Sechsundzwanzigstes Kapitel.


Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Da Mrs. Sparsits Nerven nur sehr langsam ihre Spannkraft wiedererlangten, so blieb die würdige Frau mehrere Wochen auf Mr. Bounderbys Ruhesitz. Dort ergab sie sich, trotz ihrer Vorliebe für Einsamkeit, die auf dem schicklichen Bewußtsein ihres veränderten Standes beruhte, mit edler Stärke darein, sozusagen im Füllhorn des Überflusses zu leben und am Fett des Landes zu zehren. Während der ganzen Zeit dieser Zurückgezogenheit von der Bewachung der Bank, benahm sich Mrs. Sparsit als ein Muster von Standhaftigkeit, indem sie fortfuhr, Mr. Bounderby derart ins Gesicht zu bemitleiden, wie das nur selten einem Manne widerfährt, und zugleich sein Porträt »Esel« ins Gesicht zu heißen, mit der größten Bitterkeit und Verachtung.

Mr. Bounderby hatte es nun in sein explodierendes Wesen als Axiom aufgenommen, daß Mrs. Sparsit überlegen genug sei, um wahrzunehmen, wie er jenes allgemeine Kreuz in seiner Einsamkeit trage. Er hatte nur noch nicht herausgefunden, was er war. Ferner war ihm klar geworden, daß Luise sie nicht als ständigen Besuch haben möchte, wofern sich solcher Widerspruch überhaupt an sein, Bounderbys, Größe heranwagte; darum beschloß er erst recht, Mrs. Sparsit in seiner Umgebung zu behalten. Als daher ihre Nerven soweit gespannt waren, daß sie wieder Kalbsmilch in der Einsamkeit genießen konnte, sagte er zu ihr während des Mittagessens am Tage vor ihrer Abreise: »Ich will Ihnen was sagen, Ma’am. Sie müssen, solange es schönes Wetter gibt, am Samstag zu uns herkommen und bis Montag bleiben.« Worauf Mrs. Sparsit, in der Tat, obwohl nicht mohammedanischen Glaubens, erwiderte: »Hören ist gehorchen.«

Nun, Mrs. Sparsit war kein poetisches Weib, aber sie faßte doch eine Idee, die ins Reich allegorischer Phantasien gehörte. Sie beobachtete Luise sorgfältig und bewachte deren undurchdringliches Betragen beharrlich. Dadurch war ihre eigene Geistesschärfe gewetzt und geschliffen; sie hatte auf dem Weg der Inspiration sozusagen einen Schwung erhalten. Sie schuf also in ihrem Geist eine gewaltige Treppe, die in einen düstern Schlund von Schande und Verderben mündete; und diese Treppe sah sie von Tag zu Tag und von Stunde zu Stunde Luisen hinuntersteigen.

Es machte nun Mrs. Sparsits Lebensgeschäft aus, diese Treppe zu betrachten und Luise herabsteigen zu sehen; zuweilen langsam, zuweilen mehrere Staffeln mit einem Satze, zuweilen innehaltend, aber niemals umwendend. Wenn sie einmal umgewandt hätte, so würde Mrs. Sparsit aus Verdruß und Schmerz den Tod davon erlitten haben.

Sie war beharrlich heruntergestiegen, bis zu dem Tag, wo Mr. Bounderby die obenerwähnte wöchentliche Einladung ergehen ließ. Mrs. Sparsit war in guter Laune und geneigt, ein Gespräch anzuknüpfen.

»Nun bitte, Sir«, sagte sie, »wenn ich wagen darf, eine Frage über etwas zu stellen, über das Sie Stillschweigen beobachten – was wohl kühn von mir ist; denn ich weiß recht gut, daß Sie einen Grund haben für alles, was Sie tun – haben Sie hinsichtlich des Diebstahls Nachrichten erhalten?«

»Nein, Ma’am, nein, noch nicht! Unter den Umständen habe ich es noch nicht erwartet. Rom wurde nicht in einem Tag erbaut, Ma’am.«

»Sehr wahr, Sir«, sagte Mrs. Sparsit kopfschüttelnd.

»Auch in einer Woche nicht, Ma’am.«

»Nein, in der Tat nicht«, entgegnete Mrs. Sparsit mit einem Anstrich von Wehmut.

»Auf ähnliche Weise«, sagte Bounderby, »kann ich auch warten, wie Sie wissen. Wenn Romulus und Remus warten konnten, kann Josiah Bounderby auch warten. Sie waren indessen in ihrer Jugend besser daran als ich. Sie hatten eine Wölfin zur Amme, ich hatte bloß eine Wölfin zur Großmutter, sie gab mir keine Milch, Ma’am, sie gab mir Prügel. Sie war in dieser Beziehung eine vollständige Alderney.

»Ach!« seufzte Mrs. Sparsit und schauderte.

»Nein, Ma’am«, fuhr Mr. Bounderby fort, »ich habe nichts weiter darüber gehört. Man ist aber damit beschäftigt, und der junge Tom, der im Geschäft jetzt ziemlich fleißig arbeitet – was etwas Neues bei ihm ist, er hat nicht meine Schule durchgemacht – ist dabei tätig. Mein Bescheid ist, sich bei dieser Sache ruhig zu verhalten und ihr den Anschein der Vergessenheit zu geben. Alles, was man tun will, muß geheim geschehen, und nichts darf durch irgendein Zeichen verraten werden, sonst sammelt sich gleich ein halbes Hundert von diesem Gelichter und hilft jenem Kerl zu entwischen, daß man seiner nicht mehr habhaft werde. Man verhalte sich nur ruhig, und die Diebe werden nach und nach Vertrauen fassen, worauf wir sie schon kriegen werden.«

»Sehr klug, in der Tat, Sir«, sagte Mrs. Sparsit, »sehr interessant. Die alte Frau, deren Sie Erwähnung getan, Sir –«

»Die alte Frau, deren ich erwähnte, Ma’am«, sagte Bounderby, die Sache kurz abmachend, da nichts dabei aufzuschneiden war, »ist noch nicht eingefangen worden. Aber sie kann Gift darauf nehmen, daß es geschehen wird, wenn das ihre Lasterseele beruhigt. Unterdessen, Ma’am, bin ich der Meinung, wenn Sie mich überhaupt um meine Meinung fragen, daß es desto besser ist, je weniger man davon spricht.«

Am gleichen Abend sah Mrs. Sparsit von dem Fenster ihres Zimmers aus, als sie vom Einpacken ausruhte, auf ihre große Treppe und sah Luise immer abwärts steigen.

Sie saß neben Mr. Harthouse in einer Gartenlaube in leises Gespräch vertieft. Er lehnte sich über sie, wie sie zusammen flüsterten, und sein Gesicht berührte beinahe ihr Haar. »Warum nicht ganz!« sagte Mrs. Sparsit, indem sie ihre Falkenaugen aufs äußerste anstrengte. Mrs. Sparsit war zu entfernt, um ein Wort ihres Gesprächs zu vernehmen oder um auch nur zu wissen, daß sie leise sprachen, außer was sie nach dem Ausdruck ihrer Gebärden schloß; was sie aber sprachen, war folgendes:

»Sie erinnern sich des Mannes, Mr. Harthouse?«

»O, vollkommen!«

»Seines Gesichtes, seines Benehmens, und dessen, was er sagte?«

»Vollkommen! und er erschien mir auch als eine unendlich trübselige Person. Langweilig und prosaisch über die Maßen. Er war sehr gewandt darin, in der demütig-tugendhaften Schule der Beredsamkeit einem voranzuleuchten. Ich kann Sie indessen versichern, daß ich gleich damals dachte: mein lieber Mann, Sie übertreiben die Geschichte.«

»Es fiel mir sehr schwer, von jenem Manne schlecht zu denken.«

»Meine teure Luise – wie Tom sagt« – was er eigentlich nie tat – »Sie wissen doch selbst nichts Gutes von jenem Burschen?«

»Nein, gewiß nicht.«

»Auch nicht von einer anderen ähnlichen Person?«

»Wie vermöchte ich«, antwortete sie, mehr mit jenem sonstigen Ausdrucke, als er seit kurzem bei ihr bemerkt, »da ich überhaupt nichts von ihnen weiß, von Männern oder Frauen?«

»Meine teure Mrs. Bounderby! So gestatten Sie denn den untertänigen Vortrag ihres ergebenen Freundes entgegenzunehmen, der etwas von den verschiedenen Klassen seiner ausgezeichneten Nebenmenschen weiß – denn ausgezeichnet sind sie, daran zweifle ich nicht, trotz ähnlicher kleiner Schwächen, die darin bestehen, sich das anzueignen, was sie können. Jener Bursche macht Redensarten. Gut, das tun sie alle. Sein Gerede von sittlichen Grundsätzen verdient nur einen Augenblick Beachtung, sofern sie gerade ein sehr verdächtiger Umstand ist. Alle Heuchler bekennen sich zur Moralität, von dem Unterhaus bis zum Zuchthaus, ausgenommen Leute unseres Schlages. Es ist in der Tat jene Ausnahme, die unsere Leute so angenehm macht. Sie haben den Fall gesehen und gehört. Hier war ein gewöhnlicher Mann, der durch meinen geschätzten Freund Mr. Bounderby sehr scharf angefaßt worden war. Bounderby besitzt, wie wir wohl wissen, nicht jenes Zartgefühl, das eine so harte Hand milder machen könnte. Der gewöhnliche Mann war verletzt und verließ, zur Verzweiflung getrieben, murrend das Haus, begegnete jemanden, der ihm anbot, an diesem Bankraub aktienweise beteiligt zu sein. Er ging darauf ein, steckte etwas in die Tasche, wo früher sich nichts befand, und fühlte sein Gemüt dadurch höchst erleichtert. Er müßte in der Tat ein ungewöhnlicher, statt ein gewöhnlicher Mann gewesen sein, wenn er eine solche Gelegenheit nicht benutzt hätte. Oder er hätte es doch getan, wenn er nur die Geschicklichkeit dazu besessen. Ebenfalls wahrscheinlich.«

»Es dünkt mich, als wäre es schlecht von mir«, erwiderte Luise nach einer gedankenvollen Pause, »so schnell bereit zu sein, mit Ihnen übereinzustimmen und mein Gemüt durch Ihre Worte so erleichtert zu fühlen.«

»Ich sage nur, was vernunftgemäß ist; nichts Schlimmeres. Ich habe die Sache mehr als einmal mit meinem Freunde Tom besprochen – ich befinde mich natürlich immer auf vollkommen vertrautem Fuße mit Tom, und er ist ganz meiner Meinung, wie ich ganz der seinen bin. Wollen Sie einen Spaziergang machen?«

Sie schlenderten fort durch die schmalen Wege zwischen den Hecken, die jetzt in der Dämmerung undeutlich zu werden anfingen – sie stützte sich auf seinen Arm – und dachte wenig daran, wie sie immer hinab, hinab die Treppe von Mrs. Sparsit ging.

Tag und Nacht stand vor Mrs. Sparsit diese Treppe. Wenn Luise einmal am Boden angelangt und in dem Abgrund verschwunden war, so konnte sie auch über ihr zusammenstürzen; bis dahin jedoch mußte sie aufrechtstehen, als ein Gebäude vor Mrs. Sparsits Augen. Luise befand sich immer auf derselben. Sie glitt immer hinunter, hinunter, hinunter.

Mrs. Sparsit sah James Harthouse kommen und gehen; sie hörte von ihm hie und da; sie sah die Veränderungen des Gesichtes, das er studiert hatte; sie bemerkte ebenfalls mit peinlicher Genauigkeit, wie und wann es sich umwölkte, wie und wann es sich erheiterte; sie hielt ihre schwarzen Augen weit offen, ohne einen Zug der Teilnahme, ohne Aufregung, ganz in Interesse versunken, doch in das Interesse zuzusehen, wie jene, ohne von ihr aufgehalten zu werden, dem Abgrund jener neuen Riesentreppe immer näher kam. Bei aller Achtung vor Mr. Bounderby, der sich durch verschiedene Eigenschaften vor seinem Bilde so sehr auszeichnete, hatte Mrs. Sparsit nicht die geringste Absicht, das Herabsteigen zu hindern. Begierig, dieses vielmehr vollendet zu sehen, und doch geduldig, sah sie dem letzten Fall wie der Reife und Fülle der Ernte ihrer Hoffnungen erwartungsvoll entgegen. Und in Erwartung eingelullt, heftete sie den vorsichtigen Blick auf die Treppe, und sehr selten schwang sie nur leise den rechten Handschuh (mit der Faust in diesem) gegen die niedersteigende Gestalt.

Siebenundzwanzigstes Kapitel.


Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Die Gestalt kam die große Treppe herab, Schritt für Schritt; und neigte sich fortwährend, gleich einer Last im tiefen Wasser, dem schwarzen Schlund im Abgrunde zu.

Mr. Gradgrind, von dem Hinscheiden seiner Frau in Kenntnis gesetzt, kam von London herüber und begrub sie in geschäftsmäßiger Weise. Mit Pünktlichkeit kehrte er dann wieder zum nationalen Aschenhaufen zurück und nahm das Sichten seines Quarkes wieder auf. Er begann wieder Sand in die Augen jener Leute zu streuen, die ihren eigenen Quark traten. Kurz, er lag wieder seinen parlamentarischen Pflichten ob.

Mrs. Sparsit hielt indessen rastlos Wache. Während der ganzen Woche von ihrer Treppe geschieden, durch die Länge des Eisenbahnweges, der Coketown von dem Landhause trennte, setzte sie dennoch ihre katzenartige Beobachtung Luises fort. Sie besorgte das durch deren Mann, durch deren Bruder, durch James Harthouse, durch die Adressen der Pakete und Briefe, durch alles Lebendige und Leblose, das sich irgend der Treppe näherte: »Ihr Fuß ruht auf der letzten Stufe, Mylady«, sagte Mrs. Sparsit, die herunterkommende Gestalt mit Beihilfe ihres drohenden Handschuhs begrüßend, »und all Ihre Kunst wird mich nicht täuschen!«

Sei es indessen Kunst oder Natur, der angeborene Grundzug von Luises Charakter, oder die Umstände, die diesem eingeimpft wurden – ihre besondere Verschlossenheit machte selbst den Scharfsinn einer Mrs. Sparsit zuschanden, während sie ihn herausforderte. Es gab Zeiten, wo Mr. James Harthouse an ihr irre ward. Es gab Zeiten, wo er in dem Gesicht nicht lesen konnte, das er so lange studiert hatte, und wo dieses alleinstehende Frauengeschöpf für ihn ein größeres Geheimnis war, als irgendein Weib in der Welt, das einen Kreis von schützenden Rittern um sich hat.

So verging die Zeit, bis es sich fügte, daß Mr. Bounderby, durch ein Geschäft, das seine Gegenwart anderwärts notwendig machte, für drei oder vier Tage abgerufen ward. Es war an einem Freitag, wo er dieses Mrs. Sparsit in der Bank mitteilte und hinzufügte:

»Sie werden morgen hinüberfahren, Ma’am, ganz wie sonst. Sie werden hinüberfahren, gerade als wenn ich da wäre. Das wird für Sie keinen Unterschied machen.«

»Bitte, Sir«, entgegnete Mrs. Sparsit vorwurfsvoll, »darf ich Sie bitten, dergleichen nicht zu sagen. Ihre Abwesenheit wird für mich einen mächtigen Unterschied machen, Sir, wie Sie, glaube ich, recht wohl wissen.«

»Gut, Ma’am, dann müssen Sie sich in meiner Abwesenheit so gut behelfen, wie Sie können«, sagte Bounderby nicht ungehalten.

»Mr. Bounderby«, entgegnete sie, »Ihr Wille ist für mich Gesetz, Sir; sonst wäre ich geneigt, gegen Ihre freundlichen Befehle zu protestieren. Denn ich weiß nicht, ob es Miß Gradgrind so angenehm sei, mich zu empfangen, wie das bei Ihrer großmütigen Gastfreundschaft der Fall ist. Sprechen Sie jedoch nichts mehr darüber, Sir, ich werde auf Ihre Einladung gehen.«

»Nun, wenn ich Sie in mein Haus einlade, Ma’am«, sagte Bounderby, die Augen aufreißend, »so sollte ich meinen, daß keine andere Einladung mehr nötig ist.«

»Wahrlich nicht, Sir«, erwiderte Mrs. Sparsit. »Ich sollte meinen, nein. Sprechen Sie nicht mehr darüber, Sir. Ich wollte, Sir, ich könnte Sie wieder fröhlich sehen.«

»Was meinen Sie, Ma’am?« schnaubte Bounderby.

»Sir«, entgegnete Mrs. Sparsit, »es pflegte sonst eine Elastizität in Ihrem Wesen zu herrschen, die ich mit Betrübnis vermisse. Kopf hoch, Sir.«

Mr. Bounderby konnte vor dem Bann dieser wunderlichen Verschwörung, die von ihrem mitleidsvollen Blick unterstützt war, sich bloß in einer schwachen und lächerlichen Weise den Kopf kratzen, und später sich schon von weitem bemerklich machen, indem er den ganzen Morgen in seinen Geschäften polterte und rumorte.

»Bitzer«, sagte Mrs. Sparsit an jenem Nachmittag, als ihr Gönner die Reise antrat und die Bank geschlossen wurde, »bring‘ meine Empfehlungen dem jungen Mr. Thomas, und frage ihn, ob er heraufkommen könnte, um Lammsschnittchen mit Champignonsoße nebst einem Glas India-Ale zu genießen.« Der junge Mr. Thomas, der für so etwas immer zu haben war, sandte eine freundliche Antwort zurück und folgte ihr auf den Fersen. »Mr. Thomas«, sagte Mrs. Sparsit, »dieses einfache Mahl, so meinte ich, könnte Ihnen zusagen.«

»Danke, Mrs. Sparsit«, sagte der Bengel. Und fiel mürrischen Blickes darüber her.

»Wie geht es Mr. Harthouse, Mr. Tom?« fragte Mrs. Sparsit.

»O! dem geht’s gut!« sagte Tom.

»Wo mag er jetzt sein?« fragte Mrs. Sparsit in einer leichten Gesprächsweise, nachdem sie den Bengel in Gedanken zu allen Furien gewünscht hatte, weil er so unmitteilsam war.

»Er befindet sich auf der Jagd in Yorkshire«, sagte Tom. »Schickte gestern an Lu einen Korb, halb so groß wie eine Kirche.«

»Der liebe Mann!« sagte Mrs. Sparsit süß; »man möchte wetten, er ist ein guter Schütze.«

»Und ob!« sagte Tom.

Tom hatte sich längst nicht mehr dadurch ausgezeichnet, den Leuten gerade in die Augen zu sehen. Aber jetzt hatte diese Eigenart so zugenommen, daß er jemandem nicht drei Minuten hinter einander ins Gesicht sehen konnte. Mrs. Sparsit hatte demgemäß reiche Gelegenheit, seine Blicke zu beobachten, wenn sie sich dazu aufgelegt gefühlt hätte.

»Mr. Harthouse ist ein besonderer Liebling von mir«, sagte Mrs. Sparsit, »wie er es auch wahrlich bei den meisten Leuten ist. Dürfen wir hoffen, ihn bald wieder zu sehen, Mr. Tom?«

»Nun, ich erwarte ihn morgen wieder«, erwiderte der Bengel.

»Wie schön!« rief Mrs. Sparsit freudig.

»Ich soll ihn heute abend von der Bahn abholen«, sagte Tom, »und ich werde dann, denke ich, mit ihm essen. Er kommt eine Woche oder so was nicht zu Nickits hinunter, da er anderwärts beschäftigt ist. Wenigstens sagt er’s; ich würde mich aber nicht wundern, wenn er über den Sonntag hier bliebe und sich dorthin verliefe.«

»Das erinnert mich an was!« sagte Mrs. Sparsit. »Wollten Sie Ihrer Schwester eine Botschaft überbringen, Mr. Tom, wenn ich Sie darum bäte?«

»O ja, wenn sie nicht zu lang ist«, entgegnete der unwillige Bengel.

»Sie besteht bloß in meinem ehrerbietigen Gruß«, sagte Mrs. Sparsit, »und daß ich sie wahrscheinlich diese Woche mit meiner Gesellschaft nicht belästigen würde, da ich noch ein wenig nervös bin, und besser mit meinem armen Selbst allein bleibe.«

»O! wenn es nur das ist«, bemerkte Tom, »daran wäre nicht viel gelegen, selbst wenn ich’s vergessen sollte, denn Lu dürfte schwerlich an Sie denken, bis Sie vor ihr erscheinen.«

Nachdem er für das Genossene mit diesem angenehmen Kompliment gedankt hatte, verfiel er in ein mürrisches Stillschweigen, bis kein India-Ale mehr übrig war, worauf er sagte: »Nun, Mrs. Sparsit, ich muß fort«, und fortging.

Sonnabends, am nächsten Tage, saß Mrs. Sparsit die ganze Zeit über am Fenster und betrachtete die Kunden, die ein- und ausgingen. Sie beobachtete die Briefträger, überblickte den Handel und Wandel auf der Straße, überlegte viele Dinge in ihren Gedanken; vor allem aber richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf ihre Treppe.

Als der Abend kam, nahm sie Hut und Schal und ging ruhig aus, wobei sie ihre Gründe hatte, verstohlenerweise um den Bahnhof zu streichen, wo ein Passagier von Yorkshire ankommen sollte. Sie zog es vor, hinter Säulen und Ecken und von den Fenstern des Wartezimmers für Frauen aus Umschau zu halten, als sich frei in den Gängen zu zeigen.

Tom wartete und schlenderte umher, bis der erwartete Zug ankam. Er brachte keinen Mr. Harthouse. Tom wartete, bis die Menge sich zerstreute und der Lärm vorüber war. Dann wandte er sich zu den angeschlagenen Plänen der Züge und erkundigte sich bei den Gepäckträgern. Nachdem er dies getan, schlenderte er träge fort, hielt in der Straße inne, betrachtete dieselbe nach oben und unten, nahm den Hut ab und setzte ihn wieder auf, gähnte, reckte sich und stellte alle Symptome sterblicher Langeweile zur Schau, die man bei jemandem erwarten kann, der bis zur Ankunft des nächsten Zuges eine Stunde und vierzig Minuten harren muß.

