Bozena Kapitel 19

Den Befürchtungen der Arzte und den Hoffnungen Bozenas zum Trotz, erholte sich Frau Heißenstein; und ihr Sprößling, dem bei seinem Erscheinen die Möglichkeit abgesprochen wurde, die Nacht zu überdauern, blieb am Leben. Ja, er bekundete bei Überwindung der Fährlichkeiten, die jede Säuglingsexistenz bedrohen, eine Zähigkeit und Kraft, die alle Sachverständigen in Erstaunen setzte. Die Neugeborene erhielt in der Taufe den Namen Regula, und während ihre Mutter wochenlang hilflos und ohnmächtig danieder lag, und ihr Vater sich grollend von ihrer Wiege abwendete, fand sie ein Herz am Eingang ihres Lebensweges, das sich ihr hingab mit stürmischem Entzücken. Die kleine Rosa begrüßte in dem plötzlich erschienenen Schwesterchen ein Geschenk, das der gute Storch für sie, und ganz allein für sie gebracht hatte. Sie faßte Posto an der Seite des gelben, winzigen Geschöpfes, das jämmerlich kreischend in seinen Kissen lag, und so erbärmliche Gesichter schnitt, und die mageren Händchen so sonderbar ballte und ausstreckte.

«Es stirbt! es stirbt!» rief sie, wenn sich die kleinen alten Züge veränderten und verzerrten. Und wenn es die Augen aufschlug, sang sie ihm vor und bewunderte es, und wollte ihm beständig etwas zu essen geben.

Als Frau Heißenstein wieder auf die Beine kam, war es ihre erste Sorge, ihre Tochter in Schutz zu nehmen vor Rosas aufdringlicher und äußerungsbedürftiger Liebe. «Durch die wird ihr nichts Gutes» , meinte sie, und blieb immer darauf bedacht, die beiden Kinder voneinander fernzuhalten.

Stets hinweggewiesen und fortgedrängt, kam Rosa dennoch wieder. Das wilde, ungestüme Ding saß oft stundenlang an der Tür des Zimmers, in dem Regula zunahm an Häßlichkeit und Wohlbefinden vor Gott und den Menschen, still wartend, bis ihr endlich gestattet wurde, einzutreten. «Aber nur für einen Augenblick – du hörst? Und nur, um sie zu sehen – du verstehst? Zum Sehen sind uns die Augen gegeben, nicht die Hände. Keine Umarmung!» – Derlei ganz unnötige Kundgebungen waren Frau Nannetten besonders verhaßt.

Das gelbe Töchterchen hingegen wuchs unter dringenden Warnungen vor der Schwester heran: «Mache es nicht wie die! Danke Gott, daß du nicht bist wie die!» Das Entgegengesetzte von allem, was Rosa tat, das war das Rechte.

Der Glaube Nannettens an sich selbst konnte von jeher zu den starken Dingen gezählt werden, seitdem sie aber ein Kind geboren, kam sie sich so merkwürdig und wichtig vor, als ob sie die erste gewesen sei, der eine solche Tat überhaupt gelungen war. Früher gehörte zu ihren stehenden Redensarten auch der Satz: «Kinder in die Welt setzen ist leicht, sie erziehen ist schwer.» Jetzt geriet sie in Zweifel, welcher von beiden Wirksamkeiten die Palme zu reichen sei. Abwechselnd beugte sich die Gouvernante vor der Mutter, die ihr ein solches Erziehungsmaterial geliefert wie dieses Wunder: Regula, und die Mutter vor der Gouvernante, die es so glänzend auszunützen verstand. Schon in der Wiege hatte das Kind die ersten dunklen Begriffe von Schicklichkeit in sich aufgenommen. Mit drei Jahren gab es bereits Beweise von ernstem Wissensdrang. Einer Strafe bedurfte es nie, mit Lob und Bewunderung wurde es geführt; diese beständig hervorzurufen war sein unablässiges .Bemühen. Kein Kind war jemals so bestrebt, seinen eigenen Willen durchzusetzen, wie Regula einen mütterlichen Befehl zu erfüllen; keines haschte jemals so gierig nach guten Bissen, wie sie nach guten Lehren, und die Resultate derselben blühten als ausgesucht feine Manieren, überraschend höfliche Redewendungen aus ihrem wohlgeschulten Benehmen hervor.

Im fünften Jahre trug sie schon einen Schnürleib, und sagte mit echtem Pariser Akzente: «Oui monsieur» und «non madame». Mit dem Widerspiel ihrer eigenen Vollkommenheit, der unartigen Rosa, wollte sie natürlich nichts zu tun haben, und diese gab es endlich auf, sich um ihre Liebe zu bewerben; sie kehrte wieder zu ihrer schönen Bozena zurück, die sie mit offenen Armen aufnahm.

So war das Gleichgewicht von neuem hergestellt, und die beiden Parteien standen einander im offenen und verdeckten Kampfe gegenüber. Einen scheinbaren Mittelpunkt bildete der Hausvater. Nur einen scheinbaren; in der Tat vereinsamte er immer mehr, die ganze «Weiberwirtschaft» war ihm im Grunde gleichgültig. Empfand er überhaupt eine sympathische Regung für eines seiner Kinder, so war es für die stille Regula. Wenn ihm ein oder das andere Mal das Lob, das ihre Mutter ihrer Musterhaftigkeit spendete, gar zu übertrieben schien, so sagte er nur: «Brav – zu brav! Was nicht gegoren hat, ist, solange die Welt steht, noch nicht Wein geworden.» Worauf Frau Nannette die Ellbogen fest an die Rippen drückte, sich steif aufrichtete und dem Blicke des immer noch gefürchteten Mannes ausweichend, erwiderte, sie sei bisher des Glaubens gewesen, «des Rebensaftes Klärung» vollziehe sich nach andern Gesetzen als diejenigen, welche der Erziehung einer jungen Dame vorstünden.

Herr Heißenstein war sehr alt geworden seit seiner letzten Enttäuschung, und Regula wurde die Vermittlerin des Einflusses, den Nannette allmählich auf ihren Gatten zu üben begann. Einen gewissen Grad von Bewunderung vermochte er seinem wohlerzogenen Kind nicht zu versagen. Sie verneigte sich so ehrerbietig vor ihm, brachte ihm fortwährend stumme Ovationen dar; ihre Haare waren immer so glatt gekämmt, ihre Kleider immer so nett; sie saß und stand immer so gerade, fiel niemals einem andern ins Wort, widersprach nie. Und dann – ihre Kenntnisse! Ihr Wissen! Die Gelehrsamkeit seiner Frau hatte Herrn Leopolds Eitelkeit oft verletzt, die Gelehrsamkeit seiner Tochter schmeichelte ihm. Es war doch hübsch, wenn sie sich an seinem Geburtstage vor ihn hinpflanzte, als Esther gekleidet; eine Verbeugung machte, so tief, daß man im Zweifel sein konnte, ob sie sich auf den Estrich niederlassen oder wieder aufrichten werde, und dann begann.

«Peut-être on t’a conté la fameuse disgrâce
De l’altière Vasthi dont j’occupe la place…»

Oder wenn sie als Schwester der Pallantiden erschien, und ohne auch nur einen Augenblick zu stocken, die famose Tirade deklamierte:

«Que mon coeur, chère Ismène, écoute avidement
Un discours qui peut-être a peu de fondement…»

– Und so weiter!

Mußte Herr Heißenstein da nicht sagen: «Bravo, meine Regel! Bravo!» Und mußte sein Blick sich nicht fragend und mißbilligend auf die große Tochter richten, die von der Sprache, in der die Kleine sich so geläufig ausdrückte, nicht mehr verstand als eine Kuh vom Spanischen, das heißt soviel wie ihr eigener Vater? Mußte da nicht Frau Nannettens heuchlerisch bekümmertes: «An der erlebst du keine Freude» Eindruck auf ihn machen?

Freilich bewahrte Rosa ihre Unabhängigkeit, aber dies geschah auf Kosten der Familiengemeinschaft und der Zusammengehörigkeit. Sie war gleichsam außerhalb des Gesetzes erklärt, und man ließ ihr diejenige Nachsicht zuteil werden, welche aus dem Verzweifeln an einem Menschen entspringt. Und Rosa, die bisher lachend getrotzt und die indirekten Ermahnungen der Stiefmutter, die heftigen Rügen des Vaters mit einem Scherzworte erwidert hatte, begann nachdenklich zu werden. Ihre Heiterkeit verschwand, ihr froher Gesang erscholl nicht mehr in den Gängen des düsteren alten Hauses, man sah die liebliche Gestalt des Fräuleins Augentrost, wie der Kommis sie nannte, nicht mehr treppauf treppab hüpfen zur Wette mit Hündchen und Kätzlein. Sie saß eingeschlossen in ihrer Stube, pflegte die Blumen und Vögel, die sonst ohne Bozenas Beihilfe verdurstet und verhungert wären, oder las Romane aus der Leihbibliothek des Städtchens, in der sie sich im geheimen abonniert hatte.

Und gerade damals, wo sie einer Stütze am bedürftigsten gewesen wäre, wurde ihr von ihrer einzigen Beschützerin keine geboten.

Die schöne Bozena war um diese Zeit, in der ihr Herzensliebling in die Mädchenjahre, sie selbst aber in die Jahre der reiferen Weiblichkeit trat, eine lahmgelegte Kraft. Sie verbrauchte all ihre Seelenstärke für sich, konnte an andre nichts davon abgeben. Mit gewohnter Pünklichkeit verrichtete sie zwar ihren Dienst, sie hatte ihn ja im kleinen Finger, aber das Herz war nicht mehr dabei. Ihr Feuereifer brannte hell wie je, aber als eine stille Flamme, nicht mehr Funken sprühend nach allen Richtungen. Man sah sie jetzt nach beendeter Arbeit müßig dasitzen, die Hände im Schoß. Plötzlich angerufen, fuhr sie auf, wie aus einem Traume. Das seltsamste war, daß sie begann ihrer äußeren Erscheinung mehr Aufmerksamkeit zu widmen und sogar Freude am Putz zu finden. Die haushälterische Bozena verwendete so manchen Gulden für Schmuck und Tand. Ihr lebhaftes Interesse für die Ereignisse in Haus und Stadt war erloschen. Etwas Großes ging vor in ihrem Innern, und auf die ganz erfüllte Seele besaßen von außen kommende Eindrücke keine Macht.

Worin die Ursache der merkwürdigen Umwandlung in Bozenas Wesen zu suchen war, das ahnte nur ein Mensch: Mansuet Weberlein, der Kommis. Ein stummes Verständnis, das allezeit tiefer ist als eines, das Worte braucht, um sich zu offenbaren, herrschte zwischen den beiden. Bozena wußte dem Alten Dank für sein einsichtsvolles Begreifen und für sein rücksichtsvolles Schweigen; die Gesellschaft des einzigen, der sie durchblickte, tat ihr wohl und wurde von ihr aufgesucht. Dem Alten hingegen war Bozena viel lieber, als sie und er selbst es ahnte.

Die Woche hindurch war Herr Mansuet außerhalb seines Glasverschlages in den ebenerdigen Geschäftslokalitäten nicht zu erblicken, aber «am Namenstage der Faulenzer», wie er den Sonntag nannte, gönnte auch er sich eine kleine Erholung. Da kam er gegen Abend staubig, wie eine Ofenfigur, aus seiner Höhle hervorgekrochen und nahm Platz in einer der Mauernischen des Torweges, die wohl ursprünglich zur Aufnahme einer Statue oder einer Blumenvase bestimmt sein mochte. Er zündete seine Pfeife an und meinte nun, er schmauche im Freien. Regelmäßig stellte sich Bozena bei ihm ein, er nickte ihr zu und sagte: «Muß mir ein bißchen die Bummler ansehen.» – «Muß Ihnen ein bißchen helfen», erwiderte sie. In Wahrheit aber machten sich beide aus den Bummlern nichts.

Gewöhnlich erschien Bozena in ihren Hauskleidern, die Festgewänder legte sie nach dem Kirchenbesuch ab, und sich nach beendetem Tagewerk noch einmal in Staat zu werfen, war ihr nicht der Mühe wert. Auch in ihrer Einfachheit gefiel sie ihren zahlreichen Anbetern nur zu wohl und hatte ohnedies genug zu tun, die Zudringlichen in respektvoller Entfernung zu halten.

Herr Weberlein war nicht wenig erstaunt, als sich Bozena eines Sonntags prächtig angetan zum Nachmittagsgeplauder einfand. Sie kam langsam, in Gedanken versunken die Treppe herab. Ihre rechte Hand glitt das Geländer entlang, den Rücken der linken hielt sie fest an den Mund gedrückt. Das runde Häubchen mit den flatternden Bändern saß wundergut auf dem reichen Haar mit seinem schwarzblauen Glanze. Eine Korallenschnur umfaßte den kräftigen und geschmeidigen Hals, über die Brust war ein schneeweißes Tuch gekreuzt. Kurze, bauschige Ärmel ließen die wohlgeformten Arme frei. Ein Rock von broschiertem, dunkelgrünem Damast fiel in schweren Falten bis zu den Knöcheln nieder, eine seidene Schürze, bunt gestickte Strümpfe und glänzende Schnallenschuhe vervollständigten den halb städtischen, halb ländlichen, nagelneuen Anzug.

Der Tausend! Sie war schön und majestätisch anzusehen in dieser Pracht, die mächtige Gestalt. Weberlein betrachtete sie vergnügt, kauerte sich tiefer in seine Nische und murmelte: «Sauber! Sauber!»

Bozena stand nun vor ihm und grüßte mit einem Anfluge von Verlegenheit. «Sapperlot» , sprach der Alte, «das ist ja schön von Ihnen, daß Sie sich auch einmal mir zu Ehren in Parade versetzt haben.»

«Ihnen zu Ehren doch nicht» , antwortete sie.

Er schlug ein Schnippchen, als wollt er sagen: Sie haben gut leugnen, ich weiß, was ich weiß. Bozenas Gesicht bedeckte sich mit hoher Röte, und sie sprach leise, aber resolut: «Es ist heut Tanz beim ‹Grünen Baum›, da geh ich hin.»

Der Blick, den Weberlein jetzt auf sie warf, bewies, daß es möglich sei, zugleich Mitleid und Verachtung auszudrücken. Sein unproportioniert großes Kinn bewegte sich ein paarmal hin und her in der hohen, halbmilitärischen Krawatte, in der es endlich zur Hälfte verschwand, und er rief: «Sie sind, scheint mir – närrisch!»

Bozena erwiderte nichts. Sie hatte die Arme gekreuzt, lehnte sich an die Wand und blickte stumm und trotzig vor sich nieder.

Auf dem Platze wurde es immer lebendiger. Dem heißen Sommertage war ein erquickender Abend gefolgt; ihn zu genießen strömte die schöne Welt der Stadt der Promenade zu. Unter denen, die am Hause vorüberkamen, dünkten sich nur wenige zu vornehm, um dem Vertrauensmanne Herrn Heißensteins einen Gruß zuzurufen; so mancher blieb stehen und wechselte mit ihm einige Worte. Auch Bekannte Bozenas kamen – stille Verehrer, die es nicht auszusprechen wagten, wie begehrenswert ihnen die rüstige Jungfrau mit ihrem Fleiß und Geschick und mit ihren, wie man wußte, ansehnlichen Sparpfennigen erschien; kühne Bewerber, die sie heimzuführen hofften, wenn nicht gleich, so doch sicherlich dann, wenn einmal Fräulein Rosa wegheiraten würde aus dem väterlichen Hause. Auch einige hübsche Mädchen, bestens geschmückt zum heutigen Tanze, fanden sich ein und vergrößerten den Halbkreis, der sich um Bozena gebildet hatte, wie um eine Audienz erteilende Königin.

So war schon eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft im Torwege versammelt. Und jetzt trat aus dem gegenüberliegenden, vom Kreishauptmann Grafen Kühnwald bewohnten Hause ein junger Mann, auf den sich sofort die allgemeine Aufmerksamkeit richtete. Die Mädchen stießen einander an und kicherten, die Männer zuckten die Achseln; ein Schreiberlein in einem schäbigen Rock, den nur der Umstand zum Sonntagsrocke stempelte, daß er einst schwarz gewesen war, sagte mit einem Ausdruck von schlecht verhehltem Neide: «Da kommt Bernhard der Pfau!»

«Dann wird auch die ‹Gräfin› nicht weit sein», ließ eine Mädchenstimme sich vernehmen.

Und wirklich, die sogenannte Gräfin schritt eben über den Platz. Sie war eine stattliche Bauerntochter, die reichste und umworbenste aus dem nahen Dorfe, das gleichsam die Vorstadt Weinbergs bildete. Begleitet von ihrer Sippe begab sie sich zum Tanze. Der junge Mann näherte sich ihr und schien eine Frage an sie zu stellen. Die Dorfgräfin nickte gnädig und setzte ihren Weg fort, indessen er auf das Haus Heißenstein zuschritt.

Ein schlanker Bursche war’s, in der kleidsamen Montur eines herrschaftlichen Büchsenspanners, im dunkelgrünen Rock mit Aufschlägen von Samt, silbernen Wappenknöpfen und Achselschnüren, ein schmuckes Mützchen auf den braunen, dichten, kurzgehaltenen Locken. Seine Haltung war vornehm und frei, das Gesicht fein geschnitten; Siegesgewißheit in jeder Miene und Bewegung, kam der Bursche heran und kindische Freude an sich selbst leuchtete ihm aus den Augen. Er grüßte die Gesellschaft mit der herablassenden Freundlichkeit eines gutsituierten Mannes gegen geringe Leute. Dem Kommis gegenüber äußerte er einigen Respekt, die übrigen neckte er, wußte aber auch jedem etwas Angenehmes zu sagen und jeden in das Gespräch zu ziehen. Nur eine Person in dem Kreise sah er nicht, bemerkte er nicht – die ansehnlichste und auffallendste von allen: Bozena.

Und die war plötzlich verstummt. Sie hatte den Kopf an die Wand zurückgelehnt und die Augen halb geschlossen. Von ihren Schläfen herab, die Wangen entlang zog sich ein weißer Streifen – das Erbleichen sehr rot gefärbter Menschen. Verstohlen warf der Jäger manchmal einen Blick nach ihr hin, und je gequälter ihm der Ausdruck ihres Gesichtes erschien, desto lustiger wurde er, desto übermütiger seine Laune. Mansuet Weberlein kämpfte mit einem nervösen Zucken im Arme, verdrehte die Beine so, daß seine einwärts gebogenen Fußspitzen einander auf dem vorspringenden Mauersockel begegneten, und schoß gegen Bernhard den Pfau eine bissige Bemerkung nach der andern ab. Endlich rief er giftig: «Schad‘ um Sie! Indessen Sie uns hier Späße vormachen, tanzt Ihnen ein Tölpelpeter oder ein Lümmelhans Ihre Gräfin weg!»

Der Jäger wollte antworten, aber ein stämmiger Bursche kam ihm zuvor: «Seine Gräfin?» spöttelte er – «dem Büchsenspanner seine? … Warum nicht gar?»

Ein hochmütiges Lächeln kräuselte Bernhards Lippen. «Oho, du Gescheiter, nicht mehr lange Büchsenspanner. Im Herbst gibt mir mein Graf ein Revier», sprach er.

«Die Bäuerin schiert sich was um dein Revier», entgegnete der Bursche; und zu einem der Mädchen gewendet, fügte er rasch hinzu: «Wollen wir sie fragen, Toni?» – Und Toni antwortete eiligst «Ja», und dem sich entfernenden Pärchen folgten andere Tanzlustige nach, und bald war die ganze Versammlung auseinander gestoben. Auch der Jäger empfahl sich jetzt auf das höflichste bei Weberlein, nach einigen Schritten aber blieb er, als besänne er sich plötzlich, stehen, wandte sich gegen Bozena und fragte wie jemand, der innerlich widerstrebend eine Pflicht der Artigkeit erfüllt: «Kommen Sie nicht auch?» Dann eilte er den übrigen nach mit großen Schritten und schlecht verhehlter Besorgnis, daß sie sich ihm vielleicht anschließen könnte.

«Prosit!» zischelte der Kommis zwischen den Zähnen, «sonst haben Sie keine Schmerzen?»

Aber wie ward ihm, als Bozena nun vor ihm stand, und mit gepreßtem Tone und niedergeschlagenen Augen sagte: «Alsdann Adje, Herr Weberlein.»

Nein! das kann nicht sein … Das ist ja die bare Unmöglichkeit! – In Scharen waren sie oft gekommen, die allerbesten Tänzer der Stadt und des Dorfes und hatten gesagt: «Erweisen Sie mir die Ehre» und «Machen Sie mir die Freude» … Und sie hatte geantwortet: «Ich geh zu keinem Tanz.» Und jetzt warf ihr ein Laffe, ein Geck von oben herab eine Aufforderung hin, so leer, so gar nichtssagend als höchstens: Ein ganzer Bengel will ich doch nicht sein; und sie lachte ihm nicht ins Gesicht, sie schwieg – sie folgte ihm, dem Laffen, dem Gecken, demütig wie ein Hund seinem Herrn?! Donner und Wetter! Wenn der liebe Gott vom Himmel gestiegen wäre und es dem Kommis Weberlein erzählt hätte, dieser würde geantwortet haben: «Verzeih mir’s – Gott! Aber das kann ich nicht glauben.» … Und nun sah er’s, nun mußte er es sehen mit seinen eigenen Augen und konnte seine eigenen Finger legen in die Wunden, die dem Stolze Bozenas geschlagen worden. Er blickte völlig verstört zu ihr empor und brachte nur ein Wort heraus, nur das einzige Wort: «Was?»

Sie schien ein Weilchen zu zögern, dann sprach sie mühsam und mit trockenen Lippen: «Ich muß wissen, wie es steht mit ihm und der Eva», und wandte sich, und von weitem, in wohlberechneter Entfernung, folgte sie dem Jäger.

Herr Weberlein nahm eine boshafte und wegwerfende Miene an, mit abscheulich menschenfeindlichen Blicken stierte er auf den Platz hinaus und kehrte ihm und dem Treiben da draußen endlich ganz und gar den Rücken. Wie ein Alräunchen hockte er in seiner Nische und zog in kurzen, raschen Zügen den Rauch aus seiner Pfeife. Er schmauchte nicht mehr, er tobakelte und umgab sich mit kleinen dichten Wolken, die ihn dräuend und unheilverkündend, als Zeichen seiner großen inneren Erregtheit, umflogen.

Bozena Kapitel 20

Beim «Grünen Baum» hatte die Unterhaltung schon begonnen, aber noch war wenig Wein getrunken worden, noch gab es keine ausgelassene Lustigkeit, noch hatte kein Streit stattgefunden. Die Paare drehten sich langsam und mit bewunderungswürdiger Ausdauer. Von Zeit zu Zeit ertönte ein lauter Jubelruf, ein Bursche klatschte in die Hände, hob seine Tänzerin hoch empor, ließ sie dann sich ein Weilchen allein neben ihm herschwenken, umfaßte sie von neuem und ruhig tanzten sie weiter mit denselben schläfrigen Gesichtern, mit denen sie ihre Fronarbeit verrichteten.

Bernhard trat oft in die Mitte der Stube, sah mit Wohlgefallen, wie viele Mädchenaugen sich erwartungsvoll auf ihn richteten, winkte jedoch keine der Anwesenden nach Bauernsitte zu sich herbei. Eva war für diesen Walzer versagt und mit einer Geringeren trat er nicht in den Reigen.

Bozena stand, alle Frauen und die meisten Männer, die sie umgaben, überragend, finster und grollend in einer Ecke und wies alle Aufforderungen, sich an dem Tanze zu beteiligen, kurz ab. Sie sei nur gekommen, ein wenig zuzusehen, müsse gleich wieder heim. Die Musik schwieg, ein Tanz war zu Ende, nach kurzer Pause wurde wieder aufgespielt, und jetzt hatte Bernhard die «Gräfin» erfaßt und wirbelte mit ihr durch die Stube. Nicht langsam und mattherzig, wie ihr früherer Partner, frisch, mit fröhlicher Anmut und Leichtigkeit schwenkte er sie im Takte. Wie zwei Vögel schwebten sie, flogen sie, als ob die Lüfte sie trügen, jetzt im engen Kreise wie die Lerchen, jetzt wie die Schwalben – dahingleitend in weitem Bogen. Er flüsterte ihr etwas zu und die kokette Dorfschöne blinzelte ihn herausfordernd an; fester drückte er sie an sich, warf den Kopf zurück und schien zu fragen: wer widerstände mir? Sie, nicht minder selbstbewußt, aber weniger naiv, schlug die Augen nieder und schien zu antworten: Ich – vielleicht!

Bozena verwandte von den beiden keinen Blick, ihr Herz klopfte zum Zerspringen, schmerzliche Eifersucht zerschnitt ihr die Brust. Oh, jung sein und begehrenswert wie jene dort! Im Angesichte aller mit Stolz von ihm umfangen werden wie sie, nur einmal, nur einen einzigen seligen Augenblick! Tu ein Wunder, Gott, der du alles kannst! Befriedige diese dürstende Sehnsucht, erlöse diese arme, ringende Seele, lasse sie einmal unschuldig sein ohne Reue und Scham!…

Zu so unerfüllbaren Wünschen hatte Bozena sich verstiegen, als eine Stimme sie anrief: «Grüß Gott!» Evas Vater, ein alter schöner Mann, war zu ihr getreten, er deutete mit dem Mundstück seiner Pfeife auf seine Tochter und fuhr fort: «Das tanzt! Das tanzt!» Wohlgefällig betrachtete er sein Kind und sah dann wieder die Angeredete an, als wollte er sie zur Bewunderung auffordern. Schon drängte sich ein hartes Wort auf Bozenas Lippen, aber sie sprach es nicht aus, vielmehr sprach sie, den Greis forschend ins Auge fassend: «Ein schönes Paar!» Der Bauer verzog den Mund: «Paar?» wiederholte er «Paar? die zwei? – Je nun, auf dem Tanzboden – ja.» Und Bozena atmete auf. Derselbe Ausdruck des engherzigen Hochmuts, der in den welken Zügen des Alten wie versteinert lag – das blühende Gesicht seiner Eva trug ihn auch. Die wird ihr nicht im Ernste eine Nebenbuhlerin, der ist der Jäger trotz aller seiner Vorzüge zu gering! – Bozena verließ die Wirtsstube, sie schritt über den Hof einem kleinen Obstgarten zu, von dem aus der Fußsteig, der bis an die Stadtmauer führte, leicht zu erreichen war. Auf eine Bank unter einem Apfelbaum ließ sie sich nieder und versank in ihre düsteren Gedanken. Eine kurze Zeit nur, und lebhafte, eilende Schritte näherten sich. Sie blickte nicht zurück, sie wußte, er ist es, er sucht sie auf. Im nächsten Augenblick war er bei ihr, setzte sich neben sie auf die Bank und sprach schmeichelnd: «Bozena! Läßt sich die Böse endlich finden?»

