Roman

Was mir der Professor erzählte

Was mir der Professor erzählte

Ich war noch jung an Jahren, mit bescheidenen Aussichten und von Beruf Feldmesser. Daß ich einmal Professor an einem Gymnasium werden würde, ahnte ich damals nicht. Vor mir lag die ganze Welt – ich war bereit sie zu vermessen, wenn mir irgend jemand den Auftrag erteilte. Jetzt führte mich mein Vertrag nach einem Bergwerksbezirk in Kalifornien; die Seereise sollte drei bis vier Wochen dauern.

Mit meinen Reisegefährten hatte ich wenig Verkehr; lesen und träumen war meine Hauptbeschäftigung, und um mich dem ganz hingeben zu können, wich ich soviel als möglich jeder Unterhaltung aus. An Bord waren drei Spieler von Profession, rohe, widerwärtige Gesellen; natürlich sprach ich nie ein Wort mit ihnen, doch konnte ich nicht umhin, sie häufig zu sehen, wenn ich meinen gewöhnlichen Spaziergang auf dem Vorderdeck machte. Sie saßen dort nämlich früh und spät bei den Karten in ihrer Kajüte, deren Thür offen blieb, um den Tabaksqualm samt den Flüchen und Kraftausdrücken hinauszulassen. Der Anblick war mir in hohem Grade zuwider, allein was half’s – ich mußte mich drein ergeben.

Ein anderer Passagier, der die Fahrt mitmachte, kam mir aber häufig in den Wurf, da er entschlossen schien, sich mit mir auf freundschaftlichen Fuß zu stellen. Ich hätte ihn nicht loswerden können, ohne ihn zu kränken, und das brachte ich nicht über’s Herz; auch nahm mich seine ländliche Einfalt und unaussprechliche Gutmütigkeit sehr für ihn ein. Als ich das erstemal seiner ansichtig wurde, hatte ich mir gleich gedacht, er müsse ein Wiesenbauer oder Farmer aus den Hinterwäldern im Westen sein – vielleicht aus Ohio – und bei näherer Bekanntschaft stellte sich richtig heraus, daß er Viehzüchter war und aus dem Innern von Ohio kam. Die Freude über meinen Scharfsinn, mit dem ich den Nagel auf den Kopf getroffen hatte, war wohl der Grund, daß ich sofort für John Backus, so hieß der Mann, ein warmes Interesse empfand.

Täglich pflegten wir nach dem Frühstück zusammenzutreffen und auf dem Deck spazieren zu gehen. Nach und nach teilte er mir in seiner harmlosen Redeseligkeit alles mit, was seine Person betraf, Geschäfts- und Familienangelegenheiten, Verwandtschaften, Aussichten, politische Anschauungen und dergleichen mehr. Daneben ließ er sich auch von mir erzählen; er fragte nach meinem Gewerbe, meiner Herkunft, wollte meine Pläne und Zwecke wissen und meine ganze Lebensgeschichte. Daß ich ihm so bereitwillig Auskunft gab, beweist die Macht seiner sanften Überredungskunst, denn es lag sonst gar nicht in meiner Natur, mit Fremden über meine Privatangelegenheiten zu reden. Einmal äußerte ich etwas über Trigonometrie; das lange Wort schien ihm angenehm aufzufallen und er erkundigte sich nach der Bedeutung, die ich ihm erklärte. Von da ab nannte er mich, nie mehr bei meinem eigenen Namen, sondern immer nur ›Trigo‹ und zwar mit so unbefangener Vertraulichkeit, daß ich es ihm nicht übel nehmen konnte.

Für seine Viehzucht war er förmlich begeistert. Bei der bloßen Erwähnung eines Ochsen oder einer Kuh strahlten seine Augen und er geriet in den feurigsten Redefluß, der unaufhaltsam weiter strömte, solange ich ihm geduldig zuhörte. Er kannte und liebte eine jede Rasse und sprach von ihr in den zärtlichsten Ausdrücken. So oft die Unterhaltung auf sein Rindvieh kam, ging ich stumm und mißmutig neben ihm her, bis ich es nicht länger aushielt und die Rede geschickt auf irgend ein wissenschaftliches Thema brachte; dann leuchtete mein Auge auf und seines wurde matt; seine Zunge geriet ins Stocken, meine wurde beweglich; ich freute mich meines Lebens und er versank in Traurigkeit.

Eines Tages sagte er in etwas unsicherm, zögernden Tone:

»Würden Sie mir wohl den Gefallen thun, Trigo, einen Augenblick in meine Kajüte zu kommen, wegen einer gewissen Angelegenheit, die ich gern mit Ihnen besprechen wollte?«

Ich war sogleich bereit. Nachdem wir eingetreten waren, steckte er noch einmal den Kopf zur Thüre hinaus und blickte vorsichtig nach allen Seiten; dann drehte er den Schlüssel um und wir nahmen auf dem Sofa Platz.

»Ich möchte Ihnen einen kleinen Vorschlag machen,« sagte er, »wenn der Ihnen einleuchtet, könnten wir beide unsern Vorteil dabei finden. Zum Spaß gehen Sie doch nicht nach Kalifornien – und ich auch nicht. Wir wollen beide Geschäfte machen, nicht wahr? Nun könnten wir einander gegenseitig recht nützlich sein, wenn es Ihnen paßt. Sehen Sie, ich habe viele Jahre lang gespart und zusammengescharrt und habe hier alles bei mir.« Er öffnete einen alten Lederkoffer, wühlte in einem Haufen schäbiger Kleider umher und zog einen kleinen wohlgefüllten Beutel hervor, den er mich einen Augenblick sehen ließ, worauf er ihn wieder in der Tiefe des Koffers begrub und diesen zuschloß. »Die ganze Summe ist darin,« fuhr er in leisem Flüsterton fort – »runde zehntausend Dollars in Goldfüchsen. Ich habe nun so gedacht: Die Viehzucht verstehe ich so gut wie Einer und in Kalifornien kann man Haufen Geld damit verdienen. Beim Landvermessen aber – das wissen wir beide – fallen bald rechts bald links auf der ganzen Linie kleine Dreiecke ab, die der Feldmesser gratis erhält. Alles, was Sie nun Ihrerseits zu thun haben, ist, die Sache so einzurichten, daß die Dreiecke auf gutes, fettes Weideland fallen. Dies überlassen Sie dann mir, ich bringe meine Herde hin, die Dollars fließen reichlich zu, ich berechne Ihren Anteil sofort, zahle ihn regelmäßig aus und – –«

Es that mir leid, ihn mitten in seinem begeisterten Redeschwall zu unterbrechen, allein es ließ sich nicht ändern.

»Das ist nicht die Art, wie ich mein Geschäft zu betreiben pflege,« sagte ich mit ernster Miene; »sprechen wir von etwas anderm, Herr Backus.«

Beschämt und verwirrt stammelte er Entschuldigungen; es ging mir ordentlich zu Herzen, seine peinliche Verlegenheit zu sehen, besonders da er keine Ahnung gehabt zu haben schien, daß man in seinem Vorschlag etwas Anstößiges finden könne. Um ihn über seinen Mißgriff zu trösten, wußte ich kein besseres Mittel, als ihm so rasch wie möglich den Genuß einer Unterhaltung über Rinderzucht und Viehhandel zu bereiten. Wir befanden uns gerade vor Acapulco und als wir auf Deck kamen, waren die Matrosen beschäftigt, einige Kühe mittelst Schlingen an Bord zu ziehen. Im Nu war Backus‘ schwermütige Stimmung verflossen, samt der Erinnerung an seinen mißlungenen Schachzug.

»Nein, sehen Sie nur das an!« rief er. »Du meine Güte, Trigo, was würden wir dazu in Ohio sagen! Wie würden unsere Leute die Augen aufsperren, wenn sie die Art von Behandlung sähen – es ist kaum zu glauben.«

Sämtliche Passagiere ergötzten sich an der Schaustellung; sogar die Spieler waren zugegen. Backus kannte sie alle und hatte schon jeden mit seinem Lieblingsthema gelangweilt. Im Weitergehen sah ich, wie einer der Spieler sich ihm näherte und ihn ansprach; diesem folgte der zweite und dann der dritte. Ich stand still, um zu sehen, was daraus werden würde; bald waren die vier Männer in eifrigem Gespräch, dann zog sich Backus allmählich von ihnen zurück, aber sie folgten ihm und wichen nicht von seiner Seite. Das war mir unbehaglich. Als sie jedoch gleich darauf an mir vorbeikamen, hörte ich, wie Backus in ärgerlichem, abweisenden Tone sagte:

»Sie machen sich ganz unnütze Mühe, meine Herren; ich kann Ihnen nur wiederholen, was ich Ihnen schon über ein Dutzendmal gesagt habe: ich bin das Ding nicht gewöhnt und will mich nicht darauf einlassen.«

Ich atmete erleichtert auf. »Sein gesunder Sinn wird der beste Schutz für ihn sein,« sagte ich mir.

Während unserer vierzehntägigen Fahrt von Acapulco nach San Francisco sah ich die Spieler öfters eindringlich mit Backus reden. Endlich konnte ich es mir nicht länger versagen, im Gespräch darauf hinzudeuten, um ihn zu warnen. Er lachte wohlgefällig.

»Freilich,« sagte er, »sie zerren die ganze Zeit an mir herum, ich soll doch nur zum Spaß einmal ein Spielchen mit ihnen machen – aber, ich werd‘ mich wohl hüten. Meine Leute haben mir – wer weiß wie oft – eingeschärft, mich vor dergleichen Pack in acht zu nehmen.«

Die Reise ging weiter und wir näherten uns San Francisco. Es war eine dunkle, stürmische Nacht, doch ging die See nicht sehr hoch. Ich hatte den Abend allein auf Deck zugebracht und wollte mich gegen zehn Uhr eben in meine Kajüte begeben, als ich aus der Spielerhöhle eine Gestalt auftauchen und in der Finsternis verschwinden sah. Ich erschrak heftig, denn es war niemand anderes als Backus. Rasch sprang ich die Schiffstreppe hinunter und spähte überall nach ihm umher, konnte ihn jedoch nicht finden. Dann eilte ich wieder hinauf und kam gerade noch recht, um zu sehen, wie er in das verdammte Schurkennest hineinschlüpfte. Hatte er sich endlich doch verlocken lassen? Höchst wahrscheinlich. Vielleicht war er heruntergegangen, um seinen Beutel mit den Goldstücken zu holen. Voll böser Ahnungen näherte ich mich der Thür. Sie war nur angelehnt, und durch die Spalte sah ich mit bitterm Leidwesen meinen armen Freund am Spieltisch sitzen. Wie sehr bereute ich es jetzt, daß ich nicht eifriger bemüht gewesen war ihn zu warnen und zu retten, statt meinem thörichten Zeitvertreib nachzuhängen und mich in meine Bücher und Träumereien zu vertiefen.

Backus spielte nicht nur, er hatte auch bereits dem Champagner fleißig zugesprochen, der anfing ihm zu Kopfe zu steigen. Laut verkündete er das Lob des ›Sekts‹, der ihm ganz vortrefflich munde; so etwas Gutes sei ihm noch nicht über die Zunge gekommen, er wolle weiter trinken, trotz aller Mäßigkeitsvereinler. Ich sah wie die Schurken einander verstohlen zulächelten; sie schenkten alle Gläser voll, aber während Backus das seinige bis auf den Grund leerte, nippten sie nur und gossen den Wein heimlich über die Schulter. Mir war der Auftritt so widerwärtig, daß ich weiter ging, um mich durch den Anblick des Meeres und das Rauschen des Windes zu zerstreuen. Eine innere Unruhe trieb mich jedoch alle Viertelstunden wieder nach der Thürspalte zurück; jedesmal sah ich, wie Backus seinen Wein austrank und die andern ihn fortgossen. In so peinlichen Gefühlen hatte ich noch nie eine Nacht verlebt.

Meine einzige Hoffnung war, daß wir recht bald vor Anker gehen würden – damit wäre zugleich dem Spiel ein Ende gemacht. Um den Lauf des Schiffes zu fördern, schickte ich ein Gebet gen Himmel und als wir endlich mit vollen Segeln durch das ›Goldene Thor‹ einfuhren, klopfte mein Herz vor Freude. Wieder eilte ich nach der Spalte und sah hinein.

Ach – mein Hoffen war vergeblich gewesen; Backus saß da und lallte mit schwerer Zunge, seine schwimmenden Augen waren blutunterlaufen, sein dunkles Gesicht glühte und er wiegte sich trunken hin und her, mit der schwankenden Bewegung des Schiffes. Eben führte er wieder das Glas zum Munde, während die Karten ausgeteilt wurden. Als er seine Hand erhob, leuchteten seine glanzlosen Augen einen Moment in hellem Schein. Die Spieler sahen es und wechselten kaum merkliche Blicke des Einverständnisses.

»Wie viele Karten?«

»Keine,« sagte Backus.

Einer der Schurken – Hank Wiley hieß er – warf eine Karte ab, die andern jeder drei. Dann fingen sie an zu bieten, anfangs nur kleine Summen, einen oder zwei Dollars, bis sich Backus auf zehn Dollars verstieg. Wiley zögerte einen Augenblick, dann ›hielt er mit‹ und bot zehn Dollars darüber. Die beiden andern ›paßten‹ und legten die Karten hin.

Backus bot zwanzig Dollars höher. Wiley sagte:

»Ich halte mit – hundert Dollars mehr!« lächelnd streckte er die Hand aus, um das Geld einzustreichen.

»Liegen lassen!« rief Backus in trunkenem Mut.

»Was – Sie wollen höher bieten?«

»Freilich will ich – ich halte mit, und hier sind noch hundert drüber.«

Er griff in seine Rocktasche und legte die erforderliche Summe auf den Tisch.

»Hoho! wollen Sie da hinaus – dann sage ich fünfhundert an,« versetzte Wiley.

»Und ich biete fünfhundert mehr!« schrie der bethörte Viehzüchter, holte den Betrag heraus und türmte ihn auf den Goldhaufen. Die drei Verschworenen konnten ihre Freude kaum mehr bergen. Jetzt war von Schlauheit und Verstellung nicht länger die Rede, das Bieten ging Schlag auf Schlag und die goldene Pyramide wuchs zusehends. Endlich lagen zehntausend Dollars beisammen. Wiley warf einen Beutel voll Gold auf den Tisch.

»Fünftausend Dollars drüber! – Nun, mein werter Freund vom Lande, wie steht es jetzt?«

»Aufdecken!« rief Backus und legte seinen Goldsack auf den Haufen. »Worauf haben Sie geboten?«

»Vier Könige, Sie verdammter Narr!« lachte Wiley ihm die Karten zeigend, während er zugleich mit beiden Armen den Einsatz schützte.

»Vier Asse, Sie Dummkopf!« schrie Backus mit Donnerstimme und hielt seinem Gegenüber einen gespannten Revolver vor. »Ich bin selbst ein Spieler von Profession und habe die ganze Reise über Sprenkel gestellt, um euch Gimpel zu fangen.«

Rumpeldipumpel! Der Anker sank in den Grund und die lange Reise war zu Ende.

Ja, ja, wir leben in einer bösen Welt! Einer von den Spielern war Backus‘ Spießgeselle. Er hatte die verhängnisvollen Karten auszuteilen und es war verabredet worden, er solle Backus vier Damen geben, aber ach – das hatte er nicht gethan.

Eine Woche später stieß ich in der Montgomery-Straße auf Backus, der nach der feinsten Mode gekleidet war.

»Was ich Ihnen noch sagen wollte,« meinte er, als wir uns von einander verabschiedeten, »über die fetten Weideplätze – die Dreiecke, wissen Sie – von denen wir sprachen, brauchen Sie sich keine Gedanken mehr zu machen. Ich verstehe eigentlich nichts vom Viehstand, als was ich in den letzten vierzehn Tagen vor der Abreise in Jersey aufgeschnappt habe. Meine Schwärmerei für Herden und Rinderzucht hat ihren Zweck erfüllt – jetzt ist sie mir nichts mehr nütze.«

Besuch des Niagara

Besuch des Niagara

Das Städtchen ›Niagara Falls‹ ist ein sehr beliebter Vergnügungsort, die Gasthäuser sind vortrefflich und die Preise durchaus nicht übertrieben. Eine bessere Gelegenheit für den Fischfang giebt es im ganzen Lande nicht, ja, sie ist sogar nirgends auch nur annähernd so gut wie hier, denn, während anderswo gewisse Stromstellen den übrigen bedeutend vorzuziehen sind, ist am Niagara eine Stelle gerade so gut, wie die andere. Der Fisch beißt hier nämlich nirgends an und so ist es ganz überflüssig, daß man erst fünf Meilen weit geht, um zu fischen, weil man fest darauf rechnen kann, daß man näher am Hause ebenso wenig Erfolg haben wird. Dieser Zustand der Dinge hat Vorzüge, welche dem Publikum noch niemals recht zu Gemüt geführt worden sind.

Das Wetter ist im Sommer kühl, die Ausflüge zu Fuß und zu Wagen alle angenehm und nicht ermüdend. Wenn man den Wasserfall ›abmachen‹ will, fährt man erst ungefähr eine Meile stromabwärts und bezahlt dann eine Kleinigkeit für die Berechtigung, von einem Felsvorsprung auf die schmalste Stelle des Niagaraflusses hinabzusehen. Ein Eisenbahndurchstich durch einen Berg würde ebenso hübsch sein, wenn in seiner Tiefe, wie hier, ein rasender Fluß seine Wogen tobend und schäumend vorüberwälzte. Man kann nun auf einer Treppe hundertundfünfzig Fuß hinabsteigen und am Rande des Wassers stehen. Nachdem man es gethan, fragt man sich verwundert, warum man es gethan hat – aber dann ist es zu spät.

Der Führer beschreibt uns darauf in seiner schauerlichen Weise, die einem das Blut in den Adern gerinnen macht, wie er den kleinen Dampfer, ›die Nebeljungfrau‹, die gräßlichen Stromschnellen hinunterfahren gesehen hat – wie erst ein Radkasten in den wütenden Wellen verschwand, dann der andere – an welcher Stelle ihr Dampfschlot über Bord stürzte, wo ihre Planken anfingen zu brechen und sich auseinander zu spalten – und wie sie endlich dennoch mit dem Leben davon kam, nachdem sie das Ungeheuerliche geleistet hatte, siebzehn Meilen in sechs Minuten zurückzulegen – oder sechs Meilen in siebzehn Minuten – ich habe wirklich vergessen, welches von beiden. Aber jedenfalls war es etwas ganz Außerordentliches. Schon den Führer die Geschichte neunmal hinter einander verschiedenen Personen erzählen zu hören, ohne daß er jemals ein Wort ausläßt, einen Satz oder eine Gebärde verändert, ist das Eintrittsgeld wert. Dann fährt man über die Hängebrücke, wobei es einem ganz jämmerlich zu Mut wird, denn man stellt sich unwillkürlich vor, daß man hier entweder zweihundert Fuß tief in den Fluß hinunterstürzen oder der Eisenbahnzug über unserem Kopf auf uns niederschmettern könnte. Jede dieser Möglichkeiten ist an sich unbehaglich, aber beide zusammen genommen, versetzen uns in die elendeste Stimmung.

Auf der kanadischen Seite fahren wir an der Schlucht hin, zwischen langen Reihen von Photographen, welche hinter ihren Kasten Wache stehen, um uns und unser wackliges Fuhrwerk im Vordergrund ihres Bildes prangen zu lassen, während der erhabene Niagara nur verkleinert und wesenlos im Hintergrunde erscheint. Sollte man es für möglich halten, daß eine Menge Leute aus unglaublicher Frechheit oder angeborener Nichtsnutzigkeit diese Art von Verbrechen anstiften oder denselben Vorschub leisten!? –

Tagtäglich gehen aus den Händen dieser Photographen stolze Bilder von Papa und Mama, mit oder ohne Kindern, hervor, alle einfältig lächelnd, alle in gekünstelten, unbequemen Stellungen auf den Wagensitzen gruppiert, alle in blödsinniger Größe emporragend vor der in verkleinertem Maßstab übel zugestutzten Darstellung des majestätischen Naturwunders, des Falles, dessen dienende Geister die Regenbogen sind, dessen Stimme der Donner ist, dessen ehrfurchtgebietende Stirn sich in Wolken hüllt. Er war hier König vor vergangenen und vergessenen Zeitaltern, ehe dieses Menschengewürm geschaffen ward, um auf eine Spanne Zeit in den ungezählten Welten der Schöpfung eine Lücke auszufüllen. Und er wird hier herrschen, Jahrhunderte und Jahrtausende lang, nachdem dies Geschlecht zu dem andern Gewürm, seinen Blutsverwandten, versammelt worden ist und sich mit ihrem toten Staub vermischt hat.

