Siebente Erzählung


Ein Pariser Kaufmann täuscht die Mutter seiner Liebsten, um deren Schuld zu verhüllen.

»Zu Paris lebte ein Kaufmann, der mit der Tochter seiner Nachbarsfrau einen Liebesbund hatte. Richtig gesagt, liebte sie ihn bei weitem mehr, denn er sie. Zwar stellte er sich ihr sehr zugetan und verhätschelte sie, doch barg er dahinter seine Liebe zu einer hochgestellten Frau. Und sie ließ sich gern betrügen, denn sie hing so an ihm, daß sie schier vergessen hatte, wie ein Weib die Männer abzuweisen vermag.

Nachdem besagter Kaufmann sie lange Zeit hindurch aufgesucht hatte, ließ er sie später einfach dahin kommen, wohin es ihm behagte. Das bemerkte ihre Mutter, und da sie eine äußerst sittenstrenge Frau war, so verbot sie ihrer Tochter, jemals wieder von dem Kaufmann zu reden, widrigenfalls sie in ein Kloster gesteckt würde. Die Tochter aber liebte den Kaufmann mehr, als die Mutter vermutete, und suchte lieber denn je seinen Umgang.

So traf es sich eines Tages, daß sie allein in der Kleiderkammer weilte. Unversehens trat der Kaufmann ein, und da ihm die Gelegenheit günstig schien, hub er sogleich an, ihr ohne jede Scheu gar schön zu tun, wie er nur vermochte. Doch hatte ihn ein Stubenmädchen eintreten sehen, lief schnell zu der Mutter und hinterbrachte es ihr. Die kam zorngeschwellt eilends herbei. Als die Tochter sie nahen hörte, rief sie weinend: ›Weh‘ mir, Geliebter, diese Liebesstunde werde ich teuer bezahlen. Nun kommt meine Mutter und wird sehen, daß ihr Argwohn berechtigt war.‹

Der Kaufmann verlor dadurch keineswegs die Fassung. Stracks ließ er von ihr ab, eilte der Mutter entgegen, umfing sie, herzte sie aus Leibeskräften, und während er sie auf ein Ruhebett warf, ging er sie mit all der Glut an, die er eben der Tochter zu spüren gegeben hatte. Die Alte fand sein Beginnen so seltsam, daß sie kaum die Worte auszustoßen vermochte: ›Was wollt Ihr nur? Seid Ihr bei Trost?‹ Doch ging er ihr unbeirrt weiter zu Leibe, als wäre sie das schönste Mägdelein der Welt. Und hätte sie nicht am Ende so laut geschrien, daß die Dienerschaft herbeigelaufen kam, gewißlich wäre ihr der Fehltritt begegnet, um den sie bei ihrer Tochter so in Ängsten war. So aber ward sie schier mit Gewalt aus des Kaufmanns Armen befreit, und niemals konnte die arme Alte je erfahren, warum er ihr derart zugesetzt hatte. Doch hatte sich indessen die Tochter in ein Nachbarhaus geflüchtet, wo man gerade ein Fest beging. Und oft hat sie später mit dem Kaufmann über diese Geschichte gelacht, hinter welche die getäuschte Alte niemals gekommen ist.

Das ist ein Beispiel dafür, meine Damen, wie eines Mannes Verschlagenheit eine alte Frau hinters Licht führte und die Ehre eines jungen Weibes rettete. So mag auch die Geistesgegenwart eines Mannes im Notfalle recht von Nutzen sein und wohl für eure Ehre sorgen, falls ihr je den Kopf verlieren solltet.« Longarine warf aber sogleich ein: »Gewiß ist das alles recht vergnüglich und schlau gedreht. Doch kann ein Mädchen sich das kaum zum Beispiel nehmen. Mögt es auch manchen als beherzigenswert hinstellen: wäret Ihr auch so dumm, zu wünschen, daß Eure Frau oder die Dame Eures Herzens solches Spiel triebe? Ich glaube, niemand würde ihnen scharfer auf die Finger sehen und strenger Ordnung stiften als Ihr.« – »Ich glaube vielmehr, wenn jene etwas derart ausführten und ich wüßte nichts davon, so würde ich sie darob nicht minder schätzen. Und ich weiß noch gar nicht, ob es nicht Vorfälle gibt, die mich aller Zweifel enthöben, wenn ich sie erführe.« Nun konnte Parlamente nicht mehr schweigen: »Ein schlimmer Kerl muß eben allezeit mißtrauisch sein. Glücklich ist nur der Mann, dem nie Grund zum Verdacht gegeben wurde.« Und Longarine meinte: »Kein Feuer ohne Rauch, doch wie oft Rauch ohne Feuer! Nicht minder oft argwöhnt der Schlechte Böses, wo es nicht ist, als da wo es ist.« – »Wahrhaftig!« rief Hircan. »Gut gesprochen! Und da Ihr der Frauen Ehre gegen falschen Argwohn so trefflich zu schützen wißt, ergreift das Wort – doch ohne Tränenseligkeit, wie etwa Frau Oisille – zum Lobe fraulicher Sittsamkeit.«

Und lachend hub Longarine also an: »Wenn ich euch denn meiner Gewohnheit nach erheitern soll, so mag dies nicht auf Kosten der Frauen geschehen. Vielmehr werdet ihr schauen, wie gern bereit das Weib zum Truge ist, wenn die Eifersucht sie packt, und wie schlau sie dann ihren Mann zu täuschen weiß.«

Siebenzigste Erzählung


Die zügellose Wildheit einer Herzogin hat ihren Tod und den eines Liebespaares zur Folge.

»Im Herzogtum Burgund lebte ein hochedler Herzog, der ein gar schöner Fürst war und eine Frau geheiratet hatte, deren bestrickende Schönheit ihn all ihre sonstigen Eigenschaften verkennen ließ. Also suchte er ihr auf jede Weise zu gefallen, und sie tat, als erwidere sie seine Gefühle. In des Herzogs Schloß lebte nun ein junger Edelmann, der schier alle menschlichen Vollkommenheiten in sich vereinte, und von allen geliebt wurde, insonderheit von dem Herzog, der ihn seit seiner Jugend bei sich aufgezogen hatte und ihm nun angesichts seiner Vorzüge alles anvertraute, was er nur bei seiner Jugend zu bewältigen vermochte.

Die Herzogin aber besaß weder das Herz eines Weibes noch gar das einer tugendhaften Fürstin: sie begnügte sich weder mit der Liebe noch der Fürsorge ihres Gatten, blickte oft auf den Jüngling, und da er ihr gefiel, verliebte sie sich in ihn gegen allen Sinn und Verstand. Ohn‘ Unterlaß suchte sie ihm ihre Gefühle durch schmachtende, klagende Blicke, durch Seufzer und leidenschaftliches Gebaren zu verstehen zu geben. Da jener aber nur die Tugend kannte, begriff er solche Äußerungen des Lasters nicht bei einer Dame, die doch dazu gar keine Ursache hatte. So erntete sie nur wütende Verzweiflung und quälte sich eines Tages derart, daß sie ihre Frauennatur vergaß und, statt sich bitten zu lassen und abzuweisen, gleich einem Manne sich entschloß, ihre unerträgliche Gier zu stillen.

Sobald also ihr Mann zur Ratssitzung gegangen war, wohin ihm der Jüngling ob seiner Jugend nicht folgen durfte, machte sie diesem ein Zeichen; flugs nahte er ihr, weil er vermeinte, sie wolle ihm einen Auftrag geben. Sie aber stützte sich auf seinen Arm, führte ihn in einen Saalgang und sprach: »Wie kommt es, daß ein so schöner anmutiger Jüngling wie Ihr unter so viel liebreizenden Damen lebt, ohne sich je in eine zu verlieben?« Und damit schaute sie ihn über die Maßen zärtlich an und schwieg, derweile er antwortete: »Hohe Frau, wäre ich näherer Beachtung Eurer Hoheit wert, so würdet Ihr gar mehr erstaunt sein, zu sehen, daß ein Unwürdiger, wie ich, seine Dienste darbringt, um Spott und Ablehnung zu ernten.«

Ob dieser klugen Antwort liebte die Herzogin ihn noch mehr und schwor ihm zu, daß jede Dame des Hofes von seiner Liebe beglückt wäre und er es nur wagen solle. Er aber hielt weiter die Augen gesenkt und wagte die glühenden Blicke nicht aufzufangen, die einen Eisblock hätten zum Schmelzen bringen können. Just als er sich unter Entschuldigungen zurückziehen wollte, wurde die Herzogin zu ihrem Bedauern auch zu der Ratssitzung gerufen. Der Jüngling aber tat auch fürder, als habe er nichts verstanden. Das quälte sie namenlos, und sie gab schließlich seiner Schüchternheit alle Schuld.

Darum beschloß sie einige Tage später, alle Angst und Scham in den Wind zu schlagen und ihm offen ihre Gefühle zu erklären. Also nahm sie ihn nach einigen anderen vergeblichen Gesprächen beim Ärmel und erklärte Ihm, sie müsse ihn in einer wichtigen Sache sprechen. Voll Demut und Ergebenheit, so wie es seine Pflicht war, ging er zu ihr in eine tiefe Fensternische, darein sie sich zurückgezogen hatte. Und da sie nun sicher war, daß niemand sie vom Zimmer aus sehen konnte, setzte sie mit einer Stimme, die zwischen Begierde und Angst bebte, ihre ersten Anträge fort und meinte wieder, jegliche Dame würde ihm gern die beste Aufnahme zuteil werden lassen. Darob erstaunte er, geriet in Entrüstung und entgegnete: »Würde ich nur einmal abgewiesen, so wäre alle meine Lebensfreude dahin, und dabei weiß ich, daß ich die Gunst keiner Dame dieses Hofes verdiene!«

Die Herzogin vermeinte, nun sei er gleich besiegt, und versicherte ihm, wenn er nur wolle, würde die schönste Frau dieses Hauses ihn mit Freuden aufnehmen und darob würde er gewißlich unsäglich zufrieden sein. »Ach, edle Frau,« entgegnete er, »ich glaube nicht, daß es hier ein so unglückliches verblendetes Weib gibt, das an mir Gefallen fände.« Da sie nun inne ward, daß er sie nicht verstehen wollte, begann sie ihre Glut zu enthüllen. Doch aus Furcht vor seiner Tugendhaftigkeit bediente sie sich einer Frage: »Was würdet Ihr sagen, wenn das Glück Euch also segnete, daß just ich selbst Eurer Liebe harrte?« Und der Edelmann, der das schon erwartet hatte, beugte das Knie und sprach: »Wenn Gott mir die Gunst meines Herrn und die Eure allezeit bescheren würde, wäre ich der glücklichste Mensch der Welt. Und da der Herzog mich von Jugend an bei sich aufgezogen hat, so will ich ihm und den Seinen ein treuer Diener sein und nie je einen andern Gedanken in meinem Herzen tragen.«

Die Herzogin ließ ihn nicht weiter sprechen, weil sie eine kränkende Ablehnung fürchtete, und unterbrach ihn kurz: »Ach, Ihr eingebildeter Narr, wer bittet Euch denn um anderes? Glaubt Ihr, in Eure Schönheit verliebt sich jede Fliege?« Wenn Ihr so verwegen wäret, Euch an mich zu wenden, so würde ich Euch zeigen, daß ich nur meinen Gatten liebe. Meine Worte vorher waren nur zur Kurzweil, aus Neugierde und um mich über törichte Liebhaber lustig zu machen.« – »Edle Frau,« erwiderte jener, »das nahm ich auch an und glaube es darum gern.«

Sie aber hörte ihn weiter nicht an, sondern ging eilends in ihr Gemach. Und weil ihre Damen ihr folgten, begab sie sich in ihr Kabinett, wo sie sich unbeschreiblichem Kummer hingab. Einerseits quälte sie ihre Liebe, andrerseits der Zorn über seine kluge Ablehnung. Sie vermeinte vor Wut zu sterben; dann aber wollte sie am Leben bleiben, um sich an diesem vermeintlichen Todfeinde zu rächen. Nachdem sie derart lange Zeit geweint hatte, stellte sie sich krank, um nicht an der Abendmahlzeit teilzunehmen, bei der jener Jüngling den Herzog bediente.