Sie antwortet ihm nicht. Er suchte, jedoch vergeblich, ihre Hand zu fassen. «Was hast du wieder? So sag doch ein Wort! – Was ist dir?» sagte Bernhard mit dem leicht erregten Unwillen verwöhnter Menschen.

Nun fuhr sie auf: «Er fragt! Er fragt noch! … Wie? Jetzt kann er kommen, weil ich allein bin! Vor den Leuten kennt er mich nicht! … Weißt du was? Wie du mit mir spielst, so spielt die Eva mit dir!»

Das hatte sie nicht sagen wollen, nicht gleich, nicht so, aber der Ingrimm, der in ihr kochte, sprudelte die Worte heraus. Keuchend lehnte sie sich zurück an den Stamm des Baumes, biß die Zähne übereinander und kreuzte die Arme über der gequälten Brust.

Bernhard lachte gezwungen.

«Mit mir spielt niemand», entgegnete er. «Die Eva weiß recht gut, daß mir’s nicht im Ernst zu tun ist um sie. – Und du solltest wissen, daß ich dich lieb habe!» rief er mit plötzlich ausbrechender Zärtlichkeit und wollte sie umfassen.

Sie stieß ihn zurück und sprach, an allen Gliedern bebend: «Seit einem Jahr vergällt er mir mein Leben. Küßt mich im geheimen und verleugnet mich vor den Leuten … Fort von mir!» herrschte sie, als er statt aller Antwort die Zürnende an sein Herz zu ziehen strebte: «Es muß sein – hörst du? – ich verstelle und verstecke mich nicht mehr. Laß mich in Frieden, wenn du dich meiner schämst!»

Bozena stemmte die Hand gegen seine Brust und hielt ihn von sich mit ausgestrecktem Arme. Und mit diesem stählernen Arme, das wußte Bernhard wohl, hätte er vergeblich gerungen. So senkte er den Kopf auf ihn nieder, lehnte seine Wange daran und sprach: «Ich mag das Gerede der Klatschmäuler nicht – es könnte meinem Grafen zugetragen werden. Und der, du weißt ja, meint, am besten wär’s für mich, wenn ich die Kammerjungfer der Frau Gräfin nähme. Aber ich mag sie nicht!» rief er, sich aufrichtend. «Sie ist mir zuwider – ich hab nur eine gern … Laß mich nur einmal Förster sein, – und die ganze Welt soll schon sehen – wen?!» Es war ein Klang von warmer, überzeugender Empfindung in seinen Worten. Er hatte sie lieb, die Bozena, gewiß; er war stolz auf den uneingeschränkten Besitz dieses bisher unbesiegten Herzens. Er freute sich der Gewalt, die ihm über die Gewaltige gegeben war. Sein unsicheres Wesen wurde von ihrem starken, sein schwankender Wille von ihrem festen mächtig angezogen. Im Bewußtsein ihrer unbegrenzten Liebe ruhte er wie in einer goldenen Wolke, er fühlte sich durch ihre Hingebung gehoben und verklärt. Schützend umhüllte sie ihn, ohne ihn je gedemütigt zu haben, denn immer war sie bereit, sich ihm zu unterwerfen, und alle Lust und alles Weh kam ihr von ihm. Ein Wort, und die Unbezwingliche lag zu seinen Füßen, die größere Seele beugte sich vor seiner Kleinheit, denn kraft ihrer Liebe war er ihr Herr.

Bozena hatte den Arm sinken lassen, der Jäger schlang den seinen um ihren Hals und preßte seine Lippen auf die ihren. Ihr Zorn zerschmolz unter seinen Küssen. Heiße Tränen traten ihr ins Auge und sie sprach wehmütig: «Ich werde niemals deine Frau! Du wirst dich niemals zu mir bekennen. Schweig!» fiel sie ihm ins Wort, da er widersprechen wollte. «Dazu hast du nie den Mut! … Ich bin nur eine arme Magd, und du willst höher hinaus – wir sind nicht füreinander …»

«Ich will dich», beteuerte Bernhard mit Ungestüm, «keine andere, weil sich keine mit dir vergleichen kann. Meinst du, ich bin blind und seh das nicht? … Hab Geduld! … Wirf mir nichts vor … Wir kommen doch zusammen, aber jetzt will ich nichts wissen, nichts hören, nichts fragen als nur: hast mich lieb?»

Bozena legte die gerungenen Hände in ihren Schoß und seufzte schmerzlich auf: «Fragst nicht auch, ob Gott im Himmel lebt? … O Jesus, ob ich ihn lieb habe? Ich wollt, ich könnte sagen, nein, oder ich wollt, ich könnte sagen, warum?»

Trotzig richtete sie sich auf und sprach, als trachte sie sich selbst zu beruhigen über die Natur ihrer Liebe: «In dein hübsches Gesicht habe ich mich nicht vergafft!»

Der Jäger lachte und küßte sie, und Bozena erduldete seine Liebkosungen, aber sie erwiderte sie nicht.

«So bist du heute», grollte sie, «und morgen ist alles wieder wie früher, und morgen trittst du mir wieder aufs Herz. O könnt ich frei sein! … Könnt ich mich losmachen von dir!»

Er erschrak über die Verzweiflung, die aus ihrer Stimme klang; zum erstenmale tauchte die Möglichkeit, sie zu verlieren, vor ihm auf und erfüllte ihn mit tiefster Besorgnis, mit bitterstem Weh: «Dich losmachen von mir?» fragte er vorwurfsvoll, «das möchtest du?»

«Wohl möcht ich’s!» antwortete sie, «aber was hilft mir das? … Bin ich nicht wie verfangen im Dorngestrüpp, es zerfleischt mich, – und läßt mich nicht los … Bernhard! Bernhard!» Sie beugte sich vor, mit beiden Händen griff sie in sein Haar, zog seinen Kopf an ihre Brust und schaute in die Augen, die sich bittend und voll heißer Zärtlichkeit zu ihr erhoben. «Bist mir denn treu?» schrie sie plötzlich auf.

Das rief wieder die alte Bozena! Das war wieder die echte alte Leidenschaft! – Sie zitterte um ihn, er hatte sie wieder! Der funkelnde Blick des Jägers ruhte fest in dem ihren und seine Seele frohlockte. Übermütig strich er mit Daumen und Zeigefinger den Schnurrbart in die Höhe und sprach schmollend, wie ein berechnender, kluger, vollendeter Don Juan:

«Bist du denn mein?»

«Schäm dich!» erwiderte sie, und barg ihr Gesicht in ihre Schürze und schluchzte laut.

Er aber flehte, tröstete, beteuerte. Kein Liebesschwur, den er nicht tat, kein Schmeichelwort, das er nicht sagte. Und Bozena lauschte seiner süßen Rede, von neuem überwunden, von neuem überzeugt. Er wolle ein Ende machen! Das gelobte er, und sollt es ihn die Stelle kosten und seines Grafen Gnade! Von der Bozena läßt er nicht, er kennt ihren Wert, ihr gehört er an in Glück und Not, im Leben und im Tode. Nur sie vermag – – da fährt er zusammen, hält inne … hinter den Büschen des Zauns hat sich’s geregt. Der Teufel! haben seine Worte einen Zeugen gehabt? War ein Lauscher da? Bernhard springt empor und auf die Stelle los, von der aus das Geräusch gekommen. Er ruft laut: «Wer da?» – keine Antwort und ringsum niemand zu erblicken. Sie sind allein.

Etwas verlegen über die Bestürzung, die er unwillkürlich hatte erblicken lassen, kehrt der Jäger zurück. In einen andern Menschen verwandelt, gleichgültig und kalt stand er vor seiner Geliebten und sagte: «Es ist spät – ich muß fort.»

Sie biß die Zähne übereinander und maß ihn mit verachtungsvollen Blicken.

«O du!» rief sie «wenn einer dort gestanden hätt, und wär’s der Stallbub gewesen aus eurem Hause … Und hätte der gespaßt: Unser Jäger geht mit der Magd des Weinhändlers – vor dem Stallbuben hättest du mich verleugnet! Jetzt hättest du’s getan! … Und wenn dich heut abends beim Tische der Hausoffiziere jemand nach mir fragt, wirst du antworten: Ich kenne sie nicht! Gelt?» schrie Bozena mit vernichtendem Hohne und richtete sich hoch auf vor ihm, der mit finsterem Gesichte zur Erde starrte und – schwieg.

«Ich Narr! Ich Narr!» stöhnte sie und wandte sich und rannte davon. Sie schaute nicht – er rief sie nicht zurück, und dennoch hemmte sie bald die Raschheit ihrer Schritte. Sie blieb stehen – sie lauschte – sie wartete und setzte dann immer langsamer ihren Weg fort. Wie oft hatten sie sich schon getrennt, aber niemals hatte ein Abschied ihr das Herz zerrissen wie dieser. Hatte sie doch noch nie so harte Worte zu ihm gesprochen, war ihm doch niemals so weh durch sie geschehen. Wird er ihr je verzeihen? – Schon denkt sie nichts andres mehr als: wird er mir je verzeihen?…

Das macht: sie ist gefangen, ein Spielball in eines Knaben Hand – die große Bozena!

Bozena Kapitel 21

5.

Während Bozena in so schweren Herzenskämpfen rang, wurde auch ihr Schützling von seinem Schicksal ereilt. Zugleich glücklicher und unglücklicher als ihre Getreue, hatte Rosa eine Neigung eingeflößt, die sich nicht verbarg, die nur allzu eifrig zur Schau getragen wurde, die aber so gut wie keine Hoffnung bot, zu ihrem Ziele, dem Frieden einer erwünschten Ehe zu gelangen.

Seit einigen Monaten war in der Umgebung Weinbergs ein Ulanenregiment einquartiert, dessen hübschester Leutnant den großen, sehr mittelmäßig gepflasterten Platz des Städtchens für den geeignetsten Ort zu halten schien, wo seinen Pferden die letzte, höchste Dressur beizubringen wäre. Er kam heut auf dem Mohrenkopf und morgen auf dem Schwarzbraun; er umkreiste den steinernen Marktbrunnen im Jagdgalopp, im spanischen Schritt, im kurzen und im langen Trabe. Er jagte, die Hand am Schirme seines Käppchens, im Fluge wie ein Kosak, oder er ritt feierlich und langsam wie der Cid unter Ximenens Altan, an dem alten Hause vorüber. Und am Fenster stand Rosa voll Bewunderung und lächelte ihm zu. Seit dem Augenblicke, da sie ihn zum erstenmale gesehen, hatte ein neues Leben für sie begonnen. Seltsam, seltsam war ihr’s damals ergangen. So, meinte sie, so rasch, so plötzlich und unwiederbringlich hätte noch keine ihr Herz verloren, nein, verschenkt – gern, glückselig verschenkt.

Mit klingendem Spiele und flatternden Fähnlein war das Regiment auf einem Marsche nach der neuen Garnison durch die Stadt geritten. Und Rosa, von dem Schalle der lustigen Musik an das Fenster gelockt, hatte sich ergötzt an dem bunten Schauspiel zu ihren Füßen; Zug um Zug marschierte vorüber und manches Auge richtete sich mit Wohlgefallen auf das Mädchen, das so übermütig auf die staubbedeckten Reiter herabsah, als defilierten sie nur ihr zu Ehren und zum Spaße da vorbei.

Endlich kam er herangeritten, nachlässig, mit schlaffen Zügeln, und träumte vor sich hin. Nun schien das alte Haus seine Aufmerksamkeit zu erregen. Wie ein verwitterter Aristokrat inmitten geschniegelter Emporkömmlinge nahm es sich mit seinen etwas abgebröckelten Stukkaturen, seinen schweren Strebepfeilern und tiefen Fensterbogen aus, neben den blanken, charakterlosen Nachbarn. Der Offizier sah an dem grauen Gemäuer empor, wie überrascht von seiner altertümlichen Schönheit. Als wecke es in ihm eine wehmütige Erinnerung, betrachtete er es ernsthaft, ja traurig und doch fast liebevoll. Und jetzt begegnete sein Blick dem der Rose am Fenster, dieser holden, trotzigen Rose, so schön, so frisch in ihrer düsteren Umrahmung. Vier junge Augen ruhten ineinander mit unschuldigem Erstaunen, mit selbstvergessenem Entzücken. Und das alte, ewig neue Wunder vollzog sich; in zwei von Schmerz und Glück noch unberührten Seelen erwachte die Sehnsucht und mit Bangen die Ahnung all der Wonnen und all des Wehs, die sie bestimmt waren einander zu bereiten, die Ahnung des großen Lebensgeheimnisses, das Aufgehen des eigenen in einem fremden Dasein.

Unwillkürlich hielt der Jüngling sein Pferd an, und stand regungslos mit emporgewandtem Haupte, mit dem Ausdruck der seligsten Bewunderung auf seinem Gesichte. Eine Hand, die sich auf seine Schulter legte, eine Stimme, die ihn anrief: «Schläfst du, Fehse?» weckte ihn aus seiner Versunkenheit. Er errötete über und über und setzte sich wieder in Bewegung. Der Kamerad aber war der Richtung, welche die Augen des Freundes genommen, mit den seinen gefolgt, er lächelte und machte eine Bewegung, als wollte er sagen: «Ja so – jetzt verstehe ich!»

Und Rosa, bestürzt, beschämt, eilte vom Fenster hinweg, mit dem Gefühl einer ertappten Sünderin. Wie peinlich war der Augenblick! Und doch – sie hätte ihn nicht tauschen mögen gegen alle frohe Stunden, die sie bisher erlebt.

Das kindische Pärchen flog in sein erstes Liebesabenteuer hinein wie junge Vögel in das Feuer. Damals hatte ein österreichischer Offizier alle mögliche Zeit, seine Privatangelegenheiten zu besorgen. Wenn er, wie Fehse es tat, auch täglich drei Meilen weit ritt, um an der Wand den Schatten seiner Angebeteten oder am Fenster den Schimmer ihres Nachtlämpchens zu erblicken, der Dienst, der ihm oblag, brauchte nicht darunter zu leiden.

Später wurde der Leutnant in ein dem Städtchen näher gelegenes Dorf versetzt, und nun begannen jene Fensterparaden auf dem Platze, die sehr bald Rosas Freude ausmachten und Herrn Heißenstein ein Ärgernis gaben.

Frau Nannette nahm von alledem keine Notiz.

Eine Sache, von der man sich nur Kenntnis verschaffen konnte, indem man aus dem Fenster sah, fand sie für angemessen zu ignorieren. Sie predigte nicht etwa mit Worten allein, sie predigte durch ihr Beispiel. Sie pflegte zu unterlassen, was Regula bleiben lassen sollte.

Jawohl, bleiben lassen! Oder hat man jemals gehört, daß ein wohlerzogenes Mädchen Lust und Zeit hätte, aus dem Fenster zu sehen? Wenn dies der Fall, dann muß Frau Nannette sich schämen und ihre Unwissenheit bekennen. Denn wahrlich, ihr ist dergleichen niemals zur Kenntnis gekommen.

Einen stillen, aber heißen Bewunderer fanden die equestrischen Übungen des Leutnants an Mansuet Weberlein. Von seinem Kasten aus, in dem er hockte wie der Frosch im Wetterglase, begleitete der Kommis die Versuche des Ulanen, Fräulein Augentrosts Aufmerksamkeit zu erwecken, mit seinen innigsten Sympathien. Er war ein so begeisterter Anhänger des Militärs, daß er jedem Unternehmen, gleichviel ob es von dem ganzen Stande oder von einem einzelnen seiner Mitglieder in das Werk gesetzt wurde, das beste Gedeihen wünschte.

Wie es kam, daß sich in Weberleins Seele kriegerische Neigungen entwickelten, ist unerklärt geblieben. Er stammte aus einem friedfertigen Geschlechte. Seine Ahnherren hatten als Kommis im Geschäfte Heißenstein gedient, solange dasselbe überhaupt bestand, und sein Vater hatte ihn auferzogen in der Furcht Gottes und der Militärpflicht. Und trotzdem! Als er achtzehn Jahre alt und noch nicht viel über drei Schuh in der vertikalen, aber schon bedenklich in der schrägen Richtung gewachsen war, da kamen Werber aus Ungarn herüber in die Stadt. Mansuet entlief seinem väterlichen Hause und stellte sich.

Er wurde ausgelacht und heimgeschickt. Aber von diesem Tage an galt er in seiner Familie für einen Haudegen, und fühlte sich in einem gewissen Grade mit dem Soldatenwesen verbunden.

In gemütlichen Stunden sagte er zu seinen Vertrauten: «Sehen Sie, jetzt wäre ich Hauptmann, wenn ich nämlich gedient, ich wäre sogar Major, wenn man mich nämlich dazu gemacht hätte.»

Er wußte den Militärschematismus auswendig und avancierte mit seinen eingebildeten Kameraden, in seinem eingebildeten Range. Wenn der hübsche Leutnant Fehse am Hause vorüberritt, da verfehlte Mansuet niemals, dem zweiten Kommis zuzuflüstern: «Sehen Sie, der wäre jetzt mein Subordinierter, wenn ich nämlich gedient hätte, bei den Ulanen nämlich, und zwar im zweiten Regimente.»

Die unschwer zu erratenden Absichten seines «Subordinierten» aus allen Kräften zu fördern, empfand Weberlein den lebhaftesten Drang. Und eines schönen Morgens, als Fehse wieder sein Pferd auf dem Platze tummelte, bemerkte sein stiller Gönner, mit einer Hand auf den Schützling deutend und mit der andern dem Prinzipal einen Brief zur Unterschrift vorlegend: «Ansprechendes Exterieur, das des Herrn Leutnants. Scheinen hier einen Punkt der Anziehung gefunden zu haben.»

Und als Heißenstein schwieg, fuhr der Kommis mit einem diplomatischen Lächeln fort: «So frei gewesen, über den Herrn Leutnant Erkundigungen einzuziehen. Bei Großhändler Heller. Sind dort täglicher Gast. Gute Referenzen. Sehr estimiert im Regimente, höchst anständig.»

«Kümmert das Sie?» fragte Herr Heißenstein in wegwerfendem Tone und schob dem Kommis den unterzeichneten Brief hin.

Weberlein legte einen zweiten vor und erwiderte: «Sehr viel. Die Anständigkeit des Nebenmenschen kümmert mich immer sehr viel.»

«Sie wollen sich vermutlich mit ihm in Verbindung setzen», bemerkte der Prinzipal spöttisch. Weberlein war einmal entschlossen kühn zu sein; er ließ sich nicht irremachen durch die majestätische Ironie Heißensteins. Er dachte: «Wetter! man muß etwas tun für seine Freunde. Ein gutes Wort kann Wunder wirken; es kann Möglichkeiten ins Auge fassen lassen, die sonst nicht erwogen worden wären.»

Und so sprach er: «In Verbindung – ich? – Nur insofern, als ich vermöchte, eine Verbindung mit anderen Personen zu vermitteln, die ihm wahrscheinlich erwünschter wäre.»

Während dieser letzten Rede hatte der Haudegen seine Augen recht fest auf das Blatt in seiner Hand gerichtet. Jetzt wandte er sie seinem Chef zu. Der saß kerzengerade aufgerichtet und machte eine so eisige Miene, daß Mansuet sich von ihrem Anblick durch und durch erkältet fühlte und hüstelnd, als fröre ihn, seinen Rock zuknöpfte. Heißenstein sah den Kommis von der Seite an, und jede Falte auf seinem Gesichte, jedes Haar seiner emporgezogenen Augenbrauen schien zu sagen. «Dieser Mensch wird mich niemals verstehen!»

Der Tag verging. Herr Heißenstein ging auffallend früh und in auffallend schlechter Laune zum Abendessen. Die letztere wurde noch vermehrt, als er Rosas Platz am Tische unbesetzt fand. Ein unerquickliches Gespräch entspann sich zwischen dem Herrn und der Frau vom Hause.

«Wo ist Rosa?»

«Wie allabendlich bei Heller.»

«Wer gab ihr die Erlaubnis…»

«Die nimmt sie wohl selbst. Wer hätte der etwas zu erlauben?»

«Ich!» schrie Heißenstein.

«Du hast doch bis jetzt gegen diese Besuche nichts einzuwenden gehabt», meinte Frau Nannette.

«Von nun an hab ich dagegen einzuwenden», war des Hausvaters kategorische Antwort, und Bozena erhielt den Befehl, Rosa sofort abzuholen und nach Hause zu bringen. Die Magd gehorchte, und Regel, die inzwischen ihre Suppe ausgelöffelt und ohne das leiseste Geräusch geschluckt hatte, küßte ihren Eltern die Hände, verbeugte sich ehrfurchtsvoll und verließ das Zimmer.

Das Ehepaar war allein.

Er hatte die «Brünner Zeitung», sie ihren Strickstrumpf zur Hand genommen. Vor ihm stand eine Flasche Weines, vor ihr ein kleiner Arbeitskorb, in dem das Knäuelchen, infolge der unglaublichen Geschwindigkeit, mit der sie strickte, ruhelos umherhüpfte. Die Bewegung dieses Knäuelchens schien Herrn Heißenstein unangenehm zu sein, denn er sah es manchmal über die Zeitung hinweg grimmig an.

Eine Atmosphäre des Unbehagens umgab die beiden alten Leute, und Frau Nannette bemühte sich vergeblich, sie zu zerstreuen. Sie lächelte, nickte mit dem Kopfe, sagte von Zeit zu Zeit: «Ja, ja» und: «Du lieber Gott, schon ein Viertel nach neun!» Oder: «Wie doch ein Tag so rasch vergeht!» Sie versuchte sogar durch ein kleines, gemütliches Gähnen die gezwungene Stimmung in eine bequeme zu verwandeln. Alles umsonst!

Endlich hielt sie im Stricken inne, und indem sie mit der Nadel einige Brotkrümchen auf dem Tische in eine gerade Linie schob, teilte sie ihrem Manne mit, als besänne sie sich dessen plötzlich – daß sich ihr heute vormittags auf der Promenade Leutnant von Fehse habe vorstellen lassen.

Herr Heißenstein äußerte den Anteil, den er an dieser Nachricht nahm, dadurch, daß er halblaut zu lesen begann: «Versteigerung der kärntnerischen Kammerfondsherrschaft Friesach, samt der Fronleichnamsbruderschaft Metnitz…»

Frau Nannette fuhr fort: «Ein sehr gebildeter, sehr wohlerzogener junger Mann…»

«An Gebäuden, an Grundstücken, an Untertanen, an Zehenten», murmelte Heißenstein.

«Du hörst nicht, Lieber», sprach seine Gemahlin, und setzte mit größerem Nachdrucke hinzu: «von altem Adel, aus Hannover.»

In einem Tone, der deutlich sagte: «Ich will auch nicht hören», und mit, wie es schien, gesteigertem Interesse an seiner Zeitung, las Heißenstein: «An Untertansgiebigkeit, an unsteigerlichem Gelddienste 609 Gulden 23¾ Kreuzer…»

«Die Fehse sind so alt wie die Montmorency», rief nun Frau Nannette etwas gereizt dazwischen, und vergaß in der Aufregung, ihrer Rede die logische Gliederung zu geben, die sie ihr sonst so gern verlieh. – «So alt wie die Montmorency, und er spricht das schönste Deutsch, das ich jemals hörte.»

«An Kleinrechten», las Heißenstein weiter: «Ein Paar Filzstiefel, ein Stück Hechten, siebenundzwanzig Hendeln, zwei Faschingshühner – – einhundertundfünf Pfund Harreisten…»

Jetzt riß der Faden von Frau Nannettens Geduld. Mühsam, mit großer Selbstüberwindung knüpfte sie ihn wieder zusammen.

Sie beugte sich vor, tippte mit der Stricknadel auf den Ärmel ihres Mannes und sprach: «Es wäre mir angenehm, wenn meine Regula öfters Gelegenheit hätte, dieses ganz vortreffliche Deutsch sprechen zu hören. Das Kind ist so bildungsfähig! Man sollte es nicht glauben, aber heute vormittags wechselte Herr von Fehse einige Worte mit ihr, und schon nachmittags überraschte sie mich mit der Anwendung einiger Imparfaits und Subjonctifs, und mit einer weichen Aussprache der Zischlaute, die mich entzückte. Gestatte demnach, lieber Mann…»

Die Stricknadel fuhr schmeichelnd über den Rockärmel, und bittende Augen ruhten auf dem hartnäckigen Leser. Dieser erhob den Kopf und lächelte seine Ehehälfte an, spöttisch, geringschätzig, herausfordernd.

Frau Nannette fühlte augenblicklich ihre Lippen trocken werden und ihren Hals sich zusammenschnüren. Sie dachte, nicht ohne einen kleinen Schauder, daß es möglich sei, einen Menschen inständigst zu hassen durch ein ganzes Leben hindurch, wegen eines einzigen Lächelns, wenn es so viel Verachtung, so viel Hohn ausdrücke wie dieses.

«Du wünschest also», sprach Herr Heißenstein, «wenn ich recht verstehe, einen Montmorency – Gott, wie sprach der Mann diesen edlen Namen aus! – als Sprachlehrer für unsere Regel. Ich zweifle, ob diese Art in solcher Eigenschaft zu fungieren pflegt, bei Weinhändlerstöchtern.»