Es richtet zwar keinen Schaden an, wenn man den Niagara zum Hintergrunde wählt, um die eigene, wunderbare Bedeutungslosigkeit in gutes, starkes Licht zu stellen, aber es gehört eine übermenschliche Selbstgefälligkeit dazu, um so etwas zu thun.

 

Hat man den ungeheuern Hufeisen-Fall lange genug betrachtet, um sich zu überzeugen, daß nichts daran zu verbessern ist, so kehrt man über die neue Hängebrücke nach Amerika zurück und geht am Ufer entlang, wo die Höhle der Winde besichtigt werden muß.

Hier legte ich, wie man mir riet, meine sämtlichen Kleidungsstücke ab und zog eine wasserdichte Jacke und eben solche Beinkleider an. Diese Tracht ist malerisch, aber nicht schön. Ein ähnlich gekleideter Führer ging uns auf einer Wendeltreppe voran, die sich hinab wand und wand und fortfuhr sich zu winden, lange nachdem das Ding aufgehört hatte, etwas Neues zu sein; ehe es aber noch anfing, ein Vergnügen zu werden, ging es zu Ende. Wir waren jetzt unterhalb des Wassersturzes, aber noch immer in beträchtlicher Höhe über der Oberfläche des Stromes.

Nun begannen wir über unsichere Brücken, die aus einer einzigen Planke bestanden, behutsam weiter zu schreiten; vor dem Untergang schützte unsere Leiber nur ein gebrechliches Holzgeländer, an das ich mich mit beiden Händen anklammerte – nicht etwa aus Furcht, sondern weil es mir so gefiel. Es ging immer steiler hinab, die Brücke wurde immer gebrechlicher und der Sprühregen des amerikanischen Falles traf uns mit immer stärkeren Güssen, so daß wir bald nicht mehr aus den Augen sehen konnten. Von nun an drangen wir nur tastend weiter. Ein rasender Wind begann hinter dem Wasserfall hervorzubrausen und schien entschlossen uns von der Brücke zu fegen, an dem Felsen zu zerstücken und unten in die Stromschnellen zu schleudern. – Ich sagte, ich wolle nach Hause – aber es war zu spät. Wir befanden uns beinahe unter der riesigen Wasserwand, die von oben herabdonnerte, das Reden war ganz vergeblich inmitten eines solchen Höllenlärms.

Im nächsten Augenblick verschwand der Führer hinter der Sündflut, und, von dem Donner betäubt, vom Winde hilflos weiter getrieben, von dem niederprasselnden Regensturm wie mit Geißeln gepeitscht, folgte ich ihm. Alles war Finsternis. Solch ein tolles Stürmen, Brüllen und Heulen von kämpfenden Winden und Wasserfluten hatte mir noch nie in den Ohren gedröhnt. Ich bückte den Kopf nieder und der Ozean schien mir auf den Nacken zu fallen. Der Weltuntergang schien gekommen. Die Flut goß so gewaltig hernieder, daß ich nicht das mindeste sehen konnte. Als ich den Kopf mit offenem Munde emporrichtete, lief mir der größte Teil des amerikanischen Katarakts die Kehle hinunter. Wenn ich jetzt einen Leck bekommen hätte, wäre ich verloren gewesen. In diesem Augenblick entdeckte ich, daß die Brücke zu Ende war und wir auf den schlüpfrigen, abschüssigen Felsen einen Halt für unsere Tritte suchen mußten. In meinem ganzen Leben hatte ich noch keine solche Angst ausgestanden, ohne daran zu sterben! – Endlich aber arbeiteten wir uns durch und kamen wieder ans Tageslicht, wo wir der brausenden, schäumenden und wallenden Wasserwelt gegenüber standen und sie anstaunen konnten. Als ich von vorn die große Masse sah, die es so furchtbar ernstlich betrieb, that mir’s leid, daß ich dahinter gegangen war.

Nach der Besichtigung der ›Fälle‹ begab ich mich in das nahe dabei gelegene Städtchen ›Niagara Falls‹. Als ich in den dortigen Läden die Ausstellung von allen möglichen Indianerartikeln sah: Perlarbeiten, Moccasins und Figürchen, welche menschliche Wesen darstellen sollten, da übermannte mich die Rührung. Ich dachte, daß ich nun endlich die edle Rothaut von Angesicht zu Angesicht zu sehen bekommen werde. Der Indianer ist immer ein Freund und Liebling von mir gewesen. Ich mag gern in Geschichten, Sagen und Romanen von dem Indianer lesen, von seinem angeborenen Scharfsinn, seiner Liebe zum wilden, freien Leben in Gebirge und Wald, von dem Adel seiner Gesinnung, von seiner bilderreichen Redeweise, seiner ritterlichen Liebe zu der braunen Maid und von seiner malerischen Tracht.

Von der Verkäuferin in einem Laden erfuhr ich, daß sämtliche Merkwürdigkeiten, die darin zur Schau gestellt waren, wirklich von den Indianern verfertigt seien. Sie sagte, man könne bei den Fällen stets viele antreffen, die friedlich und freundlich wären, so daß es durchaus nicht gefährlich sei, mit ihnen zu sprechen. Und richtig – als ich mich der Brücke näherte, die nach der Luna-Insel führt, stieß ich auf einen edlen Sohn der Wälder, welcher eifrig an einem Strickbeutel aus Glasperlen arbeitend unter einem Baume saß. Er trug einen Schlapphut und Holzschuhe und hatte eine kurze schwarze Pfeife im Munde. So sehr schwindet bei der verderblichen Berührung mit unserer verweichlichten Zivilisation die malerische Pracht, die dem Indianer natürlich ist, wenn er, fern von uns, in seinen heimatlichen Jagdgründen lebt! – Ich redete diese Ruine ihres Stammes also an:

»Ist der Wawhoo Wang des Whackawacks glücklich? Sehnt sich der große gefleckte Donner nach dem Kriegspfad – oder ist sein Herz zufrieden, wenn es von dem braunen Mädchen, dem Stolz der Wälder träumt? – Dürstet der mächtige Sachem danach, das Blut seiner Feinde zu trinken – oder genügt es ihm, Arbeitsbeutel für die Töchter der Bleichgesichter zu machen? Sprich, herrlicher Nachkomme verschwundener Größe – ehrwürdige Reliquie, sprich!«

Hierauf die Reliquie:

»Was – mich, Dennis Hooligan, haltet ihr vor so ’nen schmierigen Indianer, ihr näselnder, hohlbackiger, spinnebeiniger Teufelskerl? Bei dem Pfeifer, der vor Moses spielte, ich mach euch den Garaus!«

Da fand ich für gut, mich zu entfernen.

Bald darauf traf ich beim Terrapin-Turm eine sanfte Tochter der Ureinwohner in befranzten und perlengestickten Moccasins und Gamaschen. Sie saß auf einer Bank, ihre zierlichen Waren um sich her ausgebreitet. Soeben hatte sie einen Häuptling aus Holz geschnitzt, der eine starke Familienähnlichkeit mit einer Waschklammer aufwies, und bohrte ihm nun ein Loch in den Unterleib, um seinen Bogen hindurchzustecken.

Ich zögerte einen Augenblick, dann redete ich sie an.

»Ist dem Mädchen der Wälder das Herz schwer? Fühlt sich die lachende Kaulquappe einsam? Trauert sie über das erloschene Beratungsfeuer ihres Stammes und die entschwundene Herrlichkeit ihrer Vorfahren? Oder schweift ihr schwermütiger Geist weit fort nach den Jagdgründen, zu denen ihr tapferer Blitz-Verschlinger gezogen ist? – Warum schweigt meine Tochter? Ist sie dem fremden Bleichgesicht nicht wohlgesinnt? –«

Darauf das Mädchen:

»Na, so was! Mich, Biddy Malone, nimmt er sich ‚raus zu schimpfen. Mach‘ er sich davon, sonst schmeiß ich sein dürres Gerippe in den Wasserfall, er lumpiger Bummler!«

Auch hier ging ich von dannen. –

»Hol‘ der Henker diese Indianer,« dachte ich. »Man hat mir doch erzählt, sie wären zahm – aber wenn der Schein nicht völlig trügt, sollte ich meinen, sie wären alle auf dem Kriegspfade. –«

Noch einen Versuch machte ich – einen letzten – mich mit ihnen zu verbrüdern. Ich stieß auf eins ihrer Lager, wo ich sie im Schatten eines Baumes versammelt fand, beschäftigt Wampum und Moccasins anzufertigen, und redete mit ihnen in der Sprache der Freundschaft: »Edle Rothäute,« sagte ich, »tapfere, große Sachems, Kriegshäupter, Squaws und hohe Muckamucks, das Bleichgesicht vom Lande der untergehenden Sonne grüßt euch! du, Mildthätiger, Iltis – du, Berge-Verschlinger, – du, – Brüllender Donnerschlag – du, Kampfhahn mit dem Glasauge – das Bleichgesicht von jenseits des großen Wassers bietet euch allen seinen Gruß. Krieg und Seuchen haben eure Reihen gelichtet und eure einst so stolze Nation dem Untergang geweiht; Poker, Sieben Oben und der eitle, neumodische Kostenaufwand für Seife, die euern ruhmvollen Ahnen unbekannt war, haben euern Beutel geleert. Daß ihr euch in eurer Einfalt das Eigentum anderer zugeeignet habt, brachte euch in Ungelegenheiten. Eine falsche Darstellung von Thatsachen, die eurer Harmlosigkeit entsprang, hat euern Ruf in den Augen des seelenlosen Bedrückers geschädigt. Ihr habt Tauschhandel getrieben, um Feuerwasser zu bekommen, euch zu betrinken, euch glücklich zu fühlen und eure Familien mit dem Tomahawk umzubringen. Das hat die malerische Pracht eurer Kleidung für alle Zeit zu Grunde gerichtet. Da steht ihr nun, in der grellen Beleuchtung des neunzehnten Jahrhunderts, aufgeputzt wie die Haderlumpe und der Janhagel aus den Vorstädten von New-York! Schande über euch! Gedenkt eurer Ahnen! Ruft euch ihre Großthaten zurück! Erinnert euch an Uncas, an die Rote Jacke, das Loch im Tage und Whoopdedoodledo! Eifert ihren Thaten nach! Sammelt euch unter meinem Banner, edle Wilde, gefeierte Gurgelabschneider!« – »Nieder mit ihm!« – »Zerschlagt ihm das Großmaul!« – »Verbrennt ihn!« – »Hängt ihn!« – »Schmeißt in ins Wasser! –«

Ein schnelleres Verfahren war noch nicht dagewesen. – Ich sah es nur plötzlich in der Luft aufblitzen von Knütteln, Backsteinen, Fäusten, Körben mit Glasperlen und Moccasins – wie ein einziger Strahl, denn das alles schien mich zu gleicher Zeit zu treffen, doch jedes auf einer anderen Stelle! Im nächsten Augenblick fiel der ganze Stamm über mich her. Sie rissen mir die Hälfte meiner Kleider vom Leibe; sie brachen mir Arme und Beine entzwei; sie versetzten mir einen Schlag auf den Kopf, der eine Einbucht in meine Schädeldecke machte, daß man hätte daraus Kaffee trinken können, wie aus einer Untertasse; und um ihr schändliches Werk zu krönen und zum Schimpf noch Schaden zu fügen, warfen sie mich in den Niagarafluß, daß ich naß wurde.

Ungefähr neunzig oder hundert Fuß vom obern Rande blieb ich mit den Fetzen meiner Weste an einer vorspringenden Felsecke hängen und würde fast ertrunken sein, ehe ich loskommen konnte. Endlich fiel ich und tauchte am Fuß des Falles wieder auf, in einer Welt von weißem Schaum. Natürlich geriet ich in den Strudel. Ich kreiste darin vierundvierzigmal herum, hinter einem Holzspan her, dem ich immer näher kam – vierundvierzigmal griff ich nach demselben Busch am Ufer und verfehlte ihn jedesmal um eines Haares Breite.

Endlich kam ein Mann herunter gegangen, setzte sich dicht bei dem Busch nieder, steckte seine Pfeife in den Mund, strich ein Zündholz an und verfolgte mich mit einem Auge, während er das andere auf das Hölzchen richtete, das er mit den Händen vor dem Wind schützte. Aber ein Windstoß blies es aus. Als ich das nächstemal herumkreiste, redete er mich an. »Haben Sie ein Streichholz?« »Ja, in meiner andern Westentasche; helfen Sie mir, bitte, heraus.«

»Für kein Geld!«

Als ich wieder herum kam, sagte ich:

»Entschuldigen Sie die anscheinend unbescheidene Neugier eines Ertrinkenden; aber wollen Sie mir gefälligst Ihr sonderbares Verhalten erklären?«

»Sehr gern. Ich bin der Leichenbeschauer. Beeilen Sie sich nicht um meinetwillen – ich kann auf Sie warten. Aber ich wollte, ich hätte ein Zündholz!«

Ich sagte: »Kommen Sie an meine Stelle und ich will Ihnen eins holen.«

Er ging auf diesen Vorschlag nicht ein und dieser Mangel an Vertrauen seinerseits erzeugte eine Verstimmung zwischen uns. Von da ab vermied ich ihn und nahm mir vor, falls mir etwas zustieße, die Katastrophe so zu berechnen, daß meine Kundschaft dem Leichenbeschauer drüben auf der amerikanischen Seite zufiele.

Zuletzt kam ein Polizist des Weges, der mich verhaftete, weil ich durch mein Hilfegeschrei die öffentliche Ruhe am Ufer störe. Der Richter legte mir eine Geldbuße auf, aber da zog er den kürzeren. Mein Geld war in meinen Beinkleidern – und meine Beinkleider waren bei den Indianern.

So bin ich dem Tode entgangen. Ich liege aber jetzt hier in sehr kritischer Verfassung. Doch liege ich wenigstens, kritisch oder nicht kritisch. Ich bin am ganzen Leib voll Wunden und der Doktor, der mich behandelt, meint, er werde vor heute abend mit der Aufnahme meiner Verletzungen nicht fertig sein. Indessen sagt er schon jetzt, daß nur sechzehn von meinen Wunden gefährlich sind – auf die übrigen lege ich keinen Wert.

Als ich wieder zum Bewußtsein kam, sagte ich: »Das ist ein gräßlich wilder Indianerstamm, der die Perlarbeiten und Moccasins für ‚Niagara Falls‘ macht, Doktor.

Wo kommen die Leute wohl her?«

»Aus Limerick, mein Freund.«

  1. Kartenspiele.
  2. Die ›Wilden‹ sind Irländer, aus denen, wie bekannt, das rauflustigste Gesindel in den amerikanischen Städten besteht.

Britische Festlichkeiten

Britische Festlichkeiten

Nachdem ich den Niagarafall in Augenschein genommen, begab ich mich auf das kanadische Ufer. Hier traf ich im ersten Hotel mit dem Major des 42. Füsilierregiments und einem Dutzend anderer strammer und gastfreier Engländer zusammen, die mich einluden, im Verein mit ihnen den Geburtstag der Königin zu feiern. Dazu war ich mit Freuden bereit; ich versicherte, daß ich sämtlichen Engländern, die ich je kennen gelernt habe, sehr wohlgesinnt sei, für die Königin aber hege ich Bewunderung und Verehrung, wie alle meine Landsleute. Eine Schwierigkeit würde sich jedoch kaum beseitigen lassen: ich sei nämlich ein grundsätzlicher Gegner von berauschenden Getränken und wisse nicht, wie ich in den schwachen Flüssigkeiten, an die ich gewöhnt sei, einem solchen Geburtstag die gebührende Ehre anthun solle.

Der Major kratzte sich den Kopf und unterwarf die Sache, einer langen und reiflichen Überlegung, es schien jedoch kein erdenkliches Mittel zu geben, das Hindernis aus dem Wege zu räumen. Mir anzuraten, meinen Grundsätzen auch nur zeitweilig untreu zu werden, dazu war er ein Mann von viel zu hoher Bildung. Endlich sagte er jedoch: »Ich hab’s! Trinken Sie Sodawasser.«

Dabei blieb es denn. Wir versammelten uns in einem großen, prachtvoll mit Fahnen und grünen Pflanzen ausgeschmückten Saal und nahmen an der Tafel Platz, welche mit leiblichen Genußmitteln, in fester sowohl als flüssiger Form, reich beladen war. Unter witzigen Toasten und trefflichen Reden blieben wir bis lange nach Mitternacht beisammen. Ich war in meinem ganzen Leben nicht so vergnügt und trank 38 Flaschen Sodawasser. Aber mir scheint, das ist doch kein recht geeignetes Getränk zu stärkerem Verbrauch. Als ich am nächsten Morgen aufstand, war ich voll Gas und so straff gespannt, wie ein gefüllter Luftballon. Von meinen Kleidungsstücken paßte mir nichts mehr, – ausgenommen mein Regenschirm. Nach dem Frühstück fand ich den Major wieder mit großartigen Vorbereitungen beschäftigt. Auf meine Frage, was sie zu bedeuten hätten, erfuhr ich, es sei der Geburtstag des Prinzen von Wales, der am Abend festlich begangen werden müsse. Wir feierten ihn also; waren wider mein Erwarten sehr lustig dabei und brachen auch diesmal erst nach Mitternacht auf. Des Sodawassers war ich überdrüssig, ich hielt mich an Limonade und trank mehrere Quart. Man sollte denken, Limonade in Masse genossen, müsse dem Menschen besser bekommen als Sodawasser. Aber das ist ein Irrtum. Am Morgen hatte sie mir den ganzen Magen durchsäuert und meine Zähne so stumpf gemacht, daß ich nichts beißen konnte; es war gerade, als hätte ich den Kinnladenkrampf. Dabei fühlte ich mich schrecklich unwohl und schwermütig.

Bald nach dem zweiten Frühstück traf ich den Major bei neuen Vorbereitungen. Als er sagte, es sei der Geburtstag der Prinzeß Helene, verbarg ich meinen Kummer.

»Wer ist die Prinzeß Helene?« fragte ich.

»Tochter Ihrer Majestät der Königin,« erwiderte der Major.

Ich leistete keinen Widerstand. Am Abend fand die Geburtstagsfeier der Prinzeß Helene statt. Sie dauerte wie gewöhnlich bis tief in die Nacht hinein und ich war wirklich sehr vergnügt. Aber Limonade konnte ich nicht mehr vertragen. Ich trank einige Kübel voll Eiswasser aus.

Am Morgen hatte ich Zahnschmerzen, Krämpfe, Frostbeulen, dazu noch immer stumpfe Zähne und eine ziemlich große Menge Gas im Innern. Den unermüdlichen Major fand ich aber schon wieder am Werk.

»Wem soll denn das gelten?« erkundigte ich mich.

»Seiner königlichen Hoheit, dem Herzog von Edinburgh,« lautete die Antwort.

»Sohn der Königin?«

»Ja.«

»Und heute ist sein Geburtstag? – Sie irren sich doch nicht?«

»Nein, die Feier findet diesen Abend statt.«

Ich unterwarf mich dem neuen Verhängnis. Die Festlichkeit ging vor sich und ich trank ein halbes Faß Apfelwein. Als ich mich am andern Morgen mit matten, von der Gelbsucht gefärbtem Blick umschaute, gewahrte ich gleich zuerst den Major wieder bei seinen nie endenden Vorbereitungen. Da brach mir das Herz und ich zerfloß in Thränen.

»Wen sollen wir denn heute beweinen?« fragte ich.

