Sechsundfünfzigste Erzählung


Ein Franziskaner vermählt trügerischerweise ein schönes Mägdelein mit einem anderen Mönch, worob die zwei Burschen bestraft werden.

»Auf der Durchreise durch Padua hörte eine französische Edelfrau, daß im bischöflichen Gefängnis ein Mönch säße, und als sie sich nach dem Grund erkundigte, maßen alle darüber zu spotten schienen, erfuhr sie folgendes: Der Mönch, ein schon bejahrter Mann, war einst Beichtvater einer ehrengeachteten frommen Wittib, die nur eine Tochter hatte. Die liebte sie so sehr, daß sie um ihretwillen alles Geld zusammenscharrte und sie recht gut verheiraten wollte. Und da die Tochter heranwuchs, wurde die Mutter noch mehr von dem Gedanken verfolgt, daß nur ja jener zukünftige Ehemann recht gewissenhaft und fromm sei, auf daß sie später zusammen in Ruhe und Frieden lebten.

So wandte sie sich einmal an ihren Beichtvater, einen gesetzten, allenthalben geachteten Mann. Der erklärte auf ihre Bitten, er müsse sich die Sache reiflich überlegen. Also bedachte er einerseits, daß diese Dame, wie sie sagte, fünfhundert Dukaten zusammengescharrt hatte, die als Mitgift dienen sollten; daß sie den Unterhalt für das Paar übernehmen und Wohnung, Aussteuer und Hausrat liefern wolle; andererseits, daß er einen wohlgebauten, schmucken und hübschen Gefährten hatte; also daß er sehr wohl diesen dem Mägdelein vermählen könne, indem dann für jene mit Unterhalt, Aussteuer, Wohnung und Hausrat gar wohl gesorgt sei, während für ihn selbst die fünfhundert Dukaten blieben, um den andern etwas zu entlasten. Und derart einigte er sich mit ihm.

Alsdann kehrte er zu der Dame zurück und sagte: ›Gott schickte mir heute den trefflichsten Edelmann Italiens, der mir gestand, daß er Eure Tochter öfter gesehen habe und bereits innig liebe. Da ich sein Haus und seine Verwandtschaft kenne, versprach ich ihm, mit Euch darüber zu reden. Es gibt nämlich eine kleine Unbequemlichkeit dabei: als jener Edelmann einmal einem Freunde, den ein andrer töten wollte, zu Hilfe eilte und seinen Degen zückte, um die beiden zu trennen, erstach sein Freund zufällig den Angreifer. Dadurch wurde er ohne Verschulden in die Sache verwickelt und flüchtete aus seiner Vaterstadt. Auf Rat seiner Eltern weilt er nun hier als Student verkleidet und will unerkannt bleiben, bis seine Verwandten die Angelegenheit in Ordnung gebracht haben. Das dürfte in Bälde geschehen sein, aber inzwischen muß dieserthalben die Hochzeit im geheimen gefeiert werden und Ihr müßt damit zufrieden sein, daß er tagsüber die Vorlesungen besucht und nur abends zu Euch kommt, um hier zu essen und zu schlafen.‹

Alsbald erwiderte die Dame in ihrer Einfalt: ›Ich finde, daß dies sogar sehr angenehm ist, denn so bleibt meine Tochter, die für mich das Teuerste auf dieser Welt ist, bei mir.‹ Nun führte der Mönch alles so aus, wie er es bedacht hatte, und brachte den Gefährten in einem dunkelroten Gewande ins Haus, das der Dame gar wohl in die Augen stach. Flugs wurden die beiden verlobt, und schon um Mitternacht las der Alte eine Messe und vermählte das Paar, worauf die Brautleute ihr Ehelager aufsuchten und doch bis zum Tagesanbruch ruhten. Dann erhob sich der junge Mann, erklärte, jetzt müsse er zur Vorlesung, zog sein Wams und sein langes Gewand an und vergaß auch die schwarze Perücke nicht. Dann nahm er von seinem jungen Weib, das noch liegen blieb, Abschied und versprach, allabendlich zum Essen wiederzukehren, zum Mittag aber solle man ihn nicht erwarten. Und so ging er davon, derweile sein Weib sich ob ihrer Ehe mit einem so wackern Mann für die glücklichste Frau der Welt hielt.

Indessen begab sich der junge Ehemann zu dem alten Pater und brachte ihm die fünfhundert Dukaten, die im Ehevertrag festgesetzt worden waren. Zum Abend aber kehrte er pünktlich zum Essen zurück zu der Frau die ihn für ihren Gatten hielt, und wußte sich bei dieser und ihrer Mutter so gar beliebt machen, daß beide ihn nicht gegen den edelsten Fürsten dieser Welt vertauscht hätten.

Das dauerte so eine gute Weile. Maßen aber Gott sich derer erbarmt, die im Vertrauen auf seine Güte betrogen werden, so fügte er es, daß Mutter und Tochter eines Tages der fromme Wunsch anwandelte, im Franziskanerkloster die Messe zu hören und ihren guten Beichtvater zu besuchen, der sie mit einem so trefflichen Ehemann und Schwiegersohn beglückt hatte. Zufällig aber fanden sie weder ihn noch einen andern ihnen bekannten Mönch, und so hörten sie derweile die Messe, die just begann, um zu warten, ob jener nicht käme. So richtete die junge Frau ihre Aufmerksamkeit auf den Gottesdienst, als plötzlich der Priester sich umwandte, um das »Dominus vobiscum« zu sprechen. Alsbald ward sie von gewaltigem Staunen ergriffen: denn der Priester war entweder ihr »Gatte« oder glich ihm außerordentlich, so schien ihr. Doch sagte sie noch nichts und wartete, bis er sich wieder umwandte. Nun konnte sie ihn noch besser sehen, ward ihrer Sache sicher und sprach zu ihrer in Andacht versunkenen Mutter: »Wehe! Wißt Ihr, was ich da erblicke?!« – »Was denn?« fragte die Mutter. – »Ich sehe,daß mein Mann die Messe liest oder doch jemand, der ihm täuschend ähnlich ist!«

Die Mutter hatte ihn nicht erblickt und antwortete daher: »Bitte, rede dir nicht solchen Unsinn ein! So etwas ist doch ganz unmöglich! Wie werden so heilige Menschen einen derartigen Betrug ausführen. Solcher Gedanke ist eine große Sünde vor Gott!« Trotzdem gab aber nun auch sie acht, und als jener das »Ite, missa est« sprach, da mußte sie erkennen, daß niemals zwei Zwillingsbrüder sich so gleichen konnten, wie der Priester ihrem Schwiegersohn. So rief sie: »Gott bewahre mich davor, daß ich meinen Augen traue!« Da es aber ihrer Tochter so nahe anging, beschloß sie, der Wahrheit auf den Grund zu kommen.

Als daher gen Abend der Ehemann kommen sollte (der die beiden in der Kirche nicht bemerkt hatte), erklärte sie ihrer Tochter: »Wenn du willst, werden wir erfahren, wie die Sache wirklich liegt. Sobald ihr also im Bett liegen werdet, will ich kommen und ihm unversehens die Perücke von hinten abreißen; dann werden wir flugs sehen, ob er auch solchen Haarschmuck trägt wie der Priester.«

Und also geschah es. Kaum lag der arglistige Mann mit seinem Weib im Bett, da kam die alte Dame herein, nahm wie im Scherz seinen Kopf in ihre Hände, und flugs riß die Tochter die Perücke ab – also daß die Tonsur gar deutlich zu erkennen war. Darob fielen Mutter und Tochter aus allen Wolken, riefen schnell nach der Dienerschaft und ließen ihn trotz aller Bitten und Entschuldigungen an Händen und Füßen fesseln. Dergestalt blieb er bis zum Morgen liegen. Als aber der Tag anbrach, ließ die Dame den Beichtvater rufen, als habe sie ihm ein wichtiges Geheimnis anzuvertrauen, und als er eiligst das Haus betrat, erging es ihm wie dem jungen Pater. Dann warf die Dame ihm all seinen Trug vor, ließ das Gericht benachrichtigen und lieferte die beiden Burschen aus. Man darf wohl annehmen, daß sie nicht ungestraft davonkamen, sofern sie ehrenwerte Richter hatten.

Das mag euch zeigen, daß auch jene Brüder, die das Gelöbnis der Armut geleistet haben, der Verführung der Geldgier erliegen können, wenn sich die Gelegenheit bietet.«

»Es war aber auch recht viel Geld,« rief Saffredant. »Von den zusammengescharrten fünfhundert Dukaten der Alten konnte man sich manche Freude schaffen. Und das arme Mägdelein, das so sehr eines Gatten harrte, hätte für so viel Geld gleich zwei bekommen und noch besser von allen kirchlichen Herrlichkeiten reden können.« – »Jedenfalls erweist die Geschichte die Einfalt der armen Frauen und die Arglist jener Männer, die wir über ihresgleichen zu stellen pflegen,« sagte Oisille. – »Es gibt eben leider Frauen,« klagte Longarine, »die da vermeinen, sie müßten Engel bekommen.« – »Dann finden sie oft Teufel,« lachte Simontault. »Zumal wenn sie sich Gottes Gnade nicht anvertrauen und auf Erden himmlisches Glück suchen.« – »Ei, ei!« verwunderte sich Oisille. »Solche Worte hätte ich Euch gar nicht zugetraut.« – »Weil Ihr mich nicht genügend kennt,« erwiderte jener. »Immerhin mag ich auch einmal einem Franziskaner ins Handwerk pfuschen, wie es mir einer gemacht hat.« – »Handwerk nennt Ihr das, wenn man Frauen betrügt!« entrüstete sich Parlamente. »Damit verurteilt Ihr Euch selbst.« – »Und wenn ich hunderttausende betröge,« sprach jener, »so hätte ich die Qualen noch nicht gerächt, die mir eine allein schuf.« – »Trotz all‘ Eurer Klagen seht Ihr recht vergnügt aus,« meinte Parlamente. »Allerdings heißt es ja in der ›Schönen Dame ohne Gnade‹:

›Durch Schmiegsamkeit hat mancher leicht
Und schnell erhoffte Gunst erreicht!‹«

»Das scheint mir mehr für Damen belehrsam,« entgegnete Simontault. »Doch sagt mir bitte, ob es wirklich so ehrenvoll für eine Frau ist, wenn sie in dem Ruf steht, ohne Gnade, Mitleid, Liebe und Barmherzigkeit zu sein?« – »Ohne Barmherzigkeit und Liebe darf sie nicht sein. »Gnade« aber hat bei Frauen einen schlechten Klang, maßen es bedeutet, daß sie das Verlangen der Männer erfüllen. Man weiß recht wohl, was die Männer von den Frauen erbitten.« – »Oh, es gibt Vernünftige, die sich mit einem guten Wort begnügen.« – »Das erinnert mich an den Mann, der sich mit einem Handschuh begnügte.« – »Von dem anmutigen Liebhaber müssen wir hören,« rief Hircan, »Deshalb gebe ich Euch mein Wort.«

Ich erzähle die Geschichte um so lieber,« hub Parlamente an, »da sie an Ehrenhaftigkeit nichts zu wünschen übrigläßt.«

Siebenundfünfzigste Erzählung


Lächerliche Geschichte von einem englischen Lord, der mit einem Damenhandschuh auf dem Wams prunkte.

