Roman

Einundzwanzigstes Capitel


Einundzwanzigstes Capitel

Venetianische Justiz

Im Laufe der folgenden Tage war Cyprien eifrig damit beschäftigt, die fortschreitende Entwicklung seines Experiments zu beobachten. In Folge einer neuen Einrichtung des Schweißofens – er hatte demselben besseren Zug gegeben – hoffte er, daß die Entstehung des Diamants diesmal weniger Zeit in Anspruch nehmen werde, als beim ersten Versuch.

Es versteht sich von selbst, daß Miß Watkins sich für diesen zweiten Versuch lebhaft interessirte, da sie sich ja zum Theil als dessen Urheberin betrachten konnte. Deshalb begleitete sie auch den jungen Ingenieur häufig zum Ofen, den dieser täglich wiederholt besuchte, und vergnügte sich damit, durch die Gucklöcher im Mauerwerk desselben die Intensität des darin lodernden Feuers zu beobachten.

John Watkins interessirte sich, freilich aus ganz anderen Gründen, nicht weniger als seine Tochter für diese Fabrikation. Es verlangte ihn, bald auf’s Neue Besitzer eines Steines zu sein, dessen Werth nach Millionen maß. Seine große Furcht war nur die, daß das Experiment ein zweites Mal nicht gelingen könnte, und daß der Zufall bei dem Gelingen des ersten vielleicht unbemerkt eine sehr große Rolle gespielt habe.

Wenn der Farmer ebenso wie Miß Watkins den jungen Ingenieur aber aufmunterte, die künstliche Herstellung von Diamanten weiter zu verfolgen und zu vervollkommnen, so war das mit den Minengräbern des Griqualandes freilich nicht der Fall. Zwar befanden sich Annibal Pantalacci, James Hilton und Herr Friedel nicht mehr hier, dagegen viele Kameraden derselben, welche in dieser Beziehung ebenso dachten wie sie. Mittels heimlicher Hetzereien suchte auch der Jude Nathan die Inhaber der Claims gegen den jungen Ingenieur einzunehmen. Wenn die künstliche Herstellung von Diamanten einmal praktisch geübt wurde, war es um den Handel mit Diamanten und anderen kostbaren Steinen geschehen. Man hatte ja schon weiße Saphire oder Corindons, Amethyste, Topase und selbst Smaragde fabricirt. Doch waren alle diese Edelsteine nur Thonerdekrystalle und gefärbt durch geringe metallische Beimischungen. Immerhin erschien schon das für den Handelswerth dieser Steine beunruhigend, da derselbe langsam herabging. Wenn nunmehr der Diamant nach Belieben erzeugt werden konnte, so bedeutete das den Ruin der Diamantendistricte des Caps ebenso, wie den der anderen Fundstätten.

Alles das war schon nach dem ersten Versuche des jungen Ingenieurs wiederholt worden und wurde jetzt mit noch mehr Gehässigkeit und mit noch größerem Eifer beobachtet. Die Minengräber traten oft zu vertraulichen Gesprächen zusammen, welche für die Arbeiten Cypriens nichts Gutes vorhersagten. Dieser selbst ließ sich darum freilich kein graues Haar wachsen, und blieb nach wie vor entschlossen, seine Versuche zu Ende zu führen, was man auch sagen oder thun mochte. Nein, er wollte vor der öffentlichen Meinung nicht zurückweichen, und seine Entdeckung, da sie überhaupt Allen zu Gute kommen sollte, jedenfalls nicht etwa geheim halten.

Wenn er aber sein Vorhaben ohne Zögern und ohne Furcht weiter führte, so fing doch Miß Watkins, welche Alles erfuhr, was vor sich ging, an, für ihn zu zittern. Sie machte sich Vorwürfe, ihn zu diesen Versuchen aufgemuntert zu haben. Auf die Polizeigewalt des Griqualandes zu vertrauen, um ihn zu schützen, das hieß auch auf sehr losen Grund gebaut. Ein Schurkenstreich war ja so schnell ausgeführt, und Cyprien konnte vielleicht mit seinem Leben den Schaden zu bezahlen haben, den seine Arbeiten den Minengräbern Afrikas anzudrohen schienen.

Alice war also sehr unruhig und konnte diese Empfindung auch dem jungen Ingenieur gegenüber nicht verhehlen. Dieser beruhigte sie, so gut er konnte, und dankte ihr für die Theilnahme, die sie ihm schenkte. In dem Interesse, welches das junge Mädchen für ihn hegte, erkannte er ja den Ausdruck des wärmeren Gefühls, welches zwischen ihnen kaum ein Geheimniß zu nennen war. Abgesehen von allem Anderen, wünschte Cyprien sich Glück, daß sein Vorhaben seitens der Miß Watkins einen ihm so wohlthätigen Herzenserguß veranlaßte, und fuhr unbeirrt in seiner Arbeit fort.

»Was ich hier thue, Fräulein Alice, geschieht für uns Beide!« wiederholte er ihr.

Wenn Miß Watkins dagegen bedachte, was und wie in den Claims gesprochen wurde, dann lebte sie in immerwährenden Aengsten.

Das war auch wirklich nicht ohne Grund! Gegen Cyprien erhob sich allmählich ein »Tolle«, der sich nicht immer auf bloße Einsprüche oder Drohungen beschränken, sondern gewiß zu handgreiflichen Ausschreitungen führen würde.

Wirklich fand Cyprien, als er eines Abends zu einem Besuche des Ofens kam, die ganze Einrichtung geplündert. Während der Abwesenheit Bardik’s hatte ein Haufen Männer, welche sich die Dunkelheit zu nutze machten, binnen wenig Minuten die Arbeit von vielen Tagen zerstört. Das Mauerwerk war demolirt, die Feuerstätte zertrümmert, das Feuer selbst gelöscht, und die Geräthe zerbrochen und verstreut. Von der ganzen Anlage, die dem jungen Ingenieur so viele Mühe und Sorge gemacht hatte, war rein Nichts mehr übrig – Alles mußte er von Neuem beginnen – wenn er der Mann dazu war, der Gewalt nicht zu weichen, oder er mußte die ganze Sache aufgeben.

»Nein, rief er, nein! Ich gebe nicht nach, und morgen schon führe ich Klage gegen die Buben, welche mein Eigenthum zerstört haben. Ich will doch sehen, ob es im Griqualande keine Gerechtigkeit mehr giebt!«

Es gab zwar eine, aber nicht eine solche, wie der junge Ingenieur sie bedurft hätte.

Ohne gegen Jemand etwas zu äußern, selbst ohne Miß Watkins etwas mitzutheilen, was sich zugetragen hatte, aus Furcht, ihr noch einen neuen Schreck einzujagen, ging Cyprien nach seiner Hütte zurück und legte sich, fest entschlossen, morgen seine Klage anzubringen, und müßte er bis zum Gouverneur des Caplandes gehen, ganz ruhig nieder.

Er mochte zwei oder drei Stunden geschlafen haben, als das Geräusch der sich öffnenden Thür ihn plötzlich weckte.

Fünf schwarz maskirte, mit Revolvern und Gewehren bewaffnete Männer drangen in sein Zimmer. Sie trugen jene Laternen mit grünen Linsengläsern, welche man in englischen Ländern »Bulls eyes« (Ochsenaugen) nennt, und stellten sich stillschweigend an seinem Bette auf.

Cyprien hatte keinen Augenblick den Gedanken, diesem mehr oder weniger tragischen Aufzuge eine zu hohe Bedeutung beizumessen. Er dachte vielmehr an irgend einen Scherz und fing schon fast an zu lachen, obwohl er im Grunde dazu wenig Lust verspürte und den ganzen Spaß etwas ungezogen fand.

Da legte sich aber eine rauhe Hand auf seine Schulter, und einer der maskirten Männer, der ein Papier in der Hand hielt, begann mit einem Tone, in dem gar nichts Scherzhaftes lag, Folgendes laut zu lesen:

»Cyprien Méré!

»Beifolgendes soll Ihnen anzeigen, daß Sie durch das Geheim-Gericht des Vandergaart-Lagers, welches aus zweiundzwanzig Beisitzern besteht und im Namen der allgemeinen Wohlfahrt handelt, am heutigen Tage um Mitternacht und fünfundzwanzig Minuten einstimmig zum Tode verurtheilt worden sind.

»Sie sind beschuldigt und überführt, durch eine unzeitgemäße, ungesetzliche Entdeckung alle Menschen, die, seit sie im Griqualande oder anderswo von der Aufsuchung, der Bearbeitung und dem Verkaufe von Diamanten ihr Leben fristen, in ihrem Interesse und in dem ihrer Familien schwer geschädigt zu haben.

»Das Gericht hat in seiner Weisheit beschlossen, daß eine solche Erfindung vernichtet werden müsse, und daß der Tod eines Einzigen dem Untergange vieler Tausende von menschlichen Wesen weit vorzuziehen sei.

»Es hat ferner festgestellt, daß Ihnen zehn Minuten gegönnt werden, sich zum Tode vorzubereiten, daß Sie die Art desselben selbst wählen dürfen, daß alle Ihre Papiere verbrannt werden sollen, mit Ausnahme der offenen Briefschaften, die Sie etwa für Ihre nächsten Verwandten hinterlassen, und daß Ihre Wohnung endlich dem Erdboden gleichgemacht werde. »So geschehe es mit allen Verräthern!«

Als er sich so verurtheilt hörte, fühlte Cyprien sein voriges Vertrauen doch merklich erschüttert, und er fragte sich, ob diese düstere Comödie, wenn man die wilden Sitten des Landes in Rechnung zog, doch nicht vielleicht ernster gemeint sei, als er anfänglich geglaubt hatte.

Der Mann, welcher ihn an der Schulter hielt, sollte ihm sehr bald die letzten Zweifel rauben.

»Stehen Sie sofort auf, drängte er ihn roh, wir haben keine Zeit zu verlieren.

– Das ist ein Mord!« erwiderte Cyprien, der aus dem Bette entschlossen auf die Füße sprang, um einige Kleider umzuwerfen.

Er war mehr empört als erregt und concentrirte alle Macht seines Denkvermögens über das, was ihm hier widerfuhr, mit derselben Kaltblütigkeit, die er etwa beim Studium eines mathematischen Problems angewandt hätte. Wer waren diese Männer? Er vermochte das, selbst aus dem Tone ihrer Stimme, nicht zu errathen.

Jedenfalls bewahrten diejenigen von ihnen, die er persönlich kannte, kluger Weise Stillschweigen.

»Haben Sie unter den verschiedenen Todesarten Ihre Wahl getroffen? … nahm der maskirte Kerl wieder das Wort.

– Ich habe keine solche Wahl zu treffen, sondern nur Widerspruch zu erheben gegen das schändliche Verbrechen, dessen Ihr Euch schuldig zu machen im Begriffe steht! antwortete Cyprien mit fester Stimme.

– Erheben Sie Widerspruch, aber gehenkt werden Sie deshalb doch! Haben Sie etwa noch eine letzte Willensäußerung niederzuschreiben?

– Keine, die ich meinen Mördern anvertrauen möchte.

– Vorwärts also!« befahl der Anführer.

Zwei Männer stellten sich zu den Seiten des jungen Ingenieurs und der kleine Zug schickte sich an, nach der Thüre zu gehen.

In diesem Augenblick ereignete sich aber ein ganz unerwarteter Zwischenfall. Mitten unter die Henker der Vandergaart-Kopje stürzte sich eben ein Mann herein.

Das war Matakit, der junge Kaffer, der in der Nacht zuweilen in der Umgebung des Lagers umherzuschweifen pflegte; er war den vermummten Männern aus Instinct nachgefolgt, als diese sich eben nach der Hütte des jungen Ingenieurs begaben, um deren Thür zu sprengen. Dort hatte er Alles belauscht, was gesprochen wurde, und auch begriffen, was seinem Herren drohe. Ohne zu zögern und ohne zu bedenken, welche Folgen für ihn selbst dieser Schritt haben könnte, hatte er die Gruppe der Männer getheilt und sich Cyprien zu Füßen geworfen.

»Väterchen, warum wollen diese Männer Dich tödten? rief er, die Kniee seines Herrn umklammernd, trotz der Anstrengung, welche die Anderen machten, ihn von jenem loszureißen.

– Weil ich einen künstlichen Diamanten hergestellt habe, antwortete Cyprien, welcher die Hand Matakit’s, der sich von ihm nicht trennen wollte, bewegt drückte.

– Ach, Väterchen, wie unglücklich und beschämt bin ich wegen dessen, was ich gethan habe, schluchzte der junge Kaffer weinend.

– Was soll das heißen? rief Cyprien.

– Ach, ich will ja Alles gestehen, da man Dich zum Tode führen will! fuhr Matakit fort. Ja … ich verdiene es, getödtet zu werden, denn ich war’s, der den großen Diamanten in den Ofen gesteckt hatte.

– Werft diesen Schwätzer hinaus! rief der Anführer der Bande.

– Ich wiederhole, daß ich es war, der den Diamanten in den Apparat steckte! erklärte Matakit sich wehrend noch einmal. Ja, ja, ich habe das Väterchen getäuscht! … Ich wollte ihm glauben machen, daß sein Experiment geglückt sei! …«

Er geberdete sich bei seiner Erklärung so wild, daß er sich schließlich Gehör erzwang.

»Sprichst Du die Wahrheit? fragte Cyprien, gleichzeitig erstaunt und enttäuscht über das, was er eben hörte.

– Ja doch! … Hundert mal ja! … Ich rede die Wahrheit!«

Er kauerte jetzt auf der Erde, und Alle hörten ihm zu, denn was er hier aussagte, gab der Sache ja eine ganz andere Wendung.

»Am Tage jenes großen Einsturzes, erklärte er, als ich unter dem Gewölbe begraben lag, hatte ich jenen großen Diamanten gefunden! Ich hielt ihn noch in der Hand und dachte an Mittel und Wege, ihn zu verbergen, als die Erdwand neben mir einstürzte, um mich für mein verbrecherisches Vorhaben zu bestrafen … Wieder zum Bewußtsein gekommen, fand ich den Stein in dem Bette, in welches das Väterchen mich hatte schaffen lassen. Ich wollte ihm denselben ausliefern, schämte mich aber zu gestehen, daß ich ein Dieb sei, und beschloß eine günstige Gelegenheit dazu abzuwarten. Nun wollte das Väterchen bald nachher versuchen, selbst einen Diamanten zu machen, und hatte mich beauftragt, das Feuer zu unterhalten. Am zweiten Tage als ich mich allein am Ofen befand, platzte der Apparat mit schrecklichem Krachen und es fehlte nicht viel, so wurde ich von den Bruchstücken erschlagen. Da dachte ich mir, das Väterchen werde sich darüber härmen, daß sein Experiment mißglückt sei. Ich brachte also in das gesprungene Kanonenrohr den mit einer Handvoll Erde umhüllten Diamanten und beeilte mich, alles im Ofen möglichst wieder in Ordnung zu bringen, so daß das Väterchen nichts bemerkte … Dann wartete ich ruhig, ohne ein Wort zu sagen, und als das Väterchen den Diamanten fand, war er hoch erfreut darüber!«

Ein schallendes Gelächter, das die fünf maskirten Männer nicht zurückhalten konnten, begleitete Matakit’s letzte Worte.

Cyprien selbst lachte freilich nicht, sondern biß sich aus Enttäuschung in die Lippen. Der Ton des jungen Kaffern ließ gar keinen Zweifel aufkommen. Seine Erzählung beruhte offenbar auf Wahrheit!

Vergeblich forschte Cyprien in seiner Erinnerung oder Einbildung nach Thatsachen, dieselben anzuzweifeln und Jenen Lügen zu strafen. Vergebens sagte er sich:

»Ein natürlicher Diamant hätte sich, einer Hitze, wie der im Ofen ausgesetzt, verflüchtigen müssen …«

Die einfache gesunde Vernunft gab ihm dagegen ein, daß der von einer Art Lehmhülle umschlossene Stein recht wohl der intensiven Einwirkung der Hitze habe entgehen können, oder daß dieselbe nur teilweise auf ihn gewirkt habe. Vielleicht verdankte er gerade dieser langen Erwärmung seine schwarze Farbe; vielleicht hatte er sich innerhalb seiner Kruste verflüchtigt und war dann erst wieder krystallisirt.

Alle diese Gedanken bestürmten das Hirn des jungen Ingenieurs und verknüpften sich in demselben mit außerordentlicher Geschwindigkeit. Er stand betroffen vor der ihm unerklärlichen Thatsache.

»Ich entsinne mich recht wohl, am Tage jenes Einsturzes in der Hand des Kaffern einen Klumpen Erde gesehen zu haben, bemerkte da einer der Männer, als die allgemeine Heiterkeit sich etwas beruhigt hatte. Er preßte denselben so fest darin zusammen, daß man darauf verzichten mußte, den Erdkloß daraus zu entfernen.

– An der ganzen Sache ist überhaupt nicht mehr zu zweifeln, meinte ein Anderer. Ist’s denn möglich, Diamanten künstlich herzustellen? Wahrlich, wir sind rechte Schwachköpfe, so etwas je haben glauben zu können. Da könnte Einer ebensogut versuchen, einen Stern machen zu wollen!«

Wieder fingen Alle an zu lachen.

Cyprien litt sicher mehr von ihrer jetzigen Ausgelassenheit, als vorher von ihrem rohen Auftreten.

Nachdem die fünf Männer endlich heimlich berathschlagt, nahm ihr Anführer wieder das Wort:

»Wir sind der Ansicht, Cyprien Méré, sagte er, daß wegen des über Sie verhängten Todesurtheils noch eine Berathung stattzufinden habe. Sie gehen vorläufig frei aus! Vergessen Sie aber nicht, daß dieses Urtheil nach wie vor über Ihnen schwebt! Ein Wort, ein Zeichen, davon die Polizei zu benachrichtigen, und Sie sind unrettbar verloren! Wem’s juckt, der kratze sich!«

Mit diesen Worten zog er sich, gefolgt von seinen Begleitern, nach der Thür zurück.

Das Zimmer lag wieder im Dunklen. Cyprien hätte sich fast fragen können, ob er nicht das Spiel eines bloßen Traumes gewesen sei. Das Schluchzen Matakit’s aber, der sich auf dem Boden niedergestreckt hatte und heftig, den Kopf in die Hände stützend, weinte, zwang ihn wohl zu glauben, daß Alles, was hier vor sich gegangen, auch wirklich geschehen war.

Die Wahrheit lag also zutage! Er war zwar dem Tode entgangen, aber um den Preis einer fast vernichtenden Demüthigung. Er, ein Bergwerksingenieur, er, ein Zögling der polytechnischen Schule, ein hervorragender Chemiker und schon namhafter Geolog, er hatte sich durch die plumpe List eines elenden Kaffern betrügen lassen! Oder es war vielmehr seine eigene Eitelkeit, seine lächerliche Voreingenommenheit, welche ihn diesen entsetzlichen Bock hatte schießen lassen. Seine Verblendung war so weit gegangen, eine Theorie für die Entstehung der Krystallbildungen finden zu wollen! … Konnte es etwas noch Lächerlicheres geben? … Ist es nicht die Sache der Natur allein, unter Mithilfe Jahrhunderte überdauernder Zeiträume, derartige Bildungsprocesse zu Ende zu führen? … Und doch, wer hätte sich gegenüber der vor Augen liegenden Thatsachen nicht täuschen lassen? .. Er erhoffte einen Erfolg, hatte Alles zur Sicherung desselben vorbereitet und mußte logischer Weise annehmen, einen solchen errungen zu haben. Sogar die außergewöhnlichen Größenverhältnisse des Diamanten waren ja nur dazu angethan, eine solche Täuschung zu nähren. Auch ein Depretz hätte dieselbe wahrscheinlich getheilt … Kommen denn ähnliche Irrthümer nicht alle Tage vor? … Sieht man z. B. nicht die erfahrensten Numismatiker falsche Münzen häufig genug für echte annehmen?

Cyprien suchte sich durch derartige Vorstellungen einigermaßen zu trösten.

Da machte ihn plötzlich ein Gedanke fast zu Eis erstarren:

»Und mein Bericht an die Akademie! … Wenn ihn jene Schurken nicht mit weggeschleppt haben!«

Er entzündete eine Kerze. Nein, Gott sei Dank, sein Bericht fand sich noch vor. Niemand hatte ihn gesehen. Er athmete erst auf, nachdem er denselben verbrannt hatte.

Das Wehklagen Matakit’s war inzwischen so herzzerreißend, daß er wohl versuchen mußte, diesen zu beruhigen. Das sollte nicht so schwer werden. Auf den ersten wohlwollenden Zuspruch »des Väterchens« schien der arme Kerl wirklich neu aufzuleben. Wenn Cyprien ihm jedoch versicherte, daß er ihm keinen Groll nachtrage und ihm von ganzem Herzen verzeihe, so geschah das nur unter der Bedingung, daß er sich zu ähnlichen heimlichen Handlungen nicht wieder verleiten lasse.

Matakit betheuerte das bei dem Namen dessen, der ihm am heiligsten war, und als sich sein Herr darauf wieder niedergelegt, that er desgleichen.

So endete diese nächtliche Scene, welche erst einen recht traurigen Ausgang zu nehmen drohte.

Wenn sie in dieser Weise für den jungen Ingenieur endigte, sollte das für Matakit nicht ebenso der Fall sein.

Am folgenden Tage nämlich, als man nun wußte, daß der »Südstern« nichts anderes als ein natürlicher Diamant war, daß der junge Kaffer, der seinen Werth genügend erkannte, denselben einfach gefunden hatte, trat die Frage wegen seines Verbleibs mit erneuerter Lebhaftigkeit zutage. John Watkins verlieh seinen Klagen lauten Ausdruck. Nur Matakit konnte der Dieb dieses unschätzbaren Steines sein! Nachdem er schon seinem eignen Geständnisse nach gleich anfangs daran gedacht, ihn für sich zu behalten, lag ja nichts näher, als die Annahme, daß er ihn auch aus dem Festsaale entwendet hatte.

Cyprien konnte dieser Auffassung widersprechen und für die Rechtlichkeit des jungen Kaffern Bürgschaft übernehmen so viel er wollte, man hörte ihn einfach nicht an, was den mehr als hinreichenden Beweis liefert, wie recht Matakit, der seine vollständigste Schuldlosigkeit beschwor, daran gethan hatte, zu flüchten, und wie unrecht, nach dem Griqualande zurückgekehrt zu sein.

Da brachte der junge Ingenieur, der seine Sache nicht verloren geben wollte, ein Argument zur Geltung, dessen sich Niemand erwartete und das seiner Annahme nach Matakit retten mußte.

»Ich selbst glaube an seine Unschuld, sagte er zu John Watkins; doch selbst wenn er schuldig wäre, ginge das im Grunde nur mich an. Ob Natur oder Kunsterzeugniß, jedenfalls gehörte der Diamant mir, bevor ich ihn dem Fräulein Alice angeboten hatte …

– Ah, er gehörte Ihnen? … antwortete Mr. Watkins in eigenthümlich schmerzhaftem Tone.

– Ohne Zweifel! erklärte Cyprien. Ist er nicht von dem, bei mir in Diensten stehenden Matakit in meinem Claim gefunden worden?

– Ganz richtig, erwiderte der Farmer; aber ebendeshalb kommt er mir zu, weil laut Contract die drei ersten, auf Ihrer Concession ausgegrabenen Diamanten in mein ausschließliches Eigenthum überzugehen hatten.«

Cyprien wußte auf diesen Einwurf nichts zu antworten.

»Nun, ist mein Ausspruch wohl ein gerechter? fragte Mr. Watkins.

– Ein ganz gerechter! stammelte Cyprien.

– Ich würde Ihnen sehr dankbar sein für eine ausdrückliche schriftliche Anerkennung meines guten Rechtes, für den Fall, daß wir den Spitzbuben dahin bringen könnten, den auf so unverschämte Weise gestohlenen Diamanten wieder herauszugeben!«

Cyprien nahm ein Stück weißes Papier und schrieb darauf:

»Ich erkenne hiermit an, daß der in meinem Claim von einem in meinen Diensten stehenden Kaffern gefundene Diamant, gemäß dem Concessionscontracte, das Eigenthum des Herrn John Napleton Watkins ist.

»Cyprien Méré.«

Man wird zugeben, daß dieser Umstand alle Träume des jungen Ingenieurs vernichtete. Kam nun der Diamant jemals wieder zum Vorschein, so gehörte er nicht als Geschenk, sondern von Rechtswegen John Watkins, und ein neuer Abgrund, den nur viele Millionen ausfüllen konnten, eröffnete sich zwischen Cyprien und Alice.

Wenn aber die Reclamation des Farmers die Interessen der beiden jungen Leute schädigte, so war das noch mehr bezüglich Matakit’s der Fall. Jetzt war es John Watkins, gegen den er ein Vergehen sich hatte zu schulden kommen lassen … John Watkins war der Bestohlene! … Und John Watkins war nicht der Mann danach, die Verfolgung dieser ihn so tief berührenden Angelegenheit aufzugeben, wenn er den Dieb in Händen zu haben glaubte.

Der arme Teufel wurde also verhaftet, eingesteckt und nach Verlauf von kaum zwölf Stunden, trotz Allem, was Cyprien zu seiner Vertheidigung anführen mochte, verurtheilt gehenkt zu werden… wenn er sich nicht entschloß, oder er nur außer Stande war, den »Südstern« zurückzuerstatten.

Da er ihn nun thatsächlich nicht zurückliefern konnte, weil er ihn ja gar nicht genommen hatte, so lag seine Sache ganz klar, und Cyprien wußte nicht mehr, was er beginnen sollte, um den Unglücklichen zu retten, an dessen Schuld er nun einmal nicht glauben konnte.

Zweiundzwanzigstes Capitel.


Zweiundzwanzigstes Capitel.

Eine Mine ganz neuer Art.

Miß Watkins hatte inzwischen von allen diesen Vorfällen gehört, von dem Auftritte mit den maskirten Männern ebenso, wie von dem so unangenehmen Mißgeschick, das den jungen Ingenieur betroffen hatte.

»Ach, Herr Cyprien, sagte sie zu ihm, nachdem sie sich von Allem eingehend unterrichtet, ist denn Ihr Leben nicht so viel Werth wie alle Diamanten der Welt?

– Liebe Alice …

– Denken wir an alles das nicht mehr und verzichten Sie in Zukunft auf derartige Versuche.

– Sie befehlen mir das? … fragte Cyprien.

– Ja, ja! bestätigte das junge Mädchen. Ich befehle Ihnen jetzt, dieselben aufzugeben, wie ich Ihnen früher befahl, sie zu unternehmen, da Sie denn einmal von mir nur Befehle entgegennehmen wollen.

– Ebenso, wie ich alle auszuführen bestrebt sein werde!« versicherte Cyprien, die Hand ergreifend, die Miß Watkins ihm darbot.

Als ihr Cyprien aber auch den Urteilsspruch mitgetheilt, der über Matakit gefällt worden war, war sie wie versteinert, vorzüglich nachdem sie erfahren, welchen Antheil ihr eigener Vater an dieser Verurtheilung hatte.

Auch sie glaubte ja nicht an die Schuld des armen Kaffern! Auch sie hätte, in völliger Übereinstimmung mit Cyprien, gern Alles gethan, ihn zu retten; doch wie sollten sie das anfangen, wie vor Allem John Watkins, der in dieser Angelegenheit als unzugänglicher Ankläger auftrat, mehr Theilnahme für den Unglücklichen einflößen, auf den er selbst die ungerechtesten Beschuldigungen gehäuft hatte?

Hier ist noch einzufügen, daß der Farmer von Matakit keinerlei Geständnisse zu erlangen vermochte, weder dadurch, daß er ihm sein Todesurtheil vorwies, noch dadurch, daß er ihm volle Begnadigung in Aussicht stellte, wenn er sprechen wollte. Aller Hoffnung beraubt, den »Südstern« je wiederzufinden, bemächtigte sich seiner eine wirklich mörderische Laune. Man konnte ihm kaum noch nahe treten. Dennoch wollte seine Tochter bei ihm einen letzten Versuch wagen.

