Fünfundsechzigste Erzählung


Wie eine einfältige Alte ihre brennende Kerze auf die Stirn eines Soldaten heftet, der auf einem Grabmal der Sankt-Johannes-Kirche schlief, und was daraus entstand.

»In jener Kirche gab es eine sehr dunkle Kapelle, und darin ein gar lebenswahres steinernes Grabmal zum Gedächtnis an hochgestellte Persönlichkeiten. Um das Grabmal hatte man ruhende Gestalten gewaffneter Männer hingelagert dargestellt. Als nun eines Tages ein Soldat in jener Kirche umherging, ward er ob der brennenden Tagesglut schläfrig. Und da er jene dunkle, kühle Kapelle gewahrte, beschloß er, auf dem Grabmal gleich den andern Kriegern zu schlafen, und legte sich zwischen ihnen nieder.

Da traf es sich, daß just eine gute, fromme Alte ankam, als er im tiefsten Schlaf lag. Nachdem diese ihre Gebete gesagt hatte, wollte sie die brennende Kerze, so sie hielt, am Grabmal befestigen, und da ihr jener Soldat am nächsten lag, wandte sie sich zu ihm und preßte das Wachs an seine Stirn. Dort wollte es aber nicht haften, und da die Gute vermeinte, das läge an der Kälte des Steines, erhitzte sie die Stirne mit der Flamme.

Dies vermeintliche Bildnis war jedoch nicht unempfindlich und hub an zu schreien. Darob ward die Alte von jähem Schrecken ergriffen und brüllte: ›Ein Wunder! Ein Wunder!‹ Also daß die Leute in der Kirche in Aufregung gerieten. Die einen liefen zur Glocke und begannen sie zu läuten, die andern kamen, um das Wunder zu bestaunen. Alsbald führte sie die Alte zu dem Bildnis, das sich belebt hatte. Aber etliche begannen zu lachen, und nur mehrere Priester waren unzufrieden. Denn sie hatten vermeint, dies Grabmal würde nun gar wertvoll werden und manchen schönen Batzen einbringen.

So sehet, meine Damen, welchen Heiligen ihr eure Kerzen weiht.«

»Das ist just etwas Rechtes« spottete Hircan, »die Frauen müssen eben alles schlecht machen, was es auch sei. Bedenkt einmal, was die arme Alte Gott für ein schönes Geschenk mit ihrer kleinen Kerze zu machen vermeinte.« – »Gott sieht nicht auf den Wert der Gabe,« entgegnete Oisille, »sondern auf das Herz, das jene darbringt.« – »Ich kann mir aber nicht denken, daß Gott sich an solcher Dummheit ergötzen kann,« meinte Saffredant. Oisille antwortete: »Die, so am wenigsten davon zu reden wissen, haben oft das meiste Gefühl für die Liebe und den Willen Gottes. Darum soll man nur sich selbst richten.« – »Das ist noch nicht so schlimm,« lachte Emarsuitte, »wenn man einen schlafenden Landsknecht erschreckt. Manch einfache Frau hat hohe Fürsten in gewaltige Furcht gejagt, ohne sie gerade an der Stirn in Brand zu setzen.« – »Sicherlich wißt Ihr hierüber eine Geschichte,« sagte Dagoucín. »So nehmt meinen Platz ein und erzählt sie bitte.«

»Die Geschichte ist nicht lang,« hub jene an. »Doch wenn ich den Fall berichte, wie er sich zutrug, so werdet ihr sicher darob keine Tränen vergießen.«

Sechsundsechzigste Erzählung


Erquickliche Geschichte, die dem Königspaar von Navarra widerfuhr.

»In dem Jahr, da der Herzog von Vendôme die Prinzessin von Navarra heiratete, begab sich das Paar mit den königlichen Eltern nach Guyenne. Auf der Reise kamen sie in das Haus eines Edelmannes, daselbst sich viele schöne junge Damen befanden. Mit diesen wurde so viel getanzt, daß das Brautpaar sich am Ende ermattet in sein Gemach zurückzog und bei geschlossenen Türen und Fenstern auf dem Bett einschlief, ohne sich ausgekleidet oder jemanden zur Wache gerufen zu haben.

Aber just als beide im tiefsten Schlafe lagen, hörten sie von außen die Tür öffnen. Der Fürst blickte durch den Bettvorhang, wer das sein könne, da er vermutete, vielleicht wolle ihn einer seiner Freunde überraschen. Da sah er eine alte, hochgewachsene Kammerfrau eintreten, die stracks auf das Bett zuging, ohne die beiden ob der Dunkelheit zu erkennen. Vielmehr hub sie an, sobald sie selbige beieinander ruhen sah, gewaltiglich zu schelten und zu schreien: ›Ei, du böses Ding, du verworfene, gemeine Dirne – Längst schon hab‘ ich das geargwöhnt. Aber bis jetzt konnte ich dir nichts beweisen, darum hatte ich der Herrin nichts gesagt. Jetzt weiß ich, was ich zu tun habe. Und du, schlechter Kerl, du hast Schimpf und Schande über das Haus gebracht. Du hast diese arme Dirn‘ verführt, und wenn nicht ein Gott im Himmel wäre, so würde ich dich totschlagen, so wie du da liegst! Steh‘ auf! Bei allen Teufeln, steh auf! Schämst du dich denn gar nicht?‹ Der Herzog von Vendôme und die Prinzessin wollten diese Reden noch recht lange dauern lassen. Darum bargen sie ihre Gesichter in den Kissen und lachten dabei so laut, daß sie nicht ein Wort sagen konnten. Als nun die Kammerfrau inne ward, daß jene sich trotz ihrer Aufforderung nicht rührten, trat sie näher herzu, um sie beim Arm oder Bein aus dem Bett zu zerren. Aber nun erkannte sie an den Gesichtern oder den Kleidern, daß es nicht die Gesuchten waren, warf sich in der Erkenntnis ihres Irrtums auf die Knie und bat sie flehentlich, ihr zu verzeihen, daß sie durch ihr Versehen ihnen die Ruhe gestört hatte. Der Herzog aber wollte mehr wissen, stand auf und ersuchte die Alte ihm zu sagen, für wen sie das Paar gehalten habe. Dessen weigerte sie sich anfangs. Endlich aber, nachdem er ihr versprochen hatte, nichts weiterzuerzählen, erklärte sie, es sei hier eine junge Dame im Hause, in die der Verwaltungsvorsteher verliebt sei. Längst schon laure sie den beiden auf, da sie unwillig sei, daß ihre Herrin einem Mann vertraue, der das Haus entehre.

Dann ging sie hinaus und schloß die Tür, so wie es vorher gewesen war. Das fürstliche Paar aber lachte noch lange Zeit über diesen Fall, und nie, wenn sie die Geschichte erzählten, wollten sie die Namen der Personen nennen.

So ging es der Alten, die Gerechtigkeit üben wollte und am Ende fremden Fürstlichkeiten etwas enthüllte, wovon niemand im Hause eine Ahnung hatte.«

»Ich glaube zu wissen, um wen es sich handelt,« meinte Parlamente. »Der Vorsteher gehörte gar mancher Verwaltung an; und wenn er der Herrin Gunst nicht erlangen konnte, ließ er es sich an den jungen Damen wohl sein. immerhin war er ein anständiger Mensch. »Warum sagt Ihr ›immerhin‹?« fragte Hircan. »Ob solcher Handlungsweise hat er sich doch sicherlich gerade hochgeschätzt.« – »Ich sehe, Ihr kennt die Krankheit und den Kranken,« entgegnete jene. »Wenn er Verteidigung braucht, fehlt es ihm also nicht an Advokaten. Ich würde mich aber keinem anvertrauen, der seine Sachen so schlecht führt, daß die Kammerfrauen Wind bekommen.« – »Als ob sich die Männer daran stören, daß jemand ihre Streiche merkte lachte Nomerfide.« Hircan aber erwiderte zornig: »Das sagt noch keineswegs, daß sie alles ausplaudern, was sie wissen.« Darob errötete jene und sprach: »Vielleicht tun sie es nicht, wenn es sie herunter setzt.« Simontault aber meinte: »Wenn man uns reden hört, könnte man meinen, wir Männer hätten Freude daran, die Frauen schlecht zu machen. Darum will ich nun just etwas recht Gutes von ihnen erzählen, damit ich nicht gleich den andern für ein Lästermaul gelte.« – »So tretet an meine Stelle,« sprach Emarsuitte, »überwindet Eure Natur und erfüllet uns zu Ehren Eure Pflichten.« Alsbald hub Simontault also an:

»Tugendsame Geschichten über euch, meine Damen, sind an sich nichts Neues. Hört man aber einmal eine, so sollte man sie doch nicht verbergen, sondern mit goldenen Lettern niederschreiben, um den Frauen ein Beispiel, den Männern Gelegenheit zur Bewunderung dafür zu geben, wie das schwache Geschlecht seine Schwäche überwinden kann. Dieserthalben will ich nun eine Geschichte berichten, die ich vom Hauptmann Roberval und seinen Gefährten hörte.«

Siebenundsechzigste Erzählung


Von der grenzenlosen und doch sittenstrengen Liebe einer Frau in fremden Landen.