»König Ludwig der Elfte entsandte einst den Herrn von Montmorenci als Geschäftsträger nach Engelland. Der ward dort herrlich empfangen und gefeiert, und ob ihrer Zuneigung zu ihm beratschlagten der König und andere Fürsten daselbst mit jenem ihre Angelegenheiten. Einst nun saß er bei einem Gelage, das der Konig ihm zu Ehren veranstaltete, neben einem Lord edelster Abkunft, der auf seinem Wams einen kleinen Handschuh, gleich dem von einer Frau, mit goldenen Hesteln befestigt hatte. Die Fingernähte waren mit vielen Diamanten, Rubinen, Smaragden und Perlen geziert, und daher hatte das Stück einen großen Geldwert.

Der Herr Montmorenci beschaute ihn so oft, dass der Lord ihm seine Frage vom Gesicht ablas. Und da er seine Geschichte sehr zu erzählen liebte, um sich damit selbst gehörig herauszustreichen, hub er also an:

›Ihr verwundert Euch sichtlich über den Schmuck, den ich diesem Handschuh angedeihen ließ. So will ich Euch gern den Grund sagen, denn Ihr scheint mir wohlanständig zu sein und werdet die Leidenschaft der Liebe genugsam kennen, um mich – wo nicht zu loben – so doch ob meiner Gefühle zu entschuldigen.

So wisset: ich habe mein Lebelang eine Dame geliebt, liebe sie noch heute und werde sie noch nach meinem Tode lieben. Maßen aber mein Herz kühner war als mein Mund, so schwieg ich sieben Jahre lang und ließ mir nichts anmerken aus Angst, ich würde alle Möglichkeit verlieren, sie weiter so oft zu sehen und besuchen wie bisher, sobald sie etwas wahrnähme. Als ich nun eines Tages auf einer Wiese bei ihr stand und sie anschaute, da begann mein Herz so gewaltig zu pochen, daß ich erbleichte und alle Fassung verlor. Des ward sie inne und fragte mich, was mir fehle. Ich erwiderte, mich quäle ein unerträglicher Schmerz im Herzen. Und da sie wohl vermeinte, ich rede von einer anderen Krankheit denn von Liebe, so zeigte sie Mitleid mit mir. Deshalb bat ich sie, ihre Hand auf mein Herz zu legen und zu fühlen, wie es poche. Also tat sie: doch als sie ihre behandschuhte Rechte darauf legte, zuckte und sprang das Herz so sehr, daß sie es auch fühlte, und da ich das wahrnahm, preßte ich ihre Hand an mich und rief: ›Ach, edle Frau, empfanget das Herz, das meinen Leib sprengen möchte, um in Eure Hand zu springen! Von Euch erhoffe ich Gnade, Leben und Erbarmen. Die Qual zwingt mich, Euch jetzt meine langverhehlte Liebe zu gestehen. Denn sie ist übermachtig geworden.‹

Als sie meine Worte vernahm, ward sie betreten und wollte ihre Hand zurückziehen. Die aber hielt ich fest, also daß der Handschuh sich löste und an der Stelle verblieb, wo ihre grausame Hand geruht hatte. Und da ich fürder nie wieder eine größere Vertraulichkeit von ihr genoß, so habe ich den Handschuh auf meinem Herzen befestigt als das herrlichste Pflaster, das ich finden konnte, und zudem schmückte ich ihn mit den schönsten Ringen, die ich besaß, obgleich den größten Wert der Handschuh selbst besitzt, den ich nicht für ganz Engelland dahingäbe.‹

Der Herr von Montmorenci hätte die Hand dem Handschuh vorgezogen. Doch lobte er solch ehrenhafte Gesinnung in gesetzten Worten und erklärte, der Lord sei der uneigennützigste Liebhaber, den er je gesehen habe; und da er schon über so Weniges entzückt sei, wäre er ob seiner gewaltigen Liebe am Ende gar vor Glück gestorben, wenn er mehr erlangt hätte. Und der Lord gab ihm recht, ohne zu merken, daß jener sich über ihn lustig machte.

Wären alle Männer so tugendsam, dann könnten sich ihnen wohl alle Frauen anvertrauen, maßen es sie nur einen Handschuh kostet.«

»Herrn von Montmorenci kannt‘ ich wohl,« sprach Guebron. »Er hätte nicht ewig in solcher Bangigkeit leben mögen und sonst sicherlich auch nicht so viel Erfolg in Liebesdingen gehabt. Denn ein altes Lied sagt:

›Auf einen furchtsamen Verliebten hört ihr kein Lob.‹«

»Bedenkt doch«, spottete Saffredant, »daß die arme Dame gar flugs ihre Hand zurückzog, als sie sein Herz so wild pochen fühlte. Sicher vermeinte sie, er würde sterben, und man sagt, Frauen hassen die Berührung von Toten.« – »Wenn Ihr die Spittel so oft besuchtet wie die Schenken,« rief Emarsuitte, »so würdet Ihr dergleichen nicht behaupten. Dort könntet Ihr sehen, wie Frauen auch solche Leichen besorgen und begraben, denen sich selbst kühne Männer zu nahen fürchten.« – »Das ist wahr,« höhnte Simontault, »denn wer so recht Buße tun will, der wählt das Gegenteil von dem, woran er sich früher ergetzt hat« – »Da sieht man wieder, wie alles Gute, das Frauen tun, von den Männern entstellt und falsch gedeutet wird!« rief Oisille. Aber Simontault entgegnete: »Jedenfalls glaube ich, daß mehr Männer von Frauen betrogen werden, als Frauen von Männern. Denn ob ihrer geringen Liebe glauben sie unseren wahren Worten nicht, wir aber glauben in unserer starken Liebe an ihre Lügen.« – »Mir scheint, Ihr habt einen Dummkopf klagen hören, den eine Törin enttäuschte,« meinte Parlamente. »Was Ihr da sagt, ist so wenig überzeugend, daß Ihr es schon mit Beispielen erhärten müßt. Wißt Ihr eines, so sollt Ihr von mir das Wort haben; denn sonst brauchen wir Euch keinen Glauben zu schenken. Und solltet Ihr Schlechtes über uns sagen, so werdet Ihr uns doch nicht wehe tun, denn wir wissen, was wir davon zu halten haben.«

»Gut, wenn ich an der Reihe bin, will ich eine solche Geschichte berichten,« sprach Simontault.

Achtundfünfzigste Erzählung


Eine Hofdame rächt sich gar neckisch an einem Liebhaber ob seiner sonstigen Seitensprünge.

»Am Hofe Franz‘ des Ersten lebte eine geistvolle Frau, die ob ihrer Anmut und Plauderkunst die Herzen mehrerer Herren erobert hatte. Das schuf ihr vielen Zeitvertreib, und ohne ihre eigne Ehre aufs Spiel zu setzen spielte sie mit den Edelleuten so wohl, daß diese nicht aus noch ein wußten und so die Zuversichtlichsten verzweifelten, die Verzweifelten zuversichtlich wurden. Trotz dieser Neckereien entging sie dem Schicksal nicht, einen Edelmann zu lieben, den sie Vetter nannte. Unter diesem Namen jedoch barg sich ein lang ausgesponnenes Liebesverhältnis. Unstät nur wie alles irdische, wandelte sich diese Liebe oft in Streit, flammte dann wieder stärker auf denn je, und konnte so dem Hofe auf die Dauer nicht verborgen bleiben.

Eines Tages stellte sich die Dame zu ihm ungewöhnlich liebenswürdig – sei es, um ihm zu zeigen, daß sie keinerlei sonstige Gefühle habe, sei es, um ihn ob der Liebesqualen, die sie so oft ertragen hatte, gehörig zu peinigen. Er, dem es weder in Kampf- noch Liebesfragen an Kühnheit mangelte, drängte sie sogleich zu dem, worum er sie schon so oft gebeten hatte. Alsbald tat sie, als könne sie ihr Mitleid nicht mehr bezwingen, bewilligte ihm diese Bitte und erklärte: ›sie wolle dafür in ihre Stube gehen, die im Obergeschoß lag, also daß sie sicher wäre, daß niemand sonst dorthin käme. Sobald er sähe, daß sie hinausginge, solle er ihr folgen, auf daß er sie, dank ihrer Bereitwilligkeit, allein antreffen könne.‹

Der Edelmann schenkte ihren Worten Glauben, und voll Zufriedenheit begann er mit den andern Damen Kurzweil zu treiben, derweile er erwartete, daß sie hinausginge. Sie aber, der es an List nicht fehlte, trat an zwei hohe Fürstinnen heran, mit denen sie sehr innig befreundet war, und sagte: ›Wenn ihr wollt, will ich euch einen Spaß erleben lassen, der seinesgleichen nicht hat.‹ Die beiden Fürstinnen waren keineswegs auf Trübsinn versessen und fragten darum flugs, was es sei. Sie entgegnete: ›Es handelt sich um den Herrn Soundso, der, wie ihr wißt, ob seiner Ehrenhaftigkeit und Kühnheit bekannt genug ist. Auch wißt ihr, wieviel üble Streiche er mir spielte, wenn er anderen Damen den Hof machte, derweile ich ihn über alles liebte. Damit hat er mir mehr Leids geschafft, als ich mir merken ließ. Nun aber gab mir Gott die Möglichkeit, mich zu rächen: ich gehe jetzt in Bälde auf meine Stube, und wenn ihr aufmerken wollt, werdet ihr sehen, wie er mir flugs folgen wird. Wenn er nun den Saalgang durchschritten hat und die Stiege emporklimmen will, so eilet bitte ans Fenster und schreiet mit mir: ›Räuber! Diebe!‹ Da werdet Ihr ihn vor Wut platzen sehen – und ich glaube, er wird sich dabei nicht übel ausnehmen! Und wenn er mir vielleicht auch keine Schmähungen ins Gesicht schleudert, so kann ich doch sicher sein, daß er innerlich darob schier berstet.‹

Der Gedanke machte sie alle fröhlich lachen, denn keiner der Edelleute stand so unablässig mit den Damen auf dem Kriegsfuße wie jener, und so sehr er auch von allen geliebt und geschätzt wurde, so hätte doch kaum eine gewagt, sich seinem Spott auszusetzen. Und darum schien es jenen Damen, daß sie wohl an dem Siegesruhm teilnehmen könnten, den eine einzelne ihm abzuringen im Begriff stand. Sobald sie also die unternehmungslustige Dame hinausgehen sahen, achteten sie auf das Verhalten des Edelmannes, der bald seinen Platz verließ. Kaum war er zur Tür hinaus, so schlüpften die Damen in den Saalgang, um ihn nicht aus dem Auge zu verlieren.