Am Tage nach dem Urteilsspruche hatte Mr. Watkins, da er eben etwas weniger als gewöhnlich von seiner Gicht litt, diese Ruhepause benützt, einmal seine Papiere in Ordnung zu bringen. Vor einem großen Cylinderschreibtisch aus mit gelben Verzierungen eingelegtem Ebenholz – ein schönes, von der holländischen Herrschaft herrührendes Erbstück, das nach mancherlei Schicksalen nach diesem verlornen Winkel des Griqualandes verschlagen worden war – bequem sitzend, musterte er seine verschiedenen Eigenthumsdocumente, die zahlreichen Contracte und Korrespondenzen.

Hinter ihm stickte, über ihren Rahmen gebeugt, Alice, ohne sich viel um ihren Strauß Dada zu bekümmern, der mit gewohnter komischer Würde im Zimmer umherstolzirte und einmal einen Blick nach dem Fenster warf, ein andermal aber mit den großen fast menschlichen Augen die Bewegungen des Mr. Watkins und seiner Tochter beobachtete.

Plötzlich veranlaßte ein lauter Ausruf des Farmers Miß Watkins schnell den Kopf zu erheben.

»Dies Thier wird allgemach unerträglich! sagte jener. Da hat es mir eben ein Pergament entführt … Dada! … Hier! … Willst Du’s gleich hergeben!«

Kaum waren ihm diese Worte entflohen, als ihnen auch schon ein Strom von Schimpfworten folgte.

»Ah, das abscheuliche Geschöpf hat es verschlungen! … Ein Document von höchster Wichtigkeit! Das Original der Urkunde, welches die Ausbeutung meiner Kopje betrifft! … Das ist nicht auszuhalten! … Er soll’s aber schon wieder von sich geben und wenn ich das Thier erdrosseln müßte!«

Hochroth vor Zorn und ganz außer Fassung hatte Mr. Watkins sich schnell erhoben. Er lief dem Strauße nach, der erst das Zimmer zwei- oder dreimal umkreiste und dann durch das zu ebener Erde gelegene Fenster entwich.

»Lieber Vater, bat die über diese neue Uebelthat ihres Günstlings untröstliche Alice, beruhige Dich, ich bitte Dich! Höre mich an! … Du wirst Dich wieder krank machen!«

Die Wuth des Mr. Watkins war jetzt aber auf dem höchsten Gipfel. Die Flucht des Straußes hatte ihr die Krone aufgesetzt.

»Nein, rief er mit halberstickter Stimme, das ist zu arg! Das muß ein Ende nehmen! Ich kann nicht so mir nichts dir nichts auf eine der allerwichtigsten Beurkundungen meines Grundbesitzes verzichten. Eine blaue Bohne in den Kopf wird die Diebin schnell zur Vernunft bringen. Ich werde mein Pergament schon wieder erlangen, dafür verbürg‘ ich mich!«

Weinend folgte Alice ihm nach.

»Ich bitte Dich, liebster Vater, hab‘ Gnade mit meinem armen Thiere! sagte sie. Ist denn das Papier wirklich so wichtig? … Kannst Du davon kein zweites Exemplar bekommen? … Willst Du mir den Schmerz bereiten, vor meinen Augen die arme Dada wegen eines so leichten Vergehens umzubringen?«

John Watkins wollte aber nichts hören, sondern sah sich nur, sein Opfer suchend, nach allen Seiten um.

Endlich gewahrte er das Thier, als es sich eben nach der Seite des von Cyprien Méré bewohnten Häuschens flüchtete. Sofort schlug der Farmer das Gewehr an und zielte; Dada aber, als wenn sie die gegen sie gerichteten schwarzen Anschläge durchschaute, sah diese Bewegung kaum, als sie sich beeilte, hinter dem Hause Deckung zu finden.

»Warte! Warte nur! Ich werde Dich schon noch erwischen, verwünschtes Thier!« wetterte John Watkins, auf den Strauß zugehend.

Natürlich unterließ Alice in ihrer Herzensangst nicht, ihm zu folgen, um einen letzten Besänftigungsversuch zu machen.

So gelangten also Beide nach dem Häuschen des jungen Ingenieurs und umkreisten dasselbe … Kein Strauß war hier zu finden; Dada schien unsichtbar geworden zu sein. Sicherlich konnte dieselbe aber noch nicht den kleinen Hügel hinabgelaufen sein, sonst hätte man sie wenigstens in der Nähe der Farm sehen müssen. Jedenfalls hatte sie also durch eine nach der Rückseite offene Thür oder durch ein Fenster Zuflucht in der Hütte selbst gesucht.

Das sagte sich John Watkins und beeilte sich umzukehren und an die Haupteingangsthür zu klopfen.

Cyprien öffnete ihm dieselbe in eigener Person.

»Herr Watkins! … Miß Watkins! … Hocherfreut, Sie bei mir zu sehen! …« sagte er, erstaunt über diesen höchst unerwarteten Besuch.

Ganz außer Athem erklärte ihm der Farmer mit kurzen Worten, aber noch in vollem Zorne, den Grund seines Erscheinens.

»Nun, so werden wir die Missethäterin suchen, antwortete Cyprien, während er John Watkins und Alice in das Häuschen einzutreten nöthigte.

– Und ich stehe Ihnen dafür, daß die Sache schnellstens erledigt sein wird!« erklärte der Farmer, der seine Flinte wie einen Tomahawk schwang.

Gleichzeitig verrieth Cyprien aber ein flehender Blick des jungen Mädchens, welchen Schreck die beabsichtigte Execution ihr einflößte. Er wurde sich denn auch sehr bald klar, was ihm hier zu thun bleibe – er wollte den Strauß ganz einfach nicht finden.

»Lî, rief er dem eben eingetretenen Chinesen in französischer Sprache zu, ich vermuthe, daß der Strauß in Deinem Zimmer sein wird. Fessle ihn, aber stell‘ es so an, daß er bequem entwischen kann, während ich Herrn Watkins nach der entgegengesetzten Seite führe.«

Leider litt dieser schöne Plan an einer falschen Voraussetzung. Der Strauß hatte sich gerade in das erste Zimmer, in dem die Nachsuchung begann, geflüchtet. Hier befand er sich noch, machte sich ganz klein und hatte den Kopf unter einem Stuhle versteckt, blieb natürlich aber sonst völlig sichtbar.

Mr. Watkins stürzte auf das Thier los.

»Ah, Spitzbube, Deine Rechnung ist nun abgeschlossen!«

So wüthend er indeß war, stutzte er doch vor der Ungeheuerlichkeit, das Gewehr dem Opfer auf die Brust gesetzt, einen Schuß in einem Hause abzugeben, welches, wenn auch nur zeitweilig, jetzt nicht das seinige war.

Alice wandte sich weinend ab, um nichts von Allem zu sehen.

Da gab ihr tiefer Kummer dem jungen Ingenieur einen rettenden Gedanken ein.

»Herr Watkins, sagte er plötzlich, es kommt Ihnen doch nur darauf an, Ihr Schriftstück wieder zu erhalten, nicht wahr? … Nun wohl, es ist ganz unnöthig, Dada zu tödten, um dasselbe zu erlangen. Es genügt, ihr den Magen zu öffnen, über den jenes noch nicht hinausgekommen sein kann. Wollen Sie mir gestatten, diese Operation vorzunehmen? Ich hab‘ einmal einen Cursus am zoologischen Museum durchgemacht und hoffe, bei diesem chirurgischen Lehrlingswerke zur Zufriedenheit zu bestehen.«

Ob nun diese Vivisection dem Rachegelüste des Farmers schmeichelte, ob sein Zorn sich zu legen begann oder er sich wider Willen von dem aufrichtigen Schmerze seiner Tochter rühren ließ, kurz, er gab nach und stimmte dem vorgeschlagenen Auskunftsmittel zu.

Sein Document wolle er aber auf keinen Fall einbüßen, erklärte er bestimmt, wenn es sich im Magen des Thieres nicht fände, müsse es eben weiter gesucht werden. Er brauche dasselbe um jeden Preis.

Die Operation war immerhin nicht so leicht auszuführen, als man auf den ersten Blick, unter Berücksichtigung der resignirten Haltung Dadas, hätte glauben können. Ein Strauß, selbst ein solcher von mäßiger Größe, ist mit furchtbarer Körperkraft ausgerüstet. Kaum durch das Messer eines Gelegenheits-Chirurgen ihrer Federdecke beraubt, war es nur zu gewiß, daß die Patientin sich auflehnen, wüthend werden und rücksichtslos um sich herum schlagen würde. So wurden also Lî und Bardik hinzugerufen, um als Gehilfen zu dienen.

Zuerst kam man dahin überein, den Strauß gehörig zu fesseln. Dazu wurden die Leinen verwendet, von denen Lî in seinem Zimmer stets einigen Vorrath aufbewahrte. Bald hatte ein ganzes Netz von Schlingen und Knoten die Beine und den Schnabel der unglücklichen Dada umsponnen, welcher es dadurch unmöglich gemacht wurde, irgendwie Widerstand zu leisten.

Cyprien begnügte sich hiermit aber noch nicht. Um die Empfindlichkeit der Miß Watkins zu schonen, wollte er ihrem Strauß überhaupt jeden Schmerz ersparen, deshalb umwickelte er dessen Kopf mit einem chloroformgetränkten, zusammengelegten Leinentuche.

Erst nachdem das geschehen, verschritt er, nicht ohne einige Besorgniß über den Ausgang derselben, zu der immerhin gewagten Operation.

Schon erregt durch jene Vorbereitungen, hatte sich Alice, bleich wie der Tod selbst, nach dem Nebenzimmer zurückgezogen.

Cyprien begann damit, seine Hand längs des Halses des Thieres herabgleiten zu lassen, um sich über die Lage des Kropfes zu vergewissern. Das war nicht schwierig, den der Kropf bildete am oberen Vordertheile des Brustkastens eine ziemlich beträchtliche, harte, widerstandsfähige Masse, welche seine Finger mitten unter den benachbarten Weichtheilen leicht herausfühlten.

Mit Hilfe eines scharfen Messers wurde nun die Haut am Halse sorgsam eingeschnitten. Diese erwies sich dick und schlaff, wie bei einem Truthahne, und war mit feinem grauen Flaum bedeckt, der sich leicht entfernen ließ. Der Einschnitt veranlaßte kaum eine Blutung und wurde mit angefeuchtetem Leinen vorsichtig ausgetupft.

Cyprien sah nun zunächst zwei oder drei ziemlich starke Pulsadern vor sich liegen, welche er durch kleine eiserne Haken, die Bardik zu halten bekam, an die Seite schob. Dann eröffnete er ein weißes, perlmutterartiges Gewebe, welches eine weite Höhlung unterhalb der Schlüsselbeine umgab, und hatte bald den Kropf des Straußes bloßgelegt.

Man stelle sich den Kropf einer Henne, aber dem Umfang, der Dicke und dem Gewichte nach hundertmal vergrößert vor, und man wird eine ziemlich zutreffende Vorstellung von dem Anblick gewonnen haben, den der vorliegende Behälter darbot.

Der Kropfmagen Dadas zeigte sich in Gestalt einer bräunlichen Tasche, welche sowohl durch das Futter, wie durch die unverdaulichen fremden Körper, die das gefräßige Thier im Laufe des Tages oder wohl auch schon früher verschlungen, stark ausgedehnt erschien. Der erste Blick auf das mächtige, gesunde, fleischige Organ genügte schon, um sich zu überzeugen, daß ein mechanischer Eingriff in dasselbe gefahrlos zu wagen war.

Mit dem großen Jagdmesser, welches Lî bis dahin verborgen gehalten, nachdem er es vorher sorgsam geschliffen hatte, machte Cyprien einen tiefen Einschnitt in den Kropfmagen des Thieres.

Jetzt war es leicht, die Hand bis zum Grunde desselben einzuführen.

Sofort wurde das von Mr. Watkins so schmerzlich vermißte Schriftstück erkannt und herausbefördert. Es war fast zu einer Kugel zusammengerollt, etwas zerknittert, aber sonst in unverletztem Zustande.

»Da stecken auch noch andere Dinge drin, sagte Cyprien, der die Hand wieder in die Höhlung eingeführt hatte, aus der er diesmal eine Elfenbeinkugel hervorzog.

»Miß Watkins‘ Stopfkugel! rief er. Wenn man bedenkt, daß das Thier diese vor fünf Monaten verschlungen hat! … Offenbar hat sie nicht durch die untere Ausgangsöffnung weitergleiten können.«

Nachdem er Bardik die Billardkugel eingehändigt, setzte er seine Nachsuchungen, wie ein Alterthumsforscher in einem Lager aus der Römerzeit, fort.

»Ein kupferner Handleuchter!« rief er verwundert, während er das bescheidene, bestoßene, zerkratzte, platt gedrückte, oxydirte, aber doch völlig erkennbare Hausgeräth vorzeigte.

Jetzt fingen Bardik und Lî so unbändig an zu lachen, daß Alice selbst, welche eben in das Zimmer zurückgekehrt war, nicht umhin konnte, es ihnen gleichzuthun.

»Goldmünzen! .. Ein Schlüssel! .. Ein Hornkamm!« meldete Cyprien, indem er den weiteren Inhalt entleerte.

Plötzlich erbleichte er. Seine Finger hatten einen Gegenstand von außergewöhnlicher Form erfaßt … Nein! … Er konnte kaum darüber in Zweifel sein, was das sei, und doch wagte er kaum an einen solchen Zufall zu glauben.

Endlich brachte er die Hand wieder aus der Höhlung und hob den Gegenstand, den er darin gefaßt hatte, in die Höhe …

Da entfuhr John Watkins‘ Munde ein lauter Aufschrei.

»Der »Südstern«!«

Ja … der berühmte Diamant war unversehrt wiedergefunden, hatte nichts an seinem Glanze verloren und blitzte beim hellen Tagesscheine wie ein schimmerndes Gestirn. Nur hatte er merkwürdiger Weise – ein Umstand, der allen Zeugen dieses Austritts sofort in die Augen fiel, eine Farbenveränderung erlitten.

War er früher pechschwarz gewesen, so leuchtete der Südstern jetzt rosenroth, so schön rosenroth, daß es seine Wasserklarheit und seinen Glanz womöglich noch erhöhte.

»Glauben Sie nicht, daß dieser Umstand seinen Werth herabsetzt? fragte Mr. Watkins begierig, als er erst wieder Worte fand, denn Ueberraschung und Freude hatten ihm anfänglich fast ganz den Athem geraubt.

– Nicht im Geringsten! versicherte Cyprien. Im Gegentheil, das ist eine weitere Merkwürdigkeit desselben, welche den Stein in die so seltene Familie der »Chamäleon-Diamanten« einreiht. Offenbar kann es in Dadas Kropfmagen nicht kalt gewesen sein, weil dieser Farbenwechsel an sich gefärbter Diamanten, über den in gelehrten Gesellschaften schon oft genug verhandelt worden ist, im Allgemeinen auf eine plötzliche Temperaturveränderung zurückgeführt wird.

– O, dem Himmel Dank! … Da bist Du ja wiedergefunden, Du meines Herzens theuerster Schatz! rief Mr. Watkins wiederholt und drückte den Diamanten in seiner Hand, wie um sich zu überzeugen, daß er nicht etwa nur träumte.

»Du hast mir durch Dein Verschwinden so unsäglichen Kummer bereitet, Du undankbarer Stern, so daß ich Dich nun nimmermehr von mir lasse!«

Er hob ihn vor seinen Augen in die Höhe, liebkoste ihn mit den Blicken und schien nicht übel geneigt, ihn, nach dem Beispiele Dadas, gleich zu verschlingen.

Cyprien, der sich von Bardik hatte eine Nadel mit ziemlich festem Faden darin holen lassen, nähte inzwischen den Kropfmagen des Straußes sorgfältig wieder zu. Nachdem er dann ebenfalls mittels Naht den Einschnitt in die Weichtheile des Halses wieder geschlossen, befreite er das Thier von den Fesseln, die es bisher jeder Bewegung beraubt hatten.

Sehr angegriffen und fast beschämt, hätte man sagen mögen, senkte Dada den Kopf und zeigte gar kein Verlangen, davon zu laufen.

»Glauben Sie, daß sie sich erholen wird, Herr Cyprien? fragte Alice, welche sich die Leiden ihres Günstlings mehr angelegen sein ließ, als das Wiedererscheinen des Diamanten.

– Wie, Miß Watkins, ob ich glaube, daß Dada sich erholt? antwortete Cyprien. Meinen Sie, ich hätte diese Operation unternommen, wenn ich des Ausgangs nicht sicher war? … Nein, binnen drei Tagen wird nichts mehr davon wahrzunehmen sein, und ich wette, Dada wird keine zwei Stunden verstreichen lassen, bis sie die merkwürdige Tasche, die wir eben ausgeleert, wieder zu füllen anfängt!«

Durch solche Zusicherungen beruhigt, sandte Alice dem jungen Ingenieur noch einen dankbaren Blick zu, der diesen für alle gehabte Mühe belohnte.

Mr. Watkins hatte sich endlich überzeugt, daß er noch bei klarem Verstande und wieder im Besitz des wunderbaren Sternes sei. Befriedigt verließ er den Platz am Fenster.

»Herr Méré, begann er in majestätischem, hochfeinem Tone, Sie haben mir hier einen sehr großen Dienst erwiesen, und ich weiß wirklich nicht, wie ich mich bei Ihnen dafür abfinden soll.«

Cypriens Herz begann vernehmlicher zu klopfen.

Sich abfinden! … O, Mr. Watkins besaß ja ein so nahe liegendes Mittel. Wurde es ihm denn so schwer, sein Versprechen einzulösen, demgemäß seine Tochter Dem angehören sollte, der ihm den »Südstern« wiederbrächte? Hatte er diesen denn nicht eben so gut wieder zur Stelle geschafft, als wenn er ihn weit hinten im Transvaal gefunden hätte?

Das sagte er sich wohl selbst, war aber viel zu stolz, diesen Gedanken laut werden zu lassen, sondern hielt es vielmehr für so gut wie gewiß, daß derselbe im Kopfe des Farmers selbst erwachen werde.

John Watkins äußerte aber kein dahin zielendes Wort, sondern verließ, nachdem er seiner Tochter durch ein Zeichen bedeutet, ihm zu folgen, mit ihr das Häuschen und kehrte nach seiner Wohnung zurück.

Selbstverständlich erhielt Matakit sofort seine Freiheit wieder. Es hatte aber doch wenig gefehlt, daß der arme Teufel Dadas sonderbaren Geschmack hätte mit dem Leben bezahlen müssen, und nur ein glücklicher Zufall hatte ihn in elfter Stunde noch gerettet.

Dreiundzwanzigstes Capitel.


Dreiundzwanzigstes Capitel.

Unterbrochene Festfreuden.

Der überglückliche John Watkins, jetzt der reichste Farmer des ganzen Griqualandes, konnte, nachdem er früher die Geburt des »Südsterns« gefeiert, nichts Besseres thun, als nun ein zweites Festmahl zur Feier seiner Auferstehung anzustellen. Diesmal verstand es sich indeß von selbst, daß alle Vorsichtsmaßregeln, ein nochmaliges Verschwinden desselben zu verhüten, getroffen waren – und Dada wurde auch nicht zum Schmause eingeladen.

Am Nachmittage des folgenden Tages war denn die Festlichkeit schon im vollsten Gange.

Schon vom frühen Morgen an hatte John Watkins den Vor- und Nachbann seiner Tischfreunde aufgeboten, von den Schlächtern des Districts Fleischvorräthe beziehen lassen, welche eine ganze Infanterie-Compagnie zu sättigen hingereicht hätten, und dafür gesorgt, daß in seiner Küche alle Victualien, Conservebüchsen, Wein- und Liqueurflaschen, welche die Cantinen der Umgebung nur zu liefern vermochten, aufgespeichert wurden.

Um vier Uhr stand die Tafel im Saale fix und fertig, die Flaschenbatterie auf dem Schänktisch in musterhafter Ordnung und draußen dufteten die Rinderviertel und Lammbraten aus dem heißen Ofen.

Um sechs Uhr erschienen die Eingeladenen im Festanzuge. Um sieben Uhr hatte die Lebhaftigkeit der Unterhaltung schon einen so hohen Grad erreicht, daß es selbst einem Hornisten schwer geworden wäre, den Trubel zu übertönen.

Hier befanden sich Matthis Pretorius – jetzt viel ruhiger, da er die schlechten Scherze Annibal Pantalacci’s nicht mehr zu fürchten brauchte; Thomas Steel, ein Muster strotzender Kraft und strahlender Gesundheit, der Händler Nathan, und daneben Farmer, Minengräber, Kaufleute und Polizeibeamte.

Auf Ansuchen Alices hatte auch Cyprien nicht abschlagen können, dem Festmahle beizuwohnen, da das junge Mädchen ebenfalls bei demselben zu erscheinen gezwungen war. Beide spielten aber recht traurige Figuren, denn – das leuchtete aus Allem hervor – der fünfzigfache Millionär Watkins konnte gar nicht mehr daran denken, seine Tochter einem einfachen Ingenieur zu geben, »der nicht einmal Diamanten zu fabriciren verstand«. Ja, der egoistische Mann ließ das dem jungen Manne, dem er sein Vermögen doch erst verdankte, deutlich genug aus seinem Benehmen gegen ihn merken. Das Gastmahl nahm also unter dem wenig in Schranken gehaltenen Enthusiasmus der Tafelrunde seinen weiteren Fortgang.

Vor dem glücklichen Farmer – heute also nicht hinter ihm – glitzerte der »Südstern« auf kleinem blausammtenen Kissen, aber unter dem Doppelschutze eines befestigten Metalldrahtgewebes und eines Glassturzes, im Scheine zahlreicher Kerzen.

Man hatte schon zehn Toaste auf sein Wohlergehen, auf seine unvergleichliche Klarheit und seinen bisher unerreichten Strahlenglanz ausgebracht.

Allmählich wurde es drückend warm.

Einsam und wie in sich selbst zurückgezogen, schien Miß Watkins inmitten des Tumults gar nichts zu hören. Ihre Augen ruhten auf dem gleich ihr selbst verstimmten Cyprien und drohten sich immer mit Thränen zu füllen.

Drei kräftig gegen die Thür des Saales geführte Schläge unterbrachen plötzlich das Geräusch der Unterhaltung und das Klingen und Klirren der Gläser.

»Herein! rief John Watkins mit heiserer Stimme. Wer es auch sei, er kommt zur rechten Stunde, wenn er nur Durst mitbringt!«

Die Thür öffnete sich.

Auf der Schwelle erhob sich die lange hagere Gestalt Jacobus Vandergaart’s.

Alle Tischgäste sahen sich bei dieser unerwarteten Erscheinung verwundert an. Ringsum im Lande kannte ja Jedermann zu gut die Gründe der Feindschaft, welche die beiden Nachbarn, John Watkins und Jacobus Vandergaart, von einander entfernt hielten, so daß sofort ein dumpfes Gemurmel um den Tisch lief. Alle erwarteten einen mehr oder weniger ernsten Auftritt.

Jetzt herrschte Todtenstille. Aller Augen waren auf den alten silberhaarigen Steinschneider gerichtet. Dieser erschien, als er so mit gekreuzten Armen, den Hut auf dem Kopfe und in langem schwarzen Ueberrocke aus besseren Tagen dastand, wie ein Ebenbild der personificirten Vergeltung.

Mr. Watkins fühlte sich von unerklärlichem Schrecken und geheimem Schauer gepackt. Er erbleichte unter der kupferrothen Hautschicht, welche ein langandauernder Alkoholmißbrauch auf seinen Backen erzeugt hatte.

Der Farmer suchte jedoch die unbehaglichen Empfindungen niederzukämpfen, von denen er sich keine Rechenschaft zu geben vermochte.

»He, das hat aber lange gedauert, Nachbar Vandergaart, sagte er, sich als der Erste an Jacobus wendend, bis Sie mir das Vergnügen bereiten, sich in meinen vier Wänden sehen zu lassen! Welcher günstige Wind führt Sie denn heute zu mir?

– Der Wind der – Gerechtigkeit, Nachbar Watkins, antwortete der Greis sehr kühl. Ich komme nur, Ihnen anzumelden, daß das gute Recht nach einem Zeitraume von sieben Jahren doch endlich triumphirt und zum Durchbruche gelangt; komme Ihnen zu verkünden, daß die Stunde der Wiedereinsetzung in den vorigen Stand geschlagen und daß die Kopje, der ja von jeher mein Name verblieben ist, in Zukunft auch gesetzlich wieder mein Eigenthum ist, wie sie das vor dem Richterstuhle der Billigkeit immerfort war … John Watkins, Sie haben einst fast geraubt, was mir gehörte … heute ist es das Gesetz, welches Sie wieder aus dem Besitze setzt und Sie verurtheilt, mir wieder zu erstatten, was Sie mir vor langer Zeit genommen!«

So sehr John Watkins sich zunächst bei der plötzlichen Erscheinung Jacobus Vandergaart’s und bei der noch gleichsam nebelhaften Gefahr, welche diese zu verkündigen schien, versteinert gefühlt hatte, ebenso entsprach es seinem heftigen, gewaltthätigen Charakter, einer ihn unmittelbar bedrohenden und deutlich erkennbaren Gefahr trotzig die Stirne zu bieten.

Nachdem er sich sicher gegen die Rückenlehne seines Armsessels gestützt, fing er jetzt in höchst verächtlicher Weise zu lachen an.

»Der gute Mann ist übergeschnappt! sagte er, sich an seine Gäste wendend. Ich hab’s zwar schon lange gewußt, daß bei ihm eine Schraube locker war … seit einiger Zeit scheint aber sein Oberstübchen ganz aus den Fugen zu gehen!«

Die ganze Tafelrunde beklatschte den plumpen Witz. Jacobus Vandergaart verzog dabei keine Miene.

»Wer zuletzt lacht, lacht am besten! sagte er ernsthaft und zog dabei ein Papier aus der Tasche. Sie wissen, John Watkins, daß ein oberstes und nicht mehr anzufechtendes Urtheil, welches selbst die Königin nicht mehr umzustoßen vermöchte, Ihnen den westlich vom fünfundzwanzigsten Breitengrade östlich von Greenwich gelegenen Landstrich dieser Gegend, und mir das Land zugesprochen hat, welches östlich von genannter Linie liegt?

– Gewiß, mein ehrenwerther Faselhans! rief John Watkins. Und deshalb eben thäten Sie besser, nach Hause zu gehen und sich in’s Bett zu legen, wenn Sie krank sind, als hier Ehrenmänner, welche Niemandem etwas schuldig sind, bei ihrer Mahlzeit zu stören!«

Jacobus Vandergaart hatte sein Papier entfaltet.

»Hier ist eine Erklärung, nahm er in mildestem Tone wieder das Wort, eine vom Gouverneur gegengezeichnete und in Victoria unter dem gestrigen Datum registrirte Erklärung des Kataster-Amtes, welche einen bis heute in allen Karten des Griqualandes vorkommenden Irrthum betrifft. Dieser Irrthum, den die mit der Vermessung des Landes betrauten Geometer vor zehn Jahren dadurch begingen, daß sie die Abweichung der Magnetnadel von dem richtigen Nordpunkte unberücksichtigt ließen, dieser Irrthum, sage ich, fälscht nun alle Karten und alle auf Grund jener Vermessungen eingezeichneten Grundpläne. In Folge der eben stattgefundenen Richtigstellung verschiebt sich in unserer Breitenlage die früher als fünfundzwanzigster Längengrad angenommene Linie um etwa drei Meilen weiter nach Westen. Diese von jetzt ab officielle Berichtigung ferner überweist mir wieder das Eigenthum an der früher Ihnen zugefallenen Kopje, denn nach Ansicht der Regierungsanwälte und des Chefs der Justizverwaltung selbst bleibt die frühere Entscheidung unbedingt zu Recht bestehen. Das war es, John Watkins, was ich Ihnen sagen wollte!«

Ob der Farmer diese Auseinandersetzung nicht richtig aufgefaßt hatte oder es nur vorzog, dieselbe absichtlich nicht zu verstehen, jedenfalls versuchte er noch einmal den alten Steinschneider als Antwort mit verächtlichem Lachen abzufertigen.