»Die Prinzessin Beatrice, Tochter der Königin.«

»Halt,« rief ich, »jetzt ist es an der Zeit, nähere Erkundigungen einzuziehen. Wie lange wird wohl die Familie der Königin noch herhalten? Wer kommt zunächst auf der Liste?«

»Ihre königlichen Hoheiten der Herzog von Cambridge, die Prinzeß Royal, Prinz Arthur, die Prinzessin Mary von Teck, der Großherzog von Mecklenburg-Strelitz, die Großherzogin von Mecklenburg-Strelitz, Prinz Albert Viktor –«

»Genug!« unterbrach ich ihn. »Der Mensch kann viel ertragen, doch alles hat seine Grenzen. Ich bin nur ein Sterblicher. Mit jedem meines Geschlechts will ich’s aufnehmen; aber, wer alle Mitglieder dieser Familie feiern und noch am Leben bleiben kann, der muß mehr sein, als ein Mensch – oder weniger. Wenn Sie das alle Jahre durchzumachen haben, so danke ich Gott, daß ich in Amerika geboren bin; ein Engländer zu sein, ertrüge ich bei meiner Leibesbeschaffenheit nicht. Ich kann mich an dem Unternehmen nicht länger beteiligen; meine Auswahl an Getränken ist erschöpft. Ja, für mich giebt es kein Getränk mehr und doch müßte noch auf das Wohl so vieler angestoßen werden! Kein Getränk mehr – und wir stehen sozusagen erst im Vorhof der Familie. Es thut mir wahrhaftig leid, mich zurückzuziehen, aber die bittere Not treibt mich dazu. Ich bin mit Gas gefüllt, meine Zähne sind lose im Munde, ich leide an Krämpfen, an Skorbut, an Zahnweh, Masern, geschwollenen Backen und Kinnladenkrampf, auch habe ich von dem Apfelwein gestern die Cholera bekommen. Meine Herren, trotz der besten Absicht von der Welt bin ich wirklich nicht in der Verfassung, die übrigen Geburtstage mitzufeiern. Ich muß um eine Pause bitten.«‹

Tischrede bei einem Festessen der Amerikaner in London, zur Feier des vierten Juli

Tischrede bei einem Festessen der Amerikaner in London, zur Feier des vierten Juli

»Herr Vorsitzender, geehrte Damen und Herren! Erlauben Sie mir, Ihnen für den Glückwunsch zu danken, den Sie soeben ausgesprochen haben. Um zu zeigen, wie sehr ich Ihre freundliche Gesinnung zu schätzen weiß, will ich mich möglichst kurz fassen. Es ist eine Freude, auf Englands altem mütterlichem Boden in friedlichem Beisammensein den Jahrestag einer Bewegung zu feiern, welche vor langer Zeit aus dem Kriege mit diesem selben Lande entstanden ist und durch die Opferwilligkeit unserer Vorfahren zu einem glücklichen Ausgang gebracht wurde. Fast hundert Jahre sind erforderlich gewesen, um Engländer und Amerikaner in gegenseitiger Anerkennung und Freundschaft zu verbünden, aber ich glaube, es ist jetzt endlich erreicht. Es war ein großer Schritt vorwärts, als die zwei letzten Mißverständnisse durch ein Schiedsgericht ausgeglichen wurden, statt durch Kanonen. Es ist ein weiterer großer Schritt, wenn England unsere Nähmaschinen annimmt, ohne – wie gewöhnlich – zu behaupten, es habe sie erfunden. Von hoher Wichtigkeit war es auch daß England kürzlich einen amerikanischen Schlafwagen bezogen hat. Und gestern wurde mir unbeschreiblich warm ums Herz, als ich Zeuge war, wie ein Engländer freiwillig und ungezwungen beim Kellner einen » Sherry Cobbler« bestellte und ihn dabei mit bewundernswerter Einsicht und großem Verständnis daran erinnerte, daß auch Erdbeeren hineingehörten. Eine gemeinsame Abstammung, dieselbe Sprache und Litteratur, die gleiche Religion und – die gleichen Getränke – was fehlt denn noch, um beide Völker aufs innigste mit einander zu einem bleibenden Bruderbund zu verknüpfen?

Wir leben in einem Zeitalter des Fortschritts – und dem Fortschritt huldigt auch unser Vaterland. Es ist ein großes, ruhmvolles Land, ein Land, das einen Washington, einen Franklin, einen Wm. M. Tweed, einen Longfellow, einen Motley, einen Jay Gould, einen Samuel C. Pomeroy hervorgebracht hat und den letzten Kongreß, der (in mancher Beziehung) alle seine Vorgänger übertraf. Auch besitzen die Vereinigten Staaten ein Heer, welches in acht Monaten sechzig Indianer dadurch besiegt hat, daß es sie totmüde machte – was, Gott weiß es, weit besser ist als ein barbarisches Gemetzel. Wir haben eine Schwurgerichtsordnung, mit der sich keine auf Erden vergleichen läßt und deren Wirksamkeit nur dadurch beeinträchtigt wird, daß man nicht so leicht alle Tage zwölf Männer findet, die gar nichts wissen und nicht lesen können. Auch will ich bemerken, daß bei uns die Geistesstörung als mildernder Umstand in einer Weise geltend gemacht wird, bei welcher selbst Kain freigekommen wäre. Ich glaube auch behaupten zu können – und ich thue es mit Stolz, daß wir einige Gesetze haben, die mehr Geld einbringen, als irgend welche in der übrigen Welt.

Voll Hochgefühl weise ich auf unser Eisenbahnsystem hin, das uns am Leben läßt, obgleich es das Gegenteil thun könnte, da wir in seiner Gewalt sind. Es hat im letzten Jahre durch Zusammenstöße nur dreitausend und siebzig und durch Überfahren siebenundzwanzigtausend zweihundert und sechzig Menschen das Leben gekostet. Die Verwaltung beklagte den Tod dieser dreißigtausend Personen aufrichtig und ging sogar soweit, für einige derselben Entschädigung zu leisten – natürlich aus freien Stücken – denn es wäre geradezu niederträchtig, behaupten zu wollen, daß wir einen Gerichtshof besitzen, der die Perfidie so weit treiben würde, einer Eisenbahngesellschaft gegenüber einen Rechtsspruch durchzusetzen. Aber Gott sei Dank, sind die Eisenbahngesellschaften gewöhnlich geneigt, Recht und Billigkeit walten zu lassen, ohne daß man ihnen Zwang anthut. Davon kann ich ein Beispiel erzählen, welches mich damals innig gerührt hat. Nach einem Unfall schickte mir die Gesellschaft nämlich die sterblichen Reste eines lieben, entfernten, alten Vetters in einem Korbe ins Haus und schrieb dabei: »Bitte die Summe anzugeben, die er Ihnen wert ist – und den Korb zurückzuschicken.« Größere Freundlichkeit kann man doch nicht verlangen! –

Aber ich darf hier nicht den ganzen Abend stehen und prahlen, wenn Sie mir auch ein wenig Großthuerei mit meinem Vaterlande am vierten Juli gewiß zu gute halten. Das scheint doch gerade die rechte Zeit, um den Adler steigen zu lassen. Nur noch ein großsprecherisches Wort gestatten Sie mir – nämlich folgendes: Wir haben eine Regierungsform, die jedermann freies Spiel läßt und keinen bevorzugt. Bei uns wird niemand mit dem Recht geboren, auf seinen Nächsten herabzusehen und ihn zu verachten. Diejenigen unter uns, die keine Herzöge sind, mögen hierin ihren Trost finden. Die Zukunft erscheint uns hoffnungsvoll, weil wir wissen, daß, wie traurig auch die Moral unserer heutigen politischen Zustände beschaffen ist, England sich doch noch aus viel jammervolleren emporgearbeitet hat, seit den Zeiten, als Karl II. Dirnen in den Adelstand erhob und jedes Staatsamt verhandelt und verkauft wurde. Für uns ist also noch Hoffnung vorhanden.«

Es war meine Absicht gewesen, obige Rede vorzutragen, aber unser Gesandter, General Schenck, welcher den Vorsitz führte, stand nach dem Tischgebet auf, um eine lange und über alle Begriffe schläfrige Ansprache zu halten, welche er mit der Bemerkung schloß, daß, da die Festreden die Gäste nicht sehr zu erheitern schienen, alle ferneren Vorträge während des Abends unterbleiben sollten, damit wir uns nach Gefallen mit unsern Tischnachbarn unterhalten und gemütlich fühlen könnten. Man weiß, daß infolge dieser Anordnung vierundvierzig fertige Reden sterben mußten, ohne das Licht der Welt erblickt zu haben. Die Schwermut, Niedergeschlagenheit und feierliche Stille, welche von da ab bei dem Festmahl herrschte, wird den meisten, die demselben beiwohnten, dauernd in der Erinnerung bleiben. Durch diese einzige unbedachte Äußerung hat General Schenck vierundvierzig der besten Freunde eingebüßt, die er in England besaß. Mehr als einer sagte an jenem Abend: »Und einen solchen Menschen hat man hergeschickt, um uns bei dem großen Schwesterreich würdig zu vertreten?«

  1. Mark Twain zählt hier mit scheinbarem Ernst neben den Namen von wirklichen Größen einige andere auf, welche Männern von sehr zweifelhaftem Charakter angehören.

Noch ein Landsmann

Noch ein Landsmann

(Nummer 2.)

Ich saß mit Harris in einer Sennhütte, beschäftigt, meine Tagebücher zu ordnen und verschiedene wissenschaftliche Beobachtungen zu Papier zu bringen, als ein schlanker, junger Amerikaner zu uns eintrat. Er mochte etwa dreiundzwanzig Jahre alt sein und näherte sich mir mit jener ungekünstelten Selbstgefälligkeit, welche Jünglinge seines Alters für feine, weltmännische Lebensart halten. Er trug das Haar in der Mitte gescheitelt und lächelte so albern, wie ein Höfling auf der Bühne, als er sich mir vorstellte. Während er mit seiner schöngepflegten Rechten meine Hand umkrallte, verbeugte er sich dreimal mit dem Oberkörper bis zu den Hüften nach Theatersitte und sagte in gnädig herablassendem Beschützerton:

»Freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, freue mich wirklich außerordentlich. Habe alle Ihre kleinen Versuche gelesen und bewundere sie sehr; hörte, Sie seien hier und wollte –«

Ich deutete auf einen Stuhl und er nahm Platz.

Dieser hohe Herr war der Enkel eines zu seiner Zeit sehr namhaften Amerikaners, der auch heutigen Tages noch nicht vergessen ist und dem nur noch so wenig fehlte, um ein großer Mann zu sein, daß er bei seinen Lebzeiten allgemein dafür gehalten wurde.

Ich ging langsam in dem Zimmer auf und ab, mit der Lösung wissenschaftlicher Probleme beschäftigt und hörte dabei die folgende Unterhaltung:

Enkel. Sie sind zum erstenmal in Europa?

Harris. Ich? – Ja.

Enkel ( mit einem wehmütigen Seufzer zur Erinnerung an vergangene Freuden, die man in ihrer Süßigkeit nur einmal genießt), Ach, ich weiß, wie Ihnen zu Mute ist. Der erste Besuch ist so romantisch. Ich möchte jene Gefühle wohl noch einmal durchleben.

Harris. Ja, ich finde, es übertrifft alle meine Träume. Es liegt ein unbeschreiblicher Zauber darin. Ich muß gestehen …

Enkel ( mit einer gezierten Handbewegung, als wollte er sagen: »Verschonen Sie mich mit den rohen Ausbrüchen Ihrer Begeisterung, guter Freund!«) Ich weiß, ich weiß! Man besucht die Kirchen und staunt. Man geht durch endlose Galerien und staunt wieder. Man steht hier und dort und überall auf historischem Boden und staunt immerfort. Man sammelt seine ersten unreifen Kunstbegriffe und fühlt sich stolz und glücklich. Ja, stolz und glücklich – das ist der richtige Ausdruck. Recht so, genießen Sie es nur – es ist ein unschuldiges Vergnügen.

Harris. Aber Sie? Freuen Sie sich denn nicht mehr daran?

Enkel. Ich? Sie spaßen wohl, bester Herr. Wenn Sie erst ein so alter Reisender sind wie ich, werden Sie solche Frage nicht mehr stellen. Ich sollte noch die vorgeschriebenen Galerien besuchen, in den vorgeschriebenen Kirchen herumstehen und alle die abgedroschenen Sehenswürdigkeiten besichtigen? – das fiele mir ein!

Harris. Aber was thun Sie denn sonst?

Enkel. Was ich thue? Ich bin bald hier, bald dort – immer unterwegs; aber ich folge nicht der großen Herde. Heute bin ich in Paris, morgen in Berlin, dann wieder in Rom; vergebens würden Sie mich aber im Louvre suchen oder an andern Orten, die der gewöhnliche Reisende in den Hauptstädten aufsucht. Wer mich finden will, muß in verborgene Ecken und Winkel gehen, wohin sich andere Leute nie verlieren. An einem Tage quartiere ich mich vielleicht in einer entlegenen Bauernhütte ein, am nächsten in einem längst verlassenen Schloß, das irgend ein Kleinod der Kunst birgt, für welches der Unerfahrene kein Verständnis hat und an dem ein weniger geübtes Auge flüchtig vorübergehen würde. Oft weile ich auch als Gast in den geheiligten Wohngemächern von Palästen, in deren unbenutzte Räume die große Herde einen Blick werfen darf, wenn sie sich dem Diener dafür erkenntlich erweist.

Harris. Sind Sie ein Gast an solchen Orten?

Enkel. Ja, ein hochwillkommener Gast.

Harris. Das überrascht mich. Wie geht das zu?

Enkel. Meines Großvaters Name verschafft mir Zutritt bei allen Höfen Europas. Ich brauche ihn nur zu nennen und jede Thür steht mir offen. Ich eile nach Belieben von einem Hof zum andern und bin stets gern gesehen. In den europäischen Schlössern fühle ich mich so zu Hause, wie Sie bei Ihren eigenen Verwandten. Es giebt, glaube ich, keine hochstehende Persönlichkeit, die ich nicht kenne. Ich habe fortwährend alle Taschen voll Einladungen; jetzt bin ich auf dem Wege nach Italien, wo ich versprochen habe, in mehreren hohen Adelsfamilien als Gast einzukehren. In Berlin mache ich im Kaiserpalast die glänzendsten Gesellschaften mit. Und so geht es überall, wohin ich auch komme.

Harris. Wie angenehm. Doch muß Ihnen Boston ziemlich langweilig erscheinen, wenn Sie wieder zu Hause sind.

Enkel. Natürlich; aber ich gehe nicht oft nach Hause. Dort ist kein Leben – man findet da wenig, was der höhern Natur des Menschen Nahrung giebt. Der Horizont von Boston ist sehr beschränkt, wissen Sie. Die Leute selbst ahnen das nicht, man könnte sie auch nicht davon überzeugen, deshalb äußere ich auch nicht dergleichen, wenn ich dort bin. Wozu könnte das auch führen? – Boston würde es doch nicht verstehen, es hat eine zu gute Meinung von sich; aber sein Horizont ist sehr eng, das können Sie mir glauben. Wer so viel gereist ist wie ich und so viel von der Welt gesehen hat, erkennt das klar und deutlich, aber ändern läßt es sich nicht. Darum bleibe ich auch nicht dort, sondern suche mir eine Sphäre, die meinem Geschmack und Bildungsstandpunkt besser zusagt. Wenn ich gerade nichts Wichtigeres zu thun habe, fahre ich vielleicht einmal im Jahr hinüber, aber ich komme sehr bald wieder nach Europa zurück, wo ich meine meiste Zeit zubringe.

Harris. Ja so, Sie machen Ihre Pläne und dann – –

Enkel. Nein, entschuldigen Sie, ich mache gar keine Pläne. Ich thue jeden Tag nur, wonach mir zu Mute ist. Zu binden brauche ich mich nicht, ich bin mein eigener Herr und lebe ganz nach Gefallen. Ein alter Reisender wie ich braucht sich nicht zu beschränken, indem er sich bestimmte Ziele steckt. Das Reisen ist mir zur zweiten Natur geworden, zur fest eingewurzelten Gewohnheit. In einem Wort, ich bin ein Bürger der Welt – anders kann ich mich nicht bezeichnen. Ich sage nie: ich will da oder dorthin gehen, ich verliere überhaupt kein Wort darüber, sondern schreite gleich zur That. Vielleicht bin ich nächste Woche bei einem spanischen Granden zu Besuch, oder nach Venedig abgereist, wenn ich nicht etwa nach Dresden gehe. Wahrscheinlich werde ich mich binnen kurzem nach Ägypten begeben. Während mich dann meine Freunde aber noch an den Katarakten des Nil vermuten, erfahren sie zu ihrer Überraschung, daß ich schon irgendwo in Indien bin. Ich setze die Leute fortwährend in Erstaunen. »Als wir zuletzt von ihm hörten,« sagen sie wohl, »war er in Jerusalem, aber der Himmel weiß, wo er jetzt ist.«

Bald darauf erhob sich der Enkel, um fortzugehen; vielleicht hatte er eine Verabredung, irgendwo mit einem Kaiser zusammenzutreffen. Er wiederholte seine Höflichkeitsbezeugungen, streckte mir auf Armeslänge seine weiße Rechte hin, drückte sich mit der andern Hand den Hut gegen den Magen, knickte dreimal in der Mitte zusammen wie ein Taschenmesser und murmelte:

»Sehr gefreut, sehr gefreut. Wünsche Ihnen besten Erfolg.«

Dann entzog er uns seine holde Gegenwart.

Einen Großvater zu haben, ist ein großes, ein erhabenes Glück.

 

Da ich das Bild des jungen Menschen möglichst naturwahr zeichnen wollte, habe ich durchaus nicht zu stark aufgetragen. Meine anfängliche Entrüstung über ihn verwandelte sich bald in inniges Mitleid. Wer könnte auch Groll hegen gegen ein leeres Nichts? – Ich habe das Gespräch möglichst wortgetreu wiedergegeben, den Kern und Inhalt jedenfalls ganz genau. Dieser Jüngling und der harmlose Schwätzer, den ich auf dem Schweizer See traf, sind die kostbarsten und interessantesten Vertreter des jungen Amerika, denen ich auf meinen Reisen begegnet bin. Die Art, wie sich der dreiundzwanzigjährige Enkel zu wiederholten Malen einen alten Reisenden und erfahrenen Weltmann nannte, schien mir unbezahlbar, und daß er die Güte gehabt hat, seine Vaterstadt Boston nicht über ihren engen Horizont aufzuklären, war äußerst dankenswert.

Ein Zwiegespräch

Ein Zwiegespräch

Alle meine seitherigen Reisen waren bloße Geschäftsreisen gewesen. Das letzte Maiwetter war so verführerisch, daß ich beschloß, nun auch einmal eine Vergnügungsreise zu machen. Schon einen Tag nach diesem Entschluß befand ich mich an Bord eines nach den Bermudas gehenden Dampfers. Nachdem ich mir mein Billet gelöst, wanderte ich auf dem Verdeck auf und nieder in dem frohen Gefühl der Freiheit und Muße, ein Genuß, der durch das Bewußtsein, daß sich die Entfernung zwischen mir und den Post- und Telegraphenanstalten beständig vermehrte, noch wesentlich erhöht wurde. Nach einer Weile ging ich in meine Kajüte und kleidete mich aus; aber die Nacht war zu prächtig, um sie ganz zu verschlafen. Ich stellte mich daher ans Fenster und beobachtete die rasch dahingleitenden Lichter am Ufer. Bald kamen zwei ältliche Männer, die sich gerade unter mein Fenster niedersetzten und ein Gespräch begannen. Ihr Gespräch ging mich eigentlich nichts an, aber aufgelegt und heiter gestimmt, wie ich war, ließ ich mir die Unterhaltung gern gefallen. Ich entdeckte bald, daß sie Brüder aus einem kleinen Dorf in Connecticut waren und daß sich ihre Unterhaltung um den Kirchhof drehte.