Er ahnte nichts dergleichen, nahm sein Manteltuch hoch, um sein Gesicht zu verbergen, und eilte die Stiege zum Hofe hinunter. Dann kam er wieder hinauf, und da er jemandem begegnete, den er nicht als Zeugen haben wollte, so ging er wieder hinunter, kam auf einer anderen Stiege wieder hinauf und alles das sahen die Damen, ohne daß er etwas merkte. Als er nun aber zu dem Stiegenabsatz kam, der unmittelbar zu der Stube der Dame führte, eilten die Damen flugs ans Fenster, sahen oben die andere schon bereitstehen und ›Räuber! Diebe!‹ schreien, worob sie nun auch beide so laut riefen, daß das ganze Schloß in Aufruhr versetzt wurde.

Ihr könnt euch denken, mit welcher Wut der Edelmann nach Hause floh. Doch konnte er sein Gesicht nicht so gut verbergen, daß er nicht von denen erkannt wurde, die um das Geheimnis wußten. Die neckten ihn später oft damit, auch jene Dame, die ihm den Streich gespielt hatte und die sich nun ihrer Rache rühmte. Aber er verteidigte sich sehr schlagfertig und ließ verstehen, er habe so etwas geahnt und habe den Vorschlag der Dame nur angenommen, um sie selbst zu verspotten. Denn aus Liebe zu ihr wäre er nimmermehr zu ihr gegangen, da seine Gefühle längst erloschen seien. Die Damen wollten ihm das nicht recht glauben, und noch heute ist man nicht sicher, was die Wahrheit ist.

Wenn es aber so lag, daß er der Dame geglaubt hatte (was nicht sehr wahrscheinlich ist, weil er gleichermaßen unvergleichlich klug als kühn war), so müßt ihr, wie mir scheint, zugeben, daß Männer, die in tugendhafter Liebe den Damen trauen, gar oft getäuscht werden.«

»Ich muß sagen,« erklarte Emarsuitte, »daß mir der Streich jener Dame gefällt. Wenn ein Mann die, welche ihn liebt, für andere verläßt, ist jede Rache recht.« – »Wenn sie geliebt wird, allerdings,« meinte Parlamente. »Manche Frauen fragen nämlich danach nicht und nennen dann die Männer wankelmütig. Wenn die Frauen klug sind, lassen sie sich nicht täuschen. Denn um nicht in das Netz der Lügner zu geraten, trauen sie nur den Wahrheitliebenden. Zudem spricht Wahrheit und Falschheit dieselbe Sprache.« – »Wenn alle Damen Eure Ansicht teilten, könnten die Edelleute ihre schönen Reden in ihre Kästen sperren,« lachte Simontault. »Wir können aber nicht annehmen, daß die Frauen ebenso ungläubig wie schön sind.« – »Da ich die betreffende Dame kenne, so kann ich ihr den Streich schon zutrauen,« meinte Longarine. »Was sie ihrem Manne nicht ersparte, hat sie sicherlich auch ihrem Freunde nicht erspart.« – »So wißt Ihr mehr davon als ich,« sagte Simontault. »Darum tretet an meine Stelle, um Eure Ansicht zu sagen.«

»Gern, wenn Ihr es wünscht,« hub Longarine an.

Einundfünfzigste Erzählung


Von der hinterlistigen Grausamkeit eines Italieners.

»Ein italienischer Herzog – seinen Namen will ich verschweigen –- hatte einen Sohn von achtzehn oder zwanzig Jahren, der in ein Edelfräulein leidenschaftlich verliebt war. Da er nun nicht so ungestört mit ihr sprechen konnte, wie er es wohl wünschte, bediente er sich der Vermittlung eines Edelmannes von seinem Gefolge, so wie es die Landessitte war. Dieser Edelmann war seinerseits in ein bildschönes ehrsames Mägdelein verliebt, das zum Gefolge der Herzogin gehörte. Diese junge Dame überbrachte die Liebeserklärungen jenes Prinzen, ohne sich etwas Böses dabei zu denken. Vielmehr machte es ihr Freude, ihm gefällig zu sein, da er doch nur ehrenhafte Absichten pflog, die sie ohne Bedenken ausrichten konnte.

Der Herzog aber sorgte sich mehr um seines Hauses Vorteil denn um sittsame Freundschaften und ließ seinem Sohn nachspüren aus Angst, er könne sich dort ehelich binden. So erfuhr er, daß jenes arme Mägdelein die Zwischenträgerin einiger Briefe gewesen war, und ergrimmte darob dermaßen, daß er beschloß, dem einen gehörigen Riegel vorzuschieben. Doch konnte er seine Wut nicht so wohl bergen, daß die junge Dame nicht davon benachrichtigt wurde. Da selbige nun des Fürsten Bosheit kannte, so ward sie von schrecklicher Furcht ergriffen und eilte zu der Herzogin mit der flehentlichen Bitte um Urlaub, auf daß sie in der Ferne weilen könne, bis dieser Zorn verraucht sei.

Ihre Herrin erwiderte, sie wolle erst ihres Mannes Sinn ergründen, ehe sie diesen Urlaub erteile. Nachdem sie aber die bösen Absichten des Herzogs durchschaut hatte, gab sie in Anbetracht seines Charakters nicht nur dem Mägdelein den erbetenen Urlaub, sondern riet ihm obendrein, ein Kloster aufzusuchen, bis der Sturm vorüber sei. Das geschah auch in aller Heimlichkeit.

Trotzdem kam der Herzog dahinter, und alsbald fragte er mit verstellter Freundlichkeit sein Weib, wo die junge Dame sich befände. Die Herzogin vermeinte, er wisse alles, und gestand die Wahrheit, worob er sich betrübt stellte und ihr erwiderte, solcher Maßregeln habe es doch nicht bedurft, denn er habe nichts Böses im Sinn. Darum möge sie das Mägdelein zurückrufen, maßen es nur leidiges Geschwätz gäbe. Und als die Herzogin einwandte, in Anbetracht seiner Ungnade sei es doch besser, wenn jene fernbliebe, wies er alle Gründe von sich und verlangte ihre Rückkehr.

Nunmehr übermittelte die Herzogin der Ärmsten dies Geheiß, und als diese voll Unruhe bat, das Geschick nicht also erproben zu wollen, maßen der Herzog nicht so bereitwillig verzeihe, wie er sich stelle, versicherte ihr jene auf Ehre und Gewissen, daß ihr kein Leids geschehen würde. Darob faßte das Mägdelein Vertrauen, indem es wußte, daß die Herzogin sie liebte und nie betrügen würde, und vermeinte, der Herzog werde nie eine Zusage brechen, für die seines Weibes Ehre bürgte. Also kam es zurück.

Kaum hatte der Herzog dies erfahren, so ging er stracks in das Gemach seiner Frau. Als er das Mägdelein erblickte, rief er: ›Da ist ja die Heimgekehrte!‹, wandte sich zu den Edelleuten und befahl, jene ins Gefängnis zu werfen. Die arme Herzogin, die ihre Ehre verbürgt hatte, um sie aus ihrer Zufluchtsstelle zu locken, warf sich voller Verzweiflung ihrem Mann zu Füßen und beschwor ihn bei seinem Hause und seiner Ehre, einen solchen Vertrauensbruch nicht zu begehen. Aber weder Bitten noch Vernunftsgründe vermochten sein hartes Herz zu rühren noch ihn von seinen Rachegelüsten abzubringen. Ohne seinem Weibe ein Wort zu entgegnen, ging er unverweilt von dannen und vergaß Gottes und seiner Ehre so weit, daß er das Mägdelein ohne Gerichtsverfahren kurzerhand grausam aufknüpfen ließ.

Ich mag nicht die Verzweiflung der Herzogin schildern, die vor Scham und Herzeleid schier verging; noch auch die Trauer des Edelmannes, der vergeblich mit allen Mitteln versucht hatte, die Geliebte zu retten, ja – der selbst für sie hatte sterben wollen. Kein Mitleid packte den Herzog, er kannte nur die Wollust befriedigter Rache, und so ward dies unschuldige Mägdelein entgegen allen Gesetzen der Ehre und zum tiefen Gram ihrer Freunde ob des Herzogs grausamer Tücke zu Tode gebracht.

So erkennet, wohin die Bosheit, mit Macht gepaart, führen kann.«

»Ich hörte oft,« sagte Longarine, »daß viele – nicht alle – Italiener zumal dreien Lastern ergeben seien. Ich hätte aber nie gedacht, daß ihre Grausamkeit und Rachsucht so weit gehen könne.« – »Verwundert Euch nicht darob,« rief Simontault, »denn alle, die Italien besucht haben, berichten diesbezüglich so unglaubliche Dinge, daß jener Fall daneben nur ein ganz unschuldiges Vergehen zu sein scheint.«

»In der Tat,« bestätigte Guebron. »Als Rivoli von den Franzosen genommen wurde, stand daselbst ein italienischer Hauptmann, der für einen liebenswürdigen Kämpen galt. Als der die Leiche eines Mannes gewahrte, der nicht einmal ein Feind, sondern nur ein Guibelline war, riß er ihm das Herz aus, briet es oberflächlich und verzehrte es alsdann. Als man ihn fragte, wie ihm das schmecken könne, erwiderte er, nie habe er ein so genußreiches Stück Fleisch gegessen als dieses. Und damit nicht zufrieden, tötete er das Weib jenes Verstümmelten, riß die Frucht ihres Leibes heraus, daran sie schwanger war, zerschmetterte das Kindlein an der Mauer, füllte die Leichen der Eltern mit Haber und ließ die Pferde daraus fressen. Glaubt ihr, jener hätte nicht auch ein Mägdelein getötet, das er in Verdacht bekäme, ihm entgegen zu arbeiten?«

»Sicherlich fürchtete der Herzog, sein Sohn könne sich arm verheiraten,« brach Emarsuitte ab. »Für Leute hohen Standes ist es meist ganz selbstverständlich, sich nur von Rücksichten leiten zu lassen, die ihrer Ansicht nach über der Liebe stehen.« – »Solche Leute sollten eben mit dem Gleichen gestraft werden, darin sie sündigen,« rief Longarine. – »Ganz recht,« bestätigte Guebron, »und ich sah auch zum Beispiel noch nie einen Spötter, der nicht am Ende selbst verspottet wurde, keinen Betrüger, den man nicht schließlich selbst betrog, keinen Ruhmsüchtigen, der nicht gedemütigt wurde.« – »Da erinnert Ihr mich an einen Trug,« meinte Simontault, »den ich gern erzählt hätte, wenn er etwas … vornehmer gewesen wäre.« – »Wir sind hier, um die Wahrheit zu erzählen,« erklärte Oisille, »und mag nun die Geschichte auch nicht so untadelig sein, ich erteile Euch das Wort.«

»Da mir das Wort erteilt wurde,« hub alsbald jener an, »so will ich denn die Geschichte erzählen.«

Zweiundfünfzigste Erzählung


Welch edles Frühstück ein Apothekerlehrling einem Advokaten und einem Edelmann einbrockte.

