Bozena Kapitel 4

11.

Der Poststellwagen, der Mansuet nach Weinberg zurückbrachte, fuhr im selben Augenblick durch das Tor, in dem der stattliche Zug, der Heißenstein zur letzten Ruhe geleitete, sich nach dem Friedhof in Bewegung setzte. Als Weberlein das alte Haus betrat, da hatten sie soeben seinen toten Herrn daraus fortgeführt.

In grenzenloser Bestürzung vernahm der Kommis diese Kunde. Er war zu spät gekommen! Er hatte dem Greise nicht mehr die Hand drücken, ihn nicht mehr fragen können: «Was ist geschehen für Ihr Enkelkind?»

In wilder Eile rannte Mansuet nach dem Gottesacker. Die kirchliche Zeremonie war noch nicht beendet, als er dort anlangte, er durchbrach die versammelte Menge und drängte sich bis an die Stelle vor, von der herüber er Lichter schimmern und bläuliche Weihrauchwolken in die klare Winterluft aufsteigen sah. Noch war das Grab nicht geschlossen über seinem Gebieter. Neben dem betenden Priester, auf den Arm des Grafen Ronald gestützt, stand Nannette, mit verstörtem Angesicht und kaum fähig, sich aufrecht zu halten. An ihrer Seite Regula, ruhig, steif, die herben Lippen fest geschlossen. Und hinter ihr, sie hoch überragend: – Wer? … O Himmel – gütiger: – Wer? Es ist die große, es – war die schöne Bozena. An ihrer Hand ein kleines, holdes Geschöpf – Mansuet muß alle Kraft aufbieten, um nicht laut einen teuren Namen auszurufen. «Röschen!» tönt es in seinem Innern mit wehmütigem Jubel.

Während des Schlusses der traurigen Feier verwendete er kein Auge von dem Kinde, und als alles vorüber war und die anwesenden Bekannten sich um Nannette und Regula drängten, um ihnen ihr Beileid zu bezeigen, näherte er sich Bozena, bei der nur Schimmelreiter allein stehen geblieben war. Sie begrüßte ihn mit einem ernsten Kopfnicken, und er, dem das Herz doch weich zum Schmelzen war, pflanzte sich vor sie hin, starr und eckig, wie eine Feuerkieke, und sagte, nachdem er die Freundin lange betrachtet: «Haben sich sehr verändert.»

«Bin grau geworden», erwiderte Bozena, zog das kleine Röschen, das sich ganz und gar eingewickelt hatte in die Falten ihres Rockes, aus seinem Verstecke hervor und hob es in ihren Armen auf.

«Nicht gerade grau, vielmehr pfeffer- und salzfarbig», sprach Mansuet, und als Bozena ihn darauf versicherte, er hingegen sehe gerade noch so aus wie vor sieben Jahren, antwortete er gleichgültig: «Die Leute behaupten’s.»

Schimmelreiter hat später oft erzählt, Mansuet sei ihm damals merkwürdig affektiert vorgekommen. Man habe ihm einen schweren Kampf zwischen Schmerz und Freude und zugleich das Bestreben angesehen, nicht mehr davon zu verraten, als er für vereinbar hielt mit seiner Manneswürde.

«Ich bin aber», nahm Bozena nach einer Pause das Wort, «noch so rüstig wie je, und ich bitte Sie, sagen Sie das der Frau. Was ihr zwei andere Mägde leisten, das leiste ich allein und betreue nebstbei das Kind, es soll ihr keine Ungelegenheit machen, solange ich da bin. Ich bitte Sie, Herr Mansuet, legen Sie ein gutes Wort für mich ein, damit man mich bei dem Kinde läßt.»

«Ganz überflüssig», antwortete der Kommis, «die Frau wird Sie gern behalten, die kennt ihren Vorteil.»

Sie waren langsam hinter der Menge, die sich nach allen Richtungen verlief, hergeschritten, und traten nun aus dem Friedhofe. Mansuet schielte immerfort nach dem Kinde, das ihn, das Köpfchen an Bozenas Hals geschmiegt, so schelmisch anblinzelte, wie die Augen eines sechsjährigen Mädchens nur immer vermögen.

«Werden Sie», fragte der Kommis, «das Kind noch lange so herumschleppen?» und setzte, sich an Röschen wendend, mürrisch hinzu: «Weißt du wohl, daß es eine Schande ist, sich tragen zu lassen, wenn man so alt ist wie du?»

«Es liegt viel Schnee», meinte Bozena entschuldigend, «und sie ist nicht schwerer als eine Puppe.»

«Mag sein», entgegnete Mansuet.» Was haben Sie nur an der aufgezogen?»

«Klein ist sie, das ist wahr», sagte Bozena.

«Und stumm auch», sagte Mansuet.

Da brach das Kind in schallendes Gelächter aus und rief, so laut es konnte: «Ich bin nicht stumm! – und gehen kann ich auch … Und ich will jetzt laufen, Bozena. Du kannst den kleinen schlimmen Mann auf den Arm nehmen, damit er wieder gut wird.»

Bozena war sehr erschrocken über diese unpassende Äußerung ihres Zöglings, und gebot ihm Schweigen. Zu Mansuet aber sprach sie: «Ich hoffe, Sie können nicht bös sein auf ein dummes Kind.»

Worauf er großartig erwiderte: «Lassen Sie sich nicht auslachen.»

Schimmelreiter jedoch küßte wie verzückt das über Bozenas Schulter herabhängende Händchen der Kleinen. Schweigend langte die Gesellschaft zu Hause an. Unter dem Tore setzte Bozena ihre leichte Bürde ab; sie blieb stehen, kreuzte die Arme und hielt eine Weile die Augen stumm auf das gegenüberliegende Haus gerichtet.

«Wer wohnt jetzt dort?» fragte sie endlich mit Überwindung.

«Gar viele Leute», antwortete Mansuet, «wir haben ja Wohnungsnot in Weinberg. Der Kreishauptmann, der Herr Graf, ist im Jahre achtundvierzig fortgekommen. Und unser Bekannter, sein Jäger» – Mansuet wandte den Kopf und heftete den Blick so fest auf einen der steinernen Torpfeiler, als ob sich dort etwas Unerhörtes begäbe – «der hat die Kammerjungfer der Gräfin geheiratet und ein Revier gekriegt, hier in der Nähe …»

«Hier in der Nähe?» wiederholte Bozena.

«Ist aber längst nicht mehr da, hat selbständig nicht gut getan, heißt es», fuhr Mansuet fort. «So schickte ihn sein Graf auf eines der großen Güter, die er in Böhmen besitzt. Dort lebt der Bernhard unter der Zucht des Oberförsters, der keinen Spaß versteht … verstehen soll. Soll! – das alles weiß ich ja nur vom Hörensagen …»

«In Böhmen also», sagte Bozena leise vor sich hin.

«Ja, ganz hoch oben. Es heißt auch, er sei öfter betrunken als nüchtern, aber ich will ihm nichts Übles nachreden. Es heißt, er prügle seine Frau; nun, das ist ihre Sache. Ein Wunder wär’s übrigens nicht. Das verwöhnte Jüngferchen paßt auf keinen Fall für hin. Der hätte ein tüchtiges Weib gebraucht, das ihm den Daumen aufs Auge setzt.»

Ein Bote von Frau Heißenstein, der Mansuet und Schimmelreiter nach dem Geschäftszimmer beschied, wo ihnen das Testament, von dem sie noch keine Kenntnis hatten, vorgelesen werden sollte, unterbrach dieses Gespräch. Die beiden Kommis empfahlen sich und folgten dem Rufe der Gebieterin.

Als sie eintraten, fanden sie Nannette auf das eifrigste – Mansuet behauptete auf das zudringlichste – bemüht, den Grafen Ronald zurückzuhalten, der sich verabschieden wollte. Sie gab ihm mit einem süßsäuerlichen Lächeln zu verstehen, daß es gefühllos wäre, die Hinterbliebenen eines ihm befreundeten Mannes in solcher Eile zu verlassen.

Ronald ließ sich endlich überreden und blieb, vermochte aber nicht zu verbergen, wie unpassend ihm seine Anwesenheit im Hause in diesem Augenblicke erschien.

Man setzte sich um den Tisch. Doktor Wenzel verlas das Testament Heißensteins.

Der Verstorbene ernannte darin seine einzige Tochter, Regula Heißenstein, zur Universalerbin seines ganzen Vermögens. Die Nutznießung desselben verblieb lebenslänglich seiner getreuen Gattin, Frau Nannette Heißenstein. Einige ansehnliche Legate waren ausgesetzt, Schimmelreiter war reichlich, Mansuet fürstlich bedacht. Ihm wurde überdies im ebenerdigen Geschoß des Hauses eine Wohnung für die Dauer seiner ganzen Lebenszeit zur freien Verfügung gestellt. Mit warmen Worten sprach Heißenstein von «dem treuesten Diener», er empfahl seiner Frau und seiner Tochter, ihn hoch in Ehren zu halten und ohne seinen Rat nichts Wichtiges zu beschließen.

Während Doktor Wenzel diesen Absatz des Testamentes salbungsvoll vortrug, schien Mansuet immer kleiner zu werden, und sank zuletzt so tief in sich zusammen, daß sein vornübergebeugter Kopf in eine Linie mit dem Tischrande zu stehen kam und keiner von den Anwesenden sein Gesicht sehen konnte.

Einige Verfügungen zu Gunsten der Armen der Stadt folgten, zuletzt kam die Anordnung, das Geschäft des Kaufmanns nach seinem Tode sogleich aufzulösen und das Verbot, die Firma, unter was immer für Bedingungen, zu veräußern. Mit Leopold Heißenstein habe das Handlungshaus zu bestehen aufgehört. Das Testament war vor sieben Jahren verfaßt und seither auch nicht ein Wort daran geändert, nicht das kleinste Kodizill beigefügt worden.

Eine Stunde später empfahl sich Graf Ronald bei den Damen. Mansuet und Schimmelreiter begleiteten ihn bis an den Wagen, und machten dann einen weiten Spaziergang auf der Landstraße. Erst bei sinkender Nacht kamen sie heim. Sie waren die ganze Zeit hindurch fast stumm nebeneinander hergegangen.

Jetzt, als sie schon unter das Haustor traten, sprach Schimmelreiter: «Ja, ja, Sie sind nun eine glänzende Partie, und ich bin eine sehr annehmbare.»

«Was sind Sie?» fragte Mansuet.

«Eine annehmbare Partie», wiederholte Schimmelreiter und zupfte sich an dem dünnen, borstigen, weit abstehenden Barte. Er sah mit seinem runden Gesichte, seiner flachen Nase und seinen großen Augen einem Seehunde ähnlicher denn je.

«Besonders Ihre fünfundfünfzig Jahre werden die Frauenzimmer locken» sprach Weberlein wegwerfend.

«Ich wünsche mir keinen Backfisch» rief sein Kollege eifrig, und fügte nach einer Pause, während der Mansuet ihn spöttisch von der Seite ansah, stockend und in großer Verlegenheit hinzu: «Diejenige, welche – ist bereits mittelalterlich.»

Aber schon im nächsten Augenblicke wollte er, wie Lazarillo, lieber gestorben sein, als diese Rede ausgesprochen haben, denn er hörte neben sich ein derart schneidendes «So?», als hätte es eine Schlange gezischt. Der kleine Mansuet fuhr mit beiden Händen in die Taschen seines Rockes, hob sich so hoch er konnte auf den Fußspitzen empor und sagte dem großen Schimmelreiter trocken in den Bart hinein: «Beruhigen Sie sich! – Diejenige nimmt Sie nicht.» Mit diesen Worten wandte er sich, und war so rasch verschwunden, als hätte ihn der Boden verschlungen.

Während sich dieses zu ebener Erde ereignete, saßen im düsteren Speisezimmer des ersten Stockes Nannette und ihre Tochter beim Abendessen. Regula hatte keinen Appetit und machte schon zum zweitenmal die Bemerkung, daß Graf Ronald ein angenehmer, aber doch gar stiller und schweigsamer junger Mann sei. Mit ihr zum Beispiel habe er keine Silbe gesprochen.

Nannette legte das Stückchen Brot, das sie eben im Begriffe war, in den Mund zu stecken, auf den Tisch, betrachtete es eine Weile tiefsinnig und sagte, indem sie einen fast schalkhaften Blick auf ihre Tochter warf, nichts könnte mehr für ihn sprechen, als – daß er nicht gesprochen habe.

In ihrem Zimmer, im zweiten Geschosse des Hauses, saß Bozena bei einer flackernden Kerze und nähte an einem Kinderkleidchen. Neben ihrem großen Bette stand ein kleines, das einst Rosa gehört hatte, als diese noch ein Kind war. Jetzt schlief ihr verwaistes Töchterlein darin. Sie selbst aber, und ihrer gedachte Bozena in dieser Stunde, sie schlief am Fuße des Negoi, in einem stillen Alpentale im fernen Grabe. Dort ruhte sie umsungen von den geheimnisvollen Liedern des Sturmes, umhüllt von der schimmernden Decke des Schnees, für alle tot; nur lebend noch in der Erinnerung einer armen Magd, und in den Träumen eines schlafenden Kindes.

*

Mansuet hatte recht gehabt. Nannette hütete sich wohl, Bozena zu entlassen.

Sie war viel zu klug, um sich über ihre geringe Befähigung zur Ausübung des Hausfrauenberufes zu täuschen, und daß Regel in diesem Punkte in ihre Fußtapfen trat, wußte sie ebenfalls. So konnte ihr nichts willkommener sein, als Bozenas tätige und umsichtige Hilfe. Und nicht nur praktischen, auch moralischen Vorteil schaffte deren Gegenwart. Daß Frau Heißenstein das Kind und die Magd der entlaufenen Stieftochter, die ihr eigener Vater verstoßen, aufgenommen hatte, erregte die Bewunderung der ganzen Stadt. Sich ein Verdienst aus einer Handlung machen, die ihr zum Nutzen gereichte, wie entsprach das Nannettens Neigungen!

Bozena trachtete «der Frau» das kleine Röschen so viel wie möglich aus den Augen zu schaffen, denn sein Anblick berührte die Stiefgroßmutter sehr unangenehm. Um keinen Preis jedoch hätte Bozena zugegeben, daß es auch nur einmal heißen könne, sie habe dem Kinde zuliebe das Geringste im Dienste Nannettens oder Regulas versäumt. So traf es sich, daß, infolge einer schweigenden Übereinkunft zwischen der Magd und ihrem alten Gönner, dieser sehr oft die Stelle einer Wärterin und eines Hofmeisters bei der Kleinen versah. Er weihte sie in die Geheimnisse des Lesens und Schreibens ein, lehrte sie die Volkshymne singen, führte sie sonntags zur Kirche und war täglich in der Mittagsstunde mit ihr auf der Promenade zu sehen. Und wie stolz schritt er da neben ihr einher! So schreitet nur noch eine ruhmbedeckter Kanonier neben der schönen Köchin seines Herzens. Der sechzigjährige Mansuet lebte auf in der Liebe zu Röschen; diese neue Leidenschaft stellte sogar seine alte Neigung für Bozena in den Schatten. Ja, ja – es ist nicht zu leugnen: allmächtig wirkt der Reiz der Jugend, unwiderstehlich der Zauber der Anmut, er bezwingt selbst die gefeite Seele, und: «ein gebrechlich Wesen ist» – der Mann.

Woche um Woche verging, Monat um Monat. Im Hause Heißenstein wurde es immer stiller, denn seine Gebieterin kränkelte und siechte dahin. Tiefe Melancholie hatte sich ihrer seit dem Todes ihres Mannes bemächtigt. «Er zieht sie nach», sagten die Leute. Sie nahm sichtbar ab; wenn man sie aber fragte, ob sie sich krank fühle, erwiderte sie fast erschrocken, sie habe sich niemals besser befunden. Der Arzt meinte, ihre Nerven seien angegriffen, der herannahende Frühling, der häufige Aufenthalt in freier Luft werde sie herstellen. Der Frühling kam, doch brachte er keine Veränderung im Befinden Nannettens herbei. Sie litt an Schlaflosigkeit, sie fieberte.

Eines Tages ließ sie Doktor Wenzel rufen und ersuchte ihn, alle gesetzlichen Schritte einzuleiten, um Regula, die im Begriffe stand in ihr zwanzigstes Jahr zu treten, großjährig sprechen zu lassen. Nannette sah der Erfüllung dieses Wunsches mit einer Ungeduld entgegen, die wohl verriet, daß sie keineswegs so ruhig über ihren Gesundheitszustand war, wie sie vorgab. Was sie quälte, war aber nicht die Furcht vor dem Tode, sondern eine peinliche Erinnerung, von der sie sich vergeblich loszumachen suchte. Sie wurde, was sie niemals gewesen war, zerstreuungsbedürftig und zu gleicher Zeit außerordentlich fromm. Sie brachte, trotz aller Warnungen des Arztes, der die größte Schonung empfahl, ihre Tage damit zu, ihre Bekannten und die Kirchen zu besuchen. Erschöpft oder aufgeregt kehrte sie heim, niemals jedoch aufgeregter, als wenn sie aus dem Beichtstuhle kam. An solchen Tagen wirkte der Anblick Röschens wie der eines Schrecknisses auf sie. Niemand konnte sich das erklären, nur Bozena sagte zu Mansuet, sie verstehe es wohl. Bozena war übrigens die Vorsicht selbst; niemals kam ein Wort über ihre Lippen, das auch nur dem Schatten eines Vorwurfs gegen «die Frau» geglichen hätte.

Der Arzt fand endlich einen Namen für Nannettens Krankheit, er nannte es ein Zehrfieber, und erteilte seiner Patientin den Rat, nach der Schweiz zu reisen.

«Werde ich dort gesund? Stehen Sie mir dafür?» fragte sie, und rief, als er eine ausweichende Antwort gegeben hatte: «Schon gut, schon gut. Lassen Sie mich zu Hause …» Sie vollendete den Satz nicht, warf einen feindlichen Blick auf den Arzt und entließ ihn.

Er ging, durchdrungen von Bewunderung für die starkmütige Frau, und sorgte für die Verbreitung ihres Ruhmes.

Sobald Regula großjährig erklärt worden war, eröffnete ihre Mutter eine lebhafte Korrespondenz mit der Freiin von Waffenau, in der viel von dem Grafen Ronald die Rede war. Er selbst ließ sich nicht blicken.

Nebst den geselligen Verpflichtungen und den frommen Übungen, die sie sich auferlegt hatte, nahm die Abwickelung der Erbschaftsangelegenheit und die Auflösung des Heißensteinschen Geschäftes die Witwe in Anspruch. Sie entfaltete eine staunenswerte Tätigkeit, sie wollte vom kleinsten Detail selbst Kenntnis nehmen, sie ließ sich täglich durch Wenzel Bericht erstatten, verhandelte mit Mansuet, beriet sich mit Schimmelreiter, den sie zu ihrem Sekretär ernannt hatte.

Aber seltsam, all die Interessen, die sie mit so großem Eifer betrieb, füllten ihre Seele nicht aus. Ein rätselhaftes Etwas, ein Gedanke, nie ausgesprochen, immer zurückgewiesen, immer wiederkehrend, ein quälender Mahner und Bedränger, hielt sie in seinem Banne. Mitten im Gespräche überkam es sie plötzlich, faßte sie mit unsichtbaren Händen, und in ihrer Kehle erstarb der Laut, auf ihrer Zunge das Wort. Ihr glanzloses Auge irrte unstet und ohne Blick umher; in peinvolles Sinnen versunken schien sie der Gegenwart und allem, was sie umgab, entrückt.

Einmal geschah es, daß Nannette in einer Anwandlung dieser Art sich rasch erhob, geschäftig zu ihrem Schranke eilte, ihn öffnete und unbeweglich vor ihm stehen blieb. Ihre Hände sanken herab …

«Mutter!» rief Regula, nicht eben liebevoll, «was ist Ihnen, was suchen Sie?»

Nannette wandte sich ihr zu, wie traumverloren, mit dem Gesichte einer Nachtwandlerin: «Den Brief» flüsterte sie, «um ihn zu verbrennen. Aber – er ist schon verbrannt.»

«Welchen Brief, Mutter?»

Nannette legte den Finger auf ihren Mund, sah ängstlich um sich und sprach: «Schweigen! Schweigen!»

Kurze Zeit darauf fand Regula die bleiche Frau im Halbdunkel in der Mitte des Zimmers stehen; regungslos wie eine Wachsfigur stierte sie vor sich nieder, und ihre aufrechte Haltung bildete einen unheimlichen Gegensatz zu dem Ausdruck tödlicher Erschöpfung in ihrem Angesichte. Regula näherte sich ihr und fragte sie mit leisem Grauen: «Mutter, woran denken Sie?»

Die Angerufene erschrak, ein Schauer rieselte durch ihren Körper; als sie das Auge erhob und ihre Tochter erkannte, beugte sie sich ganz nahe zu ihr und sagte ihr ins Ohr: «An den letzten Blick des Sterbenden.»

«Beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich, Sie sind aufgeregt», ermahnte Regula, führte Nannette zum Sofa und nötigte sie, sich zu setzen.

«Ich bin nicht aufgeregt, liebes Kind», erwiderte die Kranke in kaltem Tone und verzog die Lippen zu einem schwachen Lächeln. «Ich überlege nur, wie schade es ist, daß ich mich damals gegen die Reise Mansuets aussprach, und daß ich jenen Aufruf nicht veröffentlichen ließ. Es wäre dadurch nichts verdorben worden, es wäre trotzdem alles gekommen, wie es kam, und – wie edel hätten wir gehandelt!»

«Es kann uns auch jetzt niemand einen Vorwurf machen», meinte Regula.

Nannette schwieg eine Weile, dann sagte sie: «Und der Dank des Sterbenden, mein Kind, – wäre er dann nicht gerechtfertigt gewesen?»

«Scheinbar, Mutter», sprach Regula. Sie begriff diese seltsame Reue nicht.

Frau Heißenstein legte ihre Hand auf die Hand ihrer Tochter. «Scheinbar … Unterschätze nie den Wert des Scheines. Schein ist alles, was sich nicht greifen, nicht mit Ziffern berechnen, nicht mit der Waage wägen läßt. Ehre, Ansehen vor der Welt – guter Name – wo läge da zwischen Schein und Wesen die Grenze? – Scheine achtungswert – du bist es!» fügte sie mit etwas erhobener Stimme hinzu, und Regula wußte ihr nichts zu antworten, als: «Sie sind so eigen, Mutter!»

Es wurde immer schlimmer mit Nannette. Der Arzt erzählte jedem, der es hören wollte, im Vertrauen, sie werde schwerlich den Herbst überleben. Regula diese traurige Mitteilung zu machen, fehlte ihm teils der Mut, teils die Gelegenheit. Sie wich ihm ängstlich aus, sie fragte ihn höchstens im Vorbeieilen: «Es geht besser, nicht wahr?» und schlüpfte hinweg, ohne seine Antwort abzuwarten. Ihr lag vor allem daran, sich so lange als möglich über das bevorstehende Unglück zu täuschen, mußte es kommen, so wollte sie davon überrascht werden. Sie war sparsam mit ihren Gefühlen, sie fürchtete – natürlich unbewußt – eine vor der Zeit geweinte Träne könne auf Kosten der Anstandszähre vergossen worden sein, die im entscheidenden Augenblicke nicht fehlen durfte.

Die Zeit kam, in der Nannette das Zimmer nicht mehr verließ, es ging rasch mit ihr zu Ende. Sie hatte sich in ihren letzten Lebenstagen ganz an Bozena geschlossen, die kaum mehr von ihrer Seite weichen durfte. Wurde ein Besuch vorgelassen, so war es der Kranken angenehm, die Dienerin vorstellen und sagen zu können: «Es ist unsere brave Bozena, sie hat die Enkelin meines Mannes zurückgebracht. Sie wissen, das Kind seiner unglücklichen Tochter.»

Ein Jahr nach dem Tode Heißensteins kämpfte seine Witwe ihren letzten Kampf. Der Arzt erklärte eines Abends, er werde die Nacht im Hause zubringen. Regula schlich still und verstört umher, immer nur bemüht, sich zu fassen. Sooft sie an das Bett ihrer Mutter trat, winkte diese sie hinweg: «Denn», flüsterte die Kranke Bozena zu, «es greift sie zu sehr an.»

Wie auf eine schweigende Verabredung versammelten sich die Hausgenossen gegen zehn Uhr im Zimmer, das an Frau Nannettens Schlafgemach stieß. Die Lampe stand auf dem Tische, auf dem Kanapee saß Regel, häkelte an etwas sehr Feinem und Kunstvollem, und mußte immerfort Maschen zählen. Zu ihrer Rechten hatte der Doktor Platz genommen, beide Arme auf die Lehnen seines Fauteuils gestützt, und betrachtete mit wohlgefälliger Aufmerksamkeit seine, wie zur allgemeinen Bewunderung ausgelegten, dicken und reich beringten Finger.

Der Geistliche, der der Kranken vor acht Tagen auf ihren ausdrücklichen Wunsch die Sterbesakramente gereicht hatte, Mansuet, der gekrümmt wie ein Sprenkel auf einem kleinen Ecksofa saß, und Schimmelreiter, der bereits ein wenig schnarchte, hielten sich im Hintergrunde des Zimmers.

Um Mitternacht hörte man Nannette laut und eifrig sprechen, der Arzt und der Priester begaben sich zu ihr, kamen aber sogleich wieder zurück, weil die Kranke, die bei vollem Bewußtsein war, allein mit Bozena zu bleiben wünschte.

