Neunundfünfzigste Erzählung


Ein Edelmann wird von seinem Weibe abgefaßt, als er heimlich eines ihrer Ehrenfräulein umfängt.

»Besagte Dame hatte einen reichen hochgeborenen Edelmann aus großer gegenseitiger Zuneigung geheiratet. Da sie außerordentlich Gesellschaften liebte und froh plauderte, so verhehlte sie ihrem Mann nicht, daß sie Anbeter habe, deren sie zwar spotte, die ihr aber Kurzweil schufen. Anfangs wollte ihr Mann an dem Vergnügen teilnehmen. Aber auf die Dauer mißfiel ihm dies Leben. Denn einerseits behagte es ihm nicht, daß sein Weib so viel mit Männern umging, die weder seine Verwandten noch Freunde waren, andrerseits stieß er sich an den Kosten, die ihr Putz und das Leben am Hofe mit sich brachten. So blieb er, soviel er konnte, daheim. Doch die vielen Gäste, die ihn dann besuchten, machten die Ausgaben nicht geringer. Warf er ihr das lachend vor, dann erwiderte sie ihm, er solle sich mit der Gewißheit zufrieden geben, daß er nicht Hahnrei durch sie würde, sondern nur Bettler. Und um recht oft zu Hofe zu kommen, stellte sie alles Denkbare an und war ihm deshalb insonderheit gefällig.

Als ihr nun eines Tages alle List nichts nützte, bemerkte sie, daß er einem ihrer Ehrenfräulein freundlich tat, worauf sie bedachte, dies wohl auszunutzen. Gen Abend nahm sie also selbige beiseite und bedrängte sie mit Versprechungen und Drohungen so wohl, daß jene gestand, daß ihr Herr ihr seit dem Tage nachstelle, da sie im Hause sei; doch wolle sie lieber sterben denn Gott und Ehre verletzen, zumal es doppelt schlecht ihrer Herrin gegenüber wäre, die ihr die Ehre erwiesen habe, sie zur Ehrendame zu machen. Als nun die Dame von der Untreue ihres Mannes erfuhr, ward sie von Zorn und Freude zugleich bewegt. Denn einerseits zürnte sie ihm ob der Schande, die er ihr mit jener antun wollte, die bei ihr und zudem viel häßlicher war als sie selbst. Andrerseits hoffte sie ihn nun in einer Lage abzufassen, die es ihm unmöglich machen würde, ihr fürder Hof und Verehrer vorzuwerfen.

Um ihr Ziel zu erreichen, bat sie das Mädchen, allmählich ihrem Gatten alle Wünsche unter gewissen Bedingungen zu erfüllen. Die junge Dame wollte Schwierigkeiten machen. Da ihre Herrin ihr aber Leben und Ehre zu schützen versprach, so stimmte sie ihr endlich zu.

Als nun der Edelmann ihr wieder zu nahe trat, fand er sie wie ausgewechselt. Und als er sie darob mehr bedrängte denn früher, klagte sie, wie ihre Rolle es verlangte, über ihre Armut: sie würde obendrein ihre jetzige Stellung verlieren, wo sie doch einen Mann zu erwerben hoffe. Sogleich erwiderte er ihr, darum solle sie sich nicht sorgen; denn er würde sie reicher und besser verheiraten, als ihre Herrin es könne, und zudem würde er alles undurchdringlich geheim halten.

Nachdem sie sich hierüber geeinigt hatten und nun einen geeigneten Ort erwogen, schlug sie als besonders geheim ein Häuschen vor, das im Park lag und darin es ein Zimmer mit einer bequemen Lagerstatt gab. Der Edelmann wäre mit allem zufrieden gewesen. Darum stimmte er alsbald zu und harrte sehnlichst des vereinbarten Tages und der festgesetzten Stunde.

Das Mägdelein aber brach sein Versprechen nicht und erzählte alles seiner Herrin, zumal aber, daß der morgige Nachmittag festgesetzt sei und sie nicht verfehlen würde, ihr ein Zeichen zu machen. Alsdann bat sie die Dame, um Gottes willen rechtzeitig dort zu sein, was die Dame ihr zusagte. Tags darauf war der Edelmann ungewöhnlich liebenswürdig zu seinem Weib, und nach dem Essen schlug er vor, man solle Pikett spielen. Alsbald wurde der Spieltisch zurechtgemacht; aber die Frau erklärte, sie wolle nicht mitspielen, sondern lieber zusehen. Bevor jener sich aber zum Spieltisch setzte, erinnerte er das Mägdelein an ihr Versprechen. Kaum spielte er, so schritt dieses durch den Saal und machte dabei der Herrin ein Zeichen, daß es jetzt die Wanderschaft anträte. Die Dame sah es wohl, der Edelmann aber merkte nichts. Als dann aber eine gute Stunde verflossen war und ein Diener ihm winkte, sagte er zu seinem Weib, er habe etwas Kopfweh und müsse sich deshalb in frischer Luft ein wenig erholen. Sie wußte recht wohl, was sein Leiden war, und fragte, ob sie derweile für ihn spielen solle. Und er meinte, ja, denn er käme bald wieder. Damit ging er erst auf sein Zimmer, dann in den Park.

Die Dame aber kannte einen kürzeren Weg, als er ihn nahm, wartete etwas, tat dann, als habe sie Leibschneiden, und gab ihr Spiel ab. Kaum hatte sie den Saal verlassen, so zog sie flugs ihre Stöckelschuhe aus und lief eilenden Schrittes zu dem Häuschen, auf daß der Handel nicht ohne sie zustande käme. Sie gelangte rechtzeitig hin und betrat die Stube, wo ihr Mann eben erst eingetreten war. Hinter ihm verborgen hörte sie seine schönen, ehrenhaften Reden, die er der Ehrendame hielt, und als der kritische Augenblick nahte, packte sie ihn von hinten und rief: »Was braucht Ihr eine andere zu nehmen, wenn ich so nahe bin!«

Der Edelmann barst begreiflicherweise schier vor Wut. Doch ward er inne, daß an allem jenes Mägdelein schuld sei, und ohne seiner Frau zu antworten stürzte er auf jene. Ja, in seiner Wut hätte er sie getötet, wenn sein Weib nicht dazwischengetreten wäre; denn, so rief er, sie sei die schlimmste Dirne, die er je gesehen habe, und wenn sein Weib etwas gewartet hätte, wüßte sie bereits, daß alles nicht ernst gewesen sei: statt sie zu umfangen, hätte er ihr die Rute gegeben, um sie zu züchtigen. Die Frau aber kannte diese Münze und traute ihrem Wert nicht; vielmehr machte sie ihm so strenge Vorwürfe, daß er fürchtete, sie würde ihn verlassen. So gab er klein bei, versprach ihr alles, was sie wollte, und gab zu, daß er nicht recht habe, ihr die Verehrer vorzuwerfen, da sie ja nichts gegen ihre Ehre täte, daß er aber mit seinen Nachstellungen ihr großen Schimpf zugefügt habe.

Das war der Dame gerade recht, denn nun hatte sie ihr Spiel gewonnen. Immerhin stellte sie ihre Liebe zu ihm über alles und versprach ihn weiter zu lieben, sofern er ihre Gefühle erwidere. Das versicherte ihr der Ärmste hoch und heilig, so daß sie in schönster Einigkeit heimkehrten. Auf daß aber alle Mißverständnisse künftig fernblieben, bat er sein Weib, dies Ehrenfräulein zu entlassen. Das tat sie auch, doch gab sie ihm einen ehrenwerten Gatten. Und um alle schlechten Erinnerungen zu zerstreuen; führte sie die junge Dame oft zu Hofe und schmückte sie so reich, daß sie wahrlich zufrieden sein konnte.

Darum also, meine Damen, war ich nicht verwundert, daß selbige Frau auch ihrem Verehrer einen so seltsamen Streich gespielt hat.«

»Die Frau war klug, der Mann aber recht dumm,« meinte Hircan. »Denn maßen er schon so weit war, durfte er nicht halt machen.« – »Das ist leicht gesagt,« erwiderte Emarsuitte. »Aber wie sollte er zwei Frauen bändigen, deren eine ihr Recht, die andere ihre Jungfräulichkeit verteidigte.« – »Ich«, erklärte Hircan, »hätte mein Weib umfaßt und hinausgetragen, und dann an dem Mägdelein in Liebe oder mit Gewalt mein Begehr gestillt.« – »Hircan,« rief Parlamente, »es genügt, daß Ihr in Gedanken Unheil tut.« – »Ich will ja eine Übeltat gar nicht beschönigen,« antwortete Hircan, »aber ich kann ein Unternehmen nicht loben, das mehr aus Furcht vor der Frau denn aus Liebe zu ihr unbeendet blieb. Ich lobe den Mann, der nach Gottes Gebote sein Weib liebt. Tut er das aber nicht, so soll er sie auch nicht fürchten.« – »Nun, ich bin jedenfalls mit dem zufrieden, was ich diesbezüglich von Euch gesehen habe,« sprach Parlamente. »Und was ich nicht weiß, darüber mag ich weder grübeln noch mich erkundigen.« – »Das halte ich auch immer für sehr töricht,« klagte Nomerfide, »denn aus den Erkundigungen entsteht nur Verdruß.« – »Das mag manchmal geschehen,« widersprach Guebron, »aber nur wenn man sich nicht gut und sorglich über die Vergehen seines Weibes erkundigt hat.« – »Wenn Ihr dafür ein Beispiel wißt, so verschweigt es uns bitte nicht,« sagte Longarine.