»Roberval machte einst als vom König ernannter Schiffshauptmann eine Seefahrt nach Kanada. Dort sollte er, falls das Klima es erlaubte, längere Zeit bleiben und Städte und Schlösser erbauen lassen, was er bekanntlich trefflich in die Wege leitete. Um das Christentum dort zu verbreiten, nahm er allerlei Handwerker mit, darunter einen, der in seiner Elendigkeit seinen Herrn verriet und fast den Eingeborenen auslieferte.

Gott aber fügte, daß sein Verbrechen an den Tag kam und der Hauptmann vor Schaden bewahrt wurde. Der ließ den Verräter ergreifen, um ihn nach Verdienst strafen zu lassen. Das wäre schnell geschehen, wenn nicht sein Weib dagewesen wäre, das ihm, den Gefahren der Seefahrt zum Trotz, gefolgt war und ihn auch im Tode nicht verlassen wollte. Mit heißen Tranen bat sie den Hauptmann und seine Gefährten, aus Mitleid und zum Lohn für ihre Dienste ihr einen Wunsch zu erfüllen und ihren Mann mit ihr auf einer kleinen Insel auszusetzen, wo nur wilde Tiere hausten. Der gestand ihr das zu und gab ihnen das Nötigste dabei mit.

Als die Ärmsten sich nun dort mit den wilden Tieren allein befanden, hatten sie keine andere Zuflucht als Gott allein, auf den die Frau all‘ ihre Hoffnung setzte. Unaufhörlich las sie das Neue Testament und im übrigen erbaute sie mit ihrem Mann ein notdürftiges Häuschen. Vor den Löwen und sonstigen Tieren, die ihnen nahten, um sie zu fressen, verteidigten sie sich, er mit der Armbrust, sie mit Steinen, und oft erlangten sie derart sogar gutes Wildbret. Auf die Dauer aber konnte der Mann dies Leben nicht ertragen; ob der Kräuter, die er zumeist aß, und des Wassers schwoll er auf und starb am Ende bald darauf. Sein Weib war sein einziger Trost, sein Arzt und sein Beichtiger. So entschwebte er froh in die seligen Gefilde.

Die Ärmste, die nun allein blieb, begrub ihn, so tief sie konnte. Zwar witterten die Bestien doch seinen Leichnam und nahten sich, aber sie bewahrte die Gebeine ihres Mannes vor ihnen, indem sie aus der Hütte auf sie mit der Armbrust schoß. So lebte sie, äußerlich wie ein Tier, innerlich wie ein Engel, und verbrachte ihre Zeit unter Gebet und frommer Betrachtung, so daß zwar ihr Leib abmagerte und schier abstarb, ihr Geist aber froh und zufrieden blieb.

Da fügte es Gott in seiner Barmherzigkeit, damit ihr Ruhm bekannt würde, daß nach einiger Zeit ein Schiff jener Flotte an der Insel vorbeikam. Die Bemannung erblickte das Weib, dessen sich einige noch erinnerten, und so beschlossen sie nachzuschauen, was dort geworden war. Als die Ärmste das Schiff nahen sah, ging sie bis zum Meeresstrande entgegen, empfing jene, pries Gott und führte sie zu der jämmerlichen Hütte, wo sie ihnen zeigte, wie und wovon sie gelebt hatte. Also wurden die Leute inne, daß sich hier schier Unmögliches begeben hatte und Gott sehr wohl seine Diener auch in der Wüste speisen könne wie beim herrlichsten Gelage.

Als sie dann daheim im Lande die Treue und Ausdauer dieser Frau bekanntmachten, ward sie von den edlen Damen in hohen Ehren aufgenommen. Die vertrauten ihr den Unterricht in Lesen und Schreiben bei ihren Töchtern an, und so gewann sie ehrsam ein reichliches Einkommen. Doch hatte sie nur den Wunsch, jeglichen zur Liebe und zum Vertrauen zu Gott anzuhalten, und erwies, wie er in ihrem Falle so große Barmherzigkeit bewiesen hatte.

Nun könnt ihr nicht mehr sagen, meine Damen, daß ich die Tugend nicht preise, die Gott euch gab und die in solch unscheinbarem Wesen doppelt prangt.«

»Wirklich« meinte Oisille, »alle Tugend kommt von unserm Herrn und Heiland. Doch müssen wir der Gerechtigkeit die Ehre geben und gestehen, daß gleich den Frauen auch die Männer zu solch gottgefälligem Tun geschaffen sind.« – »Wie dem auch sei,« rief Longarine, »jene Frau war sehr zu preisen, auch ob der Liebe zu ihrem Manne, für den sie all das auf sich nahm.« – »Ich glaube, jede Frau hier hätte gleichermaßen gehandelt,« entgegnete Emarsuitte. – »Mir scheint,« spottete Parlamente, »manche Ehemänner sind so arge Tiere, daß es nach einem Leben mit ihnen nicht so seltsam ist, unter jenen zu leben.«

Emarsuitte bezog das auf sich und erwiderte: »Wenn die Tiere nicht beißen, so sind sie unterhaltsamer als zornige und unerträgliche Männer. Ich meinesteils würde aber, wie ich sagte, meinen Mann vor solcher Gefahr auch im Tode nicht verlassen.« – »Hütet Euch,« rief Nomerfide, »auf daß solche Liebe nicht Euch und ihn betöre. Überall gibt es einen Mittelweg; wer den nicht kennt, verwandelt oft Liebe in Haß.« – »Das sagt Ihr, scheint mir, weil Ihr ein Beispiel dafür wißt,« sprach Simontault. »Wenn dem so ist, nehmt bitte meine Stelle an.«

»Nun denn,« hub jene an, »so will ich auch meiner Gewohnheit nach ein kurzes aber fröhliches Stücklein berichten.«

Achtundsechzigste Erzählung


Eine Frau gibt ihrem Manne spanische Fliegen, um ein Liebeszeichen von ihm zu erhalten, und bringt ihn darob schier um.

»Zu Pau in Béarn lebte Meister Stephan, ein Apotheker, der mit einer wohlanständigen Frau verheiratet war. Die stand dem Haushalte wohl vor und war schön genug, um ihn zufriedenzustellen. Aber gleichwie er die verschiedenen Heilmittel ausprobte, so wollte er auch oft verschiedene Frauen kosten, um alle Abarten kennen zu lernen. Das quälte sein Weib und lockerte ihre Geduld. Denn er kümmerte sich um sie nur in der heiligen Bußzeit.

Als nun eines Tages der Mann in der Apotheke saß, lauschte sein Weib hinter der Tür, um zu hören was er spräche. Da kam eine Frau herein, eine Gevatterin des Apothekers, die unter dem gleichen Mangel litt wie dessen Weib. So stöhnte sie ihm vor: »Ach wehe, Gevatter, bester Freund, ich bin kreuzunglücklich. Ich liebe meinen Mann so von Herzen und bin nur um ihn besorgt. Aber was hilft’s – er ist hinter jeder andern her, und wäre es auch die schmutzigste, gemeinste, häßlichste Vettel der ganzen Stadt! Wißt Ihr denn kein Mittel um ihn umzustimmen? Gebt mir so etwas. Wenn ich von ihm charmiert werde, sollt Ihr alles haben, was ich nur geben kann.«

Der Apotheker sagte, er kenne ein Pulver, das sie ihrem Manne mit Brühe oder Braten geben solle, dann würde er sie gewißlich mit Liebe umschmeicheln. Die ärmste fragte ihn, was das für ein Wundermittel sei und ob er ihr etwas geben könne. Darauf erwiderte jener, es sei nichts Besonderes nur zerstoßene spanische Fliegen, davon er einen großen Vorrat habe; und bevor sie fortging gab er ihr, soviel sie brauchte. Die Frau war ihm dafür sehr dankbar; denn ihr Mann war stark und kräftig, und da sie ihm nicht zuviel davon gab, bekam es ihm nicht schlecht, sie aber fühlte sich sehr wohl dabei.

