem jungen Herzen, wie sie hervorströmten. Die goldenen Fluten befanden sich nicht dort. Sie flossen, um das Land fruchtbar zu machen, wo Trauben von Dornen und Feigen von Disteln eingesammelt werden.

Sie trat mit schwerem, verhärtetem Gram in das Hau und in das Zimmer ihrer Mutter. Seitdem sie das Elternhaus verlassen, hatte Cili neben der übrigen Familie gleichberechtigt gestanden. Cili saß neben ihrer Mutter, und ihre Schwester Jane, die jetzt zehn bis zwölf Jahre alt war, befand sich auch im Zimmer. Es kostete viel Mühe, ehe man es Mrs. Gradgrind begreiflich machen konnte, daß ihr ältestes Kind da sei. Sie sank zurück und stützte sich aus bloßer Gewohnheit auf ein Kissen, und das alles in ihrer frühern gewöhnlichen Stellung, die ein so hilfloses Geschöpf annehmen konnte. Sie hatte sich entschieden geweigert, sich zu Bett zu begeben, und zwar aus dem Grunde, daß, wenn sie es täte, die Sache kein Ende nehmen würde. Ihre schwache Stimme klang so entfernt aus ihrem Bündel Schals, und der Klang einer andern Stimme, die sie ansprach, schien so lange Zeit zu gebrauchen, bis sie an ihr Ohr gelangte, als hätte sie im Grund eines Brunnens gelegen.

Die arme Frau befand sich näher der Wahrheit als je, was viel heißen wollte. Als man ihr sagte, Mrs. Bounderby sei da, antwortete sie im Geiste des Widerspruchs, daß sie ihm nie diesen Namen gegeben, seit er Luise geheiratet; daß sie, unentschieden in der Wahl eines passenden Namens, ihn bloß J nannte; und daß sie jetzt von dieser Regel nicht abweichen könne, da sie keinen andern zur Verfügung habe. Luise hatte bei ihr einige Minuten gesessen und das Gesagte mehrfach wiederholt, ehe sie es klar begreifen konnte, wer es sei. Hierauf schien sie es auf einmal zu begreifen. »Gut denn, mein Kind«, sagte Mrs. Gradgrind, »ich hoffe, du bist ganz zufrieden. Dein Vater allein hat es getan. Er hat darauf bestanden. Er muß es wissen, warum.«

»Ich will von dir hören, Mutter, und nicht von mir.«

»Von mir willst du hören, mein Kind? das ist gewiß etwas Neues, wenn jemand von mir hören will; es geht mir durchaus nicht gut, Luise, sehr schwach und schwindelig.«

»Fühlst du Schmerz, liebe Mutter?«

»Ich glaube, es befindet sich ein Schmerz irgendwo im Zimmer«, sagte Mrs. Gradgrind, aber ich kann nicht behaupten, daß ich ihn habe.«

Nach diesen sonderbaren Worten lag sie einige Zeit still. Luise ergriff ihre Hand, konnte aber keinen Puls fühlen. Als sie die Mutter aber küßte, spürte sie einen leichten, dünnen Lebensfaden in unruhiger Bewegung.

»Du siehst deine Schwester sehr selten«, sagte Mrs. Gradgrind. »Sie wächst auf gleich dir, ich wünsche, daß du dich ihrer annimmst. Cili, bringe sie her.«

Sie ward herbeigeführt und stand da, ihre Schwester bei der Hand haltend. Luise hatte sie ihren Arm um Cilis Nacken schlingen gesehen, und sie fühlte den Unterschied dieser Annäherung.

»Siehst du die Ähnlichkeit, Luise?«

»Ja, Mutter, ich sollte denken, sie ist mir gleich, aber –«

»Nun? ich sage es ja immer, sagte Mrs. Gradgrind mit unerwarteter Raschheit. »Und das erinnert mich. – Ich habe etwas mit dir zu sprechen, mein Kind. Cili, mein gutes Mädchen, laß uns einen Augenblick allein.«

Luise hatte die Hand losgelassen, dachte, daß das Gesicht ihrer Schwester schöner und heiterer sei, als ihres je gewesen, – sah in diesem Gesicht nicht ohne ein aufkeimendes Gefühl der Bitterkeit selbst hier zu dieser Stunde etwas von Sanftheit des anderen Gesichtes in dem Zimmer, des Gesichtes mit den vertrauensvollen Augen, das durch das reiche dunkle Haar blässer erschien, als es durch Wachen und teilnehmenden Kummer geschah.

