Zwanzigstes Kapitel


Mein Aufenthalt in Riga. – Campioni. – Ste.-Héleine. – D’Aragon. – Ankunft der Kaiserin. – Meine Abreise von Riga und Ankunft in St. Petersburg. – Besuche. – Ich kaufe Zaïra.

Prinz Karl Biron, jüngerer Sohn des regierenden Herzogs von Kurland, Generalmajor in russischen Diensten, Ritter des Alexander-Newskis-Ordens, empfing mich, durch den Brief seines Vaters günstig gestimmt, mit großer Auszeichnung. Der Prinz war sechsunddreißig Jahre alt, hatte ein sehr angenehmes, wenn auch nicht schönes Gesicht, war höflich und sprach sehr gut französisch. Er sagte mir in wenigen Worten, was ich von ihm zu erwarten hätte, wenn ich einige Zeit in Riga zu verbringen gedächte. Er bot mir seinen Tisch, seine Gesellschaft, seine Vergnügungen, seinen Marstall, seinen Rat und seine Börse an, und er tat es mit jenem freimütigen Ton, der einem Soldaten so gut ansteht, und mit jener herzlichen Güte, die eigentlich eine unzertrennliche Eigenschaft aller Fürsten sein sollte.

»Eine Wohnung biete ich Ihnen nicht an,« sagte er zu mir, »weil mein eigenes Haus ein wenig eng ist; aber ich werde dafür sorgen, daß Sie eine passende Wohnung finden.«

In Wirklichkeit war diese Wohnung bereits gefunden, und ich wurde von einem Adjutanten des Prinzen hingeführt. Kaum hatte ich mich eingerichtet, so machte der General mir bereits einen Besuch und nötigte mich, so wie ich war, mit ihm zum Essen zu gehen. Es war eine Mahlzeit ohne alle Umstände, und zu meiner angenehmen Überraschung sah ich dabei Campioni wieder, von dem ich bereits zwei- oder dreimal in diesen Erinnerungen gesprochen habe. Dieser Campioni war ein Tänzer, der weit über seinem Berufe stand und für die gute Gesellschaft geschaffen war: er war höflich, witzig, heiter und ein Lebemann, hatte keine Vorurteile, liebte Frauen, gutes Essen und hohes Spiel, war vorsichtig, verschwiegen, tapfer und lebte ruhig, sowohl wenn das Glück ihm günstig wie wenn es ihm ungünstig war. Wir freuten uns beide, uns wiederzusehen.

Ein anderer Gast, ein Savoyarde, Baron von Ste.-Héleine, hatte eine junge Frau, die ziemlich hübsch, im übrigen aber sehr unbedeutend war. Der Baron, dick und fett, war Spieler, Esser und Trinker. Fügt man zu diesem dreifachen Verdienst noch die Kunst, Schulden zu machen und seine Gläubiger vortrefflich in Sicherheit zu wiegen, so hat man das Ganze seiner Kunst und Wissenschaft; denn im übrigen war er dumm in der vollen Bedeutung des Wortes. Ein Adjutant und die Geliebte des Prinzen speisten ebenfalls mit uns. Diese Geliebte war blaß, traurig, mager, träumerisch, dabei aber ziemlich hübsch; sie mochte etwa zwanzig Jahre alt sein. Sie aß beinahe gar nichts, weil sie alles schlecht fand. Sie sagte, sie sei krank, und alle ihre Züge drückten Mißbehagen aus. Der Prinz forderte sie vergeblich zum Essen und Trinken auf; sie wies alles verächtlich zurück. Der Prinz neckte sie lachend wegen ihrer Lächerlichkeiten, aber er tat es in so zartfühlender Form, daß sie sich nicht allzusehr verletzt fühlen konnte.

Wir verbrachten beinahe zwei Stunden recht heiter bei Tische. Nach dem Kaffee schüttelte der Prinz mir die Hand, da er anderweitige Geschäfte hatte; er bat mich, mittags und abends an seinen Tisch zu kommen, wenn ich nichts Besseres wüßte, und ließ mich mit Campioni allein.

Mein alter Freund und liebenswürdiger Landsmann führte mich in seine Wohnung, um mich mit seiner Frau und seiner Familie bekannt zu machen. Ich wußte nicht, daß er sich wieder verheiratet hatte. Ich fand in seiner angeblichen Frau eine sehr liebenswürdige, etwas magere, aber geistsprühende Engländerin. Sie hatte eine Tochter von elf Jahren; diese war sehr frühreif, denn man hätte ihr ohne weiteres fünfzehn Jahre gegeben. Sie war geist- und talentvoll, tanzte, sang und spielte Klavier, und ihre Augen schleuderten Blitze, ein Beweis, daß ihre Natur den Jahren vorausgeeilt war. Sie eroberte mich, und ihr Vater wünschte ihr Glück dazu. Darüber freute sie sich; aber ihre Mutter kränkte sie sichtlich, indem sie sie kleine Bambina nannte – eine blutige Beleidigung für ein junges Mädchen, das seine Bestimmung zu fühlen beginnt.

Auf einem Spaziergang, den ich mit Campioni machte, gab er mir Auskunft über alles; zuerst über sich selber: »Seit zehn Jahren lebe ich mit dieser Frau. Betty, die Sie so reizend finden, ist nicht meine Tochter; die anderen aber sind meine Kinder, und ich habe sie von meiner Engländerin erhalten. Vor zwei Jahren habe ich Petersburg verlassen, und ich lebe hier recht gut. Ich habe Zöglinge, die mir Ehre machen. Ich spiele beim Prinzen – gewinne, verliere, kann aber niemals eine so große Summe gewinnen, um einen unglückseligen Gläubiger zu befriedigen, den ich in Petersburg zurückgelassen habe und der mich auf Grund eines Wechsels verfolgt. Er kann mich ins Gefängnis setzen lassen, und ich bin jeden Tag darauf gefaßt.«

»Handelt es sich um eine große Summe?«

»Fünfhundert Rubel.«

»Aber das ist doch nicht so arg: Zweitausend Franken!«

»Ich weiß es wohl, aber wenn man sie nicht hat?«

»Sie hätten die Schuld durch Teilzahlungen decken sollen.«

»Davon will der Unmensch nichts wissen.«

»Und was gedenken Sie nun zu tun?«

»Wenn es möglich ist, will ich das Eintreten des starken Frostes abwarten; dann werde ich allein die Flucht ergreifen und nach Polen gehen; dort werde ich sehen, ob ich alles in Ordnung bringen kann. Der Baron von Ste.-Héleine wird ebenfalls ausreißen, wenn er kann; er hält sich nur noch durch Versprechungen aufrecht. Der Prinz, den wir alle Tage besuchen, ist uns sehr nützlich, denn wir können bei ihm spielen; sollte uns aber ein Unglück zustoßen, so könnte er uns auch nicht helfen. Er ist nämlich selber überschuldet, weil die Ausgaben, die er machen muß, seine Einnahmen bei weitem übersteigen. Er spielt und verliert immer. Seine Geliebte kostet ihn viel und ärgert ihn durch ihre schlechte Laune.«

»Warum ist sie denn, so verdrießlich?«

»Sie verlangt uon ihm, er solle ihr sein Wort halten; denn er hat ihr versprochen, sie nach Ablauf von zwei Jahren zu heiraten, und nur unter dieser Bedingung hat sie ihm erlaubt, ihr zwei Kinder zu machen. Jetzt, wo die zwei Jahre verflossen und die beiden Kinder gemacht sind, erlaubt sie ihm nichts mehr, weil sie Angst hat, ein drittes Kind könnte dabei herauskommen.«

»Kann der Prinz ihr denn nicht einen Heirater finden?«

»Er hat einen Leutnant für sie gefunden, aber sie verlangt wenigstens einen Major.«

Der Prinz gab dem kommandierenden General Wojakoff, an den ich einen Brief vom Feldmarschall Lewald hatte, ein Galadiner; ich traf bei dieser Gelegenheit die Baronin Korff von Mitau, Madame Ittinoff und ein schönes adliges Fräulein, die Braut des Barons von Budberg, den ich in Florenz, Turin und Augsburg gekannt hatte, von dem ich aber vielleicht in diesen Erinnerungen noch nicht gesprochen habe.

Im Verkehr mit allen diesen Herrschaften vergingen mir drei Wochen sehr angenehm; besonders entzückt war ich vom alten General Wojakoff. Dieser wackere alte Herr war vor fünfzig Jahren in Venedig gewesen, als die Russen noch Moskowiter genannt wurden und der Gründer oder Schöpfer von Petersburg noch lebte. Allmählich war er alt geworden wie eine Eiche, immer auf demselben Fleck wurzelnd und immer mit dem gleichen Horizont um sich herum. In seinen Augen war alles noch so wie es damals gewesen war, und er pries mir Venedig und dessen Regierung in dem Glauben, es sei alles noch so wie vor fünfzig Jahren.

In Riga erfuhr ich von einem englischen Kaufmann, Collins, daß der angebliche Baron Stenau, der mir in London den falschen Wechsel gegeben und mich dadurch zu meiner plötzlichen Abreise gezwungen hatte, in Portugal gehängt worden war. Dieser angebliche Baron war ein Livländer, der Sohn eines armen Kaufmanns, und war selber ein armer Kommis gewesen. Er hatte sein Kontor verlassen, um dem Glücke nachzujagen, das ihn leider an den Galgen brachte. Der liebe Gott schenke ihm seinen Frieden.

Eines Abends kam ein Russe, der im Auftrage seines Hofes in Polen gewesen war, auf der Rückreise zum Prinzen, beteiligte sich am Spiel und verlor zwanzigtausend Rubel auf Wort. Campioni hielt die Bank. Der Russe gab Wechsel in Höhe des Betrages; sobald er aber in Petersburg war, erklärte er vor dem Handelsgericht seine eigenen Wechsel für ungültig, verleugnete also gegen Treu und Glauben sein Ehrenwort und seine Unterschrift. Infolge dieser hinterlistigen Handlung wurden nicht nur alle Gläubiger um ihren Anspruch betrogen, sondern es wurde auch ein strenges Verbot gegen das Spiel erlassen, das in Zukunft auch bei den Stabsoffizieren nicht mehr stattfinden durfte.

Der Russe, der diese Gemeinheit beging, war derselbe Schuft, der alle geheimen Maßnahmen der Zarin Elisabeth verriet, als sie mit dem König von Preußen Krieg führte. Er schickte dem Neffen der Kaiserin und erklärten Thronfolger, Peter, alle Befehle, die seine Herrscherin ihren Generälen erteilte, und Peter schickte schleunigst alles dem von ihm angebeteten König von Preußen.

Nach Elisabeths Tode machte Peter der Dritte den Halunken zum Vorsitzenden des Handelsgerichts, und dieser veröffentlichte mit Ermächtigung des neuen Zaren die von ihm geleisteten Dienste, die ihm diese schöne Belohnung eingetragen hatten: er rühmte sich also seines abscheulichen Vorgehens, statt sich dessen zu schämen. Peter wußte offenbar nicht, daß man aus Politik zuweilen ein Verbrechen belohnt, daß man aber den Verbrecher stets verachtet.

Ich sagte, Campioni habe die Bank gehalten; sie ging aber für Rechnung des Prinzen. Ich war mit einem Zehntel daran beteiligt, das mir ausgezahlt werden sollte, sobald der Schuldner seine Wechsel eingelöst hätte; als ich aber bei Tisch sagte, ich setzte keine Hoffnungen darauf und würde gerne meinen Anteil für hundert Rubel abtreten, nahm der Prinz mich beim Wort und zahlte mir sofort diesen Betrag aus. So kam es, daß ich der einzige war, der von dem Abend einen gewissen Vorteil hatte.

Katharina die Zweite wünschte sich in den neuen Staaten zu zeigen, die unter ihre Herrschaft gekommen waren, obgleich sie in der Person ihres früheren Günstlings Stanislaus Poniatowski einen Schattenkönig auf den polnischen Thron gesetzt hatte. Sie kam durch Riga, und dort sah ich zum erstenmal diese große Fürstin. Ich war Zeuge der Liebenswürdigkeit und der anmutigen Freundlichkeit, womit sie die Huldigungen des livländischen Adels entgegennahm: alle adligen Fräuleins, die ihr die Hand küssen wollten, küßte sie auf den Mund. Um sie herum standen die Orloffs und einige andere hohe Herren, die die Verschwörung geleitet hatten. Die Kaiserin sagte lächelnd zu ihnen, sie wolle für ihre treuen Diener eine Pharaobank von zehntausend Rubeln auflegen.

In einem Augenblick war der Tisch hergerichtet; es wurden Karten gebracht und Goldstücke aufgestapelt. Sie nahm die Karten, tat, wie wenn sie mischte, und gab sie dem ersten besten zum Abheben. Sie hatte das Vergnügen, in der ersten Taille die Bank gesprengt zu sehen, wie es nicht anders sein konnte; denn wenn sie nicht blödsinnig waren, mußten die Spieler stets wissen, welche Karte herauskommen würde. Am nächsten Tage reiste die Zarin nach Mitau, wo ihr zu Ehren Triumphbogen errichtet waren; diese Triumphbogen waren aus Holz, denn Steine sind in diesem Lande selten, außerdem hätte man auch keine Zeit gehabt, sie aus Stein aufzuführen.

Am Tage nach ihrer Ankunft gab es einen großen Schreck: man vernahm, daß in Petersburg eine Revolution auszubrechen drohte und daß es sogar schon zur Ausführung gekommen war. Man hatte den unglücklichen Iwan Iwanowitsch, der in der Wiege zum Zaren ausgerufen und von Elisabeth Petrowna entthront worden war, mit Gewalt aus der Zitadelle befreien wollen, in der er gefangen gehalten wurde. Die beiden Offiziere, die mit der Bewachung des unglücklichen Prinzen beauftragt waren, töteten den armen unschuldigen Monarchen, sobald sie sahen, daß sie nicht stark genug waren, um seine Befreiung zu verhindern.

Die Ermordung des unschuldigen Opfers machte einen so starken Eindruck auf das Publikum, daß der vorsichtige Panin einen Ausbruch des Unwillens befürchtete und Kurier um Kurier schickte, um die Kaiserin Katharina anzuflehen, sie möchte zurückkehren und sich ihrem Volke zeigen. Dieser Grund nötigte die Zarin, Mitau schon vierundzwanzig Stunden nach ihrer Ankunft wieder zu verlassen. Statt ihre Vergnügungsreise bis Warschau fortzusetzen, kehrte die Kaiserin in größter Eile nach Petersburg zurück, wo sie alles in der größten Ruhe fand. Die Politik veranlaßte sie, die Mörder des unglücklichen Iwan zu belohnen und den Frechen, die sie aus Ehrgeiz hatten vom Thron stoßen wollen, den Kopf abzuschlagen.

Man verbreitete das Gerücht, Katharina sei mit den Mördern im Einverständnis gewesen; aber man kam bald zu der Überzeugung, daß dies eine Verleumdung war. Die Zarin hatte eine starke Seele, aber sie war nicht hinterlistig und grausam. Als ich sie in Riga sah, war sie fünfunddreißig Jahre alt; sie regierte damals seit zwei Jahren. Obwohl sie nicht schön war, hatte sie etwas an sich, was gefiel: sie war groß, gut gewachsen, freundlich, leutselig und besonders von einer Ruhe, die sie nie verließ.

Um diese Zeit kam ein Freund des Barons von Ste.-Héleine von Petersburg an, um nach Warschau zu reisen. Er war ein Marchese Dragon, der sich d’Aragon nennen ließ. Er war Neapolitaner, ein großer Spieler, schön gewachsen, ein geschickter Fechter und stets bereit, in heiklen Fällen mit seiner Person einzustehen. Er hatte Petersburg verlassen, weil die Orloffs die Kaiserin überredet hatten, die Glücksspiele verbieten zu lassen. Man fand es eigentümlich, daß gerade die Orloffs das Glücksspiel verbieten ließen, da sie doch von weiter nichts lebten, bevor sie durch ein viel gefährlicheres, aber gewiß nicht edleres Mittel ihr Glück machten. Und doch waren sie vollkommen weise, indem sie diese Maßregel trafen. Sie wußten, daß die Spieler, die vom Spiel leben müssen, notwendigerweise Gauner sind: sie waren es selber gewesen. Sie wußten, daß solche Spieler im allgemeinen zu allen Ränken bereit sind, sobald sich nur irgendeine Aussicht auf Gewinn bietet: auch hierüber konnten sie selber am besten urteilen. Die Orloffs würden sich wohl gehütet haben, das Spiel in den Bann tun zu lassen, wenn sie nicht selber reich gewesen wären. Bürgerliche Tugenden richten sich fast immer nach den Umständen.

übrigens kann ein Spieler ein Schwindler sein und doch ein großes Herz haben, und gerechterweise muß man sagen, daß dies von den Orloffs gilt. Alexis hat die Narbe, die seine Wange ziert, in einer Schenke empfangen; der Mann, der ihn mit diesem Messerhieb zeichnete, hatte eine große Summe Geldes an ihn verloren und behauptete, Orloff verdanke diesen Gewinn mehr seiner Geschicklichkeit als dem Glück. Sobald Alexis reich und mächtig war, beeilte er sich den Mann, der ihn so empfindlich gezüchtigt hatte, glücklich zu machen; er dachte nicht daran, sich für die Verunglimpfung seines Antlitzes zu rächen. Dies ist ein edler Zug.

Die erste Kunst dieses Dragon bestand darin, stets die ihm günstige Karte umzuschlagcn, die zweite, den Degen zu führen. Er war im Jahre 1759 mit dem Baron von Ste.-Héleine nach Petersburg gekommen. Elisabeth regierte damals noch, aber der Thronfolger, Herzog Peter von Holstein, spielte schon eine große Rolle. Dragon ging auf einen Fechtboden, den der Prinz oft besuchte, und schlug dort alle Anwesenden. Der Herzog ärgerte sich darüber, nahm eines Tages ein Florett in die Hand und forderte den neapolitanischen Marchese heraus. Dragon nahm an und ließ sich zwei Stunden lang verdreschen; der Herzog entfernte sich triumphierend, denn nun konnte er sich für den besten Fechter von Petersburg halten.

Als der Prinz fort war, konnte Dragon sich nicht enthalten, zu sagen, er habe sich nur schlagen lassen, um nicht sein Mißfallen zu erregen; natürlich wurde diese Renommisterei dem Großfürsten hinterbracht. Dieser wurde zornig und schwor, er werde ihn zwingen, seine ganze Kraft aufzubieten, und wenn der Marchese ihn nicht vollständig besiege, so werde er ihn aus Petersburg ausweisen lassen. Zugleich ließ Seine Hoheit Dragon befehlen, sich am nächsten Tage auf dem Fechtboden einzufinden.

Der Herzog kam in seiner Ungeduld zuerst, bald aber erschien auch d’Aragon. Sobald der Prinz ihn sah, machte er ihm bittere Vorwürfe über seine Bemerkungen; der Neapolitaner versuchte nicht zu leugnen, sondern antwortete, er habe allerdings aus Furcht, dem Thronfolger zu mißfallen, ihm ein Zeichen seiner besonderen Hochachtung geben wollen, indem er sich zwei Stunden lang habe verdreschen lassen.

»Gut,« sagte der Großfürst, »aber jetzt werden Sie mich verdreschen, und zwar ohne jede Schonung; sonst lasse ich Sie morgen aus Petersburg ausweisen.«

»Gnädiger Herr, es soll nach den Befehlen Eurer Hoheit geschehen. Sie werden mich nicht ein einziges Mal berühren, aber ich hoffe, Prinz, Sie werden mir darob nicht zürnen, sondern mir im Gegenteil Ihren mächtigen Schutz gewähren.«

Die beiden Kämpen fochten den ganzen Vormittag miteinander, und der Großfürst empfing etwa hundert Stöße, ohne an den Marchese überhaupt herankommen zu können. Schließlich sah der Prinz die Überlegenheit seines Gegners ein, warf sein Florett weg und streckte dem Marchese die Hand entgegen. Er machte AjH ihn zu seinem Fechtmeister und ernannte ihn zum Major in seinem holsteinischen Garderegiment.

Nachdem d’Aragon auf diese Weise sich beim Großfürsten in Gunst gesetzt hatte, erhielt er bald darauf die Erlaubnis, im Palais des Herzogs eine Pharaobank zu halten. In drei oder vier Jahren besaß er hunderttausend Rubel in bar; mit diesen ging er an den Hof des neuen Königs Stanislaus, wo alle Spiele erlaubt waren. In Riga stellte Ste.-Héleine ihn dem Prinzen Karl vor, der ihn bat, am nächsten Tage mit dem Florett gegen ihn und einige Freunde seine Kunst zu zeigen. Ich hatte die Ehre, dabei zu sein. Er verdrosch uns alle ganz gehörig, denn seine Geschicklichkeit war wirklich teufelsmäßig. Es kränkte meine Eitelkeit, von ihm mit jedem Stoß getroffen zu werden, und ich sagte in meiner Empfindlichkeit zu ihm: mit dem blanken Degen in der Hand würde ich ihn nicht fürchten. Er hatte mehr Selbstbeherrschung wie ich und beruhigte mich, indem er mir die Hand hinstreckte und mir sagte: »Mit dem blanken Degen schlage ich mich ganz anders; Sie haben vollkommen recht, wenn Sie im Einzelkampf niemanden fürchten, denn Ihre Fechtweise muß Ihnen Achtung verschaffen.«

Am nächsten Tage reiste d’Aragon ab. Leider fand er in Warschau Griechen, die besser griechisch konnten als er – Gauner, die sich nicht auf dem Fechtboden amüsierten und ihm in weniger als sechs Monaten seine hunderttausend Rubel abnahmen. So geht’s dem Spieler: Es gibt kein dümmeres und niederträchtigeres Gewerbe als berufsmäßiges Spiel.

Acht Tage vor meiner Abreise von Riga, wo ich zwei Monate zubrachte, reiste Campioni mit Unterstützung des trefflichen Prinzen Karl in aller Heimlichkeit ab. Drei oder vier Tage später folgte ihm der Baron von Ste.-Héleine, ohne sich von seinen zahlreichen Gläubigern zu verabschieden. Nur dem Engländer Collins, dem er tausend Taler schuldete, schrieb er ein Briefchen, worin er sagte, als Ehrenmann lasse er seine Schulden an dem Ort, wo er sie gemacht habe. In einigen Jahren werde ich wieder auf diese drei Herren zu sprechen kommen.

Campioni überließ mir seinen Schlafwagen; infolgedessen mußte ich sechsspännig nach Petersburg fahren. Der Abschied von seiner Tochter Betty machte mir großen Kummer, und mit der Mutter unterhielt ich während meines ganzen Petersburger Aufenthalts einen Briefwechsel.

Am 15. Dezember reiste ich bei fünfzehn Grad Kälte von Riga ab; aber ich fühlte die Kälte nicht einen einzigen Augenblick, obgleich ich Tag und Nacht fuhr; denn während der sechzigstündigen Fahrt verließ ich meinen Schlafwagen nicht ein einziges Mal. Um so schnell reisen zu können, hatte ich bereits in Riga alle Posten bis Petersburg bezahlt, und der Gouverneur von Livland, Marschall Brown, hatte mir den Passierschein für die Post ausfertigen lassen. Auf dem Kutschbock hatte ich einen französischen Bedienten, der mich gebeten hatte, mich während meiner Reise bedienen zu dürfen, und dafür keinen anderen Lohn verlangte, als einen Platz neben dem Kutscher. Er hielt sein Versprechen und bediente mich sehr gut. Trotz seiner schlechten Kleidung hielt er zwei Tage und drei Nächte lang die entsetzliche Kälte aus, ohne daß sie ihn zu belästigen schien. Nur ein Franzose kann derartige Temperaturunterschiede aushalten; ein Russe würde in einer so leichten Kleidung wie mein Franzose in vierundzwanzig Stunden erfroren sein, trotz allem Kornbranntwein, den er trinken würde.

Nach der Ankunft in Petersburg verlor ich diesen Franzosen aus den Augen; aber drei Monate darauf begegnete ich ihm wieder: er saß in einem reichen Tressenkleide neben mir an der Tafel des Herrn von Tschernitscheff; er war Uschitel eines jungen Grafen, der an seiner anderen Seite saß. Ich werde noch Gelegenheit haben, von der Stellung zu sprechen, die der Uschitel oder Hofmeister in Rußland einnimmt.

Lambert lag neben mir in meinem Schlafwagen; während der ganzen Reise tat er nichts als essen, trinken und schlafen. Da er stotterte, sprach er niemals ein Wort, wenn er nicht mußte. Außerdem konnte er sich nur über mathematische Probleme unterhalten, und ich war nicht immer in der Laune, mich mit solchen zu beschäftigen. Niemals machte er eine scherzhafte Bemerkung, niemals eine kritische Beobachtung über das, was wir sahen. Er war langweilig, denn er war dumm; aber dieser Eigenschaft verdankte er den Vorzug, sich selber niemals zu langweilen.

Ich wurde wahrend meiner Reise von Riga nach Petersburg nur ein einziges Mal angehalten, nämlich in Narwa, wo ich einen Paß zeigen mußte, den ich nicht besaß. Ich sagte dem Gouverneur: »Als Venetianer, der nur zu seinem Vergnügen reist, habe ich nicht geglaubt, daß ein Paß für mich notwendig ist; denn meine Republik liegt mit keiner anderen Macht im Kriege, und Rußland hat in Venedig keinen Gesandten. Sollte jedoch Eure Exzellenz Schwierigkeiten machen, so werde ich sofort umkehren; aber ich werde mich beim Marschall Brown beklagen, der mir den Passierschein für die Post gegeben hat, obgleich er wußte, daß ich keinen diplomatischen Paß besitze.« Nachdem er sich einen Augenblick die Stirn gerieben hatte, gab der Gouverneur mir einen Passierschein, den ich noch jetzt aufbewahre. Ich bin damit nach Petersburg hineingekommen, ohne daß man mich danach gefragt hat, ja sogar ohne daß man meine Koffer und meinen Wagen durchsuchte.

Zwischen Koporie und Petersburg ist nur ein einziges Nachtlager in einem ärmlichen Hause, das nicht einmal Poststation ist. Das Land ist eine Einöde, und man spricht nicht einmal russisch. Es heißt Ingermannland; die Volkssprache hat, wie ich glaube, mit keiner anderen Sprache etwas gemein. Die Bauern der dortigen Gegend betreiben das Gewerbe, den Reisenden, die nur einen Augenblick ihren Wagen außer acht lassen, alles zu stehlen, was sie können.

Ich kam in Petersburg in dem Augenblick an, wo die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne den Horizont vergoldeten. Da wir uns zur Zeit der Wintersonnenwende befanden, und da ich die Sonne genau um neun Uhr vierundzwanzig Minuten über einer ungeheuren Ebene aufgehen sah, so kann ich versichern, daß die längste Nacht dieser Gegend achtzehn und dreiviertel Stunden dauert.

Ich nahm eine Wohnung in einer großen und schönen Straße, die die Million genannt wird. Man gab mir zu billigem Preise zwei Zimmer, die vollständig leer waren, die man aber im Handumdrehen mit zwei Betten, vier Stühlen und zwei kleinen Tischen möblierte. Da ich Ofen von riesiger Größe sah, so glaubte ich, es sei eine große Menge Holz nötig, um sie zu erwärmen; aber ich irrte mich. Nur in Rußland besitzt man die Kunst, Ofen zu bauen, wie man nur in Venedig Zisternen zu graben versteht. Ich untersuchte im Sommer und mit einer Sorgfalt, wie wenn ich die Absicht gehabt hätte, den Russen diese Kunstfertigkeit zu stehlen – ich untersuchte, sage ich, das Innere eines dieser Ofen. Er war zwölf Fuß hoch und sechs Fuß breit und heizte einen ungeheuren Saal. Ich bewunderte die vernünftige Anlage der Züge. Diese Öfen werden nur einmal in vierundzwanzig Stunden geheizt, weil man eine oben angebrachte Klappe schließt, sobald das ganze Holz in glühende Kohlen verwandelt ist.

Nur bei reichen Herren wird täglich zweimal geheizt, weil es den Bedienten streng verboten ist, jemals die Klappe zu schließen. Der zweifellos sehr vernünftige Grund dieses Verbots ist folgender:

Wenn ein Herr ermüdet von der Jagd oder von einer Reise zurückkehrt und schlafen möchte, befiehlt er seinen Leuten, sein Zimmer zu heizen, um zu Bett gehen zu können. Wenn nun aus Unaufmerksamkeit oder Gedankenlosigkeit der Bediente die Klappe schließt, bevor alles Holz durchgeglüht ist, geht der Herr zu Bett und schläft ein, um nicht wieder aufzustehen: in drei oder vier Stunden gibt er seinem Schöpfer seine Seele zurück, ohne um Hilfe rufen zu können, ohne auch nur die Augen zu öffnen. Wenn man am Morgen das Zimmer betritt, findet man den Herrn erstickt; vergebens sucht man ihn ins Leben zurückzurufen; nun verfolgt man den armen Teufel von Diener, der sich geflüchtet hat, den man aber mit erstaunlicher Leichtigkeit zu finden weiß. Man hängt ihn auf der Stelle auf, ohne seine Verteidigungsgründe auch nur anzuhören. Dies Verfahren der Polizei oder der Justiz ist strenge, ja sogar grausam; aber es ist heilsam und verhindert manches Unglück; denn ohne dasselbe könnte jeder Diener seinen Herrn ad patres schicken, sobald er nur den geringsten Anlaß hätte, sich an ihm zu rächen.

Nachdem ich die Preise für alles abgemacht und alles billig gefunden hatte – was heutzutage nicht mehr der Fall ist, denn jetzt wird alles so teuer bezahlt wie in London – kaufte ich einige Möbel, die ich nicht entbehren konnte, die aber damals in Rußland nicht viel in Gebrauch waren, zum Beispiel eine Kommode, einen Schreibtisch und dergleichen.

Die Umgangssprache in St. Petersburg, ausgenommen in den Kreisen des niedrigsten Volkes, war die deutsche. Ich sprach diese damals nicht besser als heute; es wird mir ziemlich schwer, mich auszudrücken, und meine Zuhörer lachen immer über das, was ich sage. Diese Sprache gehört nun einmal zur russischen Landessitte, aber ich gestehe, daß es mir etwas schwer wurde, mich daran zu gewöhnen.

Nach dem Mittagessen sagte mein Wirt mir, am Abend finde ein Gratis-Maskenball für fünftausend Personen bei Hofe statt und dieser Ball dauere sechzig Stunden. Er gab mir eine Eintrittskarte und sagte mir, ich brauchte diese nur am Eingang zum kaiserlichen Palast vorzuzeigen.

Da ich glaubte, es müßte ganz interessant sein, gleich nach meiner Ankunft eine so zahlreich besuchte Gesellschaft zu sehen, so entschloß ich mich, von der Eintrittskarte Gebrauch zu machen. Ich besaß noch den Domino, den ich in Mitau gekauft hatte, und brauchte nur eine Maske. Ich ließ mich in einer Sänfte hintragen und traf eine Menge Menschen, die in mehreren Sälen nach den Klängen mehrerer Orchester tanzten. Ich fand mehrere Büfetts, die mit Eßwaren und Getränken beladen waren, und wo ein jeder, der Hunger oder Durst hatte, nach Herzenslust aß oder trank. Freude und Freiheit herrschte überall, und die in verschwenderischer Zahl angebrachten Kerzen verbreiteten Helligkeit in jeden Winkel. Ich fand das alles prachtvoll und bewunderungswürdig und bewunderte es um so rückhaltloser, je größer der Gegensatz zu dem Wetter draußen war. Plötzlich hörte ich neben mir eine Maske zu einer anderen sagen: »Da kommt die Zarin. Jetzt werden wir gleich auch Gregor Orloff sehen; denn er hat Befehl, ihr von weitem zu folgen, und trägt einen Domino, der wie Katharinas Domino wohl fünf Kopeken wert ist.«

Ich folgte dieser Maske und gewann bald die Gewißheit, daß es wirklich die Herrscherin war, denn zwanzig Personen zur Linken und zur Rechten wiederholten es; aber niemand tat, wie wenn er sie kenne. Diejenigen, die sie wirklich nicht kannten, stießen sie an, als sie sich so durch das Gedränge schob. Ich stellte mir gern das Vergnügen vor, das sie darüber empfinden mußte; denn hierdurch mußte sie die Überzeugung gewinnen, daß man sie nicht erkannte. Mehrere Male sah ich, wie sie sich neben Leute setzte, die russisch sprachen und sich vielleicht über sie unterhielten. Allerdings setzte sie sich hierdurch einigen Enttäuschungen für ihre Eitelkeit aus. Aber sie verschaffte sich dadurch den unschätzbaren Vorteil, Wahrheiten zu erfahren, die sie von den Höflingen, welche ihr ohne Maske schmeichelten, niemals zu hören hoffen durfte. In einiger Entfernung sah ich stets die Maske, die man als Gregor Orloff bezeichnet hatte. Er verlor sie keine Minute aus den Augen; jedermann erkannte ihn an seinem hohen Wuchs und an der Art, wie er den Kopf vorstreckte.

In einem Saal, wo ein französischer Kontertanz ganz ausgezeichnet getanzt wurde, blieb ich stehen, um mit Vergnügen zuzusehen. Plötzlich sah ich eine Maske in Bahute, Mantel, weißer Larve und aufgeschlagenem Hut eintreten. Der Herr war zu gut kostümiert, um nicht mein Landsmann zu sein, denn ich habe selten gesehen, daß Fremde unsere Tracht so gut nachahmen, um eine Täuschung erregen zu können. Zufällig stellte er sich neben mich.

»Man würde Sie für einen Venetianer halten«, sagte ich auf französisch zu ihm.

»Ich bin es ja auch.«

»Wie ich.«

»Ich scherze nicht.«

»Ich auch nicht.«

»So sprechen wir doch venetianisch!«

»Sprechen Sie nur; ich werde Ihnen antworten.«

Wir sprachen nun miteinander venetianisch, aber an dem Worte sabato Samstag, das man in Venedig sabo ausspricht, erkannte ich, daß er zwar Venetianer war, aber nicht aus der Hauptstadt stammte. Er gab es zu und sagte mir, er erkenne an meiner Sprache mit Bestimmtheit, daß ich aus der Stadt Venedig selbst sei.

»So ist es.«

»Ich glaubte, in Petersburg gäbe es keinen anderen Italiener als Bernardi.«

»Wie Sie sehen, kann man sich täuschen.«

»Ich bin Graf Volpati von Treviso.«

»Geben Sie mir Ihre Adresse; ich werde Sie aufsuchen und Ihnen sagen, wer ich bin; hier kann ich Ihnen das nicht sagen.«

»Meine Adresse? Hier!«

Ich trennte mich vom Grafen und streifte wieder auf diesem eigenartigen Ball herum. Zwei oder drei Stunden später überraschte mich die Stimme einer weiblichen Maske, die im Kreise mehrerer anderer Masken in Falsett nach der Mode der Opernbälle pariserisch sprach.

Die Stimme erkannte ich nicht, aber der Stil ließ mir keinen Zweifel darüber, daß es eine von meinen Bekannten wäre; denn sie gebrauchte dieselben Ausdrücke und Zwischenrufe, die ich in Paris an allen Orten, die ich häufiger besuchte, in die Mode gebracht hatte: oh! la bonne chose! le cher homme! Ich war neugierig, wer das wohl sein möchte; da ich sie aber nicht anreden wollte, bevor ich sie kannte, so wartete ich geduldig, um sie im verstohlenen sehen zu können, wenn sie einmal ihre Maske abnähme. Nach einer Stunde etwa gelang mir dies. Der Leser stelle sich meine Überraschung vor, als ich die Baret erkannte, die Strumpfhändlerin von der Ecke der Rue St. Honoré! Bei ihrem Anblick erwachte meine Liebe von neuem; ich trat auf sie zu und sagte ihr mit Falsettstimme, ich sei ihr Freund vom Hotel d’Elbeuf.

Offenbar wurde sie neugierig; aber sie erriet nicht, wer ich war, und wagte kein Wort zu sagen. Ich flüsterte ihr ins Ohr: Gilbert, Baret, Rue des Prouvères, sowie einige Tatsachen, die nur ihr selber und einem glücklichen Liebhaber bekannt sein konnten.

Als sie sah, daß ich ihre geheimsten Angelegenheiten kannte, ließ sie alle anderen stehen, hängte sich an meinen Arm und bat mich, ihr doch zu sagen, wer ich sei.

»Ich bin Ihr Liebhaber – einstmals sehr glücklicher Liebhaber; bevor ich Ihnen aber mehr sage, bitte ich Sie, mir anzugeben, mit wem Sie hier sind und wie es Ihnen geht.«

»Schön! Aber vor allen Dingen bitte ich Sie, keinem Menschen zu sagen, was Sie von mir wissen! Ich verließ Paris mit Herrn d’Anglade, Parlamentsrat in Rouen. Nachdem ich eine Zeitlang mit ihm ziemlich glücklich gelebt hatte, verließ ich ihn, um dem Direktor einer komischen Oper zu folgen, der mich unter dem Namen l’Anglade als Schauspielerin hierher gebracht hat. Jetzt werde ich vom polnischen Gesandten, Grafen Rzewuski, unterhalten. Und nun, wo Sie alles wissen, sagen Sie mir, bitte, wer Sie sind.«

Da ich sicher war, sie wiederum zu besitzen, nahm ich meine Maske ab. Freudetrunken drückte sie mir die Hände und rief: »Mein guter Engel führt Sie nach Petersburg.«

»Wieso?«

»Rzewuski ist genötigt, nach Polen zurückzukehren; ich kann mich daher nur Ihnen anvertrauen, damit Sie es mir möglich machen, Rußland zu verlassen; denn ich kann es hier nicht mehr aushalten, da ich einen Beruf ausüben muß, für den ich wohl nicht geboren bin: denn ich kann weder singen noch Komödie spielen.«

Sie gab mir ihre Adresse, und ich verließ sie, hocherfreut über meine Entdeckung. Nachdem ich eine halbe Stunde an einem Büfett verbracht hatte, wo ich einige Leckerbissen aß und französische Weine trank, mischte ich mich wieder unter die Menge und sah meine schöne l’Anglade mit Bolpati plaudern. Er hatte sie mit mir gesehen und war sofort zu ihr gegangen, um zu erfahren, wer ich sei; sie war jedoch verschwiegen, wie ich es von ihr zum Lohn für meine eigene Diskretion verlangt hatte, und hatte ihm gesagt, ich sei ihr Gemahl; mit diesem Namen rief sie mich an, indem sie sagte, die neugierige Maske wolle es nicht glauben, obwohl es doch wahr sei.

Ermüdet verließ ich gegen Morgen den Ball; ich legte mich mit der Absicht zu Bett, in der Frühe aufzustehen, um in die Messe zu gehen. Nachdem ich eine gute Weile geschlafen hatte, wachte ich auf; da ich aber alles noch dunkel sah, drehte ich mich auf die andere Seite und schlief wieder ein, endlich wachte ich zum zweiten Male auf; da ein schwaches Tageslicht durch mein Doppelfenster drang, so stand ich auf und ließ einen Friseur holen. Ich sagte meinem Bedienten, er solle sich beeilen, denn ich wolle die Messe hören, weil heute der erste Sonntag meines Petersburger Aufenthalts sei.

»Aber, gnädiger Herr, der erste Sonntag war ja gestern; heute haben wir Montag.«

»Wie? Montag?«

»Gewiß, gnädiger Herr.«

Ich hatte siebenundzwanzig Stunden geschlafen. Nachdem ich herzlich über meinen Irrtum gelacht hatte, überzeugte ich mich bald von der Richtigkeit der Tatsache, denn ich verspürte einen Wolfshunger.

Das ist der einzige Tag in meinem Leben, wovon ich sagen kann, daß ich ihn wirklich verloren habe, aber ich werde darüber nicht weinen, wie der römische Kaiser, sondern ich lache darüber; freilich ist das nicht der einzige Unterschied zwischen Titus und Casanova.

Ich ging zu dem griechischen Kaufmann Demetrio Papanelopulo, bei dem ich für hundert Rubel monatlich akkreditiert war. Außerdem war ich von Herrn da Loglio an ihn empfohlen worden. Er nahm mich ausgezeichnet auf und bat mich, jeden Tag bei ihm zu speisen; die fällige Monatsrate zahlte er mir sofort aus, zeigte mir, daß er meinen Mitauer Wechsel eingelöst hatte, und besorgte mir einen Bedienten, für dessen Treue er mir bürgte, sowie ein Mietsfuhrwerk für achtzehn Rubel monatlich, etwas mehr als sechs Dukaten. Eine Billigkeit, die heutzutage nicht mehr vorhanden ist.

Am nächsten Tage speiste ich bei dem braven Griechen mit dem jungen Bernardi, dem Sohn des Bernardi, der aus Verdachtsgründen, die von der Weltgeschichte bestätigt oder widerlegt werden mögen, vergiftet wurde. Als der Nachtisch aufgetragen wurde, kam Graf Volpati und erzählte, er habe auf dem Ball einen Venetianer getroffen, der ihm versprochen hatte, ihn aufzusuchen.

»Dieser Venetianer, Herr Graf, würde sein Versprechen gehalten haben, wenn er nicht nach dem Ball siebenundzwanzig Stunden geschlafen hätte. Dieser Venetianer bin ich, und ich bin entzückt, hier meine Bekanntschaft mit Ihnen zu vervollständigen.«

Der Graf wollte abreisen; seine Abreise war bereits in der Petersburger Zeitung angekündigt, wie es damals in Rußland Vorschrift war. Niemand bekam einen Paß früher als vierzehn Tage, nachdem seine Abreise öffentlich angekündigt war. Infolgedessen geben die Kaufleute Fremden gern Kredit, während die Fremden es sich zweimal überlegen, bevor sie Schulden machen.

Am nächsten Tage überbrachte ich einen Brief an den damaligen Oberst und späteren Artillerie-General Pietro Iwanowitsch Melissino. Der Brief war von Madame da Loglio, die mit ihm sehr befreundet gewesen war. Er empfing mich aufs beste, stellte mich seiner sehr liebenswürdigen Gemahlin vor und lud mich ein für allemal ein, jeden Abend bei ihnen zu speisen. Sein Haushalt war nach französischer Art eingerichtet: man spielte, man soupierte in zwangloser Weise. Ich lernte bei ihm auch seinen älteren Bruder kennen, Prokurator des Synods; dieser war mit einer Fürstin Dolgorucki verheiratet. Es wurde Pharao gespielt, und die Gesellschaft bestand nur aus zuverlässigen Leuten, die sich weder über ihre Verluste beklagten, noch sich ihrer Gewinne rühmten. Man war daher sicher, daß die Regierung niemals die Verletzung des Spielverbotes entdecken würde. Die Bank hielt Baron Lefort, ein Sohn des berühmten Admirals Peters des Großen. Dieser Lefort war ein Beispiel für die Unbeständigkeit des Glückes: er war damals in Ungnade wegen einer Lotterie, die er gelegentlich der Krönung der Kaiserin in Moskau veranstaltet hatte; die Zarin selber hatte ihm die Mittel dazu geliefert, um ihrem Hof ein kleines Vergnügen zu machen. Aus Mangel an guter Leitung war die Lotterie in die Luft geflogen, und die Verleumdung hatte dem Baron schuld daran gegeben.

Ich spielte an jenem Abend mit bescheidenen Einsätzen und gewann ein paar Rubel. Beim Essen saß ich neben dem Baron Lefort und wurde mit ihm näher bekannt; nachdem ich ihn später mehrere Male freundschaftlich besucht hatte, weihte er mich in seine Verhältnisse ein.

Während wir vom Spiel sprachen, pries ich die edle Gleichgültigkeit, womit ein gewisser Fürst tausend Rubel an ihn verloren hatte. Er lachte und sagte mir, der schöne Spieler, dessen vornehme Gleichgültigkeit ich bewundere, spiele auf Kredit, bezahle aber nicht.

»Aber die Ehre?«

»Die Russen haben ihre besondere Auffassung von Ehre, und wenn einer seine Schulden nicht bezahlt, so leidet darunter seine Ehre nicht. Es ist eine stillschweigende Bedingung, daß derjenige, der auf Wort verliert, nur bezahlt, wenn er will; der Gewinner würde sich lächerlich machen, wenn er ihn an seine Schuld erinnern würde.«

»Ohne Zweifel hat aber dafür ein Bankhalter das Recht, unbare Sätze zurückzuweisen?«

»Selbstverständlich. Niemand darf sich dadurch beleidigt fühlen. Der Spieler entfernt sich oder gibt Pfänder, übrigens ist die Verderbnis unter den Spielern in Rußland so hoch gestiegen, daß man solche Dinge, wie sie hier vorkommen, anderswo in ganz Europa kaum in einer Diebeshöhle antreffen würde. Ich kenne junge Leute vom höchsten Adel, die damit renommieren, daß sie das Glück zu meistern verstehen – mit anderen Worten: daß sie betrügen. Ein Matuschkin hat sogar alle fremden Betrüger herausgefordert, ihm etwas abzugewinnen. Er hat soeben die Erlaubnis erhalten, drei Jahre lang im Ausland zu reisen, und er machte lein Geheimnis daraus, daß er draußen seine Geschicklichkeit auszuüben gedenkt. Er hat sich vorgenommen, mit reicher Beute nach Rußland zurückzukehren.«

Ein junger Gardeoffizier, namens Zinowieff, ein Verwandter der Orloffs, den ich bei Melissino getroffen hatte, verschaffte mir die Bekanntschaft des englischen Gesandten Macartney, eines schönen und geistvollen jungen Mannes, der ein großer Freund des Vergnügens war. Er hatte sich in ein Fräulein von Schitroff, eine Hofdame der Kaiserin, verliebt; und da die Schöne dieser Liebe gegenüber nicht unempfindlich geblieben war, so war ein Püppchen das Ergebnis gewesen. Die Kaiserin hatte diese englische Freiheit sehr unverschämt gefunden; der Sünderin verzieh sie allerdings, aber sie ließ den Verführer abberufen. Diese Nachsicht der Zarin, wurde dem Umstände zugeschrieben, daß Fräulein von Schitroff das Talent hatte, sehr anmutig auf der kaiserlichen Bühne zu tanzen. Ich kannte den Bruder dieser Hofdame, einen sehr jungen und sehr schönen Offizier, der zu guten Hoffnungen berechtigte. Ich hatte den Vorzug, zu einer Hofaufführung zugelassen zu werden, und sah bei dieser Gelegenheit Fräulein von Schitroff tanzen. Ferner tanzte das schöne Fräulein Sievers, die jetzige Fürstin von ***, die ich vor vier Jahren mit ihrer Tochter, einer sehr gut erzogenen jungen Prinzessin, in Dresden wiedersah. Dieses Fräulein Sievers bezauberte mich. Ich verliebte mich in sie; da ich ihr aber niemals vorgestellt wurde, so habe ich es ihr niemals sagen können. Der Kastrat Putini besaß ihre Gunst, und er verdiente sie ebensosehr durch sein Talent wie durch seinen Geist und seine persönlichen Vorzüge.

Der gute Papanelopulo machte mich mit dem Minister Alsuwieff bekannt. Dies war ein geistvoller Mann, dick und fett und der einzige Gelehrte, den ich in Rußland kennen gelernt habe. Er hatte in Upsala gute Studien gemacht, liebte die Frauen, den Wein und eine gute Tafel. Er lud mich ein, bei Locatelli in Katharinenhof zu speisen; dies war ein kaiserliches Lustschloß, das die Zarin dem alten Theaterdirektor auf Lebenszeit überlassen hatte. Er war verwundert, mich zu sehen, und ich war noch viel mehr verwundert, als ich sah, daß er Restaurateur geworden war; denn für einen Rubel, ohne den Wein, gab er jedem, der kam, ein ganz ausgezeichnetes Essen. Herr Alsuwieff machte mich auch mit seinem Kollegen, dem Kabinettssekretär Teploff, bekannt; dieser hatte das Laster, hübsche Knaben zu lieben, und das Verdienst, Peter den Dritten erdrosselt zu haben, als dieser durch den Genuß von Limonade die Wirkungen des Arseniks beseitigt hatte, das man ihm in einer Flasche Burgunder hatte trinken lassen. Die Tänzerin Mécour, der ich einen Brief von der Santina überwacht hatte, machte mich mit ihrem Liebhaber bekannt, dem dritten Kabinettssekretär Yelagin, der zwanzig Jahre in Sibirien verbracht hatte.

Ein Brief von da Loglio verschaffte mir die freundlichste Aufnahme von Seiten des Kastraten Luini, eines liebenswürdigen Menschen, bei dem man ausgezeichnet speiste. Er war der Geliebte der sehr tüchtigen ersten Tänzerin Colonna; aber sie schienen nur zusammen zu sein, um sich zu quälen, denn nicht einen einzigen Tag sah ich sie einträchtig. Bei ihm machte ich die Bekanntschaft eines anderen sehr liebenswürdigen Kastraten, namens Millico, eines sehr guten Freundes des Großjägermeisters Narischkin. Da Millico oftmals mit Achtung von mir sprach, wünschte er mich ebenfalls kennen zu lernen. Dieser Narischkin, ein liebenswürdiger und ziemlich gebildeter Herr, war der Gatte der berühmten Maria Paulowna.

An der prunkvollen Tafel des Großjägermeisters lernte ich den Kalogero Platon kennen, der jetzt Erzbischof von Nowgorod ist. Damals war er Hofprediger der Kaiserin. Dieser schlaue Mönch verstand griechisch, sprach lateinisch und französisch, hatte Geist und war, was man einen schönen Mann nennen kann; es war nicht zu verwundern, daß er in Rußland sein Glück machte; denn in diesem Lande hat der Adel sich niemals dazu herbeilassen wollen, sich um geistige Würden zu bewerben.

Da ich einen Brief von da Loglio für die Fürstin Daschkoff hatte, brachte ich ihn ihr nach ihrem drei Werst von Petersburg gelegenen Landgut, wo sie in der Verbannung lebte, weil sie geglaubt hatte, den Thron, den Katharina mit ihrer Hilfe bestiegen hatte, mit der Zarin teilen zu dürfen. Die große Katharina konnte den Ehrgeiz der früheren Freundin nicht befriedigen und mußte ihn daher tödlich kränken.

Ich fand die Fürstin in Trauer wegen des Todes ihres Gemahls. Sie empfing mich mit großer Güte und versprach mir, meinetwegen mit Herrn Panin zu sprechen. Drei Tage darauf schrieb sie mir, ich könne mich diesem hohen Herrn vorstellen, sobald ich wolle. Bei dieser Gelegenheit sah ich, daß die Zarin ein großer Mensch war: sie hatte die Fürstin in Ungnade fallen lassen, aber sie hielt ihren Günstling und ersten Minister nicht ab, ihr jeden Abend seinen Besuch zu machen. Ich habe von glaubwürdigen Leuten gehört, Graf Panin sei nicht der Liebhaber, sondern der Vater der Fürstin Daschkoff gewesen; diese ist jetzt Vorsitzende der Akademie der Wissenschaften, und ohne Zweifel haben die Gelehrten in ihr eine zweite Minerva erkennen müssen, denn sonst würden sie wahrscheinlich darüber erröten, daß eine Frau an ihrer Spitze steht. Man braucht den Russen nur noch eine Frau zu wünschen, die ihr Heer kommandieren kann; aber die Jungfrauen von Orléans sind nicht reichlich.

Am Dreikönigstage wohnte ich mit Melissino einer ganz außerordentlichen Feier bei, nämlich der Einsegnung des Wassers der Newa, die damals mit fünf Fuß dickem Eis bedeckt war.

Nachdem das Wasser gesegnet ist, tauft man darin Kinder, indem man sie in ein großes Loch im Eise eintaucht. An jenem Tage geschah es, daß dem Popen ein Kind, das er taufen sollte, aus den Händen glitt. »Drugoi!« rief er. Das hcißt: »Gebt mir ein anderes.«

Man stelle sich meine Überraschung vor, als ich Vater und Mutter des verunglückten Kindes freudetrunken sah! Sie waren überzeugt, daß ihr Kind auf geradem Wege zum Himmel emporgeflogen sei. Glückliche Unwissenheit!

Ich hatte einen Brief von der Florentinerin Bregonci, die mich in Memel zum Abendessen eingeladen hatte, an ihre Freundin, die Venetianerin Roccolini. Diese hatte die Laune gehabt, Venedig zu verlassen, um an der Petersburger Oper zu singen, obgleich sie keine Note kannte und niemals vorher die Bühne betreten hatte. Die Kaiserin hatte über ihre Torheit gelacht und ihr sagen lassen, sie habe keine Stellung zu vergeben, die ihrem besonderen Talent entspreche. Die Roccolini, die man die Vicenza nannte, war nicht die Frau, sich durch eine solche Kleinigkeit entmutigen zu lassen. Sie schloß eine enge Freundschaft mit einer französischen Kaufmannsfrau, namens Proté, die bei dem Großjägermeister wohnte. Diese Proté war gleichzeitig die Geliebte des Großjägermeisters und die Vertraute seiner Frau, Marin Puulowna, die ihren Mann nicht liebte und daher glücklich war, daß die Französin sie von ihren ehelichen Verpflichtungen befreite.

Diese Proté war eine der schönsten Frauen, die ich je gesehen habe, und ohne Zweifel die schönste, die es damals in Petersburg gab. In der Blüte ihrer Jahre stehend, vereinigte sie mit dem galantesten Wesen den ausgesuchtesten Geschmack in der Kunst der Kleidung. Keine Frau wußte sich so anzuziehen wie sie, und da sie sehr lustig und in Gesellschaft außerordentlich liebenswürdig war, so war sie überall beliebt. Die Vicenza war nun ihre Freundin, Vertraute und Kupplerin geworden. Sie empfing in ihrer Wohnung die Kavaliere, die sich in die Proté verliebt hatten, und die zu erhören der Mühe wert erschien. Die Proté kam dabei auf ihre Rechnung, und die Vermittlerin verlor nichts, denn sie empfing von allen Seiten.

Ich erkannte die Signora Roccolini auf den ersten Blick wieder; da aber seit unserer Bekanntschaft schon etwa zwanzig Jahre verflossen waren, so wunderte sie sich nicht, daß ich so tat, wie wenn ich mich nicht mehr erinnerte, und suchte auch nicht mein Gedächtnis aufzufrischen. Ihr Bruder hieß Montellato; er hatte mich eines Nachts, als ich vom Ricotto kam, mitten auf dem Markusplatze ermorden wollen. Bei der Roccolini hatte man das Komplott geschmiedet, das mir das Leben gekostet hätte, wenn ich einen Augenblick gezögert hätte, durch das Fenster auf die Straße zu springen.

Die Roccolini empfing mich, wie man eben einen lieben Landsmann in der Fremde begrüßt. Sie erzählte mir im einzelnen alles Unglück, das sie gehabt hatte, aber sie war stolz auf ihren Mut und sagte zu mir: »Ich brauche keinen Menschen und verkehre vergnügt und guter Dinge mit den liebenswürdigsten Damen von St. Petersburg. Da Sie oft beim Großjägermeister Narischkin speisen, so wundere ich mich, daß Sie dort noch nicht die schöne Madame Proté kennen gelernt haben; denn sie ist ja mit Narischkin ein Herz und eine Seele. Kommen Sie morgen zum Kaffee zu mir; Sie werden ein Wunder sehen!«

Ich stellte mich pünktlich ein und fand die Dame noch weit erhaben über das Lob, das die Venetianerin ihr gezollt hatte. Ich war von ihr geblendet; da ich aber nicht mehr reich war, so bot ich meinen Geist auf, um mich bei ihr in Gunst zu setzen.

Obwohl ich wußte, wie sie hieß, fragte ich sie nach ihrem Namen. Sie antwortete mir: »Proté.«

»Sie könnten mir, meine Gnädige, nichts Angenehmeres sagen, denn Sie haben mir soeben gesagt, daß Sie mir gehören.«

»Wieso?« fragte sie mit einem reizenden Lächeln.

Ich erklärte ihr das lateinische Wortspiel (Pro te) und sie lachte darüber. Nachdem ich ihr allerlei angenehme Dinge gesagt hatte, gab ich ihr offen zu erkennen, welche Wirkung ihre Schönheit auf mich ausgeübt hatte, und sprach die Hoffnung aus, daß ich sie mit der Zeit durch meine Bewerbungen gewinnen könnte. Die Bekanntschaft war gemacht, und seitdem sprach ich jedesmal entweder vor oder nach dem Essen bei ihr vor, wenn ich zu Narischkin ging.

Da der polnische Gesandte um diese Zeit nach seiner Heimat zurückkehrte, mußte ich meine Liebschaft mit der schönen l’Anglade aufgeben, denn sie nahm einen vorteilhaften Vorschlag an, den ein Graf Braun ihr machte. Einige Monate später starb die reizende Französin an den Pocken. Ohne Zweifel war dies für sie eine Wohltat des Schicksals; denn da sie weder sparsam noch eigennützig war, hätte sie im Elend enden müssen, sobald ihre Schönheit ihr nicht mehr den Unterhalt verschaffen konnte.

Ich hatte Lust, die Gunst der schönen Proté zu erwerben, und lud sie daher nach Katharinenhof zum Speisen bei Locatelli ein; außerdem bat ich Luini, die Colonna, den Gardeoffizier Zinowieff, die Signora Vicenza und deren Liebhaber, einen Geigenvirtuosen. Wir hatten ein ausgezeichnetes Essen; Wein und Fröhlichkeit brachten die Gäste in die von mir gewünschte Stimmung, so daß nach der Mahlzeit ein jeder mit der Seinen die Einsamkeit suchte; bald war ich bei meiner schönen Proté auf dem besten Wege zum Erfolge, als ein Zwischenfall uns störte. Luini rief uns heran, um ihn als Jäger zu bewundern; denn er hatte seine Gewehre mitgebracht und seine Hunde kommen lassen.

Ich hatte mich mit Zinowieff etwa hundert Schritte vom Kaiserlichen Lustschloß entfernt, als ich eine junge Bäuerin von wahrhaft überraschender Schönheit entdeckte. Ich machte den jungen Offizier auf sie aufmerksam, und wir gingen auf sie zu; aber leicht und gewandt wie ein Reh lief sie davon und trat in eine nahe gelegene Hütte ein. Wir folgten ihr und sahen in der Hütte ihren Vater, ihre Mutter, mehrere Kinder und die Schöne, die sich in eine Ecke gedrückt hatte, wie ein Kaninchen, das Angst hat, von der verfolgenden Meute zerrissen zu werden.

Zinowieff – der, nebenbei bemerkt, derselbe ist, der zwanzig Jahre lang in Madrid Gesandter der Kaiserin war – sprach ziemlich lange Zeit russisch mit dem Vater. Natürlich verstand ich nichts davon, aber ich erriet, daß von dem jungen Mädchen die Rede war, denn der Vater rief sie heran, und sie trat mit gehorsamer und unterwürfiger Miene heran und stand mit gesenkten Augen vor uns.

Nachdem er ziemlich lange gesprochen hatte, ging Zinowieff hinaus; ich gab dem Bauern einen Rubel und folgte meinem Freunde. Zinowieff gab mir Bericht über sein langes Gespräch: er habe den Vater gefragt, ob er ihm seine Tochter als Magd geben wolle, der Vater habe ihm geantwortet, das wolle er sehr gern tun, aber er verlange hundert Rubel für sie, weil sie noch Jungfrau sei. »Es ist also, wie Sie sehen, nichts dabei zu machen.«

»Wieso nichts zu machen?«

»Natürlich nicht. Hundert Rubel!«

»Und wenn ich Lust hätte, dieses Geld zu geben?«

»Dann wäre sie Ihre Magd, und Sie könnten mit ihr anfangen, was Sie wollten; nur töten dürfen Sie sie nicht.«

»Und wenn sie nicht wollte?«

»Das kommt niemals vor; aber dann könnten Sie sie prügeln.«

»Nehmen wir an, sie sei einverstanden: könnte ich sie noch weiter behalten, wenn ich sie nach meinem Geschmack gefunden hätte?«

»Sie werden ihr Herr, sage ich Ihnen; Sie können sie sogar festnehmen lassen, wenn sie Ihnen fortläuft; oder sie muß Ihnen die hundert Rudel wiedergeben, die Sie für sie ausgegeben haben.«

»Und was muß ich ihr monatlich geben?«

»Nichts. Sie bekommt nur Essen und Trinken, und Sie müssen sie jeden Samstag baden lassen, damit sie Sonntags in die Kirche gehen kann.«

»Und könnte ich sie zwingen, mit mir zu kommen, wenn ich von Petersburg fortginge?«

»Nein; es wäre denn, daß Sie gegen Bürgschaft die Erlaubnis dazu erhielten; denn das Mädchen wird zwar Ihre Leibeigene, aber sie bleibt darum doch in erster Linie Leibeigene der Kaiserin.«

»Gut. Wollen Sie mir diese Sache in Ordnung bringen? Ich werde die hundert Rubel geben und sie gleich mitnehmen. Ich verspreche Ihnen, sie nicht als Leibeigene zu behandeln. Aber ich verlasse mich auf Sie; ich möchte nicht gerne betrogen werden.«

»Ich werde selber den Handel abschließen und verspreche Ihnen, daß man Sie nicht betrügen wird. Soll es gleich geschehen?«

»Nein, morgen. Denn ich wünsche nicht, daß unsere Gesellschaft etwas davon erfährt.«

»Schön; also morgen.«

»Wir fuhren alle zusammen in einem großen Phaeton nach Petersburg zurück. Am anderen Morgen ging ich um neun Uhr zu Zinowieff, der, wie er sagte, entzückt war, mir diesen kleinen Dienst leisten zu können. Unterwegs sagte er mir: »Wenn Sie Lust haben , bringe ich Ihnen in ein paar Tagen einen Harem von soviel schönen Mädchen zusammen, wie Sie wünschen.«

»Wenn ich verliebt bin, brauche ich nur eine.«

Mit diesen Worten gab ich ihm die hundert Rubel. Wir gingen in die Hütte und fanden Vater, Mutter und Tochter. Zinowieff sagte ihm in wenigen Worten, worum es sich handelte; der Vater dankte nach dem Landesbrauch dem heiligen Nikolaus für das Glück, das er ihm bescherte; hierauf sprach er mit seiner Tochter, die mich ansah und auf russisch »ja« sagte. Dies Wort verstand ich.

Zinowieff sagte mir, ich müsse mich überzeugen, daß sie unberührt sei; denn bei der Unterzeichnung des Vertrages müsse ich anerkennen, daß ich sie als Jungfrau gekauft habe. Ich fürchtete sie dadurch zu beleidigen und wies daher jede Untersuchung zurück, aber Zinowieff sagte mir, das Mädchen würde gekränkt sein, wenn ich sie nicht untersuchte; ich würde ihr im Gegenteil ein großes Vergnügen bereiten, wenn sie dadurch ihre Eltern überzeuge könnte, daß sie keusch geblieben wäre. Ich untersuchte sie daher so zartfühlend, wie ich nur konnte, aber ganz gründlich, und fand sie unberührt. Allerdings würde ich sie sicherlich nicht verraten haben, selbst wenn ich sie nicht als Jungfrau gefunden hätte.

Zinowieff übergab hierauf die hundert Rubel dem Vater, der sie seiner Tochter gab; diese aber nahm sie nur, um sie sofort ihrer Mutter zu reichen. Mein Bedienter und mein Kutscher traten ein und unterschrieben als Zeugen den Vertrag, von dessen Inhalt sie keine Ahnung hatten.

Das junge Mädchen, dem ich den Namen Zaïra gab, stieg in ihrem groben Tuchrock und ohne Hemd in unseren Wagen und fuhr mit uns nach Petersburg. Nachdem ich Zinowieff nach Hause gebracht hatte, fuhren wir zu mir. Vier Tage lang schloß ich mich mit ihr ein und wich nicht einen Augenblick von ihrer Seite, bis ich sie ohne Luxus, aber sehr sauber nach französischer Art gekleidet sah. Es war mir sehr schmerzlich, daß ich nicht Russisch konnte, aber in weniger als drei Monaten verstand Zaïra genug Italienisch, um mich verstehen zu können und um mir alles zu sagen, was sie wünschte. Es dauerte nicht lange, so liebte sie mich, später wurde sie eifersüchtig. Aber davon werden wir im nächsten Kapitel sprechen.

Zehntes Kapitel


Die Gesellschaft bei der Cornelis. – Erlebnis in Ranelagh-House. – Ich bin der englischen Kurtisanen überdrüssig. – Die Portugiesin Paulina.

Ich begab mich nach dem Gesellschaftssaal; der Sekretär, der neben der Türe saß, nahm mir meine Eintrittskarte ab und schrieb meinen Namen ein. Sobald die Cornelis mich bemerkte, kam sie auf mich zu und sagte mir, es freue sie sehr, daß ich mit einer Eintrittskarte gekommen sei; sie habe sich aber schon gedacht, daß ich kommen werde.

»Das war nicht schwer zu erraten,« antwortete ich ihr, »denn sobald Sie wußten, daß ich bei Hof empfangen war, mußten Sie auch wissen, daß ein Eintrittsgeld von zwei Guineen mich nicht abhalten würde, hierher zu kommen. Um unserer alten Freundschaft willen tut es mir leid, daß ich diese beiden Guineen nicht Ihnen selber gegeben habe; denn Sie mußten doch wissen, daß ich niemals die allzubescheidene Rolle angenommen haben würde, die Sie mir bestimmt hatten.«

Diese ironischen Worte brachten die Cornelis in Verlegenheit. Lady Harrington, die eine ihrer eifrigsten Beschützerinnen war, kam ihr zu Hilfe. Sie sagte: »Ich habe Ihnen, meine liebe Cornelis, eine Anzahl Guineen zu übergeben, darunter auch zwei von Herrn von Seingalt, von dem ich mir gleich dachte, daß er ein alter Bekannter von Ihnen sei. Ich habe jedoch nicht gewagt, ihm das zu sagen«, fuhr sie fort, indem sie einen boshaften Blick auf mich warf.

»Warum denn nicht, Mylady? Ich habe schon seit langer Zeit die Ehre, Madame Cornelis zu kennen.«

»Das glaube ich«, rief sie lachend, »und ich mache Ihnen beiden mein Kompliment. Ich vermute auch, Chevalier, daß Sie die liebenswürdige Miß Sophie kennen.«

»Mylady, die Sache ist ganz einfach: wer die Mutter kennt, muß auch die Tochter kennen.«

«Ja, ja.«

Mylady umarmte zärtlich Sophie, die neben mir stand, und sagte dann zu mir: »Wenn Sie sich selber lieben, müssen Sie auch sie lieben, denn sie ist Ihr Ebenbild.«

»Das ist eins von den tausend Spielen der Natur.«

»Gewiß; aber diesmal hat sie mit Sachkenntnis gespielt.«

Mit diesen Worten nahm die Lady Sophie bei der Hand und führte uns, indem sie sich auf meinen Arm stützte, in das Gewimmel hinein. Geduldig mußte ich eine Menge Fragen mit anhören, welche von Leuten, die mich noch nicht kannten, an sie gerichtet wurden:

Das ist wohl der Mann von Madame Cornelis?

Ganz gewiß ist Herr Cornelis angekommen!

Ah! Das ist natürlich Herr Cornelis!

Ei sieh! Das ist ganz gewiß der Gemahl von Madame Cornelis!

»Nein, nein, nein!« sagt Lady Harrington den Neugierigen. Die Sache wurde mir langweilig, denn alle diese Fragen wurden nur deswegen fortwährend wiederholt, weil man der Kleinen ihre Abstammung am Gesicht ansah, und weil ein jeder erriet, daß ich ihr Vater war. Ich wünschte, Mylady sollte die Kleine gehen lassen; aber sie fand an der Sache zu viel Spaß, um mir diesen Gefallen zu tun.

»Bleiben Sie bei mir«, sagte sie zu mir, »wenn Sie die ganze Gesellschaft kennen lernen wollen.«

Sie setzte sich, ließ mich einen Platz neben ihr einnehmen und behielt die Kleine an ihrer Seite. Die Mutter kam heran, um der Lady ihre Aufwartung zu machen. Als ein jeder dieselben Fragen auch an sie richtete, die mich schon so lange langweilten, faßte sie ihren Entschluß und sagte ganz tapfer, ich sei ihr bester, ihr ältester Freund, und nicht ohne Grund staunte man über die vollkommene Ähnlichkeit ihrer Tochter mit mir. Jeder lachte und sagte, dabei sei nichts Erstaunliches, sondern es sei im Gegenteil höchst natürlich. Um die Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken, sagte die Cornelis schließlich, die kleine Sophie habe das Menuett gelernt und tanze es ausgezeichnet.

»Das müssen wir sehen!« rief Lady Harrington. »Lassen Sie einen Geiger kommen, damit wir die hübsche Virtuosa bewundern können!«

Wir befanden uns in einem Zimmer neben dem Saal, und der Ball hatte noch nicht begonnen. Ich wünschte, daß die Kleine allgemeinen Beifall ernten sollte; sobald daher der Geiger gekommen war, nahm ich sie bei der Hand, und das Menuett wurde zur großen Zufriedenheit des uns umgebenden, auserlesenen Zuschauerkreises getanzt.

Hierauf begann der Ball. Er dauerte die ganze Nacht ohne Unterbrechung, denn die Gäste aßen abteilungsweise und zu jeder Stunde, die ihnen beliebte: es war eine Verschwendung, die eines fürstlichen Hauses würdig war. Ich machte an diesem Abend die Bekanntschaft des ganzen Adels und der ganzen königlichen Familie; denn alle Prinzen und Prinzessinnen waren erschienen mit Ausnahme Ihrer Majestäten und des Prinzen von Wales. Die Cornelis hatte mehr als zwölfhundert Guineen eingenommen; aber die Ausgaben waren ungeheuer; denn es herrschte keine vernünftige Einteilung, und es war keine einzige von den Vorsichtsmaßregeln getroffen worden, die notwendig gewesen wären, um zu verhindern, daß an allen Ecken und Enden gestohlen wurde. Unermüdlich stellte sie ihren Sohn allen möglichen Leuten vor; aber der arme Junge sah wie ein Opfer aus und wußte nur tiefe Verbeugungen zu machen, was in England einen vollkommen linkischen Eindruck macht. Er tat mir leid.

Den ganzen nächsten Tag verbrachte ich im Bett; am Tage darauf ging ich zum Mittagessen in die Staven-Tavern, wo man die hübschesten, nicht jedermann zugänglichen Mädchen von London finden sollte. Ich hatte diese Nachricht vom Lord Pembroke erhalten, der sehr oft dorthin ging. Ich verlangte ein Zimmer für mich; als der Wirt bemerkte, daß ich nicht englisch sprach, redete er mich französisch an und leistete mir Gesellschaft; er bestellte alles, was ich wollte, und setzte mich durch sein vornehmes, ernstes und anständiges Benehmen dermaßen in Erstaunen, daß ich nicht den Mut fand, ihm zu sagen, daß ich mit einer hübschen Engländerin zu speisen wünschte. Schließlich sagte ich ihm mit einer respektvollen Umschweifung: ich wüßte nicht, ob Lord Pembroke mich getäuscht hätte – aber er hätte mir gesagt, ich könnte bei ihm die hübschesten Mädchen von ganz London finden.

»Er hat Sie durchaus nicht getäuscht, mein Herr, und wenn Sie es wünschen, können Sie eine nach Ihrem Belieben haben.«

»Ich bin in dieser Absicht hierher gekommen.«

Er rief. Ein sehr sauberer Kellner trat ein, und in demselben Ton, wie wenn er etwa gesagt hätte, man solle mir eine Flasche Champagner bringen, befahl der Wirt ihm, ein Mädchen für mich kommen zu lassen. Der junge Mann ging hinaus, und einige Minuten darauf sah ich ein Mädchen von herkulischen Körperformen eintreten.

Mein Herr«, sagte ich zum Wirt, »das Äußere dieses Mädchens gefällt mir nicht.«

»Geben Sie einen Schilling für die Sänftenträger und schicken Sie sie wieder fort; in London macht man keine Umstände, mein Herr.«

Diese Bemerkung versetzte mich in eine behagliche Stimmung; ich befahl, den Leuten einen Schilling zu geben und mir eine andere, hübschere zu bringen. Die zweite kam, sie war noch schlimmer als die erste, und ich schickte sie ebenfalls wieder fort. So ging es noch zehnmal nach der Reihe. Ich freute mich, daß mein wählerischer Geschmack dem Wirt, der mir während der ganzen Zeit Gesellschaft leistete, offenbar Spaß machte. Schließlich sagte ich zu ihm: »Ich will kein Mädchen mehr, sondern wünsche nur noch gut zu Mittag zu essen. Ich bin überzeugt, der Bordellwirt hat sich über mich lustig gemacht, um den Sänftenträgem einen Verdienst zuzuwenden.«

»Das ist sehr leicht möglich, mein Herr; sie machen es oft so, wenn man ihnen nicht Namen und Wohnung des Mädchens angibt, das man haben will.«

Am Abend machte ich einen Spaziergang im St. James-Park; plötzlich fiel mir ein, daß ein Fest in Ranelagh gefeiert wurde. Da ich diesen Ort kennen zu lernen wünschte, nahm ich einen Wagen und fuhr allein, ohne Bedienten, dorthin, um mich bis Mittemacht zu belustigen und mir irgend eine Schönheit nach meinem Geschmack zu suchen.

Die Rotunde von Ranelagh gefiel mir; ich ließ mir Tee geben und tanzte einige Menuetts. Ich sah jedoch keine Bekannten, und obwohl ich mehrere sehr hübsche Mädchen und Frauen bemerkte, wagte ich doch nicht, so aufs Geratewohl eine anzureden. Schließlich wurde es mir langweilig, und ich beschloß, nach Hause zu fahren. Es war fast schon Mitternacht, und ich ging nach dem Eingang, wo ich meinen Wagen zu finden glaubte, den ich noch nicht bezahlt hatte. Der Kutscher war jedoch nicht mehr da, und so befand ich mich in großer Verlegenheit. Eine sehr hübsche Frau, die vor der Tür auf ihren Wagen wartete, bemerkte meine Verlegenheit und sagte mir auf Französisch: wenn ich nicht weit von Whitehall wohne, könne sie mich an meiner Tür absetzen. Ich sagte ihr meine Wohnung und nahm ihr Anerbieten mit Dankbarkeit an. Ihr Wagen fährt vor; ein Lakai öffnet den Schlag; sie nimmt meinen Arm, steigt ein, fordert mich auf, neben ihr Platz zu nehmen, und gibt Befehl, vor meinem Hause zu halten.

Sobald ich im Wagen bin, danke ich ihr in den überschwenglichsten Ausdrücken, sage ihr meinen Namen und spreche mein Bedauern aus, sie nicht auf dem letzten Gesellschaftsabend am Soho-Square gesehen zu haben.

»Ich war nicht in London«, sagte sie; »ich bin erst heute von Bath zurückgekommen.«

Ich preise mein Glück, sie getroffen zu haben, bedecke ihre Hände mit Küssen und wage es, ihr einen Kuß auf die Wange zu geben; da ich keinen Widerstand, sondern nur sanfte, lächelnde Liebe finde, so presse ich meine Lippen auf ihren Mund; da ich meinen Kuß erwidert fühle, werde ich kühn und bald habe ich ihr den deutlichsten Beweis der Glut gegeben, die sie mir eingeflößt hat.

Ich hatte sie so sanft und hingebend gefunden, daß ich mir schmeichelte, ihr nicht mißfallen zu haben. Ich bat sie daher, mir zu sagen, wo ich sie treffen könnte, um ihr während der ganzen Zeit, die ich in London zu verbringen gedächte, meine eifrigen Huldigungen darzubringen; sie antwortete mir jedoch nur: »Wir werden uns noch wiedersehen, seien Sie verschwiegen!«

Ich schwor ihr dies und drang nicht weiter in sie; einen Augenblick später hielt der Wagen. Ich küßte ihr die Hand und ging, sehr befriedigt von diesem hübschen Abenteuer, in mein Haus.

Es vergingen vierzehn Tage, ohne daß ich sie wiedersah. Endlich traf ich sie in einem Hause, das ich auf Wunsch der Lady Harrington aufsuchte, um mich mit einer Empfehlung von ihr der Besitzerin vorzustellen. Es war eine Lady Betty German, eine berühmte alte Dame. Sie war nicht zu Hause; da sie jedoch binnen kurzem zurückkommen sollte, bat man mich zu warten und führte mich in den Salon. Zu meiner angenehmen Überraschung sah ich meine schöne Dame von Ranelagh, die eine Zeitung las. Ich hatte den Einfall, sie zu bitten, mich der übrigen Gesellschaft vorzustellen. Ich ging auf sie zu und fragte sie, ob sie die Güte haben wolle, mich vorzustellen. Sie antwortete mir höflich, sie könne dies nicht, da sie nicht die Ehre habe, mich zu kennen.

»Ich habe Ihnen meinen Namen gesagt, Madame. Erinnern Sie sich meiner nicht?«

»Ich erinnere mich Ihrer sehr gut; aber ein toller Streich gibt keinen Anspruch auf Bekanntschaft.«

Ich war ganz starr ob dieser eigentümlichen Antwort. Sie las ruhig ihre Zeitung weiter und sprach mit mir kein Wort mehr, bis Mylady German kam.

Die schöne Philosophin nahm zwei volle Stunden lang am Gespräch teil, ohne im geringsten zu verraten, daß sie mich kannte; doch antwortete sie mir mit großer Höflichkeit, wenn die Gelegenheit es mir erlaubte, das Wort an sie zu richten. Sie war eine Dame von hohem Range, die in London in bestem Rufe stand.

Eines Tages ging ich zu Martinelli, um ihm meinen ersten Besuch zu machen. Eine schöne junge Dame warf mir von einem gegenüberliegenden Hause Kußhändchen zu. Ich fragte ihn, wer sie sei, und war sehr angenehm überrascht, als ich hörte, es sei eine Tänzerin, Madame Binetti. Sie hatte mir vor etwa vier Jahren in Stuttgart den großen Dienst geleistet, wie meine Leser sich vielleicht noch erinnern. Ich wußte nicht, daß sie in London war. Sofort verabschiedete ich mich von Martinelli, um sie aufzusuchen, und ich tat dies um so lieber, da mein Freund mir sagte, sie lebe nicht mit ihrem Mann zusammen, obgleich dieser mit ihr im Theater am Haymarket tanze.

Sie empfing mich mit offenen Armen und rief: »Ich habe Sie auf den ersten Blick erkannt! Ich bin überrascht, Sie in London zu sehen, mein lieber Doyen.«

Sie nannte mich ihren Doyen, weil ich der älteste von ihren Bekannten war.

»Ich wußte nicht, daß Sie hier waren, meine Liebe. Ich habe Sie nicht tanzen sehen, weil ich erst nach dem Schluß der Oper hier angekommen bin. Wie kommt es, daß Sie nicht mehr mit Ihrem Gatten zusammenleben?«

»Weil er spielt, verliert und mich von allem entblößt. Außerdem kann eine Frau meines Berufes nicht erwarten, daß ein reicher Liebhaber ihr Besuche macht, wenn sie mit ihrem Gatten zusammenlebt; lebt sie dagegen für sich allein, so kann sie alle ihre Freunde empfangen, ohne sich irgendwelchen Zwang aufzuerlegen.«

»Was hätte denn solch ein Herr von Binetti zu befürchten? Er war doch sonst niemals eifersüchtig oder unbequem.«

»Das ist er auch jetzt nicht; aber, mein lieber Doyen, du mußt wissen, daß es in England ein Gesetz gibt, das einen Ehegatten ermächtigt, den Liebhaber seiner Frau verhaften zu lassen, wenn er ihn auf frischer Tat bei ihr ertappt. Er braucht nur zwei Zeugen zu haben. Es genügt sogar, daß er ihn auf ihrem Bett sitzend findet; dazu hat nach hiesigen Anschauungen nur ein Ehemann das Recht. Der Liebhaber wird verurteilt, dem Ehemann, der die Schande seiner Gattin offenbart, die Hälfte seines ganzen Vermögens zu bezahlen. Mehrere reiche Engländer sind auf diesen Leim gegangen, und infolgedessen geht niemand mehr zu einer verheirateten Frau, besonders wenn sie eine Italienerin ist.«

»Dann hast du also über die Gefälligkeit deines Gatten dich nicht zu beklagen, sondern mußt ihm im Gegenteil dankbar dafür sein; denn da du deine volle Freiheit hast, so kannst du jeden empfangen, der dir gefällt, und kannst reich werden.«

»Leider weißt du nicht alles, mein lieber Freund. Sobald er glaubt, ich habe von irgendeinem Besuche ein Geschenk erhalten – und das erfährt er sofort durch seine Spione – kommt er nachts in einer Sänfte und droht mir, mich auf die Straße zu werfen, wenn ich ihm nicht all mein Geld gebe. Du kennst diesen niederträchtigen Halunken nicht!«

Ich gab der armen Frau meine Adresse und lud sie ein, zu mir zum Essen zu kommen, so oft sie Lust hätte, bat sie jedoch zugleich, mir einen Tag vorher Bescheid sagen zu lassen. Ich hatte bei ihr in bezug auf Besuche bei Damen wieder einmal etwas Neues gelernt. England hat sehr gute Gesetze; aber sie sind im allgemeinen so, daß leicht Mißbrauch mit ihnen getrieben werden kann. Da die Geschworenen einen Eid leisten, nach dem Buchstaben des Gesetzes zu erkennen, so werden manche, die nicht klar genug abgefaßt sind, auf eine Weise ausgelegt, die den Absichten der Gesetzgebung vollkommen widerspricht, so daß dadurch die Richter oft in die größte Verlegenheit kommen. Infolgedessen ist man genötigt, unaufhörlich neue Gesetze zu erlassen und die alten durch neue Auslegungen zu erläutern.

Eines Tages sah Lord Pembroke mich am Fenster stehen und kam zu mir herein. Nachdem er mein Haus und meine Küche, wo der Koch am Werke war, besichtigt hatte, machte er mir das Kompliment: kein Lord, wenigstens niemand von denen, die in London regelmäßig einen Teil des Jahres verbrächten, hielte ein so gut eingerichtetes Haus wie das meinige. Er machte einen Überschlag der Kosten und sagte zu mir: »Wenn Sie Freunde empfangen und bewirten wollen, 27Z brauchen Sie monatlich dreihundert Pfund. Aber Sie können hier nicht leben, Seingalt, ohne ein hübsches Mädchen bei sich zu haben. Wenn Sie dies tun, wird ein jeder Sie als vernünftig loben; denn Sie gehen auf diese Weise sicher und sparen viel Geld.«

»Haben Sie ein Mädchen bei sich, Mylord?«

»Nein; mich ekelt leider jedes Weib an, sobald ich es einen einzigen Tag in meinem Besitz gehabt habe.«

»Da brauchen Sie also jeden Tag eine neue?«

»Ja, und infolgedessen gebe ich viermal so viel aus als Sie, obgleich ich nicht annähernd so gut eingerichtet bin. Ich bin eben Junggeselle, lebe in London als Fremder und esse niemals zu Hause. Ich wundere mich, daß Sie allein essen.«

»Ich spreche nicht englisch, ich liebe die Suppe und ich trinke gern guten Wein. Dies sind Gründe genug, um Ihre Wirtshäuser zu meiden.«

»Bei Ihrer Vorliebe für französische Lebensweise begreife ich das.«

»Geben Sie zu, daß diese Vorliebe nicht schlecht ist?«

»Ich kann das nicht bestreiten; denn obgleich ich ein guter Engländer bin, gefällt mir doch das Pariser Leben sehr.«

Er lachte laut auf, als ich ihm sagte, ich hätte in Staven-Tavern zwanzig Mädchen fortgeschickt, ohne mich einer einzigen zu bedienen, und an meiner Enttäuschung wäre er schuld.

»Ich habe Ihnen nicht die Namen der Mädchen genannt, die ich für mich holen lasse, und das war unrecht von mir.«

»Ja, Sie hätten mir dies sagen sollen.«

»Aber da sie Sie nicht kennen, wären sie nicht gekommen; denn sie sind durch Kuppler nicht zu haben. Versprechen Sie mir, dasselbe zu bezahlen wie ich, und ich werde Ihnen Briefe geben; daraufhin werden die Mädchen kommen.«

»Kann ich sie auch hier haben?«

»Ganz nach Ihrem Belieben.«

»Das paßt mir besser. Schreiben Sie mir die Briefchen und suchen Sie vor allem solche Mädchen aus, die französisch sprechen.«

»Das ist gerade der Übelstand: die schönsten sprechen nur englisch.«

»Schreiben Sie nur auch an diese! In bezug auf das, was ich von ihnen will, werden wir uns schon verständigen.«

Er schrieb an mehrere Mädchen zu vier und für sechs Guineen; eine einzige war mit dem Preise von zwölf Guineen bezeichnet.

»Diese ist doppelt so schön?«

»Eigentlich nicht; aber sie macht einen Herzog und Pair von England zum Hahnrei. Er hält sie aus, besucht sie aber jeden Monat nur ein- oder zweimal.«

»Wollen Sie, Mylord, mir zuweilen die Ehre erweisen, die Kunst meines Kochs auf die Probe zu stellen?«

»Gern; aber nur, wenn ich zufällig einmal vorbeikomme.«

»Und wenn Sie mich nicht finden?«

»Das schadet dann nicht; da werde ich eben ins Wirtshaus gehen.«

Da ich an diesem Tage nichts anderes vorhatte, schickte ich Jarbe zu einer von den Schönen, die Pembroke auf vier Guineen taxiert hatte, und ließ sie einladen, mit mir allein zu speisen. Sie kam; aber obgleich ich den besten Willen hatte, sie liebenswürdig zu finden, schien sie mir doch nur wert, nach Tisch einen Augenblick mit ihr zu schäkern. Sie konnte keine vier Guineen von mir erwarten, denn sie hatte einen solchen Lohn nicht verdient; daher war sie denn hocherfreut, als ich ihr zum Schluß trotzdem die vier Goldstücke in die Hand drückte. Die zweite, die ebenfalls vier Guineen kosten sollte, aß am nächsten Tage mit mir zu Abend. Sie war einmal sehr hübsch gewesen und war es noch; ich fand sie jedoch traurig und zu gleichgültig, so daß ich mich nicht entschließen konnte, sie sich ausziehen zu lassen.

Am dritten Tage hatte ich keine Lust, noch ein drittes Briefchen zu versuchen; ich ging daher nach Covent-Garden. Ein junges Mädchen fand ich so anziehend, daß ich sie ansprach und auf französisch fragte, ob sie mit mir zu Abend speisen wolle.

»Was werden Sie mir zum Nachtisch schenken?«

»Drei Guineen.«

»Ich stehe Ihnen zur Verfügung.«

Nach dem Theater ließ ich mir ein gutes Abendessen für zwei auftragen, und sie bot mir die Spitze mit einem guten Appetit, wie ich ihn liebte. Nach dem Essen fragte ich sie nach ihrer Adresse und war sehr überrascht, als ich fand, daß sie eine von denen war, für die Lord Pembroke sechs Guineen bezahlte. Ich sah, daß ich meine Angelegenheiten selber besorgen mußte oder jedenfalls mich keines großen Herrn als Vermittler bedienen durfte. Die anderen Briefchen verschafften mir nur Personen, die höchstens einer flüchtigen Bekanntschaft wüidig waren. Die letzte, die zu zwölf Guineen, die ich mir als besonderen Leckerbissen aufgespart hatte, gefiel mir am allerwenigsten. Ich fand sie nicht einmal eines Opfers würdig und verzichtete darauf, dem edlen Lord, der sie aushielt, Hörner aufzusetzen.

Lord Pembroke war jung, schön, reich und geistvoll. Als ich ihn eines Tages besuchte, war er gerade eben aufgestanden. Wir beschlossen zusammen einen Spaziergang zu machen, und er befahl seinem Kammerdiener, ihn zu rasieren,

»Aber Sie haben ja nicht einmal einen Anflug von Bart im Gesicht!« rief ich.

»Einen solchen werden Sie niemals bei mir sehen, lieber Freund; denn ich lasse mich dreimal täglich rasieren.«

»Dreimal täglich?«

»Ja. Wenn ich das Hemd wechsele, wasche ich mir die Hände; wenn ich mir die Hände wasche, muß ich mir auch das Gesicht waschen, und das Gesicht eines Mannes darf nur mit einem Rasiermesser gewaschen werden.«

»Wann nehmen Sie denn diese drei Reinigungen vor?«

»Wenn ich aufstehe, wenn ich mich ankleide, um zum Mittagessen oder in die Oper zu gehen, und unmittelbar bevor ich mich zu Bett lege; denn das Weib, das die Nacht mit mir verbringt, darf meinen Bart nicht fühlen.«

Wir machten einen kleinen Spaziergang, worauf ich mich von ihm trennte, um zu Hause Briefe zu schreiben. Beim Abschied fragte er mich, ob ich zu Hause essen würde. Ich sagte ja, und da ich voraussah, daß er mir Gesellschaft leisten würde, machte ich es wie Lukullus und befahl meinem Koch, uns gut zu bedienen, dabei aber jeden Anschein zu vermeiden, als ob ich einen vornehmen Gast erwartete. Die Eitelkeit hat mehr als eine Sehne an ihrem Bogen.

Kaum war ich zu Hause, so ließ die Binetti sich melden; sie sagte mir, wenn sie mir nicht ungelegen komme, wolle sie sich zum Essen einladen. Ich nahm sie freundschaftlich auf, und sie versicherte mir, ich mache sie glücklich, denn sie sei überzeugt, ihr Mann werde sich den Kopf zerbrechen, um herauszubringen, wo sie gespeist habe.

Sie gefiel mir immer noch; denn obgleich sie damals schon fünfunddreißig Jahre zählte, hätte kein Mensch sie für älter als fünfundzwanzig gehalten. Sie war in jeder Beziehung anmutig. Ihr Mund war etwas zu groß, aber er war mit zwei Reihen Perlen von schönstem Schmelz geschmückt, und ihre Lippen waren frisch wie Rosenblätter. Eine zarte glatte Haut, Augen von unbeschreiblichem Glanz und eine Stirn, auf der die Unschuld selber hätte thronen können – mit einem Wort, ihr Kopf war wirklich zum Entzücken. Dazu hatte sie einen vollendet schönen Busen und eine unverwüstliche, fröhliche Laune; so wird der Leser leicht begreifen, daß selbst ein wählerischerer Geschmack als der meinige sie wohl reizend finden konnte.

Sie war kaum eine halbe Stunde bei mir, als Lord Pembroke eintrat. Beide schrieen vor Überraschung laut auf, und der Lord sagte mir, er sei schon seit sechs Monaten in sie verliebt und habe ihr feurige Briefe geschrieben. Sie sei jedoch nicht darauf eingegangen.

»Ich habe ihn nicht erhören wollen,« rief sie, »weil er der größte Wüstling in ganz England ist; und das ist recht schade, denn er ist der liebenswürdigste Kavalier.«

Dieser Auseinandersetzung folgte ein Dutzend Küsse, und ich sah, daß sie einig waren.

Wir hielten eine ausgezeichnete Mahlzeit nach französischer Art, und Lord Pembroke versicherte mir: »Ich habe seit Jahr und Tag nicht so gut gegessen. Es tut mir nur leid, daß Sie nicht jeden Tag Gesellschaft bei sich haben.«

Die Binetti war ebenfalls Feinschmeckerin; wir standen daher in sehr fröhlicher Stimmung von Tisch auf und hatten große Lust, vom Kultus des Comus zu dem der Cypris überzugehen; aber unsere Schöne war zu gewitzigt, um dem Engländer etwas anderes zu bewilligen als Küsse ohne Bedeutung.