»Nun, Hans« – begann der eine – »wir haben die Sache des Langen und Breiten besprochen. Siehst du, alles räumte den alten Kirchhof und unsere Angehörigen blieben fast ganz allein zurück. Sie waren auch, wie du weißt, arg eng zusammengedrängt. Der Platz war von Anfang an nicht groß genug und als im letzten Jahr Seths Weib starb, konnten wir sie kaum noch unterbringen. Sie kam gerade noch etwas auf Dekan Shorbs Stelle herüberzuliegen und der wurde deswegen auf sie und uns ganz ärgerlich. Wir redeten also darüber und ich war für ’nen Ankauf auf dem neuen Kirchhof; die andern waren nicht dagegen, wenn es nicht zu teuer käme. Die zwei schönsten und größten Plätze waren Nummer 8 und 9 – beide von einer Größe: jeder bequem für sechsundzwanzig Erwachsene; wenn man Kinder mitrechnet, reicht er für dreißig, auch zwei- und dreiunddreißig, ganz hübsch.«

»Das ist übergenug, Wilhelm. Welchen hast du gekauft?« »Nun, darauf werde ich gleich kommen, Hans. Siehst du, Nummer 8 kostete 13 Dollars. Nummer 9 aber 14 – – «

»Sehe schon. Da hast du Nummer 8 genommen.«

»Warte nur. Ich nahm Nummer 9 und will dir auch sagen, warum. Erstens, weil der Dekan Nummer 9 haben wollte. Nach der Art und Weise, wie er sich darüber aufgehalten hat, daß Seths Weib etwas auf seinen Platz zu liegen kam, hätte ich ihm den Platz weggeschnappt und wenn er mich zwei statt einen Dollar mehr gekostet hätte. Was ist ein Dollar? dachte ich bei mir. Das Leben ist nur eine Pilgerschaft, sag‘ ich; wir sind ja nicht für immer da und können nichts mit uns nehmen. So legte ich denn das Geld hin und dachte: der Herr läßt ja keine gute That unbelohnt und, so Gott will, verdien‘ ich den Dollar an jemand anders bei nächster Gelegenheit zurück. Ich hatte aber auch noch einen anderen Grund. Nummer 9 ist weitaus der hübscheste Platz im ganzen Kirchhof und am schönsten gelegen; er liegt gerade auf dem Gipfel einer Anhöhe, mitten im Kirchhof. Man kann von dort aus Millport und Tracy und den Rumpfberg und eine ganze Reihe von Farmen sehen; im ganzen Staat ist keine schönere Aussicht von einem Begräbnisplatz aus, – so sagt wenigstens Higgins und der muß es wissen. Das ist aber noch nicht alles. Shorb mußte wohl oder übel Nummer 8 nehmen. Nun stößt Nummer 8 an Nummer 9 und da jene am Abhang liegt, so läuft alles Wasser zu den Shorbs hinab. Higgins meinte, wenn des Dekans Zeit einmal komme, möge er seine sterblichen Überreste nur gegen Feuer- und Wasserschaden zugleich versichern.«

Nach diesen Worten ließ sich ein leises, doppeltes Kichern vernehmen, das Beifall und Zufriedenheit ausdrückte.

»Sieh, Hans, da hab‘ ich eine rohe Skizze von dem Grundstück auf ein Stück Papier gebracht. Da oben in der Ecke linker Hand haben wir die Gestorbenen untergebracht; wir holten sie aus dem alten Friedhof und legten sie nebeneinander nach der alten Regel ›Wer zuerst kommt, mahlt zuerst‹, ganz unparteiisch, Großvater Jonas zuerst, weil er zufällig zuerst an die Reihe kam, Seths Zwillinge zuletzt. Daran schließen sich die künftigen Grabstätten: hier auf der Stelle, die mit A bezeichnet ist, wollen wir Maria und ihre Familie bestatten, wenn sie abgerufen werden; B ist für Bruder Hosea und die Seinen bestimmt, C für Calvin und sein Haus. Was noch übrig ist, sind diese zwei Plätze hier – just die Perle des ganzen Flecks, was das Äußere anbelangt; sie sind für mich und meine Leute und für dich und die Deinen bestimmt. Nun, in welchem möchtest du am liebsten begraben sein?«

»Da bin ich überfragt, Wilhelm! das kann ich dir nicht gleich sagen. Wahrhaftig, vor lauter Überlegen, wie man es den andern bequem machen könnte, habe ich an mein eigenes Begrabenwerden gar nicht gedacht.«

»Das Leben ist nur ein flüchtiger Traum, Hans, wie das Sprichwort sagt. Wir müssen alle fort, früher oder später. Die Hauptsache ist, daß unsere Rechnung mit dem Himmel glatt abgeht. Das ist das einzige, wonach wir trachten müssen!«

»Ja, so ist’s, Wilhelm, so ist’s; da kann man nicht herumkommen. – Zu welchem von den Plätzen würdest du mir raten?«

»Nun, das kommt auf dich an. Liegt dir viel an Aussicht?«

»Nicht gerade sehr viel, aber doch etwas. Hauptsächlich würde ich auf sonnige Lage Wert legen.«

»Dem ist schon geholfen, beide Plätze liegen gegen Süden. Sie bekommen die Sonne, und die Shorbs den Schatten.«

»Wie steht’s mit dem Boden, Wilhelm?«

» D ist Sandboden – E meistens Lehm.«

»Dann gieb mir lieber E, Wilhelm; ein sandiger Boden sinkt immer ein und macht Reparaturkosten.«

»Ganz recht; da, schreib‘ deinen Namen her, hier unter E. Und nun, wenn du mir deinen Anteil an den vierzehn Dollars bezahlen willst, da wir gerade bei dem Geschäft sind, so ist alles abgemacht.«

Nach einigem Warten und Feilschen wurde das Geld bezahlt, Hans sagte seinem Bruder Gutenacht und ging zur Ruhe. Es folgte ein minutenlanges Schweigen, dann ertönte ein leises Kichern herauf von dem einsamen Wilhelm und er murmelte: »Ei, der tausend! Da habe ich mich am Ende doch geirrt! D ist meistens Lehm, nicht E, und Hans hat jetzt doch einen sandigen Platz gekauft.«

Noch ein leises Kichern, dann suchte auch Wilhelm sein Lager auf.

Duelle

Duelle

I.

Das deutsche Studentenduell.

Eines Tages erhielt mein Geschäftsträger im Interesse der Wissenschaft die Erlaubnis, mich in das Pauklokal an der Hirschgasse mitzunehmen, wo die Heidelberger Korps ihre Mensuren ausfechten: ein heller, hoher, geräumiger Saal im ersten Stockwerk des idyllisch gelegenen altberühmten Wirtshauses »zum Hirschen«.

Wir trafen daselbst etwa 50–75 Musensöhne, die sich an den langen längs der Wände aufgestellten Tischen die Zeit bis zum Beginn der Paukerei mit Kneipen, Karten- oder Schachspiel, Schwatzen und Rauchen vertrieben. Man sah fast nur farbige Mützen: Weiße, grüne, blaue, rote und hellgelbe; es waren mithin sämtliche fünf Korps stattlich vertreten. Am einen Ende des Saales war für die Paukerei ein Stück frei gelassen, und hier standen an den Fenstern 6-8 lange schmale Schläger mit mächtigen Körben zum Schutz der Hände, während draußen ein Mann damit beschäftigt war, noch eine Anzahl solcher an einem Schleifstein zu schärfen. Er verstand seine Sache, denn jeder Schläger, der aus seiner Hand kam, konnte es mit dem schärfsten Rasiermesser aufnehmen.

Der Verkehr zwischen den Angehörigen der verschiedenen Korps beschränkte sich auf die kalten, förmlichen Verhandlungen der Chargierten behufs Vorbereitung der Mensuren. Kameradschaftlicher Umgang zwischen Angehörigen verschiedener Korps wird nicht geduldet, weil man glaubt, die Beteiligten würden dadurch die rechte Schneide und den Eifer für die Mensur verlieren. Kurz vor dem Tage, an dem ein Korps die Reihe trifft loszugehen, ruft dessen Präses Freiwillige zur Mensur auf, worauf sich denn auch eine Anzahl meldet, die jedoch nicht unter drei betragen darf. Die Namen der Betreffenden werden den Vorständen der anderen Korps mitgeteilt, und diese sind dann bald in der Lage, die entsprechende Anzahl von Mitgliedern ihrer Korps zu bezeichnen, welche sich bereit erklären, die Forderungen anzunehmen. Heute war gerade die Reihe zur Forderung an den Rotmützen; die Gegner, die sich gemeldet hatten, gehörten verschiedenen anderen Korps an. Seit 250 Jahren spielen sich nunmehr in diesem Raum in der hier beschriebenen Weise die Mensuren zweimal in jeder Woche während sieben bis acht Monaten im Jahre ab.

Wir waren eben mit den Weißmützen, von denen wir unsere Einladung erhalten hatten, im Gespräch begriffen, als die beiden, die zuerst an die Reihe kommen sollten, in ihrem – deutschen Lesern wohlbekannten – abenteuerlichen Paukwichs von Kommilitonen aus einem Nebenzimmer hereingeführt wurden. Nun drängte alles nach dem leeren Ende des Saales, wo wir uns ebenfalls einen guten Platz verschafften. Die Kämpfer traten einander gegenüber; um jeden derselben scharten sich eine Anzahl Kameraden, um ihm nötigenfalls Beistand zu leisten; die Sekundanten, gleichfalls bandagiert und den Schläger in der Hand, traten ihnen zur Seite; der Unparteiische, der den Kampf zu überwachen hatte, nahm seinen Platz ein; endlich trat noch ein Student mit der Uhr und einem Notizbuch in der Hand, das die erforderlichen Einträge über die Zeitdauer und die Zahl der Beschaffenheit der Schmisse aufnehmen sollte, sowie der grauhaarige Paukarzt mit seinem Verbandzeug und seinen Instrumenten auf den Plan. Für einen Augenblick herrschte jetzt Ruhe, und sämtliche bei der Mensur Beteiligten traten der Reihe nach auf den Unparteiischen zu, um demselben ihren achtungsvollen Gruß darzubringen, worauf sie ihre Plätze wieder einnahmen. Nun war alles bereit; den Vordergrund füllte dicht gedrängt die Schar der Zuschauer, zum Teil auf Tischen und Stühlen stehend, die Blicke voll Spannung auf den Kampfplatz gerichtet.

Mit blitzenden Augen maßen die Gegner einander; rings herrschte atemlose Stille; ich erwartete nun, es werde recht bedächtig bei der Sache zugehen. Aber ganz und gar nicht. Auf den Ruf ›los‹ prangen die beiden gegeneinander vor und ließen die Hiebe hageldicht und mit solch blitzartiger Geschwindigkeit aufeinander niederregnen, dass ich die Klingen in der Luft nicht mehr deutlich zu unterscheiden vermochte. Das rasselnde Geräusch, das die Hiebe verursachten, wenn sie die Waffe oder die Bandage des Gegners trafen, hatte etwas merkwürdig Aufregendes, und es war mir ein Rätsel, das die Waffe des Gegners unter der Wucht derselben nicht abbrach. Plötzlich, mitten unter diesem Hagel von Hieben, sah ich einen Büschel Haare von dem Kopf des einen der beiden emporstiegen, als wären dieselben auf einmal losgegangen und hätte der Wind sie weggeblasen. Die Sekundanten riefen ›halt‹ und schlugen die Waffen der Kämpfer mit ihren eigenen zurück. Die letzteren setzten sich, ein Kamerad besichtigte die Stelle und tupfte dieselbe ein paarmal mit einem Schwamm ab; dann kam der Paukarzt, der das Haar zurückstrich und eine blutige Schramme von zwei bis drei Zoll Länge feststellte. Er befestigte einen Leinwandbausch und ein rundliches Lederläppchen auf derselben, und der Schmiß wurde der betreffenden Partei aufs Kerbholz geschrieben.

Jetzt stellten sich die Gegner wieder auf; dem Verletzten lief das Blut in einem schmalen Streifen an dem ganzen Leib herunter bis auf den Boden, allein er schien sich nichts daraus zu machen. Wieder hieß es »los«, und mit der gleichen Wucht wie zuvor regneten die Hiebe, so daß die scharfäugigen Sekundanten den Kampf alle Augenblicke unterbrechen mußten, weil ein Schläger verbogen war, der dann von einem Kameraden wieder gerade gebogen wurde.

Das merkwürdige Kampfgetümmel nahm seinem Fortgang – plötzlich stoben die hellen Funken von einer der Klingen; dieselbe war in mehrere Stücke zerhauen, von denen eines bis an die Decke flog. Wiederum wurde ein frischer Schläger gebracht und der Kampf ging weiter. Natürlich war dies eine furchtbare Anstrengung, und bald sah man den Kämpfenden große Ermüdung an. Sie durften nun eine Weile ruhen, aber nur ganz kurz; sie brauchten einander ja nur Schmisse zu geben, so hatten sie allemal Zeit sich auszuruhen, bis der Doktor seinen Verband angelegt hatte. Jede Mensur muß fünfzehn Minuten dauern, wofern die Kämpfer es aushalten; die Pausen werden jedoch nicht mitgerechnet und so dauerte die diesmalige nach meiner Schätzung reichlich zwanzig bis dreißig Minuten. Schließlich wurde wegen Übermüdung der Paukenden abgebrochen. Blutbespritzt von Kopf bis zu Fuße führte man sie hinaus. Es war wacker gefochten worden, und doch zählte die Mensur nicht, teils weil das wirkliche Fechten keine volle fünfzehn Minuten gedauert, teils weil keiner den Gegner vollständig abgeführt hatte. Sobald ihre Schmisse geheilt waren, hatten die beiden der bestehenden Vorschrift gemäß neuerdings loszugehen, bis die Sache endgültig ausgefochten war.

Während dieser Vorgänge hatte ich zeitweise ein paar Worte mit einem jungen Mann von den Weißmützen gewechselt; dabei hatte er mir mitgeteilt, das er zunächst daran kommen werde und mir auch seinen Gegner gezeigt, der ihn gefordert hatte und nun drüben an der anderen Wand lehnend mit einer Zigarette im Munde ruhig der Paukerei zuschaute. Infolge der Bekanntschaft mit einem der Kämpfer sah ich der nächsten Mensur mit einer Art von persönlichem Interesse entgegen. Ich wünschte natürlich meinem Bekannten den Sieg und war sehr wenig erbaut, zu hören, daß dazu keine Aussicht vorhanden sei, indem er zwar ganz gut schlage, sein Gegner aber allgemein für entschieden überlegen gelte.

Sie gingen nun los und paukten nicht minder schneidig als ihre Vorgänger. Obwohl ich ganz dicht dabei stand, war ich doch nicht imstande zu sehen, ob ein Hieb saß oder nicht, so blitzschnell folgten diese aufeinander. Sie schienen alle zu sitzen, der Schläger bog sich jedesmalig ganz von der Stirne aus über den Kopf des Gegners hin – aber es war Täuschung: jedesmalig fing, ehe ich es zu sehen vermochte, dessen Klinge den Hieb auf. Nach zehn Sekunden hatte jeder seinem Gegner zwölf bis fünfzehn Hiebe beigebracht und ebensoviele davongetragen, von denen jedoch keiner blutete. Dann wurde ein Schläger unbrauchbar, und es trat eine kurze Ruhepause ein bis ein frischer zur Stelle war. Bald nach Beginn des neuen Ganges hatte jeder einen schweren Kopfschmiß; beim dritten Gang erhielt der Gegner meines Bekannten noch einen solchen, während dem letzteren selbst die Unterlippe durchgehauen wurde; darauf teilte derselbe noch mehrere schwere Schmisse aus, ohne seinerseits einen nennenswerten zu erhalten. Nachdem die Mensur im ganzen fünf Minuten gedauert hatte, wurde dieselbe vom Paukarzt unterbrochen; die Verletzungen des Fordernden waren derart, daß jede weitere hatte gefährlich werden können. Er sah schauerlich aus, und ich will auf eine nähere Beschreibung lieber verzichten. So blieb wider Erwarten der Sieg meinem Bekannten.

Die vierte und fünfte Mensur verliefen so blutig, daß der Paukarzt beide nach ein paar Minuten unterbrechen mußte, um einer ernsten Gefährdung von Leben und Gesundheit der Verletzten vorzubeugen. Beim Anblick dieser klaffenden Wunden an Gesichtern und Köpfen überlief mich jedesmal ein Schauder und ich fühlte, wie mir das Blut aus den Wangen wich; trotzdem mußte ich immer und immer wieder hinschauen. Bei der letzten Mensur sah ich gerade mit an, wie dem einen die Nase aus dem Gesicht gehauen wurde; nun denkt man vielleicht, hätte ich das vorher gewußt, so würde ich nicht hingeblickt haben; aber nein – der wilde, aufregende Reiz des Kampfes wirkt unwiderstehlich. Es kommt öfters vor, daß der Zuschauer ohnmächtig wird, und das ist auch wahrlich gar nicht zu verwundern.

An den beiden letzten Paukenden hatte der Doktor so ungefähr eine Stunde zu flicken – dies sagt genug. Es war jetzt Mittag vorüber, und so benutzte die übrige Gesellschaft diese Pause, um in größter Munterkeit und Gemütlichkeit ihr Mittagsmahl an den Tischen ringsum einzunehmen; dabei hörte und sah man durch die offene Thür, wie der Doktor im Nebenzimmer drauf los schnitt, sägte und meiselte; es ließ sich jedoch offenbar niemand den Appetit dadurch verderben. Ich sah ihm eine Zeitlang dabei zu, hielt es aber nicht lange aus – der fesselnde Reiz des Kampfes fehlte hier zu sehr.

Endlich war der Doktor fertig, und die letzte Mensur des heutigen Tages begann. Augenblicklich ließen alle ihr Essen stehen und drängten sich um den Kampfplatz. Diesmal handelte es sich um eine Kontrahage, die hier ausgefochten werden sollte. Die Gegner gehörten keinem Korps an, hatten jedoch die Erlaubnis erhalten, deren Waffen zu belegen. Offenbar waren dieselben mit der Führung des Schlägers besser vertraut als mit dem Paukkomment; denn kaum hatte man ihnen die Plätze angewiesen, als sie, ohne ein Kommando abzuwarten, wie wütend auf einander loshieben, so daß unter ungeheurer Heiterkeit des ganzen Zuschauerkreises die Sekundanten schleunigst dazwischen fahren mußten. Auch dieser Mensur machte der Paukarzt bald ein Ende – und damit war denn die Tagesordnung erschöpft. Es war jetzt zwei Uhr Nachmittags und ich war seit 9½ Uhr Morgens da. Der Kampfplatz hatte sich inzwischen völlig rot gefärbt; doch mit etwas Sägemehl war dem bald abgeholfen. Vor meinem Eintreffen hatte bereits eine Mensur stattgefunden, wobei der eine zahlreiche Schmisse erhielt, während der andere ohne eine Schramme davon kam.

Zehnmal hatte ich nun mit angesehen, wie einem der jungen Leute Kopf und Gesicht kreuz und quer mit der scharfen zweischneidigen Klinge zerhauen wurde, und dabei hatte keiner auch nur einmal gezuckt oder den geringsten Laut oder ein sonstiges Zeichen des Schmerzes von sich gegeben. Das hieß doch in der Tat echte und wahre Tapferkeit beweisen. Von einem Wilden oder einem gewerbsmäßigen Preisfechter hätte man eine solche Schmerzverachtung allenfalls erwarten können, aber bei diesen unter sorgsamer Pflege aufwachsenden Jünglingen dieselbe in diesem Maße zu finden, mußte doch wirklich überraschen; und nicht etwa nur in der Aufregung des Kampfes legten sie diese Tapferkeit an den Tag; nein, auch unter den Händen des Paukarztes in dessen totenstillen einsamen Zimmer zuckte keiner mit der Wimper, und auf der Mensur hieben diese Bürschchen, nachdem sie einander mit blutenden Schmissen bedeckt hatten, noch gerade so schneidig und mutig drauf los wie zuvor.