Jetzt wurde die Türe des Vorzimmers geöffnet; die Stimme Rosas ließ sich vernehmen. Herr Leopold stand auf: «Genug gescherzt!» rief er, während seine Tochter eintrat. Er wandte sich gegen sie und schleuderte ihr in drohendem Tone die Worte zu: «Herr Leutnant Fehse wird mein Haus niemals betreten!»

Das Mädchen erbleichte und fragte ganz verwirrt über diesen sonderbaren Empfang: «Warum, Vater? – Warum? – Was hast du gegen ihn?»

«Nichts gegen ihn, nichts für ihn», erwiderte Heißenstein, «und dabei soll’s sein Bewenden haben.»

«Warum?» wiederholte sie, «er ist brav und gut, alle Welt liebt ihn.»

«Du wohl auch?» fuhr er sie mit grausamem Spotte an.

«Ja!» antwortete Rosa hochaufatmend.

Er sah sie an und eine leise Regung des Erbarmens mit dem Kinde wurde lebendig in seiner Seele. Streng, aber ohne Härte sprach er: «Schlag dir die Löffelei aus dem Kopfe! Ich will nichts wissen von einem Herrn von Fehse. Du hast gehört, mein Haus betritt er nie.»

«Doch Vater!» war die kühne Antwort des Mädchens, «er kommt morgen. Er will bei dir um mich werben.»

«Werben?!» schrie Heißenstein in aufloderndem Zorne. «Werben?!» Mit flammendem Gesicht schritt er auf seine Tochter zu…

Frau Nannette lief es kalt über den Rücken und mit einem kleinen Schrei sprang sie auf, floh in die Fensterecke und wünschte zu sein, was ihr Mann sie einst genannt: eine Maus – um sich verkriechen zu können.

Anders empfand die Tochter, die Schuldige, auf deren Haupt das Ungewitter sich zu entladen drohte, das die funkelnden Augen des Vaters, seine zuckenden Lippen, sein röchelnder Atem verkündeten. Furchtlos kreuzte sie die Arme und sah ihn mit trotziger Entschlossenheit an. Sie war schön, und Bozena hatte doch recht: sie glich ihrer Mutter. Selbst jetzt noch, in ihrem Zorne mahnte sie an die sanfte Frau. – Jene hätte das Haupt gebeugt, sie erhob’s – jene hätte den Kampf vermieden, sie nahm ihn auf – und dennoch! und dennoch!…

Mitten in seiner Wut, in seiner Empörung über den Widerstand, den sie zu leisten wagte, kam es ihm: Ich hab das Mädchen lieb! – Und wie Ekel an all der Kriecherei und Heuchelei um ihn her, erfaßte es ihn und zog ihn mit Macht zu der einzigen, die seinem Willen ihren Willen entgegensetzte.

Es war totenstill im Zimmer. Frau Nannette zitterte unhörbar, und Vater und Tochter standen einander lautlos gegenüber. Endlich sprach Heißenstein: «Er will kommen? Gut denn.»

«Vater!» rief Rosa, jubelnd über diese unerwartete Antwort. Sie ergriff seine Hand und wollte sie küssen. Er entzog sie ihr mit den Worten: «Mache dir keine Hoffnung, du Törin.»

*

Heißenstein empfing den Herrn Leutnant von Fehse mit aller möglichen Steifheit. Als der Offizier von Bozena geleitet eintrat, erhob sich der Herr des Hauses, ging ihm aber nicht entgegen. Er ließ ihn herankommen, erwiderte seinen militärischen Gruß mit einem Kopfnicken, und als Fehse sich nannte, wies er ihm schweigend einen großen Lehnstuhl an, der neben dem Schreibtische stand. Er selbst setzte sich wieder auf seinen kleinen unbehaglichen Strohsessel. Gerade aufgerichtet vor seinem Gaste, die Hände auf die Knie gelegt, jede einleitende Phrase verschmähend, erklärte er dem jungen Manne, er wisse, welch einen ehrenvollen Antrag zu stellen der Herr Leutnant gekommen sei und bedauere lebhaft, daß die obwaltenden Verhältnisse ihn zwängen, denselben abzulehnen.

Fehse wurde abwechselnd blaß und rot, richtete seine sanften blauen Augen voll Treuherzigkeit auf den Kaufmann und erklärte seinerseits, daß er Fräulein Rosa innigst liebe.

Herr Heißenstein schenkte dieser Versicherung unbedingten Glauben und der Offizier fühlte seine Hoffnung, daß der Vater seiner Geliebten nicht unerbittlich sein könne, wachsen. Er rief, er sei zwar noch sehr jung, bekleide noch keine hohe Charge, habe kein Vermögen, aber er stamme aus einer geachteten Familie, trage einen ehrenwerten Namen, besitze leidliche Fähigkeiten und hoffe Karriere zu machen. Über seinen Ruf bei Vorgesetzten und Kameraden möge Heißenstein Erkundigungen einziehen, sein Oberst sei bereit, sie zu erteilen.

Während er sprach, beobachtete der Geschäftsmann ihn scharf. – Eines großen Geistes Kind bist du nicht, dachte er, aber ein hübscher anständiger Bursche. Fehses offenes Wesen machte einen günstigen Eindruck auf den mißtrauischen und zurückhaltenden Kaufherrn, und der Gedanke an die Möglichkeit einer Vereinbarung flog ihm durch den Sinn. Aus Liebe hat schon mancher größere Opfer gebracht, als das wäre, das der junge Edelmann um Rosas willen bringen müßte, sagte sich Heißenstein.

Er begann umständlich und mit Bedacht dem Offizier zu erzählen, seit wie vielen Generationen das Geschäft, an dessen Spitze er stehe, sich in seiner Familie vom Vater auf den Sohn fortgeerbt habe. Ihm hätte der Himmel seinen Sohn genommen, aber seine ehrenwerte Firma müsse doch fortbestehen, und so sei es denn sein unabänderlicher Entschluß, die Hand seiner älteren Tochter nur demjenigen Manne zu gewähren, der sich herbeiließe, den Namen Heißenstein anzunehmen und dereinst das Handlungshaus weiterzuführen.

Das Gesicht Fehses verfinsterte sich, und als Heißenstein mit den Worten schloß: «Wollen Sie auf diese Bedingung eingehen?» antwortete er bebend vor Entrüstung: «Was berechtigt Sie zu glauben, daß ich meinen Namen weniger hochhalte, als Sie den Ihren? … Ich bin übrigens Soldat mit Leib und Seele und will es bleiben mein Leben lang.»

Herr Heißenstein zollte der klaren und männlichen Sprache des Offiziers, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrigließ und ihre Unterredung beendete, seine Anerkennung. Er fügte, sich erhebend, hinzu, daß er von einem Mann von so korrekter Gesinnung auch ein korrektes Benehmen erwarte. Er äußerte seine, aus seiner Hochachtung für Herrn von Fehse entspringende Überzeugung, daß dieser künftighin jede Gelegenheit, Rosa zu begegnen, meiden werde, und unter der soeben ausgesprochenen Verzichtleistung auf ihre Hand auch die Verzichtleistung auf ihre Neigung verstehe.

«Keine von beiden!» entgegnete der junge Offizier flammend und glühend. «Ich liebe Ihre Tochter und werde von ihr geliebt, ich werde alles daran setzen, sie zu erringen!»

Und gleich darauf, seine Heftigkeit bereuend, flehte er: «Machen Sie uns nicht unglücklich!»

«Verlieren Sie keine Worte», sprach Heißenstein. «Es dürfte Sie später verdrießen, wenn Sie sich erinnern würden, Herr Leutnant von Fehse, daß Sie sich vor einem Weinhändler umsonst gedemütigt haben.» Er machte einige Schritte gegen die Tür.

«Ich werde», rief Fehse außer sich, «nie von Ihrer Tochter lassen! – Und seien Sie überzeugt: sie auch nicht von mir! … Sie sollen bereuen, was Sie heute tun. Merken Sie wohl: Ich habe Ihnen nichts versprochen. Ich habe kein Wort zu halten als das Wort, das ich ihrer Tochter gab!» Heißenstein stand eine Weile in Gedanken versunken und blickte dem Enteilenden nach. Dann setzte er sich an den Schreibtisch und verfaßte einen langen Brief, den er noch am selben Tage eigenhändig der Post übergab.

Rosa wurde fortan unter strenger Aufsicht gehalten. Zwei traurige Monate hindurch durfte sie das Haus nicht verlassen, und außer in Gegenwart Frau Nannettens keinen Besuch empfangen. Dennoch gelang es Fehse einmal, ihr Nachricht zu geben, und Bozena, die im Zimmer neben dem ihren schlief, und der es war, als habe sie ihren Liebling schluchzen gehört, fand Rosa, als sie an ihr Bett trat, im Schlafe weinend, wie sie es als Kind oft getan. Und dabei hielt sie ein beschriebenes, von Tränen durchnäßtes Blättchen an ihre hochgerötete Wange gedrückt.

Am nächsten Morgen fragte Bozena wohl: «Was war das für ein Brief?» Aber sie bekam eine ausweichende Antwort, und begnügte sich damit.

«Wie mögen Sie Rosa quälen?» sagte sie zu ihrem Herrn. «So eine erste Liebelei, das ist wie Märzenschnee…»

So rein, meinte sie, und so vergänglich.

Von Ahnungen und Träumen nährt sich die junge Liebe, ist fern von ihrem Gegenstand glücklich durch den Gedanken an ihn; wenn sie weint, so freut sie sich ihrer Tränen, und wenn sie leidet, ist sie stolz auf ihren Schmerz … Was bedeutet die unschuldige Schwärmerei eines Kindes gegen die lodernde Höllenglut im Herzen Bozenas.

Bozena Kapitel 22

6.

Heißenstein erschien eines Tages in ungewöhnlich guter Stimmung im Familienzimmer. Er hatte zwei angenehme Nachrichten erhalten. Die erste lautete, das Regiment des Leutnants von Fehse sei im Begriffe, in eine neue Garnison zu marschieren; die zweite hatte ein Brief gebracht, die Antwort auf das Schreiben, das er nach seiner Unterredung mit dem Offizier nach Wien geschickt.

Sie lautete:

Euer Wohledlen zeige ich hiermit an, daß mein Sohn Joseph sich im Verlaufe der nächsten Woche die Ehre geben wird, Euer Wohledlen persönlich aufzuwarten. Derselbe ist vor wenigen Tagen aus England hier eingetroffen, allwo er die ihm aufgetragenen Geschäftsangelegenheiten zu gedeihlichem Abschlusse gebracht hat. Meine angenehme Hoffnung ist es jetzo, daß es ihm auch reussieren möge, sich die Wohlgeneigtheit und die gute Gesinnung Euer Wohledlen und deren werter Familie zu erwerben, und kann keineswegs umhin, zu versichern, daß mein innigster Wunsch befriedigt wäre, wenn mir heut über ein Jahr die Gelegenheit geboten und die Satisfaktion gewährt würde, in großväterlichem Kometenwein (grünes Siegel) die Gesundheit des ersten Frohburg-Heißenstein ausbringen zu dürfen.

Der ich verharre, Euer Wohledlen dienstwilliger

Frohburg.»

Während der Mahlzeit sprach Heißenstein wiederholt von seinem ehemaligen Jugend- und jetzigen Geschäftsfreunde Frohburg. Er lobte dessen wohlgeratene Kinder, er lobte vor allem dessen zweitgeborenen Sohn Joseph, den er zum letztenmal vor fünf Jahren in Wien gesehen hatte. Der Jüngling war damals zwanzig Jahre alt und berechtigte zu den schönsten Hoffnungen. In gut bürgerlichen Verhältnissen erzogen, zur Arbeit und Pflichterfüllung angehalten, hatte er sich zu einem tüchtigen Manne herangebildet. Wohl dem Vater, der sich eines solchen Sohnes rühmen darf, wohl der Frau, die er einst mit seiner Hand beglückt! – Heißenstein kündigte den bevorstehenden Besuch Josephs an und trug Frau Nannette auf, das Gastzimmer zu seinem Empfange auf das beste herstellen zu lassen.

«Ich hoffe und wünsche, daß er sich heimisch fühle bei uns!» setzte er hinzu, und die Drohung: weh euch, wenn er sich nicht heimisch fühlt! klang aus seinem Tone.

Obwohl Frau Nannettens stummes Kopfnicken die einzige Antwort war, die er erhielt, obwohl sich nicht die leiseste Einwendung gegen seine Behauptungen und Befehle erhob, hatte er sich in eine Gereiztheit hineingeredet, die nur hartnäckiger Widerspruch erklärt haben würde.

Oder wurde sie vielleicht durch Rosas bleiches Gesicht hervorgerufen? – Durch den verhaltenen Schmerz, mit dem sie ihre Lippen biß? – Durch die Blicke, die sie ihm aus glühenden Augen zuwarf, die in der letzten Zeit dunkler geworden schienen und in jenem feuchten und feurigen Glanze leuchteten, den vieles Weinen jungen Augen verleiht? … Las er die Gedanken von ihrer Stirn ab? Lag ihr Herz offen vor ihm?

Sie hatte ihn verstanden und schauderte. So wenig kannte sie der alte Mann? Er meinte sie zwingen zu können zu einer ihr widerstrebenden Ehe? Wäre ihr Herz auch frei gewesen, niemals hätte sie sich zwingen lassen. Und jetzt, da sie liebte, da er es wußte, glaubte er für sie wählen zu können? … Welch ein Abgrund klaffte zwischen ihm und ihr, wie fremd stand sie mitten unter den Ihren, wie allein im Vaterhaus! Mit welcher bitteren Qual empfand sie die traurigste von allen Einsamkeiten, die unter Menschen, die uns die nächsten sein sollten.

Unzufrieden mit sich selbst verließ Heißenstein das Gemach. Er hatte sich übereilt. Er hätte noch schweigen, noch nichts verraten sollen von seinen Zukunftsplänen, hätte einen Monat oder zwei ins Land gehen lassen sollen, bevor er den Geschäftsfreund an die längst schon zwischen ihnen genommene Verabredung mahnte. Er machte einen Gang durch die Stadt und besann sich, daß im Kontor die Arbeit seiner warte. Er begab sich in das Kontor und sah bald ein, daß er unfähig war, auch nur zwei zusammenhängende Zeilen niederzuschreiben. Endlich versuchte er, sich mit Mansuet in ein Gespräch einzulassen. Aber der war schweigsam und niedergeschlagen und gab nur einsilbige Antworten.

«Wissen Sie schon? Die Ulanen marschieren?» fragte der Chef unter anderm.

«Weiß», brummte Mansuet und spitzte die Ohren, wie in die Ferne lauschend.

«Sie kommen schon hier vorbei!» rief der zweite Kommis und sprang auf, «man hört die Musik!»

Heißenstein verließ das Kontor und stieg zum Zimmer seiner Tochter empor.

Als er die Tür des weitläufigen Gemaches leise öffnete, sah er Rosa in der Fensternische halb sitzend, halb liegend hingestreckt. Sie hatte die Arme über ihren Arbeitstisch geworfen und das Gesicht in die Linnen vergraben, die ihn bedeckten. Ihr ganzer Körper bebte unter den Erschütterungen eines heftigen Schluchzens, das sich schmerzlich emporrang aus der Tiefe ihrer Brust.

Von einem flüchtigen Mitleid ergriffen, blieb ihr Vater, ohne ein Zeichen seiner Gegenwart zu geben, am Eingange stehen.

Er war gekommen, um sie zu verhindern, dem Geliebten ein letztes Lebewohl zuzuwinken, nun dachte er: «Mag sie doch! – Nachher ist ja ohnehin alles vorbei.»

Das Getrappel der Pferde ertönte auf dem Pflaster, die Klänge eines alten Reiterliedes schallten durch die Luft. «Lebewohl! Lebewohl, mein Lieb!» sprachen sie, riefen sie dem verstehenden, pochenden Herzen zu.

Langsam richtete Rosa sich auf, sie öffnete das Fenster nicht, beugte sich nicht hinaus. Mit dem Rücken an die Wand gelehnt, die Arme schlaff herabhängend, stand sie regungslos, atemlos und starrte hinunter.

Und jetzt stieg eine dunkle, heiße Blutwelle in ihr Gesicht … Jetzt war er vorbeigekommen. – Und jetzt nickte sie ernsthaft und wiederholt, als hätte ihr jemand fragend zugewinkt und als antwortete sie: «Ja! – ja, gewiß!» Und wie beteuernd preßte sie beide Hände an ihre Brust.

Was soll’s? War das eine Verabredung?…

Geräuschvoll schloß Heißenstein die Türe, deren Klinke er noch in der Hand hielt.

Rosa wandte sich, erblickte ihren Vater und mit einem Schrei, mit ausgebreiteten Armen stürzte sie auf ihn zu. Sie warf sich vor ihm nieder und umklammerte seine Knie, sie drückte ihre Lippen auf seine abwehrenden Hände und beschwor ihn mit Tränen und mit Schluchzen: «Vater, Vater, gib mich ihm!»

Aber das bißchen Mitleid, das er mit einem Geschöpf empfinden konnte, das sich ihm widersetzte, war erloschen. Daß sie noch hoffte, daß sie noch meinte, ihren Willen durchzusetzen, daß sie es noch versuchte, das empörte ihn. Ist er der Mann, der seine Entschlüsse ändert? – Hat er nicht so manchen, den er übereilt gefaßt, zu seinem eigenen Nachteil ausgeführt, bloß deshalb, weil er ihn einmal gefaßt hatte? Und sie traute ihm zu, er werde jetzt nachgeben, da es sich um die Erfüllung eines Lebenswunsches handelte, um das Gelingen sorgsam vorbereiteter und lang gehegter Pläne? Er hatte ihr wohl zu wenig Strenge gezeigt, sie fürchtete ihn nicht genug.

Er ließ sich nicht zu einem Zornesausbruche hinreißen, er blieb nur dabei: sie muß sich fügen. Der Sinn von allem, was er sagte, war: «Mit dem Ungeliebten wirst du leben, den Geliebten wirst du vergessen.»

Auch in ihr waren die weichen und sanften Empfindungen nicht die vorherrschenden. In die Laune, zu bitten, kam sie selten. Heute galt es ihr ganzes Lebensglück, und das alte Wort: Not lehrt beten, bewahrheitete sich an ihr. Sie flehte demütig und inbrünstig; aber so wie er von seinem Entschlusse nicht wich, so blieb auch sie bei dem ihren: ich heirate keinen andern als meinen Geliebten.

«Ich hab ein trauriges Leben», klagte sie. «Du warst niemals gut gegen mich, und die andern sind bös und falsch gewesen. Endlich hab ich mein Herz an einen Fremden angehängt, kann ich dafür? Hat eure Gleichgültigkeit mich nicht dazu gestoßen? Sei du jetzt väterlich – verzeih mir – denke, wenn ich ein Unrecht getan habe, es ist zur Hälfte dein. Verzeih mir, Vater, und laß mich gewähren. Du weißt, ich war zeitlebens ein störrisches Geschöpf. Und den braven Joseph heiße warten; ein paar Jahre nur, dann heiratet er die brave Regula. Die sagt ‹Ja› zu allem, was du befiehlst, die ist nicht widerspenstig wie ich. Belohne sie für ihren Gehorsam mit deinem ganzen Hab und Gut. Ich will nichts, ich verzichte auf alles – nur deinen Segen gib – sag nur: Ziehe hin…»

«Ins Elend!» rief Heißenstein. «Weißt du, was du verlangst? Kennst du den Jammer einer armseligen Militärwirtschaft? Das Herumzigeunern von Dorf zu Dorf … Eine Ehe ohne eigenen Herd, einen Haushalt, den man nicht bestreiten, Kinder, die man nicht erziehen kann? Und er – glaubst du, daß er dich möchte, wenn du ihm kämst ohne einen Heller? Ein Narr wäre er, wenn er dich so nähme, und gewissenlos dazu. Also. nein! Und kein Wort mehr darüber: du gehorchst!»

Sie bewegte noch ihre Lippen, aber sie sprach nicht mehr. Ihre Tränen waren versiegt, finster blickte sie ihren Vater an, der schon an der Türe stand. Da schien ein plötzlich ausbrechendes Gefühl sie zu überwältigen. Sie eilte ihm nach und warf sich an seine Brust. Er fragte: «Bist vernünftig … willst gehorchen?»

Sie gab keine Antwort, sie trat weg von ihm, nachdem sie ihn noch einmal innig geküßt hatte.

Eine Stunde später ließ sie ihn bitten, den Rest des Tages auf ihrem Zimmer zubringen zu dürfen, und die Erlaubnis dazu wurde ihr gewährt.

Frau Nannette lauerte und beobachtete, und schlich mehrmals an Rosas Türe vorbei und sah zufällig – sie wußte wenigstens selbst nicht, wie es geschah – durch das Schlüsselloch. Rosa saß an ihrem kleinen Pulte und ordnete die Gegenstände, die in der Lade aufbewahrt waren.

Im ganzen Hause herrschte einmal wieder dumpfe Gewitterschwüle. Der «Herr» grollte, Bozena ging mit verstörter Miene umher, Mansuet war in bärbeißiger Laune und hatte auf offener Straße einen Streit gehabt mit Bernhard, dem Pfau. Einen Streit, den der kleine Kommis mutwillig heraufbeschwor.

Ohne allen Grund war er im Gespräch mit dem Jäger immer anzüglicher geworden und hatte endlich etwas gemurmelt von einem, «erbärmlichen Wicht». Und Bernhard hatte erwidert: «Führen Sie keine solchen Stichelreden, Sie haben kein savoir-vivre.» Worauf Mansuet rief: «Das ist mir tuttegal! Wenn ich auch nicht sage, was Sie sind, deswegen bleiben Sie’s doch.»

Der Streit würde sicherlich zu Tätlichkeiten geführt haben, wenn der gräfliche Kammerdiener, der demselben beiwohnte, den Jäger nicht fortgezogen und gesagt hätte: «Laß ihn, was kümmerst du dich um den alten Krakeeler!»

Früher als gewöhnlich wurde heute zur Ruhe gegangen. Jeder der Hausbewohner schien Eile zu haben, sich in seine Stube zurückzuziehen.

Frau Nannette schritt in der ihren auf und nieder, seltsame Gedanken und Hoffnungen bewegten sie.

Sie war kurzsichtig, ihr Ehrgeiz zu wenig hochfliegend gewesen. Sie hatte in dem Leutnant Fehse nur einen bildenden Umgang gesehen, nur einen Reformator für Regulas vom Dialekt etwas angehauchte Aussprache. Und nun zeigte sich, daß er sie hätte befreien, erlösen können von dem ewig störenden Einfluß der Stieftochter; er hätte, geschickt unterstützt, diese vielleicht sogar dahin bringen können, sich mit ihm zu verbinden, auch gegen den Willen ihres Vaters.

Ein unversöhnlicher Zwiespalt wäre daraus entstanden. Heißenstein hätte sich losgesagt von der verlorenen Tochter, und in alle Rechte, die Rosa einbüßte, würde Regula getreten sein.

Frau Nannetten schwindelte, als alle diese Gedanken in ihr aufstiegen. So nahe war, so erreichbar die Erfüllung ihrer kühnsten, verwegensten Wünsche gewesen, und sie hatte nichts davon geahnt. Eine kostbare, einzige, nie wiederkehrende Gelegenheit war versäumt, ihrer Tochter die alleinige Herrschaft über das Haus und all seine reichen Güter für die Zukunft zu sichern.

Aufgeregt wie nie in ihrem Leben, bestieg sie ihr Lager und löschte das Licht. Aber an Schlaf war nicht zu denken. Sie lag sinnend und grübelnd, und ihre Pulse hämmerten fieberhaft.

Im Kamin heulte der Sturm, und draußen umraste er das Haus; warf Sand an die Scheiben, daß sie klirrten, prallte an das Tor, daß es dröhnte; riß Ziegel vom Dach und schleuderte sie mit Gepolter auf die Straße. Frau Nannette hüllte sich in ihre Decke und flüsterte mechanisch ihr Abendgebet.

Wie ist ihr? Wird ihre spröde Phantasie beweglich und gaukelt ihr die Verwirklichung ihrer Träume vor? … Narrt sie die Einbildung, oder hört sie wirklich das Haustor knarren in seinen verrosteten Angeln? – Es ist geöffnet worden, mühsam, langsam – und alsbald schlägt der Sturm es wieder zu und schwer fällt es ins Schloß.

Nannette erhebt sich und eilt ans Fenster. Die Nacht ist dunkel, von keinem Stern erhellt. Die vier Öllampen, welche die Beleuchtung des Platzes zu besorgen haben, verbreiten ein gar spärliches Licht. Sie lauscht, sie späht in die Nacht hinaus, sie wünscht sich die Augen einer Eule, um die Finsternis durchdringen zu können. Jetzt, jetzt sieht sie in die Lichtscheibe, die eine der Lampen auf den Boden wirft, eine Gestalt treten – eine Gestalt im weißen Reitermantel – sie scheint eine zweite zu stützen, zu leiten … Einen Augenblick sind die beiden klar und deutlich sichtbar, dann verschwinden sie im Dunkel. Nannette hat sie erkannt … Und ihr Gewissen ruft ihr zu: Verhindere Unheil – rette das Haus vor Schmach. Auf! auf! Den Mann geweckt – ein Wort, ein Ruf von ihm führt das verirrte Kind zurück. Noch ist es Zeit – tu deine Pflicht!

Was Pflicht! … Ihrer Tochter die Wege bereiten, das ist ihre Pflicht! …

Minuten vergehen, schwerwiegende Minuten. Das Schicksal gönnt ihr noch eine Frist, um ihre Kraft zusammenzuraffen, zu einer guten Tat.

Sie läßt sie ungenützt vergehen.

Ein leichter Wagen fliegt über das Pflaster, Funken sprühen auf unter den Hufen der Rosse. – In den Lüften aber wird es still – still ringsumher – nichts laut als nur der Schall, den jenes Gefährte weckt und sein jagendes Gespann. Von Fieberfrost geschüttelt horcht Nannette. Sie möchte den Sturm beschwören, daß er das Gerassel der Räder übertöne, das den Vater wecken, ihre Hoffnungen noch jetzt vernichten kann…

Grundlose Sorge! Der Sturm hat nur neuen Atem geschöpft; er erhebt sich stärker als zuvor und verschlingt in seinem Toben das ohnmächtige Geräusch, das die Erde ihm zusendet in sein luftiges Reich.