Und Guebron hub an: »Freilich kenne ich eines, und so ihr wollt, werde ich es berichten.«

Sechzigste Erzählung


Eine Pariserin verläßt ihren Mann, um einem Sänger zu folgen; dann stellt sie sich tot und läßt sich begraben.

»Zu Paris gab es einen Mann, der sich in seiner Gutmütigkeit kein Gewissen daraus gemacht hätte zu glauben, kein anderer habe bei seinem Weibe geschlafen, selbst wenn er es selbst gesehen hätte. Der ärmste ehelichte ein Weib von denkbar schlechtesten Sitten; doch er merkte es nicht und hielt sie der ehrengeachtetsten Frau gleich. Als nun eines Tages der König Ludwig der Siebente nach Paris kam, gab sich die Frau einem Sänger des königlichen Gefolges hin. Da selbige nun inne ward, daß der König die Stadt wieder verlassen wollte und sie also den Sänger fürder nicht mehr sehen würde, beschloß sie, um seinetwillen von ihrem Mann davonzugehen. Der Sänger stimmte zu und führte sie in ein Haus unweit Blois, wo sie lange Zeit zusammen lebten.

Der arme Ehemann suchte allenthalben vergeblich nach seinem Weibe. Zuletzt wurde ihm gesagt, daß es mit dem Sänger davongegangen sei. Er wolle sein schlechtbehütetes verirrtes Schaf wiederhaben und schrieb männiglich Briefe an sie voll Bitten, sie möge doch wiederkehren als sei nichts geschehen. Aber sie erwiderte, sie habe ob des Gesanges ihres derzeitigen Freundes die Stimme ihres Mannes vergessen, entsprach seinen Bitten nicht und machte sich gar darüber lustig.

Darob ergrimmte endlich der Mann, und da sie nicht gutwillig wollte, kündigte er ihr an, er würde das kirchliche Gericht anrufen. Die Frau bekam nun Angst, sie und der Sänger könnten üble Scherereien haben, wenn das Gericht sich einmische. So dachte sie sich eine ihrer würdige List aus, stellte sich krank und rief einige wohlanständige Frauen der Stadt zu sich, um sie zu pflegen. Die kamen auch, in der Hoffnung, diese Krankheit würde die Frau wieder auf sittsame Wege führen, und hielten ihr die erbaulichsten Reden. Sie aber tat, als läge sie auf den Tod, vergoß heuchlerische Tränen, tat als erkenne sie all ihre Sünden an und rührte damit die Herzen jener Frauen, die da vermeinten, sie rede voller Aufrichtigkeit. Aus Bedauern begannen sie also das Weib zu trösten, sprachen von Gottes unendlicher Milde und ließen endlich einen Beichtiger kommen.

Der kam auch tags darauf in Gestalt des Ortsgeistlichen. Die Frau empfing aus seiner Hand die heiligen Sakramente mit so gläubiger Miene, daß alle Gevatterinnen, die dabei waren, Tränen der Rührung ob ihrer Demut vergossen und Gott priesen, der in seiner Güte sich jenes bedauernswerten Geschöpfes erbarmt hatte. Alsbald tat sie, als könne sie nicht mehr essen, ließ sich die letzte Ölung geben und bedeutete durch Zeichen ihre Beglückung: denn den anderen schien es, als könne sie auch nicht mehr sprechen. So verblieb sie lange, schien allmählich Sehkraft, Gehör und alle anderen Sinne zu verlieren, und jeglicher hub nun an, die Sterbegebete zu sprechen. Da dann die Nacht nahte und die Frauen weit zu gehen hatten, zogen sie sich zurück. Und während sie eben das Haus verließen, verkündete man ihnen, sie sei verschieden, und so gingen sie unter Totengebeten heim. Der Sänger teilte alsbald dem Pfarrer mit, sie habe bestimmt, daß sie auf dem Kirchhof beerdigt sein wolle, und daß man sie am besten in der Nacht dorthin schaffe. Also ward sie von einer Magd eingesargt, die sich wohl hütete, ihr wehe zu tun, und dann trug man sie bei Fackelschein zu dem Grabe, das der Sänger hatte schaufeln lassen. Unterwegs kamen alle, die der Ölung beigewohnt hatten, aus ihren Häusern und schlossen sich dem Zuge an, bis sie zum Grabe kamen. Dort verließen sie den Sänger, der schließlich allein zurückblieb. Der ward nicht so bald inne, daß alle fern waren, da schaufelte er flugs mit der Magd das Grab wieder auf, holte die Frau heraus, die nie lebensfrischer gewesen war, führte sie heimlich wieder in sein Haus und hielt sie dort lange Zeit verborgen.

Inzwischen kam der Ehemann nach Blois, um das Gericht anzurufen. Da ward ihm mitgeteilt, sie sei tot und begraben, was ihm alle Frauen von Blois bestätigten, die ihm ihr herrliches Ende schilderten. Darob ward er froh: er glaubte ihre Seele im Paradies, sich selbst aber von ihrem sündigen Leibe befreit, kehrte zufrieden nach Paris zurück und vermählte sich mit einem schönen, ehrengeachteten Weibe, das ihm in den vierzehn oder fünfzehn Jahren ihres Zusammenlebens mehrere Kinder schenkte.

Am Ende aber drang, wie unvermeidlich, das Gerücht zu ihm, sein Weib sei nicht tot, sondern lebe bei jenem üblen Gesellen. Er verschwieg das solange er konnte, tat als wüßte er nichts davon und hoffte, es sei nur erlogen. Als aber auch seine kluge Frau davon erfuhr, ward sie angsterfüllt, so daß sie schier vor Kummer starb. Gern hätte sie ihr Mißgeschick verhehlt, wenn ihr Gewissen das erlaubt hätte. Aber das war unmöglich: alsbald mischte sich die Kirche ein. Die trennte zunächst die zwei, bis die Wahrheit zutage träte. Dann ward der arme Mann gezwungen, die gute Frau zu lassen, um die böse zu suchen, und so kam er nach Blois, bald nachdem Franz der Erste König geworden war, fand dort die Königin Claudia und die Regentin und forderte auf dem Klagewege die Frau, die er gern nicht wieder gefunden hätte. Aber er war gezwungen, und deshalb bedauerten ihn alle.

Als sein Weib ihm gegenübergestellt wurde, behauptete sie erst hartnäckig, er sei nicht ihr Mann, und alles sei nur abgekartet. Er hätte ihr das zwar geglaubt, wenn er nur gekonnt hätte. Mehr betrübt denn beschämt erklärte sie, lieber wolle sie sterben, als zu ihm zurückkehren. Des war er sehr froh. Die Damen aber, zu denen sie so schamlos sprach, verurteilten sie, zurückzukehren, und redeten dem Sänger so ernst ins Gewissen, daß er unter ihren Drohungen seiner unerfreulichen Geliebten sagen mußte, sie solle mit ihrem Mann heimkehren – er wolle sie nie wiedersehen. So kehrte dies elende Weib, von allen verjagt, nach Hause zurück, wo sie noch obendrein von ihrem Mann besser behandelt wurde als sie es verdiente.

Darum sage ich, hätte der Mann besser auf sein Weib achtgegeben, dann hätte er es nicht verloren«

»Es ist doch merkwürdig,« überlegte Hirean, »wie fest die Liebe hält, wo es besonders unvernünftig erscheint.« – »Ich habe sagen hören,« bestätigte Simontault, »daß man eher hundert Ehen sprengen kann denn den Liebesbund eines Priesters mit seiner Magd.» – »Das glaub ich gern,« meinte Emarsuitte, »denn wer den Ehebund schließt, weiß das Liebesband so zu knüpfen, daß nur der Tod es durchhauen kann.« – Dagoucin entgegnete: »Ich kann den Frauen nicht verzeihen, wenn sie ihren Gatten oder Freund für einen Priester verlassen« – »Das ist ihnen sogar eine große Freude,« rief Hircan, »wenn sie mit denen sündigen können, die sie dann absolvieren. Sie sind so furchtsam, daß sie sich mehr schämen zu beichten, als zu sündigen.« – »Ich glaube vielmehr,« widersprach Oisille, »sie suchen den sichern, verborgenen Ort, nicht die Absolution, da sie ja doch nicht bereuen« – »Bereuen?« lachte Saffredant. »Sie halten sich gar für heilig. Sicher gibt es viele, die solche Liebe für eine große Ehre halten.« – »Ihr scheint darüber eine Geschichte zu wissen,« sagte Oisille, »die erzählet uns morgen als erste. Jetzt tönt die Vesperglocke; so lasset uns also unsern Streit für heute beenden.«

Damit erhob sich die Gesellschaft und ging zur Kirche, wo man sie schon erwartete. Dann aß man das Abendbrot und plauderte gemeinsam über manche schöne Geschichte. Nachdem begab sich jeglicher auf die Wiese, um sich dort wie gewöhnlich zu ergehen, und dann gingen alle zur Ruhe, um tags darauf recht frisch zu sein.

Der siebente Tag

Frau Oisille verfehlte nicht, den anderen am folgenden Morgen heilsame Geistesnahrung zu reichen, indem sie ihnen von den rühmlichen Taten der tugendsamen Streiter und Apostel Jesu Christi vorlas. Dann begab man sich in die Kirche, wo just die Messe begann. Aber nachher kehrten sie während des Essens wieder zu jenen frommen Geschichten zurück und plauderten darüber mit so viel Freude, daß sie schier dabei ihr anderes Vorhaben vergaßen. Deshalb meinte endlich Nomerfide: »Frau Oisille hat uns so mit frommen Gedanken umgarnt, daß wir die Zeit versäumen, in der wir uns sonst in unsern Stuben auf unsere Erzählungen vorbereiteten.« Ob ihrer Worte erhob sich die Gesellschaft eilends. Und nachdem jeglicher ein wenig in seiner Stube geweilt hatte, fanden sich alle pünktlich wie tags zuvor auf der Wiese ein.

