Sechstes Kapitel


Abreise von Marseille. – Henriette in Aix. – Irene in Avignon. – Passanos Verrat. – Frau von Urfé reist von Lyon ab.

Das Hochzeitsmahl wäre für mich kein Vergnügen gewesen, wenn ich nicht für den Anlaß des Festes große Teilnahme gehabt hätte. In den Speisen herrschte mehr Verschwendung als eine feine Auswahl; die Gesellschaft war zahlreich, gemischt und lärmend; Komplimente und Gespräche waren abgeschmackt; die Späße waren platt und sinnlos; über allerlei dummes Zeug wurde aus vollem Halse gelacht. Dies alles würde mich zum Sterben gelangweilt haben, wäre nicht Frau Audibert dagewesen, der ich keinen Augenblick von der Seite wich. Marcolina folgte der Neuvermählten wie ihr Schatten. Diese sollte ihrem Gemahl acht Tage später nach Genua folgen und wünschte sie mitzunehmen; sie erbot sich, sie mit einer vertrauenswürdigen Person nach Venedig zu schicken; Marcolina wollte aber von keinem Plan etwas wissen, der sie von mir getrennt hätte. »Ich werde nur nach Venedig gehen,« sagte sie zu mir, »wenn du mich aus eigenen Antrieb dorthin schickst.«

Übrigens erregte die Hochzeit ihrer Freundin trotz allem Glänze in ihr nicht das geringste Bedauern, daß sie die schöne Partie des jungen Marseiller zurückgewiesen hatte. Der Neuvermählten stand die Freude ihrer Seele auf dem Gesicht geschrieben. Ich wünschte ihr von ganzem Herzen und ohne jeden Hintergedanken Glück dazu; sie gab zu, daß sie glücklich sei, und sagte mir, am meisten erhöhe ihr Glück der Gedanke, daß sie es mir verdanke, und daß sie sicher sei, in Genua eine treue Freundin in Rosalie zu finden, die um so inniger mit ihr übereinstimmen würde, da sie nunmehr Verwandte und in ähnlicher Lage wären.

Am Tage nach der Hochzeit rüstete ich mich zur Abreise. Vor allen Dingen entledigte ich mich der Kiste, die die Opfergaben für die Planeten enthielt. Ich behielt die Diamanten und die Edelsteine und brachte das ganze Metall zum Bankier Rousse de Cosse, bei dem ich noch die ganze Summe stehen hatte, die Greppi zu meinen Gunsten bei ihm angewiesen hatte. Ich nahm einen Kreditbrief auf Tourton & Baur in Paris, denn da Frau von Urfé in Lyon war, so war es kaum möglich, daß ich Geld nötig haben konnte, und die dreihundert Louis, die ich in meiner Börse hatte, genügten für die laufenden Bedürfnisse. Marcolinas Geldverhältnisse ordnete ich in der Weise, daß ich mir von ihr ihre sechshundert Louis geben ließ und zu diesen die sechshundert Franken hinzufügte, die an der runden Summe von fünfzehntausend Franken fehlten. Für diesen Betrag nahm ich eine Anweisung auf Lyon, denn ich gedachte, die erste günstige Gelegenheit zu benutzen, um sie nach Venedig zurückzuschicken. In dieser Absicht ließ ich ihr einen besonderen Koffer machen, in den sie alle Kleider und die Wäsche packte, womit ich sie überreichlich ausgestattet hatte.

Am Tage vor unserer Abreise verabschiedeten wir uns von den Neuvermählten, bei denen wir mit der ganzen Familie zu Abend aßen. Wir trennten uns unter Tränen, indem wir uns ewige Freundschaft versprachen.

Am folgenden Tage begaben wir uns auf die Reise, mit der Absicht, die ganze Nacht hindurch zu fahren, um erst in Avignon Halt zu machen. Gegen fünf Uhr aber brach, eine Stunde über Croix-d’Or hinaus, die Deichselkette meines Wagens, so daß wir ohne Hilfe eines Schmiedes nicht weiterreisen konnten. Wir ergaben uns in die Notwendigkeit, so lange warten zu müssen, und Clairmont ging, um Erkundigungen einzuziehen, in ein schönes Haus, das zur Rechten unseres Weges, am Ende einer Allee von schönen Bäumen lag. Da ich nur einen Postillon hatte, so erlaubte ich diesem nicht, sich auch nur einen Augenblick von seinen Pferden zu entfernen. Bald darauf sahen wir Clairmont mit zwei Bedienten erscheinen, von denen der eine mich im Auftrage seines Herrn einlud, in dessen Hause die Ankunft des Schmiedes abzuwarten. Es würde mir übel angestanden sein, eine Höflichkeit zurückzuweisen, die übrigens von Seiten eines Franzosen sehr natürlich war. Indem ich alles meinem treuen Clairmont überließ, begab ich mich mit Marcolina nach dem gastlichen Hause.

Drei Damen und zwei Herren der besten Gesellschaft kamen uns entgegen, und einer von diesen letzteren sagte mir, sie wünschten sich Glück zu dem kleinen Unfall, der mich betroffen hätte, da er der gnädigen Frau das Vergnügen verschaffte, mir ihr Haus und ihre Dienste anzubieten. Ich wandte mich zu der Dame, die der Herr mir durch eine Handbewegung bezeichnet hatte, dankte ihr und sagte, ich hoffe, sie nicht lange zu belästigen, sei ihr aber für ihr freundliches Entgegenkommen sehr dankbar. Sie machte mir eine sehr anmutige Verbeugung, doch konnte ich ihre Züge nicht unterscheiden, denn der sehr heftige Wind der Provence nötigte sie und ihre beiden Begleiterinnen, ihre Kapuzen tief ins Gesicht zu ziehen. Marcolina trug ihren schönen Kopf unbedeckt und ließ ihre Haare im Winde flattern. Sie antwortete nur durch anmutige Verbeugungen und ein wohlerzogenes Lächeln auf die schmeichelhaften Komplimente, die man ihr darüber machte, daß sie ihre Reize dem Winde preisgebe. Derselbe Herr, der mich begrüßt hatte, fragte mich, indem er ihr den Arm bot, ob die Dame meine Tochter sei. Marcolina lächelte, und ich antwortete, sie sei meine Base, und wir seien aus Venedig.

Der Franzose ist so darauf erpicht, einer hübschen Frau etwas Schmeichelhaftes zu sagen, daß er sich nichts daraus macht, wenn dies auf Kosten eines dritten geschieht. Der Herr konnte füglich nicht annehmen, daß Marcolina meine Tochter sei; denn obgleich ich zwanzig Jahre älter war als sie, gab man mir doch ganz allgemein zehn Jahre weniger, als ich in Wirklichkeit zählte; Marcolina lächelte denn auch auf eine recht bezeichnende Weise.

Als wir gerade in das Haus treten wollten, sprang ein großer Kettenhund auf ein hübsches Wachtelhündchen los; die Dame bekam Angst, der Köter würde das Hündchen beißen, und eilte diesem zu Hilfe. Dabei tat sie einen Fehltritt und stürzte zu Boden. Wir eilten ihr zu Hilfe und hoben sie auf. Sobald sie auf den Füßen stand, sagte sie, sie habe eine Sehne verrenkt. Auf den Arm eines der Kavaliere gestützt, ging sie hinkend nach ihren Gemächern.

Man beeilte sich, uns Erfrischungen vorzusetzen. Als ich sah, daß Marcolina einer Dame gegenüber, die sie anredete, in Verlegenheit geriet, bat ich sie um Entschuldigung, indem ich sagte, sie spräche nicht französisch. Marcolina begann allerdings schon etwas zu radebrechen; da aber die geselligste Sprache der Welt nach meiner Ansicht nicht mittelmäßig gesprochen werden darf, so hatte ich sie gebeten, in vornehmer Gesellschaft nicht zu sprechen, bevor sie sich nicht auf eine erträgliche Weise auszudrücken verstehe. Es war besser, wenn sie schwieg, als wenn sie sich durch italienische Wendungen und durch komische Zweideutigkeiten lächerlich machte.

Die weniger hübsche, oder vielmehr die häßlichere von den beiden Damen sagte zu mir: »Ich wundere mich, daß man in Venedig die Erziehung der jungen Damen in solchem Grade vernachlässigt. Wie ist es möglich, daß man sie nicht französisch lernen läßt!«

»Ohne Zweifel tut man unrecht, gnädige Frau; aber in meiner Heimat gehört zur Erziehung der jungen Mädchen weder der Unterricht in fremden Sprachen noch die Erlernung von gesellschaftlichen Kartenspielen. Diese Dinge kommen an die Reihe, wenn die Erziehung beendet ist.«

»Sie sind also ebenfalls Venetianer?«

»Ja, gnädige Frau.«

»Wahrhaftig, man würde es nicht glauben.«

Ich antwortete mit einer Verbeugung auf dieses Kompliment, das in Wirklichkeit nur eine Beleidigung war; denn wenn es für mich schmeichelhaft war, so war es beleidigend für meine Landsleute. Dies entging denn auch Marcolina nicht, und sie gab ihre Mißbilligung zu erkennen, indem sie mit einem Lächeln voll von Anmut und feiner Bosheit ihr Mündchen verzog.

»Wie ich sehe, versteht das Fräulein französisch,« sagte die Komplimentenmacherin; »denn sie hat sehr zur rechten Zeit gelacht.«

»Ja, meine Gnädige, sie versteht es und sie hat gelacht, weil sie weiß, daß ich nicht anders bin als alle Venetianer.«

»Nicht anders als alle Venetianer – das ist möglich; aber man sieht doch leicht, daß Sie lange in Frankreich gelebt haben, mein Herr.«

»Oui, madame, oui, madame!« rief Marcolina, und diese Worte, die sie mit ihrem hübschen venetianischen Akzent vorbrachte, waren reizend anzuhören.

Der Herr, der die Dame nach ihrem Zimmer begleitet hatte, kam zurück und sagte uns, die gnädige Frau habe ihren Fuß etwas geschwollen gefunden; sie habe sich daher zu Bett gelegt und bitte uns, heraufzukommen.

Wir fanden sie im Hintergrunde eines Alkovens, der durch Vorhänge von karmoisinrotem Atlas noch dunkler gemacht wurde, in einem prachtvollen Bett liegen; es war mir daher unmöglich, sie zu sehen und mich zu vergewissern, ob sie jung oder alt, schön oder häßlich war. Ich sagte ihr, ich sei in Verzweiflung, daß ich die mittelbare Ursache ihres Unglücks sei. Sie antwortete in gutem Italienisch, es habe nicht viel auf sich, und sie glaube damit das Vergnügen, so liebenswürdigen Gästen eine Zuflucht zu bieten, nicht zu teuer zu bezahlen.

»Frau Gräfin muß in Venedig gewohnt haben, um meine Sprache so rein zu sprechen.«

»Ich bin niemals dort gewesen, mein Herr, aber ich habe viel mit Venetianern gesprochen.«

Da ein Bedienter mir meldete, der Schmied sei gekommen und sage, er brauche vier Stunden, um meinen Wagen auszubessern, so bat ich um Erlaubnis, hinuntergehen zu dürfen. Der Schmied wohnte eine Viertelmeile weit entfernt. Wenn die Deichsel mit Stricken zusammengebunden wurde, konnte ich in meinem Wagen zu ihm fahren und bei ihm die Beendigung der Reparatur abwarten. Hierzu hatte ich mich denn auch entschlossen, als der Herr, der die Honneurs des Hauses machte, zu mir kam und im Auftrage der Frau Gräfin mich bat, bei ihr zu speisen und die Nacht zu verbringen. Denn wenn ich zum Schmied ginge, würde ich nicht nur einen Umweg machen, sondern auch eine schlechte Nacht haben; der Schmied würde bei Nacht schlecht arbeiten, und die Reparatur würde nicht gut ausfallen. Überzeugt, daß die Gräfin recht hatte, nahm ich an und vereinbarte mit dem Schmied, er solle am nächsten Morgen in aller Frühe mit allen notwendigen Werkzeugen kommen und den Wagen an Ort und Stelle ausbessern. Hierauf befahl ich Clairmont mein ganzes Gepäck, das man von dem Wagen abgeladen hatte, in das mir angewiesene Zimmer zu bringen.

Als ich wieder bei der Gräfin eintrat, um ihr meinen Dank auszusprechen, fand ich die Gesellschaft in fröhlichster Heiterkeit über Marcolinas witzige Bemerkungen, die die Gräfin übersetzte. Ich war durchaus nicht erstaunt, zu sehen, daß meine Venetianerin und die Gräfin sich auf das zärtlichste liebkosten. Ich ärgerte mich nur, daß ich die Dame nicht sehen konnte; denn ich kannte die Schwächen meiner Geliebten, und ihre Liebkosungen ließen mich erraten, daß die Dame, der sie galten, schön sein müßte.

Man deckte den Tisch im Zimmer der Gräfin, die ich beim Abendessen zu sehen hoffte. Ich sah mich jedoch in meiner Erwartung getäuscht, denn die Dame erklärte, sie wolle nichts essen, und unterhielt sich während der ganzen Mahlzeit unaufhörlich mit Marcolina und mir. Sie zeigte während des Gespräches viel Geist und Bildung und sprach das Italienische sehr korrekt. Da ihr einmal das Wort: mein verstorbener Mann entschlüpfte, so wußte ich, daß sie Witwe war, weiter aber auch nichts, da ich keine Fragen zu stellen wagte. Am Abend sagte Clairmont mir beim Auskleiden den Namen der Gräfin; da ich jedoch eine Familie dieses Namens nicht kannte, so verschaffte auch dieser Umstand mir keine Aufklärung.

Nach dem Essen setzte Marcolina sich wieder auf das Bett ihrer neuen Bekannten, und die beiden sprachen mit solcher Zungenfertigkeit, daß von uns anderen niemand ein Gespräch anknüpfen konnte.

Als nach meiner Meinung die Höflichkeit erforderte, daß ich mich empföhle, sagte meine angebliche Base mir, sie wolle bei der Gräfin schlafen. Da diese hierüber lachte und Ja, ja sagte, so glaubte ich,, meiner leichtsinnigen Freundin nicht sagen zu dürfen, daß ihr Vorschlag ungezogen sei. Übrigens zeigten ihre gegenseitigen Umarmungen mir, daß sie bereits im Einverständnis waren. Ich begnügte mich, der Gräfin zu sagen, ich könne für das Geschlecht der von ihr erwählten Bettgesellschaft keine Bürgschaft übernehmen; hierauf antwortete sie mir: »Seien Sie unbesorgt, mein Herr, ich kann bei einem Irrtum nur gewinnen.«

Ich fand die Bemerkung ein wenig leichtfertig; doch war ich nicht, der Mann, an so etwas Anstoß zu nehmen. Ich lachte über den Geschmack meiner Venetianerin, sowie darüber, daß es ihr so leicht gelang, ihn zu befriedigen, wie es in Genua bei meiner vorigen Nichte der Fall gewesen war. Übrigens neigen die Provençalinnen im allgemeinen zu diesem Geschmack, und ich bin weit entfernt, ihnen einen Vorwurf daraus zu machen, sondern finde sie deswegen nur um so liebenswürdiger.

Am anderen Morgen stand ich mit Tagesanbruch auf, um den Schmied bei seiner Arbeit anzutreiben; ich frühstückte neben meinem Wagen, und als alles bereit war, fragte ich, ob die Frau Gräfin sichtbar sei. Einen Augenblick darauf kam Marcolina mit dem Kavalier aus dem Hause. Er sagte zu mir: »Ich bitte Sie, die gnädige Frau freundlichst entschuldigen zu wollen, die sich in ihrem Nachtgewande nicht vor Ihnen sehen zu lassen wagt. Sie bittet Sie jedoch inständig, wenn Sie jemals wieder hier vorbeikommen sollten, stets ihr Haus zu beehren, sei es, daß Sie allein oder daß Sie in Gesellschaft sind.«

Diese Abweisung mißfiel mir sehr, trotz der Vergoldung, in der sie mir zuteil wurde. Ich verhehlte jedoch mein Mißvergnügen, denn ich konnte die Ursache nur Marcolinens Schamlosigkeit zuschreiben. Da ich sie aber in sehr fröhlicher Stimmung sah, so wollte ich sie nicht kränken. Nachdem ich dem Herrn tausend Komplimente gemacht und jedem der anwesenden Bedienten einen Louisdor in die Hand gedrückt hatte, fuhren wir ab.

Ich umarmte Marcolina zärtlich, damit sie meine schlechte Laune nicht bemerken möchte; hierauf fragte ich sie, wie sie die Nacht mit der Gräfin zugebracht hätte, die ich nicht gesehen hätte.

»Sehr gut, mein lieber Freund; sie ist ein reizendes Weib, und wir haben die ganze Nacht hindurch alle Tollheiten getrieben, die zwei Frauen anstellen können, die ineinander verliebt sind.«

»Ist sie hübsch? Ist sie alt?«

»Erst dreiunddreißig Jahre, und ich versichere dir, sie ist ebenso schön wie meine Freundin Crosin. Ich kann darüber ein sachverständiges Urteil abgeben, denn wir haben einander im Naturzustand gesehen und umarmt.«

»Du bist ein sonderbares Wesen. Um ein Weib bist du mir untreu gewesen und hast mich die ganze Nacht allein verbringen lassen. Es ist unmöglich, daß du mir eine Frau vorziehst.«

»Du mußt mir eine Laune verzeihen; außerdem war ich ihr diese Gefälligkeit schuldig, denn sie hat mir zuerst gesagt, daß sie in mich verliebt sei.«

»Wirklich? Wie machte sie denn das?«

»Als ich bei unserem ersten Ausbruche tollen Gelächters ihr den ersten Kuß gab, küßte sie mich auf florentinische Art, und unsere Zungen berührten sich mit heißem Feuer. Als ich mich nach dem Abendessen auf ihr Bett setzte, machten wir einander die ersten bedeutungsvollen Liebkosungen. Ich gestehe dir, daß ich damit anfing. Sie ließ mich aber auf die Erwiderung nicht warten. Mußte ich sie denn nicht ganz und gar glücklich machen, indem ich die Nacht mit ihr verbrachte? Da sieh das Zeichen ihrer Zufriedenheit!«

Mit diesen Worten zog Marcolina einen herrlichen Brillantring von ihrem Finger. Ich war sprachlos vor Verwunderung; endlich sagte ich zu ihr: »Nun, das ist einmal eine Frau, die das Vergnügen liebt, und die verdient, daß sie Vergnügen findet!«

Ich gab meiner neuen Lesbierin, deren Sappho sich nicht geschämt haben würde, hundert Küsse und verzieh ihr ihre Untreue. »Aber«, sagte ich zu ihr, »ich begreife nicht, warum sie sich nicht vor mir sehen lassen wollte! Mir scheint, deine freigebige Gräfin hat mich ein wenig als procuratore behandelt, als Freund des Fürsten, wie man bei Hofe sagt.«

»Nein, ich glaube eher, sie hat sich geschämt, sich vor meinem Liebhaber sehen zu lassen, nachdem sie mich ihm untreu gemacht hat; denn ich habe ihr gestehen müssen, was wir einander sind.«

»Das ist wohl möglich. Übrigens hast du deine Gefälligkeiten gut bezahlt bekommen, meine Liebe, denn dieser Ring ist zweihundert Louis wert.«

»Aber ich brauche nicht zu erröten, wenn ich dir sage, daß die Wonne, die ich gab, reichlich durch die bezahlt wurde, die ich empfing.«

»Da hast du recht; ich bin erfreut, dich glücklich zu sehen.«

»Wenn du willst, daß ich ganz und gar glücklich werde, so nimm mich mit nach England. Mein Oheim muß da sein, und ich werde mit ihm nach Venedig zurückkehren.«

»Wie? Du hast einen Oheim in England? Ist das auch wirklich wahr? Es klingt mir ganz nach einem Märchen. Du hast ja von dergleichen niemals etwas gesagt.«

»Ich habe dir bis jetzt nichts davon gesagt, weil ich mir immer einbildete, daß dieser Grund dich verhindern könnte, mir meinen glühenden Wunsch zu erfüllen.«

»Dein Oheim ist Venetianer? Was macht er denn in England? Bist du sicher, daß er dich gut aufnehmen wird?«

»Ja.«

»Wie heißt er? Und wie soll ich es anfangen, um ihn in einer Stadt von mehr als einer Million Einwohner zu entdecken?«

»Mein Oheim ist schon gefunden. Er heißt Mattio Bosi; er ist Kammerdiener des Monsignore Querini, der mit dem Prokurator Morosini von der venetianischen Regierung nach London geschickt worden ist, um dem neuen König von England die Glückwünsche der Republik zu überbringen. Er ist der Bruder meiner Mutter; er liebt mich sehr und wird mir meinen leichtsinnigen Streich vergeben, besonders wenn er hört, daß ich reich bin. Bei seiner Abreise sagte er uns, er werde im Juli dieses Jahres nach Venedig zurückkehren; wir finden ihn also vielleicht gerade im Augenblick seiner Abreise.«

Durch Herrn von Bragadino wußte ich, daß die Sache mit der Gesandtschaft sich so verhielt, im übrigen trug Marcolinas Erzählung den vollen Charakter der Wahrheit. Da ihr Plan außerdem dem Gefallen entsprach, das ich an ihr gefunden hatte, so versprach ich ihr, sie mitzunehmen. Es war mir sehr angenehm, sie noch fünf oder sechs Wochen besitzen zu können, ohne mich zu Weiterem verpflichten zu müssen.

Gegen Abend kamen wir in Avignon an. Wir hatten großen Appetit. Ich kannte den Gasthof zum Heiligen Homer als ausgezeichnet und bestellte sofort bei der Ankunft eine leckere Mahlzeit, sowie für fünf Uhr morgens frische Pferde. Marcolina, die nicht gerne die Nächte in einem Wagen verbrachte, war sehr erfreut; sie fiel mir mit überschwenglicher Lustigkeit um den Hals und fragte mich: »Sind wir in Avignon?«

»Ja, mein Herz.«

»Nun, mein lieber Schatz, so ist also die Stunde da, wo ich als gewissenhaftes Mädchen das Versprechen erfüllen muß, das ich der Gräfin gab, als sie mich heute morgen zum letzten Male umarmte. Sie hat mich bei meiner Seligkeit schwören lassen, dir vor diesem Augenblick kein Wort zu sagen.«

»Du machst mich neugierig, mein Lieb, sprich!«

»Sie hat mir einen Brief anvertraut, den ich dir geben werde.«

»Einen Brief!«

»Verzeihst du mir, daß ich ihn dir nicht früher übergeben habe?«

»Selbstverständlich; du hattest dich ja auf Wort dazu verpflichtet. Aber wo ist denn dieser Brief?«

»Warte!«

Sie zog ein dickes Bündel Papier aus ihrer Tasche und sagte: »Dies ist mein Geburtsschein.«

»Wie ich sehe, bist du im Jahre 1746 geboren.«

»Dies ist ein Sittenzeugnis.«

»Heb es gut auf; es kann dir vielleicht später von Nutzen sein.«

»Hier ist eine Bescheinigung meiner Jungfräulichkeit.«

»Das ist veraltete Ware. Hat eine Hebamme es dir gegeben?«

»Nein; der Patriarch von Venedig.«

»Hat er sich davon überzeugt?«

»Dazu war er zu alt; er hat es mir aus Vertrauen gegeben.«

»Laß doch den Brief sehen!«

»Ich will doch hoffen, daß ich ihn nicht verloren habe.«

»Das hoffe ich auch!«

»Hier ist das Heiratsversprechen deines Bruders, der reformiert werden wollte.«

»Du kannst ihn selber reformieren.«

»Was heißt das?«

»Das werde ich dir spater sagen. Wo ist der Brief?«

»Gott sei Dank, da ist er!«

»Das ist dein Glück! Aber er hat ja keine Adresse!«

Das Herz klopfte mir sehr stark. Ich riß den Umschlag auf und fand statt einer Adresse nur folgende Worte in italienischer Sprache: Dem ehrenhaftesten Manne, den ich je gekannt habe.

Gilt diese Anrede wirklich mir? Ich öffne das Blatt…Henriette… kein Wort mehr. Das Blatt war völlig leer.

Ich war bei diesem Anblick wie vernichtet:

Io non morì, e non rimasi vivo.

Ich war nicht tot und war auch nicht am Leben.

Henriette! – Das war ihr Stil, ihr beredter Lakonismus. Ich erinnere mich ihres letzten Briefes aus Pontarlier, den ich in Genf empfing, und der nur das Wort Adieu! enthielt. Diese Henriette, die ich so sehr geliebt hatte, und die ich in diesem Augenblick mit neuer Glut zu lieben glaubte!

»Henriette!« sagte ich bei mir selber; »du hast mich gesehen. Grausame, und hast nicht gewollt, daß ich dich sehe! Ohne Zweifel hast du gefürchtet, deine Reize hätten nicht mehr die Kraft, mit der sie mich vor sechzehn Jahren an dich ketteten. Ich sollte nicht sehen, daß ich in dir nur eine Sterbliche geliebt habe! Und doch liebe ich dich noch mit der ganzen Glut erster Liebe! Warum hast du mich des Glücks beraubt, aus deinem schönen Munde zu erfahren, daß du glücklich bist? Dies wäre die einzige Frage gewesen, die ich an dich gerichtet hätte, grausame Freundin! Ich hätte dich nicht gefragt, ob du mich noch liebst; denn ich erkenne mich dessen unwürdig, da ich nach dir, nach dem vollkommensten Wesen deines Geschlechtes, also der ganzen Schöpfung, so viele andere Frauen habe lieben können. Anbetungswürdige, großmütige Henriette! Morgen werde ich dich sehen, denn du hast mir ja sagen lassen, dein Haus werde mir immer offen stehen.«

Diesen Gedanken wälzte ich eine Zeitlang in mir herum. Ich bestärkte mich in meinem Entschluß immer mehr; dann aber sagte ich mir wieder: »Nein; dein Vorgehen beweist, daß du von mir jetzt nicht gesehen werden willst. Du mußt deine Gründe dafür haben; diese werde ich achten, aber ich werde mir ganz gewiß nicht den Vorwurf zu machen haben, daß ich sterbe, ohne dich wiederzusehen.«

Marcolina war erschrocken, wie sie mich so unbeweglich und in meine Gedanken versunken sah; sie wagte kaum zu atmen, und ich weiß nicht, wann ich wieder zu mir gekommen wäre, wenn nicht der Wirt eingetreten wäre und mir gesagt hätte, er erinnere sich noch meines Geschmackes und habe mir eine außerordentlich leckere Mahlzeit herrichten lassen. Da wurde ich wach, und als ich hörte, daß das Essen aufgetragen sei, machte ich meine schöne Venetianerin glücklich, indem ich sie mit einer Art von Wut umarmte.

»Weißt du, lieber Freund«, sagte sie zu mir, »du hast mir Furcht gemacht! Du warst bleich und unbeweglich wie ein Toter. Eine volle Viertelstunde saßest du da in einem Zustand von Betäubung, von dem ich mir früher niemals einen Begriff gemacht habe. Woher kam denn das? Ich wußte wohl, daß die Gräfin dich kannte, aber niemals hätte ich mir gedacht, daß ihr bloßer Name so überraschend auf dich wirken könnte.«

»Ich gebe es zu, es ist erstaunlich; aber woher wußtest du, daß die Gräfin mich kannte?«

»Sie hat es mir diese Nacht zwanzigmal gesagt; aber sie hatte mir das Versprechen abgenommen, dir nichts davon zu sagen, bevor ich dir den Brief übergeben hätte.«

»Was hat sie dir gesagt?«

»Auf Hundertlei verschiedene Art, was die Aufschrift ihres Briefes enthält.«

»Ihres Briefes! Es steht ihr Name darin und weiter nichts.«

»Das ist recht sonderbar.«

»Ja; aber dieser Name sagt alles.«

»Sie hat mir gesagt, ich solle dich niemals verlassen, wenn ich immer glücklich sein wolle. Ich habe ihr geantwortet: dessen sei auch ich gewiß, aber du wollest mich fortschicken, obgleich du jetzt nur mich allein lieb habest. Ich errate, lieber Freund, daß ihr ein zärtlich liebendes Paar gewesen seid. Ist es schon lange her?«

»Sechzehn oder siebzehn Jahre.«

»Da war sie recht jung; aber unmöglich kann sie damals schöner gewesen sein als jetzt.«

»Schweig, Marcolina!«

»Und hat eure Verbindung lange gedauert?«

»Vier Monate beständigen Glückes.«

»Ich werde nicht so lange glücklich sein!«

»Du wirst länger glücklich sein, meine liebe Marcolina, aber mit einem anderen ehrenhaften Mann, der deinem schönen Alter näher steht. Ich gehe nach England, weil ich versuchen will, meine Tochter aus den Händen ihrer Mutter zu befreien.«

»Du hast eine Tochter? Die Gräfin hat mich gefragt, ob du verheiratet seist, und ich habe ihr geantwortet, du seist unverheiratet.«

»Du hast die Wahrheit gesagt. Meine Tochter ist von unehelicher Geburt; sie ist zehn Jahre alt, und solltest du sie sehen, so würdest du sofort erkennen, daß sie von mir stammt.«

Im Augenblick, wo wir uns zu Tisch setzen wollten, hörten wir jemand die Treppe nach dem Speisesaal hinuntergehen, in welchem ich, wie der Leser sich erinnern wird, Madame Stuart kennen lernte. Da wir die Personen sehen wollten, die zu Tisch gingen, so hatten wir unsere Tür offen gelassen. Ein junges Mädchen sah uns, stieß einen Schrei aus, eilte leichtfüßig wie ein Reh auf mich zu, küßte mir die Hand und rief: »Mein lieber Papa!«

Ich wandte mich nach dem Licht um und sah Irene – jene Irene, die ich in Genua so schroff von mir gestoßen hatte, als ihr Vater in dem Gespräch über das Biribi einen unpassenden Ton anschlug. Ich zog meine Hand zurück und umarmte sie mit freudigem Herzen. Die listige kleine Person stellte sich überrascht und machte Marcolinen eine tiefe Verbeugung, die diese mit edlem Anstand erwiderte. Mit großer Aufmerksamkeit folgte dann Marcolina dem Gespräch, das sich zwischen dem jungen Mädchen und mir entwickelte, besonders als sie hörte, daß ich mit ihr venetianisch sprach.

»Wie? Sie sind hier, meine schöne Irene?«

»Seit vierzehn Tagen sind wir hier. Gott! wie bin ich glücklich, Sie hier zu treffen. Ich fühle mich ganz aufgeregt. Gnädige Frau, wollen Sie mir wohl gestatten, mich zu setzen?«

»Ja, meine Liebe,« sagte ich zu ihr, »setzen Sie sich!«

Zugleich schenkte ich ihr ein Glas Wein ein, damit sie sich frisch belebte.

Ein Diener trat ein und sagte ihr, man erwarte sie zum Abendessen. Sie antwortete ihm jedoch: »Ich werde nicht speisen.«

Marcolina, die stets auf der Lauer lag, um zu erraten, was mir Freude machen könnte, befahl ein drittes Gedeck aufzulegen. Sie strahlte vor Vergnügen, als ich ihr zum Zeichen meines Einverständnisses zunickte.

Wir setzten uns zu Tisch, und ich forderte Irene auf, uns die Spitze zu bieten: »Wir haben großen Appetit! Wenn wir gespeist haben, müssen Sie uns sagen, durch welchen Zufall Sie in Avignon sind.«

Marcolina hatte noch kein Wort gesagt. Als sie aber sah, daß Irene recht herzhaft aß, sagte sie zu ihr in liebenswürdigem Tone: sie würde nicht gut daran getan haben, nicht zu Abend zu speisen. Irene war entzückt, sie venetianisch sprechen zu hören; sie bedankte sich bei ihr für die freundliche Teilnahme, und in drei oder vier Minuten waren sie schon solche Freundinnen geworden, daß sie sich umarmten und küßten.

Ich lachte laut auf, als ich sah, wie Marcolina stets geneigt war, sich in alle hübschen Frauen zu verlieben, wie wenn sie einem anderen Geschlecht angehört hätte.

Aus Irenens Geplauder entnahm ich, daß ihre Eltern unten an der Gasttafel saßen; und ihre wiederholten Ausrufe, daß der liebe Gott mich in seiner Güte nach Avignon geführt hätte, sagten mir, daß die Familie in Not war. Trotzdem lag auf Irenens hübschem Gesicht ein Ausdruck von Zufriedenheit, der aufs beste zu Marcolinens fröhlichen Bemerkungen paßte, und diese freute sich sehr, als sie erfuhr, daß Irene mich nur darum Papa genannt hatte, weil ihre Mutter ihr in Mailand gesagt hatte, sie sei meine Tochter. Sie zimmerte sich schon ihren Roman – wenigstens glaube ich das – und meine Vaterschaft würde sie dabei gestört haben.

Wir waren mit unserem Abendessen noch nicht zur Hälfte fertig, als Rinaldi und seine Frau eintraten. Ich bat sie, Platz zu nehmen; wäre aber Irene nicht gewesen, so würde ich den Gauner, der mich zu schröpfen versucht hatte, übel empfangen haben. Er machte seiner Tochter Vorwürfe, daß sie mich belästigt habe, ohne zu bedenken, daß sie überflüssig sein müsse, da ich doch schon so schöne Gesellschaft habe. Marcolina beruhigte ihn jedoch sofort, indem sie ihm sagte, Irene könne mir nur Vergnügen gemacht haben; denn da ich ihr Oheim sei, könne ich nur erfreut sein, daß eine so liebenswürdige junge Dame sich ihr zugesellt habe. »Ich hoffe sogar,« setzte sie hinzu, »Sie werden ihr erlauben, bei mir zu schlafen, wenn es ihr selber nicht unangenehm ist.«

»Ja, ja!« riefen alle wie aus einem Munde. Ich hätte es zwar vorgezogen, die Nacht mit Marcolina allein zuzubringen; aber ich habe mich stets den Umständen anzupassen gewußt, und darum lachte ich recht herzlich über die eigentümliche Fügung.

Irene teilte Marcolinas Wünsche; denn sobald sie gewiß waren, daß sie die Nacht miteinander verbringen würden, waren sie wie närrisch vor Freude, und es machte mir Spaß, ihren Taumel noch zu erhöhen, indem ich ihnen reichlich Champagner und Punsch einschenkte.

Rinaldi und seine Frau verließen uns erst, als sie sich vollständig im Weinberge des Herrn befanden. Als wir sie los waren, erzählte Irene uns, ein Franzose, der sich in Genua in sie verliebt, habe ihren Vater überredet, nach Nizza zu reisen, wo nach seiner Behauptung hoch gespielt werden sollte. In Nizza habe man jedoch nichts gefunden, was ihren Erwartungen entsprochen hätte, und sie sei genötigt gewesen, ihre Kleider zu verkaufen, um den Gastwirt zu bezahlen. Ihr Liebhaber habe ihr vorgeredet, er werde sie in Aix entschädigen, denn dort habe er Geld einzukassieren. Sie habe daher ihre Eltern veranlaßt, ihm dorthin zu folgen. Abermals sei sie in ihrer Erwartung getäuscht worden, denn die Leute, von denen er das Geld zu fordern gehabt, seien nach Avignon weitergereist gewesen. Infolgedessen habe abermals ein Verkauf von Sachen stattgefunden, um ihm auch dorthin zu folgen. »So sind wir hier angekommen, aber wir waren auch nicht glücklicher. Die bitteren Vorwürfe, die mein Vater ihm machte, brachten den armen jungen Menschen zur Verzweiflung, und er würde sich das Leben genommen haben, wenn ich ihm nicht den Luchspelz gegeben hätte, den du mir in Mailand schenktest. Ich gab ihm diesen, um ihn zu versetzen, aber unter der Bedingung, daß er mit dem Gelde abreisen solle. Er bekam vier Louis darauf und schickte mir den Pfandschein mit einem sehr zärtlichen Brief, worin er mir versicherte, in Lyon werde er ganz bestimmt Geld auftreiben; er werde damit zurückkehren und mit uns nach Bordeaux reisen, wo wir nach seiner Behauptung Schätze gewinnen müßten. Vor zwölf Tagen ist er abgereist, aber wir warten immer noch auf eine Nachricht von ihm. Unterdessen haben wir keinen Heller in der Tasche, und da wir auch nichts mehr zu verkaufen haben, so droht der Wirt uns, er werde uns ohne Hemd auf die Straße werfen, wenn wir ihn nicht morgen bezahlen.«

»Und was gedenkt dein Vater zu tun?«

»Das weiß ich nicht. Er behauptet, die Vorsehung werde für uns sorgen.«

»Was sagt deine Mutter dazu?«

»Sie ist ruhig, wie immer.«

»Und du?«

»Ach! Ich erduldete jeden Tag tausend Kränkungen: sie werfen mir unaufhörlich vor, daß ich mich in den Franzosen verliebt und dadurch, daß ich mit ihm gegangen sei, unsere peinliche Lage verschuldet habe.«

»Warst du wirklich in ihn verliebt?«

»Nur zu sehr.«

»Du fühlst dich also unglücklich?«

»Sehr. Aber nicht wegen meiner Liebe, denn von dieser werde ich genesen, sondern wegen dessen, was morgen kommen wird.«

»Hast du denn nicht an der Gasttafel irgend eine Eroberung machen können?«

»Es haben wohl einige Herren mir mit schönen Worten den Hof gemacht; da man jedoch weiß, daß wir in der Klemme sind, hat niemand gewagt, zu uns zu kommen.«

»Und trotzdem bist du lustig und guter Dinge. Dein Gesicht hat durchaus nicht den Ausdruck von Traurigkeit, den das Unglück gewöhnlich gibt. Ich wünsche dir Glück dazu.«

Mit Irene wiederholte sich das Abenteuer der schönen Stuard. Marcolina war von den Dünsten des Champagners ein bißchen umnebelt, und Irenens Erzählung rührte sie tief. Sie umarmte sie und sagte ihr, als guter Vater würde ich sie nicht im Stich lassen; darum sollte sie für den Augenblick an weiter nichts denken, als wie sie sich eine lustige Nacht machen könnten.

»Wir wollen zu Bett gehen«, rief sie. Im Nu hatte sie ihre Kleider abgeworfen, dann half sie Irenen, sich ebenfalls auszuziehen. Ich hatte keine Lust, einen Kampf gegen einen doppelten Feind aufzunehmen, und sagte ihnen daher, ich wolle in Ruhe gelassen werden. Die Venetianerin lachte laut auf und rief: »Geh nur zu Bett und laß uns machen!«

Dies tat ich denn auch und hatte meinen Spaß daran, müßig meinen beiden Bachantinnen zuzusehen. Irene, die ohne Zweifel zum ersten Male an einem solchen Gefecht teilnahm, zeigte sich viel weniger gewandt.

Es dauerte nicht lange, so trug Marcolina Irene in ihrem Arm an mein Bett heran und befahl mir, sie zu küssen.

»Laß mich in Ruhe, meine Liebe,« sagte ich zu ihr; »du weißt nicht, was du tust. Du hast zuviel Punsch getrunken.«

Durch diese Bemerkung gereizt, forderte sie Irene auf, ihr zu helfen, und plötzlich lagen die beiden Mädchen neben mir. Da der Platz nicht ausreichte, legte Marcolina sich auf Irene, nannte sie ihre Frau und forderte sie auf, die Rolle einer solchen zu spielen. Ich besaß die Tugend, eine volle Stunde lang bloßer Zuschauer eines Schauspiels zu sein, das mir ewig neu war, obgleich ich es so oft gesehen hatte. Endlich griffen sie mich mit solcher Gewalt an, daß ich mich wohl oder übel an ihren Spielen beteiligen mußte. So verbrachte ich einen großen Teil der Nacht damit, ihnen bei ihren Ausgelassenheiten zu helfen; denn sie ließen mich erst los, als sie mich in einem solchen Zustande von Erschöpfung sahen, daß sie keine Hoffnung mehr hatten, mich zu neuen Taten reizen zu können. So schliefen wir denn ein, und unser Schlummer dauerte bis zum Mittag. Ich wachte zuerst auf, und mein erster Blick fiel auf die beiden nackten Schönheiten, die wie zwei Geißblattranken ineinander verschlungen waren. Ich seufzte bei dem Gedanken an die Wollust, deren die beiden entzückenden Geschöpfe genossen hatten, und stand leise auf, um ihre Ruhe nicht zu stören. Ich ging hinunter, um ein gutes Mittagessen zu bestellen und die Pferde fortzuschicken, die schon seit mehreren Stunden warteten.

Der Wirt, der sich noch erinnerte, was ich für Stuard getan hatte, erriet, daß ich dasselbe auch für den Grafen Rinaldi tun würde, und ließ daher die Familie in Ruhe.

Als ich wieder in mein Zimmer kam, waren meine beiden Lesbierinnen inzwischen erwacht und empfingen mich mit einem Raffinement von Wollust, das mich dazu reizen sollte, meinen nächtlichen Arbeiten durch einen Morgengruß die Krone aufzusetzen. Ich hatte die größte Lust, ihre Wünsche zu erfüllen, aber ich begann bereits das Bedürfnis zu spüren, mit meinen Kräften hauszuhalten. Darum enthielt ich mich jeder Betätigung und ließ mir ihre Stichelreden und verliebten Sarkasmen bis gegen ein Uhr ruhig gefallen. Dann forderte ich sie auf, das Bett zu verlassen, indem ich ihnen sagte, wir hätten schon um fünf Uhr abfahren sollen und würden um zwei Uhr noch nicht gefrühstückt haben.

»Wir haben genossen!« rief Marcolina, »und die Zeit, die man dem Genüsse widmet, ist stets vortrefflich angewandt.«

Als sie angezogen waren, ließ ich den Kaffee kommen; hierauf gab ich Irenen sechszehn Louis, von denen vier dazu bestimmt waren, ihren Mantel auszulösen. Ihre Eltern, die im Speisesaal gegessen hatten, traten nach Tisch bei uns ein, um uns guten Tag zu sagen. Irene gab mit stolzer Miene dem Grafen zwölf Louis und sagte ihm, in Zukunft solle er sie nicht wieder so ausschelten. Er lachte, weinte und ging hinaus. Bald darauf trat er wieder ein und sagte seiner Tochter, er habe eine gute Gelegenheit gefunden, für billiges Geld nach Antibes zu gelangen; er müsse jedoch augenblicklich abreisen, da der Fuhrmann in St. Andiol übernachten wolle.

»Ich bin bereit.«

»Nein, meine liebe Irene, das bist du nicht! Du wirst mit deiner Freundin zu Mittag speisen, und der Fuhrmann wird warten. Lassen Sie ihn warten, Graf Rinaldi. Meine Nichte wird ihm den verlorenen Tag bezahlen, nicht wahr, Marcolina?«

»Oh, ganz gewiß! Mir ist es sehr recht, wenn wir hier zu Mittag speisen, und noch lieber wäre es mir, wenn wir erst morgen abführen.«

Dieser Wunsch war für meine Liebe ein Befehl. Um fünf Uhr setzten wir uns zu einem köstlichen Abendessen nieder, um acht gingen wir zu Bett, und die ganze Nacht verging unter denselben Ausgelassenheiten wie die vorige; aber früh um fünf Uhr waren wir reisefertig. Irene, mit ihrem schönen Mantel, weinte heiße Tränen, als sie von Marcolina Abschied nahm, und diese weinte ebenfalls von Herzen. Der alte Rinaldi, der kein guter Prophet war, weissagte mir, ich würde in England ein unermeßliches Glück finden, und seine Tochter seufzte darüber, daß sie nicht an der Stelle meiner Venetianerin wäre. Zehn Jahre später werden wir sie wiederfinden.

Wir stiegen ein und fuhren fünfzehn Poststationen, ohne anzuhalten. In Valence verbrachten wir die Nacht. Wir bekamen dort schlechtes Essen, aber Marcolina empfand es nicht, indem sie von Irene sprach.

»Weißt du was, lieber Freund,« sagte sie zu mir, »wenn ich gekonnt hätte, so würde ich sie ihren Eltern entführt haben. Ich halte sie für deine Tochter, obgleich sie dir nicht ähnlich sieht.«

»Wie soll sie denn meine Tochter sein? Ich habe ja ihre Mutter gar nicht näher gekannt!«

»Das hat sie mir allerdings auch gesagt.«

»Hat sie dir sonst nichts gesagt?«

»Sie hat mir außerdem erzählt, daß du drei Tage mit ihr zugebracht und für ihre Jungfernschaft hundert Zechinen bezahlt hast.«

»Das ist wahr; hat sie dir auch gesagt, daß ich dieses Geld ihrem Vater bezahlt habe?«

»Ja. Ach, das arme, dumme Mädchen! Sie behält ja gar nichts für sich. Ich glaube, lieber Freund, ich würde niemals auf deine Geliebten eifersüchtig sein, wenn du mich bei ihnen schlafen ließest. Ist das nicht ein Zeichen von gutem Charakter? Sage mir, ob ich recht habe!«

»Ohne Zweifel bist du gut; aber du könntest ebenso gut sein, wenn dein Temperament dich nicht so beherrschte.«

»Das Temperament ist es nicht, lieber Freund; denn ich empfinde Begierden nur Frauen gegenüber, die ich liebe.«

»Woher hast du diesen Geschmack?«

»Von der Natur. Mit sieben Jahren habe ich angefangen, und in zehn Jahren habe ich gewiß vierhundert Freundinnen gehabt.«

»Da hast du ja früh angefangen! Und wann hattest du den ersten Freund?«

»Mit elf Jahren.«

»Erzähle mir das!«

»Vater Molini vom Kloster San Giovanni e Paolo war mein Beichtvater; er verlangte, die Freundin kennen zu lernen, die ich damals hatte. Es war während des Karnevals. Er hielt bei der Beichte eine väterliche Ansprache an uns und versprach uns, er wolle mit uns ins Theater gehen, wenn wir eine volle Woche lang nicht miteinander schäkern wollten. Wir versprachen ihm das, und nach acht Tagen gingen wir zu ihm und versicherten ihm, daß wir unser Wort getreulich gehalten hätten. Am nächsten Tage kam Vater Molini maskiert zur Tante meiner Freundin. Da sie ihn kannte, so ließ sie uns mit ihm gehen, ohne sich etwas Böses dabei zu denken; denn erstens war Molini Mönch und mein Beichtvater sowie der meiner Freundin; zweitens waren wir offenbar noch die reinen Kinder, und darum hatte sie keinen Verdacht; denn meine Freundin war nur um ein Jahr älter als ich.

»Nach dem Theater ging Molini mit uns in einen Gasthof, wo wir zu Abend aßen. Nach der Mahlzeit sprach er mit uns über unsere Sünde und verlangte zu sehen, wie wir gewachsen wären. Er sagte zu uns: »Wenn zwei Mädchen so etwas miteinander machen, so ist das eine sehr große Sünde; wenn es aber zwischen Mann und Frau vorkommt, hat es nicht viel zu bedeuten. Wißt ihr, wie die Männer gebaut sind?« –Wir wußten es, aber wir riefen wie aus einem Munde: nein! – »Möchtet ihr es wissen?« fragte er uns. Wir antworteten ihm: »Recht gern«. Da sagte er: »Wenn ihr mir versprechen wollt, daß ihr nichts davon sagt, so kann ich eure Neugier befriedigen.« – Wir versprachen es, und der gute Beichtvater zeigte uns die reiche Ausstattung, mit der die Natur ihn begabt hatte. In Zeit von einer Stunde machte er uns beide zu Frauen. Eins muß ich dir noch sagen: er wußte es so geschickt anzufangen, daß wir selber ihn baten, diese Metamorphose an uns vorzunehmen. Drei Jahre später, also in meinem vierzehnten, wurde ich die Geliebte eines jungen Goldschmieds. Endlich kam dein Bruder; der hat aber nichts von mir erhalten, weil er mir gleich am Anfang sagte, er könne mit gutem Gewissen meine Gunst nur verlangen, wenn er mich heirate.«

»Du hast dies jedenfalls sehr lächerlich gefunden?«

»Ich gestehe, ich habe herzlich darüber gelacht, außerdem glaubte ich kein Wort davon, daß ein Priester sich verheiraten könnte. Er machte mich aber neugierig, als er mir versicherte, in Genf sei das möglich. Neugier und Leichtsinn veranlaßten mich, mit ihm auf die Reise zu gehen. Das übrige weißt du.«

Mit dieser schönen Schilderung ihres frühreifen Lebens erheiterte Marcolina mir den Abend; hierauf gingen wir zu Bett und schliefen sehr tugendhaft bis zum andern Morgen. Um fünf Uhr fuhren wir von Valence ab, und mit Einbruch der Nacht kamen wir in Lyon an, wo wir im Gasthof zum Park abstiegen.

Sobald ich mich in einer schönen Wohnung eingerichtet hatte, ging ich zur Frau von Urfé, die an der Place Bellecour wohnte. Sie sagte mir nach ihrer Gewohnheit, sie habe ganz bestimmt gewußt, daß ich an diesem Tage ankommen würde. Sie wollte wissen, ob sie die Kulte richtig vollzogen hätte; natürlich fand Paralis, daß sie alles aufs beste gemacht hätte. Hierauf war sie sehr stolz. Der kleine Aranda wohnte bei ihr; ich ließ ihn kommen, und nachdem ich ihn zärtlich umarmt hatte, sagte ich der Marquise, ich würde am nächsten Morgen um zehn Uhr bei ihr sein.

Pünktlich erschien ich zu dieser Stunde. Wir verbrachten den ganzen Tag unter vier Augen und ließen uns von dem Orakel alle notwendigen Unterweisungen in bezug auf ihre Niederkunft und auf ihr Testament geben; auch belehrte es uns, wie wir es anzufangen hätten, daß sie nicht in Armut geriete, wenn sie als Mann wiedergeboren würde.

Das Orakel bestimmte, daß sie ihre Mannwerdung in Paris erwarten solle; ihr ganzes Vermögen solle sie ihrem Sohne hinterlassen. Der werde kein Bastard sein, denn Paralis verpflichtete sich, ihr sofort nach meiner Ankunft in London einen englischen Edelmann zuzuschicken, der sie heiraten werde. Zum Schluß befahl das Orakel ihr, in drei Tagen abzureisen und den kleinen Aranda mitzunehmen, den ich nach London zu seiner Mutter bringen müsse. Sein wirklicher Stand war ihr nämlich kein Geheimnis mehr, denn der kleine Schlingel hatte ihr alles gesagt; ich hatte jedoch dafür gesorgt, daß seine Schwatzhaftigkeit ebensowenig Folgen hatte wie der Verrat der Corticelli und des elenden Passano.

Es drängte mich um so mehr, den kleinen Undankbaren zu seiner Mutter zu bringen, da diese mir fortwährend unverschämte Briefe schrieb, und da ich die Absicht hatte, mir meine damals zehn Jahre alte Tochter aushändigen zu lassen, die nach den Versicherungen ihrer Mutter ein Wunder an Schönheit, Anmut und Begabung geworden war.

Nachdem das alles abgemacht war, ging ich wieder in meinen Gasthof, um mit Marcolina zu speisen. Es war bereits sehr spät, und da ich deshalb mein liebes Mädchen nicht ins Theater führen konnte, so machte ich Herrn Bono einen Besuch, um von ihm zu hören, ob er meinen Bruder nach Paris geschickt hätte. Er sagte mir, dieser sei am Tage vorher abgereist; Passano aber, mein bitterer Feind, sei noch in Lyon, und ich solle vor ihm auf der Hut sein.

»Der Mann war bei mir,« sagte Bono; »er war blaß, ganz verstört und konnte sich kaum aufrecht halten. Er sagte zu mir: »Ich werde in irgendeinem Winkel verrecken, denn der Schuft Casanova hat mich vergiften lassen; aber er soll mir sein Verbrechen teuer bezahlen; noch vor meinem Tode werde ich meine Rache haben, und zwar hier in Lyon, wohin er kommen muß, wie ich ganz bestimmt weiß.« – Voller Wut hat er mir eine halbe Stunde lang die schrecklichsten Dinge erzählt, deren er Sie beschuldigt. Er sagte, die ganze Welt solle erfahren, daß Sie der größte Schurke sind, den es gibt, daß Sie Frau von Urfé durch gottlose Lügen zugrunde richten. Sie sind Hexenmeister, Zauberer, Fälscher, Dieb, Spion, Münzenbeschneider, Giftmischer – mit einem Wort, der niederträchtigste Mensch auf der Welt. Und er will nicht etwa durch eine Schrift Sie vor der Welt bloßstellen, sondern vielmehr Sie in aller Form bei Gericht anzeigen. An das Gericht will er sich wenden und Sühne für den Schaden verlangen, den Sie seiner Person, seiner Ehre und seinem Leben zugefügt haben. Denn Sie sollen ihn durch ein nur Ihnen bekanntes, langsam wirkendes Gift allmählich töten. Er sagte, er behaupte nichts, wofür er nicht unwiderlegliche Beweise beibringen könnte. Ich will nicht alle die Beleidigungen wiederholen, die er außer diesen Anschuldigungen gegen Sie geschleudert hat. Aber die Freundschaft und Achtung, die ich für Sie hege, machten es mir zur Pflicht, Ihnen zu sagen, was dieser Mensch von Ihnen behauptet, was er gegen Sie im Schilde führt, und daß er sich an das Gericht zu wenden beabsichtigt. Sie müssen von allem unterrichtet sein, damit Sie ihre Maßregeln treffen können, um seine boshafte Absicht zuschanden zu machen. Es ist in diesem Falle nicht angebracht, das Gerede eines elenden Menschen zu verachten; denn Sie kennen die Macht der Verleumdung.«

»Wo wohnt der Elende?«

»Das weiß ich nicht.«

»Wo könnte ich es erfahren?«

»Auch das weiß ich nicht; denn wenn er sich absichtlich verborgen hält, so wird es schwierig sein, ihn ausfindig zu machen.«

»Lyon ist aber doch nicht so groß, daß es unmöglich sein könnte…«

»Lyon ist ein Labyrinth; nichts ist so leicht als sich hier zu verstecken, besonders wenn man Geld hat, und Passano hat ja welches.«

»Aber was kann er denn gegen mich unternehmen?«

»Er kann Ihnen einen Kriminalprozeß anhängen, der Ihnen bitteres Herzeleid machen und Sie bloßstellen wird, wären Sie auch der gerechteste und unschuldigste von allen Menschen.«

»Mir scheint, es wäre das beste, wenn ich ihm zuvorkäme.«

»Das ist auch meine Meinung; dann werden Sie aber nicht vermeiden können, daß die Sache in die Öffentlichkeit kommt.«

»Sagen Sie mir ganz offen, ob Sie bereit wären, vor Gericht zu bezeugen, was der Verleumder zu Ihnen gesagt hat.«

»Ich werde unter allen Umständen der Wahrheit die Ehre geben.«

»Seien Sie so freundlich, mir einen guten Anwalt zu nennen.«

»Hier haben Sie die Adresse eines der besten; aber überlegen Sie es sich noch einmal: die Geschichte wird Lärm machen.«

»Da ich nicht weiß, wie ich den Schurken entdecken kann, so bleibt mir kein anderer Weg übrig.«

Hätte ich Passanos Wohnung gewußt, so würde ich die Angelegenheit erstickt haben, indem ich ihn hätte ausweisen lassen; denn Frau von Urfé war eine Verwandte des damaligen Statthalters von Lyon, Herrn de Rocheboron. Es blieb mir aber keine Wahl.

Obgleich Passano ein undankbarer Verleumder war, konnte ich mich doch einer gewissen Unruhe nicht erwehren. Ich ging daher in meinen Gasthof und verfaßte sofort eine Eingabe. Ich verlangte Sicherheit für meine Person gegen einen Verräter, der sich in Lyon verborgen halte und einen Anschlag gegen mein Leben und meine Ehre plane.

Meine Eingabe war fertig, als am anderen Morgen Herr Bono zu mir kam, um mir abzuraten. Er sagte mir: »Die Polizei wird sofort Nachforschungen anstellen, wo er sich versteckt hält; sobald Ihr Feind davon Wind erhält, wird er gegen Sie Anzeige beim Kriminalgericht machen. Alsdann braucht er sich nicht mehr zu verstecken, sondern im Gegenteil, er wird Schutz vor Ihnen verlangen. Ich bin der Meinung, Sie sollten lieber Ihre Abreise beschleunigen, wenn Sie nicht etwa in Lyon wichtige Geschäfte haben.«

»Meine Abreise beschleunigen, um vor einem Passano zu fliehen? Dadurch würde ich mich in meinen eigenen Augen verächtlich machen, mein lieber Herr Bono. Da habe ich denn doch von Ehre einen anderen Begriff. Nein, lieber will ich sterben als meine Abreise auch nur um eine Stunde beschleunigen wegen eines Spitzbuben, den ich trotz seiner Unwürdigkeit mit Wohltaten überhäuft habe. Ich gäbe hundert Louis darum, wenn ich wüßte, wo der Schelm sich verborgen hält.«

»Ich bin entzückt, das nicht zu wissen. Denn wenn ich es wüßte, würde ich es Ihnen sagen, und Gott weiß, was daraus entstehen würde. Sie wollen also nicht früher abreisen? Gut, so kommen Sie der Anklage zuvor. Ich werde mündlich oder schriftlich, sobald Sie wollen, aussagen, was für Bemerkungen er mir gegenüber gemacht hat.«

Ich ging zu dem Anwalt, den Herr Bono mir bezeichnet hatte. Bevor ich ihm meine Angelegenheit vortrug, teilte ich ihm mit, von wem ich käme. Als er aber den Zweck meines Besuches erfahren hatte,sagte er mir: »Mein Herr, ich kann weder Ihr Anwalt noch Ihr Berater sein, denn ich bin bereits der Vertreter Ihres Gegners. Es braucht Ihnen jedoch nicht leid zu tun, daß Sie mir Ihre Absichten mitgeteilt haben; denn ich gebe Ihnen mein Wort darauf, es ist so gut, wie wenn Sie mir nichts gesagt hätten. Die Klage der Beschuldigung meines Klienten Passano wird erst übermorgen aufgesetzt werden; ich werde ihm nicht sagen, daß er sich beeilen solle, weil Sie ihm zuvorkommen könnten; denn von diesem Umstand habe ich nur auf einem Schleichweg gewissermaßen durch Überraschung Kenntnis erhalten. Gehen Sie, mein Herr; Sie werden in Lyon andere Anwälte finden, die ebenso ehrenhaft und dabei tüchtiger sind als ich.«

»Würden Sie wohl die Güte haben, mir einen zu nennen?«

»Das darf ich nicht, mein Herr; aber Herr Bono, der so freundlich war, mit Achtung von mir zu sprechen, wird Ihnen auch hierin behilflich sein können.«

»Wäre es Ihnen erlaubt, mir zu sagen, wo Ihr Klient wohnt?«

»Da sein hauptsächlichstes Bemühen ist, sich verborgen zu halten – und darin hat er recht –, so begreifen Sie wohl, daß ich nicht einen solchen Vertrauensbruch begehen kann.«

»Sie haben recht; ich danke Ihnen.«

Ich machte ihm eine Verbeugung und legte einen Louis auf seinen Tisch. Aber obwohl ich das ebenso geschickt wie zartfühlend machte, bemerkte er es doch, lief mir nach und nötigte mich, mein Geld zurückzunehmen.

»Das ist aber wirklich ein ehrlicher Anwalt!« dachte ich bei mir selber. Unterwegs faßte ich den Plan, dem niederträchtigen Passano einen Spion auf den Hals zu schicken, der ihn schließlich wohl entdecken würde; denn ich hatte in meiner gerechten Wut eine sehr starke Lust, ihn von ein paar Leuten totschlagen zu lassen. Wo sollte ich aber einen Spion finden in dieser Stadt, die mir so wenig bekannt war? Mit diesen Gedanken beschäftigt, kam ich zu Herrn Bono. Er nannte mir einen andern Anwalt und riet mir, mich zu beeilen; denn bei einem Kriminalprozeß habe der erste Kläger stets den Vorteil. Ich bat ihn, mir zu sagen, wie ich einen geschickten und zuverlässigen Menschen bekommen könnte, der Passanos Anwalt beobachten und auf diese Weise die Wohnung des Schurken entdecken könnte. Der ehrliche Bankier weigerte sich jedoch, mir diesen Gefallen zu tun. Er bewies mir sogar, daß ich eine unehrliche Handlung begehen würde, wenn ich den Anwalt beobachten ließe. Das wußte ich auch. Aber wo ist der Mensch, der sich nicht von seinem Zorn, mag dieser gerecht oder ungerecht sein, so weit hinreißen läßt, daß er nicht mehr auf die Stimme der Vernunft hört! Der Zorn ist ja doch die stärkste Leidenschaft.

Ich ging zu dem zweiten Anwalt, einem ehrwürdigen Greise von großer Klugheit. Ich trug ihm meinen Fall mit allen Umständen vor und fragte ihn, ob er die Sache übernehmen wolle. Er erklärte sich dazu bereit und sagte mir, er werde meine Klage im Laufe des Tages einreichen.

»Dies ist allerdings mein Wunsch,« rief ich; »denn von dem Anwalt meines Verleumders habe ich gehört, daß die Anschuldigung übermorgen eingereicht werden soll.«

»Nicht deshalb, mein Herr, müssen wir schnell vorgehen; denn Sie dürfen von der vertraulichen Mitteilung, die mein Kollege Ihnen gemacht hat, keinen unrechten Gebrauch machen.«

»Es ist aber doch nicht unrecht, sich eine Nachricht zunutze zu machen, die man zufällig erfahren hat.«

»Das kann zuweilen zutreffen; in diesem Fall dürfen wir um deswillen keine Zeit verlieren, weil die Natur der Angelegenheit Eile erheischt. Prior in tempore, potior in jure. Die Klugheit verlangt, den Feind anzugreifen. Seien Sie so freundlich, heute Nachmittag um drei Uhr bei mir wieder vorzusprechen.«

»Ich werde pünktlich sein. Einstweilen, mein Herr, hier sechs Louis.«

»Ich werde sie Ihnen in Rechnung stellen.«

»Ich bitte Sie, das Geld nicht zu schonen!«

»Mein Herr, ich werde nur so viel ausgeben, wie unbedingt notwendig ist.«

Es kam mir beinahe vor, wie wenn die Redlichkeit die Stadt Lyon zu ihrem besonderen Wohnsitze erwählt hätte. Doch muß ich hier eine Wahrheit bekannt geben, die für die französische Anwaltschaft ehrenvoll ist: nirgends habe ich so redliche Anwälte gefunden wie in Frankreich.

Nachdem ich um drei Uhr die Klageschrift fertig und gut geschrieben gefunden hatte, ging ich zu Frau von Urfé. Ich blieb bei ihr vier Stunden und baute Pyramiden, die sie mit Freude erfüllten. Trotz meiner schlechten Laune mußte ich doch unwillkürlich lachen über die tausend verrückten Fragen, die sie wegen ihrer Schwangerschaft an mich richtete. Sie war gewiß, daß sie schwanger war! Sie fühlte bereits alle Symptome! Sie sagte mir ferner, es sei ihr recht schmerzlich, daß sie nicht über alle die verschiedenen Mutmaßungen würde lachen können, die die Pariser Ärzte wegen ihrer Schwangerschaft aufstellen würden. Ganz sicherlich würde man diese in ihrem Alter höchst verwunderlich finden.

Als ich in mein Gasthaus zurückkam, war Marcolina traurig. Sie sagte mir, sie habe auf mich gewartet, da ich ihr versprochen habe, sie ins Theater zu begleiten. »Du hättest mich nicht warten lassen dürfen.«

»Du hast recht, liebes Herz; aber du wirst mir verzeihen, denn eine dringliche Angelegenheit hat mich bei der Marquise zurückgehalten. Sei vernünftig!«

Ich hatte selber nötig, diesen Rat zu befolgen; denn die Geschichte mit dem Passano quälte mich, und ich schlief sehr schlecht. Früh am anderen Morgen ging ich zu meinem Anwalt; er sagte mir, meine Klage sei bei der Registratur des Kriminalstatthalters eingereicht. »Für den Augenblick«, setzte er hinzu, »haben wir nichts mehr zu tun; denn da wir nicht wissen, wo er ist, so können wir ihn nicht vorladen.«

»Könnten wir nicht die Polizei bitten, sie möge ihn auszukundschaften versuchen?«

»Das könnten Sie; aber ich rate Ihnen nicht dazu. Lassen wir ihn lieber kommen! Da der Ankläger seinerseits angeklagt ist, so wird er an seine Verteidigung denken müssen. Er wird die Verbrechen beweisen müssen, deren er Sie beschuldigen will. Wenn er nicht zum Vorschein kommt, werden wir ihn in contumaciam zu allen Strafen verurteilen, die die Verleumder treffen. Sein Anwalt selber wird sich von ihm lossagen, wenn er nicht ebenso offen auftritt wie Sie.«

Diese Darstellung beruhigte mich ein wenig. Ich verbrachte den Tag mit Frau von Urfé zusammen, die am anderen Morgen abreisen sollte, und ich versprach ihr, in Paris zu sein, sobald ich einige Angelegenheiten erledigt hätte, die die Ehre des Ordens angingen.

Ihr Hauptgrundsatz war: meine Geheimnisse zu achten und mich niemals zu belästigen. Marcolina, die sich den ganzen Tag allein gelangweilt hatte, atmete auf, als ich ihr sagte, ich sei jetzt wieder ganz der ihre. Am nächsten Morgen kam Herr Bono zu mir und bat mich, mit ihm zu Passanos Anwalt zu gehen, der mit mir zu sprechen wünsche. Der Anwalt sagte mir, sein Klient sei ein Wahnsinniger, der sich einbilde, vergiftet zu sein, und aus diesem Grunde in seiner Verzweiflung zu allem imstande sei.

»Er behauptet, er werde Sie zum Tode verurteilen lassen, obgleich Sie ihm allerdings zuvorgekommen seien. Er ist bereit, sich ins Gefängnis werfen zu lassen; denn er sagte, er werde als Sieger daraus hervorgehen, da er für alle seine Behauptungen Zeugen habe. Er zeigte fünfundzwanzig Louis, die Sie ihm in Marseille gegeben haben; sie sind sämtlich beschnitten. Er hat aus Genua zwei Bescheinigungen, aus denen hervorgeht, daß Sie eine Anzahl Quadrupel beschnitten haben, die ein Herr von Grimaldi durch einen Goldschmied hat einschmelzen lassen, damit man sie nicht bei der Haussuchung fände, die die Regierung bei Ihnen vornehmen lassen würde, um Sie des Verbrechens zu überführen. Er hat sogar einen Brief von Ihrem Bruder, dem Abbate, der gegen Sie aussagt. Er ist ein Tobsüchtiger, den ein venerisches Leiden verzehrt, und der nun, wenn es möglich wäre, Sie vor ihm in die andere Welt möchte gehen sehen. In Ihrem eigenen Interesse rate ich Ihnen: geben Sie ihm Geld, um ihn los zu werden. Er hat mir gesagt, er sei Familienvater, und wenn Herr Bono ihm tausend Louis geben wollte, so werde er alle seine berechtigten Klagen seinen Bedürfnissen aufopfern. Er hat mich beauftragt, mit Herrn Bono darüber zu sprechen. Was antworten Sie, mein Herr?«

»Was meine gerechte Entrüstung mir gegen einen Schuft eingibt, den ich in meiner Gutmütigkeit aus dem Elend errettet habe, und der mich jetzt mit abscheulichen Verleumdungen verfolgt. Er soll niemals einen Sou von mir bekommen.«

Hierauf erzählte ich den Vorfall von Genua ganz der Wahrheit gemäß, und sagte ihm, Herr von Grimaldi würde notwendigerweise bereit sein, die Wahrheit meiner Darstellung zu bescheinigen.

»Ich habe«, sagte der Advokat, »bis jetzt die Einreichung der Klage noch hinausgeschoben, um zu sehen, ob es kein Mittel gegen den Skandal gebe, der die Folge davon sein muß; aber ich werde sie jetzt einreichen.«

»Ich bitte Sie darum und werde Ihnen unendlich verpflichtet sein.«

Ich ging sofort zu meinem Anwalt und berichtete ihm den Vorschlag des Spitzbuben. Er lobte mich besonders, weil ich jede Auseinandersetzung mit einem solchen Menschen zurückgewiesen hätte. Da Herr Bono für mich zeugen wollte, so müsse ich Passanos Anwalt nötigen, seine Klage einzureichen, die nach seiner Behauptung bereits niedergeschrieben sei. Ich gab ihm Vollmacht, die Aufforderung in meinem Namen zu erlassen.

Sofort wurde ein Gerichtsschreiber zum Kriminalstatthalter geschickt, damit dieser den Anwalt auffordere, binnen drei Tagen eine Klage wegen Kriminalvergehens einzureichen. Diese Klage befinde sich in seinen Händen und rühre von einem Quidam her, der sich bald Anami, bald Pogomas, bald Passano nenne. Die Klage sei gegen Giacomo Casanova, genannt Chevalier von Seingalt gerichtet. Nachdem ich das Schriftstück eigenhändig unterzeichnet hatte, wurde es dem Kriminalstatthalter übergeben.

Ich wollte von der dreitägigen Frist nichts wissen; mein Anwalt sagte mir jedoch, dies sei eine Vorschrift, die sich nicht umgehen lasse; übrigens heiße es jetzt jacta est alea und ich müsse mich auf alle Unannehmlichkeiten gefaßt machen, die der Prozeß mir im Falle des allerglücklichsten Ausganges verursachen werde.

Frau von Urfé war abgereist, wie Paralis es ihr befohlen hatte. Ich speiste im Gasthof mit Marcolina und machte alle möglichen Versuche, mich aufzuheitern. Ich führte das reizende Mädchen zu den angesehensten Modistinnen und kaufte ihr alles, was sie sich zu wünschen schien. Hierauf ging ich mit ihr ins Theater, wo sie alle Blicke auf sich lenkte. Madame Pernon, die in der nächsten Loge neben der unsrigen saß, veranlaßte mich, ihr meine Venetianerin vorzustellen. An der Art und Weise, wie sie nach der Vorstellung sich umarmten, sah ich, daß es zur größten Vertraulichkeit zwischen ihnen kommen würde. Es war nur ein Hindernis vorhanden: Madame Pernon sprach kein Wort italienisch, und Marcolina wagte nicht gegen mein Verbot französisch zu sprechen; denn ich hatte ihr gesagt, sie werde sich dadurch lächerlich machen. Als wir wieder in unserem Gasthof waren, sagte Marcolina mir, ihre neue Bekannte habe ihr den florentinischen Kuß gegeben. Das war das Erkennungszeichen der Sekte.

Selig über die tausend Kleinigkeiten, die ich ihr gekauft hatte, bot sie alle Glut auf, um mir ihre Dankbarkeit zu bezeugen, und wir verbrachten eine der muntersten Nächte.

Am nächsten Tage besuchte ich wieder eine Anzahl Seidenfabriken und kaufte neue Kleider für Marcolina; am Abend speisten wir in fröhlicher Gesellschaft bei Frau Pernon.

Am dritten Tage kam Herr Bono schon in aller Frühe zu mir; er schien bedrückt zu sein, obgleich er ein sehr vergnügtes Gesicht machte. Er forderte mich auf, im Kaffeehause mit ihm zu frühstücken, da er etwas mit mir zu besprechen habe. Dort zeigte er mir einen Brief, worin der schurkische Passano ihm schrieb, er sei bereit, seine Ansprüche aufzugeben; dies habe ihm sein Anwalt geraten, der eine Anzeige vorgefunden habe, gegen die er keinen Widerstand leisten wolle. Zum Schluß schrieb er: »Veranlassen Sie Herrn de Seingalt, mir hundert Louis zu geben, und ich werde unverzüglich abreisen.«

»Da wäre ich ja verrückt,« rief ich, »wenn ich diesem Spitzbuben noch Geld gäbe, damit er sich dem Arme der Gerechtigkeit entziehen kann. Er soll gehen, wohin er will; ich werde ihm kein Hindernis in den Weg legen; aber von mir soll er nichts erwarten! Morgen wird ihm der Haftbefehl zugestellt werden; wenn ich kann, will ich zusehen, wie er von Henkers Hand gebrandmarkt wird. Die Verleumdungen, die er sich gegen mich, seinen Wohltäter, erlaubt hat, sind zu stark. Sie verletzen meine Ehre zu tief, und ich verlange daher, daß er sie beweist oder vom Gericht für ehrlos erklärt wird.«

»Ein Zurückziehen der Beschuldigung in aller Form,« antwortete Herr Bono mir, »könnte nach meiner Meinung Ihnen als Rechtfertigung dienen, und Sie sollten diesen Ausgang einem Prozeß vorziehen, der, selbst wenn Sie triumphieren, Ihnen unfehlbar in der öffentlichen Meinung empfindlichen Schaden verursachen würde. Übrigens sind diese hundert Louis gar nichts im Vergleich zu den Kosten, die Ihnen der Prozeß verursachen wird.«

»Herr Bono, ich schätze Ihre Meinung hoch und schätze noch höher das Gefühl des Wohlwollens, das Sie veranlaßt, mir Ihren Rat zu geben; aber gestatten Sie, daß ich diesmal nach meinem eigenen Kopfe handle.«

Ich berichtete meinem Anwalt den Vorschlag, der mir gemacht worden war, und sagte ihm, ich wolle mich auf nichts einlassen und bitte ihn, die vom Gesetz vorgeschriebenen Schritte zu tun, um den Schurken, der mir den Tod geschworen habe, verhaften zu lassen.

Am selben Abend hatte ich Frau Pernon und Herrn Bono, der ihr Liebhaber war, bei mir zu Tisch. Da der Bankier sehr gut italienisch sprach, hatte Marcolina das Vergnügen, durch ihre witzigen Bemerkungen zur Erheiterung der Gesellschaft beizutragen.

Am anderen Tage schrieb Bono mir, Passano sei auf Nimmerwiedersehen abgereist; vorher habe er schriftlich alles widerrufen, und zwar in einer Form, die mich unbedingt zufriedenstellen müsse. Ich fand seine Flucht erklärlich; sein Widerruf dagegen kam mir unwahrscheinlich vor, oder wenigstens, daß er es freiwillig sollte getan haben. Ich suchte also sofort Herrn Bono auf, der mir zu meiner Überraschung einen schriftlichen Widerruf in aller Form vorlegte.

»Sind Sie damit zufrieden?« fragte er mich.

»Mehr als zufrieden: ich verzeihe ihm. Aber ich finde es überraschend, daß er nicht auf seinen hundert Louis bestanden hat.«

»Lieber Freund, ich habe sie ihm gegeben, und zwar mit Vergnügen, damit ein Skandal, der uns allen geschadet haben würde, nicht an die Öffentlichkeit komme. Wenn ich Ihnen nichts gesagt hätte, so würden Sie nichts unternommen haben. Darum habe ich mich für verpflichtet gehalten, das ganze angerichtete Unheil durch dieses Opfer wieder gutzumachen, von dem Sie nichts erfahren haben würden, wenn Sie mir gesagt hätten, es wäre Ihnen nicht recht. Es freut mich sehr, daß ich durch diese Kleinigkeit Ihnen meine Freundschaft habe beweisen können. Sprechen wir nicht mehr davon!«

»Gut, lieber Freund,« sagte ich zu ihm, indem ich ihn umarmte, »sprechen wir nicht mehr davon! Aber stellen Sie mir diesen Betrag in Rechnung, und seien Sie versichert, daß ich Ihnen dankbar bin.«

Ich gestehe, daß ich mich sehr erleichtert fühlte, nachdem ich mir diese fatale Sache vom Halse geschafft hatte.

Siebentes Kapitel


Ich treffe in Lyon die venetianischen Gesandten und Marcolinas Oheim. – Ich trenne mich von dem reizenden Mädchen und fahre nach Paris. – Verliebte Reise mit Adele.

Da ich nun die Sorgen los war, die Passanos abscheuliche Verleumdung mir verursacht hatte, überließ ich mich dem Liebesglück, das meine schöne Venetianerin mir gewährte, und unterließ nichts, was das Glück des herrlichen Geschöpfes erhöhen konnte. Es war, wie wenn ich ein Vorgefühl gehabt hätte, daß ich mich bald von ihr würde trennen müssen.

Am Tage nach dem Abend, wo wir mit Frau Pernon und Herrn Bono zusammen gespeist hatten, saß ich mit diesen und mit meiner Marcolina zusammen im Theater. Plötzlich bemerkte ich in der gegenüberliegenden Loge Herrn Querini, den Prokurator Morosini, Herrn Memmo und den Professor an der Universität Padua, Grafen Stratico. Ich kannte alle diese Herren. Sie waren auf der Rückreise von London nach ihrer Heimat. Leb wohl, meine liebe Marcolina! sagte ich bei mir selber, das Herz von Kummer zerrissen. Aber ich blieb ruhig und sagte ihr kein Wort. Ich freute mich nur, daß sie, von ihrer Unterhaltung mit Herrn Bono gänzlich in Anspruch genommen, nichts bemerkte. Übrigens kannte sie keinen einzigen von den Herren. Ich sah, daß Herr Memmo mich bemerkt hatte, und daß er mich dem Prokurator zeigte, der mich sehr gut kannte. Ich hielt es daher für unbedingt notwendig, sofort zu ihnen hinüberzugehen und ihnen meine Aufwartung zu machen.

Der Botschafter Querini empfing mich für einen Frommen, wie er es war, sehr höflich, desgleichen Herr Morosini; Memmo war sichtlich aufgeregt, denn er erinnerte sich wohl, welchen Anteil seine Mutter an der Verschwörung gehabt hatte, die mich acht Jahre vorher unter die Bleidächer gebracht hatte.

Ich beglückwünschte die Herren zu ihrer Gesandtschaft, die sie an den Hof Georgs des Dritten geführt hatte, und zu ihrer Rückkehr in die Heimat. Ganz nebenbei empfahl ich mich auch ihrem Schutze und ihrer Fürsprache, um selber eines Tages nach Venedig zurückkehren zu können. Morosini sagte zu mir mit einer Anspielung auf mein glänzendes Auftreten: ich sei glücklicher als er, daß ich der Heimat fernbleiben müsse; denn er kehre dorthin nur zurück, weil die Pflicht ihn rufe. Ich antwortete ihm: »Euer Exzellenz wissen wohl, daß nichts so süß schmeckt wie verbotene Frucht.« Er lächelte und fragte mich, woher ich komme und wohin ich gehe.

»Ich komme von Rom; ich habe dort einige Zeit zugebracht, und der Heilige Vater, dem ich vorgestellt zu werden Gelegenheit hatte, war so gnädig, mich zu seinem Ritter zu machen. Ich gehe nach Paris, wo ich mich jedoch nur kurze Zeit aufhalten werde, da ich die Absicht habe, mich nach London zu begeben.«

»Besuchen Sie mich doch, wenn Sie Zeit haben; ich werde Ihnen eine kleine Besorgung anvertrauen.«

»Ich werde stets Zeit haben, wenn es sich darum handelt. Eurer Exzellenz gefällig zu sein. Werden Sie sich für einige Zeit aufhalten, gnädiger Herr?«

»Drei oder vier Tage.«

Als ich wieder in unsere Loge zurückkam, fragte Marcolina mich, wer die Herren wären, die ich begrüßt hätte. Ich sagte ihr in ruhigem und gleichgültigem Tone, indem ich sie jedoch zugleich beobachtete: »Es sind die venetianischen Gesandten, die von London zurückkehren.«

Sofort wichen ihre schönen Farben einer tödlichen Blässe; sie schlug ihre Augen zum Himmel auf, senkte sie dann wieder und sprach kein Wort mehr. Mir war das Herz gebrochen. Nach einigen Augenblicken fragte sie mich in sanftem Tone, wer von ihnen Herr Querini sei; ich zeigte ihn ihr und bemerkte dann während der ganzen Aufführung, daß sie ihn fortwährend mit verstohlenen Blicken beobachtete. Als der Vorhang gefallen war, gingen wir hinunter. An der Tür begegneten wir den Gesandten, die auf ihren Wagen warteten. Der meinige stand in der Reihe vor den ihren. Während wir warteten, sagte der Botschafter Querini zu mir:

»Sie haben da eine reizende junge Dame bei sich.«

Ohne mir Zeit zur Antwort zu lassen, ergriff Marcolina seine Hand und küßte sie.

Ganz erstaunt dankte Querini ihr und fragte: »Warum denn diese Ehre mir?«

»Weil ich,« antwortete Marcolina ihm auf venetianisch, »die Ehre habe, Ihre Exzellenz Monsignore Querini zu kennen.«

»Was machen Sie hier bei Herrn Casanova?«

»Er ist mein Oheim.«

Da mein Wagen vorgefahren war, verabschiedete ich mich mit einer tiefen Verbeugung, reichte meiner improvisierten Nichte den Arm und stieg mit ihr ein. Dann rief ich: »Nach dem Park!« Dies war der erste Gasthof von Lyon, und es war mir recht angenehm, die Herren wissen zu lassen, daß ich dort wohnte.

Marcolina war in Verzweiflung, denn sie sah voraus, daß unsere Trennung unmittelbar bevorstände. Mit Tränen in den Augen speisten wir zu Abend. »Wir haben noch drei oder vier Tage für uns,« sagte ich zu ihr; »wir werden sehen, wie wir ein Gespräch mit deinem Oheim Mattio zustande bringen können. Daß du Herrn Querini die Hand geküßt hast, gefiel mir sehr, liebes Kind; es war ein Meisterstreich von dir. Ich sehe voraus, daß alles gut gehen wird; aber ich bitte dich: sei fröhlich; denn die Traurigkeit tötet mich!«

Wir saßen noch bei Tisch, als ich im Vorzimmer die Stimme des jungen Memmo hörte, den ich als einen liebenswürdigen und geistreichen Kavalier stets sehr gern gehabt hatte. Schnell bat ich Marcolina, von unseren Angelegenheiten kein Wort zu sagen und recht lustig zu sein, dabei aber Maß zu halten. Der Lohndiener meldete den jungen Herrn. Wir standen auf, um ihn zu begrüßen; er nötigte uns jedoch wieder Platz zu nehmen, setzte sich zu uns und trank mit der größten Freundlichkeit ein Glas Wein. Er erzählte uns ausführlich, daß die Gesandten bei ihrem Abendessen herzlich darüber gelacht hätten, daß eine schöne junge Venetianerin dem frommen, alten Herrn von Querini die Hand geküßt hätte; Querini selber hätte sich trotz seinen sonstigen Gewissensbedenken dadurch lebhaft geschmeichelt gefühlt.

»Dürfte ich mir die Frage erlauben, mein Fräulein, woher Sie Herrn von Querini kennen?«

»Dies, mein Herr, ist ein Geheimnis.«

»Ein Geheimnis! Oh, da werden wir morgen lachen!« Und zu mir sich wendend, fuhr Memmo fort: »Ich soll Sie im Auftrag der Gesandten bitten, morgen mit Ihrer reizenden Nichte bei ihnen zu Mittag zu speisen.«

»Willst du hingehen, Marcolina?«

»Con grandissimo piacere! Wir werden venetianisch sprechen, nicht wahr?«

»Selbstverständlich.«

»Evviva! Es ist mir unmöglich französisch zu lernen.«

»Herrn von Querini geht es gerade so!« sagte Memmo.

Nachdem wir uns eine halbe Stunde sehr lustig unterhalten hatten, entfernte er sich, und Marcolina umarmte mich mit verdoppelter Zärtlichkeit, voller Freude darüber, daß sie auf die Herren einen angenehmen Eindruck gemacht hatte.

Ich sagte zu ihr: »Morgen wirst du dir dein elegantestes Kleid anziehen; vergiß auch deinen Schmuck nicht! Bei Tisch mußt du gegen alle Herren reizend sein; du mußt, jedoch in unauffälliger Weise, so tun, wie wenn du deinen Oheim Mattio nicht sähest. Ich bin überzeugt, daß er bei Tisch bedienen wird.«

»Laß mich nur machen; ich werde deine Ratschläge befolgen.«

»Und ich, meine Liebe, werde die Erkennungsszene auf eine dramatische und interessante Weise herbeiführen; denn ich will es dahin bringen, daß Herr Querini selber dich mit sich nach Venedig nimmt und daß dein Oheim auf seinen Befehl es übernimmt, für dich zu sorgen.«

»Ich bin von diesem Plan entzückt. Wenn er nur gelingt!«

»Dafür werde ich sorgen. Verlaß dich auf meine Geschicklichkeit.«

Am anderen Morgen um neun Uhr verließ ich Marcolina, die noch mit dem Ankleiden beschäftigt war, und begab mich zu Herrn Morosini, um dessen Aufträge in Empfang zu nehmen. Er übergab mir ein versiegeltes Kästchen für Lady Harrington nebst einem Brief; außerdem einen anderen offenen Brief, der nur wenige Zeilen enthielt und folgendermaßen lautete:

»Der Procuratore Morosini ist abgereist und hat sehr bedauert, daß er von Fräulein Charpillon nicht noch einen letzten Abschied hat nehmen können.«

»Wo werde ich die Dame finden?«

»Das weiß ich nicht. Wenn Sie sie finden, geben Sie ihr das Briefchen; wenn nicht, so schadet es auch nichts. Sie haben da, mein lieber Casanova, eine blendende junge Schönheit bei sich.«

»Ich bin auch wirklich von ihr geblendet.«

»Aber woher kennt sie Querini?«

»Sie hat ihn zufällig in Venedig gesehen, aber niemals mit ihm gesprochen.«

»Das glaube ich. Wir haben herzlich gelacht; denn Querini legt diesem Zusammentreffen eine große Bedeutung bei. Aber woher haben Sie denn diese Venetianerin, die offenbar noch gar nicht in der Gesellschaft verkehrt hat? Denn, wie Memmo mir gesagt hat, spricht sie nicht französisch.«

»Das wäre eine lange Geschichte, die schließlich darauf hinauslaufen würde, daß alles der reine Zufall war.«

»Sie ist natürlich nicht Ihre Nichte.«

»Sie ist mehr als das: sie ist meine Königin.«

»Sie müssen sie französisch lernen lassen, denn in London…«

»Ich werde sie nicht dorthin mitnehmen; denn sie will nach Venedig zurückkehren.«

»Wenn Sie sie lieben, so beklage ich Sie. Sie wird doch hoffentlich mit uns speisen?«

»Sie ist entzückt ob dieser Ehre.«

»Und wir sind entzückt, daß eine so schöne Dame unser Mahl beleben wird.«

»Sie werden sie würdig finden, daran teilzunehmen; denn sie ist sehr geistvoll.«

In meinen Gasthof zum Park zurückgekehrt, sagte ich zu Marcolina: »Wenn man während der Mahlzeit oder nachher auf deine Rückkehr nach Venedig zu sprechen kommt, so mußt du erklären, daß auf der ganzen Welt kein Mensch außer Herrn Ouerini dich veranlassen könne, dorthin zurückzukehren; du seist jedoch bereit, nach deinem Vaterlande zu reisen, wenn er dich selbst unter seinen Schutz und dein Vermögen in Verwahrung nehmen wolle. Ich übernehme es, dich aus der Verlegenheit zu ziehen, sobald du dies gesagt hast.«

Marcolina versprach mir, meine Lehren zu befolgen. Sie hatte auch getan, was ich ihr in bezug auf ihren Anzug geraten hatte: in ihrem herrlichen Schmuck strahlte sie von Jugendfrische und Schönheit. Da ich in den Augen meiner stolzen aristokratischen Landsleute glänzen wollte, so kleidete ich mich ebenfalls sehr reich: ich trug einen Rock von aschgrauem geschorenem Samt, mit Gold und Silber gestickt, dazu ein Spitzenhemd, das wenigstens fünfzig Louis wert war. Meine Diamanten, meine Uhren mit ihren brillantenbesetzten Ketten, mein Degen vom schönsten englischen Stahl, meine mit herrlichen Brillanten besetzte Tadakdose, mein Ritterkreuz mit Brillanten und meine Schuhschnallen, die mit den gleichen Edelsteinen besetzt waren – das alles zusammen stellte einen Wert von mehr als hundertfünfzigtausend Franken dar. Dieses Schaugepränge war allerdings an sich kindisch, aber es war durch die Zeit und besonders durch die Umstände begründet: ich wollte, Herr von Bragadino sollte erfahren, daß ich in der Welt keine schlechte Figur spielte; die tyrannischen Oberen, die mich gezwungen hatten, meine Heimat ohne andere Mittel als meinen Geist zu verlassen, sollten wissen, daß ich davon so guten Gebrauch gemacht hatte, um sie auslachen zu können.

In diesem glänzenden Aufzuge begaben wir uns also um halb zwei zum Diner bei den Gesandten.