Diesmal klang dieses Lachen aber doch etwas gezwungen und fand auch keinen rechten Widerhall an der Tafel.

Verblüfft hielten alle Zeugen dieses Auftritts ihre Augen auf Jacobus Vandergaart gerichtet und schienen von seinem würdevollen Ernste, von der Sicherheit, mit der er sprach, wie von der unerschütterlichen Siegesgewißheit, die sich in seiner ganzen Erscheinung ausdrückte, gleichmäßig betroffen.

Zuerst war es der Händler Nathan, der als Dolmetsch der allgemeinen Empfindungen hierbei auftrat.

»Was da der Herr Vandergaart anführt, begann er, sich an John Watkins wendend, ist von vornherein nicht als sinnlos zurückzuweisen. Jener Irrthum bezüglich Feststellung des Längengrades kann ja tatsächlich vorgekommen sein, und vielleicht erscheint es, ehe man sich weiter darüber ausspricht, räthlicher, eingehendere Erklärungen abzuwarten.

– Erklärungen abwarten! fuhr Mr. Watkins auf und hämmerte mit der geballten Faust wüthend auf den Tisch. Hier hab‘ nur ich Erklärungen abzugeben. Ich kümmere mich den Teufel um Erklärungen von Anderen! Bin ich hier bei mir zu Hause oder bin ich es nicht? … Ist mir nicht das Besitzrecht an der Kopje ordnungsgemäß zugesprochen worden durch eine letztinstanzliche Entscheidung, deren Rechtsgiltigkeit das alte Krokodil jetzt anzutasten wagt? Ach, was kümmert mich die ganze Geschichte! Will mich Jemand im friedlichen Besitz meines Eigenthums stören, so thu‘ ich, was schon einmal geschah, ich wende mich an das zuständige Gericht, und dann wird sich’s ja zeigen, wer bei der Sache den Kürzeren zieht.

– Ein ferneres Eingreifen der Gerichte ist jetzt ausgeschlossen, entgegnete Jacobus Vandergaart mit unerschütterlicher Mäßigung. Alles liefe nur auf die festzustellende Thatsache hinaus, gelegentlich der Frage, ob der fünfundzwanzigste Breitegrad wirklich längs der Linie verläuft, welche die Katasterpläne dafür enthalten. Nun ist aber schon officiell anerkannt, daß hier ein Irrthum untergelaufen war, und daraus ergiebt sich als nothwendige Schlußfolgerung, daß die Kopje wieder in meinen Besitz zurückgeht.«

Bei diesen Worten zeigte Jacobus Vandergaart die officielle, mit allen Stempeln und Siegeln beglaubigte Bestätigung vor, die er in der Hand hielt.

John Watkins‘ Unbehagen nahm sichtlich zu. Er rückte auf seinem Stuhle hin und her, versuchte höhnisch zu lachen, aber es gelang ihm nur schlecht. Da fielen seine Blicke zufällig auf den »Südstern«. Dieser Anblick schien ihm das Vertrauen wieder zu geben, das ihn schon verlassen wollte.

»Und wenn’s an dem wäre, rief er, wenn ich aller Gerechtigkeit zum Hohne auf dieses Besitzthum verzichten müßte, welches mir auf gesetzlichem Wege zugesprochen wurde, und das ich seit sieben Jahren in Frieden genoß, was kann mir das schaden? Hab‘ ich nicht Etwas, mich darüber zu trösten, und wär’s nur dieser einzige Juwel, den ich in der Westentasche mit forttragen kann und vor jeder wiederholten Fährlichkeit zu schützen wissen werde?

– Das ist wiederum ein Irrthum, John Watkins, bemerkte Jacobus Vandergaart sehr trocken. Der »Südstern« gehört in Zukunft auf Grund desselben Titels nur mir an, wie alle Producte der Kopje, die sich in Ihrem persönlichen Besitz vorfinden, wie das Mobiliar dieses Hauses, der Wein in diesen Flaschen oder das Fleisch, das dort noch auf den Schüsseln liegt. Alles hier ist mein rechtmäßiges Eigenthum, da es von der arglistigen Uebervortheilung herrührt, die mich einst traf … Sorgen Sie sich darum nicht weiter, setzte er hinzu, meine Vorsichtsmaßregeln sind getroffen.«

Jacobus Vandergaart klatschte gleichzeitig in die fleischlosen Hände.

Sofort erschienen Constabler in schwarzer Uniform in der Thür, und ihnen folgte ein Officier des Sherif, der raschen Schrittes eintrat und die Hand auf einen Stuhl legte.

»Im Namen des Gesetzes, begann er, verkünde ich hiermit die vorläufige Beschlagnahme aller Mobilien und Werthgegenstände jeder Art, welche sich in diesem Hause vorfinden!«

Alle, mit Ausnahme John Watkins‘, waren plötzlich aufgestanden. Verwirrt und in seinem weiten hölzernen Lehnstuhl zusammengesunken, erschien der Farmer wie vom Blitze getroffen.

Alice hatte sich an seinen Hals geworfen und suchte ihn durch tröstlichen Zuspruch wieder aufzurichten.

Jacobus Vandergaart verlor seinen Gegner inzwischen nicht aus dem Gesicht. Er betrachtete ihn, während er auch auf den »Südstern« ein wachsames Auge hatte, mit mehr Mitleid als Haß. Der Stein schien inmitten des hereingebrochenen Unglücks nur noch feuriger zu glänzen.

»Ruinirt! … Ruinirt! …«

Das waren die einzigen Worte, welche sich den zitternden Lippen des Mr. Watkins entrangen.

Da trat auch Cyprien an ihn heran und sagte mit ernster Stimme:

»Herr Watkins, da Ihr bisheriges Eigenthum von einem nicht wieder auszugleichenden Schlage bedroht ist, so gestatten Sie mir in diesem Ereigniß nur die Möglichkeit zu sehen, mich Ihrem Fräulein Tochter zu nähern … Ich habe die Ehre, Sie um die Hand der Miß Alice Watkins zu bitten!«

Vierundzwanzigstes Capitel.


Vierundzwanzigstes Capitel.

Ein verlöschender Stern.

Dieses Gesuch des jungen Ingenieurs brachte die Wirkung eines Theatercoups hervor. Trotz der geringen Empfindsamkeit ihrer halbverwilderten Natur konnten die Tischgäste John Watkins‘ doch nicht umhin, ihren lebhaftesten Beifall zu erkennen zu geben. So viele Uninteressirtheit ging ihnen doch zu Herzen.

Gesenkten Auges und hochklopfenden Herzens, so wie vielleicht die Einzige, welche die Aeußerung des jungen Mannes nicht in Erstaunen setzte, hielt sich Alice an der Seite ihres Vaters.

Noch völlig niedergeschmettert von dem Schlage, der ihn eben getroffen, hatte der unglückliche Farmer jetzt doch den Kopf erhoben. Er kannte ja Cyprien gut genug, um zu wissen, daß er, wenn er diesem seine Tochter gab, gleichzeitig die Zukunft und das Glück Alices sicherte, er wollte jedoch, jetzt wenigstens, noch durch kein Zeichen verrathen, daß er keine Einwendungen gegen die beabsichtigte Verbindung bereit habe.

Etwas verlegen wegen des öffentlichen Schrittes, zu dem ihn die auflodernde Wärme tiefinniger Liebe hingerissen, fühlte er nun auch selbst die Merkwürdigkeit seines Auftretens und machte sich Vorwürfe, seiner selbst einmal nicht mehr Herr gewesen zu sein.

Inmitten dieser allgemeinen und leicht begreiflichen Unbehaglichkeit that Jacobus Vandergaart einen Schritt auf den Farmer zu.

»John Watkins, begann er, ich mag meinen Sieg nicht mißbrauchen und gehöre nicht zu denen, welche den überwundenen Feind noch mit Füßen treten. Wenn ich auf meinem guten Rechte bestand, so that ich damit nicht mehr, als was jeder brave Mann sich selbst schuldig ist. Ich weiß aber auch aus Erfahrung, und mein Advocat wies noch besonders darauf hin, daß das strenge Recht zuweilen an Ungerechtigkeit grenzt, und ich möchte auf Unschuldige nicht die Folgen von Fehlern fallen lassen, welche sie nicht begangen haben. Nun denn, ich stehe allein in der Welt und vielleicht schon mit einem Fuße im Grabe. Was sollten mir so viele Schätze nützen, wenn ich sie nicht mit Andern theilen könnte? … Wenn Sie, John Watkins, zustimmen, diese beiden jungen Leute zu vereinigen, so bitte ich dieselben, den »Südstern« von mir als Angebinde entgegenzunehmen, da jener für mich ja doch nutzlos ist. – Ich verpflichte mich überdies, sie als meine Erben einzusetzen, um, so weit es in meiner Macht steht, das unbeabsichtigte Unrecht wieder gut zu machen, das ich Ihrer liebenswürdigen Tochter zufüge!«

Auf diese Worte folgte unter den Zuhörern das, was die Parlamentsberichte als »Lebhafter Beifall und Zustimmung« bezeichnen. Alle Blicke richteten sich auf John Watkins. Dessen Augen zeigten plötzlich einen feuchten Schimmer und er bedeckte sie mit zitternden Händen.

»Jacobus Vandergaart! rief er endlich, außer Stande, die ihn bewegenden stürmischen Gefühle zu bändigen, ja … Sie sind ein Ehrenmann und rächen sich edelmüthig für das Unrecht, das ich Ihnen zugefügt, durch die Begründung des Glückes dieser beiden Kinder!«

Weder Alice noch Cyprien vermochten, wenigstens nicht mit vernehmlichen Lauten, zu antworten, ihre Blicke aber übernahmen das für sie.

Der Greis streckte dem früheren Gegner die Hand entgegen und John Watkins ergriff dieselbe voller Wärme.

Alle Augen der Umstehenden waren feucht geworden, selbst die eines alten grauköpfigen Constablers, der sonst so trocken aussah wie ein Schiffszwieback.

John Watkins selbst erschien jetzt ganz umgewandelt. Seine Gesichtszüge drückten ebenso viel Wohlwollen und Sanftmuth aus, wie vorher Härte und Bosheit. Auch das bis dahin ernste, strenge Antlitz Jacobus Vandergaart’s nahm wieder den gewohnten Charakter heiterer Gutmüthigkeit an.

»Vergessen wir Alles, rief er, und trinken wir auf das Wohlergehen des jungen Paares – wenn der Herr Officier des Sherifs es gestatten will – von dem Weine, den er beschlagnahmt hat.

– Ein Officier des Sherifs hat zuweilen die Verpflichtung, sich dem Verkauf steuerpflichtiger Getränke zu widersetzen, nicht aber der Verzehrung derselben.«

Nach dieser frohlaunigen Entscheidung kreisten die Flaschen von Neuem, und bald herrschte wieder die unbeschränkteste Heiterkeit im Speisesaale.

Jacobus Vandergaart saß zur Rechten John Watkins‘ und entwarf mit ihm Pläne für die Zukunft.

»Wir verkaufen Alles und folgen unsern Kindern nach Europa, sagte er. Dort gründen wir uns auf dem Lande ein Heim in ihrer Nähe, und werden hoffentlich noch manche schöne Tage mit ihnen verleben!«

Seite an Seite sitzend hatten sich Alice und Cyprien in eine leise, französisch geführte Plauderei versenkt – eine Plauderei, die wegen der Alice ungewohnteren Sprache nicht minder interessant erschien, wenn man das nach der Lebhaftigkeit der beiden Teilnehmer abschätzen durfte.

Jetzt war es ungemein warm geworden. Eine schwüle, drückende Hitze trocknete die Lippen schon am Rande der Gläser und verwandelte alle Tischgenossen in eben so viele Elektrisirmaschinen, welche bis zum Funkengeben geladen waren. Vergeblich hatte man Thüren und Fenster weit offen stehen lassen. Nicht der mindeste Luftzug bewegte die Flammen der Kerzen.

Jedermann empfand, daß die bedrückenden atmosphärischen Verhältnisse nur eine einzige Art der Lösung finden könnten – einen tüchtigen Sturm mit Gewitter und Platzregen – wie solche im südlichen Afrika nicht selten, einer Empörung aller Elemente der Natur vergleichbar, auftreten. Ein derartiges Ungewitter erwartete, ja erhoffte man jetzt als eine Erleichterung.

Plötzlich verbreitete ein greller Blitz einen grünlichen Schein über alle Gesichter, und fast gleichzeitig verkündete der über die weite Ebene hinrollende Donner, daß das Concert begonnen habe.

In demselben Augenblicke fegte durch den Raum ein heftiger Luftstrom, der alle Kerzen verlöschte. Dann öffneten sich ohne Uebergang alle Schleusen des Himmels und die Sintfluth strömte herab.

»Hörten Sie unmittelbar nach dem starken Donnerschlage nicht ein kurzdauerndes trockenes Geräusch?« fragte Thomas Steel, während sich Mehrere bemühten, Fenster und Thüren schnell zu schließen, und die Kerzen wieder angezündet wurden; man hätte dabei an das Zerspringen einer Glaskugel denken können.«

Wie instinctiv wendeten sich alle Blicke sofort nach dem »Südstern« hin.

Der Diamant war verschwunden.

Uebrigens standen der Gitterkäfig und die Glasglocke, welche denselben bedeckten, noch auf derselben Stelle, und es war unbedingt auszuschließen, daß Jemand den Stein berührt habe.

Die Erscheinung glich fast einem Wunder.

Cyprien, der sich schnell nach dem Diamanten hingeneigt hatte, erkannte an dessen Stelle auf dem blausammetnen Kissen sofort einen feinen grauen Staub. Er stieß einen Schrei der Verwunderung aus, erklärte aber mit vier Worten den hier stattgehabten Vorgang:

»Der »Südstern« ist zersprungen!« sagte er.

Im Griqualande weiß Jedermann, daß das sozusagen eine Krankheit ist, an welcher die Capdiamanten leiden, doch spricht absichtlich Niemand davon, um deren Handelswerth nicht zu vermindern. Thatsache bleibt es immerhin, daß gerade die kostbarsten Steine, wohl infolge zunächst unerklärlicher Molekularverschiebung, öfter wie einfache Schlagsätze zerplatzen. In solchen Fällen bleibt von ihnen kein anderer Rückstand als ein wenig Staub, der höchstens noch als Schleifmaterial benutzbar ist.

Den jungen Ingenieur beschäftigte augenblicklich die wissenschaftliche Begründung jener Erscheinung offenbar weit mehr, als der enorme Verlust, den er durch dieselbe erlitt.

»Es ist besonders auffallend, erklärte er inmitten der allgemeinen Bestürzung, nicht daß der Stein unter den jetzigen Verhältnissen zersprang, sondern daß er damit bis zum heutigen Tage gewartet hat. Gewöhnlich ereignet sich ein solcher Zufall – »Unfall« sagte er nicht einmal – nach weit kürzerer Zeit und höchstens zehn Tage nach dem Schliffe, nicht wahr, Herr Vandergaart?

– Vollkommen richtig! Es ist wirklich zum ersten Male in meinem Leben, daß ich einen Diamanten habe drei Monate nach seiner Bearbeitung noch springen sehen! erklärte der Greis seufzend … Indeß, es stand geschrieben, daß der »Südstern« keinem Menschen angehören sollte! setzte er hinzu. Und wenn ich bedenke, daß es zur Vermeidung dieses Unglücks hingereicht hätte, den Stein mit einer leichten Fettschicht zu überziehen! …

– Wirklich? unterbrach ihn Cyprien mit der Befriedigung eines Mannes, der endlich die Lösung eines Räthsels gefunden hat. In diesem Falle erklärt sich ja Alles! Der gebrechliche Stern entlehnte diese Schutzdecke offenbar Dadas Kropfmageninhalte, und das hat bis heute seinen Untergang verhindert. Wahrlich, er hätte besser daran gethan, vor vier Monaten zu zerspringen und uns die beschwerliche Fahrt durch den ganzen Transvaal zu ersparen!«

Da bemerkten Alle, daß John Watkins, der seine frohe Laune wieder völlig eingebüßt, heftig auf seinem Stuhle hin und her rückte.

»Wie können Sie ein so entsetzliches Unheil nur so auf die leichte Achsel nehmen? sagte er, geröthet von innerer Empörung. Auf Ehrenwort, Sie besprechen da jene fünfzig in Rauch aufgegangenen Millionen, als ob sich’s um eine Cigarrette handelte!

– Das beweist eben, daß wir Philosophen sind! meinte Cyprien. Ist der Fall nicht ganz dazu angethan, sich weise zu benehmen, wo die Weisheit zur Nothwendigkeit geworden ist?

– Meinetwegen seien Sie Philosophen, so viel Sie wollen, erwiderte der Farmer. Fünfzig Millionen sind aber fünfzig Millionen, und die findet man nicht im Handumdrehen wieder. Ah, Jacobus, Sie haben mir heute, ohne daran zu denken, einen höchst wichtigen Dienst erwiesen. Ich glaube, ich, ich selbst, ich wäre vor Stolz noch ebenso wie eine Marone zersprungen, wenn der »Südstern« noch mir gehörte.

– Ja, was wollen Sie mir Vorwürfe machen? sagte Cyprien, der der neben ihm sitzenden Miß Watkins in das liebliche frische Gesichtchen schaute. Ich habe heute Abend einen so köstlichen Edelstein gewonnen, daß der Verlust eines Diamanten mich nicht besonders bekümmern kann!«

So endigte durch einen Theatercoup die seiner Geschichte würdige kurze und wechselvolle Laufbahn des größten geschnittenen Diamanten, den die Welt je gesehen.

Ein solches Ende trug, wie sich leicht denken läßt, natürlich nicht wenig dazu bei, die im Griqualande in Bezug auf denselben umlaufenden abergläubischen Ansichten zu bestätigen. Mehr als je hielten Kaffern und Minengräber sich überzeugt, daß so sehr große Steine nur Unglück bringen können.

Jacobus Vandergaart, der stolz darauf war, den »Südstern« geschnitten zu haben, und Cyprien, der ihn dem Museum der Bergwerksschule anzubieten gedachte, fühlten sich im Grunde doch mehr, als sie eingestehen wollten, enttäuscht über diese unerwartete Lösung. Im Ganzen ging die Welt deshalb doch im alten Geleise weiter, und man kann eben nicht sagen, daß sie bei der ganzen Geschichte so viel verloren habe.

Die sich überstürzenden Vorkommnisse, die schmerzlichen Erregungen, der Verlust seines Vermögens, dem auch der Verlust des »Südsterns« auf dem Fuße folgte, hatten John Watkins indeß tief angegriffen. Er wurde bettlägerig, siechte einige Zeit hin, und – verlosch.

Weder die zärtliche Pflege Alices noch die Cypriens, so wenig wie der mannhafte Zuspruch Jacobus Vandergaart’s, der kaum von seinem Kopfkissen wich und sich bemühte, dem Kranken neuen Lebensmuth einzuflößen, vermochten den traurigen Ausgang abzuwenden.

Vergeblich unterhielt ihn dieser vortreffliche Mann von seinen Plänen für die Zukunft, erwähnte der Kopje nur als ihres gemeinschaftlichen Eigenthums und erbat sich seine Rathschläge über alle, dieselbe betreffenden Maßnahmen, um sein Interesse wach zu halten. Der alte Farmer war einmal in seinem Stolze verletzt, in seiner Monomanie als Eigenthümer, in seinem Egoismus, in allen seinen Gewohnheiten – er fühlte seine Auflösung herannahen.

Eines Abends zog er Alice und Cyprien zu sich heran, legte ihre Hände in einander, und hauchte, ohne ein Wort zu sprechen, den letzten Seufzer aus. Seinen geliebten Stern hatte er nicht um vierzehn Tage überlebt.

Es schien in der That eine innige Verbindung zwischen dem Glück dieses Mannes und dem Schicksal des merkwürdigen Steines bestanden zu haben. Mindestens wiesen Beide so viel Übereinstimmendes auf, daß das, wenn auch nicht vor dem Richterstuhle der Vernunft, doch in gewisser Hinsicht die abergläubischen Voraussetzungen erklärte, welche im Griqualande darüber herrschten. Der »Südstern« hatte seinem Besitzer unzweifelhaft »Unglück gebracht«, mindestens in dem Sinne, daß das Auftreten des unvergleichlichen Edelsteins auf dem Schauplatze der Erde den Zeitpunkt bezeichnete, von dem aus das Wohlergehen des alten Farmers sich seinem Niedergange zuneigte.

Was die Schwätzer im Lager aber nicht durchschauten, war der Umstand, daß die Ursache dieses Verfalls in John Watkins‘ eigenen Fehlern zu suchen war – Fehler, welche, wie eine Schicksalsbestimmung, die Keime des Verdrusses und des Niedergangs in sich trugen.

So viele Unglückliche hier auf Erden werden als die Opfer eines geheimnißvollen Unsterns betrachtet, und doch findet man in der Handlungsweise der Betroffenen, wenn man dieser tiefer auf den Grund geht, die ausreichende Erklärung ihres Mißgeschicks. Es mag auch unverschuldetes Unglück vorkommen, zugegeben: weit häufiger sind jedoch die Fälle, wo dasselbe, ein Ergebniß unerbittlicher Logik, aus den von dem Subject selbst gelieferten Grundlagen erwächst. Wäre John Watkins minder gewinnsüchtig gewesen, hätte er den kleinen Kohlenkrystallen, welche man Diamanten nennt, nicht eine so ungeheure, fast strafwürdige Bedeutung beigelegt, so würde das Auftauchen wie das Verschwinden des »Südsterns« ihn kalt gelassen haben – wie sie Cyprien kalt ließen – und sein physisches und moralisches Wohlbefinden wäre nicht der Gnade eines derartigen Ereignisses preisgegeben gewesen. Er hatte den Diamanten sein ganzes Herz geweiht; durch die Diamanten mußte er untergehen.

Nach wenigen Wochen wurde die Vermählung Cyprien Méré’s und Alice Watkins‘ zu großer Freude Aller in größter Einfachheit gefeiert. Alice ist jetzt die Gattin Cypriens – was konnte sie auf Erden mehr verlangen?

Der junge Ingenieur besaß übrigens auch weit mehr irdische Schätze, als sie gewähnt und er selbst geglaubt hatte.

Infolge der Auffindung des »Südsterns« hatte sein Claim nämlich, ohne sein Zuthun, eine sehr beträchtliche Werthvermehrung erfahren. Während seiner Fahrt durch den Transvaal, wo Thomas Steel inzwischen die Ausbeutung desselben weiter betrieb, hatte sich dieses Theilstückchen der Kopje als ungemein ertragsreich erwiesen, und darauf hin überboten sich viele Käufer, um dasselbe zu erlangen. Vor seiner Abreise nach Europa veräußerte er den Claim auch noch für mehr als hunderttausend Francs, die ihm in klingender Münze erlegt wurden.

Alice und Cyprien zögerten nun nicht mehr, das Griqualand zu verlassen, um nach Frankreich zurückzukehren; sie thaten das aber nicht, ohne vorher die Zukunft Lî’s, Bardik’s und Matakit’s zu sichern – ein gutes Werk, an dem sich auch Jacobus Vandergaart seinen Antheil nicht nehmen ließ.

Der alte Steinschneider verkaufte seine Kopje an eine, von dem früheren Händler Nathan gegründete Gesellschaft. Nach glücklicher Durchführung der Liquidation beeilte er sich, in Frankreich seine Adoptivkinder aufzusuchen, welche, Dank der Arbeitslust Cypriens, seiner gern anerkannten Verdienste und dem Empfange, den ihm die gelehrte Welt bei seiner Heimkehr bereitete, auch in günstigen Vermögensverhältnissen leben, nachdem sie das Glück des Herzens vorher an sich zu fesseln gewußt hatten.

Thomas Steele kehrte mit zwanzigtausend Pfund Sterling nach seinem Lancashire zurück, ist jetzt verheiratet, hetzt den Fuchs trotz jedes Edelmanns und leert jeden Abend seine Flasche Portwein; etwas Besseres kann er sich einmal nicht vorstellen.

Die Vandergaart-Kopje ist noch nicht erschöpft, sondern liefert alljährlich im Mittel den fünften Theil der vom Cap ausgeführten Diamanten; kein Minengräber daselbst hat aber je wieder den glücklichen oder unglücklichen Zufall erlebt, einen andern »Südstern« zu finden.

Drittes Capitel.


Drittes Capitel.

Ein wenig, in aller Freundschaft gelehrte Wissenschaft.

Der junge Ingenieur, zu seiner Ehre sei es gleich hier gesagt, war nicht nach dem Griqualande gekommen, um seine Zeit in dieser Atmosphäre von Habgier, Trunksucht und Tabaksrauch zu vergeuden. Er war beauftragt, in gewissen Theilen des Landes topographische und geologische Aufnahmen vorzunehmen, Proben von diamantartigem Gestein und Erdarten zu sammeln und gleich an Ort und Stelle eingehende Untersuchungen derselben vorzunehmen. Seine erste Sorge bestand also darin, sich eine ruhige Wohnung zu verschaffen, wo er sein Laboratorium einrichten konnte, welches sozusagen als Mittelpunkt für die vorzunehmenden Ausflüge in dem Minendistricte dienen sollte.

Der kleine Hügel, aus dem sich die Farm Mr. Watkins‘ erhob, erregte bald seine Aufmerksamkeit als eine Stelle, welche für seine Arbeiten besonders günstig gelegen war. Hinreichend entfernt von dem Lagerplatze, um von dieser lärmenden Nachbarschaft nicht zu sehr gestört zu werden, befand sich Cyprien hier etwa eine Stunde von den entfernten Kopjen – denn der ganze Diamantenbezirk hatte nur einen, zehn bis zwölf Kilometer nicht übersteigenden Umfang. So genügte dem jungen Ingenieur denn ein halber Tag, um eines der verlassenen Häuser von John Watkins auszuwählen, sich mit Letzterem über den Miethpreis zu einigen und sich daselbst einzurichten.

Der Farmer selbst kam ihm dabei ziemlich wohlwollend entgegen. Eigentlich langweilte er sich doch recht stark in seiner Einsamkeit und sah es mit großem Vergnügen, daß sich ganz in seiner Nähe ein junger Mann niederließ, durch den er einige Abwechslung in dem alltäglichen Treiben erwarten zu können hoffte.

Wenn Mr. Watkins darauf gerechnet hatte, in ihm einen Tischgenossen und Liebhaber der Ginflasche zu finden, so hatte er sich freilich arg getäuscht. Kaum fertig mit der Aufstellung seiner Retorten, Oefen und Reagenzgläser in dem verlassenen Häuschen, und selbst noch bevor die wichtigsten Stücke seines Laboratoriums eingetroffen waren, begann Cyprien schon seine geologischen Ausflüge in die Umgebung. Auch des Abends, wenn er gänzlich erschöpft und beladen mit Felsenbruchstücken in seiner Zinktrommel, in der Jagdtasche, in den übrigen Taschen und oft selbst im Hute heimkam, empfand er natürlich weit mehr Verlangen, sich niederzulegen und auszuschlafen, als auf die alten Erzählungen und das Geschwätz des Mr. Watkins zu lauschen. Uebrigens rauchte er sehr wenig und trank noch weniger. Das entsprach aber gar nicht der Vorstellung von einem lustigen Genossen, die sich der Farmer vorher zurecht gelegt hatte.

Nichtsdestoweniger benahm sich Cyprien so gefällig und gutmüthig, war er so einfach im Auftreten und trotz seiner reichen Kenntnisse bescheiden im Urtheil, daß es unmöglich wurde, ihn täglich zu sehen, ohne ihn lieb zu gewinnen. Mr. Watkins empfand also – vielleicht gab er sich darüber selbst gar keine Rechenschaft – weit mehr Achtung vor dem jungen Ingenieur, als er je vorher gegen Jemand gehegt hatte. Wenn der Bursche nur auch tüchtig getrunken hätte! Was soll einer aber anfangen mit einem Menschen, der seine Kehle niemals mit einem Tropfen Gin anfeuchtet? So lautete gewöhnlich der Schluß des Urtheils, welches der Farmer gelegentlich über seinen Miethsmann abgab.