Mansuet stellte leise dem Doktor eine Frage, auf welche dieser, für alle vernehmlich, antwortete: «Vermutlich bis zum Morgen.»

Er setzte sich wieder in seinen Fauteuil und nickte ein. Die andern, selbst der Geistliche, ein noch sehr junger Mann, der bis jetzt wacker mit dem Schlafe gekämpft hatte, folgten seinem Beispiele.

Es schlug ein Uhr, die Lampe begann düsterer zu brennen, im Nebenzimmer war es still geworden. Regula lehnte sich zurück, sie kreuzte die Arme, sie schloß die Augen. Kalte Schauer liefen ihr über den Rücken.

«Ich sollte zu meiner Mutter», dachte sie, «ich sollte…» Aber sterben sehen ist fürchterlich, sie hat es schon einmal erfahren. Und sie zögert und verfällt endlich in einen unruhigen Schlummer, aus dem sie plötzlich auffährt.

Ihr gegenüber steht Bozena, totenbleich.

«Meine Mutter stirbt!» spricht das Fräulein.

«Sie ist tot», antwortet die Magd mit leiser Stimme: «Kommen Sie.» Sie faßt die Zitternde, Schwankende, und von ihr geleitet begibt sich Regula an das Totenbett ihrer Mutter.

Von den Schläfern war keiner erwacht.

Weder der Arzt noch der Priester wollten es Wort haben, daß sie im entscheidenden Momente nicht auf ihrem Posten gewesen, und widersprachen denen nicht, die zu erzählen wußten, Nannette sei nach herzzerreißendem Abschied in den Armen ihrer Tochter gestorben.

Bozena Kapitel 5

12.

Nun waren sie allein, die altgeborene Regel, die unverwüstlich junge Bozena und das immer fröhliche Röschen; wohl selten würfelt «seine Majestät, der Zufall» größere Kontraste zusammen. Beschirmend waltete der Geist Mansuets über dem seltsamen Kleeblatte. Der Alte war dem Fräulein Heißenstein freundlicher gesinnt seit dem Heimgange Nannettens; weil sie nicht mehr unter dem schädlichen Einfluß ihrer Mutter stände, meinte er; in der Tat aber nur deshalb, weil er sich jetzt als Regels Beschützer fühlte. Trotz all ihres Ernstes, all ihrer Weisheit bedurfte sie seines Rates, holte ihn gern ein und befolgte ihn sogar.

«Sie hat Heißensteinsches Blut in den Adern, das muß sich nolens volens dokumentieren!» versicherte Mansuet eines Tages Bozena und dem Sekretär. «Warten Sie nur, geben Sie nur acht: Nächstens tut sie etwas für das Kind.»

Aber Schimmelreiter schüttelte zweifelnd den Kopf, er sprach: «Sie ist nicht verpflichtet, etwas für das Kind zu tun, also wird sie auch nichts tun. Wie lautet Ihre werte Meinung?» wandte er sich galant an Bozena.

Diese antwortete in der bedachtsamen Weise, die sie seit ihrer Rückkehr angenommen hatte: «Ich hoffe auf ihre Großmut!»

«Prosit!» sagte Schimmelreiter, dem es infolge eifrigen Bestrebens gelungen war, sich einige von Mansuets Redewendungen anzueignen. «Leichter pressen Sie Himbeersaft aus einer Zitrone, als eine großmütige Regung aus dieser Seele.»

Bozena schwieg und ließ sich auf keine weitere Erörterung ein.

«Sie widerspricht mir nicht gern», erklärte später der Sekretär Schimmelreiter mit Selbstgefühl.

«Sie widerspricht überhaupt keinem Menschen mehr», dachte Mansuet. «Mißtraut sie uns? Oder ist ihr alles so gleichgültig geworden, daß sie nicht einmal ein Wort dafür einsetzen mag? Was geht in ihr vor? … Gott mag es wissen!»

*

Nach dem Tode der Frau Heißenstein hatte Graf Ronald ihrer Tochter einen teilnahmsvollen Brief geschrieben, aber gekommen war er nicht. All die Arbeit, die er sich aufgebürdet, dürfte ihn abgehalten haben, meinte Regel; muß er doch die Geschäfte der Beamten versehen, die man in Rondsperg entlassen hatte, weil man sie nicht mehr besolden konnte.

Er war jetzt Direktor, Rentmeister, Förster und Wirtschafter in einer Person. Mit eisernem Fleiße mühte er sich ab, um die Armut fernzuhalten von seinem väterlichen Dache. Der alte Graf wollte nicht wissen, wie es um seine Verhältnisse stand. Vermochte Ronald es einmal nicht zu verhindern, daß ein ungeduldiger Gläubiger sich an den Greis drängte, dann wies ihn dieser an seinen Sohn, der die Leitung der Geschäfte allein übernommen habe. Den aber fragte er mit einer gewissen Schadenfreude, wann endlich die Segnungen des von ihm eingeführten neuen Regimes eintreten würden?

Daß sein Wohlstand für immer entschwunden sei, daran vermochte er ebensowenig zu glauben, als an den Bestand der neuen Staatsordnung. Rondsperg war ja ein Juwel, Rondsperg besaß ja unerschöpfliche Hilfsquellen. Sein Besitzer konnte durch die Ungunst der Zeiten in augenblickliche Verlegenheiten geraten, aber nicht in dauernde.

Wäre Roland auch imstande gewesen, seinem Vater diesen beglückenden Wahn zu rauben, er hätte es nicht getan; dazu liebte er ihn viel zu sehr. So setzte er denn unverdrossen seine vergebliche Arbeit fort. Ein Entschluß hätte freilich das bevorstehende Unheil wenigstens verzögern und dem Sohne einen Teil des väterlichen Gutes retten können: man hätte Rondsperg verpachten müssen. Aber bei dem alten Grafen fand das Wort «Verpachtung» ebensoviel Anklang, wie bei jedem unumschränkten Herrscher das Wort «Konstitution» . Ronald sprach es einmal aus, und – niemals wieder.

Regula Heißenstein war von diesen Verhältnissen genau unterrichtet. Der ehemalige Direktor von Rondsperg hatte sich in Weinberg ein nettes Haus gebaut und lebte dort in behaglichem Wohlstande. Er traf Schimmelreiter oft beim «Grünen Baum» und sprach gern mit ihm von dem Schauplatze seiner einstigen Taten. Er war ein gutmütiger Mann, und bewahrte auch den gnädigen Herrschaften, die er fünfundzwanzig Jahre lang, soviel es irgend an ihm lag, bestohlen hatte, ein freundliches Interesse. Dem Sekretär Regulas gegenüber ließ er es an zarten Winken nicht fehlen, welch ein verdienstliches Werk es wäre, den braven jungen Grafen aus aller Not zu retten, indem man ihm zu einer reichen Heirat verhülfe.

«Ein Goldfischchen, wie das Fräulein Heißenstein, das wäre halt was für ihn!» sagte der Direktor mit diplomatischem Lächeln.

«Ein adeliger, schöner Mann, wie der Graf von Rondsperg, das wäre was für sie!» erwiderte der Sekretär und schmunzelte auf das verbindlichste.

Die beiden Ehestifter machten einen Überschlag der Kosten, die erforderlich wären, um Rondsperg wieder ertragsfähig zu machen, die verpfändeten Grundstücke einzulösen, die eingestürzten Wirtschaftsgebäude aufzurichten, den fundus instructus zu erneuern; und eine Stunde später teilte schon der Herr Sekretär seinem Fräulein die Ergebnisse dieser Berechnungen mit. Sie nahm seinen Bericht gleichgültig entgegen, wie etwas, das sie gar nicht kümmerte, begab sich aber flugs an ihren Schreibtisch und begann sofort auf eigene Hand eifrigst zu rechnen. Sie fand, zu ihrer lebhaften Befriedigung, daß die Summe, um die sich’s handeln würde, so ansehnlich sie auch war, doch kaum ein Viertel ihres mobilen Vermögens betrug. Dieses Resultat versetzte sie in so gute und unternehmende Laune, daß sie noch selbigen Tages an Ronald schrieb, um ihm für die Teilnahme zu danken, die er ihr bei Gelegenheit des Todes ihrer unvergeßlichen Mutter ausgesprochen hatte.

Ihr Brief war mit all der Zurückhaltung verfaßt, die höchste Wohlerzogenheit einer jungen Dame, einem jungen Herrn gegenüber, auferlegt; der Stil wie gedrechselt, die Schrift wie gestochen. Es war ein Muster von einem Briefe und konnte nicht verfehlen, auf Ronald und seine Eltern, denen der Empfänger ihn doch gewiß mitteilen würde, den besten Eindruck hervorzubringen. Eine Danksagung dürfte kaum ausbleiben, und Regula nimmt sich vor, dieselbe nicht unbeantwortet zu lassen. Die Korrespondenz kommt in Gang, es folgt wohl einmal eine persönliche Begegnung. Die Kapitalistin erkundigt sich freundlich nach den Erfolgen der Tätigkeit des Landwirtes. Vertrauen belohnt ihre Teilnahme. Sie – in ausnehmend delikater Weise – bietet Hilfe. Er – nicht minder delikat – zögert anfangs und – gibt endlich nach: «Unter einer Bedingung, mein Fräulein! … Die Hand, von der ich annehme, muß mein werden!» – «O Herr Graf – Sie mißverstehen – Sie verkennen vielleicht die uneigennützige Absicht …» – «Kein Wort weiter, Edelste! …» Sein Schnurrbart ruht auf ihren Fingerspitzen; – der Rest ist Schweigen – Soll und Haben finden sich.

Während Regula von der Eroberung Ronalds träumte, träumten alle spekulativen Junggesellen und alle noch heiratsfähigen Witwer in Weinberg von dem Glück, die Erbin heimzuführen. Der eine tat es mit mehr, der andere mit weniger Zuversicht; doch kam jedem, wenn auch nur in einem Augenblicke des Übermuts, der Gedanke, die Heißensteinschen Reichtümer seien bestimmt, von ihm eingeheimst zu werden. Regula sah sich bald von einem Heere huldigender Freier umschwärmt, die nichts so emsig suchten, als die Gelegenheit, ihr Beweise der Ehrfurcht und Bewunderung zu geben und den heißen Wunsch an den Tag zu legen, der Alleinstehenden ihren Schutz angedeihen zu lassen und sich ritterlich zwischen sie und die Fährlichkeiten der bösen Welt zu werfen.

Das korrekte Fräulein empfing selbstverständlich keine Herrenbesuche; nur an drittem Orte war sie für ihre männlichen Sklaven zu treffen. Um so eifriger wurde sie von dem weiblichen Anhang ihrer Bewerber, von deren zärtlichen Müttern, Schwestern und Basen belagert. Diese ließen es nicht fehlen an der ausbündigsten Schmeichelei, und Regel sog dieses gefährliche Gift mit immer wachsendem Wohlgefallen ein. Wie schoß jetzt ihre, bereits von Frau Nannette zärtlich gepflegte Eitelkeit in die Blüte! Wie trugen die Verhältnisse dazu bei, ihren Durst nach Lob zu erhöhen! Sie war die unumschränkte Herrin ihrer werten Person, es galt nicht erst einen bärbeißigen Vater, eine launische Mutter, einen einflußreichen Verwandten zu gewinnen, um sich der Ersehnten nahen zu dürfen. Kein Ausdruck der Ergebenheit ging unterwegs verloren, jedes überschwengliche Wort gelangte unmittelbar an seine richtige Adresse, der Duft jedes Weihrauchkörnleins, das ein frommer Beter um Regulas Minnesold zu verbrennen für gut fand, wurde von der Göttin selbst eingesogen.

Ein Jahr nach dem Tode ihrer Mutter konnte Regula schon ebenso viele Briefe, als seitdem Tage verflossen waren, in die Lade legen, in der sie ihre teuersten Erinnerungen verwahrte. Und alle diese Briefe enthielten mehr oder minder unumwunden ausgesprochene Heiratsanträge. Von ihren Bewerbern durfte keiner sich rühmen, daß sie ihm die leiseste Hoffnung gegeben, und keiner sich beklagen, daß sie ihm die kühnste Hoffnung genommen habe. Sie hatte niemals an eine andere Verbindung, als an die mit dem Grafen Ronald gedacht, aber dennoch wollte sie von ihren zahlreichen Freiern nicht einen missen. Eine volle Woche hindurch war sie verstimmt, weil ein Witwer von fünfzig Jahren, der überdies Krautwurm hieß, unzufrieden mit der ausweichenden Antwort, die sie ihm erteilte, sich rasch resolvierte und eine andere Wahl traf, die sofort Genehmigung fand.

Fräulein Regula hielt es mit dem Futter für ihre Eitelkeit wie Voltaire mit seinem Ruhme: Er hatte davon für eine Million, aber er wollte noch für einen Sou.

Seit der Erfahrung, die sie an Herrn Krautwurm gemacht hatte, wurde sie noch vorsichtiger in der Behandlung ihrer Bewunderer. Dennoch gab es einen unter ihnen, den sie mißhandelte; zugleich der einzige, der Zutritt in ihr Haus erhalten, da er im Laufe der Zeiten Röschens Unterricht in den sogenannten deutschen Gegenständen übernommen hatte. Er war ein blonder, hübscher junger Mann mit dunkelblauen Augen und einem Vollbarte. Ihm war im Leben alles verkehrt gegangen. Er war zum Poeten geboren und wurde Professor der Mathematik, er schwärmte für Schönheit und Güte und – verliebte sich in Regula. Ja, er verliebte sich in sie. Was nicht einmal einem Geizhalse, dem reichen Fräulein gegenüber, gelang – er brachte es zuwege, oder vielmehr ihn überfiel’s, wie ein reißendes Tier aus dem Busche den ahnungslosen Wanderer überfällt.

Wie es möglich war, daß dieses reizlose Geschöpf eine brennende Leidenschaft erregte – wer kann es begreifen? Der nicht, der meint, das Entstehen der Liebe bedürfe eines andern Grundes als die Beschaffenheit des Herzens, dem sie entspringt. Was gefiel dem Professor Ludwig Bauer an Regula? Ihre frostige Höflichkeit? Ihr wächsernes Gesicht? – Was trieb ihn zu ihr? – Vielleicht nur das Verhängnis, das zu manchem Menschen spricht: Hier ist eine Gelegenheit, tief unglücklich zu werden – ergreife sie! Hier fließt ein Strom unsäglicher Leiden – stürz dich hinein!

Der junge Professor liebte das Fräulein Heißenstein mit einer grimmigen, stets beleidigten und gekränkten Liebe, die ihm alle Lebensfreude verdarb und die er nur um so hartnäckiger festhielt mit verbissener Treue. Um Regula täglich sehen zu können, bot er sich an, ihrer kleinen Nichte Unterricht im Rechnen und in der Grammatik zu geben. Die Tante ging sehr gern auf diesen Vorschlag ein. Sie fürchtete ohnedies, es könne auffallen, daß «ein ungebildeter Kommis» der alleinige Führer des nun schon achtjährigen Kindes auf den Pfaden der Wissenschaft sei. Hingegen geriet ganz Weinberg in Bewunderung, als es bekannt wurde: Ein Professor des Gymnasiums bringe jetzt in eigener Person der kleinen Waise die vier Spezies bei und führe sie am Ariadnefaden seiner Weisheit durch das Labyrinth der Endungen.

Es ist erstaunlich! – Und was das kosten mag! Ja, Fräulein Heißenstein ist eben jederzeit und immer, man kann nur sagen: großartig!

Allabendlich Schlag sechs Uhr trat Professor Bauer in das Speisezimmer, wo Röschens Lehrtisch in einer Fensternische aufgeschlagen war, und wo sie ihn seufzend erwartete, aber nicht seufzend aus Ungeduld. Sein erstes Wort lautete regelmäßig: «War Fräulein Tante nicht da? Wird Fräulein Tante nicht kommen?» Und kam sie nicht, dann hatte Röschen eine schlimme Stunde. Erschien sie aber, so beeilte er sich, zu sagen: «Es ist gut, du warst sehr brav, du bist fertig.»

Ei, wie rasch sie in diesem günstigen Falle ihren kleinen Lehrkram zusammenräumte, sich in einen Winkel des Zimmers verkroch und auf ihre Schreibtafel, statt Ziffern, Herrn und Damen zeichnete, mit unförmig großen Köpfen und unglaublich dünnen Armen, an deren Enden fünf Stängelchen hingen, die sich für Finger ausgaben.

Sobald Ludwig Bauer die von ihm Angebetete erblickte, wurde er entweder mürrisch oder verlegen. Ein nicht erhörter Liebhaber ist selten liebenswürdig, er tut gewöhnlich das möglichste, um seine Sache zu verschlimmern. Von seinen Gefühlen zu sprechen, war dem Professor selten erlaubt, um Regulas stets zur Abwehr bereite Tugend nicht unter die Waffen zu rufen. Versuchte er es aber, sich angenehm zu machen, indem er interessante Dinge vorbrachte, die den gebildeten Geist des Fräuleins mit neuen Erkenntnissen schmücken sollten, dann kam er meist am schlechtesten an. Regula empfand einen wahren Abscheu vor allem Wissen, das sie nicht selbst besaß, und hatte bei den Erörterungen des Professors eine Art, den Mund zu verziehen, zerstreute Blicke umherzuwerfen und mit fast geschlossenen Lippen zu sagen. «Warum nicht gar» – die ihn jedesmal auf das gramsamste beschämte.

Zu andern Zeiten wieder benahm sich Bauer höchst stürmisch und ungebärdig. Röschen konnte sich eines Tages nicht genug darüber wundern, daß ihre Tante so gar keine Angst vor ihm zu haben schien, sondern sein heftiges Gezänke mit Ruhe, ja mit einem Lächeln der Befriedigung anhörte.

«Stimmen Sie sich herab, stimmen Sie sich herab, Bester!» sagte sie.

Sie sagte «Bester» zu einem Menschen, der schrecklich böse war – Röschen konnte darauf schwören.

Der Professor stand auf, machte einen Gang durch das Zimmer, trat vor Regula hin, kreuzte die Arme und sprach: «Ich bin Ihnen so gleichgültig wie der Hund, der dort über den Platz läuft … Sie haben kein Herz, Fräulein!»

Regula warf einen Blick auf das Kind, das in der Ecke des Zimmers spielte, und entgegnete in ermahnendem Tone: «Sie wissen nicht, was Sie reden!»

«Nicht? … Bin ich Ihnen etwa nicht gleichgültig? … Antworten Sie mir!» rief der arme Professor in einem Atem flehend und drohend.

«Sie könnten es mir werden, wenn Sie so fortfahren – Freund», säuselte das Fräulein und schlug züchtig die Augen nieder. «Wäre das nicht traurig? … Freundschaft ist so schön – denken Sie an Jean Paul … Ich möchte Sie nicht verlieren …»

«Fräulein! Fräulein! – o Fräulein!» war alles, was er hervorbrachte im Sturme seiner Gefühle. Regula richtete sich kerzengerade auf; murmelte etwas von Anmaßung und Tyrannei, die sie sich verbitten müsse, und machte eine verabschiedende Handbewegung.

«Oh!» stöhnte Ludwig, gerade wie Othello: «Oh! – Oh! –» und stürzte zur Tür hinaus.

Röschen hatte sich in ihrer Angst hinter einen der hochlehnigen Sessel gekauert und erwartete, ihre Tante werde sich gleichfalls in Sicherheit zu bringen suchen. Sie machte ihr schon Platz neben sich: «Komm hierher!» flüsterte sie, fürchtend, der wütende Professor könnte wiederkehren.

Aber für das Kind war heut ein Tag der Überraschungen. Statt besorgt zu scheinen, sah die Tante dem Enteilenden mit einem triumphierenden Blick nach, und versuchte sogar, ein Liedchen zu trällern; aber das mißlang ihr, denn sie hatte weder Gehör noch Stimme, oder vielmehr beides falsch und ungehorsam, und wenn sie singen wollte: «Der Eichwald brauset, die Wolken ziehen», geriet sie jedesmal in die Melodie von: «Robert – Robert, mein Geliebter!»

*

Ungefähr um dieselbe Zeit sah Mansuet den guten Schimmelreiter mit ganz verstörtem Gesicht aus dem Zimmer Bozenas treten. Er nahm im Gehen eine neue schwarze Krawatte von seinem Halse ab und ersetzte sie durch die dunkelgrau und grün quadrillierte, die er gewöhnlich trug. Als er an Weberlein vorüber sollte, machte er, um ihm auszuweichen, einen so großen Bogen, als die Breite des Ganges irgend erlaubte. Aber das half ihm nichts. Sein Freund schritt resolut auf ihn zu, nahm vertraulich seinen Arm und sprach: «Na, wissen Sie’s jetzt? Sie hat ‹Nein› gesagt, versteht sich?»

Schimmelreiter sah noch immer um sich mit Blicken, starr und gläsern, wie die eines Menschen, der eben einen großen Schrecken gehabt hat. Grenzenloses Erstaunen, die höchste Bestürzung malten sich auf einem runden Gesichte.

Plötzlich blieb er stehen, faßte Mansuets beide Hände und, indem er sich zu dem kleinen Manne niederbeugte, flüsterte er ihm zu: «Sie hat, denken Sie, sie hat ‹Nein› gesagt – denken Sie sich das!»

Und nun ließ er Mansuets Hände los und rang die seinen wie ein Trostloser.

Der Alte redete ihm zu: «Beschwichtigen Sie sich. Wissen Sie was? – Machen Sie sich nichts daraus.»

Der abgewiesene Freier mußte zugeben, daß er nicht leicht etwas Klügeres tun könnte. – Aber freilich, gleich das Klügste zu tun, wer trifft das so leicht? Überdies würde die Sache damit noch nicht abgetan sein. Das Schlimmste kommt nach! Das Gerede der Leute. «Alle Leute werden es erfahren!» jammerte Schimmelreiter.

«Was fällt Ihnen ein?» fragte Mansuet. « Die Bozena schwatzt nicht, und außer ihr weiß es niemand.»

Der Sekretär gestand, das Fräulein wisse es, ihr habe er pflichtschuldig gemeldet, er gehe mit dem Gedanken um, «sich zu verändern». Freilich ohne ihr mitzuteilen, auf wen seine Wahl gefallen sei.

«Dann ist ja alles vortrefflich!» sagte Weberlein, «dann gehen Sie gleich und nehmen eine andere.»

Diese Äußerung rief, so brutal sie schien, durchaus keine Entrüstung bei Schimmelreiter hervor, er meinte vielmehr, das sei zu überlegen, kam jedoch alsbald wieder auf die Katastrophe zurück, die jetzt seine ganze Seele erfüllte.

«Aber, die Bozena! … Begreifen Sie die Bozena? Begreifen Sie, daß sie mich ausgeschlagen hat? Sie hätte doch wirklich ein Glück mit mir gemacht. So eindringlich habe ich es ihr vorgestellt! – Es nützte nichts. Sie wird niemals heiraten, behauptet sie. Ich lasse nicht nach mit Fragen: Warum? warum? Ob sie ihr Herz an einen gehängt hat, den sie nicht kriegen kann? – Ob sie gar so hoch hinaus will? – ‹Nein! nein!› sagt sie. ‹Was also hält Sie ab?› sag ich. Und sie darauf: ‹Ein unübersteigliches Hindernis.› – ‹Das immer bleiben wird?› – ‹Immer.› – ‹An dem nichts zu ändern ist?› – ‹Nichts. Lassen Sie es jetzt gut sein, Herr Sekretär.› – Und ich hätte es sollen gut sein lassen. Aber da reitet mich der Teufel, daß ich nicht schweigen kann, daß ich noch frage: ‹Wenn dies unübersteigliche Hindernis nicht wäre, würden Sie mich dann nehmen?› – Glauben Sie es, oder nicht – sie antwortet mir: ‹Wenn Sie es durchaus wissen wollen: auch dann nicht.› Ja: ‹Auch dann nicht›, hat sie gesagt. Und jetzt möchte ich wissen, sie ist ja gut, tut niemandem gern weh – warum sie nicht lieber geschwiegen – warum sie nicht lieber eine ausweichende Antwort gegeben hat?»

«Jede andere hätt’s getan – aber sie? Sie sagt nur die Wahrheit, aber die ganze. Sie ist wahr wie der Tag», erwiderte Mansuet.

Bozena Kapitel 6

13.

So manche gutmütige Frau in Weinberg meinte, Fräulein Regula sei freilich ein Engel und Bozena freilich die bravste Magd unter der Sonne, aber dennoch könne man das Schicksal des zwischen den beiden aufwachsenden Kindes nicht gerade ein beneidenswertes nennen.

Röschen flößte gar vielen Leuten Mitleid ein, die sie an einem Fenster des grauen Hauses stehen und sehnsüchtig herabblicken sahen zu den Kindern, die auf dem Platze herumliefen und spielten. Ihr war Umgang mit Wesen ihres Alters nicht gegönnt und der Verkehr mit dem Kinde Mansuet entschädigte sie dafür doch schwerlich. Bozena wagte einmal, ihr gnädiges Fräulein darauf aufmerksam zu machen, wurde aber trocken abgewiesen. Regula vermochte nicht einzusehen, daß die Kleine einer andern als einer vernünftigen Umgebung bedürfe. Durchaus nicht. Sie selbst habe sich als Kind immer in Gesellschaft von Erwachsenen bewegt und es sei ihr wohl bekommen.

«O Bozena!» sagte Röschen einst –, «hätt ich doch lange Beine!»

«Was würden sie dir nützen, du Knirps?» fragte Bozena.

«Ich liefe – liefe –» und das Gesicht des Kindes war wie durchleuchtet von der geträumten Wonne, «liefe so schnell, wie die Vögel fliegen.»