Das Weib des Apothekers hatte alles dies vernommen und vermeinte, ihr sei dies Mittel nicht minder nötig. So paßte sie auf, wo ihr Mann das Pulver hintat, auf daß sie es bei Gelegenheit verwenden könne. Als sich nun ihr Mann eines Tages den Leib etwas verkühlt hatte, bat er sie, eine warme Suppe zu machen. Sie riet ihm aber, Gebratenes mit einem Abführmittel zu nehmen, und das war ihm recht. Deshalb hieß er sie, solches herzurichteten und Zimmt und Zucker aus der Apotheke zu holen. Also tat sie, nahm aber von jenem Pulver, das er der Gevatterin gegeben hatte, und achtete dabei weder auf Maß noch Gewicht. Der Mann aß also das Gebratene mit viel Vergnügen. Bald merkte er die Wirkung und versuchte sie mit Hilfe seines Weibes zu beheben. Aber vergebens: das Feuer in ihm lohte so stark, daß er sich vor Schmerzen wand, seine Frau beschuldigte, sie habe ihn vergiftet, und sie fragte, was sie in das Gebratene getan habe.

Nun gestand sie die Wahrheit, und wie sie gleich jener Gevatterin dieses Mittels bedürftig sei. Der Ärmste konnte sie vor Schmerzen nur mit Schimpfreden überschütten. Doch jagte er sie hinaus zu dem Apotheker der Königin von Navarra, um ihn herbeizurufen. Der gab ihm beruhigende Mittel, nach denen er in einiger Zeit wieder wohl wurde. Doch machte er ihm lebhafte Vorwürfe, daß er anderen Leuten Pulver gäbe, die er selbst nicht nehmen wolle; sein Weib habe nur ihre Pflicht getan, da sie den berechtigten Wunsch hatte, von ihm geliebt zu werden. So ward der Ärmste auch von seiner Torheit geheilt und sah ein, daß Gott ihn zu Recht bestraft habe, da er allen Spott, den er andern aufhalsen wollte, auf ihn selbst geladen hatte.

Mir scheint nun, daß die Liebe jener Frau weniger zudringlich als groß war.«

»Nennt Ihr das Liebe,« – fragte Hircan, »wenn man dem Mann Qualen bereitet, um erhoffte Freuden zu erlangen?« – »Um ihres Mannes Liebe zurückzuerobern, soll die Frau nichts unversucht lassen,« meinte Longarine. – »Deshalb darf sie noch lange nicht etwas zu essen oder zu trinken geben, sofern sie der Wirkung nicht sicher ist,« entgegnete Guebron. »Man muß aber ihre Unwissenheit entschuldigen. Und zudem war sie von Liebe verblendet.« – »Es gibt aber auch Frauen, die Liebe und Eifersucht geduldig ertragen,« widersprach Oisille. – »Jawohl, und gar gefällig,« sagte Hircan. »Die Klügsten sind jene, die solche Zeitvertreibe ihrer Männer belachen und verspotten, gerade wie die Männer am besten tun, ihre Frauen heimlich zu betrügen. Wenn ihr mir das Wort erteilen wolltet, bevor Frau Oisille die heutigen Erzählungen beschließt, so will ich euch einen solchen Fall erzählen; das Ehepaar ist allen hier bekannt.« – »So beginnt,« rief Nomerfide. Und Hircan hub lachend also an:

Neunundsechzigste Erzählung


Ein Italiener läßt sich von der Zofe nasführen, also daß die Frau ihren Mann statt der Magd beim Mehlbeuteln findet.

Im Schloß Doz in Bigorra lebte ein königlicher Stallmeister, Karl mit Namen – ein Italiener, der mit einer wohlhabenden, ehrengeachteten Frau verheiratet war. Nachdem selbige ihm aber mehrere Kinder geschenkt hatte, war sie stark gealtert. Und da auch er nicht mehr zu den Jüngsten rechnete, lebten beide in Frieden und Freundschaft. Allerdings koste er bisweilen mit den Mägden, aber sein Weib tat, als merke sie nichts, und wenn dann eine zu vertraulich wurde, entließ sie dieselbe einfach in aller Stille.

So nahm sie eines Tages wieder einmal eine neue an, ein gutes, kluges Mägdelein; dem setzte sie gleich die Launen und Gelüste des Hausherrn auseinander und kündigte ihm an: wenn es zu Ungehörigkeiten käme, flöge es hinaus. Die Magd wollte gern in Ehren im Dienst bleiben und beschloß daher wohlanständig zu bleiben. Und ob nun auch der Herr ihr manch verführerischen Antrag machte, so ging sie darauf nicht ein, erzählte vielmehr alles ihrer Herrin, und beide vergnügten sich dann im Gedanken an seine Torheit.

Einst nun war die Magd im Hinterzimmer, hatte ihre Kappe auf (die nach Landessitte einer Taufkappe glich, nur daß sie Schultern und Körper von hinten bedeckte) und beutelte Mehl. Da kam der Hausherr an und bedrängte sie alsbald gewaltig. Sie wäre ums Leben nicht darauf eingegangen, stellte sich aber willfährig und bat nur, erst nachschauen zu dürfen, ob die Herrin wohl beschäftigt sei, damit die beiden dann nicht überrascht würden. Und da er dem zustimmte, bat sie ihn, derweile die Kappe aufzusetzen und weiter zu beuteln, auf daß die Herrin allezeit das Geräusch des Beutelns höre. Auch das tat er in der fröhlichen Hoffnung, alsbald seinen Wunsch erfüllt zu bekommen.

Die Magd aber, die keineswegs trüber Laune war, lief flugs zu ihrer Herrin und rief: »Kommt und seht den guten Herrn an, dem ich das Mehlbeuteln beigebracht habe, um ihn los zu sein.« Die Frau sputete sich gewaltig, um die neue »Magd« zu sehen und als sie nun ihren Gatten mit der Kappe und dem Mehlbeutel erblickte, hub sie mordsmäßig an zu lachen, klatschte in die Hände und konnte nur rufen: »Schmutzfink, wieviel Monatslohn willst du für deine Arbeit?!«

Als der Mann ihre Stimme erkannte und inne ward, daß man ihn angeführt hatte, warf er das ganze Zeug zur Erde, stürzte sich auf die Magd und hätte ihr sicherlich den Spaß schlimm heimgezahlt, wenn die Frau sich nicht dazwischengeworfen hätte. Am Ende jedoch söhnte sich alle drei aus und lebten fortan ohne Hader und Streit.

Was denkt ihr nun von dieser Frau? War es nicht sehr klug von ihr, sich mit der Kurzweil ihres Mannes die Zeit zu vertreiben?«

»Solch ein Fehlschlag war doch für den Mann keine Kurzweil,« entgegnete Saffredant. – »Immerhin tat er vernünftiger, mit seinem Weib zu lachen,« meinte Emarsuitte, »statt sich in seinem Alter mit Mägden aufzureiben.« – »Mir wäre es recht peinlich mit solcher Kappe abgefaßt zu werden,« lachte Simontault. Parlamente erwiderte flugs: »Ich habe mir sagen lassen, daß es nur an Eurer Frau lag, wenn sie Euch nicht in ähnlichen Lagen betraf!« – »Schaut in Eurem Hause nach,« entrüstete sich jener, »mein Weib hatte keinen Grund zu klagen, und wäre ich selbst derart gewesen, wie Ihr sagt, so kümmert sie sich doch nur um das, was ihr nahe geht.« – »Den ehrenwerten Frauen geht nur die Liebe zum Gatten nahe, die allein sie befriedigen kann,« antwortete Longarine. Wenn sie in diesem Rahmen keine Befriedigung findet, muß sie gar mit unersättlicher Fleischeslust erfüllt sein.« – »Wahrlich, da erinnert Ihr mich an eine schöne wohlvermählte Frau,« erklärte Oisille, »die in Ermangelung solch ehrenwerter Gefühle sich unter das gemeinste Tier erniedrigte und zudem grausamer wurde denn ein reißender Löwe.« – »Bitte erzählet uns das, um den Tag zu beenden,« bat Simontault. – »Das kann ich aus zwei Gründen nicht,« entgegnete jene, »denn erstens ist die Geschichte sehr lang und außerdem wurde sie schon von einem glaubwürdigen Verfasser niedergeschrieben. Wir aber wollten nichts berichten, das schon veröffentlicht worden ist.« – »Das ist wahr,« sagte Parlamente. »Aber da ich wohl errate, welche Geschichte Ihr meint, so muß ich erwidern, daß selbige in so altertümlicher Sprache abgefaßt ist, daß außer uns beiden wohl niemand sonst hier sie kennt. Drum kann sie wohl als neu gelten.«

Und alsbald begann die ganze Gesellschaft Oisille zu bitten, sie möge doch, ungeachtet der Länge, den Fall erzählen, maßen sie noch eine gute Stunde vor sich hätten. Darob hub endlich jene also an:

Neunundfünfzigste Erzählung


Ein Edelmann wird von seinem Weibe abgefaßt, als er heimlich eines ihrer Ehrenfräulein umfängt.