Die Miß Watkins hatte sich sehr schnell mit dem jungen Gelehrten auf guten, freundschaftlichen Fuß zu stellen gewußt. Da sie an ihm ebenso sein feines Benehmen, wie eine geistige Ueberlegenheit erkannte, die ihrem gewöhnlichen Umgang völlig fehlte, ergriff sie eifrig die sich bietende Gelegenheit, durch Aneignung gründlicher Kenntnisse in der Experimentalchemie ihre übrigens nicht schlechte und ziemlich vielseitige Bildung zu bereichern, welche sie durch eigenen Fleiß aus verschiedenen wissenschaftlichen Werken geschöpft hatte.

Das Laboratorium des jungen Ingenieurs mit seinen merkwürdigen Apparaten interessirte sie ganz mächtig. Bezüglich alles dessen, was die Natur des Diamanten betraf, dieses kostbaren Steines, der in der Unterhaltung, wie in dem Handel des Landes eine so hervorragende Rolle spielte, herrschte zwischen ihr und ihm eine merkwürdige Übereinstimmung. Im Grunde war Alice nämlich geneigt, diesen Stein kaum höher als einen gewöhnlichen Kiesel zu schätzen. Cyprien – das bemerkte sie sehr bald – theilte nach dieser Seite offenbar ihre eigenen Anschauungen. Die gegenseitige Mittheilung dieser Ansichten trug natürlich noch dazu bei, das schnell geknüpfte Freundschaftsband zwischen ihnen nur zu befestigen.

Man darf wohl sagen, daß sie im Griqualande wohl die einzigen Wesen waren, welche den Endzweck des Lebens nicht allein darin erkannten, die kleinen Steine zu suchen, zu schleifen und zu verkaufen, die überall in der Welt so warm begehrt werden.

»Der Diamant, sagte eines Tages der junge Ingenieur, ist im Grunde weiter nichts, als eine reine Kohle; er besteht nur aus krystallisirtem Kohlenstoff, man kann ihn durch Feuer vernichten, wie jedes andere Brennmaterial, und eben diese Eigenschaft der Verbrennlichkeit hat zuerst zu einer Muthmaßung über seine eigentliche Natur geführt. Newton, der so Vieles scharf beobachtete, hatte wahrgenommen, daß der geschnittene Diamant das Licht stärker als alle anderen transparenten Körper zurückwarf. Da er nun wußte, daß dieser Charakter vor allem den brennbaren Substanzen zukommt, schloß er mit dem ihm eigenen Scharfsinn aus dieser Thatsache, daß der Diamant auch brennbar sein »müsse«, und das Experiment bestätigte völlig seine Annahme.

– Doch, Herr Méré, wenn der Diamant nichts Anderes als Kohle ist, warum wird er so theuer verkauft? fragte das junge Mädchen.

– Weil er sehr selten vorkommt, Fräulein Alice, antwortete Cyprien, und in der Natur bisher nur in ganz geringen Mengen gefunden wurde. Lange Zeit erhielt man denselben nur aus Indien, Brasilien und von der Insel Borneo. Ohne Zweifel entsinnen Sie sich, denn Sie mögen damals sieben bis acht Jahre alt gewesen sein, auch der Zeit, wo zum ersten Male auf das Vorkommen des geschätzten Edelsteins in dieser Südprovinz Afrikas hingewiesen wurde.

– Gewiß erinnere ich mich dessen, sagte Miß Watkins. Hier im Griqualande waren die Leute rein toll geworden. Man sah gar nichts mehr, als Männer mit Schaufeln und Hacken, welche den Boden untersuchten, den Bächen ein anderes Bett gaben, um darin den Grund zu besichtigen, und die nur noch von Diamanten träumten und von diesen sprachen. So klein ich damals auch war, Herr Méré, kann ich mich doch noch daran erinnern, daß ich manchmal nicht wußte, wo mir der Kopf stand. Sie sagten jedoch, der Diamant sei so theuer, weil er selten vorkommt Ist das seine einzige schätzenswerthe Eigenschaft?

– Nein, sicherlich nicht. Miß Watkins. Seine Durchsichtigkeit, sein Feuer, wenn er kunstgerecht geschnitten ist, um das Licht zurückzuwerfen, die Schwierigkeit dieser Bearbeitung selbst und endlich seine Alles übertreffende Härte machen ihn zu einem Körper, der auch für den Gelehrten hohes Interesse bietet und, nicht zu vergessen, ihn für die Industrie nützlich erscheinen läßt. Sie wissen, daß man ihn nur mit seinem eigenen Staube poliren kann, und eben seine Härte ist es, die seit einigen Jahren seine Verwendung beim Durchbohren von Felsen veranlaßte. Ohne Mithilfe dieses Steines würde es nicht allein sehr schwierig sein, Glas und andere harte Substanzen zu bearbeiten, sondern auch die Durchbohrung von Tunnels, von Bergwerksstollen, artesischen Brunnen und dergleichen würde sehr bedeutend erschwert sein.

– Ah, nun wird mir’s klar, sagte Alice, welche plötzlich eine gewisse Hochachtung vor den armen Diamanten, die sie früher kaum geschätzt hatte, bekam. Doch, Herr Méré, diese Kohle, von der Sie sagen, daß sie sich in krystallisirtem Zustande befindet, – nicht wahr, so ist es wohl richtig ausgedrückt – was ist diese Kohle im Grunde?

– Das ist ein sogenannter einfacher, nicht metallischer Körper, der sonst ungemein häufig in der Natur vorkommt, antwortete Cyprien. Alle organischen Verbindungen ohne jede Ausnahme, das Holz ebenso wie das Fleisch und Brot, enthalten davon eine gewisse Menge. Sie verdanken sogar der Gegenwart der Kohle oder des »Kohlenstoffes« unter ihren Elementen den Grad der Verwandtschaft, welche man zwischen ihnen beobachtet. – Wie merkwürdig! rief Miß Watkins. Also das Gebüsch da, das Gras dieser Weide, der Baum, der uns beschützt, das Fleisch meiner Dada, des Straußes, und ich selbst, auch Sie, Herr Méré, wir bestehen zum Theil aus Kohle … wie die Diamanten? In der Welt ist wohl Alles aus Kohle?

– Wahrhaftig, Fräulein Alice, schon lange Zeit hat man das sozusagen vorausgefühlt, die heutige Wissenschaft aber bringt Tag für Tag neue Beweise dafür bei; oder mit anderen Worten, sie verkleinert immer mehr und mehr die Zahl der einfachen Elementarkörper, an der früher Niemand zu rütteln wagte. Die Errungenschaften der Spectralanalyse haben in dieser Beziehung auf dem Gebiete der Chemie ganz neues Licht verbreitet. Es könnten vielleicht sogar die zweiundsechzig Substanzen, welche bisher als einfache Elemente oder Fundamental-Körper betrachtet wurden, nur auf einen einzigen Stoff zurückzuführen sein – z. B. auf Wasserstoff – der nur in Folge verschiedener elektrischer, dynamischer und calorischer Verhältnisse in wechselnder Gestalt erschiene.

– O, Sie machen mir Angst, mit so vielen hochtönenden Worten, rief Miß Watkins, erzählen Sie mir lieber mehr von der Kohle. Könnten die Herrn Chemiker diese denn nicht ebenso künstlich zum Krystallisiren bringen, wie zum Beispiel den Schwefel, von dem Sie mir kürzlich so hübsche Exemplare zeigten? Das wäre doch weit bequemer, als erst tiefe steile Löcher in die Erde zu graben, um darin Diamanten zu finden.

– Wohl hat man häufig versucht auszuführen, was Sie da erwähnen, sagte Cyprien, und sich bemüht, durch Krystallisation ganz reinen Kohlenstoffes künstliche Diamanten herzustellen, und bis zu einer gewissen Grenze ist das sogar als gelungen zu betrachten. Im Jahre 1853 haben Despretz, und ganz neuerdings ein anderer Gelehrter in England, wirklichen Diamantstaub erzeugt, indem sie ganz reine, von allen Mineralbestandtheilen befreite und übrigens aus Zucker gewonnene Kohle im luftleeren Raum einem sehr starken elektrischen Strome aussetzten. Das Problem ist jedoch noch nicht so weit gelöst, um schon eine gewerbliche Ausnützung desselben in Aussicht zu stellen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit freilich darf man das aber wohl nur als eine Frage der Zeit betrachten. Heute oder morgen, vielleicht in der Stunde, wo wir darüber sprechen, Miß Watkins, kann die künstliche Erzeugung von Diamanten recht wohl entdeckt worden sein.

So plauderten sie lustwandelnd auf der sandigen Terrasse, welche längs der Farm hinlief, oder saßen auch gegen Abend auf der luftigen Veranda und bewunderten die glänzenden Sterne des südlichen Himmels.

Dann verließ Alice den jungen Ingenieur, wenn sie ihn nicht mitnahm, um ihre kleine Straußheerde anzusehen, welche in einem Gehege, am Fuße der kleinen Anhöhe – auf der John Watkins‘ Wohnung sich befand – gehalten wurde. Der kleine weiße Kopf der Thiere, der den schwarzen Körper so hoch überragt, ihre langen, steifen Beine, die Büschel gelblicher Federn, welche die Flügelenden und den Schwanz zieren, alles das interessirte das junge Mädchen, die es sich seit einem oder zwei Jahren zum Vergnügen machte, ein ganzes Volk dieser riesigen Stelzfüßler aufzuziehen.

Gewöhnlich geht man gar nicht darauf aus, diese Thiere zu zähmen, sondern die Farmer des Caplandes lassen sie meist in halbwildem Zustande aufwachsen. Sie begnügen sich nämlich damit, dieselben in ein möglichst ausgedehntes Gehege einzuschließen, das von einem Zaune aus Messingdraht begrenzt ist – wie man in manchen Ländern solche Drahtwände längs der Eisenbahnstrecken errichtet sieht. Da die Flugfähigkeit der Strauße eine sehr beschränkte ist, vermögen sie nicht über diese ziemlich hohen Zäune zu gelangen. Hier leben sie also das ganze Jahr über in kaum empfundener Gefangenschaft, ernähren sich von dem, was sie finden, und suchen sich verborgene Plätze auf, wo sie ihre Eier ablegen, welche durch sehr strenge Gesetzbestimmungen vor den Händen Unbefugter geschützt sind. Nur zur Zeit der Mauser, wenn die von der Damenwelt Europas so gesuchten Federn eingesammelt werden sollen, treibt man die Strauße durch immer kleiner und kleiner werdende Gehege, bis sie zuletzt so dicht zusammengedrängt sind, daß sie leicht ergriffen und gerupft werden können.

Im Gebiete des Caplandes hat diese Industrie seit einigen Jahren einen bedeutenden Umfang gewonnen, und man darf sich mit Recht darüber wundern, daß sie so zögernd in Algerien eingeführt worden ist, wo sie aller Wahrscheinlichkeit nach den gleichen Erfolg verspricht. Jeder in obiger Weise in Gefangenschaft gehaltene Strauß bringt seinem Eigenthümer, ohne irgend welche nennenswerthe Spesen zu verursachen, ein jährliches Einkommen von hundertsechzig bis zweihundertvierzig Mark. Um das zu begreifen, muß man wissen, daß eine solche Feder von guter Qualität achtundvierzig bis fünfundsiebzig Mark Handelswerth hat, und daß selbst die mittleren und kleinen Federn noch ziemlich hoch bezahlt werden.

Miß Watkins freilich züchtete etwa ein Dutzend dieser großen Vögel nur zu ihrem persönlichen Vergnügen. Es interessirte sie, dieselben ihre ungeheueren Eier ausbrüten, oder sie mit ihren Küchlein ebenso zum Füttern heraneilen zu sehen, wie man das von den Hühnern und Truthühnern kennt. Cyprien begleitete sie zuweilen und streichelte dann gern eines der schönsten Thiere der Heerde, einen Strauß mit schwarzem Kopfe und goldigen Augen, eben jene besonders gepflegte Dada, welche die Elfenbeinkugel verschluckt hatte, die Alice beim Ausbessern von Strümpfen zu benützen pflegte.

Allmählich hatte Cyprien aber doch ein tieferes und wärmeres Gefühl für das junge Mädchen in seinem Herzen erwachen gefühlt, hatte sich gesagt, daß er, um sein Leben voller Arbeit und ernstem Streben zu theilen, keine Genossin von so unschuldigem Herzen, so lebhaftem Geiste und solcher Liebenswürdigkeit im Verein mit vielseitiger Bildung finden könne. Da Miß Watkins ihre Mutter sehr frühzeitig verlor und deshalb den väterlichen Haushalt zu führen genöthigt gewesen war, hatte sie sich dabei ebenso zur erfahrenen Hausfrau, wie zur wirklichen Weltdame ausgebildet, und gerade diese glückliche Mischung ungezwungenen, vornehmen Anstandes und anziehender Einfachheit verlieh ihr einen ganz besonderen Reiz. Ohne die oft thörichten Ansprüche so vieler europäischer Städterinnen, fürchtete sie sich nicht, mit eigener Hand den Teig zu einem Pudding zuzubereiten, den Mittagstisch zu überwachen und sich zu überzeugen, daß die Wäschevorräthe des Hauses immer in gutem Zustande waren. Das hinderte sie aber wieder nicht, Sonaten von Beethoven eben so gut und vielleicht noch besser als manche Andere zu spielen, zwei oder drei Sprachen geläufig zu sprechen, sich an Lectüre zu ergötzen, die Meisterwerke der Literatur aller Culturvölker zu würdigen und endlich bei den kleinen Gesellschaften, welche zuweilen im Hause des einen oder des anderen reichen Farmers der Umgegend abgehalten wurden, mit unzweifelhaftem Erfolge aufzutreten.

Deshalb darf man nicht glauben, daß geistig höher stehende Frauen in jenen Kreisen eine Seltenheit wären. Im Transvaal, wie in Amerika, in Australien und in allen neubesiedelten Ländern, wo die unerläßlichen Arbeiten einer sich überhastet vollziehenden Civilisation alle Thätigkeit der Männer in Anspruch nahmen, ist die Pflege des geistigen Gebiets weit mehr als in Europa fast ausschließliches Vorrecht der Frauen.

So findet man sie auch in allgemeiner Bildung und künstlerischer Fertigkeit ihren Männern und Söhnen meist stark überlegen. Fast alle Reisenden haben Gelegenheit gehabt, nicht ohne Verwunderung bei der Frau eines australischen Goldgräbers oder eines Squatters aus dem fernen Westen musikalische Talente neben gründlichen literarischen und wissenschaftlichen Kenntnissen zu beobachten.

Die Tochter eines Lumpensammlers von Omaha oder eines Fleischwaarenhändlers von Melbourne würde unzweifelhaft erröthen, wenn sie von sich sagen müßte, bezüglich der allgemeinen Bildung, des gesellschaftlichen Anstandes und der Verfeinerung überhaupt unter einer beliebigen Prinzessin des alten Europas zu stehen. In dem Oranje-Freistaate, wo die Erziehung der Mädchen schon längst mit der der Knaben auf gleicher Höhe steht, wo die Letzteren aber die Schulbänke zeitiger verlassen, ist der Unterschied zwischen beiden Geschlechtern noch greller als anderswo. Der Mann ist im Haushalte der »Bread-winner«, der Brodverdiener; er führt mit aller angebornen Rauhheit, mit der Rauhheit, welche ihm seine Beschäftigung in freier Luft aufdrückt, ein Leben voller Anstrengung und Gefahren. Die Frau dagegen erwählt als ihr Gebiet, neben der Erfüllung aller häuslichen Verpflichtungen, die Fortübung in Wissenschaften und Künsten, welche ihr Gatte verachtet oder vernachlässigt.

So ereignet es sich nicht selten, daß eine Blume von Schönheit und vornehmem Reiz gerade am Rande der Wüste aufblüht, und das war der Fall mit der Tochter des Farmers John Watkins.

Alles das hatte Cyprien sich gesagt, und, da er stets gerade auf’s Ziel loszugehen gewohnt war, nicht gezögert, seine Bewerbungen um Alice anzubringen.

Ach! Jetzt fiel er gänzlich aus den Wolken und bemerkte zum ersten Male die weite Kluft, welche unübersteiglich zwischen ihm und dem jungen Mädchen gähnte. Es versteht sich von selbst, daß er nach dieser entscheidenden Verhandlung mit recht schwerem Herzen in die eigene Wohnung zurückkehrte. Er war jedoch nicht der Mann, sich einer leeren Verzweiflung zu überlassen, sondern entschlossen, hier, wo er sich befand, zu arbeiten, und bald hatte er in rastloser Tätigkeit ein geeignetes Ableitungsmittel für seinen Kummer gefunden.

Nachdem er sich an seinen kleinen Tisch gesetzt, vollendete der junge Ingenieur mit rascher und sicherer Schrift einen langen vertraulichen Brief, den er am Morgen begonnen und der an seinen verehrten Lehrer Mr. J…, Mitglied der Akademie der Wissenschaften und Titular-Professor an der Bergwerkschule, gerichtet war.

»… Worauf ich in meinem officiellen Bericht nicht eingehen zu dürfen glaubte, schrieb er, weil es vorläufig nur eine Hypothese von mir betrifft, ist die Anschauung, welche ich mir auf Grund zahlreicher geologischer Beobachtungen über die eigentliche Art der Bildung des Diamanten geschaffen habe. Weder die Hypothese, die ihm einen vulkanischen Ursprung zuschreibt, noch die, welche sein Vorkommen in den mächtigen Schichtenlagern von großen Wasserströmen herleitet, haben mich ebensowenig überzeugen können, wie Sie selbst, hochgeehrter Herr Professor, und ich habe deshalb nicht nöthig, die Gründe zu wiederholen, welche uns zu dieser Ablehnung bestimmten. Die Entstehung des Diamanten an Ort und Stelle, und zwar unter Mitwirkung des Feuers, ist aber eine ebensowenig stichhaltige Erklärung, welche mich kaum mehr befriedigen könnte. Welcher Art sollte dieses Feuer sein, und warum hätte es nicht alle die andern kalkartigen Steine verändert, welche ganz regelmäßig in den Diamantenlagern vorkommen? Das erscheint mir, offen gestanden, etwas kindlich und ganz der Theorie der Wirbelstürme und der hakenförmigen Atome würdig.

»Die einzige Erklärung, welche mir, wenn auch nicht ganz, so doch in gewissem Grade das Richtige zu treffen scheint, läuft darauf hinaus, daß die stofflichen Bestandtheile des Edelsteins durch Wasser zugeführt wurden und daß sich der Krystall nachher an Ort und Stelle bildete. Mir fällt mit Bezug hierauf vorzüglich das Eigenthümliche, man möchte sagen, ganz gleichmäßige Profil der verschiedenen Ablagerungen auf, die ich gesehen und mit möglichster Sorgfalt gemessen habe. Alle bilden mehr oder weniger die Form einer Schale, einer Kapsel oder, noch besser, unter Berücksichtigung der Kruste, welche sie überdeckt, einer auf der Seite liegenden Kürbis-Jagdflasche. Jedes solche Lager bildet ein Reservoir von dreißig- bis vierzigtausend Kubikmeter Inhalt, welches von einem ganzen Conglomerat von Sand, Lehm und überhaupt Alluvialboden ausgefüllt erscheint, und das auf Urgebirge abgesetzt ist und denselben Charakter zeigt. Vorzüglich tritt dieser bei der Vandergaart-Kopje hervor, einer der neuentdeckten Fundstätten, welche, um das nebenbei zu bemerken, dem Eigenthümer des Häuschens gehört, in welchem ich jetzt an Sie schreibe.

»Schüttet man in ein Gefäß eine, verschiedene fremde Körper enthaltende Flüssigkeit, was geht dann vor? Die fremden Körper setzen sich speciell am Boden und längs der Ränder des Gefäßes ab. Nun gut, das ist genau derselbe Vorgang, der sich in einer Kopje abspielt. Diamanten findet man hier vor Allem im Grunde und gegen die Mitte des Bettes, ebenso wie an den äußersten Rändern derselben. Diese Thatsache ist so unzweifelhaft beobachtet, daß die dazwischenliegenden Claims meist schnell im Preise sinken, während die in der Mitte liegenden Claims und diejenigen, welche sich nahe dem Umfange befinden, dagegen schnell einen ungeheuren Werth erhalten, sobald die Gestalt des Fundplatzes hinlänglich bekannt ist. Die Analogie spricht sonach deutlich für die Herbeischaffung des Materials unter Mithilfe von Wasser.

»Außerdem weisen auch noch viele verschiedene Umstände, welche Sie in meinem Bericht aufgezählt finden, auf die Bildung der Krystalle an Ort und Stelle hin, während sie die Zuführung derselben in fertigem Zustande unwahrscheinlich machen. Um davon nur zwei oder drei zu wiederholen, sind die Diamanten fast stets in Gruppen von derselben Natur und der gleichen Farbe vereinigt, was gewiß nicht der Fall sein würde, wenn sie schon fertig von einem Wasserstrom mitgebracht worden wären. Häufig findet man zwei Stücke, die mit einander verklebt sind, so daß sie sich schon durch leichten Anschlag trennen lassen. Wie hätten diese also der Reibung und den sonstigen Zufälligkeiten bei einer Weiterführung durch Wasser widerstehen sollen? Dazu finden sich die großen Diamanten fast nur unterhalb eines Felsstückes, was darauf hinzuweisen scheint, daß gewisse, durch dieses bedingte Einflüsse, seine Wärmeausstrahlung oder irgend eine andere Ursache, die Krystallisation erleichtert haben. Endlich ist es selten, sogar sehr selten, daß große und kleine Diamanten nahe bei einander gefunden werden. Allemal, wenn man einen schönen Stein aufgräbt, liegt dieser isolirt. Es macht den Eindruck, als ob alle Diamanten-Elemente des betreffenden Nestes sich in diesem Falle, unter dem Einflusse unbekannter Ursachen, zu einem einzigen Krystalle vereinigt hätten.

»Diese Gründe, sowie noch mehrere andere, erfüllen mich mit der Ueberzeugung, daß nach Zuführung der Elementarstoffe der Krystallisation durch das Wasser die endliche Bildung der Steine an Ort und Stelle stattgefunden haben müsse.

»Woher aber nehmen diese Wasser den Weg, welche den organischen Detritus, der sich in Diamanten umformen sollte, mit sich führten? Darüber hab‘ ich mir trotz eingehendster Studien der verschiedenen Lagerstätten noch kein Urtheil bilden können.

»Eine weitere Erklärung hierüber würde immerhin von weittragender Bedeutung sein. Wenn man dazu gelangte, den Weg, welchen einst das Wasser genommen, zu erkennen, warum sollte man dann nicht bei Rückverfolgung desselben zu dem Punkte kommen, von dem die Diamanten ausgegangen sind, und wo sich ohne Zweifel eine bedeutend größere Menge derselben finden dürfte, als in den bis heute ausgebeuteten Lagerstätten? Das würde meine Theorie nach allen Seiten bestätigen, und mir eine große Befriedigung gewähren. Ich selbst habe diese Frage freilich ihrer Lösung kaum entgegenzuführen vermocht, denn ich stehe bereits nahe dem Ende meiner Mission, und es ist mir, wie erwähnt, bisher unmöglich gewesen, über jenen unaufgeklärten Punkt weiteres Licht zu verbreiten.

»Mit mehr Erfolg habe ich viele Analysen der Felsarten ausgeführt…«

In seinem vertraulichen Berichte ging der junge Ingenieur nun bezüglich seiner Arbeiten in technische Details ein, welche zweifellos für ihn und den Adressaten von großem Interesse waren, über die jedoch der profane Leser nicht das gleiche Urtheil fällen möchte. Es erscheint uns deshalb rathsam, ihn damit gänzlich zu verschonen.

Um Mitternacht, nachdem er seinen langen Bericht beendet, löschte Cyprien die Lampe, streckte sich in seinen Hamac, und schlief den Schlaf des Gerechten.

Arbeit überwindet jeden Kummer – wenigstens für einige Stunden – aber ein reizendes Trugbild drängte sich mehrmals in die Träume des jungen Gelehrten und schien ihm zuzuflüstern, daß er noch nicht ganz verzweifeln solle.

Fünfzehntes Capitel.


Fünfzehntes Capitel.

Ein Complot.

Nach Verlauf einer Woche kam die Expedition in eine Gegend, welche dem von der Grenze des Griqualandes her durchzogenen Gebiete in keiner Weise mehr ähnelte. Jetzt näherte man sich der Bergkette, welche nach allen vorher eingezogenen Erkundigungen Matakit als das wünschenswertheste Ziel erscheinen mußte. Die Nachbarschaft des Hochlandes ebenso wie die zahlreichen Wasserläufe, welche von demselben herabrinnen, kündigen sich hier durch eine, von der ebenen Gegend gänzlich verschiedene Flora und Fauna an.

Eines der ersten Thäler, welches sich hier vor den Reisenden aufthat, bot ihnen, es war kurz vor Sonnenuntergang, einen wirklich erquickenden und lachenden Anblick.

Zwischen zwei smaragdgrünen Wiesenflächen schlängelte sich ein Fluß mit so krystallklarem Wasser hin, daß der Grund seines Bettes überall sichtbar war. Obstbäume mit verschiedenfarbigem Laub bedeckten die Abhänge der das Thalbecken umrahmenden Hügel. Auf dem noch von der Sonne beschienenen Grund weideten Heerden von rothen Antilopen, Zebras und Büffeln friedlich unter dem Schatten gewaltiger Baobabs; in geringer Entfernung schleppte sich ein weißes Rhinoceros mit schwerem Schritte durch eine Waldlichtung nach dem Flußufer und grunzte schon vor Vergnügen, seine Fleischmasse in demselben umherzuwälzen. Hinter Gebüsche versteckt, gähnte ein nicht sichtbares Raubthier vor Langweile. Ein Waldesel ließ seine häßliche Stimme hören und Tausende von Affen jagten sich durch die Bäume.

Cyprien und seine Gefährten waren auf dem Gipfel des Hügels stehen geblieben, um das ihnen so neuartige Schauspiel zu betrachten. Sie sahen sich jetzt endlich in jenen jungfräulichen Gebieten, wo die wilden Thiere – noch immer die unbestreitbaren Herren des Landes – so glücklich und frei leben, daß sie von einer ihnen drohenden Gefahr nicht einmal eine Ahnung haben. Ueberraschend erschien hier nicht allein die Anzahl und die gemächliche Ruhe dieser Thiere, sondern auch die erstaunliche Abwechslung, welche die Fauna dieses Theils von Afrika kennzeichnet. Man erhält hier den Eindruck, als müßte man vor einem jener Bilder, auf welche ein Maler zum Vergnügen alle Hauptvertreter des gesammten Thierreichs vereinigt hat, stehen.

Einwohner gab es nur wenige. Inmitten dieses ausgedehnten Länderstriches können die Kaffern sicherlich nur ganz verstreut wohnen. Er gleicht einer Wüste, oder nähert sich einer solchen doch schon sehr. Obwohl befriedigt bezüglich seiner Wünsche als Gelehrter und Künstler, hätte sich Cyprien doch gern zurückversetzt gesehen in die prähistorische Zeit des Megatheriums und anderer antediluvianischer Thierriesen.

»Nur Elephanten fehlen noch, um das Fest vollständig zu machen!« rief er.

Da streckte Lî aber schon die Arme aus und zeigte inmitten einer größeren Waldblöße mehrere graue Massen. Von ferne hätte man sie, nicht allein wegen ihrer Unbeweglichkeit, sondern auch wegen ihrer Farbe, für Felsen ansehen können. In Wirklichkeit war es eine Heerde Elephanten. Die weite Ebene erschien davon auf eine Strecke von mehreren Meilen bevölkert.

»Du verstehst Dich also auf Elephanten?« fragte Cyprien den Chinesen, während der Halteplatz für die Nacht zurecht gemacht wurde.

Lî blinzelte mit den schiefen Augen.

»Ich habe zwei Jahre lang auf der Insel Ceylon als Jagdgehilfe gewohnt, antwortete er einfach, aber immer mit der Zurückhaltung, die er sich bei Allem, was ihn selbst betraf, aufzuerlegen pflegte.