Ihr Mann aber besuchte sie ob seiner großen Liebe zu ihr. Und um leichter zum Ziel zu kommen, gab sie vor: wahrscheinlich, da sie in andern Umständen sei, habe sie sich einen schweren Augenkatarrh zugezogen. So verbrachte sie zwei, drei Tage voll trauriger Verzweiflung, also daß der Herzog sich wohl sagte, daß hier nicht jene Schwangerschaft die Ursache war. Darum ruhte er eines Nachts bei ihr, beglückte und ergetzte sie nach Kräften und sagte schließlich, als er darob ihre Seufzer doch nicht zum Schweigen brachte: »Teure Freundin, Ihr wißt, daß ich Euch mehr liebe als mich selbst. Darum sagt mir bitte, um meine Gesundheit ungefährdet zu erhalten, worob Ihr also seufzet; denn ich kann nicht glauben, daß es nur von einer Schwangerschaft kommt.«

Da nun die Herzogin inne ward, daß sie jetzt alles verlangen könne, bedachte sie, daß die Stunde der Rache gekommen sei, umarmte ihren Mann und sprach: »Wehe, o Herr, mein großes Leid besteht darin, daß ich Euch von Leuten betrogen sehe, die Eure Ehre wohl hüten sollten.« Ob dieser Worte wollte der Herzog gern wissen, von wem sie spräche, und bat sie, furchtlos die Wahrheit zu sagen. Das verweigerte sie mehrmals, aber endlich sprach sie: »Ich verwundere mich nun nicht mehr, daß Freunde einen Fürsten anfeinden, wenn jener Edelmann« (hier nannte sie seinen Namen) »es gewagt hat, an die Ehre Eures Hauses und Eurer Kinder zu tasten. Erst konnte ich ihn gar nicht verstehen. Aber schließlich sprach er seine niedrigen Wünsche offen aus. Und ob ich nun gleich ihm geantwortet habe, wie die Sitte es verlangt, so mag ich ihn doch fürder nicht mehr sehen. Darum blieb ich in meinem Gemach, und flehe nun, duldet diese Pest nicht länger in Eurem Hause, denn er könnte gar noch Schlimmeres bewerkstelligen.«

Zwar liebte der Herzog sein Weib über alles und war ob dieses Schimpfes tief verletzt. Aber andrerseits hatte er die Treue dieses Edelmannes so oft erprobt, daß er die Geschichte kaum glauben konnte und nun in großer Pein war, wo die Wahrheit steckte. Zornig stand er aus und befahl, als er in sein Zimmer ging, der Edelmann solle nicht mehr vor ihm erscheinen und in seiner Wohnung bleiben. Maßen der Jüngling die Ursache nicht kannte, war er ganz außer sich, und seiner Diensttreue sicher entsandte er einen Gefährten mit einem Brief zum Herzog, darin er demütig bat, sofern er Ungünstiges über ihn gehört habe, ihn doch nicht von sich zu verbannen, sondern ihm erlauben zu wollen, daß er zunächst die Wahrheit aufkläre; denn nie habe er sich etwas zuschulden kommen lassen.

Darob besänftigte sich der Zorn des Herzogs ein wenig. Heimlich ließ er ihn in sein Zimmer kommen und sagte mit wütendem Gesicht: »Ich habe Euch bei mir aufgezogen und hätte nie geglaubt, daß Ihr, statt Dankbarkeit zu üben, die Ehre meines Weibes zu beflecken suchen könntet. Sie selbst hat sich bei mir beklagt, und ihre einzige Waffe ist ihre Keuschheit.« Obgleich der Edelmann so die Boshaftigkeit jener Frau erkannte, wollte er sie doch nicht anklagen, sondern erwiderte: »Ihr kennet sie besser als ich und wißt zudem, ob ich sie jemals anders als in Gesellschaft sprach, außer in einem einzigen Fall, wo sie nur wenige Worte sagte. Ihr seid ein gerechter Richter. So saget selbst, ob Ihr je etwas Verdächtiges gemerkt habt. Jemand müßte doch solch verborgene Leidenschaft wahrnehmen. Aber seid versichert: außer daß sie Eure Gemahlin ist – es gibt hier so viele, in die ich mich verlieben könnte, warum sollte ich da meine Sinne gerade auf diese richten?!«

Der Herzog wurde milde und hieß ihn, künftig weiter so ehrbar zu bleiben, wenn er ihn aber abfassen sollte, so solle er seines Todes gewiß sein. Der Edelmann dankte ihm und erklärte sich im Übertretungsfalle zu jeder Strafe bereit. Als ihn nun die Herzogin wieder im Dienst sah, machte sie ihrem Gatten die zornigsten Vorwürfe. Der suchte sie zu beruhigen und meinte: falls jener sich etwas zuschulden kommen ließe, würde er nicht vierundzwanzig Stunden am Leben bleiben. Darauf verlangte sie, ihn schwören zu lassen, ob und wen er liebe. »Denn wenn er eine andere liebt,« sagte sie, »so bin ich, wie Ihr glauben könnt, beruhigt. Wenn aber nicht, dann könnt Ihr sehen, daß ich die Wahrheit sprach.«

Dieser Vorschlag schien dem Herzog sehr vernünftig, und so ging er mit dem Edelmann ins Feld und sprach: »Mein Weib wundert sich mit gutem Grunde darüber, daß Ihr nie geliebt habt, soviel man weiß. Gerade darum scheint es mir richtig, daß Ihr meine Frau liebt, und so bitte ich Euch als Freund und befehle Euch als Euer Herr: schwöret mir, ob Ihr eine Dame auf dieser Welt liebt.« Nun mußte der Jüngling, obgleich er es so gern verborgen hätte, ob der großen Eifersucht seiner Herrin eingestehen, daß er in der Tat in eine Dame verliebt sei, deren Schönheit selbst die der Herzogin überstrahle. Doch bat er den Namen verschweigen zu dürfen, weil dies Band sicherlich zerrissen würde, wenn einer von beiden den Namen des andern enthüllte. Der Herzog versprach ihm das und war so zufrieden, daß er ihn besser behandelte denn je.

Das bemerkte die Herzogin sehr wohl, und durch kluge Listen erfuhr sie auch bald die Ursache. So gesellte sich zu ihrer Rachsucht noch die Eifersucht, und darum drängte sie den Herzog, sich den Namen sagen zu lassen, weil jener ihn nur durch solche Lüge geblendet habe. Vielmehr sei dies Verschweigen ein neuer Beweis ihrer Behauptung.

Der Herzog ließ sich bestimmen, ging mit dem Jüngling lustwandeln, fragte ihn nach dem Namen, und als jener sich weigerte, stellte er ihn vor die Wahl: entweder die Wahrheit zu sagen oder verbannt zu werden mit der Gefahr, nach acht Tagen eines grausamen Todes zu sterben. So entschloß sich der Jüngling endlich, das Geständnis zu machen, warf sich vor ihm auf die Knie und bat ihn mit gefalteten Händen, ihm zu schwören, daß er niemals dies Geheimnis verraten werde. Das tat jener, und da der Edelmann nun sicher zu sein hoffte, sprach er:

»Vor sieben Jahren lernte ich Eure Nichte kennen, die verwitwet war und keinen Bewerber hatte. Ich bemühte mich um ihre Gunst. Da ich aber nicht hoch genug geboren war, um sie heiraten zu können, begnügte ich mich damit, ihr zu dienen, wie ich es seitdem getan habe. Und Gott hat es gefügt, daß bisher niemand außer ihr und mir etwas davon wußte. So lege ich nun Leben und Ehre in Eure Hand, o Herr, und bitte Euch, die Sache geheimzuhalten und Eure Nichte deshalb nicht minder zu achten. Denn wahrlich, es lebt auf dieser Erde kein reineres und keuscheres Geschöpf.«

Der Herzog war darob voller Freuden. Er kannte die Schönheit seiner Nichte sehr wohl und wußte, daß sie die seiner Frau noch übertraf. Da er sich aber gar nicht denken konnte, wie das alles so geheimnisvoll vor sich gehen konnte, bat er den Edelmann, ihm zu berichten, wie er sie sähe. Und der erzählte, die Wohnung dieser Dame ginge in einen Garten hinaus. Daselbst bliebe eine kleine Pforte unverschlossen, so oft er kommen wolle. Er käme dort hinein und warte, bis ein kleiner Hund belle, den die Dame in den Garten ließe, sowie alle ihre Frauen sich zurückgezogen hätten. Dann käme er zu ihr und plaudere während der ganzen Nacht mit ihr. Beim Fortgehen sage sie ihm, wann er wiederkommen könne, und das habe er ohne wichtigen Grund noch nie versäumt.

Der Herzog war der neugierigste Mensch der Welt und bat ihn daher, ihn nicht als Herrn, sondern als Gefährten mitzunehmen. Da der Edelmann nun schon so viel zugestanden hatte, erklärte er sich auch dazu bereit, also daß der Herzog froher war als hätte er ein Königreich erobert. So ritten beide das nächstemal zum Hause jener Dame, ließen die Pferde bei der Gartenpforte und traten in den Garten. Der Edelmann hieß den Herzog, sich hinter einem großen Nußbaum verbergen, wo er alles sehen und hören konnte, und alsbald begann der kleine Hund zu kläffen. So schlüpfte der Edelmann in den Schloßturm, wo ihm die Dame entgegenkam und ihn herzte und küßte, als hätten sie sich hundert Jahre nicht gesehen. Dann traten sie in das Gemach, dessen Tür offen blieb, also daß der Herzog, der ihnen nachschlich, ihre keuschen Reden vernehmen konnte. Darob war er tief befriedigt, und nun brauchte er auch nicht lange zu warten; denn der Edelmann gab vor, früh heim zu müssen, weil der Herzog um vier Uhr zur Jagd aufbräche. So ging er schon um ein Uhr nachts von dannen. Der Herzog schlüpfte vor ihm hinaus, beide stiegen zu Pferde und kehrten heim.

