Roman

Die alten Meister

Die alten Meister

In Mailand besuchte ich wie vor 12 Jahren die bedeutendsten Sehenswürdigkeiten und Bildergalerieen; nicht weil ich noch einmal darüber zu schreiben wünschte, sondern, nur um zu sehen, ob ich in der Zwischenzeit etwas gelernt hätte. Auch in die Galerien von Rom und Florenz ging ich später zum gleichen Zweck. Einen Fortschritt hatte ich doch zu verzeichnen: Als ich zuletzt über die alten Meister schrieb, behauptete ich, die Kopieen waren besser als die Originale. Das war ein großartiger Irrtum. Zwar finde ich, nach wie vor, keinen Gefallen an den alten Meistern, aber sie scheinen mir wahrhaft himmlisch im Vergleich zu den Kopieen. Diese sind den Originalen ungefähr so ähnlich, wie künstliche, bleiche, seelenlose Wachsfiguren den kraftvollen, ernsten und würdigen Männern und Frauen, welche sie darstellen wollen. Der zarte Schmelz, die gedämpfte Farbe der alten Bilder ist dem Auge höchst wohlthuend und um dieses Vorzugs willen werden sie auch am lautesten gepriesen; er geht der Kopie völlig ab, kein Kopist darf hoffen, ihn je zu erreichen. Die Künstler, mit denen ich über diesen Umstand sprach, waren alle der Ansicht, daß jene gedämpfte Farbenpracht, jener weiche Glanz, dem Bilde nur durch das Alter verliehen wird. Wenn das wahr ist, warum loben wir dann die alten Meister, welche ganz unschuldig an dem Zauber sind, und nicht vielmehr die Zeit, die ihn vollbracht hat? –

Ich fragte einmal einen Künstler in Venedig: »Was bewundert man denn eigentlich an den alten Meistern? Im Dogenpalast habe ich meilenlang Wände voll von schlimmen Verzeichnungen, unrichtigen Proportionen und falscher Perspektive gefunden; Paul Veroneses Hunde sehen gar nicht wie Hunde aus; alle Pferde sind nur Schläuche auf Beinen und ein Mann war da, der sein rechtes Bein auf der linken Seite des Körpers trug. Bei dem großen Bilde, wo der Kaiser vor dem Papste kniet, sieht man drei Männer im Vordergrund, die über dreißig Fuß hoch sind im Verhältnis zu dem kleinen Knaben in der Mitte; legt man denselben Maßstab an, so beträgt die Größe des Papstes sieben Schuh, der Doge aber ist ein zusammengeschrumpfter Zwerg von vier Fuß.«

Der Künstler versetzte: »Jawohl, die alten Meister zeichneten oft schlecht, sie fragten nicht viel nach Wahrheit und Genauigkeit bei untergeordneten Einzelheiten. Aber trotz aller Verzeichnungen, aller falschen Perspektive und Proportionen, und obgleich sie Gegenstände dargestellt haben, welche heutzutage niemanden mehr so fesseln wie vor dreihundert Jahren, liegt doch ein gewisses Etwas in den Bildern, das göttlich ist – ein Etwas, zu dem sich bisher noch keine andere Kunstepoche aufgeschwungen hat – ein Etwas, das uns Künstler zur Verzweiflung treiben müßte, hätten wir nicht von vornherein beschlossen uns nicht darum zu grämen, weil wir doch keine Hoffnung haben, es jemals zu erreichen.«

Das sagte der Mann und er sprach nur aus, was er wirklich glaubte und fühlte.

Mit Vernunftgründen, besonders wenn sie nicht durch technische Kenntnisse unterstützt sind, läßt sich in solchem Fall nichts ausrichten; sie würden nur zu einer Schlußfolgerung führen, die in den Augen der Künstler höchst unlogisch wäre. Nämlich wie folgt: ›Verzeichnungen, falsche Perspektive, unrichtige Proportionen, Vernachlässigung der Naturwahrheit im Detail, Farben, die ihre Schönheit nicht dem Künstler, sondern der Zeit verdanken – das sind die Hauptkennzeichen des alten Meisters. Folglich war der alte Meister ein schlechter Maler – er war gar kein alter Meister, sondern ein alter Lehrling.‹ – Mein Künstler giebt nun zwar die Thatsachen alle zu, aber die Schlußfolgerung läßt er nicht gelten und behauptet, daß trotz der erschrecklichen Liste anerkannter Mängel den alten Meistern doch etwas Göttliches, Unerreichtes innewohnt, das sich durch keine Gründe und Schlüsse fortstreiten läßt.

Ich begreife das wohl. Es giebt z.B. Frauen, in deren Zügen ein unbeschreiblicher Reiz liegt, so daß sie in den Augen ihrer Angehörigen schön erscheinen. Ein Fremder aber, der mit kühlem Verstande nach dieser Schönheit sucht, vermag sie nicht zu entdecken. Er sagt vielleicht: »Das Kinn ist zu kurz, die Nase zu lang, die Stirn zu hoch, das Haar zu rot, die Farbe zu bleich, die Zusammenstellung des Ganzen nicht regelrecht – folglich ist die Frau keine Schönheit.« Darauf erwidert man ihm: »Deine Bemerkungen sind richtig, gegen deine Logik ist nichts einzuwenden und dennoch gelangst du zu einem falschen Schluß. Sie ist schön, aber nur für Leute, die die alten Meister kennen. Beweisgründe für ihre Schönheit giebt es nicht, aber sie ist trotzdem vorhanden.«

Ich habe mir diesmal die alten Meister mit größerem Vergnügen angesehen, als bei meinem früheren Besuch in Europa; aber es ist ein ruhiger Genuß, er regt mich nicht auf. Als ich zum erstenmal nach Venedig kam, fand ich kein Bild, das mich besonders interessiert hätte, aber jetzt zogen mich zwei so sehr an, daß ich tagtäglich in den Dogenpalast ging, um sie stundenlang zu betrachten. Das eine ist Tintorettos Gemälde im Saal des Großen Rats, das drei Morgen im Umfang hat. Als ich es vor zwölf Jahren sah, sagte mir der Führer, es stelle einen Aufstand im Himmel dar – aber das beruht auf einem Irrtum.

Das Bild ist voll Leben und Bewegung. Es umfaßt zehntausend Figuren, von denen keine unthätig ist. Das verleiht dem Ganzen eine großartige Wirkung. Einige Gestalten schweben mit gefalteten Händen kopfüber in der Luft, andere schwimmen durch das Wolkenmeer, teils auf dem Rücken, teils auf dem Gesicht. Lange Züge von Märtyrern und Engeln streben eilig aus den verschiedensten Richtungen dem Mittelpunkt zu. Von allen Seiten kommen Gestalten herbeigeströmt in dicht gedrängten Scharen, überall herrscht Freude und Jubel.

Wie gewaltig die Bewegung ist, läßt sich schwer beschreiben. Viele singen, andere rufen Hosianna oder blasen auf ihren Posaunen. Man bekommt den Eindruck von einem so mächtigen Getöse, daß die Zuschauer, die sich in das Bild vertiefen, unwillkürlich einander ihre Bemerkungen in die Ohren schreien oder ihre Hände als Trompete benutzen, um sich besser verständigen zu können. »O, wer erst dort wäre in der ewigen Ruhe!« hört man häufig einen Reisenden seiner Frau in die Ohren brüllen, während ihm heiße Thränen über die Wangen laufen.

Nur der Pinsel eines Künstlers erster Größe kann solche Wirkung erzielen.

Vor zwölf Jahren verstand ich dies Bild nicht zu würdigen, noch vor einem Jahr wäre es mir unmöglich gewesen; aber meine Kunststudien in Heidelberg haben gute Früchte getragen – ihnen verdanke ich alles, was ich jetzt bin.

Das andere große Gemälde schmückt eine Wand im Zimmer des Rats der Zehn; es ist Bassanos unsterblicher, ungegerbter Lederkoffer. Das Bild ist ebenso groß wie die zwei andern im gleichen Raum, es mißt vierzig Fuß und seine Komposition ist über alles Lob erhaben. Der ›Lederkoffer‹ fesselt die Aufmerksamkeit des Beschauers nicht gleich in aufdringlicher Weise, wie das so oft bei dem Hauptmoment eines unsterblichen Werkes der Fall ist. Nein, er wird sorgfältig im Hintergrund gehalten, nebensächlich behandelt und zurückgestellt, und zwar mit so viel Umsicht und Geschicklichkeit, daß, wenn der Zuschauer ihn schließlich zu Gesicht bekommt, er ihm mit verblüffender Plötzlichkeit völlig überraschend und unvorbereitet entgegentritt.

Man kann nur staunen über die sorgfältige und sinnreiche Ausführung des großartigen Plans, über die Mühe und Gedanken, die sie gekostet haben muß: Beim ersten Blick auf das Bild würde kein Mensch ahnen, daß überhaupt ein Koffer da ist. Auch der Titel des Gemäldes: ›Alexander III. und der Doge Ziani, der Besieger Kaiser Friedrich Barbarossas,‹ enthält keine Erwähnung des Lederkoffers; er dient vielmehr dazu, die Aufmerksamkeit von demselben abzulenken. Scheinbar wird also das Vorhandensein des Koffers völlig totgeschwiegen, und doch ist alles nur darauf berechnet, Schritt für Schritt zu ihm hinzuleiten. Wir wollen dies jetzt näher untersuchen und die anscheinende Unvorsichtigkeit des Planes ins Auge fassen:

Zu äußerst, am linken Ende des Bildes, stehen zwei Frauen, von denen die eine ein Kind im Arm hält, das ihr über die Schulter nach einem Manne schaut, der mit verbundenem Kopf am Boden sitzt. Allem Anschein nach sind diese Leute ganz unnütz, aber sie haben doch einen Zweck. Man kann sie nicht ansehen, ohne zugleich den prachtvollen Festzug zu bemerken, der sich hinter ihnen entfaltet. Wenn man aber alle die reich gekleideten Bischöfe, Großwürdenträger, Hellebardiere und Bannerträger vorbeiziehen sieht, wird man natürlich neugierig zu erfahren, wohin der Weg sie führt und folgt ihnen. So gelangt man in die Mitte des Bildes, zum Papst, der mit dem barhäuptigen Dogen spricht. Er unterhält sich ruhig mit ihm, obgleich kaum zwölf Fuß von ihnen entfernt ein Mann seine Trommel rührt, zwei Leute auf dem Horn blasen und viele Reiter mit großem Lärm auf ihren Pferden dahergesprengt kommen. Denn, während zweiundzwanzig Fuß des großen Werkes voll erhabener Sonntagsruhe und glücklicher Festtagsstimmung sind, schließen sich daran unmittelbar elf Fuß voll Wirrwarr, Spektakel und Aufruhr an. Dies ist aber durchaus kein zufälliges Zusammentreffen, sondern ganz mit Absicht so eingerichtet. Man könnte sonst in Versuchung geraten, bei dem Papst und dem Dogen zu verweilen, sie für die Hauptpersonen zu halten und ihre Zusammenkunft für den wichtigsten Vorgang auf dem Bilde. Statt dessen wird man fast unmerklich von ihnen abgezogen, weil man wissen möchte, was der große Aufstand eigentlich zu bedeuten hat. Man verfolgt diesen bis ans Ende – und da – vier Fuß vom Rande des Gemäldes und volle sechsunddreißig Fuß vom Anfang desselben – durchzuckt den Beschauer, plötzlich wie ein elektrischer Schlag, der ungeahnte Anblick des Lederkoffers. Er steht vor ihm in seiner unvergleichlichen Schönheit, des großen Künstlers Zweck ist erreicht, sein Triumph vollkommen. Von diesem Augenblick an hat auf der vierzig Fuß großen Leinwand alles andere seinen Reiz verloren; man sieht weit und breit nichts als den Lederkoffer – und ihn sehen und verehren ist eins.

Selbst in der nächsten Nähe seines Meisterstücks hat Bassano Figuren angebracht, die den Blick noch eine Weile länger von jenem ablenken und so die Überraschung verzögern, um sie zu erhöhen. Rechts davon, zum Beispiel, steht ein gebückter Mann, dessen leuchtend rote Kappe das Auge sicherlich einen Moment lang fesselt; sechs Fuß zur Linken aber hält sein Reiter auf einem dickbäuchigen Pferde, und man blickt unwillkürlich nach seinem scharlachenen Rock hinüber. Zwischen dem Koffer aber und dem roten Reiter tritt ein halbnackter Mensch mit einem unnatürlichen Mehlsack daher, den er mitten auf dem Rücken trägt statt auf der Schulter; dies erstaunliche Kunstwerk erregt natürlich das Interesse und hält uns wieder eine Zeitlang hin – doch endlich, trotz aller Verzögerung und alles Aufenthalts, muß das Auge des Beschauers, selbst des schläfrigsten und unachtsamsten, auf das unvergleichliche Meisterstück fallen. Er erblickt es und sinkt auf seinen Stuhl nieder oder stützt sich schwankend auf den Arm des Führers.