»Besagte Dame hatte einen reichen hochgeborenen Edelmann aus großer gegenseitiger Zuneigung geheiratet. Da sie außerordentlich Gesellschaften liebte und froh plauderte, so verhehlte sie ihrem Mann nicht, daß sie Anbeter habe, deren sie zwar spotte, die ihr aber Kurzweil schufen. Anfangs wollte ihr Mann an dem Vergnügen teilnehmen. Aber auf die Dauer mißfiel ihm dies Leben. Denn einerseits behagte es ihm nicht, daß sein Weib so viel mit Männern umging, die weder seine Verwandten noch Freunde waren, andrerseits stieß er sich an den Kosten, die ihr Putz und das Leben am Hofe mit sich brachten. So blieb er, soviel er konnte, daheim. Doch die vielen Gäste, die ihn dann besuchten, machten die Ausgaben nicht geringer. Warf er ihr das lachend vor, dann erwiderte sie ihm, er solle sich mit der Gewißheit zufrieden geben, daß er nicht Hahnrei durch sie würde, sondern nur Bettler. Und um recht oft zu Hofe zu kommen, stellte sie alles Denkbare an und war ihm deshalb insonderheit gefällig.

Als ihr nun eines Tages alle List nichts nützte, bemerkte sie, daß er einem ihrer Ehrenfräulein freundlich tat, worauf sie bedachte, dies wohl auszunutzen. Gen Abend nahm sie also selbige beiseite und bedrängte sie mit Versprechungen und Drohungen so wohl, daß jene gestand, daß ihr Herr ihr seit dem Tage nachstelle, da sie im Hause sei; doch wolle sie lieber sterben denn Gott und Ehre verletzen, zumal es doppelt schlecht ihrer Herrin gegenüber wäre, die ihr die Ehre erwiesen habe, sie zur Ehrendame zu machen. Als nun die Dame von der Untreue ihres Mannes erfuhr, ward sie von Zorn und Freude zugleich bewegt. Denn einerseits zürnte sie ihm ob der Schande, die er ihr mit jener antun wollte, die bei ihr und zudem viel häßlicher war als sie selbst. Andrerseits hoffte sie ihn nun in einer Lage abzufassen, die es ihm unmöglich machen würde, ihr fürder Hof und Verehrer vorzuwerfen.

Um ihr Ziel zu erreichen, bat sie das Mädchen, allmählich ihrem Gatten alle Wünsche unter gewissen Bedingungen zu erfüllen. Die junge Dame wollte Schwierigkeiten machen. Da ihre Herrin ihr aber Leben und Ehre zu schützen versprach, so stimmte sie ihr endlich zu.

Als nun der Edelmann ihr wieder zu nahe trat, fand er sie wie ausgewechselt. Und als er sie darob mehr bedrängte denn früher, klagte sie, wie ihre Rolle es verlangte, über ihre Armut: sie würde obendrein ihre jetzige Stellung verlieren, wo sie doch einen Mann zu erwerben hoffe. Sogleich erwiderte er ihr, darum solle sie sich nicht sorgen; denn er würde sie reicher und besser verheiraten, als ihre Herrin es könne, und zudem würde er alles undurchdringlich geheim halten.

Nachdem sie sich hierüber geeinigt hatten und nun einen geeigneten Ort erwogen, schlug sie als besonders geheim ein Häuschen vor, das im Park lag und darin es ein Zimmer mit einer bequemen Lagerstatt gab. Der Edelmann wäre mit allem zufrieden gewesen. Darum stimmte er alsbald zu und harrte sehnlichst des vereinbarten Tages und der festgesetzten Stunde.

Das Mägdelein aber brach sein Versprechen nicht und erzählte alles seiner Herrin, zumal aber, daß der morgige Nachmittag festgesetzt sei und sie nicht verfehlen würde, ihr ein Zeichen zu machen. Alsdann bat sie die Dame, um Gottes willen rechtzeitig dort zu sein, was die Dame ihr zusagte. Tags darauf war der Edelmann ungewöhnlich liebenswürdig zu seinem Weib, und nach dem Essen schlug er vor, man solle Pikett spielen. Alsbald wurde der Spieltisch zurechtgemacht; aber die Frau erklärte, sie wolle nicht mitspielen, sondern lieber zusehen. Bevor jener sich aber zum Spieltisch setzte, erinnerte er das Mägdelein an ihr Versprechen. Kaum spielte er, so schritt dieses durch den Saal und machte dabei der Herrin ein Zeichen, daß es jetzt die Wanderschaft anträte. Die Dame sah es wohl, der Edelmann aber merkte nichts. Als dann aber eine gute Stunde verflossen war und ein Diener ihm winkte, sagte er zu seinem Weib, er habe etwas Kopfweh und müsse sich deshalb in frischer Luft ein wenig erholen. Sie wußte recht wohl, was sein Leiden war, und fragte, ob sie derweile für ihn spielen solle. Und er meinte, ja, denn er käme bald wieder. Damit ging er erst auf sein Zimmer, dann in den Park.

Die Dame aber kannte einen kürzeren Weg, als er ihn nahm, wartete etwas, tat dann, als habe sie Leibschneiden, und gab ihr Spiel ab. Kaum hatte sie den Saal verlassen, so zog sie flugs ihre Stöckelschuhe aus und lief eilenden Schrittes zu dem Häuschen, auf daß der Handel nicht ohne sie zustande käme. Sie gelangte rechtzeitig hin und betrat die Stube, wo ihr Mann eben erst eingetreten war. Hinter ihm verborgen hörte sie seine schönen, ehrenhaften Reden, die er der Ehrendame hielt, und als der kritische Augenblick nahte, packte sie ihn von hinten und rief: »Was braucht Ihr eine andere zu nehmen, wenn ich so nahe bin!«

Der Edelmann barst begreiflicherweise schier vor Wut. Doch ward er inne, daß an allem jenes Mägdelein schuld sei, und ohne seiner Frau zu antworten stürzte er auf jene. Ja, in seiner Wut hätte er sie getötet, wenn sein Weib nicht dazwischengetreten wäre; denn, so rief er, sie sei die schlimmste Dirne, die er je gesehen habe, und wenn sein Weib etwas gewartet hätte, wüßte sie bereits, daß alles nicht ernst gewesen sei: statt sie zu umfangen, hätte er ihr die Rute gegeben, um sie zu züchtigen. Die Frau aber kannte diese Münze und traute ihrem Wert nicht; vielmehr machte sie ihm so strenge Vorwürfe, daß er fürchtete, sie würde ihn verlassen. So gab er klein bei, versprach ihr alles, was sie wollte, und gab zu, daß er nicht recht habe, ihr die Verehrer vorzuwerfen, da sie ja nichts gegen ihre Ehre täte, daß er aber mit seinen Nachstellungen ihr großen Schimpf zugefügt habe.