*

Am nächsten Morgen, als Bozena ihm das Frühstück auf sein Zimmer brachte, war Heißensteins erste Frage: «Wie geht es Rosa?»

«Alles still bei ihr, sie schläft wohl noch», antwortete die Magd.

Er zürnte: «Schläft – um acht Uhr? Was für Gewohnheiten! … Hat die Prinzessin so viel Zeit übrig? Wecke sie. Schicke sie hierher.»

Eine Viertelstunde verging. Rosa kam nicht, Bozena brachte keinen Bescheid.

Ist das Kind krank? – Unsinn! Man wird nicht krank wegen einer bekämpften Laune. Das kommt in Romanen vor, nicht im Leben. Oder stellte sie sich vielleicht krank? Das wäre sehenswert!

Mit raschen Schritten geht er über den Gang, kleine Treppen auf und ab. Der Weg von seinem Zimmer zu dem der Tochter scheint ihm endlos. – «Ein rechtes Winkelwerk», denkt er, «dieses Haus.» Er würde den alten Kasten umgebaut haben, wenn ihm der Himmel einen Sohn gelassen hätte. Aber so! – Für einen Schwiegersohn unternimmt er dergleichen nicht. An die Stelle eines Kindes wird der niemals treten, wenn er auch noch so ehrenvoll den Namen der allgeschätzten Firma trägt.

Heißenstein biegt um die Ecke des schmalen Ganges, der zu Rosas Zimmer führt, und staunt, die Tür nur angelehnt zu finden. Er tritt ein; Rosa ist nicht da – das Bett ist unberührt – die Lade des Pultes, in dem sie ihre kleinen Reichtümer aufzubewahren pflegte, geöffnet, doch scheint nichts darin zu fehlen und der Schlüssel steckt. Heißenstein schließt die Lade, und zieht den Schlüssel ab. «Nachlässig und vergeßlich wie immer!» brummte er, dabei jedoch erfaßt ihn eine unerklärliche Angst.

Er eilte zu seiner Frau hinüber; sie saß am Klavier und gab ihrer Tochter Unterricht.

«Hast du Rosa schon gesehen?» fragte er, und bemühte sich, seinem Ausdruck den Anschein der Gleichgültigkeit zu geben.

«Heute noch nicht», antwortete Frau Nannette obenhin, ergrünte wie der Freiherr von Münchhausen, und wandte sich sofort wieder zu Regula, sie beschwörend, dis und es, trotz ihrer scheinbaren Ähnlichkeit, niemals zu verwechseln.

Heißenstein murmelte einen Fluch, und schritt hinaus. Er ist wohl verrückt, sich Gedanken zu machen. Wohin anders sollte Rosa gegangen sein als in die Kirche, die Frühmesse zu hören, zu beten um Ergebung, Sanftmut, Geduld, die ihr not tun, wahrlich! – Das ist’s. Wie kam er nicht gleich darauf? … Daß man doch immer die einfachste, natürlichste Erklärung zuletzt findet.

Jetzt wird sie wohl zurückgekehrt sein, und wenn auch nicht, er will sie erwarten in ihrem Zimmer, und sie ohne Härte empfangen. Er nimmt sich überhaupt vor, in Zukunft milder gegen sie zu sein. Ihr Vorwurf gestern, so ungerecht er war, hat ihm weh getan und fordert zum mindesten eine Widerlegung, eine Zurechtweisung.

Auf dem Gange rennt Bozena ihrem Herrn in den Weg; verstört – bleich wie der Tod.

«Fort!» keucht sie – «Das Kind ist fort!»

«Schweig, Närrin!» – ruft er ihr zu, «Rosa ist daheim – in ihrem Zimmer, muß daheim sein» – und zum zweitenmal tritt er in das Gemach.

Bozena weiß: es ist nicht – er irrt! Und dennoch weckt die Zuversicht, die ihr Herr zur Schau trägt, in ihr einen Schimmer von Hoffnung; er ist trügerisch; wie bald, und er erlischt. Sie stehen in dem Gemache des Kindes und finden es leer.

Von neuem jammert Bozena: «Sie ist fort!» Und den alten Mann überfällt plötzlich und mit Entsetzen die Gewißheit, daß er seine Tochter verloren hat.

Augenblicklich fordert seine Qual ein Opfer, an dem sie sich rächen kann. Schäumend, mit der blinden Wut eines Tieres dringt er auf Bozena ein und schmettert sie zu Boden. Sie fällt hin wie ein Baum, sie wehrt sich nicht.

«So hast du sie gehütet?» schreit er halb von Sinnen, und wiederholt ohne Aufhören: «So hast du sie gehütet?»

Sie zuckt nicht unter seiner ehernen Faust, sie erhebt sich nicht, sie fühlt nichts, sie weiß nichts zu sagen als: «So hab ich sie gehütet!»

Er faßt ihre gerungenen Hände und reißt sie empor auf ihre Knie.

«Sie mußte durch dein Zimmer – mußte sie nicht? … Und du liegst auf dem Ohr – und hörst nichts, siehst nichts – hast geschlafen wie ein Klotz! … Hast geschlafen, während sie davonging – du! du! Die sich ihre Pflegemutter nannte … Eine saubere Pflegemutter! Eine saubere Wärterin! Eine brave Magd!»

Bozena lag gebrochen und ohnmächtig vor ihm auf den Knien. Als er die Worte sprach: «Hast geschlafen …» hatten ihre Augen ihn mit der Scheu des Wahnsinns angeblickt, und sich dann gesenkt in verzweiflungsvoller Scham.

Ein klägliches Wimmern und Stöhnen entrang sich ihrer Brust. – Geschlafen? Das glaubte er? …

O der harte, rauhe Gebieter – der schonungslose Herr, vor dem alle zittern, den sie unbarmherzig nennen, der das geringste Versehen wie einen unverzeihlichen Fehler bestraft … Nicht mit dem leisesten Verdacht streift er ihre Schuld! Was sie getan hat, das traute er ihr nicht zu. Er klagt sie an, doch er verunehrt sie nicht, wie er’s sollte – wie sie es verdient, wie sie selbst sich verunehrt hat!

Was sie getan, er kann es nicht einmal im höchsten Zorn denken – sie ist schlechter, als ein Mensch denken kann! …

Sorglosigkeit wirft er ihr vor. Einen Schlaf, den sie nicht mehr hat – den Schlaf der Unschuld, der Ehrlichkeit und eines ruhigen Gewissens!

Weh über Bozena – sie hat sich selbst gerichtet – den Augenblick verschmerzt sie nie!

Angesichts ihrer maßlosen Verzweiflung gewann Heißenstein einige Fassung. Er öffnete Rosas Pult, er suchte nach einem Briefe, nach einem Abschiedswort, das sie vielleicht für ihn hinterlassen hatte. Er fand nur einen kleinen Zettel, den er vorhin übersehen, und darauf stand:

«Ich gehe zu ihm ohne einen Heller.»

Das war ihre Antwort auf des Vaters: «Glaubst du, er nähme dich ohne einen Heller?»

Er knitterte das Blatt zusammen und warf es zur Erde. Bozena stürzte sich darauf – und las – und raffte sich empor, riß den Schrank auf und durchsuchte ihn mit brennender Hast: «Nichts!» rief sie schmerzlich – «o du guter Gott – nichts fehlt als die Kleider, die sie auf dem Leibe trug und ihr leichtes Mäntelchen … So geht sie aus dem Vaterhause – so geht mein Kind, mein Leben, mein alles hinaus in die weite Welt!»

Heißenstein gebot ihr Schweigen. Er hat sich ermannt. Zwei Stunden später saß er im Postwagen und fuhr denselben Weg, den die Ulanen genommen.

«Wenn jemand nach mir fragen sollte», hatte er beim Abschied gesagt – «ich bin mit» – wie schwer brachte er den Namen über die Lippen! – «mit Rosa nach Wien gefahren. Das ist alles, was ihr wißt. Ihr versteht?»

«Ihr versteht», sagte er, aber er sah dabei nur seine Frau an. Der Verschwiegenheit seiner Magd war er gewiß.

Bozena Kapitel 23

An diesem Tage gönnte sich Bozena keinen Augenblick der Ruhe. Kein Raum, vom Keller bis zum Dachboden, in dem sie nicht nachsah mit kundigem Auge, nicht ordnete mit flinker und geschickter Hand. Sie scheuerte und fegte, verfolgte ihren verhaßtesten Feind: den Staub, bis in seine verborgensten Schlupfwinkel, und blickte des Abends zufrieden auf ihr vollendetes Werk.

Es war ihr letztes Vermächtnis an das Haus, dem sie durch achtzehn Jahre treu gedient.

Sodann begab sie sich ins Kontor, zu Mansuet. Er war allein, die jüngeren Herren hatten schon Feierabend gemacht.

«Was steht zu Diensten?» fragte der Kommis mit einer Gespreiztheit, die nach Würde aussehen sollte. Seit jenem Tanze beim «Grünen Baum» zeigte er sich etwas zurückhaltend gegen Bozena.

«Ich habe Sie bitten wollen», antwortete die Magd, ihm ein Päckchen reichend, das in Papier gewickelt und mit einem Wollfaden zugebunden war, «mir mein Sparkassenbuch aufzuheben.»

Er bemühte sich, sein Erstaunen zu verbergen, und sprach nachlässig: «Wie komme ich zu der Ehre? Ist Ihr Geld bei Ihnen nicht mehr sicher?»

«Seien Sie schon so gut und heben Sie mir’s halt auf», erwiderte sie und streckte ihm die Hand entgegen, in die er seine langen Finger zögernd legte.

«Ich danke Ihnen im voraus, Herr Mansuet. Ich danke Ihnen überhaupt für alles.»

Fort war sie. Hatte ihn verlassen, bevor er Zeit fand, sie zurückzuhalten und sich seine Bestürzung über den bewegten Ton ihrer Stimme recht zum Bewußtsein zu bringen. Und jetzt erst besann er sich, jetzt erst fiel es ihm mit banger Besorgnis auf das Herz, daß sie reisemäßig gekleidet war, ein Bündel trug und eine Geldtasche umgeschnallt hatte.

«Will auch die davongehen?» murmelte er mit schmerzlicher Ironie vor sich hin.

Da möchte er zuvor doch ein Wort mit ihr reden.

Er hatte ihre Stube niemals betreten, jetzt begab er sich dahin. Auf sein Pochen erfolgte keine Antwort, dennoch trat er ein. Inmitten des Zimmers stand ein gepackter Koffer; auf den Deckel hatte eine ungeübte Hand den Namen «Bozena Ducha» mit weißer Ölfarbe gepinselt.

Der Kommis stellte sich davor hin und betrachtete ihn mit wehmütigen Blicken.

«Sie geht ihrem Kinde nach. Hat recht – ich versteh’s», – dachte Weberlein. «Und mich freut’s, daß sie’s über das Herz bringt sich loszumachen von dem Hund, dem Bernhard. Mich freut’s sehr.» Und eine heiße Träne stieg ihm ins Auge.

Er sah sich um in der hochgewölbten, weißgetünchten Stube, in der alles Reinlichkeit atmete. Hier also hat sie existiert, die Bozena. Da steht ihr gewaltiges Bett mit seiner schneeigen Decke, daneben die buntbemalte Truhe, die ihr Eigentum war, die sie mitgebracht hatte aus dem heimatlichen Dorfe. Im Fenster ihr Arbeitstisch, auf dem Gesimse der Rosmarinstock, den sie aus einem kleinen Zweige gezogen; über der Tür das geschnitzte Christusbild, auf dessen Haupt sie über die Dornenkrone ein Blumenkränzlein gelegt hat. Oh – die Bozena! – Wenn sie das einem Menschen getan hätte statt einem Gotte … Wenn sie einem Menschen die Dornen des Lebens in Blumen verwandelt hätte … Einen Gott hätte der sich gefühlt.

Mansuet läßt sich auf einen Schemel nieder, stützt den Ellbogen auf den Koffer und den Kopf auf seine Hand und träumt, so wach er ist – so alt er ist!

Wie die Sachen stehen, hätte ihn die Bozena wohl schwerlich genommen. Er ist zu klein für sie, sie ist zu groß für ihn. Wenn er aber länger geraten wäre um einen halben Schuh, oder – einen ganzen –, wenn er überdies schön geworden wäre – und das hätte ja ohne Wunder der Fall sein können, es sind so viele Leute schön! Dann … Wer weiß, was dann geschehen wäre?

Seinen eigentlichen Beruf würde er gewiß ergriffen haben – Soldat wäre er geworden, und ein Reiterstückchen wie jenes, das Fehse, der Sapperlotter, heute nachts ausgeführt, – das hätt er auch getroffen, er traut sich’s zu!

Nur, daß er sich nicht, so lieblich es auch ist, das Fräulein Augentrost mitgenommen hätte … Er weiß eine andre – die hätte er zu seiner Herrin gemacht, der seine Lorbeeren zu Füßen gelegt, die auf starken Armen durch das Leben getragen … An deren Herzen würde er jetzt ruhen, ein seliger Mann!

So schwärmt der kleine Mansuet von Liebe, Ruhm und Wonne und kauert neben Bozenas Habseligkeiten, wie ein armer Köter neben den zurückgelassenen Gewändern seines Herrn.

*

Der schöne Bernhard saß in seiner Stube und war mit der Abfassung eines Briefes beschäftigt, der ihm viel Mühe machte. Er legte die Feder weg, ergriff sie wieder, er schien zu warten, daß sie sich von selbst in Bewegung setze und das Schreiben beende, das an eine angebetete Wilhelmine gerichtet war und von Liebe, von einem feindlichen Geschicke, von Selbstverleugnung und Vertrauen sprach.

Aber die Feder, deren gequälter Bart sich schon jämmerlich sträubte, wollte ihm den Gefallen nicht tun. Sie benahm sich im Gegenteil so widerspenstig, daß er sich bequemen mußte, sie neu zu schneiden. Von dieser Beschäftigung weg warf er wohlgefällige Blicke im Zimmer umher. Es war mit allerlei Kram überladen und hingen nicht die zwei Gewehre, der Hirschfänger und die Saunadel an der Wand, man könnte glauben, anstatt im Zimmer eines jungen Jägers in dem einer alten Kammerjungfer zu sein. Dazu fehlen weder die Gitarre an blauem Bande, noch die Schattenrisse und Neujahrsbildchen in goldpapiernen Rähmchen, noch so mancher andre geschmacklose Tand aus Wachs und Porzellan.

Die Feder war geschnitten, und so gut oder übel, als es ging, wurde der Brief fortgesetzt. Ein elastischer und energischer Schritt, der sich auf der Treppe vernehmen ließ, störte den Jäger auf das angenehmste in seiner verdrießlichen Tätigkeit. Rasch warf er den angefangenen Brief in die Tischlade, sprang auf und begrüßte das hochgewachsene Weib, das jetzt über die Schwelle trat, mit den jubelnden Worten: «Das hätt ich mir nicht getraut zu hoffen, daß du heut wieder kommst!»

«Freu dich nicht», antwortete Bozena, und er erschrak über das düstere Feuer, das aus ihren Augen leuchtete und über die Abscheu verratende Bewegung, mit der sie ihn von sich wies.

Zwei Schritte und sie stand am Tische, legte ein seidenes Tuch, ein Gebetbuch und einen Ring darauf und sagte: «Ich komm nur, dir die Sachen zurückzubringen, die du mir geschenkt hast. Es ist aus zwischen uns. Ich geh.»

«Was ist der durch den Kopf gefahren?» dachte Bernhard, nahm eine gleichgültige Miene an und fragte: «Du gehst? – und warum? – und wohin?»

Sie zuckte schweigend die Achseln; er ertrug den eiskalten Blick nicht, den sie auf ihm ruhen ließ, und wendete sich ab.

Ärger und Verdruß erfüllten ihn. Sie ist ihm hinter irgendeine Liebelei gekommen, gewiß; deshalb zürnt sie und droht, ihn zu verlassen. Daß sie es wirklich tun könnte, das fällt ihm nicht im Traum ein.

Eher löscht die Sonne aus als ihre Liebe zu ihm, eher verliert er den Glauben an sich selbst als den an ihre Treue.

Nur Vorsicht jetzt, nur unbefangen bleiben! – Am besten ist, er fängt sie in ihrem eigenen Netz.

«Warte!» ruft er ihr zu «so kommst du mir nicht fort. Wer bringt, muß nehmen. Nimm auch du alles zurück, was du mir geschenkt hast.»

Er trat an seine Schublade und wollte sie öffnen, da erinnerte er sich des Briefes an die «angebetete Wilhelmine», der darin lag und dessen in großen Lettern prangende Aufschrift dem scharfen Auge Bozenas schwerlich entgangen wäre. Er errötete und ließ den schon ausgestreckten Arm sinken.

«Behalt’s», sagte sie, «ich werde keinen Liebsten mehr haben, dem ich es schenken könnt!»

Wie seltsam hart klang ihre Stimme, welche Entschlossenheit sprach aus ihrem Ton und welche wehmütige Trauer aus ihrem Gesicht, aus ihrer Haltung und ihrem ganzen Wesen! Kann man zugleich so stark sein und so weich, die Seele eines Helden besitzen und das Herz eines Weibes?

Den Schwachen, der geherrscht hatte über so viel Kraft, erfaßte zum erstenmal ein Bangen, daß diese sich gegen ihn erheben könnte.

Und als er Bozena stumm und gelassen dem Ausgange zuschreiten sah, rief er ihr zu: «Bleib! … Was hast du nur? … Was hab ich dir denn getan?»

«Nichts», erwiderte sie. «Laß mich, ich hab Eile.»

«Du bleibst! – Ich will’s – – ich bitte dich!»

Er folgte ihr, umschlang sie und drückte sie heftig an sich.

Er sah, wie sie erbebte und unsäglich litt, aber die Zärtlichkeit der Selbstsüchtigen ist der Grausamkeit verwandt. Stumpf gegen Bozenas widerstrebende Empfindung, drückte er Kuß um Kuß auf ihre Lippen und flüsterte: «Ich hab dich lieb … Bleib bei mir, Bozena! … Warum willst du nicht?»

Sie entrang sich seiner Umarmung; ihre Wangen flammten und ihr Atem flog.

«Verstehst nicht?» sagte sie: «Es ist aus. Ich bin jetzt von dir los und für immer, denn ich hab die Stunde verflucht, wo ich zum ersten- und letztenmal durch dich glücklich war.»

«Verflucht?!»

Durch Mark und Bein drang ihm dieses Wort, es verletzte ihn in seiner Manneseitelkeit; er stieß einen Schrei echten Schmerzes aus, und als sie den vernahm, da wußte sie, daß ihr Herz doch nicht so ganz für ihn gestorben war. Eine sanfte Regung erwachte in ihr, ein bleicher Schimmer ihres einstigen Gefühls. Und so sehr sie’s drängt: nur fort! nur fort – hinweg! – stumm, wie sie gewollt, kann sie doch nicht von ihm gehen.

Sie faßte ihn beim Arme und indem sie den Nacken niederbeugte, um ihm in das trotzig gesenkte Angesicht zu sehen, sprach sie gedämpft und rasch: «Du hast mich gehabt mit jedem Gedanken in meinem Hirn und mit jedem Hauch in meiner Brust. Und was hast du aus mir gemacht? … Weniger wert bin ich worden durch dich – an Lug und Trug hast du mich gewöhnt und meine Schuldigkeit hab ich um dich versäumt … Schweig!» gebot sie, als er sie unterbrechen wollte – «Ich werf dir nichts vor, dir nichts – alles, alles nur mir! Du kannst vielleicht nicht anders … Ich aber hätte anders gekonnt, und ich hab zehnfach gefrevelt, denn ich hab gefrevelt gegen meine Natur. Das geht so eine Weil‘ – man ist ja wie betrunken – aber die Stunde kommt, wo man erwacht … Mir ist sie gekommen – fürchterlich – und darum muß ich jetzt fort: und – darum, Bernhard, sag ich dir jetzt Lebewohl.»

Und wieder wandte sie sich, und wieder stürzte er ihr in den Weg. Alles in ihm, seine Leidenschaft, seine Eitelkeit, sein Trotz empörten sich gegen die Trennung von ihr.

«Ich laß dich nicht!» schrie er. «Ich rufe das ganze Haus zusammen, laufe hinüber zu deinen Herrenleuten und sage ihnen, daß du entfliehen willst!»

«Das tust du nicht», sagte sie und war wieder völlig ruhig und gefaßt. Mit ausgebreiteten Armen stellte sie sich vor die Tür.

«Ich binde und kneble dich, wenn du mir drohst, bei meiner armen Seele: ich tu’s. – Werd ich fertig mit dir oder nicht, wenn ich will! – was meinst? Willst du die Schande erleben, daß sie dich morgen so finden und hören, daß dich ein Weib gebunden hat?»

Zornig und beschämt trat Bernhard zurück. Nein, mit Gewalt war gegen Bozena nichts auszurichten und doch: verlieren konnte er sie nicht! Zu köstlich war ihr Besitz. Ist sie nur durch Güte und Demut wiederzugewinnen – wohlan, er übt Güte und Demut!

Er warf sich vor ihr nieder, er küßte weinend den Saum ihres Kleides und flehte mit gerungenen Händen: «Bleib bei mir, Bozena!»

Aber die Stimme, der sie sonst gefolgt wäre, und hätte sie aus dem Abgrund der Hölle nach ihr gerufen, hatte ihren alten Zauber eingebüßt. Noch bewegte, noch erschütterte ihr Klagen das Herz Bozenas, doch brach es ihren Willen nicht mehr. Sie hatte auf den Schrei der Sehnsucht ihres Geliebten keine Antwort, als ein schmerzliches «Leb wohl!»

Da sah er zum letztenmal zu ihr empor – angstvoll – fragend – erwartungsvoll – – und begriff endlich, daß alles vorüber war.

Er sprang auf; keuchend und stöhnend stürzte er sich auf sein Bett und wühlte seinen Kopf in die Kissen. Bozena warf einen letzten Blick auf ihn und verließ das Gemach.

*

In menschenfeindlichster Stimmung war Herr Heißenstein nach drei Tagen von seiner Fahrt zurückgekehrt. Als Frau Nannette ihm die Entweichung Bozenas mitteilte, äußerte er nicht das geringste Befremden. Er war und blieb schweigsam und undurchdringlich. Nannette mußte die raffiniertesten Künste, auf welche neugierige Frauen sich verstehen, anwenden, um ihm nur eine dürftige Kunde seiner Erlebnisse zu entlocken. Alles, was sie schließlich erfuhr, bestand darin, daß Rosa anständig untergebracht und das Regiment Fehses weiter marschiert sei nach Ungarn.

«Er wird sie jetzt heiraten müssen, es bleibt nichts andres übrig –» sagte Nannette und warf einen lauernden Blick auf ihren Mann.

Dieser war damit beschäftigt, Schriften zu ordnen, die er einem eisernen, in die Wand eingelassenen Schrank entnommen, der zur Aufbewahrung von Wert- und Familienpapieren diente. Aus einer großen Anzahl vergilbter Blätter hatte er den Trauschein seiner ersten Frau und den Taufschein Rosas hervorgesucht und sie auf dem Schreibtische ausgebreitet. Nannette bot sich an, den Rest «in das Archiv», wie sie großartig sagte, zurückzutragen, aber der undankbare Gatte belohnte ihren guten Willen nur durch ein mürrisches: «Laß gut sein!»

Er holte aus dem Schranke ein dünnes Päckchen, auf dessen Umschlag geschrieben stand: «Meiner Tochter Rosa mütterliches Erbe», und begab sich damit zum Schreibtisch zurück. Frau Nannette schlich ihm nach auf Schritt und Tritt, sie gab sich die erdenklichste Mühe, eine sanfte Duldermiene anzunehmen, und wiederholte mit einem tiefen Seufzer, durch den trotz aller Anstrengung, ihn zu unterdrücken, ein Laut des Jubels und Triumphes sich Luft machte: «Er wird sie jetzt heiraten müssen, es bleibt ihm nichts andres übrig.»

Abfertigend, ohne sie anzusehen, erwiderte Heißenstein: «Natürlich.»

Dieses beunruhigte sie. Soll zuletzt noch alles glücklich enden für die ungeratene Tochter? Nannettens Angst vor einem solchen Ausgange überwand einen Augenblick ihre Furcht vor ihrem Manne.

Mit grimmiger und etwas spöttischer Freundlichkeit sagte sie – und dabei zitterte in ihrem linken Mundwinkel ein Nerv wie ein frierendes Küchlein im Neste: «Du verzeihst wohl? … Du gibst wohl deinen Segen?»

Er fuhr auf. «Ich?!» donnerte er sie an und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß das Zimmer dröhnte und daß Frau Nannette einer Ohnmacht nahe war.

O Himmel! … So wie jetzt hatte er ausgesehen in jenem unvergeßlichen Zornesausbruch, in dem er das zarte Pflänzchen ihres Mutes so unbarmherzig knickte, daß es seitdem nur noch kränkliche Schößlinge trieb …

Nannette empfand plötzlich eine ganz merkwürdige Schwäche in den Knien und glaubte wahrhaftig, sie werde umsinken. Das aber geschah nicht, denn ihr Mann äußerte den Wunsch, allein zu bleiben, durch ein bündiges: «Hinaus!» Und sie trat sofort den Rückzug an, der nichts an Eile, und manches an Hoheit zu wünschen übrigließ.

In der nächsten Zeit hatte Heißenstein häufig Unterredungen mit seinem Rechtsfreunde, Herrn Doktor Paul Wenzel. Stundenlang und bei verschlossenen Türen wurde da verhandelt; und durch niemand, nicht einmal durch die besorgte Hausfrau und unter keinerlei Vorwand, ob er nun in Gestalt eines kleinen Imbisses, eines eben angelangten Briefes oder einer dringenden Nachfrage erschien, durften die Herren in ihrer Arbeit unterbrochen werden.