Ich blätterte in meinen Büchern, die ich am Tage vorher gekauft hatte, und ließ sie sich unter vier Augen unterhalten, so viel sie wollten; damit sie sich jedoch nicht für einen anderen Tag zusammen zum Essen einlüden, beeilte ich mich ihnen zu sagen, ich hoffe, der Zufall werde mir die Gunst eines so schönen Festes gelegentlich wieder einmal verschaffen.

Um sechs Uhr gingen meine beiden Gäste fort, und ich kleidete mich an, um nach Vauxhall zu gehen. Ich traf dort den französischen Offizier Mallingan, dem ich in Aachen meine Börse geöffnet hatte. Da er mir sagte, er müsse mit mir sprechen, so gab ich ihm meine Adresse. Ich fand dort auch den nur zu gut bekannten Chevalier Goudar, der mir von Spiel und Mädchen erzählte. Mallingacm stellte mir als etwas ganz Besonderes einen Herrn vor, der mir nach seiner Behauptung in London sehr nützlich werden konnte. Es war ein Mann von vierzig Jahren, mit kritischen Gesichtszügen; er nannte sich Friedrich und war der Sohn des verstorbenen sogenannten Königs Theodor von Korsika, der vierzig Jahre vor dieser Zeit zu London im größten Elend gestorben war, einen Monat nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis, worin unbarmherzige Gläubiger ihn sechs oder sieben Jahre lang eingesperrt gehalten hatten. Ich hätte besser getan, an diesem Tage nicht nach Vauxhall zu gehen.

Das Eintrittsgeld kostet für Vauxhall nur die Hälfte von dem, was man in Ranelagh bezahlen mußte. Trotzdem konnte man sich die größte Abwechslung von Genüssen verschaffen: gutes Essen, Musik, Spaziergänge auf dunklen und einsamen Gartenwegen oder in Alleen, die von tausend Lämpchen beleuchtet waren. Außerdem fand man dort im bunten Gewimmel die berühmtesten Schönheiten Londons vom höchsten bis zum niedrigsten Range.

Trotz allen diesen Vergnügungen langweilte ich mich, weil ich meine gute Tafel und mein reizendes Heim nicht mit einer lieben Freundin teilte. Ich war nun doch schon seit sechs Wochen in London. So etwas war mir noch niemals vorgekommen, und die Sache erschien mir selber unerklärlich.

Meine Wohnung schien geradezu gemacht zu sein, um in der anständigsten Weise eine Freundin aufzunehmen; da ich die Tugend der Beständigkeit besaß, so brauchte ich weiter nichts, um glücklich zu sein. Aber wie sollte ich in London eine Frau finden, die zu mir paßte und an Charakter einer von denen ähnelte, die ich so innig geliebt hatte? Ich hatte bereits etwa fünfzig Mädchen gesehen, die alle Welt als hübsch bezeichnete, und die ich selber nicht einmal leidlich gefunden hatte. Indem ich unaufhörlich hierüber nachdachte, hatte ich schließlich einen sonderbaren Einfall. Ich führte diesen aus.

Ich rief meine alte Housekeeper und ließ ihr durch das Mädchen, das uns als Dolmetscherin diente, folgendes sagen: »Ich will das zweite ober dritte Stockwerk vermieten, um Gesellschaft zu haben; obgleich ich hierzu ohne weiteres berechtigt bin, will ich Ihnen doch für die Bedienung wöchentlich eine halbe Guinee schenken. Lassen Sie sofort dieses Plakat am Fenster aushängen:

Zu vermieten: zweites oder drittes Stockwerk, möbliert, an ein alleinstehendes und unabhängiges junges Fräulein, das englisch und französisch spricht, und weder bei Tage noch bei Nacht Besuche empfängt.«

Das Mädchen übersetzte der Alten das Plakat, und diese, die früher selber flott gelebt hatte, lachte darüber so sehr, daß ich glaubte, sie würde ersticken.

»Warum lachen Sie denn so sehr, meine gute Dame?«

»über diesen Zettel muß man wohl lachen!«

»Sie glauben gewiß, es wird keine kommen, um die Wohnung zu mieten?«

»Oh, ganz im Gegenteil. Ich werde vom Morgen bis zum Abend im Hause Neugierige haben; aber mit denen mag Fanny fertig werden. Sagen Sie mir bitte nur, wieviel ich verlangen soll.«

»Den Preis will ich selber festsetzen, nachdem ich mit dem Fräulein gesprochen habe. Ich glaube nicht, daß so sehr viele Mädchen kommen werden; denn ich verlange, daß die Mieterin jung ist, daß sie englisch und französisch spricht und daß sie außerdem noch ein anständiges Mädchen ist; denn sie darf durchaus keinen Besuch empfangen, nicht einmal von ihren Eltern, wenn sie welche hat.«

»Aber es werden eine Menge Leute stehen bleiben, um den Zettel zu lesen.«

»Um so besser. Wenn er auffällt, so schadet das nichts.«

Wie die Alte gesagt hatte, blieb ein jeder stehen, um die Anzeige zu lesen. Jeder machte seine Glossen darüber und ging dann lachend weiter. Schon am zweiten Tage teilte mein Neger Jarbe mir mit, meine Anzeige sei wörtlich in St. James-Chronicle abgedruckt, mit einem scherzhaften Kommentar. Ich ließ mir die Zeitung bringen, und Fanny übersetzte mir den Artikel, der folgendermaßen lautete:

»Der Herr des zweiten und dritten Stockwerks bewohnt wahrscheinlich selber das erste. Er muß ein Mann von Geschmack sein, der das Vergnügen liebt; denn er verlangt eine Mieterin, die allein steht, unabhängig und natürlich auch jung ist: und da sie keinen Besuch empfangen kann, so muß er wohl bereit sein, ihr gute Gesellschaft zu leisten.

»Zu befürchten ist nur, daß der Besitzer der Wohnung bei diesem Handel angeführt wird; denn es ist leicht möglich, daß irgend ein hübsches Mädchen die Wohnung mietet, um dort nur zu schlafen oder gar nur von Zeit zu Zeit dorthin zu gehen; außerdem könnte dieses hübsche Mädchen, wenn es ihr so paßt, ganz einfach sich den Besuch des Hausherrn verbitten.«

Diese sehr vernünftige Glosse machte mir Spaß und gefiel mir, weil sie mich vor Überraschungen warnte.

Diese Artikel machen die englischen Zeitungen so angenehm. Alle Vorgänge werden in voller Unabhängigkeit besprochen, und die Zeitungsschreiber wissen die einfachsten Kleinigkeiten des Alltagslebens interessant zu machen. Glücklich die Völker, bei denen man alles sagen und alles schreiben darf.

Lord Pembroke war der erste, der zu mir kam und mir zu meiner Erfindung Glück wünschte. Später kam Martinelli, der jedoch befürchtete, ich könnte leicht zu Schaden kommen; »denn«, sagte er, »in London gibt es viele Mädchen, die eine große Erfahrung besitzen und vielleicht nur zu dem Zweck kommen würden, Ihnen den Kopf zu verdrehen.«

»Da gilt es dann eben List gegen List,« antwortete ich ihm; »wir werden ja sehen. Sollte ich angeführt werden, so wird man freilich das Recht haben, auf meine Kosten zu lachen; denn ich hätte ja auf meiner Hut sein können.«

Ich will meine Leser nicht mit einer Beschreibung von etwa hundert Mädchen langweilen, die während der ersten neun oder zehn Tage kamen. Ihnen allen schlug ich unter verschiedenen Vorwänden die Wohnung ab, obgleich einige von ihnen recht anmutig und schön waren. Endlich aber, am elften oder zwölften Tage erschien ein junges Mädchen von zwanzig bis vierundzwanzig Jahren, als ich gerade bei Tisch saß. Sie war mehr als mittelgroß, ihre Kleidung war nett und sauber, jedoch ohne Luxus, ihr Gesicht edel und von sanftem Ausdruck, obgleich ernst. Sie hatte regelmäßige Züge, eine etwas blasse Farbe, schwarze Haare und war in jeder Beziehung schön. Sie machte mir eine vornehme und zugleich ehrerbietige Verbeugung, die ich erwidern mußte, indem ich mich erhob. Als ich stehen blieb, bat sie mich im Tone der guten Gesellschaft, ich möchte mich nicht stören lassen, sondern ruhig weiter essen. Ich bat sie, Platz zu nehmen. Sie tat es. Hierauf bot ich ihr Süßigkeiten an, denn sie hatte bereits Eindruck auf mich gemacht; sie lehnte jedoch dankend ab und zwar in einem bescheidenen Tone, der mich entzückte.

Hierauf sogte das schöne Fräulein, nicht in dem tadellosen Französisch, wie sie begonnen hatte, sondern in einem Italienisch, das ohne den geringsten fremden Akzent und daher einer Senesin würdig war: sie würde ein Zimmer im dritten Stock nehmen, und gebe sich der Hoffnung hin, daß ich ihr dies nicht abschlagen würde, denn sie glaubte, noch jung zu sein; den anderen Bedingungen, die in meiner Ankündigung erwähnt wären, unterwürfe sie sich gern.

»Mein Fräulein, es steht Ihnen frei, sich nur des einen Zimmerzu bedienen, doch wird die ganze Wohnung Ihnen gehören.«

»Mein Herr, der Zettel besagt allerdings, die Wohnung sei billig: trotzdem würde die ganze Wohnung zu teuer für mich sein, denn ich kann für meine Unterkunft nur zwei Schillinge in der Woche ausgeben.«

»Das ist gerade der Preis, den ich für die ganze Wohnung verlange. Sie können also, wie Sie sehen, darüber verfügen, mein Fräulein, Die Magd wird Sie bedienen und Ihnen das Essen besorgen, das Sie brauchen; außerdem wird sie für Sie waschen. Sie können auch Ihre Besorgungen von ihr machen lassen, damit Sie nicht wegen jeder Kleinigkeit auszugehen brauchen.«

»Dann werde ich also meine Magd entlassen, und das ist mir nicht unlieb; denn sie bestiehlt mich. Allerdings stiehlt sie mir wenig, aber das ist trotzdem viel zu viel für meine Verhältnisse. Ich werde Ihrem Mädchen sagen, was sie mir jeden Tag zu essen holen soll; die kleine Summe, die ich hierfür aussetze, darf niemals überschritten werden. Ich werde ihr für ihre Mühe wöchentlich zehn Pence geben.«

»Sie wird damit sehr zufrieden sein. Ich kann Ihnen sogar empfehlen, sich an die Frau meines Koches zu wenden; denn diese kann Ihnen Mittag- und Abendessen für dasselbe Geld liefern, das Sie ausgeben würden, wenn Sie es sich von draußen holen ließen.«

»Das halte ich kaum für möglich; denn ich schäme mich, Ihnen zu sagen, wie wenig ich ausgebe.«

»Wenn Sie auch nur einen Penny täglich ausgeben könnten, so würde ich der Frau sagen, sie soll Ihnen nicht mehr liefern, als für diesen Preis zu haben ist. Ich rate Ihnen, nehmen Sie ruhig das Essen, das Sie in der Küche bekommen können, und machen Sie sich wegen der Billigkeit keine Gedanken; denn ich habe die Gewohnheit, für vier Personen reichlich kochen zu lassen, obgleich ich fast immer allein speise; was übrig bleibt, gehört dem Koch. Ich werde nichts weiter tun, als daß ich Sie ihm empfehle, damit Sie gut bedient werden, und ich hoffe. Sie werden es mir nicht übel nehmen, daß ich mich für Sie interessiere.«

»Mein Herr, Ihr Anerbieten ist überraschend; Sie sind sehr großmütig.«

»Warten Sie einen Augenblick, mein Fräulein! Sie werden sofort sehen, daß es auf die allernatürlichste Art von der Welt zugeht.«

Ich befahl Clairmont, die Magd und die Frau des Kochs zu rufen, und sagte zu dieser letzteren: »Wieviel verlangen Sie täglich für Mittag- und Abendessen für diese junge Dame, die nicht reich ist und nicht mehr essen will, als sie zum Leben braucht?«

»Ich werde ihr das Essen sehr billig liefern, denn der gnädige Herr speist fast immer allein und läßt für vier Personen kochen.«

»Schön; infolgedessen hoffe ich, können Sie die Dame sehr gut für den Preis beköstigen, den sie Ihnen bezahlen will.«

»Ich kann täglich nur fünf Pence ausgeben.«

»Für fünf Pence, mein Fräulein, werden wir Sie verköstigen.«

Ich befahl sofort, das Aushängeschild zu entfernen und das Zimmer, das die junge Dame wählen würde, mit allen Bequemlichkeiten zu versehen. Als die Küchin und die Magd sich entfernt hatten, sagte die junge Dame mir, sie werde nur am Sonntag ausgehen, um in der Kapelle des bayrischen Gesandten die Messe zu hören; außerdem gehe sie einmal monatlich zu einer Person, die ihr drei Guineen für ihren Lebensunterhalt auszahle.

»Sie können ausgehen, wann Sie wollen, mein Fräulein, und brauchen darüber keinem Menschen Rechenschaft zu geben.«

Schließlich bat sie mich, niemals Besuche zu ihr zu führen und der Hausbesorgerin zu befehlen, sie solle jedem, der sich nach ihr erkundige, antworten, sie kenne sie nicht. Ich versprach ihr, daß alles nach ihren Wünschen geschehen solle, und sie entfernte sich, indem sie mir sagte, sie werde ihren Koffer bringen lassen.

Sobald sie gegangen war, befahl ich allen meinen Leuten, ihr mit der größten erdenklichen Rücksicht zu begegnen. Die alte Hausmeisterin sagte mir, sie habe für die erste Woche vorausbezahlt und sich darüber eine Quittung geben lassen; hierauf habe sie sich in einer Sänfte entfernt, wie sie gekommen sei. Zum Schluß faßte die gute Alte sich Mut und ließ mir durch unsere Dolmetscherin sagen, ich möchte mich vor Fallen hüten.

»Vor was für einer Falle? Ich sehe keine. Wenn sie vernünftig ist und ich mich in sie verliebe – nun, um so besser; das wünsche ich ja gerade. Ich brauche nur acht Tage, um sie kennen zu lernen. Welchen Namen hat sie Ihnen angegeben?«

»Mistreß Pauline; als sie ankam, war sie ganz blaß; aber als sie wieder fort ging, war sie feuerrot.«

Ich war schon voller Hoffnung; dieser Glücksfund erfüllte mich mit inniger Freude. Um mein Temperament zu befriedigen, brauchte ich keine Frau – denn das findet man überall; aber ich brauchte eine, um sie zu lieben. Es war für mich eine Notwendigkeit, an dem Gegenstand meiner Zärtlichkeit Schönheit des Leibes und der Seele zu finden, und meine Liebe wuchs im Verhältnis zu den Schwierigkeiten, die sich meiner Voraussicht nach dem Erfolge entgegenstellten. Ich gestehe, daß ich einen Mißerfolg als unmöglich ansah; denn ich wußte, daß es keine Frau gibt, die der ausdauernden Bewerbung und den Aufmerksamkeiten eines Mannes widerstehen könnte, der sie verliebt machen will, besonders wenn dieser Mann sich in den Verhältnissen befindet, große Opfer bringen zu können.

Als ich am Abend nach dem Theater nach Hause kam, sagte die Magd mir, Madame habe ein bescheidenes Hinterstübchen gewählt, das nur einem Dienstboten genügen könne. Sie habe bescheiden zu Abend gegessen und dazu nur Wasser getrunken; als sie die Frau des Kochs gebeten habe, ihr nur einen Teller Suppe und ein Gericht zu liefern, habe diese ihr geantwortet: sie müsse annehmen, was man ihr vorsetze; was sie nicht wolle, werde die Magd essen. Nach dem Essen habe sie ihr sehr gütig gute Nacht gesagt und sich dann eingeschlossen, um zu schreiben.

»Was nimmt sie morgen« zum Frühstück?«

»Ich habe sie danach gefragt, und sie hat mir geantwortet, sie esse nur ein wenig Brot.«

»Du wirst ihr morgen früh sagen: es sei im Hause Brauch, daß der Koch zum Frühstück Kaffee, Tee, Schokolade oder Fleischbrühe liefere, wie es einem jeden beliebe; wenn sie es zurückweise, werde sie mich vielleicht verletzen. Laß dir aber nicht einfallen, ihr zu sagen, daß ich mit dir hierüber gesprochen habe. Da hast du eine Krone; du sollst jede Woche eine bekommen, wenn du sie auf das freundlichste bedienst.

Bevor ich zu Bett ging, schrieb ich ihr ein sehr höfliches Briefchen, worin ich sie bat, das erwählte Kämmerchen mit einem anderen Zimmer zu vertauschen. Sie tat dies, aber sie ließ ihre Sachen in ein Zimmer bringen, das ebenfalls nach hinten hinaus lag. Fannys Vorstellungen brachten sie dahin, zum Frühstück Kaffee anzunehmen. Ich wünschte, sie zu veranlassen, daß sie mit mir zu Mittag und zu Abend äße. Darum kleidete ich mich an, um ihr einen Besuch zu machen, und sie auf eine Art darum zu bitten, daß sie sich nicht gut weigern konnte. In diesem Augenblick meldete Clairmont mir den jungen Cornelis. Ich empfing ihn lachend, indem ich ihm dafür dankte, daß er mich seit sechs Wochen zum ersten Male besuche.

»Mama hat mir niemals erlaubt, zu Ihnen zu gehen. Ich kann es nicht mehr aushalten; zwanzigmal war ich in Versuchung, trotz ihrem Verbot zu kommen. Bitte, lesen Sie diesen Brief; Sie werden darin etwas finden, was Sie überraschen wird.«

Ich öffnete den Brief; er lautete:

»Ein Gerichtsbote benutzte gestern einen Augenblick, wo meine Türe offenstand, trat in mein Zimmer ein und verhaftete mich. Ich war gezwungen, ihm zu folgen, und befinde ich mich jetzt bei ihm im Gefängnis; wenn ich nicht im Lauf des Tages Bürgschaft stelle, wird er mich heute Abend in das Kings-Bench-Gefängnis bringen. Diese Bürgschaft beträgt zweihundert Pfund Sterling für einen bereits verfallenen Wechsel, den ich nicht habe zahlen können. Ich flehe Sie an, mein wohltätiger Freund: befreien Sie mich sogleich aus diesem Ort! Sonst könnte ich das Unglück haben, daß schon morgen eine Menge Gläubiger erscheinen und mich einsperren lassen würden; dadurch würde mein Zusammenbruch unvermeidlich werden. Verhindern Sie diesen, ich bitte Sie flehentlich, und damit auch das Unglück meiner unschuldigen Familie. Als Ausländer können Sie nicht für mich Bürgschaft leisten; aber Sie brauchen nur einem Hausbesitzer ein Wort zu sagen, und Sie werden zehn für einen bereit finden. Wenn Sie Zeit haben, bei mir vorzusprechen, so kommen Sie! Sie werden dann erfahren, daß ich den letzten Ball nicht hätte geben können, wenn ich nicht diesen unglückseligen Wechsel unterschrieben hätte; denn ich hatte mein ganzes Silbergeschirr und Porzellan versetzt.«

Empört über dieses unverschämte Weib, das sich mir gegenüber soweit vergessen hatte, schrieb ich ihr, ich könne sie nur bedauern, ich habe keine Zeit, sie zu besuchen, und schäme mich außerdem, irgend jemanden zu bitten, für sie Bürgschaft zu leisten.

Nachdem der kleine Cornelis sehr traurig fortgegangen war, befahl ich Clairmont, zu Pauline hinaufzugehen und sie zu fragen, ob sie mir gestatten wolle, ihr guten Tag zu wünschen. Sie ließ mir sagen, es stehe bei mir, sie aufzusuchen. Ich ging zu ihr hinein und fand auf dem Tische mehrere Bücher liegen; außerdem sah ich auf einer Kommode Kleidungsstücke, die nicht auf Bedürftigkeit schließen ließen.

»Ich bin Ihnen für Ihre Freundlichkeiten unendlich dankbar«, sagte sie zu mir.

»Sprechen wir nicht davon, Madame; glauben Sie mir, daß ich im Gegenteil Ihnen dankbar sein muß.«

»Was kann ich tun, mein Herr, Ihnen meine Erkenntlichkeit zu zeigen?«

»Sie können dies tun, Madame, indem Sie sich den Zwang auferlegen und mir die Ehre erweisen, mir bei Tisch Gesellschaft zu leisten, so oft niemand bei mir speist; denn wenn ich allein bin, esse ich wie ein Oger, und darunter leidet meine Gesundheit; wenn Sie sich nicht geneigt fühlen, mir dieses Vergnügen zu machen, werden Sie mir verzeihen, Sie darum gebeten zu haben; selbst wenn Sie sich weigern, werden die Vorteile, die ich Ihnen in meinem Hause verschafft habe, sich nicht vermindern.«

»Ich werde die Ehre haben, mein Herr, mit Ihnen zu speisen, so oft Sie allein sind und mir Bescheid sagen lassen. Es tut mir nur leid, daß ich nicht sicher bin, ob meine Gesellschaft Ihnen nützlich sein und Sie erheitern kann.«

»Ich bin Ihnen sehr dankbar, Madame, und verspreche Ihnen, daß Ihre Gefälligkeit Sie niemals gereuen soll. Ich werde mir alle Mühe geben, Sie aufzuheitern, und werde glücklich sein, wenn mir das gelingt; denn Sie haben mir die lebhafteste Teilnahme eingeflößt. Um ein Uhr essen wir zu Mittag.«

Ich setzte mich nicht, sah mir nicht ihre Bücher an und fragte sie nicht einmal, ob sie gut geschlafen habe. Ich bemerkte nur soviel, daß sie bei meinem Eintritt blaß und sorgenvoll aussah, und daß ihre Wangen scharlachrot waren, als ich hinausging.

Ich machte hierauf einen Spaziergang im Park. Ich war bereits in das reizende Mädchen heftig verliebt und war fest entschlossen, alles aufzubieten, damit sie mich lieben mußte; denn ich wollte ihrer Gefälligkeit nichts zu verdanken haben. Ich war außerordentlich neugierig, wer sie wohl sein möchte. Ich vermutete in ihr eine Italienerin; aber ich nahm mir vor, sie durch keine Frage zu belästigen, denn ich fürchtete, ihr dadurch zu mißfallen. Dieser Gedanke war etwas romantisch; aber er paßte zu dem überspannten Gefühl, das man Liebe nennt. Als ich wieder zu Hause war, kam Pauline hinunter, ohne daß ich sie hatte bitten lassen. Die Aufmerksamkeit gefiel mir außerordentlich, denn ich sah darin ein gutes Vorzeichen. Ich dankte ihr deshalb lebhaft dafür. Da wir noch eine halbe Stunde vor uns hatten, fragte ich sie, ob sie mit ihrer Gesundheit zufrieden sei.

»Die Natur«, antwortete sie mir, »hat mich mit einer so glücklichen Leibesbeschaffenheit begabt, daß ich nie in meinem Leben auch nur im geringsten unwohl gewesen bin, außer auf dem Meere; denn dieses Element ist mir feindlich gesinnt.« »Sie sind also über das Meer gereist?« »Das mußte ich wohl, um nach England zu gelangen.« »Ich konnte vielleicht annehmen, daß Sie Engländerin seien.« »Das ist wohl möglich; denn die englische Sprache ist mir seit meiner zartesten Kindheit vertraut.«

Wir saßen auf einem Sofa. Auf dem Tische vor uns stand ein Schachspiel. Pauline schob die Figuren hin und her; das veranlaßte mich zu der Frage, ob sie Schach spielen könne. »Ja; man hat mir sogar gesagt, ich spiele gut.« »Ich spiele schlecht; aber lassen Sie uns eine Partie machen. Meine Niederlagen werden Ihnen Spaß bereiten.«

Wir beginnen. Pauline zieht an, und mit dem vierten Zuge bin ich schach und matt. Sie lacht; ich bewundere sie. Wir fangen wieder an: beim fünften Zuge bin ich wieder matt. Hierüber lacht meine liebenswürdige Besucherin von ganzem Herzen. Während dieses Lachens berausche ich mich vor Liebe, als ich ihre herrlichen Zähne und ihre entzückende Aufregung sehe, besonders aber als ich bemerkte, welch einen innigen Ausdruck von Glück die Heiterkeit ihr verleiht. Wir beginnen die dritte Partie; Pauline ist unaufmerksam, und ich bringe sie in Verlegenheit.

»Ich glaube,« ruft sie, »Sie können mich besiegen!«

»Welch ein Glück wäre das für mich!«

Man meldet uns, daß das Essen angerichtet sei.

»Unterbrechungen sind oft lästig«, sagte ich zu ihr, indem ich aufstand und ihr meinen Arm bot. Ich war fest überzeugt, daß die Bedeutung der letzten Worte ihr nicht entgangen war; denn die Frauen lassen eine Anspielung niemals unbemerkt.

Als wir uns eben zu Tisch gefetzt hatten, meldete Clairmont mir die kleine Cornelis mit Frau Rancour.

»Sagen Sie ihnen, ich sei beim Essen und werde nicht vor drei Stunden fertig sein.«

Als Clairmont hinausging, um meine Antwort zu überbringen, schlüpfte die kleine Sophie ins Zimmer, lief auf mich zu und warf sich vor mir auf die Knie. Dann weinte sie so heftig, daß sie vor Schluchzen nicht sprechen konnte.

Ganz gerührt von diesem Anblick, beeile ich mich sie aufzuheben; ich setze sie auf meine Knie, trockne ihre Tränen und beruhige sie, indem ich ihr sage: ich wisse schon, was sie wünsche, und wolle aus Liebe zu ihr ihren Wunsch erfüllen.

Plötzlich von der Verzweiflung zur Freude übergehend, umarmt das liebe Kind mich und nennt mich ihren lieben Vater, so daß ich schließlich ebenfalls zu weinen anfange.

»Iß mit uns, liebes Kind; das wird es mir leichter machen, dir deinen Wunsch zu erfüllen.«

Sophie entwand sich meinen Armen und lief zu Paulinen, die ebenfalls aus Sympathie mitweinte. Dann begannen wir voller Glück zu essen. Sophie sagte zu mir: »Bitte, lassen Sie doch auch der Rancour etwas zu essen geben. Mama hat ihr verboten, mit hinaufzukommen.«

»Es soll nach deinem Wunsche geschehen, liebes Kind – aber nur dir zuliebe; denn diese Rancoul verdiente wohl, daß ich sie vor der Türe stehen ließe, um sie für die Rücksichtslosigkeit zu bestrafen, womit sie mich bei meiner Ankunft behandelte.«

Während der ganzen Mahlzeit unterhielt das Kind uns auf eine erstaunliche Weise. Pauline war ganz Ohr und sagte kein Wort vor lauter Erstaunen, ein solches Kind mit einem Verstande sprechen zu hören, den man an einem Mädchen von zwanzig Jahren bewundert haben würde. Ohne jemals die Schranken der Ehrfurcht zu überschreiten, verdammte sie das Betragen ihrer Mutter.

»Wie unglücklich bin ich,« rief sie, »daß meine Pflicht mich zwingt, mich ihr zu fügen und blindlings ihrem Willen zu gehorchen!«

»Ich möchte wetten, du liebst sie nicht?«

»Ich achte sie, aber ich kann sie nicht lieben; denn sie macht mir immer Angst. Ich sehe sie niemals ohne Furcht.«

»Warum weintest du denn so?«

»Aus Mitleid mit ihr und unserer ganzen Familie, besonders aber wegen der Worte, die sie mir sagte, als sie mir befahl, zu Ihnen zu gehen.«

»Was waren das für Worte?«

»Geh!« sagte sie mir. »Wirf dich vor ihm auf die Knie! Nur du kannst ihn rühren, und ich setze meine ganze Hoffnung nur auf dich allein!«

»Du hast dich also nur darum auf die Knie geworfen, weil sie es dir gesagt hat?«

»Ja! Denn wenn ich meinem eigenen Antriebe gefolgt wäre, hätte ich mich in Ihre Arme geworfen.«

»Du hast recht. Aber warst du sicher, daß du mich überreden würdest?«

»Nein; denn sicher ist man überhaupt niemals. Aber ich hoffte es; denn ich erinnerte mich der Worte, die Sie zu mir im Haag sagten. Meine Mutter sagt, ich sei damals erst drei Jahre alt gewesen; ich weiß jedoch, daß ich schon fünf Jahre alt war. Sie hatte mir auch befohlen, mit Ihnen zu sprechen, ohne Sie anzusehen. Zum Glück wußten Sie sie zu nötigen, ihr Verbot zu widerrufen. Alle Leute sagen zu ihr, Sie seien mein Vater, und im Haag hat sie selber mir dies gesagt. Hier aber wiederholt sie mir fortwährend, ich sei die Tochter des Herrn de Montpernis.«

»Aber, liebe Sophie, deine Mutter schadet dir, indem sie dich für eine natürliche Tochter ausgibt, während du doch die rechtmäßige Tochter des Tänzers Pompeati bist, der sich in Wien selber tötete. Er lebte aber noch, als du zur Welt kamst.«

»Wenn ich Pompeatis Tochter bin, sind Sie also nicht mein Vater?«

»Nein, ganz gewiß nicht, denn du kannst doch nicht die Tochter zweier Väter sein.«

»Aber wie kommt es denn, daß ich Ihnen sprechend ähnlich sehe?«

»Das ist ein Spiel des Zufalls.«

»Sie rauben mir eine Illusion, die mir Freude machte.«

Auf Paulinen machte Sophiens Beredsamkeit großen Eindruck; sie sagte beinahe kein Wort, aber sie bedeckte sie mit Küssen, die die Kleine ihr reichlich zurückgab. Diese fragte mich, ob Madame meine Gemahlin sei; als ich diese Frage bejahte, nannte sie sie ihre liebe Mama, worüber Pauline herzlich lachte.

Beim Nachtisch zog ich vier Banknoten von je fünfzig Pfund Sterling aus meiner Brieftasche, gab sie Sophien und sagte ihr, sie könne sie ihrer Mutter schenken; aber ich gäbe sie ihr und nicht ihrer Mutter.

»Wenn du ihr das Geschenk bringst, liebe Tocbter, kann deine Mutter heute abend in ihrem schönen Hause schlafen, wo sie mich so unwürdig empfangen hat.«

»Es tut mir leid; aber verzeihen Sie ihr!«

»Ja, Sophie, das will ich; aber ich tue es nur dir zuliebe.«

»Schreiben Sie ihr, daß Sie mir die zweihundert Pfund schenken; denn ich wage es nicht, ihr dies selber zu sagen.«

»Du fühlst wohl, mein Kind, daß ich ihr das nicht schreiben kann; denn ich würde damit ihren Schmerz beleidigen. Begreifst du das?«

»Oh, vollkommen!«

»Du kannst ihr sagen, sie werde mir ein großes Vergnügen bereiten, so oft sie dich mittags oder abends schicke, um mit mir zu essen.«

»Oh! Das können Sie ihr aber doch schreiben, ohne ihren Schmerz zu kränken, nicht wahr? Oh, tun Sie es doch bitte. Meine liebe Mama,« – dabei sah sie Pauline an – »bitten Sie doch meinen Papa, das zu schreiben; dann werde ich manchmal mit Ihnen speisen.«

Pauline lachte herzlich, nannte mich ihren Mann und bat mich, ich möchte doch ein paar Worte auf einen Zettel schreiben. Daran würde die Mutter erkennen, daß ich Sophie lieb hätte, und das würde nur die Liebe vermehren, die sie zu einer solchen Tochter hegen müßte. Ich gab nach, indem ich ihr sagte, ich könne der anbetungswürdigen Frau, die mich mit dem Namen ihres Mannes geehrt hätte, keinen Wunsch abschlagen. Sophie entfernte sich glückstrahlend, nachdem sie uns viele zärtliche Küsse gegeben hatte.

»Ich habe seit langer Zeit nicht soviel gelacht« sagte Pauline zu mir, »und ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht so angenehm gespeist. Diese Kleine ist ein kostbares Juwel. Das arme Kind fühlt sich unglücklich! Sie wäre es nicht, wenn ich ihre Mutter wäre.«

Hierauf erzählte ich ihr im Vertrauen, wer Sophie war und welche Gründe ich hatte, ihre Mutter zu verachten.

»Ich möchte lachen, wenn ich daran denke, was sie sagen wird, wenn Sophie ihr erzählt, sie habe Sie mit Ihrer Frau bei Tisch gefunden.«

»Sie wird es nicht glauben; denn sie weiß, daß die Heirat ein Sakrament ist, das ich verabscheue.«

»Warum?«

»Weil sie das Grab der Liebe ist.«

»Nicht immer.«

Pauline seufzte, schlug ihre schönen Augen nieder und sprach von etwas anderem. Sie fragte mich, ob ich mich lange in London aufzuhalten gedächte. Ich antwortete ihr, ich werde wahrscheinlich neun oder zehn Monate hier verbringen; hierauf glaubte ich, an sie dieselbe Frage stellen zu dürfen.

»Ich weiß es nicht«, antwortete sie mir; »denn meine Rückkehr in die Heimat hängt von einem Briefe ab.«

»Dürfte ich Sie fragen, was Ihre Heimat ist?«

»Ich sehe voraus, daß ich vor Ihnen keine Geheimnisse haben werde, wenn Ihnen etwas daran liegen sollte, diese kennen zu lernen; aber lassen Sie bitte noch einige Tage vergehen. Ich habe erst heute begonnen, Sie näher kennen zu lernen, und zwar auf eine Art, die Sie in meinen Augen sehr achtungswert macht.«

»Ich werde glücklich sein, wenn ich Ihren Beifall gewinnen und Sie in der guten Meinung bestärken kann, die Sie von meinem Charakter gefaßt haben.«

»Sie haben sich bis jetzt von einer Seite gezeigt, die meine höchste Ehrfurcht verdient.«

»Schenken Sie mir Ihre Achtung; auf diese lege ich den größten Wert; aber verschonen Sie mich mit Ihrer Ehrfurcht, denn diese schließt, wie mir scheint, die Freundschaft aus. Ich strebe aber nach Ihrer Freundschaft, und ich glaube, Sie darauf aufmerksam machen zu müssen, daß ich Ihnen alle möglichen Fallen stellen werde, um diese Freundschaft zu gewinnen.«

»Ich glaube, Sie sind sehr geschickt in solcher Jagd; aber ich halte Sie auch für großmütig und bin überzeugt, daß Sie mich schonen werden. Sollte ich eine zu innige Freundschaft für Sie fassen, so würde die Trennung zu schmerzlich für mich sein; diese Trennung kann aber jeden Augenblick eintreten – ich muß das sogar wünschen.«

Unsere Unterhaltung wurde gefühlvoll. Pauline brachte daher mit jener Gewandtheit, die der Verkehr in der vornehmen Welt verleiht, das Gespräch auf gleichgültige Dinge. Nach einiger Zeit bat sie mich um Erlaubnis, auf ihr Zimmer gehen zu dürfen. Ich hätte gern den ganzen Tag mit ihr verbracht; denn ich hatte selten ein Weib gefunden, das so liebenswürdige und zugleich so vornehme Manieren hatte.

Als ich allein war, verspürte ich ein gewisses Gefühl von Leere. Ich ging daher zur Binetti, die mich mit der Frage empfing, wie es dem Lord Pembroke gehe. Sie war ärgerlich auf ihn.

»Er ist ein abscheulicher Mensch!« rief sie, »er braucht jeden Tag eine neue Frau. Wie findest du das?«

»Ich beneide ihn, daß er so glücklich ist, sich das verschaffen zu können.«

»Er kann es, weil die Weiber dumm sind. Mich hat er angeführt, weil er mich bei dir überrumpelt hat; sonst würde er mich niemals gehabt haben. Du lachst?«

»Ja, ich lache. Denn wenn er dich gehabt hat, so hast du ihn ebenfalls gehabt. Also seid ihr quitt.«

»Du weißt nicht, was du sagst.«

Um acht Uhr kam ich nach Hause. Pauline kam herunter, sobald sie erfuhr, daß ich da sei; denn Fanny hatte ihr auf ihren Befehl meine Rückkunft mitgeteilt. Ich glaubte in diesem Benehmen die Absicht zu sehen, mich durch Aufmerksamkeiten zu fesseln, und da ich dieselben Gefühle hegte, die ich gerne bei ihr vorausgesetzt hätte, so konnte es nicht lange dauern, bis wir zu einer Verständigung gelangten.

Das Abendessen wurde aufgetragen; wir setzten uns zu Tisch und blieben bis Mitternacht sitzen. Wir plauderten über allerlei Nichtigkeiten, aber so angenehm, daß die Stunden uns verstrichen, ohne daß wir es merkten. Zum Schluß wünschte sie mir gute Nacht und sagte mir, sie vergesse über meiner Unterhaltung zu sehr ihr Unglück.

Am nächsten Tage lud Pembroke sich bei mir zum Frühstück ein und beglückwünschte mich zum Verschwinden meines Aushängezettels.

»Ich wäre recht neugierig, Ihre Mieterin kennen zu lernen.«

»Ich glaube es, Mylord; aber im Augenblick kann ich Ihre Neugierde nicht befriedigen; denn sie hat einsiedlerische Neigungen und duldet mich nur aus Notwendigkeit.«

Er sprach nicht mehr davon, und um seine Gedanken von diesem Gegenstande abzulenken, sagte ich ihm, die Binetti verabscheue seine Unbeständigkeit, und dies spreche zu seinen Gunsten. Er lachte darüber, antwortete mir aber nicht, sondern fragte mich: »Speisen Sie heute zu Hause?«

»Nein, Mylord, heute nicht.«

»Ich verstehe; das ist auch ganz natürlich. Leben Sie wohl; machen Sie die Sache gut!«

»Ich arbeite daran.«

Martinelli hatte im Advertiser drei oder vier Parodien meiner Anzeige gefunden. Er brachte mir die Zeitung, und ich mußte lachen, als er sie mir übersetzte; es waren aber weiter nichts als Übertreibungen, die darauf berechnet waren, das Publikum zum Lachen zu bringen und eine Spalte der Zeitung zu füllen. Die Artikel waren durchweg unanständig; dies war kein Wunder; denn in London wird mit dem Recht, alles sagen zu dürfen, ein großer Mißbrauch getrieben.

Martinelli war zu vorsichtig und zu zartfühlend, um überhaupt von meiner Mieterin zu sprechen. Da Sonntag war, bat ich ihn, mit mir zur Messe beim bayrischen Gesandten zu gehen; es geschah, das gestehe ich hier in aller Demut, nicht aus Frömmigkeit, sondern in der Hoffnung, Pauline zu sehen. Meine Erwartung wurde betrogen; denn sie hatte sich, wie ich später erfuhr, in einen Winkel gesetzt, wo niemand sie beobachten konnte. Die Kapelle war voll von Menschen, und Martinelli zeigte mir Lords, Ladies und andere hervorragende Persönlichkeiten, die katholisch waren und dieses nicht verbargen. Im Augenblick, wo ich nach Hause kam, übergab ein Bedienter der Cornelis mir einen Brief von dieser Dame. Sie schrieb mir: da sie am Sonntag frei ausgehen könne, wünsche sie, daß ich ihr erlauben möge, bei mir zu speisen. Ich ging sofort zu Pauline hinauf und fragte sie, ob sie etwas dagegen einzuwenden habe, wenn die Cornelis mit uns esse. Das liebenswürdige Mädchen antwortete mir, sie würde gerne mit ihr speisen, vorausgesetzt, daß sie keinen Mann mitbrächte. Ich ließ ihr daher sagen, ich würde sie mit Vergnügen empfangen, wenn sie mit meiner Tochter käme. Sie kam, und Sophie ging nicht einen Augenblick von meiner Seite. Die Cornelis fühlte sich durch Paulinens Gegenwart verlegen; sie nahm mich daher auf die Seite, um mir mehrere chimärische Pläne mitzuteilen, die sie in kurzer Zeit reich machen müßten.

Meine kleine Sophie war die Seele unserer Mahlzeit. Als ich aber der Cornelis sagte, Pauline sei eine ausländische Dame, an die ich eine Wohnung vermietet habe, rief Sophie: »Sie ist also nicht Ihre Frau?«

»Nein, so glücklich bin ich nicht. Ich habe es nur zum Scherz gesagt, und Madame hat sich über deine Leichtgläubigkeit belustigt.«

»Wißt ihr was, ich will bei ihr schlafen.«

»So? Wann denn.«

»Sobald Mama es mir erlaubt.«

»Man müßte doch erst sehen, ob Madame damit einverstanden wäre.«

»Sie hat keine abschlägige Antwort zu befürchten«, rief Pauline, indem sie sie umarmte.

»Nun, Madame, ich lasse sie Ihnen mit Vergnügen hier; ich werde sie morgen von der Gouvernante abholen lassen.«

»Es genügt,« sagte ich, »wenn sie morgen um drei Uhr kommt, denn Sophie muß erst mit uns zu Mittag essen.«

Als Sophie sah, daß ihre Mutter stillschweigend zustimmte, eilte sie zu dieser und gab ihr Küsse, die diese sich kalt gefallen ließ. Sie kannte nicht das Glück, sich lieben zu lassen.

Als die Mutter fort war, fragte ich Pauline, ob es ihr recht sei, mit der Kleinen und mir eine Spazierfahrt in der Umgegend von London zu machen, wo kein Mensch uns sehen werde.

»Ich darf aus Vorsicht nur allein ausgehen.«

»So werden wir also hier bleiben?«

»Ja; wir könnten auch nirgend besser aufgehoben sein.«

Pauline und Sophie sangen englische, italienische, französische Duette, und ich fand dieses Konzert entzückend. Fröhlich aßen wir zu Abend, und gegen Mitternacht führte ich sie in das dritte Stockwerk hinauf, wo ich zu Sophie sagte, ich würde am Morgen hinaufkommen und mit ihr frühstücken, aber ich wollte sie im Bett finden. Ich hegte den Wunsch, zu sehen, ob ihr Körper ebenso schön sei wie ihr Gesicht. Gerne hätte ich Pauline gebeten, mir dieselbe Gunst zu gewähren, aber ich war noch nicht weit genug vorgeschritten, um mir eine solche Kühnheit erlauben zu können. Ich fand sie denn auch am anderen Morgen bereits aufgestanden und in einem sehr anständigen Morgen- kleide.

Als sie mich sah, fing Sophie zu lachen an und versteckte sich unter der Bettdecke; als sie mich aber an ihrer Seite fühlte, zeigte sie mir ihr hübsches Gcsichtchen, das ich mit Küssen bedeckte.

Nachdem sie aufgestanden war, frühstückten wir sehr heiter; hierauf vertrieben wir uns auf das angenehmste die Zeit, bis die Rancour kam, um die Kleine abzuholen. Diese ging traurig mit ihr fort, und ich blieb allein mit meiner großen Pauline, die mich dermaßen zu quälen begann, daß es jeden Augenblick zu einem Ausbruch meiner Leidenschaft kommen konnte; trotzdem hatte ich ihr noch nicht einmal die Hand geküßt.

Als Sophie fortgegangen war, bat ich sie, sich neben mich zu setzen, ergriff ihre Hand, küßte sie leidenschaftlich und fragte: »Sind Sie verheiratet, liebe Pauline?«

»Kennen Sie die Mutterliebe?«

»Nein. Aber es bedarf für mich keiner großen Anstrengung, um mir eine richtige Vorstellung von ihr zu machen.«

»Sind Sie von Ihrem Gatten getrennt?«

»Ja, durch die Gewalt der Umstände und gegen unseren Willen. Man hat uns getrennt, bevor wir die Ehe vollzogen hatten.«

»Ist er in London?«

»Nein, er ist sehr weit von hier; aber bitte, lassen Sie uns nicht mehr davon sprechen.«

»Sagen Sie mir nur noch: werden Sie alsdann zu ihm gehen, wenn ich Sie einmal verlieren muß?«

»Ja, und ich verspreche Ihnen: wenn Sie mich nicht etwa fortschicken, werde ich nur von Ihnen gehen, um England zu verlassen; ich werde aber diese glückliche Insel nur verlassen, um mit dem Gatten meiner Wahl glücklich zu sein.«

»Reizende Pauline! Ich werde unglücklich hier zurückbleiben; denn ich liebe Sie, und ich fürchte Ihnen zu mißfallen, wenn ich Ihnen Beweise meiner Liebe gäbe.«

»Seien Sie großmütig, mäßigen Sie sich! Ich bin nicht meine eigene Herrin, um mich der Liebe hingeben zu können, und vielleicht würde ich nicht die Kraft haben, Ihnen Widerstand zu leisten, wenn Sie meiner nicht schonten.«

»Ich werde Ihnen gehorchen, aber ich werde vor Sehnsucht vergehen; doch wie könnte ich wohl unglücklich sein, wenn ich nicht das Unglück habe, Ihnen zu mißfallen.«

»Ich habe Pflichten zu erfüllen, lieber Freund, und ich würde mich verächtlich machen, wenn ich diese verletzte.«

»Ich würde mich für den unwürdigsten aller Menschen halten, wenn ich meine Achtung einer Frau versagen könnte, weil sie mich glücklich gemacht hätte, indem sie einer ihr von mir eingeflößten Neigung nachgegeben hätte.«

»Ich habe allerdings zu große Achtung vor Ihnen, um Sie einer solchen Handlung fähig zu glauben; aber mäßigen wir uns und denken wir daran, daß wir schon morgen uns genötigt sehen können, uns zu trennen; gestehen Sie: wenn wir den Begierden der Liebe nachgäben, würde unsere Trennung viel bitterer sein, als wenn wir ihnen Widerstand leisten. Wenn Sie das nicht zugeben, ist Ihre Liebe von anderer Natur als die meinige.«

»Von welcher Natur ist denn die Liebe, die ich das Glück gehabt habe Ihnen einzuflößen?«

»Sie ist von solcher Art, daß der Genuß sie nur steigern könnte; trotzdem scheint dieser mir nur eine fast überflüssige Zugabe zu meiner Liebe zu sein.«

»Welches ist denn nach Ihrer Meinung das wesentliche Gefühl jeder Liebe?«

»Daß man in einer durch nichts zu störenden Eintracht beisammen lebt.«

»Dies ist ein Glück, das uns vom Morgen bis zum Abend beschert ist; aber warum sollten wir nicht jenes Zubehör hinzufügen, das uns nur wenige Augenblicke beschäftigen und das unseren liebenden Herzen die Ruhe und den Frieden geben wird, den wir bedürfe»? Außerdem, göttliche Pauline, werden Sie zugeben, daß dieses Zubehör der eigentlichen Liebe als Nahrung dient.«

»Ich gebe es zu; aber geben auch Sie Ihrerseits zu, daß diese Nahrung ihr fast immer tödlich wird.«

»Dies ist, glaube ich, nicht der Fall, wenn man wirklich liebt; und dies gilt von mir. Können Sie glauben. Sie werden mich weniger lieben, wenn Sie mich mit der vollen Glut der Zärtlichkeit besessen haben?«

»Nein, das glaube ich nicht; und weil ich vom Gegenteil überzeugt bin, gerade deshalb fürchte ich, der Augenblick der Trennung würde mich zur Verzweiflung bringen.«

»Ich muß vor Ihrer unwiderstehlichen Dialektik die Segel streichen, reizende Pauline. Ich möchte wohl sehen, womit Sie Ihren erhabenen Geist nähren; ich möchte also Ihre Bücher sehen. Sollen wir hinaufgehen? Ich werde nicht ausgehen.«

»Mit Vergnügen; aber Sie werden angeführt sein.«

»Auf welche Weise denn?«

»Kommen Sie nur!«

Wir gehen in ihr Zimmer, ich sehe mir ihre Bücher an und finde lauter portugiesische, mit Ausnahme des Milton in englischer, des Ariosto in italienischer und der Charaktere des Labruyère in französischer Sprache.

»Dies alles, meine liebe Pauline, gibt mir einen sehr hohen Begriff von Ihnen; aber woher diese Vorliebe für Camoens und alle diese anderen Portugiesen?«

»Aus einem sehr natürlichen Grunde: Ich bin Portugiesin.«

»Sie Portugiesin? Ich habe Sie für eine Italienerin gehalten. In Ihrem jugendlichen Alter sprechen Sie fünf Sprachen – denn Sie müssen auch spanisch können.«

»Allerdings, obgleich das nicht durchaus notwendig ist.«

»Welche Erziehung!«

»Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt, aber ich beherrschte diese Sprachen schon mit achtzehn.«

»Sagen Sie mir, wer Sie sind! Sagen Sie mir alles! Ich verdiene Ihr Vertrauen.«

»Ich glaube es, und ich werde es Ihnen beweisen, indem ich mich Ihnen ohne Furcht und ohne Rückhalt anvertraue; denn da Sie mich lieben, so können Sie mir nur wohlwollen.«

»Und was bedeuten alle diese beschriebenen Blätter?«

»Meine Geschichte, die ich hier niedergeschrieben habe. Setzen wir uns!«

Elftes Kapitel


Paulinens Geschichte. – Mein Glück. – Ihre Abreise.

Ich bin die einzige Tochter des unglücklichen Grafen X…., den Carvalho Oeiras nach dem den Jesuiten zugeschobenen Anschlag auf das Leben des Königs im Gefängnis sterben ließ. Ich weiß nicht, ob mein Vater schuldig, oder ob er ein unschuldiges Opfer einer Privatrache war; aber soviel weiß ich, daß der tyrannische Minister es nicht gewagt hat, ihm den Prozeß zu machen oder sein Vermögen zu konfiszieren; ich bin daher im Besitz desselben, kann aber Einkünfte davon nur beziehen, wenn ich wieder in meine Heimat zurückkehre.

Meine Mutter ließ mich in einem Kloster erziehen, dessen Äbtissin ihre Schwester war; diese hielt mir alle möglichen Lehrer, unter anderen auch einen gelehrten Italiener aus Livorno, der mich in sechs Jahren alles lehrte, was ich nach seiner Ansicht wissen durfte. Ich fand ihn stets bereit, meine Fragen zu beantworten, soweit sie nicht die Religion betrafen; aber ich muß gestehen, daß seine Zurückhaltung in dieser Hinsicht mir durchaus nicht mißfiel, sondern im Gegenteil ihn mir noch lieber machte, denn er ließ es sich angelegen sein, mein Urteil zu bilden, und gab meinem Geist Nahrung, indem er mich lehrte, selber nachzudenken und zu urteilen.

Als ich achtzehn Jahre alt war, nahm mein Großvater mich aus dem Kloster, obgleich ich erklärt hatte, ich würde mit Vergnügen solange bleiben, bis sich die Gelegenheit böte, mich zu verheiraten. Ich hing mit zärtlicher Liebe an meiner Tante, die seit dem Tode meiner guten Mutter alles aufbot, um mir den doppelten Verlust, den ich erlitten hatte, weniger schmerzlich zu machen. Mein Austritt aus dem Kloster war für mein ganzes Leben entscheidend, und da er nicht auf meinen Willen erfolgt war, so habe ich ihn nicht zu bereuen gehabt.

Mein Großvater brachte mich zu seiner Schwägerin, der Marchesa X…. mo, die mir die Hälfte ihres Palastes einräumte. Man gab mir auch eine Hausdame, eine Gesellschafterin, Kammerzofen, Pagen und Bediente, die alle unter dem unmittelbaren und ausschließlichen Befehl der Hausdame standen, einer Adeligen, die zum Glück eine rechtliche und sehr gute Frau war.

Ein Jahr nach meinem Eintritt in die Welt kam mein Großvater zu mir und sagte mir in Gegenwart meiner Hausdame, Graf Fl…. bewerbe sich um mich für seinen Sohn, der an demselben Tage aus Madrid eintreffen solle.

»Was haben Sie ihm geantwortet, mein lieber Papa?«

»Daß diese Heirat dem ganzen Adel nur angenehm sein könne und gewiß die Billigung des Königs und der ganzen königlichen Familie finden werde.«

»Aber, lieber Großpapa, weiß man denn auch gewiß, daß ich dem Grafen gefalle, und andererseits, daß ich ihn nach meinem Geschmack finde?«

»Daran zweifelt man nicht, liebes Kind, und braucht sich also nicht damit zu beschäftigen.«

»Aber ich, Großpapa, kann wohl daran zweifeln, und in meinem Interesse liegt es, daran zu denken. Wir werden also sehen.«

»Ihr werdet euch vor dem Abschluß der Heirat sehen, aber an dem Zustandekommen der Vermählung kann dies nichts mehr ändern.«

»Ich wünsche es, ich hoffe es sogar, lieber Großpapa; aber wir wollen es nicht verschwören, sondern abwarten.«

Als mein Großvater fortgegangen war, sagte ich meiner Hausdame, ich sei fest entschlossen, meine Hand nur dem Manne zu geben, dem ich mein Herz schenken würde; und das würde ich nur tun, nachdem ich den Charakter des Betreffenden geprüft hätte und zu der Überzeugung gekommen wäre, daß er mich glücklich machen könnte. Meine Hausdame antwortete mir nicht, und als ich sie bestimmte, mir ihre Meinung zu sagen, antwortete sie mir, in einer so zarten Angelegenheit müsse sie sich Schweigen zur Pflicht machen. Dies sagte mir klar und deutlich, daß sie meine Ansicht billigte, oder wenigstens glaubte ich dies.

Gleich am nächsten Tage suchte ich meine Tante, die Äbtissin, auf. Sie hörte mich mit gütiger Teilnahme an und sagte mir dann, es sei zu wünschen, daß der Graf mir gefalle und daß ich seine Eroberung mache. Aber selbst wenn das nicht der Fall wäre, so würde die Heirat wahrscheinlich doch zustande kommen; denn sie glaube zu wissen, daß dieser Plan von der Prinzessin von Brasilien herrühre, die den Grafen Fl. begünstige.

Obgleich diese Nachricht mich sehr betrübte, war es mir doch lieb, daß ich sie erfahren hatte; sie bestärkte mich nur in meinem Entschluß, mich nur zu verheiraten, wenn die Partie nach meinem eigenen Wunsch wäre.

Nach vierzehn Tagen kam Graf Fl. mit seinem Vater. Mein Großvater stellte ihn mir vor; mehrere Damen waren dabei zugegen. Vom Heiraten war nicht die Rede, aber man ließ den jungen Herrn viel von fremden Ländern und von den Sitten und Gebräuchen anderer Völker erzählen. Ich hörte alles mit der größten Aufmerksamkeit an und tat selber fast nicht ein einziges Mal den Mund auf. Da ich wenig Welterfahrung, besaß, konnte ich über den Bewerber nicht durch Vergleichung urteilen; aber es schien mir unmöglich zu sein, daß er wirklich Ansprüche darauf machte, einer Frau zu gefallen, und daß ich ihm jemals angehören könnte. Er war ein anmaßender Spötter, ein schlechter Spaßmacher, albern, dumm und fromm bis zum Aberglauben und Fanatismus, Außerdem – und das ist in dem Auge jedes Weibes wichtig – war er häßlich, schlecht gewachsen und dermaßen eitel, daß er sich nicht schämte, in spöttischer und verächtlicher Weise von mehreren galanten Abenteuern zu erzählen, die er in Frankreich und Italien gehabt haben wollte.

Voller Hoffnung, ihm nicht gefallen zu haben, ging ich nach Hause; denn ich hatte mich nicht liebenswürdig gegen ihn gezeigt; ein achttägiges Schweigen bestärkte mich in dieser angenehmen Meinung. Aber meine Täuschung wurde mir gar bald genommen. Meine Großtante lud mich zum Essen ein; ich fand den Dummkopf und dessen Vater anwesend, und mein Großvater stellte mir den Sohn als meinen künftigen Gatten vor und bat mich, den Tag festzusetzen, um den Heiratevertrag zu unterschreiben. Da ich entschlossen war, lieber mein Todeseurteil zu unterzeichnen, so antwortete ich ziemlich höflich, aber in sehr lautem und festem Ton: ich würde den Tag bestimmen, wenn ich mich entschlossen hätte, mich zu verheiraten; aber dazu wäre Zeit nötig. Beim Essen ging es sehr still her; ich öffnete den Mund nur zu einsilbigen Antworten, wenn ich durchaus nicht umhin konnte, auf unmittelbare Fragen zu erwidern, die von den anderen Gästen, außer dem mir ekelhaften Dummkopf, an mich gerichtet wurden. Nach dem Kaffee entfernte ich mich, indem ich nur meine Tante und meinen Großvater grüßte.

Abermals verflossen mehrere Tage, ohne daß ich jemanden sah, und ich begann schon zu hoffen, daß ich den jungen Herrn von jeder weiteren Bewerbung um meine Person abgeschreckt hätte; da ließ meine Hausdame mir sagen, Vater Freire sei im Vorzimmer und wünsche mit mir zu sprechen. Ich ließ ihn eintreten; er war der Beichtvater der Prinzessin von Brasilien, und nach einigen einleitenden Redensarten sagte er mir, die Prinzessin habe ihn beauftragt, mir zu meiner bevorstehenden Heirat mit dem Grafen Fl. Glück zu wünschen.

Ohne mir irgendwelche Überraschung anmerken zu lassen, antwortete ich ihm, ich sei für die Güte Ihrer Königlichen Hoheit gebührend dankbar; aber es sei noch nicht fest entschieden, denn ich denke noch nicht daran, mich zu verheiraten.

Der Priester war ein feiner Höfling; er sagte mir mit einem halb gütigen, halb spöttischen Lächeln, ich habe das Glück, mich in dem schönen Alter zu befinden, wo ich an nichts zu denken brauche, da ich diese Sorge meinen mich liebenden Verwandten überlassen könne. Meine Entscheidung sei also eine reine Formsache, die sich in einem Augenblick erledigen lasse.

Ich antwortete ihm nur durch ein ungläubiges Lächeln, das er trotz seiner Mönchsschlauheit für Verlegenheit eines jungen Mädchens halten konnte.

Da ich voraussah, daß man mich hartnäckig verfolgen würde, fuhr ich gleich am nächsten Tags mit meiner Hausdame zu meiner Tante, der Äbtissin, die mir in meiner Verlegenheit einen Rat nicht verweigern konnte. Dieser Rat sollte jedoch nur die äußeren Formen betreffen, denn ich erklärte ihr von Anfang an meinen festen Entschluß, lieber zu sterben, als jemals meine Einwilligung zur Heirat mit einem mir widerwärtigen Menschen zu geben.

Die gute Nonne antwortete mir, man habe ihr den Grafen vorgestellt; sie habe ihn allerdings ebenfalls unleidlich gefunden, befürchte aber doch, man werde Mittel finden, mich trotz meinem Widerwillen zu dieser Vereinigung zu zwingen.

Diese Antwort machte auf mich einen solchen Eindruck, daß es mir nicht möglich war, noch ein Wort über die Sache zu sagen; ich sprach daher bis zum Ende meines Besuches von allen möglichen anderen Dingen. Kaum aber war ich wieder zu Hause, so faßte ich, nur der Stimme meiner Verzweiflung folgend, und ohne einen Menschen zu Rate zu ziehen, den seltsamsten Entschluß: ich schloß mich in mein Zimmer ein und schrieb an den Henker meines unglücklichen Vaters, den unbarmherzigen Oeiras. Ich setzte ihm die ganze Angelegenheit auseinander und flehte ihn um seine Fürsprache beim König an. Ich schrieb ihm, er sei mir diese schuldig, denn er habe mich zur Waise gemacht und dadurch vor Gott die Verpflichtung auf sich genommen, mein Beschützer zu sein. Ich wünsche, daß er mich vor der Ungnade der Prinzessin von Brasilien beschütze, und daß man mir die Freiheit lasse, über meine Hand nur zugleich mit meinem Herzen zu verfügen.

Ich setzte zwar bei Pombal keine Menschlichkeit voraus, aber ich konnte doch annehmen, daß auch er ein Menschenherz hätte, und daß ich dieses rühren könnte; übrigens glaubte ich durch meine feste und entschlossene Sprache seine Teilnahme zu erregen und durch meinen ungewöhnlichen Schritt seinem Stolz zu schmeicheln. Ich war überzeugt, daß er sich bemühen werde, mir Gerechtigkeit zu verschaffen, um mir zu beweisen, daß er gegen meinen Vater nicht ungerecht gewesen sei. Wie man sehen wird, täuschte ich mich nicht; obgleich ich noch ein ganz junges Mädchen war, Menschen und Welt nicht kannte, hatte mein Instinkt mir das richtige gesagt.

Zwei Tage, nachdem ich meinen Brief durch einen Pagen hatte bestellen lassen, kam ein Abgesandter Pombals zu mir und ließ mich um die Ehre einer geheimen Unterredung bitten. Er sagte mir, Oeiras lasse mir vertraulich raten, ich solle allen denen, die mir zu dieser Heirat zureden würden, antworten: ich würde mich nicht eher entscheiden, als bis man mich davon überzeugt hätte, daß Ihre Königliche Hoheit die Prinzessin von Brasilien diese Heirat wünschte. Der Minister ließ mich um Entschuldigung bitten, daß er mir nicht schriftlich antworte; er habe zwingende Gründe, so zu handeln; aber ich könne mich auf ihn verlassen.

Nachdem der Bote das gesagt hatte, machte er mir eine tiefe Verbeugung und entfernte sich, ohne mir Zeit zu einer Antwort zu lassen. Übrigens hatte mich, das muß ich gestehen, der Anblick dieses jungen Boten stumm gemacht. Ich kann den Eindruck nicht beschreiben, den er auf meinen Geist machte; aber ich muß sagen, daß er den größten Einfluß auf mein Verhalten geübt hat und ohne Zweifel auch auf mein ganzes übriges Leben üben wird.

Die Botschaft des Ministers benahm mir alle Unruhe; denn er konnte in solcher Weise nie zu mir gesprochen haben, wenn er nicht die Gewißheit hatte, daß die Prinzessin sich nicht mehr um die Heirat bekümmern würde. Ich überließ mich nun völlig dem neuen Gefühl, das mich beherrschte. Aber so stark dies Gefühl auch war, es würde sich ohne Zweifel verwischt haben, wenn es nicht jeden Tag neue Nahrung erhalten hätte. Als ich fünf oder sechs Tage später dem jungen Boten in der Kirche begegnete, erkannte ich ihn kaum; von diesem Augenblick an jedoch traf ich ihn überall: auf der Promenade, im Theater, in den Häusern, wo ich Besuche machte. Wenn ich aus dem Wagen steigen oder wieder einsteigen wollte, stets war er da, um mir seine Hand zu reichen. Ich gewöhnte mich dermaßen daran, ihn zu sehen und an ihn zu denken, daß ich unruhig wurde, wenn ich ihn einmal nicht in der Kirche fand; ich verspürte dann eine Leere, die mich unglücklich machte.

Fast alle Tage sah ich die Grafen Fl. bei meiner Großtante; da aber von einer Heirat zwischen uns nicht mehr die Rede war, so sah ich sie ohne Verdruß wie ohne Vergnügen. Ich hatte ihnen verziehen, aber ich war nicht glücklich. Das Bild des jungen Boten, dessen Name und Rang mir immer noch unbekannt waren, verfolgte mich ohne Unterlaß, und ich errötete über meine Gedanken, obgleich ich mir selber keine Rechenschaft darüber abzulegen wagte.

In diesem Geisteszustand befand ich mich, als eines Morgens der Klang einer mir unbekannten Stimme mich in das Zimmer meiner Kammerjungfer lockte. Ich sah auf einem Tisch Spitzen ausgebreitet und trat heran, ohne auf ein junges Mädchen zu achten, das dabei stand und mir eine Verbeugung machte. Als ich nichts davon nach meinem Geschmack fand, sagte sie, sie werde am nächsten Tage eine neue Auswahl bringen. Ich warf einen Blick auf sie und sah zu meiner Überraschung vor mir das Gesicht des Jünglings, der Tag und Nacht meine Gedanken beschäftigte. Ich zweifelte jedoch, daß er es wirklich sei, und dachte, ich könne auch durch eine zufällige Ähnlichkeit getäuscht sein. Es beruhigte mich etwas, daß das Mädchen mir größer vorkam. Außerdem erschien eine solche Kühnheit mir doch unwahrscheinlich. Das Mädchen packte die Spitzen wieder zusammen und entfernte sich, ohne mir ins Gesicht zu sehen; dies vermehrte meinen Verdacht.

»Kennen Sie dieses Mädchen?« fragte ich in gleichgültigem Ton meine Kammerjungfer. Sie antwortete mir: »Ich sehe sie heute zum ersten Mal.«

Ich glaubte dies nicht, aber ich ging hinaus, ohne ein Wort zu sagen.

Fortwährend mußte ich an diese Ähnlichkeit denken, und da ich mir beinahe lächerlich vorkam, bemühte ich mich, diesen Gedanken zu verjagen, zugleich aber beschloß ich, mit dem Mädchen zu sprechen, wenn es wiederkommen sollte, und es zu entlarven, wenn mein Verdacht begründet wäre. Ich sagte mir, vielleicht sei sie eine Schwester des jungen Mannes, in den ich mich verliebt hätte; sie könne also wohl unschuldig sein, und wenn dies der Fall wäre, würde es mir vielleicht weniger schwer werden, von meiner Leidenschaft zu genesen. Ein junges Mädchen, das über Herzensangelegenheiten nachdenkt, legt einen großen Weg zurück, ohne es zu merken, besonders, wenn sie niemanden hat, dem sie sich anvertrauen kann, und der sie vor falschen Schritten zu bewahren vermag, zu denen sich so reiche Gelegenheit bietet.

Die angebliche Modistin kam pünktlich mit einem Kasten voll Blonden und Spitzen. Unverzüglich ließ ich sie in mein Zimmer eintreten, sobald man sie mir meldete. Ich wollte sie nötigen, mich anzusehen, und redete sie daher an. Sofort bemerkte ich, daß ich unzweifelhaft das Wesen vor mir hatte, dem alle meine Gedanken gehörten, und das eine Macht über mich ausübte, die mich völlig bezwang. Ich war so bewegt, daß ich nicht imstande war, auch nur eine einzige von den Fragen an ihn zu richten, die ich mir vorher zurecht gelegt hatte. Außerdem war meine Jungfer anwesend, und die Befürchtung, mich in ihren Augen bloßzustellen, hielt mich, wie ich glaube, ebenso stark zurück wie meine Aufregung. Mechanisch begann ich einige Blonden auszusuchen. Als ich aber meine Zofe hinausgeschickt hatte, um meine Börse zu holen, fiel plötzlich die falsche Spitzenhändlerin mir zu Füßen und rief in leidenschaftlichem und doch ehrerbietigem Tone:

»Entscheiden Sie, ob ich leben oder sterben soll, Madame! Sie erkennen mich!«

»Ja, ich erkenne Sie, und ich kann Sie nur für wahnsinnig halten.«

»Ja, ich bin es vielleicht, Madame; aber ich bin wahnsinnig vor Liebe und Verehrung: ich bete Sie an.«

»Stehen Sie auf. Meine Kammerjungfer kommt gleich wieder.«

»Sie kennt mein Geheimnis.«

»Wie? Sie haben gewagt… ?«

Er stand auf. Die Kammerjungfer trat ein und zählte ihm mit größter Ruhe sein Geld auf. Er warf die auf dem Tisch herumliegenden Spitzen in den Kasten, machte mir eine tiefe Verbeugung und ging.

Es wäre natürlich gewesen, wenn ich nach seinem Fortgehen mit meiner Kammerfrau gesprochen hätte; noch natürlicher aber wäre es gewesen, wenn ich sie auf der Stelle fortgeschickt hätte. Ich hatte nicht den Mut dazu, und über meine Schwäche werden nur strenge Sittenrichter sich wundern, die das Herz eines jungen Mädchens nicht kennen, und die ohne Wohlwollen der Lage gegenüberstehen, worin ich mich befand: jung, verliebt und nur auf mich selber angewiesen.

Da ich nicht sofort getan hatte, was strenge Pflicht mir sofort geboten hätte, wenn ich mich mit ruhiger Überlegung nur nach dieser gerichtet hätte, so sah ich bald, daß es zu spät war. Wie man ja stets leicht Trostgründe zu finden weiß, wenn man sich selber in eine unangenehme Lage gebracht hat, so überredete ich mich, ich könnte so tun, wie wenn ich nicht wüßte, daß meine Kammerjungfer das Geheimnis kannte. Ich beschloß also, nichts zu sagen; ich hoffte, ich würde den kecken Jüngling nicht wiedersehen, und die Sache würde damit erledigt sein.

Dieser Entschluß war jedoch nur einer augenblicklichen verdrießlichen Regung entsprungen. Denn als vierzehn Tage vergangen waren, ohne daß ich dem jungen Manne auf den Spaziergängen oder im Theater oder an den sonstigen Orten begegnete, wo ich ihn früher getroffen hatte, wurde ich traurig und träumerisch, obgleich ich darüber errötete, daß ein Gefühl, dessen Gegenstand meiner vielleicht nicht würdig war, mich so völlig unterjochte. Ich brannte vor Verlangen, seinen Namen zu erfahren, und diesen konnte mir nur meine Kammerjungfer sagen, denn ich konnte natürlich nicht zu Oeiras gehen und diesen fragen. Ich verabscheute meine Kammeriungfer und errötete, wenn ich sie vor mir sah. Ich bildete mir ein, sie wisse, daß ihr Vergehen mir bekannt sei, und sie habe Spaß an meiner Zurückhaltung. Andererseits fürchtete ich, diese Zurückhaltung könnte ihr einen unziemlichen Begriff von meiner Ehre geben. Mit einem Wort, ich befürchtete, sie könnte glauben, daß ich den Jüngling liebte, und der bloße Gedanke an diesen Verdacht, der mir schimpflich schien, brachte mich auf. Der allzu kühne junge Mensch erschien mir mehr beklagenswert als tadelnswert; denn ich dachte nicht daran, daß er sich für geliebt halten könnte; ich fühlte mich daher genügend dadurch gerächt, daß er glauben würde, ich müßte ihn verachten.

Aber so dachte ich nur in den Augenblicken, wo meine Eitelkeit stärker war als meine Liebe, und diese Augenblicke waren von kurzer Dauer; denn bald rächte die Verzweiflung ihn an meinem Stolz: da ich ihn nicht mehr sah, so bildete ich mir ein, er habe beschlossen, nicht mehr an mich zu denken, und habe mich vielleicht schon vergessen.

Ein Zustand so heftiger Gemütsbewegung kann nicht sehr lange dauern; denn wenn kein äußerer Anlaß die Ruhe des gequälten Geistes wiederherstellt, so macht dieser bald eine Anstrengung aus sich selber heraus, um das verlorene Gleichgewicht wiederzufinden.

Als die Verräterin mir eines Tages ein Spitzentuch umlegte, das ich von der falschen Modistin gekauft hatte, sagte ich zu ihr: »Was ist denn eigentlich aus dem Mädchen geworden, von dem ich diese Spitzen gekauft habe?«

Ich stellte diese Frage ohne vorherige Überlegung; sie war eine Eingebung meines guten oder meines bösen Geistes.

Meine Kammerjungfer war ebenso schlau wie ich naiv gewesen war. Sie antwortete mir, die Modistin habe ohne Zweifel deshalb nicht wiederzukommen gewagt, weil sie befürchtet habe, ich hätte ihre Verkleidung bemerkt.

»Selbstverständlich habe ich diese bemerkt; aber es wundert mich nicht wenig, daß Sie wissen, daß unter dieser Verkleidung sich ein junger Mann verbarg.«

»Madame, ich glaubte nichts zu tun, was Ihnen mißfallen könnte; denn ich kannte ihn persönlich.«

»Wer ist er?«

»Graf von Al…., den Sie ohne Zweifel wiedererkannt haben; denn Sie haben ihn vor ungefähr vier Monaten in diesem selben Zimmer empfangen.«

»Das ist wahr; es ist sogar möglich, daß ich ihn wiedererkannt habe; aber ich wünsche zu wissen, warum Sie gelogen haben, als ich Sie fragte, ob Sie dies Mädchen kennen?«

»Madame, ich habe gelogen, um Sie nicht in Verlegenheit zu bringen. Außerdem habe ich befürchtet, Sie würden ärgerlich darüber sein, daß ich die Maske kannte.«

»Sie hätten mir mehr Ehre angetan, wenn Sie das Gegenteil angenommen hätten. Als Sie in Ihrem Zimmer waren, befahl ich ihm sofort zu gehen; ich sagte ihm, seine Handlungsweise sei ein Wahnsinn und er müsse befürchten, daß Sie ihn vor mir auf den Knien fänden. Da sagte er mir: Sie seien in das Geheimnis eingeweiht!«

»Wenn es ein Geheimnis ist, so gestehe ich es; aber ich sah die ganze Sache als einen Spaß ohne Bedeutung an.«

»Ich will diese Möglichkeit nicht bestreiten; ich aber habe der Sache eine solche Bedeutung beigelegt, daß ich, um Sie nicht fortjagen zu müssen, beschlossen habe, darüber zu schweigen, wie wenn ich nichts gesehen hätte.«

»Ich hatte mir eingebildet, Madame, diese Maskerade könne Ihnen nur Spaß machen; da ich nun aber erfahre, daß Sie sie ernst genommen haben und böse darüber sind, so bin ich wirklich in Verzweiflung, mir gewissermaßen vorwerfen zu müssen, daß ich meine Pflicht verletzt habe.«

Wie schwach ist ein Frauenherz, wenn die Liebe es eingenommen hat! Ich sah in dieser Erklärung, die mir die ganze Größe des von meiner Dienerin begangenen Fehlers hätte enthüllen müssen, nur eine volle Rechtfertigung. Allerdings machte sie mein Herz ruhig, und das war damals viel, aber mein Geist fand trotzdem noch nicht jene Ruhe, deren er bedurfte. Ich wußte, daß es einen jungen Grafen Al…. gab, der aus sehr gutem Hause stammte, aber gar kein Vermögen hatte. Er hatte weiter nichts als den Schutz des Minister und Aussicht auf eine gute Anstellung. Der Gedanke, daß der Himmel mich vielleicht dazu bestimmt hätte, die Ungerechtigkeit des Glücks wieder auszugleichen, wiegte mich zuweilen in süße Träume, und dann ertappte ich mich dabei, zu finden, daß meine Kammerjungfer mehr Geist hätte als ich, indem sie den gewagten Schritt des Grafen als eine Eulenspiegelei ansähe, die die Liebe entschuldigen müsse. Ich ging sogar so weit, mein gewissenhaftes Zartgefühl lächerlich zu finden und es nur für Prüderie zu halten. Ich war mehr verliebt, als ich selber glaubte, und das kann meine übrige Auffassung verzeihlich machen: ich hatte keinen Menschen, dem ich mich hätte anvertrauen können, keinen Menschen, der mich hätte leiten oder beraten können.

Aber nach solchen tröstlichen Gedanken kamen andere von düsterer Art. Es war die Kehrseite der Medaille. Mein Geist glich einem ebbenden und flutenden Meere, das bald ruhig, bald bewegt war. Da der Graf anscheinend beschlossen hatte, mich nicht mehr zu sehen, so mußte ich annehmen, daß er entweder sehr beschränkten Geistes, oder daß seine Liebe sehr gering war. Dies schmerzte mich mehr als alles andere, denn eine solche Annahme demütigte mich. Ich sagte zu mir selber: wenn der Graf es übel genommen hat, daß sein Wagnis mir als die Handlungsweise eines Wahnsinnigen vorkam, so ist er ganz gewiß nicht zartfühlend und verständig, also auch meiner Zärtlichkeit nicht würdig.

Während ich mich in dieser grausamen Ungewißheit befand, dem Schlimmsten, was es auf der Welt gibt, nahm meine Kammerjungfer es auf sich, dem Grafen zu schreiben, er könne sie in der gleichen Verkleidung besuchen; sie sei überzeugt, ich werde ihre Kühnheit nicht tadeln.

Er folgte ihrem Rat, und eines schönen Morgens trat die schlaue Zofe bei mir ein und sagte mir lachend, die falsche Modistin sei mit allerlei Tand in ihrem Zimmer. Diese Nachricht regte mich sehr auf; doch gelang es mir, mich zu beherrschen, so daß ich meine Aufregung wenigstens zum Teil verbergen konnte, und ich lachte wie sie, obgleich die Sache mir durchaus nicht lächerlich vorkam.

»Soll ich sie hereinkommen lassen, Madame?«

»Bist du verrückt?«

»Soll ich sie fortschicken?«

»Nein, ich werde selber kommen und mit ihr sprechen.«

An diesem Tage begann unsere große Liebesgeschichte. Während meine Kammerjungfer aus und ein ging, hatten wir vollauf Zeit, uns zu verständigen und uns gegenseitig alle gewünschten Erklärungen abzugeben. Ich gestand ihm offen, daß ich ihn liebe; aber ich machte ihm begreiflich, daß die Klugheit von mir verlange, ihn zu vergessen, weil es nicht wahrscheinlich wäre, daß meine Verwandten jemals ihre Einwilligung zu unserer Verbindung geben würden. Er dagegen erklärte mir, der Minister habe beschlossen, ihn unverzüglich nach England zu schicken, und er werde an Verzweiflung sterben, wenn er nicht die Hoffnung mitnehmen könne, mich eines Tages zu besitzen. Denn er liebe mich zu sehr, um sich darein fügen zu können, daß er ohne mich leben solle. Er bat mich, ihm zu erlauben, daß er mich zuweilen in seiner Verkleidung aufsuchen dürfe. Obgleich ich ihm nichts verweigern zu dürfen glaubte, wandte ich doch ein, daß wir uns dadurch großen Gefahren aussetzen könnten.

»Mir genügt es,« rief er feurig und voller Zärtlichkeit, »daß ich nichts für Sie zu befürchten habe: meine Besuche können niemals Ihnen zugeschrieben werden, sondern stets nur Ihrer Kammerjungfer.«

»Aber mir genügt es, daß ich um Sie in Furcht sein müßte; denn schon Ihre Verkleidung ist ein Verbrechen; Ihr guter Ruf würde darunter leiden, und das wäre kein gutes Mittel, uns der Erfüllung unserer Wünsche näher zu bringen.«

Obgleich ich diese Einwendungen machte, sprach doch mein Herz zu seinen Gunsten, außerdem wußte er seine Sache so beredt zu vertreten, er versprach mir, so vorsichtig zu sein, daß ich ihm schließlich sagte, er könne sicher sein, daß ich ihn stets mit dem größten Vergnügen sehen werde.

Graf Al…. war zweiundzwanzig Jahre alt und ist kleiner als ich; er ist schlank und gut gewachsen, so daß er in seiner Verkleidung als Frau schwer zu erkennen war; auch ist seine Stimme sehr sanft. Er weiß Bewegungen und Benehmen einer Frau täuschend nachzuahmen; er hat sehr schwachen Bartwuchs und ist so schön, daß mehr als eine Frau gern damit einverstanden sein würde, ihm ähnlich zu sehen.

So kam denn also der Graf fast drei Monate lang jede Woche drei- oder viermal; wir trafen uns stets im Zimmer meiner Vertrauten, und fast immer war diese zugegen. Aber wenn wir auch volle Freiheit gehabt hätten, so würde er doch niemals auch nur die geringste Rücksichtslosigkeit begangen haben; denn er befürchtete zu sehr, mir zu mißfallen. Heute glaube ich, daß diese gegenseitige Zurückhaltung mächtig dazu beigetragen hat, die Glut anzufachen, die uns verzehrte; denn wenn wir an den nahe bevorstehenden Augenblick der Trennung dachten, kam Traurigkeit über uns, und wir versanken in einen stummen Schmerz. Trotzdem aber dachten wir gar nicht daran, irgendeinen Entschluß zu fassen, um uns glücklich zu machen. Unsere Liebe machte uns stumpfsinnig, indem sie unseren Geist zu Boden drückte. Wir schmeichelten uns mit der Hoffnung, daß der Himmel irgendein Wunder tun oder daß der Augenblick der Trennung niemals erscheinen würde; oder wir hielten uns die Gedanken daran absichtlich fern. So war denn der Augenblick plötzlich ganz unversehens und natürlich viel zu früh da: wir wußten nicht, ob wir einen Entschluß fassen sollten oder nicht.

Eines Morgens kam der Graf früher als gewöhnlich und teilte mir unter Tränen mit, der Minister habe ihm am Tage vorher einen Brief an den portugiesischen Gesandten in London, Herrn de Saa, gegeben; ein zweiter offener Brief sei an den Kapitän einer Fregatte gerichtet, die von Ferrol erwartet werde und die nach einem Aufenthalt von wenigen Stunden nach England weitersegeln solle. In diesem zweiten Brief befahl der Minister dem Kapitän, den Grafen Al…. an Bord zu nehmen, ihn nach England zu bringen und ihn mit Auszeichnung zu behandeln.

Mein armer Liebhaber war völlig vernichtet; Tränen erstickten seine Stimme, und sein Kopf befand sich in einem Zustande, daß er keine zwei Gedanken miteinander verbinden konnte. Ich sah nur seinen Schmerz und meine Liebe, und da er selber nicht handeln konnte, so faßte ich augenblicklich den kühnen Plan, mit ihm als sein Bedienter zu reisen, oder noch besser ihn als seine Frau zu begleiten, damit ich mein Geschlecht nicht zu verbergen brauchte. Als ich ihm meinen Plan mitteilte, war er von freudiger Überraschung wie geblendet. Das Übermaß des Glückes versetzte ihn in eine solche Aufregung, daß er nicht imstande war, über eine so wichtige Sache nachzudenken, sondern alles meinem Willen überließ. Wir verabredeten, am nächsten Tage ausführlicher darüber zu sprechen, und trennten uns dann.

Da ich voraussah, daß es mir vielleicht Schwierigkeiten machen würde, mein Haus in Frauenkleidung zu verlassen, so beschloß ich, mich als Mann zu verkleiden; da ich aber als solcher nur als Kammerdiener meines Geliebten auftreten konnte, so überlegte ich mir, daß ich im Falle einer stürmischen Seefahrt Strapazen ausgesetzt sein würde, die über die Kräfte einer zarten Frau gehen würden. Infolgedessen kam ich auf den Gedanken, selber den Herrn zu spielen, falls etwa der Kapitän den Grafen nicht persönlich kennen sollte; indem ich diesen Plan weiter ausdachte, widerstrebte es mir jedoch, meinen Geliebten als Diener auftreten zu sehen, und ich beschloß daher, ihn für meine Frau auszugeben. Sobald wir in England an Land gestiegen sind, sagte ich bei mir selber, werden wir uns heiraten, und dann legt ein jedes wieder die Kleider seines Geschlechtes an. Durch unsere eheliche Verbindung wird der Makel unserer Flucht getilgt; vielleicht wird man meinen Liebhaber anklagen, mich entführt zu haben; aber man entführt eine junge Dame doch nicht ohne ihre Einwilligung, und es ist nicht anzunehmen, daß Graf Oeiras mich verfolgen wird, weil ich seinen Günstling glücklich gemacht habe. Um bis zum Eintreffen meiner Einkünfte leben zu können, wird der Verkauf meiner Diamanten, über die ich verfügen kann, uns genügende Mittel geben.

Als ich am nächsten Tage dem Grafen diesen seltsamen Plan mitteilte, konnte oder wollte er nichts dagegen einwenden. Das einzige Hindernis war nach seiner Meinung die Möglichkeit, daß der Kapitän des erwarteten Kriegsschiffes ihn persönlich kannte. Dies schien ihm jedoch nicht wahrscheinlich zu sein, und wir mußten das Wagnis eben auf uns nehmen. Wir machten ab, daß er mir die nötigen Kleider für meine neue Rolle sofort besorgen solle.

Ich sah meinen Liebhaber erst drei Tage darauf bei Einbruch der Nacht wieder. Ihm war von der Admiralität mitgeteilt worden, daß die Fregatte von Ferrol angekommen sei und an der Mündung des Tajo liege; der Kapitän werde sofort wieder absegeln, wenn er an Bord komme; er sei nur an Land gegangen, um seine Depeschen zu überbringen und vom Marineministerium neue Befehle zu erhalten. Graf Al…. werde daher aufgefordert, um Mitternacht an einem bestimmten Ort zu sein, wo eine Schaluppe ihn erwarten werde, um ihn an Bord zu bringen.

Da ich fest entschlossen war, so brauchte ich nichts mehr zu wissen als den Ort, wo wir uns treffen sollten. Ein Unwohlsein vorschützend, schloß ich mich in mein Zimmer ein, packte die allernotwendigsten Sachen und das kostbare Juwelenkästchen in ein Köfferchen, zog Männerkleider an und verließ den Palast auf einer Treppe, die nur für die Dienstboten bestimmt war. Ich wurde nicht einmal von dem Türhüter bemerkt, als ich die Schwelle meines Palastes überschritt.

Etwa hundert Schritte vom Hause erwartete mich der Graf, der befürchtet hatte, ich könnte mich vielleicht verirren. Es war für mich eine angenehme Überraschung, als er meinen Arm nahm und mir gleichzeitig sagte: Ich bin’s. An dieser einfachen und natürlichen Vorsicht erkannte ich, daß er Verstand hatte; denn da er meine Entschlossenheit noch nicht kannte, hatte er gefürchtet, mich zu erschrecken, wenn er mich berührte, ohne sich zu erkennen zu geben. Wir gingen zusammen in ein Haus, wo er seinen Koffer hatte, und in einer halben Stunde war er vollständig umgezogen. Als alles fertig war, holte ein Packträger unser geringes Gepäck, und wir gingen ans Ufer des Flusses, wo die Schaluppe bereits auf uns wartete. Es war elf Uhr, als wir vom Ufer abstießen. Da ich glaubte, daß mein Schmuckkästchen in seiner Tasche sicherer sei als in meinem Koffer, so gab ich es ihm. Geduldig warteten wir auf die Ankunft des Kapitäns. Gegen Mitternacht kam er mit seinen Offizieren; er trat auf mich zu und sagte mir, er habe Befehl, mich mit Auszeichnung zu behandeln. Ich dankte ihm herzlich für seinen Empfang und stellte ihm hierauf meine Frau vor. Er begrüßte diese ehrerbietig und sagte ihr, er sei entzückt, eine liebenswürdige Landsmännin an Bord zu haben, der wir gewiß eine glückliche Fahrt zu verdanken haben würden. Er war zu galant, um es auffällig zu finden, daß der Minister, der ihm den Grafen so angelegentlich empfohlen hatte, nichts davon erwähnt hatte, daß dessen Gemahlin an der Reise teilnehmen sollte.

In einer kleinen Stunde waren wir auf der Fregatte, die drei Meilen seewärts auf der Reede lag; sobald wir an Bord waren, ließ der Kapitän die Segel setzen. Er führte uns in eine Kajüte, die für ein Kriegsschiff recht bequem war, und entfernte sich dann, nachdem er uns gebeten hatte, uns einzurichten, so gut wir könnten.

Als wir allein waren, dankten wir dem Himmel, daß alles so gut abgegangen war. Wir gingen nicht zu Bett, sondern verbrachten den ganzen Rest der Nacht damit, über den kühnen Schritt uns zu unterhalten, den wir getan oder vielmehr erst begonnen hatten, der aber nach unserer Meinung ein ebenso glückliches Ende haben mußte, wie der Anfang gewesen war. Als der Morgen dämmerte, freuten wir uns, daß Lissabon nicht mehr in Sicht war. Da wir der Ruhe bedürftig waren, warf ich mich auf eine Bank, während der Graf sich in eine breite Hängematte legte. Wir blieben beide in unseren Kleidern.

Kaum hatten wir ein wenig zu schlummern begonnen, so wurden wir von der Seekrankheit befallen, die uns drei Tage lang nicht einen Augenblick Ruhe ließ. Am vierten Tage konnten wir uns kaum noch aufrecht halten; der Hunger quälte uns dermaßen, daß wir alle Selbstbeherrschung aufbieten mußten, um uns von allzu gierigem Essen zurückzuhalten, das uns leicht eine ernstliche Krankheit hätte zuziehen können. Zum Glück für uns hatte der Kapitän einen reichen Vorrat von guten Sachen, und die Mahlzeiten, die wir erhielten, waren sehr gut und lecker zubereitet. Mein Liebhaber, der unter der Seekrankheit noch mehr litt als ich, benützte gerne diesen Vorwand, um die Kajüte nicht zu verlassen; der Kapitän kam nur ein einziges Mal, um ihm einen Besuch zu machen. Wir konnten diese Zurückhaltung nur einer übergroßen Höflichkeit zuschreiben; denn bei uns ist es einem Manne erlaubt, eifersüchtig zu sein, ohne für lächerlich zu gelten. Ich selber war fast den ganzen Tag auf Deck; die frische Luft tat mir wohl, und ich unterhielt mich damit, mit meinem Fernrohr die Gegenstände zu beobachten, die man in der Ferne entdecken konnte.

Am siebenten Tage unserer Fahrt zitterte mir das Herz, wie von einem Vorgefühl von Unglück, als man mir sagte, ein Kriegsschiff, das wir in ziemlich weiter Entfernung bemerkten, sei eine Korvette, die einen Tag nach uns in See gegangen sein müsse, die aber als Schnellseglerin zwei oder drei Tage vor der Fregatte in England ankommen werde.

Obgleich die Überfahrt von Lissabon nach England sehr lange dauert, da man fast das ganze Atlantische Meer zu durchsegeln hat, so kamen wir doch, dank einem leichten Winde, den wir beständig im Rücken hatten, schon am vierzehnten Tage ans Ziel und warfen mit Tagesanbruch im Hafen von Plymouth den Anker aus.

Der Offizier, den der Kapitän an Land schickte, um die Erlaubnis zur Ausschiffung der Passagiere einzuholen, kam gegen Abend wieder an Bord und überbrachte ihm Briefe. Nachdem er einen davon mit ganz besonderer Aufmerksamkeit gelesen hatte, rief der Kapitän mich beiseite und sagte zu mir:

»Dieser Brief ist vom Grafen Oeiras, der mich bei meinem Kopfe dafür verantwortlich macht, daß eine junge, portugiesische Dame mein Schiff nicht verläßt, falls sie sich darauf befinden sollte, es sei denn, daß sie mir persönlich bekannt wäre. Er befiehlt mir, sie nach Lissabon zurückzubringen, nachdem ich einige Aufträge ausgeführt haben werde, die mich noch etliche Tage hier zurückhalten müssen. Auf der Fregatte befindet sich weder eine Frau noch ein Mädchen, mit Ausnahme der Frau Gräfin, Ihrer Gemahlin. Beweisen Sie mir, daß sie wirklich Ihre Frau ist, und ich setze ihrer Landung durchaus kein Hindernis entgegen; sonst aber darf ich, wie Sie begreifen werden, gegen die Befehle des Ministers nicht ungehorsam sein.«

»Sie ist meine Frau«, erwiderte ich ihm kaltblütig. »Da ich jedoch auf etwas Derartiges nicht gefaßt gewesen bin, so habe ich nicht ein einziges Papier bei mir, das Sie davon überzeugen könnte.«

»Das tut mir leid, denn nun wird sie mit mir nach Lissabon zurückfahren, übrigens können Sie sich darauf verlassen, daß sie, gemäß dem ausdrücklichen Befehle des Herrn Ministers, mit aller erdenklichen Ehrerbietung behandelt werden wird.«

»Aber, Herr Kapitän, die Frau ist doch untrennbar von ihrem Gatten!«

»Das gebe ich Ihnen zu, aber ich kann gegen die von meinem Vorgesetzten empfangenen Befehle nichts machen, übrigens hindert Sie ja nichts, auf der Korvette nach Lissabon zurückzufahren. Sie werden vor uns dort sein.«

»Warum kann ich nicht auf dieser Fregatte zurückfahren?«

»Weil ich ausdrücklichen Befehl habe, Sie an Land zu setzen. Da fällt mir ein: warum ist in dem Brief, der mir befiehlt, Sie nach England zu bringen, kein Wort von Ihrer Frau gesagt? Wenn Madame nicht die Person ist, die der Minister sucht, so können Sie sich darauf verlassen, daß man sie Ihnen wieder nach London schicken wird.«

»Werden Sie mir gestatten, noch einmal mit ihr zu sprechen?«

»Gern, aber nur in meiner Gegenwart.«

Mir blutete das Herz, indessen galt es gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Ich suchte den Grafen auf, redete ihn meine liebe Frau an und verkündete ihm den grausamen Befehl, der uns trennen wollte. Ich fürchtete, er würde sich verraten, aber er besaß die Kraft, sich zu beherrschen, und antwortete mir, uns bliebe nichts anderes übrig, als uns zu unterwerfen, da wir ja sicher sein könnten, in einigen Monaten uns wiederzusehen.