Mit ihrer Mutter allein gelassen, sah Luise, wie diese dalag, mit einer trüben Schläfrigkeit auf ihrem Gesicht, gleich jemandem, der widerstandslos auf einem weiten Wasser dahinschwimmt, damit zufrieden, den Strom hinuntergetragen zu werden. Sie führte den Schatten einer Hand abermals an ihre Lippen und weckte sie aus ihrer Ohnmacht.

»Du wolltest mit mir sprechen, Mutter.«

»Ei! Ja gewiß, mein Kind. Du weißt, dein Vater ist fast immer abwesend, und deshalb muß ich ihm darüber schreiben.«

»Worüber, Mutter? Beunruhige dich nicht; worüber denn?«

»Du wirst dich erinnern, mein Kind, daß, wenn ich irgend etwas über einen Gegenstand gesagt hatte, man mich nie damit gelten ließ, deshalb habe ich seit langer Zeit unterlassen, überhaupt etwas zu sagen.«

»Ich höre dich wohl, Mutter«, aber sie konnte nur dadurch, daß sie ihr Ohr neigte und gleichzeitig die Lippen betrachtete, wie sie sich bewegten, dergleichen schwache und abgebrochene Töne in zusammenhängende Verbindung bringen.

»Du hast sehr viel gelernt, Luise, und ebenso dein Bruder, allerhand Ologien,12 von morgens bis abends. Wenn es noch irgendeine Ologie gibt, die in diesem Haus nicht zersetzt worden ist, so kann ich nur davon sagen, ich hoffe, nie ihren Namen zu hören.«

»Ich kann dich hören, Mutter, wenn du nur Kraft hast, fortzufahren.« Das sagte sie, um sie vom Davonschwimmen abzuhalten.

»Aber es gibt etwas, durchaus keine Ologie – das dein Vater unterlassen oder vergessen hat, Luise. Ich weiß nicht, was es ist. Ich habe oft daran gedacht, wenn Cili neben mir dasaß, ich werde mich jetzt seines Namens nicht erinnern. Aber dein Vater kennt es, es macht mich unruhig, ich will ihm darüber schreiben, damit er um des Himmels willen ausfinde, was es ist. Gib mir eine Feder! Gib mir eine Feder!«

Selbst die Kraft der Unruhe war verschwunden, ausgenommen von dem armen Kopfe, der sich gerade von einer Seite auf die andere drehen konnte.

Sie bildete sich aber ein, daß ihre Bitte erfüllt worden, und daß die Feder, die sie nicht halten konnte, sich in ihrer Hand befinde. Es ist wenig daran gelegen, welche Gestalten wunderbaren Unsinns sie auf ihren Umschlagetüchern zu zeichnen begann. Die Hand hielt bald mitten in der Bewegung inne. Das Licht, das hinter dem schwachen Lampenschirm immer matt und dunkel gewesen, ging aus; und selbst Mrs. Gradgrind, die aus dem Schatten heraustrat, in dem der Mensch wandelt und vergebens sich abmüht, nahm die grauenhafte Feierlichkeit der Weisen und Patriarchen an.

Sechsundzwanzigstes Kapitel.


Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Da Mrs. Sparsits Nerven nur sehr langsam ihre Spannkraft wiedererlangten, so blieb die würdige Frau mehrere Wochen auf Mr. Bounderbys Ruhesitz. Dort ergab sie sich, trotz ihrer Vorliebe für Einsamkeit, die auf dem schicklichen Bewußtsein ihres veränderten Standes beruhte, mit edler Stärke darein, sozusagen im Füllhorn des Überflusses zu leben und am Fett des Landes zu zehren. Während der ganzen Zeit dieser Zurückgezogenheit von der Bewachung der Bank, benahm sich Mrs. Sparsit als ein Muster von Standhaftigkeit, indem sie fortfuhr, Mr. Bounderby derart ins Gesicht zu bemitleiden, wie das nur selten einem Manne widerfährt, und zugleich sein Porträt »Esel« ins Gesicht zu heißen, mit der größten Bitterkeit und Verachtung.