Man betrachtet im allgemeinen diese Studentenduelle als reines Possenspiel: wohl war; faßt man aber ins Auge, daß es halbwüchsige Knaben sind, die dieselben ausfechten, und zwar mit scharfgeschliffenen Schlägern und mit ungeschütztem Kopf und Gesicht, so meine ich doch, diese Posse habe auch ihre recht ernste Seite. Vielfach lacht man darüber, weil man meint, die Studenten seien dabei so bepanzert, daß sie keine ernstliche Verletzung bekommen können. Aber dem ist nicht so: nur Äugen und Ohren sind geschützt, im übrigen ist Kopf und Gesicht völlig frei. Nicht selten muß der Paukarzt sich ins Mittel legen, weil das Leben der Verletzten sonst allen Ernstes in Gefahr käme. Beabsichtigt ist dieser Erfolg nicht, aber unglückliche Zufälle sind nicht ausgeschlossen. So ist es schon manchmal vorgekommen, daß ein Schläger abbrach und das abgebrochene Stück dem Gegner hinters Ohr flog und dort eine Arterie durchschnitt, so daß der Tod augenblicklich eintrat. Sodann waren früher die Achselhöhlen ungeschützt, während zugleich die Schläger, die jetzt vorne stumpf sind, damals spitz zugeschliffen wurden, so daß manchmal auch die Verletzung einer Arterie in der Achselhöhle zum Tode führte. Ferner fiel damals auch wohl gelegentlich einer der Umstehenden zum Opfer, wenn ein Schläger absprang und ihn das wegfliegende Stück unglücklich traf. Zur Zeit beträgt die Zahl der jährlichen Todesfälle infolge der Studentenmensuren zwei bis drei, es lassen sich solche übrigens stets auf verkehrtes Verhalten der Verletzten zurückführen. Nach allem dem ist das Studentenduell doch so blutig und mit so viel Schmerz und Gefahr verbunden, daß dasselbe eine nicht geringe Achtung beanspruchen darf.

Die Gewohnheiten und Vorschriften, die für dasselbe gelten, beruhen sämtlich auf einer edel, sinnigen, natürlichen Ritterlichkeit, die dieses würdige, kühne Kampfspiel mit einem gewissen altertümlichen Reiz umgibt und weit mehr an ein Turnier, als an ein Preisfechten gemahnt. Die Vorschriften sind ebenso eigentümlich als strenge. Z. B. darf man auf der Mensur von seinem Platze aus wohl vorgehen, wenn man will, dagegen unter keinen Umständen kneifen, d. h. zurückweichen, oder sich nur zurückbeugen, widrigenfalls der Betreffende unfehlbar wegen Feigheit aus dem Korps ausgeschlossen wird. Sogar wer auf der Mensur bei einem Schmiss nur einen Augenblick das Gesicht verzieht, wirb als ›Hasenfuß‹ von sämtlichen Kommilitonen in Verruf getan.

Wie überall, so spielt auch im Korbsessel die Gewohnheit neben dem Gesetze eine wichtige Rolle und erweist sich oft noch mächtiger als das letztere. So bestimmt der Präses aus der Zahl der Burschen, die sich noch nicht freiwillig zu einer Mensur gemeldet haben, regelmäßig einige zum Losgehen mit Angehörigen anderer Korps, und obwohl der allgemeinen Versicherung zufolge keine Vorschrift besteht, wonach diese Bestimmung angenommen werden müßte, ist mir doch von einer Ablehnung derselben niemals etwas zu Ohren gekommen. In solchem Falle würde sich der Betreffende einfach nicht länger im Korps halten können.

Ich hatte gedacht, die Verwundeten würden, nachdem sie verbunden seien, sich zurückziehen, und war deshalb höchlich verwundert, zu sehen, wie einer derselben um den anderen wieder bei der übrigen Gesellschaft im Pauklokal Platz nahm. Mein Bekannter blieb mit seiner frisch genähten und über und über bepflasterten Unterlippe noch bei den drei übrigen Mensuren zugegen und unterhielt sich in den Pausen mit uns. so schwer ihm dies wurde; auch das Essen verursachte ihm die größte Mühe, trotzdem verzehrte er während der Vorbereitung der letzten Mensur sein Mittagsmahl bis auf den letzten Bissen, während derjenige, der die schwersten Schmisse des ganzen heutigen Tages davongetragen hatte, zur selben Zeit eine Partie Schach spielte, obgleich sein Gesicht und Kopf unter Pflastern und Binden förmlich vergraben war. Offenbar sind die jungen Leute im höchsten Grad stolz auf ihre Schmisse, denn man begegnet ihnen überall in frisch verbundenem Zustand, unbekümmert um die Folgen für ihre Gesundheit. Sollen doch manche unvernünftig genug sein, ihre Schmisse im Gesicht von Zeit zu Zeit wieder aufzureißen und mit Rotwein einzureiben, damit dieselben schlecht heilen und eine möglichst sichtbare Narbe hinterlassen!

Hat ein Korpsmitglied drei Mensuren ordnungsmäßig ausgefochten, so erhält der Betreffende ein Band in den Korpsfarben, das er über der Brust trägt. Von da an braucht er weder auf Bestimmung noch freiwillig mehr loszugehen, sondern nur noch, falls er beleidigt wird. Allein kein einziger macht von diesem Rechte Gebrauch. Man sieht fast nur Korpsburschen, die das Band tragen, und dennoch kommen nach niedrigster Berechnung auf jeden solchen im Durchschnitt sechs Mensuren im Jahre. Dies zeigt am besten, welch geheimnisvollen Reiz dies kühne Kampfspiel auf die akademische Jugend üben muß – Bismarck soll, so berichtet man, seinerzeit während eines einzigen Sommersemesters nicht weniger als zweiunddreißig Mensuren ausgefochten haben! Kein Wunder auch, das es unter solchen Umständen einzelne zu einer wahren Berühmtheit in der Führung des Schlägers bringen, und solche Leute werden dann oft weithin auf fremde Universitäten eingeladen, um daselbst mit einem ebenbürtigen Gegner in die Schranken zu treten.

Doch hinweg von diesen harmlosen Studentenscherzen!

Wie so oft im Leben heiterer Scherz und tragischer Ernst sich merkwürdig nahe berühren, so trat auch an mich bald darauf die Notwendigkeit heran, einem echten Zweikampf beizuwohnen – einem Zweikampf ohne weibische Schutzvorkehrungen, auf Tod und Leben. Ich will denselben im folgenden Kapitel beschreiben, und daraus wird der Leser inne werden, welch himmelweiter Unterschied besteht zwischen einer possenhaften studentischen Paukerei und einem ernsthaften Zweikampf zwischen Männern!

II.

Die wahre Geschichte des Duells zwischen Gambetta und Fourtou.

(1878.)

Wie sehr man sich auch von allen Seiten über die Einrichtung des französischen Duells lustig machen mag, es ist und bleibt in Wirklichkeit eines der ungesundesten Dinge der Welt. Da es unter allen Umständen im Freien ausgefochten wird, so können die jedesmaligen Gegner darauf schwören, dass sie sich aufs Gründlichste erkälten. Paul von Cassagnac, der eingefleischteste Gewohnheitspaukant des derzeitigen Frankreichs, hat auf diese Weise so häufig zu leiden gehabt, dass er nachgerade ein ausgesprochener Invalide ist. Die besten Ärzte von Paris sind sich vollständig einig darin, das, wenn er sich nur noch fünfzehn oder zwanzig Jahre so fort duelliert, ohne den Schauplatz seiner Mensuren von allerlei Wäldern und Sümpfen nach einem eigens dazu hergerichteten, behaglichen, geschlossenen Raum zu verlegen, er leicht sein Leben gefährden könne. Diese Tatsache sollte genügen, um allen den Mund zu stopfen, welche das französische Duell deswegen für einen besonders gesunden Sport halten, weil es stets unter offenem Himmel stattfindet und den Genuß der freien Luft mit allen Vorteilen körperlicher Bewegung vereinigt. Die andere unsinnige Behauptung, daß die französischen Duellanten infolge dessen unsterblich seien, würde dann von selbst verstummen.

Doch zur Sache! Vom ersten Augenblick an, da ich von dem jüngsten Aufeinanderplatzen der Herren Gambetta und Fourtou in der französischen Kammer hörte, waren mir die ernstlichen Folgen klar. Eine lange intime Bekanntschaft mit Herrn Gambetta hatte mir das unversöhnliche und verzweifelte Wesen dieses Mannes enthüllt. Ich wußte, daß das Verlangen nach Rache ihn bis zu den äußersten Spitzen und Ausläufern seiner Persönlichkeit, welche bekanntlich von bedeutendem Umfang ist, durchdringen würde.

Ich wartete nicht, bis er zu mir kam, sondern suchte ihn sofort in seiner Wohnung auf. Wie ich erwartet hatte, fand ich den ritterlichen Staatsmann im unerschütterlichsten französischen Gleichmut. Er raste zwischen den zu Trümmern geschlagenen Möbeln seines Zimmers hin und her, und ab und zu hielt er inne, um solche Stücke, die ihm noch nicht klein genug erschienen, mit dem Fuße emporzuschleudern. Zwischen seinen Zähnen knirschte ein Sprühregen von fragmentarischen Flüchen und Verwünschungen hervor. Gelegentlich fuhr er sich auch mit beiden Händen in die Haare, um eine Faust voll davon auszureißen und sie auf den Tisch zu legen, wo sich bereits eine ganze Pyramide davon auftürmte.

Er schleuderte seine ausgebreiteten Arme um meinen Hals, riß mich über seinen Bauch hinweg an sein Herz, küßte mich auf jede Wange, hob mich fünf- oder sechsmal vom Fußboden empor und trug mich dann in ein andres Zimmer, wo sich noch ganze Möbel befanden, um mich dort in seinen eigenen Armsessel halb niederzusetzen, halb fallen zulassen. Sobald ich meinen Atem wiedergewonnen, kam ich sofort zum Geschäft.

Ich sagte ihm, ich hätte vorausgesetzt, dass er mich zum Sekundanten zu haben wünsche; worauf er sich abwendete und mit einer Stimme, die teils vor freundschaftlicher Bewegung, teils vor Kampflust zitterte, entgegnete: »Ich wußte es wohl!« Dann erklärte ich ihm, dass ich ihm diesen Dienst nur unter einem angenommenen französischen Namen leisten könne, um im Falle eines für ihn tödlichen Ausganges vor den Verwünschungen meiner Landsleute gesichert zu sein. Bei diesen letzten Worten zuckte er zusammen – wahrscheinlich weil er aus denselben entnahm, dass man in Amerika das Duell verwerfe. Er ließ mich jedoch diese Unritterlichkeit meines Vaterlandes nicht entgelten und gab sich mit meiner Bedingung zufrieden. Es wird jetzt jedermann erklärlich sein, das es in den Zeitungsberichten allgemein hieß, Herrn Gambettas Sekundant sei anscheinend ein Franzose gewesen.

Hierauf schlug ich ihm vor, sein Testament aufzusetzen. Ich bestand umsomehr darauf, als er in seinem blinden Kampfeifer gar nicht zu wissen schien, daß ein Duell, außer der tödlichen Haupthandlung selbst, auch noch allerlei unerläßliche Nebensachen bedinge. Nachdem ich nach längerem Streiten meinen ersten und seinen letzten Willen endlich durchgesetzt hatte, wünschte er verschiedene ›Abschiedsworte‹ niederzuschreiben, um das passendste davon für seinen letzten Augenblick auszuwählen.

»Wie würde sich,« fragte er, »vom rein deklamatorischen Standpunkt aus der nachstehende Satz zu diesem Zweck eignen: Ich sterbe für meinen Gott, für mein Land, für die Freiheit der Rede, für den Fortschritt und für die allgemeine Verbrüderung der Menschen«?«

Ich entgegnete, daß diese Phrase einen sehr langsamen Tod erfordern würde; daß sie für einen an der Auszehrung Erlöschenden vortrefflich sei; daß sie aber dem Bedürfnis eines von jäher Kugel Hingestreckten durchaus nicht entspräche. Nachdem wir in ähnlicher Weise noch über eine ganze Anzahl weiterer Antemortem-Ausbrüche verhandelt hatten, brachte ich ihn endlich dazu, sein ›Letztes Wort‹ auf den Satz: »Ich sterbe, damit Frankreich lebe!« zusammenzustreichen, den er auch sofort, um ihn auswendig zu lernen, in sein Notizbuch schrieb. So gut mir der Satz auch an sich gefiel, so konnte ich doch die Bemerkung nicht unterdrücken, daß er eigentlich keine Beziehungen zu den vorliegenden Thatsachen habe, worauf er mich mit den Worten beruhigte, daß es darauf bei ›Letzten Worten‹ gar nicht ankomme, sondern daß es sich dabei lediglich um eine packende Phrase handle.

Sodann kamen wir zur Waffenfrage. Kaum war das Wort ›Waffen‹ meinerseits gefallen, als auch mein Freund die Hand auf den Leib legte und mir sagte, er fühle sich nicht ganz wohl und überlasse sowohl diese, wie alle noch zu erledigenden Einzelheiten ganz mir. Ich wußte diese Gleichgültigkeit gegen Dinge von möglicherweise so verhängnisvoller Tragweite nach Gebühr zu schätzen und zu bewundern, und machte mich sofort an die Abfassung der nachstehenden, an die Adresse von Herrn Fourtous Vertrauensmann gerichteten Zuschrift:

»Mein Herr! Herr Gambetta nimmt Herrn Fourtous Forderung an und beauftragt mich, Plessis le Piquet als Platz des Zusammentreffens vorzuschlagen. Zeit: Morgen früh bei Tagesgrauen. Waffen: Äxte. Ich bin mit Hochachtung der Ihrige
Mark Twain.«

Der größeren Sicherheit halber trug ich diesen Brief selbst zu Herrn Virtuos Freund. Er las und schauderte. Dann wendete er sich zu mir und sagte mit strengem Ton:

»Und haben Sie auch in Erwägung gezogen, was das unvermeidliche Ergebnis eines derartigen Zusammentreffens sein würde?«

»Zum Beispiel was?«

»Blutvergießen!«

»Das sollte es wohl sein! Was, wenn ich fragen darf, wäre Ihre Absicht, zu vergießen, wenn nicht Blut?«

Damit hatte ich ihn fest. Er sah, dass er sich verrannt hatte, und beeilte sich, seinen Mißgriff hinwegzuerklären. Er habe nur im Scherz gesprochen, und setzte hinzu, sein Auftraggeber würde über Äxte entzückt sein und sie jeder anderen Waffe vorziehen, wenn dieselben nicht unglücklicherweise durch den französischen Ehrenkodex ein für allemal ausgeschlossen seien. Ich müsse mich deshalb zu einem anderem Vorschlag entschließen.

Ich ging ein paarmal auf und nieder und überlegte, wozu ich mich entschließen sollte. Es war das angesichts der Wucht des vorliegenden Falles keine Kleinigkeit. Plötzlich schoß mir der rettende Gedanke durch den Kopf, dass Galioten-Kanonen sehr wohl dazu angetan seien, auf fünfzehn Schritt selbst eine so gewichtige und verwickelte Ehrenfrage für immer zu lösen, und formulierte diesen Gedanken sofort zu einem neuen Vorschlag. Aber auch damit sah ich mich zurückgewiesen, und wieder war es der französische Ehrenkodex, welcher mir im Wege stand. Hierauf sprach ich mich für Chassevotgewehre, sodann für doppelläufige Flinten und schließlich für Kavallerierevolver aus. Eins nach dem anderen wurde zurückgewiesen, und nachdem ich halb erschöpft eine weitere halbe Stunde nachgedacht hatte, schlug ich, von plötzlichem sarkastischem Mutwillen übermannt, Ziegelsteine auf dreiviertel Meilen vor.

Von jeher ist mir nichts widerwärtiger gewesen, als einen guten oder schlechten Witz an einen Menschen zu verschleudern, der für keines von beiden das leiseste Verständnis hat. Ich bin daher noch heute außer stande, den Ingrimm zu beschreiben, welcher mich erfaßte, als ich den Mann im vollsten Ernst mit dem Kopf nicken und hinweggehen sah, um meinen letzten Vorschlag Herrn Fourtou zu unterbreiten. Nach einigen Minuten erschien er wieder und meldete mir, ohne mit einer Wimper zu zucken und in der geschäftsmäßigsten Weise der Welt, daß sein Duellant von der Idee mit den Ziegelsteinen auf dreiviertel Meilen ganz begeistert sei, und daher umsomehr bedaure, darauf verzichten zu müssen aus Rücksicht für die ganz und gar unschuldigen und an der Sache unbeteiligten Personen, welche zur Zeit des Duells nicht umhin könnten, zwischen den beiden Kämpfern hindurch zu gehen. Ich mußte ihm recht geben, ohne jedoch fähig zu sein, noch einen weiteren Vorschlag zu machen.

»Ich bin jetzt mit meiner Weisheit zu Ende,« sagte ich zusammenknickend. »Vielleicht würden Sie so gut sein und mir irgend eine Waffe namhaft machen, welche der Würde dieses historischen Vorgangs ebenso entspräche, wie dem unverkennbaren Wunsch der beiden Gegner, einander zu töten. Vielleicht fällt Ihnen eine solche ein – oder haben wohl Sie schon die ganze Zeit über eine im Auge gehabt?«

Sein Antlitz verklärte sich und er rief mit aufatmender Bereitwilligkeit:

»Gewiß, mein Herr! Bei der großen Rolle, die der Ehrenpunkt im öffentlichen französischen Leben spielt, sind wir stets für solche Fälle gerüstet.« Und er begann mit Fingern und Händen, welche vor Aufregung zitterten, eine Jagd durch seine Taschen – eine Hetze von Tasche zu Tasche, welche ihn über das ganze Revier seines Anzuges führte, deren Erfolglosigkeit jedoch zuletzt in den mehrfach gemurmelten Worten: »Was habe ich nur damit angefangen?« ihren Ausdruck fand. Aber er ließ sich durch diese ersten verfehlten Versuche nicht einschüchtern, und so gelangte er schließlich in einen innern weltentlegenen Schlupfwinkel von Westentäschchen, aus dem er triumphierend ein paar kleine Dinge herauszog, die ich ans Fenster trug und in der dort herrschenden besseren Beleuchtung als dem Geschlecht der Pistolen angehörend erkannte. Es waren einläufige Terzerole, ganz und gar mit Silber beschlagen und wirklich die niedlichsten und zierlichsten Spielzeuge dieser Art, welche ich je gesehen. Ich war vor Erstaunen sprachlos. Da ich aber doch eine Meinung äußern mußte, so nahm ich die eine der beiden angeblichen Pistolen und befestigte sie an meiner Uhrkette. Die andere gab ich dem Sekundanten des Herrn Fourton zurück, welcher sie in seinem Portemonnaie in Sicherheit brachte. Gleichzeitig entnahm er demselben eine zusammengelegte Briefmarke, faltete sie auseinander und brachte ein paar kleine, pillenartige Gebilde zu Tage, von denen er eines mit dem Bemerken, daß dies die dazu gehörende Patrone sei, im Innern meiner hohlen Hand verschwinden ließ. Ich fragte meinen Verbrechensgenossen, ob er gesonnen sei, unseren Duellanten nur je einen Schuß zu erlauben, worauf er mir erwiderte, daß der französische Ehrenkodex nicht mehr gestattete. Hierauf ersuchte ich ihn, die Entfernung zu bestimmen, drückte mich jedoch, da unter dem Eindruck unsrer Verhandlungen meine geistige Klarheit getrübt zu werden begann, so dunkel aus, daß ich von ›Schritten‹ sprach und Zahlen, wie ›drei‹ und ›fünf‹ fallen ließ. Erst als ich ihn ohne jede vorgreifende Bestimmung meinerseits einfach bat, seine Distanz zu nennen, verstand er mich und sagte mit dem Tone eines Mannes, welcher die ungeheure Verantwortlichkeit, die er damit auf sich nahm, voll empfand: »Fünfundsechzig Meter!«

Das brachte mich insofern wieder zu mir, als ich die Geduld verlor. Ich rief:

»Fünfundsechzig Meter – mit diesen Säuglingspistolen da? Geladene Zahnstocher würden auf fünfzig Meter tödlicher sein. Vergessen Sie denn ganz, mein Herr, daß Sie und ich dazu berufen sind, den gegenseitigen Mord unsrer Auftraggeber zu vermitteln, oder doch wenigstens denjenigen des einen mit allen Kräften sicher zu stellen, – und nicht dazu, beide mit Gewalt unsterblich zu machen!«

Aber mit aller Überredungskunst und selbst aller Heftigkeit vermochte ich nicht, mehr von ihm zu erreichen, als eine Verminderung der Entfernung auf fünfunddreißig Meter, und selbst dieses Zugeständnis wurde mit höchstem Widerstreben und einem Gesicht gemacht, als sei es der Mord in seiner hoffnungslosesten Gestalt, der durch dieses Nachgeben besiegelt würde.