Als sie es sich bequem gemacht hatten, sprach Oisille zu Saffredant: »Obgleich ich sicher bin, daß Ihr nichts zum Lobe der Frauen sagen werdet, muß ich Euch doch bitten, die Geschichte zu erzählen, die Ihr uns gestern versprachet.« Aber Saffredant entgegnete: »Ich muß bestreiten, daß ich in den Geruch eines Lästerers kommen kann, wenn ich die Wahrheit sage, oder der sittsamen Damen Gunst verliere, wenn ich berichte, was Törinnen begehen. Ich weiß aus Erfahrung, daß jenen so etwas ganz fern liegt. Wäre es mir aber mit ihrer Gunst so ergangen, dann wäre ich nicht mehr am Leben.«

Damit heftete er den Blick auf die Frau, die sein Glück und Unglück in der Hand hatte. Emarsuitte errötete, wie wenn er sie gemeint hätte. Aber jene, für die es bestimmt war, verstand ihn doch sehr wohl. Alsbald versicherte ihm Oisille, er dürfe dreist die Wahrheit sagen, und daher hub er folgendermaßen an:

Einundfünfzigste Erzählung


Von der hinterlistigen Grausamkeit eines Italieners.

»Ein italienischer Herzog – seinen Namen will ich verschweigen –- hatte einen Sohn von achtzehn oder zwanzig Jahren, der in ein Edelfräulein leidenschaftlich verliebt war. Da er nun nicht so ungestört mit ihr sprechen konnte, wie er es wohl wünschte, bediente er sich der Vermittlung eines Edelmannes von seinem Gefolge, so wie es die Landessitte war. Dieser Edelmann war seinerseits in ein bildschönes ehrsames Mägdelein verliebt, das zum Gefolge der Herzogin gehörte. Diese junge Dame überbrachte die Liebeserklärungen jenes Prinzen, ohne sich etwas Böses dabei zu denken. Vielmehr machte es ihr Freude, ihm gefällig zu sein, da er doch nur ehrenhafte Absichten pflog, die sie ohne Bedenken ausrichten konnte.

Der Herzog aber sorgte sich mehr um seines Hauses Vorteil denn um sittsame Freundschaften und ließ seinem Sohn nachspüren aus Angst, er könne sich dort ehelich binden. So erfuhr er, daß jenes arme Mägdelein die Zwischenträgerin einiger Briefe gewesen war, und ergrimmte darob dermaßen, daß er beschloß, dem einen gehörigen Riegel vorzuschieben. Doch konnte er seine Wut nicht so wohl bergen, daß die junge Dame nicht davon benachrichtigt wurde. Da selbige nun des Fürsten Bosheit kannte, so ward sie von schrecklicher Furcht ergriffen und eilte zu der Herzogin mit der flehentlichen Bitte um Urlaub, auf daß sie in der Ferne weilen könne, bis dieser Zorn verraucht sei.

Ihre Herrin erwiderte, sie wolle erst ihres Mannes Sinn ergründen, ehe sie diesen Urlaub erteile. Nachdem sie aber die bösen Absichten des Herzogs durchschaut hatte, gab sie in Anbetracht seines Charakters nicht nur dem Mägdelein den erbetenen Urlaub, sondern riet ihm obendrein, ein Kloster aufzusuchen, bis der Sturm vorüber sei. Das geschah auch in aller Heimlichkeit.

Trotzdem kam der Herzog dahinter, und alsbald fragte er mit verstellter Freundlichkeit sein Weib, wo die junge Dame sich befände. Die Herzogin vermeinte, er wisse alles, und gestand die Wahrheit, worob er sich betrübt stellte und ihr erwiderte, solcher Maßregeln habe es doch nicht bedurft, denn er habe nichts Böses im Sinn. Darum möge sie das Mägdelein zurückrufen, maßen es nur leidiges Geschwätz gäbe. Und als die Herzogin einwandte, in Anbetracht seiner Ungnade sei es doch besser, wenn jene fernbliebe, wies er alle Gründe von sich und verlangte ihre Rückkehr.

Nunmehr übermittelte die Herzogin der Ärmsten dies Geheiß, und als diese voll Unruhe bat, das Geschick nicht also erproben zu wollen, maßen der Herzog nicht so bereitwillig verzeihe, wie er sich stelle, versicherte ihr jene auf Ehre und Gewissen, daß ihr kein Leids geschehen würde. Darob faßte das Mägdelein Vertrauen, indem es wußte, daß die Herzogin sie liebte und nie betrügen würde, und vermeinte, der Herzog werde nie eine Zusage brechen, für die seines Weibes Ehre bürgte. Also kam es zurück.

Kaum hatte der Herzog dies erfahren, so ging er stracks in das Gemach seiner Frau. Als er das Mägdelein erblickte, rief er: ›Da ist ja die Heimgekehrte!‹, wandte sich zu den Edelleuten und befahl, jene ins Gefängnis zu werfen. Die arme Herzogin, die ihre Ehre verbürgt hatte, um sie aus ihrer Zufluchtsstelle zu locken, warf sich voller Verzweiflung ihrem Mann zu Füßen und beschwor ihn bei seinem Hause und seiner Ehre, einen solchen Vertrauensbruch nicht zu begehen. Aber weder Bitten noch Vernunftsgründe vermochten sein hartes Herz zu rühren noch ihn von seinen Rachegelüsten abzubringen. Ohne seinem Weibe ein Wort zu entgegnen, ging er unverweilt von dannen und vergaß Gottes und seiner Ehre so weit, daß er das Mägdelein ohne Gerichtsverfahren kurzerhand grausam aufknüpfen ließ.

Ich mag nicht die Verzweiflung der Herzogin schildern, die vor Scham und Herzeleid schier verging; noch auch die Trauer des Edelmannes, der vergeblich mit allen Mitteln versucht hatte, die Geliebte zu retten, ja – der selbst für sie hatte sterben wollen. Kein Mitleid packte den Herzog, er kannte nur die Wollust befriedigter Rache, und so ward dies unschuldige Mägdelein entgegen allen Gesetzen der Ehre und zum tiefen Gram ihrer Freunde ob des Herzogs grausamer Tücke zu Tode gebracht.

So erkennet, wohin die Bosheit, mit Macht gepaart, führen kann.«

»Ich hörte oft,« sagte Longarine, »daß viele – nicht alle – Italiener zumal dreien Lastern ergeben seien. Ich hätte aber nie gedacht, daß ihre Grausamkeit und Rachsucht so weit gehen könne.« – »Verwundert Euch nicht darob,« rief Simontault, »denn alle, die Italien besucht haben, berichten diesbezüglich so unglaubliche Dinge, daß jener Fall daneben nur ein ganz unschuldiges Vergehen zu sein scheint.«

»In der Tat,« bestätigte Guebron. »Als Rivoli von den Franzosen genommen wurde, stand daselbst ein italienischer Hauptmann, der für einen liebenswürdigen Kämpen galt. Als der die Leiche eines Mannes gewahrte, der nicht einmal ein Feind, sondern nur ein Guibelline war, riß er ihm das Herz aus, briet es oberflächlich und verzehrte es alsdann. Als man ihn fragte, wie ihm das schmecken könne, erwiderte er, nie habe er ein so genußreiches Stück Fleisch gegessen als dieses. Und damit nicht zufrieden, tötete er das Weib jenes Verstümmelten, riß die Frucht ihres Leibes heraus, daran sie schwanger war, zerschmetterte das Kindlein an der Mauer, füllte die Leichen der Eltern mit Haber und ließ die Pferde daraus fressen. Glaubt ihr, jener hätte nicht auch ein Mägdelein getötet, das er in Verdacht bekäme, ihm entgegen zu arbeiten?«

»Sicherlich fürchtete der Herzog, sein Sohn könne sich arm verheiraten,« brach Emarsuitte ab. »Für Leute hohen Standes ist es meist ganz selbstverständlich, sich nur von Rücksichten leiten zu lassen, die ihrer Ansicht nach über der Liebe stehen.« – »Solche Leute sollten eben mit dem Gleichen gestraft werden, darin sie sündigen,« rief Longarine. – »Ganz recht,« bestätigte Guebron, »und ich sah auch zum Beispiel noch nie einen Spötter, der nicht am Ende selbst verspottet wurde, keinen Betrüger, den man nicht schließlich selbst betrog, keinen Ruhmsüchtigen, der nicht gedemütigt wurde.« – »Da erinnert Ihr mich an einen Trug,« meinte Simontault, »den ich gern erzählt hätte, wenn er etwas … vornehmer gewesen wäre.« – »Wir sind hier, um die Wahrheit zu erzählen,« erklärte Oisille, »und mag nun die Geschichte auch nicht so untadelig sein, ich erteile Euch das Wort.«

»Da mir das Wort erteilt wurde,« hub alsbald jener an, »so will ich denn die Geschichte erzählen.«

Zweiundfünfzigste Erzählung


Welch edles Frühstück ein Apothekerlehrling einem Advokaten und einem Edelmann einbrockte.

»Zu Alençon lebte in der Zeit des letzten Herzogs Karl (des ersten Gemahls der Königin von Navarra) ein Advokat Anton Bacheré, ein lustiger Kumpan und Freund reichlicher Frühstücke. Als der eines Tages vor der Tür saß, sah er einen Edelmann, einen Herrn de la Tirelière, vorbeikommen, der ob der Kälte zu Fuß heimging und in einen dicken Fuchspelz eingehüllt war. Als dieser des Advokaten ansichtig wurde, bedachte er, daß jener dieselben Freuden liebte wie er selbst, und eröffnete ihm, er habe seine Geschäfte erledigt und sehne sich nach einem ordentlichen Frühstück.