»Zu Alençon lebte in der Zeit des letzten Herzogs Karl (des ersten Gemahls der Königin von Navarra) ein Advokat Anton Bacheré, ein lustiger Kumpan und Freund reichlicher Frühstücke. Als der eines Tages vor der Tür saß, sah er einen Edelmann, einen Herrn de la Tirelière, vorbeikommen, der ob der Kälte zu Fuß heimging und in einen dicken Fuchspelz eingehüllt war. Als dieser des Advokaten ansichtig wurde, bedachte er, daß jener dieselben Freuden liebte wie er selbst, und eröffnete ihm, er habe seine Geschäfte erledigt und sehne sich nach einem ordentlichen Frühstück.

Der Advokat meinte, ein Frühstück sei leicht zu finden, doch müsse man nun jemanden ausfindig machen, der die Kosten trüge. Darum nahm er den andern beim Arm und sprach: »Auf, Gevatter, suchen wir uns einen Dummen!«

Just ging hinter ihnen ein Apothekerlehrling, der mit dem Advokaten stets im Hader lag. Maßen er aber findig und schlau war, so bedachte er sich nun flugs zu rächen. Er sah auf der Straße ein großes Stück gefrorenen Kot liegen, wickelte es in sauberes Papier, so daß es einem Stück Zuckerbrot glich, überholte dann schnell die beiden und ließ sein Paket gleichsam versehentlich aus dem Ärmel fallen. Freudestrahlend hob es der Advokat auf und sagte zu dem Herrn de la Tirelière: »Dieser kluge Bursch wird heute die Zeche bezahlen. Nun laßt uns schnell machen, auf daß er uns nicht auf die Sprünge kommt.«

Flugs trat er in eine Schenke und hieß die Wirtin: »Steckt ein gehöriges Feuer an und bringt Brot, Wein und ein gut Stück Fleisch – wir können zahlen.« Die Wirtin führte seine Bestellungen pünktlich aus. Derweile sich aber jene am Essen und Trinken ergetzten, begann das Zuckerbrot, das der Advokat in den Brustlatz gesteckt hatte, zu tauen, also daß sich bald ein Gestank erhob, der beiden unerklärlich war. Alsbald schrie er die Wirtin an: ›Bei Euch herrscht ein Gestank, wie ich noch nirgends erlebt habe. Ich glaube, Ihr laßt Eure Kinder ihre Notdurft verrichten, wo sie sich just befinden!‹ Auch der Herr de la Tirelière, der von diesem Duft eine reichliche Menge abbekam, schimpfte, daß die Wände wackelten.

Die Wirtin aber geriet in Wut, da man sie solcher Unreinlichkeit bezichtigte, und rief außer sich: ›Beim heiligen Peter. Mein Haus ist anständig und sauber, und den Gestank habt also Ihr mitgebracht!‹

Spuckend erhoben sich nun die beiden vom Tisch und setzten sich vor’s Feuer, um sich zu wärmen. Dabei zog der Advokat sein Schneuztuch aus dem Brustlatz, das von dem Sirup des Zuckerbrotes ganz durchtränkt war. Das brachte er darob zutage, und nun könnt ihr euch den Spott der Wirtin denken und die Scham des Advokaten vorstellen, der sich von einem simplen Apothekergehilfen übertölpelt sah, obgleich er selbst doch Zeit seines Lebens zu betrügen gewohnt war.

Die Wirtin aber hatte kein Mitleid mit ihnen. Sie ließ sich alles bezahlen und meinte noch, sie müßten sich schier doppelt ergetzt haben, da doch Mund und Nase so wohl versorgt worden seien. Tief beschämt und mit leichtem Beutel zogen beide von dannen. Alsbald aber kam der Apothekergehilfe angelaufen und fragte sie, ob sie kein Zuckerbrot, wohl in Papier eingewickelt, gesehen hätten. Zwar suchten sie an ihm vorbeizukommen, aber jener rief dem Advokaten zu: ›Ihr habt mein Zuckerbrot, gebt es mir bitte wieder. Solchen Diebstahl braucht sich ein armer Teufel wie ich nicht gefallen zu lassen.‹

Auf sein Geschrei sammelte sich bald ein Haufen Menschen um sie, die dem Streit zuhörten und so alles erfuhren; also daß der Apothekergehilfe sich ebenso ob seines Verlustes freuen konnte, wie die andern zwei ob ihres Diebstahles beschämt wurden. Doch beruhigten sie sich mit der Hoffnung, ihm das ein andermal heimzuzahlen.

Zwar war diese Geschichte nicht übermäßig reinlich; doch wolltet Ihr die Wahrheit hören und so zeigte ich euch, daß niemand betrübt ist, wenn ein Betrüger hereinfällt. Hätte der Edelmann nicht auf anderer Leute Kosten essen wollen, so hätte er auch diesen Gestank nicht zu erleben brauchen.«

»Man sagt oft, daß Worte nicht stinken,« meinte Hircan. »Mir scheint aber, derjenige, der sie ausgesprochen hat, bekommt leicht die Nase davon voll. Immerhin wüßte ich gern, welche Worte so gemein sind, daß sie Herz und Seele einer sittsamen Frau anwidern.« – »Das sind die sogenannten unanständigen,« rief Saffredant. »Doch sollten mir nun die Damen sagen, weshalb sie trotzdem darüber lachen, wenn man sie vor ihnen ausspricht. Was einem widerstrebt, darüber lacht man doch nicht!« – »Wir lachen auch nur darüber,« erklärte Parlamente, »wenn jemandem wider Willen ein Wort entwischt, das er nicht sagen wollte, wie es selbst den klügsten und besten Rednern begegnen kann. Häßliche Zoten aber verabscheut die Frau und flieht vor einer Gesellschaft, die sich darin ergeht.« – »Wirklich,« bestätigte Guebron, »ich sah Frauen, die sich bei solchen Worten bekreuzigten. Aber nachher ließen sie es sich gern wiederholen. Wollt Ihr solche Heuchelei loben?« – »Die Tugend ist besser als Heuchelei,« lächelte Longarine. »Wo sie aber fehlt, da bedarf man der Heuchelei, gleichwie wir Absätze tragen, um unsere Gestalt größer erscheinen zu lassen.« – Hircan sagte: »Es kann nur entehren, wenn man sich mit falschen Federn schmückt.« – – »Ganz recht,« rief Emarsuitte. »Und gleichermaßen gibt es manche Frau, die einen kleinen Fehler verbergen wollte und darob einen größeren beging.« – »Ich glaube, ich weiß, wen Ihr meint,« – unterbrach sie Hircan, »aber bitte, nennt wenigstens nicht ihren Namen.« – »So gebe ich Euch das Wort,« sprach Guebron, »und hernach sagt Ihr uns die Namen – wir aber schwören Euch, sie nie auszuplaudern.«

»Gut, das verspreche ich,« erklärte Emarsuitte, »denn es gibt nichts in dieser Geschichte, das sich nicht in allem Anstand sagen ließe.«

Dreiundfünzigste Erzählung


Mit welcher Gewandtheit ein Fürst einen lästigen Liebeswerber zu entfernen wußte.

Als König Franz, der erste seines Namens, mit geringem Gefolge auf einem Lustschloße weilte, um zu jagen und sich auszuruhen, befand sich ein edler Herr voll Ehrsamkeit und Tugend bei ihm, ein Fürst von seltener Schönheit und Klugheit. Selbiger hatte ein Weib zu eigen, das zwar nicht überaus schön war, aber von ihm innig geliebt und gar verwöhnt wurde. So vertraute er ihr selbst an, wenn er zu einer anderen Zuneigung gefaßt hatte. Denn er wußte, daß sein Wille auch der ihrige war.

Dieser Fürst verliebte sich nun einst in eine Wittib, die in dem Rufe stand unvergleichlich schön zu sein, und trotzdem schloß auch die Fürstin selbige in ihr Herz und lud sie oft zu sich; denn sie freute sich, daß ihr Mann ein so ehr- und tugendsames Weib liebte, statt betrübt darüber zu sein. Das ging so eine ganze Weile. Aber bald stellten sich eine Reihe hoher Herren und Edelleute ein, die ob ihrer Schönheit die Wittib umwarben und sie gar heiraten wollten, denn sie war sehr reich. Unter diesen befand sich ein junger Mann, der ihr unentwegt auf den Leib rückte und den lieben langen Tag, ja selbst beim An- und Auskleiden in ihrer Stube hockte.

Das mißbehagte dem Fürsten, da er jenen in keiner Beziehung für ansehnlich halten konnte, und er machte der Dame darum Vorwürfe. Diese – die Tochter eines Herzogs – entschuldigte sich damit, daß sie mit ihm wie den andern spräche und so leichter einen Verdacht von sich bezüglich des Fürsten abwenden könne. Indes bedrängte sie der Edelmann weiter derart, daß sie schließlich, nur um ihn los zu werden, versprach, ihn zu heiraten – aber erst, wenn ihre Töchter vermählt seien. Fortan kam der Edelmann ohne die geringsten Bedenken zu jeder beliebigen Stunde zu ihr.