Die Gesellschaft, die aus lauter Venetianern bestand, empfing Marcolina mit einer Art von Bewunderung. Das junge Mädchen hatte ein natürliches Gefühl für die gesellschaftlichen Formen und bewegte sich mit der Anmut einer Nymphe und mit der ganzen Würde einer französischen Prinzessin. Nachdem sie inmitten dieser glänzenden Gesellschaft zwischen zwei würdigen Senatoren Platz genommen hatte, begann sie das Gespräch mit der Bemerkung, sie sei entzückt, sich als einzige Angehörige ihres Geschlechtes in einer so ausgezeichneten Gesellschaft zu sehen, in der sich kein einziger Franzose befinde.

»Sie lieben also die Franzosen nicht, Signora?« fragte Memmo sie.

»Ich finde sie sehr nett; aber ich kann sie nur nach ihrem Äußeren beurteilen, da ich ihre Sprache nicht verstehe.«

Nachdem sie diese Probe von ihrem Geist gegeben hatte, wußten alle Anwesenden, welchen Ton sie anzuschlagen hatten, und ein jeder fühlte sich behaglich.

Man richtete lachende Bemerkungen an sie, die sie mit dem größten Anstand entgegen nahm; sie gab stets treffende Antworten, stellte niemals eine Frage und trug auf anmutige Weise ihre Beobachtungen über die französischen Sitten vor, die von den venetianischen Bräuchen so verschieden seien.

Bei Tisch fragte Herr von Querini sie, woher sie ihn kenne. Sie antwortete, sie habe ihn hundertmal beim Gottesdienst bemerkt. Diese Worte schienen dem frommen Herrn sehr zu schmeicheln. Herr von Morosini stellte sich, als ob er nicht wüßte, daß sie nach Venedig zurückkehren wollte, und sagte zu ihr, sie müsse sich bemühen, die französische Sprache zu erlernen, die die Sprache aller Nationen sei; sonst werde sie sich in London langweilen, denn dort sei die italienische Sprache sehr wenig in Gebrauch.

»Ich hoffe,« antwortete sie, »Herr von Seingalt wird die Gefälligkeit haben, mich nur mit Personen zusammenzubringen, mit denen ich meine Gedanken austauschen kann, wie er es bis jetzt getan hat; denn wenn ich nur durch Studium französisch lernen soll, so sehe ich voraus, daß dies mir niemals gelingen wird.«

Nachdem wir gespeist hatten, baten die Gesandten mich, ihnen die Geschichte meiner Flucht aus den Bleikammern zu erzählen, und ich war gern bereit, ihren Wunsch zu erfüllen. Meine Erzählung dauerte zwei Stunden ohne Unterbrechung, und da alle bemerkt hatten, daß Marcolina Tränen in den Augen hatte, als ich die gefahrvollen Augenblicke erzählte, so griff man sie scherzhaft an und sagte, für eine Nichte habe sie sich zu gefühlvoll gezeigt.

»Für eine Nichte?« antwortete sie; »das könnte wohl sein, meine Herren, obwohl ich nicht einsehe, warum nicht eine Nichte ihren Oheim zärtlich lieben sollte. Ich, meine Herren, habe – ganz abgesehen von dem Namen, den unser Verhältnis hat – stets nur den Helden der Geschichte geliebt, und ich vermag nicht zu begreifen, was für ein Unterschied zwischen Liebe und Liebe sein kann.«

»Es gibt,« bemerkte Herr von Querini, »fünf Arten von Liebe in der menschlichen Natur: die Liebe zum Nächsten, die Liebe zu Gott, die die höchste von allen ist, die Liebe zum Gatten, die Liebe zur Familie und die Liebe zu sich selber, die als letzte hinter allen andern stehen muß, obgleich viele Leute sie in die erste Reihe stellen.«

Der Senator erklärte hierauf in aller Kürze die verschiedenen Arten von Liebe; als er an die Liebe zu Gott kam, riß ihn die Begeisterung fort, und ich sah mit dem höchsten Erstaunen Marcolina reichliche Tränen vergießen, die sie schnell wieder abtrocknete, wie wenn sie sie dem guten alten Herrn hätte verbergen wollen, in dem der Wein noch mehr als sonst den Theologen erweckt hatte. Marcolina küßte ihm mit gut gespielter Begeisterung die Hand; hiervon fortgerissen, nahm der eitle Greis sie liebevoll beim Kopf, küßte sie auf die Stirn und sagte: »Poveretta! Sie sind ein Engel!«

Bei diesem Ausruf, woran die Liebe zum Nächsten mehr Anteil hatte als die Liebe zu Gott, bissen wir alle uns auf die Lippen, um nicht laut herauszulachen; die Spitzbübin aber tat, wie wenn sie tief gerührt wäre.

Erst an diesem Tage lernte ich Marcollna recht kennen; denn als wir wieder in unserem Gasthof waren, gestand sie mir, sie habe sich absichtlich so gerührt gestellt, um das Herz des alten Herrn zu gewinnen; wenn sie ihrer Neigung nachgegeben hätte, würde sie ihm laut ins Gesicht gelacht haben. Das junge Mädchen war dazu geboren, eine Rolle zu spielen, sei es auf einer Bühne, sei es auf einem Throne – was so ziemlich auf das Gleiche hinauskommt. Der Zufall hatte sie in der Dunkelheit der niederen Stände geboren werden lassen, und ihre Erziehung war vernachlässigt worden, wie es eben beim Volk ist; hätte sie eine sorgfältige Erziehung und guten Unterricht empfangen, so wäre sie würdig gewesen, die glänzendste Rolle zu spielen.

Bevor wir die edle Gesellschaft verließen, wurden wir dringend gebeten, am nächsten Tage wieder zum Mittagessen zu kommen.

Da wir das Bedürfnis empfanden, allein beisammen zu sein, so gingen wir an diesem Abend nicht ins Theater. Als wir in unserer Wohnung waren, konnte ich vor Ungeduld nicht einmal so lange warten, bis sie sich ausgekleidet hatte, um sie mit meinen Küssen zu bedecken.

»Liebste Marcolina, so hast du also bis zu den letzten Augenblicken unserer nur allzu süßen Verbindung gewartet, um mir alle deine Vollkommenheiten zu enthüllen, damit ich mein Leben lang bedaure, daß ich dich habe nach Venedig zurückkehren lassen? Heute hast du alle Herzen gefangen genommen.«

»Nun, mein lieber Giacomo, so behalte mich doch, und ich werde alle Tage sein wie heute. Hast du übrigens meinen Oheim gesehen?«

»Ich glaube, ihn gesehen zu haben. Ist es nicht der Alte, der dich bei Tisch die ganze Zeit über bedient hat?«

»Ganz recht. Ich habe ihn an seinem Ring erkannt. Hat er mich angesehen?«

»In einemfort, und zwar mit einem ganz erstaunten Gesicht. Ich habe es vermieden, ihn fest anzusehen, weil seine Blicke fortwährend zwischen dir und mir hin und her schweiften.«

»Ich möchte wohl wissen, was der gute Mann sich denkt! Morgen wirst du etwas Neues erleben, lieber Freund; denn ich bin überzeugt, er wird Herrn Querini gesagt haben, daß ich seine und folglich nicht deine Nichte bin.«

»Das glaube ich auch.«

»Und wenn Herr von Querini morgen mir das sagt, so werde ich es wohl zugeben müssen, glaube ich. Was meinst du dazu?«

»Das ist unbedingt notwendig; aber es muß auf die vornehmste Art geschehen: in ganz herzlicher Weise und ohne irgendwelche Andeutungen, daß du seiner bedürfest, um nach Venedig zurückzukehren. Er ist nicht dein Vater und hat durchaus kein Recht, über deine Freiheit zu verfügen.«

»Oh nein, das hat er gewiß nicht.«

»Gut! Du wirst ferner zugeben, daß ich nicht dein Oheim bin, und daß wir durch das zärtlichste Band miteinander vereinigt sind. Hast du irgend etwas dagegen einzuwenden?«

»Wie kannst du nur so fragen? Ich bin stolz auf das Band, das mich mit dir vereinigt, und es würde mich für mein Leben glücklich machen, wenn unser Verhältnis dauern könnte.«

»Nun, ich werde dir also gar nichts mehr sagen; du bist klug, und ich verlasse mich vollkommen auf dich. Denke daran, daß nur Querini und kein anderer dich nach Venedig bringen darf; er muß dich behandeln, wie wenn du seine Tochter wärest. Unter anderen Bedingungen würdest du nicht mit ihm gehen.«

»Gott gebe es!«

Am anderen Morgen erhielt ich schon in aller Frühe ein Briefchen von Herrn von Querini. Er bat mich, bei ihm vorzusprechen, da er mir eine wichtige Mitteilung zu machen habe. »Die Geschichte ist im Gange!« rief Marcolina. »Ich freue mich, daß es so gekommen ist; denn wenn du wiederkommst, wirst du mir Wort für Wort erzählen, was ihr miteinander gesprochen habt, und ich kann mich dann danach richten.«

Der Einladung folgend, ging ich zu Herrn Querini, bei dem ich auch Morosini fand. Sie gaben mir die Hand, und Querini bat mich Platz zu nehmen, indem er bemerkte, die Anwesenheit seines Freundes bei unserer Zusammenkunft werde nur von Vorteil sein.

Dann fuhr er fort: »Herr Casanova, ich habe Ihnen eine vertrauliche Mitteilung zu machen; zuvor muß ich jedoch eine solche von Ihnen erbitten.«

»Ich habe zu Eurer Exzellenz solches Vertrauen, daß ich kein Geheimnis vor Ihnen haben kann.«

»Ich danke Ihnen; ich verdiene dieses Vertrauen durch die gute Meinung, die ich von Ihnen habe. Ich bitte Sie also, mir aufrichtig zu sagen, ob Sie das junge Mädchen kennen, das bei Ihnen ist? Denn daß es Ihre Nichte ist, glaubt kein Mensch hier.«

»Allerdings ist sie nicht meine Nichte; da ich aber weder ihre Eltern noch ihre Familie kenne, so kann ich nicht behaupten, daß ich sie in dem Sinne kenne, den Eure Exzellenz diesem Wort beilegen. Indessen glaube ich sie geistig wie körperlich vollkommen zu kennen, und glaube, mir Glück wünschen zu dürfen, daß ich eine zärtliche Neigung zu ihr gefaßt habe, die nur mit meinem Tode enden wird.«

»Was Sie da sagen, freut mich. Seit wann haben Sie sie bei sich?«

»Ungefähr seit zwei Monaten.«

»Vortrefflich. Wie ist sie in Ihre Hände gekommen?«

»Das ist ein Punkt, der nur sie allein angeht; gestatten Sie mir, diese Frage unbeantwortet zu lassen.«

»Gut, lassen wir es. Da Sie in sie verliebt sind, so ist es ja wohl möglich, daß Sie nicht so neugierig gewesen sind, sie nach ihren Eltern und Angehörigen zu fragen.«

»Sie hat mir gesagt, daß ihre Eltern ehrliche Leute sind, wenn auch arm; ich bin aber wirklich nicht so neugierig gewesen, sie nach ihrem Namen zu fragen. Ich kenne nur ihren Taufnamen, der vielleicht nicht einmal ihr richtiger ist; es genügt mir jedoch, sie rufen zu können, und ich habe mich daher mit dem Namen begnügt, den sie mir angegeben hat.«

»Sie hat Ihnen ihren wahren Namen genannt.«

»Eure Exzellenz setzen mich in Erstaunen! Sie kennen sie also?«

»Ja; gestern allerdings nicht, aber heute kenne ich sie. Zwei Monate…Marcolina…Ja, sie ist es wirklich. Jetzt bin ich überzeugt, daß mein Kammerdiener nicht verrückt ist.«

»Ihr Kammerdiener?«

»Ja, sie ist seine Nichte. Er hat in London erfahren, daß sie etwa um Mittfasten aus dem Elternhause entflohen ist. Seine Schwester, Marcolinas Mutter, hat es ihm geschrieben. Als er sie gestern als eine so glänzende Erscheinung sah, hat er es nicht gewagt, sie anzusprechen. Er hat sogar geglaubt, er müsse sich irren; zudem hatte er gefürchtet, mein Mißfallen zu erregen, wenn er mit ihr gesprochen hatte, da sie ja wie eine große Dame an meiner Tafel saß. Sie muß ihn ebenfalls gesehen haben.«

»Das glaube ich nicht; denn sie würde es mir gesagt haben.«

»Allerdings ist er stets hinter ihr gestanden. Doch lassen Sie uns jetzt schlüssig werden! Sagen Sie mir, ob Marcolina Ihre Frau ist oder ob Sie die Absicht haben, sie zu heiraten?«

»Ich liebe sie so innig und zärtlich, wie ein Mann nur lieben kann. Aber ich kann sie nicht zu meiner Frau machen, und dies ist für mich ein tiefer Kummer; die Gründe sind nur ihr und mir bekannt.«

»Ich achte Ihre Gründe; aber werden Sie es dann übel nehmen, wenn ich in meiner Teilnahme für Marcolina so weit gehe, Sie zu bitten, sie mit ihrem Oheim nach Venedig zurückreisen zu lassen?«

»Ich glaube, daß Marcolina bei mir glücklich ist; aber ich würde sie für noch glücklicher halten, wenn es ihr gelungen sein sollte, Ihnen Teilnahme einzuflößen; ich bin sogar überzeugt, es würde ihr, wenn sie unter dem wohlwollenden Schutz Eurer Exzellenz in den Schoß ihrer Familie zurückkehrte, leicht gelingen, den Makel zu tilgen, der durch ihre Flucht auf sie gefallen ist. Fortzugehen kann ich sie nicht verhindern, denn ich bin nicht ihr Herr. Als ihr Liebhaber würde ich sie mit allen meinen Kräften gegen jeden Versuch verteidigen, den man etwa unternehmen würde, um sie gewaltsam meinen Armen zu entreißen; wenn sie mich aber verlassen will, kann ich mich nur ihrem Willen fügen, so schmerzlich mir auch die Trennung von ihr sein mag.«

»Was Sie da sagen, finde ich vollkommen vernünftig; ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, daß ich dieses gute Werk durchzuführen versuche. Sie werden begreifen, mein Herr, daß ich ohne Ihre Zustimmung nicht wagen konnte, mich in diese Angelegenheit einzumischen.«

»Ich ehre die Fügungen des Schicksals, wenn sie allem Anschein nach einer so reinen Quelle entströmen. Wenn Eure Exzellenz durch Überredung Marcolina bewegen können, mich zu verlassen, so werde ich Ihnen kein Hindernis bereiten. Ich gestatte mir jedoch, darauf aufmerksam zu machen, daß Sie nur mit sanften Mitteln vorgehen dürfen; denn sie ist klug, liebt mich und ist stolz auf ihre Unabhängigkeit; außerdem vertraut sie auf mich, und mit Recht. Sprechen Sie noch heute unter vier Augen mit ihr; denn meine Gegenwart könnte Ihnen wie ihr lästig sein. Sprechen Sie aber nicht früher mit ihr, als bis wir mit dem Essen fertig sind; denn die Unterredung könnte sich vielleicht in die Länge ziehen.«

»Mein lieber Casanova, Sie sind ein Ehrenmann, und ich schwöre Ihnen, ich bin entzückt, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.«

»Sie erweisen mir eine Ehre, die ich tief empfinde. Ich empfehle mich Ihnen, und möchte Ihnen nur noch sagen, daß ich Marcolina nichts erzählen werde.«

In den Gasthof zum Park zurückgekehrt, erstattete ich dem jungen Mädchen einen genauen Bericht über unsere Unterhaltung, indem ich sie darauf aufmerksam machte, daß ich versprochen hätte, ihr nichts zu sagen.

»Du mußt es sehr geschickt anfangen, meine Liebe, um Herrn von Querini zu überzeugen, daß ich nicht gelogen habe, als ich ihm sagte, du habest deinen Oheim nicht gesehen. Sobald du ihn erblickst, stellst du dich höchst überrascht, rufst: Mein lieber Onkel! läufst auf ihn zu und umarmst ihn. Wirst du das tun? Es wird eine prachtvolle Szene sein, und du wirst in den Augen aller anwesenden Herren die größte Ehre damit einlegen.«

»Verlaß dich drauf, mein lieber Freund. Ich werde meine Rolle so spielen, daß du damit zufrieden sein sollst, obgleich mir das Herz sehr traurig ist.«

Zur verabredeten Stunde begaben wir uns zu den Gesandten, wo die Gesellschaft bereits versammelt war und nur noch auf uns wartete. Marcolina war noch fröhlicher und glänzender als am Tage vorher; sie zeichnete Herrn von Querini vor allen anderen aus, war aber gegen alle Anwesenden sehr liebenswürdig. Einige Minuten bevor wir zu Tisch gingen, trat Mattio ein und brachte seinem Herrn auf einer silbernen Platte dessen Brille. Marcolina,, die neben Herrn von Querini saß, unterbrach plötzlich eine Bemerkung, die an die ganze Gesellschaft gerichtet war, sah überrascht den Mann an und rief in fragendem Tone: »Mein Oheim?!«

»Ja, meine liebe Nichte!« Marcolina warf sich mit einer Zärtlichkeit in seine Arme, daß wir alle zu Erstaunen und Bewunderung hingerissen wurden.

»Ich wußte, lieber Oheim, daß Sie von Venedig ins Ausland gereist waren; aber ich wußte nicht, dnß Sie in Diensten Seiner Exzellenz stehen. Ich freue mich sehr, Sie wiederzusehen. Sie werden meinen Leuten in Venedig Nachricht von mir geben. Wie Sie sehen, bin ich glücklich. Wo waren Sie denn gestern?«

»Hier.«

»Und Sie haben mich nicht gesehen?«

»O doch; aber Ihr anderer Onkel…«

»Nun!« sagte ich lachend zu ihm, »mein lieber Vetter, wir wollen uns gegenseitig anerkennen! Umarmen Sie mich! Marcolina, ich mache dir mein Kompliment, daß du einen so prächtigen Oheim hast!«

»Welch schöner Augenblick!« rief Herr von Querini; und alle andern wiederholten: »Sehr schön! Sehr schön!«

Der neue Oheim Mattio ging hinaus, und wir setzten uns zu Tisch, aber wir waren alle in einer ganz andern Stimmung als am Abend vorher. Auf Marcolinas Zügen lag eine unbeschreibliche Mischung von Trauer und von jenem Glücksgefühl, das in einer schönen Seele die Erinnerung an das Vaterland hervorruft. Herrn von Querinis Züge drückten Bewunderung aus und zugleich jene Zuversicht auf Erfolg, die dem Blick eine heitere Ruhe gibt, in der sich das Gefühl ausspricht, eine gute Handlung zu vollbringen. Herr von Morosini saß als zufriedener Beobachter da. Die anderen waren aufmerksam und neugierig; sie lauschten mit Teilnahme dem Gespräch und verschlangen jedes Wort, das von Marcolinas anmutigen Lippen fiel. Von mir mußten die verschiedenen Anwesenden je nach ihrer Kenntnis der Geschichte und ihres Fortganges eine verschiedene Meinung haben.

Nach dem ersten Gange hatten die Gemüter sich ein wenig beruhigt, und Herr von Morosini sagte zu Marcolina: »Wenn Sie nach Venedig zurückkehren, so können Sie sicher sein, dort einen Gatten zu finden, der Ihrer würdig sein wird.«

»Ob er meiner würdig wäre,« versetzte das entzückende Geschöpf, »könnte nur ich allein beurteilen.«

»Aber man kann sich in dieser Beziehung auch auf das Urteil erfahrener Männer verlassen, die an dem Glück der beiden Parteien aufrichtigen Anteil nehmen.«

»Verzeihen Sie mir, wenn ich Ihre Ansicht nicht teile. Wenn ich mich jemals vermähle, so muß der Gatte meiner Wahl mir vor der Hochzeit gefallen.«

»Wer hat Ihnen diesen Grundsatz beigebracht?« fragte Querini.

»Mein Oheim Casanova, der in den zwei Monaten, die ich mit ihm zu verleben das Glück hatte, mir die ganze Weisheit der Welt beigebracht hat, wie ich glaube.«

»Ich mache dem Lehrer und der Schülerin mein Kompliment; aber, meine liebe Marcolina, Sie sind alle beide zu jung, um die ganze Weisheit dieser Welt zu kennen. Diese Weisheit ist die Moral, und die kann man in zwei Monaten nicht lernen.«

Ich wandte mich zu Marcolina und sagte: »Was Seine Exzellenz dir gesagt hat, ist sehr wahr. In Heiratsangelegenheiten muß man viel auf das Urteil weiser Freunde geben; denn die meisten von den Heiraten, die nur durch gegenseitiges Gefallen herbeigeführt wurden, sind unglücklich.«

»Dies, meine liebe Marcolina,« nahm wieder Herr von Querini das Wort, »ist eine treffliche und weise Bemerkung. Aber sagen Sie mir doch, welche Eigenschaften wollen Sie nach Ihren Grundsätzen bei dem Gatten Ihrer Wahl finden?«

»Ich wäre in Verlegenheit, wenn ich Ihnen das sagen sollte; aber in dem Augenblick, wo er mir gefiele, würde ich sie alle bei ihm voraussetzen.«

»Und wenn er ein Taugenichts wäre?«

»Dann würde er mir ganz sicherlich nicht gefallen, und dies ist eben der Grund, warum ich entschlossen bin, niemals einen Mann zu heiraten, den ich nicht genau kennen gelernt habe.«

»Und wenn Sie sich täuschten?«

»Dann würde ich schweigend meinen Irrtum beweinen.«

»Und die Armut?«

»Diese kann sie unmöglich befürchten,« fiel ich ein; »denn sie ist sicher, ihr Leben lang monatlich fünfzig Taler zu haben.«

»Ah! Das ändert die Sachlage ganz bedeutend. Wenn dies sich so verhält, meine schöne Freundin, so haben Sie einen großen Vorzug, denn Sie können in Venedig in völliger Unabhängigkeit leben.«

»Ich bin allerdings der Meinung, daß ich, um in Venedig in Ehren zu leben, des Schutzes eines hohen Herrn, wie Eurer Exzellenz, nicht entbehren könnte.«

»Kommen Sie nur nach Venedig, teure Marcolina, und ich gebe Ihnen mein Wort als Ehrenmann, ich werde alles für Sie tun, was in meinen Kräften steht. Aber, erlauben Sie mir diese Frage, inwiefern sind Sie sicher, monatlich diese fünfzig Taler zu haben? Sie lachen?«

»Ich lache, weil ich ein leichtsinniges Mädchen bin, das sich um seine eigenen Angelegenheiten nicht bekümmert. Mein Freund wird Ihnen alles sagen.«

»Es war kein Scherz von Ihnen?« wandte der gute alte Herr sich nun an mich.

Ich antwortete: »Marcolina besitzt nicht nur ein bares Kapital, das ihr, auf Leibrenten angelegt, sogar noch mehr als die genannte Summe einbringen kann, sondern sie besitzt auch eine wertvolle Ausrüstung. Mit vollem Recht, das werden Eure Exzellenz begreifen, hat sie gesagt, sie bedürfe in Venedig des Schutzes Eurer Herrlichkeit; denn es muß dafür gesorgt werden, daß ihre Kapitalien gut angelegt werden. Diese Kapitalien befinden sich in meinen Händen, und wenn meine teure Marcolina es wünscht, kann sie sie binnen zwei Stunden haben.«

»Das genügt. Sie müssen also, meine liebe Tochter, nach Venedig abreisen, und zwar übermorgen. Wie ich sehe, ist Mattio außer sich vor Freude; er ist von Herzen bereit, Sie mitzunehmen.

»Ich liebe meinen Oheim Mattio, ich empfinde die zärtlichste Achtung vor ihm; aber nicht ihm dürfen Euere Exzellenz mich anvertrauen, wenn ich mich zur Reise entschließen soll.«

»Wem denn sonst?«

»Ihnen selber, gnädiger Herr. Eure Exzellenz waren so gütig, mir dreimal den süßen Namen: liebe Tochter zu geben. Geruhen Sie, mich als guter Vater nach Venedig zu bringen, und ich bin bereit, Ihnen zu folgen. Wenn nicht, so erkläre ich mit aller Bestimmtheit: ich werde niemals den Mann verlassen, dem ich alles verdanke, und wir werden übermorgen nach London abreisen!«

Nach diesen Worten, die mich mit Entzücken erfüllten, sahen alle Anwesenden schweigend einander an. Jeder spitzte die Ohren, um die Worte zu vernehmen, die Herr von Querini sprechen würde; alle fühlten, daß er zuweit gegangen war, um noch zurück zu können. Der Greis schwieg jedoch; vielleicht fürchtete er als frommer Mann, sich einem Triebe unschuldiger Wollust zu überlassen oder auch der Welt Veranlassung zu geben, dies zu glauben. So schwiegen denn alle wie er und beschäftigten sich mit ihrem Essen. Mattio verrichtete mit zitternder Hand seine Aufwärterdienste; Marcolina allein zeigte eine entzückende Ruhe. Als der Nachtisch aufgetragen wurde, hatte noch keiner von den Anwesenden den Mund aufgetan. Plötzlich erhob das erstaunliche Mädchen die Stimme und sagte mit demütigem Gesicht, wie wenn sie eine Eingebung hätte, gleichsam zu sich selber: »Man muß die göttliche Vorsehung anbeten, aber erst nach dem Eintritt der Wirkung; denn vorher kann kein Mensch auf dieser Welt beurteilen, ob etwas gut oder böse ist.«

»Aus welchem Anlaß, meine liebe Tochter, stellen Sie diese Betrachtungen an?« sagte Herr von Querini; »und warum küssen Sie mir in diesem Augenblick die Hand?«

»Ich küsse Ihnen die Hand, weil Sie mich soeben zum vierten Male Ihre liebe Tochter genannt haben.«

Diese feine und schlagfertige Antwort rief ein allgemeines beifälliges Lachen hervor und stellte die frühliche Stimmung wieder her. Ouerini hatte jedoch Marcolinas Ausruf über die Vorsehung nicht vergessen und bat sie, eine Erklärung zu geben.

»Es war eine Eingebung, die mich das sagen ließ, und dieser Gedanke war, das Ergebnis einer Selbstprüfung, die ich vorgenommen hatte. Ich befinde mich wohl, ich habe mich zu benehmen gelernt, ich bin erst siebzehn Jahre alt und bin im Laufe von zwei Monaten durch anständige und ehrenhafte Mittel reich geworden. Ich bin glücklich, denn ich fühle mich glücklich. Aber das alles verdanke ich dem schlimmsten Fehltritt, den ein ehrbares Mädchen begehen kann. In allem diesem finde ich zahlreiche Gründe, mich vor der göttlichen Vorsehung zu demütigen und tausendmal ihre Beschlüsse anzubeten.«

»Sie haben recht, mein liebes Kind; aber Sie müssen nichtsdestoweniger den Fehltritt bereuen, den Sie begangen haben.«

»Dies ist eben der Punkt, der mich in Verlegenheit setzt; denn um ihn zu bereuen, muß ich daran denken, und wenn ich daran denke, kann ich keinen Grund der Reue finden. Ich muß zu diesem Zweck irgend einen großen Theologen um Rat fragen.«

»Das ist nicht notwendig, meine Liebe; Sie haben einen klaren Geist und ein gutes Herz. Ich übernehme es, Sie unterwegs darüber zu belehren, wie Sie sich damit abzufinden haben. Wenn man bereut, ist es nicht notwendig, an das Vergnügen zu denken, das der Gegenstand unserer Reue uns bereitet hat.«

Indem er sich zum Apostel machte, wurde der gute Herr von Querini in aller Frömmigkeit in seine schöne Proselytin verliebt. Nach Tisch verschwand er auf einige Augenblicke, und als er wieder hereinkam, sagte er zu Marcolina: »Wenn ich ein junges Mädchen nach Venedig zurückbringen soll, tue ich es nur unter der Bedingung, daß ich sie der Obhut meiner Haushälterin, der Dame Veneranda, anvertraue, einer würdigen Frau, der ich mein volles Vertrauen geschenkt habe. Ich habe soeben mit ihr gesprochen; und wenn Sie unter dieser Bedingung mitkommen wollen, so ist alles in Ordnung. Sie werden bei ihr schlafen, wenn es Ihnen recht ist, und werden mit uns zusammen essen, bis wir in Venedig angekommen sind. Dort werde ich selber, in Gegenwart Ihres Oheims, Sie Ihrer Mutter übergeben. Was sagen Sie zu diesem Plan?«

»Ich finde ihn ausgezeichnet.«

»Kommen Sie mit mir zur Dame Veneranda.«

»Gern.«

»Casanova, kommen Sie mit!«

Ich sah eine Frau von richtigem kanonischen Alter, in die Marcolina sich gewiß nicht nach ihrer Art verlieben konnte; sie sah aber vernünftig aus und hatte ein sehr anständiges Benehmen. Herr von Querini sagte ihr in unserer Gegenwart alles, was er soeben seiner neuen Schutzbefohlenen gesagt hatte, und die Duenna versicherte ihm, sie werde das Fräulein wie eine gute Hausmutter pflegen. Marcolina nannte sie ihr gutes Mütterchen, umarmte sie und stimmte sie dadurch vollkommen zu ihren Gunsten. Wir kehrten hierauf zu den Herren zurück, die um die Wette meiner Freundin ihre Freude aussprachen, sie zur Reisegefährtin zu haben.

»Ich muß,« sagt Herr von Querini, »daran denken, meinen Haushofmeister in einem andern Wagen unterzubringen; denn die Kalesche hat nur zwei Sitze.«

»Eure Exzellenz brauchen nicht daran zu denken; denn Marcolina hat ihren eigenen Wagen, den die Dame Veneranda sehr bequem finden wird. Sie können auf diesen Wagen auch ihre Koffer packen.«

»Du willst also, mein lieber Freund, mir auch noch deinen Wagen schenken,« rief Marcolina. »Das ist wahrlich der Wohltaten viel zu viel!«

Ich konnte ihr vor Rührung nicht antworten. Ich drehte mich um und trat in eine Fensternische, um meine Tränen zu trocknen. Als ich gleich darauf wieder zu den Versammelten trat, sah ich Marcolina nicht mehr. Herr von Morosini, der ebenfalls tief gerührt war, sagte mir, sie sei hinausgegangen, um mit der Dame Veneranda zu sprechen.

Alle waren traurig, und da ich erriet, daß meine Rührung die Ursache dieser Stimmung war, so begann ich von England zu sprechen, wo ich mein Glück zu machen gedachte. Ich hatte nämlich einen Plan, dessen Ausführung nur vom Minister Lord Egremont abhing. Herr von Morosini sagte mir, er würde mir einen Brief für diesen und einen anderen für den Residenten der Republik Venedig, Herrn Zuccata, mitgeben.

»Fürchten Sie nicht,« fragte Querini ihn, »bei den Staatsinquisitoren Anstoß zu erregen, indem Sie Herrn Casanova empfehlen?«

Morosini antwortete ihm kalt, die Inquisitoren hätten ihm nicht mitgeteilt, welchen Verbrechens ich schuldig wäre, und er glaube daher auch nicht, daß ihr Urteil für ihn maßgebend sein müßte. Der kleinliche und sehr beschränkte alte Querini schüttelte den Kopf und sagte nichts mehr.

In diesem Augenblick trat Marcolina wieder ein, und ein jeder konnte sehen, daß sie geweint hatte. Ich gestehe, daß dieses Zeichen ihres Kummers meiner Eitelkeit ebensosehr schmeichelte wie meiner Liebe; so ist der Mensch, und so ist ohne Zweifel auch der Leser, der mich deshalb vielleicht tadelt.

Das reizende Mädchen, an das ich nach so viel Jahren noch ein lebhaftes Andenken bewahre, trotz dem Alter, das mich vertrocknet haben müßte, wenn das Herz überhaupt altern könnte – das reizende Mädchen eilte auf mich zu und fragte mich zärtlich, ob ich sie nicht nach unserem Gasthof bringen wolle; denn sie müsse ihren Koffer packen. Wir entfernten uns sofort, nachdem wir aber zuvor versprochen hatten, am nächsten Tage wieder zum Essen zu kommen – um vielleicht zum letzten Male miteinander zu speisen, wie unsere Gastgeber freundlich hinzusetzten.

Ich war ganz in Tränen aufgelöst, als wir unsere Wohnung betraten. Ich befahl Clairmont, den Wagen untersuchen zu lassen und ihn für eine lange Reise instand zu setzen; nachdem ich mich hierauf in aller Eile entkleidet und meinen Schlafrock angezogen hatte, warf ich mich auf mein Bett und überließ mich meinen Tränen, wie wenn man mir ein Gut entrissen hätte, das ich nicht imstande gewesen wäre zu verteidigen. Marcolina war tausendmal vernünftiger als ich; sie führte, um mich zu trösten, alle Gründe an, die die Vernunft und die zärtlichste Liebe vorbringen konnten; aber ich empfand ein nicht gut erklärliches Vergnügen daran, mich selber zu peinigen, und ihre Worte vermehrten daher nur meine Verzweiflung.

»Bedenke doch,« sagte das anbetungswürdige Mädchen zu mir, »daß ich dich ja gar nicht verlasse, sondern daß du mich fortschickst, daß es mein Glück wäre, wenn ich mein ganzes Leben bei dir verbringen könnte, und daß du nur ein Wort zu sagen brauchst, um dieser ganzen Komödie ein Ende zu machen.«

Ich fühlte, daß dies alles wahr sei und daß meine Liebe mit ihren Wünschen übereinstimme. Aber mich hat stets eine Neigung beherrscht, mich vom Schicksal leiten zu lassen; vielleicht war es auch Furcht vor einer Verpflichtung, die mich hätte binden können; eine innere Furcht, über die ich mir selber keine Rechenschaft gab, die aber doch auf mich wirkte; und schließlich war es wohl auch die Heuchelei eines Günstlings, der unwillkürlich und aller Überlegung zum Trotz mehr nach Veränderung als nach neuen Genüssen strebte. Mag es gewesen sein, was es wolle, genug, dies alles bewirkte, daß ich bei meinem Beschluß und in meiner Traurigkeit verharrte.

Gegen sechs Uhr kamen die Herren Morosini und Querini auf den Hof; sie blieben stehen, um sich meinen Wagen anzusehen, den der Schmied gerade untersuchte. Sie sagten etwas zu Clairmont und kamen dann zu uns herauf, um uns einen Besuch zu machen. »Großer Gott!« rief Herr Querini, als er die vielen Schachteln sah, die Marcolina auf ihren Wagen packen sollte; als er aber erfuhr, daß dies der Wagen war, den er soeben gesehen hatte, sprach er seine Überraschung aus. Es war in der Tat ein sehr schöner Wagen.

Herr von Morosini sagte Marcolina, wenn sie ihm nach der Ankunft in Venedig den Wagen verkaufen wolle, würde er ihr tausend Dukaten dafür geben. Dies sind dreitausend Franken; denn der venetianische Dukaten gilt nur den vierten Teil des holländischen.

»Sie können ihr das Doppelte dafür geben,« sagte ich zu ihm; »denn er ist dreitausend wert.«

»Wir werden darüber schon einig werden,« sagte er, und Querini fügte hinzu: »Es wird ein hübscher Zuwachs zum Kapital sein.«

Nachdem wir mehrere scherzhafte und höfliche Bemerkungen gewechselt hatten, sagte ich Herrn Querini, ich würde ihm am nächsten Tage einen Wechsel von fünftausend Dukaten übergeben; dieser Betrag und dazu die drei- oder viertausend Dukaten, die sie leicht aus dem Verkauf ihrer verschiedenen wertvollen Sachen lösen könnte, nebst den tausend für den Wagen bildeten ein Kapital von neun- bis zehntausend Dukaten, von dessen Zinsen Marcolina in Ehren leben könnte.

Am nächsten Morgen nahm ich bei Bono einen Wechsel auf Venedig an die Ordre des Herrn von Querini. Vor dem Essen übergab Marcolina diesen ihrem neuen Beschützer, der ihr dafür eine Quittung in aller Form ausstellte. Morosini gab mir die versprochenen Briefe, und die Abreise wurde auf den nächsten Tag um elf Uhr festgesetzt. Wie der Leser sich denken kann, war unser Essen kein Hochzeitsmahl. Marcolina war niedergeschlagen, ich düster wie ein hypochondrischer Engländer, und so teilten wir der ganzen Gesellschaft einen Ton mit, der mehr für eine Beerdigung als für eine freundschaftliche Zusammenkunft paßte.

Ich will nichts davon sagen, welch eine Nacht ich in den Armen dieser Sylphide verbrachte, denn mir würden die Farben fehlen, um sie auszumalen. Unaufhörlich fragte sie mich immer wieder, wie ich mir mein eigenes Glück zerstören könnte, und sie hatte recht; denn ich begriff dies ebensowenig wie sie. Aber wie oft habe ich nicht in meinem Leben etwas getan, was mir zuwider war, oder was ich selber nicht begriff! Ich wurde aber durch eine geheime Kraft angetrieben, der ich absichtlich keinen Widerstand leistete.

Nachdem ich mit meinem Anzug fertig, gestiefelt und gespornt war, und nachdem ich Clairmont gesagt hatte, er möchte sich nicht beunruhigen, wenn er mich am Abend nicht zurückkommen sähe, fuhr ich mit Marcolina zu den Gesandten. Wir frühstückten zusammen. Es ging ziemlich still zu; denn Marcolina hatte die ganze Zeit über Tränen in den Augen, und alle achteten ihre Traurigkeit, die man als berechtigt ansah, denn man würdigte mein edles Verhalten gegenüber diesem entzückenden Geschöpf. Nach dem Frühstück fuhren wir ab. Ich nahm den Vordersitz des Wagens ein, und mir gegenüber saßen Marcolina und die Dame Veneranda, über die ich unter anderen Umstünden herzlich gelacht haben würde, wie sie sich so in einer Karosse blähte, die schöner war als der Wagen der Gesandten. Sie konnte gar nicht müde werden, die Schönheiten und die Bequemlichkeiten des Wagens zu preisen, und ergötzte uns durch ihre wiederholten Versicherungen, ihr Herr habe wirklich recht gehabt, indem er gesagt habe, man werde sie unterwegs für die Frau Botschafterin halten. Trotz dieser komischen Ablenkung waren Marcolina und ich während der ganzen Fahrt sehr traurig. Herr von Querini, der nicht gerne nachts reiste, ließ um neun Uhr abends in Pont-Beauvoisin Halt machen. Nach einem schlechten Abendessen ging ein jeder auf sein Zimmer, um am nächsten Morgen mit Tagesanbruch bereit zu sein.

Marcolina mußte natürlich bei der Dame Veneranda schlafen. Ich begleitete sie. Die gute Dame legte sich ohne Umstände zu Bett, drehte uns den Rücken zu und drückte sich so eng an die Bettkante heran, daß noch für zwei andere Platz übrig blieb. Ich aber setzte mich auf einen Stuhl, sobald Marcolina sich niedergelegt hatte, und legte meinen Kopf neben das schöne Gesicht meiner Freundin; und so verbrachten wir die Nacht damit, unsere Tränen und unsere Seufzer zu mischen.

Veneranda, die fest geschlafen hatte, war sehr überrascht, als ich sie am Morgen rief, und sie mich in derselben Verfassung sah wie am Abend vorher. Sie war sehr fromm, aber bei den Frauen ist das Mitleid leicht stärker als die Frömmigkeit; indem sie sich auf die Seite drückte, hatte sie die Absicht gehabt, mir eine letzte Liebesnacht zu verschaffen, die ich mir aber in meiner Traurigkeit nicht zunutze machen konnte.

Ich hatte am Abend befohlen, daß in dem Augenblick, wo die Herrschaften in ihren Wagen steigen würden, ein Reitpferd für mich bereit sein sollte. Nachdem wir in aller Eile eine Tasse Kaffee getrunken hatten, gingen wir hinunter. Alle waren zur Abfahrt bereit, und wir wünschten uns gegenseitig alles Gute. Nachdem ich Marcolina in ihrem Wagen untergebracht hatte, umarmte ich sie zum letztenmal; ich habe sie erst elf Jahre später wiedergesehen.

Ich stieg zu Pferde, wartete neben ihrem Wagenschlag, bis der Postillon mit der Peitsche knallte, und sprengte dann mit verhängtem Zügel die Straße entlang, die ich am Tage vorher gekommen war. Ich ritt wie ein Verzweifelter; denn mir war zumute, wie wenn ich, um mich zu erleichtern, den Gaul zuschanden reiten und mich selber töten müßte. Aber außer in der Fabel des guten Lafontaine kommt der Tod niemals, wenn ein Unglücklicher ihn herbeisehnt. Ich ritt in sechs Stunden, indem ich nur zum Pferdewechseln anhielt, die achtzehn französischen Meilen von Pont-Beauvoisin nach Lyon. Nachdem ich mich in aller Eile entkleidet hatte, warf ich mich in das unglückselige Bett, worin ich vor dreißig Stunden in allen Wonnen der Liebe geschwelgt hatte. Ich hoffte im Traum eine Wirklichkeit wiederzufinden, deren Verlust ich tief beklagte. Aber ich fand sie nicht, denn ich schlief fest und friedlich und wachte erst um acht Uhr morgens auf. Ich hatte ununterbrochen etwa neunzehn Stunden geschlafen.

Ich klingelte Clairmont, befahl ihm, mir ein Frühstück zu bringen, und schlang ohne Wahl alle Fleischspeisen und Weine hinunter, die er mir vorsetzte. Nachdem ich meinen Magen erfrischt hatte, schlief ich wieder ein. Erst am nächsten Morgen verließ ich das Bett, vollkommen wiederhergestellt und imstande, das Dasein zu ertragen.

Drei Tage nach Marcolinas Abreise kaufte ich einen guten zweirädrigen Wagen, einen sogenannten Amadis. Er ruhte auf guten Federn und war sehr bequem. Meinen Koffer schickte ich mit der Schnellpost nach Paris. Ich hatte in einem Mantelsack nur die notwendigsten Sachen zurückbehalten; denn ich wollte am nächsten Tage in Schlafrock und Nachtmütze abfahren und gedachte meinen einplätzigen Wagen nicht eher zu verlassen, als bis ich die achtundfünfzig Poststationen auf der schönsten Landstraße Europas zurückgelegt hatte. Indem ich allein und im tiefsten Negligé reiste, meinte ich meiner geliebten Marcolina, die ich nicht vergessen konnte, ein Zeichen meiner Ehrfurcht zu erweisen. Aber wie oft habe ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht! Ich war eben dabei, meine Schmucksachen in meine Kassette zu packen, als Clairmont mir einen Kaufmann und dessen Tochter meldete. Diese war ein hübsches Mädchen, und ich hatte sie bereits bei Tisch flüchtig bemerkt; denn seit der Abreise meiner schönen Venetianerin aß ich an der Gasttafel, um mich zu zerstreuen.

Ich ließ sie eintreten, und während ich meine Kassette zuschloß, richtete der Vater höflich das Wort an mich und sagte: »Mein Herr, ich bitte Sie um eine Gunst, die Ihnen nur eine kleine Unbequemlichkeit kosten, mich aber sowie meine Tochter zum unendlichen Dank verpflichten wird.«

»Was kann ich für Sie tun? Ich reise morgen mit Tagesanbruch ab.«

»Ich weiß es, mein Herr, Sie haben es ja bei Tisch gesagt. Aber wir werden zu jeder Stunde bereit sein. Geruhen Sie, meine Tochter mit in Ihren Wagen zu nehmen! Ich werde selbstverständlich ein drittes Pferd bezahlen, und werde reiten.«

»Sie haben augenscheinlich meinen Wagen nicht gesehen?«

»Ich bitte um Verzeihung, ich habe ihn gesehen. Es ist allerdings ein Einsitzer; aber der Sitz ist sehr tief, und indem Sie sich ein wenig zurücklehnen, kann sie ganz gut auf dem Rande sitzen, denn sie ist ja schmächtig. Ich fühle wohl, daß es eine Belästigung für Sie ist, aber wenn Sie sich vorstellen könnten, welchen Gefallen Sie uns damit tun, so bin ich überzeugt. Sie würden uns diese Bitte nicht abschlagen. Im Eilwagen sind alle Plätze bis zur nächsten Woche besetzt, und wenn ich nicht in sechs Tagen in Paris bin, so verliere ich mein Brot. Wenn ich reich wäre, würde ich die Post nehmen; aber das würde mir vierhundert Franken kosten, und eine solche Ausgabe kann ich nicht machen. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als morgen mit dem Eilwagen zu fahren, indem ich mich und meine Tochter auf dem Verdeck festbinden lasse. Sehen Sie, mein Herr, bei dem bloßen Gedanken daran weint sie schon, und ich selber bin nicht viel weniger traurig als sie.«

Ich sah das junge Mädchen aufmerksam an und fand sie zu hübsch, um mich in den Grenzen einfacher Höflichkeit halten zu können, wenn ich allein mit ihr reiste. Meine Seele war traurig, und in der Qual meiner Trennung von Marcolina hatte ich beschlossen, jede Gelegenheit zu vermeiden, die zu neuen Verpflichtungen führen könnte. Dieser Entschluß war nach meiner Meinung notwendig für meine Ruhe. Ich sagte zu mir selber: das Mädchen hat vielleicht zu meinem Unglück solche Reize des Geistes oder des Charakters, daß ich mich in sie verlieben könnte, wenn ich so schwach wäre, der Bitte nachzugeben. Das will ich aber nicht.

Ich wende mich also zum Vater und antworte ihm, ohne das junge Mädchen anzusehen: »Ihre Lage, mein Herr, tut mir sehr leid; aber ich kann nichts daran ändern, denn ich sehe zu viele Unzuträglichkeiten bei Ihrem Vorschlag.«

»Sie glauben vielleicht, ich würde es nicht aushalten können, den ganzen Weg ohne Aufenthalt zu reiten, aber seien Sie unbesorgt!«

»Das Pferd kann stürzen. Sie können sich verletzen, und wenn dieser Fall eintreten sollte, so kenne ich mich: ich würde Halt machen müssen, selbst wenn Sie es nicht wollten. Ich habe es aber ellig. Sollte dieser Grund Ihnen nicht triftig genug erscheinen, so tut es mir leid; in meinen Augen läßt sich nichts dagegen einwenden.«

»Ach, mein Herr, lassen wir es doch auf dieses Wagnis ankommen!«

»Es ist noch ein größeres dabei, das ich Ihnen nicht nennen möchte. Mit einem Wort, mein Herr, es ist unmöglich.«

»Im Namen des Himmels, mein Herr!« rief das Fräulein in einem Tone und mit einem flehenden Blick, die ein Herz von Stein hätten erweichen können; »lassen Sie mich doch nicht auf diesem schrecklichen Verdeck reisen! Ich schaudere bei dem bloßen Gedanken daran; denn obgleich man mich festbinden wird, werde ich eine Todesangst ausstehen; außerdem sieht man es ja als eine Schande an, auf diese Weise zu reisen; es mag vielleicht eine Dummheit sein, aber es ist nun einmal so. Bitte, bitte, bewilligen Sie mir doch diese Huld! Ich werde zu Ihren Füßen sitzen, um Sie so wenig wie möglich zu belästigen.«

»Das ist zu viel! Sie kennen mich nicht, mein Fräulein. Ich bin weder grausam noch unhöflich, am wenigsten gegen Ihr Geschlecht, obwohl mein Widerstand Sie vielleicht veranlaßt, das Gegenteil von mir zu glauben. Wenn Sie meinen Wünschen nachgeben, könnten Sie vielleicht Anlaß finden, es zu bedauern, und das will ich nicht!«

Hierauf wandte ich mich zu ihrem Vater und fuhr fort: »Eine Postkalesche kostet sechs Louis. Hier sind sie; ich bitte Sie, sie anzunehmen. Ich werde nötigenfalls meine Abreise um einige Stunden aufschieben, um für den Wagen Bürgschaft zu leisten, falls Sie nicht bekannt sein sollten. Hier haben Sie außerdem noch vier Louis für ein Extrapferd, das Sie ohne Zweifel werden nehmen müssen. Was an den Kosten noch fehlt, würden Sie ausgegeben haben, wenn Sie zwei Plätze im Eilwagen genommen hätten.«

»Mein Herr, ich erkenne Ihre Tugend an und bewundere Ihre Großmut; aber so dankbar ich dafür bin, so kann ich doch das Geschenk, das Sie mir machen wollen, nicht annehmen. Ich bin desselben nicht würdig und würde es noch weniger sein, wenn ich es annähme. Komm, Adele! Verzeihen Sie, mein Herr, wenn diese Belästigung Ihnen eine halbe Stunde gekostet hat. Komm, mein armes Kind!«

»Warten Sie einen Augenblick, Vater!«

Adele bat ihn zu warten, weil ihre Tränen sie erstickten. Dieser Anblick brachte mich in Wut, als aber mein Blick den schönen Augen des jungen Mädchens begegnete, konnte ich mein Herz nicht länger gegen das Mitleid verschließen, das sie mir einflößte, und so sagte ich zu ihr: »Beruhigen Sie sich, mein Fräulein! Man soll mir nicht nachsagen können, daß ich unempfindlich gegen die Tränen der Schönheit gewesen sei. Ich gebe Ihrem Wunsche nach, denn sonst würde ich nicht schlafen können. Aber ich stelle eine Bedingung,« sagte ich zum Vater. »Sie dürfen nichts dabei finden, wenn ich von Ihnen verlange, daß Sie auf meinen Wagen hinten aufsteigen.«

»Das will ich sehr gern tun; aber Ihr Bedienter?«

»Der reitet voraus. So ist also alles in Ordnung. Gehen Sie zu Bett und seien Sie um sechs Uhr bereit.«

»Wir werden bereit sein, mein Herr; aber werden Sie mir gestatten, das eine Pferd zu bezahlen?«

»Sie dürfen nichts bezahlen. Dies würde mich entehren, und ich bitte Sie, nicht darauf zu bestehen. Sie haben mir gesagt. Sie seien arm; das ist keine Schande. Und so will ich Ihnen sagen, daß ich reich bin; Reichtum aber ist nur dann ein Verdienst, wenn man ihn benutzt, um Gutes zu tun. Es ist also nur natürlich, daß ich bezahle und daß Sie nicht bezahlen.«

»Ich gebe nach, mein Herr, aber ich werde das Pferd für meine Tochter bezahlen.«

»Noch weniger! Ich bitte Sie, lassen Sie uns nicht darum feilschen, sondern gehen wir zu Bett. Ich werde Sie alle beide in Paris absetzen, ohne daß es Ihnen einen Heller kostet. Dort können Sie mir Ihren Dank sagen, wenn Sie wollen. Nur unter diesen Bedingungen können wir das Geschäft miteinander machen. Sehen Sie, da lacht Fräulein Adele; das ist für mich schon Lohnes genug.«

»Ich lache vor Glück, weil ich dem schauderhaften Verdeck entronnen bin.«

»Das begreife ich, und ich hoffe. Sie werden in meinem Wagen nicht weinen, denn ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich die Traurigkeit verabscheue.«

In mein Schicksal mich fügend, ging ich zu Bett. Ich sah voraus, daß ich den Reizen dieser neuen Schönheit nicht würde widerstehen können, und ich beschloß, die Versuchung nicht länger als zwei Tage dauern zu lassen. Diese hübsche Adele mit ihren wundervoll geschnittenen blauen Augen, mit ihrer Haut von Lilien und Rosen, mit ihrem niedlichen Munde und den schönen Zähnen, mit ihrer Büste, die noch zart war, aber sich herrlich zu entwickeln versprach, denn sie stand erst an der Grenze der Jugend – wieviele Gründe, um eine neue Niederlage vorauszuahnen! Als ich mich zu Bett legte, dankte ich meinem guten Geist, daß er dafür sorgte, mich während der kurzen Reise nicht an Langeweile leiden zu lassen.

Einen Augenblick vor der Abfahrt kam der Vater und fragte mich, ob es mir einerlei wäre, wenn wir durch das Bourbonnais oder durch Burgund führen.

»Mir ist das gleichgültig. Aber Sie? Ziehen Sie vielleicht den einen Weg dem anderen vor?«

»Wenn wir über Nevers reisten, könnte ich dort eine kleine Summe einkassieren.«

»Wir werden also durch das Bourbonnais fahren.«

Gleich darauf kam Adele, einfach, aber sehr sauber gekleidet. Sie wünschte mir mit fröhlichem Gesicht guten Morgen und sagte mir, ihr Vater würde einen kleinen Koffer, worin ihre Kleider wären, hinten auf den Wagen legen. Als sie sah, daß ich beschäftigt war, einige Sachen in Ordnung zu bringen, fragte sie mich, ob sie mir nützlich sein tönnte.

»Nein!« antwortete ich ihr, »aber nehmen Sie bitte Platz.« Sie setzte sich, aber mit jener schüchternen und verlegenen Miene, die mir stets mißfällt, weil sie ein Gefühl von Abhängigkeit auszudrücken scheint. Ich warf ihr dies in sanftem Tone vor und forderte sie auf, mit mir Kaffee zu trinken. Sie tat dies, und dabei verlor sich allmählich die Verlegenheit. Als wir eben hinuntergehen wollten, trat ein Mann ein und sagte mir, die Laternen säßen nicht fest, und ich würde die Laternen verlieren, wenn ich den Schaden nicht ausbessern ließe. Er erbot sich, sie binnen einer Stunde wieder in guten Stand zu bringen. Ich war wütend. Ich rief Clairmont, um ihn auszuschelten; er verteidigte sich jedoch, indem er sagte, es hätte an den Laternen nichts gefehlt und der Mann, der sie ohne Auftrag untersucht hätte, müßte sie absichtlich beschädigt haben, um auf diese Weise Gelegenheit zu einem Verdienst zu finden. Es stimmte buchstäblich so. Da ich die List schon kannte, so nannte ich den Mann einen Spitzbuben; und als er mir ein bißchen zu sehr auf französische Art antwortete, griff ich nach meiner Pistole und gab ihm ein paar Fußtritte. Fluchend ging er ab. Infolge des Lärmes kam der Wirt mit fünf bis sechs Leuten. Alle Welt gab mir recht; nichtsdestoweniger aber mußte ich zwei Stunden verlieren, denn es wäre unvorsichtig gewesen, nachts ohne Laternen zu fahren.

Sofort wurde ein anderer Laternenmacher gerufen; er besichtigte den Schaden und lachte über die offenbare Spitzbüberei seines Kollegen.

»Kann ich den Schuft einsperren lassen?« fragte ich den Wirt; »diese Genugtuung brauche ich, und wenn sie mir zwei Louis kosten sollte!«

»Zwei Louis, mein Herr? Sie sollen sofort bedient werden.«

Ich brüllte vor Wut, ohne auf Adele Rücksicht zu nehmen, so daß ich ihr Furcht einjagte. Gleich darauf kam ein Polizeikommissar; er untersuchte die Sache, verhörte mehrere Zeugen und nahm ein Protokoll auf. Hierauf fragte er mich: »Mein Herr, wieviel ist eine Stunde Ihrer Zeit wert?«

»Ich taxiere sie nach englischer Weise: fünf Louis.«

Zugleich drückte ich dem Kommissar zwei Louis in die Hand. Sofort erkannte er gegen den Laternenmacher auf eine Buße von 2«Z zwanzig Louis; hierauf entfernte er sich mit den Worten: »In zehn Minuten, mein Herr, wird Ihr Mann im Gefängnis sein.«

Ich atmete auf, und da meine Rache befriedigt war, so beruhigte ich mich. Hierauf bat ich Fräulein Adele um Verzeihung; sie geriet dadurch in große Verlegenheit, weil sie nicht wußte, inwiefern ich sie beleidigt hatte; darum bat sie mich ihrerseits um Verzeihung. Aus dieser Verlegenheit hätte sich schon eine gewisse Zärtlichkeit entwickeln können, aber in demselben Augenblick trat der Vater ein und sagte mir, der Laternenmacher sei im Gefängnis, und alle Welt gebe mir recht. »Und ich,« rief er, »werde bezeugen, daß der Schelm die Federn zerbrochen hat.«

»Sie haben es also gesehen?«

»Nein. Aber das ist einerlei; denn alle Welt versichert, er sei es gewesen.«

Diese Naivetät versetzte mich in gute Laune. Lachend nahm ich Platz und richtete einige gleichgültige Fragen an Adelens Vater, Moreau. Er sagte mir, er sei Witwer, Adele sei sein einziges Kind, er gehe nach Louviers, um eine Stelle in einer Fabrik anzunehmen usw. usw.

Etwa seit einer Stunde hatte ich mich an dem Komischen des Abenteuers ergötzt, als die Szene plötzlich pathetisch wurde. Zwei weinende Frauen, von denen die eine einen Säugling an der Brust hielt, und vier Würmer, die man alle zusammen in einen Scheffel hätte stecken können, traten ein und warfen sich vor mir auf die Knie. Bei diesem kläglichen Anblick erriet ich sofort, was sie von mir wollten. Es waren die Mutter, die Frau und die Kinder des Verbrechers. Sofort war mein Herz von Mitleid erfüllt; denn da mein Zorn durch die Genugtuung einer völligen Rache besänftigt war, so hatte ich keinen Grund mehr, noch länger zu grollen. Die Frau hätte mich jedoch beinahe wieder in Wut gebracht, indem sie mir sagte, ich sei getäuscht worden; ihr Mann sei ein ehrlicher Mensch, aber alle seine Ankläger seien Schufte.

Die Mutter sah, daß ein Gewitter loszubrechen drohte, und fing es geschickter an. Sie sagte mir, es sei ja wohl möglich, daß ihr Sohn die Gaunerei begangen habe, aber ich müsse sie ihm verzeihen, denn er könne nur durch seine Armut dazu getrieben worden sein; er habe seinen Kindern kein Brot zu geben. »Mein guter Herr!« rief sie aus, »haben Sie Mitleid mit uns, deren einzige Stütze er ist. Tun Sie ein gutes Werk und geben Sie ihm die Freiheit wieder; sonst muß er ja sein ganzes Leben lang im Gefängnis bleiben, denn selbst wenn wir unsere Betten verkaufen, wären wir niemals imstande. Ihnen eine solche Summe zu bezahlen.«

»Meine gute Frau, ich verzeihe ihm, soweit ich dabei in Betracht komme. Hier haben Sie meine schriftliche Abstandserklärung. Machen Sie das übrige mit dem Kommissar ab, denn ich will keinen Menschen mehr sehen.«

Zugleich gab ich ihr einen Louis, um Lebensmittel zu kaufen, und befahl ihr hinauszugehen, um nicht länger von ihren Danksagungen belästigt zu werden. Einige Augenblicke später trat der Kommissar ein, um mich sein Protokoll unterschreiben zu lassen, und ich mußte auch noch die Kosten bezahlen. Die Laternen wurden für zwölf Franken ausgebessert, und nachdem die ganze Geschichte mir vier oder fünf Louis gekostet hatte, stieg ich endlich gegen neun Uhr in meinen Einsitzer.

Adele mußte sich zwischen meine Beine setzen, aber sie saß recht unbequem. Ich forderte sie auf, näher an mich heranzurücken, um sich besser stützen zu können. Sie hätte sich jedoch an mich anlehnen müssen, und ich wagte nicht, weiter in sie zu dringen, dies zu tun, denn die Stellung wäre von Anfang an ein bißchen unzüchtig gewesen. Vater Moreau setzte sich auf den Hintersitz, und Clairmont bestieg sein Pferd. So waren wir also tête-à-tête oder vielmehr tête-à-dos, und befanden uns notwendigerweise in fortwährender Berührung. In dieser Stellung ließ ich das junge Mädchen bis zum ersten Pferdewechsel fortwährend plaudern; aber ich dachte mir nichts Böses dabei, sondern hatte nur die Absicht, uns die Zeit zu vertreiben.

Während die Pferde umgespannt wurden, waren wir ausgestiegen. Als wir wieder in den Wagen stiegen, mußte Adele ihr Bein sehr hoch heben, und ich sah infolgedessen eine schwarze Hose. Frauen mit Hosen waren mir immer ein Greuel, besonders aber mit schwarzen Hosen.

»Moreau,« sagte ich zum Vater, der ihr beim Einsteigen half, »Ihre Tochter hat mir ihre schwarze Hose gezeigt.«

Adele wurde rot, und der Vater versetzte lachend: »Ein großes Glück für sie, daß sie Ihnen weiter nichts gezeigt hat.«

Diese Antwort gefiel mir, aber die verfluchte Hose hatte mich so geärgert, daß ich ganz verdrießlich wurde. Ich glaubte darin einen beleidigenden Gedanken, einen Versuch der Abwehr zu erblicken. Natürlich wäre dies ganz vernünftig gewesen, aber ich fand es sehr wenig angebracht bei einem jungen Mädchen, das an Gefahr noch gar nicht denken durfte oder sich wenigstens sehr in acht nehmen mußte, damit nicht andere dächten, sie dächte daran. Da ich ihr jedoch keinen Vorwurf machen, ebensowenig aber die üble Laune überwinden konnte, die sich meiner bemächtigt hatte, so begnügte ich mich, höflich zu sein, aber bis St.-Simphorien sprach ich weiter kein Wort mehr mit ihr, als daß ich sie bat, sich bequemer zu setzen; dagegen hatte mich bis zum Augenblick, wo die verhängnisvolle Hose sich vor meinen Blicken offenbart hatte, Adele mit jenen Nichtigkeiten der guten Gesellschaft amüsiert, die die Zeit vergehen lassen, ohne den Geist zu ermüden.

Als wir in St.-Simphorien ankamen, befahl ich Clairmont voraus zu reiten und mir in Roanne ein gutes Abendessen für drei Personen zu bestellen; er könne dann zu Bett gehen und bis Tagesanbruch schlafen. Etwa in der Mitte des Weges sagte Adele zu mir, sie müsse mich doch wohl belästigen, denn ich sei nicht mehr so heiter wie im Anfang. Ich versicherte ihr, sie belästige mich durchaus nicht, und ich sitze nur darum so ruhig, um sie selber vollkommen in Ruhe zu lassen.

»Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Absicht; aber Sie haben sicher unrecht, wenn Sie glauben, Sie könnten durch Ihr Gespräch meine Ruhe stören. Gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, was ich denke: Sie sagen mir nicht den wahren Grund für den Umschlag Ihrer Stimmung.«

»Und glauben Sie den wahren Grund zu kennen?«

»Ja, zum wenigsten bilde ich es mir ein.«

»Nun, so nennen Sie ihn mir.«

»Sie sind verdrießlich, seitdem Sie meine Hosen gesehen haben.«

»Das ist wahr; diese schwarzen Hosen haben meine Seele verdüstert.«

»Das tut mir recht leid; aber geben Sie zu, daß ich nicht ahnen konnte: erstens, daß Sie meine Hosen sehen würden; zweitens, daß die schwarze Farbe Ihnen mißfallen würde.«

»Auch das ist sehr wahr; da nun aber der Zufall mir die Sache entdeckt hat, so werden Sie auch die Wirkung verzeihen, die die Hose auf mich hervorgebracht hat. Dieses Schwarz hat mich auf traurige Gedanken gebracht, während ein Weiß mir lachende eingeflößt haben würde. Tragen Sie immer dieses häßliche Kleidungsstück?«

»Heute zum erstenmal.«

»Sie sehen also, daß Sie eine unpassende Handlung begangen haben, indem Sie es heute anlegten.«

»Unpassend?«

»Nach meiner Ansicht, ja. Hören Sie, Adele: Was würden Sie gesagt haben, wenn ich heute morgen Unterröcke angezogen hätte? Sie würden das unpassend gefunden haben. Sie lachen?«

»Entschuldigen Sie, und gestatten Sie mir zu lachen, denn ich habe niemals etwas so Komisches gehört, übrigens haben Sie unrecht, einen solchen Vergleich zu ziehen. Er trifft nicht zu; denn alle Welt hätte Sie in Röcken gesehen, und das wäre lächerlich gewesen, während kein Mensch ahnen konnte, daß ich Hosen trug.«

Ich ließ dies gelten. Es freute mich, an dem jungen Mädchen Geist genug zu finden, um meinen Sophismus zu entlarven; ich blieb jedoch wortkarg.

In Roanne erhielten wir ein ziemlich gutes Abendessen. Moreau begriff wohl, daß er ohne Adele nicht mit mir gespeist und nicht umsonst gereist haben würde, und er war entzückt, als ich ihm sagte, daß seine Tochter mir durchaus nicht lästig falle, sondern im Gegenteil sehr gute Gesellschaft leiste. Ich erzählte ihm unseren Hosenstreit, und er gab mit behaglichem Lachen seiner Tochter unrecht. Ich machte ihm eine Freude, als ich ihm nach dem Abendessen sagte, er solle mit seiner Tochter in dem Zimmer schlafen, worin wir uns befänden; in diesem standen zwei Betten. Ich selber verbrachte die Nacht in einer anstoßenden Kammer.

Am nächsten Morgen sagte Clairmont im Augenblick der Abfahrt zu mir, er werde voraus reiten, um das Nachtquartier zu bestellen; denn da wir schon einmal eine Nacht verloren hätten, so käme es nicht darauf an, wenn wir noch eine zweite verlören.

Diese Bemerkung meines treuen Clairmont zeigte mir, daß er anfing, ein gewisses Ruhebedürfnis zu empfinden, und seine Gesundheit lag mir am Herzen. Ich befahl ihm daher, in St. Pierre-le-Mortier Halt zu machen und dafür zu sorgen, daß ich ein gutes Abendessen vorfände. Als wir in unserem Wagen saßen, dankte Adele mir.

»Sie reisen also nicht gerne bei Nacht?« fragte ich sie.

»Das wäre mir einerlei; aber ich habe Furcht, ich könnte einschlafen und dann auf Sie fallen.«

»Das würde ich nur als ein Glück empfinden, meine liebe Adele. Ein hübsches Mädchen wie Sie ist eine angenehme Last.«

Sie antwortete mir nicht, aber sie verstand mich. Ich hatte mich erklärt; aber ich mußte sie mir von selber entgegenkommen lassen, um sie sanft wie ein Lamm zu finden. Von neuem schwieg ich, bis wir in der Nähe von Varennes waren. Dort sagte ich zu ihr: »Wenn ich wüßte, meine liebe Adele, daß Sie mit ebenso gutem Appetit wie ich ein Huhn essen würden, so würden wir hier Mittag machen.«

»Versuchen Sie es; ich werde mich bemühen, Ihnen die Spitze zu bieten.«

Wir speisten gut und tranken noch besser, sodaß wir ein bißchen beschwipst waren, als wir wieder abfuhren. Adele, die sonst nur zwei– oder dreimal im Jahre Wein trank, lachte darüber, daß sie nicht mehr ganz gerade gehen konnte. Sie war darob in einiger Unruhe; ich tröstete sie, indem ich ihr sagte, die Dünste des Champagners seien gar bald verflogen. Sie kämpfte nun mit allen Kräften wider den Schlaf an, konnte ihn aber nicht besiegen, und ließ ihr hübsches Köpfchen auf meine Brust sinken. So lag sie zwei Stunden lang in tiefem Schlaf. Ich achtete diesen, obgleich ich nicht dem Wunsch widerstehen konnte, mich zu überzeugen, daß das mir so unangenehme Kleidungsstück gänzlich verschwunden war.

Während sie schlief, berauschte ich mich an wollüstigen Gedanken, indem ich sah, wie ihr sprossender Busen das leichte Mieder zu sprengen suchte. Aber ich hielt meine Begierden im Zaum, und das wurde mir um so leichter, da das Verschwinden der schwarzen Hose mir keinen Zweifel mehr ließ, daß ich Adele gefügig finden würde, sobald ich sie angreifen wollte. Ich wünschte jedoch, daß sie aus freiem Antriebe sich mir ergeben oder doch wenigstens mir entgegenkommen sollte, und ich wußte, daß ich ihr nur die Sache etwas zu erleichtern brauchte, um meinen Zweck zu erreichen. Als sie erwachte, war sie höchst überrascht, sich in meinen Armen zu finden. Sie bat tausendmal um Entschuldigung, und ich glaubte, um sie zu beruhigen, ihr einen zärtlichen Kuß geben zu müssen. Dieses Mittel wirkte, wie ich dem Leser wohl nicht zu sagen brauche – denn wer hätte nicht die Macht eines Kusses empfunden, der unter gewissen Umständen gegeben wird!

Da ihr Kleid ein bißchen in Unordnung gekommen war, wollte sie es wieder zurecht machen, aber der Wagen war eng, und durch eine ungeschickte Bewegung entblößte sie ein Knie. Ich lachte laut auf, sie stimmte ein und sagte voller Geistesgegenwart: »Diesmal hat hoffentlich keine schwarze Farbe Ihnen düstere Gedanken eingeflößt.«

»Aber, liebe Adele, Rosenfarbe kann mir doch nur köstliche Gedanken einflößen!«

Ich sah sie ihre großen Augen niederschlagen, aber sie tat es mit jener Anmut, welche Wonne verheißt.

Indem wir miteinander plauderten und dabei, wie man zu sagen pflegt, Öl ins Feuer gossen, kamen wir in Moulin an, wo wir einen Augenblick ausstiegen. Eine Menge Weiber fielen über uns her und boten uns Schnitzwaren an; ich schenkte dem Vater und der Tochter alle Sachen, die ihnen zu gefallen schienen. Hierauf fuhren wir weiter, indem wir die Weiber miteinander keifen und sich zerkratzen ließen, weil wir der einen etwas abgekauft hatten, und der andern nicht.

Mit Einbruch der Nacht kamen wir in St.-Pierre an. Während der vier Stunden unserer Fahrt von Moulin hatten wir Fortschritte gemacht, und Adele war so zutraulich zu mir geworden wie zu einem alten Bekannten.

Ein ausgezeichnetes Abendessen erwartete uns dank dem Eifer meines Clairmont; er war zwei Stunden vor uns angekommen und hatte sich zu Bett gelegt, nachdem er sorgfältig alles für meine Ankunft vorbereitet hatte. Wir speisten in einem großen Zimmer, wo zwei blütenweiße große Betten uns erwarteten.

Ich sagte Moreau, er solle mit seiner Tochter in dem einen schlafen das andere würde ich für mich nehmen. Er antwortete mir jedoch, Adele und ich könnten jedes für sich in einem Bett schlafen, denn er bitte mich um Erlaubnis, sofort nach dem Essen nach Nevers aufbrechen zu dürfen, damit er am Morgen in aller Frühe seinen Schuldner antreffen und mit uns gleich nach unserer Ankunft weiterfahren könnte.

»Wenn Sie mir das gesagt hätten, würden wir in Nevers übernachtet haben.«

»Sie sind zu gütig, ich werde diese vierthalb Poststationen reiten. Das wird mir gut tun, und ich liebe die Bewegung des Reitens sehr. Ich vertraue Ihnen meine Tochter an. Sie wird hier im Zimmer weniger nahe bei Ihnen sein als in Ihrem Einsitzer.«

»Oh! Wir sind übrigens alle beide sehr vernünftig.«

Als er fort war, sagte ich Adelen, sie solle zu Bett gehen und in ihren Kleidern bleiben, wenn sie mich nicht für ihren Freund halte; ich würde es ihr nicht übel nehmen.

»Es wäre sehr unrecht von mir,« sagte sie, »wenn ich Ihnen ein solches Zeichen von Mißtrauen geben wollte.«

Sie stand auf und ging einen Augenblick hinaus. Als sie wieder eintrat, verschloß sie die Türe. Dann zog sie sich aus und als sie im Hemde war, kam sie zu mir und umarmte mich. Ich war in diesem Augenblick mit Schreiben beschäftigt, und da sie sich auf den Fußspitzen herangeschlichen hatte, so war ich ein bißchen überrascht, übrigens auf eine sehr angenehme Weise. Sie lief nach ihrem Bett und sagte mutwillig: »Pfui! Sie sind erschrocken!«

»Du irrst dich, meine schöne Sylphide; allerdings hast du mich überrascht. Bitte, komme noch einmal, denn ich sterbe vor Verlangen, dich wieder eingeschlafen in meinen Armen zu sehen.«

»Kommen Sie doch her und sehen Sie mich schlafen.«

»Wirst du immer schlafen?«

»Ja, immer.«

»Das wollen wir sehen.«

Ich warf die Feder hin und hielt im selben Augenblick Adele in meinen Armen. Sie lachte, war voller Feuer, gab sich allen meinen Wünschen hin und bat mich nur, ich möchte sie schonen. Ich tat alles, was sie wollte, und obgleich die liebe Kleine sich die größte Mühe gab und mit aller Glut mithalf, um das Werk zu erleichtern, so war doch der erste Angriff so mühevoll wie eine von den Arbeiten des Herkules. Das übrige ging besser, denn nur der . erste Schritt ist schwer. Als nach drei aufeinanderfolgenden Kämpfen das Schlachtfeld ganz von Blut überströmt war, überließen wir uns der Ruhe. Um fünf Uhr klopfte Clairmont an die Tür; ich befahl ihm, Kaffee für uns zu bestellen, und wir standen auf, ohne daß ich meiner Adele einen Morgengruß hätte darbringen können; ich versprach ihr jedoch diesen für unterwegs.

Als Adele angekleidet war, entdeckte sie den Kampfplatz, auf dem sie der Liebe ihr erstes Opfer gebracht hatte. Als sie die Spuren ihrer Niederlage sah, seufzte sie. Sie war beim Kaffeetrinken ein wenig nachdenklich. Sobald wir aber in unserem Einsitzer waren, kehrte mit der Wonne der Liebe auch ihre Heiterkeit zurück, und wir übertäubten mit unserm Entzücken das Bedauern darüber, daß die Reise so bald ein Ende nehmen würde.

In Nevers trafen wir Moreau. Er war untröstlich, daß sein Schuldner ihm die zweihundert Franken erst am Mittag bezahlen könnte; denn er wagte nicht mich zu bitten, so lange auf ihn zu warten. Ich sagte zu ihm: »Sehen Sie nur zu, daß wir ein ganz ausgezeichnetes Mittagessen erhalten; wir werden weiterreisen, sobald Sie Ihr Geld bekommen haben.«

Bis zum Mittagessen schlossen wir uns in ein Zimmer ein, um uns einem Haufen von Weibern zu entziehen, die uns allerlei Tand verkaufen wollten. Nach zwei Uhr fuhren wir weiter, da Moreau sein Geld bekommen hatte. In der Dämmerung kamen wir in Come an; obgleich Clairmont uns in Briare erwartete, so beschloß ich doch, die Nacht in Come zu verbringen, und diese zweite Nacht war besser als die erste. Nachdem wir am andern Morgen in Briare zum Frühstück das Abendessen verzehrt hatten, das Clairmont am Tage vorher für uns bestellt hatte, übernachteten wir in Fontainebleau, wo ich meine schöne Adele zum letztenmal besaß. Am Morgen versprach ich ihr, sie auf meiner Rückreise von England in Louviers zu besuchen; ich habe ihr jedoch nicht Wort halten können.

Von Fontainebleau nach Paris brauchten wir vier Stunden, aber diese kamen uns recht kurz vor! In Paris ließ ich an der Brücke St.-Michel den Wagen vor einem Uhrmacherladen halten; ich ließ mir verschiedene Uhren an den Wagen bringen, kaufte eine für fünfzehn Louis und schenkte sie Adelen, die ich mit ihrem Vater an der Ecke der Rue aux Ours absetzte. Hierauf fuhr ich nach dem Hôtel Montmorency, da ich nicht bei Frau von Urfé wohnen wollte. Nachdem ich jedoch Toilette gemacht hatte, ging ich zu ihr zum Mittagessen.

Achtes Kapitel


Ich lasse meinen Bruder, den Abbate, aus Paris ausweisen. – Frau du Rumain bekommt durch meine Kabbala ihre Stimme wieder. – Ein schlechter Spaß. – Die Corticelli. – Ich nehme den kleinen Aranda mit nach London. – Ankunft in Calais.

Frau von Urfé empfing mich wie immer mit offenen Armen; dies- mal aber überraschte sie mich, indem sie sofort nach der Be- grüßung dem kleinen Aranda befahl, aus ihrem Arbeitszimmer den versiegelten Brief zu holen, den sie ihm am Morgen übergeben habe.

Ich öffnete diesen Brief, der von demselben Tage datiert war, und las:

»Mein Genius hat mir bei Tagesanbruch gesagt, daß Galtinardo von Fontainebleau abfährt und daß er noch heute bei mir zu Mittag speisen wird.«

Der Zufall hatte die Wahrheit gesprochen; aber solche Dinge sind mir hundertmal in meinem Leben begegnet – Dinge, die ganz ausgezeichnet sind, um anderen Leuten, aber nicht mir, den Kopf zu verdrehen. Ich gestehe, daß diese Dinge mich in Erstaunen versetzt haben; aber sie haben mich niemals dazu veranlaßt, meine Vernunft aufzugeben. Man behauptet irgend etwas, das man erraten hat, und zieht daraus die Folgerung, daß man eine prophetische Gabe besitze; aber man spricht nicht von den tausend Fällen, in denen die Ereignisse die Weissagungen zuschanden gemacht haben. Vor ungefähr sechs Monaten ging ich die törichte Wette ein, daß eine Hündin am nächsten Tage fünf Junge werfen würde, und zwar lauter weibliche. Ich gewann. Alle Welt erklärte das für ein Wunder, nur ich nicht. Denn wenn der Zufall nicht meine Kühnheit begünstigt hätte, wäre ich der erste gewesen, der darüber gelacht hätte, damit die Lacher sich nicht über meine Zuversicht lustig machen möchten.

Selbstverständlich bewunderte ich die Weisheit ihres Schutzgeistes, und teilte lebhaft die Freude, die Frau von Urfé darüber empfand, während ihrer Schwangerschaft so gesund zu sein. Überzeugt, daß ich kommen würde, hatte die gute Närrin allen Gästen, die an diesem Tage bei ihr speisen sollten, unter dem Vorwand eines Unwohlseins absagen lassen. Wir verbrachten daher den ganzen Nachmittag unter vier Augen und beschäftigten uns damit, die Mittel zu finden, wie wir den kleinen Aranda veranlassen könnten, freiwillig nach London zu gehen. Da ich durchaus nicht wußte, wie das zu erreichen wäre, so waren alle Antworten des Orakels dunkel, verworren und hatten einen doppelten oder dreifachen Sinn. Frau von Urfé hatte eine große Abneigung dagegen, ihm zu sagen, daß er reisen müsse. Ich mochte daher nicht mit ihrem Gehorsam Mißbrauch treiben und sah ein, daß ich mir den Kopf zerbrechen müßte, um den kleinen Mann dahin zu bringen, daß er selber es als eine Gunst erbäte, die Reise machen zu dürfen.

Da ich das Bedürfnis hatte, mich zu zerstreuen, ging ich in die italienische Komödie, wo ich Frau du Rumain fand. Sie war entzückt, mich wieder in Paris zu sehen, und sagte zu mir: »Ich fühle das größte Bedürfnis, Ihr Orakel um Rat zu fragen. Und ich beschwöre Sie, besuchen Sie mich morgen!«

Natürlich versprach ich ihr das gern.

Die Vorstellung interessierte mich wenig, denn das gespielte Stück gefiel mir nicht. Ich wäre fortgegangen, wenn ich nicht gewünscht hätte, das Ballett zu sehen. Daß dieses für mich ganz besonders interessant sein würde, hatte ich allerdings nicht erwartet. Man stelle sich meine Überraschung vor, als ich unter den Figurantinnen die Corticelli entdeckte! Ich bekam Lust, mit ihr zu sprechen; nicht als ob sie in mir irgend einen verliebten Wunsch erweckt hätte, sondern weil ich neugierig war, ihre Abenteuer kennen zu lernen. Als ich hinausging, begegnete ich dem guten Baletti, der sich vom Theater zurückgezogen hatte und in allen Ehren von einer Pension lebte. Nachdem ich ihn umarmt und mich erkundigt hatte, wie es ihm gehe, sprach ich mit ihm über die Corticelli; er sagte mir ihre Wohnung und erzählte mir, daß es ihr sehr traurig gehe.

Zum Abendessen ging ich zu meinem Bruder; er und seine Frau waren sehr erfreut, mich wiederzusehen, und beide wünschten sich Glück, daß ich gerade zur rechten Zeit gekommen sei, unseren Bruder, den Abbate, zu überreden, daß er freiwillig ihr Haus verlasse; denn sie seien sonst entschlossen, ihn hinauszuwerfen.

»Wo ist er?«

»Du wirst ihn gleich sehen; denn es ist die Stunde des Abendessens, und da Essen und Trinken für ihn die beiden wichtigsten Angelegenheiten dieser Welt sind, so wird er ganz bestimmt kommen.«

»Was hat er dir getan?«

»Er hat alle schlechten Streiche verübt, deren ein Taugenichts fähig ist. Aber da kommt er; ich werde dir alles in seiner Gegenwart erzählen.«

Der Abbate war erstaunt, mich zu sehen; er machte mir ein Kompliment, obgleich ich ihn nicht ansah, und fragte mich, was ich gegen ihn hätte.

»Was ein Ehrenmann gegen ein Ungeheuer haben kann! Ich besitze den Brief, den du an Passano geschrieben hast, und wonach ich ein Betrüger, ein Spion, ein Dukatenbeschneider, ein Giftmischer bin. Was sagt Herr Abbate dazu?«

Er antwortete nicht und setzte sich zu Tisch.

Hierauf erzählte mein anderer Bruder mir folgendes:

»Als dieser schöne Herr zu mir kam, empfing ich ihn mit Freuden, und meine Frau nahm ihn auf das freundschaftlichste auf. Ich gab ihm ein sehr sauberes Zimmer und bat ihn, mein Haus als das seinige zu betrachten. Wohl um uns zu seinen Gunsten einzunehmen, sagte er uns sofort, du seiest der größte Schuft von der Welt. Um uns dies zu beweisen, erzählte er uns: er habe ein junges Mädchen aus Venedig entführt, das er habe heiraten wollen; in Genua habe er dich aufgesucht, weil er sich mit ihr in der drückendsten Not befunden habe. Allerdings hat er anerkannt, daß du ihn sofort aus dem Elend errettest habest. Du habest dich jedoch verräterischerweise seiner Schönen bemächtigt und sie zu zwei anderen Mädchen gesellt, die du bereits gehabt habest. Du habest in seiner Gegenwart bei ihr geschlafen und habest ihn aus Marseille fortgeschickt, um dich ungestört mit ihr belustigen zu können. Er hat seine häßliche Geschichte damit geschlossen, daß er uns sagte: wegen der Entführung des jungen Mädchens könne er nicht nach Venedig zurückkehren; er sei daher auf uns angewiesen, bis er die Möglichkeit gefunden habe, von seinen Talenten oder von seinem Priesterberuf zu leben. Ich fragte ihn, was für Talente dies seien, und er antwortete mir, er werde italienischen Unterricht geben. Da wir nun aber sahen, daß er selber sehr schlecht italienisch spricht, so lachten wir über sein Vorhaben, als wir erfuhren, daß er kein Wort französisch versteht. Es blieb also nur sein Priesterberuf übrig, und gleich am nächsten Tage sprach meine Frau mit Herrn de Sauci, dem Schatzmeister der geistlichen Pfründen. Sie bat ihn, unseren Bruder dem Erzbischof von Paris vorzustellen, der ihm vielleicht eine Anstellung in seinem Dienst geben würde, bis er sich einer guten Pfründe würdig gezeigt hätte. Zu diesem Zweck mußte er unsere Pfarrkirche besuchen. Ich sprach mit dem Pfarrer von St.-Sauveur, und dieser versprach mir, sich für ihn zu interessieren. Er nannte mir die Stunde, zu der er die Messe lesen könnte, wofür er das übliche Almosen von zwölf Sous erhalten würde. Das war ein guter Anfang, der zu Besserem führen konnte. Als wir aber unserem Bruder von dem Erfolg unserer Bemühungen Mitteilung machten, da geriet der Herr Abbate in Zorn und sagte, er sei nicht der Mann, für zwölf Sous Messen zu lesen oder einem Bischof den Hof zu machen in der Hoffnung, dadurch in dessen Dienste eintreten zu können, denn er wolle in keines Menschen Dienst stehen. Wir waren entrüstet, verbargen jedoch unseren Ärger. Nun hat aber der Bursche in den drei oder vier Wochen, seitdem er hier ist, es fertig gebracht, unser ganzes Haus auf den Kopf zu stellen. Infolgedessen hat gestern die Kammerzofe meiner Frau zu unserem großen Bedauern uns verlassen, und die Köchin will fortgehen, weil er sie fortwährend in der Küche belästigt. Darum sind wir fest entschlossen, ihn fortzuschicken, um so mehr, da seine Gesellschaft uns unerträglich ist. Ich bin über deine Ankunft hocherfreut, denn ich hoffe, wir werden zusammen ein Mittel finden, ihn fortzuschicken, und je eher dies geschieht, desto besser wird es sein.«

»Nichts ist leichter als das!« antwortete ich. »Wenn er in Paris bleiben will, so mag er das tun; aber schicke schon morgen seine Sachen in ein möbliertes Zimmer und laß ihm zugleich ein polizeiliches Verbot zustellen, daß er dein Haus nicht wieder betreten darf. Will er abreisen, so möge er sagen, wohin. Ich verpflichte mich, ihm noch heute Abend, bevor ich gehe, die Reise zu bezahlen.«

»Man kann nicht nobler sein! Nun, Abbate, was sagst du dazu?«

»Ich sage: es ist genau ebenso, wie Giacomo mich aus Marseille fortgeschickt hat. Es ist sein Stil: Gewalttätigkeit, Despotismus!«

»Scheusal, danke Gott, daß ich statt Prügel dir Geld geben will. Erinnere dich, daß du versucht hast, mich in Lyon an den Galgen zu bringen.«

»Wo ist Marcolina?«

»Habe ich dir Rechenschaft zu geben? Schnell, wähle: Rom oder Paris? Aber in Paris bekommst du keinen Heller.«

»Ich werde nach Rom gehen.«

»Schön. Die Reise kostet für einen einzelnen Menschen nur zwanzig Louis; aber ich werde dir fünfundzwanzig geben.«

»Wo sind sie?«

»Das wirst du gleich sehen. Bitte, gib mir Papier, Tinte und eine Feder.«

»Was willst du schreiben?«

»Anweisungen auf Lyon, Turin, Genua, Florenz und Rom. Für die Reise nach Lyon wird für dich morgen ein Platz im Eilwagen bezahlt sein; nach deiner Ankunft erhältst du dort fünf Louis: die gleiche Summe wird dir in jeder der vier anderen Städte ausbezahlt werden; solange du aber hier in Paris bist, hast du keinen Heller von mir zu erhoffen. Ich wohne im Hotel Montmorency; weiter brauchst du nichts zu wissen.«

Hierauf grüßte ich meinen Bruder und dessen Frau und sagte ihnen auf Wiedersehen. Checco, so hieß mein Bruder, der Maler, mit seinem Kosenamen, sagte mir, er werde mir am nächsten Tage den Koffer des Abbate zuschicken; ich sagte ihm, er solle dies unter allen Umständen tun und sich im übrigen ganz auf mich verlassen.

Am anderen Tage kam der Koffer und mit ihm der Abbate. Ohne ihn anzusehen, ließ ich ihm ein Zimmer geben, indem ich dem Wirt mit lauter Stimme sagte, ich wolle drei Tage lang, aber nicht eine Stunde länger, für Wohnung und Essen des Abbate bürgen. Dieser wollte mit mir sprechen, aber ich verwies ihn in hartem Ton auf den nächsten Tag und verbot in seiner Gegenwart meinem Clairmont nachdrücklich, ihn in mein Zimmer eintreten zu lassen.

Hierauf begab ich mich zu Frau du Rumain; der Schweizer sagte zu mir: »Mein Herr, alles schläft noch. Aber wer sind Sie? Ich habe einen Befehl.«

»Der Chevalier de Seingalt.«

»Bitte, treten Sie hier in meine Loge ein und unterhalten Sie sich mit meiner Nichte. Ich bin gleich wieder hier.«

Ich trete ein und finde ein reizendes junges Mädchen, sehr sauber gekleidet und mit lustigem Gesicht.

»Mein Fräulein, Ihr Oheim hat mir gesagt, ich solle mich mit Ihnen unterhalten.«

»Mein Onkel ist komisch, er hat weder mich noch Sie vorher gefragt.«

»Allerdings nicht; aber er hat erraten, daß ich nicht erst befragt zu werden brauchte, um Sie sehr hübsch zu finden.«

»Sehr schmeichelhaft, mein Herr! Aber ich weiß, was Komplimente wert sind.«

»Ich bezweifle nicht, daß man Ihnen dieses Kompliment oft gemacht hat; aber Sie verdienen es wirklich.«

»Das freut mich; aber ein Verdienst ist dies nicht.«

»Sie sind streng, mein Fräulein.«

»Wenn Sie vernünftig sind, werden Sie mir das nicht als Verbrechen anrechnen.«

Das Gespräch begann mich ebensosehr zu interessieren wie die schönen Augen der jungen Nichte; zum Glück machte der Oheim der Sache ein Ende, indem er mich bat, ihm zu folgen. Er führte mich zur Kammerfrau, die brummend einen Rock überwarf.