Der Advokat meinte, ein Frühstück sei leicht zu finden, doch müsse man nun jemanden ausfindig machen, der die Kosten trüge. Darum nahm er den andern beim Arm und sprach: »Auf, Gevatter, suchen wir uns einen Dummen!«

Just ging hinter ihnen ein Apothekerlehrling, der mit dem Advokaten stets im Hader lag. Maßen er aber findig und schlau war, so bedachte er sich nun flugs zu rächen. Er sah auf der Straße ein großes Stück gefrorenen Kot liegen, wickelte es in sauberes Papier, so daß es einem Stück Zuckerbrot glich, überholte dann schnell die beiden und ließ sein Paket gleichsam versehentlich aus dem Ärmel fallen. Freudestrahlend hob es der Advokat auf und sagte zu dem Herrn de la Tirelière: »Dieser kluge Bursch wird heute die Zeche bezahlen. Nun laßt uns schnell machen, auf daß er uns nicht auf die Sprünge kommt.«

Flugs trat er in eine Schenke und hieß die Wirtin: »Steckt ein gehöriges Feuer an und bringt Brot, Wein und ein gut Stück Fleisch – wir können zahlen.« Die Wirtin führte seine Bestellungen pünktlich aus. Derweile sich aber jene am Essen und Trinken ergetzten, begann das Zuckerbrot, das der Advokat in den Brustlatz gesteckt hatte, zu tauen, also daß sich bald ein Gestank erhob, der beiden unerklärlich war. Alsbald schrie er die Wirtin an: ›Bei Euch herrscht ein Gestank, wie ich noch nirgends erlebt habe. Ich glaube, Ihr laßt Eure Kinder ihre Notdurft verrichten, wo sie sich just befinden!‹ Auch der Herr de la Tirelière, der von diesem Duft eine reichliche Menge abbekam, schimpfte, daß die Wände wackelten.

Die Wirtin aber geriet in Wut, da man sie solcher Unreinlichkeit bezichtigte, und rief außer sich: ›Beim heiligen Peter. Mein Haus ist anständig und sauber, und den Gestank habt also Ihr mitgebracht!‹

Spuckend erhoben sich nun die beiden vom Tisch und setzten sich vor’s Feuer, um sich zu wärmen. Dabei zog der Advokat sein Schneuztuch aus dem Brustlatz, das von dem Sirup des Zuckerbrotes ganz durchtränkt war. Das brachte er darob zutage, und nun könnt ihr euch den Spott der Wirtin denken und die Scham des Advokaten vorstellen, der sich von einem simplen Apothekergehilfen übertölpelt sah, obgleich er selbst doch Zeit seines Lebens zu betrügen gewohnt war.

Die Wirtin aber hatte kein Mitleid mit ihnen. Sie ließ sich alles bezahlen und meinte noch, sie müßten sich schier doppelt ergetzt haben, da doch Mund und Nase so wohl versorgt worden seien. Tief beschämt und mit leichtem Beutel zogen beide von dannen. Alsbald aber kam der Apothekergehilfe angelaufen und fragte sie, ob sie kein Zuckerbrot, wohl in Papier eingewickelt, gesehen hätten. Zwar suchten sie an ihm vorbeizukommen, aber jener rief dem Advokaten zu: ›Ihr habt mein Zuckerbrot, gebt es mir bitte wieder. Solchen Diebstahl braucht sich ein armer Teufel wie ich nicht gefallen zu lassen.‹

Auf sein Geschrei sammelte sich bald ein Haufen Menschen um sie, die dem Streit zuhörten und so alles erfuhren; also daß der Apothekergehilfe sich ebenso ob seines Verlustes freuen konnte, wie die andern zwei ob ihres Diebstahles beschämt wurden. Doch beruhigten sie sich mit der Hoffnung, ihm das ein andermal heimzuzahlen.

Zwar war diese Geschichte nicht übermäßig reinlich; doch wolltet Ihr die Wahrheit hören und so zeigte ich euch, daß niemand betrübt ist, wenn ein Betrüger hereinfällt. Hätte der Edelmann nicht auf anderer Leute Kosten essen wollen, so hätte er auch diesen Gestank nicht zu erleben brauchen.«

»Man sagt oft, daß Worte nicht stinken,« meinte Hircan. »Mir scheint aber, derjenige, der sie ausgesprochen hat, bekommt leicht die Nase davon voll. Immerhin wüßte ich gern, welche Worte so gemein sind, daß sie Herz und Seele einer sittsamen Frau anwidern.« – »Das sind die sogenannten unanständigen,« rief Saffredant. »Doch sollten mir nun die Damen sagen, weshalb sie trotzdem darüber lachen, wenn man sie vor ihnen ausspricht. Was einem widerstrebt, darüber lacht man doch nicht!« – »Wir lachen auch nur darüber,« erklärte Parlamente, »wenn jemandem wider Willen ein Wort entwischt, das er nicht sagen wollte, wie es selbst den klügsten und besten Rednern begegnen kann. Häßliche Zoten aber verabscheut die Frau und flieht vor einer Gesellschaft, die sich darin ergeht.« – »Wirklich,« bestätigte Guebron, »ich sah Frauen, die sich bei solchen Worten bekreuzigten. Aber nachher ließen sie es sich gern wiederholen. Wollt Ihr solche Heuchelei loben?« – »Die Tugend ist besser als Heuchelei,« lächelte Longarine. »Wo sie aber fehlt, da bedarf man der Heuchelei, gleichwie wir Absätze tragen, um unsere Gestalt größer erscheinen zu lassen.« – Hircan sagte: »Es kann nur entehren, wenn man sich mit falschen Federn schmückt.« – – »Ganz recht,« rief Emarsuitte. »Und gleichermaßen gibt es manche Frau, die einen kleinen Fehler verbergen wollte und darob einen größeren beging.« – »Ich glaube, ich weiß, wen Ihr meint,« – unterbrach sie Hircan, »aber bitte, nennt wenigstens nicht ihren Namen.« – »So gebe ich Euch das Wort,« sprach Guebron, »und hernach sagt Ihr uns die Namen – wir aber schwören Euch, sie nie auszuplaudern.«

»Gut, das verspreche ich,« erklärte Emarsuitte, »denn es gibt nichts in dieser Geschichte, das sich nicht in allem Anstand sagen ließe.«

Dreiundfünzigste Erzählung


Mit welcher Gewandtheit ein Fürst einen lästigen Liebeswerber zu entfernen wußte.

Als König Franz, der erste seines Namens, mit geringem Gefolge auf einem Lustschloße weilte, um zu jagen und sich auszuruhen, befand sich ein edler Herr voll Ehrsamkeit und Tugend bei ihm, ein Fürst von seltener Schönheit und Klugheit. Selbiger hatte ein Weib zu eigen, das zwar nicht überaus schön war, aber von ihm innig geliebt und gar verwöhnt wurde. So vertraute er ihr selbst an, wenn er zu einer anderen Zuneigung gefaßt hatte. Denn er wußte, daß sein Wille auch der ihrige war.

Dieser Fürst verliebte sich nun einst in eine Wittib, die in dem Rufe stand unvergleichlich schön zu sein, und trotzdem schloß auch die Fürstin selbige in ihr Herz und lud sie oft zu sich; denn sie freute sich, daß ihr Mann ein so ehr- und tugendsames Weib liebte, statt betrübt darüber zu sein. Das ging so eine ganze Weile. Aber bald stellten sich eine Reihe hoher Herren und Edelleute ein, die ob ihrer Schönheit die Wittib umwarben und sie gar heiraten wollten, denn sie war sehr reich. Unter diesen befand sich ein junger Mann, der ihr unentwegt auf den Leib rückte und den lieben langen Tag, ja selbst beim An- und Auskleiden in ihrer Stube hockte.

Das mißbehagte dem Fürsten, da er jenen in keiner Beziehung für ansehnlich halten konnte, und er machte der Dame darum Vorwürfe. Diese – die Tochter eines Herzogs – entschuldigte sich damit, daß sie mit ihm wie den andern spräche und so leichter einen Verdacht von sich bezüglich des Fürsten abwenden könne. Indes bedrängte sie der Edelmann weiter derart, daß sie schließlich, nur um ihn los zu werden, versprach, ihn zu heiraten – aber erst, wenn ihre Töchter vermählt seien. Fortan kam der Edelmann ohne die geringsten Bedenken zu jeder beliebigen Stunde zu ihr.