– O, wenn wir davon einen oder zwei erlegen könnten! rief James Hilton, das wäre ein vortreffliches Jagdvergnügen …

– Ja, und eines, bei dem das Wild schon das Pulver werth ist, das seine Erlegung kostet! setzte Annibal Pantalacci hinzu. Zwei Elephantenstoßzähne geben eine hübsche Beute, und wir können ja leicht zwei- bis vier Dutzend solcher im Hintertheile des Wagens unterbringen! … Wißt Ihr, Kameraden, daß das allein hinreichte, alle Kosten unserer Fahrt zu ersetzen!

– Eine herrliche Idee, ließ sich James Hilton vernehmen. Warum sollten wir morgen vor der Weiterreise nicht den Versuch unternehmen?«

Die Frage wurde weiter besprochen und beschlossen, vor Aufhebung des Lagers beim ersten Tagesgrauen das Glück in dem Thale zu versuchen, wo jene Elephanten sich aufhielten.

Nachdem das abgemacht und das Abendessen rasch verzehrt war, zogen sich Alle, mit Ausnahme James Hilton’s, der die Nacht über als Wache bei dem angezündeten Feuer bleiben sollte, unter die Decke des Wagens zurück.

Zwei Stunden saß er schon allein und fing an, etwas schläfrig zu werden, als er sich leicht an den Ellenbogen gestoßen fühlte. Er schlug die Äugen wieder auf und bemerkte Annibal Pantalacci, der sich schon neben ihn gesetzt hatte.

»Ich kann nämlich nicht schlafen und meinte, es wäre dann besser, Ihnen ein wenig Gesellschaft zu leisten, sagte der Neapolitaner.

– Das ist sehr hübsch von Ihnen, sagte James Hilton, die Arme ausstreckend, mir würden aber ein paar Stunden Schlaf sehr angenehm sein. Wenn es Ihnen recht ist, können wir ja tauschen. Ich nehme Ihren Platz unter der Decke ein und Sie bleiben für mich hier.

– Nein, halt, ich habe mit Ihnen zu sprechen!« erwiderte Annibal Pantalacci mit gedämpfter Stimme.

Er warf einen scheuen Blick ringsumher, um sich zu überzeugen, ob sie wirklich allein seien, und fuhr fort:

»Haben Sie schon Elephanten gejagt?

– Ja, sagte James Hilton, zweimal.

– Nun gut, dann wissen Sie auch, wie gefährlich eine solche Jagd ist. Der Elephant ist gar so gescheidt, so listig und zur Verteidigung gut ausgerüstet. Es ist sehr selten, daß der Mensch im Kampfe gegen ihn nicht unterliegt.

– Zugegeben, das heißt, wenn Sie von ungeschickten Jägern reden, antwortete James Hilton. Mit einer guten, mit explodirenden Kugeln geladenen Büchse aber ist nicht so besonders viel zu fürchten.

– Das weiß ich wohl auch, erwiderte der Neapolitaner; immerhin kommen zuweilen Unfälle vor. Nehmen Sie an, ein solcher stieße morgen dem Frenchman zu, das wäre doch ein wirklicher Verlust für die Wissenschaft!

– Ein wirkliches Unglück!« bestätigte James Hilton.

Dazu lachte er ziemlich boshaft auf.

»Für uns freilich wäre das Unglück nicht allzu groß, meinte Annibal Pantalacci, ermuthigt durch das Lachen seines Gefährten. Wir wären dann eben nur noch Zwei, um Matakit und seinen Diamanten zu verfolgen, und unter Zweien fällt es ja nicht so schwer, ein freundschaftliches Übereinkommen zu treffen …«

Die beiden Männer blieben schweigend sitzen, ihre Blicke hefteten sich auf das knisternde Reisig und ihre Gedanken beschäftigten sich mit verbrecherischen Plänen.

»Ja unter Zweien kann man sich allemal verständigen! wiederholte der Neapolitaner, unter Dreien ist’s schon weit schwieriger!«

Noch einen Augenblick dauerte das Stillschweigen fort.

Plötzlich erhob Annibal Pantalacci den Kopf und bemühte sich, in der Finsterniß ringsum etwas zu erkennen.

»Haben Sie nichts gesehen? fragte er heimlich. Ich glaubte einen Schatten dort hinter dem Baobab zu bemerken.«

James Hilton blickte in der bezeichneten Richtung hin, so scharf sein Gesichtssinn aber auch war, konnte er in der Umgebung des Lagerplatzes doch nichts wahrnehmen.

»Es ist nichts, höchstens Wäsche, welche der Chinese zum Bleichen in den Morgenthau gelegt hat.«

Bald wurde das Gespräch zwischen den beiden Leuten, aber sehr gedämpft, wieder aufgenommen.

»Ich könnte die Patronen aus seiner Büchse nehmen, ohne daß er davon etwas bemerkt, sagte Annibal Pantalacci. Wenn er dann einen Elephanten angreift, feuere ich einen Gewehrschuß hinter ihm ab, so daß das Thier ihn unbedingt bemerken muß … das kann nicht lange dauern.

– ’s ist doch eine kitzliche Sache, die Sie da vorschlagen! warf James Hilton mit schwachem Widerspruche ein.

– Bah, lassen Sie mich nur machen, und Sie werden sehen, daß das ganz allein geht!« erwiderte der Neapolitaner.

Eine Stunde später, als er seinen Platz unter der Wagenplane wieder neben den Schlafenden einnahm, zündete Annibal Pantalacci vorsichtig ein Streichhölzchen an, um sich zu überzeugen, daß sich Niemand gerührt hatte. Er sah hierbei, daß Cyprien, Bardik und der Chinese in tiefem Schlafe lagen.

Mindestens sahen diese so aus. Wäre der Neapolitaner jedoch etwas schlauer gewesen, so hätte er erkennen müssen, daß Lî’s lautes Schnarchen nur gemacht und auf Täuschung berechnet war.

Mit Tagesanbruch waren Alle auf den Füßen. Annibal Pantalacci wußte die kurze Zeit zu benützen, wo Cyprien nach dem nahen Bache gegangen war, um die übliche Morgenwaschung vorzunehmen, und zog während dessen die Patronen aus der Büchse. Das war das Werk von zwanzig Secunden. Er befand sich dabei allein. Bardik bereitete eben den Kaffee und der Chinese holte die Wäsche zusammen, welche er während des nächtlichen Thaues zwischen zwei Baobabs auf seinen berühmten Strick gehangen hatte.

Nach eingenommenem Kaffee wurden die Pferde bestiegen, während der Wagen und die Zugthiere unter Bardik’s Obhut zurückblieben.

Lî hatte darum nachgesucht, die Reiter begleiten zu dürfen, und sich nur mit dem Jagdmesser seines Herrn bewaffnet.

Nach kaum einer halben Stunde gelangten die Jäger nach der Stelle, wo am vorigen Abend die Elephanten gesehen worden waren. Heute mußte man schon etwas weiter hinaus, um sie wieder zu finden und eine breite Blöße zu erreichen, welche sich zwischen dem Fuße des Berges und dem rechten Flußufer ausbreitete.

In der klaren, frischen, von der aufgehenden Sonne beleuchteten Luft, auf einem ungeheuren Teppich feinen Grases, der vom Thau noch ganz feucht war, befanden sich die Elephanten – wenigstens zwei- bis dreihundert – eben beim Frühstück. Die kleineren derselben sprangen munter um ihre Mütter umher oder saugten schweigend ihre Morgenration. Die großen weideten mit gesenktem Kopfe und weit umhersuchendem Rüssel das dichte Gras der Waldwiese ab. Fast alle wedelten mit den großen Ohren, welche etwa ledernen Mänteln ähnelten, die sie gleich indischen Punkas hin und her bewegten.

Die Ruhe dieses häuslichen Friedens hatte wirklich etwas Heiliges, so daß Cyprien sich fast ergriffen fühlte und seinen Gefährten vorschlug, auf den beabsichtigten Mord zu verzichten.

»Wozu diese unschädlichen Thiere tödten? sagte er. Ist es nicht besser, sie in ihrer Einsamkeit in Frieden weiden zu lassen?«

Aus mehr als einem Punkte konnte dieser Vorschlag Annibal Pantalacci jedoch nicht behagen.

»Wozu? erwiderte er höhnisch lächelnd, nun, um unsere Jagdtaschen zu füllen, indem wir uns einige Centner Elfenbein verschaffen. Fürchten Sie sich etwa vor den großen Thieren, Herr Méré?«

Cyprien zuckte die Achseln, ohne auf die Unverschämtheit zu achten; als er aber den Neapolitaner und seinen Gefährten weiter vorwärts nach der Lichtung gehen sah, schloß er sich ihnen an.

Jetzt befanden sich alle Drei kaum noch zweihundert Meter von den Elephanten entfernt. Wenn die mit so scharfem Gehörsinn begabten Thiere, welche schnell jede Gefahr wittern, die Annäherung der Jäger noch nicht bemerkt hatten, so kam das daher, daß diese sich unter dem Wind befanden, und außerdem durch ein Dickicht mächtiger Baobabs gedeckt waren.

Inzwischen begann doch einer der Elephanten Zeichen von Unruhe zu geben und erhob den Rüssel wie ein Fragezeichen.

»Jetzt gilt es, sagte Annibal Pantalacci leise. Wenn wir Erfolg haben wollen, so müssen wir uns trennen und Jeder unser Stück auf’s Korn nehmen, dann auf ein Signal zusammen feuern, denn schon beim ersten Schusse wird die ganze Heerde die Flucht ergreifen.«

Dieser Vorschlag wurde angenommen; James Hilton wandte sich nach rechts, Annibal Pantalacci ging gleichzeitig nach links hin, und Cyprien blieb allein im Centrum. Dann schlichen alle Drei nahe auf die Lichtung zu.

Zu seinem größten Erstaunen fühlte da Cyprien wie zwei Arme sich kräftig um ihn schlossen, während die Stimme Lî’s ihm in’s Ohr flüsterte:

»Ich bins! … Ich kroch hinter Ihnen, Herr! … sprechen Sie nicht … Sie werden gleich erfahren warum!«

Cyprien gelangte eben an die Grenze der Lichtung und befand sich jetzt von den Elephanten kaum noch dreißig Meter entfernt. Schon erhob er die Büchse, um auf jeden Fall bereit zu sein, als der Chinese ihm zuraunte:

»Ihre Büchse ist entladen! … Beunruhigen Sie sich deshalb nicht! Es wird schon Alles gut abgehen! …«

In diesem Augenblick ertönte ein schriller Pfiff, der als Zeichen zum Angriff dienen sollte, und gleichzeitig krachte ein Gewehrschuß – aber nur ein einziger – dicht hinter Cyprien.

Dieser drehte sich rasch um und bemerkte Annibal Pantalacci, der sich hinter dem Stamme eines Baumes zu verbergen suchte.

In demselben Augenblick nahm aber ein weit ernsterer Umstand seine Aufmerksamkeit in Anspruch.

Ein durch den Schuß verwundeter und dadurch wüthend gewordener Elephant stürzte auf ihn zu. Die anderen hatten, ganz wie der Neapolitaner vorausgesehen, die Flucht ergriffen, mit einem Getrappel, welches den Erdboden auf zweitausend Meter im Umkreise erzittern machte.

»Jetzt aufgepaßt! rief Lî, der sich noch immer an Cyprien klammerte. Sobald das Thier sich auf Sie werfen will, drängen Sie Templar zur Seite. Dann reiten Sie schnell um diesen Busch und lassen sich von dem Elephanten verfolgen! … Für das Uebrige werde ich schon sorgen!«

Cyprien gewann kaum die Zeit, dieser Warnung halb maschinenmäßig nachzukommen. Mit erhobenem Rüssel, blutunterlaufenen Augen, mit weitoffenem Maule und die Stoßzähne drohend auf ihn gerichtet, sprang die gewaltige Pachyderme mit unglaublicher Schnelligkeit auf ihn zu.

Templar erwies sich als erprobter Gaul. Mit wunderbarer Sicherheit folgte er dem Schenkeldruck seines Reiters und machte pfeilschnell einen Satz nach rechts. Der Elephant stürmte in der angenommenen Richtung genau über die Stelle weg, welche Pferd und Reiter noch den Augenblick vorher eingenommen hatten.

Der Chinese, der, ohne ein Wort zu sagen, blank gezogen, glitt jetzt zur Erde herab und sprang eiligst hinter den Busch, den er seinem Herrn gezeigt hatte.

»Dort … dorthin! … Wenden Sie um diesen Busch! … Lassen Sie sich verfolgen!« rief er noch einmal.

Der Elephant wendete sich, wüthend über den Mißerfolg seines ersten Angriffs, auf sie zurück. Ohne die Gründe Lî’s vollständig zu durchschauen, folgte Cyprien doch dessen Anweisung. Er sprengte um den Busch, gefolgt von dem keuchenden Thiere, und vereitelte noch zweimal dessen Angriff durch schnelle Wendung seines Pferdes. Konnte diese Taktik aber lange von Erfolg sein? Hoffte Lî auf diese Weise das Thier zu ermüden?

Ohne befriedigende Antwort zu finden, legte sich Cyprien eben diese Frage vor, als der Elephant zu seiner größten Verwunderung sich auf die Kniee niederließ.

Mit unvergleichlicher Gewandtheit den richtigen Moment abpassend, war Lî in dem hohen Grase dem Thiere unter die Füße geschlichen und hatte diesem mit einem einzigen Hiebe die Sehne an der Ferse, die man beim Menschen Achillessehne nennt, durchschnitten.

So gehen bei ihren Elephantenjagden die Hindus gewöhnlich zu Werke, und der Chinese hatte dieses Verfahren auf Ceylon gewiß oft genug nachgeahmt, denn er führte dasselbe mit einer Sicherheit und Kaltblütigkeit ohne Gleichen aus.

Niedergeworfen und ohnmächtig, rührte sich der Elephant kaum noch und wälzte nur den Kopf in dem dichten Grase. Ein aus seiner Wunde hervorquellender Blutstrom raubte ihm sichtlich mehr und mehr die Kräfte.

»Hurrah! … Bravo! … riefen gleichzeitig Annibal Pantalacci und James Hilton, welche jetzt auf dem Kampfplatz erschienen.

– Wir müssen ihm durch eine Kugel in’s Auge den Garaus machen!« erklärte James Hilton, der ein unwiderstehliches Bedürfniß zu fühlen schien, in diesem Drama eine thätige Rolle zu spielen.

Mit diesen Worten schlug er schon an und gab Feuer.

Sofort hörte man, wie die Explosionskugel im Körper des riesigen Vierfüßlers zersprang. Er zuckte noch einmal krampfhaft zusammen und lag dann unbeweglich da, gleich einem grauen, zur Erde gestürzten Felsblock.

»Es ist zu Ende! rief James Hilton, der sein Pferd ganz nahe an das Thier herantrieb, um dieses besser zu sehen.

– Abwarten! … Abwarten! …« schien der listige Blick des Chinesen, den er auf seinen Herrn richtete, zu sagen.

Das schreckliche und unvermeidliche Nachspiel dieser Scene ließ denn auch nicht lange auf sich warten.

Kaum war James Hilton nahe an den Elephanten herangekommen, als er sich im Steigbügel niederbeugte, um jenem, wie zum Spott, eines der großen Ohren aufzuheben. Mit plötzlicher Bewegung erhob das Thier aber noch einmal den Rüssel, schlug diesen auf den vorwitzigen Jäger nieder, und zertrümmerte ihm dabei die Wirbelsäule und die Hirnschale, ehe die entsetzten Zuschauer nur Zeit hatten, ihm hilfreich beizuspringen.

James Hilton stieß noch einen letzten Schrei aus. Binnen drei Secunden war er nichts mehr, als eine blutige Fleischmasse, auf welche der Elephant theilweise niedersank, um sich nicht wieder zu erheben.

»Ich wußte, daß es ihm an den Kragen gehen würde! sagte der Chinese, und hob dazu den Kopf in die Höhe. Wenn sie irgend Gelegenheit finden, versehen es die Elephanten niemals, ihren Feind noch in den letzten Todeszuckungen zu vernichten!«

Das war die ganze Leichenrede für James Hilton. Noch immer unter dem Eindrucke des Verrathes, dem er hatte zum Opfer fallen sollen, erkannte der junge Ingenieur in diesem plötzlichen Ende die gerechte Vergeltung der Vorsehung, geübt an einem Schurken, der ihn hatte wehrlos der Wuth eines so furchtbaren Thieres preisgeben wollen.

Die Gedanken, welche dem Neapolitaner jetzt aufsteigen mochten, hütete dieser sich weislich, Andern zu erkennen zu geben.

Inzwischen hatte der Chinese schon begonnen, in dem Rasen der Prairie mit dem Jagdmesser eine Grube auszuheben, in welcher mit Hilfe Cypriens bald die unförmlichen Reste seines Freundes für immer gebettet wurden

Alles das nahm einige Zeit in Anspruch, und die Sonne stand schon hoch am Horizonte, als die drei Männer den Weg nach dem Halteplatze wieder einschlugen.

Wie groß war aber ihr Erstaunen, als sie daselbst anlangten! … Bardik war hier nicht mehr zu finden.

Sechzehntes Capitel.


Sechzehntes Capitel.

Verrätherei.

Was mochte also während der Abwesenheit Cypriens und seiner zwei Gefährten hier vorgefallen sein? Es wäre schwer zu sagen gewesen, wenn der junge Kaffer nicht vielleicht wieder erschien.

Man erwartete zunächst Bardik, rief nach ihm und suchte ihn überall, aber ohne daß eine Spur von demselben zu entdecken war. Das noch bei dem schon erloschenen Feuer stehende Frühstück, welches er zu bereiten begonnen hatte, schien darauf hinzudeuten, daß er vor zwei oder drei Stunden verschwunden sein konnte.

Cyprien sah sich also auf reine Muthmaßungen beschränkt, was die Abwesenheit seines Dieners veranlaßt haben könne, ohne daß er jedoch dadurch zu einer Erklärung derselben gelangte.

Daß der junge Kaffer etwa von einem Raubthiere überfallen worden wäre, war kaum anzunehmen, denn es fand sich keine Spur eines stattgehabten blutigen Kampfes, nicht einmal eine Unordnung in den Reiseeffecten u. s. w. Daß er davon gelaufen sei, um nach seiner Heimat zurückzukehren, wie das die Kaffern allerdings nicht selten thun, hatte ebenso wenig Wahrscheinlichkeit für sich gegenüber einem sonst so treu ergebenen Burschen, und der junge Ingenieur wies auch diese, zuerst von Annibal Pantalacci angedeutete Annahme mit aller Entschiedenheit zurück.

Kurz, nach halbtägiger Nachforschung wurde der junge Kaffer noch immer nicht wiedergefunden, und sein Verschwinden blieb ein vollkommen unerklärliches Vorkommniß.

Annibal Pantalacci und Cyprien berathschlagten also mit einander und beschlossen darauf, mit der Aufhebung des Lagers jedenfalls noch bis zum anderen Tage zu warten. Vielleicht erschien Bardik bis dahin wieder, da er sich ja bei Verfolgung eines Wildes verirrt haben konnte, das seine Jagdleidenschaft erregt haben mochte.

Erinnerte man sich freilich an den unliebsamen Besuch, den eine Abtheilung Kaffern an einem der früheren Lagerplätze abgestattet, und vergegenwärtigte man sich die Fragen, welche jene an Bardik und Lî gestellt hatten, sowie ihre Furcht, hier Fremdlinge anzutreffen, vielleicht gar Spione, welche sich in das Gebiet Tonaïa’s begaben, so lag wohl die Frage nahe, ob Bardik nicht in die Hände solcher Eingebornen gefallen und von diesen gewaltsam bis nach der Hauptstadt geschleppt worden sein könne.

Der Tag verlief ziemlich trübe und der Abend eher noch trauriger. Es war, als ob das Unglück die Expedition jetzt auf Tritt und Schritt verfolgte. Annibal Pantalacci war wüthend, aber stumm. Seine beiden näheren Genossen, Friedel und James Hilton, waren todt, und jetzt stand er allein seinem jungen Rivalen gegenüber, den er sich jedoch eher mit größerer Hartnäckigkeit als vorher vom Halse zu schaffen bestrebt blieb, da er ihm ebenso bezüglich der Aufsuchung des Diamanten gefährlich, wie bezüglich der als Preis dafür winkenden Heirat lästig erschien. Für ihn war ja das Ganze eine reine Geschäftsangelegenheit.

Cyprien, dem Lî inzwischen mitgetheilt hatte, was er von der Entfernung der Patrone aus der Büchse wußte, sah sich genöthigt, jetzt seinen Reisegefährten Tag und Nacht zu überwachen, obwohl der Chinese freiwillig einen Theil dieser beschwerlichen und widerlichen Aufgabe übernahm.

Schweigend und mit den Pfeifen am Feuer sitzend, verbrachten Cyprien und Annibal Pantalacci den Abend und zogen sich endlich unter die Wagenplane zurück, ohne sich eine gute Nacht zu wünschen. Lî blieb es nun überlassen, beim Feuer zu wachen, um etwaige Raubthiere fern zu halten.

Auch mit Anbruch des folgenden Tages war der junge Kaffer noch nicht nach dem Lagerplatz zurückgekehrt.

Cyprien hätte gerne noch vierundzwanzig Stunden zugegeben, um seinem Diener eine weitere Möglichkeit, zurückzukehren, zu gewähren. Der Neapolitaner bestand aber darauf, nun sofort aufzubrechen.

»Wir werden wohl auch ohne Bardik auskommen, sagte er, und hier länger zu zögern, setzt uns der Gefahr aus, Matakit überhaupt nicht zu finden.«

Cyprien gab nach und der Chinese ging daran, die Büffel zusammen zu treiben, um weiter fahren zu können.

Da traf sie aber eine neue Enttäuschung. Auch die Büffel waren nicht mehr aufzufinden. Noch am Vorabend hatten sie bestimmt im hohen Grase der Umgebung des Lagerplatzes geweidet … jetzt war es unmöglich, auch nur einen derselben zu entdecken.

Erst jetzt konnte man die Tragweite des Verlustes ermessen, den die Expedition durch das Verschwinden Bardik’s erlitten hatte! Wäre der intelligente Diener noch an seiner Stelle gewesen, so würde er bei seiner Bekanntschaft mit den Gewohnheiten der Büffel des südlichen Afrikas gewiß nicht versäumt haben, diese, nachdem sie einen ganzen Tag gerastet, an Bäume oder irgend welche feste Pfähle zu binden. Nach langen Marschtagen ist diese Vorsicht gewöhnlich unnöthig; bei ihrer Ermüdung denken die Thiere an gar nichts Anderes, als in der Nähe zu weiden, legen sich darauf behaglich nieder und werden am nächsten Morgen kaum in der Entfernung von hundert Metern von den Lagerplätzen wiedergefunden. Das gestaltet sich aber anders, wenn sie einen Tag lang geruht und sich durch reichliches Futter gekräftigt haben.

Beim Erwachen hatten die Thiere offenbar zunächst schmackhaftere Nahrung gesucht, als sie vielleicht am Abend vorher fanden. Dabei mochten sie sich immer weiter entfernt und den Lagerplatz ganz aus den Augen verloren haben, und jedenfalls waren sie dann, getrieben durch einen gewissen Instinct, der sie nach dem gewohnten Stalle zurückzieht, ganz einfach den Weg nach dem Transvaal zurückgetrabt.

Das war ein Unglück, welches, wenn es bei den Zügen durch das innere Afrika auch nicht so selten vorkommt, darum nicht minder ernst erscheint, denn ohne Zugthiere wurde der Wagen natürlich nutzlos, und für den afrikanischen Reisenden bildet der Wagen gleichzeitig das Haus, das Magazin und die Festung.

Cyprien und Annibal Pantalacci fühlten sich also stark enttäuscht, als sie, nachdem sie zwei oder drei Stunden die Thiere eifrig gesucht, einsahen, daß sie hier auf jede Hoffnung, dieselben wiederzufinden, verzichten mußten.

Ihre Lage wurde dadurch eine ausnehmend schwierige und sie traten noch einmal zur Beratschlagung zusammen. Unter den gegebenen Umständen gab es nur einen Entschluß, den Wagen zurückzulassen, sich mit soviel Mundvorrath und Munition zu beladen, als es möglich war, und die Reise nur zu Pferde fortzusetzen. Trafen sich die Verhältnisse glücklich, so konnten sie vielleicht mit einem Kaffernhäuptling über den Ankauf neuer Zugochsen einig werden, wenn sie ihm ein Gewehr und einige Patronen abtraten. Lî sollte nun das Pferd James Hilton’s, das jetzt ja keinen Herrn mehr hatte, besteigen.

Alle gingen also daran, eine Menge harziger Aeste abzuschlagen, um damit den Wagen wie unter einem Strauche zu verbergen. Darauf belud sich Jeder, was er in den Taschen und in einem Quersacke unterbringen konnte, so daß sie wenigstens einige Vorräthe an Leibwäsche, Conservebüchsen und Schießbedarf hatten. Der Chinese mußte freilich zu seinem größten Leidwesen darauf verzichten, seinen rothen Kasten, weil derselbe zu schwer war, mitzunehmen; er ließ sich aber nicht überreden, auch den Strick aufzugeben, sondern band sich denselben als Gürtel unter seine Kutte.

Nach Vollendung dieser Vorbereitungen und nachdem sie einen letzten Blick durch das Thal geworfen, das für sie so verhängnißvoll geworden war, schlugen die drei Reiter den Weg nach den Bergen wieder ein, Dieser Weg bestand übrigens, wie alle anderen im Lande, nur aus einem von wilden Thieren getretenen Fußpfade, welcher gewöhnlich in kürzester Linie nach den Stellen führt, wo diese ihren Durst zu löschen pflegen.

Schon war die Mittagsstunde vorüber und unter brennender Sonnengluth trabten Cyprien, Annibal Pantalacci und Lî ziemlich schnell bis zum Anbruch des Abends weiter; nachdem sie dann in einer tiefe Schlucht unter dem Schutze eines großen Felsblocks Halt gemacht und sich um ein tüchtiges Feuer aus trockenem Holz gelagert, sagten sie sich, daß Alles in Allem der Verlust des Wagens doch kein so unersetzliches Unglück sei.

Zwei Tage hindurch reisten sie in dieser Weise weiter, ohne einen Zweifel daran zu hegen, daß sie sich auf der richtigen Fährte des Flüchtlings befänden. Am Abende des zweiten Tages, als sie sich, schon langsamer reitend, einer Gruppe von Bäumen näherten, unter denen sie die Nacht zu verbringen gedachten, stieß Lî plötzlich einen ganz eigentümlichen Gaumenlaut aus.

»Hugh!« rief er und zeigte mit dem Finger nach einem kleinen schwarzen Punkte, der sich beim letzten Scheine der Abenddämmerung am Horizonte fortbewegte.

Cypriens und Annibal Pantalacci’s Blicke folgten selbstverständlich der von dem Chinesen angedeuteten Richtung.

»Ein Reisender! rief der Neapolitaner.

– Das ist Matakit selbst! erklärte Cyprien, welcher sofort ein Fernrohr vor die Augen gesetzt hatte. Ganz deutlich erkenne ich seinen Wagen mit einem vorgespannten Strauße! … Er ist es sicherlich!« Nachdem er das Fernrohr Pantalacci gereicht, konnte auch dieser sich von der Richtigkeit der Thatsache überzeugen.

»Wie weit mag er sich, Ihrer Schätzung nach, jetzt von uns entfernt befinden? fragte Cyprien.

– Mindestens sieben bis acht Meilen; es können aber auch zehn sein, antwortete der Neapolitaner.

– Sonach müssen wir darauf verzichten, ihn noch heute, bevor wir Halt machen, einzuholen?

– Unzweifelhaft, versicherte Annibal Pantalacci. Binnen einer halben Stunde ist’s tiefdunkle Nacht, und wir können gar nicht mehr daran denken, in jener Richtung einen Schritt weiter vorwärts zu dringen.