Als der Fürst dessen inne wurde, sagte er einmal zu der Dame: ›Ich stellte allezeit Eure Ehre so hoch wie die meiner leiblichen Schwester, und ihr wißt, wie ich Euch just ob Eurer Tugend liebe. Müßte ich aber annehmen, daß ein Unwürdiger durch Aufdringlichkeit erreicht, was ich nicht gegen Euern Willen besitzen wollte, so wäre das ebenso unerträglich für mich, wie entehrend für Euch. Man beginnt über Euch zu schwätzen, und darum wäre es schier besser, Ihr würdet ihn heiraten, obgleich er so weit unter Euerm Stand und Vermögen ist. So bitte ich Euch, sagt mir, ob Ihr ihn lieben wollt oder nicht; denn ich kann solchen Gefährten nicht neben mir dulden und müßte in diesem Falle Euch verlassen.‹

Die arme Dame fürchtete seine Freundschaft zu verlieren. Darum hub sie alsbald an, bitterlich zu weinen, und schwor ihm zu: lieber wolle sie sterben, als jenen Edelmann heiraten. Leider fiele er ihr aber so lästig, daß sie sich vor ihm nicht schützen könne. – ›Ich rede nicht davon, daß er zu einer Stunde zu Euch kommt, wo alle kommen können,‹ rief der Fürst. ›Ich hörte aber, daß er Euch auch besucht, wenn Ihr im Bett liegt. Und wenn das so fortgeht, ohne daß Ihr ihn heiratet, so werdet Ihr die ehrloseste Frau der Welt!‹ Alsbald versicherte sie ihm, sie betrachte jenen nicht als einen Gatten, sondern als einen Bekannten und einen über die Maßen lästigen Gesellen. – ›Nun denn, wenn er Euch unbequem ist,‹ entgegnete der Fürst, ›dann werde ich Euch von ihm befreien.‹ – ›Wie!‹ rief sie, ›Ihr wollt ihn töten?‹ – ›Keineswegs! Aber ich werde ihm zu verstehen geben, daß dies Haus kein öffentlicher Ort ist, sondern ehrenwert gleich dem des Königs. Und ich schwöre Euch: wenn er sich von nun an nicht ändern sollte, werde ich ihm eine Lehre geben, so die andern sich hinter die Ohren schreiben werden.‹

Damit ging er von dannen. Aber just, als er aus dem Zimmer trat, begegnete er besagtem Edelmann, der hinein wollte. Dem wiederholte er, was er eben gesagt hatte und kündigte ihm an: ›das erstemal, da er ihn zu unerlaubter Stunde hier beträfe, werde er ihm einen derartigen Schreck einjagen, daß er den nicht so bald wieder vergessen würde, maßen die Dame zu hochgestellt sei, als daß man ihr so mitspiele.‹ Darauf entgegnete jener, er könne sicher sein, daß er sie nur zu erlaubter Stunde besuche; sollte der Fürst ihn je zu anderer Zeit hier abfangen, so möge er ihm gern das Schlimmste antun. Einige Tage später aber nahm der Edelmann an, der Fürst habe seine Worte vergessen, besuchte die Dame abends und blieb recht spät. Da nun die Dame sehr erkältet war, so wurde der Fürst von seiner Frau gebeten, er möge sie, auch in ihrem Namen, besuchen, da sie selbst Wichtiges zu erledigen habe. Der wartete, bis der König zu Bett gegangen war, und begab sich alsdann zu der Dame, um ihr einen guten Abend zu wünschen. Als er dort die Treppe hinauf wollte, traf er einen Kammerdiener, der hinunter kam, und fragte ihn nach dem Befinden seiner Herrin. Der versicherte, sie sei zu Bett und schliefe schon. Der Fürst aber hatte den Eindruck, daß er log, und blickte sich im Fortgehen um. Da sah er, wie jener in großer Eile wieder zurücklief, und nun ging er im Hofe vor der Tür auf und ab, um zu sehen, ob der Diener nicht wiederkäme. Eine Viertelstunde später sah er ihn auch richtig ankommen; doch schaute er sich um, ob der Fürst noch im Hofe sei.

Alsbald sagte sich dieser, daß der Edelmann im Zimmer der Dame weile und aus Angst vor ihm nicht hinunterzukommen wage. Und da er sich erinnerte, daß ein Fenster jener Wohnung nicht hoch lag und in einen kleinen Garten führte, bedachte er das Sprichwort: ›Der gerade Weg geht durchs Fenster‹, rief einen seiner Diener herbei und hieß ihn: ›Geh‹ dort in jenen Hintergarten, und wenn du einen Edelmann zum Fenster hinausklettern siehst, so wirf dich mit gezücktem Degen auf ihn, sowie er auf die Erde gelangt ist, haue an die Mauer und rufe: ›Tötet ihn! Tötet ihn!‹ Aber hüte dich, ihn zu verletzen.‹

Der Diener begab sich dorthin, und der Fürst wandelte bis etwa drei Uhr nachts vor der Tür auf und ab. Da nun der Edelmann inne ward, daß jener nicht fortging, entschloß er sich, durchs Fenster zu entweichen, und nachdem er zunächst seinen Mantel hinuntergeworfen hatte, glitt er mit Hilfe bestochener Diener in den Garten. Alsbald klirrte der Diener des Fürsten gewaltig mit dem Degen und schrie: ›Tötet ihn, tötet ihn.‹ Da vermeinte der Edelmann, dort sei der Fürst selber, bekam schreckliche Angst und floh, ohne seinen Mantel aufzuheben, in größtmöglicher Eile von dannen. So kam er zu der Torwache, die mißtrauisch wurde, da sie ihn so laufen sah. Und da er den Leuten nicht den Grund zu sagen wagte, so bat er sie, ihn bis zum Morgen bei sich in der Wachstube aufzunehmen. Das taten sie denn auch.

Indessen war der Fürst heimgekehrt, und da sein Weib schon schlief, weckte er es auf und sagte: ›Ihr schlaft schon? Wieviel Uhr ist es denn?‹ – ›Seit ich schlafe, hörte ich die Uhr nicht mehr schlagen,‹ entgegnete sie. – ›So wißt,‹ sprach er, ›es ist schon drei Uhr vorbei.‹ – ›Jesus!‹ rief jene, ›wo waret Ihr denn nur so lange? Ich fürchte, Ihr werdet Euch eine Krankheit zuziehen!‹ – ›Nie werde ich vom Wachen erkranken,‹ antwortete der Fürst, ›wenn ich dadurch Leute am Schlafe hindere, die mich hintergehen wollen.‹ Und damit begann er gewaltig zu lachen, also daß sie ihn bat, ihr die Geschichte zu erzählen. Das tat er in aller Ausführlichkeit und zeigte ihr obendrein das Wolfsfell, das sein Diener ihm gebracht hatte. Nachdem sie sich derart weidlich über die Leutchen ergötzt hatten, ergaben sie sich dem Schlafe der Gerechten, derweile die andern beiden von der Furcht gemartert wurden, daß ihre Missetaten enthüllt werden könnten.

Da sich nun der Edelmann klar machte, daß Verstellung nichts nützte, kam er früh zum Fürsten, als der sich erhob, und bat ihn flehentlich, die Sache nicht an die große Glocke zu hängen und ihm den Mantel wiederzugeben. Der Fürst aber stellte sich dumm und führte seine Rolle so gut durch, daß der Edelmann nicht wußte, woran er sich nun halten solle. Aber er empfing noch eine Lehre, die er nicht so bald vergaß; denn der Fürst ließ ihn wissen: wenn er sich jemals wieder in jenem Hause zeige, so würde er es dem König sagen und dafür sorgen, daß er vom Hofe verbannt würde.

Hätte nun die Dame nicht besser daran getan, dem Fürsten, der sie durch seine Liebe und Wertschätzung so ehrte, die Wahrheit zu sagen, statt sich durch Verstellung solcher Beschämung auszusetzen?«

»Sie wußte doch recht wohl,« entgegnete Guebron, »daß sie bei einem offenen Geständnis seine Gunst verlor, und das wollte sie offenbar um alles in der Welt nicht.« –

»Mir scheint,« meinte Longarine, »sie konnte gut auf diese Freundschaft verzichten, wenn sie einen Mann nach Wunsch gewählt hätte.« – »Wenn sie ihre Ehe hätte bekanntgeben können, ja,« antwortete Parlamente, »aber sie wollte sie doch einstweilen geheimhalten und brauchte daher einen Deckmantel.« – »Das ist es nicht,« rief Saffredant. »Der Ehrgeiz der Frau begnügt sich nicht mit einem Mann; sie braucht zum mindesten drei: einen der Ehre wegen, einen für’s Geld, den dritten zur Lust. Jeder dieser drei vermeint, am meisten geliebt zu sein, aber die ersteren beiden sind nur die Diener des dritten.« – »Ihr sprecht von Frauen, die weder Liebe noch Ehre kennen,« entrüstete sich Oisille. – »Keineswegs. Manche von ihnen haltet Ihr gewiß für hochehrbar. Und zudem ist es gerade diese Kunst, sich so wohl zu stellen, die ihnen den Ehrentitel ›kluge Frauen‹ einträgt – damit locken sie schier mehr Anbeter ins Netz denn mit ihrer Schönheit, obgleich dieser Name gerade auf deren Kosten erworben wird.«

»Jedenfalls,« brach Nomerfide ab, »glaube ich, daß des Fürsten Gemahlin innerlich froh war, daß ihr Mann die Frauen durchschauen lernte.« – »Das war sie nicht,« widersprach Emarsuitte. »Vielmehr war sie tief betrübt, weil sie nämlich ihren Mann wahrhaft liebte.« – »Dann gefiele sie mir nicht minder als jene, die nur lachte, als ihr Mann die Magd küßte,« erklärte Saffredant. – »Wahrhaftig, das müßt Ihr erzählen,« rief Emarsuitte. »Ich gebe Euch das Wort.« Und Saffredant hub an:

»Die Geschichte ist zwar nur kurz, aber ich möchte euch lieber lachen machen denn langweilen.«

Vierte Erzählung


Wessen ein Edelmann sich gegen eine flandrische Prinzessin kecklich unterfing und welche Schmach und Schande ihm daraus erwuchs.

»In Flandern lebte einst eine Frau alleredelster Abkunft, die schon zwei Gatten verloren hatte und sich in ihrer Witwenschaft auch keiner Kinder erfreute. Sie hatte sich zu einem Bruder zurückgezogen, der ihr sehr zugetan war – einem hochgestellten Mann und Gemahl einer Tochter des Königs. Dieser junge Fürst war dem Vergnügen sehr ergeben und liebte Jagd, Kurzweil und Tanz, gleichwie es seiner Jugend geziemte. Sein Weib dagegen war grämlich und verabscheute des Gatten Frohsinn. Darum ließ jener auch gern seine Schwester teilnehmen, die bei aller Tugend und Ehrbarkeit doch fröhlich und äußerst gesellig war. Nun verkehrte bei dem Fürsten ein Edelmann, des Anstand, Schönheit und Liebenswürdigkeit alle seine Gefährten überstrahlte. Da dieser inne ward, wie fröhlich die Schwester seines Herrn sich erging, bedachte er zu erproben, ob es ihr wohl mißfallen würde, wenn er ihr seine ergebenste Freundschaft zu Füßen legte. Das tat er auch. Doch strafte die Antwort sein Erwarten Lügen und war der Wohlanständigkeit jener Prinzessin gar geziemend angepaßt. Trotzdem verzieh ihm die Prinzessin angesichts seines Ansehens und seiner Schönheit sein dreist Gebaren und gab ihm zu verstehen, daß sie wohl gern die Unterhaltung mit ihm pflegen mochte, sofern er künftig solche Reden ließe. Das versprach er auch, um nicht des Vergnügens und der Ehre eines Gespräches mit ihr verlustig zu gehen.