»Ich wasche meine Hände in Unschuld – die Schlächterei komme auf Ihr Haupt!«

Damit waren wir fertig und ich konnte zu meinem Löwen in dessen Höhle zurückkehren, um ihm das demütigende Ergebnis meiner Verhandlungen mitzuteilen. Als ich eintrat, schleuderte Herr Gambetta eben seine letzte Locke auf die zur Höhe von anderthalb Fuß von ihm emporgeraufte Haarpyramide, von welcher ich bereits gesprochen. Mit einem Satz sprang er mir bis zur Schwelle entgegen:

»Sie haben die Todesveranstaltungen getroffen – ich lese es in Ihren Blicken!«

»Ich habe mein Bestes versucht –«

Er erblaßte, als ob er die ganze Beschämung ahne, welche ich für ihn in Bereitschaft hatte, und lehnte sich, um seiner bevorstehenden Entrüstung besser Herr werden zu können, gegen den Tisch. Nach ein paar schweren Atemzügen flüsterte er heiseren Tones:

»Die Waffen, die Waffen! Schnell! Was für Waffen hat man gewählt?«

»Diese hier,« rief ich, indem ich mich aufraffte und allen weiteren Umschweifen dadurch aus dem Wege ging, daß ich ihm meine Uhrkette mit ihrem kleinen silberbeschlagenen Anhängsel hinhielt. Er warf nur einen Blick darauf, dann stürzte er schwer und massig zu Boden. Das ganze Zimmer teilte seine Erschütterung. Ich wollte eben Hilfe herbeiholen, als er zum Glück auch schon wieder zu sich kam und die Worte ausstieß:

»Die unnatürliche Ruhe, welche ich mir bisher aufgezwungen habe, hat meine Nerven erschöpft. Jetzt fort mit aller Schwäche! Ich will meinem Schicksal die Stirn bieten, wie ein Mann und Franzose!«

Er erhob sich und nahm, nachdem er nicht ohne Kampf das Gleichgewicht gewonnen, eine Stellung an, deren Erhabenheit nie von einem andern Menschen erreicht und nur in ein paar Ausnahmefällen von Statuen übertroffen worden ist. Dann sagte er in seinem tiefen Ton, der ihm, so oft er desselben bedarf, so wunderbar zu Gebot steht:

»Sie sehen, ich bin ruhig, ich bin bereit. Nennen Sie mir die Entfernung!«

»Fünfunddreißig Meter!« sagte ich halblaut und die Augen niederschlagend.

Selbst in dieser beschwichtigenden Weise vorgebracht, traf ihn meine Enthüllung auf das Fürchterlichste. Diesesmal blieb er länger liegen. Da ich mit meiner einfachen Menschenkraft außer stande war, den gestürzten Herkules aufzuheben, rollte ich den Halbgott derartig herum, daß er auf den Bauch zu liegen kam, worauf ich ihm Wasser zwischen Hals und Rockkragen goß, welches bald das ganze Gebiet seines Rückens nebst den dazu gehörigen Hinterländern überrieselte und ihn wieder zu sich brachte.

»Fünfunddreißig Meter!« stöhnte er. »Und ohne jede Zugabe, wie sie bei jedem ordentlichen Ellengeschäft selbstverständlich ist!? Doch wozu fragen? Da einmal Mord die eingestandene Absicht des Mannes ist – warum sollte er sich mit solchen Kleinigkeiten abgeben? Aber merken Sie sich eins: Die Welt wird in meinem Fall ein Beispiel von dem erleben, was französische Ritterlichkeit unter Sterben versteht.«

Nach einem längeren und peinlichen Stillschweigen fragte er:

»Kam denn nicht wenigstens der Umstand zur Sprache, daß jener Mann zwar Familienvater ist, wogegen ich eine ganz andere Körpermasse in die Wagschale lege? Meinetwegen, es kann nicht meine Sache sein, auf diesen Vorteil hinzuweisen, den er vor mir voraus hat. Wenn er nicht selbst so viel Anstand hat, wohlan, so möge er sich einen Umstand zu nutze machen, von welchem kein Ehrenmann profitieren sollte, ohne zu erröten!«

Er sprach es mit unbeschreiblicher Bitterkeit. Dann versank er in eine Art dumpfen Brütens, welches ihn trefflich kleidete und das mehrere Minuten dauerte. Nach Ablauf desselben machte er eine erneute Anstrengung, etwas Unerhörtes mit der Fassung eines Helden hinzunehmen, indem er fragte:

»Und die Stunde? Welche Stunde ist bestimmt, das Zusammentreffen noch verhängnisvoller zu machen, als es an sich schon ist?«

»Morgen früh, beim Tagesgrauen.«

»Ich war darauf gefaßt,« rief er. »Aber ich sage Ihnen, es ist ein Wahnsinn. In meinem ganzen Leben habe ich mich zu einer solchen Tageszeit noch nicht töten lassen. Es ist eine Stunde, zu welcher ja noch nicht ein einziger Mensch draußen ist!«

»Eben deswegen wählte ich sie. Oder – verstehe ich Sie recht – wünschen Sie eine Zuschauerschaft zu haben?«

»Es ist keine Zeit zu müßigen Fragen. Ich begreife nicht, wie Herr Fourtou sich bereit finden lassen konnte, einer solchen Neuerung seine Zustimmung zu geben. Gehen Sie augenblicklich zurück zu ihm und bestehen Sie auf einer späteren Stunde!«

Ich eilte die Treppe hinunter und öffnete eben die Hausthüre, um auf die Straße zu treten, als ich dem Vertrauensmann des Herrn Fourtou fast in die Arme stürzte. Er sagte:

»Ich komme, um Ihnen mitzuteilen, daß mein Freund auf das allerentschiedenste gegen die gewählte Stunde Einsprache erhebt und um Ihre Zustimmung ersucht, daß dieselbe auf halb zehn verlegt werde.«

Ich machte unwillkürlich ein Gesicht, als zwänge man mich, in einen Apfel von unberechenbarer Säure zu beißen. Nachdem ich jedoch Herrn Fourtous Sekundanten etwa fünf Minuten mit steigender Ängstlichkeit an meinen Mienen hatte hängen lassen, verbeugte ich mich und sagte:

»Eine jede Gefälligkeit, welche wir Ihnen erweisen können, sei hiermit Ihnen und Ihrem ausgezeichneten Freunde zugestanden. Wir stimmen der gewünschten Verlegung der Stunde um so lieber zu, als dieselbe ja mit dem unvermeidlichen Schlußergebnis des Zusammentreffens nichts zu thun hat.«

»Darf ich Sie bitten, den Dank meines Auftraggebers entgegenzunehmen?« Er wartete keine Antwort ab, sondern kehrte sich um und rief einem dicht hinter ihm stehenden Herrn zu: »Liebster Noir, haben Sie es gehört, die Zeit ist auf halb zehn festgesetzt – auf halb zehn!« Worauf Herr Noir sich mit ein paar gemurmelten Dankesworten verneigte und davonschoß. Mein Mitsekundant wendete sich wieder mir zu.

»Wenn es Ihnen genehm ist, können sich Ihre Hauptärzte und die unsrigen in einer und derselben Kutsche nach der Kampfstätte begeben. Eine alte Sitte will es so.«

»Auch ohne die alte Sitte würde mir das vollkommen passen. Es ist genug, daß die beiden Gegner einander als tödliche Feinde gegenüberstehen; warum sollte auch noch zwischen den nur indirekt Beteiligten ein Abgrund des Mordes aufgähnen? Aber wenn ich recht hörte, sprachen Sie von Hauptärzten auf beiden Seiten. Darf ich fragen, wie viele davon ich für uns zu besorgen habe? Werden zwei oder drei genügen?«

»Zwei für jede Partie ist die übliche Anzahl. Ich meinte jedoch damit nur die ›Hauptärzte‹. Was die bei der hohen Stellung der Duellanten unerläßlichen konsultierenden Ärzte anlangt, so wünsche ich Sie in Betreff der Zahl derselben durchaus nicht zu beschränken, sondern möchte nur den Wunsch aussprechen, daß Sie aus den höchsten Zierden der Pariser Wissenschaft auswählen. Dieselben haben nicht in gemeinsamen Wagen zu fahren, sondern pflegen sich ihrer eigenen Equipagen zu bedienen. Und nun noch eine wichtige Frage – haben Sie bereits den Leichenwagen engagiert?«

»Der Himmel erleuchte meinen vergeßlichen Kopf!« rief ich beschämt aus. »Aber ich habe wahrhaftig nicht daran gedacht. Dafür soll es auch jetzt das Allernächste sein, was ich besorge. Sie müssen schon Nachsicht mit mir haben, und ich fürchte allen Ernstes, daß meine Unwissenheit und Vergeßlichkeit Ihnen bereits mehr als ein innerliches Lächeln entlockt hat. Versuchen Sie den Mantel christlicher Liebe und den Schild französischer Ritterlichkeit darüben zu decken. Es ist das erstemal, daß ich etwas mit einem hochzivilisierten Duell im Herzen der modernen Kultur zu thun habe. Ich habe reichliche Duellerfahrungen an der pazifischen Küste, in Kalifornien und Nevada gesammelt, aber ich sehe erst jetzt, wie roh und primitiv die Menschen dort in der Erledigung ihrer Ehrenhändel sind. Ein Leichenwagen – pah! Wir waren gewohnt, die Toten, welche dort bei keinem Zweikampf ausbleiben, zerstreut, wie sie gefallen waren, liegen zu lassen und ihre Fortschaffung denen anheimzugeben, die gerade ein Interesse daran hatten. Haben Sie mich noch auf etwas aufmerksam zu machen?«

»Auf nichts; es sei denn, daß auch die beiden Haupttotengräber, wie die beiden Hauptärzte, in einem Wagen sich dem Zuge nach der Wahlstatt anzuschließen haben. Deren Gehilfen können gehen und die Prozession zu Fuß beschließen. Ich selbst werde Sie morgen um 8 Uhr abholen und mit Ihnen die Reihenfolge des Zuges anordnen. Bis dahin habe ich die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.«

Nachdem ich meine Geister, von welchen ich fühlte, daß sie mir mehr und mehr entschlüpften, ein wenig gesammelt hatte, stieg ich zu Herrn Gambetta empor. Er schien sich in den Gedanken an alle möglichen weiteren Zumutungen demütigender Natur ergeben zu haben und fragte nur:

»Wann hat die Tragödie zu beginnen?«

»Um halb zehn!«

Er atmete auf, offenbar, weil ich nicht ›um zwölf Uhr‹ geantwortet hatte, zu welcher Zeit eine Störung durch das alsdann noch zahlreicher ausgerückte Publikum ganz unvermeidlich gewesen wäre. Um so befremdender war es mir, daß er in selbem Atem hinzusetzte:

»Haben Sie die Zeitungen benachrichtigt?«

»Herr!« rief ich mit unwillkürlicher, nicht zurückzudrängender Indignation. »Wie können Sie mich nach unserer langen und herzlichen Freundschaft einer solchen Verräterei für fähig halten?«

»Pst, Pst!« machte er beschwichtigend. »Habe ich Sie verletzt? Ach, ich sehe es wohl, ich überbürde Sie mit Aufträgen. Vergessen Sie, was ich da eben sagte, und begnügen Sie sich mit den übrigen Punkten Ihrer Liste. Übrigens wird der Bluthund von Fourtou schon dafür gesorgt haben. Im Notfalle könnte ich es auch allein – ja ich will es sogleich selbst thun – eine Zeile an Herrn Noir genügt –«

»Noir?« unterbrach ich ihn. »Die Mühe können Sie sich ersparen. Herr Noir ist soeben von dem andern Sekundanten unterrichtet worden und befindet sich mit der Neuigkeit bereits auf dem Wege zu allen Redaktionen.«

»Hm, – das hätte ich wissen können. Es sieht diesem Fourtou ganz und gar ähnlich, aus einem Ehrenhandel eine öffentliche Komödie zu machen.«

 

Wenige Minuten vor halb zehn Uhr näherte sich am andern Tage ein feierlicher Zug in der nachstehenden Ordnung dem Felde von Plessis le Piquet. Zuerst unser Wagen mit dunkeln Vorhängen, welche sorgfältig so weit zugezogen waren, daß man Herrn Gambetta noch recht gut von außen erkennen konnte. Er hatte niemanden bei sich, als mich und eine weiße Rosenknospe im Knopfloch. Nach uns eine ähnliche Kutsche mit Herrn Fourtou und seinem Sekundanten. Hierauf ein Wagen mit zwei dichterischen Rednern aus der Schule Viktor Hugos, welche dicke Manuskripte für den Fall einer auf offenem Felde zu improvisierenden Leichenrede bei sich hatten. Dann der Wagen mit den Hauptärzten und mächtigen Kasten voll chirurgischer Instrumente. Ferner acht Kutschen mit konsultierenden Ärzten und Wundärzten. Hierauf die beiden Leichenwagen mit sechs Pferden bespannt, denen die Kutsche mit den Totengräbern folgte. Und endlich die lange Reihe der Gehilfen der letzteren, welchen sich eine unabsehbare und stets wachsende Menge von Bummlern, anständigen Spaziergängern, persönlichen Freunden der Duellanten, Berichterstattern und Polizisten angeschlossen hatte. Leider lag ein brettdichter Nebel über der Landschaft, welcher von dem Zug nie mehr als ein paar Meter auf einmal erkennen ließ. Bei etwas reinerem Wetter wäre es ein wahrhaft großes und erhebendes Schauspiel gewesen.

Ein allgemeines Schweigen herrschte. Ich versuchte einigemale, mit meinem Freunde zu sprechen. Aber er bemerkte es nicht, so sehr war er in sein Notizbuch vertieft, über welches gebeugt er von Zeit zu Zeit die Worte murmelte: »Ich sterbe, damit Frankreich lebe!«

Als wir an der Wahlstatt angekommen waren, war mein erstes, daß ich durch den jetzt völlig greifbar gewordenen Nebel auf eine Entdeckungsreise nach dem andern Sekundanten ausging und nach seiner glücklichen Auffindung mich mit ihm daran machte, die Entfernung von fünfunddreißig Metern abzuschreiten. Daß dies bei dem herrschenden Wetter zu einer ganz nichtssagenden Förmlichkeit herabsank, konnte uns in dem Ernst, womit wir uns ihrer entledigten, nicht stören. Nachdem wir mit dem Abmessen der Distanz fertig waren, begab ich mich zu Herrn Gambetta und fragte ihn, ob er bereit sei. Er schien mich zuerst durch den dicken Nebel hindurch nicht zu verstehen, dann, als er mich verstand, dehnte er sich zu seiner vollen Weite aus und rief mit starker, selbst den am fernsten Stehenden vernehmlicher Stimme:

»Fertig! Man lasse die Batterien laden!«

Das Laden wurde in der Gegenwart von zwei fachmännischen Zeugen, nachdem sie sich mit ihren Augengläsern von der Existenz und Beschaffenheit der beiden Patronen überzeugt hatten, besorgt. Wegen der uns umgebenden Nebelnacht waren wir gezwungen, uns der Hilfe einer von unserer Kutsche herbeigeholten Laterne zu bedienen. Als wir endlich fertig geworden waren und eben an das blutige Werk schreiten wollten, verursachte die Polizei eine Störung. Sie hatte die Entdeckung gemacht, daß das Publikum von allen Seiten in den eigentlichen Bannkreis des Kampfplatzes eingedrungen war und bat deshalb um Erlaubnis, vor Beginn des Schießens diese guten und völlig unschuldigen Leute in Sicherheit bringen zu dürfen. Es wurde bewilligt und die Sicherheitsbeamten teilten die zahllose Zuschauermenge in zwei Hälften, von denen sie die eine dicht hinter Herrn Gambetta, die andere dicht hinter Herrn Fourtou zusammentrieben.

Da es immer finsterer wurde, hatten mein Gegensekundant und ich verabredet, unmittelbar vor dem verhängnisvollen Zeichen ein Hallo-Hoh auszustoßen, damit jeder von den Duellanten ungefähr wisse, wo sich sein Gegner befände. Nachdem dies geschehen, begaben wir uns zu unsern beiderseitigen Kämpfern. Ich fand den meinigen, den ich so mutvoll verlassen, im vollsten Kampf mit der ihn umgebenden Dunkelheit und einer inneren Verfassung, welche kaum weniger finster war. Ich that mein Bestes, ihn aufzurichten, indem ich ihm versicherte, daß trotz dieses abscheulichen Nebels, in den wir uns verrannt hatten, doch ganz Frankreich auf ihn blicke. »Und dann,« setzte ich tröstend hinzu, »die Dinge sind gar nicht so schwarz, wie sie aussehn. Die Beschaffenheit der Waffen, die verhältnismäßig beschränkte Zahl der Schüsse, die rücksichtsvolle Entfernung und die Gediegenheit dieses sonst so unzeitgemäßen Nebels lassen im Verein mit der weiteren Thatsache, daß der eine Gegner einäugig ist, während der andre schielt und kurzsichtig ist, immerhin die Annahme zu, daß dieser Zweikampf nicht absolut tödlich ausfallen muß. Es liegt sogar die Möglichkeit vor, daß Sie beide das Duell überleben. Fort daher mit dieser letzten Anwandlung von Schwäche, und seien Sie ganz wieder, was Sie sind!«

Diese Worte machten sichtlichen Eindruck. Wieder dehnte sich mein Mann zu seiner ganzen Massenhaftigkeit aus und rief, die Hand ausstreckend:

»Ich bin wieder ich selbst! Man gebe mir das tödliche Geschoß!«

Ich legte es in die weite Innenfläche dieser fleischigen Riesenhand, welche bestimmt war, einst die Zügel der republikanischen Regierung Frankreichs zu führen. Er bückte sich darüber hin und schauderte.

»Ach,« murmelte er, »mein Freund, es ist nicht der Tod, den ich fürchte, sondern die Verstümmlung!«

Aufs neue sprach ich ihm Mut ein und wieder mit solchem Erfolg, daß er in die Worte ausbrach:

»So beginne denn die Tragödie! Stellen Sie sich hinter mich und stemmen Sie sich gegen meinen Rücken. Der Boden ist hier von dem feuchten Wetter so schlüpfrig, und wir stehen beide zusammen ungleich fester in einer so feierlichen Stunde der Geschichte Frankreichs, mein Freund!«

Ich sagte ihm dies zu, dann richtete ich seinen Arm mit der erhobenen Pistole auf die Stelle im Nebel, wo ich unsern Gegner vermutete. Ich ermahnte ihn, genau auf das Hallo-Hoh des Gegensekundanten zu hören und die Richtung seiner Pistole danach zu verändern, wenn es nicht von der Stelle käme, wo wir hinhielten. Hierauf trat ich hinter ihn, stemmte mich mit aller Kraft gegen seinen gigantischen Rücken und stieß mein verabredetes Hallo-Hoh aus. Es wurde prompt von irgend woher im Nebel beantwortet, und nun klang das Kommando:

»Eins – zwei – drei – Feuer!«

Zwei Detonationen, welche genau so klangen, als habe einer unsrer amerikanischen Hinterwäldler zweimal hintereinander seinen Tabakssaft auf einen glühenden Ofen geschleudert, verloren sich im Nebel, und gleich danach brach Herr Gambetta mit solcher Wucht zusammen und über mich herein, daß mir Hören, Sehen und Atmen verging. Begraben und regungslos, wie ich lag, hörte ich nur, wie sich aus dem über mir zusammengeballten Fleischberg unverständliche Töne hervorarbeiteten, welche endlich bestimmter wurden und schließlich wie die Worte klangen: »Ich sterbe – ich sterbe für das – zum Teufel, wo ist mein Notizbuch? ich – sterbe – ja für was nur? – für Frankreich – Frankreich, so ist’s! – Ich sterbe, damit Frankreich lebe!«

Im nächsten Augenblick umschwärmte uns eine ganze Wolke von Ärzten und Totengräbern, von denen die ersteren mit zahllosen Händen, Instrumenten und Augengläsern Herrn Gambettas ganze Oberfläche abjagten, um die Wunde zu finden, welcher Frankreich das Leben verdanken sollte. Nur zu bald überzeugten sie sich, daß nichts derartiges vorhanden war, und nachdem man mich unter meiner lebenden Last hervorgezogen und diese auf ihre beiden Beine gestellt, folgte eine Scene, deren Schilderung einer andern Dichterkraft würdig ist, als sie meiner schwachen und überdies etwas pessimistischen Feder innewohnt.