»Das ist eine List, um ihn nicht als Augenzeuge zu haben«, sagte Mrs. Sparsit, indem sie von dem trüben Bureaufenster aufschoß, von wo sie ihn zuletzt bewacht hatte. »Harthouse ist jetzt bei seiner Schwester.«

Es war die Eingebung eines inspirierten Augenblickes, und sie eilte mit äußerster Schnelligkeit davon, die Eingebung ausführend. Der Bahnhof für das Landhaus befand sich am entgegengesetzten Ende der Stadt. Die Zeit war kurz, der Weg beschwerlich, allein sie bemächtigte sich rasch eines leeren Wagens, sprang rasch hinein, zahlte ihr Geld, ergriff ihr Billett und stürzte in den Zug, daß sie längs der Schwibbogen, die über das Land mit den ehemaligen und gegenwärtigen Kohlengruben sich aufspannten, so schnell weggeführt wurde, als ob sie in eine Wolke gehüllt und fortgewirbelt worden wäre. Während der ganzen Reise hatte Mrs. Sparsit ihre Treppe mit der herabsteigenden Gestalt unbeweglich in der Luft, obwohl nie zurückbleibend, deutlich vor den dunklen Augen ihres Geistes, wie sie die elektrischen Drähte, die am Himmel gleich den Linien auf Notenpapier sich dahinzogen, deutlich vor den dunklen Augen ihres Körpers hatte. Schon sehr nahe am Boden. Am Rande des Abgrundes.

Ein trüber Septemberabend sah bei einbrechender Nacht unter seinem sinkenden Augenlide Mrs. Sparsit aus ihrem Wagen gleiten, die hölzernen Stufen der kleinen Eisenbahnstation in eine steinige Straße hinuntergehen, von dieser in einen grünen Heckenweg sich begeben und daselbst unter Blättern und Zweigen verschwinden. Ein oder zwei verspätete Vögel, die schläfrig in ihren Nestern zirpten, und eine Fledermaus, die langsam auf sie zu und wieder zurückflog, und die Dunstwolke, die sich wie Samt anfühlte – das war alles, was Mrs. Sparsit hörte oder sah, bis sie sehr leise ein Gitter schloß.

Sie ging auf das Haus zu, sich immer im Gesträuch haltend, umkreiste es und lauschte zwischen den Blättern hindurch nach den niedrigen Fenstern. Die meisten derselben waren offen, wie gewöhnlich bei solchem warmen Wetter; es waren aber noch keine Lichter sichtbar, und es war alles still. Sie versuchte es mit dem Garten ohne besseren Erfolg. Sie dachte an das Gehölz und stahl sich dorthin, unbekümmert um das hohe Gras und die Sträucher, die Würmer, die nackten Gartenschnecken und all die kriechenden Geschöpfe. Mit den dunklen Augen und der Habichtsnase als Vorhut, arbeitete sich Mrs. Sparsit leise durch das dicke Unterholz. Sie war so erpicht auf ihre Beute, daß sie wahrscheinlich nichts weniger getan haben würde – wenn das Gehölz aus Nattern bestanden hätte.

Horch!

Die kleineren Vögel hätten aus ihren Nestern purzeln können, bezaubert von Mrs. Sparsits im Dunkeln schimmernden Augen, während diese Dame selbst stehenblieb und lauschte.

Leise Stimmen dicht in der Nähe. Seine Stimme und die ihre. Die Bestellung nach dem Bahnhof war also wirklich nur eine List, um den Bruder fern zu halten! Dort saßen sie, bei dem gefällten Baume.

Mrs. Sparsit schritt näher an sie heran, indem sie sich in das taubenetzte Gras niederbeugte. Dann richtete sie sich empor und stand hinter einem Baume, wie Robinson Crusoe in seinem Hinterhalte gegen die Wilden. Sie war ihnen jetzt so nahe, daß sie mit einem Sprung, und das nicht mit einem großen, die beiden hätte erreichen können. Er war heimlicherweise da und hatte sich nicht im Hause gezeigt. Er war zu Pferde gekommen und mußte die benachbarten Felder passiert haben; denn sein Pferd war auf der Wiesenseite der Hecke, nur einige Schritt entfernt, festgebunden.

»Mein liebstes Lieb«, sagte er, »was sollte ich machen?« War es für mich möglich, fernzubleiben, da ich dich allein wußte?«

»Du magst immerzu den Kopf hängen lassen, um dich anziehender zu machen – ich weiß nicht, was die Männer an dir sehen, wenn du ihn emporhältst«, dachte Mrs. Sparsit, »du denkst aber wenig daran, mein liebstes Lieb, welche Augen dich bewachen.«

Daß sie den Kopf hängen ließ, war gewiß. Sie drang in ihn, sich zu entfernen, sie befahl ihm, sich zu entfernen, aber sie wandte ihr Gesicht nicht gegen ihn und erhob es auch nicht. Dennoch war es merkwürdig, daß sie so ruhig saß, wie das liebenswürdige Weib im Hinterhalt sie zu jeder Zeit ihres Lebens hatte sitzen sehen. Ihre Hände ruhten ineinander, gleich den Händen einer Statue, und selbst ihre Redeweise war nicht hastig. »Mein liebes Kind«, sagte Harthouse; Mrs. Sparsit bemerkte mit Entzücken, daß er sie mit einem Arm umschlang, »willst du meine Gesellschaft nicht für kurze Weile erlauben?«

»Nicht hier.«

»Wo, Luise.«

»Nicht hier.«

»Aber wir haben so wenig Zeit für so vieles, und ich bin so weit hergekommen und bin zugleich so ergeben und verzweifelt. Es gab nie einen Sklaven, der zu gleicher Zeit so ergeben und von seiner Gebieterin so schlecht behandelt wurde. Es ist wahrhaft herzzerreißend, herbeigeeilt zu sein, um deinen sonnigen Gruß, der mir neues Leben gewährt, zu empfangen, und in deiner frostigen Weise aufgenommen zu werden.«

»Soll ich es abermals sagen, daß ich hier allein sein muß?«

»Aber wir müssen wieder zusammenkommen, meine liebe Luise. Wo sollen wir zusammenkommen?«

Sie fuhren beide empor. Die Lauscherin fuhr schuldbewußt ebenfalls empor; denn sie glaubte, es befinde sich noch jemand lauschend zwischen den Bäumen. Es war aber bloß der Regen, der in schweren Tropfen stark niederzuströmen begann.

»Soll ich in einigen Minuten nach dem Hause reiten, in der unschuldigen Voraussetzung, daß der Herr sich daselbst befinde und entzückt sein werde, mich zu empfangen?«

»Nein!«

Deine grausamen Befehle müssen blindlings befolgt werden, obgleich ich, wie ich glaube, der unglücklichste Mensch in der Welt bin, allen übrigen Frauen gegenüber unempfindlich gewesen zu sein, und endlich gedemütigt zu den Füßen der schönsten, anziehendsten und zugleich herrschsüchtigsten zu fallen. Meine teure Luise, ich kann es meinet- und deinetwillen nicht gestatten, daß du mit deiner Macht einen solchen Mißbrauch treibst.«

Mrs. Sparsit sah, wie er sie mit seinen Armen umschlang und zurückhielt. Sie hörte mit ihren gierigen Ohren, wie er ihr gestand, daß er sie liebte, und wie sie der Preis sei, für den er alles, was er besitze, mit glühender Leidenschaft aufs Spiel setzen würde. Alles, womit er sich kürzlich beschäftigt, stelle sich neben ihr als wertlos heraus – den Erfolg, der beinah in seiner Hand war, schleuderte er fort, da er im Vergleich mit ihr ein Nichts wäre. Aber er wollte dem Erfolg auf seiner Laufbahn weiter nachgehen, wenn er dadurch in ihrer Nähe bleiben könne. Er wolle auf ihn verzichten, wenn diese Laufbahn ihn von ihr entferne. Wenn sie mit ihm fliehe, wolle er fliehen. Er wolle völlig schweigen, wenn sie es ihm gebiete. Jedes Geschick, jedes Los solle ihm recht sein, wenn sie ihm nur angehören wolle. Ihm, dem Mann, der gesehen, wie verkannt sie sei, dem sie bei ihrer ersten Begegnung eine Bewunderung eingeflößt habe, wie er sich deren für unfähig hielt, dem sie ihr Vertrauen schenkte, der ihr ergeben sei und sie anbete – das alles und noch mehr prägte sich in Mrs. Sparsits Gedanken ein, während seiner Hast und der ihren, in dem Wirbel ihrer eigenen befriedigten Bosheit, in dem Schrecken entdeckt zu werden, bei dem rasch sich vergrößernden Getöse des Regens zwischen den Blättern und des heranziehenden Gewitters. Darauf eilte sie mit so großer Verwirrung und Unklarheit fort, daß sie, als er endlich über die Hecke klomm und sein Pferd wegführte, durchaus nicht gewiß war, wo und wann sie sich treffen sollten. Nur das hatte sie noch aufgeschnappt, daß sie bestimmt hatten, es solle noch in derselben Nacht geschehen.

Aber eine der beiden Gestalten blieb noch in der Dunkelheit vor ihr; und während sie deren Spuren folgte, mußte sie zurechtkommen. »O! mein liebstes Lieb!« dachte Mrs. Sparsit, »du denkst wohl wenig daran, wie gut beobachtet du bist!«

Mrs. Sparsit sah sie das Gehölz verlassen und in das Haus treten. Was sollte sie zunächst tun? Der Regen goß in Strömen. Mrs. Sparsits weiße Strümpfe spielten viele Farben, wobei die grüne vorherrschend war. In ihre Schuhe hatte sie Stachel bekommen. Raupen schlangen sich in selbstgewebten Hängematten von den Falten ihrer Kleider. Kleine Bäche strömten von ihrem Hute und von ihrer römischen Nase. In einem solchen Zustande befand sich Mrs. Sparsit verborgen in dem Dickicht, nachdenkend, was zu tun sei.

Sieh, Luise kommt aus dem Hause, in Hast eingehüllt und vermummt, sich wegstehlend. Sie läuft davon, sie stürzt von der letzten Stufe und wird von dem Abgrund verschlungen!

Gleichgültig gegen den Regen schlug sie mit raschem, entschlossenen Schritte einen Seitenweg ein, der mit dem Gebüsch in gleicher Richtung lief. Mrs. Sparsit folgte, nur in kurzer Entfernung, in dem Schatten der Bäume, denn es war nicht leicht, eine Gestalt im Gesicht zu behalten, die durch die schattenreiche Dunkelheit rasch dahineilte.

Als sie innehielt, um die Seitentür ohne Geräusch zu schließen, hielt auch Mrs. Sparsit inne; wie sie sich fortbewegte, bewegte sich auch Mrs. Sparsit fort. Sie schlug denselben Weg ein, auf dem Mrs. Sparsit gekommen war, verließ den grünen Heckenweg, ging über die steinige Straße und stieg die hölzernen Treppen zur Station hinauf. Mrs. Sparsit wußte, daß ein Zug nach Coketown augenblicklich ankommen mußte – sie wußte daher auch, daß Coketown ihr nächster Bestimmungsort sei.

Bei Mrs. Sparsits feuchtem und strömendem Zustande waren keine besonderen Vorsichtsmaßregeln nötig, um ihr gewöhnliches Aussehen zu verändern – sie blieb jedoch unter dem Schatten einer Mauer stehen, warf ihr Tuch in eine neue Form und band es um ihren Hut. Auf diese Weise verkappt, hatte sie keine Furcht, erkannt zu werden, als sie ihr auf den Stufen der Station nachfolgte und ihre Fahrkarte am Schalter bezahlte. Luise saß wartend in einer Ecke. Beide lauschten dem Donner, der laut dahinrollte, und dem Regen, der auf dem Dache plätscherte und auf die Brustwehren der Schwibbogen niederbrauste. Zwei bis drei Lampen waren von Wind und Regen ausgegangen, sie konnten daher beide vollkommen den Blitz wahrnehmen, wie er sich im Zickzack längs der eisernen Gleise hinschlängelte.

Ein plötzliches Zittern, das über die Eisenbahnstation kam, das sich bis zum Herzweh steigerte, kündete das Nahen des Zuges an. Feuer, Dampf, Rauch, rotes Licht, ein Zischen, ein Krachen, Schellen und ein greller Pfiff – Luise ward in einen Wagen geschoben, Mrs. Sparsit in einen andern, und die kleine Station war ein öder Fleck im Gewitter.

Mrs. Sparsit frohlockte, obgleich ihr die Zähne vor Nässe und Kälte im Munde klapperten. Die Gestalt war in den Abgrund hinabgesunken, und sie hatte das Gefühl, als bestatte sie den Leib. Konnte sie, die so tätig war, um den Leichenpomp herbeizuschaffen, weniger tun als frohlocken? Sie wird lange vor ihm in Coketown sein, so gut sein Pferd auch immer sein mag. Wo wird sie ihn erwarten? Und wohin werden sie zusammen gehen? Geduld! wir werden sehen.

Der fürchterliche Regen verursachte ein endloses Durcheinander, als der Zug an seinem Bestimmungsort hielt. Wasserrinnen und Brunnenröhren waren geplatzt, die Abteilungsgräben ausgetreten, und die Straßen standen unter Wasser. In dem ersten Augenblick des Aussteigens hatte Mrs. Sparsit ihre Augen auf die wartenden Kutschen geheftet, nach denen man sehr begehrte. »Sie wird in eine derselben steigen«, überlegte sie. »und wird davon sein, ehe ich in einer andern nachfolgen kann. Selbst auf die Gefahr hin überfahren zu werden, muß ich die Nummer sehen und den Befehl vernehmen, der dem Kutscher gegeben wird.«

Mrs. Sparsit hatte sich jedoch verrechnet. Luise bestieg keinen Wagen und war bereits fort. Die dunkelscharfen Augen, die auf den Waggon geheftet waren, in dem sie gereist war, fielen um einen Augenblick zu spät auf diesen. Da die Tür einige Minuten ungeöffnet blieb, ging Mrs. Sparsit an ihr vorüber und abermals vorüber, sah nichts, blickte hinein und fand das Abteil leer. Durch und durch naß, mit den Füßen klatschend und platschend in den Schuhen, wie sie sich bewegte, das klassische Gesicht von Regen triefend, mit einem Hut, der einer überreifen Feige gleichsah, an all ihren Kleidern ruiniert, mit feuchten Eindrücken jedes Knopfes, Bändchens und jeder Schnalle, die sie trug, auf ihren höchst vornehmen Rücken eingeprägt, mit einer kompakt-grünen Decke auf ihrem ganzen Äußern, wie man sie beim Zaune eines alten Parkes, an einem moderigen Wege bemerkt – war endlich Mrs. Sparsit nichts anderes übriggeblieben, als in bittere Tränen auszubrechen und auszurufen: »Ich hab‘ sie verloren!«

Achtundzwanzigstes Kapitel.


Achtundzwanzigstes Kapitel.

Die nationalen Gassenkehrer hatten sich – nachdem sie sich mit zahlreichen, geräuschvollen, kleinen Gefechten gegenseitig amüsiert – für jetzt zerstreut, und Mr. Gradgrind befand sich auf Ferien zu Hause.

Er saß in dem Zimmer mit der statistischen Totenuhr und schrieb; – ohne Zweifel, um irgend etwas zu demonstrieren – im allgemeinen, wahrscheinlich – daß der barmherzige Samariter ein schlechter Nationalökonom gewesen sei. Das Getöse des Regens störte ihn nicht viel. Es zog genugsam seine Aufmerksamkeit auf sich, um ihn zuweilen den Kopf erheben zu lassen, als wollte er gar gegen die Elemente auftreten. Wenn es sehr laut donnerte, warf er einen flüchtigen Blick auf Coketown, indem es ihm einfiel, daß manche hohe Schornsteine jetzt vom Blitz getroffen werden könnten.

Der Donner rollte in der Ferne, und der Regen strömte gleich einer Sündflut hernieder, als die Tür seines Zimmers aufging. Er blickte um die Lampe auf dem Tisch herum und sah mit Bestürzung seine älteste Tochter vor sich.

»Luise.«

»Vater, ich habe mit dir zu sprechen.«

»Was gibt es? Wie sonderbar du aussiehst! und, gerechter Gott!« rief Mr. Gradgrind, sich immer mehr wundernd, aus, »bist du hierher gekommen, in diesem Sturme?«

Sie tastete an ihr Gewand, als wüßte sie kaum davon.

»Ja.«

Sie nahm den Hut ab, ließ Mantel und Haube hinfallen, wohin sie wollten, und sah ihn an; mit verworrenem Haar, so bleich, so herausfordernd und verzweiflungsvoll, daß er vor ihr erschrak.

»Was gibt es? Ich beschwöre dich, Luise, sag‘ mir, was du hast!«

Sie sank vor ihm in einen Stuhl und legte ihre kalte Hand auf seinen Arm.

»Vater, du hast mich von der Wiege auf erzogen.«

»Ja, Luise.«

»Ich verfluche die Stunde, in der ich zu einem solchen Geschicke geboren wurde!«

Er sah sie mit Zweifeln und Schrecken an, indem er ratlos wiederholte: »Verfluchst die Stunde … verfluchst die Stunde . .?«

»Wie konntest du mir Leben geben und mich all‘ meiner unschätzbaren Dinge berauben, die es über den Zustand bewußten Todes hinausheben? Wo ist die anmutige Sicherheit meiner Seele? Wo sind die Gefühle meines Herzens? Was hast du getan, o Vater, was hast du getan mit dem Garten, der einst hier in dieser großen Wildnis blühen sollte?«

Sie schlug sich mit beiden Händen auf die Brust.

»Wenn er sich je hier befunden hätte, so würde mich selbst seine Asche noch von der Leere retten, in die mein Leben versinkt. Ich meinte das nicht sagen zu müssen, aber Vater, du erinnerst dich des letzten Gespräches, das wir hier zusammen hatten?«

Er war auf das eben Gehörte so unvorbereitet, daß er nur mit Mühe antwortete: »Ja, Luise.«

»Was jetzt über meine Lippen gekommen, würde ich dir damals schon gesagt haben, wenn du mir auch nur einen Schritt entgegengekommen wärest. Ich mache dir keine Vorwürfe, Vater. Was du nie in mir groß gezogen, das hast du in dir selbst nie groß gezogen. Aber, o! wenn du nur seit lange das Gegenteil getan – oder wenn du mich vernachlässigt hättest – was für ein besseres und glücklicheres Geschöpf wäre ich heute?«

Als er das, nach all‘ seiner Mühe, hören mußte, ließ er den Kopf in die Hände sinken und stöhnte laut auf.

»Vater, wenn du bei unserer letzten Zusammenkunft hier gewußt hättest, wovor ich eben Furcht empfand, während ich dagegen ankämpfte, so wie es von Kindheit an meine Aufgabe war, gegen jeden natürlichen Antrieb zu kämpfen, der in meinem Herzen rege geworden – wenn du gewußt hättest, daß meine Brust Gefühle, Neigungen und Schwächen barg, die durch zarte Pflege in Kraft verwandelt werden konnten, zum Trotze aller Berechnungen, die je von Menschen angestellt worden, und die ihrer Rechenkunst nicht bekannter sind, als ihre Schöpfer – würdest du mir den Mann gegeben haben, von dem ich jetzt gewiß weiß, daß ich ihn hasse?«

»Nein! Nein, mein armes Kind!« sagte er.

»Würdest du mich je zu der eisigen Kälte verbannt haben, die mich erhärtet und entstellt hat? Würdest du mich beraubt haben, zu niemandes Bereicherung, bloß zur Vergrößerung der Trostlosigkeit dieser Welt? Würdest du mir den geistig-seelischen Teil meines Lebens, den Frühling und Sommer meines Glaubens, meine Zuflucht vor Niedrigkeit und Schlechtigkeit in den wirklichen Dingen genommen haben? Würdest du mir die Schule vorenthalten haben, wo ich lernen sollte, demütiger und vertrauensvoller gegen meine Umwelt zu sein, und in meinem kleinen Kreise die Hoffnung zu hegen, sie besser zu machen?«

»O nein, nein, Luise!«

»Und dennoch, Vater, wenn ich stockblind gewesen wäre, wenn ich meinen Weg hätte tappend finden müssen und die Freiheit besessen hätte – da ich die äußere Form und die Oberfläche der Dinge kannte, meine Phantasie dabei als Richtschnur zu nehmen –, so würde ich jetzt um vieles weiser, glücklicher, liebevoller, unschuldiger und menschlicher in jeder Beziehung gewesen sein, als ich jetzt mit meinen Augen bin. Nun höre, was ich dir zu sagen habe.«

Er machte eine Bewegung, um sie mit seinem Arm zu unterstützen. Auch sie erhob sich, und so standen sie dicht nebeneinander. Ihre Hand ruhte auf seiner Schulter, und sie sah ihm fest in die Augen.

»Mit einem Hunger und Durst, Vater, die keinen Augenblick gestillt wurden – mit einem inbrünstigen Verlangen nach einer Region, wo Regeln, Zahlen und Definitionen nicht alles sind – bin ich aufgewachsen und habe mir meinen Lebenspfad Zoll für Zoll erkämpft.«

»Ich wußte nie, daß du unglücklich warst, mein Kind.«

»Vater, ich wußte es immer. In diesem Kampf ist mein besserer Engel beinahe zu einem Dämon gewaltsam erstarrt. Was ich gelernt habe, hat mir gegen alles, was ich nicht lernte, zweifelnde, ungläubige, verachtende und bedauernde Gefühle eingeflößt: und mein trübseliger Trost bestand in dem Gedanken, daß mein Leben bald dahinschwinden werde, und daß es nichts enthalte, das der Qual und Mühe eines Kampfes wert sei.«

»Und bist noch so jung, Luise!« sagte er klagend.

»Und bin so jung. In diesem Zustand, Vater – denn ich zeige dir ohne Furcht und Verzweiflung die verödete Beschaffenheit meines Gemüts, so wie ich es kenne – schlugst du mir meinen Mann vor. Ich behauptete nie dir oder ihm gegenüber, ihn zu lieben. Ich wußte es, und auch du, Vater, wußtest es, so gut wie er, daß ich es nie tat. Ich war nicht ganz ohne Interesse dabei, denn ich hegte die Hoffnung, Tom dadurch angenehme und nützliche Dienste leisten zu können. Ich unternahm diese wilde Flucht nach einem trügerischen Ziel, und habe es allmählich eingesehen, wie irrsinnig sie war. Tom war eben stets der Gegenstand des kleinen Lebensrestes meines Vermögens. Vielleicht liebte ich ihn deshalb so sehr, weil ich wußte, wie er zu bedauern sei. Jetzt ist wenig daran gelegen, ausgenommen, es könnte dich gegen seine Verirrungen milder stimmen.«

Ihr Vater schlang den Arm um sie. Sie aber legte die andere Hand auf seine Schulter und fuhr fort, ihm immer fest in das Gesicht sehend:

»Als ich unwiderruflich verheiratet war, erhob sich der alte Kampf in Empörung gegen das Bündnis, jetzt nur noch wilder gemacht durch alle jene Ursachen der Unvereinbarkeit zweier so verschiedener Naturen. Diese Differenz kann durch keine allgemeinen Gesetze für mich reguliert oder beseitigt werden, Vater, bis man dem Anatomiker derlei anzugeben vermag, wo er mit seinem Messer in die Geheimnisse meiner Seele stoßen kann.«

»Luise!« rief er, und rief es flehend; denn er erinnerte sich recht gut, was bei ihrer letzten Zusammenkunft hier vorgegangen war.