Ich konnte ihm in Gegenwart des Kapitäns nichts sagen, als was alle Welt hören durfte. Ich beschränkte mich daher darauf, ihm mitzuteilen, daß ich von London aus unverzüglich an die Äbtissin schreiben werde, daß er in Lissabon diese zu allererst aufsuchen müsse, und daß er von ihr meine Adresse erfahren werde. Ich hütete mich wohl, mein Schmuckkästchen von ihm zu verlangen, denn der Kapitän hätte möglicherweise geglaubt, es in Verwahrung nehmen zu müssen, da ein so reicher Schatz von Diamanten ihn auf die Vermutung bringen konnte, meine angebliche Frau wäre vielleicht irgendein reiches Fräulein, das ich entführt hätte. Wir mußten uns gänzlich unserem Schicksal überlassen. Weinend umarmten wir uns, und der Kapitän, der durch und durch ein Ehrenmann war, weinte ebenfalls, als er den Grafen zärtlich zu mir sagen hörte: »Legen Sie Ihr Glück und das meinige in die Hände dieses würdigen Kapitäns; wir wissen ja, daß wir uns auf einander verlassen können!«

Der Koffer des Grafen wurde in die Schaluppe gebracht, und da ich nicht wagte, meine Reisetasche an mich zu nehmen, so besaß ich bei meiner Ankunft am Lande weiter nichts als eine Ausrüstung von Männerkleidern, deren ich mich nicht hätte bedienen können, selbst wenn ich meine Verkleidung noch hätte fortsetzen wollen.

Auf dem Zollamt erfuhr ich, was ich besaß: Schreibhefte, Bücher, Briefe, Wäsche, einige Anzüge, einen Degen, zwei Paar Pistolen, von denen ich das eine sofort in meine Tasche steckte. Hierauf ließ ich mich nach einem Gasthof führen, dessen Wirt mir sofort bei meinem Eintritt sagte: wenn ich am nächsten Morgen nach London reisen wolle, werde ich nur ein Pferd zu bezahlen haben.

»Wer sind die Personen, die einen Begleiter wünschen?«

»Ich werde Sie mit ihnen zu Abend essen lassen, wenn Sie es wünschen.«

Ich nahm das Anerbieten an und fand einen Geistlichen der Hochkirche und zwei Damen, deren Benehmen es mir angenehm erscheinen ließ, von der Gelegenheit Gebrauch zu machen. Ich hatte das Glück, ihnen ebenfalls zu gefallen, und am nächsten Tage kamen wir bei guter Zeit in London an und stiegen am Strand in einem Gasthof ab. Dort aß ich nur zu Mittag und machte mich sofort auf die Suche nach einer Wohnung, die mit meinen Mitteln und mit der von mir zu beobachtenden Lebensweise in Einklang stünde. Ich besaß nur fünfzig Lisbonninen und einen Ring von ungefähr gleichem Werte.

Ich nahm ein Zimmer im dritten Stock eines Hauses, dessen Wirtin mir wegen ihres guten und ehrbaren Gesichtes gefiel. Da ich weder Erfahrung noch Empfehlungen an irgendeinen Menschen besaß, konnte ich mich nur auf Gott und auf meinen guten Willen verlassen und mußte mein Schicksal der Freundlichkeit meiner Mitmenschen anheim stellen. Die Frau gefiel mir, und ich nahm bei ihr ein Zimmer zu zehn Schilling wöchentlich. Ich bat sie, mir sofort behilflich zu sein, um mich sauber, aber ohne jeden Luxus meinem Geschlecht gemäß zu kleiden; denn in meinen Männerkleidern wagte ich nicht mehr auszugehen.

Schon am nächsten Tage sah ich mich mit allem versehen, was ein armes Mädchen braucht, das weder blenden noch überhaupt die Blicke seiner Mitmenschen auf sich ziehen will. Da ich gut genug englisch sprach, um nicht als Ausländerin zu erscheinen, so wußte ich, wie ich mich zu benehmen hatte, um keine Unannehmlichkeiten befürchten zu müssen. Obgleich meine Wirtin eine recht gute Frau war, bemerkte ich doch bald, daß ihr Haus nicht ganz meiner Lage entsprach; denn die Ordnung meiner Angelegenheit konnte lange Zeit dauern, und wenn mir das Geld ausgegangen wäre, hätte ich mich unglücklich gefühlt. Ich beschloß also, das Haus zu verlassen. Da ich meine eigene Herrin war, so hatte ich keine Besuche empfangen; aber ich konnte es nicht verhindern, daß den ganzen Tag Neugierige an meine Türe kamen; es kamen immer mehr, je weiter die Nachricht bekannt wurde, daß ich keine Besuche empfinge. Es verkehrten zu viele Menschen in diesem Hause. Da es nicht weit von der Börse lag, so wimmelte die Straße von jungen Menschen, und mehrere Herren, die im ersten Stock zu Mittag aßen, versuchten alles mögliche, um mich von meiner sogenannten Traurigkeit zu heilen, obgleich ich durchaus nicht so tat, wie wenn ich solcher Heilung bedürftig wäre.

Ich beschloß, wöchentlich nur eine Guinee auszugeben, und da mein Ring vollkommen nutzlos für mich war, so entschloß ich mich, ihn zu verkaufen, aber unter der Bedingung, daß ich den Wert nur in Teilzahlungen nach und nach erhielte. Ein alter Händler, der nebenan wohnte, und für dessen Redlichkeit meine Wirtin einstand, schätzte meinen Ring auf hundertundfünfzig Guineen und bat mich, ihm das Vorkaufsrecht zu geben, wenn ich keinen besseren Preis fände. Ich hielt den Ring nicht für so weltvoll und überließ ihm denselben unter der Bedingung, daß er mir monatlich vier Guineen auszahlen solle, und daß ich ihn für dieselbe Zahl von Guineen, die ich empfangen haben würde, zurückkaufen könnte, wenn ich dazu vor der völligen Bezahlung imstande wäre.

Das bare Geld, das ich bei mir hatte und noch jetzt besitze, wollte ich behalten, um auf dem Landwege nach Lissabon zurückkehren zu können, sobald man mir schreiben würde, daß ich mich unbesorgt dort wieder sehen lassen könnte. Ich hatte unter der Seekrankheit so sehr gelitten, daß ich mich nicht entschließen konnte, noch einmal eine solche Fahrt zu machen.

Ich teilte meine Verlegenheit meiner braven Wirtin mit, die noch jetzt meine Freundin ist. Sie half mir eine andere Wohnung suchen; aber ich war genötigt, eine Magd anzunehmen, um meine kleinen Einkäufe zu besorgen, da ich mich nicht entschließen konnte, außer dem Hause zu essen. Hieraus entsprangen für mich lauter Unannehmlichkeiten und Verdrießlichkeiten, denn ich fand nichts als Spitzbübinnen. Da ich nun nicht mehr als einen Schilling täglich ausgeben wollte, so konnte ich begreiflicherweise nicht über die kleinen Diebstähle hinwegsehen, an die diese elenden Frauenzimmer so gewöhnt sind, daß sie es als Ehrensache ansehen, beim kleinsten Einkauf ein Extraprofitchen für sich zu machen.

Die nüchterne Lebensweise, die ich mir zur Pflicht gemacht hatte, griff mich so an, daß ich von Tag zu Tag abmagerte, denn ich lebte beinahe nur von Wasser und Brot. Ich sah jedoch keine Möglichkeit, mir so bald etwas Besseres gönnen zu dürfen. Da fiel zufällig mein Blick auf Ihr eigenartiges Aushängeschild. Ich lachte bei mir selber darüber, aber mich trieb eine unwiderstehliche Gewalt oder auch vielleicht die Neugier, die, wie wir gestehen müssen, unserer Frauennatur innewohnt, und ich konnte nicht der Lust widerstehen, mit Ihnen zu sprechen. Instinktmäßig suchte ich ein Mittel, meine Lage zu verbessern, ohne meine Ausgaben zu vermehren.

Als ich nach Hause kam, fand ich bei meiner Wirtin eine Nummer des Advertiser, worin der Herausgeber über das soeben von mir gelesene Schild seine Scherze machte. Er sagte, der Herr des Hauses sei ein Italiener, der sich offenbar vor einem Angriff nicht fürchte. Da ich meinerseits glaubte, daß ich eine Gewalttätigkeit nicht werde zu befürchten brauchen, so faßte ich den Mut, das Wagnis zu bestehen. Ich fühle jedoch, daß ich sehr anmaßend gewesen bin, und daß es süß sein kann, Angriffen keinen Widerstand zu leisten. Da ich von einem Italiener, einem klugen und rechtschaffenen Manne, erzogen worden bin, so habe ich stets eine große Vorliebe für Ihre Nation gehabt. – Meine schöne Portugiesin war mit ihrer Erzählung zu Ende. Nach einer kleinen Pause sagte ich zu ihr: »Ihre kleine Geschichte, meine Gnädige, hat mir viel Spaß gemacht; es ist ja ein richtiger Romanstoff.«

»Das glaube ich auch, und er würde den Vorzug haben, ein historischer Roman zu sein. Mich freut am meisten, daß Sie meine Erzählung haben anhören können, ohne sich zu langweilen.«

»Falsche Bescheidenheit, Madame! Ihre Erzählung hat mir nicht nur sehr gefallen, sondern seitdem ich weiß, daß Sie Portugiesin sind, fühle ich mich sogar mit Ihrer Nation völlig wieder ausgesöhnt.«

»Sie liebten uns also nicht?«

»Ich hatte einen Groll auf euch, weil ihr vor zweihundert Jahren euren Virgil habt im Elend sterben lassen.«

»Camoens! Aber vor uns haben die Griechen das Unrecht begangen, ihren Homer so sterben zu lassen.«

»Das ist wahr; aber das Unrecht des einen entschuldigt nicht das Unrecht des anderen.«

»Das gebe ich zu; aber wie können Sie Camoens so hoch schätzen, wenn Sie nicht portugiesisch verstehen?«

»Ich las eine Übersetzung in lateinischen Hexametern, die so schön waren, daß ich Virgil zu lesen glaubte.«

»Ist das auch wahr?«

»Ich kann Ihnen nichts vorlügen.«

»Nun, so gelobe ich hiermit, daß ich lateinisch lernen will!«

»Dieses Gelübde ist Ihres Geistes würdig; aber Sie müssen von mir diese schöne Sprache lernen. Ich will in Portugal leben und sterben, wenn Sie mir Ihr Herz versprechen.«

»Mein Herz! Warum habe ich nicht zwei! Seitdem ich Sie kenne, liebe ich mich selber weniger, denn ich befürchte sehr, unbeständig zu sein.«

»Ich werde mich damit begnügen, nur so geliebt zu werden, wie wenn ich Ihr Vater wäre; nur müssen Sie mir erlauben, zuweilen meine Tochter an mein Herz drücken zu dürfen. Bitte, fahren Sie in Ihrer Geschichte fort; das Wesentliche haben Sie mir noch zu erzählen. Was ist aus Ihrem Liebhaber geworden? Und was taten Ihre Verwandten, als Ihre Flucht ihnen bekannt wurde?«

Am dritten Tage nach meiner Ankunft in dieser Riesenstadt schrieb ich meiner Tante, der Äbtissin, einen langen Brief, worin ich ihr ausführlich und wahrheitsgemäß alles schilderte, was mir begegnet war. Ich bat sie, meinen Gatten zu beschützen und mir zu helfen, meinen Entschluß durchzusetzen: ich würde nicht früher nach Lissabon zurückkehren, als bis sie mir versichert hätte, daß meiner Heirat keine Hindernisse mehr bereitet würden und daß ich, als Herrin meines Vermögens, offen vor aller Welt mit dem Gatten meiner Wahl leben könnte. Zugleich bat ich sie, mich über alles auf dem Laufenden zu halten und ihre Briefe an meine Wirtin zu adressieren, indem sie der Adresse nur die Worte hinzufügte: »für Miß Pauline.«

Ich ließ meinen Brief über Paris und Madrid gehen; das ist zu Lande der nächste Weg; ich erhielt daher die Antwort erst nach drei Monaten. In ihrem Brief schrieb meine Tante mir, die Fregatte, die mich nach London gebracht habe, sei erst seit wenigen Tagen wieder in Lissabon. Sofort nach seiner Ankunft habe der Kapitän dem Minister geschrieben: die einzige Dame, die er bei seiner Ankunft in England an Bord gehabt habe, befinde sich noch bei ihm; denn er habe sie wieder zurückgebracht, trotz dem Einspruch des Grafen Al…., der ihm erklärt habe, daß die Dame seine Gemahlin sei. Zum Schluß seines Briefes bat der Kapitän seine Exzellenz, ihm nähere Verhaltungsmaßregeln zu geben, an welchen Ort er besagte Dame zu bringen habe.

Der Minister Oeiras zweifelte nicht daran, daß ich diese angebliche Gemahlin sei, und befahl dem Kapitän, mich in das Kloster meiner Tante zu bringen und ihr einen Brief zu übergeben, den er ihm zugleich schicke. In diesem Brief schrieb er meiner Tante, er sende ihr ihre Nichte und bitte sie, diese bis auf weiteren Befehl in guter Hut zu halten. Meine Tante war sehr überrascht; aber ihre Überraschung wäre noch größer gewesen, wenn sie nicht wenige Tage vorher bereits meinen Brief empfangen hätte. Sie dankte dem Kapitän und führte die angebliche Nichte in ein Zimmer, in das sie sie einschloß. Hierauf schrieb sie dem Grafen Oeiras: Gemäß dem Befehle Seiner Exzellenz habe sie vom Kapitän eine Person empfangen, die für ihre Nichte gelte; da jedoch diese Person ein als Frau verkleideter Mann sei, so könne sie diesem nicht länger Zuflucht in ihrem Kloster geben und bitte daher Ihre Exzellenz, dieser Verlegenheit sobald wie möglich ein Ende zu machen.

Nachdem die Äbtissin diesen eigenartigen Brief an den Minister abgeschickt hatte, machte sie dem Grafen Al…. einen Besuch. Er warf sich ihr zu Füßen, meine gute Tante aber hob ihn sofort auf und zeigte ihm meinen Brief. Sie teilte ihm mit, daß sie an den Minister habe schreiben müssen und daß man ihn ohne Zweifel nach wenigen Stunden an einen anderen Ort bringen werde. Der Graf brach in Tränen aus, flehte die würdige Äbtissin an, sich unserer gemeinsamen Angelegenheiten anzunehmen, und übergab ihr mein Schmuckkästchen, das meine Tante bereitwillig in Verwahrung nahm. Bevor sie ging, versprach sie ihm noch, mir alles zu berichten.

Da der Minister sich auf einem seiner Güter befand, erhielt er den Brief der Oberin erst am nächsten Tage. Er beeilte sich, ihr seine Antwort persönlich zu überbringen. Meine Tante überzeugte Seine Exzellenz mit leichter Mühe, daß es von größter Wichtigkeit sei, die Sache geheim zu halten, da durch die Verletzung des Klosterbannes ihre Ehre ernstlich bedroht sei. Sie gab dem stolzen Minister den Brief, den sie von mir erhalten hatte, und teilte ihm mit, daß der ehrenwerte junge Mann ihr meinen Schmuck übergeben habe. Der Graf dankte der Äbtissin für die Offenheit, womit sie ihn in die ganze Angelegenheit eingeweiht habe, und bat sie lachend um Verzeihung, daß er ihr einen hübschen Jungen zur Gesellschaft geschickt habe.

»Es ist von allergrößter Wichtigkeit,« sagte Seine Exzellenz, »daß die Sache geheim bleibt, und um dessen sicher zu sein, dürfen wir keinen Dritten ins Vertrauen ziehen. Ich werde Sie daher in eigener Person von der falschen Nichte befreien und diese auf der Stelle in meinem Wagen mitnehmen.«

Meine Tante nahm die Exzellenz beim Wort und holte den jungen Eingesperrten. Dieser stieg in den Wagen, der vor der Tür hielt, und fuhr mit dem Minister ab. Die gute Äbtissin sagte mir, von diesem Augenblick an habe sie nichts mehr erfahren. Ganz Lissabon spreche von meiner Geschichte, aber man füge noch einen Umstand hinzu, der die Sachlage ganz wesentlich verändere und den Grafen Oeiras ohne Zweifel höchlichst ergötzen müßte: man sage nämlich, der Minister habe mich zuerst der Äbtissin anvertraut, habe sich aber dann später meiner bemächtigt und halte mich verborgen; man kenne jedoch nicht den Ort, wo er mich eingesperrt halte.

Man glaubt also, daß Graf Al…. in London ist und daß ich mich in der Gewalt des Ministers befinde, dem die Skandalchronik wahrscheinlich zärtliche Gefühle für mich zuschreibt. Ohne Zweifel ist Seine Exzellenz über meinen Aufenthalt hier in London vollkommen unterrichtet, denn er weiß meinen Namen und meine Adresse und es fehlt ihm sicherlich nicht an Spionen.

Auf den Rat meiner Tante habe ich vor einigen Monaten dem Grafen Oeiras geschrieben: ich sei bereit, nach Lissabon zurückzukehren, wenn Seine Exzellenz mir eigenhändig schreiben wolle, daß sofort nach meiner Rückkehr in die Heimat Graf Al…. vor der Öffentlichkeit mein Gatte werden solle, und daß niemand über mein Tun und Lassen Rechenschaft fordern dürfe, selbst nicht unter dem Vorwande der Freundschaft. Werden diese Bedingungen mir nicht bewilligt, so, habe ich dem Minister erklärt, sei ich entschlossen, niemals London zu verlassen, wo die Gesetze mir völlige Freiheit verbürgen. Ich erwarte jeden Augenblick seine Antwort, und ich habe kaum einen Grund, anzunehmen, daß sie den von mir kundgegebenen Wünschen entgegen sein wird; denn unter allen Umständen kann mich kein Mensch meiner Einkünfte berauben, und ich brauche mir daher aus der Gunst des Hofes nichts zu machen; aber auch abgesehen davon bin ich überzeugt, daß Oeiras sich glücklich schätzen wird, mir seinen Schutz zu gewähren, täte er es auch nur, um das Odium zu mildern, das ihm infolge des Todes meines Vaters anhaftet.

Pauline machte mir kein Geheimnis aus den Namen der Personen, die in dieser Geschichte vorkommen; aber sie lebt vielleicht noch, und ihr Andenken ist mir immer noch zu teuer, als daß ich mich der Gefahr aussetzen möchte, ihr Mißfallen zu erregen, indem ich diese Namen nenne, obgleich diese Erinnerungen wahrscheinlich nicht dazu bestimmt sind, zu meinen Lebzeiten das Licht der Welt zu erblicken. Um die Wahrheit des von meiner schönen Portugiesin Erzählten zu bestätigen, genügt es mir, daß ihre Geschichte allen Einwohnern von Lissabon recht gut bekannt ist, und daß die Mitspielenden, die in dieser Komödie auftreten, lauter Leute sind, deren Dasein in Portugal keinem Menschen ein Geheimnis ist.

Ich lebte mit der schönen Pauline in inniger Eintracht; von Tag zu Tag fühlte ich meine Liebe zu ihr wachsen und flößte ich ihr zärtlichere Gefühle ein. Aber wie nun meine Liebe wuchs und immer unwiderstehlicher wurde, magerte ich sichtlich ab, verlor Ruhe, Schlaf und Appetit: ich wäre an meiner Sehnsucht zugrunde gegangen, wenn ich sie nicht hätte befriedigen können. Pauline dagegen blühte auf und wurde jeden Tag schöner.

Eines Tages sagte ich zu ihr: »Wenn mein Leiden dazu dient, Ihre Reize zu vermehren, so müssen Sie dafür sorgen, daß ich nicht sterbe: denn ein Toter leidet nicht mehr.«

»Sie glauben, Ihr Leiden sei eine Folge des Gefühls, das ich Ihnen einflöße?«

»Daran kann ich nicht zweifeln.«

»Ich will gern glauben, daß etwas Wahres an Ihrer Behauptung ist; aber glauben Sie mir, ein so süßes Gefühl kann nicht an Ihrer Abmagerung und an Ihrer Schlaflosigkeit schuld sein. Ich schreibe mit gutem Grunde Ihre Veränderung der sitzenden Lebensweise zu, die Sie führen, seitdem ich in Ihrem Hause bin. Wenn Sie mich lieben, müssen Sie mir einen Beweis davon geben: machen Sie einen Spazierritt!«

»Ich kann Ihnen nichts abschlagen, schöne Pauline! Und nachher?«

»Nachher? Da werden Sie mich dankbar finden, werden guten Appetit haben und werden schlafen.«

»Schnell ein Pferd, schnell meine Stiefel!«

Ich küsse ihr die Hand – denn weiter war ich noch nicht bei ihr – und reite nach Kingston hinaus. Da das Traben mir unangenehm ist, so setze ich mein Pferd in Galopp. Plötzlich stürzt es, und ich liege vor der Tür des Herzogs von Kingston auf dem Pflaster. Miß Chudleigh stand gerade am Fenster, und als sie mich alle Vier von mir strecken sah, stieß sie einen lauten Schrei aus, wie eine erste Regung des Gefühls ihn so leicht einer Frau entreißt. Als ich infolge dieses Schreies meinen Kopf umwandte, erkannte sie mich und schickte mir sofort einen ihrer Leute zu Hilfe. Sobald ich wieder aufrecht stand, wollte ich zu ihr gehen, um ihr meinen Dank auszusprechen, aber es war mir unmöglich, mich von der Stelle zu rühren. Man trug mich in ein Zimmer des Erdgeschosses und zog mir die Stiefel aus. Ein Kammerdiener, der zugleich Chirurg war, untersuchte mich und stellte fest, daß ich den Knöchel verrenkt hätte, und daß ich acht Tage lang mich vollkommen ruhig verhalten müßte.

Die junge Miß sagte mir sofort, wenn ich bei ihr bleiben wolle, könne ich der sorgfältigsten Pflege sicher sein. Ich dankte ihr lebhaft, sagte aber, ich wolle ihr keine Umstände machen, und sprach den Wunsch aus, nach meinem Hause gebracht zu werden. Sofort gab sie mit reizender Anmut alle nötigen Befehle, und bald hatte ein bequemer Wagen mich nach Hause gebracht. Es war mir unmöglich, die beiden Bedienten, die mich begleiteten, zur Annahme eines Geldgeschenkes zu bewegen; ich erkannte darin jene zartfühlende Gastfreundschaft, die man den Engländern zur Ehre anrechnet. Sie verdienen auch dieses Lob in mancher Hinsicht, obgleich andererseits Egoismus einer der hervorstechendsten Züge ihres Nationalcharakters ist.

Zu Haufe angekommen, legte ich mich sofort ins Bett und ließ einen Wundarzt rufen, der über die angebliche Verrenkung herzlich lachte.

»Ich wette, es ist nur eine einfache Verstauchung, und ich wünschte, der Fuß wäre gebrochen, um Ihnen zeigen zu können, was ich kann.«

»Ich bin entzückt, daß ich Ihr Talent nicht auf eine solche Probe zu stellen brauche, und ich werde die beste Meinung von Ihnen haben, wenn Sie mich recht schnell wieder herstellen.«

Zu meinem Erstaunen sah ich Pauline nicht. Man sagte mir, sie habe sich in einer Sänfte forttragen lassen, und ich empfand darüber beinahe Eifersucht, obgleich ein beleidigender Verdacht mir fern blieb. Zwei Stunden darauf trat sie endlich ganz aufgeregt bei mir ein; die alte Hausmeisterin hatte ihr gesagt, ich hätte ein Bein gebrochen und es sei bereits ein Arzt eine volle Stunde bei mir gewesen.

»Ich Unglückselige!« rief sie, indem sie an mein Bett eilte, »an diesem Unglück bin ich schuld!«

Kaum hatte sie dies gesagt, so erbleichte sie und sank beinahe ohnmächtig an meine Seite. »Göttliches Weib!« rief ich, indem ich sie in meine Arme schloß, »es ist nichts… eine einfache Verstauchung.«

»Dummes altes Weib! Wie weh hat sie mir getan! Aber Gott sei gelobt! Fühlen Sie mein Herz.«

»Oh! Ich fühle es mit Entzücken! Glücklicher Sturz!«

Meine Lippen auf die ihrigen pressend fühlte ich mit Entzücken, wie unsere Küsse ineinander verschmolzen, und ich segnete meine glückliche Verstauchung.

Nach diesem ersten Ergusse unseres Glücksgefühles sah ich Pauline lachen.

»Worüber lachen Sie, entzückende Freundin?«

»Über die Spitzbüberei der Liebe, die schließlich doch immer triumphiert.«

»Wo waren Sie?«

»Ich war bei meinem Alten, um meinen Ring einzulösen, und ich schenke ihn Ihnen, damit Sie eine Erinnerung an mich haben.«

»O, meine Pauline, ein bißchen Liebe wäre mir viel lieber als dieser schöne Solitär.«

»Sie haben den Diamanten und meine Liebe. Bis zu meiner Abreise, die nur zu bald erfolgen wird, werden wir als zwei zärtlich liebende Gatten miteinander leben und die Hochzeit werden wir heute Abend feiern, indem wir hier an Ihrem Bette speisen; denn die Verstauchung und ich, mein süßer Freund, verbieten Ihnen, es zu verlassen.«

»Ach, meine liebe Pauline, was für holde Worte aus Ihren Lippen! Welch ein Glück verkünden Sie mir! Nein, ich würde es nicht ertragen, wenn ich es nur in Aussicht hätte. Gestatten Sie mir, daran zu zweifeln, bis ich die volle Wirklichkeit genieße!«

»Gern, mein Freund, wenn Sie das wollen; aber Ihr Zweifel darf nur ganz leicht sein, sonst könnte er mir Unrecht tun. Ich war es müde, so mit Ihnen zusammenzuleben und durch meine Liebe sie unglücklich zu machen. Darum beschloß ich, Ihnen anzugehören, als ich Sie zu Pferde steigen sah. Infolgedessen ging ich während Ihrer Abwesenheit schnell fort, um meinen Ring einzulösen, und nun will ich nicht mehr Ihre Arme verlassen, bis der verhängnisvolle Brief, den ich aus Lissabon erwarte, mich Ihnen entreißen wird. Seit acht Tagen lebe ich in beständiger Furcht; denn diesen Brief, den ich so sehr ersehnt habe, fürchte ich jetzt eintreffen zu sehen.«

»Wenn doch der Kurier unterwegs seines Briefsackes beraubt würde.«

»Solches Glück werden wir nicht haben.«

Da Pauline noch immer neben meinem Bett stand, bat ich sie, in meine Arme zu kommen; denn ich starb vor Verlangen, ihr die lebhaftesten Zeichen meiner Zärtlichkeit zu geben.

»Nein, mein Freund! Die Liebe schließt ja nicht die Vorsicht aus, und wie Sie sehen, steht die Türe offen.«

Sie holte den Ariosto und las mir das Abenteuer Ricciardettos mit der spanischen Prinzessin Fiordespina vor – die schönste Episode des fünfundzwanzigsten Gesanges dieses schönen Gedichtes, das ich auswendig wußte. Sie stellte sich vor, daß sie die Prinzessin und ich Ricciardetto sei.

Ihr machte der Gedanke Spaß:

che il ciel l’abbia concesso,
bradamante cangiato in miglior sesso …

Verwandelt ruht dann neben ihr der echte
Genoß, und zwar von besserem Geschlechte.

Dann kam sie an die Stanze:

Ie belle braccia al collo indi mi getta,
E dolcemente stringe, e baccia in bocca:
Tu buoi pensar se allora la saeta
Dirizza Amor, se in mezzo al cor mi tocca.

Der schöne Arm umschlingt mich alldieweile;
Sie drückt mich hold und küßt mich in den Mund.
Du magst dir denken, wie von Amors Pfeile
Die Spitze mir im tiefsten Herzen stund.

Sie wünschte eine Erklärung über das bacciar in bocca und über die Liebe, die in diesem Augenblick Ricciardettos Pfeil aufrichtete; ich gab ihr eine ausführliche Erläuterung und überraschte sie, indem ich sie plötzlich ebensolchen Pfeil berühren ließ wie jenen, von dem Ariosto spricht. Sie wurde darüber böse. Dies war auch ganz in der Ordnung; aber ihr Zorn konnte nicht lange dauern, und sie lachte laut auf, als sie an die Verse kam:

Io il veggo, io il sento, e a pena vero parmi:
Sento in maschio da femina mutarmi.

Kaum glaub ich’s, doch ich seh’s, ich fühl’s am Leibe:
Ich wandle mich zum Mann aus einem Weibe.

Und weiter:

Cosi le dissi, e feci ch’ella stessa
Trovò con man la verità espressa.

Ich sag’s und führ die Hand dem lieben Kinde,
Damit es selbst die volle Wahrheit finde.

Sie war erstaunt, daß Rom nicht dieses Gedicht verboten hätte, das, wie sie sagte, von Schmutzereien wimmelte.

»Ich glaube. Sie irren sich, meine liebe Pauline; was Sie Schmutzereien nennen, sind nur poetische Freiheiten, und mit solchen ist Rom nicht geizig.«

»Das ist ein frecher Witz, der Ihnen die Zensur der Kirche auf den Hals hetzen und Sie selber auf den Scheiterhaufen der heiligen Inquisition bringen könnte. Aber was nennen Sie denn Schmutzereien?«

»Dinge, die Ekel erregen, nicht aber solche, die gefallen.«

»Sie haben eine eigentümliche Logik. Aber bei dem augenblicklichen Zustande meines Herzens kann ich sie nicht bekämpfen; ich finde es scherzhaft, daß Ariosto von den Frauen aller anderen Nationen gerade eine Spanierin wählte, um ihr den seltsamen Geschmack zuzuschreiben, der sie gerade in den als Weib verkleideten Bradamante sich verlieben ließ.«

»Die Glut des Klimas hat ihn veranlaßt, ein glühendes Temperament und infolgedessen einen perversen Geschmack anzunehmen.«

»Die Dichter sind Narren, die sich alles Mögliche erlauben, was ihren Neigungen schmeichelt!«

Wir setzten die Vorlesung und das Gespräch fort, und ich glaubte, die Schäferstunde habe geschlagen, als sie an die Stelle kam:

Io senza scala in su la rocca salto,
E lo stendardo piantovi di botto
E la nemica mia mi caccio sotto.

Und ohne Leiter in das Schloß ich drang.
Dort pflanz‘ ich stolz mein Banner auf beim Siege,
Als ich die Feindin glücklich niederkriege.1

Ich wollte sofort die Szene dramatisch mit ihr darstellen, aber sie sagte mir mit jenem feinen Zartgefühl der Frauen, das diese so trefflich als Stachel anzuwenden wissen: »Mein lieber Freund, Sie könnten Ihr Übel verschlimmern; ich bitte Sie, mäßigen Sie sich, bis Ihre Verstauchung geheilt ist.«

»Müssen wir denn meine Heilung abwarten, um unsere Ehe zu vollziehen!«

»Ich glaube ja; denn wenn ich mich nicht irre, können Sie das Werk nicht ohne eine gewisse Bewegung vollbringen…«

»Sie irren sich, köstliche Pauline! Aber selbst wenn es so wäre! Verlassen Sie sich darauf, ich würde nicht bis morgen warten, und wenn es mir das Bein kosten sollte! Übrigens werden Sie sehen, daß es Mittel gibt, um den Zweck ziemlich leicht zu erreichen, ohne mein Übel zu verschlimmern. Sind Sie überzeugt? Sagen Sie es mir; denn Ihre Ängstlichkeit beunruhigt mich.«

»Ich weiß nicht… Ich schäme mich …«

»Aber, mein Herz, müssen Sie nicht über solche Gewissensbedenken erröten? Diese passen doch wirklich nicht für Ihren Geist!«

»Nun, so wollen wir doch wenigstens die Kerzen auslöschen; in einer Minute gehöre ich Ihnen.«

»Wenn es denn nicht anders sein kann! Allerdings beraubt die Abwesenheit des Lichtes mich großen Genusses. Also schnell die Kerzen aus!«

Ganz mit unserem künstlichen Licht beschäftigt, achtete meine reizende Portugiesin nicht darauf, daß der Mondschein das Zimmer hell erleuchtete und daß meine Musselinvorhänge kein genügendes Hindernis boten, um mir den Anblick der entzückendsten Formen zu entziehen, besonders in der Stellung, die sie zufällig angenommen hatte. Wäre Pauline eine Kokette gewesen, so hätte ich glauben können, dieses ganze Manöver sei absichtlich berechnet gewesen, um meine Glut zu steigern. Aber sie hatte dies nicht nötig. Endlich hielt ich sie in meinen Armen, und wir versanken in ein ungewöhnliches Schweigen, das durch keine andere Bewegung als durch einen innigen Druck und durch keinen anderen Laut als durch das leise Geräusch unserer Küsse unterbrochen wurde. Bald war unsere Vereinigung vollständig, und ihre Seufzer, ihre glühende Hingabe bewiesen mir, indem sie mir ihre Erstlinge darbrachte, daß ihr Liebesbedürfnis das meinige noch übertraf. Ich bewahrte genügende Selbstbeherrschung, um nicht zu vergessen, daß ich ihre Ehre schonen mußte. Sie war darüber sehr erstaunt; denn sie gestand mir, sie habe an eine solche Ausflucht nicht gedacht, sondern sich mir ohne Hintergedanken hingegeben und sei bereit gewesen, die Folgen auf sich zu nehmen, die sie für unvermeidlich gehalten habe. Ich machte sie glücklich, indem ich ihr das Geheimnis erklärte.

Bis zu diesem Augenblick hatte die Liebe allein mich belebt, aber nach dem blutigen Opfer fühlte ich mich von Achtung und Dankbarkeit durchdrungen. Ich sagte ihr mit überströmendem Herzen, ich fühle die ganze Größe meines Glückes und sei bereit, ihr mein Leben zu opfern, um sie von der Beständigkeit meiner Zärtlichkeit zu überzeugen.

Beglückt durch das Gefühl der Sicherheit, das ich ihr einzuflößen verstanden hatte, überließ Pauline sich der ganzen Glut ihres südlichen Temperamentes, und ich hielt ihr tapfer stand; wir wirkten jedoch so eifrig, daß uns schließlich die Erschöpfung übermannte und daß das letzte Opfer nicht ganz vollzogen werden konnte. Wir überließen uns einem friedlichen und tiefen Schlaf. Ich erwachte zuerst. Strahlende Sonne erleuchtete das Zimmer, und ich betrachtete lange Paulinen, die an meiner Seite lag. Auf meinen Ellbogen gestützt, stieß ich unwillkürlich einen tiefen Seufzer aus, als ich dies entzückende Weib in meinem Besitz sah, den einzigen Sprößling einer erlauchten Familie, die erste Schönheit Portugals, die sich mir in Liebe ergeben hatte und die ich leider nur kurze Zeit besitzen durfte. Pauline erwachte, und ihr Blick, leuchtend und sanft wie der erste Strahl einer Frühlingssonne, ruhte voll Vertrauen und Liebe auf mir.

»Woran denkst du, mein süßer Freund?«

»Ich suche mich zu überzeugen, daß mein Glück nicht ein Traum ist; und wenn es Wirklichkeit ist, so wünsche ich zu sterben, bevor ich dich verliere. Ich bin der glückliche Sterbliche, dem du einen unermeßlichen Schatz geschenkt hast, dessen ich mich unwert fühle, obgleich ich dich unbeschreiblich liebe.«

»Mein Freund, du bist meiner ganzen Hingebung und meiner ganzen Liebe würdig, wenn du mich noch achten kannst.«

»Dich nicht mehr achten! Pauline, könntest du daran zweifeln?«

»Nein, lieber Freund, ich glaube an deine Zärtlichkeit, und ich bin sicher, daß ich es niemals zu bereuen haben werde, Vertrauen zu dir gehabt zu haben.«

Nachdem wir das süßeste Opfer noch einmal erneut hatten, stand Pauline auf. Mit einem anmutigen Lachen machte sie die Bemerkung, daß sie sich jetzt nicht mehr in meiner Gegenwart schäme.

Plötzlich aber ging sie vom Scherz zu tiefsinnigen Betrachtungen über und sagte: »Lieber Freund, wenn das Verschwinden der Scham eine Wirkung erworbenen Wissens ist, woher kommt es, daß unser erstes Urelternpaar sich erst schämte, nachdem es wissend geworden war?«

»Das weiß ich nicht, angebetete Freundin; aber sage mir, ob du jemals diese Frage an deinen gelehrten italienischen Lehrer gerichtet hast, von dem du mir erzähltest?«

»Hm – ja!«

»Was hat er dir geantwortet?«

»Sie hätten sich geschämt, nicht weil sie genossen hätten, sondern weil sie ungehorsam gewesen wären; indem sie die Körperteile bedeckten, die sie verführt hätten, glaubten sie, den begangenen Fehltritt verleugnen zu können. Was man auch sagen mag, ich bin der Meinung, daß Adam viel mehr Schuld hatte als Eva.«

»Wieso?«

»Weil Adam das Verbot von Gott selber erhalten hatte, während Eva es nur von Adam vernommen haben konnte.«

»Ich glaube, alle beide empfingen das Verbot unmittelbar von Gott.«

»Du hast also nicht die Schöpfungsgeschichte gelesen?«

»Du machst dich über mich lustig.«

»Dann hast du sie also schlecht gelesen; denn es steht darin klar und deutlich, daß Gott die Eva schuf, nachdem er Adam verboten hatte, die Früchte vom Baum der Erkenntnis zu essen.«

»Ich finde es seltsam, daß unsere Bibel-Ausleger diesen Umstand nicht hervorgehoben haben, denn er scheint mir sehr wichtig zu sein.«

»Die Theologen sind eben Betrüger; sie sind fast alle Feinde unseres Geschlechts.«

»O, was das anbelangt, so geben sie sehr oft Beweise vom Gegenteil.«

»Bitte, laß uns davon nicht mehr sprechen! Aber mein Lehrer war ein ehrlicher Mann.«

»War er Jesuit?«

»Ja, aber von der kurzen Robe.«

»Was heißt das?«

»Darüber wollen wir ein anderes Mal sprechen.«

»Schön, meine Liebe; wir werden dann sehen, wie die Begriffe: Jesuit und ehrlicher Mann sich miteinander vertragen können.«

»Es gibt Ausnahmen von allen Regeln.«

Meine Pauline war eine tiefe Denkerin, und da sie sehr an ihrer Religion hing, so beschäftigte sie sich mehr damit als ich. Ich hätte diesen ihren Vorzug niemals kennen gelernt, wenn sie nicht meine Bettgenossin geworden wäre. Ich habe mehrere Frauen von solcher Geistesanlage gekannt: um die Höhe ihres Geistes, die Erhabenheit ihrer Seele zu erkennen, muß man sie zuerst dahin bringen, sich der Verdammnis zu ergeben; wenn einem dies gelingt, ist man ihres vollen Vertrauens sicher, denn sie haben kein Geheimnis mehr vor dem Sieger, der sie zu erobern wußte. Hauptsächlich aus diesem Grunde liebt das schwache und reizende Geschlecht die Tapferen und verachtet die Feigen. Allerdings sieht man zuweilen, wie Feiglinge anscheinend bevorzugt werden; aber dies sind Erfolge, die sie nur ihrer Schönheit oder einer Weiberlaune verdanken: die Frauen treiben ihren Spaß mit ihnen, und wenn ein Tapferer dem Feigling den Stock zu kosten gibt, sind sie die ersten, die darüber lachen.

Nach der köstlichsten Nacht, die die Liebe mir verschafft hatte und die mir die süßeste zu sein schien, die der liebe Gott mir jemals gewährt hat, beschloß ich, mein Haus nicht mehr zu verlassen, solange Pauline noch in London bleiben würde.

Das reizende Weib wich nicht einen Augenblick von meiner Seite, abgesehen von der kurzen Zeit, die sie brauchte, um am Sonntag die Messe zu hören. Ich verschloß meine Tür vor aller Welt, selbst vor dem Jünger Äskulaps, denn meine Verstauchung heilte von selbst. Ich beeilte mich, die liebenswürdige Miß Chudleigh von meiner schnellen Heilung in Kenntnis zu setzen; infolgedessen schickte sie nun nicht mehr zweimal täglich zu mir, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen, wie sie es bis dahin getan hatte.

Pauline war nach unserem Liebeskampf auf ihr Zimmer gegangen und kam erst zum Mittagessen wieder herunter. Aber wie strahlte sie da vor Schönheit! Ich glaubte, eine Nereide zu sehen oder vielmehr einen Engel. Ihr Gesicht, das durch ihr Darben zu bleich geworden war, hatte jene Farbe von Lilien und Rosen angenommen, die immer ein Zeichen von Jugend und Gesundheit sind, und auf ihrem Antlitz lag ein Ausdruck von Zufriedenheit und Glück, den ich unermüdlich bewundern mußte.

Da wir beide unsere Bildnisse zu besitzen wünschten, schrieb ich an Martinelli, er möchte mir den besten Maler von London schicken; er sandte mir einen Juden zu, dem seine Aufgabe trefflich gelang. Ich ließ mein Bild in einen Ring fassen, und dies war das einzige Geschenk, das Pauline von mir annehmen wollte, der ich mich doch nur um so reicher gefühlt hätte, wenn sie alles angenommen hätte, was ich besaß.

So verbrachten wir drei Wochen in einem Übermaß von Glück, das keine Feder beschreiben könnte. Ich war vollkommen wieder hergestellt; wir erfreuten uns einer ausgezeichneten Gesundheit, und unsere Liebe war voll Wollust und Gefühl. In jedem Augenblicke des Tages und der Nacht gehörten wir einander an, und da unsere Begierden stets befriedigt wurden und stets wieder von neuem erwachten, so befanden wir uns auf dem Höhepunkt des Glückes. Wir hatten keine Zeit, an die Zukunft zu denken, und vielleicht erhöhte dieser Umstand noch unsere Seligkeit. Mit einem Wort, ich glaube, es ist schwer, sich eine richtige Vorstellung von der Lage zweier Menschen zu machen, denen alle leiblichen Genüsse im Überfluß zu Gebote stehen und die kein Bedenken darin stört; die ganz in der Gegenwart leben und deren Gedanken keine Furcht vor der Zukunft beschäftigt; die durch sich selber und durch alles, was sie angeht, glücklich sind und deren Glück verhundertfacht wird durch die Genüsse, die sie sich unaufhörlich gegenseitig verschaffen. In solcher Lage befand ich mich damals, befand sich meine göttliche Pauline.

Jeden Tag entdeckte ich an meiner Geliebten Eigenschaften, die sie mir immer lieber machten: ihr Geist und ihr glücklicher Charakter waren ein unerschöpflicher Schatz; denn die Natur hatte sie mit moralischen Eigenschaften noch besser bedacht als mit körperlicher Schönheit, und einer ausgezeichneten Erziehung, die ihre Intelligenz gekräftigt hatte, verdankte sie eine außerordentliche Entwicklung aller ihrer Geistesgaben. Pauline hatte außer ihrer weiblichen Schönheit, Anmut und Sanftmut auch jenen festen und stolzen Charakter und den weiten Gesichtskreis, die nur höchstbegabten Männern eigen sind. Schon begann sie zu hoffen, der verhängnisvolle Brief, der sie zurückrufen sollte, werde gar nicht kommen, und Graf Al…. existierte in ihrer Erinnerung nur noch wie ein bedeutungsloser Traum; sie sagte mir manchmal, sie begreife nicht, wie ein hübsches Gesicht eine so materielle Macht ausüben könne, daß es aller Vernunft zum Trotz eine tiefe Neigung hervorrufe. »Ich fühle zu spät,« sagte sie, »daß nur der Zufall eine Vereinigung glücklich machen kann, die durch eine solche animalische Wirkung zustande kommt.«

Der erste August war ein verhängnisvoller Tag für sie und für mich. Pauline empfing aus Lissabon zwei Briefe, die ihr keinen Vorwand übrig ließen, um ihre Rückreise zu verzögern, und ich erhielt aus Paris die Nachricht, daß Frau von Urfé tot sei. Frau du Rumain schrieb mir: zufolge der Aussage ihrer Kammerfrau hätten die Ärzte erklärt, die Marquise habe sich selber umgebracht, indem sie eine zu große Menge einer von ihr als Panacee bezeichneten Flüssigkeit eingenommen habe. Man habe ein Testament gefunden, das nach dem Irrenhause schmecke: sie vermache ihr ganzes Vermögen dem ersten Sohn oder der ersten Tochter, die sie gebären werde; denn sie behaupte, schwanger zu sein.

Mich hatte sie zum Vormund des erwarteten Kindes bestellt, was mir sehr schmerzlich war, denn über eine solche Geschichte mußte ganz Paris mindestens eine Woche lang lachen. Die Gräfin du Châtelet, ihre Tochter, hatte sich ihres ganzen unbeweglichen Vermögens und ihres Portefeuilles bemächtigt, worin man zu meinem großen Erstaunen vierhunderttausend Franken gefunden hatte. Ich war von diesem Schlage wie betäubt, aber ich suchte meinen Schmerz und meine Reue über der Teilnahme zu vergessen, die die beiden Briefe meiner Pauline in mir erregten. Der eine war von ihrer Tante, der andere vom Grafen Oeiras, der sie aufforderte, sobald wie möglich auf dem See- oder Landwege nach Lissabon zurückzukehren, und ihr versicherte, sie werde sofort nach ihrer Ankunft in den Besitz ihres Vermögens gelangen und könne den Grafen Al… offen vor aller Welt heiraten. Er schickte ihr einen Sichtwechsel über zwanzig Millionen Reis. Ich hatte über den geringen Wert dieser Münze niemals nachgedacht und war daher außer mir; aber Pauline sagte mir lachend, der Wert betrage nur zweitausend Pfund Sterling. Immerhin erlaubte diese Summe ihr, wie eine Herzogin zu reisen. Der Minister riet ihr, den Seeweg zu benutzen, sie brauche in diesem Fall ihren Wunsch nur dem Herrn de Saa zu erkennen zu geben, der den Auftrag habe, eine portugiesische Fregatte, die sich augenblicklich in einem der englischen Häfen befinde, ihr zur Verfügung zu stellen. Pauline wollte weder von der Seefahrt noch von Herrn de Saa etwas wissen; kein Mensch sollte glauben können, daß sie zur Rückreise genötigt gewesen sei. Sie war ärgerlich, daß Oeiras ihr die Anweisung geschickt hatte, weil sie daraus sah, daß der Minister sich dem Glauben hingab, sie befinde sich in mißlichen Umständen. Es gelang mir allerdings ohne Mühe, ihr diese Sache im richtigen Lichte darzustellen, und sie gab schließlich zu, daß das Vorgehen des Ministers zartfühlend sei; denn er schrieb ihr nicht, daß er ihr mit der Anweisung ein Geschenk mache; dies würde sie allerdings beleidigt haben.

Pauline war reich und hatte eine große Seele. Dies geht schon daraus hervor, daß sie mich genötigt hatte, ihren Ring anzunehmen, als sie sich sozusagen im Elend befand; ganz gewiß rechnete sie niemals auf meine Börse, obgleich sie überzeugt war, daß ich sie niemals würde verlassen haben. Ich bin sicher, daß sie mich für sehr reich hielt, und ich tat allerdings nichts, woraus sie auf das Gegenteil hätten schließen können.

Wir verbrachten den Tag und sogar die Nacht sehr traurig. Am nächsten Morgen sprach Pauline zu mir mit jenem auserlesenen Feingefühl und mit jener Überzeugungskraft, die nur einem großen Charakter eigen sind:

»Wir müssen uns trennen, mein lieber Freund, und uns zu vergessen suchen; meine Ehre verlangt, daß ich sofort nach meiner Ankunft in Lissabon die Frau des Grafen Al…. werde. Denn alle Welt muß glauben, daß ich mich ihm bereits hingegeben habe; sobald ich aber mich dem Grafen gelobt habe, ist es meine Pflicht, ihm mein Herz wie meine Person ungeteilt zu geben. Dies wird mir nicht schwer werden; denn es ist mir nicht möglich, mir vorzustellen, daß ich auf andere Art glücklich sein könnte, und sobald ich dich nicht mehr sehe, wird mein Pflichtgefühl die Oberhand gewinnen; denn was man wirklich will, muß man auch können. Meine erste Liebe, die du beinahe verwischt hast, wird wieder die alte Gewalt erlangen, sobald ich dich verlassen habe, und ich bin überzeugt, daß ich meinen Gatten lieben werde, denn er ist gut, sanft und liebenswürdig; dies habe ich in den wenigen Tagen, die wir zusammen verlebten, wohl erkennen können.

Nach dieser Vorrede, mein lieber Freund, will ich dir nun sagen, worum ich dich bitten muß und was du mir gewähren mußt, sei es auch nur als eine Gnade: versprich mir, niemals nach Lissabon zu kommen, wenn ich dir nicht die Erlaubnis gebe. Ich hoffe, ich brauche dir nicht die Gründe zu sagen; du darfst es nicht wagen, den Frieden meiner Seele zu stören; denn wenn ich schuldig würde, müßte ich zugleich auch unglücklich werden, und du, der du mich so zärtlich liebst, wirst gewiß nicht das Werkzeug meines Unglücks werden wollen. Ach glaube mir, ich stelle mir vor, ich sei deine Gattin gewesen; sobald wir getrennt sind, werde ich mir einbilden, ich sei Witwe und reise nach Lissabon, um dort eine andere Ehe einzugehen.«

Unter strömenden Tränen schloß ich sie in meine Arme und versprach ihr Gehorsam.

Pauline antwortete dem Minister Oeiras und ihrer Tante, der Äbtissin, sie werde im Laufe des Oktobers in Lissabon eintreffen; sobald sie in Spanien sei, werde sie ihm weitere Nachricht geben. Da sie über die nötigen Mittel verfügte, kaufte sie einen Reisewagen, und nahm eine Kammerjungfer durch Vermittlung der braven Frau, bei der sie im Anfange ihres Londoner Aufenthaltes gewohnt hatte.

Die letzte Woche, die sie mit mir zubrachte, verging mit diesen Reisevorbereitungen. Als besondere Gunst bewilligte sie mir, daß Clairmont sie bis nach Madrid begleiten durfte. Sie sollte mir sofort nach ihrer Ankunft in der spanischen Hauptstadt diesen treuen Diener zurückschicken; aber das Schicksal hatte beschlossen, daß ich ihn nicht wiedersehen sollte, und ich gestehe, dies war einer der schlimmsten Streiche, die es mir in meinem Leben gespielt hat.

Wir verbrachten die letzten acht Tage in Bitternis und Wonne. Wir sahen uns an, ohne zu sprechen; wir sprachen, ohne zu wissen, was wir sagten. Wir vergaßen, uns zu Tisch zu setzen und zu essen; wir gingen zu Bett und hofften, wir würden vor Liebe und Schmerz nicht schlafen können; aber wir täuschten uns. Eine Lethargie, die durch die Erschöpfung unserer Sinne hervorgerufen war, versenkte uns in einen tiefen Schlaf, und wenn wir in inniger Verschlingung erwachten, schilderten tiefe Seufzer und feurige Küsse den wirklichen Zustand unserer Seelen.

Pauline konnte mir und sich das Glück nicht versagen, daß ich sie bis Calais begleitete. Wir reisten am zehnten August ab und hielten uns in Dover nur solange auf, wie notwendig war, um den Wagen auf ein Paketboot bringen zu lassen. Vier Stunden später landeten wir in Calais, wo Pauline, um ihre Witwenschaft zu beginnen, mich bat, in einem Zimmer zu schlafen, das von dem ihrigen getrennt war. Am zwölften August reiste sie ab. Mein armer Clairmont ritt voran, und sie hatte beschlossen, nur bei Tage zu reisen.

Meine Trennung von Pauline hat eine große Ähnlichkeit mit der schmerzlichen Trennung von Henriette, die ich fünfzehn Jahre früher in Genf durchmachen mußte. Auffallend ist die Charakterähnlichkeit dieser beiden unvergleichlichen Frauen, die nur in der Art ihrer Schönheit voneinander verschieden waren. Vielleicht war dies nötig, damit ich mich in die zweite ebenso leidenschaftlich verlieben konnte, wie ich mich in die erste verliebt hatte. Beide waren klug und verständig, beide waren tiefe Denkerinnen, und nur eine verschiedene Erziehung hatte bewirken können, daß die eine heiterer war, mehr Talente und weniger Vorurteile hatte als die andere. Pauline hatte den edlen Stolz ihrer Nation, sie hatte einen Hang zum Ernst, und die Religion war für sie Herzenssache; außerdem übertraf sie Henriette an verliebter Glut und an Neigung zum Liebesgenuß. Ich war mit beiden glücklich, weil ich reich war; sonst hätte ich weder die eine noch die andere überhaupt gekannt. Ich habe sie vergessen, weil wir Menschen alles vergessen; aber wenn ich mir die Erinnerung an sie zurückrufe, finde ich, daß der Eindruck, den Henriette auf mich machte, doch der tiefere war – ohne Zweifel nur deshalb, weil ich damals erst zweiundzwanzig Jahre alt war, während ich in London bereits siebenunddreißig zählte. Je älter ich werde, desto mehr fühle ich, wie das Alter unsere Eindrucksfähigkeit abstumpft, und desto mehr bedauere ich, daß ich nicht das Geheimnis habe finden können, die Jugend festzuhalten, diese glückliche Zeit süßer Einbildungen. Ohnmächtiges Bedauern! Wir müßten enden, wie wir beginnen, oder wir müßten die von der Natur aufgestellte Ordnung umstoßen, das heißt, damit beginnen, womit wir endigen. Noch einmal – ohnmächtiges Bedauern!

Ich schiffte mich am selben Tage wieder ein und hatte eine sehr unangenehme Überfahrt. Trotzdem hielt ich mich in Dover nicht auf, und sobald ich in London angekommen war, schloß ich mich in düsterster Stimmung in einem wirklich britannischen »Spleen« in mein Zimmer ein, um darüber nachzudenken, wie ich Pauline vergessen könnte. Jarbe brachte mich zu Bett. Dieser Jarbe war ein braver Junge, den ich für die Zeit von Clairmonts Abwesenheit in meinen persönlichen Dienst genommen hatte. Als er am nächsten Morgen in mein Zimmer trat, brachte er eine schauderhafte Naivität vor, über die ich bald darauf aber doch lachen mußte.

»Mein Herr,« sagte er zu mir, »die Alte läßt Sie durch mich fragen, ob sie das Schild wieder aushängen soll?«

»Das elende Weib! Sie will wohl, daß ich sie in der Wut erwürge?«

»Aber mein Gott, mein Herr, sie hängt sehr an Ihnen; und als sie Sie so traurig gesehen hat, da hat sie gedacht…«

»Sage ihr, sie soll sich’s nicht wieder einfallen lassen, derartige Gedanken zu haben, und du…«

»O – ich, Herr, werde alles tun, was Sie wollen.«

»Laß mich zufrieden!«

  1. Ich entnehme die Übersetzungen der Verse der bei Georg Müller erschienenen zweibändigen Ariost-Ausgabe von Alfons Kißner. Das herrlich ausgestattete Werk ist eine wahre Herzensfreude für jeden Bücherliebhaber.

Zwölftes Kapitel


Eigentümlichkeiten der Engländer. – Castelbajac. – Graf Schwerin. – Meine Tochter Sophie in Pension. – Die Charpillon.

Ich verbrachte eine jener Nächte, die wie ein beständiges Alpdrücken sind. Traurig und düster stand ich auf; ich war in einer Stimmung, daß ich einen Menschen hätte totschlagen oder auf Herzaß um sein Lebm hätte spielen mögen. Das Dach meines Hauses, das mir bis dahin so schön vorgekommen war, schien mit seinem ganzen Gewicht auf meiner Brust zu lasten. Ich ging aus, ohne an meinen Anzug zu denken; denn ich zog mechanisch meine Reisekleider wieder an. Der Anblick von etwa zwanzig Personen, die in einem Kaffeehause Zeitungen lasen, zog mich an, und ich trat ein.

Ich setzte mich an einen Tisch, den ich zufällig frei fand, und da ich kein Englisch verstehe, beobachtete ich die Gäste, wie sie kamen und gingen. Nach einigen Minuten wurde jedoch meine Aufmerksamkeit durch die Stimme eines Mannes erregt, der französisch sprach und an einen anderen folgende Worte richtete: »Tommy hat sich das Leben genommen, und daran hat er meiner Seel‘ recht getan, denn seine Vermögensverhältnisse waren in der allerschlimmsten Unordnung. Wenn er weitergelebt hätte, wäre er sehr unglücklich geworden.«

»Da irren Sie sich ganz und gar«, sagte der andere mit doktoraler Ruhe. »Da er auch mir schuldig war, war ich gestern dabei, als das Inventar seines Vermögens aufgenommen wurde, und da hat ein jeder sich überzeugen können, daß er einen wahren Anfängerstreich gemacht hat; denn er konnte noch sechs Monate warten, bis er sich das Leben nahm, und hätte trotz der Unordnung seiner Verhältnisse sich’s sehr wohl sein lassen können.«

über diese Art des Rechnens würde ich gelacht haben, wenn ich in einer weniger düsteren Stimmung gewesen wäre; aber es ist eine Tatsache, daß dieses Gefühl negativer Heiterkeit mir gut tat. Ich überlasse es den Physiologen, festzustellen, wie auf einen Menschen eine solche Wirkung hervorgebracht werden kann, daß er aus dem Zustande von Betäubung, worin ihn ein großer Verlust versetzt, in einen Zustand von Gleichgültigkeit übergeht, worin er sich besser befindet.

Ich verließ das Kaffeehaus, ohne ein Wort gesprochen oder auch nur etwas verzehrt zu haben, und ging nach der Börse, um mir Geld geben zu lassen. Bosanquet gab mir sofort so viel, wie ich verlangte, und begleitete mich hierauf. Da ich einen Herrn sah, dessen Gesicht mich interessierte, fragte ich ihn: »Wer ist dieser Herr?«

»Das ist ein Mann, der hunderttausend Pfund wert ist.«

»Und wer ist jener?«

»Das ist einer, der keine zehn wert ist.«

»Aber ich frage Sie ja nicht, wieviele Pfund Sterling die Herren wert sind, sondern ich frage Sie nach ihren Namen.«

»Den weiß ich nicht.«

»Aber wie können Sie ihren Wert abschätzen, ohne ihren Namen zu kennen?«

»Hier macht der Name nichts aus, der Wert aber alles. Einen Menschen kennen heißt: wissen, über welchen Betrag er verfügen kann. Was kommt es denn auch auf einen Namen an? Verlangen Sie von mir tausend Pfund und quittieren Sie darüber in meiner Gegenwart mit dem Namen Attila oder Sokrates – mir genügt das. Sie werden nicht als Seingalt, sondern als Sokrates oder Attila bezahlen, und wir werden lachen.«

»Aber wenn Sie Wechsel unterschreiben?«

»Das ist etwas anderes, denn diese muß ich mit demselben Namen unterzeichnen, den der Aussteller mir gibt.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Sie sind eben kein Engländer und kein Kaufmann.«

»Allerdings nicht.«

Von ihm begab ich mich nach dem Park; da ich aber vorher noch eine Banknote von zwanzig Guineen wechseln wollte, ging ich zu einem reichen Kaufmann, einem Lebemann, den ich im Gasthof kennen gelernt hatte. Ich warf eine Banknote auf seinen Tisch und bat ihn, mir dafür Goldstücke zu geben.

»Kommen Sie in einer Stunde wieder,« sagte er; »ich habe in diesem Augenblick kein Geld hier.«

»Gut; ich werde wieder vorsprechen, wenn ich vom Park zurückkomme.«

»Nehmen Sie Ihre Banknote wieder und geben Sie sie mir, wenn ich Ihnen die zwanzig Goldstücke auszahle.«

»Das ist einerlei. Behalten Sie sie nur; ich zweifle nicht an Ihrer Rechtschaffenheit.«

»Das ist Unsinn, lieber Freund; denn wenn Sie mir die Banknote hierlassen, werde ich Ihnen kein Geld mehr geben, wäre es auch nur, um Ihnen eine Lehre zu verabfolgen.«

»Ich halte Sie einer unredlichen Handlung nicht für fähig.«

»Ich bin es auch nicht; aber wenn es sich um eine so einfache Sache handelt, wie die, eine Banknote in die Tasche zu stecken, was durchaus keine Mühe macht, dann kann der redlichste Mensch glauben, er habe den Gegenwert dafür gegeben, und ein kleiner Irrtum des Gedächtnisses könnte zu einem Streit führen, bei welchem Sie sicherlich unterliegen müßten; denn man würde Ihnen ins Gesicht lachen, falls Sie etwa klagen sollten.«

»Ich fühle die Richtigkeit Ihrer Gründe, besonders in einer Stadt, wo man den Kopf fortwährend voll von Gedanken hat.«

Im Park fand ich Martinelli, dem ich für seinen Decamerone dankte; er hatte mir das Buch inzwischen gesandt. Er beglückwünschte mich zu meinem Wiedererscheinen in der Gesellschaft und zu der schönen Dame, deren glücklicher Besitzer und gewiß auch Sklave ich geworden sei. »Lord Pembroke hat sie gesehen und hat sie reizend gefunden.«

»Wie? Was sagen Sie da? Wo hat er sie gesehen?«

»Mit Ihnen in einem vierspännigen Wagen; Sie fuhren in scharfem Trab nach Rochester zu. Es ist etwa drei oder vier Tage her.«

»Schön, mein lieber Martinelli; jetzt kann ich es Ihnen ja sagen: ich brachte sie nach Calais und werde sie niemals wiedersehen.«

»Werden Sie Ihre Wohnung wieder zu denselben Bedingungen vermieten?«

»Nein, niemals wieder – obgleich der Gott der Liebe mich sehr gnädig behandelt hat. Sie werden mir ein Vergnügen machen, wenn Sie zu mir kommen, so oft Sie Lust haben.«

»Muß ich mich vorher anmelden?«

»Nein, für meine Freunde speist Lukullus bei Lukullus.«

Wir setzten unseren Spaziergang fort, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben, und sprachen von Literatur und allerlei Gebräuchen. Plötzlich bemerkte ich in der Nähe von Buckingham-House zu meiner Linken im Gebüsch fünf oder sechs Personen, die ein dringendes Bedürfnis verrichteten und dabei den Vorübergehenden den Hintern zukehrten. Diese Stellung erschien mir empörend unanständig, und ich sprach Martinelli gegenüber meinen Abscheu aus, indem ich besonders bemerkte, diese schamlosen Menschen müßten doch zum mindesten den Vorübergehenden ihr Gesicht zukehren.

»Keineswegs!« rief er; »denn dann würde man sie vielleicht erkennen, und ganz sicherlich würde man sie ansehen, während sie durchaus keine Gefahr laufen, erkannt zu werden, wenn sie nur ihren Hintern den Blicken preisgeben; außerdem nötigen sie dadurch jeden einigermaßen zartfühlenden Menschen, seine Blicke von ihnen abzuwenden.«

»Ich erkenne Ihre Gründe als richtig an, mein lieber Freund, aber Sie werden es natürlich finden, daß so etwas einen Ausländer empört.«

»Natürlich; in allen Ländern wurzeln die besonderen Gebräuche sich ebenso fest ein wie die Vorurteile. Sie haben wohl schon bemerkt, daß ein Engländer, der auf der Straße seine Schleusen öffnen muß, nicht wie bei uns in einen Gang tritt oder sich an eine Tür stellt oder einen Prellstein als Deckung benutzt?«

»Ja, ich habe gesehen, daß Leute sich nach der Mitte der Straße wandten; aber wenn sie es auf diese Weise vermeiden, von den Leuten gesehen zu werden, die auf den Bürgersteigen oder in den Läden sind, so werden sie dafür von denen gesehen, die vorüberfahren, und das ist doch auch nicht richtig.«

»Wer zwingt denn die Herrschaften, die bequem im Wagen fahren, hinzusehen?«

»Das ist allerdings auch wieder wahr.«

Wir gingen bis zum Greenpark und trafen dort Lord Pembroke, der einen Spazierritt machte. Sobald er mich sah, hielt er an und erhob ein lautes Geschrei. Ich erriet die Ursache seiner Überraschung und sagte ihm, ohne seine Frage abzuwarten: »Ich habe zu meinem großen Bedauern meine Freiheit wiedererlangt und fühle mich an meiner guten Tafel sehr vereinsamt.«

»Ich bin ein wenig neugierig, mein lieber Seingalt, und werde vielleicht heute zu Ihnen kommen und Ihnen Gesellschaft leisten.«

Wir trennten uns, und da ich darauf rechnete, daß ich ihn zum Mittagessen bei mir sehen würde, so ging ich nach Hause, um meinem Koch zu sagen, ich würde im Apollosaale speisen. Martinelli hatte sich für diesen Tag schon verpflichtet und konnte daher nicht kommen; aber er zeigte mir eine Ausgangstür des Parkes, die ich noch nicht kannte, und brachte mich auf den Weg.

Als wir in eine Straße einbogen, sahen wir eine Menge Leute, die etwas zu beobachten schienen. Martinelli ging an den Haufen heran, kam dann wieder zu mir und sagte: »Sie werden da etwas Eigentümliches sehen, was Sie Ihren Beobachtungen englischer Gebräuche einverleiben können.«

»Was ist es denn?«

»Ein Mensch, der in einer Viertelstunde an den Folgen eines Faustschlages auf die Schläfe sterben wird, den er bei einer Boxerei von einem anderen braven Mann erhalten hat.«

»Gibt es denn kein Mittel dagegen?«

»Es ist ein Chirurg da, der ihn zu retten verspricht, wenn man ihm erlaubt, den Mann zur Ader zu lassen.«

»Wer kann ihm denn das verbieten?«

»Das ist eben das Merkwürdige: Zwei Männer haben zwanzig Guineen auf das Leben des Mannes gewettet. Der eine hat gesagt: ich wette, daß er stirbt; der andere: ich wette, er wird nicht sterben. Der erste erhebt Einspruch gegen den Aderlaß; denn wenn der Chirurg den Verwundeten heilt, wird der zweite seine zwanzig Guineen verlangen.«

»Ein sehr unglücklicher Mensch und sehr unbarmherzige Wetter!«

»In betreff des Wettens sind die Engländer eigentümliche Leute. Bei ihnen wird auf alles gewettet. Es gibt hier eine Gesellschaft, die man den Wettklub nennt. Wenn Sie Lust haben, dem Verein beizutreten, werde ich Sie vorstellen.«

»Spricht man französisch?«

»Ohne allen Zweifel; denn die Mitglieder sind geistreiche und vornehme Leute.«

»Und was macht man in diesem Klub?«

»Man plaudert, man disputiert; und wenn jemand irgend etwas leugnet, was ein anderer behauptet, so muß eine Wette angenommen werden, falls einer von den beiden sie vorschlägt; sonst muß eine Geldstrafe zugunsten einer allgemeinen Kasse bezahlt werden, die am Ende eines jeden Monats geteilt wird.«

»Lieber Freund, verschaffen Sie mir doch den Zutritt zu diesem reizenden Klub! Ich werde da reich werden; denn ich werde mit meiner Meinung nicht zurückhalten, so oft ich entgegengesetzter Ansicht bin, aber ich werde darauf halten, daß ich meiner Sache sicher bin.«

»Nehmen Sie sich in acht, denn Sie werden es mit starken Gegnern zu tun haben!«

»Aber kommen wir noch einmal auf den sterbenden Mann! Was wird man dem anderen tun, der ihn getötet hat?«

»Man wird seine Hand untersuchen, und wenn diese glatt ist wie die Ihrige und wie die meinige, wird man sich damit begnügen, sie zu zeichnen.«

»Das begreife ich nicht. Bitte, erklären Sie es mir! Woran erkennt man eine gefährliche Hand?«

»Wenn man die Hand gezeichnet findet, so ist dies ein Beweis, daß er bereits einen Menschen getötet hat. Nachdem man seine Hand gezeichnet hat, sagt man zu ihm: Nimm dich in acht, noch einen zu töten; denn wenn du dies tust, wird man dich hängen.«

»Aber wenn dieser Mann angegriffen wird?«

»Er braucht nur seine Hand zu zeigen. Bei diesem Anblick entfernt sich sofort ein jeder und läßt, ihn in Ruhe.«

»Aber wenn man ihn zwingt?«

»Dann befindet er sich in der Notwehr, und wenn er einen Totschlag begeht, wird er freigesprochen, vorausgesetzt, daß er Zeugen hat.«

»Ich wundere mich, daß der Faustkampf erlaubt ist, da er den Tod eines Menschen herbeiführen kann.«

»Er ist nur als Wette erlaubt. Die Gegner werfen vor Beginn des Kampfes ein Geldstück oder mehrere auf die Erde und bekunden dadurch, daß sie eine Wette eingehen. Haben sie das nicht getan, so wird der Sieger gehenkt, wenn er den anderen tötet.«

»O Gesetze, o Sitten!«

Durch solche Beobachtungen lernte ich diese stolze Nation kennen, die so groß und zugleich so klein ist.

Der edle Lord erschien pünktlich zur verabredeten Stunde, und ich bewirtete ihn aufs beste, um ihm Lust zu machen, recht bald wieder zu kommen. Obgleich wir beide allein miteinander speisten, saßen wir sehr lange bei Tisch, denn ich wünschte von ihm Erklärungen über alles, was ich am Morgen gesehen hatte, besonders über den Wettklub. Der liebenswürdige Pembroke riet nur, nicht einzutreten, wenn ich mir nicht etwa vornehmen wollte, eine oder fünf Wochen lang vollständig zu schweigen.

»Aber wenn man mich fragt.«

»Dann müssen Sie ausweichen.«

»Natürlich werde ich ausweichen, wenn ich nicht imstande bin, meine Meinung abzugeben; aber im gegenteiligen Falle wäre selbst Satan nicht imstande, mich zum Schweigen zu bringen.«

»Um so schlimmer.«

»Aber sind es denn Gauner?«

»Ganz gewiß nicht. Es sind lauter Edelleute, Gelehrte, reiche Herren und Lebemänner. Aber sie sind unbarmherzig im Vorschlagen und Annehmen von Wetten.«

»Ist die Kasse reich?«

»Nichts weniger als das, denn man betrachtet es als eine Schande, die Buße zu bezahlen, und nimmt lieber eine mäßige Wette an. Wer wird Sie vorschlagen?«

»Martinelli.«

»Ja, er wird sich an Spencer wenden, der Mitglied der Gesellschaft ist. Ich habe es abgelehnt, mich einführen zu lassen.«

»Warum?«

»Weil ich nicht gerne disputiere.«

»Ich habe den entgegengesetzten Geschmack, und darum will ich mich um meine Zulassung bewerben.«

»Wissen Sie übrigens, Herr von Seingalt, daß Sie ein eigentümlicher Mensch sind?«

»Warum, Mylord?«

»Sie schließen sich einen ganzen Monat lang mit einer Frau ein, die vierzehn Monate in London gelebt hat, ohne daß es einem Menschen gelungen ist, sie kennen zu lernen oder auch nur zu erfahren, aus welchem Lande sie ist! Die Neugier aller Liebhaber seltsamer Dinge ist hierdurch aufs höchste angestachelt worden.«

»Woher haben Sie erfahren, daß sie vierzehn Monate hier gelebt hat?«

»Mehrere Personen haben sie im Hause einer ehrbaren Witwe gesehen, bei der sie den ersten Monat wohnte. Sie hat auf die Anträge, die man ihr machte, niemals auch nur eine Antwort gegeben: Ihr Anschlagzettel hat geradezu Wunder gewirkt.«

»Zum Unglück für mich! Denn ich fühle, daß ich nach ihr kein anderes Weib mehr lieben kann.«

»Ach, das ist Kinderei, mein Lieber. In acht Tagen lieben Sie eine andere, vielleicht morgen schon, wenn Sie zu mir aufs Land kommen und bei mir zu Mittag speisen wollen. Ich traf gestern zufallig in Chelsea eine richtige französische Schönheit, die sich bei mir zum Essen einlud. Ich habe meine Anordnungen getroffen und einigen Freunden, die das Spiel lieben, Bescheid sagen lassen.«

»Das Glücksspiel?«

»Selbstverständlich.«

»Spielt diese reizende Französin gern?«

»Sie nicht, aber ihr Mann.«

»Wie heißt der?«

»Er läßt sich Graf Castelbajac nennen.«

»Ah! Castelbajac?«

»Ja.«

»Gascogner?«

»Ja.«

»Groß, mager, schwarz, pockennarbig?«

»Ganz recht! Ich bin entzückt, daß Sie ihn kennen. Ist seine Frau nicht wirklich eine Schönheit?«

»Das kann ich nicht sagen. Ich habe vor sechs Jahren diesen Castelbajac oder den Herrn, der sich so nennt, kennen gelernt und habe niemals etwas davon gehört, daß er verheiratet wäre. Übrigens stehe ich Ihnen zu Verfügung, Mylord, und es ist mir sehr angenehm, Ihre Gesellschaft mitzumachen. Nur muß ich Sie bitten, nichts zu sagen, falls er etwa so tun sollte, wie wenn er mich nicht kennte; denn er könnte triftige Gründe dazu haben, übermorgen werde ich Ihnen eine Geschichte erzählen können, die dem Herrn keine Ehre macht. Ich wußte nicht, daß er Spieler ist. Ich werde in der Gesellschaft der Wetter auf meiner Hut sein, und ich rate Ihnen, Mylord, seien Sie morgen in Ihrer Gesellschaft auf Ihrer Hut!«

»Ich werde mir den Rat zunutze machen.«

Nachdem Pembroke sich entfernt hatte, ging ich aus und machte einen Besuch bei der Cornelis, die mir vor acht Tagen mitgeteilt hatte, daß meine Tochter krank sei. Sie beklagte sich, daß sie zu zwei verschiedenen Malen, wo sie mich aufgesucht habe, nicht angenommen worden sei, obwohl ich ganz bestimmt zu Hause gewesen sei. Ich antwortete ihr: ich sei in meinem Hause verliebt und glücklich gewesen und habe darum meine Tür vor jedermann verschlossen gehalten. Hiermit mußte sie sich zufrieden geben.

Der Zustand meiner kleinen Sophie beunruhigte mich; sie lag mit starkem Fieber zu Bett, war sehr abgemagert, und ihr ausdrucksvoller Blick sagte mir, daß ein Kummer an ihr nagte. Ihre Mutter war in Verzweiflung, denn sie liebte sie leidenschaftlich, und ich glaubte, sie würde mir die Augen ausreißen, als ich ihr sagte: wenn das Kind sterben sollte, so würde sie sich seinen Tod vorzuwerfen haben. Sophie mit ihrem ausgezeichneten Herzen rief sofort: »Nein, nein, mein lieber Papa!«

Dann fiel sie ihrer Mutter um den Hals und suchte sie durch ihre Liebkosungen zu beruhigen.

Ich rief die Mutter auf die Seite und sagte zu ihr: »An Sophien« Krankheit ist nur die Furcht vor Ihrer übergroßen Strenge schuld. So zärtlich Sie sie lieben, behandeln Sie sie doch mit einem unerträglichen Despotismus. Geben Sie sie für ein paar Jahre in eine Pension, wo sie mit Töchtern aus guten Familien zusammen ist. Teilen Sie ihr dies noch heute Abend mit und Sie sollen sehen, morgen geht es ihr besser.«

»Aber eine gute Pension kostet jährlich hundert Guineen!«

»Wenn die Pension, die Sie wählen, mir zusagt, bin ich bereit, für ein Jahr vorauszubezahlen.«

Als sie dies hörte, umarmte diese Frau, die trotz ihrem Luxus und ihrem scheinbaren Reichtum wirklich in Not war, mich mit allen Anzeichen der lebhaftesten Dankbarkeit.

»Kommen Sie!« rief sie; »kommen Sie, mein lieber Freund, und sagen Sie es selber meiner Tochter. Ich will sehen, was für ein Gesicht sie dazu macht!«

»Gern.«

»Meine liebe Sophie,« sagte ich zu dem Kinde, »deine Mutter und ich sind überzeugt, daß eine Luftveränderung dich bald wieder gesund machen wird. Wenn du ein oder zwei Jahre in einer der besten Pensionen auf dem Lande verbringen willst, so bin ich bereit, sofort für das erste Jahr zu bezahlen.«

»Ich kann nur meiner lieben Mama gehorchen«, sagte Sophie.

»Von Gehorsam ist nicht die Rede. Gehst du gern in die Pension? Sprich dich ganz offen aus!«

»Aber wird es meiner lieben Mama angenehm sein?«

»Sehr angenehm, mein liebes Kind, wenn du gern gehst.«

»O! Dann gehe ich mit dem größten Vergnügen, liebe Mama!«

Bei diesen Worten wurde das Gesicht des Kindes feuerrot – für mich ein deutliches Zeichen, daß ich richtig gesehen hatte. Ich verabschiedete mich von ihnen, indem ich die Cornelis bat, mir Nachricht zu geben.

Am nächsten Morgen um zehn Uhr fragte Jarbe mich, ob ich meine Gesellschaft vergessen habe.

»Nein, aber es ist ja erst zehn Uhr.«

»Allerdings, Herr, aber Sie haben zwanzig Meilen zu fahren.«

»Zwanzig Meilen?«

»Ja, gewiß, Sie müssen ja nach St. Albans.«

»Ich finde es sonderbar, daß Pembroke mir davon nichts gesagt hat. Woher weißt du es denn?«

»Er hat seine Adresse hinterlassen, als er ging.«

»So sind die Engländer!«

Ich nahm die Post, was keine Umstände machte, denn sie ist überall zu haben, und in weniger als drei Stunden war ich an Ort und Stelle. Es gibt nichts Schöneres, als die englischen Landstraßen, und nichts Lieblicheres, als die lachende Landschaft. Nur der Weinstock fehlt, denn Englands Boden, so fruchtbar er ist, taugt doch nicht für den Weinbau.

Das Haus des Lords Pembroke ist nicht groß, kann aber doch bequem zwanzig Herrschaften mit ihren Dienern aufnehmen.

Da die Dame noch nicht gekommen war, zeigte der Lord mir seinen Park, seine Bäder, seine prachtvollen Gewächshäuser und einen Hahn, der in einem Verschlage angekettet war. Dieses Tier sah wirklich zum Erschrecken wild aus.

»Was haben Sie denn da, Mylord?«

»Das ist ein Hahn.«

»Das sehe ich; aber er ist angekettet – warum denn?«

»Weil er wild ist. Er ist sehr verliebt, und wenn er nicht angekettet wäre, würde er auf Liebesabenteuer ausgehen und alle Hähne der Nachbarschaft töten.«

»Aber warum verdammen Sie ihn zum Zölibat?«

»Damit er kriegstüchtig bleibt. Sehen Sie, hier ist die Liste seiner Siege.«

Er zeigte mir eine beglaubigte Liste aller Kämpfe, aus denen der Hahn als Sieger hervorgegangen war, nachdem er seinen Gegner getötet hatte: es waren mehr als dreißig. Ferner zeigte er mir die Stahlsporen, mit denen man ihn an den Kampftagen bewaffnete. Als der Hahn sie sah, fing er an zu zittern und krähte. Ich mußte unwillkürlich lachen, als ich solchen kriegerischen Mut bei einem so kleinen Tier bemerkte. Der Hahn schien vom Kampfteufel besessen zu sein; er hob seine Füße hoch, wie wenn er darum bitten wollte, daß man ihm seine Waffen anschnallte.

Nach den Sporen zeigte Pembroke mir den Helm, der ebenfalls aus sehr glänzendem Stahl verfertigt war.

»Aber,« bemerkte ich, »wenn er solche Vorteile hat, ist er natürlich sicher, seinen Gegner zu besiegen!«

»Durchaus nicht! Denn wenn er mit allen seinen Waffen gerüstet ist, verschmäht er einen Gegner, der nicht dieselben Waffen hat.«

»Das ist kaum zu glauben, Mylord.«

»Es ist vollkommen beglaubigt. Lesen Sie nur!«

Er zeigte mir nun eine Liste, die den ganzen Stammbaum dieses sonderbaren Zweifüßlers enthielt. Er konnte besser als mancher adelige Herr zweiunddreißig Ahnen nachweisen – aber natürlich nur von väterlicher Seite; denn hätte er auch von Seiten der Mütter sein reines Blut nachweisen können, so hätte Lord Pcmbroke ihn zum mindesten mit dem Orden vom Goldenen Vließ dekoriert.

»Dieser Hahn«, sagte er zu mir, »kostet mir hundert Guineen, aber ich würde ihn nicht für tausend hergeben.«

»Hat er Kinder?«

»Er arbeitet daran, aber die Sache ist schwierig.«

Ich erinnere mich nicht mehr, was der Lord mir über die Art dieser Schwierigkeiten sagte. Die Engländer sind das sonderbarste Volk; bei keiner anderen Nation kann der aufmerksame Beobachter so viele Eigentümlichkeiten sehen.

Endlich sah ich einen Wagen mit einer Dame und zwei Kavalieren ankommen. Der eine war der Gauner Castelbajac, der andere ein magerer Herr, der sich als Grafen Schwerin vorstellte, Neffen des berühmten gleichnamigen Feldmarschalls, der auf dem sogenannten Totenbett der Helden und Feld der Ehre starb. General Bekw …, ein Engländer, der das Regiment des Feldmarschalls im Dienste des Königs von Preußen kommandierte und einer der Gäste des Lords Pembroke war, sagte dem Herrn aus Höflichkeit, sein Oheim sei in seiner Gegenwart gestorben. Dies veranlaßte den bescheidenen Neffen, das blutbefleckte Band des Schwarzen Adlerordens aus seiner Tasche zu ziehen und zu uns zu sagen: »Dieses Band trug mein Oheim an seinem Todestage, und Seine Majestät von Preußen hat mir erlaubt, es als ein edles Andenken zu behalten.«

»Aber«, sagte ein anderer von den anwesenden Engländern, »so etwas trägt man doch nicht in der Tasche.«

Der angebliche Schwerin tat, wie wenn er ihn nicht verstände, und dies genügte mir, um zu sehen, wes Geistes Kind er war.

Lord Pembroke bemächtigte sich sofort der Dame, die aber nach meiner Meinung einen Vergleich mit Pauline nicht aushalten konnte; sie war weißer, weil sie blond war, aber sie war weniger groß und hatte nicht den geringsten adeligen Anstand. Sie ließ mich vollkommen kalt, denn das Lächeln machte sie häßlicher, und das ist ein großer Schönheitsfehler bei einer Frau; denn das Lachen muß sie verschönern, damit sie wirklich interessant werde.

Lord Pembroke stellte seine Gäste der Gesellschaft vor, und als er meinen Namen nannte, bezeugte Castelbajac eine große Freude, mich wiederzusehen, obgleich mein Name Seingalt ihm ja erlaubt haben würde, sich zu stellen, als ob er mich nicht kenne.

Wir hielten eine fröhliche Mahlzeit mit englischen Gerichten, und zum Schluß schlug Madame eine Partie Pharao vor.

Da Mylord niemals spielte, so erbot der General sich, zur Unterhaltung der Gesellschaft die Bank zu halten. Er legte etwa hundert Guineen und mehrere Banknoten auf den Tisch; alles in allem mochte die Bank etwa tausend Guineen stark sein. Hierauf gab er jedem Spieler zwanzig Marken, indem er erklärte, daß eine jede zehn Schilling gelte. Da ich nur gegen bar spielen wollte, so nahm ich keine Marken an. Bei der dritten Taille hatte Schwerin seine zwanzig Marken verloren und verlangte neue; als jedoch der Bankhalter ihm sagte, er spiele nicht auf Wort, schwieg der angebliche Neffe des Feldmarschalls und spielte nicht mehr.

Bei bei nächsten Taille kam Castelbajac in dieselbe Lage; da er neben mir saß, bat er mich um Erlaubnis, zehn Goldstücke von meinem Gelde nehmen zu dürfen.

»Sie würden mir Unglück bringen,« sagte ich kalt, indem ich zugleich seine Hand zurückstieß. Er ging in den Garten hinaus, jedenfalls, um die Beleidigung zu verdauen, die ich ihm zugefügt hatte. Die Dame sagte, ihr Mann habe seine Brieftasche vergessen. Eine Stunde darauf legte der General die Karten hin, und ich entfernte mich, indem ich Mylord und die ganze Gesellschaft für den nächsten Tag zum Mittagessen in mein Haus einlud.

Um elf Uhr war ich wieder zu Hause. Ich hatte unterwegs keine Straßenräuber getroffen, wie ich erwartet hatte; ich hatte für diesen Fall sechs Guineen in eine kleine Börse gesteckt, die ich zu opfern bereit war. Ich ließ meinen Koch wecken und sagte ihm, am nächsten Tage hätte ich zwölf Personen zu Tisch, und ich erwartete, daß er mir Ehre machte. Auf meinem Tisch fand ich einen Brief von der Cornelis, die mir schrieb, sie werde am nächsten Sonntag mit ihrer Tochter bei mir speisen und nach dem Essen wollten wir die Pension ansehen, in der sie das Kind unterzubringen gedächte.

Am nächsten Tage kam zuerst Lord Pembroke mit der schönen Französin in einem Wagen mit zwei engen Plätzen; aber diese Enge war der Liebe günstig. Der Gascogner und der Preuße kamen zuletzt.

Wir setzten uns um zwei Uhr zu Tisch und tafelten bis vier Uhr; wir waren alle sehr zufrieden mit meinem Koch und noch mehr mit meinem Weinhändler; denn obwohl wir vierzig Flaschen verschiedener ausgezeichneter Weine geleert hatten, waren wir alle bei Besinnung.

Nach dem Kaffee lud der General alle Anwesenden ein, bei ihm zu Abend zu essen, und Madame Castelbajac forderte mich auf, eine Bank zu legen. Ohne mich lange bitten zu lassen, legte ich tausend Guineen auf; da ich jedoch keine Spielmarken hatte, so erklärte ich, daß ich nur gegen bar spielen und daß ich aufhören würde, sobald es mir paßte.

Die beiden Grafen bezahlten vor Beginn des Spiels dem General ihren Verlust vom vorigen Tage mit zwei Banknoten, die der General mich ihm zu wechseln bat. Ich wechselte den Herren noch zwei andere und legte die vier Scheine unter meine Tabaksdose auf die Seite.

Das Spiel begann. Da ich keinen Kroupier hatte, mußte ich langsam abziehen und dabei auf die beiden Grafen achten, die sich beständig zu ihrem Vorteil irrten. Dies machte mich verdrießlich. Endlich waren sie alle beide auf dem Trockenen und hatten zu meinem Glück auch keine Banknoten mehr. Castelbajac zog einen Wechsel über zweihundert Guineen aus der Tasche und warf mir diesen hin, indem er mich bat, ihn zu diskontieren.

»Ich verstehe mich nicht auf Handelspapiere«, antwortete ich.

Ein Engländer nahm den Wechsel, untersuchte ihn sehr gründlich, und legte ihn dann wieder auf den Tisch, indem er sagte, er kenne weder den Aussteller noch den Akzeptanten noch den Indossanten.

»Der Indossant bin ich,« sagte Castelbajac, »und ich denke, das muß Ihnen genügen.«

Alle Anwesenden lachten, außer mir. Ich nahm den Wechsel, gab ihn höflich dem Herrn zurück und sagte, er könne ihn am nächsten Tage an der Börse diskontieren. Verdrießlich stand er auf und entfernte sich, indem er unverschämte Worte murmelte. Schwerin folgte ihm.

Nachdem die beiden Ehrenmänner sich entfernt hatten, zog ich in aller Ruhe bis tief in die Nacht hinein weiter ab. Obwohl ich im Verlust war, hörte ich endlich auf, weil der General zu sehr im Glück war. Bevor sie gingen, nahmen der Lord und er mich auf die Seite und baten mich, dafür zu sorgen, daß die beiden Schwindler am nächsten Abend nicht zum Essen kämen; »denn«, sagte der General, »wenn der Gascogner sich auch nur die Hälfte der Unverschämtheiten mir zu sagen erlaubte, die er sich Ihnen gegenüber herausgenommen hat, so würde ich ihn zum Fenster hinauswerfen lassen.«

Pembroke sagte ihm, er brauche nur die Frau damit zu beauftragen.

»Glauben Sie,« fragte ich ihn, »daß diese vier Banknoten, die von ihm herrühren, möglicherweise falsch sind?«

»Das ist sehr leicht möglich!«

»Was würden Sie tun, um den Zweifel zu beseitigen?«

»Ich würde sie nach der Bank schicken, um sie wechseln zu lassen.«

»Und wenn die Bank sie als falsch erkennt?«

»Dann würde ich den Verlust ruhig hinnehmen oder ich würde die Gauner verhaften lassen.«

Am nächsten Morgen ging ich selber auf die Bank. Der erste, dem ich meine vier Banknoten gab, reichte sie mir zurück und sagte kalt: »Das ist falsches Geld, mein Herr.«

»Wollen Sie sie, bitte, aufmerksam prüfen!«

»Das ist nicht nötig, die Scheine sind falsch. Geben Sie sie demjenigen zurück, der sie Ihnen gegeben hat; er wird sich nicht lange bitten lassen, sie Ihnen wieder zu wechseln.«

Ich wußte wohl, daß ich die beiden Gauner hinter Schloß und Riegel bringen konnte, aber es widerstrebte mir, dies zu tun. Ich ging zu Lord Pembroke, um mir ihre Adresse sagen zu lassen. Er lag noch im Bett; aber einer von seinen Leuten führte mich zu ihnen. Mein Erscheinen überraschte sie. Ich sagte ihnen ziemlich ruhig, ihre Banknoten wären falsch, und ich bäte sie daher, sie zurückzunehmen und mir dafür vierzig Goldstücke zu geben.

»Ich habe kein Gold,« sagte Castelbajac; »aber was Sie da sagen, überrascht mich sehr. Ich kann die Banknoten nur an den zurückgeben, von dem ich sie habe, das heißt: wenn es dieselben sind, die Sie gestern von uns erhalten haben.«

Bei dieser beleidigenden Andeutung stieg mir das Blut zu Kopfe. Ich warf ihm einen entrüsteten Blick zu und verließ ihn mit einem kurzen Wort, das ihn als das brandmarkte, was er war. Der Bediente, der mich begleitet hatte, führte mich sogleich zu dem zuständigen Richter, der mich meine Aussage beschwören ließ und mir eine Urkunde ausfertigte, die mich ermächtigt«, die Betrüger verhaften zu lassen. Ich gab die Urkunde einem Alderman, der es übernahm, sie zur Ausführung zu bringen, und ging sehr verdrießlich über diese ärgerliche Geschichte nach Hause.