Unterwegs schwor der Herzog dem Jüngling unaufhörlich, eher würde er sterben, als dies Geheimnis je ausplaudern. Und fortan schenkte er ihm so viel Vertrauen, daß niemand am Hofe gleiche Gunst genoß. Darob schäumte die Herzogin schier vor Wut. Sie quälte ihren Mann derart, daß er ihr einmal gar drohte, sie zu verlassen, und so nahm die Krankheit der Herzogin immer noch zu. Doch gab sie vor, nur für ihr Kind besorgt zu sein, das sie unter dem Herzen trug. Der Herzog war darob so erfreut, daß er wieder eine Nacht bei ihr zubrachte. Aber sobald sie sah, daß die Leidenschaft ihn übermannte, wandte sie ihm den Rücken zu und sprach: »Ihr liebet weder Weib noch Kind, darum lasset uns beide sterben.«

Und alsbald erhob sie solch Geschrei und tränenvolle Klagen, daß der Herzog fürchtete, sie könne eine Frühgeburt haben, und sie tröstend fragte, was sie denn wolle. Alsbald erklärte sie ihm, daß er ihr sein Geheimnis nicht anvertrauen wolle, obgleich er doch durch sein Kind in ihr lebe, er also wahrlich die Pflicht habe, ihr das zu sagen, und dabei umarmte und küßte sie ihn, übergoß sein Gesicht mit einer Flut von Tränen und jammerte und ächzte so herzzerreißend, daß ihr Gatte Weib und Kind zu verlieren fürchtete. So schwor er ihr zunächst, sie würde von seiner Hand sterben, wenn sie jemandem davon spräche, und sie nahm diese Bedingung an. Nunmehr enthüllte der arme betrogene Mann ihr alles, und sie tat sehr erfreut darüber und verbarg, wie sehr es sie wurmte.

Nun war bald darauf ein großes Fest, das der Herzog der Hofgesellschaft veranstaltete. Unter den geladenen Damen befand sich auch jene Nichte. Als die Tänze begannen, ward die Herzogin über die Maßen beim Anblick jener schönen anmutigen Frau gequält, so daß sie keine Freude, nur Grimm empfinden konnte. So rief sie alle Damen zu sich, ließ sie bei ihr Platz nehmen und begann von Liebe zu sprechen. Und als sie merkte, daß ihre Nichte schwieg, da barst ihr Herz schier vor Eifersucht und sie sagte: »Und Ihr, schönste Nichte: ist es möglich, daß Eure Schönheit keinen Freund oder Diener errungen haben sollte?« – »Hohe Frau,« entgegnete jene, »meine Schönheit ließ mich ohne Gewinn. Seit dem Tode meines Gatten hatte ich keine Freunde als meine Kinder, die meine ganze Zufriedenheit ausmachen. « – »Ei, schöne Nichte,« sprach die Herzogin in bitterstem Grimme, »es gibt keine noch so geheime Liebe, die nicht bekannt würde, noch gar wohlgezogene Hündlein, deren Bellen man nicht hören könnte.«

Ihr könnt euch den Schmerz vorstellen, der das Herz jener armen Dame zusammenkrampfte, als sie ein so wohlgeborgenes Geheimnis so schimpflich enthüllt sah. Daneben quälte sie der Verdacht, daß ihr Freund sein Versprechen gebrochen habe; doch ließ sie sich nichts merken und erwiderte lachend, daß sie die Sprache der Tiere nicht verstünde. Aber dann erhob sie sich gepreßten Herzens und ging durch das Gemach der Fürstin in eine Kleiderstube, davor der Herzog auf und ab ging. Der sah sie wohl, aber sie vermeinte allein zu sein und ließ sich nun so erschöpft auf ein Bett niedersinken, daß eine Kammerzofe, die im Durchgang etwas schlafen wollte, aufwachte und durch den Bettvorhang schaute, wer das wohl sei. Und da sie merkte, daß es die Nichte des Herzogs sei, die sich allein glaubte, schwieg sie und horchte zu. Die Ärmste aber begann, halb tot vor Leid, also zu klagen: »Unselige, was hast du da gesagt? Wie konntest du also mein Todesurteil aussprechen?« Und so erzählte sie jener unbewußt den ganzen Vorfall und klagte ihren Freund und die Herzogin des Verrates an. Dabei überwältigten sie Leid und Gram derart, daß sie kreidebleich wurde, ihre Lippen sich blau färbten und ihre Glieder erstarrten; und also sank sie rücklings zu Boden.

Just in diesem Augenblick betrat der Edelmann den Saal, und da er jene überall suchte, kam er auch in das Gemach der Herzogin, darinnen der Herzog sich befand. Der erriet seinen Gedanken und flüsterte ihm ins Ohr: »Sie ist in die Kleiderstube dort gegangen; mir schien, daß sie sich unwohl fühlte.« Und er ließ ihn hineingehen. Als der Edelmann die Stube betrat, sah er sie im Verscheiden. Eilends umfing er sie, aber mit einem Blick voll Liebe und Zorn wuchs noch ihr Leid, und unter einem klagenden Seufzer hauchte sie ihre Seele aus.

Halb tot vor Schreck fragte der Edelmann die Zofe, was für eine Krankheit die arme Dame ergriffen habe. Und da jene ihm die Worte der Verblichenen berichtete, erkannte er, daß der Herzog das Geheimnis seinem Weib enthüllt hatte. Unter Tränen umarmte er die Leiche und klagte derweile den Herzog ob seines Verrates an und enthüllte dabei auch die Schlechtigkeit seines Weibes. Dann plötzlich erhob er sich wie ein Mensch, der seinen Verstand verloren hat, zückte seinen Dolch, durchbohrte sich mit gewaltiger Kraft das Herz und umfing flugs mit solcher Glut den Leib der Toten, als sei er mehr in den Armen der Liebe als des Todes. Die Zofe aber schrie um Hilfe, als er sich den Dolch in die Brust bohrte. Bei diesem Schrei ahnte den Herzog ein Unheil, er stürzte in die Stube und suchte den Edelmann loszureißen, um ihn, wenn möglich, zu retten. Aber der klammerte sich so fest an die Verblichene, daß man seine Umschlingung erst lösen konnte, nachdem er selbst verschieden war. Doch hörte er noch des Herzogs Frage: »Wehe, wer ist daran schuld?« und antwortete mit wütendem Blick: »Meine Zunge und die Eure, Herr.« Dann preßte er sein Antlitz auf das der Freundin und verschied.

Nunmehr zwang der Herzog die Zofe, da er mehr wissen wollte, zu erzählen, was sie gesehen und gehört habe; und das tat sie denn des Langen und Breiten. Daraus entnahm jener, daß er selbst all dies Unheil verursacht hatte, warf sich unter Tränen und Klagen auf das tote Liebespaar, bat sie um Verzeihung und küßte beide zu wiederholten Malen. Dann erhob er sich wutentbrannt, riß den Dolch aus der Leiche des Edelmannes, und gleichwie ein Keiler, den man mit einem Spieß verwundet hat, sich in jähem Ungestüm auf den Jäger wirft so stürzte er sich auf jene Frau, die ihn in der tiefsten Seele verwundet hatte. Er fand sie beim Tanz im Saal, fröhlicher denn je, weil sie vermeinte, an des Herzogs Nichte eine gute Rache verübt zu haben.

Der Herzog packte sie inmitten des Tanzes an und sprach: »Ihr habt das Geheimnis mit Euerm Leben verbürgt, und so wird auf Euer Leben die Strafe fallen.« Damit ergriff er sie beim Schopf und stieß ihr den Dolch in die Kehle. Die Gäste waren tief erschüttert und vermeinten, der Herzog sei von Sinnen. Der aber versammelte nach vollbrachter Tat all seine Untergebenen im Saal um sich und erzählte ihnen die ehrbaren und traurigen Schicksale seiner Nichte und den bösen Streich, den sein Weib verübt hatte. Und gar viele der Anwesenden vergossen darob heiße Tränen.

Alsdann ließ der Herzog sein Weib in einer Abtei beisetzen, die er gründete, und ein herrliches Grabmal bauen, darinnen die Leichen seiner Nichte und des Edelmannes gemeinsam bestattet wurden. Und eine Inschrift berichtet ihr erschütterndes Geschick.

Bald darauf unternahm der Herzog einen Feldzug gegen die Türken, und Gott begünstigte sein Vorhaben, also daß er Ruhm und Gewinn erntete. Als er aber zurückkehrte und inne ward, daß sein Sohn alt genug sei, um seine Herrschaft zu führen, legte er seine Würden nieder und ging als Mönch in jene Abtei, darinnen sein Weib und das Liebespaar bestattet waren. Dort verlebte er sein Alter mit Gott in Glück und Frieden.

Dies, meine Damen, ist die Geschichte, um die ihr mich batet, und die ihr, wie mir eure Augen verraten, nicht ohne Mitgefühl vernommen habt. So nehmet euch daraus ein Beispiel und setzet bei einer Liebe nie eure Ehre aufs Spiel. Denn mag sie auch ansonsten voller Sittsamkeit sein, am Ende kann sie doch ein böses Nachspiel haben. Auch der Apostel Paulus will ja, daß nur Verheiratete solch innige Liebe zu einander hegen, weil unsere Sache sich in dem Maße von himmlischer Liebe entfernt, je mehr sie sich an irdische Dinge klammert. Je ehrenhafter und tugendsamer eine Neigung ist, um so schwerer ist dies Band zu zerreißen. Darum bitte ich euch, flehet zu jeder Stunde Gott an, euch mit dem Heiligen Geist zu erleuchten, damit er euer Herz so sehr in himmlischer Liebe entflamme, daß es auch keinen Schmerz bereitet, im Tode die Lieben zu verlassen, an denen euer Herz allzusehr hängt.«

»Wenn jene Liebe so ehrbar war, wie Ihr es schildert,« meinte Hircan, »«warum mußte sie dann also verborgen gehalten werden?« – »Weil die Bosheit der Menschen derart ist, daß sie nie an die Ehrsamkeit so großer Liebe glauben will,« sprach Parlamente. »Sie beurteilen Männer und Frauen nach ihren eignen unzüchtigen Leidenschaften. Darum auch muß eine Frau, die neben ihrer engsten Verwandtschaft einen guten Freund hat, insgeheim mit ihm plaudern, wenn sie ihm mehr als drei Worte sagen will. Denn die Ehre der Frau wird gleichermaßen bezweifelt, ob sie nun tugendsam oder lasterhaft liebt. Man hält sich nur an das, was man sieht.«

»Aber wenn das Geheimnis enthüllt wird, nimmt man doch das Schlimmste an,« entgegnete Guebron. Worauf Longarine ausrief: »Deshalb muß ich schier gestehen – das beste ist, man liebt überhaupt nicht!« – »Das können wir nicht gelten lassen,« widersprach Dagoucin. »Denn wenn wir glauben sollten, daß die Damen ohne Liebe sind, dann wollten wir gern auf unser Leben verzichten. Ich verstehe es vielmehr so, daß sie nur dafür leben, um Liebe zu erringen. Und gelingt ihnen das selbst nicht, so hält sie doch die Hoffnung aufrecht und läßt sie hunderttausend edle Dinge vollbringen, bis das Alter ihre edlen Leidenschaften in andere Sorgen umwandelt. Der Gedanke, daß die Frauen nimmer lieben, würde die Krieger in Krämer verwandeln, die statt an Ehre nur noch daran denken, Reichtümer einzuheimsen.«

»Das heißt also,« spottete Hircan, »wenn’s keine Frauen mehr gäbe, so wären wir alle böse Schelme, gleich als ob wir nur den Mut und das Herz besäßen, womit jene uns beschenken. Ich bin gerade der entgegengesetzten Ansicht: ich meine, nichts beengt mehr ein Männerherz, als zuviel Sorge und Liebe für eine Frau. Darum bestimmten die Gesetze der Hebräer, daß die Männer im ersten Ehejahre nicht in den Krieg ziehen sollen; denn sie befürchteten, daß jene aus Liebe zu ihrem Weibe sich den Gefahren, die der Krieg erheischt, entzögen.«