Das war der Dame gerade recht, denn nun hatte sie ihr Spiel gewonnen. Immerhin stellte sie ihre Liebe zu ihm über alles und versprach ihn weiter zu lieben, sofern er ihre Gefühle erwidere. Das versicherte ihr der Ärmste hoch und heilig, so daß sie in schönster Einigkeit heimkehrten. Auf daß aber alle Mißverständnisse künftig fernblieben, bat er sein Weib, dies Ehrenfräulein zu entlassen. Das tat sie auch, doch gab sie ihm einen ehrenwerten Gatten. Und um alle schlechten Erinnerungen zu zerstreuen; führte sie die junge Dame oft zu Hofe und schmückte sie so reich, daß sie wahrlich zufrieden sein konnte.

Darum also, meine Damen, war ich nicht verwundert, daß selbige Frau auch ihrem Verehrer einen so seltsamen Streich gespielt hat.«

»Die Frau war klug, der Mann aber recht dumm,« meinte Hircan. »Denn maßen er schon so weit war, durfte er nicht halt machen.« – »Das ist leicht gesagt,« erwiderte Emarsuitte. »Aber wie sollte er zwei Frauen bändigen, deren eine ihr Recht, die andere ihre Jungfräulichkeit verteidigte.« – »Ich«, erklärte Hircan, »hätte mein Weib umfaßt und hinausgetragen, und dann an dem Mägdelein in Liebe oder mit Gewalt mein Begehr gestillt.« – »Hircan,« rief Parlamente, »es genügt, daß Ihr in Gedanken Unheil tut.« – »Ich will ja eine Übeltat gar nicht beschönigen,« antwortete Hircan, »aber ich kann ein Unternehmen nicht loben, das mehr aus Furcht vor der Frau denn aus Liebe zu ihr unbeendet blieb. Ich lobe den Mann, der nach Gottes Gebote sein Weib liebt. Tut er das aber nicht, so soll er sie auch nicht fürchten.« – »Nun, ich bin jedenfalls mit dem zufrieden, was ich diesbezüglich von Euch gesehen habe,« sprach Parlamente. »Und was ich nicht weiß, darüber mag ich weder grübeln noch mich erkundigen.« – »Das halte ich auch immer für sehr töricht,« klagte Nomerfide, »denn aus den Erkundigungen entsteht nur Verdruß.« – »Das mag manchmal geschehen,« widersprach Guebron, »aber nur wenn man sich nicht gut und sorglich über die Vergehen seines Weibes erkundigt hat.« – »Wenn Ihr dafür ein Beispiel wißt, so verschweigt es uns bitte nicht,« sagte Longarine.

Und Guebron hub an: »Freilich kenne ich eines, und so ihr wollt, werde ich es berichten.«

Sechzigste Erzählung


Eine Pariserin verläßt ihren Mann, um einem Sänger zu folgen; dann stellt sie sich tot und läßt sich begraben.

»Zu Paris gab es einen Mann, der sich in seiner Gutmütigkeit kein Gewissen daraus gemacht hätte zu glauben, kein anderer habe bei seinem Weibe geschlafen, selbst wenn er es selbst gesehen hätte. Der ärmste ehelichte ein Weib von denkbar schlechtesten Sitten; doch er merkte es nicht und hielt sie der ehrengeachtetsten Frau gleich. Als nun eines Tages der König Ludwig der Siebente nach Paris kam, gab sich die Frau einem Sänger des königlichen Gefolges hin. Da selbige nun inne ward, daß der König die Stadt wieder verlassen wollte und sie also den Sänger fürder nicht mehr sehen würde, beschloß sie, um seinetwillen von ihrem Mann davonzugehen. Der Sänger stimmte zu und führte sie in ein Haus unweit Blois, wo sie lange Zeit zusammen lebten.

Der arme Ehemann suchte allenthalben vergeblich nach seinem Weibe. Zuletzt wurde ihm gesagt, daß es mit dem Sänger davongegangen sei. Er wolle sein schlechtbehütetes verirrtes Schaf wiederhaben und schrieb männiglich Briefe an sie voll Bitten, sie möge doch wiederkehren als sei nichts geschehen. Aber sie erwiderte, sie habe ob des Gesanges ihres derzeitigen Freundes die Stimme ihres Mannes vergessen, entsprach seinen Bitten nicht und machte sich gar darüber lustig.

Darob ergrimmte endlich der Mann, und da sie nicht gutwillig wollte, kündigte er ihr an, er würde das kirchliche Gericht anrufen. Die Frau bekam nun Angst, sie und der Sänger könnten üble Scherereien haben, wenn das Gericht sich einmische. So dachte sie sich eine ihrer würdige List aus, stellte sich krank und rief einige wohlanständige Frauen der Stadt zu sich, um sie zu pflegen. Die kamen auch, in der Hoffnung, diese Krankheit würde die Frau wieder auf sittsame Wege führen, und hielten ihr die erbaulichsten Reden. Sie aber tat, als läge sie auf den Tod, vergoß heuchlerische Tränen, tat als erkenne sie all ihre Sünden an und rührte damit die Herzen jener Frauen, die da vermeinten, sie rede voller Aufrichtigkeit. Aus Bedauern begannen sie also das Weib zu trösten, sprachen von Gottes unendlicher Milde und ließen endlich einen Beichtiger kommen.

Der kam auch tags darauf in Gestalt des Ortsgeistlichen. Die Frau empfing aus seiner Hand die heiligen Sakramente mit so gläubiger Miene, daß alle Gevatterinnen, die dabei waren, Tränen der Rührung ob ihrer Demut vergossen und Gott priesen, der in seiner Güte sich jenes bedauernswerten Geschöpfes erbarmt hatte. Alsbald tat sie, als könne sie nicht mehr essen, ließ sich die letzte Ölung geben und bedeutete durch Zeichen ihre Beglückung: denn den anderen schien es, als könne sie auch nicht mehr sprechen. So verblieb sie lange, schien allmählich Sehkraft, Gehör und alle anderen Sinne zu verlieren, und jeglicher hub nun an, die Sterbegebete zu sprechen. Da dann die Nacht nahte und die Frauen weit zu gehen hatten, zogen sie sich zurück. Und während sie eben das Haus verließen, verkündete man ihnen, sie sei verschieden, und so gingen sie unter Totengebeten heim. Der Sänger teilte alsbald dem Pfarrer mit, sie habe bestimmt, daß sie auf dem Kirchhof beerdigt sein wolle, und daß man sie am besten in der Nacht dorthin schaffe. Also ward sie von einer Magd eingesargt, die sich wohl hütete, ihr wehe zu tun, und dann trug man sie bei Fackelschein zu dem Grabe, das der Sänger hatte schaufeln lassen. Unterwegs kamen alle, die der Ölung beigewohnt hatten, aus ihren Häusern und schlossen sich dem Zuge an, bis sie zum Grabe kamen. Dort verließen sie den Sänger, der schließlich allein zurückblieb. Der ward nicht so bald inne, daß alle fern waren, da schaufelte er flugs mit der Magd das Grab wieder auf, holte die Frau heraus, die nie lebensfrischer gewesen war, führte sie heimlich wieder in sein Haus und hielt sie dort lange Zeit verborgen.

Inzwischen kam der Ehemann nach Blois, um das Gericht anzurufen. Da ward ihm mitgeteilt, sie sei tot und begraben, was ihm alle Frauen von Blois bestätigten, die ihm ihr herrliches Ende schilderten. Darob ward er froh: er glaubte ihre Seele im Paradies, sich selbst aber von ihrem sündigen Leibe befreit, kehrte zufrieden nach Paris zurück und vermählte sich mit einem schönen, ehrengeachteten Weibe, das ihm in den vierzehn oder fünfzehn Jahren ihres Zusammenlebens mehrere Kinder schenkte.

Am Ende aber drang, wie unvermeidlich, das Gerücht zu ihm, sein Weib sei nicht tot, sondern lebe bei jenem üblen Gesellen. Er verschwieg das solange er konnte, tat als wüßte er nichts davon und hoffte, es sei nur erlogen. Als aber auch seine kluge Frau davon erfuhr, ward sie angsterfüllt, so daß sie schier vor Kummer starb. Gern hätte sie ihr Mißgeschick verhehlt, wenn ihr Gewissen das erlaubt hätte. Aber das war unmöglich: alsbald mischte sich die Kirche ein. Die trennte zunächst die zwei, bis die Wahrheit zutage träte. Dann ward der arme Mann gezwungen, die gute Frau zu lassen, um die böse zu suchen, und so kam er nach Blois, bald nachdem Franz der Erste König geworden war, fand dort die Königin Claudia und die Regentin und forderte auf dem Klagewege die Frau, die er gern nicht wieder gefunden hätte. Aber er war gezwungen, und deshalb bedauerten ihn alle.