Wie unvollkommen auch die Beschreibung eines solchen Kunstwerks notwendigerweise sein muß, so hat sie doch ihren Wert. – Der Deckel des Koffers ist gewölbt und zwar bildet die Wölbung einen vollkommenen Halbkreis im römischen Stil, denn bei dem raschen Verfall der griechischen Kunst machte sich damals schon Roms steigender Einfluß in der Kunst der Venezianischen Republik geltend. Überall, wo der Deckel aufliegt, ist er ringsum mit dem Leder eingefaßt oder beschlagen. Manche Kritiker behaupten zwar, daß dies Leder einen zu kalten Ton hat, aber ich halte das gerade für einen Vorzug, weil dadurch der Gegensatz zu der leidenschaftlichen Innigkeit der Haspe noch deutlicher hervorgehoben wird. Die grellen Lichter sind hier sehr geschickt verteilt, das ›Motiv‹ paßt sich der Grundfarbe auf das wunderbarste an und die ›Technik‹ ist vollendet. Die messingnen Nagelköpfe sind im reinsten Stil der Frührenaissance gehalten, jeder Nagelkopf ist ein Porträt und mit kühnem, sicherm Strich ausgeführt. Der Anfasser des Koffers ist offenbar übermalt worden – wahrscheinlich mit einem Stück Kreide – aber, wenn man ihn so sicher und natürlich an der Seite hängen sieht, erkennt man doch den alten Meister. Das Fell des Koffers ist – sozusagen – wirkliches Fell mit weißen und braunen Flecken. Alle Einzelheiten sind aufs sorgfältigste behandelt, besonders ist die ruhige, unbewegliche Lage, die sich für ein behaartes Fell so vorzüglich eignet, aufs trefflichste wiedergegeben. Gerade hierin liegt, meinem Gefühl nach, der höchste Vorzug des Werks, der es zu einer Kunstschöpfung ersten Ranges erhebt; die gemeine Wirklichkeit verschwindet und wir fühlen, daß der Stoff beseelt ist.

Man betrachte den Koffer wie man will, immer wird er ein Kleinod, ein Wunderwerk bleiben. Den Eindruck, welchen er macht, vermag weder das Rokoko in seinem höchsten Fluge noch die Byzantinische Schule zu erreichen. Aber auch bei den gewagtesten Effekten hat die Hand des Meisters nicht geschwankt, in stiller Majestät hat sie ihr Werk vollendet und mit ungeahnter Kunst, nach geheimnisvollen Methoden, die ihr allein zu Gebote stehen, noch über das Ganze einen zarten Schmelz gebreitet, der den irdischen Stoff verfeinert, durchgeistigt, und ihm einen hohen poetischen Reiz und bezaubernde Anmut verleiht.

Unter den Kunstschätzen Europas kommen einige an Wert dem ›Lederkoffer‹ nahe; etwa zwei stehen vielleicht mit ihm auf gleicher Höhe, aber übertroffen wird er von keinem. Selbst auf Leute, die sonst gar kein Verständnis für die Kunst haben, verfehlt der Koffer seinen Eindruck nicht. Ein Gepäckaufseher der Eriebahn, der ihn vor zwei Jahren sah, konnte sich kaum enthalten einen Zettel darauf zu kleben, und als ein Zollinspektor einmal dem Koffer gegenüber stand, betrachtete er ihn mehrere Sekunden lang mit schweigendem Entzücken, legte dann langsam und völlig unbewußt die eine Hand auf den Rücken mit der Innenseite nach oben und zog mit der andern ein Stück Kreide aus der Tasche.

Solche Thatsachen sprechen für sich selber.

  1. Mark Twain deutet hier offenbar auf die Geneigtheit dieser Beamten, ein ›Trinkgeld‹ anzunehmen, hin.

Tot oder lebendig

Tot oder lebendig

Im Jahre 1892 verbrachte ich den März in Mentone an der Riviera. An diesem ruhigen Ort erfreut man sich im stillen alle der Schönheit, die man in Monte Carlo oder Nizza öffentlich genießt. Das heißt, man hat die balsamische Luft, die glänzend blaue See, den alles überflutenden Sonnenschein, ohne die störenden Einflüsse des gesellschaftlichen Wirrwarrs, ohne Prunksucht und Mißbehagen.

Mentone ist still, einfach, ruhig, anspruchslos; die Reichen und die Vergnügungssüchtigen kommen nicht dahin – in der Regel meine ich. Zuweilen trifft man auch wohl einen Reichen, und mit einem solchen bin ich zufällig bekannt geworden. Ich nenne ihn Schmidt, um ihn unkenntlich zu machen. Eines Tages, beim zweiten Frühstück im Hotel des Anglais, faßt er mich plötzlich beim Arm und ruft aus:

»Geschwind! Sehen Sie den Herrn an, der eben zur Thür hinaus geht. Aber bitte, so genau wie möglich!«

»Warum denn?«

»Wissen Sie vielleicht, wer es ist?«

»Ja. Er war schon mehrere Tage hier, bevor Sie kamen. Es ist ein alter, sehr reicher Seidenwarenfabrikant aus Lyon, der sich von den Geschäften zurückgezogen hat und vermutlich allein auf der Welt steht; er schaut immer träumerisch und traurig darein und spricht mit keinem Menschen. Theophil Magnon heißt er.«

Ich erwartete nun, Schmidt würde mir sogleich das große Interesse, welches er an Herrn Magnon nahm, näher erklären; statt dessen versank er aber in tiefes Sinnen und war einige Minuten lang für mich und die übrige Welt verloren. Hin und wieder fuhr er mit den Fingern durch sein greises welliges Haar, als wollte er den Gedanken nachhelfen, und ließ unterdessen sein Frühstück kalt werden. Zuletzt sagte er:

»Nein, die Geschichte ist mir entfallen; ich kann mich nicht darauf besinnen.«

»Auf was denn nicht?«

»Ach, auf eine von Andersens hübschen kleinen Erzählungen. Ich weiß von dem Inhalt nur noch soviel: Ein Kind hat einen gefangenen Vogel, den es zwar liebt, jedoch aus Leichtsinn vernachlässigt. Das Lied des Vogels verhallt ungehört und unbeobachtet; bald wird das Tierchen auch von Hunger und Durst gequält, sein Gesang klingt traurig und schwach und hört endlich ganz auf – der Vogel stirbt. Das Kind kommt und möchte vor Reue und Schmerz vergehen. Dann ruft es unter bittern Thränen und Klagen seine Spielgefährten, und sie begraben den Vogel mit großem Pomp und aufrichtigem Kummer, ohne zu ahnen, daß es nicht bloß die Kinder sind, die ihre Poeten zu Tode hungern lassen und dann soviel Aufwand für Leichenbegängnisse und Denkmäler machen, daß man jene damit hätte am Leben erhalten und vor jeder Entbehrung schützen können. Jetzt – –«

Aber hier wurden wir unterbrochen. Gegen zehn Uhr abends begegnete ich Schmidt von ungefähr, und er lud mich ein, mit ihm auf seinem Zimmer eine Zigarre zu rauchen und ein Glas heißen Whisky zu trinken. Der gemütliche Raum war hell erleuchtet, duftendes Olivenholz brannte in dem offenen Kamin, und, um unser Behagen vollkommen zu machen, klang von fern das Brausen der Brandung gedämpft an unser Ohr. Nachdem wir einige Zeit in harmlosem Gespräch verbracht hatten, schenkte mir Schmidt wieder ein.

»Stärken wir unsere Lebensgeister noch ein wenig,« sagte er, »und dann will ich Ihnen eine kleine, seltsame Geschichte erzählen, die jahrelang ein Geheimnis zwischen mir und drei anderen gewesen ist. Aber, ich darf jetzt den Siegel brechen. Wollen Sie mir zuhören?«

»Mit Vergnügen. Fangen Sie nur an!«

Er erzählte darauf wie folgt:

»Vor langer Zeit, als ich noch ein sehr junger Künstler war und in den verschiedenen Departements von Frankreich, bald hier bald dort skizzierend umherwanderte, verband mich der Zufall mit ein paar lieben jungen Franzosen, die denselben Beruf erwählt hatten wie ich. Wir waren alle drei blutarm, aber sehr glücklich bei unserer Armut. Claude Frère und Charles Boulanger, so hießen meine wackeren Kameraden, waren voller Lust und Heiterkeit; weder Sturm, noch Wetter, noch Entbehrungen aller Art vermochten ihnen die gute Laune zu verderben. Schließlich gerieten wir aber doch in einem Dorf der Bretagne hart auf den Grund und hätten buchstäblich verhungern müssen, wenn uns nicht ein Künstler, der ebenso arm war wie wir selber – François Miller – vom Tode errettet hätte – –«

»Was! Der große François Millet?«

»Groß war er damals noch keineswegs – nicht größer als wir. Von Ruhm war bei ihm noch keine Rede, selbst nicht in seinem eigenen Dorfe. Dabei war er so arm, daß er uns keine andere Speise zu bieten hatte als weiße Rüben, und sogar an diesen mangelte es zuweilen. Wir vier wurden schnell unzertrennliche Freunde. Wir malten zusammen drauf los, soviel wir konnten und häuften ganze Stöße von Bildern auf, fanden aber höchst selten einen Liebhaber. Es waren schöne Zeiten! Aber, Gott im Himmel, wie mußten wir manchmal hungern! – Das ging so ungefähr zwei Jahre lang. Da sagte Claude eines Tages:

»Jungens, mit uns geht es zu Ende. Versteht mich wohl: jetzt ist alles aus. Man hat ein förmliches Bündnis gegen uns geschlossen. Das ganze Nest bin ich abgelaufen, aber niemand will uns mehr Kredit geben, keinen einzigen Sou, bis alle Reste und Schulden bezahlt sind.«

»Uns überlief es kalt; wir wurden alle bleich vor Schrecken. Unsere Lage war wirklich trostlos geworden. Nach langem Schweigen hob Millet endlich mit einem Seufzer an:

»Mir fällt nichts ein, nichts, rein gar nichts. Erfindet ihr etwas, Kameraden!«

»Aber keiner von uns wußte einen Ausweg, und unser bekümmertes Schweigen war die einzige Antwort, die er erhielt. »Charles stand auf und ging eine Weile unruhig im Zimmer umher, dann sagte er:

»,Es ist eine Schande. Seht euch nur einmal diesen Haufen von Bildern an, die so gut sind, daß man sie in ganz Europa nicht besser gemalt bekommt. Das haben uns ja auch viele von den Fremden bestätigt, die hier immer herumlungern.«

»,Ja, aber gekauft haben sie nichts.«wandte Millet ein.

».Freilich wohl – aber sie sagten es doch. Und es ist wahr. Sieh nur, z. B. dein ›Angelus‹; kann irgend jemand behaupten –«

»,Ja, mein ›Angelus‹! Fünf Franken hat man mir dafür geboten.«

»Wann?«

»Wer bot das?«

»Wo ist der Mann?«

»Warum nahmst du sie nicht?«

»Sprecht doch nicht alle auf einmal. Ich dachte, er würde mehr geben – ich hätte darauf geschworen – er sah das Bild in einer Weise an – kurz, ich forderte acht.«

»Sapperment! Aber François, warum in aller Welt…«

»O, ich weiß wohl, ich weiß! Ich hatte mich geirrt und war ein Narr. Glaubt mir, Jungens, ich meinte es wirklich gut, und wenn ich –«

»Sei nur ruhig – wir kennen ja dein gutes Herz; aber thue uns die Liebe an und sei ein andermal kein solcher Dummkopf.«

»Verlaßt euch drauf, das geschieht nicht wieder. Ich wünschte nur, es käme einer und böte mir einen Kohlkopf dafür – ihr solltet sehen –«

».Einen Kohlkopf? O, sprich nicht davon – das Wasser läuft mir bei dem bloßen Gedanken im Munde zusammen.« »Jungens,« sagte Charles, ›seid einmal vernünftig und antwortet mir: haben diese Bilder etwa keinen Wert?‹

»Doch, versteht sich!«

»Sogar großen und hohen Wert, nicht wahr?«

»Ohne alle Frage!«

»Sind sie nicht so vorzüglich, daß man sie zu unsinnigen Preisen verkaufen würde, wann ein berühmter Name darauf geklext wäre?«

»Natürlich! Darüber besteht kein Zweifel!«

»Nun gut! So hört mir zu. Aber, nicht wahr, ihr wißt, ich meine es nicht im Scherz?«

»Versteht sich! Uns ist es auch bitterer Ernst. Also, heraus mit der Sprache. Was hast du ausgeheckt? Laß hören!«

»Nämlich … was meint ihr, Kameraden – wißt ihr was? – wir klexen eben einen berühmten Namen auf die Bilder.«

»Das Gespräch stockte. Alle Blicke richteten sich fragend auf Charles. Wollte er uns ein Rätsel aufgeben? Wo sollten wir einen berühmten Namen hernehmen? Wer würde ihn uns leihen? –

»Charles nahm jetzt Platz und sagte:

»Mein Vorschlag ist vollkommen ernst gemeint. Ich weiß kein anderes Mittel uns aus dieser Klemme zu befreien, doch halte ich es für untrüglich. Eine Menge Thatsachen, welche uns die Geschichte lehrt, bestärken mich in dieser Ansicht. Ich hoffe, mein Plan wird uns alle reich machen.«

»Reich? Du hast wohl den Verstand verloren.«

»Durchaus nicht.«

»,Doch; ich glaube, du bist übergeschnappt. Was nennst du reich?«

»Hunderttausend Franken für jeden.«

»›O weh, er ist wirklich verrückt geworden!‹

»›Armer Charles! Mangel und Not waren zu hart für dich!‹

»›Nimm ein niederschlagendes Pulver und gehe sofort zu Bette.‹

»›Macht ihm erst einen kalten Umschlag.‹

»›Nein, holt lieber eine Zwangsjacke. Jeden Augenblick kann die Tobsucht bei ihm ausbrechen.‹

»›Still,‹ rief Millet ungeduldig, ›laßt ihn doch erst ausreden.‹

»›Auch gut – so sprich, Charles! Was ist’s mit deinem Plan?‹

»›Ihr sollt ihn hören. Doch muß ich euch zuvor etwas fragen. Habe ich recht oder nicht, daß das Verdienst vieler großer Künstler nicht früher erkannt worden ist, als bis sie im Elend verkommen waren? Ihr wißt, dies hat sich in der Geschichte der Menschheit so oft zugetragen, daß ich glaube getrost ein Gesetz darauf gründen zu können, welches dahin lautet, daß das Verdienst eines jeden großen Künstlers, der namenlos und verkannt war, ans Licht kommt und seine Bilder hohe Preise erzielen – sobald der Mann tot ist. Mein Plan ist folgender: Wir wollen losen – einer von uns muß sterben.‹

»Das kam uns so unerwartet, und er sagte es so ruhig, daß wir im ersten Augenblick ganz still und verblüfft sitzen blieben. Dann aber brach ein wilder Chor der Entrüstung los, und es folgten allerlei medizinische Ratschläge, um dem kranken Gehirn unseres Freundes Heilung zu bringen. Er aber wartete geduldig, bis sich der Sturm zu legen begann und fuhr dann unbeirrt fort:

»›Wie gesagt – einer von uns muß sterben, um die andern zu retten und – sich selbst. Wir wollen losen.

Der Gewählte soll berühmt werden, um uns alle reich zu machen. So seid doch still und unterbrecht mich nicht immer – ich weiß ganz genau, was ich sage. Der, welcher sterben muß, arbeitet während der drei nächsten Monate aus allen Kräften, um seinen Vorrat an Malereien zu vermehren; er macht keine Bilder, behüte! nur Skizzen, Studien, Bruchstücke, Teile von Studien, ein Dutzend Pinselstriche auf jedes Stück, so zusammenhanglos wie möglich, und auf jedes natürlich seinen Namenszug. Fünfzig solche Farbenklexereien liefert er den Tag, aber jede muß etwas Besonderes vorstellen, etwas von der Manier an sich haben, die sich leicht als die ›seine‹ kennzeichnet. Solche Sachen, das wißt ihr, werden zu fabelhaften Preisen gekauft, und von allen großen Museen der Welt gesammelt, sobald der Mann erst aus dem Leben geschieden ist. Eine Unzahl Skizzen müssen fertig werden, mindestens ein Zentner. Während der Sterbende sie malt, unterstützen die übrigen ihn nach Kräften, treffen alle Vorkehrungen für das kommende Ereignis und bearbeiten Paris und die Händler. Ist das Feuer gehörig geschürt und das Eisen heiß, dann ist es Zeit, daß der Tod eintritt, und wir veranstalten ein pompöses Begräbnis. – Nun, was sagt ihr zu meinem Plan?«

»,Ja, aber … das heißt … wie soll denn …?«

»Versteht mich recht. Der Mann soll in Wirklichkeit gar nicht sterben; er nimmt bloß einen andern Namen an und verschwindet; wir begraben einen Strohmann und erheben ein Wehgeschrei über ihn, daß die ganze Welt davon widerhallen soll. Und dann – – –«

»Aber weiter kam er nicht. Wir brachen in ein gewaltiges Hurra! aus, schnellten von unsern Sitzen in die Höhe, sprangen wie toll in der Stube umher und fielen einander gerührt um den Hals. Stundenlang besprachen wir den Plan, ohne hungrig zu werden, und als zuletzt alles zur Zufriedenheit geordnet war, warfen wir die Lose in einen Hut, und der Gewählte war – Millet, der Todgeweihte, wie wir ihn nannten.

»Jeder suchte nun zusammen, was er an kleinen Schmucksachen und Andenken etwa noch besaß. Beim Pfandverleiher bekamen wir so viel Geld dafür, daß es zu einem bescheidenen Abendessen und Frühstück reichte. Auch behielten wir noch ein paar Franken zur Reise übrig, nachdem wir mehrere Pfund Rüben und das Nötigste für Millet angeschafft hatten, womit er in den nächsten Tagen sein Leben fristen konnte.

»Am andern Morgen machten wir drei uns gleich nach dem Frühstück auf die Strümpfe, natürlich zu Fuß. Jeder von uns trug ein Dutzend kleiner Bilder von Millet in seinem Ranzen, mit dem festen Vorsatz, sie auf den Markt zu bringen. Charles ging geradeswegs nach Paris, wo er an Millets Ruhm bauen wollte, bis der große Tag gekommen war. Auch Claude und ich trennten uns, um denselben Zweck im übrigen Frankreich zu verfolgen.

»Es wird Sie vermutlich überraschen zu hören, wie leicht und bequem sich die Sache ausführen ließ. Nach zweitägiger Wanderung kam ich in die Nähe einer großen Stadt und begann eine Villa der Umgegend zu skizzieren – weil ich den Eigentümer auf der obern Veranda des Hauses stehen sah. Er kam gleich herunter, mir zuzusehen; ich ahnte schon, daß er anbeißen würde. Um sein Interesse rege zu halten, arbeitete ich sehr schnell. Gelegentlich entschlüpfte ihm ein Ausruf des Wohlgefallens, nach und nach wurde er wärmer, geriet in Begeisterung und erklärte mir schließlich rund heraus, ich sei ein Meister in meinem Beruf.

»Da legte ich meinen Pinsel hin, langte in den Ranzen, holte einen Millet heraus und deutete stolz auf das Zeichen in der Ecke. »Sie kennen ihn ohne Zweifel. Er war mein Lehrer. Kein Wunder also, daß ich mich auf mein Handwerk verstehe.«

»Der Mann geriet in eine leicht begreifliche Verlegenheit und blieb stumm.

»›Sie wollen mich doch nicht glauben machen, daß Sie Francis Millets Namenszug nicht kennen?‹ fragte ich erstaunt.

»Natürlich kannte er ihn nicht; aber er atmete erleichtert auf, wie jemand, der sich aus einer höchst unbequemen Lage befreit sieht. Mit der dankbarsten Miene von der Welt rief er ganz beglückt:

»Wahrhaftig, ja, von Millet. Ich wußte zuerst nicht gleich, was ich vor mir hätte. Aber natürlich erkenne ich es jetzt.«

»Er wollte nun das Bildchen kaufen, allein, ich weigerte mich lange es herzugeben; endlich ließ ich es ihm jedoch für achthundert Franken.«

»Achthundert!«

»Ja! Millet hätte es für ein Schweinerippchen hergegeben. Ich wollte, ich könnte es jetzt für achttausend zurückbekommen; aber jene Zeit ist vorüber. Ich machte von der Villa ein sehr hübsches Bild und hätte es dem Besitzer für zehn Franken gelassen, aber, da er sah, daß ich der Schüler eines solchen Meisters war, ließ er sich’s hundert kosten. Die achthundert Franken schickte ich mit der Post sofort an Millet und machte mich am nächsten Tage rasch aus dem Staube.

»Aber ich ging nicht, nein, ich ritt. Seitdem bin ich immer geritten. Ich verkaufte jeden Tag ein Gemälde, daran ließ ich mir genügen. Zu den Käufern aber sagte ich stets:

»Eigentlich ist es die größte Thorheit, ein Bild von François Millet zu verkaufen. Der Mann lebt keine drei Monate mehr, und wenn er stirbt, wird man seine Arbeiten mit Gold aufwiegen.«

»Ich gab mir alle erdenkliche Mühe, diese Thatsache so viel wie möglich zur allgemeinen Kenntnis zu bringen, um die Welt auf das kommende Ereignis vorzubereiten.

»Den Plan, die Bilder auf solche Weise an den Mann zu bringen, rechne ich mir hoch an, denn, unter uns gesagt, er stammte von mir und gelang uns allen vortrefflich. Claude war gleichfalls zwei Tage gewandert, ehe er den Verkauf begann, denn er fürchtete wie ich, Millets Ruhm möchte zu schnell bis in sein Heimatdorf dringen. Der hübsche, leichtsinnige Charles aber fing das Geschäft schon nach einem halben Tage an und reiste so vornehm wie ein Herzog.

»Dann und wann traten wir auch in ein Zeitungsbureau und bewarben uns um die Gunst der Presse. Nirgends war zu lesen, daß ein neuer Maler entdeckt worden sei; man nahm einfach an, daß alle Welt François Millet kenne; auch priesen die Blätter sein Verdienst auf keine Weise, sie brachten nur Andeutungen über das gegenwärtige Befinden des ›Meisters‹ – manchmal hoffnungsvoll, manchmal verzweifelnd, aber immer das Schlimmste befürchtend, und das reichte vollkommen hin. Wir strichen diese Zeitungsnotizen mit Rotstift an und sandten die Nummern gewissenhaft allen Leuten zu, die uns Bilder abgekauft hatten.

»Sobald Charles in Paris war, nahm er die Sache geschickt in die Hand. Er knüpfte Beziehungen zu auswärtigen Korrespondenten an und ließ Millets Bedeutung in England, über den Kontinent, in Amerika und allerorten ausposaunen.

»Sechs Wochen nach unserm Aufbruch trafen wir drei uns wieder in Paris, riefen einander ›Halt‹ zu, und ließen uns auch keine Bilder mehr von Millet schicken. Der Baum seines Ruhmes war so hoch und die Früchte so reif geworden, daß uns der rechte Zeitpunkt gekommen schien, um die Arbeit einzustellen. So schrieben wir denn an Millet, er möchte sich unverweilt zu Bette legen, denn wir wünschten ihn in zehn Tagen sterben zu lassen, wenn er bis dahin fertig werden könne.

»Nun machten wir Kasse und fanden, daß wir inzwischen fünfundachzig kleine Bilder und Studien verkauft und neunundsechzigtausend Franken dafür eingenommen hatten. Charles machte noch zuletzt das glänzendste Geschäft von allen, er verkaufte nämlich den ›Angelus‹ für zweitausend zweihundert Franken. Wie feierten wir ihn für diese That, ohne vorauszusehen, daß Frankreich eines Tages um den Besitz dieses Gemäldes mit einem Fremden kämpfen würde, der es uns schließlich für bare Fünfmalhundertfünfzigtausend geraubt hat.

»Am selben Abend hielten wir noch einen Abschiedsschmaus mit Champagner, und tags darauf packten Claude und ich unsere Habseligkeiten und reisten ab, um Millet während seiner letzten Tage zu pflegen, alle Neugierigen vom Hause fern zu halten und täglich Berichte an Charles nach Paris zu senden, die in den Blättern aller Erdteile veröffentlicht wurden, um die voll Spannung harrende Welt von den Vorgängen in Kenntnis zu setzen. Das traurige Ende ließ nun nicht lange auf sich warten, und auch Charles war zugegen, um bei den letzten Feierlichkeiten zu helfen.

»Sie erinnern sich ohne Zweifel, welches ungeheure Aufsehen jenes große Leichenbegängnis machte; die bedeutendsten Persönlichkeiten aus aller Herren Länder kamen damals herbeigeströmt, um ihre Teilnahme zu bezeugen. Wir vier – noch immer unzertrennlich – trugen den Sarg, und wollten uns von keinem dabei helfen lassen. Mit gutem Grund, denn es befand sich nichts darin als eine Wachspuppe. Andern Sargträgern würde das geringe Gewicht ohne Zweifel aufgefallen sein. Wir vier, die wir alle Entbehrungen der schweren, jetzt auf ewig vergangenen Zeit, mit treuer Freundschaft geteilt hatten, haben nun auch den Sarg ….«

»Vier? Welche vier?«

»Nun, wir vier – denn Millet half seinen eigenen Sarg tragen. Verkleidet natürlich. Er galt für einen entfernten Verwandten.«

»Merkwürdig!«

»Aber wahr, buchstäblich wahr! Sie werden sich auch erinnern, wie die Bilder Millets im Preise stiegen. Wir wußten kaum, was wir mit all dem Gelde anfangen sollten. In Paris lebt ein Mann, der siebzig Stück Millets besitzt. Er hat uns zwei Millionen dafür bezahlt. Und was die Unmenge von Skizzen und Studien betrifft, die Millet in den sechs Wochen, während wir unterwegs waren, zusammengemalt hat, so würden Sie staunen, für welche Preise wir sie heute noch verkaufen, das heißt, wenn wir uns überhaupt dazu verstehen sie herzugeben.«

»Das ist wirklich eine wunderbare Geschichte.«

»Ja, sie hat einen ganz hübschen Schluß.«

»Was ist denn aber aus Millet geworden?«

»Können Sie ein Geheimnis bewahren?«

»Versteht sich!«

»Erinnern Sie sich des Mannes, auf den ich Sie heute im Speisesaal aufmerksam machte? Das war François Millet.«

»Nicht möglich!«

»Ja – er selbst. Das war einmal ein genialer Mann, der sich nicht zu Tode gehungert hat, um dann den Lohn, der ihm gebührte, in die Taschen anderer fließen zu lassen. Diesem Singvogel war es nicht bestimmt, sich das Herz umsonst aus dem Leibe zu pfeifen, und den kalten Pomp einer großen Leichenfeier als einzige Bezahlung zu erhalten. Dafür haben wir Sorge getragen!«

Michel Angelo

Michel Angelo

(Nebst einer Auslassung über Führer in Italien).