»Ich mache dir keine Vorwürfe, Vater, ich beklage mich nicht. Ich bin hier wegen einer andern Sache.«

»Was kann ich tun, mein Kind? Fordere von mir, was du willst.«

»Ich komme jetzt dazu. Vater, der Zufall ließ mich eine neue Bekanntschaft machen. Einen Mann lernte ich kennen, der für mich ganz neu ist und der die Welt kennt; fein, munter, lebhaft und ohne Ansprüche – der den geringen Wert von allen Dingen in einer Weise durchschaut, wie ich es kaum im stillen zu denken wagte. Er überzeugte mich fast im ersten Augenblick, obgleich es mir unbekannt ist, wie, davon, daß er mich verstehe und meine Gedanken lese. Ich konnte nicht finden, daß er schlechter sei als ich. Es schien eine nahe Verwandtschaft zwischen uns zu bestehen. Ich wunderte mich nur, daß er es der Mühe wert hielt – er, der sich um nichts kümmert –, sich ein wenig um mich zu kümmern.«

»Um dich, Luise?«

Ihr Vater hätte seine Last wohl instinktmäßig losgelassen, wenn er ihre Kräfte nicht schwinden gefühlt und ein wildes sich ausdehnendes Feuer in ihren Augen bemerkt hätte, die unverwandt auf ihn gerichtet waren.

»Ich sage nichts zu seiner Entschuldigung, daß er sich um mein Vertrauen bewarb. Es ist wenig daran gelegen, wie er es erlangte. Vater, er hat es erlangt. Was du von der Geschichte meiner Heirat weißt, das wußte er bald ebensogut.

Das Gesicht ihres Vaters war aschgrau, und er hielt sie in seinen beiden Armen.

»Ich habe nichts Schlimmes getan. Ich habe dich nicht entehrt. Wenn du mich aber fragst, ob ich ihn geliebt habe oder jetzt liebe, so muß ich dir einfach sagen, daß es wohl sein kann. Ich weiß es nicht.«

Sie zog ihre Hände rasch von seinen Schultern und preßte sie beide an ihr Herz. In ihrem Gesicht aber, das sich nicht mehr gleichsah, und in ihrer Gestalt, die emporgerichtet und entschlossen dastand, durch eine letzte Anstrengung das, was sie noch mitzuteilen hatte, zu vollenden, brachen die so lange unterdrückten Gefühle los.

»Heute abend war er, während der Abwesenheit meines Mannes, bei mir und erklärte mir seine Liebe. In diesem Augenblick erwartet er mich; denn ich konnte ihn durch kein anderes Mittel entfernen. Ich könnte nicht sagen, daß ich darüber betrübt oder verschämt bin – ich könnte nicht sagen, daß ich in meiner eigenen Achtung gesunken. Alles was ich sagen kann, ist, daß deine ganze Philosophie und all deine Lehren mich nicht retten werden. Nun, Vater, dahin hast du mich gebracht, rette du mich durch ein anderes Mittel.«

Er hielt seine Last noch zur rechten Zeit fest, um ihr Niedersinken zu verhindern. Sie rief jedoch mit fürchterlicher Stimme: »Ich sterbe, wenn du mich hältst! Laß mich zu Boden sinken!« So ließ er sie denn auf den Boden gleiten und sah den Stolz seines Herzens und den Triumph seines Systems wie eine leblose Masse zu seinen Füßen liegen.

Achtzehntes Kapitel.


Achtzehntes Kapitel.

Die Partei der Gradgrinds bedurfte des Beistandes bei der Ermordung der Grazien. Sie gingen auf Rekrutierung aus, und wo konnten sie leichter Rekruten finden, als unter den seinen Gentlemen, die, da sie sich überzeugt, daß alles und jedes nichts wert sei, gleichfalls zu allem bereit sein würden?

Außerdem besaßen diese munteren Geister, die sich zu dieser erhabenen Höhe emporgeschwungen, für gar viele aus der Gradgrindischen Schule zu große Anziehungskraft. Sie waren für die feinen Gentlemen eingenommen; sie behaupteten, daß dies nicht der Fall sei, aber es war doch so. Sie erschöpften sich in Nachahmungen von ihnen; ihnen gleich gackerten sie im Sprechen, und mit einer schlaffen Manier kramten sie die winzigen schimmligen Portionen von Staatsökonomie aus, mit denen sie ihre Jünger erquickten. Eine so wunderbar bastardartige Rasse, wie die auf diese Weise erzeugte, war früher nie auf Erden gesehen worden.

Unter den feinen Gentlemen, die nicht förmlich zu der Gradgrindischen Schule gehörten, befand sich einer aus guter Familie und mit noch besserem Äußern, der einen glücklichen Anstrich von Humor besaß. Dieser Humor bewährte sich großartig im Unterhaus, als er dieses mit seiner Ansicht (und mit der des Direktoren-Ausschusses) über einen Eisenbahnunfall unterhielt, bei dem die umsichtigsten Beamten, die man jemals gekannt, angestellt von den edelsten Vorstehern, von denen man jemals gehört, unterstützt durch die kunstvollsten mechanischen Erfindungen, die je erdacht wurden und zwar auf der besten Bahn, die jemals gebaut worden, durch einen Zufall, ohne den das ganze System durchaus unvollständig gewesen wäre, fünf Personen töten und zweiunddreißig verwunden ließen. Unter den Getöteten befand sich eine Kuh, und unter den zerstreuten Gepäckstücken, die keinen Eigentümer hatten, war die Haube einer Witwe. Das ehrenwerte Mitglied hatte nun besagtes Unterhaus (das einen delikaten Sinn für Humor hat), indem er der Kuh die Haube aufsetzte, so amüsiert, daß er wegen einer ernsthaften Untersuchung des Coroners in Ungeduld geriet und die Eisenbahn unter Beifallsrufen und Gelächter ad acta legte.

Dieser Gentleman hatte nun einen jüngeren Bruder von noch besserem Äußeren als das seine war. Dieser hatte das Leben eines Cornets bei den Dragonern versucht und es langweilig gefunden. Darauf hatte er es in dem Gefolge eines englischen Ministers im Auslande versucht und es auch da langweilig gefunden. Hierauf war er nach Jerusalem getrollt und langweilte sich auch da wieder. Dann war er mit Jachtschiffen in der Welt umhergesegelt und fand sich überall gelangweilt. Zu diesem sagte nun das ehrenwerte und spaßhafte Mitglied eines Tages in brüderlicher Weise: »Jem, unter den Anhängern der trockenen Tatsachen bietet sich gute Aussicht, und sie brauchen Leute. Es wundert mich, daß du nicht unter sie gehst, um ihre Statistik zu studieren.«

Jem, der von der Neuheit der Idee ziemlich eingenommen war und der, weil er gar keine Abwechslung hatte, sich recht unglücklich fühlte, zeigte sich ebenso bereit, auf »Statistik auszugehen« wie auf irgend was anderes. Demnach ging er nun darauf aus.

Er machte sich mit einem oder zwei Blue Books auf die Reise, und sein Bruder sprengte es unter den Anhängern der trockenen Tatsachen aus und sagte: »Wenn ihr für irgendeinen Wahlkreis einen famosen Kerl auftreiben wollt, der euch eine verflucht gute Rede fabrizieren kann, so wendet euch an meinen Bruder Jem; denn er ist der Mann dazu.«

Nachdem man durch Volksversammlungen einigen Lärm geschlagen, erklärten sich Mr. Gradgrind und ein Rat von politischen Weisen für Jem; und es wurde beschlossen, ihn nach Coketown zu senden, damit er dort und in der Nachbarschaft bekannt werde. Daher kam der Brief, den Jem vorigen Abend Mrs. Sparsit gezeigt hatte und den Mr. Bounderby jetzt in der Hand hielt – mit der Überschrift: »An Josiah Bounderby, Esquire. Bankier.

Coketown. Betrifft besonders die Empfehlung von James Harthouse, Esquire. Thomas Gradgrind.«

»Eine Stunde nach dem Empfang dieser Botschaft und einer Karte von Mr. James Harthouse, setzte sich Mr. Bounderby den Hut auf und ging nach dem Hotel. Er fand dort Mr. James Harthouse in einem so trostlosen Gemütszustand zum Fenster hinaussehend, daß dieser schon halb bereit gewesen sein mußte, auf etwas anderes »auszugehen«.

»Mein Name, Sir«, sagte der Besucher, »ist Josiah Bounderby von Coketown.«

Mr. James Harthouse schätzte sich in der Tat sehr glücklich (obwohl er kaum danach aussah), ein Vergnügen zu haben, das er so lange erwartet hatte.

»Coketown, Sir«, sagte Bounderby, sich in seiner unbekümmerten Art einen Stuhl nehmend, »gehört nicht zu den Orten, an die Sie gewöhnt sein dürften. Ich will Ihnen daher, wenn Sie erlauben – oder ob Sie es erlauben oder nicht erlauben, denn ich bin ein Mann ohne Umstände – etwas darüber sagen, ehe wir weiterschreiten.«

Mr. Harthouse war entzückt.

»Seien Sie dessen nicht zu gewiß«, sagte Bounderby, »ich verspreche es Ihnen nicht. Vor allem betrachten Sie unsern Rauch. Der ist Speise und Trank für uns. Er ist das Gesündeste von der Welt in jeder Hinsicht, besonders aber für die Lungen. Wenn Sie zu denen gehören, die verlangen, daß wir ihn beseitigen sollen, so bin ich nicht Ihrer Meinung. Wir werden den Boden unserer Dampfkessel wegen all der Humanitätsduselei in Großbritannien und Irland nicht schneller vernichten, als es jetzt geschieht.«

Er wolle sich gleich völlig in die Arme der Partei werfen, erwiderte Mr. Harthouse. »Mr. Bounderby, ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß ich ganz und gar Ihrer Ansicht bin. Aus Überzeugung.«

»Das freut mich zu hören«, sagte Bounderby. »Sie werden ohne Zweifel viel Geschwätz über das Arbeiten in unseren Fabriken gehört haben. Nicht wahr? Nun schön. Ich werde Ihnen das Tatsächliche darüber mitteilen. Es ist die beste Arbeit, die existiert, es ist die leichteste Arbeit, die existiert, und es ist die bestbezahlte Arbeit, die existiert. Was noch mehr ist, wir könnten die Fabriken in keinen bessern Zustand versetzen, es sei denn, daß wir den Fußboden mit türkischen Teppichen belegten. Das können wir aber nicht tun.«

»Sehr richtig, Mr. Bounderby.« »Und nun«, sagte Bounderby, »zu unseren Arbeiten. Es gibt keine ›Hand‹ in unserer Stadt, Sir, sei sie Mann, Weib oder Kind, die nicht einen letzten besonderen Lebenszweck sich setzte. Dieser Lebenszweck ist, Schildkrötensuppe und Wildbret mit goldenen Löffeln essen zu können. Nun werden sie es wohl nie erleben, – keiner von ihnen – daß sie Schildkrötensuppe und Wildbret mit goldenen Löffeln essen. Jetzt kennen Sie den Ort.«

Mr. Harthouse gestand, durch den gedrängt kurzen Auszug der ganzen Coketowner Frage, im höchsten Grade belehrt und erbaut zu sein.

»Nun, sehen Sie«, versetzte Mr. Bounderby, »es ziemt sich für meine Stellung, im vollsten Einverständnis mit einem Manne zu stehen, dessen Bekanntschaft ich mache, besonders, wenn es eine Persönlichkeit ist, die dem öffentlichen Leben angehört. Ich habe Ihnen nur noch eines mitzuteilen, Mr. Harthouse, bevor ich Ihnen die Versicherung gebe, mit welchem Vergnügen ich, unter Anwendung all meiner geringen Fähigkeiten, dem Empfehlungsschreiben meines Freundes Tom Gradgrind nachkommen werde. Sie sind ein Mann aus guter Familie. Lassen Sie sich keinen Augenblick durch den Glauben täuschen, daß ich ein Mann von guter Herkunft sei. Ich bin in der Gasse groß geworden und ein echtes Exemplar vom Janhagel.

Wenn irgend was Jems Interesse für Mr. Bounderby erhöhen konnte, so würde es gerade dieser Umstand gewesen sein. Wenigstens sagte er so.

»Nun denn«, sagte Bounderby, »jetzt können wir, auf gleichem Fuß stehend, uns die Hände schütteln. Ich sage auf gleichem Fuß. Ich weiß zwar, woher ich stamme und kenne genau die Tiefe des Pfuhls, aus dem ich mich emporgeschwungen habe, besser wie jeder andere. Aber darum bin ich doch voll ebensoviel Selbstbewußtsein, wie Sie selbst. Ich bin gerade so stolz wie Sie. Nachdem ich nun meine Unabhängigkeit in gehöriger Weise dargetan, so darf ich wohl zur Frage kommen: Wie befinden Sie sich? Ich hoffe recht wohl.«

»Besser als sonst«, gab ihm Mr. Harthouse zu verstehen, während sie sich die Hände schüttelten, »infolge der gesunden Luft von Coketown.«

Mr. Bounderby nahm die Antwort gnädig auf.

»Vielleicht wissen Sie«, sagte er, »oder vielleicht wissen Sie es nicht, daß ich Tom Gradgrinds Tochter geheiratet habe. Wenn Sie nichts Besseres vorhaben, als mit mir einen Gang zu machen, so würde es mich freuen, Sie Tom Gradgrinds Tochter vorzustellen.«

»Mr. Bounderby«, sagte Jem, »Sie kommen meinen aufrichtigen Wünschen zuvor.«

Sie gingen fort, ohne weiter das Gespräch fortzusetzen, und Mr. Bounderby steuerte mit seiner neuen Bekanntschaft, die gegen ihn so sehr abstach, dem ziegelroten Privatwohnsitz zu mit den schwarzen Außenschaltern, den grünen Läden und der schwarzen Straßentür oberhalb der zwei weißen Stufen. Im Empfangszimmer dieses Herrschafthauses trat ihnen das merkwürdigste Frauengeschöpf entgegen, das Mr. James Harthouse jemals gesehen. Sie erschien so gezwungen und doch so sorglos, so zurückhaltend und doch so aufmerksam – so kalt und stolz und doch so zart verschämt über ihres Manne« großprahlerische Demut – vor der sie zurückbebte, als wäre jede Probe davon ein Stich oder Schlag – daß es für ihn etwas ganz Neues war, sie zu betrachten. Ihr Gesicht war nicht weniger merkwürdig, als ihr Wesen. Ihre Züge waren schön; aber ihr natürliches Spiel war derart unterdrückt und abgeschlossen, daß es unmöglich schien, ihren ursprünglichen Ausdruck zu erraten. Ganz und gar gleichgültig, vollständig selbstsicher, niemals in Verlegenheit und doch niemals behaglich – mit ihrer Gestalt in der Gesellschaft anwesend, mit dem Geist jedoch offenbar abwesend – war es fruchtlos auf das Verständnis dieses Frauengeschöpfes schon jetzt »auszugehen«, denn sie machte allen Scharfsinn zu Schanden.

Von der Herrin des Hauses ließ der Gast den Blick auf das Haus selbst schweifen. Kein stilles Zeichen der Weiblichkeit war in dem Zimmer sichtbar. Keine anmutige kleine Verzierung, kein warmherziges, wenn auch noch so schlichtes, kleines Zeichen, verkündete hier den Einfluß einer Frau. Ohne Heiterkeit und unbehaglich, mit prahlerischem und mürrischem Pomp ausgeschmückt, glotzte das Zimmer, nicht durch die leiseste Spur einer weiblichen Hand gemildert und verschönt, die Anwesenden an. In derselben Weise, wie Mr. Bounderby seinen Standpunkt in der Mitte seiner Hausgötter einnahm, umgaben diese unnachgiebigen Gottheiten mit ihren Stellungen Mr. Bounderby, und sie waren einander würdig und paßten zusammen.

»Das ist«, sagte Bounderby »meine Frau, Mrs. Bounderby, Tom Gradgrinds älteste Tochter. Lu, Mr. James Harthouse. Mr. Harthouse hat sich der Parteifahne deines Vaters zugesellt. Wenn er echt in kurzem Tom Goadgrinds Kollege sein wird, so werden wir, wie ich glaube, von ihm wenigstens in Verbindung mit einer der benachbarten Städte hören. Sie sehen wohl, Mr. Harthouse, daß meine Frau die jüngere von uns beiden ist. Ich weiß nicht, was sie in mir gesehen haben mochte, als sie mich heiratete. Aber sie muß doch, wie ich vermute, etwas in mir gesehen haben, sonst hätte sie mich nicht geheiratet. Sie hat eine Menge Wissenschaften studiert, Sir, sowohl in politischer wie in sonstiger Beziehung. Wenn Sie etwas nachschlagen wollen, so würde ich in Verlegenheit sein, sollte ich Ihnen ein besseres Sachregister empfehlen, als Lu Bounderby ist.«

Einem angenehmeren lebenden Nachschlagewerk, einer Dame, von der man leichter etwas hätte lernen können, konnte Mr. Harthouse gar nicht anvertraut werden.

»Nur zu!« sagte Mr. Bounderby, »wenn Sie sich aufs Komplimentemachen verlegen, so werden Sie hier gut ankommen, denn Sie stoßen auf keine Konkurrenz. Es war nie meine Gewohnheit Komplimente zu studieren und ich verstehe auch nicht die Kunst, welche zu machen. Es ist Tatsache, daß ich sie verachte. Aber Ihre Erziehung war verschieden von der meinen – ich bin, weiß der Himmel, durch das Leben erzogen worden. Sie sind ein Gentleman, und ich behaupte nicht, ein solcher zu sein. Ich bin Josiah Bounderby von Coketown und das genügt mir. Obwohl ich mich zwar von Stand und Sitten nicht beeinflussen lasse, so mag das doch der Fall bei Lu Bounderby sein. Sie hatte nicht dieselben Vorteile wie ich – Sie werden es Nachteile nennen, ich aber nenne es Vorteile – Sie werden daher, wenn ich so sagen darf, Ihre Kräfte nicht verschwenden.«

»Mr. Bounderby«, sagte Jem, sich lächelnd an Luise wendend, »ist ein edles Roß, sozusagen in Naturzustand und ganz frei von dem Geschirr, in dem ich als konventioneller Gaul mich abarbeiten muß.«

»Sie hegen viel Achtung vor Mr. Bounderby«, erwiderte sie ruhig. »Es ist natürlich, daß Sie es tun.«

Als ein Gentleman, der so vieles in der Welt gesehen hatte, war er schmählich aus dem Sattel geschleudert und dachte: »Nun, wie soll ich das eigentlich nehmen?«

»Sie wollen sich dem Dienste Ihres Vaterlandes widmen, wie ich aus dem folgere, was Mr. Bounderby mir mitgeteilt hat. Sie haben sich entschlossen«, sagte Luise, die sich noch immer auf derselben Stelle befand, wo sie zuerst vor ihm stehen geblieben war – mit all dem sonderbaren Widerspruch ihrer Selbstbeherrschung und ihres offenbar unbehaglichen Zustandes – »der Nation einen Ausweg aus allen ihren Schwierigkeiten zu zeigen?«

»Mrs. Bounderby«, versetzte er lachend, »das denn doch nicht, bei meiner Ehre. Ich will Ihnen gegenüber nicht darauf Anspruch machen. Ich habe hier und da, dies- und jenseits etwas gesehen und ich habe gefunden, daß alles wertlos ist, wie jeder es gefunden, und wie manche es gestehen und andere es wieder nicht gestehen. Ich stehe ein für die Ansichten Ihres geschätzten Vaters – weil ich in der Tat keine andere Wahl habe und möchte sie, wie sonst irgend was, unterstützen.«

»Haben Sie denn keine eigene Meinung?« fragte Luise.

»Mir ist nicht einmal die leiseste Vorliebe übrig geblieben. Ich versichere Sie, daß ich keiner Ansicht, welche es auch je sein mag, die geringste Bedeutung beimesse. Das Ergebnis der verschiedenen langweiligen Lebensetappen, die ich durchlitten, ist die Überzeugung (es sei denn, daß das Wort Überzeugung zu bedeutend ist für das träge Gefühl, das ich für diesen Gegenstand empfinde), daß die eine Reihe von Ansichten gerade soviel Nutzen bringen wird, wie eine andere Reihe von Ansichten und just ebensoviel Nachteil, wie jede andere Reihe. Es gibt eine englische Familie mit einem ausgezeichneten italienischen Sinnspruch: ›Was sein wird, da wird sein!‹ Das ist die einzige gangbare Wahrheit.«

Dieses lasterhafte Bekenntnis seiner Ehrlichkeit in der Unehrlichkeit – ein Laster, das so gefährlich, so tödlich und so allgemein ist – schien, wie er bemerkte, einigermaßen einen günstigen Eindruck bei ihr hervorzubringen. Er verfolgte seinen Vorteil, indem er in der angenehmsten Weise, die ihm zur Verfügung stand, und der sie viel oder wenig Wert beilegen mochte, wie ihr beliebte, noch hinzufügte: »die Partei, die alles mit einem Schlage von Einheiten, Zehnern, Hunderten und Tausenden beweisen kann, diese scheint mir, Mrs. Bounderby, den meisten Spaß zu machen. Bei ihr dürfte man am ehesten sein Glück machen. Ich fühle mich so anhänglich an diese Partei, als ob ich an sie glaubte. Ich bin ganz bereit, für diese einzustehen, in demselben Umfange, als wenn ich an sie glaubte. Und was könnte ich möglicherweise denn mehr tun, wenn ich wirklich an sie glaubte?«

»Sie sind ein sonderbarer Politiker«, sagte Luise.

»Bitte um Verzeihung! Ich habe nicht einmal dieses Verdienst. Wir bilden, ich versichere Sie, Mrs. Bounderby, die größte Partei im Staate, sobald wir nur alle aus dem adoptierten Stande hervortreten und ohne Unterschied der äußeren Stellung geprüft und gemustert würden.«

Mr. Bounderby, der in Gefahr gewesen war vor Stillschweigen zu bersten, fiel hier mit dem Vorschlage ein, das Familiendiner auf halb sieben zu verschieben und mit Mr. James Harthouse in der Zwischenzeit eine Reihe von Besuchen bei den politischen und einflußreichen Persönlichkeiten von Coketown und Umgegend zu machen. Die Reihe von Besuchen ward erledigt; und Mr. James Harthouse kam vermittels eines bescheidenen Gebrauches der Studien, die er in den amtlichen Protokollen gemacht hatte, glücklich durch, mit Triumph, wenn auch mit einem starken Anflug von Langeweile.