Da besann sich Nannette plötzlich, daß die Frau des Advokaten eine Jugendbekannte von ihr sei, daß sie einstens «intim liiert» mit ihr gewesen war, und sie empfand die nagendsten Gewissensbisse, die alte Freundin so lange vernachlässigt zu haben. So setzte sie denn eines schönen Nachmittags ihre Herbstkapotte mit den schottischen Bändern auf, – ein Geschenk, das ihre einstigen Zöglinge ihr kürzlich aus Wien zugesendet hatten, eine echte Lannoy! – hüllte sich in ihren schwarzen Seidenmantel und wurde, eine Viertelstunde später, bei der Gattin des Advokaten angemeldet.

Die gute Frau empfing sie in ihrem unbehaglichen und unbewohnten Salon mit allen Zeichen der Ehrfurcht und mit einer Verlegenheit, die zu verbergen sie nicht einmal versuchte, so gut wußte sie, daß es vergeblich sein würde. Sie bezeigte eine überschwengliche, mit einem gewissen Entsetzen vermischte Freude über den unerwarteten Besuch. Sie entschuldigte sich, daß Frau «von» Heißenstein sie im Hauskleide treffe – aber eine Familienmutter – du guter Gott, muß überall zugreifen … Sie entschuldigte sich, daß sie nicht ihr Leben damit zubringe, auf den Besuch Frau «von» Heißensteins zu warten, sie entschuldigte sich, daß sie Kinder habe und daß es heute nachts geregnet. Sie dankte endlich im stillen Gott, als ihr Mann eintrat und sie von dem mühevollen Geschäft erlöste, ganz allein mit der gebildetsten Frau der Stadt ein Gespräch führen zu müssen, bei welchem diese allerdings nicht zu Worte kommen konnte.

Der Advokat war ein schöner Greis mit fein modelliertem Kopfe, blassem Gesichte und vornehmer Haltung. Seine Mitbürger schätzten ihn hoch und die «Herrschaften» auf den umliegenden Gütern sahen ihn als ein Orakel an. «Was hat der Wenzel gesagt?» – «Man muß den Wenzel fragen», sprachen die feudalen Herren, sooft die Weisheit ihrer Verwalter nicht ausreichte, um irgendeinen Konflikt zwischen dem herrschaftlichen Amte und den Untertanen zu lösen.

In seinem Berufe war Wenzel ein Cato, im geselligen Verkehr jedoch und an seinem eigenen Herde liebenswürdig und galant, wie ein Abbé des achtzehnten Jahrhunderts. Weich hatte das Leben ihn gefaßt, er empfand es dankbar und machte auch andern das Leben so leicht als er konnte.

Seine viel jüngere Frau verehrte in ihm einen Halbgott, und den Nimbus eines solchen hatte sie verstanden, ihm an seinem schlichten bürgerlichen Herde zu wahren. Die liebevolle Bewunderung eines demütigen Weibes ist erfinderisch, ihr Gegenstand wandelte in einem Gemüsegarten – unter Palmen.

Bedächtig, als fürchte er durch eine rasche Bewegung die Weihrauchwolke zu zerstreuen, die ihn umfloß, kam Wenzel auf Frau Heißenstein zugeschritten, die sich erhob und «dem lieben, verehrten Freunde» voll Rührung ihr kleines rundes Händchen, das die Gestalt eines Lindenblattes hatte, entgegenstreckte.

«Ich weiß, was Sie hierherführt, gnädige Frau», sagte der Advokat, indem er sie mit bescheidener Verbindlichkeit nötigte, ihren Platz in der Sofaecke wieder einzunehmen. «Ihr edles Herz ist beängstigt durch die harten Maßregeln, die Ihr Herr Gemahl gestern gegen seine unglückliche Tochter ergriffen hat.»

«So ist es!» rief Frau Heißenstein und führte ihr Taschentuch an ihre trockenen Augen. «Sie verstehen mich, verehrter Freund. Raten Sie, helfen Sie. Ich selbst bin machtlos. Mein vortrefflicher, angebeteter Mann gestattet mir auch nicht ein Wort der Entschuldigung für das irregeleitete Kind zu sprechen.»

Der Advokat bedauerte sie sehr, versetzte sich ganz in ihre traurige Lage, und seine Frau vergoß teilnehmende Tränen.

«Dieser gestrige Schritt», nahm Nannette wieder das Wort, «diese … dieses. .. ich will sagen, dieser – Schritt –»

Was hätte sie darum gegeben, fragen zu dürfen, was für ein Schritt das war? Aber so viel will sie sich nicht vergeben. Daß sie keinen Einfluß auf ihren Mann hat, gesteht sie ein; daß sie sein Vertrauen nicht besitzt – nimmermehr. Und Wenzel hilft ihr nicht. Er schüttelt nur den Kopf und wiederholt: «Er ist zu hart, Ihr Herr Gemahl, zu hart.»

Nannette beschwört ihn, sein möglichstes zu tun, um ihren, durch seine unbegreifliche Tochter so schwer gekränkten Gatten zur Milde zu stimmen, und rüstet sich zum Aufbruche. Sie bittet, Nachsicht mit ihr zu haben, sie ist nur gekommen, um sich auszusprechen, sie hofft, der Advokat und seine teuere Frau werden ihr verzeihen, daß sie es so unumwunden getan; eine Mißdeutung besorgt sie «von solchen Seelen» nicht. Sie bedauert ihren über alles geliebten Mann, ihn zu tadeln erkühnt sie sich nicht. Sie geht, von dem Ehepaare bis zur Treppe geleitet.

«Wie gut und lieb sie ist!» sagt die Doktorin.

«Eine kluge Frau!» sagte lächelnd der Doktor.

Obwohl Nannette den Zweck ihres Besuches nicht vollkommen erreicht hatte, und die Maßregeln, die Heißenstein gegen seine Tochter ergriffen, ihr nach wie vor ein Geheimnis blieben, war sie doch mit dem erreichten Resultat recht zufrieden. Sie hatte erfahren, daß ihr Mann unversöhnlich ist, und sie hatte eine einflußreiche und hochachtbare Persönlichkeit überzeugt, daß die Stiefmutter keine Schuld daran trägt.

Am Abend brachte der Postbote einige Briefe für Herrn Heißenstein, die Nannette übernahm. Darunter befand sich einer von Rosa. Diesen behielt sie zurück – aus Vorsicht. Er konnte auf den Gemütszustand ihres Mannes schädlich wirken. Sie fühlte die Verpflichtung, sich mit seinem Inhalt bekannt zu machen. Der Brief war mit dem Herzblut des Kindes geschrieben und manche Träne war auf ihn gefallen. Nannette ist so ergriffen und erschüttert, findet das leidenschaftliche Einstürmen auf den beleidigten Vater so unpassend, daß sie nicht daran denkt, den Brief abzugeben, ja – ihn verbrennt.

Bozena Kapitel 17

Die Baronin von Waffenau erwartete an der Seite ihrer Mutter in banger Besorgnis den Erfolg der Unterredung des Grafen mit Regula. Als der Greis jetzt erschien, verriet ihr ein Blick auf sein gestörtes Gesicht, was geschehen war.

«Oh, die Schlange, sie hat uns verraten!» rief Thilde.

Diese Worte brachten den Grafen noch mehr außer sich.

«Sie euch – Ihr mich!» keuchte er; die Stimme versagte ihm, er stampfte heftig mit dem Fuße und brachte mühsam die Worte hervor: «Ronald – her – hierher.»

«Ich will um ihn schicken», sprach die Baronin in beruhigendem Tone. «Regen Sie sich nicht so auf, Papa. Was geschehen ist, ist geschehen, weil es mußte, weil es anders nicht möglich war.»

Zu ihrer Mutter sagte sie leise: «Verlieren Sie nicht den Mut, Mama, ich komme gleich wieder», und eilte, einen besorgten Blick auf die Eltern werfend, hinweg.

Der Greis hatte sich auf den Rohrsessel vor seinem Schreibtisch geworfen, die Gräfin trat zu ihm.

«Karl», sprach sie flehend und legte die Hand auf seine Schulter. Er bäumte sich auf, als ob der Verrat ihn berührt hätte, und schleuderte ihre Hand von sich.

«Du hast alles gewußt! Warst einverstanden mit dieser – Brut … Still!» fuhr er sie an, als sie antworten wollte, und die arme Frau wankte eingeschüchtert und bebend zu ihrem vorigen Platz zurück.

Wuchtige Schritte erdröhnten im Gange; der Burggraf erschien.

«Ah!» rief ihm sein Herr mit unheimlichem Gelächter entgegen, «wissen Sie schon? Rondsperg ist – verkauft, verkauft!»

Der Alte schlug schallend die Hände zusammen «Hatt ich mir’s doch gedacht!»

«Ja», fuhr der Graf fort, «jawohl! Meine Kinder verkaufen mir das Dach über dem Kopf, zum Dank dafür, daß ich es ihnen geschenkt habe. Ich lebe hier, in meinem Rondsperg, von einer Krämerin Gnaden – mache vor ihr die lächerliche Figur eines alten Narren, der in fremdem Hause den Herrn spielt. Aber was liegt daran? Die Schmach ihres Vaters wird meinen Kindern – bezahlt. Für Geld ist ja alles feil, das Vätererbe, das uns den Namen gegeben hat, die Gräber der Ahnen, – alles zu haben für Geld … Auf die Trommel damit! Die Millionärin kauft, und mein Sohn macht ein brillantes Geschäft.»

Die Baronin, die inzwischen zurückgekehrt war, trat unerschrocken auf ihren Vater zu. Sie trug ein riesiges Wirtschaftsbuch in den Armen, das sie vor ihn auf den Schreibtisch hinlegte.

«Es ist jetzt nicht mehr Zeit zu verhehlen und zu schonen, Papa. Die ganze Wahrheit wird Ihnen weniger weh tun als die halbe», sagte sie und schlug das Buch auf. «Öffnen Sie die Augen, seien Sie gerecht gegen den besten Sohn. Hier steht, in Zahlen ausgedrückt, die Geschichte seines langen, furchtlosen Kampfes. Sie können auch leicht sehen, was ihm bleibt bei dem brillanten Geschäfte, das er mit Fräulein Heißenstein abgeschlossen hat.»

Der Burggraf spannte hastig seine Brille auf die Nase und fiel wie ein Raubvogel über das Buch her.

Es war sein größter Verdruß, daß ihm konsequent der Einblick in Ronalds Buchführung verweigert worden war. Jetzt endlich lag der Gegenstand seiner Neugier vor ihm, jetzt konnte er sich und andere überzeugen, daß die Leitung der Rondspergschen Güter in einer Reihe von Mißgriffen bestanden hatte, seitdem sie ihm und seinem Freunde, dem Direktor, entzogen worden war. Er nahm auf einen Wink des Grafen Platz neben ihm, und die beiden begannen eifrigst zu rechnen und zu lesen. Der Graf, der seit Jahren nur noch in den Träumen seiner sanguinischen Einbildungen gelebt hatte, mutete plötzlich seinem Verstande eine gewaltige Anstrengung zu. Er rang seine Gemütsbewegung nieder und rief die schlummernden Kräfte seines Urteilsvermögens wach, um mit kaltem Blute beweisen zu können «So viel habe ich gegeben – und so wird’s mir gedankt!»

Blatt um Blatt wurde umgeschlagen. Von Zeit zu Zeit sprach der Graf: «Wie? – Der Acker nicht mit einbezogen?» – «Wie? Der Wald kommt gar nicht vor?» Und jedesmal erhob sich die Baronin und bewies aus dem Buche mit Scharfsinn und raschem Überblick: «An Zahlungsstatt angenommen von dem und dem.» «Versetzt für so und so viel.»

Wohl glühten ihr die Augen wie im Fieber, wohl war sie rot wie eine Mohnblume, doch blieb die innere Ruhe, die trotz aller äußeren Lebhaftigkeit sie niemals verließ, ihr auch jetzt treu.

Fast zwei Stunden vergingen, die Züge des Grafen wurden immer gespannter, ihr Ausdruck immer düsterer und kalter Schweiß trat auf seine Stirn.

Hingegen schien das Interesse des Burggrafen an dem Studium der Wirtschaftsrechnungen allmählich zu erlöschen. Er richtete sich unter verschiedenen «Ahs» und «Ohs» aus seiner gebückten Stellung auf, rieb seine lange Nase mit dem ringgeschmückten Zeigefinger und erhob sich endlich. Seine farblosen borstigen Haare, durch die er fortwährend wider den Strich gefahren war, standen jedes einzeln in die Höhe; er wandte sich zu der Baronin und sagte mit einer Mischung von Frechheit, Bosheit und Beschämung: «Das Papier ist geduldig.»

Der Baronin wallte einen Augenblick die Galle über: «Sie wissen recht gut –» begann sie mit zorniger Stimme, aber sie mäßigte sich sogleich, senkte den Blick auf die Häkelei, an der sie unermüdlich arbeitete, und murmelte: «Wer mit Ihnen streiten wollte, Tropf!»

Als sie nach einer Weile wieder emporsah, war der Platz, an dem der Burggraf gestanden hatte, leer. Der ländliche Intrigant hatte sich leise davongeschlichen.

Der Graf aber saß steif und stumm in seinen Sessel zurückgelehnt. Seine rechte Hand lag auf dem offenen Buche, die linke hing schlaff herab. Weder seine Frau noch seine Tochter wagten ihn anzusprechen. Dumpfe Stille herrschte im Gemache.

Da schlug es zwölf Uhr vom Kirchturm und das Mittagsglöcklein sandte seine hellen Töne durch das geöffnete Fenster herein, sie schienen zu sprechen: «Ruh aus, gequältes Menschenvolk! – Ein Augenblick der kühlen Rast am heißen Tage ist dir gegönnt.» Die Baronin legte ihre Hand an die brennende Stirn, die Gräfin betete leise. Jetzt: «O Himmel sei uns gnädig!» – Sachte war die Tür geöffnet worden, Ronald trat ein. Er sah seine Mutter und seine Schwester fragend an, bestürzt über den Ausdruck von Todesangst in ihren Zügen.

«Sie haben mich rufen lassen, Vater», sprach er.

Bei dem Laute seiner Stimme fuhr der Greis empor, schwankte, als hätte Schwindel ihn ergriffen. Seine Augen schlossen, seine Lippen bewegten sich: «Ronald», sagte er mit bebender, gebrochener Stimme. Er breitete die Arme nach seinem Sohne aus: «Ronald – verzeihe mir!»

*

Es war der Wunsch des Grafen, Rondsperg sogleich zu verlassen und sich nach Haluschka zu begeben, wo seine Tochter ihn und seine Frau einstweilen aufnehmen sollte. Mit Mühe brachte man ihn dahin, die Abreise auf den morgigen Tag zu verschieben, damit der Freiherr von Waffenau von der Ankunft seiner Schwiegereltern verständigt werden und Anstalten zu ihrer Aufnahme treffen könne. Ronald schickte sich an, sofort nach Haluschka zu fahren, um seinem Schwager die Lage der Dinge auseinanderzusetzen. Am folgenden Morgen wollte er wieder zurück sein. Die Baronin schrieb in seinem Auftrage an Regula und teilte ihr mit, daß Ronald am nächsten Tage, um zwölf Uhr mittags, zur förmlichen Übergabe von Rondsperg bereit sein werde.

Der Tag verging mit eifrigen Vorbereitungen zur Abfahrt; dem alten Herrn schien der Boden unter den Füßen zu brennen, die Gräfin beschäftigte sich mit dem Packen ihrer Habseligkeiten. Sie ging still und lautlos im Zimmer umher mit ihrem gewohnten Ausdruck geduldigen Sichfügens in das Unvermeidliche. Ihre Kammerjungfer saß in einem Lehnstuhl, seufzend unter der Last ihrer Gicht und ihres Fettes, und jammerte, daß sie sich der Gebieterin nicht nützlich machen konnte. Neben dem Koffer kniete Röschen, legte Stück für Stück hinein und benetze die Hand der Gräfin, die es ihr reichte, mit ihren Tränen. Die alte Frau versuchte nicht, sie zu trösten, aber wenn das Kind gar zu bitterlich weinte, strich sie ihr sanft über Haare und Wangen, und sagte mit ihrer ängstlichen und hilflosen Stimme: «Nur Mut, nur Mut! »

Regula hatte indessen den Brief der Baronin erhalten und einen zweiten Boten nach der Eisenbahnstation expediert. Er war der Träger eines Telegramms, das an Doktor Wenzel gerichtet war und denselben in Begleitung der Herren Weberlein und Schimmelreiter nach Rondsperg beschied. Die Anwesenheit des Advokaten hätte bei der Übergabe des Gutes vollkommen genügt, aber Regula empfand in diesem schwierigen Augenblick das Bedürfnis, sich mit ihren Getreuen zu umgeben. Sie wurde etwas ruhiger, als diese Vorkehrung getroffen war, doch nagte eine Empfindung an ihr, die sie bisher nicht gekannt hatte, die ihr immer als das größte aller Schrecknisse erschienen war, die Empfindung: es gibt Menschen, die mich nicht bewundern, die mich anklagen, mich vielleicht geringschätzen!

Sie überlegte die Motive ihrer Handlungsweise, rechtfertigte jedes, erschöpfte sich in Beweisen, daß sie das Notwendige, das Richtige getan – und dennoch war ihr die Brust wie zusammengeschnürt, und dennoch wollte der Druck nicht weichen, der beklemmend und schwer auf ihr lastete.

Eine gedämpfte Stimme, die sie leise ansprach, weckte sie aus ihrem Sinnen. Sie erhob den Kopf.

Neben ihr stand Bozena.

Ihre Lippen bebten, sie war totenblaß, leidenschaftliche, aber unterdrückte Erregung verriet sich in ihrem ganzen Wesen. «Die Herrschaften lassen packen», sagte sie. «Es heißt, sie wollen Rondsperg für immer verlassen.»

«Mögen sie», erwiderte Regula mit scheinbarer Gleichgültigkeit. «Ich habe Rondsperg gekauft, bin hier die Herrin und kann niemanden, der nicht gern mein Gast ist, zwingen, es zu sein. Sie wollen fort, ich werde sie nicht bitten zu bleiben.»

«Tun Sie es doch, Fräulein», sprach Bozena. «Die plötzliche Abreise der alten Herrschaften würde gegen Sie, Fräulein, böses Blut machen.»

Regel stieß ein kleines höhnisches Gekicher hervor, das Bozena nicht irre zu machen vermochte; sie fuhr fort: «Niemand weiß, wie sehr Sie beleidigt worden sind –»

«Wissen Sie’s?»

«Ja, Fräulein, ich lebe in Ihrer Nähe und hab offene Augen. Die andern – die Menschen, die Sie nicht kennen, werden sagen: ‹Sie hat sich eingebildet, der junge Graf werde sie heiraten, und weil er ihr das Röschen vorzieht, jagt sie aus Rache seine Eltern aus dem Hause.›»

«Wahr – wahr!» denkt Regula; ihre schlimmsten, geheimsten Befürchtungen, eben erst mühsam zum Schweigen gebracht, gewinnen eine Stimme, die aus fremdem Munde doppelt schrecklich klingt. «Bozena», ruft sie zugleich entrüstet und unsicher, «wie dürfen Sie es wagen …»

«’s ist meine Schuldigkeit, daß ich Sie warne», spricht die Magd. «Was wissen Sie von der Bosheit der Menschen? … Die größte Freude der Menschen ist Lästern, die Besten zu lästern, denn bei den Schlechten, da zahlt sich’s nicht aus. Sie, Fräulein, sind – nach Gebühr –» Bozena neigte ihr Haupt bei diesen letzten Worten, «bisher nur geachtet und geehrt worden. Geben Sie acht, was geschieht, wenn es einmal heißt: ‹Sie hat’s nicht verdient – sie hat uns um unsere Achtung und Ehrfurcht betrogen!›»

«Niemand wird das sagen», rief Regel und streckte die kalten Hände zitternd aus.

«Das und noch viel Schlimmeres, verlassen Sie sich drauf», fuhr Bozena hart und unerbittlich fort. «Plötzlich wird jeder etwas wissen. Der eine: ‹Die ältere Schwester hat im Elend sterben müssen, damit ihr alles zukomme, der Erbschleicherin …›»

«Still!» kreischte das Fräulein.

Bozena jedoch, ruhiger und ruhiger werdend, je furchtbarer Regels Aufregung wuchs, sprach weiter, langsam und nachdrücklich: «Ein andrer steht auf und sagt: ‹Auf dem Totenbette hat ihr der alte Herr das Kind seiner armen Rosa empfohlen, und hat ihr mit seinem letzten Hauch zugerufen: ‹Deine heiligste Pflicht!› … Sie hat sie nicht erfüllt, hat dem Kind nicht gegeben, was ihm gebührt.›»

Regula machte einen verzweifelten Versuch, sich aufzuraffen: «Gebührt?» wiederholte sie, «ihm gebührt nichts. Was ich für das Kind getan habe, geschah aus Gnade und gutem Willen. Jeder billig Denkende sieht das ein. An dem Urteil der bösen Zungen, der Verleumder – braucht mir nichts zu liegen.»

In welchem Widerspruch standen diese Worte mit dem Ausdruck, in dem sie gesprochen wurden!

«Fräulein», sagte Bozena warnend und eindringlich. «Sie wissen es nicht, Ihr Haus ist auf Ungerechtigkeit erbaut. Das ist ein Grund so schmal – er trägt Sie nur, solange Sie geradeaus gehen … Biegen Sie einmal vom rechten Weg ab – um die Breite eines Haares, so stürzt unter Ihnen alles zusammen! … Sie brauchen den Schutz Gottes … geben Sie dem Kind, nicht was ihm vor den Menschen, sondern was ihm vor Gott gebührt. Tun Sie’s, weil Sie großmütig sind und brav! Tun Sie’s von selbst, Fräulein, sonst müßt ich Sie dazu zwingen – – zu Ihrem Besten, gutes Fräulein!»

Ihre Augen funkelten – sie schlägt sie nieder; ihre ganze Gestalt strebt empor – aber Bozena beugt sich. Regula wirft ihr unter den herabgesenkten Brauen einen mißtrauischen Blick zu, sie weiß nicht, ob ihre Magd schmeichelt oder droht. Diese fährt fort, Nachdruck legend auf jede Silbe: «Um Ihretwillen ist Ihre Schwester verstoßen worden …»

«Weil sie’s verdient hat, nicht um meinetwillen!» ruft das Fräulein.

«Doch – um Ihretwillen! Rosa ist um die Verzeihung ihres Vaters bestohlen worden. Das weiß ich, Fräulein, denn, gefoltert von Gewissensqualen, hat es mir Ihre Mutter in ihrer Todesstunde anvertraut. Der Brief …»

«Schweigen Sie!» schreit Regula, «ich weiß nichts; ich will nichts wissen von einem Briefe – ich kann’s beschwören: Ich habe keinen Brief gesehen … und – wer hat ihn gesehen?»

«Niemand», antwortete Bozena mit kalter Ruhe, «denn er ist unterschlagen worden und – verbrannt.»

«Ha!» Regula atmete auf, befreit von einer Zentnerlast. «So gibt es auch keinen unterschlagenen Brief! … Wer kann beweisen, daß es einen gab? Wer wird es glauben?»

Die Magd stand da, umflossen von einer wunderbaren, stillen, stolzen Majestät; ihre große Gestalt schien noch zu wachsen, ihr ganzes Wesen atmete Macht, und wie Erz klang ihre Stimme, als sie sprach: «Beweisen kann ich es nicht, aber ich werde es sagen und – mir wird man glauben!»

Mit schrecklicher Wucht fielen diese Worte auf die Seele Regulas. «Ja, der wird man glauben!»

Deutlich und lebendig in jedem Zug erhob sich vor ihr ein längst vergessenes Bild. Sie sah ihre Magd zwischen Mansuet und den Jäger treten und hörte sie sprechen: «Es ist wahr! …» Bozena hätte damals nicht zu lügen, sie hätte nur zu schweigen brauchen und der Jäger wäre als Verleumder gebrandmarkt gewesen; an ihr – hätte keiner gezweifelt. Aber sie sprach, sie gab der Wahrheit die Ehre. Ja, der wird man glauben! … Und ein zweites Bild tauchte auf vor Regula. Sie erblickte sich auf dem schmalen Pfade, von dem Bozena gesprochen, hoch über allen Menschen und von allen vergöttert. Und nun ein unseliger Schritt, aus Rache getan, im Zorn beleidigter Eitelkeit, und der Glanz, der sie umgab, erlischt, und sie sinkt, sinkt immer tiefer in einen Abgrund – gräßlich, schauderhaft: Die Verachtung der Menschen! … Alles verläßt sie – der zuerst, der sie so redlich geliebt und ihren Reichtum so redlich gehaßt hat … Schon gehaßt, bevor er wußte, daß sie ihn einem Verbrechen dankte.

«Bozena», stöhnt Regel, ihre Zähne schlagen zusammen, ihre Hände greifen stützesuchend umher, «Bozena, was soll ich tun? Was verlangen Sie?» Sie denkt nur noch an Rettung, an Rettung um jeden Preis.

Mühsam ihre Fassung bewahrend, pochenden Herzens, antwortet Bozena demütig und zögernd: «Ich habe meinem Fräulein nichts vorzuschreiben, aber wäre ich Sie, ich würde zu den alten Leuten sagen: Bleibt, Rondsperg gehört eurem Sohn, dem es Röschen zur Morgengabe bringt.»

Regula lachte grell auf und brach dann in ein krampfhaftes Schluchzen aus. Plötzlich schien ein schwacher Hoffnungsschimmer in ihr aufzuleuchten.

«Bozena», sprach sie – oh, mit gar geringer Zuversicht und zitternd wie Espenlaub: «Wenn ich – Sie – bäte – zu schweigen?»