»Was haben Sie denn, mein schönes Fräulein? Sie scheinen nicht bei guter Laune zu sein.«

»Sie hätten wohl um zwölf Uhr kommen können! Es ist noch nicht neun Uhr, und die Gnädige ist erst um drei nach Hause gekommen. Es tut mir leid um sie; ich werde sie wecken.«

Ich wurde sofort in das Schlafzimmer geführt, und obgleich die Gräfin ihre Augen noch nicht ganz offen hatte, dankte sie mir, daß ich sie hätte wecken lassen, während ich sie zugleich um Entschuldigung bat, daß ich sie in ihrem Schlaf gestört hätte.

»Raton!« rief sie; »gib uns Schreibzeug und geh! Du kommst nicht eher herein, als bis ich dich rufe. Und vergiß nicht, daß ich für jedermann noch schlafe. «

»Gut, gnädige Frau, ich werde ebenfalls schlafen!«

»Mein lieber Herr, wie kommt es, daß das Orakel uns betrogen hat? Mein Mann lebt noch, und er sollte doch schon vor sechs Monaten sterben. Allerdings befindet er sich nicht eben wohl! Doch danach werden wir später fragen. Ich werde Ihnen gleich sagen, worauf es mir jetzt hauptsächlich ankommt. Wie Sie wissen, ist die Musik meine Leidenschaft; meine Stimme ist wegen ihres Umfanges und wegen ihrer Stärke berühmt. Nun, mein lieber Freund, ich habe sie verloren; seit drei Monaten singe ich nicht mehr. Man hat mich mit Arzneien vollgestopft, die alle nichts genützt haben. Ich bin untröstlich! Ich bin unglücklich, denn der Gesang war der einzige Genuß, der mir mein Leben lieb machte. Ich flehe Sie an: fragen Sie das Orakel nach einem Heilmittel, das mir die Stimme wieder verschafft. Wie glücklich wäre ich, wenn ich singen könnte – womöglich gleich morgen! Ich werde zahlreiche Gesellschaft bei mir haben, und ich würde mich an dem allgemeinen Erstaunen erfreuen. Wenn das Orakel will, so bin ich überzeugt, es ist auch möglich. Denn ich habe eine ausgezeichnete Brust. Da haben Sie die Frage! Sie ist lang, aber um so besser; die Antwort wird ebenfalls lang sein, und ich habe lange Antworten gerne.«

Ich liebte zuweilen ebenfalls lange Fragen, weil ich beim Bau der Pyramide Zeit hatte, darüber nachzudenken, was ich antworten sollte. Im Falle der Madame du Rumain handelte es sich um ein Heilmittel gegen ein leichtes Übel. Aber ich war kein Arzt und kannte keines. Außerdem durfte, der Kabbala zu Ehren, das Orakel sich nicht in den ausgefahrenen Geleisen der Heilkunst bewegen. Ich begriff bald, daß eine vernünftige Lebensweise ihre Kehle wieder in den normalen Zustand bringen würde, und jeder denkende Arzt hätte dieses Wunder bewirken können. Ich jedoch bedurfte des imponierenden Apparates eines Scharlatans, und zwar gerade darum, weil ich auf eine Frau von Geist, wenn auch von befangenem Geist, einwirken mußte. Ich verfiel daher darauf, ihr einen Sonnenkultus zu verordnen, und ich setzte diesen auf eine Stunde an, die sie zu einer Lebensweise nötigte, welche sie gesund machen konnte und die sie pünktlich befolgen mußte, ohne daß ich ihr es besonders vorschrieb.

Demgemäß erklärte das Orakel: sie werde ihre Stimme in einundzwanzig Tagen, vom Tage des Neumondes an gerechnet, wieder erhalten, wenn sie jedem Tag in einem Zimmer, das mindestens »ein« Fenster nach Osten habe, der aufgehenden Sonne einen Kultus darbringe.

Ein zweites Orakel gebot ihr, den Kultus nur nach einem siebenstündigen, ununterbrochenen Schlaf darzubringen. Die Stunden des Schlafes entsprachen der Anzahl der Planeten. Bevor sie zu Bette gehe, solle sie dem Monde ein Badeopfer bringen, indem sie ihre Beine bis zu den Knien in lauwarmem Wasser halte. Ferner bezeichnete ich ihr die Psalmen, die sie hersagen müsse, um sich den Mond geneigt zu machen, sowie andere, die sie bei Sonnenaufgang hinter einem geschlossenen Fenster hersagen müsse.

Diese letzte Vorschrift erfüllte sie mit Bewunderung. Sie sagte: »Das Orakel hat sehr richtig vorausgesehen, daß ich mich bei offenen Fenstern hätte erkälten können. Ich werde alles tun, was das Orakel mir vorschreibt; aber ich flehe Sie an, mein lieber Freund, besorgen Sie alles, was für den Kultus notwendig ist.«

»Ich werde Ihnen nicht nur alles besorgen, sondern um Ihnen einen Beweis meines Eifers zu geben, werde ich selber am ersten Tage die Räucherungen vornehmen, damit Sie lernen, wie es gemacht wird. Denn die Anwesenheit von Frauen ist durch die Art dieser beiden Kulte ausgeschlossen.«

Sie nahm meine Anerbietungen mit sichtlicher Dankbarkeit an. Eine solche hatte ich allerdings erwartet, denn ich wußte, daß man gerade den geringsten Diensten einen unendlichen Wert beimißt. Dies ist das große Geheimnis, um in der Welt Glück zu haben, besonders bei den Damen der großen Gesellschaft.

Da schon am nächsten Tage Neumond war, der erste Tag für ihren Kultus, so ging ich um neun Uhr abends zu ihr; denn um sieben Stunden schlafen zu können, bevor sie der aufgehenden Sonne opferte, mußte sie vor zehn Uhr zu Bette gehen. Die Beobachtung aller dieser Kleinigkeiten war wichtig, wie ein jeder begreifen wird. Ich war überzeugt, daß die Dame, wenn überhaupt, nur durch eine vernünftige Lebensweise ihre Stimme wieder erlangen konnte. Ich täuschte mich nicht in meinen Mutmaßungen und erfuhr in London den glücklichen Erfolg meiner Methode durch einen Brief, der aus jeder Zeile herzliche Dankbarkeit atmete.

Frau du Rumain, deren Tochter den Fürsten Polignac heiratete, liebte das Vergnügen und besuchte gern große Soupers. Infolgedessen konnte sie nicht immer vollkommen gesund sein, und sie hatte ihre Stimme verloren, indem sie ihr zu große Anstrengungen zugemutet hatte. Als sie sie durch ein Verfahren wieder erlangt hatte, das sie dem Einfluß der Geister zuschrieb, lachte sie die vernünftigen Leute aus, die ihr sagten, die Magie sei eine chimärische Wissenschaft.

Ich fand bei Frau von Urfé einen Brief von Teresa Imer. Sie schrieb, sie sei entschlossen, nach Paris zu kommen, um ihren Sohn abzuholen, wenn ich ihn nicht zu ihr brächte. Sie verlangte eine bestimmte Antwort. Ich wünschte mir nichts Besseres, aber ich fand Teresa sehr unverschämt.

Ich sagte zum kleinen Aranda: »Deine Mutter erwartet uns in acht Tagen in Abdeville und wünscht dich dort zu sehen. Wir wollen miteinander hinreisen und ihr diese Freude machen.«

»Mit Vergnügen,« sagte er; »aber mit wem werde ich nach Paris zurückreisen, wenn Sie nach London gehen?«

»Sie werden ganz allein reisen,« antwortete Frau von Urfé ihm, »und zwar als Postillon gekleidet.«

»Zu Pferde! O, welches Vergnügen!«

»Aber Sie werden täglich nur acht oder zehn Stationen reiten, denn Sie brauchen nicht ihr Leben zu riskieren, indem Sie bei Nacht reiten.«

»Gern; aber nicht wahr, ich werde als Kurier gekleidet sein?«

»Ja; ich werde Ihnen eine schöne Jacke und Lederhosen machen lassen und werde Ihnen eine prachtvolle Satteltasche mit dem Wappen von Frankreich schenken.«

»Man wird mich für einen Kabinettskurier halten, und ich werde sagen, ich komme von London.«

Ich war überzeugt, daß ich nur einige Schwierigkeiten einzuwenden brauchte, um seinen Entschluß unerschütterlich zu machen. Darum erklärte ich in mißbilligendem Ton, ich würde niemals meine Einwilligung dazu geben, denn das Pferd könnte stürzen und er den Hals brechen. Ich ließ mich drei Tage lang bitten, bevor ich schließlich der Fürsprache der Marquise nachgab; ich tat dies jedoch nur unter der Bedingung, daß er nur den Rückweg zu Pferde machen solle.

Da er überzeugt war, daß er nach Paris zurückkehren würde, so wollte er nur soviel Wäsche mitnehmen, wie für eine sehr kurze Reise notwendig ist. Da ich jedoch wußte, daß er mir nicht aus den Fingern kommen würde, wenn ich ihn erst einmal in Abbeville hatte, so schickte ich heimlich seinen Koffer nach Calais, wo wir ihn bei unserer Ankunft vorfanden. Die gute Frau von Urfé ließ ihm eine prachtvolle Kurierausrüstung machen, wobei auch die hohen Stiefel nicht vergessen wurden.

So war denn diese Angelegenheit, die sehr schwierig zu sein schien, durch einen reinen Zufall in Ordnung gebracht worden. Ich erkenne gern an, daß der Zufall mich manchesmal in meinem Leben ganz ohne mein Zutun ebenso gut bedient hat.

Ich ging hierauf zu einem Bankier und nahm bei ihm Kreditbriefe über große Summen auf mehrere bedeutende Londoner Bankhäuser, da ich die Absicht hatte, dort viele Bekanntschaften zu machen.

Als ich über die Place des Victoires ging, kam ich an der Wohnung der Corticelli vorbei. Aus Neugier trat ich ein. Sie war sehr erstaunt, mich zu sehen. Nach einem langen Schweigen brach sie schließlich in Tränen aus, als sie sah, daß ich nichts sagte.

»Wenn ich dich niemals gekannt hätte,« rief sie, »wäre ich nicht unglücklich.«

»Du wärest auf alle Fälle unglücklich, wenn auch in anderer Form, denn dein Unglück ist nur eine Folge deiner schlechten Aufführung. Aber laß jetzt das Weinen und sage mir, worin dein Unglück besteht.«

»Da ich mich in Turin nicht mehr halten konnte, nachdem du mich entehrt hattest…«

»Fandest du es ohne Zweifel angebracht, nach Paris zu gehen und dich hier entehren zu lassen. Aber nimm einen anderen Ton an, sonst gehe ich!«

Sie erzählte mir nun einen ganz verruchten Lebenswandel. Ich war betroffen; denn schließlich mußte ich mir doch gestehen, daß ich den ersten Anlaß zu dieser Reihe von Unglücksfällen gegeben hatte. Hieraus ergab sich für mich die moralische Notwendigkeit, der Unglücklichen zu Hilfe zu kommen, so sehr ich mich auch über sie zu beklagen haben mochte.

»Du lebst«, sagte ich ihr, »in Schimpf und Schande; eine scheußliche Krankheit verzehrt deinen Leib; du kannst jeden Augenblick auf die Straße geworfen und dann von deinen Gläubigern ins Gefängnis gebracht werden. Was gedenkst du unter diesen Umständen zu tun?« ‚

»Ach! Mir bleibt nichts anderes übrig, als mich in die Seine zu stürzen; denn um etwas anderes tun zu können, müßte ich Geld haben, und ich besitze nicht einmal so viel, um die Ausgaben für den heutigen Tag bestreiten zu können.«

»Und wenn du Geld hättest, was würdest du dann tun?«

»Zunächst würde ich mich bemühen, gesund zu werden; wenn mir dann noch genug übrig bliebe, würde ich nach Bologna gehen, und dort würde ich leben, so gut ich könnte. Vielleicht hätte die Erfahrung mich klüger gemacht.«

»Arme Corticelli, du tust mir leid! Obgleich du dich gegen mich schurkisch benommen hast – wodurch du heute dich im Elend befindest – will ich dich nicht verlassen. Da hast du vier Louis für die dringendsten Bedürfnisse; morgen werde ich wiederkommen und dir den Ort nennen, wo du gesund werden kannst. Wenn du wieder hergestellt bist, werde ich dir das nötige Reisegeld geben. Trockne deine Tränen, bereue deine Schuld, fasse gute Vorsätze. Der Himmel möge Mitleid mit dir haben.«

Das arme, unglückliche Mädchen warf sich mir zu Füßen, ergriff eine meiner Hände, die sie mit Küssen und Tränen bedeckte, und bat mich um Verzeihung für das Unrecht, das sie mir angetan habe. Ich tröstete sie und entfernte mich dann mit wundem Herzen. Um das menschliche Gefühl, das mich antrieb, nicht sich abkühlen zu lassen, nahm ich gleich auf der Straße einen Fiaker und fuhr zu einem mir befreundeten alten Wundarzt in der Rue de Seine. Ich erzählte ihm den Sachverhalt und sagte ihm, was ich von ihm wünschte. Er hörte mich ruhig an und sagte dann: »Die Kur wird sechs Wochen dauern; die betreffende Person wird völlig unbekannt bleiben, aber sie muß vorher bezahlen.«

»Sehr gern; aber die Person ist arm, und es handelt sich um einen Akt der Mildtätigkeit von meiner Seite.«

Ohne mir zu antworten, nahm der brave Mann ein Blatt Papier und schrieb einen Brief, den er an eine Adresse ganz draußen in der Vorstadt St.-Antoine richtete. Dieser Brief lautete:

»Sie werden die Person, die Ihnen diesen Brief nebst dreihundert Franken überbringt, in Pension nehmen und werden Sie in sechs Wochen als geheilt entlassen, wenn Gott es nicht anders fügt. Die Person hat ihre Gründe, um nicht erkannt werden zu wollen.«

Erfreut, diese Angelegenheit so schnell und so billig in Ordnung gebracht zu haben, ging ich ruhiger nach Hause. Ich legte mich sofort zu Bett, obwohl mein Bruder mich zu sprechen verlangte. Ich ließ ihm sagen, ich wolle ihn erst am anderen Tage sehen.

Schon um acht Uhr kam er zu mir. Dumm, wie immer, sagte er mir, er habe mir einen Vorschlag zu machen und sei überzeugt, daß ich nichts dagegen einwenden werde.

»Ich habe durchaus nicht die Absicht, deine Vorschläge zu hören. Wählst du Paris oder Rom?«

»Gib mir das Reisegeld; ich werde in Paris bleiben und mich schriftlich verpflichten, weder meinen Bruder noch dich jemals aufzusuchen. Das muß dir doch einerlei sein.«

»Es kommt dir nicht zu, darüber zu urteilen, was mir paßt. Entferne dich; ich habe weder Zeit noch Lust, dich anzuhören, überlege es dir: entweder bleibst du in Paris und bekommst keinen Heller, oder du gehst mit fünfundzwanzig Louis nach Rom, wie ich dir bereits gesagt habe.«

Hierauf rief ich Clairmont und befahl ihm, den Abbate hinauszuführen.

Es drängte mich, die Angelegenheit der Corticelli in Ordnung zu bringen. Ich begab mich daher sofort nach der Vorstadt St.-Antoine und fand dort ein Ehepaar von freundlichem Wesen und verständigem Aussehen; die Einrichtung des Hauses war vorzüglich geeignet für Kuren, die geheim gehalten werden sollten. Ich sah das für die neue Pensionärin bestimmte Zimmer und das Bad und war mit der Sauberkeit und mit der guten Ordnung zufrieden. Ich bezahlte gegen Quittung hundert Taler und sagte den Leuten, die kranke Dame werde im Laufe dieses oder des folgenden Tages kommen.

Zu Mittag speiste ich mit Frau von Urfé und dem kleinen Aranda. Nach dem Essen sprach die gute Marquise ganz glücklich lange Zeit von ihrer Schwangerschaft, deren Symptome sie bereits festgestellt hatte. Sie sagte mir, wie glücklich sie sein werde, wenn sie erst die deutlichen Zeichen ihres neuen Lebens und Wachstums verspüren werde. Ich mußte beständig auf der Hut sein, um mich nicht der Lachlust hinzugeben, die ihre Einfalt jeden Augenblick in mir erregte. Nachdem ich mich frei gemacht hatte, begab ich mich wieder zur Corticelli, die mich ihren Retter, ihren Schutzengel nannte. Ich gab ihr zwei Louis, da sie einige kleine Schmucksachen auf dem Leihhaus auszulösen wünschte, und versprach ihr, vor meiner Abreise sie noch einmal zu besuchen, um ihr hundert Taler zu geben, die für ihre Rückreise nach Bologna genügen würden. Hierauf ging ich zu Frau du Rumain, die sich für drei Wochen von allen ihren Bekannten verabschiedet hatte.

Die Dame war von der größten Rechtschaffenheit und außerordentlich hübsch, aber sie hatte einen gewissen geckenhaften Ton an sich, der so eigentümlich war, daß ich oft recht herzlich darüber lachen mußte. Sie sprach von der Sonne und von dem Monde wie von zwei mächtigen Herrschern, deren Bekanntschaft zu machen sie im Begriff stände. Als sie eines Tages mit mir über das Glück der Auserwählten nach dem Tode sprach, sagte sie, das Glück der Seelen müsse im Himmel darin bestehen, daß sie Gott »wahnsinnig« liebten. Ein friedliches, ruhiges Glück begriff sie nicht, denn zwischen Ruhe und Gleichgültigkeit konnte sie keinen Unterschied sehen.

Nachdem ich ihr die Kräuter für die Räucherungen gegeben hatte, bezeichnete ich ihr die Psalmen, die sie herzusagen hätte; hierauf nahmen wir unter vier Augen ein köstliches Abendessen ein, und nach Beendigung desselben befahl sie ihrer Kammerfrau, sie einzuschließen und mich um zehn Uhr zu erwarten, um mich in ein Schlafzimmer im zweiten Stock zu führen, das sie mit einem sybaritischen Luxus für mich hatte Herrichten lassen. »Sorge dafür, meine Liebe,« schloß sie, »daß Herr von Seingalt morgen früh um fünf in mein Zimmer kommt.«

Um neun Uhr setzte ich ihre Füße in eine Badewanne mit lauem Wasser und zeigte ihr, wie sie die Räucherungen vorzunehmen hätte, damit sie an den nächsten Tagen dies allein tun könnte. Ihre Beine waren von den Händen der Grazien geformt; ich trocknete sie ihr verliebt bis zu den Knieen ab und lachte innerlich über die Danksagungen, die sie mir dafür abstattete. Hierauf brachte ich sie liebevoll zu Bett, doch begnügte ich mich, einen feierlichen Kuß auf ihre hübsche Stirn zu drücken. Nachdem ich dies alles erledigt hatte, ging ich zu Bett. Ihre Kammerfrau, eine junge und hübsche Zofe, bediente mich unter lauter Scherzen, aber mit einer Geschicklichkeit, wie sie diesen Mädchen besonders in Frankreich eigen ist. Ich mußte laut auflachen, als sie mir sagte: da ich die Kammerzofe ihrer Herrin geworden sei, so sei es nicht mehr als recht und billig, daß sie mein Kammerdiener werde. Ihr munteres Wesen stimmte mich heiter und ich wollte sie auf meinen Schoß ziehen; aber gewandt wie ein Reh entschlüpfte sie meinen Armen und lief hinaus, indem sie mir sagte, ich müsse mich schonen, um am anderen Morgen um fünf gut zu bestehen. Sie irrte sich, aber der Schein war allerdings gegen ihre Herrin, und im allgemeinen lassen es ja die Dienstboten ihrer Herrschaft gegenüber weder an Verdacht noch an übler Nachrede fehlen.

Als ich früh um fünf Uhr das Zimmer der Frau du Rumain betrat, fand ich sie schon beinahe angekleidet, und wir gingen sofort in ein anderes Zimmer, von wo man die aufgehende Sonne hätte sehen können, wenn die Aussicht nicht durch das Hotel de Bouillon versperrt gewesen wäre. Aber natürlich war die unmittelbare Aussicht vollkommen gleichgültig. Sie vollzog den Kultus mit der ganzen Würde einer antiken Baalspriesterin. Hierauf setzte sie sich an ihr Klavier, indem sie mir sagte, am schwersten erscheine es ihr, den langen neunstündigen Vormittag auszufüllen; denn sie speiste um zwei Uhr zu Mittag. Dies war damals die Essensstunde der vornehmen Welt. Wir nahmen ein Gabelfrühstück zu uns, denn ich hatte ihr vorgeschrieben, daß sie möglichst wenig Kaffee trinken sollte. Beim Abschied versprach ich ihr, sie vor meiner Abreise von Paris noch einmal aufzusuchen.

In das Hotel Mormoreney zurückgekehrt, fand ich meinen Bruder auf mich wartend. Er war sehr unruhig, weil ich die Nacht nicht nach Hause gekommen war. Sowie ich ihn erblickte, rief ich ihm zu: »Paris oder Rom?«

»Rom!« antwortete er mit frommer Heuchlermiene.

»Warte im Vorzimmer; ich werde deine Angelegenheit sofort erledigen.«

Als ich fertig war, ließ ich ihn rufen. In demselben Augenblick traten mein anderer Bruder und dessen Frau zusammen mit ihm ein. Sie sagten mir, sie wollten sich bei mir zum Mittagessen einladen.

»Seid willkommen!« antwortete ich ihnen; »ihr seid gerade zur rechten Zeit gekommen, um zu sehen, wie ich den Abbate abfertige. Er hat sich endlich entschlossen, auf die von mir für gut befundene Art und Weise nach Rom zu reisen.«

Ich schickte Clairmont nach der Abfertigungsstelle der Eilwagen, um für den Abbate einen Platz bis Lyon zu bezahlen. Hierauf schrieb ich fünf Wechsel auf Lyon, Turin, Genua, Florenz und Rom aus.

»Wer bürgt mir dafür, daß die Anweisungen mir ausbezahlt werden?«

»Ich, du Tölpel. Wenn du sie nicht haben willst, dann laß sie hier.«

Clairmont brachte einen bezahlten Fahrschein, der für die Abreise am nächsten Tage gültig war. Ich gab ihm diesen und forderte ihn in harten Worten auf, das Zimmer zu verlassen.

»Aber ich könnte doch mit euch speisen!«

»Nein, ich will nichts von dir wissen. Du kannst mit Passano speisen; du warst ja sein Helfershelfer bei dem abscheulichen Anschlag, den der Schuft gegen mich ersonnen hatte. Clairmont, werfen Sie diesen Menschen hinaus und erlauben Sie ihm niemals wieder, meine Schwelle zu überschreiten!«

Mehr als einer meiner Leser wird der Ansicht sein, daß ich meinen Bruder, den Abbate, barbarisch behandelt habe. Ich habe allerdings keinem Menschen über meine Anschauungs- und Handlungsweise Rechenschaft abzulegen; aber ich will nur soviel sagen: ich hatte schon von Natur eine starke Abneigung gegen diesen Bruder; außerdem aber hatte sein Benehmen als Mensch und Priester und besonders sein Einverständnis mit Passano ihn mir dermaßen verhaßt gemacht, daß ich mit vollkommener Gleichgültigkeit, um nicht zu sagen, mit großem Vergnügen, ihn hätte am Galgen sehen können. Ein jeder hat seine Moral, ein jeder hat seine Leidenschaften, und meine höchste Leidenschaft ist stets die Rachsucht gewesen.

»Was haben Sie mit dem Mädchen gemacht, das er entführt hatte?« fragte meine Schwägerin mich.

»Ich habe sie unter dem Schutz der Gesandten nach Venedig zurückgeschickt; sie hat mehr als dreißigtausend Franken Vermögen, besitzt schöne Schmucksachen, hat eine gute Ausrüstung an Kleidern und Wäsche und fährt in einem Wagen, der mehr als zweihundert Gulden wert ist und den ich ihr geschenkt habe.«

»Das ist alles ganz schön und gut, mein lieber Schwager; aber bedenken Sie, welchen Schmerz der Abbate empfinden mußte, als er sie bei Ihnen im Bett liegen sah.«

»Die Dummköpfe, liebe Schwägerin, sind dazu da, um solche und noch ganz andere Schmerzen zu haben. Hat er Ihnen gesagt, daß sie ihm niemals erlaubt hat, sie zu küssen, und daß sie ihm kräftige Ohrfeigen gab?«

»Im Gegenteil; er sprach nur von ihrer Liebe zu ihm.«

»Er hat sich selber schöngefärbt, liebe Schwägerin; in Wirklichkeit war es eine sehr häßliche Sache.«

Nachdem wir einige Stunden mit sehr angenehmem Geplauder verbracht hatten, entfernte mein Bruder sich, und ich begleitete meine Schwägerin in die Oper.

Als wir miteinander allein waren, schüttete die arme Frau in schwesterlichem Vertrauen ihr Herz aus und beklagte sich bitterlich über ihren Gatten:

»Seit zehn Jahren bin ich nun mit ihm verheiratet, und ich bin noch immer so wie am Tage vor unserer Hochzeit.«

»Wie, liebe Schwester? Immer noch Jungfrau?«

»Wie am Tage meiner Geburt. Man sagt mir, ich könne leicht die Lösung unserer unfruchtbaren Ehe durchsetzen; aber ich will keinen Skandal, und außerdem bin ich so schwach, ihn zu lieben, und ich will ihm keinen Kummer machen.«

»Sie sind ein seltenes Weib, liebe Schwester! Aber warum geben Sie ihm denn keinen Stellvertreter?«

»Dies könnte ich allerdings, glaube ich, tun, ohne mein Gewissen zu beschweren; aber ich will lieber meine schreckliche Lage erdulden und mir nichts vorzuwerfen haben.«

»Das ist sehr verdienstvoll, und ich lobe Sie darum; aber sind Sie sonst glücklich?«

»Er steckt über und über in Schulden, und wenn ich ihn nötigen wollte, mir meine Mitgift herauszugeben, würde ihm kein Hemd bleiben. Warum hat er mich geheiratet, da er doch seine Impotenz kennen mußte? Es ist eine Ungeheuerlichkeit!«

«Ja, aber Sie müssen ihm verzeihen.«

Die Frau hatte recht, daß sie sich beklagte; denn ohne den Geschlechtsgenuß ist die Ehe ein Dornenzweig ohne Blüten. Sie hatte Leidenschaften, aber ihre Grundsätze waren stärker; wäre es anders gewesen, so hätte sie außer dem Hause gesucht, was sie in ihrem Hause nicht fand. Mein Bruder, der seine Impotenz wohl kannte, entschuldigte sich damit, daß er seine Frau sehr lieb habe; er habe darum gehofft, das Zusammenleben mit ihr werde die ihm mangelnde Fähigkeit allmählich entwickeln. Er hatte sich selber betrogen und damit auch seine Lebensgefährtin. Nach dem Tode dieser Frau erweckte eine andere die gleiche Hoffnung in ihm; aber diesmal fand er mehr Leidenschaft als Tugend, und seine zweite Gattin zwang ihn, aus Paris zu fliehen und ihr seine ganze Habe zurückzulassen. In zwanzig Jahren werde ich von ihr sprechen.

Am nächsten Morgen um sechs Uhr reiste der Abbate im Eilwagen ab; ich habe ihn erst sechs Jahre darauf in Rom wiedergesehen. Ich verbrachte den Tag bei Frau von Urfé und gab dem Anschein nach meine Einwilligung dazu, daß der kleine Aranda zu Pferde von Abbeville nach Paris zurückkehren dürfe. Ich setzte unsere Abreise auf den übernächsten Tag fest.

Am nächsten Tage speiste ich wieder bei Frau von Urfé, die immer noch in Wonne ob ihrer Wiedergeburt schwamm. Hierauf nahm ich einen Fiaker und besuchte die Corticelli in ihrer Zurückgezogenheit. Ich fand sie traurig und krank; aber sie war mit ihrem Schicksal zufrieden und lobte sehr das freundliche Benehmen des Chirurgen und seiner Frau. Das Ehepaar versicherte mir, sie werde gründlich geheilt werden. Ich übergab ihr zwölf Louis und versprach, ihr eine gleiche Summe zu schicken, sobald sie mir von Bologna geschrieben hätte. Sie versprach es mir, aber die arme Unglückliche hat ihr Versprechen nicht halten können, denn sie erlag der Behandlung, wie mein alter Chirurgus mir nach London schrieb. Zugleich fragte er bei mir an, wie er zwölf Louis bestellen könne, die sie einer Signora Laura vermacht habe, die mir wohl bekannt sein werde. Ich schickte ihm die Adresse, und der ehrliche Mann beeilte sich, den letzten Willen der Verstorbenen zu erfüllen.

Ich wurde von allen verraten, deren ich mich bei meinem Zauberschwindel mit der Frau von Urfé bediente, nur von Marcolina nicht, und alle, mit Ausnahme der schönen und geistreichen Venetianerin, sind im Unglück gestorben. Der Leser wird später Passano und Costa wiederfinden.

Am Tage vor meiner Abreise nach London speiste ich abends bei Frau du Rumain. Sie versicherte mir, ihre Stimme beginne bereits wieder zu kommen, und sie fügte eine vernünftige Bemerkung hinzu, über die ich mich freute. Sie sagte nämlich: »Ich glaube, die Lebensweise, zu der dieser kabbalistische Kultus mich nötigt, trägt gewiß auch zu meiner Besserung bei.«

»Verlassen Sie sich darauf, gnädige Frau! Wenn Sie diese Überzeugung haben, so bleiben Sie bei Ihrer jetzigen Lebensweise; Sie werden dadurch lange Zeit Ihre Stimme und Ihre Gesundheit sich erhalten.«

Ich sah, daß man oft, um zur Wahrheit zu gelangen, mit einer Täuschung beginnen muß. Dem Licht muß notwendigerweise Finsternis vorangegangen sein.

Ich verabschiedete mich von meiner guten Frau von Urfé mit einer Rührung, wie ich sie nie zuvor empfunden hatte, wie wenn ich ein Vorgefühl gehabt hätte, daß ich sie zum letztenmal sähe. Ich versicherte ihr, ich würde alle meine Versprechungen ohne Ausnahme halten. Sie umarmte mich mit der größten Zärtlichkeit und sagte mir, sie sei auf dem Gipfel des Glückes und erkenne an, daß sie dieses nur mir verdanke. Endlich nahm ich den kleinen Aranda in seinen Stulpstiefeln, die er anbetete, mit mir in das Hotel Mormorency, von wo wir erst gegen Abend abfuhren; er hatte mich nämlich gebeten, bei Nacht zu reisen, weil er sich schämte, in seinen Kurierkleidern im Wagen zu fahren.

Kaum waren wir in Abbeville angekommen, so fragte er mich, wo seine Mutter sei.

»Danach werden wir uns nach dem Essen erkundigen.«

»Aber man kann doch in einem Augenblick erfahren, ob meine Mutter hier ist oder nicht.«

»Allerdings; aber es eilt nicht.«

»Und wenn sie nicht hier ist?«

»Dann reisen wir weiter; wir werden sie unterwegs treffen. Bis zum Mittagessen wollen wir die schöne Fabrik des Herrn Varobes besehen.«

»Gehen Sie allein hin; ich bin müde und will lieber schlafen, bis Sie wiederkommen.«

»Gut.«

Nachdem ich zwei Stunden lang die herrliche Fabrik besehen hatte, die ihr Besitzer mir in eigener Person zeigte, ging ich nach meinem Gasthof zurück und ließ meinen jungen Menschen rufen.

»Mein Herr,« sagte der Wirt, der zugleich Postmeister war, »er ist fünf Minuten nach Ihrem Fortgehen nach Paris abgeritten. Er hat gesagt, er wolle die Depeschen holen, die Sie in Paris vergessen haben.«

»Wenn Sie ihn mir nicht zurückbringen lassen, richte ich Sie mit einem Prozeß zugrunde. Denn Sie durften ihm ohne meinen Befehl kein Pferd geben.«

»Beruhigen Sie sich, mein Herr! Wir werden den kleinen Taugenichts festnehmen, bevor er in Amiens ist.«

Er rief einen kräftigen und munteren Postillon; als dieser den Grund meiner Unruhe vernahm, lachte er und sagte: »Ich hole ihn ein, gnädiger Herr, und wenn das Jungchen einen Vorsprung von vier Stunden hätte! Ich verspreche Ihnen, bis sechs Uhr bin ich mit ihm wieder hier.«

»Ich verspreche dir zwei Louis Trinkgeld.«

»Dafür, gnädiger Herr, würde ich Ihnen einen Türken bringen!«

Fünf Minuten später saß der Postillon im Sattel, und als ich ihn davonjagen sah, zweifelte ich nicht mehr am Erfolg. Aber trotz meinem guten Appetit konnte ich mich doch nicht zu Tisch setzen, so sehr wurmte es mich, daß ein junger Mensch ohne Erfahrung mich angeführt hatte. Ich warf mich auf mein Bett und schlief, bis der Postillon mich weckte und mir meinen Flüchtling brachte, der wie ein Toter aussah. Ohne ein Wort mit diesem zu sprechen, befahl ich, ihn in einem guten Zimmer mit einem guten Bett einzusperren und ihm ein gutes Abendessen aufzutragen. Außerdem verlangte ich, daß der Wirt dafür bürgte, daß er bis zum Augenblick meiner Abreise nach Calais nicht wieder entfliehen würde. Der Postillon hatte ihn auf der fünften Poststation ganz in der Nähe von Amiens eingeholt; der gute Junge war bereits todmüde gewesen und hatte sich sanft wie ein Lamm in sein Schicksal ergeben.

Mit Tagesanbruch ließ ich ihn mir vorführen und fragte ihn, ob er freiwillig oder gefesselt mit mir nach London gehen wolle.

»Ich werde Ihnen freiwillig folgen, darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort; aber nur zu Pferde und wenn ich Ihrem Wagen vorausreiten darf; denn sonst würde ich mich in diesen Kleidern für entehrt halten. Man soll nicht sagen können, Sie hätten mich verfolgen lassen, wie wenn ich Ihnen etwas gestohlen hätte!«

»Ich nehme dein Ehrenwort an; aber halte es auch! Bestelle in meinem Namen noch ein Reitpferd und umarme mich.«

Mit fröhlichem Herzen stieg er zu Pferd und ritt mit Clairmont voraus. Er war sehr erstaunt, als er seinen Koffer bereits in Calais fand, wo er zwei Stunden vor mir ankam.

Neuntes Kapitel


Meine Ankunft in London. – Die Cornelis. – Ich werde bei Hof vorgestellt. – Ich miete ein möbliertes Haus. – Ich mache viele Bekanntschaften. – Denkweise der Engländer.

Sofort nach meiner Ankunft in Calais übergab ich meinen Reisewagen dem Wirt zum goldenen Arm zur Aufbewahrung und mietete ein Paketboot, das mir zu jeder von mir gewünschten Stunde zur Verfügung stehen sollte. Es war nur ein einziges frei; ein zweites stand dem Publikum zur Verfügung gegen einen Überfahrtspreis von sechs Franken für den Kopf. Ich zahlte sechs Guineen voraus und ließ mir dafür eine Quittung in aller Form ausstellen; denn ich wußte, daß man schon in Calais bei jedem Rechtsstreit unrecht bekam, wenn man sein Recht nicht schriftlich beweisen konnte.

Bevor die Ebbe eintrat, ließ Clairmont mein ganzes Gepäck einschiffen, und ich bestellte ein Abendessen. Der Wirt machte mich darauf aufmerksam, daß die Louis in England keinen Kurs hätten, und erbot sich, mir die meinigen gegen Guineen einzuwechseln. Ich nahm dies an; aber ich war überrascht, als ich sah, daß er mir ebensoviele englische Goldstücke gab, wie ich ihm französische gegeben hatte. Ich wollte ihm den Überschuß aufdrängen, der vier vom Hundert beträgt; er wies dies jedoch zurück, indem er sagte, daß er den Unterschied auch nicht berechnete, wenn die Engländer ihre Guineen für Louis gäben. Ich weiß nicht, ob er bei dieser Rechnung gewann. Jedenfalls verlor ich nichts dabei.

Der kleine Aranda, dem ich von nun an seinen bescheidenen Namen Trenti wiedergeben muß, hatte sich mit seinem Schicksal abgefunden; er war ruhig, aber stolz darauf, daß er mir seine Reitkunst bewiesen hatte. Gegenseitig miteinander zufrieden, hatten wir uns eben zu Tisch gesetzt, als ich vor meiner Tür einen englischen Wortwechsel hörte. Gleich darauf kam der Wirt herein und teilte mir den Anlaß des Streites mit: »Draußen steht der Kurier des Herzogs von Bedford, des englischen Botschafters; er meldet die Ankunft seines Herrn und streitet sich mit dem Kapitän des Paketbootes. Er behauptet, er hat dieses brieflich geheuert und der Kapitän könne daher nicht über sein Schiff verfügen. Der Schiffer dagegen behauptet, er habe keinen Brief bekommen, und kein Mensch kann ihm das Gegenteil nachweisen.«

Ich freute mich, daß ich das Paketboot gemietet und vorausbezahlt hatte, und legte mich zu Bett. Schon in der ersten Morgenfrühe kam der Wirt herein und sagte mir, der Botschafter sei um Mitternacht eingetroffen, und sein Kammerdiener wünsche mit mir zu sprechen.

Ich ließ ihn eintreten. Er setzte mir auseinander, sein Herr, der Lord, hätte es sehr eilig, nach London zurückzukommen, und ich würde ihm einen großen Dienst erweisen, wenn ich ihm das Paketboot überließe.

Ohne auch nur ein Wort zu sagen, ergriff ich die Feder und schrieb folgende Zeilen:

»Mylord Herzog kann über mein ganzes Paketboot verfügen mit Ausnahme des Platzes, den ich für mich, zwei andere Personen und mein kleines Gepäck brauche. Ich ergreife mit Freuden die Gelegenheit, dem englischen Botschafter gefällig zu sein.«

Der Bote kam wieder, um mir im Auftrage des Herzogs zu danken, sagte mir jedoch, sein Herr könne die Gefälligkeit nur gegen Bezahlung annehmen.

»Sagen Sie ihm, dies sei unmöglich, denn das Boot sei bereits bezahlt.«

»Er wird Ihnen die sechs Guineen erstatten.«

»Sagen Sie Ihrem Herrn, er könne über das Paketboot verfügen, aber nur ohne Bezahlung, sonst nicht; denn ich kaufe keine Ware, um sie wieder zu verkaufen.«

Eine halbe Stunde darauf ließ der Herzog sich melden. Er sagte mir mit edlem Anstand: »Sie haben recht; aber auch ich habe nicht unrecht, wenn ich Ihr Anerbieten unter solchen Umständen zurückweise. Es gibt nur ein Ausgleichmittel: nehmen Sie dieses an, und ich werde Ihnen nicht weniger verpflichtet sein.«

»Und welches wäre dies, Mylord?«

»Jeder von uns bezahlt die Hälfte.«

»Der Wunsch, Ihnen gefällig zu sein, verbietet mir, Ihren Vorschlag abzulehnen, Mylord; aber nun werde ich Ihr Schuldner, indem Eure Herrlichkeit mir diese Ehre erweisen. Wir werden abreisen, sobald Sie es befehlen, denn ich kann mich danach einrichten.«

Er schüttelte mir die Hand und ging hinaus. Als er fort war, fand ich auf meiner Kommode drei Guineen, die er dorthin gelegt hatte, ohne daß ich es bemerkte. Eine Stunde darauf erwiderte ich seinen Besuch, ließ dem Kapitän des Paketbootes sagen, er möchte den Botschafter und sein Gepäck an Bord nehmen; mit seinen Leuten solle er es nach seinem Belieben halten, denn das ginge mich nichts an.

Wir brauchten nur zwei und eine halbe Stunde zur Überfahrt über den Kanal; der Wind war heftig, aber wir gelangten ohne Unfall in den Hafen.

Der Fremde, der Englands Boden betritt, muß sich mit Geduld wappnen. Die Zolldurchsuchung war kleinlich, schikanös, indiskret, ja sogar unverschämt; aber da der Herzog sich ihr unterwarf, so mußte ich wohl oder übel seinem Beispiel folgen. Was hätte es mir übrigens genützt, wenn ich hätte Widerstand leisten oder mich beschweren wollen? Der Engländer beschränkt sich auf die Rechte, die die Gesetze ihm zuweisen, und erlaubt sich nur, was die Gesetze nicht verbieten; dies macht ihn schroff, schwer zu behandeln und grob. Besonders die Beamten können in keiner Beziehung mit den Franzosen verglichen werden, die die Kunst besitzen, bei der Ausübung aller ihrer Rechte Höflichkeit und Zartgefühl zu bewahren.

Nichts ist in England wie im übrigen Europa: die Erde selber hat eine andere Färbung, und das Wasser der Themse hat einen Geschmack, den man bei keinem anderen Flusse trifft. In Albion hat alles einen besonderen Charakter: Fische, Hornvieh, Pferde, Männer und Frauen – alles hat einen Typus, den man nur dort trifft. So ist es nicht zu verwundern, daß ihre Lebensweise im allgemeinen von derjenigen anderer Völker durchaus verschieden ist, besonders ihre Küche. Der Hauptcharakterzug dieser kühnen Insulaner ist ihr Nationalstolz, der sie veranlaßt, sich hoch über alle anderen Völker zu stellen. Man muß jedoch anerkennen, daß dieser Fehler allen Nationen anhaftet: eine jede stellt sich selber auf den ersten Platz, und schwierig ist in der Tat nur die Bestimmung des zweiten Ranges.

Was mir sofort auffiel, war die allgemeine Sauberkeit, die Schönheit der Landschaft, die Sorgfalt der Landbestellung, die kräftige Nahrung, die schönen Straßen und Postwagen, die Gerechtigkeit der Fahrpreise, die Leichtigkeit, wie diese mit einem Stück Papier bezahlt werden konnten, die Schnelligkeit ihrer Wagenpferde, obgleich diese stets nur trabten, und endlich die eigentümliche Anlage ihrer Städte, die auf dem Weg von Dover nach London liegen, wie zum Beispiel die sehr volkreichen Städte Canterbury und Rochester, die man mit großen Därmen vergleichen könnte, denn sie sind außerordentlich lang und haben fast gar keine Breite.

Gegen Abend kamen wir in London an und stiegen bei Madame Cornelis ab. Diesen Namen hatte Teresa angenommen; sie war zuerst mit dem Schauspieler Imer und hierauf mit dem Tänzer Pompeati verheiratet gewesen, der sich in Wien das Leben nahm, indem er sich mit einem Rasiermesser den Bauch aufschlitzte.

Diese Pompeati, die sich in Holland Trenti genannt hatte, trug in London den Namen ihres Liebhabers Cornelius Rigerboos, den sie zugrunde gerichtet hatte; ich habe früher in meinen Erinnerungen von ihr gesprochen.

Madame Cornelis wohnte am Soho-Quare, dem venetianischen Geschäftsträger gegenüber. Ich richtete mich nach der Vorschrift, die sie mir in ihrem letzten Brief gegeben hatte: ich befahl ihrem Sohn, im Wagen sitzen zu bleiben, und ließ mich selber melden. Ich glaubte, sie würde mir entgegenfliegen, aber ein Türhüter befahl mir, zu warten, und zwei Minuten später überbrachte ein Bedienter in großer Livree mir ein Briefchen, worin Madame Cornelis mir schrieb, ich möchte in dem Hause absteigen, wohin der Bediente mich führen würde. Ich verbarg meinen Verdruß, denn ich fand ihr Benehmen sonderbar, aber sie konnte ihren Grund haben. An dem bezeichneten Hause wurden wir von einer dicken Dame, Namens Rancour, und zwei Bedienten empfangen. Oder sie empfingen vielmehr meinen jüngeren Begleiter, denn die Dame umarmte den kleinen Cornelis, sprach ihm ihre Freude über seine glückliche Ankunft aus und tat, wie wenn sie mich überhaupt nicht sähe.

Unsere Koffer wurden abgeschnallt und ins Haus gebracht. Dame Rancour erkundigte sich, was von dem Gepäck dem jungen Mann gehörte, und ließ dieses in eine schöne Wohnung bringen, die aus drei Zimmern bestand. Hierauf zeigte sie ihm diese Zimmer und die beiden Bedienten und sagte: »Diese beiden Bedienten und diese Zimmer gehören Ihnen, desgleichen ich, Ihre sehr ergebene Dienerin.«

Zu mir kam Clairmont und sagte mir, er habe meine Koffer in ein Zimmer gebracht, das mit der Wohnung des jungen Cornelis in Verbindung stehe. Ich ging hin und sah auf den ersten Blick, daß man mich ohne Umstände wie einen Subalternen behandelte. Beinahe wäre mein Zorn ausgebrochen; wunderbarerweise aber beherrschte ich mich und sagte kein Wort.

Ich fragte nur Clairmont: »Wo ist Ihr Zimmer?«

»Oben unter dem Dach; ich muß es noch dazu mit einem von den beiden dicken Lümmeln teilen, die Sie gesehen haben.«

Mein braver Diener, der mich kannte, war sehr überrascht über die Ruhe, womit ich sagte: »Bringen Sie Ihre Koffer hinauf.«

»Soll ich die Ihrigen auspacken?«

»Nein, wir wollen morgen weiter sehen.«

Ich fuhr fort, meine Stimmung zu verbergen, und trat in das Zimmer des jungen Mannes, den man ohne Zweifel für meinen Herrn hielt und der vor Überraschung und Müdigkeit ein sehr dummes Gesicht machte. Er hörte der Frau Rancour zu, die ihm mit Behagen die glänzenden Verhältnisse seiner Mutter, der Madame Cornelis, schilderte: sie schwatzte von ihren großen Unternehmungen, ihrem unermeßlichen Kredit, von dem prachtvollen Hause, das sie hätte bauen lassen, von ihren dreiunddreißig Bedienten, ihren zwei Sekretären, ihren sechs Pferden, ihrem Landhause usw.

»Wie geht es meiner Schwester Sophie?« fragte der Junge.

»Heißt sie Sophie? Man nennt sie hier nur Miß Cornelis. Sie ist eine Schönheit, ein wahres Wunder: sie spielt mehrere Instrumente vom Blatt, tanzt wie Terpsichore, spricht englisch, französisch und italienisch mit gleicher Fertigkeit; mit einem Wort, sie ist ein wahres Wunder! Sie hat ihre Erzieherin und ihre Kammerfrau. Schade, daß sie ein wenig klein für ihr Alter ist; denn sie ist schon acht Jahre alt.«

Sie war zehn Jahre alt; da aber die Dame Rancour ihre Geschichten erzählte, ohne mich eines einzigen Blickes zu würdigen, so behielt ich meine Bemerkung für mich.

Junker Cornelis, der ein großes Bedürfnis nach Ruhe fühlte, tat die Frage, wann zu Abend gegessen werde.

»Um zehn Uhr, früher nicht,« sagte die Duenna; »denn vorher ist Madame Cornelis niemals frei. Sie ist stets mit ihrem Advokaten beschäftigt, wegen eines großen Prozesses, den sie gegen Sir Frederik Fermer führt.«

Ich merkte, daß ich durch das Geschwätz der Dame Rancour nicht viel Neues erfahren würde, wenn ich sie nicht besonders befragte; darum nahm ich meinen Hut und Stock und machte aufs geradewohl einen Spaziergang in der Riesenstadt. Ich achtete nur darauf, die Richtung nicht zu verlieren.

Es war sieben Uhr; eine Viertelstunde später trat ich in ein Kaffeehaus ein, worin ich viele Menschen sitzen sah. Es war das verrufenste Kaffeehaus von ganz London, der Sammelpunkt für die Hefe des italienischen Gesindels, das über den Kanal kam. Man hatte mich in Lyon darauf aufmerksam gemacht, und ich hatte mir fest vorgenommen, es niemals zu betreten. Der Zufall, der fast immer uns nach links führt, wenn wir nach rechts wollen, spielte mir ganz ohne mein eigenes Zutun diesen üblen Streich. Ich bin nicht wieder hingegangen. Nachdem ich mich abseits gesetzt und eine Limonade bestellt hatte, nahm ein Unbekannter neben mir Platz, um sich das Licht zunutze zu machen und eine Schrift zu lesen, die, wie ich bemerkte, in italienischer Sprache gedruckt war. Er strich mittels eines Bleistiftes gewisse Buchstaben aus und setzte die Verbesserung an den Rand; ich hielt ihn infolgedessen für einen Schriftsteller. Indem ich ihn in mäßiger Neugier bei seiner Beschäftigung beobachtete, sah ich, daß er das Wort ancora verbesserte, indem er ein h an den Rand schrieb, wie wenn er eine anchora drucken lassen wollte. Diese Barbarei ärgerte mich, und ich sagte zu ihm, seit vierhundert Jahren schreibe man ancora ohne h.

»Zugegeben; aber ich zitiere Boccacio, und bei Zitaten muß man genau sein.«

»Ich bitte Sie um Verzeihung, mein Herr; Sie sind, wie ich sehe, Gelehrter.«

»Von der ganz kleinen Sorte. Ich heiße Martinelli.«

»Dann sind Sie von der großen und nicht von der kleinen Sorte. Ich kenne Sie dem Rufe nach; wenn ich mich nicht irre, sind Sie ein Verwandter von Casalbigi, der mir von Ihnen gesprochen hat. Ich habe einige von Ihren Satiren gelesen.«

»Dürfte ich mir die Frage erlauben, mit wem ich die Ehre habe, zu sprechen?«

»Ich heiße Seingalt. Sind Sie mit Ihrer Ausgabe des Decamerone fertig?«

»Ich arbeite noch daran und suche die Zahl meiner Subskribenten zu vermehren.«

»Wenn Sie mich haben wollen, bitte ich Sie, mich unter diese Zahl aufzunehmen.«

»Sie erweisen mir eine Ehre.«

Er gab mir meinen Schein, und da ich sah, daß es sich nur um eine Guinee handelte, so nahm ich ihm vier Exemplare ab. Hierauf erhob ich mich, um mich zu entfernen, und sagte ihm, ich hoffe ihn in demselben Kaffeehaus wiederzusehen, indem ich zugleich nach dessen Namen fragte. Erstaunt, daß ich diesen nicht wußte, sagte er ihn mir. Er wunderte sich jedoch nicht mehr, als ich ihm sagte, ich sei zum erstenmal in London und zwar seit einer Stunde.

»Sie werden in Verlegenheit sein, Ihren Heimweg zu finden,« sagte er zu mir; »gestatten Sie mir, Sie zu begleiten.«

Draußen sagte er mir, der Zufall habe mich in das verrufenste Kaffeehaus von ganz London, das Café d’Orange, geführt.

»Aber Sie gehen ja dorthin.«

»Ich kann ruhig hingehen, denn für mich gilt Juvenals Vers:

Cantabit vacuus coram latrone viator.

Bei mir haben die Schnapphähne nichts zu suchen. Ich kenne sie, sie kennen mich; wir sprechen niemals ein Wort miteinander.«

»Sie sind gewiß schon lange in London?«

»Fünf Jahre.«

»Haben Sie hier viele Bekanntschaften?«

»Ja; ich mache jedoch nur dem Lord Spencer den Hof. Ich beschäftige mich mit Literatur, lebe für mich allein, verdiene wenig, weiß aber damit auszukommen. Ich wohne in einem möblierten Zimmer, besitze zwölf Hemden und die Kleider, die Sie auf meinem Leibe sehen. Und so fühle ich mich glücklich. Nec ultra deos lacesso. – Ich reize die Götter nicht.«

Dieser Landsmann, der das reinste Toskanisch sprach, gefiel mir besonders durch die offenbare Rechtschaffenheit, die aus dem Ton aller seiner Worte drang.

Unterwegs fragte ich ihn, wie ich es wohl anfangen müßte, um eine gute Wohnung zu bekommen. Nachdem ich ihm gesagt hatte, wie ich eingerichtet sein, wie ich leben und wie lange ich mich in London aufhalten wollte, riet er mir, ein ganzes Haus zu nehmen, das von der Küche bis zum Schlafzimmer und Speisesaal völlig eingerichtet wäre. »Man wird Ihnen ein Verzeichnis aller Einrichtungsgegenstände geben, und sobald Sie einen Bürgen stellen, sind Sie vollkommen Ihr eigener Herr, ansässig wie ein Engländer und nur den Gesetzen Untertan.«

»Was Sie mir da vorschlagen, ist sehr nach meinem Geschmack; aber weisen Sie mir bitte ein Haus dieser Art nach.«

»Das werden wir bald haben.«

Er trat in einen Laden ein, bat die Besitzerin, ihm den Advertiser zu leihen, schrieb sich einige Adressen daraus auf und sagte zu mir: »Da haben wir schon, was Sie brauchen.«

Das nächste von den angezeigten Häusern lag in Pall Mall; wir gingen dorthin. Eine alte Frau öffnete uns die Tür und zeigte uns das Erdgeschoß und die Stockwerke; jedes Stockwert hatte zwei Vorderzimmer, dazu eine Kammer, was in London selbstverständlich ist; in jedem Stockwerk waren zwei Betten. Im ganzen Hause glänzte alles vor Sauberkeit: Wäsche, Möbel, Teppiche, Spiegel, Porzellan, überhaupt alles, auch die Klingelzüge und Türschlösser nicht ausgenommen. Ein großer Schrank enthielt alle notwendige Wäsche; in einem anderen befanden sich das Silberzeug und mehrere vollständige Tischausrüstungen von Porzellan und Steinzeug. Die Küche war reichlich mit Geschirr versehen, das sich im besten Zustande befand und blitzblank geputzt war. Mit einem Wort, es fehlte in dem Hause nichts, was zum Komfort einer reichen Familie gehört. Der Preis betrug zwanzig Guineen für die Woche, und ohne zu feilschen, was in London ziemlich überflüssig ist, sagte ich Herrn Martinelli, ich wolle das Haus augenblicklich mieten, um es beziehen zu können, sobald es mir passe.

Mein Landsmann übersetzte der alten Frau meine Worte und sie ließ mir sagen, wenn ich sie als Housekeeper behalten wolle, brauche ich keine Kaution zu stellen, und es genüge, wenn ich jede Woche vorausbezahle. Ich ließ ihr antworten, ich würde sie unter der Bedingung behalten, daß sie eine von mir bezahlte Magd annähme, die vollständig unter ihren Befehlen stehen würde, aber außer englisch entweder französisch oder italienisch können müßte. Sie versprach mir, ich solle die gewünschte Magd schon am nächsten Tage haben, und ich bezahlte sofort für vier Wochen voraus. Sie gab mir eine Quittung auf den Namen des Chevalier de Seingalt; einen anderen habe ich in London nicht geführt.

So war ich also in weniger als zwei Stunden in einer Stadt, die man ein Chaos nennt, und die es auch besonders für einen Fremden ist, nach Wunsch untergebracht. Aber in London ist alles leicht für einen, der Geld hat und sich nicht vor Ausgaben scheut. Ich war entzückt, daß ich sofort imstande war, ein Haus zu meiden, wo man mich so schlecht empfangen hatte, während ich doch mit Recht hätte hoffen dürfen, daß man mich aufs beste aufnehmen würde. Ebensosehr freute ich mich des Zufalls, der mir die Bekanntschaft Martinellis verschafft hatte, von dem ich schon seit sechs Jahren die allerbeste Meinung hatte.

Als ich wieder in das Haus der Madame Cornelis kam, wartete man noch auf sie, obgleich es schon nach zehn Uhr war; ihr Herr Sohn schlief auf seinem Kanapee. In meinem Ärger auf diese Frau erwartete ich ihre Ankunft mit Ungeduld, doch war ich entschlossen, mir meinen Verdruß nicht anmerken zu lassen.

Bald verkündeten drei laute Schläge des Türklopfers die Herrin. Dame Cornelis war in einer Sänfte angekommen, und ich hörte sie geräuschvoll die Treppe hinaufsteigen. Sie trat ein und zeigte sich erfreut, mich zu sehen, kam mir aber nicht näher und umarmte mich nicht, wie ich doch hätte erwarten dürfen. Sie stürzte auf ihren Sohn zu – was gewiß sehr begreiflich war – nahm ihn auf ihren Schoß und bedeckte ihn mit Küssen; aber das schlaftrunkene Kind erwiderte ihre Liebkosungen nur kalt.

Ich sagte zu ihr: »Er ist, ebenso wie ich, sehr ermüdet; in Anbetracht unserer Ruhebedürftigkeit haben Sie uns recht lange warten lassen.«

Ob sie mir antworten wollte oder was sie mir antworten wollte, weiß ich nicht, denn in diesem Augenblick meldete der Diener, daß angerichtet sei. Sie stand auf und erwies mir die Ehre, sich an meinen Arm zu hängen und mit mir in einen Saal zu gehen, den ich bis dahin nicht bemerkt hatte. Es waren vier Gedecke aufgelegt, sie befahl jedoch, das vierte fortzunehmen. Neugierig fragte ich sie: »Für wen war dieses bestimmt?«

»Für meine Tochter; ich habe sie aber zu Hause gelassen; denn sobald sie erfuhr, daß Sie mit ihrem Bruder angekommen seien, hat sie gefragt, ob es Ihnen gut gehe.«

»Und darum haben Sie sie bestraft?«

»Selbstverständlich! Denn mir scheint, sie hätte sich zuerst nach dem Befinden ihres Bruders erkundigen müssen und dann erst nach dem Ihrigen. Finden Sie nicht, daß ich recht habe?«

»Arme Sophie, sie tut mir leid. Ihr Herz fühlt die Dankbarkeit tiefer als die Macht des Blutes.«

»Es handelt sich hier nicht um Gefühle, sondern darum, daß man junge Leute daran gewöhnen muß, so zu denken, wie es sich gehört.«

»Wie es sich gehört und wie es sich gehören sollte, ist manchmal zweierlei.«

Die Cornelis sagte ihrem Sohn, sie arbeite, damit er nach ihrem Tode ein reicher Mann sei, und sie habe mich veranlaßt, ihn zu ihr zurückzubringen, weil er schon alt genug sei, ihr zu helfen und an den Arbeiten in dem von ihr geleiteten Hause teilzunehmen.

»Und was sind das für Arbeiten, an denen ich teilnehmen soll, liebe Mama?«

»Ich gebe jährlich zwölf Soupers und zwölf Bälle für den Adel und ebensoviele für die bürgerliche Gesellschaft, zu zwei Guineen für die Person, und ich habe oft fünf- bis sechshundert Gäste. Die Ausgaben sind ungeheuer, und da ich allein bin, ist es unvermeidlich, daß ich bestohlen werde, denn ich kann nicht überall zu gleicher Zeit sein. Da du jetzt hier bist, so kannst du alles überwachen, mein lieber Sohn, kannst alles unter Verschluß halten, kannst schreiben, die Kasse führen, Zahlungen machen, die bezahlten Eintrittskarten entgegennehmen und dich in den Sälen bewegen, um zu sehen, ob jedermann gut bedient wird. Mit einem Wort, du wirst den Herrn machen.«

»Und Sie glauben, liebe Mama, daß ich imstande sein werde, das alles zu machen?«

»Ja; denn du wirst es lernen.«

»Das scheint mir recht schwierig zu sein.«

»Einer meiner Sekretäre wird hier bei dir wohnen und dich in allem unterrichten. Ein Jahr lang wirst du weiter nichts tun, als englisch lernen und an den Gesellschaftsabenden erscheinen, damit ich dich mit allen vornehmen Herrschaften Londons bekannt machen kann; so wirst du nach und nach Engländer werden.«

»Ich möchte aber lieber Franzose bleiben.«

»Vorurteil, liebes Kind! Du wirst dieses ablegen, und alle Welt wird vom Mister Cornelis sprechen.«

»Cornelis?«

»Ja; das ist dein Name.«

»Komisch.«

»Ich werde ihn dir aufschreiben, damit du ihn nicht vergißt.«

Die Cornelis schien zu glauben, daß ihr Sohn scherze; sie sah mich ein wenig überrascht an und sagte dann zu ihm, er könne zu Bett gehen. Dies tat er augenblicklich. Als wir allein waren, sagte sie zu mir: »Mein Sohn scheint mir schlecht erzogen und für sein Alter zu klein zu sein. Ich fürchte sehr, wir müssen ein wenig zu spät anfangen, ihm eine andere Erziehung zu geben. Was hat er in den sechs Jahren gelernt?«

»Er hätte viel lernen können, denn er ist im ersten Pensionat von Paris gewesen; aber er hat nur gelernt, was er wollte, und das war sehr wenig: die Flöte spielen, reiten, fechten, gut Menuett tanzen, jeden Tag die Wäsche wechseln, höflich antworten, sich gefällig benehmen, hübsch über Nichtigkeiten plaudern und sich elegant anziehen. Das ist alles, was er versteht; da er niemals Lust hatte, sich Mühe zu geben, hat er keinen Schimmer von den schönen Wissenschaften; er kann kaum schreiben, hat von Rechtschreibung keine Ahnung, weiß nichts von den vier Arten des Rechnens und macht sich sehr wenig daraus, zu wissen, daß England eine Insel ist, die zu Europa gehört.«

»Da sind ja die sechs Jahre gut angewandt!«

»Oder verloren, wie Sie wollen. Aber er wird noch viele Jahre mehr verlieren.«

»Meine Tochter wird sich über ihn lustig machen. Aber die ist ja auch von mir erzogen worden. Er wird sich schämen, wenn er sieht, welche Kenntnisse sie mit ihren acht Jahren hat.«

»Das wird er niemals sehen, wenn anders ich rechnen kann. Denn sie ist zehn Jahre alt.«

»Das muß ich besser wissen. Sie hat Geographie, Geschichte, Sprachen und Musik gelernt; sie weiß sich geistreich zu unterhalten und benimmt sich mit einer Vernunft, die weit über ihr Alter hinausgeht. Alle Damen reißen sich um sie. Ich lasse sie den ganzen Tag in eine Zeichenschule gehen; denn sie hat für das Zeichnen eine hervorragende Anlage; erst abends kommt sie nach Hause. Sonntags ißt sie bei mir, und wenn Sie mir das Vergnügen machen sollten, nächsten Sonntag bei mir zu speisen, so werden Sie sehen, daß ich nicht übertreibe.«

Wir hatten Montag. Ich erhob keine Einwendungen, aber ich fand es eigentümlich, daß sie mich anscheinend nicht für ungeduldig hielt, meine Tochter zu sehen, und daß sie mich nicht einlud, schon am nächsten Abend bei ihr zu essen, um mir dies Vergnügen zu bereiten.

»Sie sind«, fuhr sie fort, »gerade noch zur rechten Zeit gekommen, um das letzte Fest zu sehen, das ich dieses Jahr dem Adel gebe, der in zwei oder drei Wochen die Stadt verlassen wird, um den Sommer auf dem Lande zu verbringen. Ich kann Ihnen keine Eintrittskarte geben, denn diese sind nur für Adelige bestimmt: Sie können aber trotzdem kommen, indem Sie mich als mein Freund begleiten; so werden Sie alles sehen. Wenn man mich nach Ihnen fragt, werde ich sagen, Sie haben sich in Paris meines Sohnes angenommen und ihn mir nach London gebracht.«

»Sie erweisen mir zu viel Ehre.«

Wir plauderten noch bis zwei Uhr morgens, und sie erzählte mir auf das ausführlichste den Prozeß, den sie mit dem Herrn Fermer hatte. Er behauptete, das von ihr gebaute Haus, das zehntausend Guineen gekostet hatte, gehöre ihm, weil er ihr das Geld dazu gegeben habe. Tatsächlich hatte er recht; nach dem englischen Gesetz aber hatte er unrecht, weil sie Materialien, Arbeiter und Baumeister bezahlt hatte: sie hatte die Quittungen auf ihren eigenen Namen ausgestellt und empfangen. Das Haus gehörte also ihr, und dies gab Fermer auch zu; aber er behauptete, er habe ihr die Mittel gegeben, und dies war der heikle Punkt des ganzen Rechtsstreites; denn sie forderte ihn heraus, eine einzige Quittung von ihr vorzuzeigen.

»Allerdings,« sagte die rechtschaffene Frau, »haben Sie mir mehr als einmal eine Summe von tausend Guineen gegeben; aber das waren freigebige Geschenke eines Freundes, und eine solche Freigebigkeit eines reichen Engländers ist nichts überraschendes, denn wir liebten uns ja und lebten zusammen.«

Dieser Prozeß, den die Cornelis im Laufe von zwei Jahren viermal gewonnen hatte, und den Fermer auf Grund der englischen Prozeßordnung immer wieder erneuerte, kostete der Dame bereits sehr viel Geld; im gegenwärtigen Augenblick handelte es sich um die Berufung letzter Instanz, aber bis zur Entscheidung konnten noch fünfzehn Jahre vergehen.

»Dieser Prozeß«, sagte die ehrliche Cornelis zu mir, »entehrt Fermer.«

»Das leuchtet mir ein; aber Sie glauben doch nicht, daß es für Sie eine Ehre ist?«

»O doch! Davon bin ich sogar fest überzeugt.«

»Das kann ich allerdings kaum begreifen.«

»Ich werde es Ihnen auseinandersetzen.«

»Wir wollen ein anderes Mal davon sprechen.«

In diesem dreistündigen Gespräch fragte die Frau mich nicht ein einzigesmal, ob es mir gut gehe, ob ich nach meinem Wunsch untergebracht sei, ob ich mich einige Zeit in London aufzuhalten gedenke, ob ich mit meinen Vermögensverhältnissen zufrieden sei. Mit einem Wort, von mir sprach sie überhaupt nicht, sondern sagte mir nur lachend und ganz unangebrachterweise, aber nicht ohne Absicht: sie habe niemals einen Heller! Sie hatte eine Einnahme von mehr als achtzigtausend Pfund Sterling im Jahre; aber ihre Ausgaben waren ungeheuer, und sie hatte Schulden.

Ich rächte mich für ihre Gleichgültigkeit, indem ich ihr nichts von meinen Verhältnissen sagte; übrigens war ich sauber, aber einfach gekleidet und trug an diesem Tage keine Diamanten oder sonstige Wertsachen an mir.

Etwas verletzt, aber nicht ärgerlich, ging ich zu Bett; denn im Grunde war es mir recht lieb, ihr schlechtes Herz entdeckt zu haben. Daher beschloß ich, trotz der Ungeduld, womit ich mich danach sehnte, meine Tochter zu sehen, doch nichts zu tun, um mir diese Freude vor dem nächsten Sonntag zu verschaffen.

Früh am andern Morgen befahl ich Clairmont, mein ganzes Gepäck auf einen Wagen zu laden. Als alles fertig war, ging ich zum jungen Cornelis, der noch im Bett lag, sagte ihm, daß ich in Pall Mall wohnte, und gab ihm meine Adresse.

»Wie? Sie bleiben nicht mehr bei mir?«

»Nein; denn deine Mutter hat vergessen, mich anständig zu empfangen und unterzubringen.«

»Sie haben vollkommen recht. Ich will nach Paris zurück!«

»Hüte dich ja, eine solche Dummheit zu machen! Bedenke, daß du hier zu Hause bist und daß du in Paris vielleicht keine Unterkunft mehr finden würdest. Leb wohl; Sonntag werde ich dich wiedersehen.«

Bald war ich in meinem neuen Hause eingerichtet. Ich ging aus, um dem venetianischen Geschäftsträger, Herrn Zuccata, meine Aufwartung zu machen. Ich gab ihm den Brief des Herrn von Morosini; er las ihn und sagte mir kalt, es freue ihn, meine Bekanntschaft zu machen. Als ich ihn bat, mich bei Hof vorzustellen, antwortete der unverschämte Dummkopf nur mit einem Lächeln, worin ich einen Ausdruck von Verachtung hätte finden können, wenn ich mir nur ein kleines bißchen Mühe gegeben hätte. Es war von seiner Seite aristokratischer Hochmut; ich vergalt Stolz mit Stolz, machte ihm eine kalte Verbeugung und entfernte mich, um seine Schwelle niemals wieder zu überschreiten.

Von Zuccata begab ich mich zu Lord Egremont; da ich ihn krank fand, gab ich den Brief ab, den ich für ihn hatte. Einige Tage darauf starb der Lord, und so nützten die beiden Briefe des Herrn von Morosini mir gar nichts; daran war allerdings dieser Herr nicht schuld. Wir werden sehen, welchen Erfolg sein kleines Briefchen hatte.

Ich begab mich hierauf mit einem Brief des Marquis de Chauvelin zum französischen Botschafter, dem Grafen Guerchy, der mich sehr freundlich empfing. Der Herr lud mich für den nächsten Tag zum Mittag ein und sagte mir, er würde mich auf meinen Wunsch am nächsten Sonntag nach dem Gottesdienst bei Hofe vorstellen. An der Tafel des Botschafters lernte ich den Gesandtschaftssekretär Chevalier d’Eon kennen, der später ganz Europa von sich reden machte. Dieser Chevalier d’Eon war eine schöne Frau, die vor ihrem Eintritt in den diplomatischen Dienst Advokat und Dragonerrittmeister gewesen war; sie diente Ludwig dem Fünfzehnten als tapferer Soldat und als geschickter Unterhändler. Trotz ihrem diplomatischen Geist und ihren männlichen Manieren brauchte ich keine Viertelstunde, um in ihr eine Frau zu erkennen; denn ihre Stimme klang für eine Kastratenstimme zu hell, und ihre Formen waren zu rund für einen Mann. Von dem vollständigen Mangel des Bartes will ich nichts sagen, denn dieser Umstand kann zufällig auch bei einem Mann vorkommen, der im übrigen vollkommen männlich gebildet ist.

Gleich in den ersten Tagen stellte ich mich allen Bankiers vor, bei denen ich im ganzen mindestens dreihunderttausend Franken gut hatte. Alle erkannten die Wechsel an, die ich ihnen vorlegte, und alle fanden sich durch die Briefe der Herrn Tourton & Baur veranlaßt, mir ihre ganz besonderen Dienste anzubieten. Ich habe keinen Gebrauch davon gemacht.

Da ich keinen Menschen kannte, besuchte ich die Theater von Covent-Garden und Drury-Lane; ich fand dort aber wenig Unterhaltung, weil ich kein Wort englisch verstand. Ich aß in allen Speisehäusern von gutem und schlechtem Ton, um mich an die Gebräuche dieser so großen und so kleinen Insulaner zu gewöhnen. Vormittags ging ich auf die Börse, wo ich einige Bekanntschaften machte. Ein Kaufmann, an den ich mich gewandt hatte, verschaffte mir einen Neger, der englisch, französisch und italienisch sprach und für dessen Treue er mir bürgte. Derselbe Kaufmann verschaffte mir auch einen französisch sprechenden, sehr guten englischen Koch, der mit seiner ganzen Familie in meine Dienste trat. Gleich in der ersten Woche lernte ich auch die feinen Badehäuser kennen, wo ein reicher Mann mit einer Vettel von gutem Ton, deren es in London nicht wenige gibt, baden, soupieren und schlafen kann. Man verschafft sich eine herrliche Orgie, die nur sechs Guineen kostet. Mit Sparsamkeit kann man die Ausgabe um ein Drittel ermäßigen; aber Sparsamkeit, die das Vergnügen verdirbt, war nicht meine Sache.

Am Sonntag legte ich eine elegante und reiche Kleidung an und ging gegen elf Uhr zu Hofe, wo ich unserer Verabredung gemäß den Grafen Guerchy traf. Er stellte mich Georg dem Dritten vor; dieser sagte etwas zu mir, aber er sprach so leise, daß ich ihn nicht verstand und nur durch eine Verbeugung antworten konnte. Die Königin machte dies wieder gut, und ich sah zu meinem Entzücken unter den Kavalieren, die sich um sie bemühten, auch den dummen Vertreter meiner teueren Heimatsrepublik. Als Herr von Guerchy mich als Chevalier de Seingalt vorstellte, machte Zuccata ein sehr erstauntes Gesicht; denn der Procuratore Morosini hatte mich in seinem Brief nur mit dem Namen Casanova bezeichnet. Die Königin fragte mich, aus welcher Gegend von Frankreich ich sei: als ich ihr antwortete, ich sei Venetianer, sah sie den Geschäftsträger von Venedig an, der durch eine Verbeugung bestätigte, daß er es nicht bestreiten könne. Ihre Majestät fragte mich hierauf, ob ich die Gesandten kenne, die dem König die Glückwünsche der Republik überbracht hätten. Ich antwortete ihr, ich wäre sehr genau mit ihnen bekannt und hätte in Lyon drei Tage lang sehr intim mit ihnen verkehrt; Herr von Morosini hätte mir Empfehlungsschreiben an Lord Egremont und an Herrn Zuccata übergeben.

»Ich habe sehr gelacht«, sagte die Königin, »als Herr von Querini mir sagte, ich sei ein kleiner Teufel.«

»Er hat sagen wollen, Madame, daß Euer Majestät geistreich sind wie ein Engel.«

Ich wünschte nichts sehnlicher, als daß die Königin mich fragen sollte, warum der venetianische Geschäftsträger mich nicht vorgestellt hätte; denn mir lag eine Antwort auf der Zunge, die dem Signor Zuccata auf acht Tage den Schlaf geraubt haben würde. Um so besser würde ich geschlafen haben, denn die Rache, besonders an einem hochmütigen Dummkopf, ist ein Vergnügen der Götter. Die Unterhaltung bestand jedoch wie immer bei Hof aus lauter nichtssagenden Redensarten.

Nach der Vorstellung bei Hofe setzte ich mich wieder in meinen Traqstuhl, und meine beiden Zweifüßler trugen mich nach Soho- Square, zur Dame Cornelis, bei der ich zum Mittagessen eingeladen war. Ein Herr in Hoftracht kann es nicht wagen, zu Fuß sich in den Straßen von London sehen zu lassen, ohne sich der Gefahr auszusetzen, von gemeinem Pack mit Kot beworfen zu werden, und die Gentlemen würden ihm ins Gesicht lachen, wenn er sich darüber beklagen wollte. Man muß Gebräuche achten, wie sie sind, denn es gibt keinen Brauch, der nicht zu gleicher Zeit ehrwürdig und lächerlich wäre.

Man ließ mich und meinen Neger Jarbe in das Haus der Cornelis eintreten. Nachdem ich ein Dutzend große und schöne Zimmer durchschritten hatte, wurde ich in den Salon geführt, wo die Hausherrin nebst zwei englischen Damen und zwei englischen Herren sich aufhielt. Sie empfing mich mit der Höflichkeit vertrautester Freundschaft, wies mir einen Lehnstuhl an ihrer Seite an und setzte das Gespräch auf englisch fort, ohne meinen Namen zu nennen und ohne mir zu sagen, wer die Herrschaften waren. Als ihr Haushofmeister meldete, daß angerichtet sei, befahl sie, ihre Kinder herunterzurufen. Mein Herz wartete auf diesen Augenblick mit lebhafter Ungeduld. Sobald ich die kleine Sophie eintreten sah, eilte ich voll Rührung auf sie zu; aber ihre Mutter hatte sie abgerichtet: sie trat zurück, machte eine tiefe Verbeugung und sagte ein auswendig gelerntes Kompliment her. Um sie nicht in Verlegenheit zu bringen, war ich so bescheiden, nicht darauf zu antworten; aber mein Herz zog sich schmerzlich zusammen.

Hierauf stellte die Cornelis ihren Sohn vor und sagte der Gesellschaft, ich hätte ihn zu ihr nach London gebracht, nachdem ich sechs Jahre lang seine Erziehung überwacht hätte. Da sie diese Mitteilung auf französisch machte, bemerkte ich mit Vergnügen, daß alle Anwesenden diese Sprache verstanden.

Wir setzten uns zu Tisch; die Cornelis saß zwischen ihren beiden Kindern und ich ihr gegenüber zwischen den beiden Engländerinnen, von denen die eine, obgleich sie bereits, wie man zu sagen pflegt, in vernünftigen Jahren war, mir sofort wegen ihrer Liebenswürdigkeit und ihrer heiteren Laune gefiel. Ich vertiefte mich in ein Gespräch mit ihr, sobald ich bemerkte, daß die Dame des Hauses nur wie zufällig einmal das Wort an mich richtete und daß Sophie mich niemals ansah, obgleich sie ihre schönen Augen fortwährend wandern ließ. Sie sah mir so ähnlich, daß jeder Irrtum ausgeschlossen war. Offenbar benahm sie sich nur darum so sonderbar gegen mich, weil ihre Mutter ihr das befohlen hatte. Ich fand diese Komödie ebenso lächerlich wie unverschämt. Ich ärgerte mich, daß ich mich hierüber verdrießlich fühlte, und da ich mir dies nicht merken lassen wollte, so führte ich ein scherzhaftes Gespräch über meine Beobachtungen englischer Gebräuche herbei, doch vermied ich sorgfältig jede Kritik, da eine solche stets den Nationalstolz verletzt, wenn ein Ausländer sie übt. Ich wollte die Gesellschaft nur zum Lachen bringen und mich ihr angenehm machen. Dies gelang mir. Ich vergaß aber dabei meine Rache nicht und redete die Cornelis nicht ein einzigesmal an. Ich sah sie überhaupt nicht.

Meine Nachbarin bewunderte die Schönheit meiner Spitzen und fragte mich dann, was es bei Hofe Neues gäbe.

»Mir war alles neu, meine Gnädige, denn ich habe heute den Hof zum ersten Mal gesehen.«

»Haben Sie den König gesehen?« fragte Sir Joseph Cornelis mich.

»Mein Sohn,« sagte seine Mutter zu ihm, »man stellt niemals solche Fragen.«

»Warum nicht, liebe Mutter?«

»Weil die Frage möglicherweise dem Herrn nicht gefällt.«

»Sie ist im Gegenteil sehr nach meinem Geschmack, Madame. Vor sechs Jahren habe ich Ihrem Sohn die Lehre gegeben, daß er stets fragen solle; denn das sei das beste Mittel, etwas zu lernen. Wer nicht fragt, bleibt immer unwissend.«

Ich hatte ins Schwarze getroffen; die Cornelis schmollte und sagte kein Wort mehr.

»Mit alledem«, fing der Kleine wieder an, »haben Sie mir noch nicht gesagt, ob Sie den König gesehen haben.«

»Ja, mein Freund, ich habe den König und die Königin gesehen, und Ihre Majestäten haben mir die Ehre erwiesen, mit mir zu sprechen.«

»Wer hat Sie vorgestellt?«

»Der französische Botschafter.«

»Das ist ja recht schön und gut,« rief die Mutter, »aber Sie werden mir zugeben, daß diese letzte Frage zu weit geht.«

»Wenn sie an einen Fremden gerichtet wäre, würde sie allerdings zu weit gehen; aber nicht mir gegenüber, da ich sein Freund bin. Wie Sie sehen, macht das, was ich ihm antworten mußte, mir Ehre. Wenn ich nicht die Absicht gehabt hätte, Sie ausdrücklich wissen zu lassen, daß ich bei Hofe gewesen bin, wäre ich nicht in solchem Kostüm zu Ihnen gekommen.«

»Das mag ja sein; da Sie aber nun einmal solche Fragen lieben, so will ich Sie jetzt fragen, warum Sie sich durch den französischen Botschafter und nicht durch den Vertreter der Republik Venedig haben vorstellen lassen?«

»Weil der venetianische Gesandte das nicht wollte. Und er hatte recht, denn er weiß, daß ich mit seiner Regierung auf gespanntem Fuße stehe.«

Wir waren schon beim Nachtisch, und die arme Sophie hatte noch kein Wort gesagt.

»Mein Kind,« sagte ihre Mutter zu ihr, »sage doch Herrn von Seingalt etwas.«

»Ich weiß nicht was, liebe Mama. Fordern Sie doch, bitte, Herrn von Seingalt auf, mit mir zu sprechen; ich werde ihm dann antworten, so gut ich kann.«

»Nun, meine liebe Sophie, so sage mir doch, mit welchen Studien du dich gegenwärtig beschäftigst.«

»Mit Zeichnen; wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen Arbeiten von mir.«

»Ich werde alles mit großem Vergnügen sehen; aber sage mir doch bitte, inwiefern du mich beleidigt zu haben glaubst; du machst ja ein ganz schuldbewußtes Gesicht.«

»Ich, mein Herr? Ich glaube wirklich. Ihnen nichts getan zu haben.«

»Das glaube ich auch, mein schönes Kind; aber du sprichst ja immer, ohne mich anzusehen, und da dachte ich, du schämtest dich vor mir. Schämst du dich etwa, daß du so schöne Augen hast? Du wirst rot! Was könntest du denn sonst begangen haben?«

»Sie bringen sie in Verlegenheit!« sagte ihre Mutter zu mir. – »Antworte ihm, meine Liebe, du habest dir durchaus nichts vorzuwerfen, aber du sehest aus lauter Achtung und Bescheidenheit die Personen nicht an, mit denen du sprichst.«

Hierauf entgegnete ich: »Aber wenn ein junges Mädchen aus Bescheidenheit die Augen niederschlägt, so gebietet es die Höflichkeit, daß es sie auch aufschlägt, wenn sie mit jemandem spricht.«

Niemand antwortete auf meinen Einwand, der eine Abfertigung der pedantischen Cornelis war. Nach einem kurzen Schweigen standen alle von Tisch auf, und die Kleine holte ihre Zeichnungen, um sie mir vorzulegen.

»Ich will nichts sehen, Sophie, wenn du mich nicht anblicken willst.«

»Nun, so sieh doch den Herrn an!« rief die Mutter.

Blitzschnell gehorchte das Kind ihr, und ich sah die allerschönsten Augen.

»Ei, jetzt erkenne ich dich, meine liebe Sophie! Und erinnerst auch du dich, daß du mich schon einmal gesehen hast?«

»Ja, mein Herr! Obgleich es schon sechs Jahre her sind, habe ich Sie auf den ersten Blick erkannt!«

»Wie ist das möglich, du hast mich ja gar nicht angesehen! Wenn du wüßtest, mein kleiner Engel, wie unhöflich es ist, eine Person, mit der man spricht, nicht anzusehen! Wer kann dir nur einen so falschen Grundsatz eingeflößt haben?«

Die Kleine blickte auf ihre Mutter, die inzwischen an ein Fenster getreten war, und ihr Blick sagte mir, von wem sie die Lehre hatte.

Ich sah, daß die Engländer vollkommen Bescheid wußten, und diese Rache genügte mir. Ich begann nun, mir ihre Zeichnungen anzusehen, sie wegen jeder einzelnen Schönheit zu loben und ihr Talent zu preisen. Ich wünschte ihr Glück, daß sie eine Mutter habe, die ihr eine so schöne Erziehung geben lasse. Dieses mittelbare Lob machte die Mutter ganz stolz. Meine kleine Sophie war überglücklich, daß sie sich keinen Zwang mehr anzutun brauchte, und sah mich unaufhörlich mit einem Ausdruck kindlicher Zärtlichkeit an, der mich entzückte. Sie trug auf ihrem Antlitz alle Kennzeichen einer schönen Seele, und ich beklagte innerlich dieses Engelchen, daß es unter der Herrschaft einer so unvernünftigen Mutter leben mußte. Sophie setzte sich ans Klavier und spielte voll Gefühl. Hierauf nahm sie eine Gitarre zur Hand und sang mehrere italienische Lieder mit einem Geschmack, der zu reif für ihr Alter war: sie bekundete damit eine Frühreife des Gefühls, das eine bessere Leitung erforderte, als die einer Cornelis.

Nachdem sie gesungen und den Beifall der ganzen Gesellschaft erhalten hatte, verlangte ihre Mutter von ihr, daß sie mit ihrem Bruder ein Menuett tanzen sollte. Er hatte es in Paris gelernt, aber er tanzte sehr schlecht, weil er keine Haltung hatte. Nachdem seine Schwester ihm das letzte Kompliment gemacht hatte, gab sie ihm einen Kuß, gleichsam als Balsam für eine Verletzung, die sie ihm zufügte: sie bat mich nämlich, mit ihr zu tanzen. Ich tat dies, ohne mich bitten zu lassen. Ihre Mutter fand mit Recht, sie habe entzückend getanzt, und sagte zu ihr, sie müsse mir erlauben, sie zu umarmen. Sie sprang auf mich zu; ich setzte sie auf meinen Schoß und bedeckte sie mit Küssen, die dadurch unbeschreiblich süß wurden, daß sie sie mir mit der innigsten Zärtlichkeit zurückgab. Ihre Mutter war guter Laune geworden und lachte aus aufrichtigem Herzen. Trotzdem verließ Sophie mich, wie wenn sie plötzlich sich einer Schuld bewußt worden wäre, lief zu ihrer Mutter und fragte diese, ob sie böse sei. Ein Kuß versicherte sie des Gegenteils. Nach dem Essen und dem Kaffee, der nach französischer Art gereicht wurde, zeigte die Cornelis mir einen prachtvollen Saal, den sie hatte bauen lassen. Es konnten darin gleichzeitig vierhundert Personen an einer einzigen, ungeheueren Tafel in Hufeisenform speisen. Sie sagte mir – und ich glaubte es ihr gerne – es gäbe in der ganzen riesigen Stadt London nicht einen zweiten Saal in solcher Ausdehnung.

Das letzte Fest vor dem Schluß des Parlaments sollte in vier oder fünf Tagen stattfinden. Sie hatte in ihrem Dienste etwa zwanzig Mädchen, die alle ziemlich hübsch waren, und ein Dutzend Lakaien in großer Livree.

»Dies ganze Pack bestiehlt mich,« sagte sie zu mir, »aber ich muß die Leute haben. Ich brauche einen klugen und tatkräftigen Mann, der mit mir zusammen die Aufsicht führt und mir ergeben wäre; hätte ich einen solchen, so wäre ich gewiß, in wenigen Jahren ein glänzendes Vermögen zu erwerben; denn die Engländer können nicht rechnen, wenn es sich um Vergnügungen handelt.«

Ich wünschte ihr diesen Mann und dieses Glück und verabschiedete mich sodann von ihr, indem ich ihr meine Bewunderung ihres Mutes aussprach.

Ich ließ mich darauf von ihrem Hause nach dem St. James-Park tragen, um Lady Harrington zu besuchen, für die ich einen Brief hatte, wie ich bereits erwähnte. Die Dame wohnte im Hofbezirke, und es war deshalb jeden Sonntag bei ihr Gesellschaft. Es war erlaubt, in ihrem Hause zu spielen; denn der Park steht unter der königlichen Gerichtsbarkeit. Sonst darf in ganz England am Sonntag niemand zu spielen oder Musik zu machen wagen. Die zahlreichen Spione, die sich in den Straßen der Hauptstadt herumtreiben, horchen auf jedes Geräusch, das aus den Gesellschaftszimmern der Häuser dringt. Wenn sie annehmen können, daß in einem Hause gespielt oder gesungen wird, verstecken sie sich, so gut sie können. Sobald sie die Türe sich öffnen sehen, schlüpfen sie hinein und verhaften alle schlechten Christen, die es wagen, durch eine Unterhaltung, die in der ganzen übrigen Welt für unschuldig gilt, den Sabbath zu verletzen. Dafür kann aber der Engländer ungestraft den Tag Gottes in den Schenken feiern oder in den Freudenhäusern, von denen die Stadt wimmelt. 2H7 Lady Harrington ließ mich eintreten, sobald sie meinen Brief erhalten hatte. Ich fand sie von etwa dreißig Personen beiderlei Geschlechts umgeben, doch erkannte ich sie leicht, da sie mir zur Begrüßung entgegenging, sobald sie mich eintreten sah.

Nachdem ich ihr meine Verbeugung gemacht hatte, sagte sie mir, sie habe mich bei der Königin gesehen und sofort, ohne mich zu kennen, den Wunsch gehabt, mich auch in ihrem Hause zu sehen. Unsere Unterhaltung dauerte eine Viertelstunde und bestand nur aus nichtigen Redensarten und jenen müßigen Fragen, die man ohne besonderen Zweck an einen Reisenden richtet.

Die Dame war bereits vierzig Jahre alt, aber noch schön. Sie war in London berühmt wegen ihres Einflusses und wegen ihrer galanten Abenteuer. Sie stellte mich auch ihrem Gemahl und ihren reizenden, schon erwachsenen vier Töchtern vor. Sie fragte mich, warum ich zu einer Zeit nach London gekommen sei, wo alle Welt aufs Land gehe. Ich antwortete ihr, ich tue für gewöhnlich nur das, was gerade in dem Augenblick mir angebracht erscheine, und sei daher in Verlegenheit, wie ich ihre Frage beantworten solle; übrigens gedenke ich, in London ein Jahr zu verbringen, und aufgeschoben sei daher nicht aufgehoben.