Regula sah die Magd bedeutsam an und sprach halblaut: «Die Natur ihrer Mutter. Man kann sie nicht genug in acht nehmen.»

Dieses Wort schnitt Bozena ins Herz, aber sie verriet sich nicht. Sie neigte das Haupt ehrerbietig vor ihrer Herrin: «Sie werden das Kind behüten», sagte sie, «es ist in Ihrem Schutze und geborgen.»

Das Fräulein zuckte die Achseln und dachte, das unumschränkte Vertrauen, das die Leute in sie setzen, sei doch manchmal unbequem. Aufgebürdet, aufgedrungen wurde ihr das Kind der Schwester, und der Ruf von Tugend und Großmut, den sie genießt, zwingt sie, es bei sich zu behalten. Und in tiefinnerster Seele ist sie ihm so unbeschreiblich abgeneigt! Alles an ihm mißfällt ihr, stört sie, regt sie auf. Sein Lachen und Singen greift ihr die Nerven an, seine Liebkosungen bringen sie in Verlegenheit.«Laß mich, das schickt sich nicht», sagt sie, wenn Röschen ihr entgegenfliegt und ihr in die Arme stürzen will.

Mansuet nannte Regula das unmütterlichste Frauenzimmer, das ihm jemals vorgekommen sei, und meinte:«Wenn die einmal ein Kind kriegt und es fängt an zu schreien, dann schickt sie um die Polizei.»

Das Leben im Hause der alten Jungfer von zweiundzwanzig Jahren lief ab wie der Mechanismus einer Uhr, pünktlich und blutlos. In ihrer frostigen Atmosphäre konnte die Rede nicht sein von der freudigen und ungehemmten Entfaltung einer jungen Seele.

Arme Kinder haben die goldene Freiheit, reiche Kinder haben einen vergoldeten Käfig; Röschens Kindheit wurde in einem Käfig verlebt, aber er war von Eisen. Und dennoch war sie ein fröhliches Röschen und die Wahrheit erprobte sich an ihr: haben kann man das Glück, aber bekommen nicht. Sie war glücklich, denn sie liebte, was sie umgab, und wußte nicht, was Grollen sei. Sie liebte die lieblose Tante, sie trieb Abgötterei mit der strengen Bozena und mit dem alten Mansuet, und der vergalt’s ihr redlich. Was die Magd betraf, so war Röschen ihr teuerstes Gut; sie würde ohne Zögern jedes Opfer für sie gebracht, ihr Herzblut, wenn es galt, tropfenweise für sie vergossen haben, aber so wie sie ihre trotzige Rosa geliebt hatte, vermochte sie nicht mehr zu lieben. Das tiefste Gefühl, welches sie jemals beseelt, das hatte die mit ins Grab genommen, die von ihr gepflegt worden war, als sie selbst noch jung gewesen. Sie ließ Röschen niemals so derb an, wie sie deren Mutter angelassen hatte, aber dies geschah nicht, weil sie mehr Liebe, sondern weil sie mehr Mitleid für sie empfand.

So wenigstens legten die beiden ehemaligen Kommis sich Bozenas stilles, zurückhaltendes Benehmen aus. Sie aber waltete mit altem Fleiß in den alten Räumen, nur nicht mehr mit dem alten Übermut. Wenn sie das Zimmer betrat, in dem sie vor zwanzig Jahren ihren Herzensliebling triumphierend in ihren Armen erhoben und ihm alle Herrlichkeit der Welt prophezeit hatte, da glitt ein Schatten über ihre Stirn.

Ein Fremdling saß nun das Kind ihrer Rosa am Tische im Vaterhause und aß das Gnadenbrot aus ungnädiger Hand. –

Sechs Wochen, nachdem sich Schimmelreiter von Bozena einen so wohlgeflochtenen Korb geholt hatte, erhielt er das Jawort einer minder hartherzigen Schönen. Mit verklärten Augen, verjüngt durch das Glück, stellte er sich seinem Fräulein als Bräutigam vor. Regula erhöhte seine Seligkeit noch durch die huldvolle Annahme seiner Einladung, der Hochzeit beizuwohnen. Auch Bozena erhielt von der Gebieterin die Erlaubnis, zugleich mit ihr bei dem Feste zu erscheinen, das Schimmelreiter äußerst prachtvoll auszurichten gedachte.

Die von ihm Erwählte war die Tochter eines kleinen Beamten; eine blonde Jungfrau, von Mutter Natur mit so dauerhaften Reizen ausgerüstet, daß der Zahn der Zeit durch vierzig volle Jahre fast vergeblich an ihnen genagt hatte.

Sie sah bei der Trauung wirklich gar nicht übel aus, das mußte ihr jeder lassen – der es ihr nicht nehmen konnte. Ein paar Rivalinnen versuchten es umsonst. Allgemein jedoch hieß es, Schimmelreiter hätte besser getan, Bozena zu erwählen, die wohl um einige Jährlein älter, aber denn doch eine ganz andere Person sei, als die Beamtentochter.

Zur kirchlichen Feier war die halbe Stadt gebeten, zu dem Gastmahle, das am Abend beim «Grünen Baum» stattfand, nur eine kleine auserlesene Schar.

Das junge Ehepaar empfing seine Gäste in dem mit Blumen dekorierten und im Glanze von vielen Kerzen prangenden Honoratiorensaale. Vier Kellner, schwarzbefrackt, mit Rosen im Knopfloche, waren an der Tür postiert, und verneigten sich alle zugleich, sooft einer der Geladenen eintrat. Der erste, der sich einfand, war Doktor Wenzel mit seiner Frau und seinem erstgeborenen Sohne. Der Familie folgte auf dem Fuße ein magerer Freiherr aus altadeligem Hause, aber sehr herabgekommen in seinen Finanzen, der einstens ein wirklicher Attaché gewesen sein sollte, man wußte nicht bei welcher Gesandtschaft. Er war einer von Regulas hartnäckigsten Freiern, und fühlte sich glücklich, Schimmelreiters Freundschaft errungen zu haben, nachdem er um die Mansuets vergeblich geworben. – Sodann erschienen der ehemalige Direktor von Rondsperg und Herr Professor Bauer, zuletzt die Angehörigen der Braut.

Schimmelreiter ging von einem zum andern, und dankte jedem für die Ehre, die er ihm erwies. Doktor Wenzel sprach angelegentlich mit der Neuvermählten, die vor Gemütsbewegung wie eine Päonie glühte, und lobte den Charakter ihres Mannes, dann begab er sich zu diesem, und lobte die Bescheidenheit und Anmut seiner «bräutlichen Frau».

Der Professor hatte heute seinen schüchternen Tag, drückte sich an die Wände und wich schon von weitem jedem aus, der Miene machte, auf ihn zugehen zu wollen. Manchmal warf er einen sehnsüchtigen Blick nach der Tür, öfter jedoch einen wütenden auf den Freiherrn. Dieser hatte seine schwarzgefärbten Haare in kleine Locken brennen lassen, trug eine weiße Krawatte, und am roten Bande das Kommandeurkreuz des Hausordens einer deutschen Miniaturfürstlichkeit. Er sah ganz erschrecklich vornehm aus, und der schlichte Ludwig Bauer geriet darüber in Verzweiflung.

Um acht Uhr erschien endlich Fräulein Heißenstein, gefolgt von Mansuet und Bozena. Daß auch dieser Zutritt gewährt wurde in die vollkommen distinguierte Gesellschaft, die Schimmelreiter an seinem Ehrentage um sich versammelte, wurde dem Festgeber sehr hoch angerechnet; noch höher aber dem leutseligen Fräulein, das sich herabließ, mit der Magd an einem Tische zu sitzen. Regula wurde ehrfurchtsvoll empfangen und von Schimmelreiter an die Spitze der Tafel geleitet, wo sie zwischen ihm und dem Freiherrn Platz nahm. Ihr gegenüber am unteren Ende des Tisches saß Bozena zwischen Mansuet und Wenzel jun. der ungemein viel aß, besonders Brot, und sooft ihn jemand ansprach, aus Bestürzung darüber einen großen Bissen in den Mund steckte, bevor er den Versuch machte, zu antworten. Die natürliche Folge war ein Erstickungsanfall, den der bescheidene Jüngling in aller Stille zu überwinden suchte.

Dieser oft wiederholte Vorgang, den alle Anwesenden außer den Eltern Wenzel bemerkten, trug nicht wenig zur Erhöhung der allgemeinen Heiterkeit bei. Er wirkte, so unbedeutend er war, befreiend auf die bisher etwas gedrückte Stimmung der Braut. Immer freundlicher gestaltete sich das Fest, es herrschte bei dem größten Anstand die größte Unbefangenheit. Jedermann schien zu denken: da sitze ich im schön geschmückten Saale, an reich gedeckter Tafel, esse die köstlichsten Sachen, bin auf das beste gekleidet, befinde mich in zahlreicher und feiner Gesellschaft, und fühle mich dabei so heimisch, als befände ich mich zu Hause in meiner Stube.

Daß es bei einem Souper, an dem Doktor Wenzel teilnahm, an Trinksprüchen nicht fehlte, braucht wohl nicht erst gesagt zu werden. Es wurde auf das Wohl der Neuvermählten, auf das Wohl Regulas, auf das Wohl des Freiherrn, des Direktors und des Professors getrunken. Schimmelreiter brachte ein Hoch aus auf die Familie seiner geliebten Frau, der Freiherr eines auf die Frauen von Weinberg, der Direktor eines auf Doktor Wenzel und seine Angehörigen, und auf das ganze weibliche Geschlecht. Nun neigte sich das Fräulein zu Schimmelreiter und flüsterte ihm leise einige Worte zu. Er erhob sich wie elektrisiert und sprach:«Eine edle Dame mahnt mich, daß wir bisher noch eines versäumten, das uns ziemt …»

Die Pause, die der Redner hier machte, benützte der Professor, um leuchtenden Auges und mit bewegter Stimme das Zitat zu bringen.

«Willst du genau erfahren, was sich ziemt,
So frage nur bei edlen Frauen an.»

und Schimmelreiter fuhr fort:

«Nämlich auch die treue Dienerin des Hauses Heißenstein, Jungfer Bozena, hoch leben zu lassen. Auf ihr Wohl!» rief er, und dieser Toast fand lebhaften Anklang. Bozena verließ ihren Platz und ging mit dem Glase in der Hand von einem zum andern, um mit ihm anzustoßen. Dies wurde für jeden, der des Gespräches mit seinem Nachbarn satt war, das Signal, gleichfalls aufzustehen. Der Herr Direktor begab sich zu Regula und fragte sofort, ob sie Nachrichten von «seinen Herrschaften» habe. Er bedauerte über die Maßen «seinen lieben Grafen Ronald», nannte Rondsperg einen famosen Besitz … «das heißt hm! – freilich, es könnte alles wieder werden, wenn … ja – wenn!»

Schimmelreiter schlüpfte zu seiner Gattin hinüber und sagte der Verschämten ins Ohr, das Souper sei ausgezeichnet nobel gewesen, dann näherte er sich Mansuet, dem er gestand, er glaube behaupten zu dürfen, seine Kathi habe sich zu der Verbindung mit ihm nicht nur aus Vernunft entschlossen, sondern auch aus Liebe.

In diesem Augenblicke ließ sich im Nebenzimmer ein lauter Wortwechsel vernehmen. Deutlich unterschied man die Rufe: «Zurück!» – «Hier tritt man nicht ein! …» «Geladene Gesellschaft.» Und dazwischen wiederholte eine heisere Stimme unablässig: «Macht Platz! macht Platz, ihr Esel! – Was – geladen! Wüßten sie, daß ich auch da bin, ich wäre auch geladen!» Der Lärm wuchs, dumpfe Schläge fielen – die Tür flog auf … und ein Mann trat ein, den sogar die, die in früheren Zeiten oft mit ihm verkehrt hatten, nicht gleich erkannten.

Es mußten einige Augenblicke vergehen, bevor ihnen zum Bewußtsein kam, daß dieser dicke Geselle mit den schwimmenden Augen, dem roten, aufgedunsenen Gesichte, dem kurzen, keuchenden Atem kein andrer sei als – Bernhard, der ehemals schöne Jäger, Bernhard der Pfau!

Er sah, betroffen über den Anblick der stattlichen Gesellschaft, scheu umher, rückte den Hut ins Genick und sagte, wie um sich selbst Mut zu machen: «Man wird doch seine Bekannten besuchen dürfen, im Wirtshaus?»

«Der Mensch ist berauscht», sagte der Freiherr halblaut.

Regula stieß einen leisen Schreckensruf aus, und die Herren und Frauen eilten zu ihr, um sie zu beruhigen. So stand Bozena, die inzwischen ihre Runde beendet hatte und wieder an ihrem Platze angelangt war, allein dem Eindringling gegenüber, Aug‘ in Auge. Sie stand still – stumm und wie versteinert vor Grauen und Schmerz.

Ihr Leben war eine lange Buße gewesen für eine kurze Verirrung, und nun trat der Mensch, der sie verleitet hatte, vor sie hin, und ihr schien, als sei nichts gesühnt, als stiege ihre entwürdigte Vergangenheit verkörpert aus dem Dunkel des Vergessens und riefe ihr drohend zu: Mich besiegst du nie, ich bin unsterblich, bin unüberwindlich! –

Einen Augenblick zögerte der Jäger, dann ging er frech auf die Schweigende zu und rief: «Bozena! Kennst mich denn nicht mehr?»

Sie senkte finster den Kopf, und er fuhr fort: «Erst heute bin ich angekommen – bin hier wegen des Nachlasses meiner Frau, die gestorben ist – leider. Meine erste Frage war nach dir, natürlich, und wie ich höre, du bist da, lauf ich hinüber zu euch. Dort heißt’s: Beim ‹Grünen Baum›. Nun richtig! … So grüß dich Gott, Bozenka. Und jetzt laß uns plaudern!»

Er hatte, im Gehen etwas schwankend, einen Sessel herbeigeholt und setzte sich an die Seite Bozenas, die, blaß wie man sie niemals gesehen, auf ihren Stuhl gesunken war.

Schimmelreiter hatte indessen mit den Herren geflüstert und schien eine Abrede mit ihnen genommen zu haben. Er näherte sich jetzt und sagte geschäftsmäßig zu dem Jäger: «Alle Anwesenden sind meine Gäste. Dies zur Kenntnis.»

«Potztausend, der Schimmelreiter!» rief Bernhard. «Servus, servus … Alle Anwesenden Ihre Gäste? – Ich auch demnach – bin auch anwesend. Ein Glas her! Schenk ein, altes Tintenfaß!»

Der Sekretär ließ sich nicht beirren, sondern fügte im früheren Tone hinzu: «Weiß mich nicht zu besinnen, daß ich Sie geladen hätte», und dabei machte er rasch nacheinander winkende Bewegungen mit den Händen, als wollte er sagen: Fort! fort! fort!

Bernhard lachte blödsinnig, legte die Arme bis zu den Ellbogen auf den Tisch, rückte näher zu Bozena heran, sah ihr von unten hinauf ins Gesicht und sagte: «Er möcht mich weg haben, der Alte, aber was hilft’s? – Ich gehe nicht, ich bleib bei dir, mein Herzel!»

Nun fuhr Mansuet auf ihn los: «In welchem Tone erlauben Sie sich mit der Jungfer zu reden? » herrschte er ihn giftig an.

«Das ist der Mansuet, glaub ich», rief Bernhard spöttisch. «Bon soir, Herr Mansuet, was kümmert Sie mein Ton? – Wenn ihr», er blinzelte Bozena vertraulich zu, «mein Ton nicht recht ist, wird sie’s schon sagen. Nicht wahr, Bozenka, mein Schatz?»

Mansuet hielt sich nicht länger. «Der Teufel ist dein Schatz, du Trunkenbold!» schrie er, «und nun: fort! Und wenn du die Türe nicht findest, fliegst du zum Fenster hinaus!»

Das Gesicht des Jägers flammte, er rief: «Du Lump! Was geht’s euch an, ihr Lumpe, wie ich spreche mit meiner Geliebten?!»

«Deiner Geliebten?!» wetterte der kleine Kommis und hatte ihn im selben Augenblicke am Kragen und zerrte ihn vom Sessel herab auf den Boden, «deine Geliebte?! … Nimm das zurück, oder ich schlag dich tot, ich schlag dich tot!»

Bernhard tobte wie ein Rasender unter den Fäusten Schimmelreiters, der ihn gepackt hatte und ihm gleichfalls zurief: «Nimm das zurück!»

Er wehrte sich mit allen seinen Kräften und schrie dabei: «Just nicht! Euch zum Trotze nicht! Meine Geliebte, meine Geliebte! Sie war’s!»

Mansuet kannte sich nicht mehr. «Bestie!» kreischte er, riß ein Messer vom Tische und stürzte damit auf Bernhard zu …

Da erfaßte eine eiskalte Hand die seine und entwand ihm das Messer mit einem Rucke … Bozena stand zwischen dem Jäger und seinen Angreifern.

«Laßt ihn», sprach sie, ihre Stimme klang hart wie Metall. «Laßt ihn. Es ist wahr.»

Ein dumpfer Schrei erhob sich. Bernhard stand langsam auf, warf triumphierende Blicke im Zimmer umher und machte Miene, auf Bozena zuzueilen. Doch sie, mit stummer Verzweiflung im Angesichte, mit einer Gebärde unsäglicher Verachtung, wies gebieterisch nach der Tür.

Der Elende blieb erschrocken stehen, murmelte einige unverständliche Worte, zupfte seine Jacke zurecht und gehorchte.

Eine lange Pause folgte, die Männer warfen einander fragende Blicke zu, die Frauen senkten die ihren zur Erde. Frau Doktor Wenzel traten Tränen in die Augen; hätte sie nur dem Rate ihres Herzens folgen dürfen, sie wäre hingetreten zu Bozena und hätte ihr die Hand gedrückt. Der Zweifel jedoch, ob ihr Mann dies billigen würde, hielt sie zurück, und sie sagte nur unwillkürlich: «Arme Bozena!» Schimmelreiter starrte die Heldin des eben erlebten peinlichen Auftritts mit offenem Munde so befremdet an, als sähe er sie heute zum erstenmal. Seine Gattin vernahm, wie er leise vor sich hinsprach: «Darum also … O wie brav!» Der Freiherr wandte sich mit den Worten: «Une maîtresse femme, ma parole d’honneur!» zu Regula. Das Fräulein aber, deren Nase weiß wie Kreide geworden, war eitel Entrüstung und Unwille. «Skandal! – Skandal! – Skandal!» wiederholte sie in einem fort, ließ ihrem Lohnkutscher befehlen vorzufahren und entfernte sich, ohne Abschied von irgend jemandem zu nehmen, mit der Familie Wenzel, der sie Plätze in ihrem Wagen antrug. Ihre bestürzten Verehrer gaben ihr das Geleite.

Bozena stand noch immer wie angewurzelt auf derselben Stelle und schien von allem, was vorging, nichts zu sehen und nichts zu hören.

Mansuet trat zu ihr, berührte ihren Arm und sagte sanft und unaussprechlich traurig: «Kommen Sie!»

Die Unglückliche zuckte zusammen, ein schwerer, schmerzlicher Seufzer hob ihre Brust und gesenkten Hauptes folgte sie ihrem alten Freunde.

Bozena Kapitel 7

14.

Ernst und von langer Dauer war die Unterredung, zu der am nächsten Tage Fräulein Heißenstein Herrn Doktor Wenzel geladen hatte. Es wurde die gewichtige Frage erörtert, ob Bozena nach der gestrigen unerhörten Szene beim «Grünen Baum» im Hause bleiben dürfe.

Eine Person, die ihre eigene Schande in der Wirtsstube ausruft, ist keine passende Umgebung für eine ehrsame junge Dame. Andrerseits ist es auch nicht leicht, Bozena zu entlassen, «weil sie der Familie durch so lange Jahre treu gedient hat», sagt, «weil sie mir sehr nützlich ist», denkt Regula. «Wir haben sie schwer genug vermißt alle die Jahre hindurch.»

«Mein gnädiges Fräulein», meinte nach reiflicher Erwägung der kluge und praktische Doktor Wenzel, «das gestrige Ereignis gehört zu denen, die genau so viel Bedeutung haben, als man ihnen beilegt.»

«Bin ich nicht schuldig, ihm eine große Bedeutung beizulegen?» fragte Regula, «bin ich es nicht mir selbst schuldig? Bestimmt nicht die Strenge, die ich einem Verbrechen gegenüber …»

«Einem Vergehen – einem Vergehen!» berichtigte lächelnd der Advokat.

«Die ich einem schweren Vergehen gegenüber ausübe, meinen eigenen Wert?» fuhr Regula fort, und Wenzel unterbrach sie von neuem und versicherte: «Keineswegs!»

«Was werden die Leute sagen, wenn ich meinen Abscheu vor so offenbarer Schande durch nichts – durch gar nichts betätige? Fällt nicht ein Teil von ihr – es ist ein grauenhafter Gedanke! – auf mich selbst zurück?» entgegnete Fräulein Heißenstein, indem eine Gänsehaut sie überlief.

Wenzel begann ein wenig ungeduldig zu werden, was sich bei ihm durch verdoppelte Freundlichkeit äußerte. Er ergriff Regulas Hand, küßte sie und sprach: «Getrost! … Seien Sie getrost! Es wird niemandem einfallen, Sie verantwortlich zu machen für eine Jugendsünde Ihrer bereits in Jahren stehenden Dienerin. Sie waren vermutlich noch nicht geboren, als jene Sünde begangen wurde», versicherte der Advokat mit einem fast zärtlichen Blicke und stand auf, «das enthebt Sie» – er suchte seinen Hut mit den Augen – «jeder Verantwortlichkeit.»

«Glauben Sie wirklich?» flüsterte Regula.

Der Doktor hatte seinen Hut ergriffen und machte rücklings einige Schritte nach der Tür: «Wirklich!» wiederholte er mit seiner süßesten Stimme, «wirklich und wahrhaftig, Gnädigste. Sie nehmen sich in der ganzen Sache aus – unschuldig wie eine weiße Taube! – Und das arme Ding, die Bozena! – Du guter Gott … Diese Leutchen, das hat andere Ansichten als Sie, engelhaftes Fräulein, über gewisse natürliche Vorgänge …»

«Doktor Wenzel!» rief Regula streng und vorwurfsvoll, «nichts dergleichen in meiner Gegenwart … Ich muß bitten –»

«Befehlen! Befehlen! – Sie müssen immer befehlen», sprach der galante alte Herr, und das Fräulein gestand ihm zu, sie sehe ein, daß er im Grunde recht habe: «Es könnte wohl sein und wäre ziemlich natürlich, daß es für niedere Menschenklassen auch niedrigere Klassen der Moralität gäbe. Zwischen dem Stande einer Person und ihren Affinitäten besteht sicherlich eine große Harmonie. Geburt und Begriffe, Delikatesse, Takt, Gewissen decken einander. Ich glaube das. Ich begreife es sogar – und – wie schon Madame Stael-Holstein sagte: Begreifen heißt verzeihen. Nicht wahr, lieber Doktor?»

Wenzel küßte noch einmal Regulas Hand, dankte ihr für das edle Wort, das sie eben gesprochen hatte, fühlte sich beglückt durch den großmütigen Entschluß, der sich darin äußerte, und schied, wie er sagte, «gehoben und gerührt».

Auf dem Gange traf er Schimmelreiter samt Gattin und Bozena. Die Neuvermählten waren in voller Gala gekommen, um dem Fräulein Heißenstein für die Huld zu danken, die sie ihnen gestern durch ihre Anwesenheit beim Hochzeitsfeste erwiesen hatte.

Unterwegs trafen sie die Magd, und vermochten sich, wie es schien, vom Gespräch mit ihr gar nicht loszureißen. Die kleine dicke Frau Kathi, deren Gesicht bei Tageshelle glänzte, als hätte sie es in Öl gebadet, hielt Bozenas Rechte fest in ihren fetten, mit gestrickten Handschuhen bekleideten Händen. Dabei blickte sie mit dem Ausdruck überströmender Liebe, Begeisterung und Andacht zu der Riesin empor.

Schimmelreiter umkreiste die Gruppe stolz und zärtlich, wie ein Schwan sein Nest, und sagte alle Augenblicke zu Bozena: «Verehrte Freundin!»

Es war also ausgemacht. Bozena blieb, aber ihre Stellung im Hause erlitt eine Veränderung. Der geringste Lohn, den die Tugend für mannigfache Entbehrung ansprechen darf, ist wohl der, die Sünde erinnern zu dürfen an die Unübersteiglichkeit der Kluft, die sie voneinander trennt.

Alsbald ereignete sich etwas Seltsames, man könnte es fast ein Wunder nennen. Das Fräulein verlor ihrer Dienerin gegenüber die Sprache und das Augenlicht. Und wenn Bozena noch so dicht vor ihr stand, und wenn sie ihr ein Glas Wasser darreichte, oder einen Befehl einholen wollte, um die Antwort auf eine eingetroffene Erkundigung bat, gleichviel: das Fräulein war ihr gegenüber mit einer Blindheit geschlagen, vollständiger als die Bileams, und mit einer Stummheit, hartnäckiger als die des Zacharias.

Nach einiger Zeit freilich zeigten sich die üblen Folgen dieses Ignorierungssystems. Trotz des besten Willens, die unausgesprochenen Wünsche ihrer Herrin zu erraten, gelang dies Bozena doch nicht immer, es gab so manches Mißverständnis, und Regula entschloß sich endlich, andere Saiten aufzuziehen.