– Nun gut, so haben wir, einen recht frühzeitigen Aufbruch vorausgesetzt, doch morgen die sichere Aussicht, ihn zu erreichen.

– Das ist ganz meine Ansicht!«

Die Reiter waren damit nach der Baumgruppe gelangt und stiegen nun aus dem Sattel. Hergebrachter Gewohnheit folgend, gingen sie zuerst daran, die Pferde mit Stroh abzureiben und zu striegeln, ehe diese an eingeschlagene kurze Pfähle gebunden wurden, um in deren Umgebung zu weiden. Inzwischen hatte der Chinese schon ein Feuer angezündet.

Unter diesen Vorarbeiten war es Nacht geworden. Heute verlief das Abendessen vielleicht bei etwas heiterer Stimmung, als an den letztvergangenen drei Tagen. Kaum war es indeß verzehrt, da wickelten die drei Reisenden sich schon in ihre Decken und streckten sich neben dem, für die ganze Nacht mit genügendem Brennmaterial beschickten Feuer, den Kopf auf die Sättel gestützt, zum Schlummer nieder. Es galt ja, morgen zeitig auf den Füßen zu sein, einen doppelten Marsch zu machen und Matakit einzuholen.

Cyprien und der Chinese waren bald fest eingeschlafen, was ihrerseits vielleicht etwas unklug erschien.

Nicht so der Neapolitaner. Zwei oder drei Stunden wälzte er sich, wie von einer fixen Idee besessen, unter seiner Decke umher. Wiederum führten ihn seine schurkischen Gelüste in Versuchung.

Endlich erhob er sich, wie zu einem Entschlusse gelangt, schlich nach den Pferden hin und sattelte sein eigenes; dann band er Templar und das des Chinesen los, packte sie an der Halfter und führte sie mit weg. Das den Erdboden bedeckende feine Gras erstickte vollständig den Laut der Tritte der drei Thiere, die, wahrscheinlich auch verwundert über die ungewohnte Unterbrechung ihrer Nachtruhe, Alles ruhig mit sich machen ließen. Annibal Pantalacci stieg mit ihnen nach der Sohle des Thals hinunter, an dessen oberem Hange Rast gemacht worden war, band sie hier an einen Baum und kehrte nach dem Lagerplatze zurück. Von den hier Schlafenden hatte keiner auch nur ein Glied bewegt.

Der Neapolitaner raffte nun schweigend seine Decke, ein gezogenes Gewehr, die nöthige Munition nebst etwas Mundvorrath zusammen und ließ kalt und herzlos seine beiden Gefährten inmitten der Wüstenei zurück.

Schon seit Sonnenuntergang hatte ihm der Gedanke vorgeschwebt, mit Entfernung der Pferde Cyprien und Lî außer Stand zu setzen, Matakit einzuholen. Damit aber sicherte er sich selbst den Sieg. Weder der Schurkenstreich, den er damit eigentlich schon beging, noch die Gemeinheit, seine Gefährten so der wichtigsten Hilfsmittel für ihr Fortkommen zu berauben, vermochten den Elenden zurückzuhalten. Er schwang sich in den Sattel, nahm von dem Versteck, wo er sie zurückgelassen, die ungeduldig schnaubenden Pferde mit fort, und trabte beim Scheine des Mondes, dessen Rand eben über den Kamm der Hügelkette emporstieg, schweigend in’s Land.

Cyprien und Lî schliefen noch immer. Gegen drei Uhr Morgens erwachte der Chinese und betrachtete die Sterne, welche am östlichen Horizonte schon erbleichten.

»Es ist wohl Zeit, den Kaffee zu bereiten,« sagte er für sich.

Ohne weiteres Zögern warf er die ihn umhüllende Decke ab, sprang in die Höhe und begann seine Morgentoilette, die er in der Wüste ebensowenig wie in der Stadt vernachlässigte.

»Wo steckt denn der Pantalacci?« fragte er sich plötzlich.

Schon stieg die Morgenröthe höher empor und die nächste Umgebung des Lagerplatzes wurde deutlicher erkennbar.

»Auch die Pferde sind nicht mehr zur Stelle! fuhr er in seinem Selbstgespräch fort. Sollte dieser wack’re Kumpan etwa …«

Mit dem aufkeimenden Verdachte, was hier vorgefallen sein möge, eilte er nach den Pfählen, an welche die Pferde am Abend vorher gebunden worden waren, überblickte sorgsam den ganzen Lagerplatz und gewahrte, daß auch das ganze Gepäck des Neapolitaners verschwunden war.

Die Sache lag nun klar.

Ein Mann von weißer Race hätte gewiß dem sehr natürlichen Bedürfnis, Cyprien zu wecken und ihm sofort das neue schwere Unglück mitzutheilen, nicht widerstehen können. Der Chinese gehörte aber zur gelben Menschenrace und meinte, daß es mit der Ankündigung eines Unfalls niemals so große Eile habe. Er beschäftigte sich also ruhig mit der Bereitung des Morgenlabsals.

»Es ist noch recht liebenswürdig von dem Spitzbuben, daß er uns wenigstens den nöthigen Mundvorrath zurückließ!« sagte er für sich.

Nachdem der Kaffee sorgsam durch ein zu diesem Zwecke angefertigtes Leinensäckchen gegossen war, füllte Lî damit zwei Tassen – wenn man die Gefäße so nennen darf, denn sie bestanden aus je einer Hälfte von Straußeneierschalen, die er gewöhnlich an einem Knopfloch hängend trug – und näherte sich dann Cyprien, der noch immer schlafend dalag.

»Ihr Kaffee ist fertig, Väterchen,« sagte er höflich, während er dem jungen Ingenieur leise auf die Schulter klopfte.

Cyprien schlug die Augen auf, dehnte und streckte die Glieder, lächelte den Chinesen an und verzehrte halb aufgerichtet das dampfende Getränk.

Erst dann bemerkte er die Abwesenheit des Neapolitaners, dessen Platz ja leer war.

»Wo ist denn Pantalacci? fragte er.

– Auf und davon gegangen, Väterchen! antwortete Lî in so gleichgiltigem Tone, als ob es sich um die gewöhnlichste Sache von der Welt gehandelt hätte.

– Wie? … Von uns fortgegangen?

– Ja, Väterchen, und mit den drei Pferden obendrein!«

Cyprien befreite sich schnell aus der ihn noch halb umschließenden Decke und warf einen Blick umher, der ihn über Alles belehrte.

Er besaß jedoch ein zu stolzes Herz, um seine Unruhe und Entrüstung über das Vorgefallene merken zu lassen.

»Das ist ja recht erbaulich, sagte er, aber der Elende mag sich nur nicht einbilden, daß er bei unserer Angelegenheit das letzte Wort haben wird!«

In Gedanken versunken, machte Cyprien fünf bis sechs Schritte hin und her, wobei er überlegte, was nun am besten zu thun sei.

»Wir müssen zur Stunde aufbrechen, kündigte er dem Chinesen an. Sattel und Zaumzeug, so wie Alles was zu umfänglich oder zu schwer ist, lassen wir hier zurück und nehmen nur die Gewehre und die noch übrigen Nahrungsmittel mit. Bei schnellem Gehen kommen wir vielleicht fast ebenso schnell vorwärts und können wohl gar gelegentlich noch directere Wege benützen.«

Lî ließ sich nicht zweimal auffordern. Binnen wenigen Minuten waren die Decken eingerollt und der Quersack über die Schulter geworfen; dann wurde noch Alles, was hier zurückgelassen werden mußte, mit einem dichten Haufen von Zweigen und Laubwerk überdeckt, und die beiden Männer zogen ihres Weges.

Cyprien hatte Recht gehabt, daß es unter gewissen Verhältnissen fast bequemer sei, zu Fuß weiter zu ziehen. Er konnte so die kürzesten Wege wählen und zuweilen steile Abhänge ersteigen, die ein Pferd niemals zu erklimmen vermocht hätte, wenn das natürlich auch schwere Anstrengung kostete.

Etwa um ein Uhr Mittags gelangten die beiden Wanderer nach dem Nordabhange der Hügelkette, der sie seit drei Tagen gefolgt waren. Nach den von Lopepe erhaltenen Mitteilungen konnte die Hauptstadt Tonaïa’s jetzt nicht mehr weit entfernt sein. Unglücklicherweise waren freilich dessen Angaben über den einzuhaltenden Weg so unbestimmter Art und die Bezeichnung der Entfernung in der Betchuanasprache so verwirrend, daß es sehr schwer erschien, vorher darüber klar zu werden, ob noch zwei oder fünf Tage darüber hingehen würden, bevor jene Stadt zu erreichen war.

Als Cyprien und Lî den ersten Abhang des Thales, das sich vor ihnen nach Uebersteigung des Bergkammes geöffnet, hinunter stiegen, ließ Letzterer ein kurzes Lachen hören.

»Ah, Giraffen!« sagte er.

Cyprien richtete den Blick nach abwärts und bemerkte wirklich gegen zwanzig jener Thiere, welche friedlich im Thalgrunde grasten. Man kann kaum, wenigstens aus einiger Entfernung, etwas Graziöseres sehen, als ihre langen Hälse, die sie gleich Mastbäumen aufgerichtet tragen oder gleich langen Schlangen im Grase umherbewegen, und welche von dem mit gelben Flecken übersäeten Leibe drei bis vier Meter weit reichen.

»Es ließe sich so eine Giraffe vielleicht einfangen, um Templars Stelle zu ersetzen, bemerkte Lî trocken.

– Auf einer Giraffe reiten? O, wer hat das schon jemals gesehen? rief Cyprien.

– Ich weiß nicht, ob es Jemand schon gesehen hat, aber es wird doch nur von Ihnen abhängen, es zu sehen, wenn Sie mir nur freie Hand lassen wollen,« erwiderte der Chinese.

Cyprien, der niemals etwas nur deshalb für unmöglich zu halten pflegte, weil es für ihn noch neu war, erklärte sich bereit, Lî bei seinem Vorhaben zu unterstützen.

»Wir befinden uns gegenüber den Giraffen unter dem Winde, meinte der Chinese, was sich sehr glücklich trifft, denn sie haben eine sehr feine Nase und hätten uns im andern Falle gewiß schon gewittert. Wenn Sie sich also nach rechtshin wenden wollen, um jene durch einen Gewehrschuß zu erschrecken und nach meiner Seite zuzutreiben, so brauch‘ ich nichts weiter und werde das Uebrige allein besorgen.«

Cyprien legte sofort Alles zur Erde, was ihn in seinen Bewegungen hätte hinderlich sein können, und mit der Büchse bewaffnet ging er daran, das von seinem Diener angedeutete Manöver auszuführen.

Letzterer verlor ebenfalls keine Zeit. Er kletterte behende den steilen Abhang hinunter, bis er im Grunde des Thales einen daselbst befindlichen Wildpfad erreichte. Die unzähligen Hufabdrücke darauf verriethen, daß dies der gewöhnliche Weg der Giraffen war. Hier nahm der Chinese hinter einem Baume Stellung, entrollte den langen Strick, der ihn niemals verließ, zerschnitt ihn und bildete so aus demselben zwei Stücke von je dreißig Meter Länge. Nachdem er dann ein Ende von jedem mittelst eines ziemlich großen Steines beschwert hatte, knüpfte er das andere fest um die unteren Zweige eines Baumes, und als er endlich die freien Enden dieser urwüchsigen Wurfgeschosse sorgsam um seinen linken Ellenbogen gewickelt, verbarg er sich hinter dem Baumstamme und wartete der weiteren Entwickelung der Dinge.

Fünf Minuten waren noch nicht verstrichen, als in einiger Entfernung ein Gewehrschuß durch die öde Gegend donnerte. Gleich darauf verrieth ein rasches Getrappel, das dem von einer Schwadron Reitern ähnelte und von Secunde zu Secunde mehr anschwoll, daß die Giraffen, ganz wie Lî vorausgesetzt, sich zur Flucht gewendet hatten. Sie kamen, ihrem gewohnten Pfade folgend, gerade auf ihn zu, ohne die Anwesenheit eines vor ihnen unter dem Winde lauernden Feindes zu argwöhnen.

Mit den hoch aufgerichteten Nasen, den kleinen, ihre Bestürzung verrathenden Köpfen und den herabhängenden Zungen sahen die Giraffen wirklich prächtig aus. Lî ließ sich jedoch nicht hinreißen, sie bewundernd zu betrachten. Sein Posten war vorsorglich nahe einer Verengerung des Weges gewählt, wo die Thiere nur zu je zweien neben einander vorüberziehen konnten, und er erwartete dieselben in gewohnter Ruhe.

Erst ließ er drei oder vier vorüberlaufen, dann faßte er eines von besonders hohem Wuchse in’s Auge und schleuderte seinen ersten Lasso. Das Seil pfiff durch die Luft, wickelte sich um den Hals des Thieres, das noch einige Schritte that, bald aber spannte sich das Seil an, schnürte jenem die Luftröhre halb zu, und es machte entsetzt Halt.

Der Chinese ließ sich jedoch keine Zeit, das zu beobachten. Kaum hatte der erste Lasso das Ziel erreicht, als er schon den zweiten ergriff und nach einer andern Giraffe schleuderte.

Dieser Wurf fiel nicht minder glücklich aus. Alles war in weniger als einer halben Minute abgethan. Schon hatte sich die erschrockene Heerde nach allen Richtungen hin zerstreut; die beiden Giraffen aber blieben, halb erdrosselt und nach Luft schnappend, als Gefangene zurück.

»Kommen Sie nur heran, Väterchen!« rief der Chinese Cyprien zu, der ohne zu viel Vertrauen auf das Manöver auf ihn zukam.

Bald mußte er jedoch jeden Zweifel schwinden lassen. Hier sah er zwei prächtige, große, starke Thiere mit feinen Beinen und glänzenden Rücken vor sich. Doch wie er auch deren äußere Erscheinung bewunderte, erschien ihm der Gedanke, dieselben als Reitthiere zu benutzen, doch ebenso wenig ausführbar.

»Wahrhaftig, wie soll man sich auf einem solchen Rückgrat halten, das bei seiner verhältnißmäßig geringen Länge nach hinten zu um wenigstens sechzig Centimeter abfällt? fragte er lachend.

– O, man setzt sich eben rittlings auf die Schultern und nicht auf die Seiten des Thieres, erklärte Lî. Ist es denn übrigens so schwierig, unter dem Hintertheil des Sattels eine zusammengerollte Decke anzubringen?

– Wir haben ja gar keinen Sattel.

– Ich werde den Ihrigen sofort herbeiholen.

– Und welchen Zaum sollen die Thiere in’s Maul bekommen?

– Das werden Sie bald sehen!«

Der Chinese hatte auf Alles eine Antwort, und wie man von ihm nicht anders gewöhnt war, folgte die That dem Worte immer auf dem Fuße.

Die Stunde zum Essen war noch nicht herangekommen, als er aus einem Theile seines Strickes schon ein Paar starke Halftern hergestellt hatte, die er den Giraffen über den Kopf zog. Die armen Thiere waren durch ihr Mißgeschick so betroffen und außerdem von so sanftem Charakter, daß sie nicht den mindesten Widerstand leisteten. Andere Stücke Stricke wurden zu eigentlichen Zügeln hergerichtet.

Nach Vollendung dieser Vorbereitungen war es ganz leicht, die beiden Gefangenen wegzuführen. Cyprien und Lî wandten sich rückwärts und suchten den gestrigen Halteplatz auf, um die Sättel, und was sie sonst hatten zurücklassen müssen, nachzuholen.

Der Abend reichte hin, um Alles vollends in Ordnung zu bringen. Lî legte eine wirklich wunderbare Anstelligkeit an den Tag. Er hatte nicht allein Cypriens Sattel sehr bald in der Weise abgeändert, daß derselbe auf dem Rücken einer der Giraffen horizontal befestigt werden konnte, sondern auch für sich selbst einen Sattel aus Zweiggeflecht hergestellt. Aus übergroßer Vorsicht verwendete er noch die halbe Nacht dazu, etwaige Widerstandsgelüste der Giraffen zu brechen, indem er sie nach einander bestieg und ihnen durch recht merkbare Mittel die Ueberzeugung beibrachte, daß sie ihm zu gehorchen hätten.

Siebzehntes Capitel.


Siebzehntes Capitel.

Eine afrikanische Steeple-Chase.

Das Bild, welches die beiden Reiter boten, als sie am folgenden Tage aufbrachen, war natürlich ein ziemlich sonderbares. Es bleibt sehr zu bezweifeln, ob Cyprien sich in einem solchen Aufzuge gern vor den Augen der Miß Watkins auf der Hauptstraße des Lagers von Vandergaart gezeigt hätte. Doch Noth bricht ja Eisen. Hier befanden sie sich ja in der Wüste, und die Giraffen bildeten gewiß kaum merkwürdigere Reitthiere als etwa Dromedare. Ihre Gangart hatte übrigens eine gewisse Aehnlichkeit mit der jener »Schiffe der Wüste«. Sie war entsetzlich hart und gleichzeitig von einem solchen Schwanken begleitet, daß die beiden Reisegefährten zuerst fast eine ganz gleiche Uebelkeit wie von der Seekrankheit verspürten.

Nach zwei bis drei Stunden hatte sich jedoch Cyprien so gut wie der Chinese an diese Schaukelbewegung gewöhnt. Da die Giraffen nun einen sehr schnellen Schritt einhielten und sich nach einiger, schnell unterdrückter Widerspenstigkeit auch sehr gelehrig erwiesen, so gestaltete sich Alles ganz nach Wunsch.

Es kam jetzt vor Allem darauf an, durch vermehrte Geschwindigkeit die während der letzten drei oder vier Tage verlorene Zeit wieder einzuholen. Matakit mußte jetzt schon ein gutes Stück Weges vorausgekommen sein. Oder sollte Annibal Pantalacci ihn gar schon erreicht haben? Mochte dem sein, wie es wollte, jedenfalls blieb Cyprien entschlossen, nichts zu unterlassen, um an sein Ziel zu gelangen.

Drei Reisetage hatten die Reiter oder vielmehr die »Giraffenhocker« in ein ebenes Land gebracht. Sie hielten sich jetzt längs des rechten Ufers eines ziemlich windungsreichen Wasserlaufes, der genau in der Richtung nach Norden strömte – ohne Zweifel einer der Nebenzuflüsse des Zambesi.

Die jetzt vollständig gezähmten und nebenbei durch anstrengende Tagemärsche nicht weniger wie durch Lî’s streng eingehaltene magere Fütterung derselben etwas abgematteten Giraffen ließen sich nun mit vollkommener Leichtigkeit regieren. Cyprien konnte sogar die langen Zügel seines Thieres gänzlich loslassen und dasselbe durch einfachen Schenkeldruck nach Belieben leiten.

Befreit von der früheren Beschwerlichkeit und Unsicherheit, gewährte es ihm jetzt ein förmliches Vergnügen, aus den eben durchmessenen wilden und verlassenen Gegenden herauszukommen und von allen Seiten Spuren einer schon etwas vorgeschrittenen Civilisation zu bemerken. Hier fanden sich von Strecke zu Strecke Manioc- oder Tarofelder von sehr regelmäßiger Anlage und bewässert durch ein System aneinander gefügter Bambusrohre, welche das Wasser vom Flusse her zuführten, breite und gut erhaltene Wege – kurz, das allgemeine Bild fröhlichen Gedeihens; auf den den Horizont umgebenden Hügeln erhoben sich weiße, bienenstockähnliche Hütten, welche eine, übrigens ziemlich dünne Einwohnerschaft bargen.

Dennoch wies hier Verschiedenes darauf hin, daß man sich an der Grenze der Wüste befand, und wäre es nur die erstaunliche Menge Raubthiere, Wiederkäuer und Andere gewesen, welche die Ebene bevölkerten. Da und dort verdunkelten ungeheure Schwärme von Geflügel jeder Art und Größe die Luft. Man sah ganze Gesellschaften von Gazellen oder Antilopen, welche über den Weg hineilten; dann wieder erhob ein riesenhaftes Flußpferd den plumpen Kopf aus dem Wasser, schnaufte geräuschvoll und verschwand darauf mit dem Toben eines Wasserfalls in den wirbelnden Wellen.

Ganz eingenommen von diesem Schauspiele, versah sich Cyprien sehr wenig dessen, was der Zufall ihm hinter der Ecke des kleinen Hügels aufgespart hatte, den er eben mit seinem Begleiter überschritt.

Es bestand in nichts Geringerem als in der Person Annibal Pantalacci’s, der, noch immer zu Pferde, Matakit mit verhängtem Zügel verfolgte! Nur eine Meile lag etwa noch zwischen Beiden, während sie wenigstens vier Meilen von Cyprien und dem Chinesen trennten.

Bei der hellen Sonne, welche ihre Strahlen fast senkrecht herabsandte, und in dieser von einer Fülle von Licht übergossenen Ebene, nebst der durch einen frischen, noch immer anhaltenden Ostwind gereinigten Atmosphäre konnte ein Zweifel an dem Gesehenen gar nicht aufkommen.

Beide waren von dieser Wahrnehmung so entzückt, daß es ihre erste Bewegung war, dieselbe durch eine wirkliche arabische Fantasie zu feiern! Cyprien stieß sein Hurrah hervor und Lî sein Hugh, welches dieselbe Bedeutung hatte, dann setzten sie ihre Giraffen in scharfen Trab.

Offenbar hatte Matakit den Neapolitaner bemerkt, der gegen ihn an Distanz zu gewinnen schien; seinen alten Herrn und seinen Kopje-Kameraden konnte er jedoch, wegen der zu weiten Entfernung am Rande der Ebene, gewiß noch nicht wahrnehmen.

Der junge Kaffer trieb auch beim Erblicken Pantalacci’s, der nicht der Mann dazu war, lange Umstände zu machen, und der ihn gewiß wie einen Hund niederschießen würde, ohne erst weitere Erklärungen abzuwarten, seinen von einem Strauße gezogenen Karren so schnell als möglich vorwärts.

Das schnellfüßige Thier flog nur so dahin und sauste weiter wie der Wind, bis es sich plötzlich an einem großen Stein heftig stieß. Das veranlaßte einen so starken Stoß, daß die durch die lange und beschwerliche Fahrt mitgenommene Achse des Karrens glatt abbrach. Da sich gleichzeitig ein Rad aus seinem Lager löste, blieb Matakit mit dem Gefährt, das ihn bisher getragen, mitten auf dem Wege unerwartet sitzen.

Der unglückliche Kaffer mochte durch den dabei erlittenen Sturz stark beschädigt sein. Der Schreck aber, der ihm einmal in den Gliedern saß, widerstand auch einem solchen Stoße, oder wurde vielmehr durch denselben verdoppelt. Fest überzeugt, daß es um ihn geschehen sei, wenn er sich von dem grausamen Neapolitaner fangen ließ, erhob er sich eiligst, spannte den Strauß aus und setzte diesen, indem er sich auf seinen Rücken schwang, in schnellsten Galopp.

Jetzt begann eine halsbrecherische Steeple-chase, wie die Welt seit den römischen Kampfspielen wohl noch keine gesehen, in welchen ebenfalls Strauße und Giraffen verschiedene Programm-Nummern ausfüllten.

Während nämlich Annibal Pantalacci den flüchtigen Matakit verfolgte, eilten Cyprien und Lî nun den Spuren des Einen wie des Andern nach. Sie hatten ja ein lebhaftes Interesse daran, Beide zu erreichen, den jungen Kaffer, um die Frage wegen des gestohlenen Diamanten zum Austrag zu bringen, und den schurkischen Neapolitaner, um ihn zu züchtigen, wie er es verdiente.

Die von ihren Reitern angetriebenen Giraffen flogen denn auch, als jene den eingetretenen Unfall bemerkt, bald die langen Hälse weit vorgestreckt, das Maul geöffnet und die Ohren zurückgeschlagen, angespornt und gepeitscht, so daß sie ihr Möglichstes an Geschwindigkeit leisten mußten, fast ebenso schnell wie die besten Vollbluthengste dahin.

Matakit’s Strauß leistete wirklich Wunder an Schnelligkeit. Kein Sieger im Derby-Rennen oder in dem um den großen Preis der Stadt Paris hätte mit ihm in die Schranken treten können. Seine zum Fliegen zwar zu kurzen Schwingen unterstützen ihn doch, seinen Lauf zu beschleunigen. Alles das ging so schnell vor sich, daß der junge Kaffer schon binnen wenigen Minuten über den, der ihn verfolgte, einen ganz beträchtlichen Vorsprung gewonnen hatte.

O, Matakit hatte sich, als er einen Strauß dazu wählte, ein vortreffliches Reitthier zugelegt. Wenn er sich nur eine Viertelstunde in dieser Gangart halten konnte, so mußte er unzweifelhaft aus dem Bereiche jeden Angriffs und aus den Klauen des Neapolitaners gerettet sein.

Annibal Pantalacci begriff recht wohl, daß die geringste Verzögerung ihn um all‘ seinen Vortheil bringen mußte. Schon vergrößerte sich die Entfernung zwischen dem Flüchtling und ihm selbst. Jenseits des Maisfeldes, durch welches diese wilde Jagd ging, erstreckte sich über Sehweite hinaus dichtes Buschwerk von Mastixbüschen und indischen Feigenbäumen. Wenn Matakit diese erreichte, war es so gut wie unmöglich, ihn wiederzufinden, da er damit den Augen völlig verschwand.

Dahingaloppirend verfolgten Cyprien und der Chinese den Wettstreit mit leicht erklärlichem Interesse. Endlich waren sie an dem Fuß des Hügels angelangt, und jagten nun auch durch das ausgedehnte Feld, aber immer noch trennten sie drei Meilen ebenso von dem Jäger wie von dem Gejagten.

Dennoch konnten sie sehen, daß der Neapolitaner durch übermenschliche Anstrengung zuletzt ein wenig über den Flüchtling an Wegstrecke gewonnen hatte. Ob der Strauß nun erschöpft war, oder sich an einem Baumstumpf oder einem Felsstück verletzt hatte, jedenfalls erschien seine Schnelligkeit jetzt wenigstens vermindert. Annibal Pantalacci befand sich bald nur noch dreihundert Fuß von dem Kaffern entfernt.

Da erreichte Matakit aber den Saum des Dickichts; sofort verschwand er in demselben; im nächsten Augenblick stürzte Annibal Pantalacci, mit Gewalt aus dem Sattel geschleudert, zu Boden, während sein Pferd querfeldein entfloh.

»Matakit entwischt uns! rief Lî.

– Ja, aber Pantalacci, der Schurke ist in unsere Hand gegeben!« antwortete Cyprien. Beide trieben ihre Giraffen schneller vorwärts.

Eine halbe Stunde später, nachdem sie das Maisfeld fast vollständig durchmessen, waren sie nicht weiter als höchstens noch fünfhundert Fuß von der Stelle entfernt, wo der Neapolitaner zum Stürzen gekommen war. Für sie entstand nun die Frage, ob Annibal Pantalacci sich hatte erheben und das Mastixdickicht erreichen können, oder ob er noch, schwer verletzt von dem Falle – vielleicht gar todt – dort am Boden lag.

Der Bube war noch immer da. Hundert Schritt vor ihm hielten Cyprien und Lî. Der Grund seines Unfalls erwies sich als folgender:

In der Hitze der Verfolgung hatte der Neapolitaner ein ungeheures Netz nicht bemerkt, welches hier von Kaffern ausgespannt war, um die Vögel zu fangen, welche deren Ernten unaufhörlich berauben. In dieses Netz hatte Annibal Pantalacci sich verwickelt.

Das war aber kein Netz von geringen Verhältnissen! Es maß mindestens fünfhundert Meter auf jeder Seite und enthielt schon mehrere tausend Vögel jeder Art, Größe und Gefieders, unter anderen auch ein halbes Dutzend jener riesigen Gypaëten mit einer Flügelspannweite von einundeinhalb Meter, welche zuweilen in diesen Gegenden des südlichen Afrikas vorkommen.

Das plötzliche Hineinstürzen des Neapolitaners in diese Welt von Vögeln brachte letztere natürlich in ungeheure Aufregung.