Als der Fürst dessen inne wurde, sagte er einmal zu der Dame: ›Ich stellte allezeit Eure Ehre so hoch wie die meiner leiblichen Schwester, und ihr wißt, wie ich Euch just ob Eurer Tugend liebe. Müßte ich aber annehmen, daß ein Unwürdiger durch Aufdringlichkeit erreicht, was ich nicht gegen Euern Willen besitzen wollte, so wäre das ebenso unerträglich für mich, wie entehrend für Euch. Man beginnt über Euch zu schwätzen, und darum wäre es schier besser, Ihr würdet ihn heiraten, obgleich er so weit unter Euerm Stand und Vermögen ist. So bitte ich Euch, sagt mir, ob Ihr ihn lieben wollt oder nicht; denn ich kann solchen Gefährten nicht neben mir dulden und müßte in diesem Falle Euch verlassen.‹

Die arme Dame fürchtete seine Freundschaft zu verlieren. Darum hub sie alsbald an, bitterlich zu weinen, und schwor ihm zu: lieber wolle sie sterben, als jenen Edelmann heiraten. Leider fiele er ihr aber so lästig, daß sie sich vor ihm nicht schützen könne. – ›Ich rede nicht davon, daß er zu einer Stunde zu Euch kommt, wo alle kommen können,‹ rief der Fürst. ›Ich hörte aber, daß er Euch auch besucht, wenn Ihr im Bett liegt. Und wenn das so fortgeht, ohne daß Ihr ihn heiratet, so werdet Ihr die ehrloseste Frau der Welt!‹ Alsbald versicherte sie ihm, sie betrachte jenen nicht als einen Gatten, sondern als einen Bekannten und einen über die Maßen lästigen Gesellen. – ›Nun denn, wenn er Euch unbequem ist,‹ entgegnete der Fürst, ›dann werde ich Euch von ihm befreien.‹ – ›Wie!‹ rief sie, ›Ihr wollt ihn töten?‹ – ›Keineswegs! Aber ich werde ihm zu verstehen geben, daß dies Haus kein öffentlicher Ort ist, sondern ehrenwert gleich dem des Königs. Und ich schwöre Euch: wenn er sich von nun an nicht ändern sollte, werde ich ihm eine Lehre geben, so die andern sich hinter die Ohren schreiben werden.‹

Damit ging er von dannen. Aber just, als er aus dem Zimmer trat, begegnete er besagtem Edelmann, der hinein wollte. Dem wiederholte er, was er eben gesagt hatte und kündigte ihm an: ›das erstemal, da er ihn zu unerlaubter Stunde hier beträfe, werde er ihm einen derartigen Schreck einjagen, daß er den nicht so bald wieder vergessen würde, maßen die Dame zu hochgestellt sei, als daß man ihr so mitspiele.‹ Darauf entgegnete jener, er könne sicher sein, daß er sie nur zu erlaubter Stunde besuche; sollte der Fürst ihn je zu anderer Zeit hier abfangen, so möge er ihm gern das Schlimmste antun. Einige Tage später aber nahm der Edelmann an, der Fürst habe seine Worte vergessen, besuchte die Dame abends und blieb recht spät. Da nun die Dame sehr erkältet war, so wurde der Fürst von seiner Frau gebeten, er möge sie, auch in ihrem Namen, besuchen, da sie selbst Wichtiges zu erledigen habe. Der wartete, bis der König zu Bett gegangen war, und begab sich alsdann zu der Dame, um ihr einen guten Abend zu wünschen. Als er dort die Treppe hinauf wollte, traf er einen Kammerdiener, der hinunter kam, und fragte ihn nach dem Befinden seiner Herrin. Der versicherte, sie sei zu Bett und schliefe schon. Der Fürst aber hatte den Eindruck, daß er log, und blickte sich im Fortgehen um. Da sah er, wie jener in großer Eile wieder zurücklief, und nun ging er im Hofe vor der Tür auf und ab, um zu sehen, ob der Diener nicht wiederkäme. Eine Viertelstunde später sah er ihn auch richtig ankommen; doch schaute er sich um, ob der Fürst noch im Hofe sei.

Alsbald sagte sich dieser, daß der Edelmann im Zimmer der Dame weile und aus Angst vor ihm nicht hinunterzukommen wage. Und da er sich erinnerte, daß ein Fenster jener Wohnung nicht hoch lag und in einen kleinen Garten führte, bedachte er das Sprichwort: ›Der gerade Weg geht durchs Fenster‹, rief einen seiner Diener herbei und hieß ihn: ›Geh‹ dort in jenen Hintergarten, und wenn du einen Edelmann zum Fenster hinausklettern siehst, so wirf dich mit gezücktem Degen auf ihn, sowie er auf die Erde gelangt ist, haue an die Mauer und rufe: ›Tötet ihn! Tötet ihn!‹ Aber hüte dich, ihn zu verletzen.‹

Der Diener begab sich dorthin, und der Fürst wandelte bis etwa drei Uhr nachts vor der Tür auf und ab. Da nun der Edelmann inne ward, daß jener nicht fortging, entschloß er sich, durchs Fenster zu entweichen, und nachdem er zunächst seinen Mantel hinuntergeworfen hatte, glitt er mit Hilfe bestochener Diener in den Garten. Alsbald klirrte der Diener des Fürsten gewaltig mit dem Degen und schrie: ›Tötet ihn, tötet ihn.‹ Da vermeinte der Edelmann, dort sei der Fürst selber, bekam schreckliche Angst und floh, ohne seinen Mantel aufzuheben, in größtmöglicher Eile von dannen. So kam er zu der Torwache, die mißtrauisch wurde, da sie ihn so laufen sah. Und da er den Leuten nicht den Grund zu sagen wagte, so bat er sie, ihn bis zum Morgen bei sich in der Wachstube aufzunehmen. Das taten sie denn auch.

Indessen war der Fürst heimgekehrt, und da sein Weib schon schlief, weckte er es auf und sagte: ›Ihr schlaft schon? Wieviel Uhr ist es denn?‹ – ›Seit ich schlafe, hörte ich die Uhr nicht mehr schlagen,‹ entgegnete sie. – ›So wißt,‹ sprach er, ›es ist schon drei Uhr vorbei.‹ – ›Jesus!‹ rief jene, ›wo waret Ihr denn nur so lange? Ich fürchte, Ihr werdet Euch eine Krankheit zuziehen!‹ – ›Nie werde ich vom Wachen erkranken,‹ antwortete der Fürst, ›wenn ich dadurch Leute am Schlafe hindere, die mich hintergehen wollen.‹ Und damit begann er gewaltig zu lachen, also daß sie ihn bat, ihr die Geschichte zu erzählen. Das tat er in aller Ausführlichkeit und zeigte ihr obendrein das Wolfsfell, das sein Diener ihm gebracht hatte. Nachdem sie sich derart weidlich über die Leutchen ergötzt hatten, ergaben sie sich dem Schlafe der Gerechten, derweile die andern beiden von der Furcht gemartert wurden, daß ihre Missetaten enthüllt werden könnten.

Da sich nun der Edelmann klar machte, daß Verstellung nichts nützte, kam er früh zum Fürsten, als der sich erhob, und bat ihn flehentlich, die Sache nicht an die große Glocke zu hängen und ihm den Mantel wiederzugeben. Der Fürst aber stellte sich dumm und führte seine Rolle so gut durch, daß der Edelmann nicht wußte, woran er sich nun halten solle. Aber er empfing noch eine Lehre, die er nicht so bald vergaß; denn der Fürst ließ ihn wissen: wenn er sich jemals wieder in jenem Hause zeige, so würde er es dem König sagen und dafür sorgen, daß er vom Hofe verbannt würde.

Hätte nun die Dame nicht besser daran getan, dem Fürsten, der sie durch seine Liebe und Wertschätzung so ehrte, die Wahrheit zu sagen, statt sich durch Verstellung solcher Beschämung auszusetzen?«

»Sie wußte doch recht wohl,« entgegnete Guebron, »daß sie bei einem offenen Geständnis seine Gunst verlor, und das wollte sie offenbar um alles in der Welt nicht.« –

»Mir scheint,« meinte Longarine, »sie konnte gut auf diese Freundschaft verzichten, wenn sie einen Mann nach Wunsch gewählt hätte.« – »Wenn sie ihre Ehe hätte bekanntgeben können, ja,« antwortete Parlamente, »aber sie wollte sie doch einstweilen geheimhalten und brauchte daher einen Deckmantel.« – »Das ist es nicht,« rief Saffredant. »Der Ehrgeiz der Frau begnügt sich nicht mit einem Mann; sie braucht zum mindesten drei: einen der Ehre wegen, einen für’s Geld, den dritten zur Lust. Jeder dieser drei vermeint, am meisten geliebt zu sein, aber die ersteren beiden sind nur die Diener des dritten.« – »Ihr sprecht von Frauen, die weder Liebe noch Ehre kennen,« entrüstete sich Oisille. – »Keineswegs. Manche von ihnen haltet Ihr gewiß für hochehrbar. Und zudem ist es gerade diese Kunst, sich so wohl zu stellen, die ihnen den Ehrentitel ›kluge Frauen‹ einträgt – damit locken sie schier mehr Anbeter ins Netz denn mit ihrer Schönheit, obgleich dieser Name gerade auf deren Kosten erworben wird.«

»Jedenfalls,« brach Nomerfide ab, »glaube ich, daß des Fürsten Gemahlin innerlich froh war, daß ihr Mann die Frauen durchschauen lernte.« – »Das war sie nicht,« widersprach Emarsuitte. »Vielmehr war sie tief betrübt, weil sie nämlich ihren Mann wahrhaft liebte.« – »Dann gefiele sie mir nicht minder als jene, die nur lachte, als ihr Mann die Magd küßte,« erklärte Saffredant. – »Wahrhaftig, das müßt Ihr erzählen,« rief Emarsuitte. »Ich gebe Euch das Wort.« Und Saffredant hub an:

»Die Geschichte ist zwar nur kurz, aber ich möchte euch lieber lachen machen denn langweilen.«

Vierte Erzählung


Wessen ein Edelmann sich gegen eine flandrische Prinzessin kecklich unterfing und welche Schmach und Schande ihm daraus erwuchs.