Doch wuchs nur mit der Zeit seine Neigung zu ihr, also daß er seines Versprechens vergaß. Zwar wagte er nicht neuerdings kecke Worte, denn ihre tugendsame Abweisung war ihm noch recht frisch in Erinnerung. Vielmehr gedachte er, sie einmal gelegenen Ortes zu stellen, so daß sie (eine junge Wittib feurigen Temperaments) womöglich sich seiner und ihrer zugleich erbarme. Zu diesem Behufe sagte er seinem Herrn, auf seinem Gute wäre eine gar herrliche Jagd, und wenn es ihm behage, dort einmal einige Hirsche im Mai zu jagen, so könne er eines wundervollen Zeitvertreibes sicher sein. Der Fürst nahm seine Einladung gerne an, da er den Edelmann schätzte und zudem die Jagd liebte, und kam zu ihm aufs Schloß, das also schön und wohlgerichtet war, wie das des reichsten Mannes im Lande. Der Fürst und seine Gemahlin bezogen alsdann den einen Flügel des Hauses, in dem andern aber brachte der Edelmann die Dame seines Herzens unter.

Das Gemach der Prinzessin war so herrlich mit Stoffen und Wandteppichen ausgestattet, daß man unmöglich eine Falltür entdecken konnte, die sich in der Wand neben dem Bett befand und zu der Stube seiner greisen Mutter führte. Diese hustete viel, und um die Prinzessin nicht zu stören, hatte sie ihr Zimmer mit dem des Sohnes vertauscht. Allabendlich brachte die Greisin der Prinzessin Süßigkeiten, um ihr zu Gefallen zu sein. Und diese erlaubte hinwiederum dem Edelmann, da er sich also ihres Bruders Gunst und Hochschätzung erfreute, bei ihrer Morgen- und Abendtoilette zugegen zu sein. Der Anblick, der sich ihm so bot, vermochte seine Leidenschaft nur zu erhöhen.

Nachdem er dergestalt eines Abends bis zu später Stunde mit der Prinzessin geplaudert hatte, ging er in seine Stube erst, als sie der Schlaf zu übermannen anfing. Dort legte er sich sein reichstes, wohlparfümiertes Hemd an, nahm dann eine gleich prächtige Nachtmütze und wiegte sich nun in der Gewißheit, daß kein Weib der Welt solcher Pracht und Anmut zu widerstehen vermöchte. So war er auch seines Erfolges sicher, stieg ins Bett in der Erwartung und Hoffnung, sich bald eines köstlicheren und vergnüglicheren Lagers erfreuen zu können, und schickte die Dienerschaft fort. Alsdann verschloß er hinter ihnen die Tür und lauschte, ob sich droben im Gemach der Prinzessin noch etwas rege.

Kaum war er sicher, daß alle zur Ruhe gegangen waren, so machte er sich sacht ans Werk, öffnete vorsichtig die Falltür, die wohlgefügt und tuchbeschlagen war, so daß sie lautlos arbeitete, und stieg zum Alkoven der Prinzessin empor, die eben in Schlummer gesunken war. Und ohne sich an die Achtung zu kehren, die er ihr und ihrer Abkunft schuldete, ohne ihre Erhörung zu erbitten oder ihr anheimzustellen, legte er sich neben ihr nieder und sie ward seines Kommens erst inne, als sie sich in seinen Armen spürte. Doch sie war stark, riß sich los und fiel mit Schlagen, Beißen und Kratzen über ihn her, derweile sie ihn fragte, wer er sei. Voll Angst, sie könnte Leute herbeirufen, suchte er ihr mit der Decke den Mund zu schließen. Aber das gelang ihm nicht; und als sie gewahrte, daß er an Kräften nicht sparte, sie zu schänden, nahm auch sie alle zusammen, um ihn abzuwehren, und schrie zugleich so laut als möglich nach ihrer Ehrendame, einer bejahrten, tugendsamen Frau, die im Nebenzimmer schlief. Die kam alsbald im Hemd angelaufen.

Als sich der Edelmann also entdeckt sah, fürchtete er gar sehr, von der Ehrendame erkannt zu werden und entschlüpfte eiligst durch die Falltür. Und gleich groß wie seine Hoffnung und Zuversicht auf dem Hinwege war nun seine Verzweiflung über diesen schmählichen Abzug. Beim Kerzenschein besah er im Spiegel sein Gesicht, das aus zahllosen Biß- und Kratzwunden blutete, sah, wie dies Blut in Strömen auf sein schönes Hemd floß und ihm alle Pracht raubte, und er stöhnte darob: ›Wehe, du Schönheit, wie hast du mir üblen Lohn gebracht. Dein eitles Locken trieb mich zu unmöglichem Unterfangen, und nun fand ich statt neuen Glückes nur schlimmres Leid. Erfährt sie, daß ich so mein Versprechen brach, dann gehe ich des Verkehrs mit ihr verlustig. Wie konnte ich nur meiner Vorzüge entraten und ihren keuschen Leib durch Kraft zu nehmen suchen, statt ihr Herz durch Liebe zu gewinnen und hierzu ergeben und demütig ihr zu dienen. Denn ohne Liebe ist alle Kraft und Stärke des Mannes machtlos.‹

Also verbrachte er die Nacht in Tränen und unbeschreiblichem Gram und Schmerz. Und als er am Morgen sein Gesicht so gar zerfetzt sah, stellte er sich krank. Die siegreiche Prinzessin aber war sicher, daß einzig nur der Mann von allen am Hofe so böser Tat fähig war, der schon einmal die Keckheit gehabt hatte, ihr seine Liebe zu erklären. Und um Gewißheit zu haben, daß es ihr Wirt gewesen war, durchsuchte sie mit ihrer Ehrendame das ganze Zimmer in allen Winkeln. Doch da sie nichts fand, rief sie gar zornig: ›Ich will bestimmt wissen, daß es der Herr des Schlosses war, und morgen soll sein Kopf mir für meine Keuschheit haften.‹ Als die Ehrendame ihren Grimm gewahrte, sprach sie: ›Hohe Frau, wohl steht Euch diese Ehrsamkeit an. Doch mag es Eure Ehre nur lieben, wenn Ihr dem Manne das Leben schenkt, das er selbst ob allzugroßer Liebe zu Euch wagte. Oft wähnt man seinen Wert zu heben und vermindert ihn; so bitte ich Euch, erzählet mir den wahren Hergang.‹

Das tat die Prinzessin ausführlich, und die Ehrendame fragte sodann: ›So hat er also gewißlich nichts von Euch davongetragen, denn Kratzwunden und Schläge?‹ – ›Gewißlich nichts sonst. Und wenn er keinen guten Wundarzt findet, wird sein Gesicht wohl morgen die Spuren tragen.‹ – ›So lobet Gott‹, entgegnete die Ehrendame, ›und überlaßt ihn der Qual der Reue. Statt höchsten Lohnes erntete er nur schlimmste Schmach. Würdet Ihr ihn durch eine Klage bei Euerm Bruder zum Tode bringen, so könnte er wohl verbreiten, Ihr wäret ihm zu Willen gewesen. Und viele werden sagen, ohne großes Entgegenkommen von Eurer Seite wäre solch Unterfangen nicht möglich gewesen. Im ersten Falle wird er schweigen, im andern Falle kann man Eure Ehre allenthalben in den Schmutz ziehen.‹

Die Prinzessin erkannte wohl, wie richtig diese Erwägungen waren und daß man sie im Hinblick ihres freundlichen Umganges mit dem Edelmanne wohl falsch beurteilen könne. So fragte sie die Ehrendame um Rat, wie sie sich künftig verhalten solle und die sprach: ›Seid froh, in diesem Falle Eure Ehre gerettet zu haben, und weiset künftig jede Aufmerksamkeit zurück, denn oft fällt eine Frau zum zweiten Male in eine Schlinge, der sie das erstemal entgangen ist, maßen die Liebe blind macht und oft auf abschüssige Wege führt. Sprecht auch mit niemandem von diesem Vorfall und stellt Euch ahnungslos, wenn jener ihn gar andeuten sollte. Damit er aber nun nicht vermeint, Euch sei dies Unterfangen etwa im Grunde genehm gewesen, so brecht allmählich den Verkehr mit ihm ab. Dann wird er verstehen, wie Ihr seine Torheit verachtet und wie erhaben Eure Großmut ist, da Ihr keinerlei Rache übt.‹ Und die Prinzessin beschloß, diesen Rat zu befolgen und schlief ebenso fröhlich ein, als der Edelmann trübselig wachte.

Tags darauf wollte der Fürst von dannen gehen und fragte nach seinem Wirte. Man sagte ihm, er sei so krank, daß er nicht ans Licht kommen noch mit jemand reden dürfe. Voll Schreckens und Verwunderung wollte der Fürst ihn aufsuchen. Doch da es hieß, er schliefe gerade, vermied er es, ihn zu wecken und verließ so mit seiner Gemahlin und der Schwester das Schloß, ohne Abschied von ihm zu nehmen. Als die Prinzessin vernahm, daß der Edelmann sich entschuldigen ließ, und ihnen nicht das Geleit gab, war sie überzeugt, daß er ihr den Schimpf angetan hatte und nun sein Gesicht nicht zu zeigen wagte, weil sie es ihm so zerkratzt hatte.

Obgleich dann sein Herr oftmals nach ihm schickte, kehrte er doch erst zum Hofe zurück, als alle Wunden geheilt waren, mit Ausnahme derer, die Liebe und Schmerz ihm im Herzen geschlagen hatten. Als er endlich kam und vor seiner siegreichen Feindin erschien, vermochte er seine Röte nicht zu verbergen. Und trotzdem er sonst so keck war, verlor er nun oft aus Verlegenheit alle Haltung, so daß sie alle Zweifel aufgab und sich allgemach von ihm zurückzog. Zwar tat sie es sehr feinfühlig, aber er spürte es wohl. Doch ließ er sich nichts merken, aus Angst, es könne ihm noch schlimmer ergehen. Und so barg er seine Liebe in seinem Herzen und trug die verdiente Entfremdung in Geduld.