Mr. Bounderby hatte es nun in sein explodierendes Wesen als Axiom aufgenommen, daß Mrs. Sparsit überlegen genug sei, um wahrzunehmen, wie er jenes allgemeine Kreuz in seiner Einsamkeit trage. Er hatte nur noch nicht herausgefunden, was er war. Ferner war ihm klar geworden, daß Luise sie nicht als ständigen Besuch haben möchte, wofern sich solcher Widerspruch überhaupt an sein, Bounderbys, Größe heranwagte; darum beschloß er erst recht, Mrs. Sparsit in seiner Umgebung zu behalten. Als daher ihre Nerven soweit gespannt waren, daß sie wieder Kalbsmilch in der Einsamkeit genießen konnte, sagte er zu ihr während des Mittagessens am Tage vor ihrer Abreise: »Ich will Ihnen was sagen, Ma’am. Sie müssen, solange es schönes Wetter gibt, am Samstag zu uns herkommen und bis Montag bleiben.« Worauf Mrs. Sparsit, in der Tat, obwohl nicht mohammedanischen Glaubens, erwiderte: »Hören ist gehorchen.«

Nun, Mrs. Sparsit war kein poetisches Weib, aber sie faßte doch eine Idee, die ins Reich allegorischer Phantasien gehörte. Sie beobachtete Luise sorgfältig und bewachte deren undurchdringliches Betragen beharrlich. Dadurch war ihre eigene Geistesschärfe gewetzt und geschliffen; sie hatte auf dem Weg der Inspiration sozusagen einen Schwung erhalten. Sie schuf also in ihrem Geist eine gewaltige Treppe, die in einen düstern Schlund von Schande und Verderben mündete; und diese Treppe sah sie von Tag zu Tag und von Stunde zu Stunde Luisen hinuntersteigen.

Es machte nun Mrs. Sparsits Lebensgeschäft aus, diese Treppe zu betrachten und Luise herabsteigen zu sehen; zuweilen langsam, zuweilen mehrere Staffeln mit einem Satze, zuweilen innehaltend, aber niemals umwendend. Wenn sie einmal umgewandt hätte, so würde Mrs. Sparsit aus Verdruß und Schmerz den Tod davon erlitten haben.

Sie war beharrlich heruntergestiegen, bis zu dem Tag, wo Mr. Bounderby die obenerwähnte wöchentliche Einladung ergehen ließ. Mrs. Sparsit war in guter Laune und geneigt, ein Gespräch anzuknüpfen.

»Nun bitte, Sir«, sagte sie, »wenn ich wagen darf, eine Frage über etwas zu stellen, über das Sie Stillschweigen beobachten – was wohl kühn von mir ist; denn ich weiß recht gut, daß Sie einen Grund haben für alles, was Sie tun – haben Sie hinsichtlich des Diebstahls Nachrichten erhalten?«

»Nein, Ma’am, nein, noch nicht! Unter den Umständen habe ich es noch nicht erwartet. Rom wurde nicht in einem Tag erbaut, Ma’am.«

»Sehr wahr, Sir«, sagte Mrs. Sparsit kopfschüttelnd.

»Auch in einer Woche nicht, Ma’am.«

»Nein, in der Tat nicht«, entgegnete Mrs. Sparsit mit einem Anstrich von Wehmut.

»Auf ähnliche Weise«, sagte Bounderby, »kann ich auch warten, wie Sie wissen. Wenn Romulus und Remus warten konnten, kann Josiah Bounderby auch warten. Sie waren indessen in ihrer Jugend besser daran als ich. Sie hatten eine Wölfin zur Amme, ich hatte bloß eine Wölfin zur Großmutter, sie gab mir keine Milch, Ma’am, sie gab mir Prügel. Sie war in dieser Beziehung eine vollständige Alderney.