Abends fand er den Mittagstisch für vier gedeckt, sie setzten sich aber nur zu drei an den Tisch. Das war eine passende Gelegenheit für Mr. Bounderby, um den Geschmack der geschmorten Aale zu besprechen, die er als achtjähriger Knabe in der Straße um einen halben Penny gekauft, und ebenso den des schlechten Wassers, das eigentlich zum Staublöschen verwendet wird, womit er die Mahlzeit hinuntergeschwemmt. Er unterhielt seinen Gast gleichfalls, während man Suppe und Fische genoß, mit der Berechnung, daß er (Bounderby) in seiner Jugend mindestens drei Pferde in der Gestalt von Fleisch und Blutwürsten gegessen.

Diese Erzählungen nahm Jem hier und da mit einem matten »Was Sie nicht sagen!« entgegen; und sie würden ihn wahrscheinlich zum Entschluß gebracht haben, den folgenden Morgen sich wieder nach Jerusalem aufzumachen, wenn er nicht um Luises willen so neugierig gewesen wäre.

»Gibt es denn nichts«, dachte er, indem er einen flüchtigen Blick auf sie warf, wie sie an der Spitze des Tisches so dasaß, wo ihre jugendliche Gestalt, die klein und schmächtig, aber äußerst anmutig war, ebenso hübsch sich ausnahm, als sie nicht am rechten Platz war, »gibt es denn nichts, das in dieses Gesicht Bewegung bringen könnte?«

Ja! Beim Jupiter, es gab so etwas, und hier stand es in unerwarteter Gestalt. Tom erschien. Sie veränderte sich, als die Tür aufging, und ließ ein strahlendes Lächeln sehen.

Ein schönes Lächeln. Mr. James Harthouse würde nicht so viel Wesens davon gemacht haben, wenn er sich nicht so sehr über ihr starres Gesicht gewundert hätte. Sie streckte ihre Hand aus – ein hübsches, zartes Händchen – und ihre Finger umschlossen die ihres Bruders, als wollte sie diese an ihre Lippen führen.

»Ei, ei«, dachte der Gast, »dieser Bengel ist das einzige Geschöpf, an dem ihr was gelegen ist. So, so!«

Der Bengel ward vorgestellt und nahm seinen Sitz ein. Die Benennung war nicht schmeichelhaft, aber nicht unverdient.

»Als ich in deinem Alter war, junger Mann«, sagte Bounderby, »war ich pünktlich, sonst bekam ich nichts zu essen.«

»Als Sie in meinem Alter waren«, versetzte Tom, »hatten Sie keine falsche Bilanz in Ordnung zu bringen und sich dann für das Diner anzuziehen.« »Sprechen wir denn von etwas anderm«, sagte Bounderby.

»Schön«, murrte Tom. »So fangen Sie nicht an.«

»Mrs. Bounderby«, sagte Harthouse, der den dumpfen Ton gleich ganz richtig auffaßte, wie er sich hören ließ, »das Gesicht Ihres Bruders ist mir wohlbekannt. Kann ich ihn im Ausland gesehen haben? Oder in irgendeiner öffentlichen Schule?«

»Nein«, antwortete sie mit vielem Interesse, »er ist noch nie im Ausland gewesen und ist hier zu Hause erzogen worden. Tom, Lieber, ich sage eben Mr. Harthouse, daß er dich nie im Ausland gesehen haben kann.«

»Nein, ich hatte noch nicht das Vergnügen, Sir«, sagte Tom.

Tom hatte wahrlich wenig Anziehendes an sich, um ihr Gesicht aufzuheitern. Er war ein mürrischer Junge und in seinem Benehmen selbst gegen sie unfreundlich, um so größer muß die Einsamkeit ihres Herzens und ihr Bedürfnis, es auf jemanden zu richten, gewesen sein.

»Um so vielmehr ist dieser Bengel das einzige Geschöpf, an dem ihr je was gelegen war«, dachte Mr. James Harthouse hin und her überlegend, »Um so vielmehr. Um so vielmehr!«

Der Bengel gab sich keine Mühe, gegen Mr. Bounderby sowohl in der Gegenwart seiner Schwester, als auch nachdem sie das Zimmer verlassen, seine Verachtung zu verbergen. So oft er Gelegenheit fand, schnitt er unbemerkt von diesem unabhängigen Mann saure Gesichter oder zwinkerte mit dem Auge.

Ohne auf diese telegraphischen Mitteilungen einzugehen, ermutigte ihn Mr. Harthouse im Verlaufe des Abends und offenbarte eine ungewöhnliche Vorliebe für ihn. Als er sich endlich erhob, um sich nach seinem Hotel zu begeben und einigen Zweifel ausdrückte, ob er des Nachts den Weg finden werde, bot der Bengel augenblicklich seine Dienste als Führer an und ging mit ihm fort, um ihn dahin zu begleiten.

Neunzehntes Kapitel.


Neunzehntes Kapitel.

Es war sehr merkwürdig, daß ein junger Mann, der nach einem konsequenten System unnatürlichen Zwanges erzogen worden, ein Heuchler geworden sein sollte; und doch war das unzweifelhaft bei Tom der Fall. Es war höchst sonderbar, daß ein junger Mann, der sich seiner eigenen Leitung nie auf fünf Minuten hintereinander überlassen war, unfähig sein sollte, sich selbst zu beherrschen. Aber so erging es Tom. Es war ganz und gar unerklärbar, daß ein junger Mann, dessen Phantasie schon in der Wiege erdrosselt worden, dennoch von ihrem Gespenste in der Form grob sinnlicher Leidenschaften heimgesucht werden sollte; aber ein solcher Mensch war ohne Zweifel Tom.

»Rauchen Sie?« fragte Mr. James Harthouse, als sie nach dem Hotel kamen.

»Das will ich meinen!« sagte Tom.

Er konnte nichts weniger tun, als Tom zu sich einladen, und Tom konnte nichts weniger tun, als diese Einladung annehmen. Teils durch ein kühles Getränk, das der Witterung angemessen aber nicht so schwach wie kühl war, und teils durch einen selteneren Tabak, als er in jenem Orte zu haben war, befand sich Tom bald in einem höchst freien und behaglichen Zustand an dem einen Ende des Sofas, und mehr als je geneigt, seinen neuen Freund am andern Ende zu bewundern.

Tom blies, nachdem er eine kleine Weile geraucht hatte, den Rauch beiseite und unterwarf seinen Freund einer genaueren Betrachtung. »Er scheint sich um seine Toilette nicht zu kümmern«, dachte Tom, »und doch, wie famos hat er sie aufgemacht. Was für ein eleganter Knabe er ist!«

Mr. James Harthouse, der Toms Blick zufällig auffing, bemerkte, daß er gar nichts trinke und füllte dessen Glas mit seiner eigenen lässigen Hand.

»Danke«, sagte Tom, »danke. Nun, ich hoffe, Mr. Harthouse, Sie haben heute Abend eine gehörige Dosis vom alten Bounderby genossen.« Tom sagte das, indem er ein Auge wieder schloß, und warf einen schlauen Blick über sein Glas nach seinem Gesellschafter.

»Ein sehr tüchtiger Mann, wahrhaftig«, versetzte Mr. Harthouse.

»Das ist Ihre Meinung, nicht wahr?« fragte Tom und kniff wieder das Auge zusammen.

Mr. James Harthouse lächelte. Er lehnte sich an das Kamingesims, rauchte und stand vor dem leeren Feuerplatze Tom gegenüber, so daß er auf diesen herabblickte. Dann bemerkte er: »Was für ein komischer Schwager Sie sind!«

»Ich glaube. Sie meinen wohl, was für ein komischer Schwager der alte Bounderby ist!«

»Sie sind boshaft, Tom«, warf Mr. James Harthouse ein.

Es lag so etwas Angenehmes darin, mit einer solchen Weste so intim zu sein, von einer solchen Stimme Tom genannt zu werden – und mit einem solchen Schnurrbart in so kurzer Zeit auf einem so vertrauten Fuße zu stehen, daß Tom mit sich selbst sehr zufrieden war.

»Oh, kümmern Sie sich nicht um die Bezeichnung des alten Bounderby«, sagte er, »wenn Sie das meinen. Ich habe ihn immer den alten Bounderby genannt, wenn ich von ihm sprach oder an ihn dachte. Ich werde jetzt des alten Bounderby wegen nicht anfangen, höflich zu werden. Das wäre etwas zu spät am Tage.«

»An mich brauchen Sie sich nicht zu kehren«, entgegnete James, »aber Sie sollen sich in Gegenwart seiner Frau in acht nehmen.«

»Seiner Frau?« rief Tom. »Meiner Schwester Lu? O, freilich!« Er lachte und nahm einen Schluck von dem kühlenden Getränk.

James Harthouse verharrte weiter in derselben lässigen Stellung auf dem gleichen Platze, rauchte die Zigarre in seiner eigenen leichten Manier und sah den Bengel vergnügt an, als ob er sich als eine Art angenehmen Dämon betrachtete, der nur über ihn zu schweben brauche, um ihm nötigenfalls seine ganze Seele aufzureißen. Es schien wirklich, als ob sich der Bengel seinem Einfluß füge. Er betrachtete seinen Gesellschafter schlau, er betrachtete ihn verwundernd, er betrachtete ihn dreist und legte ein Bein auf da« Sofa.

»Meine Schwester Lu?« sagte Tom. »Sie kümmerte sich nie um den alten Bounderby.«

»Das ist die vergangene Zeit, Tom«, versetzte Mr. James Harthouse, indem er die Asche der Zigarre mit dem kleinen Finger abstreifte. »Jetzt befinden wir uns aber in der gegenwärtigen Zeit.«

»Rückbezügliches Zeitwort: sich nicht kümmern. Anzeigende Art: Präsens. Erste Person, Singular: Ich kümmere mich nicht. Zweite Person, Singular: Du kümmerst dich nicht. Dritte Person, Singular: Sie kümmert sich nicht«, erwiderte Tom.

»Gut. Sehr geistreich«, sagte sein Freund, »obgleich Sie nicht dieser Meinung sind.«

»Aber es ist meine Meinung«, rief Tom. Bei meiner Ehre! Wie, Sie wollen mir doch nicht sagen, daß Sie wirklich annehmen, meine Schwester Lu kümmere sich um den alten Bounderby?«

»Lieber Junge«, versetzte der andere, »was soll ich denn denken, wenn ich sehe, daß ein Ehepaar in Glück und Frieden zusammen lebt?«

Tom hatte mittlerweile beide Beine auf das Sofa gelegt. Wenn sein zweites Bein sich nicht schon daselbst befunden hätte, als er »lieber Junge« genannt worden, so würde er es bei diesem erhebenden Abschnitt de« Gespräches emporgezogen haben. Da er jedoch alsdann fühlte, daß er etwas tun müsse, streckte er sich noch besser aus, und während er sich mit der Rückseite des Kopfes an das Ende des Sofas lehnte und eine unendlich lässige Manier im Rauchen annahm, wandte er sich mit seinem gemeinen Gesicht und seinen nicht zu nüchternen Augen gegen das Gesicht, das auf ihn so nachlässig und doch so mächtig herabblickte.

»Sie kennen unsern alten Herrn, Mr. Harthouse«, sagte Tom, »und brauchen daher nicht überrascht zu sein, daß Lu den alten Bounderby geheiratet. Sie hatte nie einen Liebhaber, und unser alter Herr schlug den alten Bounderby vor, und sie nahm ihn.«

»Das ist außerordentlich gehorsam von Ihrer interessanten Schwester«, sagte Mr. James Harthouse.

»Ja, aber sie würde nicht so gehorsam gewesen sein und die Sache wäre nicht so leicht zustande gekommen«, versetzte der Bengel, »wenn es nicht meinetwegen geschehen wäre.«

Der Besucher zog bloß seine Augenbrauen in die Höhe; aber der Bengel sah sich genötigt fortzufahren.

»Ich beredete sie«, sagte er mit einer erbaulichen Überlegenheitsmiene. »Ich ward in die Bank des alten Bounderby gepflanzt (wo ich nie sein mochte), und ich wußte, daß ich daselbst in die Klemme geraten würde, wenn sie dem alten Bounderby einen Korb gäbe. Ich teilte ihr daher meine Wünsche mit und sie erfüllte sie. Sie würde alles mögliche für mich tun. Das war sehr spaßhaft von ihr, nicht wahr?«

»Es war charmant, Tom.«

»Nicht, daß es ganz und gar so wichtig für sie war, als für mich«, fuhr Tom gleichmütig fort, »denn meine Freiheit und meine Behaglichkeit und vielleicht gar mein Weiterkommen hingen davon ab, und sie hatte keinen Liebhaber. Zu Hause bleiben war wie im Gefängnis sein – besonders wenn ich fort war. Es war nicht dies, daß sie einen andern Liebhaber für den alten Bounderby aufgab. Es war aber immerhin hübsch von ihr.«

»Ganz herrlich. Und sie erträgt es so gelassen.«

»Oh«, versetzte Tom mit verächtlicher Schutzherrnmiene. »Sie ist ein richtiges Mädel. So ein Mädel kann überall fortkommen. Sie hat sich fürs Leben gebunden und ihr ist’s einerlei. Dieses Leben behagt ihr ebensogut wie jedes andere. Außerdem, obwohl Lu ein Mädel ist, so ist sie doch kein gewöhnliches Mädel. Sie kann sich in sich selbst verschließen und nachdenken – wie ich sie oft sitzen und das Feuer betrachten sah – eine volle Stunde.«

»Wirklich, wirklich? Sie findet Trost und Stärkung bei sich selber?« fragte Mr. Harthouse, ruhig fortrauchend.

»Nicht so viel wie Sie vermuten mögen«, entgegnete Tom, »denn unser alter Herr hat sie mit allerhand dürren Knochen und Sägespänen vollgepfropft. Da« ist so sein System.«

»Formte seine Tochter nach seinem eigenen Modell?« erläuterte Harthouse.

»Seine Tochter? Ach, und alle Welt sonst. Nun, er modellierte auch mich auf diese Weise«, sagte Tom.

»Unmöglich!«

»Doch, er tat es«, sagte Tom, kopfschüttelnd. »Glauben Sie mir, daß, als ich zuerst das väterliche Haus verließ und zu dem alten Bounderby kam, war ich so flach wie eine Bettflasche und wußte nicht mehr als eine Auster vom Leben.«

»Gehen Sie, Tom. Das kann ich gar nicht glauben. Sie scherzen.«

»Bei meiner Seele«, sagte der Bengel. »Ich rede ernsthaft, wirklich ernsthaft.« Er rauchte eine Weile mit großer Würde und Gelassenheit. Dann fügte er in äußerst gefälligem Ton hinzu: »aber ich habe seitdem was gelernt. Das bestreite ich nicht. Doch ich tat es allein und habe dem Herrn Papa nichts dafür zu danken.«

»Und Ihre intelligente Schwester?«

»Meine intelligente Schwester ist ungefähr noch auf demselben Standpunkt, wo sie früher stand. Sie pflegte sich zu beklagen, daß ihr dergleichen Vergnügungen mangeln, wie Mädchen sie gewöhnlich haben, und ich weiß wirklich nicht, wie sie darüber hinauskommen konnte. Aber ihr ists einerlei«, fügte er scharfsinnig hinzu, die Zigarre abklopfend. »Mädchen können überall auf irgendeine Weise ausdauern.«

»Als ich gestern abend in der Bank nach Mr. Bounderbys Adresse fragte, fand ich daselbst eine altmodische Dame, die viel Bewunderung für Ihre Schwester zu hegen scheint«, bemerkte Mr. James Harthouse und warf den letzten Rest der Zigarre fort, die er jetzt aufgeraucht hatte.

»Mutter Sparsit?« fragte Tom. »Was! Sie haben sie also schon gesehen?«

Sein Freund nickte bejahend. Tom nahm die Zigarre aus dem Mund, um das Auge (das ganz unlenksam geworden war) mit mehr Ausdruck zusammenzukneifen und mit dem Finger mehrere Male hintereinander sich auf die Nase klopfen zu können.

»Mutter Sparsit Gefühl für Lu ist, ich sollte meinen, mehr als Bewunderung«, sagte Tom. »Sagen Sie lieber Wohlwollen und Ergebung. Mutter Sparsit hatte nie nach Bounderby geangelt, als er noch Junggeselle war. Oh, nein!«

Die letzten Worte wurden von dem Bengel ausgesprochen, ehe ihn noch eine schwindlige Schläfrigkeit überfiel, der vollständige Vergessenheit nachfolgte. Aus diesem Zustand ward er durch den unangenehmen Traum geweckt, vermittels eines Stiefels aufgeschreckt zu werden, während eine Stimme rief: »Auf! Es ist spät! Wir müssen fort!«

»Gut«, sagte er, indem er von dem Sofa herunterkrabbelte. »Ich muß doch Abschied von Ihnen nehmen. Ich glaube wohl. Ihr Tabak ist sehr gut. Nur zu schwach ist er.«

»Ja, er ist zu schwach«, versetzte sein Gesellschafter.

»Er ist – ist lächerlich schwach«, sagte Tom. »Wo ist die Tür? Gute Nacht!«

Er hatte einen zweiten seltsamen Traum, von einem Kellner durch einen Nebel geführt zu werden, der, nachdem er ihm Mühe und Schwierigkeit in den Weg gelegt, sich in die Hauptstraße verwandelte, in der er jetzt allein stand. Er ging dann ziemlich leicht nach Hause, obwohl nicht ganz frei von dem Eindruck der Gegenwart und dem Einflüsse seines neuen Freundes – als ob er noch in derselben nachlässigen Stellung irgendwo in der Luft lehnte, ihn mit demselben Blick betrachtend.

Der Bengel ging nach Hause und legte sich schlafen. Wenn er irgendein Gefühl davon gehabt hätte, was er in jener Nacht angerichtet, und weniger Bengel und mehr Bruder gewesen wäre, so würde er sich plötzlich auf der Straße umgewandt haben, wäre zu dem übelriechenden Flusse, der schwarz gefärbt war, hinabgegangen, hätte sich daselbst für immer schlafen gelegt, und hätte sich den Kopf für alle Zeiten mit des Flusses schmutzigen Wellen bedeckt.

Zweites Kapitel.


Zweites Kapitel.

Thomas Gradgrind, mein Herr. Ein Mann der Wirklichkeit. Ein Mann der Tatsachen und Berechnungen. Ein Mann, der von dem Prinzip ausgeht, daß zwei und zwei vier sind und nicht mehr, und bei dem jedes Zureden, etwas mehr zu gestatten, vergebens ist. Thomas Gradgrind, mein Herr – Thomas schlechterdings – Thomas Gradgrind. Mit einem Lineal und einer Wage, samt der Multiplikationstafel in der Tasche, mein Herr, bereit, jedes Stück menschlicher Natur zu wägen und zu messen, und euch genau zu bestimmen, auf wieviel es sich beläuft. Das ist eine bloße Zahlenfrage, ein Gegenstand der einfachen Arithmetik. Ihr könnt die Hoffnung hegen, sonst etwas Unsinniges in den Kopf von George Gradgrind oder Augustus Gradgrind, oder John Gradgrind, oder Joseph Gradgrind (lauter angenommene, nicht existierende Personen) zu bringen, aber in den Kopf von Thomas Gradgrind – niemals, mein Herr!

Mit solchen Ausdrücken führte sich Mr. Gradgrind immer, entweder im Privatkreis seiner Bekanntschaften oder beim Publikum im allgemeinen, in Gedanken ein. Mit solchen Ausdrücken und nur »Knaben und Mädchen« anstatt »mein Herr« setzend, stellte jetzt Thomas Gradgrind mit Nachdruck diesen selben Thomas Gradgrind den kleinen vor ihm stehenden Krügen vor, die ganz und gar mit Tatsachen vollgefüllt werden sollen.

Als er aus dem früher erwähnten Kellergeschoß feurige Blicke auf sie schleuderte, glich er in der Tat einer Art Kanone, die bis zur Mündung mit Tatsachen gefüllt, bereit war, die Kleinen mit einem Schuß aus den Regionen der Kindheit hinauszufegen. Er hatte auch Ähnlichkeit mit einem galvanischen Apparat, der anstatt der zarten, jugendlichen Bilder, die verscheucht werden sollten, mit einem greulichen, mechanischen Ersatzmittel angefüllt war.

»Mädchen Nummer Zwanzig«, sagte Mr. Gradgrind mit seinem plumpen Zeigefinger plump hindeutend. »Ich kenne dieses Mädchen nicht. Wer ist dieses Mädchen?«

»Cili Jupe, mein Herr«, setzte Nummer Zwanzig errötend, sich erhebend und knixend, auseinander.

»Cili ist kein Name«, sagte Mr. Gradgrind. »Nenne dich nicht Cili. Nenne dich Cecilie.«

»Vater nennt mich Cili, mein Herr«, erwiderte das junge Mädchen mit zitternder Stimme und mit einem zweiten Knix.

»Dann hat er kein Recht dazu«, sagte Mr. Gradgrind. »Sag ihm, Cecilie Jupe, daß er das nicht tun darf. Laß einmal sehen. Was ist dein Vater?«

»Er gehört zur Reitertruppe, wenn Sie erlauben, mein Herr.«

Mr. Gradgrind runzelte die Stirn und machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung gegen den verwerflichen Beruf.

»Wir brauchen darüber hier nichts zu wissen. Du mußt uns darüber hier nichts sagen. Dein Vater reitet Pferde zu, nicht wahr?«

»Ja, zu dienen, mein Herr. Wenn welche zum Bereiten zu bekommen sind, so werden sie in der Reitbahn zugeritten, mein Herr.«

»Du mußt uns hier nichts über die Reitbahn erzählen. Gut also. Beschreibe deinen Vater als einen Bereiter. Er kuriert Pferde, wie ich voraussetze?«

»O ja, mein Herr.«

»Sehr gut nun. Er ist also ein Veterinär, ein Pferdearzt und Bereiter. Gib mir deine begriffliche Bestimmung vom Pferd.«

(Höchste Bestürzung von Cili Jupe über diese Frage.)