Zuvor jedoch wollte sie, mußte sie der Verirrten die Augen öffnen, mußte einen Funken ihrer eigenen leuchtenden Moral in die Finsternis werfen, in der die Unselige wandelte.

Das Fräulein ließ Bozena in den roten Salon bescheiden, auf dessen größtem Kanapee sie Platz genommen hatte. Sie fand nach einem Blicke in den Pfeilerspiegel, daß sie sich gut ausnahm in dem stattlichen Raume, der gewöhnlich unbewohnt war und in dem es immer, niemand wußte warum, nach Äpfeln roch.

«Bozena», sprach die Dame zu der Eingetretenen nach einer Pause, in der sie sich vergeblich bemühe, dem erstaunten, aber treuherzigen Blick zu begegnen, den die Magd auf sie richtete, «Bozena, ich war lange Zeit zweifelhaft, ob ich Ihnen noch ferner gestatten soll und darf, bei mir zu bleiben. Ja – sehr zweifelhaft.»

Die Rednerin wartete auf eine Einwendung, als keine erfolgte, fuhr sie fort: «Sie werden wissen warum? … Wissen Sie warum?»

Bozena hatte die Augen gesenkt, ihre Lippen bebten leise, und sie antwortete fast unhörbar: «Ja.»

«Man hat Pflichten gegen sich selbst, Bozena», nahm das Fräulein wieder das Wort, «begreifen Sie das? … Sie begreifen es vielleicht nicht – aber gleichviel. Ich hätte die meinen gegen mich nicht außer acht lassen sollen … und dennoch habe ich es getan, um eine Seele zu retten – die Ihre – begreifen Sie das?»

Das Fräulein hatte sich allmählich in eine giftige und erbitterte Stimmung hineingeredet, die durch Bozenas scheinbare Ruhe, vor allem aber durch ihr Schweigen bedeutend erhöht wurde. Sie murmelte etwas, das wie «Klotz!» klang, und sagte dann laut mit beklommener Stimme, als wäre der Hals ihr zusammengeschnürt: «Wenn ich so viel tue, werden Sie sich wohl bequemen, etwas zu tun, hoff ich, Sie werden – hoffe ich, mein Vertrauen nicht mißbrauchen … Was?» unterbrach sie sich plötzlich selbst, «was haben Sie gesagt?»

«Nichts, gnädiges Fräulein», antwortete Bozena. Dunkelrote Flecken brannten unter ihren Augen, und ihr Busen flog.

Regula wiederholte, mit den Nasenflügeln zitternd: «Nichts? – freilich … Ich muß Sie aber bitten, etwas zu sagen. Ich muß Sie bitten, mir das heilige Versprechen zu geben, daß Ihr Lebenswandel in Zukunft ein – ein –» sie suchte nach einem bezeichnenden Worte, «ein sittsamer sein wird.»

Bozena schwieg.

«Versprechen Sie!» rief das Fräulein, – ihr Atem wurde immer kürzer, immer bissiger der Zug um ihren Mund – «ich fordere Ihr Versprechen, wie gesagt, Ihr heiligstes, daß Sie – daß …»

Regula hielt inne, schluckte einigemal hintereinander und sprach dann, wie entschlossen, trotz allen inneren Widerstrebens den entscheidenden Schlag zu führen: «Daß Sie außer Verbindung bleiben … daß Sie sich nicht wieder einlassen mit Ihrem – Geliebten.»

Das Fräulein warf von der Seite einen raschen Blick nach ihrer Magd. Diese hatte die Hand auf die Brust gedrückt und auf ihrem Angesichte lag der Ausdruck eines Schmerzes, den das Menschenwort nicht ausspricht, jenes Schmerzes, der stumm zum Himmel schreit.

Nein! Nein! … Hätte Regula gewußt, was sie tat, sie hätte es nicht getan, nicht einmal sie, die herzlose Drahtpuppe!

«Fräulein!» rief Bozena, einen Augenblick fassungslos, außer sich. Bald jedoch kehrte ihr die Macht der Selbstüberwindung zurück. Mit gewaltig erzwungener Ruhe in Ton und Haltung, mit einem Klang der Wahrheit, der das eingefleischte Mißtrauen hätte überzeugen müssen, sprach sie: «Es ist alles aus zwischen ihm und mir, seit Jahren aus.»

Sonderbar und unbegreiflich! Regula empfand bei diesen Worten und der Art, in der sie gesprochen wurden, die Beklemmung und das Unbehagen, die in den Seelen engherziger Menschen die Ehrfurcht ersetzen. Von all den weisen Lehren, die sie sich zurecht gelegt hatte, wollte ihr keine mehr einfallen. So blieb ihr denn nichts übrig, als ein Ende zu machen. Und – einige unverständliche Worte murmelnd – entließ sie ihre Magd.

Bozena sorgte dafür, daß die Schranke, welche das Fräulein zwischen sich und ihr aufgerichtet hatte, niemals überschritten wurde. Ihr ganzes Benehmen gegen die Herrin sagte deutlich: Du hüben – ich drüben. Du hast mit mir nichts gemein.

Die Besorgnis jedoch, die Regula vor dem schädigenden Einfluß der Gefallenen empfand, beschränkte sich auf ihre eigene Person; für ihre Nichte schien sie von ihm nichts zu befürchten. Das Kind befand sich, nach wie vor, unter Bozenas Obhut.

Regula war eine eifrige Besucherin des Theaters, und sobald sie sich, von Herrn oder Frau Wenzel geleitet, dahin begeben hatte, erschien Mansuet, um Bozena und Röschen nach seinen Gemächern abzuholen. Der Alte war zu der Überzeugung gelangt, daß der Unterricht, den Professor Bauer dem Kinde erteilte, eigentlich gar kein Unterricht zu nennen war. Und das Mädchen wächst heran, soll etwas lernen, soll auch Begriffe kriegen von Literatur. Er holte alte Hefte herbei, in die er vor Zeiten Gedichte und Lieblingsstellen aus den Werken vaterländischer Autoren eingeschrieben hatte. Und während Bozena nähte und Röschen eine Strickerei in den Händen hielt, die schon ganz grau aussah, aber durchaus nicht wachsen wollte, las er den beiden Damen vor …

Zu den köstlichsten Bissen von Mansuets poetischem Schmaus gehörte: «Herkules am Scheidewege», «Psychens Klagen» und «Amors Klage» von Bergel. «Die ersten Genien der Menschen» (liebenden Eltern geweiht) von Paul Lamatsch von Warnemünde. «Trinklied im Frühling» (nach Höltys Trinklied im Winter).

Das Glas gefüllt!
Kein Nord mehr brüllt – usw.

«Letzter Wunsch» von Charlemont, das so wunderschön begann:

Wenn sie einst naht, die düstre Abschiedsstunde,
Das Aug‘ sich trübt und leise pocht das Herz,
Wenn banges Weh‘ entschwebt dem starren Munde
Und jede Lust verdrungen hat der Schmerz; … usw.

Oder gar: «Der Berggeist des weißen Gebirges», Röschens Lieblingsballade, bei welcher ihr so köstlich gruselte, und bei deren letzten Strophen ihr kleines Herz so laut pochte! – Sie rückte jedesmal ganz dicht an Bozenas Seite, wenn Mansuet las:

«Und die Sonne blutig scheidend,
Sinket in der Berge Schoß,
Und von wilden Peitschenschlägen
Widerhallt das ganze Schloß.
Da erbraust’s wie Sturmestoben,
Rings erregend Angst und Graus,
Von vier Rossen fortgezogen,
Fährt der Geist zum Schloß hinaus!»

Hieß es dann dem alten Freunde eine Freude machen, so deklamierte Röschen in voller Begeisterung und mit merkwürdigem Tonfalle «Österreichs Thermopylen» (1809) von Charlemont. Wie glühten dabei ihre Wangen, wie glänzten die Tränen in seinen Augen! Wie befriedigend endete nach einem solchen Hochgenuß der Tag für den Greis und für das Kind!

Andere Male wieder wurde der historischen Überlieferung ihr Recht. Mansuet machte sein kleines Auditorium mit der ereignisreichen Geschichte der Kostka von Postupitz bekannt. Er erzählte, um in Röschen die Liebe zu den Wissenschaften zu wecken und ihr einen Begriff zu geben von den Ehren, zu denen man durch sie gelangen könne, von Johanna von Boskowitz, der berühmten Äbtissin des Zisterzienserinnenstiftes Maria Saal in Altbrünn. Im sechzehnten Jahrhundert lebte sie und war so gelehrt, daß ihr die Philologen Opat und Kzel ihre Übersetzung des Neuen Testamentes widmeten. Auch Nachrichten aus dem Leben des großen Kremsierers Johannes Benedikti, des weisen Bertholdus de Wischaw und des Meistersängers Bliczkowsky, wußte Mansuet mitzuteilen. Ereignete es sich, daß Röschen dabei ein klein wenig schläfrig wurde, so beeilte sich der Alte, etwas Lustigeres vorzubringen. Mit einem Sprunge versetzte er sich in das königlich städtische Nationaltheater zu Brünn, und zauberte «die Fee aus Frankreich», «die Grafen Mombelli», oder «den schwarzen Wundermann» herbei, um seinen Liebling zu ermuntern.

Es waren köstliche Abende, diese bei Mansuet, am schönsten aber wurden sie, wenn Bozena das Wort ergriff. So wie Bozena, meinte Röschen, könne niemand sprechen, denn sie sprach ihr von ihren Eltern. Und auch Mansuet hörte sich niemals satt an ihren Mitteilungen über das geliebte Paar.

«Sagen Sie mir nur», fragte der Alte, «wie war das, als der Herr Leutnant fort mußte ins Feld?»

«Wie ich schon oft erzählt habe: traurig war’s», erwiderte Bozena. «Der Doktor hat es dem Leutnant schon gesagt gehabt: Sie muß sterben, und ich hab es von selbst gewußt … Der Herr Leutnant hat sich beim Abschied sehr zusammengenommen.»

«Freilich, ein Soldat!» murmelte Mansuet.

«Er hat sie sanft geküßt und nur gesagt: ‹Leb wohl und schone dich.› Sie hat ihm auch das Herz nicht schwer machen wollen und von nichts gesprochen als vom Wiedersehen. In ihm war alles wie eingefroren. Doch als er gehen will, streckt sie auf einmal die Arme nach ihm aus und da verliert er seine Fassung.»

Bozena hielt inne, machte eine Bewegung mit der Hand, als ob sie etwas von sich abwehren wollte und fuhr aufatmend fort: «Ich meinte schon, sie könne ihn nimmermehr lassen, er könne sich nimmermehr losreißen … Sie waren wie die Kinder. Ach – so jung – so schön – so gut – und beide nur einen Schritt vom Grabe!»

Röschen hatte ihren Kopf in Bozenas Schoß gelegt, jetzt erhob sie ihn und sagte mit seligem Lächeln: «So gut waren sie, Bozena?»

«Und dann?» fragte Mansuet.

«Dann nichts mehr. Diese da – die Magd streichelte das Gesicht des Kindes – hat er auf den Arm genommen und sie zärtlich geküßt …»

«Weil er mich so liebgehabt hat!» warf das Kind voll stolzer Zuversicht ein.

«Und sie mir zurückgegeben», schloß die Erzählerin, «und gesagt: ‹Bozena – du wirst sorgen!›»

Ein langes Schweigen trat ein. Röschen schien eingeschlummert. Plötzlich aber öffnete sie die schlaftrunkenen Augen und sprach, zu Bozena emporblickend: «Bei der Hochzeit meiner Eltern warst du gewiß Brautjungfer!»

Mansuet und Bozena tauschten einen raschen Blick; der seine hatte den Ausdruck der Bestürzung, der ihre war finster und verwirrt.

«Nicht wahr?» lallte Röschen mit schwerer Zunge und senkte die müden Lider.

Bozena beugte sich über sie: «Nein, Kind – nein.»

«Warum nicht?»

«Es hätte sich nicht geschickt.»

Das Kind hauchte leise ein zweites «Warum?» und schlief schon fest, als es kaum ausgesprochen war.

«O Herr Mansuet!» begann Bozena nach einer Weile und öffnete dem Getreuen zum erstenmal ihr verschlossenes Herz. – «In der Nacht meine ich oft, die Worte meines Herrn zu hören: ‹Bozena, du wirst sorgen.› Damals, wie er sie gesprochen hat, da habe ich nur gedacht: natürlich. – Und jetzt sind mir die Hände gebunden, jetzt ist alles verloren, ich kann für niemand mehr sorgen, keinem mehr helfen, denn ich bin – verachtet!»

«Sie?» rief Mansuet.

«Ja, ja, ich bin’s! Wenn eines noch so hart ist gegen sich selbst – das fühlt’s doch! … Ich hab das Unglück der Mutter auf dem Gewissen und das Unglück des Kindes dazu! … Ich kann nichts mehr tun für das Kind …»

«Was wollten Sie denn tun, Bozena?»

«Ihm helfen zu seinem Recht – was sonst?»

«Wie? … Dem Fräulein zum Trotz …»

«Nicht ihr zum Trotz! Mit ihrem Willen. Ich hätt’s von ihr erlangt … Noch ein paar Jahre, Herr Mansuet, und was ich ihr geraten hätt, das hätte sie getan. Glauben Sie’s oder nicht – noch ein paar Jahre und geführt hätt ich sie an einem Haar! … Gott straft mich schwer – ich bin hilflos und gebrochen und werde zu dem Kinde meiner Rosa niemals sagen können an der Schwelle des Vaterhauses: Tritt ein, du bist daheim.»

Mansuet betrachtete sie staunend. Das also hatte sie sich zugetraut? Darum also die schweigende Unterwerfung, der widerspruchlose Gehorsam, die stündliche Selbstverleugnung? … Das alles war bewußt gewollt – und war die Frucht ihrer großen Liebe und ihrer großen Reue.

Nein, denkt er, die Bozena lernt man nicht aus.

Der alte Mansuet drückt die Hand an seine Stirn und spricht: «Wer weiß! … Wer weiß! …»

Bozena Kapitel 8

15.

Jahr um Jahr verging. Röschen wuchs heran, körperlich und geistig gar seltsam ausstaffiert – mit Regulas abgelegten Kleidern, mit Mansuets wunderlichem Wissenskrame. Die ärmste Genossin eines reichen Hauses, besaß sie nichts zu eigen; als Kind auch nicht ein Spielzeug, später keine von all den kleinen Herrlichkeiten, die, so wertlos und so wert gehalten, ein Mädchenzimmer schmücken und ein Mädchenherz erfreuen.

Mansuet sparte wie ein Hamster: «Für ihre Zukunft.» Jetzt, meinte er, brauche sie nichts. Und Bozena gab ihm von ganzem Herzen recht. «Man tut ihr nichts Gutes. Sie soll sich nur gewöhnen zu entbehren.» Aber Röschen entbehrte nichts, weil sie niemals etwas besessen hatte und weil ihr jede Gelegenheit zum Vergleiche mit andern fehlte. Sie hatte nur eine Sehnsucht und auch diese halb unbewußt: die Sehnsucht nach mehr Luft, mehr Sonnenschein, als sie im düstern Hause genoß.

Bozena fand nie Zeit, sie spazieren zu führen, und Mansuet konnte sich nachgerade nicht mehr entschließen, seine Stube zu verlassen. Er wurde sehr alt und etwas geschwätzig, und wiederholte täglich dieselben Späße. Das Fräulein konnte nicht im Seidenkleide vorüberrauschen, ohne daß er sang: «Das Schiff streicht durch die Wellen: Fidolin! Fidolin!» – Schimmelreiter nicht über den Platz schreiten, ohne daß Mansuet deklamierte: «Guter Mond, du gehst so stille» usw.

Der Sekretär hingegen blühte wie ein Jüngling. Er war unbeschreiblich glücklich mit seiner Kathi und sang ihr Lob vor jedem, der es hören, und vor jedem, der es nicht hören wollte.

Fräulein Regula veränderte sich wenig; nur die Haut ihres Gesichtes wurde etwas gespannter, nur ihre Zähne wurden noch etwas länger. Wenn auch die Zahl ihrer Jahre zunahm, die Zahl ihrer Verehrer nahm nicht ab, denn der Reichtum, besonders wenn er in stetem Wachsen begriffen ist, erhält immer jung.

Die Stadt Weinberg hatte indessen teilgenommen an den Segnungen des aufblühenden Verkehrs. Seitdem ein stattlicher Bahnhof sich dicht vor den Anlagen erhob, seitdem der Eisenstrang die Stadt im Halbbogen umkreiste, seitdem Telegraphendrähte Nachrichten aus allen Richtungen der Windrose über die Köpfe der guten Weinberger hinübertrugen, war ein gewaltiger Andrang von fremden Zuzüglern entstanden, von unternehmenden Leuten, die ihr Glück versuchen wollten in der im Aufschwunge begriffenen Stadt. Neue Häuser wuchsen wie Pilze aus dem Boden, Regula hatte drei bauen lassen und im Gemeinderat wurde der Beschluß gefaßt, die Gasse, in der sie sich – weiß und glatt wie ungeheure Bogen Papiers – erhoben: Heißensteingasse zu nennen.

Sooft Regula an diesen ihren Schöpfungen vorbeiging, tat es ihr jedesmal leid, daß die Pietät ihr verbot, in einer derselben ihren Wohnsitz aufzuschlagen. Wie stimmten die scharfen Ecken, die geraden Stiegen, die getünchten Gänge dieser Bauwerke mit ihrem Geschmacke überein! Im alten Hause hatte sie sich gefürchtet von Kindheit an. Es knisterte so seltsam in seinem Holzgetäfel, es war immer etwas laut in den Dielen, in den Decken. – Als hätten die grauen Wände von dem Leben der Menschen, dessen jahrhundertelange Zeugen sie waren, einiges in sich gesogen, vernahm man darin jene geheimnisvollen Stimmen des Leblosen, welche die bang lauschende Seele mit leisem Grauen erfüllen.

Aber wie gern sie es auch getan hätte, Regula verließ das Haus ihrer Väter doch nicht; die Leute hätten sie vielleicht deshalb tadeln, sie für frivol oder pietätlos halten können.

Übrigens, was dereinst geschieht, kann niemand wissen; vorläufig ist sie entschlossen, aus dem Familienhause erst zu scheiden – als verheiratete Frau. Daß der Augenblick, in dem sie eine solche werden sollte, sehr nahe bevorstehe, versichern der Direktor und der Sekretär auf das bestimmteste. Dem Grafen Ronald liefe, wie man zu sagen pflegt, das Wasser bereits in den Mund, erklärte der erste, er wisse nicht mehr wo aus noch ein; die größte Wohltat würde ihm der erweisen, der ihn aufmerksam machte, wie nah die schönste Rettung liegt. Schimmelreiter fragte ihn, ob er sich nicht selbst dieses Verdienst erwerben wolle? …

Aber der Direktor bemerkte mit Feinheit, einen solchen Eingriff in ihre Rechte dürfte ihm die Freifrau von Waffenau übelnehmen.

Der Verkehr zwischen Regula und jener vielbeschäftigten Dame war nicht besonders lebhaft. Man sah einander zweimal im Jahre. Im Frühling machte das Fräulein einen Besuch in Halluschka, im Spätsommer erwiderte ihn die Baronin. Da kam sie mit ihrem Manne und mit zweien ihrer Söhne – sie hatte deren sechs – nach Weinberg. Alljährlich wurden nämlich ein paar andere dieser Jünglinge auf das Gymnasium geführt, um dort ihre Maturitätsprüfung zu machen. Sie fielen regelmäßig durch. Die Freifrau sagte: «Ei, ei, welche Schande!»

Der Freiherr sagte: «Zum Gelehrten muß man halt geboren sein –», die Weinberger wiederholten ihren alten Witz, der Baron Waffenau sei mit vier Pferden nach Weinberg gekommen und mit zwei Eseln abgefahren – und alles war gut.

Die Stunden, die der Vater mit seinen Söhnen in dem Tempel der Wissenschaften zubrachte, benützte die Mutter, um ihre Vorräte an Zucker und Kaffee einzukaufen und einen Besuch bei Regula abzustatten. Die Baronin war eine mittelgroße Frau mit feinen Zügen, mit dunklen, immer noch feurigen Augen und Leberflecken auf dem Gesichte; eine unvergleichliche Hausfrau und Gattin, und eine schwache Mutter. Sie war einst sehr schön gewesen, hatte aber keinen Wert darauf gelegt. Die Sorgen für ihren eigenen Herd nahmen sie völlig in Anspruch; fremdes Elend fand, soweit ihre beschränkten Mittel es erlaubten, bei ihr Hilfe, aber kein Mitleid, nie war über ihre Lippen ein anderes Trostwort gekommen als: «Es ist einmal so», und – je nachdem es paßte: «Sie sind selbst schuld», oder «Wer kann dafür?» Gar nicht zu begreifen, ja völlig unnatürlich schien es ihr, daß eine Frau sich für anderes lebhaft interessieren könne, als für ihren Mann, ihre Kinder und ihren Haushalt. Sogar ihren Eltern hatte sie sich allmählich entfremdet. Von Rondsperg sprach sie nur, um zu sagen, daß sich dort alles wohl befinde. Wenn Regula sich die Bemerkung erlaubte, sie habe gehört, «Frau Gräfin Mutter» seien unwohl gewesen, antwortete sie: «Meine Mutter hat eben wieder einen ihrer gewöhnlichen Anfälle von Schwäche gehabt. Das hat nichts zu bedeuten.»

Und im stillen dachte sie. «Was kümmert’s dich, neugierige alte Jungfer!»

Einige Tage nach dem Gespräche zwischen Schimmelreiter und dem Direktor kam die Baronin, diesmal zweispännig und allein beim «Grünen Baum» angefahren. Sie ließ dort ihre Equipage einstellen, trug dem Kutscher auf, sich nicht zu betrinken, die Pferde gut zu versorgen und für drei Uhr nachmittags alles zur Abfahrt bereit zu halten. Sodann begab sie sich zu Fuße nach dem Heißensteinschen Hause.

Als sie bei dem Fräulein eintrat, befand sich die Baronin in großer Aufregung, und gab sich keine Mühe, sie zu verbergen.

Sie wisse wohl längst, sagte sie gleich nach den ersten Begrüßen zu Regula, und es sei ja ein öffentliches Geheimnis, daß die pekuniären Verhältnisse ihrer Eltern nichts weniger als glänzend sind. Dennoch habe die Mitteilung, die Ronald ihr gestern gemacht, sie traurig überrascht –: Rondsperg muß verkauft werden, und zwar so bald als möglich, es gibt kein Mittel, der Familie das Gut zu erhalten.

Regula neigte ihr Haupt und sprach: «Das ist ja schrecklich.»

«Wohl!» rief die Baronin, und ihre Stimme verriet eine tiefe Erschütterung –» besonders wenn man an unsere alten Eltern denkt … Aber – was ist zu tun? Sie glauben mir, liebe Regula, wenn ich Ihnen sage, daß ich nicht gekommen bin, Ihnen vorzuklagen.»

Regula versicherte, sie sei davon überzeugt, und die Baronin fuhr fort: «Sondern vielmehr, um Ihnen einen Vorschlag zu machen, zu dem die Lage der Dinge meinen Bruder zwingt: Wollen Sie Rondsperg kaufen, liebe Regula?»

Das Gesicht des Fräuleins leuchtete auf im Triumph glücklich erfüllter Erwartung, und die Baronin beeilte sich hinzuzusetzen: «Nämlich – unter einer Bedingung!»

Hastig fiel ihr Regula ins Wort und meinte, bevor von Bedingungen die Rede sein könne, müßte man ihr Zeit lassen, den so unerwarteten Antrag in reifliche Erwägung zu ziehen. Noch wisse sie nicht, ob sie überhaupt imstande sei, darauf einzugehen.

«Ei!» dachte die Baronin, «willst du uns zappeln lassen – willst du uns in der Kühlwanne halten, mein Schatz?» und sagte mit einem scharfen Blicke und mit ganz verändertem Tone: «Das versteht sich von selbst, einen solchen Entschluß faßt man nicht von heut auf morgen. Und jetzt sagen Sie mir – wo kaufen Sie Ihren Kaffee? Ich war mit meinem letzten Gold-Java äußerst unzufrieden!»

Die Baronin erwähnte der Angelegenheit, die sie nach Weinberg geführt hatte, mit keinem Worte mehr, aber Regula kam darauf zurück. Dies geschah auf dem Wege zum Gasthofe, wohin sie die Baronin begleitete. Beide Damen traten nun aus ihrer Reserve und verständigten sich bald so weit, daß die Baronin sagen konnte, ihr Bruder werde in den nächsten Tagen kommen, um mit Regula zu sprechen. Das Fräulein erwiderte, es werde sie freuen, obwohl sie «eigentlich» Herrenbesuche nicht empfange. Die Freifrau blieb voll Verwunderung stehen und wollte in ihrer Aufrichtigkeit schon ausrufen: «Tun Sie’s getrost!» Aber sie besann sich; Regulas Miene und affektierte Befangenheit machten einen befremdenden Eindruck auf sie. Wie ein Blitz durchzuckte sie der Gedanke: Die Weinhändlerin hält sich für gefährlich! – und forschend betrachtete sie das gelbe Fräulein … Ihr Reichtum hat vielleicht doch schon einen oder den andern in Versuchung geführt. Ja, ja, Geld beherrscht die Welt. Wäre sie nur nicht gar so reizlos – die einfachste Lösung all der Verlegenheiten läge nahe. Der arme Ronald darf im Grunde weniger Ansprüche machen als sie, und ein Ertrinkender greift sogar nach einer – Regula.