»In Flandern lebte einst eine Frau alleredelster Abkunft, die schon zwei Gatten verloren hatte und sich in ihrer Witwenschaft auch keiner Kinder erfreute. Sie hatte sich zu einem Bruder zurückgezogen, der ihr sehr zugetan war – einem hochgestellten Mann und Gemahl einer Tochter des Königs. Dieser junge Fürst war dem Vergnügen sehr ergeben und liebte Jagd, Kurzweil und Tanz, gleichwie es seiner Jugend geziemte. Sein Weib dagegen war grämlich und verabscheute des Gatten Frohsinn. Darum ließ jener auch gern seine Schwester teilnehmen, die bei aller Tugend und Ehrbarkeit doch fröhlich und äußerst gesellig war. Nun verkehrte bei dem Fürsten ein Edelmann, des Anstand, Schönheit und Liebenswürdigkeit alle seine Gefährten überstrahlte. Da dieser inne ward, wie fröhlich die Schwester seines Herrn sich erging, bedachte er zu erproben, ob es ihr wohl mißfallen würde, wenn er ihr seine ergebenste Freundschaft zu Füßen legte. Das tat er auch. Doch strafte die Antwort sein Erwarten Lügen und war der Wohlanständigkeit jener Prinzessin gar geziemend angepaßt. Trotzdem verzieh ihm die Prinzessin angesichts seines Ansehens und seiner Schönheit sein dreist Gebaren und gab ihm zu verstehen, daß sie wohl gern die Unterhaltung mit ihm pflegen mochte, sofern er künftig solche Reden ließe. Das versprach er auch, um nicht des Vergnügens und der Ehre eines Gespräches mit ihr verlustig zu gehen.

Doch wuchs nur mit der Zeit seine Neigung zu ihr, also daß er seines Versprechens vergaß. Zwar wagte er nicht neuerdings kecke Worte, denn ihre tugendsame Abweisung war ihm noch recht frisch in Erinnerung. Vielmehr gedachte er, sie einmal gelegenen Ortes zu stellen, so daß sie (eine junge Wittib feurigen Temperaments) womöglich sich seiner und ihrer zugleich erbarme. Zu diesem Behufe sagte er seinem Herrn, auf seinem Gute wäre eine gar herrliche Jagd, und wenn es ihm behage, dort einmal einige Hirsche im Mai zu jagen, so könne er eines wundervollen Zeitvertreibes sicher sein. Der Fürst nahm seine Einladung gerne an, da er den Edelmann schätzte und zudem die Jagd liebte, und kam zu ihm aufs Schloß, das also schön und wohlgerichtet war, wie das des reichsten Mannes im Lande. Der Fürst und seine Gemahlin bezogen alsdann den einen Flügel des Hauses, in dem andern aber brachte der Edelmann die Dame seines Herzens unter.

Das Gemach der Prinzessin war so herrlich mit Stoffen und Wandteppichen ausgestattet, daß man unmöglich eine Falltür entdecken konnte, die sich in der Wand neben dem Bett befand und zu der Stube seiner greisen Mutter führte. Diese hustete viel, und um die Prinzessin nicht zu stören, hatte sie ihr Zimmer mit dem des Sohnes vertauscht. Allabendlich brachte die Greisin der Prinzessin Süßigkeiten, um ihr zu Gefallen zu sein. Und diese erlaubte hinwiederum dem Edelmann, da er sich also ihres Bruders Gunst und Hochschätzung erfreute, bei ihrer Morgen- und Abendtoilette zugegen zu sein. Der Anblick, der sich ihm so bot, vermochte seine Leidenschaft nur zu erhöhen.

Nachdem er dergestalt eines Abends bis zu später Stunde mit der Prinzessin geplaudert hatte, ging er in seine Stube erst, als sie der Schlaf zu übermannen anfing. Dort legte er sich sein reichstes, wohlparfümiertes Hemd an, nahm dann eine gleich prächtige Nachtmütze und wiegte sich nun in der Gewißheit, daß kein Weib der Welt solcher Pracht und Anmut zu widerstehen vermöchte. So war er auch seines Erfolges sicher, stieg ins Bett in der Erwartung und Hoffnung, sich bald eines köstlicheren und vergnüglicheren Lagers erfreuen zu können, und schickte die Dienerschaft fort. Alsdann verschloß er hinter ihnen die Tür und lauschte, ob sich droben im Gemach der Prinzessin noch etwas rege.

Kaum war er sicher, daß alle zur Ruhe gegangen waren, so machte er sich sacht ans Werk, öffnete vorsichtig die Falltür, die wohlgefügt und tuchbeschlagen war, so daß sie lautlos arbeitete, und stieg zum Alkoven der Prinzessin empor, die eben in Schlummer gesunken war. Und ohne sich an die Achtung zu kehren, die er ihr und ihrer Abkunft schuldete, ohne ihre Erhörung zu erbitten oder ihr anheimzustellen, legte er sich neben ihr nieder und sie ward seines Kommens erst inne, als sie sich in seinen Armen spürte. Doch sie war stark, riß sich los und fiel mit Schlagen, Beißen und Kratzen über ihn her, derweile sie ihn fragte, wer er sei. Voll Angst, sie könnte Leute herbeirufen, suchte er ihr mit der Decke den Mund zu schließen. Aber das gelang ihm nicht; und als sie gewahrte, daß er an Kräften nicht sparte, sie zu schänden, nahm auch sie alle zusammen, um ihn abzuwehren, und schrie zugleich so laut als möglich nach ihrer Ehrendame, einer bejahrten, tugendsamen Frau, die im Nebenzimmer schlief. Die kam alsbald im Hemd angelaufen.

Als sich der Edelmann also entdeckt sah, fürchtete er gar sehr, von der Ehrendame erkannt zu werden und entschlüpfte eiligst durch die Falltür. Und gleich groß wie seine Hoffnung und Zuversicht auf dem Hinwege war nun seine Verzweiflung über diesen schmählichen Abzug. Beim Kerzenschein besah er im Spiegel sein Gesicht, das aus zahllosen Biß- und Kratzwunden blutete, sah, wie dies Blut in Strömen auf sein schönes Hemd floß und ihm alle Pracht raubte, und er stöhnte darob: ›Wehe, du Schönheit, wie hast du mir üblen Lohn gebracht. Dein eitles Locken trieb mich zu unmöglichem Unterfangen, und nun fand ich statt neuen Glückes nur schlimmres Leid. Erfährt sie, daß ich so mein Versprechen brach, dann gehe ich des Verkehrs mit ihr verlustig. Wie konnte ich nur meiner Vorzüge entraten und ihren keuschen Leib durch Kraft zu nehmen suchen, statt ihr Herz durch Liebe zu gewinnen und hierzu ergeben und demütig ihr zu dienen. Denn ohne Liebe ist alle Kraft und Stärke des Mannes machtlos.‹

Also verbrachte er die Nacht in Tränen und unbeschreiblichem Gram und Schmerz. Und als er am Morgen sein Gesicht so gar zerfetzt sah, stellte er sich krank. Die siegreiche Prinzessin aber war sicher, daß einzig nur der Mann von allen am Hofe so böser Tat fähig war, der schon einmal die Keckheit gehabt hatte, ihr seine Liebe zu erklären. Und um Gewißheit zu haben, daß es ihr Wirt gewesen war, durchsuchte sie mit ihrer Ehrendame das ganze Zimmer in allen Winkeln. Doch da sie nichts fand, rief sie gar zornig: ›Ich will bestimmt wissen, daß es der Herr des Schlosses war, und morgen soll sein Kopf mir für meine Keuschheit haften.‹ Als die Ehrendame ihren Grimm gewahrte, sprach sie: ›Hohe Frau, wohl steht Euch diese Ehrsamkeit an. Doch mag es Eure Ehre nur lieben, wenn Ihr dem Manne das Leben schenkt, das er selbst ob allzugroßer Liebe zu Euch wagte. Oft wähnt man seinen Wert zu heben und vermindert ihn; so bitte ich Euch, erzählet mir den wahren Hergang.‹

Das tat die Prinzessin ausführlich, und die Ehrendame fragte sodann: ›So hat er also gewißlich nichts von Euch davongetragen, denn Kratzwunden und Schläge?‹ – ›Gewißlich nichts sonst. Und wenn er keinen guten Wundarzt findet, wird sein Gesicht wohl morgen die Spuren tragen.‹ – ›So lobet Gott‹, entgegnete die Ehrendame, ›und überlaßt ihn der Qual der Reue. Statt höchsten Lohnes erntete er nur schlimmste Schmach. Würdet Ihr ihn durch eine Klage bei Euerm Bruder zum Tode bringen, so könnte er wohl verbreiten, Ihr wäret ihm zu Willen gewesen. Und viele werden sagen, ohne großes Entgegenkommen von Eurer Seite wäre solch Unterfangen nicht möglich gewesen. Im ersten Falle wird er schweigen, im andern Falle kann man Eure Ehre allenthalben in den Schmutz ziehen.‹

Die Prinzessin erkannte wohl, wie richtig diese Erwägungen waren und daß man sie im Hinblick ihres freundlichen Umganges mit dem Edelmanne wohl falsch beurteilen könne. So fragte sie die Ehrendame um Rat, wie sie sich künftig verhalten solle und die sprach: ›Seid froh, in diesem Falle Eure Ehre gerettet zu haben, und weiset künftig jede Aufmerksamkeit zurück, denn oft fällt eine Frau zum zweiten Male in eine Schlinge, der sie das erstemal entgangen ist, maßen die Liebe blind macht und oft auf abschüssige Wege führt. Sprecht auch mit niemandem von diesem Vorfall und stellt Euch ahnungslos, wenn jener ihn gar andeuten sollte. Damit er aber nun nicht vermeint, Euch sei dies Unterfangen etwa im Grunde genehm gewesen, so brecht allmählich den Verkehr mit ihm ab. Dann wird er verstehen, wie Ihr seine Torheit verachtet und wie erhaben Eure Großmut ist, da Ihr keinerlei Rache übt.‹ Und die Prinzessin beschloß, diesen Rat zu befolgen und schlief ebenso fröhlich ein, als der Edelmann trübselig wachte.