»Mädchen Nummer Zwanzig nicht imstande auseinanderzusetzen, was ein Pferd ist«, sagte Mr. Gradgrind zum allgemeinen Nutzen der sämtlichen kleinen Krüge. »Mädchen Nummer Zwanzig hat in bezug auf eines der gewöhnlichsten Tiere keine Tatsachen inne. Nun soll ein Knabe die begriffliche Bestimmung von einem Pferd geben. Bitzer, los!«

Der plumpe Finger geriet, hin- und herschweifend, plötzlich auf Bitzer. Vielleicht deshalb, weil er gerade von demselben Sonnenstrahl getroffen wurde, der durch eines der kahlen Fenster des ungewöhnlich weißgewaschenen Zimmers fiel und auf Cili seinen Schimmer warf. Die Knaben und Mädchen saßen nämlich in einem Raum mit schräg abfallendem Fußboden und waren voneinander durch einen schmalen Gang in der Mitte getrennt. Sie saßen in dichten Haufen. Cili aber, die sich an der Ecke einer Reihe an der sonnigen Seite befand, wurde von dem Anfange eines Sonnenstrahles getroffen. Von diesem Sonnenstrahl fing Bitzer, der sich an der Ecke auf der andern Seite einige Reihen weiter vorwärts befand, das Ende auf. Während jedoch das Mädchen so dunkeläugig und so dunkelhaarig war, daß sie eine tiefere und glänzendere Farbe durch den Sonnenschein erhielt, war der Knabe wieder so helläugig und lichthaarig, daß ganz dieselben Strahlen das bißchen aus ihm herauszuziehen schienen, was er an Farbe je besessen. Seine glanzlosen Augen würden kaum als solche gegolten haben, wenn die kurzen Enden von Augenwimpern ihre Form nicht dadurch hervorgehoben hätten, daß sie diese in einen unmittelbaren Kontrast mit noch etwas Blasserem, als sie selbst waren, gebracht hätten. Sein kurzgestutztes Haar konnte als eine bloße Fortsetzung der rötlichen Sommersprossen auf Stirn und Gesicht gelten. Seine Haut hatte, was die natürliche Farbe betraf, ein so ungesundes und mangelhaftes Aussehen, daß er den Anschein hatte, als würde er weiß bluten, wenn man ihn schnitte.

»Bitzer«, sagte Thomas Gradgrind, »deine begriffliche Bestimmung von einem Pferd.«

»Vierfüßig. Grasfressend. Vierzig Zähne, nämlich: vierundzwanzig Backenzähne, vier Augenzähne und zwölf Schneidezähne. Wirft im Frühling die Haut ab und in morastigen Gegenden auch die Hufe. Die Hufe sind hart, müssen jedoch mit Eisen beschlagen werden. Zeichen im Maule geben das Alter an.« Also (und noch viel mehr) sprach Bitzer.

»Nun, Mädchen Nummer Zwanzig«, sagte Mr. Gradgrind, »weißt du, was ein Pferd ist.«

Sie knixte abermals und würde noch mehr errötet sein, wenn sie überhaupt noch mehr hätte erröten können, als sie es bisher getan hatte. Nachdem Bitzer auf Thomas Gradgrind mit beiden Augen zugleich rasch hingeblinzelt hatte und das Licht auf seinen zitternden Spitzen von Augenwimpern so auffing, daß sie wie Fühlhörner geschäftiger Insekten aussahen, fuhr er mit den Knöcheln an die sommersprossige Stirn und setzte sich wieder.

Der dritte Herr trat jetzt vorwärts. Er war ein tüchtiger Mann im Knuffen und Schlagen; ein Regierungsbeamter. Nach seiner Weise (und auch in der der meisten Leute) ein erklärter Boxer. Immerfort in Übung, immerfort mit einem Plane bei der Hand, die Kehle von aller Welt wie ein Arzneikügelchen abzuwürgen, posaunte er ständig vor den Schranken seines Bureaus aus, daß er bereit sei, es mit »ganz England« aufzunehmen. Um in der Phraseologie der Faust fortzufahren, besaß er ein eigenes Talent, überall mit jedermann anzubinden und sich als einen abscheulichen Kumpan zu bewähren. Er konnte irgendwo hinkommen und sofort jeden beliebigen Menschen eines mit der Rechten versetzen, mit der Linken nachholen, einhalten. Arme wechseln, sich stemmen und seinen Gegner (er schlug sich stets mit »ganz England«) bis zu dem Seitenring drängen und dann über ihn geschickt herfallen. Er war sicher, ihm das Lebenslicht auszublasen und seinen unglücklichen Gegenkämpfer für ewig taub zu machen. Er hatte auch von einer höheren Autorität den Auftrag, das große Bureau des tausendjährigen Reiches zu begründen, wenn solche Kommissare je einmal zur Herrschaft auf Erden gelangen sollten.

»Sehr gut«, sagte dieser Herr, munter lächelnd und die Arme kreuzend. »Das ist ein Pferd. Laßt mich euch nun die Frage vorlegen, Mädchen und Knaben, würdet Ihr ein Zimmer mit den bildlichen Darstellungen eines Pferdes tapezieren?«

Nach einer Pause rief die eine Hälfte der Kinder im Chor: »Ja, mein Herr!« worauf die andere Hälfte, die in dem Gesicht dieses Herrn las, daß Ja unrichtig war, im Chor ausrief: »Nein, mein Herr«, wie es bei solchen Prüfungen gewöhnlich geschieht.

»Versteht sich, nein. Warum aber?«

Eine Pause. Ein wohlbeleibter, bedachtsamer Knabe, der keuchend Atem holte, wagte die Antwort: weil er ein Zimmer gar nicht tapezieren, sondern malen lassen würde.

»Du mußt es tapezieren«, sagte der Herr ziemlich leidenschaftlich.

»Du mußt es tapezieren«, sagte Thomas Gradgrind, »ob du willst oder nicht. Sag uns nicht, du würdest es nicht tapezieren. Was meinst du. Junge?«

Nach einer zweiten und schrecklichen Pause begann der Herr abermals: »Ich will euch also erklären, warum ihr ein Zimmer nicht mit den bildlichen Darstellungen eines Pferdes tapezieren würdet. Sehet ihr je in Wirklichkeit Pferde auf den Seiten eines Zimmers hin und her gehen? Seht ihr das in der Tat?«

»Ja, mein Herr«, von der einen Hälfte und »Nein, mein Herr«, von der andern.

»Versteht sich, nein«, sagte der Herr mit einem unwilligen Blick auf die unrichtige Hälfte. »Nun, ihr werdet nie etwas sehen, was ihr nicht in der Tat sehet. Ihr werdet nirgends etwas haben, was ihr nicht in der Tat habt. Was man Geschmack nennt, ist nur eine andere Bezeichnung für Tatsache.«

Thomas Gradgrind nickte seine Beistimmung zu.

»Das ist ein neues Prinzip, eine Entdeckung, eine große Entdeckung«, sagte der Herr. »Nun werde ich euch nochmals auf die Probe stellen. Vorausgesetzt, ihr ließet ein Zimmer mit einem Teppich belegen. Würdet ihr einen Teppich wählen, auf dem sich bildliche Darstellungen von Blumen befinden?«

Da jetzt die allgemeine Überzeugung vorherrschte, daß »Nein, mein Herr«, bei diesem Herrn immer die richtige Antwort sei, so war der Chor von Nein sehr stark. Nur einige Nachzügler riefen Ja; unter diesen Cili Jupe.

»Mädchen Nummer Zwanzig«, sagte der Herr in der ruhigen Würde seiner Weisheit lächelnd. Cili errötete und erhob sich.

»Also du würdest dein Zimmer oder das deines Mannes, wenn du schon erwachsen wärest und einen Mann hättest, mit einem Teppich belegen, auf dem Blumen abgebildet sind – würdest du da«?« rief der Herr, »Warum würdest du das?«

»Wenn Sie erlauben, mein Herr, ich habe Blumen sehr lieb«, antwortete das Mädchen.

»Und warum möchtest du also Tische und Stühle auf sie stellen und die Leute mit ihren schweren Stiefeln darauf herumtreten lassen?«

»Da« würde ihnen nichts schaden, mein Herr. Sie würden nicht zerdrückt werden und verwelken. Wenn Sie erlauben, mein Herr. Sie wären nur die Bilder von etwas recht Hübschem und Angenehmen, und ich würde mir einbilden –«

»Ei! Ei! Ei! Aber du darfst dir nichts einbilden«, rief der Herr, ganz stolz darauf, so glücklich zu diesem Punkt geraten zu sein. »Das ist’s ja gerade. Du darfst dir nie etwas einbilden.«

»Du darfst nie, Marie Jupe«, wiederholte Thomes Gradgrind feierlich, »dergleichen tun.«

»Tatsachen! Tatsachen! Tatsachen!« sagte der Herr, und »Tatsachen! Tatsachen! Tatsachen!« wiederholte Thomas Gradgrind.

»In allen Dingen müßt ihr«, sagte der Herr, »von Tatsachen geleitet und gelenkt werden. Wir hoffen, in kurzem einen Ausschuß der Tatsachen, zusammengesetzt aus Kommissaren der Tatsachen, zu haben, die das Volk zwingen werden, ein Volk der Tatsachen und nur der Tatsachen zu sein. Das Wort Einbildung müßt ihr ganz verbannen. Ihr habt nichts damit gemein. Ihr dürft in keinem Gegenstande, der zum Nutzen oder zur Zierde gereicht, etwas finden, das mit der Tatsächlichkeit im Widerspruch steht. Ihr geht in der Tat nicht auf Blumen: ihr dürft also auf Blumen in Teppichen nicht gehen. Ihr seht nirgends, daß ausländische Vögel und Schmetterlinge herbeifliegen, um sich auf eurem Geschirr niederzulassen; es kann euch daher nicht gestattet werden, ausländische Vögel und Schmetterlinge auf euer irdenes Geschirr zu malen. Ihr begegnet nie vierfüßigen Tieren, die auf den Wänden hin und her spazieren; ihr dürft also keine vierfüßigen Tiere auf den Wänden darstellen lassen. Zu all solchen Belangen«, fügte der Herr hinzu, »dürft ihr nur Vergleiche und Zusammenstellungen (in Grundfarben) mathematischer Figuren in Anwendung bringen, die einer Beweisführung fähig sind. Das ist die neue Entdeckung. Das ist Tatsache. Das ist Geschmack.«

Das Mädchen knixte und setzte sich. Sie war sehr jung und sah aus, als ob sie vor dem Prospekt der Tatsächlichkeit, den die Welt bot, erschrocken wäre.

»Nun, wenn Mr, M’Choakumchild«, sagte der Herr, »zu seiner ersten Lektion hier schreiten will, so werde ich mich glücklich schätzen, auf Ihr Ersuchen, Mr. Gradgrind, sein pädagogisches Verfahren zu beobachten.«

Mr. Gradgrind war sehr verbunden. »Mr. M’Choakumchild, wir warten nur auf Sie.«

So fing denn Mr. M’Choakumchild in seiner besten Weise an. Er und andere hundertundvierzig Schulmeister wurden vor kurzem zu gleicher Zeit, in derselben Faktorei und nach denselben Prinzipien wie ebenso viele Pianogestelle, gedrechselt. Er war durch eine zahllose Menge von Fächern gegangen und hatte ganze Bände von kopfzerbrechenden Fragen beantwortet. Orthographie, Etymologie, Syntax und Prosodie, Biographie, Astronomie, Geographie und allgemeine Kosmographie, die Wissenschaften der zusammengesetzten Proportionen, Algebra, Landmessen und Nivellieren, Gesang und Zeichnen nach Modellen, das alles saß ihm sozusagen fest bis in die Spitzen seiner erstarrten zehn Finger. Er hatte sich den steinigen Pfad in die Liste B. des hochehrwürdigen geheimen Rates Ihrer Majestät gebahnt, und hatte die Blüte in den höheren Zweigen der Mathematik und Naturwissenschaft und im Deutschen, Französischen, Lateinischen und Griechischen davongetragen. Er wußte alles hinsichtlich der natürlichen Ländergrenzen der ganzen Welt (was immer sie sein mögen); er wußte alle Geschichten aller Völker, und alle Namen aller Berge und Flüsse, und alle Erzeugnisse, Sitten und Gebräuche aller Länder und all ihre Grenzen und Lagen auf den zweiunddreißig Punkten des Kompasses. Ach, ziemlich überladen, Mr. M’Choakumchild! Wenn er nur etwas weniger gelernt hätte, wie unendlich besser hätte er weit mehr beibringen können!

Er machte sich in der Vorbereitungslektion an die Arbeit, wie ungefähr Morgiana in den »Vierzig Dieben«, indem er nacheinander in all die Gefäße blickte, die vor ihm geordnet standen, um zu sehen, was sie enthalten. Sage doch, guter M’Choakumchild: glaubst du, wenn du von deinem quellenden Vorrat jeden Krug bis an den Rand füllen wirst, imstande zu sein, dem Wegelagerer Phantasie, der darinnen lauert, für immer den Garaus zu machen, oder ihn nur zu verstümmeln und zu verrenken?

Zwanzigstes Kapitel.


Zwanzigstes Kapitel.

»Oh, meine Freunde, ihr mit Füßen getretenen Arbeiter von Coketown! Oh, meine Freunde und Mitbürger, ihr Sklaven eines eisernen und zermalmenden Despotismus! Oh, meine Freunde und Leidensgenossen und Arbeitsgenossen und Mitgenossen! Ich sage euch, daß die Stunde geschlagen, wo wir uns zu einer festen Macht vereinigen müssen, um die Unterdrücker zu Staub zu zerreiben, die sich nur zu lange gemästet haben an der Ausbeutung unserer Familien, an dem Schweiß unserer Stirne, an der Arbeit unserer Hände, an der Kraft unserer Nerven, an der Mißachtung der gottgeborenen, glorreichen Rechte der Humanität und an der Unterdrückung der heiligen und ewigen Privilegien der Brüderlichkeit!«

»Gut!« »Hört, hört, hört!« »Hurra!« und ähnliche Ausrufe ertönten von vielen Stimmen aus der dichtgedrängten und zum Ersticken vollen Halle, in der der Redner – der sich auf einem Gerüst aufgepflanzt hatte – das soeben Mitgeteilte – und was er sonst noch an Schall und Rauch in sich hatte, von sich gab. Er hatte sich selbst in hitzigen Eifer hineindeklamiert und war ebenso heiser als erhitzt. Während die blendenden Gasflammen ihren Geruch ausströmten, brüllte er aus voller Kehle, ballte die Fäuste, runzelte die Stirn, knirschte mit den Zähnen, arbeitete mit den Armen und hatte sich nun dermaßen erschöpft, daß er nicht mehr weiter konnte und nach einem Glas Wasser rief.

Wie er so dastand und versuchte, das glühende Gesicht mit einem Trunk Wasser zu kühlen, fiel der Vergleich zwischen ihm, dem Redner, und der Menge aufmerksam ihm zugewandter Gesichter, sehr zu seinem Nachteil aus. Nach seiner augenfälligen Persönlichkeit zu urteilen, erhob er sich nur durch das Gerüst, auf dem er stand, ein wenig über die Masse empor. In vielen anderen Beziehungen stand er ihr wesentlich nach. Er war nicht so rechtlich, nicht so männlich und nicht so gutmütig. Er setzte Durchtriebenheit an die Stelle der Einfachheit, Leidenschaftlichkeit und ihres geraden gesunden Verstandes. Als schlechtgebauter, hochschulteriger Mann mit eingesunkenen Augenbrauen und mit Gesichtszügen, die gewöhnlich einen sauertöpfischen Ausdruck annahmen, bildete er selbst in seinem buntscheckigen Anzug einen ungünstigen Kontrast zu der großen Schar seiner Zuhörer in ihren einfachen Arbeiteranzügen.

Ist schon der Anblick jeder Versammlung seltsam, die sich dem Eindruck einer beliebten Person – Lord oder Unterhausmitglied – demütig unterwirft, eines Menschen, den Dreiviertel der Zuhörer durch kein menschliches Mittel aus dem Schlamm der Nichtigkeit zu ihrer eigenen geistigen Höhe erheben könnten, so war es unendlich seltsam, ja sogar unendlich rührend, diese Menge von ernsten Gestalten, deren Rechtlichkeit im allgemeinen von keinem kompetenten, vorurteilsfreien Beobachter bezweifelt werden konnte, durch einen solchen Führer aufgeregt zu sehen.

Gut! Hört, hört! Hurra! Die eifrige Spannung und Aufmerksamkeit, die sich auf jedem Antlitze kundgab, gewährte einen eindrucksvollen Anblick. Da gab sich keine Unachtsamkeit, keine Mattigkeit und keine eitle Neugier kund. Kein einziger Schatten der Gleichgültigkeit, der man in allen andern Versammlungen begegnete, war hier auch nur auf einen einzigen Augenblick sichtbar. Daß jedermann fühlte, wie seine Lage auf die eine oder andere Weise schlimmer sei, als sie sein sollte; daß jedermann es als seine ihm obliegende Pflicht betrachtete, sich mit den übrigen zu vereinigen, um Verbesserungen hervorzurufen; daß jedermann seine einzige Hoffnung in den Anschluß an seine Kameraden setzte, von denen er umgeben war, und daß die gesamte Menge in diesem Glauben, sei er begründet oder unbegründet (unglücklicherweise war er damals das letztere) in feierlichem, tiefem und aufrichtigem Ernst begriffen war – muß jedem, der das Vorhandene sehen mochte, ebenso deutlich sichtbar geworden sein, wie das kahle Balkenwerk des Daches und die geweißten Ziegelwände. Ein ähnlicher Beobachter konnte sich auch der inneren Überzeugung nicht erwehren, daß diese Männer selbst in ihren Irrtümern große Eigenschaften offenbarten, die dafür empfänglich waren, auf das beste und vorteilhafteste ausgebildet zu werden: und daß die Behauptung (auf prahlerische Axiome gegründet, wie sie immer auch zugestutzt und geformt sein mochten), daß sie ohne alle Ursache und bloß aus unvernünftigem Eigenwillen irre Wege einschlugen, der Behauptung gleich war, daß es Rauch ohne Feuer gebe, Tod ohne Geburt, Ernte ohne Saat, und daß alles und jedes aus nichts geschaffen werden könne.

Nachdem der Redner die Erfrischung genommen, wischte er sich die Stirn mit einem wulstartig-gefalteten Taschentuche mehrere Male von links nach rechts und konzentrierte seine erfrischten Lebenskräfte alle in ein Hohnlächeln der Verachtung und Bitterkeit.

»Aber, oh, meine Freunde und Brüder! Oh, Bürger und Briten, ihr mit Füßen getretenen Arbeiter von Coketown! Was sollen wir von jenem Manne sagen – von jenem Arbeiter – oh, daß ich gezwungen bin, diesen glorreichen Namen so sehr zu beschimpfen – der mit den Beschwerden und Unbilden, die ihr, der Kern und das Mark unseres Vaterlandes, zu erleiden habt, in praktischer Weise gar wohl vertraut ist und der euch mit einer edlen und majestätischen Einstimmigkeit, die Tyrannen erzittern machen wird, den Entschluß fassen hörte, für den Fond der Streikverbandkasse zu zeichnen und an allen Beschlüssen festzuhalten, die von jener Körperschaft zu eurem Wohle ausgehen mögen – was, frage ich euch, werdet ihr von dem Arbeiter – da ich ihn als solchen doch anerkennen muß – urteilen, der zu solcher Zeit seinen Posten verläßt und seine Fahne verkauft – der zu solcher Zeit zum Verräter, zum Feigling und zum Abtrünnigen wird – der nicht vor Schmach vergeht, euch das memmenhafte und entwürdigende Geständnis zu machen, daß er sich ferne halten will und nicht zu denen gehören mag, die sich zu dem heroischen Kampf für Freiheit und für Recht vereinigt haben?«

Die Versammlung war über diesen Punkt uneinig. Hier und da ertönte Gezisch und Murren; das allgemeine Ehrgefühl war jedoch zu stark, um einen Mann ungehört zu verdammen. »Wenn ihr nur Recht habt, Slackbridge.« »Laßt ihn hinaufsteigen.« »Laßt uns ihn hören.« Solche Ausrufe ließen sich von vielen Seiten vernehmen. Endlich rief eine starke Stimme aus: »Ist der Mann hier? Wenn der Mann hier ist, Slackbridge, so laßt uns ihn statt Euch hören.« Diese Worte fanden allgemeinen Beifall.

Slackbridge, der Redner, blickte mit trockenem Lächeln um sich, streckte die Hand (nach Art aller Slackbridge) der ganzen Länge des Armes nach aus, um die tobende See zu beruhigen, und wartete, bis tiefe Stille herrschte.

»Oh, meine Freunde und Mitbürger«, rief Slackbridge mit zornigem Kopfschütteln. »Ich wundere mich nicht, daß ihr, die zertretenen Kinder der Arbeit, die Existenz eines solchen Mannes mit ungläubigem Auge betrachtet, aber der, der seine Erstgeburt für ein Gericht Speisen verkaufte, existierte, und Judas Ischariot existierte, und Castlereagh8 existierte, und auch dieser Mann existiert!«

Ein kurzes Drängen und verworrenes Durcheinander, das in der Nähe der Rednerbühne entstanden war, endigte mit der Erscheinung des Mannes selbst an der Seite des Redners vor dem Gedränge. Sein Gesicht war blaß und zeigte Spuren von Aufregung – was sich besonders auf seinen Lippen kundgab; er stand jedoch ruhig da mit der linken Hand am Kinn und wartete, bis er Gehör erlangte. Es war ein Präsident da, den Geschäftsgang zu leiten, und dieser Beamte nahm jetzt die Sache selbst in die Hand.

»Meine Freunde!« rief er, »kraft meines Amtes als euer Präsident, fordere ich unsern Freund Slackbridge auf, der in dieser Angelegenheit sich zu sehr ereifert haben mag, seinen Platz wieder einzunehmen, während dieser Mann hier, Stephen Blackpool, das Wort erhält. Ihr kennt ihn schon lange durch sein Unglück und seinen guten Namen.«

Mit diesen Worten schüttelte ihm der Präsident herzlich die Hand und setzte sich wieder nieder. Slackbridge setzte sich ebenfalls, indem er sich die glühende Stirn abwischte – immer von links nach rechts und niemals umgekehrt.

»Meine Freunde«, begann Stephen inmitten einer Totenstille. »Ich habe gehört, was von mir gesagt worden ist, und wahrscheinlich werde ich nichts dazu noch davon tun. Aber ich möchte lieber, daß ihr die Wahrheit über mich von mir selbst hörtet, als von einem andern, obgleich ich nie vor so einer großen Menge sprechen konnte, ohne verwirrt und verlegen zu werden.«

Slackbridge schüttelte mit dem Kopf, als wollte er ihn in seiner Erbitterung abschütteln.