Meine Antwort schien ihr zu gefallen, weil sie dem englischen Charakterzuge der Unabhängigkeit entsprach; sie erbot sich mit der größten Liebenswürdigkeit zu allen Diensten, die in ihrer Macht ständen, und fuhr dann fort: »Vor allen Dingen werden Sie damit beginnen, am Donnerstag den ganzen Adel bei Madame Cornelis am Soho-Square zu sehen. Ich kann Ihnen meine Eintrittskarte geben. Hier! Sie gilt für Ball und Abendessen; kostet zwei Guineen.«

Ich gab ihr das Geld, und sie nahm mir die Karte wieder ab, um darauf zu schreiben: Bezahlt, Harrington.

»Ist diese Formalität durchaus notwendig, Mylady?«

«Ja; sonst würde man Ihnen den Betrag an der Tür abverlangen.«

Ich hütete mich natürlich, ihr zu sagen, daß ich eben von Soho- Square kam.

Während Lady Harrington eine Whistpartie zusammenbrachte, fragte sie mich, ob ich Empfehlungsbriefe an Damen habe. Ich antwortete ihr: »Ich habe einen von eigentümlicher Art und gedenke ihn morgen zu überbringen. Dieser Brief besteht nur aus dem Porträt der betreffenden Person.«

»Haben Sie es bei sich?«

»Ja, Mylady.«

»Kann ich es sehen?«

»Sehr gerne. Hier!«

»Es ist die Herzogin von Northumberland. Kommen Sie, wir wollen es ihr geben.«

»Gern.«

»Aber warten Sie, bis die Dame den ›Robber‹ markiert hat.«

Lord Percy hatte mir dieses Porträt gegeben und mir gesagt, es würde mir als Empfehlungsbrief dienen, wenn ich es seiner Mutter überreichte.

»Liebe Herzogin,« sagte Lady Harrington zu ihr, »hier ist ein Empfehlungsbrief, den der Herr beauftragt ist, Ihnen zu überreichen.«

»Ach ja! Es ist der Herr von Seingalt. Mein Sohn hat es mir geschrieben. Ich bin entzückt, Sie zu sehen, Herr Chevalier, und ich hoffe, Sie werden zu mir kommen. Ich empfange dreimal wöchentlich.«

»Wollen Sie mir wohl gestatten, Mylady, Ihnen den kostbaren Brief in Ihrem Hause zu überreichen?«

»Gern; Sie haben recht.«

Ich nahm an einer Whistpartie teil, die um kleine Einsätze gespielt wurde, und verlor fünfzehn Guineen, die ich sofort in bar bezahlte. Lady Harrington nahm mich auf die Seite und benützte die Gelegenheit, mir eine Lehre zu geben, die es nach meiner Meinung verdient, hier mitgeteilt zu werden.

»Sie haben verloren«, sagte sie zu mir, »und haben in Gold bezahlt. Ich vermute, Sie haben keine Banknoten bei sich.«

»Verzeihung, Mylady, ich habe Banknoten zu fünfzig und zu hundert Pfund.«

»Sie hätten sie wechseln lassen oder mit dem Bezahlen bis zu einem anderen Tage warten müssen; denn in Gold oder in klingender Münze zu bezahlen, gilt bei uns als ein Verstoß, den man allerdings einem Fremden verzeiht, der unsere Bräuche nicht kennen kann. Aber lassen Sie das nicht wieder vorkommen. Sie haben wohl gesehen, daß die Dame lächelte.«

»Ja; wer ist sie?«

»Lady Coventry, Schwester der Herzogin von Hamilton.«

»Muß ich mich bei ihr entschuldigen?«

»O nein, durchaus nicht. Die Beleidigung ist nicht derart, daß sie einer Entschuldigung bedürfte. Übrigens konnte sie wohl überrascht sein, aber sich nicht beleidigt fühlen, denn sie gewinnt dabei fünfzehn Schillinge.«

Dieser kleine Schnitzer, der nur einem Provinzialen hätte passieren dürfen, ärgerte mich ein bißchen, weil diese Lady Coventry eine entzückend schöne pikante Brünette war. Ich tröstete mich jedoch nicht allzu schwer.

Ich lernte an diesem Tage auch Lord Hervey kennen, den Eroberer von Havana, einen liebenswürdigen und geistreichen Herrn. Er hatte Miß Chudleigh geheiratet, später aber die Heirat für ungültig erklären lassen. Diese berühmte Chudleigh war Hofdame der verwitweten Prinzessin von Wales und wurde später Herzogin von Kingston; da ihre seltsamen Abenteuer sehr bekannt sind, werde ich bei Gelegenheit noch von ihr sprechen.

Ziemlich befriedigt von meinem Tagewerk kam ich nach Hause. Am nächsten Tage aß ich zum ersten Male bei mir zu Hause; ich war mit meinem englischen Koch sehr zufrieden, denn außer den Lieblingsgerichten der Engländer, die er mir jeden Tag vorsetzte, wußte er auch die französischen Gerichte sehr gut zuzubereiten: Huhn, Kalbsfilet, Rippchen, allerlei Ragouts und vor allen Dingen die gute französische Suppe, die schon für sich allein zum Ruhme der Nation hinreichen würde, wenn das französische Volk sich nicht auf allen Gebieten rühmlich ausgezeichnet hätte. Leider werden diese rühmlichen Eigenschaften durch Fehler beeinträchtigt, die ihnen viel von ihrem Glanz nehmen.

Mein Haus und mein Tisch allein genügten nicht zu meinem Glück. Ich war allein, und die Natur hatte mich, wie meine Leser wissen, nicht zum Eremiten geschaffen. Ich hatte keine hübsche Geliebte und keinen fröhlichen Freund! Man kann in London wohl einen Herrn der guten Gesellschaft ins Speisehaus einladen; er bezahlt dann, so will es der Brauch, seinen eigenen Anteil. Aber man kann niemanden in sein Haus einladen. Eines Tages lud mich ein junger Bruder des Herzogs von Beaufort im St.-James-Park ein, mit ihm Austern zu essen und eine Flasche Champagner zu trinken. Ich nahm die Einladung an. Im Wirtshause bestellte er Austern und eine Flasche Champagner; wir tranken aber zwei, und er ließ mich von der zweiten die Hälfte bezahlen. So sind nun einmal die Sitten jenseits des Kanals! Man lachte mir ins Gesicht, wenn ich sagte, ich äße zu Hause, weil man in den Wirtshäusern keine Suppe bekäme. »Sind Sie denn krank?« fragte man mich. Suppe gibt es nämlich nur für Kranke. Der Engländer ißt hauptsächlich Fleisch; Brot ißt er fast gar nicht, und er behauptet, sparsam zu sein, weil er keine Ausgaben für Suppe und Nachtisch hat, – was mich zu dem Ausspruch veranlaßte, das englische Diner habe keinen Anfang und kein Ende. Suppe zu essen wird für eine große Verschwendung angesehen, weil nicht einmal die Dienstboten das Suppenfleisch würden essen wollen. Sie behaupten, mit dem Kochfleisch könne man nur die Hunde füttern. Allerdings ist das gesalzene Rindfleisch, das sie anstatt der Suppe essen, ganz ausgezeichnet. Anders ist es mit ihrem Bier; es war mir unmöglich, mich an dieses zu gewöhnen, denn es erschien mir unerträglich bitter. Übrigens fand ich es vielleicht nur deshalb so schlecht, weil mein Weinhändler mir ganz ausgezeichnete französische Weine lieferte. Sie waren sehr rein, aber auch sehr teuer.

Ich wohnte nun schon seit einer Woche in meinem hübschen Hause, und noch war Martinelli nicht bei mir gewesen. Erst am zweiten Montag besuchte er mich vormittags, und ich lud ihn zum Mittagessen ein. Er sagte mir, er gehe ins Museum, wo er bis zwei Uhr bleiben werde. Hierdurch bekam ich Lust, mir die berühmten Sammlungen anzusehen, die der englischen Nation so hohe Ehre machen. Ich lernte dort den Doktor Matti kennen, der mir später sehr nützlich wurde. Ich werde Näheres darüber sagen, sobald ich soweit bin.

Bei Tisch leistete Martinelli mir ausgezeichnete Gesellschaft, denn er war sehr gebildet und ein genauer Kenner der englischen Sitten, die ich durchaus kennen lernen mußte, wenn ich mich in dem Lande wohl fühlen sollte. Da mich noch die Unhöflichkeit wurmte, die ich begangen hatte, indem ich statt mit Papiergeld mit schönen Goldstücken bezahlt hatte, so belehrte er mich in sehr verständiger Weise über den Kredit der Nation, indem er mir nachwies, daß eine solche Auffassung ein sicheres Zeichen des allgemeinen Wohlstandes sei; denn indem die Engländer ihr Papier ihrem Golde vorziehen, bekunden sie damit, daß sie zu ihrer Bank volles Vertrauen haben. Dieses Vertrauen mag blind sein, aber es ist eine Quelle des Reichtums. Dieses Vertrauen kann allerdings zerstört werden, weil die Regierung die Möglichkeit, diesen nur in der Einbildung vorhandenen Reichtum auf leichte Weise zu vermehren, mißbrauchen kann. Sollte dieser Fall, was ja nicht unmöglich ist, jemals eintreten, entweder durch einen unglücklichen Krieg oder durch ein Ereignis anderer Art, so würde ein Staatsbankerott die unvermeidliche Folge sein, und wie es dann kommen würde, das vermag niemand zu sagen.

Nachdem wir lange über Politik, Literatur, Sitten und Gebräuche gesprochen hatten, lauter Gebiete, auf denen Martinelli heimisch war, gingen wir ins Drury-Lane-Theater, und dort erlebte ich ein Beispiel von den etwas rauhen Sitten dieser Inselbewohner. Da die Truppe wegen irgend eines Zwischenfalls, dessen ich mich nicht mehr erinnere, das angekündigte Stück nicht geben konnte, so machte das Publikum Lärm. Der berühmte Schauspieler Garrick, der zwanzig Jahre später ein Grab in Westminster erhielt, betrat vergeblich die Bühne, um die Leute zu beruhigen. Er mußte die Bühne verlassen. In diesem Augenblick schrieen einige Wütende: Rette sich wer kann! Der König, die Königin und die ganze Gesellschaft nebst dem übrigen besseren Publikum verließen so schnell wie möglich das Haus und in weniger als einer Stunde wurde das Theater vollständig zerstört. Nur die Mauern blieben stehen, denn sie widerstanden der Wut des Pöbels, der diese ganze Verwüstung nur aus Übermut anrichtete, weil es ihm Vergnügen bereitete, seine Macht zu zeigen.

Nachdem der Pöbel, unbelästigt von der Obrigkeit, diese Heldentat vollbracht hatte, liefen die Rasenden in die Schenken und betranken sich in Bier und Schnaps. Vierzehn Tage darauf war der Theatersaal wieder hergestellt, und es wurde eine neue Vorstellung angekündigt. Als der Vorhang aufging, trat Garrick vor, um das Publikum um Verzeihung zu bitten. Eine Stimme aus dem Parkett rief: »Auf die Knie!« und der Roscius Englands, der hundertmal mehr wert war als alle die Schreihälse, mußte das Knie beugen und in dieser demütigen Haltung um Verzeihung bitten. Ein Beifallsdonner erscholl, und alles war erledigt. So ist das englische Volk, besonders das Londoner: König, Königin, Prinzen werden ausgepfiffen, wenn sie sich öffentlich sehen lassen; darum tun sie dies auch niemals, außer bei großen Festlichkeiten, wenn Hunderte von Konstablern für die Aufrechterhaltung der allgemeinen Ordnung sorgen.

Als ich eines Tages allein im St. James-Park spazieren ging, bemerkte ich Lord Augustus Hervey, den ich kurz vorher kennen gelernt hatte. Er sprach mit einem Herrn, den er aber stehen ließ, um mich zu begrüßen. Neugierig fragte ich ihn, wer der andere Herr sei.

»Es ist der Bruder von Lord Ferrer, dem vor ein paar Monaten der Kopf abgeschlagen wurde, weil er einen von seinen Leuten getötet hatte.«

»Und Sie sprechen mit ihm?«

»Warum nicht?«

»Ist er denn nicht durch den Tod seines Verwandten entehrt?«

»Entehrt? Das wäre scherzhaft! Nicht einmal sein Bruder selbst ist entehrt. Er hat das Gesetz gebrochen, aber er hat dies mit seinem Leben bezahlt, und da er die Gesellschaft befriedigt hat, so ist er nicht mehr ihr Schuldner. Er ist ein Ehrenmann, der hoch gespielt und verloren hat – weiter nichts! Ich kenne in unserer Verfassung überhaupt keine einzige entehrende Strafe: eine solche wäre tyrannisch, und wir würden sie nicht dulden. Es ist mir erlaubt, jedes mir unbequeme Gesetz zu verletzen, sobald ich bereit bin, die Strafe zu erdulden, die auf der Verletzung steht. Ich gebe zu, dies klingt ein wenig verrückt; aber gerade auf dieses Recht sind wir eifersüchtig; denn es steht bei uns, unsere Wahl zu treffen. Für entehrt erachten wir nur den Verbrecher, der, um sich der Strafe zu entziehen, gemeine oder niedrige Handlungen begeht, die eines Gentlemans unwürdig sind.

»Zum Beispiel?«

»Den König um Begnadigung bitten, das Volk um Verzeihung anrufen und andere dergleichen Handlungen.«

»Und fliehen?«

»Nein; denn um zu fliehen, dazu gehört Mut. Es ist nur eine fortgesetzte Übertretung des Gesetzes; um so schlimmer für das Gesetz, wenn es sich keinen Gehorsam zu verschaffen weiß. Bemerken Sie wohl, daß der Mensch, um zu fliehen, nur seine körperliche oder geistige Kraft nötig hat. Sie haben sich Ehre erworben, indem Sie der Tyrannei Ihrer Behörden entflohen sind: Ihre Flucht aus den Bleikammern ist eine tapfere Handlung. In solchem Falle kämpft man mit dem Tode, indem man sein Leben daran setzt. Indem man vor dem Tode flieht, fordert man ihn heraus. Vir fugiens denuo pugnabit – Wer flieht, wird von neuem streiten.«

»Wie denken Sie dann über die Straßenräuber?«

»Dies sind Elende, die ich verabscheue, weil sie der Gesellschaft lästig sind; aber sie tun mir leid, wenn ich daran denke, daß ihr Gewerbe sie fortwährend mit dem Galgen bedroht. Sie fahren in einer Mietskutsche aus, um einen Freund zu besuchen, der drei oder vier Meilen vor London wohnt. Ein flinker, entschlossener Mensch springt auf das Trittbrett des Wagens, setzt Ihnen eine Pistole auf die Brust und verlangt Ihre Börse – was würden Sie dann tun?«

»Wenn ich eine Pistole zur Hand hätte, würde ich ihm eine Kugel vor den Kopf schießen; sonst aber würde ich ihm meine Börse geben und ihn einen niederträchtigen Mörder nennen.«

»Sie würden in beiden Fällen unrecht haben. Wenn Sie ihn töteten, würde man Sie hängen; denn Sie haben kein Recht, einem Engländer nach dem Leben zu stellen. Und wenn Sie ihn einen niederträchtigen Mörder nennen, so wird er Ihnen antworten, das sei er nicht; denn er greife Sie von vorn an und lasse Ihnen daher die Wahl. Man würde Ihnen sogar nachweisen, daß er eine großmütige Handlung begangen hat; denn er hätte Sie töten können. Sie können ihm, indem Sie ihm Ihre Börse reichen, sein schändliches Gewerbe vorhalten, und er wird Ihnen sagen, Sie haben recht, und er werde dem Galgen, den er allerdings für unabwendbar halte, so lange wie möglich fern bleiben. Sodann wird er Ihnen danken und Ihnen den Rat geben, niemals die Stadt London zu verlassen, ohne sich von einem berittenen Diener begleiten zu lassen; denn wenn Sie das tun, wird kein Räuber Sie anzufallen wagen. Da wir wissen, daß dies Ungeziefer in unserem Lande vorhanden ist, so führen wir Engländer auf Reisen zwei Börsen mit uns, eine kleine für die Räuber, die uns etwa begegnen werden, eine andere für unsere Bedürfnisse.«

Was konnte ich auf eine solche Auseinandersetzung antworten? Was er sagte, war auf die nationalen Gebräuche begründet, und ich habe ihn daher vernünftig gefunden. England ist ein reiches Meer, aber es enthält viele verborgene Klippen. Wer sich aus Eigennutz oder Neugier auf die Fahrt begibt, muß vorher seine Maßregeln treffen. Die Belehrung, die Lord Augustus Hervey mir hatte zuteil werden lassen, machte mir viel Vergnügen.

Wir kamen in unserem Gespräch von einem auf das andere, wie es stets zu geschehen pflegt, wenn die Unterhaltung keinen bestimmten Anlaß hat, der erledigt werden muß. Lord Augustus beklagte das Geschick eines unglücklichen Engländers, der durch Schwindel siebzigtausend Pfund Sterling an der Börse gewonnen, sich damit nach Frankreich geflüchtet hatte, wo er in Sicherheit zu sein glaubte, und den man kürzlich in London gehängt hatte.

»Wie ist denn das möglich?« fragte ich ihn.

»Der König hat beim Herzog von Rivernois die Auslieferung beantragt, und Ludwig der Fünfzehnte hat diese bewilligt, um dadurch England günstig zu stimmen und in bezug auf bestimmte Artikel des Friedensvertrages bessere Bedingungen zu erlangen. Dies ist eine niedrige Handlung, die eines Königs unwürdig ist; denn er hat dadurch das Völkerrecht verletzt, allerdings in der Person eines Elenden; aber das ändert an der Handlung selber nichts.«

»Ohne Zweifel hat England auf diese Weise die siebzigtaussnd Pfund Sterling wiedererlangt?«

»Keinen Schilling.«

»Wie ist das möglich.«

»Weil man keine Guineen bei ihm gefunden hat. Offenbar hat er auch den kleinen Schatz seiner Frau überlassen; diese lebt nun in sehr angenehmem Wohlstand und wird sich wieder verheiraten können; denn sie ist noch jung und hübsch.«

»Ich wundere mich, daß man sie nicht wegen des Geldes beunruhigt hat.«

»Daran hat man nicht einmal gedacht. Was könnte man ihr denn tun? Daß sie gestehen sollte, ihr Mann habe ihr das gestohlene Geld gegeben, ist nicht wahrscheinlich. Das Gesetz gegen die Straßenräuber befiehlt die Schuldigen zu hängen, aber von dem Gestohlenen sagt es gar nichts; denn es nimmt an, daß dieses verschwunden sei. Wollte man übrigens einen Unterschied machen zwischen Räubern, die das Gestohlene zurückerstatten, und solchen, die es ausgegeben hätten, so müßte man zwei Gesetze machen und zwei Strafen bestimmen, und dann käme es außerdem noch auf die näheren Umstände der Wiedererstattungen an. Dies wäre ein Labyrinth, in welchem man sich verirren würde. Uns Engländern scheint es richtig, für ein Verbrechen nicht zwei Strafen zu verhängen: die Strafe des Galgens erscheint uns genügend, ohne daß sie durch die Rückerstattung des Gestohlenen verschärft wird. Der Räuber ist Eigentümer geworden; allerdings durch eine Gewalttat; aber diese Gewalttat schließt nicht aus, daß er in Wirklichkeit Eigentümer und tatsächlicher Besitzer ist, denn er kann darüber verfügen. Da dies nun einmal so ist, so muß ein jeder sorgfältig bewachen, was er besitzt; denn wenn er sich bestehlen läßt, so hat er unrecht, weil er weiß, daß eine Rückerstattung beinahe unmöglich ist. Ich habe Spanien die Stadt Havanna weggenommen. Dies ist ein großer Diebstahl, der mit bewaffneter Hand ausgeführt wurde, und man wird das Gestohlene wieder zurückgeben, weil ich nicht die Insel Kuba in die Tasche stecken konnte, wie ich für Rechnung meiner Regierung vierzig Millionen Piaster eingesteckt habe, ohne daß man überhaupt ein Wort darüber gesprochen hätte.«

Was er sagte, gefiel mir, denn er sprach als Philosoph und als getreuer Untertan seines Landes.

Während wir uns über sehr interessante Sachen unterhielten, gingen wir zur Herzogin von Northumberland; ich lernte bei ihr Lady Rochefort kennen, deren Gemahl kurz vorher zum Botschafter in Spanien ernannt worden war. Die Dame war eine von den drei Erlauchten, die durch ihre Galanterien den müßigen Schwätzern der ungeheuren Stadt jeden Tag neuen Gesprächsstoff lieferten.

Am Tage vor der Gesellschaft, die in Soho-Square stattfinden sollte, speiste Martinelli bei mir. Er erzählte mir viel von der Dame Cornelis und von ihren Schulden, die sie beinahe erdrückten und sie zwangen, nur am Sonntag ihr Haus zu verlassen, da dies der einzige Tag ist, an welchem die Gläubiger keine Rechte gegen ihre Schuldner geltend machen können. »Ihre ungeheuren Ausgaben, die gar nicht nötig sind,« sagte er zu mir, »haben sie in eine solche Not gebracht, daß sie schon sehr bald am Ende angelangt sein muß. Ihre Schulden betragen viermal so viel als alles, was sie besitzt, selbst das Haus mit eingerechnet, das doch immerhin nur ein zweifelhafter Besitz ist, da noch ein Prozeß darüber schwebt.«

Ich bedauerte ihre Lage nur ihrer Kinder wegen; denn sie selber schien mir ein besseres Los gar nicht verdient zu haben.

Fünftes Kapitel


Meine Ankunft in Marseille. – Frau von Urfé. – Meine Nichte wird von Frau Audibert freundlich aufgenommen. – Ich schaffe mir meinen Bruder und Passano vom Halse. – Regeneration. – Abreise der Frau von Urfé. – Marcolina bleibt mir treu.

Meine Nichte, die meine Geliebte geworden war, wuchs mir jeden Tag mehr ans Herz, und ich dachte nicht ohne Grauen daran, daß Marseille das Grab unseres Glückes sein würde, ich meine: meiner Liebe. Da ich nun einmal nach Marseille mußte, so schob ich wenigstens den Augenblick der Ankunft so weit wie möglich hinaus, indem ich nur ganz kleine Tagereisen machte. Obgleich wir von Antibes nach Fréjus nicht einmal drei Stunden brauchten, fuhr ich doch nicht weiter. Nachdem ich Passano und meinem Bruder gesagt hatte, sie möchten sich’s für die Nacht nach ihrem Belieben bequem machen, bestellte ich für mich und meine beiden schönen Nymphen ein leckeres Abendessen und die besten Weine. Wir erhielten eine schlemmerhafte Mahlzeit, die wir bis Mitternacht zu verlängern wußten; hierauf legten wir uns zu Bett, und in den nächsten zwölf Stunden wurde der süßeste Schlummer nur durch die süßesten Wonnen der Liebe unterbrochen. Ebenso machte ich es in Luc, Brignoles und Aubagne, wo ich die sechste und letzte Nacht des Glückes verbrachte.

Sofort nach unserer Ankunft in Marseille führte ich meine schöne Nichte zu Frau Audibert, während ich Passano und meinen Bruder in den Gasthof zu den »Dreizehn Kantonen« schickte. Ich befahl ihnen, das strengste Stillschweigen über meine Angelegenheiten zu beobachten, da ich nicht wollte, daß Frau von Urfé, die seit drei Wochen auf mich wartete, meine Ankunft von anderer Seite erführe als durch mich selber.

Bei Frau Audibert hatte meine Nichte Croce kennen gelernt. Die Dame war ränkesüchtig und sehr klug; sie liebte meine Freundin schon seit ihrer Kindheit und hatte einigen Einfluß auf deren Familie; durch ihren Einfluß hoffte daher meine Nichte von ihrem Vater wieder zu Gnaden angenommen zu werden. Wir hatten vereinbart, daß ich meine Marseillerin und meine Venetianerin im Wagen lassen und allein zu Frau Audibert gehen sollte, die ich gelegentlich meiner letzten Durchreise kennen gelernt hatte. Ich sollte mit der Dame verabreden, auf welche Weise meine Nichte so lange untergebracht werden könnte, bis sie die nötigen Schritte zur Durchführung unseres Planes getan hätte.

Frau Audibert hatte mich aus dem Wagen steigen sehen. Obwohl sie mich nicht erkannte, war sie doch neugierig, wer so mit der Post bei ihr vorführe; darum ging sie mir entgegen und empfing mich auf der Türschwelle. Nachdem ich mich ihr zu erkennen gegeben hatte, erklärte sie sich auf das freundlichste bereit, mir eine geheime Unterredung zu gewähren, und führte mich in ein Kabinett, wo wir allem Anschein nach ungestört sein mußten.

Ich verlor keine Zeit mit langen Vorreden, sondern erzählte ihr geschwind die ganze Geschichte: wie das Unglück Croce gezwungen hätte, Fräulein Crosin in Stich zu lassen, wie ich das Glück gehabt hätte, ihr nützlich sein zu können, und wie endlich ein günstiger Zufall es gefügt hätte, daß sie unterwegs einen reichen und vornehmen Mann gefunden, der sich in sie verliebt hätte und vor Ablauf von vierzehn Tagen nach Marseille kommen würde, um bei ihrem Vater um ihre Hand anzuhalten. Zum Schluß wünschte ich mir Glück, daß es mir vergönnt sei, ihren Händen ein so liebenswürdiges Geschöpf anzuvertrauen, dessen Ritter ich gewesen sei.

»Wo ist sie denn?« rief Frau Audibert.

»Sie sitzt in meinem Wagen, dessen Vorhänge ich heruntergelassen habe.«

»Holen Sie sie geschwind und überlassen Sie es mir, die ganze Geschichte in Ordnung zu bringen. Kein Mensch wird erfahren, daß sie bei mir ist, und ich bin glücklich, sie umarmen zu können.«

Froher als ein König, wie das Sprichwort sagt, war ich mit einem Sprunge am Wagen. Nachdem ich ihr hübsches Gesicht mit der Kapuze ihres Mantels verhüllt hatte, führte ich meine Nichte ihrer Freundin in die Arme. Es war für mich eine köstliche Szene! Zärtliche Umarmungen, Küsse hin und her, Tränen des Glückes und der Reue. Ich aber vergoß Tränen der Rührung, der Befriedigung und des Bedauerns.

Da Clairmont unterdessen das Gepäck meiner Nichte ins Haus gebracht hatte, so entfernte ich mich, indem ich ihr versprach, sie jeden Tag zu besuchen.

Ich hatte noch eine andere, nicht weniger wichtige Angelegenheit zu erledigen: nämlich meine Venetianerin unterzubringen. Ich befahl den Postillonen, mich zu dem braven alten Manne zu führen, in dessen Hause ich so glückliche Stunden mit meiner Rosalie verlebt hatte. Marcolina weinte über die Trennung von ihrer Freundin.

Ich ging zu dem guten Alten hinein und machte in aller Eile mit ihm einen Vertrag, wonach meine neue Eroberung wie eine Prinzessin wohnen, speisen und bedient werden sollte. Er zeigte mir die Zimmer, die er für sie frei hatte: sie waren einer kleinen Marquise würdig. Zugleich sagte er mir, er werde sie von seinen eigenen Nichten bedienen lassen, und außer mir werde kein Mensch zu ihr kommen.

Nachdem dies alles nach meinem Wunsche abgemacht war, ließ ich meine schöne Venetianerin heraufkommen und übergab ihr die Wohnung. Auch händigte ich ihr ihr Geld ein, das ich in Gold umgewechselt und auf einen Betrag von tausend venetianischen Silberdukaten erhöht hatte.

»Du wirst das Geld nicht brauchen,« sagte ich zu ihr, »aber hebe es dir sorgsam auf, denn in Venedig werden tausend Dukaten dir eine gewisse Bedeutung verleihen. Weine nicht, mein Engel! Ich lasse dir mein Herz, und morgen Abend werde ich mit dir speisen.«

Nachdem der Alte mir einen Haustürschlüssel gegeben hatte, fuhr ich nach dem Gasthof zu den »Dreizehn Kantonen«. Dort wurde ich bereits erwartet, und meine Zimmer stießen unmittelbar an diejenigen der Frau Urfé.

Sobald ich mich eingerichtet hatte, überbrachte Bourgnole mir die Komplimente ihrer Herrin und sagte mir, diese sei allein und erwarte voll Ungeduld den Augenblick, wo ich sie besuchen könnte.

Ich werde meinen Lesern nicht die einzelnen Umstände dieser Zusammenkunft beschreiben, denn sie würden weiter nichts erfahren als die geistige Verwirrung dieser armen Frau, die bis zum Wahnsinn sich in die falscheste aller Doktrinen verrannt hatte; leider hüllte ich meinerseits sie in ein Gewebe von Lügen, die nicht einmal das Verdienst der Wahrscheinlichkeit hatten. Ich war in mein Wüstlingsleben versunken und liebte ein Dasein, wie ich es führte; darum machte ich mir den Wahnsinn der Frau zunutze, die sich doch nur bemüht hätte, sich von einem anderen betrügen zu lassen, wenn ich sie nicht betrogen hätte; denn im Grunde betrog sie doch nur ihr eigener Geist, da für sie ihr Irrtum gleichbedeutend war mit ihrem Leben. Ich gab mir selber den Vorzug, weil jeder Mensch bei der Wahl zwischen einem Unbekannten und sich selber doch nur sich selber vorzieht; außerdem aber auch, weil ich wußte, daß ich keinem Menschen unrecht tat, wenn ich mir die Verrücktheit dieser sehr reichen Dame zunutze machte, und schließlich, weil für mich der Vorteil außerordentlich groß war.

Kaum erblickte sie mich, so fragte sie: »Wo ist Querilint?« Sie zitterte vor Freude, als ich ihr antwortete: »Er befindet sich mit uns unter einem Dache.«

»So wird er mich in mir selber verjüngen! Mein Genius versichert es mir jede Nacht. Fragen Sie Paralis, ob die Geschenke, die ich für ihn vorbereitet habe, würdig sind, von Semiramis einem Haupte der Rosenkreuzer dargebracht zu werden?«

Da ich nicht wußte, worin diese Geschenke bestanden, und da ich von ihr nicht verlangen konnte, sie mir zu zeigen, so antwortete ich ihr: bevor wir Paralis mit diesen Fragen beschäftigten, müßten die Geschenke in den Planetenstunden geweiht werden, die dem von uns vorzunehmenden Kultus angemessen wären, Querilint selber dürfe sie nicht sehen, bevor sie geweiht seien. Infolgedessen ließ sie mich in das Nebenzimmer eintreten, wo sie aus einem Schrank sieben Pakete hervorholte, die in Gestalt von Opfergaben an die Planeten für den Rosenkreuzer bestimmt waren.

Jedes Paket enthielt sieben Pfund des Metalls, das dem betreffenden Planeten geweiht war, und sieben Edelsteine, die ebenfalls dem Planeten entsprachen, und die je sieben Karat wogen: es waren Diamanten, Rubinen, Smaragde, Saphire, Chrysolithe, Topase und Opale.

Ich war fest entschlossen, es so einzurichten, daß der Genuese von allen diesen Sachen nichts in die Hände bekäme: darum sagte ich der Schwärmerin, wir müßten uns in bezug auf die Methode ganz und gar nach Paralis richten und die Weihung damit beginnen, daß jedes Paket in ein eigens dafür angelegtes Kästchen gelegt würde. Es könne täglich nur eines geweiht werden, und es müsse mit der Sonne angefangen werden.

Da wir einen Freitag hatten, so mußten wir bis zum Sonntag warten, denn das ist der Tag, der der Sonne geweiht ist. Am Samstag ließ ich den Kasten anfertigen, der die sieben Kästchen enthielt.

Um diese Weihungen vorzunehmen, verbrachte ich jeden Tag drei Stunden unter vier Augen mit Frau von Urfé. Der Kultus war daher erst am nächsten Samstag beendigt. Während dieser Woche ließ ich Passano und meinen Bruder mit Frau von Urfé und mir speisen. Mein Bruder verstand kein Wort von allem, was die gute Schwärmerin uns sagte; darum tat er den Mund nicht auf, so daß er für einen Stummen des Serails hätte gelten können. Frau von Urfé fand ihn blöd, bildete sich aber ein, wir wollten die Seele eines Sylphen in seinen Leib versetzen, um dadurch ein Geschöpf zu zeugen, dessen Natur zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen stehen würde. Als sie mir diese schöne Entdeckung ihrer Phantasie anvertraut hatte, sagte sie mir, sie würde mit der Operation einverstanden sein, aber unter der Bedingung, daß er nachher wie ein vernunftbegabtes Wesen aussähe.

Es machte mir Spaß, zu sehen, wie mein Bruder darüber in Verzweiflung war, daß Frau von Urfé ihn für einen Idioten hielt, und daß er ihr doppelt idiotisch erschien, wenn er ausnahmsweise einmal etwas sagte, um ihr dadurch zu beweisen, daß er kein Idiot sei. Ich mußte innerlich darüber lachen; denn wenn ich ihn ausdrücklich gebeten hätte, diese Rolle zu spielen, so würde er sie schlecht gespielt haben. Indessen kam der Bursche dabei nicht zu kurz; denn die gute Marquise machte sich einen Spaß daraus, ihn mit dem ganzen bescheidenen Luxus zu kleiden, den ein Abbé aus einer der erlauchtesten Familien Frankreichs hätte entfalten können.

Am unangenehmsten war das Zusammenspeisen mit Frau von Urfé dem Dichter Passano, der oft auf die erhabensten Fragen antworten mußte und zuweilen, wenn er keinen Ausweg aus dem Labyrinth wußte, beträchtlichen Unsinn redete.

Da er sich nicht zu betrinken wagte, so gähnte er zuweilen und beobachtete nicht immer jenen höflichen Anstand, auf den man in Frankreich mehr Wert legt als in anderen Ländern. Frau von Urfé sagte mir, dem Orden müsse irgendein großes Unglück drohen, da der große Mann so zerstreut sei.

Nachdem ich die Kiste zu Frau von Urfé hatte bringen lassen, traf ich mit ihr gemeinsam alle Vorbereitungen, um die Beschwörung der Planeten vorzunehmen. Ich ließ mir von meinem Orakel befehlen, sieben Nächte hintereinander auf dem Lande zuzubringen, mich jeden Umgangs mit einem sterblichen Weibe zu enthalten und jede Nacht zu der Stunde, die dem Monde geweiht ist, auf freiem Felde diesem Planeten einen Kultus darzubringen, um dadurch die Fähigkeit zu erlangen, selber ihre Regeneration vorzunehmen, falls Querilint aus göttlichen Gründen nicht imstande sein sollte, die Operation in eigener Person zu vollziehen.

Infolge dieses Befehles konnte Frau von Urfé es nicht nur nicht übelnehmen, daß ich außer dem Hause schlief, sondern sie war mir sogar dankbar dafür, daß ich mir soviel Mühe gab, um ihrem Unternehmen einen glücklichen Ausgang zu sichern.

Am Samstag, dem Tage nach meiner Ankunft in Marseille, ging ich zu Frau Audibert, wo ich zu meiner Freude sah, daß meine Nichte sehr befriedigt war von der Teilnahme, womit ihre Freundin sich ihrer Angelegenheit angenommen hatte. Sie hatte mit ihrem Vater gesprochen, und diesem gesagt, seine Tochter sei in ihrem Hause und hege den sehnlichsten Wunsch, seine Verzeihung zu erlangen, um in den Schoß ihrer Familie zurückzukehren und binnen kurzem die Gattin eines reichen Genuesen zu werden, der sie zur Ehre seines Hauses nur aus den Händen ihres Vaters empfangen wolle. Der wackere Mann war ganz glücklich, seine geliebte Tochter wiederzufinden und das verirrte Schaf zur Herde zurückzuführen; er hatte ihr geantwortet, er werde sie am übernächsten Tage selber abholen und zu einer seiner Schwestern bringen, die in Saint Louis, zwei kleine Stunden von Marseille, ein eigenes Haus bewohne. Wenn sie sich dort ruhig verhalte, könne sie die Ankunft ihres künftigen Gemahls abwarten, ohne irgendwelchen Anlaß zu Gerede zu geben. Meine Nichte war überrascht, daß ihr Vater noch keine Briefe von dem jungen Mann erhalten hatte, und ich glaubte an ihr ein Zeichen von jener gewissen Ängstlichkeit zu bemerken, die aus dem Zweifel erwächst. Ich bestärkte sie in ihren Hoffnungen und versprach ihr, Marseille nicht früher zu verlassen, als bis ich an ihrer Hochzeit teilgenommen hätte.

Von ihr ging ich zu Marcolina. Es verlangte mich, das schöne Kind an mein Herz zu pressen. Sie empfing mich in einer Art von Freudentaumel. Sie sagte mir, sie würde sich ganz glücklich fühlen, wenn sie sich nur verständlich machen und wenn sie selber verstehen könnte, was ihre Aufwärterin zu ihr sagte. Ich sah wohl ein, daß diese Lage eine Qual war, besonders für ein Weib; aber ich sah für den Augenblick keine Abhilfe, denn ich hätte ihr eine italienisch sprechende Magd besorgen müssen, und deren Gegenwart wäre sehr lästig gewesen. Sie weinte Freudentränen, als ich ihr Grüße von meiner Nichte bestellte und ihr sagte, daß diese am nächsten Tage schon in den Armen ihres Vaters liegen werde. Daß sie nicht meine Nichte war, wußte sie schon, seitdem sie sie in meinen Armen gefunden hatte.

Das lecker und fein zusammengestellte Abendessen, das der gute Alte uns besorgt hatte, bewies sein gutes Gedächtnis und rief auch mir die Erinnerung an Rosalie zurück. Marcolina hörte die Erzählung mit großem Vergnügen und sagte mir zum Schluß, ich scheine nur darum die Welt zu bereisen, um unglückliche junge Mädchen glücklich zu machen, vorausgesetzt, daß ich sie hübsch fände.

»Ich möchte es selber fast glauben«, antwortete ich ihr; »jedenfalls ist es wahr, daß ich mehrere glücklich gemacht habe, und daß ich mir nicht vorzuwerfen habe, auch nur eine einzige unglücklich gemacht zu haben.«

»Gott wird dich dafür belohnen, mein lieber Freund.«

»Vielleicht lohnt sich dies bei mir nicht der Mühe.«

Wenn Marcolina mich durch ihre Schönheit, ihren natürlichen Geist und ihre Liebenswürdigkeit entzückte, so gefiel sie mir nicht weniger wegen ihres ausgezeichneten Appetits; denn wie der Leser weiß, war der Appetit eines Weibes immer eine meiner Schwächen. Übrigens ist in der Provence und besonders in Marseille das Essen ganz ausgezeichnet, abgesehen vom Geflügel, das nichts taugt; allerdings muß man einen Geschmack für Knoblauch haben, denn dieses Gewürz wird an alles getan. Wenn man gerecht sein will, so muß man wirklich sagen, daß es, mit Maß angewandt, ein Reizmittel sondergleichen ist.

Marcolina war reizend im Bett. Seit acht Jahren hatte ich nicht mehr so recht mit vollem Behagen die venetianischen Ausgelassenheiten genossen, und das Mädchen war ein Meisterwerk, vor welchem Prariteles auf die Knie gefallen wäre. Ich lachte über meinen tölpelhaften Bruder, mußte ihm aber zugleich verzeihen, daß er sich in sie verliebt hatte. Da ich sie nirgends hinführen konnte, aber doch den Wunsch hatte, daß sie sich amüsierte, so bat ich meinen gefälligen Alten, sie jeden Tag mit seiner Nichte in die Komödie gehen zu lassen und jeden Abend eine Mahlzeit für mich bereit zu halten. Ich kaufte ihr eine glänzende Ausrüstung an Kleidern, damit sie elegant auftreten könnte, und sie belohnte mich für diese Aufmerksamkeit mit verdoppelter Zärtlichkeit.

Als ich ihr am nächsten Tage meinen zweiten Besuch machte, kam sie gerade aus dem Theater, als ich bei ihr eintraf; sie sagte mir, die Vorstellung habe sie sehr interessiert, obgleich sie kein Wort von dem Gesprochenen verstanden habe. Am Tage darauf überraschte sie mich sehr durch die Mitteilung, daß mein Bruder sich zu ihr in die Loge gesetzt und so viele unverschämte Bemerkungen gemacht habe, daß sie ihn würde geohrfeigt haben, wenn sie sich nicht erinnert hätte, daß sie nicht in Venedig sei.

»Ich glaube,« fügte sie hinzu, »der Bursche ist mir nachgegangen, und ich fürchte, von ihm beunruhigt zu werden.«

»Sei nur ruhig; ich verspreche dir, für Ordnung zu sorgen.«

Als ich in meinen Gasthof zurückgekehrt war, ging ich sofort in das Zimmer des Abbate und sah vor Passanos Bett einen Mann, der Charpie und chirurgische Instrumente zusammenpackte.

»Was heißt das? Sind Sie krank?«

»Ich habe mir eine häßliche Krankheit geholt, die mich lehren wird, in Zukunft vernünftig zu sein.«

»Mit sechzig Jahren ist das ein bißchen spät.«

»Besser mit sechzig Jahren als noch später.«

»Sie sind ein alter Narr! Sie stinken ja nach Quecksilber.«

»Ich werde mein Zimmer nicht verlassen.«

»Das wird einen sehr schlechten Eindruck auf die Marquise machen, die Sie für den allergrößten Adepten hält, und in deren Augen Sie daher über alle Schwächen erhaben sein müssen.«

»Ich pfeife auf die Marquise! Lassen Sie mich in Ruhe!«

In solchem Tone zu mir zu sprechen, hatte der Kerl sich bis dahin niemals erlaubt. Ich glaubte meine Wut verbergen zu müssen und trat zu meinem Bruder heran, der in einer Ecke saß.

»Was wolltest du gestern im Theater von Marcolina?«

»Ich habe sie an ihre Pflicht erinnert und ihr gesagt, daß ich nicht der Mann sei, den gefälligen Liebhaber zu spielen.«

»Du hast sie beschimpft und auch mich, du elender Dummkopf, der du alles dem reizenden Mädchen verdankst, denn ohne sie hätte ich dich nicht einmal angesehen. Und nach alledem wagst du es noch, auf sie einzudringen und beleidigende Bemerkungen zu machen?«

»Ich habe mich ihretwegen zugrunde gerichtet, und ich kann nicht mehr nach Venedig zurückkehren. Ohne sie kann ich nicht leben, und du nimmst sie mir weg, raubst sie mir! Welches Recht hast du, dich ihrer zu bemächtigen?«

»Das Recht der Liebe, Vieh, das Recht des Glückes und das Recht des Stärkeren. Woher kommt es, daß sie sich bei mir glücklich fühlt und daß sie von mir gar nicht wieder würde wegwollen?«

»Weil du sie durch dein glänzendes Auftreten geblendet hast.«

»Und weil sie bei dir nur Elend und Hunger fand.«

»Ja, und später wirst du sie verlassen, wie du es mit so vielen anderen gemacht hast; ich aber würde sie geheiratet haben.«

»Geheiratet, du Renegat! Du bist doch Priester! Ich persönlich denke gar nicht daran, sie fortzuschicken; sollte ich aber doch jemals mich von ihr trennen, so wird sie reich sein.«

»Nun, tu was du willst, aber ich habe sicherlich das Recht, überall wo ich sie finde, mit ihr zu sprechen.«

»Ich hatte es dir verboten, und verlaß dich darauf, du hast zum letzten Male mit ihr gesprochen! Du wirst sehen, daß ich Wort halte.«

Mit diesen Worten ging ich hinaus, stieg in einen Fiaker und fuhr zu einem Advokaten, um ihn zu fragen, ob ich einen fremden Abbé, der mir Geld schuldig sei, verhaften lassen könne, obwohl ich keine Beweisstücke besäße, aus denen mein Anspruch hervorginge.

»Wenn er ein Fremder ist, so können Sie es tun; jedoch müssen Sie Kaution stellen. Sie lassen ihm verbieten, den Gasthof zu verlassen, worin er sich befindet, und Sie können ihn zwingen, Sie zu bezahlen, es wäre denn, daß er nachweise, Ihnen nichts schuldig zu sein. Haben Sie viel von ihm zu fordern?«

»Zwölf Louis.«

»Gehen Sie mit mir zur Behörde. Sie hinterlegen zwölf Louis und sind dann im selben Augenblicke berechtigt, ihn bewachen zu lassen. Wo wohnt er?«

»In demselben Gasthof wie ich; da ich ihn nicht dort verhaften lassen will, so werde ich ihn nach Sainte-Baume schicken. Dort werde ich ihn bewachen lassen. Hier haben Sie einstweilen die zwölf Louis für die Kaution; besorgen Sie sich jetzt den Verhaftbefehl; zur Mittagstunde werden Sie mich wiedersehen.«

»Nennen Sie mir seinen Namen und den Ihrigen.«

Schnell fahre ich nach den Dreizehn Kantonen zurück, wo ich dem Abbate begegne. Er ist geschniegelt und gebügelt, und will gerade eben ausgehen.

»Komm mit,« sage ich zu ihm; »ich werde dich zu Marcolina führen; du kannst dich in meiner Gegenwart mit ihr auseinandersetzen.«

»Mit Vergnügen.«

Er steigt zu mir in den Fiaker, und ich befehle dem Kutscher, uns nach dem Gasthof von Sainte-Baume zu fahren. Als wir dort angekommen waren, befahl ich ihm, mich zu erwarten; ich wolle Marcolina holen und werde bald mit ihr zurückkommen.

Ich stieg wieder in den Fiaker und ließ mich zum Advokaten fahren. Er hatte bereits den Haftbefehl und übergab ihn einem Polizeigefreiten, der sofort nach Sainte-Baume eilte, um den Befehl auszuführen. Ich kehrte nach den Dreizehn Kantonen zurück, ließ seine Sachen in einen Koffer packen und brachte sie ihm nach seinem neuen Aufenthalt. Ich fand ihn dort in einem Zimmer nebst einem Wachtposten, der ihn nicht aus dem Auge ließ. Er sprach auf den sehr erstaunten Wirt ein, der von dem ganzen Theater nichts verstand. Zunächst erzählte ich nun mein Märchen dem Wirt; ich übergab ihm den Koffer und sagte ihm, er brauche in bezug auf die Verzehrung des Abbés nichts zu befürchten, denn er werde gut bezahlt werden. Das war alles, was er zu wissen wünschte, und mehr verlangte er nicht.

Hierauf trat ich bei meinem Bruder ein und teilte ihm mit, er solle sich bereit halten, am nächsten Morgen Marseille zu verlassen; die Reise bis nach Paris würde ich bezahlen. Wenn ihm das nicht passe, so könne er tun, was er wolle; dann aber würde ich ihn unerbittlich seinem Schicksal überlassen und binnen drei Tagen würde er aus Marseille ausgewiesen sein.

Der Feigling brach in Tränen aus und sagte mir, er werde nach Paris gehen.

»Du wirst also morgen früh nach Lyon abreisen; zuvor aber wirst du mir eine Anweisung auf zwölf Louis unterzeichnen, die bei Sicht zahlbar ist.«

»Warum?«

»Weil ich es will. Wenn du es tust, so verspreche ich dir, dir vor deiner Abreise zwölf Louis zu geben und in deiner Gegenwart deinen Wechsel zu zerreißen.«

»Ich bin gezwungen, alles zu tun, was du willst.«

»Das ist das beste, was du tun kannst.«

Als er mir den Schuldschein unterschrieben hatte, bestellte ich für ihn einen Platz in der Schnellpost; am nächsten Tage erschien ich kurz vor der Abfahrt mit meinem Advotaten vor der Behörde, ließ den Haftbefehl aufheben und mir meine zwölf Louis zurückzahlen. Diese übergab ich meinem Bruder, als er bereits im Postwagen saß. Zugleich gab ich ihm einen Empfehlungsbrief an Herrn Bono, den ich darauf aufmerksam machte, daß er ihm kein Geld geben dürfe, und daß er ihn mit derselben Post weiterschicken solle. Hierauf zerriß ich seinen Schuldschein und wünschte ihm gute Reise.

Auf diese Weise schaffte ich mir den Dummkopf vom Halse. Einen Monat darauf sah ich ihn in Paris wieder. Ich werde später erzählen, wie ich ihn nach Venedig zurückschickte.

Am Tage der Verhaftung meines Bruders speiste ich unter vier Augen mit Frau von Urfé; vor dem Essen ging ich zu Passano, um die Ursachen seiner üblen Laune zu erfahren.

»Übler Laune bin ich deshalb, weil ich überzeugt bin, Sie werden sich einer Summe von zwanzig- oder dreißigtausend Talern in Diamanten und Gold bemächtigen, die die Marquise für mich bestimmt hatte.«

»Das kann wohl sein; aber ob ich mich dieser Summe bemächtigen werde oder nicht, das können Sie nicht wissen. Aber so viel kann ich Ihnen sagen: ich werde unter allen Umständen zu verhindern wissen, daß die Marquise Ihnen das Gold oder die Diamanten gibt. Wenn Sie glauben, Ansprüche darauf erheben zu können, so beschweren Sie sich doch bei der Marquise; ich werde Sie nicht daran verhindern.«

»Ich soll mir also gefallen lassen, bei Ihren Betrügereien als Helfershelfer zu dienen, ohne daß es mir irgend welchen Nutzen bringt! Das sollen Sie nicht behaupten können! Ich verlange tausend Louis.«

»Suchen Sie einen, der sie Ihnen gibt!«

Damit drehte ich ihm den Rücken zu und ging zur Marquise; ich sagte ihr, das Essen sei angerichtet; wir würden jedoch allein speisen, weil zwingende Gründe mich genötigt hätten, den Abbate fortzuschicken.

»Er war ein Dummkopf. Aber Querilint?«

»Nach Tisch wird Paralis uns alles sagen, was diesen betrifft. Ich hege starken Verdacht, den wir aufklären müssen.«

»Ich auch. Der Mann kommt mir verändert vor. Wo ist er?«

»Er liegt zu Bett und hat eine Krankheit, die ich Ihnen nicht zu nennen wage.«

»Der Fall ist recht sonderbar. Es ist ein Werk der Schwarzen, wie es vielleicht niemals früher vorgekommen ist.«

»Soviel ich weiß, niemals; aber lassen Sie uns speisen; wir werden heute nach der Weihung des Zinns viel zu arbeiten haben.«

»Um so besser. Wir müssen Dromasis einen Sühnekult weihen; denn denken Sie sich, wie entsetzlich: in vier Tagen sollte er mich regenerieren, und so würde er die Handlung in diesem abscheulichen Zustande vorgenommen haben!«

»Lassen Sie uns essen, sage ich Ihnen!«

»Ich fürchte, die Stunde des Jupiter wird uns überraschen.«

»Fürchten Sie nichts; ich sorge für alles.«

Nachdem wir den Jupiterkult abgehalten hatten, verschob ich den Kultus des Dromasis auf einen andern Tag, um eine Menge kabbalistische Berechnungen anzustellen, die die Marquise in Buchstaben übertrug. Das Orakel sagte: sieben Salamander hätten den wahren Querilint nach der Milchstraße gebracht; der Querilint, der im Nebenzimmer im Bett läge, wäre der schwarze Saint-Germain, den eine Gnomide in jenen ekelhaften Zustand versetzt hätte, um ihn zum Mörder der Semiramis zu machen, die vor der Entbindung an derselben Krankheit gestorben sein würde. Das Orakel sagte ferner: Semiramis solle dem Paraliseo Galtinardo – das war ich – die ganze Sorge überlassen, den schwarzen Saint-Germain beiseite zu schaffen. Am glücklichen Erfolg der Regeneration dürfe sie nicht zweifeln, denn in der siebenten Nacht eines Mondkultus werde mir von dem wahren Querilint selber das Verbum von der Milchstraße her geschickt werden. Das letzte Orakel zeigte uns an, daß ich zwei Tage nach der Beendigung der Mondkulte Semiramis inokulieren müsse, nachdem eine reizende Undine uns im Bade gereinigt hätte. Nachdem ich mich auf diese Weise verpflichtet hatte, meine gute Semiramis zu regenerieren, traf ich meine Vorsichtsmaßregeln, um keine traurige Figur zu spielen. Die Marquise war schön, aber alt, und es konnte mir zustoßen, daß ich nicht imstande war, das Werk zu vollenden. Ich war achtunddreißig Jahre alt und begann zu bemerken, daß ein solches Unglück nicht ausgeschlossen war. Die schöne Undine, die ich vom Monde erhalten sollte, war meine Marcolina, die während des Badens durch den Anblick ihrer schönen Formen und durch ihre Berührungen mir die nötige Zeugungskraft verschaffen sollte. Ich kannte bereits ihre Macht und konnte daher nicht an dem Erfolge zweifeln. Der Leser wird sehen, wie ich es anfing, um sie vom Himmel herunterkommen zu lassen.

Ein Briefchen von Frau Audibert lud mich ein, bei ihr vorzusprechen. Ich ging zu ihr, bevor ich Marcolina besuchte. Sobald sie mich erblickte, kam sie mir freudestrahlend entgegen und sagte mir, der Vater meiner Nichte habe von dem Vater des Genuesen einen Brief erhalten. Er erbitte für den einzigen Sohn die Hand seiner Tochter, die jener bei Herrn und Frau Petri kennen gelernt und die ihm durch ihren Oheim vorgestellt worden sei, nämlich den Herrn Chevalier de Seingalt, der sie nach Marseille zurückbegleitet habe.

»Der wackere Mann«, sagte Frau Audibert, »glaubt Ihnen zum größten Dank verpflichtet zu sein; er betet seine Tochter an und weiß, daß Sie wie ein Vater auf das zärtlichste für sie gesorgt haben. Seine Tochter hat von Ihnen die interessanteste Schilderung entworfen, und er wünscht sehr lebhaft, daß ihm die Ehre zuteil werde, Ihre Bekanntschaft zu machen. Sagen Sie mir, wann Sie bei mir zu Abend speisen können; der alte Herr wird da sein, seine Tochter jedoch nicht.«

»Ich bin über ihre Worte hocherfreut; denn der Gatte meiner teuren Nichte wird seine Frau nur um so höher achten, wenn er hier findet, daß ich der Freund ihres Vaters bin. Am Abendessen kann ich jedoch nicht teilnehmen. Bestimmen Sie selber einen Tag, ich werde um sechs Uhr kommen und bis acht bleiben; auf diese Weise wird unsere Bekanntschaft vor der Ankunft des künftigen Schwiegersohnes gemacht sein.«

Da Frau Audibert die Wahl des Tages mir überließ, so setzte ich die Zusammenkunft auf den übernächsten Tag fest; hierauf ging ich zu meiner schönen Venetianerin. Ich erzählte ihr alle diese Neuigkeiten und sagte ihr, auf welche Weise ich mir in den nächsten Tagen den Abbate vom Halse schaffen wollte.

Zwei Tage darauf gab mir die Marquise im Augenblick, wo wir zu Tisch gehen wollten, einen Brief Passanos, der in schlechtem Französisch geschrieben, trotzdem aber leicht verständlich war. Er hatte acht Seiten vollgeschmiert, um ihr zu sagen, daß ich sie betrüge. Um sie von dieser Wahrheit zu überzeugen, teilte er ihr die ganze Geschichte mit, ohne einen einzigen Umstand auszulassen, der zu meinen Ungunsten sprach. Außerdem schrieb er ihr, ich sei in Marseille mit zwei Mädchen angekommen; er wisse zwar nicht, wo ich diese versteckt halte, aber sicherlich bringe ich mit ihnen alle Nächte zu.

Nachdem ich den Brief mit der größten Ruhe gelesen hatte, fragte ich sie, ob sie die Geduld besessen habe, den Brief von A bis Z zu lesen. Sie antwortete mir, sie habe ihn überflogen, aber nichts davon verstanden, denn dieser Schwarze schreibe ja gotisch; übrigens liege ihr nichts daran, ihn zu verstehen, denn er könne ihr nur Lügen geschrieben haben, um sie in einem Augenblick zu verlocken, wo sie es am allernötigsten habe, sich zu keinem Irrtum verleiten zu lassen. Diese Weisheit gefiel mir außerordentlich, denn die Marquise durfte durchaus keinen Verdacht auf die Undine haben, deren Anblick und Berührungen für mich unerläßlich waren, um das große Werk zu vollbringen, das mir bevorstand.

Nachdem wir gespeist hatten, veranlaßte ich alle Kult- und Orakelsprüche, deren ich bedurfte, um mein armes Opfer in ihrem Glauben zu bestärken. Hierauf ging ich zu einem Bankier und nahm eine Anweisung von hundert Louis auf Lyon an die Ordre des Herrn Bono. Ich schickte ihm diese Anweisung mit dem Auftrag, den Betrag an Passano auszuzahlen, wenn dieser einen eigenhändig von mir geschriebenen Brief vorzeigen würde; dies müßte jedoch an dem Tage geschehen, der in dem Briefe vermerkt sei, und nicht später.

Nachdem ich dies erledigt hatte, schrieb ich den Brief, den Passano überbringen sollte. Er lautete folgendermaßen: »Herr Bono, zahlen Sie bei Sicht an Herrn Passano, aber nur an ihn selber, nicht an seine Ordre, die Summe von hundert Louisd’or, wenn diese Anweisung Ihnen im Laufe des dreißigsten April 1763 vorgezeigt wird; nach diesem Tage wird mein Auftrag hinfällig.«

Mit diesem Briefe in der Hand ging ich in das Zimmer des Verräters, dem eine Stunde vorher die eine Leistenseite aufgeschnitten worden war.

»Sie sind ein niederträchtiger Verräter,« sagte ich zu ihm; »aber Frau von Urfé, die Ihren ekelhaften Zustand kennt, hat Ihren Brief nicht lesen wollen. Ich aber habe ihn gelesen und biete Ihnen nun folgende Belohnung: Sie haben zu wählen; auf Gerede lasse ich mich nicht ein, denn ich habe es eilig. Entweder entschließen Sie sich, unverzüglich sich ins Hospital bringen zu lassen, denn wir wollen Pestkranke von Ihrer Sorte hier nicht haben; oder fahren Sie in einer Stunde nach Lyon ab und reisen Sie, ohne sich unterwegs aufzuhalten, denn ich bewillige Ihnen nur sechzig Stunden, die übrigens mehr als genug sind, um vierzig Poststationen zurückzulegen. Im Augenblick, wo Sie in Lyon ankommen, bringen Sie diesen Brief Herrn Bono; er wird Ihnen hundert Louis übergeben, die ich Ihnen schenke. Hierauf können Sie machen, was Sie wollen; denn Sie sind nicht mehr in meinem Dienste. Ich schenke Ihnen den Wagen, den Sie für mich in Antibes gekauft haben, und gebe Ihnen fünfundzwanzig Louis für Ihre Reise. Das ist alles. Wählen Sie. Ich mache Sie jedoch auf eines aufmerksam: wenn Sie sich für das Krankenhaus entscheiden, werde ich Ihnen nur ein Monatsgehalt auszahlen; denn mit diesem Augenblick entlasse ich Sie aus meinen Diensten.«

Nachdem er einen Augenblick überlegt hatte, sagte er, er wolle nach Lyon gehen, obgleich ihm dies sein Leben kosten könne, denn er sei sehr krank.

Ich sagte zu ihm: »Du mußt die Strafe für deine Verräterei erleiden, und wenn du stirbst, so wird dies ein Vorteil für deine Familie sein, denn sie wird erben, was ich dir schenke, allerdings nicht, was ich dir geschenkt haben würde, wenn du ein treuer Diener gewesen wärst.«

Das »Du« schien Eindruck auf ihn zu machen, denn sonst hatte ich ihn immer »Sie« genannt. Ich verließ ihn und suchte Clairmont auf, dem ich befahl, Passanos Koffer zu packen. Dann sagte ich dem Wirt, daß der Mann abreisen werde, und bat ihn, sofort Postpferde holen zu lassen.

Hierauf übergab ich Clairmont meinen Brief an Bono nebst fünfundzwanzig Louis und befahl ihm, beides dem Passano einzuhändigen, sobald er im Wagen säße und zur Abfahrt bereit wäre.

So war denn diese große Angelegenheit erledigt und mit Hilfe des starken Hebels Gold, das ich nötigenfalls zu verschwenden wußte, zum guten Ende geführt worden, und ich konnte meiner Liebe nachgehen. Ich mußte Marcolina, in die ich mich mit jedem Tag mehr verliebte, für ihre Rolle abrichten. Sie wiederholte mir unaufhörlich: um sich vollständig glücklich zu fühlen, brauche sie weiter nichts als einige Kenntnisse der französischen Sprache und einen Schimmer von Hoffnung, daß ich sie vielleicht mit mir nach England nähme.

Ich hatte ihr niemals Hoffnung gemacht, daß meine Liebe so weit gehen werde; trotzdem empfand ich eine tiefe Traurigkeit, wenn ich daran dachte, daß ich ein Wesen verlassen mußte, das so ganz und gar von Wollust durchdrungen war, das von der Natur dazu bestimmt zu sein schien, selber alle Wonnen des Lebens zu genießen und sie einem Manne von meiner Sinnesart tausendmal süßer zu machen. Sie war hocherfreut, daß ich mich meiner beiden abscheulichen Begleiter entledigt hatte, und beschwor mich, ich möchte doch manchmal mit ihr ms Theater gehen; »denn,« sagte sie mir, »alle Leute erkundigen sich, wer ich sei, und die Nichte meines Alten zankt fortwährend mit mir darüber, daß ich ihr nicht erlauben will, zu antworten.«

Ich versprach ihr, im Laufe der nächsten Woche ihr dieses Vergnügen zu bereiten, und fügte hinzu: für den Augenblick sei ich ganz und gar von einer Angelegenheit in Anspruch genommen. Diese lasse mir gar keine Ruhe, und um sie nach Wunsch durchzuführen, würde ich ihrer Beihilfe bedürfen.

»Ich werde tun, was du willst, mein lieber Freund.«

»Gut, so höre: ich werde dir einen sehr eleganten leichten Jockeyanzug machen lassen. In dieser Verkleidung wirst du zu einer Stunde, die ich dir angeben werde, vor die Marquise treten, mit der ich zusammenwohne, und du wirst ihr einen Brief übergeben. Wirst du den Mut haben, dies zu tun?«

»Ganz gewiß! Wirst du dabei sein?«

»Ja. Sie wird mit dir sprechen, aber du darfst nicht antworten, da du für stumm gelten sollst. In dem Briefe wird stehen, daß du stumm bist, und zugleich, daß du dich erbietest, sie in dem Bade zu bedienen, das ich mit ihr zusammen nehmen muß. Sie wird dein Anerbieten annehmen, und sobald sie es dir befiehlt, wirst du sie völlig entkleiden. Wenn du mit ihr fertig bist, entkleidest du dich ebenfalls; hierauf reibst du die Marquise von den Fußspitzen bis zum Gürtel, aber nicht höher. Während du sie recht zart reibst, werde ich mich entkleiden und hierauf die Marquise eng umschlingen. Du wirst uns dabei zusehen, indem du dich so stellst, daß ich alle Teile deines hübschen Leibes gut sehen kann.

»Dies ist aber noch nicht alles, meine entzückende Freundin: wenn ich mich von ihr getrennt habe, wirst du mit deinen zarten Händen die Körperteile waschen, die der Liebe dienen; hierauf wirst du sie mit einem feinem Battisttuch abtrocknen, das zu diesem Zweck bereit liegen wird. Dann verrichtest du an mir denselben Dienst, indem du versuchst, mich wieder zu beleben. Ich werde dann die Marquise abermals umarmen. Zum Schluß wirst du dieselben Abwaschungen vornehmen, und wenn du damit fertig bist, wirst du die Marquise küssen. Hierauf wirst du auch mich umarmen und mit deinen venetianischen Küssen das Werkzeug bedecken, womit ich das Opfer vollbracht habe. Wenn ich wieder ins Leben zurückgekehrt bin, werde ich die Marquise zum dritten Male umarmen, und während dieser letzte Kampf stattfindet, wirst du uns so lebhaft wie möglich liebkosen, bis der Akt vollständig ist. Endlich wirst du uns zum dritten Male abwaschen. Hierauf kleidest du dich an, nimmst, was sie dir geben wird, und kehrst in diese Wohnung zurück, wo ich eine Stunde später wieder bei dir sein werde.«

»Du kannst dich auf mich verlassen. Ich werde ganz genau alles tun, was du mir befiehlst; aber du begreifst, welche Überwindung mir das kosten wird.«

»Nicht mehr als mir: denn ich würde bei dieser alten Frau unvermögend sein, wenn du mir nicht die nötige Glut mitteiltest.«

»Ist sie sehr alt?«

»Fast siebzig Jahre.«

»Oh, mein armer Freund, wie bedaure ich dich! Aber nach dieser harten Fron wirst du doch zum Abendessen hierher kommen und hier schlafen?«

»Ganz gewiß.«

»Nun, dann geht es doch wenigstens.«

Am verabredeten Tage traf ich bei Frau Audibert den Vater meiner seligen Nichte. Ich erzählte ihm in einer sehr freundschaftlichen Unterhaltung alles, was seine Tochter betraf, außer den näheren Umständen unseres Liebesverhältnisses, denn solche Dinge erzählt man natürlich keinem Vater. Der brave Mann wußte nicht, wie er mir seinen Dank bezeigen sollte; er umarmte mich mehrere Male, nannte mich seinen Wohltäter und sagte, ich hätte für seine Tochter mehr getan, als er selber hätte tun können. Hierin hatte er in gewisser Hinsicht recht. Er sagte mir: »Ich habe von meinem Geschäftsfreund einen zweiten Brief erhalten. Zugleich schreibt mir auch der Sohn auf die zärtlichste und ehrfurchtsvollste Weise. Er verlangt von mir keine Mitgift, und das ist zu unserer Zeit gewiß etwas Seltenes; aber ich werde ihr hundertfünfzigtausend Franken mitgeben und werde außerdem die Hochzeit rüsten, denn diese Heirat ist sehr ehrenvoll und ist besonders nach dem Davonlaufen meines armen, wilden Mädchens als ein großes Glück anzusehen. Ganz Marseille kennt den Vater meines künftigen Schwiegersohnes, und morgen werde ich meiner Frau alles sagen; ich bin überzeugt, daß sie im Interesse eines glücklichen Ausganges volle Verzeihung gewähren wird.«

Ich mußte ihm versprechen, zur Hochzeit zu kommen. Er lud dazu auch Frau Audibert ein, die mich als großen Spieler kannte und daher erstaunt war, daß ich nicht zu ihren Abenden kam, da bei ihr stets eine große Partie stattfand. Aber ich war damals in Marseille, um zu schaffen, nicht um zu zerstören. Jedes zu seiner Zeit!

Ich ließ Marcolinen eine bis zur Hüfte reichende Jacke von grünem Samt machen, dazu Kniehosen von demselben Stoff mit Strumpfbändern von silberner Tresse, grünseidene Strümpfe und Schuhe aus Maroquinleder von der gleichen Farbe. Ein spanisches Haarnetz aus grüner Seide mit silberner Troddel nahm ihre schönen schwarzen Haare auf. In dieser Kleidung sah das junge Mädchen mit seinem schlanken anmutigen Wuchs, mit seinen runden, zur Liebe geschaffenen Formen so wundervoll aus, daß ihr alle Leute nachgelaufen sein würden, wenn sie sich in den Straßen von Marseille hätte sehen lassen; denn trotz der Männerkleidung konnte es keinem Menschen entgehen, daß sie ein Mädchen war. Ich führte sie in ihrer gewöhnlichen Kleidung in meine Wohnung, um ihr zu zeigen, wo sie sich nach verrichteter Sache verstecken sollte.

Nachdem am Samstag alle Kultushandlungen zu Ende gebracht waren, setzte das Orakel den nächsten Dienstag für die Regeneration meiner Semiramis fest, und zwar sollte sie in den Stunden der Sonne, der Venus und des Merkur stattfinden, die in dem planetarischen System der Magier, wie in der Phantasie der ptolemäischen Lehre aufeinanderfolgen. Die Stunden entsprachen an jenem Tage der neunten, zehnten und elften Morgenstunde; denn da es ein Dienstag war, so mußte die erste Stunde dem Mars gehören. Da die Stunden zu Anfang des Monats Mai fünfundsechzig Minuten lang sind, so wird mein Leser, wenn er von Magie auch nur eine Ahnung hat, wissen, daß ich die große Operation an Frau von Urfé von zweieinhalb bis fünfzehn Minuten vor sechs Uhr vollziehen mußte. Ich hatte mir Zeit genommen, weil ich voraussah, daß ich derselben bedürfen würde.

Am Montag hatte ich mit Einbruch der Nacht in der Stunde, die dem Monde geweiht ist, Frau von Urfé an das Meeresufer geführt. Clairmont trug die fünfzig Pfund schwere Kiste mit den Opfergaben.

Nachdem ich mich überzeugt hatte, daß wir von keinem Menschen gesehen würden, sagte ich zu Frau von Urfé, der Augenblick sei da. Ich befahl Clairmont, die Kiste zu unseren Füßen niederzustellen und dann nach unserem Wagen zurückzukehren, um uns dort zu erwarten. Nachdem wir allein geblieben waren, richteten wir ein feierliches Gebet an Selenis. Dann warfen wir die Kiste ins Meer, zur großen Befriedigung der Marquise, aber zu meiner eigenen noch größeren, wie der Leser begreifen wird: denn die ins Meer geworfene Kiste enthielt nur fünfzig Pfund Blei. Die echte Kiste, die, worin der Schatz war, befand sich, vor jedem Blick verborgen, in meinem Zimmer.

Ich begleitete die Marquise nach den Dreizehn Kantonen zurück und ließ sie dort allein, nachdem ich ihr gesagt hatte, ich würde erst dann wieder in den Gasthof kommen, nachdem ich an demselben Ort und zu derselben Stunde ruhig meine sieben Kulte gefeiert und eine Beschwörung an den Mond vorgenommen hätte.

Ich log nicht: denn ich ging zu Marcolina. Während sie sich als Jockey kleidete, schrieb ich mit einem Alaunkristall in verschlungenen großen Buchstaben auf weißes Papier folgende Worte: Ich bin stumm, aber nicht taub; ich komme aus dem Rhône, um Euch zu baden. Die Stunde des Oromasis hat begonnen.

»Dieses Briefchen«, sagte ich zu Marcolina, »wirst du der Marquise übergeben, sobald du dich ihren Blicken zeigst.«

Nach dem Abendessen gingen wir zu Fuß aus und kamen in unseren Gasthof, ohne von einem Menschen gesehen worden zu sein. Ich versteckte Marcolina in einem großen Schrank; hierauf zog ich meinen Schlafrock an und ging zur Marquise, um ihr anzukündigen, daß Selenis die Regeneration auf den nächsten Tag vor drei Uhr angesetzt habe; um fünfeinhalb Uhr müsse sie beendet sein, damit wir nicht in die Stunde des Mondes hineingerieten, die auf die des Merkur folgte. Diese dürfe nicht in die Regeneration hineingemischt werden, weil diese dadurch zunichte gemacht oder jedenfalls beeinträchtigt würde.

»Sie werden, gnädige Frau, veranlassen, daß vor dem Mittagessen die Badewanne hier neben Ihrem Bett bereit steht, und Sie müssen sich vergewissern, daß Brongnole nicht vor der Nacht Ihr Zimmer betritt.«

»Ich werde ihr Erlaubnis geben, einen Spaziergang zu machen. Aber Selenis hatte uns doch eine Undine versprochen?«

»Richtig! Ich habe aber noch keine gesehen.«

»Befragen Sie doch das Orakel!«

»Gern!«

Sie stellte selber die Frage, indem sie zugleich abermals zum Geiste Paralis betete, die Operation möchte nicht aufgeschoben werden, wenn auch die Undine nicht erschiene; denn sie sei bereit, allein zu baden.

»Die Befehle des Oromasis sind unwandelbar,« antwortete das Orakel, »und ihr habt gefehlt, indem ihr dem Zweifel Raum gegeben habt.«

Sofort stand die Marquise auf und verrichtete einen Sühnekultus. Hierauf befragte sie wieder das Orakel und erhielt die Antwort: Oromasis ist befriedigt.

Ich konnte mit der alten Frau kein Mitleid haben, denn sie war mir zu lächerlich. Sie umarmte mich und sagte zu mir mit ganz besonderer Feierlichkeit: »Morgen, mein lieber Galtinardo, werden Sie mein Gatte und mein Vater sein! Fordern Sie die Gelehrten auf, dieses Rätsel zu erklären!«

Nachdem ich in mein Zimmer zurückgekehrt war und meine Tür sorgfältig verschlossen hatte, beeilte ich mich, die Undine aus ihrem Gefängnis zu erlösen. Sie entkleidete sich und legte sich zu Bett, und da sie wohl begriff, daß ich meine Kräfte schonen müsse, so drehte sie mir den Rücken zu, und wir verbrachten in weiser Enthaltsamkeit die Nacht, ohne uns auch nur einen Kuß zu geben; denn ein einziger Funke hätte eine ganze Feuersbrunst hervorrufen können.

Am andern Morgen ließ ich sie frühstücken, bevor ich Clairmont hineinrief, und schloß sie dann wieder in ihr Versteck ein. Hierauf hörte ich ihr noch einmal ihre Lektion ab und ermahnte sie zu Pünktlichkeit, Ruhe, Heiterkeit und Schweigen.

»Du wirst mit mir zufrieden, sein, mein liebes Herz; sei ruhig!«

Nachdem ich das Mittagessen auf Punkt zwölf Uhr bestellt hatte, trat ich bei Semiramis ein. Sie war nicht in ihrem Zimmer, aber die Badewanne stand an ihrem Platz, und das Bett war hergerichtet wie ein Altar der Cypris.

Einige Minuten darauf kam die Marquise aus einem Nebenzimmer: ihr Gesicht war bemalt wie ein Miniaturbild und strahlte vor Freude. Sie trug ein prachtvolles Spitzenröckchen; ein Mäntelchen von Blonden bedeckte ihren Busen, der vierzig Jahre früher einer der schönsten von ganz Frankreich gewesen war. Ein altes, aber sehr reiches Kleid, ein Paar Ohrringe mit herrlichen Smaragden und ein Halsband von sieben Aquamarinen vom schönsten Wasser mit dem herrlichsten Smaragd, den man sich denken kann, umgeben von zwanzig Brillanten von je anderthalb Karat, vervollständigten ihren Schmuck. An der Hand trug sie den Karfunkel, den ich bereits kannte und den sie auf eine Million schätzte, während er in Wirklichkeit nur eine glänzend gelungene Nachahmung war.

Als ich Semiramis so zum Opfer geschmückt sah, glaubte ich ihr meine Ehrfurcht bezeigen zu müssen. Ich ging ihr daher entgegen und beugte das Knie, um ihr die Hand zu küssen; sie ließ dies jedoch nicht zu, sondern öffnete ihre Arme und küßte mich.

Nachdem sie ihrer Kammerfrau Brougnole gesagt hatte, sie gäbe ihr Urlaub bis sechs Uhr, unterhielten wir uns von unseren Mysterien, bis das Essen aufgetragen wurde. Nur Clairmont durfte uns bei Tisch sehen, und Semiramis aß an diesem Tage nur Fisch. Um halb zwei Uhr sagte ich zu Clairmont, ich sei für niemanden zu Hause, da ich allein arbeiten wolle; zugleich gab ich ihm einen Louis und sagte ihm, er könne sich bis zum Abend amüsieren.

Die Marquise begann unruhig zu werden, und auch ich stellte mich, wie wenn ich etwas besorgt würde. Ich sah nach meinen Uhren, berechnete die Minuten der planetarischen Stunden und sagte von Zeit zu Zeit: »Wir sind noch in der Stunde des Mars; die Stunde der Sonne hat noch nicht begonnen.«

Endlich schlug es halb drei auf der Stutzuhr, und zwei Minuten später sahen wir die schöne Undine eintreten. Lächelnden Gesichtes ging sie mit langsamen Schritten auf Semiramis zu, ließ sich vor ihr auf ein Knie nieder und reichte ihr das Papier. Da sie sah, daß ich nicht aufstand, blieb auch die Marquise sitzen; aber sie hob mit freundlicher Anmut die Wassernixe auf und nahm ihr das Blatt ab, das sie zu ihrer großen Überraschung völlig weiß fand.

Schnell reichte ich ihr eine Feder, damit sie sich an das Orakel wenden könnte. Sie stellte die Frage, was dieser Bote zu bedeuten habe. Ich nahm ihr die Feder ab und baute die Zahlenpyramide ihrer Frage. Sie zog die Antwort heraus und fand folgende Worte: »Was im Wasser geschrieben ist, kann nur im Wasser gelesen werden.«

»Ich verstehe«, rief sie aus. Sie ging zur Badewanne, tauchte das Blatt hinein und las in Schriftzügen, die noch weißer waren als das Papier, folgende Worte: Ich bin stumm, aber nicht taub; ich komme aus dem Rhône, um Euch zu baden. Die Stunde des Oromasis hat begonnen.

»So bade mich also, göttlicher Genius!« rief Semiramis, indem sie das Blatt Papier auf den Tisch legte und sich auf das Bett setzte. Meiner Weisung getreu entkleidete Marcolina die Marquise und setzte deren Füße in die Badewanne; dann warf sie, gewandt wie ein Sylphide, im Handumdrehen ihren hübschen Anzug ab und stand bis zu den Knien im Badewasser. Welchen Gegensatz bildeten diese beiden Leiber! Aber der Anblick des einen gab mir das Leben, das ich an dem anderen erlöschen sollte.

Das entzückende Geschöpf unverwandt betrachtend, entkleidete ich mich. Als ich aber nur noch das Hemd auszuziehen hatte, sagte ich zu ihr: »Oh, reizender Genius, trocknet Semiramis die Füße ab und seid der göttliche Zeuge meiner Vereinigung mit ihr, die ich zum Ruhme des unsterblichen Oromasis, des Königs der Salamander, vollziehe!«

Kaum hatte ich diese Bitte ausgesprochen, so beeilte sich die Undine, die stumm, aber nicht taub war, meinen Wunsch zu erfüllen, und ich vollzog meine erste Vereinigung mit Semiramis, indem ich die Schönheiten Marcolinas bewunderte, die ich nie zuvor so deutlich gesehen hatte.

Semiramis war schön gewesen, aber sie war damals wie ich jetzt bin, und ohne die Undine wäre die Operation mißlungen. Da jedoch die Semiramis zärtlich und sehr sauber war, und nichts von jenem Ekelhaften an sich hatte, das oft dem Alter anhaftet, so mißfiel sie mir nicht, und die Operation wurde vollständig vollzogen. Als die Milch über den Altar ausgegossen war, sagte ich zu ihr: »Jetzt müssen wir die Stunde der Venus abwarten.«

Die Undine vollzieht die Waschungen, umarmt die Braut und erweist mir mit verliebter Glut denselben Dienst.

Semiramis war entzückt von ihrem Glück; ganz hingerissen von den Reizen der Undine forderte sie mich auf, sie zu bewundern, und ich fand, daß kein sterbliches Weib ihr gleiche. Von diesen wollüstigen Vorstellungen erregt, fühlt Semiramis ihre Zärtlichkeit wieder erwachen. Die Stunde der Venus beginnt, und von der Undine ermutigt, unternehme ich den zweiten Sturm, der der heftigste sein mußte, denn die Stunde dauerte fünfundsechzig Minuten.

Ich betrat den Kampfplatz und arbeitete eine halbe Stunde, von Schweiß triefend und Semiramis ermüdend, ohne doch fertig werden zu können. Ich schämte mich indessen, sie zu betrügen. Sanft sich in ihr Schicksal ergebend, trocknete das Opfer mir die Stirn ab; die Undine aber, die mich erschöpft sah, belebte durch ihre aufreizenden Liebkosungen, was die Berührung mit dem alten Körper ertötet hatte. Gegen das Ende der Stunde überwältigte mich die Anstrengung; ich konnte es nicht mehr aushalten und entschloß mich daher, so zu tun, wie wenn ich am Ziel wäre; so erheuchelte ich denn alle jene Zuckungen, zu denen sonst wirkliche Wollust zwingt. Ich ging als schaumbedeckter Sieger mit allen Zeichen meiner Kraft aus dem Kampf hervor und ließ Semiramis keinen Zweifel an meinem Triumph. Die Undine selber wurde davon getäuscht, als sie die zweite Abspülung an mir vornahm. Doch schon hatte die dritte Stunde begonnen, und es galt, Merkur zu befriedigen. Ein Viertel von dieser Stunde blieben wir im Bade. Die Undine entzückte Semiramis durch Liebkosungen, um die der Herzog von Orleans, der Regent von Frankreich, sie beneidet haben würde. Die gute Marquise glaubte, bei den Flußgöttinnen sei dies so Sitte, und ließ gerne alles geschehen, was die Undine an ihr vornahm. Von Dankbarkeit erfüllt, bat Semiramis sie, auch mich mit ihren Schätzen zu beglücken, und nun entfaltete Marcolina den ganzen Reichtum der venetianischen Schule. Sie war eine vollendete Lesbierin. Bald war es ihr gelungen, mich wieder zum kräftigsten Leben zu erwecken, und Semiramis forderte mich auf, dem Merkur zu opfern. Ich ging ans Werk; leider aber drohte ich nur noch mit dem Blitz, hatte jedoch nicht mehr die Kraft, ihn zu schleudern. Ich sah, wie schmerzlich der mitfühlenden Undine der Anblick meiner vergeblichen Anstrengung war; auch bemerkte ich, daß Semiramis die Anstrengungen, die ich ihr verursachte, nicht mehr aushalten konnte und das Ende des Kampfes herbeisehnte. So faßte ich denn den unvermeidlichen Entschluß, sie abermals zu betrügen: ich verfiel in Zuckungen, die mit einer vollständigen Unbeweglichkeit endigten, wie sie wohl die natürliche Folge einer Leistung war, die nach der Meinung der Semiramis, wie sie mir später sagte, weit über die Kräfte eines gewöhnlichen Sterblichen ging.

Nachdem ich mich gestellt hatte, wie wenn ich wieder zur Besinnung käme, warf ich mich in die Badewanne, in der ich aber nur so lange blieb, um die nötige Abspülung vorzunehmen; hierauf kleidete ich mich an. Marcolina reinigte die Marquise und half ihr dann beim Anziehen. Ich überraschte Semiramis auf einer neidischen Bewunderung der reizenden Undine, die sich zum Schluß mit der ganzen anmutigen Gewandtheit und Schnelligkeit eines jungen Mädchens ankleidete. Einer glücklichen Eingebung ihres Genius folgend, nahm Semiramis ihr prachtvolles Halsband ab und hängte es der schönen Badedienerin um den Hals, die ihr einen venetianischen Kuß gab, verschwand und sich in den Schrank versteckte.

Semiramis fragte das Orakel, ob die Operation vollständig gelungen sei. Erschreckt durch diese Frage ließ ich ihr antworten, das Verbum der Sonne sei in ihrer Seele, und sie werde zu Anfang des Monats Februar mit ihrem anderen Ich niederkommen, das dem Geschlecht des Erzeugers angehören werde; damit jedoch die Einflüsse der feindlichen Geister nicht dem Erfolg schaden könnten, wäre es unbedingt notwendig, daß sie hundertundsieben Stunden ununterbrochen ruhig in ihrem Bett bliebe.

Außer sich vor Glück, fand die gute Marquise, die ich entsetzlich ermüdet hatte, diesen Befehl, daß sie sich ausruhen solle, von göttlicher Weisheit und von bester Vorbedeutung. Ich umarmte sie und sagte ihr, ich würde auf dem Lande übernachten, um den Rest der Kräuter abzuholen, die bei den von mir dem Monde dargebrachten Kulten übrig geblieben wären; aber ich versprach ihr, am nächsten Tage mit ihr zu Mittag zu speisen.

Ich schloß mich mit Marcolina in meinem Zimmer ein, und wir waren in fröhlicher Stimmung beisammen, bis die Nacht anbrach; denn bei Tage konnte sie in ihrem schönen Undinenkleide nicht mehr ausgehen. Ich zog meinen prachtvollen Hochzeitsanzug aus, und als wir endlich ausgehen konnten, ohne die Blicke der Neugierigen fürchten zu müssen, brachte ein Fiaker uns beide nebst der von mir so wohl verdienten Kiste mit den Opfergaben für die Planeten zu Marcolina.

Wir waren halbtot vor Hunger, aber das leckere Abendessen, das uns erwartete, gab uns die Sicherheit, daß wir am Leben bleiben würden. Kaum waren wir in ihrem Zimmer, so warf Marcolina schnell ihren schönen, grünen Anzug beiseite und zog ihre Mädchenkleider wieder an. »Ich fühle, lieber Freund,« sagte sie zu mir, »daß ich nicht dazu geschaffen bin, Hosen zu tragen. Da sieh das schöne Halsband, das deine Närrin mir gegeben hat!«

»Ich werde es verkaufen, schöne Undine, und dir den Erlös geben.«

»Ist es denn viel wert?«

»Mindestens tausend Zechinen. Wenn du nach Venedig zurückkehrst, wirst du mindestens fünftausend Dukaten Kurant besitzen; du kannst dir einen Gatten aussuchen, mit dem du als wohlhabende Bürgersfrau leben wirst.«

»Behalte alles, mein Freund, und nimm mich mit dir; ich brauche nichts. Ich werde dir gewiß nicht zur Last fallen; ich werde alles tun, was du willst, und werde dich lieben wie meine eigene Seele. Ich verspreche dir, niemals eifersüchtig zu sein und dich zu pflegen wie mein Kind.«

»Davon wollen wir später sprechen, schöne Marcolina; jetzt aber, da wir gut gespeist haben, laß uns zu Bett gehen, denn ich habe dich niemals meiner Huldigungen so würdig gefunden wie in diesem Augenblick.«

»Aber du mußt doch ermüdet sein.«

»Ermüdet – ja; aber nicht erschöpft; denn ich habe meinen Lebenssaft nur ein einziges Mal vergießen können; dafür danke ich der Liebe.«

»Ich glaubte, du hättest zweimal auf diesem alten Altar geopfert. Die arme Frau! Sie ist sehr liebenswürdig für ihr Alter, und ich glaube gern, daß sie vor fünfzig Jahren vielleicht die erste Schönheit Frankreichs war. Aber ach! Welch ein Wahnsinn, noch an Liebe zu denken, wenn man alt ist!«

»Du befeuertest mich, aber sie kühlte mich noch stärker ab.«

»Bedarfst du immer des Reizmittels eines jungen Mädchens, um zärtlich mit ihr zu sein?«

»Nein; denn die anderen Male kam es nicht darauf an, ihr einen Jungen zu machen.«

»Hast du dich etwa verpflichtet, sie zu schwängern? Oh, wie lächerlich! Vielleicht bildet sie sich sogar ein, empfangen zu haben?«

»Ohne allen Zweifel; diese Hoffnung macht sie glücklich.«

»Sonderbare Schwärmerei! Aber warum hast du dich verpflichtet, die Leistung dreimal zu wiederholen?«

»Ich wollte eine Herkulesarbeit vollbringen, und ich glaubte, meine Kraft würde ausreichen, wenn ich dich sähe. Ich habe mich sehr getäuscht!«

»Ich beklage dich, daß du soviel gelitten hast.«

»Du wirst mich verjüngen.«

Ich weiß nicht, ob die Vergleichung mit der Alten besonders stark auf mich wirkte, aber ich verbrachte in der Tat mit meiner schönen Venetianerin eine der köstlichsten Nächte, die ich nur mit den Liebesnächten vergleichen kann, die ich in Parma mit Henriette und auf Murano mit meiner unvergleichlichen Nonne verlebt hatte. Wir blieben vierzehn Stunden im Bett, und von diesen wurden wenigstens vier darauf verwandt, den Schimpf wieder gut zu machen, den ich der Liebe angetan hatte.

Nachdem ich Toilette gemacht und meine Schokolade getrunken hatte, sagte ich Marcollinen, sie möchte sich elegant kleiden und mich zum Theater erwarten. Ich hätte ihr kaum ein größeres Vergnügen machen können.

Frau von Urfé fand ich in ihrem Bett liegen, mit gesuchter Eleganz gekleidet und wie eine jung vermählte Frau frisiert. Auf ihren Zügen lag ein Ausdruck von Befriedigung, wie ich ihn niemals an ihr gesehen hatte.

»Ich weiß, mein vielgeliebter Galtinardo, daß ich Ihnen mein ganzes Glück verdanke«, sagte sie zu mir, indem sie mich umarmte.

»Ich bin glücklich, göttliche Semiramis, daß ich dazu beigetragen habe; doch war ich nur das Werkzeug, dessen die Geister sich bedient haben.«

Die Marquise begann nun in der vernünftigsten Weise mit mir zu sprechen; leider aber war ihr ganzes Gedankengebäude auf die verrückteste aller Torheiten gegründet.