Ich verehre das gewaltige Genie Michel Angelos, des Mannes, der groß in der Dichtkunst, groß als Maler, Bildhauer, Baumeister – groß in allem war, was er unternahm. Aber ich mag Michel Angelo nicht zum Kaffee, zum zweiten Frühstück, zum Mittagsbrot, zum Thee und zum Nachtessen haben und auch noch zwischen den Mahlzeiten. Ich liebe einen gelegentlichen Wechsel. In Genua entwarf er alles, in Mailand entwarfen er oder seine Schüler alles, von wem anders hörten wir die Führer in Padua, Verona, Venedig, Bologna jemals reden, als von Michel Angelo? In Florenz hatte er fast alles gemalt, fast alles entworfen, und wo etwas war, das er nicht entworfen, davor hatte er wenigstens auf seinem Lieblingssteine gesessen und es betrachtet, und man wies uns den Stein. In Pisa hatte er alles entworfen, ausgenommen den berühmten alten Turm, und auch der würde ihm zugeschrieben worden sein, wenn er nicht gar so schief ausgefallen wäre. In Rom ist’s mit diesem Michel Angelo besonders fürchterlich. Er entwarf die Peterskirche, er entwarf das Pantheon, den Tiberstrom, den Vatikan, das Koliseum, das Kapitol, den Tarpejischen Felsen, den Palast Barberini, die Laterankirche, die Campagna, die Appische Straße, die sieben Hügel, die Bäder des Caracalla, die Claudische Wasserleitung, die Cloaca Maxima – der ewige Quälgeist entwarf die ewige Stadt, und wenn nicht alle Menschen und Bücher lügen, malte er zugleich alles in derselben. Mein Freund Dan sagte neulich zum Führer: »Genug, genug, genug! Ich will nichts mehr wissen. Sagen Sie rund heraus: Gott schuf Italien nach Entwürfen von Michel Angelo!«

Nie fühlte ich mich zu so feurigem Danke gestimmt, so beruhigt, so voll Seelenfrieden, so selig als gestern, wo ich erfuhr, daß Michel Angelo tot sei.

Aber wir haben es diesem Führer abgewöhnt. Er führte uns in den ungeheuren Korridoren des Vatikans durch Meilen von Bildern und Skulpturen und an einem Dutzend anderer Orte wieder und immer wieder durch Meilen von Bildern und Skulpturen; er zeigte uns das große Gemälde in der Sixtinischen Kapelle und Fresken genug, um den ganzen Himmel damit zu schmücken – und ziemlich alles war von Michel Angelo. So spielten wir ihm denn den Possen, der uns so manchen Führer zahm gemacht hat: wir stellten uns dumm und richteten blödsinnige Fragen an ihn. Diese Geschöpfe sind nie mißtrauisch, haben keine Idee von Sarkasmus.

Er zeigte uns eine Figur und sagte: »Statu brunzo.« (Bronzestatue.)

Wir sehen gleichgültig hin, und der Doktor fragt: »Von Michel Angelo?«

»Nein, nicht wissen, wer.«

Dann zeigte er uns ein altes römisches Forum, und der Doktor fragt wieder: »Von Michel Angelo?«

Der Führer macht große Augen. »Nein – tausend Jahr, bevor er ist geboren.«

Dann kommt ein ägyptischer Obelisk dran, und wieder wird gefragt: »Von Michel Angelo?«

» O mon Dieu! meine Erren. Der stehen ja sweitausend Jahr schon bevor er ist geboren.«

Er wird dieses unaufhörlichen Fragens zuweilen so müde, daß er sich fürchtet, uns noch mehr zu zeigen. Der arme Teufel gab sich die erdenklichste Mühe, uns begreiflich zu machen, daß Michel Angelo nur für die Erschaffung eines Teils der Welt verantwortlich ist, aber ohne den gewünschten Erfolg.

Ich möchte an dieser Stelle etwas von allgemeinem Interesse in Betreff dieser notwendigen Plagegeister, der europäischen Führer, sagen. Mancher hat gewiß schon in seinem Herzen gewünscht, ohne einen Führer fertig zu werden, oder – da dies nicht möglich ist – wenigstens gewünscht, sich für seine lästige Gesellschaft durch einen Spaß mit ihm schadlos zu halten. Da uns das gelungen ist, mögen auch andere Nutzen daraus ziehen.

Die Führer verstehen gewöhnlich gerade genug Englisch, um die heilloseste Begriffsverwirrung damit anzurichten, so daß man nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht. Sie kennen ihre Geschichte auswendig, – die Geschichte jeder Bildsäule, jedes Gemäldes, jeder Kathedrale und jedes andern Wunders, das sie uns zeigen. Sie sagen ihre Geschichte her wie ein Papagei, und wenn man sie unterbricht und aus dem Konzepte bringt, so müssen sie umkehren und von vorn anfangen. Da sie ihr ganzes Leben hindurch damit beschäftigt sind, Fremden seltsame Dinge zu zeigen und den Ausbrüchen ihrer Begeisterung zuzuhören, so macht es ihnen natürlich die größte Freude, Bewunderung zu erwecken. Das Publikum vor Begeisterung in vollständige Verzückung zu versetzen, wird dem Führer zur Leidenschaft. Er gewöhnt sich so sehr daran, daß er in einer nüchternen Atmosphäre gar nicht mehr leben kann. Nachdem wir dies entdeckt, verfielen wir nie wieder in Verzückung, bewunderten wir nichts mehr, zeigten wir vor den erhabensten Wunderwerken, die ein Führer uns zu erklären hatte, nie etwas anderes als gleichgültige Gesichter und einfältige Teilnahmlosigkeit. Wir hatten ihre schwache Stelle herausgefunden und dies seitdem gehörig benutzt. Wir haben einige von diesen Leuten bisweilen förmlich wild gemacht, nie aber unsere eigne gute Laune verloren.

Gewöhnlich ist’s unser Doktor, der die Fragen stellt, weil er seine Gesichtsmuskeln in der Gewalt hat, sich ganz das Aussehen eines Einfaltspinsels geben kann und es vortrefflich versteht, in den Ton seiner Stimme möglichst viel alberne Naivität zu legen. Es scheint ihm angeboren.

Die Führer in Genua sind ganz entzückt, wenn sie sich einer amerikanischen Gesellschaft bemächtigen können, weil Amerikaner sich so leicht wundern und namentlich vor jeder Reliquie des Kolumbus in Aufregung und Staunen geraten. Unser dortiger Führer tänzelte vor uns herum, als ob er eine Sprungfedermatratze verschluckt hätte. Er konnte sich kaum mehr halten vor Ungeduld, als er uns zurief:

»Komm Sie mit, meine Erren – komm Sie. Ik werd‘ Sie ßeigen das Brief geschreibt von Christophoro Colombo selbst. Schreibte es selbst! Schreibte es mit seine eigne And.«

Er führte uns nach dem Stadthaus. Nach vielem eindrucksvollem Herumkramen in Schlüsseln und Aufschließen von Schlössern wurde das beschmutzte alte Dokument vor uns ausgebreitet. Die Augen des Führers funkelten. Er tanzte um uns herum und klopfte mit dem Finger auf das Pergament.

»Was ik Ihne sagte, meine Erren! Ist es nit so? Seh Sie mal! Andschrift von Christophoro Colombo. Schreibte es selbst.«

Wir machten ein gleichgültiges, teilnahmloses Gesicht. Der Doktor prüfte das Dokument sehr sorgfältig während einer peinlichen Pause. Dann sagte er, ohne irgend welches Interesse zu verraten: »Ah, Ferguson, wie – wie sollte doch der Mensch heißen, der das geschrieben hat?«

»Christophoro Colombo! Der große Christophoro Colombo.«

Wieder eine sorgfältige Prüfung.

»Ah, schrieb er es selbst, oder – oder wie?«

»Er schreibte es selbst! – Christophoro Colombo! Es ist seine eigne Andschrift. Schreibte es selbst.«

Darauf legte der Doktor das Dokument hin und sagte:

»Ei, ich habe Knaben in Amerika gesehen, die erst vierzehn Jahr alt waren und besser schreiben konnten, als das da.«

»Aber das ist ja der große Christoph –«

»Einerlei, wer er ist. Es ist die schlechteste Schrift, die ich je gesehen. Nun müssen Sie sich nicht einbilden, daß Sie uns was weiß machen können, weil wir Fremde sind. Wir sind durchaus keine Narren. Wenn Sie Beispiele der Schönschreibekunst zu zeigen haben, an denen wirklich ‚was ist, dann her damit – wo nicht, so lassen Sie uns weiter fahren.«

Wir fuhren weiter. Der Führer war erheblich erschüttert in seinen Erwartungen, aber machte noch einen Versuch. Er hatte etwas, wovon er dachte, es würde uns überwältigen. Er sagte:

»Ah, meine Erren, komm Sie mit mich. Ik werd‘ Sie zeigen was Schönes, – prächtige Büste von Christophoro Colombo – errlich, großartig.«

Er brachte uns vor die schöne Büste – sie war in der That schön – sprang zurück und warf sich in die Brust.

»Ah, seh Sie, meine Erren, schön, großartig – Büste von Christophoro Colombo! schönes Büste, schönes Piedestal!«

Der Doktor nahm sein Augenglas vor die Augen, das er sich zu solchen Zwecken angeschafft hatte.

»Ah, wie sollte dieser Herr gleich heißen?«

»Christoph Columbus. Der große Christophoro Colombo.«

»Christoph Columbus. Der große Christophoro Colombo. Nun, was hat er denn geleistet?«

»Amerika entdeckt – Amerika hat er entdeckt. Sein das nicht genug?«

»Amerika soll er entdeckt haben? Nein – die Behauptung wird schwerlich richtig sein. Wir kommen ja selber aus Amerika. Wir haben nichts davon gehört. Christophoro Colombo – hübscher Name – ist – ist er schon tot?«

» O corpo die Bacho! Dreihundert Jahre schon.«

»Woran starb er wohl?«

»Das weiß ik nicht, das kann ik nit sagen.«

»Denken Sie ‚mal nach – Pocken?«

»Ik weiß es nicht, meine Erren. Ik weiß nicht, an was er ist gestorben.«

»Masern am Ende?«

»Mag sein, mag sein – ik weiß es nicht – ik denk, er sterbte an etwas.«

»Eltern noch am Leben?«

»Unmöglich.«

»Sagen Sie, – welches ist die Büste und welches das Piedestal.«

»Santa Maria! Dies hier ist die Büste und dies das Piedestal.«

»Ah, ich sehe, ich sehe – glückliche Verbindung, in der That eine sehr glückliche Verbindung.«

Nachdem wir unserem Führer also in Genua mitgespielt, hatten wir für die Zukunft gewonnenes Spiel. Diese Führer hätten uns sonst zu Tode geelendet.

 

Im Vatikan zu Rom, dieser wunderbaren Welt voll Sehenswürdigkeiten, verbrachten wir wiederholt mehrere Stunden. Auch hier trugen wir unserem Führer gegenüber die größte Zurückhaltung zur Schau. Bisweilen waren wir nahe daran, Interesse zu bekunden, ja selbst Bewunderung – es war sehr schwer, sich dessen zu enthalten. Indes gelang es. Niemand sonst brachte das im vatikanischen Museum zu stande. Der Führer war außer sich – es ging ihm über’s Bohnenlied. Er lief sich fast die Beine ab, um außerordentliche Dinge aufzuspüren, und erschöpfte alle seine Gewandtheit an uns, aber es mißlang ihm. Er hatte das, was er für das größte Wunder hielt, bis zuletzt aufgespart – eine ägyptische Königsmumie, vielleicht die am besten erhaltene in der Welt. Er führte uns dahin. Er war seiner Sache diesmal so sicher, daß etwas von seinem früheren Enthusiasmus zurückkehrte.

»Seh Sie, meine Erren! Mumia! Mumuia!«

Das Augenglas ging so ruhig und kritisch wie immer in die Höhe.