Schweigend erreichte man das Tor des Gasthofes. Der Wagen der Baronin war bereits angespannt, sie bezahlte ihre Rechnung, wechselte einige Worte mit dem Wirte und wandte sich Abschied nehmend zu Regula, der sie beide Hände entgegenstreckte. Das Fräulein legte die Fingerspitzen hinein: die leichte, aber nicht erlernbare Kunst, einem Menschen warm und herzlich die Hand zu drücken, verstand sie nicht.

«Montag also kommt Ronald», sprach die Baronin. Helle Tränen standen ihr in den Augen, als sie davonfuhr. Seit der Todeskrankheit ihres ältesten Sohnes hatte sie nicht mehr geweint. «Armer Ronald!» seufzte sie «das Elend, nicht das deine – das trügest du – aber das Elend deiner Eltern, oder – diese Frau! – Armer Ronald – welche Wahl!»

Ihr schwesterliches Herz, das lange geschlafen hatte, war plötzlich erwacht.

*

Die Zeit, die so vieles vollbringt, hatte dem Professor Bauer im Hause Regulas die Stellung eines Hausfreundes gesichert, das heißt, er brauchte sich nicht mehr immer mißhandeln zu lassen, er durfte manchmal selbst mißhandeln. Die schüchternen Tage kamen bei ihm seltener, um so häufiger die melancholischen und die rabiaten. Er quälte Regula oft mit seiner Eifersucht. Sie jedoch hatte sich an seine bärbeißige Anbetung gewöhnt und hätte sie nicht mehr entbehren mögen. Es ist doch sehr schmeichelhaft, einen Menschen nach Willkür froh oder traurig zu machen, sein Herz stellen zu können wie eine Uhr, zu wissen: diese Anhänglichkeit ist wie ein gutes Gewehr, sie versagt nie.

Der Professor schmollte, zürnte, verlor tausendmal die Geduld, aber er fand sie immer wieder, denn er liebte und war treu. Zur Verzweiflung brachte ihn Regula, wenn sie ihm ihre Freundschaft anbot und sagte, sie wolle leben und sterben wie ihre Ideale: die Königinnen Elisabeth von England und Christine von Schweden. Der Professor schüttelte grimmig sein Haupt und erinnerte an die Grafen Essex und Monaldeschi. Das Fräulein wurde ernstlich böse und erklärte diese beiden Herren für Lügen der Geschichte. Hierauf entbrannte regelmäßig ein heißer Kampf; Ludwig Bauer schleppte alle möglichen Geschichtswerke herbei, die Zeugnis für die in Frage gestellten Existenzen ablegen sollten. Regula wies die Zumutung von sich, dergleichen zu lesen; man schied voll gegenseitigen Unwillens, und es war vorgekommen, daß Professor Bauer sich durch volle drei Tage im alten Hause nicht blicken ließ, wegen der Grafen Essex und Monaldeschi.

Als er von dem bevorstehenden Besuche des Grafen Ronald hörte, geriet er in große Unruhe.

Er fragte so lange: «Was will er? Was hat er hier zu suchen?» bis Regula abweisend sprach: «Vous m’ennuyez, cher Professeur!»

Die Vorbereitungen, die zu dem Empfange des seltenen Gastes getroffen wurden, schmerzten den täglichen auf das tiefste. Er ging, wie er pflegte, wenn ihm das Herz gar zu schwer war, zu Bozena und sprach: «Ich bitte Sie – was fällt ihr ein? Jetzt wird das Silbergeschirr auf der Kredenz aufgestellt … Eben bin ich dem Hausknecht begegnet, der Teppiche aus dem Keller herauftrug … Und die Überzüge werden von den Kronleuchtern herabgenommen … Hat man je dergleichen gesehen? … Was soll das alles heißen, sagen Sie mir um Gottes willen?!»

Regula wußte sehr gut, daß der Professor bei Bozena über sie klagen ging, aber das kümmerte sie gar nicht, obwohl es ihr sonst schrecklich war, wenn auch nur eine Grille etwas anderes zirpte als ihr Lob. Sie war überzeugt, diese Klagen spricht die Liebe, und die Verschwiegenheit hört sie an; sie sterben innerhalb der vier Mauern der Stube Bozenas. Bei der ist ihre Herrin in guten Händen, niemals wird die Dankbarkeit dieses Weibes gegen sie erlöschen. Bozena würde sich lieber die Zunge abbeißen, als ein Wort des Tadels gegen sie aussprechen, eher zu Grunde gehen, als nicken, wenn jemand ein ungünstiges Urteil über sie fällt: Regula hatte ihre Verläßlichkeit hundertmal erprobt.

*

Der Tag, an dem Graf Ronald in Weinberg eintreffen sollte, erschien, und Fräulein «von» Heißenstein, wie die Höflichkeit ihrer Mitbürger sie nannte, empfing zur festgesetzten Stunde ihren Gast im roten Salon.

«Sehr willkommen, Graf Rondsperg», sprach sie, und verfertigte eine ihrer vortrefflichen Verbeugungen, durch welche sie Ehrfurcht vor dem Begrüßten und Selbstgefühl, gemildert durch mädchenhafte Bescheidenheit, auszudrücken wußte.

«Wie schön er geworden ist!» dachte sie dabei fast bestürzt, und lud ihn mit einer steifen Bewegung zum Sitzen ein.

In der Tat, er hatte sich in den Jahren völliger männlicher Reife gar herrlich entwickelt. Noch lag der Hauch der Jugend auf seinem Angesichte, aber aus seinem ganzen Wesen sprach energische Entschlossenheit und die Ruhe selbstbewußter Kraft.

Vollkommene Unbefangenheit vermag in vielen Fällen auch die erfahrenste Weltläufigkeit zu ersetzen. Unbeirrt durch Regulas Zierereien, verstand es der einfache Ronald, das Gespräch allmählich auf das zu lenken, was ihm so wichtig und so schmerzlich war: auf die Ursachen, die ihn zwangen, sich seines Gutes zu entäußern. Sodann setzte er dem Fräulein die Vor- und Nachteile auseinander, die ihr aus der Erwerbung Rondspergs erwachsen würden. Er wies ihr nach, wie die für den Kauf verwendete Summe sich erst in Jahren, dann aber sicher und reichlich verzinsen würde.

Regula war ihm mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt.

«Erlauben Sie!» fiel sie ihm jetzt in das Wort, «wenn ich die beiden, nach Ihrer Angabe zur Entlastung und Instruierung Rondspergs erforderlichen Summen addiere, so ergibt sich der Preis, den Sie für das Gut fordern. Gesetzt, ich schlösse den Kauf, was bliebe dann Ihnen?»

«Nichts», sagte Ronald mit großer Gelassenheit, «aber glauben Sie nicht, daß ich Ihnen Rondsperg ohne Ursache so wohlfeil überließe. Meine Uneigennützigkeit ist eine scheinbare. Man muß dem allzu billigen Verkäufer mißtrauen, er beabsichtigt vielleicht, sich bezahlt zu machen durch – Unbezahlbares.»

Regula war im Begriffe auszurufen: «Zu rasch! Das kommt zu rasch!» als ein verstohlener Blick auf Ronald sie veranlaßte, diese Worte vorläufig noch zu unterdrücken. Auf seinen Lippen schwebte ein trauriges Lächeln, das sie befremdete. Sie schwieg und war in Verlegenheit, und hatte sonderbarerweise den Wunsch, noch verlegener werden zu müssen.

Ronald fuhr fort: «Sehen Sie, verehrtes Fräulein, als mir mein Vater vor sechs Jahren Rondsperg übergab, tat er’s im Glauben, damit ein unschätzbares Geschenk zu machen, und als ein solches nahm ich es an. Hätte ich dem alten Mann sagen sollen: ‹Du gibst, was dir kaum mehr gehört, dein Eigentum ist dir unter den Händen zerronnen. Dein Geschenk ist eine Last; bürde sie mir nicht auf.›»

«Konflikt der Pflichten» murmelte Regula und bemühte sich, einen tiefsinnigen Ausdruck anzunehmen.

«Auch Sie haben Ihren Vater geliebt!» rief Ronald treuherzig, «hätten Sie vermocht, ihn aus einer beglückenden Täuschung zu reißen? … Einen Greis, der in seinen Anschauungen befangen, die Wahrheit kaum mehr zu fassen vermöchte, oder wenn er es vermöchte, unter ihrer Wucht zusammenbräche?»

Regula schlug die Augen nieder und seufzte: «Was ist Wahrheit?»

Ronald hatte sich nicht unterbrechen lassen, er sprach weiter: «Nein, dacht ich, bleib in deinem Wahn und sinke sanft von ihm gewiegt in den Schoß der ewigen Ruhe, dem du so nahe stehst … Ich meinte es durchsetzen und ihm Rondsperg noch erhalten zu können bis an sein Ende – ich habe mich getäuscht. Es ist unmöglich, das Gut zu behaupten, ohne meine Schwestern, ohne Menschen, die uns Vertrauen geschenkt haben, zu benachteiligen … So suche ich denn einen Käufer für Rondsperg, und da ich einen edlen Käufer brauche, bin ich gekommen, um es Ihnen anzubieten.»

«Edel muß seine Gattin sein», sagte Regula bei sich. Sie zog ihr Taschentuch hervor, um nur irgend etwas zu tun; sie richtete ihren Blick auf das schön gestickte R. H. in der Ecke desselben, und sah im Geiste eine Grafenkrone sich neunzackig darüber erheben.

Ronald schien eine Antwort zu erwarten, ein Zeichen der Aufmunterung, und Regula fragte endlich: «Inwiefern brauchen Sie ihn edel?»

«Weil ich ihm zumute», erwiderte Ronald, «einen Besitz zu erwerben, den er nicht antreten dürfte, solange meine Eltern leben. Mein Vorschlag lautet: Sie kaufen Rondsperg, lassen aber den Kaufvertrag ein Geheimnis bleiben zwischen uns und den von uns bestellten Zeugen. Ich verwalte vorläufig den Besitz für Sie und übergebe Ihnen dereinst, statt des verwahrlosten, ein wohlgeordnetes Gut … Sie werden nicht viele Jahre warten … Ich würde Ihnen ein treuer Verweser sein – es gibt nichts, das ich nicht für die tun möchte, der meine Eltern es verdanken, daß sie sterben dürfen auf ihrer heimatlichen Scholle.»

Regula fragte sich, ob diese letzten Worte nicht beinahe ein Eheversprechen enthielten – wenn man es so nehmen wollte? Sie sann und sann. Ganz so, wie sie sich’s gedacht, war die Sache nicht gekommen. Eigentlich schlug ihr der Graf einen guten Handel vor – unter einer sentimentalen Bedingung. Das letztere tut er im Vertrauen auf den Ruf, den sie genießt. Regula überlegt, daß ihr Ruf von Edelmut und Seelengröße sie schon manchen Gulden gekostet hat. Diesmal trägt er etwas ein – viel sogar. Es ist ein Zukunftskauf, der ihr angeboten wird, aber ein glänzender. Sie kennt Rondsperg durch den Direktor so genau! … Nur ist ihr mit dem Kauf allein nicht gedient – als Gräfin von Rondsperg gedenkt sie dort zu residieren. Ronald sieht sie fragend an, wäre jetzt nicht der Moment gekommen, für sie – die Hand auszustrecken, für ihn – die großmütig zu ergreifen?

«Was sagen Sie, mein Fräulein?» spricht er.

«Ich sage – ja», lispelt sie und reicht ihm die zitternde Rechte.

Er erfaßt und drückt sie herzhaft: «Ich danke Ihnen!»

Eine Pause tritt ein. Sein Haupt neigt sich leise. Nun erhebt es sich wieder, und er fährt in entschlossenem Tone fort: «Die gemütliche Seite unserer Angelegenheit wäre abgetan; die geschäftliche kommt an die Reihe.»

«Schon abgetan?» ruft Regula unwillkürlich.

Ronald betrachtete sie erstaunt, und sie schoß bestürzte Blicke umher, denen es nur darum zu tun war, dem seinen auszuweichen. Wahrlich, sie haßte ihn grimmig in diesem Augenblick!

Sie fragt sich: Hat mich dieser Graf zum besten? Verbirgt sich Hohn hinter seiner scheinbaren Offenheit? Sie sinnt bereits auf Rache, aber vor allem muß ihre Verwirrung ihm verborgen werden. Regula lächelt sauersüß und spricht: «Das Geschäftliche bitte ich abzumachen mit meinem Rechtsfreunde, Doktor Wenzel.»

«Er ist auch der meine», erwiderte Ronald, «und wenn Sie erlauben, will ich sogleich zu ihm.»

«Sie träfen ihn vermutlich auf dem Wege hierher, er wird mit uns speisen.»

«Um so besser, wenn ich mich mit ihm in Ihrer Gegenwart besprechen darf. Und wann gedenken Sie nach Rondsperg zu kommen, mein Fräulein?»

«Was soll ich dort?»

«Es kennen lernen. Sie müssen Rondsperg gesehen haben, bevor Sie es kaufen; darauf bestehe ich.»

Er fuhr mit der Hand über seine Stirn und setzte nach kurzem Schweigen hinzu: «Sie werden über die Verwahrlosung erschrecken, die Ihnen dort auf Schritt und Tritt begegnet. Ich wäre nicht gern Zeuge Ihrer ersten unangenehmen Überraschung. Gestatten Sie mir, einige Tage nach Ihnen einzutreffen, um Sie in Ihrem neuen Eigentume zu begrüßen.»

Regula horchte auf. Alle ihre entschwundenen Hoffnungen kehrten im Fluge zurück. Vielleicht zögert er nur noch zu sprechen; er kann es ja kaum tun, ehe sie ihren künftigen Wohnsitz sieht und sich mit ihm zufrieden erklärt.

Und Regula flüstert schüchtern: «Unter welchem Vorwande könnte ich erscheinen?»

«Es bedarf keines Vorwandes. Sie werden eine Einladung von meiner Mutter erhalten. Meine Mutter kennt unsere Lage genau!» Ronald sprach rasch und mit einer Ergriffenheit, deren völlig Herr zu werden er nicht vermochte. «Obwohl sie sich nicht darüber ausgesprochen hat, weiß sie, weshalb ich hier bin. Was meinen Vater betrifft, so war es längst sein Wunsch, Sie nach Rondsperg zu bitten. Wir hielten ihn davon ab, meine Mutter und ich. Der Unterschied zwischen der Gastfreundschaft, die wir einst in Ihrem Hause genossen, und der, die wir Ihnen zu bieten haben, wäre zu groß gewesen.»

«O Herr Graf!» sprach Regula geschmeichelt, «kein Wort weiter. Ich komme, sobald die Frau Gräfin mich dazu auffordert. Es sei mir jedoch gestattet, meine kleine Nichte und eine Dienerin mitzubringen … denn so ganz allein – das könnte auffallen … Meinen Sie nicht auch?»

Sie war in heiterster Laune. Als ihre Tischgäste, Doktor Wenzel, Professor Bauer und der Direktor eintraten, hatten ihre Wangen ein belebtes Gelb, das den Professor entzückte. Niemals war sie ihm angenehmer und wie er sagte «bedeutender» erschienen, ihre Augen strahlten förmlich vor Klugheit und sie sprach gescheite Sachen. Oh, wie haßte er den Reichtum, der sie unabhängig und zugleich für so viele begehrenswert machte! Er hätte ihre Häuser verbrennen, in ihren Geldschrank einbrechen und seinen Inhalt in alle Winde streuen mögen. Er war überzeugt, daß sie füreinander geboren waren, und daß nichts zwischen ihnen stand, als dieser abscheuliche Reichtum. Wenn Regula zuzeiten gnädig sagte: «Ja, mein Freund, ich ermesse die Tiefe der Neigung, die Sie mir weihen», wähnte er sich dem Inbegriff aller Seligkeiten näher. Ludwig Bauer glich der Kohle, die sich in einen Eisblock verliebte, und meinte, der weine vor innerer Rührung, weil ihre Nähe ihn tauen machte.

Das Diner fiel vortrefflich aus. Der Tisch war tadellos gedeckt, ein Bedienter in einfacher, gar nicht geschmackloser Livree servierte behend und geräuschlos die feinen Gerichte, die milden und feurigen Weine. «Echter Heißensteiner!» rief der Direktor nach jedem Trunke begeistert aus.

Die Herren machten der Mahlzeit alle Ehre – den Professor ausgenommen, der sich sonst eines guten Appetits erfreute, aber heute nicht essen konnte. Er verschlang nur Ronald – nämlich mit den Augen. Ihm schwante Böses.

Und Ronald dachte: «Dieser Mann der Wissenschaft scheint sehr aufgeregt; er ist gewiß im Begriffe, eine Entdeckung zu machen.»

Der Professor jedoch machte keine andere Entdeckung, als die immer neue seiner Liebe zu Regula.

Bozena Kapitel 9

16.

Die Eisenbahnfahrt dauerte nur wenige Stunden. Schon um zwölf Uhr mittags waren die Reisenden auf der Station angelangt, wo der Wagen aus Rondsperg ihrer wartete – eine grüne Kalesche auf Schneckenfedern, mit schmalem Kutschbock, der in der Luft zu schweben schien. Freundlich grinsend begrüßte der Kutscher die Damen und hob sie in den Wagen. Mit Hilfe zweier Volontärs, die ihre Dienste angeboten hatten, band er sodann den Koffer des Fräuleins und die Reisetasche ihres Gefolges auf das Trittbrett fest und schwang sich auf seinen luftigen Sitz. Die Volontärs forderten eine unverschämte Entlohnung für ihre Mühewaltung, Regula machte ein saures Gesicht, murmelte etwas von «idyllischen Zuständen», bezahlte, und die Equipage setzte sich in eine halb wiegende, halb schaukelnde Bewegung, die Röschen entzückte. Trotz der Abmahnungen ihrer Tante stand sie auf, kniete auf dem Rücksitz des Wagens nieder, lehnte sich an den Kutschbock und begann ein eifriges Gespräch mit dem Rosselenker. Er war ein alter Mensch mit krummem Rücken, trug einen weitläufigen Rock aus grobem grauem Tuch und auf dem Kopf einen hohen Zylinder, den er trotz des schönen Wetters unter den Schutz eines Überzugs aus Wachsleinwand gestellt hatte, dessen Bändchen ihm gemütlich um die Nase baumelten.

Regula hatte sich anfangs sehr unwirsch über die Hitze geäußert, sich aber doch nicht entschließen können, den grünen Gazeschleier zu lüften, unter dem sie beinahe erstickte. Zuletzt kam sie in so üble Laune, daß sie gar nicht mehr sprach, den Fächer dicht vor das Gesicht hielt und mit geschlossenen Augen sich in die Ecke des Wagens drückte, während Bozena, wie eine japanische Zofe, einen großen Sonnenschirm über dem Haupte der Herrin ausgespannt hielt.

Röschen schwatzte indessen eifrig mit dem Kutscher weiter. Den Gegenstand ihres Gespräches bildeten die zwei Braunen, die in bequem zottelndem Trab das Gefährt hügelauf, hügelab zogen. Sie waren beide tief eingesattelt und hatten lange, abstehende Ohren, die sie unaufhörlich bewegten. Ihre Namen waren Kocka und Myska (Katze und Maus) und Florian hatte sie gewartet von ihrem ersten Lebenstage an bis zu dem ehrwürdigen Matronenalter, in dem sie jetzt standen. Er erzählte seiner aufmerksamen Zuhörerin, sie seien Schwestern, die eine sechzehn Jahre – Röschen rief: «Gerade wie ich!» – die andere siebzehn Jahre alt, und beide besäßen erwachsene Kinder. Als so klug schilderte er seine Zöglinge, daß man wohl begriff, warum er es für überflüssig hielt, ihnen irgendwelche Leitung oder Ermahnung angedeihen zu lassen. «Die spinnen so fort», sagte er, «wenn d’rauf ankommt, ganze Tog, hoben Weg in die Füß‘!» Lustig tanzten die Zügel auf den Kruppen der Braunen, als hätten sie nur den Zweck, ihnen die Fliegen zu verscheuchen. Wenn Myska, was regelmäßig geschah, sooft es bergab ging, stolperte, rief Florian mit geheuchelter Verwunderung: «Oho?!»

Röschen meinte, die Fahrt habe kaum begonnen, als sie sich schon ihrem Ende nahte. Man war am Ausgange eines Wäldchens aus Laub- und Nadelholz angelangt. Florian richtete sich so gerade auf, als die Beschaffenheit seines Rückens es erlaubte, deutete mit der Peitsche auf ein großes, viereckiges Gebäude, das inmitten der Felder vor einem langgestreckten Dorfe lag, und sprach, die Brust von Stolz geschwellt, das Haupt auf die Seite geneigt, über die Achsel zu Röschen: «Rondsperg!»

Nun wurde ein schmaler Feldweg eingeschlagen, der sich so wunderlich krümmte und wand, daß es schien, als führe er statt in die Nähe des Reiseziels weitab von ihm. Kocka und Myska wußten das aber besser. Sie stießen einander mit den Köpfen an und ließen ein gedämpftes Wiehern vernehmen, ohne Übermut, aber voll Zufriedenheit. Jedes Kind mußte verstehen, daß sie sagten: «Wir sind zu Hause!»

Jetzt fuhr der Wagen über eine Hutweide, auf der einige Kühe ihr Futter suchten, aber nicht fanden, wie ihre eingefallenen Flanken und ihre schlotternden Euter bewiesen. Florian rang mit sich selbst, ob er etwas oder nichts sagen sollte. Nach einer Weile entschloß er sich zu ersterem und erklärte in bedauerndem Tone: «Herrschaftliche Viech!» –

Doch rasch, als gälte es, den unliebsamen Eindruck, den seine Worte hervorgebracht haben mochten, schleunigst zu verwischen, streckte er den Arm mit der Peitsche aus, beschrieb einen Bogen, der den halben Horizont umfaßte, und sprach: «Herrschaftliche Grund!»

Ein unabsehbares Heer aufgescheuchter, mit den Flügeln schlagender Gänse begrüßte die Ankömmlinge mit lautem Geschnatter. Ohne sich davon beirren zu lassen, liefen die Braunen über eine breite, geländerlose Brücke, welche die Ufer eines seichten, sanft dahingleitenden Bächleins miteinander verband, und einer Allee von überständigen, meist gipfeldürren Pappeln zu, an deren Ende die Einfahrt zum Schlosse sichtbar wurde. Es war dies ein gemauerter Bogen zwischen zwei steinernen Säulen, auf denen verwitterte Unholde hockten, die unförmigen Tatzen auf Wappenschilder gestützt, deren Embleme nicht mehr sichtbar waren. Die Pferde lenkten ein, der Wagen rasselte über das Pflaster des Schloßhofes und hielt unter der Einfahrt. Nachdem Florian aus allen Kräften mit seiner Peitsche geschnalzt hatte, erschien ein Diener in einem flatternden Zwilchkittel, öffnete den Wagenschlag und half den Damen beim Aussteigen. Bozena machte sich, von Florian auf das bereitwilligste unterstützt, mit der Bagage zu schaffen, Regula und Röschen traten in die Halle. An beiden Seiten derselben befanden sich hohe verhangene Glastüren; eine Doppeltreppe, dem Eingange gegenüber, führte zu dem ersten Geschosse empor. Die Bildhauerarbeit an der Steinrampe und die Stukkaturen an den Wänden waren so oft übertüncht worden, daß es kaum mehr möglich war, ihre ursprünglichen zierlichen Formen zu erkennen.

Vom Korridor her kamen der Graf und die Gräfin herbei und blieben, ihre Gäste erwartend, auf dem obersten Treppenabsatze stehen. Regula beschleunigte ihre Schritte nicht; langsam stieg sie hinan, warf schräge Blicke um sich und dachte: «Ärmlich! … Ärmlich!» – Voll peinlicher Ungeduld folgte Röschen der Tante und flüsterte ihr zu: «Sie warten, die alten Leute warten!»

Endlich vor dem Paare angelangt, machte Regula eine tiefe Reverenz, der Graf erwiderte sie freundlich mit entblößtem Haupte, die Gräfin verbeugte sich mehrmals nacheinander; rasch, und wie es schien, unwillkürlich bewegten sich ihre Lippen. – Wehmütig ergriffen von dem Anblick der alten Frau, trat Röschen auf sie zu und küßte ihre Hand. Der Graf bot der Tante seinen Arm, die Gräfin nahm den der Nichte und so geleiteten sie ihre Gäste zu den ihnen bestimmten Gemächern. An der Schwelle blieb der Hausherr stehen und sprach: «Es ist alles zu Ihrem Empfange bereit, treten Sie ein, meine Damen.»

Die Hausfrau stammelte einige Worte der Entschuldigung und bat, vorlieb zu nehmen.

Unzufrieden unterbrach sie ihr Gemahl: «Ohne Komplimente! Nicht wahr, meine Damen? – Lassen Sie sich’s bei uns gefallen. In einer halben Stunde wird die Tischglocke das Zeichen zur Tafel geben. Auf Wiedersehen!»

Die Zimmer, welche die Ankömmlinge bezogen, waren groß und kahl: sie boten die Aussicht auf den Teich des Dorfes und auf einen Teil des verwilderten Parks. Ein kleineres, an das Röschens anstoßendes Zimmer war für Bozena bestimmt.

Regula ließ sich von dieser ankleiden und fragte spöttisch: «Wie gefällt es Ihnen hier? – Ein hübsches Haus? – Ein hübscher Park?»

Dabei rieb sie sich die Hände mit Mandelkleie und sagte zu sich selbst: «Das wird anders werden.»

Sie hatte ihre Toilette eben beendet, als eine heisere Glocke ertönte und derselbe alte Diener, der sie am Wagen begrüßt hatte, die Meldung brachte, die Suppe sei aufgetragen.