Tags darauf wollte der Fürst von dannen gehen und fragte nach seinem Wirte. Man sagte ihm, er sei so krank, daß er nicht ans Licht kommen noch mit jemand reden dürfe. Voll Schreckens und Verwunderung wollte der Fürst ihn aufsuchen. Doch da es hieß, er schliefe gerade, vermied er es, ihn zu wecken und verließ so mit seiner Gemahlin und der Schwester das Schloß, ohne Abschied von ihm zu nehmen. Als die Prinzessin vernahm, daß der Edelmann sich entschuldigen ließ, und ihnen nicht das Geleit gab, war sie überzeugt, daß er ihr den Schimpf angetan hatte und nun sein Gesicht nicht zu zeigen wagte, weil sie es ihm so zerkratzt hatte.

Obgleich dann sein Herr oftmals nach ihm schickte, kehrte er doch erst zum Hofe zurück, als alle Wunden geheilt waren, mit Ausnahme derer, die Liebe und Schmerz ihm im Herzen geschlagen hatten. Als er endlich kam und vor seiner siegreichen Feindin erschien, vermochte er seine Röte nicht zu verbergen. Und trotzdem er sonst so keck war, verlor er nun oft aus Verlegenheit alle Haltung, so daß sie alle Zweifel aufgab und sich allgemach von ihm zurückzog. Zwar tat sie es sehr feinfühlig, aber er spürte es wohl. Doch ließ er sich nichts merken, aus Angst, es könne ihm noch schlimmer ergehen. Und so barg er seine Liebe in seinem Herzen und trug die verdiente Entfremdung in Geduld.

Diese Geschichte, meine Damen, mag alle abschrecken, die mehr begehren, als ihnen zukommt. Doch mag die Tugendhaftigkeit der Prinzessin und ihrer Ehrendame wohl auch den Herzen der Frauen Kraft verleihen, Wenn jemand gleichen Fall erleben sollte, weiß er nun, was tun.«

»Mir scheint der Edelmann so mutlos,« meinte Hircan, »daß man sein Angedenken wahrlich nicht zu pflegen braucht. In solchem Falle durfte man nicht vor alt, nicht vor jung zurückweichen. Ganz sicherlich war seine Liebe nicht zu groß, da er noch Angst vor Tod und Schande kannte.« – »Und was«, fragte Nomerfide, »hätte jener den beiden Frauen gegenüber denn beginnen sollen« – »Die Alte mußte er töten. Hätte sich die Junge dann allein gesehen, so wäre sie schon halb besiegt gewesen.« – »Töten!« rief Nomerfide aus. »So wollt Ihr aus dem Liebenden einen Mörder machen! Wenn Ihr so denkt, sollte man wohl besorgen, je in Eure Hände zu fallen.« – »Wenn ich erst einmal so weit wäre, würde ich mich wahrlich für entehrt halten, falls ich nicht ganz zum Ziele käme.«

Nun mischte sich Guebron ein: »So scheint es Euch seltsam, daß eine Prinzessin, die in aller Tugend aufgezogen wurde, sich eines einzelnen Mannes erwehrte? Wie mag euch da eine einfache Frau in Erstaunen versetzen, die den Händen zweier Männer zu entgehen wußte.« – »Guebron,« sprach Emarsuitte, »ich gebe Euch das Wort zur fünften Erzählung. Denn ich glaube, Ihr wißt uns von diesem armen Weibe Unterhaltsames zu berichten.«

»Wenn denn die Wahl auf mich fällt,« erklärte Guebron, »so will ich euch einen Vorfall mitteilen, dessen Wahrhaftigkeit ich an Ort und Stelle nachgeprüft habe. Ihr werdet daraus entnehmen, daß sich Tugend und gerader Sinn nicht nur bei Prinzessinnen findet und Liebe und feine List auch denen zu eigen ist, bei denen man es oft am wenigsten vermutet.«

Vierundfünfzigste Erzählung


Von einer gar wohlgemuten Dame, die nur lachte, als sie sah, wie ihr Mann die Magd küßte, und erklärte, sie lache über einen Schatten, maßen sie den wahren Grund nicht nennen wollte.

»Zwischen den Pyrenäen und den Alpen lebte ein Edelmann namens Thogas, der ein Weib, Kinder, ein schönes Haus und soviel Habe und Freuden hatte, daß er wohl zufrieden hätte leben können, wenn ihn nicht immer ein rasender Kopfschmerz gequält hätte. Darob rieten ihm die Ärzte, sich der ehelichen Freuden zu enthalten. Die Frau war damit einverstanden, da sie nur für ihres Mannes Gesundheit besorgt war. So ließ sie sich ein Bett im gegenüberliegenden Winkel der gleichen Stube aufschlagen, so daß jeder der beiden Ehegatten den andern sehen konnte, wenn er den Kopf hervorstreckte.

Selbige Dame hatte zwei Mägde und diese hielten ihren Herrschaften oft die Kerzen, wenn selbige im Bett lesen wollten; und zwar saß die jüngere bei dem Herrn, die ältere bei der Frau. Da nun der Edelmann inne ward, daß seine Magd jünger und schöner war als ihre Herrin, so ergötzte er sich wiederholt daran, sie anzublicken, ließ sein Buch und begann mit ihr zu plaudern. Das hörte seine Frau gar wohl, doch fand sie es durchaus angemessen, daß die Dienerschaft ihrem Mann die Zeit vertreiben half. Denn sie war seiner Liebe sicher.

Als sie nun eines Abends wieder lange Zeit im Bett lasen, blickte die Dame nach der jungen Magd; doch konnte sie nur ihren Rücken wahrnehmen und ihren Mann gar nicht sehen. Dafür aber erblickte sie auf der weißen Wand neben dem Ofen sein Schattenbild, das sie sehr wohl erkannte, und daneben das der Magd, deren Köpfe sich bald einander näherten, bald entfernten, derweile beide kicherten. Das war so deutlich, als sähe sie die beiden selbst. Und der Edelmann, der darauf nicht achtete, war ganz sicher, daß sein Weib ihn nicht sehen konnte und küßte die Magd. Die Dame duldete das stillschweigend. Als sie aber sah, daß sich selbiges des öfteren wiederholte, fürchtete sie, daß jemand anderes das bemerken könne. Deshalb begann sie laut zu lachen, also daß die beiden Schatten erschreckt auseinanderfuhren.

Alsbald fragte sie der Edelmann, warum sie gelacht habe und ob er daran nicht teilnehmen könne. Sie aber entgegnete: »Lieber Freund, ich bin so dumm und lache über einen Schatten.« Und nie gestand sie ihm ob seiner Fragen die Wahrheit. Denn für sie hatte er nur ein Schattenbild geküßt.

An diesen Fall erinnerte ich mich, als Ihr von der Dame sprachet, so die Freundin ihres Mannes liebte.«

»Weiß Gott,« rief Emarsuitte, »in solchem Fall hätte ich der Magd die Kerze auf der Nase verlöscht.« – »Ihr seid sehr heftig,« lächelte Hircan. »Denkt Euch nur, daß Euer Mann Euch dann mit der Magd zusammen verprügelt hätte! Um einen Kuß soll man nicht solch Aufhebens machen. Besser vielleicht hätte die Frau ganz still bleiben sollen, auf daß ihr Mann es sich wohl sein ließ und von seiner Krankheit geheilt würde.« – »Sie fürchtete doch gerade, daß diese Kurzweil ihn nur kranker mache,« widersprach Parlamente. – »Meiner Ansicht nach,« erklärte Oisille, »sollten alle Frauen an den Freuden und Leiden ihrer Männer teilnehmen, mit ihnen lachen, mit ihnen traurig sein.« – »Wahrscheinlich liebte sie mehr ihre Ruhe als ihren Mann,« spottete Longarine, »da sie sich die Sache so wenig nahe gehen ließ.« – »Sie ließ sich ja sehr wohl nahe gehen, was sein Gewissen und seine Gesundheit betraf,« entgegnete Parlamente. – »Sprecht nicht von Gewissen, sonst muß ich lachen,« sagte Simontault. »Nicht um die Welt möchte ich erleben, daß meine Frau sich um mein Gewissen kümmert.« – »Dann solltet Ihr jene zum Weibe haben,« lachte Nomerfide, »die nach ihres Gatten Tode bewies, daß sie das Geld mehr liebte als das gute Gewissen.« – »Bitte, erzählt uns das,« bat Saffredant. »Ich gebe Euch das Wort.«

»Solch kurze Geschichte wollte ich eigentlich gar nicht erzählen,« hub jene an, »Da sie aber hierher paßt, so werde ich sie mitteilen.«

Fünfundfünfzigste Erzählung


Mit welcher List eine Spanierin die Mönche um das Vermächtnis ihres Gatten brachte.

»Zu Saragossa lebte ein Kaufmann. Als der seinen Tod nahen fühlte und inne ward, daß er seine Habe nun nicht mehr behalten könne (die er vielleicht mit schlechten Mitteln erworben hatte), da wollte er sich von seinen Sünden loskaufen und vermachte alles dem Bettelorden, ohne zu bedenken, daß sein Weib und seine Kinder darob nach seinem Tode Hungers sterben würden. Er bestimmte also, daß man einen guten spanischen Gaul, der den Hauptteil seines Vermögens ausmachte, möglichst hoch verkaufen und den Erlös an die Klöster verteilen solle, und bat sein Weib, dies unmittelbar nach seinem Tode auszuführen.