»Ich finde dies Gesetz nicht sehr vernünftig,« entgegnete Saffredant. »Gerade die Ehe jagt die Männer vor allem aus dem Hause, maßen der Krieg im Felde erträglicher ist als der in der Familie. Ich meine just, man sollte die Männer verheiraten, um in ihnen die Begierde zum fremden Lande zu erwecken und die Freuden am eignen Herde zu nehmen.«

»Das ist wahr!« rief Emarsuitte. »Die Ehe raubt ihnen die Sorge für ihre Familie. Sie vertrauen alles ihren Frauen an, denken nur noch an Ruhmesernten und vermeinen, daß die Frauen den Gewinn schon sorglich hüten werden.« Und Saffredant erwiderte: »Ich freue mich in jeder Beziehung, daß Ihr meiner Ansicht seid.«

«Aber ihr redet gar nicht vom Wichtigsten,« unterbrach Parlamente. »Warum starb jener Edelmann, der an all jenem Unheil schuld war, nicht auf der Stelle gleich jener unglückseligen Dame, die doch schuldlos war, vor Kummer und Gram?« Nomerfide entgegnete: »Weil die Frauen inniger lieben als die Männer.«

»Keineswegs,« entrüstete sich Simontault. »Vielmehr bersten die Frauen vor Eifersucht und Verlangen, ohne selbst zu wissen warum. Die Einsicht der Männer aber läßt sie erst nach der Wahrheit forschen. Daß sie selbige klugen Sinnes ergründen, erweist gerade ihre innere Überlegenheit. So geschah es mit dem Edelmann, der da bewies, wie innig er seine Freundin liebte, und darob den Tod nicht scheute, nachdem er den Grund ihres Endes erfahren hatte.«

»Jedenfalls starb sie aus wahrer Liebe,« meinte Emarsuitte, »denn ihr treues Herz vermochte solch niederen Verrat nicht zu ertragen.« – »Das war eben die Eifersucht,« sagte Simontault, »die den Ausschlag gab. Sie setzte bei ihrem Freunde eine Schlechtigkeit voraus, die ihm gar nicht zu Eigen war, vernünftige Überlegung kannte sie nicht, und da sie also ein Heilmittel nicht fand, mußte der Tod erfolgen. Ihr Freund aber starb freiwillig, nachdem er ihr Unglück erfahren hatte.«

»Wie groß muß doch eine Liebe sein, die solchen Schmerz verursacht,« grübelte Nomerfide. Hircan erwiderte spottend: »Seid getrost, Ihr werdet nicht an solcher Krankheit sterben.« – »Und Ihr,« erboste sich jene, werdet Euch nicht töten, wenn Ihr solche Schmach erlebt.«

Parlamente merkte, daß der Streit auf ihre Kosten ging. Darum rief sie lachend: »Es genügt, daß zwei ob ihrer Liebe gestorben sind, wozu sollen sich zwei andere aus gleichem Grund streiten! Eben tönt die Vesperglocke, wollt ihr nun also ausbrechen oder nicht?!«

Daraufhin erhoben sich alle, gingen zum Gottesdienst und schlossen in ihr Gebet auch die Seelen jenes wahrhaftigen Liebespaares ein. Für sie auch sagten die Mönche bereitwilligst ein ›De profundis‹. Und während des Abendessens sprachen sie nur immerfort von Frau du Verger (jener Nichte des Herzogs und Freundin des Edelmannes). Nachdem sie alsdann einige Zeit mitsammen verbracht hatten, zog sich jeglicher in seine Stube zurück. Und also beendeten sie den siebenten Tag.

Der achte Tag

Als der Morgen gekommen war, erkundigten sie sich, wie weit der Bau der Brücke gediehen sei, und erfuhren, daß er in zwei bis drei Tagen beendet sein könne. Das mißbehagte einigen der Gesellschaft. Denn sie hätten wohl gewünscht, daß die Arbeit sich noch hinzöge, um ihr vergnügliches zufriedenes Leben hier länger dauern zu sehen. Um so mehr beschlossen sie nun, ihre Zeit nicht zu verlieren, und baten alsbald Frau Disille um die gewohnte geistige Erbauung.

Die ward ihnen, und länger denn sonst, da Disille ihnen erst noch die Offenbarung Sankt Johanni vorlesen wollte. Und sie tat dies so trefflich, als ob der Heilige Geist voll Liebe und Güte aus ihrem Munde spräche. Alle waren darob in Entzücken versetzt, als sie zur Kirche gingen. Dann speisten sie und plauderten danach gar viel vom vergangenen Tage, also daß sie schier bezweifelten, ob sie einen gleich schönen wieder daran anreihen könnten. Um sich darauf vorzubereiten, zogen sie sich in ihre Stuben zurück, bis die Stunde nahte, da sich alle in der Arbeitsstube mit grünem Tuche – der Wiese – versammelten. Dort waren die Mönche schon angelangt, und nachdem sich alle gelagert hatten, warf man die Frage auf, wer beginnen solle. Da sprach Saffredant: »Ihr habt mir die Ehre erwiesen, an zweien Tagen den Anfang zu machen. Wir täten wahrlich meines Erachtens den Damen Unrecht, wenn nicht eine derselben gleichfalls zwei Tage begönne.« – »Dann müßten wir hier recht lange bleiben,« meinte Disille, »oder einer von euch oder eine von uns müßte auf diese Ehre verzichten.«

»Ich meinesteils hätte gern meine Wahl an Saffredant abgetreten,« rief Dagoucin. – »Und ich die meine an Parlamente,« versicherte Nomerfide. »Denn ich bin so gewöhnt, die zweite Stelle einzunehmen, daß ich mit der ersten nichts anzufangen wüßte.« Damit waren alle einverstanden, und Parlamente hub folgendermaßen an: Meine Damen, die vergangenen Tage waren voller ernst-verständiger Erzählungen. Darum möchte ich bitten, daß der heutige nur solche bringe, die voll Torheit, aber doch wahrheitsgetreu sind. Damit will ich nun den Anfang machen.«

Einundsiebenzigste Erzählung


Eine Frau gewahrt, da sie in ihren letzten Zügen liegt, wie ihr Mann sich an der Magd verlustiert, und wird darob wieder gesund.

»Zu Amboise lebte ein Sattler der Königin von Navarra, der hieß Borrihaudier. Sein Wesen ließ sich schon aus seiner Gesichtsfarbe schließen, maßen er mehr einem Diener des Bacchus denn einem Priester der Diana glich. Er war mit einer wohlhabenden Frau verheiratet, die gar einsichtsvoll haushaltete und ihre Kinder vernünftig erzog. Und damit war er auch wohl zufrieden.

Eines Tages sagte man ihm, sein Weib sei lebensgefährlich krank. Darob war er tief besorgt und eilte so schnell er konnte nach Hause, um ihr beizustehen. Aber als er hinkam, war sie schon so darnieder, daß sie mehr eines Beichtigers denn eines Arztes bedurfte. Sein Schmerz darüber war unbeschreiblich. Um ihn wiederzugeben, müßte man seine teigige Stimme besitzen oder besser noch sein Gesicht und sein Gehabe nachahmen können.

Nachdem er nun alles für sie getan hatte, was nötig war, bat die Frau um das Kruzifix. Das wurde herbeigebracht. Aber bei diesem Anblick warf sich der Biedere ganz verzweifelt auf eine Lagerstatt und rief mit seiner fettigen Stimme: ›Wehe! Mein Gott! Ich verliere mein armes Weib! Was werde ich Unseliger nun anfangen?!‹ und ähnlicher Klagen noch mehr. Als schließlich alle davongegangen waren bis auf eine junge Magd, die recht gut bei Fleische war, rief er diese leise herbei und sagte:

›Meine Liebe, ich sterbe, mir geht es schlimmer als wäre ich schon tot, da ich deine Herrin also verscheiden sehe. Ich weiß nicht, was ich sagen oder tun soll. Darum empfehle ich mich in deine Hände: nimm dich bitte meines Hauses und meiner Kinder an. Hier sind die Schlüssel, halte den Haushalt wohl in Ordnung, denn ich werde nichts mehr dafür tun können.‹

Das arme Mägdelein tröstete ihn voll Mitleids und bat ihn, nicht zu verzweifeln und ihr nicht noch den Herrn zu rauben, da sie schon ihre Herrin verlöre. Aber er erwiderte: ›Das geht nicht, meine Liebe, denn ich sterbe schon; sieh, wie mein Gesicht bereits kalt ist – leg‘ deine Backen an die meinen.›

Bei diesen Worte faßte er sie an die Brust. Sie wollte sich sträuben, aber er meinte, sie brauche keine Angst zu haben; es sei nötig, daß sie sich näher kennen lernten. Und damit umfaßte er sie und warf sie auf ein Bett. Die Frau aber, die seit zwei Tagen kein Wort mehr gesprochen hatte und nur noch das Kruzifix und Weihwasser neben sich hatte, begann mit ihrer schwachen Stimme aus Leibeskräften zu schreien:

›Halt, halt, halt – ich bin noch nicht tot!‹ Und sie bedrohte die beiden mit der Faust und rief: ›Ihr Bösewichte, ich bin noch nicht tot.‹

Alsbald erhoben sich die zwei, da sie ihre Stimme hörten. Aber die Frau war so wütend, daß darob der Schleim sich löste, der ihre Stimme belegt hatte, so daß sie nun alle Schimpfworte ausstieß, die sie nur finden konnte. Und von Stund‘ an begann sie zu gesunden, und oft nachdem warf sie noch ihrem Mann seine Lieblosigkeit vor.

Daran könnt ihr die Heuchelei der Männer erkennen, meine Damen. Für so wenig Trost vergessen sie all ihr Leid über ihre Frauen.«

»Was wißt Ihr denn davon?« fragte Hircan. »Vielleicht hatte jener gehört, daß dieses just das beste Heilmittel für sein Weib war. Da er es mit guter Behandlung nicht retten konnte, versuchte er es eben mit dem Gegenteil, und damit hatte er auch einen sehr schönen Erfolg. Nur wundere ich mich, daß Ihr, die Ihr doch selbst eine Frau seid, so deutlich preisgebt, daß Euer Geschlecht nicht mit Milde, sondern nur durch Zorn zu bessern ist.«

»Weiß Gott, vor Wut käme ich nicht nur aus dem Bette, sondern gar aus dem Grabe heraus!« rief Longarine. – »Und was für ein Unrecht beging jener,« fragte Saffredant, »als er sich tröstete, da er sein Weib doch für tot hielt? Man weiß doch, daß das Eheband den Tod nicht überdauert und mit des Lebens Ende sich löst.« – »Ja, das Gelübde ist freilich gelöst,« meinte Disille, »aber die Liebe sollte aus einem edlen Herzen nicht weichen. Das freilich heißt überschnell alle Trauer vergessen, wenn man noch nicht einmal abwarten kann, daß die Frau ihren letzten Atemzug tut.«

»Mir scheint am merkwürdigsten, daß er beim Anblick des Todes und des Kruzifixes nicht die Lust verlor, Gott zu kränken,« erklärte Nomerfide. – »Ein netter Grund,« lachte Simontault. »Ihr findet also keine Torheit merkwürdig, wenn sie nur fern der Kirche und des Gottesackers stattfindet?« – »Verspottet mich, so viel Ihr wollt,« rief jene. »Der Gedanke an den Tod kühlt selbst das jugendheißeste Herz.« – »Ich wäre Eurer Ansicht, wenn ich nicht von einer Fürstin just das Gegenteil gehört hätte,« meinte Dagoucin. – »So hat diese Euch sicherlich eine Geschichte erzählt,« sagte Parlamente, »und darum trete ich Euch meinen Platz ab.« Alsbald hub Dagoucin folgendermaßen an:

Sechste Erzählung


Wie schlau ein Weib verstand, den Liebhaber entrinnen zu lassen, derweilen ihr einäugiger Mann die beiden abzufassen vermeinte.