Die beiden Duellanten fielen sich unter einer Flut von Thränen des Stolzes und der Freude um die Hälse. Der andre Sekundant hatte keine Augen und kein Erbarmen für meinen Zustand und umarmte mich gleichfalls. Die Ärzte, die Totengräber, die Leichenredner, die Polizisten, das ganze Publikum – alles umarmte sich, und ein Jubel erfüllte den Nebel, daß selbst dieser gerührt wurde, sich verzog und die Sonne auf das herrliche Schauspiel, dessen tragischere Hälfte er ihr so wohlmeinend entzogen hatte, ungehindert herabblicken ließ.

Obgleich ich eine Empfindung hatte, als ob während der kurz vorhergegangenen Minuten alle Rippen und Knochen meines Leibes gebrochen worden seien, konnte ich doch den beseligenden Gedanken nicht unterdrücken, daß es schöner sein müsse, der Held eines französischen Duells zu sein, als selbst ein gekrönter und beszepterter Monarch.

Nachdem die allgemeine Aufregung ein wenig nachgelassen hatte, hielten die anwesenden Ärzte eine Massenversammlung ab, deren Zweck eine Konsultation über die Verletzungen war, welche ich erlitten hatte. Nach einer halben Stunde kamen sie zu dem Schluß, daß dieselben bei guter Pflege und gewissenhafter Behandlung nicht unbedingt tödlich seien. Am ernstlichsten waren die inneren Beschädigungen, welche ich davongetragen hatte, was sich freilich erst herausstellte, als ich nach Paris zurückgekehrt war und meinen eigenen Arzt hatte rufen lassen, welcher die Entdeckung machte, daß eine von den drei gebrochenen Rippen meinen linken Lungenflügel durchbohrt habe, während von meinen übrigen Organen mehrere unter dem Drucke sich verschoben hätten, so daß es sehr zweifelhaft sei, ob sie jemals lernen würden, ihre natürlichen Funktionen an so ungewohnten Stellen auszuüben. Auf dem Duellplatz selbst hatte man sich begnügt, mir den an zwei Stellen gebrochenen rechten Arm in einen Notverband zu legen, das verrenkte linke Knie wieder einzurichten, und die aus meiner Nase schießenden Blutströme, von denen auch mein Gegensekundant bei seiner Umarmung auf das reichlichste profitiert hatte, zu stillen. Obgleich mir dabei einigemale das Bewußtsein verging, fühlte ich mich doch unwillkürlich durch das allgemeine Interesse, welches ich einflößte, gerührt, und das stolze Bewußtsein, der erste und einzige Mann zu sein, welcher seit Jahren bei einem französischen Duell ordentlich verwundet worden war, gab mir Kräfte, alle Schmerzen siegreich zu überstehen.

Seitdem gehe ich langsam der Genesung entgegen, obgleich ich noch heute nicht so weit bin, diese harmlosen, aber wahrhaften Aufzeichnungen niederzuschreiben. Ich muß sie diktieren. Im übrigen bin ich von Aufmerksamkeiten erdrückt worden. Selbstredend ist das Kreuz der Ehrenlegion nicht ausgeblieben, – wer entgeht demselben im derzeitigen republikanischen Frankreich?

Und doch habe ich mir eine Lehre aus meinem Anteil an dem großen Gambetta-Fourtou-Duell gezogen. Ich werde nie zurückschrecken, vor einem französischen Duellanten zu stehen, – hinter einen aber soll mich keine Gewalt der Erde mehr bekommen!

  1. Gambetta war auf einem Auge blind.

Eine Beobachtung in Paris

Eine Beobachtung in Paris

Der Pariser reist nur wenig, er versteht keine Sprache als die seinige, liest nur einheimische Bücher und ist infolgedessen recht beschränkt und selbstzufrieden. Doch seien wir gerecht; es giebt Franzosen, die auch fremde Sprachen verstehen: die Kellner. Unter anderem verstehen sie auch englisch; allerdings auf ihre Art – sie können es sprechen, aber nicht verstehen. Sie machen sich leicht verständlich, aber es ist fast unmöglich, einen englischen Satz so auszudrücken, daß sie fähig wären, ihn zu verstehen. Sie glauben und behaupten, ihn zu verstehen, verstehen ihn aber nicht. Nachstehende Unterredung hatte ich mit einem dieser Menschen; ich schrieb dieselbe seinerzeit nieder, um sie aufzubewahren.

Ich. Das sind schöne Orangen. Wo sind sie her?

Er. Mehr? Ich werde gleich welche bringen.

Ich. Nein, bringen Sie keine mehr; ich möchte nur wissen, wo sie her sind – wo sie gewachsen sind.

Er. Ja? (mit unerschütterlich gleichgültiger Miene.)

Ich. Ja. Können Sie mir sagen, aus welchem Lande sie sind?

Er. Ja? (lächelnd, mit stärkerer Betonung.)

Ich (entmutigt.) Sie sind sehr erfrischend.

Er. Guten Abend. (Verbeugt sich und entfernt sich sehr befriedigt.)

Der junge Mann hätte ein guter ›Engländer‹ werden können, wenn er sich ordentlich Mühe gegeben hätte; aber er war Franzose und wollte das nicht. Wie ganz anders bei unsern Leuten! Sie benützen jede Gelegenheit, um französisch zu lernen. Es giebt in Paris eine Anzahl französischer Protestanten, welche sich ein hübsches Kirchlein an einer der großen Avenuen, die vom Triumphbogen ausgehen, bauten. Sie wollen dort die rechte Lehre auf die rechte Art in französischer Sprache predigen hören. Aber ihre Freude wird ihnen verdorben: unsere Landsleute kommen ihnen jeden Sonntag zuvor und füllen den ganzen Raum. Wenn der Geistliche die Kanzel betritt, findet er das Gotteshaus voll von andächtigen Fremden, von denen jeder ein kleines Buch in der Hand hat – anscheinend ein in Maroquin gebundenes Testament, wenn man genauer hinsieht, erblickt man Bellows ausgezeichnetes und erschöpfendes französisch-englisches Taschenwörterbuch, das in Ansehen, Einband und Größe genau einem Testament gleicht. Diese Andächtigen haben sich eingefunden, um Französisch zu lernen. Das Gebäude hat daher den Spitznamen ›Die Kirche für französische Gratislektion‹ erhalten.

Diese Zuhörer eignen sich wahrscheinlich mehr Sprachkenntnis als allgemeines Wissen an, denn eine französische Predigt gleicht ganz einer französischen Rede; sie nennt nie ein geschichtliches Ereignis, sondern giebt nur das Datum an; wenn man darin nicht gut beschlagen ist, verliert man sich. Eine französische Rede aber lautet etwa wie folgt: –

»Freunde, Bürger, Brüder, edle Glieder der einzig erhabenen und vollkommenen Nation, lasset uns nicht vergessen, daß der 21. Januar unsere Ketten zerbrach, daß der 10. August uns von der schimpflichen Gegenwart fremder Spione befreite, daß der 5. September seine eigene Rechtfertigung war vor Gott und der Welt, daß der 18. Brumaire den Keim zu seiner eigenen Bestrafung in sich trug, daß der 14. Juli die mächtige Stimme der Freiheit war, welche die Auferstehung, den neuen Tag verkündete und die unterdrückten Völker der Erde einlud, das göttliche Antlitz Frankreichs zu beschauen und zu leben; und lasset uns unsern ewigen Fluch aussprechen gegen den Mann des 2. Dezember und mit Donnerstimme der ureigenen Stimme Frankreichs, erklären, daß es ohne ihn in der Geschichte keinen 17. März, keinen 12. Oktober, keinen 19. Januar, keinen 22. April, keinen 16. November, keinen 30. September, keinen 2. Juli, keinen 14. Februar, keinen 29. Juni, keinen 15. August, keinen 31. Mai gegeben hätte – daß ohne ihn Frankreich, das Reine, das Große, das Unvergleichliche, heute einen glücklicheren und reineren Kalender besäße.«

Ich habe von einer französischen Predigt gehört, die in dieser wunderlichen, aber beredten Weise schloß: –

»Andächtige Zuhörer, wir haben eine traurige Veranlassung, des Mannes vom 13. Januar zu gedenken. Die Folgen des ungeheuren Verbrechens vom 13. Januar stehen im richtigen Verhältnis zu der Größe der That selbst; ohne diese wäre uns das kummervolle Schauspiel des 30. Novembers erspart geblieben. Die Greuelthat des 16. Juni wäre ohne sie nie verübt worden, noch wäre der Mann des 16. Juni je zum Dasein gelangt; sie war allein schuld an dem 3. September, wie an dem verhängnisvollen 12. Oktober. Sollen wir also dankbar sein für den 13. Januar mit seinem Todesschrecken für euch und mich und alles, was atmet? Ja, meine Freunde, denn er gab uns auch, was ohne ihn nie und nimmermehr gekommen wäre – den gesegneten 25. Dezember.«

Vielleicht ist hier eine Erklärung am Platze, obgleich eine solche für viele meiner Leser kaum nötig sein wird. Der Mann des 13. Januar ist Adam; das Verbrechen jenes Tages war das Essen des Apfels; das traurige Schauspiel des 30. November war die Vertreibung aus dem Paradiese; die Greuelthat des 16. Juni war die Ermordung Abels; am 3. September begann die Reise nach dem Lande Nod; am 12. Oktober verschwand die letzte Bergspitze unter der Sündflut. Wenn man in Frankreich zur Kirche geht, muß man einen Kalender, in dem die Gedenktage verzeichnet sind, mitnehmen.

  1. Nach der Bibel: Land der Verbannung. Anm. des Übers.

Pariser Führer

Pariser Führer

Im Jahre 1867 war ich mit einigen Freunden in Paris und zwar zum Besuch der Weltausstellung. Am Morgen nach unserer Ankunft gingen wir zu dem › commissionaire‹ des Hotels – ich weiß nicht, was das bedeutet, allein es war der Mensch, an den wir uns wandten – und sagten ihm, wir möchten einen Führer haben. Er bemerkte, daß es nahezu unmöglich sein werde, einen guten Führer außer Beschäftigung zu finden. Für gewöhnlich habe er ein bis zwei Dutzend an der Hand, augenblicklich aber nur drei. Er rief dieselben herbei. Der eine sah so banditenmäßig aus, daß wir ihn gleich wieder wegschickten. Der zweite redete uns in einer peinlichen Aussprache an, welche recht deutlich sein sollte, also:

»Wenn die Gentlemen mick woll geben die Ehr, ßu behalten mick in ihre Dienste, werd ik Sie ßeigen alle Ding das sein präktik in der schönen Paris. Ik sprek die fremde Spracke parfaitement.«

Er würde am besten gethan haben, hier inne zu halten, weil er gerade so viel auswendig gelernt hatte und ohne Verstoß hersagte. Aber seine Selbstgefälligkeit verleitete ihn, sich in die höheren Regionen der fremden Sprache zu versteigen und dieser tollkühne Versuch war sein Verderben. Binnen zehn Sekunden hatte er sich in einen Haufen von verstümmelten Wörtern und verhackten Sprachformen verfilzt, daß kein menschlicher Scharfsinn mehr imstande war, ihn wieder mit heiler Haut heraus zu kriegen. Wir überließen ihn seinem Schicksal.

Der dritte Mann nahm uns gleich für sich ein. Er war einfach, aber sauber und nett gekleidet. Er trug einen hohen Seidenhut, der ein bißchen alt, aber sorgfältig gebürstet war, Handschuhe, die schon gewaschen, aber gut ausgebessert waren und einen zierlichen Spazierstock mit einem geschnitzten Griff – einem Damenfuß aus Elfenbein. Er schritt so subtil und zierlich einher wie eine Katze, die über eine schmutzige Straße geht und oh! – er war die Artigkeit, – die ruhige und zurückhaltende Selbstbeherrschung – die Ehrerbietung selbst. Er sprach sanft und bedächtig und wenn er im Begriff war, etwas auf seine eigene Verantwortlichkeit zu behaupten, oder eine Andeutung zu machen, so erwog er es aufs bedächtigste, indem er seinen Stock sinnend vor die Zähne hielt. Seine Eröffnungsrede war für einen Franzosen wirklich recht gut – im Satzbau, in den Redewendungen, in der Grammatik, im Tonfall, in der Aussprache – kurz in allem. Nachdem sprach er wenig und zurückhaltend. Wir waren bezaubert, ja mehr als bezaubert – ganz außer uns vor Freude. Wir mieteten ihn auf der Stelle und fragten gar nicht nach seinem Lohne. Dieser Mann war zwar unser Lakai, unser Diener, unser unterwürfiger Sklave, aber dennoch ein Gentleman, während von den andern beiden der eine linkisch und ungehobelt, und der andere ein geborener Seeräuber war. Wir frugen unseren Mann nach seinem Namen. Er zog aus seinem Taschenbuch eine schneeweiße kleine Karte und überreichte sie uns mit einem tiefen Bückling:

A. Bilfinger
Führer durch Paris, Frankreich,
Deutschland, Spanien, etc.
Grand Hotel du Louvre

»Bilfinger! Mir wird sterbensübel!« sagte mein Freund Dan, indem er sich wegwandte. Auch meinem Ohr that der abscheuliche Name furchtbar weh. Wir können uns viel eher an ein Gesicht gewöhnen, oder sogar es gern sehen, das uns anfänglich mißfällt, als uns mit einem übelklingenden Namen aussöhnen. Ich ärgerte mich fast, daß wir den Menschen, der wahrscheinlich ein Elsässer war, gemietet hatten, sein Name war uns zu unausstehlich. Indes, es war zu spät und wir wollten gern aufbrechen. Während Bilfinger hinaus ging, um einen Wagen herbeizurufen, sagte unser Freund, der Doktor:

»Nun mit dem Führer geht es uns wie mit mancher anderen Illusion. Ich versprach mir einen Führer Namens Henry de Montmorency oder Armand de la Chartreuse oder dergleichen, was in den Briefen an unsere Kleinstädter daheim recht großartig ausfallen würde; und nun denke man sich einen Franzosen Namens – Bilfinger. Nein, das klingt zu abgeschmackt. Es geht unmöglich; es macht einem übel. Wir müssen ihn umtaufen. Wie wäre es mit dem Namen Alexis du Caulaincourt?«

»Oder Alphonse Henri Gustave de Hauteville« schlug ich vor.

»Heißt ihn Ferguson«, meinte Dan.

Das klang zwar unromantisch, aber verständig und praktisch. Ohne weitere Debatte löschten wir Bilfinger als Bilfinger aus und nannten ihn Ferguson.

Der Wagen – ein offener Landauer – stand bereit. Ferguson stieg auf den Bock neben den Kutscher und fort gings zum Frühstück. Im Restaurant angekommen, stellte sich Ferguson, wie sich’s gehörte, neben uns, um unsere Bestellungen zu vermitteln und Fragen zu beantworten. Ganz beiläufig bemerkte er – der Schlaumeier – er selbst würde sich erlauben, sein bescheidenes Frühstück nach dem unsrigen einzunehmen. Er wußte, daß wir auf ihn angewiesen waren und keine Lust hatten, auf ihn zu warten. Wir luden ihn daher ein, sich zu uns zu setzen und mitzuessen. Er lehnte mit hundert Verbeugungen ab; es sei zu viel Ehre für ihn und er wolle lieber an einem andern Tisch sitzen. Wir befahlen ihm hierauf energisch, sich hinzusetzen. Das war unsere erste Lehre. Wir waren doch hereingefallen. Solang wir den Burschen in unserem Dienst hatten, war er immer hungrig, immer durstig. Er kam frühmorgens und blieb spät; er konnte an keinem Restaurant vorbeigehen; er schaute mit dem Auge eines Blutegels nach jeder Weinschenke. Alle Augenblicke hatte er einen Grund anzuhalten, um uns zum Essen und Trinken zu veranlassen. Wir gaben uns die größte Mühe, ihn so voll zu füllen, daß er vierzehn Tage lang keinen Platz mehr für Speise und Trank hätte; allein es mißlang. Er faßte nicht genug, um das Verlangen seines übermenschlichen Appetits eine Zeitlang beschwichtigen zu können.

Er hatte noch eine andere Unart an sich. Er wollte uns beständig veranlassen einzukaufen. Unter den gesuchtesten Vorwänden lotste er uns in Weißzeugläden, Stiefelläden, Schneiderläden, Handschuhläden – kurzum, überall hin, wo die mindeste Aussicht war, daß wir etwas kauften. Jedermann würde erraten haben, daß die Ladenbesitzer ihm einen Prozentsatz von unseren Einkäufen bewilligten, aber wir in unserer glücklichen Harmlosigkeit ahnten das nicht eher, bis Ferguson die Sache etwas zu handgreiflich machte.

Eines Tages äußerte Dan zufällig, er gedenke drei bis vier seidene Kleider zu Geschenken zu kaufen. Augenblicklich war Fergusons hungriges Auge auf ihn gerichtet. Nach Verlauf von zwanzig Minuten blieb der Wagen stehen.

»Wo sind wir?«

»Dies sein die feinste Seidenmagazin in Paris – die berühmteste.«

»Weshalb sind Sie denn hierhergefahren? Sie sollten uns doch nach dem Palais du Louvre bringen!«

»Ik dakt, der Err wünschte seidenen Stoffe ßu kaufen.«

»Man verlangt von Ihnen nicht, daß Sie für uns ›denken‹ sollen. Das hieße Ihre Energie zu sehr in Anspruch nehmen. Wir wollen von des Tages Last und Hitze selbst etwas tragen. Wir wollen versuchen, das ›Denken‹, das wirklich vonnöten ist, selbst zu besorgen. Also weitergefahren!« sagte der Doktor.

Binnen fünfzehn Minuten machte der Wagen abermals Halt und zwar vor einem zweiten Seidenwarenlager.

Wir wurden ärgerlich; aber der Doktor bewahrte seine milde Ruhe und sagte freundlich:

»Endlich! wie großartig der Louvre ist, und doch wie schmal. Wie prächtig stilisiert, wie reizend gelegen. – Ehrwürdiges Werk.« –

»Pardon, Err Doktor. Dies sein nicht das Louvre – es sein –«

»Was ist es denn?«

»Es fiel mir ein – ganz plötzlich – daß die Seide in diese Magazin –«

»Ach, Ferguson, wie gedankenlos ich doch bin. Ich wollte Ihnen ganz bestimmt sagen, daß wir heute keine Seide kaufen wollten, daß wir vielmehr erpicht darauf seien, zum Palais du Louvre zu gelangen; aber ich muß es rein ververgessen haben, es Ihnen zu sagen. Das Vergnügen, Sie heute vormittag viermal frühstücken zu sehen, muß mir alle anderen Gedanken verscheucht haben. Fahren wir also jetzt zum Louvre, Ferguson!«

»Aber, Err Doktor!« (aufgeregt) »es kostet Ihnen keine Minute. – höchstens eine kleine Minute. Der Err brauchen nix zu kaufen, wenn er nicht wollen, – nur besehen – nur ein Blick auf die prächtige Ware werfen. (Flehend: »Mein Err, – nur eine einzige Moment.«

Dan sagte: »Infamer Narr! Ich will heute durchaus keine Seidenstoffe sehen, ich thue keinen Blick darauf. Weiterfahren!«

Und der Doktor fügte hinzu: »Wir brauchen heute keine Seidenstoffe, Ferguson. Unsere Herzen sehnen sich nach dem Louvre. Lassen Sie uns weiterfahren – lassen Sie uns weiterfahren.«

»Aber, Doktor! Es sein ja nur eine Augenblick, kleine Augenblick. Und die Szeit wird nix verloren, gar nix verloren sein, weil es jetzt nix mehr zu sehen giebt – es ist ßu spät. Es fehlen noch ßehn Minuten zu Vier und der Louvre wird um vier Uhr geschlossen – nur einen kleinen Augenblick, Doktor!«

Der verräterische Halunke! Uns nach vier Frühstücken und einer Gallone Champagner einen solchen Streich zu spielen. So bekamen wir an diesem Tag von den zahllosen Kunstschätzen des Louvre nichts zu sehen und unsere einzige kümmerliche Genugthuung bestand in dem Gedanken, daß es Ferguson nicht gelungen war, uns ein seidenes Kleid zu verkaufen.