Die Magd erwiderte kein einziges Wort, aber sie bäumte sich mit einer Gebärde auf, so wild, so stolz, so voll grimmigen Hohnes, daß Regula keinen Ausweg vor sich sehend: wimmerte: «Nein, nein, ich bitte Sie nicht – – ich will tun – was Sie verlangen …»

Da stieg ein Schrei maßlosen Jubels aus Bozenas Brust. «Engel», rief sie jauchzend, «Erlöserin! … meine ewige Seligkeit dank ich Ihnen und meinen zeitlichen Frieden!» Sie warf sich vor der Herrin nieder und berührte den Boden mit ihrer Stirn; ihr ganzer Körper bebte, mit Anstrengung rang sich der Atem aus ihrer Brust. «Erlöserin! Erlöserin!» wiederholte sie weinend und frohlockend, im Taumel eines an Schmerz grenzenden Entzückens.

Regula meinte einen Augenblick, daß ihre immer so ruhige und zurückhaltende Dienerin wahnsinnig geworden sei.

Bozena richtete sich auf die Knie empor, sie erhob den Kopf und die Arme, als bringe sie dem Himmel ein Opfer dar und rief: «Das Glück des Kindes für das Glück der Mutter … Herr! Herr! Sie hätte getauscht! Nimm du es an, und nimm damit die Sünde von mir!»

Bozena Kapitel 18

20.

Als Professor Bauer den Brief Regulas erhielt, machte er alle Stadien eines mit dem Jawort der Geliebten überraschten Liebhabers durch. Vor allem traute er seinen Augen nicht, dann traute er ihnen und geriet in ein dithyrambisches Entzücken, aus dem er in elegische Rührung überging und sich fragte: «Verdiene ich auch ein solches Glück?» Im heißen Drang seines mitteilungsbedürftigen Herzens eilte er hinüber zu Mansuet, ihm das große Ereignis zu verkünden. Auf halbem Wege jedoch besann er sich eines andern, machte plötzlich kehrt, rannte ebenso schnell nach Hause zurück, als er davongerannt war, stopfte in größter Hast seinen schwarzen Anzug und einige Wäsche in einen Reisesack und stürmte nach dem Bahnhofe, wo er eben noch Zeit hatte, ein Billett zu dem in der Richtung nach Rondsperg abgehenden Zug zu lösen. In der ersten halben Stunde der Fahrt hielt sich seine Stimmung auf ihrer schwindelnden Höhe, in der zweiten begann sie zu sinken, und in der dritten schoß – wie eine schwarze Schlange, die die Fähigkeit abzufärben besäße, der Zweifel trübend über das spiegelglatte Meer seiner Wonne.

Enthalten die Worte: «Ich bin die Ihre», auch wirklich ein Eheversprechen? … Lassen sie sich auch wirklich dem Sinn und Geiste nach mit: «Ich will Sie heiraten», übersetzen? Sind sie nicht etwa nur als bloße Höflichkeitsform zu betrachten – wie sie oft angewendet wurde von unsern größten Dichtern – wie etwa Schiller an Cotta schreibt: «Der Ihrige – Schiller?» … Regulas klassische Bildung, die ihn so oft zur Bewunderung hinriß, erweckt ihm in diesem Augenblicke Grauen.

Der Zug hält in der Station für Rondsperg, der Kondukteur reißt den Schlag des Waggons auf: «Eine Minute Aufenthalt!» … Nein, Bauer steigt nicht aus! – Er fährt weiter – wohin, ist ihm gleichgültig, nur weiter, nur hinweg! … Die Lokomotive läßt einen scharfen Pfiff vernehmen, er gellt: «Feigling!» O Schmach, das gilt ihm … Der Kondukteur steckt sein zorniges Gesicht in den Wagen: «Ist kein Passagier für Hullein da?» … Der Professor schnellt bestürzt empor. «Aber zum Teufel, so steigen Sie doch aus! Sind Sie denn taub?» fährt ihn der Eisenbahnbedienstete mit der Höflichkeit seines Standes für Insassen der zweiten Wagenklasse an. In größter Verlegenheit, wie ein ertappter Schulknabe, beeilt sich Bauer, schleunigst zu gehorchen. Er steht auf dem Boden; eine mitleidige alte Frau wirft ihm seine im Wagen vergessene Reisetasche zu – der Zug braust davon. Er blickt ihm nach und denkt, er hätte nie geglaubt, daß ein gesetzter Mann und Professor in eine zugleich so traurige und lächerliche Lage kommen könne. Was nun beginnen? Bauer ist ratlos. Da hilft ihm einer der menschenfreundlichen Volontärs, die vor wenigen Tagen durch ihre Habgier Regulas Entrüstung erweckten, indem er die Frage an den Professor stellt, ob er nach dem Städtchen fahren wolle, das eine halbe Stunde weit von der Station und auf dem Weg nach Rondsperg liegt. Bauer bejaht es – jetzt ist sein Plan gemacht; er wird im Städtchen übernachten und sich’s dort überlegen, ob er umkehren oder weiterreisen solle. Unter dem Beistande des Volontärs, gegen den er sich in Danksagungen erschöpft, besteigt der Professor einen scheppernden Einspänner, der ihn und seine Effekten um zehn Uhr abends vor dem Tore des «Goldenen Schwan», des ersten Hotels in K., absetzt. Nach einem sehr frugalen Abendessen begibt sich Bauer in das ihm angewiesene Zimmer, wo er die Nacht, zusammengekauert in einem sehr kurzen und sehr hohen Bett, zubringt; seine langen Glieder darin auszustrecken, wäre unmöglich gewesen. An Schlaf denkt Bauer nicht. Er gerät allmählich in eine begeistert resignierte, über Erdenweh und Erdenlust erhabene Stimmung. Wunderbar hat das Schicksal ihn geführt, man möchte sagen, fast gegen seinen eigenen Willen, aus seiner kleinen Studierstube bis hierher in das katafalkähnliche Bett im Gastzimmer Nr. 3 des «Goldenen Schwan» zu K. «Nimm mich auf deine Flügel, Fatum!» denkt der Professor, und das Fatum scheint bestimmt zu haben, ihn schlafend seinem Ziele entgegenzutragen, denn trotz aller Aufgeregtheit nickt Bauer fest und fester ein, und als er erwacht, schlägt es eben neun Uhr vom Rathausturme. Bauer kleidet sich an und begibt sich in den Speisesaal zum Frühstück. Auf der Schwelle bleibt er stehen wie angewurzelt, vor Überraschung zur Salzsäule verwandelt. Er hat im Zimmer, in einem lebhaften Gespräche mit dem Wirte begriffen, die Herren Wenzel, Weberlein und Schimmelreiter erblickt.

«Ah! auch berufen! auch berufen!» spricht der Advokat in seiner freundlichen Weise, «das ist allerliebst. Sie haben doch noch keinen Wagen bestellt? – Und wenn, sagen Sie ihn wieder ab. Sie fahren mit uns nach Rondsperg …»

Fatum! Fatum! Der Professor tauscht Händedrücke mit den Freunden, protestiert gegen ihre Einladung und nimmt sie, natürlich, an. Er kann ja unterwegs noch aussteigen, er kann selbst noch, am ersehnten Ziele angelangt, die Flucht ergreifen, sich bescheiden zurückziehen, wenn seine Anwesenheit unerwünscht sein sollte …

Inzwischen aber trägt ihn der mit kräftigen Pferden bespannte Wagen des Wirtes zum «Goldenen Schwan» im raschen Trabe immer näher zu dem Orte, wo die Geliebte weilt. Seine Reisegefährten beobachten alle ein, wie ihm scheint, ostensibles Schweigen. Nur von Zeit zu Zeit nickt Wenzel und sagt, auf die Felder deutend, zwischen denen der Weg läuft: «Herrliche Frucht!» Und Mansuet bestätigt und fügt hinzu: «Prächtiger Boden!» Der Sekretär enthält sich eines jeden Zeichens der Teilnahme. Stolz und aufrecht sitzt er da, wie das personifizierte Selbstbewußtsein, und scheint zu sagen: «Was liegt mir an alledem?» Er nahm, besonders gegen Bauer und Mansuet, Mienen an von einer Feierlichkeit, von einer mitleidigen Herablassung – nicht zu beschreiben!

Bauer dachte: «Wahrlich, neben diesem Schimmelreiter nähme Cäsar sich aus wie ein Hanswurst!»

Und nun rollen sie bereits über das Pflaster des Schloßhofes. Vor dem Tore steht Bozena und ruft ihnen zu: «Kommen Sie – kommen Sie – es ist die höchste Zeit!» Über die Anwesenheit des Professors scheint sie sich besonders zu freuen; dieser hat ihr nur gleich zu folgen, während die andern drei Herren gebeten werden, einen Augenblick zu verziehen.

«Wie sehen Sie denn aus?» fragt Mansuet die Magd, «Sie leuchten ja wie die liebe Sonne.»

Bozena antwortet ihm nicht, sie eilt mit Bauer, dessen Hand sie erfaßt hat, die Treppe hinauf. Wenzel und Mansuet sehen einander befremdet an. – Ein sonderbarer Empfang! … Was hat das zu bedeuten? – Das Haus ist wie ausgestorben, im Hofe steht die Britschka der Baronin Waffenau und ein bepackter Wagen. Jetzt öffnet sich die Stalltür in der Ecke gegenüber, Kocka und Myska kommen heraus mit gesenkten Köpfen und herabhängenden Ohren, und stellen sich von selbst jede an ihren Platz, an die Deichsel. Florian folgt in Hemdärmeln, seinen Rock auf dem Arme; er wirft, brummend und gestikulierend, das Kleidungsstück auf den Bock, und beginnt die Stränge einzulegen.

Wenzel, gefolgt von seinen Begleitern, tritt den Alten mit der Frage an: «Wer reist denn ab?»

Aber Florian verschmäht zum erstenmal in seinem Leben die Gelegenheit, sich beredsam zu zeigen, und antwortet nur mit einem trotzigen Kopfschütteln, das deutlich sagt: «Von mir erfahrt ihr nichts!»

Da schlägt Wenzel vor, hinaufzugehen und eine mitleidige Seele aufzusuchen, die sie bei dem Fräulein anmelde. Der Wirtskutscher hat ihre Mantelsäcke, Überröcke und Regenschirme auf den nackten Boden deponiert und ist davongefahren. Schimmelreiter, der sonst so anspruchslose, fühlt sich verletzt. «Man hätte Lust umzukehren», spricht er, «ist das eine Art? … Einen kommen lassen, so weit her, und sich dann um einen nicht kümmern – sehr kurios, wirklich!»

Die Herren treten in die Halle und zögern wieder, sie wissen nicht, wohin sich wenden. – Vom Korridor her lassen sich endlich Schritte vernehmen, und die Stiege herabgeschlichen kommt ein kleiner, stiller Zug. Voran Peter, mit Reiseeffekten beladen, in außerdienstlichem Phantasieanzug, den anzulegen er der Gelegenheit entsprechend fand, vermutlich wegen des Inkognitos. Ihm folgte die Gräfin, von Ronald geleitet. Der Widerschein ihrer klaren Seele liegt fast wie ein Schimmer von Heiterkeit auf ihrem ehrwürdigen Angesicht. So geübt, wie von ihr, wird die Demut zur Würde, die Geduld zur Überwindlichkeit. Ein zweites Paar erscheint; der Graf, gestützt auf den kräftigen Arm seiner Tochter. – Er trennt sich schwer von seinem Rondsperg! Ein jeder Schritt, den er vorwärts tut, scheint ihn zu schmerzen. Seine Kraft ist gebrochen, über Nacht hat er sich verwandelt, er scheint nun auch, was er ja längst gewesen: ein armer, alter Mann!

Die Stadtherren entblößen ihre Häupter, als die Herrschaften sich ihnen nähern. Ihr Gruß wird erwidert, aber kein Wort mit ihnen gesprochen: Der Graf drängt zur Eile: «Nur fort! nur fort!» flüstert er kaum hörbar seiner Tochter zu.

In diesem Augenblick ertönt der Klang einer lieben, angstvollen Stimme. Röschen kommt die Treppe herabgeflogen, wirft sich abwechselnd dem Grafen und der Gräfin in die Arme und weint und beschwört sie, die sich ihrer vergeblich zu erwehren suchen: «Bleiben Sie, um Gottes willen, bleiben Sie!»

«Lassen Sie uns, liebes Kind «, sagt die Baronin bewegt und in Gefahr, ihre Fassung zu verlieren.

Aber nun steht Regula vor ihr am Arme eines freudetrunkenen Mannes, des Herrn Professor Bauer, und auch diese beiden sprechen wie aus einem Munde: «Bleiben Sie!»

«Nimmermehr», entgegnet der Graf, «im fremden Hause!»

«In dem Ihres Sohnes, Herr Graf», spricht Regula feierlich, während der glückverklärte Bauer in Bewunderung zerschmilzt – und dort an der Tür des Saales eine hohe Gestalt steht, deren Blick unverwandt auf ihr ruht, als wollte er sie unter seinem Banne halten. Aber Bozena kann zufrieden sein, das Fräulein wiederholt sogar ihre Worte: «Rondsperg gehört Ihrem Sohne, dem es meine Nichte zur Morgengabe bringt.»

«Oh!» riefen Mansuet, Wenzel und Schimmelreiter.

«O liebe Regula!» rief die Baronin.

«O Röschen!» rief Ronald.

Der Graf und die Gräfin schwiegen. In ihren wunden Seelen vollzog sich der Übergang vom Schmerz zur Freude nicht so rasch.

«Die Demütigung bleibt», dachte der Greis, aber er blickte auf seinen Sohn, er blickte auf das holde Röslein, und sprach mit tiefer Verbeugung zu Fräulein Heißenstein: «Ich danke Ihnen!»

Die Gräfin ging auf Regula zu, und diese, von einer ihr fremden Regung ergriffen, drückte ihre Lippen auf die Hand, die sich ihr entgegenstreckte. Dem Grafen aber sagte sie: «Zu dem, was jetzt geschieht, war ich – eigentlich – immer entschlossen, aber Sie begreifen, daß ich diesen Entschluß nicht ankündigen durfte ohne die Einwilligung meines Verlobten …»

«Ihres Verliebten!» platzte Bauer heraus, den manchmal ein satanisches Gelüste ergriff, am unpassendsten Orte den schlechtesten Witz zu machen. «Sie hatten nur einen Fehler in meinen Augen: Ihren Reichtum – ich bin selig, daß er sich ein wenig vermindert hat!»

«Schön! Vortrefflich!» sprach Doktor Wenzel gerührt und wollte einige wohlgesetzte Worte hinzufügen, aber Mansuet vereitelte diesen Vorsatz. Er wurde – wie Bozena sagte, wenn sie später von den Begebenheiten dieses Tages erzählte – «der reine Narr».

Der erste Kuß, den Manneslippen auf den Mund der spröden Regula drückten, sie erhielt ihn nicht von ihrem Bräutigam, sondern von ihrem alten Kommis; er wurde nicht durch heißes Flehen gewonnen, unter dem duftenden Fliederstrauche, beim Gesang der Nachtigallen – er wurde ihr öffentlich geraubt, und zwar unter einem solchen Ausbruch von Wonne, Begeisterung und Entzücken, daß Regula nicht einmal zu zürnen vermochte. Ach, dies alles tat so wohl nach den schweren Träumen dieser Nacht, in denen sie Bauer gesehen hatte, sie verlassend und ihr Rübchen schabend, und Mansuet auf Fledermausflügeln sie umschwirrend in immer engeren Kreisen, und ihr dabei zukrächzend: «An den Pranger! An den Pranger!»

Bauer hatte bei dem Kusse Mansuets ein wenig die Stirn gerunzelt, Regula lächelte ihn auf das süßeste an und hauchte: «Lieben Sie mich, Ludwig, achten Sie mich!»

Nun näherte sich Schimmelreiter und pries seine Herrin in gehaltener und würdevoller Weise. Dann aber schloß er also: «Gnädiges Fräulein haben mir dereinst die Ehre erwiesen, meiner Vermählung beizuwohnen, erlauben Sie nun auch …»

Er beschirmte seinen Mund mit der Hand und sagte ihr einige Worte ins Ohr.

Regula schlug die Augen nieder, errötete und sprach. «So? – Ei, ei! – Ich gratuliere!»

Als auch Ronald und Röschen dem edlen Fräulein gehörig gedankt hatten, eilten sie, einem gemeinsamen Gefühle folgend, zu Bozena, die sich in ihre Stube zurückgezogen hatte. Die jungen Leute fanden sie in die Betrachtung eines kleinen armseligen Bildchens versunken, das einst in Arad von einer kunstbegeisterten Dilettantin gemalt worden war und Rosa vorstellen sollte.

Ronald hielt bei Bozena förmlich um sein Röschen an, in Worten so warm und gut, daß sie ihrer niemals vergaß. Lange verweilte das Brautpaar bei der Getreuen. Den Kopf an ihre Brust gelehnt, von ihrem Arm umschlungen, saß das Kind neben ihr, als wollte es zum letztenmal den Schutz genießen, in dem es durch sein ganzes Leben so sicher geruht hatte. Ronald blickte die beiden an, glücklich, selig – er sagte: «Gott segne Sie, Bozena!» und wußte doch nicht, wie viel er ihr verdankte.

*

Die Stadt Weinberg war in freudiger Aufregung an dem Tage, an dem Regula als Braut Ludwig Bauers in ihr Haus zurückkehrte. Allenthalben hieß es: «Sie hätte einen Grafen haben können, und wählt einen armen Gelehrten. Welcher Edelmut! Welche Bescheidenheit!»

Regula Bauer, geborene Heißenstein, blieb zeitlebens der Gegenstand der Bewunderung ihrer Vaterstadt und ihres Gatten. «Sie fühlt tiefer als wir alle, aber sie will es nicht zeigen», pflegte er mit bedeutsamer Miene zu sagen. Seine Ehrfurcht vor dieser geheimnisvollen Gefühlstiefe wuchs von Jahr zu Jahr, und Regula gewöhnte sich nachgerade, den Mann, der sie so völlig verstand und zu schätzen wußte, als einen Halbgott anzusehen.

Schimmelreiter und seine Kathi bekamen nach sechsjähriger Ehe das allerschönste Kind, das seit Menschengedenken in Weinberg geboren ward. Ein blondes Mägdlein mit einem Madonnenangesicht, mit Augen so blau wie der Himmel und so tief wie das Meer. «Der Engel von Weinberg» wurde sie später genannt.

Mansuet übersiedelte nach Röschens Vermählung ganz und gar nach Rondsperg. Er saß stundenlang auf der Terrasse, ließ sich von der Sonne bescheinen und behauptete, er fühle täglich mehr ihre verjüngende Kraft. Der alte Graf leistete ihm fleißig Gesellschaft, sie bewunderten zusammen die Aussicht und sprachen von dem Jahre achtundvierzig.

Bozena erbat und erhielt ihre Entlassung aus dem Dienste der Frau Professor Bauer und nahm gleichfalls ihren Aufenthalt in Rondsperg. Sie wiegte noch eine dritte Generation auf ihren Armen, und dieses kleine Volk kannte sie, die man einst die schöne, die große genannt, nur als – die gute Bozena.

Bozena Kapitel 3

10.

Vier Wochen nach Weberleins Abreise erschien ein Brief von ihm aus Arad. Er meldete darin, daß es ihm noch nicht gelungen sei, eine Spur von denen, die er suchte, aufzufinden. Er bat, einen Aufruf an Bozena, der sie dringend zur Rückkehr nach Weinberg auffordere, in allen österreichischen Blättern zu veröffentlichen.

«Das wäre doch ein Skandal!» bemerkte Regel.

Nannette ehrte die feinen Empfindungen ihrer Tochter, und sooft Heißenstein sagte: «Den Aufruf, gute Frau, hast du dafür gesorgt, daß der Aufruf in die Zeitungen komme – durch Wenzel, nicht wahr? Du brauchst es ihm nur aufzutragen … hast du es getan, Liebe?» – so oft wandte sie verlegen den Kopf und erwiderte: «Morgen soll es geschehen.»

Und jedesmal nickte ihr Heißenstein freundlich dankend zu und sagte: «Wenn der Aufruf gedruckt sein wird, möcht ich ihn lesen.»

Er äußerte auch manchmal den Wunsch, sich mit Wenzel zu beraten – wegen seines Testamentes. Aber der Arzt hatte nachdrücklich verboten, irgend jemand vorzulassen, mit dem der Kranke von Geschäften sprechen könnte, und Nannette mußte dem Advokaten den Eintritt verweigern – so weh es ihrem zartfühlenden Herzen auch tat. Übrigens war es Heißensteins Sache nicht mehr, auf einem Wunsche zu bestehen, derselbe war meist im Augenblicke vergessen, in dem er entstanden war.

Das Jahr neigte sich zum Ende und mit ihm das Leben des kranken Greises. Seine Gedanken begannen in Verwirrung zu geraten, er unterschied nicht mehr zwischen seinen Einbildungen und der Wirklichkeit. Täglich erzählte er Schimmelreiter, seine Enkelin werde nun bald kommen. Und gewöhnlich gab er dem Kommis die Versicherung, die bevorstehende Freude verdanke er seiner Frau, die alles veranstaltet habe zu Bozenas Heimkehr.

«Und Bozena bringt mir das Kind», flüsterte der Kranke geheimnisvoll. «Meine Frau hat einen Aufruf in die Zeitung setzen lassen, lesen Sie mir ihn vor, ich ersuche Sie.»

Schimmelreiter hatte von einem Aufrufe nichts gehört, denn der Brief Mansuets war ihm vorenthalten worden. Ratlos, was er tun oder sagen sollte, griff er dann nach einem Zeitungsblatte und murmelte einige Worte, denen der Greis jedoch, von seinen Träumen befangen, keine Aufmerksamkeit mehr schenkte.

Er lag ruhig, tage- und nächtelang, die Augen nach der Tür gerichtet, und sagte von Zeit zu Zeit: «War das nicht Bozenas Schritt? – Mir ist, als hörte ich sie kommen.»

Bittend erhob sein Blick sich zu Nannette: «Es sollte ihr doch jemand entgegengehen. Vielleicht weiß sie nicht mehr den Weg.»

Diese Sehnsucht ihres Mannes nach dem Kinde seiner pflichtvergessenen Tochter war Nannetten sehr peinlich, und Regel gab zu verstehen, daß sie sich verletzt fühle und gehofft habe, ihrem Vater mehr zu sein.

Um Neujahr erhielt Schimmelreiter einen Brief von Mansuet aus Klausenburg. Dort war Weberlein vier Wochen lang krank gelegen, hatte aber trotzdem «keine Minute» den Zweck seiner Reise aus dem Auge verloren. Er hatte geschrieben, viele Erkundigungen eingezogen; viele Boten ausgesendet und schließlich so viel erfahren, daß er meine, dermalen die Vermutung aussprechen zu können, Bozena sei mit dem Kinde auf dem Heimwege begriffen. Freilich dürfte sie «ohne einen Knopf Geldes» sein. «Sie wird wohl», so schloß Mansuets seltsame Epistel, «keine anderen Postpferde in Ungelegenheit versetzen als die beiden, die jedem Menschen angewachsen sind. Da heißt es ‹hü› sagen zum rechten und ‹hot› zum linken Fuß. Aber finalemang und wenn es schon nicht anders ist: die Bozena hat’s unternommen; die Bozena bringt’s zustande. Was mich bei der Sache bis aufs Blut beißt und wurmt, das ist, daß die alte Schermaus (Hypudaeus arvalis, das schädlichste Nagetier) am Ende doch recht behält und daß ich ebensogut getan hätte, hinter dem Ofen sitzen zu bleiben, als mich hier an der Szamos und an der großen Kükülü herumzutreiben, bis ich ein Fieber auf dem Buckel und die Nachricht in der Tasche hatte, daß die Vögel, auf die ich fahnde, ausgeflogen sind.»

Schimmelreiter hütete sich wohl, Frau Heißenstein von dem Inhalte dieses Briefes auch nur ein Wort zu verraten. Sie hatte am Morgen eine Unterredung mit dem Arzte gehabt, der äußerst besorgt war und erklärte, die Kräfte des Kranken schwänden in bedenklicher Weise. Mit aller möglichen Schonung machte Nannette ihre Tochter mit diesem Ausspruche des Arztes bekannt. Regula blieb dabei gefaßt und stark. Wie immer bemüht, ihre Mutter aufzurichten, sagte sie: «Sonderbar, eben heut ist mir der Vater wohler vorgekommen.»

Nannette jedoch war nicht zu beschwichtigen. Ruhelos wie ein Perpendikel bewegte sie sich zwischen ihrem und dem Zimmer des Kranken hin und her. Regula ersuchte sie mehrmals, sich nicht aufzuregen, was keinem Menschen nütze, ihr selbst aber schädlich sei. Sie gab ihrer Mutter den Rat, ein wenig auszugehen, frische Luft kalmiere die Nerven. Dieser Aufforderung Folge leistend, trat Frau Heißenstein langsam vor den Spiegel und setzte mit angenommener Gelassenheit und Sorgfalt ihren Hut auf. Da kam die Magd hereingestürzt und rief sie zu dem Kranken, den plötzlich eine Ohnmacht angewandelt hatte.

Nannette und ihre Tochter eilten nach Heißensteins Zimmer. Die Wärterin und Schimmelreiter waren damit beschäftigt, ihn zu laben …

Ein Blick auf die verfallenen Züge ihres Mannes, und Nannette rief schaudernd der Magd und dem Diener zu: «Den Arzt! … Den Priester! …» Jene rannten davon und ließen in der Bestürzung das Haustor geöffnet stehen.

Und in diesem Augenblick kam über den großen Platz geschritten eine hohe Frauengestalt in schadhaften, die Spuren langer Wanderung tragenden Gewändern. Sie hielt, sorgfältig in ein Tuch gehüllt, ein schlafendes Kind in ihren Armen. Müden Schrittes schleppte sie sich auf das alte Haus zu und klomm langsam die Treppe empor. Ihr Gesicht verklärte sich, als sie an dem dunkeln Getäfel des Eingangs hinaufblickte, ihr Auge grüßte die wohlbekannten Räume. Wie neu belebt durchwanderte sie die lange Zimmerreihe und stand endlich hochklopfenden Herzens vor dem Schlafgemach ihres alten Gebieters.