»Bei Karl, dem letzten Herzog von Alençon, stand ein Kammerdiener in Sold, der ein Auge verloren hatte. Der war mit einer weitaus jüngeren Frau verheiratet. Doch seine Herrschaft schätzte ihn so sehr und vermochte ihn so wenig zu entbehren, daß er bei weitem nicht so oft bei seinem Weibe zu weilen vermochte, als er wohl begehrte. Das führte am Ende dazu, daß diese ihrer Pflicht und Sittsamkeit vergaß und einem jungen Edelmann ihr Herz schenkte. Mit der Zeit ward darob so viel und laut gemunkelt, daß es ihrem Mann zu Ohren kam. Der glaubte erstlich nicht daran, weil sie ihm allezeit so gar viel Liebe erzeigte. Am Ende aber beschloß er eines Tages, sie zu erproben, und wenn es ginge, sich an dem zu rächen, der ihm solche Schande antat.

Zu dem Behufe gab er vor, für zwei bis drei Tage über Land zu gehen. Kaum war er fort, so ließ die Frau ihren Liebsten holen. Doch der weilte kaum eine halbe Stunde bei ihr, da kam der Mann zurück und pochte kräftig an die Tür. Sie erkannte ihn wohl und sagte das ihrem Schatz. Der Edelmann fiel schier aus allen Wolken, wünschte sich ans Ende der Welt und verfluchte sie und ihre Liebe, die ihn nun derart in Gefahr gebracht hatten. Doch sie beruhigte ihn und versprach, ihn sonder Schimpf und Schaden entwischen zu lassen, dafern er sich nur möglichst schnell wieder ankleidete.

Derweile pochte der Edelmann immer weiter an der Tür und rief sein Weib, so laut er konnte. Sie aber tat, als erkennte sie ihn nicht, und sagte laut zu dem Hausknecht: ›Steh‘ auf, und bring die Leute draußen zur Ruhe! Ist das etwa eine Zeit, in anständiger Leute Haus zu kommen? Wäre mein Mann da, der würde schon für Ordnung sorgen.‹ Als ihr Mann ihre Stimme vernahm, schrie er aus Leibeskräften: »Liebe Frau mach doch auf! Wie lange soll ich denn hier noch warten?!« Da sie nun sah, daß ihr Liebster schon bereit war, hinauszuschlüpfen, antwortete sie ihrem Mann: ›Wie bin ich froh, du teurer Mann, daß du zurück bist. Soeben träumte mir ein gar wundersamer Traum, der machte mich ganz unbeschreiblich glücklich, mir deuchte, du habest deines zweiten Auges Sehkraft wieder.‹

Und damit fiel sie ihm wohl um den Hals, herzte ihn, nahm seinen Kopf und schloß das gesunde Auge mit der einen Hand: ›Siehst du besser jetzt als früher?‹ fragte sie. Und während er auch nicht den leisesten Schimmer gewahrte, ließ sie den Liebsten flugs hinausgleiten. Ihr Mann jedoch begriff sehr wohl den Trug und sprach : ›Bei Gott, du schlimmes Weib, dir werde ich nimmermehr auflauern. Denn da ich dich zu hintergehen vermeinte, hast du mich selbst gar listig übertölpelt. So mag Gott dich zur Einsicht bringen, denn gegen soviel Trug ist ein Mann machtlos, der nicht töten will. Doch da meine Fürsorge dir nicht zu Herzen ging, so mag dir meine Verachtung nunmehr eine Strafe sein.‹ Mit diesen Worten ließ er sie in tiefster Verzweiflung stehen, und nur die Tränen und Bitten ihrer Verwandten führten schließlich eine Aussöhnung herbei.

»So seht ihr, meine Damen, durch was für schlaue Ränke ein Weib einer Gefahr zu entgehen weiß. Gewißlich sollte eine Frau für gute Zwecke um so erfindungsreicher sein.«

»Mir scheint,« meinte nun Hircan, »jede möchte lieber eine Überraschung vermeiden, statt ein Gerücht bekannt werden zu lassen?« – »Am Ende«, unterbrach ihn Nomerfide, »wird soviel Trug die Gesellschaft zu Schaden bringen, gleich einem Hause, das den Unterbau überlastet und eindrückt. Doch vielleicht meint Ihr gar, die Verschlagenheit der Männer sei den Frauen überlegen. Wenn Ihr davon ein Stücklein wißt, so gebe ich Euch gern das Wort; und sprecht Ihr von Euch selbst, so kann man wohl auf etwas Neckisches gefaßt sein.« »Ich will mich gar nicht schlechter machen als ich bin,« entgegnete Hircan. »Das besorgen schon andere für mich, mehr als mir lieb ist.« Und damit blickte er auf seine Frau. Die sprach sogleich: »Fürchtet Euch nur nicht, vor mir die Wahrheit zu sagen. Lieber höre ich Eure Streiche erzählen, als sie vor meiner Nase zu erleben – obgleich auch das meine Liebe nicht mindern würde.«

Hircan erwiderte: »Ich glaube, wir kennen uns beide gut genug. Doch mag ich nichts von mir erzählen, das Euch etwa Kummer schaffen könnte. So will ich vielmehr das Erlebnis eines meiner Freunde berichten.«

Zweiundsiebenzigste Erzählung


Wie eine Nonne ohn‘ Unterlaß bereute, daß sie ohne Liebe noch Gewalt ihre Jungfrauenschaft verloren hat.

In einer der größten Städte Frankreichs nach Paris stand ein reich bemitteltes Spittel: das war eine Abtei mit fünfzehn bis sechzehn Nonnen, derweile im andern Flügel der Prior mit sieben oder acht Mönchen lebte, die täglich den Gottesdienst abhielten; die Nonnen dagegen sagten nur ihre Paternoster und Stundengebete, maßen sie bei den Kranken Dienst taten.

Eines Tages nun lag einer der Kranken unter der Pflege der Nonnen im Sterben, und nachdem diese all ihre Hilfe gespendet hatten, ließen sie, da, er am Verscheiden war, einen der Mönche holen, auf daß er jenem die letzte Ölung gäbe. Bald darauf verlor der Sterbende die Sprache. Maßen er aber noch zu leben und zuzuhören schien, tröstete ihn jegliche mit erbaulichen Worten, bis ihnen die Geduld riß, also daß bei sinkender Nacht eine nach der andern ihr Bett aufsuchte und am Ende nur die Jüngste zurückblieb, die den Leichnam einsargen sollte.

Mit ihr aber blieb auch ein Geistlicher, den sie ob seiner Strenge mehr denn den Prior oder einen andern Mönch fürchtete. Nachdem die beiden ihm noch gehörige Gebete ins Ihr gerufen hatten, wurden sie inne, daß er endlich verschieden war, und darum sargten sie ihn ein. Derweile sie nun dies barmherzige Werk vollbrachten, begann der Mönch von der Hinfälligkeit des Lebens und dem Glücke des Todes zu sprechen, und unter solchen Reden ging die Nacht dahin.

Das arme Mägdelein lauschte seinen frommen Worten und blickte ihn mit tränenfeuchten Augen an. Darob packte ihn die Begier, und während er vom zukünftigen Leben sprach, begann er sie zu umhalsen, als ob er bereit sei, sie in seinen Armen geradenwegs ins Paradies zu tragen. Und die ärmste horchte, was er sprach, und da sie ihn für über die Maßen fromm hielt, wagte sie nicht, sich zu sträuben.

Als der schlimme Mönch dessen inne ward, vollbrachte er mit ihr, derweile er immer weiter von Gott sprach, ein Werk, das ihm der Teufel ins Herz geblasen hatte und davon vorher gar nicht die Rede gewesen war. Dabei versicherte er ihr, daß eine geheime Sünde vor Gott ungestraft bliebe und daß zwei Menschen, die miteinander sonst nichts gemein hätten, in solchem Falle keinerlei Fehltritt begehen, sofern daraus kein Gerede entstünde. Um solches zu vermeiden, solle sie sich wohl hüten, bei jemand anderem als ihm zu beichten.

So trennten sich die beiden, sie ging zuerst fort, und als sie durch eine Kapelle Unserer Lieben Frau kam, wollte sie wie gewöhnlich ihr Gebet sprechen. Kaum aber hatte sie begonnen: ›Jungfrau Maria …‹, da erinnerte sie sich, daß sie ihre Jungfräulichkeit verloren habe, ohne Liebe zu empfinden oder Gewalt erlitten zu haben, sondern nur ob einer dummen Angst. Und alsbald begann sie zu weinen, daß ihr schier das Herze brach.

Der Mönch hörte von weitem ihr Schluchzen, ahnte, daß sie ihren Sinn geändert habe und er darob seine Freuden verlieren würde, und ging zu ihr, um das zu verhindern. Er fand sie auf den Knien vor dem Muttergottesbilde. Alsbald machte er ihr bittere Vorwürfe und erklärte ihr, wenn ihr Gewissen sie plage, solle sie ihm beichten, und dann möge sie ihm fernbleiben, wenn sie wolle, denn beide seien ob ihrer Freiheit ohne Sünde. Und die dumme Nonne glaubte vor Gott ihre Pflicht zu erfüllen und beichtete ihm, worauf er ihr statt aller Buße schwor, daß sie nicht sündige, falls sie ihn liebe, und daß Weihwasser dies Vergehen leichtlich abwüsche.

Sie glaubte ihm mehr denn Gott und kehrte mehrmals zu ihm zurück, also daß sie am Ende schwanger wurde. Darob ward sie so voll Reue, daß sie die Äbtissin bat, sie möge den Mönch aus dem Kloster verjagen lassen, weil sie ob seiner Schlauheit und Hinterlist fürchtete, er würde sie von neuem verführen. Die Äbtissin aber war mit dem Prior im Einverständnis: beide machten sich über sie lustig und erklärten ihr, sie sei erwachsen und könne sich wohl eines Mannes erwehren, und obendrein sei jener ein sehr wackerer Mönch.

Am Ende plagten die Gewissensbisse die Ärmste so, daß sie in einer Aufwallung um die Erlaubnis bat, nach Rom pilgern zu dürfen. Denn sie vermeinte ihre Jungfräulichkeit wieder zu erlangen, wenn sie ihre Sünden dem Papst beichte. Das wurde ihr gern bewilligt, denn die Äbtissin und der Prior vermeinten, es sei besser, ihr solche Wallfahrt entgegen der Vorschrift zu gestatten, als sie einzuschließen und ihre Gewissensbisse also großzuziehen. Dabei leitete sie die Sorge, jene könne in ihrer Verzweiflung kund tun, was für ein Leben in dem Kloster herrsche. So gaben sie ihr also das nötige Reisegeld.