Als sein Weib ihm gegenübergestellt wurde, behauptete sie erst hartnäckig, er sei nicht ihr Mann, und alles sei nur abgekartet. Er hätte ihr das zwar geglaubt, wenn er nur gekonnt hätte. Mehr betrübt denn beschämt erklärte sie, lieber wolle sie sterben, als zu ihm zurückkehren. Des war er sehr froh. Die Damen aber, zu denen sie so schamlos sprach, verurteilten sie, zurückzukehren, und redeten dem Sänger so ernst ins Gewissen, daß er unter ihren Drohungen seiner unerfreulichen Geliebten sagen mußte, sie solle mit ihrem Mann heimkehren – er wolle sie nie wiedersehen. So kehrte dies elende Weib, von allen verjagt, nach Hause zurück, wo sie noch obendrein von ihrem Mann besser behandelt wurde als sie es verdiente.

Darum sage ich, hätte der Mann besser auf sein Weib achtgegeben, dann hätte er es nicht verloren«

»Es ist doch merkwürdig,« überlegte Hirean, »wie fest die Liebe hält, wo es besonders unvernünftig erscheint.« – »Ich habe sagen hören,« bestätigte Simontault, »daß man eher hundert Ehen sprengen kann denn den Liebesbund eines Priesters mit seiner Magd.» – »Das glaub ich gern,« meinte Emarsuitte, »denn wer den Ehebund schließt, weiß das Liebesband so zu knüpfen, daß nur der Tod es durchhauen kann.« – Dagoucin entgegnete: »Ich kann den Frauen nicht verzeihen, wenn sie ihren Gatten oder Freund für einen Priester verlassen« – »Das ist ihnen sogar eine große Freude,« rief Hircan, »wenn sie mit denen sündigen können, die sie dann absolvieren. Sie sind so furchtsam, daß sie sich mehr schämen zu beichten, als zu sündigen.« – »Ich glaube vielmehr,« widersprach Oisille, »sie suchen den sichern, verborgenen Ort, nicht die Absolution, da sie ja doch nicht bereuen« – »Bereuen?« lachte Saffredant. »Sie halten sich gar für heilig. Sicher gibt es viele, die solche Liebe für eine große Ehre halten.« – »Ihr scheint darüber eine Geschichte zu wissen,« sagte Oisille, »die erzählet uns morgen als erste. Jetzt tönt die Vesperglocke; so lasset uns also unsern Streit für heute beenden.«

Damit erhob sich die Gesellschaft und ging zur Kirche, wo man sie schon erwartete. Dann aß man das Abendbrot und plauderte gemeinsam über manche schöne Geschichte. Nachdem begab sich jeglicher auf die Wiese, um sich dort wie gewöhnlich zu ergehen, und dann gingen alle zur Ruhe, um tags darauf recht frisch zu sein.

Der siebente Tag

Frau Oisille verfehlte nicht, den anderen am folgenden Morgen heilsame Geistesnahrung zu reichen, indem sie ihnen von den rühmlichen Taten der tugendsamen Streiter und Apostel Jesu Christi vorlas. Dann begab man sich in die Kirche, wo just die Messe begann. Aber nachher kehrten sie während des Essens wieder zu jenen frommen Geschichten zurück und plauderten darüber mit so viel Freude, daß sie schier dabei ihr anderes Vorhaben vergaßen. Deshalb meinte endlich Nomerfide: »Frau Oisille hat uns so mit frommen Gedanken umgarnt, daß wir die Zeit versäumen, in der wir uns sonst in unsern Stuben auf unsere Erzählungen vorbereiteten.« Ob ihrer Worte erhob sich die Gesellschaft eilends. Und nachdem jeglicher ein wenig in seiner Stube geweilt hatte, fanden sich alle pünktlich wie tags zuvor auf der Wiese ein.

Als sie es sich bequem gemacht hatten, sprach Oisille zu Saffredant: »Obgleich ich sicher bin, daß Ihr nichts zum Lobe der Frauen sagen werdet, muß ich Euch doch bitten, die Geschichte zu erzählen, die Ihr uns gestern versprachet.« Aber Saffredant entgegnete: »Ich muß bestreiten, daß ich in den Geruch eines Lästerers kommen kann, wenn ich die Wahrheit sage, oder der sittsamen Damen Gunst verliere, wenn ich berichte, was Törinnen begehen. Ich weiß aus Erfahrung, daß jenen so etwas ganz fern liegt. Wäre es mir aber mit ihrer Gunst so ergangen, dann wäre ich nicht mehr am Leben.«

Damit heftete er den Blick auf die Frau, die sein Glück und Unglück in der Hand hatte. Emarsuitte errötete, wie wenn er sie gemeint hätte. Aber jene, für die es bestimmt war, verstand ihn doch sehr wohl. Alsbald versicherte ihm Oisille, er dürfe dreist die Wahrheit sagen, und daher hub er folgendermaßen an:

Einundsechzigste Erzählung


Mit welch erstaunlicher Hartnäckigkeit eine Burgunderin einen Kanonikus zu Autun mit ihrer frechen Liebe verfolgte.

»Unweit Autun lebte eine bildschöne Frau. Sie war groß, hatte lichte Haut und war unvergleichlich wohlgestaltet. Ihr ehrenwerter Mann schien gar jünger als sie selbst, worob sie nur zufrieden sein konnte. Bald nach der Vermählung kamen beide für eine Angelegenheit nach Autun. Und derweile nun der Ehemann seinen Sachen nachging, betete sie in der Kirche für sein Heil. Maßen sie diese heilige Stätte so oft besuchte, verliebte sich ein reicher Kanonikus in sie und setzte ihr derart zu, daß ihm die Ärmste zu Willen war. Ihr Mann aber schöpfte keinen Argwohn und sorgte mehr für sein Gut denn für sein Weib.

Als nun die Abreise nahte und sie zu dem Hause, das sieben Meilen von der Stadt entfernt lag, zurückkehren sollten, ward die Frau recht betrübt. Doch versprach ihr der Kanonikus, sie oft zu besuchen. Das tat er denn auch, indem er Reisen vorschützte, die ihn an jenem Hause vorbeiführten, wo er dann allemal abstieg. Der Ehemann war nicht so dumm und merkte die Sache. Daher richtete er es künftig so ein, daß die Frau stets wohl verborgen war, wenn der Kanonikus ankam. Aber ihr behagte des Mannes Eifersucht keineswegs, also daß sie wohl bedachte, wie sie dem abhelfen könne. Denn sie vermeinte in der Hölle zu sein, wenn sie ihren Gott nicht erblickte.

Eines Tages also, da ihr Mann außer dem Hause war, gab sie allen Dienstleuten verschiedenerlei Aufträge, so daß sie allein blieb. Flugs packte sie dann alles Notwendige zusammen, ging – einzig begleitet von ihrer Liebestollheit – zu Fuß davon und kam noch rechtzeitig genug in Autun an, um von ihrem Kanonikus erkannt zu werden. Der barg sie, wohl abgesperrt, länger denn ein Jahr, trotz der Drohungen und Flüche, die der Ehemann ihm zuteil werden ließ. Da dieser nun weiter keinen Ausweg fand, klagte er beim Bischof, dessen Erzdechant einer der ehrenwertesten Männer Frankreichs war: also daß er alle Wohnungen der Laienpriester aufs sorgfältigste untersuchte, bis er die Vermißte fand. Die warf er in den Kerker, derweile er dem Kanonikus eine schwere Buße auferlegte.

Der Ehemann war sehr froh, als er vernahm, daß sein Weib von dem Erzdechanten und seinen wackeren Leuten wiedergefunden sei. Und da sie ihm zuschwor, in alle Zukunft voller Sittsamkeit mit ihm zu leben, so nahm er sie wieder zu sich. Er glaubte ihrem Eid, behandelte sie zuvorkommend wie bisher und gab ihr nur zwei alte Kammerfrauen zur Gesellschaft, die sie nie allein lassen durften.

Aber trotz all seiner Liebe erschien ihr ob ihrer Neigung zu dem Kanonikus diese Ruhe wie die schlimmste Qual. Obgleich sie selbst so schön und ihr Mann voll Gesundheit, Lebenskraft und Leistungsfähigkeit war, so hatte sie doch keine Kinder von ihm; denn ihr Herz weilte immer sieben Meilen fern von ihrem Körper. Aber sie barg das so wohl in ihrer Seele, daß ihr Mann vermeinte, sie habe gleich ihm alles Vergangene vergessen. Das stimmte nun keineswegs.