Der «Lakai» war jetzt mit einem Frack nach der Fasson des Rondsperger Schneiders angetan. Er hatte ein weißes Tuch um den Hals geschlungen und trug Gamaschen, aber keine Handschuhe. Die Wappenknöpfe, die auf seiner Kleidung angebracht waren, mochten wohl einmal versilbert gewesen sein.

Mit einer gewissen nachlässigen Grazie geleitete der Edle, sich von Zeit zu Zeit umsehend, ob sie ihm auch folgten, die Damen in den Salon. Der lag in der Mitte des Gartenflügels, hatte fünf Fenster und den Umfang einer mäßig großen Reitschule. An den Wänden ließen sich die Spuren einer äußerst feinen und zarten Malerei entdecken und Reste von Vergoldung an der weiß lackierten Einrichtung im Stile des Kaiserreichs. Über einem Kanapee, auf dem sechs Personen bequem Platz gefunden hätten, hing das Brustbild der Mutter des alten Grafen. Sie war als Hebe gemalt und nur mit einer roten Echarpe aus durchsichtigem Stoff bekleidet. Regula, deren Auge sich zufällig zuerst auf sie gerichtet hatte, dachte mit stillem Entsetzen: «Die Hebe wird verbrannt!» – Und doch war dieses Bild das einzige in dem ganzen Gemache, das nicht mit grausamer Beredsamkeit von Verfall sprach. Die blauen Seidenüberzüge der Möbel, so matt und glanzlos und so vielfach geflickt, die kunstvoll geschnitzten Trophäen über den Fenstern und Türen, die einst kostbare Vorhänge getragen hatten und jetzt so nutzlos in ihren eisernen Haken hingen, an den Pfeilern die halb erblindeten Spiegel, die traurig all diese verblichene Pracht widerstrahlten, wie deutlich bezeugten sie den Gegensatz, der hier herrschte zwischen einst und jetzt!

Am Eingange des Saales stand das greise Ehepaar, wie es im Treppenhause gestanden hatte. Er, zufrieden und selbstbewußt; sie, kummervoll und beschämt. In respektvoller Entfernung hielt sich ein großer alter Mann mit derben Zügen, das dichte graue Haar über der Stirn zu einer Schnecke zusammengedreht, einen goldenen Siegelring auf dem knochigen Zeigefinger. Er wurde von dem Hausherrn als «mein Burggraf» vorgestellt, und man begab sich zu Tische. Die Gräfin selbst servierte eine safrangelbe Suppe, und Peter trug mit großer Geschäftigkeit die gefüllten Teller umher und schien sich nichts daraus zu machen, wenn sein heißer Inhalt seine Daumen umspülte.

Ein bäurischer Gesell, Peters Gehilfe, den dieser seit langem mit wenig Geduld und wenig Glück in die Geheimnisse seines Berufes einzuführen suchte, schlich hinter ihm her. Peter kommandierte ihn mit Blicken, Winken und halblauten Anrufungen, wovon eine – sie lautete: «Du Roß!» – vom Grafen überhört wurde, die Gräfin in Schrecken versetzte, Regulas Indignation erweckte und den Burggrafen ergötzte.

Auf dem Tische stand prachtvolles Obst in Schalen aus Sevresporzellan und dazwischen ein Bronzeaufsatz; wunderbare Arbeit aus der besten Florentiner Zeit, ein Kunstwerk von hohem Werte.

Regula nahm sich vor, heute noch an Wenzel zu schreiben, im Kaufvertrage sei der Punkt, der von der Erwerbung des Schlosses samt Mobiliar handelt, ganz besonders zu betonen.

Und sie sprach: «Ein bewunderungswürdiger Tafelschmuck! – Die Figuren sind vorraffaelisch gedacht und könnten wohl von Donatello oder von Bruneleschi ausgeführt sein, wenn nicht gar von Ghiberti – ja, ich würde es sogar wagen, sie Benvenuto Cellini zuzuschreiben.»

«Sie sind Kennerin!» antwortete der Graf vergnügt. «Ich hatte keine Ahnung von dem Werte dieses Dings. Ein Schurke von Antiquar, der hier herumreist und die Schlösser unter dem Vorwande bestiehlt, er wolle Einkäufe machen für Sabatier in Paris, hat viele tausend Frank dafür geboten. Aber wir pflegen nicht Handel zu treiben, und ich gab Befehl, den Mann an die Luft zu setzen. Unter anderm –» sprach der Greis lebhaft zum Burggrafen: «Ist es geschehen? Ich vergaß bisher, danach zu fragen: Ist es geschehen?»

Der Burggraf verneigte sich und erwiderte: «Sozusagen, gräfliche Gnaden.»

Während die Suppe gegessen wurde, stand Peter mit verschränkten Armen am Kredenztische und warf unverschämte Blicke auf die beiden Fremden. Dabei dachte er: «Nun, ihr Weinhändlerinnen, gefällt es euch bei uns? Habt ihr in eurem Leben schon etwas dergleichen gesehen? … Was sagt ihr dazu?»

Dann servierte er weißes ausgekochtes Rindfleisch auf silberner Schüssel und Kohlrüben in einer blauen Kasserolle mit abgebrochenem Henkel.

Der Hausfrau standen Schweißtropfen auf der Stirn, der Hausherr war in der muntersten Laune, und als Peters Adlatus eine der Sevresschalen fallen ließ und diese zerbrach, sagte der Graf: «Es tut nichts; mein Peter repariert das wieder. Nicht wahr, Peter?»

Peter zog den Mund so schief, als wollte er sich in das Ohr beißen, und antwortete: «Jo.»

Der Graf sprach mehrmals von Ronald, doch geschah dies immer in gereiztem Tone. Er stellte selten eine Behauptung auf, ohne hinzuzufügen: «Mein Sohn ist andrer Meinung.» Er bedauerte, daß Ronald nicht anwesend sei, um den Damen die Honneurs von Rondsperg zu machen – aber: Mein Sohn ist niemals da, wo er sein sollte.»

«Er kommt morgen», warf die Gräfin ein.

Ohne Notiz von den Worten seiner Frau zu nehmen, erklärte der Greis seinen Gästen, warum er sie nicht begleiten könne bei den kleinen Ausflügen in die Umgebung, die er ihnen zu unternehmen riet. Er hatte die Grenzen des Parks seit dem Jahre achtundvierzig nicht mehr überschritten, denn er wollte sich nicht der Möglichkeit aussetzen, einem Bauern zu begegnen, der sich vielleicht besänne, ob er den Hut vor ihm abziehen solle, oder gar einem, der ein Gewehr auf dem Rücken trüge. «Wenn man zu alt ist, die Anarchie zu bekämpfen, muß man zum mindesten gegen sie protestieren. Mein Sohn freilich verträgt sich mit ihr», setzte er achselzuckend hinzu.

Nach dem Speisen begab man sich in den Garten. Der Kaffee wurde auf der Terrasse getrunken, die den Gartenflügel des Schlosses umgab, und zu der man durch die Halle und eine Salle à terrain gelangte, welche einst, ihrer kühlen Lage und freundlichen Aussicht wegen, als Sommerspeisesaal gedient hatte.

Von der Terrasse aus überblickte man den Teil des Parks, der allen Anforderungen, die Jean Jacques Rousseau an einen solchen stellt, auf das vollständigste entsprach. Ringsum dehnte sich das fruchtbare, wohlgepflegte Land. Da war jedes Fleckchen ausgenützt, jeder Wegrain mit Obstbäumen bepflanzt. Schwerlich hätte ein Maler sich hier seine «Motive» geholt; die charakterlosen Hügel in der Nähe, die grüne Bergesreihe, die den Horizont mit einer fast geraden Linie abschloß, konnten auf Schönheit keinen Anspruch machen, aber herzerfreuend wie die Großmut, wie die Dankbarkeit, war der Anblick des tausendfachen Segens, mit dem dieser Boden die Sorgfalt lohnte, die ihm zuteil wurde von Menschenhand.

Der Graf blieb neben Regula stehen und sah sie erwartungsvoll an. Sie schwieg und – schwieg.

Er sprach endlich mit Ungeduld: «Was sagen Sie zu meiner Aussicht?»

Regula liebte es nicht, interpelliert zu werden. Mit steifer Haltung und einem bösen Lächeln antwortete sie: «Wenn ich gleich Ihnen, Herr Graf, mit Polykrates sprechen dürfte: ‹Dies alles ist mir untertänig›, würde ich ohne Zweifel finden, daß Ihre Aussicht schön sei.»

Röschen hatte sich stumm neben die Gräfin gesetzt und versank ganz und gar in Bewunderung. – So große Weizenfelder, das ist ja eine Pracht! Und wie der Wind spielend darübergleitet und sanfte Wellen sich bilden, die jetzt wie Silber schimmern und jetzt wie Gold. Der Schatten einer Wolke kommt geflogen und spiegelt sich in diesem Meere von Ähren. Neben den gelben Feldern stehen grüne, dazwischen farbenprächtige Mohnblumenbeete, sie würden einen Garten schmücken! An der Ecke der Parkmauer, vor der Weg in das Dorf führt, erheben sich drei uralte Linden, ihre Zweige sind so dicht verschlungen, daß sie zusammen nur eine Krone bilden – eine Riesenkuppel über dem heiligen Johannes aus Stein, der sein graues Haupt zu dem Kreuz in seinem Arm demutvoll niederbeugt.

Die vom Acker heimkehrenden Weiber, mit schweren Grasbündeln auf dem Rücken, steigen, so müde sie sind, doch die Stufen des Standbildes hinan und küssen den halbverlöschten Namen Jesu auf seinem Sockel. Desgleichen tun die alten Bauern, und ihre aufgeklärteren Söhne entblößten zum mindesten das Haupt vor dem Schutzpatron des Dorfes. – Die Sonne neigt sich zum Untergange, immer einsamer wird es auf den Wegen, nur einzelne Nachzügler kommen noch langsam einhergeschritten. An ihnen vorbei galoppiert eine Schar kleiner Jungen mit nackten Beinen; sie reiten die Pferde von der Hutweide nach Hause unter Hurra und lautem Geschrei …

Röschen möchte mit ihnen jauchzen, so seelenvergnügt fühlt sie sich. Sie sieht die Augen der Gräfin mit dem Ausdruck so innigen, so mütterlichen Wohlgefallens auf sich gerichtet. Ach, könnte sie etwas tun für die arme alte Frau! … Aber sie kann nichts tun, als sich zu ihr neigen und sagen: «Wie schön ist es bei Ihnen!»

Die Greisin streichelt ihr sanft die Wange – der alte Herr blickt schalkhaft zu ihr hinüber und droht ihr mit dem Finger: «O – o diese Augen! Werden die noch Unheil genug in der Welt anrichten? … Sehen Sie mich nicht an, Fräulein von Fehse – sehen Sie mich nicht an!»

Bozena Kapitel 14

Die Heimfahrt wurde unter tiefem Schweigen zurückgelegt. Die Baronin gab sich ihren Betrachtungen hin und das Ergebnis derselben war: «Ronald hat ganz recht, in den sauren Apfel zu beißen. Wenn meine Wirtschaft in einem solchen Zustand wäre, wie die seine – und müßt ich, um ihr aufzuhelfen, die Frau des Teufels werden – ich nähm den Teufel, weiß Gott!»

Ronald dachte an ein Paar braune Augen, an einen leuchtenden Blick. Er dachte: «Röschen, Röschen, wie wird es dir ergehen in dieser argen Welt, du Herz voll Mitleid, du Seele voll Begeisterung?»

Regula hingegen sagte zu sich selbst: «Dieser arme Graf, man muß ihn bedauern … Er kann nicht sprechen – aus Delikatesse … Ich werde – es ist schrecklich – die ersten Schritte tun müssen!»

Die Sonne stand schon ziemlich tief, als die Equipage in der Nähe des Parks anlangte; die Baronin schrie plötzlich auf: «Unerhört! Da steht Papa mit Röschen unter den Linden – außerhalb seiner vier Mauern, außerhalb seines ‹freiwilligen Kerkers› … Ein Ereignis! Das ist ja ein Ereignis!» rief sie dem Grafen zu, vor dem jetzt der Wagen hielt.

«Jawohl, aber» – der alte Herr deutete auf seine Begleiterin – «wo es Feen gibt, da geschehen Zeichen und Wunder. Sie befehlen, der Sterbliche gehorcht. Jetzt jedoch, bitte ich euch, mich aufzunehmen. Thilde, räume mir den Platz und ergreife die Zügel. Mein Sohn wird die Ehre haben, Ihnen auf dem Heimwege seinen Schutz angedeihen zu lassen, oder vielmehr, ich empfehle ihn dem Ihren!» sagte er zu Röschen.

Die Baronin hatte sich beeilt, auszusteigen und half ihrem Vater in den Wagen. Dann besann sie sich einen Augenblick und wollte schon sagen: «Fahr zu, Ronald, ich will Röschen geleiten.» Aber als sie zu ihm hinaufblickte, ergriff sie ein menschlich Rühren. Es war ein solcher Glanz des Glückes über sein Gesicht verbreitet, daß sie dachte: Er hat der Bitternisse genug, mag er auch einmal eine Freude haben! … Und schon saß sie auf dem Bock und nahm die Zügel aus Ronalds Hand. Mit einem Satze sprang er herab, die Baronin trieb die Pferde an und rasch rollte der Wagen längs der Mauer des Parks davon.

Ronald sah ihm nach und ihm war zumute, als entführe dieser enteilende Wagen alle seine Sorgen und als stände er nun allein und frei auf der Erde mit dem Lieblichsten, das sie trug, und ihn überkam eine Empfindung der Seligkeit, wie er sie nicht mehr gekannt seit seiner Knabenzeit; seit den Tagen unbewußter Wonne, wo man sich noch nicht wundert, daß man glücklich ist.

Nicht minder froh als er schien Röschen, und als er fragte: «Wohin nun? Welchen Weg nehmen wir?» antwortete sie, ohne sich zu besinnen: «Den weitesten!»

«Das mein ich auch», rief er, «am liebsten führt ich Sie über jene Berge dort!»

Er glitt rasch mit der Hand über die Augen. «Wie wär’s, was denken Sie, wenn wir so zusammen wandern gingen, weit – weit, und erst heimkehrten in unzählig vielen Jahren … Da klopfen ein Paar uralte Leute an der Pforte des Schlosses: ‹Wer ist’s?› fragt eine Stimme, die wir nicht kennen. Ronald und Röschen, die eines schönen Abends spazieren gegangen sind und länger, als sie anfangs dachten, verweilten auf dem Weg …»

«Traurige Heimkehr!» sagte Röschen. «Ihre Mutter tot – Bozena tot – und wir so alt! …»

«Gut denn! Wenn Sie sich vor einer großen Reise fürchten, so wird nur eine kleine unternommen. Wir gehen durchs Dorf, in den Hain, über die Hutweide zu den Pappeln, denselben Weg von dort an, den Sie gekommen sind. Ist das recht?»

«Es ist recht. Sie müssen aber nicht glauben, daß ich mich vor einer großen Reise fürchte. Schon als kleines Kind bin ich aus Siebenbürgen nach Weinberg gereist, durch ganz Ungarn.»

«Ja – auf Bozenas Arm.»

«Und auch zu Fuße.»

«Was hilft’s, daß sie eine so tapfere Reisende sind, wenn Sie nicht mehr reisen wollen?» Ronald blieb stehen und fragte plötzlich: «Wissen Sie, daß ich Ihr Vater sein könnte?»

Röschen antwortete, ohne ihren Blick von dem seinen abzuwenden: «Ich kann mir meinen Vater nur denken, wie ich ihn zum letztenmal gesehen habe …» Sie stockte.

«Erinnern Sie sich seiner?»

«O ganz deutlich – und doch …» Sie hielt von neuem inne.

«Röschen, was denken Sie jetzt?»

«Ob Sie ihm nicht ähnlich sehen? – Er war auch jung wie Sie, und war … Fragen Sie nur Bozena und Mansuet, die haben ihn gekannt.»

Sie schritten weiter, langsam und ernst und dabei glücklich wie Kinder. Bauersleute gingen und fuhren an ihnen vorüber, und mit jedem tauschte Ronald einen Anruf oder einige Worte.

Im Dorf hatte man bereits Feierabend gemacht. Vor einem hübschen Hause, das sich durch den Anschein von Wohlhabenheit vor seinen Nachbarn auszeichnete, saßen drei Männer auf einer Bank: Großvater, Vater und Enkel. Als Ronald sich ihnen näherte, nahm der Greis die Pelzmütze vom Kopfe und erhob sich; der Mann blieb sitzen, zog aber den breitkrempigen Hut grüßend ab. Der Jüngling hatte die Arme gekreuzt, rührte sich nicht und blickte gleichgültig vor sich hin.

Ronald sagte zu Röschen: «Ein Beispiel für viele. An die Art des Greises war mein Vater gewöhnt.»

Er dankte dem Gruße der Männer, trat dicht vor den Jüngling und streifte ihm ruhig das Käppchen ab.

«Nicht meinetwegen», sprach er, «aber deinetwegen. Hut ab, mein Junge, wenn dein Vater und dein Großvater ihre Häupter entblößen, sonst stehst du einst mit dem Hut in der Hand vor deinen Kindern.»

Der Bursche blickte trotzig zu ihm auf und schien von der Lehre wenig erbaut. Aber der Großvater sagte zu seinem Enkel: «Es ist dir recht geschehen.»

Ein junges Weib, das am Zaune ihres Gartens stand, riß die Augen weit auf, als sie Ronald vertraulich mit Röschen plaudernd daherkommen sah, und rief ihm zu: «Aha! Das ist die Braut aus der Stadt.» Sie stemmte beide Hände in die Seiten und betrachtete das Mädchen mit Wohlgefallen: «Meiner Treu, eine Hübsche haben Sie sich ausgesucht.»

«Was fällt Euch ein?» erwiderte er, «das ist nicht meine Braut. Die würde mich ja nicht nehmen, die wartet auf einen Jüngeren.»

«Sie soll sich nicht versündigen!» sprach das Weib und schien sehr aufgelegt, Röschen eine wohlgemeinte Zurechtweisung zu erteilen. Aber Ronald kam ihr zuvor und sagte scherzend: «Die Frau meint mir’s gut!»

An einem der letzten Häuser des Dorfes eilte Röschen rasch vorbei – «denn», sagte sie, «hier wohnt Anitschka, wenn sie mich sieht, will sie wieder mit. An der Hand habe ich sie nach Hause führen müssen, sie wäre sonst nicht gegangen.»

«Wie?» fragte Ronald, «Sie waren heute schon hier?»

«Eben – mit Ihrem Vater.»

«Armer Vater», dachte er, «heute vergaß er seines langjährigen Grolles, heute, da sich das letzte Band gelöst hat zwischen ihm und den Bewohnern seines Rondsperg. Er hat, ohne es zu wissen, Abschied von ihnen genommen.»

Am Ausgange des Dorfes befand sich ein Hain, aus dichtem Gebüsch gebildet, das einzelne Buchen und Birken überragten. Ein klares Wässerchen schlug sich durch das Gehölz, längs seines Ufers führte ein Fußsteig zu einem freien Platze empor. Eine Hügellehne umschloß, eine mächtige Eiche beherrschte die grüne Bucht. Die alte Riesin streckte drohend einen abgestorbenen Zweig in die Lüfte hinaus; ihre dunkel belaubten Äste verschlangen sich wie zu Schutz und Trutz. Finster stand sie da mit ihrem zerklüfteten Stamm und ihrem breiten, von manchem Sturm arg mitgenommenen Wipfel, inmitten des üppigen, strotzenden Anwuchses, und sie schien zu sagen: «Solche wie ihr, hab ich schon viele kommen und – verschwinden gesehen.»

Zu ihren Füßen, unter einem schindelgedeckten Dache, erhob sich ein Standbild der heiligen Anna, die ein Buch in der Hand hielt, aus dem sie eine außerordentlich kleine Jungfrau Maria lesen lehrte. Die Figuren waren aus Holz und von einem einheimischen Künstler bunt bemalt. Auf den Blättern des aufgeschlagenen Buches stand das ABC; demjenigen treu nachgebildet, das der Schulmeister von Rondsperg seiner Jugend vorschrieb.

An den Bergesabhang nebenan war ein Kapellchen angebaut. Es hatte einen niedrigen, dreieckigen Giebel und wölbte sich über einen Brunnen voll reinsten Wassers. Röschen schöpfte sogleich daraus mit der hohlen Hand. – Nein! so wie dieser hatte sie noch nie ein Trunk gelabt. Sie kniete am Rande des Brunnens und sah hinein. Ruhig und dunkel schimmerte der Wasserspiegel, und von der Tiefe herauf drangen, sich regelmäßig wiederholend, glucksende Laute.

Ein leises Lüftchen erhob sich und rauschte wie Gesang in den Wipfeln der Buchen und Birken, und wie ein dumpfes Brausen in dem Gezweig der Eiche. Die kecken Vöglein, die darin hausten, fielen mit lustigem Gezwitscher ein und umflogen geschäftig die traulich sichere Wohnstätte, die ihnen der alte Baum in dem Gewirre seiner Äste bot.

Röschen hatte sich auf eine der Wurzeln gesetzt, die wie gepanzerte Schlangen aus dem Boden ragten; glückselig schaute sie vor sich hin. Eine schlanke, blaue Glockenblume, hoch emporgeschossen aus dem Moose, schien ihre besondere Bewunderung zu erregen; Ronald wollte sie brechen: «Lassen Sie die Blume leben!» rief Röschen, «es sind noch nicht einmal alle ihre Glocken aufgeblüht, und – sehen Sie nicht, wie sie sich freut, daß sie dastehen darf im kühlen Schatten auf ihrem samtenen Teppich? … Aber –» fragte sie plötzlich mit einem forschenden Blick, «warum so traurig?»

» O Fräulein Röschen!» antwortete Ronald, «ich bin es lange nicht so sehr, als ich Ursache dazu hätte … Eine törichte Behauptung – nicht wahr?» beeilte sie hinzuzufügen, als er sah, wie bei diesen Worten die Heiterkeit auf ihrem Gesichte erlosch. «Es kann kein großes Leid sein, das nicht einmal vermag, uns recht traurig zu machen. Und überdies – wer hat nicht seine Sorgen?»

«Ich», sprach Röschen, «habe bis jetzt keine Sorgen gehabt.»

«Jetzt aber haben Sie welche?» versetzte er und beugte sich lächelnd näher zu ihr. Ein sanfter Vorwurf lag in ihren Augen und der Seherblick der Liebe las mit innigem Entzücken Röschens Antwort darin und alle ihre unausgesprochenen Gedanken. Sie sagten in ihrer stummen Sprache: «Wie kannst du so fragen? Weißt du nicht, daß fortan deine Sorgen die meinen sind? … Seit jetzt, – seit dem Augenblick, wo ich dich bewundert habe in deiner Güte, du starker Mann. Plötzlich ist’s gekommen und wird immer bleiben, die Empfindung stirbt nicht, die uns beide zueinander zieht. Kann ich aufhören, das Edle zu lieben? Kannst du aufhören, zu beschützen, was sich dir so vertrauensvoll hingegeben hat?

In gar lieblicher Gestalt tritt die Versuchung an ihn heran, doch er muß ihr widerstehen. Der Traum des Kindes ist zu schön, um Wirklichkeit zu werden … Ein Wort würde den Zauber zerstören. Soll er es sprechen?

Röschen hatte sich erhoben: «Wir vergessen ja, daß wir heute noch heim wollen!» sagte sie.

Er ging voran, bog mit beiden Händen die Zweige auseinander, die den schmalen, steil aufwärts steigenden Pfad überdeckten, und bahnte so seiner Begleiterin den Weg. Sie folgte schweigend. Hinter ihr schlugen die Zweige wieder zusammen, und wenn er anhielt und sich umwandte, sah er sie dastehen unter dem grünen, lebendigen Gewölbe wie ein Heiligenbild in laubgeschmückter Nische. «So bist du mein» dachte er, «so bin ich allein mit dir abgeschlossen von der ganzen Welt.»

Tiefe Stelle senkte sich über den Hain, leise nur zwitscherte noch hie und da ein silbernes Stimmchen in den Wipfeln, bewegte sich ein Blatt an den hängenden Zweigen der Birken; ein rosenroter Schimmer fiel durch das Dickicht, es lichtete sich immer mehr, Ronald und Röschen traten in das Freie. – Der Himmel war mit runden, flockigen Wolken überzogen, die im Widerschein der untergehenden Sonne leuchtend das Firmament bedeckten wie ein ungeheures purpurnes Vließ.

Röschen breitete die Arme aus: «Schön!» rief sie, «wunderbar schön!»

«Ich bin so glücklich, Fräulein Röschen», begann Ronald etwas unsicher und zögernd, «daß es Ihnen hier gefällt. Rondsperg ist vielleicht bestimmt, Ihr zukünftiger Aufenthalt zu werden.»

Sie sah ihn mit schmerzlichem Erstaunen an, der Ton, in dem er diese Worte gesprochen hatte, klang so seltsam, fremd und kühl.

«Es ist doch etwas Ernstes an dem, was ich vorhin im Scherze zu Ihnen sagte», fuhr er fort. «Ich muß wandern, liebes Röschen, wer weiß wie bald – wer weiß wie weit … über die Berge, die Ihnen von den Linden aus so fern erschienen sind. Ich gehe einer ungewissen Zukunft entgegen und darf niemandem sagen: teile sie mit mir. Aber das Schicksal ist mir doch günstig … Sie sollen ja daheim sein an dem Orte, den ich von meiner Kindheit an geliebt habe, und ich werde an Rondsperg nicht denken können, ohne zugleich an Sie zu denken … Das wird mir die Seele erhellen – immer und überall!»