Sie sagte zu mir: »Heiraten Sie mich; Sie bleiben Vormund meines Kindes, das zugleich Ihr Sohn ist. Auf diese Weise erhalten Sie mir mein ganzes Vermögen und werden außerdem Besitzer des Erbteils, das mir von meinem Bruder, Herrn von Pontcarré, zufallen muß. Er ist alt und kann nicht mehr lange leben. Im nächsten Februar soll ich als Mann wiedergeboren werden und in was für Hände werde ich da fallen, wenn Sie nicht für mich sorgen! Man wird mich für ein uneheliches Kind erklären und ich werde dadurch achtzigtausend Franken Rente verlieren, die Sie mir erhalten können. Vergessen Sie das ja nicht, mein lieber Galtinardo! Ich muß Ihnen sagen, daß ich mich in meiner Seele schon als Mann fühle. Ich bin in die Undine verliebt, das muß ich Ihnen gestehen, und ich möchte wissen, ob ich in vierzehn oder fünfzehn Jahren bei ihr werde schlafen können. Wenn Oromasis es will, kann er es so fügen, und ich werde dann glücklich sein. Oh, was für ein reizendes Geschöpf! Haben Sie jemals ein so schönes Weib gesehen? Wie schade, daß sie stumm ist! Sie muß einen Wassermann zum Liebhaber haben. Aber alle Wassermänner sind stumm, denn im Wasser kann man nicht sprechen. Ich bin erstaunt, daß sie nicht taub ist. Ich begreife nicht, daß Sie keine Lust verspürt haben, sie anzurühren. Ihre Haut ist unglaublich weich; Samt und Atlas sind nichts im Vergleich damit! Ihr Atem ist so lieblich. Die Undinen haben eine mimische Sprache, die man lernen kann. Wie sehr würde es mich freuen, wenn ich mich mit diesem Wesen unterhalten könnte! – – Mein lieber Galtinardo, ich bitte Sie, das Orakel zu befragen, wo ich niederkommen soll. Wenn Sie mich nicht heiraten können, so scheint es mir nötig zu sein, daß ich all mein Hab und Gut verkaufe und daß ich für mein ganzes zweites Leben sichergestellt werde; denn in meinen ersten Kinderjahren werde ich natürlich nichts wissen, und es wird Geld erforderlich sein, damit ich eine Erziehung erhalte. Man könnte alles verkaufen und eine große Summe in Renten anlegen und diese sicheren Händen übergeben, um damit allen meinen Bedürfnissen zu genügen, ohne das Kapital anzurühren.«

»Das Orakel, Semiramis, muß unser einziger Führer sein, übrigens werden Sie mein Sohn sein, und wenn Sie als Mann wiedergeboren werden, werde ich niemals dulden, daß man Sie als Bastard erklärt.«

Diese Zusicherung beruhigte die erhabene Närrin.

Ohne Zweifel wird mehr als ein Leser der Meinung sein, ich hätte als ehrenhafter Mann der Frau ihren Irrtum benehmen sollen. Aber es tut mir leid, ihnen sagen zu müssen: die Sache war unmöglich. Ja, ich gestehe, selbst wenn ich es gekonnt hätte, würde ich es nicht gewollt haben, denn indem sie wieder vernünftig geworden wäre, hätte ich sie unglücklich gemacht. Wie ihr Geist nun einmal angelegt war, bedurfte sie fortwährender eitler Hoffnungen.

Ich wollte mit Marcolina ins Theater gehen, und da ich ihr gesagt hatte, daß sie sich aufs beste herausputzen solle, so legte auch ich einen meiner schönsten Anzüge an, damit meine Erscheinung zu der ihrigen passe.

Der Zufall führte in unsere Loge die beiden Schwestern Rangoni, die Töchter des römischen Konsuls. Da ich sie von meinem ersten Aufenthalt in Marseille bereits kannte, so stellte ich ihnen die Venetianerin als meine Nichte vor, die nur italienisch spreche. Da die beiden jungen Damen die Sprache Tassos sprachen, war Marcolina hoch entzückt. Die jüngere Rangoni, an Schönheit ihrer älteren Schwester weit überlegen, wurde wenige Jahre später Fürstin Gonzaga Solferino. Der Fürst, der sie heiratete, war ein wissenschaftlich gebildeter Mann, man kann sogar sagen, ein genialer Mann. Obwohl er der Familie Gonzaga angehörte, war er doch arm; denn er war der Sohn des ebenfalls sehr armen Fürsten Leopold und einer Medini, Schwester jenes Medini, der im Jahre 1787 in London im Gefängnis starb.

Babet Rangoni war zwar nur die Tochter eines Marseiller Kaufmanns, des römischen Konsuls, aber sie verdiente, Fürstin zu werden, denn sie hatte das Auftreten und die Manieren einer solchen. Sie glänzt mit ihrem Namen Rangoni unter den Fürsten, die im alten Almanach mitverzeichnet stehen. Ihr sehr eitler Gatte ist entzückt, daß die Leser dieser Almanache seine Gemahlin für eine Angehörige des erlauchten Hauses Medini halten. Dies ist eine unschuldige Eitelkeit, die der Welt weder nutzt noch schadet. Dieselben Almanache machen aus Medini den Namen Medici, was ebenso unschuldig ist. Diese Lügen haben ihren Ursprung in dem dummen Stolz des Adels, der sich allen Ernstes einbildet, von einer höheren Natur als die übrigen Menschen zu sein, weil er im Besitz von Namen und Würden ist, die nur zu oft durch niedrige Handlungen erworben wurden. Man muß ihm das hingehen lassen, weil die Dinge dieser Welt doch nur den Wert haben, den man ihnen beimißt, und weil man doch den stolzesten Adel sofort seines Glanzes entkleiden kann, wenn man ihn so sieht, wie er ist.

Dieser Fürst Gonzaga Solferino, den ich vor achtzehn Jahren in Venedig sah, lebte von einem leidlich hinreichenden Jahrgeld, das ihm die Kaiserin Maria Theresia ausgesetzt hatte. Ich hoffe, daß der verstorbene Kaiser Joseph ihm diese Pension nicht genommen hat; denn er verdiente sie wegen seines Geistes und wegen seiner literarischen Kenntnisse.

Während der Vorstellung plauderte Marcolina fortwährend mit der reizenden jungen Babet Rangoni, die mich dringend einlud, sie in ihrem Hause einzuführen; ich hatte jedoch meine Gründe, dies nicht zu tun.

Ich dachte über ein Mittel nach, wie ich Frau von Urfé nach Lyon schicken könnte; denn ich wußte nicht mehr, was ich in Marseille mit ihr anfangen sollte, und sie brachte mich nur in Verlegenheit. Da gab sie mir am dritten Tage nach der Regeneration eine Frage, die ich an Paralis richten sollte. Sie wollte wissen, wo sie geboren werden, das heißt sterben sollte. Ich ließ das Orakel antworten, sie müsse den Undinen zweier Flüsse gleichzeitig einen Kultus darbringen und je nach dem Ausfall dieser feierlichen Handlung werde die Frage entschieden werden. Außerdem müsse ich dem Saturn einen dreimaligen Sühnedienst widmen, weil ich den falschen Querilint zu hart behandelt habe. An diesen Sühnediensten brauche Semiramis nicht teilzunehmen, dagegen müsse sie bei dem Kultus der Wassergottheiten zugegen sein.

Während ich tat, wie wenn ich darüber nachdächte, wo zwei Flüsse so nahe beieinander wären, daß wir die Vorschriften des Orakels leicht ausführen könnten, sagte Semiramis aus eigenem Antriebe zu mir, Lyon liege am Rhône und an der Saône, und es sei daher nichts leichter, als den Kultus in dieser Stadt abzuhalten. Wie man sich denken kann, stimmte ich ihr sofort zu. Hierauf befragte ich Paralis, ob noch Vorbereitungen auszuführen seien. Er antwortete, vierzehn Tage vor der Vornahme des Kultus müsse eine Flasche Meerwasser in jeden der beiden Flüsse gegossen werden. Diese Zeremonie konnte Semiramis selber in der ersten Stunde vornehmen, wo der Mond bei Tage schien.

»Ich muß also«, sagte die Marquise zu mir, »die Flaschen hier mit Meerwasser füllen; denn alle andern Häfen Frankreichs sind weiter von Lyon entfernt. Ich muß unverzüglich abreisen, sobald ich das Bett verlassen kann. Ich werde Sie in Lyon erwarten; denn da Sie hier dem Saturn den Sühnedienst darbringen müssen, so können Sie nicht mit mir reisen.«

Ich gab die Richtigkeit dieser Anschauung zu, indem ich zugleich mein Bedauern aussprach, sie allein reisen lassen zu müssen. Am nächsten Tage brachte ich ihr zwei sorgfältig versiegelte Flaschen mit Meerwasser; ich befahl ihr, diese am fünfzehnten Mai in die Flüsse auszugießen, und versprach ihr, daß ich vor Ablauf der beiden darauffolgenden Wochen bei ihr sein werde. Ihre Abreise setzten wir auf den übernächsten Tag fest, das war der elfte Mai. Ich zeichnete schriftlich die Mondstunden auf und gab ihr ihren Reiseplan.

Sobald die Marquise abgereist war, verließ ich die Dreizehn Kantone und zog zu Marcolina. Ich gab ihr vierhundertundsechzig Louis in Gold, so daß sie mit dem in Biribi gewonnenen hundertundvierzig Louis jetzt sechshundert besaß. Mit dieser Summe von vierzehntausendvierhundert Franken konnte sie der Zukunft ruhig entgegensehen.

Am Tage der Abreise der Frau von Urfé kam der Bräutigam des Fräuleins Crosin in Marseille an; Rosalie hatte ihm einen Brief für mich mitgegeben, den er mir am selben Tage überbrachte. Sie bat mich, um unserer beider Ehre willen, ich möchte selber den Überbringer dem Vater der Braut vorstellen. Rosalie hatte recht; da aber die Verlobte nicht meine Nichte war, so war die Sache doch nicht so ganz einfach. Ich empfing meinen künftigen Stellvertreter sehr freundlich, sagte ihm aber, ich wolle ihn zunächst der Frau Audibert vorstellen und dann mit ihm zu seinem zukünftigen Schwiegervater gehen.

Der junge Genuese war in den Dreizehn Kantonen abgestiegen, weil er glaubte, daß ich dort wohnte. Er war entzückt, sich der Erfüllung seiner sehnlichsten Wünsche nahe zu sehen, und seine Freude wurde erhöht durch den Empfang, den Frau Audibert ihm bereitete.

Nachdem wir alle drei in meinen Wagen gestiegen waren, begaben wir uns zu dem zukünftigen Schwiegervater, der seinen Eidam mit Freuden aufnahm und ihn dann sofort seiner Frau vorstellte, die er bereits zu seinen Gunsten gestimmt hatte.

Ich war angenehm überrascht, als der wackere Kaufmann, der ein vernünftiger Mann und von Frau Audibert bereits vorbereitet war, mich seiner lieben Frau als seinen lieben Vetter vorstellte, den Herrn Chevalier de Seingalt, der sich ihrer Tochter auf der Reise so freundlich angenommen habe. Die tugendhafte Frau und gute Mutter war ebenso vernünftig wie ihr Gemahl: sie streckte mir ihre Hand entgegen, und damit waren wir über alle Verlegenheiten hinweg.

Mein neuer Vetter schickte sofort einen Boten zu seiner Schwester und ließ ihr mitteilen, er werde am nächsten Tage mit seiner Frau, seinem zukünftigen Schwiegersohn, Frau Audibert und einem Vetter, den sie noch nicht kenne, bei ihr speisen. Als der Bote fortgegangen war, lud er uns ein, und Frau Audibert übernahm es, uns hinauszufahren. Sie sagte ihm, ich habe noch eine zweite Nichte bei mir, die seine Tochter sehr lieb habe; sie werde sich daher sehr freuen, sie wiederzusehen. Der gute Papa war entzückt, seiner Tochter eine Freude machen zu können, indem er die Gesellschaft um einen angenehmen Gast vermehrte. Der glückliche Einfall der Frau Audibert machte mir viel Vergnügen; ich fühlte mich zu größtem Dank verpflichtet, daß sie meiner teuren Marcolina eine solche Freude bereitete, und sprach ihr daher aus vollem Herzen meine ganze Dankbarkeit aus.

Ich ging mit dem jungen Genuesen ins Theater. Hierüber freute sich Marcolina, die die Franzosen nicht liebte, weil sie sich nicht mit ihnen verständigen konnte. Er nahm in unserer Wohnung an einem ausgezeichneten Abendessen teil, in dessen Verlauf ich meiner Venetianerin von dem Vergnügen Mitteilung machte, das ihrer am nächsten Tage wartete. Ich glaubte, sie würde vor Freude den Verstand verlieren.

Am nächsten Tage erschienen wir bei Frau Audibert so pünktlich wie Achill an einem Schlachttage. Da die Dame sehr gut italienisch sprach, fand sie meine Marcolina entzückend und machte mir liebenswürdige Vorwürfe, daß ich sie nicht schon früher mit ihr bekannt gemacht hätte. Um elf Uhr kamen wir in Saint-Louis an, und dort wurde ich Zeuge einer reizenden Szene. Meine frühere Nichte hatte eine würdevolle Miene, die ihr entzückend zu Gesicht stand. Sie empfing ihren künftigen Gatten auf das anmutigste; hierauf dankte sie mir mit dem angenehmsten Lächeln dafür, daß ich die Güte gehabt hätte, ihn ihrem Vater vorzustellen. Von der Würde sprang sie dann plötzlich zur Fröhlichkeit über und gab ihrer Freundin hundert Küsse, die sie mit Zinsen zurückerhielt.

Das Mittagessen war ausgezeichnet und wurde von froher Heiterkeit belebt. Ich allein überließ mich einer süßen Melancholie; doch mußte ich bei mir selber lachen, wenn man mich fragte, warum ich traurig sei. Man hielt mich wohl für traurig, weil ich nicht so gesprächig war wie gewöhnlich. In Wirklichkeit war ich durchaus nicht traurig; ich empfand im Gegenteil diesen Augenblick als einen der schönsten meines Lebens. Mein Geist war sozusagen vollständig von jener Ruhe durchdrungen, die das Gefühl einer guten Handlung verleiht. Ich sah in mir den Verfasser einer Komödie, deren Ausgang so außerordentlich glücklich war. Ich sah mit Freuden, daß ich, wenn eins gegen das andere abgewogen wurde, auf dieser Welt mehr Gutes als Böses anrichtete, und das ein günstiges Geschick mich, obgleich ich nicht als König geboren war, in die Lage versetzte, Menschen glücklich zu machen. Unter den Tischgästen war niemand, der mir nicht dankbar war, und wenigstens vier von ihnen, der Vater, die Mutter und die beiden Brautleute, verdankten mir ihr ganzes Glück. Diese Erwägung verbreitete in mir ein Gefühl friedlichen Glückes, dessen ich nur schweigend genießen konnte.

Fräulein Crosin kehrte mit ihren Eltern und ihrem Bräutigam, den der Vater in sein Haus eingeladen hatte, nach Marseille zurück. Ich fuhr mit Frau Audibert, die mir das Versprechen abnahm, mit meiner entzückenden Marcolina bei ihr zu Abend zu speisen.

Man hatte bestimmt, daß die Hochzeit stattfinden solle, sobald von dem Vater des Bräutigams die Antwort auf einen Brief eintreffe, den der Vater der Braut nach Genua geschrieben hatte. Selbstverständlich waren wir alle zur Hochzeit eingeladen. Marcolina war entzückt über alle diese Feste und verdoppelte die liebevolle Zärtlichkeit, mit der sie mich beglückte.

Beim Abendessen im Hause det Frau Audibert fanden wir einen reichen jungen Weinhändler, einen geistvollen Jüngling von unabhängigem Vermögen. Er saß neben Marcolina, die von witzigen Bemerkungen sprudelte, und der junge Herr, der ganz leidlich italienisch und sogar venetianisch sprach, weil er ein Jahr in Venedig zugebracht hatte, war offenbar sehr empfänglich für die Reize meiner neuen Nichte.

Ich bin, meinem Charakter entsprechend, stets sehr eifersüchtig auf meine Geliebten gewesenn, wenn ich aber voraussehen konnte, daß sie durch einen Nebenbuhler eine vorteilhafte Lebensstellung erhalten würden, machte meine Eifersucht einem edleren Gefühle Platz. An jenem Tage begnügte ich mich damit, mich bei Frau Audibert nach dem jungen Mann zu erkundigen, und ich vernahm mit großer Befriedigung, daß er in ausgezeichnetem Rufe stand, ein Vermögen von hunderttausend Talern nebst einem großen Geschäft besaß und vollkommen unabhängig war.

Am nächsten Tage besuchte er uns in unserer Loge im Theater, und ich war sehr erfreut über den liebenswürdigen Empfang, den Marcolina ihm bereitete. Um ihn noch näher kennen zu lernen, lud ich ihn ein, mit uns zu Abend zu speisen. Er nahm die Einladung an, und ein Benehmen wie sein Geist gefielen mir sehr. Er war gegen Marcolina zärtlich, aber ehrerbietig.

Als er fortging, sagte ich zu ihm, ich hoffe, es sei nicht das letzte Mal gewesen, daß er uns diese Ehre erwiesen habe, und als ich mit Marcolina allein war, wünschte ich ihr Glück zu ihrer Eroberung, indem ich ihr ein Los in Aussicht stellte, das dem des Fräulein Crosin nicht unähnlich sein werde. Anstatt mir jedoch zu danken, wurde das reizende Mädchen wütend. »Wenn du mich los sein willst,« rief sie, »so schicke mich nach Venedig, aber sprich mir nicht davon, mich verheiraten zu wollen!«

»Beruhige dich, mein Engel. Dich los sein wollen! Was ist das für eine Sprache? Hast du irgendwelchen Grund zur Annahme gehabt, daß du mir lästig seiest? Ich sehe da einen schönen, gut erzogenen, reichen jungen Mann; ich sehe, daß er dich liebt und daß er dir nicht mißfällt; und da ich dich sehr lieb habe, da ich dich glücklich und gegen alle Wechselfälle geschützt zu sehen wünsche, da ich endlich in diesem liebenswürdigen Franzosen alles zu finden glaube, was eine ehrbare Frau glücklich machen kann, so stelle ich dir alle diese Vorteile vor Augen. Du aber wirst grob gegen mich, anstatt mir dankbar zu sein! Weine nicht, meine reizende Freundin; du machst mich traurig.«

»Ich weine, weil du dir hast einbilden können, daß ich ihn liebe.«

»Das hätte wohl sein können, meine Liebe, und dies hätte mich, wenn es in allen Ehren geschah, nicht beleidigen können; aber sei ruhig, ich werde mir derlei Sachen nicht mehr vorstellen. Laß uns zu Bett gehen.«

Marcolina weinte nicht mehr, sondern lachte und überschüttete mich mit Küssen. Vom Weinhändler sprachen wir nicht mehr. Am nächsten Tage kam er in unsere Loge, um uns Gesellschaft zu leisten; aber das Bild hatte sich verändert: Marcolina war höflich, aber zurückhaltend, und ich wagte es nicht, ihn, wie am Tage vorher, zum Abendessen einzuladen. Als wir wieder zu Hause waren, dankte sie mir dafür, daß ich ihn nicht eingeladen hätte, uns zu begleiten; sie sagte, sie hätte davor Furcht gehabt.

Diese Andeutung genügte, und für die Zukunft richtete ich mich danach.

Am nächsten Tage machte Frau Audibert uns einen Besuch, um uns im Auftrage des Weinhändlers zum Abendessen einzuladen. Bevor ich eine Antwort gab, sah ich meine Venetianerin an, die meine Gedanken erriet und schnell erklärte, sie werde stets glücklich sein, mit Frau Audibert zusammen zu sein. Die Dame holte uns am Abend ab und fuhr mit uns zu dem Freier, der uns eine prachtvolle Mahlzeit gab, zu der er außer uns niemand eingeladen hatte. Wir sahen ein ausgezeichnet eingerichtetes Haus, dem nur eine Frau als Herrin und Wirtin fehlte. Der Hausherr behandelte beide Damen mit gleicher Aufmerksamkeit, und Marcolina benahm sich zum Entzücken. Ihr lustiges und doch anständiges Benehmen, ihre lebhafte und dabei stets maßvolle Unterhaltung – dies alles erweckte in mir die Überzeugung, daß sie den wackeren Weinhändler vollends entflammt hatte.

Am nächsten Tage erhielt ich ein Briefchen von Frau Audibert, die mich bat, einen Augenblick bei ihr vorzusprechen. Ich ging zu ihr, und sie bat mich im Auftrag des jungen Kaufmanns um Marcolinas Hand.

»Der Antrag, den Sie mir machen,« antwortete ich ihr, »ist mir sehr angenehm, und ich bin gern bereit, dem Mädchen dreißig tausend Franken mitzugeben, wenn diese durch gute Bürgschaft sichergestellt werden; aber ich kann es nicht übernehmen, mit ihr darüber zu sprechen. Ich werde das reizende Mädchen Ihnen zuschicken, gnädige Frau, und wenn Sie sie bestimmen können, einen Antrag anzunehmen, der sie ehrt und nach meiner Meinung sehr vorteilhaft für sie ist, so können Sie auf mich zählen. Ich werde mein Wort halten, aber Sie dürfen nicht in meinem Namen mit ihr sprechen, denn das könnte alles verderben.«

»Ich werde sie abholen, und wenn es Ihnen recht ist, so wird sie bei mir zu Mittag essen, und Sie holen sie dann abends zum Theater ab.«

Am nächsten Tage erschien sie pünktlich zur verabredeten Stunde, und Marcolina, der ich Bescheid gesagt hatte, ging mit ihr zum Essen. Gegen fünf Uhr holte ich sie ab, und da ich sie in der heitersten Laune fand, so wußte ich nicht, was ich davon denken sollte. Die Damen waren allein, und da Frau Audibert mich nicht beiseite rief, so bezwang ich meine Neugier und ging, ohne etwas erfahren zu haben, mit Marcolina fort, als es Zeit zum Theater wurde.

Unterwegs sang Marcolina unaufhörlich das Lob der Dame, aber von dem Antrag, den diese ihr doch ohne Zweifel gemacht haben mußte, sagte sie kein Wort. Etwa in der Mitte der Vorstellung glaubte ich jedoch des Rätsels Lösung gefunden zu haben; denn ich sah den jungen Mann im Parkett, und er erschien nicht in unserer Loge, obgleich in dieser zwei Plätze frei waren.

Wir kehrten in unsere Wohnung zurück, ohne über den Kaufmann oder Frau Audibert auch nur eine Silbe gesprochen zu haben; da ich jedoch der Tatsache sicher war, so fühlte ich mich zur Dankbarkeit gestimmt, und Marcolina war hochbeglückt, mich zärtlicher denn je zu finden. In der höchsten Wonne unserer Liebeskämpfe erzählte Marcolina mir endlich alles, was zwischen ihr und der Dame vorgefallen war. »Sie sagte mir alles mögliche Schöne und Vernünftige, ich aber beschränkte mich darauf, ihr zu antworten, ich würde mich nur verheiraten, wenn du es mir beföhlest. Indessen danke ich dir von ganzem Herzen für die zehntausend Taler, die du mir zu schenken bereit wärest. Du hast die Entscheidung mir zugeschoben, und ich habe dir den Ball zurückgeworfen. Wenn du deine Gründe hast, mich nicht mit nach England zu nehmen, so werde ich nach Venedig gehen, sobald du es willst; verheiraten aber werde ich mich nicht. Allem Anschein nach werde ich den jungen Herrn nicht mehr sehen, der übrigens sehr liebenswürdig ist und den ich, glaube ich, lieben könnte, wenn ich dich nicht kennte.«

Der junge Mann ließ sich nicht mehr sehen, und ich schätzte ihn darum hoch; denn ein Mann, der seinen eigenen Wert kennt, muß sich mit einer Tatsache abzufinden wissen.

Bald darauf fand die Hochzeit meiner Nichte statt. Marcolina nahm mit mir daran teil; sie trug keine Diamanten; sonst aber war sie mit allem Luxus geschmückt, der ihre Schönheit ins rechte Licht setzen und meinem Selbstgefühl schmeicheln konnte.

Einundzwanzigstes Kapitel.


Crèvecoeur. – Bomback. – Reise nach Moskau. – Fortsetzung meiner Abenteuer in St. Petersburg.

An dem Tage, wo ich Zaïra nahm, schickte ich Lambert fort, mit dem ich nichts mehr anzufangen wußte. Er betrank sich jeden Tag, und dann war er ein unausstehlicher Flegel. Man wollte ihn nur als einfachen Soldaten annehmen, und das ist in Rußland eine nicht sehr glänzende Stelluug. Ich verschaffte ihm einen Paß, um nach Berlin zurückkehren zu können, und gab ihm das nötige Reisegeld. Später erfuhr ich, daß er in österreichische Dienste eingetreten sei.

Im Mai war Zaïra so schön geworden, daß ich nicht den Mut hatte, sie in Petersburg zu lassen, als ich Lust bekam, eine Reise nach Moskau zu machen. Ich verzichtete daher auf einen Bedienten und nahm sie mit. Es machte mir ein außerordentliches Vergnügen, wenn sie in ihrer reizenden Weise venetianisch radebrechte. Samstags ging ich mit ihr ins russische Bad. Dort sind dreißig oder vierzig Männer und Weiber beisammen. Alle sind vollkommen nackt; da aber niemand den anderen ansieht, so hat man gar nicht das Gefühl gesehen zu werden. Diese Abwesenheit jedes Schamgefühls entspringt aus einer angeborenen Unschuld. Ich war überrascht, daß niemand Zaïra ansah, die mir als das Original der Psyche-Statue erschien, welche ich in Rom in der Villa Borghese gesehen hatte. Ihr Busen war noch nicht ganz entwickelt, denn sie war kaum vierzehn Jahre alt und wies erst leichte Spuren der Mannbarkeit auf. Sie war weiß wie Schnee, ihre ebenholzschwarzen Haare waren von wunderbarer Länge und Dichtigkeit; denn ihr schöner nackter Leib war buchstäblich in ihre Haare eingehüllt, und nur einzelne weiße Stellen schimmerten wie durch schwarze Spitzen hindurch. Vollendet feine Brauen wölbten sich über ihren herrlich geschnittenen Augen, die vielleicht ein bißchen größer hätten sein können, die aber unübertrefflich an Glanz und Ausdruck waren; ihre breiten Lider mit langen, dichten Wimpern dämpften das Feuer ihrer Blicke und verliehen ihr einen Ausdruck von bezaubernder Bescheidenheit. Von ihrem Munde will ich nichts sagen; er war so klein, daß sie kaum einen Apfel anbeißen zu können schien; ihn zierten zwei Perlenreihen zwischen ihren Korallenlippen. Ohne ihre entsetzliche Eifersucht und ohne ihren blinden Glauben an die Unfehlbarkeit der Karten, die sie sich jeden Tag mindestens zehnmal legte, wäre Zaïra ein Wunder gewesen, und ich hätte sie niemals verlassen.

Ein junger Franzose von vornehmem und liebenswürdigem Wesen und offenbar sehr gut erzogen, namens Crèvecoeur, kam nach Petersburg mit einer leidlich hübschen, jungen Pariserin, die er la Rivière nannte. Leider hatte sie kein anderes Talent und keine andere Erziehung als die, die in Paris alle jungen Mädchen haben, die mit ihren Reizen Handel treiben. Der junge Mann brachte mir einen Brief vom Prinzen Karl von Kurland, der mir schrieb, er werde mir dankbar sein, wenn ich dem jungen Paar gefällig sein könnte. Er kam mit seiner Schönen in dem Augenblick, wo ich mit Zaïra frühstückte.

»Wollen Sie die Güte haben,« sagte ich zu der jungen Französin, »mir zu sagen, worin ich Ihnen nützlich sein kann.«

»Indem Sie uns Ihre Gesellschaft gönnen und uns mit Ihren Bekannten bekannt machen.«

»Da ich Fremder bin, so will meine Gesellschaft wenig bedeuten: ich werde Sie besuchen, und Sie kommen zu mir, so oft Sie wollen; es wird mir stets ein Vergnügen sein; aber ich speise niemals zu Hause. Was meine Bekanntschaften anlangt, so begreifen Sie wohl, daß ich als Fremder gegen das Herkommen verstoßen würde, wenn ich Sie und Madame vorstellte. Ist sie Ihre Frau? Man wird mich fragen, wer Sie sind und was Sie in Petersburg wollen. Was soll ich sagen? Ich wundere mich, daß Prinz Karl Sie nicht an andere empfohlen hat.«

»Ich bin lothringischer Edelmann und bin nach Petersburg gekommen, um mich zu amüsieren. Fräulein la Rivière ist meine Geliebte.«

»Ich wüßte nicht, wem ich Sie mit solchen Titeln vorstellen sollte; aber ich glaube, Sie können die Bräuche des Landes studieren und sich unterhalten, ohne daß Sie einen Menschen nötig haben. Schauspiele, Erholungsorte, ja sogar die Hoffeste stehen jedermann offen. Ich nehme an, daß es Ihnen an Geld nicht fehlt.«

«Das ist es gerade: ich habe kein Geld und kann auch keins erwarten.«

»Ich habe ebensowenig etwas übrig. Sie setzen mich in Erstaunen. Wie haben Sie die Torheit begehen können, ohne Geld hierher zu kommen?«

»Meine Geliebte behauptet, wir brauchen nicht mehr, als was von einem Tage zum anderen langt. Sie hat mich veranlaßt, ohne einen Heller in der Tasche von Paris abzureisen, und bis jetzt scheint mir, daß sie wohl recht haben mag. Wir haben überall zu leben gehabt.«

»Dann hat sie also die Börse?«

»Meine Börse,« sagte sie, »befindet sich in der Tasche meiner Freunde.«

»Ich verstehe und ich begreife, daß Sie überall Mittel finden müssen. Wenn ich eine Börse für Freundschaft solcher Art hätte, würde ich sie Ihnen ebenfalls öffnen; aber ich bin nicht reich.«

Der Hamburger Bombad, den ich in England gekannt hatte, war von dort seiner Schulden wegen entflohen; er war nach Petersburg gekommen und hatte das Glück gehabt, in den russischen Militärdienst eintreten zu dürfen. Als Sohn eines reichen Kaufmanns machte er ein großes Haus, hielt Dienerschaft und Wagen; er liebte Weiber, gutes Essen und Spiel und machte Schulden, wo er nur konnte. Er war häßlich, aber lebhaft, weltgewandt und geistreich. Er trat bei mir ein, als ich gerade mit der sonderbaren Reisenden sprach, die ihre Börse in der Tasche ihrer Freunde hatte. Ich stelle ihm das edle Paar vor und erzähle ihm alles; nur von der Börse sage ich nichts, Bomback ist von dem Zusammentreffen entzückt und macht sofort der Rivière den Hof. Sie benimmt sich vollkommen im Geiste ihres Handwerks, und bald muß ich bei mir selber lachen, denn ich sehe, daß sie recht hat. Bomback ladet sie ein, am nächsten Tage bei ihm zu Mittag zu essen und am gleichen Tage mit ihm nach Crasnafabad zu fahren, um dort eine ländliche Mahlzeit einzunehmen. Er bat mich mitzukommen, und ich nahm seine Einladung an.

Zaïra, die kein Französisch verstand, fragte mich, wovon die Rede sei. Ich sagte es ihr, und sie bat, mich begleiten zu dürfen. Ich erlaubte ihr dies; denn ich sah, daß sie eifersüchtig war, und fürchtete die Folgen, die sich in schlechter Laune, Tränen und Verzweiflung kundgaben und mich bei früheren Gelegenheiten schon mehr als einmal gezwungen hatten, nach dem Landesbrauch sie zu schlagen. Der Leser möge sich darüber nicht wundern: es war das beste Mittel, ihr zu beweisen, daß ich sie liebte. Die russischen Frauen sind nun einmal so. Wenn sie ihre Schläge bekommen hatte, wurde sie allmählich wieder zärtlich, und die Liebe vollendete die Versöhnung.

Bomback verließ uns sehr befriedigt, um schnell seine Geschäfte zu erledigen; er versprach um elf Uhr wieder zu kommen. Während Zaïra sich ankleidete, machte die Rivière Bemerkungen zu mir, daß es mir vorkam, wie wenn ich bisher von der Welt soviel gewußt hätte wie ein neugeborenes Kind. Am meisten fiel es mir auf, daß ihr Liebhaber sich der Rolle, die er spielte, offenbar nicht im geringsten schämte. Er hatte eine gewisse Entschuldigung gehabt, wenn er in seine Messalina verliebt gewesen wäre; aber dies galt hier nicht.

Unser Ausflug verlief sehr lustig. Bomback sprach fast nur mit der Abenteurerin; Zaïra faß fast immer auf meinem Schoß; Crèvecoeur aß, lachte, wo es paßte und nicht paßte, und ging spazieren. Die schlaue La Rivière veranlaßte Bomback, Quinze um fünfundzwanzig Rubel zu spielen. Er verlor das Geld in sehr galanter Weise, bezahlte und verlangte von ihr nichts weiter als einen Kuß. Zaïre war sehr froh, daß sie den Ausflug mitgemacht hatte; denn sie hätte sonst befürchtet, daß ich ihr untreu gewesen wäre. Sie sagte mir allerlei Scherzhaftes über die Französin und deren Liebhaber, der gar nicht eifersüchtig wäre. Das ging über ihren Horizont; sie begriff nicht, wie die Französin dulden könnte, daß er so täte, wie wenn er ihrer vollständig sicher wäre.

»Aber ich bin ja auch deiner sicher, und trotzdem liebst du mich!«

»Ich habe dir aber auch niemals Anlaß gegeben, daran zu zweifeln.«

Am nächsten Tage ging ich allein zu Bomback, denn ich wußte, daß ich bei ihm junge russische Offiziere finden würde, die mich geärgert hätten, wenn sie Zaïra in ihrer Sprache den Hof gemacht hätten. Ich traf bei ihm das reisende Paar und die beiden Brüder Lunin, die damals Leutnants waren und heute Generäle sind. Der jüngere war blond und sah aus wie ein hübsches Mädchen. Er war der Liebling des Kabinettssekretärs Teploff gewesen. Als geistreicher Junge setzte er sich nicht nur über das Vorurteil hinweg, sondern rühmte sich sogar, daß er durch seine Liebenswürdigkeit die Zärtlichkeit und das Wohlwollen aller mit ihm verkehrenden Männer gewinne.

Er hatte bei dem reichen Hamburger denselben Geschmack vorausgesetzt, den er bei Teploff gefunden hatte, und hatte sich nicht geirrt. Er würde mich zu entehren geglaubt haben, wenn er bei mir nicht denselben Geschmack angenommen hätte. Infolgedessen setzte er sich bei Tisch neben mich und neckte mich während des Essens in einer Weise, daß ich ihn allen Ernstes für ein verkleidetes Mädchen hielt. Als ich nach Tisch zwischen ihm und der Französin vor dem Kaminfeuer saß, teilte ich ihm meinen Verdacht mit. Stolz auf die Überlegenheit seines Geschlechtes stellte Lunin es sofort zur Schau. Um zu wissen, ob ich bei dem Anblick seiner Schönheit kalt bleiben könnte, bemächtigte er sich meiner und nahm, in der festen Überzeugung, daß er mir gefalle, eine geeignete Stellung ein, um, wie er sagte, ihn und mich glücklich zu machen. Ich gestehe zu meiner Schande, daß es vielleicht dazu gekommen wäre, wenn die Rivière sich nicht geärgert hätte, daß in ihrer Gegenwart ein Lustknabe sich ihre Rechte anzumaßen wagte; sie nötigte ihn daher, seine Heldentaten noch aufzuschieben.

Der ältere Lunin, Crèvecoeur und Bomback, die einen Spaziergang gemacht hatten, kamen am Abend mit zwei oder drei Freunden zurück, die die Französin leicht darüber trösteten, daß der jüngere Lunin und ich ihr so schlechte Gesellschaft geleistet hatten.

Bomback legte eine Pharaobank und hörte erst um elf Uhr auf, als er kein Geld mehr hatte. Dann speisten wir, und hierauf begann die große Orgie, bei der die Rivière mit einem unglaublichen Heldenmut die Hauptrolle spielte. Mein neuer Freund, der jüngere Lunin, und ich beteiligten uns nur als Zuschauer. Der arme Crèvecoeur war zu Bett gegangen. Wir trennten uns erst am hellen Tage.

Ich komme nach Hause, trete in mein Zimmer ein und entgehe durch einen unerhörten Glückszufall einer Flasche, die Zaïra nach meinem Kopf wirft. Hätte sie mich getroffen, so wäre ich ein toter Mann gewesen. Wütend wirft sie sich zu Boden und schlägt mit dem Kopf an die Erde. Von Mitleid ergriffen, eile ich zu ihr, reiße sie empor und frage sie, was sie hat.

Ich glaubte, sie sei wahnsinnig geworden, und wollte Leute zu Hilfe rufen. Plötzlich beruhigte sie sich; dann aber brach sie wieder in Tränen aus, nannte mich Mörder und Verräter, belegte mich mit allen Schimpfnamen, die ihr einfielen; um mich meines Verbrechens zu überführen, zeigte sie mir fünfundzwanzig Karten, aus denen sie auf dem Tisch ein Viereck gebildet hatte; in diesem hatte sie gelesen, was für Ausschweifungen mich die ganze Nacht ferngehalten hätten.

Ohne sie zu unterbrechen, ließ ich sie ruhig ausreden, um sich auf diese Weise von ihrer eifersüchtigen Wut zu erleichtern. Hierauf warf ich ihre Karten ins Feuer, sah sie mit einem Blick an, worin sich mein gerechter Zorn und zugleich mein Mitleid spiegelten, und sagte ihr: sie habe mich beinahe getötet, ich wolle mich ihrer Wut nicht mehr aussetzen, und es sei daher unwiderruflich nötig, daß wir uns schon am nächsten Tage trennten. Ich gestand ihr, daß ich allerdings die Nacht bei Bomback verbracht hätte und daß ein Weib zugegen gewesen wäre; aber ich leugnete die Ausschweifungen, deren sie mich beschuldigte.

Da ich der Ruhe bedurfte, so ging ich endlich zu Bett und schlief ein, ohne ihr eine einzige Liebkosung zu gönnen, obgleich sie sich neben mich legte und alles aufbot, um mich von ihrer Reue zu überzeugen und meine Verzeihung zu erlangen.

Nach fünf oder sechs Stunden wachte ich auf. Da ich sie in tiefem Schlafe liegen sah, so zog ich mich an und dachte darüber nach, wie ich das Mädchen loswerden könnte, das mich in seiner eifersüchtigen Wut früher oder später vielleicht getötet haben würde. Während ich mich mit diesen Gedanken beschäftigte, wachte sie auf, da sie mich nicht mehr an ihrer Seite fühlte. Sie sprang aus dem Bett, fiel mir zu Füßen und erneuerte unter Tränen die Versicherungen ihrer Reue. Sie flehte um meine Verzeihung, rief mein Mitleid an und schwor mir, sie werde keine Karte mehr anrühren, wenn ich nur die Güte haben wollte, sie zu behalten.

Wie verführerisch ist in einem solchen Zustande ein schönes Weib, das man liebt! Das Ende vom Liede war, daß ich sie in meine Arme schloß, ihr verzieh und sie nicht eher verließ, bevor ich ihr die deutlichsten Beweise meiner wiedergekehrten Zärtlichkeit gegeben hatte. Ich hatte meine Abreise nach Moskau auf den dritten Tag angesetzt, und sie war überselig, als ich ihr versprach, sie mitzunehmen.

Drei Gründe hatten besonders dazu beigetragen, mir die leidenschaftliche Liebe des Mädchens zu erwerben: erstens nahm ich sie oft mit mir nach Katharinenhof, um ihre Familie zu besuchen, der ich jedesmal einen Rubel zurückließ; zweitens ließ ich sie mit mir essen; drittens hatte ich sie drei- oder viermal geschlagen, als sie mich nicht ausgehen lassen wollte.

In Rußland ist das Prügeln absolut notwendig; denn Worte haben keine Macht. Ein Bedienter, eine Geliebte, eine Frau von gewöhnlichem Stande kennen nur den Stock. Man würde sein Latein verlieren, wenn man Gründe der Vernunft oder der Moral anführen wollte; ein paar kräftige Hiebe mit der Reitpeitsche oder mit dem Stock sind die einzigen wirksamen Mittel. Der Bediente ist noch mehr Sklave mit der Seele als mit dem Körper; wenn er Prügel bekommen hat, stellt er folgende Betrachtung an: mein Herr hat mich nicht fortgejagt, sondern mich nur geschlagen; er hat mich also lieb; folglich muß ich ihm anhänglich sein. Ebenso ist es mit dem russischen Soldaten, und das ist ganz natürlich, denn er entstammt ja dem Volke. Mit einer Anrufung des Ehrgefühls ist bei ihm nichts anzufangen; aber mit Schlägen und Branntwein kann man von ihm alles erlangen, was man will, nur keine Heldentaten.

Papanelopulo lachte mich aus, als ich in der ersten Zeit meines Aufenthaltes ihm sagte, mein Kosake gefalle mir; ich wolle ihn daher durch Milde gewinnen und ihn nur mit Worten schelten, wenn er sich sinnlos in Branntwein betrinke.

»Wenn Sie ihn nicht prügeln,« sagte er zu mir, »wird er schließlich Sie prügeln!«

So kam es auch wirklich. Als ich ihn eines Tages so betrunken fand, daß er zu jedem Dienst unfähig war, schalt ich ihn aus, drohte ihm mit meinem Stock und sagte, ich würde ihn prügeln, wenn er sich nicht besserte. Sobald er den erhobenen Stock sah, lief er auf mich zu und griff danach. Hätte ich ihn nicht sofort niedergeworfen, so würde er mich ohne Zweifel geschlagen haben. Ich jagte ihn augenblicklich fort. Es gibt auf der ganzen Welt keinen besseren Bedienten als den Russen: er ist unermüdlich bei der Arbeit, schläft auf der Schwelle des Zimmers, worin sein Herr schläft, ist stets zu jedem Gange bereit, ist immer unterwürfig, hat niemals eine Gegenrede, wenn er unrecht hat, und ist nicht imstande, zu stehlen. Aber er wird ein Scheusal oder ein Trottel, wenn er ein bißchen zuviel Branntwein getrunken hat, und an diesem Laster krankt das ganze Volk.

Ein Kutscher, der manchmal die ganze Nacht dem härtesten Frost ausgesetzt ist, kennt kein anderes Mittel, als Kornbranntwein zu trinken. Nimmt er ein wenig zuviel, so schläft er auf seinem Bock ein, um vielleicht nicht wieder aufzuwachen. Wenn man nicht aufpaßt, kann man leicht das Unglück haben, ein Ohr, die Nase, ein Stück Wange oder eine Lippe zu verlieren. Als ich eines Tages bei sehr starkem Frost im Schlitten nach Petersburg zurückfuhr, bemerkte ein Russe, daß ich in Gefahr war, ein Ohr zu verlieren. Sofort rieb er mich mit einer Handvoll Schnee, bis der ganze knorpelige Teil durch diese Reibung sich wieder belebt hatte. Als ich ihn fragte, woran er die Gefahr erkannt hätte, antwortete er mir, man sehe es leicht an der bläulich-weißen Farbe; diese sei ein untrügliches Kennzeichen, daß das Fleisch erfriere. Überraschend war für mich, und es scheint mir noch heute unglaublich, daß zuweilen der verlorene Körperteil wieder wächst. Prinz Karl von Kurland hat nur versichert, er habe in Sibirien eines Tages die Nase verloren, und diese sei während des Sommers wieder angewachsen. Mehrere Russen haben mir die Wahrheit dieser Erscheinung bestätigt.

Zu jener Zeit ließ die Kaiserin durch ihren Baumeister Rinaldi, der seit fünfzig Jahren in Petersburg war, ein hölzernes Amphitheater errichten, das den ganzen Platz vor ihrem Palast bedeckte. Es sollte hunderttausend Zuschauer enthalten, und in der Arena wollte Katharina für alle stolzen Ritter des Reiches ein prachtvolles Turnier veranstalten. Es sollten gleichzeitig vier Quadrillen gebildet werden, von denen eine jede aus hundert Reitern in den reichsten Trachten der von ihnen vertretenen Völkerschaften bestehen sollte. Die Quadrillen sollten mit Lanzen gegeneinander anreiten, und für die Sieger waren wertvolle Preise bestimmt. In ganz Rußland wurde das prunkvolle Fest verkündet, das auf Kosten der Herrscherin stattfinden sollte, und aus den entlegensten Teilen des Reiches kamen schon Fürsten, Grafen und Barone mit ihren schönsten Rennern an. Prinz Karl von Kurland hatte mir geschrieben, er werde ebenfalls kommen.

In begreiflicher Vorsicht war die Bestimmung getroffen worden, daß das Fest am ersten Tage stattfinden sollte, wo das Wetter schön sein würde. Diese Zeitbestimmung war ebenso vernünftig wie unsicher; denn in Petersburg kommt es ziemlich selten vor, daß ein ganzer Tag ohne Regen, Schnee oder Wind vergeht, außer in der Zeit nach den großen Winterfrösten. In Italien, in Spanien und selbst in Frankreich rechnet man auf die schönen Tage, die schlechten sind die Ausnahme. Aber in Rußland ist gerade das Gegenteil der Fall. Seitdem ich dieses liebe Land kenne, diese Heimat des Boreas und des Frostes, muß ich lachen, wenn ich reisende Russen von ihrem schönen Klima sprechen höre. Ich entschuldige sie damit, daß alle Menschen von Natur geneigt sind, das Mein dem Dein vorzuziehen. Die Edelleute bilden sich ein, sie haben reineres Blut als die Bedienten und Bauern, von denen sie abstammen. Die Römer und andere Völker des Altertums erklärten sich in ihrem Stolz für Abkömmlinge von Göttern und Helden, um unter diesem Firnis die Räuber zu verbergen, von denen sie in Wirklichkeit abstammten. Tatsächlich hat es im ganzen Jahre 1765 in Rußland, oder wenigstens in Ingermannland, nicht einen einzigen schönen Tag gegeben; ein unwiderleglicher Beweis dafür ist, daß das berühmte Turnier nicht stattfinden konnte. Man mußte die Gerüste des Amphitheaters zudecken und das Turnier wurde erst im nächsten Jahre abgehalten. Die Ritter verbrachten den Winter in Petersburg, mit Ausnahme derjenigen, deren Börse nicht so gut versehen war, um die Kosten eines Aufenthaltes in der Hauptstadt und des an einem Hofe erforderlichen Luxus vertragen zu können. Mein lieber Prinz von Kurland gehörte zu meinem großen Bedauern zu diesen letzten.

Nachdem ich alle Vorbereitungen für meine Reise nach Moskau getroffen hatte, legte ich mich mit Zaïra in meinen Schlafwagen; hintenauf saß ein Bedienter, der Russisch und Deutsch sprach. Für achtzig Rubel verpflichtete ein russischer Schiwotschik (Mietsfuhrmann) sich, mich mit sechs Pferden in sechs Tagen und sieben Nächten nach Moskau zu bringen. Dies war sehr billig. Da ich nicht mit der Post fuhr, konnte ich auf eine größere Schnelligkeit keinen Anspruch machen, denn die Entfernung betrügt zweiundsiebzig russische Posten, das heißt ungefähr fünfhundert italienische Miglien oder hundertundsechzig französische Wegstunden.

Wir fuhren in dem Augenblick ab, wo der Kanonenschuß von der Zitadelle das Ende des Tages verkündete. Wir befanden uns Ende Mai, und zu dieser Zeit gibt es in Petersburg buchstäblich keine Nacht mehr. Ohne den Kanonenschuß würde kein Mensch wissen, daß die Sonne untergegangen ist. Man kann um Mitternacht einen Brief lesen, und der Mond trägt gar nichts dazu bei, die Nacht heller zu machen. Man sagt, das sei schön, aber mir kam es langweilig vor. Dieser beständige Tag dauert acht Wochen. Während dieser ganzen Zeit zündet kein Mensch eine Kerze an. In Moskau ist das anders: es liegt vierundeinenhalben Breitengrad tiefer als Petersburg, und man muß daher um Mitternacht stets Licht brennen.

In vierundzwanzig Stunden kamen wir in Nowgorod an, wo der Schiwotschik uns eine Ruhepause von fünf Stunden erlaubte. Ich wurde hier Zeuge eines Vorfalles, der mich sehr überraschte, obgleich er einen eigentlich nur wenig überraschen sollte, wenn man viel auf Reisen ist, besonders unter halbwilden Völkern. Als ich den Schiwotschik einladen ließ, einen Schluck zu trinken, machte er ein sehr trauriges Gesicht. Ich wollte den Grund wissen, und er sagte zu Zaïra, eines seiner Pferde wolle nicht fressen, und er sei darüber ganz verzweifelt, denn wenn es nicht fresse, werde es auch nicht laufen wollen. Wir gingen mit ihm in den Stall, und da stand das Pferd traurig, gesenkten Kopfes, unbeweglich da und wollte nicht fressen. Sein Herr beginnt in einem sanften, aber leidenschaftlichen Ton eine Ansprache an das Pferd zu halten und sieht es dabei zärtlich an, wie wenn er sein Ehrgefühl erwecken wollte, damit es sich bemühen solle zu fressen. Nach dieser Ansprache nimmt er den Kopf des Pferdes, küßt ihn liebevoll und drückt ihn in die Krippe hinein. Alles war vergeblich. Hierauf begann der Schiwotschik zu weinen, aber auf eine Art, die meine größte Lachlust erregte, denn ich sah deutlich, daß er das Pferd durch seine Tränen zu rühren hoffte. Nachdem er tüchtig geweint hatte, nahm er abermals den Kopf, küßte ihn und steckte ihn wieder in die Krippe. Abermals vergeblich. Nun wurde der Schiwotschik wütend und schwur, er wolle sich wegen einer solchen Halsstarrigkeit rächen. Er führte das arme Tier aus dem Stall, band es an einen Pfahl, nahm einen dicken Knüppel und prügelte eine Viertelstunde aus Leibeskräften darauf los. Mir blutete das Herz bei dem Anblick. Als der Schiwotschik sich müde geprügelt hatte, führte er das Pferd wieder in den Stall, band es an der Raufe fest und sofort begann das Tier zu fressen. Sein Herr aber lachte und machte Freudensprünge, wie wenn er seinem Pferde zeigen wollte, daß es ihn glücklich mache.

Ich war im höchsten Grade erstaunt, und mir schien, so etwas könne nur in Rußland vorkommen, wo man in Gestalt von Stockschlägen das Allheilmittel gefunden zu haben scheint. Ich teile diese Geschichte Tierärzten und Pferdehändlern zu freundlichem Nachdenken mit.

Man hat mir gesagt, die Stockschläge seien seither in Rußland etwas aus der Mode gekommen. Jedenfalls müssen seit den Tagen Peters des Großen, der seine Generäle verprügelte, wenn er nicht mit ihnen zufrieden war, die Verhältnisse sich bedeutend geändert haben. Damals mußte ein Leutnant demütig die Schläge hinnehmen, die sein Hauptmann ihm gab; den Hauptmann prügelte sein Major, den Major sein Oberst und diesen sein General. Ich verdankte diese Mitteilung dem alten General Wojakoff, der ein Schüler Peters des Großen gewesen war. Er sagte mir, er habe mehr als einmal den Rohrstock des großen Mannes gespürt, der Petersburg geschaffen hat.

Ich habe wohl noch nichts von dieser Stadt gesagt, die schon so berühmt ist, und deren Dasein mir trotzdem immer noch unsicher erscheint. Nur ein Mann mit eisernem Geist, wie Peter, konnte die Natur so herausfordern, indem er auf einem Schlammboden, der unter jedem Schritt wich, riesige Gebäude von Marmor und Granit aufführte und so zu seiner Hauptstadt einen Haufen von Palästen schuf, die man nur mit ungeheuren Kosten erbauen konnte. Man sagt mir, heutzutage sei die Stadt bereits ausgewachsen. Ehre sei dafür der großen Katharina; aber im Jahre 1765 befand sie sich noch in der Kindheit, und es kam mir vor, wie wenn alles zu dem kindischen Zweck erbaut wäre, viele Ruinen zu haben. Man pflasterte Straßen mit der sichern Gewißheit, daß man sie nach sechs Monaten noch einmal pflastern müßte. Aus allem ging hervor, daß ein mächtiger Despot die Stadt in aller Eile hatte erstehen lassen, und in der Tat war Peter der Große in neun Monaten damit niedergekommen, obgleich er vielleicht zur Empfängnis viel längere Zeit gebraucht hatte. Damit Petersburg dauerhaft sei, werden stets eine beständige Sorgfalt und große Ausgaben notwendig sein; denn die Natur gibt niemals ihre Rechte auf und nimmt sie sich sofort wieder, sobald der Zwang aufhört. Ich prophezeie, daß früher oder später der lose Boden, auf welchem man diese Riesenmasse aufgeführt hat, unter einem Gewicht weichen wird, das in keinem Verhältnis zu seiner Widerstandskraft steht.

Wir kamen in Moskau zur rechten Zeit an, wie unser Schiwotschik uns versprochen hatte. Da wir mit denselben Pferden reisten, war es nicht möglich, diese Strecke in kürzerer Zeit zurückzulegen. Als ich eines Tages darüber sprach, sagte ein Russe mir, die Kaiserin Elisabeth habe die Reise in zweiundfünfzig Stunden gemacht.

»Das will ich meinen,« sagte ein anderer Russe von altem Schrot und Korn, »die Zarin hatte einen Ukas erlassen, und wenn sie gewollt hatte, hätte sie die Reise auch in kürzerer Zeit machen können. Sie hätte die Anzahl der Stunden nur durch einen Ukas vorzuschreiben brauchen.«

Es ist Tatsache, daß es zu meiner Zeit nicht erlaubt war, an der Unfehlbarkeit eines Ukas zu zweifeln; denn man hätte sich dadurch einer Majestätsbeleidigimg schuldig gemacht. Eines Tages ging ich in Petersburg auf einer kleinen Holzbrücke über einen Kanal. Ich war in Gesellschaft von Melissino, Papanelopulo und einigen andern Russen. Ich sprach einige tadelnde Worte über die kleine Brücke, die sehr jämmerlich erbaut und dem Einsturz nahe war. Einer meiner Begleiter sagte mir, bis zu dem und dem Tage werde die Holzbrücke durch eine schöne Steinbrücke ersetzt sein, weil die Kaiserin sie passieren müsse, um sich zu irgendeiner Festlichkeit zu begeben. Da dieser Tag nur drei Wochen entfernt war, erklärte ich die Sache für unmöglich. Ein Russe sah mich von der Seite an und sagte, man dürfe nicht daran zweifeln, denn es sei ein Ukas vorhanden, der es so anordne. Ich wollte etwas erwidern, aber Papanelopulo drückte mir stark die Hand und sagte mir auf italienisch: »Taci – schweigen Sie!«

Die Brücke wurde nicht gebaut, aber ich bekam trotzdem nicht recht; denn die Kaiserin veröffentlichte einen andern Ukas, worin Ihre Majestät ankündigte, es sei ihr Belieben, daß die besagte Brücke erst im Laufe des nächsten Jahres gebaut werde. Glückliches Regiment des absoluten Despotismus!

Die russischen Herrscher haben stets die Sprache des Despotismus geführt. Eines Tages sah ich die Kaiserin in männlicher Kleidung, um auszureiten. Ihr Oberhofstallmeister, Fürst Repnin, hielt das Pferd, das sie besteigen sollte, am Zügel. Das Pferd gab dem Fürsten einen Huftritt, der ihm den Fußknöchel zerschmetterte. Augenblicklich befahl die Zarin, das Pferd solle verschwinden, und verbot bei Todesstrafe, es jemals wieder vor ihre Augen zu bringen.

Alle Ämter entsprechen in Rußland einem gewissen militärischen Range; dies allein genügt schon, um die Art der Regierung zu kennzeichnen. Der erste Kutscher Ihrer Kaiserlichen Majestät hat Obersten-Rang; desgleichen ihr erster Koch. Der Kastrat Luini hatte den Rang eines Oberstleutnants, der Maler Toretti aber hatte nur Hauptmannsrang, weil er nur achthundert Rubel jährlich bekam, während der Kutscher dreitausend hatte. Die Schildwachen, die vor den inneren Türen der Kaiserlichen Gemächer stehen, halten stets die Gewehre gekreuzt und fragen jeden, der eintreten will, nach seinem Range. Als man mir diese Frage stellte und erklärte, wußte ich nicht, was ich sagen sollte. Der kluge Offizier aber fragte mich, wie hoch mein Jahreseinkommen sei, und als ich aufs Geratewohl antwortete, ich hätte dreitausend Rubel, gab er mir Generalsrang und ließ mich passieren. In diesem Zimmer sah ich die Zarin einen Augenblick; sie blieb an der Tür stehen und zog ihre Handschuhe aus, um ihre schönen Hände den beiden Schildwachen und dem Offizier, der mich zum General gemacht hatte, zum Kusse zu reichen. Durch solche Freundlichkeit gewann sie sich die Liebe ihrer Garde, die von Gregor Gregorowitsch Orloff befehligt wurde, und von der, im Falle einer Revolution, die Sicherheit ihrer Person abhing.

Als ich zum erstenmal die Fürstin in ihre Kapelle begleitete, wo sie die Messe hören wollte, bemerkte ich folgendes: der Protopapa (Bischof) empfing sie an der Kirchentür, um ihr das Weihwasser zu bieten; sie küßte ihm den Ring, während gleichzeitig der Prälat, den ein zwei Fuß langer Bart schmückte, sein Haupt neigte, um die Hand seiner Herrscherin zu küssen, die seine weltliche Gebieterin und zugleich sein geistliches Oberhaupt war; denn in Rußland ist der Lenker des Staates zugleich geistliches Oberhaupt der Kirche.

Während der ganzen Messe war von Frömmigkeit an ihr nichts zu merken; Heuchelei lag nicht in ihrem Charakter. Sie beehrte bald diesen bald jenen mit einem lachenden Blick und richtete von Zeit zu Zeit das Wort an ihren Günstling, dem sie ohne Zweifel nichts zu sagen hatte; sie wollte ihn nur zu einem Gegenstand des Neides machen, indem sie aller Welt zeigte, daß sie ihn über alle anderen stellte.

Als sie eines Abends die Oper verließ, wo man Metastasios Olympias gegeben hatte, hörte ich sie sagen: »Die Musik dieser Oper hat aller Welt viel Vergnügen gemacht; folglich bin ich von ihr entzückt, aber ich habe mich dabei gelangweilt. Die Musik ist etwas Schönes, aber ich begreife nicht, wie man sie leidenschaftlich lieben kann – wenigstens wenn man etwas Wichtiges zu tun oder zu denken hat. Icb lasse jetzt Buranello kommen; ich bin neugierig, ob er mir die Musik wird interessant machen können; aber ich zweifle daran, denn ich glaube, ich habe von Geburt an kein Gefühl dafür.«

So dachte und sprach sie immer. Ich werde am passenden Ort erzählen, was sie nach meiner Rückkehr von Moskau zu mir sagte.

In Moskau stieg ich in einem guten Gasthof ab; man gab mir zwei Zimmer und stellte meinen Wagen in die Remise. Nach dem Essen mietete ich einen zweisitzigen Wagen und nahm einen Lohndiener an, der französisch sprach. Mein Wagen wurde von vier Pferden gezogen, denn Moskau ist eine riesige Stadt, die eigentlich aus vier Städten besteht, und wenn man viele Besuche zu machen hat, so gilt es auf den schlecht gepflasterten Straßen lange Wege zurückzulegen. Ich hatte fünf oder sechs Briefe, die ich sämtlich zu bestellen gedachte. Da ich sicher war, daß ich nicht auszusteigen brauchte, nahm ich meine liebe Zaïra mit mir, die sich mit der Neugier eines vierzehnjährigen Mädchens für alles interessierte. Ich erinnere mich nicht mehr, welches Fest die griechisch-katholische Kirche an jenem Tage feierte, aber ich werde mich stets des betäubenden Geläutes der tausend Glocken erinnern, die ich in allen Straßen hörte; denn überall sind Kirchen. Man machte damals die Aussaat für die Septemberernte und spottete darüber, daß wir acht Wochen früher säen; sie behaupten, dies sei nicht nur nicht notwendig, sondern die Ernte werde sogar weniger reichlich. Ich weiß nicht, ob sie recht oder unrecht haben; aber es ist wohl möglich, daß wir ebenfalls recht haben; denn die Erfahrung ist die beste Lehrmeisterin.

Ich bestellte also alle Briefe, die ich in Petersburg vom Großjägermeister Narischkin, von Fürst Regnin, von meinem guten Papanelopulo und von Melissinos Bruder erhalten hatte. Am nächsten Vormittag erhielt ich die Besuche aller jener Herren, an die ich empfohlen worden war. Sie luden mich alle mit meiner Zaïra zum Mittagessen ein. Ich nahm die Einladung des ersten, der kam, für denselben Tag an; dies war ein Herr Demidoff. Den anderen sagte ich für die folgenden Tage der Reihe nach zu. Ich unterrichtete Zaïra, wie sie sich zu benehmen hätte, und sie war hocherfreut, mir zeigen zu können, daß sie dieser Auszeichnung würdig sei. In ihrem Anzug sah sie aus wie eine kleine Liebesgöttin; überall entzückte sie die Gesellschaft, die sich wenig darum bekümmerte, ob sie meine Tochter, meine Geliebte oder meine Sklavin war; denn in dieser Hinsicht, wie in hundert anderen, sind die Russen sehr vernünftige Leute. Wer Moskau nicht gesehen hat, kann nicht behaupten, daß er Rußland kennt; denn die Petersburger Russen sind nicht die eigentlichen Russen. Bei Hofe sind sie ganz anders, als die Natur sie geschaffen hat; ja man kann sagen, in Petersburg sind die Russen Fremde. Die Moskauer Bürger, besonders die Reichen, beklagen jeden, der aus Ehrgeiz oder aus Eigennutz oder seines Amtes wegen auswandert, denn auswandern nennen sie es, wenn jemand fern von Moskau lebt, das sie als ihr eigentliches Vaterland ansehen. Petersburg sehen sie mit neidischen Augen an; sie betrachten es gewissermaßen als die Ursache ihres Ruins. Ich weiß nicht, ob dies wahr ist; ich wiederhole nur, was man mir gesagt hat.

In acht Tagen sah ich alles: Fabriken, Kirchen, alte Denkmäler, Kunstsammlungen und Bibliotheken. Diese letzten interessierten mich nicht. Ich sah auch die berühmte Glocke und machte die Bemerkung, daß ihre Glocken nicht, wie die unsrigen, beweglich sind, sondern daß sie feststehen: man läutet sie mittels eines Seiles, das am Ende des Klöppels befestigt ist.

Ich fand die Frauen in Moskau schöner als in Petersburg, und ich glaube, das liegt an der Luft, die dort unendlich viel gesünder ist. Sie sind sehr angenehm im Verkehr, und um von ihnen die Gunst eines Kusses auf den Mund zu erhalten, genügt es, wenn man so tut, wie wenn man ihnen die Hand küssen wolle.

Das Essen fand ich sehr reichlich, aber es ist nicht lecker zubereitet. Ihre Tafel ist stets für alle ihre Freunde und Bekannten gedeckt; ein Freund bringt ohne alle Umstände fünf oder sechs Menschen zum Essen mit, manchmal sogar erst gegen Ende der Mahlzeit. Es kommt nicht vor, daß ein Russe sagt: Wir haben schon gegessen. Sie kommen zu spät. Solche Worte zu sprechen, bringen sie nicht übers Herz. Mag der Koch sehen, wie er fertig wird: das Essen fängt einfach wieder von neuem an. Sie haben ein köstliches Getränk, dessen Namen ich vergessen habe, es ist aber weit besser als der Sorbet von Konstantinopel. Der Dienerschaft, die überall sehr zahlreich ist, gibt man kein Wasser zu trinken, sondern ein leichtes, angenehm schmeckendes und nahrhaftes Getränk, das auch sehr billig ist, denn für einen Rubel macht man ein großes Faß voll.

Alle haben eine große Verehrung für den heiligen Nikolaus. Sie beten zu Gott nur durch die Vermittlung dieses Heiligen, dessen Bild sich stets in einer Ecke des Zimmers befindet, worin der Hausherr seine Besuche empfängt. Wer eintritt, macht die erste Verbeugung dem Heiligenbilde, die zweite dem Hausherrn. Ist zufällig ein solches Bild nicht da, so weiß der Russe nicht, was er sagen soll; es ist, wie wenn er den Kopf verloren hätte. Im allgemeinen sind die Moskoviten die abergläubigsten Christen der ganzen Welt. Ihre Liturgie ist griechisch; das Volk versteht nichts davon, und dem Klerus, der selber sehr unwissend ist, ist es angenehm, das Volk in Unwissenheit und Dunkelheit zu erhalten. Ich konnte einem Calogero, der Latein sprach, niemals begreiflich machen, warum die römischen Christen das Zeichen des Kreuzes von links nach rechts machen, während die griechischen Christen es von rechts nach links machen. Der einzige Grund ist der, daß wir sagen: spiritus sancti, während die Griechisch-Katholischen in griechischer Sprache άγιον πνευ̃μα sagen. »Wenn Sie πνευ̃μα άγιον sagten, würden Sie wie wir das Zeichen von links nach rechts machen, wir dagegen würden es wie Sie von rechts nach links machen, wenn wir sancti spiritus sagen würden.«

»Das Adjektiv,« antwortete er mir, »muß dem Substantiv vorangehen; denn man darf den Namen Gottes nicht aussprechen, ohne ein ehrendes Beiwort vorauszuschicken.«

Fast alle Unterschiede, die die beiden Religionsgemeinschaften trennen, sind von gleicher Art, ungerechnet eine Menge von Lügen, die sie gerade ebenso haben wie wir und an denen sie nicht am wenigsten hängen.

Wir kehrten in derselben Weise, wie wir gekommen waren, nach Petersburg zurück; aber Zaïra wäre es am liebsten gewesen, wenn ich Moskau niemals verlassen hätte. Da sie beständig bei mir war, war sie so verliebt geworden, daß ich nicht ohne Betrübnis an den Augenblick denken konnte, wo ich sie würde verlassen müssen. Am Tage nach unserer Ankunft in Petersburg fuhr ich mit ihr nach Katharinenhof. Sie zeigte ihrem Vater alle kleinen Geschenke, die ich ihr gemacht hatte, und beschrieb ihm ausführlich alle Ehren, die man ihr als meiner Tochter angetan hätte. Der gute Mann lachte recht herzlich darüber.

Die erste Neuigkeit, die ich bei meiner Rückkehr vorfand, war ein Ukas, der die Errichtung eines großen Tempels in der Morskaja, gegenüber meiner Wohnung, anordnete. Dieser Tempel sollte Gott geweiht sein. Die Erbauung hatte die Kaiserin dem Architekten Rinaldi anvertraut. Als der philosophische Baumeister ihr sagte, er müsse wissen, was für ein Symbol er über das Portal setzen solle, antwortete ihm die Herrscherin: »Kein Symbol; nur den Namen Gottes in großen Buchstaben.«

»Ich werde ein Dreieck anbringen.«

»Kein Dreieck! Den Namen Gottes in welcher Sprache Sie wollen. Nichts mehr!«

Die zweite Neuigkeit war die Flucht Bombacks, den man in Mitau, wo er sich in Sicherheit glaubte, wieder erwischt hatte. Herr von Simolin hatte ihn verhaftet. Der arme Narr saß im Gefängnis, und um seine Sache stand es böse, denn er hatte sich der Desertion schuldig gemacht. Er fand jedoch Gnade, indem man ihn nur nach Kamschatka in Garnison schickte. Crèvecoeur und seine Schöne waren mit Geld abgereist. Ein Florentiner Abenteurer, namens Billiotti, war mit achtzehntausend Rubeln geflohen, um die er Papanelopulo beschwindelt hatte. Aber ein gewisser Bori, der Vertraute meines guten Griechen, hatte ihn ebenfalls in Mitau gefaßt und ihn nach Petersburg zurückgebracht, wo er im Gefängnis saß.

Prinz Karl von Kurland traf um jene Zeit ein und ließ mir seine Ankunft melden. Ich beeilte mich, ihm meinen Besuch zu machen. Er wohnte in einem Hause, das dem Grafen Demidoff gehörte. Dieser hatte als Besitzer riesiger Eisenbergwerke sich den Spaß gemacht, das ganze Haus vom Keller bis zum Dach aus Eisen herstellen zu lassen. Nur die Möbel waren nicht aus Eisen. Ein Brand war nicht zu befürchten. Der Prinz hatte seine Geliebte bei sich, die immer noch schlechter Laune war; er konnte sie nicht mehr ausstehen, weil sie in der Tat unerträglich war. Er war zu beklagen; denn er konnte sie nur loswerben, indem er ihr einen Gatten gab; ein Gatte aber, wie sie ihn verlangte, fand sich nicht, und es wurde jeden Tag schwieriger, einen solchen zu finden. Ich machte ihr einen Besuch; aber sie langweilte mich mit ihren Klagen gegen den Prinzen so sehr, daß ich mir vornahm, nicht wieder hinzugehen. Als der Prinz mich besuchte und meine Zaïra sah und darüber nachdachte, mit wie geringen Kosten ich glücklich war und ein reizendes Mädchen glücklich machte, da fühlte er, daß jeder vernünftige Mensch, der das Bedürfnis nach Liebe hat, eine Geliebte halten sollte; aber die Neigung zum Luxus verdirbt alles und macht die Süßigkeit selber bitter.

Man hielt mich für glücklich; ich gab mir auch gerne den Anschein, es zu sein, aber ich war es nicht. Seit meiner Gefangenschaft unter den Bleidächern litt ich an inneren Hämorrhoiden, die mich alljährlich drei- oder viermal belästigten. In Petersburg wurde dieses Leiden ernstlich; regelmäßig wiederkehrende unerträgliche Schmerzen machten mich traurig und unglücklich. Ein achtzigjähriger Arzt, namens Senapios, den ich hatte rufen lassen, gab mir die traurige Kunde, daß ich eine unvollständige Fistel am Rectum habe; nur das grausame Messer könne eine Erleichterung verschaffen, sagte der Äskulap, aber es sei keine Zeit mehr zu verlieren. Trotz meinem Widerwillen mußte ich mich mit allem einverstanden erklären; zum großen Glück aber fand ein geschickter Chirurg, den der Arzt kommen ließ, daß die Natur binnen kurzem die Operation mit besserem Erfolge vollziehen werde als die Kunst; ich müsse nur ein wenig Geduld haben. Ich hatte viel zu leiden, besonders unter der strengen Diät, die mir vorgeschrieben wurde, die aber ohne Zweifel heilsam für mich war.

Oberst Melissino lud mich zu einer Parade ein, die drei Werst von Petersburg stattfand, und wobei der General Alexis Orloff ein Diner zu achtzig Gedecken gab. Ich fuhr mit dem Prinzen von Kurland hinaus. Man vollbrachte bei dieser Gelegenheit die Leistung, in einer Minute aus einem Geschütz zwanzig Schüsse abzugeben. Die Feldgeschütze, von sechs Artilleristen bedient, schossen zwanzigmal in einer Minute, teils aus der Stellung, teils im Vorrücken gegen den Feind. Ich habe es mit der Uhr in der Hand verfolgt; in drei Sekunden schleuderte das Rohr den Tod. In der ersten Sekunde wurde das Geschütz ausgewischt, in der zweiten wurde es geladen, in der dritten wurde es abgefeuert.

Ich saß bei Tisch neben dem französischen Botschaftssekretär. Er wollte einmal auf russische Art trinken, und da er den Ungarwein für ebenso unschuldig wie Champagner hielt, trank er so wacker, daß er nach Tisch nicht mehr auf den Beinen stehen konnte. Graf Orloff kurierte ihn, indem er ihn weitertrinken ließ. Nachdem der Magen das Übermaß von sich gegeben hatte, legte man den Zecher auf ein Bett, und ein gesunder Schlaf machte ihn wieder nüchtern.

Bei diesem heiteren Mahle bekam ich einen Begriff von dem Geist des Landes. Da ich kein Russisch verstand, so erklärte Herr von Zinowieff, der neben mir saß, mir alle Witze der Gäste, die jedesmal mit donnerndem Beifall begrüßt wurden. Man glänzte, indem man eine Gesundheit auf irgend jemand ausbrachte, und dieser glänzte dann wieder, indem er darauf antwortete.

Melissino erhob sich, einen großen Becher voll Ungarwein in der Hand. Alles schwieg, um zu hören, was er sagen würde. Er trank auf die Gesundheit seines Generals Orloff, der ihm gegenüber am anderen Ende der Tafel saß. Er rief: »Möchtest du an dem Tage sterben, wo du reich sein wirst!«

Einstimmiger Beifall belohnte ihn, denn er lobte mit diesem Spruch Orloffs Freigebigkeit. Man hätte allerlei dagegen einwenden können, aber in lustiger Gesellschaft nimmt man es nicht so genau. Orloffs Antwort erschien mir weise, obwohl auch sie tartansch war; denn in ihr war ebenfalls vom Sterben die Rede. Er sprang auf, schwang ein volles Glas und rief: »Möchtest du nur von meiner Hand sterben!« Der Beifall war doppelt so stark und wollte nicht aufhören, denn er war der Gastgeber und der kommandierende General.

Der Witz der Russen ist kraftvoll; sie suchen keine Anmut, keine geschickte Wendung, sondern wollen nur genau und scharf treffen.

Voltaire hatte der Kaiserin seine Philosophie der Geschichte gesandt, die er für sie geschrieben und ihr mit sechs Zeilen gewidmet hatte. Einen Monat darauf kam zu Schiff eine Auflage von dreitausend Exemplaren an; diese verschwand in acht Tagen, denn alle Russen, die ein bißchen französisch konnten, wollten das Buch in der Tasche haben. Die Häupter der Voltairianer waren zwei sehr geistreiche, vornehme Herren, ein Stroganoff und ein Schuwaloff. Ich habe von dem ersten Verse gesehen, die denen seines vergötterten Vorbildes nichts nachgaben; zwanzig Jahre später sah ich von dem zweiten einen Dithyrambus, den Voltaire nicht verleugnet haben würde; aber der Gegenstand war gerade der Tod des großen Dichters, und das fand ich sehr seltsam; denn nie zuvor war eine solche Form auf Gegenstände der Trauer angewandt worden.

Zu jener Zeit kannte, lasen und rühmten in Rußland die Gebildeten und die militärischen Liebhaber nur den Philosophen von Ferney, und wenn sie alles gelesen hatten, was Voltaire veröffentlicht hatte, glaubten sie ebenso klug zu sein wie ihr Apostel. Sie kamen mir wie jene Zwerge vor, die sich für Riesen hielten, weil sie sich Stelzen angeschnallt hatten. Ich sagte ihnen, sie müßten die Bücher lesen, aus denen Voltaire sein Wissen geschöpft hätte; vielleicht würde es ihnen dann gelingen, noch gelehrter zu werden als er. Ich erinnere mich eines Weisen, der mir einmal in Rom sagte: »Hüten wir uns mit jemandem zu streiten, der nur ein einziges Buch gelesen hat.«

So waren die Russen zu jener Zeit; sind sie heute tiefer? Das vermag ich nicht zu entscheiden. Ich lernte in Dresden den Fürsten Biloselski kennen, der von seinem Gesandtenposten in Turin nach Rußland zurückkehrte. Der Fürst hat eine geometrische Darstellung der menschlichen Fassungsgabe gegeben; er analysierte die Metaphysik. Sein Werkchen gibt der Seele und der Vernunft ihren Platz, und je öfter ich es lese, desto herrlicher finde ich es. Schade, daß ein Atheist Mißbrauch damit treiben kann.

Graf Panin war Hofmeister des Thronfolgers Paul Petrowitsch. Er erzog seinen Schüler sehr hart; denn der junge Prinz, der von schroffem und verstecktem Charakter war, wagte nicht einmal, in der Oper bei einer Arie, die Luini sang, Beifall zu klatschen, wenn er nicht von seinem gestrengen Mentor die Erlaubnis dazu erhalten hatte.

Ich wurde Zeuge des folgenden Vorfalles:

Als der Kurier die Nachricht von dem plötzlichen Tode des Römischen Kaisers deutscher Nation, Franz des Ersten, brachte, war die Zarin in Zarsko Selo. Im Palast befand sich der gräfliche Hofmeister und Minister mit seinem erlauchten Zögling, der damals elf Jahre alt war. Der Kurier kam in der Mittagsstunde und übergab die Depesche dem Minister; dieser stand in der Mitte eines zahlreichen Kreises von Hofkavalieren, unter denen auch ich mich befand. Der kaiserliche Prinz stand zu seiner Rechten. Der Minister las die Depesche leise und sagte dann, ohne das Wort an einen Bestimmten zu richten »Da kommt eine wichtige Nachricht, der Kaiser des Römischen Reiches ist plötzlich gestorben.«

Hierauf wandte er sich zu Paul und fuhr fort: »Große Hoftrauer, die Eure Hoheit drei Monate länger tragen wird als Ihre Majestät die Kaiserin.«

»Warum denn?« fragte Paul.

»Weil Eure Hoheit als Herzog von Holstein das Recht hat, einen Sitz auf dem Reichstag einzunehmen – ein Vorrecht,« fügte er hinzu, indem er sich im Kreise umsah, »das Peter der Erste so sehr ersehnte und niemals erlangen konnte.«

Ich bemerkte, mit welcher Aufmerksamkeit Großfürst Paul auf die Worte seines Mentors hörte, und wie er die Freude zu verbergen suchte, die die letzte Erklärung in ihm erweckte. Diese Art der Belehrung gefiel mir sehr. Einem jungen Kopf Ideen zuwerfen und ihm selber die Mühe überlassen, sich damit abzufinden, das fand ich sehr geschickt und zugleich tief. Ich teilte meine Ansicht dem Fürsten von Lobkowitz mit, der neben mir stand, und dieser stimmte sehr eifrig in mein Lob ein. Fürst Lobkowitz war bei aller Welt beliebt. Man zog ihn seinem Vorgänger Esterhazy vor, und das wollte viel sagen, denn Fürst Esterhazy hatte am russischen Hofe gutes und schlechtes Wetter gemacht. Fürst Lobkowitz war mit seiner Heiterkeit und Liebenswürdigkeit die Seele aller Gesellschaften, die er besuchte. Er brachte der Gräfin Braun, der ersten Schönheit bei Hofe, sehr eifrig seine Huldigungen dar, und kein Mensch hielt ihn für unglücklich, obgleich andererseits niemand etwas Genaueres über sein Glück wußte.

Zwölf oder vierzehn Werst von Petersburg fand eine große Parade statt, der die Kaiserin mit allen ihren Hofdamen und Kavalieren beiwohnte. Die paar Dörfer, die in der Nähe lagen, hatten so wenige und noch dazu so erbärmliche Häuser, daß sie unmöglich eine Unterkunft bieten konnten. Trotzdem beschloß ich hinzufahren, hauptsächlich auch meiner Zaïra zu Gefallen, die sich viel auf die Ehre zugute tat, sich mit mir in der Öffentlichkeit sehen zu lassen. Es sollten unter Melissinos Leitung Feuerwerke stattfinden; es war eine Mine gelegt worden, um ein Fort in die Luft zu sprengen; außerdem sollten zahlreiche Truppen in der weiten Ebene exerzieren. Dies alles versprach ein schönes Schauspiel. Ich fuhr in meinem Schlafwagen hin, der mir als Wohnung dienen konnte, wenn ich keine andere fand; übrigens befanden wir uns in der Jahreszeit, wo es keine Nächte gibt.

Um acht Uhr morgens kamen wir in dem Orte an, wo an diesem Tage die Manöver stattfinden sollten, die bis zum Mittag dauerten. Nach Schluß derselben fuhren wir vor ein Wirtshaus und ließen uns das Essen in unserem Wagen auftragen; denn das Haus war überfüllt.

Nach dem Essen bemühte mein Kutscher sich vergeblich, ein Nachtquartier zu finden. Da ich nicht nach Petersburg zurückfahren wollte, richteten wir uns darauf ein, in unserem Wagen zu biwakieren. Ebenso machte ich es die ganzen drei Tage hindurch und war auf diese Weise viel besser aufgehoben als andere, die für eine erbärmliche Unterkunft viel Geld ausgegeben hatten. Melissino sagte mir, die Zarin habe die Art, wie ich mir zu helfen gewußt, sehr vernünftig gefunden. Da ich der einzige war, der einen Schlafwagen, ein richtiges fahrendes Haus, besaß, so machte man mir in aller Form Besuche, und Zaïra strahlte vor Glück, die Honneurs machen zu dürfen.

Ich unterhielt mich während dieser drei Tage sehr viel mit dem Grafen Tott, dem Bruder des Tott, der damals im diplomatischen Dienste in Konstantinopel verwandt wurde, und den man den Baron Tott nannte. Wir hatten uns in Paris kennen gelernt und uns später im Haag getroffen, wo ich das Vergnügen gehabt hatte, ihm nützlich sein zu können. Er war mit Frau von Soltikoff, die er in Paris kennen gelernt hatte, und deren Liebhaber er war, nach Petersburg gekommen. Er wohnte bei ihr, ging zu Hofe und war bei jedermann beliebt. Er war sehr heiter, ein schöner Mann, besaß Geist und Bildung und alle Eigenschaften, die an einem Kavalier gefallen können.

Trotzdem ließ ihn zwei oder drei Jahre später die Kaiserin wegen der polnischen Unruhen aus Petersburg ausweisen. Man behauptete, er unterhalte eine Korrespondenz mit seinem Bruder, der damals an den Dardanellen die Arbeiten leitete, um die Durchfahrt der von Alexis Orloff befehligten Flotte zu verhindern. Was nach seiner Abreise aus Rußland aus ihm wurde, habe ich nicht erfahren. Er tat mir in Petersburg einen großen Gefallen, indem er mir fünfhundert Rubel lieh, zu deren Rückgabe ich noch keine Gelegenheit fand.

Ein venetianischer Kaufmann, Maruzzi, ein Grieche von Geburt, der sein Geschäft aufgegeben hatte, um als Kavalier zu leben, kam in jener Zeit nach Petersburg und wurde bei Hofe vorgestellt. Da er eine recht liebenswürdige Erscheinung war, fand er Zutritt zu allen großen Häusern. Die Kaiserin zeichnete ihn aus, weil sie ihr Auge auf ihn geworfen hatte, um ihn zu ihrem Geschäftsträger in Venedig zu machen. Er machte der Gräfin von Braun den Hof, aber er hatte Nebenbuhler, die ihn nicht fürchteten. So reich er war, er verstand sein Geld nicht auszugeben; und in Rußland ist noch mehr als in anderen Ländern der Geiz eine Sünde, womit die Frauen kein Erbarmen kennen.

Ich machte in jenen Tagen kleine Reisen nach Zarsko Selo, Peterhof und Kronstadt, denn man muß in einem fremden Lande alles sehen, wenn man sagen können will: ich bin dagewesen! Ich schrieb über mehrere Gegenstände, um eine Anstellung im Zivildienst zu erhalten. Ich reichte meine Arbeiten ein, und sie wurden auch der Kaiserin vorgelegt. Aber ich hatte keinen Erfolg damit. Man legt in Rußland nur auf Leute Wert, die man gerufen hat; wer von selber kommt, macht dort selten sein Glück. Darin kann ich übrigens den Russen nicht unrecht geben.

Drittes Kapitel


Ich finde Rosalie glücklich. – Signora Isolabella. – Der Koch. – Biribi. – Irena. – Passano im Gefängnis. – Meine Nichte erweist sich als eine alte Bekannte Rosaliens.

In Genua, wo alle Welt ihn kannte, nannte Pogomas sich Passano. Der Mensch wußte nichts Eiligeres zu tun, als mir seine Frau und seine Tochter vorzustellen; aber ich fand in ihnen zwei so unappetitliche Geschöpfe, zwei so schmutzige und schamlose Vetteln, daß ich mich so schnell wie möglich unter einem nichtigen Vorwande freimachte. Hierauf speiste ich mit meiner neuen Nichte köstlich zu Mittag.

Sofort nach Tische eilte ich zum guten Marchese Grimaldi, denn ich wollte gerne wissen, wo Rosalie wohnte. Ich fand den Marchese nicht zu Hause, und man erwartete seine Rückkehr erst für Ende April; aber einer seiner Lakaien führte mich zu Rosalie, die sechs Monate nach meiner Abreise Petris Frau geworden war.

Das Herz klopfte mir, als ich die Wohnung dieser reizenden Frau betrat, die mir so süße Erinnerungen hinterlassen hatte. Vor allem anderen suchte ich Herrn Petri in seiner Schreibstube auf; er empfing mich mit einer Freude, die mir bewies, daß er glücklich war. Er beeilte sich, mich zu seiner Frau zu führen, die bei meinem Anblick einen Freudenschrei ausstieß und mich mit überströmender Herzensfreude umarmte.

Da Petri Geschäfte zu erledigen hatte, so bat er mich, ihn zu entschuldigen, und forderte seine Frau auf, es mir in ihrem Hause heimisch zu machen.

Rosalie brachte mir ein reizendes kleines Mädchen von sechs Monaten und sagte mir, sie sei glücklich. Sie liebe ihren Gatten, der ihr innig zugetan sei. Er sei ein ausgezeichneter Geschäftsmann, sehr ordentlich und fleißig. Da Herr von Grimaldi ihn mit seinem Einfluß beschützte, so blühe sein Geschäft und er befinde sich in sehr erfreulichen Vermögensumständen.

Sie hatte sich in der Ehe und in ihrer gesicherten Lage herrlich entwickelt, und ich fand in ihr eine Schönheit in der vollsten Bedeutung des Wortes.

»Mein lieber Freund«, sagte sie zu mir, »ich bin dir unendlich dankbar, daß du mir gleich die ersten Augenblicke nach deiner Rückkehr gewidmet hast, und ich hoffe, dich morgen zum Mittagessen bei mir zu sehen. Dir verdanke ich mein Glück, und diese Erinnerung ist noch süßer, als es die seligen Augenblicke waren, die ich mit dir verbracht habe. Umarmen wir uns, aber laß uns dabei bleiben; ich habe gegenüber einem Manne, der meiner vollen Achtung würdig ist, die Verpflichtung, eine anständige Frau zu bleiben; laß uns nicht den Frieden stören, den ich dir verdanke! Von morgen an wollen wir uns auch nicht mehr duzen.«

Ich drückte ihr zum Zeichen meiner Zustimmung zärtlich die Hand; als ich aber sprechen wollte, rief sie: »Da fällt mir etwas ein! Ich werde dir, hoffe ich, eine angenehme Überraschung bereiten!«

Damit ging sie hinaus. Wenige Augenblicke später kam sie wieder und stellte mir Veronika vor, die sie zu ihrer Kammerzofe gemacht hatte. Ich weidete mich an der Überraschung des jungen Mädchens, das ich mit Vergnügen wiedersah. Ich umarmte sie und erkundigte mich nach Annina. Sie sagte mir, es gehe dieser gut, sie arbeite bei ihrer Mutter. Ich sagte: »Ich wünsche, daß sie während der kurzen Zeit, die ich hier bleiben werde, meine Nichte bedient.«

Als Rosalie dies hörte, lachte sie laut auf und rief: »Schon wieder eine Nichte, lieber Freund? Wie zahlreich doch deine Verwandtschaft ist! Aber als deine Nichte wird sie doch, hoffe ich, morgen ebenfalls bei uns speisen.«

»Recht gern, meine liebe Freundin; sie wird es um so lieber tun, da sie Marseillerin ist.«

»Marseillerin? Aber dann wäre es wohl möglich, daß sie mich kennt! Übrigens macht das nichts, denn du hast lauter verschwiegene Nichten. Wie heißt sie?«

»Crosin.«

»Dieser Name ist mir unbekannt.«

»Das glaube ich wohl. Sie ist die Tochter einer Base, die ich in Marseille hatte.«

»Erzähle das anderen, lieber Freund! Aber das macht nichts: Du führst ein fröhliches Leben und tust recht daran, denn du machst die Frauen glücklich, die dich beglücken. Vielleicht ist das die wahre Weisheit; jedenfalls wünsche ich dir Glück dazu. Ich werde deine Nichte mit Freuden sehen; aber wenn sie mich kennen sollte, so unterrichte sie vorher als guter Lehrer.«

Von Frau Petri begab ich mich zu Signora Isolabella. Ich gab bei ihr den Brief des Marchese Triulzi ab. Nachdem ich kaum eine Minute gewartet hatte, kam sie in den Salon, begrüßte mich und sagte mir, sie habe mich mit Vergnügen erwartet. Triulzi hatte sie von meiner bevorstehenden Ankunft in Kenntnis gesetzt. Sie stellte mir den Marchese Augustino Grimaldi della Pietra vor, der während der langen Abwesenheit ihres in Lissabon lebenden Gatten ihr erster Cicisbeo war.