Dort erwartete mich Martinelli; er war gekommen, um mit mir zu speisen. Ich erzählte ihm die Geschichte, ohne ihm jedoch zu sagen, daß die Spitzbuben verhaftet werden sollten. Er faßte die Sache als Philosoph auf und sagte mir ruhig, an meiner Stelle würde er mit den vier Banknoten ein Autodaf veranstalten. Der Rat war gut; leider befolgte ich ihn nicht. Der wackere Martinelli glaubte mir ein Vergnügen zu machen, indem er mir sagte, er habe mit Lord Spencer den Tag meines Eintritts in den Wettklub verabredet. Ich antwortete ihm jedoch, mir sei die Lust vergangen, Mitglied zu werden. Ich hätte diesen Mann, der sich durch sein Wissen ebenso sehr auszeichnete wie durch seinen Lebenswandel, höflich und rücksichtsvoll behandeln sollen. Aber wer könnte wohl je die Tiefen der menschlichen Schwächen ergründen! Oft nimmt man es einem anständigen Menschen übel, daß er einen klugen Rat gibt, den zu befolgen man nicht den Mut hat.

Gegen Abend begab ich mich zum General, bei dem ich die sogenannte Gräfin Castelbajac auf Lord Pembrokes Knien sitzend fand. Das Abendessen war schön und lustig; die beiden unglücklichen Kavaliere erschienen nicht, und es wurde von ihnen nicht gesprochen. Nach Tisch gingen wir in ein anderes Zimmer, wo wir bis Tagesanbruch spielten. Ich ging mit einem Verlust von zwei- oder dreihundert Guineen nach Hause.

Als ich am nächsten Tage sehr spät erwachte, sagte mein Diener mir, es sei ein Mensch da, der mit mir zu sprechen wünsche. Ich ließ ihn hereinkommen, und da er nur englisch sprach, mußte Jarbe mir als Dolmetscher dienen. Der Mann war der Anführer der Polizisten; er ließ mir sagen, daß er gegen Erstattung der Reisekosten bereit sei, Castelbajac in Dover zu verhaften, wohin dieser gegen Mittag abgereist sei. Den anderen werde er ganz bestimmt im Laufe der Nacht einfangen.

Ich gab ihm eine Guinee und ließ ihm sagen, die Verhaftung des zweiten genüge mir, und er könne den anderen ruhig laufen lassen.

Der nächste Tag war ein Sonntag – der einzige Tag der Woche, wo die Cornelis sich in den Lodoner Straßen sehen lassen konnte, ohne befürchten zu müssen, daß ein Polizeibeamter oder ein Gerichtsbote sie verhaftete. Sie kam daher mit ihrer Tochter zu mir, die durch die Aussicht, demnächst ihre Mutter verlassen zu dürfen, wie von einem Zaubermittel wiederhergestellt war. Die Pension, die die Cornelis gewählt hatte, befand sich in Harwich, und dorthin fuhren wir nach dem Essen.

Die Leiterin der Anstalt war katholisch. Trotz ihren sechzig Jahren sah sie frisch aus; sie besaß viel Geist und Weltgewandtheit. Da Lady Harrington ihr bereits eine Empfehlung geschickt hatte, empfing sie die junge Cornelis sehr freundlich. Sie hatte etwa fünfzehn junge Pensionärinnen von dreizehn bis vierzehn Jahren. Als sie ihnen Sophie als neue Kameradin vorstellte, umringten alle diese jungen Damen sie und überhäuften sie mit Liebkosungen. Fünf oder sechs waren Engel von entzückender Schönheit, und zwei oder drei waren abstoßend häßlich. Solche Gegensätze findet man in England öfter als anderswo. Meine Tochter war kleiner als alle anderen, aber sie war schön genug, um keinen Vergleich scheuen zu müssen, und ihre Klugheit machte sie einer jeden ebenbürtig. Sie erwiderte die Liebkosungen mit jener Leichtigkeit des Benehmens, die man in späteren Jahren nur durch lange Übung erwirbt.

Als wir die innere Einrichtung des Hauses besichtigten, begleiteten alle Schülerinnen uns; diejenigen, die gut genug französisch oder italienisch sprachen, redeten mich an und sagten mir, sie würden meine Tochter herzlich lieb haben. Die anderen hielten sich abseits, wie wenn sie sich ihrer Unwissenheit schämten. Wir besahen die Klaviere, die Harfen, die Schulsäle, die Schlafzimmer – alles, und ich fand, daß meine Sophie es gar nicht besser hätte treffen können. Wir gingen daher in das Privatzimmer der Vorsteherin, und die Cornelis zahlte ihr hundert Guineen für ein Jahr voraus, worüber sie sich eine Quittung geben ließ. Hierauf verabredeten wir, Sophie solle von dem Tage an, wo sie mit einem Bett und der erforderlichen Ausrüstung kommen werde, in die Anstalt eintreten und als Pensionärin behandelt werden. Die Cornelis besorgte dies schon am nächsten Sonntag.

Am Tage nach diesem Besuche teilte der Alderman mir mit, der Graf Schwerin sei bei ihm als Gefangener und wünsche mit mir zu sprechen. Anfangs weigerte ich mich; als aber der Bote des Aldermans mir durch Jarbe sagen ließ, der arme Teufel habe keinen Penny, da wurde ich mitleidig und änderte meinen Entschluß; denn da es sich um falsche Banknoten handelte, so würde man ihn nach Newgate gebracht haben, und dort wäre er in großer Gefahr gewesen, an den Galgen zu kommen.

Ich folgte dem Abgesandten des Beamten und ich kann nicht beschreiben, wie schmerzlich mir der Anblick der strömenden Tränen und der verzweifelten Gebärden des Unglücklichen war, der mich flehentlich bat, ich möchte doch Mitleid mit ihm haben. Er schwor mir, die Banknoten seien ihm von Castelbajac gegeben worden; er wisse aber, von wem dieser sie erhalten habe, und er erbot sich, mir die Person zu nennen, wenn ich ihm die Gnade erweisen wolle, ihn wieder in Freiheit setzen zu lassen.

Ein Restchen von Ärger veranlaßte mich, ihm zu antworten, er brauche ja nur die betreffende Person zu nennen und sei dann sicher, nicht gehenkt zu werden. Ich wolle es mir jedoch täglich vier Pence kosten lassen und ihn solange im Gefängnis lassen, bis er mir mein Geld wieder gegeben habe. Auf diese Drohungen hin begann er wieder zu weinen und zu schreien, er sei im allertiefsten Elend; nachdem er alle seine Taschen umgedreht hatte, in denen sich wirklich kein Heller befand, bot er mir das blutige Ordensband seines angeblichen Oheims als Pfand an. Ich freute mich, einen Vorwand zu haben, ohne mich schwach zeigen zu müssen. Ich nahm daher das Band an und gab ihm eine Quittung über seine Schuld, indem ich mich verpflichtete, ihm dieses Brimborium, woran der Schwarze Adler hing, zurückzugeben, sobald er mir vierzig Guineen auszahlen würde.

Nachdem ich meine Abstandserklärung schriftlich gegeben und die Kosten, seiner Haft bezahlt hatte, verbrannte ich in seiner Gegenwart und in der des Aldermans die vier falschen Banknoten und ließ ihn in Freiheit setzen.

Zwei Tage darauf fand die angebliche Gräfin sich bei mir ein und sagte mir, sie wisse nicht, wo sie ihr Haupt niederlegen solle, da Castelbajac und Schwerin abgereist seien. Sie beklagte sich bitterlich über Lord Pembroke, der sie ebenfalls verlassen habe, nachdem sie ihm die unzweifelhaftesten Beweise ihrer Zärtlichkeit gegeben habe. Um sie zu trösten, sagte ich ihr, er würde sehr unrecht daran getan haben, sie vorher zu verlassen, denn er müsse sie als seine Schuldnerin ansehen.

Um die Frau loszuwerden, mußte ich ihr das Reisegeld nach Calais geben. Sie sagte mir, sie wolle den Gascogner nicht wieder sehen; übrigens sei er gar nicht ihr Gatte. Wir werden in drei Jahren dieselben Persönlichkeiten wiederfinden.

Einen oder zwei Tage darauf ließ ein Italiener sich bei mir melden; er gab mir einen Brief meines Freundes Baletti, der mir den Überbringer, Constantini aus Vicenza, empfahl. Dieser komme nach London in einer wichtigen Angelegenheit, die er mir mitteilen müsse. Er bat mich, ihm nützlich zu sein, so sehr ich nur könnte.

Nachdem ich Herrn Constantini versichert hatte, ich würde mich glücklich schätzen, das Vertrauen eines meiner besten Freunde rechtfertigen zu können, faßte er den Mut, mir zu sagen: »Die lange Reise, die ich gemacht habe, hat meine Börse so ziemlich erschöpft; aber ich weiß, daß meine Frau hier ist und daß sie reich ist. Es wird mir leicht sein, ihren Aufenthalt zu entdecken, und wie Sie wissen,, gehört mir als Ehemann alles, was sie besitzt.«

»Das wußte ich nicht.«

»Sie kennen also die Gesetze dieses Landes nicht?«

»Nein.«

»Das tut mir leid, aber es ist so. Ich gedenke morgen zu ihr zu gehen und sie in dem Kleide, das sie auf dem Leibe hat, auf die Straße zu werfen, denn ihre Möbel, Kleider, Wäsche, Schmucksachen gehören mir – mit einem Wort: alles, was sie besitzt, ist mein. Dürfte ich Sie bitten, mich zu begleiten, wenn ich diesen schönen Streich ausübe?«

Ich war ganz verblüfft. Ich fragte ihn, ob er Baletti von seinen Absichten in Kenntnis gesetzt hätte, und er antwortete:

»Ich habe es keinem Menschen auf der ganzen Welt anvertraut; Sie sind der erste, dem ich mich eröffnet habe.«

Ich konnte ihn nicht als einen Wahnsinnigen behandeln, denn er sah nicht danach aus; auch war es wohl möglich, daß das Gesetz, wovon er sprach, in England gültig war. Ich antwortete ihm, ich sei nicht geneigt, mich in diese Angelegenheit einzumischen, die ich übrigens entschieden mißbillige, es sei denn, daß seine Gemahlin die Sachen, die sie in diesem Augenblick besitze, ihm entwendet habe.

»Meine Gattin, mein Herr, hat mir nur meine Ehre gestohlen und hat nur ihr Talent mitgenommen, als sie mich verließ. Sie muß hier ein großes Vermögen erworben haben, und habe ich nicht recht, wenn ich mich desselben bemächtige, wäre es auch nur, um sie zu bestrafen und um mich an ihr zu rächen?«

»Das mag wohl sein; aber da Sie mir ein vernünftiger Mann zu sein scheinen, so frage ich Sie: was würden Sie von mir halten, wenn ich so ohne weiteres bereit wäre, Sie bei einer Handlung zu unterstützen, die ich grausam finde, mögen Sie auch noch so gute Gründe haben? Außerdem wäre es sehr leicht möglich, daß ich Ihre Frau kenne, ja, daß ich sogar deren Freund bin.«

»Ich werde Ihnen den Namen nennen.«

»Nein, tuen Sie das nicht, bitte! obgleich ich keine Signora Constantini kenne.«

»Sie hat ihren Namen geändert, nennt sich Calori und ist Sängerin am Haymarkettheater.«

»Jetzt weiß ich, wer sie ist; und ich sage Ihnen, Sie haben unrecht getan, mir ihren Namen zu nennen.«

»Ich zweifle nicht an Ihrer Verschwiegenheit. Ich werde mich unverzüglich nach ihrer Wohnung erkundigen, denn das ist die Hauptsache.«

Der Mann ging weinend hinaus, und er tat mir leid. Indessen ärgerte ich mich, daß er mich, obgleich ohne mein Zutun, in sein Geheimnis eingeweiht hatte. Einige Stunden darauf machte ich der Binetti einen Besuch, und diese schilderte mir die Verhältnisse aller Virtuosinnen Londons. Als sie an die Calori kam, sagte sie mir, diese habe mehrere Liebhaber gehabt, von denen sie viel Geld erhalten habe; im Augenblick habe sie jedoch keinen Liebhaber außer dem berühmten Geiger Giardini, in den sie sich ernstlich verliebt habe.

»Wo ist sie her?« fragte ich.

»Aus Vicenza.«

»Ist sie verheiratet?«

»Ich glaube nicht.«

Ich dachte schon nicht mehr an diese üble Geschichte, als ich drei oder vier Tage darauf einen Brief aus dem Kings-Bench-Gefängnis erhielt. Er war von Constantini. Der Unglückliche schrieb mir, er sehe in mir den einzigen Freund, den er in London habe, und hoffe daher, ich werde ihn besuchen, um ihm wenigstens einen guten Rat zu geben.

Ich glaubte seiner Bitte nicht mein Ohr verschließen zu dürfen und ging daher in das Gefängnis. Ich fand den unglücklichen Menschen in verzweifelter Stimmung; bei ihm war ein alter englischer Sachwalter, den ich kannte, und der das Italienische radebrechte.

Constantini war am Tage vorher wegen mehrerer von seiner Frau akzeptierter und nicht eingelöster Wechsel verhaftet worden. Die Calori schuldete angeblich tausend Guineen. Der Sachwalter hatte diese Wechsel, fünf an der Zahl, in Händen und war nun zu dem Ehemann gekommen, um diesem einen Vergleich vorzuschlagen.

Ich sah sofort, daß hier ein niederträchtiger Betrug im Werke war; denn die Binetti hatte mir gesagt, daß die Calori sehr reich sei. Ich 3öS bat den Sachwalter, mich einen Augenblick mit dem Gefangenen allein zu lassen, da ich diesem etwas unter vier Augen zu sagen hätte.

»Man verhaftete mich,« sagte er mir, »wegen Schulden meiner Frau und sagte mir, ich müsse sie bezahlen, weil ich ihr Mann sei.«

»Ihnen wird da von Ihrer Frau ein Streich gespielt, weil sie ohne Zweifel erfahren hat, daß Sie in London sind.«

»Sie hat mich vom Fenster aus gesehen.«

»Warum haben Sie mit der Ausführung Ihres Planes solange gezögert?«

»Ich würde ihn heute morgen ausgeführt haben; wie konnte ich auch ahnen, daß die Spitzbübin Schulden hat!«

»Sie hat ja auch keine, und diese Wechsel sind fingiert. Sie sind vordatiert, denn sie sind erst gestern geschrieben worden. Das ist eine böse Geschichte, die ihr teuer zu stehen kommen kann.«

»Aber einstweilen bin ich im Gefängnis!«

»Bleiben Sie ruhig hier und verlassen Sie sich auf mich.«

Ich war empört über diese Spitzbüberei und entschloß mich, die Sache des unglücklichen Mannes zu der meinigen zu machen. Ich ging daher zu Bosanquet und trug ihm den Fall vor. Er antwortete mir, solche Schiebungen kämen in London jeden Tag vor; man wisse aber seit langer Zeit, wie man sie zu vereiteln habe. Wenn ich mich für den Gefangenen interessiere, werde er einen Anwalt besorgen, der ihm aus der Klemme helfen werde; die Frau und ihr Liebhaber, der ihr wahrscheinlich dabei geholfen habe, würden ihr Vorgehen zu bereuen haben. Ich bat ihn, vorzugehen, wie wenn es sich um mich selber handele, und mich nötigenfalls als Bürgen anzusehen.

»Das genügt,« sagte er; »Sie brauchen sich um die ganze Sache nicht mehr zu bekümmern.« Einige Tage später kam Bosanquet zu mir und sagte: »Wie mir der Anwalt, den ich mit der Angelegenheit betraut habe, soeben mitteilt, hat Constantini nicht nur das Gefängnis, sondern sogar England verlassen.«

»Wieso denn? Das ist ja unmöglich!«

»Nein, es ist im Gegenteil sehr einfach. Der Liebhaber seiner Frau wird das Gewitter vorausgesehen haben, und der unglückliche Ehemann wird für eine mehr oder weniger starke Geldsumme bereit gewesen sein, die Flucht zu ergreifen. Damit ist die Sache erledigt. Aber sie ist sehr komisch, und man wird sie bald in den Zeitungen lesen, denn sie ist geradezu ein Musterbeispiel für derartige Fälle. Ganz gewiß wird man Giardini loben, daß er seiner Geliebten diese edle Handlung geraten hat.«

Ich war allerdings mit dem Ausgang der Sache zufrieden, ärgerte mich aber trotzdem etwas über Constantini, daß er dem Liebespaar nicht einen kleinen Denkzettel gegeben hatte. Ich schrieb Baletti die ganze Geschichte, und ich erfuhr von der Binetti, daß die Calori hundert Guineen bezahlt habe; dafür habe Constantini sich verpflichtet, zu fliehen. Einige Jahre später habe ich die Calori in Prag wiedergefunden.

Ein vlamischer Offizier, dem ich in Aachen mit meiner Börse ausgeholfen hatte, machte mir mehrere Besuche; er speiste sogar zwei- oder dreimal bei mir. Ich machte mir Vorwürfe, daß ich so unhöflich gewesen war, ihm nicht einmal einen Anstandsgegenbesuch zu machen, und ich mußte erröten, als ich ihn zufällig auf der Straße traf und er mir in aller Höflichkeit einen leisen Vorwurf machte. Er hatte seine Frau und seine Tochter bei sich in London. Ein wenig Scham und viel Neugier veranlaßten mich unglücklicherweise, ihn in seiner Wohnung aufzusuchen.

Sobald er mich sah, fiel er mir um den Hals und stellte mich seiner Frau vor, indem er mich seinen Retter nannte. Ich mußte alle Komplimente über mich ergehen lassen, die die Gauner stets für anständige Leute, die sie zu betrügen, gedenken, in Bereitschaft halten. Einige Minuten später sah ich eine alte Frau mit einem jungen Mädchen eintreten. Der Offizier stellte mich ihnen als den Chevalier de Seingalt vor, von dem er ihnen schon so oft erzählt habe. Das junge Mädchen spielte die Erstaunte und sagte, sie habe einen Herrn Casanova gekannt, der mir sehr ähnlich sehe. Ich antwortete ihr, dies sei ebenfalls mein Name; ich habe jedoch nicht das Glück, mich ihrer zu erinnern.

»Ich nannte mich damals Ansperger; heute heiße ich jedoch Charpillon; da Sie mich nur ein einzigesmal gesehen und mit mir gesprochen haben, so ist es ja leicht erklärlich, daß Sie mich vergessen haben, zumal, da ich damals erst dreizehn Jahre alt war. Einige Zeit darauf bin ich mit meiner Mutter und meinen Tanten nach London gekommen, und seit vier Jahren wohnen wir hier.«

»Aber mein Fräulein, wo habe ich denn das Vergnügen gehabt, mit Ihnen zu sprechen?«

»In Paris.«

»Und an welchem Ort?«

»Im Palais Marchand. Sie waren in Begleitung einer reizenden Dame und schenkten mir diese Schuhschnallen« – sie zeigte sie mir an ihren Füßen. »Hierauf erwiesen Sie mir auf Veranlassung meiner Tante die Ehre, mich zu umarmen.«

Nun erinnere ich mich der Begebenheit; auch meine Leser werden sich erinnern, daß ich damals die schöne Strumpfhändlerin Baret bei mir hatte.

Ich sagte also zu ihr: »Jetzt entsinne ich mich, mein Fräulein; aber Ihre Frau Tante erkenne ich nicht wieder.«

»Diese hier ist die Schwester jener, die damals bei mir war; aber wenn Sie die Güte haben wollen, bei uns Tee zu trinken, werden Sie sie sehen.«

»Wo wohnen Sie, mein Fräulein?«

»Wir wohnen in Denmark-Street, Soho. Ich werde Ihnen das schmeichelhafte Kompliment, das Sie an mich richteten, schriftlich zeigen.«

Dreizehntes Kapitel


Die Charpillon. – Verhängnisvolle Folgen dieser Bekanntschaft.

Der Name Charpillon erinnerte mich daran, daß ich einen Brief für sie hatte. Ich zog meine Brieftasche, überreichte ihr das Billett und sagte ihr, dieses Briefchen werde uns gleich doppelt miteinander bekannt machen.

»Wie? Ein Briefchen von meinem lieben Botschafter, dem Herrn Prokurator Morosini! Wie mich dies freut! Und Sie sind schon drei Monate in London, mein Herr, und haben nicht daran gedacht, mir dieses Erinnerungszeichen zu überbringen?«

»Ich bekenne, daß ich sehr schuldig bin, mein Fräulein; aber das Briefchen trägt, wie Sie sehen, keine Adresse; außerdem hat Herr von Morosini die Sache durchaus nicht als eilig bezeichnet… Ich freue mich des Zufalls, der es mir heute erlaubt, mich dieser Pflicht zu entledigen.«

»Kommen Sie doch morgen zum Mittagessen zu uns!«

»Das kann ich nicht; ich habe dem Lord Pembroke versprochen, ihn zu erwarten.«

»Werden Sie allein sein?«

»Ich denke, ja. Wir wollen unter vier Augen speisen.«

»Das ist mir angenehm; dann komme ich mit meiner Tante.«

»Hier meine Adresse, mein Fräulein; Sie werden mir ein großes Vergnügen machen, wenn Sie mich besuchen.«

Sie nahm die Adresse, und zu meiner Überraschung sah ich sie lächeln.

»Dann sind Sie also jener Italiener, der den Zettel aushängte, über welchen die ganze Stadt gelacht hat?«

»Der bin ich.«

»Man hat mir gesagt, dieser Spaß sei Ihnen teuer zu stehen gekommen.«

»Ganz im Gegenteil; ich verdanke ihm eine meiner süßesten Erinnerungen.«

»Aber jetzt, da die schöne Dame nicht mehr hier ist, müssen Sie sich wohl recht unglücklich fühlen?«

»Ich gestehe es; aber es gibt Schmerzen, die so süß sind, daß man sie nicht missen möchte.«

»Niemand weiß, wer sie ist, aber Sie müssen das doch wissen.«

»Ja.«

»Machen Sie ein Geheimnis daraus?«

»Ganz gewiß; ich würde lieber sterben, als es verraten.«

»Fragen Sie meine Tante, ob ich nicht hingehen wollte, um bei Ihnen ein Zimmer zu mieten! Meine Mutter wollte es aber nicht erlauben.«

»Wozu haben Sie nötig, eine billige Wohnung zu suchen?«

»Das habe ich allerdings nicht nötig, aber ich wollte gern einmal lachen, und ich hatte Lust, den kühnen Verfasser einer solchen Anzeige zu bestrafen.«

»Wie würden Sie mich bestraft haben?«

»Ich hätte Sie in mich verliebt gemacht und Sie dann entsetzliche Qualen erdulden lassen. O, hätte ich gelacht!«

»Sie glauben also die Macht zu haben, jeden beliebigen Mann in sich verliebt zu machen, und Sie sind imstande, den schnöden Plan zu hegen, die tyrannische Gebieterin des Mannes zu werden, der Ihrer Schönheit die gebührende und von Ihnen erwartete Ehre erweisen würde? Einen solchen Plan kann nur ein Ungeheuer aushecken, und es ist ein Unglück für die Männer, daß Sie ganz und gar nicht so aussehen. Indessen bin ich Ihnen dankbar für Ihre Offenheit und werde mir diese zunutze machen, um auf der Hut zu sein.«

»Dann müßten Sie sich zwingen, mich nicht zu sehen; sonst würden alle Anstrengungen vergeblich sein.«

Da die Charpillon während dieses ganzen Gespräches unaufhörlich lachte, hielt ich ihre Bemerkungen natürlich nur für einen Scherz; aber ich konnte mich nicht enthalten, ihren Geist zu bewundern, der im Verein mit ihrer Schönheit es ihr leicht machen mußte, einen Mann zu unterjochen. Wie dem auch sei – der Tag, da ich dieses Weib kennen lernte, war für mich ein Unglückstag; meine Leser werden selber darüber urteilen können.

Gegen Ende des Septembers 1763 machte ich die Bekanntschaft der Charpillon, und an diesem Tage begann mein Sterben. Wenn der aufsteigende Teil des Lebens dem absteigenden gleich ist – wie es der Fall sein muß –, so glaube ich heute, den ersten November 1797, noch auf etwa vier Lebensjahre rechnen zu dürfen, die nach dem Satze motus in fine velacior sehr schnell vergehen werden.

Die Charpillon, die ganz London gekannt hat, und die, wie ich glaube, noch lebt, war eine jener Schönheiten, an denen man kaum den geringsten körperlichen Mangel entdecken kann. Ihre schönen Haare waren hellrotbraun und von erstaunlicher Länge und Fülle; ihre blauen Augen hatten das natürliche Schmachtende, das dieser Farbe eigen ist, und glänzten zugleich wie die einer Andalusierin; ihre von einer leichten Rosenfarbe angehauchte Haut war blendend weiß; ihr hoher Wuchs ließ erwarten, daß sie mit zwanzig Jahren eine stolze Erscheinung wie Pauline sein werde. Ihre Brüste waren vielleicht ein wenig klein, aber von vollkommener Form; ihre weißen, zarten Hände waren schlank und etwas länger, als sonst Hände gewöhnlich sind; ihre Füße waren sehr klein, ihr Gang hatte jene edle Anmut, die selbst einer nicht schönen Frau so großen Reiz verleiht. Ihr sanftes, offenes Gesicht trug den Ausdruck der Aufrichtigkeit und jenes feinen Zartgefühls, das stets eine unwiderstehliche Waffe für das schöne Geschlecht ist. Leider hatte die Natur gelogen, indem sie ihrem Gesicht diesen Ausdruck gab. Wäre doch lieber alles übrige Betrug gewesen und hätte sie in diesem Punkte die Wahrheit gesagt! Diese Sirene hatte, schon ehe sie mich kannte, daran gedacht, mich unglücklich zu machen, und sie sagte es mir, gleichsam um dadurch ihren Triumph noch zu erhöhen.

Ich war wie betäubt, als ich Malingans Wohnung verließ; ein sinnlicher Mensch wie ich, der in das weibliche Geschlecht leidenschaftlich verliebt war, hätte fröhlich sein müssen, die Bekanntschaft einer seltenen Schönheit gemacht zu haben, die er zur vollständigen Befriedigung seiner Wünsche zu besitzen hoffen durfte. Ich aber war vor Erstaunen wie betäubt, daß Paulinens Bild, das mir immer vor Augen stand und sich gebieterisch vor mir aufrichtete, so oft ich eine Frau sah, deren Schönheit Eindruck auf meine Sinne machen konnte – ich war, wie gesagt, vor Erstaunen wie betäubt, daß dieses Bild nicht imstande war, die Macht einer Charpillon, die ich unwillkürlich verachten mußte, zu vernichten.

Ich söhnte mich mit mir selber aus, indem ich mir einredete, ich sei nur durch die besonderen Umstände, durch den mächtigen Reiz der Neuheit und durch die Hoffnung, daß die Entzauberung bald eintreten werde, verleitet worden. »Ich werde sie nicht mehr so wunderbar finden,« sagte ich mir selber, »sobald ich sie besessen habe, und das kann nicht lange dauern.«

Der Leser wird sich vielleicht für berechtigt halten, mich für einen anmaßenden Gecken zu erklären. Aber wie hätte ich auf den Gedanken kommen können, daß die Charpillon Schwierigkeiten machen würde? Sie hatte sich selber bei mir zum Essen eingeladen; sie hatte dem Prokurator Morosini angehört, der jedenfalls nicht lange nach ihr geschmachtet hatte, denn das war nicht seine Art, und der sie bezahlt haben mußte, denn er war weder jung noch schön. Ganz abgesehen davon, daß ich ihr zu gefallen hoffen durfte, hatte ich Gold und war nicht geizig. So konnte ich also annehmen, daß sie mir keinen Widerstand leisten würde.

Pembroke war mein Freund geworden, seitdem ich das gute Werk an Schwerin getan hatte, und besonders deshalb, weil ich nicht die Hälfte des Betrages vom General zurückverlangt hatte. Er hatte mir gesagt, wir wollten eine Vergnügungspartie machen und auf diese Weise einen angenehmen Tag verbringen. Als er nun vier Gedecke aufgelegt sah, fragte er mich sofort, wer meine beiden anderen Gäste seien. Er war sehr überrascht, als er hörte, daß die Charpillon und ihre Tante kommen sollten, und daß das Mädchen sich selber eingeladen hatte, sobald sie erfuhr, daß er allein mit mir speisen würde.

»Diese Spitzbübin«, erzählte der Lord mir, »hatte mir für einige Augenblicke eine heftige Lust erregt, sie zu besitzen. Als ich sie eines Abends mit ihrer Tante in Vauxhall traf, bot ich ihr zwanzig Guineen, wenn sie allein mit mir in der dunklen Allee spazieren gehen wolle. Sie nahm an, aber unter der Bedingung, daß ich ihr das Geld im voraus gäbe; leider war ich so schwach, dies zu tun. Sie ging mit mir in die Allee hinein; als wir aber ein Stück gegangen waren, ließ sie meinen Arm los, und ich konnte sie die ganze Nacht nicht mehr finden.«

»Sie hätten sie öffentlich ohrfeigen sollen.«

»Damit hätte ich mir eine böse Geschichte aufgeladen; außerdem würde man mich ausgelacht haben. Ich habe es vorgezogen, das Mädchen zu verachten und die Summe, um die sie mich begaunert hatte, zu verschmerzen. Sind Sie verliebt in sie?«

»Nein, aber ich bin neugierig auf sie, wie Sie es gewesen sind.«

»Nehmen Sie sich in acht; denn sie wird alles versuchen, um Sie anzuführen.«

Die Charpillon trat ein, begrüßte Mylord, sagte ihm die artigsten Dinge von der Welt und beachtete mich überhaupt nicht. Sie lacht, scherzt, erzählt den Streich, den sie ihm in Vauxhall gespielt hat, und neckt ihn damit, daß er wegen einer Eulenspiegelei, die ihn doch eigentlich nur noch mehr habe reizen müssen, nicht mehr den Mut gehabt habe, sie noch weiter zu verfolgen.

»Ein anderes Mal werde ich Ihnen nicht wieder weglaufen.«

»Das kann wohl sein, meine Schöne; denn ein anderes Mal werde ich gewiß nicht wieder vorausbezahlen.«

»Pfui! ›Bezahlen‹ ist ein häßliches Wort, das Sie herabsetzt.«

»Und das Sie vielleicht ehrt?«

»Von so etwas spricht man nicht.«

Lord Pembroke lobte ihren Witz und lachte nur über alle unverschämten Bemerkungen, die sie an ihn richtete; offenbar ärgerte sie sich über die Gleichgültigkeit, womit er fortwährend zu ihr sprach. Bald nach dem Essen entfernte sie sich, nachdem sie mir das Versprechen abgenommen hatte, am übernächsten Tage bei ihr zu speisen.

Den nächsten Tag verbrachte ich mit dem liebenswürdigen Lord, der mich ein Bagnio auf englische Art kennen lehrte. Dies ist ein teueres Vergnügen, das ich nicht näher beschreiben will, weil ein jeder es kennt, der sechs Guineen ausgegeben hat, um sich diesen Genuß zu verschaffen. Wir hatten bei dieser Partie zwei sehr hübsche Schwestern, die man die Garich nannte.

Am Tage darauf trieb mich mein böser Stern, zur Charpillon zu gehen. Sie stellte mir ihre Mutter vor, die ich sofort erkannte, obwohl sie alt, krank und abgezehrt war.

Im Jahre 1759 hatte ein Genfer, namens Bolomé, mich überredet, Schmucksachen im Werte von sechstausend Franken an sie zu verkaufen; sie hatte mir dafür zwei Wechsel gegeben, die von ihr und ihren beiden Schwestern auf eben diesen Bolomé gezogen waren: sie nannten sich damals Ansperger. Der Genfer machte vor dem Verfall der Wechsel Bankerott, und die drei Schwestern verschwanden. Man kann sich denken, wie überrascht ich war, sie in England wiederzufinden, und besonders, durch die Charpillon zu ihnen geführt zu werden. Diese wußte von dem üblen Handel ihrer Mutter und ihrer Tanten nichts und hatte ihnen daher nicht gesagt, daß der Chevalier de Seingalt identisch war mit jenem Casanova, den sie um sechstausend Franken geprellt hatten.

»Ich habe das Vergnügen, mich Ihrer zu erinnern, Madame,« waren die ersten Worte, die ich an sie richtete.

»Mein Herr, ich erkenne Sie ebenfalls; der Spitzbube Bolomé …«

»Sprechen wir jetzt nicht davon, Madame; verschieben wir die Auseinandersetzung auf einen anderen Tag! Sie sind krank, wie ich sehe.«

»Ich war dem Tode nahe; aber jetzt geht es ein wenig besser. Meine Tochter hat Sie nicht unter Ihrem Namen angemeldet.«

»Verzeihung, sie hat Ihnen den richtigen Namen gesagt. Ich heiße Seingalt und heiße auch Casanova. Diesen letzteren Namen trug ich in Paris, als ich dort Ihre Tochter kennen lernte, ohne zu wissen, daß sie zu Ihnen gehörte.«

In diesem Augenblick trat die Großmutter, die wie ihre Tochter Ansperger hieß, mit den beiden Tanten ein. Eine Viertelstunde darauf kamen drei Herren, von denen der eine der Chevalier Goudar war, den ich in Paris gekannt hatte. Die beiden anderen kannte ich nicht; sie wurden mir unter den Namen Rostaing und Caumon vorgestellt. Die drei Herren waren Freunde des Hauses – Gauner, deren Aufgabe darin bestand, Dumme heranzuschleppen, um auf diese Weise gegenseitig Vorteil zu haben.

In diese niederträchtige Gesellschaft sah ich mich also eingeführt. Obgleich ich sofort wußte, woran ich war, entfernte ich mich nicht, und nahm mir nicht einmal vor, nicht wieder hinzugehen. Es gibt unbegreifliche Zustände von Verblendung. Ohne Zweifel glaubte ich, nichts zu wagen, wenn ich auf meiner Hut wäre; da ich keine andere Absicht hatte, als ein Liebesverhältnis mit der Tochter anzufangen, so sah ich alles übrige als etwas Unwesentliches an, das mit meinen Absichten nichts zu tun hatte.

Bei Tische stimmte ich in den Ton der Gesellschaft ein, ja, ich ging sofort mit meinem Beispiel voran: ich neckte, ich wurde geneckt, und ich fühlte mich sicher, daß ich meinen Zweck ohne Mühe erreichen würde. Nur eins mißfiel mir: nachdem sie sich entschuldigt hatte, daß sie mich schlecht bewirtet habe, bat die Charpillon mich, sie und die ganze Gesellschaft an einem Tage, den ich selbst bestimmen möchte, zum Abendessen einzuladen. Da ich mich nicht ausreden konnte, so bat ich sie, den Tag selber zu bestimmen, und sie tat dies, nachdem sie ihre würdigen Berater um ihre Meinung gefragt hatte.

Nach dem Kaffee spielten wir vier Robber Whist. Ich verlor. Gegen Mitternacht ging ich gelangweilt und unzufrieden mit mir selber nach Hause. Leider aber war ich nicht gebessert; denn das Frauenzimmer hatte mich völlig behext.

Immerhin besaß ich die Kraft, zwei Tage vergehen zu lassen, ohne sie aufzusuchen. Am dritten – das war der, den sie für das verfluchte Abendessen bestimmt hatte – sah ich sie schon am Morgen um neun Uhr mit ihrer Tante eintreten.

»Ich bin gekommen,« sagte sie in liebenswürdigstem Ton, »um mit Ihnen zu frühstücken und mit Ihnen über ein Geschäft zu sprechen.«

»Sofort oder nach dem Frühstück?«

»Nachher; denn wir müssen allein sein.«

Wir frühstückten; hierauf ging die Tante in ein anderes Zimmer, und die Charpillon schilderte mir die Lage ihrer Familie und sagte dann, alle Not würde ein Ende haben, wenn ihre Tante hundert Guineen besäße.

»Was würde sie dann tun?«

»Sie würde Lebensbalsam machen. Sie hat das Rezept und würde gewiß ein Vermögen damit verdienen.«

Hierauf schilderte sie mit Behagen die wunderbaren Eigenschaften dieses Balsams, den wahrscheinlichen Absatz in einer Stadt wie London und die Vorteile, die ich selber davon haben würde; denn ich würde natürlich am Gewinn beteiligt sein. Außerdem würden ihre Mutter und ihre Tante sich schriftlich verpflichten, mir die hundert Guineen nach sechs Jahren zurückzuzahlen.

»Ich werde Ihnen nach dem Abendessen eine bestimmte Antwort geben.«

Hierauf nahm ich die schmeichelnde und unternehmende Miene eines Verliebten an, der den höchsten Genuß sucht. Aber alle meine Anstrengungen waren vergebens, obgleich es mir gelungen war, sie auf mein breites Sofa auszustrecken. Geschmeidig wie eine Schlange entschlüpfte die Charpillon mir und lief lachend zu ihrer Tante. Ich folgte ihr und mußte ebenfalls lachen, als sie mir die Hand hinstreckte und mir sagte: »Leben Sie wohl! Auf heute Abend!«

Als ich allein war, fand ich diesen Anfang ganz natürlich, und er erschien mir durchaus nicht von schlechter Vorbedeutung, besonders, wenn ich an die hundert Guineen dachte, die sie brauchte und von mir erbeten hatte. Ich sah wohl, daß ich nicht daran denken konnte, mich um die Huld eines Mädchens von ihrem Charakter zu bewerben, ohne diese Summe zu zahlen. Ich dachte daher auch nicht daran, zu feilschen, aber sie mußte ihrerseits wissen, daß sie die hundert Guineen nicht bekommen würde, wenn sie es sich einfallen lassen sollte, die Zimperliche zu spielen. Meine Sache war es, mich so einzurichten, daß ich nicht zu befürchten brauchte, von ihr geprellt zu werden.

Als am Abend die Gesellschaft da war, forderte die Schöne mich auf, bis zum Essen eine kleine Bank zu legen; ich antwortete aber nur mit einem lauten Lachen, das sie nicht erwartet hatte.

»Dann wollen wir doch wenigstens eine Partie Whist spielen!«

»Mir scheint,« antwortete ich ihr, »Sie haben es nicht eilig, Ihre Antwort betreffs der schwebenden Angelegenheit zu erhalten.«

»Ach so! Sie haben sich wohl entschlossen, nicht wahr?«

»Ja. Kommen Sie!«

Sie folgte mir ins Nebenzimmer. Ich ließ sie auf dem Sofa Platz nehmen und sagte ihr: »Die hundert Guineen stehen zu Ihrer Verfügung.«

»Geben Sie sie meiner Tante; denn sonst würden die Herren sich einbilden, ich hätte sie durch eine schimpfliche Gefälligkeit erlangt.«

»Sie können sich darauf verlassen.«

Nach dieser Versicherung wollte ich mich ihrer bemächtigen; aber alle meine Anstrengungen waren wiederum vergeblich, und ich gab sie schließlich auf, als sie zu mir sagte: »Sie werden niemals, weder durch Geld noch durch Gewalt, etwas von mir erlangen; aber Sie können alles von meiner Freundschaft erhoffen, wenn ich Sie unter vier Augen vollkommen sanft finde.«

Ich ging in den Salon zurück. Ich fühlte eine teuflische Wut in allen meinen Adern, und um diese zu verbergen, beteiligte ich mich an einer Whistpartie, die während unserer Abwesenheit zustande gekommen war. Die Charpillon war von sprühender Heiterkeit, aber sie langweilte mich. Beim Abendessen saß sie mir zur Rechten; sie ärgerte mich durch hundert Ausgelassenheiten, die mich in den siebenten Himmel versetzt haben würden, wenn sie mich nicht zweimal an einem Tage abgewiesen hätte.

Nach dem Essen nahm sie mich auf die Seite und sagte mir: wenn ich die hundert Guineen geben wollte, würde sie die Tante ins Nebenzimmer rufen. Ich sagte: »Es müßte ja schriftlich gemacht werden, und das würde zeitraubend sein; wir wollen die Sache auf einen anderen Tag verschieben.«

»Wollen Sie den Zeitpunkt bestimmen?«

Ich zog meine Börse voll Gold aus der Tasche, zeigte sie ihr und sagte: »Der Zeitpunkt wird da sein, sobald Sie ihn kommen lassen wollen.«

Als meine abscheulichen Gäste fort waren, wurde ich mir darüber klar, daß die junge Intrigantin es auf mich abgesehen hatte, um mich zu prellen und mir mein Geld zu entlocken, ohne mir dafür etwas zu bewilligen. Ich beschloß daher, auf sie zu verzichten. Der Kampf hatte mich gedemütigt; trotzdem fühlte ich mich von der Schönheit dieses Mädchens stark angezogen, obgleich alles andere an ihr mich abstieß.

Ich fühlte das Bedürfnis, mich zu zerstreuen und meine Gedanken durch andere Gegenstände abzulenken. In dieser Absicht fuhr ich am nächsten Tage, mit einem riesigen Korb voll Zuckerzeug versehen, zu meiner Tochter.

Ich machte die ganze jugendliche Gesellschaft glücklich; denn Sophie strahlte vor Freude, alle diese Leckereien unter ihre Kameradinnen verteilen zu können, die sie dankbar annahmen. Kinder sind ja so leicht glücklich zu machen und sind so dankbar für alle Freundschaft.

Ich fand den Tag so köstlich, daß ich eine Zeitlang sehr oft wieder hinging. Ich brachte ihnen eine Menge Kinkerlitzchen, von denen sie entzückt waren. Die Vorsteherin überhäufte mich mit höflichen Aufmerksamkeiten, und meine Tochter, die mich nur ihren lieben Papa nannte, überzeugte mich jeden Tag mehr, daß ich die zärtlichsten Vatergefühle für sie empfand.

Es waren noch keine drei Wochen vergangen, da konnte ich mir schon Glück wünschen, die Charpillon vergessen und durch eine unschuldige Liebe ersetzt zu haben. Allerdings gefiel eine von den Freundinnen meiner Tochter mir ein bißchen zu sehr, um mich ganz wunschlos zu lassen.

In diesem Zustand befand sich meine Seele, als ich eines Morgens um acht Uhr die Lieblingstante der Charpillon bei mir eintreten sah. Sie sagte mir, ihre Nichte und die ganze Familie seien tief betrübt, daß sie mich seit jener Abendgesellschaft, die ich ihnen gegeben hätte, nicht wiedergesehen hätten; besonders sie bedauere es, da ihre Nichte ihr Hoffnung gemacht habe, ich werde ihr die Mittel zur Bereitung des Lebensbalsams geben.

»Allerdings, Madame, würde ich Ihnen hundert Guineen gegeben haben, wenn Ihre Nichte mich wie einen Freund behandelt hätte; aber sie hat mir sogar die Gunstbeweise verweigert, die eine Vestalin bewilligt haben würde, und Sie wissen wohl, daß sie das nicht ist.«

»Verzeihen Sie, wenn ich lache! Das liebe Kind ist ein bißchen unbesonnen und manchmal etwas rappelköpfig; sie gibt sich nur hin, wenn sie überzeugt ist, geliebt zu werden. Sie hat mir alles erzählt. Sie liebt Sie, aber sie befürchtet, Ihre Liebe sei nur eine Laune. Diesen Augenblick liegt sie wegen einer starken Erkältung zu Bett; sie glaubt ein wenig Fieber zu haben. Suchen Sie sie auf; ich bin gewiß, Sie werden sie nicht unzufrieden verlassen.«

Diese wohlberechnete Rede, die mir nur Verachtung hätte einflößen sollen, erweckte in mir die heftigste Begierde. Ich stimmte in das Lachen der Alten ein und fragte sie schließlich, zu welcher Stunde ich hingehen solle, um die Schöne ganz bestimmt im Bett zu finden.

»Kommen Sie sofort und klopfen Sie nur einmal.«

»Gehen Sie voraus und erwarten Sie mich!«

Ich wünschte mir Glück, am Ziel zu sein und keinen Betrug zu fürchten zu haben; denn da ich mich mit der Tante auseinandergesetzt hatte und diese für mich war, so hatte ich keinen Zweifel mehr.

Ich zog meinen Überrock an, und es war noch keine Viertelstunde vergangen, da klopfte ich schon in der verabredeten Weise an die Tür der Charpillon. Die Tante kam auf den Fußspitzen herangeschlichen, öffnete mir und sagte: »Kommen Sie in einer halben Stunde wieder! Ihr ist ein Bad verordnet worden, und sie hat sich gerade eben in die Wanne gelegt.«

»Das ist wieder eine gemeine Betrügerei! Sie sind eine Lügnerin, wie Ihre Nichte eine infame Intrigantin ist.«

»Sie sind hart und ungerecht; aber wenn Sie mir versprechen wollen, vernünftig zu sein, will ich Sie in den dritten Stock führen, wo sie ihr Bad nimmt. Sie kann dann sagen, was sie will; jedenfalls werden Sie die Überzeugung haben, daß ich Sie nicht betrüge.«

»Wenn Sie die Wahrheit sagen, so wollen wir gehen!«

Sie geht die Treppe hinauf; ich folge ihr leise; sie öffnet eine Tür und schiebt mich in ein Zimmer hinein, dessen Tür sie hinter mir schließt. Die Charpillon lag in einer großen Badewanne, mit dem Kopfende nach der Tür. Die niederträchtige Kokette tat, wie wenn sie mich für ihre Tante hielte, machte keine Bewegung und sagte: »Geben Sie mir Handtücher, Tante!«

Sie lag in der verführerischsten Stellung da, und da die Wanne nur halb voll war, konnte ich mich an allen Schönheiten des Körpers einer Venus weiden, ohne daß die Flüssigkeit, die sie wie eine leichte Gaze bedeckte, meinen gierigen Blicken etwas entzog.

Sobald sie mich erblickte, stieß sie einen Schrei aus, kauerte sich zusammen und rief mit erheucheltem Zorn: »Gehen Sie!«

»Schreien Sie nicht, meine Schöne! Ich lasse mich nicht mehr anführen.«

»Gehen Sie!«

»Nein; lassen Sie mich erst wieder zu mir kommen!«

»Ich sage Ihnen noch einmal: gehen Sie!«

»Nein. Aber seien Sie ruhig und fürchten Sie keine Vergewaltigung. Die würde Ihnen nur zu gut in Ihre Pläne passen.«

»Meine Tante soll mir das bezahlen! Darauf kann sie sich verlassen.«

»Wie Sie wollen; aber sie wird in mir einen Freund finden. Ich werde Sie nicht anrühren; aber bitte, entwickeln Sie sich!«

»Wie? Ich soll mich entwickeln?«

»Ja, legen Sie sich wieder so hin, wie Sie bei meinem Eintritt lagen!«

»O! das tue ich ganz gewiß nicht. Gehen Sie!«

»Ich habe Ihnen schon gesagt, ich gehe nicht. Aber Sie brauchen nichts zu befürchten … für Ihre Jungfräulichkeit.«

»Sie sind ein Ungeheuer!«

Sie kauerte sich noch mehr zusammen und bot dabei meinen Blicken ein Bild, das noch verführerischer war als das erste. Dann schlug sie auf einmal einen sanften Ton an und sagte: »Ich bitte Sie, lieber Freund, gehen Sie! Ich werde Ihnen später dafür erkenntlich sein.«

Da sie jedoch sah, daß ihr dies nichts nützte, und daß ich, ohne sie zu berühren, bereits dabei war, selber das Feuer zu löschen, das sie in meinen Sinnen entzündet hatte, drehte sie mir den Rücken zu, damit ich nicht denken sollte, sie fände Vergnügen daran, mir zuzusehen, und damit nicht etwa dieser Gedanke meinen brutalen Genuß vermehrte. Ich wußte das alles, aber für mich war es notwendig, meine Besinnung wiederzuerlangen, und ich mußte mich daher erniedrigen, um die mich fortreißende Glut meiner Sinne zu beschwichtigen, übrigens war es mir nicht unlieb, die Wirkung dieses Notbehelfs zu bemerken, denn diese brutale Befriedigung bewies mir, daß das Übel nicht tief saß, da es durch eine bloße tierische Betätigung zu beseitigen war.

Als ich eben fertig war, trat die Tante ein. Ohne ein Wort zu sagen, ging ich hinaus. Zu meiner Freude empfand ich nur Verachtung für einen so kalt berechnenden Charakter, der gar kein Gefühl kannte.

An der Haustür holte die Tante mich ein; sie fragte mich, ob ich zufrieden sei, und lud mich ein, in ihr Wohnzimmer zu treten.

»Jawohl, ich bin sehr zufrieden – zufrieden nämlich, daß ich euch alle beide jetzt kenne. Da ist die Belohnung!«

Mit diesen Worten zog ich eine Banknote von hundert Guineen hervor und warf sie ihr dummerweise zu, indem ich ihr sagte, sie könnte ihren Lebensbalsam anfertigen; aus ihrer Unterschrift mache ich mir nichts, denn ich wisse, was die wert sei. Ich besaß nicht die Kraft, fortzugehen, ohne ihr etwas zu geben, wie ich es hätte tun sollen, und die erfahrene Kupplerin war schlau genug, das sofort zu begreifen.

Als ich wieder nach Hause kam und reiflich über das Abenteuer nachdachte, erfüllte mich ein Gefühl von Freude und Befriedigung. So kehrte denn bald meine gute Laune zurück, und ich glaubte sicher zu sein, daß ich das Haus dieses elenden Gezüchtes niemals wieder betreten würde. Es waren sieben Weiber, darunter zwei Mägde; um ihren Unterhalt zu bestreiten, war ihnen jedes Mittel recht. Wenn sie bei ihren Beratungen die Notwendigkeit erkannten, sich der Hilfe von Männern zu bedienen, wandten sie sich an die drei Schufte, die ich vorhin nannte, und die ihrerseits, um existieren zu können, auf diese Weiber angewiesen waren.

Ich dachte nur noch daran, mich aufs beste zu amüsieren, und besuchte zu diesem Zwecke alle Orte, wo ich mich vergnügen konnte. Fünf oder sechs Tage nach der Badeszene traf ich in Vauxhall die Spitzbübin mit ihrer Tante und Goudar. Ich wich ihr aus; sie ging mir jedoch nach und warf mir mit einer Sirenenstimme mein schlechtes Betragen vor. Ich gab ihr eine schroffe Antwort; sie machte sich jedoch nichts daraus, sondern trat in eine Laube und lud mich ein, eine Tasse Tee mit ihr zu trinken.

»Ich will keinen Tee,« antwortete ich ihr; »ich will lieber zu Abend essen.«

»Ich bin bereit, mit Ihnen zu speisen. Sie werden mich nicht zurückweisen, wenn Sie nicht etwa noch einen Groll gegen mich haben.«

Ich befahl, vier Gedecke aufzulegen, und im nächsten Augenblick saßen wir beisammen, wie wenn wir die besten Freunde gewesen wären.

Ihre verführerischen Reden, ihre Heiterkeit, ihre Reize zwangen mich wieder unter ihren Bann. Der Wein trug dazu bei, meine Seele zu erniedrigen, und ich schlug ihr vor, einen Spaziergang in den dunklen Alleen zu machen, indem ich bemerkte, sie werde mich hoffentlich nicht so behandeln wie Lord Pembroke. Sie antwortete mir sanft und mit einem Schein von Aufrichtigkeit, der mich beinahe getäuscht hätte: sie wolle ganz und gar die Meine sein, aber bei hellem Licht und nur unter der Bedingung, daß sie die Genugtuung habe, mich jeden Tag wie einen wahren Freund des Hauses bei sich zu sehen.

»Ich verspreche es Ihnen; aber geben Sie mir sofort ein kleines Pröbchen Ihrer Zärtlichkeit.«

»Nein! Unter keinen Umständen!«

Ich stand auf, um die Rechnung zu bezahlen, und entfernte mich, ohne ein Wort zu sagen. Ihre Bitte, sie nach Hause zu bringen, schlug ich ab. Mein Kopf war ein wenig benebelt, als ich nach Haus kam; ich legte mich sofort zu Bett.

Als ich am andern Morgen erwachte, war mein erster Gedanke ein Gefühl des Glücks, daß sie mich nicht beim Wort genommen hatte; ich fühlte instinktmäßig, daß ich alle Beziehungen zwischen diesem Geschöpf und mir hätte abbrechen sollen. Ich fühlte, daß sie eine unüberwindliche Herrschaft über mich ausübte und daß es nur ein einziges Mittel gab, mich davor zu schützen, daß sie mich noch weiterhin betrog: ich mußte entweder beharrlich ihren Anblick meiden, oder ich mußte, wenn ich noch weiter mit ihr verkehrte, ohne jeden Hintergedanken auf den Genuß ihrer gefährlichen Reize völlig verzichten.

Da dieses Zweite mir unmöglich erschien, beschloß ich, mich standhaft an das erste Mittel zu halten; aber das unwürdige Geschöpf ging darauf aus, alle meine Vorsätze zuschanden zu machen. Die Art und Weise, wie sie ihre Absicht zu erreichen suchte, war offenbar das Ergebnis einer von ihrer ganzen Clique abgehaltenen Beratung.

Einige Tage nach dem Abendessen von Vauxhall erschien Goudar bei mir und sagte: »Ich wünsche Ihnen Glück zu Ihrem weisen Entschluß, nicht mehr zu den Anspergers zu gehen; denn wenn Sie noch weiter hingegangen wären, hätten Sie sich immer mehr in die Schöne verliebt, und diese würde Sie schließlich an den Bettelstab bringen.«

»Sie halten mich wohl für sehr dumm? Wenn ich sie gefällig gefunden hätte, so würde sie mich erkenntlich gefunden haben, ohne daß ich jedoch in den Beweisen dieser Erkenntlichkeit über meine Kräfte gegangen wäre. Hätte ich sie grausam gefunden, aber nicht so lächerlich, wie sie sich benommen hat, so hätte ich jeden Tag tun können, was ich bereits getan habe, und wäre darum doch noch nicht an den Bettelstab gekommen.«

»Ich wünsche Ihnen Glück dazu, denn das ist ein Beweis, daß Sie über solide Mittel verfügen. Sie sind also fest entschlossen, sie nicht wiederzusehen?«

»Sehr fest.«

»Sie sind also nicht in sie verliebt?«

»Ich war es, aber ich habe es mir abgewöhnt, und in einigen Tagen werde ich sie vollständig vergessen haben. Ich dachte schon nicht mehr an sie, als ich sie neulich mit Ihnen in Vauxhall traf.«

»Das beweist, daß Sie nicht geheilt sind. Glauben Sie mir, man wird von einer Liebe nicht geheilt, wenn man die Geliebte flieht; denn wenn man in derselben Stadt lebt, kann es zu leicht vorkommen, daß man sich wieder begegnet, und Pulver ist ein feuergefährlicher Stoff.«

»Kennen Sie ein besseres Mittel?«

»Gewiß! Man muß sich durch Genuß übersättigen. ES ist wohl möglich, daß die Charpillon Sie nicht liebt; aber Sie sind reich, und sie hat nichts. Für eine runde Summe hätten Sie sie haben können; Sie wären dann auf angenehme Weise geheilt worden, wenn Sie gefunden hätten, daß sie Ihrer Beständigkeit nicht würdig ist; denn schließlich wissen Sie doch, wer sie ist.«

»Ich würde dieses Mittel gern angewandt haben, wenn ich nicht klar und deutlich ihre Absicht entdeckt hätte.«

»Diese hätten Sie zuschanden machen können, wenn Sie eine vernünftige Abmachung getroffen hätten. Sie hätten niemals vorausbezahlen sollen. Ich weiß alles.«

»Was können Sie wissen?«

»Ich weiß, daß sie Ihnen hundert Guineen kostet und daß Sie nicht einmal einen Kuß von ihr bekommen haben. Nun, mein lieber Herr, für dieses Geld hätten Sie sie ganz bequem in Ihrem Bett haben können. Sie prahlt damit, sie habe Sie angeführt, so klug Sie sich auch dünken mögen.«

»Dieses Geld habe ich ihrer Tante aus Mitleid gegeben.«

»Ja, für die Anfertigung ihres Lebensbalsams; aber Sie werden zugeben,daß ohne die Nichte die Tante nichts bekommen haben würde.«

»Ich gebe es zu; aber sagen Sie mir: was bewegt Sie, heute in dieser Weise zu mir zu sprechen? Sie gehören doch zu ihrer Clique?«

»Nichts, das schwöre ich Ihnen, als ein freundschaftliches Gefühl für Sie. Wenn Sie meinen, daß ich zu ihrer Clique gehöre, so irren Sie sich. Das will ich Ihnen beweisen, indem ich Ihnen erzähle, wie ich das Mädchen, ihre Mutter, ihre Großmutter und ihre beiden Tanten kennen lernte: Vor sechzehn Monaten war ich eines Abends in Vauxhall. Da sah ich den venetianischen Prokurator, Herrn von Morosini, ganz allein spazieren gehen. Er war gerade eben in London eingetroffen, um im Namen seiner Republik dem König die Glückwünsche zur Thronbesteigung zu überbringen. Da ich sah, daß der hohe Herr ganz entzückt war und mit großem Vergnügen die Londoner Schönheiten musterte, hatte ich den Einfall, ihn anzureden und ihm zu sagen, daß alle diese Nymphen ihm zu Diensten stünden, und daß er nur der, die ihm am besten gefiele, sein Schnupftuch zuzuwerfen brauchte. Als er hierüber lachte, sagte ich ihm, es sei kein Scherz von mir. Hierauf bezeichnete er eine mit dem Auge und fragte mich, ob diese Dame ebenfalls zu seiner Verfügung stehe. Da ich sie nicht kannte, bat ich ihn, er möchte seinen Spaziergang fortsetzen, ich würde ihm sofort Bescheid bringen. Da ich keine Zeit zu verlieren hatte und außerdem an ihrem ganzen Benehmen sah, daß ich es nicht mit einer Vestalin zu tun haben würde, trat ich an das junge Mädchen, und ihre Begleiterin heran und sagte ihr, der Botschafter sei in sie verliebt, und wenn sie ihn empfangen wolle, werde ich ihn ihr zuführen. Die Tante sagte mir, die Bekanntschaft eines Herrn von so hohem Range könne für ihre Nichte nur eine große Ehre sein. Ich erhielt ihre Adresse und ging dem Botschafter nach. Unterwegs traf ich einen meiner Bekannten, der ein großer Kenner von dieser Art Ware ist. Ich zeigte ihm die Adresse, die ich noch in der Hand hielt und erfuhr von ihm, was für eine Sorte die Charpillon ist.«

»War sie es?«

»Ja. Mein Freund sagte mir, sie sei eine junge Schweizerin, die noch nicht auf das große Trottoir gekommen sei; das würde aber nicht lange mehr dauern, denn sie sei nicht reich und habe einen zahlreichen Anhang zu ernähren.

Ich ging zu meinem Venetianer, sagte ihm, daß die Sache in Ordnung sei, und bat ihn, mir anzugeben, zu welcher Stunde ich ihn am nächsten Tage vorstellen könne, indem ich ihn darauf aufmerksam machte, daß sie ihn nicht allein empfangen werde, da sie bei ihrer Mutter und ihren Tanten wohne.

›Das ist mir durchaus nicht unangenehm,‹ antwortete der Botschafter mir, ›es ist mir im Gegenteil lieb, daß sie nicht öffentlich ist.‹

Nachdem wir uns für den nächsten Tag verabredet hatten, trennten wir uns.

Ich sagte den Damen, wann wir kommen würden, und belehrte sie, wie sie sich dem hohen Herrn gegenüber zu verhalten hätten: sie müßten nämlich tun, wie wenn sie ihn nicht kennten. Hierauf ging ich nach Hause.

Am nächsten Tage ging ich zu Herrn von Morosini; wir nahmen einen Fiaker, und ich führte ihn inkognito zu den Damen, bei denen wir eine Stunde in allen Ehren verbrachten, und ohne daß irgend ein Vorschlag gemacht wurde; hierauf gingen wir wieder. Unterwegs sagte der Botschafter mir, er werde mir am nächsten Tage in seiner Wohnung seine Bedingungen schriftlich geben; zu diesen Bedingungen wünsche er das Mädchen zu besitzen, aber sonst nicht.

Die Bedingungen lauteten: Das Fräulein sollte allein in einem möblierten Häuschen wohnen, das ihr nichts kosten würde. Sie dürfte keinen Menschen dort empfangen. Seine Exzellenz würde ihr monatlich fünfzig Guineen geben und würde ihr das Abendessen bezahlen, so oft er Lust hätte, die Nacht mit ihr zu verbringen. Er beauftragte mich, ein Haus für sie ausfindig zu machen, wenn seine Bedingungen angenommen würden. Die Mutter sollte den Vertrag mit unterschreiben.

Da der Botschafter es eilig hatte, brachte ich die Angelegenheit in drei Tagen in Ordnung; ich verlangte jedoch von der Mutter ein Schriftstück, wodurch sie sich verpflichtete, mir ihre Tochter für eine Nacht zu überlassen, sobald der Botschafter wieder abgereist wäre; man wußte, daß er in London nur ein Jahr bleiben würde.«

Goudar zog dieses Schriftstück aus der Tasche und zeigte es mir; ich las es mehrere Male mit ebensogroßer Überraschung wie Freude; hierauf fuhr er in seiner Erzählung fort:

»Durch die Abreise des Botschafters wurde die Charpillon frei; sie hatte nun nacheinander Lord Baltimore, Lord Grosvenor, den portugiesischen Gesandten, Herrn de Saa und mehrere andere, jedoch keinen offiziellen Liebhaber. Ich habe von der Mutter verlangt, sie solle mir, laut ihrer Verpflichtung, meine Nacht verschaffen; aber sie führt mich an der Nase herum, und die Tochter, die mich nicht leiden kann, lacht mir ins Gesicht, wenn ich ein Wort davon sage. Ich kann sie nicht verhaften lassen, denn sie ist noch minderjährig; aber eines schönen Tages werde ich die Mutter ins Gefängnis bringen, und dann sollen Sie sehen, wie ganz London lachen wird. Jetzt wissen Sie, warum ich diese Frauenzimmer besuche; Sie haben unrecht, wenn Sie glauben, ich hätte irgend etwas mit ihren Anschlägen zu tun. Indessen kann ich Ihnen versichern, daß man auf Mittel und Wege sinnt, Sie zu prellen, und das wird ihnen gelingen, wenn Sie nicht sehr auf Ihrer Hut sind.«

»Sagen Sie der Mutter, ich stelle ihr noch hundert Guineen zur Verfügung, wenn sie mir eine einzige Nacht mit ihrer Tochter verschaffen kann.«

»Ist das Ihr Ernst?«

»Ganz gewiß; aber ich will erst nach der Operation bezahlen.«

»Das ist das wahre Mittel, um nicht angeführt zu werden. Ich übernehme den Auftrag mit Vergnügen.«

Ich behielt den Burschen zum Mittagessen bei mir; denn bei dem Lebenswandel, den ich in London führte, konnte er mir nur nützlich sein. Er wußte alles und erzählte mir eine Menge galanter Geschichten, die ich mit Vergnügen hörte. Obwohl ein richtiger Taugenichts, war Goudar übrigens doch nicht ohne einige gute Eigenschaften. Er war Verfasser mehrerer Werke, die zwar schlecht waren, aber doch einen gewissen Geist bekundeten. Er schrieb damals seinen »Chinesischen Spion« und verfaßte täglich fünf oder sechs Briefe in den verschiedenen Kaffeehäusern, in die der Zufall ihn führte. Ich schrieb auch einige für ihn, die ihm viel Vergnügen machten. Der Leser wird sehen, unter welchen Umständen ich ihn einige Jahre darauf in Neapel wiederfand.

Schon am nächsten Tage, in einem Augenblick, wo ich durchaus nicht daran dachte, sah ich die Charpillon bei mir eintreten. Mit einer ernsten Miene, die man bei einem anreren Mädchen für Bescheidenheit hätte halten können, sagte sie zu mir: »Ich bitte Sie nicht um ein Frühstück, sondern nur um eine Erklärung und möchte Ihnen Miß Lorenzi vorstellen.«

Ich machte ihr und ihrer Begleiterin eine Verbeugung und sagte:

»Was für eine Erklärung wünschen Sie, mein Fräulein?«

Bei diesen Worten glaubte Miß Lorenzi, die ich zum ersten Male sah, und die gewissermaßen die Stelle des obligaten Satyrs auf den Bildern der Venus vertrat, uns allein lassen zu müssen, und ich sagte Jarbe, ich sei für niemanden zu Hause. Damit die Begleiterin meiner Nymphe sich nicht langweilte, befahl ich, ihr ein Frühstück vorzusetzen.

»Mein Herr,« begann die Charpillon, »ist es wahr, daß Sie den Chevalier Goudar beauftragt haben, meiner Mitter zu sagen, Sie würden ihr hundert Guineen dafür geben, daß ich eine Nacht mit Ihnen verbringe?«

»Nicht dafür, daß Sie sie mit mir verbringen, sondern erst, wenn Sie sie mit mir verbracht haben werden. Ist es nicht genug?«

»Keine Scherze, bitte! Es handelt sich hier nicht um ein Feilschen um den Preis. Ich bin nicht gekommen, um um den Preis zu feilschen; ich will nur wissen, ob Sie das Recht zu haben glauben, mich zu beleidigen, und ob Sie sich einbilden, ich sei gegen eine solche Beschimpfung unempfindlich.«

»Wenn Sie sich beschimpft fühlen, so kann ich Ihnen den Gefallen tun, zu glauben, daß ich unrecht habe; aber ich gestehe, ich erwartete nicht, daß Sie sich für berechtigt hielten, mir einen solchen Vorwurf zu machen. Goudar ist ein intimer Bekannter von Ihnen, und der Vorschlag ist nicht der erste dieser Art, den der Chevalier Ihnen gemacht hat. Ich konnte mich nicht unmittelbar an Sie wenden, denn ich weiß jetzt, woran ich mit Ihnen bin, da Sie sich ja nur eine Ehre daraus machen, Ihr Wort zu brechen.«

»Ich kümmere mich nicht um die wenig schmeichelhaften Bemerkungen, die Sie sich gegen mich erlauben, aber ich will Sie daran erinnern, daß ich Ihnen gesagt habe, Sie werden mich niemals, weder durch Gewalt noch für Geld, bekommen, sondern nur, wenn Sie mich durch Ihr Benehmen in Sie verliebt machen. Beweisen Sie mir, daß ich Ihnen nicht Wort gehalten habe. Im Gegenteil, haben Sie Ihr Wort gebrochen: erstens, indem Sie mich im Bade überraschten, dann wieder gestern, indem Sie von meiner Mutter verlangten, mich Ihnen zur Befriedigung Ihrer tierischen Lust auszuliefern. Nur ein Halunke wie Goudar konnte solchen Auftrag von Ihnen übernehmen.«

»Goudar ein Halunke! Der ist ja Ihr allerbester Freund! Sie wissen doch, daß er Sie liebt, und daß er nur in der Hoffnung, Sie zu besitzen, Ihnen den Botschafter verschafft hat. Das Schriftstück, das er bei sich hat, beweist Ihr Unrecht. Sie sind seine Schuldnerin; kommen Sie daher dieser Verpflichtung nach, und dann nennen Sie ihn einen Halunken, wenn Sie sich selber unschuldig finden können. Weinen Sie nicht! Ich kenne die Quelle Ihrer Tränen; sie ist nicht von der Art, die man mit Stolz nennen kann. Sie ist unrein.«

»Sie kennen sie nicht. Ich liebe Sie, und es ist sehr hart für mich, daß ich mich so von Ihnen behandelt sehen muß.«

»Wenn Sie mich lieben, so haben Sie es sehr verkehrt angefangen, um mich davon zu überzeugen.«

»Ebenso verkehrt, wie Sie es angefangen haben, um mich von Ihrer Achtung zu überzeugen. Sie haben mich vom Anfang an wie eine ganz gemeine Prostituierte behandelt; gestern haben Sie mich behandelt wie ein willenloses Tier, wie eine erbärmliche Sklavin meiner Mutter. Mir scheint, wenn Sie nur ein wenig Gefühl für die einfachste Schicklichkeit gehabt hätten, so hätten Sie sich an mich selber wenden müssen; aber nicht so, wie Sie es getan haben, sondern schriftlich. Dazu hätten Sie nicht dieses elenden Boten bedurft; ich hätte Ihnen auf alle Fälle geantwortet, und Sie hätten nicht zu befürchten brauchen, von mir betrogen zu werden.«

»Nehmen Sie an, ich hätte an Sie geschrieben – was würden Sie mir geantwortet haben?«

»Ich will ganz offen sein: ich würde Ihnen, ohne etwas von den hundert Guineen zu sagen, versprochen haben. Sie zu befriedigen, unter der Bedingung, daß Sie mir vierzehn Tage lang den Hof machten, indem Sie mich in meiner Wohnung besuchten, ohne jemals auch nur die geringste Gefälligkeit zu verlangen. Wir hätten im Familienkreise miteinander gelebt, hätten gelacht und gescherzt; wir wären ins Theater gegangen, hätten Spaziergänge gemacht, und ich würde mich rasend in Sie verliebt haben. Dann hätten Sie mich bekommen, wie Sie’s verdient hätten, nicht aus Gefälligkeit, sondern aus Liebe. Ich kann immer noch gar nicht begreifen, daß ein Mann wie Sie sich damit begnügen kann, wenn eine Person, die er liebt, sich ihm nur aus Gefälligkeit oder aus Eigennutz hingibt. Finden Sie das nicht demütigend für beide Teile? Sie können mir’s glauben: ich schäme mich, wenn ich daran denke, daß ich stets nur aus Gefälligkeit geliebt habe. Ich Unglückliche! Ich fühle mich zur Liebe geschaffen und ich habe einen Augenblick geglaubt, Sie seien der Mann, den mein guter Stern nach England geführt habe, um mich durch wahre Liebe glücklich zu machen. Aber Sie haben im Gegenteil mein Unglück nur verschlimmert! Sie sind der erste Mann, der mich hat weinen sehen. Sie haben mir sogar mein Familienleben verbittert; denn meine Mutter wird niemals das Geld bekommen, das Sie ihr haben anbieten lassen, und wenn es mir nur einen einzigen Kuß kosten sollte.«

»Es tut mir leid, Ihnen wehgetan zu haben; denn das konnte niemals meine Absicht sein. Aber ich sehe kein Mittel dagegen.«

»Kommen Sie zu uns – das wird das rechte Mittel sein. Behalten Sie Ihr Geld, das ich verachte. Wenn Sie mich lieben, so erobern Sie mich wie ein rechter Liebhaber, aber nicht mit brutalen Mitteln. Ich werde Ihnen entgegenkommen; denn Sie können jetzt an meiner Liebe nicht mehr zweifeln.«

Diese Rede schien mir zu natürlich zu sein, um eine Falle enthalten zu können. So ließ ich mich denn fangen: ich versprach ihr, alles zu tun, was sie wünschte, aber nur während der von ihr festgesetzten zwei Wochen. Sie bestätigte ihr Versprechen, indem sie es noch einmal wiederholte, und ihre Stirn erheiterte sich wieder. Die Charpillon war zu einer ausgezeichneten Komödiantin geboren.

Sie stand auf, um zu gehen. Als ich sie um einen Kuß als Pfand unserer Versöhnung bat, sagte sie mir mit einem Lächeln, dem sie den größten Reiz zu verleihen wußte, wir dürften nicht damit anfangen, unsere Bedingungen zu verletzen. Sie ging. Ich war verliebt und folglich voll Reue über mein früheres Benehmen gegen sie.

Hätte die Sirene, anstatt mir mündlich ihre Predigt zu halten, mir ihre Auseinandersetzungen schriftlich geschickt, so würde das ganze Märchen mich wahrscheinlich kalt gelassen haben, und ich hätte darüber gelacht; denn in einem Brief hätte ich nicht ihre Tränen gesehen, nicht ihre entzückenden Gesichtszüge, nicht ihre Blicke, die so feurig zu einem Richter sprachen, der schon im voraus durch die Leidenschaft bestochen war. Ohne Zweifel hatte sie dies vorausgesehen, denn der Instinkt der Frau ist so fein, daß in Herzensangelegenheiten das bloße Gefühl sie in einer Minute mehr lehrt, als wir Männer unser ganzes Leben lang lernen.

Gleich an demselben Abend begann ich meine Besuche, und an dem Empfang, der mir zuteil wurde, glaubte ich den Triumph meiner heldenmütigen Entsagung zu erkennen:

Quel che l’uom vede, Amor gli fà invisibile,
E l’invisibil fà veder Amor.

Was einer sieht, die Liebe macht’s unsichtbar;
Und was unsichtbar ist, sie macht es sehn.

Ich verbrachte die vierzehn Tage, ohne ihr auch nur die Hand zu küssen, und ich betrat nicht ein einziges Mal ihr Haus, ohne ihr ein wertvolles Geschenk mitzubringen, das sie mit bezaubernder Anmut und mit anscheinend grenzenloser Dankbarkeit entgegennahm. Außerdem unternahmen wir, um die Zeit zu verkürzen, jeden Tag irgendeinen Ausflug in die Umgegend von London oder gingen ins Theater. Ich kann rechnen, daß diese vierzehn Tage mit ihren Dummheiten mir mindestens vierhundert Guineen kosteten.

Am letzten Tage der Frist fragte ich sie in Gegenwart ihrer Mutter, ob sie wünschte, daß wir die letzte Nacht in ihrem oder in meinem Hause verbrächten. Die Mutter sagte mir, wir würden darüber nach dem Abendessen entscheiden. Ich wandte nichts dagegen ein, obgleich ich ihr gern gesagt hätte, daß bei mir das Abendessen feiner und leckerer und daher eine bessere Vorbereitung für den bevorstenden Liebeskampf sein würde.

Nach dem Essen nahm die Mutter mich auf die Seite und sagte mir, ich möchte mich mit der übrigen Gesellschaft entfernen und später wiederkommen. Obgleich ich bei mir selber über diese überflüssige Geheimtuerei lachte, gehorchte ich. Als ich wieder kam, fand ich im Wohnzimmer Mutter und Tochter, und auf dem Fußboden war ein Bett zurecht gemacht.

Obgleich diese Zurichtung nicht eben nach meinem Geschmack war, war ich doch so verliebt, daß ich mich damit begnügte. Ich glaubte nun endlich, daß jede Gefahr einer Täuschung beseitigt wäre, war jedoch sehr erstaunt, als die Mutter mir gute Nacht wünschte und mich fragte, ob ich die hundert Guineen vorausbezahlen wollte.

»Pfui!« rief die Tochter, und die Mutter ging hinaus.

Wir schlossen uns ein.

Der Augenblick war da, wo meine Liebe, die ganz gegen meine sonstigen Gewohnheiten so lange im Zaum gehalten worden war, endlich der Knechtschaft entrinnen sollte. Ich ging also mit offenen Armen auf sie zu. Sie entzog sich jedoch meinen Liebkosungen, wenngleich mit sanftem Wesen, und bat mich, ich möchte mich zuerst hinlegen; sie würde sich zurecht machen und mir sogleich folgen.

Ich fügte mich ihrem Willen, kleidete mich aus und legte mich liebeglühend zu Bett. Voller Wonne sah ich sie sich ausziehen; aber als sie fertig war, löschte sie die Kerzen aus. Als ich mich hierüber beklagte, sagte sie mir, sie könne bei Licht nicht schlafen. Da ich wußte, daß dies von der Schönen eine reine Laune sein mußte, begann ich den Verdacht zu hegen, daß sie mir Schwierigkeiten machen wollte, um mich dadurch noch mehr anzustacheln; ich hoffte jedoch, auch diese zu besiegen, und faßte mich abermals in Geduld.

Sobald ich sie neben mir liegen fühlte, näherte ich mich ihr, um sie in meine Arme zu schließen; aber ich fand sie zusammengekauert und mit gekreuzten Armen und den Kopf auf die Brust gelegt in ihr langes Hemd eingewickelt. Soviel ich bat, schalt, fluchte – sie blieb in ihrer Lage, ohne ein Wort zu sagen.

Anfangs hielt ich es für einen Scherz; bald aber überzeugte ich mich, daß es keiner war, und merkte, daß ich wiederum angeführt war. So war ich denn in meinen eigenen Augen ein elender Dummkopf, um so mehr, da ich mich um einer abscheulichen Prostituierten willen erniedrigt hatte.

In einer solchen Lage schlägt die Liebe leicht in Wut um. Ich packte sie wie einen Sack, rollte sie hin und her, stieß sie; aber vergebens – sie leistete keinen Widerstand, sagte aber auch kein Wort. Ich sah, daß das Hemd ihr Hauptschutzmittel war, und es gelang mir, es auf dem Rücken zu zerreißen, aber es war mir nicht möglich, es vollständig von ihr abzustreifen. Mit den Schwierigkeiten wuchs meine Wut: Meine Hände wurden zu Klauen, und ich ersparte ihr nicht die grausamsten Mißhandlungen. Aber das alles nützte mir nichts. Ich entschloß mich endlich, von ihr abzulassen, als ich meine Hand an ihrer Kehle hatte und die Versuchung fühlte, sie zu erwürgen.

Grausame Nacht, entsetzliche Nacht! In allen Tonarten sprach ich zu dem Scheusal: mit Sanftmut, Zorn, Vernunftgründen, Vorstellungen, Drohungen, Wut, Verzweiflung, Tränen, Schimpfworten und den schrecklichsten Beleidigungen drang ich auf sie ein; sie widerstand mir drei volle Stunden, ohne eine einzige Antwort zu geben, ohne jemals trotz allen Mißhandlungen ihre unbequeme Lage aufzugeben.

Um drei Uhr morgens stand mein Kopf in Flammen; mein Körper war besudelt, ermattet, mein Geist wie betäubt. Ich faßte endlich den Entschluß, mich im Dunkeln anzuziehen. Ich öffnete die Zimmertür, fand aber die Haustür verschlossen; ich machte Lärm, und eine Magd öffnete mir. Ich ging nach Hause und legte mich zu Bett; aber die beleidigte Natur verweigerte mir die Ruhe, deren ich bedurfte. Ich trank eine Tasse Schokolade, aber ich konnte sie nicht verdauen. Bald darauf ergriff mich ein Fieberschauer, der erst am nächsten Tage aufhörte; dann aber war ich an allen Gliedern wie gelähmt.

Ich mußte einige Tage im Bett liegen bleiben, aber ich wußte, daß ich bald wieder meine volle Gesundheit erlangt haben würde. Wie Balsam ergoß es sich durch alle meine Adern, als ich die Gewißheit erlangte, endlich von meinem Wahnsinn geheilt zu sein. Dies erkannte ich daran, daß ich an keinen Racheplan dachte. Ich schämte mich so, daß ich mich selber verabscheute.

Als mich das Fieber befiel, hatte ich meinem Bedienten befohlen, alle Besucher abzuweisen, niemanden bei mir zu melden und alle ankommenden Briefe in meinen Schreibtisch zu legen. Ich wollte nichts hören und sehen, bevor ich gänzlich wiederhergestellt war.

Am nächsten Tage fühlte ich mich wieder wohl und befahl Jarbe, mir meine Briefe zu geben. Ich fand einen von Pauline, die mir von Madrid aus schrieb, Clairmont habe ihr beim Übergang über einen Fluß das Leben gerettet; da sie einen Diener wie ihn nicht finden zu können glaube, so habe sie beschlossen, ihn bis Lissabon zu behalten; sie werde ihn von dort aus zu Schiff nach England schicken. Damals freute ich mich über diesen Beschluß; aber er wurde meinem treuen Clairmont und infolgedessen auch mir verhängnisvoll. Vier Monate darauf erfuhr ich, daß das Schiff, mit welchem er gesegelt war, untergegangen war, und da ich ihn nicht wiedergesehen habe, so habe ich nicht daran zweifeln können, daß dieser ausgezeichnete Diener in den Wellen umgekommen ist.

Unter den Londoner Briefen fand ich zwei von der niederträchtigen Mutter der niederträchtigen Charpillon und einen von dieser selbst. Der erste war sofort am Morgen nach der schrecklichen Nacht geschrieben. Die Mutter, die nicht wußte, daß ich krank war, teilte mir mit, ihre Tochter liege mit einem starken Fieber zu Bett; sie sei infolge der von mir erhaltenen Schläge mit Wunden bedeckt; daher sei sie, die Mutter, genötigt, mich vor Gericht zu belangen. In dem zweiten, der vom nächsten Tage war, schrieb sie mir, sie habe gehört, daß auch ich krank sei wie ihre Tochter; sie bedauere dies, denn ihre Tochter habe ihr gestanden, ich könne vielleicht Gründe haben, mich über sie zu beklagen; aber sie werde sich bei unserer ersten Zusammenkunft rechtfertigen. Der Brief der Charpillon war ebenfalls am zweiten Tage geschrieben. Sie sagte mir, sie sehe ihr Unrecht vollkommen ein und sei nur erstaunt, daß ich sie nicht getötet hätte, als ich sie an der Gurgel packte; sie schwor mir, sie würde sich nicht gewehrt haben, denn in der entsetzlichen Zwangslage, in der sie sich befunden habe, sei es ihre Pflicht gewesen, alles hinzunehmen. Sie sei überzeugt, daß ich entschlossen sei, nicht wieder zu ihr zu gehen; darum bitte sie mich, sie nur ein einziges Mal in meinem Hause zu empfangen, denn sie müsse mir sofort etwas mitteilen, was für mich von Wichtigkeit sei; sie könne es mir aber nur mündlich sagen. Goudar hatte mir am Morgen geschrieben, er habe mir etwas zu sagen und werde um die Mittagsstunde kommen. Ich gab Befehl, ihn eintreten zu lassen.

Zu meinem Erstaunen erzählte der eigentümliche Mensch mir mit allen Einzelheiten den Auftritt, den ich mit der Charpillon gehabt hatte. »Ich habe die ganze Schilderung von der Mutter, der die Tochter alles erzählt hat. Die Charpillon hat kein Fieber gehabt, aber ihr ganzer Leib war mit schwarzen Flecken bedeckt, deutlichen Beweisstücken der empfangenen Schläge. Den größten Kummer aber machte der alten Kupplerin, daß sie die hundert Goldstücke nicht bekommen hat, die Sie ihr gewiß vorausbezahlt haben würden, wenn die Tochter es gewollt hätte.«

»Sie hätte sie am Morgen bekommen, wenn sie gefügig gewesen wäre.«

»Sie hatte ihrer Mutter unter Eid versprochen, es nicht zu sein. Geben Sie nur alle Hoffnung auf, sie zu besitzen, wenn die Mutter nicht ihre Einwilligung gibt.«

»Und warum gibt sie diese nicht?«

»Sie behauptet, Sie werden sie verlassen, sobald Sie sie genossen haben.«

»Das könnte wohl sein; aber bevor ich sie verlassen hätte, würde ich sie mit Geschenken überhäuft haben. Jetzt ist sie ebenfalls verlassen und hat keine Hoffnung, irgend etwas zu bekommen.«

»Sind Sie fest entschlossen, bei Ihrem Vorsatz zu bleiben?«

«Ganz fest.«

»Das ist der vernünftigste Entschluß, den Sie fassen können; ich rate Ihnen sehr, bleiben Sie dabei. Indessen möchte ich Ihnen etwas zeigen, was Sie überraschen wird. Ich komme in wenigen Augenblicken wieder.«

Als er wiederkam, hatte er einen Packträger bei sich, der einen mit einer Schürze überzogenen Lehnstuhl in mein Zimmer brachte. Sobald wir allein waren, nahm Goudar den Überzug ab und fragte mich, ob ich den Stuhl kaufen wolle.

»Was soll ich denn damit? Das Möbel sieht überdies nicht verlockend aus.«

»Trotzdem verlangt man hundert Guineen dafür.«

»Ich würde keine drei dafür geben.«

»Der Lehnstuhl hat fünf Federn, die sich gleichzeitig lösen, sobald ein Mensch sich hineinsetzt. Der Vorgang vollzieht sich sehr schnell: zwei Federn umgreifen die Arme und halten sie fest umklammert; zwei andere bemächtigen sich der Knie und spreizen die Schenkel soweit wie möglich; die fünfte Feder hebt den Sitz in die Höhe, so daß die gefangen gehaltene Person eine gekrümmte Stellung einnehmen muß.«

Nachdem er diese Beschreibung gegeben hatte, setzte Goudar sich auf die gewöhnliche Art in den Stuhl; sofort spielten die Federn, und ich sah ihn in der Stellung einer Frau, die ein Kind gebärt.

»Lassen Sie die schöne Charpillon sich auf diesen Stuhl setzen, und die Sache ist erledigt.«

Ich mußte unwillkürlich über die Erfindung lachen, die ich ebenso sinnreich wie teuflisch fand; es widerstrebte mir jedoch, mich eines solchen Mittels zu bedienen.

»Ich werde den Stuhl nicht kaufen,« sagte ich zu ihm; »aber Sie tun mir einen Gefallen, wenn Sie ihn mir bis morgen hier lassen.«

»Nicht einmal eine Stunde, wenn Sie ihn nicht etwa kaufen; denn der Besitzer wartet hier ganz in der Nähe auf mich.«

»Dann lassen Sie ihm also den Stuhl zurückbringen und kommen Sie zum Essen wieder.«

Er zeigte mir, was ich zu tun hatte, um ihm seine Freiheit wiederzugeben. Hierauf zog er die Schutzdecke über den Stuhl, ließ den Packträger hereinkommen und ging.

Die Wirkung des Mechanismus war unfehlbar, und es war durchaus nicht Geiz, was mich davon abhielt, den Stuhl zu kaufen. Wie ich bereits sagte, fand ich die Erfindung teuflisch und auf den ersten Blick abstoßend; außerdem aber bedurfte es nur geringer Überlegung, um mir zu sagen, daß die Anwendung mich an den Galgen bringen könnte, da ich mich in einem Lande befand, dessen Richter mehr über die bei einem Verbrechen bekundete moralische Gesinnung, als über das Verbrechen selbst urteilen, überhaupt hätte ich mich bei kaltem Blut niemals entschließen können, mich der Charpillon gewaltsam zu bemächtigen, noch weniger mit Hilfe dieser schrecklichen Maschine, bei deren Anwendung sie vor Furcht hätte sterben können.

Beim Essen sagte ich Goudar, die Charpillon habe an mich geschrieben und mich um eine Unterredung in meinem Hause gebeten. Ich hätte daher den Lehnstuhl gern behalten, um ihr zu zeigen, daß ich mich ihrer hätte bemächtigen können, wenn ich gewollt hätte. Ich zeigte ihm den Brief, und er riet mir, auf ihren Vorschlag einzugehen, wäre es auch nur aus Neugier.

Ich hatte es nicht eilig, dies Geschöpf mit blauen Flecken an Gesicht und Brust wiederzusehen; denn diese Flecken hätte sie mir gewiß gezeigt, um mich zu rühren und wegen meiner Roheit zu beschämen. Ich ließ daher acht oder zehn Tage vergehen, ohne sie zu empfangen. Goudar kam jeden Tag und unterrichtete mich über die Beratungen dieser Weiberbande, die darauf ausging, nur von Gaunereien zu leben.

Ich erfuhr von ihm, daß die Großmutter eine Bernerin war, die sich ohne jedes Recht den Namen Ansperger angemaßt hatte; denn sie war nur die Geliebte eines ehrenwerten Bürgers dieses Namens gewesen, dem sie vier Mädchen geboren hatte; die Mutter der Charpillon war die jüngste von diesen, und da sie ziemlich hübsch war und einen ausschweifenden Lebenswandel führte, hatte die Regierung sie samt ihrer Mutter und ihren Schwestern ausgewiesen. Sie hatte sich hierauf in der Freigrafschaft niedergelassen, wo sie eine Zeitlang vom Verkauf des Lebensbalsams lebten. Dort kam die Charpillon zur Welt; nach der Behauptung der Mutter soll ein Graf de Coutainvilliers der Vater sein. Da das Mädchen hübsch wurde, glaubte die Mutter, sie müsse in Paris ihr Glück machen. Sie ließ sich dort nieder; da aber ihr Lebensbalsam trotz aller Güte nicht für ihren Unterhalt ausreichte, und da die Charpillon, weil sie noch zu jung war, niemanden fand, der sie unterhalten wollte, da ihr endlich wegen ihrer Schulden das Gefängnis drohte, so faßte sie auf den Rat ihres damaligen Liebhabers Rostaing den Beschluß, nach London zu ziehen.

Goudar schilderte mir dann den ganzen Schwindelbetrieb, wovon die Familie lebte; mich interessierte dies damals, aber den Leser könnte es nicht interessieren; er wird mir daher wohl Dank wissen, wenn ich darüber hinweggehe.

Da ich die Sprache des Landes nicht kannte und durchaus nichts zu tun hatte, so schätzte ich mich beinahe glücklich, über Goudar verfügen zu können. Er machte mich mit den berühmtesten Londoner Kurtisanen bekannt, besonders auch mit der vielgefeierten Kitty Fisher, die damals schon anfing, aus der Mode zu kommen. Ferner zeigte er mir in einem Bierausschank, wo wir eine Flasche »Strongbeer« – das besser ist als Wein – tranken, eine Aufwärterin, die sechzehn Jahre alt und ein wahres Wunder von Schönheit war. Sie war eine katholische Irländerin und hieß Sarah. Ich wollte sie erobern oder kaufen, aber Goudar hatte seine bestimmten Absichten mit ihr und entführte sie auch wirklich das Jahr darauf.

Schließlich heiratete er sie, und sie ist eben jene Sarah Goudar, die in Neapel, Florenz, Venedig und an anderen Orten glänzte und die wir vier oder fünf Jahre später, immer mit ihrem Gemahl, wiederfinden werden. Goudar hatte die Absicht, sie als die Geliebte Ludwigs des Fünfzehnten an die Stelle der Dubarry zu bringen; aber eine lettre de cachet nötigte ihn, anderswo sein Glück zu versuchen. Glückliche Zeiten der lettres de cachet, ach, ihr seid nicht mehr!

Der Charpillon wurde es schließlich zu langweilig, auf eine Antwort zu warten; als vierzehn Tage verstrichen waren, ohne daß sie ein Wort von mir gehört hatte, beschloß sie, den Angriff zu erneuern. Ohne Zweifel war dies das Ergebnis einer sehr geheimen Beratung; denn Goudar hatte mir nichts davon gesagt.

Sie kam allein in einer Sänfte zu mir, und dies bestimmte mich, sie zu empfangen. Ich trank gerade meine Schokolade und empfing sie, ohne aufzustehen und ohne ihr ein Frühstück anzubieten. Sie bat mich in bescheidenem Tone selber darum und setzte sich neben mich, indem sie mir ihr Gesicht zum Kuß hinhielt; dies hatte sie früher niemals getan. Ich wandte den Kopf ab, aber selbst diese unerhörte Zurückweisung brachte sie nicht aus der Fassung, sondern sie sagte: »Ohne Zweifel sind es die noch allzu sichtbaren Spuren Ihrer Schläge, die Ihnen mein Gesicht abschreckend erscheinen lassen.«

»Sie lügen! Ich habe Sie nicht geschlagen.«

»Einerlei; Ihre Tigerklauen haben Male an meinem ganzen Körper hinterlassen. Sehen Sie her! Sie laufen ja keine Gefahr, daß das, was ich Ihnen zeige, Sie verführen könnte. Übrigens ist es Ihnen ja nichts Neues.«

Mit diesen Worten entblößte das schurkische Weib sich und zeigte meinen Blicken die ganze Oberfläche ihres Körpers, worauf wirklich trotz der seither verstrichenen Zeit noch einige fahle Flecke zu sehen waren.