»Ah, Ferguson – verstand ich Sie recht – wie hieß dieser Herr?«

»Wie er geheißen hat? Er atte gar keine Name. Mumia! – Ägyptische Mumie.«

»Ja, ja. Hier geboren?«

»Nein. Ägyptische Mumie.«

»A, ganz recht. Vermutlich ein Franzose?«

»Nein. Kein Franzose, kein Römer. In Ägypta geboren.«

»In Ägypta geboren? Hörte in meinem Leben nichts von Ägypta. Ausländische Lokalität wahrscheinlich. Mumie, Mumie. Hm, wie ruhig er ist, wie gelassen! Ist – ah, ist er tot?«

» Oh sacré bleu! schon seit dreitausend Jahren.«

Her Doktor schnaubte ihn grimmig an:

»Hören Sie ‚mal, was soll dieses Betragen heißen? Halten Sie uns für Chinesen, weil wir Fremde sind und etwas lernen wollen? Versuchen Sie uns mit ihren elenden Leichen aus der Trödelbude zu imponieren? Donnerwetter, ich hätte gleich Lust, Sie zu – zu –; wenn Sie eine nette frische Leiche haben, her damit – oder beim Teufel…«

Unser Führer war ein Franzose. Indes zahlte er uns den Spaß, ohne es zu wissen, teilweise heim. Er kam am andern Morgen ins Hotel, um sich zu erkundigen, ob wir auf wären, und beschrieb uns, so gut er konnte, so daß der Wirt bald wußte, welche Personen er meinte. Er schloß seine Beschreibung mit der beiläufigen Bemerkung, daß wir verrückt seien. Wir nahmen ihm diese harmlose und ehrlich gemeinte Äußerung gar nicht übel.

Ein türkisches Bad

Ein türkisches Bad

Wenn ich daran denke, wie ich durch Beschreibungen von Reisen im Orient beschwindelt worden bin, so könnte ich ganz rasend werden. Jahraus jahrein habe ich von den Wundern des türkischen Bades geträumt, und jahraus jahrein habe ich mir versprochen, ich solle noch eines zu genießen bekommen. Ach wie oft habe ich in Gedanken in dem Marmorbade gelegen und die einschläfernden Düfte morgenländischer Gewürze, welche die Luft erfüllten, eingeatmet; habe dann eine geheimnisvolle und verwickelte Prozedur von Ziehen und Recken, Naßmachen und Abreiben durchgemacht, welche von einer Schar nackter Wilder ins Werk gesetzt wurde, die gleich Dämonen in den dampfenden Nebeln auftauchten; habe dann eine Weile auf einem Divan, der sich für einen König paßte, ausgeruht; bin darauf durch eine zweite Feuerprobe und zwar durch eine furchtbarere als die erste hindurchgegangen und schließlich, in weiche Stoffe gehüllt, in einen fürstlichen Saal gebracht und auf ein Bett von Eiderdunen gelegt worden, wo Eunuchen in prachtvoller Tracht mir Kühlung zufächelten, während ich in träumerischem Halbschlummer dalag oder mit Behagen auf die reichen Behänge des Gemachs, die weichen Teppiche, die prächtigen Hausgeräte und Bilder hinschaute, köstlichen Kaffee trank, das beruhigende Nargileh rauchte und zuletzt, eingelullt von wollüstigen Düften aus ungesehenen Räucherpfannen, von dem sänftigenden Einflüsse des persischen Tabaks und von der Musik plätschernder Springbrunnen, die das Tröpfeln eines Sommerregens nachahmten, in ruhigen Schlaf versank.

Es war ganz das Bild, wie es in den phantasievollen Reisebüchern steht. Aber es ist eine elende Täuschung.

Man empfing mich in einem großen Hofe, der mit Marmorplatten gepflastert war. Rings herum liefen breite Galerien, eine über der andern, mit schmutzigen Matten statt mit Teppichen belegt, und von unangestrichenen Balustraden eingefaßt. Möbliert waren sie mit riesigen gichtbrüchigen Stühlen, darauf zerfressene alte Matratzen als Sitzkissen, eingebogen und ausgehöhlt durch die Eindrücke, welche die Formen von neun aufeinanderfolgenden Generationen, die auf ihnen geruht, zurückgelassen hatten. Der Raum war groß, kahl, öde, der Hof eine Scheune, die Galerien wie Pferdeställe. Die leichenhaften, halbnackten Knechte, die in dem Etablissement Dienste leisteten, hatten in ihrer Erscheinung nichts von Poesie, nichts von Romantik, nichts von morgenländischer Pracht. Sie verbreiteten keine entzückenden Düfte – vielmehr das Gegenteil. Ihre hungrigen Augen und ihre hagern Gestalten ließen einen fortwährend an eine sehr prosaische Thatsache denken, – daß sie Verlangen trugen nach dem, was man in Kalifornien ›eine rechtschaffene Abfütterung‹ nennt.

Ich ging in eine von den Zellen und entkleidete mich. Ein unsauberer, verhungert aussehender Bursche umhüllte seine Lenden mit einem bunten Tischtuche und hing mir einen weißen Fetzen über die Schultern. Ich wurde sodann in den Hof hinabgeführt, der so feucht und schlüpfrig war, daß ich ausglitt und hinfiel. Mein Fall rief jedoch keinerlei Bemerkung hervor. Man hatte ihn ohne Zweifel erwartet. Er gehörte offenbar zu der Reihe sänftigender, wollüstiger Eindrücke, die dieser Heimstätte des morgenländischen Luxus eigentümlich sind. Man gab mir ein Paar hölzerne Pantoffeln oder vielmehr Brettchen, mit Lederstrippen daran, um sie an den Füßen festzuhalten (was sie auch gethan haben würden, wenn ich eine andere Nummer trüge). Diese Dinge baumelten unbequem an den Strippen, wenn ich die Füße erhob, und wenn ich sie wieder niedersetzte, drehten sie sich seitwärts, daß meine Fußknöchel umknickten und schier aus dem Gelenke gingen. Indes war alles morgenländischer Luxus, und ich that, was ich konnte, um mich seiner zu erfreuen.

Man brachte mich in einen andern Teil der Scheune und legte mich auf eine Art von Pritsche, die nicht etwa aus Goldbrokat oder persischen Shawls bestand, sondern dasselbe einfache und anspruchslose Ding war, das ich in den Negerquartieren von Arkansas fand. In diesem düstern Marmorgefängnis befand sich weiter gar nichts als noch fünf von diesen Bahren. Es war ein sehr feierlicher Ort. Ich erwartete jetzt, die balsamischen Düfte Arabiens würden nunmehr meine Sinne gefangen nehmen, aber es war nichts. Ein kupferfarbnes Gerippe, das einen Fetzen umgehangen hatte, brachte mir eine bauchige Flasche mit Wasser, mit einer glimmenden Tabakspfeife obendrauf und einem biegsamen und langen Schlauch daran, der in ein messingenes Mundstück auslief.

Es war das berühmte Nargileh des Morgenlandes – das Ding, welches der Großtürke auf Bildern zu rauchen pflegt. Das fing in der That an, wie Luxus auszusehen. Ich that einen Zug daraus, und der genügte mir; der Rauch drang mir in einer großen Wolke hinunter in den Magen, in die Lungen, ja bis in die äußersten Enden des Gebäudes meines Körpers. Ich platzte mit einem einzigen mächtigen Husten los, und es war, als ob der Vesuv ausgebrochen wäre. Die nächsten fünf Minuten qualmte ich aus allen Poren, wie ein Bretterhaus, das inwendig brennt. Ich danke schön für alle Zeit für den weiteren Genuß des Nargileh. Der Rauch hatte einen niederträchtigen Geschmack, und noch widerwärtiger war der Geschmack von Tausenden von ungläubigen Zungen, der an jenem messingnen Mundstück hing. Ich fing an den Mut zu verlieren. Wenn ich künftig wieder den Großtürken in vorgeblichem seligem Behagen außen auf einem Paket mit Connecticut-Tabak sein Nargileh schmauchen sehe, werde ich wissen, daß es nichts ist als schamloser Schwindel.

Mein Gefängnis war mit heißer Luft gefüllt. Als ich hinreichend durchwärmt war, um für eine noch wärmere Temperatur vorbereitet zu sein, führten sie mich in ein Marmorzimmer, feucht, schlüpfrig und voll Dampf, und legten mich auf eine erhöhte Plattform im Mittelpunkte. Es war hier sehr warm. Bald darauf setzte mich mein Mann neben einen Trog mit heißem Wasser, begoß mich tüchtig, zog über seine rechte Hand einen groben Badehandschuh und begann mich über und über mit demselben zu reiben. Ich fing an, garstig zu riechen. Je mehr er rieb, desto garstiger roch ich. Es war beunruhigend. Ich sagte zu ihm:

»Ich merke jetzt, daß ich so ziemlich hin bin. Vernünftigerweise sollte man mich ohne allen unnötigen Zeitverlust begraben. Vielleicht thäten Sie am besten, ohne Verzug zu meinen Freunden zu gehen, weil das Wetter heiß ist, und ich deshalb nicht lange halten werde.«

Er fuhr fort, mich zu schaben, ohne auf meine Worte zu achten. Ich bemerkte bald, daß er meinen Umfang verkleinerte. Unter dem Druck seines Fausthandschuhs gingen kleine Würstchen von mir ab, die wie Makkaroni aussahen. Es konnte kein Schmutz sein; denn dazu war es zu weiß. Nachdem er mich eine geraume Zeit in dieser Weise abgehobelt hatte, sagte ich: »Das ist ein langweiliges Verfahren. Es wird Stunden erfordern, um mich zu dem Umfang abzuschaben, den Sie mir zu geben gedenken. Gehen Sie und holen Sie lieber einen Schrubbhobel.«

Er gab durchaus keine Acht auf das, was ich sagte.

Nach einer Weile brachte er ein Becken, etwas Seife und ein Ding, das wie ein Pferdeschwanz aussah. Er schlug eine ungeheure Masse Seifenschaum, überflutete mich damit vom Kopf bis zu den Füßen, ohne mir vorher zu sagen, ich solle die Augen schließen, und fegte mich alsdann mit heimtückischer Heftigkeit vermittelst seines Pferdeschwanzes. Dann ließ er mich als schneeweiße Bildsäule von Seifenschaum zurück und ging seiner Wege. Als ich des Wartens überdrüssig war, ging ich ihm nach und spürte ihn auf. Er lehnte eingeschlafen an der Wand in einem andern Gemache. Ich weckte ihn auf. Dies brachte ihn keineswegs aus der Fassung. Er führte mich zurück, übergoß mich mit heißem Wasser, setzte mir einen Turban auf den Kopf, kleidete mich in trockene Tischtücher und geleitete mich zu einer Art Hühnerkäfig in einer der Galerien und zeigte auf eine jener vorhin beschriebenen Pritschen. Ich legte mich hinauf und gab mich wieder der unbestimmten Erwartung hin, jetzt würden sich die arabischen Wohlgerüche einstellen. Sie kamen nicht. Dafür kam ein dürrer Diener mit einem Nargileh. Ich bewog ihn, es ohne Zeitverlust wieder hinauszutragen. Darauf brachte er den weltberühmten türkischen Kaffee, den Poeten viele Generationen hindurch so hinreißend besungen haben, und ich warf mich auf ihn los als die letzte Hoffnung, die mir von meinen Träumen vom morgenländischen Luxus geblieben war. Es war wieder eine Täuschung. Von allen unchristlichen Getränken, die je über meine Lippen gingen, ist der türkische Kaffee das schlimmste. Die Tasse ist klein, mit Bodensatz beschmiert, der Kaffee schwarz, von unangenehmem Geruch und abscheulichem Geschmack. Am Boden der Tasse sitzt ein schlammiger Niederschlag, einen halben Zoll tief. Dieser geht die Kehle hinab und dabei bleiben Teilchen davon unterwegs hängen und bewirken ein unbehagliches, kitzelndes Gefühl, welches einen stundenlang bellen und husten läßt.

Hier endet meine Erfahrung von dem vielgerühmten türkischen Bade, und hier endigt auch mein Traum von dem seligen Behagen, in welchem der Sterbliche schwelgt, der ein solches durchmacht. Es ist ein boshafter Schwindel. Der Mensch, dem es gefällt, ist geeignet, sich alles gefallen zu lassen, was dem Gesichts- und Gefühlssinn widerwärtig ist, und der, welcher es mit dem Zauber der Poesie zu umgeben vermag, ist auch imstande, desgleichen zu thun mit allem andern in der Welt, was langweilig, erbärmlich, trübselig und garstig ist.

Sonntagsheiligung in Deutschland

Sonntagsheiligung in Deutschland

Der schönste Tag auf dem Festland ist der Sonntag, ein freier, ein glücklicher Tag. Man kann dort den Sonntag auf hunderterlei Weise entheiligen, ohne eine Sünde zu begehen.