Röschen war sehr blaß geworden, ihr Herz klopfte rasch und bang, tausend Fragen drängten sich auf ihre Lippen, doch sprach sie nur die eine aus: «Sie wollen fort?»

«Nicht heute, noch morgen», antwortete er hastig und beklommen, «und daß ich gehe, ist ein Geheimnis, das nur Sie erfahren, weil ich vor Ihnen keines haben will, und weil ich Ihnen alles Gute zutraue, demnach auch Verschwiegenheit.»

Bestürzt erhob ihr Blick sich zu ihm, er hatte den seinen abgewendet und eilte rasch vorwärts, sie hielt Schritt mit ihm, in wenigen Minuten war die Allee erreicht.

«Wir sind so fröhlich ausgegangen und kommen nun so traurig heim», sagte Ronald, «und ich bin schuld daran …»

«Es tut nichts,» erwiderte Röschen, «traurig sein ist auch gut.»

«Sie sind es nie gewesen. niemals – sagten Sie nicht?»

Sie schüttelte den Kopf und lächelte ihn mit feuchten Augen an.

«O Röschen!» sprach er …

«Willkommen!» rief eine Stimme, und aus dem Schloßhofe trat ihnen der alte Graf entgegen, den Hut auf dem Ohr, gerade aufgerichtet, mit Augen so frisch und hell wie die eines Jünglings. Erbarmungslos ließ er seinen Blick auf dem Gesichte seines Sohnes ruhen und weidete sich an dessen Verwirrung mit herzlichstem Ergötzen.

«Nun, mein Fräulein», sagte er zu Röschen, «ich hoffe, Sie haben meine Begleitung bitter vermißt?»

«Ja – nein – – ja», stotterte sie in größter Verlegenheit und entfloh in das Haus.

«Ich lege mich Ihnen zu Füßen», rief der Greis ihr nach und klopfte mit einer plötzlichen Anwandlung von Zärtlichkeit seinem Sohne auf die Schultern: «Nicht übel die kleine Person? – – Was sagst du? – Flößt dir Aversion ein? … Schade!»

Er lachte, und als Ronald stockend erwiderte: «Was denken Sie, lieber Vater?» sprach er: «Nichts – was sollte ich denken? – Ein alter Mann – wer kümmert sich heutzutage um die Gedanken eines alten Mannes? …»

Er sah Ronald an, und es ward ihm weich und liebevoll zumute wie lange nicht. «Basta … Lassen wir das gut sein …» und wieder klopfte er ihm auf die Schulter. «Wir verstehen uns!» Er war davon überzeugt.

Dieses Mal aber hatte er seltsamerweise recht.

*

Röschen wurde aus dem Schlafe, in den sie gesunken war, sobald sie ihr Haupt auf das Kissen gelegt hatte, durch melodische Klänge geweckt, die leise und lieblich durch das offene Fenster hereinschwebten. Aus einem Zimmer des Erdgeschosses stiegen sie zu der Schlummerstätte des jungen Mädchens empor. Eine Geige sang in ihrer wortlosen Sprache ein beredtes Lied … Kein Lied der Sehnsucht und der werbenden Liebe! – Wie innig und heiß auch seine Töne erklangen, sie sprachen nicht von den ungestümen Wünschen der Menschenbrust, sie sprachen von überwundenem Schmerz, von gebändigter Leidenschaft, von Frieden und von seliger Erhebung über alles Erdenweh.

Röschen lauschte, aufrecht sitzend auf ihrem Lager, mit halbgeöffneten Lippen, mit gefalteten Händen. Wie durchsichtig schimmerte ihr Angesicht im Mondenschein. Sie hörte nicht, daß eine Tür aufgestoßen worden, daß jemand sich näherte, sie zuckte zusammen, als eine wohlbekannte Hand sie berührte, und – lag im nächsten Augenblicke weinend in den Armen Bozenas. Diese schloß das Kind an ihre Brust und sprach ihm beruhigend zu, bis Röschen in den süßen und tiefen Schlummer fiel, der sich so rasch auf müde junge Augenlider senkt.

Bozena beugte sich über die Schlafende: «Armes Kind, streckst du die Hand nach dem Gute deiner Feindin aus? … Was hat der Himmel mit dir vor? – Will er sie strafen durch dich oder mußt auch du zugrunde gehn, damit drüben noch eine steht, die Klage führt über sie vor Gottes Thron? … über sie – und über mich!»

Bozena rang die Hände: «O hätt ich noch meine alte Kraft!»

*

Im Nebenzimmer hatte sich indessen folgendes begeben: Regula erhob sich, nachdem sie eine Weile dem Spiele Ronalds gelauscht, aus ihrem jungfräulichen Bett, zog ihre gelben Pantoffel an und trat an den Tisch, auf dem in einem Glase eine Rose stand, die die Baronin von Waffenau ihr verehrt hatte. Diese Rose nahm Regula und warf sie zum Fenster hinaus, das sie möglichst geräuschlos geöffnet hatte. Sie dachte dabei an «Des Sängers Fluch». Sodann schlüpfte sie wieder unter ihre Decke und schlief unter den Klängen von Ronalds Geige ein. Gegen Morgen träumte sie, Napoleon der Erste sei angekommen und werbe um ihre Hand.

Bozena Kapitel 10

Am nächsten Morgen, in aller Gottesfrühe, war Röschen schon im Garten, und zu Mittag lag schon – niemand wußte, durch welche Zauberkünste – das Kindervolk im ganzen Umkreise des Schlosses in ihren Fesseln. Die zwei «Jüngsten» des Maiers und das «Allerjüngste» des Schmiedes und die «Sämtlichen» des Gärtnergehilfen liefen hinter ihr her wie Hündlein. Eine kleine, kugelrunde Anischka mit kurzem Näschen und roten Pausbacken pflanzte sich vor dem Schloßtore auf, als Röschen darin verschwunden war, und ließ sich so wenig wie eine treue Schildwache von ihrem Posten vertreiben. Sobald der Gegenstand ihrer Leidenschaft wieder erschien, machte sie eine dicke Lippe, ergriff eine Falte von Röschens Kleid und watschelte so resolut neben ihr her, als hieße es nun: «Durch Not und Tod!»

Während Röschen die Jugend bezwang, eroberte Bozena das Alter. Gleich bei ihrer ersten Begegnung mit ihm hatte sie des alten Grafen Gunst errungen. Er erklärte sie sofort für eine der gescheitesten Personen, die ihm jemals vorgekommen seien. Sie mußte sich nachmittags auf der Terrasse einfinden und die Aussicht bewundern. Zufällig (dieser Zufall traf immer ein, sobald der Greis zehn Worte mit einem fremden Menschen gewechselt hatte) kam das Gespräch auf die Ereignisse des Jahres achtundvierzig. Bozena erzählte, durch seine Fragen gedrängt, von ihrem Aufenthalte in Ungarn, von ihrer Wanderung durch das kaum niedergeworfene Land. Der Graf – honneur aux dames! – forderte sie auf, sich zu setzen, und als Bozena diese Zumutung, als könne sie nur im Scherze gemeint sein, lächelnd ablehnte, nahm der alte Herr seinen Hut ab und legte ihn neben sich auf die Bank.

Beim Abendessen sprach er mit Regula mehrmals von ihrer Magd: «Eine Libussa, Ihre –, wie heißt sie? … Eine Fürstin Libussa! … Eine solche Dienerin macht der Herrin Ehre. Auf Ihr Wohl, mein Fräulein!»

Er leerte ein Glas sauern Landweins mit einem solchen Behagen, als verwandle er sich auf seiner Zunge in den edelsten Johannisberger.

Regula hatte den Nachmittag ihrer Korrespondenz gewidmet. Sie schrieb einen langen Brief an Wenzel und einen nicht viel kürzeren an Mansuet. Dem letzteren trug sie Grüße auf an alle ihre Bekannten und Verehrer. In der langen Liste der angeführten Namen fehlte nur der des Professors Bauer. Von diesem Getreuen erwartete sie schon mit der morgigen Post einen Brief, den zu beantworten sie sich vornahm.

Ihr letzter Gedanke, als sie ihr Haupt auf das Kissen ihres dürftigen Lagers legte, war an ihn: «Was wird er sagen, wenn er von meiner Verlobung hört? … Der Arme – vielleicht erschießt er sich!»

*

Es war Sitte auf Schloß Rondsperg, um neun Uhr zur Ruhe zu gehen. Drei Stunden vor Mitternacht mußte der Graf geschlafen haben, sonst hatte er, seiner Meinung nach, nicht geschlafen. Um zehn Uhr durfte eigentlich kein Licht mehr im Hause brennen. So war denn auch heute alles still und dunkel, als Ronald langsam in den Schloßhof ritt. Nur an einem Fenster schimmerte noch ein matter Lichtschein wie der von einer verdeckten Lampe. Zu diesem blickte Ronald eine Weile sinnend und zögernd empor, dann faßte er einen raschen Entschluß, übergab seinen Klepper – einen Sohn der Myska – dem herbeieilenden Florian, und trat einige Minuten später, nach leisem Pochen, in das Schlafzimmer seiner Mutter.

Die alte Frau saß noch angekleidet vor dem Arbeitstischchen im Fenster. Vor ihr, auf dem Nähkissen, lag ein zerlesenes Buch: Albachs «Heilige Anklänge». – Bei dem Anblick ihres Sohnes fuhr sie erschrocken zusammen; er bemerkte es wohl und sprach beklommen: «Sie sind noch auf, gute Mutter …»

«Ich werde sogleich Nacht machen – wollte nur noch –» wie entschuldigend wies sie auf das Buch, «ein wenig beten.»

«Der Vater schläft?»

«Seit einer Stunde.» Sie wagte nicht, ihn anzusehen; ein Gefühl peinlicher Furcht hatte sie ergriffen, das echt weibliche Gefühl der Furcht vor der Entscheidung. «O ging er wieder! … O spräch er nicht!» dachte sie und sagte: «Es ist spät.»

Ronald blieb trotz dieses Winkes. Er holte einen Stuhl aus der Ecke des Zimmers und setzte sich seiner Mutter gegenüber.

«Wir haben Gäste?» fragte er.

«Ja. Und – die kleine Waise», fügte sie mit Lebhaftigkeit hinzu: «Welch ein holdes Geschöpf! … Ein Herzenslabsal, dieses Kind …»

«So?» entgegnete Ronald zerstreut und suchte vergebens nach Worten. Auch er hatte die Augen gesenkt und sah die Hände seiner Mutter in ihrem Schoße beben; und diese welken, hilflosen Hände raubten ihm den Mut, brachten ihn um seine Entschlossenheit.

Mutter und Sohn wandelten seit Jahren fast stumm nebeneinander. Was am schwersten auf ihnen lastete, darüber durften sie nicht sprechen, denn es hätte zur Klage geführt über den Gatten, den Vater, und Sorglosigkeit zu heucheln vermochten sie nicht.

Bei ihrem Manne und bei der Tochter, die in ihrer Nähe lebte, hatte die Gräfin es endlich aufgegeben, Verständnis zu suchen; allzu verschieden von ihr waren sie geartet. Durch mehr als vierzig Jahre konnte sie es täglich erfahren: Sie lieben mich, aber sie kennen mich nicht. Von der zweiten, ihrer Lieblingstochter, war sie durch die Verhältnisse getrennt. Jahre verflossen, ohne daß sie ihres Anblicks froh wurde, Monate, ohne daß Nachrichten von ihr eintrafen. Alle an seine Frau gerichteten Briefe gingen durch des Grafen Hände, er bemerkte es mißbilligend, wenn die Korrespondenz zwischen Mutter und Tochter zuzeiten etwas lebhafter wurde.

«Eine glückliche Frau hat nichts zu schreiben», meinte er, «und glücklich zu sein ist die Pflicht einer jeden, die einen braven Mann hat.»

Es war endlich dahin gekommen, daß die Gräfin nur noch mit Bangen dem Erscheinen der Briefe entgegensah, nach denen sie doch zugleich so sehnsüchtig verlangte.

Ronald saß mit gekreuzten Armen da, starrte vor sich hin und dachte: «Könnt ich ihr’s ersparen!»

Zu drückend wurde dieses Schweigen; die alte Frau unterbrach es mit der Frage: «Du gehst doch morgen auf die Jagd?»

Er nickte wie gequält: «Gewiß – gewiß.»

Seine Stimme klang so seltsam; die Gräfin blickte besorgt zu ihm empor und sah in sein bekümmertes Gesicht. Jeder seiner Züge verriet den Kampf seines Innern – ein bitterer Vorwurf gegen sich selbst, gegen ihr feiges Zagen vor dem eingestandenen Leid regte sich in ihr. «Du armes Kind», dachte sie, und das Mitleid mit dem Sohne gab der Schwachen Kraft, mit einemmal das Schwerste und mit wenigen Worten alles zu sagen: «Ronald – Lieber – sprich getrost. Wann müssen wir wegziehen von hier?»

Aufatmend ergriff er mit beiden Händen die Hand, die sie ihm reichte und rief: «Niemals, gute Mutter! Sie werden Rondsperg nie verlassen!»

«Wie kann das sein, da wir’s doch nicht behaupten können? »

«Der Kauf wird nur unter der Bedingung geschlossen, daß Sie hier fortleben, genau wie bisher.»

Die Greisin schüttelte bedenklich den Kopf: «Wenn diese Bedingung angenommen wurde, dann hast du sie teuer bezahlt …» Er wollte verneinen. «Leugne nicht», sprach sie, «es kann nicht anders sein …»

«O Mutter», fiel er ihr mit erzwungener Heiterkeit ins Wort, «Fräulein Heißenstein verzichtet gern auf das Glück, in unserm alten Neste zu wohnen.»

«Es wird mehr von ihr verlangt als nur das. Sie darf die Rechte, die sie erwirbt, nicht geltend machen, wenn wir hier – wie du sagst – fortleben sollen wie bisher.»

«Auch dazu ist sie bereit.»

«Weil ihr Vorteil es ihr rät. Nicht wahr? … Nicht wahr?» wiederholte sie angstvoll. «Du hast dein Eigentum verschleudert, damit zwei alte Leute ihre letzten Jahre in altgewohnter Weise hindämmern können!»

«Verschleudert? Was du nur denkst? Darüber mache dir keine Sorgen.»

Sie seufzte schmerzlich: «Unser Alter zehrt deine Jugend auf … Ständ es bei mir, das sollte nicht geschehen. Dürft ich sprechen, ich würde dich anflehen, Kind: Vergeude nicht länger dein Leben! – Geh, tausendmal gesegnet – gründe dir eine Zukunft, und laß zusammenstürzen, was morsch und reif zum Untergang ist – der Wechsel alles Irdischen verlangt sein Recht.»

Er wollte sich der Rührung erwehren, die ihn ergriff, und entgegnete: «Wie beredt ist meine Mutter heute geworden! Und wozu? – Um zu sagen, was sie nicht sagen darf.»

Ein leuchtendes Lächeln verklärte ihre Züge: «Beredt – ja. Bin ich nicht wie eine alte Harfe mit zerrissenen Saiten, die auf einmal zu klingen beginnt? Es ist ein Wunder – ein gar vergängliches. Weil mir aber die Zunge gelöst ist, so höre, Sohn, deine stumme Mutter sieht und zählt jeden Schweißtropfen auf deiner lieben Stirn, jeden unterdrückten Widerspruch, jedes still und freudig gebrachte Opfer …»

Plötzlich beugte sie sich nieder und preßte ihre Lippen auf seine Hand.

Im selben Augenblick lag er auf seinen Knien und schloß mit ehrfurchtsvoller Zärtlichkeit die gebrochene Gestalt in seine Arme …

«Und Sie, Mutter?» flüsterte er, «leiden Sie nicht auch?»

«Schweig, mein Kind!» mahnte sie und zog sein Haupt an ihre Brust. Und an diesem schweren Tage war ihnen beiden leichter ums Herz, als seit langer Zeit.

Bozena Kapitel 11

17.

Ronald kam von der Jagd zurück. An seiner Weidtasche hingen zwei Hasen und ein Dutzend Rebhühner und Wachteln. Er ging die Hügellehne, die zum Schlosse führte, langsam hinauf, denn die Sonne stand im Scheitel, und die Hitze war groß. Sein Hund zottelte hinter ihm her mit weit aus dem Maule hängender Zunge. Nun waren sie am Pförtchen in der Parkmauer angelangt, das auf die Felder führte. Während Ronald den Schlüssel aus der Tasche zog und sich bemühte, das vom letzten Regen her noch stark verrostete Schloß zu öffnen, hatte sich der Hund hingelegt, keuchend, mit fliegenden Flanken, den Kopf auf den ausgestreckten Vorderpfoten, und verwandte kein Auge von seinem Herrn, der nun, im Begriffe, die Tür aufzustoßen, lächelnd zu ihm niederblickte, als wollt er sagen: Ist dir’s recht, daß wir heimgekommen sind? Und Herr und Hund sahen einander an mit inniger Freundschaft und mit einem Ausdruck so voll von Rührung, daß er sich beinahe komisch ausnahm in den Angesichtern zweier solcher Recken. Dann gingen sie durch verwachsene Laubgänge über Wege, von Disteln und Hasenkraut überwuchert, dem Hause zu.

Ronald hatte die Terrasse erreicht und schritt dem Saal zu, der zwischen ihr und der Halle lag. Auf der Schwelle, die Klinke der halbgeöffneten Tür in der Hand, blieb er plötzlich stehen und winkte seinem Hunde, der sogleich, wie zu Stein geworden, sich nicht mehr regte, nicht einmal mehr keuchte, sondern seinen Herrn mit derselben atemlosen Aufmerksamkeit anblickte, mit welcher dieser das Bild betrachtete, das sich ihm darbot.

Mitten im Saale auf einem Schemel saß Röschen und erzählte einem Auditorium von sechs kleinen Personen eine, wie es schien, bewegliche Geschichte. Ihre Stimme hob sich hell und laut bis zu einem Ausrufe, dem eine Pause höchster Spannung folgte, dann sank sie zu geheimnisvollem Geflüster herab. Was sie erzählte, verstand Ronald kaum, er lauschte auch nicht ihren Worten, er lauschte nur dieser holden Stimme, ganz ergriffen von ihrem Klang, in dem eine Fülle von Empfindungen nach Ausdruck zu ringen schien. Röschen saß von ihm abgewandt, er konnte ihr Gesicht nur zum Teile sehen, nur den Umriß ihrer zarten Wange, nur die dunkelblonden Zöpfe des reichen Haares, die über ihre Schultern fielen, und die Löckchen in ihrem schlanken Nacken.

Das Publikum der Erzählerin hingegen war eitel Neugier. Die eine der Zuhörerinnen hatte den Zeigefinger in den Mund gesteckt, so tief es ging, riß die Augen und blies die Backen auf, und hörte zu aus allen ihren Kräften. Eine andere preßte das Kinn an die Brust, glühte über und über, hielt beide Fäuste fest geballt, und die trotzige Ungeduld ihrer Mienen sprach: «Weiter! Weiter! – Was kommt jetzt?»

Anitschka, im höchsten Staate, mit buntem, turbanähnlich um den Kopf gewundenem Tuche und breiter Halskrause, saß steif und feierlich neben ihrem Abgotte. Ihr dreijähriges Schwesterchen und noch ein zweites leichtsinniges Wesen in gleichem Alter hockten auf dem Boden und teilten ihre Aufmerksamkeit zwischen der Rednerin und einem goldgrün schimmernden Rosenkäfer, den sie in einem Schächtelchen mitgebracht hatten und nun auf der Diele herumspazieren ließen.

Ronald blieb eine Weile in der Betrachtung dieser Gruppe versunken, bald jedoch, als würde er beschämt inne, daß er hier die unwürdige Rolle eines Lauschers spiele, zog er vorsichtig einen seiner schwerbestiefelten Füße nach dem andern zurück und trat von der Türe weg, die er unhörbar wieder schloß. Dann wendete er sich rasch und stand Aug‘ in Auge mit Bozena.

Sie war hinter ihm durch den Gang gekommen, ohne daß er sie bemerkt hatte.

Die beiden maßen einander mit den Blicken. Fast drohend schien der ihre zu fragen: «Was hast du hier zu lauschen?»

Mit harmlosem Erstaunen schien der seine zu sagen: «Warum mißgönnst du mir den holden Anblick?»

Ronald legte grüßend die Hand an seinen Hut. «Sie sind Bozena», sprach er, «wir haben uns vor zehn Jahren am Grabe Ihres Herrn gesehen.»

Bozena bejahte.

«Und die Märchenerzählerin dort ist das kleine Mädchen, das Sie damals vom Friedhof hinweg in Ihren Armen trugen. Nicht wahr?»

«Ja, Herr Graf.»

«Wie ist die hold und lieblich geworden!» sprach er mehr zu sich selbst als zu ihr.

Das Gesicht der Magd wurde immer finsterer; sie warf den Kopf in den Nacken, sah Ronald wieder an wie früher, mit dem mißtrauisch forschenden Blick, und schritt an ihm vorüber in den Saal.

Ronald gab seine Jagdbeute in der Küche ab und wanderte nach seinen Zimmern. Auf dem Schreibtisch, neben den hochaufgestapelten Wirtschaftsbüchern und Rechnungen, fand er neuangelangte Briefe, alle dringenden, alle gleichen Inhalts. «Ihr sollt bald erledigt werden», dachte er und ergriff die Feder, um den Auszug aus der Gutsbeschreibung zu beenden, die er für Regula entworfen hatte. Die Arbeit wollte nicht vom Fleck gehen; lächerlich zu sagen, denn – wer könnte diese optische Täuschung erklären? – über die Katastralmappe, auf die er von Zeit zu Zeit einen Blick werfen mußte, sah er ganz deutlich kleine braune Locken fliegen, wie man sie doch nur, natürlich gekräuselt und seidenweich im Nacken eines Mädchen schimmern sieht … Und auf dem länglichen Viereck, das zyrillische Buchstaben als «Wiese» bezeichneten, lagen Rosen – Rosen die Fülle … Eine Knospe darunter, die aufgeblühten alle an Schönheit überstrahlend, wunderbar in sich geschlossen, den grünen Kelch in zartes Moos gehüllt. Sie schien sich leise zu regen, ihr duftendes Blättergefüge sich zu lösen, sich atmend zu entfalten unter seinem Blicke … Wie kindisch doch und störend, solch ein müßiges Spiel der Phantasie! – Am störendsten aber und wirklich unerträglich ist ein Vorwurf, den er sich machen muß. Seine Mutter hat gestern zu sprechen begonnen von einem jungen Geschöpf, einem Kinde, dessen Anwesenheit für sie ein wahres Herzenslabsal sei, und er, nur mit dem beschäftigt, was er selbst zu sagen hatte, schenkte ihr kein Gehör. Ein Unrecht, das er sogleich gutmachen will.

Er hat sich rasch umgekleidet und schreitet durch die Halle; heiß strömt die Luft ihm entgegen, die Hitze ist drückend, ein schweres Gewitter steigt am Horizonte auf; wie dichter bleigrauer Qualm türmen die Wolken sich übereinander, dazwischen schießen Blitze ihre glühenden Pfeile.

Ein Knecht rennt über den Hof und ruft Ronald zu: «Das kommt! Das kommt»

Ronald stieg die Treppe empor und begab sich nach dem Zimmer seiner Mutter. Er fand sie nicht allein, das Fräulein von Fehse leistete ihr Gesellschaft; sehr angenehme wie es schien, denn beide lachten herzlich. Die Wände haben Ohren, aber keine Zungen, sonst hätten die alten ihre Bewunderung ausgesprochen über den ihnen völlig fremd gewordenen Schall, der heute so munter an sie anprallte.

Die Gräfin stellte Ronald ihrer kleinen Freundin vor. Diese wurde etwas verlegen, als sie hörte, daß er sie heute schon gesehen, und beinahe in Versuchung geraten war, sie zu belauschen, und sagte: «Das wäre nicht recht gewesen.» Er wisse das wohl, meinte Ronald, deshalb sei es auch nicht geschehen. Sie sprachen angelegentlich zusammen, von Weinberg, von dem alten Hause, in dem Röschen aufgewachsen, von Bozena und Mansuet. So unbefangen auch ihr Auge dem seinen begegnete, es lag etwas in ihrem ganzen Wesen, das sagte: «Wie weit bist du mir jungem Kinde überlegen und lässest mich’s doch nicht empfinden!» – Ihn aber machte der Anblick dieses anmutigen Röschens gar nachdenklich. Für wen bist du erblüht in Dunkel und Stille? Welche Hand ist bestimmt, dich einst zu pflücken? O wär sie stark, dich zu behüten im rauhen Leben … O wär sie zart, den Schimmer nicht abzustreifen, der wie Himmelsabglanz dein Wesen verklärt, ja, stark und zart, und bewahrte dir die Unschuld deiner Seele!

Das Gewitter war immer näher gekommen und stand nun senkrecht über dem Schlosse; keine Pause mehr zwischen dem Aufleuchten des Blitzes und dem Rollen des Donners. Die Gräfin und Röschen waren an das Fenster getreten und blickten hinaus, als plötzlich ein harter, rasselnder Schlag niederfuhr, der das Haus bis in seine Grundmauern erschütterte. Der Graf stürzte mit den Worten herein: «Das hat eingeschlagen!» Ronald eilte aus dem Zimmer, und sein Vater rief ihm nach: «Im Gartenflügel war’s!» … «Nein – nein!» hörte man ihn schon aus der Ferne antworten. – «Doch!» schrie der Graf, «im Gartenflügel!» Und so rasch er konnte, gefolgt von seiner Frau und Röschen, lief er in den Saal hinüber. An der Altanentüre angelangt, schlug der Greis die Hände laut zusammen und jammerte: «Meine Linden brennen! … Der Sturm erhebt sich – kein Tropfen Regen fällt vom Himmel, wir haben so lange Dürre gehabt … Meine Linden sind verloren!»