Diese Geschichte, meine Damen, mag alle abschrecken, die mehr begehren, als ihnen zukommt. Doch mag die Tugendhaftigkeit der Prinzessin und ihrer Ehrendame wohl auch den Herzen der Frauen Kraft verleihen, Wenn jemand gleichen Fall erleben sollte, weiß er nun, was tun.«

»Mir scheint der Edelmann so mutlos,« meinte Hircan, »daß man sein Angedenken wahrlich nicht zu pflegen braucht. In solchem Falle durfte man nicht vor alt, nicht vor jung zurückweichen. Ganz sicherlich war seine Liebe nicht zu groß, da er noch Angst vor Tod und Schande kannte.« – »Und was«, fragte Nomerfide, »hätte jener den beiden Frauen gegenüber denn beginnen sollen« – »Die Alte mußte er töten. Hätte sich die Junge dann allein gesehen, so wäre sie schon halb besiegt gewesen.« – »Töten!« rief Nomerfide aus. »So wollt Ihr aus dem Liebenden einen Mörder machen! Wenn Ihr so denkt, sollte man wohl besorgen, je in Eure Hände zu fallen.« – »Wenn ich erst einmal so weit wäre, würde ich mich wahrlich für entehrt halten, falls ich nicht ganz zum Ziele käme.«

Nun mischte sich Guebron ein: »So scheint es Euch seltsam, daß eine Prinzessin, die in aller Tugend aufgezogen wurde, sich eines einzelnen Mannes erwehrte? Wie mag euch da eine einfache Frau in Erstaunen versetzen, die den Händen zweier Männer zu entgehen wußte.« – »Guebron,« sprach Emarsuitte, »ich gebe Euch das Wort zur fünften Erzählung. Denn ich glaube, Ihr wißt uns von diesem armen Weibe Unterhaltsames zu berichten.«

»Wenn denn die Wahl auf mich fällt,« erklärte Guebron, »so will ich euch einen Vorfall mitteilen, dessen Wahrhaftigkeit ich an Ort und Stelle nachgeprüft habe. Ihr werdet daraus entnehmen, daß sich Tugend und gerader Sinn nicht nur bei Prinzessinnen findet und Liebe und feine List auch denen zu eigen ist, bei denen man es oft am wenigsten vermutet.«

Vierundfünfzigste Erzählung


Von einer gar wohlgemuten Dame, die nur lachte, als sie sah, wie ihr Mann die Magd küßte, und erklärte, sie lache über einen Schatten, maßen sie den wahren Grund nicht nennen wollte.

»Zwischen den Pyrenäen und den Alpen lebte ein Edelmann namens Thogas, der ein Weib, Kinder, ein schönes Haus und soviel Habe und Freuden hatte, daß er wohl zufrieden hätte leben können, wenn ihn nicht immer ein rasender Kopfschmerz gequält hätte. Darob rieten ihm die Ärzte, sich der ehelichen Freuden zu enthalten. Die Frau war damit einverstanden, da sie nur für ihres Mannes Gesundheit besorgt war. So ließ sie sich ein Bett im gegenüberliegenden Winkel der gleichen Stube aufschlagen, so daß jeder der beiden Ehegatten den andern sehen konnte, wenn er den Kopf hervorstreckte.

Selbige Dame hatte zwei Mägde und diese hielten ihren Herrschaften oft die Kerzen, wenn selbige im Bett lesen wollten; und zwar saß die jüngere bei dem Herrn, die ältere bei der Frau. Da nun der Edelmann inne ward, daß seine Magd jünger und schöner war als ihre Herrin, so ergötzte er sich wiederholt daran, sie anzublicken, ließ sein Buch und begann mit ihr zu plaudern. Das hörte seine Frau gar wohl, doch fand sie es durchaus angemessen, daß die Dienerschaft ihrem Mann die Zeit vertreiben half. Denn sie war seiner Liebe sicher.

Als sie nun eines Abends wieder lange Zeit im Bett lasen, blickte die Dame nach der jungen Magd; doch konnte sie nur ihren Rücken wahrnehmen und ihren Mann gar nicht sehen. Dafür aber erblickte sie auf der weißen Wand neben dem Ofen sein Schattenbild, das sie sehr wohl erkannte, und daneben das der Magd, deren Köpfe sich bald einander näherten, bald entfernten, derweile beide kicherten. Das war so deutlich, als sähe sie die beiden selbst. Und der Edelmann, der darauf nicht achtete, war ganz sicher, daß sein Weib ihn nicht sehen konnte und küßte die Magd. Die Dame duldete das stillschweigend. Als sie aber sah, daß sich selbiges des öfteren wiederholte, fürchtete sie, daß jemand anderes das bemerken könne. Deshalb begann sie laut zu lachen, also daß die beiden Schatten erschreckt auseinanderfuhren.

Alsbald fragte sie der Edelmann, warum sie gelacht habe und ob er daran nicht teilnehmen könne. Sie aber entgegnete: »Lieber Freund, ich bin so dumm und lache über einen Schatten.« Und nie gestand sie ihm ob seiner Fragen die Wahrheit. Denn für sie hatte er nur ein Schattenbild geküßt.

An diesen Fall erinnerte ich mich, als Ihr von der Dame sprachet, so die Freundin ihres Mannes liebte.«

»Weiß Gott,« rief Emarsuitte, »in solchem Fall hätte ich der Magd die Kerze auf der Nase verlöscht.« – »Ihr seid sehr heftig,« lächelte Hircan. »Denkt Euch nur, daß Euer Mann Euch dann mit der Magd zusammen verprügelt hätte! Um einen Kuß soll man nicht solch Aufhebens machen. Besser vielleicht hätte die Frau ganz still bleiben sollen, auf daß ihr Mann es sich wohl sein ließ und von seiner Krankheit geheilt würde.« – »Sie fürchtete doch gerade, daß diese Kurzweil ihn nur kranker mache,« widersprach Parlamente. – »Meiner Ansicht nach,« erklärte Oisille, »sollten alle Frauen an den Freuden und Leiden ihrer Männer teilnehmen, mit ihnen lachen, mit ihnen traurig sein.« – »Wahrscheinlich liebte sie mehr ihre Ruhe als ihren Mann,« spottete Longarine, »da sie sich die Sache so wenig nahe gehen ließ.« – »Sie ließ sich ja sehr wohl nahe gehen, was sein Gewissen und seine Gesundheit betraf,« entgegnete Parlamente. – »Sprecht nicht von Gewissen, sonst muß ich lachen,« sagte Simontault. »Nicht um die Welt möchte ich erleben, daß meine Frau sich um mein Gewissen kümmert.« – »Dann solltet Ihr jene zum Weibe haben,« lachte Nomerfide, »die nach ihres Gatten Tode bewies, daß sie das Geld mehr liebte als das gute Gewissen.« – »Bitte, erzählt uns das,« bat Saffredant. »Ich gebe Euch das Wort.«

»Solch kurze Geschichte wollte ich eigentlich gar nicht erzählen,« hub jene an, »Da sie aber hierher paßt, so werde ich sie mitteilen.«

Fünfundfünfzigste Erzählung


Mit welcher List eine Spanierin die Mönche um das Vermächtnis ihres Gatten brachte.

»Zu Saragossa lebte ein Kaufmann. Als der seinen Tod nahen fühlte und inne ward, daß er seine Habe nun nicht mehr behalten könne (die er vielleicht mit schlechten Mitteln erworben hatte), da wollte er sich von seinen Sünden loskaufen und vermachte alles dem Bettelorden, ohne zu bedenken, daß sein Weib und seine Kinder darob nach seinem Tode Hungers sterben würden. Er bestimmte also, daß man einen guten spanischen Gaul, der den Hauptteil seines Vermögens ausmachte, möglichst hoch verkaufen und den Erlös an die Klöster verteilen solle, und bat sein Weib, dies unmittelbar nach seinem Tode auszuführen.

Als er im Grabe lag und die ersten Tränen getrocknet waren, ging die Frau, die gar nicht so dumm war, zu ihrem Knecht, der auch diese Verfügung des Verstorbenen gehört hatte, und sagte: ›Ich finde, ich habe an meinem Mann so viel verloren, daß ich nicht auch noch aller Habe verlustig gehen möchte. Drum will ich seinen Wunsch zum Guten wenden, denn ich muß für die Notdurft meiner Kinder sorgen. Aber niemand darf etwas erfahren.‹ Und als der Knecht ihr versprochen hatte, nichts zu verraten, fuhr sie fort: ›Geh und verkauf dies Pferd. Wenn dich jemand fragt, wieviel es kostet, so sage: ›Einen Dukaten.‹ Ich habe aber hier eine sehr schöne Katze – die verkaufst du mit, und nicht unter neunundneunzig Dukaten, so daß beide zusammen die hundert Dukaten bringen, für die mein Mann das Pferd allein verkaufen wollte.‹

Der Knecht führte alles pünktlich aus: als er den Gaul auf den Marktplatz brachte (die Katze trug er unterm Arm), da fragte ihn ein Edelmann, der dies Pferd längst kaufen wollte, was es koste. Der erwiderte: ›Einen Dukaten.‹ – ›Mach dich doch nicht über mich lustig.‹ – ›Aber gewiß, Herr, es kostet nur einen Dukaten. Allerdings muß man auch diese Katze für neunundneunzig Dukaten mitkaufen.‹

Der Edelmann fand den Preis angemessen, zahlte genau einen Dukaten für das Pferd, den Rest für die Katze und ging mit seinem Einkauf von dannen. Der Knecht aber brachte das Geld seiner Herrin, die fröhlich den Dukaten für das Pferd den Bettelmönchen gab, so wie es ihr Mann bestimmt hatte, und den Rest für sich und ihre Kinder zurückbehielt.

War diese Frau nun nicht klüger als ihr Gatte?« »Sicherlich liebte sie ihn sehr,« meinte Parlamente. »Aber da sie ihn sein Haus so schlecht bestellen sah, wollte sie seine Bestimmungen zum Besten der Kinder auslegen. Das halte ich für sehr klug.« – »Ist es keine Sünde, die letzten Wünsche der Verstorbenen nicht zu erfüllen?« fragte Guebron. – »Doch – falls der Sterbende bei vollem Verstand war.« – »Ist es nicht irrig, seine Habe der Kirche und den Bettelorden zu vermachen?« – »Nein, im allgemeinen nicht. Aber alles so hinzugeben und dadurch die Seinen dem Hungertode aussetzen, – das kann ich nicht billigen. Mir scheint, Gott fände es nicht minder wohlgefällig, wenn man für die armen Waisen sorgt, die man hinterläßt, statt sie in Hunger und Armut zu stoßen, also daß sie dann ihre Väter verfluchen.« – »Aber woher dieser Geiz, der heute allenthalben so eingewurzelt ist, daß die Menschen erst wenn der Tod naht daran denken, Almosen zu stiften? Ich glaube, sie hängen so an ihren Reichtümern, daß sie selbige gern mitnehmen würden, wenn sie könnten. Und dann, wenn die letzte Stunde naht, schlägt ihr Gewissen.«

»Mir scheint, Hircan,« unterbrach Nomerfide, »Ihr habt eine passende Geschichte im Sinne? Erzählt sie bitte, wenn sie sich auf Mönche bezieht.«

»Das will ich gern tun,« meinte Hircan, »obgleich ich nicht gern etwas zur Schande dieser Leute berichten mag. Da wir aber auch hochgestellte Leute nicht verschont haben, können sie sich gefallen lassen, wenn man sie gleichermaßen behandelt. Zudem sprechen wir nur von den lasterhaften und wissen wohl, daß es in jedem Stand auch ehrenwerte Menschen gibt, die dabei nicht getroffen werden sollen. Darum kann ich nun wohl mit der Geschichte beginnen.«

Fünfundvierzigste Erzählung


Ein Ehemann gibt vor, dem Stubenmädchen die Kinderstreiche5 verabfolgen zu wollen und hintergeht also sein einfältiges Weib.