Ich Feigling! Warum habe ich nicht meine Augen abgewandt. Warum? Ich will es dir sagen, Leser: weil sie schön war, weil ich ihre Reize liebte und weil die »Reize« nicht ihren Namen verdienten, wenn sie nicht die Macht hätten, die Vernunft zum Schweigen zu bringen. Ich tat, wie wenn ich nicht hinsähe; aber wie lächerlich mußte ich dabei aussehen! Ich errötete über mich selber. Ein unwissendes kleines Mädchen, das nicht, wie ich, in staubigen alten Büchern studiert hatte, wußte mehr als ich. Ja, sie wußte, daß das Gift durch alle meine Poren drang. Plötzlich, als sie annahm, ich sei vom Gift glühender Begierden genügend durchseucht, brachte sie ihre Kleidung wieder in Ordnung und setzte sich wieder an meine Seite. Offenbar war sie überzeugt, daß es mir lieb gewesen wäre, wenn sie mit diesem berauschenden Schauspiel noch nicht aufgehört hätte.

Ich nahm mich jedoch, so gut ich konnte, zusammen und sagte ihr, es sei ihre eigene Schuld, wenn ich ihr so weh getan habe; denn ich könnte nicht einmal darauf schwören, daß diese Quetschungen von mir herrührten.

»Ich weiß,« antwortete sie, »daß alles meine eigene Schuld gewesen ist; denn wenn ich gefügig gewesen wäre, wie ich es hätte sein sollen, wären Sie nicht grausam, sondern zärtlich gewesen. Aber Reue macht begangenes Unrecht gut, und ich bin hier, um Sie um Verzeihung zu bitten. Kann ich darauf hoffen?«

»Ich kann Ihnen diese Bitte nicht abschlagen. Ich trage Ihnen nichts mehr nach, und es tut mir nur leid, nicht mir selber vergeben zu können. Jetzt aber können Sie gehen, denn Sie brauchen auf mich nicht mehr zu rechnen; ich hoffe, Sie werden in Zukunft nicht mehr versuchen, meine Ruhe zu stören.«

»Es geschehe, wie Sie wünschen. Aber Sie wissen nicht alles, und ich bitte Sie, mich einen Augenblick anzuhören.«

»Da ich nichts zu tun habe, so können Sie bleiben und sprechen; ich werde Ihnen zuhören.«

Vernunft und Ehre zwangen mich, den Stolzen und Kalten zu spielen; in Wirklichkeit aber war ich tief bewegt, und was das Schlimmste war: ich fühlte mich geneigt, zu glauben, daß das Mädchen nur deshalb wieder zu mir gekommen war, weil sie endlich zu verdienen wünschte, daß ich ihr Freund und Liebhaber würde.

Was sie mir zu sagen hatte, hätte in einer Viertelstunde gesagt werden können, aber allerlei Abschweifungen, geschickte Wiederholungen, Tränenergüsse brachten es dahin, daß sie zwei Stunden dazu brauchte, mir zu sagen, ihre Mutter habe sie bei ihrer Seele schwören lassen, die Nacht so mit ihr zu verbringen, wie sie es getan habe. Zum Schluß sagte sie mir, sie wolle endlich keine Sklavin mehr sein, und sei daher bereit, mir unter denselben Bedingungen anzugehören wie dem Herrn von Morosini. Sie wolle bei mir wohnen, weder ihre Mutter noch ihre anderen Verwandten sehen und werde mit mir nur dahin gehen, wohin ich wünsche; aber ich müsse ihr monatlich eine gewisse Summe aussetzen, die sie ihrer Mutter geben werde, damit diese sie nicht durch die Gerichte beunruhige; denn sie sei noch nicht in dem Alter, sich für unabhängig erklären zu dürfen. Sie aß mit mir zu Mittag; diesen Vorschlag machte sie mir jedoch erst am Abend, als ich wieder ruhig geworden und nach ihrer Meinung in der richtigen Stimmung war, mich von neuem betören zu lassen. Ich sagte ihr, wir könnten miteinander leben, wie sie es vorschlüge; ich wollte jedoch den Vertrag mit ihrer Mutter abschließen, und sie würde mich daher schon am nächsten Tage in ihrer Wohnung sehen. Diese Erklärung schien sie zu überraschen.

Wahrscheinlich würde die Charpillon mir an diesem Tage alles bewilligt haben, was ich nur hätte wünschen können, und dann wäre in Zukunft von Widerstand und Täuschung nicht mehr die Rede gewesen. Warum habe ich also nicht alles von ihr verlangt? Weil die Liebe, die geschickt macht, zuweilen auch das Gegenteil bewirkt; weil ich mir einbildete, ich sitze an diesem Tage gewissermaßen über die Verbrecherin zu Gericht und es würde daher eine niedrige Handlung sein, wenn ich mich an ihr rächte, indem ich meine Liebesbegierden befriedigte; und vielleicht auch, lieber Leser, weil ich in diesem Augenblick ein Dummkopf war, wie ich es in meinem Leben manchesmal gewesen bin.

Die Charpillon mußte wütend sein, als sie von mir ging; ohne Zweifel war sie entschlossen, sich dafür zu rächen, daß ich an diesem Tage gewissermaßen ihre Person verachtet hatte.

Goudar war sehr überrascht, als ich ihm am nächsten Tage von dem Besuch erzählte und ihm sagte, wie kläglich ich den Tag verwandt hatte. Ich bat ihn, mir ein möbliertes Häuschen zu besorgen, wie Morosini es gehabt hatte. Am Abend suchte ich das hinterlistige Weib in ihrer Wohnung auf; ich war immer noch auf den ernsten Ton gestimmt, dessen Lächerlichkeit ihr ohne Zweifel nicht entgehen konnte.

Da ich sie mit ihrer Mutter allein fand, setzte ich ihnen sofort meinen Plan auseinander. »Ihre Tochter«, sagte ich zur Mutter, »bekommt in Chelsea ein Haus, worin ich Herr bin; außerdem erhält sie monatlich fünfzig Guineen, womit sie anfangen kann, was sie will.«

»Wieviel Sie ihr monatlich geben, ist mir einerlei; ich will davon nichts wissen. Aber wenn sie von mir fortgeht, um anderswo zu wohnen, soll sie mir die hundert Guineen geben, die sie eigentlich von Ihnen dafür bekommen sollte, daß Sie die Nacht mit ihr zubrachten.«

»Eigentlich ist es ja Ihre Schuld, wenn sie sie nicht bekommen hat. Aber wir wollen die Sache kurz machen: Sie wird Ihnen das Geld geben.«

»Bis Sie das Haus gefunden haben,« sagte die Tochter, »werden Sie mich, hoffe ich, besuchen.«

»Ja.«

Schon am nächsten Tage fuhr Goudar mit mir nach Chelsea und zeigte mir ein hübsches Haus; ich mietete es und zahlte zehn Guineen für einen Monat voraus, nachdem ich meine Bedingungen gemacht und mir eine Quittung hatte geben lassen. Am Nachmittag ging ich zu der Mutter und schloß mit ihr den Handel ab; die Tochter war dabei zugegen und bereit, mir zu folgen. Die Mutter verlangte von mir die hundert Guineen, und ich gab sie ihr. Ich fürchtete nicht mehr, betrogen zu werden, denn die ganze kleine Ausrüstung ihrer Tochter war bereits in meiner Wohnung.

Wir fuhren ab und waren bald in Chelsea. Die Charpillon fand das Haus vollkommen nach ihrem Geschmack; wir machten einen Spaziergang und speisten dann fröhlich zu Abend. Nach dem Essen legten wir uns zu Bett, und sie bewilligte mir Liebkosungen und das Vorspiel; als ich aber zum Hauptangriff schritt, fand ich einen Widerstand, den ich nicht erwartet hatte. Sie schützte gewisse natürliche Gründe vor. Ich war nicht der Mann, mir aus einer solchen Kleinigkeit etwas zu machen; aber alle meine Anstrengungen waren vergeblich: sie widerstand mir, aber sie tat dies so sanft und liebenswürdig, daß ich schließlich von ihr abließ und einschlief.

Da ich vor ihr erwachte, wollte ich mich überzeugen, ob sie die Wahrheit gesagt hatte. Vorsichtig hob ich die Decke auf, schob ihr Hemd zur Seite und sah, daß sie mich wiederum angeführt hatte. Sie wachte auf und wollte sich mir widersetzen; aber es war zu spät. Ich machte ihr wegen der neuen Täuschung nur sanfte Vorwürfe, und bereit, alles zu verzeihen, schickte ich mich an, die verlorene Zeit wieder einzuholen. Sie schlug jedoch einen hohen Ton an und schimpfte, daß ich sie überrascht hätte. Ich suchte ihren Zorn zu besänftigen, indem ich sie bat, sich mir zu ergeben; das unwillige Geschöpf aber machte sich meine Sanftmut zunutze, verdoppelte den Widerstand und wollte mir nichts erlauben. Ich durchschaute ihre Absicht und beschloß, sie in Ruhe zu lassen, machte jedoch meiner Entrüstung in Worten Luft, wie ihr Benehmen sie verdient hatte, Anfangs lächelte die freche Person nur verächtlich; sie richtete sich im Bett auf und begann sich anzukleiden; dann aber erlaubte sie sich die unverschämtesten Antworten. Außer mir über den gemeinen Ton, den sie anschlug, gab ich ihr eine kräftige Ohrfeige und versetzte ihr einen Fußtritt, daß sie der Länge nach auf die Diele fiel. Sie fing an zu schreien, stampfte mit den Füßen und machte einen fürchterlichen Lärm. Der Wirt kam herauf, und sie sprach mit ihm englisch, während ihr das Blut aus der Nase strömte.

Zu meinem Glück sprach der Wirt italienisch. Er sagte mir, sie wolle gehen, und riet mir, mich dem nicht zu widersetzen, denn sonst könnte sie mir eine sehr unangenehme Geschichte an den Hals hängen und er würde genötigt sein, gegen mich auszusagen. Ich antwortete ihm: »Lassen Sie sie so schnell wie möglich verschwinden; hoffentlich sehe ich sie niemals wieder.«

Sie stillte die Blutung, zog sich fertig an und entfernte sich in einem Tragstuhl. Ich blieb stumm und gleichsam versteinert zurück; ich fühlte mich unwürdig, noch weiter zu leben, und fand das Benehmen des unglücklichen Mädchens unbegreiflich und unglaublich.

Als nach etwa einer Stunde die dumpfe Betäubung von mir gewichen war, entschloß ich mich, ihr ihren Koffer durch einen Fiaker zuzuschicken; hierauf ging ich nach Hause, befahl, keinen Menschen vorzulassen, und legte mich zu Bett.

Ich verbrachte vierundzwanzig Stunden mit bitteren Gedanken. Als schließlich die Vernunft sich geltend machte, sah ich ein, daß ich ihr unrecht getan hatte, und fand mich in meinen eigenen Augen verächtlich. Von dem Gefühl, das mich damals beherrschte, ist nur ein Schritt zum Selbstmord. Glücklicherweise und mit Recht tat ich diesen Schritt nicht.

Am nächsten Tage wollte ich gerade ausgehen, als Goudar kam. Er bat mich, mit ihm wieder hineinzugehen, da er mir etwas Wichtiges mitzuteilen habe. Er sagte mir, die Charpillon sei zu Hause und habe eine so stark geschwollene Wange, daß sie sich nicht sehen lassen könne. Er riet mir, alle meine Ansprüche gegen sie oder ihre Mutter aufzugeben; sonst sei sie entschlossen, mich durch eine Verleumdung, die mir das Leben kosten könne, zugrunde zu richten. Denen, die England und besonders London kennen, brauche ich nicht zu sagen, welcher Art diese Verleumdung sein sollte, die bei den Engländern so leicht glaubhaft zu machen ist und sich auf die Greuel bezieht, die einst Sodoms Untergang veranlaßten. Goudar sagte mir: »Die Mutter hat mich gebeten, die Sache zu vermitteln; sie will Ihnen durchaus nichts zuleide tun, wenn Sie sie in Ruhe lassen.«

Nachdem ich den Tag mit diesem Vermittler verbracht und mich stundenlang in dummen Klagen ergangen hatte, sagte ich ihm, er könne der Mutter mitteilen, daß ich meine Ansprüche aufgeben wolle; ich möchte jedoch gern wissen, ob sie und ihre Tochter den Mut haben würden, diese Zusicherung aus meinem eigenen Munde zu empfangen.

»Ich will es ausrichten,« antwortete er mir; »aber ich bedauere Sie, denn Sie werden wieder in ihre Netze geraten, und sie werden Sie zugrunde richten, ohne Ihre Wünsche zu befriedigen. Sie tun mir leid.«

Ich bildete mir ein, die beiden Geschöpfe würden nicht den Mut haben, mich zu empfangen. Aber wie wenig kannte ich sie! Goudar kam und sagte mir lachend, die Mutter hoffe, ich werde stets ein Freund des Hauses bleiben. Es wäre mir, glaube ich, angenehm gewesen, eine abschlägige Antwort zu erhalten; denn ich wünschte, diese Elende, die mir soviel innerliche Unruhe bereitete, nicht wiederzusehen; aber ich hatte nicht die Kraft, wie ein Mann zu handeln und mir den einzigen Vorteil zunutze zu machen, den ihre Habsucht mir bot. Gegen Abend ging ich zu ihnen und saß eine Stunde lang, ohne eine Silbe zu sprechen, der Charpillon gegenüber, die ihre Blicke auf eine Stickerei gesenkt hielt. Von Zeit zu Zeit tat sie, wie wenn sie eine Träne trocknete, und ab und zu enthüllte sie ihr Gesicht, um mir zu zeigen, wie ich ihre Wange zugerichtet hatte.

Jeden Tag ging ich zu ihr und saß schweigend da, bis endlich die Spur der bösen Ohrfeige gänzlich verschwunden war. Während dieser törichten Besuche durchdrang das Gift heißer Begierde mich so ganz und gar, daß sie mir alles, was ich besaß, für eine einzige Gunstbezeigung hätte abnehmen können, wenn sie meinen Zustand geahnt hätte.

Als sie wieder schön war, starb ich vor Begier, sie wieder in meinen Armen zu sehen, wie ich sie sanft und liebkosend bereits einmal, wenn auch nur unvollkommen, besessen hatte. Ich kaufte einen prachtvollen Stehspiegel und ein herrliches Frühstücksgeschirr von Meißener Porzellan und sandte ihr diese Geschenke mit einem Liebesbrief, der mich in ihren Augen entweder als den größten Verschwender oder als den erbärmlichsten Menschen erscheinen lassen mußte. Sie antwortete mir, sie erwarte mich in ihrem Zimmer zum Abendessen unter vier Augen, um mir, wie ich es verdiene, die zärtlichsten Beweise ihrer Dankbarkeit zu geben.

Dieser Brief raubte mir so völlig die Besinnung, daß ich in einem Wahnsinnsanfalle von Begeisterung den Entschluß faßte, ihr die beiden Wechsel über sechstausend Franken anzuvertrauen, die Bolomé mir ausgestellt hatte, und die mir das Recht gaben, ihre Mutter und ihre Tante ins Gefängnis bringen zu lassen.

Beseligt von dem Glück, das meiner wartete, und von dem Gedanken, daß ich es durch die heroische Handlung verdiente, die ich der Charpillon gegenüber begehen wollte, ging ich zum Abendessen zu ihr. Sie empfing mich mit ihrer Mutter im Wohnzimmer, und ich sah voller Freude den Spiegel über dem Kamin angebracht und das Porzellangeschirr auf einem Tischchen stehen. Nachdem sie mich hundertmal ihrer Zärtlichkeit versichert hatte, lud sie mich ein, auf ihr Zimmer zu gehen, und ihre Mutter wünschte uns eine gute Nacht.

Ich war freudetrunken. Nachdem wir eine leckere kleine Mahlzeit zu uns genommen hatten, zog ich aus meiner Brieftasche die beiden Wechsel, deren Geschichte ich ihr erzählte. Dann übergab ich sie ihr und sagte, ich würde sie an ihre Ordre indossieren, sobald sie mich als bevorzugten Liebhaber behandelt hätte; ich wollte ihr dadurch beweisen, daß ich nicht im geringsten daran dächte, mich an ihrer Mutter und an ihren Tanten rächen zu wollen. Ich ließ mir von ihr versprechen, die Wechsel nicht aus den Händen zu geben. Sie nahm sie dankbar an, pries mein edles Benehmen und schloß endlich die Wechsel sorgfältig in ihre Kassette ein, nachdem sie mir alles versprochen hatte.

Nun glaubte ich ihr Beweise meiner Leidenschaft geben zu können. Ich fand sie sanft; als ich aber die Frucht pflücken wollte, umschlang sie mich fest mit ihren Armen, kreuzte ihre Beine und weinte heiße Tränen.

Ich zwang mich zur Ruhe und fragte sie, ob sie ihr Benehmen ändern würde, wenn wir beieinander im Bett lägen. Sie seufzte, schwieg einen Augenblick und sagte dann: »Nein.«

Diese Antwort versteinerte mich. Länger als eine Viertelstunde saß ich da, ohne mich zu rühren, ohne ein Wort zu sprechen. Dann stand ich mit scheinbarer Ruhe auf und nahm meinen Mantel und meinen Degen.

»Wie?« rief sie, »Sie wollen nicht die Nacht mit mir verbringen?«

»Nein.«

»Werden wir uns morgen sehen?«

»Ich hoffe es. Leben Sie wohl!«

Ich verließ diese Hölle, ging nach Hause und legte mich zu Bett.

Erstes Kapitel


Ein altes Schloß. – Clementina. – Die schöne Büßerin. – Lodi. – Gegenseitige Liebeserklärung ohne Furcht vor den Folgen.

Das herrschaftliche Schloß der kleinen Stadt Sant‘ Angelo ist ein sehr großes Gebäude; es ist mindestens achthundert Jahre alt, aber ganz unregelmäßig und von einem Baustil, aus welchem man nicht auf die Zeit der Errichtung schließen kann. Es besteht aus einem Erdgeschoß, das in eine Menge kleiner Kammern geteilt ist, einem Stockwerk, das mehrere große, sehr hohe Wohnräume enthält, und aus einem ungeheuren Dachboden. Die Mauern, obgleich an vielen Stellen geborsten, sind von einer Dicke, die dafür zeugt, daß unsere Vorfahren für ihre Urenkel bauten, was heutzutage nicht mehr vorkommt; denn wir fangen an, auf englische Art zu bauen, das heißt kaum für die gewöhnliche Lebensdauer eines Menschen. Die Treppen bestanden aus breiten Steinfließen, aber sie waren so abgenutzt, daß man beim Hinauf- wie beim Hinuntergehen sehr vorsichtig sein mußte. Die Fußböden bestanden überall aus Ziegeln, und da diese von verschiedenem Alter und vielleicht seit länger als einem Jahrhundert nicht neu gestrichen waren, so bildeten sie eine Art von Mosaik, die für das Auge nicht eben angenehm war. Die Fenster standen mit dem Ganzen in Einklang; da sie keine Scheiben hatten und da die Rahmen an mehr als einer Stelle das Gewicht von Läden nicht mehr hätten tragen können, so standen sie beständig offen, und kein einziges hatte einen Laden. Glücklicherweise machte sich in dem milden Klima dieser Mangel nicht besonders fühlbar. Zimmerdecken waren verpönt; ihre Stelle nahmen große Balken ein, und Nester aller Art, selbst von Nachtvögeln, nebst vielen Spinnengeweben vertraten die Arabesken.

In diesem gotischen Palast – denn es war weit mehr ein Palast als ein Schloß, da es weder Türme noch sonstige Abzeichen feudaler Macht hatte, mit Ausnahme des riesigen, sehr gut erhaltenen Familienschildes über der Torfahrt – in diesem Palast also, dem Denkmal des alten Adels der Grafen A.B., auf das sie mehr Wert legten als auf das schönste Gebäude, das sie für ihr Geld hätten erwerben können – in diesem Palast waren an drei Stellen vier oder fünf nebeneinander gelegene Zimmer, die etwas besser erhalten waren i als die übrigen. Dies waren die Wohnräume der augenblicklichen Herren; denn es gab deren drei: meinen Freund, den Grafen A.B., den Grafen Ambrogio, der beständig im Schloß wohnte, und einen dritten, der als Offizier bei der Wallonischen Garde in Spanien stand. Die Wohnung dieses letzteren wurde mir angewiesen. Doch sprechen wir nun von der Aufnahme, die mir bereitet wurde.

Graf Ambrogio empfing mich am Tor des Schlosses wie den größten und mächtigsten Herrn. Die beiden Flügel waren weit geöffnet; aber ich will mir auf diesen Umstand nichts einbilden, denn es wäre unmöglich gewesen, sie zu schließen, da sie bereits vor Altersschwäche zusammenfielen.

Der edle Graf erschien, seine baumwollene Mütze in der Hand, in einem anständigen, aber vernachlässigten Anzuge, obwohl er kaum vierzig Jahre alt war. Er sagte mir mit ebenso edlem wie bescheidenem Anstand, sein Bruder habe unrecht getan, mich zur Besichtigung ihrer Armseligkeiten einzuladen. Ich würde bei ihnen nicht die Bequemlichkeiten finden, an die ich gewöhnt sei; dafür könne ich aber auf das Mailänder Herz rechnen. Dies ist eine Redensart, die die Mailänder beständig im Munde führen; da sie sie aber rechtfertigen, so steht sie ihnen gut. Sie sind im allgemeinen gut, ehrlich, dienstbereit und gastfreundlich; die Offenheit ihres Charakters beschämt die Piemontesen und Genuesen, ihre beiden Nachbarn.

Der gute Ambrogio stellte mich der Gräfin, seiner Gemahlin, und seinen beiden Schwägerinnen vor, von denen die eine eine vollendete Schönheit war, abgesehen von einer gewissen Verlegenheit, die aber offenbar nur von dem Mangel an Verkehr in guter Gesellschaft herrührte, denn sie kamen nur mit einigen Nachbarn zusammen, die von den guten Manieren der vornehmen Gesellschaft nicht viel wußten. Die andere Schwägerin war eine jener Frauen, von denen man nicht spricht, das heißt: weder schön noch häßlich und wie man sie zu Hunderten findet. Die Gräfin hatte ein Madonnengesicht von engelhafter Sanftheit, mit Würde und Unschuld gemischt. Diese drei Schwestern waren sehr jung, sehr adlig und sehr arm. Beim Essen sagte der Graf, er habe seine Frau trotz ihrer Armut geheiratet, weil er auf ihre Tugend und ihren Charakter mehr Wert lege als auf ihre Herkunft. »Sie macht mich glücklich«, rief er, »und obwohl sie mir nichts zugebracht hat, fühle ich mich doch von ihr bereichert, denn sie hat mich gelehrt, alles, was wir nicht haben, als überflüssig zu betrachten.«

»Dies«, sagte ich, »ist die wahre Philosophie eines Ehrenmannes.«

Hocherfreut über das Lob ihres Gatten und meine Zustimmung, lächelte die Gräfin ihm verliebt zu; dann nahm sie der Frau, die es trug, ein bildhübsches Püppchen von fünf oder sechs Monaten ab und reichte ihm ihren Busen, der weiß und fest wie Alabaster war. Dies ist das Vorrecht einer Mutter, die ihr Kind säugt; die Natur hat ihr gesagt, daß sie dadurch in keiner Weise die Scham verletzt. Man nimmt an, daß ihr Busen, der eine Quelle des Lebens geworden ist, in den Augen aller, die ihn sehen, kein anderes Gefühl als das der Achtung erwecken kann. Ich gestehe jedoch, daß dieser Anblick in mir ein zärtlicheres Gefühl hätte erwecken können; denn das Bild war entzückend, und hätte Raphael es vor Augen gehabt, so würde, davon bin ich überzeugt, seine schöne Madonna Vollkommenheiten erhalten haben, die uns an den erhabensten Schöpfungen der Malkunst noch unbekannt sind.

Das Essen, das Graf Ambrogio mir gab, wäre ausgezeichnet gewesen ohne die Ragouts, die ich abscheulich fand. Suppe, gesottenes Fleisch, frisches Pökelfleisch, Bratwürste, Mettwürste, Milchspeisen, Wild, Mascarponkäse, eingemachte Früchte – alles war köstlich; da aber sein Bruder ihm gesagt hatte, daß ich Feinschmecker sei und an die Tafel besonders große Ansprüche stelle, so glaubte der gute Ambrogio, mir recht raffinierte Gerichte geben zu müssen, und diese waren geradezu schlecht. Aus Höflichkeit mußte ich davon kosten; aber ich nahm mir vor, nicht wieder darauf anzubeißen. Nach Tisch nahm ich meinen Amphitryo bei Seite und machte ihm begreiflich, daß sein Tisch mit zehn Schüsseln einfacher Art und ohne jedes Ragout lecker und vorzüglich sein würde. Seitdem speiste ich jeden Tag ganz ausgezeichnet.

Wir waren sechs bei Tische, alle fröhlich und gesprächig, mit Ausnahme der schönen Clementina. So hieß die junge Gräfin, die auf mich einen so lebhaften Eindruck gemacht hatte. Sie sprach nur, wenn sie genötigt war, eine Antwort zu geben, und dabei errötete sie jedesmal; da ich jedoch kein anderes Mittel hatte, ihre schönen Augen zu sehen, als indem ich sie zwang, mit mir zu sprechen, so richtete ich tausend Fragen an sie. Als ich aber aus ihrem Erröten schließen mußte, daß ich ihr lästig wurde, so beschloß ich zuletzt, sie in Ruhe zu lassen und eine günstige Gelegenheit abzuwarten, um mit ihr näher bekannt zu werden.

Endlich führte man mich auf mein Zimmer und ließ mich dort allein. Die Fenster waren mit Scheiben versehen und hatten Vorhänge wie die des Saales, worin wir gespeist hatten; aber Clairmont sagte mir: wenn ich ihn nicht von jeder Verantwortung entbinden wolle, wage er nicht meine Koffer auszupacken, denn weder Türen noch Kommoden hätten Schlüssel. Ich fand, daß er recht hätte, und suchte meinen Freund auf. Er antwortete mir: »Im ganzen Schloß gibt es nur zum Weinkeller Schlüssel; trotzdem ist hier alles in Sicherheit. In Sant‘ Angelo gibt es keine Diebe; und selbst wenn es welche gäbe, würden sie es nicht wagen, bei uns einzudringen.«

»Das glaube ich, mein lieber Graf; aber Sie sehen wohl ein, daß ich verpflichtet bin, überall Diebe anzunehmen; Sie werden begreifen, daß mein eigener Diener diese Gelegenheit benutzen könnte, mich zu plündern, ohne daß es mir möglich sein würde, ihn zu überführen; denn ich müßte natürlich schweigen, wenn ich bestohlen werden sollte.«

»Ich begreife es vollkommen. Morgen früh wird ein Schlosser Ihre Türen mit Schlössern versehen, und Sie werden im ganzen Schloß der einzige sein, der daran denkt, Maßregeln gegen Diebe zu ergreifen.«

Ich hätte ihm mit Juvenal antworten können: Cantat vacuus coram latrone viator – Unbekümmert um den Räuber singt der Wanderer mit leeren Taschen.

Aber ich würde ihn gekränkt haben. Ich sagte also zu Clairmont, er solle mit dem Öffnen meiner Koffer bis zum nächsten Tage warten, und ging mit dem Grafen A.B. und seinen beiden Schwägerinnen aus, um einen Spaziergang durch das Städtchen zu machen. Graf Ambrogio und seine schöne Ehehälfte blieben im Schloß, denn die liebenswürdige und zärtliche Mutter wich nicht einen Augenblick von ihrem Säugling. Die schöne Clementina war achtzehn Jahre alt, vier Jahre jünger als ihre verheiratete Schwester. Sie nahm meinen Arm an, und der Graf bot den seinigen der Gräfin Eleonora, indem er gleichzeitig zu mir sagte: »Wir wollen der schönen Büßerin einen Besuch machen.«

Auf meine Frage, wer die schöne Büßerin sei, antwortete er mir, ohne sich wegen seiner beiden Schwägerinnen Zwang anzutun: »Sie ist eine frühere Lais, die ein paar Jahre lang in Mailand wegen ihrer Schönheit in solchem Rufe stand, daß nicht nur aus Mailand, sondern auch aus den benachbarten Städten alle reichen Leute zu ihr strömten, um ihre Neugierde zu befriedigen. Ihr Haus öffnete und schloß sich täglich hundertmal, und diese außerordentliche Gastfreundschaft genügte noch nicht, um alle Begierden zu befriedigen, die sie erregte. Vor einem Jahre hat man nun diesem Skandal, wie die Frommen und alten Leute es nannten, ein Ende gemacht. Graf Firmian, ein gelehrter und geistreicher Mann, war nach Wien gegangen; vor seiner Rückreise erhielt er den Befehl, sie in dieses Kloster einsperren zu lassen. Die erhabene Maria Theresia hat der käuflichen Schönheit niemals verzeihen können. Der Graf mußte den Befehlen der sittengestrengen Herrscherin gehorchen und ließ also die schöne Sünderin einsperren. Man sagte ihr, sie sei schuldig, forderte ihr eine Generalbeichte ab und verurteilte sie zu lebenslänglicher Buße in diesem Kloster. Kardinal Pozzobonelli, der höchste Würdenträger des Ambrosianischen Ritus, erteilte ihr die Absolution und reichte ihr hierauf das Sakrament der Firmelung; zugleich veränderte er ihren Taufnamen Teresa in Maria Maddalena, um dadurch der schönen Sünderin den Weg zum ewigen Heil anzuzeigen und sie darauf hinzuweisen, daß sie in ihrer Buße ihrer neuen Schutzheiligen nacheifern solle, von der sie bisher nur die Ausschweifungen nachgeahmt habe. – Das Kloster, das unter dem Patronat unserer Familie steht, ist für Büßerinnen bestimmt. Es ist ein unzugänglicher Ort, wo die Eingesperrten unter der Aufsicht einer Oberin leben, deren sanfter Charakter wohl geeignet ist, ihnen die Qualen des Überganges von den Lüsten der Welt zu den härtesten Entbehrungen zu erleichtern. Sie können nur arbeiten und zu Gott beten. Sie sehen keinen anderen Mann als den Beichtvater, der ihnen täglich die Messe liest. Wir sind die einzigen, denen die Oberin den Zutritt zu diesem Gefängnis nicht verwehren kann; übrigens weist sie Personen, die mit uns kommen, niemals zurück.«

Diese Erzählung rührte mich tief; mir standen die Tränen in den Augen. Arme Maria Maddalena! Barbarische Kaiserin! Ich glaube an einer andern Stelle bereits erwähnt zu haben, weshalb sie diese strenge Tugend übte.

Wir ließen uns melden. Die Oberin empfing sofort den Grafen an der Tür und ließ uns in einen ziemlich großen Saal eintreten, wo ich, ohne fragen zu müssen, die berühmte Büßerin leicht unter fünf oder sechs anderen jungen Mädchen erkennen konnte, die wie sie büßen mußten, aber ohne Zweifel nur wegen geringer Sünden, denn sie waren häßlich oder doch jedenfalls nicht hübsch. Sobald die armen Mädchen uns erblickten, hörten sie auf zu nähen und zu stricken und standen ehrfurchtsvoll vor uns auf. Trotz ihrer groben Kleidung machte Teresa einen tiefen Eindruck auf mich. Welche Schönheit! Welche Majestät trotz ihrer demütigen Miene! Ich, mit meinen Augen eines Weltkindes, sah nicht die ungeheure Sünde, für die sie eine so tyrannische Behandlung erdulden mußte, sondern glaubte die verkörperte Unschuld in Gestalt einer büßenden Venus zu sehen. Ihre schönen Augen waren zu Boden gerichtet; aber wie groß war meine Überraschung, als sie sie plötzlich aufschlug, mich starr ansah und ausrief: »Gott! Was sehe ich! Heilige Jungfrau Maria, komme nur zu Hilfe! Hebe dich weg von hier, abscheulicher Sünder, obgleich du mehr als ich hier zu sein verdienst, du Schurke!«

Mir war nicht lächerlich zu Mute. Die Lage dieser Unglücklichen und ihre sonderbare Ansprache an mich zerrissen mir das Herz. Die Oberin sagte schnell zu mir: »Nehmen Sie keinen Anstoß daran, mein Herr; das unglückliche arme Mädchen ist wahnsinnig geworden, und falls sie Sie nicht etwa erkannt hat…«

»Sie kann mich unmöglich erkannt haben, hochwürdige Frau, ich sehe sie zum ersten Male in meinem Leben.«

»Ich glaube es Ihnen; aber verzeihen Sie ihr gütigst, denn sie hat den Verstand verloren.«

»Ach! Vielleicht ist dies eine Gnade vom lieben Gott.«

In Wirklichkeit sah ich in dem Ausfall der Büßerin mehr ein Anzeichen von gesundem Menschenverstand als von einem Wahnsinnsausfall; denn das arme Mädchen mußte entrüstet darüber sein, daß sie an diesem Orte ihrer Qualen meiner müßigen Neugier preisgegeben wurde. Ich fühlte mich tief bewegt, und eine Träne rann unwillkürlich über meine Wange. Der Graf, der sie kannte, lachte. Ich bat ihn, sich zusammenzunehmen. Aber die Sache war noch nicht zu Ende. Einen Augenblick darauf bekam die Unglückliche einen neuen Anfall. Von neuem brach sie in Schmähungen aus, die alle Anzeichen wahnsinniger Wut an sich trugen. Sie bat die Oberin, mich hinauszuweisen, denn ich hätte sie nur aufgesucht, um sie in Verdammnis zu stürzen. Die gute Dame machte ihr mit mütterlicher Milde einige Vorwürfe und ließ sie dann hinausbringen; sie sagte zu ihr, sie wäre im Irrtum, und die Besucher könnten keinen anderen Wunsch haben als den, zu ihrem Seelenheil mitzuwirken; aber sie beging auch die Härte, ihr zu sagen, niemand habe mehr gesündigt als sie, und die arme Maddalena verließ uns bitterlich weinend.

Hätte ich das Glück gehabt, an der Spitze eines siegreichen Heeres in Mailand einzuziehen, so wäre ganz gewiß mein erster Schritt gewesen, diese Unglückliche der Strafe zu entziehen, die eine Tyrannin ihr auferlegt hatte; die Äbtissin mit ihren honigsüßen Worten hätte ich durchgepeitscht, wenn sie Miene gemacht hätte, sich meinem Willen zu widersetzen.

Als Maddalena hinausgegangen war, sagte die Äbtissin zu uns, die Unglückliche habe alle Eigenschaften eines Engels, und wenn Gott sie vor dem Unglück bewahre, vollständig wahnsinnig zu werden, so bezweifle sie nicht, daß sie dereinst eine Heilige sein werde wie ihre Schutzpatronin. »Sie hat mich gebeten, aus dem Betsaal zwei Gemälde entfernen zu lassen, von denen das eine den heiligen Alois Gonzaga, das andere den heiligen Antonius darstellt, weil diese Bilder ihr unwiderstehliche Zerstreuungen verursachten. Ich habe geglaubt, ihrer Bitte nachkommen zu müssen, trotz dem Beichtvater, der in diesem Punkte keine Vernunft annehmen wollte.«

Der Beichtvater war ein Tölpel; dies sagte ich der Oberin nicht, doch ließ ich sie als eine kluge Frau meine Meinung über ihn erraten.

Traurig, schweigend und im Grunde unserer Herzen die Tyrannei der frommen Herrscherin verwünschend, die von ihrer Gewalt einen so kläglichen Gebrauch machte, verließen wir diesen Ort der Qual.

Wenn nach der wahren Lehre unserer heiligen Religion die Seele der Kaiserin Maria Theresia in der sogenannten Ewigkeit oder im anderen Leben einen Platz finden soll, so muß sie, vorausgesetzt, daß sie nicht bereut hat, in die Hölle kommen, selbst wenn sie weiter nichts Böses getan hätte, als daß sie auf tausenderlei Art die armen Mädchen quälte, die schon unglücklich genug sind, von dem Handel mit ihren Reizen leben zu müssen. Die arme Maddalena wurde wahnsinnig und litt an Höllenqualen, weil die Natur, die allgöttliche Herrscherin, sie mit der köstlichsten aller Gaben, Schönheit, und einem ausgezeichneten Herzen beschenkt hatte. Sie hatte Mißbrauch damit getrieben, das mag wohl sein; aber durfte wegen dieses Verbrechens, das ganz gewiß das kleinste von allen ist, und das für ein Verbrechen zu erklären nur Gott allein zusteht, eine Frau, die vielleicht eine größere Sünderin war als sie, ihr die allergrausamste Strafe auferlegen? Ich fordere jeden vernünftigen Menschen heraus, diese Frage mit ja zu beantworten!

Als wir nach dem Schloß zurückgingen, lachte Clementina, der ich den Arm gereicht hatte, von Zeit zu Zeit, sagte aber nichts. Ich war neugierig, worüber sie lachte, und sagte daher: »Dürfte ich es wagen, schöne Gräfin, Sie zu fragen, worüber Sie so ganz allein lachen?«

»Verzeihen Sie mir! Ich lachte nicht darüber, daß das arme Mädchen Sie erkannt hat, denn sie muß sich geirrt haben; aber ich muß unwillkürlich lachen, wenn ich daran denke, wie überrascht Sie waren, als Sie sie sagen hörten, Sie verdienten eher als sie in dieses Kloster eingesperrt zu sein.«

»Und vielleicht sind Sie der gleichen Meinung?«

»Ich? Gott bewahre! Aber sagen Sie mir, wie kommt es, daß die arme Unglückliche nicht meinen Schwager angegriffen hat?«

»Wahrscheinlich, weil ich ihr als ein größerer Sünder vorkam.«

»Ich glaube auch, das ist der einzige Grund; darum muß man auch niemals auf die Reden von Wahnsinnigen achten.«

»Schöne Gräfin, Sie sprechen ironisch; aber ich nehme Ihre Worte im Ernst. Ich bin vielleicht ein großer Sünder und sehe auch so aus; aber bedenken Sie, daß die Schönheit mir Nachsicht schuldet, denn für gewöhnlich bin ich nur durch sie verführt worden.«

»Ich finde es eigentümlich, daß die Kaiserin sich nicht den Spaß macht, ebensogut die Männer einsperren zu lassen wie die Frauen.«

»Sie hofft vielleicht viele Männer zu ihren Füßen zu sehen, wenn sie keine Mädchen mehr finden.«

»Ein schlechter Witz! Sagen Sie lieber, sie kann ihren Schwestern die Verletzung einer Tugend nicht verzeihen, die sie selber im höchsten Grade besitzt und die außerdem so leicht auszuüben ist.«

»Ich zweifle nicht im geringsten, mein gnädiges Fräulein, an der Tugend der Kaiserin: aber – mit Ihrer gütigen Erlaubnis – im allgemeinen bezweifle ich sehr, daß es so leicht ist, wie Sie glauben, die Tugend auszuüben, die man Enthaltsamkeit nennt.«

»Jeder spricht und denkt ohne Zweifel nach den Begriffen, die er durch Selbstprüfung gewinnt. Oft hält man Mäßigkeit für eine Tugend bei einem Menschen, dem sie durchaus nicht als Verdienst anzurechnen ist. Sie finden vielleicht schwierig, was mir sehr leicht erscheint, und umgekehrt. Wir können wohl alle beide recht haben.«

Diese interessante und geistreiche Unterhaltung veranlaßte mich, Clementina mit meiner schönen Mailänder Marchesa zu vergleichen; zwischen ihnen bestand nur der Unterschied, daß Fräulein Q. ihre Meinungen sehr anspruchsvoll vorbrachte, und daß die junge Gräfin ihre Weltanschauung auf völlig naive Weise und mit dem Ton vollkommener Gleichgültigkeit auseinandersetzte. Ich fand bei ihr einen so gesunden Verstand, eine so sorgfältig gepflegte und doch natürliche Ausdrucksweise, daß ich beschämt war, sie bei Tische so verkehrt beurteilt zu haben. Ihr Schweigen und ihr plötzliches Erröten, sobald sie auf irgend eine Frage antworten mußte, hatten in mir den Verdacht erregt, daß ihre Ideen sich in einer gewissen Verwirrung befänden, die mir nicht zugunsten ihres Geistes zu sprechen schien; denn allzu große Schüchternheit ist oft nur Dummheit. Aber das Gespräch, das ich soeben berichtet habe, brachte mich auf ganz andere Ansichten. Die schöne Marchesa war im Wortgefecht gewandter als Clementina, weil sie älter war und mehr in der Welt verkehrt hatte; aber Clementina war zweimal meiner Frage auf eine sehr feine, geistreiche Art ausgewichen, und dies ist für ein Fräulein von guter Herkunft die allerhöchste Kunst; ich sah mich daher genötigt, ihr die Palme zuzuerkennen.

Im Schlosse fanden wir eine Dame mit ihrem Sohn und ihrer Tochter und außerdem einen Verwandten des Grafen, einen jungen Abbate, der mir im höchsten Maße mißfiel.

Er war ein unbarmherziger Schwätzer, behauptete, mich in Mailand gesehen zu haben, und glaubte sich dadurch berechtigt, mich auf eine ekelhafte Art anzuschmeicheln. Außerdem liebäugelte er mit Clementina, und ich war sehr wenig geneigt, einen solchen Schwätzer zum Freunde oder zum Nebenbuhler zu haben. Ich sagte ihm daher sehr kurz angebunden, ich könne mich durchaus nicht erinnern, ihn irgendwo gesehen zu haben; aber diese Grobheit, die jeden zartfühlenden Menschen zurückgeschreckt hätte, brachte ihn durchaus nicht in Verlegenheit. Er setzte sich neben Clementina, ergriff ihre Hand und lud sie ein, meine Eroberung zu machen. Seine Bemerkungen waren so flach, daß das junge Mädchen nur darüber lachen konnte; ich fühlte dies, aber ich war verdrießlich, und ihr Lachen mißfiel mir. Mir schien, sie hätte ihm antworten müssen – ja, was, das wußte ich selber nicht, aber jedenfalls irgend etwas Kränkendes. Aber ganz im Gegenteil! Als der Unverschämte ihr etwas ins Ohr flüsterte, antwortete sie ihm ebenso, und ich fand das ganz abscheulich. Als bei irgend einer Gelegenheit jeder seine Meinung äußerte, forderte der Abbate mich auf, auch meine Ansicht zu sagen. Ich weiß nicht mehr, was ich ihm sagte, aber ich erinnere mich, daß meine Antwort kaustisch war. Ich hoffte ihn dadurch zum Schweigen zu bringen und ihn verdrießlich zu machen; aber er schien wie ein gutes Trompeterpferd an alle Töne gewöhnt zu sein: nichts brachte ihn außer Fassung. Er legte bei Clementina Berufung ein, und mir widerfuhr die Kränkung, hören zu müssen, daß sie ihm, wenn auch errötend, recht gab. Befriedigt ergriff der Geck die Hand der jungen Gräfin und küßte sie mit dem Ausdrucke höchsten Glückes. Das war zu viel! Ich konnte nicht mehr an mich halten und haßte nun Clementina ebensosehr wie den Abbate. Ich stand auf und trat an ein Fenster.

Das Fenster ist ein ausgezeichneter Zufluchtsort für einen ärgerlichen Menschen, den der gute Ton zu einiger Zurückhaltung nötigt. Dort kann er denen, die ihm lästig fallen, den Rücken zudrehen, ohne daß man ihn geradezu der Unhöflichkeit beschuldigen könnte; aber man errät seinen Verdruß, und dies ist für ihn eine Erleichterung.

Ich habe diesen Umstand nur berichtet, um darauf hinzuweisen, wie ungerecht verdrießliche Laune die Menschen macht, die sich ihr überlassen. Der arme Abbate mißfiel mir, weil er Clementinen schmeichelte, in die ich bereits verliebt war, ohne mir selber Rechenschaft darüber gegeben zu haben; ich sah in ihm einen Nebenbuhler, der mich verletzte. In Wirklichkeit hatte er mich ganz und gar nicht beleidigt, sondern alles aufgeboten, um mir zu gefallen, und ich hätte seinen guten Willen anerkennen müssen. Übrigens war dieser Hang, mich unter dergleichen Umständen meiner verdrießlichen Laune zu überlassen, stets einer der kennzeichnenden Züge meines Geistes; heute ist es zu spät, um mir noch Mühe zu geben, mich von diesem Fehler zu heilen. Ich glaube sogar, dies nicht mehr nötig zu haben; denn wenn mir so etwas zuweilen noch begegnet, setzen meine Zuhörer mich in höflicher Weise, aber ohne ein Wort zu sagen, um ein halbes Jahrhundert zurück. Unglücklicherweise bin ich gezwungen, innerlich ihnen recht zu geben.

Clementina hatte mich gänzlich außer Fassung gebracht, und dies war ihr in wenigen Stunden gelungen. Allerdings war ich von sehr leicht entzündlicher Natur; niemals aber hatte bis dahin eine Schöne in so kurzer Zeit eine derartige Verheerung in meinem Innern angerichtet. Da ich fühlte, daß ich ganz der ihrige war, so glaubte ich, alles aufbieten zu müssen, um sie dahin zu bringen, ganz mein zu sein. An dem Gelingen zweifelte ich nicht einen Augenblick. Ich gestehe, daß meine Zuversicht eine starke Beimischung von Geckenhaftigkeit hatte, es lag aber auch eine vernünftige Bescheidenheit darin; denn ich fühlte, daß ich viele Schwierigkeiten würde ebnen müssen, um ihr Herz rühren zu können, und daß das geringste Hindernis meinen Plan zum Scheitern bringen könnte. Darum sah ich in dem Abbate eine Wespe, die zerquetscht werden mußte. Die Eifersucht, das schrecklichste aller Gefühle, das wie ein wahres Gift am Herzen frißt, hatte sich eingemischt und machte mich ungerecht gegen Clementina; denn ich bildete mir ein, sie sei, wenn auch nicht in diesen Affen verliebt, so doch nachsichtig gegen ihn, und von diesem Gedanken erfüllt, verspürte ich eine entsetzliche Rachsucht, die ich gerne an ihr ausgelassen hätte. Die Liebe ist die Gottheit der Natur; aber was ist die Natur, wenn ihre Gottheit ein unartiges Kind ist? Wir kennen es, wir wissen, was für seltsame Launen es hat, und doch beten wir es an.

Mein Freund, der Graf, wunderte sich vielleicht, daß ich mich so lange Zeit damit beschäftigte, den Himmel anzustarren; er trat zu mir heran und fragte mich in herzlichem Tone, ob ich vielleicht irgend etwas nötig hätte. Ich antwortete ihm: »Ich habe ein paar Geschäfte im Kopf und werde in mein Zimmer gehen, um vor dem Abendessen noch einige Briefe zu schreiben.«

»Wie?« rief er, »Sie wollen uns verlassen! Clementina, helfen Sie mir doch, Herrn von Seingalt zurückzuhalten. Sie müssen ihn dahin bringen, daß er das Briefschreiben aufgibt.«

»Aber, lieber Schwager,« versetzte das reizende Mädchen, »wenn der Herr Geschäfte hat, wäre es doch unhöflich von mir, wollte ich versuchen, ihn zurückzuhalten.«

Ich fand den Einwand boshaft, obgleich ich mich nicht enthalten konnte, ihn vernünftig zu finden; aber mein Verdruß wurde dadurch nicht vermindert, wie ja jeder Umstand dem Ärger frische Nahrung gibt, wenn ein Mensch einmal übler Laune ist. Da kam auch der Abbate und sagte mir mit gutmütiger Herzlichkeit, ich täte besser, eine Pharaobank aufzulegen. Da alle Welt ihm beistimmte, so mußte ich einwilligen.

Man brachte Karten und Spielmarken von verschiedenen Farben. Ich setzte mich und legte dreißig Dukaten vor mich hin. Dies war eine sehr starke Summe für eine Gesellschaft, die sich nur amüsieren wollte; denn man mußte fünfzehn Marken verspielen, um eine Zechine zu verlieren. Die Gräfin Ambrogio setzte sich mir zur Rechten, und der Abbate nahm sich’s heraus, sich zu meiner Linken zu setzen. Wie wenn sie sich verabredet hätten, mich zu ärgern, machte Clementina ihm Platz. Dies war im Grunde ganz natürlich; ich aber fand es unverschämt und sagte zum Bäffchenträger, ich zöge stets nur zwischen zwei Damen an und niemals an der Seite eines Priesters.

»Sie glauben, das würde Ihnen Unglück bringen?«

»Ich liebe die Unglücksvögel nicht.«

Clementina stand auf und nahm seinen Platz ein.

Nach drei Stunden meldete man, daß das Abendessen aufgetragen sei. Alle hatten von meiner Bank gewonnen, mit Ausnahme des Abbate; der arme Teufel hatte zwanzig Zechinen in Marken verloren.

Als Verwandter blieb der Abbate zum Abendessen; die Dame aber und ihre Kinder ließen sich trotz aller Anstrengungen nicht zurückhalten.

Als ich die Betrübnis des Abbate sah, kehrte meine gute Laune zurück und mit ihr die Lust zu scherzen. Ich begann Clementina Komplimente zu machen, und da sie auf tausend Fragen antworten mußte, so versetzte ich sie in die Notwendigkeit, ihren Geist leuchten zu lassen, und ich las in ihren Blicken, daß sie mir dafür dankbar war. Dies stimmte mich versöhnlich, und ich hatte Mitleid mit dem Abbate. Um ihn aufzumuntern, redete ich ihn freundlich an und fragte ihn nach seiner Meinung über eine aufgeworfene Frage.

»Ich habe nicht darauf geachtet,« antwortete er mir, »aber ich hoffe, Sie werden mir nach dem Abendessen Gelegenheit geben, meinen Verlust wieder wett zu machen.«

»Nach dem Abendessen, Herr Abbate, werde ich zu Bett gehen; aber morgen, wenn Sie es wünschen, werde ich Ihnen Genugtuung geben, soviel sie wollen, vorausgesetzt, daß das Spiel meinen reizenden Gastgeberinnen Spaß macht. Ist das Glück Ihnen heute feindlich gewesen, so hoffe ich, es wird Ihnen ein anderes Mal günstiger sein.«

Nach dem Abendessen ging der Abbate sehr traurig fort. Der Graf brachte mich auf mein Zimmer, wünschte mir gute Nacht und sagte, ich könne ruhig schlafen; meine Tür habe allerdings keinen Schlüssel, seine Schwägerinnen aber, die nebenan schliefen, wären nicht besser geschützt als ich.

Ich war über dieses Vertrauen nicht weniger erstaunt und entzückt als über die prachtvolle Gastfreundschaft, die diese wackere Familie mir erzeigte. Ich nenne diese Gastfreundschaft prachtvoll, denn alles auf der Welt ist relativ.

Ich befahl Clairmont, sich mit dem Einwickeln meiner Haare zu beeilen, weil ich ruhebedürftig sei. Er war mit seiner Arbeit kaum halbfertig, als ich durch das Eintreten der schönen Clementina angenehm überrascht wurde. Sie sagte zu mir: »Mein Herr, da wir keine Kammerzofe haben, die die Besorgung Ihrer Wäsche übernehmen könnte, so möchte ich Sie bitten, dies mir zu gestatten.«

»Sie, reizende Gräfin, wollen dies tun?«

»Jawohl, ich; und ich bitte Sie, sich meiner Absicht nicht zu widersetzen. Ich mache mir ein Vergnügen daraus, ja noch mehr, ich hoffe mir ein Lob zu verdienen. Lassen Sie mir das Hemd geben, das Sie morgen anziehen wollen, und bitte, keine Widerrede!«

»Ich füge mich, mein gnädiges Fräulein.«

Nachdem ich mit Hilfe von Clairmont den Koffer, der meine Wäsche enthielt, in ihr Zimmer geschleppt hatte, fuhr ich fort: »Ich brauche jeden Tag ein Hemd, eine Halsbinde, ein Kamisol, eine Unterhose, ein Paar Strümpfe, zwei Taschentücher; aber die Wahl ist mir gleichgültig, und ich überlasse diese Ihnen, wie ich Ihnen alles überlassen möchte. Ich bin glücklicher als Jupiter und werde glücklich schlafen. Leben Sie wohl, reizende Hebe!«

Ihre Schwester Eleonora, die schon im Bett lag, konnte gar kein Ende finden, mich um Entschuldigung zu bitten. Ich befahl Clairmont, auf der Stelle dem Grafen zu melden, daß ich keine Schlösser mehr an meinen Türen haben wolle. Konnte ich wohl wegen meiner paar Lumpen argwöhnisch sein, da ich sah, daß diese köstlichen Wesen nicht die geringste Besorgnis vor meiner Neugier hatten? Ich hätte befürchten müssen, sie zu beleidigen.

Ich hatte ein ausgezeichnetes Bett und schlief vortrefflich. Clairmont war gerade dabei, mein Haar zu machen, als meine junge Hebe mit einem Korb in ihren hübschen Händen sich meinen Blicken darbot.

»Ich hoffe,« sagte sie zu mir, nachdem sie mir guten Morgen gewünscht hatte, »Sie werden mit meiner Geschicklichkeit zufrieden sein.«

Ich sah sie entzückt an, denn nicht das geringste Anzeichen auf ihrem wonnigen Gesicht verriet jene falsche Scham, die dem Vorurteil des Adelsstolzes entspringt. Die leichte Röte, die ihre Stirn überzog, verriet im Gegenteil die Befriedigung, die sie empfand – eine Befriedigung, deren nur stolze Seelen fähig sind, auf denen nicht der dumme Stolz lastet, der Emporkömmlingen und eitlen Tröpfen eigen ist. Ich küßte ihr die Hand und sagte, niemals habe mir ein Anblick so gut gefallen.

Mein Freund trat ein und dankte Clementina für ihre Aufmerksamkeit gegen mich. Dies fand ich sehr gut; aber er begleitete seine Danksagungen mit einem Kuß, den sie aufs beste hinnahm, und das fand ich sehr übel. Aber, wird man mir einwenden, er war doch ihr Schwager, und sie war seine Schwägerin. Das gebe ich gerne zu; aber ich war einmal eifersüchtig, und damit ist alles gesagt. Die Natur ist klüger als ihre Menschen, und die Natur sagte mir, daß ich recht hätte. Es ist unmöglich, auf eine Geliebte, deren Besitz man noch nicht errungen hat, nicht eifersüchtig zu sein, denn man muß stets befürchten, daß die Begehrte durch einen anderen einem geraubt wird.

Der Graf zog einen Brief aus der Tasche, überreichte ihn mir und bat mich, ihn zu lesen. Er war von seinem Vetter, dem Abbate, der ihn ersuchte, ihn bei mir zu entschuldigen, daß er die verlorenen zwanzig Zechinen mir nicht innerhalb der im Ehrenkodex der Spieler vorgeschriebenen Frist bezahlen könne; er werde seine Schuld im Lauf der Woche begleichen.

»Gut, mein lieber Herr Graf, sagen Sie Ihrem Vetter, er möge mir ohne alle Umstände die Schuld bezahlen, wenn es ihm paßt; dies solle seiner Ehre kein Abbruch tun. Aber machen Sie ihn darauf aufmerksam, daß er heute Abend nicht spielen darf; ich würde seine Sätze nicht halten.«

»Aber er kann doch mit barem Gelde spielen?«

»Nicht, bevor er mich bezahlt hat; denn er würde mit meinem Gelde setzen. Übrigens ist die ganze Sache eine Lappalie, und es wird mir angenehm sein, wenn er sich hinsichtlich der Bezahlung keine Unbequemlichkeit macht.«

»Er wird sich gekränkt fühlen.«

»Um so besser!« sagte Clementina. »Warum hat er den Vorschlag gemacht, zu spielen, und vor allen Dingen, warum spielt er auf Wort, wenn er doch weiß, daß er nicht sofort bezahlen kann? Dies wird eine gute Lehre für ihn sein.«

Dieser Ausfall war Balsam für mein Herz. So ist der Mensch: Die Leidenschaft macht ihn hart und eigensüchtig. Aber so ist nun einmal seine Natur.

Der Graf antwortete mir nicht und ließ uns allein.

»Reizende Clementina,« sagte ich zu dem Mädchen, »ich flehe Sie an, seien Sie aufrichtig: Sagen Sie mir, ob die etwas derbe Art, wie ich den Abbate behandelte, Ihnen unangenehm ist. Ich werde Ihnen zwanzig Zechinen geben, die Sie ihm schicken können. So kann er sie mir heute Abend aufzählen und dadurch eine gute Figur spielen. Ich verspreche Ihnen, daß niemals ein Mensch etwas davon erfahren soll.«

»Ich danke Ihnen. Ich nehme an der Ehre des Abbate nicht so viel Anteil, um Ihr Anerbieten anzunehmen. Es ist für ihn ganz gut, wenn er diesen Denkzettel bekommt. Eine kleine Beschämung wird ihm vielleicht Lebensart beibringen.«

»Sie werden sehen, er wird heute Abend nicht kommen.«

»Das kann wohl sein; aber glauben Sie, das würde mir leid tun?«

»Das hätte ich wohl annehmen dürfen.«

»Warum denn? Gewiß doch nur, weil er mit mir gescherzt hat? Der Abbate ist ein Windbeutel, aus dem ich mir ganz und gar nichts mache.«

»Da ist er ebensosehr zu beklagen, wie derjenige, aus dem Sie sich etwas machen, sich beglückt fühlen muß.«

»Dieser Mensch ist vielleicht noch gar nicht geboren.«

»Wie? Sie waren noch keinem Manne begegnet, der Ihrer Aufmerksamkeit würdig gewesen wäre?«

»Sehr vielen, die meiner Aufmerksamkeit würdig sind; aber das genügt nicht für mich, um mir etwas aus ihnen zu machen. Dazu müßte ich jemanden finden, den ich lieben würde.«

»Sie haben also niemals geliebt?«

»Niemals.«

»Also ist Ihr Herz leer!«

»Da muß ich lachen. Ist es ein Glück? Ist es ein Unglück? Das ist noch sehr die Frage. Wenn es ein Glück ist – so wünsche ich mir Glück dazu; ist es ein Unglück –- was macht es mir aus, da ich es ja nicht empfinde?«

»Nichtsdestoweniger ist es ein Unglück; davon werden Sie von dem Tage an überzeugt sein, an dem Sie zum erstenmal lieben.«

»Und wenn ich in der Liebe unglücklich sein würde, müßte ich dann nicht finden, daß die Herzensleere für mich ein Glück war?«

»Das kann ich nicht leugnen; aber es scheint mir unmöglich zu sein, daß Sie in der Liebe unglücklich sein könnten.«

»Diese Unmöglichkeit ist nur allzuleicht möglich. Damit ich glücklich werde, ist eine gegenseitige Übereinstimmung nötig; eine solche ist nicht leicht, und noch schwieriger, glaube ich, ist die Dauer dieser Übereinstimmung.«

»Das gebe ich zu; aber Gott hat uns dazu erschaffen, dies zu wagen.«

»Ein Mann kann solches Bedürfnis haben und sein Vergnügen daran finden, ein junges Mädchen aber ist anderen Gesetzen unterworfen.«

»Die Natur macht keinen Unterschied in den Bedürfnissen, sondern nur in den Folgen; die Anstandsgebote sind nur von der Gesellschaft aufgestellt worden.«

In diesem Augenblick unterbrach uns der Graf. Er war erstaunt, uns noch beisammen zu finden, und sagte zu uns: »Ich wollte, ihr verliebtet euch ineinander!«

»Sie wünschen uns also unglücklich zu sehen«, sagte Clementina.

»Wieso denn, schöne Gräfin?« rief ich aus.

»Ich würde unglücklich werden, weil ich einen Unbeständigen lieben würde, und Sie, weil Sie Gewissensbisse empfinden und damit die Vernichtung meiner Ruhe teuer erkaufen würden!«

Nach diesem schönen Ausspruch schlüpfte sie hinaus.

Ich war wie versteinert; der Graf aber, der in seinem ganzen Leben noch nie nachgedacht hatte, rief aus: »Die reizende Clementina ist zu romantisch. Nun, sie ist ein junges Mädchen; das wird sich schon geben.«

Wir gingen zur Gräfin, um ihr guten Tag zu sagen, und fanden sie damit beschäftigt, ihrem lieben Säugling die Brust zu geben.

»Wissen Sie auch, liebe Schwester,« sagte der Graf zu ihr, »daß der Herr Chevalier in Clementina verliebt ist, und daß sie seine zärtlichen Gefühle erwidert?«

»Ich möchte gern,« sagte die Gräfin lächelnd, »daß wir durch eine rechte Heirat Verwandte würden.«

Das Wort Heirat ist ein Zauberwort, das oft nur dazu dient, der allerschmeichelhaftesten Idee eine Maske zu geben. Die Antwort der Gräfin gefiel mir sehr, und ich erwiderte sie durch eine herzliche Verneigung, obwohl dieses Wort stets eine sehr zarte Saite in meinem Herzen anschlug.

Wir gingen aus, um der Dame vom vorigen Tage einen Gegenbesuch zu machen. Wir fanden bei ihr einen Domherrn, der mir die größten Schmeicheleien sagte und mein Vaterland pries, das er zu kennen glaubte, weil er die Geschichte Venedigs gelesen hatte. Schließlich fragte er mich, was denn das für ein Orden sei, dessen Kreuz ich um den Hals trage. Ich antwortete ihm mit einer Miene bescheidenen Stolzes, es sei ein Zeichen des Wohlwollens, womit unser Heiliger Vater, der Papst, mich beehrt habe, indem er mich aus eigenem Antrieb zum Ritter des heiligen Johannes vom Lateran und zum Apostolischen Protonotar gemacht habe.

Der Mönch war nie auf Reisen gewesen. Er war ein liebenswürdiger Mann, aber wenn er Weltkenntnis besessen hätte, so hätte er diese Frage nicht an mich gerichtet. Er wollte mich jedoch durchaus nicht beleidigen, sondern glaubte vielmehr allen Ernstes, mir eine Ehre zu erweisen, indem er mir seine Teilnahme bezeigte und mir Gelegenheit gäbe, von meinen Verdiensten zu sprechen.

Es gibt eine Menge Fragen, die in einer Gesellschaft aufrichtiger Menschen nicht unbescheiden zu sein scheinen, es aber dennoch sind. Der Orden vom Goldenen Sporn ist so verrufen, daß er für mich eine wahre Folterqual war, wenn man mit mir darüber sprach, während mir dies ohne Zweifel sehr angenehm gewesen wäre, wenn ich kurz und bündig hätte antworten können: »Es ist das goldene Vließ.« So aber erforderte, nachdem ich die Wahrheit gesagt hatte, die verletzte Eitelkeit, zu meiner Rechtfertigung einen Kommentar hinzuzufügen, und dies war für mich eine wahre Fron. Ich kann sagen, für mich war mein Kreuz ein wahres Kreuz, eine wirkliche Qual; da es aber ein prachtvolles Schmuckstück war, das auf die überall so zahlreichen Dummköpfe Eindruck machte, so trug ich es sogar zu meinem Morgenanzug.

Der portugiesische Christus-Orden ist ebenso verrufen wie der Goldene Sporn, weil der Papst das Vorrecht hat, ihn ebenso wie Seine Allergetreueste Majestät zu verleihen.

Auf den Roten Adler-Orden legt man erst Wert, seitdem der König von Preußen Großmeister des Ordens ist; vor dreißig Jahren hätte kein anständiger Mensch sich mit diesem Orden zu schmücken gewagt, weil der Markgraf von Bayreuth ihn dem ersten Besten für bares Geld verkaufte.

Das blaue Band des Michael-Ordens ist heutzutage angesehen, weil der Kurfürst von Bayern es verleiht; früher wollte kein Mensch es haben, weil man es zu billigem Preise von den Höflingen des Kölner Kurfürsten erhielt. Diese hatten den Orden an eine Menge von Leute weggeworfen, die eher würdig gewesen wären, auf ihrem Rücken eine Galgenleiter zu tragen als auf ihrer Brust ein Ehrenkreuz. Vor fünf Jahren sah ich in Prag einen Ritter dieses Ordens; aber man durfte ihn nicht fragen, von wem er ihn bekommen hätte.

Die Sucht nach Ordenssternen wächst mit der Verderbnis der Sitten. Je tiefer man in seiner eigenen Meinung steht – denn kein Mensch täuscht sich selber, wenn er mit seinem Gewissen Zwiesprache hält – desto mehr ist man bestrebt, in den Augen anderer Menschen ausgezeichnet zu erscheinen. Die Eitelkeit der Menschen, die Geldgier der Regierungen und vor allen Dingen die Käuflichkeit der Höflinge haben es denn auch dahin gebracht, daß Ordenszeichen für niemanden mehr eine wirklich ehrenvolle Auszeichnung sind. Bedenkt man die Verschiedenheit der Abzeichen, Ordensbänder und Wahlsprüche, so gibt es keinen noch so gelehrten Mandarin, der sich schmeicheln könnte, sie alle in seinem Gedächtnis zu beherbergen. Außer den Orden der gekrönten Häupter und kleinen Fürsten gibt es eine Menge Ordenszeichen von obskuren Domkapiteln, Privatgesellschaften, Akademien, Jagd-, Musik- und Betvereinen und vielleicht sogar von Gesellschaften Liebender. Wie soll man aus diesem Chaos die Ordensabzeichen von Verschwörern und vielleicht sogar Gaunern herauskennen?

Was die Ordenszeichen der Frauen anbetrifft, so genügt für jeden anständigen Mann der gesunde Menschenverstand, um sich der Frage zu enthalten, was dieses oder jenes verborgene Medaillon, eine auffällig angebrachte Busennadel oder ein in einem Ring getragenes Porträt bedeute. Derartige Sächelchen haben niemals etwas zu bedeuten. Man muß die Frauen lieben, aber nicht auf ihre Geheimnisse neugierig sein, zumal da sie im allgemeinen selber diesen Spielereien keinen Wert beilegen, sondern nur Neugierde zu erregen beabsichtigen.

Es ist so weit gekommen, daß man in der guten Gesellschaft, wenn man für einen höflichen Mann gelten will, niemanden mehr nach seiner Heimat fragen kann; denn wenn der Betreffende, den du fragst, Normanne oder Kalabreser ist, so muß er dich um Entschuldigung bitten, indem er es dir eingesteht, und ein Wandtländer wird dir sagen, er sei Schweizer.

Ebenso wirst du einen vornehmen Herrn nicht nach seinem Wappen fragen; denn wenn er die heraldischen Fachausdrücke nicht kennt, bringst du ihn in Verlegenheit. Du darfst keinem Menschen ein Kompliment wegen seiner schönen Haare machen; denn vielleicht trägt er eine Perücke, und dann wäre dein Kompliment eine Beleidigung. Ich lobte einmal die schönen Zähne einer Frau; ein paar Tage darauf sah ich durch eine kleine Indiskretion die Rechnung ihres Zahnarztes. Ich erinnere mich, daß man mich, als ich vor fünfzig Jahren nach Frankreich kam, unhöflich fand, weil ich eine junge Gräfin nach ihrem Taufnamen fragte. Sie wußte ihn nicht. Ein anderes Mal befriedigte ein Stutzer, der unglücklicherweise Jean hieß, meine ungezogene Neugier, indem er mir einen Degenstich anbot.

In London gilt es für die allergrößte Unhöflichkeit, jemanden nach seiner Religion zu fragen; auch in Deutschland kann dies der Fall sein; denn ein Herrenhuter oder ein Wiedertäufer werden ungern sagen, wes Glaubens sie sind. Wenn dir also daran liegt, bei allen Leuten beliebt zu sein, so ist es das sicherste, keinen Menschen nach etwas zu fragen, nicht einmal ob er einen Louis wechseln kann.

Clementina war während des Mittagessens zum Entzücken, denn sie antwortete anmutig, geistreich und gewandt auf alle Fragen, die ich an sie richtete. Allerdings waren ihre Bemerkungen für die anderen zum Teil verloren, denn der Geist wird erstickt durch die Dummheit derer, die ihn nicht verstehen; mir aber bereitete sie ein unsägliches Vergnügen.

Da sie mir zu oft einschenkte, machte ich ihr einen sanften Vorwurf, und dieser führte ein Gespräch herbei, durch das sie mich vollends bezwang:

»Sie beklagen sich mit Unrecht,« sagte sie zu mir, »denn es ist Hebes Pflicht, den Becher des Herrn der Götter stets gefüllt zu halten.«

»Sehr gut; aber Sie wissen doch, daß Jupiter sie zurückwies.«

»Allerdings; aber ich weiß auch weshalb, und ich werde niemals eine solche Ungeschicklichkeit begehen wie sie. Niemals wird aus solchem Grunde ein Ganymed meinen Platz einnehmen.«

»Das ist sehr vernünftig. Jupiter hatte unrecht; darum nehme ich von Stund an den Namen Herkules an. Ist Ihnen das recht, schöne Hebe?«

»Nein; denn er hat sie erst nach seinem Tode geheiratet.«

»Das ist wieder wahr; so kann ich also nur Iolas sein, denn…«

»Schweigen Sie! Iolas war alt.«

»Allerdings. Auch ich war gestern alt, aber ich bin es nicht mehr: Sie haben mich jung gemacht.«

»Das freut mich, lieber Iolas; aber bedenken Sie, was ich mit ihm machte, als er mich verließ!«

»Was machten Sie denn mit ihm? Ich erinnere mich dessen nicht.«

»Das glaube ich nicht.«

»Sie können mir’s glauben.«

»Ich nahm ihm das Geschenk, das ich ihm gemacht hatte.«

Bei diesen letzten Worten wurde das reizende Gesicht des erstaunlichen Mädchens feuerrot. Ich hätte gedacht: ich würde meine Hand verbrennen, hätte ich sie auf ihre Stirn gelegt; aber die Funken, die ihre schönen Augen sprühten, drangen mir ins Herz und erfüllten es mit eisigem Frost.

Seid mir nicht böse, ihr Naturwissenschaftler, wenn ich sage, daß das Feuer ihrer Blicke mich in Eis verwandelte. Ich gebe das nicht für ein Wunder aus; es ist vielmehr eine ganz natürliche Erscheinung, die jeden Tag vorkommt, die ihr aber vielleicht noch niemals bemerkt habt. Eine große Liebe, die den Menschen über sich selber erhebt, ist ein mächtiges Feuer, dem ein Frost von derselben Stärke, wie ich ihn damals verspürte, die Spitze bieten muß; denn wenn die Glut länger als eine Minute gedauert hätte, so würde sie mich getötet haben.

Die überlegene Art, wie Clementina die Fabel von der Hebe angewandt hatte, hatte mir gezeigt, daß das reizende Mädchen nicht nur eine gründliche Kennerin der Mythologie war, sondern daß sie auch einen gesunden, tiefen und nachdenklichen Verstand hatte. Sie hatte mir nicht nur bewiesen, daß sie Kenntnisse besaß, sondern mehr als das, sie hatte mich erraten lassen, daß ich ihre Teilnahme erregte, daß sie an mich gedacht hatte und daß sie mich auf eine angenehme Weise hatte überraschen wollen. Alle diese Gedanken dringen gleichzeitig auf einen Mann ein, dessen Herz bereits vorher eingenommen war, und dann entzünden sie alle seine Sinne zu heller Glut. Im Nu war ich frei von allen Zweifeln: ich sah klar und deutlich, daß Clementina mich liebte, und zog daraus natürlich den Schluß, daß wir glücklich sein würden.

Clementina hatte das Bedürfnis, sich zu beruhigen, und eilte hinaus; dadurch erhielt ich Zeit, mich von meinem Erstaunen zu erholen. Ich wandte mich an ihre Schwester und sagte: »Ich bitte Sie, gnädige Frau, sagen Sie mir doch, wo ist das Fräulein erzogen worden?«

»Auf dem Lande. Sie hat stets dem Unterricht beigewohnt, den mein Bruder von Sardini erhielt. Der Lehrer beschäftigte sich niemals mit ihr, sie aber war die einzige, die von dem Unterricht Nutzen hatte, denn mein Bruder gähnte nur. Clementina brachte meine Mutter zum Lachen und setzte zuweilen den alten Lehrer in Verlegenheit.«

»Wir haben von Sardini Dichtungen, die nicht ohne Wert sind; aber niemand liest sie, weil sie mit mythologischen Ausdrücken gespickt sind.«

»Das ist wahr. Clementina besitzt ein Manuskript, das er ihr geschenkt hat, und das eine Menge Fabeln aus der heidnischen Götterwelt enthält. Suchen Sie sie zu überreden, daß sie Ihnen ihre Bücher und die Verse zeigt, die sie selbst gedichtet hat, die sie aber sonst keinem Menschen zeigt.«

Ich war voll Bewunderung. Als sie wieder hereinkam, machte ich ihr Komplimente und sagte hierauf: »Ich bin ein großer Freund der Dichtkunst und der schönen Wissenschaften, und Sie würden mir ein großes Vergnügen bereiten, wenn Sie mir Ihre Verse zeigen wollten.«

»Ich würde mich schämen. Ich mußte vor zwei Jahren meine Studien aufgeben, als ich infolge der Heirat meiner Schwester in dieses Schloß übersiedeln mußte, wo wir nur mit braven Leuten verkehren, die an weiter nichts als an ihre Haushaltung und an ihre Ernte denken und sich nur um Regen und Sonnenschein bekümmern. Sie sind der erste, von dem ich angenommen habe, daß er ein Freund der Wissenschaften sei, da Sie mich Hebe nannten. Hätte unser alter Sardini uns hierher begleitet, so würde ich mich weitergebildet haben; meiner Schwester lag jedoch nichts daran, ihn bei sich zu haben.«

»Aber, meine liebe Clementina,« rief die Gräfin, »sage mir doch bitte, was hätte meinem Mann ein achtzigjähriger Greis nützen können, der nur Luftschlösser baut, Verse macht und von Mythologie spricht?«

»Ich hätte ihn gern genommen,« sagte ihr Gatte, »wenn er sich in der Wirtschaft hätte verwenden lassen. Aber er ist ein ehrlicher Greis, der durchaus nicht zugeben will, daß es Spitzbuben gibt. Er ist vor lauter Gelehrtheit dumm geworden.«

»Großer Gott!« rief Clementina, »Sardini dumm! Es ist allerdings nicht schwer, ihn zu betrügen; aber das würde niemandem gelingen, wenn er weniger Redlichkeit und Geist hätte. Ich liebe einen Mann, den man aus solchen Gründen leicht täuschen kann. Aber man sagt ja auch von mir, ich sei verrückt.«

»Nein, liebe Schwester,« sagte die Gräfin, »im Gegenteil, alles, was du sagst, trägt den Stempel der Weisheit; aber es liegt außerhalb deiner Sphäre – ich will sagen, außerhalb der Sphäre einer Frau. Denn schöne Wissenschaften, Poesie und Philosophie hat eine Hausherrin nicht nötig, und sollte sich dir eine Gelegenheit zum Heiraten bieten, so würde deine fast ausschließliche Neigung für die Wissenschaften vielleicht ein Hindernis sein, eine gute Partie zu machen.«

»Darauf bin ich gefaßt und darum habe ich auch Lust, als Mädchen zu sterben; dies gereicht aber nicht den Männern zur Ehre.«

Um die Erregung zu begreifen, die dieses Gespräch in meiner Seele hervorrief, muß man leidenschaftlich und verliebt sein, wie ich es damals war. Ich fühlte mich unglücklich. Wäre ich adlig und reich gewesen, so hätte ich ihr hunderttausend Taler gegeben und sie im selben Augenblick geheiratet. Sie sagte mir, Sardini sei in Mailand und leide an der Krankheit der Altersschwäche.

»Haben Sie ihm in der letzten Zeit einen Besuch gemacht?« fragte ich sie.

»Ich habe Mailand niemals gesehen.«

»Ist es möglich! Bei der geringen Entfernung.«

»Was wollen Sie? Entfernungen sind relativ.«

Wie hübsch sie das ausdrückte! Sie gab mir dadurch ohne falsche Bescheidenheit zu verstehen, daß es ihr an Mitteln fehlte, und ich war ihr dankbar für diese Offenherzigkeit. Aber wofür wäre ich ihr wohl nicht dankbar gewesen in der Herzensstimmung, in die sie mich versetzt hatte! Es gibt Augenblicke im Leben, wo eine Frau – ich will nicht einmal sagen, eine schöne, eine liebenswürdige, geistreiche Frau, sondern eine Frau, die wir lieben – uns durch einen bloßen Hinweis dahin bringen kann, alles zu tun, was sie will.

Ich drang auf eine so zärtliche Weise in sie, daß sie mich nach dem Kaffee in ein Kabinett neben ihrem Zimmer führte, um mir ihre Bücher zu zeigen. Sie besaß nur etwa dreißig, aber diese waren gut gewählt, wenn sie gleich nicht über die Literatur eines mit seinen Studien in der rhetorischen Klasse fertigen jungen Menschen hinausgingen. Für einen Geist, wie Clementina ihn hatte, genügten sie nicht. Sie konnte daraus weder geschichtliche Belehrung noch naturwissenschaftliche Kenntnisse schöpfen, durch die sie aus der Unkenntnis über das Wesentliche hätte entrissen und den Freuden des Lebens zugeführt werden können.

»Haben Sie auch gemerkt, liebe Hebe, welche Bücher Ihnen fehlen?«

»Ich kann es mir wohl denken, teurer Iolas, obgleich ich nicht genau weiß, was ich wohl nötig haben könnte.«

»Wie reizend naiv, angebetetes Weib! Lassen Sie mich machen.«

Nachdem ich eine Stunde lang Sardinis Schriften durchblättert hatte, bat ich sie, mir etwas von ihrer eigenen Hand zu zeigen.

»Nein,« sagte sie, »es sind zu viele Fehler darin.«

»Auf diese Antwort war ich gefaßt; aber ich werde mehr des Guten darin finden als des Schlechten.«

»Daran zweifle ich.«

»Zweifeln Sie nicht daran! Ich verzeihe sprachlichen Fehlern, Verstößen gegen Stil und gesunde Vernunft, dem Mangel an Methode und sogar mißglückten Versen.«

»Das ist ein bißchen zu viel, Iolas; einer so ausgedehnten Nachsicht braucht Hebe nicht zu bedürfen. Hier, mein Herr, haben Sie mein ganzes Gekritzel; klauben Sie nur alle meine Fehler und Mängel heraus, und tun Sie sich keinen Zwang an!«

Hochentzückt, daß mir meine List gelungen war, indem ich ihre Eitelkeit angestachelt hatte, begann ich ganz langsam ein anatreontisches Lied vorzulesen, indem ich durch meine Betonung alle Schönheiten des Gedichtes hervorhob. Ich weidete mich an der Freude, die auf ihrem ganzen Gesichte glänzte, als sie ihre Verse so schön vorlesen hörte. Wenn ich an einen Vers kam, den ich durch eine Veränderung von diesem oder jenem Wort rührender gemacht hatte, bemerkte sie es, denn sie folgte mir mit den Augen; aber sie fühlte sich dadurch nicht gekränkt, sondern war mir im Gegenteil für meine Verbesserungen dankbar. Sie fand, daß meine Pinselstriche nur das Kolorit erhöhten, daß aber darum doch das Gemälde immer noch ihr Werk blieb, und sie war entzückt, als sie sah, daß dieses Vorlesen mir vielleicht ein noch größeres Vergnügen bereitete, als sie selber dabei empfand. Unser gegenseitiger Genuß dauerte drei Stunden lang. Es war nur ein geistiger Genuß; aber da wir verliebt waren, so ließe sich schwerlich ein reinerer und zugleich wollüstigerer vorstellen. Glücklich, ja überglücklich wären wir gewesen, wenn wir dabei stehen geblieben wären. Aber der Gott der Liebe ist ein Verräter, ein Betrüger, der alle Menschen auslacht, die sich einbilden, mit ihm spaßen zu können, ohne in seine Netze zu fallen. Wenn man sich damit belustigt, mit glühenden Kohlen zu spielen, wie sollte man sich nicht verbrennen!

Die Gräfin unterbrach uns, um uns einzuladen, wir möchten wieder zur Gesellschaft kommen. Clementina stellte schnell wieder alles an seinen Platz und dankte mir für das Vergnügen, das ich ihr bereitet hätte, mit einer Innigkeit, die sich in der Glut aussprach, die ihr ganzes Gesicht überzog. Als sie so unter die Gesellschaft trat und man sie fragte, ob sie sich vielleicht geschlagen hätte, errötete sie noch tiefer. Dies konnte verdächtig erscheinen.

Der Spieltisch stand bereit; bevor ich jedoch Platz nahm, befahl ich meinem Clairmont für den nächsten Morgen bei Tagesanbruch vier gute Pferde zu besorgen: ich wollte nach Lodi fahren, aber vor dem Mittagessen wieder zurück sein.

Alle Anwesenden spielten wie am Tage vorher, außer dem Abbate, der zu meiner großen Befriedigung überhaupt nicht erschien; dafür hatten wir aber einen Domherrn, der immer einen Dukaten zur Zeit setzte und einen ganzen Haufen Goldstücke vor sich liegen hatte. Diese kamen meiner Bank zugute, und am Ende der Partie sah ich zu meiner großen Freude, daß alle Anwesenden zufrieden waren; nur der Domherr hatte etwa dreißig Zechinen verloren, doch tat dieser Verlust seiner guten Laune keinen Abbruch.

Am nächsten Morgen bei Tagesanbruch fuhr ich, ohne einem Menschen etwas davon zu sagen, nach Lodi und kaufte dort alle Bücher, die für die schöne Clementina paßten. Da sie nur italienisch sprach, so kaufte ich Übersetzungen, die ich zu meiner großen Überraschung in Lodi fand; ich hatte diese Stadt bis dahin nur wegen ihres ausgezeichneten Käses verehrt, der in ganz Europa unter dem Namen Parmesankäse bekannt ist. Dieser vortreffliche Käse ist nämlich aus Lodi und nicht aus Parma. Ich verfehlte nicht, noch am gleichen Tage eine Notiz darüber dem Artikel Parmesankäse in meinem Käse-Lexikon hinzuzufügen, woran ich damals arbeitete. Ich habe diese Arbeit später aufgegeben, da ich fand, daß sie über meine Kräfte ging, wie J. J. Rousseau fand, daß er der Botanik nicht gewachsen war. Dieser sonderbare und eigentümliche große Mann hatte zu jener Zeit das Pseudonym Reneau le Botaniste angenommen. Quisque histrioniam exercet. Schauspieler sind wir alle. Leider hatte Rousseau bei aller seiner Beredsamkeit keine Freude am Lachen und auch nicht die herrliche Gabe, andere zum Lachen zu bringen.

Ich hatte den Einfall, am übernächsten Tage in Lodi ein großes Essen zu geben; da ein Plan dieser Art keiner langen Überlegung bedurfte, ging ich sofort in den besten Gasthof, um die Anordnungen zu treffen. Ich bestellte eine auserlesene Mahlzeit für zwölf Personen, machte eine Anzahlung und ließ mir vom Wirt Quittung und schriftliche Bestätigung meiner Bestellung geben; zugleich nahm ich ihm das Versprechen ab, mich soviel Geld wie nur möglich ausgeben zu lassen.

Als ich wieder im Schloß Sant‘ Angelo angekommen war, ließ ich meinen großen Sack voll von Büchern in Clementinas Zimmer bringen. Das entzückende Mädchen war bei diesem Anblick wie versteinert. Es waren mehr als hundert Bände, Dichter, Geschichtschreiber, Geographen, Naturforscher, Philosophen – nichts fehlte an der Sammlung. Ich hatte auch einige gute Romane hinzugefügt, Übersetzungen aus dem Spanischen, Englischen und besonders Französischen; denn wir haben im Italienischen zwar etwa vierzig gute Dichtungen, aber keinen einzigen guten Roman in Prosa. Doch mögen die Fremden sich dieses Geständnis nicht zunutze machen, um sich eine Überlegenheit zuzuschreiben! Italien hat die anderen Völker um wenig zu beneiden und besitzt tausend Meisterwerke, um die alle Nationen es beneiden müssen. Was käme wohl dem Meisterwerk des menschlichen Geistes gleich, das unter dem Namen Orlando furioso bekannt ist? Nichts! Und dieses wunderbare Werk wird niemals einer anderen Sprache auf dem Wege der Übersetzung zu eigen werden. Die schönste und wahrste Lobrede auf Ariosto hielt der große Voltaire, als er sechzig Jahre alt war. Hätte er nicht durch diesen Widerruf das falsche Urteil zurückgenommen, das er über den großen Genius ausgesprochen hatte, so hätte ihm ohne Zweifel die Nachwelt, wenigstens in Italien, den Zutritt zum Tempel der Unsterblichkeit verweigert, worauf er übrigens einen so vielfach begründeten Anspruch hat. Es ist jetzt sechsunddreißig Jahre her, daß ich ihm ungefähr dasselbe sagte, was ich hier niederschreibe, und der große Mann glaubte mir. Er hatte Furcht, und daran tat er wohl.

Ich bitte meine Leser – wenn ich nach meinem Tode deren haben sollte – um Entschuldigung, daß ich auf solche Weise meine Erzählung unterbreche. Sie wollen freundlichst berücksichtigen, daß ich jetzt, da ich meine Erinnerungen schreibe, alt bin und daß das Alter gesprächig ist. Auch für sie wird die Zeit kommen, da sie nachsichtig sein werden, und da werden sie sehen, daß Menschen meines Alters sich nur darum so gerne wiederholen, ja sogar weitschweifig werden, weil sie nur noch von Erinnerungen leben, denn die Wirklichkeit ist für uns recht herzlich wenig und die Hoffnung gar nichts mehr. Ich komme nun auf mein Thema zurück, das ich keineswegs aus den Augen verloren habe.

Clementina war von Erstaunen und Bewunderung hingerissen; ihre Blicke schweiften von den Büchern zu mir und von mir zu den Büchern: sie schien daran zu zweifeln, daß dieser Schatz wirklich ihr gehören sollte. Nachdem sie sich endlich ein bißchen beruhigt hatte, sagte sie mir in einem Tone tiefgefühlter Zärtlichkeit und Dankbarkeit: »Sie sind also nach Sant‘ Angelo gekommen, um mich mit Glück zu überhäufen!«

In solchen Augenblicken wird der Mensch zum Gott. Denn es ist unmöglich, daß ein Wesen, das solche Worte sagt, nicht entschlossen wäre, alles aufzubieten, was in seinen Kräften steht, um seinerseits den glücklich zu machen, der es mit so leichter Mühe beglückt hat.

Die Wonne über den Ausdruck von Dankbarkeit auf dem Antlitz einer angebeteten Frau hat etwas Erhabenes, Unbeschreibliches an sich. Wenn du dies nicht ebenso fühlst wie ich, mein lieber Leser, so beklage ich dich und bin der Meinung, du mußt ein Geizhals oder ein Teufel und folglich nicht wert sein, geliebt zu werden.

Clementina erschien bei Tisch, tat aber den Speisen sehr wenig Ehre an; bald zog sie sich in ihr Zimmer zurück, wohin ich ihr unverzüglich folgte. Wir stellten miteinander die Bücher auf. Sie ließ einen Tischler kommen und bestellte bei ihm einen verschließbaren Bücherschrank mit einem Gitter. Sie sagte zu mir, ihre Bibliothek werde ihr Entzücken sein, wenn ich wieder abgereist sei.

Am Abend war sie glücklich im Spiel und von einer bezaubernden Heiterkeit. Ich lud die ganze Gesellschaft zum Mittagessen ein, und da dieses für zwölf Personen bestellt war, so erbot die Gräfin Ambrogio sich, in Lodi die beiden fehlenden Gäste aufzutreiben, und der Domherr übernahm es, die Dame mit der Tochter und dem Sohn zu begleiten.

Der nächste Tag war ein Tag der Ruhe und des Glückes; ich verbrachte ihn, ohne das Schloß zu verlassen, und beschäftigte mich nur damit, meiner Hebe einen Begriff von der Sphäre und Geschmack an der Wolffschen Philosophie beizubringen. Ich schenkte ihr mein mathematisches Besteck, das in ihren Augen eine unschätzbare Gabe war.

Ich war in Liebe zu dem reizenden Mädchen entbrannt. Aber würde wohl ihre Neigung zu Wissenschaft und Literatur genügt haben, mich in sie verliebt zu machen, wenn mich nicht ihre Reize schon vorher geblendet hätten? Es ist sehr zweifelhaft. Ich liebe Speisen, die meinem Gaumen schmeicheln; aber wenn sie nicht vorher meinen Augen schmeicheln, weise ich sie als schlecht zurück. Zu allererst interessiert stets die Oberfläche: sie ist der Sitz der Schönheit. In zweiter Linie kommt die Prüfung der Formen und Eigenschaften; wenn auch diese entzückt, so stehen wir in Flammen. Ein Mensch, der nicht auch Eigenschaften des Geistes und des Herzens sucht, ist oberflächlich; aber auf der Oberfläche beginnt eben jeder Liebeseindruck. Allerdings sind davon die Erscheinungen auszunehmen, die der Phantasie entspringen – Schimären, die die Wirklichkeit fast immer zerstört.

Als ich, ganz von Clementinas Bild erfüllt, mich zu Bette legte, dachte ich über mich selber nach, und ich war ganz erstaunt, daß sie bei unseren Zusammenkünften unter vier Augen nicht den geringsten Nebengedanken in mir erregte, obgleich wir stundenlang beieinander waren. Indessen war es, was mich zurückhielt, keine Furcht; es war keine Schüchternheit, denn die ist mir fremd; es war keine falsche Bescheidenheit, und ebensowenig war es das sogenannte Pflichtgefühl. Auch war es keine Tugend, denn in solchem Maße schwärme ich für Tugend nicht. Was war es also? Ich quälte mich nicht lange mit Nachdenken darüber; ich wußte nur, daß dieses platonische Verhältnis nicht lange dauern konnte, und das tat mir leid; aber dieses Bedauern war der Todeskampf der Tugend. Die schönen Bücher, die wir lasen, erregten unsere Teilnahme in so hohem Maße, daß in dieser Teilnahme die Verliebtheit unterging, die uns unser Beisammensein so köstlich finden ließ; aber, wie das Sprichwort sagt: der Teufel kam dabei nicht zu kurz. Dem Geiste gegenüber verliert das Herz seine Herrschaft: die Tugend triumphiert, aber der Kampf kann nur kurz sein. Unsere Siege verblendeten uns: wir glaubten unserer selber sicher zu sein; aber diese Sicherheit war ein Koloß mit tönernen Füßen und hatte jedenfalls nur darin ihren Grund, daß wir zwar ganz genau wußten, daß wir liebten, aber nicht wußten, ob wir geliebt würden. Im Augenblicke dieser Entdeckung mußte das Gebäude zusammenstürzen.

Diese vermessene Zuversicht veranlaßt mich, sie aufzusuchen, um ihr etwas in bezug auf unsere Fahrt nach Lodi zu sagen; die Wagen standen nämlich schon bereit. Sie schlief noch; als sie mich aber in ihrem Zimmer hörte, fuhr sie plötzlich empor. Ich dachte nicht einmal daran, mich bei ihr zu entschuldigen. Sie sagte mir, Tassos Aminta habe so sehr ihre Teilnahme erregt, daß sie vor dem Zubettegehen das ganze Gedicht gelesen habe.