Zuerst von dem Falle etwas betäubt, hatte Annibal Pantalacci fast sofort versucht, sich wieder zu erheben. Seine Füße, Beine und Hände waren aber in den Maschen des Netzes so fest gefangen, daß es ihm auf den ersten Anlauf nicht gelang, sich daraus zu befreien.

Dennoch hatte er keine Zeit zu verlieren. Er stieß und schlug um sich herum, zerrte aus Leibeskräften an dem Netze, hob es theilweise auf und suchte es von den Pfählen am Erdboden, die dasselbe hielten, abzureißen, während die großen und kleinen Vögel dasselbe thaten, um ihre Freiheit wieder zu erlangen.

Je mehr der Neapolitaner aber sich abmarterte, desto mehr verwickelte er sich in die festen Maschen des gewaltigen Netzes.

Da sollte ihm auch noch die schlimmste Erniedrigung bevorstehen. Eine der Giraffen hatte ihn erreicht, und der Reiter derselben war kein anderer als der Chinese. Lî war mit kalter Bosheit zur Erde gesprungen und hatte, in der Meinung, sich des Gefangenen gar nicht besser versichern zu können, nichts Eiligeres zu thun, als die entgegengesetzte Seite des Netzes theilweise abzulösen und dessen Maschenwerk auch noch um Jenen herumzuschlagen.

In diesem Augenblick aber ereignete sich ein höchst unerwarteter Theatercoup.

Es erhob sich nämlich urplötzlich ein so heftiger Wind, daß er die Bäume in der Umgebung niederbog, fast als wenn eine Windhose über den Erdboden wegstriche.

Durch verzweifelte Anstrengung war es Annibal Pantalacci inzwischen gelungen, schon eine ziemliche Anzahl Pfähle aus der Erde zu zerren, welche den unteren Rand des Netzes festgehalten hatten.

Jetzt, wo er seine bevorstehende Gefangennehmung vor sich sah, verdoppelte er nur seine fruchtlosen Versuche. Plötzlich, als der Sturm mit erneuter Wuth einsetzte, wurde das Netz zerrissen, die letzten Fesseln, welche dieses ungeheure Schnurgespinnst noch am Boden gehalten, wurden gebrochen und der Vogelschwarm darin flatterte mit ohrzerreißendem Geschrei nach aufwärts. Den kleinen Vögeln gelang es zu entkommen; den größeren aber, deren Krallen noch in den Maschen verwickelt saßen, als ihre Flügel frei wurden, [Zeile fehlt im Buch. Re.] zusammen zu arbeiten. Die Vereinigung aller dieser Windflügel und die vielen Brustmuskeln, deren Bewegung gleichzeitig vor sich ging, bildeten, unterstützt von dem wüthenden Sturme, eine so gewaltige Kraft, daß hundert Kilogramm gegenüber derselben nicht mehr als eine Feder wogen.

Das ausgerissene, halb zusammengerollte, in sich selbst verwickelte Netz, das dem Winde immerhin einen ziemlich großen Angriffspunkt darbot, wurde denn auch plötzlich mit dem an Händen und Füßen gefesselten Annibal Pantalacci wenigstens dreißig Meter hoch emporgehoben.

Cyprien kam in diesem Augenblicke hinzu, konnte aber nur der Entführung seines Feindes nach der Region der Wolken noch zusehen.

Jetzt zeigte das gefiederte Volk der Gypaëten, vielleicht erschöpft von der ersten Anstrengung, offenbar Neigung, unter Beschreibung eines weiten Bogens wieder herunterzukommen. Binnen drei Secunden erreichte dasselbe den Saum der Mastix- und Feigenbäume, welcher sich westlich von dem Maisfelde hinzog. Nachdem die Thiere drei oder vier Meter über dem Erdboden deren Gipfel gestreift, erhoben sie sich noch einmal in die Lüfte.

Mit Schrecken sahen Cyprien und Lî den Unglückseligen in dem Netze hängen, mit dem er jetzt durch die gewaltige Anstrengung der Vögel und mit Hilfe des Sturmwindes mehr als hundertfünfzig Fuß über der Erdboden erhoben wurde.

Plötzlich gaben einige Maschen den Angriffen des Neapolitaners nach. Man sah ihn einen Moment an den Händen hängen und nach den Stricken des Netzes greifen … Da öffneten sich aber seine Hände, er ließ los, fiel, eine schwere Masse nieder, und zerschmetterte sich auf dem Erdboden.

Das um sein Gewicht erleichterte Netz flog jetzt noch einmal höher, wurde noch einige Meilen mit fortgerissen, und sank dann hinab, als die Gypaëten ihre Krallen befreit hatten und nun hoch hinauf entflohen.

Als Cyprien hinzugelaufen kam, um ihm Hilfe zu bringen, war sein Feind schon todt … todt unter diesen entsetzlichen Umständen!

Jetzt war er also allein noch übrig von den vier Rivalen, welche zur Erreichung desselben Zieles durch die Ebenen des Transvaal ausgezogen waren.

Achtzehntes Capitel


Achtzehntes Capitel

Ein sprechender Strauß

Nach dieser erschreckenden Katastrophe hatten Cyprien und Lî nur noch einen Gedanken: die Stelle derselben schnellstens zu verlassen.

Sie beschlossen also, längs des Dickichts nach Norden hinzuziehen, ritten so eine Stunde lang weiter und kamen endlich an ein fast ausgetrocknetes Flußbett, welches einen Durchgang in dem Mastix- und Feigenwald bildete, den sie bequem benützen konnten.

Hier wartete ihrer aber eine neue Ueberraschung. Der Strom ergoß sich nämlich in einen geräumigen See, an dessen Ufer sich eine Wand von üppigstem Grün erhob, die dem Auge bis jetzt verdeckt gewesen war.

Cyprien wäre gerne umgekehrt, um längs des Seeufers hinzugehen, das Ufer war aber so abschüssig, daß er bald darauf verzichten mußte. Eine Rückkehr auf dem eben zurückgelegten Wege beraubte ihn andererseits auch fast jeder Hoffnung, Matakit wiederzufinden.

Am jenseitigen Ufer erhob sich nun eine Hügelreihe, welche sich durch eine Strecke wellenförmigen Landes an ziemlich hohe Berge anschloß. Cyprien hoffte durch Erklimmung eines Gipfels einen allgemeineren Ueberblick gewinnen und dann einen bestimmten Plan entwerfen zu können.

Lî und er brachen also auf, um den See zu umkreisen. Der Mangel jedes eigentlichen Weges machte das sehr schwierig, vorzüglich, da sie zuweilen genöthigt waren, die beiden Giraffen am Zügel nachzuführen. Deshalb brauchten sie wohl über drei Stunden, um eine Entfernung von sieben bis acht Kilometern in der Luftlinie zurückzulegen.

Als sie dann endlich auf dem Wege rund um den See etwa an einer, ihrem ersten Ausgangspunkt ziemlich genau gegenüberliegenden Stelle anlangten, wurde es schon finster. Erschöpft von der Anstrengung, beschlossen sie zu übernachten. Bei den wenigen ihnen gebliebenen Hilfsmitteln konnte das Lager freilich nur sehr nothdürftig ausgestattet werden. Lî ließ sich das jedoch mit gewohntem Eifer angelegen sein, und als er damit fertig war, trat er an seinen Herrn heran.

»Väterchen, begann er mit seiner schmeichelnden und gleichzeitig tröstenden Stimme, ich sehe, daß Sie sehr ermattet sind. Unser Proviant ist fast gänzlich erschöpft. Lassen Sie mich nach einem Dorfe auf Kundschaft gehen, wo man mir Hilfe gewiß nicht verweigern wird.

– Mich verlassen, Lî? rief zuerst Cyprien.

– Es muß sein, Väterchen! antwortete der Chinese. Ich nehme die eine Giraffe und reite nach Norden zu hinauf … Tonaïa’s Hauptstadt, von der Lopepe uns sprach, kann nun nicht mehr weit sein, und ich werde Alles vorbereiten, daß Sie dort einen guten Empfang finden. Dann kehren wir nach dem Griqualande zurück, wo Sie nichts mehr von solchen Schurken zu fürchten haben werden, wie von den Dreien, welche im Laufe unserer Reise alle zu Grunde gegangen sind!«

Der junge Ingenieur überlegte den Vorschlag, den ihm der ergebene Chinese machte. Er sah einerseits ein, daß, wenn der junge Kaffer wieder gefunden werden könnte, es bestimmt in der hiesigen Gegend sein mußte, wo man ihn am Tage vorher gesehen, und daß es von Bedeutung war, diese nicht zu verlassen. Andererseits erschien es höchst nothwendig, die allmählich unzureichend werdenden Vorräthe zu erneuern. Cyprien entschied sich also, wenn auch zu seinem großen Leidwesen, dafür, sich von Lî zeitweilig zu trennen und es wurde dabei abgemacht, daß er diesen achtundvierzig Stunden lang an der nämlichen Stelle erwarten werde. In achtundvierzig Stunden konnte der auf seiner schnellen Giraffe reitende Chinese eine ziemlich große Wegstrecke zurückgelegt haben und nach dem Lagerplatz zurückgekehrt sein. Nachdem dieser Beschluß gefaßt, wollte Lî auch keine Minute verlieren. Ob er ausruhen konnte oder nicht, das machte ihm keine besondere Sorge. Er war schon im Stande, einmal eine Nacht den Schlaf zu übergehen. Er nahm also Abschied von Cyprien, indem er diesem die Hand küßte, holte seine Giraffe, sprang auf dieselbe und verschwand in der Finsterniß.

Zum ersten Male seit seinem Aufbruche aus der Vandergaart-Kopje sah Cyprien sich nun allein in der weiten Wüste. Er fühlte sich recht traurig und konnte nicht umhin, sich, nachdem er seine Decke umgeschlagen, den traurigsten Ahnungen zu überlassen. Vereinsamt, fast am Ende mit allen Nahrungsmitteln und mit dem Schießbedarf, was sollte hier im unbekannten Lande, mehrere Hundert Meilen von jeder civilisirten Gegend wohl noch aus ihm werden? Matakit wieder zu treffen, war ja nur eine ziemlich schwache Aussicht. Konnte dieser sich nicht vielleicht einen halben Kilometer von ihm entfernt befinden, ohne daß er dessen Nähe zu muthmaßen vermochte? Wahrhaftig, dieser Zug wurde schwer vom Unglück verfolgt und war schon durch so viele traurige Vorkommnisse ausgezeichnet. Fast jedes Hundert zurückgelegter Meilen hatte einem seiner Mitglieder das Leben gekostet. Nur ein Einziger war noch übrig! … Er selbst! … War vielleicht auch ihm ein ebenso elender Tod beschieden, wie den Uebrigen?

Solcher Art waren die trüben Reflexionen Cypriens, der aber doch zuletzt dabei einschlief.

Die Morgenfrische und die Ruhe, welche er eben genossen, verliehen seinen Gedanken, als er wieder erwachte, eine mehr Hoffnung erweckende Richtung. In Erwartung der Rückkehr des Chinesen beschloß er, den höchsten Hügel zu besteigen, an dessen Fuße sie Halt gemacht hatten. Dort konnte er voraussichtlich eine größere Strecke der Umgebung überblicken und vielleicht mit Hilfe seines Fernrohres gar irgend eine Spur von Matakit entdecken. Um das auszuführen, mußte er sich freilich unbedingt von seiner Giraffe trennen, da bekanntlich noch kein Naturforscher diese Vierfüßler in die Ordnung der Kletterthiere versetzt hat.

Cyprien begann also damit, jener die von Lî so sinnreich hergestellte Halfter abzunehmen, dann band er einen Stock an das Knie des Thieres und an einen mit dichtem feinen Grase umgebenen Baum, wobei er den Strick so lang hängen ließ, daß jenes nach Belieben Futter suchen konnte. Wenn man die Länge seines Halses der des Stockes hinzurechnete, so ließ gewiß der Umkreis der dem graziösen Thiere gelassenen Weidefläche nichts zu wünschen übrig.

Nach Vollendung dieser Vorbereitungen nahm Cyprien die Büchse auf die eine Schulter, seine Decke auf die andere, und nachdem er sich von der Giraffe mit einem freundlichen Streicheln verabschiedet, begann er die Besteigung des Berges.

Dieser Aufstieg wurde lang und beschwerlich. Der ganze Tag verlief damit, steile Abhänge emporzuklimmen, Felsen oder unübersteigliche Spitzen zu umgehen und von Osten oder Süden her einen von Norden oder Westen fruchtlos gebliebenen Versuch auf’s Neue anzufangen.

Bei Anbruch der Nacht befand sich Cyprien erst in halber Höhe und mußte die weitere Besteigung bis zum nächsten Tage verschieben.

Mit Tagesanbruch, und nachdem er sich durch scharfes Heruntersehen überzeugt, daß Lî noch nicht nach dem Lager zurückgekehrt war, gelangte er endlich gegen elf Uhr Vormittags auf den Gipfel des Berges.

Hier erwartete ihn eine grausame Enttäuschung. Der Himmel hatte sich mit Wolken bedeckt. Dichte Nebelmassen wallten um die unteren Bergwände, und vergeblich bemühte sich Cyprien die Schleier zu durchschauen, um die benachbarten Thalmulden zu überblicken. Das ganze Land ringsum verschwand unter dieser Anhäufung unförmlicher Dunstmassen, welche unter sich nicht das mindeste erkennen ließen.

Cyprien ließ sich nicht abschrecken; er wartete und hoffte noch immer, daß eine Aufklärung ihm gestatten würde, den fernen Horizont, wie er wünschte, absuchen zu können – vergeblich! Je mehr der Tag vorschritt, desto mehr schienen die Wolken an Dichtheit zuzunehmen, und als die Nacht herankam, schlug das Wetter gar noch in Regen um.

Der junge Mann sah sich also von dieser höchst prosaischen Naturerscheinung gerade auf der Höhe dieser kahlen Hochfläche überrascht, welche keinen einzigen Baum trug und kein Felsstück zeigte, das einigen Schutz hätte gewähren können. Nichts als der nackte, ausgetrocknete Erdboden und alles ringsum von herabsinkendem Regen verhüllt, der nach und nach Decken, Kleidung und Alles bis auf die Haut durchtränkte.

Die Lage war in der That eine kritische, und doch mußte er sich wohl oder übel mit derselben abfinden. Unter jetzigen Verhältnissen einen Abstieg zu versuchen, wäre die reine Tollheit gewesen. Cyprien ließ sich denn auch ruhig bis auf die Knochen durchnässen, indem er darauf rechnete, sich am Morgen in der warmen Sonne wieder zu trocknen.

Nachdem die erste Unannehmlichkeit überwunden, sagte sich Cyprien, daß dieser Regen – eine erfrischende Douche nach der Trockenheit der vorhergehenden Tage – wie um sich über sein Mißgeschick zu trösten, eigentlich etwas recht wünschenswerthes sei, eine der peinlichsten Folgen bestand aber darin, daß er sein Essen, wenn auch nicht ganz roh, so doch ganz kalt genießen mußte. Ein Feuer anzuzünden oder selbst nur ein Streichhölzchen bei solchem Wetter in Brand zu setzen, daran war gar nicht zu denken. Er begnügte sich also, eine Büchse mit conservirtem Fleisch zu essen, und dasselbe zu verzehren, wie es eben war.

Eine oder zwei Stunden später gelang es dem jungen Ingenieur, der von dem Regen halb erstarrt war, doch einzuschlafen, wobei er den Kopf auf einen großen, mit seiner tropfenden Decke belegten Stein stützte.

Als er mit dem Morgenrothe erwachte, war er – die Beute eines hitzigen Fiebers geworden.

Unter der Einsicht, daß er verloren sei, wenn er einer solchen Douche noch länger ausgesetzt blieb – denn der Regen fiel noch immer in Strömen herab, raffte sich Cyprien mit aller Anstrengung auf, erhob sich auf die Füße und begann, auf seine Büchse wie auf einen Stock gestützt, den Berg wieder hinabzuklettern.

Wie er unten ankommen würde, das hätte er sich freilich selbst nur schwer sagen können. Bald auf den erweichten Lehnen halb rollend, bald über das nasse Felsgestein gleitend, erschöpft, keuchend, halb erblindet und vom Fieber geschüttelt, vermochte er doch seinen Weg fortzusetzen, und gelangte gegen Mittag nach dem Lagerplatze, wo er seine Giraffe zurückgelassen hatte.

Das Thier war jedenfalls ungeduldig, weil es sich so allein befand, oder vielleicht auch getrieben durch den Hunger, denn in dem großen Kreise, dessen Radius sein Stock gebildet hatte, war das Gras abgefressen, davon gelaufen. Jedenfalls hatte es zuletzt den Strick, der dasselbe hielt, angenagt und war, nachdem es diesen durchbissen, frei geworden.

Cyprien hätte diesen neuen Schlag des Mißgeschickes gewiß viel schwerer empfunden, wenn er sich in normalem Zustande befunden hätte. Die unendliche Schlaffheit und die Erschöpfung ließen ihm dazu jedoch kaum die Kraft. Als er ankam, konnte er sich nur noch auf seinen Reisesack werfen, der keinen Regen durchließ und den er zum Glücke wieder fand, warf sich dann schnell noch in trockene Kleider und brach dann aber unter dem Schutze eines Baumes, der das Lager beschattete, zusammen.

Nun begann für ihn eine Periode wunderlichen Halbschlafes, von Fieber und Delirien, in der sich alle Wahrnehmungen vermischten, wo Zeit, Raum und Entfernung für ihn keine Bedeutung mehr hatten. War es Nacht oder Tag? Herrschte Regen oder Sonnenschein? Befand er sich hier seit zwölf oder sechzig Stunden? Lebte er noch oder war er todt? Er wußte sich über nichts Rechenschaft zu geben. Liebliche Träume und peinliches Alpdrücken lösten einander auf der Bühne seiner Einbildung ab. Paris, die Bergwerksschule, der väterliche Herd, die Farm der Vandergaart-Kopje, Miß Watkins, Annibal Pantalacci, Hilton, Friedel, Legionen von Elephanten, Matakit und große Vogelschwärme, die einen grenzenlosen Himmel bedeckten, alle Empfindungen, alle Antipathien, Alles, was er liebte und haßte, prallte in seinem Gehirn, wie in unzusammenhängendem Kampfe, gegen einander. An diese Fiebergestalten schlossen sich dann noch zuweilen äußere Eindrücke. Wahrhaft schrecklich war vorzüglich ein solcher, als der Kranke inmitten eines vollen Ungewitters von bellenden Schakals, vom Geschrei von Tigerkatzen und dem Grinsen von Hyänen ängstlich diese Bilder seines Deliriums verfolgte und einen Flintenschuß zu hören glaubte, auf den es dann merkwürdig still wurde.

Bald darauf begann aber das Höllenconcert von Neuem, um bis zum Tagesgrauen fortzudauern.

Unter diesen Bildern wäre Cyprien sicherlich, ohne eine Empfindung davon zu haben, zur ewigen Ruhe eingegangen, wenn nicht ein höchst eigentümlicher Zwischenfall, auf den hier gewiß kein Mensch gerechnet hätte, dem natürlichen Laufe der Dinge Einhalt that.

Als der Morgen kam, regnete es nicht mehr und die Sonne stand schon ziemlich hoch am Himmel, als Cyprien die Augen aufschlug. Da bemerkte er, ohne besondere Ueberraschung, einen sehr großen Strauß, der auf ihn zukam und zwei oder drei Schritte vor ihm stehen blieb.

»Sollte das vielleicht der Strauß Matakit’s sein?« fragte er sich, noch immer seiner fixen Idee nachhängend.

Der Stelzfüßler selbst übernahm es da, ihm Antwort, und was gewiß noch merkwürdiger war, in französischer Sprache zu geben.

»Ich täusche mich nicht! … Cyprien Méré! … Mein armer Kamerad, was zum Teufel machst denn Du hier?«

Ein Strauß, der seine Muttersprache redete, ein Strauß, der seinen Namen kannte, das hätte gewiß jeden Mann mit gesundem Verstande in das größte Erstaunen versetzt. Cyprien wurde durch dieses so unwahrscheinliche Phänomen dagegen nicht im Geringsten erregt, und fand es vielmehr ganz natürlich. Er hatte im Laufe der letzten Nacht in seinen Träumen noch ganz Anderes gesehen! Das Ganze erschien ihm höchstens als eine Folge seiner augenblicklichen geistigen Verwirrung.

»Sie sind nicht besonders höflich, Madame Strauß!« antwortete er »Wer giebt Ihnen das Recht, mich zu dutzen?«

Er sprach mit dem trockenen, kurz abgebrochenen Tone, der Fieberkranken eigen ist und keinen Zweifel über deren Zustand aufkommen läßt, was dem Strauße hier sehr zu Herzen zu gehen schien.

»Cyprien! … Alter Freund!… Du bist krank und allein in dieser Einöde!« rief das Thier und sank neben ihm in die Knie.

Das war eine nicht minder abnorme physiologische Erscheinung, wie die Sprachfähigkeit eines Stelzfüßlers, denn die Kniebeuge ist eine Bewegung, die ihnen gewöhnlich von der Natur versagt ist. In seinem Fieber erstaunte Cyprien auch hierüber nicht weiter. Er fand es sogar ganz einfach, daß der Strauß unter seinem linken Flügel eine Art Lederflasche mit frischem, mit etwas Cognac vermischtem Wasser hervorlangte und ihm die Oeffnung derselben an den Mund brachte.

Das Einzige, was ihn doch zu verwundern anfing, war, daß das merkwürdige Thier plötzlich aufstand, dann eine Art mit Marabuts bedeckten Pelzes zur Erde warf, der sein natürliches Gefieder zu bilden schien, und nachher ebenso einen langen Hals, auf dem ein Vogelkopf saß. Dieser erborgten Zieraten entkleidet, zeigte er sich ihm dann als ein großer, kräftiger Bursche, der kein Anderer war, als Pharamond Barthès, der große Jäger vor dem Herrn und den Menschen.

»Nun ja, ich bin es!« rief Pharamond. »Hast Du mich denn nicht bei den ersten Worten, die ich an Dich richtete, erkannt? … Du erstaunst über meine Vermummung? … Das ist eine Kriegslist, die ich den Kaffern nachgeahmt habe, um richtige Strauße aufzusuchen und sie mit dem Wurfspieße zu erlegen. Doch reden wir jetzt von Dir, armer Freund! … Wie kommst Du krank und verlassen hierher? … Nur infolge großen Zufalls hab‘ ich Dich aufgefunden, als ich diese Seite des Berges umwanderte, und wußte ja nicht einmal, daß Du hier im Lande warst.«

Cyprien, der ja kaum sprechen konnte, vermochte seinem Freunde natürlich nur sehr dürftige Auskunft über sich selbst zu geben. Pharamond sah auch zeitig genug ein, was hier am nöthigsten zu thun sei, das heißt, dem Kranken mußte die Hilfe werden, die er bis jetzt entbehrt, und er ging denn sofort daran, ihn so gut wie er konnte in Behandlung zu nehmen.

Der kühne Jäger hatte in der Wüste schon hinreichende Erfahrungen gesammelt und von den Kaffern eine sehr wirksame Heilmethode des Sumpffiebers, von dem sein armer Freund befallen war, kennen gelernt.

Pharamond Barthès begann also in der Erde eine Grube auszuheben, die er mit Holz anfüllte, wobei er eine Röhre aussparte, um der freien Luft den Eingang zu gestatten. Als das Holz entzündet und verbrannt war, hatte es die Grube zu einem wirklichen Backofen umgewandelt. Pharamond Barthès steckte den sorgfältig eingewickelten Cyprien dann so hinein, daß nur dessen Kopf noch frei blieb. Zehn Minuten waren noch nicht verflossen, als sich schon reichlicher Schweiß zeigte, eine Absonderung, welche der improvisirte Doctor noch mit fünf bis sechs Tassen eines Aufgusses zu verstärken suchte, welchen er aus mehreren ihm bekannten Kräutern hergestellt hatte.

Cyprien verfiel in diesem Backtrog bald in tiefen erquickenden Schlaf.

Als er bei Sonnenuntergang die Augen wieder öffnete, fühlte der Kranke sich so bemerkbar erleichtert, daß er zu essen verlangte. Sein erfinderischer Freund wußte allemal zu helfen; er bereitete ihm sofort eine kräftige Suppe, die er aus den besten Erzeugnissen der Jagd und verschiedenem Wurzelwerk hergestellt hatte. Ein gebratener Trappenflügel, eine Tasse heißes Wasser mit Cognac vervollständigten diese Mahlzeit, welche Cyprien einige Kräfte wiedergab und sein Gehirn von dem dasselbe noch umhüllenden Dunste befreite.

Eine Stunde nach diesem Wiedergenesungs-Diner saß Pharamond Barthès, der auch selbst tüchtig gegessen hatte, neben dem jungen Ingenieur und erzählte, wie es gekommen, daß er sich hier allein und in dieser seltsamen Vermummung befunden hatte.

»Du weißt, sagte er, wessen ich fähig bin, wenn sich’s darum handelt, eine neue Art der Jagd zu versuchen. Seit sechs Monaten hab‘ ich nun soviel Elephanten, Zebras, Giraffen, Löwen und anderes Haar- und Federwild – einen Kannibalen-Adler, den Stolz meiner Sammlung, nicht zu übergehen – erlegt, daß mich vor einigen Tagen die Lust anging, einmal meine Jagdbelustigungen zu verändern. Bis hierher zog ich in Begleitung meiner dreißig Bassutos, einer Heerde entschlossener Gesellen, die ich per Monat mit einem Säckchen Glaskügelchen bezahle und die für ihren Herrn und Meister durch’s Feuer gehen würden. Kürzlich hab‘ ich aber die Gastfreundschaft Tonaïa’s, des großen Häuptlings des Landes, genossen, und in der Absicht, von ihm die Berechtigung zur Jagd auf seinem Gebiete zu erhalten – ein Recht, auf das er ebenso eifersüchtig ist, wie ein schottischer Lord – stimmte ich zu, ihm meine Bassutos nebst vier Flinten zu einem Zuge gegen seine Nachbarn zu leihen. Diese Bewaffnung machte ihn natürlich unbesiegbar, und er hat auch über seine Feinde den erhofften Triumph davon getragen. Daraus entstand eine innige Freundschaft zwischen ihm und mir, die durch einen Blutsaustausch besiegelt wurde, das heißt, wir brachten uns gegenseitig einen kleinen Stich am Vorderarm bei. Seitdem bin ich also mit Tonaïa auf Leben und Tod verbündet. Vor jeder Belästigung in seinem ganzen Gebiete sicher, zog ich nun vorgestern aus, um Tiger und Strauße zu jagen. Einen Tiger hatte ich das Glück vergangene Nacht zu erlegen, und es sollte mich wundern, wenn Du den Lärm, der jenem Zweikampfe voranging, nicht vernommen hättest. Stelle Dir vor, daß ich neben dem Körper eines vorher getödteten Büffels eine Schutzhütte errichtet hatte, in der gegründeten Hoffnung, einen Tiger im Laufe der Nacht heranschleichen zu sehen. Und wahrlich, der Bursche ließ nicht auf sich warten, da ihn der Geruch des frischen Fleisches anziehen mochte; das Unglück wollte aber, daß zwei- bis dreihundert Schakals, Hyänen und Tigerkatzen den nämlichen Gedanken wie er gehabt hatten. Daraus entstand denn ein Höllenconcert, das wohl bis zu Dir hierher hörbar gewesen sein muß.

– Ja, ich glaube es vernommen zu haben, antwortete Cyprien. Ich glaubte sogar, dasselbe würde mir zu Ehren gegeben!

– Keineswegs, wackerer Freund! rief Pharamond Barthès. Es ertönte zu Ehren eines todten Büffels, dort in dem Thale, das Du zur rechten Hand sich öffnen siehst. Als der Tag graute, hatte ich von dem gewaltigen Wiederkäuer nur noch die Knochen übrig. Ich werde Dir’s zeigen. Es ist ein hübsches anatomisches Präparat! Du wirst auch meinen Tiger sehen, das schönste Thier, welches ich seit meiner Ankunft in Afrika erlegt habe. Ich habe es schon abgehäutet und sein Fell hängt nun zum Trocknen an einem Baume.