»Ich bin die einzige ›Hand‹ in Bounderbys Faktorei – von allen die hier versammelt sind – der mit den vorgeschlagenen Verhaltungsmaßregeln nicht übereinstimmt. Ich kann nicht mit ihnen übereinstimmen. Meine Freunde, ich zweifle daran, daß sie für euch vorteilhaft sind. Sie könnten euch vielmehr schädlich sein.«

Slackbridge lachte, schränkte die Arme ineinander und sah spöttisch drein.

»Aber das ist es nicht allein, warum ich mich ausschließe. Wenn das alles wäre, so würde ich mich den übrigen verbinden. Seht, ich habe meine Gründe – meine eigenen – die mich verhindern. Nicht bloß jetzt, sondern immer – immer – all mein Leben lang.«

Slackbridge fuhr auf und stellte sich neben ihn knirschend und wütend. »Oh, meine Freunde, habe ich euch nicht das alles gesagt? Oh, meine Mitbürger, habe ich euch nicht diese Warnung zugerufen? Und wie erscheint euch dieses verräterische Benehmen an einem Mann, von dem man weiß, daß ihn die Ungleichheit der Gesetze so schwer betroffen? Oh, ihr Engländer, ich frage euch, wie erscheint euch diese Verleitung bei einem Manne, der euresgleichen ist, und der seine Einwilligung gibt zu seinem Verderben und dem eurigen – zu dem eurer Kinder und Kindeskinder?«

Einiger Beifall ließ sich hören mit einigen Ausrufen: »Pfui, über diesen Kerl!« Die Mehrheit der Zuhörer war indessen ruhig. Sie betrachteten Stephens verstörtes Gesicht, das durch die natürliche Aufregung, die es kundgab, einen feierlicheren Anblick gewährte, und waren bei der Güte ihres Herzens mehr zum Mitleid als zur Entrüstung geneigt.

»Es ist das Geschäft dieses Abgeordneten, zu sprechen«, sagte Stephen, »er wird dafür bezahlt, und er versteht sein Handwerk. Dabei laßt ihn bleiben. Er soll sich nicht darum kümmern, was ich nicht dulden sollte. Das geht ihn nichts an. Das geht niemanden etwas an außer mich.«

Es herrschte ein gewisser Anstand, um nicht zu sagen Würde in diesen Worten, wodurch die Zuhörer noch stiller und aufmerksamer wurden. Die frühere starke Stimme rief aus: »Slackbridge, laß den Mann sprechen und halt‘ selbst das Maul!« worauf eine wunderbare Stille eintrat.

»Meine Brüder«, sagte Stephen, dessen leise Stimme deutlich vernommen ward, »und meine Arbeitsgenossen – denn das seid ihr für mich, obwohl, wie ich gut weiß, nicht für diesen Abgeordneten hier – ich habe euch bloß ein Wort zu sagen, und ich könnte euch nicht mehr sagen, wenn ich bis zum andern Morgen spräche. Ich weiß wohl, was mich erwartet. Ich weiß wohl, daß ihr alle entschlossen seid, nichts mehr mit einem Manne zu tun zu haben, der in dieser Angelegenheit nicht mit euch geht. Ich weiß wohl, daß, wenn ich auf der Gasse bettelnd verenden müßte, ihr es für recht halten würdet, an mir wie an einem Fremden und Ausländer vorüberzugehen. Nun, was mein Schicksal ist, damit muß ich zufrieden sein.«

»Stephen Blackpool«, sagte der Vorsitzende, indem er sich erhob, »überlege es dir noch einmal. Überlege es dir nochmals, mein Junge, ehe du von all deinen alten Freunden gemieden wirst.«

Ein allgemeines Murmeln gab sich zur Bekräftigung dessen kund, obgleich niemand ein Wort verlauten ließ. Alle Augen waren auf Stephens Gesicht geheftet. Wenn er einen Entschluß bereute, so würde er eine schwere Last von ihren Gemütern abwälzen. Er blickte um sich und wußte, daß dieses der Fall war. Nicht ein Funke von Zorn loderte in ihren Herzen, er kannte sie tiefer als ihre oberflächlichen Schwächen und Irrtümer reichten – wie niemand außer ihrem Arbeitsgenossen sie kennen konnte.

»Ich habe es mir überlegt, genau überlegt, Sir. Ich kann einfach nicht beitreten. Ich muß den Weg einschlagen, der vor mir liegt. Ich muß von euch allen hier Abschied nehmen.«

Er machte ihnen eine Art Reverenz, indem er die Arme emporhielt und verharrte einen Augenblick in dieser Stellung. Er sprach nicht wieder, bis sie ihm ein wenig zur Seite traten.

»Sehr viele freundliche Worte sind von manchen der Anwesenden mit mir gewechselt worden; sehr viele Gesichter sehe ich hier, die ich sah, als ich noch jung und heiterer war als jetzt. Ich habe, seitdem ich geboren, nie mit einem der Anwesenden einen Streit gehabt, und Gott weiß, ich habe auch jetzt keinen Streit durch meine Schuld. Ihr werdet mich Verräter und wer weiß wie noch schelten, ich meine Euch damit – sich an Slackbridge wendend – aber es ist leichter, jemanden schelten als beweisen. Und damit habe ich genug gesagt.«

Er war einen oder zwei Schritte vorgetreten, um die Tribüne zu verlassen, als er sich an etwas erinnerte, das er noch zu sagen hatte, und nochmals umkehrte.

»Vielleicht«, sagte er, und wandte sein gefurchtes Gesicht langsam im Halbkreis, um anzudeuten, daß er seine Worte an sämtliche Zuhörer, sowohl die nahen wie die fernen, persönlich richten wolle. »Vielleicht, wenn diese Frage abgetan und erörtert sein wird, daß ihr dann mit Arbeitniederlegung droht, wenn man mir erlaubt, unter euch weiter zu arbeiten. Ich hoffe, daß ich eher sterben werde, als daß diese Zeit wirklich kommt, und ich werde abgesondert unter euch arbeiten, bis das geschehen wird. Wirklich, ich muß das tun, meine Freunde; nicht euch zum Trotze, sondern um leben zu können. Ich habe nichts als meine Arbeit, wovon ich leben kann, und wohin kann ich mich noch wenden, ich, der ich hier in Coketown von Kindesbeinen an gearbeitet habe? – Ich beklage mich nicht darüber, daß ich so weit gebracht worden, daß ich verstoßen und verachtet bin für die Zukunft. Aber ich hoffe, man wird mich arbeiten lassen. Wenn ich überhaupt auf irgendein Recht Anspruch machen kann, so ist es eben darauf, meine ich.«

Kein Wort ließ sich vernehmen. Kein Laut ließ sich im ganzen Gebäude hören, nur das leise Rauschen der beiseite tretenden Leute, die in der Mitte des Saals einen Gang freimachten, um den Mann hindurchzulassen, dem sie die Kameradschaft aufgekündigt hatten. Ohne jemanden anzusehen, doch mit anspruchsvoller Festigkeit, verließ der alte Stephen, mit all seinem Kummer auf dem Herzen, den Schauplatz.

Hierauf schickte sich Slackbridge, der den oratorischen Arm während seines Hinausgehens ausgestreckt hielt, als wollte er mit unendlicher Sorgfalt und vermittels einer wunderbar moralischen Macht die heftigen Leidenschaften der Menge unterdrücken, wieder an, ihre Gemüter aufzurichten. – »Hatte nicht Brutus, der Römer, oh, meine britischen Mitbürger, seinen Sohn zum Tode verurteilt, und hatten nicht, oh, meine bald triumphierenden Freunde, spartanische Mütter ihre fliehenden Kinder den scharfen Schwertern des Feindes entgegengetrieben? – War es also nicht die heilige Pflicht der Männer von Coketown, mit den Vorfahren vor ihnen – mit der bewundernden Mitwelt im Verein mit ihnen – und mit der Nachwelt nach ihnen – war es nicht ihre heilige Pflicht, frage ich, die Verräter aus den Zelten zu treiben, die sie in einer heiligen und Gott wohlgefälligen Sache aufgerichtet hatten? Die Lüfte des Himmels antworteten: ›Ja‹, und trugen dieses Ja nach Osten, Westen, Süden und Norden. Und darum ein dreimaliges Hoch! für das vereinigte Arbeiter-Tribunal!«

Slackbridge machte den Chorführer und schlug den Takt. Die Menge mit skeptischen Mienen (mit dem Ausdruck der Gewissensunruhe) lebte bei dem Tone neu auf und stimmte ein. Das Privatgefühl muß der allgemeinen Sache weichen. Hurra! Das Dach zitterte noch von dem Beifallsgeschrei, als die Versammlung sich zerstreute.

Stephen Blackpool führte nun das einsamste Leben – das Leben der Einsamkeit unter einer vertrauten Menge. Der Fremde im Lande, der in zehntausend Gesichter starrt, um einen teilnehmenden Blick zu erhaschen und ihm niemals begegnet, ist im Vergleich mit ihm, der täglich an zehn abgewandten Gesichtern vorübergeht, die früher sämtlich das Antlitz so vieler Freunde waren, noch in erheiternder Gesellschaft. Diese Erfahrung sollte nun Stephen in jedem wachen Augenblick seines Lebens machen – bei der Arbeit, auf seinem Wege zu und von dieser, vor seiner Tür, an seinem Fenster – überall – In gemeinschaftlichem Einverständnis vermieden sie selbst die Seite der Straße, die er gewöhnlich einschlug, und von sämtlichen Arbeitern ging er allein auf dieser.

Er war viele Jahre lang ein ruhiger, stiller Mann gewesen, hatte sich nur wenig zu andern gesellt und war an die Gesellschaft seiner eigenen Gedanken gewöhnt. Er hatte früher nie gewußt, wie stark das Bedürfnis seines Herzens nach einem Zunicken, einem Blick oder Wort war, und ebenso wußte er nicht, wie unendlich groß der Trost war, den er durch solche unbedeutenden Dinge tropfenweise einschlürfte. Es fiel ihm selbst schwerer, als er es für möglich hielt, das Verlassensein von seinen Gefährten in seinem Bewußtsein von einem grundlosen Gefühl der Schande und des Schimpfes zu trennen.

Die ersten vier Tage seiner Leidenszeit waren so lang und düster, daß er selbst vor dem, was ihm bevorstand, zu erschrecken begann. Nicht nur, daß er während der ganzen Zeit nichts von Rachael sah; er vermied auch jede Gelegenheit, sie zu sehen. Obgleich er zwar wußte, daß das Verbot sich noch nicht auf die Arbeiterinnen der Fabriken erstreckte, so merkte er doch, daß einige von ihnen, mit denen er bekannt war, nun ganz verändert gegen ihn waren. Er fürchtete nun, bei andern die gleiche Erfahrung zu machen. Er bebte vor dem Gedanken zurück, daß selbst Rachael von den übrigen gemieden werden würde, wenn man sie in seiner Gesellschaft sähe. So brachte er denn vier Tage ganz allein zu und hatte mit niemanden ein Wort gesprochen, als er eines Abends beim Nachhausegehen von der Arbeit von einem jungen Manne mit äußerst heller Gesichtsfarbe in der Straße angesprochen wurde.

»Ihr heißt Blackpool, nicht wahr?« sagte der junge Mann.

Stephen errötete darüber, daß er sich plötzlich mit dem Hute in der Hand sah, und zwar aus Dankbarkeit wegen der Anrede, oder weil sie so unerwartet geschah, oder aus beiden Gründen zugleich. Er stellte sich, als ob er das Futter in Ordnung brächte und sagte: »Ja.«

»Ihr seid der Arbeiter, den man nach Coventry9 geschickt hat, nicht wahr?« sagte Bitzer, denn dieser war der erwähnte junge Mann mit heller Gesichtsfarbe.

Stephen bejahte abermals.

»Dann geht nur gefälligst gleich hin!« sagte Bitzer. »Ihr werdet erwartet und braucht dem Diener bloß zu sagen, daß Ihr es seid. Ich gehöre zur Bank. Wenn Ihr nun ohne mich geradeswegs hinaufgeht (ich bin geschickt worden, um Euch zu holen), so erspart Ihr mir einen Gang.«

Stephen, dessen Weg in der entgegengesetzten Richtung lag, wandte sich um und begab sich, seiner Pflicht gemäß, in das rote Backsteinschloß des Riesen Bounderby.

Einundzwanzigstes Kapitel.


Einundzwanzigstes Kapitel.

»Nun, Stephen«, rief Bounderby in seiner aufgeblasenen Weise, »was für Dinge hör‘ ich? Was haben diese Pestbeulen der Erde denn mit Euch gemacht? Kommt herein und sprecht.«

Damit ward er in das Empfangszimmer geladen. Ein Teetisch war gedeckt, und Mr. Bounderbys junge Frau sowie ihr junger Bruder und ein großer Gentleman aus London waren noch zugegen. Stephen machte ihnen seine Verbeugung, schloß die Tür und blieb mit dem Hut in der Hand in deren Nähe stehen.

»Das ist der Mann, von dem ich Ihnen gesprochen habe, Harthouse«, sagte Mr. Bounderby. Der Gentleman, an den er sich wandte und der mit Mrs. Bounderby in einem Gespräch begriffen auf dem Sofa saß, stand auf und sagte in lässigem Tone: »Oh, wirklich?« Dabei schlenderte er nach dem Kamin, bei dem Mr. Bounderby stand.

»Nun«, sagte Bounderby, »sprecht nur gerade heraus!«

Nach den vier verlebten Tagen klang diese Ansprache rauh und unwirsch an Stephens Ohr. Abgesehen davon, daß sie in brutaler Weise sein verwundetes Gemüt berührte, schien sie anzunehmen, daß er wirklich der selbstsüchtige Abtrünnige sei, den man ihn gescholten.

»Was ist es, Sir«, sagte Stephen, »was Sie von mir wünschen?«

»Nun, ich habe es Euch gesagt«, erwiderte Bounderby. »Sprecht heraus wie ein Mann, da Ihr doch ein Mann seid und erzählt uns von Euch und dieser Arbeiterverbindung.

»Entschuldigen Sie, Sir«, sagte Stephen Blackpool. »Ich habe darüber nichts mitzuteilen.«

Mr. Bounderby, der stets mehr oder weniger einem Winde glich, fing, da ihm hier etwas im Wege stand, sogleich an, dieses Etwas anzuhauchen.

»Nun, sehen Sie einmal, Harthouse«, rief er, »hier ist ein Muster von diesen Leuten. Als der Mann schon früher einmal hier war, warnte ich ihn vor den unheilbringenden Fremden, die stets geschäftig sind – und die man hängen sollte, wo man sie nur findet – und ich sagte diesem Mann, daß er einen falschen Weg einschlägt. Können Sie nun glauben, daß er, obgleich seine Kameraden ihn in dieser Weise gebrandmarkt haben, ihnen noch immer so sklavisch unterworfen ist, daß er sich scheut, den Mund über sie aufzutun?«

»Ich sagte, daß ich nichts mitzuteilen habe, Sir; nicht, daß ich mich fürchtete, den Mund aufzutun.«

»Das sagtet Ihr. Ah, ich weiß, was Ihr sagtet; und seht, was noch mehr ist, ich weiß, was Ihr denkt. Zum Donnerwetter! Was man sagt und was man denkt, ist nicht immer ein und dasselbe. Oft ganz verschiedene Dinge. Sagt uns lieber gleich heraus, daß jener Kerl, der Slackbridge, nicht in der Stadt ist, um das Volk zur Meuterei aufzuhetzen, und daß er nicht ein regelrecht qualifizierter Volksführer ist – das heißt ein ganz verfluchter Schurke! Sagt das lieber gleich heraus; Ihr könnt mich nicht täuschen. Das wollt Ihr uns sagen. Warum tut Ihr es nicht?«

»Es tut mir ebenso leid wie Ihnen, wenn die Führer des Volkes schlecht sind«, sagte Stephen kopfschüttelnd. »Man nimmt die, die sich anbieten. Vielleicht ist es nicht das geringste Unglück, daß das Volk keine besseren Führer haben kann.«

Der Wind fing an, noch heftiger zu hauchen.

»Nun, Sie werden denken, das klingt recht hübsch, Harthouse«, sagte Mr. Bounderby. »Sie werden denken, das ist ziemlich stark. Sie werden sagen, bei meiner Seele, das ist eine nette Kostprobe davon, womit meine Freunde zu tun haben. Aber das ist noch nichts, Sir! Hören Sie mich einmal an diesen Mann eine Frage stellen. Bitte sehr, Mr. Blackpool« – der Wind sprang jetzt äußerst heftig auf – »darf ich mir die Freiheit nehmen, Sie zu fragen, wie es kommt, daß Sie sich weigerten, an diesem Bündnis teilzunehmen?«

»Wie es kommt?«

»Jaja!« sagte Mr. Bounderby, mit den Daumen in den Ärmeln seines Rockes, den Kopf zurückgeworfen und mit den Augen der gegenüberliegenden Wand vertraulich zublinzelnd, »wie es kommt?«

»Ich möchte es lieber nicht berühren; da Sie aber einmal die Frage an mich stellen, und ich nicht unhöflich sein will, so werde ich antworten. Ich habe ein Versprechen gegeben.«

»Nicht mir, wie Ihr wissen werdet«, sagte Bounderby. (Stürmisches Wetter mit trügerischer Stille jetzt vorherrschend.)

»O nein, Sir. Nicht Ihnen.«

»Was mich betrifft, so hat die Rücksicht auf mich dabei nicht das mindeste zu tun«, sagte Bounderby, immer noch vertraulich der Wand sich zukehrend. »Wenn Josiah Bounderby von Coketown bloß im Spiele gewesen wäre, so würdet Ihr beigetreten sein und Euch kein Gewissen daraus gemacht haben?«

»Jawohl, Sir. Das ist richtig.«

»Obwohl er weiß«, sagte Mr. Bounderby, jetzt in einen Sturm ausbrechend, »daß sie eine Bande von Spitzbuben und Rebellen sind, für die Deportation noch zu gut ist. Nun, Mr. Harthouse, Sie sind ein wenig in der Welt herumgekommen. Sind Sie jemals einem Manne wie diesem in unserm gesegneten Lande begegnet?« Mr. Bounderby wies hier auf ihn mit zornigem Finger.

»Nein, Ma’am«, sagte Stephen Blackpool, gegen solche Worte lebhaft protestierend, und richtete seine Worte instinktmäßig an Luise, auf deren Züge er einen raschen Blick geworfen. »Keine Rebellen und auch keine Spitzbuben. Nichts dergleichen, Ma’am, nichts dergleichen. Meine Kameraden haben mir, meinem Wissen und Gefühle nach, Ma’am, nichts Gutes erwiesen. Aber es gibt kein Dutzend Männer unter ihnen, Ma’am – ein Dutzend? nicht sechs gibt es unter ihnen, die nicht glauben, daß sie selbst und die übrigen ihre Schuldigkeit getan. Gott bewahre, daß ich, der ich mein ganzes Leben lang diese Männer aus Erfahrung kenne – ich, der ich mit ihnen gegessen und getrunken habe, mich mit ihnen plagte und sie liebte – mich weigern sollte, mit ihnen für die Wahrheit einzustehen, mögen sie mir auch getan haben, was sie wollen!«

Er sprach mit dem rauhen Ernst seines Standes und Charakters – der vielleicht durch das stolze Bewußtsein erhöht, daß er seiner eigenen Klasse treu geblieben war, trotzdem sie ihm mißtraut hatten. Er vergaß jedoch keinen Augenblick, wo er war und erhob nicht einmal die Stimme. »Nein, Ma’am, nein. Sie sind einander treu, sind sich gut und ergeben bis zum Tode. Man sei arm, krank oder mit Kummer beladen unter ihnen – aus einer der vielen Ursachen, die den Gram zur Pforte des Armen führen – und sie begegnen einem liebevoll, freundlich, teilnehmend und christlich. Dessen können Sie gewiß sein, Ma’am. Sie würden sich eher in Stücke reißen lassen, als daß sie anders sein möchten.«

»Kurz«, sagte Mr. Bounderby, »bloß weil sie so voll guter Eigenschaften sind, haben sie Euch aufs Trockene gesetzt. Erzählt nun vollends, weil Ihr gerade im Zuge seid. Heraus damit!«

»Wie es kommt, Ma’am«, sagte Stephen, dem Luises Gesicht wie eine natürliche Zufluchtsstätte erschien, »daß gerade das, was das Beste an unsern Leuten ist, stets zu unserm Unglück und zu unserer Verwirrung ausschlägt, das kann ich nicht sagen. Aber es ist einmal so. Ich weiß das so gewiß, wie ich weiß, daß über mir, hinter dem Rauche, der Himmel ist. Wir sind auch geduldig und wollen im allgemeinen nur das Rechte tun. Und ich kann nicht glauben, daß der Fehler nur auf unserer Seite liegt.«

»Nun, mein Freund«, sagte Mr. Bounderby, den er, obgleich es ganz absichtslos geschah, durch nichts mehr hätte aufbringen können, als dadurch, daß er sich an eine andere Person wandte. »Wenn Ihr mir für eine halbe Minute Eure Aufmerksamkeit gönnen wollt, so würde ich gerne ein oder zwei Worte mit Euch sprechen. Ihr sagtet eben, daß Ihr uns über diese ganze Angelegenheit nichts mitzuteilen hättet. Seid Ihr dessen ganz gewiß? sprecht, ehe wir weiter fortfahren.«

»Sir, ich bin dessen gewiß.«

»Hier ist ein Herr aus London«, Mr. Bounderby machte eine Bewegung mit dem Rücken der Hand und deutete mit dem Daumen auf Mr. James Harthouse, »ein Parlamentsmitglied. Ich möchte, daß er ein kurzes Zwiegespräch zwischen Euch und mir anhört, statt bloß den Inhalt an sich – denn ich weiß im voraus nur zu wohl, was es sein wird. Niemand weiß es besser als ich, das merkt Euch wohl – anstatt daß er es von mir auf Treu und Glauben hinnehmen muß.«

Stephen verneigte sich gegen den Herrn aus London und zeigte mehr Verwirrung als gewöhnlich. Er wandte die Augen unwillkürlich nach der früheren Zufluchtsstätte; aber ein ausdrucksvoller kurzer Blick von dieser Seite hieß ihn, seine Augen auf Mr. Bounderbys Gesicht zu richten.

»Nun, worüber beklagt Ihr Euch?« fragte Mr. Bounderby.