Wir arbeiten am Sonntag nicht, weil es gegen Gottes Gebot ist, die Deutschen ebensowenig. Wir ruhen am Sonntag, weil das Gebot es befiehlt. Die Deutschen ruhen auch. Aber in der Erklärung des Wortes ruhen liegt der ganze Unterschied. Bei den Deutschen bedeutet es am Sonntag genau dasselbe wie am Wochentag, nämlich: gieb dem Teil des Körpers Ruhe, der sie braucht und laß den übrigen Menschen thun, was er will. Der ermüdete Teil soll ausruhen – das muß durch alle Mittel gefördert werden. Wen also seine Pflichten die ganze Woche über ans Haus gefesselt haben, der ruht aus, wenn er am Sonntag spazieren geht; wer in der Woche nur ernste, inhaltschwere Dinge studiert hat, der erholt sich am Sonntag bei einer leichten Lektüre; wer sich in seinem Alltagsberuf meist mit Tod und Grab beschäftigen muß, der ruht am Sonntag, wenn er ins Theater geht und ein Paar Stunden lang über eine Komödie lacht; wer die Woche hindurch Bäume gefällt oder Gräben gezogen hat, der legt sich am Sonntag zu Hause ruhig hin. Ist deine Hand, dein Arm, dein Hirn, deine Zunge oder irgend ein anderes Glied unthätig gewesen, so ist es für dasselbe keine Erholung noch einen Tag länger nichts zu thun; war dagegen ein Glied durch Arbeit besonders angestrengt, so ist Ruhe seine rechte Feier.

Bei den Deutschen bedeutet also die Ruhe eine Erholung, Erneuerung, Wiederbelebung der erschöpften Kräfte. Wir schränken den Begriff viel zu sehr ein, indem wir allesamt auf gleiche Weise ruhen, nämlich uns still verhalten und zurückziehen, einerlei, ob das für die meisten eine Erholung ist oder nicht. Bei den Deutschen müssen Schauspieler, Pfarrer, und manche andere Leute am Sonntag arbeiten. Auch wir lassen unsere Prediger, Journalisten, Drucker etc. am Sonntag nicht ruhen und glauben, daß uns kein Teil der Schuld trifft. Ist es aber für den Drucker eine Sünde am Sonntag zu arbeiten, warum sollte es keine für den Pfarrer sein? Ich habe wenigstens nirgends gefunden, daß das Gebot zu seinen Gunsten eine Ausnahme macht. Wir kaufen und lesen die Morgenzeitung am Montag, die doch Sonntags gedruckt werden muß, und unterstützen dadurch die Sonntagsarbeit. Ich werde das aber nie mehr thun.

Die Deutschen heiligen den Sonntag damit, daß sie sich der Arbeit enthalten, wie das Gebot es befiehlt; wir thun das auch, aber wir enthalten uns zugleich des Vergnügens, was nicht geboten ist. Vielleicht übertreten wir das Gebot der Sonntagsruhe im eigentlichen Sinn, weil wir in den meisten Fällen nicht in Wahrheit ausruhen, sondern nur dem Namen nach.

Trauben- und Molkenkur

Trauben- und Molkenkur

Am Kursaal in Interlaken finden regelmäßig Konzerte im Freien statt; man geht dabei in den Gartenanlagen spazieren und hat Wein, Bier, Milch, Molken und Trauben zur Auswahl. Für gewisse Kranke, welche die Ärzte nicht wieder zurechtstutzen können, sind Molken und Trauben die nötigsten Bedürfnisse, um ihr Leben weiter zu fristen. Einer dieser abgestorbenen Geister machte mir mit trauriger, tonloser Stimme die Mitteilung, daß er sich überhaupt nur noch von Molken ernähre und dies Getränk über alles liebe, weshalb wisse er nicht. Ein anderer, den nur noch die Traubenkur vor dem Tode bewahrte, erzählte mir, es würden dazu nur Trauben verwandt, die einen bedeutenden medizinischen Gehalt hätten, so daß die Traubenärzte sie wie Pillen verschreiben und einnehmen ließen. Zu Anfang der Kur, wenn der Patient sich noch sehr schwach fühlt, beginnt er mit einer Traube vor dem Frühstück, drei während desselben, zwei zwischen den Mahlzeiten, fünf zum zweiten Frühstück, drei im Laufe des Nachmittags, sieben zum Mittagessen, vier zum Abendbrod und vor dem Schlafengehen ißt er dann noch als Zugabe eine halbe Traube. Allmählich steigert sich dann die Zahl, je nach Bedürfnis und Fähigkeit des Patienten, bis er nach und nach so weit kommt, daß er jede Sekunde eine Traube und den Tag über ein Stückfaß voll verzehrt.

Wer auf solche Weise geheilt wird, sagte mir der Kranke, verliere nie wieder die Gewohnheit so zu sprechen, als diktiere er einem langsamen Schreiber, weil er zwischen jedem Wort eine Pause macht, um in Gedanken eine Weintraube auszusaugen. Sich mit solchen Menschen zu unterhalten, erfordere viel Geduld. Wer dagegen auf die andere Methode gesund geworden sei, den unterscheide man leicht von der übrigen Menschheit, weil er immer beim zweiten Wort den Kopf in den Nacken wirft, um in Gedanken ein Glas Molken zu schlürfen. Fangen nun zwei solche Leute zusammen ein Gespräch an, so könne man beobachten, mit welcher Regelmäßigkeit und Ausdauer sie immer dieselben Pausen und Bewegungen machten. Ein Fremder würde sicherlich meinen, er habe zwei Automaten vor sich. Man hört und lernt doch wirklich die wunderbarsten Dinge auf Reisen, wenn man nur die richtigen Leute trifft, die einem ihre Erfahrungen mitteilen.

Der deutsche Portier

Der deutsche Portier

Der persische Prophet und Dichter Omar Khayam schrieb vor mehr als achthundert Jahren:

»In den vier Weltteilen giebt es viele, die gelehrte Bücher schreiben können, viele, die Armeen zu führen verstehen, auch viele, die imstande sind, große Reiche zu regieren, aber nur wenige, die wissen, wie man ein Gasthaus halten muß.«

Der Portier in den deutschen Hotels ist eine wunderbare Erfindung, eine höchst wertvolle Annehmlichkeit. Man erkennt ihn stets an seiner Uniform und wenn man ihn braucht ist er immer da, weil er seinen Posten an der Eingangsthür nicht verläßt. Er ist höflich wie ein Herzog; er spricht vier bis zehn Sprachen; er ist die sicherste Hilfe und Zuflucht in Zeiten der Not und Gefahr. Statt sich wie bei uns mit allem an den Hotel-Clerk zu wenden, geht man hier zum Portier. Bei uns setzt der Clerk seinen Stolz darein, alles zu wissen, hier thut es der Portier. Man fragt ihn, wenn der Zug abgeht – sofort erhält man die Antwort; man erkundigt sich bei ihm nach dem besten Arzt in der Stadt oder nach dem Droschkentarif; fragt ihn, wie viele Kinder der Major hat oder an welchen Tagen die Galerien geöffnet sind; ob man Eintrittskarten braucht, wo man sie erhält und was man dafür bezahlt; wann die Theater anfangen und wann sie aus sind, was für Stücke gespielt werden, wie hoch die Preise der Plätze sind; aber auch, was für Hüte man trägt, wie groß die Sterblichkeitsziffer im Durchschnitt ist oder wer Bill Patrones besiegt hat. Man mag ihn fragen was man will, in neun Fällen von zehn weiß er es und über den zehnten Fall verschafft er die gewünschte Auskunft im Handumdrehen. Er schreckt vor keiner Schwierigkeit zurück. Wenn ihm jemand sagt, er wolle von Hamburg über Jericho nach Peking reisen, sei aber über die Routen und Preise im unklaren, so überreicht der Portier ihm tags darauf ein Blatt Papier, auf dem die ganze Reise bis ins kleinste verzeichnet steht. Wer sich längere Zeit in Europa aufhält, wird zwar noch immer sagen, er verlasse sich auf die Vorsehung, aber bei näherer Betrachtung wird er bald die Entdeckung machen, dass er sich eigentlich auf den Portier verläßt. Diesem ist nichts verborgen was uns quält und bange macht; er weiß schon, was wir bedürfen, wenn wir es noch auf der Zunge haben, und sein Wort: »Ich werde es besorgen,« beruhigt uns schnell. Wer sich an einen amerikanischen Hotel-Clerk wendet, empfindet dabei eine gewisse Verlegenheit, er zaudert und fürchtet sich vor einer abschlägigen Antwort; beim Verkehr mit dem Portier ist davon keine Rede, die freudige Bereitwilligkeit, die er uns entgegenbringt, wirkt ermutigend und die Schnelligkeit, mit der er an die Ausführung unserer Wünsche geht, hat etwas wahrhaft Berauschendes. Je mehr Besorgungen man ihm aufbürdet, desto zufriedener zeigt er sich. Die natürliche Folge ist, dass man selber überhaupt nichts mehr tut. Der Portier holt die Droschke für uns, hilft uns einsteigen, sagt dem Kutscher, wohin er fahren soll, empfängt uns bei der Rückkehr wie einen lang und schmerzlich vermißten Sohn, bittet nur, dass wir uns um gar nichts kümmern, übernimmt es, sich mit dem Droschkenkutscher herumzuzanken und bezahlt ihn aus seiner eigenen Tasche. Er läßt uns Theater Billett holen und alles was wir möglicherweise wünschen können, es mag nun ein Arzt, ein Elefant oder eine Briefmarke sein. Schließlich giebt er uns noch bei der Abfahrt einen Untergebenen mit, der vom Kutscherbock steigt, uns an das Coupé bringt, die Fahrkarten kauft, die Koffer wiegen läßt, uns den Gepäckzettel übergiebt und versichert, daß alles schon auf der Rechnung steht und vorausbezahlt ist. In Amerika findet man nur in den besten Hotels der großen Städte solche vorzügliche, freundliche und bereitwillige Bedienung, aber in Europa hat man sie gerade so gut in den kleinsten Landstädtchen.

Wie läßt sich denn aber die rührende Hingebung des Portiers erklären? Auf sehr einfache Weise: er bekommt nur Trinkgelder und kein Gehalt. Die großen Hotels auf dem Kontinent stellen für geringen Lohn einen Kassierer an, aber der Portier muß dem Hotel eine Abgabe bezahlen. Diese Einrichtung ist sowohl für den Wirt als für das Publikum eine Ersparnis und sichert ihnen bessere Dienste, als wir nach unserem System erhalten. Ein amerikanischer Konsul hat mir erzählt, daß der Portier in einem großen Berliner Hotel jährlich fünftausend Dollars für seine Stelle bezahlt und trotzdem einen Reingewinn von sechstausend Dollars erzielt. Vielleicht würde das Amt des Portiers in einem unserer besuchtesten Hotels in Saratoga, Long Branch, New-York und anderen Hauptverkehrsplätzen noch einträglicher sein.

Als wir vor etwa zwölf Jahren das Trinkgeldersystem nach europäischem Muster bei uns einführten, hätten wir natürlich aufhören müssen, Gehalt zu bezahlen. Ich dächte, das ließe sich jetzt auch noch nachholen und dabei könnte zugleich der Portier eingeführt werden. Seit ich zuerst anfing, mich eingehend mit ihm zu beschäftigen, habe ich Gelegenheit gehabt, ihn in den größten Städten von Deutschland, der Schweiz und Italien zu beobachten. Je mehr ich aber von ihm gesehen habe, um so größer ist mein Wunsch geworden, ihm in Amerika zu begegnen, damit er auch bei uns ein Schutzengel für die Fremden werde, wie er es in Europa ist. Was vor achthundert Jahren als wahr galt, bestätigt sich noch heute: »Nur wenige wissen, wie man ein Gasthaus halten muß!«

Die Ameise

Die Ameise

Auf einer Wanderung im badischen Schwarzwald verfolgte ich einmal mit Aufmerksamkeit die Ameise bei ihrer emsigen Arbeit. Ich entdeckte jedoch nichts Neues an ihr, und besonders nichts, was mir eine höhere Meinung von ihr beigebracht hätte.

Mir scheint, daß die Ameise außerordentlich überschätzt wird, besonders was ihren Verstand betrifft. Ich habe sie nun schon manchen Sommer hindurch beobachtet, während ich etwas Besseres hätte thun können, und bis jetzt habe ich noch keine einzige gesehen, die bei ihrer Arbeit auch nur den geringsten Sinn und Verstand gezeigt hätte.

Ich meine natürlich nur die gemeine Ameise, denn mit den merkwürdigen afrikanischen Arten, welche Abgeordnete wählen, stehende Heere haben, Sklaven halten und über Religion streiten, habe ich keinen Verkehr gehabt. Was der Naturforscher von ihnen erzählt, mag alles wahr sein, aber in Bezug auf die gewöhnliche Ameise bin ich fest überzeugt, daß uns vieles aufgebunden wird.