– Warum aber die seltsame Verkleidung, welche Du heute Morgen trugst? fragte Cyprien.

– Ja, das war ein Straußcostüm. Wie ich Dir sagte, gebrauchen die Kaffern oft diese List, um sich den Stelzfüßlern zu nähern, welche sonst sehr scheu und nur schwer zu schießen sind. Du wirst mir antworten, ich hätte ja meine vorzügliche Büchse. Das ist wohl wahr, doch … ich hatte nun einmal Lust bekommen, auf Kaffernweise zu jagen, und das hat mir außerdem den Vortheil gewährt, Dich gerade zur rechten Zeit aufzufinden, nicht wahr?

– Wahrhaftig, zur rechten Zeit, Pharamond! … Ich glaube, ohne Dich gehörte ich dieser Welt jetzt wohl nicht mehr an!« antwortete Cyprien, indem er die Hand des Freundes herzlich drückte.

Er befand sich jetzt nicht mehr im Backofen, sondern lag gemächlich ausgestreckt auf einem Bette von Blättern, das sein Gefährte ihm am Fuße des Baobab hergerichtet hatte.

Der wackere junge Mann begnügte sich aber hiermit noch nicht. Er wollte aus dem benachbarten Thale das Schutzzelt holen, welches er bei allen Ausflügen mit sich zu führen pflegte, und eine Viertelstunde später hatte er es schon über dem ihm theuren Kranken aufgestellt.

»Und nun lass‘ mich Deine Geschichte hören, Freund Cyprien, sagte er, vorausgesetzt, daß Dich die Erzählung nicht zu sehr anstrengt.«

Cyprien fühlte sich kräftig genug, den so natürlichen Wunsch Pharamond Barthès‘ zu erfüllen. Immerhin nur ziemlich kurz, schilderte er ihm die Ereignisse, welche sich im Griqualande zugetragen; warum er dasselbe in der Verfolgung Matakit’s und seines Diamanten verlassen, ferner die Hauptvorkommnisse des Zuges, den dreifachen Tod Annibal Pantalacci’s, Friedel’s und James Hilton’s, das Verschwinden Bardik’s und endlich, daß er hier die Wiederkehr seines Dieners Lî erwarte, welcher ihn an eben dieser Stelle wieder aufsuchen sollte.

Pharamond Barthès lauschte dem allen mit gespannter Aufmerksamkeit. Auf die Frage, ob er einem jungen Kaffer begegnet sei, dessen äußere Erscheinung Cyprien ihm möglichst genau beschrieb – er meinte Bardik – antwortete er verneinend.

»Aber, setzte er hinzu, ich habe doch ein herrenloses Pferd aufgefunden, welches vielleicht das Deinige sein könnte.

So erzählte er denn in einem Athem, unter welchen Umständen das betreffende Pferd in seine Hände gefallen sei.

»Es ist genau zwei Tage her, sagte er, ich jagte mit meinen Bassutos in den Bergen des Südens, als ich plötzlich aus einem Hohlwege ein sehr schönes graues Pferd hervorbrechen sah, das nur noch eine Halfter hatte und eine Leine hinter sich herzog. Das Thier wußte offenbar nicht, was es beginnen sollte. Da rief ich es an, wies ihm eine Hand voll Zucker und – es kam zu mir heran. Damit war genanntes Pferd also gefangen, ein herrliches Thier voll Feuer und Muth, und »gesalzen« wie der beste Schinken.

– Das ist das meinige! … Das ist Templar! rief Cyprien.

– Natürlich, lieber Freund, Templar gehört Dir, antwortete Pharamond Barthès, und es wird mir ein besonderes Vergnügen gewähren, Dir denselben zurückzugeben. Doch nun, gute Nacht! Schlaf ordentlich aus! Morgen mit Tagesanbruch machen wir uns auf den Weg!«

Um dem Freunde mit gutem Beispiele voranzugehen, wickelte sich auch Pharamond in seine Decke und schlief neben Cyprien ein.

Am folgenden Morgen kehrte der Chinese pünktlich mit einigem Mundvorrath nach dem Lagerplatz zurück. Nachdem Pharamond Barthès ihn, noch ehe Cyprien erwachte, über Alles unterrichtet, empfahl er ihm, über seinen Herrn zu wachen, während er das Pferd holen wollte, dessen Verlust dem jungen Ingenieur so schmerzlich gewesen war.

Neunzehntes Capitel.


Neunzehntes Capitel.

Die Wundergrotte.

Es war wirklich Templar, den Cyprien am folgenden Morgen vor sich sah, als er aufwachte. Das Wiedersehen gestaltete sich fast zärtlich. Man hätte wohl sagen können, daß das Pferd ein ebenso großes Vergnügen empfand, wie der Reiter, als er den treuen Reisebegleiter wiederfand.

Cyprien fühlte sich nach dem Frühstück kräftig genug, um sich in den Sattel zu schwingen und sofort aufzubrechen. Pharamond Barthès packte dabei alle seine Habseligkeiten auf Templars Rücken, faßte das Thier am Zügel und man machte sich nun auf den Weg nach der Hauptstadt Tonaïa’s.

Unterwegs erzählte Cyprien seinem Freunde die merkwürdigsten Vorkommnisse der Expedition seit dem Verlassen des Griqualandes. Als er auf das letzte Verschwinden Matakit’s, von dem er eine Personalbeschreibung lieferte, zu sprechen kam, fing Pharamond Barthès laut zu lachen an.

»Ah, halt einmal, das ist ja noch etwas Neues, und ich glaube im Stande zu sein, Dir einige Neuigkeiten über Deinen Dieb, wenn auch nicht über Deinen Diamanten, mittheilen zu können.

– Was willst Du damit sagen? fragte Cyprien verwundert.

– Nun, daß meine Bassutos vor kaum vierundzwanzig Stunden einen Gefangenen, einen jungen, im Lande umherschweifenden Kaffern gefangen und an Händen und Füßen gefesselt meinem Freund Tonaïa eingeliefert haben. Ich bin überzeugt, daß diesem recht übel mitgespielt werden möchte, denn Tonaïa hat große Furcht vor Spionen, und der, einem mit dem seinigen verfeindeten Stamme angehörige junge Kaffer mußte von Anfang an der Spionage verdächtig erscheinen. Bisher hat man sein Leben noch geschont. Zum Glück für den armen Teufel ergab sich, daß er ein paar Zauberkunststückchen kannte und auf den Rang eines Propheten Anspruch machen konnte …

– Jetzt zweifle ich keinen Augenblick mehr, daß das Matakit ist! rief Cyprien.

– Nun, er kann sich Glück wünschen, so mit blauem Auge davongekommen zu sein, antwortete der Jäger.

Tonaïa hat für seine Feinde eine große Musterkarte von Strafen ersonnen, die wahrlich nichts zu wünschen übrig lassen. Doch ich wiederhole Dir, Du darfst wegen Deines alten Dieners ganz ruhig sein. Ihn schützt seine Eigenschaft als Zauberer, und wir werden ihn noch heute Abend heil und gesund antreffen.«

Wir brauchen wohl nicht hervorzuheben, daß diese Mittheilung Cyprien zur größten Befriedigung gereichte.

Jetzt war sein Ziel so gut wie erreicht, denn er zweifelte gar nicht, daß Matakit, wenn er sich noch im Besitz des Diamanten John Watkins‘ befand, denselben ohne Widerstand herausgeben werde.

So plauderten die beiden Freunde im Laufe des Tages weiter, während sie die Ebene durchmaßen, welche Cyprien einige Tage früher auf dem Rücken der Giraffe durchzogen hatte.

Gegen Abend wurde die Hauptstadt Tonaïa’s sichtbar, welche halbkreisförmig auf einer Bodenerhöhung lag, die den Horizont im Norden abschloß. Es war das eine wirkliche Stadt von zehn- bis fünfzehntausend Einwohnern, mit guten Straßen und geräumigen, fast eleganten Hütten darin, und verrieth einen gewissen, hier herrschenden Wohlstand. Das von hohen Pfahlwänden umschlossene und von schwarzen Kriegern bewachte Palais des Königs nahm selbst ein Viertel von der ganzen Oberfläche des städtischen Gebiets ein.

Pharamond Barthès brauchte sich nur zu zeigen, da senkten sich schon alle Barrieren vor ihm und er wurde sofort mit Cyprien durch eine Reihe geräumiger Höfe geführt bis zu dem Ceremonien-Saale, in dem sich der »unbesiegliche Eroberer« inmitten zahlreicher Gesellschaft, in der es an Officieren und Wachen nicht fehlte, gewöhnlich aufhielt.

Tonaïa mochte etwa vierzig Jahre zählen. Er war groß und stark. Bedeckt mit einer Art Diadem aus Eberzähnen, bestand seine Kleidung aus einem Ueberwurfe von rothem Stoffe ohne Aermel, und aus einem reich mit Glasperlen gestickten Schurze von der nämlichen Farbe. An Armen und Beinen trug er viele Spangen aus Kupfer. Sein Gesichtsausdruck war geistvoll und fein, aber auch herrisch und hart.

Pharamond Barthès, den er seit mehreren Tagen nicht gesehen, wurde höchst feierlich empfangen, und, da er einmal mit ihm kam, auch Cyprien als der Freund seines getreuen Verbündeten.

»Die Freunde unserer Freunde sind auch die unseren!« sagte er, wie es jeder Spießbürger auch gethan hätte.

Und als er hörte, daß sein neuer Gast leidend sei, beeilte sich Tanaïa, ihm eines der besten Zimmer seines Palastes einzuräumen und ein vortreffliches Abendessen auftragen zu lassen.

Auf Pharmonds Rath hin wurde die Frage wegen Matakit’s nicht sofort berührt, sondern für den nächsten Tag aufgeschoben.

Am nächsten Morgen hatte Cyprien seine Gesundheit vollständig wieder erlangt und war im Stande, vor dem Könige zu erscheinen. Im großen Saale des Palastes war jetzt der ganze Hof versammelt; Tonaïa und seine beiden Gäste befanden sich in der Mitte des Kreises. Pharamond Barthès führte in der ihm schon ziemlich geläufigen Landessprache die Verhandlungen.

»Meine Bassutos, sagte er zu dem Könige, haben Dir kürzlich einen jungen, von ihnen gefangenen Kaffern gebracht. Nun hat sich herausgestellt, daß dieser Kaffer der Diener meines Begleiters, des großen weisen Cyprien Méré ist, der von Deinem Edelmuthe erwartet, daß Du ihm denselben auslieferst. Aus diesem Grunde nahe ich, sein Freund und der Deinige, mich Dir mit dieser Bitte.«

Bei den ersten Worten hatte Tonaïa geglaubt, sich ein diplomatisches Ansehen geben zu müssen.

»Der große Weise ist mir willkommen! antwortete er. Doch was bietet er für den Austausch meines Gefangenen?

– Eine vortreffliche Flinte, zehnmal zehn Patronen und ein Säckchen mit Glasperlen,« erklärte Pharmond Barthès.

Ein zustimmendes Murmeln lief durch den Kreis der Zuhörer, welche dieses freigebige Angebot in Erstaunen setzte. Nur Tonaïa allein hielt noch immer an sich und schien davon gar nicht besonders berührt.

»Tonaïa ist ein großer Fürst, fuhr er, sich auf seinem Königssessel aufrichtend, fort, und die Götter beschützen ihn! Erst vor einem Monat haben sie ihm Pharamond Barthès mit wackeren Kriegern und Gewehren gesendet, ihm zu helfen, seine Gegner zu überwinden. Deshalb soll, wenn Pharamond Barthès darauf besteht, jener Diener seinem Herrn heil und gesund wieder gegeben werden.

– Und wo befindet er sich jetzt? fragte der Jäger.

– In der heiligen Grotte, wo er Tag und Nacht bewacht wird,« antwortete Tonaïa mit der Feierlichkeit, welche einem der mächtigsten Herrscher des ganzen Kaffernlandes zukam.

Pharamond Barthès beeilte sich, Cyprien diese Antwort mitzutheilen, und erbat sich vom Könige die Begünstigung, mit seinem Freunde nach der bezeichneten Grotte zur Aufsuchung des Gefangenen gehen zu dürfen.

Bei diesen Worten erhob sich aber ein mißbilligendes Gemurmel in der Versammlung. Das Verlangen dieser Europäer überstieg doch Alles. Noch niemals war ein Fremder unter irgend einem Vorwande in diese geheimnißvolle Grotte zugelassen worden. Eine Ueberlieferung drohte, daß an dem Tage, wo einst weiße Männer dieses Geheimniß kennen lernten, das Reich Tonaïa’s zu Staub zerfallen werde.

Der König aber liebte es nicht, daß sein Hof sich zustimmend oder mißbilligend über seine Entscheidungen äußerte, und gerade jenes Murmeln brachte ihn, in Folge tyrannischer Launen dahin, zuzugestehen, was er ohne jene öffentliche Meinungsäußerung vielleicht doch abgeschlagen hätte.

»Tonaïa hat mit seinem Verbündeten Pharamond Barthès Blut getauscht, antwortete er in befehlerischem Tone, und er braucht vor ihm nichts mehr zu verbergen. Du und Dein Freund, versteht Ihr einen Eid zu halten?«

Pharamond Barthès machte ein bejahendes Zeichen.

»Nun wohl, fuhr der König fort, so schwört, Nichts anzurühren, was Ihr in jener Grotte sehen werdet! Schwört, daß Ihr, wenn Ihr die Grotte wieder verlassen habt, Euch stets so halten werdet, als wenn Euch deren Vorhandensein gänzlich unbekannt geblieben wäre! Schwört, daß Ihr nie versucht, noch einmal in dieselbe einzudringen, noch auch nur deren Eingang aufzuspüren! Schwört endlich, daß Ihr niemals Jemandem ein Wort von dem sagt, was Ihr gesehen haben werdet!«

Mit emporgehobener Hand wiederholten Cyprien und Pharamond Barthès jedes Wort der ihnen auferlegten Eidesformel.

Als Tonaïa dann mit gedämpfter Stimme einige Befehle ertheilte, erhob sich der ganze Hof, und die Krieger bildeten zwei Reihen. Einige Diener brachten leinene Streifen her, um den beiden Fremdlingen die Augen zu verbinden; dann setzte sich der König selbst in einen großen Palanquin, den ein Dutzend Kaffern auf den Schultern trugen, zu ihnen, und der Zug setzte sich in Bewegung.

Der Weg war ein ziemlich weiter; er nahm wohl zwei Stunden in Anspruch. Aus den Stößen, die sie selbst im Palanquin empfingen, schlossen Pharamond Barthès und Cyprien sehr bald, daß sie nach einer bergigen Stelle geführt wurden.

Dann verrieth die auffallende Frische der Luft und der laute Widerhall der Schritte des Gefolges, der sich an einander offenbar ziemlich nahe stehenden Wänden brach, daß man einen unterirdischen Raum betreten hatte. Endlich belehrte sie auch noch der Rauch von brennendem Harze, der ihnen in’s Gesicht kam, daß wohl Fackeln angezündet worden waren, um dem ganzen Zuge voranzuleuchten.

Noch dauerte der Weg etwa eine halbe Stunde; nachher wurde der Palanquin auf die Erde niedergesetzt. Tonaïa ließ seine Gäste aussteigen und befahl, ihnen die Binde von den Augen abzunehmen.

Unter dem Einflusse jener Blendung, welche durch die plötzliche Rückkehr zum Lichte dann entsteht, wenn die Function der Sehorgane längere Zeit unterbrochen gewesen war, glaubten Pharamond Barthès und Cyprien zunächst, die Beute einer außerordentlichen Hallucination geworden zu sein, so glänzend und unerwartet gestaltete sich das Schauspiel, welches sich jetzt ihren Augen darbot.

Beide befanden sich nämlich im Mittelpunkte einer ungeheuren Grotte, deren Boden mit feinem, mit goldigen Flimmern übersäeten Sande überdeckt war. Ihre Wölbung, welche der eines gothischen Domes gleichkam, verlor sich doch in für den Blick unerreichbarer Tiefe. Die Wände dieses unterirdischen Baues zeigten sich ausgekleidet mit Stalactiten von unvergleichlicher Verschiedenheit des Tons, von welchen die zurückstrahlenden Fackeln farbige Regenbogen bildeten, die halb gebrochen wurden und halb unter dem ersten Schein des hereinstrahlenden Morgenrothes verschwanden. Die schimmernden Färbungen, die merkwürdigsten Formen und auffallendsten Schnittwinkel charakterisirten diese zahllosen Kristallisationen. Hier sah man, nicht wie in den meisten Grotten, nur einfache Anhäufungen von Quarz in Säulen, die sich einförmig immer wiederholen; die Natur schien vielmehr ihrer Phantasie völlig freien Spielraum gelassen zu haben, alle Zusammenstellungen von Farben und Effecten zu erschöpfen, wozu sich ja die Verglasung ihrer Mineralienschätze – wenn man so sagen darf – vorzüglich eignete.

Felsen von Amethysten, Mauern von Sardonix, Bänke von Rubinen, Nadeln von Smaragden, Säulengänge von Saphir, welche wie Weidenbäume tiefe Wälder bildeten, Eisberge von Aquamarin, Girandolen von Türkisen, Spiegel von Opalen, Gänge von rosa Gips, und Lapis lazuli mit Goldadern – Alles, was das Mineralreich nur Kostbares, Seltenes, Durchsichtiges und Glänzendes bieten konnte, hatte als Material zu diesem bezaubernden Bauwerke gedient. Allerlei Formen, sogar solche aus dem Pflanzenreiche, schienen bei diesem, die menschliche Einbildungskraft weit hinter sich lassenden Werke verwendet zu sein. Tapeten aus mineralischem Moose von derselben Sammetweiche wie der feinste Rasen, krystallinische Baumgeflechte mit Blumen und Früchten aus edlem Gestein erinnerten stellenweise an die Feengärten, welche die Japanesen zuweilen so naiv bei ihren Illuminationen nachzuahmen suchen.

Weiterhin bot ein See, bestehend aus einem einzigen Diamanten von zwanzig Meter Länge, der in dem Sande versenkt lag, offenbar Schlittschuhläufern seine Spiegelfläche an. Luftige Paläste aus Chalcedon, Kioske und Glockenthürmchen aus Beryl und Topas, erhoben sich Stockwerk über Stockwerk so hoch, bis das durch ihren Glanz ermüdete Auge ihnen weiter zu folgen versagte. Endlich bildeten die Spalten der Lichtstrahlen durch diese ungezählten Tausende von Prismen das Funkenfeuerwerk, welches von allen Seiten aufschoß und in Garben wieder niederfiel, die erstaunlichste Symphonie von Licht und Farben, welche mehr als hinreichend war, das Auge des Menschen vollkommen zu blenden.

Cyprien Méré konnte jetzt nicht länger in Zweifel sein. Er sah sich in eines jener geheimnißvollen Becken versetzt, deren Vorkommen er schon so lange geahnt, in welchen die Natur die kostbaren Edelsteine anhäufen und krystallisiren lassen konnte, welche sie den Menschen auch in den reichsten Fundstätten nur als vereinzelte unzusammenhängende Bruchstücke zukommen läßt. Zuerst versucht, an der Wirklichkeit dessen, was er vor sich sah, zu zweifeln, hatte es doch, als er beim Vorüberkommen an der ungeheuren Krystallbank über dieselbe mit seinem Ring strich, hingereicht, ihm zu beweisen, daß dieselbe dem Geritztwerden vollständig widerstand.

Das war hier also Diamant, Saphir und Rubin, was diese ausgedehnte Höhlung barg, und das in so enormer Menge, daß der Preis des Ganzen, wenn man an denselben den für jene Mineralstoffe gebräuchlichen Maßstab anlegte, sich jeder Berechnung entzog. Nur astronomische Zahlen hätten davon eine annähernde, wenn auch nur unsichere Vorstellung gewähren können. Hier lagen unbekannt und unbenützt wirklich Trillionen und Quadrillionen an Werth begraben.

Daß Tonaïa von dem ungeheuren Reichthum, der hier zu seiner Verfügung stand, etwas wüßte, war kaum anzunehmen, denn auch Pharamond Barthès, der in solchen Dingen freilich unbewandert war, schien keinen Augenblick zu ahnen, daß diese Krystalle alle die edelsten Gesteine waren.

Der Negerkönig hielt sich ohne Zweifel nur für den Herrn und Besitzer einer ziemlich merkwürdigen Höhle, deren Geheimniß zu bewahren ihn ein Orakelspruch oder irgend eine Art Ueberlieferung zu bestimmen schien.

Diese Anschauung fand noch dadurch weitere Bestätigung, daß Cyprien bald eine ziemlich bedeutende Anhäufung menschlicher Gebeine fand, welche da und dort in Winkeln der Grotte lagen. Bildete dieselbe den Begräbnißplatz des Stammes oder – freilich eine schrecklichere aber wahrscheinlichere Annahme – diente dieselbe früher oder vielleicht auch noch jetzt zur Abhaltung schauerlicher Feste, bei denen Menschenblut, vielleicht zu kannibalischen Zwecken, in Menge vergossen wurde?

Pharamond Barthès neigte der letzteren Anschauung zu und sagte das auch heimlich seinem Freunde.

»Uebrigens hat Tanaïa mir versichert, daß eine solche Ceremonie seit seiner Uebernahme der Herrschaft niemals stattgefunden habe, setzte er hinzu. Ich gestehe aber, daß der Anblick diese Gerippe mich in meinem bisherigen Zutrauen erschüttert hat.«

Er wies dabei auf einen gewaltigen Knochenhaufen, der erst kürzlich aufgeschüttet schien und an dem man noch Spuren davon bemerkte, daß das frühere Fleisch daran gekocht worden war.

Dieser Eindruck sollte nur wenige Augenblicke später noch mehr bekräftigt werden.

Der König und seine beiden Gäste waren nach dem Grunde der Grotte gelangt, bis vor den Eingang einer Wandvertiefung, welche etwa den Seitencapellen ähnelte, die man öfter in Domkirchen findet. Hinter dem Gitter von sehr festem Holze, welches den Eingang abschloß, sah man in einem hölzernen Käfig einen Gefangenen, der nur Raum hatte, um darin zusammenkauern zu können, und offenbar bestimmt war, durch erzwungene Ruhe etwas – gemästet zu werden.

Das war Matakit!

»Sie! Sie! Väterchen! rief der unglückliche Kaffer, sobald er Cyprien bemerkt und erkannt hatte. Ach, nehmen Sie mich mit fort von hier! Befreien Sie mich! … Ich will lieber nach dem Griqualande zurückkehren und wenn ich dort gehangen werden sollte, als länger in diesem Hühnerbaue zu schmachten und den schrecklichen Tod zu erwarten, den der grausame Tonaïa mir aufgespart hat, ehe ich verzehrt werde!«

Diese Worte sprach er mit so kläglicher Stimme, daß Cyprien sich, als er den armen Teufel hörte, ganz ergriffen fühlte.

»Gut, Matakit! antwortete er ihm. Ich kann Dir die Freiheit wieder verschaffen, aber ehe Du den Diamanten nicht herausgegeben, wirst Du diesen Käfig nicht verlassen.

– Den Diamanten, Väterchen! rief Matakit. Den Diamanten! Den hab‘ ich nicht! … Den hab‘ ich niemals gehabt! … Ich schwöre es Ihnen!«

Das sagte er mit einem solchen Accente der Wahrheit, daß Cyprien an seiner Aufrichtigkeit nicht wohl zweifeln konnte. Wir wissen übrigens, daß es ihm von Anfang an schwer gewesen war, Matakit für den Urheber eines solchen Verbrechens zu halten.

»Wenn Du es aber nicht warst, fragte er weiter, der jenen Diamanten entwendet hat, warum ergriffst Du überhaupt die Flucht?

– Warum, Väterchen? erwiderte Matakit. Weil man, wenn meine Kameraden die Probe mit der Gerte bestanden hätten, sicher gesagt haben würde, ich selbst sei der Dieb und habe durch List den Verdacht nur auf falsche Fährte lenken wollen. Im Griqualande, das wissen Sie ja selbst nur zu gut, henkt man, wenn es sich um einen Kaffern handelt, einen Angeschuldigten noch bevor man ihn verhört und verurtheilt … das flößte mir Angst ein, und ich floh gleich einem Schuldbelasteten durch den Transvaal.

– Was der arme Teufel da ausgesagt, scheint mir wirklich auf Wahrheit zu beruhen, bemerkte Pharamond Barthès.

– Ich zweifle daran auch nicht, antwortete Cyprien, und vielleicht hat er gar nicht so unrecht daran gethan, sich der griqualändischen Justiz gleich ganz zu entziehen.«

Dann wendete er sich wieder an Matakit.

»Nun gut, sagte er zu ihm, ich bezweifle nicht, daß Du an dem Diamanten-Diebstahl, dessen man Dich angeklagt hat, unschuldig bist. Doch wenn wir auch betheuern, daß Du keinen Antheil daran hattest, wird man das in der Vandergaart-Kopje schwerlich glauben. Willst Du Dich dennoch der Gefahr aussetzen, dahin zurückzukehren?

– Ja … ich will Alles wagen … um nicht noch länger hier zu bleiben! versicherte Matakit, dem der Schrecken alle Glieder zu lähmen schien.

– Wir werden das Nöthige ordnen, antwortete Cyprien, und hier mein Freund Pharamond Barthès wird die Verhandlungen führen.«

Der Jäger zögerte keinen Augenblick, dem großen Tonaïa die Angelegenheit vorzutragen.

»Sprich offenherzig! … Was verlangst Du im Austausch gegen Deinen Gefangenen?« fragte er den Negerkönig.

Dieser besann sich kurze Zeit und erklärte schließlich:

»Ich verlange vier Flinten; zehnmal zehn Patronen für jede Waffe und vier Säckchen mit Glasperlen. Das ist noch nicht zu viel, nicht wahr?

– Das ist zwanzigmal zu viel; doch Pharamond Barthès ist Dein Freund und wird Alles thun, Dir gefällig zu sein!«

Dann schwieg auch er ein Weilchen und fuhr nachher fort:

»Höre mich an, Tonaïa! Du sollst die vier Gewehre, die vierhundert Patronen und die vier Säckchen Perlen erhalten. Du aber lieferst uns dafür das nöthige Ochsengespann nebst Nahrungsmitteln und ein Ehrengeleit, um alle diese Männer durch das Transvaalgebiet zu schaffen.

– Abgemacht!« erklärte Tonaïa mit höchst befriedigter Stimme.

Dann schlug er einen mehr vertraulichen Ton an und sagte, sich zu Pharamond Barthès‘ Ohr neigend:

»Die Ochsen wären schon vorhanden. Sie sind von den Leuten, welche meine Krieger im Begriffe fanden, nach den Ställen heimzukehren, und die sie in meinen Kraal trieben … O, das war ein schöner Kriegszug, nicht wahr?«

Der Gefangene wurde nun in Freiheit gesetzt, und nachdem sie noch einen letzten Blick auf die Wunderherrlichkeiten der Höhle geworfen, ließen sich Cyprien, Pharamond Barthès und Matakit ohne Widerspruch die Augen verbinden und gelangten so zurück nach dem »Palaste« Tonaïa’s, wo zur Feier des abgeschlossenen Vertrags ein großes Fest gegeben wurde.

Man einigte sich schließlich dahin, daß Matakit nicht sofort in der Vandergaart-Kopie erscheinen, sondern in deren Nähe nur zum Dienste bei dem jungen Ingenieur bereit bleiben solle, bis dieser es für sicher genug ansehen würde, ihn wirklich zurückzurufen. Der Gang der Ereignisse wird lehren, daß das keine unnütze Vorsichtsmaßregel war.

Am folgenden Tage brachen Pharmond Barthès, Cyprien, Lî und Matakit unter zahlreicher Bedeckung wieder nach dem Griqualande auf. Jetzt konnte man sich freilich keiner Selbsttäuschung mehr hingeben. Der »Südstern« war unwiderbringlich verloren, und Mr. Watkins konnte ihn nicht nach dem Londoner Tower senden, um dort inmitten der prächtigsten Edelsteine Englands deren Glanz zu überstrahlen.