»Der Pastor fido wird Ihnen noch viel mehr gefallen.«

»Ist er schöner?«

»Das kann man eigentlich nicht sagen.«

»Warum glauben Sie also, daß er mir mehr gefallen wird?«

»Weil er einen Zauber an sich hat, der zum Herzen geht. Er rührt, er verführt, und wir lieben die Verführung.«

»Er ist also ein Verführer?«

»Nein, aber er ist verführerisch wie Sie.«

»Dies ist ein wesentlicher Unterschied. Ich werde ihn heute Abend lesen. Nun will ich mich ankleiden.«

Sie zog sich an, ohne daran zu denken, daß ich ein Mann war, aber auch ohne den Anstand zu verletzen. Indessen glaubte ich zu bemerken, daß sie zurückhaltender gewesen wäre, wenn sie gewußt hätte, daß ich in sie verliebt war; denn während sie ihr Hemd überstreifte, ihr Mieder schnürte, ihre Schuhe anzog und ihre Strumpfbänder oberhalb der Knie befestigte, sah ich Schönheiten aufblitzen, die mich verführten; ich mußte hinausgehen, bevor sie noch fertig war, um ein wenig die Glut zu dämpfen, die sie in allen meinen Sinnen entfacht hatte.

Ich nahm in meinen Wagen die Gräfin Ambrogio und Clementina und setzte mich selber auf den Klappsitz, indem ich auf einem schönen Kissen den Säugling auf meinem Schoß hielt. Meine beiden schönen Begleiterinnen wollten sich zu Tode lachen; denn ich sah aus wie eine Amme, so gut spielte ich meine Rolle. Unterwegs bekam der kleine Säugling Bedürfnis nach der Mutterbrust. Die hübsche Mama gab sofort seiner Begier eine köstliche Halbkugel preis, die ich mit den Augen verschlang; doch war ihr meine Bewunderung durchaus nicht unangenehm. Mit lüsternen Blicken betrachtete ich das wundervolle Bild; ich konnte meine Freude nicht verhehlen. Als das Kind satt war, verließ es den schwellenden Busen der Mutter, und beim Anblick des reichlich herabträufelnden Saftes rief ich aus: »O, Signora, das ist ein Mord! Erlauben Sie meinen Lippen, diesen Nektar aufzufangen, der mich den Unsterblichen gleichmachen wird, und fürchten Sie meine Zähne nicht!«

Damals hatte ich noch welche!

Da die Gräfin lachte und sich meinen Wünschen nicht widersetzte, so machte ich mich ans Werk, indem ich meine beiden Begleiterinnen ansah, die vor Lachen nicht mehr konnten und Mitleid mit mir zu haben schienen. Dieses köstliche Lachen läßt sich nicht schildern. Nur Homer, der göttliche Homer, hat es wiederzugeben verstanden, indem er uns Andromache beschreibt, wie sie den kleinen Astyanax auf ihren Armen hält, als Hektor von ihr Abschied nimmt, um zum Heere zurückzukehren.

Mich trieb eine unersättliche Lust, sie noch mehr lachen zu machen. Darum fragte ich Clementina, ob sie den Mut haben würde, mir die gleiche Gunst zu bewilligen.

»Warum nicht, wenn ich Milch hätte?«

»Es genügt, daß Sie die Quelle haben; alles übrige übernehme ich selber.«

Bei diesen Worten errötete das reizende Mädchen so stark, daß ich es bereute, sie ausgesprochen zu haben; ich brachte jedoch das Gespräch auf etwas anderes, und bald war ihre Röte verschwunden. Nichts störte unsere Heiterkeit, und als wir vor dem Gasthof in Lodi ausstiegen, hatten wir gar nicht gemerkt, daß wir überhaupt gefahren waren.

Die Gräfin schickte sofort zu einer ihr befreundeten Dame und bat sie, mit uns zu speisen und ihre Schwester mitzubringen.

Unterdessen schickte ich Clairmont zu einem Papierhändler; er kaufte in meinem Auftrag eine prachtvolle verschließbare Schreibmappe von Maroquin, Papier, Siegellack, Federn, Tintenfaß, Falzbein, Petschaft, Federmesser und was sonst auf einen Schreibtisch gehört. Das Geschenk wollte ich meiner Clementina vor dem Essen überreichen. Ich hatte das Vergnügen, an ihrem Staunen zu bemerken, wie glücklich dieses Geschenk sie machte. Ich las Dankbarkeit in ihren schönen Augen. Eine aufrichtige Frau wird unfehlbar von einem Mann besiegt werden, der sie zur Dankbarkeit zu nötigen weiß. Dies ist stets das sicherste Mittel, zum Ziele zu gelangen, aber man muß es richtig anzuwenden wissen.

Die Freundin der Gräfin kam mit ihrer Schwester, einem jungen Mädchen, das es an Schönheit mit seinem ganzen Geschlecht aufnehmen konnte. Ich war von ihr geblendet; aber die Göttin der Liebe selber hätte mich in diesem Augenblick nicht meiner Clementina untreu machen können. Nachdem die Freundinnen sich in der Freude ihres Wiedersehens umarmt hatten, wurde ich vorgestellt, wobei man mich mit solchen Komplimenten bis in die Wolken erhob, daß ich schließlich ihren Überschwenglichkeiten mit einigen spaßhaften Bemerkungen ein Ende machen mußte.

Wir erhielten ein üppiges und feines Mahl. Beim Nachtisch vermehrte sich die Gesellschaft um zwei freiwillige Gäste, den Mann der Dame und den Liebhaber der Schwester; sie waren willkommen, denn sie trugen zur Erhöhung der Heiterkeit bei. Um die Fröhlichkeit zu krönen, in die uns der Champagner versetzte, gab ich den Wünschen der Gesellschaft nach und legte eine Pharaobank auf. Als wir nach drei Stunden aufhörten, sah ich zu meinem großen Vergnügen, daß meine Börse um etwa vierzig Zechinen erleichtert worden war. Diesen kleinen Verlusten zur rechten Zeit verdankte ich zum großen Teil meinen Ruf, der nobelste Spieler Europas zu sein.

Der Liebhaber des schönen Fräuleins hieß Vigi; ich fragte ihn daher, ob er vom Verfasser des dreizehnten Gesanges der Äneide abstammte. Er bejahte meine Frage, und sagte, er habe seinem Ahnherrn zu Ehren diesen Gesang in italienische Stanzen übertragen. Da ich den Wunsch äußerte, seine Übersetzung zu sehen, versprach er mir, sie am übernächsten Tage nach Sant‘ Angelo mitzubringen. Ich machte ihm mein Kompliment zu seinem alten Adel, denn Maffeo Vigi blühte zu Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts.

Mit Einbruch der Nacht fuhren wir wieder ab und gelangten in weniger als zwei Stunden nach Sant‘ Angelo. Der Mond, der alle meine Bewegungen beleuchtete, zwang mich der Verführung zu widerstehen, die eins von Clementinas Beinen mir einflößte; sie hatte nämlich, um ihren kleinen Neffen besser auf ihrem Schoß halten zu können, den einen Fuß auf den Klappsitz gesetzt. Die hübsche Mama sprach unermüdlich von dem Vergnügen, das ich ihnen verschafft hätte, und alle wetteiferten in Lobeserhebungen wegen meiner Bewirtung.

Da wir keine Lust hatten, zu Abend zu speisen, zogen wir uns auf unsere Zimmer zurück; ich begleitete Clementina, die mir anvertraute, sie schäme sich, daß sie keine Ahnung von der Äneide habe. Vigi werde mit seiner Übersetzung des dreizehnten Gesanges kommen, und nun wisse sie kein Wort darüber zu sagen!

Ich tröstete sie, indem ich zu ihr sagte: »Wir werden heute Nacht Annibale Caros schöne Übersetzung des Gedichts lesen, die Sie besitzen. Sie haben ebenfalls die Übersetzung von Anguilara, ferner Ovids Metamorphosen und Marchettis Lucrezübertragung.«

»Aber ich wollte ja den Pastor fido lesen.«

»Wir wollen zunächst emmal das Dringlichste erledigen; den Pastor fido lesen wir ein anderes Mal.«

»Ich werde alles machen, was Sie mir raten, mein lieber Iolas.«

»Dadurch machen Sie mich glücklich, liebe Hebe.«

Wir verbrachten also die ganze Nacht damit, dieses herrliche Gedicht in italienischen Blankversen zu lesen; aber dieses Vorlesen wurde oft durch das geistreiche Lachen unterbrochen, das meine reizende Schülerin nicht zurückhalten konnte, wenn gewisse Stellen ihre Sinne zu sehr kitzelten. Sie lachte laut auf, als sie hörte, wie der Zufall Äneas veranlaßte, der Dido in einer sehr unbequemen Lage ein tüchtiges Zeichen seiner Zärtlichkeit zu geben. Und sie lachte noch mehr, als die Liebende sich über die Untreue des Priamus-Sohnes mit den Worten beklagte: »Ich könnte dir noch verzeihen, wenn du vor deiner Abreise mir einen kleinen Äneas zurückgelassen hättest, den ich auf meinem Hofe herumspielen sähe.« Clementina hatte recht, daß sie lachte, denn der Vorwurf ist sehr komisch. Aber woher kommt es, daß man keine Lachlust empfindet, wenn man das Lateinische liest?

Si quis mihi parvulus aula luderet Aeneas.

Nur die ernste Schönheit der Sprache kann dieser komischen Klage einen Firnis von Würde geben.

Wir beendeten die interessante Vorlesung erst mit Tagesanbruch.

»Welch‘ eine Nacht!« rief Clementina mit einem Seufzer; »für mich war sie eine Herzensfreude, aber für Sie?«

»Mir war sie eine außerordentliche Freude, da ich die Ihrige sah.«

»Und wenn Sie diese nun nicht gesehen hätten?«

»Auch dann wäre es für mich eine große Freude gewesen, aber doch eine viel geringere. Ich liebe Ihren Geist außerordentlich, teure Clementina; aber sagen Sie mir, bitte, ob Sie es für möglich halten, den Geist eines Menschen zu lieben, ohne zugleich auch die körperliche Hülle zu lieben?«

»Nein, denn ohne die Hülle würde der Geist sich ja verflüchtigen.«

»Hieraus ist also die Folgerung zu ziehen, daß ich Sie sehr lieben muß, und daß ich unmöglich sechs oder sieben Stunden mit Ihnen allein verbringen kann, ohne vor Lust zu vergehen, Sie mit meinen Küssen zu bedecken.«

»Das ist wahr, und ich glaube, wir widerstehen dieser Lust nur deshalb, weil wir Pflichten haben und weil wir uns gedemütigt fühlen würden, wenn wir diese verletzten.«

»Auch das ist wahr; aber wenn Sie ebenso empfinden wie ich, so muß Ihnen diese Zurückhaltung sehr schmerzlich sein.«

»Ebenso schmerzlich vielleicht wie Ihnen; aber ich glaube, der Widerstand gegen gewisse Wünsche fällt uns nur im Anfang schwer. Nach und nach gewöhnt man sich daran, einander zu lieben, ohne dabei sich einer Gefahr auszusetzen und ohne sich einen Zwang antun zu müssen. Unsere Hüllen, die anfangs so anziehend sind, werden uns schließlich gleichgültig, und wenn wir erst einmal so weit sind, werden wir ganze Tage und Nächte mit einander verbringen können, ohne daß eine fremde Begier uns stört.«

»Für mich selber zweifle ich daran; aber wir werden sehen. Leben Sie wohl, allzu schöne Hebe.«

»Leben Sie wohl, guter Iolas, schlafen Sie gut!«

»Mit Ihrem Bilde im Herzen.«

Achtes Kapitel


Geschickte Gaunerei. – Passano in Livorno. – Pisa und die Corilla. – Meine Ansicht über Schielaugen. – Florenz. – Ich finde Teresa wieder. – Mein Sohn. – Die Cotticelli.

Während vier Pferde vor meinen Wagen gespannt wurden, stand ich einige Schritte von diesen entfernt; ein Mensch redete mich an und fragte mich, ob ich die Fahrt vorher oder beim Pferdewechsel bezahlen wollte. Ohne den Mann anzusehen, antwortete ich ihm, ich wollte vorausbezahlen, gab ihm einen Portugaleser und sagte ihm, er solle mir den Rest herausgeben.

»Sofort!« antwortete er mir, und damit verschwand er im Gasthof.

Als ich einige Minuten darauf gerade den Rest meines Geldes verlangen wollte, kam der Postmeister und forderte von mir das Fahrgeld.

»Ich habe schon bezahlt und warte auf den Rest, den ich auf einen Portugaleser herausbekommen soll. Habe ich das Goldstück nicht Ihnen gegeben?«

»Mir? Nein, mein Herr, da bitte ich sehr um Entschuldigung.«

»Aber wem habe ich denn das Goldstück gegeben?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen.«

»Zum Donnerwetter! Ich kann es doch nur Ihnen oder einem von Ihren Leuten gegeben haben.«

Ich schimpfte; man bildete einen Kreis um mich.

»Hier sind alle meine Leute!« sagte der Postmeister; zugleich fragte er, ob irgend jemand von mir einen Portugaleser erhalten habe. Alle versicherten, dies sei nicht der Fall, und schworen mit so aufrichtiger Miene, daß ich an ihrer Ehrlichkeit gar nicht zweifeln konnte. Ich fluche, ich schimpfe; man läßt mich fluchen und schimpfen.

Schließlich sah ich ein, daß ich unrecht hatte, bezahlte zum zweitenmal und lachte über den geschickten Gauner, der mich so fein geprellt hatte. So sammelt man Erfahrungen. Man erlebt immer wieder Neues und weiß nie genug. Seitdem habe ich niemals Postgeld bezahlt, ohne richtig aufzupassen.

In keinem Lande gibt es schlauere Gauner als in Italien; doch ist davon Griechenland auszunehmen, und zwar das alte wie das neue.

In Livorno stieg ich im besten Gasthof ab; man sagte mir, es werde Theater gespielt, und unglücklicherweise bekam ich Lust, hinzugehen. Einer von den Schauspielern erkannte mich, redete mich an und sprach mir seine Freude über unser Wiedersehen aus; er stellte mir einen seiner Kameraden vor, einen angeblichen guten Dichter und großen Feind des Abbate Chiari, den ich nicht liebte, weil er eine beißende Satire auf mich gedichtet hatte, für die ich mich noch nicht hatte rächen können. Ich lud sie ein, mit mir zu Abend zu essen, und solche Herren lassen sich eine derartige gute Gelegenheit nicht gerne entgehen. Der angebliche gute Dichter war Genuese und hieß Giacomo Passano. Er sagte mir, er habe gegen Chiari dreihundert Sonette gedichtet, und wenn er diese drucken lassen könnte, würde der Abbate vor Wut platzen. Als ich unwillkürlich über die gute Meinung lächelte, die der Mann von sich selber hatte, erbot er sich, mir zu meiner Ergötzung einige von ihnen vorzulesen. Er hatte das Manuskript bei sich, und so mußte ich wohl oder übel die Qual über mich ergehen lassen. Er las mir etwa ein Dutzend vor, die ich ohne Ausnahme mittelmäßig fand; ein mittelmäßiges Sonett ist aber notwendigerweise schlecht, denn in dieser Gattung der Dichtkunst kann nur Erhabenes gelten. Daher kommt es, daß unter den Tausenden von Sonetten, die in Italien täglich gemacht werden, nur selten einmal ein gutes ist.

Hätte ich mir die Zeit genommen, die Physiognomie des Mannes, der etwa fünfzig Jahr alt sein mochte, mir genauer anzusehen, so hätte ich in ihm ohne Zweifel einen Spitzbuben erkannt; aber die Leidenschaft macht blind; seine Sonette gegen Chiari hatten mir den Blick getrübt.

Ich warf einen Blick auf den Titel seines Manuskriptes und las:

La Chiareide di Ascanio Pogomas.

»Dies ist«, sagte er, »das Anagramm meines Tauf- und Familiennamens. Bitte bewundern Sie die glückliche Kombination!«

Auch über diese Dummheit mußte ich lachen.

Jedes einzelne dieser Sonette war eine platte Schimpferei und schloß mit den Worten:

L’Abbate Chiari e un coglione
Abbate Chiari ist ein Lumpenkerl.

Er bewies nicht, daß der Abbate dies war, er wiederholte es nur immer kraft des Dichtervorrechtes der Übertreibung und der Lüge. Sein Zweck war, dem breccianischen Abbate wehzutun, der durchaus kein »Lumpenkerl« war, wie dieser Passano ihn nannte, sondern im Gegenteil ein Mann von Geist und Herz, und ein guter Dichter dazu; wenn er die Bühne gekannt hätte, so hätte er Goldoni übertroffen, denn er beherrschte die Sprache besser als dieser.

Aus Höflichkeit sagte ich zu Passano, er solle doch seine Chiareide drucken lassen.

»Das täte ich gern,« antwortete er mir, »wenn ich einen Verleger finden könnte; denn ich selber bin nicht so reich, um die Kosten tragen zu können, und die Buchhändler sind lauter Lumpen oder Dummköpfe. Außerdem ist die Presse nicht frei; die Zensur würde den Beinamen, mit welchem ich meinen Helden schmücke, nicht durchgehen lassen. Wenn ich nach der Schweiz gehen könnte, bin ich sicher, die Sache dort machen zu können; aber ich besitze nicht die sechs Zechinen, die ich brauche, um die Reise zu Fuß zu machen.«

»Und wenn Sie nun in der Schweiz wären, wo es doch kein Theater gibt – wovon würden Sie dort leben?«

»Ich würde Miniaturen malen … Sehen Sie!«

Er gab mir eine Anzahl kleiner Elfenbeinplättchen, worauf obszöne Gegenstände schlecht gezeichnet und ebenso schlecht gemalt waren.

Ich sagte ihm: »Ich werde Ihnen Empfehlungen nach Bern geben,« und gab ihm wirklich nach dem Abendessen einen Brief und sechs Zechinen. Er wollte mir durchaus einige von seinen Machwerken aufdrängen; ich wies diese jedoch zurück. Ich beging die Dummheit, ihn an den Vater der niedlichen Sarah zu empfehlen, und sagte ihm, er solle mir nach Rom an die Adresse des Bankiers Belloni schreiben.

Am nächsten Tage reiste ich von Livorno ab und traf zum Mittagessen in Pisa ein, wo ich zwei Tage blieb. Ich machte dort die Bekanntschaft eines Engländers, der mir einen schönen Reisewagen verkaufte und mich zu der berühmten Dichterin Corilla führte, die ich gerne kennen lernen wollte. Sie nahm mich sehr gut auf und war so freundlich, über verschiedene Gegenstände zu improvisieren, die ich ihr vorschlagen durfte. Sie bezauberte mich, weniger durch ihre Anmut und Schönheit als durch die hübschen Gedanken, die sie in eine vollendet schöne Sprache einkleidete. Wie schön erscheint eine Sprache, wenn sie, mit klarem, reinem Akzent vorgetragen, in der sorgfältigen Wahl der Ausdrücke sich von Nachlässigkeit ebenso fernhält wie von Geziertheit. Eine schlechte Aussprache ist selbst in einem schönen Munde unerträglich, und ich habe stets den gesunden Sinn der Griechen bewundert, die von den Ammen ihrer Kinder Reinheit der Stimme, der Betonung und der Sprache verlangten. Wir sind weit davon entfernt, ein so schönes Beispiel zu befolgen; wie oft werden einem aber auch, selbst in der vielfach mit Unrecht so genannten guten Gesellschaft die Ohren zerschunden!

Corilla war straba, wie die Alten Venus malten; warum, das habe ich niemals begreifen können. Denn eine Frau, die schielt, mag im übrigen noch so schön sein, sie ist in meinen Augen nichtsdestoweniger mit einem Mangel behaftet; und ich bin überzeugt, wäre Venus eine Göttin gewesen, sie hätte ganz gewiß den sonderbaren Griechen, der zuerst sie schieläugig darzustellen wagte, ihren Unwillen fühlen lassen. Wenn Corilla sang – so hat man mir versichert – brauchte sie nur ihren schielen Blick auf einen Mann zu heften, um ihn zu erobern, Gott sei Dank machte sie sich wahrscheinlich aus mir nichts, denn sie sah mich nicht ein einzigesmal fest an.

In Florenz quartierte ich mich im Gasthof »de la Carrajo« ein, dessen Besitzer, Doktor Vannini, sich gern ein unwürdiges Mitglied der Academia della Crusca nannte. Ich nahm eine Wohnung, deren Fenster nach dem Arnoufer hinausgingen und mit einer herrlichen Terrasse in Verbindung standen. Ich nahm ferner einen Mietswagen und einen Lohndiener an, den ich sofort wie den Kutscher in eine blau und rote Livree kleiden ließ. Dies waren die Farben des Herrn von Bragadino, und ich glaubte, mich ihrer bedienen zu können, nicht, um mir eine besondere Wichtigkeit beizulegen, sondern nur um zu prunken.

Am nächsten Tage ging ich allein im Überrock aus, um mir Florenz anzusehen, ohne von jemandem bemerkt zu werden. Am Abend ging ich ins Theater, um den berühmten Harlekin Rossi zu hören, aber ich fand mit Recht, daß sein Ruf größer war als seine Leistung. Das gleiche Urteil fällte ich über die so viel gerühmte Deklamationsweise der Florentiner: sie fand nicht meinen Beifall. Mit Vergnügen sah ich Pertici: nun, da er alt war und nicht mehr singen konnte, spielte er Komödie, und zwar gut – was selten vorkommt, denn Sänger sowohl wie Sängerinnen verlassen sich darauf, daß sie ihre Stimme behalten werden, und vernachlässigen die Schauspielkunst; so kommt es, daß ein einfacher Schnupfen ihre Leistungen sehr mittelmäßig werden läßt.

Am nächsten Tage suchte ich den Bankier Sasso-Sassi auf, bei dem ich ein großes Guthaben hatte. Nachdem ich vorzüglich zu Mittag gespeist hatte, machte ich große Toilette und ging in die Oper, in der »Via della Pergola«. Ich nahm eine Loge neben dem Orchester, mehr um die Künstlerinnen zu beäugeln als die Musik zu hören, von der ich niemals ein begeisterter Freund war.

Der Leser stelle sich meine Überraschung und Freude vor, als ich in der ersten Sängerin den falschen Bellino, Teresa, erkannte, die ich zu Beginn des Jahres 1744 in Rimini verlassen hatte, die reizende Teresa, die ich ganz gewiß geheiratet haben würde, wenn mich nicht der Herr von Gages in Arrest gesetzt hätte. Sie hätte meinem Schicksal notwendigerweise eine ganz andere Richtung gegeben. Es war siebzehn Jahre her, seit ich sie gesehen, aber sie erschien mir auf der Bühne ebenso entzückend schön wie in dem Augenblick, da ich sie verlassen hatte. Ich konnte meinen Augen nicht trauen, denn es schien mir vollkommen unmöglich zu sein, daß sie sich gar nicht verändert hätte. Schließlich begann ich zu glauben, daß ein eigentümlicher Zufall eine solche wunderbare Ähnlichkeit geschaffen hätte; aber am Schlusse einer Arie, die sie zum Entzücken sang, warf sie ihre Augen auf mich und wandte sie nicht mehr ab. Nun konnte ich nicht mehr zweifeln, daß es wirklich Teresa war, denn ich sah, daß sie mich wiedererkannt hatte. Als der Auftritt zu Ende war, ging sie nach der meiner Loge entgegengesetzten Seite ab, blieb in der Kulisse stehen und gab mir mit dem Fächer ein Zeichen, daß ich sie besuchen möchte.

Ich verließ meine Loge mit einem außerordentlich starken Herzklopfen, dessen Ursache ich mir nicht erklären konnte; denn ich hatte an Teresa die süßeste Erinnerung bewahrt und fühlte mich ihr gegenüber nicht weiter schuldig, als daß ich auf ihren letzten Brief, den sie mir vor dreizehn Jahren aus Neapel geschrieben, nicht geantwortet hatte. Ich begab mich auf den Weg nach der Bühne, voller Neugier, zu erfahren, was ihr in dem Zeitraum von siebzehn Jahren, der mir wie ein Jahrhundert vorkam, widerfahren sein möchte, und noch neugieriger, worauf diese Zusammenkunft hinauslaufen möchte.

Ich gelangte an eine kleine Tür, die zur Bühne führte, und erblickte Teresa oben auf der Treppe; sie sagte dem Mann, der die Tür bewachte, er solle mich einlassen. Ich trat ein. Stumm vor Überraschung standen wir einander gegenüber. Ich ergriff ihre Hand, preßte diese gegen mein Herz und rief: »Fühle, wie es schlägt!«

»Ich kann hier deine Hand nicht an mein Herz legen; aber als ich dich erblickte, glaubte ich, ich würde in Ohnmacht sinken. Unglücklicherweise bin ich zum Abendessen eingeladen. Ich werde die ganze Nacht kein Auge zumachen. Um acht Uhr erwarte ich dich. Wo wohnst du?«

»Beim Doktor Vannini.«

»Welchen Namen trägst du?«

»Meinen eigenen.«

»Seit wann bist du hier?«

»Seit gestern.«

»Wirst du lange in Florenz bleiben?«

»So lange wie du willst.«

»Bist du verheiratet?«

»Nein.«

»Verfluchte Einladung! Was für ein Tag! Geh, lieber Freund! Ich muß auftreten. Leb‘ wohl; auf Wiedersehen morgen früh um sieben.«

Sie hatte mir zuerst gesagt, ich solle um acht kommen; aber eine Stunde früher war nicht von Übel: Ich ging ins Parkett und dort fiel mir ein, daß ich sie weder nach ihrem Namen noch nach ihrer Wohnung gefragt hatte; doch konnte ich dies ja leicht erfahren. Sie spielte die Rolle der Mandane; ich sah sie jetzt in weiterer Entfernung als von meiner Loge aus, und sie entzückte mich durch die Wahrheit ihres Spiels, durch ihren edlen Anstand und die Reinheit ihres Gesanges. Ein sehr gut gekleideter junger Mann stand neben mir; ich fragte ihn: Wie heißt diese ausgezeichnete Sängerin?«

»Sie sind wohl erst seit heute in Florenz?«

»Seit gestern.«

»Dann ist es zu entschuldigen. Nun, mein Herr, sie heißt wie ich, denn sie ist meine Frau, und mein Name ist Cirillo Palesi, Ihnen aufzuwarten.«

Ich konnte vor Überraschung kein Wort sagen und machte ihm nur eine stumme Verbeugung. Nach seiner Wohnung wagte ich ihn nicht zu fragen, denn er hätte meine Neugier ungezogen finden können. Teresa mit diesem jungen Mann verheiratet, und gerade ihrem Mann muß ich in die Arme laufen und mich bei ihm nach ihr erkundigen! Gewiß eine eigenartige Verknüpfung von allerlei Zufällen und Stoff zu einer guten Lustspielszene.

Ich konnte es im Theater nicht länger aushalten; ich mußte mit mir allein sein, um in aller Ruhe über dieses schnurrige Abenteuer nachzudenken und über den Besuch, den ich meiner verheirateten Teresa am nächsten Morgen um sieben und nicht um acht Uhr abstatten sollte, denn ich mußte mich an ihr letztes Wort halten. Ich war höchst neugierig, was für ein Gesicht der junge Ehemann machen würde, wenn er mich wiedererkennen würde; daß er mich nicht wiedererkennen sollte, war unmöglich, denn er hatte mich recht aufmerksam gemustert, während er mir sagte, daß er Teresas Gatte wäre. Ich fühlte auch, daß meine erste Leidenschaft für das schöne Weib in meinem Herzen wieder erwacht war, und ich wußte nicht recht, ob ich mich darüber ärgern oder freuen sollte, daß sie verheiratet war.

Ich verließ die Oper und befahl meinem Lakaien, meinen Wagen zu rufen.

»Gnädiger Herr, Sie können ihn erst um neun Uhr haben, denn wegen der strengen Kälte hat der Kutscher die Pferde wieder in den Stall gestellt.«

»So wollen wir zu Fuß gehen.«

»Sie werden sich erkälten.«

»Wie heißt die Primadonna?«

»Als sie hierher kam, hieß sie Lanti; aber seit ein paar Monaten nennt sie sich Signora Palesi. Sie hat einen schönen jungen Mann geheiratet, der nichts versteht und nichts hat; aber sie ist reich und anständig, und ich kann Ihnen sagen, daß bei ihr nichts zu machen ist.«

»Wo wohnt sie?«

»Am Ende dieser Straße. Da ist ihr Haus; sie wohnt im ersten Stock.«

Zufrieden, alles erfahren zu haben, was ich wissen wollte, schwieg ich und verwandte alle meine Gedanken nur darauf, mir den Weg zu merken, damit ich ihn am anderen Morgen allein wiederfinden könnte. Ich nahm in aller Eile ein leichtes Abendessen zu mir und befahl Leduc, mich um sechs Uhr zu wecken.

»Aber gnädiger Herr, es wird ja erst um sieben Uhr hell.«

»Das weiß ich.«

»Dann ist es gut.«

Bei Tagesanbruch stand ich vor der Tür der ersten Frau, die ich leidenschaftlich geliebt hatte. Ich stieg eine Treppe hinauf und klingelte; eine alte Frau öffnete mir und fragte mich, ob ich Herr Casanova sei. Auf meine bejahende Antwort sagte sie mir, die Signora habe ihr gesagt, ich würde um acht kommen.

»Mir hat die gnädige Frau gesagt, um sieben.«

»Nun, das macht nichts. Haben Sie die Güte, in dieses Zimmer einzutreten, ich werde sie wecken.«

Nach fünf Minuten erschien der junge Ehemann in Schlafrock und Nachtmütze; er begrüßte mich sehr höflich und sagte mir, seine Frau werde sofort erscheinen. Plötzlich machte er ein Gesicht, wie wenn er aus den Wolken fiele, sah mich starr an und sagte: »Aber, mein Herr, waren Sie es nicht, der mich gestern abend fragte, wie meine Frau hieße?«

»Sie täuschen sich nicht, mein Herr; das war ich. Seit langen Jahren hatte ich sie nicht gesehen, und ich glaubte sie wieder zu erkennen. Mein Glück wollte, daß ich mich an ihren Gatten wandte, und die Freundschaft, die mich mit ihr verbindet, wird mich in Zukunft auch mit Ihnen verbinden.«

Gerade, als ich mit diesem schönen Kompliment fertig war, trat Teresa, schön wie Venus, mit offenen Armen ein. Entzückt preßte ich sie an meinen Busen, und wir blieben zwei Minuten innig umschlungen wie zwei Freunde, zwei Liebende, die glücklich sind, sich nach einer langen, schmerzlichen Trennung wiederzusehen. Nachdem wir uns mehrere Male geküßt hatten, bat sie ihren Mann, sich zu setzen, zog mich auf ein Kanapee nieder und ließ ihren Tränen freien Lauf. Ich weinte ebenfalls und fand diese Tränen köstlich. Schließlich aber trockneten wir uns die Augen und sahen aus einem gleichzeitigen Antriebe auf den Gatten, den wir ganz und gar vergessen hatten. Man stelle sich das lächerliche Erstaunen vor, das sich begreiflicherweise auf seinem Gesichte malte, als wir unwillkürlich beide laut herauslachten. In seinem Erstaunen lag etwas so Komisches, daß nur ein phantasiebegabter Dichter und ein gewandter Karikaturenzeichner es wiedergeben könnten. Teresa wußte, wie sie den von ihr angerührten Teig zu kneten hatte: sie rief in pathetischem und zärtlichem Tone: »Mein lieber Palesi, du siehst hier meinen Vater, ja mehr als meinen Vater, denn du siehst einen großmütigen Freund, dem ich alles verdanke. Glücklicher Augenblick, nach dem mein Herz seit zehn Jahren schmachtet!«

Als er das Wort »Vater« hörte, sah der arme Gatte mich an: aber ich lachte nicht, obgleich ich die größte Lust dazu hatte. Teresa, obwohl ausgezeichnet erhalten, war nur zwei Jahre jünger als ich; aber die Freundschaft braucht den süßen Namen Vater in dem Sinne, wie er ihr gerade paßt.

»Ja, mein Herr,« sagte ich zu ihm, »Ihre Teresa ist meine Tochter, meine Schwester, meine Freundin, die ich innig liebe; sie ist ein Engel, und dieser Schatz ist Ihre Frau.«

Ohne ihm Zeit zu lassen, sich von seinem Erstaunen zu erholen, wandte ich mich an Teresa und fuhr fort: »Ich habe auf deinen letzten Brief nicht geantwortet, meine liebe Freundin …«

»Ich weiß alles. Du warst in eine Nonne verliebt. Du saßest unter den Bleidächern gefangen, und in Wien vernahm ich von deiner fast wunderbaren Flucht. Ich hatte ein falsches Vorgefühl, daß ich dich dort wiedersehen würde. Später erfuhr ich, daß du in Paris und in Holland dein Glück gemacht habest, und erst seit deiner Abreise von Paris habe ich niemanden mehr gefunden, der mir von dir hätte erzählen können. Wenn ich dir ausführlich alles erzähle, was mir in diesen zehn Jahren zugestoßen ist, wirst du hübsche Dinge zu hören bekommen. Aber jetzt bin ich glücklich! Dies hier ist mein lieber Palesi, ein Römer, den ich vor ein paar Monaten geheiratet habe. Wir lieben uns, und ich hoffe, du wirst sein Freund sein, wie du der meinige bist.«

Bei diesen Worten stand ich auf und umarmte diesen Ehegatten, der eine so sonderbare Figur spielte. Er kam mir mit offenen Armen, aber in einiger Verlegenheit entgegen; denn ohne Zweifel wußte er noch nicht recht, was er von einem Manne denken sollte, der gleichzeitig Vater, Bruder und Freund und vielleicht Liebhaber seiner Frau war. Teresa bemerkte seine Verlegenheit und umarmte ihn nach mir mit allen Kennzeichen lebhaftester Zärtlichkeit, die nun mich meinerseits in Verlegenheit setzte; denn in der letzten halben Stunde war die ganze Liebe wieder erwacht, die mich einst entflammt hatte, als in Ancona Don Sancho Pico mich mit ihr bekannt gemacht hatte.

Durch meine Umarmungen und die Liebkosungen seiner Frau beruhigt, fragte Herr Palesi mich, ob ich ihm die Freude machen wollte, mit ihm eine Tasse ausgezeichneter Schokolade zu trinken, die er mit ganz besonderem Vergnügen selber zurecht machen würde. Ich antwortete ihm, Schokolade sei mein Lieblingsfrühstück und ich würde sie um so besser finden, da sie von einem Freunde zubereitet wäre. Er ging hinaus, um sich ans Werk zu machen. Der Augenblick des Glücks war da.

Sobald wir allein waren, warf meine teure Teresa mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Liebe sich in meine Arme. »Oh, mein Freund! Du, dem mein Herz zum erstenmal geschlagen hat, den ich mein ganzes Leben lang lieben werde, laß mich das Glück empfinden, dich an meinen Busen zu drücken! Umarmen wir uns hundertmal an diesem Tage des Glücks! Aber damit, liebes Herz, sei es genug, denn das Schicksal hat mich zur Frau eines anderen gemacht. Morgen, wenn wir uns wiedersehen, sind wir Bruder und Schwester; heute wollen wir Liebende sein!«

Sie war mit dieser Rede noch nicht fertig, da war ich schon auf dem Gipfel des Glücks angelangt. Unsere Entzückungen waren gegenseitig, und wir erneuerten sie fast ununterbrochen während der halben Stunde, die wir sicher vor uns hatten. Ihr Morgenkleid und mein Gehrock paßten aufs beste zu den Umständen. Nachdem wir unsere Liebesglut wenigstens zum Teil gestillt und uns überzeugt hatten, daß wir noch so waren wie damals, als wir in Rimini voneinander schieden, atmeten wir auf und setzten uns auf das Kanapee.

Als sie sich ein wenig gesammelt hatte, sagte sie: »Du mußt wissen, ich bin in meinen Mann noch verliebt und fest entschlossen, ihn niemals zu betrügen. Was ich eben getan habe, war die Bezahlung einer Schuld, die ich meiner ersten Liebe gegenüber eingegangen war. Ich mußte sie begleichen, um dir zu beweisen, wie teuer du mir bist. Aber jetzt wollen wir nicht mehr daran denken. Vergessen wir es, lieber Freund! Laß dir genügen, zu wissen, daß ich dich lieb habe – woran du ja nicht zweifeln kannst – und lasse mir die süße Überzeugung, daß ich von dir geliebt werde. Aber in Zukunft laß uns die Gelegenheit vermeiden, miteinander allein zu sein; denn dann würde ich unterliegen, und dies würde mir schmerzlich sein. Macht dieser Gedanke dich traurig?«

»Ich finde dich gebunden, und ich bin frei. Wir hätten uns niemals mehr getrennt. Du hast die Glut meiner ersten Liebe wieder angefacht. Ich bin so verliebt wie damals, als ich dich in Ancona kennen lernte; ich habe dich davon überzeugt, und nun denke dir, wie unglücklich ich bin, dich nicht mehr besitzen zu können. Ich finde dich nicht nur verheiratet, sondern obendrein verliebt! Ach, ich bin zu spät gekommen! Aber wenn ich mich nicht in Genua aufgehalten hätte, wäre ich trotzdem nicht weniger unglücklich. Du sollst später alles erfahren. Einstweilen werde ich genau tun, was du mir vorschreibst. Dein Gatte weiß, glaube ich, nichts von unserem Verhältnis; ich muß wohl ihm gegenüber vollkommen verschwiegen sein, nicht wahr?«

»Ja, lieber Freund; er weiß nichts von meinen Angelegenheiten, und es ist mir sehr lieb, daß er nicht neugierig danach ist. Er weiß wie alle Welt, daß ich mein Vermögen in Neapel erworben habe, wohin ich, wie ich überall erzähle, im Alter von zehn Jahren gekommen bin. Dies ist eine unschuldige Lüge, die keinem Menschen Schaden tut; in dem Beruf, dem ich mich widmen mußte, habe ich diese Lüge mehreren Wahrheiten vorziehen müssen, die mir schaden würden. Ich gebe mich für vierundzwanzigjährig aus; was meinst du dazu?«

»Mich dünkt, du sprichst die Wahrheit, obgleich ich weiß, daß du zweiunddreißig Jahre alt bist.«

»Du willst sagen einunddreißig; denn als ich dich kennen lernte, kann ich nicht mehr als vierzehn gezählt haben.«

»Ich glaubte, du wärest mindestens fünfzehn Jahre alt.«

»Dies ist, unter uns gesagt, möglich; aber sage mir, bitte, ob ich älter aussehe als vierundzwanzig.«

»Ich schwöre dir, du siehst noch nicht einmal so alt aus; aber in Neapel ….«

»In Neapel könnte ein Chronikschreiber wohl die Wahrheit wissen; aber auf diese Art Leute hört kein Mensch. Doch mache dich, mein lieber Casanova, auf einen Augenblick gefaßt, der einer der interessantesten deines Lebens sein wird.«

»Einer der interessantesten meines Lebens, sagst du? Wann wird dieser Augenblick stattfinden?«

»Gestatte mir darüber zu schweigen; ich möchte mich an deiner Überraschung werden. Sprechen wir von etwas Ernstlichem. Wie steht es mit deinen Verhältnissen? Wenn du Geld brauchst, so bin ich in der Lage, dir die Summe, die du mir schenktest, zurück zu erstatten, und zwar mit so hohen Wucherzinsen, wie du nur willst! Mein Mann hat nichts zu sagen; alles, was ich besitze, ist mein Eigentum. Ich habe in Neapel fünfzigtausend Reichsdukaten und besitze eine gleiche Summe in Diamanten. Sage mir schnell, wieviel du brauchst; denn die Schokolade wird gleich kommen!«

So war Teresa.

Tiefgerührt wollte ich ihr antworten, ihr um den Hals fallen, da kam die Schokolade. Ihr Mann kam herein mit einem Mädchen, das eine vollendete Schönheit war; sie trug auf einem Untersatz von vergoldetem Silber drei Tassen Schokolade. Während wir diese tranken, ergötzte Palesi uns, indem er in geistvoller Weise die Überraschung schilderte, die er empfunden hätte, als er sah, daß der Herr, um den er so früh am Morgen sein Bett verlassen mußte, derselbe war, der ihn am Abend vorher nach dem Namen seiner Frau gefragt habe. Teresa und ich hielten uns die Seiten vor Lachen, denn seine Erzählung war ein Gemisch von Witz und Gutmütigkeit. Dieser Römer mißfiel mir weniger, als er in seiner Eigenschaft als Gatte mir eigentlich hätte mißfallen müssen; denn er schien nur der Form wegen eifersüchtig zu sein.

»Mein lieber Freund,« sagte Teresa endlich zu mir, »um zehn Uhr habe ich Generalprobe aller Arien der neuen Oper; wenn du willst, kannst du hier bleiben. Ich bitte dich, mir zu erlauben, jeden Tag für dich decken zu lassen, und du wirst mir ein großes Vergnügen machen, wenn du mein Haus als das deinige betrachtest.«

»Für heute,« antwortete ich ihr, »werde ich dich erst nach dem Abendessen verlassen, damit du deinen glücklichen Gatten für dich hast.«

Bei diesen Worten umarmte Palesi mich mit überströmendem Gefühl, wie wenn er mir dafür danken wollte, daß ich ihm keine Schwierigkeiten machte, seine Gattenrechte auszuüben.

Der junge Mann war höchstens zwanzig bis zweiundzwanzig Jahre alt; er war blond, gut gewachsen und zu hübsch für einen Mann. Teresa war zu entschuldigen, daß sie sich in ihn verliebt hatte, und ich nahm ihr dies nicht übel, denn ich kannte nur zu sehr die Macht eines schönen Gesichtes; aber ich fand, daß sie unrecht gehabt hatte, ihn zu ihrem Manne zu machen, denn ein Ehemann, sei er wie er sei, erwirbt doch stets gewisse Herrenrechte, die zuweilen lästig sein können.

Teresas hübsche Kammerjungfer meldete mir, mein Wagen wäre vor der Tür.

»Gestatten Sie,« sagte ich zu meiner Freundin, »daß mein Lohndiener hereinkommt?«

Der Kerl kam.

»Wer hat Ihnen befohlen, mit meinem Wagen hierher zu kommen?«

»Niemand, mein Herr; aber ich kenne meine Pflicht.«

»Wer hat Ihnen gesagt, daß ich hier wäre?«

»Ich habe es erraten.«

»Rufen sie meinen Kammerdiener und kommen Sie mit ihm herein.«

Als er mit Leduc wieder eintrat, befahl ich diesem, dem lästigen Menschen den Lohn für drei Tage auszuzahlen, ihm seine Livree abzunehmen und mir von Doktor Vannini einen Diener von gleicher Größe besorgen zu lassen, der nicht die Gabe des Erratens besäße, sondern pünktlich die Befehle seines Herrn auszuführen wüßte. Sehr betrübt über sein Mißgeschick, wandte der Bursche sich an Teresa und bat um ihre Vermittlung; aber als kluge Frau antwortete sie ihm, sein Herr sei allein imstande, seine Dienste zu schätzen.

Um zehn Uhr kamen alle Sänger und Sängerinnen nebst einer Menge von Theaterliebhabern, die den ganzen Saal füllten. Teresa empfing mit edler Anmut die Handküsse aller ihrer Gäste, und ich sah, daß sie in großem Ansehen stand. Die Probe dauerte drei Stunden und langweilte mich sehr. Um dieser Langeweile zu entgehen, unterhielt ich mich mit Palesi, der mir gefiel, weil er mit keinem Wort mich fragte, wo, wie und wann ich seine Frau kennen gelernt hätte. Ich sah, daß ihm sein Gefühl sagte, wie er sich in seiner Stellung zu benehmen habe.

Eine junge Parmesanerin namens Redegonda, die eine Männerrolle spielte und sehr gut sang, blieb zum Essen, Teresa hatte außerdem eine junge Bologneserin, namens Corticelli, eingeladen. Die sprossenden Reize dieser hübschen Figurantin machten Eindruck auf mich; indessen war ich in diesem Augenblick so voll von Teresa, daß ich nicht sehr auf sie achtete. Einen Augenblick später sah ich einen wohlbeleibten Abbate mit gemessenen Schritten eintreten, einen echten Tartüff, der nur Teresa suchte. Als er sie erblickt hatte, schritt er auf sie zu, beugte nach portugiesischer Sitte ein Knie zur Erde und küßte ihr zärtlich und ehrfurchtsvoll die Hand. Teresa ließ ihn mit anmutigem Lächeln zu ihrer Rechten Platz nehmen; ich saß links von ihr. Seine Stimme und sein ganzes Aussehen sagten mir, daß es ein Bekannter sein mußte, und bald erkannte ich in der Tat den Abbate Gama, den ich vor siebzehn Jahren in Rom beim Kardinal Acquaviva zurückgelassen hatte; aber ich tat, als ob ich ihn nicht erkenne; dies war nicht schwer für mich, denn er war recht alt geworden. Der galante Abbate hatte nur Augen für Teresa; er war nur damit beschäftigt, ihr tausend Schmeicheleien zu sagen, und hatte noch niemanden der Gesellschaft mit einem Blick beehrt. In der Hoffnung, daß er mich ebenfalls nicht wieder erkennen oder wenigstens es so machen würde wie ich, fuhr ich fort, mit der Corticelli zu plaudern; plötzlich sagte Teresa mir, der Herr Abbate wünsche zu wissen, ob ich ihn nicht erkenne. Ich sah ihn fest an, wie wenn ich in meinem Gedächtnis nachsuche, stand dann auf und fragte ihn, ob ich nicht das Glück hätte, den Herrn Abbate Gama wiederzusehen.

»Ich bin’s!« rief er, indem er aufstand, mich umhalste und mehrere Male küßte. Er war damit in seiner Rolle als feiner Politiker; der Leser wird wohl noch nicht die Schilderung vergessen haben, die ich im ersten Bande der Erinnerungen von ihm entworfen habe.

Wie man sich denken kann, entspann sich nun ein endloses Gespräch. Er sprach von Barbaruccia, von der schönen Marchesa G., vom Kardinal S. C.; er erzählte mir, daß er von dem spanischen Dienst in den portugiesischen übergetreten wäre, in welchem er sich noch jetzt befände. Ich ließ mich mit Vergnügen von ihm an eine Menge von Umständen erinnern, die in meiner frühen Jugend lebhaften Eindruck auf mich gemacht hatten, als plötzlich eine völlig unerwartete Erscheinung meine Seele lähmte. Ein Jüngling von fünfzehn bis sechzehn Jahren, kräftig entwickelt, wie ein Italiener in diesem Alter es nur sein kann, trat mit gewandtem Wesen ein, machte der Gesellschaft eine anmutige Verbeugung und umarmte Teresa. Ich war der einzige, der ihn nicht kannte; aber ich war nicht der einzige, auf dessen Zügen sich Überraschung malte. Teresa stellte ihn mir unverzagt mit der natürlichsten Miene von der Welt vor: »Mein Bruder!« Ich begrüßte ihn auf das freundlichste, aber doch ein wenig verwirrt, da ich keine Zeit gehabt hatte, mich von meiner Überraschung zu sammeln. Dieser angebliche Bruder Teresas war mein leibhaftiges Ebenbild; nur war seine Gesichtsfarbe etwas heller als die meinige. Ich sah sofort, daß er mein Sohn war; denn niemals war die Natur indiskreter gewesen.

Dies war die Überraschung, welche Teresa mir angekündigt hatte; sie hatte sich das Vergnügen vorbehalten wollen, mich versteinert und zugleich entzückt zu sehen; denn sie wußte wohl, daß mein Herz von dem Gedanken, ihr beim Abschied ein solches Pfand unserer gegenseitigen Liebe zurückgelassen zu haben, tief gerührt sein würde. Ich hatte keine Ahnung davon gehabt, denn in ihren Briefen hatte sie nie etwas von ihrer Schwangerschaft erwähnt. Wenn ich näher darüber nachdachte, schien mir, Teresa hätte diese Begegnung in Gegenwart fremder Personen vermeiden müssen; denn jeder hatte Augen und weiter war nichts nötig, um beim ersten Augenblick zu erkennen, daß dieser Jüngling nur mein Sohn oder mein Bruder sein könnte. Ich warf ihr einen Blick zu, aber sie wich diesem aus; der angebliche Bruder dagegen sah mich so aufmerksam an, daß er nicht hören konnte, was sie zu ihm sagte. Die Zuschauer ließen ihre Augen fortwährend von meinem Gesicht zu dem seinigen wandern; und wenn sie der Meinung waren, daß er mein Sohn wäre, so mußten sie notwendigerweise annehmen, daß ich der Liebhaber von Teresas Mutter gewesen war, wenn sie wirklich seine Schwester war; denn bei dem Alter, das sie zu haben schien und das sie sich beilegte, konnte man unmöglich annehmen, daß sie seine Mutter wäre. Ebenso unmöglich war es sich vorzustellen, daß ich Teresas Vater sei, denn ich sah nicht viel älter aus als sie.

Mein Sohn sprach vorzüglich die neapolitanische Mundart, die nicht ohne Reiz ist; aber er sprach auch sehr gut italienisch, und in allem, was er sagte, zeigte er Geschmack, gesunden Menschenverstand und Geist. Dies gefiel mir sehr. Er war gut unterrichtet, obwohl er in Neapel aufgewachsen war, und hatte sehr vornehme Manieren. Seine Mutter ließ mich bei Tisch zwischen ihr und ihm sitzen und sagte zu mir: »Seine Lieblingsleidenschaft ist die Musik. Sie werden ihn Klavier spielen hören, mein lieber Freund, und obgleich ich acht Jahre älter bin als er, werden Sie vielleicht finden, daß er besser spielt als ich.«

So zog sie mich mit jenem natürlichen, feinen Zartgefühl, das nur den Frauen eigen und für uns Männer stets unerreichbar ist, aus der Verlegenheit.

Mochte es die Natur oder Voreingenommenheit oder Eitelkeit oder sonst irgend etwas sein – genug, als wir von Tisch aufstanden, war ich so entzückt von meinem Sohn, daß ich ihn mit zärtlichem Entzücken umarmte. Die ganze Gesellschaft klatschte Beifall. Ich lud sie alle ein, nm nächsten Tage bei mir zu Mittag zu speisen, und meine Einladung wurde freudig angenommen; die Cordicelli fragte in unschuldsvollem Ton: »Ich auch?«

»Gewiß, Sie auch.«

Abbate Gama sagte mir nach Tisch, ich möchte am nächsten Morgen zu ihm zum Frühstück kommen oder ihm ein Frühstück bei mir geben, denn er vergehe vor Verlangen, ein paar Stunden mit mir unter vier Augen zu plaudern.

»Ich werde Sie bei mir empfangen, Herr Abbate,« antwortete ich, »und zwar mit großem Vergnügen.«

Als alle Gäste fortgegangen waren, fragte mich Don Cesarino – so hieß der angebliche Bruder meiner Teresa – ob ich ihn nach der Promenade führen wollte. Ich anwortete ihm mit einer Umarmung, mein Wagen stehe ihm zu Diensten und er könne mit seinem Schwager hinfahren, denn ich wolle mich für diesen Tag nicht von seiner Schwester trennen. Palesi fand diesen Vorschlag sehr gut, und sie fuhren ab.

Sobald wir allein waren, umarmte ich Teresa mit leidenschaftlicher Glut, indem ich ihr ein Kompliment darüber machte, daß sie einen so hübschen Bruder hätte. »Mein Freund, er ist die süße Frucht unserer Liebe: er ist dein Sohn. Er macht mich glücklich und ist selber glücklich, denn er hat alles, was er dazu braucht.«

»Auch ich bin glücklich, göttliche Teresa! Aber du hast wohl gesehen, daß ich beim ersten Anblick sofort meine Vaterschaft erriet.«

»Aber, liebes Herz, hast du denn die Absicht, ihm einen Bruder zu geben? Wie leidenschaftlich du bist!«

»Bedenke, angebetetes und anbetungswürdiges Weib, daß du mir gesagt hast, morgen würden wir nur noch Freunde sein.«

Ich war bereits Gatte oder glücklicher Liebhaber; aber der Gedanke, daß ich es zum letztenmal wäre, mischte einige Bitterkeit in die glühende und süße Wollust, die ich bei dieser Vereinigung empfand, die auf beiden Seiten von Liebe, Zärtlichkeit und Gefühl beherrscht wurde.

Als wir etwas ruhiger geworden waren, sagte Teresa zu mir: »Der Herzog, der mich von Rimini mit sich nahm, hat auch unser Kind erziehen lassen; denn sobald ich schwanger war, vertraute ich ihm mein Geheimnis an. Ich kam nieder, ohne daß ein Mensch etwas davon erfuhr, und mein Kind wurde zu einer Amme nach Sorrent geschickt; der Herzog ließ ihn unter dem Namen Cesare Filippo Lanti taufen. In Sorrent blieb er bis zum Alter von neun Jahren; hierauf wurde er zu einem wackeren Mann in Pflege gegeben, bei dem er etwas Tüchtiges gelernt und sich auch in der Musik ausgebildet hat. Von seiner zartesten Kindheit an hat er in mir stets seine Schwester gesehen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie glücklich ich war, als ich sah, daß er dir immer ähnlicher wurde, je mehr er heranwuchs. Ich habe ihn stets als ein sicheres Pfand unserer Vereinigung angesehen; denn ich glaubte immer, diese würde stattfinden, sobald wir uns wiederträfen, weil ich überzeugt war, daß er auf deine Seele denselben Eindruck machen würde wie auf die meinige. Ich war überzeugt, du könntest diesem reizenden Sprößling unserer Liebe den Namen deines rechtmäßigen Sohnes nicht versagen und würdest seine Mutter heiraten.«

»Du hast das, was mich glücklich gemacht haben würde, unmöglich gemacht!«

»Das Schicksal hat es so gefügt, lieber Freund; sprechen wir nicht mehr davon. Als der Herzog starb, verließ ich Neapel; Cesarino blieb in derselben Pension unter dem Schutze des Fürsten della Riccia, der ihn stets als seinen Bruder angesehen hat. Dein Sohn besitzt ein Kapital von zwanzigtausend Reichsdukaten, dessen Zinsen an mich bezahlt werden, und von welchen er nichts weiß; aber du kannst dir wohl denken, daß es ihm an nichts fehlt. Es schmerzt mich nur, ihm nicht sagen zu können, daß ich seine Mutter bin; denn ich glaube, er würde mich noch mehr lieben, wenn er wüßte, daß er mir sein Leben verdankt. Du kannst dir nicht vorstellen, welche Wonne ich heute empfand, als ich deine Überraschung sah und bemerkte, wie schnell du dich in ihn verliebtest.«

»Und diese vollkommene Ähnlichkeit?«

»Sie macht mir Freude. Kann man sich wohl etwas anderes dabei denken, als daß du der Liebhaber meiner Mutter gewesen bist? Nun einerlei. Mein Mann glaubt, daß dies der Ursprung der Freundschaft sei, die uns verbindet, und die ihn heute morgen, als er den Ausbruch unseres Entzückens sah, hätte ärgerlich machen können. Er sagte mir gestern, Cesarino könne wohl mein Bruder von mütterlicher Seite sein, aber ganz gewiß nicht von väterlicher Seite; denn er habe seinen Vater im Parkett gesehen und dieser könne ganz gewiß nicht der meinige sein. Wenn ich von Palesi Kinder bekomme, soll mein ganzes Vermögen nach meinem Tode ihnen gehören; wenn ich keine bekomme, so wird Cesarino mein Erbe sein. Mein Vermögen befindet sich in sicheren Händen, selbst wenn der Fürst della Riccia sterben sollte.«

»Komm!« rief sie plötzlich, indem sie mich in ihr Schlafzimmer hineinzog. Sie öffnete eine große Kassette, worin sich ihre Diamanten und andere Juwelen und für mehr als fünfzigtausend Dukaten in guten Gülten befanden. Außerdem besaß sie eine Menge sehr schönes Silbergeschirr, und ihr herrliches Talent sicherte ihr die ersten Stellen an allen italienischen Bühnen.

»Weißt du,« fragte ich sie, »ob unser Cesarino schon geliebt hat?«

»Ich glaube es nicht; doch denke ich, daß meine hübsche Kammerjungfer in ihn verliebt ist. Ich werde ein Auge auf sie haben.«

»Sei nicht zu streng.«

»Nein. Aber ein junger Mann darf sich nicht zu früh der Sinnenlust hingeben, worüber er alles andere vernachlässigen würde.«

»Gib ihn mir! Ich werde ihn die Welt kennen lehren.«

»Verlange alles von mir, aber lasse mir meinen Sohn! Ich küsse ihn niemals, weil ich Angst habe, ich könnte mich rasend in ihn verlieben. Wenn du wüßtest, wie ehrenhaft und rein er ist und wie er mich liebt! Aber ich versage ihm ja auch keinen Wunsch. Was wird man in vier Monaten in Venedig sagen, wenn man dort den aus den Bleikammern entsprungenen Casanova um zwanzig Jahre verjüngt wiedersieht?«

»Du gehst also zur Ascensa nach Venedig?«

»Ja. Und du gehst nach Rom?«

»Und nach Neapel, um meinen Freund, den Herzog von Matalone, zu besuchen.«

»Ich kenne ihn sehr gut. Er hat bereits einen Sohn von der Tochter des Herzogs Bovino, die er geheiratet hat. Sie ist eine reizende Frau, die die Macht besessen hat, ihn zum Mann zu machen; denn ganz Neapel wußte, daß er unvermögend war.«

»Wahrscheinlich hat sie nur das Geheimnis besessen, ihn zum Vater zu machen.«

»Das ist auch wohl möglich.«

Wir verbrachten den ganzen Tag in einer abwechselreichen und sehr interessanten Unterhaltung, bis Cesarino und ihr Gatte zurückkamen. Während des Abendessens gewann der liebe Junge vollends mein Herz, denn er war schalkhaft, fröhlich und liebenswürdig und besaß die ganze neapolitanische Lebhaftigkeit. Er setzte sich ans Klavier. Nachdem er einige Stücke mit der glänzenden Meisterschaft eines Virtuosen gespielt hatte, sang er neapolitanische Lieder, über die wir von ganzem Herzen lachten. Meine Teresa hatte nur für ihn und für mich Augen; von Zeit zu Zeit aber umarmte sie ihren Gemahl und rief: »Man ist nur glücklich, wenn man liebt.«

Dieser Tag gehört zu den glücklichsten meines Lebens, und ich zähle deren viele.

Neuntes Kapitel


Die Corticelli. – Der jüdische Theaterdirektor bekommt Prügel. – Der falsche Karl Iwanoff spielt mir einen bösen Streich, – Willkürlicher Befehl, Toskana zu verlassen. – Meine Ankunft in Rom. – Mein Bruder Giovanni.

Am nächsten Morgen um neun Uhr meldete man mir den Abbate Gama. Als er eintrat, rief er aus: »Ich weine Freudentränen, daß ich Sie nach so vielen Jahren der Trennung bei so guter Gesundheit und in so angenehmen Verhältnissen wiedersehe.«

Wie der Leser sich leicht wird denken können, hielt der Abbate eine große Lobrede auf mich, und er wird vielleicht wissen, daß trotz aller Klugheit und Welterfahrenheit und trotz allem Mißtrauen gegen die Ohrenkitzler die Eitelkeit doch ihnen lauscht und sie sogar angenehm findet; freilich will die Eitelkeit dies nicht eingestehen, denn damit wird sie sich selbst verletzen. Der Abbate war sanft, geistreich, liebenswürdig und sehr schlau, weil er stets unter den Großwürdenträgern der Diener Gottes gelebt und damit die allerfeinste Schule der List durchgemacht hatte. Er war durchaus nicht boshaft; mit einem Wort, er war so, wie ich ihn im ersten Bande dieser Erinnerungen geschildert habe. Er wünschte meine Abenteuer kennen zu lernen und wartete daher nicht ab, daß ich ihn bäte, mir die seinigen zu erzählen, sondern schilderte mir sehr weitschweifig sein Leben in den siebzehn Jahren, die seit unserer Trennung verflossen waren. Er war aus dem spanischen Dienst in den Seiner Allergetreuesten Majestät übergetreten und war Gesandtschaftssekretär beim Komtur Almada. Er hatte Rom verlassen müssen, weil Papst Rezzonico dem König von Portugal nicht erlauben wollte, die Jesuiten zu bestrafen – treue ehrliche Mörder, die ihm allerdings nur einen Arm zerschmettert, aber doch die gute Absicht gehabt hatten, ihm das Leben zu nehmen. Gama irrte in Italien umher; er verkehrte brieflich mit Almada und dem berühmten Carvalho, und wartete darauf, daß dieser Krieg beigelegt würde, um nach Rom zurückkehren zu können. Dies war eigentlich das einzige Tatsächliche an seiner Erzählung; aber der Abbate wußte sie durch Nebenumstände so sehr auszuschmücken, daß sie länger als eine Stunde dauerte. Ohne Zweifel wollte er mich dadurch zur Dankbarkeit veranlassen, damit ich ihm nichts von meinen Verhältnissen verschwiege. Aber wir zeigten beide ein schönes diplomatisches Talent; er, indem er seine Erzählung verlängerte, ich, indem ich die meinige verkürzte. Ich empfand dabei ein geheimes Vergnügen, die Neugier im Priesterrock zu bestrafen.

»Was wollen Sie in Rom?« fragte er scheinbar gleichgültig.

»Ich will mich dem Papst vorstellen und ihn bitten, bei den venetianischen Staatsinquisitoren meine Begnadigung zu befürworten.«

Dies war nicht wahr; aber es war eine Antwort wie eine andere, wenn man nicht die Wahrheit sagen will. Hätte ich ihm übrigens gesagt, ich ginge nach Rom nur, um mich zu amüsieren, so hätte er mir auch nicht geglaubt. Wer einem Ungläubigen die Wahrheit sagt, prostituiert sie, und dies ist nach meiner Meinung so schlimm wie ein Mord. Er bat mich hierauf, ich möchte ihm das Vergnügen machen, mit ihm einen Briefwechsel zu unterhalten; und da dies mich zu nichts verpflichtete, so versprach ich es ihm.

»Ich kann,« sagte er mir, »Ihnen einen Freundschaftsbeweis geben, indem ich Sie dem Gouverneur von Toskana, Marchese Botta-Adamo, vorstelle, der für den Freund des regierenden Herrn gilt« (des späteren Kaisers Franz).

Ich nahm sein Anerbieten dankbar an, hierauf brachte er das Gespräch auf Teresa; aber er fand mich verschlossen wie den Geldschrank eines Geizhalses. Ich sagte ihm, sie wäre noch ein Kind gewesen, als ich in Bologna ihre Familie kennen gelernt hatte, und die Ähnlichkeit zwischen ihrem Bruder und mir wäre nur ein Spiel der Natur oder des Schicksals, wobei nichts weiter auffällig wäre, als daß wir zusammengetroffen wären. Als er auf meinem Schreibtisch ein sehr gut geschriebenes Papier sah, fragte er mich, ob diese herrliche Handschrift die meines Sekretärs sei. Costa, der im Zimmer anwesend war, antwortete ihm auf spanisch, die Schrift sei von ihm. Gama überbot sich nun in Komplimenten und bat mich schließlich, ich möchte ihm meinen Costa zuschicken, um für ihn einige Briefe zu schreiben. Ich erriet, daß er ihn nur über mich ausholen wollte, und sagte ihm, der junge Mann sei mir den ganzen Tag unentbehrlich.

»Nun, dann also ein anderes Mal!« sagte der Abbate.

Ich antwortete nicht. So sind die Neugierigen. Die Moralphilosophen wollen die Neugier nicht zu den Leidenschaften rechnen; aber sie haben unrecht. Die Neugier gehört zu den schönen Eigenschaften des Geistes, wenn sie von der gesunden Vernunft gelenkt wird und sich auf die ganze Natur erstreckt: Nihil dulcius quam omnia scire – Nichts ist süßer als alles zu wissen. Sie ist von den Sinnen abhängig; denn sie kann nur durch sinnliche Wahrnehmungen entstehen und sich befriedigen. Aber diese Leidenschaft ist, wie alle ihre Schwestern, ein Ungeheuer, wenn sie nicht mehr von der Weisheit gezügelt wird. Sie ist ein abscheuliches Laster, wenn sie nur bezweckt, mittelbar oder unmittelbar in die Angelegenheiten anderer Menschen einzudringen. Einerlei ob der Neugierige ein Geheimnis nur zu erhaschen sucht, um sich dem Nächsten nützlich zu machen, sei es, daß er diesen auszuholen sucht, um die Herzensergießungen, zu denen er ihn zu verlocken weiß, zu seinem eigenen Vorteil auszubeuten. Aber mag sie, je nach der Richtung, die sie nimmt, Laster oder Tugend sein – die Neugier ist stets eine Krankheit; denn sie hat die eigentümliche Eigenschaft, daß sie das Herz oder den Geist eines Menschen, den sie unterjocht, unruhig macht. Ein Geheimnis durch Überraschung zu erfahren, heißt stets einen Diebstahl begehen.

Ich spreche nicht von jener edlen Neugier, die den abstrakten Wissenschaften entstammt und sich zum Ziele setzt, die Zukunft zu erforschen, das heißt, das Unmögliche zu erreichen. Bei der Neugier, die die Tochter der Unwissenheit oder des Aberglaubens ist, verweilen nur Narren oder Dummköpfe. Abbate Gama aber war weder verrückt, noch unwissend, noch dumm: er war neugierig von Charakter und von Beruf; denn er wurde dafür bezahlt, alles zu entdecken. Er war Diplomat; in einer weniger hohen Sphäre würde man ihn als Spion behandelt haben.

Er verließ mich, um Besuche zu machen, und versprach mir, zum Mittagessen wiederzukommen.

Doktor Vannini stellte mir einen anderen Bedienten von der Gestalt des ersten vor, einen Parmesaner; er versprach mir, dieser würde nur gehorchen und niemals versuchen, etwas zu erraten. Ich dankte dem akademischen Gastwirt und bestellte bei ihm eine üppige Mahlzeit.

Zuerst erschien die Corticelli mit ihrem Bruder, einem weibischen jungen Mann und mittelmäßigen Violinspieler, sowie mit ihrer Mutter, die mir sagte, sie würde ihrer Tochter niemals erlauben, ohne sie und ohne ihren Bruder bei Fremden zu essen.

»Dann können Sie,« sagte ich zu ihr, »sie sofort wieder mitnehmen oder diesen Dukaten annehmen, um mit ihrem Sohne zu essen, wo Sie wollen; denn ich will weder von ihm noch von Ihnen etwas wissen.«

Sie nahm den Dukaten, indem sie zu mir sagte, sie sei sicher, ihre Tochter in guten Händen zu lassen.

»Darauf können Sie sich verlassen,« antwortete ich ihr; »gehen Sie nur!«

Das Mädchen machte über mein Gespräch mit ihrer Mutter so scherzhafte Bemerkungen, daß ich unwillkürlich lachen mußte und mich in sie zu verlieben anfing. Die Corticelli war erst dreizehn Jahre alt, aber sie war so zart, daß man sie für zehnjährig gehalten hätte. Im übrigen war sie sehr hübsch gewachsen, lustig, lebhaft, witzig, geistreich und hatte eine weiße Haut, wie man sie in Italien selten findet. Trotz alledem kann ich noch jetzt nicht begreifen, wie ich mich in sie verlieben konnte.

Das ausgelassene junge Mädchen bat mich um meinen Schutz gegen den Operndirektor, einen Juden. Er hatte sich in dem mit ihr abgeschlossenen Vertrage verpflichtet, sie in der zweiten Oper einen Pas de deux tanzen zu lassen, aber er hatte sie getäuscht. Sie bat mich, den Juden zu zwingen, daß er seine Verpflichtungen einhielte, und ich versprach es ihr.

Der zweite Gast war die Parmesanerin Redegonda, ein großes schönes Mädchen, das, wie Costa mir sagte, die Schwester meines Lohndieners war; nachdem ich mich zwei oder drei Minuten mit ihr unterhalten hatte, fand ich sie meiner Aufmerksamkeit sehr würdig. Sodann kam der Abbate Gama; er gratulierte mir, als er mich zwischen zwei hübschen Mädchen sitzen sah. Ich nötigte ihn, meinen Platz einzunehmen, und er begann ihnen mit großer Zungengewandtheit Schmeicheleien zu sagen; daß die Nymphen sich über ihn lustig machten, brachte ihn nicht im geringsten aus der Fassung. Er glaubte ihnen zu gefallen; das sah ich und begriff sehr wohl, daß seine Eitelkeit ihn abhielt, zu bemerken, wie er sich lächerlich machte; aber ich ahnte nicht, daß ich selber in seinem Alter in den gleichen Fehler verfallen könnte. Wehe dem Greise, der nicht sich selber zu erkennen vermag! Weh ihm, wenn er verabsäumt, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß die Weiber, die er als Jüngling verführt hat, ihn in seinem Alter verachten werden, wenn er noch nach ihrer Gunst zu streben wagt! – Zuletzt erschien meine schöne Teresa mit ihrem Gatten und meinem Sohn, den ich zärtlich umarmte, nachdem ich diese süße Pflicht seiner Mutter gegenüber erfüllt hatte. Bei Tisch setzte ich mich zwischen beide, indem ich Teresa zuflüsterte, eine so teure und geheimnisvolle Dreifaltigkeit dürfe nicht getrennt werden; diese Bemerkung trug mir das liebenswürdigste Lächeln ein. Der Abbate setzte sich zwischen Redegonda und die Corticelli und wußte uns durch reizende Bemerkungen während der ganzen Mahlzeit zu erheitern. Ich lachte im stillen über den ehrfurchtsvollen Ernst, womit mein großer Lakai seiner Schwester Redegonda den Teller wechselte; sie schien eitel darauf zu sein, eine Ehre beanspruchen zu können, die für ihren Bruder unerreichbar war. Sie war nicht großmütig; denn sie benutzte den Augenblick, um mir, ohne daß er es hören konnte, zu sagen: »Er ist ein guter Junge; unglücklicherweise versteht er gar nichts.«

Ich hatte absichtlich mir eine prachtvolle Tabaksdose in die Tasche gesteckt; sie war reich emailliert und mit einem Bildnis von vollkommener Ähnlichkeit geschmückt. Ich hatte sie in Paris anfertigen lassen in der Absicht, sie der Frau d’Urfé zu schenken; aber ich hatte sie ihr nicht gegeben, weil der Maler mich zu jung gemacht hatte. Diese Dose war mit ausgezeichnetem Havannatabak gefüllt, den Herr von Chavigny mir geschenkt hatte und den Teresa sehr gerne mochte; um sie aus meiner Tasche zu ziehen, wartete ich, bis sie mich um Tabak bäte. Abbate Gama, der sehr guten Tabak in seiner Origoneladose hatte, schickte Teresa eine Prise; sie sandte ihm darauf den ihrigen in einer mit goldenen Arabesken eingelegten Schildpattdose. Man konnte nichts Schöneres sehen. Gama kritisierte Teresas Tabak; ich tat, als fände ich ihn köstlich, erlaubte mir jedoch die Bemerkung, mein Tabak sei besser. Ich zog meine Dose aus der Tasche, reichte sie ihr offen hin und bot ihr eine Prise an. Das Portrait konnte sie nicht sehen. Sie gab zu, daß der Tabak köstlich und dem ihrigen weit überlegen sei.

»Nun, meine Gnädige, ist es Ihnen recht, wenn wir tauschen?«

»Gern! Geben Sie mir Papier!«

»Das ist nicht nötig. Wir tauschen den Tabak und die Dosen, worin er ist.«

Mit diesen Worten steckte ich Teresas Dose in die Tasche und reichte ihr die meinige geschlossen. Als sie das Bildnis sah, stieß sie einen Schrei aus, der die ganze Gesellschaft neugierig machte, und küßte, ohne sich zu besinnen, das Portrait.

»Sieh!« sagte sie zu Cesarino, »dein Bild!«

Cesarino sah sie ganz erstaunt an, und die Dose ging von Hand zu Hand. Jeder fand, daß es mich selber darstellte, wie ich vor zehn Jahren ausgesehen hätte, daß es aber auch für das Portrait Cesarinos gelten könnte. Teresa war vor Freude darüber ganz toll. Sie schwor, sie werde diese Dose niemals wieder aus den Händen lassen, stand auf und umarmte ihren Sohn zu wiederholten Malen. Unterdessen verlor ich den Abbate Gama nicht aus den Augen, und ich sah, daß er in seinem Schädel allerlei Erklärungen über diesen Auftritt zurechtzimmerte, der das volle Interesse einer unvorhergesehenen Erkennungsszene hatte.

Der gute Abbate ging gegen Abend fort, indem er mir sagte, er erwarte mich am anderen Morgen zum Frühstück.

Den Rest des Tages brachte ich damit zu, mit Redegonda schön zu tun; als Teresa sah, daß das Mädchen mir gefiel, riet sie mir, mich ihr zu erklären, und versprach mir, sie einzuladen, so oft ich wolle. Aber Teresa kannte sie nicht.

Am andern Morgen sagte Gama mir, er habe dem Marschall Botta meinen Besuch angemeldet und werde mich um vier Uhr in meinem Gasthof abholen, um mich dem Herrn vorzustellen. Immer Sklave seiner Neugier, machte der gute Abbate mir hierauf im Tone freundschaftlichster Teilnahme Vorwürfe, daß ich ihm kein Wort von dem Stande meines Vermögens gesagt hätte.

»Ich glaubte, dies sei nicht erwähnenswert, Herr Abbate; da Sie es aber interessiert, so will ich Ihnen sagen, daß mein Vermögen nicht beträchtlich ist, daß ich aber Freunde habe, deren Börsen mir offen stehen.«

»Wenn Sie wahre Freunde haben, so sind Sie reich; aber wahre Freunde sind selten.«

Von dem Abbate begab ich mich zu Redegonda, von der mein ganzes Herz voll war und die ich gern der jungen Corticelli vorgezogen hätte. Ich wollte ihr einen Besuch machen; aber welche traurige Aufnahme fand ich! Sie empfing mich in einem Zimmer, worin ihre Mutter, ihr Oheim und drei oder vier unsaubere, schlechtgekleidete Bälge, ihre Brüder, sich befanden.

»Haben Sie denn kein anständiges Zimmer, um Ihre Freunde zu empfangen?« fragte ich das Mädchen.

»Ich brauche kein anderes Zimmer, denn ich habe keine Freunde, die ich empfangen könnte.«

»Haben Sie nur das Zimmer, meine Liebe – die Freunde werden dann nicht ausbleiben. Dieses Zimmer ist ausgezeichnet, um Verwandte zu empfangen, aber es eignet sich nicht für Personen, die wie ich zu Ihnen kommen, um Ihren Reizen und Ihren Talenten zu huldigen.«

»Mein Herr,« sagte die Mutter zu mir, »meine Tochter hat nur ein schwaches Talent und bildet sich durchaus nichts auf ihre Reize ein, denn sie weiß, daß diese sehr bescheiden sind.«

»Es ist eine große Bescheidenheit von Ihnen, Signora, daß Sie so sprechen. Ich weiß diese Bescheidenheit zu schätzen; aber es sehen nicht alle Ihre Tochter mit denselben Augen an, und mir gefällt sie sehr.«

»Das ist eine Ehre für sie, und wir sind dafür nach Gebühr dankbar; aber sie macht uns nicht stolz. Meine Tochter wird Sie empfangen, so oft Sie ihr die Ehre Ihres Besuches erweisen wollen; aber nur hier, niemals an einem anderen Ort.«

»Hier, Signora, würde ich Sie zu belästigen befürchten.«

»Die Anwesenheit eines Ehrenmannes ist niemals eine Belästigung.«

Ich schämte mich; denn nichts beschämt einen Wüstling so, wie die Sprache der Scham im Munde der Armut; da ich nicht wußte, was ich der Mutter Vernünftiges antworten sollte, machte ich ihr eine Verbeugung und ging.

Ich berichtete Teresa mein Mißgeschick, und wir lachten darüber; das war auch das beste, was wir tun konnten.

»Ich werde mich freuen, dich in der Oper zu sehen,« sagte sie zu mir; »du kannst Zugang zu meinem Ankleidezimmer finden, wenn du dem Wächter an der kleinen Tür, die zur Bühne führt, ein Trinkgeld gibst.«

Der Abbate Gama holte mich seinem Versprechen gemäß ab, um mich dem Marschall Botta vorzustellen. Dieser war ein verdienstvoller Mann, den der Aufstand von Genua berühmt gemacht hatte. Er befehligte das österreichische Heer, als das Volk, voller Zorn über den Anblick dieser Fremdlinge, die nur das Land unterjochen wollten, sich erhob und sie zwang, die Stadt zu räumen. Dieser patriotische Aufruhr rettete die Republik.

Ich fand den Marschall inmitten einer zahlreichen Gesellschaft von Damen und Herren, die er verließ, um mich zu begrüßen. Er sprach mit mir über Venedig, das er ausgezeichnet kannte; dann ließ er sich von mir ausführlich über Frankreich erzählen, und ich durfte annehmen, daß meine Mitteilungen ihn befriedigten. Er selber erzählte mir darauf vom russischen Hof, an welchem er sich aufhielt, als Elisabeth Petrowna, die zur Zeit meiner Erzählung noch regierte, mit solcher Leichtigkeit den Thron ihres Vaters, Peter des Großen, bestieg. »Nur in Rußland,« sagte er mir, »weiß die Politik Gifte zweckmäßig zu benutzen.« Als die Stunde der Oper gekommen war, zog der Marschall sich zurück, und alle entfernten sich. Nachdem ich den Abbate, der mir natürlich versicherte, daß ich dem Gouverneur gefallen habe, in meinem Wagen nach Hause gebracht hatte, begab ich mich ins Theater und gelangte mittels eines Testone in Teresas Ankleidezimmer, wo ich sie unter den Händen ihrer hübschen Kammerjungfer fand.

»Ich rate dir,« sagte sie zu mir, »Redegonda in ihrem Ankleidezimmer aufzusuchen; da sie sich als Mann zu kleiden hat, wird sie dich vielleicht ihrer Toilette beiwohnen lassen.«

Ich folgte ihrem Rat; aber die Mutter wollte mir den Eintritt nicht erlauben, weil ihre Tochter im Begriff sei, sich anzukleiden. Ich versicherte ihr, ich würde während der ganzen Zeit, die sie zum Umkleiden brauchte, ihr den Rücken zuwenden; unter dieser Bedingung erlaubte sie mir einzutreten, und ließ mich vor dem Tisch Platz nehmen, auf welchem ein großer Spiegel stand, dank welchem ich ausgezeichnet Redegondas geheimste Reize gratis sehen konnte, besonders in dem Augenblick, wo sie eine Hose anzog und dabei die Beine auf höchst ungeschickte oder höchst geschickte Weise hochhob – je nach den Absichten, die sie dabei gehabt haben mag. Übrigens schadete dieses Manöver ihr nichts; denn was ich sah, gefiel mir dermaßen, daß ich jede Bedingung angenommen hätte, um mich in ihren Besitz zu setzen.

Unmöglich, sagte ich mir, kann Redegonda nicht wissen, daß ich vor einem Spiegel sitzend alles sehen muß. Dieser Gedanke entflammte mich. Ich drehte mich erst wieder um, als die Mutter mir die Erlaubnis gab, und nun bewunderte ich die Schönheit im Anzuge eines schönen Jünglings von fünf Fuß und einem Zoll, dessen Verhältnisse nichts zu wünschen übrig ließen.

Redegonda ging hinaus; ich folgte ihr, und es gelang mir, in den Kulissen mit ihr zu sprechen. Ich sagte zu ihr: »Meine Liebe, ich will ohne alle Umstände mit Ihnen reden. Sie haben mich entflammt, und ich werde sterben, wenn Sie sich weigern, mich glücklich zu machen.«

»Sie sagen nichts davon, ob Sie auch sterben würden, wenn Sie mich unglücklich machten.«

»Dies kann ich nicht sagen, weil ich den Gedanken gar nicht fassen kann. Keine Verstellung, liebe Redegonda! Es kann Ihnen nicht unbekannt sein, daß Ihr Spiegel mich instand setzte, alles zu sehen; und ich kann nicht annehmen, daß Sie die Absicht gehabt haben sollten, mich in Feuer und Flammen zu setzen, um mich hierauf der Verzweiflung zu überlassen.«

»Was können Sie gesehen haben? Ich weiß davon nichts.«

»Das kann wohl sein; aber ich habe Sie ganz und gar gesehen. Antworten Sie mir – das ist die Hauptsache. Wie habe ich es anzufangen, um in Ihren Besitz zu gelangen?«

»Um in meinen Besitz zu gelangen? Ich verstehe Sie nicht, mein Herr! Ich bin ein anständiges Mädchen.«

»Das glaube ich. Aber Sie müssen ebenfalls überzeugt sein, daß Sie nicht weniger anständig sein werden, wenn Sie mich glücklich gemacht haben. Lassen Sie mich nicht schmachten, meine liebe Redegonda! Ich muß mein Schicksal augenblicklich erfahren!«

»Ich weiß nicht, was ich Ihnen anders sagen soll, als daß es Ihnen frei steht, mich zu besuchen, so oft Sie Lust haben.«

»Wann werden Sie allein sein?«

»Allein? Es ist kaum denkbar, daß ich jemals allein bin.«

»Nun, was tut es denn auch? Mag Ihre Mutter anwesend sein; das ist mir einerlei. Wenn sie vernünftig ist, wird sie tun, als ob sie nichts sähe, und ich werde Ihnen jedesmal hundert Dukaten geben.«

»Wahrhaftig! Sie sind entweder verrückt oder Sie kennen uns nicht.«

Mit diesen Worten betrat sie die Bühne; ich aber ging zu Teresa und erzählte ihr dies Gespräch. Sie sagte mir: »Biete nur zunächst die hundert Dukaten der Mutter selber an; wenn sie sie ausschlägt, so lache die beiden aus und versuche dein Heil bei einer anderen.«

Ich ging in Redegondas Ankleidezimmer zurück, wo die Mutter jetzt allein war, und sagte ohne weitere Vorreden: »Guten Abend, Signora. Ich bin Fremder. Ich bleibe nur acht Tage hier. Ich bin in Ihre Tochter verliebt und schlage Ihnen vor, mit ihr bei mir zu soupieren. Vorausgesetzt, daß Sie gut sind, werde ich Ihnen hundert Zechinen geben, und es liegt nur an Ihnen, mich zugrunde zu richten.«

»Mein Herr, mit wem glauben Sie zu tun zu haben? Ihre Schamlosigkeit überrascht mich mit Fug und Recht. Erkundigen Sie sich, wer ich bin; erkundigen Sie sich nach der Aufführung meiner Tochter, und Sie werden sich in Zukunft dergleichen Anträge ersparen.«

»Leben Sie wohl, Signora.«

»Leben Sie wohl, Signor.«

Als ich das Zimmer verließ, begegnete ich Redegonden. Ich erzählte ihr Wort für Wort das Gespräch, das ich mit ihrer Mutter gehabt hatte, und sie lachte laut auf.

»Hab‘ ich’s gut oder schlecht gemacht?«

»Eher gut als schlecht. Aber wenn Sie mich lieben, so besuchen Sie mich doch!«

»Ich soll Sie besuchen? Nach den Worten Ihrer Mutter?«

»Ei, warum denn nicht? Wer weiß?«

»Wer weiß! Redegonda, Sie kennen mich nicht. Leere Hoffnung vergiftet mich, und darum habe ich so geradezu mit Ihnen gesprochen.«

Ärgerlich beschloß ich, an das eigentümliche Mädchen nicht mehr zu denken. Ich ging zu Teresa zum Abendessen und verbrachte bei ihr drei entzückende Stunden. Da ich viel zu schreiben hatte, ging ich den ganzen nächsten Tag nicht aus; gegen Abend aber besuchte mich die junge Corticelli mit ihrer Mutter und ihrem Bruder. Sie wollte mich bitten, ihr mein Versprechen zu halten in bezug auf den jüdischen Theaterdirektor, der sie den im Vertrage vereinbarten Pas de deux nicht tanzen lassen wollte.

»Besuchen Sie mich morgen früh,« antwortete ich ihr; »Sie werden mit mir frühstücken, und ich werde in Ihrer Gegenwart mit Ihrem Hebräer sprechen – das heißt, wenn er kommt. Jedenfalls verspreche ich Ihnen, ihn holen zu lassen.«

»Dafür werde ich Sie sehr lieb haben,« sagte das ausgelassene kleine Mädchen zu mir; »aber kann ich denn nicht ein bißchen hier bleiben?«

»Im Gegenteil, solange Sie wollen; da ich jedoch einige Briefe fertig schreiben muß, so muß ich Sie bitten, allein zu bleiben.«

»O! Ganz wie Sie wollen.«

Ich sagte Costa, er solle ihnen ein Abendessen geben.

Als meine Briefe fertig waren, bekam ich Lust, ein wenig zu scherzen. Ich ließ die Kleine sich neben mich setzen und begann mit ihr zu schäkern, jedoch auf eine Weise, daß ihre Mutter Laura nichts dagegen einwenden konnte. Plötzlich mischte sich der Bruder mit ein, worüber ich einigermaßen erstaunt war.

»Gehen Sie!« sagte ich zu ihm; »Sie sind kein Mädchen.«

Zur Antwort hierauf zeigte der kleine Halunke mir sein Geschlecht und zwar auf so unanständige Weise, daß seine Schwester, die auf meinem Schoß saß, laut auflachte und sich zu ihrer Mutter flüchtete, die aus Dankbarkeit für das gute Abendessen, womit ich sie bewirtet hatte, sich im Hintergrunde des Zimmers aufhielt. Ich stand auf, gab dem unverschämten Lustknaben eine Ohrfeige und fragte die Mutter, in welcher Absicht sie mir diesen Burschen zugeführt habe. Die niederträchtige Mutter antwortete darauf nur: »Ist er nicht ein hübscher Junge?«

Ich gab ihm als Schmerzensgeld für die Ohrfeige einen Dukaten und sagte zur Mutter: »Gehen Sie! Sie ekeln mich an!«

Der Bursche nahm meinen Dukaten, küßte mir die Hand, und alle drei entfernten sich.

Als ich zu Bett ging, mußte ich über das Abenteuer lachen. Ich dachte noch lange über die Verderbtheit einer Mutter nach, die sich ohne Bedenken so weit erniedrigt, ihren eigenen Sohn zum allergemeinsten Laster zu prostituieren.

Am nächsten Morgen ließ ich den Juden bitten, bei mir vorzusprechen. Die Corticelli kam mit ihrer Mutter, und einige Augenblicke darauf, als wir uns gerade zu Tisch setzen wollten, kam auch der Direktor.

Nachdem ich ihm die Beschwerde der jungen Tänzerin mitgeteilt hatte, las ich ihm den Vertrag vor, den er mit ihr abgeschlossen hatte, und sagte ihm in freundlichem Tone, ich würde es leicht dahinbringen, ihn zur Erfüllung seiner Versprechung anzuhalten. Der Jude brachte mehrere Entschuldigungen vor, deren Nichtigkeit die Corticelli nachwies. Seines Unrechtes überführt, versprach der Sohn Judas endlich, er wolle noch am gleichen Tage mit dem Ballettmeister sprechen, damit dieser sie den beanspruchten Tanz mit dem von ihr bezeichneten Tänzer tanzen ließe. Er hoffe hierdurch das Glück zu haben, Seiner Exzellenz zu gefallen. Diese Titelverleihung begleitete er mit einer tiefen Verbeugung – ein Umstand, der besonders bei einem Juden selten ein Zeichen von Aufrichtigkeit ist.

Als die Leute sich entfernt hatten, begab ich mich zu Abbate Gama, um mit ihm zum Marschall Botta zu gehen, der uns zum Mittagessen hatte einladen lassen. Ich machte bei Tisch die Bekanntschaft des englischen Residenten Ritters Man. Er war der Abgott von ganz Florenz, sehr reich, liebenswürdig, obgleich Engländer, voll Geist und Geschmack und großer Kunstliebhaber. Auf seine Einladung besuchte ich ihn am nächsten Tage in seinem Hause, zu welchem ein hübscher Garten gehörte. In dieser Wohnung, die er selber geschaffen hatte, verriet die ganze Ausstattung: Möbel, Gemälde, ausgewählte Bücher – den geistvollen Mann.

Herr Man erwiderte meinen Besuch, lud sich bei mir zum Essen ein und hatte die liebenswürdige Aufmerksamkeit, auch Teresa, ihren Gemahl und Cesarino einladen zu lassen. Nach Tisch setzte dieser sich ans Klavier und riß die ganze Gesellschaft zu Bewunderung und Entzücken hin. Als wir auf Ähnlichkeiten zu sprechen kamen, zeigte der Ritter uns Miniaturportraits von überraschender Schönheit.

Bevor sie ging, sagte Teresa mir, sie habe ernstlich an mich gedacht.

»Wieso?«

»Ich habe Redegonda gesagt, ich würde sie abholen, zum Abendessen bei mir behalten und sie in meinem Wagen nach Hause fahren lassen. Dieses letztere wirst du übernehmen. Komm ebenfalls zum Essen und richte es so ein, daß dein Wagen vor der Tür wartet. Das übrige wird von selber gehen. Du wirst zwar nur einige Minuten mit ihr zusammen sein; aber das ist doch immerhin schon etwas, und ist erst mal der erste Schritt getan, so wirst du das übrige nach deinem Belieben einrichten.«

»Ausgezeichnet! Ich werde bei dir zu Abend speisen, und mein Wagen wird zur Stelle sein. Morgen sollst du alles erfahren.«

Um neun Uhr begab ich mich zu ihr. Ich wurde empfangen wie ein lieber Gast, auf den man nicht gerechnet hat. Ich sagte zu Redegonda, ich wünsche mir Glück, sie an diesem Ort zu finden, und sie antwortete mir, sie habe nicht gehofft, daß sie das Vergnügen haben werde, mich zu sehen.

Beim Abendessen hatte keiner von uns Appetit, außer Redegonda; diese aß sehr gut und lachte viel über alle Anekdoten, die ich ihr erzählte.

Nach dem Abendessen fragte Teresa die schöne Parmesanerin, ob sie wünsche, daß sie einen Tragstuhl holen lasse, oder ob sie lieber von mir in meinem Wagen nach Hause gebracht sein wollte.

»Wenn der Herr die Gefälligkeit haben will, ist der Tragstuhl nicht nötig.«

Diese Antwort erschien mir so günstig, daß ich nicht mehr an meinem Glück zweifelte. Man wünscht sich gute Nacht, man umarmt sich; sie nimmt meinen Arm und gibt ihm mit ihrer Hand einen Druck; wir gehen die Treppe hinunter, und sie steigt in den Wagen. Ich steige nach ihr ein, und als ich mich setzen will, finde ich den Platz besetzt.

»Wer ist da?« rufe ich. Redegonda lacht laut auf und antwortet mir: »Meine Mutter.«

Ich war angeführt. Ich besaß nicht den Geist, die Sache scherzhaft zu nehmen. Die Überraschung macht den Menschen dumm; sie benimmt ihm für einen Augenblick alle seine Geisteskräfte; die verletzte Eitelkeit läßt nur für den Zorn Raum.

Ich setzte mich auf den Vordersitz und fragte in kaltem Ton die Mutter, warum sie nicht heraufgekommen wäre, um mit uns zu Abend zu essen. Sie antwortete nicht.

Als der Wagen vor ihrer Tür hielt, lud die Mutter mich ein, hereinzukommen; ich antwortete ihr jedoch, ich hätte keine Lust dazu. Ich fühlte, daß ich der Mutter, wenn sie mich noch ein bißchen weiter geärgert hätte, Ohrfeigen gegeben haben würde, und der Mann, den sie bei sich hatte, sah mir nach einem Halsabschneider aus.