Als er im Grabe lag und die ersten Tränen getrocknet waren, ging die Frau, die gar nicht so dumm war, zu ihrem Knecht, der auch diese Verfügung des Verstorbenen gehört hatte, und sagte: ›Ich finde, ich habe an meinem Mann so viel verloren, daß ich nicht auch noch aller Habe verlustig gehen möchte. Drum will ich seinen Wunsch zum Guten wenden, denn ich muß für die Notdurft meiner Kinder sorgen. Aber niemand darf etwas erfahren.‹ Und als der Knecht ihr versprochen hatte, nichts zu verraten, fuhr sie fort: ›Geh und verkauf dies Pferd. Wenn dich jemand fragt, wieviel es kostet, so sage: ›Einen Dukaten.‹ Ich habe aber hier eine sehr schöne Katze – die verkaufst du mit, und nicht unter neunundneunzig Dukaten, so daß beide zusammen die hundert Dukaten bringen, für die mein Mann das Pferd allein verkaufen wollte.‹

Der Knecht führte alles pünktlich aus: als er den Gaul auf den Marktplatz brachte (die Katze trug er unterm Arm), da fragte ihn ein Edelmann, der dies Pferd längst kaufen wollte, was es koste. Der erwiderte: ›Einen Dukaten.‹ – ›Mach dich doch nicht über mich lustig.‹ – ›Aber gewiß, Herr, es kostet nur einen Dukaten. Allerdings muß man auch diese Katze für neunundneunzig Dukaten mitkaufen.‹

Der Edelmann fand den Preis angemessen, zahlte genau einen Dukaten für das Pferd, den Rest für die Katze und ging mit seinem Einkauf von dannen. Der Knecht aber brachte das Geld seiner Herrin, die fröhlich den Dukaten für das Pferd den Bettelmönchen gab, so wie es ihr Mann bestimmt hatte, und den Rest für sich und ihre Kinder zurückbehielt.

War diese Frau nun nicht klüger als ihr Gatte?« »Sicherlich liebte sie ihn sehr,« meinte Parlamente. »Aber da sie ihn sein Haus so schlecht bestellen sah, wollte sie seine Bestimmungen zum Besten der Kinder auslegen. Das halte ich für sehr klug.« – »Ist es keine Sünde, die letzten Wünsche der Verstorbenen nicht zu erfüllen?« fragte Guebron. – »Doch – falls der Sterbende bei vollem Verstand war.« – »Ist es nicht irrig, seine Habe der Kirche und den Bettelorden zu vermachen?« – »Nein, im allgemeinen nicht. Aber alles so hinzugeben und dadurch die Seinen dem Hungertode aussetzen, – das kann ich nicht billigen. Mir scheint, Gott fände es nicht minder wohlgefällig, wenn man für die armen Waisen sorgt, die man hinterläßt, statt sie in Hunger und Armut zu stoßen, also daß sie dann ihre Väter verfluchen.« – »Aber woher dieser Geiz, der heute allenthalben so eingewurzelt ist, daß die Menschen erst wenn der Tod naht daran denken, Almosen zu stiften? Ich glaube, sie hängen so an ihren Reichtümern, daß sie selbige gern mitnehmen würden, wenn sie könnten. Und dann, wenn die letzte Stunde naht, schlägt ihr Gewissen.«

»Mir scheint, Hircan,« unterbrach Nomerfide, »Ihr habt eine passende Geschichte im Sinne? Erzählt sie bitte, wenn sie sich auf Mönche bezieht.«

»Das will ich gern tun,« meinte Hircan, »obgleich ich nicht gern etwas zur Schande dieser Leute berichten mag. Da wir aber auch hochgestellte Leute nicht verschont haben, können sie sich gefallen lassen, wenn man sie gleichermaßen behandelt. Zudem sprechen wir nur von den lasterhaften und wissen wohl, daß es in jedem Stand auch ehrenwerte Menschen gibt, die dabei nicht getroffen werden sollen. Darum kann ich nun wohl mit der Geschichte beginnen.«

Achtundvierzigste Erzählung


Zwei Franziskaner nehmen in einer Hochzeitsnacht nacheinander des Ehemannes Platz ein und erhalten am Ende ihre gebührende Strafe.

»In einem Dorf in Périgord feierte man in einem Gasthof die Hochzeit eines Mägdeleins, und alle Verwandten Freunde bemühten sich nach Kräften, es sich wohl sein zu lassen. Während der Feier kamen zwei Franziskaner an, denen man das Essen aufs Zimmer brachte, weil solcher Festeslärm nicht zu ihrem Stand paßte. Der ältere von beiden war aber voll Bosheit und bedachte: maßen man ihn von den Tafelfreuden fernhielt, wolle er an denen des Bettes teilhaben. So beschloß er, den Hochzeitern einen Streich zu spielen, wie Mönche das so lieben. Als der Abend kam und die Tänze begannen, erblickte er vom Fenster aus die Braut und fand sie bei eingehender Betrachtung recht schön und verlockend. So erkundete er bei den Mägden, in welchem Zimmer sie schlafen würde, und war baß erfreut, als er hörte, daß es neben dem seinen lag. Alsbald erspähte er, wie die Braut nach der Sitte von den alten Frauen hinausgeführt wurde. Der Bräutigam blieb inzwischen noch unten, um weiter zu tanzen, und war so eifrig bei der Sache, daß er schier sein junges Weib vergaß. Nicht so der Mönch: denn kaum hörte dieser, daß die Braut im Bett lag, so schlüpfte er aus seiner grauen Kutte und nahm des Ehemanns Platz ein. Da er aber fürchtete abgefaßt zu werden, so begnügte er sich mit wenig und begab sich dann auf den Gang, wo der andere den Aufpasser spielte. Der gab ihm zu verstehen, daß der Bräutigam noch tanze, und begab sich nun seinerseits zu der Braut ins Bett, sintemalen er ja seine Lust noch nicht gestillt hatte. Als dann der Gefährte ein Zeichen gab, verließ er sie.

Alsbald kam der Ehemann und umfing nun seinerseits sein Weib. Dem aber hatten die Pater schon derart zugesetzt, daß es sich nach Ruhe sehnte, und darum sagte es: »«Wollt Ihr denn gar nicht schlafen, noch aufhören mich zu quälen?« Der arme Mann, der doch just erst eben gekommen war, fiel aus allen Wolken und fragte, wie er sie habe quälen können, maßen er doch bis jetzt getanzt habe. »Ach so, Ihr nennt das tanzen,« klagte die Ärmste. »Ich finde, Ihr kommt nun schon zum drittenmal zu mir ins Bett und tätet wohl besser, zu schlafen.«

Ihre Worte verblüfften den Mann so, daß er alles vergaß und nur noch daran dachte, die Wahrheit zu ergründen. Als er nun die Geschichte hörte, bekam er die beiden Franziskaner in Verdacht, die im Hause wohnten. Stracks eilte er in ihr Zimmer, und da er sie dort nicht fand, rief er so laut um Hilfe, daß die Gevattern und Freunde angelaufen kamen. Die halfen alsbald, nachdem er ihnen den Fall erzählt hatte, mit Lichtern, Laternen und Hunden die Mönche suchen, und da sie jene im Hause nicht mehr fanden, eilten sie ihnen flugs nach und holten sie in den Weinbergen ein. Und nun ließen sie ihnen eine gebührende Strafe zuteil werden: denn nach einer gehörigen Tracht Prügel schnitten sie ihnen Arme und Beine ab und ließen sie im Schutze von Bacchus und Venus liegen, maßen sie diesen besser gefolgt waren als dem heiligen Franziskus.

Verwundert euch nicht, meine Damen, wenn solche Leute Handlungen begehen, die selbst einen Abenteurer beschämen würden. Denn sie leben fern von unsern Sitten und Anschauungen. Wundert euch vielmehr, daß sie nicht noch Schlimmeres tun, wenn Gott seine Hand von ihnen nimmt. Denn die Kutte macht nicht immer den Mönch, sondern verleiht ihnen oft jene Hoffahrt, die sie zugrunde richtet.«

»Mein Gott,« entrüstete sich Oisille, »werden wir denn nie aus diesen Mönchsgeschichten herauskommen?« Aber Emarsuitte erwiderte: »Wenn wir der Edelfrauen und Fürsten nicht schonen wollen, dürfen diese auch nicht böse sein, wenn man von ihnen spricht. Die meisten sind recht zwecklose Brüder, von denen man nur redet, wenn sie etwas besonders Schlimmes ausfressen. Man sagt oft: Schlecht getan ist besser als nichts getan! Unser Strauß wird um so schöner, je mehr verschiedene Dinge ihn schmücken.«

»Wenn ihr mir versprecht, nicht böse zu werden,« hub alsbald Hircan an, »so will ich euch eine Geschichte von Leuten erzählen, die derart gerissen waren, wenn es sich um Liebe handelte, daß ihr schier darob jene Mönche entschuldigen werdet, die ihr Bedürfnis stillten, wo sie es just konnten. Hier handelt es sich nämlich um eine Frau, die reichlich gesättigt sein konnte, aber allzu unbescheiden nach Leckerbissen gierte.« – »So sprecht,« erklärte Oisille, »denn all die Übeltaten, die wir hier berichten, fallen nicht allein denen zur Last, von denen die Erzählungen handeln – sie führen uns das Elend jener verwerflichen Geschöpfe vor Augen, um uns die Vollkommenheit Gottes neben der Unvollkommenheit der Menschen begreiflich zu machen.« »So will ich denn,« sprach Hircan, »ohne Sorgen den Fall berichten.«