Drinnen das Hinundhereilen hastiger Schritte, ein ängstliches Fragen und Flüstern, das schwere Ächzen eines Kranken. Sie stieß die Tür auf und trat ein.

Mit Schrecken und Staunen richteten sich die Augen aller Anwesenden auf das fremde Weib, abwehrende Hände streckten sich gegen sie aus, und plötzlich kreischte eine dünne Stimme wie in Todesangst: «Bozena!»

«Bozena!» wiederholte tonlos und keuchend eine zweite Stimme aus der Tiefe des Zimmers, und von Nannette und Regel unterstützt, richtete eine Greisengestalt sich in den Kissen des Lagers auf.

«Herr!» antwortete die Gerufene mit einem Schrei des Schmerzes über ihn, über den Jammer seines Anblicks, und kniete an der Schwelle nieder.

«Näher – näher», flüsterte er, und Bozena, ihre letzte Kraft aufbietend, erhob sich, trat heran, setzte das Kind auf das Fußende des Bettes und brach zusammen.

Niemand dachte daran, ihr Hilfe zu bringen, wie versteinert standen alle.

Der Kranke aber sah das Kindlein an, lange, lange – liebevoll. Es war klein für seine Jahre und von einem solchen Ebenmaß der Glieder, daß jede seiner Bewegungen dem Auge schmeichelte wie sichtbar gewordener Wohllaut. Gesundheit blühte auf seinen zarten, rosig angehauchten Wangen, und Fülle des Lebens sprach aus den leuchtenden Augen, mit denen es die fremde Umgebung anstaunte zwischen Lachen und Weinen.

Endlich wandte der Greis den Blick von dem Kinde ab und richtete ihn auf seine Frau – unsäglichen Dankes voll. Und Nannette erbebte bis ins Mark, als dieser schon halb erloschene Blick sie traf und als der sterbende Mann zu ihr sprach: «Dieses Glück – ich danke es dir. Sei dafür gesegnet.»

Ein Schatten glitt über sein Gesicht: «Die Verwaiste!…» hauchte er, und eine schwere Träne rollte ihm die Wange entlang. Plötzlich raffte er sich auf; ein Funke der alten Kraft wurde lebendig in ihm, er erhob das Haupt und wandte es gegen Regula … Seine Hand, die so lange bewegungslos gewesen, deutete auf das Kind. «Deine heiligste Pflicht!» rief er gebieterisch seiner bleichen Tochter zu … «Verstehst du mich?…»

Damit sank er zurück. Einmal noch hob sich seine Brust – und er hatte ausgelitten.

Bozena Kapitel 4

11.

Der Poststellwagen, der Mansuet nach Weinberg zurückbrachte, fuhr im selben Augenblick durch das Tor, in dem der stattliche Zug, der Heißenstein zur letzten Ruhe geleitete, sich nach dem Friedhof in Bewegung setzte. Als Weberlein das alte Haus betrat, da hatten sie soeben seinen toten Herrn daraus fortgeführt.

In grenzenloser Bestürzung vernahm der Kommis diese Kunde. Er war zu spät gekommen! Er hatte dem Greise nicht mehr die Hand drücken, ihn nicht mehr fragen können: «Was ist geschehen für Ihr Enkelkind?»

In wilder Eile rannte Mansuet nach dem Gottesacker. Die kirchliche Zeremonie war noch nicht beendet, als er dort anlangte, er durchbrach die versammelte Menge und drängte sich bis an die Stelle vor, von der herüber er Lichter schimmern und bläuliche Weihrauchwolken in die klare Winterluft aufsteigen sah. Noch war das Grab nicht geschlossen über seinem Gebieter. Neben dem betenden Priester, auf den Arm des Grafen Ronald gestützt, stand Nannette, mit verstörtem Angesicht und kaum fähig, sich aufrecht zu halten. An ihrer Seite Regula, ruhig, steif, die herben Lippen fest geschlossen. Und hinter ihr, sie hoch überragend: – Wer? … O Himmel – gütiger: – Wer? Es ist die große, es – war die schöne Bozena. An ihrer Hand ein kleines, holdes Geschöpf – Mansuet muß alle Kraft aufbieten, um nicht laut einen teuren Namen auszurufen. «Röschen!» tönt es in seinem Innern mit wehmütigem Jubel.

Während des Schlusses der traurigen Feier verwendete er kein Auge von dem Kinde, und als alles vorüber war und die anwesenden Bekannten sich um Nannette und Regula drängten, um ihnen ihr Beileid zu bezeigen, näherte er sich Bozena, bei der nur Schimmelreiter allein stehen geblieben war. Sie begrüßte ihn mit einem ernsten Kopfnicken, und er, dem das Herz doch weich zum Schmelzen war, pflanzte sich vor sie hin, starr und eckig, wie eine Feuerkieke, und sagte, nachdem er die Freundin lange betrachtet: «Haben sich sehr verändert.»

«Bin grau geworden», erwiderte Bozena, zog das kleine Röschen, das sich ganz und gar eingewickelt hatte in die Falten ihres Rockes, aus seinem Verstecke hervor und hob es in ihren Armen auf.

«Nicht gerade grau, vielmehr pfeffer- und salzfarbig», sprach Mansuet, und als Bozena ihn darauf versicherte, er hingegen sehe gerade noch so aus wie vor sieben Jahren, antwortete er gleichgültig: «Die Leute behaupten’s.»

Schimmelreiter hat später oft erzählt, Mansuet sei ihm damals merkwürdig affektiert vorgekommen. Man habe ihm einen schweren Kampf zwischen Schmerz und Freude und zugleich das Bestreben angesehen, nicht mehr davon zu verraten, als er für vereinbar hielt mit seiner Manneswürde.

«Ich bin aber», nahm Bozena nach einer Pause das Wort, «noch so rüstig wie je, und ich bitte Sie, sagen Sie das der Frau. Was ihr zwei andere Mägde leisten, das leiste ich allein und betreue nebstbei das Kind, es soll ihr keine Ungelegenheit machen, solange ich da bin. Ich bitte Sie, Herr Mansuet, legen Sie ein gutes Wort für mich ein, damit man mich bei dem Kinde läßt.»

«Ganz überflüssig», antwortete der Kommis, «die Frau wird Sie gern behalten, die kennt ihren Vorteil.»

Sie waren langsam hinter der Menge, die sich nach allen Richtungen verlief, hergeschritten, und traten nun aus dem Friedhofe. Mansuet schielte immerfort nach dem Kinde, das ihn, das Köpfchen an Bozenas Hals geschmiegt, so schelmisch anblinzelte, wie die Augen eines sechsjährigen Mädchens nur immer vermögen.

«Werden Sie», fragte der Kommis, «das Kind noch lange so herumschleppen?» und setzte, sich an Röschen wendend, mürrisch hinzu: «Weißt du wohl, daß es eine Schande ist, sich tragen zu lassen, wenn man so alt ist wie du?»

«Es liegt viel Schnee», meinte Bozena entschuldigend, «und sie ist nicht schwerer als eine Puppe.»

«Mag sein», entgegnete Mansuet.» Was haben Sie nur an der aufgezogen?»

«Klein ist sie, das ist wahr», sagte Bozena.

«Und stumm auch», sagte Mansuet.

Da brach das Kind in schallendes Gelächter aus und rief, so laut es konnte: «Ich bin nicht stumm! – und gehen kann ich auch … Und ich will jetzt laufen, Bozena. Du kannst den kleinen schlimmen Mann auf den Arm nehmen, damit er wieder gut wird.»

Bozena war sehr erschrocken über diese unpassende Äußerung ihres Zöglings, und gebot ihm Schweigen. Zu Mansuet aber sprach sie: «Ich hoffe, Sie können nicht bös sein auf ein dummes Kind.»

Worauf er großartig erwiderte: «Lassen Sie sich nicht auslachen.»

Schimmelreiter jedoch küßte wie verzückt das über Bozenas Schulter herabhängende Händchen der Kleinen. Schweigend langte die Gesellschaft zu Hause an. Unter dem Tore setzte Bozena ihre leichte Bürde ab; sie blieb stehen, kreuzte die Arme und hielt eine Weile die Augen stumm auf das gegenüberliegende Haus gerichtet.

«Wer wohnt jetzt dort?» fragte sie endlich mit Überwindung.

«Gar viele Leute», antwortete Mansuet, «wir haben ja Wohnungsnot in Weinberg. Der Kreishauptmann, der Herr Graf, ist im Jahre achtundvierzig fortgekommen. Und unser Bekannter, sein Jäger» – Mansuet wandte den Kopf und heftete den Blick so fest auf einen der steinernen Torpfeiler, als ob sich dort etwas Unerhörtes begäbe – «der hat die Kammerjungfer der Gräfin geheiratet und ein Revier gekriegt, hier in der Nähe …»

«Hier in der Nähe?» wiederholte Bozena.

«Ist aber längst nicht mehr da, hat selbständig nicht gut getan, heißt es», fuhr Mansuet fort. «So schickte ihn sein Graf auf eines der großen Güter, die er in Böhmen besitzt. Dort lebt der Bernhard unter der Zucht des Oberförsters, der keinen Spaß versteht … verstehen soll. Soll! – das alles weiß ich ja nur vom Hörensagen …»

«In Böhmen also», sagte Bozena leise vor sich hin.

«Ja, ganz hoch oben. Es heißt auch, er sei öfter betrunken als nüchtern, aber ich will ihm nichts Übles nachreden. Es heißt, er prügle seine Frau; nun, das ist ihre Sache. Ein Wunder wär’s übrigens nicht. Das verwöhnte Jüngferchen paßt auf keinen Fall für hin. Der hätte ein tüchtiges Weib gebraucht, das ihm den Daumen aufs Auge setzt.»

Ein Bote von Frau Heißenstein, der Mansuet und Schimmelreiter nach dem Geschäftszimmer beschied, wo ihnen das Testament, von dem sie noch keine Kenntnis hatten, vorgelesen werden sollte, unterbrach dieses Gespräch. Die beiden Kommis empfahlen sich und folgten dem Rufe der Gebieterin.

Als sie eintraten, fanden sie Nannette auf das eifrigste – Mansuet behauptete auf das zudringlichste – bemüht, den Grafen Ronald zurückzuhalten, der sich verabschieden wollte. Sie gab ihm mit einem süßsäuerlichen Lächeln zu verstehen, daß es gefühllos wäre, die Hinterbliebenen eines ihm befreundeten Mannes in solcher Eile zu verlassen.

Ronald ließ sich endlich überreden und blieb, vermochte aber nicht zu verbergen, wie unpassend ihm seine Anwesenheit im Hause in diesem Augenblicke erschien.

Man setzte sich um den Tisch. Doktor Wenzel verlas das Testament Heißensteins.

Der Verstorbene ernannte darin seine einzige Tochter, Regula Heißenstein, zur Universalerbin seines ganzen Vermögens. Die Nutznießung desselben verblieb lebenslänglich seiner getreuen Gattin, Frau Nannette Heißenstein. Einige ansehnliche Legate waren ausgesetzt, Schimmelreiter war reichlich, Mansuet fürstlich bedacht. Ihm wurde überdies im ebenerdigen Geschoß des Hauses eine Wohnung für die Dauer seiner ganzen Lebenszeit zur freien Verfügung gestellt. Mit warmen Worten sprach Heißenstein von «dem treuesten Diener», er empfahl seiner Frau und seiner Tochter, ihn hoch in Ehren zu halten und ohne seinen Rat nichts Wichtiges zu beschließen.

Während Doktor Wenzel diesen Absatz des Testamentes salbungsvoll vortrug, schien Mansuet immer kleiner zu werden, und sank zuletzt so tief in sich zusammen, daß sein vornübergebeugter Kopf in eine Linie mit dem Tischrande zu stehen kam und keiner von den Anwesenden sein Gesicht sehen konnte.

Einige Verfügungen zu Gunsten der Armen der Stadt folgten, zuletzt kam die Anordnung, das Geschäft des Kaufmanns nach seinem Tode sogleich aufzulösen und das Verbot, die Firma, unter was immer für Bedingungen, zu veräußern. Mit Leopold Heißenstein habe das Handlungshaus zu bestehen aufgehört. Das Testament war vor sieben Jahren verfaßt und seither auch nicht ein Wort daran geändert, nicht das kleinste Kodizill beigefügt worden.

Eine Stunde später empfahl sich Graf Ronald bei den Damen. Mansuet und Schimmelreiter begleiteten ihn bis an den Wagen, und machten dann einen weiten Spaziergang auf der Landstraße. Erst bei sinkender Nacht kamen sie heim. Sie waren die ganze Zeit hindurch fast stumm nebeneinander hergegangen.

Jetzt, als sie schon unter das Haustor traten, sprach Schimmelreiter: «Ja, ja, Sie sind nun eine glänzende Partie, und ich bin eine sehr annehmbare.»

«Was sind Sie?» fragte Mansuet.

«Eine annehmbare Partie», wiederholte Schimmelreiter und zupfte sich an dem dünnen, borstigen, weit abstehenden Barte. Er sah mit seinem runden Gesichte, seiner flachen Nase und seinen großen Augen einem Seehunde ähnlicher denn je.

«Besonders Ihre fünfundfünfzig Jahre werden die Frauenzimmer locken» sprach Weberlein wegwerfend.

«Ich wünsche mir keinen Backfisch» rief sein Kollege eifrig, und fügte nach einer Pause, während der Mansuet ihn spöttisch von der Seite ansah, stockend und in großer Verlegenheit hinzu: «Diejenige, welche – ist bereits mittelalterlich.»

Aber schon im nächsten Augenblicke wollte er, wie Lazarillo, lieber gestorben sein, als diese Rede ausgesprochen haben, denn er hörte neben sich ein derart schneidendes «So?», als hätte es eine Schlange gezischt. Der kleine Mansuet fuhr mit beiden Händen in die Taschen seines Rockes, hob sich so hoch er konnte auf den Fußspitzen empor und sagte dem großen Schimmelreiter trocken in den Bart hinein: «Beruhigen Sie sich! – Diejenige nimmt Sie nicht.» Mit diesen Worten wandte er sich, und war so rasch verschwunden, als hätte ihn der Boden verschlungen.

Während sich dieses zu ebener Erde ereignete, saßen im düsteren Speisezimmer des ersten Stockes Nannette und ihre Tochter beim Abendessen. Regula hatte keinen Appetit und machte schon zum zweitenmal die Bemerkung, daß Graf Ronald ein angenehmer, aber doch gar stiller und schweigsamer junger Mann sei. Mit ihr zum Beispiel habe er keine Silbe gesprochen.

Nannette legte das Stückchen Brot, das sie eben im Begriffe war, in den Mund zu stecken, auf den Tisch, betrachtete es eine Weile tiefsinnig und sagte, indem sie einen fast schalkhaften Blick auf ihre Tochter warf, nichts könnte mehr für ihn sprechen, als – daß er nicht gesprochen habe.

In ihrem Zimmer, im zweiten Geschosse des Hauses, saß Bozena bei einer flackernden Kerze und nähte an einem Kinderkleidchen. Neben ihrem großen Bette stand ein kleines, das einst Rosa gehört hatte, als diese noch ein Kind war. Jetzt schlief ihr verwaistes Töchterlein darin. Sie selbst aber, und ihrer gedachte Bozena in dieser Stunde, sie schlief am Fuße des Negoi, in einem stillen Alpentale im fernen Grabe. Dort ruhte sie umsungen von den geheimnisvollen Liedern des Sturmes, umhüllt von der schimmernden Decke des Schnees, für alle tot; nur lebend noch in der Erinnerung einer armen Magd, und in den Träumen eines schlafenden Kindes.

*

Mansuet hatte recht gehabt. Nannette hütete sich wohl, Bozena zu entlassen.

Sie war viel zu klug, um sich über ihre geringe Befähigung zur Ausübung des Hausfrauenberufes zu täuschen, und daß Regel in diesem Punkte in ihre Fußtapfen trat, wußte sie ebenfalls. So konnte ihr nichts willkommener sein, als Bozenas tätige und umsichtige Hilfe. Und nicht nur praktischen, auch moralischen Vorteil schaffte deren Gegenwart. Daß Frau Heißenstein das Kind und die Magd der entlaufenen Stieftochter, die ihr eigener Vater verstoßen, aufgenommen hatte, erregte die Bewunderung der ganzen Stadt. Sich ein Verdienst aus einer Handlung machen, die ihr zum Nutzen gereichte, wie entsprach das Nannettens Neigungen!

Bozena trachtete «der Frau» das kleine Röschen so viel wie möglich aus den Augen zu schaffen, denn sein Anblick berührte die Stiefgroßmutter sehr unangenehm. Um keinen Preis jedoch hätte Bozena zugegeben, daß es auch nur einmal heißen könne, sie habe dem Kinde zuliebe das Geringste im Dienste Nannettens oder Regulas versäumt. So traf es sich, daß, infolge einer schweigenden Übereinkunft zwischen der Magd und ihrem alten Gönner, dieser sehr oft die Stelle einer Wärterin und eines Hofmeisters bei der Kleinen versah. Er weihte sie in die Geheimnisse des Lesens und Schreibens ein, lehrte sie die Volkshymne singen, führte sie sonntags zur Kirche und war täglich in der Mittagsstunde mit ihr auf der Promenade zu sehen. Und wie stolz schritt er da neben ihr einher! So schreitet nur noch eine ruhmbedeckter Kanonier neben der schönen Köchin seines Herzens. Der sechzigjährige Mansuet lebte auf in der Liebe zu Röschen; diese neue Leidenschaft stellte sogar seine alte Neigung für Bozena in den Schatten. Ja, ja – es ist nicht zu leugnen: allmächtig wirkt der Reiz der Jugend, unwiderstehlich der Zauber der Anmut, er bezwingt selbst die gefeite Seele, und: «ein gebrechlich Wesen ist» – der Mann.

Woche um Woche verging, Monat um Monat. Im Hause Heißenstein wurde es immer stiller, denn seine Gebieterin kränkelte und siechte dahin. Tiefe Melancholie hatte sich ihrer seit dem Todes ihres Mannes bemächtigt. «Er zieht sie nach», sagten die Leute. Sie nahm sichtbar ab; wenn man sie aber fragte, ob sie sich krank fühle, erwiderte sie fast erschrocken, sie habe sich niemals besser befunden. Der Arzt meinte, ihre Nerven seien angegriffen, der herannahende Frühling, der häufige Aufenthalt in freier Luft werde sie herstellen. Der Frühling kam, doch brachte er keine Veränderung im Befinden Nannettens herbei. Sie litt an Schlaflosigkeit, sie fieberte.

Eines Tages ließ sie Doktor Wenzel rufen und ersuchte ihn, alle gesetzlichen Schritte einzuleiten, um Regula, die im Begriffe stand in ihr zwanzigstes Jahr zu treten, großjährig sprechen zu lassen. Nannette sah der Erfüllung dieses Wunsches mit einer Ungeduld entgegen, die wohl verriet, daß sie keineswegs so ruhig über ihren Gesundheitszustand war, wie sie vorgab. Was sie quälte, war aber nicht die Furcht vor dem Tode, sondern eine peinliche Erinnerung, von der sie sich vergeblich loszumachen suchte. Sie wurde, was sie niemals gewesen war, zerstreuungsbedürftig und zu gleicher Zeit außerordentlich fromm. Sie brachte, trotz aller Warnungen des Arztes, der die größte Schonung empfahl, ihre Tage damit zu, ihre Bekannten und die Kirchen zu besuchen. Erschöpft oder aufgeregt kehrte sie heim, niemals jedoch aufgeregter, als wenn sie aus dem Beichtstuhle kam. An solchen Tagen wirkte der Anblick Röschens wie der eines Schrecknisses auf sie. Niemand konnte sich das erklären, nur Bozena sagte zu Mansuet, sie verstehe es wohl. Bozena war übrigens die Vorsicht selbst; niemals kam ein Wort über ihre Lippen, das auch nur dem Schatten eines Vorwurfs gegen «die Frau» geglichen hätte.

Der Arzt fand endlich einen Namen für Nannettens Krankheit, er nannte es ein Zehrfieber, und erteilte seiner Patientin den Rat, nach der Schweiz zu reisen.

«Werde ich dort gesund? Stehen Sie mir dafür?» fragte sie, und rief, als er eine ausweichende Antwort gegeben hatte: «Schon gut, schon gut. Lassen Sie mich zu Hause …» Sie vollendete den Satz nicht, warf einen feindlichen Blick auf den Arzt und entließ ihn.

Er ging, durchdrungen von Bewunderung für die starkmütige Frau, und sorgte für die Verbreitung ihres Ruhmes.

Sobald Regula großjährig erklärt worden war, eröffnete ihre Mutter eine lebhafte Korrespondenz mit der Freiin von Waffenau, in der viel von dem Grafen Ronald die Rede war. Er selbst ließ sich nicht blicken.

Nebst den geselligen Verpflichtungen und den frommen Übungen, die sie sich auferlegt hatte, nahm die Abwickelung der Erbschaftsangelegenheit und die Auflösung des Heißensteinschen Geschäftes die Witwe in Anspruch. Sie entfaltete eine staunenswerte Tätigkeit, sie wollte vom kleinsten Detail selbst Kenntnis nehmen, sie ließ sich täglich durch Wenzel Bericht erstatten, verhandelte mit Mansuet, beriet sich mit Schimmelreiter, den sie zu ihrem Sekretär ernannt hatte.

Aber seltsam, all die Interessen, die sie mit so großem Eifer betrieb, füllten ihre Seele nicht aus. Ein rätselhaftes Etwas, ein Gedanke, nie ausgesprochen, immer zurückgewiesen, immer wiederkehrend, ein quälender Mahner und Bedränger, hielt sie in seinem Banne. Mitten im Gespräche überkam es sie plötzlich, faßte sie mit unsichtbaren Händen, und in ihrer Kehle erstarb der Laut, auf ihrer Zunge das Wort. Ihr glanzloses Auge irrte unstet und ohne Blick umher; in peinvolles Sinnen versunken schien sie der Gegenwart und allem, was sie umgab, entrückt.

Einmal geschah es, daß Nannette in einer Anwandlung dieser Art sich rasch erhob, geschäftig zu ihrem Schranke eilte, ihn öffnete und unbeweglich vor ihm stehen blieb. Ihre Hände sanken herab …

«Mutter!» rief Regula, nicht eben liebevoll, «was ist Ihnen, was suchen Sie?»

Nannette wandte sich ihr zu, wie traumverloren, mit dem Gesichte einer Nachtwandlerin: «Den Brief» flüsterte sie, «um ihn zu verbrennen. Aber – er ist schon verbrannt.»

«Welchen Brief, Mutter?»

Nannette legte den Finger auf ihren Mund, sah ängstlich um sich und sprach: «Schweigen! Schweigen!»

Kurze Zeit darauf fand Regula die bleiche Frau im Halbdunkel in der Mitte des Zimmers stehen; regungslos wie eine Wachsfigur stierte sie vor sich nieder, und ihre aufrechte Haltung bildete einen unheimlichen Gegensatz zu dem Ausdruck tödlicher Erschöpfung in ihrem Angesichte. Regula näherte sich ihr und fragte sie mit leisem Grauen: «Mutter, woran denken Sie?»

Die Angerufene erschrak, ein Schauer rieselte durch ihren Körper; als sie das Auge erhob und ihre Tochter erkannte, beugte sie sich ganz nahe zu ihr und sagte ihr ins Ohr: «An den letzten Blick des Sterbenden.»

«Beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich, Sie sind aufgeregt», ermahnte Regula, führte Nannette zum Sofa und nötigte sie, sich zu setzen.

«Ich bin nicht aufgeregt, liebes Kind», erwiderte die Kranke in kaltem Tone und verzog die Lippen zu einem schwachen Lächeln. «Ich überlege nur, wie schade es ist, daß ich mich damals gegen die Reise Mansuets aussprach, und daß ich jenen Aufruf nicht veröffentlichen ließ. Es wäre dadurch nichts verdorben worden, es wäre trotzdem alles gekommen, wie es kam, und – wie edel hätten wir gehandelt!»

«Es kann uns auch jetzt niemand einen Vorwurf machen», meinte Regula.

Nannette schwieg eine Weile, dann sagte sie: «Und der Dank des Sterbenden, mein Kind, – wäre er dann nicht gerechtfertigt gewesen?»

«Scheinbar, Mutter», sprach Regula. Sie begriff diese seltsame Reue nicht.

Frau Heißenstein legte ihre Hand auf die Hand ihrer Tochter. «Scheinbar … Unterschätze nie den Wert des Scheines. Schein ist alles, was sich nicht greifen, nicht mit Ziffern berechnen, nicht mit der Waage wägen läßt. Ehre, Ansehen vor der Welt – guter Name – wo läge da zwischen Schein und Wesen die Grenze? – Scheine achtungswert – du bist es!» fügte sie mit etwas erhobener Stimme hinzu, und Regula wußte ihr nichts zu antworten, als: «Sie sind so eigen, Mutter!»

Es wurde immer schlimmer mit Nannette. Der Arzt erzählte jedem, der es hören wollte, im Vertrauen, sie werde schwerlich den Herbst überleben. Regula diese traurige Mitteilung zu machen, fehlte ihm teils der Mut, teils die Gelegenheit. Sie wich ihm ängstlich aus, sie fragte ihn höchstens im Vorbeieilen: «Es geht besser, nicht wahr?» und schlüpfte hinweg, ohne seine Antwort abzuwarten. Ihr lag vor allem daran, sich so lange als möglich über das bevorstehende Unglück zu täuschen, mußte es kommen, so wollte sie davon überrascht werden. Sie war sparsam mit ihren Gefühlen, sie fürchtete – natürlich unbewußt – eine vor der Zeit geweinte Träne könne auf Kosten der Anstandszähre vergossen worden sein, die im entscheidenden Augenblicke nicht fehlen durfte.

Die Zeit kam, in der Nannette das Zimmer nicht mehr verließ, es ging rasch mit ihr zu Ende. Sie hatte sich in ihren letzten Lebenstagen ganz an Bozena geschlossen, die kaum mehr von ihrer Seite weichen durfte. Wurde ein Besuch vorgelassen, so war es der Kranken angenehm, die Dienerin vorstellen und sagen zu können: «Es ist unsere brave Bozena, sie hat die Enkelin meines Mannes zurückgebracht. Sie wissen, das Kind seiner unglücklichen Tochter.»