Ich war wütend. Meine körperliche Aufregung war ebenso groß wie meine seelische. Ich war niemals bei der Corticelli gewesen; aber überzeugt, daß ich sie gefällig finden würde, ließ ich mich zu ihr fahren. Alles lag schon zu Bett. Ich klopfte; man antwortet; ich nenne meinen Namen; man öffnet, und ich trete im Dunkeln ein. Signora Laura sagte mir, sie würde die Kerze anzünden; wenn ich ihr Bescheid gesagt hätte, würde sie trotz der Kälte auf mich gewartet haben. Es kam mir vor, als wäre ich in einem Eiskeller. Ich hörte die Kleine lachen, ging leise an das Bett heran, suchte und fand die deutlichsten Zeichen der Männlichkeit, es war ihr Bruder. Unterdessen hatte die Mutter Licht gemacht, und ich sah die Tochter, bis ans Kinn in ihre Decke gewickelt, im Bett liegen; sie war wie ihr Bruder splitternackt. Obgleich ich in solchen Sachen sehr frei denke, fand ich doch diese Niederträchtigkeit empörend.

»Warum,« fragte ich die Mutter, »erlauben Sie ein so abscheuliches Beisammenschlafen?«

»Was ist dabei? Sie sind Bruder und Schwester.«

»Gerade dies macht ihren Verkehr verbrecherisch.«

»Ihr Verkehr ist sehr unschuldig.«

»Das mag sein; aber so etwas schickt sich nicht.«

Der Junge schlüpfte aus dem Bett und kroch in das Bett seiner Mutter, während die ausgelassene kleine Närrin zu mir sagte, es mache gar nichts, denn sie liebe ihren Bruder nur wie einen Bruder und er liebe sie nur wie eine Schwester; wenn ich wünschte, daß sie allein schliefe, so brauchte ich ihr nur ein Bett zu kaufen. Ich mußte über diese naiven Bemerkungen, die sie in ihrer Bologneser Mundart vorbrachte, herzlich lachen; denn beim Sprechen und Gestikulieren hatte sie die Hälfte ihrer Schönheiten enthüllt, und ich sah nichts, was der Mühe wert war. Trotzdem war es offenbar vom Schicksal bestimmt, daß ich mich in ihre Haut verlieben sollte; denn außerdem hatte sie nichts Schönes.

Wäre sie allein gewesen, so hätte ich mich sofort über sie hergemacht; aber die Gegenwart ihrer Mutter und ihres frechen Bruders flößte mir Abscheu ein; ich befürchtete Szenen, die mein Blut in Wallung gebracht haben würden. Ich gab ihr zehn Zechinen, um sich ein Bett zu kaufen, wünschte ihr gute Nacht und entfernte mich. Auf die zimperlichen und gewissenhaften Mütter von Opernnymphen fluchend, kehrte ich nach meinem Gasthof zurück.

Den ganzen nächsten Vormittag verbrachte ich beim Ritter Man in seiner Galerie, welche wunderbare Gemälde, Bildhauerarbeiten, Mosaiksachen und geschliffene Steine enthielt. Von ihm begab ich mich zu meiner Teresa, um ihr mein Mißgeschick von der letzten Nacht zu erzählen. Sie lachte herzlich darüber, und ich lachte mit ihr, obwohl meine Eitelkeit sich eines gewissen Verdrusses nicht erwehren konnte.

»Du mußt dich darüber trösten, lieber Freund,« sagte sie mir, »und du wirst leicht einen Ersatz für sie finden.«

»Warum bist du verheiratet?«

»Ich habe auch daran gedacht; aber es ist einmal geschehen und daher nichts mehr zu machen. Weißt du, da du durchaus eine Frau haben mußt, so folge meinem Rat und nimm die Corticelli, die schließlich so gut ist wie eine andere. Sie wird dich nicht schmachten lassen.«

In meinem Gasthof fand ich den Abbate Gama, den ich zum Mittagessen eingeladen hatte. Er fragte mich, ob ich die Vertretung des portugiesischen Hofes auf dem Kongreß übernehmen wolle, der nach der damaligen Meinung von ganz Europa in Augsburg abgehalten werden solle. Er sagte mir, wenn ich den Auftrag, den er mir verschaffen würde, geschickt erledigte, würde ich in Lissabon alles erreichen, was ich nur wünschen könnte.

Ich antwortete ihm: »Ich bin bereit, alles zu tun, was in meinen Kräften steht. Sie brauchen mir nur zu schreiben, und zu diesem Zweck werde ich Ihnen die Orte nennen, an denen Ihre Briefe mich bestimmt erreichen werden.«

Diese Eröffnung erregte in mir die größte Lust, Gesandter zu werden.

Am Abend in der Oper sprach ich mit dem Ballettmeister, mit dem Tänzer, der in dem Pas de deux den Partner spielen sollte, und mit dem Juden, der mir sein Versprechen wiederholte, daß mein Schützling in drei oder vier Tagen zufriedengestellt sein und daß sie während der ganzen übrigen Dauer des Karnevals ihren Lieblingstanz tanzen sollte. Ich sah die Corticelli; sie sagte mir, sie habe bereits ein Bett, und lud mich zum Abendessen ein. Ich nahm an und ging nach der Vorstellung zu ihr. Überzeugt, daß ich bezahlen würde, hatte ihre Mutter bei einem Garkoch ein ausgezeichnetes Abendessen für vier Personen und mehrere Flaschen vom besten Florentiner Wein bestellt. Sie gab mir außerdem einen Wein, den man Aleatico nennt; ich fand ihn vortrefflich und trank reichlich davon. Meine drei Gäste, die an gutes Essen und Wein nicht gewöhnt waren, aßen für vier und betranken sich. Hierauf gingen Mutter und Tochter ohne Umstände zu Bett, und die kleine Närrin lud mich ein, ihrem Beispiel zu folgen. Ich hatte wohl Lust dazu; aber ich wagte es nicht. Es war sehr kalt, und in dem Zimmer war kein Feuer. Da sie nur eine einzige Decke hatte, so befürchtete ich, mich zu erkälten, und meine Gesundheit war mir zu lieb, um mich dieser Gefahr auszusetzen, Ich begnügte mich damit, sie auf meinen Schoß zu nehmen, und nach einigen Vorspielen überließ sie sich meiner Glut. Sie suchte mich zu überzeugen, daß ich ihre Erstlinge erhielte, und ich tat, wie wenn ich dies glaubte, da ich in Wirklichkeit wenig Wert darauf legte.

Nachdem ich die Dosis drei- oder viermal erneuert hatte, verließ ich sie; ich gab ihr fünfzig Zechinen und sagte ihr, sie möchte eine gute wattierte Steppdecke kaufen und ein gutes Kohlenbecken anzünden lassen, weil ich die nächste Nacht bei ihr schlafen wollte. Am nächsten Tage erhielt ich aus Grenoble einen Brief, der mich aufs höchste interessierte. Herr von Valenglard schrieb mir, die schöne Roman sei zu der Überzeugung gekommen, daß mein Horoskop niemals in Erfüllung gehen könne, wenn sie nicht nach Paris reise, und habe sich mit ihrer Tante nach der Hauptstadt begeben.

Wie eigentümlich verband sich das Schicksal dieses reizenden Mädchens mit der Neigung, die ihre Schönheit mir eingeflößt hatte, und mit meiner Abneigung gegen die Ehe! Denn es hätte nur von mir abgehangen, die Schönste Frankreichs zu heiraten, und es ist nicht wahrscheinlich, daß sie dann die Geliebte Ludwigs des Fünfzehnten geworden wäre.

Und welche Fügung, daß ich den sonderbaren Einfall hatte, in meinem Horoskope zu sagen, daß sie notwendig nach Paris gehen müsse! Denn selbst wenn die Astrologie eine Wissenschaft gewesen wäre, so beherrschte ich diese nicht. Ihr Schicksal wurde durch eine große Abgeschmacktheit bestimmt. Übrigens bietet die Geschichte ja sehr viele Beispiele von außerordentlichen Ereignissen, die niemals eingetreten wären, wenn sie nicht prophezeit gewesen wären! Wir sind, fast immer ohne unser Wissen, die Urheber unseres eigenen Geschickes, und die bedingenden Notwendigkeiten der Stoiker sind bloße Chimären; der Beweis für die Macht des Schicksals erscheint nur darum stark, weil er sophistisch ist; einem eindringenden Urteil und einer vorurteilsfreien Vernunft vermag er nicht standzuhalten. Cicero machte sich mit Recht über die Stoiker und die Fatalisten lustig; aber Cicero war ein Weiser, und dies sind wenige Menschen; selbst Sokrates war es nicht, als er dem Gott der Wohlschmeckerei einen Fasan zu opfern empfahl. Ein Mann, den Cicero zum Essen eingeladen hatte, der aber nicht kommen konnte, schrieb an den großen Römer: »Wenn ich nicht gekommen bin, so ist das ein Beweis, daß das Schicksal es nicht gewollt hat.« – Cicero antwortete ihm: »Wenn du hättest kommen wollen, wärest du gekommen; und dann wäre dies ein Beweis gewesen, daß das Schicksal es gewollt hätte.«

Es sind nicht die lateinischen Worte, lieber Leser; aber ich glaube, wenn diese Römer in unserer Zeit gelebt hätten, würden sie sich so ausgedrückt haben.

Wenn die Fatalisten ihres Systems wegen gezwungen sind, die Verkettung aller Ereignisse zu behaupten, so bleibt für die moralische Freiheit des Menschen durchaus nichts übrig: die Willensfreiheit wäre eine Abgeschmacktheit, und den Menschen könnte dann weder ein Lob wegen guter noch ein Tadel wegen schlechter Handlungen treffen. Ich für meine Person verwerfe das Dogma von der Schicksalsbestimmung, und wäre es auch nur aus Selbstbewußtsein; denn ich bin durchaus nicht geneigt, in mir nur eine Maschine zu sehen.

Am Abend ging ich ins Theater, wo ich meine Corticelli in einem schönen Pelz fand. Die anderen Tänzerinnen betrachteten mich mit verächtlichen Mienen; denn sie sahen mit Verdruß, daß der Platz besetzt war; meine neue Favorite dagegen war stolz auf ihren neuen Erfolg und liebkoste mich mit einer triumphierenden Miene, die ihr zum Entzücken stand.

Am Abend fand ich bei ihr ein gutes Nachtmahl und ein gutes Kohlenbecken nebst einer warmen Decke. Die Mutter zeigte mir alles, was ihre Tochter sich gekauft hatte, und beklagte sich, daß sie ihren Bruder nicht eingekleidet hätte. Ich machte sie ganz vergnügt, indem ich ihr ein paar Louis schenkte.

Als wir im Bett lagen, fand ich meine Schöne weder verliebt noch hingerissen, aber sie war lustig und scherzhaft. Ich mußte über sie lachen, und da sie sonst in allen Dingen gefällig war, so war dies genug, um mich zu fesseln. Als ich fortging, schenkte ich ihr eine Uhr und versprach ihr, am nächsten Abend zum Essen zu kommen. Sie sollte ihren Pas de deux tanzen, und ich ging infolgedessen ins Theater; aber zu meiner großen Überraschung sah ich sie nur unter den Figurantinnen. Beim Essen war sie untröstlich. Sie sagte mir weinend, ich müsse sie wegen dieser Beschimpfung rächen; der Jude schiebe die Schuld auf den Schneider, aber er lüge. Um sie zu beruhigen, versprach ich ihr alles, und nachdem ich einige Stunden mit ihr verbracht hatte, ging ich mit dem festen Entschluß nach Hause, dem Juden ein böses Viertelstündlein zu bereiten. Ich schickte daher, sobald ich aufwachte, Costa zu ihm und ließ ihn bitten, bei mir vorzusprechen; der Flegel ließ mir jedoch nur antworten, er wisse, was ich von ihm wolle, aber er werde nicht kommen; wenn die Corticelli nicht in diesem Ballett tanzte, so würde sie in einem anderen tanzen.

Ich war entrüstet; aber ich begriff, daß ich mich verstellen müßte, und lachte nur. Sein Urteil war indessen bereits gesprochen; denn ein Italiener verzichtet nicht auf die Rache, er weiß zu gut, daß sie ein Vergnügen der Götter ist. Nachdem ich Costa fortgeschickt hatte, rief ich Leduc, erzählte ihm die Geschichte und sagte ihm, ich wäre entehrt, wenn er mich nicht räche; nur er könnte mir die Genugtuung verschaffen, den Schelm durchzuprügeln, um ihn für sein freches Benehmen zu bestrafen. »Aber du begreifst, mein lieber Leduc, wie außerordentlich wichtig es ist, die Sache geheim zu halten.«

»Ich bitte Sie nur um vierundzwanzig Stunden Zeit, gnädiger Herr; dann werde ich Ihnen eine bestimmte Antwort geben.«

Ich wußte, was er damit sagen wollte, und war zufrieden.

Am anderen Morgen sagte Leduc mir, er habe sich am vorhergehenden Tage nur damit beschäftigt, die Person des Juden und dessen Wohnung kennen zu lernen, ohne einen anderen Menschen danach zu fragen.

»Heute werde ich ihn nicht aus den Augen verlieren; ich werde erfahren, um welche Stunde er nach Hause kommt, morgen sollen Sie weiteres hören.«

»Sei vorsichtig und vertraue dich keinem Menschen an.«

»Unbesorgt!«

Am folgenden Tage sagte er mir: »Wenn der Jude zur selben Stunde und auf demselben Wege nach Hause geht, hat er heute Abend seine Prügel, bevor er sich ins Bett legt.«

»Wen hast du für diese Unternehmung ausgesucht?«

»Mich selber. Solche Sachen müssen geheim gehalten werden, und ein Geheimnis darf nicht mehr als zwei Menschen bekannt sein. Ich bin meiner Sache sicher; aber sobald Sie sicher sind, daß dem Esel die Haut gegerbt worden ist – was schaut dabei heraus?«

»Fünfundzwanzig Zechinen.«

»Famos! Sobald ich die Sache gemacht habe, hole ich meinen Überrock an dem Ort, wo ich ihn zurücklassen werde, und trete durch die Hintertür wieder ein, ohne daß ein Mensch mich sieht. Selbst Costa wird nötigenfalls mit gutem Gewissen schwören können, daß ich nicht ausgegangen sei und unmöglich den Juden verprügelt haben könne. Indessen werde ich für alle Fälle meine Taschenpistolen bei mir haben, und sollte man mich festnehmen wollen, so würde ich mich zu verteidigen wissen.«

Am andern Morgen trat er mit ganz ruhigem Gesicht ein, während Costa mir meinen Schlafrock anzog; sobald wir aber allein waren, sagte er zu mir: »Die Sache ist abgemacht. Anstatt davonzulaufen, warf der Jude sich schreiend auf die Erde, sobald er den ersten Schlag erhalten hatte. Ich gerbte ihm die Haut; als ich aber Leute herbei eilen hörte, machte ich mich aus dem Staube. Ich weiß nicht, ob ich ihn totgeschlagen habe; jedenfalls habe ich ihm zwei kräftige Hiebe auf den Kopf versetzt. Sollte er tot sein, so würde mir das leid tun; denn dann könnte er sich nicht an den Tanz erinnern.«

Ich konnte über diesen schlechten Witz nicht lachen, denn die Sache war ernst.

Ich war bei Teresa zum Essen eingeladen. Außer mir waren noch der Abbate Gama da und Herr Sassi, ein sehr liebenswürdiger Mann, wenn man anders den Namen Mann einem Wesen beilegen darf, das durch eine Barbarei von der Menschheit getrennt worden ist. Er war der erste Kastrat an der Oper. Natürlich wurde über das Mißgeschick des Juden gesprochen.

»Sein Unglück tut mir leid,« bemerkte ich, »obgleich er ein unanständiger Mensch ist.«

»Mir tut er ganz und gar nicht leid,« sagte Sassi; »denn er ist ein Spitzbube. Ich wette, alle Welt wird sagen, daß ich ihn auf diese Weise getauft habe.«

»Nein,« sagte der Abbate, »man sagt, Herr Casanova habe ihn mit Recht so behandeln lassen.«

»Man wird wohl schwerlich die Wahrheit erraten,« versetzte ich, »denn der Schelm hat so viele anständige Leute geärgert, daß eine Tracht Prügel von dem einen oder dem anderen ihm nicht erspart bleiben konnte.«

Schließlich kam das Gespräch auf andere Gegenstände, und wir speisten sehr heiter. Einige Tage darauf verließ der Jude das Bett, mit einem großen Pflaster auf der Nase. Obgleich man im allgemeinen mir die Tat zuschrieb, so sprach man doch schließlich nicht mehr davon, weil eben doch nur ein unbestimmter Verdacht vorlag. Nur die Corticelli sprach in dem Übermaß ihrer Freude und ihrer Unbesonnenheit überall, wie wenn sie sicher wäre, daß ich sie gerächt hätte; sie war wütend darüber, daß ich dies nicht zugeben wollte; wie man sich wohl denken kann, war ich zu vorsichtig, um dies zu tun; denn sie hätte mich durch ihre Unbesonnenheit an den Galgen bringen können.

Ich unterhielt mich in Florenz so gut, daß ich nicht daran dachte, so bald wieder fortzugehen. Eines Tages überbrachte Vannini mir einen Brief, den jemand bei ihm für mich zurückgelassen hatte.

Ich öffnete ihn in seiner Gegenwart und fand darin einen Wechsel von zweihundert Florentiner Talern auf Sasso Sassi. Vannini sah den Wechsel und sagte mir, er wäre gut. Ich ging in mein Zimmer, um den Brief zu lesen, und sah zu meiner Überraschung, daß er Charles Iwanoff unterzeichnet war. Er schrieb mir vom Gasthof zur Post in Pistoia und teilte mir mit, er befinde sich immer noch im Unglück und ohne Geld; er habe sich daher einem Engländer eröffnet, der von Florenz nach Lucca reise; dieser habe ihm großmütig zweihundert Taler geschenkt, indem er in seiner Gegenwart den Wechsel geschrieben habe, der an den Vorzeiger zahlbar sei. »Ich wage nicht,« fuhr er fort, »diesen Betrag in Florenz einzukassieren, weil ich befürchten müßte, dort wegen meiner unglückseligen Angelegenheit von Genua verhaftet zu werden. Ich bitte Sie daher, Mitleid mit mir zu haben, den Betrag einkassieren zu lassen und ihn mir nach Pistoia zu schicken, damit ich meinen Wirt bezahlen und abreisen kann.«

Der Dienst, den der unglückliche Mensch von mir verlangte, war dem Anschein nach sehr einfach. Aber ich konnte mich bloßstellen. Denn es konnte nicht nur der Wechsel falsch sein, sondern auch im Falle des Gegenteils erklärte ich mich, wenn auch nicht für einen Freund, so doch zum mindesten für einen Korrespondenten eines Mannes, dessen Name und Beschreibung in den Zeitungen gestanden waren. In dieser Verlegenheit beschloß ich, ihm den Wechsel persönlich zurückzugeben. Ich begab mich allein nach der Post, nahm zwei Pferde und war bald vor dem Gasthof in Pistoia angelangt. Der Wirt selber führte mich in das Zimmer des Gauners und ließ mich dann mit diesem allein. Ich blieb höchstens drei Minuten und sagte ihm: »Der Bankier Sassi kennt mich; ich wünsche nicht, daß man glauben könnte, ich stünde in irgendwelchen Beziehungen zu Ihnen. Ich rate Ihnen, das Papier ihrem Wirt zu geben; dieser kann es Herrn Sassi vorlegen und Ihnen den Betrag überbringen.«

Er antwortete mir: »Ich werde Ihren Rat befolgen.«

Ich fühl nach Florenz zurück.

Ich dachte schon nicht mehr an diese Geschichte, als ich am dritten Tage Herrn Sasso Sassi und den Wirt von Pistoia bei mir eintreten sah. Der Bankier zeigte mir den Wechsel und sagte, derjenige, der ihn mir gegeben, hätte mich betrogen; erstens trüge der Wechsel nicht die Unterschrift des Engländers, auf dessen Namen er lautete; zweitens aber, selbst wenn dies der Fall wäre, so hätte der Lord kein Guthaben bei ihm und könnte daher auch keinen Wechsel auf sein Haus ziehen.

»Dieser Mann«, fuhr er fort, »hat den Wechsel diskontiert; der Russe ist abgereist. Als ich ihm erklärte, daß der Wechsel falsch sei, sagte er mir, er habe gewußt, daß Iwanoff den Wechsel von Ihnen habe, und da er Sie kenne, so habe er keinen Anstand genommen, ihm den Betrag sofort zu geben. Nun aber verlangt er, daß Sie ihm die zweihundert Taler wieder erstatten.«

»Das ist ein wahnsinniges Verlangen!«

Ich erzählte nun Herrn Sassi die Geschichte in allen Einzelheiten, zeigte ihm den Brief des Gauners und ließ den Doktor Vannini heraufkommen, der ihn mir überbracht hatte; dieser erklärte sich bereit, vor Gericht zu beschwören, daß er den Wechsel gesehen und geprüft und daß er ihn für gut gehalten habe.

Der Bankier sagte nun dem Wirt von Pistoia, er habe unrecht, von mir zu verlangen, daß ich ihm das Geld ersetze; der Mann war jedoch hartnäckig und erlaubte sich, mir zu sagen, ich spiele mit dem Russen unter einer Decke, um ihn zu betrügen.

Entrüstet lief ich nach meinem Stock; da jedoch der Bankier mich zurückhielt, so konnte der Unverschämte entfliehen, ohne Prügel zu bekommen.

»Sie sind völlig im Recht,« sagte Herr Sassi; »aber Sie müssen nichts auf das geben, was der arme Teufel in seinem Zorn gesagt hat.«

Er schüttelte mir die Hand und ging.

Am nächsten Morgen schickte der Polizeivorsteher, den man Auditor nennt, mir einen Brief und bat mich, bei ihm vorzusprechen. Ich konnte keinen Augenblick zweifelhaft sein, was ich zu tun hatte; denn als Fremder mußte ich seiner Einladung folgen und diese als eine Vorladung betrachten. Er empfing mich sehr höflich, erklärte mir jedoch, ich müsse dem Wirt die zweihundert Taler ersetzen; denn dieser würde niemals diesen falschen Wechsel diskontiert haben, wenn er nicht gesehen hätte, daß der Wechsel von mir überbracht wurde. Ich antwortete ihm, er könne mich als Richter nur verurteilen, wenn er mich als Mitwirkenden an dem Gaunerstreich ansehe. Statt auf meinen berechtigten Einwand zu antworten, wiederholte er mir, ich müsse zahlen.

»Herr Auditor, ich werde nicht bezahlen.«

Er klingelte und machte mir eine Verbeugung. Ich ging hinaus und begab mich nach dem Hause des Bankiers, dem ich meine Unterredung mit dem Auditor erzählte. Er war sehr erstaunt darüber und begab sich auf meine Bitte zu dem Herrn, um ihm Vernunft beizubringen. Beim Abschied sagte ich ihm, ich würde bei Gama speisen.

Ich erzählte dem Abbé, was mir zugestoßen war; er erhob ein großes Geschrei darüber und sagte: »Ich sehe voraus, der Auditor wird bei seiner Meinung bleiben; wenn es Herrn Sassi nicht gelingt, ihn davon abzubringen, so rate ich Ihnen, den Marschall Botta von allem in Kenntnis zu setzen.«

»Ich glaube nicht, daß dies notwendig ist, denn schließlich kann der Auditor mich nicht zum Zahlen zwingen.«

»Er kann Ihnen noch Schlimmeres antun.«

»Nun, was kann er denn tun?«

»Er kann Sie ausweisen.«

»Wenn er diese Macht besitzt, so werde ich allerdings erstaunt sein, falls er unter solchen Umständen davon Gebrauch zu machen wagen sollte; aber lieber werde ich abreisen, als daß ich zahle. Gehen wir zum Marschall!«

Es war vier Uhr, als wir in das Haus des Marschalls kamen, und wir fanden bei ihm den Bankier, der ihm bereits alles mitgeteilt hatte.

»Zu meiner großen Beschämung muß ich Ihnen mitteilen,« sagte Herr Sassi zu mir, »daß der Auditor keine Vernunft annehmen will; wenn Sie in Florenz bleiben wollen, müssen Sie zahlen.«

»Ich werde abreisen, sobald ich Befehl dazu erhalte; sobald ich in einer anderen Stadt bin, werde ich die Geschichte dieser schreienden Ungerechtigkeit drucken lassen.«

»Der Urteilsspruch ist entsetzlich; er ist geradezu unglaublich!« rief der Marschall; »es tut mir wirklich leid, mich in diese Sache nicht einmischen zu können.« Nach einer kurzen Weile fuhr er fort: »Sie haben vollkommen recht, mein Herr, wenn Sie lieber abreisen als bezahlen.«

Am anderen Morgen in aller Frühe brachte ein Polizeigefreiter mir einen Brief von dem Auditor; der parteiische Beamte teilte mir darin mit, da meine Angelegenheit nicht der Art sei, daß er mich zwingen könne, den Wechsel zu bezahlen, so sehe er sich gezwungen, mir anzuzeigen, daß ich Florenz in drei Tagen und Toskana in fünf zu verlassen hätte. Er gebe mir diesen Befehl kraft seines Amtes, das ihm zur Pflicht mache, die Staatspolizei zu überwachen; ich könne jedoch zurückkehren, sobald Seine Kaiserliche Hoheit der Großherzog, an den ich gegen das Urteil appellieren könne, seinen Spruch verworfen habe.

Ich nahm ein Blatt Papier und schrieb darauf: »Ihr Befehl ist ungerecht, aber er wird buchstäblich ausgeführt werden.«

Im selben Augenblick gab ich meine Befehle, um meine Koffer zu packen und alles für die Abreise zurecht zu machen. Die drei Tage der Gnadenfrist verbrachte ich bei Teresa; den dummen Brief des Auditors hatte ich immer bei mir in der Tasche. Ich besuchte auch den liebenswürdigen Ritter Man und verabredete mit der Corticelli, sie während der Fastenzeit abzuholen und einige Zeit mit ihr in Bologna zu verbringen. Abbate Gama wich mir während dieser drei Tage nicht von der Seite und zeigte sich als mein wahrer Freund. Es war überhaupt eine Art Triumph für mich, denn überall wurde ich bedauert, wurde der Auditor verwünscht. Der Marschall Botta schien mir seine volle Billigung aussprechen zu wollen, indem er mir zu Ehren am vorletzten Tage vor meiner Abreise ein prachtvolles Diner von dreißig Gedecken gab; ich traf bei dieser Gelegenheit die vornehmste Gesellschaft von Florenz. Es war eine zarte Aufmerksamkeit, die meinem Herzen sehr wohl tat. Den letzten Tag weihte ich meiner teuren Teresa, doch konnte ich leider keinen günstigen Augenblick finden, um sie um einen letzten Trost zu bitten, den sie mir unter den Umständen nicht verweigert haben und der mir noch jetzt eine liebe Erinnerung sein würde. Wir versprachen einander sehr oft zu schreiben und küßten uns zum Abschied mit einer Glut, daß dem Gatten wohl unbehaglich dabei werden mochte.

Am nächsten Tage reiste ich ab; sechsunddreißig Stunden später war ich in Rom.

Es war gerade Mitternacht, als ich durch die Porta del Popolo fuhr; denn man kann zu jeder Stunde in die Ewige Stadt hinein. Man führte mich sofort nach der Zollwache, die immer geöffnet ist, und durchsuchte meine Koffer. Streng ist man nur in bezug auf Bücher, wie wenn man den Einfluß der Aufklärung fürchtete. Ich besaß etwa dreißig Bände, die sich alle mehr oder weniger gegen die Religion oder die päpstliche Lehre oder gegen die von dieser gelehrten Tugenden richteten. Ich wußte dies und hatte mich bereits darauf gefaßt gemacht, sie zu opfern, ohne einen Widerstand zu versuchen; denn ich hatte Ruhe nötig. Der durchsuchende Beamte sagte mir jedoch sehr höflich, ich möchte sie zählen und ihm dalassen; er würde sie mir schon am nächsten Morgen in den Gasthof bringen, wo ich abstiege. Ich tat dies, und er hielt sein Wort; er war sehr zufrieden, als er zwei Zechinen sah, die ich ihm als Belohnung reichte.

Ich stieg in der Stadt Paris an der Piazza di Spagna ab; dies war der beste Gasthof in Rom. Alle Leute lagen im Schlaf; als man mir endlich geöffnet hatte, bat man mich, in ein Zimmer im Erdgeschoß einzutreten und dort zu warten, bis man in dem für mich bestimmten Zimmer Feuer gemacht hätte. Auf allen Stühlen lagen Röcke, Unterröcke oder Hemden; während ich nach einem freien Platz suchte, hörte ich eine weibliche Stimme sagen, ich möchte mich auf das Bett setzen. Ich trat heran und sah einen lachenden Mund und zwei schwarze Augen, die wie zwei Karfunkel glänzten.

»Was für schöne Augen!« sagte ich zu ihr; »erlauben Sie mir, sie zu küssen.«

Anstatt zu antworten, verbarg sie ihren Kopf unter der Decke; sofort glitt meine unbescheidene Hand unter die Decke und berührte den Mittelpunkt; da ich sie jedoch völlig nackt fand, zog ich meine Hand zurück und bat sie wegen meiner Kühnheit um Entschuldigung. Sie machte ihren Kopf frei, und ich glaubte in ihren Blicken Dankbarkeit und Freude über meine Mäßigung zu lesen.

»Wer sind Sie, mein schöner Engel?«

»Ich bin Teresa, die Tochter des Wirtes, und dies hier ist meine Schwester.«

Es lag noch ein anderes junges Mädchen neben ihr, aber ich hatte dieses nicht bemerkt, weil es den Kopf in die Kissen vergraben hatte.

»Wie alt sind Sie?«

»Bald siebzehn.«

»Ich freue mich darauf, Sie morgen früh in meinem Zimmer zu sehen.«

»Haben Sie Damen?«

»Nein.«

»Schade; wir gehen niemals zu Herren.«

»Schieben Sie doch die Decke etwas weiter hinunter; sie hindert Sie ja am Sprechen.«

»Es ist zu kalt.«

»Reizende Teresa, Ihre schönen Augen entflammen mich!«

Als sie bei diesen Worten ihren Kopf wieder zudeckte, wurde ich kühn und überzeugte mich, daß sie ein wahrer Engel zum Anbeißen war. Nach einigen etwas lebhaften Liebkosungen zog ich meine Hand zurück, indem ich fortwährend wegen meiner Kühnheit um Verzeihung bat; als sie die Decke wieder zurückgeschoben hatte, las ich in ihren Augen mehr Glück als Zorn, und ich faßte die Hoffnung, daß sie mir noch andere Gefälligkeiten gewähren würde. Ich wollte von neuem beginnen, denn ich stand in Flammen; in diesem Augenblick kam jedoch eine sehr schöne Magd und sagte mir, mein Zimmer sei bereit und das Feuer angezündet. »Leben Sie wohl! Auf Wiedersehen morgen!« sagte ich zu Teresa; sie antwortete mir nicht, sondern drehte sich um und schlief weiter.

Nachdem ich mein Mittagessen auf ein Uhr bestellt hatte, ging ich zu Bett und schlief bis Mittag, von Teresa träumend. Als ich erwachte, meldete Costa mir, er habe das Haus meines Bruders ausfindig gemacht und meinen Brief dagelassen. Es war mein Bruder Giovanni Casanova, der damals etwa dreißig Jahre alt sein mochte und ein Schüler des berühmten Raphael Mengs war. Der Künstler hatte damals seine Pension verloren, weil der König von Polen wegen des Krieges in Warschau leben mußte; denn die Preußen hielten das ganze Kurfürstentum Sachsen besetzt. Ich hatte meinen Bruder seit zehn Jahren nicht gesehen und freute mich auf das Wiedersehen. Ich saß bei Tisch, als er kam, und wir umarmten uns mit herzlicher Freude. Nachdem wir eine Stunde lang uns unsere Abenteuer erzählt hatten, er seine kleinen und ich meine großen, sagte er mir, ich solle nicht im Gasthof bleiben, wo das Leben so teuer sei, sondern solle beim Ritter Mengs mich einquartieren; dieser habe eine leerstehende Wohnung, für die ich gar nichts zu bezahlen brauche. Außerdem wohne im Hause ein Garkoch, bei dem man sehr gut esse.

»Lieber Freund,« antwortete ich ihm, »deine Ratschläge sind ausgezeichnet; aber ich habe nicht den Mut, sie zu befolgen, denn ich bin in die Wirtstochter verliebt.« Hierauf erzählte ich ihm die Geschichte der vorigen Nacht.

»Das ist nur eine Liebelei!« rief er lachend. »Du kannst sie fortsetzen ohne hier zu wohnen.«

Ich ließ mich überreden und versprach ihm, schon am nächsten Tage zu ihm zu ziehen; hierauf gingen wir aus, um uns Rom anzusehen.

Ich hatte viele Erinnerungen mitgenommen, als ich die Stadt verließ, und ich wünschte sehnlichst die Bekanntschaft mit den meisten Personen zu erneuern, die in dem glücklichen Alter der Jugend meine Teilnahme erregt hatten, wo die Eindrücke so dauerhaft sind, weil mehr das Herz sie empfängt als der Geist; aber ich mußte auf viele Enttäuschungen gefaßt sein, denn zwischen meiner Abreise und meiner Rückkehr war eine lange Zeit verflossen.

Ich eilte nach der Minerva, um Donna Cecilia aufzusuchen; sie weilte nicht mehr unter den Lebenden. Ich erkundigte mich nach der Wohnung ihrer Tochter Angelica und suchte diese auf; aber sie empfing mich schlecht und sagte, sie erinnere sich kaum noch, mich gekannt zu haben.

»Als ich Sie sah,« antwortete ich ihr, »ging es mir beinahe wie Ihnen; denn Sie sind nicht mehr die Angelica von ehedem. Leben Sie wohl, Signora!«

Die Jahre hatten eine Macht auf ihr Gesicht ausgeübt, die nicht zu ihrem Vorteil war.

Nachdem ich erfahren hatte, wo der Sohn des Buchdruckers wohnte, der Barbaruccia geheiratet hatte, sparte ich mir das Vergnügen, sie zu sehen, für einen anderen Tag auf; ebenso auch das Wiedersehen mit dem ehrwürdigen Pater Georgi, der in Rom in hohem Ansehen stand. Gasparo Vivaldi hatte sich auf das Land zurückgezogen.

Mein Bruder führte mich zu Signora Cherubini. Ich fand ein Haus von großem Ton, dessen Dame mich nach römischer Art empfing. Ich fand sie anziehend, und ihre Tochter noch mehr; aber es kam mir vor, als ob die Anbeter aller Art zu zahlreich seien. Überall herrschte ein Scheinluxus, der auf mich einen unangenehmen Eindruck machte; die Töchter, von denen die eine bildschön war, schienen mir zu höflich gegen alle Anwesenden zu sein. Man richtete eine interessante Frage an mich, auf die ich so antwortete, daß man eine zweite Frage hätte stellen müssen; ich sah mich in meiner Erwartung getäuscht, doch machte ich mir nicht viel daraus. Ich bemerkte, daß die Stellung der Person, die mich vorgestellt hatte, einen falschen Begriff von meiner Bedeutung gab. Als ich nun einen Abbate sagen hörte: »Es ist Casanovas Bruder«, wendete ich mich zu ihm mit den Worten: »Der Ausdruck ist nicht richtig; Sie hätten sagen müssen, Casanova sei mein Bruder.«

»Das kommt auf dasselbe hinaus.«

»Durchaus nicht, Herr Abbate.«

Der Ton, worin ich diese Worte sprach, erregte Aufmerksamkeit, und ein anderer Abbate sagte: »Der Herr hat vollkommen recht; es kommt nicht auf dasselbe hinaus.«

Der erste Abbate antwortete nicht. Derjenige, der meine Partei ergriffen hatte und mit dem ich mich von diesem Augenblick an befreundete, war der berühmte Winkelmann, der zwölf Jahre später so unglücklich in Triest ermordet wurde.

Wählend ich mich mit ihm unterhielt, trat der Kardinal Alessandro Albani ein. Winkelmann stellte mich dieser fast blinden Eminenz vor; sie sprach viel mit mir, sagte mir aber nichts, was der Mühe wert gewesen wäre. Als er erfuhr, daß ich der Casanova sei, der aus den Bleikammern entflohen war, beging er die Dummheit, mir in einem wenig höflichen Ton zu sagen, er wäre erstaunt, daß ich die Kühnheit besäße, nach Rom zu kommen, wo auf Veranlassung der Venetianischen Staats-Inquisitoren ein Ordine Santissimo mich sofort zur Abreise nötigen würde. Ärgerlich über diese unpassende Bemerkung, antwortete ich ihm in würdevollem Ton: »Aus meinem Erscheinen in Rom dürfen Eure Eminenz nicht auf meine Kühnheit schließen, denn ich habe ja nichts zu befürchten; wohl aber würde ein Mensch von gesunder Vernunft über die Kühnheit der Inquisitoren erstaunt sein, wenn sie sich so weit vergessen sollten, einen Ordine Santissimo gegen mich zu beantragen; denn sie würden in großer Verlegenheit sein, wenn sie sagen sollten, wegen welchen Verbrechens sie mich niederträchtigerweise meiner Freiheit beraubt haben.«

Diese etwas derbe Antwort brachte die Eminenz zum Schweigen. Er schämte sich, mich für einen Dummkopf gehalten zu haben und zu sehen, daß ich ihm den Dummkopf zurückgab. Wenige Augenblicke darauf verließ ich das Haus, das ich nicht wieder betreten habe.

Abbate Winkelmann ging mit mir und meinem Bruder; er begleitete mich nach meinem Gasthof und erwies mir die Ehre, zum Abendessen zu bleiben. Winkelmann war der zweite Band des berühmten Abbé de Voisenon. Am nächsten Morgen holte er mich ab, und wir gingen in die Villa Albani, um den Ritter Mengs aufzusuchen, der damals dort wohnte, um ein Deckengemälde zu verfertigen.

Mein Wirt Roland, der meinen Bruder kannte, machte mir eincn Besuch, als wir beim Abendessen saßen. Roland stammte aus Avignon und war ein Lebemann. Ich sagte ihm, ich müßte zu meinem Bedauern sein Haus verlassen und bei meinem Bruder wohnen, weil ich mich in seine Tochter Teresa verliebt hätte, obgleich ich mit ihr nur wenige Minuten gesprochen und weiter nichts als ihren Kopf gesehen hätte.

»Ich wette. Sie haben sie im Bett gesehen.«

»Ganz recht, und ich habe große Lust, ihre ganze Figur zu sehen. Wollen Sie sie in allen Ehren einen Augenblick kommen lassen?«

»Recht gern!«

Sie kam herauf, sehr erfreut, von ihrem Vater gerufen worden zu sein. Sie hatte eine schlanke und elegante Figur; ihre Karfunkelaugen waren stets der schönsten Wirkung sicher; ihre Gesichtszüge waren schön, ihr Mund außerordentlich anmutig. Im ganzen jedoch zerstörte sie den Eindruck, den sie in dem Halbdunkel auf mich hervorgebracht hatte, worin der Zufall sie meinen Augen zum erstenmal dargeboten hatte. Dagegen warf mein armer Bruder sein Auge auf sie und wurde ihr Sklave. Er heiratete sie im nächsten Jahr und nahm sie zwei Jahre später mit sich nach Dresden. Dort sah ich sie fünf Jahre später mit einem hübschen Püppchen; aber nach einer zehnjährigen Ehe starb sie an der Schwindsucht.

Ich fand Mengs in der Villa Albani; er war in seiner Kunst unermüdlich und ein großes Original in seinem Beruf. Er nahm mich freundlich auf und sagte mir, er sei glücklich, mich in Rom in seiner Wohnung aufnehmen zu können; er hoffe in wenigen Tagen mit seiner ganzen Familie nach der Stadt zurückkehren zu können. Die Villa Albani setzte mich in Erstaunen. Kardinal Alessandro hatte dieses Haus erbauen lassen und hatte dazu, um seinen Geschmack an Altertümern zu befriedigen, nur antikes Material verwandt; denn nicht nur Statuen und Vasen, sondern auch Säulen und Piedestale waren griechisch – mit einem Wort, alles war griechisch. Er war selber ein feiner Grieche und ausgezeichneter Kenner und soll für dieses Meisterwerk, das seine Kunst geschaffen hat, verhältnismäßig sehr wenig Geld ausgegeben haben, übrigens kaufte er sehr häufig auf Kredit wie Damasippus, und so konnte man nicht sagen, daß er sich zugrunde richtete. Hätte ein Monarch diese Villa bauen lassen, so würde sie ihm fünfzig Millionen gekostet haben; aber der Kardinal wußte es viel billiger einzurichten. Da er sich keine antiken Wand- und Deckengemälde verschaffen konnte, mußte er sie sich wohl malen lassen, und Mengs war unbestritten der größte Maler und fleißigste Mensch seines Zeitalters. Es ist sehr bedauerlich, daß der Tod ihn mitten aus seiner Laufbahn hinweggerissen hat, denn er würde seiner Kunst noch eine Menge schöner Werke geschenkt haben. Mein Bruder hat niemals etwas hervorgebracht, um den Namen eines Schülers dieses großen Künstlers zu rechtfertigen. Wenn ich wieder zu meinen Erlebnissen in Spanien im Jahre siebzehnhundertundsechzig komme, werde ich mich ausführlich mit Mengs beschäftigen.

Sobald ich mich bei meinem Bruder eingerichtet hatte, nahm ich einen Wagen, einen Kutscher und einen Bedienten, die ich in eine Phantasielivree kleiden ließ. Dann stellte ich mich dem Auditore della Ruota, Monsignore Cornaro, vor, um durch ihn Eingang in die hohe Gesellschaft zu finden. Er fürchtete jedoch sich in seiner Eigenschaft als Venetianer bloßzustellen und stellte mich dem Kardinal Passionei vor, der mit dem erhabenen Pontifex über mich sprach. Bevor ich jedoch hierüber berichte, muß ich meinen Lesern erzählen, was mir begegnete, als ich bei diesem seltsamen Kardinal, der ein großer Feind der Jesuiten, ein geistvoller Mann und ein ausgezeichneter Kenner der Literatur war, meinen zweiten Besuch machte.

Viertes Kapitel


Meine Abreise von Grenoble. – Avignon. – Der Quell von Vaucluse. – Die falsche Astraudy und die Bucklige. – Gaetano Costa. – Meine Ankunft in Marseille.

Während die drei Mädchen des Hausmeisters meinem Leduc beim Kofferpacken halfen, kam der Wirt herein und übergab mir seine Rechnung. Ich fand diese angemessen und bezahlte sie, worauf er mir seine Freude äußerte, daß ich sein Haus beehrt hätte. Ich sprach ihm hierauf meine Zufriedenheit aus, wie es sich gehörte, worüber er sich sehr zu freuen schien. Dann sagte ich: »Mein Herr, ich werde Ihr Haus nicht verlassen, ohne mir das Vergnügen zu machen, mit Ihren liebenswürdigen Fräuleins zusammen zu speisen, denn ich möchte ihnen zeigen, wie sehr ich die sorgsame Aufwartung zu schätzen weiß, die sie mir während meines Verweilens haben angedeihen lassen. Bereiten Sie mir also bitte eine leckere Mahlzeit für vier Personen und lassen Sie auch Postpferde bestellen, damit ich mit Einbruch der Nacht abreisen kann.«

»Mein Herr,« sagte hierauf Leduc zu mir, »ich bitte Sie zugleich für mich ein Sattelpferd zu bestellen, denn ich bin nicht der Mann, hinter dem Wagen aufzusteigen.«

Die Base lachte ihm wegen dieser Prahlerei ins Gesicht, und der Schlingel sagte zu ihr, um sich dafür zu rächen, er sei etwas ganz anderes als sie.

»Gleichwohl, Herr Leduc, werden Sie sie bei Tisch bedienen.«

»Ja, wie sie Sie im Bett bedient.«

Ich lief nach meinem Rohrstock; aber der Bursche, der ganz gut wußte, was ihm bevorstand, hüpfte auf die Fensterbank und sprang in den Hof hinunter. Die Mädchen und der Hausmeister schrien vor Entsetzen laut auf; als wir aber an das Fenster traten, sahen wir ihn unten tausend Affensprünge machen.

Ich freute mich, daß er kein Glied gebrochen hatte, und rief ihm zu: »Komm herauf, ich verzeihe dir.«

Die jungen Mädchen sprachen mir ihre große Freude darüber aus, desgleichen auch ihr braver Vater, der sich nicht so leicht einen Floh ins Ohr setzen ließ. Leduc kam freudestrahlend wieder herauf und sagte: »Ich hätte nicht geglaubt, daß ich so gut springen könnte.«

»Das ist ganz schön und gut, aber ein anderes Mal sei weniger unverschämt. Da, nimm diese Uhr!«

Es war eine sehr schöne goldene Uhr; er nahm sie und sagte: »Für eine zweite solche würde ich gleich nochmal springen.«

So war dieser Spanier, den ich zwei Jahre später fortjagen mußte, was mir seither oft leid getan hat.

Bei Tisch suchte ich vergeblich die drei jungen Mädchen berauscht zu machen, und die Stunden verflossen so schnell, daß ich beschloß, erst am nächsten Tage abzureisen. Ich war der Geheimtuerei müde und wollte sie alle zusammen besitzen; da schien mir denn die Nacht sehr geeignet zu sein, eine solche Orgie ins Werk zu setzen. Ich sagte ihnen, wenn sie die ganze Nacht auf meinem Zimmer verbringen wollten, würde ich erst am nächsten Tage abreisen. Sie schrien darüber laut auf und lachten über meine Bemerkung, wie wenn sie ein Scherz wäre, der sich unmöglich verwirklichen ließe; ich aber neckte sie, um sie noch mehr aufzureizen. Während wir darüber sprachen, kam der Hausmeister herein und riet mir, doch lieber nicht nachts zu reisen, sondern auf einem bequemen Schiff, auf welchem ich auch meinen Wagen unterbringen könnte, bis Avignon zu fahren. Ich würde dadurch Unbequemlichkeiten und Geld sparen.

»Mir soll es recht sein, vorausgesetzt, daß die Fräuleins sich bereit erklären, mir die ganze Nacht Gesellschaft zu leisten; denn ich habe beschlossen, nicht zu Bett zu gehen.«

»Meiner Seel!« antwortete er lachend, »das ist ihre Sache.«

Dies gab den Ausschlag; sie erklärten sich einverstanden, der Hausmeister schickte einen Boten fort, um das Schiff zu bestellen, und versprach mir ein leckeres Abendessen für Mitternacht.

Die Stunden bis zum Souper vergingen unter fröhlichen Scherzen, und bei Tisch ließ ich die Champagnerpfropfen knallen, so daß die Schönen ein bißchen angeheitert wurden. Ich war selber ein wenig erhitzt, und da ich das kleine Geheimnis einer jeden von ihnen besaß, war ich so kühn, ihnen zu sagen, ihre Bedenken seien lächerlich, da ja eine jede bereits mir die letzte Gunst bewilligt hätte.

Sie sahen einander mit einer Art von Erstaunen an, wie wenn sie über meine Worte entrüstet wären. Da ich mir dachte, daß der weibliche Stolz sie vielleicht veranlassen könne, meine Worte für Verleumdung zu erklären, so hielt ich es für besser, ihnen keine Zeit dafür zu lassen: ich zog daher Manon auf meinen Schoß und umarmte sie mit solchem Feuer, daß sie ihre Niederlage zugab und sich meiner Glut überließ. Durch dieses Beispiel besiegt, machten die beiden anderen es wie sie, und fünf Stunden lang schwelgten wir in allen Genüssen der Sinnenlust. Schließlich wurden wir der Ruhe bedürftig, und ich hätte gern etwas geschlafen; aber ich hatte fest beschlossen, abzureisen. Ich wollte ihnen Schmucksachen schenken, aber sie sagten mir, es wäre ihnen lieber, wenn ich für dreißig Louis Handschuhe bei ihnen bestellte. Ich bezahlte es ihnen im voraus und habe natürlich niemals die Handschuhe gefordert.

Auf dem Schiff schlief ich ein und wachte erst in Avignon auf. Man führte mich in den Gasthof zum »Heiligen Homer«, und ich speiste auf meinem Zimmer zu Abend, obwohl Leduc mir von einer jungen Schönheit, die an der Gasttafel speiste, wahre Wunderdinge erzählte. Am nächsten Tage sagte mein Spanier mir, die Schönheit wohne mit ihrem Gatten in dem Zimmer neben dem meinigen. Zugleich gab er mir den Theaterzettel, und ich sah, daß die Vorstellung von einer Abteilung der Pariser Truppe gegeben wurde und daß Fräulein Astraudy singen und tanzen sollte. Ich stieß einen Schrei des Erstaunens aus: wie kann die reizende Astraudy, die berühmte Sünderin, in Avignon sein? Sie wird sich sehr wundern, mich hier zu sehen!

Da ich durchaus keine Lust hatte, als Einsiedler zu leben, so ging ich in den Speisesaal, um mit der ganzen Gesellschaft zu essen; ich fand etwa zwanzig Personen an einem Tische, der derartig reich besetzt war, daß es mir unmöglich schien, der Wirt könne ein solches Essen für vierzig Sous liefern. Die hübsche Fremde erregte die allgemeine Aufmerksamkeit und fesselte auch insbesondere die meinige. Sie war eine vollendete Schönheit, sehr jung, sprach niemals ein Wort, sah beständig auf ihren Teller und gab auf alle Fragen nur einsilbige Antworten, wobei sie zwei blaue Augen von einer schwer zu beschreibenden Schönheit über den Fragenden dahingleiten ließ. Ihr Gemahl saß am anderen Ende des Tisches. Er hatte eines jener gemeinen Gesichter, die beim ersten Anblick Verachtung einflößen. Er war jung und pockennarbig, ein Leckermaul und Schwätzer, lachte und schwatzte Unsinn über alles Mögliche und machte mir in jeder Beziehung den Eindruck eines verkleideten Bedienten. Da ich überzeugt war, daß ein solcher Mensch nicht nein sagen könnte, so schickte ich ihm ein Glas Champagner, das er sofort auf meine Gesundheit austrank.

»Erlauben Sie mir, der gnädigen Frau ebenfalls eins anzubieten?«

Er antwortete mir mit lautem Lachen, ich möchte mich an sie selber wenden; die Dame neigte leise den Kopf und sagte mir, sie trinke niemals Champagner. Beim Nachtisch stand sie auf, und ihr Mann folgte ihr auf ihr Zimmer. Ein Fremder, der sie wie ich zum erstenmal sah, fragte mich, wer sie sei. Als ich ihm antwortete, ich sei erst eben angekommen, berichtete ein anderer uns, ihr Mann lasse sich Chevalier Stuard nennen; er komme von Lyon, sei auf der Reise nach Marseille und halte sich seit acht Tagen in Avignon auf; er habe keine Dienerschaft und nur sehr schmales Gepäck.

Da ich mich in Avignon nur so lange Zeit hatte aufhalten wollen, um die Quelle von Vaucluse, die sogenannte Kaskade, zu besuchen, hatte ich nicht daran gedacht, mich mit Empfehlungsbriefen zu versehen; ich konnte also nicht daran denken, Bekanntschaften zu machen und dadurch einen Vorwand zu gewinnen, wegen der schönen Augen der Fremden noch zu bleiben. Aber ein Italiener, der den göttlichen Petrarca gelesen hat und verehrt, muß den Wunsch hegen, die Stellen kennen zu lernen, die er durch seine Liebe zur schönen Laura de Sade berühmt gemacht hat.

Ich ging ins Theater und sah dort den Vizelegaten Salviati, eine Anzahl weder schöner noch häßlicher Damen von Stande und eine elende Oper; aber ich entdeckte weder die Astraudy noch einen einzigen Künstler von der Italienischen Gesellschaft in Paris.

»Wo ist denn die berühmte Astraudy?« fragte ich nach Schluß der Vorstellung einen jungen Mann, der neben mir saß, »ich habe sie gar nicht gesehen.«

»Ich bitte um Verzeihung, sie hat vor Ihnen gesungen und getanzt.«

»Alle Wetter, das ist unmöglich! Ich kenne sie ziemlich genau, und wenn sie, was aber doch unmöglich ist, sich so verändert hätte, daß sie nicht mehr zu erkennen wäre, so wäre sie ja nicht mehr die Astraudy.«

Ich ging hinaus. Zwei Minuten darauf holte der junge Mann mich ein und bat mich, ich möchte doch umkehren; er werde mich in die Loge der Astraudy führen, die mich erkannt habe. Ich folgte ihm, ohne ein Wort zu sagen, und sah mich plötzlich einem häßlichen Mädchen gegenüber. Sie fiel mir um den Hals und nannte mich bei meinem Namen, aber ich konnte darauf schwören, sie niemals gesehen zu haben. Sie ließ mir jedoch keine Zeit, ihr dies zu sagen. Ganz in der Nähe bemerkte ich einen Mann, der für den Vater der schönen Astraudy galt, die ganz Paris kannte und die den Grafen Egmont, einen der liebenswürdigsten Kavaliere vom Hofe Ludwigs des Fünfzehnten, ins Grab gebracht hatte. Mir fiel ein, daß die Häßliche vielleicht ihre Schwester sein könnte; daher setzte ich mich und machte ihr ein Kompliment über ihre Talente. Sie bat mich um Erlaubnis, ihr Theaterkostüm ablegen zu dürfen, und entkleidete sich unter beständigem Lachen und Hin- und Herlaufen mit einer Großmut, die sie vielleicht nicht bewiesen haben würde, wenn das, was sie zeigte, des Sehens wert gewesen wäre.

Ich lachte innerlich über diese Manöver, denn so, wie ich eben von Grenoble kam, wäre es ihr sehr schwer geworden, mich in Versuchung zu führen, wenn sie auch ebenso schön gewesen wäre, wie sie häßlich war. Ihre Magerkeit und braune Haut waren wenig geeignet, mich über ihr abstoßendes Gesicht hinwegsehen zu lassen. Ich bewunderte das Vertrauen, das sie in ihre Reize setzte, denn sie mußte mir einen geradezu teufelsmäßigen Appetit zutrauen; aber derartige Geschöpfe finden oft in der Raffiniertheit der Verderbnis Hilfsmittel, die sie vom Zartgefühl nicht erwarten dürften. Sie beschwor mich, bei ihr zu Abend zu essen, und da sie auf dieser Einladung bestand, mußte ich auf eine Weise ablehnen, die ich mir gegen eine andere Frau nicht gestattet haben würde. Hierauf bat sie mich, ich möchte ihr für die nächste Vorstellung, die ihr Benefiz wäre, vier Karten abkaufen.

Da ich sah, daß die ganze Geschichte nur zwölf Franken ausmachte, freute ich mich, so billigen Kaufs davonzukommen, und bat sie, mit sechzehn Karten zu geben. Ich glaubte, sie würde vor Freude verrückt werden, als ich ihr einen doppelten Louisdor gab. Das war nicht die echte Astraudy. Ich kehrte in meinen Gasthof zurück und aß auf meinem Zimmer köstlich zu Abend.

Als Leduc mir für die Nacht das Haar zurecht machte, erzählte er mir, vor dem Abendessen habe der Wirt die schöne Fremde aufgesucht und ihr in Gegenwart ihres Mannes in dürren Worten gesagt, er verlange durchaus Bezahlung am nächsten Morgen, sonst bekämen sie nichts mehr zu essen, sie hätten den Gasthof zu verlassen und er würde ihr Gepäck nicht herausgeben.

»Wer hat dir das gesagt?«

»Ich habe es von hier aus gehört; denn ihr Zimmer ist nur durch eine Bretterwand von dem Ihrigen getrennt. Ich bin überzeugt, wenn sie drinnen wäre, würde sie alles hören, was wir sprechen.«

»Wo sind sie?«

»Bei Tisch. Sie essen gleich für morgen. Aber die Dame weint. Die Aktien stehen gut für Sie, gnädiger Herr.«

»Halte den Mund! Ich werde mich nicht hineinmischen. Das Weib ist ein Lockvogel; denn eine ehrenwerte Frau würde lieber Hungers sterben, als so an einer Wirtshaustafel weinen.«

»Ach! Wenn Sie nur sähen, wie sehr diese Tränen sie verschönen! Ich bin nur ein armer Teufel, aber ich würde ihr gern zwei Louis geben, wenn sie sie sich verdienen wollte.«

»Biete sie ihr doch an!«

Gleich darauf traten der Mann und seine Dame in ihr Zimmer. Ich hörte sie weinen und ihn laut und zornig sprechen; da er jedoch wallonisch sprach, konnte ich nicht verstehen, was er sagte.

»Geh zu Bett,« sagte ich zu Leduc, »und sage dem Wirt, ich wünsche morgen ein anderes Zimmer zu erhalten, denn eine Scheidewand biete zu geringen Widerstand für Leute, die vor Verzweiflung außer sich sind.«

Ich ging zu Bett; das Weinen und leise Sprechen nahmen erst nach Mitternacht ein Ende.

Am anderen Morgen rasierte ich mich, als Leduc hereinkam und den Chevalier Stuard meldete.

»Sag ihm, ich kenne niemanden dieses Namens.«

Er richtete seinen Auftrag aus und kam sofort wieder herein und sagte mir, der Chevalier habe auf meine Weigerung hin wütend mit dem Fuße gestampft und nach der Decke gesehen; hierauf sei er in sein Zimmer gegangen und gleich darauf mit dem Degen an der Seite wieder herausgekommen.

»Ich werde doch für alle Fälle gleich nachsehen,« fuhr er fort, »ob die Zündhütchen auf Ihren Pistolen in Ordnung sind.«

Ich mußte lachen, bewunderte aber nichtsdestoweniger die Vorsicht meines Spaniers, denn ein verzweifelter Mensch ist zu allem fähig. Ich schickte ihn zum Wirt und ließ ihn dringend bitten, mir sofort ein anderes Zimmer zu geben. Dieser kam persönlich, um mir zu sagen, er könne meinen Wunsch erst am nächsten Tage erfüllen.

»Wenn ich kein anderes Zimmer bekomme, verlasse ich sofort Ihren Gasthof; denn ich liebe es nicht, die ganze Nacht Weinen und Zanken zu hören.«

»Hören Sie es denn, mein Herr?«

»Aber Sie können es ja in diesem selben Augenblick selber hören! Sagen Sie mir doch: ist das erheiternd? Die Frau wird sich das Leben nehmen, und daran sind Sie schuld. «

»Ich, mein Herr? Ich habe weiter nichts getan, als daß ich verlangte, was mir zukommt.«

»Hören Sie nur den Mann, ich bin überzeugt, er sagt in seinem Kauderwelsch der Frau, daß Sie ein Ungeheuer sind.«

»Er mag sagen, was er will, wenn er mich nur bezahlt!«

»Sie haben sie zum Hungertode verurteilt. Wieviel sind sie Ihnen schuldig?«

«Fünfzig Franken.«

»Und Sie schämen sich nicht, um einen solchen Bettel so viel Lärm zu machen?«

»Mein Herr, schämen würde ich mich nur, wenn ich wirklich unrecht hätte; und dies ist nicht der Fall, wenn ich verlange, was man mir schuldig ist.«

»Da haben Sie Ihr Geld. Sagen Sie den Leuten, die Rechnung sei bezahlt und sie könnten weiter essen; aber sagen Sie ihnen auf keinen Fall, wer sie bezahlt hat.«

»Sie haben ein gutes Werk getan!« sagte der Flegel, und mit diesen Worten ging er hinaus. Er trat sofort bei ihnen ein und sagte: »Sie sind mir nichts mehr schuldig; aber Sie werden niemals erfahren, wer für Sie bezahlt hat. Es steht Ihnen frei, unten zu Mittag und zu Abend zu essen; aber Sie werden Tag für Tag bezahlen!«

Nachdem er mit lauter Stimme diesen Monolog hergesagt hatte, so daß ich jedes Wort hören konnte, wie wenn ich im Zimmer gewesen wäre, trat er bei mir ein. Ich stieß ihn hinaus: »Dummes Vieh! Sie wissen alles.«

Mit diesen Worten schloß ich die Tür.

Leduc stand vor mir und sah mich mit einem ganz blödsinnigen Gesicht an.

»Was hast du denn, Dummkopf?« fragte ich ihn.

»Das ist schön. Ich begreife. Ich will Schauspieler werden. Sie machen Ihre Sache nicht schlecht.«

»Du bist ein Esel.«

»Kein so großer, wie Sie glauben.«

»Ich will einen Spaziergang machen. Hüte dich, das Zimmer einen Augenblick zu verlassen.«

Kaum war ich draußen, so redete der Chevalier mich an; seine Danksagungen nahmen gar kein Ende. Ich antwortete ihm: »Mein Herr, ich weiß nicht, wovon Sie reden.« Hierauf ließ er mich in Ruhe, nachdem er mir noch einmal gedankt hatte. Ich ging an das Rhoneufer und betrachtete mit Vergnügen die alte Brücke und den Fluß, der nach der Behauptung der Geographen der schnellste in ganz Europa ist. Zum Mittagessen ging ich nach dem Gasthof zurück, wo der Wirt, dem ich gesagt hatte, daß ich sechs Franken für die Mahlzeit bezahlen wollte, mir ein ausgezeichnetes Essen vorsetzte. Ich erinnere mich noch, daß ich dort den besten Hermitagenwein getrunken habe. Ich fand ihn so köstlich, daß ich gar keinen anderen Wein trank. Zu meiner Pilgerfahrt nach Vaucluse bat ich ihn, mir einen guten Cicerone zu besorgen. Nachdem ich Toilette gemacht hatte, ging ich ins Theater.

Ich fand die Astraudy an der Tür, gab ihr die sechzehn Billetts und nahm neben der Loge des Vizelegaten Platz. Dieser, Principe Salviati, kam bald nachher mit einem zahlreichen Gefolge von Damen und Herren, die mit Ordenszeichen und Goldstickereien überdeckt waren.

Der angebliche Vater der falschen Astraudy kam zu mir und sagte mir ins Ohr, seine Tochter bäte mich, ich möchte doch sagen, sie wäre die berühmte Astraudy, die ich in Paris gekannt hätte. Ich antwortete ihm ebenfalls ins Ohr, ich würde mich der Gefahr aussetzen, Lügen gestraft zu werden, indem ich einen Schwindel beglaubigte. Es ist unglaublich, mit welcher Unverfrorenheit ein Gauner einen Ehrenmann auffordert, sich an einer Gaunerei zu beteiligen; ohne Zweifel bildet er sich ein, diesem eine Ehre zu erweisen, indem er ihm sich anvertraut. Nach dem ersten Akt verteilten etwa zwanzig Lakaien in der Livree des Fürsten in den Logen des ersten Ranges Gefrorenes. Ich glaubte ablehnen zu müssen. Ein bildschöner junger Mann trat hierauf mit edlem und leichtem Anstand auf mich zu und fragte mich, warum ich nicht ein Glas Eis angenommen hätte.

»Da ich nicht die Ehre habe, hier bekannt zu sein, so wünschte ich nicht, daß jemand behaupten könnte, einen Unbekannten bewirtet zu haben.«

»Mein Herr, ein Mann wie Sie bedarf keiner Empfehlungen.«

»Sie erweisen mir viel Ehre.«

»Sie wohnen doch im Gasthof zum Heiligen Homer, mein Herr?«

»Ja. Ich habe hier nur haltgemacht, um Vaucluse zu sehen, wohin ich morgen zu fahren gedenke, wenn ich einen guten Cicerone finden kann.«

»Wenn Sie mir gütigst diese Ehre bewilligen wollen, werde ich Ihnen von Herzen gern gefällig sein. Ich heiße Dolci und bin der Sohn des Hauptmanns von der Garde des Vizelegaten.«

»Ich weiß die Ehre, die Sie mir erweisen wollen, wohl zu schätzen und nehme Ihr liebenswürdiges Anerbieten mit Vergnügen an. Ich werde meine Abfahrt bis zu Ihrer Ankunft verschieben.«

»Ich werde um sieben Uhr bei Ihnen sein.«

Ich war ganz erstaunt über die edle Ungezwungenheit dieses Adonis, den man für ein schönes Mädchen hätte halten können, wenn nicht ein gewisser Klang der Stimme den Mann verraten hätte. Ich lachte über die angebliche Astraudy, die ebenso schlecht spielte, wie sie häßlich war und während des ganzen Stückes nicht einen Moment ihre weißen Augen von meinem braunen Gesicht abwandte. Beim Singen sah sie mich lachend an und machte dabei kleine Gebärden des Einverständnisses, durch welche die ganze Versammlung auf mich aufmerksam werden mußte, die ohne Zweifel meinen schlechten Geschmack beklagte. Unter den Künstlerinnen war eine, deren Stimme und Augen mir gefielen, eine Person, wie ich sie nie in meinem Leben gesehen hatte: jung, groß und bucklig. Obwohl sie vorne und hinten einen sehr ausgebildeten Buckel hatte, war sie sehr groß: ohne ihren Körperfehler, durch den sie kleiner geworden war, wäre sie mindestens sechs Fuß hoch gewesen. Ich dachte mir, sie würde außer ihrer sehr schönen Augen und leidlichen Stimme auch Geist haben, den ja fast alle Buckligen besitzen. Ich fand sie mit der häßlichen Astraudy vor der Tür, als ich das Theater verließ. Diese wartete auf mich, um mir ihren Dank zu sagen, die andere suchte Eintrittskarten für ihre Benefizvorstellung unterzubringen.

Nachdem die Astraudy mir gedankt hatte, wandte die Bucklige sich an mich, öffnete lachend ihren Mund, der von einem Ohr zum anderen ging und mindestens vierundzwanzig prachtvolle Zähne sehen ließ, und sprach die Hoffnung aus, ich würde ihr die Ehre erweisen, bei ihrer Benefizvorstellung anwesend zu sein. Ich antwortete ihr, ich würde ihr gerne den Gefallen tun, vorausgesetzt, daß ich nicht vorher abreiste. Bei diesen Worten fing die freche Astraudy an zu lachen und sagte ihrer Freundin in Gegenwart mehrerer Damen, die auf ihren Wagen warteten: sie könne sicher sein, daß ich kommen werde, denn sie werde mich nicht abreisen lassen. »Gib ihm sechzehn Billette!« Ich mochte ihr keine abschlägige Antwort erteilen und gab ihr zwei Louis. Hierauf sagte die Astraudy etwas leiser zu mir: »Nach der Vorstellung werden wir zu Ihnen zum Souper kommen; aber nur unter der Bedingung, daß wir allein sind, denn wir wollen uns betrinken.« Trotz einem gewissen Gefühl des Ekels fand ich doch, daß dieses Zusammensein jedenfalls komisch sein würde, und da ich in der Stadt gänzlich unbekannt war, beschloß ich, in der Hoffnung, daß ich Spaß davon haben würde, auf ihren Plan einzugehen.

Ich saß allein bei Tisch, als Stuard und seine Frau ihr Zimmer betraten. An diesem Abend hörte ich weder Weinen noch Vorwürfe; aber zu meiner großen Überraschung erschien bei Tagesanbruch der Chevalier bei mir und sagte zu mir, wie wenn wir gute Bekannte gewesen wären: er habe gehört, daß ich nach Vaucluse fahre, und er wisse, daß ich einen viersitzigen Wagen habe; wenn ich allein sei, so bitte er mich zu erlauben, daß er und seine Frau, die sehr gerne die Quelle sehen möchte, mitfahren dürften. Ich erklärte mich einverstanden.

Leduc bat mich, zu Pferde mich begleiten zu dürfen, und sagte, er sei ein guter Prophet gewesen. Es schien allerdings klar, daß das Pärchen sich dahin geeinigt hatte, mich für meine Auslagen mit neuen Hoffnungen zu bezahlen. Das Abenteuer mißfiel mir nicht, denn alles war zu meinem Vorteil: ich hatte noch nicht die geringsten Schritte getan, um das zu erlangen, was man allem Anschein nach mir bewilligen wollte.

Dolci kam. Er war schön wie ein Engel. Meine Nachbarn waren bereit; auf dem Wagen befand sich alles Notwendige, um gut zu essen und noch besser zu trinken; so fuhren wir denn ab, die Dame und Dolci auf dem Rücksitz des Wagens, der Chevalier und ich auf dem Vordersitz. Ich hatte geglaubt, das Gesicht der Schönen würde sich aufheitern und ihre Traurigkeit würde einer heiteren Stimmung weichen oder doch wenigstens einem höflichen Eingehen auf unsere Unterhaltung. Aber ich hatte mich getäuscht; denn auf alle meine ernsten oder scherzhaften Bemerkungen antwortete sie nur mit einsilbigen Ausrufen oder mit ganz strengen lakonischen Bemerkungen. Der arme Dolci, der viel Geist hatte, war ganz verblüfft. Er glaubte, an der Traurigkeit der Dame schuld zu sein, und machte sich Vorwürfe, daß er unschuldigerweise eine düstere Stimmung in unseren Ausflug hineingebracht hätte, der doch ganz und gar dem Vergnügen gewidmet sein sollte. Ich beseitigte seine Verlegenheit, indem ich ihm sagte: als er mir das Vergnügen gemacht hätte, mir seine liebenswürdige Gesellschaft anzubieten, hätte ich noch nicht gewußt, daß ich die Ehre haben würde, der schönen Dame einen Dienst zu erweisen. Als ich bei Tagesanbruch davon erfahren, hätte ich mich des Zufalls gefreut, daß ich ihm eine so schöne Gefährtin zugeführt hätte.

Die Dame sagte kein Wort; immer schweigsam und traurig blickte sie nach rechts und nach links, wie wenn sie gar nicht wüßte, was sie sähe.

Meine Erklärung hatte Dolci seine Sicherheit wiedergegeben, und der liebenswürdige junge Mann begann Bemerkungen an sie zu richten, die auf ihre Seele wohl hätten Eindruck machen können; aber er hatte keinen Erfolg. Er unterhielt sich lange Zeit über hundert Dinge mit ihrem Gatten, wobei er fortwährend die Dame hineinzuziehen suchte; aber sie tat ihren schönen Mund nicht ein einziges Mal auf. Sie saß da wie die Bildsäule der Pandora, bevor sie von dem göttlichen Feuer belebt wurde.

Ihr Gesicht war von vollendeter Schönheit: Augen von einem leuchtenden Blau und sehr schön geschnitten; eine leicht angehauchte Hautfarbe von reinster Weiße; Arme, die die Grazien gerundet hatten; weiche zarte Hände; einen Nymphenwuchs, der einen prachtvollen Busen ahnen ließ; die schönsten hellbraunen Haare, die man sich denken kann; einen kleinen Fuß – kurzum, sie hatte alles, was eine Frau schön macht, nur nicht jenen lebendigen Geist, der die Schönheit verschönert und sogar der Häßlichkeit Reiz gibt. Meine glühende unstete Phantasie ließ mich alles, was ich nicht sehen konnte, nackt erblicken; ich fand alles köstlich; dennoch glaubte ich, daß diese Frau mit ihrer Traurigkeit wohl Liebe, aber nicht ein dauerndes Gefühl einflößen könne; denn so wie sie war, konnte sie unmöglich einen Mann glücklich machen, selbst wenn sie ihm die höchste Lust gewährte.

Als wir in Isle ankamen, war ich fest entschlossen, in Zukunft ein Zusammentreffen mit ihr zu vermeiden; denn vielleicht war sie wahnsinnig oder in Verzweiflung darüber, daß sie sich in der Gewalt eines Mannes befand, den sie unmöglich lieben konnte. Sie flößte mir Mitleid ein, und dennoch fand ich es unverzeihlich, daß sie, eine anständige Frau von guter Erziehung, sich meinem Ausfluge angeschlossen hatte, denn sie mußte doch überzeugt sein, daß sie mit ihrer trüben Stimmung das ganze Vergnügen verderben würde, das ich mir von der Lustpartie versprochen hatte.

Ob der vorgebliche Ritter Stuard ihr Gatte oder ihr Liebhaber war, kam nicht in Betracht; ich hatte nicht nötig, mir lange den Kopf zu zerbrechen, um zu erraten, wes Geistes Kind er war. Er war zwar jung, aber keineswegs schön, wenn auch nicht gerade häßlich; in seinem Auftreten lag nichts Besonderes, sein Ton war gezwungen, seine Umgangsformen waren schlecht, und in seinen Reden verriet er sich als unwissend und dumm. Wie konnte übrigens ein solcher Bettler, der keinen Pfennig und nicht das geringste Talent besaß, eine Schönheit mit sich herumschleppen, die ihn wegen ihres mürrischen Wesens nur dann ernähren konnte, wenn er rechte Dummköpfe fand? Vielleicht allerdings hatte er trotz seiner Unwissenheit die Bemerkung gemacht, daß die Welt von solchen Dummköpfen wimmelt. Trotzdem machte er hier die Erfahrung, daß man sich darauf nicht sicher verlassen kann.

Als wir in Vaucluse angekommen waren, überließ ich mich der Führung Dolcis. Er hatte diesen Ort hundertmal besucht und besaß das in meinen Augen unermeßliche Verdienst, den Liebhaber Lauras zu lieben. Wir ließen den Wagen in Apt und gingen nach dem Quell, wo sich an diesem Tage eine große Menge von Neugierigen versammelt hatte. Der Born sprudelt aus einer großen Höhle hervor, einem Werke der Natur, das der Menschen Kunst nicht nachahmen kann. Diese Höhle befindet sich am Fuße eines spitzen Felsens, der etwa hundert Fuß hoch und ebenso breit ist. Die Höhle ist kaum halb so hoch, und das Wasser schießt in solcher Stärke hervor, daß schon die Quelle den Namen eines Flusses verdient. Es ist die Sorgue, die bei Avignon in den Rhone fließt. Unmöglich kann man reineres und klareres Wasser finden, denn an den Felsen, die den Wasserlauf einschließen, findet sich keine Spur von Bodensatz. Es gibt Leute, denen dieses Wasser Grauen erregt, weil es ihnen schwarz erscheint; diese bedenken nicht, daß die Grotte außerordentlich dunkel ist und nur dadurch den Fluten diese Entsetzen erregende Färbung mitteilt.

Chiare fresche e dolci acque
Ove le belle membra
Pose colei che sola a me par donna.

Die klaren, kalten, süßen Fluten,
In die die schönen Glieder tauchte
Sie, die allein mir Weib erscheint.

Ich stieg bis zur Spitze des Felsens empor, wo Petrarca sein Haus hatte. Mit tränenden Augen betrachtete ich diese Trümmer, wie Leo Allatius, als er Homers Grab sah. Sechzehn Jahre später weinte ich wieder in Arqua, wo Petrarca gestorben ist und wo das von ihm bewohnte Haus damals noch stand. Die Ähnlichkeit der Gegend war erstaunlich; denn von dem Zimmer aus, worin Petrarca in Arqua schrieb, sieht man die Spitze eines Felsens gleich jenem, den man in Vaucluse sieht und auf dessen Spitze Madonna Laura wohnte. »Gehen wir hin!« rief ich aus; »es ist ja nicht weit!«

Ich will nicht versuchen, die Gefühle wiederzugeben, die ich empfand, als ich die Überreste des Hauses dieser Frau erblickte, die der liebende Petrarca durch einen einzigen Vers schon unsterblich gemacht hat, einen Vers, der ein Marmorherz rühren müßte:

Morta bella parea nel suo bel viso.

Tot, schien sie schön in ihrem schönen Antlitz.

Mit ausgebreiteten Armen warf ich mich über diese Ruinen hin, wie wenn ich sie umarmen wollte; ich küßte sie, ich überströmte sie mit meinen Tränen, ich suchte den göttlichen Hauch einzuatmen, der sie einst belebt hatte. Dann bat ich Frau Stuard um Verzeihung, daß ich ihren Arm hätte fahren lassen, um den Manen einer Frau zu huldigen, die den tiefsten Geist geliebt, den die Natur jemals hervorgebracht hätte.

»Ich sage den Geist; denn der Körper hat nichts damit zu tun gehabt, mag man auch sagen, was man will. Vor vierhundertundfünfzig Jahren, meine Gnädige,« sagte ich zu der kalten Statue, die mich ganz überrascht anblickte, »da ging an denm Orte, wo Sie jetzt stehen, Laura de Sade spazieren; sie war vielleicht nicht so schön wie Sie, aber sie war fröhlich, höflich, sanft, heiter und sittsam. Möchte diese Luft, die jene eingeatmet hat und die Sie in diesem Augenblick einatmen, Sie mit dem göttlichen Feuer beleben, das durch ihre Adern kreiste, das ihr Herz schlagen und ihren Busen wogen ließ. Dann würden Sie die Verehrung aller gefühlvollen Menschen gewinnen; Sie würden niemanden finden, der Ihnen den geringsten Kummer zu bereiten wagte. Fröhlichkeit, meine Gnädige, ist das Erbteil der Seligen, Traurigkeit aber ist das entsetzlichste Schreckbild der Geister, die zu ewigen Höllenstrafen verdammt sind. Seien Sie also fröhlich und erwerben Sie sich dadurch das Recht, schön zu sein.«

Meine Begeisterung riß den liebenswürdigen Dolci fort; er fiel mir um den Hals, küßte mich mehrere Male. Der dumme Stuard lachte, und seine Frau, die mich vielleicht für verrückt hielt, schien nicht den geringsten Eindruck erhalten zu haben. Sie nahm meinen Arm, und wir lehnen ganz langsam nach dem Hause des Messer Francesco d’Arezzo zurück, wo ich eine Viertelstunde verwandte, meinen Namen einzuschneiden. Hierauf speisten wir.

Dolci hatte für die eigentümliche Frau noch mehr Aufmerksamkeiten wie ich. Stuard tat nichts anderes als essen und trinken; er verschmähte das Wasser der Sorgue, das nach seiner Behauptung den Hermitagewein nur verderben könnte; vielleicht dachte Petrarca in diesem Punkte nicht anders als er. Wir brachten reichliche Trankopfer, ohne daß unser Verstand darunter litt; die Dame war jedoch sehr mäßig. Als wir wieder in Avignon waren, machten wir unsere Verbeugung, ohne auf die Einladung des dummen Stuard einzugehen, der uns aufforderte, wir möchten uns in seinem Zimmer ausruhen.

Ich nahm Dolcis Arm, um die letzte Stunde des Tages am Ufer des Rhône mit ihm zu verbringen. Im Laufe eines abwechslungsreichen und geistsprühenden Gespräches bemerkte der reizende junge Mann zu mir: »Diese Frau ist eine abgefeimte Spitzbübin, die von ihrem eigenen Wert über alle Maßen eingenommen ist. Ich möchte wetten, sie hat ihre Heimat nur verlassen, weil sie dort anfangs mit ihren Reizen so verschwenderisch war, daß späterhin niemand mehr etwas von ihr wissen wollte. Ohne Zweifel ist sie überzeugt, überall ihr Glück zu machen, wo man sie für eine Novize nimmt. Der Bursche, der für ihren Mann gilt, ist nach meiner Meinung ein Gauner; ihre Traurigkeit ist Verstellung und nur darauf berechnet, um jemanden, der sich auf ihre Eroberung versteift, wahnsinnig verliebt zu machen. Sie hat ihren Dummen noch nicht gefunden; aber da es ihr darauf ankommen muß, einen reichen Mann in ihre Netze zu ziehen, so ist es nicht unwahrscheinlich, daß sie Sie aufs Korn genommen hat.«

Wenn ein junger Mensch in Dolcis Alter so vernünftig denkt, so wird er ohne Zweifel einmal ein Meister der Lebenskunst werden. Ich umarmte ihn zum Abschied, dankte ihm für seine Gefälligkeit, und wir verabredeten ein Wiedersehen.

In meinen Gasthof zurückgekehrt fand ich dort einen gut aussehenden, schon etwas bejahrten Herrn, der mich mit meinem Namen anredete und mich auf das höflichste fragte, ob ich Vaucluse meiner Neugier würdig gefunden habe. Ich erkannte mit großem Vergnügen Marchese Grimaldi aus Genua, einen geistvollen, liebenswürdigen und reichen Mann, der fast immer in Venedig wohnte, weil er dort die Freuden des Lebens in größerer Freiheit genießen konnte als in seiner Heimat – ein Beweis, daß Venedig nicht der am wenigsten freie Ort der Welt war.

Nachdem ich eine höfliche Frage ebenso höflich beantwortet hatte, begleitete ich ihn auf sein Zimmer. Als wir über die Quelle nichts mehr zu sagen hatten, fragte er mich, ob ich mit meiner schönen Gesellschaft zufrieden gewesen wäre.

»Ich kann mit ihr nur sehr zufrieden sein,« antwortete ich.

Er bemerkte meine Zurückhaltung und suchte mich zum Reden zu bringen, indem er mir folgendes sagte: »Wir haben in Genua sehr schöne Frauen; aber wir haben keine einzige, die den Vergleich mit jener aushalten könnte, mit der Sie heute nach Isle gefahren sind. Ich saß gestern Abend bei Tisch ihr gegenüber, und ihre Vollkommenheiten machten einen tiefen Eindruck auf mich. Ich bot ihr meinen Arm, um sie die Treppe hinaufzuführen, und sagte ihr, es tue mir sehr leid, sie traurig zu sehen, und wenn sie glaube, daß ich imstande sei, sie zu trösten, so brauche sie nur ein Wort zu sagen. Ich wußte nämlich, daß sie kein Geld hatte. Ihr angeblicher oder echter Gatte dankte mir für mein Anerbieten, und ich verließ sie, indem ich ihnen gute Nacht wünschte.

Vor einer Stunde, nachdem Sie sie bis an die Tür begleitet hatten, ließen Sie sie mit ihrem Manne allein; sofort nahm ich mir die Freiheit, ihr meinen Besuch zu machen. Sie empfing mich mit einer tiefen Verbeugung; ihr Gatte ging im selben Augenblick hinaus, indem er mich bat, ihr bis zu seiner Rückkehr Gesellschaft zu leisten.

Die Schöne machte durchaus keine Schwierigkeiten, sich mit mir aufs Kanapee zu setzen; dies erschien mir als ein günstiges Vorzeichen; als ich jedoch ihre Hand ergriff, zog sie sie zurück, wenn auch ohne Schroffheit. Ich glaubte ihr nun in wenigen Worten sagen zu müssen, ihre Schönheit hätte mich verliebt gemacht, und wenn sie hundert Louis nötig hätte, ständen ihr diese zu Diensten, vorausgesetzt, daß sie so freundlich wäre, mir gegenüber ihre ernste Miene aufzugeben und einen heiteren Ton anzuschlagen, wie er den mir von ihr eingeflößten Gefühlen entspräche. Sie antwortete mir nur mit einer Kopfneigung, die ihre Dankbarkeit aussprach, zugleich aber auch eine unbedingte Ablehnung meines Anerbietens bedeutete.

»Morgen reise ich, Madame.« – Keine Antwort. Als ich hierauf von neuem ihre Hand ergriff, zog sie sie mit einer verächtlichen Miene zurück, die mich verletzte. Ich bat sie um Entschuldigung und ging hinaus, ohne mich länger aufzuhalten.

Dies passierte mir vor einer halben Stunde, Ich bin in die Frau nicht verliebt; meine Begierde entspringt mir einer Laune, und wie Sie sehen, lache ich darüber. Nur wundert mich ihr Benehmen, weil ich weiß, daß sie keinen Heller in der Tasche hat. Nun ist mir eingefallen, daß Sie vielleicht heute die Dame in den Stand gesetzt haben, mein Anerbieten verschmähen zu können; hierdurch würde mir ihr Verhalten einigermaßen verständlich werden; sonst aber wäre es eine Erscheinung, die ich mir durchaus nicht erklären könnte. Darf ich es wagen. Sie frei heraus zu bitten, mir zu sagen, ob Sie glücklicher gewesen sind als ich?«

Hoch erfreut über das Vertrauen einer so ehrenwerten Persönlichkeit, sagte ich ihm alles, ohne zu zögern; nachdem wir noch einige Vermutungen angestellt hatten, lachten wir beide über unser Mißgeschick. Ich mußte ihm versprechen, ihm nach Genua zu berichten, was ich während der beiden Tage erleben würde, die ich noch in Avignon zu verbringen beabsichtigte. Hierauf lud er mich ein, mit ihm an der Gasttafel zu Abend zu speisen, um die Haltung der schmollenden Schönen zu bewundern.

»Sie haben sehr gut zu Mittag gegessen,« sagte ich zu ihm, »und werden daher wahrscheinlich nicht zu Abend essen.«

»Ich wette, Sie tun es doch,« versetzte der Marchese lachend. Er hatte richtig geurteilt, und ich sah es nun klar, daß die Frau zu bestimmten Zwecken Komödie spielte. Neben sie hatte man einen Neuangekommenen Grafen Bussy gesetzt, einen hübschen jungen Mann und eitlen Windhund, Er verschaffte uns den Genuß des folgenden Auftrittes.

Er war ein liebenswürdiger Spaßmacher, sogar etwas possenhaft aufgelegt, gegen Frauen kühn bis zur Frechheit, und da er schon um Mitternacht abreisen wollte, begann er sogleich, seiner schönen Nachbarin den Hof zu machen und auf alle mögliche Weise sie zu reizen. Er fand jedoch nur eine stumme Bildsäule. Da er es aber nicht für menschenmöglich hielt, daß sie ihn zum besten halten könnte, so sprach und lachte er ganz allein immer darauf los.

Ich sah Herrn von Grimaldi an, der wie ich kaum imstande war, ernst zu bleiben. Der junge Lebemann wurde schließlich etwas ärgerlich, setzte aber seine Neckereien fort, indem er ihr die besten Bissen zu essen hinreichte, nachdem er selber davon gekostet hatte. Als die Schöne sich weigerte, diese anzunehmen, versuchte er, sie ihr in den Mund zu stecken. Dies brachte die Schöne in Harnisch, und sie stieß ihn zornig zurück. Als er sah, daß niemand ernstlich geneigt war, die Festung zu verteidigen, beschloß der junge Windbeutel, sie mit Sturm zu nehmen. Er ergriff mit Gewalt die Hand der Dame und küßte sie mehrere Male. Um sich frei zu machen, stand sie auf; er aber faßte sie um die Hüften und zog sie auf seinen Schoß. Nun stand jedoch der Mann auf, nahm ihren Arm und führte sie aus dem Saal. Ein wenig aus der Fassung gebracht, sah der Angreifer ihr einen Augenblick nach, setzte sich aber dann wieder an den Tisch und aß und lachte weiter, während die ganze übrige Gesellschaft in tiefem Schweigen dasaß. Er wandte sich an seinen Läufer, der hinter seinem Stuhl stand, und fragte ihn, ob sein Degen oben sei. Der Läufer sagte nein. Hierauf wandte sich der Hasenfuß zu einem Abbé, der neben ihm saß, und fragte ihn: »Wer ist der Herr, der meine Dame hinausgeführt hat?«

»Ihr Gatte.«

»Ihr Gatte! Oh! das ist etwas anderes! Ehemänner schlagen sich nicht, aber ein Mann von Ehre hat sich bei ihnen zu entschuldigen.«

Er stand auf, ging nach oben und kam gleich wieder herunter.

»Das ist ein dummer Ehemann! Er hat mir die Tür vor der Nase zugeschlagen und mir gesagt, ich solle in andere Häuser gehen, um meine Gelüste zu befriedigen. Es ist für mich nicht der Mühe wert, hier zu bleiben; es tut mir jedoch leid, der Geschichte keinen Abschluß geben zu können.«

Hierauf ließ er Champagner kommen und bot allen Anwesenden zu trinken an, von denen jedoch keiner seine Einladung annahm. Hierauf grüßte er die Gesellschaft und ging.

Herr von Grimaldi, der mich auf mein Zimmer begleitete, fragte mich, was ich bei der soeben erlebten Szene empfunden hätte. Ich sagte ihm, ich würde mich nicht gerührt haben, selbst wenn der Windbeutel ihr die Röcke hochgehoben hätte.

»Ich auch nicht,« sagte er; »aber wenn sie meine hundert Louis angenommen hätte, dann allerdings wäre es etwas anderes gewesen. Jedenfalls bin ich neugierig, wie die Sirene es anfangen wird, sich aus ihrer unangenehmen Lage zu ziehen; ich rechne darauf, Sie zu sehen, wenn Sie durch Genua kommen.«

Mit Tagesanbruch reiste er ab.

Als ich aufstand, erhielt ich einen Brief von der falschen Astraudy; sie fragte mich, ob ich sie mit ihrer großen Kameradin zum Abendessen erwarten wollte. Kaum hatte ich eine bejahende Antwort hierauf gegeben, als ich den falschen Herzog von Kurland vor mir sah, den ich in Grenoble getroffen hatte. Er sagte mir in sehr unterwürfigem Ton, er sei der Sohn eines Uhrmachers in Narwa, seine Schuhschnallen seien wertlos, und er bitte mich um ein Almosen. Ich gab ihm vier Louis. Als er mich hierauf um Diskretion bat, sagte ich ihm: »Sollte mich jemand nach Ihnen fragen, so werde ich die Wahrheit sagen – nämlich, daß ich nicht im geringsten weiß, wer Sie sind.«

»Ich reise nach Marseille und danke Ihnen noch sehr.«

»Gute Reise!«

Ich werde später meinen Lesern sagen, in welchen Verhältnissen ich den Mann in Genua traf; denn es ist nützlich, solche Leute, deren es leider in der Welt nur zu viele gibt, wahrheitsgetreu zu schildern.

Ich ließ den Wirt hinaufkommen und sagte ihm, daß ich ein leckeres Abendessen für drei Personen zu haben wünschte. Zugleich befahl ich ihm, in meinem Zimmer decken zu lassen.

Er antwortete mir: »Sie werden zu Ihrer Zufriedenheit bedient werden, übrigens komme ich eben vom Chevalier Stuard, bei dem ich Lärm gemacht habe.«

»Warum?«

»Weil er kein Geld hat, die Tagesrechnung zu bezahlen. Ich werde sie sofort vor die Tür setzen lassen, obgleich die schöne Dame im Bett liegt und solche Krämpfe hat, daß sie keine Luft kriegen kann.«

»Machen Sie sich an ihrer Schönheit bezahlt und machen Sie einen Strich durch die Rechnung.«

»Au« Schönheit mache ich mir sehr wenig; meine Zeit ist vorüber. Ich will aber keine Szenen mehr; denn sie schaden meinem Hause.«

»Sagen Sie ihr, sie würde von nun an mit ihrem Gemahl mittags und abends auf ihrem Zimmer speisen und ich würde für sie bezahlen, solange ich noch hier bleibe.«

»Das ist sehr edel! Aber Sie wissen doch, mein Herr, daß für Essen auf dem Zimmer der doppelte Preis gerechnet wird?«

»Das weiß ich.«

»Dann ist es gut.«

Ich verspürte ein gewisses Entsetzen, indem ich mir vorstellte, daß dieses schöne Weib, ohne andere Hilfsmittel als ihre eigene Person, von der sie keinen Gebrauch machen wollte, auf die Straße gestoßen werden sollte. Anderseits aber konnte ich es dem Gastwirt nicht verdenken; denn diese Art Leute sind für gewöhnlich wenig galant. Ich hatte ohne jede eigennützige Nebenabsicht nur einer Regung des Mitleids nachgegeben. Während ich mich noch diesen Gedanken hingab, trat Stuard bei mir ein. Er bedankte sich bei mir und bat mich, seine Frau aufzusuchen und ihr zuzureden, daß sie sich anders benehmen möchte.