»Ach!« seufzte Mrs. Sparsit und schauderte.

»Nein, Ma’am«, fuhr Mr. Bounderby fort, »ich habe nichts weiter darüber gehört. Man ist aber damit beschäftigt, und der junge Tom, der im Geschäft jetzt ziemlich fleißig arbeitet – was etwas Neues bei ihm ist, er hat nicht meine Schule durchgemacht – ist dabei tätig. Mein Bescheid ist, sich bei dieser Sache ruhig zu verhalten und ihr den Anschein der Vergessenheit zu geben. Alles, was man tun will, muß geheim geschehen, und nichts darf durch irgendein Zeichen verraten werden, sonst sammelt sich gleich ein halbes Hundert von diesem Gelichter und hilft jenem Kerl zu entwischen, daß man seiner nicht mehr habhaft werde. Man verhalte sich nur ruhig, und die Diebe werden nach und nach Vertrauen fassen, worauf wir sie schon kriegen werden.«

»Sehr klug, in der Tat, Sir«, sagte Mrs. Sparsit, »sehr interessant. Die alte Frau, deren Sie Erwähnung getan, Sir –«

»Die alte Frau, deren ich erwähnte, Ma’am«, sagte Bounderby, die Sache kurz abmachend, da nichts dabei aufzuschneiden war, »ist noch nicht eingefangen worden. Aber sie kann Gift darauf nehmen, daß es geschehen wird, wenn das ihre Lasterseele beruhigt. Unterdessen, Ma’am, bin ich der Meinung, wenn Sie mich überhaupt um meine Meinung fragen, daß es desto besser ist, je weniger man davon spricht.«

Am gleichen Abend sah Mrs. Sparsit von dem Fenster ihres Zimmers aus, als sie vom Einpacken ausruhte, auf ihre große Treppe und sah Luise immer abwärts steigen.

Sie saß neben Mr. Harthouse in einer Gartenlaube in leises Gespräch vertieft. Er lehnte sich über sie, wie sie zusammen flüsterten, und sein Gesicht berührte beinahe ihr Haar. »Warum nicht ganz!« sagte Mrs. Sparsit, indem sie ihre Falkenaugen aufs äußerste anstrengte. Mrs. Sparsit war zu entfernt, um ein Wort ihres Gesprächs zu vernehmen oder um auch nur zu wissen, daß sie leise sprachen, außer was sie nach dem Ausdruck ihrer Gebärden schloß; was sie aber sprachen, war folgendes:

»Sie erinnern sich des Mannes, Mr. Harthouse?«

»O, vollkommen!«

»Seines Gesichtes, seines Benehmens, und dessen, was er sagte?«

»Vollkommen! und er erschien mir auch als eine unendlich trübselige Person. Langweilig und prosaisch über die Maßen. Er war sehr gewandt darin, in der demütig-tugendhaften Schule der Beredsamkeit einem voranzuleuchten. Ich kann Sie indessen versichern, daß ich gleich damals dachte: mein lieber Mann, Sie übertreiben die Geschichte.«

»Es fiel mir sehr schwer, von jenem Manne schlecht zu denken.«

»Meine teure Luise – wie Tom sagt« – was er eigentlich nie tat – »Sie wissen doch selbst nichts Gutes von jenem Burschen?«

»Nein, gewiß nicht.«

»Auch nicht von einer anderen ähnlichen Person?«

»Wie vermöchte ich«, antwortete sie, mehr mit jenem sonstigen Ausdrucke, als er seit kurzem bei ihr bemerkt, »da ich überhaupt nichts von ihnen weiß, von Männern oder Frauen?«