Frau Isolabella hatte eine sehr schöne Wohnung; dies macht immer einen günstigen Eindruck. Sie hatte ein hübsches Gesicht mit feinen und regelmäßigen Zügen und einen angenehmen Witz. Der Klang ihrer Stimme war sehr sanft, ihr Wuchs war schlank und regelmäßig, aber sie war zu mager. Sie war ungefähr dreißig Jahre alt. Von ihrer Haut will ich nichts sagen, denn sie war so ungeschickt mit Rot und Weiß bestrichen, daß diese Schichten von häßlicher Farbe das erste waren, was an ihr auffiel. Hierdurch stieß sie mich ab, trotz ihren ausdrucksvollen und lebhaften schönen Augen. Nachdem wir eine Stunde in angenehmer Unterhaltung verbracht und uns gegenseitig studiert hatten, lud sie mich beim Abschied für den nächsten Tag zum Abendessen ein.

Ich begab mich nach meiner Wohnung zurück und sprach meiner Nichte meine Anerkennung wegen der Wahl ihres Zimmers aus. Dieses war von dem meinigen nur durch eine Kammer getrennt, die ich sofort für ihre Kammerjungfer bestimmte. Ich sagte ihr, daß diese am nächsten Tage eintreten werde. Diese Aufmerksamkeit gefiel ihr sehr und brachte mich ein gutes Stück vorwärts. Hierauf sagte ich ihr, sie werde am nächsten Tage mit mir bei einem angesehenen Geschäftsmann als meine Nichte zu Mittag speisen; diese Neuigkeit machte sie ganz glücklich.

Meine junge Marseillerin, die Croce verrückt gemacht hatte, war hübsch wie ein Engel; aber ihr edler Anstand und ihr sanfter Charakter übertrafen noch bei weitem die anderen Reize, mit denen die Natur sie reichlich ausgestattet hatte. Ich war bereits heftig in sie verliebt und bedauerte sehr, daß ich mich nicht gleich am ersten

Tage ihrer bemächtigt hatte. Hätte ich sie beim Wort genommen, so wäre ich ein ruhiger Liebhaber geworden und hätte, wie ich glaube, keine lange Zeit gebraucht, um ihren ersten Verführer bei ihr in Vergessenheit zu bringen. Ich hatte wenig zu Mittag gegessen und war daher sehr hungrig, als wir zu Tisch gingen. Da meine Nichte stets einen entzückenden Appetit hatte, so gedachten wir dem ausgezeichneten Abendessen, das wir vorzufinden erwarteten, alle Ehre anzutun. Aber es kam ganz anders: die Speisen waren abscheulich. Ich befahl Clairmont, die Wirtin zu rufen. Sie kam und sagte mir, sie könne nichts dabei tun, denn mein Koch habe alles zurechtgemacht.

»Mein Koch?«

»Ja, mein Herr, der Koch, den Ihr Sekretär, Herr Passano, für Ihren Dienst angenommen hat. Hätte er mir den Auftrag gegeben, so würde ich Ihnen einen ausgezeichneten Koch besorgt haben, der viel weniger gekostet hätte als dieser.«

»Besorgen Sie ihn mir zu morgen.«

»Gern; aber vorher befreien Sie sich bitte von dem, den Sie jetzt haben, und befreien Sie auch mich von ihm, denn er hat sich mit seiner Frau und seinen Kindern bei mir einquartiert. Befehlen Sie Passano, ihn fortzuschicken.«

»Ich werde es besorgen, unterdessen mieten Sie mir Ihren Koch; ich werde übermorgen einen Versuch mit ihm machen.«

Ich begleitete meine Nichte in ihr Zimmer und bat sie, sie möchte zu Bett gehen, ohne auf mich zu achten. Während sie sich auszog, las ich die Zeitung. Als ich damit fertig war, trat ich an ihr Bett heran, wünschte ihr gute Nacht und sagte: »Sie könnten mir wohl die Unannehmlichkeit ersparen, allein schlafen zu müssen.«

Ohne mir zu antworten, schlug sie die Augen nieder. Ich gab ihr einen Kuß und ging hinaus.

Am nächsten Morgen trat meine schöne Nichte in mein Zimmer, als Clairmont mir gerade die Füße wusch. Sie bat mich, ihr Kaffee geben zu lassen, weil die Schokolade sie zu sehr erhitze. Ich befahl meinem Kammerdiener Kaffee zu holen. Sobald er hinausgegangen war, kniete sie nieder und wollte mir die Füße abtrocknen.

»Das werde ich unter keinen Umständen zugeben, mein liebes Fräulein.«

»Warum denn nicht? Es ist doch nur ein Freundschaftsbeweis.«

»Ich verstehe. Aber Sie können solche Freundschaftsbeweise nur einem Geliebten geben, ohne sich zu erniedrigen.«

Bescheiden stand sie auf und setzte sich auf einen Stuhl, ohne ein Wort zu sagen.

Da Clairmont zurückgekommen war, so zog ich mich vollends an.

Unterdessen hatte die Wirtin uns unser Frühstück gebracht; sie fragte meine Nichte, ob sie nicht eine schöne Mantilla von Pekingseide nach Genueser Mode kaufen wolle. Ich ersparte ihr die Verlegenheit, indem ich der Wirtin sofort sagte, sie möge die Modistin hereinkommen lassen. Einen Augenblick später trat diese ein; inzwischen hatte ich aber bereits meiner jungen Schutzbefohlenen zwanzig Genueser Zechinen gegeben, und sie gebeten, sich des Geldes für ihre kleinen Ausgaben zu bedienen. Sie nahm die Goldstücke, indem sie mir auf das anmutigste dankte und mich ihren köstlichen Lippen einen zärtlichen Kuß rauben ließ.

Nachdem ich das Mäntelchen gekauft und die Modistin wieder fortgeschickt hatte, kam Passano; er erlaubte sich, mir wegen des Kochs Vorstellungen zu machen. Er sagte: »Ich habe ihn in Ihrem Auftrag für die ganze Zeit Ihres Aufenthaltes in Genua angenommen; er erhält täglich vier Franken, außerdem Kost und Wohnung.

»Wo ist mein Brief?«

»Hier steht es: ›Besorgen sie mir einen guten Koch, den ich während der ganzen Zeit meines Aufenthaltes in Genua behalten werde.‹«

»Haben Sie die Klausel bemerkt: einen guten Koch? Dieser aber ist ein abscheulicher Stümper, und für die Beurteilung seiner Güte dürfte ich doch wohl allein nur maßgebend sein.«

»Sie irren sich: der Mensch wird Ihnen beweisen, daß er gut ist. Er wird einen Prozeß gegen Sie anstrengen, und diesen werden Sie verlieren.«

»Sie haben also einen Vertrag in aller Form mit ihm abgeschlossen?«

»Ja, dazu war ich von Ihnen ermächtigt.«

»Lassen Sie ihn heraufkommen, ich will ihn einmal sehen.«

Während Passano den Küchenmann holte, befahl ich Clairmont, einen Advokaten zu rufen. Der Koch kam; ich las den Vertrag. Dieser war so abgefaßt, daß ich nach der Strenge der Buchstaben vor Gericht unrecht bekommen mußte. Trotzdem änderte ich aber meinen Entschluß nicht.

»Mein Herr,« sagte der Koch zu mir, »ich bin ein geschickter Mann in meinem Fach, und ich werde viertausend Genuesen finden, die mir dies bezeugen.«

»Das würde nicht für deren guten Geschmack sprechen; das Abendessen, das Sie gestern für mich gemacht haben, beweist auf alle Fälle, daß Sie nur ein Sudelkoch sind.«

Da nichts so leicht verletzlich ist als die Eitelkeit eines Kochkünstlers, so war ich auf eine lebhafte Antwort gefaßt. In diesem Augenblick trat aber der Advokat ein, und da er den Schluß unseres Gespräches gehört hatte, so sagte er zu mir, der Mann würde viele Leute finden, die ihm bezeugen würden, daß er ein sehr guter Koch sei. Ich aber würde keinen Menschen finden, der behaupten würde, daß er schlecht sei.

»Das mag sein, Herr Advokat; ich bleibe jedoch bei meiner Meinung, und da ich seine Kocherei abscheulich finde, so verlange ich, daß er geht, denn ich will einen anderen annehmen. Ich brauche doch nur diesen Mann zu bezahlen, wie wenn er mich bedient hätte.«

»Das genügt mir nicht«, rief der Koch laut; »ich werde Sie verklagen, um eine angemessene Entschädigung wegen Ehrverletzung zu erhalten.«

Bei diesen Worten stieg mir der Senf in die Nase, wie man zu sagen pflegt. Ich hätte ihn vielleicht zur Tür hinausgeworfen. Aber in demselben Augenblick trat Don Augustino Grimaldi ein. Als der hohe Herr unseren Streit erfuhr, lachte er, zuckte die Achseln und sagte: »Mein lieber Herr, gehen Sie nicht vor Gericht, denn Sie würden die Kosten bezahlen müssen, da alle Beweise gegen Sie sind. Der Mann hat recht, wenn er auch vielleicht nicht berechtigt ist, sich für einen ausgezeichneten Koch zu halten. Unrecht hat nur derjenige, der ihn angenommen hat, ohne mit ihm auszumachen, daß er eine Probemahlzeit liefern müsse. Es ist entweder eine Dummheit oder eine Gaunerei.«

Passano fiel ihm ins Wort und sagte grob, er sei weder ein Dummkopf noch ein Gauner.

»Aber Sie sind der Vetter des Kochs«, sagte die Wirtin zu ihm.

Dieses Wort kam gerade zur rechten Zeit; es enthüllte mir das Geheimnis; ich schickte den Advokaten fort, nachdem ich ihn bezahlt hatte, und befahl dem Koch, sich zu entfernen. Hierauf sagte ich zu meinem sogenannten Sekretär: »Passano, bin ich Ihnen Geld schuldig?«

»Im Gegenteil; Sie haben mir den Monat vorausbezahlt, und ich bin verpflichtet, Ihnen noch zehn Tage zu dienen.«

»Die zehn Tage schenke ich Ihnen; ich entlasse Sie auf der Stelle, es sei denn, daß Ihr Vetter noch heute mein Haus verläßt und Ihnen den dummen Vertrag gibt, den Sie in meinem Namen unterschrieben haben. Gehen Sie!«

»Sie haben den gordischen Knoten zerhauen!« sagte Herr von Grimaldi zu mir. Hierauf bat er mich, ihm doch die Dame vorzustellen, die er bei mir sehe. Ich tat dies, indem ich ihm sagte, sie sei meine Nichte.

»Sie werden der Signora Isolabella ein großes Vergnügen machen, indem Sie sie ihr vorstellen.«

»Da Herr Marchese Triulzi sie in seinem Briefe nicht genannt hat, so werde ich mir diese Freiheit nicht herausnehmen.«

Der Marchese brachte das Gespräch auf einen anderen Gegenstand, und von meiner Nichte war nicht mehr die Rede. Wenige Augenblicke später entfernte er sich. Kaum war er fort, da trat Annina mit ihrer Mutter ein. Das junge Mädchen hatte sich während meiner Abwesenheit auf eine ganz unglaubliche Art entwickelt. Die Sommersprossen waren verschwunden, und ihre Haut leuchtete wie eine Rose; ihre Zähne waren vom schönsten Schmelz, und ihr Busen, den sie bescheiden mit einem Flor verhüllte, hatte eine vollkommene Rundung erlangt. Ich stellte sie ihrer Herrin vor, deren Überraschung mir viel Spaß machte.

Aus Anninas Augen leuchtete das Vergnügen, daß sie darüber empfand, wieder bei mir zu sein. Sie ging in das Zimmer ihrer Herrin, um dieser beim Ankleiden zu helfen. Ich gab der Mutter ein paar Zechinen und schickte sie fort, um mich anzuziehen.

Als ich gegen Mittag mit meiner Nichte fortgehen wollte, um uns zu Rosalie zu begeben, trat meine Wirtin mit meinem neuen Koch ein. Ich gab ihm an, welche Speisen ich am nächsten Tage zu erhalten wünschte, und die Wirtin gab mir den Vertrag, den Passano mit seinem Vetter abgeschlossen hatte. Dieser burleske Sieg versetzte mich in fröhliche Laune.

Wir fanden bei Petri eine glänzende Gesellschaft. Aber man stelle sich meine angenehme Überraschung vor, als ich sah, wie Rosalie und meine Nichte plötzlich einander um den Hals fielen, sich bei ihren Namen nannten und sich wie zwei gute Freundinnen küßten. Nach diesem ersten Zärtlichkeitsausbruch gingen meine beiden Freundinnen, wie ich mir gedacht hatte, in ein anderes Zimmer; als sie nach einer Viertelstunde wieder herauskamen, strahlten ihre Gesichter vor Zufriedenheit. Plötzlich aber änderte sich die Szene: als Petri in diesem Augenblick eintrat, stellte Rosalie ihm meine Nichte unter ihrem wahren Namen vor, und er begrüßte sie auf das herzlichste. Er stand in Geschäftsverbindung mit ihrem Vater und hatte von diesem gerade eben einen Brief erhalten, den er aus der Tasche zog und ihr zu lesen gab. Meine Nichte verschlang die Zeilen mit Tränen in den Augen und küßte dann voll Ehrerbietung die Unterschrift. Dieser Ausbruch kindlicher Liebe ließ mich die Gedanken erraten, die in diesem Augenblick auf das Herz des jungen Mädchens einstürmten, und rührte mich so tief, daß ich Tränen vergoß. Dann aber zog ich Rosalie beiseite und bat sie, ihrem Mann zu sagen, daß ich ihn aus wichtigen Gründen ersuchen müsse, seinem Geschäftsfreunde nichts von diesem Zusammentreffen zu schreiben.

Das Mittagessen war ebenso glänzend wie gut, und Rosalie spielte die Wirtin mit der ihr eigenen Gewandtheit und Anmut. Doch galten die Huldigungen der Gäste nicht ihr allein, denn meine angebliche Nichte erhielt den größeren Teil davon. Dies war natürlich; ihr Vater, ein reicher Handelsherr in Marseille, war in den kaufmännischen Kreisen Genuas sehr vorteilhaft bekannt, außerdem aber gewannen ihr auch ihr Geist und ihre Schönheit die allgemeine Aufmerksamkeit, und ein sehr liebenswürdiger junger Mann, der in der Gesellschaft war, verliebte sich ernstlich in sie. Dieser junge Mann war eine sehr gute Partie; er war der Gatte, den der Himmel meiner reizenden Schutzbefohlenen bestimmt hatte. Welche Wonne empfand ich darüber, daß ich mich gleichsam als Glücksstifter ansehen durfte, den das Schicksal diesem reizenden Mädchen zugeführt hatte, um sie vom Abgrund der Schande zurückzureißen, in welchen Armut und Verzweiflung sie zu stürzen drohten! Ich gestehe, in meiner langen, abenteuerlichen Laufbahn kam niemals eine Wollust dem süßen Gefühl gleich, das ich empfand, wenn ich etwas Gutes tun konnte; allerdings darf ich nicht behaupten, daß ich das Gute stets nur um seiner selbst willen und ohne jede gewinn- und genußsüchtige Nebenabsicht getan habe.

Als wir fröhlich und zufrieden vom Tisch aufgestanden waren, wurde der Vorschlag gemacht, Karten zu spielen; Rosalie wußte jedoch, daß ich Gesellschaftsspiele nicht liebte, und erklärte daher, wir müßten ein Trente et Quarente machen. Mit diesem Vorschlag waren alle Anwesenden gern einverstanden. Das Spiel beschäftigte uns bis zum Abendessen, ohne daß große Gewinne oder Verluste vorkamen. Um Mitternacht trennten wir uns alle im besten Einvernehmen.

Als ich in meiner Wohnung mit meiner Nichte allein war, fragte ich sie, woher sie Rosalie kenne.

»Ich kannte sie in unserem Hause. Sie kam mit ihrer Mutter und brachte die Wäsche; ich habe sie immer gern gehabt.«

»Ihr seid ungefähr von gleichem Alter.«

»Sie ist zwei Jahre älter als ich; ich habe sie sofort wiedererkannt.«

»Was hat sie Ihnen gesagt?«

»Daß Sie sie von Marseille mitgenommen haben und daß sie Ihnen ihr Glück verdankt.«

»Hat sie Ihnen sonst nichts anvertraut?«

»Nein, aber es gibt Dinge, die man nicht auszusprechen braucht.«

»Da haben Sie recht; und Sie, was haben Sie zu ihr gesagt?«

»Nichts, als was sie sich ohnehin denken konnte. Ich habe ihr gestanden, daß Sie nicht mein Oheim sind, und wenn sie glaubt, daß Sie mein Liebhaber sind, so bin ich darob nicht böse. Sie können sich gar nicht vorstellen, welche Freude mir die heutige Gesellschaft gemacht hat. Sie sind dazu geboren, Menschen glücklich zu machen.«

»Aber Croce?«

»Ach, ich bitte Sie, sprechen Sie nicht mehr von ihm.«

Dieses Gespräch hatte mich in Feuer und Flammen gesetzt. Sie rief Annina, und ich ging zu Bett.

Wie ich’s erwartet hatte, kam Annina zu mir, sobald sie ihre Herrin zu Bett gebracht hatte. Sie sagte: »Wenn es wahr ist, daß Madame nur Ihre Nichte ist, so darf ich mir wohl mit der Hoffnung schmeicheln, daß Sie mich noch lieben?«

»Ganz gewiß, meine liebe Annina. Ich liebe dich immer. Zieh dich aus und komm in mein Bett: wir wollen ein wenig plaudern.«

Annina ließ nicht auf sich warten; die Zeit hatte sie gereift, und in zwei Stunden voll süßer Wollust erschöpfte ich mit ihr die Gluten, die eine andere Liebe in allen meinen Sinnen entfacht hatte.

Am nächsten Morgen kam Passano zu mir und sagte, er habe durch Zahlung von sechs Zechinen die Sache mit dem Koch in Ordnung gebracht. Ich gab ihm das Geld, indem ich ihm empfahl, in Zukunft nicht so vorschnell zu sein.

Hierauf ging ich zu Rosalie, der ich ein großes Vergnügen machte, indem ich mich bei ihr zum Frühstück einlud. Nachdem wir gegessen hatten, bat ich sie, am nächsten Tage mit ihrem Mann und vier Personen ihrer Wahl bei mir zu speisen.

»Von Ihnen wird die Entscheidung abhängen,« sagte ich »ob ich den Koch in meine Dienste nehme; er liefert morgen sein Probestück.«

Sie sagte zu und sprach hierauf den Wunsch aus, die Geschichte meiner Liebschaft mit ihrer schönen Landsmännin kennen zu lernen.

»Ach, reizende Freundin, werden Sie mir Glauben schenken, wenn ich Ihnen sage, daß ich noch beim A-B-C stehe?«

»Wenn Sie es mir sagen, glaube ich es, obgleich es mir unglaublich scheint.«

»Trotzdem ist es vollkommen wahr; allerdings kenne ich sie erst seit sehr kurzer Zeit; außerdem will ich, wie Sie wissen, Liebesglück stets nur dem Gefühl verdanken. Liebe aus Gefälligkeit würde mich töten.«

»Das begreife ich. Aber was hat sie Ihnen über mich gesagt?«

Ich berichtete ihr nun Wort für Wort unser Gespräch vom vorigen Abend; sie freute sich sehr darüber und sagte: »Da Sie mit Ihrer neuen Nichte noch auf dem Fuße einer zartfühlenden Freundschaft stehen, so möchte ich Sie fragen, ob es Ihnen unlieb wäre, wenn der junge Mann, der gestern so aufmerksam gegen sie war, morgen als Gast zu Ihnen käme?«

»Es interessiert mich sehr, zu erfahren, wer er ist.«

»Er heißt N. und ist der einzige Sohn eines reichen Kaufmanns.«

»Bringen Sie ihn unter allen Umständen mit!«

In meiner Wohnung fand ich meine Nichte in ihrem Bett. Ich sagte ihr, daß ihre Landsmännin am nächsten Tage bei uns speisen würde, und beruhigte sie durch die Versicherung, Herr Petri werde nicht an ihren Vater schreiben, daß sie in Genua sei. Hierüber war sie sehr erfreut, denn die Befürchtung, daß ihr Vater ihren Aufenthalt erfahren könnte, hatte sie sehr gequält.

Da ich zum Essen eingeladen war, sagte ich ihr, sie könne entweder bei Rosalie zu Abend speisen oder auch zu Hause bleiben, wenn sie dies lieber wolle.

»Ich danke Ihnen, lieber Oheim, für Ihre großen Aufmerksamkeiten, die mich beschämen. Ich werde zu Rosalie gehen.«

»Gut. Sind Sie mit Annina zufrieden?«

»Da fällt mir etwas ein, lieber Oheim: sie sagte mir, sie habe die Nacht mit Ihnen verbracht und Sie seien ihr Liebhaber und gleichzeitig der ihrer Schwester gewesen.«

»Das gebe ich zu; aber sie ist eine dumme Plaudertasche.«

»Sie müssen ihr verzeihen. Sie hat mir gesagt, sie habe in das Opfer nur eingewilligt, nachdem Sie ihr versichert haben, daß ich wirklich Ihre Nichte sei. Übrigens fühle ich, daß sie mir die Sache nur aus Eitelkeit anvertraut hat und zugleich in der Hoffnung, sich dadurch bei mir in eine Art von Achtung zu setzen, denn sie hat es für selbstverständlich gehalten, daß ich ein junges Mädchen, das Sie lieben, achten werde.«

»Viel lieber wäre es mir, Sie hätten das Recht, eifersüchtig auf sie zu sein! Aber das schwöre ich Ihnen: wenn Annina nicht ganz taktvoll und diensteifrig gegen Sie ist, so werde ich sie ohne die geringste Rücksicht auf meine Beziehungen zu ihr vor die Tür setzen; denn sie ist nur ein Notbehelf, dessen ich mich bediene, weil ich mich Ihnen gegenüber in einer so eigentümlichen Lage befinde. Sie, mein Fräulein, können mich nicht lieben, und ich habe nicht das Recht, mich hierüber zu beklagen; aber Sie sind keine Frau, die sich dazu herbeilassen könnte, die erniedrigende Rolle meiner gefälligen Beischläferin zu spielen.«

Es war mir durchaus nicht unlieb, daß meine Nichte um das Verhältnis zwischen mir und Annina wußte; aber die Art, wie sie diese Tatsache aufnahm, ärgerte mich ziemlich. Es schien mir klar zu sein, daß sie keinen Gefallen an mir fand, und daß es ihr ganz angenehm war, wenn ihre Kammerzofe sie vor der Gefahr beschützte, der sie bei unseren täglichen, stundenlangen Zusammenkünften ausgesetzt war, denn sie mußte sich der Macht ihrer Reize wohl bewußt sein.

Wir speisten selbzweit und erhielten von der Geschicklichkeit meines neuen Kochs einen guten Vorbegriff. Herr Petri hatte mir versprochen, mir einen tadellosen Lakaien zu besorgen. Dieser stellte sich vor, als wir mit dem Essen so ziemlich fertig waren, und ich machte meiner Nichte ein Geschenk, indem ich den jungen Mann zu ihrer besonderen Bedienung annahm.

Wir machten eine Spazierfahrt, und ich brachte meine Nichte zu Rosalie, bei der sie blieb. Ich selber fuhr zu Signora Isolabella, bei der ich eine zahlreiche und glänzende Gesellschaft fand: der vornehmste Adel Genuas war in ihren Sälen versammelt.

Zu jener Zeit schwärmten die Damen der großen Gesellschaft für das Biribi, ein wahres Gaunerspiel; die Herren, die ihnen gefallen wollten, mußten es ihnen natürlich nachtun. Dieses Spiel war in Genua streng verboten und darum natürlich um so mehr beliebt. Das Verbot konnte sich jedoch nicht auf Privatgesellschaften erstrecken, denn die Vorgänge im Innern vornehmer Häuser unterstehen nicht der Macht der Regierung. Um es kurz zu machen: ich fand bei der Signora Isolabella ein Biribispiel in vollem Gange. Die Spieler, die die Bank hielten, gingen von Haus zu Haus, wenn man sie bestellte; die Liebhaber des Spieles erhielten Bescheid und fanden sich pünktlich ein.

Obgleich ich gegen dieses Spiel eine Abneigung habe, wollte ich mich doch nicht ausschließen und beteiligte mich daher wie die anderen.

Im Spielsaal befand sich ein Bildnis der Dame des Hauses im Kostüm einer Harlequine; eine Laune des Zufalls wollte es, daß auf dem Tableau des Biribi ein ähnliches Bild war. Aus einem sehr natürlichen Antrieb von Galanterie wählte ich dieses Feld und spielte auf keinem anderen. Ich setzte jedesmal eine Zechine; das Tableau hatte sechsunddreißig Felder und man bezahlte dem Gewinner den zweiunddreißigfachen Einsatz, was für den Bankhalter einen ungeheuren Vorteil bedeutete. Jeder Spieler zog drei Nummern hintereinander. Das Biribi wurde von drei Personen gehalten: der eine ging mit dem Sack rum, der zweite zahlte aus, und der dritte überwachte das Tableau und strich sorgsam alle verlorenen Sätze ein, sobald bekannt war, welches Feld gewonnen hatte. Die Bank war ungefähr zweitausend Zechinen stark. Der Tisch, ein schöner Teppich und vier silberne Leuchter gehörten den Spielhaltern.

Ich saß zur Linken der Signora Isolabella, bei der das Spiel begann, und da wir fünfzehn oder sechzehn Spieler waren, hatte ich etwa fünfzig Zechinen verloren, als ich an die Reihe kam; denn meine Harlequine war nicht ein einziges Mal herausgekommen. Jeder bedauerte mich oder tat wenigstens so; denn beim Spiel erstickt für gewöhnlich der Egoismus jedes andere Gefühl.

Als ich an die Reihe kam, zog ich meine Harlequine und erhielt zweiunddreißig Zechinen. Ich lasse diese auf derselben Figur stehen, gewinne und erhalte tausend Zechinen. Von diesen lasse ich fünfzig stehen, und die Harlequine kommt zum dritten Male heraus. Da das ganze Geld der Bank nicht ausreicht, so gehören mir Tisch, Teppich, Spieltableau, Leuchter und Biribi, und ich bemächtige mich meines Eigentums. Alle Welt beglückwünscht mich. Die ausgebeutelten Gauner werden ausgelacht, ausgepfiffen und hinausgeworfen.

Als dann aber der erste Rausch der Begeisterung sich gelegt hatte, sah ich die Damen betrübte Gesichter machen; denn da das Spiel zu Ende war, so wußten sie nicht, was sie anfangen sollten. Um sie zu trösten und wieder aufzuheitern, erklärte ich ihnen, ich würde die Bank übernehmen, aber bei gleichem Spiel, und würde daher für die gewinnenden Figuren den sechsunddreißigfachen Einsatz auszahlen statt des zweiunddreißigfachen. Man fand mich reizend, und ich amüsierte die ganze Gesellschaft bis zum Abendessen, ohne etwas zu verlieren oder zu gewinnen. Als das Spiel zu Ende war, bat ich die Dame des Hauses, die ganze Spieleinrichtung freundlichst annehmen zu wollen; dies war ein sehr hübsches Geschenk.

Das Abendessen war sehr angenehm; mein Abenteuer bildete den hauptsächlichen Gegenstand der Unterhaltung. Beim Abschied bat ich Signora Isolabella und ihren Marchese, bei mir zu speisen; sie nahmen die Einladung sehr eifrig an. Hierauf holte ich meine Nichte ab, die mir sagte, sie habe einen köstlichen Abend verbracht.

»Ein sehr liebenswürdiger junger Mann, den meine Freundin morgen zum Essen mitbringen wird, war außerordentlich zuvorkommend gegen mich.«

»Ist das nicht derselbe, der sich gestern bei der Tafel fortwährend mit Ihnen beschäftigte?«

»Ja, der ist es. Unter anderen schönen Dingen hat er mir auch gesagt, er wolle nach Marseille reisen, um meinen Vater kennen zu lernen und bei ihm um meine Hand anzuhalten, wenn ich damit einverstanden sei. Ich habe ihm nichts darauf geantwortet, aber ich habe bei mir selber gedacht: wenn der arme junge Mann sich diese Mühe macht, wird er angeführt sein.«

»Warum denn?«

»Weil er mich nicht sehen wird. Ein Kloster wird mein Asyl werden. Mein Vater ist voll von Güte und Zärtlichkeit: er wird mir vergeben, das weiß ich. Aber es ist meine Pflicht, mich selber zu bestrafen.«

»Das ist ein sehr trauriger Gedanke, meine liebenswürdige Nichte. Ich hoffe. Sie werden ihn aufgeben. Sie haben alles, was nötig ist, um einen Mann zu beglücken, der Sie zu beglücken würdig ist und der dank seinem Vermögen so unabhängig ist, wie ein Mensch es nur sein kann. Je mehr ich über Sie nachdenke, desto mehr bin ich überzeugt, daß ich recht habe.«

Wir sprachen nicht länger über diesen Gegenstand, denn sie war der Ruhe bedürftig. Annina kam herein, um sie auszukleiden, und ich bemerkte mit Vergnügen, wie gütig meine Nichte sie behandelte; ebensowenig entging mir jedoch, mit welcher Gleichgültigkeit die Zofe ihre Herrin bediente. Als sie daher zu mir kam und sich in mein Bett legte, machte ich ihr freundliche Vorstellungen darüber, und ersuchte sie, ihren Pflichten besser nachzukommen. Anstatt mir durch Liebkosungen zu antworten, wie sie hätte tun sollen, begann Annina zu weinen.

»Mein liebes Kind, deine Tränen langweilen mich; ich lasse dich nur kommen, um fröhlich mit dir zu sein, und wenn du mich traurig machen willst, schicke ich dich fort.«

Trotzig und empfindlich, wie alle dummen Mädchen bei solchen Anlässen es sind, stand die Kleine auf und ging hinaus, ohne ein Wort zu sagen.

In verdrießlicher Stimmung schlief ich ein.

Am nächsten Morgen sagte ich ihr im Tone des Herrn, sie habe mir einen häßlichen Streich gespielt, und wenn das noch einmal vorkäme, würde ich sie entlassen. Anstatt den Versuch zu machen, mich durch Liebkosungen zu beschwichtigen, fing die kleine Rebellin herzbrechend zu weinen an. Hierüber ärgerlich, schob ich sie zur Tür hinaus; dann begann ich das am vorigen Abend gewonnene Geld zu zählen.

Ich dachte schon nicht mehr an Annina, als meine Nichte mit freundlichem Gesicht bei mir eintrat und mich sanft und gefühlvoll fragte, warum ich die arme Annina gekränkt habe.

»Meine liebe Nichte, sagen Sie ihr, sie soll vernünftig sein und Sie gut bedienen; sonst würde ich sie zu ihrer Mutter zurückschicken!«

Ohne mir zu antworten, nahm sie lachend eine Hand voll Silbermünzen und lief hinaus. Ich hatte keine Zeit, lange über dieses eigentümliche Benehmen nachzudenken, denn unmittelbar darauf trat Annina ein, ließ meine Taler in ihrer Schürze klimpern, küßte mich und versprach mir, sie wolle mich in ihrem ganzen Leben nicht wieder ärgern.

So war der Charakter meiner neuen Nichte. Sie wußte, daß ich sie anbetete; sie liebte mich, wollte mich aber nicht zum Liebhaber haben und machte sich doch den Einfluß zunutze, den meine Leidenschaft ihr verlieh. Im Kodex der weiblichen Koketterie sind Fälle dieser Art sehr bekannt.

Passano kam zu mir, ohne daß ich ihn hatte rufen lassen, und beglückwünschte mich zu meinem Siege vom Tage vorher.

»Wer hat Ihnen das gesagt?«

»Ich komme aus dem Kaffeehaus, wo alle Welt davon spricht. Es ist ein wunderbarer Sieg, denn die Biribanti sind abgebrühte Gauner. Das Abenteuer wird Aufsehen machen, denn man behauptet, Sie hätten unmöglich die Bank dieser Gauner sprengen können, ohne mit dem Mann, der den Sack hielt, im Einverständnis zu sein.«

»Mein Lieber, Sie langweilen mich. Da, geben Sie dieses Goldstück Ihrer Frau und gehen Sie!«

Das Goldstück, das ich ihm gab, war hundert Genueser Lire wert; die Regierung hatte diese Münze als ein bequemes Zahlungsmittel für den inneren Verkehr schlagen lassen; es gab in gleicher Prägung auch Stücke zu fünfzig und fünfundzwanzig Lire.

Ich war noch immer damit beschäftigt, mein Gold und mein Silber zu zählen, als Clairmont mir ein Briefchen brachte. Es war eine zärtliche Einladung von Irena, die den Wunsch aussprach, ich möchte mit ihr frühstücken. Ich wußte nicht, daß sie in Genua war, und diese Neuigkeit machte mir viel Vergnügen. Ich schloß mein Geld ein, kleidete mich in aller Eile an und begab mich zu ihr. Ich fand sie in einer schön eingerichteten Wohnung, und ihr alter Vater, Graf Rinaldi, umarmte mich unter Freudentränen.

Nach den ersten üblichen Komplimenten sprach der alte Herr mir seinen Glückwunsch zu meinem Gewinn aus.

»Dreitausend Zechinen«, rief er aus, »sind ein schönes Stück Geld!«

»Ganz gewiß.«

»Das Spaßhafte dabei ist, daß der Mann, der den Sack hielt, ein Angestellter der beiden anderen war.«

»Was finden Sie denn dabei spaßhaft?«

»Daß er, ohne etwas zu riskieren, die Hälfte der Summe gewonnen hat; denn ohne diese Bedingung würde er sich wahrscheinlich nicht mit Ihnen eingelassen haben.«

»Sie glauben also, daß wir unter einer Decke steckten?«

»Das glaubt ein jeder, und es kann auch gar nicht anders sein. Der Kerl ist ein Spitzbube, der sein Glück gemacht hat, indem er andere Spitzbuben betrog. Alle Falschspieler von Genua zollen ihm Beifall und singen Ihr Lob!«

»Sie feiern mich als einen noch größeren Spitzbuben?«

»Diesen Namen gibt man Ihnen nicht – oh nein! Man bewundert Ihren großartigen Geist; man lobt Sie, beneidet Sie!«

»Vielen Dank für ein solches Lob.«

»Ich habe die Geschichte von einem Herrn, der beim Kampf zugegen war. Er sagt, das zweite und dritte Mal haben Sie dank der Beihilfe des Mannes, der den Sack hielt, die Kugel am Gefühl erkannt.«

»Und Sie sind überzeugt, daß dies die Wahrheit ist?«

»Fest überzeugt. Kein Ehrenmann hätte es an Ihrer Stelle anders gemacht. Doch rate ich Ihnen, sich bei der Zusammenkunft, die Sie mit Ihrem Manne haben werden, wohl in acht zu nehmen; denn Sie werden Spione auf Ihren Fersen haben. Wenn Sie wollen, stehe ich Ihnen zu Diensten.«

Es gelang mir, mich selber zu beherrschen und nicht der Entrüstung nachzugeben, die eine solche Sprache in mir erregte. Ich bewahrte meine Kaltblütigkeit, nahm aber mit verächtlicher Miene, ohne ein Wort zu sagen, meinen Hut und ging. Irena wollte mir, wie einst in Mailand, den Ausgang verlegen; ich stieß sie jedoch hart zurück und verließ das Zimmer mit dem festen Entschluß, mich niemals wieder mit diesem elenden alten Grafen einzulassen.

Die Verleumdung verletzte mich tief, obgleich ich recht gut wußte, daß sie mir nach der Denkweise oder, wenn man will, nach der Moral der Spieler viel Ehre machte. Nach dem, was Passano und Rinaldi mir gesagt hatten, konnte ich nicht daran zweifeln, daß die Geschichte allgemein bekannt war. Daß man daran glaubte, wunderte mich durchaus nicht. Ich hatte aber vollkommen ehrlich gehandelt, und ich konnte daher nicht zugeben, für einen Gauner gehalten zu werden, da ich mir doch meiner Ehrenhaftigkeit bewußt war.

Ich hatte das Bedürfnis, mein Herz auszuschütten, und ging daher nach der Strada Balbi, um dem Marchese Grimaldi einen Besuch zu machen und mit ihm über die Angelegenheit zu sprechen. Der hohe Herr war nicht zu Hause; er war zu einer Sitzung in den Regierungspalast gegangen. Ich ließ mich dorthin führen, und sobald er von meiner Anwesenheit erfuhr, kam er in eine Art von Wartesaal, worin ich mich befand, und begrüßte mich auf das freundlichste. Als ich ihm erzählt hatte, was für eine Geschichte über mich im Umlauf wäre, sagte er: »Mein lieber Chevalier, Sie müssen darüber lachen und dürfen sich nicht einmal die Mühe machen, zu widersprechen.«

»Sie raten mir also, zuzugestehen, daß ich ein Gauner bin?«

»Nein; denn nur Dummköpfe werden Sie dafür halten. Verachten Sie diese, es sei denn, daß jemand es Ihnen ins Gesicht sagt.«

»Ich möchte wohl den Patrizier kennen, der die Geschichte erzählt hat, und der dabei gewesen zu sein behauptet.«

»Ich kenne ihn nicht. Er hat unrecht getan, es zu erzählen; aber Sie würden ebenfalls unrecht haben, wenn Sie versuchten, seinen Namen zu erfahren; denn ich bin fest überzeugt, er hat durchaus nicht die Absicht gehabt, Sie zu beleidigen. Er glaubte eben gar nichts Böses von Ihnen zu sagen.«

»Ich bewundere solche Auffassung, aber sie verwirrt mich, denn ich begreife durchaus nicht, worauf sich eine solche Ansicht gründet. Nehmen wir, bitte, einmal an, die Sache wäre so, wie man sie erzählt, und sagen Sie mir, ob Sie glauben, daß sie mir Ehre machen würde?«

»Weder Ehre noch Schande. So sind nun einmal unsere Sitten; so denkt man hier allgemein über die Glücksspiele. Man wird lachen, man wird Sie rühmen, ja man wird Sie sogar lieben; denn ein jeder wird sagen, er hätte es an Ihrer Stelle ebenso gemacht.«

»Sie auch?«

»Ja. Wäre ich gewiß gewesen, daß in der Kugel sich die Harlequine befand, so hätte ich gerade so, wie Sie es getan haben, die Bank gesprengt. Ich will Ihnen aufrichtig sagen: ich weiß nicht, ob Sie durch Glück oder durch Geschicklichkeit gewonnen haben; aber wenn ich ein Urteil fällen sollte, das auf Wahrscheinlichkeit gegründet wäre, so würde ich sagen, daß Sie die Kugel gekannt haben. Geben Sie zu, daß ich richtig denke!«

»Ich gebe es zu, aber Ihre Anschauung ist trotzdem eine für mich entehrende Annahme; Sie werden daher Ihrerseits zugeben, daß alle diejenigen, die die Vermutung hegen, ich hätte durch Geschicklichkeit oder durch ein Einverständnis mit einem Spitzbuben gewonnen, mich beleidigen.«

»Das kommt auf die Auffassung an. Ich gebe zu, daß sie Sie beleidigen, wenn Sie sich beleidigt fühlen; dies können sie jedoch nicht vermuten, und wenn sie keine Ahnung haben, daß solche Annahme Sie verletzt, und wenn sie durchaus nicht die Absicht haben, Sie zu verletzen, so kann keine Beleidigung vorliegen, übrigens verspreche ich Ihnen, daß Sie keinen Menschen finden werden, der so unvorsichtig wäre, Ihnen zu sagen, Sie hätten einen betrügerischen Gewinn gemacht. Aber sagen Sie mir, ob es möglich ist, irgendeinen Menschen zu verhindern, so zu denken?«

»Gut. Mag man es denken, man hüte sich aber, es mir zu sagen!«

Ich ging nach Hause. Ich war ärgerlich auf Grimaldi, auf Rinaldi, auf die ganze Welt und besonders auf mich selber: ich ärgerte mich, daß ich mich ärgerte, denn schließlich hätte ich einfach über die ganze Geschichte lachen können, da ich wußte, daß ich unschuldig war, und daß bei der Sittenverderbnis, die jedes Urteil beeinflußte, diese Geschichte, einerlei, ob sie wahr oder falsch war, meine Ehre nicht berühren konnte. Im Gegenteil, dieses Abenteuer brachte mich in den Ruf eines geistreichen Mannes in einem Sinne, der in Genua noch mehr als an jedem anderen Ort den unangenehmen Begriff veredelt, den die Jansenisten mit dem Worte Gauner verbinden. Schließlich überraschte ich mich selber bei dem Gedanken, daß ich mir gar kein Gewissen daraus gemacht hätte, die Biribibank zu sprengen, wenn der Mann mit dem Sack mir vorher einen derartigen Vorschlag gemacht hätte – wäre es auch nur gewesen, um eine liebenswürdige Gesellschaft lachen zu machen. Vielleicht ärgerte es mich bei der ganzen Geschichte am meisten, daß man mir eine Heldentat zuschrieb, deren Verdienst ich nicht beanspruchen konnte.

Da es bald Zeit zum Mittagessen war, bemühte ich mich, meine schlechte Laune zu überwinden; denn ich hatte die Verpflichtung, für die Erheiterung der liebenswürdigen Gesellschaft zu sorgen, die ich bei mir sehen sollte. Meine Nichte erschien nur mit ihren Reizen geschmückt; denn sie hatte weder Perlen noch Brillanten, da ihr unglückseliger Croce alles verkauft hatte. Aber sie war elegant angezogen und sehr gut frisiert, und ihr prachtvolles Haar war kostbarer als ein Rubinschmuck.

Einige Augenblicke später kam Rosalie; sie war reich geschmückt und noch sehr schön. In ihrer Begleitung kamen ihr Mann und dessen Oheim nebst seiner Frau, sowie zwei Freunde, von denen der eine der Anbeter meiner schönen Marseillerin war.

Signora Isolabella und ihr unzertrennlicher Schatten, Marchese Grimaldi, kamen spät, wie es in der vornehmen Gesellschaft üblich ist.

Gerade als wir uns zu Tische setzen wollten, meldete Clairmont mir, ein Mann möchte mit mir sprechen.

»Lassen Sie ihn hereinkommen.«

Kaum war er eingetreten, so rief Herr von Grimaldi: »Das ist ja der Mann mit dem Sack!«

»Was wollen Sie von mir?« sagte ich kurz.

»Mein Herr, ich möchte Sie um eine Unterstützung bitten. Ich bin Familienvater; man glaubt, ich …«

Ich ließ ihn nicht ausreden, sondern sagte: »Ich habe niemals einem Unglücklichen eine Unterstützung verweigert. Clairmont, geben Sie dem Mann zehn Zechinen. – Gehen Sie!«

Dieser Vorfall war mir erwünscht; er trug dazu bei, mir meine gute Laune wiederzugeben.

Wir setzten uns zu Tisch, und in demselben Augenblick übergab man mir einen Brief. Da ich Passanos Handschrift erkannte, so steckte ich ihn uneröffnet in die Tasche.

Mein Mittagsmahl war glänzend und lecker. Mein Koch verdiente sich damit die Rittersporen. Signora Isolabella nahm zwar durch ihren hohen Rang und ihren glänzenden Schmuck den ersten Platz ein; sonst aber wurde sie durch meine beiden Nichten in den Schatten gestellt. Der junge Genueser bemühte sich auf das aufmerksamste um seine schöne Marseillerin; ich sah deutlich, daß sie nicht unempfindlich dagegen war, und erblickte darin ein gutes Zeichen. Ich wünschte aufrichtig, daß sie sich in irgend jemanden verlieben möchte; ich liebte sie sehr, und darum schmerzte mich ihr Gedanke, sich in einem Kloster begraben zu wollen. Sie konnte nur wieder glücklich werden, wenn sie den Unseligen vergaß, der sie an den Rand der Schande gebracht hatte.

Als beim Essen meine Gäste einen Augenblick miteinander beschäftigt waren, wurde ich neugierig den Brief zu lesen, den Passano mir geschrieben hatte. Ich las folgendes:

»Ich bin auf die Bank gegangen, um das Goldstück zu wechseln, das Sie mir gaben. Man hat es gewogen und festgestellt, daß zehn Karat am richtigen Gewicht fehlen. Man hat von mir verlangt, daß ich angeben solle, von wem ich die Münze erhalten habe; natürlich habe ich mich geweigert, diesem Verlangen zu entsprechen. Ich habe mich also ins Gefängnis bringen lassen, und wenn Sie nicht ein Mittel finden, mich daraus zu befreien, so wird man einen Kriminalprozeß gegen mich anstrengen; Sie begreifen jedoch, daß ich mich nicht hängen lassen darf.«

Ich gab den Brief dem Marchese Grimaldi; als wir vom Tische aufgestanden waren, nahm er mich beiseite und sagte zu mir: »Das ist eine sehr üble Geschichte, denn sie muß den Menschen, der das Goldstück beschnitten hat, geraden Weges zum Galgen führen.«

»Nun, so wird man eben die Biribi-Halter hängen. Es wird nicht eben Schade um sie sein.«

»Dann wäre aber Signora Isolabella bloßgestellt, denn das Biribi ist streng verboten. Ich werde mit den Staatsinquisitoren sprechen; lassen Sie mich nur machen. Schreiben Sie Passano, er solle auch weiterhin schweigen, und versichern Sie ihm, daß Sie für alles aufkommen. Das Münzgesetz wird gerade in bezug auf diese Goldstücke strenge gehandhabt, weil die Regierung wünscht, daß diese Goldstücke in Ansehen bleiben; darum will sie die Münzenbeschneider durch ein strenges Beispiel erschrecken.«

Nachdem ich Passano geschrieben hatte, ließ ich eine Wage kommen. Wir wogen alle Goldstücke, die ich im Biribi gewonnen hatte, und fanden, daß sie ohne Ausnahme beschnitten waren. Herr von Grimaldi übernahm es, sie zerschneiden zu lassen und an einen Goldschmied zu verkaufen.

Als wir in den Saal zurückkehrten, fanden wir alle meine Gäste schon beim Kartenspielen. Herr von Grimaldi schlug mir eine Partie Quinze zu zweien vor. Dies ist ein unangenehmes Spiel, das mir stets mißfallen hat; ich war jedoch der Gastgeber und nahm daher aus Höflichkeit die Aufforderung an. In vier Stunden verlor ich fünfhundert Zechinen.

Am nächsten Tage kam Grimaldi zu mir und sagte mir, Passano sei aus dem Gefängnis entlassen worden und man habe ihm den Wert des Goldstücks vergütet. Zugleich übergab er mir dreizehnhundert Zechinen, die er aus dem Verkauf meines Goldes gelöst hätte. Wir kamen überein, daß ich am nächsten Tage Signora Isolabella besuchen solle, und daß er mir dann Revanche im Quinze geben wolle.

Ich war nach meiner Gewohnheit pünktlich zur Stelle und verlor dreitausend Zechinen; von diesen bezahlte ich ihm am nächsten Tage tausend, für die anderen zweitausend gab ich ihm Wechsel mit meinem Akzept. Als die Wechsel fällig waren, befand ich mich in England in mißlichen Vermögensumständen und mußte sie daher protestieren lassen. Als ich fünf Jahre später in Barcelona war, wurde Herr von Grimaldi durch einen Halunken angestiftet, mich in Schuldhaft nehmen zu lassen, obgleich er an meiner Ehrenhaftigkeit nicht zweifelte und überzeugt war, daß ich ihn nur aus Mangel an Mitteln nicht bezahlte. Er trieb sogar das Zartgefühl so weit, daß er mir einen sehr höflichen Brief schrieb, worin er mir den Namen meines Feindes mitteilte und mir versicherte, daß er niemals das Geringste unternehmen würde, um mich zur Zahlung zu zwingen. Dieser Feind war Passano, der damals sich in Barcelona aufhielt, ohne daß ich es wußte. Ich werde später darauf zu sprechen kommen; doch kann ich mir nicht versagen, schon hier eine traurige Beobachtung mitzuteilen – daß nämlich alle, die ich zur Beihilfe an dem tollen Betruge gegen Madame d’Urfé heranzog, mich verraten haben, mit Ausnahme einer jungen Venetianerin, die der Leser im nächsten Kapitel kennen lernen wird.

Trotz meinen Verlusten lebte ich gut, und es fehlte mir nicht an Geld; denn schließlich hatte ich nur verloren, was ich im Biribi gewonnen hatte. Rosalie kam oftmals, entweder allein oder mit ihrem Gatten, zu mir zum Mittagessen, und ich speiste regelmäßig bei ihr zu Abend mit meiner Nichte, deren Liebschaft Fortschritte machte. Ich sagte ihr dieses, indem ich ihr Glück wünschte, aber sie behauptete stets, ein Kloster werde bald ihr Zufluchtsort sein; ihr Entschluß in dieser Hinsicht stehe unerschütterlich fest. Die Frauen begehen oft aus Starrsinn die widersinnigsten Handlungen; es kann wohl sein, daß sie sich selber einer Täuschung hingeben und ihre Irrtümer in gutem Glauben begehen. Wenn dann aber der Schleier zerreißt, sieht ihr Auge nur noch die Tiefe des Abgrundes, in den sie sich gestürzt haben, weil sie nicht auf die Ratschläge der Vernunft hörten.

Unterdessen hatte meine Nichte eine freundschaftliche Zuneigung zu mir gefaßt, und seitdem ich Annina hatte, war ihr Vertrauen so erstarkt, daß sie sich oftmals morgens auf den Rand meines Bettes setzte, während die Kleine noch in meinen Armen lag. Ihre Gegenwart fachte meine Glut zu neuer Flamme an, und ich löschte diese mit der Blonden, während meine Blicke die Braune verschlangen. Dieser schienen unsere Liebkosungen Genuß zu bereiten, und ich las in ihren Augen, daß ihre Sinne ein süßes Martyrium erlitten. Da Annina sehr kurzsichtig war, so merkte sie nichts von meinen Zerstreuungen, und meine Nichte ließ sich zu leichten Liebkosungen herbei, da sie wußte, daß sie dadurch meinen Genuß vermehrte. Wenn sie mich für erschöpft hielt, bat sie Annina aufzustehen und sie mit mir allein zu lassen, da sie mir etwas zu sagen habe. Dann lachte und scherzte sie mit mir; obwohl sie ganz leicht gekleidet war, bildete sie sich ein, daß ihre Reize keine Macht über mich ausüben könnten, oder wenigstens nicht bis zu dem Grade, um mich für sie gefährlich zu machen. Sie täuschte sich; aber ich dachte natürlich nicht daran, ihr ihren Irrtum zu benehmen, weil ich befürchtete, dadurch ihr Vertrauen zu verlieren, übrigens bereitete ich durch diese Handlungsweise nur meinen Sieg vor, denn die Fortschritte, die ich in ihrer Freundschaft machte, gaben mir die Gewißheit, daß sie sich schließlich mir doch ergeben würde, wenn auch nicht während unseres Aufenthaltes in Genua, so doch auf der Reise, wo wir beständig in der größten Ungezwungenheit beisammen sein und in jenem süßen Müßiggange leben würden, dessen natürliche Folge die Selbstvergessenheit ist. Dann wird man müde, sich anzustrengen, zu denken, zu plaudern und sogar zu lachen. Die Bewegung der Reise, die ungewohnte Ernährung und die körperliche Nähe erhitzen das Blut; man läßt sich gehen und tut irgend etwas, gewissermaßen nur, um sich zu versichern, daß man noch am Leben ist, und weil man nicht so viel Tatkraft hat, Widerstand zu leisten. Wenn dann später die Überlegung hinzutritt, ist man gewöhnlich ganz froh, daß es so gekommen ist.

Aber die Geschichte meiner Reise von Genua nach Marseille stand im großen Buche des Schicksals geschrieben, das ich nicht kennen konnte, da ich es niemals gelesen hatte. Ich wußte nur, daß ich abreisen mußte; denn Frau von Urfé erwartete mich in Marseille. An diese Reise knüpften sich entscheidende Kombinationen, von denen das Schicksal des allerhübschesten Geschöpfes abhängen sollte, einer Venetianerin, die mich nicht kannte, und von deren Existenz ich keine Ahnung hatte; trotzdem war ich vom Schicksal dazu bestimmt, das Werkzeug ihres Glückes zu sein. Das Geschick hatte mich augenscheinlich nur deshalb so lange in Genua zurückgehalten, um auf sie zu warten.

Da ich meine Abreise auf den zweiten Ostertag festgesetzt hatte, so hatte ich noch sechs Tage vor mir. Ich rechnete mit dem Bankier ab, an den Greppi mich gewiesen hatte, und nahm einen Kreditbrief auf Marseille, obgleich es mir dort an Mitteln nicht fehlen konnte, weil ja meine Großschatzmeisterin, Frau von Urfé, da war. Ich verabschiedete mich bei Signora Isolabella und ihren Freunden, um meine ganze Zeit Rosalien und ihrer Familie widmen zu können.

Viertes Kapitel


Mein Bruder, der Abbate, und seine schändliche Handlungsweise. – Ich bemächtige mich seiner Geliebten. – Abreise von Genua. – Der Fürst von Monaco. – Sieg über meine Nichte. – Ankunft in Antibes.

Am Mittwoch vor Ostern war ich gerade eben aufgestanden, als Clairmont mir meldete, ein fremder Priester, der seinen Namen nicht nennen wolle, wünsche mich zu sprechen. Ich ging in meiner Nachtmütze hinaus. Kaum sah mich der Abbate, so fiel der Bursche mir um den Hals und küßte mich, daß mir beinahe die Luft ausging. Diese Zärtlichkeit war mir unangenehm, und da ich ihn wegen der im Zimmer herrschenden Dunkelheit nicht sofort erkannte, nahm ich ihn am Arm und führte ihn an ein Fenster. Nun erkannte ich den jüngsten meiner Brüder, einen verkommenen Menschen, der mir stets zuwider gewesen war. Ich hatte ihn seit zehn Jahren nicht mehr gesehen, und er interessierte mich so wenig, daß ich mich nicht einmal in meinem Briefwechsel mit den Herren Bragadino, Dandolo und Barbaro nach ihm erkundigte.

Nachdem er mit seinen dummen Umarmungen fertig war, fragte ich ihn kalt, welches Abenteuer ihn in dem kläglichen Zustande, worin ich ihn sähe, in schmutzstarrende Lumpen gehüllt, nach Genua geführt hätte. Der Bursche hatte weiter keine Vorzüge als seine neunundzwanzig Jahre, die frischesten Farben und prachtvolles Haar. Er war ein Nachgeborener, denn er war wie Mohammed drei Monate nach dem Tode seines Vaters zur Welt gekommen.

»Wenn ich, lieber Bruder, dir meine ganze Leidensgeschichte erzählen soll, so wird dies lange dauern. Sei also so freundlich, in dein Zimmer zu gehen, laß uns dort Platz nehmen, und ich werde dir wahrheitsgetreu und ganz genau alles erzählen.«

»Vor allen Dingen beantworte alle meine Fragen: seit wann bist du hier?«

»Seit gestern Abend.«

»Wer hat dir gesagt, daß ich hier bin?«

»Graf B. hat es mir in Mailand gesagt.«

»Wer hat dir gesagt, daß der Graf mich kennt?«

»Der Zufall. Ich war vor einem Monat bei Herrn von Bragadino und sah auf dessen Schreibtisch einen offenen Brief, den der Graf an dich gerichtet hatte.«

»Hast du ihm gesagt, daß du mein Bruder bist?«

»Ich habe dies zugeben müssen, als er mir sagte, daß ich dir ähnlich sähe.«

»Er hat dir die Unwahrheit gesagt, denn du bist ja nur ein plumpes Vieh.«

»Ohne Zweifel hat er anders von mir gedacht als du, denn er hat mich zu Tisch eingeladen.«

»In diesen Lumpen? Da hast du mir wirklich Ehre gemacht!«

»Er hat mir vier Zechinen gegeben, mit deren Hilfe ich hierher gelangt bin. Ohne diese Beihilfe hätte ich niemals die Reise machen können.«

»Er hat eine große Dummheit begangen. So bist du also nun ein Bettler, denn du hast ja um Almosen gebeten! Warum hast du Venedig verlassen? Was willst du von mir? Ich weiß nicht, was ich mit dir anfangen soll.«

»Oh, ich bitte dich, bringe mich nicht zur Verzweiflung! Ich bin imstande, mir das Leben zu nehmen.«

»Nur zu! Das wäre das beste, was du tun könntest. Aber du bist ja zu feige. Warum, frage ich dich, hast du Venedig verlassen, wo du von Messelesen und Predigen leben konntest, ohne zu betteln, wie so viele ehrenwerte Priester leben, die besser sind als du?«

»Das ist eben der Hauptpunkt meiner Geschichte. Laß uns hineingehen!«

»Oh nein! Warte hier auf mich! Wir wollen irgendwohin gehen, wo du mir erzählen kannst, was du willst, vorausgesetzt, daß ich Geduld habe, dich anzuhören. Unterdessen hüte dich wohl, meinen Leuten zu sagen, daß du mein Bruder bist; denn ich schäme mich, daß du zu mir gehörst. Also vorwärts, führe mich in deinen Gasthof!«

»Ich möchte dich darauf aufmerksam machen, daß ich in meinem Gasthof nicht allein bin und daß ich unter vier Augen mit dir sprechen muß.«

»Wer ist denn bei dir?«

»Ich werde es dir sagen. Laß uns in ein Kaffeehaus gehen.«

»Erst will ich wissen, ob du nicht etwa mit einer Diebesbande zusammen bist. Du seufzest?«

»Ja, es ist für mich ein peinliches Geständnis – ich bin mit einer Frau zusammen.«

»Mit einer Frau? Du, ein Priester?«

»Verzeih mir! Von Liebe verblendet, von meinen Sinnen und von ihrer Schönheit verführt, habe ich auch sie verführt, indem ich ihr versprach, ich würde sie in Genf heiraten. Ganz sicherlich werde ich niemals wagen, nach Venedig zurückzukehren, denn ich habe sie aus ihrem Elternhause entführt.«

»Was würdest du in Genf anfangen? Man würde dich nur drei Tage dulden und dann sofort ausweisen. Gehen wir in deinen Gasthof; erst will ich das Mädchen sehen, das du betrogen hast. Nachher kannst du unter vier Augen mit mir sprechen.«

Ich begab mich nach dem Ort, den er mir bezeichnet hatte, und er mußte mir wohl oder übel folgen. Als wir in seinem Gasthof angekommen waren, lief er schnell vor mir her in den dritten Stock hinauf, wo ich in einem elenden Kämmerlein ein sehr junges Mädchen bemerkte. Sie war hochgewachsen, eine pikante schwarze Schönheit, von stolzer Miene und durchaus nicht verlegen. Sobald sie mich sah, rief sie, ohne mich zu grüßen: »Sind Sie der Bruder dieses Lügners, dieses Ungeheuers, das mich betrogen hat?«

»Ja, mein schönes Fräulein, ich habe die eigentümliche Ehre.«

»Eine schöne Ehre in der Tat! Nun, tun Sie doch ein gutes Werk und schicken Sie mich nach Venedig zurück; denn ich will nicht mehr bei diesem Spitzbuben bleiben, den ich unglücklicherweise in meiner Dummheit erhört habe, weil er mir mit seinen Märchen den Kopf verdrehte. Er behauptete, er würde Sie in Mailand finden; dort würden Sie ihm das nötige Geld geben, daß wir mit der Post nach Genf fahren könnten; denn dort behauptete er, könnten die Priester sich verheiraten, indem sie zum reformierten Glauben überträten. Er hat mir geschworen, Sie erwarteten ihn in Mailand. Sie waren jedoch nicht da. Er hat auf irgend eine Weise etwas Geld aufgetrieben und hat mich mit Ach und Krach hierhergebracht. Ich segne den Himmel, daß er Sie endlich gefunden hat; denn sonst wäre ich morgen zu Fuß fortgegangen und hätte mir unterwegs mein Brot erbettelt. Ich habe nichts mehr; denn der Unglückselige hat in Verona und Bergamo alle meine Sachen verkauft. Ich weiß nicht, wie ich in all diesem Elend meine Vernunft habe bewahren können. Wenn man ihn so sprechen hörte, war die Welt draußen vor Venedig ein Paradies. Aber ach, ich habe schon recht gut gemerkt, daß man es nirgends besser hat als zu Hause. Verflucht sei der Augenblick, wo ich diesen abscheulichen Menschen kennen gelernt habe. Er wollte seine Gattenrechte geltend machen, sobald wir in Padua angekommen waren, und ich bin sehr glücklich, daß ich ihm nichts bewilligt habe. Ich wollte erst einmal diese Genfer Heirat sehen, die er mir versprochen hat; sehen Sie, da ist das schriftliche Versprechen, das er mir gab. Sie können damit machen, was Sie wollen; aber wenn Sie ein gutes Herz haben, so schicken Sie mich nach Venedig; sonst werde ich gezwungen sein, zu Fuß dorthin zu gehen.«

Ich hörte stehend diesen langen Herzenserguß an, ohne sie zu unterbrechen. Ich war so erstaunt, daß ich sie noch lange hätte fortreden lassen. Ihre Rede war infolge der Entrüstung, die sie erfüllte, zusammenhanglos, empfing jedoch einen hohen Grad von Beredsamkeit durch die Lebhaftigkeit ihres Mienenspiels und das Feuer ihrer Blicke.

Mein Bruder saß auf einem Stuhl und hielt den Kopf zwischen beiden Händen. Dadurch, daß er, ohne ein Wort zu sagen, diese lange Litanei wohlverdienter Beleidigungen anhören mußte, bekam der Auftritt etwas ungeheuer Komisches. Trotzdem ging das Traurige des Falles mir sehr zu Herzen. Ich begriff sofort, daß ich für das junge Mädchen sorgen mußte, und daß es meine Pflicht war, unverzüglich ein so unpassendes Band zu lösen. Ich war überzeugt, daß ich leicht eine Gelegenheit finden würde, um sie auf schickliche Art in ihre Heimat zurückzusenden, die sie vielleicht niemals verlassen hätte, wenn sie nicht, durch die betrügerischen Versprechungen ihres Verführers betört, ein so hohes Vertrauen in mich gesetzt hätte.

Der offene venetianische Charakter des jungen Mädchens machte auf mich noch höheren Eindruck als ihre Schönheit. Ihr Freimut, ihre edle Entrüstung, ihre freiwillige Umkehr vom bösen Wege, ihr Mut, kurz, ihr ganzes Wesen hatte mir eine Art von Achtung eingeflößt, die mir zurief, ich dürfe sie nicht verlassen. Ich konnte nicht an der Wahrheit ihrer Erzählung zweifeln, da mein Bruder durch sein Schweigen zugestand, daß er der wahre Schuldige war.

Nachdem ich sie ziemlich lange schweigend angesehen hatte, war mein Entschluß gefaßt, und ich sagte zu ihr:

»Ich verspreche Ihnen, mein Fräulein, Sie in Begleitung einer anständigen Frau mit der gewöhnlichen Post nach Venedig zurückzuschicken. Aber Ihre Rückkehr dorthin wird Sie unglücklich machen, wenn Sie etwa die Folgen Ihrer Liebe in Ihrem Schoß tragen sollten.«

»Was für Folgen? Habe ich Ihnen nicht gesagt, er sollte mich in Genf heiraten?«

»Schon recht; aber trotzdem.«

»Ich verstehe Sie, mein Herr; aber in dieser Hinsicht bin ich sehr ruhig, denn glücklicherweise habe ich nicht den kleinsten Wunsch des schlechten Menschen erfüllt.«

»Erinnere dich,« sagte der Abbate weinerlich zu ihr, »daß du mir geschworen hast, du wollest stets mein sein. Du hast diesen Eid vor einem Kruzifix ausgesprochen.«

Er war bei diesen Worten aufgestanden und mit flehender Gebärde an das junge Mädchen herangetreten; sie aber blieb ganz kalt und gab ihm eine schallende Ohrfeige, sobald er sich ihr auf Armlänge genähert hatte. Ich dachte, es würde zu einem kleinen Kampfe kommen, den ich nicht verhindert haben würde; aber es geschah nichts. Der Abbate ging demütig und sanft ans Fenster, erhob seine Augen zum Himmel und weinte.

»Sie sind ein kleiner Teufel, mein liebes Fräulein,« sagte ich zu ihr; »denn dieser arme Kerl ist nur darum unglücklich, weil Sie ihn verliebt gemacht haben.«

»Wenn er in mich verliebt geworden ist, so habe ich keine Schuld daran, denn ich würde niemals an ihn gedacht haben, während er alles aufgeboten hat, um mir den Kopf zu verdrehen. Ich werde ihm nur verzeihen, wenn ich ihn nicht mehr sehe. Die Ohrfeige ist nicht die erste, die ich ihm gegeben habe: ich mußte schon in Padua meine Zuflucht dazu nehmen.«

»Das ist richtig,« sagte der Dummkopf, »aber du bist exkommuniziert; denn ich bin Priester.«

»Ich lache über die Exkommunikation eines solchen Banditen wie du bist, und wenn du noch ein Wort sagst, bekommst du noch viel mehr Ohrfeigen.«

»Beruhigen Sie sich, mein Kind,« sagte ich zu ihr; »ich sehe, Sie haben guten Grund, aufgebracht zu sein; aber Sie brauchen ihn nicht mehr zu ohrfeigen. Nehmen Sie Ihre Sachen und folgen Sie mir.«

»Wohin bringst du sie?« rief der dumme Mensch.

»Zu mir. Du aber schweige! Da hast du zwanzig Zechinen; kaufe dir Kleider und Wäsche und bleibe zu Hause. Morgen werde ich hierher kommen und mit dir sprechen. Schenke die Lumpen, die du trägst, den Armen und danke dem Himmel dafür, daß du mich gefunden hast. – Sie, mein Fräulein, werde ich in einer Sänfte nach meiner Wohnung bringen lassen, denn man darf Sie in Genua nicht in meiner Gesellschaft sehen, zumal da man weiß, daß Sie mit einem Priester angekommen sind. Dieses Ärgernis muß in aller Stille beigelegt werden. Ich werde Sie meiner Wirtin in Obhut geben; nehmen Sie sich aber in acht und vertrauen Sie ihr kein Wort von dieser häßlichen Geschichte an. Ich werde Sie anständig kleiden lassen, und es soll Ihnen an nichts fehlen.«

»Oh! Möge der Himmel Sie belohnen!«

Mein Bruder war durch die zwanzig Zechinen wie versteinert und ließ uns gehen, ohne den geringsten Widerstand zu leisten. Ich ließ meine junge Venetianerin in einer Sänfte nach meiner Wohnung bringen, empfahl sie meiner Wirtin und bat diese, sie unverzüglich sehr sauber kleiden zu lassen. Ich konnte es kaum erwarten, zu sehen, was aus dem jungen Mädchen werden würde, dessen Vorzüge in den Lumpen nicht zur Geltung kamen. Ich sagte zu Annina, daß ein an mich empfohlenes Mädchen mit ihr zusammen essen und schlafen würde. Hierauf begann ich mich sorgfältig anzuziehen, da ich schöne und zahlreiche Gesellschaft empfangen sollte.

Obgleich ich gegen meine Nichte keine Verpflichtungen hatte, lag mir doch viel an ihrer Achtung; ich glaubte ihr daher die ganze Geschichte erzählen zu müssen, damit sie nicht ungünstig von mir denken möchte. Dankbar für mein Vertrauen hörte sie mich aufmerksam an und sagte dann zu mir, sie wünsche sehr, das junge Mädchen zu sehen, ja sogar den Abbate, den sie, wenngleich schuldig, doch auch sehr bedauernswert fand. Ich hatte ihr für diese Gesellschaft ein herrliches Kleid machen lassen, worin sie zum Entzücken schön aussah. Ich fühlte mich glücklich, so oft ich etwas tun konnte, was ihr gefiel; denn ich bewunderte sie wegen ihres Benehmens mir gegenüber und wegen der Art und Weise, wie sie ihren Bewerber behandelte, der bereits ganz wahnsinnig in sie verliebt war. Sie traf ihn alle Tage entweder bei mir oder bei Rosalie. Der junge Herr war gut erzogen, aber er war Kaufmann, und so schrieb er ihr denn in kaufmännischem Stil: da sie nach Alter und Vermögensumständen zusammenpaßten, so könnte ihn nichts daran verhindern, nach Marseille zu gehen und dort um ihre Hand und ihr Herz zu werben, wenn nicht etwa eine Abneigung von ihrer Seite ein Hindernis bildete. Zum Schluß bat er sie um eine offene Erklärung. Als meine Nichte mir diesen Brief zeigte und mich um meinen Rat fragte, antwortete ich ihr: »Meinen Glückwunsch! An Ihrer Stelle würde ich eine solche Partie nicht verachten, vorausgesetzt natürlich, daß der Herr Ihnen gefällt.«

»An ihm ist nichts, was mir nicht gefiele, und Rosalie ist derselben Meinung wie Sie.«

»So sagen Sie ihm doch mündlich. Sie erwarten ihn in Marseille und er könne auf Ihre Einwilligung rechnen.«

»Gut! Da Sie dieser Meinung sind, so werde ich es ihm morgen sagen.«

Als wir von Tisch aufstanden, trieb mich ein neugieriger Wünsch, in das Zimmer meiner Nichte zu gehen, wo Annina und Marcolina speisten. So hieß meine Venetianerin. Ihr Anblick überraschte mich; denn an jedem anderen Ort würde ich sie nicht wieder erkannt haben, und zwar nicht so sehr deshalb, weil sie durch ein sehr hübsches Kleid verändert aussah, als wegen des Ausdruckes von Zufriedenheit, der auf ihrem Gesicht lag und eine ganz andere Person aus ihr gemacht hatte. An Stelle des Zornes – der immer häßlich macht – war die liebenswürdigste Fröhlichkeit getreten; eine Sanftmut, die von ihrer Zufriedenheit herrührte, gab ihrem schönen Gesicht einen Ausdruck verführerischer Liebe. Es erschien mir unmöglich, daß dieses entzückende Geschöpf dasselbe Mädchen sein sollte, das meinen Bruder, einen Priester, also einen Mann, der nach dem Volksglauben geheiligt war, so derbe behandelt hatte. Die beiden neuen Freundinnen aßen zusammen und lachten darüber, daß sie sich nicht verstanden. Marcolina sprach nur die hübsche venetianische Mundart und Annina nur die genuesische, die von der Weichheit und der reizvollen Anmut der ersteren so weit entfernt ist wie das Böhmische vom Plattdeutschen.

Ich redete Marcolina in ihrer Mundart an, die auch die meiner Kindheit ist und die ich daher niemals vergessen habe. Sie antwortete mir: »Mir kommt es vor, wie wenn ich plötzlich von der Hölle ins Paradies versetzt wäre.«

»Darum sehen Sie jetzt auch wie ein Engel aus!«

»Und heute Morgen nannten Sie mich einen Teufel! Aber die da ist ein weißer Engel,« setzte sie hinzu, auf Annina deutend, »wie man in Venedig keinen kennt!«

»Darum ist sie auch mein lieber Schatz.«

Meine Nichte trat ein, und da sie mich in so guter Laune zwischen den beiden jungen Mädchen sitzen sah, setzte sie sich neben mich, um sich meine neue Erwerbung genau anzusehen. Sie sagte mir auf französisch, sie finde sie tadellos schön; nachdem sie dasselbe auf italienisch zu ihr gesagt hatte, gab sie ihr einen Kuß. Marcolina fragte sie nach ihrer venetianischen Art ohne alle Umstände, wer sie sei.

»Ich bin die Nichte des Herrn, der mich jetzt zu meinem Vater nach Marseille begleitet.«

»Dann wären Sie ja auch meine Nichte, wenn ich seine Schwägerin wäre. Wie glücklich wäre ich, eine so hübsche Nichte zu haben!«

Dieser hübschen Antwort folgte eine Flut von Küssen, die mit einer Glut gegeben und empfangen wurden, welche man recht eigentlich venetianisch nennen könnte, wenn man nicht befürchten müßte, dadurch die feurigen Provencalinnen zu beleidigen.

Ich machte mit meiner Nichte eine ziemlich lange Segelfahrt aufs Meer hinaus, und wir genossen zusammen einen jener köstlichen Abende, wie man sie, glaube ich, nur im Golf von Genua hat, wenn über den mondbeschienenen klaren Silberspiegel der See der Zephir die Düfte von den Orangen-, Zitronen- und Granatäpfelbäumen, von Aloe und Jasmin hinträgt. Wir blieben vernünftig, aber unsere Sinne waren zu wollüstigen Erregungen gestimmt, als wir in unsere Wohnung zurückkehrten. Da ich gegen meine schöne Begleiterin noch nichts zu unternehmen wagte, zugleich aber auch einer Ablenkung bedurfte, so fragte ich Annina, wo die Venetianerin sei. Sie antwortete mir, sie sei schon früh zu Bett gegangen. Leise trat ich in ihr Zimmer; doch hatte ich keine andere Absicht, als sie schlafend zu sehen. Der Kerzenschein erweckte sie; sie sah mich, war aber ob meiner Erscheinung nicht erschrocken. Ich setzte mich neben sie, sagte ihr allerlei Artigkeiten und schickte mich an, sie zu umarmen; da sie sich jedoch wehrte, so ließ ich sofort von ihr ab, und wir plauderten.

Nachdem Annina ihre Herrin zu Bett gebracht hatte, trat sie bei uns ein und überraschte uns bei unserer Unterhaltung. Ich sagte zu ihr: »Geh zu Bett, Liebste; ich komme auch gleich.«

Sie war ganz stolz darauf, daß die Venetianerin wußte, daß sie meine Odaliske war, gab mir einen Kuß und ging hinaus, ohne ein Wort zu sagen.

Ich brachte nun das Gespräch zunächst auf meinen Bruder, dann auf mich selber, sagte ihr, daß sie mir gleich beim ersten Anblick die lebhafteste Teilnahme eingeflößt habe, und daß ich bereit sei, alles Mögliche für sie zu tun, sei es, daß sie darauf bestehe, nach Venedig zurückzukehren, sei es, daß sie lieber mit mir nach Frankreich reisen wolle.

»Werden Sie mich dort heiraten?«

»Nein, ich bin schon verheiratet.«

»Ich weiß, daß dies nicht wahr ist; aber es kommt wenig darauf an. Schicken Sie mich nach Venedig zurück, und zwar so bald wie möglich, wenn ich bitten darf: ich will keines Menschen Konkubine sein.«

»Ich bewundere Ihre Gefühle, meine Liebe; ich finde Sie zum Entzücken!«

Während ich sie lobte, wurde ich dringlich; doch wandte ich keine Gewalt an, sondern nur jene lebhaften und süßen Liebkosungen, gegen die ein Weib sich viel schwerer verteidigen kann als gegen einen gewaltsamen Angriff. Marcolina lachte; als sie aber sah, daß ich nicht abließ, obgleich sie mir alle Wege versperrte, schlüpfte sie plötzlich unten aus dem Bett, lief in das Zimmer meiner Nichte und schloß sich dort ein. Ihr geschickter Streich machte nur Spaß, denn sie hatte ihn ebenso anmutig wie gewandt ausgeführt; ich ging zu Bett, und Annina hatte sich nicht über die kurze Erregung zu beklagen, in die mich die von ihr wegen ihrer Flucht höchlich belobte Marcolina versetzt hatte.

Am anderen Morgen stand ich frühzeitig auf und ging in das Zimmer meiner Nichte, um einen Augenblick über die Gesellschaft zu lachen, die ich ihr ohne Absicht verschafft hatte. Sie boten mir sogar einen noch scherzhafteren Anblick, als ich erwartet hatte. Als sie mich eintreten sah, sagte meine Nichte zu mir: »Lieber Oheim, wollen Sie wohl glauben, daß diese Spitzbübin von Venetianerin mich genotzüchtigt hat?«

Marcolina verstand sie; aber weit entfernt, sich gegen den Vorwurf zu verteidigen, begann sie ihr nun Zeichen von Zärtlichkeit zu geben, die von der anderen gerne angenommen wurden; an den Bewegungen der leichten Bettdecke, unter der sie lagen, konnte ich ohne Mühe er raten, von welcher Art diese Zärtlichkeiten waren.

»Hören Sie,« sagte ich zu meiner Nichte, »das ist aber ein starker Angriff auf die Rücksichten, die Ihr Oheim bis jetzt auf Ihre Vorurteile genommen hat.«

»Ach, diese Scherze unter zwei jungen Mädchen können einen Mann, der eben aus Anninas Armen kommt, doch wohl nicht in Versuchung führen.«

»Sie irren sich und irren sich vielleicht mit Absicht; die Versuchung ist für mich außerordentlich groß.«

Mit diesen Worten riß ich die Bettdecke herunter. Marcolina schrie laut auf, rührte sich aber nicht; die andere bat mich in gefühlvollem Tone, sie wieder zuzudecken. Aber das Gemälde, das ich vor meinen Augen hatte, war zu entzückend, als daß ich es hätte verschleiern mögen.

Annina trat ein und breitete, den Befehlen ihrer Herrin gehorsam, die Bettdecke wieder über meine beiden Bacchantinnen und beraubte mich dadurch des schönen Anblicks. Ärgerlich hierüber packte ich Annina, warf sie auf das Bett und gab den beiden Freundinnen ein Schauspiel, das ihnen so interessant erschien, daß sie mit ihrem Spiel aufhörten, um dem meinigen zuzusehen. Als ich fertig war, rief Annina freudestrahlend, ich hätte recht gehabt, mich auf diese Weise für ihre Zimperlichkeit zu rächen. Zufrieden mit meiner Heldentat ging ich hinaus, um zu frühstücken; hierauf kleidete ich mich an und suchte meinen Bruder auf.

»Wie befindet sich Marcolina?« fragte er mich, sobald er mich erblickte.

»Gut; beunruhige dich ihretwegen nicht; sie hat gute Kleider, gutes Essen und gute Wohnung. Sie ist glücklich.«

»Wohnt sie bei dir?«

»Ja, sie schläft mit der Kammerzofe meiner Nichte zusammen.«

»Ich wußte nicht, daß ich eine Nichte habe.«

»Es gibt viele Dinge, die du nicht weißt. In drei oder vier Tagen wird Marcolina abreisen, um nach Venedig zurückzukehren.«

»Ich hoffe, lieber Bruder, ich werde heute bei dir speisen.«

»Nein, unter keinen Umständen, mein lieber Bruder! Ich verbiete dir, dich bei mir sehen zu lassen, denn deine Anwesenheit würde Marcolina verdrießen, und du darfst sie daher nicht wiedersehen.«

»Oh! Ich werde sie wiedersehen; denn ich werde nach Venedig gehen, und müßte ich mich dort aufhängen lassen!«

»Was hätte das für einen Zweck? Sie kann dich ja nicht ausstehen.«

»Sie liebt mich!«

»Sie haßt dich.«

»Weil sie mich liebt. Sie wird sofort sanft wie ein Lamm werden, wenn sie mich so gut angezogen sieht. Du hast keine Ahnung, wie sehr ich leide!«

»Ich kann es mir vorstellen, aber ich habe durchaus kein Mitleid mit deinem Leiden; denn du bist ein Frevler gegen Gott, ein Dummkopf und außerdem ein elender Barbar, denn du hast dich nicht gefürchtet, ein reizendes junges Mädchen, das glücklich zu sein verdient, der Schande und dem Elend auszusetzen, um eine erbärmliche Laune zu befriedigen, die deinem Gelübde und deinem Priesterstande widerspricht. Sage mir, Schurke, was hättest du gemacht, wenn ich dir den Rücken zugedreht hätte, anstatt dir zu Hilfe zu kommen?«

»Dann hätte ich mit ihr an den Türen gebettelt.«

»Sie hätte dich geprügelt und hätte sich vielleicht an die Behörden gewandt, um dich los zu werden.«

»Aber was wirst du mit mir machen, wenn ich sie allein nach Venedig zurückreisen lasse?«

»Ich werde dich mit mir nach Frankreich nehmen und versuchen, dich in den Dienst irgendeines Bischofs zu bringen.«

»In den Dienst? Ich bin nicht dazu geboren, einem anderen zu dienen als Gott allein.«

»Aufgeblasener Dummkopf! Marcolina hatte ganz recht, als sie gestern sagte, du sprächest gerade so, als wenn du predigtest. Wer ist dein Gott? Welchen Dienst leistest du ihm? Dummkopf oder Heuchler! Dienst du ihm, indem du ein anständiges Mädchen verführst und dem Elternhause abspenstig machst? Dienst du ihm, indem du deinen Stand entweihst, deine Religion verrätst, die du nicht einmal kennst? Unglücklicher Dummkopf, der du dir einbildest, du könntest ohne Talent, ohne alle theologischen Kenntnisse ein Diener des protestantischen Kultus werden? Du, der du nicht einmal richtig italienisch sprichst? Hüte dich, jemals meine Wohnung zu betreten; denn du würdest mich zwingen, dich aus Genua ausweisen zu lassen.«

»Gut! Dann bringe mich nach Paris; dort werde ich zu meinem Bruder Francesco gehen, der nicht so hartherzig ist wie du.«

»Schön! Du wirst nach Paris gehen, und in vier oder fünf Tagen reisen wir ab. Bleibe hier, iß und trink, geh aber nicht aus. Ich werde dir Bescheid geben. Ich reise mit meiner Nichte, meinem Sekretär und meinem Kammerdiener. Wir gehen auf dem Seewege.«

»Ich werde aber seekrank.«

»Das wird für dich eine Magenreinigung sein.«

Ich ging nach Hause und teilte Marcolina meine Unterhaltung mit dem Abbate mit.

»Ich verabscheue ihn,« sagte sie, »aber ich verzeihe ihm, da ich ihm das Glück verdanke, Sie kennen gelernt zu haben.«

»Nun, meine reizende Landsmännin, so verzeihe ich ihm ebenfalls; denn ohne ihn hätte ich Sie vielleicht niemals kennen gelernt; aber ich liebe Sie, und ich fühle, daß ich an dieser Liebe sterben werde, wenn Sie nicht einwilligen, sie zu befriedigen.«

»Niemals! Ich fühle, daß ich mich wahnsinnig in Sie verlieben würde, und wenn Sie mich dann verließen, würde ich unglücklich sein.«

»Ich werde Sie niemals verlassen.«

»Wenn Sie mir dies schwören wollen, können Sie mich mit nach Frankreich nehmen. Dort werde ich ganz und gar die Ihrige sein. Hier in Genua leben Sie nur mit Annina weiter! Übrigens bin ich in Ihre Nichte verliebt.«

Das Scherzhafte an der Sache war, daß meine Nichte sich ebenso in sie verliebt hatte, und zwar so sehr, daß sie mich gebeten hatte, sie immer mit uns essen zu lassen und zu gestatten, daß sie alle Nächte bei ihr schlafe. Da ich bei ihren wollüstigen Tollheiten anwesend sein konnte, so hatte ich nichts dagegen einzuwenden, und wir aßen schon an demselben Tage zusammen. Wir hatten dies nicht zu bereuen, denn sie erzählte uns eine Menge Geschichten, über die wir uns halb tot lachten, und wir blieben daher so lange bei Tisch sitzen, bis wir zu Rosalien gehen mußten, wo wir sicher waren, den Anbeter meiner Nichte zu finden.

Am nächsten Tage, Gründonnerstag, begleitete Rosalie uns, um die Prozessionen zu sehen. Ich führte an meinen Armen Rosalie und Marcolina, die sich dicht in ihren Mezzaro gehüllt hatten, meine Nichte aber ging am Arm ihres Anbeters. Als ich am nächsten Tage mit derselben Gesellschaft ausging, um die Prozession zu sehen, die man in Genua die Caracce nennt, machte Marcolina mich auf meinen Bruder aufmerksam, der nur von weitem um uns herumstrich, im übrigen aber so tat, als wenn er uns nicht sähe. Er hatte sich äußerst sorgfältig frisieren lassen, und der Geck schien davon überzeugt zu sein, daß er an diesem Tage Marcolina gefallen und daß sie bereuen würde, ihn verschmäht zu haben. Aber der arme Teufel mußte Folterqualen ausstehen, denn meine Venetianerin, die an den Cendal gewöhnt war, wußte den Mezzaro so gut und besser zu handhaben als eine Genueserin; so wurde er gesehen und gefoppt, konnte aber niemals sicher sein, daß seine Grausame ihn gesehen hatte. Außerdem brachte die Schelmin ihn noch dadurch zur Verzweiflung, daß sie sich ganz innig an meinen Arm anschmiegte. Er mußte daher glauben, daß wir bereits auf dem allervertrautesten Fuße ständen.

Meine Nichte und Marcolina glaubten, die besten Freundinnen von der Welt zu sein, und konnten es gar nicht vertragen, wenn ich zu ihnen sagte, daß nur ihre Liebesscherze die Ursache ihrer gegenseitigen Zuneigung seien. Um mir zu beweisen, daß ich mich irrte, versprachen sie mir, ihre Ergötzlichkeiten sollten mit unserer Abreise von Genua aufhören; ich sollte mit ihnen in der Feluke zusammenschlafen, die uns nach Antibes bringen würde, wo wir mindestens eine Nacht bleiben müßten; wir würden uns jedoch nicht entkleiden. Ich forderte sie auf, ihr Wort zu halten, und setzte unsere Abreise auf den nächsten Donnerstag fest. Nachdem ich befohlen hatte, die Feluke segelfertig zu machen, sagte ich meinem Bruder Bescheid, daß er sich am Hafen einzufinden hätte.

Es war ein sehr schmerzlicher Augenblick, als ich meine kleine Annina ihrer Mutter übergab. Sie weinte so bitterlich, daß wir alle Tränen vergossen. Meine Nichte schenkte ihr ein schönes Kleid, und ich gab ihr dreißig Zechinen, indem ich ihr zugleich versprach, auf meiner Rückreise aus England wieder nach Genua zu kommen. Passano erhielt Bescheid, daß er sich mit dem Abbate auf der Feluke einzufinden habe; ich hatte in diese guten Mundvorrat für drei Tage bringen lassen. Der junge Kaufmann versprach meiner Nichte, in vierzehn Tagen nach Marseille zu kommen. Bei seiner Ankunft würde die Heirat bereits zwischen ihren Vätern abgeschlossen sein. Diese bevorstehende Heirat machte mir die allergrößte Freude, denn sie gab mir die Gewißheit, daß ihr Vater sie mit offenen Armen aufnehmen würde. Unsere Freunde verließen uns erst, als wir die Feluke bestiegen.

Das Schiffchen hatte zwölf Ruderer und war sehr bequem eingerichtet. Es war mit zwei Steinböllern bewaffnet und hatte vierundzwanzig Gewehre an Bord, damit wir uns für alle Fälle gegen einen Korsaren verteidigen könnten. Clairmont hatte meinen Reisewagen und meine Koffer so geschickt benutzt, daß fünf darüber ausgebreitete Matratzen ein sehr bequemes Bett bildeten, so daß wir uns niederlegen und uns sogar in aller Bequemlichkeit ausziehen konnten; wir hatten gute Kopfkissen und einen reichlichen Vorrat von Decken. Ein großes Zeltdach von Sarsche bedeckte die ganze Barke, und zwei Laternen hingen an dem Pfosten, der das Zelt stützte. Als es Abend war, zündete Clairmont die Laternen an und trug unsere Mahlzeit auf. Da ich meinem Bruder gesagt hatte, daß ich ihn bei der ersten Dummheit ins Meer werfen würde, so erlaubte ich ihm und Passano, mit uns zu speisen.

Zwischen meinen Nymphen auf den Matratzen sitzend, bediente ich freundlich meine Gäste, zunächst meine Nichte, dann die Venetianerin, hierauf meinen Bruder und endlich Passano. Ich hatte verboten, beim Essen Wasser zu trinken, und da die Speisen sehr lecker waren, so leerten wir ein jeder eine Flasche ausgezeichneten Burgunders. Als wir gespeist hatten, ruhten unsere Ruderer sich aus, obgleich der Wind sehr schwach war. Ich ließ die Laternen auslöschen, und meine beiden Freundinnen schliefen an meinen Seiten ein.

Als mich die Morgenröte weckte, fand ich die beiden Engel schlafend in derselben Stellung, worin ich sie am Abend gesehen hatte. Leider konnte ich sie nicht mit meinen Küssen bedecken, denn die eine galt für meine Nichte, und die andere war eine Waise; es wäre unmenschlich gewesen, sie in Gegenwart meines unglücklichen Bruders, der sie anbetete, aber niemals auch nur die geringste Gunst von ihr erlangt hatte, als meine Geliebte zu behandeln. Von Kummer und Seekrankheit gequält lag er da; er würde die geringste Liebesbezeigung sofort erspäht haben. Ich wollte ein Ärgernis vermeiden und besaß daher die Kraft, mich mit dieser Augenweide zu begnügen, bis sie wie zwei Rosen erwachten.