»Sie wird mir nicht antworten, und das ist, wie Sie wissen, nicht angenehm.«

»Kommen Sie nur! Sie weiß, was Sie für uns getan haben; sie wird sprechen, denn das Gefühl ist doch schließlich…«

»Wie können Sie mir von Gefühlen sprechen nach dem, was ich gestern gesehen habe?«

»Der Herr ist um Mitternacht abgereist, und daran hat er wohl getan, denn sonst hätte ich ihn heute früh getötet!«

»Sie sind ein Prahlhans, mein lieber Herr – nehmen Sie mir es nicht übel, wenn ich Ihnen das sage. Nicht heute früh, sondern gestern hätten Sie ihn töten oder ihm wenigstens einen Teller ins Gesicht schmeißen müssen. Doch gehen wir zu Ihrer Frau!«

Ich fand sie in ihrem Bette, ihr Gesicht nach der Wand gekehrt, bis zum Halse zugedeckt und herzbrechend schluchzend. Ich begann ihr vernünftig zuzureden, aber sie erwiderte wie gewöhnlich wieder kein Wort darauf. Stuard wollte mich allein lassen; ich sagte ihm jedoch, ich würde sofort gehen, wenn er sich entfernte; denn es wäre für mich ganz unmöglich, sie zu trösten, und das könnte er sich ja selber sagen, nachdem sie die hundert Louis zurückgewiesen hätte, die der Herr Marchese Grimaldi ihr hätte geben wollen, ohne etwas anderes von ihr zu verlangen, als ihr die Hand küssen zu dürfen und sie lächeln zu sehen.

»Hundert Louis!« schrie der Rüpel mit einem Wachtstubenfluch. »Was ist das für ein Benehmen! Damit hätten wir nach Lüttich reisen können, wo wir unser Haus haben. Eine Prinzessin läßt sich die Hand umsonst küssen, um wieviel mehr also … Hundert Louis! das ist ja gräßlich!«

Diese Ausrufe, die in der Lage der Leute ganz natürlich waren, machten mich lachen. Der arme Teufel fluchte in allen Tonarten und wollte schließlich hinausgehen, als plötzlich die arme unglückliche Frau von ihren wahren oder verstellten Krämpfen befallen wurde. Sie streckte den einen Arm aus und packte eine Wasserkaraffe, die sie mitten ins Zimmer schmiß; dann streckte sie den anderen Arm aus und entblößte dabei ihren Busen. Stuard eilte hinzu, um sie festzuhalten, aber die Krämpfe wurden immer stärker, und die Decke verschob sich so, daß die zartesten und vollkommensten Formen völlig nackt dalagen. Endlich beruhigte sie sich, und da lag sie nun mit geschlossenen Augen, scheinbar völlig erschöpft, in der wollüstigsten Stellung da, die die personifizierte Liebesgier jemals erfinden könnte. Ich war in einer ungeheuren Erregung. Wie hätte ich auch so viele Reize sehen können, ohne den heftigsten Wunsch nach ihrem Besitz zu empfinden! In diesem Augenblick ließ der elende Gatte sie allein und ging hinaus, indem er zu mir sagte, er wolle Wasser holen. Ich merkte die Falle, und mein Selbstgefühl bewahrte mich davor, in sie hinein zu gehen. Ich glaubte zu bemerken, daß dieser ganze Auftritt nur ein abgekartetes Spiel war, um mir einen tierischen Genuß zu verschaffen und dabei noch der von einem dummen Stolz erfüllten Person die Möglichkeit zu lassen, ihre Teilnahme zu leugnen. Ich tat mir Gewalt an, zog sachte die Decke in die Höhe und verhüllte, was ich so gern noch mehr entblößt hätte. In die Hölle wünschte ich die entzückenden Schönheiten, die das Ungeheuer mir nur ausliefern wollte, um mich dadurch zu erniedrigen.

Stuald war ziemlich lange abwesend. Als er mit einer vollen Wasserflasche eintrat, fand er mich ganz anders, als er ohne Zweifel erwartet hatte, mit ruhigem Gesicht und in vollkommener Ordnung, Einige Augenblicke darauf ging ich hinaus, um durch einen Spaziergang am Rhôneufer mein inneres Gleichgewicht wiederzufinden.

Ärgerlich auf mich selber, weil ich mich von dieser Spitzbübin behext fühlte, lief ich mit großen Schritten den Weg entlang. Vergebens führte ich mir alle möglichen Vernunftgründe vor; meine Aufregung schien nach der körperlichen Bewegung nur zu wachsen, und ich kam zu dem Schluß, daß Genuß, brutaler oder sentimentaler Genuß, der von mir gesehenen Schönheiten für mich notwendig sei, um meine auf Abwege geratene Vernunft wieder zu sich selber zu bringen. Ich sah, daß ich sie kaufen mußte, daß hier zartfühlende Umwerbung nichts nützen konnte, sondern daß ich ihr Geld geben und daß ich mich allen Opfern unterwerfen mußte. Ich bedauerte nur, daß ich mich einem falschen Zartgefühl hingegeben hatte; denn auf alle Fälle hätte ich nach der Befriedigung, wenn sie die Zimperliche gespielt hätte, sie verachten und ihr meine Verachtung fühlbar machen können. In meiner Ratlosigkeit beschloß ich schließlich, dem Gatten zu sagen, ich würde ihm fünfundzwanzig Louis geben, wenn er mir eine Zusammenkunft verschaffte, bei welcher ich mich befriedigen könnt«.

Ganz voll von diesem Gedanken, ging ich nach Hause. Ohne mich nach ihrem Befinden zu erkundigen, ließ ich mir das Mittagessen auf meinem Zimmer auftragen. Leduc sagte mir, die Schöne speise ebenfalls auf ihrem Zimmer und der Wirt habe gesagt, sie werde nicht in den Speisesaal kommen. Dies wußte ich ja schon.

Nach dem Essen machte ich dem liebenswürdigen Dolci einen Besuch. Er stellte mich seinem Vater vor, einem sehr liebenswürdlgen Herrn, der leider nicht reich genug war, um den Wunsch seines Sohnes zu erfüllen und diesen reisen zu lassen. Der junge Mann besaß eine wunderbare Geschicklichkeit und konnte eine große Menge Taschenspielerstücke. Er war von sehr sanftem Charakter, und als er sah, daß mich der Zustand seines Herzens interessierte, erzählte er mir allerlei Geschichten, aus denen ich sah, daß ein Jüngling in seinem beneidenswerten Alter nur darum unglücklich sein kann, weil er noch keine Erfahrung hat. Eine reiche Frau wollte er nicht, weil eine solche von ihm verlangen würde, was ihm ohne Liebe zu gewähren schmachvoll dünkte; er schwärmte für ein junges Mädchen, das auf Ehrbarkeit Anspruch machte. Ich glaubte ihm einen guten Rat geben zu müssen. Ich sagte ihm, er solle der freigebigen Reichen seine Huld zuwenden und dem jungen Mädchen gegenüber von Zeit zu Zelt ein bißchen die Achtung verletzen, dabei jedoch immer höflich bleiben; sie würde ihn dafür ausschelten, aber ihm unfehlbar verzeihen. Er war kein Wüstling und neigte ein ganz klein wenig zu frommen, aber ketzerischen Ideen. Ei unterhielt sich in unschuldiger Weise mit gleichaltrigen Freunden in einem Garten in der Nähe von Avignon, wo eine Schwester der Gärtnersfrau ihn belustigte, wenn er allein mit ihr war.

Als die Nacht anbrach, ging ich nach Hause, und die Astraudy mit der Lepi – so hieß die Bucklige – ließen nicht auf sich warten. Als ich diese beiden Karikaturen vor mir sah, war ich doch sehr verdutzt. Ich hatte allerdings mich auf etwas Derartiges gefaßt gemacht, aber die Wirklichkeit erschreckte mich doch. Die Astraudy war häßlich und wußte es; darum suchte sie ihre Mängel durch eine maßlose Unanständigkeit zu ersetzen. Die Lepi war hinten und vorn bucklig, besaß aber Talent und den Geist ihres Handwerks in hohem Grade; sie konnte sicher sein, Begierden zu erregen, denn ihre Augen und Zähne waren von seltener Schönheit; die letzteren schien ihr riesiger Mund absichtlich sehen zu lassen, damit man ihre Regelmäßigkeit und die Frische ihres Schmelzes bewunderte. Die Astraudy lief auf mich zu und gab mir einen florentinischen Kuß, den ich wohl oder übel hinnehmen mußte, die Lepi war schüchterner und bot mir nur ihre Wange, die ich flüchtig mit den Lippen berührte. Als ich sah, daß die Astraudy schon mit ihren tollen Streichen beginnen wollte, bat ich sie, sie möchte sich mäßigen, denn ich wäre ein Neuling in derartigen Vergnügungspartien und müßte nach und nach dazu animiert werden, wenn ich Geschmack daran finden sollte. Sie versprach mir, daß sie vernünftig sein wollte. Während wir auf das Abendessen warteten, fragte ich sie, in Ermangelung eines anderen Gesprächsstoffes, ob sie in Avignon einen Liebhaber gefunden hätte.

»Ich habe hier nur den Auditor des Vizelegaten, der zwar geschlechtlich unnormal, aber liebenswürdig und freigebig ist. Ich habe mich seinem Geschmack schließlich doch anbequemt, was ich vor einem Jahre für unmöglich gehalten haben würde, weil ich mir einbildete, es müsse sehr weh tun; aber ich täuschte mich.«

»Der Auditor behandelte dich also als Knaben?«

»Ja. Meine Schwester würde ihn dafür angebetet haben, denn das ist ihre Leidenschaft.«

»Aber deine Schwester hat sehr stattliche Hüften.«

»Ich vielleicht nicht? Sieh doch nur, fühle doch nur!«

»Du bist sehr gut versehen. Aber warte doch, bitte, es ist noch Zeit dafür.«

»Nach dem Essen wollen wir richtig toll sein!«

»Weißt du,« sagte die Lepi zu ihr, »du bist jetzt schon toll!«

»Wieso denn toll?«

»Pfui! ist es denn erlaubt, sich so zu zeigen?«

»Liebe Freundin, du wirst es genau ebenso machen; wenn man in guter Gesellschaft ist, befindet man sich im goldenen Zeitalter.«

»Ich wundere mich,« sagte ich zu ihr, »daß du dein eigentümliches Verhältnis mit dem Auditor so einem jeden erzählst.«

»Das ist gut! Nicht ich erzähle es, sondern jeder erzählt es mir und macht mir Komplimente darüber. Man weiß, daß der brave Mann niemals Frauen geliebt hat, und es wäre lächerlich von mir, leugnen zu wollen, was ein jeder errät. Ich wunderte mich über meine Schwester; aber in dieser Welt soll man sich über nichts wundern. Aber bist denn du kein Freund davon?«

»Nein, ich bin nur Freund hiervon.«

Mit diesen Worten berührte ich die Lepi an der Stelle, wo wir gewohnheitsmäßig vermuten, was ich unter dem hiervon verstand. Als die Astraudy bemerkte, daß ich nichts fand, lachte sie laut auf, ergriff meine Hand und führte sie in die Höhe, bis zu dreiviertel Teilen des Körpers unmittelbar unter dem Buckel, wo ich wirklich das Gewünschte fand. Der Leser stelle sich meine Überraschung vor! Das arme Mädchen schämte sich, die Zimperliese zu spielen, und stimmte in das Gelächter ihrer Freundin ein. Auch ich geriet dadurch in heitere Stimmung, indem ich daran dachte, welches Vergnügen mir nach dem Abendessen eine solche für mich vollkommen neue Entdeckung verschaffen würde.

»Haben Sie denn niemals einen Liebhaber gehabt, meine liebe Lepi?«

»Nein,« antwortete die Astraudy für ihre Freundin; »sie ist noch Jungfer.«

»Das ist nicht wahr!« rief die Lepi etwas verwirrt, »ich habe je einen Liebhaber in Bordeaux und einen anderen in Montpellier gehabt.«

»Allerdings; trotzdem bist du aber doch noch immer so, wie du auf die Welt gekommen bist.«

»Das kann ich freilich nicht leugnen.«

»Wie, zwei Liebhaber und noch Jungfer! Das verstehe ich nicht. Bitte erzählen Sie mir das doch; denn so etwas ist ja einzig in seiner Art.«

»Bevor mein erster Liebhaber sich befriedigte, war ich ebenso, wie ich jetzt bin, und ich war damals erst zwölf Jahre alt.«

»Das ist ein wahres Wunder. Und was sagte er, als er Sie so fand, wie Sie sind?«

»Ich schwor ihm, er sei der erste; er glaubte mir dieses und schrieb meinen Zustand meiner körperlichen Gestalt zu.«

»Er war ein vernünftiger Mann; aber tat er Ihnen denn nicht weh?«

»Ganz und gar nicht; allerdings ging er sehr sachte mit mir um.«

»Du mußt,« sagte die Astraudy zu mir, »nach dem Essen einen Versuch machen; das wird komisch sein.«

»O nein! Das geht nicht!« rief die Lepi; »der Herr ist zu groß.«

»Ein schöner Grund! Hast du etwa Angst, daß sein ganzer Körper dabei beteiligt ist? Warte mal, ich will ihn dir zeigen!«

Mit diesen Worten begann das schamlose Frauenzimmer mich völlig zu entblößen, und ich ließ sie gewähren.

»Ich hatte es mir wohl gedacht!« rief die Lepi. »Das Ding geht niemals hinein!«

»Sicherlich ist das Geschmeide sehr groß,« sagte die Astraudy; »aber es gibt für alles ein Mittel: der gnädige Herr wird sich damit begnügen, wenn er nur zur Hälfte ein Unterkommen findet.«

»Ach, meine Liebe, nicht die Länge macht mir angst, sondern der Umfang; denn die Tür ist zu eng.«

»Das ist doch ein wahres Glück für dich; dann kannst du ja deine Erstlinge verkaufen, nachdem du schon zwei Liebhaber gehabt hast. Dies wäre freilich nichts Neues; unter solcher falschen Flagge segeln ja viele.«

Ihr Gespräch, dem es nicht an Witz mangelte, und besonders die Naivität der Buckligen, hatte bereits den Entschluß in mir gezeitigt, mich selber zu überzeugen. Das Essen wurde aufgetragen, und ich hatte das Vergnügen, die beiden Nymphen wie zwei Halbverhungerte essen und noch tüchtiger trinken zu sehen. Der Hermitagewein übte seine unausbleibliche Wirkung, und die Astraudy machte den Vorschlag, zu dem Kostüm unserer Ureltern zurückzukehren und uns aller künstlichen Hüllen zn entledigen, die die Natur entstellen.

»Mir ist es recht,« sagte ich zu ihr; »ich werde euch dabei nicht genieren.«

Ich trat hinter meine Bettvorhänge, zog mich aus, legte mich ins Bett und drehte ihnen den Rücken zu, bis sie fertig waren. Die Astraudy sagte mir Bescheid, und nun erregte die Lepi meine ganze Aufmerksamkeit.

Das Mädchen war schön, trotz seiner doppelten Mißbildung. Meine Blicke schüchterten sie ein; denn sie trat wahrscheinlich zum erstenmal als Mitwirkende in einer solchen Orgie auf. Ich suchte sie zu ermutigen, indem ich einzelne Schönheiten pries, die ihre sehr weißen und sehr hübschen Hände mir nicht verbergen konnten, und überredete sie endlich, sich an meine Seite zu legen. Ihr Buckel mnachte es ihr unmöglich, sich auf den Rücken zu legen, wenn man den Platz, den der Buckel einnahm, so nennen darf. Die Astraudy war jedoch ebenso raffiniert wie hilfsbereit; mit Hilfe von Kissen schob sie ihr Stützen unter, wie einem Schiff, das von Stapel gelassen werden soll. Mit der freundlichen Beihilfe der Astraudy glückte endlich die Einführung zur großen Befriedigung des Opferpriesters wie des Opfers. Nach Beendigung der feierlichen Handlung küßte sie mich, was sie vorher nicht gekonnt hatte; denn ihr Mund befand sich meiner Brust gegenüber, während meine Beine kaum bis zur Hälfte der ihrigen hinunterreichten. Ich hätte zehn Louis darum gegeben, um mich an dem sonderbaren Anblick weiden zu dürfen, den wir ohne Zweifel darboten, während wir diese Gruppe bildeten.

»Jetzt kommt aber die Reihe an mich!« rief dann die Astraudy; »nur darfst du dir keine Übergriffe in die Rechte meines Auditors erlauben. Bitte untersuche erst die Gegend, damit du weißt, wohin du kommst. Da!«

»Was soll ich denn mit dieser halben Zitrone machen?«

»Ich wünsche, daß du dich überzeugst, daß der Ort sauber ist und daß du ihn ohne Gefahr besuchen kannst.«

»Ist dies ein sicheres Mittel?«

»Ein unfehlbares; denn wenn der Weg nicht in Ordnung wäre, könnte ich das Brennen nicht ertragen.«

»Es ist geschehen. Bist du nun zufrieden?«

»Vollkommen. Aber höre, betrüge mich nicht: alles oder nichts! Mein Ruf würde gemacht sein, wenn ich meinen Gürtel erweitern müßte.«

Ich bitte meine Leser um die Erlaubnis, über gewisse Umstände dieser wirklich skandalösen Orgie einen Schleier ziehen zu dürfen. Das häßliche Geschöpf lehrte mich wirklich noch Neues. Endlich, obgleich ich mehr ermüdet als erschöpft war, sagte ich ihnen, sie möchten gehen; die Astraudy bestand jedoch darauf, zum Schluß noch einen Punsch zu machen. Ich willigte ein; da ich aber von allen beiden nichts mehr wissen wollte, so zog ich mich wieder an. Der Champagnerpunsch versetzte sie jedoch in eine solche Erregung, daß sie schließlich mich dahin brachten, mich ihrer Brunft ebenfalls hinzugeben. Die Astraudy gab ihrer Kameradin eine so eigentümliche Lage, daß ihre Buckel völlig verschwanden. Wie wenn ich Jupiters Oberpriesterin vor mir hätte, brachte ich ihr noch ein langes Opfer, währenddessen Tod und Leben mehrere Male bei ihr wechselten. Voller Ekel vor mir selber, entriß ich mich endlich ihrer geilen Wut. Um sie los zu werden, gab ich ihnen zehn Louis, worüber sie beinahe vor Seligkeit verrückt wurden. Die Astraudy fiel vor mir auf die Knie, segnete mich, dankte mir und nannte mich ihren Gott; die Lepi aber lachte und weinte gleichzeitig vor Freude. Dies verschaffte mir eine Viertelstunde lang einen Auftritt ganz eigentümlicher Art. Ich ließ sie in meinem Wagen nach Hause fahren.

Nachdem ich bis zehn Uhr geschlafen hatte, wollte ich gerade mein Zimmer verlassen, um einen Spaziergang zu machen, als Stuard mit verzweifelter Miene bei mir eintrat und mir sagte, wenn ich ihm nicht die Mittel gäbe, vor mir abzureisen, würde er sich in den Rhône stürzen.

»Das ist ja sehr tragisch,« sagte ich zu ihm; »aber dagegen gibt es noch Mittel. Ich bin bereit, fünfundzwanzig Louis zu zahlen; aber ich will sie Ihrer Frau Gemahlin geben und nur unter der Bedingung, daß sie eine Stunde lang mit mir allein und sanft wie ein Lamm ist.«

»Mein Herr, das ist gerade die Summe, die wir brauchen.«

»Sie steht zu Ihrer Verfügung. Sprechen Sie mit ihr darüber. Ich komme erst um zwölf Uhr nach Hause.«

Ich tat fünfundzwanzig Louis in eine hübsche kleine Börse und ging aus. Ich glaubte, der Sieg könnte mir nicht mehr entgehen, und eilte daher früher wieder nach Hause, als ich eigentlich gewollt hatte.

Ich betrat ihr Zimmer und näherte mich sehr rücksichtsvoll ihrem Bette. Bei meinem Anblick richtete sie sich auf, ohne ihren Busen zu verhüllen und sagte zu mir, bevor ich ihr guten Tag wünschen tonnte: »Da bin ich, mein Herr! Ich bin bereit, mit meiner Person die elenden fünfundzwanzig Louis zu bezahlen, die mein Mann braucht. Sie können mit mir machen, was Sie wollen; ich werde nicht den geringsten Widerstand leisten. Aber vergessen Sie eins nicht:indem Sie sich meine Lage zunutze machen, um Ihre tierische Begier zu befriedigen, müssen Sie sich weit tiefer erniedrigt fühlen, als ich es bin; denn ich verkaufe mich nur darum zu so niedrigem Preise, weil die Not mich dazu zwingt. Ihre Gemeinheit ist schmachvoller als meine Erniedrigung. Kommen Sie, hier haben Sie mich!«

Während sie die letzten Worte dieser schmeichelhaften Ansprache hervorbrachte, stieß sie heftig die Decke von sich und stellte ihren ganzen Leib, den ich schon einmal mit anderen Gefühlen hatte betrachten können, mir zur Schau. Eine Minute stand ich wie betäubt und voller Entrüstung vor ihrem Bett. Jedes Gefühl war in mir erloschen; ich sah in ihren wollüstigen Formen nur noch Reize, die allerdings entzückend waren, aber nur dazu dienten, eine verworfene oder rohe Seele zu verlarven. Mit der größten Kaltblütigkeit hob ich die Decke wieder auf, breitete sie über sie und sprach in kaltem, verächtlichem Ton folgende Worte:

»Nein, Madame, das werden Sie nicht erleben, daß ich dieses Zimmer durch Ihre Worte gedemütigt verlasse; aber ich gehe nicht eher, als bis ich Ihnen Wahrheiten gesagt habe, die Sie auf das tiefste demütigen müssen. Sie sollen nicht länger darüber im Zweifel sein, daß Sie keine Frau sind, die auch nur auf die geringste Achtung Anspruch erheben darf. Ich bin kein Tier, und um Sie davon zu überzeugen, werde ich von Ihnen gehen, ohne mich Ihrer Reize bemächtigt zu haben, die ich jetzt ebenso sehr verachte, wie ich sie hochgeschätzt haben würde, wenn Sie dieser Schönheiten würdig wären. Hier sind fünfundzwanzig Louis – eine erbärmliche Summe, um die Huld einer anständigen Frau zu bezahlen, aber mehr als zuviel für das, was Sie gewähren können, wenn man Sie kennt. Ich gebe Ihnen dieses Geld nur aus einer Regung des Mitleides, deren ich mich nicht erwehren kann, und die das einzige Gefühl ist, das Sie mir noch einflößen, aber eines muß ich Ihnen noch sagen: wenn Sie sich einmal für Geld preisgeben, so sind Sie ebensogut eine Verlorene, wenn Sie hundert Millionen, wie wenn Sie fünfundzwanzig Louis erhalten, sobald Sie nicht das Gefühl des Mannes teilen, dem Sie sich hingeben, oder sobald Sie sich nicht wenigstens so stellen, um das scheinbare Recht zu erwerben, sich selber noch achten zu dürfen. Leben Sie wohl!«

Ich ging wieder auf mein Zimmer, und nach einiger Zeit kam Stuard, um mir zu danken. Ich sagte ihm: »Ich bitte Sie, mein Herr, sprechen Sie nicht mehr von Ihrer Frau und lassen Sie mich in Ruhe.«

Den Tag darauf reiste er mit ihr nach Lyon ab. Meine Leser werden sehen, wie ich sie in Lüttich wiederfand.

Nach dem Essen kam Dolci und holte mich ab, um mit mir nach seinem Garten zu gehen und mir die Schwester der Gärtnersfrau zu zeigen. Sie war hübsch, aber nicht so hübsch wie er. Bald war sie in angeregter Stimmung, und nachdem sie sich ein bißchen geziert hatte, erklärte sie sich bereit, in meiner Gegenwart zärtlich mit ihm zu sein. Ich sah, daß dieser Adonis von der Natur reichlich ausgestattet war, und sagte mir, daß ein so reichbegabter Jüngling wie er nicht nötig habe, die Börse seines Vaters in Anspruch zu nehmen, wenn er reisen wolle. Bald darauf machte er sich meine Ratschläge zunutze. Ich hätte bei diesem schönen Ganymed infolge seines Liebesspiels mit der Gärtnerin leicht zum Jupiter werden können.

Auf dem Heimweg sah ich einen jungen Menschen von zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren aus einem Schiff steigen. Seine Gesichtszüge trugen den Ausdruck von Traurigkeit, und er schien ein anständiger Mensch zu sein. Als er sah, daß ich ihn betrachtete, trat er auf mich zu und bat mich bescheiden um ein Almosen, indem er mir zugleich einen Schein reichte, der ihn dazu ermächtigte, und mir seinen Paß zeigte, aus welchem hervorging, daß er vor sechs Wochen Madrid verlassen hatte. Er stammte aus Parma und hieß Costa. Als ich das Wort Parma las, sprach das Heimatsgefühl zu seinen Gunsten bei mir, und ich fragte ihn, durch welches Unglück er so weit herunter gekommen sei, um betteln zu müssen.

»Nur dadurch, daß es mir an dem nötigen Gelde fehlte, um in mein Vaterland zurückzukehren,«

»Was taten Sie in Madrid, und weshalb gingen Sie dorthin?«

»Ich kam dorthin vor vier Jahren als Kammerdiener des königlichen Leibarztes Doktor Pistoria; da ich es bei ihm nicht gut hatte, so verließ ich ihn. Aus diesem Zeugnis hier geht hervor, daß ich ihm treu gedient habe.«

»Was können Sie?«

»Ich habe eine schöne Handschrift und kann als Sekretär dienen; ich gedenke in meiner Vaterstadt mich als öffentlicher Schreiber zu ernähren. Diese Verse hier habe ich gestern abgeschrieben.«

»Ihre Handschrift ist schön; aber sind Sie auch imstande, richtig zu schreiben?«

»Nach Diktat kann ich französisch, lateinisch und spanisch schreiben.«

»Aber auch richtig?«

»Gewiß, mein Herr, – wenn man nur richtig diktiert; denn es ist die Sache des Diktierenden, auf die Korrektheit zu achten.«

Ich sah, daß Gaetano Costa ein unwissender Mensch war; trotzdem nahm ich ihn mit auf mein Zimmer und ließ Leduc spanisch mit ihm sprechen. Er antwortete ziemlich gut; als ich ihm aber italienisch und französisch diktierte, stellte es sich heraus, daß er von Orthographie gar keine Ahnung hatte.

»Aber Sie können ja nicht schreiben!«

Als er über diese Worte gekränkt war, tröstete ich ihn, indem ich ihm sagte, ich würde ihn auf meine Kosten nach seiner Heimat bringen. Er küßte mir die Hand und versicherte mir, ich würde in ihm einen treuen Diener finden.

Der junge Mann gefiel mir wegen seiner eigentümlichen Denkweise; da er sich dieselbe zunutze zu machen gewußt hatte, um sich von den Dummköpfen zu unterscheiden, unter denen er bis dahin gelebt hatte, so brachte er sie mit gutem Gewissen allen anderen Leuten gegenüber zur Anwendung. Die Kunst eines Schreibers bestand nach seiner Ansicht nur in einer guten Handschrift; wer die beste hatte, übertraf in seinen Augen alle anderen. Dies sagte er zu mir, indem er ein von mir beschriebenes Papier betrachtet. In der Tat war meine Handschrift nicht so leserlich wie die seinige. Er gab mir also stillschweigend zu verstehen, daß ich hinter ihm zurückstehe und ihm daher in Anbetracht seiner Überlegenheit eine gewisse Achtung nicht versagen könne. Ich lachte über diese törichte Einbildung, und da ich glaubte, daß er nicht unverbesserlich sei, so behielt ich ihn. Ohne diese Überspanntheit würde ich ihm ein Almosen gegeben haben und wäre niemals auf den unvernünftigen Einfall gekommen, ihn bei mir zu behalten. Er sagte, die Orthographie sei überflüssig; denn wer sie kenne, könne leicht den Sinn der Worte erraten, wer sie aber nicht kenne, sei auch nicht imstande, die Fehler zu bemerken. Ich lachte, und da ich mich in eine Erörterung darüber nicht einließ, sah er mein Lachen als eine Zustimmung an. In einem der Sätze, die ich ihm diktierte, wurde auch das Konzil von Trente erwähnt. Nach seinem System schrieb er dies Wort mit einer 3 und einer 0. Ich lachte laut auf. Er geriet dadurch jedoch keineswegs aus der Fassung, sondern sagte, da die Aussprache dieselbe sei, so erhalte das Wort seine Bedeutung durch die Idee und nicht durch die verschiedenen Buchstaben, aus denen es bestehe. Der Bursche war in der Tat nur dumm, weil in ihm Geist mit Unwissenheit und Anmaßung gemischt war. Kurz und gut, ich behielt ihn, weil mir sein ganzes Wesen originell erschien. Wie der Leser spater bemerken wird, bewies ich dadurch, daß ich dümmer war als er.

Am anderen Morgen verließ ich Avignon und fuhr geraden Weges nach Marseille, ohne in Aix, wo das Parlament seinen Sitz hat, Aufenthalt zu nehmen. Ich stieg in den „Dreizehn Kantonen“ ab, da ich mindestens acht Tage in der alten Kolonie der Phokäer verbringen und meine Freiheit recht ausnützen wollte. Darum hatte ich mich nicht mit Empfehlungsbriefen versehen; denn da ich reichlich bares Geld besaß, brauchte ich keinen Menschen. Ich befahl meinem Wirt, das Essen auf meinem Zimmer auftragen zu lassen und mir eine gute Mahlzeit aus Fastenspeisen zurecht zu machen; denn ich wußte, daß der Fisch in Marseille köstlicher ist als überall sonst auf der ganzen Welt.

Am nächsten Morgen ging ich mit einem Lohndiener aus, um mich von ihm nach meinem Gasthof zurückbringen zu lassen, sobald ich genug spazieren gegangen wäre. Indem ich aufs Geratewohl meiner Nase nach ging, kam ich auf einen sehr langen und sehr breiten schönen Kai. Ich glaubte in Venedig zu sein, und mein Busen schwoll von einem Gefühl des Glücks; so tief wurzelt die Liebe zum Vaterland im Herzen jedes wackeren Menschen. Ich sah zahlreiche Schenken, in denen viele Zecher sich an griechischen und spanischen Weinen gütlich taten. Eine Menge geschäftiger Leute bewegte sich drängend und schiebend nach allen Richtungen hin; jeder dachte nur an sich und fragte wenig danach, ob er etwa anderen lästig würde. Hausierer, schlecht und gut gekleidete, mehr oder weniger hübsche Mädchen, Weiber mit schamlosen Blicken, die jedem winkten, der sie ansah, bewegten sich in diesem Gewühl. Ich sah auch andere Frauen, die bescheiden, aber gut gekleidet waren, ohne jeden Seitenblick ihres Weges gehen und so den vollkommensten Gegensatz zu den anderen bildend, obgleich viele von ihnen das gleiche Ziel verfolgten.

Das bunte Gemisch aller Trachten: der ernste Türke neben dem lebhaften Andalusier, der französische Stutzer, der stumpfsinnige Afrikaner, der schlaue Grieche, der schwerfällige Holländer – dies alles erinnerte mich an meine Heimat, und ich fühlte mich glücklich.

Nachdem ich einige Augenblicke an einer Straßenecke stehen geblieben war, um den Theaterzettel zu lesen, kehrte ich recht ermüdet in meinen Gasthof zurück, um mich an einem köstlichen Mahle zu erquicken, das ich reichlich mit gutem Syrakuser Wein benetzte. Nach dem Essen zog ich mich elegant an und ging dann in die Komödie, wo ich einen Platz im Amphitheater nahm.

Fünftes Kapitel


Rosalie. – Toulon. – Nizza. – Meine Ankunft in Genua. – Herr von Grimaldi. – Veronika und ihre Schwester.

Ich bemerkte, daß die ersten vier Logen auf beiden Seiten des Theaters von gutgekleideten hübschen Frauen ohne einen einzigen Kavalier besetzt waren. Während des ersten Zwischenaktes sah ich Herren aller Stände kavaliermäßig in diesen Logen eintreten und an die erste beste Dame galante Bemerkungen richten. Plötzlich hörte ich, wie ein Malteserritter zu der Dame, die allein in einer Loge neben der meinigen saß, die Worte sprach: »Ich komme morgen zu dir zum Frühstück.« Dies genügte mir, um völlig Bescheid zu wissen. Ich sah sie mir näher an, und da ich sie sehr appetitlich fand, sagte ich zu ihr, sobald der Ritter sich entfernt hatte: »Wollen Sie mir ein Abendessen geben?«

»Mit Vergnügen, mein guter Freund; aber man hat mich so oft angeführt, daß ich nicht auf dich warten werde, wenn du mir nicht ein Handgeld gibst.«

»Was heißt das, daß ich Ihnen ein Handgeld geben soll? Ich verstehe nicht.«

»Du bist offenbar noch neu hier.«

»Ganz neu.«

Sie lachte, rief den Malteserritter heran und sagte zu diesem: »Tu mir den Gefallen und erkläre diesem fremden Herrn, der heute Abend bei mir zu speisen wünscht, was das Wort Handgeld bedeutet.«

Der Malteserritter sagte mir mit einem sehr liebenswürdigen Lächeln, das Fräulein wünschte, daß ich ihr das Souper vorausbezahlte, damit sie sicher wäre, daß ich nicht vergessen würde, ihr diese Ehre zu erweisen. Ich dankte ihm und fragte das Fräulein, ob ein Louis genug sei. Sie bejahte, ich gab ihr das Goldstück und bat um ihre Adresse. Der Ritter sagte mir mit der größten Höflichkeit, er würde mich nach Schluß des Theaters selber hinführen. Ferner sagte er mir, die Dame sei das ausgelassenste Mädchen von Marseille. Er fragte mich, ob ich die Stadt kenne; und da ich ihm antwortete, ich sei erst an diesem Tage angekommen, wünschte er sich Glück, daß er einer der ersten wäre, die meine Bekanntschaft machten. Wir gingen die Mitte des Amphitheaters, und dort nannte er mir ein Dutzend oder mehr Mädchen, die wir zur Linken und zur Rechten sahen und die sämtlich bereit waren, den ersten besten zum Souper mitzunehmen. Sie haben alle freien Eintritt, der Theaterunternehmer findet seine Rechnung dabei; denn Frauen von gutem Ton kommen nicht in diese Logen, und die Nymphen ziehen viele Leute an. Ich bemerkte unter ihnen fünf oder sechs, die hübscher waren als die, bei der ich mich eingeladen hatte; aber ich blieb für diesen Abend bei meiner Ausgewählten und verschob es auf die nächsten Tage, mich mit den anderen bekannt zu machen.

»Ist Ihre Favorite unter diesen Schönen?« fragte ich den Ritter.

»Nein, ich liebe eine Tänzerin, die ich aushalte, und ich werde Sie mit ihr bekannt machen, denn ich bin glücklicherweise nicht eifersüchtig.«

Nach Schluß der Vorstellung führte er mich an die Tür meiner Schönen, und dort trennten wir uns, indem wir uns versprachen, uns wiederzusehen.

Ich fand die Nymphe im Hauskleide; dieses stand ihr nicht gut, und sie gefiel mir nicht. Sie gab mir ein gutes Abendessen, das sie durch geistreiche tolle Scherze erheiterte; hierdurch erhielt ich eine etwas bessere Meinung von ihr. Als wir gespeist hatten, legte sie sich zu Bett und forderte mich auf, es ebenfalls zu tun.

»Ich schlafe niemals in einem fremden Bett.«

Hierauf bot sie mir das englische Röckchen an, das der Seele Ruhe gibt; aber ich wollte es nicht nehmen, weil es von zu geringer Güte war.

»Ich habe auch feinere, aber sie kosten drei Franken das Stück, und die Händlerin verkauft sie nur dutzendweise.«

»Wenn sie schön sind, will ich das Dutzend nehmen.«

Sie klingelte, und ein reizendes junges Mädchen mit bescheidener Miene trat ein. Sie machte Eindruck auf mich, und ich sagte, als das junge Mädchen hinausgegangen war, um die schützenden Überzüge zu holen: »Du hast da eine hübsche Kammerzofe.«

»Sie ist fünfzehn Jahre alt und weigert sich dummerweise, irgend etwas mitzumachen, weil sie noch ganz unschuldig ist.«

»Gestattest du, daß ich mich davon überzeuge?«

»Du kannst ihr den Vorschlag machen, aber ich bezweifle, daß sie darauf eingeht.«

Das Mädchen kam mit dem Paket herein. Ich setzte mich in Positur und befahl ihr, mir eins anzuprobieren. Sie machte sich an die Arbeit, aber mit schmollender Miene und mit einer Art von Widerstreben, wodurch sie meine Teilnahme erregte. Da das erste nicht paßte, mußte sie ein zweites versuchen, – das ich reichlich bespritzte. Ihre Herrin fing an zu lachen; sie aber warf mir entrüstet über mein Benehmen das ganze Paket ins Gesicht und lief zornig hinaus. Da mir die weitere Lust vergangen war, so steckte ich das Paket in meine Tasche, gab der Dame zwei Louis und ging. Das Mädchen, das ich so rücksichtslos behandelt hatte, leuchtete mir an die Tür; ich glaubte die Beschimpfung wieder gut machen zu müssen, gab ihr einen Louis und bat sie um Verzeihung. Das arme Mädchen war darüber ganz verblüfft, küßte mir die Hand und bat mich, ihrer Gnädigen nichts zu sagen.

»Ich verspreche es dir, meine Liebe; aber sage mir, ist es wirklich wahr, daß du noch unberührt bist?«

»Das ist vollkommen wahr, mein Herr.«

»Ei, das ist ja ein wahres Wunder! Aber sage mir, warum hast du mir den Wunsch abgeschlagen, mich davon zu überzeugen?«

»Weil mich das empört.«

»Du wirst dich aber doch wohl dazu entschließen müssen, denn sonst wärest du ja zu nichts zu gebrauchen, so hübsch du auch bist. Willst du mich?«

»Ja, aber nicht in diesem scheußlichen Hause.«

»Aber wo denn sonst?«

»Lassen Sie sich morgen zu meiner Mutter führen, ich werde dort sein. Ihr Lohndiener weiß, wo sie wohnt.«

Als ich auf der Straße war, fragte ich den Lakaien, ob er das Mädchen kenne.

»Ja; und ich halte sie für anständig.«

»Sie werden mich morgen früh zu ihrer Mutter bringen.«

Am anderen Morgen führte er mich ans Ende der Stadt in ein armseliges Haus. Ich fand im Erdgeschoß eine alte Frau mit armen Kindern, welche ein hartes schwarzes Brot aßen.

»Was wollen Sie?« fragte sie mich.

»Ist Ihre Tochter hier?«

»Nein. Und wenn sie auch hier wäre? Halten Sie mich vielleicht für ihre Kupplerin?«

Inzwischen kam die Tochter an. Die wütende Mutter warf einen in ihrer Nähe stehenden Topf nach ihr. Glücklicherweise konnte das Mädchen dem Wurf ausweichen, aber den Klauen der alten Frau wäre sie nicht entgangen, wenn ich nicht zwischen sie getreten wäre. Die Mutter heult, die Kinder brüllen, und das arme Mädchen weint. Infolge dieses Spektakels tritt mein Lohndiener ein.

»Spitzbübin!« schreit die Mutter; »du entehrst mich! Hinaus aus meinem Hause! Ich bin nicht mehr deine Mutter.«

Ich war in großer Verlegenheit. Mein Diener bat sie, doch nicht so laut zu schreien, daß alle Nachbarn es hören könnten; aber das wütende Weib antwortete auf seine Ermahnungen nur mit den gröbsten Schimpfworten. Ich zog einen Sechsfrankentaler aus der Tasche und gab ihr den; sie warf ihn mir an den Kopf. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mit dem Mädchen hinauszugehen. Sie hatte das arme Kind bei den Haaren gepackt, aber mein Diener hatte sie aus ihren Händen befreit.

Kaum war ich auf der Straße, so pfiff der Pöbel, der von dem Lärm herbeigezogen war, mich aus und verfolgte mich. Ohne Zweifel wäre ich in Stücke gerissen worden, wenn ich nicht in eine Kirche geflüchtet wäre, die ich erst eine Viertelstunde darauf durch eine andere Tür verließ. Nur die Flucht rettete mir das Leben; denn ich kannte die Wut der Provenzalen und hütete mich darum, auch nur ein einziges Wort auf die Schimpfreden zu erwidern, die von allen Seiten auf mich herunterhagelten. Ich bin, glaube ich, niemals in größerer Lebensgefahr gewesen als an diesem Tage.

Bevor ich noch in meinem Gasthof angekommen war, holte mein Lohndiener mit dem jungen Mädchen mich ein. Ich sagte zu ihr: »Wie konnten Sie mich in eine so entsetzliche Lage bringen, da Sie doch den wütenden Charakter Ihrer Mutter kannten?«

»Ich hoffte, sie würde vor Ihnen Respekt haben.«

»Nun beruhigen Sie sich, weinen Sie nicht mehr! Aber sagen Sie mir, wie ich Ihnen nützlich sein könnte?«

»Ich liege auf der Straße. Ehe ich in das abscheuliche Haus zurückkehre, wo ich gestern war, stürze ich mich ganz gewiß lieber ins Meer!«

»Kennen Sie,« fragte ich meinen Lohndiener, »irgendein anständiges Haus, wo ich das Mädchen unterbringen kann?«

Er antwortete nur, er kenne einen ehrenwerten Mann, der möblierte Zimmer vermiete.

»Gehen Sie voraus, ich folge Ihnen.«

Ich fand in dem Hause einen Greis, der mir Zimmer in allen Stockwerken zeigte.

»Ich brauche nur einen kleinen Winkel,« sagte das junge Mädchen. Der alte Mann führte uns nun auf den Dachboden, öffnete eine Kammer und sagte: »Dieses Kabinett kostet monatlich sechs Franken; aber die Miete muß im voraus bezahlt werden, und ich mache Sie darauf aufmerksam, daß meine Haustür stets um zehn Uhr geschlossen wird, und daß niemand die Nacht bei Ihnen zubringen darf.«

Die Kammer enthielt ein Bett mit groben Laken, zwei Stühle, ein Tischchen und eine Kommode. Ich fragte ihn, wieviel er täglich für die Verpflegung des Mädchens verlange. Er forderte zwanzig Sous und außerdem zwei Sous für die Magd, die ihr das Essen bringen und die Kammer reinhalten würde.

»Das genügt mir,« sagte das junge Mädchen, zugleich bezahlte sie die Miete für den Monat und die Kost für den Tag. Ich verabschiedete mich von ihr, indem ich ihr sagte, ich würde wiederkommen.

Während wir die Treppe hinuntergingen, fragte ich den alten Mann nach einem Zimmer für mich. Er zeigte mir ein sehr sauberes Zimmer, das einen Louis kostete; ich bezahlte es für einen Monat im voraus. Er gab mir einen Hausschlüssel, um nach meinem Belieben ein- und ausgehen zu können, und sagte: »Wenn Sie essen wollen, mein Herr, werde ich Sie ganz nach Ihrem Wunsch bedienen.«

Nachdem ich dieses gute Werk vollbracht hatte, speiste ich allein zu Mittag; hierauf ging ich in ein Café, wo ich den liebenswürdigen Malteserritter am Spieltisch traf. Sobald er mich sah, hörte er auf, steckte eine Hand voll Gold, das er gewonnen hatte, in die Tasche und begrüßte mich mit jener ausgesuchten Höflichkeit, die den Franzosen angeboren zu sein scheint. Auf seine Frage, ob ich mit meiner Schönen, bei der ich soupiert hätte, zufrieden gewesen wäre, erzählte ich ihm alles Vorgefallene. Er lachte darüber und schlug mir vor, mich zu seiner Tänzerin zu führen. Wir fanden diese unter dem Kamm ihres Friseurs, und sie empfing mich scherzend wie einen guten Bekannten. Sie interessierte mich jedoch nicht; um aber dem liebenswürdigen Malteserritter einen Gefallen zu tun, tat ich, als finde ich sie sehr hübsch.

Als der Friseur fortgegangen war, zog sie sich ohne alle Umstände an, da sie am Abend auftreten sollte. Der Ritter half ihr das Hemd wechseln; sie zog es sich ohne alle Ziererei an, doch bat sie mich vorher um Entschuldigung.

Da ich ihr daraufhin ein Kompliment machen mußte, fiel mir nichts Besseres ein, als ihr zu sagen, sie habe mich durchaus nicht beleidigt, wohl aber mich aufgeregt.

»Das glaube ich nicht!« sagte sie.

»Ganz gewiß, es ist wahr!« versetzte ich.

Sie trat an mich heran, um sich zu überzeugen, und als sie sah, wie ich sie belogen hatte, sagte sie mit einer halb schmollenden Miene:

»Sie sind ein Taugenichts!«

Es gibt in ganz Frankreich keine Stadt, wo die Kurtisanen so ausschweifend sind wie in Marseille; sie setzen nicht nur ihren Stolz darein, niemals etwas abzuschlagen, sondern sie sind die ersten, alles anzubieten.

Die Tänzerin zeigte mir eine Repetieruhr, die sie in einer Lotterie, zu zwölf Franken das Los, ausspielen wollte. Sie hatte noch zehn Lose; ich nahm ihr diese ab, und meine fünf Louis machten ihr solche Freude, daß sie mir um den Hals fiel und zum Malteserritter sagte, sie würde ihm untreu werden, sobald ich Lust hätte.

»Das freut mich außerordentlich,« sagte der Ritter. Er bat mich, bei ihr mit ihm zu soupieren, und ich nahm die Einladung an; das einzige Vergnügen jedoch, das ich mir verschaffte, bestand darin, zuzusehen, wie der Ritter seine Pflicht bei ihr erfüllte. Er stand jedoch weit hinter Dolci zurück.

Nachdem ich ihnen gute Nacht gewünscht hatte, verließ ich sie und begab mich nach dem Hause, wo ich das arme Mädchen untergebracht hatte. Die Magd führte mich in mein Zimmer, und ich fragte sie, ob ich nach dem Boden gehen könnte. Sie nahm das Licht, und ich folgte ihr. Rosalie, so hieß das junge Mädchen, erkannte meine Stimme und machte mir auf. Ich sagte der Magd, sie möchte in meinem Zimmer auf mich warten, setzte mich auf das Bett und fragte das schöne Kind: »Bist du zufrieden, meine Liebe?«

»Ich fühle mich glücklich.«

»Ich hoffe doch, du wirst so gefällig sein und mir an deiner Seite Platz machen.«

»Sie haben zu befehlen, aber ich muß Ihnen gestehen. Sie werden mich nicht so finden, wie ich Ihnen gesagt habe; denn ich habe mich bereits hingegeben, allerdings nur ein einziges Mal.«

»Du hast mir also eine Lüge gesagt?«

»Verzeihen Sie mir! Ich konnte nicht ahnen, daß Sie mich lieben würden.«

»Ich verzeihe dir gern, besonders da ich darauf gar keinen Wert lege.«

Sanft wie ein Lamm ließ sie mich alle ihre Schönheiten betrachten, die ich mit Händen und Mund verschlang. Der Gedanke, daß ich diese Schätze besitzen sollte, versetzte mein ganzes Wesen in Glut; aber ihre gehorsame Miene betrübte mich, und ich fragte sie: »Warum, reizende Rosalie, kommst du nicht meinen Wünschen entgegen?«

»Ich wage es nicht, weil ich fürchte, Sie könnten mich in Verdacht haben, daß ich mich verstelle.«

Falschheit und studierte Koketterie können wohl eine solche Antwort geben; was aber eine noch so wohl überlegte Berechnung nicht hervorbringen kann, das ist der Ton von Aufrichtigkeit und schüchterner Wahrhaftigkeit, womit das herrliche Mädchen diese Worte aussprach. Ungeduldig nach ihrem Besitz warf ich meine Kleider ab; zu meiner höchsten Überraschung aber fand ich in ihr eine vollkommene Jungfrau.

»Warum,« fragte ich sie, »hast du gesagt, du habest einen Liebhaber gehabt? Eine solche Lüge hat noch niemals ein junges Mädchen gesagt.«

»Ich habe wirklich nicht gelogen; aber es ist mir lieb, daß es Ihnen so vorkommt.«

»Erzähle mir dies.«

»Gern, denn ich wünsche mich Ihres Vertrauens würdig zu machen; die Sache verhält sich folgendermaßen: Vor zwei Monaten liebte meine Mutter mich noch, trotz ihrem aufbrausenden und trotzigen Wesen. Ich arbeitete als Näherin und verdiente täglich zwanzig bis dreißig Sous. Ich gab alles meiner Mutter. Ich hatte nie einen Liebhaber gehabt und dachte überhaupt nicht an Liebe, denn ich mußte lachen, wenn man mich wegen meiner Einsamkeit pries. Von Kindheit an war ich daran gewöhnt worden, den jungen Leuten, denen ich auf der Straße begegnete, niemals ins Gesicht zu sehen und ihnen nicht zu antworten, wenn sie irgendwelche fade Redensarten an mich richteten.

Es ist nun zwei Monate her, da kam ein recht hübscher junger Mensch, ein kleiner Kaufmann aus Genua, zu meiner Mutter, um von ihr sehr feine baumwollene Strümpfe waschen zu lassen, die von dem Seewasser ein wenig verdorben waren. Als er mich sah, lobte er meine Schönheit, doch tat er dies auf die anständigste Art von der Welt. Er gefiel mir; ohne Zweifel hatte er dies bemerkt, denn er kam jeden Abend wieder. Meine Mutter war stets zugegen; er plauderte und sah mich an, aber niemals nahm er auch nur meine Hand, um sie zu küssen. Meine Mutter sah mit großem Vergnügen, daß der junge Mann mich liebte, und schalt mich oft aus, ich wäre nicht höflich genug gegen ihn. Nach einiger Zeit mußte er mit dem kleinen Schiff, das sein Eigentum war, nach Genua fahren, um eine Warenladung dorthin zu bringen. Er hatte uns versichert, er würde im nächsten Frühjahr wiederkommen und uns dann seine Absichten kundgeben. Er hoffe, ich werde stets tugendhaft sein und vor allen Dingen mit keinem Liebhaber verkehren. Dies war vielsagend. Meine Mutter sah in ihm nunmehr den Mann, dem ich einstmals angehören würde, und ließ mich bis Mitternacht mit ihm an der Haustür plaudern. Wenn er fortging, schloß ich die Tür und legte mich neben meine Mutter, die ich stets bereits eingeschlafen fand, ins Bett. Vier oder fünf Tage vor seiner Abreise nahm er meinen Arm und lud mich ein, ihn etwa fünfzig Schritte von unserem Hause in ein Weinhaus zu begleiten und bei dem griechischen Wirt, der die ganze Nacht offen hielt, ein Glas Muskateller zu trinken. Wir blieben nur eine halbe Stunde beieinander, und bei dieser Gelegenheit gab er mir die ersten Küsse. Nach Hause kommend, fand ich meine Mutter wach; ich erzählte ihr alles, so unschuldig fand ich die ganze Sache.

Aufgeregt von der Erinnerung an die Erlebnisse der vorigen Nacht, erklärte ich mich am nächsten Tage bereit, abermals mit ihm zu gehen. Die Liebe machte weitere Fortschritte. Die Liebkosungen, die wir einander erwiesen, waren nicht mehr unschuldig; denn wir wußten wohl, daß wir weiter gegangen waren, als die Pflicht uns erlaubte. Gleichwohl verziehen wir uns, denn des Wesentlichen hatten wir uns enthalten.

In der übernächsten Nacht sollte mein Geliebter abfahren; er verabschiedete sich von meiner Mutter, und sobald diese im Bett lag, zögerte ich nicht länger, ihm den Genuß zu bewilligen, den ich ebenso sehr wünschte wie er. Wir gingen zum Griechen, aßen und tranken, und unsere erhitzten Sinne ließen die Liebe triumphieren: wir vergaßen unsere Pflicht und glaubten Wunder was Herrliches zu tun. Nach unserer Niederlage schliefen wir ein; aber als wir erwachten, da erkannten wir im hellen Licht des Tages den Fehltritt, den wir begangen hatten. Mehr traurig als froh trennten wir uns, und meine Mutter empfing mich ungefähr ebenso, wie Sie heute morgen es mit angesehen haben. Ich versicherte ihr, eine Heirat würde die Schande meines Verbrechens auslöschen; aber als sie dies Geständnis hörte, ergriff sie einen Stock und würde mich totgeschlagen haben, wenn ich nicht, mehr aus Instinkt als aus Berechnung, entflohen wäre.

Da war ich nun auf der Straße. Ich wußte nicht, wohin ich mich wenden sollte; so trat ich denn in eine Kirche ein und kniete dort, wie betäubt, im Gebet bis zum Mittag. Denken Sie sich meine Lage: ich hatte Hunger und wußte nicht, wo ich schlafen sollte; ich hatte keine anderen Kleider als die, die ich auf dem Leibe trug, und besaß keinen Heller, um mir ein Stück Brot zu kaufen. Eine Frau sprach mich auf der Straße an. Ich kannte sie und wußte, daß sie sich ihren Lebensunterhalt damit verdiente, Familien, welche Dienstboten brauchten, solche zu besorgen. Ich fragte sie sofort, ob sie mir einen Dienst verschaffen könnte.

Sie antwortete: «Man hat heute ein Mädchen von mir verlangt, aber es ist bei einer Dame von schlechtem Lebenswandel, und wenn Sie diesen Platz annehmen, wird es Ihnen, hübsch wie Sie sind, schwer fallen, anständig zu bleiben.»

«Ich werde mich gegen die Ansteckung zu wehren wissen,»rief ich; «ich bin in einer Lage, alles annehmen zu müssen.»

Sie führte mich zu dem Fräulein, das mich mit Vergnügen annahm und hocherfreut war, als ich auf ihre Frage antwortete, ich hätte noch niemals etwas mit einem Mann zu tun gehabt. Es hat mir seitdem oft leid getan, diese Lüge zu ihr gesagt zu haben, denn in den acht Tagen, die ich bei dieser liederlichen Dame verbrachte, hatte ich die bittersten Beschimpfungen zu erdulden, die jemals einem anständigen Mädchen widerfahren sind. Kaum hatten die Männer, die sie besuchten, mich bemerkt und von ihr erfahren, daß ich noch Jungfer sei, so wollten sie ihre tierische Lust an mir befriedigen und boten mir Gold, aber unter der Bedingung, daß ich mich vorher untersuchen ließ. Da ich mich weigerte, so verhöhnte man mich. Aber das war noch nicht alles. Fünf- oder sechsmal täglich sah ich mich genötigt, bei den rohen Genüssen zugegen zu sein, die die Kunden sich mit meiner Herrin verschafften, und nachts, wenn ich ihnen die Treppe hinunterleuchten mußte, überschütteten sie mich mit Schmähungen, weil ich mich weigerte, ihnen für elende zwölf Sous einen ekelhaften Dienst zu leisten. Es war mir nicht mehr möglich, dieses Leben noch länger zu führen, und als Sie gestern kamen, ging ich schon mit dem Gedanken um, mich ins Wasser zu stürzen. Sie behandelten mich so überaus schmachvoll, daß ich in meinem Entschluß noch bestärkt wurde; beim Fortgehen aber benahmen Sie sich so höflich und großmütig, daß ich augenblicklich Liebe zu Ihnen faßte, denn ich hielt Sie für den Mann, den die Vorsehung dazu ausersehen hätte, mich von dem Sturz in den Abgrund zu bewahren. Ich glaubte, Ihre Erscheinung würde vielleicht meine Mutter beruhigen und Sie könnten sie überreden, mich wieder bei sich aufzunehmen, bis mein Liebhaber käme und mich heimführte. Sie haben mir diese Täuschung benommen; ich bin, wie ich sehe, in ihren Augen ganz und gar verloren. Nehmen Sie mich zu Ihrer Magd; ich werde treu nur Sie allein lieben, werde mich Ihnen ganz und gar unterwerfen, und Sie sollen niemals über mich zu klagen haben.«

Ich weiß nicht, war es Tugend, war es Schwachheit – genug, diese Erzählung des interessanten Opfers einer Sinnenverirrung und der übergroßen Strenge einer Mutter riß mich zu Tränen hin; als sie mich gerührt sah, flossen auch ihre Tränen stromweise; dies war kein Wunder, denn gewiß bedurfte ihr junges armes Herz einer Erleichterung.

«Ich glaube, meine arme Rosalie, du hast nur ein Hemd.«

»Ach das ist leider nur wahr.«

»Sei ruhig, meine Liebe, morgen wirst du alles haben, was du brauchst, und morgen Abend wirst du im zweiten Stock mit mir speisen. Ich werde für dich sorgen.«

»Sie haben also Mitleid mit mir?«

»Ich glaube, mein liebes Kind, es ist mehr Liebe als Mitleid.«

»Das gebe Gott!«

Über dieses »Das gebe Gott«, das ihr aus der innersten Seele kam, mußte ich laut lachen.

Die Magd, die seit zwei Stunden auf mich wartete, legte ihr mürrisches Gesicht in freundliche Falten, als sie den Sechs-Frankentaler sah, den ich ihr zur Entschädigung in die Hand drückte. Ich sagte zu ihr: »Sage deinem Herrn, ich werde morgen Abend mit Rosalie Fastenspeisen essen, und sage ihm, daß ich gut zu essen liebe.«

Heftig verliebt in das junge Mädchen ging ich in meinen Gasthof zurück; es war für mich eine Befriedigung, auch einmal eine wahre Geschichte aus einem schönen Munde gehört zu haben. Sie war offenbar in ihren Gefühlen so tugendhaft, daß ihr kleiner Fehltritt ihr in meinen Augen nur um so höheren Glanz verlieh. Ich faßte den Entschluß, sie niemals zu verlassen, und dieser Entschluß war aufrichtig, denn ich war in sie verliebt.

Am anderen Morgen trank ich meine Schokolade und ging dann mit dem Lohndiener aus; ich ließ mich in mehrere Kaufläden führen, wo ich alles bekommen konnte, was sie nötig hatte. Was ich aussuchte, war ohne Luxus, aber auch nicht armselig. Rosalie war erst fünfzehn Jahre alt, aber nach ihrem schlanken Wuchs, ihrem wohlgeformten Busen, den vollen, von den Grazien gerundeten Armen hätte man ihr vier Lustren geben können. Ich hatte ihre Formen so gut im Kopfe, daß die von mir gekauften Sachen ihr so gut paßten, wie wenn ihr Maß genommen worden wäre. Ich verwandte den ganzen Vormittag hierauf, und der Diener brachte ihr in einem kleinen Koffer zwei Kleider, Hauben, Unterröcke, Schnupftücher, Handschuhe, Mützen, ein Paar Pantoffeln, einen Fächer, einen Arbeitsbeutel und ein Mäntelchen. Beglückt von dem Gedanken, dem reizenden Mädchen eine Überraschung bereitet zu haben, konnte ich die Stunde des Abendessens kaum erwarten, um mich an ihrer Zufriedenheit zu weiden.

Der Malteserritter besuchte mich und lud sich ohne Umstände zum Mittagessen ein; ich nahm ihn mit Vergnügen bei mir auf. Nach der Mahlzeit überredete er mich, mit ihm ins Theater zu gehen, weil das Abonnement aufgehoben wäre und deshalb die Logen die beste Gesellschaft enthielten. Es würden keine Dirnen im Amphitheater sein, denn diese würden nur gegen Bezahlung Eintritt haben. Er stellte mich einer Dame vor, in deren Hause die gute Gesellschaft verkehrte; sie lud mich ein, sie zu besuchen. Ich entschuldigte mich mit meiner sehr nahe bevorstehenden Abreise. Nichtsdestoweniger war diese Dame eine ausgezeichnete Bekanntschaft, die mir bei meinem zweiten Besuch in Marseille sehr nützlich wurde. Es war eine Madame Audibert.

Ich wartete das Ende der Vorstellung nicht ab, sondern begab mich schon vorher an den Ort, wohin mich die Liebe rief. Es wartete meiner eine höchst angenehme Überraschung! Ich glaubte Rosalie nicht wieder zu erkennen, als ich sie vor mir sah. Ich kann mir das Vergnügen nicht versagen, hier ihr Bildnis zu zeichnen, wie es trotz den seither verflossenen Jahren mir im Gedächtnis geblieben ist:

Rosalie war eine pikante Brünette von mehr als mittlerer Größe. Ihr Gesicht bildete ein schönes Oval von den vollkommensten Verhältnissen. Zwei große, schwarze, schön geschnittene und hoch gewölbte Augen strahlten ein Feuer aus, das durch eine entzückende Sanftmut gemildert wurde. Schön geschwungene Augenbrauen, überreiches ebenfalls schwarzes Haar und schwarze Augen ließen die glänzende Weiße ihrer rosig angehauchten Haut noch mehr hervorstehen. Ein Grübchen auf ihrem kleinen Kinn bildete mit zwei anderen Grübchen, die das leiseste Lächeln auf ihre Wangen zauberte, ein Dreieck. Ihr kleiner Mund war mit zwei Reihen Zähnen vom schönsten Schmelz geziert; ihre Lippen vom herrlichsten Rot umspielte ein unerklärlicher Zug. Ihre Unterlippe stand ein wenig vor, wie wenn sie Küsse aufsaugen wollte. Von ihren Armen, von ihrem Busen, von ihrem tadellosen Wuchs sprach ich schon; bemerken aber muß ich noch, daß sie eine göttliche Hand hatte und den kleinsten Fuß, der sich denken läßt. Von ihren übrigen Vollkommenheiten will ich nur sagen, daß sie den bereits geschilderten entsprachen.

Um Rosalien in der ganzen Vollendung ihrer Schönheit zu sehen, mußte man sie lachen sehen; bis zu diesem Augenblick aber war sie nur traurig oder ärgerlich gewesen, und diese Stimmungen sind im allgemeinen den Frauen nicht günstig, sondern nehmen ihnen viel von ihrem Reiz. Nun aber war ihre Traurigkeit verschwunden und hatte dem Ausdruck der Dankbarkeit und der Freude Platz gemacht. Ihr schönes Gesicht fesselte die Aufmerksamkeit, weil es von sprechender Lebendigkeit war und Lust machte, zu hören, was sie sagte. Ich betrachtete sie aufmerksam und war stolz auf die Umwandlung, die mein Werk war; aber ich bemerkte, daß ich meine Überraschung verbergen mußte, damit sie nicht glaubte, daß ich unvorteilhaft von ihr dächte. Ich beeilte mich daher, ihr meine Gedanken auszusprechen, indem ich ihr versicherte, daß ich mich unsterblich lächerlich machen würde, wenn ich sie so, wie Gott sie geschaffen hätte, als Magd in meinen Dienst nehmen wollte.

»Du wirst meine Geliebte sein, teure Rosalie!« rief ich; »meine Diener werden dir die gleiche Achtung bezeigen, wie wenn du meine Frau wärest.«

Rosalie schien durch diese Worte ein neues Leben zu empfangen; sie sprach mir das innige Gefühl aus, das meine Wohltaten in ihr erregten. In ihrem überströmenden Gefühl drückte sie sich unbeholfen aus, aber gerade dieses erfüllte mich mit Freude, denn ich konnte nicht verkennen, daß sie unverstellt sprach: keine Kunst entstellte ihren Geist durch falsches Blendwerk.

Da sie in ihrer Dachstube keinen Spiegel besaß, hatte sie sich beim Ankleiden ohne einen solchen behelfen müssen, und ich sah, daß sie sich in dem großen Wandspiegel, der mein Zimmer schmückte, nicht zu betrachten wagte. Ich kannte die Schwäche aller Frauen – eine Schwäche, die die Männer ihnen sehr mit Unrecht zum Vorwurf machen, – und ermutigte sie daher, sich im Spiegel zu besehen. Sie konnte ein Lächeln der Befriedigung nicht unterdrücken und rief: »Ich komme mir vor, wie wenn ich maskiert wäre, denn noch niemals habe ich mich in solchem Putz gesehen.« Sie lobte die geschmackvolle Einfachheit ihres Kleides, und ärgerte sich, als sie daran dachte, daß ihre Mutter dieses alles sehr schlimm finden würde.

»Du mußt deine Mutter vergessen, liebes Herz! Du siehst vollkommen wie eine vornehme Dame aus, und ich werde ganz stolz sein, wenn man mich in Genua fragen wird, ob du meine Tochter seist.«

»In Genua?«

»Ja, in Genua. Du erbleichst?«

»Vor Überraschung; denn ich werde vielleicht dort einen Mann sehen, den ich noch nicht vergessen habe.«

»Willst du hier bleiben?«

»Nein, nein! Lieben Sie mich und seien Sie überzeugt, daß ich Sie allem vorziehe, und zwar aus Liebe und nicht aus Eigennutz.«

»Du wirst gerührt, lieber Engel. Komm her und laß deine Tränen von meinen Küssen trocknen!«

Erstickt von den verschiedenen Gefühlen, von denen ihr Herz voll war, warf sie sich in meine Arme und weinte lange. Ich suchte sie nicht zu trösten, denn sie hatte keinen Kummer. Indem sie weinte, folgte sie jenem Bedürfnis, das zärtlichen Herzen so natürlich ist und das die Frauen häufiger und lebhafter empfinden als die Männer. Sie weinte noch, als wir uns zu Tisch setzten. Wir hatten ein köstliches Abendessen, dem ich für sie und mich alle Ehre antat; denn sie aß nichts. Ich fragte sie infolgedessen, ob sie den Fehler habe, nicht lecker zu sein.

Sie antwortete mir: »Kein Mensch hat einen besseren Appetit als ich, und ich habe einen ausgezeichneten Magen. Sie werden dies sehen, wenn mein Herz und meine Seele sich ein bißchen an die Freude gewöhnt haben, die mir jetzt Beklemmungen macht.«

»Aber du könntest doch mindestens trinken! Dieser Wein ist ausgezeichnet. Wenn du den griechischen Muskateller vorziehst, werde ich welchen holen lassen; er wird dich an deinen Liebhaber erinnern.«

»Wenn Sie einige Rücksicht auf mich nehmen wollen, so bitte ich Sie, seien Sie so gütig und ersparen Sie mir die größte Kränkung, die Sie mir antun können.«

»Ich verspreche dir, daß dir niemals eine Kränkung von meiner Seite widerfahren soll. Es war ein schlechter Scherz: ich bitte dich dafür um Verzeihung. Es soll nicht wieder vorkommen.«

»Wenn ich Sie sehe, fühle ich Verzweiflung, daß ich Sie nicht vor ihm gekannt habe.«

»Dies Gefühl genügt mir, liebe Rosalie; es ist erhaben, weil du es nur in deiner unschuldigen Liebe geschöpft hast. Du bist schön und keusch, denn du hast nur der Liebe nachgegeben, und du hattest ja die Aussicht, die Frau jenes Mannes zu werden. Wenn ich daran denke, daß du mein bist, so erfüllt es mich mit Verzweiflung, nicht sicher zu sein, daß du mich liebst; denn ein feindlicher Genius will mir einreden, daß du mich nur deshalb duldest, weil ich das Glück gehabt habe, dir zu helfen.«

»Das ist ein sehr schlechter Genius, lieber Freund! Wenn ich Ihnen auf der Straße begegnet wäre, so hätte ich mich freilich ganz gewiß nicht wahnsinnig in Sie verliebt, aber sicherlich würden Sie mir gefallen haben. Ich fühle, daß ich Sie liebe, und zwar nicht um Ihrer Wohltaten willen; denn wenn ich reich wäre und Sie arm, so fühle ich, daß ich alles für Sie tun würde. Aber das wünsche ich durchaus nicht; denn es ist mir lieber, in Ihrer Schuld zu sein, als wenn Sie mein Schuldner wären. Dies sind meine aufrichtigen Gefühle. Erraten Sie das übrige!«

Es war Mitternacht, und wir plauderten noch immer in diesem Ton, als mein alter Wirt hereinkam und mich fragte, ob ich zufrieden sei.

»Ich bin Ihnen Dank schuldig; ich bin sehr zufrieden. Aber wer hat denn dieses köstliche Abendessen zubereitet?«

»Meine Tochter. Sie versteht sich darauf.«

»Sagen Sie ihr, ich habe es ausgezeichnet gefunden.«

»Freilich, mein Herr, aber es ist teuer.«

»Nicht teuer, guter Freund! Sie werden mit mir zufrieden sein, wie ich es mit Ihnen bin. Sorgen Sie dafür, daß ich morgen Abend ebenso gut bedient werde; denn ich hoffe, morgen wird das Fräulein sich besser fühlen und mir dann helfen, den kulinarischen Erzeugnissen Ihrer Tochter Ehre anzutun.«

»Sie wird guten Appetit im Bett haben. Vor sechzig Jahren ist es mir ebenso ergangen. Sie lachen, Fräulein?«

»Ich lache, weil ich denke, daß diese Erinnerungen Ihnen Vergnügen machen müssen.«

»Sie täuschen sich nicht; darum verzeihe ich auch jungen Leuten die kleinen Sünden, die sie aus Liebe begehen.«

»Sie sind ein weiser und guter alter Herr,« sagte ich zu ihm; »man muß für die süßeste aller Schwächen Mitgefühl haben.«

»Wenn der alte Mann weise ist,« sagte Rosalie, als der Wirt fortgegangen war »ist meine Mutter töricht.«

»Wünschest du, daß ich dich morgen ins Theater führe?«

»Ich bitte, nein! Wenn Sie es verlangen, gehorche ich Ihnen, aber es würde mir unangenehm sein. Hier in Marseille weder Theater noch Spazierengehen! Himmel, was würde man sagen! Nein, in Marseille nichts; aber sonst überall alles, was Sie wollen, und von Herzen gern.«

»Gut, meine Liebe, es soll nach deinem Willen geschehen. Aber hier ist dein Zimmer; du sollst nicht mehr in der Dachkammer wohnen, und in drei Tagen reisen wir ab.«

»So bald schon?«

»Ja, du wirst mir morgen sagen, was du für deine Reise haben möchtest, denn ich wünsche, daß es dir an nichts fehlt, und ich könnte vielleicht irgend etwas vergessen; das würde mir unangenehm sein.«

»Ich brauche noch einen gefütterten Mantel, Halbstiefelchen, eine Nachtmütze und ein Gebetbuch, um in die Kirche gehen zu können.«

»Du kannst also lesen?«

»Freilich, sogar auch ganz leidlich schreiben.«

»Das freut mich außerordentlich. Indem du von mir alles verlangst, was du nur wünschen kannst, liebe Freundin, gibst du mir einen wirklichen Beweis von Liebe: denn wo das Vertrauen mangelt, da ist keine echte Liebe. Ich werde nichts vergessen; aber du hast einen so kleinen Fuß, daß es besser ist, wenn du dir die Halbstiefelchen selber besorgst.«

Unsere Unterhaltung war so angenehm; es machte mir so viel Vergnügen, ihren Geist zu beobachten, daß wir erst gegen fünf Uhr morgens zu Bett gingen. Wir verbrachten sieben köstliche Stunden in Amors und Morpheus‘ Armen, und als wir gegen Mittag aufstanden, waren wir innig miteinander vertraut. Sie duzte mich und sprach nicht mehr von Dankbarkeit, sondern von Liebe; sie hatte sich schon ganz in ihren gegenwärtigen Zustand hineingefunden und lachte über ihr vergangenes Elend.

Alle Augenblicke küßte sie mich, nannte mich ihr Kind, ihr Glück; und da im Leben nichts wirklich ist als die Gegenwart, so genoß ich des Augenblicks, in ihren Liebkosungen schwelgend, und wies jeden Gedanken an die entsetzliche Zukunft von mir, die keine andere sichere Aussicht bietet als auf den Tod, ultima linea rerum.

Die zweite Nacht, die ich mit dem schönen Mädchen verbrachte, war noch viel süßer als die erste; denn da sie mit gutem Appetit gegessen und herzhaft, wenn auch mit Maß, getrunken hatte, so war sie viel empfänglicher für Verfeinerungen des Genusses und ergab sich mit größerem Feuer allen Wollüsten, die die Liebe eingibt und ausführt.

Ich schenkte ihr eine schöne Uhr und ein goldenes Webeschiffchen, um sich zu ihrer Unterhaltung Schnur darauf zu bereiten.

»Ich wünschte ein solches,« sagte sie zu mir, »aber ich würde niemals gewagt haben, dich darum zu bitten.«

Ich antwortete ihr: eine solche Furcht, mir durch eine Bitte um Sachen, die sie gerne haben möchte, zu mißfallen, lasse mich doch an ihrer Liebe zweifeln. Da stürzte sie sich in meine Arme und versprach mir unter den zärtlichsten Küssen, in Zukunft würde sie nicht mehr die geringste Zurückhaltung zeigen.

Es machte mir bereits Vergnügen, das junge Mädchen zu erziehen, und ich fühlte, daß sie vollkommen werden würde, wenn durch die Erziehung ihr Geist sich entwickelte. Am vierten Tage sagte ich ihr, sie möchte sich bereit halten, in meinen Wagen zu steigen, sobald ich sie abholte. Ich hatte weder zu Costa noch zu Leduc ein Wort von ihr gesagt, aber Rosalie wußte, daß ich zwei Bediente hatte; ich hatte ihr erzählt, daß ich mir auf der Reise oft das Vergnügen machte, sie schwatzen zu lassen, um über ihre plumpen Dummheiten zu lachen.

»Du, meine Liebe,« hatte ich zu ihr gesagt, »benimm dich sehr zurückhaltend gegen sie; laß ihnen niemals etwas durchgehen, vor allem nicht die geringste Vertraulichkeit! Befiehl ihnen als Herrin, aber ohne Hochmut, und du wirst Gehorsam und Achtung finden. Sollten sie sich jemals dir gegenüber vergessen, sei es worin es sei, so verlange ich, daß du mir dies ohne Erbarmen sofort mitteilst.«

Ich fuhr von dem Gasthof zu den »Dreizehn Kantonen« mit vier Postpferden ab; Leduc und Costa saßen auf dem Kutschbock, und der Lohndiener, den ich freigebig beschenkt hatte, führte uns vor Rosalies Haus. Ich stieg aus dem Wagen und dankte dem nachsichtigen Greis, der sein Bedauern aussprach, eine so liebenswürdige Mieterin abreisen zu sehen. Dann ließ ich sie einsteigen, setzte mich neben sie, und befahl den Postillonen, nach Toulouse zu fahren, denn ich hatte Lust, vor meiner Rückkehr nach Italien diesen schönen Seehafen zu besichtigen. Um fünf Uhr kamen wir an.

Beim Nachtessen benahm meine Rosalie sich mit der ganzen Würde einer Hausfrau, die an den Ton der guten Gesellschaft gewöhnt ist. Ich sah, daß Leduc in seiner Eigenschaft als Kammerdiener dem Costa ihre besondere Bedienung zuweisen wollte; aber ich brachte ihn davon ab, indem ich, ohne ihn anzusehen, zu meiner Freundin sagte, er werde die Ehre haben, sie zu bedienen, denn er frisiere wie der beste Pariser Friseur. Diese Schmeichelei versüßte ihm die bittere Pille; er fügte sich mit guter Miene, indem er mit einer tiefen Verbeugung sagte, er hoffe das Glück zu haben, Madame zufriedenzustellen.

Am anderen Morgen gingen wir aus, um den Hafen zu besehen. Der Kommandant, dessen Bekanntschaft wir durch einen glücklichen Zufall machten, erwies uns die Ehre, uns als Führer und Cicerone zu bedienen. Er bot Rosalien seinen Arm und behandelte sie mit großer Achtung; sie verdiente diese durch ihre gute Haltung und durch die vernünftigen Fragen, die sie stellte. Beim Mittagessen, an welchem auf meine Einladung auch der Kommandant teilnahm, sprach Rosalie wenig, aber stets treffend; sie ging mit großer Anmut auf die höflichen Komplimente unseres Gastes ein, der ein ebenso liebenswürdiger wie gebildeter Offizier war.

Am Nachmittag zeigte er uns das Arsenal; da er sich zu revanchieren wünschte, konnte ich seine Einladung zum Abendessen nicht ablehnen. Es war keine Rede davon, Rosalie vorzustellen, denn der Kommandant beeilte sich, uns seine Frau, seine Tochter und seinen Sohn vorzustellen. Ich sah mit großem Vergnügen, daß meine Freundin sich gegen Damen noch besser benahm als gegen Herren. Sie hatte ein natürliches Gefühl für das Schickliche. Die Damen erwiesen ihr tausend Freundlichkeiten, die sie mit edlem und gefühlvollem Anstand entgegennahm; ihr ganzes Wesen trug den Ausdruck jener Bescheidenheit und anziehenden Sanftmut, die das Kennzeichen einer guten Erziehung sind.

Ich wurde für den folgenden Tag zum Mittagessen eingeladen, da ich jedoch mit dem Gesehenen zufrieden war, so verabschiedete ich mich, um am nächsten Tage zu reisen.

Als ich ihr im Gasthof gesagt hatte, ich sei vollkommen mit ihr zufrieden, fiel sie mir voller Freude um den Hals und rief: »Ich hatte fortwährend Angst, man möchte mich fragen, wer ich eigentlich sei.«

»Fürchte nichts, liebe Freundin; in Frankreich wird man in guter Gesellschaft niemals so dumme Fragen an dich richten.«

»Aber wenn man mich nun doch gefragt hätte, wie hätte ich antworten sollen?«

»Ausweichend.«

»Was heißt das?«

»Eine ausweichende Antwort dient dazu, sich aus der Verlegenheit zu ziehen, ohne die Neugier der Indiskreten zu befriedigen.«

»Aber wie macht man denn das?«

»Du würdest zum Beispiel sagen: bitte fragen Sie den Herrn danach.«

»Ich verstehe jetzt. Aber benehme ich mich nicht unhöflich, wenn ich einer Frage ausweiche?«

»Allerdings, aber immerhin weniger unhöflich als diejenigen, die sich eine solche unangebrachte Frage gestatten.«

»Was würdest du antworten, wenn man an dich selber eine solche Frage richtete?«

»Dies käme auf den Grad der Achtung an, die ich der die Frage stellenden Person entgegenbrächte. Wenn ich die Wahrheit nicht sagen wollte, so weiß ich, daß es mir an einer Ausrede nicht fehlen würde. Übrigens bin ich dir dankbar, liebes Herz, daß du mit deinen Fragen bei mir Belehrung suchst. Frage mich nur immer; du wirst mich stets bereit finden, dir zu antworten, denn ich wünsche zu deiner Bildung beizutragen. Ich liebe dich und wünsche, daß du glänzest. Nun aber wollen wir zu Bett gehen, denn wir müssen morgen in aller Frühe nach Antibes abreisen, und die Liebe soll dich für das Vergnügen belohnen, das du mir heute bereitet hast.«

In Antibes mietete ich eine Feluke zur Überfahrt nach Genua, und da ich die Absicht hatte, auf demselben Wege aus Italien zurückzureisen, so brachte ich meinen Wagen in einer Remise unter, wofür ich monatlich eine Kleinigkeit bezahlte. Bei Tagesanbruch fuhren wir mit gutem Winde ab; als aber später das Meer unruhig wurde, hatte Rosalie eine Todesangst, und ich ließ daher die Feluke in den Hafen von Villefranche hineinrudern. Um ein gutes Nachtlager zu haben, nahm ich dort einen Wagen nach Nizza. Des schlechten Wetters wegen mußten wir drei Tage hier bleiben, und ich hielt mich für verpflichtet, dem Kommandanten, einem alten Offizier namens Peterson, meine Aufwartung zu machen.

Er empfing mich sehr freundlich; nachdem wir die üblichen höflichen Redensarten ausgetauscht hatten, fragte er mich: »Kennen Sie einen Russen, der sich Karl Iwanoff nennen läßt?«

»Ich habe in Grenoble Gelegenheit gehabt, ihn einmal zu sehen.«

»Man sagt, er sei aus Sibirien entflohen und sei der jüngere Sohn des Herzogs Biron von Kurland.«

»Das hat man mir auch gesagt; aber ich habe keinen Beweis dafür gesehen.«

»Er befindet sich in Genua, wo ein Bankier, wie man sagt, Auftrag hat, ihm zwanzigtausend Taler zu geben. Trotzdem hat er hier keinen Menschen gefunden, der ihm auch nur einen Sou hätte geben wollen; um die Stadt von seiner listigen Anwesenheit zu befreien, habe ich ihn schließlich auf meine Kosten nach Genua geschickt.«

Es war mir sehr angenehm, daß er vor meiner Ankunft abgereist war.

Ein früherer Offizier Ramini, der im selben Gasthof mit mir wohnte, fragte mich, ob ich ein Paket besorgen wolle, das der spanische Konsul Herr de Saint-Pierre nach Genua an den Marchese Grimaldi zu schicken habe. Dies war jener Herr, den ich kürzlich in Avignon gesehen hatte; ich übernahm daher den Auftrag mit Freuden.

»Haben Sie,« fuhr hierauf der Offizier fort, »in Avignon eine Madame Stuard gekannt, die hier in Nizza etwa vierzehn Tage mit ihrem angeblichen Gatten gewohnt hat? Die armen Leutchen hatten keinen Heller; und die Frau, eine vollendete Schönheit, bezauberte alle Welt durch ihre Reize, gönnte aber niemandem ein Wort oder einen Blick.«

»Ich habe sie gesehen und auch persönlich gekannt; aber sie ist nicht mehr dort. Ich selber habe ihr das Geld gegeben, um ihre Reise fortsetzen zu können. Aber wie haben sie Nizza ohne Geld verlassen können?«

»Das weiß kein Mensch. Sie ist in einem Wagen abgereist, und der Wirt ist bezahlt worden. Marchese Grimaldi hat mir gesagt, sie habe hundert Louis zurückgewiesen, die er ihr habe geben wollen, und einem Venetianer, den er kenne, sei es nicht besser ergangen als ihm. Vielleicht sind Sie dieser Venetianer?«

»Ja, ich bin’s. Und trotzdem habe ich ihr Geld gegeben.«

Am Abend suchte Herr Peterson mich auf; Rosalie bezauberte ihn durch ihre Liebenswürdigkeit. Ich verfehlte nicht, ihr auch zu diesem neuen Erfolge Glück zu wünschen.

Nizza ist der Sitz der Langenweile, und die Mücken sind dort eine fürchterliche Plage für die Fremden, denn die Insekten ziehen diese den Einheimischen vor. Indessen unterhielt ich mich ganz gut dank einer kleinen Pharaobank, die im Kaffeehaus gehalten wurde und an welcher Rosalie, die ich zum Spielen genötigt hatte, etwa zwanzig Piemonteser Pistolen gewann. Sie steckte ihren kleinen Schatz in eine Börse und sagte mir, dieser Besitz mache sie sehr glücklich, denn sie habe gern etwas Geld besitzen wollen. Ich schalt sie aus, daß sie mir dies nicht gesagt, und machte ihr Vorwürfe darüber, daß sie ihr Versprechen nicht gehalten hätte.

»Ich brauchte das Geld nicht,« antwortete sie mir; »ich fühle, daß ich es wünschte, ohne mir dessen bewußt zu sein.«

Unser Friede war bald geschlossen.

So schloß das junge Mädchen sich immer enger an mich an, und ich dachte, daß sie mir bis an das Ende meines Lebens angehören würde, daß ich zufrieden mit ihr leben und nicht mehr das Bedürfnis empfinden würde, von einer Schönen zur anderen zu eilen. Mein Schicksal hatte es anders mit mir beschlossen, und gegen das Schicksal läßt sich nichts machen.

Als das Wetter wieder schön geworden war, schifften wir uns mit Einbruch der Nacht ein und kamen am nächsten Tage in aller Frühe in Genua an, das ich niemals zuvor gesehen hatte. Ich stieg im Gasthof »San Martino« ab und nahm dort anstandshalber zwei Zimmer, aber zwei aneinanderstoßende. Am nächsten Tage schickte ich das Paket an Herrn von Grimaldi; und etwas später gab ich eine Karte in seinem Palazzo ab.

Ich ließ mich von einem Lohndiener zu einem Leinengeschäft führen und kaufte Leinwand, um Rosalie zu beschäftigen, welche Wäsche nötig hatte. Dies machte ihr das größte Vergnügen.

Wir saßen noch bei Tisch, als man mir den Marchese Grimaldi meldete; er umarmte mich und dankte mir, daß ich mich mit dem Paket bemüht hätte. Hierauf fragte er mich nach Neuigkeiten von Frau Stuard. Als ich ihm die Geschichte erzählt hatte, lachte er und sagte mir, er wüßte nicht recht, was er an meiner Stelle getan haben würde.

Da er meine Rosalie mit großer Aufmerksamkeit betrachtete, sagte ich ihm, sie sei ein junges Mädchen, das ebenso interessant durch seine Sittsamkeit wie durch seine Schönheit sei. »Ich möchte ihr eine Kammerfrau besorgen, die das Wäschenähen verstände, die auf landesübliche Art gekleidet mit ihr ausgehen könnte, und die vor allen Dingen italienisch spräche, damit sie es von ihr lernen kann; denn ich wünsche sie in Florenz, Rom und Neapel vorstellen zu können.«

»Warum,« antwortete mir der Marchese, »wollen Sie Genua des Vergnügens berauben, sie zu feiern? Ich erbiete mich, sie unter jedem beliebigen von Ihnen gewünschten Namen vorzustellen, wenn das Fräulein damit einverstanden ist.«

»Sie hat ihre Gründe, hier das Inkognito zu bewahren.«

»Das genügt. Gedenken Sie sich hier längere Zeit aufzuhalten?«

»Höchstens einen Monat, und unser Vergnügen wird sich darauf beschränken, uns die Stadt und ihre Umgebung anzusehen und das Theater zu besuchen. Hiermit werden wir noch die Freuden der Tafel verbinden, denn ich hoffe den Genuß zu haben, alle Tage Champignons zu essen, die hier besser sind als auf der ganzen Welt.«

»Das ist ein entzückender Plan; ich selber könnte Ihnen keinen besseren vorschlagen. Ich werde mich bemühen, mein gnädiges Fräulein, ein passendes Mädchen für Sie zu finden.«

»Sie, mein Herr? Womit soll ich soviel Güte verdienen?«

»Sie flößen mir eine so große Teilnahme ein, gnädiges Fräulein, da ich in Ihnen eine Marseillerin zu entdecken glaube.«

Rosalie errötete; sie wußte nicht, daß sie mit dem R schnarrte und daß man daran ihre Heimat erraten konnte. Ich beseitigte ihre Verlegenheit, indem ich ihr dies sagte.

Ich fragte den Marchese, wie ich mir das Journal des Savants, den Mercure de France und alle anderen derartigen Zeitschriften verschaffen könne. Er versprach, mir einen Mann zu schicken, der alle meine literarischen Wünsche befriedigen würde. Er fügte hinzu, wenn ich ihm gestatten wolle, mir etwas von seiner ausgezeichneten Schokolade zu schenken, so werde er zum Frühstück zu uns kommen. Ich antwortete ihm, Gast und Geschenk seien uns gleich angenehm.

Nachdem der Marchese fortgegangen war, bat Rosalie mich, sie zu einer Modistin zu führen. »Ich brauche,« sagte sie, »Bänder und allerlei Kleinigkeiten; aber ich will sie von meinem eigenen Gelde bezahlen, und ich will darum handeln, ohne daß du dich hineinmischest.«

»Mache es ganz wie du willst, meine Liebe! Nachher wollen wir ins Theater gehen.«

Die Modistin, zu der wir gingen, war eine Französin. Rosalie war reizend. Sie tat wichtig und spielte die Kennerin; sie ließ sich Hüte von der neuesten Mode vorlegen, feilschte um den Preis und gab fünf oder sechs Louis auf durchaus vornehme Weise aus. Beim Hinausgehen sagte ich zu ihr, man habe mich für ihren Lakaien gehalten, und ich wolle mich dafür rächen. Mit diesen Worten ließ ich sie bei einem Juwelier eintreten und kaufte ihr schöne Schnallen von Straß, schöne Ohrbommeln und ein schönes Halsband, ohne daß sie ein Wort dazu sagen durfte; nachdem ich bezahlt hatte, was man von mir verlangt hatte, verließen wir den Laden.

»Lieber Freund,« sagte sie zu mir, »was du gekauft hast, ist schön, aber du wirfst dein Geld weg, denn wenn du gehandelt hättest, würdest du mindestens vier Louis gespart haben.«

»Das kann wohl sein, liebes Herz; aber feilschen kann ich nicht.«

Ich führte sie ins Theater; da sie aber die Sprache nicht verstand, langweilte sie sich so sehr, daß sie nach dem ersten Akt mich bat, ich möchte sie doch nach Hause bringen; diesen Wunsch erfüllte ich ihr gerne. Ich fand im Gasthof ein Kistchen mit vierundzwanzig Pfund Schokolade, die Herr von Grimaldi geschickt hatte. Costa, der seine Geschicklichkeit, die Schokolade auf spanische Art zuzubereiten, gerühmt hatte, erhielt den Auftrag, am nächsten Morgen drei Tassen für uns zurecht zu machen.

Um neun Uhr kam der Marchese mit einem Händler, dem ich ausgezeichnete chinesische Baumwollstoffe abkaufte. Ich gab sie Rosalien, um sich zwei Mazzera machen zu lassen, eine Art Kapuzmantel, den die Frauen in Genua auf ihren Spaziergängen in der Stadt tragen, wie sie in Venedig den Cendal und in Madrid die Mantilla tragen.

Ich dankte Herrn von Grimaldi vielmals für seine schöne Schokolade die wir ausgezeichnet fanden. Costa war ganz stolz über das Lob, das der Marchese ihm aussprach. Nach dem Frühstück meldete Leduc mir eine Frau, deren Name mir unbekannt war. Der Marchese sagte mir jedoch: »Es ist die Mutter der Kammerjungfer, die ich für das gnädige Fräulein besorgt habe.«

Ich ließ sie eintreten und sah eine gutgekleidete Frau mit einem Fräulein von zwanzig bis vierundzwanzig Jahren, die mir sofort sehr hübsch vorkam. Die Mutter sprach dem Marchese ihren Dank aus und stellte ihre Tochter Rosalien vor, indem sie ihre guten Eigenschaften im einzelnen schilderte und die Versicherung gab, ihre Tochter werde sie gut bedienen und sie könne in allen Ehren mit ihr ausgehen.

»Meine Tochter spricht französisch, und Sie werden in ihr ein anständiges, treues und dienstwilliges Mädchen finden.«

Hierauf sagte sie ihr, wieviel Lohn sie monatlich bei einer Dame gehabt hätte, bei der sie früher in Diensten gewesen wäre, und bat sie schließlich, ihre Tochter nicht mit den Bedienten essen zu lassen. Das Mädchen hieß Veronika. Rosalie bewilligte alle ihre Wünsche und sagte ihr, es würde sie freuen, wenn sie sähe, daß sie sich Achtung zu verschaffen wüßte; dies gelänge am besten dadurch, daß man sich achtungswert machte. Veronika küßte ihr die Hand, die Mutter entfernte sich, und Rosalie führte sie in ihr Zimmer, um sie unter ihrer Leitung die Näharbeit beginnen zu lassen.

Ich sprach dem Herrn Marchese meinen besonders lebhaften Dank aus; denn es schien mir offenbar, daß er eine Kammerjungfer dieser Art viel mehr für mich als für meine Freundin ausgesucht hatte. Ich sagte ihm, ich würde nicht verfehlen, ihm meine Aufwartung zu machen, und er antwortete mir, er würde mich stets mit dem größten Vergnügen sehen, und ich würde ihn am leichtesten in seinem Kasino in Sampierdarena finden, wo er oft die Nacht zubrächte.