Ihren Fleiß will ich durchaus nicht bestreiten: in der ganzen Welt arbeitet niemand so angestrengt als sie, nur ihre Hohlköpfigkeit habe ich an ihr auszusetzen. Betrachten wir sie einmal, wenn sie auf Beute ausgeht. Sie hat einen Fang gethan; aber was macht sie dann? Geht sie etwa nach Hause? Durchaus nicht, gerade im Gegenteil; sie weiß nicht mehr, wo ihre Wohnung ist und kann sie nicht finden, wenn sie auch kaum drei Fuß davon entfernt ist. Sie thut einen Fang, habe ich gesagt; aber es ist gewöhnlich etwas, das weder ihr noch sonst jemand vom geringsten Nutzen sein kann; gewöhnlich ist das Ding zehnmal so groß, als es sein sollte, sie faßt es gerade am unbequemsten Ende an und hebt es mit aller Gewalt in die Höhe, – dann trägt sie es fort, nicht nach Hause, sondern in entgegengesetzter Richtung, nicht ruhig und bedächtig, sondern mit rasender Elle, bei der sie ihre Kräfte unnütz vergeudet. Sie rennt gegen einen Kieselstein und anstatt ihn zu umgehen, klettert sie rückwärts hinauf, zerrt ihre Beute hinter sich her, kugelt auf der andern Seite hinunter, springt wütend auf, schüttelt sich den Staub aus den Kleidern, wischt sich die Hände ab und greift gierig nach ihrem Eigentum, stößt es hierhin und dorthin, schiebt es jetzt vor sich her, dreht sich dann um und zerrt es weiter, mit immer wilderer Gebärde, bis sie es plötzlich wieder hoch in die Luft hebt und nach einer ganz neuen Richtung fortrennt. Nun stößt sie auf eine Pflanze, es fällt ihr aber gar nicht ein herumzugehen – nein, sie muß hinaufklettern, bis oben in die Spitze und noch dazu ihren ganz wertlosen Besitz hinter sich dreinziehen, was ungefähr eben so klug ist, als wenn ich einen Sack Mehl von Heidelberg nach Paris über den Straßburger Kirchturm schleppen wollte. Wenn sie hinaufkommt, sieht sie, daß sie nicht am rechten Ort ist, wirft einen flüchtigen Blick auf die Gegend, klettert oder kugelt hinunter und nimmt einen neuen Anlauf – wie gewöhnlich in einer andern Richtung.

Nach Verlauf einer halben Stunde, kaum sechs Zoll von ihrem Ausgangspunkt entfernt, hält sie plötzlich still und legt ihre Last nieder; sie hat in dieser Zeit die ganze Umgegend zwei Meter in der Runde durchlaufen und ist über alle Steine und Pflanzen geklettert, die ihr in den Weg kamen. Jetzt wischt sie sich den Schweiß von der Stirn, streckt die Glieder und eilt dann ebenso ziellos und in so wahnsinniger Hast davon wie zuvor. Während sie im Zickzack umherläuft, stößt sie abermals auf ihre frühere Beute; sie erinnert sich nicht, sie je vorher erblickt zu haben, sieht sich nach dem Wege um, der nicht nach Hause führt, packt ihren Fund an und trägt ihn fort. Sie macht genau dieselben Abenteuer noch einmal durch und als sie endlich still hält, um auszuruhen, kommt eine Freundin des Weges. Diese findet offenbar, daß das vorjährige Heuschreckenbein – das ist nämlich die Beute – eine sehr wertvolle Eroberung ist und sie bietet nun ihre Hilfe an, um die Fracht nach Hause zu schaffen. Mit höchst weisem Entschluß ergreifen sie jetzt die beiden äußersten Enden des Heuschreckenbeins und beginnen es aus Leibeskräften nach den zwei entgegengesetzten Richtungen zu zerren. Nun ruhen sie aus und halten Rat: etwas muß nicht in der Ordnung sein, aber sie können nicht begreifen, was es ist. Von neuem machen sie sich daran, gerade wie zuvor und mit demselben Ergebnis; nun schiebt eine die Schuld des Mißerfolgs auf die andere, sie werden hitzig und es kommt zu Thätlichkeiten; sie ringen zusammen und verbeißen sich in einander, dann rollen und wälzen sie sich auf dem Boden umher, bis eine ein Horn oder ein Bein verliert. Hierauf versöhnen sie sich und machen sich auf dieselbe unsinnige Weise wiederum ans Werk; aber die verkrüppelte Ameise befindet sich im Nachteil, wie sehr sie auch zerrt, die andere schleppt die Beute weg und sie obendrein. Anstatt loszulassen, bleibt sie hängen, so daß ihr die Haut geschunden wird, so oft ein Hindernis im Wege liegt. So wird denn das Heuschreckenbein noch einmal auf demselben Platz herumgezerrt, um endlich an dem nämlichen Punkt zu landen, wo es zuerst gelegen hat. Die zwei keuchenden Ameisen betrachten es nachdenklich und kommen zu dem Schluß, daß dürre Heuschreckenbeine eigentlich ein schlechter Besitz sind, worauf denn jede nach einer anderen Richtung läuft, um zu sehen, ob sie nicht einen alten Nagel finden kann oder sonst etwas, was schwer genug ist, um einen Zeitvertreib zu gewähren und zugleich wertlos genug, um die Begierde einer Ameise zu reizen.

Auf einem Bergabhang im Schwarzwald sah ich eine Ameise, die diese ganze Arbeit mit einer toten Spinne durchmachte, welche mehr als zehnmal so schwer war wie sie.

Die Spinne war nicht ganz tot, hatte aber keine Widerstandskraft mehr, ihr runder Körper war etwa so groß wie eine Erbse. Die kleine Ameise, welche bemerkte, daß ich ihr zusah, nahm die Spinne auf den Rücken, krallte sich an ihrer Kehle fest, hob sie in die Höhe und trug sie gewaltsam fort; sie stolperte über kleine Steine, raffte sich wieder auf, trat auf die Beine der Spinne, zog sie rückwärts weiter, schob sie vor sich her, schleppte sie sechs Zoll hohe Steine hinauf, statt diese zu umgehen, erkletterte Pflanzen, die zwanzigmal so hoch waren wie sie und sprang von oben herunter; dann ließ sie die Spinne endlich auf dem Wege liegen, wo sich jede andere Ameise ihrer bemächtigen konnte, die thöricht genug war, sie zu begehren. Ich habe die Strecke ausgemessen, welche das einfältige Ding zurückgelegt hat, und bin zu dem Schluß gekommen, daß, was diese Ameise innerhalb zwanzig Minuten verrichtet hat, verhältnismäßig dasselbe ist, als wenn ein Mensch zwei achthundert Pfund schwere Pferde zusammenkoppelt und sie achtzehnhundert Fuß weit trägt, meist über hohe Steinblöcke, unterwegs mit ihnen Höhen erklimmt wie 300 Fuß hohe Kirchtürme und sich in Abgründe stürzt wie der Niagara, bis er die Pferde zuletzt auf einem offenen Platz niedersetzt und sie ohne Wächter zurückläßt, während er irgend ein anderes unsinniges Kraftstück probiert, um seiner Eitelkeit zu fröhnen.

Die Wissenschaft hat neuerdings entdeckt, daß die Ameise keinen Wintervorrat anlegt; dies wird sie um einen großen Teil ihres litterarischen Ruhmes bringen. Sie arbeitet nur, wenn jemand zusieht, besonders jemand, der ein naturforscherähnliches Ansehen hat und Notizen zu machen scheint. Der sprichwörtliche Fleiß der Ameise läuft also beinahe auf Betrügerei heraus, so daß sie als Beispiel für Sonntagsschulen hinfort nicht mehr zu gebrauchen ist. Sie hat nicht einmal Verstand genug, um gesunde Nahrung von schädlicher zu unterscheiden; bei solcher Unwissenheit wird sie die Achtung der Welt gänzlich verscherzen. Sie kann nicht um einen Baumstumpf herumgehen und sich dann wieder nach Hause finden; das streift an Blödsinn, und sobald diese Thatsache feststeht, werden verständige Leute die Ameise nicht länger bewundern. Ihr vielgepriesener Fleiß ist nichts als Eitelkeit und hat keinerlei Zweck, da sie nie etwas nach Hause trägt, was sie herumschleppt. Damit geht auch noch der letzte Rest ihres guten Rufes und ihr Hauptnutzen als sittliches Beispiel verloren. Es übersteigt doch wirklich alle Begriffe, daß so viele Nationen Jahrhunderte lang nicht hinter die Schliche der Ameise gekommen sind, während es doch ganz auf der Hand liegt, daß sie die Leute nur zum besten hat!

Die Ameise ist stark, aber ich habe an demselben Tag noch etwas Stärkeres gesehen, und zwar in der Pflanzenwelt. Ein Fliegenschwamm – jener Pilz, der in einer Nacht aufschießt – hatte eine feste Lage von Tannennadeln und Erdreich, die etwa doppelt so viel Umfang hatte als er, in die Höhe gehoben, und trug sie, wie die Säule das Wetterdach! Demnach hätten zehntausend Fliegenschwämme Kraft genug, um einen Mann zu heben, – aber, wozu sollte das nützen? –

Eine Episode in Baden-Baden

Eine Episode in Baden-Baden

Kein Land der Welt besitzt wohl eine solche Menge von Heilquellen wie Deutschland! Manche dieser Brunnen sind für ein Leiden gut, manche für ein anderes; ja, es giebt besondere Leiden, die man durch die vereinten Kräfte und Tugenden der verschiedenen Heilquellen zu bekämpfen vermag. So trinkt z. B. der Patient gegen eine gewisse Krankheitserscheinung, das naturwarme Wasser von Baden-Baden, in welchem er einen Theelöffel voll Karlsbader Salz auflöst. – Eine solche Dosis vergißt man nicht allzuschnell! –

Dieses heiße Wasser wird aber nicht etwa verkauft! o nein, man geht in die große Trinkhalle und steht da herum, zuerst auf einem Bein, dann auf dem andern, während zwei oder drei Mädchen dicht daneben mit irgend einer Näharbeit sitzen, ohne die geringste Notiz von der Anwesenheit des Patienten zu nehmen, den sie als Luft betrachten.

Allmählich erhebt sich eins von diesen Brunnenmädchen mühsam und beginnt sich zu recken, – sie reckt ihre Fäuste und ihren ganzen Körper gen Himmel, bis ihre Fersen den Boden nicht mehr berühren, und gähnt dabei zu ihrer Erholung auf so herzhafte Weise, daß ihr ganzes Gesicht hinter ihrer Oberlippe verschwindet, und man beobachten kann, wie sie inwendig beschaffen ist; – endlich schließt sich ihr Schlund langsam, Fäuste und Fersen kommen wieder herunter und sie selbst thut einige matte Schritte vorwärts. Sie wirft nun einen verächtlichen Blick auf den Patienten, holt ein Glas heißes Wasser herauf und setzt es so fern wie möglich von ihm hin. Fragt er dann:

›Was bin ich schuldig?‹ so giebt sie ihm mit ausstudierter Gleichgültigkeit die bettelhafte Antwort: »Nach Beliebe!«

Durch diesen bettelhaften Kunstgriff, womit sie sich an die Großmut des Fremden wendet, der sich auf ein einfaches kaufmännisches Geschäft gefaßt gemacht hat, gießt sie Öl in die Flamme seines erwachenden Ärgers. Er thut, als hätte er ihre Antwort nicht gehört und fragt wieder:

»Was bin ich schuldig?« und sie erwidert ebenso ruhig und gleichgültig:

»Nach Beliebe!«

Jetzt würde der Ärger losbrechen, wenn der Fremde nicht den Entschluß faßte, sich zu bezwingen und mit äußerlicher Ruhe die Frage so lange zu wiederholen, bis das Mädchen eine andere Antwort giebt, oder mindestens ein weniger gleichgültiges Wesen annimmt. Wenn daher sein Fall dem meinigen gleicht, so stehen die beiden wie die Narren einander gegenüber und führen mit scheinbarer Kälte, indem sie sich sanftmütig anschauen, die folgende höchst eintönige Unterhaltung:

»Was bin ich schuldig?«

»Nach Beliebe!«

»Was bin ich schuldig?«

»Nach Beliebe!«

»Was bin ich schuldig?«

»Nach Beliebe!«

»Was bin ich schuldig?«

»Nach Beliebe!«

»Was bin ich schuldig?«

»Nach Beliebe!«

»Was bin ich schuldig?«

»Nach Beliebe!«

»Was bin ich schuldig?«

»Nach Beliebe!«

Was ein anderer an meiner Stelle gethan haben würde, weiß ich nicht, aber an diesem Punkt angelangt, gab ich es auf! Ihr steinerner Ausdruck, ihr hochmütiges und gleichgültiges Wesen trugen den Sieg davon, und ich streckte mein Gewehr! Da ich wußte, daß sie gewöhnlich von selbständigen Charakteren, die sich nicht um die Meinung einer Spülmagd kümmern, zehn Pfennige erhält, und zwanzig Pfennige von moralischen Feiglingen, so legte ich ein silbernes Markstück vor sie hin und versuchte sie mit folgender sarkastischer Rede zu Boden zu schmettern:

»Wenn das nicht genug ist, so begeben Sie sich gefälligst Ihrer erhabenen Würde, um es mir zu sagen!«

Es gelang mir nicht! Sie würdigte mich keines Blickes, hob nur langsam die Münze auf, und nahm sie zwischen die Zähne – um zu prüfen, ob es gutes Geld wäre. Dann wandte sie mir den Rücken und wackelte zu ihrem früheren Sitz zurück, nachdem sie zuvor das Geldstück in eine offene Schublade hatte gleiten lassen. So blieb sie Siegerin bis zuletzt!