»Ich bin nicht hierher gekommen«, erinnerte ihn Stephen, »mich zu beklagen. Ich kam, weil man nach mir geschickt hat.«

»Worüber«, wiederholte Mr. Bounderby, indem er die Arme kreuzte, beklagt ihr Leute euch im allgemeinen?«

Stephen betrachtete ihn eine Weile mit einiger Unentschlossenheit; dann schien er einen Entschluß gefaßt zu haben.

»Sir, ich mochte mich niemals darüber auslassen, obwohl ich mein Teil mitgelitten habe. Wir stecken in der Tat in tiefer Wirrnis, Sir. Blickt in der Stadt umher – so reich sie auch ist – und betrachtet die Zahl der Leute, die nur dazu geboren scheinen, um zu weben und Wolle zu krempeln, und die das Leben, alle in gleicher Weise, fristen – von ihrer Wiege bis zu ihrem Grab. Seht doch, wie wir leben, wo wir leben und in welcher Anzahl, unter welchen Aussichten und mit welcher Gleichförmigkeit! Seht nur, wie die Maschinen immerfort arbeiten, und wie sie uns doch nie einem fernen Gegenstande näher bringen – außer stets dem Tode. Seht nur, wie ihr uns beurteilt und über uns schreibt und sprecht und unsertwegen eure Deputationen zum Staatssekretär schickt, und wie ihr stets Recht habt und wir stets Unrecht, und wie wir keinen Funken Verstand in uns haben, seitdem wir geboren wurden. Seht nur, wie das zugenommen hat, Sir, stärker und stärker, immer weiter und weiter und immer schwerer und schwerer, von Jahr zu Jahr, von Generation zu Generation. Wer kann das alles betrachten, Sir, und einem Manne kühn sagen, daß es kein trauriger Zustand ist?«

»Ohne Zweifel«, sagte Mr. Bounderby. »Vielleicht wollt Ihr nun dem Herrn mitteilen, wie man aus diesem traurigen Zustand (wie Ihr es zu nennen beliebt) herauskommen kann?«

»Das weiß ich nicht, Sir. Das kann man von mir nicht erwarten. Es ist nicht meine Aufgabe, die Sache in Ordnung zu bringen, Sir. Das kommt denen zu, die über mir stehen und über allen andern von uns. Weshalb haben sie die Sache übernommen, Sir, wenn nicht, um sie in Ordnung zu bringen?«

»Ich will Euch ein Mittel sagen, das auf jeden Fall hilft«, versetzte Mr. Bounderby. »Wir wollen an einem halben Dutzend Slackbridges ein Exempel statuieren. Wir werden diese Lumpenkerle wegen Hochverrat verklagen und sie in die Strafkolonien transportieren lassen.«

Stephen schüttelte ernst den Kopf.

»Sagt mir nicht, Mann, daß wir es nicht tun werden«, sagte Mr. Bounderby, in einen Orkan ausbrechend, »denn ich sage Euch, daß wir es tun werden.«

»Sir«, entgegnete Stephen mit dem ruhigen Vertrauen vollkommener Sicherheit, »wenn Sie hundert Slackbridges nehmen – alle die existieren, und ihre Anzahl noch zehnfach vergrößert gedacht – und Sie diese in einzelne Säcke nähen und sie in den tiefsten Ozean versenken würden, der vor der Erschaffung des festen Landes vorhanden war, so würde der traurige Zustand doch bleiben wie er ist. Unheilbringende Fremde«, fügte Stephen mit einem unruhigen Lächeln hinzu, »wann hätten wir wohl, soweit unsere Erinnerung reicht, von diesen unheilbringenden Fremden nicht gehört! Aber nicht durch sie sind die Unruhen hervorgerufen worden, und nicht durch sie haben sie begonnen. Ich habe keine Vorliebe für sie – ich habe keinen Grund, ihnen gewogen zu sein – aber es ist unnütz und hoffnungslos, davon zu träumen, sie ihrem Gewerbe zu entreißen, anstatt das Gewerbe ihnen zu entreißen. Alles, was in diesem Zimmer um mich ist, war hier, bevor ich kam und wird hier sein, wenn ich fort bin. Nehmen Sie jene Standuhr und versenden Sie sie nach den Norfolkinseln, so wird die Zeit doch wie früher ihren Lauf fortsetzen. So ist es aufs Haar mit den Slackbridges.«

Ein schneller Blick nach seiner früheren Zufluchtsstätte ließ ihn bemerken, wie Luise ihre Augen warnend nach der Tür bewegte. Er trat zurück und legte die Hand auf das Schloß. Aber er hatte nicht nach seinem eigenen Wunsch und Willen gesprochen, und er fühlte in seinem Innern, daß es eine edle Vergeltung für die jüngst empfangene ungerechte Behandlung sei, denen, die ihn zurückgestoßen, bis zuletzt treu zu bleiben. Er blieb, um zu vollenden, was ihm noch am Herzen lag.

»Sir, bei meinen geringen Kenntnissen und meiner schlichten Weise kann ich dem Herrn nicht sagen, wodurch das alles gebessert werden kann – obgleich manche Arbeiter aus unserer Stadt, die mir überlegen sind, es tun könnten – aber ich bin imstande, ihm zu sagen, wodurch es nicht geschehen kann. Die Hand der Gewalt wird es niemals tun können. Sieg und Triumph werden es niemals zustande bringen. Das Übereinkommen, der einen Partei unnatürlicherweise für immer und ewig Recht zu geben, und der andern Partei unnatürlicherweise für immer und ewig Unrecht, wird es nie und nimmer zustande bringen. Auch damit wird man nichts ausrichten, daß man sie sich allein überläßt. Laßt Tausende über Tausende allein – und die gleiche Lebensweise führen und in denselben Schlamm versinken, und diese Tausende werden immer für sich stehen und ihr für euch, und es wird eine dunkle, undurchdringliche Nacht zwischen euch bleiben, die gerade eine so lange oder kurze Zeit währt, wie dergleichen Elend dauern kann. Auch dadurch, daß man sich den Leuten nicht nähert – mit Güte, Geduld und Freundlichkeit – die gewohnt sind, sich in ihrem Unglück so eng aneinander anzuschließen, und sich in ihrem Ungemach gegenseitig so liebgewinnen – wie, nach meiner bescheidenen Meinung, der Herr auf all seinen Reisen keine Leute sah, von denen sie übertroffen würden – auch dadurch wird man nichts ausrichten, bis die Sonne sich in Eis verwandeln würde. Und schließlich dadurch, daß man sie als eine gewisse Kraft abschätzt, und sie so reguliert, als wären sie bloß Zahlen in einer Summe oder bloße Maschinen – ohne Lust und Liebe, ohne Erinnerungen und Neigungen, ohne Seelen, die erschlaffen und in Hoffnung aufleben können – dadurch, daß man, wenn alles ruhig ist, mit ihnen verfährt, als gehörten sie nicht zur Menschheit, und wenn es wieder unruhig wird, ihnen den Mangel an menschlichen Gefühlen in ihrem Betragen gegen euch vorwirft – dadurch wird niemals was ausgerichtet werden, Sir, bis einmal Gottes Werk zugrunde geht!«

Stephen stand mit der offenen Tür in der Hand und wartete, um zu erfahren, ob man noch etwas von ihm zu wissen verlangte.

»Bleibt nur noch einen Augenblick«, sagte Mr. Bounderby, außerordentlich rot im Gesicht. »Ich sagte Euch, als Ihr jüngst mit einer Beschwerde hier waret, daß Ihr Euch lieber die Sache aus dem Kopfe schlagen möchtet. Und ich sagte Euch auch, daß ich die Aussicht auf den goldenen Löffel wohl gemerkt habe.«

»Ich habe nicht danach gestrebt, Sir; dessen kann ich Sie versichern.«

»Nun ist es mir klar«, sagte Mr. Bounderby, »daß Ihr zu jenen sauberen Kunden gehört, die stets eine Beschwerde haben. Und Ihr treibt Euch damit herum, sie zu verbreiten und Lärm zu schlagen. Das ist das Geschäft Eures Lebens, mein Freund.«

Stephen schüttelte den Kopf, als wollte er stillschweigend dagegen protestieren, da er in der Tat einen andern Lebensruf hatte.

»Ihr seid ein solcher Zänker und Stänker«, sagte Mr. Bounderby, »und ein so nichtsnutziger Bursche, daß selbst Euer Verein, dessen Mitglieder Euch am besten kennen werden, mit Euch nichts zu tun haben will. Ich dachte nie daran, daß jene Burschen in etwas recht haben könnten, aber ich will Euch etwas sagen! der Neuigkeit wegen gehe ich jetzt insofern mit ihnen, daß auch ich mit Euch nichts mehr zu tun haben will.«

Stephen heftete die Augen rasch auf sein Gesicht.

»Ihr könnt die Arbeit vollenden, an der Ihr gerade seid«, sagte Mr. Bounderby mit einem bedeutsamen Kopfnicken, »und dann anderswo hingehen.«

»Sir, Sie wissen recht gut,«, sagte Stephen mit Nachdruck, »daß, wenn ich nicht bei Ihnen Arbeit bekomme, mir sonst keine gegeben wird.«

Die Antwort lautete: »Was ich weiß, das weiß ich, und Ihr wißt, was Ihr wißt. Mehr habe ich nicht zu sagen.«

Stephen warf wieder einen Blick auf Luise, ihre Augen waren jedoch nicht mehr auf die seinen gerichtet. Er entfernte sich daher mit einem Seufzer und rief mit stockendem Atem: »Der Himmel steh uns allen bei in dieser Welt!«

Vierzehntes Kapitel.


Vierzehntes Kapitel.

Die Zeit bewegte sich in Coketown wie dessen Maschinen: so viel Stoff verarbeitet, so viel Brennmaterial verbraucht, so viele Kräfte abgenützt und so viel Geld gemacht. Aber weniger unerbittlich als Eisen, Stahl und Messing machte sie ihre veränderlichen Jahreszeiten selbst in dieser Wildnis von Rauch und Ziegelsteinen geltend und brachte die einzige Abwechslung hervor, die jemals in der schrecklichen Einförmigkeit dieses Ortes stattgefunden.

»Luise«, sagte Mr. Gradgrind, »ist beinahe zur Jungfrau gereift.«

Die Zeit mit ihrer unzählbaren Pferdekraft arbeitete fort, unbekümmert darum, was jemand sagen mochte, und stellte den jungen Thomas jetzt um einen Fuß höher hin als damals, wo sein Vater zum letztenmal besondere Notiz von ihm genommen.

»Thomas«, sagte Mr. Gradgrind, »ist beinahe zum jungen Mann gereift.«

Die Zeit brachte unterdessen Thomas in dem Mühlwerke vorwärts, während sein Vater noch darüber nachdachte; und da stand er nun in einem langen Rock mit Schößen und in einem steifen Hemdkragen.

»Wahrhaftig«, sagte Mr. Gradgrind, »die Zeit ist nun da, wo Thomas zu Mr. Bounderby gehen sollte.«

Die Zeit hatte Thomas fest in ihrer Gewalt und versetzte ihn in Mr. Bounderbys Bank; sie machte ihn zu Mr. Bounderbys Hausgenossen, machte den Ankauf des ersten Rasiermessers für ihn erforderlich und übte ihn fleißig in seinen Berechnungen in bezug auf Nummer eins. Derselbe große Fabrikant, fortwährend mit einer unermeßlichen Mannigfaltigkeit von Arbeit in jedem Entwicklungszustande beschäftigt, brachte auch Cili in seinem Mühlwerke vorwärts und arbeitete sie wirklich zu einem ganz hübschen Artikel heraus.

»Ich befürchte, Jupe«, sagte Mr. Gradgrind, »daß dein ferneres Verbleiben in der Schule keinen Zweck mehr hat.«

»Ich befürchte das ebenfalls, Sir«, antwortete Cili mit einem Knix.

»Ich kann es dir nicht verbergen, Jupe«, sagte Mr. Gradgrind mit Stirnrunzeln, »daß ich mich in dem Resultat deiner Probezeit hier getäuscht sehe, sehr getäuscht sehe. Du hast unter Mr. und Mrs. M’Choakumchild bei weitem nicht den Grad von exaktem Wissen erlangt, den ich erwartete. Du bist äußerst unvollkommen in deinen Tatsachen. Deine Bekanntschaft mit Zahlen ist sehr beschränkt, du bist arg zurückgeblieben und weit vom Ziele.«

»Es tut mir leid, Sir«, antwortete sie, »aber ich weiß, es ist vollkommen richtig. Und doch habe ich mir große Mühe gegeben, Sir.«

»Ja«, sagte Mr. Gradgrind, »ich glaube, daß du dir große Mühe gegeben; ich habe dich beobachtet und finde in dieser Hinsicht nichts zu tadeln.«

»Ich danke, Sir. Manchmal dachte ich«, Cili sprach hier äußerst furchtsam, »daß ich mich vielleicht bemühte, zu viel zu lernen und daß, wenn ich um Erlaubnis gebeten hätte, ein bißchen weniger zu versuchen – dann dürfte ich wohl –«

»Nein, Jupe, nein«, sagte Mr. Gradgrind, das Haupt in seiner vollkommensten und höchst ausgezeichnet praktischen Weise schüttelnd. »Nein, den Weg, den du verfolgtest, hast du nach dem System verfolgt – nach dem System – und dazu läßt sich überhaupt weiter nichts bemerken. Ich kann bloß der Vermutung Raum geben, daß die Verhältnisse deines früheren Lebens für die Entwicklung deines Verstandes zu ungünstig waren, und daß wir zu spät angefangen haben. Jedenfalls bin ich in meinen Erwartungen getäuscht worden.«

»Ich wollte, ich wäre imstande gewesen, meine Dankbarkeit, mein Herr, besser zu bezeugen! Ihnen zu danken für Ihre Güte gegen ein armes, verlassenes Mädchen, das auf solcherlei keinen Anspruch hatte und für Ihren Schutz, den Sie mir gewährten.«

»Nun, weine bloß nicht«, sagte Mr. Gradgrind, »weine nicht. Ich beklage mich nicht über dich. Du bist ein liebevolles, ernstes, gutes Mädchen und – wir müssen uns damit zufrieden geben.«

»Danke, Sir, danke Ihnen sehr«, sagte Cili mit einem dankbaren Knix.

»Du bist für Mrs. Gradgrind von Nutzen, und im allgemeinen bist du auch der Familie dienlich gewesen. So sagte mir Luise, und ich habe es in der Tat selbst gemerkt. Ich hoffe daher«, sagte Mr. Gradgrind, »daß du dich in diesem Verhältnis wohl befindest.«

»Mir würde nichts zu wünschen übrig bleiben, Sir, wenn –« »Ich verstehe, was du meinst«, sagte Mr. Gradgrind, »du kommst immer wieder auf deinen Vater zurück. Ich hörte von Miß Luise, daß du jene Flasche noch immer aufbewahrst. Gut! Wenn deine Erziehung, in der Wissenschaft zu exakten Resultaten zu gelangen, erfolgreicher gewesen wäre, so würdest du in diesem Punkte vernünftiger gewesen sein. Ich will nichts mehr darüber sagen.«

Er hatte in der Tat Cili zu lieb, um sie geringzuschätzen. Im übrigen aber hatte er von ihren rechnerischen Fähigkeiten eine so geringe Meinung, daß er zu einem solchen Urteil kommen mußte. Auf die eine oder andere Weise faßte er die Idee, daß in diesem Mädchen ein Etwas vorhanden sei, das kaum durch tabellarische Formeln errechnet werden könnte. Ihre Definitionsfähigkeit konnte mit einer niedrigen Zahl, ihre mathematische Begabung mit Null bezeichnet werden. Trotzdem war er nicht gewiß, ob er imstande gewesen wäre, sie vollständig zu zensieren, wenn man an ihn die Forderung gestellt hätte, sie in einem Parlamentsberichte genau auseinanderzusetzen.

Der Prozeß der Zeit geht bei manchen Stufen der Produktion in der menschlichen Fabrik äußerst rasch vor sich. Der kleine Thomas und Cili, die sich eben auf dieser Stufe ihrer Ausbildung befanden, erlebten diese Veränderungen in einem oder zwei Jahren – während Mr. Gradgrind selbst in seiner Laufbahn stehen blieb und keine Veränderung erlitt.

Mit Ausnahme von einer einzigen, die nicht zu seinem notwendigen Prozesse in dem Mühlwerk gehörte.

Die Zeit drängte ihn in eine geräuschvolle und ziemlich schmutzige Maschine, in einen Winkel, und machte ihn zum Parlamentsmitglied für Coketown – zu einem der geachteten Mitglieder für Maß und Gewicht – zu einem der Repräsentanten für die Multiplikationstafel – zu einem der für alles übrige taub ehrenwerten Gentlemen, blind ehrenwerten Gentlemen, krumm ehrenwerten Gentlemen, tot ehrenwerten Gentlemen. Wozu lebten wir denn sonst in einem christlichen Lande, achtzehnhundert und so und so viel Jahre nach unserem Heiland!

Während dieser ganzen Zeit entwickelte sich Luise so still und verschlossen und hatte sich sehr der Beobachtung der funkensprühenden Asche ergeben, wie sie in der Dämmerung in den Kaminrost hinunterfiel und erlosch, daß sie von der Zeit, wo ihr Vater gesagt hatte, sie reife beinahe zur Jungfrau heran – was erst wie gestern schien – kaum seine Aufmerksamkeit wieder erregt hatte. Nun sah er sie auf einmal wirklich als vollendete Jungfrau vor sich.

»Eine ganze Jungfrau!« sagte Mr. Gradgrind nachsinnend. »Du lieber Himmel!«

Bald nach dieser Entdeckung ward er mehrere Tage hindurch nachdenklicher als gewöhnlich und schien von einem Gegenstande vollständig eingenommen zu sein. Eines Abends, als er eben im Begriffe war auszugehen und Luise vor seinem Weggehen gute Nacht sagen wollte – da er erst spät nach Hause kommen wollte und sie ihn nicht bis zum nächsten Morgen sehen würde –, hielt er sie in den Armen, beobachtete sie in seiner wohlwollendsten Weise und sagte:

»Meine liebe Luise, du bist eine Jungfrau.«

Sie antwortete mit dem alten, flüchtigen und forschenden Blick von jenem Abend, wo sie beim Zirkus getroffen ward: dann schlug sie die Augen nieder. »Ja, mein Vater.«

»Meine Liebe«, sagte Mr. Gradgrind, »ich muß mit dir allein und ernsthaft sprechen. Morgen nach dem Frühstück komm zu mir auf mein Zimmer. Willst du?«

»Ja, mein Vater.«

»Deine Hände sind ja so kalt, Luise. Bist du unwohl?« »Ganz wohl, mein Vater.«

»Und frohen Muts?«

Sie blickte ihn abermals an und lachte in ihrer eigentümlichen Weise. »Ich bin so frohen Mutes, mein Vater, wie ich es gewöhnlich bin und wie ich es gewöhnlich gewesen bin.«

»Das ist recht«, sagte Mr. Gradgrind, damit küßte er sie und ging fort.

Luise kehrte zu dem heiteren Gemach, das wie eine Friseurstube aussah, zurück und sann, indem sie den Ellbogen auf die Hand lehnte, den versprühenden Funken nach, die sich so rasch in Asche verwandelten.

»Bist du hier, Lu?« fragte ihr Bruder, indem er zur Tür hereinguckte. Er war nun ganz ein junger Herr nach der Mode, aber nicht ein ganz einnehmender.

»Lieber Tom«, antwortete sie, sich erhebend und ihn umarmend, »wie lange ist es her, seit du mich nicht gesehen hast!«

»Nun, ich bin in den Abenden anderweitig beschäftigt gewesen, Lu, und während des Tages werde ich von dem alten Bounderby ziemlich streng gehalten. Aber ich ziehe ihn mit dir auf, wenn er mir zu arg kommt, und so bewahren wir ein gutes Einvernehmen. Hör mal! Hat Vater dir heute oder gestern etwas Besonderes mitgeteilt, Lu?«

»Nein, Tom. Aber er sagte mir heute abend, daß er es morgen tun wolle.«

»Ah, das meine ich«, sagte Tom, und mit einem bedeutungsvollen Ausdruck: »Weißt du, wo er heute abend ist?«

»Nein.«

»Dann will ichs dir sagen. Er ist beim alten Bounderby. Sie plaudern regelmäßig zusammen, oben in der Bank. Warum in der Bank, fragst du? Nun, ich will dir auch das sagen. Um Mrs. Sparsits Ohren so fern wie möglich zu halten, glaube ich.«

Die Hand auf die Schulter ihres Bruders legend, stand Luise noch immer da und betrachtete das Feuer. Ihr Bruder sah ihr mit mehr Teilnahme als gewöhnlich ins Gesicht. Er legte seinen Arm um sie und zog sie freundlich an sich.

»Du hast mich recht lieb, Lu, nicht wahr?«

»Das ist wirklich der Fall, obgleich du eine so geraume Zeit dahingehen lassen konntest, ohne mich zu besuchen.«

»Nun gut, meine liebe Schwester«, sagte Tom, »wenn du so sprichst, so kommst du meinen Gedanken nahe. Wir könnten um so viel öfter beisammen sein – nicht wahr? Beinahe immer beisammen – nicht wahr? Es würde für mich von großem Nutzen sein, wenn du dich, ich weiß recht wohl zu was, entschließen würdest, Lu. Das wär was Herrliches für mich. Das wäre ganz prachtvoll.«

Ihre Nachdenklichkeit vereitelte all sein schlaues Forschen. Er konnte aus ihrem Gesicht nichts herauslesen. Er umarmte sie und küßte sie auf die Wangen. Sie erwiderte den Kuß, blickte aber immer ins Feuer.

»Hör mal, Lu! Ich dachte, es sei gut, hierher zu kommen und dir eben einen Wink zu geben von dem, was vorgeht. Ich nahm allerdings an, daß du es wahrscheinlich erraten würdest, selbst wenn du es nicht weißt. Ich kann nicht bleiben, weil ich heute abend mit einigen Kameraden zusammenkomme. Du wirst doch nicht vergessen, wie lieb du mich hast?«

»Nein, lieber Tom, ich werde es nicht vergessen.«

»Du bist ein famoses Mädchen«, sagte Tom.

Sie wünschte ihm herzlich gute Nacht und begleitete ihn bis zur Tür, von wo man die Lichter von Coketown sehen konnte, was der Entfernung einen dunklen Anstrich gab. Sie stand da, blickte diese unverwandt an und horchte auf seine davoneilenden Schritte. Sie waren rasch, als wären sie froh, sich von Stone Lodge zu entfernen – sie aber stand noch immer da, als er bereits fort und alles ruhig war.