In der Tat, der große Ast des mittleren der Bäume, der wegstrebend aus der gemeinsamen Krone einen buschigen Bogen über die Straße bildete, stand in Flammen. Knechte und Landleute hatten sich um die Linden versammelt, blickten hinauf, schüttelten die Köpfe und teilten einander mit: «Dort oben brennt’s.» Jetzt aber drängte sich ein Mann durch die Gruppe der müßigen Zuschauer, erstieg den Sockel der Johannesstatue und schwang sich von da aus in die Zweige, in denen er verschwand. Bald sah man ihn, in der halben Höhe des vom Sturme gerüttelten Baumes, auf einem Ast stehen und gegen den brennenden wuchtige Beilhiebe führen, um ihn vom Stamme zu trennen.

«Wer ist der Narr?» fragte der Graf, mit schlecht verhehlter Besorgnis.

«Es ist Ronald», antwortete die Gräfin, kaum des Wortes mächtig. Eine kleine Hand streckte sich nach der ihren aus, Stütze bietend und – suchend, und die alte Frau blieb, an Röschen gelehnt, in stummer, von dem Kinde treulich geteilter Angst, im Fenster stehen.

Die Leute unten hatten inzwischen Feuerhaken herbeigeholt, und zerrten aus allen Kräften an den ihnen erreichbaren Zweigen des brennenden Astes. Das Feuer griff immer weiter um sich, beleckte schon das dürre Holz am Stamme, loderte schon zu Ronalds Füßen empor … Da strömte, wie aus plötzlich geöffneten Schleusen, ein Platzregen aus den Wolken nieder, und fast zugleich stürzte rauchend und prasselnd der gewaltige Ast unter weithin vernehmbarem Gekrache zur Erde. Die Heldenschar am Fuße der Linde machte sich über ihn her und löschte die aufzüngelnden Flammen, die noch um den Leichnam ihres Opfers kämpften. Erstaunliche Tätigkeit entfalteten dabei der Burggraf, Kutscher Florian, vor allen jedoch – Meister Peter.

Von dem Augenblicke an, da der Regen zu strömen begann, war der Graf ungeduldig geworden.

«Da haben wir’s!» rief er, «der Himmel löscht selbst, was er angezündet hat … Warum mir meine schönste Linde ruinieren?» … Er wandte sich um – – und sah mitten im Saale, möglichst fern von Fenstern und Türen, eine schwarz verhüllte Gestalt auf dem Sessel sitzen. Während die Anwesenden das Schauspiel an der Parkmauer mit leidenschaftlichern Interesse verfolgten, mußte sie sich, von ihnen unbemerkt, eingefunden haben.

«Fräulein Heißenstein?» fragte der Graf.

«Jawohl», antwortete eine Stimme unter der seidenen Mantille hervor, die ihre Eigentümerin sich um den Kopf gewickelt hatte: «Aber – sprechen Sie nicht! Der geringste Luftzug könnte einen Blitzstrahl herbeilocken.»

Der Graf versicherte, das Gewitter sei vorübergezogen, und bat sie, «sich zu developpieren.»

Die Gräfin und Röschen halfen ihr bei dieser Operation, denn allein vermochte sie sich nicht zu helfen. Sie war noch zu angegriffen und stammelte nur mit bleichen Lippen: «Ich glaubte, mich in das größte Gemach des Hauses flüchten und mich in Seide isolieren zu sollen … wegen der gefährlichen Elektrizität, Herr Graf, welche jetzt über unserer Atmosphäre schwebt.»

«Bravo, bravo, mein Fräulein», sagte der Greis, «das ist Vorsicht – deren Verwandtschaft mit der Weisheit wir kennen.»

Jetzt kam der Burggraf, pustend und sich den Schweiß von der Stirn wischend: «Keine Gefahr mehr! … Wir haben alles gerettet!»

«Ihr habt! Ihr habt! – Der liebe Herrgott hat – Ihr habt nichts getan als Unsinn, mir meinen Baum verstümmelt … Gibt es denn keine Feuerspritze? Hat keiner von den Dummköpfen an eine Feuerspritze gedacht?» rief der Graf zornig – in diesem Augenblicke war das nächstliegende Auskunftsmittel ihm selbst eingefallen.

«Die Feuerspritze ist noch nicht zurück von dem Waldhof, wohin sie gestern geschickt wurde, weil ein paar leere Bauernscheunen brannten – ganz unnötigerweise – ich hab es gleich gesagt», versetzte der Burggraf.

Sein Herr fuhr ihn an: «Da haben Sie etwas Sauberes gesagt! … Aber lassen Sie das jetzt gut sein. Kümmern Sie sich auch ein wenig um mich – sorgen Sie dafür, daß endlich aufgetragen werde. Meine ganze Hausordnung ist gestört … Wo bleibt Peter?»

Trotz aller Eile, mit der man nun das Auftragen des Mittagsmahles betrieb, wurde es vier Uhr, bevor die Herrschaften sich zu Tische setzen konnten. Der Gewitterregen war in einen dichten, anhaltenden Landregen übergegangen, man mußte den Rest des Tages im Zimmer zubringen, was die üble Laune des Grafen nicht wenig erhöhte.

Er hatte Ronald mit den Worten empfangen: «Trop de zèle, mein guter Ronald – trop de zèle», und sah ihn, schmollend wie ein Kind, entweder verdrießlich, oder gar nicht an. Der Nachmittag drohte langweilig zu werden; die Gesellschaft hatte sich in den großen Saal begeben. Regula dachte im stillen darüber nach, ob Ronald sie wohl verstehe? Der Graf vertiefte sich in die erstaunlichen Kombinationen eines Kapuzinerspieles, auch die Gräfin und Ronald schwiegen. Da sagte Röschen, die bisher ganz still und nachdenklich gewesen war, plötzlich: «Es war schrecklich, das Gewitter!»

«Haben Sie Angst gehabt? » fragte Ronald.

«O sehr», erwiderte Röschen, «um Sie!»

Regula warf ihrer Nichte einen mißbilligenden Blick zu, der Graf jedoch hob den Kopf empor und ein schalkhaftes Lächeln erhellte sein altes Gesicht. Seine Liebe zu seinen Kindern kam ihm augenblicklich zum Bewußtsein, sobald andere ihnen Teilnahme zeigten. Mit unnachahmlicher Liebenswürdigkeit sagte er zu Röschen: «Erlauben Sie, mein Fräulein, daß ich Ihnen im Namen dieses Landjunkers ohne Lebensart ergebenst danke!»

Seine Verstimmung war wie durch Zauber verschwunden, er machte Fräulein Heißenstein förmlich den Hof, was sie entzückte, und bat sie endlich, eine Partie Bézique mit ihm zu spielen. «Um die Ehre, natürlich.» Ronald könne indessen der Gräfin und Röschen etwas vorlesen. «Etwas Heiteres, etwas von Kotzebue. Nur mit deinen Klassikern verschone die Damen!»

Der Graf und Regula gingen an den Spieltisch, der in einer Ecke des Saales stand, und Ronald erkundigte sich nach Fräulein Röschens Geschmack in der Literatur. Die Schülerin Mansuet Weberleins legte arglos ihre Kenntnisse an den Tag, und welch eine drollige Raritätensammlung kam da zum Vorschein! Ronald konnte sich nicht genug wundern. Dieses reichbegabte, begeisterungsfähige Geschöpf hatte in die lichte Zauberwelt der Poesie niemals einen Blick getan; fremd geblieben war ihr alles Schöne, was je gesungen und gesagt worden.

Nach kurzem Besinnen holte Ronald ein stattliches Buch herbei; vielgelesen gab es Zeugnis von der Freundschaft, in welcher sein Besitzer zu ihm stand. Es enthielt einfache und hehre Gesänge aus uralter Zeit. Teils las, teils erzählte Ronald «dem freudig blickenden Mägdlein» von den Kämpfen herrlicher Helden um ein zauberisches Weib, um eine Stadt, die mit dem Urbilde der Schönheit das Verderben in ihre Mauern aufgenommen; vom unversöhnlichen Haß der Menschen und der Götter – – aber auch von Vaterlandsliebe, häuslicher Tugend, von Kindes- und Gattentreue. Er las, wie der tapferste all der Königssöhne, die hinausgezogen, um ihren bedrängten Herd zu verteidigen, Abschied nahm von seiner Gattin und von seinem lieben Kinde, wie er es geküßt und sanft in den Armen gewiegt … Ein tiefes Atmen, ein leises Schluchzen unterbrach Ronald. Röschen, die ihn eben noch mit leuchtenden Augen angesehen hatte, saß nun da mit gesenkten Lidern, bebenden Lippen und rang mit ihren Tränen.

Die Gräfin legte den Arm um sie, Ronald sprang bestürzt empor …

«Double Bézique!» rief der Graf triumphierend und lachte aus vollem Herzen: «Sie hätten das verhindern können, mein Fräulein!»

Aber das Fräulein war zerstreut gewesen. Sie hatte, statt ihre Aufmerksamkeit auf das Spiel zu konzentrieren, Ronalds verwünschtem «Tik-tak-tak» zugehört, wie der Graf, den Silbenfall des Hexameters nachahmend, sagte.

«O Herr Graf!» sprach Regel, ihre Karten auf den Tisch legend, «verunglimpfen Sie nicht den traulichen Sänger von Chios!»

Sie wünschte, daß Ronald weiterlese, aber dieser entschuldigte sich und sah dabei so verlegen, ja fast verstört aus, daß Fräulein Heißenstein der Behauptung des Grafen, eine gelehrte Dame, wie sie, imponiere seinem Sohne viel zu sehr, allen Ernstes Glauben schenkte.

Röschen blieb den Rest des Abends schweigsam; sie hatte einen mächtigen Eindruck empfangen; einen Blick in eine neue Welt getan; Gestalten, von unsterblichem Leben erfüllt, groß in Tugend und Schuld, an sich vorüberwandeln gesehen. Und aus dem Bilde voll Erhabenheit und Glanz war, umstrahlt von der Majestät des Schmerzes, ein liebes, schönes Menschenpaar hervorgetreten, und hatte sie an eine Erinnerung aus frühen Kindertagen gemahnt, die in ihr noch dämmerte.

«Es hat Sie allzusehr ergiffen», sagte Ronald zu Röschen, «den Abschied des Kriegers von Frau und Kind wollen wir nicht mehr lesen.»

«Im Gegenteil, noch oft, sehr oft!» erwiderte sie.

Ronalds Gedanken beschäftigten sich noch lange mit ihr, und kamen auch immer wieder auf eine vorläufig noch fiktive Persönlichkeit, auf den Mann zurück, der sie einst heimführen sollte. Wird er seines Glückes wert sein? – Wird er es zu ermessen verstehen? … Der Beneidenswerte! – Nicht das Leben nur darf er sie kennen lehren, auch dessen verklärtes Bild, die Poesie. Weiß unter Hunderten einer, was das bedeutet? Was es bei ihr bedeuten würde?

Bozena Kapitel 13

Im Laufe des nächsten Vormittags suchte Ronald das Fräulein Heißenstein im Garten auf, wo sie sich nach Bozenas Angabe befand, um ihr die inzwischen beendete Gutsbeschreibung zu übergeben und um mit ihr die Angelegenheiten Rondspergs zu besprechen. Regula versuchte mehrmals, der Unterhaltung einigen Schwung zu verleihen, aber es wollte nicht gelingen. Einmal wurde Ronald sogar fürchterlich zerstreut und antwortete auf ihre Bemerkung, es gebe nichts Träumerischeres, als einen sonnigen Sommertag, besonders nach einem Regentag: «Achthundert Joch, mein Fräulein!» Ein paar Minuten früher waren sie Röschen und Anitschka begegnet, die große Sträuße von Wiesenblumen trugen. Röschen hatte den ihren emporgehalten und Ronald im Vorübereilen zugerufen: «Für Ihre Mutter!»

Er wanderte weiter an Regulas Seite, und in einiger Entfernung von ihnen ging sein Vater mit dem Burggrafen im Garten spazieren; er hatte Ronald und das Fräulein wohl bemerkt, schien ihnen aber sorgfältig auszuweichen. Eine böse Vorbedeutung! Ronald wußte, wenn der alte Herr es vormittags vermeidet, mit ihm zu sprechen, so geschieht es, weil er etwas gegen ihn auf dem Herzen hat. Vor Tisch darf aber keine unangenehme Erörterung stattfinden, das wäre gegen alle Regeln der Hygiene. Ärgern darf man sich ohne Schaden für die Gesundheit erst nachmittags.

Bis dahin versparte sich denn auch heute der Greis das Aussprechen seines Verdrusses; der tückische Anstifter desselben, sein Günstling, wurde ausnahmsweise zum schwarzen Kaffee auf die Terrasse geladen. Und kaum hatte sich die Gesellschaft um den runden Tisch versammelt, als der Graf auch schon seinem ihm gegenübersitzenden Sohne zurief: «Unter anderm! Mir ist gemeldet worden, daß die Bauern Tag und Nacht an der Grenze jagen. Weißt du davon?»

«Nein, Vater», erwiderte Ronald und sah dabei den Burggrafen strafend an, was der mit dreister Gelassenheit ertrug.

«Mein guter Sohn kümmert sich um derlei Lappalien nicht», spöttelte der Graf. «Was liegt ihm daran? … Warum sollte der Bauer nicht jagen? – Es freut auch ihn, und seine Freude wiegt die des Edelmanns auf. Vor Gott sind wir alle gleich. Deshalb nehmen wohl die Hannaken, wie ich ebenfalls höre, die Pfeife nicht mehr aus dem Munde, wenn sie mit dir sprechen.»

Den Anfang seiner Rede hatte der alte Herr an die ganze Gesellschaft, ihren letzten Satz an seinen Sohn allein gerichtet; es war ein direkter Angriff, den Ronald mit lächelnder Ruhe hinnahm und mit dem offenen Geständnis beantwortete: «Es kommt freilich vor.»

Der Graf schüttelte sich, wie durchfröstelt von Widerwillen. «Zu meiner Zeit», fuhr er fort, «steckte der Bauer, wenn er mich von weitem sah, auf die Gefahr hin, in Flammen aufzugehen, die brennende Pfeife in seine Tasche. Dir – klopft er sie einmal auf der Nase aus.»

Dies sollte im Scherz gesprochen sein, kam aber um so bitterer heraus, je mehr der Graf sich bemühte, die in ihm gärende Entrüstung hinter seinem Spotte zu verbergen.

Die Gräfin erbebte leise, Regula verzog den Mund und dachte: «Wie kann man sich das bieten lassen?» Der Burggraf kicherte untertänig und Röschen erschrak und erbleichte … Was wird geschehen? – Wird Ronald zornig auffahren gegen seinen Vater? … Angstvoll schoß ihr Blick zu ihm hinüber und traf ein ernstes, aber unbewegtes Angesicht, auf dem ihr Auge ruhen blieb so voll Mitgefühl, so voll Bewunderung, daß der Mann unter diesem begeisterten Kinderblicke errötete und den seinen senkte.

Es war eine schwüle Sekunde, und allen gereichte es zur Erquickung, einen Wagen in den Hof rollen und Peter melden zu hören: «Frau Baronin kummen.»

«Meine Thilde!» rief der Graf lebhaft und erhob sich, um die Tochter zu begrüßen, deren sonore Stimme sich bereits in der Halle vernehmen ließ.

Gleich bei ihrem Erscheinen erklärte die Baronin, sie käme heute weder um Papas, noch um Mamas, sondern nur um Regulas willen, auf welche sie auch zuerst zuging und der sie flüchtig einen Kuß auf die Wange gab.

«Ronald und ich», rief die Freifrau, «wollen diese Städterin mit unserer Landwirtschaft bekannt machen, für die sie sich außerordentlich interessiert.»

Der Graf dachte zwar, davon habe er bis jetzt nichts bemerkt, aber es freute ihn immer, wenn sich jemand geneigt zeigte, die Herrlichkeiten Rondspergs in Augenschein zu nehmen.

Auf den Wunsch der Baronin mußte ohne Verzug angespannt werden; sie lachte, als ihre Mutter sie bat, doch ein wenig von ihrer Fahrt auszuruhen. Was tut man denn beim Fahren anderes als ruhen? Sie hatte keine Zeit zu verlieren, übermorgen in aller Gottesfrühe mußte sie wieder fort; denn: «Wir nehmen die Sommerbirnen ab und fangen schon Montag an, das Korn zu schneiden.»

Während die Baronin von der bevorstehenden Ernte sprach, hörte sie nicht auf, Röschen zu beobachten, und zwar mit einem Interesse und einem Wohlwollen, das ihr ein fremdes Wesen nicht leicht einflößte.

Sie hatte dem Unglück ihres Bruders heiße Tränen gezollt, damit war aber auch die Sentimentalität abgetan; nun hieß es, sich eine Räson machen, sich in das Unvermeidliche fügen. Ronald kann nichts Gescheiteres tun, als in den sauren Apfel beißen und die Weinhändlerin heiraten. Wenn die einmal ihre Schwägerin ist, wird Thilde sie schon dahin bringen, ihre allerliebste Nichte so großmütig auszustatten, daß sie ohne weiteres auf das Glück Anspruch machen darf, eine Schwiegertochter der Baronin Waffenau zu werden.

«Das kann sich alles finden», dachte die praktische Frau und mahnte zum Aufbruch.

«Auf Wiedersehen, Papa, auf Wiedersehen, Mama, auf Wiedersehen, Kleine!» Sie fuhr schmeichelnd mit der Hand über Röschens Scheitel. «Mich wundert», sagte sie zu sich selbst, «daß die kluge Regula dieses bezaubernde Ding mitgenommen hat. Ronald ist zwar sehr verständig, aber – er ist ein Mann; und ihn so geradezu herausfordern zum Vergleiche … Ich hätt es an ihrer Stelle nicht gewagt.»

Sie nahm Regulas Arm und führte sie hinweg. Fräulein Heißenstein aber fand, die Baronin erweise Höflichkeiten, die sie füglich ihrem Bruder überlassen sollte.

Ein hoher Jagdwagen war vorgefahren; die beiden Damen installierten sich darin, Ronald schwang sich auf den Vordersitz und ergriff die Zügel. Florian wurde, zu seiner großen Unzufriedenheit, daheim gelassen. Er hätte sich so gern zum Cicerone des Stadtfräulein gemacht, weil der junge Herr Graf gar nicht verstand, den Leuten, wie sich’s gehört, Sand in die Augen zu streuen.

Das Ziel, nach dem Ronald lenkte, war ein ansehnlicher, zu Rondsperg gehörender Hof, der von ziemlicher Höhe aus die Gegend beherrschte. Nach einer Viertelstunde raschen Fahrens hielt der Wagen vor einem Gebäude, das ehemals ein Schlößchen gewesen und später in einen Schüttkasten umgewandelt worden war. Leere Scheunen und Ställe schlossen sich hufeisenförmig an ihn an. In der Mitte des Hofes stand ein Kastanienbaum, in dessen Schatten ein alter Hahn mit gichtisch zuckenden Beinen und zerzaustem Gefieder seinen ihn umgebenden Harem bewachte. Ein paar Schritte weiter befand, sich ein Ziehbrunnen, neben dem einige Holzrinnen, die ein Knabe mit Wasser zu füllen beschäftigt war, auf dem Boden lagen. Dieser Junge wurde herbeigerufen und ihm die Hut der Pferde anvertraut.

«Gib acht auf Kocka und Myska!» rief ihm die Baronin zu, und hüpfte leicht, wie ein sechzehnjähriges Mädchen, aus dem Wagen.

Regula zeigte sich beim Aussteigen so unbeholfen, hatte so gar keine Ahnung, wohin sie den Fuß setzen sollte, daß Ronald sich genötigt sah, sie in seine Arme zu nehmen und aus dem Wagen zu heben, was er denn auch ohne Umstände tat und was ihr recht zu sein schien. Dann geleitete er sie durch das offene Tor der Scheune zu einem mit Erlen bewachsenen Platze, der eine weite Fernsicht gewährte.

«Von hier aus», sagte Ronald, «überblicken Sie so ziemlich die Rondsperger Flur. Die Wiese dort unten, hinter dem breiten Gerstenfeld … Mein Gott, Fräulein, wohin sehen Sie denn? Links – noch weiter – so! … Die Wiese dort, die Pappeln auf jener Hügelkette, zu deren Füßen Sie das Schloß sehen … sehen Sie es?»

Regula versicherte, sie «nehme es ganz deutlich wahr».

«Und das Flüßchen drüben im Tale, das stellenweise herüberschimmert, wo seine Ufer sich verflachen – bilden die Grenzen Ihres Reiches. Hier, mein Fräulein, übergebe ich Ihnen Rondsperg. Die gerichtlichen Schritte macht Doktor Wenzel, unser beiderseitiger Vertrauensmann. Für Sie und mich ist der Kauf mit diesem Handschlage geschlossen.»

Er reichte ihr die Hand und seine Schwester bemerkte, daß er leicht erblaßte, als Regulas Hand in die seine sank. Fräulein Heißenstein blickte ihn dabei an, schmachtend – erwartungsvoll, und sah so komisch aus, daß die Baronin ein Lachen verbeißen mußte, obwohl sie in einer Stimmung war – einer Stimmung! … Sie hätte alle Welt prügeln mögen.

Regula warf Kennerblicke um sich, fragte vor einer Stechapfelstaude, ob dies nicht Enzian sei; verwechselte Schierlings- mit Eibischblüte und Hirse mit Reps, und erklärte zuletzt, sie müsse gestehen, daß sie die umliegenden Felder schön finde.

«Sie sind leider verpachtet auf Jahre hinaus», rief die Baronin, «parzellenweise verpachtet und – unter welchen Bedingungen! …»

Sie lief in Verzweiflung zwischen der Scheune und einem Hühnerstalle hin und her. «Das ist der gute Papa gewesen, sehen Sie – der gute Papa! Ganz Rondsperg verpachten, was uns vor Jahren noch hätte retten können – o eher sterben! … Aber hie und da einen abgelegenen Acker an einen Gläubiger, warum nicht? – Dann aber auch um ein Stück Brot! …»

Ronald fiel seiner Schwester ins Wort: «Es bietet sich jetzt die Gelegenheit», sagte er, «den größten Teil der Pächter mit geringen Opfern abzufinden. Sie müssen es tun, Fräulein. Ich rate Ihnen, diesen Ihren besten Hof einzulösen und, wenigstens solange ich noch hier als Ihr Bevollmächtigter fungiere, in eigener Regie zu behalten.»

«Ich werde tun, was Sie mir raten, Herr Graf», sprach Regula und trat an seine Seite, und als die beiden nebeneinander standen, dachte die Baronin: «Es ist doch nicht möglich! – Nein, es ist doch nicht möglich!»

«Auch wollte ich Ihnen ankündigen «, fuhr Regula fort, «daß mein Sekretär mit der ersten Rate des Kaufschillings morgen früh hier eintrifft und …»

«Aber, liebste Regula!» unterbrach sie die Baronin, «was fällt Ihnen ein, den Mann hierher zu bestellen? Seine Ankunft würde Aufsehen in Rondsperg machen. Er darf nicht kommen. Ronald muß Ihren Schimmel» – sie nahm sich niemals Zeit, Schimmelreiters ganzen Namen auszusprechen – «auf der Station erwarten, das Geld in Empfang nehmen, den Überbringer aber bitten, um Gottes willen wieder heimzufahren. Wenn der Burggraf zehn Worte mit dem Sekretär tauscht, so kommt er euch hinter euren frommen Betrug und rapportiert ihn Papa in einer Weise, die an uns allen zusammen nicht ein gutes Haar läßt!»

Ein alter Schäfer, der den Tieren, die er trieb, ähnlich sah, kam mit seiner kleinen Herde den Berg herauf und wünschte «guten Nachmittag». Während Ronald sich mit ihm in ein Gespräch einließ, spazierte Thilde von einem Gebäude zum andern, öffnete die Türen, sah in die Fenster hinein und rief: «Diese Mauer stürzt nächstens zusammen, – hier braucht’s einen neuen Dachstuhl, – der Stall muß eingerissen werden! … Prickelt es einem nicht in allen Fingern? Möchte man nicht gleich selbst Hand anlegen?»

Jetzt kam auch das Weib des Schäfers herbei und begrüßte die Baronin mit großen Freudenbezeugungen, brach aber sofort in heftiges Schluchzen aus und klagte unter beständiger Anrufung des göttlichen Heilands und der «svatá panenka» Maria: «Daß ich meine gnädigen Herrschaften so selten sehe! Dreizehn Jahr – dreizehn Jahr sind der Herr Vater und die Frau Mutter nicht mehr bei uns gewesen … Es ist ihnen hier zu traurig … Freilich, wie sieht es auch aus!»

Die Baronin tröstete sie: «Sei ruhig, Liborka! Es wird anders werden. Nicht wahr?» sprach sie zu ihrem Bruder, der sich genähert hatte, «nächstens schickst du Maurer und Zimmerleute herauf?»

Ronald erwiderte, dies könne, mit Erlaubnis Fräulein Heißensteins, schon morgen geschehen. Fräulein Heißenstein freute sich darüber sehr, erkundigte sich nach den Ziegelpreisen und legte beachtenswerte Kenntnisse im Baufache an den Tag.