Als ich mich an der Betrachtung dieser beiden entzückenden Wesen gesättigt hatte, stand ich auf, um das Meer zu begrüßen. Ich sah, daß wir erst Finale gegenüber waren, und schalt den Schiffer tüchtig aus.

Er behauptete, hinter Savona habe der Wind aufgehört, und alle Schiffsknechte bestätigten dies.

»So hättet ihr rudern müssen; aber ihr wolltet natürlich lieber faulenzen.«

»Wir fürchteten, Sie aufzuwecken. Sie werden morgen in Antibes sein.«

Nachdem wir, um uns die Zeit zu vertreiben, gut gegessen hatten, bekamen wir Lust, in San Remo an Land zu gehen. Darüber freute sich die ganze Mannschaft. Wir landeten, und nachdem ich befohlen hatte, daß alle an Bord bleiben sollten, führte ich meine beiden Nymphen in den Gasthof, wo ich Kaffee bestellte. Ein Herr redete uns an und lud uns ein, wir möchten uns in seinem Hause ausruhen, wo wir uns mit dem Biribispiel unterhalten könnten.

»Ich glaubte, dies Spiel sei in den genuesischen Staaten verboten?«

Er antwortete nicht.

Überzeugt, daß es die von mir ausgebeutelten Gauner waren, nahm ich die Einladung an. Meine Nichte hatte fünfzig Louis in ihrer Börse. Ich gab Marcolina fünfzehn. Bald waren wir in einem Saale, worin sich zahlreiche Gesellschaft befand. Man öffnete den Kreis, wir nahmen Platz, und ich erblickte die Gauner von Genua. Sobald sie mich sahen, wurden sie bleich und zitterten. Ich muß erwähnen, daß der Mann, der den Sack hielt, nicht mehr der arme Teufel war, der mir, ohne es zu wollen, so gute Dienste geleistet hatte.

»Ich spiele die Harlequine«, sagte ich zu ihnen.

»Die ist nicht mehr da.«

»Wie stark ist die Bank?«

»Sie sehen sie. Hier wird nur klein gespielt. Die zweihundert Louis, die hier liegen, sind hinreichend. Man kann so wenig setzen, wie man will, und der höchste Einsatz beträgt einen Louis.«

»Gut; aber meine Louis sind vollwichtig.«

»Ich glaube, die unsrigen sind es auch.«

»Sind Sie dessen sicher?«

»Nein.«

»Dann werden wir nicht spielen«, sagte ich zum Wirt.

»Sie haben recht. Man soll eine Wage bringen.«

Der Bankhalter sagte nun, er würde nach der Beendigung des Spiels für jeden Louis, den man von ihm gewonnen hätte, vier Silbertaler zu sechs Lire geben. Damit war diese Frage erledigt. In einem Augenblick war das ganze Tableau mit Einsätzen bedeckt.

Wir setzten alle je einen Louis. Ich verlor zwanzig und meine Nichte ebensoviel; Marcolina aber, die in ihrem ganzen Leben keine zwei Zechinen besessen hatte, gewann hundertundvierzig Louis. Sie spielte auf die Figur eines Abbate, der in zwanzig Ziehungen fünfmal herauskam. Man gab ihr einen Sack voll Sechsfrankentaler, und wir kehrten zu unserer Feluke zurück.

Da wir Gegenwind hatten, mußten wir die ganze Nacht rudern. Das Meer war sehr bewegt, und ich beschloß daher um acht Uhr morgens, in Mentone Halt zu machen. Meine beiden schönen Freundinnen waren seekrank, desgleichen Passano und mein Bruder. Ich dagegen befand mich ausgezeichnet. Nachdem ich meine beiden Kranken in einen Gasthof geführt hatte, erlaubte ich auch Passano und dem Abbate an Land zu gehen, um sich zu erholen. Da der Wirt mir sagte, daß der Fürst und die Fürstin von Monaco in Mentone seien, so beschloß ich, ihnen einen Besuch zu machen. Vor dreizehn Jahren hatte ich ihn in Paris oft unterhalten und ihm die Langeweile vertrieben, indem ich mit ihm und seiner Geliebten Coraline zu Abend speiste. Der Fürst war es, der mich zu der abscheulichen Herzogin von Rufec geführt hatte. Damals war er noch nicht verheiratet. Nun fand ich ihn in seinem Fürstentum wieder, wo er mit seiner Gattin lebte, von der er bereits zwei Söhne hatte. Die Fürstin war eine geborene Marchesa Brignole, eine reiche Erbin, außerdem schön und besonders sehr liebenswürdig. Dies alles wußte ich vom Hörensagen. Ich war daher sehr neugierig, sie zu sehen.

Ich begab mich zum Fürsten; man meldete mich, ließ mich ziemlich lange warten und führte mich endlich hinein. Ich redete ihn als Hoheit an, was ich in Paris niemals getan hatte; denn dort gab ihm kein Mensch seinen Titel. Er empfing mich höflich, aber mit jener Kälte, die einem genügend zu verstehen gibt, daß man nicht gern gesehen wird.

Er sagte zu mir: »Ich kann mir denken, Sie haben hier wegen des schlechten Wetters Halt gemacht?«

»Jawohl, mein Fürst, und wenn Eure Hoheit es mir gestatten, werde ich den ganzen Tag in Ihrer köstlichen Stadt verweilen« – (die durchaus nicht köstlich ist).

»Ganz nach Ihrem Belieben. Da es der Fürstin wie auch mir hier besser gefällt als in Monaco, so bevorzugen wir den Aufenthalt in Mentone.«

»Ich möchte den Wunsch aussprechen, daß Eure Hoheit mich der Fürstin vorzustellen geruhen.«

Es stand ein Page in der Nähe, und ohne meinen Namen zu nennen, befahl er diesem, mich seiner Gemahlin vorzustellen.

Der Page öffnete die Tür eines schönen Saales, sagte: »Da ist die Fürstin!« und ließ mich allein. Sie saß an ihrem Piano und sang eine Romanze. Als die Fürstin mich sah, stand sie auf und ging mir entgegen. Ich hätte mich selber vorstellen müssen, was unter derartigen Umständen immer unangenehm ist. Ohne Zweifel empfand die Fürstin dies, denn sie hatte ein sehr feines Schicklichkeitsgefühl. Sie tat daher, wie wenn sie der Vorstellung nicht bedürfte, und richtete an mich mit wohlwollender Liebenswürdigkeit die Phrasen, die im Katechismus des guten Tones unter dem Abschnitt Vorstellung stehen. Ich brachte sie nicht in die Verlegenheit, stecken zu bleiben, sondern erzählte ihr ungezwungen, aber im Tone eines großen Herrn, eine Menge angenehmer und scherzhafter Geschichten, ohne jedoch etwas von meinen beiden schönen Begleiterinnen zu sagen.

Die Prinzessin war schön, liebenswürdig und hochbegabt. Ihre Mutter, die den Fürsten kannte und wohl wußte, daß ein solcher Mann sie nicht glücklich machen konnte, widersetzte sich dieser Verbindung; die junge Marchesa war aber wie verzaubert, und die Mutter mußte nachgeben, als die Tochter zu ihr sagte: »O Monaco, o Monaco – entweder bekomme ich den Monaco oder ich werde Nonne.«

Während wir die nichtigen Phrasen einer inhaltlosen Unterhaltung wechselten, kam der Fürst hinein. Er verfolgte eine von ihren Kammerzofen, die lachend vor ihm davonlief. Die Fürstin tat, wie wenn sie nichts sähe, und sprach ruhig ihren Satz zu Ende. Der Auftritt, mißfiel mir, und ich verabschiedete mich daher von der Fürstin, die mir gute Reise wünschte. Der Fürst, dem ich beim Hinausgehen begegnete, lud mich ein, ihn zu besuchen, so oft ich durch Mentone käme.

»Ich werde nicht verfehlen«, antwortete ich, und damit drückte ich mich, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Ich ging in den Gasthof zurück und bestellte ein gutes Mittagessen für drei.

Im Fürstentum Monaco lag eine französische Besatzung; für die Einräumung dieses Rechtes erhielt der Fürst ein Jahrgeld von hunderttausend Franken, und diese Besatzung verlieh ihm ein Relief, dessen er sehr stark bedurfte.

Ein junger Offizier, geschniegelt und gebügelt und auf zwanzig Schritte nach Moschus duftend, ging an unserm Zimmer vorbei, dessen Tür offen stand. Er blieb stehen und fragte uns mit einer unverschämten Höflichkeit, die eine abschlägige Antwort für unmöglich zu halten schien: ob wir ihm wohl erlauben wollten, seine gute Laune mit der unsrigen zu vereinigen. Ich antwortete ihm mit sehr kühler Höflichkeit, er würde uns eine große Ehre erweisen – eine herkömmliche Redensart, die weder ja noch nein besagt; aber ein Franzos, der einmal den ersten Schritt getan hat, läßt sich nicht leicht aus der Fassung bringen und weicht niemals zurück, einerlei ob es sich um eine Heldentat oder eine Dummheit handelt.

Nachdem er seine ganze Anmut vor meinen beiden Schönen entfaltet und tausend nichtssagende Redensarten an sie gerichtet hatte, ohne ihnen jemals Zeit zum Antworten zu lassen, wandte er sich zu mir und sagte: er wisse, daß ich mit dem Fürsten gesprochen habe, und sei erstaunt, daß dieser mich nicht nebst meinen schönen Damen zum Mittagessen eingeladen habe. Ich glaubte ihm antworten zu müssen, daß ich dem Fürsten von meinem schönen Schatze nichts gesagt hätte.

Kaum hatte ich diese Worte hervorgebracht, so sprang der liebenswürdige Hasenfuß voller Begeisterung auf und rief: »Ja, zum Donnerwetter, dann wundere ich mich nicht mehr. Ich eile zu Seiner Hoheit, um ihm Meldung davon zu machen, und werde bald die Ehre haben, mit Ihnen im Schloß zu speisen.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er davon.

Wir lachten über das Ungestüm des Brausekopfs, da wir fest überzeugt waren, daß wir weder mit ihm noch mit dem Fürsten speisen würden. Aber es dauerte keine Viertelstunde, da sahen wir ihn freudestrahlend zurückkehren! Mit triumphierender Miene lud er uns im Auftrag des Fürsten ein, im Schloß zu speisen.

Ich antwortete ihm: »Ich bitte Sie, Seiner Hoheit in unserem Namen zu danken und uns zugleich zu entschuldigen. Da das Wetter schön geworden ist, so will ich unter allen Umständen abreisen, sobald wir in aller Eile einen Bissen gegessen haben.«

Unser junger Franzose bot seine ganze Redekunst auf, um uns zur Annahme der Einladung zu bewegen. Da ich jedoch unerbittlich blieb, so verließ er mich mit betrübtem Gesicht, um dem Fürsten unsere Antwort zu überbringen.

Ich glaubte ihn nun los zu sein, aber ich hatte es mit einem zähen Willen zu tun: kurze Zeit darauf kam er wieder, wandte sich mit hochbefriedigter Miene zu meinen beiden Damen, wie wenn er mich überhaupt für nichts mehr rechnete, und sagte zu ihnen: »Ich habe dem Fürsten eine so wahrheitsgetreue Beschreibung von Ihren Vollkommenheiten gemacht, daß Seine Hoheit beschlossen hat, hier mit Ihnen zu speisen. Ich habe bereits befohlen, zwei Gedecke mehr aufzulegen, denn ich werde die Ehre haben, daran teilzunehmen. In einer Viertelstunde, meine Damen, wird der Fürst hier sein.«

»Vortrefflich!« rief ich ohne Zögern; »aber um den Fürsten angemessen zu bewirten, muß ich schnell einmal auf meine Feluke gehen, um eine ausgezeichnete Pastete zu holen, die der Fürst, wie ich weiß, besonders gern ißt. Kommen Sie, meine jungen Damen!«

»Sie können sie hierlassen, mein Herr; ich werde ihnen gute Gesellschaft leisten.«

»Daran zweifle ich nicht im geringsten; aber die Damen haben ebenfalls etwas zu holen.«

»Sie erlauben mir doch, mitzukommen?«

»Oh, sehr gern!«

Beim Hinausgehen war ich den anderen um etwa vier Schritte voraus; ich fragte den Wirt unbemerkt, wieviel ich ihm schuldig sei. »Nichts, mein Herr; soeben erhalte ich den Befehl, Sie aufs beste zu bedienen, aber keine Bezahlung zu nehmen.«

»Das ist ja prächtig!«

Während dieses kurzen Gespräches waren meine Damen mit dem jungen Windbeutel vorausgegangen; ich beeilte mich, sie einzuholen, und reichte meiner Nichte den Arm. Sie lachte von ganzem Herzen darüber, daß der Offizier Marcolinen Komplimente machte, von denen sie kein Wort verstand; der Dummkopf konnte dies aber nicht bemerken, weil er wie eine Windmühle klapperte, ohne jemals auf eine Antwort zu warten.

»Wir werden bei Tisch viel zu lachen haben,« sagte meine Nichte, zu mir; »aber was wollen wir denn in der Feluke?«

»Abreisen! Still!«

»Abreisen?«

»Augenblicklich.«

»Der Streich ist Goldes wert!«

Wir besteigen die Feluke; der Offizier ist entzückt von meinem Reisewagen und fängt an, ihn sich anzusehen. Während er damit beschäftigt ist, sage ich meiner Nichte, sie solle ihn unterhalten, und befehle sodann mit leiser Stimme dem Schiffer, augenblicklich abzufahren.

»Augenblicklich?«

»Jawohl, noch in dieser Minute.«

»Aber der Herr Abbate und Ihr Sekretär sind spazieren gegangen, und von meinen Ruderknechten sind ebenfalls zwei am Lande.«

»Das macht nichts; sie werden auf dem Landwege nach Antibes gehen und uns dort finden; es sind ja nur zehn Wegstunden, und sie haben Geld. Ich will abreisen und zwar sofort. Machen Sie schnell, ich habe es eilig!«

»Das genügt.«

Er löst die Kette, die die Feluke festhält, und diese entfernt sich vom Ufer. Der Offizier bemerkt es und fragt mich ganz verblüfft, was das zu bedeuten habe.

»Das bedeutet, daß ich nach Antibes fahre, wohin ich Sie mit dem größten Vergnügen gratis mitnehme.«

»Das ist ein Scherz von der allerschönsten Sorte! Denn Sie scherzen doch nur!«

»Nein, allen Ernstes, Ihre Gesellschaft wird uns sehr angenehm sein.«

»Donnerwetter! Setzen Sie mich doch an Land; denn – ich bitte um Verzeihung, meine schönen Damen – ich habe keine Zeit, nach Antibes zu fahren. Ein anderes Mal gern!«

»Setze den Herrn an Land!« sage ich zum Schiffer; »unsere Gesellschaft scheint dem Herrn nicht zu gefallen.«

»Aber im Gegenteil! Ihre Damen sind reizend; aber Sie begreifen doch, der Fürst würde mir mit Recht zürnen, denn er würde glauben, ich wäre mit Ihnen im Einverständnis, um ihm diesen Streich zu spielen, der ihm, wie Sie zugeben werden, nicht gleichgültig sein kann.«

»Ich spiele niemals Streiche, die einem gleichgültig sein können.«

»Aber was wird der Fürst dazu sagen?«

»Er mag sagen, was ihm gefällt, gerade wie ich tue, was mir gefällt.«

»Nun, ich persönlich bin jedenfalls vollkommen gerechtfertigt. Leben Sie wohl, meine Damen! Leben Sie wohl, mein Herr!«

»Leben Sie wohl, mein Herr; Sie können dem Fürsten meinen Dank sagen, daß er meine Zeche im Gasthof hat bezahlen lassen.«

Marcolina verstand kein Wort von dem, was vorging, und konnte daher nicht lachen. Sie war ganz verdutzt, da sie nicht wußte, was sie davon halten sollte; meine Nichte aber wollte sich halbtot lachen, denn nichts war komischer als die Art und Weise, wie der arme Offizier die Sache aufgefaßt hatte.

Clairmont setzte uns ein Essen vor, wie wir es nur wünschen konnten, und niemals ist eine Mahlzeit fröhlicher gewesen, denn wir hatten unaufhörlich über den Vorfall und alle Einzelheiten desselben zu lachen, nicht zum wenigsten auch über das Erstaunen, in das Passano und mein dummer Bruder geraten mußten, wenn sie am Hafen ankamen und uns nicht mehr fanden, übrigens war ich sicher, daß ich sie schon am nächsten Tage in Antibes wiedersehen würde; wir selber kamen dort am Abend um sechs Uhr an.

Die See hatte uns an diesem Tage müde, aber nicht krank gemacht; die herbe Seeluft hatte unseren Appetit gestärkt; wir taten daher dem Abendessen alle Ehre an und brachten reichliche Trankopfer. Marcolina, deren Magen durch die Bewegung der Wellen etwas geschwächt war, verspürte bald die Wirkungen des Burgunders. Die Augen wurden ihr schwer, und sie legte sich schlafen. Meine Nichte wollte ihrem Beispiel folgen, aber ich erinnerte sie voller Zärtlichkeit daran, daß wir endlich in Antibes seien, und daß ich mich der Hoffnung hingebe, sie werde ihr Wort nicht brechen. Sie reichte mir wortlos die Hand, indem sie mit zärtlicher und bescheidener Miene die Augen niederschlug.

Freudetrunken über eine Gefälligkeit, die der Liebe so ähnlich sah, legte ich mich an die Seite des entzückenden Mädchens und rief: »Endlich also ist der Augenblick meines Glückes da!«

»Und des meinigen, geliebter Freund!«

»Wie? Des deinigen? Hast du mich nicht beständig zurückgestoßen?«

»Niemals! Ich liebte dich vom ersten Augenblick an und litt unter deiner Gleichgültigkeit.«

»Aber wolltest du nicht die erste Nacht nach unserer Abreise von Mailand lieber allein sein, als sie mit mir verbringen?«

»Konnte ich anders handeln, ohne mich der Gefahr auszusetzen, in deinen Augen für eine Person zu gelten, die keiner wahren Liebe fähig, sondern nur eine Sklavin ihrer Sinne wäre? Außerdem hättest du glauben können, ich gäbe mich dir zum Dank für deine Wohltaten hin. Dieses Gefühl der Dankbarkeit wäre zwar edel gewesen, aber es hätte die sanfte Hingebung der Liebe unmöglich gemacht. Du hättest mir sagen müssen, daß du mich liebtest, und hättest mich davon überzeugen müssen durch jene eifrige Dienstwilligkeit, die uns Frauen stets besiegt, wenn das Herz nur ein bißchen dabei beteiligt ist. Dadurch würdest du mich ermutigt haben, auch meinerseits dich zu überzeugen, daß ich dich liebte, und das hätte dir die Qual erspart, zu glauben, daß nur du allein verliebt seist. Ich meinerseits hätte nicht die Kränkung erlitten, mir einbilden zu müssen, daß du in meinen Armen nur Gefälligkeit zu finden glauben würdest. Ich weiß nicht, ob du mich am nächsten Morgen weniger würdest geliebt haben; aber ich weiß, du würdest mich nicht verachtet haben.«

Meine Nichte hatte recht, und ich gab ihr das gern zu, indem ich mich zugleich zu rechtfertigen versuchte; denn sie sollte nicht den geringsten Zweifel darüber hegen, daß ich ihre Hingebung nicht als eine Vergeltung für meine Wohltaten betrachtete. Sie sollte fühlen, daß nach meiner Überzeugung sie wie ich nur vom Gefühl getrieben wurde.

Wir verbrachten eine Nacht, die der Leser leichter ahnen und sich vorstellen, als ich sie beschreiben kann; wir fühlten uns beide gleich sehr beglückt durch unsere Genüsse und durch gegenseitige Seligkeit. Am Morgen sagte sie zu mir: ohne Zweifel sei es zu ihrem Besten, daß wir nicht mit diesem Ende begonnen hätten; denn sie fühle, daß sie sich niemals würde entschlossen haben, sich mit dem Genuesen zu verloben, obgleich er allem Anschein nach vom Schicksal dazu bestimmt sei, sie glücklich zu machen.

Marcolina kam am Morgen zu uns, überschüttete uns mit tausend Liebkosungen und versprach uns, während der ganzen Reise allein zu schlafen.

»Du bist also nicht eifersüchtig auf sie?« fragte ich sie.

»Ich liebe ihr Glück wie mein eigenes, weil ich sie selber liebe, und weil ich weiß, daß sie dich glücklich macht.«

Das Mädchen entwickelte sich von Tag zu Tag und wurde immer entzückender.

Passano kam mit dem Abbate in dem Augenblick an, wo wir uns zu Tisch setzen wollten, und da meine Nichte zwei Gedecke mehr aufzulegen befahl, so erklärte ich mich damit einverstanden, daß sie mit uns speisten. Mein Bruder bot einen höchst kläglichen und zugleich lächerlichen Anblick. Da er nicht zu Fuß gehen konnte, hatte er ein Pferd genommen, welches vielleicht das erste war, das er in seinem ganzen Leben bestiegen hatte.

»Ich habe eine zarte Haut,« sagte er; »es ist daher nicht zu verwundern, daß ich ganz zerschunden bin. Aber Gottes Wille geschehe. Ich glaube nicht, daß man ärgere Schmerzen erdulden kann, als ich sie während dieses entsetzlichen Rittes aushalten mußte. Mein Körper hat Schmerzen gelitten, noch mehr aber meine Seele!«

Während er so sprach, warf er Marcolinen die kläglichsten Blicke zu; wir aber hielten uns die Seiten, um nicht laut herauszuplatzen. Meine Nichte konnte es schließlich nicht mehr aushalten und sagte zu ihm: »Wie leid Sie mir tun, lieber Onkel!«

Er wurde rot, nannte sie liebe Nichte und fing an, ihr auf französisch ein herzlich dummes Kompliment zu machen. Ich sagte ihm, er solle schweigen und sich der französischen Sprache, die so leicht zu Mißverständnissen Anlaß gibt, nicht eher bedienen, als bis er sie verstehe und sie so spreche, daß man ihm nicht ins Gesicht lachen müsse. Übrigens sprach der Dichter Pogomas nicht besser als er.

Da wir neugierig waren, was sich in Mentone nach unserer Abfahrt zugetragen hätte, so erzählte Passano uns folgendes:

»Als wir von unserem Spaziergang zurückkamen, fanden wir zu unserer großen Überraschung die Feluke nicht mehr. Da ich wußte, daß Sie im Gasthof das Mittagessen bestellt hatten, so begaben wir uns dorthin; der Wirt konnte mir aber auch nichts weiter sagen, als daß er den Fürsten und einen jungen Offizier erwartete, die mit Ihnen speisen würden. Gerade in dem Augenblick, als ich ihm sagte, er würde vergeblich auf Sie warten, kam der Fürst und sagte voller Zorn zu ihm: da Sie abgereist seien, so könne er die Bezahlung von Ihnen eintreiben. ›Gnädiger Herr,‹ sagte der Wirt, ›der Herr, der abgereist ist, wollte bezahlen; ich habe mich jedoch nach Ihrem Befehl gerichtet und die Bezahlung zurückgewiesen, die ich daher von Eurer Hoheit erwarte.‹ Hierauf warf der Fürst ihm verdrießlich einen Louis zu und fragte uns, wer wir seien. Ich antwortete ihm: wir gehörten zu Ihrer Gesellschaft, und Sie hätten auch auf uns nicht gewartet, wodurch wir in große Verlegenheit geraten wären. ›Sie werden sich schon herausziehen,‹ sagte er zu mir; dann fing er an zu lachen und sagte, der Spaß sei sehr drollig. Endlich fragte er mich, wer die beiden jungen Damen wären, die Sie bei sich hätten. ›Die eine,‹ sagte ich zu ihm, ›ist seine Nichte; die andere kenne ich nicht.‹ Da nahm aber der Abbate das Wort und sagte, die andere sei seine Cuisine. Der Fürst erriet, daß er Cousine sagen wollte, und brach in ein lautes Gelächter aus, in das der junge Offizier aus vollem Halse einstimmte. ›Sie können ihn von mir grüßen,‹ sagte der Fürst, indem er sich zum Gehen wandte, ›und ihm sagen, ich würde ihn schon einmal irgendwie finden, und ich würde den bösen Streich nicht vergessen, den er mir gespielt hätte.‹

»Als er fort war, lachte der Wirt, da er ein anständiger Mann war, und ließ uns und den beiden Ruderknechten ein gutes Essen vorsetzen, indem er sagte: mit dem Louis des angeführten Fürsten sei alles bezahlt. Nachdem wir gut gegessen hatten, mieteten wir uns zwei Pferde. In Nizza übernachteten wir. Heute früh reisten wir weiter. Wir waren überzeugt, daß wir Sie hier wiederfinden würden.«

Marcolina sagte kurz angebunden zum Abbate: wenn er sich in Marseille oder sonstwo einfallen lasse, sie seine Cousine zu nennen, so würde er es mit ihr zu tun bekommen; denn sie wollte weder für seine Cuisine noch für seine Cousine gelten. Ich riet ihm ebenfalls allen Ernstes, in Zukunft nicht mehr französisch zu sprechen, da die Gesellschaft, in der er sich befände, sich seiner Sprachfehler schämen müßte.

Als ich Postpferde nach Fréjus bestellte, sah ich einen Mann erscheinen, der behauptete, er hätte von mir zehn Louis für die Aufbewahrung eines Wagens zu bekommen, den ich vor fast drei Jahren bei ihm eingestellt hätte. Dies war gewesen, als ich Rosalie von Marseille entführte. Ich mußte lachen, denn der Wagen war keine fünf Louis wert. Darum sagte ich zu dem Mann: »Mein guter Freund, ich schenke Euch das Möbel.«

»Ich will von Ihnen nichts geschenkt haben, sondern verlange zehn Louis, die Sie mir schuldig sind.«

»Die zehn Louis bekommt Ihr nicht. Geht zum Kuckuck!«

»Das wollen wir sehen!«

Er ging. Ich lasse die Pferde holen und will abfahren.

Einige Augenblicke darauf überbringt ein Gerichtsbote mir auf Antrag meines Gläubigers eine Vorladung, vor dem Kommandanten zu erscheinen. Ich gehe mit ihm und finde einen einarmigen Herrn, der mich höflich ersucht, die vom Kläger verlangten zehn Louis zu zahlen und meinen Wagen an mich zu nehmen. Ich antwortete ihm: in meinem Vertrage sei bestimmt, daß ich monatlich sechs Franken zu bezahlen habe; es sei jedoch kein Termin für die Rückgabe vorgeschrieben und ich wolle meinen Wagen nicht auslösen.

»Aber, mein Herr, wenn Sie nun den Wagen überhaupt nicht auslösen?«

»Dann mag er in seinem Testament die Forderung seinen Erben hinterlassen.«

»Ich glaube aber doch, er könnte Sie zwingen, entweder Ihren Wagen zu nehmen, oder Ihre Einwilligung zu geben, daß er diesen versteigert.«

»Da haben Sie recht, mein Herr; diese Mühe will ich ihm ja aber gerade auf die vornehmste Art von der Welt ersparen, indem ich ihm den Wagen schenke.«

»Dann ist die Sache erledigt. Guter Freund, der Wagen gehört Euch.«

»Aber, Herr Kommandant, ich bitte um Verzeihung,« sagte der Kläger, »die Sache ist nicht erledigt; denn der Wagen ist keine zehn Louis wert, und ich verlange diesen Überschuß.«

»Ihr habt unrecht, mein Freund. Ihnen, mein Herr, wünsche ich gute Reise und bitte Sie, verzeihen Sie der Unwissenheit dieser armen Leute, die das Recht nach ihren beschränkten Begriffen gebeugt sehen möchten.«

Da ich mit allen diesen Scherereien viel Zeit verloren hatte, beschloß ich meine Abreise bis zum nächsten Tage zu verschieben. Mir fiel ein, daß ich für Passano und den Abbate einen Wagen brauchte, und da mir der dem Besitzer des Schuppens überlassene für meine Zwecke zu genügen schien, so ließ ich ihn durch meinen Sekretär kaufen, der ihn für vier Louis bekam. Der Wagen befand sich in einem schäbigen Zustande und mußte erst ausgebessert werden, um wenigstens bis Marseille zusammenzuhalten. Infolgedessen mußten wir noch bis zum nächsten Nachmittag in Antibes bleiben; aber diese Zeit war für das Vergnügen nicht verloren.

Vierzehntes Kapitel


Fortsetzung des Vorhergehenden, aber noch seltsamer.

Am anderen Morgen gegen acht Uhr meldete Jarbe mir die Charpillon und sagte mir, sie habe ihre Sänftenträger fortgeschickt.

»Sag‘ ihr, ich will sie nicht empfangen.«

Aber in dem Augenblick, wo ich diese Worte sprach, trat sie ein, und Jarbe ging hinaus.

»Ich bitte Sie,« sagte ich so ruhig, wie es mir nur möglich war, »mir die beiden Wechsel zurückzugeben, die ich Ihnen gestern Abend anvertraut habe.«

»Ich habe sie nicht bei mir, aber warum soll ich sie Ihnen denn zurückgeben?«

Bei dieser Antwort lief mir die Galle über; meine Wut durchbrach den Damm meiner Zurückhaltung und ergoß sich in einer Flut von Schimpfworten. Meine Natur bedurfte dieses Ausbruches, um ihr Gleichgewicht wieder zu finden. Er endete mit einem unfreiwilligen Tränenerguß, dessen meine Vernunft sich schämte. Die niederträchtige Verführerin blieb ruhig wie die Unschuld; sie benutzte einen Augenblick, wo ich, von Schluchzen erstickt, kein Wort hervorbringen konnte, und sagte mir, sie sei nur so grausam gewesen, weil sie ihrer Mutter geschworen habe, sich keinem Manne in ihrem eigenen Hause hinzugeben. Nun sei sie zu mir gekommen, um mich von ihrer Zärtlichkeit zu überzeugen, indem sie sich rückhaltlos hingebe, und um mich niemals wieder zu verlassen, wenn ich sie behalten wolle.

Wenn ein Leser sich einbildet, bei dieser Erklärung habe mein ganzer Zorn sich verflüchtigt, und ich habe mich nun unverzüglich in den Besitz eines so heiß begehrten Gutes gesetzt, so kennt er die Natur der Leidenschaft nicht so gut, wie das unwürdige Geschöpf, dessen Spielball ich war, sie kannte. Er weiß nicht, daß die Liebe schnell in schwarzen Zorn übergehen kann, daß aber der umgekehrte Übergang sich langsam und schwer vollzieht. Und wenn es sich nur um Zorn allein handelt, so kann dieser durch Sanftmut, Tränen, Unterwürfigkeit und sogar durch bloße Schwäche besänftigt werden; aber wenn zum Zorn noch Entrüstung kommt, und wenn in dieses doppelte Gefühl sich noch der Schmerz einer bitteren Enttäuschung mischt, dann wird der Mann unfähig, plötzlich zur Zärtlichkeit und Wollust überzugehen. Es ist ein wütender Haß, dessen Dauer genau der Reizbarkeit des Temperamentes entspricht; er weicht erst, wenn er von selber aufgehört hat. Bei mir ist einfacher Zorn immer nur von kurzer Dauer gewesen; aber wenn Entrüstung hinzugekommen ist, dann hat meine stolze Vernunft mich stets unbeugsam gemacht, bis ich meinen Zorn vergessen und dadurch wieder meinen natürlichen Zustand erlangt hatte.

Wenn nun die Charpillon in einem solchen Augenblick sich mir zur Verfügung stellte, so wußte sie wohl, daß mein Zorn oder mein verletzter Stolz mich abhalten würde, sie beim Wort zu nehmen, und diese Wissenschaft, die bei dir, lieber Leser, vielleicht eine Tochter der Philosophie ist, war in der Seele einer liederlichen Kokette eine Tochter der Natur. Der Instinkt belehrt die Frauen besser, als Wissenschaft und Erfahrung einen Mann belehren können.

Gegen Abend verließ das junge Scheusal mich. Sie tat, wie wenn sie gekränkt, traurig, niedergeschlagen wäre, und sagte nur: »Ich hoffe, Sie werden wieder zu mir kommen, sobald Sie zur Besinnung gelangt sind.« Sie hatte acht Stunden bei mir verbracht und mich während dieser ganzen Zeit nur einige Male unterbrochen, um Beschuldigungen abzustreiten, die zwar wahr waren, die sie aber nicht zugeben durfte. Ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen, um nicht genötigt zu sein, ihr etwas anzubieten und mit ihr zu essen.

Als sie fort war, trank ich eine Tasse Fleischbrühe; hierauf legte ich mich wieder zu Bett und hatte einen sehr ruhigen Schlaf. Beim Erwachen fühlte ich mich völlig wiederhergestellt. Indem ich nun über den Auftritt vom vorigen Tage nachdachte, glaubte ich, daß die Charpillon ihr Benehmen bereue, aber ich fühlte mich vollkommen gleichgültig gegen alles, was sie betraf.

Ich bekenne hier in aller Demut die Veränderung, die in London in meinem achtunddreißigsten Jahre die Liebe an mir bewirkte. Es war der Schluß des ersten Aktes meines Lebens. Der zweite Akt schloß mit meiner Abreise aus Venedig im Jahre 1783, und der dritte Akt wird offenbar hier in Dux schließen, wo ich mich damit unterhalte, diese Erinnerungen niederzuschreiben. Dann wird meine Komödie in drei Akten beendigt sein, und wenn man sie auspfeift, was ja wohl der Fall sein kann, so hoffe ich, dieses Pfeifen nicht zu hören, und dies ist eine Befriedigung, die noch mancher andere Autor sich gleich mir vorbehalten sollte. Aber ich habe dem Leser noch nicht die letzte Szene dieses ersten Aktes vorgeführt, und ich halte diese für die interessanteste.

Auf einem Spaziergang, den ich im Green-Park machte, wurde ich von Goudar angesprochen. Ich sah ihn mit Vergnügen, denn ich brauchte diesen in allen Lebenslagen erfahrenen Menschen. Er sagte zu mir: »Ich komme eben von der Charpillon; man ist dort in sehr fröhlicher Stimmung. Vergebens habe ich das Gespräch auf Sie zu bringen gesucht; ich konnte kein Wort aus den Weibern herausbringen.«

»Ich verachte sie und alles, was nah oder fern mit ihr zusammenhängt.«

Er lobte mich und forderte mich auf, bei dieser Meinung zu bleiben. Ich nahm ihn mit mir zum Essen, und wir gingen dann zur Kupplerin Walsh, wo wir die berühmte Kurtisane Kitty Fisher sahen, die dort auf den Herzog von *** wartete, um mit ihm auf den Ball zu gehen. Die Phryne war prachtvoll geschmückt, und es ist keine Übertreibung, wenn ich die Diamanten, die sie in diesem Augenblick auf dem Leibe trug, auf fünfhunderttausend Franken schätze; Goudar sagte mir, ich könnte die Gelegenheit benutzen und mich, bevor der Herzog käme, für zehn Guineen mit ihr amüsieren. Ich wollte jedoch nicht, denn sie war zwar reizend, aber sie sprach nur englisch. Da ich nun gewöhnt war, mit allen Sinnen zugleich zu genießen, so konnte ich mich nicht entschließen, mich der Liebe hinzugeben, ohne auch mein Ohr zu befriedigen. Als das Mädchen fort war, sagte die Walsh uns, Kitty habe eines Tages eine Banknote von tausend Guineen auf einem Butterbrot verzehrt. Es sei ein Geschenk gewesen, das der Ritter Atkins, der Bruder der schönen Lady Pitt, ihr gemacht habe. Ich weiß nicht, ob die Bank ihr für dieses Geschenk ihren Dank aussprechen ließ.

Ich verbrachte eine Stunde mit einer schönen Irländerin, namens Kennedy, die etwas Französisch radebrechte. Vom Champagner belebt, machte sie tausend tolle Sachen; aber das Bild der Charpillon verfolgte mich, mir selber unbewußt, und ich fand den Genuß abgeschmackt. Traurig und unzufrieden ging ich nach Hause. Die Vernunft sagte mir, daß ich mich besiegen und das hinterlistige Weib aus meinen Gedanken verjagen müßte; aber ein anderes Gefühl, das ich für Ehrgefühl hielt, sagte mir, ich dürfe ihr nicht den Triumph lassen, mir umsonst die beiden Wechsel abgenommen zu haben. Ich entschloß mich daher, mir die Papiere mit Güte oder mit Gewalt zurückzuverschaffen. Sicherlich würde ich ein Mittel dazu finden.

Herr von Malingan, bei dem ich die unglückselige Bekanntschaft des höllischen Geschöpfes gemacht hatte, lud mich zum Essen ein. Er hatte mich schon mehrere Male eingeladen, und ich glaubte, nicht immer ablehnen zu können. Doch nahm ich erst an, nachdem ich mir die Namen der Eingeladenen hatte sagen lassen; da keine Bekannte von mir dabei war, so hatte ich nichts einzuwenden.

Ich fand bei ihm zwei junge Lütticherinnen, von denen die eine mich auf den ersten Blick interessierte; sie machte mich mit ihrem Mann bekannt, den Malingan mir nicht vorgestellt hatte, sowie mit einem anderen jungen Mann, der der anderen Dame den Hof zu machen schien.

Da die Gesellschaft nach meinem Geschmack war, so hoffte ich schon einen schönen Tag zu verleben, als mein böser Geist die Charpillon zu uns führte. Sie trat mit lachendem Gesicht ein und sagte sofort zu Malingan: »Ich würde mich nicht bei Ihnen zum Essen eingeladen haben, wenn ich gewußt hatte, daß Sie so zahlreiche Gesellschaft haben; sollte ich Ihnen etwa lästig sein, so werde ich sofort gehen.«

Alle Welt begrüßte sie auf das freundlichste; nur ich stand Folterqualen aus. Um das Ärgernis voll zu machen, gab man ihr den Platz zu meiner Linken. Wäre sie gekommen, bevor wir bei Tisch saßen, so hätte ich leicht einen Vorwand gefunden, um mich zu entfernen; da ich aber bereits begonnen hatte, meine Suppe zu essen, so hätte ich mich lächerlich gemacht, wenn ich gegangen wäre. So beschloß ich denn, sie nicht anzusehen und meine ganze Aufmerksamkeit nur meiner Dame zur Rechten zu widmen. Als wir von Tisch aufgestanden waren, gab Malingan mir sein Ehrenwort, daß er die Charpillon nicht eingeladen habe; sein Schwur überzeugte mich jedoch nicht, obgleich ich aus Höflichkeit so tat, wie wenn ich ihm glaubte.

Die beiden Lütticherinnen und ihre Kavaliere sollten in drei oder vier Tagen nach Ostende segeln. Indem wir von ihrer Abreise sprachen, sagte die eine Dame, die mich interessiert hatte, sie bedaure, England verlassen zu müssen, ohne Richmond gesehen zu haben. Ich bat sie, mir die Ehre zu bewilligen, es ihr am nächsten Tage zeigen zu dürfen. Ohne ihre Antwort abzuwarten, lud ich ihren Gemahl und so nach und nach die ganze Gesellschaft ein, außer der Charpillon, die ich nicht ansah.

Als die Einladung angenommen war, sagte ich: »Zwei Wagen zu vier Sitzen werden um acht Uhr bereit sein; wir sind ja gerade acht.«

»Wir sind neun, denn ich werde mitfahren!« rief die Charpillon, indem sie mich mit der frechsten Miene ansah; »ich hoffe, mein Herr, Sie werden mich nicht fortschicken.«

»Nein; denn das wäre unhöflich. Ich werde vorausreiten.«

»Oh! Das ist durchaus nicht nötig; denn ich werde Fräulein Emilie auf meinen Schoß nehmen.«

Emilie war Malingans Tochter. Da alle Welt den Vorschlag reizend fand, so hatte ich nicht den Mut, mich dagegen zu sträuben. Einige Augenblicke darauf mußte ich mal hinausgehen; als ich zurückkam, fand ich das freche Geschöpf auf dem Treppenabsatz. Sie redete mich an und sagte: ich hätte ihr einen blutigen Schimpf angetan. Ich wäre ihr dafür eine Genugtuung schuldig, oder sie würde sich auf eine Weise rächen, die mir sehr schmerzlich sein sollte.

»Geben Sie mir zuerst meine Wechsel zurück!« antwortete ich.

»Sie werden sie morgen bekommen, aber denken Sie daran, Ihre Beleidigung wieder gut zu machen.«

Ich verließ die Gesellschaft gegen Abend, nachdem wir verabredet hatten, daß wir am anderen Morgen bei mir frühstücken wollten.

Um acht Uhr waren die beiden Wagen bereit. Malingan, seine Frau, seine Tochter und die beiden Herren stiegen in den ersten Wagen, und ich mußte mich mit den beiden Lütticherinnen und der Charpillon, die sich mit diesen innig befreundet zu haben schien, in den zweiten setzen. Dies ärgerte mich, und ich war während der ganzen fünf Viertelstunden dauernden Fahrt verdrießlich. Ich bestellte zunächst ein gutes Mittagessen; hierauf besichtigten wir das Schloß und den Park. Das Wetter war herrlich, obgleich wir schon tief im Herbst waren.

Während des Spazierganges machte die Charpillon sich an mich heran und sagte mir, sie wolle mir meine Wechsel an demselben Orte wiedergeben, wo sie sie von mir erhalten habe. Da wir von der übrigen Gesellschaft ziemlich weit entfernt waren, überhäufte ich sie mit Beleidigungen. Ich warf ihr ihre Hinterlist vor, ihre tiefe Verderbtheit in einem Alter, wo man noch einige natürliche Unschuld bei ihr hätte voraussetzen dürfen. Ich gab ihr den Namen, den sie verdiente, und zählte ihr die Herren auf, mit denen sie sich prostituiert hatte. Zum Schluß drohte ich ihr mit meiner Rache, wenn sie mich aufs äußerste treiben sollte. Sie blieb aber eiskalt und ließ in vollkommener Ruhe das Gewitter über sich ergehen, das auf sie herniederstürzte. Nur als die Gesellschaft uns so nahe kam, um uns hören zu können, bat sie mich, leiser zu sprechen. Man hörte mich aber doch, und das war mir angenehm.

Endlich gingen wir zum Essen. Das gemeine Geschöpf setzte sich neben mich; sie machte und sagte tausend Ausgelassenheiten, die den Glauben erwecken sollten, daß wir auf dem vertrautesten Fuß miteinander stünden, oder daß sie zum mindesten verliebt in mich sei und sich wenig daraus mache, ob man sie für unglücklich halte, weil ihr Entgegenkommen mich offenbar sehr kalt ließ. Ich ärgerte mich darüber sehr; denn die Gesellschaft mußte mich für einen Dummkopf halten oder glauben, daß sie sich ganz offen über mich lustig machte.

Nach dem Essen gingen wir wieder in den Garten. Die Charpillon wollte durchaus den Sieg davontragen und hängte sich an meinen Arm. Sie führte mich nach einigen Umwegen zum Labyrinth und stellte dort einen neuen Versuch an, welche Macht ihre Reize hätten. Sie zog mich auf das Gras nieder und griff mich mit den liebevollsten Worten, mit den zärtlichsten und leidenschaftlichsten Liebkosungen an. Indem sie meinen Augen den interessantesten Teil ihrer Reize darbot, gelang es ihr, mich zu verführen; doch kann ich nicht genau sagen, ob Liebe oder Rachbegier mich bestimmte, ihren Wünschen nachzugeben; vielleicht wurde ich, mir selber unbewußt, von beiden Gefühlen getrieben.

Übrigens erschien sie in diesem Augenblick so hingebend! Ihr glühendes, feuchtes Auge, ihre entflammten Wangen, ihre wollüstigen Küsse, ihr wogender Busen, ihr fliegender Atem – dies alles mußte in mir den Glauben erwecken, daß sie ebensosehr der Niederlage bedurfte wie ich des Triumphes. Ganz gewiß konnte ich nicht an Widerstand denken, geschweige denn an einen im voraus berechneten Widerstand.

So wurde ich denn sanft und zärtlich; ich tat ihr Abbitte, indem ich meine Wut und das von mir begangene Unrecht auf das Übermaß meiner Liebe schob. Ihre glühenden Küsse erwiderten die meinigen und besiegelten die Versöhnung, und ich glaubte mich durch ihre Blicke und das sanfte Anschmiegen ihres Leibes von ihr aufgefordert, mich der süßesten Gunst zu bemächtigen – – aber in dem Augenblick, wo meine Hand die Pforte des Heiligtums öffnete, schleuderte eine Bewegung mich weit vom Ziel zurück.

»Wie? Willst du mich schon wieder betrügen?«

»Nein, aber für jetzt ist es genug, mein lieber Freund. Ich verspreche dir, die Nacht bei dir und ohne jeden Rückhalt in deinen Armen zu verbringen.«

Meine aufgeregten Sinne hatten mich der Vernunft beraubt, und ich war meiner selber nicht mehr mächtig. Ich sah nur das treulose Weib, das sich schon so oft über meine dumme Leichtgläubigkeit lustig gemacht hatte. Ich wollte den Augenblick benutzen und mich befriedigen oder mich rächen. So hielt ich sie denn mit meinem linken Arm unbeweglich unter mir fest, zog aus meiner Tasche ein kleines Messer, das ich mit meinen Zähnen öffnete, setzte ihr die Spitze an den Hals und bedrohte sie mit dem Tode, wenn sie mir den geringsten Widerstand leisten würde.

»Machen Sie nur, was Sie wollen,« sagte sie im ruhigsten Ton zu mir; »ich bitte Sie nur um mein Leben. Aber wenn Sie sich befriedigt haben, werde ich nicht von hier fortgehen; man kann mich mit Gewalt in den Wagen tragen, aber nichts wird mich abhalten, den Grund meines Benehmens zu sagen.«

Diese Drohung war überflüssig; denn ich hatte schon meine Vernunft wiedererlangt, und ich fand mich selber kläglich, daß ich mich so weit erniedrigen konnte, und zwar wegen eines Geschöpfes, das ich im höchsten Grade verachtete, obgleich sie dank den rasenden Begierden, die sie mir einzuflößen wußte, eine fast zauberhafte Herrschaft über mich ausübte. Ich stand auf, ohne ein einziges Wort zu sagen, nahm meinen Hut und Stock und verließ schnell einen Ort, wo die zügelloseste Leidenschaft mich an den Rand des Abgrundes gebracht hatte.

Der Leser wird es nicht glauben, und doch ist es die volle Wahrheit: die Schamlose kam mir sofort nach und hängte sich mit ganz natürlicher Miene an meinen Arm, wie wenn zwischen uns nichts vorgefallen wäre. Unmöglich kann ein Mädchen von siebzehn Jahren in so niederträchtigem Benehmen so gewandt sein, ohne vorher in hundert ähnlichen Kämpfen ihre Kräfte erprobt zu haben. Ist einmal das Gefühl der Scham überwunden, so sieht sie sogar einen Ruhm in dem, was sie eigentlich mit Schande bedecken müßte.

Als wir zur Gesellschaft zurückkamen, fragte man mich, ob mir unwohl geworden sei, aber auf ihren Zügen bemerkte niemand auch nur die geringste Veränderung.

Wir fuhren nach London zurück; ich schützte ein heftiges Kopfweh vor, grüßte die Gesellschaft und ging nach Hause.

Dieses Abenteuer hatte einen schrecklichen Eindruck auf meinen Geist gemacht. Ich erkannte klar und deutlich, daß ich ein verlorener Mann war, wenn ich nicht jede Gelegenheit floh, mit dem Mädchen zusammenzukommen. Ihr haftete in meinen Augen etwas Wunderbares an, dem ich nicht widerstehen konnte. Ich faßte also den Beschluß, sie nicht wiederzusehen; zugleich aber schämte ich mich meiner Schwäche, daß ich ihr meine beiden Wechsel anvertraut und mich selbst von ihr hatte betrügen lassen, und schrieb daher der Mutter ein Briefchen, worin ich ihr riet, die Tochter zur Rückgabe zu veranlassen; sonst würde ich gegen sie Schritte tun, die ihr sehr unangenehm sein würden.

Am Nachmittag erhielt ich folgende Antwort:

»Ich bin sehr überrascht, mein Herr, daß Sie sich an mich wenden, um die beiden Wechsel von sechstausend Franken zurückzuerhalten, die Sie meiner Tochter anvertraut haben. Sie sagt mir soeben, sie werde sie Ihnen persönlich übergeben, wenn Sie vernünftiger geworden seien und sie zu achten gelernt haben.«

Dieser unverschämte Brief trieb mir das Blut in den Kopf, und ich vergaß meinen Entschluß vom Morgen. Ich steckte zwei Pistolen in die Tasche und ging nach dem Hause des unwürdigen Frauenzimmers, um es mit Stockschlägen zur Herausgabe meiner Wechsel zu zwingen.

Meine Pistolen hatte ich nur mitgenommen, um die beiden Gauner, die jeden Abend bei ihr aßen, in Schach zu halten. Wütend kam ich vor dem Hause an, aber ich ging an ihrer Tür vorüber, als ich einen jungen Friseur bei ihr eintreten sah, einen ziemlich schönen, jungen Menschen, der ihr jeden Samstag Abend die Haare wickelte.

Ich wollte nicht, daß bei der von mir geplanten Szene ein Fremder anwesend sei, und ging daher bis an die Straßenecke, wo ich stehen blieb, um das Herauskommen des Friseurs abzuwarten. Als ich etwa eine halbe Stunde gewartet hatte, sah ich die beiden Zuhälter des Hauses, Rostaing und Caumon, herauskommen. Dies war mir sehr angenehm. Ich wartete und wartete; es schlug elf Uhr, und der schöne Friseur kam immer noch nicht. Kurz vor Mitternacht sah ich, wie die Tür sich öffnete und wie eine Magd mit einem Licht in der Hand herauskam, um etwas zu suchen, was aus einem Fenster gefallen zu sein schien. Geräuschlos gehe ich an das Haus, trete ein, öffne die Tür zum Wohnzimmer, die sich unmittelbar neben der Haustüre befindet, und sehe die Charpillon und den Friseur auf dem Kanapee liegen und, wie Shakespeare sagt, das Tier mit den zwei Rücken machen.

Bei meinem Anblick stößt die Spitzbübin höchst erschrocken einen Schrei aus und wirft den Burschen aus dem Sattel. Er bringt schnell seine Kleider in Ordnung, während ich meinen Stock, so schnell ich kann, auf ihn niedersausen lasse, bis der Lärm Mägde, Tanten und Mutter herbeigelockt hat, und er die Verwirrung benützt, um sich aus dem Staube zu machen.

Während dieses Spektakels hockte die Charpillon zitternd und halbnackt hinter dem Kanapee; sie wagte kaum zu atmen, weil der Hagelschauer jeden Augenblick über sie so gut niedergehen konnte wie über ihren Liebsten. Unterdessen gingen die drei alten Weiber wie Furien auf mich los; aber ihre Schimpfereien erregten meinen Zorn nur noch heftiger, und ich zertrümmerte Spiegel, Porzellan, Möbel. Als sie fortwährend weiterschrien, drohte ich ihnen, ich würde ihnen den Schädel einschlagen, wenn sie nicht endlich still wären. Infolge dieser Drohungen wurde es endlich ruhig. Völlig erschöpft warf ich mich auf das verhängnisvolle Kanapee und befahl der Mutter, mir die Wechsel zurückzugeben. In diesem Augenblick erschien die Nachtwache auf der Bildfläche.

Diese Nachtwache besteht nur aus einem einzigen Mann, der die ganze Nacht hindurch, in der einen Hand eine Laterne, in der anderen einen langen Stock, sein Viertel durchwandert. Auf diesem einzigen Mann ruht der Friede des Viertels und die Ruhe der großen Stadt. Diese Wächter trifft man überall, und niemand wagt sich gegen sie aufzulehnen. Ich drückte ihm drei oder vier Kronen in die Hand und sagte: Go away – gehen Sie! Damit schob ich ihn zur Tür hinaus. Ich setzte mich wieder auf das Kanapee und verlangte abermals meine Wechsel von der Mutter. Sie sagte mir: »Ach, ich hab‘ sie nicht; meine Tochter hat sie in Verwahrung.«

»Lassen Sie sie rufen!«

Hierauf sagten die beiden Mägde, die Charpillon sei, wahrend ich das Porzellan zertrümmert habe, aus der Straßentür gelaufen, und sie wüßten nicht, wohin sie gegangen sei. Als sie dies hörten, fingen Mutter und Tante zu schreien und zu weinen an: »Meine arme Tochter! Um Mitternacht allein in den Straßen von London! Meine liebe Nichte, das arme Kind, und in dem Zustand! Sie ist ja verloren! Verflucht sei der Augenblick, wo Sie nach England gekommen sind, um uns alle unglücklich zu machen!«

Da meine Wut sich hatte austoben können, so hatte sie Zeit gehabt, sich zu beruhigen. Mit der Ruhe kam auch die Überlegung, und ich schauderte bei der Vorstellung, daß das geängstigte junge Mädchen zu dieser Stunde allein durch die Straßen der Riesenstadt irrte. »Geht,« sagte ich zu den beiden Mädchen, »und sucht sie bei den Nachbarn; ihr werdet sie ganz gewiß finden. Wenn ihr mir meldet, daß sie in Sicherheit ist, soll jede von euch eine Guinee bekommen.«

Als die drei Gorgonen sahen, daß mir daran gelegen war, die Charpillon wieder aufzufinden, fingen sie von neuem an zu jammern, zu schimpfen, mir Vorwürfe zu machen; ich saß stumm und unbeweglich da, wie wenn ich ihnen zugeben wollte, daß sie recht hatten und daß das ganze Unrecht auf meiner Seite wäre. Ungeduldig wartete ich auf die Rückkehr der Mädchen. Nach ein Uhr kamen sie endlich, ganz außer Atem und mit verzweifelten Gebärden. Sie sagten: »Wir haben sie überall gesucht, aber vergeblich, wir haben sie nirgends finden können.« Ich gab ihnen zwei Guineen, wie wenn sie sie wirklich gebracht hatten. Unbeweglich blieb ich sitzen; mich erschreckte der Gedanke, welche entsetzlichen Folgen für das junge Mädchen die fürchterliche Angst haben konnte, in die meine Wut sie versetzt haben mußte. Wie schwach und dumm ist der Mensch, wenn er verliebt ist!

In meiner Aufregung über dies schreckliche Ereignis war ich so einfältig, diesen Spitzbübinnen meine Reue auszudrücken. Ich beschwor sie, sie sofort nach Tagesanbruch überall suchen zu lassen und mir ihre Heimkehr sofort mitzuteilen; ich wolle mich ihr zu Füßen stürzen, sie um Verzeihung bitten und sie dann niemals wiedersehen. Außerdem versprach ich ihnen, alles von mir Zerschlagene zu bezahlen, die Wechsel mit meinem Namen zu quittieren und ihnen zu überlassen. Nachdem ich zur ewigen Schande meiner Vernunft diese Torheiten begangen und diesen Kupplerinnen, denen die Ehre und meine Person zum Gespött waren, Abbitte geleistet hatte, entfernte ich mich, indem ich der Magd, die mir die Wiederauffindung ihrer jungen Herrin melden würde, zwei Guineen versprach.

Vor der Haustür fand ich den Wachtmann, der auf mich wartete, um mich nach Hause zu bringen. Es war zwei Uhr. Ich warf mich auf mein Bett, und ein sechsstündiger Schlummer bewahrte mich wahrscheinlich vor dem Verlust meiner Vernunft, obwohl mein Schlaf von bösen Träumen beunruhigt wurde.

Um acht Uhr morgens hörte ich an die Haustür klopfen. Ich eilte an mein Fenster und bemerkte eine von den Mägden meiner Feindinnen. Mit heftigem Herzklopfen rief ich meinen Leuten zu, man solle sie eintreten lassen, und ich atmete erleichtert auf, als ich vernahm, daß Miß Charpillon soeben in einer Sänfte nach Hause gekommen sei; sie befinde sich jedoch in einem kläglichen Zustande, und man habe sie sofort zu Bett gebracht. »Ich bin schnell hergelaufen, um Ihnen dies zu sagen,« sagte das abgefeimte Weib zu mir, »nicht wegen Ihrer zwei Guineen, sondern weil ich Sie so unglücklich gesehen habe.«

Sofort ging ich auf den Leim, als ich diesen Ausdruck von Teilnahme hörte. Ich gab ihr die zwei Guineen, ließ sie neben meinem Bett Platz nehmen und bat sie, mir alle Umstände der Rückkehr ihres Fräuleins ganz genau zu erzählen. Ich dachte gar nicht daran, daß das Mädchen von seiner Herrin abgerichtet sein könnte. Ich befand mich eben in einer Periode von Dummheit und Selbsttäuschung.

Die Spitzbübin begann damit, daß sie mir sagte, ihre junge Herrin liebe mich und habe mich nur betrogen, weil ihre Mutter es verlangt habe.

»Das weiß ich, aber wo hat sie diese Nacht verbracht?«

»Bei einer Modistin, deren Laden sie offen fand, und die sie kennt, weil sie verschiedenes bei ihr gekauft hat. Sie hat sich mit heftigem Fieber zu Bett gelegt, und ich fürchte, die Sache wird böse Folgen haben, denn sie befindet sich in ihrer kritischen Periode.«

»Das ist nicht wahr; denn ich habe sie mit ihrem Friseur auf frischer Tat ertappt.«

»Oh! Das beweist nichts! Der arme junge Mann nimmt das nicht so genau.«

»Aber sie ist in ihn verliebt.«

»Das glaube ich nicht, obgleich sie oft ganze Stunden mit ihm verbringt.«

»Und du sagst, sie liebt mich!«

»Aber dem steht doch nichts im Wege! Was sie mit ihm treibt, ist bloß eine flüchtige Laune.«

»Sage ihr, ich will den ganzen Tag an ihrem Bette sitzen, und bringe mir die Antwort!«

»Ich werde das andere Mädchen schicken, wenn es Ihnen recht ist.«

»Nein; die spricht ja nur englisch.«

Sie ging. Als sie um drei Uhr noch nicht wiedergekommen war, konnte ich es vor Ungeduld nicht länger aushalten und entschloß mich, zur Charpillon zu gehen und nach ihrem Befinden zu fragen. Ich klopfte; eine von den Tanten erschien und bat mich, lieber nicht einzutreten; denn die beiden Freunde seien wütend auf mich, und ihre Nichte liege im Fieberdelirium; sie schreie unaufhörlich: ›Da ist Seingalt, mein Henker! Er will mich töten! Rettet mich!‹ »Um Gottes willen, mein Herr, gehen Sie.«

Verzweifelt ging ich nach Hause. Daß man mich belogen hätte, fiel mir nicht ein. Meine Traurigkeit war so groß, daß ich den ganzen Tag nichts essen konnte; denn ich war nicht imstande, etwas hinunterzubringen. Die ganze Nacht tat ich kein Auge zu; ich hatte Fieber. Vergeblich trank ich mehrere starke Liköre, in der Hoffnung, mich zu betäuben und dann einschlafen zu können.

Am nächsten Morgen um neun Uhr stand ich wieder vor der Tür der Charpillon; wie am Tage vorher wurde nur ein schmaler Spalt geöffnet. Dieselbe alte Tante verbot mir einzutreten und sagte mir, die Kranke habe zwei Rückfälle gehabt; sie liege im Delirium und rufe fortwährend entsetzt meinen Namen; der Arzt habe erklärt, wenn es sich verschlimmere, habe sie keine vierundzwanzig Stunden mehr zu leben. »Infolge des Schrecks hat die Menstruation gestockt; sie ist in einem schrecklichen Zustande.«

»Verdammter Friseur!«

»Jugendschwäche! Sie hätten tun sollen, wie wenn Sie nichts sähen.«

»Bei allen Göttern! Halten Sie das wirklich für möglich, alte Hexe? Lassen Sie es ihr an nichts fehlen. Da!«

Mit diesen Worten gab ich ihr eine Banknote von zehn Guineen und rannte wie ein Wahnsinniger davon. Unterwegs begegnete ich Goudar, der über mein Aussehen erschrak. Ich bat ihn nachzusehen, wie die Charpillon sich befinde, und dann den ganzen Tag bei mir zu verbringen. Eine Stunde darauf kam er wieder zu mir und sagte mir, er habe das ganze Haus in Verzweiflung gefunden, und das Mädchen liege in den letzten Zügen.

»Haben Sie sie gesehen?«

»Nein; man hat mir gesagt, sie sei nicht sichtbar.«

»Glauben Sie, daß es wahr ist?«

»Ich weiß nicht, was ich davon denken soll; aber die eine Magd, die mir sonst gewöhnlich die Wahrheit sagte, hat mir versichert, die Charpillon sei wahnsinnig geworden, weil ihre Menstruation unterbrochen worden sei; sie habe beständig Fieber und Krämpfe. Das alles ist wohl glaublich; denn dies sind die gewöhnlichen Folgen eines großen Schrecks, wenn eine Frau ihre kritische Periode hat. Sie hat mir gesagt, Sie seien an dem ganzen Unglück schuld.«

Ich erzählte ihm nun die ganze Geschichte. Er konnte weiter nichts tun als mich bedauern; als er aber hörte, daß ich seit achtundvierzig Stunden nicht mehr hätte essen noch schlafen können, da sagte er mir sehr richtig, dieser Kummer könne mir das Leben oder den Verstand kosten. Das wußte ich; aber ich sah kein Mittel dagegen. Goudar verbrachte den ganzen Tag bei mir, und das war gut für mich. Da ich nicht essen konnte, so trank ich sehr viel, und da ich nicht schlafen konnte, so ging ich mit großen Schritten in meinem Zimmer auf und ab und sprach mit mir selber, wie ein Mensch, der einen Sparren im Kopfe hat.

Als ich am dritten Tage immer noch nichts Bestimmtes über das Befinden der Charpillon hatte erfahren können, ging ich morgens um sieben Uhr nach ihrem Hause. Nachdem ich eine Viertelstunde auf der Straße gewartet hatte, wurde die Tür wiederum nur ein bißchen geöffnet; die Mutter erschien und sagte mir mit strömenden Tränen, ihre Tochter liege im Todeskampfe, und sie könne mir nicht erlauben, das Haus zu betreten.

Im selben Augenblick kam ein magerer, kleiner alter Mann mit blassem Gesicht heraus und sagte ihr auf Schweizerdeutsch, sie müsse sich in Gottes Willen schicken. Ich fragte die niederträchtige Kupplerin, ob das der Arzt sei.

»Von einem Arzt ist hier nicht mehr die Rede,« sagte die Heuchlerin, indem sie noch heftiger weinte; »es ist ein Diener des Heiligen Evangeliums, und ein zweiter ist noch oben. Mein armes Mädchen! Spätestens in einer Stunde wird sie nicht mehr sein!«

Ich hatte in diesem Augenblick ein Gefühl, wie wenn eine eisige Hand mein Herz zusammenpreßte. Ich ging, indem ich zu der weinenden Frau sagte: »Ich bin allerdings die letzte Ursache dieses Todes; aber Sie, Unglückselige, haben sie getötet.«

Ich fühlte meine Beine unter mir wanken und ging nach Hause mit dem festen Entschluß, mir auf die sicherste Art das Leben zu nehmen.

Um diesen Plan mit der größten Kaltblütigkeit auszuführen, befahl ich, alle Besuche abzuweisen; sobald ich in meinem Zimmer war, legte ich Uhren, Ringe, Tabaksdosen, Börse und Brieftasche in meine Kassette, die ich in mein Schreibpult verschloß. Hierauf schrieb ich einen Brief an den venetianischen Gesandten und teilte ihm mit, daß nach meinem Tode alle meine Habe Herrn von Bragadino gehören solle. Ich versiegelte den Brief und legte ihn in dasselbe Schreibpult, worin ich meine Kassette, meine Diamanten und meine Schmucksachen hatte. Den Schlüssel nebst einigen Guineen in Silbergeld steckte ich in die Tasche. Dann nahm ich meine guten Pistolen und verließ mein Haus in der festen Absicht, mich beim Tower in der Themse zu ertränken.

Ich hatte diesen Entschluß nicht im Zorn oder aus Liebe gefaßt, sondern bei kältester Überlegung. Ich ging zu einem Kaufmann und kaufte soviele Bleikugeln, wie meine Taschen tragen konnten, und wie ich glaubte, bis zum Tower schleppen zu können; denn ich mußte dorthin zu Fuß gehen. Unterwegs bestärkten alle meine Gedanken mich immer mehr bei meinem Plan; denn ich sagte mir: wenn ich weiter lebte, würde ich jeden Tag tausendmal alle Qualen der Hölle erdulden, indem ich das Bild der Charpillon vor mir sähe, die mir mit Recht ihren Tod vorwerfen würde. Ich freute mich sogar, daß ich keiner Selbstüberwindung bedurfte, einen Entschluß auszuführen, der mir aus der strengsten Vernunft hervorgegangen zu sein schien. Außerdem fühlte ich einen geheimen Stolz, daß ich den Mut hätte, mich selber für das Verbrechen zu bestrafen, dessen ich mich schuldig glaubte.

Ich ging mit langsamen Schritten wegen des ungeheuren Gewichtes, das ich in meinen Taschen trug und das mir die Sicherheit gab, daß ich sofort untersinken und sterben würde, bevor man mich an die Oberfläche bringen könnte.

Mitten auf der Westminster-Brücke führte mein guter Geist mir den Chevalier Edgar in den Weg. Das war ein liebenswürdiger, weiser, junger Engländer, der sein Leben genoß, indem er seinen Leidenschaften folgte. Ich hatte ihn bei Lord Pembroke kennen gelernt, und er hatte einige Male bei mir gespeist. Wir gefielen einander; er wußte angenehm zu plaudern, und wir hatten in fröhlichen Unterhaltungen angenehme Augenblicke verbracht. Ich wollte ihm ausweichen; aber er hatte mich bereits gesehen und nahm freundschaftlich meinen Arm.

»Wo wollen Sie hin? Kommen Sie mit mir, das heißt, wenn Sie nicht irgend jemand aus dem Gefängnis befreien wollten. Kommen Sie, wir werden einen Spaß haben!«

»Ich kann nicht, mein Lieber! Lassen Sie mich, bitte.«

»Ich erkenne Sie ja gar nicht wieder mit Ihrer düsteren Miene. Was haben Sie denn?«

»Ich? Nichts.«

»Sie haben nichts? Sie wissen nur nicht, wie Sie aussehen. Ich bin überzeugt, Sie haben irgend etwas Böses vor.«

»Sie irren sich.«

»Leugnen hat keinen Zweck.«

»Ich sage Ihnen ja: ich habe nichts. Leben Sie wohl, ein anderes Mal werde ich mit Ihnen gehen.«

»Ei, mein lieber Seingalt, Sie sehen ja ganz düster aus. Die Farbe steht Ihnen nicht. Ich gehe nicht von Ihrer Seite. Lassen Sie mich mitkommen!«

Gleichzeitig fiel sein Blick auf meine Hosentasche, und er bemerkte den Kolben der einen Pistole. Ohne weitere Umstände griff er nach der andern Tasche, fühlte die Pistole und sagte: »Natürlich wollen Sie sich schlagen! Da will ich dabei sein. Ich werde mich dem Kampf nicht widersetzen, aber ich verlasse Sie nicht.«

Ich zwang mich zu lächeln und versicherte ihm, daß ich mich nicht schlagen wollte; ohne mir etwas dabei zu denken, sagte ich ihm: »Ich mache nur einen Spaziergang, um mich zu zerstreuen.«

»Sehr schön,« rief Edgar; »in diesem Fall, hoffe ich, wird meine Gesellschaft Ihnen ebenso angenehm sein wie mir die Ihrige. Ich gehe nicht von Ihnen. Nach dem Spaziergang werden wir in der Kanone zu Mittag essen. Ich werde einem jungen Mädchen, das dort mit mir speisen sollte, Bescheid sagen lassen, daß sie eine reizende junge Französin mitbringen soll, und wir machen eine Partie zu Vieren.«

»Mein lieber Freund, entbinden Sie mich von der Teilnahme! Ich bin traurig und muß allein sein, um meinen Verdruß los zu werden.«

»Das können Sie morgen tun, wenn Sie es dann noch nötig haben; aber ich bin überzeugt, binnen drei Stunden ist Ihre schwarze Laune verflogen. Wenn nicht, so werde ich mich eben mit Ihnen zusammen langweilen. Wo gedachten Sie denn am anderen Ufer zu speisen?«

»Nirgends. Ich brauche nicht zu essen, denn ich habe keinen Appetit. Ich habe seit drei Tagen nichts gegessen; ich kann nur trinken.«

»Das alles ist unnatürlich; aber die Sache wird mir schon klar: Ihnen ist wegen irgend eines Ärgers die Galle übergelaufen; Sie könnten darüber verrückt werden, ja sogar sterben, wie es einem meiner Brüder passiert ist. Da muß ich aufpassen!«

Da Edgar hartnäckig blieb und da seine scherzhaften Bemerkungen sehr richtig waren, so sagte ich zu mir selber: »Auf einen Tag mehr kommt es schließlich auch nicht an. Ich kann meine Absicht ausführen, wenn ich wieder allein bin. Ich wage dabei weiter nichts, als daß ich ein paar Stunden länger lebe.«

Ich bin überzeugt, daß Menschen, die sich infolge eines großen Kummers das Leben genommen haben, damit nur dem Verlust ihrer Vernunft zuvorgekommen sind, wie es andererseits unbestritten ist, daß diejenigen, die wahnsinnig werden, diesem Unglück nur dadurch ausweichen können, daß sie sich den Tod geben. Erst in dem Augenblick beschloß ich mich zu töten, als der Wahnsinn meine Vernunft zerstört haben würde, wenn ich noch einen Tag länger gezögert hätte, diesen Entschluß zu fassen. Aber man muß noch einen Zusatz machen: Der Mensch darf sich niemals töten, denn es ist möglich, daß die Ursache seines Kummers aufhört, bevor der Wahnsinn eintritt. Das will sagen, daß diejenigen glücklich sind, die eine so starke Seele haben, um niemals zu verzweifeln. Meine Seele hatte in diesem Augenblick nicht Kraft genug; ich hatte alle Hoffnung verloren, und daß ich mich töten wollte, war vernünftig, was auch der Leser davon denken mag. Nur einem Zufall verdankte ich Leben und neue Hoffnung.

Als Edgar hörte, daß ich nur zu meinem Vergnügen nach der anderen Stadtseite gehen wollte, sagte er nur, wir könnten ebenso gut umkehren. Ich ließ mich überreden. Aber eine halbe Stunde darauf konnte ich mich wegen des Bleis, womit meine Taschen angefüllt waren, nicht weiterschleppen und bat ihn daher, er möchte mich irgendwohin führen, wo ich auf ihn warten könnte, denn ich könnte vor Schwäche nicht mehr gehen. Ich gab ihm mein Wort, ich würde ihn in der Kanone erwarten.

Sobald ich allein war, leerte ich meine Taschen und legte die Kugeln in einen Schrank. Als ich mich hierauf ein wenig ausruhte, überlegte ich mir, daß möglicherweise der liebenswürdige junge Mann meinen Selbstmord verhindert habe; denn durch die Verzögerung war die Ausführung bereits ungewiß geworden.

Indem ich diese Betrachtungen anstellte, gab ich mich keinen Hoffnungen hin, sondern ich sah eben nur voraus, daß vielleicht Edgar vom Schicksal dazu bestimmt sein könnte, mich von einem Angriff auf mein Leben zurückzuhalten. Es fragte sich nur noch, ob er mir damit etwas Gutes oder Böses tat. Ich zog den Schluß, daß wir bei allen entscheidenden Handlungen nur bis zu einem bestimmten Grade unsere eigenen Herren sind. Indem ich in dieser Schenke saß, glaubte ich, von einer höheren Macht gezwungen zu sein, auf die Rückkehr des jungen Engländers zu warten.

Bald kam Edgar. Er freute sich, mich vorzufinden, und sagte: »Ich habe auf Ihr Versprechen gerechnet.«

»Sie konnten doch nicht annehmen, daß ich mein Ehrenwort brechen würde.«

»Es beruhigt mich, Sie so sprechen zu hören; die düstere Laune wird verfliegen.«

Die vernünftige, scherzhafte und immer herzlich wohlwollende Unterhaltung des jungen Mannes tat mir wohl; ich begann bereits tiefe Wirkung zu spüren, als die beiden jungen Mädchen ankamen, von denen die eine eine Französin war. Fröhlichkeit strahlte von ihren reizenden Gesichtern; sie waren zum Vergnügen geschaffen, und die Natur hatte sie reichlich mit allem begabt, was in den kältesten Männern Begierden entzündet. Ich ließ ihnen volle Gerechtigkeit widerfahren, empfing sie aber doch nicht so, wie sie es gewöhnt waren. Offenbar sahen sie in mir einen sauertöpfischen Hypochonder; obwohl ich mich todkrank fühlte, ärgerte dies doch gewissermaßen meine Eitelkeit, und ich zwang mich, den Gefühlvollen zu spielen. Ich gab ihnen einige Küsse, aber diese waren ohne Seele, ohne Feuer; hierauf bat ich Edgar, seiner Landsmännin zu sagen, wenn ich nicht dreiviertel tot wäre, würde ich ihr beweisen, daß ich sie reizend fände. Sie beklagten mich. Ein Mensch, der dreimal vierundzwanzig Stunden lang nicht gegessen und nicht geschlafen hat, ist wenig empfänglich für die Reizungen der Liebe; aber Worte würden auf die beiden Priesterinnen keinen großen Eindruck gemacht haben, wenn Edgar ihnen nicht meinen Namen genannt hätte. Ich hatte einen Ruf, und sobald sie hörten, wer ich sei, sah ich sie von Ehrfurcht durchdrungen. Alle drei hofften, Bacchus und Comus würden Amor zu Hilfe kommen; ich ließ sie reden, aber ich wußte wohl, daß ihre Hoffnungen eitel sein würden.

Wir hatten ein Essen nach englischer Art, das heißt ohne das Wesentlichste: die Suppe. Ich nahm daher nur einige Austern mit einem köstlichen Graves zu mir; aber ich fühlte mich wohl, denn es machte mir Vergnügen, wie geschickt Edgar die beiden Nymphen beschäftigte.

Als die Freude auf ihrem Höhepunkt war, schlug der junge Tollkopf den Engländerinnen vor, den Hornpipe im Kostüm unserer Mutter Eva zu tanzen. Sie erklärten sich bereit unter der Bedingung, daß wir im Kostüm unseres Vaters Adam aufträten, und daß man blinde Musikanten kommen ließe. Ich erklärte, ich würde mich, um ihnen einen Gefallen zu tun, ebenfalls auskleiden; man dürfe jedoch bei meinem Schwächezustand nicht von mir erwarten, daß ich die Versucherin, die Schlange, nachahmen würde. Man erließ mir die Mühe des Auskleidens, unter der Bedingung, daß ich wie die anderen mich ausziehen solle, sobald ich den Stachel der Wollust verspüre. Dies versprach ich. Man holte die Blinden und schloß die Türen. Während die Instrumente gestimmt wurden, hatten die drei Toilette gemacht, und die Orgie begann.

Dies war einer jener Augenblicke, die mich viele Wahrheiten gelehrt haben. Bei dieser Gelegenheit erkannte ich, daß die Freuden der Liebe eine Wirkung und nicht eine Ursache der Fröhlichkeit sind. Ich hatte vor meinen Augen drei herrliche Menschenleiber von wundervoller Frische und regelmäßiger Schönheit; ihre Bewegungen, ihre anmutigen Gebärden, dazu die Musik – alles war entzückend, verführerisch; und trotzdem regte sich in mir nichts. Der Tänzer behielt die Miene des Eroberers auch während des Tanzes, und ich wunderte mich, daß ich selber niemals ein gleiches versucht hatte. Nach dem Tanze feierte er die beiden Schönen, indem er von der einen zur anderen ging, bis die natürliche Wirkung ihn zur Ruhe zwang.

Die Französin kam zu mir, um sich zu überzeugen, ob ich nicht irgendein Lebenszeichen gäbe; sie fühlte jedoch meine Nichtigkeit und erklärte mich für invalide.

Als die Orgie zu Ende war, bat ich Edgar, der Französin vier Guineen zu geben und die Zeche zu bezahlen; denn ich hatte nur wenig Geld bei mir. Hätte ich am Morgen ahnen können, daß ich, anstatt mich zu ertränken, einer so hübschen Partie beiwohnen würde?

Da ich bei dem jungen Engländer diese Schuld gemacht hatte, so verschob ich meinen Selbstmord auf den nächsten Tag. Als die Nymphen fortgegangen waren, wollte ich mich von Edgar verabschieden. Aber das war mir unmöglich; er sagte mir, ich sähe schon viel besser aus als am Morgen; daß ich die Austern, die ich gegessen, nicht wieder von mir gegeben habe, sei ein Beweis, daß ich nur nötig habe, mich etwas zu zerstreuen, um mich am nächsten Tage wieder ganz wohl befinden und herzhaft essen zu können. Ich solle daher mit ihm die Nacht in Ranelagh verbringen. Aus Müdigkeit und auch aus Gleichgültigkeit gab ich nach. Ich stieg mit Edgar in einen Fiaker, um den Grundsatz der Stoiker zu befolgen, den man mir in meiner kindlichen Jugend eingeprägt hatte: Sequere deum – folge Gott!

Mit heruntergekrempten Hüten traten wir in die schöne Rotunde ein. Es waren viele Leute anwesend, und wir gingen unter ihnen, die Hände auf den Rücken gekreuzt, auf und ab, wie es bei den Engländern Mode ist oder wenigstens damals war.

Es wurde ein Menuett getanzt. Eine Dame, die mir den Rücken zudrehte, tanzte sehr gut, und ich blieb daher stehen, um abzuwarten, daß sie sich umdrehte. Ich wollte gern ihr Gesicht sehen, weil ihr Kleid und ihr Hut genau denen glichen, die ich ein paar Tage vorher der Charpillon geschenkt hatte. Sie glich dieser auch an Wuchs und Haltung; da ich aber die Unglückliche für tot oder sterbend hielt, so flößte diese Ähnlichkeit mir keinen Verdacht ein. Plötzlich drehte die Tänzerin sich um, hob das Gesicht, und ich sah – die Charpillon in eigener Person!

Edgar sagte mir später, er habe in diesem Augenblick geglaubt, ich würde Krämpfe bekommen, so fühlbar hätte ich gezittert.

Ich war indessen von der Krankheit des Mädchens so fest überzeugt, daß ich meinen Augen nicht traute. Der Zweifel trug dazu bei, mich wieder zur Besinnung zu bringen. Es ist nicht möglich, sagte ich zu mir, daß es die Charpillon ist. Eine andere kann ihr ähnlich sehen, oder meine geschwächten Sinne können mich getäuscht haben.

Die Tänzerin war ganz und gar mit ihrem Tänzer beschäftigt und sah sich nicht nach den Zuschauern um; aber ich konnte warten. In diesem Augenblick erhob sie die Arme, um die Verbeugung am Schluß des Menuetts zu machen. Unwillkürlich trat ich auf sie zu, wie wenn ich sie zum nächsten Tanz hätte auffordern wollen. Sie sah mich an und lief fort.

Ich beherrschte mich. Aber als ich nun Gewißheit hatte, erneuerte sich mein Zittern, und ich mußte mich schnell hinsetzen. In einem Augenblick überströmte ein kalter Schweiß mein Gesicht und meinen ganzen Körper. Als Edgar diese Krisis sah, riet ei mir, Tee zu trinken; ich bat ihn jedoch, mich einige Augenblicke mir selber zu überlassen und sich auf eigene Hand zu amüsieren.

Die Revolution, die in mir vorging, ließ mich böse Folgen befürchten, denn ich zitterte an allen Gliedern, und das Herz klopfte mir so stark, daß ich mich nicht hätte aufrecht halten können, wenn ich hätte aufstehen wollen. Da die Krisis mich nicht hatte töten können, so gab sie mir neues Leben. Welch wunderbare Veränderung! Ich fühlte allmählich alle meine Sinne sich beruhigen, und konnte mit Vergnügen den Glanz der vielen Kerzen auf mich wirken lassen. Anfangs allerdings rief dieses Licht, das meine Netzhaut traf, eine Art Schamgefühl in mir hervor; aber dieses war nur ein Zeichen, daß ich geheilt war, und darum war es mir angenehm. Ich machte nach und nach, sozusagen, alle Zwischengefühle von der Verzweiflung bis zur Begeisterung durch. Ich empfand ein solches Erstaunen über meine neue Lage, daß ich, als Edgar nicht wiederkam, schon zu glauben begann, ich würde ihn überhaupt nicht wiedersehen. Dieser Jüngling, sagte ich bei mir selber, ist mein Genius, mein Schutzengel, mein guter Geist, der Edgars irdische Formen angenommen hat, um mich wieder zur Vernunft zu bringen. Und ich würde bei diesem Gedanken steif und fest geblieben sein, hätte ich ihn nicht nach einiger Zeit wiedererscheinen sehen.

Der Zufall hätte wohl Edgar eines jener verführerischen Geschöpfe zuführen können, die uns für einen Augenblick, für eine Nacht alles vergessen lassen. Er hätte Ranelagh verlassen können, ohne soviel Zeit zu haben, um mir Bescheid zu sagen; dann wäre ich allein nach London zurückgefahren und wäre überzeugt gewesen, nur seine menschliche Form gesehen zu haben. Würde ich mich von meinem Irrtum überzeugt haben, wenn ich ihn einige Tage später wieder gesehen hätte? Das ist wohl möglich, aber fest behaupten kann ich das nicht. In mir war stets ein Keim von Aberglauben, eine Neigung zum Spiritismus. Ich bin weit entfernt, mich dessen zu rühmen; aber diese Erinnerungen sind meine Beichte, und der Leser hat ein Recht darauf, daß ich mich ganz und gar enthülle und nichts vor ihm verberge.

Edgar kam endlich wieder, Er war sehr lustig, aber auch unruhig um mich. Darum war er sehr überrascht, als ich lebhaft allerlei scherzhafte Bemerkungen über das Treiben in diesem schönen Kuppelsaal machte.

»Mein lieber Freund,« rief er, »du lachst ja! Du bist also nicht mehr traurig?«

»Nein, mein guter Genius! Aber hungrig bin ich, und ich möchte dich um eine große Gefälligkeit bitten, wenn du nicht etwa morgen eine dringende Abhaltung hast.«

»Ich bin bis übermorgen frei und stehe dir vollkommen zur Verfügung.«

»Ich verdanke dir das Leben – das Leben, verstehst du wohl? Aber damit dieses Geschenk vollständig sei, mußt du mit mir diese Nacht und den ganzen nächsten Tag verbringen.«

»Ich stehe dir zu Diensten.«

»Laß uns nach meiner Wohnung fahren!«

»Gern.«

Ich sagte ihm unterwegs nichts. Als ich nach Hause kam, fand ich weiter nichts Neues als einen Brief von Goudar. Ich steckte diesen in die Tasche, da ich alle Geschäfte auf den nächsten Tag verschieben wollte.

Es war ein Uhr in der Nacht. Man setzte uns ein gutes Abendessen vor, und ich aß oder vielmehr: ich verschlang die Speisen. Edgar wünschte mir Glück zu meinem Appetit. Dann gingen wir zu Bett, und ich schlief fest und ruhig bis zum Mittag. Als ich aufgestanden war, ging ich in Edgars Zimmer, um mit ihm zu frühstücken. Ich erzählte ihm meine Geschichte, deren Ende mein Tod gewesen wäre, wenn ich ihm nicht zufällig auf der Westminster- Brücke begegnet wäre, und wenn nicht sein kluger Blick an meinen verstörten Zügen meinen Seelenzustand erraten hätte. Dann führte ich ihn in mein Zimmer und zeigte ihm mein Schreibpult, meine Kassette und mein Testament. Hierauf öffnete ich Goudars Brief; er enthielt nur die Worte: »Ich bin sicher, daß das betreffende Mädchen durchaus nicht im Sterbcn liegt, sondern mit Lord Grosvenor nach Ranelagh gegangen ist.«

Edgar, der trotz seinem ausgelassenen Lebenswandel sehr vernünftige Gedanken hatte, war wütend über das Benehmen der Charpillon. Überzeugt, mir das Leben gerettet zu haben, umarmte er mich und sagte, er werde den Tag, wo er mich verhindert habe, mir wegen eines so unwürdigen Geschöpfes den Tod zu geben, stets als den schönsten seines Lebens betrachten. Er konnte den niederträchtigen Charakter der Charpillon und ihrer unwürdigen Mutter kaum begreifen. Er sagte mir, ich hätte das Recht, die Mutter verhaften zu lassen, obgleich die Tochter mir die Wechsel nicht wiedergegeben hätte; denn in ihrem Brief an mich gestehe die Mutter die Schuld zu und erkenne an, daß die Tochter meine Wechsel nur in Verwahrung habe.

Ohne ihm etwas von meinen Absichten zu sagen, beschloß ich augenblicklich, sie verhaften zu lassen. Bevor wir uns am Abend trennten, schworen wir uns ewige Freundschaft, und gewiß hatte er von meiner Seite Anspruch darauf. Man wird bald sehen, wie schlecht es dem liebenswürdigen Engländer erging, weil er mir so gut gedient hatte.

Stolz wie ein Mensch, der einen großen Sieg errungen hat, ging ich am nächsten Morgen zu dem Sachwalter, der mich in der Angelegenheit mit dem Grafen Schwerin vertreten hatte. Nachdem er meinen Bericht gehört hatte, sagte er mir, mein Recht sei unbestreitbar und ich könne die drei Schwestern, das heißt die Mutter und die beiden Tanten des schurkischen Frauenzimmers verhaften lassen. Unverzüglich ging ich zu dem Richter, der mich schwören ließ und mir sodann den Wahrspruch einhändigte. Derselbe Gerichtsbote, der den Grafen Schwerin verhaftet hatte, übernahm auch diese Sache; aber er kannte die Weibsbilder nicht, und es war notwendig, daß er sie genau kannte; er war sicher, daß er in ihr Haus gelangen und sie überraschen würde; aber er durfte natürlich nur die verhaften, die in dem Haftbefehl bezeichnet waren, und es war möglich, daß mehrere andere Frauen sich im Hause befanden.

Ich konnte den heiklen Auftrag, ihm die gesuchten Personen zu bezeichnen, keinem Menschen anvertrauen; denn Goudar würde ihn nicht übernommen haben. Ich entschloß mich daher, den Gerichtsboten zu einer Stunde, wo die drei Megären bestimmt im Wohnzimmer beisammen sein würden, in das Haus zu führen.

Ich bestellte ihn auf acht Uhr nach der Denmark-Street, an deren Ecke ich meinen Fiaker zu seiner Verfügung halten ließ, und sagte ihm, er solle in das Haus eintreten, sobald man ihm die Tür geöffnet haben werde. In demselben Augenblick würde auch ich eintreten, und er könnte dann in aller Sicherheit die drei Frauen festnehmen, die ich ihm bezeichnen würde. Die Gerichtsbeamten sind in England sehr pünktlich; alles verlief daher, wie ich es angeordnet hatte. Der Gerichtsdiener betrat mit einem Unterbeamten das Wohnzimmer, und ich folgte ihm auf dem Fuße. Ich bezeichnete ihm die Mutter und die beiden Schwestern und entfernte mich dann eiligst, denn der Anblick der Charpillon machte mich schaudern, obwohl ich nur einen flüchtigen Blick auf sie warf. Sie saß schwarz gekleidet am Kamin und drehte mir den Rücken zu. Ich glaubte geheilt zu sein und fühlte auch, daß ich es wirklich war; aber die tiefe Wunde, die die Treulose mir geschlagen hatte, war kaum vernarbt, und ich weiß nicht, wie es hätte kommen können, wenn in diesem Augenblick die Circe die Geistesgegenwart besessen hätte, mir um den Hals zu fallen und für ihre Mutter und ihre Tanten um Gnade zu bitten.

Sobald ich sah, daß der Stab die drei Weiber berührte, entfernte ich mich schnell. Ich kostete die ganze Wonne der Rache – eine ungeheuere Lust, die den, der die Rache übt, glücklich macht. Leider aber sind die Rachedürstigen nur glücklich, solange sie auf die Rache warten oder sie wünschen. Wirklich glücklich ist nur der Gefühllose, der nicht hassen kann und darum niemals den Wunsch nach Rache verspürt. Der gereizte Eifer, womit ich die drei Kupplerinnen und Betrügerinnen verhaften ließ, und mein Erschrecken beim Anblick der Hinterlistigen, die mich bis zum Selbstmord getrieben hatte, waren ein Beweis, daß ich noch nicht frei war. Um ganz frei zu werden, mußte ich sie fliehen und vergessen.