Aber Gott fügte es, daß just, als sie in Lyon war, die Frau Herzogin von Alençon, die spätere Königin von Navarra, insgeheim mit drei oder vier Damen ihres Gefolges in der Kirche des heiligen Johannes eine neuntägige Bittandacht abhielt. Da nun selbige nach der Vesperstunde am Altar der Kirche vor dem Kruzifix kniete, hörte sie jemanden die Stufen emporsteigen und sah beim Lampenschimmer, daß es eine Nonne war. Um nun deren Gebete zu vernehmen zog sich die Herzogin in einen dunklen Winkel zurück, und die Nonne, die sich allein glaubte, kniete nieder, schlug sich an die Brust, begann herzzerreißend zu weinen und rief nur immer: ›Wehe! Mein Gott! Erbarme dich mir armer Sünderin!‹

Maßen die Herzogin gern wissen wollte, was die Ursache war, trat sie zu ihr und sagte: ›Meine Liebe, was ist Euch? Woher kommt Ihr? Was führt Euch hierher?‹ Die arme Nonne, die jene nicht erkannte, erwiderte: ›Ach, meine Liebe, mein Unglück ist so groß, daß Gott allein mir helfen kann. Ihn flehe ich an, mir zu ermöglichen, daß ich mit der Frau Herzogin von Alençon reden kann. Ihr nur will ich meinen Fall erzählen, und ich bin sicher: läßt sich etwas machen, so wird sie schon den Ausweg finden.‹ ›So sprecht nur mit mir,‹ sprach die Herzogin. ›Ich bin eine ihrer Freundinnen und es ist gleich als ob Ihr mit ihr selbst sprächet.‹ – ›Vergebt mir,‹ entgegnete jene. ›Niemand anders als sie darf mein Geheimnis erfahren.‹ Alsbald erklärte ihr die Herzogin, daß sie offen reden könne, maßen sie selbst die Gesuchte sei; und sogleich warf sich die Nonne ihr zu Füßen, weinte und schrie gar lange und erzählte endlich all‘ ihr Mißgeschick. Darauf tröstete die Herzogin die Ärmste, also daß sie zwar ihre Reue nicht aufgab, wohl aber von der Reise nach Rom Abstand nahm. Vielmehr sandte sie dieselbe wieder zu ihrer Äbtissin zurück mit einem Briefe an den Prior, darin sie anordnete, daß der schändliche Geistliche aus dem Kloster gejagt werde.

Ich habe diese Geschichte von der Herzogin selbst und ihr könnt daraus entnehmen, daß Nomerfidens Heilmittel nicht bei allen anschlägt. Denn jene wurden nicht minder von Lüsternheit überwältigt, obgleich sie einen Toten berührten und einsargten«

»Das ist wahrlich ein Einfall, den nie sonst ein Mensch gehabt hat: vom Tode reden und das Leben schaffen,« meinte Hircan. – »Sündigen heißt noch nicht Leben schaffen,« widersprach Oisille. »Man weiß recht wohl, daß die Sünde den Tod gebiert.« – »Glaubt nur,« rief Saffredant, »jene beiden Leutchen dachten nicht an so theologische Betrachtungen. Gleichwie die Töchter des Lot ihren Vater trunken machten, um ihr Geschlecht zu erhalten, so wollten jene die Lücke füllen, die der Tod eben erst gerissen hatte und jene Leiche durch einen neuen Menschen ersetzen. Darum sehe ich als einzig Schlimmes an dem Fall die Tränen der Nonne, die immer weinte, aber nicht minder zu dem Urheber ihrer Tränen zurückkehrte.«

»Solcherlei sah ich gar manche tun,« spottete Hircan, »die da ihre Sünden beweinten und weiter ihrer Lust oblagen.« – »Ich errate,« entgegnete Parlamente, »für wen Ihr das saget. Aber sein Lachen hat, scheint mir, nun genug gedauert und es wäre Zeit, daß die Tränen bald begönnen.» – »Schweigt.« rief Hircan. »Noch ist dies Trauerspiel, das mit Lachen begann, nicht zu Ende.«

»Um nun von etwas anderem zu reden,« brach Parlamente daraufhin ab, »so meine ich, Dagoucin hat unsere Abmachung, nur Lustiges zu erzählen, bereits überschritten. Denn seine Geschichte war recht traurig.« – »Ihr sprächet von Torheiten,« widersprach Dagoucin, »und also habe ich meine Pflicht getan. Um nun aber eine vergnüglichere zu hören, gebe ich Nomerfide meine Stimme in der Hoffnung, daß sie meinen Fehler wieder gutmachen wird.« – »Just habe ich etwas Passendes bereit,« hub jene an, »diese Geschichte paßt zudem vortrefflich zu der Euren, denn ich will von einem Mönche und vom Tode sprechen. So höret mich denn bitte an.«

Hier endigen die Erzählungen der seligen Königin von Navarra, soweit man solche wieder auffinden konnte.

Inhaltsangabe der Geschichten

darin kurz zusammengefaßt ist was jede Erzählung in ihrem Busen verborgen hält. Sonach kann jeder die ihm zusagenden auswählen; ärgert sich jemand an dieser oder jener Geschichte, so mag er sie ungelesen lassen

Einleitende Betrachtungen

Wie sich die Gesellschaft zusammenfand

Der erste Tag

Erste Erzählung: Ein Weib in Aleneon hat zwei Verehrer, den einen zur Lust, den andern für sein Geld. Den ersten, der den Betrug merkt, läßt sie töten und erwirkt Begnadigung für sich und ihren flüchtigen Mann. Der wendet sich dann, um eine Summe Geldes zu retten, an einen Schwarzkünstler. Ihr Treiben wird entdeckt und bestraft.

Zweite Erzählung: Wie das Weib eines Maultiertreibers der Königin von Navarra zwar kläglich, doch in Züchten starb

Dritte Erzählung: Der König von Neapel verführt eines Edelmannes Frau und wird schließlich selbst betrogen

Vierte Erzählung: Wessen ein Edelmann sich gegen eine Flandrische Prinzessin kecklich unterfing und welche Schmach und Schande ihm daraus erwuchs

Fünfte Erzählung: Wie eine Schiffersfrau zween Franziskanermönchen, die ihr Gewalt antun wollten, so wohl entschlüpfte, daß deren Vergehen aller Welt offenbar wurde

Sechste Erzählung: Wie schlau ein Weib verstand, den Liebhaber entrinnen zu lassen, derweile ihr einäugiger Mann die beiden abzufassen vermeinte

Siebente Erzählung: Ein Pariser Kaufmann tauscht die Mutter seiner Liebsten, um deren Schuld zu verhüllen

Achte Erzählung: Wie einer seine Frau statt ihrer Zofe heimsucht und alsdann den Nachbarn schickt. der ihn entehrt, ohne daß sein Weib davon weiß

Neunte Erzählung: Beklagenswerter Tod eines Edelmannes, der in seiner Liebe allzu späten Trost fand

Zehnte Erzählung: Von Amadours und Florindens Liebe, darinnen viel von Trug und Heuchelei die Rede ist, zumal jedoch von Florindens preislicher Keuschheit

Der zweite Tag

Elfte Erzählung: Kitzliche Aussprüche eines Franziskanermönches gelegentlich seiner Predigten

Zwölfte Erzählung: Wie unziemlich und schamlos ein Herzog zum Ziel zu kommen suchte, und wie seine Niedertracht gerechte Strafe erntet

Dreizehnte Erzählung: Wie ein Schiffshauptmann sich unter dem Schein von Frömmigkeit in eine junge Dame verliebte, und was daraus entstand

Vierzehnte Erzählung: Schlauheit eines Verliebten, der bei einer Mailänder Dame unter der Maske ihres getreuen Dieners dessen sauer verdienten Liebeslohn einheimst

Fünfzehnte Erzählung: Eine Dame am königlichen Hof sieht sich von ihrem Mann zugunsten anderer vernachlässigt, weshalb sie ihm Gleiches mit Gleichem vergilt

Sechzehnte Erzählung: Eine Mailänderin erprobt die Kühnheit und Hochherzigkeit ihres Freundes, dem sie sich alsdann in Liebe ergibt

Siebenzehnte Erzählung: Der König Franz beweist dem Grafen Wilhelm seine Großmut, als dieser ihm nach dem Leben trachtet

Achtzehnte Erzählung: Eine schöne junge Dame erprobt die Treue eines ihr ergebenen Jünglings, bevor sie ihm ihre Liebesgunst gewährt

Neunzehnte Erzählung: Zwei Liebende geben alle Hoffnung auf eine Ehe verloren und gehen darob ins Kloster: der Jüngling nach Saint-François, das Mägdelein nach Sainte-Claire

Zwanzigste Erzählung: Ein Edelmann wird unversehens von seiner Liebe zu einer Dame, die ihn allezeit abwies, geheilt, als er sie in den Armen eines Stallknechtes findet

Der dritte Tag

Einundzwanzigste Erzählung: Von der wundersam tugendhaften Liebe eines vornehmen Mägdeleins zu einem Bastard, von dem Widerstand einer Königin gegen solche Ehe und der Antwort des Mägdeleins an die Königin

Zweiundzwanzigste Erzählung: Ein eifriger Prior sucht unter dem Deckmantel der Frömmigkeit mit allen Mitteln eine Nonne zu verführen, wodurch seine Bosheit am Ende entschleiert wird

Dreiundzwanzigste Erzählung: Wie durch die Bosheit eines Franziskaners in der gleichen Familie der Hausvater, sein Weib und sein Kind eines gewaltsamen Todes starben

Vierundzwanzigste Erzählung: Auf welch‘ artigen Einfall ein Edelmann kam, um einer Königin seine Liebe zu erweisen, und was daraus entstand

Fünfundzwanzigste Erzählung: Welch schlauer List sich ein hoher Fürst bediente, um sich an dem Weib eines Pariser Advokaten zu verlustieren

Sechsundzwanzigste Erzählung: Wie ein hoher Herr durch einen spaßhaften Streich die Liebesgunft einer Frau in Pampeluna zu erlangen sucht

Siebenundzwanzigste Erzählung: Wie ein dummer Schreiber ob der Frechheit, mit der er lüstern dem Weib seines Gefährten nachstellte, jämmerlich beschämt wird

Achtundzwanzigste Erzählung: Ein Schreiber glaubt jemanden zu überlisten, wird aber sebst hineingelegt, und daraus entstehen allerlei spaßhafte Folgen

Neunundzwanzigste Erzählung: Ein Bauerntölpel, dessen Weib mit dem Pfarrer der Liebe pflegt, läßt sich leichtlich hinters Licht führen

Dreißigste Erzählung: Ein merkwürdiger Fall menschlicher Schwäche, wo das Bestreben, die Ehre zu retten, aus dem Regen in die Traufe führt

Der vierte Tag

Einunddreißigfte Erzählung: Mit welch‘ scheußlicher Grausamkeit ein Franziskaner seine schändliche Geilheit zu befriedigen suchte, und wie er dafür gestraft wurde

Zweiunddreißigste Erzählung: Wie ein Edelmann sein ehebrecherisches Weib härter als mit dem Tod straft

Dreiunddreißigste Erzählung: Von den Greueln eines blutschänderischen Priesters, der seine Schwester schwängert und sie dann als Heilige hinstellt, und von seiner wohlverdienten Strafe

Vierunddreißigste Erzählung: Wie zwei Franziskaner ob übergroßer Neubegier vor Entsetzen schier verstarben

Fünfunddreißigste Erzählung: Wie gar wohlweislich ein Mann seinem Weib die Liebe zu einem Franziskaner austreibt

Sechsunddreißigfte Erzählung: Als ein Präsident von dem üblen Verhalten seines Weibes erfährt, schafft er derart Ordnung, daß er Rache nimmt, ohne daß etwas bekannt wird

Siebenunddreißigste Erzählung: Wie weise es ein Weib verstund, ihren Mann einem tollen Liebeswahn zu entreißen, der ihn quälte