»Zu Tour lebte ein geistesgegenwärtiger, gescheiter Mann, der Tapetenmacher des seligen Herzogs von Orleans, des Sohnes König Franz‘ des Ersten. Zwar war er durch eine Krankheit schwerhörig geworden, doch hatte sein gesunder Menschenverstand darunter nicht gelitten; und daß er nicht nur in seinem Handwerk gar leistungsfähig war, mag man aus dem Folgenden leicht ersehen. Er war mit einer sittsamen, recht wohlhabenden Frau verheiratet, lebte mit ihr in friedlicher Ruhe und hütete sich wohl, ihr zu mißfallen, gleichwie auch sie ihm gern jederzeit fügsam war. Trotz all seiner Zuneigung aber war er so freigebig, daß er oft auch den Nachbarinnen spendete, was nur seinem Weibe zukam; doch vollzog er solche Spenden in tiefster Heimlichkeit.

Nun diente in seinem Hause eine Magd, die wohl bei Fleische war, also daß jener sich in sie verliebte. Maßen er aber fürchtete, sein Weib könne ihm auf die Schliche kommen, tat er oft vor ihr, als tadle er jene und zanke sie aus, nannte sie den schlimmsten Faulpelz, den er je gesehen habe, und äußerte seine Verwunderung, daß sein Weib sie niemals schlug. Als sie nun eines Tages von den Kinderstreichen sprachen, erklärte er seiner Frau: »Man täte wahrlich eine Wohltat, wenn man diese faule Magd mit Ruten striche; aber das dürfte nicht von Eurer Hand geschehen, denn die ist zu schwach und Euer Herz zu mitleidig. Wenn Ihr mir erlaubtet, das zu erledigen, so würden wir sicherlich künftig besser von ihr bedient werden.«

Sein armes Weib ahnte nichts Böses, und so bat sie ihn, die Prozedur vorzunehmen, da sie in der Tat zu schwach und weichherzig sei. Alsbald übernahm der Mann fröhlich diese Aufgabe, spielte den rohen Henker und befahl recht tüchtige Ruten zu kaufen. Die ließ er obendrein in Salzwasser legen, um zu erweisen, daß er nicht die geringste Milde walten lassen wollte, also daß sein gutmütiges Weib eher die Magd bemitleidete denn ihren Gatten beargwöhnte.

Als dann der Bethlehemstag kam, erhob sich der Tapetenmacher zu früher Stunde und begab sich in die Kammer, wo die Magd allein schlief. Aber er verabfolgte ihr ganz andere Dinge als sein Weib glaubte. Zwar hub die Magd gewaltiglich an zu heulen, aber das half ihr nichts. Maßen er jedoch fürchtete, seine Frau könne ihn abfassen. so schlug er auf die Holzränder der Bettstatt, bis die Ruten zerspellten und brachen, zeigte sie dann also seinem Weibe und sprach: »Meine Liebe, ich glaube, dieser Streiche wird sich Eure Magd recht wohl erinnern.«

Kaum hatte er dann das Haus verlassen, so warf sich die Magd ihrer Herrin zu Füßen und klagte, der Herr habe ihr das schlimmste Unrecht angetan, das je einer Magd widerfahren könne. Ihre Herrin aber verstand, daß sie von den Streichen rede, unterbrach sie und sagte: »Mein Mann tat sehr recht; schon seit einem Monat bitte ich ihn darum; hat es Euch weh getan, so freut mich das: denkt nur an mich; und sicher hat er sich noch dabei einiges Maß auferlegt!«

Da die Magd also inne ward, daß ihre Herrin die Sache billigte, vermeinte sie, es könne doch wohl nicht so gar schlimm gewesen sein, maßen doch jene ehrengeachtete Frau selbst die Veranlassung gewesen war. Also sprach sie nicht mehr davon. Und als der Hausherr wahrnahm, daß sein Weib ebenso damit zufrieden war, betrogen zu werden, als er damit, sie zu betrügen, entschloß er sich, sie des öfteren zufriedenzustellen. Daher zähmte er die Magd alsbald so wohl, daß sie ob seiner Streiche niemals mehr Tränen vergoß. Und so lebten sie lange Zeit, ohne daß sein Weib etwas merkte.

Als nun große Schneefälle eintraten, bedachte der Tapetenmacher sein Spiel gleichermaßen auf dem Schnee fortsetzen zu können, wie er es im grünen Gras gepflogen hatte. So nahm er die Magd eines Morgens früh, ehe sonst jemand im Hause erwacht war, im Hemd in den Garten, auf daß sie dort ihre Morgenandacht verrichte. Erst schneeballten sie sich gehörig, und dann vergaßen sie auch die Streiche nicht. Das aber bemerkte eine Nachbarin (die vom Fenster aus in seinen Garten blicken konnte), als sie nach dem Wetter sehen wollte. Als sie sein anstößiges Tun gewahrte, ergrimmte sie und beschloß, die Gevatterin zu benachrichtigen, auf daß sie sich weder von ihrem schlimmen Gatten betrügen ließe, noch fürder solche Magd im Hause dulde.

Nachdem sich aber der Tapetenmacher weidlich verlustiert hatte, schaute er um sich und nahm jene Nachbarin wahr, die am Fenster stund. Darob war er baß betrübt. Gleichwie er jedoch jeglicher Tapete allerlei Farben zu verleihen wußte, so entschloß er sich, auch diesen Vorfall recht schon zu färben, also daß diese Nachbarin nicht minder gut betrogen würde als sein Weib. Kaum war er daher ins Bett geschlüpft, so erweckte er seine Frau, führte sie gleichermaßen in den Garten wie die Magd, schneeballte sich auch mit ihr lange Zeit, und strich schließlich sein Weib mit der gleichen Rute wie ihr Stubenmädchen. Darauf legten sich beide wieder zur Ruhe. Sobald sich dann die gute Frau zur Messe begab, fand sich auch die Nachbarin ein und bat sie eifrigst, ohne aber näheres zu sagen: sie müsse ihre Magd davonjagen, sintemalen selbige eine schlechte, gefährliche Dirne sei. Die andere meinte, das läge ihr recht fern, solange sie die näheren Gründe nicht kenne. So entschloß sich die Nachbarin endlich, zu erzählen, wie sie jene Magd früh morgens mit dem Hausherrn im Garten erblickt habe. Die wackere Frau hub alsbald an, recht herzlich zu lachen, und sagte: »Ach, beste Gevatterin, das war doch ich.« – »Wie denn?« entgegnete jene, »ich meine im Hemd, früh morgens um fünf Uhr.« – »Ja freilich, Frau Nachbarin, das war ich.«

Die andere fuhr immer eifriger fort: »Sie schneeballten sich beide und bewarfen auch die Brust, dann gar andere Stellen mit Schnee, ohn‘ alle Scham!« – »Ja, ja, meine Liebe, das war ich.« – »Aber denkt doch, ich sah sie im Schnee dann allerlei Dinge treiben, die wirklich nicht schön und sittsam waren.« Da erklärte die gute Frau: »Ich sagte Euch und ich wiederhole es nochmals, das war ich. Mein Mann und ich lieben solch ausgelassene Spiele, aber darob entrüstet Euch bitte nicht. Ihr wißt, wir armen Frauen müssen unsern Männern allezeit zu Gefallen sein.«

So mußte die Nachbarin unverrichteter Dinge wieder heimziehen. Aber nun hätte sie am liebsten selbst solchen Ehemann ihr Eigen genannt. – Als dann der Tapetenmacher nach Hause kam, berichtete ihm sein Weib des langen und breiten dies Gespräch mit der Nachbarin. »Da seht Ihr, meine Liebe,« erwiderte er am Ende, »wie wir schon längst entzweit sein könnten, wenn Ihr nicht eine so verständige Frau wäret. Aber ich hoffe bei Gott, daß Er uns dies Einvernehmen noch lange Zeit sich selbst zum Preise erhalten möge.« – »Amen,« sagte sein Weib. »Und ich hoffe, daß Ihr nie wieder einen Fehler an mir wahrnehmen möget!«

Wer diese Geschichte gehört hat, wird fürder schwerlich glauben, daß ihr Frauen den Männern an Listen überlegen seid. Um aber der Wahrheit die Ehre zu geben, soll man sagen, daß sich beide an Durchtriebenheit nichts nachgeben.«

»Dieser Mann da war ein besonders schlechter Kerl,« meinte Parlamente, »denn er betrog gleichermaßen die Magd wie sein Weib.« – »Ihr habt wohl nicht recht aufgepaßt,« widersprach Hircan. »Ihr hörtet doch, daß beide von ihm am selbigen Morgen zufriedengestellt wurden. Ich finde, daß er so körperlich denn geistig recht Wackeres leistete, maßen er in Wort und Tat zwei so gegensätzlichen Gesichtspunkten Rechnung tragen konnte.« – »Just darum war er doppelt schlecht,« entgegnete Parlamente. »Die Einfalt der einen beschwichtigte er durch eine Lüge, die Bosheit der anderen durch seine Lasterhaftigkeit. Aber vor Euerm Richterstuhl werden solche Sünden natürlich leicht vergeben.« – »Ich kann Euch versichern,« klagte Hircan, »daß ich einer so schwierigen und anspruchsvollen Lage nicht gewachsen wäre. Denn ich wäre mit meines Tages Arbeit schon recht zufrieden, wenn ich Euch allein wohl versehen müßte.« – »Wenn gegenseitige Liebe das Herz nicht zufrieden stellt,« erwiderte seine Frau, »dann kann man auch auf andere Weise keine Befriedigung finden.« – »Das ist wahr,« rief Simontault, »denn ich glaube, es gibt hinnieden kein größeres Leid, als Liebe ohne Gegenliebe.«

»Das meine ich auch,« versicherte Oisille, »und da fällt mir just eine Geschichte ein, die ich eigentlich zwar nicht für sonderlich erzählenswert gehalten hatte. Da sie aber hierher paßt, will ich sie schnell berichten.«

  1. Bei dem Feste, das des Bethlehemitischen Kindesmordes gedachte, war es Sitte, daß junge Männer alle Frauen, die sie im Bett betrafen, mit Ruten streichen durften.