Am nächsten Morgen kam Goudar sehr vergnügt zu mir und sagte mir, er wünsche mir Glück zu dem Mut, den ich am Abend vorher bewiesen habe; denn dieser bürge dafür, daß ich entweder von meiner Leidenschaft geheilt oder daß ich verliebter sei denn je. »Ich komme eben von der Charpillon und fand im Hause nur die Großmutter, die bitterlich weinte, und einen Advokaten, von dem sie ohne Zweifel sich Rat holen wollte.«

»Sie wissen also schon von der Geschichte?«

»Ja; ich kam eine Minute, nachdem Sie fort waren, und ich blieb solange, bis die drei alten Vetteln sich entschlossen hatten, dem Konstabler zu folgen. Anfangs leisteten sie Widerstand; sie behaupteten, er müsse ihnen bis zum Morgen Aufschub geben; gleich nach Tagesanbruch würden sie Leute finden, die für sie Bürgschaft leisten würden. Unterdessen waren auch die beiden Klopffechter gekommen; sie mischten sich in die Sache ein und zogen sogar blank, um dem Gerichtsboten zu verhindern, daß er die Weiber mit Gewalt fortführte; aber der Mann, der die Konstabler mitgebracht hatte, entwaffnete sie alle beide, führte hierauf die drei Gefangenen fort und nahm auch die Degen mit. Die Charpillon wollte sie begleiten, hielt es aber dann für besser, sich sofort auf den Weg zu machen, um sie möglichst bald wieder in Freiheit setzen zu können.«

Zum Schluß sagte Goudar mir, er werde sie als Freund des Hauses im Gefängnis besuchen, und wenn ich zu einem Vergleich bereit sei, wolle er gern vermitteln. Ich dankte ihm und sagte, ich würde mich mit den elenden drei Weibern nur einigen, wenn sie mir meine sechstausend Franken zahlten, und sie müßten sich noch sehr glücklich schätzen, daß ich nicht auch noch Zinsen verlangte, um mich wenigstens zum Teil für die mir abgegaunerten Summen schadlos zu halten.

Vierzehn Tage vergingen, ohne daß ich etwas von der Geschichte hörte. Die Charpillon ging jeden Tag zum Essen zu den Gefangenen, die auf ihre Kosten lebten. Dies mußte ihr viel Geld kosten, denn sie hatten zwei Zimmer, und ihr Wirt, ein wahrer Charon, erlaubte ihnen nicht, sich das Essen von draußen kommen zu lassen. Goudar sagte mir, die Charpillon habe ihrer Mutter erklärt, sie würde sich niemals dazu entschließen, mich um ihre Freilassung zu bitten, selbst wenn sie sicher wäre, daß sie alles erreichen würde, wenn sie zu mir ginge. Ich war in ihren Augen das abscheulichste Ungeheuer. Wenn ich ihr auch nicht zugeben kann, daß sie ein geringeres Ungeheuer war als ich, so muß ich allerdings eingestehen, daß sie bei dieser Gelegenheit mehr Charakter zeigte als ich. Aber wir befanden uns in einer völlig entgegengesetzten Lage: Ich hatte mich nur in der Erregung der Leidenschaft gegen sie so benommen, wie ich es tat, sie hatte nur aus Eigennutz so gehandelt und vielleicht auch aus Launenhaftigkeit. Vergebens hatte ich während dieser vierzehn Tage Edgar gesucht. Da sah ich ihn zu meiner großen Freude eines Morgens mit lachendem Gesicht bei mir eintreten und mich freundschaftlich begrüßen.

»Wo hast du denn während dieser ganzen Zeit gesteckt? Ich habe dich überall gesucht.«

»Die Liebe, Freund, hat mich während dieser zwei Wochen in ihren unzugänglichen Gefängnissen verborgen gehalten. Ich bringe dir Geld.«

»Mir? Von wem denn?«

»Von den Damen Ansperger. Gib mir eine Quittung und die erforderliche Abstandserklärung; denn ich muß dich selber in die Arme der armen Charpillon führen, die seit vierzehn Tagen fortwährend weint.«

»Ich begreife ihre Tränen und bewundere sie, daß sie gerade den, der mir die unschätzbarsten Dienste geleistet und mich aus ihren Banden befreit hat, zu ihrem Beschützer gewählt hat. Weiß sie, daß ich dir mein Leben verdanke?«

»Sie weiß nichts weiter, als daß wir zusammen in Ranelagh waren, als du sie tanzen sahst, und daß du sie für tot oder sterbend gehalten hattest; ich habe ihr aber alles erzählt, seitdem ich ihre Bekanntschaft machte.«

»Ohne Zweifel hat sie dich gebeten, dich bei mir zu ihren Gunsten zu verwenden?«

»Durchaus nicht. Sie hat nur gesagt, du seiest ein undankbares Scheusal, denn sie habe dich geliebt und dir wirkliche Beweise ihrer Zärtlichkeit gegeben; jetzt aber verabscheut sie dich.«

»Gott sei Dank! Das unwürdige Geschöpf! Aber es ist eigentümlich, daß sie dich zu gewinnen gewußt hat, um ihre Rache an mir auszuüben. Sie betrügt dich, mein lieber Freund, und dich trifft ihre Strafe.«

»Das ist nicht unmöglich; aber jedenfalls ist es eine sehr süße Strafe.«

»Ich wünsche dir alles Glück; aber nimm dich in acht! Die Spitzbübin ist eine gewohnheitsmäßige Betrügerin.«

Edgar zählte mir zweihundertfünfzig Guineen auf, und ich gab ihm dafür Quittung und Abstandserklärung, womit er sich zufrieden entfernte.

Mußte ich nun nicht glauben, daß endlich alles zwischen uns zu Ende sei? Meine Hoffnung war vergeblich.

In jenen Tagen vermählte sich der Erbprinz von Braunschweig, der jetzige regierende Herzog, mit der Schwester des Königs von England. Der Gemeinderat erklärte ihn zum englischen Bürger mit allen Rechten eines solchen, und die Londoner Goldschmiedszunft ernannte ihn zu ihrem Mitglied und ließ ihm durch den Lordmayor und die Aldermen die Ernennungsurkunde in einem prachtvollen goldenen Kasten überreichen. Der Prinz war der erste Edelmann Europas und verschmähte trotzdem nicht, den Glanz seines vierzehn Jahrhunderte alten Hauses durch diese neue Würde zu erhöhen.

Bei dieser Gelegenheit verschaffte Lady Harrington der Cornelis einen Verdienst von zweihundert Guineen; sie vermietete ihr Haus 41g am Soho-Square an einen Koch, der gegen ein Eintrittsgeld von drei Guineen tausend Personen Ball und Abendessen gab. Die Neuvermählten und das ganze königliche Haus mit Ausnahme des Königs und der Königin waren anwesend. Auch ich war für meine drei Guineen unter den Gästen, mußte aber mit noch sechshundert anderen stehen; denn an den Tischen war nur für vierhundert Personen Platz, und es gab sogar Damen, die nicht sitzen konnten.

Ich sah an diesem Abend Lady Grafton neben dem Herzog von Cumberland sitzen. Sie trug ihr Haar ohne Puder und bis zur Mitte der Stirn ins Gesicht gekämmt. Die anderen Damen sprachen sich entrüstet dagegen aus, denn diese Frisur machte häßlich. Sie wußten gar nicht, was sie alles gegen die Neuerung sagen sollten, und in weniger als sechs Monaten wurde die Frisur á la Grafton in ganz England allgemein angenommen, drang über das Meer und verbreitere sich in ganz Europa, wo sie ungerechterweise einen anderen Namen erhielt. Diese Mode dauert noch heute und ist die einzige, die sich eines Alters von dreißig Jahren rühmen kann, obgleich sie bei der Entstehung ausgezischt wurde.

Bei diesem Abendessen, für das der Gastgeber dreitausend Guineen oder fünfundsiebzigtausend Franken erhalten hatte, fand man alles, was der verwöhnteste Geschmack nur wünschen konnte. Da ich jedoch nicht tanzte und in keine von den Schönen verliebt war, die das Fest zierten, so entfernte ich mich um ein Uhr. Es war ein Sonntag, und an diesem Tage brauchte in England kein Mensch, mit Ausnahme der Verbrecher, eine Verhaftung zu befürchten. Trotzdem widerfuhr mir folgendes:

Ich fuhr in meinem prachtvollen Galakleide nach Hause; mein Neger Jarbe und ein anderer Bedienter standen hinten auf meinem Wagen. Kaum waren wir in meine Straße eingefahren, so hörte ich eine Stimme, die mir zurief: »Gute Nacht, Seingalt!« Als ich meinen Kopf zum Schlage hinausbeugte, um zu antworten, sah ich meinen Wagen von Leuten umringt, die mit Pistolen bewaffnet waren, und einer von ihnen rief mir zu: »Im Namen des Königs!«

Meine Bedienten fragten sie, was sie von mir wollten. Sie antworteten: »Ihn ins Newgate-Gefängnis bringen; denn der Sonntag schützt nicht die Verbrecher.«

»Und was ist denn mein Verbrechen?«

»Das werden Sie im Gefängnis erfahren.«

»Mein Herr hat das Recht, dies zu wissen, bevor er ins Gefängnis geht!« rief Jarbe.

»Aber der Richter schläft.«

Jarbe bestand auf seinem Verlangen, und die Vorübergehenden, die von dem Vorgang in Kenntnis gesetzt wurden, riefen einstimmig, ich hätte recht.

Schließlich fügte der Anführer sich und sagte mir, er würde mich nach seinem Hause in der City bringen.

»Gut,« sagte ich, »fahren wir in die City, damit die Sache mal ein Ende nimmt.«

Wir hielten vor einem Hause, und man führte mich in ein großes Zimmer zu ebener Erde, worin sich nur Bänke und einige Tische befanden. Meine Bedienten schickten den Wagen fort und kamen herein, um mir Gesellschaft zu leisten. Die sechs Sbirren, die mir nicht von der Seite weichen durften, ließen mir sagen, ich solle ihnen etwas zu essen und zu trinken geben lassen. Ich befahl Jarbe, ihren Wunsch zu erfüllen und freundlich und höflich gegen sie zu sein.

Da ich kein Verbrechen begangen hatte, so war ich sehr ruhig; ich konnte nur infolge einer Verleumdung verhaftet worden sein, und da ich wußte, daß in London die Rechtspflege gut und schnell ist, so konnte mein Unglück nur vorübergehend sein. Ich machte mir nur den Vorwurf, nicht den guten Grundsatz befolgt zu haben, daß man bei Nacht niemals antworten soll; denn sonst würde ich diese Unannehmlichkeit vermieden haben. Da ich aber den Fehler einmal begangen hatte, so blieb mir nichts weiter übrig, als mich in Geduld zu fassen. Ich stellte einige scherzhafte Betrachtungen an über meinen plötzlichen Übergang aus einer glänzenden Festversammlung zu der niederträchtigen Gesellschaft, in der ich mich, wie ein Fürst gekleidet, in diesem Augenblick befand.

Endlich wurde es Tag, und der Besitzer der Schenke, worin ich mich befand, erkundigte sich, wer der Verbrecher sei, der bei ihm die Nacht zugebracht habe. Ich mußte unwillkürlich lachen, als er bei meinem Anblick auf die Sbirren schimpfte, die ihn nicht geweckt hätten, um mir ein Zimmer zu geben; denn ihm entging dadurch mindestens eine Guinee, die er mir dafür würde abgenommen haben. Endlich meldete man mir, daß der Richter seine Sitzung halte, und daß es Zeit sei, mich vor ihn zu führen.

Man ließ eine Sänfte kommen, denn der Pöbel würde mich mit Kot beworfen haben, wenn ich in meinem Galakleide es gewagt hätte, zu Fuß die Straßen zu betreten.

Im Gerichtssaal bemerkte ich etwa sechzig Personen, die alle erstaunt auf den Barbaren sahen, der es wagte, mit einem so unverschämten Luxus sich in einer Gerichtssitzung zu zeigen.

Am Ende des Saales bemerkte ich auf einem erhöhten Lehnstuhl einen Mann, der mein Richter zu sein schien. Er war es in der Tat, und er war blind. Eine breite Binde bedeckte seine Augen; denn da er nichts sah, so konnte ihm nichts daran liegen, die Augen offen zu haben. Ein Herr, der neben mir stand und erriet, daß ich ein Fremder war, sagte mir auf Französisch: »Seien Sie nur ruhig, Herr Fielding ist ein gerechter und vernünftiger Richter.«

Ich dankte dem wohlwollenden Unbekannten und freute mich, einen liebenswürdigen und geistvollen Mann vor mir zu sehen, den Verfasser mehrerer ausgezeichneter Werke, auf die England stolz ist.

Als ich an der Reihe war, sagte der Schreiber, der an seiner Seite saß, ihm meinen Namen, wie mir schien.

»Signor Casanova,« sagt Herr Fielding in sehr gutem Italienisch zu mir, »haben Sie die Güte näher zu treten; ich habe mit Ihnen zu sprechen.«

Hocherfreut, daß er mich in meiner Muttersprache angeredet, drängte ich mich durch die Menge, trat an die Schranke vor und rief: »Eccomi, signore.«

Er fuhr dann fort und sagte mir, immer auf Italienisch: »Herr von Casanova aus Venedig, Sie sind zu lebenslänglicher Haft in den Gefängnissen des Königs von Großbritannien verurteilt.«

»Mein Herr, ich bin neugierig, zu erfahren, wegen welchen Verbrechens ich verurteilt bin. Würden Sie wohl die Güte haben, es mir zu nennen?«

»Ihre Neugier ist berechtigt und sehr natürlich; denn bei uns in England hält die Justiz sich nicht für berechtigt, irgendeinen Menschen zu verdammen, ohne ihm den Grund seiner Verurteilung mitzuteilen. Sie sind angeklagt – und die Anklage wird durch zwei Zeugen unterstützt –, daß Sie ein hübsches Mädchen entstellen wollten. Dieses junge Mädchen verlangt nun von der Justiz Schutz gegen solche Verunstaltung, und die Justiz findet kein besseres Mittel, als Sie in vitam aeternam im Gefängnis zu halten. Schicken Sie sich also an, ins Gefängnis zu gehen.«

»Mein Herr, die Anklage ist durchaus verleumderisch; das beschwöre ich. Es kann wohl sein, daß das Mädchen, wenn es sein eigenes Verhalten prüft, Anlaß zu der Befürchtung hat, daß ich Lust zu einer solchen Handlungsweise haben könnte, aber ich kann Ihnen versichern, daß ich eine solche Lust bis jetzt noch nicht gehabt habe, und ich glaube, dafür bürgen zu können, daß solche Lust mir niemals kommen wird.«

»Sie hat zwei Zeugen.«

»Diese sind falsch. Aber, hochwürdigster Richter, dürfte ich es wagen. Sie um den Namen meiner Anklägerin zu bitten?«

»Es ist Miß Charpillon.«

»Ich kenne sie; aber ich habe ihr stets nur Beweise meiner Zärtlichkeit gegeben.«

»Es ist also nicht wahr, daß Sie sie entstellen wollten?«

»Nein, ganz gewiß nicht.«

»Nun, dann wünsche ich Ihnen Glück. Sie können in Ihrem Hause zu Mittag speisen, aber Sie müssen zwei Bürgen stellen; zwei Hausbesitzer müssen uns dafür bürgen, daß Sie niemals ein solches Verbrechen begehen werden.«

»Wer wird es wagen, das Versprechen zu geben, daß ich eine gewisse Tat nicht begehen werde?«

»Zwei angesehene Engländer, deren Achtung Sie gewonnen haben und die wissen, daß Sie kein Schurke sind. Lassen Sie sie holen! Wenn sie ankommen, bevor ich zu Tisch gehe, werde ich Sie sofort in Freiheit setzen lassen.«

Die Sbirren führten mich wieder an den Ort, wo ich die Nacht verbracht hatte. Schnell schrieb ich meinem Bedienten die Namen aller Hausbesitzer auf, die mir einfielen. Ich beauftragte sie, ihnen den Grund zu sagen, warum ich mich genötigt sähe, sie zu belästigen. Ich empfahl ihnen Eile. Sie sollten vor Mittag wiederkommen; aber London ist ja so groß. Sie kamen nicht, und der Richter ging zum Essen. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, daß er am Nachmittag wieder Sitzung hielte. Aber auf einmal kam der Anführer der Sbirren mit einem Dolmetscher zu mir und sagte mir, er wolle mich nach Newgate bringen. Das ist das Londoner Gefängnis, in das man nur die elendesten und verruchtesten Verbrecher bringt.

Ich ließ ihm sagen, ich erwarte Bürgen und er könne mich gegen Abend nach dem Gefängnis schaffen, falls diese nicht kommen sollten. Er war jedoch schwerhörig und ließ mir sagen, sobald meine Bürgen da wären, würde man mich aus dem Gefängnis holen. Es müßte mir also gleichgültig sein. Der Dolmetscher sagte mir leise, der Mensch sei sicherlich von meinen Gegnern bezahlt, um mir Verdruß zu bereiten; aber es stehe nur bei mir, an diesem Ort zu bleiben, denn ich brauche ihm nur Geld zu geben.

»Und wieviel muß ich ihm geben?«

Der Dolmetscher sprach mit dem Mann und sagte mir, zehn Guineen würden ihn dazu bestimmen, mich bis zum Abend bei sich zu behalten.

»Sagen Sie ihm, ich sei neugierig, das Gefängnis zu sehen.«

Man ließ einen Fiaker kommen, und wir fuhren hin.

Als ich diesen Ort der Verzweiflung betrat, eine wahre Hölle, die der Phantasie eines Dante würdig ist, feierte eine Menge Unglücklicher, von denen einige im Laufe dieser Woche gehenkt werden sollten, meine Ankunft mit Spottreden auf meinen glänzenden Anzug. Als sie sahen, daß ich nicht mit ihnen sprach, wurden sie ärgerlich und fingen an zu schimpfen. Der, Kerkermeister beschwichtigte sie, indem er ihnen sagte, ich sei ein Fremder und könne kein Wort Englisch; hierauf führte er mich in ein Zimmer, sagte mir, was es kostete, und teilte mir die Gefängnisregeln mit, wie wenn es gewiß gewesen wäre, daß ich für längere Zeit bei ihm bleiben würde. Aber schon eine halbe Stunde darauf kam derselbe Kerl, der mich um die zehn Guineen hatte prellen wollen, und sagte mir, meine Bürgen warteten beim Richter, und mein Wagen stände vor der Tür.

Ich dankte dem lieben Gott von ganzem Herzen, ging hinaus und stand bald darauf wieder vor dem Manne mit den verbundenen Augen. Ich sah meinen Schneider Pégu und meinen Weinhändler Maisonneuve, die mir sagten, sie schätzten sich glücklich, mir diesen geringen Dienst erweisen zu können. Einige Schritte davon bemerkte ich die elende Charpillon und den niederträchtigen Rostaing mit einem Anwalt und Goudar. Der Anblick regte mich nicht weiter auf und ich begnügte mich damit, ihnen einen Blick tiefer Verachtung zuzuwerfen.

Als meine beiden Bürgen erfahren hatten, für welchen Betrag sie gutsagen sollten, unterzeichneten sie mit Vergnügen; hierauf sagte der Richter in liebenswürdigstem Tone zu mir: »Signor de Casanova, unterschreiben Sie für die doppelte Bürgschaftssumme! Sodann erkläre ich Sie vollkommen frei!«

Ich trat an den Tisch des Schreibers, fragte nach der Höhe der Sicherstellung und erfuhr, daß diese vierzig Guineen betrug, daß also jeder der Bürgen für zwanzig einzustehen hatte. Indem ich unterschrieb, sagte ich zu Goudar: »Die Schönheit der Charpillon wäre vielleicht auf zehntausend Guineen bewertet worden, wenn der Richter sie hätte sehen können.«

Als ich hierauf die Namen der beiden Zeugen zu erfahren verlangte, nannte man mir Rostaing und Bottarelli. Ich warf einen verächtlichen Blick auf Rostaing, der bleich wie der Tod dastand, sah aber aus einem Gefühl des Mitleids die Charpillon nicht an und sagte laut: »Die Zeugen sind der Anklage würdig!«

Hierauf grüßte ich den Richter ehrfurchtsvoll, obgleich er mich nicht sehen konnte, und fragte den Protokollführer, ob ich etwas für die Kosten zu bezahlen hätte. Seine verneinende Antwort rief einen Wortwechsel zwischen ihm und dem Anwalt der Schönen hervor, die zu ihrem tödlichen Ärger sich nicht entfernen durfte, bevor sie die Kosten meiner Verhaftung bezahlt hatte.

Als ich eben gehen wollte, sah ich fünf oder sechs angesehene Engländer erscheinen, die für mich bürgen wollten und die nun ihr tiefes Bedauern aussprachen, daß sie zu spät gekommen seien. Sie baten mich um Verzeihung für die englischen Gesetze, die nur zu oft für Ausländer sehr lästig seien.

Nachdem ich einen der langweiligsten Tage meines Lebens verbracht hatte, sah ich mich endlich wieder in meinem Heim. Ich war glücklich, mich zu Bett legen zu können, und mußte doch über mein Mißgeschick lachen.

Fünfzehntes Kapitel


Bottarelli – Ich erhalte durch Herrn de Saa einen Brief von Pauline. – Der rächende Papagei. – Pocchini. – Der Venetianer Guerra. – Ich finde Sarah wieder und beschließe, sie zu heiraten und ihr nach der Schweiz zu folgen. – Die Hannoveranerinnen.

So war also der erste Akt der Komödie meines Lebens beendigt; der zweite begann am nächsten Morgen. Als ich gerade eben mein Bett verließ, hörte ich Lärm an meiner Tür; ich sah zum Fenster hinaus und erblickte Pocchini, den niederträchtigen Halunken, der mich in Stuttgart auf so gemeine Weise bestohlen hatte, wie der Leser sich vielleicht noch erinnern wird. Er verlangte Einlaß und wollte nicht so lange warten, bis man ihn mir gemeldet hätte. Sein Anblick empörte mich; ich rief ihm zu, ich könne ihn nicht empfangen, und schloß mein Fenster.

Einige Augenblicke darauf sah ich Goudar eintreten. Er brachte mir die »St. James Chronicle,« worin in aller Kürze die Geschichte meiner Verhaftung und Wiederentlassung gegen eine Sicherheit von achtzig Guineen erzählt war. Mein Name und der der Schönen waren nicht genannt; dagegen lobte der Zeitungsschreiber die Herren Rostaing und Bottarelli, die er mit ihren vollen Namen anfühlte. Ich bekam Lust, diesen Bottarelli kennen zu lernen, und bat Goudar, mich zu ihm zu führen. Martinelli, der inzwischen ebenfalls gekommen war, schloß sich uns an.

In einem armseligen Zimmer des dritten Stockwerkes eines armseligen Hauses bot sich ein Bild des tiefsten Elends meinen Augen: ich erblickte ein Weib und vier zerlumpte Kinder; an einem armseligen Tisch, der an Philemon und Baucis erinnerte, saß, in einen schlechten Schlafrock gehüllt, ein armer Mann und schrieb. Es war Bottarelli. Bei unserem Anblick stand er auf. Ich hatte Mitleid mit ihm und fragte ihn ganz ruhig: »Mein Herr, kennen Sie mich?«

»Nein, mein Herr.«

»Ich bin jener Casanova, den Sie ins Gefängnis Newgate werfen wollten, indem Sie eine Verleumdung durch ein falsches Zeugnis unterstützten.«

»Mein Herr, es tut mit leid; aber um Gottes willen, sehen Sie meine Familie: ich konnte ihr kein Brot geben. Gerne stehe ich Ihnen ein anderes Mal umsonst zu Diensten.«

»Aber fürchten Sie denn nicht den Galgen?«

»Nein; denn ein falscher Zeuge wird nicht zum Galgen verurteilt. Außerdem ist nichts schwieriger, als in London ein falsches Zeugnis nachzuweisen.«

»Man hat mir gesagt, Sie seien Dichter.«

»Ja, ich habe die Dido verlängert und den Demetrius abgekürzt.«

»Das sind allerdings schöne Ruhmestitel.«

Der Gauner flößte mir mehr Verachtung als Haß ein. Ich drehte ihm den Rücken zu und gab aus Mitleid seiner Frau eine Guinee; sie schenkte mir dafür ein elendes Machwerk ihres Mannes: Das enthüllte Geheimnis der Freimaurer. Dieser Bottarelli war in seiner Vaterstadt Pisa Mönch gewesen; er hatte von dort eine Nonne entführt und diese in London geheiratet.

Einige Tage darauf bereitete Herr de Saa mir eine große Überraschung, indem er mir persönlich einen Brief von meiner schönen Portugiesin überbrachte. Sie bestätigte mir das Unglück meines armen Clairmont und schrieb mir, sie sei bereits mit dem Grafen Al…. vermählt. Es war für mich eine eigentümliche Überraschung, als Herr de Saa mir versicherte, er habe sofort nach Paulinens Ankunft in London gewußt, wer sie sei. Das ist die Marotte aller Diplomaten; man soll glauben, daß ihnen nichts entgehe und daß es für sie kein Geheimnis gebe. Saa war allerdings nicht nur ein tadelloser Ehrenmann, sondern auch ein tüchtiger Diplomat, und man konnte ihm daher diese Schwäche, die gewissermaßen zu seinem Beruf gehörte, wohl hingehen lassen; die meisten aber, für die diese Entschuldigung nicht gilt, machen sich nur lächerlich.

Herr de Saa war von der Charpillon ziemlich ebenso schlecht behandelt worden wie ich, und wir hätten uns gegenseitig trösten können; aber wir sprachen nicht von dem Frauenzimmer.

Als ich einige Tage darauf müßig durch die Stadt streifte, kam ich an einen Ort, den man den Papageienmarkt nannte. Ich unterhielt mich damit, diese interessanten Tierchen anzusehen, und bemerkte ein ganz junges in einem schönen Käfig. Auf meine Frage, welche Sprache er spreche, antwortete man mir, er sei noch ganz jung und spreche keine. Ich kaufte ihn für zehn Guineen. Ich hatte den Einfall, ihm einen boshaften Witz beizubringen, ließ seinen Käfig neben mein Bett stellen und sprach ihm hundertmal am Tage die Worte vor: La Charpillon est plus putain que sa mère – Die Charpillon ist eine noch größere Hure als ihre Mutter.

Ich hatte hierbei gewiß keine andere Absicht als mich innerlich daran zu ergötzen. Nach vierzehn Tagen wiederholte das Tierchen diesen Satz mit einer burlesken Genauigkeit, indem es zum Schluß jedesmal ein lautes Gelächter erschallen ließ; dieses hatte ich ihm nicht beigebracht, aber es wirkte so komisch, daß ich selber darüber lachen mußte.

Goudar hörte meinen Papagei eines Tages voll Entzücken und sagte mir, wenn ich das Tierchen auf die Börse schickte, könnte ich es gewiss für fünfzig Guineen verkaufen. Wir begrüßte diesen Gedanken als eine Rache an dem gemeinen Geschöpf, das mir so übel mitgespielt hatte. Nachdem ich mich vergewissert hatte, auf welche Weise ich mich gegen das Gesetz schützen könnte, das in Bezug auf diesen Punkt in England sehr streng ist, beauftragte ich Jarbe mit dem Verkauf; denn da er aus Westindien stammte, so paßte die Ware vortrefflich zu ihm.

Da mein Papagei französisch sprach, zog er in den ersten zwei oder drei Tagen nicht viele Zuhörer an; sobald aber einer, der die Heldin kannte, die Aufmerksamkeit auf den Lobspruch des indiskreten Geflügels gelenkt hatte, wurde der Kreis von Neugierigen immer größer, und man begann nach dem Preise zu fragen: Fünfzig Guineen schienen ein bißchen viel zu sein, und mein Neger wünschte, dass ich den Papagei billiger verkaufen möchte. Davon wollte ich aber nichts wissen, denn ich hatte meinen Rächer liebgewonnen.

Nach sieben oder acht Tagen erzählte Goudar mir zu meiner größten Belustigung, welche Wirkung mein Papagei in der Familie der Charpillon hervorgebracht hatte. Da der Verkäufer mein Neger war, so konnte man nicht daran zweifeln, dass der Vogel mir gehörte und dass ich sein Sprachlehrer gewesen war. Goudar sagte mir, die Charpillon finde die Rache sehr geistreich, aber die Mutter und die Tanten seien wütend. Sie hätten bereits mehrere Advokaten befragt; aber alle hätten erklärt, es gebe kein Gesetz, auf Grund dessen man eine Verleumdung bestrafen könne, die von einem Papagei ausgestoßen werde; wohl aber könnte sie mich den Spaß teuer bezahlen lassen, wenn sie beweisen könnte, daß der Papagei mein Schüler wäre. Goudar riet mir daher, mich nicht zu rühmen, daß der Vogel seinen Witz von mir habe; denn zwei Zeugen seien genügend, um mich zugrunde zu richten.

Die Leichtigkeit, womit man in London falsche Zeugen findet, ist entsetzlich und eine Schande für die englische Nation. Ich habe mit meinen eigenen Augen etwas Unglaubliches gesehen: an einem Fenster hing ein Zettel, der in großen Buchstaben nur das Wort Zeuge trug. Dies wollte besagen, daß man in dem Hause für Geld einen falschen Zeugen bekommen konnte.

Die St. James Chronicle brachte einen Artikel, worin gesagt wurde: die von dem Papagei auf der Börse beschimpften Damen müßten sehr arm und freundlos sein, sonst hätten sie den hübschen Frechling kaufen lassen und das Publikum würde fast nichts erfahren haben. Zum Schluß hieß es: »Derjenige, der den Papagei abgerichtet hatte, wollte ohne Zweifel eine Rache ausüben; er hat dabei sehr guten Geschmack bewiesen: er verdient, Engländer zu sein.«

Als ich eines Tages meinen Freund Edgar traf, fragte ich ihn, warum er den kleinen Beleidiger nicht gekauft habe. Er antwortete: »Weil er allen denen Spaß macht, die den Gegenstand der Beleidigung kennen.«

Jarbe fand endlich einen Käufer, der die fünfzig Guineen zahlte, und Goudar berichtete mir, Lord Grosvenor habe das Geld gegeben, um der Charpillon, die ihm zuweilen zum Zeitvertreib diente, einen Gefallen zu tun.

Mit diesem Eulenspiegelstreich endeten meine Beziehungen zu dem Mädchen, das ich seitdem mit vollkommener Gleichgültigkeit sah; ihr Anblick erweckte in mir nicht mehr die geringste Erinnerung an die Leiden, die sie mir zugefügt hatte.

Als ich eines Tages in den St.-James-Park eintrat, sah ich zwei Mädchen, die in einem Zimmer zu ebener Erde Milch tranken. Sie riefen mich; da ich sie aber nicht kannte, so ging ich weiter. Ein junger Offizier, mit dem ich zuweilen verkehrte, sagte mir, sie seien Italienerinnen. Hierdurch bekam ich Lust, sie mir näher anzusehen, und kehrte wieder um. Als ich das verdammte Zimmer betrat, sah ich den Halunken Pocchini, mit einer Uniform bekleidet. Er sagte mir, er habe die Ehre, mir seine Töchter vorzustellen.

»Ich erinnere mich,« sagte ich kalt, »meiner Tabaksdose und meiner beiden Uhren, die zwei andere Töchter von Ihnen mir in Stuttgart gestohlen haben.«

»Sie lügen!« rief der Unverschämte.

Ohne ihm zu antworten, nahm ich dem einen von den Mädchen ihr Milchglas weg und goß ihm den Rest ins Gesicht. Hierauf ging ich hinaus.

Ich hatte meinen Degen nicht bei mir. Der erwähnte junge Offizier, der nach mir in das Zimmer eingetreten war, folgte mir und sagte, ich dürfte mich nicht entfernen, ohne seinem von mir entehrten Freund Genugtuung zu geben.

»Sagen Sie ihm, er solle herauskommen, und kommen Sie mit ihm nach dem Green-Park; ich verspreche Ihnen, ihm in Ihrer Gegenwart Stockschläge zu geben. Sollten Sie sich aber für ihn schlagen wollen, so gewähren Sie mir die Zeit, um meinen Degen zu holen. Aber kennen Sie denn diesen Menschen, den Sie Ihren Freund nennen?«

»Nein, aber er ist Offizier, und ich habe ihn hierhergebracht.«

»Schön. Um Ihnen Genugtuung zu leisten, will ich mich auf Leben und Tod schlagen, aber ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Ihr Freund ein Dieb ist. Kommen Sie nur, ich erwarte Sie.«

Nach einer Viertelstunde verließen alle vier das Haus, doch folgten mir nur Pocchini und der Engländer. Da überall Leute waren, führte ich sie bis zum Hyde-Park. Als ich dort stehen blieb, begann Pocchini mir etwas zu sagen. Anstatt ihm zu antworten, erhob ich meinen Stock und rief: »Kanaille, zieh deinen Degen, oder ich bläue dich durch!«

»Niemals werde ich meinen Degen gegen einen Menschen ziehen, der sich nicht mit der gleichen Waffe verteidigen kann.«

Ein Stockhieb war meine Antwort. Anstatt sich zu rächen, erhob der Feigling ein lautes Geschrei und nannte mich einen Provocateur. Der Engländer lachte laut auf, bat mich, ihn zu entschuldigen, nahm meinen Arm und sagte: »Kommen Sie, mein Herr, ich sehe, Sie kannten den Menschen.«

Der Feigling entfernte sich brummend nach der anderen Richtung.

Unterwegs teilte ich dem Offizier die Gründe mit, warum ich ihn als einen Halunken behandelt hatte. Er sagte: »Ich gebe Ihnen zu, daß Sie vollkommen recht getan haben; unglücklicherweise bin ich in eins von seinen Mädchen verliebt.«

Mitten im St.-James-Park bemerkten wir sie, und ich mußte unwillkürlich laut auflachen, als ich Goudar in der Mitte der beiden Fräuleins sah.

»Woher kennen Sie denn diese Schönen?« fragte ich ihn.

»Ihr Vater, der Kapitän, hat mir Schmucksachen verkauft und hat sie mir bei dieser Gelegenheit vorgestellt.«

»Wo haben Sie ihn denn gelassen?« fragte die eine mich.

»Im Hyde-Park, nachdem ich ihm Stockprügel gegeben habe.«

»Da haben Sie sehr recht getan.«

Der junge Engländer war entrüstet, eine solche Äußerung der Billigung aus ihrem Munde zu vernehmen; er zog mich beiseite, gab mir die Hand, schwor mir, ich würde ihn niemals wieder mit diesen Weibern zusammen sehen, und ging.

Eine Laune Goudars, der ich leider nachzugeben schwach genug war, veranlaßte mich, mit den unglücklichen Geschöpfen in einer Schenke vor London zu Mittag zu speisen. Der Wüstling Goudar machte sie gehörig betrunken und veranlaßte sie, in ihrem Zustande tausend Greuel von ihrem angeblichen Vater zu erzählen. Der Halunke wohnte nicht mit ihnen zusammen, aber er machte ihnen nächtliche Besuche und nahm ihnen alles Geld ab, das sie verdienten. Er war ihr Zuführer und veranlaßte sie, ihre Besucher zu bestehlen und die Sache als einen Liebesscherz darzustellen, wenn der Diebstahl entdeckt wurde. Sie gaben ihm die Gegenstände, deren sie sich auf diese Weise bemächtigten, und er sagte ihnen niemals, was er damit machte. Als ich diese nicht ganz freiwillige Beichte hörte, mußte ich lachen, denn ich erinnerte mich, daß Goudar mir gesagt hatte, Kapitän Pocchini habe ihm Schmucksachen verkauft.

Nach diesem schlechten Mittagsmahl ging ich nach Hause, indem ich es Goudar überließ, die Frauenzimmer nach der Stadt zurückzubringen. Am andern Morgen kam er zu mir und erzählte mir: »Als die beiden Mädchen gestern ihre Wohnung betraten, wurden sie verhaftet und sofort ins Gefängnis geführt. Ich komme soeben von Pocchini, aber der Hauswirt hat mit gesagt, er sei seit gestern nicht nach Hause gekommen.«

Der ehrenwerte und gewissenhafte Goudar schloß mit der Bemerkung, es würde ihm leid tun, wenn er den unglücklichen Menschen nicht wiedersähe, denn er wäre ihm zehn Guineen für eine Uhr schuldig, die die Mädchen vielleicht gestohlen hätten und die den doppelten Wert besäße.

Vier Tage darauf sagte er mir, der Gauner habe London mit einer englischen Magd verlassen. »Diese hat er an einem Ort gefunden, wo stets mehrere Hundert versammelt sind, die sich dem ersten Besten vermieten. Der Geschäftsführer verbürgt sich für ihre Ehrlichkeit. Das Mädchen, das er gemietet hat, ist schön, wie mir der Geschäftsführer gesagt hat, und Pocchini ist mit ihr auf der Themse zu Schiff gegangen. Ich bewundere diese Spekulation, aber ich bedauere sehr, daß er abgereist ist, ohne daß ich ihm die Uhr habe bezahlen können, denn ich zittere, weil ich jeden Augenblick dem Herrn begegnen kann, dem sie wahrscheinlich gestohlen worden ist.«

Ich habe niemals erfahren können, was aus den Mädchen geworden ist; Pocchini aber werden wir in einigen Jahren wiederfinden.

Ich führte ein ruhiges und regelmäßiges Leben, woran ich wohl hätte Geschmack finden können, wenn nicht Umstände eingetreten wären, die ohne Zweifel mir vom Schicksal bestimmt waren, gegen das ein Philosoph und Christ niemals murren darf. Jeden Tag besuchte ich entweder meine Tochter in ihrer Pension oder ich verbrachte einige Stunden im Britischen Museum mit dem Doktor Matti. Bei diesem traf ich eines Tages einen anglikanischen Geistlichen, den ich fragte, wieviel verschiedene Sekten es in England gebe.

»Dies, mein Herr,« antwortete mir der Gelehrte in ziemlich gutem Italienisch, »kann kein Mensch genau wissen; denn jeden Sonntag sieht man einige entstehen und vergehen. Es genügt, daß ein gläubiger Mensch oder auch ein Gauner, dem es um Geld oder Ruhm zu tun ist, sich auf einem Platz aufstellt und eine Ansprache an das Publikum hält; sofort umringen ihn einige Neugierige. Er legt irgendeine Bibelstelle auf seine Art aus, und wenn er einigen von den Maulaffen gefällt, laden sie ihn ein, am nächsten Sonntag zu predigen; oft wird als Versammlungsort irgendein Wirtshaus bestimmt. Pünktlich erscheint er und vertritt mit kräftigem Eifer seine Lehre. Man spricht von ihm; er stellt Thesen auf; seine Anhänger vermehren sich, je mehr seine Beredsamkeit wächst; sie legen sich einen Namen bei, und so ist eine Sekte entstanden, die im Anfang der Regierung unbekannt bleibt und dieser erst bekannt wird, wenn sie politischen Einfluß auszuüben beginnt. Auf diese Art sind so ziemlich alle Sekten entstanden, die in so reicher Zahl aus dem Boden unseres Vaterlandes hervorschießen.«

Um jene Zeit war in London der edle Venetianer Steffano Guerra, der mit Erlaubnis der Staatsinquisitoren reiste; er war ein großes Original und kam von seiner Reise dümmer, als er ausgezogen war, in unsere Heimat zurück. Er verlor in London einen Prozeß gegen einen englischen Maler, der auf seine Bestellung das Miniaturporträt einer der schönsten Londoner Damen angefertigt hatte. Guerra hatte sich schriftlich verpflichtet, dem Maler fünfundzwanzig Guineen zu bezahlen. Als das Porträt fertig war, fand Guerra es nicht nach seinem Geschmack, wollte es nicht abnehmen und weigerte sich, die Summe zu bezahlen. Nach Landesbrauch ließ der Engländer ihn zunächst verhaften; der Venetianer ließ jedoch Sicherheit bestellen und brachte den Handel vor den Richter, der ihn verurteilte, die fünfundzwanzig Guineen zu bezahlen. Er legte Berufung ein, verlor abermals und sah sich schließlich zur Zahlung gezwungen. Guerra sagte, er habe ein Porträt bestellt; ein Bild ohne Ähnlichkeit sei kein Porträt; folglich dürfe er nicht zur Zahlung verurteilt werden. Der Maler behauptete, sein Bild sei ein Porträt, denn er habe es nach dem Modell gemacht, das von der Herzogin selbst ihm geliefert worden sei. Der Richter sagte in seinem Urteilsspruch: der Maler müsse von seiner Arbeit leben; da Guerra den Maler habe arbeiten lassen, so müsse er ihm auch seinen Lebensunterhalt geben, denn der Maler schwöre, daß er sein ganzes Talent aufgeboten habe, um die Ähnlichkeit herauszubringen. Ganz England fand diesen Spruch gerecht. Auch ich; aber ich gestehe, daß viele sehr vernünftige Leute ihn für barbarisch ansehen könnten. Zu diesen gehörte auch Guerra, und auch er hatte recht; denn das Porträt, gut oder schlecht, und der Prozeß kosteten ihm mehr als hundert Guineen.

Malingans Tochter starb an den Pocken. Zur selben Zeit erhielt ihr Vater in Bath eine Ohrfeige von einem Lord, der das Pikettspiel liebte, aber nicht die Spieler liebte, die das Glück verbessern. Ich gab dem Unglücklichen das nötige Geld, um seine Tochter zu begraben und die Insel verlassen zu können. Er starb gleich nach seiner Ankunft in Lüttich, und seine Witwe schrieb mir, es habe ihm noch auf dem Totenbette Kummer gemacht, daß er seine Schulden nicht habe bezahlen können.

Herr von F. kam aus Bern als Geschäftsträger seines Kantons. Ich suchte ihn auf, wurde aber nicht vorgelassen. Ich dachte mir, er möchte wohl gewisse Vertraulichkeiten erfahren haben, die ich mir in Bern mit der niedlichen Sarah erlaubt hatte, und wollte mich nicht in die Lage setzen, diese in London zu erneuern. Da der Mann eigentlich ein bißchen verrückt war, so nahm ich sein Benehmen weiter nicht übel und hatte es schon längst vergessen, als eine Laune mich eines Abends in das Marylebone-Theater führte. Als Eintrittsgeld bezahlte man in diesem Theater, wo man an kleinen Tischen sitzen mußte, nur ein Schilling; aber man mußte irgend etwas verzehren, wäre es auch nur ein Krug Bier gewesen.

Zufällig setzte ich mich neben ein junges Mädchen, das ich anfangs gar nicht ansah. Als ich aber nach einigen Minuten mich zu ihr wandte, bemerkte ich ein entzückendes Profil, das mir nicht fremd vorkam; dies schrieb ich jedoch dem Umstand zu, daß die Schönheit dem Menschen, dem ihr göttliches Wesen sich in die Seele eingegraben hat, niemals fremd erscheinen kann. Je länger ich dieses köstliche Profil betrachtete, desto mehr war ich überzeugt, daß ich das schöne Mädchen doch zum ersten Male sehe, obgleich ich auf ihren Lippen ein unbeschreiblich feines Lächeln bemerkte. Als einer ihrer Handschuhe zu Boden fiel, beeilte ich mich, ihn aufzuheben und ihr zu überreichen. Sie dankte mir in sehr gutem Französisch und in sehr gewählten Ausdrücken.

»Madame ist also nicht Engländerin?« sagte ich in ehrerbietigstem Tone zu ihr.

»Nein, mein Herr, ich bin Schweizerin, und Sie kennen mich.«

Ich drehte mich um und sah zu meiner Rechten Frau von F., neben dieser ihre ältere Tochter und weiterhin ihren Gemahl. Ich stand auf, machte der Dame, die ich sehr hoch schätzte, meine Verbeugung und grüßte auch ihren Mann, der mir nur durch ein kaltes Kopfnicken antwortete. Ich fragte die Dame, was wohl ihr Mann gegen mich haben könne, um mich auf solche Weise zu behandeln; sie antwortete mir, Passano habe ihm böse Dinge über mich geschrieben.

Da ich in diesem Augenblick kein Gespräch mit ihm führen konnte, um ihn aufzuklären, so bot ich meine ganze Beredsamkeit auf, um mich vor seiner Tochter zu rechtfertigen, die in den drei Jahren eine so vollendete Schönheit geworden war, daß es mir unmöglich gewesen wäre, sie wiederzuerkennen. Sie wußte es, und ihr Erröten, als ich mit ihr sprach, zeigte mir, daß sie sich noch dessen erinnerte, was in Gegenwart meiner Haushälterin zwischen uns vorgefallen war. Ich wollte gern sofort wissen, ob sie dies zugeben würde, oder ob sie das Recht zu haben glaubte, alles abzuleugnen und das Vergangene auf Rechnung ihrer Unschuld zu setzen. Hätte Sarah dies beabsichtigt, so würde ich sie verachtet haben; denn geistvoll, wie sie war, konnte sie unmöglich ihren Geist dazu benutzen wollen, um ihr Temperament zu besiegen. Sie war, als ich sie in Bern kennen lernte, noch eine Knospe; jetzt sah ich sie als Blume wieder, die um so verführerischer war, da sie sich eben erst entfaltet hatte.

»Reizende Sarah,« sagte ich zu ihr, »Sie haben mich so geblendet, daß ich dem Drange nicht widerstehen kann, zwei Fragen an Sie zu richten, deren Beantwortung für meine Herzensruhe notwendig ist. Sagen Sie mir, ob Sie sich unserer Schäkereien von Bern erinnern?«

»Ja.«

»Sagen Sie mir geschwind, ob Sie böse sind, daß ich mich in diesem Augenblick mit außerordentlichem Vergnügen derselben erinnere?«

»Nein.«

Welcher Verliebter hätte es wohl gewagt, möglicherweise ihr Zartgefühl zu verletzen und die dritte Frage zu stellen. Ich war gewiß, daß Sarah mich glücklich machen würde; ich schmeichelte mir sogar mit der Hoffnung, daß sie selber den Augenblick des Glückes herbeisehnte. So überließ ich mich denn der ganzen Glut meiner Wünsche und beschloß, sie zu überzeugen, daß ich ihre Liebe verdiente.

Da der Kellner in unserer Nähe herumlungerte, bat ich Frau von F. um Erlaubnis, ihr grüne Austern anbieten zu dürfen. Nachdem sie sich anstandshalber ein wenig gesträubt hatte, willigte sie ein, und ich machte mir ihre Erlaubnis zunutze, um alle leckeren Sachen kommen zu lassen, die auf der Speisekarte standen, unter anderm auch einen jungen Hasen, in London eine große Delikatesse, die für gewöhnlich nur auf die Tafel vornehmer Herren kommt, die ihre eigene Jagd besitzen und ein solches Wild nicht gerne hergeben. Champagner und westindische Liköre flossen in Strömen; es gab Lerchen, Krammetsvögel, Trüffeln, eingemachte Früchte. Es war nichts gespart worden, und ich war nicht erstaunt, als der Kellner mir die Rechnung brachte, und ich sah, daß wir für zehn Guineen verzehrt hatten; aber sehr erstaunt war ich, als ich Herrn von F., der ohne ein Wort zu sagen, wie ein Türke gegessen und wie ein Schweizer getrunken hatte, mit einem Eifer, wie wenn er die Sparsamkeit erfunden hätte, schimpfen hörte, es sei zu teuer.

Ich bat ihn freundlich, sich zu mäßigen, und bezahlte. Um ihm zu zeigen, daß ich seine Meinung nicht teilte, gab ich eine halbe Guinee Trinkgeld dem Kellner, der nur zu wünschen schien, daß er öfters ein solches unverhofftes Glück hätte. Mein ehrenwerter Schweizer, der vor einer Stunde blaß und ernst gewesen war, strahlte in rötlichem Glänze und war höchst liebenswürdig geworden. Sarah warf einen Blick auf ihn und drückte mir die Hand. Ich triumphierte.

Nach der Vorstellung fragte Herr von F. mich, ob ich ihm wohl erlauben wollte, mir seinen Besuch zu machen. Ohne ihm ein Wort zu erwidern, umarmte ich ihn. Es regnete in Strömen, und sein Bedienter kam und sagte ihm, es sei kein Fiaker da, man müsse daher warten. Ich war ein wenig überrascht, daß ein Mann seines Ranges mit seiner ganzen Familie an einen solchen Ort kam, ohne sich seines Wagens zu bedienen. Sofort bat ich ihn, den meinigen zu benutzen, indem ich zugleich meinem Neger befahl, mir einen Tragstuhl zu holen.

»Ich nehme mit Vergnügen an,« sagt Herr von F. zu mir, »aber unter der Bedingung, daß ich die Sänfte benütze.«

Ich mußte nachgeben und fuhr daher in meinem Wagen mit der Mutter und ihren beiden Töchtern.

Unterwegs sagte Frau von F. mir die größten Freundlichkeiten, indem sie zugleich, allerdings in milden Ausdrücken, die Unhöflichkeiten ihres Gatten mißbilligte, über die ich mich zu beklagen hatte. Ich sagte ihr, ich würde mich dafür rächen, indem ich in Zukunft ihr recht fleißig den Hof machen würde. Sie durchbohrte mir das Herz, als sie mir antwortete, ihre Abreise stehe nahe bevor. »Wir wollten übermorgen abreisen und müssen schon morgen unsere Wohnung räumen, da die neuen Mieter übermorgen einziehen wollen. Ein Geschäft, das mein Mann nicht hat zu Ende bringen können, nötigt uns, noch etwa acht Tage hier zu bleiben; wir werden uns also morgen in der doppelten Verlegenheit befinden, aus unserer Wohnung ausziehen und irgendwo eine neue Wohnung finden zu müssen.«

»Sie haben also noch keine Wohnung?«

»Nein; aber mein Mann glaubt morgen früh ganz bestimmt eine zu bekommen.«

»Wahrscheinlich eine möblierte; denn da Sie abreisen wollen, werden Sie wohl Ihre Möbel verkauft haben.«

»Jawohl, denn wir müssen sie auf unsere Kosten dem Käufer bringen lassen.«

Als ich hörte, daß Herr von F. einer Wohnung sicher sei, glaubte ich die meinige nicht anbieten zu dürfen; ich befürchtete nämlich, die Dame könnte glauben, daß ich sie nur darum anböte, weil ich sicher wäre, sie würde nicht angenommen werden.

Als wir vor ihrem Hause angekommen waren, stiegen wir aus, und die Mutter bat mich, hereinzukommen. Sie wohnte mit ihrem Mann im zweiten Stockwerk, und die beiden Mädchen hatten das dritte für sich. In der Wohnung stand alles drunter und drüber, und da Frau von F. mit der Wirtin zu sprechen hatte, bat sie mich zu ihren Töchtern zu gehen.

Es war kalt, und wir fanden ein Zimmer ohne Feuer. Die Schwester ging in das Nebenzimmer, und so blieb ich mit Sarah allein. Ohne jede besondere Absicht schloß ich sie in meine Arme; als ich aber an der Glut ihrer Küsse merkte, daß sie meine Wünsche erwiderte, sank ich mit ihr auf das Kanapee, worauf wir saßen, und ohne auch nur einen Augenblick über dieses erste Geschenk, das uns die Liebe machte, nachdenken zu können, kosteten wir die höchste Wollust, indem wir ineinander verschmolzen. Aber dieses Glück dauerte kaum einen Augenblick; schnell wie der Blitz war es vorbei; denn kaum war das Werk vollzogen, so hörten wir jemanden die Treppe hinaufkommen. Es war der Vater. Indessen – es war vollbracht.

Hätte Herr F. Augen im Kopf gehabt, so würde er ganz gewiß entdeckt haben, was wir getan hatten; denn mein Gesicht mußte eine Verwirrung verraten, deren Art man sich leicht denken kann.

Nachdem ich eine Flut von Komplimenten über mich hatte ergehen lassen müssen, die in diesem Augenblick langweiliger waren denn je, schüttelte ich ihm die Hand und verschwand wie ein Schatten. Als ich in meiner Wohnung ankam, befand ich mich in einer solchen Aufregung, daß ich den Beschluß faßte, England zu verlassen und Sarah in ihre Heimat zu folgen. Die ganze Nacht hindurch überlegte ich reiflich alle Anordnungen, die ich für diese Reise zu treffen hatte. Ich beschloß, der Familie für die Zeit, die wir noch in London bleiben würden, meine Wohnung anzubieten, und mein Anerbieten nötigenfalls so dringlich zu machen, daß sie es nicht ablehnen könnten.

In aller Frühe eilte ich zu Herrn von F., dem ich auf seiner Schwelle begegnete. Er sagte zu mir: »Ich will versuchen, ein paar Zimmer zu finden, worin wir etwa eine Woche hausen können.«

»Die Zimmer sind gefunden; meine Wohnung ist groß, und ich verlange, daß Sie mir den Vorzug geben. Gehen wir ins Haus!«

»Meine ganze Familie liegt noch zu Bett.«

»Kommen Sie nur herein.«

Wir gingen ins Haus. Frau von F. machte wortreiche Entschuldigungen. Als ihr Gemahl ihr sagte, ich wolle ihm eine Wohnung vermieten, lachte ich und rief, ich verlangte, daß er eine Wohnung annähme, die ihm freundschaftlich angeboten würde. Nachdem er viele Umstände gemacht hatte, nahm er endlich an, und wir vereinbarten, daß die ganze Familie schon am Abend einziehen solle.

Ich ging nach Hause, um die notwendigen Anordnungen zu treffen. Während ich damit beschäftigt war, meldete man mir zwei junge Damen. Da ich sie nicht empfangen wollte, ging ich selber an die Tür, um mich zu entschuldigen. Zu meiner angenehmsten Überraschung aber sah ich Sarah und ihre Schwester. Sofort ließ ich sie eintreten. Sarah sagte mir mit bescheidenen Worten, ihre Hauswirtin wolle nicht erlauben, daß die Möbel fortgeschafft würden, bevor sie vierzig Guineen erhalten hätte, die ihr Vater ihr schuldig wäre. Sie weigerte sich, obgleich ein Geschäftsmann aus der City ihr versichert hätte, daß der Betrag im Laufe der Woche bezahlt werden würde. Ihr Vater schicke mir nun eine Anweisung, die auf den Inhaber lautete, und lasse mich bitten, ob ich ihm diesen Dienst erweisen könne.

Ich nahm die Anweisung und gab ihr eine Banknote von fünfzig Pfund Sterling, indem ich ihr sagte, sie könne mir den Rest herausgeben. Sie dankte mir ohne allen Überschwang und ging. Ich war entzückt, daß sie solches Vertrauen zu mir gehabt hatte.

Das augenblickliche Bedürfnis, sich vierzig Guineen zu verschaffen, schien mir noch kein Beweis zu sein, daß Herr von F. sich in Bedrängnis befände. Ich sah in meiner damaligen Stimmung alles in dem schönsten Licht und wünschte mir Glück, daß ich ihm hatte nützlich sein können, indem ich ihm dadurch bewies, daß er unrecht getan hatte, mich so geringschätzig zu behandeln.

Ich nahm nur ein leichtes Mittagessen zu mir, um desto angenehmer mit meinem helvetischen Engel zu Abend speisen zu können, und brachte den Nachmittag damit zu, mehrere Briefe zu schreiben. Gegen Abend kam der Bediente des Herrn von F. mit drei großen Koffern und vielen Schachteln und sagte mir, die Familie werde bald kommen; vergebens wartete ich jedoch bis neun Uhr. Unruhig über diese Verzögerung, begab ich mich zu Herrn von F. und fand dort alle in der größten Bestürzung. Der Anblick von zwei ziemlich übel aussehenden Männern, die sich im Zimmer befanden, ließ mich erraten, was wohl vorgegangen sein mochte. Mit lachendem Gesicht rief ich aus: »Ich wette, irgendein ungebärdiger Gläubiger bereitet Ihnen diese Verlegenheit!«

»Das ist wahr,« sagte der Vater; »aber ich bin sicher, in fünf oder sechs Tagen meine Schuld begleichen zu können; aus diesem Grunde habe ich meine Abreise aufgeschoben.«

»Man hat Sie also verhaftet, nachdem Sie mir Ihren Koffer geschickt hatten?«

»Einen Augenblick nachher.«

»Was haben Sie seitdem getan?«

»Ich habe um Bürgen schicken lassen.«

»Und warum haben Sie nicht zu mir geschickt?«

»Ich bin Ihnen dankbar, mein großmütiger Freund; aber Sie sind Ausländer, und man nimmt nur Hausbesitzer als Bürgen an.«

»Sie hätten mir auf alle Fälle immerhin Bescheid geben sollen; denn ich habe Ihnen ein ausgezeichnetes Abendessen zurecht machen lassen, und ich sterbe vor Hunger.«

Da die Schuld meine Mittel übersteigen konnte, so wollte ich mich nicht zu weit vorwagen. Ich nahm Sarah beiseite und erfuhr von ihr, daß dieser ganze Wirrwarr um eine Schuld von hundertundfünfzig Pfund Sterling stattfand. Infolgedessen ließ ich den Inhaber des Haftbefehls fragen, ob wir nach unserem Belieben zum Essen gehen könnten, wenn dieser Betrag bezahlt wäre.

»Selbstverständlich!« ließ er mir antworten; zugleich zeigte er mir den Wechsel.

Ich nahm drei Banknoten von fünfzig Pfund aus meiner Brieftasche, gab sie dem Gerichtsvollzieher, nahm dafür den Wechsel und sagte zu dem betrübten armen Herrn von F.: »Sie können den Betrag an mich bezahlen, bevor Sie England verlassen.«

Hierauf umarmte ich die ganze Familie, die vor Freuden weinte, und rief: »Nun zu Tisch und weg mit den Sorgen des Lebens!«

Wir fuhren zu mir und speisten heiter und vergnügt. Nur die brave Mutter konnte ihre Traurigkeit nicht überwinden.

Nach dem Abendessen führte ich sie alle in die Zimmer, die ich für sie hatte zurecht machen lassen und von denen sie entzückt waren; ich wünschte ihnen wohl zu ruhen und sagte ihnen, ich würde sie bis zu ihrer Abreise aufs beste bewirten und hoffte, sie nach der Schweiz begleiten zu können.

Nach dem Erwachen warf ich einen Blick auf meinen körperlichen und seelischen Zustand und fand mich glücklich. Meine Empfindungen waren derart, daß es mir unmöglich gewesen wäre, sie zu beherrschen; aber daran dachte ich auch gar nicht. Eine starke Empfindsamkeit, die ich als reinen Ausfluß meiner Seele erkannte, machte mich damals, wie noch jetzt, sehr nachsichtig gegen eine Sinnlichkeit, deren Opfer ich oft gewesen bin. Ich liebte Sarah und war so sicher, ihr Herz zu besitzen, daß ich alle Begierden weit von mir wies. Begierden entstehen aus den Bedürfnissen und sind lästig, weil sie unzertrennlich vom Zweifel sind, und Zweifel ist eine Folter für den Geist. Sarah war mein; sie hatte sich in reiner Hingebung mir geschenkt, als kein Schatten von Eigennutz die Quelle ihrer Leidenschaft verdächtig machen konnte.

Ich ging zu dem Vater hinauf, den ich damit beschäftigt fand, seine Koffer zu öffnen. Da ich die Mutter traurig sah, so fragte ich sie, ob sie sich wohl befinde. Sie antwortete mir, ihre Gesundheit sei ausgezeichnet, aber sie habe große Furcht vor dem Meere, und der Gedanke, daß sie binnen kurzem sich einschiffen solle, mache sie unglücklich. Der Vater bat mich, ihn zu entschuldigen, daß er nicht zum Frühstück bleiben könne; er müsse wegen einiger Geschäfte ausgehen. Nachdem die beiden jungen Damen heruntergekommen waren, frühstückten wir, und ich fragte die Mutter, warum sie ihre Koffer auspackte, da wir doch so bald schon abreisen sollten. Sie antwortete mir lächelnd, ein einziger Koffer würde bald genügen, um alle Sachen der ganzen Familie aufzunehmen; denn sie wäre entschlossen, alles überflüssige zu verkaufen. Da ich prachtvolle Kleider, sehr schöne Wäsche und kostbare Spitzen sah, so konnte ich mich nicht enthalten, ihr zu sagen, es würde sehr schade sein, um einen jämmerlichen Preis Gegenstände zu veräußern, die sie sehr teuer wieder ersetzen müßten.

»Sie haben vollkommen recht; aber obgleich alle diese Sachen sehr schön sind, so ist doch die Befriedigung, seine Schulden zu bezahlen, noch viel schöner.«

»Sie dürfen nichts verkaufen!« rief ich lebhaft; »denn da ich mich entschlossen habe, mit Ihnen nach der Schweiz zu reisen, so werde ich Ihre Schulden bezahlen, und Sie werden mir das Geld zurückgeben, sobald Sie dazu imstande sind.«

Zu diesen Worten machten alle drei sehr erstaunte Gesichter. »Ich glaubte nicht,« sagte die Mutter, »daß Sie im Ernst gesprochen hätten.«

»In vollem Ernst, Madame, und dies ist der Gegenstand meiner Wünsche.«

Zugleich ergriff ich Sarahs Hand und bedeckte sie mit Küssen.

Sarah errötete und sagte nichts; die Mutter sah uns mit gütigem Blick an, aber nach einem kurzen Schweigen richtete sie an mich eine lange Rede voller Aufrichtigkeit und Vernunft. Sie schilderte mir ausführlich die Lage ihrer Familie und die Geringfügigkeit der Mittel ihres Gatten, den sie damit entschuldigte, daß er in London hätte Schulden machen müssen, um auf eine bescheidene und doch anständige Weise dort leben zu können; sie tadelte jedoch, daß er seine ganze Familie mitgenommen hätte. »Er hätte allein hier leben können und würde dann nur einen Bedienten gebraucht haben; für die ganze Familie aber waren die zweitausend Taler, die die Berner Regierung ihm jährlich gab, durchaus ungenügend. Mein alter Vater hat durch seinen Einfluß die Regierung bewogen, die Schulden zu bezahlen, die mein Mann hier gemacht hat; zugleich aber hat sie beschlossen, hier keinen Geschäftsträger mehr zu halten, um auf diese Weise die Extraausgaben wieder zu decken; ein gewöhnlicher Bankier, der den Titel Agent erhält, wird genügen, um die Zinsen der Kapitalien einzuziehen, die die Republik in England besitzt. Ich schätze Sarah glücklich, daß es ihr gelungen ist, Ihnen zu gefallen, doch bin ich nicht sicher, daß mein Mann seine Einwilligung zu dieser Heirat geben wird.«

Beim Wort Heirat, das mir selber ganz unerwartet kam, sah ich Sarah erröten. Dies gefiel mir, aber ich sah voraus, daß es Schwierigkeiten geben würde.

Herr von F. kam zurück und sagte seiner Frau, im Laufe des Nachmittage würden zwei Trödler kommen, um die Sachen zu kaufen. Als ich ihm jedoch meinen Plan mitteilte, sie nach der Schweiz zu begleiten, überzeugte ich ihn mit ziemlich leichter Mühe, daß es besser wäre, alle seine Sachen zu behalten und von mir zweihundert Guineen als Darlehen anzunehmen, für die er mir Zinsen zahlen würde, bis er sie zurückgeben könnte. Wir schlossen sofort einen Vertrag in aller Form. Von der Heirat sprachen wir nicht, da seine Frau mir gesagt hatte, sie würde unter vier Augen mit ihm reden.

Am dritten Tage kam er allein zu mir, um mit mir über die Angelegenheit zu sprechen. »Meine Gemahlin,« sagte er, »hat mir Mitteilung von Ihren für mich ehrenvollen Absichten gemacht; ich kann Ihnen jedoch meine Sarah nicht geben, denn vor meiner Abreise von Bern habe ich sie Herrn von W. versprochen, und Familieninteressen verbieten es mir, mein Wort zurückzunehmen. Außerdem würde mein alter Vater niemals seine Einwilligung geben, da nach seinen strengen Ansichten bei einer solchen Verbindung der Religionsunterschied keine Sicherheit für das Glück seiner Lieblingsenkelin geben würde.«

Im Grunde war diese Erklärung mir nicht unangenehm, denn trotz meiner Liebe zu Sarah erschreckte mich das Wort Heirat. Ich antwortete ihm, Zeit und Umstände könnten sich ändern, inzwischen würde es mir genügen, wenn er mir seine ganze Freundschaft schenkte und es mir allein überließe, alle Vorbereitungen für die bevorstehende Reise zu treffen. Er versprach mir alles und versicherte mir, er sei entzückt, daß seine Tochter verstanden habe, meine Neigung zu gewinnen.

Nach dieser Auseinandersetzung gab ich Sarah in Gegenwart ihrer Eltern alle Beweise von Zärtlichkeit, die der Anstand mir erlaubte, und alles sprach dafür, daß das junge Mädchen mich innig liebte.

Am fünften Tage ging ich in ihr Zimmer, und da ich sie noch im Bett fand, bemächtigte sich meiner die ganze Glut der Wollust; denn seit jenem Augenblick, da ich mich so schnell ihres Einverständnisses versichert hatte, war ich nicht mehr mit ihr allein zusammen gewesen. Ich stürzte mich auf sie und bedeckte sie mit Küssen; sie zeigte sich zärtlich, aber zurückhaltend. Meine Glut stieg, ich wollte sie löschen; aber vergeblich: sie setzte mir einen sanften Widerstand entgegen und verhinderte mich, ans Ziel zu gelangen, obgleich sie meine Liebkosungen erwiderte.

»Warum, göttliche Sarah, widersetzen Sie sich den Ausbrüchen meiner Zärtlichkeit?«

»Ich bitte Sie, mein süßer Freund, verlangen Sie von mir nichts weiter, als was ich Ihnen bewillige.«

»Sie lieben mich also nicht mehr?«

»Undankbarer! Ich bete Sie an.«

»Aber warum denn jetzt diese Weigerung, nachdem Sie sich doch ganz und gar mir schon hingegeben haben?«

»Ich habe mich Ihnen hingegeben, und ich bin glücklich, daß ich es tat; ich habe Sie ebenso glücklich gesehen wie mich, und dies, mein lieber Freund, muß uns genügen.«

»Es ist unmöglich, daß diese Veränderung nicht irgendeinen Grund hat. Wenn Sie mich lieben, teure Sarah, muß dieser Verzicht Ihnen schwer werden.«

»Ich gestehe es, zärtlicher Freund; aber ich muß mich mit dieser schmerzlichen Entsagung abfinden. Nicht eine Schwäche zwingt mich, meine Leidenschaft zu bekämpfen, sondern nur die Pflicht, die ich gegen mich selber habe. Ich habe gegen Sie Verpflichtungen, und ich würde mich in meinen eigenen Augen erniedrigen, wenn ich mit meiner Person dafür einstehen wollte. Als ich mich Ihnen hingab, und Sie sich mir hingaben, da herrschte vollige Gleichheit zwischen uns; wir standen nicht im Verhältnis von Gläubiger und Schuldner zueinander. Durch die Verpflichtungen, die ich eingegangen bin, ist mein Herz jetzt in Knechtschaft geraten, und es sträubt sich gegen Opfer, die es der Liebe so gern darbrachte.«

»Was für eine seltsame Metaphysik, meine liebe Sarah! Eine solche Philosophie täuscht Sie und ist ihre Feindin so gut wie die meinige. Sie überlassen sich Sophismen, die Sie betrügen und mir das Herz zerreißen. Erkennen Sie doch ein bißchen mein Zartgefühl an und beruhigen Sie sich; denn, mein Engel, Sie schulden mir nichts!«

»Geben Sie zu, daß Sie für meinen Vater nichts getan haben würden, wenn Sie mich nicht liebten.«

»Das werde ich ganz gewiß nicht zugeben, denn die Achtung, die Ihre würdige Mutter mir eingeflößt hat, hätte mich mit Leichtigkeit veranlaßt, für Ihre Eltern zu tun, was ich getan habe, und vielleicht noch mehr. Es ist sogar möglich, daß ich überhaupt gar nicht an Sie gedacht habe, indem ich Ihrem Vater diesen kleinen Dienst erwies.«

»Das kann wohl sein, denn Sie sind überhaupt hilfsbereit; aber ich kann mich nicht enthalten, das Gegenteil zu glauben. Verzeihen Sie mir, lieber Freund; aber ich kann mich nicht entschließen, auf Kosten meines Herzens derartige Schulden zu bezahlen.«

»Mir scheint, das Gefühl müßte im Gegenteil Ihre Liebe noch heißer machen.«

»Sie kann nicht heißer sein, als sie gewesen ist.«

»Ich bin recht unglücklich; so soll ich also für das, was ich getan habe, die grausamste Strafe erleiden? Sie fühlen doch, liebe Sarah, daß Sie mich bestrafen?«

»Ach, vielleicht bestrafe ich mich selber! Aber ersparen Sie mir diesen grausamen Vorwurf und erhalten Sie mir unvermindert Ihre Zärtlichkeit. Wir wollen uns auch in Zukunft lieben!«

Dieses Gespräch ist nicht der hundertste Teil von der Unterhaltung, die wir bis zum Mittagessen miteinander führten. Schließlich kam die Mutter; als sie mich am Fußende des Bettes sitzen sah, fragte sie mich lachend, warum ich ihre Tochter nicht aufstehen lasse. Ich antwortete ihr mit heiterem und vollkommen ruhigem Gesicht: eine für uns sehr interessante Unterhaltung habe uns wirklich nicht bemerken lassen, daß es schon so spät sei.

Ich verließ sie, um mich anzukleiden. Indem ich über die erstaunliche Veränderung nachdachte, die sich in dem reizenden Geschöpf vollzogen hatte, glaubte ich darauf rechnen zu dürfen, daß ihr Entschluß nicht von langer Dauer sein werde. Ein solcher Glaube war für mich eine Notwendigkeit, denn sonst hätte ich nicht die Kraft gehabt, auf ihre Laune einzugehen, die mir eigentlich ziemlich romanhaft erschien.

Wir speisten sehr fröhlich zu Mittag, und Sarah und ich bekundeten ganz offen vor ihren Eltern in allen Bemerkungen unsere gegenseitige Liebe und eine innige Zuneigung. Am Abend führte ich sie in die italienische Oper; hierauf verzehrten wir ein ausgezeichnetes Abendessen und gingen dann in vollkommener Eintracht zu Bett.

Den ganzen nächsten Morgen verbrachte ich in der City, um mit den Bankiers abzurechnen, bei denen ich noch Geld ausstehen hatte. Ich nahm Wechsel auf Genf, denn meine Abreise war beschlossene Sache; ich glaubte nur noch fünf oder sechs Tage in London bleiben zu müssen und nahm herzlichen Abschied von dem braven Herrn Bosanquet. Am Nachmittag besorgte ich einen Wagen für Frau von F., die ihre Abschiedsbesuche machen wollte; ich selber fuhr in der gleichen Absicht nach der Pension meiner Tochter hinaus. Die liebe Kleine zerfloß in Tränen; sie sagte mir, sie verliere alles, und bat mich, sie nicht zu vergessen. Ich war tief gerührt. Auf Sophiens Bitten entschloß ich mich, vor meiner Abreise ihrer Mutter noch einen Besuch zu machen.

Beim Abendessen sprachen wir von unserer Reise. Ich sollte für alles sorgen, und Herr von F. gab mir zu, daß wir statt über Ostende besser über Dünkirchen reisen würden. Er hatte nur noch einige unbedeutende Geschäfte zu erledigen und sagte mir, er könne nach Bezahlung seiner Schulden und der Reisekosten darauf rechnen, mit etwa fünfzig Guineen in Bern anzukommen. Er wollte zwei Drittel von allen Reisekosten bezahlen; ich hatte mich damit einverstanden erklären müssen, obgleich ich fest entschlossen war, ihm niemals Rechnung abzulegen. Ich hoffte, daß es mir in Bern auf irgend eine Weise gelingen würde, Sarah zur Frau zu erhalten.

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück, als ihr Vater ausgegangen war, ergriff ich in Gegenwart ihrer Mutter ihre Hand und fragte sie im Ton der innigsten Liebe, ob ich sicher sein könnte, daß sie mir ihr Herz schenken würde, wenn es mir in Bern gelänge, die Einwilligung ihres Vaters zu erhalten. Ihre Mama war so gütig, mir zu versprechen, daß ich auf ihre Einwilligung bestimmt rechnen könne, sobald ich die ihres Gatten erhalten habe.

Bevor Sarah antworten konnte, stand die Mutter auf und sagte uns auf das freundlichste: »Ihre Auseinandersetzungen könnten vielleicht lange dauern; ich will Sie daher bis zum Mittag allein lassen.« Sie ging hinaus und nahm ihre ältere Tochter mit, um Besuche zu machen.

Als wir allein waren, sagte Sarah mir im zärtlichsten Tone: »Ich kann nicht begreifen, daß Sie an meiner Zustimmung zu unserer Verbindung zweifeln, die doch mein innigster Wunsch ist. Ich habe Ihnen meine Liebe bewiesen, lieber Freund, und ich bin überzeugt, ich werde vollkommen glücklich sein, wenn ich Ihre Frau werde. Sie können sich darauf verlassen, daß ich keinen anderen Willen haben werde als den Ihrigen, und wohin ich auch Ihnen folgen muß, in der Schweiz ist nichts, was ich mit Bedauern zu verlassen brauchte.«

Diese sanften Worte rührten mir Herz und Seele; ich drückte die liebende Sarah an meine Brust und sah, daß sie mein Entzücken teilte; aber sie beschwor mich, mich zu mäßigen, als sie sah, daß ich mich anschickte, ihr meine Liebe ohne Rückhalt zu beweisen. Sie umklammerte mich mit ihren Armen und flehte mich an, nichts von ihr zu verlangen; denn sie sei entschlossen, mir nichts mehr zu bewilligen, bevor sie mir in rechtmäßiger Ehe angehören würde.

»Wie? Sie wollen mich zur Verzweiflung bringen? Haben Sie auch bedacht, Sarah, daß Ihr Widerstand mir das Leben kosten kann? Ist es möglich, daß Sie mich lieben und doch nicht das traurige Vorurteil verabscheuen, das Sie unserer gegenseitigen Liebe entgegensetzen? Ich kann doch weder an Ihrer Liebe zu mir noch an Ihrer Neigung zu den Freuden der Wollust zweifeln!«

»Ja, mein lieber zärtlicher Freund, ich bete Sie an und würde mich gern mit Ihnen allen Wonnen hingeben; aber Sie müssen mich schonen und Rücksicht auf mein Zartgefühl nehmen.«

Als sie aber Tränen in meinen Augen sah, ging ihr dies so zu Herzen, daß sie ohnmächtig wurde. Ich fing sie in meinen Armen auf und legte sie sanft auf ein Bett, das dicht daneben stand. Sie verlor nicht vollständig die Besinnung, aber ihre Blässe beunruhigte mich. Ich hielt ihr Riechsalz unter die Nase und rieb ihre Schläfen mit Savoyer Tropfen, die ich bei mir trug. Bald schlug sie die Augen wieder auf, reichte mir ihren Mund zum Kuß und schien glücklich zu sein über die Ruhe meiner Sinne, die ihr durch meinen zärtlichen Kuß bestätigt wurde. Der Gedanke, mir ihre Lage zunutze zu machen, würde mich mit Abscheu erfüllt haben.

Sie richtete sich auf und sagte: »Jetzt haben Sie mich von der Aufrichtigkeit Ihrer Gefühle überzeugt.«

»Hättest du glauben können, göttliche Freundin, daß ich so niedrig sein könnte, deine Ohnmacht zu mißbrauchen? Wäre es für mich ein Genuß, wenn du ihn nicht teiltest?«

»Ich glaube es nicht; aber ich würde mich Ihnen nicht widersetzt haben. Doch ist es wohl möglich, daß ich Sie dann nicht mehr geliebt haben würde.«

»Sarah, Sie üben, ohne es zu wissen, einen Zauber über mich aus, der mich zugrunde richtet!«

Nach diesen Worten setzte ich mich traurig an das Kopfende ihres Bettes und überließ mich den trübsten Gedanken. Sarah erriet vielleicht, was in mir vorging, und suchte mich nicht davon abzulenken.

Ihre Mutter kam nach Hause und fragte sie, warum sie zu Bett liege; aber in ihrer Frage lag kein Verdacht, der übrigens durch meine Stellung neben dem Bett und meine traurige Miene vollkommen widerlegt worden wäre. Sarah sagte ihr die Wahrheit.

Gleich darauf kam Herr von F. nach Hause, und wir aßen zu Mittag; aber es war eine stille Mahlzeit. Was mir widerfahren war und was ich von diesem Mädchen mit reinem Herzen und glühender Leidenschaft hatte hören müssen, hatte mich in eine ganz niedergeschlagene Stimmung versetzt. Ich sah klar und deutlich, daß ich nichts mehr zu hoffen hatte, und da ich mein Temperament kannte, so fühlte ich, daß ich an mich selber denken mußte. Erst vor sechs Wochen hatte Gott mir geholfen, mich aus den Fesseln einer Charpillon zu befreien, deren niederträchtigen Charakter ich kannte, und nun sah ich mich in Gefahr, in leidenschaftlicher Liebe zu einem Engel zu entbrennen, dessen Tugenden ich nicht verkennen konnte. Die Gefahr war tausendmal größer; – da ich nun einmal keine Aussicht hatte, sie als Ehegattin zu erhalten, so mußte ich fürchten, meine Vernunft oder gar mein Leben zu verlieren. Daran wäre sie schuld gewesen, und ich hätte nicht einmal den traurigen Trost gehabt, mich über sie beklagen zu können.

Dies sind etwa die Betrachtungen, die ich während Sarahs Ohnmacht angestellt hatte; diese Gedanken mußten erst ausreifen.

In der City fand ein Verkauf kostbarer Gegenstände in Gestalt einer Lotterie statt. Sarah hatte die Anzeige gelesen, und ich lud sie nebst ihrer Schwester und Mutter ein, mit mir hinzufahren. Es kostete mir keine Mühe, ihre Zustimmung zu erlangen. Wir fanden dort viele vornehme Personen, unter anderen die Gräfin Harrington, Lady Emilie Stanhope und ihre Tochter. Die Mutter hatte damals eine eigentümliche Geschichte auf dem Halse: sie ließ durch Polizeikommissäre in ihrem Hause Nachforschungen anstellen, um den Dieb von sechstausend Pfund Sterling zu entdecken, die man ihrem Manne gestohlen hatte, während in London kein Mensch daran zweifelte, daß sie selber diese Summe auf die Seite gebracht hatte.

Frau von F. spielte nicht, aber sie hatte nichts dagegen, daß ihre Töchter einige Lose von mir annahmen. Sie waren glücklich, denn sie erhielten für zehn oder zwölf Guineen Gegenstände im Werte von mehr als sechzig.

Da ich mich mit jedem Tage mehr in Sarah verliebte, aber überzeugt war, daß ich nur noch sehr unbedeutende Gunstbezeigungen von ihr erlangen würde, so glaubte ich eine Erklärung nicht mehr hinausschieben zu dürfen. Ich sagte ihnen nach dem Abendessen, während wir noch bei Tische saßen: da ich nicht sicher wäre, daß die entzückende Sarah mein Weib werden könnte, so hätte ich mich entschlossen, meine Reise nach Bern noch aufzuschieben. Der Vater billigte meinen Entschluß und sagte mir, ich könnte mit seiner Tochter einen Briefwechsel unterhalten. Sarah wußte sich zu beherrschen und schien mit dieser Anordnung einverstanden zu sein; aber es war leicht zu sehen, daß sie sich Gewalt antat.

Ich verbrachte eine grausame Nacht. Zum ersten Male in meinem Leben sah ich mich geliebt und doch unglücklich wegen einer Laune seltsamster Art. Ich erwog noch einmal die Gründe, die Sarah mir angeführt hatte, und da ich sie nicht triftig finden konnte, so zog ich den Schluß, daß meine Liebkosungen ihr nicht gefallen hätten.

Während der letzten drei Tage befand ich mich mehrere Male mit ihr unter vier Augen; aber ich mäßigte stets die Erregung, in die ihre Gegenwart mich versetzte; sie ihrerseits erwies mir tausend anständige Liebkosungen, die ich als bedeutsame Gunstbeweise hätte ansehen können, wenn ich nicht eben den höchsten Gunstbeweis schon erhalten hätte. Ich machte dadurch eine Erfahrung, die ich noch nicht kannte und die ich nicht für möglich gehalten hätte, weil ich bis jetzt stets das Gegenteil erfahren hatte: nämlich daß Enthaltsamkeit, die im allgemeinen eine Liebe nur noch mehr anstachelt, zuweilen auch die entgegengesetzte Wirkung hervorbringt. Sarah würde mir mit der Zeit noch völlig gleichgültig geworden sein; denn ich hätte sie niemals meiner Freundschaft unwert finden können. Ein ganz anderer Charakter dagegen, eine Charpillon, die mich betrog und mich wütend machte, eine kokette Freudendirne, die immer Hoffnungen zu erregen weiß und niemals sich finden läßt, – eine solche bringt einen Mann durch Erregung zur Verzweiflung und flößt ihm schließlich durch die Enttäuschung Verachtung und oft Haß ein.

Die Familie reiste nach Ostende ab, und ich begleitete sie bis zur Themsemündung. Ich gab Sarah einen Brief für Frau von W., dies war die gelehrte Hedwig, die sie nicht kannte. Zwei Jahre später wurde Sarah ihre Schwägerin, indem sie einen Bruder des Herrn von W. heiratete, mit dem sie glücklich wurde.

Wenn ich heute mich nach meinen alten Bekannten erkundige, höre ich die Nachrichten aufmerksam, ja sogar mit Vergnügen an; aber die Teilnahme, die sie in mir erregen, ist geringer als mein Interesse an einer weltgeschichtlichen Begebenheit, an einer Anekdote, die vor fünf oder sechs Jahrhunderten vorgefallen ist und bis dahin allen Gelehrten unbekannt war. Wir empfinden für unsere Zeitgenossen, ja sogar für gewisse Teilnehmer an den tollen Streichen unserer Vergangenheit eine Art von Verachtung oder zum mindesten eine Gleichgültigkeit, die vielleicht der Verachtung entspringt, die wir ingewissen Augenblicken vor uns selber haben.

Vor vier Jahren schrieb ich nach Hamburg an Madame G. Mein Brief begann mit den Worten: »Nach einem neunundzwanzigjährigen Schweigen –« Sie würdigte mich keiner Antwort und ich nahm ihr dies nicht übel. Ich denke, wir Menschen machen uns gar nichts auseinander, und das ist vollkommen natürlich.

Wenn der Leser erfährt, wer diese Frau G. ist, so wird er lachen, und mit Recht. Vor zwei Jahren war ich schon unterwegs nach Hamburg. Was wollte ich dort? Mein guter Genius führte mich nach Dux zurück.

Nach der Abreise meiner Gäste empfand ich eine Leere und ein Gefühl von Traurigkeit. Ich ging in die Oper im Covent-Garden und fand dort Goudar, der mich fragte, ob ich in das Konzert der Sartori gehen wolle. Ich würde dort eine junge Engländerin sehen, die ein wahres Juwel wäre und italienisch spräche.

Da ich eben erst Sarah verloren hatte, fühlte ich mich nicht in der Stimmung, so bald eine neue Bekanntschaft zu machen; aber ich war neugierig, dies Wunder zu sehen. Ich folgte meiner Laune und fand nur Langeweile. Darüber freute ich mich. Und doch war die junge Engländerin hübsch. Ein junger Livländer, der sich Baron von Stenau nennen ließ und ein sehr angenehmes Gesicht hatte, schien sehr verliebt in sie zu sein. Als sie nach dem Abendessen uns Eintrittskarten für ein neues Konzert anbot, nahm ich eine für mich und eine für Goudar und gab ihr zwei Guineen; der livländische Baron nahm aber gleich fünfzig und gab ihr für den Betrag eine Fünfzig-Pfund-Note. Ich sah daran, daß er sie im Sturm erobern wollte, und dies gefiel mir. Ich hielt ihn für reich, ohne mir jedoch Mühe zu geben, mich davon zu überzeugen. Er kam mir freundlich entgegen, und wir wurden Freunde. Bald werde ich erzählen, welche Folgen diese verhängnisvolle Bekanntschaft hatte.

Als ich eines Tages mit Goudar im Hyde-Park spazieren ging, verließ er mich, um mit zwei jungen Damen zu sprechen, die mir in ihren großen Hüten hübsch zu sein schienen. Wenige Augenblicke darauf kam er wieder zu mir und sagte: »Eine Dame aus Hannover, Witwe und Mutter von fünf Töchtern, ist vor zwei Monaten mit ihrer ganzen Nachkommenschaft nach London gekommen. Sie wohnt in einem Hause hier in der Nähe. Sie bemüht sich bei der Regierung um Ersatz für den Schaden, den sie durch den Durchmarsch der Armee des Herzogs von Cumberland erlitten hat. Die Mutter soll angeblich krank sein; sie liegt immer zu Bett und läßt sich von keinem Menschen sehen. Sie schickt ihre beiden ältesten Töchter aus, um die erwartete Entschädigung zu erbitten; dies sind die beiden jungen Mädchen, die Sie eben gesehen haben. Sie können nichts erreichen. Die älteste ist zweiundzwanzig Jahre alt, und ihre jüngste Schwester ist vierzehn, sie sind alle fünf hübsch, sprechen gleich gut englisch, französisch und deutsch und empfangen sehr liebenswürdig jeden Besucher, sind aber dabei immer alle zusammen. Ich habe sie aus Neugier besucht und bin von ihnen gut aufgenommen worden; da ich ihnen aber nichts gegeben habe, so wage ich es nicht, allein wieder zu ihnen zu gehen. Wenn Sie neugierig auf sie sind, können wir hingehen.«

»Wie sollte man nicht neugierig sein, wenn man eine solche Geschichte hört! Wir wollen hingehen; aber wenn die, die mir gefällt, nicht gefällig ist, bekommt sie nichts.«

»Sie werden nichts geben, denn sie lassen sich nicht einmal die Hand berühren.«

»Es sind wohl Charpillons?«

»Es scheint so. Aber Sie werden keine Männer bei ihnen sehen.«

Wir gingen hin und betraten einen großen Saal, wo ich drei hübsche Mädchen und einen Mann von üblem Aussehen erblickte. Ich machte ihnen die üblichen Komplimente; sie antworteten darauf nur durch eine höfliche Verbeugung, aber mit sehr traurigen Gesichtern.

Goudar hatte unterdessen mit dem Mann gesprochen; er trat auf mich zu und sagte achselzuckend: »Wir sind in einem schlechten Augenblick gekommen. Der Mann ist ein Gerichtsbeamter; er will die Mutter ins Gefängnis führen, wenn sie nicht dem Wirt zwanzig Guineen bezahlt, die sie für Miete schuldet; sie haben aber keinen Heller. Sobald die Mutter im Gefängnis ist, wird der Hauseigentümer natürlich die Mädchen auf die Straße setzen.«

»Sie können ja bei ihrer Mutter wohnen; das wird ihnen nichts kosten.«

»Sie irren sich. Sie können ins Gefängnis gehen und dort für ihr Geld essen; weiter aber auch nichts, denn wohnen dürfen im Gefängnis nur die Gefangenen.«

Ich fragte eine von ihnen, wo ihre Schwestern seien.

»Sie sind ausgegangen und wollen versuchen, Geld aufzutreiben; denn der Wirt will sich mit einer Bürgschaft nicht begnügen. Er verlangt bares Geld, und wir haben nichts mehr zu verkaufen.«

»Das ist sehr traurig, mein Fräulein. Und was sagt denn Ihre Mutter dazu?«

»Sie weint. Krank und bettlägerig, wie sie ist, will man sie ins Gefängnis bringen! Um sie zu trösten, hat der Hauswirt ihr sagen lassen, er werde sie tragen lassen.«

»Das ist barbarisch. Aber ich finde Sie hübsch, mein Fräulein, und ich könnte Sie aus der Verlegenheit befreien, wenn Sie gut sein wollten.«

»Ich ahne nicht, von welcher Güte Sie sprechen wollen.«

»Ihre Mama wird Ihnen sagen können, worum es sich handelt. Fragen Sie sie um Rat!«

»Mein Herr, Sie kennen uns nicht; wir sind anständige Mädchen und sind von Stande!«

Mit diesen Worten drehte das Persönchen mir den Rücken zu und fing wieder an zu weinen. Die beiden anderen, die ebenso hübsch waren wie sie, standen dabei und sagten kein Wort. Goudar sagte mir auf italienisch: wenn wir die Betrübten nicht auf eine tatkräftige Weise trösten wollten, spielten wir eine sehr traurige Figur. Ich war unmenschlich genug, hinauszugehen, ohne etwas zu erwidern.