Ich schreibe diesen Artikel teils wegen der Befriedigung, die mir das Schimpfen auf diesen vollendeten Bösewicht Bilfinger gewährt, teils um jedem, der dies liest, zu zeigen, wie die Fremden in den Händen dieser Pariser Führer fahren und was für eine Sorte diese letzteren sind. Man meine nicht, daß wir eine dümmere oder leichtere Beute waren als unsere Landsleute gewöhnlich sind; durchaus nicht. Die Führer machen’s mit jedem so, der sich ihnen anvertraut, wenn er zum erstenmal in Paris ist. Aber – ich werde Paris eines schönen Tages wieder besuchen und dann mögen sich diese Führer in acht nehmen. Ich werde in meiner Kriegsbemalung hingehen und – meinen Tomahawk mitbringen.

Ein Landsmann

Ein Landsmann

(Nummer 1.)

Von Luzern aus machte ich eines Tages einen Ausflug auf dem Dampfer nach Flüelen. Es war ein prächtiger sonniger Tag, und unter dem Dach von Segeltuch saßen die Passagiere plaudernd und lachend auf den Bänken des oberen Verdecks und ließen ihr Entzücken über die wunderbare Scenerie von Zeit zu Zeit laut werden. Man kann sich auch wirklich kein herrlicheres Vergnügen denken, als eine Fahrt auf diesem See! Die Berge waren ein immer neues Wunder und stiegen manchmal so gerade aus dem See auf und ragten so gewaltig in die blaue Luft empor, daß unser winziges Dampfboot zu ihren Füßen ganz zu verschwinden schien.

Es sind dies keine Schneeberge, aber doch umhüllen die Wolken ihre Häupter, sie starren nicht als nackte Felsen in die Höhe, sondern sind in Grün gekleidet, das dem Auge wohlthuend ist und auf dem es gerne weilt; ihre Abhänge sind so steil, daß man sich nicht vorstellen kann, wie sich auf ihnen Fuß fassen läßt; aber es führen Pfade hinauf und herunter, welche die Schweizer täglich benutzen.

Manchmal hingen die Gipfel der mächtigen Riesenberge weit nach vorn über, wie ein vorstehendes Mansardendach, und auf der äußersten Spitze desselben, dem Auge kaum sichtbar, klebten winzige Dingerchen wie Schwalbennester, – die Hütten der Bauern, die sich wahrlich einen luftigen Wohnort aufgesucht hatten! Wenn nun aber ein Bauer dort oben nachtwandelt, – oder sein Kind aus dem Vordergarten hinunterstürzt, – was für eine lange Reise für die Verwandten aus ihren Wolkenhöhen herab, ehe sie die Gebeine des Verunglückten auffinden können! Und doch sehen diese Heimstätten da oben so verlockend aus, so fern von der unruhigen Welt, und in einer Atmosphäre von so süßem, traumseligem Frieden, daß, wer einmal gelernt hat, dort oben zu wohnen, gewiß nicht wieder in niedere Regionen herabsteigen mag!

Zwischen den ungeheuren grünen Mauern wand sich der See in reizenden Krümmungen dahin, und wir sahen mit stets wachsendem Entzücken das großartige Panorama sich hinter uns zusammenrollen und verschwinden und sich vor unsern Blicken in neuer Schönheit entfalten! Dann und wann durchzuckte uns ein wonnevoller Schauer der Überraschung, wenn sich plötzlich als glänzend weiße Masse die ferne, alles beherrschende Jungfrau vor uns erhob, oder ein anderer ähnlicher Schneeriese, der mit Haupt und Schultern über die Spitzen der mittelhohen Alpen hervorschaute.

Während ich einen solchen Anblick mit den Augen verschlang und mir Herz und Sinn daran weidete, so lange er zu genießen war, hörte ich plötzlich eine junge und harmlose Stimme neben mir die Worte sagen:

»Sie sind wohl ein Amerikaner? Ich auch!« –

Er war zwischen 18 und 19 Jahre, schlank, von mittlerer Größe, das Gesicht offen, frei und froh, der Blick unstät, aber selbstbewußt, die Nase leicht nach oben gerichtet, als suche sie der Begegnung mit dem ersten Flaum des jungen Bartes auszuweichen, die Kinnbacken lose hängend und äußerst beweglich. Er trug einen niedrigen Schlapphut mit schmaler Krempe und blauem Band, auf dem vorn ein weißer Anker gestickt war; sein kurzer Rock, die Beinkleider, die Weste, alles saß sauber und nett nach der Mode; die rotgestreiften Strümpfe steckten in vorschriftsmäßigen, mit schwarzen Bändern gebundenen Lederschuhen; ein blauer Schlips unter dem weit offenen Kragen, kleine Diamantknöpfe im Hemd, tadellos sitzende Handschuhe, vorstehende Manschetten mit großen Knöpfen von oxydiertem Silber und einem Hundekopf darauf – einem englischen Mops; auch auf seinem Spazierstöckchen war der Kopf eines Mopshundes mit roten Glasaugen. Unter dem Arm trug er Ottos deutsche Grammatik, sein Haar war kurz geschnitten, glatt und – wie ich bemerkte, als er sich umwandte – hinten sorgfältig gescheitelt. Er nahm eine Zigarette aus einer zierlichen Schachtel heraus, steckte sie in eine Meerschaumspitze, die er in einem Futteral von Marokkoleder bewahrte, langte nach meiner Zigarre, und wahrend er sich Feuer machte, sagte ich:

»Ja, ich bin Amerikaner!« –

»Das wußte ich, – ich erkenne die Amerikaner immer. In welchem Schiff sind Sie herübergekommen?«

»In der Holsatia.«

»Wir in der Batavia, – Cunard, – wissen Sie. Was für eine Überfahrt hatten Sie?«

»Ziemlich rauh.«

»Wir auch. Der Kapitän sagte, so rauh wäre es nur selten. Wo sind Sie her?«

»Von Neu-England.«

»Ich auch, aus Neu-Bloomfield. Mit wem reisen Sie?«

»Mit einem Freunde.«

»Meine ganze Familie ist mit; allein zu reisen ist schrecklich langweilig, meinen Sie nicht auch?«

»Jawohl!«

»Waren Sie schon früher hier?«

»Ja.«

»Ich nicht. Es ist meine erste Reise, aber wir waren allenthalben – in Paris und überall. Nächstes Jahr soll ich in Harvard studieren und ich lerne hier Deutsch; ehe ich nicht Deutsch kann, werde ich nicht aufgenommen. Französisch ist mir ganz geläufig; in Paris bin ich sehr gut damit durchgekommen. In welchem Hotel wohnen Sie?«

»Im Schweizerhof.«

»Was? wirklich? Ich habe Sie ja nicht im Salon gesehen! Ich gehe sehr viel in den Salon, weil da so viele Amerikaner sind, und mache Bekanntschaften. Ich finde die Amerikaner immer gleich heraus, dann spreche ich sie an und werde mit ihnen bekannt. Ich mache sehr gern neue Bekanntschaften. Sie nicht auch?«

»Ja, freilich!«

»Das macht eine Fahrt wie diese viel unterhaltender; man langweilt sich nie, wenn man neue Bekanntschaften macht und mit jemand sprechen kann; wenn man niemand fände und keine Bekanntschaften machte, müßte solch eine Fahrt sehr langweilig sein. Ich unterhalte mich sehr gern, Sie nicht auch?«

»Leidenschaftlich gern!«

»Haben Sie sich heute auf der Fahrt gelangweilt?«

»Nur eine Zeit lang, nicht immer.«

»Da sehen Sie es, – man muß herumgehen, sprechen und bekannt werden, – so mache ich es, ich gehe immerfort herum und spreche in einem zu, dabei langweile ich mich nie. Sind Sie schon auf dem Rigi gewesen?«

»Nein.«

»Wollen Sie hin?«

»Ich denke.«

»In welches Hotel gehen Sie?«

»Ich weiß nicht. Giebt es denn mehrere?«

»Drei. Gehen Sie zu Schreiber; da finden Sie Amerikaner die Menge. In welchem Schiff sagten Sie, daß Sie herübergekommen sind?«

»In der City of Antwerp.«

»Deutsche Linie, nicht wahr? – Gehen Sie nach Genf?«

»Ja.«

»In welchem Hotel wollen Sie wohnen?«

»Im ›Ecu de Genève‹.«

»Thun Sie das ja nicht! Da sind keine Amerikaner. Gehen Sie in eins der großen Hotels an der Brücke, da sind immer viele.«

»Aber ich will mich im Arabischen üben!«

»Gerechter Himmel, können Sie arabisch?«

»Ja, genug, um mich verständlich zu machen.«

»Aber in Genf können Sie sich damit nicht verständlich machen, da spricht man nicht arabisch – man spricht französisch. In welchem Hotel wohnen Sie hier?«

»In der Pension Beau-Rivage.«

»O, Sie sollten im Schweizerhof wohnen! Wissen Sie nicht, daß der Schweizerhof das beste Hotel in der Schweiz ist? Sehen Sie nur im Bädeker nach.«

»Ja, aber ich dachte, da wären keine Amerikaner.«

»Keine Amerikaner! Du meine Güte! Es wimmelt von ihnen! Ich halte mich meistens im großen Salon auf und mache Bekanntschaften; allerdings nicht mehr so viele wie im Anfang, weil augenblicklich weniger Gäste da sind. – Wo sind Sie her?«

»Aus Arkansas.«

»Wirklich? – Ich komme aus Neu-England, und bin in Neu-Bloomfield zu Hause. Heute ist es wunderschön, finden Sie nicht auch?«

»Herrlich!«

»Das will ich meinen! Ich spaziere gern so frei herum, unterhalte mich und mache Bekanntschaften. Die Amerikaner erkenne ich immer gleich heraus, dann gehe ich auf sie zu und rede sie an. Deshalb langweile ich mich nie auf solcher Fahrt, weil ich neue Bekanntschaften machen kann und mich unterhalten; das thue ich sehr gern, wenn ich nur die richtige Person finde, mit der sich sprechen läßt. Geht es Ihnen nicht auch so?«

»Ja, es giebt nichts Angenehmeres.«

»Das denke ich auch! Manche Leute nehmen ein Buch vor und lesen immerzu, andere schwärmen die Natur an, den See und die Berge, – aber so mache ich’s nicht! Sie mögen’s thun, wenn sie wollen, nach meinem Geschmack ist es aber nicht, – ich muß mich unterhalten. – Sind Sie schon auf dem Rigi gewesen?«

»Ja.«

»In welchem Hotel haben Sie gewohnt?« –

»Bei Schreiber.«

»Ja, da war ich auch. Lauter Amerikaner, nicht wahr? Sie kommen alle hin, und sind immer da zu finden. Das sagt jeder! In welchem Schiff sind Sie herübergekommen?«

»In der Ville de Paris.«

»Wahrscheinlich ein französisches Schiff! Was für eine Überfahrt haben Sie – – ach, bitte, entschuldigen Sie, da kommen eben Amerikaner, die ich noch nicht gesehen habe!«

Fort war er! – und ich ließ ihn wirklich mit heiler Haut davon kommen! – Ich gestehe, daß ich zuerst die mörderische Absicht hatte, ihn von hinten mit einem Alpenstock zu durchbohren, aber als ich eben die Waffe erheben wollte, verging mir die Lust dazu. Ich konnte es nicht übers Herz bringen, ihm das Leben zu nehmen – er war ein so fröhlicher, unschuldiger und gutmütiger Einfaltspinsel!

Eine halbe Stunde später betrachtete ich von meiner Bank aus mit dem größten Interesse einen herrlichen Monolith, an dem wir vorbeifuhren. Nicht Menschen hatten dieses Monument geformt, sondern die Hand der Natur selbst hatte vor undenklichen Jahren diesen achtzig Fuß hohen pyramidalen Felsen gebildet, im Hinblick auf den Tag, an welchem er einem Menschen zum Denkmal dienen sollte, der seiner würdig wäre! Endlich kam die Zeit – und auf der Fläche des ehrwürdigen Gedächtnissteines steht jetzt Schillers Name in Riesenbuchstaben.

Merkwürdigerweise ist dieser Felsen nirgends bekritzelt oder verunziert worden! Vor zwei Jahren soll sich ein Fremder mit Stricken und einem Flaschenzuge von oben herabgelassen haben, um quer über den Stein mit blauer Farbe und mit Buchstaben, die größer waren als die von Schillers Namen, die Worte zu malen:

Unübertrefflich!
– Pears Seife für den Teint! –
Sozodont giebt Schönheit und Jugend!
– Paillards Spieldosen! –
Wades Kopiertinte!

Man ergriff ihn auf frischer That und es stellte sich heraus, daß er ein Amerikaner war. Bei seinem Verhör sagte der Richter: »Sie sind aus einem Lande, wo man um elenden Gewinnes willen die Natur ungestraft und nach Belieben beleidigen und entweihen darf, und in ihr den Schöpfer! Aber hier wird das nicht gestattet! – Mit Rücksicht auf Ihre Unwissenheit und weil Sie ein Fremder sind, will ich Ihnen ein gnädiges Urteil sprechen; wären Sie ein Eingeborener, so würde Ihre Strafe weit strenger ausfallen. Vernehmen Sie meinen Spruch: Sie werden sofort jede Spur Ihrer abscheulichen That von dem Schillerdenkmal entfernen und eine Geldstrafe von zehntausend Franken bezahlen. Ferner sind Sie zu zwei Jahren Zwangsarbeit verurteilt, worauf Ihnen die Ohren abgeschnitten und Sie bis zur Grenze des Kantons gepeitscht und für immer verbannt werden! – Die härteren Strafen werden Ihnen in diesem Falle erlassen, – nicht um Ihnen Gnade zu erweisen, sondern um der großen Republik willen, die das Unglück gehabt hat, Ihnen das Leben zu geben.«‹

 

Die Bänke auf dem Dampfboot stehen so, daß die Passagiere einander den Rücken zukehren. Hinter mir saßen gerade einige Damen. Auf einmal wurden sie von jemand angeredet und ich hörte folgendes Gespräch mit an:

»Sie sind wohl aus Amerika? Ich auch.«

»Ja, wir sind aus Amerika.«

»Das wußte ich – ich erkenne die Amerikaner immer. In welchem Schiff sind Sie herübergekommen?«

»In der City of Chester.«

»Von der Inman-Linie, nicht wahr? Wir in der Batavia, – Cunard, wie Sie wissen. Was für eine Überfahrt haben Sie gehabt?«

»Eine ziemlich ruhige.«

»Da können Sie von Glück sagen; unsere war schrecklich rauh. Der Kapitän sagte, so rauh wäre es nur selten. Wo sind Sie her?«

»Von New-Jersey.«

»Ich auch – nicht doch, ich meine aus New-England, in Neu-Bloomfield bin ich zu Hause. Gehören diese Kinder Ihnen beiden?«

»Nur mir, meine Freundin ist unverheiratet.«

»So! Ich auch. – Reisen die beiden Damen allein?«

»Nein, mein Mann reist mit uns.«

»Unsere ganze Familie ist mit; allein zu reisen ist schrecklich langweilig – meinen Sie nicht auch?«

»Das ist wohl möglich.«

»Oho, da kommt der Pilatus wieder heraus. Er heißt nach Pontius Pilatus, wie Sie wissen, welcher Wilhelm Tell den Apfel vom Kopf geschossen hat; im Reisehandbuch steht die ganze Geschichte, aber ich habe sie nicht gelesen – ein Amerikaner hat es mir erzählt. Ich lese nie, wenn ich so von einem Ort zum andern gehe und mich gut unterhalte. Haben Sie schon die Kapelle gesehen, in der Wilhelm Tell gepredigt hat?«

»Gepredigt hat er da Wohl nicht!«

»O doch, der Amerikaner hat es mir gesagt; er hat seinen Bädeker immer offen und kennt den See besser als die Fische, die darin schwimmen. Warum sollte sie denn auch sonst Tells Kapelle heißen?! Sind Sie schon früher hier gewesen?«

»Ja.«

»Ich nicht; es ist meine erste Reise, aber wir waren allenthalben – in Paris und überall. Nächstes Jahr soll ich in Harvard studieren und ich lerne jetzt immerfort Deutsch; ehe ich nicht Deutsch kann, werde ich nicht aufgenommen. Ich habe Ottos Grammatik immer bei mir und sehe hinein, wenn ich Lust dazu bekomme; jetzt beim Herumreisen lerne ich nicht ordentlich, sondern sage mir nur manchmal her: »ich habe gehabt, du hast gehabt, er hat gehabt, wir haben gehabt, ihr habet gehabt, sie haben gehabt!« Das geht so wie im Schlaf, und dann bin ich’s wieder für ein paar Tage los. Es strengt den Verstand ganz schauderhaft an, Deutsch kann man nur in kleinen Dosen lernen; zuerst läuft alles in einander, wie geschmolzene Butter. Mit dem Französischen ist’s etwas ganz anderes, das wird mir ganz leicht, ich kann: j’ai, tu as, il a u.s.w. herunterrasseln wie das Abc! In Paris bin ich sehr gut damit durchgekommen und überall, wo französisch gesprochen wird. In welchem Hotel wohnen Sie?«

»Im Schweizerhof.«

»Was? wirklich? Ich habe Sie ja nicht im Salon gesehen! Ich gehe sehr oft dahin, weil ich dort so viele Amerikaner treffe, und eine Menge Bekanntschaften mache. Sind Sie schon auf dem Rigi gewesen?«

»Nein.« »Wollen Sie hin?«

»Ja, es ist unsere Absicht.«

»In welches Hotel gehen Sie?«

»Ich weiß nicht.«

»Dann gehen Sie zu Schreiber, es ist voll Amerikaner. In welchem Schiff sind Sie herübergekommen?«

»In der City of Chester.«

»Ach ja, das habe ich Sie schon einmal gefragt, aber ich frage jeden, in welchem Schiff er herübergekommen ist, und da passiert es mir manchmal, daß ich die Frage wiederhole. Gehen Sie nach Genf?«

»Ja.«

»In welchem Hotel werden Sie wohnen?«

»Wahrscheinlich in einer Pension.«

»Das wird Ihnen nicht gefallen – in den Pensionen sind wenig Amerikaner. In welchem Hotel wohnen Sie hier?«

»Im Schweizerhof.«

»Ja so, das habe ich Sie auch schon gefragt; aber ich frage jeden danach und da habe ich den ganzen Kopf voll Hotels; es dient aber doch zum Gespräch, und ich unterhalte mich sehr gern, es ist eine rechte Erholung auf solcher Fahrt – finden Sie das nicht auch?«

»Ja – zuweilen.«

»Mich erfrischt es förmlich. So lange ich im Gespräch bin, langweile ich mich nie, – geht es Ihnen nicht auch so?«

»Ja, – gewöhnlich, aber es giebt Ausnahmen von der Regel.«

»O natürlich! – ich spreche auch nicht gern mit jedermann. Manche Leute fangen gleich ein Gewäsch an von Scenerieen und Geschichte und Bildern und allerhand lästigen Dingen, die einem bald überdrüssig sind. Dann sage ich immer: ›Jetzt muß ich mich empfehlen – ich hoffe, wir sehen uns noch,‹ – und spaziere weiter. Wo sind Sie her?«

»Aus New-Jersey.«

»Ja, potztausend, das habe ich Sie ja auch schon gefragt! Haben Sie schon den Löwen von Luzern gesehen?«

»Noch nicht.«

»Ich auch nicht; aber der Mann, der mir vom Pilatus erzählt hat, sagt, es sei eine der Sehenswürdigkeiten; er sei achtundzwanzig Fuß lang – ich kann mir das kaum denken, aber er behauptet es und hat ihn erst gestern gesehen. Da war der Löwe im Sterben und jetzt wird er wohl schon tot sein; das schadet aber nichts, natürlich wird er doch ausgestopft! – Sagten Sie, die Kinder gehören Ihnen oder der andern?«

»Mir nicht.«

»O ja, richtig! Gehen Sie nach … nein, das habe ich Sie schon gefragt. In welchem Schiff … halt, das habe ich Sie auch schon gefragt. In welchem Hotel … nein, Sie haben mir das gesagt. Was fehlt denn noch? – hm – ja so – Was für eine Überfahrt … nein, das haben wir auch schon besprochen. Hm – hm – ich glaube, das ist wirklich alles. – Bon jour – ich habe mich sehr gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, meine Damen. Leben Sie wohl!«

  1. Bekannte Linie dieses Namens.