Es schien als ob sie – zuerst aus dem Feuer an ihrem eigenen Herd und dann aus dem dichten, feurigen Nebel von draußen – herauszugrübeln versuchte, was für ein Gewebe der alte Zeitengott, dieser größte und von allen am längsten etablierte Weber, aus den Fäden weben würde, die er bereits für ein Frauengemüt gesponnen. Aber seine Faktorei ist ein geheimnisvoller Ort, sein Arbeiten geräuschlos und seine »Hände« sind stumm.

Fünfzehntes Kapitel.


Fünfzehntes Kapitel.

Obgleich Mr. Gradgrind sich nicht wie Blaubart benahm, so war sein Zimmer doch ein vollständig blaues Gemach. Das kam von der großen Menge blauer Bücher, die dort aufgereiht waren. Was sie nur immer beweisen konnten – und sie beweisen ja alles, was man bewiesen haben will –, das bewiesen sie allda in einer Armee, die durch die Ankunft von neuen Rekruten fortwährend Verstärkung erhielt. In diesem Hexenmeisterraum wurden die kompliziertesten sozialen Fragen aufgeworfen, in exakte Summen ausgerechnet und endlich ins reine gebracht – wofern die, die es anging, nur zu deren Verständnis gebracht werden konnten. Wie ein Astronom, der in einer Sternwarte ohne Fenster, das Sternensystem einzig und allein durch Papier, Feder und Tinte regeln würde, so brauchte Mr. Gradgrind in seinem Observatorium (und es gibt gar viele, die diesem gleichen) auf die fruchtbaren Myriaden von menschlichen Wesen nicht erst einen Blick der Beobachtung zu werfen, sondern war imstande, ihre sämtlichen Schicksale auf einer Schiefertafel anzugeben und all ihre Tränen mit einem schmutzigen Stückchen Schwamm abzuwischen.

In diesem Observatorium nun – ein starres Zimmer mit einer grauenhaft-statistischen Uhr, die jede Sekunde mit einem Schlage verkündete, der wie das Pochen auf einem Sargdeckel klang – erschien Luise an dem bestimmten Morgen. Das Fenster sah nach Coketown. Als sie sich zu ihrem Vater an den Tisch setzte, fiel ihr Blick auf die hohen Rauchfänge und die langen Rauchschlangen, die in der trüben Entfernung düster zum Vorschein kamen.

»Meine liebe Luise«, sagte ihr Vater. »Ich bereitete dich gestern abend darauf vor, mir in dem Gespräche, das wir jetzt miteinander haben werden, ernste Aufmerksamkeit zu schenken. Du bist so wohl erzogen worden und du machst, was ich mit Vergnügen gestehe, der Erziehung, die dir zuteil geworden, so viel Ehre, daß ich in deinen Verstand viel Vertrauen setze. Du bist nicht reizbarer oder romantischer Natur. Du bist gewöhnt, alles von dem kräftigen und leidenschaftslosen Standpunkt der Vernunft und der Berechnung zu betrachten. Ich weiß, du wirst auch nur von diesem Standpunkt den Gegenstand betrachten, den ich dir mitteilen will.«

Er wartete, als hätte es ihn gefreut, wenn sie etwas sagte. Aber sie ließ sich kein Wort verlauten.

»Luise, meine Teure, du bist der Gegenstand eines Heiratsantrages, der mir gemacht worden.«

Er wartete abermals, und abermals antwortete sie mit keiner Silbe. Das überraschte ihn so sehr, daß er sich bewogen fühlte, mit sanfter Stimme zu wiederholen:

»Ein Heiratsantrag, mein teures Kind.«

Darauf antwortete sie ohne die geringste sichtbare Erregung:

»Ich höre, mein Vater. Seien Sie versichert, ich bin aufmerksam«.

»Nun gut«, sagte Mr. Gradgrind, nachdem er einen Augenblick ganz verdutzt dagestanden, »du bist selbst leidenschaftsloser als ich erwartete. Oder bist du vielleicht auf die Mitteilung, die ich dir machen will, nicht unvorbereitet?«

»Ich kann nichts darüber sagen, bis ich sie gehört habe. Vorbereitet oder unvorbereitet, ich will sie nun einmal ganz von Ihnen vernehmen. Ich wünsche, daß Sie mir Ihre Botschaft auseinandersetzen, mein Vater.«

Es klingt sonderbar, aber Mr. Gradgrind war in diesem Augenblick nicht in solcher Fassung wie seine Tochter. Er nahm ein Papiermesser in die Hand, drehte es herum, legte es nieder, hob es wieder auf und selbst dann mußte er, in der Betrachtung wie er fortfahren sollte, die Klinge beschauen.

»Was du da sagst, meine liebe Luise, ist ganz vernünftig. Ich habe es nun übernommen, dich davon in Kenntnis zu setzen, daß Mr. Bounderby mich davon benachrichtigte, daß er deine Fortschritte seit langem mit Vergnügen und besonderer Teilnahme beobachtet hat. Daher hat er schon längst die Hoffnung gehegt, daß die Zeit endlich heranrücken dürfte, wo er dir seine Hand anbieten könnte. Diese Zeit, der er so lange und wahrlich mit so viel Beharrlichkeit entgegengesehen, ist nun gekommen. Mr. Bounderby hat mir den Heiratsantrag mitgeteilt und hat mich dringend gebeten, ihn zu deinen Ohren zu bringen und seine Hoffnung auszudrücken, daß du ihn in freundliche Erwägung ziehen werdest.«

Stillschweigen lagerte sich zwischen sie. Die grauenhaft-statistische Wanduhr klang sehr hohl. Der ferne Rauch ward sehr schwarz und dicht.

»Mein Vater«, sagte Luise, »glauben Sie, daß ich Mr. Bounderby liebe?«

Mr. Gradgrind war durch diese unerwartete Frage ganz verblüfft.

»Aber, mein Kind«, entgegnete er. »Ich – kann – es wahrlich nicht auf mich nehmen, das zu behaupten.«

»Mein Vater«, fuhr Luise ganz in der früheren Stimme fort, »fordern Sie von mir, daß ich Mr. Bounderby liebe?«

»Nein, meine liebe Luise, nein. Ich fordere nichts.«

»Mein Vater«, beharrte Luise, »stellt Mr. Bounderby die Forderung an mich, daß ich ihn liebe?«

»Wirklich, meine Teure«, sagte Mr. Gradgrind, »deine Frage ist schwer zu beantworten.«

»Schwer zu beantworten. Ja oder nein, mein Vater?«

»Gewiß, mein Kind. Weil«, hier gab es etwas zu demonstrieren, was ihn wieder ins rechte Gleise brachte, »weil die Antwort, Luise, so wesentlich von dem Sinne abhängt, in dem wir einen Ausdruck gebrauchen. Nun ist Mr. Bounderby nicht so ungerecht gegen dich und auch nicht gegen sich selbst, daß er auf etwas Schwärmerisches, Phantastisches oder (ich bediene mich synonymer Ausdrücke) etwas Sentimentales Anspruch machte. Mr. Bounderby müßte dich wohl vergeblich unter seinen Augen haben aufwachsen sehen, wenn er geradezu vergessen könnte, was er deinem gesunden Menschenverstand, geschweige gar dem seinen, schuldig ist, und an dich in ähnlicher Absicht sich wenden wollte. Deshalb dürfte selbst der Ausdruck – ich mache dich bloß aufmerksam darauf, mein Kind – ein wenig übel angewandt sein.«

»Was würden Sie mir raten, Vater, an Stelle dieses Ausdrucks zu gebrauchen?«

»Nun, meine liebe Luise«, antwortete Mr. Gradgrind, diesmal mit voller Fassung. »Ich würde, da du mich einmal darum befragst, dir raten, diese Frage so zu betrachten, wie du gewohnt bist, es bei jeder andern Frage zu tun, sie nämlich als ein greifbares Faktum zu betrachten. Die Unwissenden und Leichtsinnigen mögen bei solchen Gegenständen von unnützen Gefühlsduseleien geplagt werden, und auch von ähnlichen Dingen, die gar keine Existenz – vom richtigen Standpunkte aus betrachtet, wirklich gar keine Existenz haben. Daß du die Sache aber besser verstehst, ist nicht einmal ein Kompliment für dich. Nun, was sind denn die Tatsachen in diesem Falle?

Du bist, wir wollen in runden Zahlen sprechen, zwanzig Jahre alt, Mr. Bounderby ist, wir wollen in runden Zahlen sprechen, fünfzig Jahre alt. Es waltet in bezug auf euer Alter einige Ungleichheit vor – aber in euren sonstigen Lebensverhältnissen jedoch ist gar keine vorhanden. Im Gegenteil, in alledem herrscht eine große Gleichförmigkeit. Dann entsteht die Frage: ist eine solche einzige Ungleichheit genügend, um sich als Schranke gegen diese Heirat zu erheben? Bei der Erwägung dieser Frage ist es nicht unwichtig, die Statistik der Heiraten in Berechnung zu ziehen, insofern sie uns in England und Wales bekannt geworden sind. Ich finde, wenn ich die Zahlen zu Rate ziehe, daß eine große Anzahl dieser Heiraten zwischen Parteien von ungleichem Alter geschlossen werden, und daß der ältere Teil bei diesen Parteien, in mehr als drei Viertel ähnlicher Fälle, der Bräutigam ist. Es verdient als merkwürdiger Beweis der Überlegenheit dieses Gesetzes besonders hervorgehoben zu werden, daß unter den Eingebornen in den Britischen Besitzungen beider Indien, wie auch in einem beträchtlichen Teil von China und unter den Kalmücken der Tartarei, nach den besten Berechnungen, die von Reisenden angestellt worden, die gleichen Resultate sich ergeben. Die Ungleichheit, deren ich Erwähnung getan, hört daher beinahe auf, Ungleichheit zu sein und (in der Wirklichkeit) verschwindet sie auch.«

»Was raten Sie mir«, fragte Luise, deren gefaßtes, zurückhaltendes Wesen nicht im geringsten durch diese erhebenden Resultate ergriffen wurde, »an Stelle des von mir verwandten Ausdrucks zu gebrauchen, an Stelle des übel angewandten Ausdrucks?«

»Luise«, entgegnete ihr Vater, »es scheint mir, daß nichts einfacher sein kann. Wenn du dich streng auf die Tatsache beschränkst, so lautet die Frage der Tatsache, die du dir zu stellen hast: ›Macht Mr. Bounderby mir einen Heiratsantrag?‹ Ja, er tut es. Die einzige Frage, die dann noch übrig bleibt ist: ›Soll ich ihn heiraten?‹ Ich glaube, nichts kann einfacher sein als das.«

»Soll ich ihn heiraten?« wiederholte Luise mit tiefem Nachsinnen.

»Ganz richtig. Es erfüllt mich, als deinen Vater, meine gute Luise, mit Befriedigung, wahrzunehmen, daß du bei der Erwägung dieser Frage nicht auf vorhergefaßte Meinungen oder Gewohnheiten zurückkommst, wie sie bei vielen jungen Frauenzimmern gefunden werden.«

»Nein, mein Vater«, entgegnete sie, »das tue ich nicht.«

»Ich überlasse nun die Sache deinem eigenen Urteil«, sagte Mr. Gradgrind, »den Fall habe ich einmal begrifflich umrissen, wie dergleichen Fälle unter praktischen Leuten gewöhnlich begrifflich umrissen werden. Ich habe ihn statuiert, wie der ähnliche Fall zwischen mir und deiner Mutter zu seiner Zeit statuiert worden. Das übrige fällt deiner Entscheidung anheim, meine gute Luise.«

Sie hatte von Anfang, den Blick starr auf ihn geheftet, dagesessen. Als er sich nun jetzt auf seinem Sitz zurücklehnte und die Augen seinerseits auf sie richtete, hätte er vielleicht einen schwankenden Moment bei ihr wahrnehmen können. Denn es trieb sie gewaltsam, sich an seine Brust zu werfen und die verschlossenen Geheimnisse ihres Herzens vor ihm auszuschütten. Um indessen dafür ein Auge zu haben, hätte er mit einem Satze die künstlichen Schranken überspringen müssen, die er seit Jahren zwischen sich und den subtilen Wesenheiten des Menschentums aufgerichtet hatte. Die Unwägbarkeiten aber werden stets der äußersten Gewandtheit der Algebra entwischen, selbst so lange, bis der Schall der letzten Trompete auch die Algebra in den Wind verwehen wird. Die Schranken waren für einen solchen Sprung zu viele und zu hohe. Er hatte kein Auge dafür. Er scheuchte sie mit seinem hartnäckigen, utilitarischen Tatsachengesicht wieder zurück. – Der Augenblick schoß in die grundlose Tiefe der Vergangenheit hinunter, um sich mit all den verlorenen guten Gelegenheiten zu mischen, die dort schon ertrunken waren.

Sie wandte ihre Augen von ihm ab und blickte so lange schweigend nach der Stadt hin, daß er endlich ausrief: »Willst du dir denn bei den Schornsteinen der Gebäude von Coketown Rat holen, Luise?«

»Ich sehe dort nicht«, als öden, einförmigen Rauch, dennoch kommt, wenn die Nacht herniedersinkt, Feuer zum Vorschein«, antwortete sie, sich rasch umdrehend.

»Freilich, das ist mir wohl bekannt, Luise. Ich sehe aber die Nutzanwendung deiner Bemerkung nicht ein.«

Um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, er sah es wirklich nicht ein.

Sie ging darüber mit einer leichten Handbewegung hinweg und sagte, indem sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihn konzentrierte: »Mein Vater, ich habe oft daran gedacht, daß das Leben so kurz ist.«

Das gehörte so sehr in seinen Bereich, daß er einfiel:

»Ohne Zweifel ist es kurz, mein Kind, dennoch ist es bewiesen, daß die durchschnittliche Dauer des menschlichen Lebens in den letzten Jahren zugenommen hat. Die Berechnungen verschiedener Lebensversicherungsanstalten und Leibrenteninstitute haben mit anderen untrüglichen Berechnungen diese Tatsache bestätigt.«

»Ich spreche von meinem eigenen Leben, mein Vater.«

»O, wirklich?« rief Mr. Gradgrind. »Aber ich brauche doch nicht erst hervorzuheben, daß es denselben Gesetzen unterworfen ist, die das Menschenleben in Summa regieren.«

»Solange es währt, möchte ich das wenige vollbringen, wozu ich imstande und wofür ich geeignet bin. Was ist daran gelegen!«

Mr. Gradgrind war über die Bedeutung der letzten vier Worte in ziemlicher Verlegenheit und rief: »Wie, gelegen? Was, gelegen, mein Kind?«

»Mr. Bounderby«, fuhr sie in gesetzter, gerader Weise fort, »macht mir einen Heiratsantrag. Die Frage, die ich mir dabei zu stellen habe, ist die: ›Soll ich ihn heiraten?‹ Es ist doch so, Vater, nicht wahr? Sie sagten mir so, mein Vater? Nicht wahr?«

»Gewiß, mein Kind.«

»Also. Da Mr. Bounderby mich in dieser Weise nehmen mag, so bin ich bereit, auf sein Anerbieten einzugehen. Sagen Sie ihm, Vater, sobald es Ihnen gefällig ist, daß dies meine Anwort war. Wiederholen Sie dieselbe Wort für Wort, wenn Sie können. Ich wünsche nämlich, daß er genau weiß, was ich gesagt habe.«

»Es ist ganz recht, mein Kind«, antwortete ihr Vater beifällig, »pünktlich zu sein. Ich werde dein gerechtes Begehren erfüllen. Hast du noch einen Wunsch hinsichtlich der Zeit deiner Vermählung, mein Kind?«

»Keinen, mein Vater. Was ist daran gelegen!«

Mr. Gradgrind hatte seinen Stuhl näher zu ihr gerückt und ihre Hand gefaßt. Die Wiederholung dieser Worte schien ihm denn doch wie ein Mißklang an seine Ohren zu dringen. Er machte eine Pause, um sie zu betrachten und sagte, sie weiter bei den Händen haltend:

»Luise, ich hielt es nicht für wesentlich notwendig, an dich eine gewisse Frage zu richten, weil die Möglichkeit, die mit damit verbunden ist, zu weit hergeholt ist. Aber vielleicht sollte ich es dennoch tun. Du hast doch niemals insgeheim einen andern Antrag empfangen?«

»Mein Vater«, erwiderte sie beinahe zornig, »welch ein Antrag konnte mir denn gemacht werden? Wen habe ich gesehen? Wo bin ich gewesen? Was sind die Erfahrungen meines Herzens?«

»Meine gute Luise«, entgegnete ihr Vater ermutigt und zufriedengestellt, »du weisest mich ganz richtig zurecht. Ich wollte mich bloß meiner Pflicht entledigen.«

»Was weiß ich denn, Vater, von Geschmack und Neigung, von Sehnsucht und Herzensneigung? von all dem Teil meines Wesens, in dem dergleichen geringfügige Dinge genährt werden konnten? Welche Abschweifung hatte ich von zu demonstrierenden Problemen und greifbaren Realitäten?«

Indem sie dies sagte, schloß sie unbewußt die Hand, wie um einen festen Körper und öffnete sie dann langsam, als ob sie Staub und Asche losließe.

»Mein Kind«, stimmte ihr ausgezeichnet praktischer Vater bei, »vollkommen wahr, vollkommen wahr.«

»Nun, mein Vater«, fuhr sie fort, »was ist das für eine sonderbare Frage? Der Vorzug, den sich Kinder untereinander zu geben pflegen und von dem ich selbst gehört habe, hat in meiner Brust nie seinen unschuldigen Sitz aufgeschlagen. Sie sind so vorsichtig mit mir gewesen, daß ich nie das Herz eines Kindes besaß. Sie haben mich so wohl erzogen, daß ich niemals den Traum eines Kindes geträumt. Sie sind, mein Vater, von meiner Wiege bis zur gegenwärtigen Stunde so weise mit mir verfahren, daß ich niemals einen kindischen Gauben oder eine kindische Furcht empfand.«

Mr. Gradgrind war von seinem Erfolge und dem ihm also ausgestellten Zeugnisse ganz gerührt. »Meine gute Luise«, sagte er, »du vergiltst mir reichlich meine Sorgfalt. Küsse mich, meine geliebte Tochter!«

Demzufolge küßte ihn seine Tochter. Dann sagte er, indem er sie im Arm hielt:

»Ich kann dir die Versicherung geben, mein Lieblingskind, daß mich der wohlweisliche Entschluß, den du gefaßt hast, glücklich macht. Mr. Bounderby ist ein höchst merkwürdiger Mensch, und was man auch immer von einer Ungleichheit sagen mag, – wenn es überhaupt eine ist – die zwischen euch obwalten dürfte, das erhält durch die Bildung deines Geistes mehr als ein bloßes Gegengewicht. Es war immer mein Streben, dich so zu erziehen, daß du selbst in früher Jugend schon jedes Alter (wenn ich mich so ausdrücken darf) haben könntest. Gib mir noch einen Kuß, Luise. Nun laß uns zu deiner Mutter gehen.«

Demzufolge gingen sie hinunter ins Empfangzimmer, wo die geschätzte Dame mit dem einwandfrei nüchternen Menschenverstand wie gewöhnlich halb liegend dasaß, während Cili bei ihr mit einer Arbeit beschäftigt war. Sie gab einige schwache Zeichen des Auflebens von sich, als sie eintraten: und gleich darauf zeigte sich ihr mattes Transparent wieder in liegender Stellung.

»Mrs. Gradgrind«, sagte ihr Gatte, der auf die Ausführung dieser Heldentat mit Ungeduld gewartet hatte, »erlauben Sie mir, Ihnen Mrs. Bounderby vorzustellen.«

»Oh!« rief Mrs. Gradgrind. »Ihr habt also die Geschichte in Ordnung gebracht. Nun schön, ich hoffe nur, daß du bei guter Gesundheit bleiben wirst. Wenn nämlich dein Kopf so zu zerspringen anfängt, sobald du verheiratest bist, wie es bei mir der Fall war, so kann ich nicht denken, daß du zu beneiden bist. Natürlich glaubst du ja ohne Zweifel, daß du dies bist, wie es bei allen Mädchen zunächst der Glaube ist. Ich gratuliere dir indessen, mein Kind, und ich hoffe, daß du deine sämtlichen graphologischen Studien gut anwenden wirst – ja, das tue ich ganz gewiß. Ich muß dir einen Gratulationskuß geben, Luise, aber berühre nicht meine rechte Schulter: denn dort rieselt etwas den ganzen Tag herunter. Nun seht nur zu«, winselte Mrs. Gradgrind, indem sie ihre Schals nach der zärtlichen Zeremonie wieder zurechtlegte, »wie ich mich jetzt morgens, mittags und abends abquälen werde, um auszudenken, wie ich ihn nennen soll.«

»Mrs. Gradgrind«, sagte ihr Gatte feierlich, »was meinen Sie?«

»Wie ich ihn denn nennen soll, Mr. Gradgrind, wenn er einmal mit Luise verheiratet ist. Ich muß ihn doch irgendwie anreden. Es ist unmöglich«, sagte Mrs. Gradgrind mit einem aus Höflichkeit und Vorwurf gemischten Gefühl, »ihn immer anzusprechen, ohne ihm einen Namen zu geben. Ich kann ihn nicht Josiah heißen, denn dieser Name ist mir unerträglich. Sie selbst würden nichts von Joe hören wollen, das wissen Sie recht wohl. Oder soll ich meinen Schwiegersohn mit »Herr« anreden? Nicht eher, wie ich glaube, als bis die Zeit herangerückt ist, wo meine Verwandten auf mir, als einer unnützen Kranken mit Füßen herumtreten würden. Nun aber, wie soll ich ihn denn nennen?«

Da niemand zugegen war, der in dieser Bedrängnis ein Auskunftmittel dargeboten hätte, so schied Mrs. Gradgrind für jetzt aus diesem Leben, nachdem sie den folgenden Paragraphen zu den bereits mitgeteilten Bemerkungen hinzugefügt hatte:

»Was die Hochzeit angeht, so ist alles, was ich begehre, Luise – und ich begehre es mit einem Zittern in der Brust, das sich tatsächlich bis zu den Sohlen meiner Füße erstreckt – daß sie bald stattfinde, sonst weiß ich, wird das eines von den Dingen sein, die gar kein Ende nehmen wollen.«

Als Mrs. Bounderby von Mr. Gradgrind ihrer Mutter vorgestellt wurde, hatte Cili den Kopf umgewandt und blickte in Verwunderung, in Bedauern, in Kummer, in Zweifel und in einer Fülle von Empfindungen auf Luise. Luise hatte es gewußt und gesehen, ohne sie anzublicken! von diesem Augenblicke an war sie passiv, stolz und kalt – hielt sich fern von Cili – und war gegen sie wie verwandelt.