Sobald sie sicher war, daß ihr Mann sie mehr liebte denn je und immer weniger beargwöhnte, stellte sie sich krank; und sie spielte diese Rolle so gut, daß ihr Mann voll tiefen Schmerzes ward und ihr in jeder Weise zur Seite stand. Bald aber schien es ihm und den andern, daß es mit ihr zu Ende ginge und ihre Kräfte schwanden. Und da sie nun inne ward, daß ihr Mann just so laut klagte, als er sich eigentlich hatte freuen sollen, bat sie ihn, ihren letzten Willen abfassen zu dürfen. Das gestand er ihr unter Tränen zu. Und alsbald vermachte sie alles ihm, da sie ja keine Kinder hatte, und bat ihn zugleich ob ihrer Fehler um Vergebung. Sodann ließ sie den Pfarrer kommen, beichtete, nahm das heilige Abendmahl und zeigte sich so demütig, daß alle ob ihres glorreichen Endes weinten. Als dann der Abend kam, bat sie ihren Mann, ihr die letzte Ölung geben zu lassen, da sie so schwach sei, daß sie fürchte, es könne sonst zu spät werden. Das geschah alles flugs, und jeder mußte sie ob ihrer frommen Ergebenheit preisen.

Alsdann erklärte sie, nun sei sie ruhig und zufrieden und wolle ein wenig ruhen; das gleiche solle ihr Mann tun, der dessen nach so viel Wachen und Tränen bedürfe. Also tat er und schlief bald ein, gleichermaßen auch die Dienerschaft. Und die beiden Alten, die sie während ihrer Gesundheit so bewacht hatten, vermeinten sie höchstens durch den Tod verlieren zu können, und legten sich ebenfalls nieder.

Da sie nun auch diese schnarchen hörte, erhob sie sich im Hemd, schlüpfte aus dem Zimmer und lauschte, ob niemand im Hause sich rühre. Sowie sie dann ihrer Sache sicher war, entwich sie durch eine Gartenpforte, die nicht verschlossen war, und lief die ganze Nacht hindurch, im Hemd und barfüßig, auf Autun zu, um ihren Heiligen zu finden, der sie vor dem Tod bewahrt hatte. Maßen aber der Weg recht weit war, ward sie vom Tag überrasch. Alsbald schaute sie den Weg zurück und gewahrte zwei Reiter, die eilig dahersprengten. Sie war sicher, daß jenes ihr Mann sei, der sie suche, verkroch sich bis zum Hals in einem Sumpf und verbarg ihren Kopf zwischen Wurzeln. So ritt ihr Mann vorbei, und sie hörte, wie er zu seinem Knecht sagte: ›Wehe, was für ein arges Weib! Wer konnte denken, daß sie unter dem Mantel heiliger Sakramente solche Verworfenheit verhüllen würde.‹ Und der Knecht erwiderte: ›Da Judas, als er das Abendmahl nahm, sich nicht scheute, seinen Herrn zu verraten, wie kann Euch da der Verrat einer Frau erstaunen?‹ So zogen sie weiter, und die Frau blieb fröhlicher zwischen Sumpf und Wurzeln, da sie ihn damit hinterging, als sie daheim ergeben in einem guten Bett gelegen hätte.

Der Ehemann durchsuchte vergebens ganz Autun, und war schließlich sicher, daß sie sich dort nicht befand. So kehrte er den gleichen Weg wieder zurück und klagte unaufhörlich über diesen großen Verlust; im übrigen aber drohte er ihr, im Fall er sie wiederfände, mit dem Tod. Darob aber sorgte sie sich so wenig wie um die Kälte, die ob des Wetters und ihres Versteckes ihren Körper plagte. Wer da weiß, wie das höllische Feuer alle wärmt, die davon durchglüht werden, vermag zu schätzen, wie wundersam die Ärmste, die geradeswegs aus einem warmen Bett kam, einen ganzen Tag in solcher Kälte verbringen konnte. Jedenfalls verlor sie den Mut nicht, weiterzupilgern. Kaum brach die Dunkelheit herein, so machte sie sich flugs wieder auf den Weg und kam just nach Autun, als man das Tor schließen wollte. Alsbald ging sie eiligst zu dem Haus ihres Heiligen, der schier seinen Augen nicht trauen wollte. Da er aber genau zusah und fand, daß sie aus Fleisch und Knochen bestand und kein Geist war, ward er hoch beglückt. Und in schönster Eintracht verbrachten sie nun vierzehn oder fünfzehn Jahre zusammen.

Eine gute Weile hielt sie sich wohl verborgen. Mit der Zeit aber verlor sie alle Furcht, ja schlimmer noch, sie rechnete sich ihren Freund zum Ruhm an und stellte sich daher in der Kirche über die meisten ehrengeachteten Frauen der Stadt, auch die von Beamten und anderen. Zudem hatte sie von dem Kanonikus mehrere Kinder, unter anderen ein Mägdelein, das einen reichen Kaufmann heiratete. Bei der Hochzeit trat sie so prunkhaft auf, daß alle Damen sich darob entrüsteten. Aber sie konnten nichts dagegen tun.

Da begab es sich, daß einst die Königin Claudia, die Gemahlin des hochseligen Königs Franz, durch Autun kam. In ihrer Begleitung befand sich die Frau Regentin und deren Tochter, die Herzogin von Alençon. Zu dieser kam eine Kammerfrau namens Perrette und sagte: ›Hohe Frau, höret mich bitte an, so werdet Ihr ein gutes Werk tun, und schier ein besseres, als wenn Ihr täglich die Messe besucht.‹ Und die Herzogin schenkte ihr Gehör, maßen sie wußte, daß sie stets gute Ratschlage erteilte.

Alsbald erzahlte ihr Perrette, sie habe sich als Hilfe bei der Wäsche ein Mägdelein bei der Stadt angenommen, und als sie dieses über Neuigkeiten ausfragte, habe die Kleine berichtet, daß alle wohlanständigen Frauen der Stadt empört seien, weil das Weib jenes Kanonikus sich derart überhöbe. Und dann habe sie die Lebensgeschichte dieser Frau geschildert. Flugs begab sich die Herzogin zur Königin und Regentin und erzählte ihnen den Fall.

Die ließen kurz und bündig die unselige Frau kommen. Aber selbige verbarg sich keineswegs, zeigte sich auch nicht beschämt oder verlegen, sondern stellte sich kecklich den Damen vor, also daß selbige vor ihrer Frechheit gar betreten wurden und anfangs nichts zu sagen wußten. Dann aber hub die Frau Regentin an, ihr Vorhaltungen zu machen, die jede vernünftige Frau zu Tränen gebracht hätte. Nicht so jene; vielmehr sprach sie voll kühnen Selbstvertrauens: ›Ich bitte Euch, erlauchte Damen, rühret nicht an meiner Ehre! Ich habe gottlob mit dem Herrn Kanonikus so wohl und sittsam gelebt, daß mich niemand darob tadeln kann. Man soll nur nicht glauben, daß ich gegen Gottes Gebot lebe, denn seit dreien Jahren hat er mich nicht mehr berührt und wir leben keusch und voller Liebe mitsammen gleich zweien Engelein, ohne Zank oder Streit, und wer uns trennte, beginge eine große Sünde, maßen der Gute nunmehro schier neunzig Jahre alt ist und ohne mich – die fündundvierzig ist – nicht leben könnte!‹ Ihr könnt Euch denken, wie den Damen darob zumute wurde und was sie ihr für Vorwürfe machten. Da sie aber ihre Verranntheit sahen, die trotz ihres Alters und der ehrenvollen Zusprache nicht zu beheben war, so ließen sie, schon um sie zu demütigen, den Erzdechanten rufen, der sie zu einem Jahr Kerker bei Wasser und Brot verurteilte. Sodann wurde der Ehemann zu den Damen berufen, der ob ihrer Ermahnungen damit zufrieden war, sie nach Ablauf ihrer Strafe zu sich zu nehmen. – Als nun der Kanonikus inne ward, daß jene im Kerker saß, entschloß er sich, sie nie wieder zu sich zu nehmen, und dankte vielmehr den Damen, daß sie ihm jenen Teufel von den Schultern gejagt hatten.