Ein Jahr nach dem Tode Heißensteins kämpfte seine Witwe ihren letzten Kampf. Der Arzt erklärte eines Abends, er werde die Nacht im Hause zubringen. Regula schlich still und verstört umher, immer nur bemüht, sich zu fassen. Sooft sie an das Bett ihrer Mutter trat, winkte diese sie hinweg: «Denn», flüsterte die Kranke Bozena zu, «es greift sie zu sehr an.»

Wie auf eine schweigende Verabredung versammelten sich die Hausgenossen gegen zehn Uhr im Zimmer, das an Frau Nannettens Schlafgemach stieß. Die Lampe stand auf dem Tische, auf dem Kanapee saß Regel, häkelte an etwas sehr Feinem und Kunstvollem, und mußte immerfort Maschen zählen. Zu ihrer Rechten hatte der Doktor Platz genommen, beide Arme auf die Lehnen seines Fauteuils gestützt, und betrachtete mit wohlgefälliger Aufmerksamkeit seine, wie zur allgemeinen Bewunderung ausgelegten, dicken und reich beringten Finger.

Der Geistliche, der der Kranken vor acht Tagen auf ihren ausdrücklichen Wunsch die Sterbesakramente gereicht hatte, Mansuet, der gekrümmt wie ein Sprenkel auf einem kleinen Ecksofa saß, und Schimmelreiter, der bereits ein wenig schnarchte, hielten sich im Hintergrunde des Zimmers.

Um Mitternacht hörte man Nannette laut und eifrig sprechen, der Arzt und der Priester begaben sich zu ihr, kamen aber sogleich wieder zurück, weil die Kranke, die bei vollem Bewußtsein war, allein mit Bozena zu bleiben wünschte.

Mansuet stellte leise dem Doktor eine Frage, auf welche dieser, für alle vernehmlich, antwortete: «Vermutlich bis zum Morgen.»

Er setzte sich wieder in seinen Fauteuil und nickte ein. Die andern, selbst der Geistliche, ein noch sehr junger Mann, der bis jetzt wacker mit dem Schlafe gekämpft hatte, folgten seinem Beispiele.

Es schlug ein Uhr, die Lampe begann düsterer zu brennen, im Nebenzimmer war es still geworden. Regula lehnte sich zurück, sie kreuzte die Arme, sie schloß die Augen. Kalte Schauer liefen ihr über den Rücken.

«Ich sollte zu meiner Mutter», dachte sie, «ich sollte…» Aber sterben sehen ist fürchterlich, sie hat es schon einmal erfahren. Und sie zögert und verfällt endlich in einen unruhigen Schlummer, aus dem sie plötzlich auffährt.

Ihr gegenüber steht Bozena, totenbleich.

«Meine Mutter stirbt!» spricht das Fräulein.

«Sie ist tot», antwortet die Magd mit leiser Stimme: «Kommen Sie.» Sie faßt die Zitternde, Schwankende, und von ihr geleitet begibt sich Regula an das Totenbett ihrer Mutter.

Von den Schläfern war keiner erwacht.

Weder der Arzt noch der Priester wollten es Wort haben, daß sie im entscheidenden Momente nicht auf ihrem Posten gewesen, und widersprachen denen nicht, die zu erzählen wußten, Nannette sei nach herzzerreißendem Abschied in den Armen ihrer Tochter gestorben.

Bozena Kapitel 5

12.

Nun waren sie allein, die altgeborene Regel, die unverwüstlich junge Bozena und das immer fröhliche Röschen; wohl selten würfelt «seine Majestät, der Zufall» größere Kontraste zusammen. Beschirmend waltete der Geist Mansuets über dem seltsamen Kleeblatte. Der Alte war dem Fräulein Heißenstein freundlicher gesinnt seit dem Heimgange Nannettens; weil sie nicht mehr unter dem schädlichen Einfluß ihrer Mutter stände, meinte er; in der Tat aber nur deshalb, weil er sich jetzt als Regels Beschützer fühlte. Trotz all ihres Ernstes, all ihrer Weisheit bedurfte sie seines Rates, holte ihn gern ein und befolgte ihn sogar.

«Sie hat Heißensteinsches Blut in den Adern, das muß sich nolens volens dokumentieren!» versicherte Mansuet eines Tages Bozena und dem Sekretär. «Warten Sie nur, geben Sie nur acht: Nächstens tut sie etwas für das Kind.»

Aber Schimmelreiter schüttelte zweifelnd den Kopf, er sprach: «Sie ist nicht verpflichtet, etwas für das Kind zu tun, also wird sie auch nichts tun. Wie lautet Ihre werte Meinung?» wandte er sich galant an Bozena.

Diese antwortete in der bedachtsamen Weise, die sie seit ihrer Rückkehr angenommen hatte: «Ich hoffe auf ihre Großmut!»

«Prosit!» sagte Schimmelreiter, dem es infolge eifrigen Bestrebens gelungen war, sich einige von Mansuets Redewendungen anzueignen. «Leichter pressen Sie Himbeersaft aus einer Zitrone, als eine großmütige Regung aus dieser Seele.»

Bozena schwieg und ließ sich auf keine weitere Erörterung ein.

«Sie widerspricht mir nicht gern», erklärte später der Sekretär Schimmelreiter mit Selbstgefühl.

«Sie widerspricht überhaupt keinem Menschen mehr», dachte Mansuet. «Mißtraut sie uns? Oder ist ihr alles so gleichgültig geworden, daß sie nicht einmal ein Wort dafür einsetzen mag? Was geht in ihr vor? … Gott mag es wissen!»

*

Nach dem Tode der Frau Heißenstein hatte Graf Ronald ihrer Tochter einen teilnahmsvollen Brief geschrieben, aber gekommen war er nicht. All die Arbeit, die er sich aufgebürdet, dürfte ihn abgehalten haben, meinte Regel; muß er doch die Geschäfte der Beamten versehen, die man in Rondsperg entlassen hatte, weil man sie nicht mehr besolden konnte.

Er war jetzt Direktor, Rentmeister, Förster und Wirtschafter in einer Person. Mit eisernem Fleiße mühte er sich ab, um die Armut fernzuhalten von seinem väterlichen Dache. Der alte Graf wollte nicht wissen, wie es um seine Verhältnisse stand. Vermochte Ronald es einmal nicht zu verhindern, daß ein ungeduldiger Gläubiger sich an den Greis drängte, dann wies ihn dieser an seinen Sohn, der die Leitung der Geschäfte allein übernommen habe. Den aber fragte er mit einer gewissen Schadenfreude, wann endlich die Segnungen des von ihm eingeführten neuen Regimes eintreten würden?

Daß sein Wohlstand für immer entschwunden sei, daran vermochte er ebensowenig zu glauben, als an den Bestand der neuen Staatsordnung. Rondsperg war ja ein Juwel, Rondsperg besaß ja unerschöpfliche Hilfsquellen. Sein Besitzer konnte durch die Ungunst der Zeiten in augenblickliche Verlegenheiten geraten, aber nicht in dauernde.

Wäre Roland auch imstande gewesen, seinem Vater diesen beglückenden Wahn zu rauben, er hätte es nicht getan; dazu liebte er ihn viel zu sehr. So setzte er denn unverdrossen seine vergebliche Arbeit fort. Ein Entschluß hätte freilich das bevorstehende Unheil wenigstens verzögern und dem Sohne einen Teil des väterlichen Gutes retten können: man hätte Rondsperg verpachten müssen. Aber bei dem alten Grafen fand das Wort «Verpachtung» ebensoviel Anklang, wie bei jedem unumschränkten Herrscher das Wort «Konstitution» . Ronald sprach es einmal aus, und – niemals wieder.

Regula Heißenstein war von diesen Verhältnissen genau unterrichtet. Der ehemalige Direktor von Rondsperg hatte sich in Weinberg ein nettes Haus gebaut und lebte dort in behaglichem Wohlstande. Er traf Schimmelreiter oft beim «Grünen Baum» und sprach gern mit ihm von dem Schauplatze seiner einstigen Taten. Er war ein gutmütiger Mann, und bewahrte auch den gnädigen Herrschaften, die er fünfundzwanzig Jahre lang, soviel es irgend an ihm lag, bestohlen hatte, ein freundliches Interesse. Dem Sekretär Regulas gegenüber ließ er es an zarten Winken nicht fehlen, welch ein verdienstliches Werk es wäre, den braven jungen Grafen aus aller Not zu retten, indem man ihm zu einer reichen Heirat verhülfe.

«Ein Goldfischchen, wie das Fräulein Heißenstein, das wäre halt was für ihn!» sagte der Direktor mit diplomatischem Lächeln.

«Ein adeliger, schöner Mann, wie der Graf von Rondsperg, das wäre was für sie!» erwiderte der Sekretär und schmunzelte auf das verbindlichste.

Die beiden Ehestifter machten einen Überschlag der Kosten, die erforderlich wären, um Rondsperg wieder ertragsfähig zu machen, die verpfändeten Grundstücke einzulösen, die eingestürzten Wirtschaftsgebäude aufzurichten, den fundus instructus zu erneuern; und eine Stunde später teilte schon der Herr Sekretär seinem Fräulein die Ergebnisse dieser Berechnungen mit. Sie nahm seinen Bericht gleichgültig entgegen, wie etwas, das sie gar nicht kümmerte, begab sich aber flugs an ihren Schreibtisch und begann sofort auf eigene Hand eifrigst zu rechnen. Sie fand, zu ihrer lebhaften Befriedigung, daß die Summe, um die sich’s handeln würde, so ansehnlich sie auch war, doch kaum ein Viertel ihres mobilen Vermögens betrug. Dieses Resultat versetzte sie in so gute und unternehmende Laune, daß sie noch selbigen Tages an Ronald schrieb, um ihm für die Teilnahme zu danken, die er ihr bei Gelegenheit des Todes ihrer unvergeßlichen Mutter ausgesprochen hatte.

Ihr Brief war mit all der Zurückhaltung verfaßt, die höchste Wohlerzogenheit einer jungen Dame, einem jungen Herrn gegenüber, auferlegt; der Stil wie gedrechselt, die Schrift wie gestochen. Es war ein Muster von einem Briefe und konnte nicht verfehlen, auf Ronald und seine Eltern, denen der Empfänger ihn doch gewiß mitteilen würde, den besten Eindruck hervorzubringen. Eine Danksagung dürfte kaum ausbleiben, und Regula nimmt sich vor, dieselbe nicht unbeantwortet zu lassen. Die Korrespondenz kommt in Gang, es folgt wohl einmal eine persönliche Begegnung. Die Kapitalistin erkundigt sich freundlich nach den Erfolgen der Tätigkeit des Landwirtes. Vertrauen belohnt ihre Teilnahme. Sie – in ausnehmend delikater Weise – bietet Hilfe. Er – nicht minder delikat – zögert anfangs und – gibt endlich nach: «Unter einer Bedingung, mein Fräulein! … Die Hand, von der ich annehme, muß mein werden!» – «O Herr Graf – Sie mißverstehen – Sie verkennen vielleicht die uneigennützige Absicht …» – «Kein Wort weiter, Edelste! …» Sein Schnurrbart ruht auf ihren Fingerspitzen; – der Rest ist Schweigen – Soll und Haben finden sich.

Während Regula von der Eroberung Ronalds träumte, träumten alle spekulativen Junggesellen und alle noch heiratsfähigen Witwer in Weinberg von dem Glück, die Erbin heimzuführen. Der eine tat es mit mehr, der andere mit weniger Zuversicht; doch kam jedem, wenn auch nur in einem Augenblicke des Übermuts, der Gedanke, die Heißensteinschen Reichtümer seien bestimmt, von ihm eingeheimst zu werden. Regula sah sich bald von einem Heere huldigender Freier umschwärmt, die nichts so emsig suchten, als die Gelegenheit, ihr Beweise der Ehrfurcht und Bewunderung zu geben und den heißen Wunsch an den Tag zu legen, der Alleinstehenden ihren Schutz angedeihen zu lassen und sich ritterlich zwischen sie und die Fährlichkeiten der bösen Welt zu werfen.

Das korrekte Fräulein empfing selbstverständlich keine Herrenbesuche; nur an drittem Orte war sie für ihre männlichen Sklaven zu treffen. Um so eifriger wurde sie von dem weiblichen Anhang ihrer Bewerber, von deren zärtlichen Müttern, Schwestern und Basen belagert. Diese ließen es nicht fehlen an der ausbündigsten Schmeichelei, und Regel sog dieses gefährliche Gift mit immer wachsendem Wohlgefallen ein. Wie schoß jetzt ihre, bereits von Frau Nannette zärtlich gepflegte Eitelkeit in die Blüte! Wie trugen die Verhältnisse dazu bei, ihren Durst nach Lob zu erhöhen! Sie war die unumschränkte Herrin ihrer werten Person, es galt nicht erst einen bärbeißigen Vater, eine launische Mutter, einen einflußreichen Verwandten zu gewinnen, um sich der Ersehnten nahen zu dürfen. Kein Ausdruck der Ergebenheit ging unterwegs verloren, jedes überschwengliche Wort gelangte unmittelbar an seine richtige Adresse, der Duft jedes Weihrauchkörnleins, das ein frommer Beter um Regulas Minnesold zu verbrennen für gut fand, wurde von der Göttin selbst eingesogen.

Ein Jahr nach dem Tode ihrer Mutter konnte Regula schon ebenso viele Briefe, als seitdem Tage verflossen waren, in die Lade legen, in der sie ihre teuersten Erinnerungen verwahrte. Und alle diese Briefe enthielten mehr oder minder unumwunden ausgesprochene Heiratsanträge. Von ihren Bewerbern durfte keiner sich rühmen, daß sie ihm die leiseste Hoffnung gegeben, und keiner sich beklagen, daß sie ihm die kühnste Hoffnung genommen habe. Sie hatte niemals an eine andere Verbindung, als an die mit dem Grafen Ronald gedacht, aber dennoch wollte sie von ihren zahlreichen Freiern nicht einen missen. Eine volle Woche hindurch war sie verstimmt, weil ein Witwer von fünfzig Jahren, der überdies Krautwurm hieß, unzufrieden mit der ausweichenden Antwort, die sie ihm erteilte, sich rasch resolvierte und eine andere Wahl traf, die sofort Genehmigung fand.

Fräulein Regula hielt es mit dem Futter für ihre Eitelkeit wie Voltaire mit seinem Ruhme: Er hatte davon für eine Million, aber er wollte noch für einen Sou.

Seit der Erfahrung, die sie an Herrn Krautwurm gemacht hatte, wurde sie noch vorsichtiger in der Behandlung ihrer Bewunderer. Dennoch gab es einen unter ihnen, den sie mißhandelte; zugleich der einzige, der Zutritt in ihr Haus erhalten, da er im Laufe der Zeiten Röschens Unterricht in den sogenannten deutschen Gegenständen übernommen hatte. Er war ein blonder, hübscher junger Mann mit dunkelblauen Augen und einem Vollbarte. Ihm war im Leben alles verkehrt gegangen. Er war zum Poeten geboren und wurde Professor der Mathematik, er schwärmte für Schönheit und Güte und – verliebte sich in Regula. Ja, er verliebte sich in sie. Was nicht einmal einem Geizhalse, dem reichen Fräulein gegenüber, gelang – er brachte es zuwege, oder vielmehr ihn überfiel’s, wie ein reißendes Tier aus dem Busche den ahnungslosen Wanderer überfällt.

Wie es möglich war, daß dieses reizlose Geschöpf eine brennende Leidenschaft erregte – wer kann es begreifen? Der nicht, der meint, das Entstehen der Liebe bedürfe eines andern Grundes als die Beschaffenheit des Herzens, dem sie entspringt. Was gefiel dem Professor Ludwig Bauer an Regula? Ihre frostige Höflichkeit? Ihr wächsernes Gesicht? – Was trieb ihn zu ihr? – Vielleicht nur das Verhängnis, das zu manchem Menschen spricht: Hier ist eine Gelegenheit, tief unglücklich zu werden – ergreife sie! Hier fließt ein Strom unsäglicher Leiden – stürz dich hinein!

Der junge Professor liebte das Fräulein Heißenstein mit einer grimmigen, stets beleidigten und gekränkten Liebe, die ihm alle Lebensfreude verdarb und die er nur um so hartnäckiger festhielt mit verbissener Treue. Um Regula täglich sehen zu können, bot er sich an, ihrer kleinen Nichte Unterricht im Rechnen und in der Grammatik zu geben. Die Tante ging sehr gern auf diesen Vorschlag ein. Sie fürchtete ohnedies, es könne auffallen, daß «ein ungebildeter Kommis» der alleinige Führer des nun schon achtjährigen Kindes auf den Pfaden der Wissenschaft sei. Hingegen geriet ganz Weinberg in Bewunderung, als es bekannt wurde: Ein Professor des Gymnasiums bringe jetzt in eigener Person der kleinen Waise die vier Spezies bei und führe sie am Ariadnefaden seiner Weisheit durch das Labyrinth der Endungen.

Es ist erstaunlich! – Und was das kosten mag! Ja, Fräulein Heißenstein ist eben jederzeit und immer, man kann nur sagen: großartig!

Allabendlich Schlag sechs Uhr trat Professor Bauer in das Speisezimmer, wo Röschens Lehrtisch in einer Fensternische aufgeschlagen war, und wo sie ihn seufzend erwartete, aber nicht seufzend aus Ungeduld. Sein erstes Wort lautete regelmäßig: «War Fräulein Tante nicht da? Wird Fräulein Tante nicht kommen?» Und kam sie nicht, dann hatte Röschen eine schlimme Stunde. Erschien sie aber, so beeilte er sich, zu sagen: «Es ist gut, du warst sehr brav, du bist fertig.»

Ei, wie rasch sie in diesem günstigen Falle ihren kleinen Lehrkram zusammenräumte, sich in einen Winkel des Zimmers verkroch und auf ihre Schreibtafel, statt Ziffern, Herrn und Damen zeichnete, mit unförmig großen Köpfen und unglaublich dünnen Armen, an deren Enden fünf Stängelchen hingen, die sich für Finger ausgaben.

Sobald Ludwig Bauer die von ihm Angebetete erblickte, wurde er entweder mürrisch oder verlegen. Ein nicht erhörter Liebhaber ist selten liebenswürdig, er tut gewöhnlich das möglichste, um seine Sache zu verschlimmern. Von seinen Gefühlen zu sprechen, war dem Professor selten erlaubt, um Regulas stets zur Abwehr bereite Tugend nicht unter die Waffen zu rufen. Versuchte er es aber, sich angenehm zu machen, indem er interessante Dinge vorbrachte, die den gebildeten Geist des Fräuleins mit neuen Erkenntnissen schmücken sollten, dann kam er meist am schlechtesten an. Regula empfand einen wahren Abscheu vor allem Wissen, das sie nicht selbst besaß, und hatte bei den Erörterungen des Professors eine Art, den Mund zu verziehen, zerstreute Blicke umherzuwerfen und mit fast geschlossenen Lippen zu sagen. «Warum nicht gar» – die ihn jedesmal auf das gramsamste beschämte.

Zu andern Zeiten wieder benahm sich Bauer höchst stürmisch und ungebärdig. Röschen konnte sich eines Tages nicht genug darüber wundern, daß ihre Tante so gar keine Angst vor ihm zu haben schien, sondern sein heftiges Gezänke mit Ruhe, ja mit einem Lächeln der Befriedigung anhörte.

«Stimmen Sie sich herab, stimmen Sie sich herab, Bester!» sagte sie.

Sie sagte «Bester» zu einem Menschen, der schrecklich böse war – Röschen konnte darauf schwören.

Der Professor stand auf, machte einen Gang durch das Zimmer, trat vor Regula hin, kreuzte die Arme und sprach: «Ich bin Ihnen so gleichgültig wie der Hund, der dort über den Platz läuft … Sie haben kein Herz, Fräulein!»

Regula warf einen Blick auf das Kind, das in der Ecke des Zimmers spielte, und entgegnete in ermahnendem Tone: «Sie wissen nicht, was Sie reden!»

«Nicht? … Bin ich Ihnen etwa nicht gleichgültig? … Antworten Sie mir!» rief der arme Professor in einem Atem flehend und drohend.

«Sie könnten es mir werden, wenn Sie so fortfahren – Freund», säuselte das Fräulein und schlug züchtig die Augen nieder. «Wäre das nicht traurig? … Freundschaft ist so schön – denken Sie an Jean Paul … Ich möchte Sie nicht verlieren …»

«Fräulein! Fräulein! – o Fräulein!» war alles, was er hervorbrachte im Sturme seiner Gefühle. Regula richtete sich kerzengerade auf; murmelte etwas von Anmaßung und Tyrannei, die sie sich verbitten müsse, und machte eine verabschiedende Handbewegung.

«Oh!» stöhnte Ludwig, gerade wie Othello: «Oh! – Oh! –» und stürzte zur Tür hinaus.

Röschen hatte sich in ihrer Angst hinter einen der hochlehnigen Sessel gekauert und erwartete, ihre Tante werde sich gleichfalls in Sicherheit zu bringen suchen. Sie machte ihr schon Platz neben sich: «Komm hierher!» flüsterte sie, fürchtend, der wütende Professor könnte wiederkehren.

Aber für das Kind war heut ein Tag der Überraschungen. Statt besorgt zu scheinen, sah die Tante dem Enteilenden mit einem triumphierenden Blick nach, und versuchte sogar, ein Liedchen zu trällern; aber das mißlang ihr, denn sie hatte weder Gehör noch Stimme, oder vielmehr beides falsch und ungehorsam, und wenn sie singen wollte: «Der Eichwald brauset, die Wolken ziehen», geriet sie jedesmal in die Melodie von: «Robert – Robert, mein Geliebter!»

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Ungefähr um dieselbe Zeit sah Mansuet den guten Schimmelreiter mit ganz verstörtem Gesicht aus dem Zimmer Bozenas treten. Er nahm im Gehen eine neue schwarze Krawatte von seinem Halse ab und ersetzte sie durch die dunkelgrau und grün quadrillierte, die er gewöhnlich trug. Als er an Weberlein vorüber sollte, machte er, um ihm auszuweichen, einen so großen Bogen, als die Breite des Ganges irgend erlaubte. Aber das half ihm nichts. Sein Freund schritt resolut auf ihn zu, nahm vertraulich seinen Arm und sprach: «Na, wissen Sie’s jetzt? Sie hat ‹Nein› gesagt, versteht sich?»

Schimmelreiter sah noch immer um sich mit Blicken, starr und gläsern, wie die eines Menschen, der eben einen großen Schrecken gehabt hat. Grenzenloses Erstaunen, die höchste Bestürzung malten sich auf einem runden Gesichte.

Plötzlich blieb er stehen, faßte Mansuets beide Hände und, indem er sich zu dem kleinen Manne niederbeugte, flüsterte er ihm zu: «Sie hat, denken Sie, sie hat ‹Nein› gesagt – denken Sie sich das!»

Und nun ließ er Mansuets Hände los und rang die seinen wie ein Trostloser.

Der Alte redete ihm zu: «Beschwichtigen Sie sich. Wissen Sie was? – Machen Sie sich nichts daraus.»

Der abgewiesene Freier mußte zugeben, daß er nicht leicht etwas Klügeres tun könnte. – Aber freilich, gleich das Klügste zu tun, wer trifft das so leicht? Überdies würde die Sache damit noch nicht abgetan sein. Das Schlimmste kommt nach! Das Gerede der Leute. «Alle Leute werden es erfahren!» jammerte Schimmelreiter.

«Was fällt Ihnen ein?» fragte Mansuet. « Die Bozena schwatzt nicht, und außer ihr weiß es niemand.»

Der Sekretär gestand, das Fräulein wisse es, ihr habe er pflichtschuldig gemeldet, er gehe mit dem Gedanken um, «sich zu verändern». Freilich ohne ihr mitzuteilen, auf wen seine Wahl gefallen sei.

«Dann ist ja alles vortrefflich!» sagte Weberlein, «dann gehen Sie gleich und nehmen eine andere.»

Diese Äußerung rief, so brutal sie schien, durchaus keine Entrüstung bei Schimmelreiter hervor, er meinte vielmehr, das sei zu überlegen, kam jedoch alsbald wieder auf die Katastrophe zurück, die jetzt seine ganze Seele erfüllte.

«Aber, die Bozena! … Begreifen Sie die Bozena? Begreifen Sie, daß sie mich ausgeschlagen hat? Sie hätte doch wirklich ein Glück mit mir gemacht. So eindringlich habe ich es ihr vorgestellt! – Es nützte nichts. Sie wird niemals heiraten, behauptet sie. Ich lasse nicht nach mit Fragen: Warum? warum? Ob sie ihr Herz an einen gehängt hat, den sie nicht kriegen kann? – Ob sie gar so hoch hinaus will? – ‹Nein! nein!› sagt sie. ‹Was also hält Sie ab?› sag ich. Und sie darauf: ‹Ein unübersteigliches Hindernis.› – ‹Das immer bleiben wird?› – ‹Immer.› – ‹An dem nichts zu ändern ist?› – ‹Nichts. Lassen Sie es jetzt gut sein, Herr Sekretär.› – Und ich hätte es sollen gut sein lassen. Aber da reitet mich der Teufel, daß ich nicht schweigen kann, daß ich noch frage: ‹Wenn dies unübersteigliche Hindernis nicht wäre, würden Sie mich dann nehmen?› – Glauben Sie es, oder nicht – sie antwortet mir: ‹Wenn Sie es durchaus wissen wollen: auch dann nicht.› Ja: ‹Auch dann nicht›, hat sie gesagt. Und jetzt möchte ich wissen, sie ist ja gut, tut niemandem gern weh – warum sie nicht lieber geschwiegen – warum sie nicht lieber eine ausweichende Antwort gegeben hat?»

«Jede andere hätt’s getan – aber sie? Sie sagt nur die Wahrheit, aber die ganze. Sie ist wahr wie der Tag», erwiderte Mansuet.