Ich habe die Art und Weise dieses Brunnenmädchens genau beschrieben, weil sie viele ihresgleichen hat.

Wagnermusik

Wagnermusik

Abends fuhr ich in Begleitung eines Freundes von Heidelberg nach Mannheim, um ein Scharivari zu hören – oder vielleicht eine Oper – sie heißt ›Lohengrin‹. Das Hämmern und Klopfen, das Sausen und Krachen war über alle Beschreibung. Es erregte mir einen unerträglich quälenden Schmerz, ganz ähnlich wie das Plombieren der Zähne beim Zahnarzt. Zwar hielt ich die vier Stunden bis zum Schluß aus, die Umstände nötigten mich dazu, aber die Erinnerung an dies endlos lange, erbarmungslose Leiden hat sich mir unauslöschlich eingeprägt. Das ich es schweigend ertragen mußte und mich dabei nicht vom Fleck rühren könnte, machte die Sache noch ärger. Ich war mit acht bis zehn fremden Personen beiderlei Geschlechts in einem umhegten Raum eingeschlossen und versuchte natürlich mich so viel wie möglich zu beherrschen, doch überkam mich dann und wann ein so namenloses Weh, das ich kaum imstande war, die Tränen zurückzuhalten. Wenn das Geheul, das Geschrei und Klagegestöhn der Sänger und das rasende Toben und Donnergetöse des ungeheuern Orchesters noch wilder und grimmiger wurde und sich zu immer höheren Höhen verstieg, hätte ich laut aufschluchzen mögen. Aber ich war nicht allein und die Fremden neben mir hätte ein solches Benehmen sicherlich überrascht; sie würden allerlei Bemerkungen darüber gemacht haben. Freilich mit Unrecht; denn, einen Menschen weinen zu sehen, dem man – um bildlich zu sprechen – bei lebendigem Leibe die Haut abzieht, sollte niemanden in Erstaunen setzen.

In der halbstündigen Pause am Ende des ersten Akts hätte ich hinausgehen und mich etwas erholen können, aber ich wagte es nicht, aus Furcht, fahnenflüchtig zu werden, was ich meinem Reisegefährten nicht antun wollte. Als dann gegen neun Uhr abermals eine Pause eintrat, hatte ich schon so viel durchgemacht, das ich keine Widerstandskraft mehr besaß. In Ruhe gelassen zu werden, war mein einziges Verlangen. Ich will nicht behaupten, das die übrigen Zuhörer meine Gefühle teilten, das war keineswegs der Fall. Ob sie für den Lärm von Natur eine besondere Vorliebe besaßen, oder ob sie sich mit der Zeit daran gewöhnt hatten, ihn schön zu finden, – jedenfalls gefiel er ihnen, das unterlag keinem Zweifel. Während das Getöse in vollem Gange war, saßen sie mit verzückten und wohlgefälligen Mienen da, wie Katzen, denen man den Rücken streichelt; kaum aber fiel der Vorhang, so stand die ganze ungeheure Menge wie ein Mann auf, und ein wahres Schneegestöber von wehenden Taschentüchern sauste durch die Luft, von Beifallsstürmen begleitet. Dies ging über mein Verständnis. Zudem waren die Logen und Ränge bis zum Schluß so voll wie sie es zu Anfang gewesen, und da sich nicht annehmen ließ, daß die Zuhörer alle nur gezwungen dablieben, mußte es ihnen wohl Vergnügen machen.

Was das Stück selbst betraf, so zeichnete es sich zwar durch prächtige Kostüme und Scenerieen aus, aber es enthielt merkwürdig wenig Handlung. Das heißt, es geschah in Wirklichkeit nichts, doch wurde viel über die Begebenheiten hin und her geredet und immer mit großer Aufregung. Man könnte es eine dramatisierte Erzählung nennen. Jeder Mitspieler trug eine Geschichte und eine Beschwerde vor, aber nicht ruhig und vernünftig, sondern auf eine höchst beleidigende, unbotmäßige Art und Weise. Ferner fiel mir auf, daß Tenor und Sopran sich nur selten in ihrer gewöhnlichen Manier dicht an die Rampen stellten, um mit vereinten Kräften und Stimmen zu trillern, die Arme nach einander auszustrecken, sie wieder zurückzuziehen, erst die rechte, dann die linke Hand auf die Brust zu drücken und sich dabei zu schütteln. Nein, jeder Lärmmacher besorgte seine Sache für sich allein; nach einander sangen sie ihre verschiedenen Anschuldigungen mit Begleitung des ganzen großen Orchesters. Wenn dies eine Weile gedauert hatte und man sich gerade mit der Hoffnung schmeichelte, sie würden sich nun verständigen und etwas weniger Spektakel machen, dann begann plötzlich ein Riesenchor, der aus lauter Tollhäuslern zusammengesetzt war, loszukreischen, und ich mußte zwei, oft auch drei Minuten lang alle Qualen noch einmal durchleben, die ich vor Jahren erlitten habe, als das Waisenhaus in N. in Brand geriet.

Diese lange und mit größter Anschaulichkeit durchgeführte Wiedergabe der gräßlichen Höllenpein ward nur durch einen einzigen kurzen Beigeschmack von Himmelsfrieden und Seligkeit unterbrochen – nämlich im dritten Akt, während ein prachtvoller Festzug auf der Bühne fort und fort rund um ging und der Hochzeitsmarsch ertönte. Dies war Musik für mein ungeschultes Ohr – göttliche Musik. Während der heilende Balsam jener lieblichen Töne meine wunde Seele überflutete, hätte ich fast alle vergangenen Qualen wieder erdulden mögen, um noch einmal diese süße Erquickung zu durchleben. Dabei wurde mir klar, mit welcher Schlauheit die Oper ihre Wirkung berechnet. Sie erregt so viele und schreckliche Leiden, daß die wenigen dazwischen gestreuten Freuden durch den Gegensatz aufs wunderbarste erhöht werden.

Nichts lieben die Deutschen so von ganzem Herzen wie die Oper. Sie werden durch Gewohnheit und Erziehung dahin geleitet. Auch wir Amerikaner können es ohne Zweifel eines Tages noch zu solcher Liebe bringen. Bis jetzt findet aber vielleicht unter fünfzig Besuchern der Oper einer wirklich Gefallen daran; von den übrigen neunundvierzig gehen viele, glaube ich, hin, weil sie sich daran gewöhnen möchten, und die andern, um mit Sachkenntnis davon reden zu können. Letztere summen gewöhnlich die Melodien vor sich hin, während sie auf der Bühne gesungen werden, um ihren Nachbarn zu zeigen, daß sie nicht zum erstenmal in der Oper sind. Sie verdienten dafür gehängt zu werden.

Drei bis vier Stunden auf einem Fleck zu bleiben, ist keine Kleinigkeit; einige von Wagners Opern zerschmettern aber das Trommelfell der Zuhörer sechs Stunden hintereinander. Die Leute sitzen da, freuen sich und wünschen, es dauerte noch länger. Mir sagte einmal eine deutsche Dame in München, Wagner gefiele keinem gleich bei der ersten Aufführung, man müsse ihn erst lieben lernen; dazu gehöre ein förmlicher Kursus, habe man den aber durchgemacht, so dürfe man auch sicher auf den Lohn rechnen; wer die Musik einmal lieben gelernt, verspüre einen solchen Hunger danach, das er nie genug bekommen könne; sechs Stunden Wagner sei gar nicht zu viel. Dieser Komponist, sagte sie, habe in der Musik eine völlige Umwälzung hervorgebracht, die alten Meister müßten sich einer nach dem anderen von ihm begraben lassen. Nach ihrer Ansicht bestand der Unterschied zwischen Wagners Opern und allen übrigen hauptsächlich darin, das sie nicht nur hie und da eingestreute Melodien enthielten, sondern, vom ersten Tone an, aus einer einzigen Melodie beständen. Das war mir überraschend und ich erwiderte, ich hätte der Aufführung einer seiner Schöpfungen beigewohnt und außer dem Hochzeitsmarsch wäre mir nichts darin wie Musik vorgekommen. Darauf riet sie mir, Lohengrin noch recht oft zu hören, dann würde ich mit der Zeit die endlose Melodie gewiß herausfühlen. Ich hatte schon auf der Zunge, sie zu fragen, ob sie einem Menschen wohl zureden würde, sich jahrelang darin zu üben, Zahnschmerzen zu haben, um schließlich einen Genuß daran zu finden. Aber ich unterdrückte die Bemerkung.

Die Dame sprach auch von dem ersten Tenor, den sie am vergangenen Abend in einer Wagnerschen Oper gehört hatte. Sie war seines Lobes voll, pries seinen altbewährten Ruhm und zählte die Auszeichnungen auf, welche ihm von sämtlichen Fürstenhäusern Deutschlands zu teil geworden waren. Das setzte mich abermals in Erstaunen. Ich war nämlich bei jener Aufführung zugegen gewesen – vertreten durch meinen Reisebegleiter – und hatte die genauesten Beobachtungen angestellt.

»Aber, gnädige Frau,« erwiderte ich daher, »mein Vertreter hat sich mit eigenen Ohren überzeugt, daß jener Tenor gar nicht singt, sondern nur kreischt und heult – wie eine Hyäne.«

»Das ist wahr,« versetzte sie, »jetzt kann er nicht mehr singen; seit vielen Jahren hat er schon die Stimme verloren; aber früher sang er wahrhaft himmlisch. Deshalb kann auch das Theater kaum die Zuhörer fassen, wenn er auftritt. Jawohl, bei Gott, seine Stimme klang wunderschön – in jener alten Zeit.«

Dies offenbarte mir einen freundlichen Charakterzug der Deutschen, welcher alle Anerkennung verdient. Jenseits des Ozeans sind wir weniger hochherzig. Wenn bei uns ein Sänger die Stimme verloren hat, oder ein Springer seine Beine, so ist es mit der Gunst des Publikums für ihn vorbei. Nach meiner Erfahrung zu urteilen, – ich bin dreimal in der Oper gewesen, einmal in Hannover, einmal in Mannheim und einmal in München, wo ich mich vertreten ließ – scheinen die Deutschen diejenigen Sänger am liebsten zu hören, welche nicht mehr singen können.

Das ist durchaus keine Übertreibung. In Heidelberg war die ganze Stadt schon eine Woche lang im voraus außer sich vor Entzücken über den dicken Tenor gewesen, der in Mannheim auftrat. Seine Stimme klang aber täuschend, als kratze man mit einem Nagel auf einer Fensterscheibe. Das gaben die Heidelberger auch zu, aber in früherer Zeit, meinten sie, sei sein Gesang so herrlich gewesen wie kein anderer. Ähnlich ging es mir in Hannover. Der Herr, mit dem ich dort in der Oper war, strahlte förmlich vor Begeisterung.

»Sie werden den großen Mann sehen,« rief er, »in ganz Deutschland ist sein Ruhm verbreitet. Er bezieht eine Pension von der Regierung und braucht nur noch zweimal jährlich zu singen. Thut er das aber nicht, so wird ihm die Pension entzogen.« Als der bejahrte Tenor nun wirklich auftrat, war ich sehr enttäuscht. Wenn er hinter einem Schirm gestanden hätte, würde ich geglaubt haben, man schneide ihm gerade die Gurgel ab. Ich warf meinem Bekannten einen Blick zu, aber der schwelgte in Wonne, seine Augen funkelten vor Vergnügen. Als der Vorhang endlich fiel, erhob sich ein wahrer Beifallssturm, welcher kein Ende nehmen wollte, bis der gewesene Tenor dreimal wieder zum Vorschein gekommen war und seine Verbeugungen gemacht hatte. Mein Freund klatschte aus Leibeskräften mit, dann wischte er sich den Schweiß von der Stirn.

»Entschuldigen Sie,« sagte ich, »aber nennen Sie das Gesang?«

»Nein, Gott im Himmel, das nicht – aber vor fünfundzwanzig Jahren, da konnte er singen! Jetzt singt er nicht mehr, er schreit nur. Wenn man einer Katze auf den Schwanz tritt, klingt es gerade so.«

 

Wir halten die Deutschen im allgemeinen für ein ruhiges, phlegmatisches Volk, aber das ist weit gefehlt. Sie sind warmherzig, heißblütig und folgen der Eingebung des Augenblicks. Man kann sie ebenso leicht zu Thränen rühren wie zum Lachen bringen. Ihre Treue ist unerschütterlich und wen sie einmal ins Herz geschlossen haben, von dessen Lobe fließt ihr Mund über und sie werden nicht müde, ihm zuzujubeln. Wir Amerikaner sind kalt und zurückhaltend im Vergleich mit ihnen.