Die Frau aber zeigte solche Reue, daß ihr Mann schließlich gar nicht das Jahr abwartete, sondern sie schon nach vierzehn Tagen vom Erzdechanten freibat. Und fortan lebten sie in Frieden und Eintracht miteinander.

So erkennet, wie des heiligen Petrus Fesseln sich durch schlechte Priester in des Satans Ketten verwandeln – also daß gar die heiligen Sakramente noch mithelfen, statt die Teufel zu verjagen. Denn mit den besten Dingen richtet man just das schlimmste Unheil an, wenn man sie mißbraucht«

»Wahrlich, das war ein unseliges Weib.« rief Oisille. »Doch ward ihr auch eine gerechte Strafe zuteil, da sie vor Richterinnen, wie jene Damen es waren, trat.« – »Mir scheint,« erklärte Parlamente, »daß das Gefängnis und die Unmöglichkeit, fürder den Kanonikus zu sehen, für sie ärgere Strafen waren als die Vorwürfe der beiden Damen.« – »Ihr vergesset das Wichtigste,« meinte Simontault, »darum sie zu ihrem Manne zurückkehrte: der Kanonikus war nämlich inzwischen neunzig Jahre alt geworden, ihr Mann aber jünger als sie. So gewann die Gute nach jeder Seite hin. Wäre der Kanonikus noch jung gewesen, dann hätte sie ihn nicht so fahren lassen.« – »Mir scheint sogar, sie tat recht klug, ihre Sünden nicht zuzugeben,« sagte Nomerfide. »Seine Vergehen soll man Gott allein gestehen und sie vor den Menschen mit aller Kraft ableugnen.« – Aber Longarine widersprach: »Eine Sünde läßt sich nur schwer so verhehlen, daß sie nicht ans Licht kommt.« – »Was sagt ihr aber von jenen Frauen, die alsbald jede Torheit, die sie begehen, ausplaudern?« fragte Hirean. – »Das schiene mir seltsam,« entgegnete jene. »Es bewiese nur, daß ihr Vergehen ihnen nicht mißfällt. Was aber Gott nicht selbst gnädig verhüllt, läßt sich auf die Dauer vor den Menschen nicht verleugnen. Gar manche machen sich eine Freude daraus, mit ihren Lastern zu prunken, andere aber klagen sich selbst an, indem sie sich verschnappen« – »Das hieße, sich recht ungeschickt selbst fangen,« meinte Sassredant. »Wißt Ihr aber eine diesbezügliche Geschichte, so erzählt sie bitte, und ich werde Euch mein Wort geben.«

»So höret denn,« hub jene an.

Zweiundsechzigste Erzählung


Eine Dame erzählt in dritter Person ein eigenes Liebeserlebnis und verschnappt sich zuletzt.

»Zu Zeiten des Königs Franz‘ des Ersten lebte eine Dame königlicher Abstammung, die mit Ehren, Tugend und Schönheit geziert war. Zudem wußte sie gar anmutig Geschichten zu erzählen und herzlich über die Berichte anderer zu lachen. Wenn sie irgendwo war, besuchten sie alle Vasallen und Nachbarn, weil sie außerordentlich beliebt war. So kam unter anderm einmal eine Dame zu ihr, die den andern zuhörte, während jeder erzählte, was ihm just einfiel. Ihr schien, sie dürfe nicht zurückbleiben, und so sagte sie schließlich: ›Edle Frau, ich habe auch eine hübsche Geschichte zu erzählen, wenn Ihr versprecht, sie nicht weiter zu sagen.‹ Und alsbald fuhr sie fort:

›Die betreffende Geschichte ist nämlich völlig wahr, das kann ich auf mein Gewissen nehmen. Also da war eine verheiratete Dame, die mit ihrem Mann sehr ehrsam lebte, obgleich er alt und sie jung war. Da nun ein Edelmann aus der Nachbarschaft bedachte, daß sie mit solchem Greise verehelicht sei, verliebte er sich in sie und setzte ihr gar manches Jahr zu. Doch erhielt er keine andere Antwort, als wie sie einer sittsamen Frau geziemte. Eines Tages aber vermeinte der Edelmann, sie würde vielleicht nicht so hart bleiben, wenn er sie unter gelegneren Umständen fände. Und nachdem er lange gegen die Furcht vor der Gefahr gekämpft hatte, siegte seine Liebe zu ihr, und so spähte er alsbald nach einer passenden Gelegenheit.

Als nun eines Tages der Ehemann jener Dame nach einem seiner Güter reiste und ob der Hitze sehr frühzeitig ausbrach, schlich sich der junge Tor in jenes Haus, wo die Frau noch schlafend im Bett lag und überzeugte sich, daß die Zofen bereits das Zimmer verlassen hatten. Und ohne überhaupt einen Riegel vorzuschieben, sprang er gestiefelt und gespornt in das Bett der Dame. Die erwachte und war natürlich vor Schrecken starr. Aber er schnitt ihr alle Vorwürfe ab, nahm sie mit Gewalt und erklärte ihr: wenn sie die Sache bekanntgäbe, so würde er sagen, sie habe ihn rufen lassen. Darob erschrak die Dame so, daß sie nicht zu schreien wagte.

Bald darauf kam eine der Kammerzofen in die Stube. Deshalb erhob sich der Edelmann in Hast, und niemand hätte ihn bemerkt, wenn sich nicht sein Sporn in die Bettdecke eingehakt hätte, also daß selbige hinuntergerissen wurde und die Dame ganz nackend im Bett liegen blieb.

Und obgleich nun die Dame in dritter Person erzählt hatte, fuhr sie also fort: »Nie war wohl eine Frau verblüffter als ich, wie ich mich plötzlich so splitternackt sah!«

Alsbald konnte die andere Dame, die bisher ganz ernsthaft zugehört hatte, ihr Lachen nicht unterdrücken und rief: »Ich sehe, Ihr versteht es vortrefflich, Geschichten zu erzählen.« Die Ärmste versuchte ihre Ehre wieder herzustellen, aber die war nun schon so zerstört, daß sich nichts wieder gutmachen ließ.

Sicherlich hätte jene Dame die Geschichte längst vergessen gehabt, wenn sie ihr im Grunde so mißfallen hätte. Wie ich nun sagte: die Sünde enthüllt sich meist selbst, wenn sie nicht mit dem Mantel bedeckt wird, der, wie David sagt, die Menschen glücklich macht.

»Weiß Gott, das war die dümmste Frau, von der ich je gehört habe,« rief Emarsuitte. »Sie läßt gar andere auf ihre Kosten lachen« – »Ich finde das nicht so seltsam,« meinte Parlamente. »«Denn es sagt sich doch etwas noch leichter als es getan wird.« – »Aber was hat sie am Ende verbrochen?« verwunderte sich Guebron. »Auch der vielgerühmten Lucretia ging es doch nicht anders.« – »Freilich, auch dem Gerechtesten kann einmal etwas zustoßen,« erwiderte Parlamente. »Aber die Entrüstung über den Vorfall bleibt im Gedächtnis, und um das zu verlöschen, tötete sich Lucretia. Jene Törin aber wollte die andern damit unterhalten« – »«Mir scheint sie recht ehrsam,« sprach Nomerside, »da sie doch alle Bitten des Edelmannes abgelehnt hatte und erst der List und Gewalt erlag.« – »Wie denn, Ihr meint also, ihre Ehre sei reingeblieben?« – entrüstete sich jene. »Wie manche lehnt ab, was ihr Herz längst billigt. Nur eine Frau, die bis zum Schluß aushält, ist rühmenswert.« – »Und wenn nun ein Jüngling ein schönes Mägdelein abwiese fragte Dagoucin. – »Wahrlich, wenn ein junger gesunder Mann so etwas täte, fände ich das höchst löblich«, erklärte Oisille. »Aber ich kann das nicht recht glauben.« – »Dennoch kenne ich welche, die solche Abenteuer mieden, so doch alle ihre Gefährten suchten.« – »So nehmet, bitte, meinen Platz ein und erzählet uns davon,« rief Longarine. »Aber vergesset nicht, daß wir hier sind, um die Wahrheit zu reden.«

»Das will ich gern versprechen,« hub Dagoucin an, »und keine Schönfärberei soll die Wahrheit entstellen.«