»Meine teure Mrs. Bounderby! So gestatten Sie denn den untertänigen Vortrag ihres ergebenen Freundes entgegenzunehmen, der etwas von den verschiedenen Klassen seiner ausgezeichneten Nebenmenschen weiß – denn ausgezeichnet sind sie, daran zweifle ich nicht, trotz ähnlicher kleiner Schwächen, die darin bestehen, sich das anzueignen, was sie können. Jener Bursche macht Redensarten. Gut, das tun sie alle. Sein Gerede von sittlichen Grundsätzen verdient nur einen Augenblick Beachtung, sofern sie gerade ein sehr verdächtiger Umstand ist. Alle Heuchler bekennen sich zur Moralität, von dem Unterhaus bis zum Zuchthaus, ausgenommen Leute unseres Schlages. Es ist in der Tat jene Ausnahme, die unsere Leute so angenehm macht. Sie haben den Fall gesehen und gehört. Hier war ein gewöhnlicher Mann, der durch meinen geschätzten Freund Mr. Bounderby sehr scharf angefaßt worden war. Bounderby besitzt, wie wir wohl wissen, nicht jenes Zartgefühl, das eine so harte Hand milder machen könnte. Der gewöhnliche Mann war verletzt und verließ, zur Verzweiflung getrieben, murrend das Haus, begegnete jemanden, der ihm anbot, an diesem Bankraub aktienweise beteiligt zu sein. Er ging darauf ein, steckte etwas in die Tasche, wo früher sich nichts befand, und fühlte sein Gemüt dadurch höchst erleichtert. Er müßte in der Tat ein ungewöhnlicher, statt ein gewöhnlicher Mann gewesen sein, wenn er eine solche Gelegenheit nicht benutzt hätte. Oder er hätte es doch getan, wenn er nur die Geschicklichkeit dazu besessen. Ebenfalls wahrscheinlich.«

»Es dünkt mich, als wäre es schlecht von mir«, erwiderte Luise nach einer gedankenvollen Pause, »so schnell bereit zu sein, mit Ihnen übereinzustimmen und mein Gemüt durch Ihre Worte so erleichtert zu fühlen.«

»Ich sage nur, was vernunftgemäß ist; nichts Schlimmeres. Ich habe die Sache mehr als einmal mit meinem Freunde Tom besprochen – ich befinde mich natürlich immer auf vollkommen vertrautem Fuße mit Tom, und er ist ganz meiner Meinung, wie ich ganz der seinen bin. Wollen Sie einen Spaziergang machen?«

Sie schlenderten fort durch die schmalen Wege zwischen den Hecken, die jetzt in der Dämmerung undeutlich zu werden anfingen – sie stützte sich auf seinen Arm – und dachte wenig daran, wie sie immer hinab, hinab die Treppe von Mrs. Sparsit ging.

Tag und Nacht stand vor Mrs. Sparsit diese Treppe. Wenn Luise einmal am Boden angelangt und in dem Abgrund verschwunden war, so konnte sie auch über ihr zusammenstürzen; bis dahin jedoch mußte sie aufrechtstehen, als ein Gebäude vor Mrs. Sparsits Augen. Luise befand sich immer auf derselben. Sie glitt immer hinunter, hinunter, hinunter.

Mrs. Sparsit sah James Harthouse kommen und gehen; sie hörte von ihm hie und da; sie sah die Veränderungen des Gesichtes, das er studiert hatte; sie bemerkte ebenfalls mit peinlicher Genauigkeit, wie und wann es sich umwölkte, wie und wann es sich erheiterte; sie hielt ihre schwarzen Augen weit offen, ohne einen Zug der Teilnahme, ohne Aufregung, ganz in Interesse versunken, doch in das Interesse zuzusehen, wie jene, ohne von ihr aufgehalten zu werden, dem Abgrund jener neuen Riesentreppe immer näher kam. Bei aller Achtung vor Mr. Bounderby, der sich durch verschiedene Eigenschaften vor seinem Bilde so sehr auszeichnete, hatte Mrs. Sparsit nicht die geringste Absicht, das Herabsteigen zu hindern. Begierig, dieses vielmehr vollendet zu sehen, und doch geduldig, sah sie dem letzten Fall wie der Reife und Fülle der Ernte ihrer Hoffnungen erwartungsvoll entgegen. Und in Erwartung eingelullt, heftete sie den vorsichtigen Blick auf die Treppe, und sehr selten schwang sie nur leise den rechten Handschuh (mit der Faust in diesem) gegen die niedersteigende Gestalt.