Achtunddreißigste Erzählung: Bemerkenswerte Milde einer Frau aus Tours gegen ihren mißratenen Mann

Neununddreißigste Erzählung: Ein gutes Mittel, einen Poltergeist auszutreiben

Vierzigste Erzählung: Ein Edelmann erschlägt einen andern, weil er nicht weiß, daß es sein Schwäher ist

Der fünfte Tag

Einundvierzigste Erzählung: Von der neuartigen, seltsamen Buße, die ein Franziskaner als Beichtvater einem Mägdelein auferlegte

Zweiundvierzigfte Erzählung: Wie ein Mägdelein den hartnäckigen Nachstellungen eines französischen Fürsten widerstand und über ihn obsiegte

Dreiundvierzigste Erzählung: Die Heuchelei einer Hofdame scheitert an dem Übermaß ihrer so wohlverheimlichten Liebe

Vierundvierzigste Erzählung: Wie zwei Liebende durch ihre List sich ihrer Liebe wohl erfreuen, so daß endlich alles glücklich endet

Fünfundvierzigste Erzählung: Ein Edelmann gibt vor, dem Stubenmädchen die Kinderstreiche verabfolgen zu wollen, und hintergeht also sein einfältiges Weib

Sechsundvierzigste Erzählung: Von einem Franziskaner, der den Ehemännern einen schweren Vorwurf machte, wenn sie ihre Frauen verbläuten

Siebenundvierzigste Erzählung: Ein Edelmann zu Perche beargwöhnt zu Unrecht einen Freund und reizt ihn dadurch, jenen Verdacht wahrzumachen

Achtundvierzigste Erzählung: Zwei Franziskaner nehmen in einer Hochzeitsnacht nacheinander des Ehemanns Platz ein und erhalten am Ende ihre gebührende Strafe

Neunundvierzigste Erzählung: Wie schlau eine Gräfin im geheimen ihre Lust zu stillen wußte, und wie sie entlarvt wurde

Fünfzigste Erzählung: Ein Liebhaber stirbt, schwerverletzt, nach empfangener Liebesgunst, und darob folgt seine Geliebte ihm in den Tod

Der sechste Tag

Einundfünfzigste Erzählung: Von der hinterlistigen Grausamkeit eines Italieners

Zweiundfünfzigste Erzählung: Welch‘ ekles Frühstück ein Apothekerlehrling einem Advokaten und einem Edelmann einrührte

Dreiundfünfzigste Erzählung: Mit welcher Gewandtheit ein Fürst einen lästigen Liebeswerber zu entfernen wußte

Vierundfünfzigste Erzählung: Von einer gar wohlgemuten Dame, die nur lachte, als sie sah, wie ihr Mann ihre Magd küßte, und erklärte, sie lache über einen Schatten, maßen sie den wahren Grund nicht nennen wollte

Fünfundfünfzigste Erzählung: Mit welcher List eine Spanierin die Mönche um das Vermächtnis ihres Gatten brachte

Sechsundfünfzigste Erzählung: Ein Franziskaner vermählt trügerischerweise ein schönes Mägdelein mit einem anderen Mönche, worob die zwei Burschen bestraft werden

Siebenundfünfzigste Erzählung: Lächerliche Geschichte von einem englischen Lord, der mit einem Damenhandschuh auf seinem Wamse prunkte

Achtundfünfzigste Erzählung: Eine Hofdame rächt sich gar neckisch an einem Liebhaber ob seiner sonstigen Seitensprünge

Neunundfünfzigste Erzählung: Ein Edelmann wird von seinem Weibe abgefaßt, als er heimlich eines ihrer Ehrenfräulein umfängt

Sechzigste Erzählung: Eine Pariserin verläßt ihren Mann, um einem Sänger zu folgen; dann stellt sie sich tot und läßt sich begraben

Der siebente Tag

Einundsechzigste Erzählung: Mit welche erstaunlicher Hartnäckigkeit eine Burgunderin einen Kanonikus zu Autun mit ihrer frechen Liebe verfolgte

Zweiundsechzigste Erzählung: Eine Dame erzählt in dritter Person ein eigenes Liebeserlebnis und verschnappt sich zuletzt

Dreiundsechzigste Erzählung: Von der bemerkenswerten Keuschheit eines französischen Edelmannes

Vierundsechzigste Erzählung: Ein Edelmann wird Mönch, weil sein Heiratsantrag verschmäht wird; darob unterzieht sich die Geliebte der gleichen Buße

Fünfundsechzigste Erzählung: Wie eine einfältige Alte ihre brennende Kerze auf die Stirn eines Soldaten heftet, der auf einem Grabmal der Sankt-Johannes-Kirche schlief, und was daraus entstand

Sechsundsechzigste Erzählung: Erquickliche Geschichte, die dem Königspaar von Navarra widerfuhr

Siebenundsechzigste Erzählung: Von der grenzenlosen und doch sittenstrengen Liebe einer Frau in fremden Landen

Achtundsechzigste Erzählung: Eine Frau gibt ihrem Mann spanische Fliegen, um ein Liebeszeichen von ihm zu erhalten, und bringt ihn darob schier um

Neunundsechzigste Erzählung: Ein Italiener läßt sich von der Zofe nasführen, also daß die Frau ihren Mann statt der Magd beim Mehlbeuteln findet

Siebenzigste Erzählung: Die zügellose Wildheit einer Herzogin hat ihren Tod und den eines Liebespaares zur Folge

Der achte Tag

Einundsiebenzigste Erzählung: Eine Frau gewahrt, da sie in den letzten Zügen liegt, wie ihr Mann sich an der Magd verlustiert, und wird darob wieder gesund

Zweiundsiebenzigste Erzählung: Wie eine Nonne ohn‘ Unterlaß bereute, daß sie ohne Liebe noch Gewalt ihre Jungfrauenschaft verloren hat

Die Bilder des Marquis de Bayros:

1. Der brünstige Knecht

2. Das enttäuschte Mägdelein

3. Die mißglückte Überrumpelung

4. Der Ehemann naht!

5. Eine überraschende Enthüllung

Ende

Siebenundsechzigste Erzählung


Von der grenzenlosen und doch sittenstrengen Liebe einer Frau in fremden Landen.

»Roberval machte einst als vom König ernannter Schiffshauptmann eine Seefahrt nach Kanada. Dort sollte er, falls das Klima es erlaubte, längere Zeit bleiben und Städte und Schlösser erbauen lassen, was er bekanntlich trefflich in die Wege leitete. Um das Christentum dort zu verbreiten, nahm er allerlei Handwerker mit, darunter einen, der in seiner Elendigkeit seinen Herrn verriet und fast den Eingeborenen auslieferte.

Gott aber fügte, daß sein Verbrechen an den Tag kam und der Hauptmann vor Schaden bewahrt wurde. Der ließ den Verräter ergreifen, um ihn nach Verdienst strafen zu lassen. Das wäre schnell geschehen, wenn nicht sein Weib dagewesen wäre, das ihm, den Gefahren der Seefahrt zum Trotz, gefolgt war und ihn auch im Tode nicht verlassen wollte. Mit heißen Tranen bat sie den Hauptmann und seine Gefährten, aus Mitleid und zum Lohn für ihre Dienste ihr einen Wunsch zu erfüllen und ihren Mann mit ihr auf einer kleinen Insel auszusetzen, wo nur wilde Tiere hausten. Der gestand ihr das zu und gab ihnen das Nötigste dabei mit.

Als die Ärmsten sich nun dort mit den wilden Tieren allein befanden, hatten sie keine andere Zuflucht als Gott allein, auf den die Frau all‘ ihre Hoffnung setzte. Unaufhörlich las sie das Neue Testament und im übrigen erbaute sie mit ihrem Mann ein notdürftiges Häuschen. Vor den Löwen und sonstigen Tieren, die ihnen nahten, um sie zu fressen, verteidigten sie sich, er mit der Armbrust, sie mit Steinen, und oft erlangten sie derart sogar gutes Wildbret. Auf die Dauer aber konnte der Mann dies Leben nicht ertragen; ob der Kräuter, die er zumeist aß, und des Wassers schwoll er auf und starb am Ende bald darauf. Sein Weib war sein einziger Trost, sein Arzt und sein Beichtiger. So entschwebte er froh in die seligen Gefilde.

Die Ärmste, die nun allein blieb, begrub ihn, so tief sie konnte. Zwar witterten die Bestien doch seinen Leichnam und nahten sich, aber sie bewahrte die Gebeine ihres Mannes vor ihnen, indem sie aus der Hütte auf sie mit der Armbrust schoß. So lebte sie, äußerlich wie ein Tier, innerlich wie ein Engel, und verbrachte ihre Zeit unter Gebet und frommer Betrachtung, so daß zwar ihr Leib abmagerte und schier abstarb, ihr Geist aber froh und zufrieden blieb.

Da fügte es Gott in seiner Barmherzigkeit, damit ihr Ruhm bekannt würde, daß nach einiger Zeit ein Schiff jener Flotte an der Insel vorbeikam. Die Bemannung erblickte das Weib, dessen sich einige noch erinnerten, und so beschlossen sie nachzuschauen, was dort geworden war. Als die Ärmste das Schiff nahen sah, ging sie bis zum Meeresstrande entgegen, empfing jene, pries Gott und führte sie zu der jämmerlichen Hütte, wo sie ihnen zeigte, wie und wovon sie gelebt hatte. Also wurden die Leute inne, daß sich hier schier Unmögliches begeben hatte und Gott sehr wohl seine Diener auch in der Wüste speisen könne wie beim herrlichsten Gelage.

Als sie dann daheim im Lande die Treue und Ausdauer dieser Frau bekanntmachten, ward sie von den edlen Damen in hohen Ehren aufgenommen. Die vertrauten ihr den Unterricht in Lesen und Schreiben bei ihren Töchtern an, und so gewann sie ehrsam ein reichliches Einkommen. Doch hatte sie nur den Wunsch, jeglichen zur Liebe und zum Vertrauen zu Gott anzuhalten, und erwies, wie er in ihrem Falle so große Barmherzigkeit bewiesen hatte.

Nun könnt ihr nicht mehr sagen, meine Damen, daß ich die Tugend nicht preise, die Gott euch gab und die in solch unscheinbarem Wesen doppelt prangt.«

»Wirklich« meinte Oisille, »alle Tugend kommt von unserm Herrn und Heiland. Doch müssen wir der Gerechtigkeit die Ehre geben und gestehen, daß gleich den Frauen auch die Männer zu solch gottgefälligem Tun geschaffen sind.« – »Wie dem auch sei,« rief Longarine, »jene Frau war sehr zu preisen, auch ob der Liebe zu ihrem Manne, für den sie all das auf sich nahm.« – »Ich glaube, jede Frau hier hätte gleichermaßen gehandelt,« entgegnete Emarsuitte. – »Mir scheint,« spottete Parlamente, »manche Ehemänner sind so arge Tiere, daß es nach einem Leben mit ihnen nicht so seltsam ist, unter jenen zu leben.«

Emarsuitte bezog das auf sich und erwiderte: »Wenn die Tiere nicht beißen, so sind sie unterhaltsamer als zornige und unerträgliche Männer. Ich meinesteils würde aber, wie ich sagte, meinen Mann vor solcher Gefahr auch im Tode nicht verlassen.« – »Hütet Euch,« rief Nomerfide, »auf daß solche Liebe nicht Euch und ihn betöre. Überall gibt es einen Mittelweg; wer den nicht kennt, verwandelt oft Liebe in Haß.« – »Das sagt Ihr, scheint mir, weil Ihr ein Beispiel dafür wißt,« sprach Simontault. »Wenn dem so ist, nehmt bitte meine Stelle an.«

»Nun denn,« hub jene an, »so will ich auch meiner Gewohnheit nach ein kurzes aber fröhliches Stücklein berichten.«

Achtundsechzigste Erzählung


Eine Frau gibt ihrem Manne spanische Fliegen, um ein Liebeszeichen von ihm zu erhalten, und bringt ihn darob schier um.

»Zu Pau in Béarn lebte Meister Stephan, ein Apotheker, der mit einer wohlanständigen Frau verheiratet war. Die stand dem Haushalte wohl vor und war schön genug, um ihn zufriedenzustellen. Aber gleichwie er die verschiedenen Heilmittel ausprobte, so wollte er auch oft verschiedene Frauen kosten, um alle Abarten kennen zu lernen. Das quälte sein Weib und lockerte ihre Geduld. Denn er kümmerte sich um sie nur in der heiligen Bußzeit.

Als nun eines Tages der Mann in der Apotheke saß, lauschte sein Weib hinter der Tür, um zu hören was er spräche. Da kam eine Frau herein, eine Gevatterin des Apothekers, die unter dem gleichen Mangel litt wie dessen Weib. So stöhnte sie ihm vor: »Ach wehe, Gevatter, bester Freund, ich bin kreuzunglücklich. Ich liebe meinen Mann so von Herzen und bin nur um ihn besorgt. Aber was hilft’s – er ist hinter jeder andern her, und wäre es auch die schmutzigste, gemeinste, häßlichste Vettel der ganzen Stadt! Wißt Ihr denn kein Mittel um ihn umzustimmen? Gebt mir so etwas. Wenn ich von ihm charmiert werde, sollt Ihr alles haben, was ich nur geben kann.«

Der Apotheker sagte, er kenne ein Pulver, das sie ihrem Manne mit Brühe oder Braten geben solle, dann würde er sie gewißlich mit Liebe umschmeicheln. Die ärmste fragte ihn, was das für ein Wundermittel sei und ob er ihr etwas geben könne. Darauf erwiderte jener, es sei nichts Besonderes nur zerstoßene spanische Fliegen, davon er einen großen Vorrat habe; und bevor sie fortging gab er ihr, soviel sie brauchte. Die Frau war ihm dafür sehr dankbar; denn ihr Mann war stark und kräftig, und da sie ihm nicht zuviel davon gab, bekam es ihm nicht schlecht, sie aber fühlte sich sehr wohl dabei.

Das Weib des Apothekers hatte alles dies vernommen und vermeinte, ihr sei dies Mittel nicht minder nötig. So paßte sie auf, wo ihr Mann das Pulver hintat, auf daß sie es bei Gelegenheit verwenden könne. Als sich nun ihr Mann eines Tages den Leib etwas verkühlt hatte, bat er sie, eine warme Suppe zu machen. Sie riet ihm aber, Gebratenes mit einem Abführmittel zu nehmen, und das war ihm recht. Deshalb hieß er sie, solches herzurichteten und Zimmt und Zucker aus der Apotheke zu holen. Also tat sie, nahm aber von jenem Pulver, das er der Gevatterin gegeben hatte, und achtete dabei weder auf Maß noch Gewicht. Der Mann aß also das Gebratene mit viel Vergnügen. Bald merkte er die Wirkung und versuchte sie mit Hilfe seines Weibes zu beheben. Aber vergebens: das Feuer in ihm lohte so stark, daß er sich vor Schmerzen wand, seine Frau beschuldigte, sie habe ihn vergiftet, und sie fragte, was sie in das Gebratene getan habe.

Nun gestand sie die Wahrheit, und wie sie gleich jener Gevatterin dieses Mittels bedürftig sei. Der Ärmste konnte sie vor Schmerzen nur mit Schimpfreden überschütten. Doch jagte er sie hinaus zu dem Apotheker der Königin von Navarra, um ihn herbeizurufen. Der gab ihm beruhigende Mittel, nach denen er in einiger Zeit wieder wohl wurde. Doch machte er ihm lebhafte Vorwürfe, daß er anderen Leuten Pulver gäbe, die er selbst nicht nehmen wolle; sein Weib habe nur ihre Pflicht getan, da sie den berechtigten Wunsch hatte, von ihm geliebt zu werden. So ward der Ärmste auch von seiner Torheit geheilt und sah ein, daß Gott ihn zu Recht bestraft habe, da er allen Spott, den er andern aufhalsen wollte, auf ihn selbst geladen hatte.

Mir scheint nun, daß die Liebe jener Frau weniger zudringlich als groß war.«

»Nennt Ihr das Liebe,« – fragte Hircan, »wenn man dem Mann Qualen bereitet, um erhoffte Freuden zu erlangen?« – »Um ihres Mannes Liebe zurückzuerobern, soll die Frau nichts unversucht lassen,« meinte Longarine. – »Deshalb darf sie noch lange nicht etwas zu essen oder zu trinken geben, sofern sie der Wirkung nicht sicher ist,« entgegnete Guebron. »Man muß aber ihre Unwissenheit entschuldigen. Und zudem war sie von Liebe verblendet.« – »Es gibt aber auch Frauen, die Liebe und Eifersucht geduldig ertragen,« widersprach Oisille. – »Jawohl, und gar gefällig,« sagte Hircan. »Die Klügsten sind jene, die solche Zeitvertreibe ihrer Männer belachen und verspotten, gerade wie die Männer am besten tun, ihre Frauen heimlich zu betrügen. Wenn ihr mir das Wort erteilen wolltet, bevor Frau Oisille die heutigen Erzählungen beschließt, so will ich euch einen solchen Fall erzählen; das Ehepaar ist allen hier bekannt.« – »So beginnt,« rief Nomerfide. Und Hircan hub lachend also an:

Neunundsechzigste Erzählung


Ein Italiener läßt sich von der Zofe nasführen, also daß die Frau ihren Mann statt der Magd beim Mehlbeuteln findet.

Im Schloß Doz in Bigorra lebte ein königlicher Stallmeister, Karl mit Namen – ein Italiener, der mit einer wohlhabenden, ehrengeachteten Frau verheiratet war. Nachdem selbige ihm aber mehrere Kinder geschenkt hatte, war sie stark gealtert. Und da auch er nicht mehr zu den Jüngsten rechnete, lebten beide in Frieden und Freundschaft. Allerdings koste er bisweilen mit den Mägden, aber sein Weib tat, als merke sie nichts, und wenn dann eine zu vertraulich wurde, entließ sie dieselbe einfach in aller Stille.

So nahm sie eines Tages wieder einmal eine neue an, ein gutes, kluges Mägdelein; dem setzte sie gleich die Launen und Gelüste des Hausherrn auseinander und kündigte ihm an: wenn es zu Ungehörigkeiten käme, flöge es hinaus. Die Magd wollte gern in Ehren im Dienst bleiben und beschloß daher wohlanständig zu bleiben. Und ob nun auch der Herr ihr manch verführerischen Antrag machte, so ging sie darauf nicht ein, erzählte vielmehr alles ihrer Herrin, und beide vergnügten sich dann im Gedanken an seine Torheit.

Einst nun war die Magd im Hinterzimmer, hatte ihre Kappe auf (die nach Landessitte einer Taufkappe glich, nur daß sie Schultern und Körper von hinten bedeckte) und beutelte Mehl. Da kam der Hausherr an und bedrängte sie alsbald gewaltig. Sie wäre ums Leben nicht darauf eingegangen, stellte sich aber willfährig und bat nur, erst nachschauen zu dürfen, ob die Herrin wohl beschäftigt sei, damit die beiden dann nicht überrascht würden. Und da er dem zustimmte, bat sie ihn, derweile die Kappe aufzusetzen und weiter zu beuteln, auf daß die Herrin allezeit das Geräusch des Beutelns höre. Auch das tat er in der fröhlichen Hoffnung, alsbald seinen Wunsch erfüllt zu bekommen.

Die Magd aber, die keineswegs trüber Laune war, lief flugs zu ihrer Herrin und rief: »Kommt und seht den guten Herrn an, dem ich das Mehlbeuteln beigebracht habe, um ihn los zu sein.« Die Frau sputete sich gewaltig, um die neue »Magd« zu sehen und als sie nun ihren Gatten mit der Kappe und dem Mehlbeutel erblickte, hub sie mordsmäßig an zu lachen, klatschte in die Hände und konnte nur rufen: »Schmutzfink, wieviel Monatslohn willst du für deine Arbeit?!«

Als der Mann ihre Stimme erkannte und inne ward, daß man ihn angeführt hatte, warf er das ganze Zeug zur Erde, stürzte sich auf die Magd und hätte ihr sicherlich den Spaß schlimm heimgezahlt, wenn die Frau sich nicht dazwischengeworfen hätte. Am Ende jedoch söhnte sich alle drei aus und lebten fortan ohne Hader und Streit.

Was denkt ihr nun von dieser Frau? War es nicht sehr klug von ihr, sich mit der Kurzweil ihres Mannes die Zeit zu vertreiben?«

»Solch ein Fehlschlag war doch für den Mann keine Kurzweil,« entgegnete Saffredant. – »Immerhin tat er vernünftiger, mit seinem Weib zu lachen,« meinte Emarsuitte, »statt sich in seinem Alter mit Mägden aufzureiben.« – »Mir wäre es recht peinlich mit solcher Kappe abgefaßt zu werden,« lachte Simontault. Parlamente erwiderte flugs: »Ich habe mir sagen lassen, daß es nur an Eurer Frau lag, wenn sie Euch nicht in ähnlichen Lagen betraf!« – »Schaut in Eurem Hause nach,« entrüstete sich jener, »mein Weib hatte keinen Grund zu klagen, und wäre ich selbst derart gewesen, wie Ihr sagt, so kümmert sie sich doch nur um das, was ihr nahe geht.« – »Den ehrenwerten Frauen geht nur die Liebe zum Gatten nahe, die allein sie befriedigen kann,« antwortete Longarine. Wenn sie in diesem Rahmen keine Befriedigung findet, muß sie gar mit unersättlicher Fleischeslust erfüllt sein.« – »Wahrlich, da erinnert Ihr mich an eine schöne wohlvermählte Frau,« erklärte Oisille, »die in Ermangelung solch ehrenwerter Gefühle sich unter das gemeinste Tier erniedrigte und zudem grausamer wurde denn ein reißender Löwe.« – »Bitte erzählet uns das, um den Tag zu beenden,« bat Simontault. – »Das kann ich aus zwei Gründen nicht,« entgegnete jene, »denn erstens ist die Geschichte sehr lang und außerdem wurde sie schon von einem glaubwürdigen Verfasser niedergeschrieben. Wir aber wollten nichts berichten, das schon veröffentlicht worden ist.« – »Das ist wahr,« sagte Parlamente. »Aber da ich wohl errate, welche Geschichte Ihr meint, so muß ich erwidern, daß selbige in so altertümlicher Sprache abgefaßt ist, daß außer uns beiden wohl niemand sonst hier sie kennt. Drum kann sie wohl als neu gelten.«

Und alsbald begann die ganze Gesellschaft Oisille zu bitten, sie möge doch, ungeachtet der Länge, den Fall erzählen, maßen sie noch eine gute Stunde vor sich hätten. Darob hub endlich jene also an: