Roman

Zweites Capitel.


Zweites Capitel.

Im Diamantenfelde.

Was dem jungen Ingenieur in der ihm von Mr. Watkins zutheil gewordenen Erwiderung auf seinen Antrag am meisten zu Herzen ging, war der Umstand, daß dieselbe – von der Rauhheit ihrer Form einmal abgesehen – im Grunde gar nicht so ungerechtfertigt erschien. Bei näherer Ueberlegung erstaunte er jetzt selbst, nicht schon vorher die Einwendungen erwogen zu haben, die ihm der Farmer fast nothwendig machen würde, und wunderte sich, wie er sich überhaupt einer solchen Zurückweisung auszusetzen vermocht hatte.

In der That hatte er freilich bis zum jetzigen Augenblicke niemals an die Kluft gedacht, die ihn wegen des Unterschiedes in Vermögensverhältnissen, Abstammung, Erziehung und Umgang von dem jungen Mädchen trennte. Schon seit fünf bis sechs Jahren gewöhnt, die Mineralien nur von rein wissenschaftlichem Standpunkte zu betrachten, besaßen z. B. Diamanten in seinen Augen nur den Werth eigenthümlicher Exemplare von Kohlenstoffkörpern, die nur dazu geschaffen schienen, in den Sammlungen der Bergwerksschule ihren Platz auszufüllen. Da er in Frankreich überdem eine, die der Familie Watkins weit überragende sociale Stellung einnahm, hatte er den kaufmännischen Werth der im Besitz des reichen Farmers befindlichen Fundstätte ganz aus den Augen verloren. In Folge dessen war ihm auch niemals in den Sinn gekommen, daß zwischen der Tochter des Eigenthümers der Vandergaart-Kopje und ihm als französischem Ingenieur ein trennendes Mißverhältniß herrschen könne. Selbst wenn diese Frage vor ihm aufgetaucht wäre, würde er, in seinem gewohnten Vorstellungsgange als Pariser und ehemaliger Zögling der berühmten polytechnischen Schule daselbst wahrscheinlich zu dem Schlusse gelangt sein, daß vielmehr er mit jener Bewerbung einen Schritt thue, der ihn nahe an eine »Mißheirat« führte.

Die ganz unverblümte Strafpredigt des Mr. Watkins riß ihn jetzt sehr schmerzlich ans seinen Träumen. Cyprien besaß jedoch viel zu viel nüchternen Menschenverstand, um die sachlichen Einwürfe derselben nicht gebührend zu würdigen, und viel zu viel Ehrenhaftigkeit, um sich durch eine Entscheidung, die er im Grunde für richtig anerkannte, beleidigt zu fühlen.

Der Schlag, den ihm jene versetzte, wurde deshalb freilich nicht minder empfindlich, und gerade jetzt, wo er auf Alice verzichten sollte, bemerkte er plötzlich desto deutlicher, wie lieb und werth ihm diese während der verflossenen drei Monate geworden war.

In der That kannte Cyprien Méré das junge Mädchen seit kaum drei Monaten, d. h. seit seiner Ankunft im Griqualand.

Wie fern lag ihm das jetzt schon Alles! Er sah sich noch, nach einer durch Hitze und Staub höchst beschwerlichen Landreise am Ziele seiner langen Fahrt von einer Erdhalbkugel zur andern eintreffen.

Nachdem er mit seinem Freunde Pharamond Barthès – einem alten Studiengenossen, der nun schon zum dritten Male einen Jagdausflug nach dem südlichen Afrika unternahm – gelandet, hatte sich Cyprien bereits am Cap von diesem getrennt. Pharamond Barthès war nach dem Lande der Bassutos aufgebrochen, um dort eine kleine Schaar bewaffneter Neger anzuwerben, die ihn bei seinen cygenetischen Zügen begleiten sollten. Cyprien dagegen hatte in dem mit sieben Paar Pferden bespannten schwerfälligen Wagen Platz genommen, der auf den Straßen des Veld als Postomnibus dient, und war nach dem eigentlichen Diamantengebiete gereist.

Fünf oder sechs große Kisten und Koffer – ein vollständiges chemisches und mineralogisches Laboratorium bergend, von dem er sich nicht gern hatte trennen wollen – bildeten das Reisegepäck des jungen Gelehrten. Die Postkutsche gestattet jedem Reisenden aber nicht mehr als fünfzig Kilo an Effecten mit sich zu führen, und so war er gezwungen gewesen, seine kostbaren Koffer einem Büffelfuhrwerk anzuvertrauen, das dieselben jedenfalls mit ganz merovingischer Langsamkeit nach dem Griqualande befördern sollte.

Der Postwagen, wie gesagt eine Art zwölfsitziger Omnibus mit Leinwandplane, war auf einem rohen Gestell mit vier ungeheuren Rädern aufgebaut, welche immer von dem Wasser der Flußläufe, die durch eine Furth passirt wurden, naß blieben. Die paarweise vorgespannten Pferde, welche im Nothfall noch durch Maulthiere Unterstützung fanden, wurden von zwei, auf dem Bocke neben einander sitzenden Kutschern mit großer Geschicklichkeit geleitet; der eine Kutscher führt dabei die Zügel, während der andere mit Hilfe einer sehr langen, mehr einer Angelruthe mit Schnur gleichenden Bambuspeitsche das Gespann nicht nur nachhaltig antreibt, sondern es auch gleichzeitig mit lenken hilft.

Die Straße verläuft über Beaufort, eine hübsche, am Fuße der Nieuweld-Berge erbaute Stadt, über den Kamm der letzteren, wendet sich dann nach Victoria und führt endlich nach Hopetown – der Stadt der Hoffnung – am Ufer des Oranjeflusses, und von da nach Kimberley und nach den bedeutendsten Diamantenfundstätten, welche nur wenige Meilen davon entfernt sind.

Durch den öden Veld hat man eine traurige, höchst einförmige Fahrt von acht bis neun Tagen. Die Landschaft bietet fast überall einen geradezu trostlosen Anblick – röthliche Ebenen, mit ähnlich wie Moränen darauf verstreuten Steinen, graue Felsmassen im Niveau des Erdbodens, gelbliches, spärliches Gras und halbverhungerte Gesträuche, das ist Alles! Nirgends eine Spur von Cultur oder natürlichem Reiz. In weiteren Zwischenräumen eine elende Farm, deren Inhaber, wenn er von der Regierung die Landesconcession erhält, auch die Verpflichtung übernimmt, Reisende zu verpflegen. Das geschieht freilich nur in der primitivsten Weise. In diesen eigentümlichen Herbergen giebt es weder Betten für die Menschen, noch Lagerstätten für die Pferde; höchstens einige Büchsen mit conservirten Nahrungsmitteln, die womöglich schon ein paar Mal die Fahrt um die Erde mitgemacht haben, und die man fast mit Gold aufwiegen muß.

In Folge dessen werden die Zugthiere in den Ebenen freigelassen, um sich selbst Futter zu suchen, wovon sie indeß nur magere Grasbüschel zwischen den Feldsteinen finden. Wenn die Fahrt dann weiter gehen soll, macht es nicht geringe und mit ziemlichem Zeitverlust verknüpfte Mühe, jene wieder einzufangen.

Und welche Stöße giebt es in dem höchst primitiven Wagen auf den noch primitiveren Wegen! Die Sitze werden einfach von den Kastendecken gebildet, welche zur Unterbringung der Gepäckstücke dienen und auf denen der unglückliche Insasse eine endlos lange Woche lang die Rolle einer Mörserkeule spielt. Wie zur Wiedervergeltung rauchen die Reisenden Tag und Nacht wie Fabriksschlote, trinken unmäßig und speien nach Belieben aus. An ein erquickendes Schlafen ist unter solchen Umständen natürlich nicht zu denken.

Cyprien Méré befand sich also hier in Gesellschaft einer ausreichenden Musterkarte jener flottirenden Bevölkerung, welche aus allen Enden der Welt nach Gold- oder Diamantfundstätten zusammenströmt, sobald von solchen etwas verlautet. Hier war ein lendenlahmer großer Neapolitaner mit rabenschwarzem Haar, lederbraunem Gesicht und wenig Gutes versprechenden Augen, der Annibal Pantalacci zu heißen vorgab; ein portugiesischer Jude, Namens Nathan, der sich als Aufkäufer von Diamanten in seiner Ecke immer sehr still verhielt und die Menschheit als Philosoph betrachtete, ein Bergmann aus Lancashire, Thomas Steel, ein großer Kerl mit rothem Barte und mächtigen Hüften, der von der Steinkohle desectirte, um sein Glück im Griqualand zu versuchen; ein Deutscher, Herr Friedel, der gleich einem Orakel sprach und offenbar sehr bewandert in der Diamantengräberei war, ohne jemals einen solchen Stein in seiner Gangart gesehen zu haben; ferner ein Yankee mit sehr dünnen Lippen, der nie mit jemand Anderem als mit seiner Lederflasche sprach und auf den Concessionen jedenfalls eine jener Cantinen errichten wollte, wo die Steinesucher einen Löwenantheil ihrer Beute sitzen zu lassen pflegen; ein Farmer vom Ufer der Hart; ein Boer aus dem Oranje-Freistaate; ein Elfenbeinhändler, der nach dem Lande der Namaquas ging; zwei Ansiedler aus dem Transvaal-Gebiete, und endlich ein Chinese Namens Lî – wie es einem Sohne des Himmlischen Reiches zukommt, – vervollständigte die höchst scheckige nacktbrustige, zusammengelaufene und lärmende Gesellschaft, mit der ein, andern Umgang gewöhnter Mann nur je in die Lage kommen konnte, sich abfinden zu müssen.

Nachdem sich Cyprien eine Zeit lang mit den Gesichtern und dem Benehmen der Leute beschäftigt, wurde er dessen doch bald müde. Es blieben ihm nur Thomas Steel mit seiner mächtigen Gestalt und dem erschütternden Lachen, und der Chinese Lî mit seinen geschmeidigen, katzenartigen Bewegungen übrig, für die ihn einiges Interesse erfüllte. Der Neapolitaner dagegen mit seinen Narrenspossen und der Galgenphysiognomie machte auf ihn einen völlig widerwärtigen Eindruck.

Seit zwei oder drei Tagen schon lief einer der Lieblingsspäße des Kerls darauf hinaus, dem Chinesen an seinen, längs des Rückens hinabfallenden Zopf, den er entsprechend den Sitten seines Landes trug, eine Menge nichtsnutziger Gegenstände zu knüpfen, wie Grasbüschel, Krautstrünke, einen Kuhschweif oder ein vom Erdboden aufgelesenes Pferdeschulterblatt.

Ohne sich zu erhitzen, löste Lî den seiner langen Flechte heimlich hinzugefügten Appendix ab, gab aber weder durch ein Wort, noch durch eine Bewegung zu erkennen, daß der ihm gespielte Scherz die erlaubten Grenzen überschreite. Sein gelbes Gesicht wie die kleinen geschlitzten Augen bewahrten eine unerschütterliche Ruhe, als ständ‘ er dem, was um ihn her vorging, gänzlich fremd gegenüber. Man hätte glauben können, daß er kein Wort von dem verstand, was in dieser Arche Noah auf dem Wege nach dem Griqualande gesprochen wurde.

Annibal Pantalacci unterließ auch niemals, seine Späße niederer Ordnung in schlechtem Englisch mit dem nöthigen Commentar zu begleiten.

»Glauben Sie, daß seine gelbe Hautfarbe anstecken könnte?« fragte er seinen Nachbar ganz laut.

Oder auch:

»Wenn ich nur eine Scheere hätte, ihm den Zopf abzuschneiden, da sollten Sie staunen, was er für ein Gesicht dazu machen würde.«

Die meisten Andern lachten herzlich darüber. Die Heiterkeit wurde dadurch noch verdoppelt, daß die Boers immer einige Zeit brauchten, ehe sie verstanden, was der Neapolitaner eigentlich sagen wollte; dann überließen sie sich – gegen die übrige Gesellschaft meist um zwei bis drei Minuten im Rückstand – einer lärmenden, unbändigen Heiterkeit.

Endlich fing Cyprien an sich zu ärgern über diese Hartnäckigkeit, den armen Lî als Zielscheibe fader Späße zu benützen, und sprach sich Pantalacci gegenüber dahin aus, daß sein Betragen nicht besonders wohlanständig sei. Dieser schien zwar schon eine unverschämte Antwort auf der Zunge zu haben, aber ein einziges Wort Thomas Steel’s genügte, ihm den Mund zu schließen und den Stachel seines giftigen Spottes einziehen zu lassen.

»Nein, das ist kein ehrliches Spiel, so mit dem armen Teufel umzuspringen, der nicht einmal versteht, was Sie sagen!« meinte der wackere Bursche, der sich schon Vorwürfe machte, mit den Anderen gelacht zu haben.

Die Sache war damit also vorläufig abgethan. Bald nachher wunderte sich Cyprien einigermaßen, einen leichten ironischen Blick – in dem sich jedenfalls dankbare Anerkennung ausdrücken sollte – zu bemerken, den der Chinese ihm zuwandte, so daß er auf die Vermuthung kam, Lî möge doch vielleicht mehr Englisch verstehen, als er durchblicken zu lassen wünschte.

Vergeblich suchte Cyprien jedoch bei der nächsten Haltestelle ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Der Chinese blieb theilnahmlos und stumm. Mehr und mehr reizte der eigenthümliche Mann den Ingenieur, ebenso wie ein Räthsel, dessen Lösung er finden müsse. Cyprien konnte sich in Folge dessen auch nicht enthalten, seine Aufmerksamkeit wiederholt diesem gelblichen, platten Gesicht zuzuwenden, den feingeschnittenen Mund zu betrachten, der sich über einer Reihe sehr weißer Zähne öffnete, sowie die kurze, weit offene Nase, die breite Stirn und die schiefen Augen, welche der Mann fast immer niedergeschlagen hielt, als wolle er einen boshaften Blick verbergen.

Wie alt mochte Lî wohl sein? Fünfzehn Jahre oder sechzig? Das hätte man unmöglich entscheiden können. Wenn seine Zähne, sein Blick, die kohlschwarzen Haare noch auf die Jugend desselben hinzudeuten schienen, so sprachen doch die Falten der Stirn, wie die der Wangen und um den Mund für ein schon vorgeschritteneres Alter. Er war klein und schwach von Gestalt, lebhaft in seinen Bewegungen, hatte aber doch etwas Altmütterliches, überhaupt etwas Weibisches an sich.

War er reich oder arm? Wieder eine zweifelhafte Frage. Seine Beinkleider aus grauer Leinwand, die Blouse aus gelbem Seidenstoff, die Mütze aus geflochtener Schnur, und die Schuhe mit Filzsohlen, welche Strümpfe von untadelhafter Weiße bedeckten, konnten ebensogut einem Mandarin erster Classe, wie einem Manne aus dem Volke angehören. Sein Reisegepäck bestand in einem einzigen Koffer aus rothem Holz mit der schwarz mit Tinte angebrachten Aufschrift:

H. Lî
from Canton to the Cape,

d. h. H. Lî aus Canton, auf der Reise nach dem Cap.

Der Chinese erschien überdies ausgezeichnet reinlich, rauchte nicht, trank nur Wasser, und ließ keine Haltestelle vorübergehen, ohne sich den Kopf mit größter Sorgfalt zu rasiren.

Mehr konnte Cyprien nicht in Erfahrung bringen, und verzichtete also bald darauf, sich mit diesem lebenden Räthsel zu beschäftigen. Inzwischen verfloß Tag um Tag und reihte sich eine Meile an die andere. Manchmal trabten die Pferde ziemlich schnell dahin, ein andermal schien es unmöglich, ihren Schritt nur einigermaßen zu beschleunigen. Immerhin wurde der Weg nach und nach zurückgelegt, und eines schönen Tages kam der Personenwagen in Hope-town an. Noch eine Etappe, dann war Kimberley erreicht. Hinter diesem zeigten sich Holzhütten am Horizonte.

Das war New-Rush.

Der Lagerplatz der Minengräber unterschied sich kaum von den provisorischen Städten, wie sie in allen, der Civilisation unlängst erschlossenen Ländern fast durch Zauberschlag aus der Erde empor zu wachsen scheinen.

Häuser aus sehr dicken Brettern, meist sehr klein und etwa den Hütten entsprechend, wie man sie auf den Flößen europäischer Ströme findet; einige Zelte, ein Dutzend Kaffeehäuser oder Schänken, ein Billardsaal, eine Alhambra oder Tanzsalon, einige »Stores« oder Handelsläden mit den nothwendigsten Lebensbedürfnissen – das war der Anblick, der sich zunächst dem Auge des Fremdlings bot.

In diesen Läden gab es Alles: Kleidungsstücke und Hausgeräthe, Schuhe und Fensterscheiben, Bücher und Sättel, Waffen und Stoffe, Besen und Jagdmunition, Lagerdecken und Cigarren, frische Gemüse und Arzneien, Pflüge und Toiletteseifen, Nagelbürsten und concentrirte Milch, Backöfen und Steindruckbilder – mit einem Worte Alles – nur keine Einkäufer.

Die Insassen des Lagerplatzes waren zur Zeit noch in dem drei- bis vierhundert Meter entfernten New-Rush in den Minen bei der Arbeit.

Wie alle neuen Ankömmlinge, beeilte sich Cyprien Méré dahin zu gehen, während man in der prunkhaft mit dem Schilde »Hôtel Continental« geschmückten Hütte das Essen zurecht machte.

Es war jetzt gegen sechs Uhr Nachmittags. Schon hüllte sich die Sonne am Horizonte in einen feinen, goldigen Dunst. Der junge Ingenieur beobachtete hier noch einmal den besonders großen Durchmesser, den die Sonne und der Mond in südlicheren Breiten zu haben scheinen, ohne daß es bisher gelungen wäre, eine zufriedenstellende Erklärung dieser auffälligen Erscheinung beizubringen Dieser Durchmesser beträgt nämlich mindestens das Doppelte von dem, den man in Europa wahrnimmt.

Cyprien Méré erwartete aber ein noch weit ungewohnteres Schauspiel in der Kopje, das heißt in dem eigentlichen Diamantfelde.

Beim Anfang der Arbeit bildete die Mine einen flachen Hügel, der hier die im übrigen gleich der Meeresfläche glatte Ebene überragte. Jetzt aber erschien sie in Form einer gewaltigen Aushöhlung mit steilen Wänden, einer Art Circus von elliptischer Gestalt und vierhundert Quadratmeter Seitenfläche, der an derselben Stelle ausgehoben war. Auf dieser Fläche vertheilt, lagen nicht weniger als drei- oder vierhundert »Claims« oder Concessionen von je einunddreißig Fuß Breite, welche deren Inhaber ganz nach Belieben ausbeuteten.

Die Arbeit dabei besteht ganz einfach darin, mittelst Spitzhaue und Schaufel den Boden auszuheben, der im Allgemeinen aus rothem Sande mit Kieseln gemischt besteht. An den Rand der Minen befördert, wird diese Erde nach Erzscheidetischen geschafft, um gewaschen, zerkleinert, gesiebt und endlich mit größter Sorgfalt auf ihren etwaigen Gehalt an kostbaren Steinen untersucht zu werden.

Da diese Claims alle unabhängig von einander ausgegraben wurden, bilden sie natürlich Gruben von sehr verschiedener Tiefe. Die einen reichen wohl hundert Meter und noch mehr hinunter, während andere nur fünfzehn, zwanzig oder dreißig Meter tief sind.

Aus Rücksicht auf die Arbeit und den Verkehr ist jeder Concessionär durch amtliche Verordnung streng verpflichtet, an den Seiten seines Loches sieben Fuß Durchmesser unberührt stehen zu lassen. Diese Fläche bildet, im Verein mit einer gleich großen, welche der Nachbar liegen lassen muß, eine Art Straße oder Erdwall im Niveau mit dem eigentlichen Erdboden. Darauf kommt dann dicht aneinander eine Reihe Balken zu liegen, welche auf jeder Seite über den Rand noch einen Meter hinausragen, um dem Gang hinreichende Breite zu geben, daß zwei Karren bequem an einander vorübergelangen können. Zum Schaden der Solidität dieses schwebenden Weges wie der Sicherheit der Minengräber unterlassen es die Concessionäre leider nicht, den Fuß der Mauer allmählich und je weiter sie in die Tiefe dringen, zu untergraben, so daß dieser Wall, der oft die Höhe gewaltiger Kirchthürme übertrifft, endlich eine umgekehrte Pyramide bildet, die auf ihrer Spitze ruht. Die Folgen dieses unverzeihlichen Verfahrens sind leicht vorauszusehen. Die Minen stürzen eben häufig ein, entweder während der Regenzeit oder wenn eine plötzliche Temperaturveränderung die schon vorhandenen Sprünge in der Erdmasse erweitert. Trotz der periodischen Wiederkehr solcher Unfälle lassen sich die Diamantgräber aber nicht abhalten, ihre Wand bis zur äußersten Grenze abzuschachten.

Als Cyprien Méré sich der Mine näherte, sah er zunächst nichts als Karren, welche leer oder beladen auf dem schwebenden Wege dahinrollten. Weiter herangekommen, konnte er jedoch den Blick bis in die Tiefen dieses eigenartigen Steinbruchs fallen lassen und gewahrte nun die große Menge von Leuten jeder Race, Farbe und Tracht, welche eifrig im Grunde der Claims wühlten. Hier gab es Neger und Weiße, Europäer und Afrikaner, Mongolen und Kelten – die Meisten fast ganz nackt oder höchstens bekleidet mit Leinensandalen, Flanellhemden, einem baumwollenen Schurz und auf dem Kopf einen, häufig mit Straußfedern geschmückten Strohhut.

Alle diese Männer füllten die Erde in Ledereimer, welche dann sofort an den Rand der Gruben emporstiegen, indem sie an langen Eisenkabeln, gezogen von aus Kuhhäuten geschnittenen Riemen, welche über durchbrochenen Rollen liefen, dahinglitten. Hier wurden die Eimer ebensoschnell in Karren entleert und gelangten dann nach dem Grunde des Claims zurück, um wieder mit neuer Ladung emporzusteigen.

Diese langen Eisendrahtkabel, welche schräg über die von den Claims gebildeten länglichen Vierecke weggespannt sind, geben den »Drydiggings«, den trockenen Diamantgruben, ein ganz eigenthümliches Ansehen. Man möchte glauben, die Fäden eines riesenhaften Spinnengewebes vor sich zu sehen, dessen Herstellung plötzlich unterbrochen wurde.

Cyprien amüsirte sich einige Zeit mit der Betrachtung dieses menschlichen Ameisenhaufens, dann kehrte er nach New-Rush zurück, wo alsbald eine gewaltige Tischglocke ertönte. Dort fand er im Laufe des Abends Gelegenheit, die Einen von reichen Funden sprechen zu hören, Mineurs, so arm wie Hiob, welche durch einen einzigen Diamanten urplötzlich reiche Leute geworden waren, während wieder Andere sich über erfolglose Bemühungen, über die Habsucht der Unterhändler oder die Unzuverlässigkeit der in den Gruben beschäftigten Kaffern beklagten, welche oft die schönsten Steine stehlen sollten. Ueberhaupt trug das Gespräch einen rein technischen Charakter. Es drehte sich einzig allein um Diamanten, Karatgewicht und gleich um Hunderte von Pfund Sterling.

Im Großen und Ganzen machten die Leute einen elenden Eindruck, und auf einen glücklichen »Digger«, der geräuschvoll eine Flasche Champagner verlangte, um sein Glück anständig zu begießen, sah man zwanzig traurige Gesichter, deren Eigentümer sich mit einem sehr dünnen Bier begnügten.

Gelegentlich ging wohl auch ein Stein an dem Tische von Hand zu Hand, wurde gewogen, geprüft und abgeschätzt, um endlich wieder in dem Gürtel seines Eigenthümers zu verschwinden. Dieser halbgraue, glanzlose Kiesel, der nicht mehr Feuer zeigte, als jeder von einem Bergbache herabgerollte Feldstein, war der Diamant in seiner natürlichen Gangart.

Bei Einbruch der Nacht füllten sich die Kaffeehäuser, und wieder folgten sich die nämlichen Gespräche, welche schon das Mahl gewürzt hatten, jetzt aber begleitet von so manchem Glase Gin oder Brandy.

Cyprien selbst hatte sich bei Zeiten in einem Bette niedergelegt, das ihm unter einem dem »Hôtel« benachbarten Zelte angewiesen worden war. Hier schlief er bald ein, trotz des Geräusches eines Balles unter freiem Himmel, den sich die Kaffern aus der Umgebung gaben, und trotz des Geschmetters eines Klappenhorns, das in einem öffentlichen Salon den choreographischen Uebungen der weißen Herren den Tact angab.

Zwanzigstes Capitel.


Zwanzigstes Capitel.

Die Rückkehr.

John Watkins war nie schlechterer Laune gewesen als seit der Abfahrt der vier, zur Verfolgung Matakit’s ausgezogenen Bewerber. Jeder Tag, jede Woche, welche verstrich, schien in seiner Rechnung einen Querstrich mehr zu machen, indem sich damit die Aussicht, seinen kostbaren Stein wieder zu erlangen, immer mehr verminderte. Außerdem fehlten ihm seine gewohnten Gesellschafter, James Hilton, Friedel, Annibal Pantalacci und selbst Cyprien, den er ja so häufig neben sich sitzen sah. Er vertrieb sich die Zeit also nur mit dem Ginkruge, und wir müssen gestehen, daß die Alkoholzufuhr, welche er sich gestattete, seinen Charakter nicht gerade zu mildern geeignet war.

Dazu hatte man in der Farm alle Ursache, über das Schicksal der Ueberlebenden der Expedition ziemlich unruhig zu sein. Bardik nämlich, der, ganz wie die Andern es vermutheten, von einer Bande Kaffern abgefangen worden war, hatte diesen doch nach wenigen Tagen zu entwischen gewußt und bei der Rückkehr nach dem Griqualande dem Mr. Watkins von dem Tode Friedel’s und James Hilton’s erzählt. Das war doch für die überlebenden Zugtheilnehmer, Cyprien Méré, Annibal Pantalacci und den Chinesen, von ziemlich schlimmer Vorbedeutung.

Auch Alice fühlte sich höchst unglücklich. Sie sang jetzt nicht mehr und ihr Piano blieb völlig stumm. Kaum bewahrte sie noch einiges Interesse für ihre Straußheerde. Selbst Dada brachte es mit ihrer Gefräßigkeit nicht mehr dazu, ihr ein Lächeln abzunöthigen, und verschlang ungestraft, ohne daß Jemand das Thier daran zu hindern suchte, die verschiedenartigsten Gegenstände, die ihm in den Weg kamen.

Miß Watkins litt jetzt unter zweifacher Furcht, welche durch ihre Einbildungskraft noch mehr vergrößert wurde; die erste, daß Cyprien niemals von der unseligen Expedition wieder heimkehren könnte, und die zweite, daß Annibal Pantalacci, den sie von allen Bewerbern am meisten verabscheute, den »Südstern« bringen und den Preis für seinen Erfolg fordern könnte. Der Gedanke, gezwungen die Gattin dieses boshaften, rohen Neapolitaners zu werden, flößte ihr einen unbesiegbaren Widerwillen ein, vorzüglich seitdem sie einen Mann wie Cyprien Méré näher kennen und werthschätzen gelernt hatte. Sie dachte hieran am Tage, träumte davon in der Nacht, und ihre frischen Wangen erbleichten, ihre blauen Augen verhüllten sich unter einem immer dunkler werdenden Schleier.

Jetzt währte es schon drei Monate, daß sie schweigend und kummervoll wartete. Am heutigen Abend saß sie hinter dem Lichtschirme der Lampe neben ihrem Vater, der der Ginflasche besonders kräftig zugesprochen hatte. Den Kopf über eine Stickerei gebeugt, die sie angefangen hatte, um an Stelle der vernachlässigten Musik doch irgend etwas zu treiben, hing sie ihren Gedanken nach.

Da unterbrach ein gelindes Klopfen an der Thür ihre lange Träumerei.

»Herein! rief sie ziemlich verwundert und fragte sich, wer zu dieser Stunde bei ihnen noch vorsprechen könnte.

– O, ich bin’s nur, Miß Watkins!« erklang da eine Stimme, die ihr das Herz vor Freude hüpfen machte – die Stimme Cypriens.

Er war es in der That, der hier heimkehrte, aber bleich, abgezehrt, erschöpft, mit einem Barte, der ihn ganz unkenntlich machte, und in einer Kleidung, welche durch die lange Fahrt stark abgenützt war, aber noch immer lebhaft, immer höflich und zuvorkommend, immer mit leuchtenden Augen und lächelndem Munde.

Alice hatte sich mit einem Aufschrei der Freude und des Erstaunens erhoben. Mit einer Hand suchte sie das laute Klopfen ihres Herzens zu dämpfen, während sie die andre dein jungen Ingenieur entgegenstreckte, der sie warm in den seinigen drückte, als Mr. Watkins aus seinem Halbschlummer erwachte, sich die Augen rieb und fragte, was es denn Neues gäbe.

Der Farmer brauchte einige Minuten, um klar sehen zu lernen. Kaum hatte er aber einiges Verständniß der Sachlage erlangt, als auch ihm ein Schrei – ein Schrei aus der Tiefe des Herzens – entfuhr.

»Und der Diamant?«

Der Diamant war leider nicht mit zurückgekehrt.

Cyprien schilderte kurz die Vorkommnisse auf der Fahrt. Er erwähnte des Todes Friedel’s, Annibal Pantalacci’s und James Hilton’s, der Verfolgung Matakit’s und seiner Gefangenschaft bei Tonaïa – seine Rückkehr nach dem Griqualande natürlich verschwieg er – dagegen ließ er schon durchblicken, daß er von der Schuldlosigkeit des jungen Kaffern vollständig überzeugt sei.

Er vergaß nicht der Ergebenheit Bardik’s und Lî’s, wie der Freundschaft Pharamond Barthès‘ Anerkennung zu zollen, erzählte, was er dem wackren Jäger Alles zu danken habe und daß er nur durch seine Mithilfe von der für seine übrigen Begleiter so mörderischen Fahrt mit den beiden Dienern habe zurückkehren können. Unter der Erregung, welche sich seiner bei Schilderung der vielen tragischen Ereignisse bemächtigte, zog er gern einen Schleier über die verbrecherischen Absichten seiner Rivalen und wollte diese nur als Opfer eines gemeinsam gewagten Unternehmens betrachtet wissen. So erzählte er Alles, außer das Eine, worüber er Schweigen zu bewahren geschworen, das heißt das Vorhandensein jener Wundergrotte mit ihren Mineralschätzen, gegen welche alle Diamanten des Griqualandes nur werthlose Kiesel waren.

»Tonaïa, so schloß er seine Worte, kam seinen Verpflichtungen pünktlich nach. Zwei Tage nach meiner Ankunft in seiner Hauptstadt war Alles zu unserer Rückkehr fertig und besaßen wir außer dem nöthigen Mundvorrath auch Zugthiere und sichere Bedeckung. Unter Anführung des Königs selbst begleiteten uns dreihundert, mit Mehl und geräuchertem Fleische beladene Schwarze bis zum Lagerplatze, wo der Wagen zurückgelassen worden war, den wir unter seiner Laubdecke zum Glück in bestem Zustande antrafen. Dann verabschiedeten wir uns von unserem Gastwirthe, nachdem wir ihm fünf Gewehre, statt der vier, auf welche er rechnete, übergaben – ein Waffenvorrath, der jenen Herrscher in dem ganzen Gebiete zwischen dem Limpopo und dem Laufe des Zambesi so gut wie unüberwindlich macht.

– Doch Ihre Rückfahrt von jenem Lagerplatze aus? fragte Miß Watkins.

– Unsere Rückfahrt ging zwar langsam, aber ziemlich leicht und ohne Unfall von Statten, antwortete Cyprien. Die Begleitmannschaft verließ uns erst an der Grenze des Transvaal, wo auch Pharamond Barthès mit seinen Bassutos sich von uns trennte, um nach Durban zu ziehen. Nach vierzigtägigem Zuge quer durch das Veld, sehen Sie uns nun hier, aber leider um keinen Schritt weiter vorwärts, als bei der Abreise.

– Warum ist aber Matakit überhaupt entflohen? fragte Mr. Watkins, der dieser Erzählung mit großem Interesse gelauscht hatte, ohne übrigens wegen der drei Männer, welche nicht mehr wiederkehren sollten, eine besondere Theilnahme merken zu lassen.

– Matakit floh einfach, weil er an der »Furcht-Krankheit« litt, erwiderte der junge Ingenieur.

– Giebt es denn im Griqualand etwa keine Gerechtigkeit? versetzte der Farmer, die Schultern emporziehend.

– O, zuweilen eine gar zu summarische Justiz, Herr Watkins, und in der That, ich kann den armen, unschuldig angeklagten Kerl nicht allzusehr tadeln, daß er sich den Folgen der ersten, durch das Verschwinden des Diamanten hervorgebrachten Erregung zu entziehen suchte.

– Ich auch nicht, stimmte Alice ihm zu.

– Jedenfalls, das wiederhole ich Ihnen, war er nicht schuldig, und ich hoffe, daß man ihn in Zukunft in Ruhe läßt.

– Hm! brummte John Watkins, der von der Verläßlichkeit dieser Versicherung nicht so vollständig überzeugt schien. Glauben Sie wirklich nicht, daß dieser listige Matakit seinen Schreck nur geheuchelt hat, um sich den Händen der damals anwesenden Polizeibeamten zu entziehen?

– Nein, er ist unschuldig! … Meine Überzeugung steht nach dieser Seite unwandelbar fest, sagte Cyprien etwas trocken, und diese hab‘ ich wohl etwas theuer erkauft, glaub‘ ich!

– O, Sie mögen ja Ihre Ansicht behalten, rief John Watkins; ich werde deshalb doch bei der meinigen bleiben.«

Alice sah, daß das Gespräch eine unangenehme Wendung anzunehmen drohte, und wünschte dem zuvorzukommen.

»Da fällt mir ein, Herr Cyprien Méré, sagte sie, wissen Sie denn schon, daß Ihr Claim während Ihrer Abwesenheit ein ganz ausgezeichneter geworden, und daß Thomas Steele, Ihr Geschäftstheilhaber, auf bestem Wege ist, einer der reichsten Mineurs der Kopje zu werden?

– Nein, wahrhaftig nicht, antwortete Cyprien offenherzig. Mein erster Besuch galt Ihnen, Miß Watkins, und ich weiß überhaupt nichts von Allem, was sich während meines Fernseins ereignet hat.

– Vielleicht haben Sie noch nicht einmal zu Mittag gegessen? rief Alice mit dem ihr eigenen Instinkt der Hausfrau.

– Ich gestehe es! erwiderte Cyprien erröthend, obwohl er dazu ja keine besondere Ursache hatte.

– O, Sie dürfen aber nicht fortgehen, ohne gegessen zu haben, Herr Méré … ein Reconvalescent und nach so beschwerlicher Reise! … Bedenken Sie doch, es ist schon elf Uhr Abends!«

Ohne auf seine weiteren Einreden zu achten, lief sie nach der Speisekammer und brachte auf einem mit weißem Linnen bedeckten Brett mehrere Teller mit kaltem Fleisch nebst einer schönen, selbstgebackenen Pfirsichtorte herein.

Alles das wurde dem ziemlich verlegenen Cyprien vorgesetzt, und da er etwas zögerte, von dem vortrefflichen »Biltong,« eine Art Straußenconserve, zuzulangen, sagte Miß Watkins:

»Soll ich Ihnen vorschneiden?« Dabei lachte sie den jungen Mann mit heiterem Jugendmuthe an.

Bald verlangte auch der Farmer, dem die aufgestellten Leckereien selbst Appetit gemacht, einen Teller und eine Schnitte Biltong, Alice beeilte sich, ihn nicht warten zu lassen, und nur um den Herren Gesellschaft zu leisten, wie sie sagte, fing sie an einige Mandeln zu kosten.

Das improvisirte Mahl war vorzüglich. Niemals hatte der junge Ingenieur einen so unbezwinglichen Appetit empfunden. Er legte sich dreimal von der Pfirsichtorte vor, trank zwei Gläser Constancia-Wein und setzte seinen Uebungen dadurch die Krone auf, daß er zustimmte, den Gin des Mr. Watkins zu kosten, welch‘ Letzterer übrigens bald sanft einschlief.

»Und was haben Sie während dieser drei Monate begonnen? fragte Cyprien Alice. Ich fürchte, Sie werden Ihre Chemie völlig vergessen haben.

– O nein, darin irren Sie doch! antwortete Miß Watkins in etwas vorwurfsvollem Tone … Im Gegentheil, ich habe tüchtig studirt und mir sogar erlaubt, in Ihrem Laboratorium einige Experimente anzustellen. Doch seien Sie ruhig, ich habe nichts zerbrochen, und Alles wieder bestens geordnet. Offen gestanden, ich liebe die Chemie sehr und begreife kaum, wie Sie eine so schöne Wissenschaft hatten aufgeben können, um Minengräber oder Veldläufer zu werden!

– Aber Sie wissen doch, grausame Miß Watkins, aus welchem Grunde ich zeitweilig auf die Chemie verzichtete?

– Ich weiß davon gar nichts, erwiderte Alice roth werdend, und finde nur, daß das nicht recht ist! An Ihrer Stelle würde ich versuchen, Diamanten zu erzeugen; das ziemt Ihnen jedenfalls mehr, als solche unter der Erde zu suchen.

– Ist das ein Befehl, den Sie mir ertheilen? fragte Cyprien mit leise zitternder Stimme.

– O nein, antwortete Miß Watkins, höchstens eine Bitte! … Ach, Herr Méré, fuhr sie fort, wie um den leichten Ton ihrer ersten Worte zu verwischen, wenn Sie wüßten, wie unglücklich ich gewesen bin, Sie so vielen Anstrengungen und Gefahren ausgesetzt zu wissen. Wohl kannte ich sie im Einzelnen nicht, kann mir aber eine Vorstellung von dem Ganzen machen. Mußte ein Mann, wie Sie, sagte ich mir, der so gelehrt, so geeignet ist, die schönsten Arbeiten zu liefern, die wichtigsten Entdeckungen zu machen, mußte dieser der Gefahr ausgesetzt werden, in der Wüste vielleicht elend umzukommen, ohne Nutzen für die Wissenschaft und für die Menschheit vielleicht dem Bisse einer Schlange oder dem Tatzenschlage eines Tigers zu erliegen? … Wahrlich, es ist ein Verbrechen, daß man Sie abreisen ließ! … Und wie sehr hatte ich recht! Ist es nicht ein wahres Wunder zu nennen, daß Sie überhaupt zurückgekommen sind? Und ohne Ihren Freund Pharamond Barthès, den der Himmel dafür segnen möge … Sie beendete den Satz nicht, aber zwei große Thränen, die ihr in die Augen traten, vollendeten ihre Gedanken.

Auch Cyprien fühlte sich tief bewegt.

»O, zwei Thränen, die mir mehr werth sind, als alle Diamanten der Welt, und die mich noch ganz andere Anstrengungen vergessen machen würden!« sagte er einfach.

Jetzt entstand ein Stillschweigen, welches erst das junge Mädchen mit dem ihr eigenen Tacte dadurch unterbrach, daß sie das Gespräch wieder auf chemische Fragen lenkte.

Es war schon Mitternacht vorüber, als Cyprien sich entschließen konnte, nach seiner Wohnung zu gehen, wo ihn eine Anzahl Briefe aus der Heimat erwartete, welche Miß Watkins sorglich auf seinen Arbeitstisch gelegt hatte.

Wie es nach längerem Abwesendsein öfter vorkommt, wagte er diese Briefe kaum zu erbrechen. Wenn sie ihm nun Nachricht von einem Unglücksfalle brachten … sein Vater, seine Mutter, seine kleine Schwester Jeanne … Was hatte sich binnen drei Monaten nicht Alles ereignen können! …

Als sich der junge Ingenieur durch eine flüchtige Durchsicht seiner Briefe im Voraus überzeugt, daß sie ihm nur gute und erfreuliche Mitheilungen brachten, seufzte er erleichtert tief auf. Alle seine Lieben befanden sich wohl. Seine vorgesetzte Behörde ertheilte ihm warmes Lob für seine sinnreiche Theorie der Diamantbildung, und gestattete ihm gleichzeitig, noch ein halbes Jahr im Griqualand zu verweilen, wenn er das für die Wissenschaft für nutzbringend hielt. Alles gestaltete sich also nach Wunsch, und Cyprien schlief diesen Abend mit einem so leichten Herzen ein, wie er es lange Zeit nicht gekonnt.

Der folgende Vormittag verging mit Besuchen bei seinen Freunden, vorzüglich bei Thomas Steele, der in dem gemeinsamen Claim wirklich vorzügliche Funde gemacht hatte. Der brave Lancashireman empfing seinen Theilhaber deshalb mit nicht minderer Herzlichkeit. Cyprien verabredete mit ihm, daß Bardik und Lî ihre Arbeiten wieder aufnehmen sollten wie vorher. Er behielt sich vor, ihnen, wenn sie gute Erfolge erzielten, einen Theil abzutreten, um für sie allmählich ein kleines Capital zu sammeln.

Er selbst war freilich entschlossen, in der Mine das Glück nicht wieder zu versuchen, das ihm immer so ungünstig gewesen war, dagegen nahm er sich vor, nach dem Wunsche Alices wieder chemische Untersuchungen zu beginnen. Das Gespräch mit dem jungen Mädchen hatte überhaupt nur seine eigenen Absichten und Gedanken bestätigt; schon lange hatte er sich gesagt, daß weder die rauhe Handarbeit, noch abenteuerliche Züge für ihn der richtige Weg wären. Viel zu ehrenwerth und worthaltend, um nur einen Augenblick an einen Mißbrauch des Vertrauens Tonaïa’s zu denken und sich die Kenntniß zu Nutze zu machen, die er von der mit Krystallgebilden erfüllten Höhle besaß, erblickte er in dieser tatsächlichen Gewißheit nur eine höchst schätzenswerthe Bekräftigung seiner Theorie von der Entstehungsweise der edlen Steine, die seinen Forschungseifer nur weiter anzufeuern vermochte.

Cyprien nahm also das frühere Leben im Laboratorium wieder auf, er wollte aber nicht von dem Wege abweichen, auf dem er schon einmal Erfolg gehabt hatte, und entschied sich dahin, die früheren Untersuchungen wieder von vorn anzufangen. Dazu hatte er nicht nur einen Grund, sondern einen sehr zwingenden Grund, wie man leicht durchschauen wird. Seit der künstliche Diamant nämlich als unwiederbringlich verloren zu betrachten schien, sprach Mr. Watkins, wenn er vorher einer Verbindung Cypriens und Alices geneigt gewesen war, jetzt davon kein Wort mehr. Dagegen war ja anzunehmen, daß er, wenn es dem jungen Ingenieur gelang, noch einmal einen Stein von außerordentlichem, vielleicht Millionen betragendem Werthe herzustellen, doch auch zu der früheren Sinnesart zurückkehren könnte.

Cyprien entschloß sich daher, sofort an die Arbeit zu gehen, und machte gegenüber den Minengräbern der Vandergaart-Kopje daraus kein Geheimniß, wenigstens bemühte er sich in dieser Richtung nicht besonders.

Nachdem er sich ein neues und widerstandsfähigeres Rohr verschafft, begann er seine Arbeiten ganz in der früher geübten Art und Weise.

»Was mir jedoch fehlt, den Kohlenstoff in Krystallform zu erhalten, sagte er zu Alice, ist ein geeignetes Lösungsmittel desselben, welches durch Verdunstung oder durch Abkühlung die Erzeugung des Diamanten gestatten könnte. Für das Aluminium hat man dieses Lösungsmittel im Schwefelkohlenstoff, oder auch für dem ähnliche Körper, wie das Boron und das Silber, zu entdecken vermocht.«

Obwohl er indeß nicht im Besitz dieses Lösungsmittels war, betrieb Cyprien doch sein Werk mit allem Eifer. In Ermangelung Matakit’s, der sich aus Vorsicht im Lager noch nicht wieder sehen ließ, fiel es jetzt Bardik zu, das Feuer Tag und Nacht zu unterhalten. Dieses Auftrags entledigte derselbe sich übrigens mit gleichem Eifer wie sein Vorgänger.

Inzwischen und in der Voraussicht, daß er nach der, für seinen Aufenthalt im Griqualand jetzt festgestellten Frist doch wohl nach Europa zurückreisen müsse, wollte Cyprien auch noch eine, in seinem Bericht schon erwähnte Arbeit vornehmen, die er noch nicht hatte beendigen können; er gedachte nämlich, die ganz genaue Lage einer Bodendepression im Nordosten der Ebene zu bestimmen, eine Depression, welche er für den Ausflußort der Gewässer ansah, von denen in weit entlegener Zeit die Diamantbildungen des Distriktes überhaupt ausgegangen sein mochten.

Fünf oder sechs Tage nach seiner Heimkehr aus dem Transvaal beschäftigte er sich also mit dieser Bestimmung, der er, wie allen Arbeiten, die peinlichste Genauigkeit widmete. Schon seit einer Stunde hatte er mehrfach Stangen in die Erde gesteckt und trug die gefundenen Punkte in einen sehr speciellen Plan ein, den er sich in Kimberley verschafft hatte. Merkwürdiger Weise fand er aber bei allen Ziffern scheinbar starke Irrthümer und wenigstens keine Uebereinstimmung mit jenem Plane. Endlich konnte er sich der Einsicht nicht verschließen, daß der Plan falsch aufgenommen und Längen- und Breitengrade auf demselben nicht richtig eingetragen seien.

Um die Länge des Ortes zu bestimmen, bediente sich Cyprien genau zu Mittag eines ganz vorzüglichen, auf der Pariser Sternwarte regulirten Chronometers. Da er ferner von der Verläßlichkeit seines Compasses und seines Declinationsinstrumentes völlig überzeugt sein konnte, war es ihm leicht, bezüglich des Planes nachzuweisen, daß derselbe wirklich ziemlich grobe Orientationsfehler zeigte, wenigstens so weit das seine eigenen Aufnahmen erkennen ließen.

Der auf dieser Karte nach englischer Gewohnheit durch einen Pfeil mit verschobenem Kreuze bezeichnete Endpunkt lag thatsächlich im Nordnordwest oder doch ziemlich so weit seitwärts. In Folge dessen litten natürlich alle darauf gegründeten Angaben der Karte an entsprechender Ungenauigkeit.

»Aha, ich sehe, wie das gekommen ist! rief plötzlich der junge Ingenieur. Die gesattelten Esel, welche einst dieses Meisterwerk schufen, haben ganz einfach die Abweichung der Magnetnadel außer Acht gelassen. Hier beträgt dieselbe aber nicht weniger als neunundzwanzig Grad nach Westen … Daraus ergiebt sich, daß alle ihre Längen- und Breitenangaben, um richtig zu sein, gleichsam um ein Bogenstück von neunundzwanzig Graden in der Richtung von West nach Ost um den Mittelpunkt der Karte gedreht werden müssen! Man muß wahrlich glauben, daß England, um diese Aufnahmen zu machen, nicht seine geschicktesten Geometer hierher gesandt habe!«

Er lachte für sich über diesen Schnitzer.

»Gut! Errare humanum est! Möge Der den ersten Stein auf diese wackeren Leute werfen, der sich nie in seinem Leben, und wär’s auch nur ein einziges Mal, geirrt hätte!«

Cyprien hatte übrigens keine Ursache, die Richtigstellung, welche ihm eben bezüglich der Lage der Diamantengebiete gelungen war, zu verheimlichen. Als er an demselben Tage auf dem Wege nach der Farm Jacobus Vandergaart begegnete, machte er diesem also davon Mittheilung.

»Es ist wirklich merkwürdig, fügte er hinzu, daß ein so starker geodätischer 8 Fehler, welcher natürlich alle Pläne des Districts beeinflußt, nicht früher schon bemerkt worden ist. Er erheischt doch eine sehr bedeutende Berichtigung auf allen Karten des Landes.«

Der alte Steinschneider sah Cyprien mit eigenthümlichem Blicke an.

»Sprechen Sie die Wahrheit? fragte er voll Interesse.

– Gewiß!

– Und Sie wären bereit, diese Thatsache auch vor den zuständigen Behörden zu vertreten?

– Vor zehn Behörden, wenn es nöthig wäre!

– Es wird auch nicht möglich sein, Ihre Aussage zu widerlegen?

– Offenbar nicht, weil es schon hinreichen dürfte, auf die Ursache des Fehlers hinzuweisen. Er liegt doch wahrlich klar genug auf der Hand! Die magnetischen Abweichungen außer Acht zu lassen, das ist denn doch stark!«

Jacobus Vandergaart zog sich zurück, ohne etwas Weiteres zu sagen, und Cyprien hatte bald vergessen, mit welch besonderer Aufmerksamkeit dieser die Mittheilung aufgenommen, daß alle Karten des Districts einen bedeutenden Fehler enthielten.

Zwei oder drei Tage später aber, als Cyprien den alten Steinschneider wieder einmal aufsuchen wollte, fand er dessen Thür verschlossen

Auf der Füllung derselben las man nur die, erst kürzlich mit Kreide geschriebenen Worte:

»In Geschäften abwesend.«

  1. Historisch.

Zehntes Capitel.


Zehntes Capitel.

Worin John Watkins nachdenkt.

Mit gebrochenem Herzen hatte Cyprien die Farm verlassen und begab sich, fest entschlossen, zu thun, was er für Ehrenpflicht hielt, von Neuem zu Jacobus Vandergaart, den er jetzt allein traf; der Händler Nathan hatte alle Eile gehabt, ihn zu verlassen, um als der Erste im Lager die Neuigkeit zu verbreiten, welche die Lebensinteressen aller Insassen desselben so tief berührte.

Seine Mittheilung erregte hier natürlich ein ungewöhnliches Aufsehen, obwohl die Leute noch nicht einmal wußten, daß der Diamant des »Monsieur«, wie man Cyprien zu nennen pflegte, ein Kunstproduct war. Der »Monsieur« kümmerte sich freilich blutwenig um das Geschwätz in der Kopje. Ihm lag es nur am Herzen, mit Hilfe des alten Vandergaart die Qualität und Farbe seines Steines festzustellen, ehe er einen Bericht über die ganze Angelegenheit aufsetzte, und aus diesem Grunde begab er sich eben zu dem alten Manne.

»Mein lieber Jacobus, begann er, neben diesem Platze nehmend, erweisen Sie mir doch den Gefallen, an diesen Kloß eine Facette zu schleifen, damit wir einigermaßen erkennen können, was sich unter seiner Gangart verbirgt.

– Das soll bald geschehen sein, erklärte der alte Steinschleifer, den Stein aus der Hand seines jungen Freundes entgegennehmend. Sie haben da übrigens eine recht passende Stelle bezeichnet, fügte er hinzu, als ihm eine Ausbuchtung an einer Seite des Steines auffiel, nach welcher Cyprien gewiesen hatte. Letzterer bildete nämlich bis auf diese Unregelmäßigkeit ein ganz vollständiges Oval. Wenn wir ihn hier anschleifen, kann seine zukünftige Gestalt nicht beeinträchtigt werden.«

Jacobus Vandergaart ging ohne Zögern an’s Werk; und nachdem er aus seiner Kommode einen rohen Stein von vier bis fünf Karat entnommen und diesen an einer Art eisernem Griffe sorgfältig befestigt hatte, begann er die beiden äußeren Schichten kräftig gegeneinander zu reiben.

»Es wäre schneller geschehen, wenn ich eine Spaltung vornähme, sagte er. Wer möchte aber wagen, auf einen Stein von solchem Werthe einen Hammerschlag zu führen!«

Die lange und sehr einförmige Arbeit nahm nicht weniger als zwei Stunden in Anspruch. Als die Facette breit genug erschien, um die Natur des Steines beurtheilen zu lassen, mußte sie noch auf der Mühle polirt werden, was wiederum zwei Stunden Zeit erforderte.

Bei Beendigung dieser Vorarbeiten war es indeß noch immer voller Tag. Jetzt konnten nun Cyprien und Jacobus Vandergaart ihre gespannte Neugier befriedigen und sahen sich das Ergebniß der vorherigen Operationen an.

Eine schöne Facette von Gagathfarbe, aber vollkommenster Durchsichtigkeit und unvergleichlichem Glanze bot sich ihren Blicken.

Der Diamant war schwarz! Eine merkwürdige Eigenthümlichkeit, welche nur selten gefunden wird, und seinen Werth womöglich noch weiter erhöht.

Jacobus Vandergaart’s Hände zitterten, als er den Krystall in den Strahlen der Abendsonne funkeln ließ.

»Das ist der merkwürdigste und schönste Edelstein, der jemals das Licht des Tages wiedergestrahlt hat! rief er mit wirklich religiöser Ehrfurcht. Wie wird er erst aussehen, wenn seine Facetten alle kunstgerecht geschliffen sind!

– Würden Sie zustimmen, diese Arbeit zu übernehmen? fragte Cyprien eifrig.

– Ja, gewiß, liebes Kind! Das wäre der höchste Ruhm, die Krone meiner langen Lebensbahn! … Vielleicht aber möchten Sie lieber eine jüngere und sicherere Hand dazu wählen, als die meinige?

– Nein, antwortete Cyprien mit Wärme. Ich hege die Ueberzeugung, daß Niemand dieser Aufgabe mehr Sorgfalt und Geschick widmen wird, als Sie. Bewahren Sie diesen Diamanten, lieber Jacobus, und schneiden ihn, wie Sie es für gut finden. Sie werden ein Meisterstück liefern. Die Sache ist hiermit abgemacht!«

Der Greis drehte und wendete den Stein zwischen den Fingern und schien unschlüssig zu sein, was er thun solle.

»Es beunruhigt mich nur eins, sagte er endlich. Wissen Sie, daß ich mich nicht recht mit dem Gedanken befreunden kann, ein Juwel von solchem Werthe in meiner Behausung zu haben? Das sind mindestens fünfzig Millionen, vielleicht noch mehr, was ich hier in der hohlen Hand halte. Es scheint mir nicht rathsam, eine solche Verantwortlichkeit auf mich zu nehmen.

– Wenn Sie nichts davon sagen, wird es ja kein Mensch wissen, Herr Vandergaart, und was mich angeht, so verpflichte ich mich zur Wahrung des strengsten Stillschweigens.

– Hm! Vermuthungen werden deshalb nicht ausbleiben! Es kann Ihnen Jemand gefolgt sein, als Sie zu mir gingen! … Man wird die Veranlassung annehmen, wenn sie auch Keiner sicher kennt! Den Leuten hier ist nicht über den Weg zu trauen! Nein, ich könnte keine Nacht ruhig schlafen!

– Vielleicht haben Sie recht, erwiederte Cyprien, der die Einwendung des alten Mannes sehr wohl begriff. Doch was ist da zu thun?

– Das überleg‘ ich eben!« antwortete Jacobus Vandergaart, der einige Augenblicke still schwieg.

Dann nahm er wieder das Wort:

»Hören Sie mich an, liebes Kind, sagte er. Was ich Ihnen vorzuschlagen gedenke, ist sehr delicater Natur und ich setze dabei voraus, daß Sie unbegrenztes Vertrauen zu mir haben. Sie kennen mich jedoch zu gut, um es auffällig zu finden, daß ich in diesem Falle alle nur denkbare Vorsicht walten lassen möchte. Ich muß sofort mit meinen Werkzeugen und dem Stein von hier fort, um mich in einen Winkel zu verkriechen, wo mich Niemand kennt – vielleicht in Bloemfontein oder in Hope-Town. Da werd‘ ich mir ein bescheidenes Zimmer wählen, mich einschließen, um ganz im Geheimen und ungestört zu arbeiten und erst nach Vollendung dieser Aufgabe zurückkehren. Vielleicht gelingt es mir auf diese Weise, gewisse Leute, die gelegentlich zu Allem fähig sind, fern zu halten … Doch ich wiederhole Ihnen, ich schäme mich fast, Ihnen einen solchen Vorschlag zu unterbreiten.

– Einen Vorschlag, den ich völlig gerechtfertigt finde, erwiderte Cyprien, und ich bitte Sie nur inständigst, denselben ohne Zögern auszuführen.

– Rechnen Sie darauf, daß die Sache ziemlich lange dauern kann, daß ich wenigstens einen Monat dazu brauche, und vergessen Sie nicht, daß mir auch unterwegs ein Unfall zustoßen könnte.

– Das schadet Alles nichts, Herr Vandergaart, wenn Sie glauben, daß das der beste Weg ist, zum gewünschten Ziele zu gelangen. Und wenn der Diamant ja verloren ginge, ist ja das Unglück nicht gar so groß!«

Jacobus Vandergaart betrachtete seinen jungen Freund mit seltsamem Erstaunen.

»Sollte ihn ein solcher Glücksfall um den Verstand gebracht haben?« fragte er sich.

Cyprien verstand seine Gedanken und begann zu lächeln. Nun erst erklärte er ihm, woher der Diamant stamme und daß er deren in Zukunft so viel herstellen könne, als ihm beliebte. Ob der alte Steinschneider dieser Mittheilung nur halben Glauben schenkte oder ob ihn persönliche Gründe bestimmten, jetzt nicht in der allein liegenden Hütte bleiben zu wollen, wo ihm ein Edelstein von fünfzig Millionen an Werth als gefährlicher Hausgenosse erschien – kurz, er bestand darauf, noch zur Stunde abzureisen.

Nachdem er also in einem alten Ledersack seine Werkzeuge und die nöthigsten Habseligkeiten untergebracht, befestigte er an der Hausthür einen Zettel mit der Aufschrift: »In Geschäftsangelegenheiten abwesend,« steckte den Schlüssel in die Tasche, verbarg den Diamanten unter seiner Weste und brach unverzüglich auf.

Cyprien begleitete ihn zwei bis drei Meilen weit auf der Landstraße nach Bloemfontein und verließ ihn nur erst auf seine ernstliche Bitte.

Es war schon dunkle Nacht, als der junge Ingenieur nach seiner Wohnung zurückkehrte, während er dabei sicherlich mehr an Miß Watkins, als an seine berühmte Entdeckung dachte.

Ohne sich bei dem von Matakit bereiteten und schon zurecht gestellten Abendessen aufzuhalten, verfügte er sich an seinen Arbeitstisch und begann den Bericht aufzusetzen, den er mit dem nächsten Courier an den ständigen Secretär der Akademie der Wissenschaften abzusenden dachte. Dieser enthielt eine ganz genaue und vollständige Beschreibung seines Experimentes, welche er mit einer höchst geistreichen Theorie über die Reaction, durch die jener prächtige Kohlenstoffkrystall entstanden sein mochte, begleitete.

»Die bemerkenswertheste Eigentümlichkeit dieses Erzeugnisses, schrieb er unter Anderem, liegt offenbar in seiner unzweifelhaften Identität desselben mit dem natürlichen Diamanten und vor Allem in dem gleichzeitigen Vorhandensein der äußerlichen Gesteinsgangart.«

Cyprien hegte die feste Ueberzeugung, daß dieser merkwürdige Erfolg nur der sorgfältigen Auskleidung des Rohres mit der Erde zu verdanken sei, die er der Vandergaart-Kopje entnommen hatte. Der Vorgang, durch welchen ein Theil dieser Erde sich von der Wand losgelöst, um rings um den Krystall eine wirkliche Schale zu bilden, war freilich nicht leicht zu erklären und blieb ein Punkt, über den spätere Experimente jedenfalls weitere Aufklärung bringen würden. So lag zum Beispiel der Gedanke nahe, daß hier eine ganz neue Bethätigung einer chemischen Verwandtschaft anzunehmen sei, und der Autor nahm sich vor, diesen Gegenstand später gründlich zu studiren. Er maßte sich übrigens keineswegs an, in dieser Zuschrift schon eine vollständige und abgeschlossene Theorie geben zu wollen. Die Veranlassung zu derselben bildete vielmehr der Wunsch, dieselbe ohne Verzug der ganzen gelehrten Welt vorzulegen, die Priorität Frankreichs zu sichern und Andere zu Studien anzuregen, welche geeignet wären, das, was ihm bisher selbst noch dunkel geblieben war, aufzuhellen und zu erklären.

Nachdem er diese Abhandlung aufgesetzt und seine wissenschaftliche Befähigung nachgewiesen hatte, während er noch immer darauf hoffte, dieselbe durch weitere Erfahrung zu vervollständigen, ehe er sie an die richtige Adresse absandte, aß der junge Ingenieur ein wenig zu Abend und legte sich dann ruhig nieder.

Am folgenden Morgen verließ Cyprien seine Wohnung und lustwandelte nachsinnend durch die verschiedenen Theile der Mine. Gewisse und wahrlich nicht besonders freundliche Blicke trafen ihn, wo er auch vorüberkam. Wenn er diese kaum beachtete, kam das daher, daß er alle möglichen Folgen seiner wichtigen Entdeckung fast ganz vergessen hatte, obgleich sie John Watkins ihm so handgreiflich vor Augen führte, nämlich den mehr oder weniger nahe bevorstehenden Ruin aller concessionirten Inhaber und aller Concessionen des Griqualandes. Immer war das ganz dazu angethan, ihm in einem halbwilden Lande einige Besorgniß einzuflößen, hier, wo man gar nicht zögerte, sich mit eigener Hand Recht zu verschaffen, und die Sicherheit der Arbeit und demgemäß den daraus hervorgehenden Handel füglich als allererstes Gesetz betrachtete. Sobald die Herstellung künstlicher Diamanten sich zur praktischen Industrie fortentwickelte, waren alle jene Bergwerke Brasiliens, wie die in denen des südlichen Afrika festgelegten Millionen, ohne von der Unzahl Existenzen zu reden, welche davon lebten, unwiderbringlich verloren. Der junge Ingenieur konnte zwar sein Geheimniß für sich behalten; in dieser Beziehung aber lautete seine abgegebene Erklärung zu bestimmt und zu bindend; er war entschlossen, das nicht zu thun.

Auf der anderen Seite konnte der Vater Alices während der Nacht – eine Nacht quälender Unruhe – in der John Watkins von nichts Anderem als von noch gar nicht dagewesenen Diamanten im Werthe von so und so vielen Milliarden träumte – wohl folgenden Gedankengang haben. Jedenfalls erschien es ganz natürlich, daß Annibal Pantalacci und die übrigen Steingräber mit grollender Unruhe die Umwälzung betrachteten, welche Cypriens Entdeckung bezüglich der Ausbeutung der Diamantendistricte herbeiführen mußte, da sie solche ja für eigene Rechnung bearbeiteten. Für ihn aber, als einfachen Eigentümer der Farm Watkins, gestaltete sich die Sachlage noch anders. Wenn die Claims infolge der Werthverminderung der Edelsteine verlassen wurden, wenn die ganze jetzt hierher zusammengeströmte Bevölkerung das Gebiet des Griqualandes wieder verließ, so sank natürlich auch der Werth seiner Farm in beträchtlichem Maße, seine Felderzeugnisse fanden nicht mehr so bequemen Absatz, seine Häuschen und Hütten mußten wegen Mangels an Abmiethern leer stehen bleiben, und schlimmsten Falls konnte er sogar in die Lage kommen, ein Land zu verlassen, in welchem alle Quellen seiner bisherigen Einkünfte versiegt waren.

»Schön, sagte John Watkins, bis dahin werden schon ein paar Jahre vergehen! Die Herstellung künstlicher Diamanten ist selbst durch den von Herrn Méré angegebenen Proceß noch nicht so weit gediehen, um von praktisch einschneidender Bedeutung zu sein. Vielleicht hat ihn bei der ganzen Geschichte nur ein besonders glücklicher Zufall begünstigt. Doch ob Zufall oder nicht, jedenfalls hat er einen Stein von ungeheurem Werthe erzeugt, und wenn dieser, den Maßstab für natürliche Diamanten zu Grunde gelegt, schon einige fünfzig Millionen Werth ist, so wird er gerade wegen seiner Erzeugung auf künstlichem Wege einen weit höheren Preis bedingen. Ja, der junge Mann muß um jeden Preis zurückgehalten werden, eine Zeit lang wenigstens müssen wir ihn hindern, seine hochwichtige Entdeckung von allen Dächern hinauszuposaunen! Der Stein muß endgiltig in der Familie Watkins bleiben und wird von dieser nur gegen eine beträchtliche Anzahl Millionen abgegeben werden. Was den jungen Mann betrifft, der ihn hergestellt hat, so lasse ich mir darüber kein graues Haar wachsen, das wird sich leicht genug bewerkstelligen lassen. Ich habe ja Alice, und mit deren Hilfe wird mir’s schon gelingen, seine Abreise nach Europa zu verzögern … Ja, und wenn ich sie ihm zur Frau versprechen … selbst wenn ich sie ihm zur Frau geben sollte!«

Ja, unter dem Drange einer wahrhaft verzehrenden Begierde wäre John Watkins sogar dazu entschlossen gewesen. Bei der ganzen Angelegenheit hatte er nur sein Ich im Auge und dachte er nur allein an sich! Und wenn der alte Egoist an seine Tochter dachte, so geschah es einzig und allein, um sich zu sagen:

»Nun, Alles in Allem wird Alice sich nicht zu beklagen haben. Der junge gelehrte Narr ist eigentlich ganz gut. Er liebt sie, und mir scheint, sie ist gegen seine warme Zuneigung nicht unempfindlich geblieben. Was kann’s nun Besseres geben, als zwei für einander geschaffene Herzen zu vereinigen … oder ihnen die Vereinigung wenigstens bis zur vollständigen Klärung der Sachlage in Aussicht zu stellen. Ah, beim heiligen John, meinem Schutzpatron, zum Teufel mit Annibal Pantalacci und seinen Spießgesellen! Jeder ist sich selbst der Nächste, auch hier im Griqualande!«

So räsonnirte John Watkins, und wenn er die ideale Wage betrachtete, auf der er die Zukunft seiner Tochter mit einem Stück krystallisirter Kohle in’s Gleichgewicht gebracht, war er ganz glücklich in der Vorstellung, daß beide Schalen derselben sich vortrefflich in einer horizontalen Linie hielten.

Am folgenden Morgen stand sein Entschluß fest; er wollte nichts vom Zaune brechen, sondern die Dinge an sich herankommen lassen, ohne sich viel um den Weg zu kümmern, den sie dabei nehmen möchten.

Zunächst lag es ihm am Herzen, seinen Abmiether einmal wiederzusehen – was ja bei den täglichen, auf der Farm abgestatteten Besuchen ziemlich leicht war – aber auch den berühmten Diamanten, der in seinen Träumen schon zu fabelhaften Größenverhältnissen angewachsen war, sehnte er sich noch einmal zu betrachten.

Mr. Watkins begab sich also nach dem Häuschen Cypriens, der in dieser frühen Morgenstunde noch hier anwesend war.

»Nun, mein junger Freund, begann er im Tone guter Laune, wie haben Sie denn die Nacht hingebracht, diese erste Nacht nach Ihrer hochwichtigen Entdeckung?

– O, sehr gut, Herr Watkins, sehr gut, erklärte der junge Mann frostig.

– Wie, Sie haben schlafen können?

– Ganz wie gewöhnlich!

– Alle die Millionen, welche aus diesem Ofen hervorgequollen sind, fuhr Mr. Watkins fort, haben nicht einmal Ihren Schlaf gestört?

– In keiner Weise! versicherte Cyprien. Vergessen Sie überhaupt nicht, Herr Watkins, daß der fragliche Diamant einen Werth von Millionen nur besäße, wenn er das Werk der Natur wäre, nicht aber das Erzeugniß eines Chemikers …

– Ja … ja freilich, Herr Cyprien! Doch sind Sie sicher, noch einen oder gar noch mehrere machen zu können? … Würden Sie dafür einstehen können?«

In der Ueberzeugung, daß ein derartiges Experiment wohl auch auf einen Mißerfolg hinauslaufen könne, zögerte Cyprien mit der Antwort.

»Da haben wir’s ja, fuhr John Watkins fort, Sie getrauen sich das nicht! Bis auf weitere Versuche und Erfolge bleibt also Ihrem Diamanten sein ungeheurer Werth! … Nun, warum wollen Sie’s dann, wenigstens gleich jetzt, Jedermann predigen, daß es nur ein künstlicher ist?

– Ich wiederhole Ihnen, erwiderte Cyprien, daß ich ein wissenschaftliches Geheimniß von solcher Tragweite nicht für mich behalten darf!

– Ja … ja … weiß schon! erwiderte John Watkins, indem er dem jungen Manne durch ein Zeichen bedeutete, zu schweigen, um nicht draußen gehört zu werden. Ganz richtig! … Davon sprechen wir später. Jedenfalls sorgen Sie sich nicht wegen Pantalacci’s und der Uebrigen; die werden bezüglich Ihrer Entdeckung gewiß reinen Mund halten, denn das liegt in ihrem eigenen Interesse. Seien Sie überzeugt und – nun ja – glauben Sie vorzüglich von meiner Tochter und von mir, daß wir uns über Ihre Erfolge ganz besonders freuen. Ja gewiß, wir sind ganz glücklich darüber! … Aber könnt‘ ich den wunderbaren Diamanten denn nicht noch einmal sehen? … Gestern hatt‘ ich ja kaum Zeit, ihn aufmerksamer zu betrachten. Würden Sie wohl gestatten …

– Ja, ich hab‘ ihn leider nicht mehr, antwortete Cyprien.

– Sie haben ihn schon nach Frankreich geschickt? rief Mr. Watkins, fast vernichtet von diesem Gedanken.

– Nein … das noch nicht! … Im jetzigen Rohzustande würde man seine Schönheit nicht zu beurtheilen vermögen; deshalb also beruhigen Sie sich.

– Wem haben Sie ihn aber dann übergeben? Bei allen Schutzheiligen Alt-Englands, wem?

– Ich übergab ihn dem Jacobus Vandergaart zum Schleifen und weiß nicht, wo dieser ihn mit hingenommen hat.

– Sie hätten dem alten Narren einen Diamanten von solch ungeheurem Werthe anvertraut? rief John Watkins wirklich wüthend. Aber das ist wahnwitzig, Herr Ingenieur, rein wahnwitzig.

– Bah! erwiderte Cyprien sehr gleichmüthig, was, meinen Sie, könnte Jacobus oder ein beliebiger Anderer beginnen mit einem Diamanten, dessen Werth für Die, welche seinen Ursprung nicht kennen, mindestens fünfzig Millionen beträgt? Glauben Sie etwa, es ginge so leicht, denselben heimlich zu verkaufen?«

Mr. Watkins schien über dieses Argument einigermaßen betroffen. Ein Diamant von so hohem Preise konnte offenbar nicht so leicht aus einer Hand in die andere übergehen. Trotzdem fühlte sich der Farmer beunruhigt; er hätte viel – ja, viel darum gegeben, wenn der unvorsichtige Cyprien jenen nicht dem alten Steinschneider anvertraut hätte, oder wenn dieser wenigstens mit dem überaus kostbaren Juwel nach dem Griqualande zurückgekehrt gewesen wäre.

Jacobus Vandergaart hatte jedoch einen Monat Zeit verlangt, und trotz seiner brennenden Ungeduld mußte John Watkins sich wohl oder übel fügen.

Natürlich säumten im Laufe der folgenden Tage seine gewöhnlichen Tischgenossen Annibal Pantalacci, Herr Friedel und der Jude Nathan nicht, über den ehrbaren Steinschneider herzufallen. In Abwesenheit Cypriens sprachen sie sehr häufig von ihm und gaben John Watkins dabei jedesmal zu hören, daß die Zeit verstreiche und Jacobus Vandergaart doch nicht wieder erscheine.

»Und warum sollte er eigentlich nach dem Griqualande zurückkehren, bemerkte Friedel, da es ihm ja leicht genug gemacht ist, den unermeßlich kostbaren Diamanten, dessen künstlichen Ursprung bis jetzt doch nichts verräth, einfach für sich zu behalten?

– Weil er keine Gelegenheit finden dürfte, ihn zu verkaufen, entgegnete Mr. Watkins unter Anführung des Argumentes, welches der junge Ingenieur beigebracht hatte, obgleich ihn das jetzt nicht mehr vollständig beruhigte.

– Ein recht triftiger Grund! meinte Nathan.

– Ja, ein recht triftiger Grund! wiederholte Annibal Pantalacci, und glauben Sie mir, das alte Krokodil ist damit in dieser Stunde schon über alle Berge. Es wird ihm wohl besonders schwer fallen, den Stein äußerlich zu verändern und unkenntlich zu machen! Sie wissen ja nicht einmal, welche Färbung er hat. Wer hindert ihn, denselben in vier oder fünf Stücke zu theilen, oder durch Spaltung daraus auch noch mehr Diamanten von immerhin beträchtlichem Werthe herzustellen?«

Solche hingeworfene Andeutungen senkten schwere Zweifel in die Seele des Mr. Watkins, und er gab sich schon dem Glauben hin, daß Jacobus Vandergaart niemals wiedererscheinen werde.

Nur Cyprien glaubte fest an die Ehrbarkeit des alten Steinschneiders und erklärte unentwegt, daß dieser sich schon am vorherbestimmten Tage einstellen würde. Er sollte damit Recht behalten.

Jacobus Vandergaart traf achtundvierzig Stunden später wirklich ein. Sein Fleiß und Eifer für die Arbeit hatten es ermöglicht, den Schliff des Diamanten schon in siebenundzwanzig Tagen zu vollenden. Er schlüpfte des Nachts wieder in sein Haus, um dem Juwel auf der Mühle die letzte Politur zu geben, und am neunundzwanzigsten Tage sah Cyprien den Greis wieder bei sich erscheinen.

»Hier ist der Stein!« sagte er einfach und setzte bei diesen Worten einen kleinen Holzkasten auf den Tisch.

Cyprien öffnete das Etui und stand wie versteinert da.

Auf einer Unterlage von weißer Baumwolle ruhte, in Form eines dodecaëdrischen, das ist zwölfflächigen Rhomboïds ein ungeheurer schwarzer Krystall, der seine prismatischen Strahlen mit solchem Feuer aussandte, daß das ganze Laboratorium davon erleuchtet schien. Dieses Kunstproduct von tintenschwarzer Farbe, diamantener Durchsichtigkeit und unerreichtem Brechungsvermögen brachte einen wunderbaren, wirklich aufregenden Effect hervor. Man empfand es, daß man hier einer einzig dastehenden Erscheinung, einem Naturspiel, das wahrscheinlich seines Gleichen nicht hatte, gegenüberstand. Von dem Werthe desselben ganz abgesehen, nahm der Glanz des Edelsteins schon allein alle Sinne gefangen.

»Das ist nicht bloß der größte, sondern auch der schönste Diamant, den es auf Erden giebt! sagte Jacobus Vandergaart in ernstem Tone, dem sich ein gewisser Vaterstolz beimischte. Er wiegt vierhundertzweiunddreißig Karat! Sie dürfen sich also schmeicheln, ein Prachtstück erster Ordnung geschaffen zu haben, liebes Kind, und Ihr einfacher Versuch hat gleich ein Meisterwerk geliefert!«

Cyprien hatte auf die Lobpreisung des alten Steinschneiders nicht geantwortet. Er betrachtete sich eben nur als den Urheber einer merkwürdigen Entdeckung. Ohne Zweifel hatten schon Viele sich auf dem Gebiete der anorganischen Chemie nach gleichem Zwecke strebend vergeblich abgemüht, wo er so unerwartet leicht zum Ziele gekommen war. Doch welche nützliche Folgen konnte die Herstellung künstlicher Diamanten für die menschliche Gesellschaft haben? Denn unvermeidlicher Weise mußte diese in gewisser Zeit alle Diejenigen welche vom Edelsteinhandel lebten, zu Grunde richten, und würde deshalb doch Niemand bereichern.

Mit dieser Vorstellung verfiel der junge Ingenieur wieder in die Berauschung, der er sich während der ersten Stunden nach seiner Entdeckung hingegeben hatte. Ja, jetzt, wo dieser Diamant in vollem Glanze aus den Händen Jacobus Vandergaart’s wiederkam, erschien er auch ihm selbst nicht mehr als werthloser Krystall, dem vielleicht in naher Zeit nicht einmal mehr der Vorzug der Seltenheit zukam.

Cyprien hatte das Kästchen wieder ergriffen, in welchem der unvergleichliche Edelstein funkelte, und nachdem er noch die Hand des Greises warm gedrückt, begab er sich geraden Weges nach der Farm des Mr. Watkins. Der Farmer saß noch immer unruhig, noch immer erregt wegen der für ihn so unwahrscheinlichen Rückkehr des Jacobus Vandergaart in seinem Zimmer zu ebener Erde. Seine Tochter befand sich bei ihm und suchte ihn nach Kräften zu besänftigen.

Cyprien stieß die Thür auf und blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehen.

»Nun? … fragte John Watkins lebhaft, während er sich überraschend schnell erhob.

– Nun, der ehrliche Jacobus Vandergaart ist heute Morgen heimgekehrt! antwortete Méré.

– Mit dem Diamanten?

– Mit dem meisterhaft geschnittenen Diamanten, der noch immer vierhundertzweiunddreißig Karat wiegt.

– Vierhundertzweiunddreißig Karat! stieß John Watkins hervor. Und Sie haben ihn mitgebracht?

– Hier ist er.«

Der Farmer hatte das Kästchen hastig ergriffen, hatte es aufgerissen, und seine großen Augen funkelten jetzt fast ebenso stark wie der Diamant, den er mit einer fast stumpfsinnigen Bewunderung, gleich einem Geisteskranken anstarrte. Jetzt, als er denselben in so leichter, tragbarer, körperlicher und doch glänzender Form zwischen den zitternden Fingern hielt, den colossalen Werth, den der Edelstein darstellte, in der Hand fühlte, steigerte sich sein Entzücken zu solchem Grade, daß es beinahe lächerlich erschien. Mr. Watkins hatte Thränen in der Stimme und sprach auf den Diamanten wie auf ein lebendes Wesen.

»O der schöne, der stolze, der köstliche Stein! … rief er. Du bist also wiedergekommen, mein Herzlieb! … Wie prächtig Du aussiehst! … Wie schwer Du bist! … Wie viel magst Du in guten, klingenden Guineen werth sein! … Was soll aus Dir werden, mein Schatz? … Sollen wir Dich nach dem Cap und von da nach London senden, um Dich bewundern zu lassen? … Wer wäre aber reich genug, Dich kaufen zu können? … Die Königin selbst könnte sich einen solchen Luxus nicht gestatten! … Das verzehrte ihre Civilliste für zwei bis drei Jahre! … Es wird sich wohl ein Parlamentsbeschluß, eine nationale Subscription nothwendig machen! … Nun, sei nur ruhig, das wird ja geschehen! … Dann wirst auch Du im Tower zu London ausruhen können, zur Seite des Koh-i-noor, der Dir gegenüber nur noch ein Knabe sein wird! … Was magst Du wohl werth sein, mein Herzensschatz?«

Er rechnete ein Weilchen im Kopfe.

»Der Diamant des Zaren ist von Katharina II. mit einer Million Rubel baar und sechsundneunzigtausend Francs lebenslänglicher Rente bezahlt worden. Es erscheint gewiß nicht übertrieben, für diesen hier eine Million Pfund Sterling und fünfhunderttausend Francs fortlaufende Rente zu verlangen!«

Da fiel ihm plötzlich noch etwas Anderes ein.

»Glauben Sie nicht, Herr Méré, daß der Eigenthümer eines solchen Steines zum Pair erhoben werden müßte? Alle Arten des Verdienstes sollen doch in dem hohen Hause vertreten sein, und einen solchen Diamanten zu besitzen, ist doch kein gewöhnliches Verdienst zu nennen! … Sieh doch, Alice, schau doch her, zwei Augen sind wahrlich nicht genug, einen solchen Stein zu bewundern!«

Zum ersten Male in ihrem Leben betrachtete Miß Watkins einen Diamanten mit Interesse.

»Er ist wirklich ausnehmend schön! Er leuchtet wie ein Stück Kohle, was er ja im Grunde ist, aber wie ein Stück glühende Kohle!« sagte sie, während sie ihn sorgsam aus seinem Baumwollenlager herausnahm.

Darauf näherte sie sich durch eine instinctive Bewegung, welche wohl bei jedem jungen Mädchen aufgetreten wäre, dem Spiegel über dem Kamine und hielt sich das kostbare Juwel an die Stirn, mitten zwischen ihr blondes Haar.

»Ein in Gold gefaßter Stern! sagte Cyprien galant, der sich einmal gegen seine Gewohnheit zu einem Complimente verleiten ließ.

– Das ist wahr! … Einen Stern könnte man ihn nennen! rief Alice freudig in die Hände klatschend.

– Nun gut, lassen wir ihm diesen Namen: nennen wir ihn den Stern des Südens. Wollen Sie, Herr Cyprien? Ist er nicht ebenso schwarz wie die eingebornen Schönheiten dieses Landes und glanzvoll wie die Sternbilder unseres südlichen Himmels?

– Der »Südstern«! meinetwegen, sagte John Watkins, der auf den Namen nur sehr mittelmäßigen Werth legte. Aber hüte Dich, ihn fallen zu lassen! fuhr er bei einer raschen Bewegung seiner Tochter erschrocken fort; er würde wie Glas zerspringen!

– Wirklich? … So zerbrechlich wäre so ein Ding? antwortete Alice, während sie den Edelstein ziemlich verächtlich in das Kästchen zurücklegte. Armer Stern, Du bist also nur ein Gestirn zum Lachen, ein gewöhnlicher Glasflaschenstöpsel!

– Ein Glasflaschenstöpsel! … rief Mr. Watkins halb erstickt. Die Kinder haben doch vor gar nichts Respect.

– Fräulein Alice, sagte da der junge Ingenieur, Sie waren es, die mich zur Herstellung künstlicher, aber echter Diamanten veranlaßt hat. Ihnen allein verdankt der Stein seine heutige Existenz! In meinen Augen ist er freilich ein Spielzeug, das keinen Handelswerth haben wird, wenn man dessen Ursprung erfährt. Ihr Herr Vater wird jedenfalls gestatten, daß ich Ihnen denselben als Erinnerung an Ihre glückliche Beeinflußung meiner Arbeiten als Geschenk anbiete.

– Wie? stieß Mr. Watkins hervor, der nicht verhehlen konnte, was er bei diesem unerwarteten Vorschlage empfand.

– Fräulein Alice, wiederholte Cyprien, dieser Diamant gehört Ihnen. Ich biete Ihnen denselben an … ich schenke ihn Ihnen!«

Statt jeder Antwort reichte Miß Watkins dem jungen Manne die Hand hin, welche dieser zärtlich zwischen den seinen drückte.

Elftes Capitel


Elftes Capitel

»Der Südstern«

Die Nachricht von der Rückkehr Jacobus Vandergaart’s hatte sich natürlich schnell verbreitet. Alle Welt kam nun nach der Farm gelaufen, um das Wunder der Kopje wenigstens zu sehen. Man vernahm dabei auch sehr bald, daß der Diamant der Miß Watkins gehöre, daß aber ihr Vater viel mehr als sie selbst der Inhaber desselben sei.

Die allgemeine Neugier wendete sich also diesem Diamanten zu, einem Werk der Menschenhand und nicht der schöpferischen Natur.

Es muß hier bemerkt werden, daß von dem künstlichen Ursprung des Diamanten noch nichts in die Oeffentlichkeit gedrungen war. Einestheils wären die Steingräber des Griqualandes nicht so unverständig gewesen, ein Geheimniß auszuplaudern, welches ihren unmittelbaren Ruin herbeiführen mußte; andererseits hütete sich Cyprien, dem Zufall zu sehr zu vertrauen, hatte noch nichts in dieser Beziehung ausgesprochen und sich vorgenommen, seinen Bericht über den »Südstern« nicht eher abzusenden, als bis er den Erfolg seines Verfahrens durch einen zweiten Versuch bestätigt hatte. Was er ein erstes Mal vollbracht, das wollte er auch ein zweites Mal im Stande sein.

Die allgemeine Aufmerksamkeit war also außerordentlich erregt, und John Watkins hätte sich schon anstandshalber nicht weigern können, dieselbe zu befriedigen, ganz abgesehen davon, daß sie ja seiner Eitelkeit schmeichelte. Er brachte den »Südstern« auf leichter weißer Unterlage auf einer kleinen weißen Marmorsäule an, die sich in der Mitte über dem Kamin seines Besuchszimmers erhob, und den ganzen Tag lang blieb er davor in seinem Lehnstuhl sitzen, wachte über das unvergleichliche Juwel und zeigte dasselbe Jedem, der da kam.

James Hilton war der Erste, der ihn darauf aufmerksam machte, wie unklug ein solches Benehmen sei. Bedachte er wohl, welche Gefahren er über sein Haupt heraufbeschwor, wenn er so Aller Augen den enormen Werth, den er unter seinem Dache barg, preisgab? Nach Hilton’s Ansicht war es unumgänglich nöthig, von Kimberley eine specielle Polizeiwache zu erbitten, oder es könnte vielleicht schon die nächste Nacht nicht ohne ein Unglück verlaufen.

Erschrocken über diese Möglichkeit, beeilte sich Mr. Watkins, dem weisen Rathe seines Gastes zu folgen, und athmete erst wieder auf, als er gegen Abend einen Trupp berittener Policemen ankommen sah. Diese vierundzwanzig Mann wurden in den Nebengebäuden der Farm untergebracht.

Der Zufluß von Neugierigen nahm in den nächsten Tagen nur noch mehr zu, und der Ruhm des »Südsterns« hatte bald die Grenzen des Bezirks überschritten, um sich bis nach den entferntesten Städten zu verbreiten. Die Tagesblätter der Colonie widmeten spaltenlange Artikel der Beschreibung seiner Größenverhältnisse, seiner Form und Farbe, sowie seines Glanzes. Das Telegraphenkabel von Durban übernahm es, diese Einzelheiten über Zanzibar und Aden zuerst nach Europa und Asien, und dann nach Nord- und Süd-Amerika und nach Oceanien zu übermitteln. Photographen rissen sich um die Ehre, ein Bild des wunderbaren Diamanten aufzunehmen. Im Auftrage illustrirter Journale kamen Zeichner angereist, denselben für ihre Blätter darzustellen. Endlich wurde die Sache für die ganze Welt zu einem wirklichen Ereigniß.

Jetzt mischte sich auch die Fabel mit hinein. Unter den Steingräbern circulirten phantastische Geschichten über die geheimnißvollen Eigenschaften, die ihm zugeschrieben wurden. Man raunte einander zu, daß ein schwarzer Stein unbedingt »Unglück bringen müsse.« Erfahrene Leute schüttelten den Kopf und erklärten, daß sie diesen Feuerstein viel lieber bei Watkins, als im eigenen Hause sähen. Kurz, üble Nachreden und selbst Verleumdungen, welche von jeder Berühmtheit unzertrennlich sind, fehlten auch dem »Südstern« nicht – der sich ganz natürlich darum nicht im Mindesten kümmerte, denn er goß wie zuvor

… Ströme von Licht
Auf jeden obscuren Bösewicht!

Mit John Watkins lag das freilich ganz anders, da diesen jenes Geschwätz bald zur Verzweiflung brachte. Es erschien ihm, als würde der Werth des Steines dadurch einigermaßen herabgesetzt, und er empfand das als eine Art persönliche Beleidigung. Nachdem der Gouverneur der Colonie und die Officiere der benachbarten Garnisonen, die Stadtcommandanten, die Beamten und alle Volksvertretungen herbeigekommen waren, seinem Edelsteine ihre Huldigungen darzubringen, erblickte er in den mehr als freimüthigen Aeußerungen, die man sich über seinen Besitz erlaubte, fast eine Gotteslästerung.

Ebenso um diesen Alfanzereien ein Ende zu machen, wie seinen von jeher etwas lüsternen Gaumen einmal wieder zufrieden zu stellen, beschloß er einen großen Schmaus zu geben, zu Ehren des ihm so an’s Herz gewachsenen Diamanten, den er noch immer in klingende Münze umzusetzen hoffte, was Cyprien auch dagegen sagen und so sehr seine Tochter wünschen mochte, ihn wie er war zu behalten.

So stark ist der Einfluß des Magens auf eine große Zahl Menschen, daß schon die Anzeige von dieser Mahlzeit hinreichte, von diesem Tage zum anderen die öffentliche Meinung in dem Vandergaart-Lager völlig umzuwandeln. Da hörte man die Leute, welche sich früher am mißliebigsten über den »Südstern« ausgesprochen hatten, plötzlich einen anderen Ton anschlagen und aussprechen, daß dieser Stein doch an der ihm zugeschriebenen schlechten Wirkung ganz unschuldig sei, und darauf nahmen sie die Einladung zu John Watkins mit großem Vergnügen an.

Von diesem Feste im Becken des Vaal sollte sehr lange die Rede sein. An dem betreffenden Tage fanden sich achtzig Gäste zur Tafel unter einem großen Zelte ein, das an die Wand des Empfangszimmers, welche man gleich entfernt hatte, angebaut wurde.

Ein »Baron voyal«, ein gewaltiger Braten, bestehend aus einem ganzen Ochsenrücken, nahm die Mitte des Tisches ein und wurde von ganzen Lämmern und Vertretern aller Arten Wild des Landes umringt. Berge von Gemüse und Früchten, zahlreiche Biertonnen und Weinfässer, welche an verschiedenen Stellen übereinandergelagert und schon mit Abzapfhähnen versehen waren, vervollständigten die Anordnung dieser wahrhaft üppigen Tafel.

Auf seinem Sockel und umgeben von brennenden Kerzen stand der »Südstern« gleich hinter dem Rücken John Watkins‘ bei dem Festmahle, das ja zu seiner Ehre gegeben wurde.

Die Bedienung bildeten zwanzig, für diese Gelegenheit engagirte Kaffern unter der Anführung Matakit’s, der sich erboten hatte, diese – mit Erlaubniß seines Herrn – zu commandiren.

Hier befanden sich außer der Polizeimannschaft, welcher Mr. Watkins auf diese Weise seinen Dank abstatten wollte, alle hervorragenden Persönlichkeiten des Lagers und der Umgebung, Mathys Pretorius, Nathan, James Hilton, Annibal Pantalacci, Friedel, Thomas Steel und fünfzig Andere.

Selbst die Thiere der Farm, die Büffel, Hunde und vorzüglich die Strauße der Miß Watkins erhielten ihren Theil von dem Feste, indem sie herankamen, einige Brosamen von der Tafel zu erbetteln.

Alice saß ihrem Vater gegenüber am anderen Ende des Tisches und machte mit der ihr angeborenen Grazie die Honneurs, doch nicht ohne einen geheimen Kummer, obgleich sie völlig den Grund der Abwesenheit von zwei gewissen Personen begriff; weder Cyprien Méré, noch Jacobus Vandergaart nahmen an dem Festgelage Theil.

Der junge Ingenieur hatte immer soviel als möglich die Gesellschaft Friedel’s, Pantalacci’s und der Genossen dieser Leute gemieden. Außerdem kannte er seit seiner Entdeckung deren wenig wohlwollende Gesinnung gegen ihn und sogar ihre Drohung gegen den Erfinder der künstlichen Herstellung von Diamanten, wodurch sie vollständig zu Grunde gerichtet zu werden fürchten mußten. Er hatte sich also zurückgehalten und war der Einladung zur Tafel nicht gefolgt. Jacobus Vandergaart, dem gegenüber John Watkins nicht unversucht ließ, ihn gegen sich freundlich zu stimmen, hatte Alles von Anfang her glatt zurückgewiesen.

Das Bankett ging allmählich zu Ende. Wenn es in guter Ordnung verlief, kam das daher, daß die Anwesenheit der Miß Watkins selbst den rohesten Gästen einen gewissen Zwang zu äußerer Wohlanständigkeit auferlegte, obwohl Mathys Pretorius wie immer als Zielscheibe für schlechte Witze Annibal Pantalacci’s dienen mußte, indem dieser dem unglücklichen Boer die unsinnigsten Bären aufband. So sollte unter dem Tische plötzlich ein Feuerwerk abgebrannt werden! … Man erwarte nur, daß Miß Watkins sich zurückziehe, um den dicksten Mann der Gesellschaft zu verurtheilen, zwölf Flaschen Gin in einem Zuge zu trinken! … Oder es sei beabsichtigt, das Gelage mit einem großen Faustkampfe und einem allgemeinen Gefechte mit Revolvern zu beschließen.

Er wurde dabei aber unterbrochen von John Watkins, der in seiner Eigenschaft als Präsident des Banketts mit dem Messergriffe auf den Tisch klopfte, um die herkömmlichen Toaste auszubringen. Sofort ward es still. Der Gastgeber erhob sich in ganzer Länge, stützte beide Daumen auf das Tischtuch und begann seinen Speech mit einer durch reichliches Trinken etwas unsicher gewordenen Stimme.

Er sagte unter Anderem, daß dieser Tag die wichtigste Erinnerung aus seinem Leben als Steingräber und Ansiedler bleiben werde.

Nachdem er geschildert, wie hart es ihm in der Jugend gegangen, und wie er sich jetzt hier im reichen Griqualand von achtzig Freunden umgeben sähe, um den größten Diamanten der Welt zu feiern, sei das für ihn eine Freude, die er nimmermehr vergessen könne! … Vielleicht könne ja morgen einer der ehrenwerthen Gäste eben so gut einen noch größeren Stein finden! … Das sei eben das Interessante, die Poesie des Diamantengrabens! (Lebhafte Zustimmung.) Dieses Glück wünschte er vor Allem seinen Freunden und Gästen! … (Lächeln, Beifall.) Er glaube sogar versichern zu können, daß Derjenige nur sehr schwer zu befriedigen sein müsse, der sich jetzt an seiner Stelle nicht zufriedengestellt fühlte! … Zum Schlusse lud er die Tischgenossen ein, auf das Gedeihen des Griqualands, auf die Beständigkeit des Marktpreises der Diamanten – wie stark sich auch die Concurrenz darin entwickeln möchte – zu trinken, endlich aber auch auf die glückliche Reise des »Südsterns«, der nun hinaus solle in die Welt, zuerst nach dem Cap und dann nach England, um seinen Glanz bewundern zu lassen.

»Aber, sagte Thomas Steele, ist es nicht mit einiger Gefahr verknüpft, einen Stein von so großem Werthe nach dem Cap zu senden?

– O, er wird natürlich sichere Begleiter haben, erwiderte Mr. Watkins. Es sind schon viele Diamanten in solcher Weise befördert worden und glücklich an’s Ziel gekommen.

– Sogar der des Herrn Dueurix de Sancy, sagte Alice, und doch möchte er ohne die Opferwilligkeit eines einfachen Dieners …

– Nun, was ist ihm denn so Außerordentliches zugestoßen? fragte James Hilton.

– So hören Sie die Anekdote, antwortete Alice, ohne sich erst darum bitten zu lassen.

»Herr de Sancy war ein französischer Edelmann am Hofe Heinrichs III. Er besaß einen berühmten Diamanten, der noch heute nach seinem Namen genannt wird. Nebenbei gesagt hatte dieser Edelstein schon vorher zahlreiche Abenteuer erlebt. Er gehörte nämlich anfänglich Karl dem Furchtsamen, der ihn bei sich trug, als er unter den Mauern von Nancy getödtet wurde. Ein Schweizersoldat fand später den Stein auf der Leiche des Herzogs von Burgund und verkaufte ihn für einen Gulden an einen armen Geistlichen, der ihn für fünf oder sechs Gulden wieder an einen Juden abtrat. Zur Zeit, als er sich im Besitz des Herrn de Sancy befand, war der königliche Schatz einmal stark in Geldverlegenheit und Herr de Sancy ließ sich dazu herbei, seinen Diamanten als Pfand herzugeben, um dem König den Geldwerth desselben zu verschaffen. Der Darleiher befand sich aber in Metz. Der Edelstein mußte also einem Diener anvertraut werden, der ihn diesem hinschaffte.

»Fürchten Sie nicht, daß dieser Mensch damit nach Deutschland entfliehen könne? fragte Jemand Herrn de Sancy.

»Ich bin seiner sicher! antwortete dieser.

»Trotz dieser Sicherheit kam weder der Mann, noch der Diamant in Metz an. Auch der Hof fing endlich an, sich über Herrn de Sancy zu moquiren.

»Ich bin meines Dieners sicher, wiederholte dieser. Er muß ermordet worden sein.

»Und wirklich, bei genauer Nachforschung fand sich dessen Leichnam in einem Straßengraben.

»Oeffnet ihn! sagte Herr de Sancy. Der Diamant muß sich in seinem Magen vorfinden!

»Man that, wie er sagte, und seine Voraussage fand sich bestätigt. Der einfache Held, dessen Namen die undankbare Geschichte nicht einmal aufbewahrt hat, war seiner Pflicht und der Ehre treu geblieben bis zum Tode, und verdunkelte durch den Glanz seiner Handlungsweise – darüber meldet ein alter Chronist – den Glanz und den Werth des Juwels, das er beförderte.

»Es sollte mich sehr wundern, setzte Alice als Beendigung ihrer Erzählung hinzu, wenn der »Südstern« im gegebenen Falle während seiner Reise nicht Jemand dieselbe Ergebenheit einzuflößen im Stande wäre!«

Einstimmiger Beifall begrüßte die Worte der Miß Watkins, achtzig Arme erhoben die gleiche Anzahl Gläser und alle Augen wendeten sich unwillkürlich nach dem Kamin, um dem unvergleichlichen Edelstein daselbst ihre Huldigung darzubringen.

Der »Südstern« war nicht mehr auf seinem Sockel, wo er noch kurz vorher hinter dem Rücken John Watkins‘ geflammt hatte.

Das Erstaunen der achtzig Gesichter war ein so sprechendes, daß der Gastgeber sich sofort umdrehte, um dessen Ursache zu ergründen.

Kaum hatte er den Grund desselben wahrgenommen, als man ihn, wie vom Blitze getroffen, bleich in seinen Sessel zurücksinken sah.

Alle drängten sich um ihn, lüfteten ihm die Cravate, spritzten ihm Wasser in’s Gesicht … er erwachte endlich aus seiner Betäubung.

»Der Diamant! kreischte er mit entsetzlicher Stimme. Der Diamant! Wer hat den Diamanten genommen?«

– Daß Niemand hier weggeht, meine Herren!« befahl der Anführer der Polizei-Abtheilung, der schon den Ausgang des Saales besetzen ließ.

Alle Tischgenossen sahen sich erschreckt an und tauschten ihre Meinung mit gedämpfter Stimme gegenseitig aus. Nicht fünf Minuten waren verflossen, als die Meisten von ihnen den Diamanten noch gesehen oder wenigstens noch zu sehen geglaubt hatten. Trotzdem konnte sich Niemand der Thatsache verschließen, daß der Diamant verschwunden war.

»Ich verlange, daß alle Anwesenden visitirt werden, ehe sie weggehen! schlug Thomas Steele mit seiner gewöhnlichen Geradheit vor.

– Ja! .. Ja! ..« antwortete die Versammlung scheinbar einstimmig.

Dieser Vorschlag schien John Watkins einen Schimmer von Hoffnung wiederzugeben.

Der Polizeiofficier ließ also alle Tischgäste längs einer Seite des Raumes aufstellen und begann dieselben nacheinander der peinlichsten Untersuchung zu unterziehen. Er drehte alle ihre Taschen um, ließ sie die Schuhe ausziehen und überall an der Kleidung betasten. Dann verfuhr er ganz ebenso mit seinen eigenen Leuten. Endlich mußten die Gäste einzeln an ihm vorübergehen und wurden dabei noch mehrmals der genauesten Besichtigung unterworfen.

Diese Untersuchungen führten zu keinem Resultate. Alle Ecken und Winkel des Raumes wurden sodann mit größter Gewissenhaftigkeit abgesucht. Nirgends fand sich auch nur eine Spur von dem Diamanten.

»So sind nur noch die Kaffern übrig, welche bei der Tafel aufgewartet haben, sagte der Polizeiofficier, der nicht gern unverrichteter Sache abziehen wollte.

– Das ist klar! … Die Kaffern sind es gewesen! tönte ihm als Antwort entgegen. Sie sind von Natur Diebe genug, um diesen Streich ausgeführt zu haben.«

Die armen Teufel hatten sich indeß schon vorher zurückgezogen, ehe John Watkins seinen Toast ausbrachte, da sie nicht mehr von Nöthen waren. Sie kauerten draußen Alle zusammen um ein großes Feuer, das unter freiem Himmel emporloderte, und nachdem sie von übriggebliebenem Fleisch sich ein Gütchen gethan, begannen sie eben ein Concert, wie es im Kaffernlande Mode ist. Aus einer Kürbisflasche bestehende Guitarren, Flöten, welche mit der Nase angeblasen wurden, hellklingende Tam-tams aller Art intonirten eben das ohrzerreißende Geräusch, welches jeder musikalischen Aufführung der Eingebornen Südafrikas vorhergeht.

Die Kaffern verstanden zuerst gar nicht recht, was man von ihnen wollte, als sie zurückgerufen wurden, um bis auf ihre mangelhafte Bekleidung untersucht zu werden. Sie begriffen nun, daß es sich um den Diebstahl eines Diamanten von hohem Werthe handelte.

Wie die vorhergehenden Untersuchungen, erwies sich auch diese völlig fruchtlos.

»Wenn sich der Dieb unter den Kaffern befindet – und er muß unter diesen zu suchen sein – so hat er zehnmal Zeit genug dazu gehabt, seinen Diebstahl an sicherem Ort zu verbergen! bemerkte sehr richtig einer der Tischgäste.

– Das liegt auf der Hand, stimmte der Polizei-Officier zu, und es giebt vielleicht nur ein Mittel, sie zum Geständniß zu bringen, indem wir ihnen einen Wahrsager aus ihrem eigenen Stamme auf den Hals schicken. Einem solchen gelingt es nicht so selten …

– Wenn Sie gestatten, fiel da Matakit ein, der sich noch bei seinen Landsleuten befand, so will ich den Versuch vornehmen!«

Das Anerbieten wurde ohne Säumen angenommen, und die Gäste bildeten einen Kreis um die Kaffern. Dann ging Matakit, der ja in der Rolle eines Wahrsagers geübt war, daran, seine Vorbereitungen zu treffen.

Zunächst begann er damit, zwei oder drei tüchtige Priesen Tabak aus der Horndose zu nehmen, die ihn niemals verließ.

»Ich werde jetzt zur Ruthenprobe verschreiten!« kündete er nach dieser einleitenden Procedur an.

Er holte darauf von einem nahestehenden Busche zwanzig dünne Zweige, die er genau abmaß und ganz gleichmäßig, nämlich auf zwölf Zoll englisch, zuschnitt. Dann vertheilte er diese unter die Kaffern, welche in Reih‘ und Glied standen, nachdem er für sich selbst eine solche Ruthe bei Seite gelegt hatte.

»Jetzt mögt Ihr eine Viertelstunde hingehen, wohin Ihr wollt, sagte er feierlichen Tones zu seinen Landsleuten, und werdet nicht eher wiederkommen, als bis Ihr einen Tam-tam anschlagen hört. Wenn sich der Dieb unter Euch befindet, so wird seine Ruthe um drei Querfinger länger geworden sein.«

Die Kaffern zerstreuten sich, nicht besonders angenehm berührt von dieser Vorrede, da sie recht wohl wußten, daß man im Griqualand kurzen Processes einen Uebelthäter schnell dingfest machte und ihn auch, selbst ohne eine Frist zu seiner Vertheidigung zu gewähren, kurzer Hand aufhängte.

Die Gäste, welche diesen Vorbereitungen mit erklärlichem Interesse gefolgt waren, sprachen darüber Jeder seine eigene Meinung aus.

»Der Dieb wird sich hüten, wiederzukommen; er befindet sich offenbar unter diesen Kerlen, warf Einer ein.

– Nun, das würde ihn ja gerade als solchen bezeichnen, antwortete ein Anderer.

– Bah! Er wird geriebener als Matakit sein und schneidet sich einfach drei Finger breit ein Stück von seiner Ruthe ab, um das befürchtete Wachsthum derselben auszugleichen.

– Das mag der Wahrsager wohl erwarten und eine so unüberlegte Verkürzung würde ja hinreichen, den Schuldigen zu erkennen zu geben.«

Inzwischen waren die fünfzehn Minuten abgelaufen, und mit einem kräftigen Tamtamschlage rief Matakit die Angeklagten zurück.

Sie erschienen alle bis auf den Letzten, stellten sich vor diesem auf und lieferten ihre Gerten wieder ab.

Matakit nahm diese, bildete daraus ein Bündel und überzeugte sich, daß alle fünfundzwanzig noch gleich lang waren. Er mußte dieselben also bei Seite legen und auf Grund der entscheidenden Probe erklären, daß seine Landsleute alle ehrlich seien, als ihm eben noch einfiel, die Länge der zurückgegebenen Ruthen mit der, welche er zurück behalten, zu vergleichen. Alle waren um drei Fingersbreiten zu kurz.

Die armen Teufel hatten es für gerathen erachtet, diese Vorsicht zu gebrauchen gegen eine Erscheinung, welche ihren abergläubischen Vorstellungen nach recht wohl zu Stande kommen konnte. Das wies nun freilich nicht auf besonders reines Gewissen der Leute hin, und wahrscheinlich hatten schon Alle im Laufe des Tages einen Diamanten gestohlen.

Allgemeines Gelächter begleitete die Constatirung dieses unerwarteten Ereignisses. Matakit senkte die Augen und schien tief beschämt, daß ein Mittel, dessen Zuverlässigkeit ihm in seinem Kraal oft genug nachgewiesen worden war, sich im civilisirten Leben so machtlos erweise.

»Herr Watkins, begann da der Anführer der Polizeimannschaft mit einer Verbeugung gegen den Farmer, der eine Beute der Verzweiflung in seinem Lehnstuhle sitzen geblieben war, wir müssen diesem Vorfall gegenüber unsere Ohnmacht bekennen. Vielleicht sind wir morgen glücklicher, wenn wir Jedem, der uns auf die Spur des Diebes führt, eine hohe Belohnung in Aussicht stellen.

– Der Dieb! rief da Annibal Pantalacci, warum sollte es nicht Der sein, den sie beauftragten, über seine Stammesgenossen abzuurtheilen?

– Was wollen Sie damit sagen? fragte der Polizeiofficier.

– Nun … jener Matakit, der, indem er die Rolle des Wahrsagers übernahm, hoffen durfte, jeden Verdacht von sich fernzuhalten!«

Wer jetzt auf ihn geachtet hätte, müßte haben sehen können, wie Matakit das Gesicht auf eigenthümliche Weise verzog, sofort den Saal verließ und sich seitwärts nach seiner Hütte wandte.

»Ja, fuhr der Neapolitaner fort, er gehört ja auch selbst zu denen, welche bei Tische aufwarteten. Er ist ein Spitzbube, ein Schurke, dem Herr Méré, man begreift nicht warum, seine besondere Zuneigung geschenkt hat.

– Matakit ist ehrlich, dafür stehe ich ein! erklärte Miß Watkins, bereit den Diener Cypriens zu vertheidigen.

– Wie kannst Du das wissen? erwiderte John Watkins. Ja, ja, er wäre wohl im Stande, selbst die Hand nach dem »Südstern« ausgestreckt zu haben.

– Nun, er kann ja nicht weit sein! meinte der Polizeiofficier. Wir werden ihn binnen einer Minute visitirt haben. Findet sich der Diamant in seinem Besitz, so bekommt er so viel Peitschenhiebe, als dieser Karate wog, und wenn er daran nicht stirbt, wird er mit dem vierhundertzweiunddreißigsten aufgehenkt!«

Miß Watkins zitterte vor Furcht. Alle die halbwilden Leute jubelten dem schrecklichen Urtheile des Officiers zu. Doch wie hätte sie diese rohen, gewissen- und mitleidslosen Menschen zu bändigen vermocht?

Einen Augenblick später standen Mr. Watkins und seine Gäste vor Matakit’s Hütte, deren Thür erbrochen wurde.

Matakit war nicht da, und vergeblich suchte man nach ihm die ganze Nacht.

Auch am folgenden Morgen war nichts von ihm zu sehen, und man mußte nun wohl annehmen, daß er die Vandergaart-Kopje verlassen habe.

Zwölftes Capitel.


Zwölftes Capitel.

Vorbereitungen zum Aufbruche.

Am folgenden Morgen, als Cyprien Méré erfuhr, was sich bei Gelegenheit des Gastmahls ereignet, war es sein Erstes, gegen die schwere Beschuldigung seines Dieners Einspruch zu erheben. Er konnte nicht zugeben, daß Matakit der Urheber eines so schweren Diebstahls sei, und traf also in seiner Auffassung der Sachlage nicht mit Annibal Pantalacci zusammen. In der That hätte er eher auf Annibal Pantalacci, auf Herrn Friedel, Nathan oder jeden Anderen seinen Verdacht gerichtet.

Immerhin war es wenig wahrscheinlich, daß ein Europäer sich jenes Verbrechens schuldig gemacht haben könne. Für alle diejenigen, welche seinen Ursprung nicht kannten, war der »Südstern« ein natürlicher Diamant und hatte deshalb einen so hohen Werth, daß sich Niemand desselben hätte ohne großes Aufsehen entäußern können.

»Und doch, wiederholte sich Cyprien, ist es ja nicht unmöglich, daß Matakit es gewesen wäre!«

Dann aber erinnerte er sich wieder seiner eigenen Zweifel bezüglich verschiedener kleiner Diebereien, deren sich der Kaffer selbst in seinem Dienste schuldig gemacht hatte. Trotz aller Ermahnungen seines Herrn hatte dieser, dem Triebe der Natur gehorchend, und von weitem Gewissen – bezüglich des Mein und Dein – diese beklagenswerthe Gewohnheit nicht abzulegen vermocht. Immerhin handelte es sich dabei zwar nur um geringwertige Gegenstände, indeß bedurfte es ja nicht mehr, um über Matakit ein Vorurtheil aufkommen zu lassen, das eben nicht zu seiner Ehre sprach.

Eine weitere Bekräftigung fand jener Verdacht auch in dem Umstand, daß der Kaffer im Festsaale anwesend gewesen war, als der Diamant wie durch Zauberei verschwand, und noch mehr dadurch, daß man ihn ganz kurz darauf in seiner Hütte nicht mehr angetroffen hatte; endlich durch seine ganz unerklärliche Flucht, denn es konnte jetzt kein Zweifel mehr darüber aufkommen, daß er das Land verlassen habe.

Vergeblich wartete Cyprien noch während des Morgens auf sein Wiedererscheinen, da er an die Schuld seines Dieners nun einmal nicht glauben mochte; der Diener kam aber nicht. Es zeigte sich dazu noch, daß ein Quersack mit seinen Ersparnissen, einigen Werkzeugen und Geräthen, die Jemand nothwendig brauchen kann, der sich in diese fast ganz öden Gebiete Südafrikas begiebt, aus seiner Hütte mit verschwunden waren. Alles – Alles sprach also für seine Schuld!

Gegen zehn Uhr begab sich der junge Ingenieur, dem gewiß die Aufführung Matakit’s weit mehr als der Verlust des Diamanten betrübte, nach der Farm seines Wirthes John Watkins.

Da fand er den Farmer selbst, Annibal Pantalacci, James Hilton und Friedel zu ernster Verhandlung versammelt. Eben als er erschien, trat Alice, die ihn hatte kommen sehen, gleichfalls in’s Zimmer, wo ihr Vater und die drei Anderen lebhaft darüber sprachen, was wohl zu beginnen sei, um wieder in den Besitz des gestohlenen Diamanten zu gelangen.

»Wir müssen ihn verfolgen, den schurkischen Matakit! rief John Watkins in voller Wuth. Wir müssen ihn einfangen, und wenn er den Diamanten nicht bei sich führt, den Bauch aufschlitzen, um nachzusehen, ob er ihn nicht verschluckt hat.

»Ah, meine liebe Tochter! Du hast wohl daran gethan, gestern jene Geschichte zu erzählen! … Man wird ihn durchsuchen bis auf die Eingeweide, den Erzbösewicht!

– Aber, ich bitte Sie, wandte Cyprien besänftigend ein, in einem Tone, der freilich dem Farmer nicht besonders gefiel, um einen Stein von solcher Größe zu verschlucken, müßte Matakit wenigstens den Magen eines Straußes haben!

– Ist einem Kaffermagen nicht etwa Alles möglich, Herr Méré? entgegnete John Watkins. Wie, und Sie können in diesem Augenblicke und bei so ernsten Dingen auch noch lachen?

– Ich lache ja nicht, antwortete Cyprien ernsthaft. Doch wenn ich das Abhandenkommen jenes Diamanten bedaure, so ist das allein deshalb der Fall, weil ich mir erlaubt hatte, denselben Fräulein Alice anzubieten …

– Und ich bin Ihnen dafür so dankbar, Herr Cyprien, bemerkte Miß Watkins, als ob ich ihn noch jetzt im Besitz hätte.

– Da sieht man, was Frauengehirne leisten! wetterte der Farmer. Ebenso dankbar, als wenn sie ihn noch besäße, diesen Diamanten, der auf Gottes Erdboden nicht seines Gleichen findet!

– Na, das ist freilich nicht ganz dasselbe! ließ sich James Hilton vernehmen.

– O, gewiß nicht! setzte Friedel hinzu.

– Im Gegentheil, das ist ganz dasselbe! erwiderte Cyprien; denn da ich diesen Diamant selbst gemacht habe, werd‘ ich wohl auch im Stande sein, einen andern herzustellen!

– Herr Ingenieur, sagte da Annibal Pantalacci in einem Tone, der eine schwere Drohung gegenüber dem jungen Manne enthielt, ich meine, Sie würden gut thun, Ihr Experiment nicht noch einmal zu wiederholen … im Interesse des Griqualandes ebenso wie in dem Ihrigem.

– Wahrlich, Herr, versetzte Cyprien, mir scheint, ich habe keine Veranlassung, Sie deshalb erst zu fragen.

– O, das ist wohl die rechte Zeit, darüber zu streiten! rief Mr. Watkins. Ist Herr Méré denn seiner Sache so gewiß, daß ihm ein zweiter Versuch gelingt? Würde ein zweiter Diamant, der aus seinem Apparate hervorging, auch die Farbe, das Gewicht und folglich den Werth des ersten haben? Kann er mir dafür einstehen, einen anderen Stein, wenn auch von geringerem Werthe, herzustellen? Oder wird er ehrlicher Weise zugestehen, daß ihn ein besonders glücklicher Zufall begünstigt hat?«

Was John Watkins da sagte, klang zu vernünftig, als daß sich der junge Ingenieur davon nicht hätte getroffen fühlen sollen; es entsprach auch allen jenen Einwürfen, die er sich schon selbst gemacht hatte. Ohne Zweifel fand sein Experiment durch die bekannten Gesetze der modernen Chemie eine hinreichende Erklärung, doch war bei seinem ersten Versuche wirklich der Zufall gar nicht mit im Spiel gewesen? Und wenn er jenen wiederholte, konnte er sicher sein, wieder denselben Erfolg zu erzielen?

Unter solchen Umständen erschien es also von großer Wichtigkeit, den Dieb um jeden Preis zu erwischen und, was noch von größerer Bedeutung schien, den gestohlenen Gegenstand zurückzuerhalten.

»Es ist bis jetzt wohl noch keine Spur von Matakit entdeckt worden? fragte John Watkins.

– Keine, antwortete Cyprien.

– Man hat alle Umgebungen des Lagers durchsucht?

– Ja, mit größter Sorgfalt, versicherte Friedel. Der Spitzbube ist, wahrscheinlich im Laufe der Nacht, verschwunden, und es ist schwierig, um nicht zu sagen, unmöglich, zu wissen, nach welcher Seite er sich gewendet haben mag.

– Hat der Polizei-Officier eine Untersuchung seiner Hütte vorgenommen? fragte der Farmer.

– Ja, erklärte Cyprien, er hat dabei aber nichts entdeckt, was ihn auf die Spuren des Flüchtlings leiten könnte.

– Ah, rief Mr. Watkins, ich gebe gleich fünfhundert und tausend Pfund, wenn man ihn wieder erlangt.

– Das begreif‘ ich, Herr Watkins, meinte Annibal Pantalacci; aber ich fürchte leider, daß wir niemals wieder Ihren Diamanten, noch den, der ihn geraubt hat, entdecken werden.

– Und warum?

– Weil Matakit, wenn er einmal über alle Berge ist, nicht ein solcher Thor sein wird, unterwegs liegen zu bleiben. Er geht wahrscheinlich nach dem Limpopo, begiebt sich dann in die Wüste, nach dem Zambesi oder bis zum Tanganyka-See, und wenn’s sein muß, bis zu den Buschmännern!«

Redete der arglistige Neapolitaner, wenn er so sprach, wohl auch die Wahrheit? Wollte er vielleicht nicht einfach verhindern, daß eine Verfolgung Matakit’s eingeleitet wurde, um diese womöglich selbst zu unternehmen? Dieser Gedanke stieg wenigstens in Cyprien auf, als er den Mann beobachtete.

Mr. Watkins war aber nicht der Mann dazu, von einer Sache deshalb, weil sie nur schwierig durchzuführen sei, abzulassen. Er hätte gewiß sein ganzes Vermögen geopfert, um wieder in den Besitz des unvergleichlichen Steines zu kommen, und seine ungeduldigen, flammenden Blicke schweiften schon durch das Fenster hinüber nach den grünenden Ufern des Vaal, als ob er die Hoffnung hegte, den Flüchtigen an dessen Rande zu sehen.

»Nein, rief er, so ist die Sache nicht abgemacht! … Ich muß meinen Diamanten haben! … Ich muß den Hallunken erwischen! … Ah, wenn ich nur nicht an der Gicht litte, sollte das nicht so lange dauern, dafür stehe ich ein!«

– Lieber Vater! mischte sich Alice ein, um ihn zu beruhigen.

– Wohlan, wer unternimmt es? rief John Watkins im Kreise umherblickend. Wer will sich zur Verfolgung des Kaffern aufmachen? … Die Belohnung soll der Mühe entsprechen, auf mein Wort!«

Da Niemand ein Wort sagte, fuhr er fort:

»Halt, meine Herren, Sie sind hier nun Vier, welche sich um meiner Tochter Hand bewerben! Nun gut, schaffen Sie mir den Mann mit meinem Diamanten wieder zur Stelle! – Er sagte »meinem Diamanten« – und auf Watkins‘ Ehrenwort, meine Tochter gehört Dem, der Beide bringt!

– Angenommen! erklärte James Hilton.

– Ich bin dabei! versicherte Friedel.

– Wer sollte nicht wünschen, einen so kostbaren Preis zu erringen?« murmelte Annibal Pantalacci mit listigem Lächeln.

Tief erröthend und verletzt vor Scham, sich bei einer solchen Gelegenheit als Preisgabe ausgeboten zu sehen, und das gar in Anwesenheit des jungen Ingenieurs, versuchte Alice vergeblich ihre Verwirrung zu verbergen.

»Miß Watkins, sagte Cyprien halblaut, indem er sich höflich vor ihr verneigte, auch ich würde an der Verfolgung theilnehmen, aber darf ich das ohne Ihre Erlaubniß?

– Sie haben dieselbe und meine besten Wünsche obendrein, Herr Cyprien! antwortete sie lebhaft.

– Dann bin ich bereit, bis an’s Ende der Welt zu gehen! rief Cyprien, sich jetzt John Watkins wieder zuwendend.

– Daß wir die Rechnung nur nicht ohne den Wirth machen, warf Annibal Pantalacci ein, denn ich glaube, daß Matakit uns hübsch zu laufen geben wird. So wie er jedenfalls entflohen ist, wird er schon morgen in Potchefstrom sein und das Gebirgsgebiet erreicht haben können, ehe wir noch dazu kommen, unsere Hütten zu verlassen.

– Wer hindert uns denn, noch heute, noch in dieser Stunde aufzubrechen? fragte Cyprien.

– O, ich gewiß nicht, wenn es Sie so drängt! entgegnete der Neapolitaner. Ich für meinen Theil mag mich aber nicht ohne etwas zu beißen, einschiffen. Ein guter Wagen mit einem Dutzend Zugochsen und zwei Reitpferden, das ist das Mindeste, was wir zu einer Expedition brauchen, wie ich mir diese hier vorstelle. Und Alles das findet sich höchstens erst in Potchefstrom!«

Sprach denn Annibal Pantalacci jetzt im Ernste? Ging seine Absicht nicht vielmehr nur darauf hinaus, seine Rivalen auszuschließen? Die Antwort hierauf wäre wohl zweifelhaft gewesen.

Zweifelhaft war aber nicht, daß er vollkommen Recht hatte. Ohne derartige Beförderungsmittel und ohne Vorrath an Nahrung und dergleichen, wäre es entschieden Thorheit gewesen, sich in den nördlichen Theil des Griqualandes hineinzuwagen.

Ein Wagen mit Ochsengespann – das wußte Cyprien recht wohl – kostete mindestens acht- bis zehntausend Francs, und er für seinen Theil besaß höchstens viertausend.

»Halt! Ein Gedanke! rief plötzlich Thomas Hilton, der in seiner Eigenschaft als »Afrikander« von schottischem Ursprung immer die Sparsamkeit in den Vordergrund zu stellen pflegte, weshalb sollten wir nicht alle Vier zur Ausführung dieser Expedition zusammentreten? Die Aussichten auf Gewinn blieben deshalb für Jeden dieselben und die Unkosten würden sich ebenso vertheilen.

– Das erscheint mir ganz richtig, bemerkte Friedel.

– Und ich nehme den Vorschlag an, erklärte Cyprien ohne Zögern.

– Für diesen Fall, meinte Annibal Pantalacci, hätten wir nur dahin übereinzukommen, daß Jedem seine Unabhängigkeit gesichert und ihm überlassen bleibt, sich von den Andern zu trennen, wenn er es für geboten erachtet, die Einfangung des Flüchtlings allein zu versuchen!

– Das versteht sich von selbst, antwortete James Hilton, wir vereinigen uns nur zum Ankauf des Wagens, der Büffel und des Proviants, doch bleibt es Jedem überlassen, allein weiter zu ziehen, wenn er das für angezeigt hält. Desto besser für den, dem es zuerst gelingt, das Ziel zu erreichen!

– Einverstanden! erklärten Cyprien, Annibal Pantalacci und Friedel.

– Wann werden Sie aufbrechen? fragte John Watkins, dem diese Vereinigung von Kräften vierfache Hoffnung auf Wiedererlangung seines Diamanten eröffnete.

– Morgen mit dem Eilwagen von Potchefstrom, antwortete Friedel. Es ist auf keine Weise daran zu denken, vor diesem dorthin zu kommen.

– Einverstanden!«

Inzwischen hatte Alice Cyprien bei Seite genommen und ihn gefragt, ob er wirklich glaube, daß Matakit der Urheber eines solchen Diebstahls sein könne.

»Miß Watkins, antwortete der junge Ingenieur, ich muß wohl zugestehen, daß alle Anzeichen gegen ihn sprechen, vorzüglich da er die Flucht ergriffen hat. Was mir aber ebenso gewiß scheint, ist, daß Annibal Pantalacci ganz das Aussehen hat, als könnte er so Manches über das Verschwinden des Diamanten sagen! Welche Galgenphysiognomie! … Und einen solchen Mann als Theilhaber anzunehmen! Doch Noth bricht ja Eisen! Es däucht mir immer noch besser, ihn unter der Hand zu haben und überwachen zu können, als ihn allein und ganz nach Gefallen schalten zu lassen!«

Die vier Bewerber nahmen bald Abschied von John Watkins und dessen Tochter. Wie es unter solchen Verhältnissen natürlich erscheint, gestaltete sich die Verabschiedung ziemlich kurz und beschränkte sich nur auf einen gegenseitigen Händedruck. Was hätten sie auch sprechen sollen, diese Rivalen, die zwar miteinander aufbrachen und sich doch im Grunde gegenseitig zum Teufel wünschten.

Nach Hause zurückgekehrt, fand Cyprien Lî und Bardik. Seit seinem Dienstantritte bei ihm, hatte der junge Kaffer sich stets voller Eifer gezeigt. Der Chinese und er schwatzten eben ein wenig auf der Schwelle der Thür und der junge Ingenieur kündigte ihnen an, daß er in Gesellschaft Friedel’s, James Hilton’s und Annibal Pantalacci’s abreisen werde, um die Verfolgung des davongegangenen Matakit aufzunehmen.

Da wechselten Beide einen Blick – nur einen einzigen; dann traten sie näher heran, ohne ein Wort über den Flüchtling selbst fallen zu lassen.

»Väterchen, sagten sie zusammen, nimm uns auch mit, wir bitten Dich inständig darum!

– Euch mitnehmen? … Und wozu?

– Um Dir den Kaffee, das Essen zu bereiten, antwortete Bardik.

– Und um Deine Wäsche in Stand zu halten, ließ sich Lî vernehmen.

– Um Uebelthäter zu hindern, daß sie Dir Schaden zufügen!« schlossen Beide, als ob sie sich verabredet hätten.

Cyprien betrachtete sie, mit einem dankbaren Blicke.

»Gut, erklärte er, ich nehme Euch, da Ihr es ausdrücklich wünscht, Beide mit!«

Hierauf suchte er noch den alten Jacobus Vandergaart auf, dem er ein Lebewohl sagte und der es weder billigte noch mißbilligte, daß Cyprien sich dieser Expedition anschloß, aber ihm noch die Hand drückte und glückliche Reise wünschte.

Am folgenden Morgen, als er sich in Begleitung seiner beiden treuen Diener nach dem Lager von Vandergaart begab, um den Eilwagen nach Potchefstrom zu besteigen, richtete der junge Ingenieur noch einmal die Augen nach der Farm Watkins, welche noch in tiefem Schlummer zu liegen schien.

War es eine Täuschung? Er glaubte hinter dem weißen Mousselin eines der Fenster eine leichte Gestalt wahrzunehmen, die im Augenblicke, als der Wagen fortrollte, ihm noch ein letztes Lebewohl zuwinkte.

Dreizehntes Capitel.


Dreizehntes Capitel.

Durch den Transvaal.

In Potchefstrom hörten die vier Reisenden, daß ein junger Kaffer, dessen Personalbeschreibung auf Matakit vollkommen paßte, am Vortage durch die Stadt gekommen war. Das durfte als glückliches Vorzeichen für den Erfolg ihres Zuges angesehen werden. Dieser drohte freilich sich sehr in die Länge zu ziehen, weil der Flüchtling sich hier einen leichten zweirädrigen Wagen zugelegt hatte, der mit einem Strauße bespannt und aus diesem Grunde gewiß nur sehr schwer einzuholen war.

Es giebt nämlich wirklich keine besseren Läufer, als diese Thiere, und gleichzeitig keine ausdauernderen und schnelleren. Zum Ziehen brauchbare Strauße sind übrigens, selbst im Griqualand, etwas sehr seltenes, da sie sich nur schwierig abrichten lassen. Aus eben diesem Grunde konnten sich auch Cyprien und seine Genossen ein ähnliches Gefährt in Potchefstrom nicht zulegen.

Unter so günstigen Umständen – das war als ziemlich feststehend zu betrachten – eilte Matakit also auf dem Wege nach Norden hin, und das mit einem so schnellen Wagen, daß er zehn Wechselpferde außer Athem gebracht hätte.

Es blieb also nichts übrig, als der Versuch, ihm so schnell als möglich zu folgen. Freilich hatte der Flüchtling außer seinem nicht unbedeutenden Vorsprung auch noch den Vortheil einer Schnelligkeit, welche die, auf die seine Verfolger sich verwiesen sahen, weit übertraf.

Am Ende haben jedoch auch die Kräfte eines Straußes ihre Grenzen. Matakit mußte gelegentlich wohl oder übel einmal Rast machen und dabei vielleicht Zeit verlieren. Im schlimmsten Fall hoffte man ihn jedoch wenigstens am Ende seiner Fahrt zu erlangen.

Cyprien hatte bald Ursache, sich zu beglückwünschen, daß er Lî und Bardik mitgenommen, als es sich darum handelte, die für den Zug nöthige Ausrüstung zu besorgen. Es ist in solchen Fällen kein so leichtes Ding, diejenigen Dinge auszuwählen, welche in Wahrheit als nützlich zu bezeichnen sind. Die eigenen Erfahrungen in der Wüste vermag nichts zu ersetzen. Cyprien mochte noch so bewandert in der Differential- und Integral-Rechnung sein, vom Leben im Veld, von dem auf dem Trek oder »auf den Spuren der Wagenräder«, wie man da unten sich ausdrückt, verstand er nicht das A-B-C. Seine Gefährten schienen auch gar nicht geneigt, ihn mit Rath und That zu unterstützen, sondern zeigten vielmehr einen gewissen Hang, ihn irre zu führen.

Was den mit regensicherer Plane bedeckten Wagen, das Büffelgespann und den mitzunehmenden Proviant betraf, ging die Sache ziemlich leicht und glatt ab. Hierbei zwang schon das allgemeine Interesse diese verständig auszuwählen, und James Hilton besorgte das völlig tadellos; Eines und das Andere blieb aber doch der persönlichen Entscheidung jedes Einzelnen überlassen – zum Beispiel der Ankauf eines Pferdes.

Cyprien hatte sich beinahe auf dem Marktplatze für ein hübsches dreijähriges Thier entschieden, das ebenso voller Feuer schien, wie er es um mäßigen Preis erhalten sollte. Bei einem kurzen Proberitt erwies es sich als gut dressirt, und schon wollte er dem Käufer die ausbedungene Summe zahlen, als ihn Bardik bei Seite nahm und zu ihm sagte:

»Wie, Väterchen, dieses Pferd willst Du kaufen?

– Gewiß, Bardik! Es ist das schönste, welches ich je zu so niedrigem Preise gefunden habe.

– Das solltest Du nicht nehmen, selbst wenn man es Dir schenken wollte, sagte der junge Kaffer. Einer Reise durch den Transvaal würde dieses Pferd nicht acht Tage gewachsen sein.

– Was willst Du damit sagen? erwiderte Cyprien. Fällt es Dir jetzt etwa ein, mir gegenüber den Wahrsager zu spielen?

– Nein, Väterchen, aber Bardik kennt die Wüste, und versichert Dir, daß dieses Pferd nicht »gesalzen« ist.

– Nicht »gesalzen«? Willst Du mir einreden, daß ich ein Pferd aus dem Pöckelfasse kaufen soll?

– Nein, Väterchen; das bedeutet, daß es die Krankheit des Veld noch nicht durchgemacht hat. Die würde es unbedingt sehr bald bekommen, und wenn es nicht daran zu Grunde geht, würd‘ es Dir doch nichts mehr nützen können.

– Ah so, erwiderte Cyprien, betroffen von der Erklärung, die ihm sein Diener gab. Und worin besteht diese Krankheit?

– Sie tritt als hitziges, mit starkem Husten begleitetes Fieber auf, antwortete Bardik. Es ist unumgänglich nothwendig, nur Pferde zu kaufen, welche dasselbe schon durchgemacht haben – was man an deren äußerem Ansehen leicht erkennt – weil es nur sehr selten vorkommt, daß solche jener Krankheit zum zweiten Male verfallen.«

Einer solchen Aussicht gegenüber war kein Schwanken möglich. Cyprien unterbrach sofort die Kaufsverhandlungen und zog weitere Erkundigungen ein. Jedermann bestätigte ihm die Ansichten Bardik’s. Es war das eine im Lande so allbekannte Thatsache, daß man derselben gar nicht mehr zu erwähnen pflegte.

Als er sich hierdurch von seiner mangelnden Erfahrung überzeugt, wurde der junge Ingenieur klüger und sicherte sich die Mithilfe eines alten Thierarztes von Potchefstrom. Dank der Mitwirkung jenes Fachkenners gelang es ihm binnen wenigen Stunden, sich ein für eine solche Reise geeignetes Pferd zu verschaffen. Es war schon alt, von grauer Farbe, hatte eigentlich nur Haut und Knochen und besaß auch nur ein Ueberbleibsel von Schweif. Der Thierarzt bedurfte nur eines Blickes, um sich zu überzeugen, daß dieses Exemplar mindestens »gesalzen« war, und obwohl es einen etwas harten Gang hatte, war es offenbar im Ganzen weit mehr werth, als es äußerlich versprach. Templar – das war sein Name – genoß im Lande allgemein das Ansehen eines Pferdes von großer Leistungsfähigkeit, und auch Bardik, dessen Rath wohl gehört zu werden verdiente, erklärte sich nach Besichtigung desselben für vollkommen befriedigt.

Gerade er sollte übrigens mit der Führung des Wagens und des Büffelgespannes betraut werden, eine Function, in der sein Kamerad Lî ihn zu unterstützen bestimmt war.

Cyprien brauchte sich also nicht darum zu sorgen, weder den Einen noch den Anderen beritten zu machen, was er auch, nach Aufwendung des verhältnißmäßig hohen Preises für Anschaffung seines eigenen Pferdes, jetzt gar nicht im Stande gewesen wäre.

Die Frage der Beschaffung von Waffen war ebenfalls nicht so leichter Hand zu lösen. Cyprien hatte für sich Flinten gewählt, eine vortreffliche Martini-Henry-Büchse und einen Remington-Carabiner, welche sich zwar beide nicht durch besondere Eleganz auszeichneten, aber sicher schossen und leicht und genau zu laden waren.

Niemals hätte er jedoch, wenn ihn der Chinese nicht darauf aufmerksam machte, daran gedacht, sich mit einem Vorrathe von Sprenggeschossen zu versehen. Er hielt sich für hinreichend ausgerüstet, wenn er Pulver und Blei für fünf- bis sechshundert Schuß mitnahm, und war nicht wenig überrascht zu hören, daß viertausend Gewehrschüsse das Mindeste seien, was man bei einer Fahrt durch diese Gegend voll wilder Thiere und kaum weniger wilder Einwohner als nothwendig erachtete.

Cyprien mußte sich also noch zwei Revolver zu Sprengkugelschuß anschaffen und er vervollständigte seine Bewaffnung ferner durch den Ankauf eines vorzüglichen Jagdmessers oder Hirschfängers, der schon seit fünf Jahren im Schaufenster des Waffenhändlers in Potchefstrom geprangt hatte, ohne daß sich Jemand entschlossen hätte, denselben zu erwählen.

Wiederum war es Lî, der auf dieser Erwerbung bestand, indem er versicherte, daß sich kaum etwas nützlicher erweisen werde, als ein solches Messer. Die Sorgfalt, mit der er es sich später angelegen sein ließ, die kurze und breite Klinge desselben scharf und blank zu erhalten, bewies sein Vertrautsein mit blanken Waffen, welches er übrigens mit seinen Stammesgenossen im Allgemeinen theilte.

Ueberdies begleitete der berüchtigte rothe Kasten allezeit den vorsorglichen Chinesen. Er verwahrte darin neben einer Menge kleiner Kästchen und geheimnißvoller Ingredienzen etwa sechzig Meter jenes biegsamen und dünnen, aber stark gedrehten Strickes, den die Matrosen speciell Leine nennen. Und als er gefragt wurde, was er damit beginnen wolle, erklärte er:

»Nun, muß man denn in der Wüste nicht ebenso wie anderwärts gelegentlich eine Leine ziehen?«

Binnen wenigen Stunden waren alle Einkäufe abgemacht! Wasserdichte Tücher, wollene Decken, Speisegeschirr und Geräthe, reichlicher Mundvorrath in verlötheten Büchsen, Joche, Ketten, Zügel zum Wechseln u. s. w. füllten am hinteren Theile des Wagens das allgemeine Magazin, der mit Stroh ausgelegte vordere Theil sollte als Lagerstätte und Obdach für Cyprien und seine Reisegefährten dienen.

James Hilton hatte sich seines Auftrages sehr gut entledigt und schien mit großem Verständniß ausgewählt zu haben, was der Genossenschaft von Nöthen sein könnte. Er war aber auch auf seine Erfahrungen als Ansiedler nicht wenig stolz. So ließ er sich auch weit mehr durch das Gefühl seiner Ueberlegenheit in diesem Fache als durch kameradschaftliche Rücksichten bestimmt herbei, seine Geführten über die Sitten und Gebräuche des Veld aufzuklären.

Annibal Pantalacci freilich unterließ es nicht, ihn zu unterbrechen und ihm gelegentlich das Wort abzuschneiden.

»Welches Bedürfniß drängt sie, Ihre Kenntnisse auch dem Franzosen mitzutheilen? sagte er zu ihm leise. Liegt Ihnen denn gar so viel daran, daß gerade er den Preis erringt? An Ihrer Stelle würde ich, was ich weiß, allein für mich behalten und Niemand ein Wort davon hören lassen!«

James Hilton sah den Neapolitaner mit unverholener Verwunderung an.

»Das ist wirklich wahr, was Sie mir da sagen … sehr wahr! Ein solcher Gedanke war mir eben noch gar nicht gekommen!«

Cyprien hatte es nicht unterlassen, auch Friedel davon zu unterrichten, was er bezüglich der Pferde des Landes erfahren hatte, fand bei diesem aber kein Gehör; der Deutsche dagegen – unterließ es nicht sich mit Angelgeräthschaften auszustatten, da er behauptete, daß man des Wildes bald überdrüssig sein werde.

Nach Vollendung aller Vorbereitungen ging es nun fort, und die Caravane trat in der vorherbestimmten Ordnung zusammen.

Der von zwölf röthlichen und schwarzen Büffeln gezogene Wagen voran, unter der hohen Führung Bardik’s, der bald mit der langen Peitsche in der Hand neben den kräftigen Thieren herschritt, bald, um auszuruhen, den Vordertheil des Wagens bestieg. Dort auf seinem Sitze thronend, war er freilich den Stößen durch die unebene Straße stark ausgesetzt, schien sich daraus aber nicht viel zu machen, sondern war vielmehr entzückt von dieser Art der Beförderung! Die vier Reiter folgten nebeneinander dicht hinterher. Außer für den Fall, wo sie Veranlassung hatten, sich zu entfernen, um ein Rebhuhn zu schießen oder den Weg auszukundschaften, bildete Obiges die für eine lange Reihe von Tagen unveränderliche Zugordnung der kleinen Caravane.

Nach kurzer Ueberlegung wurde beschlossen, nächsten Weges nach der Quelle des Limpopo zu ziehen. In der That wies Alles darauf hin, daß Matakit auch dieser Richtung gefolgt sein werde. Er konnte übrigens eine andere gar nicht einschlagen, da es ihm darauf ankommen mußte, die britischen Besitzungen so bald als möglich im Rücken zu haben. Der Vortheil, den der Kaffer voraus hatte, bestand gleichzeitig in seiner gründlichen Landeskenntniß, wie in der Leichtigkeit seines Gefährts. So wußte er natürlich stets, wo er sich befand und wohin er sich auf nächstem Wege begab; in Folge seiner Bekanntschaft im Norden war er aber auch sicher, überall Unterstützung und Schutz, Nahrung und Unterkommen zu finden, sogar Helfershelfer, wenn sich das als nothwendig herausstellte. Und konnte man sicher sein, daß er seinen Einfluß auf die Eingebornen nicht benützte, um sich mit Gewalt Denen zu widersetzen, die ihm auf dem Fuße folgten und ihn vielleicht mit bewaffneter Hand anzugreifen drohten? Cyprien und seine Gefährten ersahen daraus mehr und mehr die Nothwendigkeit, sich zusammenzuhalten und bei dieser Expedition gegenseitig zu unterstützen, wenn sie überhaupt beabsichtigten, daß irgend einer von ihnen die Frucht von derselben einheimsen sollte.

Der Transvaal, der in der Richtung von Süden nach Norden durchzogen werden sollte, bildet ein sehr ausgedehntes Gebiet Südafrikas – von etwa dreißig Millionen Hektaren – das sich zwischen dem Vaal und dem Limpopo ausdehnt und westlich von den Drakenbergen, der englischen Colonie Natal, dem Lande der Zulus und den portugiesischen Besitzungen gelegen ist.

Vollkommen besiedelt von den Boers, das sind die früheren holländischen Bürger des Caps der Guten Hoffnung, welche sich hier binnen fünfzehn bis zwanzig Jahren zu einer landbauenden Bevölkerung von über hunderttausend Weißen vermehrt haben, erregte der Transvaal natürlich die Habgier Großbritanniens, welches das Land 1877 auch seinem Besitzstand hinzufügte. Die ungemein häufige Empörung der Boers, welche mit Aufgebot aller Mittel unabhängig bleiben wollen, läßt die Zukunft dieses schönen Landstriches noch immer in Ungewißheit. Es ist einer der lachendsten und fruchtbarsten von Afrika und gleichzeitig einer der gesündesten, und das erklärt wohl hinlänglich – wenn es sie auch nicht rechtfertigt – die Anziehung, welche dieses Gebiet auf die stets zu fürchtenden Nachbarn ausübt. Auch die Goldlager, welche hier entdeckt wurden, haben natürlich einen nicht minder großen Einfluß auf die politische Handlungsweise Englands gegenüber dem Transvaal gehabt.

Geographisch trennt man das Land, in Uebereinstimmung mit den Boers selbst, in drei Hauptregionen: Das Hochland oder Hooge-Veld, das Hügelland oder Banken-Veld und das Buschland oder Bush-Veld.

Das Hochland bildet den südlichsten Theil. Es besteht aus Gebirgsketten, die sich von den Drakenbergen nach Westen und Süden hin fortsetzen. Hier ist der eigentliche Minendistrict des Transvaal zu suchen und hier herrscht ein kaltes, trockenes Klima, etwa wie im Berner Oberland.

Das Hügelland ist speciell die Gegend des Landbaues. Im Norden des ersteren gelegen, beherbergt es in seinen tiefen, von zahlreichen Wasserläufen getrennten und von immergrünen Bäumen beschatteten Thälern den größten Theil der holländischen Bewohnerschaft.

Der Bush-Veld oder das Buschland, gleichzeitig das reichste Jagdgebiet, erstreckt sich dann in weiten Ebenen bis zu den Ufern des Limpopo nach Norden und grenzt im Westen an das Land der Betchuana-Kaffern.

Von Potchefstrom, das im Banken-Veld liegt, ausgehend, hatten die Reisenden erst in schräger Richtung den größten Theil dieses Gebietes zu durchziehen, bevor sie den Banken-Veld und von da, weiter im Norden, die Ufer des Limpopo erreichten.

Dieser erste Theil des Transvaal war natürlich am leichtesten zu bereisen. Hier befand man sich noch immer in halbcivilisirtem Lande. Die größten Schwierigkeiten und Unfälle beschränkten sich auf eine ziemlich morastige Straße und einen erkrankten Büffel. Wilde Enten, Rebhühner und Ziegen gab es längs des Weges in Menge, und die Flinten lieferten alltäglich den Bedarf für das Frühstück, wie für das Mittagsbrot. Die Nacht wurde gewöhnlich in einer Farm zugebracht, deren von dem übrigen Theil der Welt jährlich neun Monate abgeschlossene Bewohner die unerwartet ankommenden Gäste stets mit froher Herzlichkeit aufnehmen.

Gastfreundlich, zuvorkommend und uninteressirt erwiesen sich die Boers hier wie überall. Die Landessitte verlangt zwar, daß man ihnen für die Unterkunft der Menschen und Thiere eine Entschädigung anbietet, sie schlagen diese jedoch so gut wie immer aus und bestehen sogar noch meist darauf, daß der Fremde bei der Weiterreise von ihnen Mehl, Orangen und eingemachte Pfirsiche annimmt. Ueberläßt man ihnen dafür irgend einen für die Pferdezucht oder die Jagd anwendbaren Gegenstand, vielleicht eine Peitsche, eine Kinnkette oder einen Pulversack, so sind sie ganz entzückt darüber, so gering der eigentliche Werth desselben auch sein mochte.

Die braven Leute führen in ihren ausgedehnten Einöden ein stilles und friedlich verlaufendes Leben; sie ernähren sich ohne große Mühe mit ihren Familien von den Erzeugnissen, welche ihnen ihre Heerden liefern, und bebauen mit Hilfe von Kaffern und Hottentotten das Land, um ohne großen Aufwand Getreide und Gemüse in Hülle und Fülle zu ernten.

Ihre Häuser sind sehr einfach aus Lehm errichtet und mit dicken Strohdächern überdeckt. Macht der Regen einmal eine Bresche in die Mauern – was freilich zuweilen vorkommt – so haben sie das Heilmittel bei der Hand. Die ganze Familie beschäftigt sich damit, Lehm zu kneten, von dem ein großer Haufen hergestellt wird; dann nehmen Sohn und Tochter diesen handweise und eröffnen ein Bombardement auf die Bresche, welche in dieser Weise bald geschlossen wird.

Im Innern der Wohnung findet man kaum einige Möbel, höchstens Holzschemel, grobe Tische und Betten für erwachsene Personen; die Kinder nehmen mit einem Lager auf Schaffell vorlieb.

Trotzdem findet noch die Kunst eine Stätte unter diesen urwüchsigen Verhältnissen. Fast alle Boers sind musikalisch und spielen Geige oder Flöte. Sie tanzen mit wahrhafter Begeisterung und kennen weder Hindernisse noch Anstrengung, wenn es gilt – manchmal auf eine Entfernung von zwanzig Lieues – sich zu versammeln, um diesem Lieblingszeitvertreib obzuliegen.

Die Töchter des Landes sind sehr bescheiden und sehen in der schmucken holländischen Bauerntracht oft sehr hübsch aus. Sie treten sehr zeitig in die Ehe, bringen ihren Gatten aber nichts anders mit, als ein Dutzend Ochsen oder Ziegen, einen Karren oder einen anderen Schatz dieser Art. Der Ehemann übernimmt die Einrichtung des Wohnhauses, besorgt die Urbarmachung mehrerer Morgen Landes in der nächsten Umgebung, und damit ist der neue Hausstand gegründet.

Die Boers werden sehr alt, und nirgends auf der Erde begegnet man soviel Hundertjährigen wie hier.

Eine eigenthümliche und bisher unaufgeklärte Erscheinung ist die Fettsucht, welcher fast Alle im reiferen Alter verfallen, und die bei ihnen ganz erstaunliche Grade erreicht. Sie sind übrigens von sehr hohem Wuchse, und das trifft ebenso bei den Ansiedlern von französischem Ursprung, wie bei denen von deutscher oder holländischer Abstammung zu.

Die Reise ging inzwischen ohne Unfall von Statten. Nur selten erhielt die Expedition in jeder Farm, wo sie des Abends einkehrte, keine weiteren Nachrichten über Matakit. Ueberall war er, von seinem Strauße schnell dahingezogen, anfänglich zwei oder drei, später fünf bis sechs, endlich sieben bis acht Tage vorher durchgekommen. Offenbar also waren sie auf seiner Spur; aber ebenso offenbar gewann er täglich mehr Vorsprung gegen Die, welche auf seine Einholung ausgezogen waren.

Die vier Verfolger betrachteten es nichtsdestoweniger als ausgemacht, daß sie ihn erlangen würden. Der Flüchtling mußte ja schließlich Halt machen. Seine Gefangennahme erschien also lediglich als eine Frage der Zeit.

Cyprien und seine Genossen machten sich also darum auch keine besondere Sorge, sondern fingen im Gegentheil an, sich allmählich ihren Lieblingsbeschäftigungen hinzugeben.

Der junge Ingenieur suchte Steinproben, Friedel botanisirte und behauptete, er vermöge die Eigenschaften der von ihm gesammelten Pflanzen schon aus deren äußeren Erscheinung zu erkennen. Annibal Pantalacci machte sich rücksichtslos lustig auf Kosten Bardik’s oder Lî’s, und bemühte sich, für seine schlechten Späße dadurch Verzeihung zu erhalten, daß er auf den Haltestellen meist vorzügliche Maccaronis zubereitete. James Hilton übernahm es, die Caravane mit eßbarem Wild zu versehen, und es verging kaum ein halber Tag, ohne daß er ein Dutzend Rebhühner, Wachteln in Ueberfluß und zuweilen einen Eber oder eine Antilope erlegte.

Etappe nach Etappe gelangte man auf diese Weise nach dem Bush-Veld. Bald wurden nun die Farmen immer seltener und hörten endlich ganz auf. Man hatte die äußersten Grenzen der Civilisation erreicht.

Von hier aus mußte man nun jeden Abend selbst ein Lager zurecht machen und ein großes Feuer anzünden, rings um welches Menschen und Thiere sich niederstreckten, um zu schlafen, wobei natürlich immer Einer oder der Andere auf die Umgebung Acht haben mußte.

Die Landschaft hatte schon ein mehr und mehr wildes Aussehen angenommen. Ebenen mit gelblichem Sande, Dickichte mit Dornengebüsch, dann und wann ein von Sümpfen umgebener Bach traten jetzt an die Stelle der grünen Thäler des Banken-Veld. Manchmal mußte auch ein Umweg eingeschlagen werden, um einen wirklichen Wald von »thorn trees« oder Dornenbäumen zu umgehen. Es sind das nämlich Gesträuche von drei bis fünf Meter Höhe mit ungemein vielen wagrecht stehenden Aesten, welche zahlreiche zwei bis vier Zoll lange, harte und dolchähnliche spitze Dornen tragen.

Diese äußere Zone des Bush-Veld, welche gewöhnlich mit dem Namen Lion-Veld oder Löwen-Veld bezeichnet wird, schien kaum ihrem schlimmen Namen zu entsprechen, denn auch nach drei- bis viertägiger Reise hatte sich noch keines dieser furchtbaren Raubthiere sehen lassen.

»Das beruht ohne Zweifel nur auf Überlieferungen, sagte sich Cyprien, und die Löwen werden weiter nach der Wüste zurückgewichen sein!«

Als er diesem Gedanken aber James Hilton gegenüber Worte verlieh, fing dieser geradewegs an zu lachen.

»Sie meinen, daß es hier keine Löwen gäbe? sagte er; das kommt einfach daher, daß Sie dieselben nicht zu sehen verstehen!

– Sehr schön, einen Löwen inmitten einer nackten Ebene nicht einmal zu sehen! erwiderte Cyprien in etwas ironischem Tone.

– Nun, ich wette um zehn Pfund, erklärte James Hilton, daß ich Ihnen vor Ablauf einer Stunde noch einen zeige, den Sie nicht vorher gesehen hatten.

– Ich wette aus Princip niemals, antwortete Cyprien, aber es würde mich sehr freuen, meine Erfahrungen zu erweitern.«

Man zog noch fünfundzwanzig bis dreißig Minuten weiter, ohne daß Jemand an die Löwen gedacht hätte, als James Hilton plötzlich rief:

»Meine Herren, betrachten Sie dort den Ameisenbau, der sich da unten zur Rechten erhebt.

– Das ist ‚was Rechtes! meinte Friedel. Seit zwei bis drei Tagen sehen wir gar nichts Anderes!«

Im Bush-Veld giebt es in der That kaum eine häufigere Erscheinung als diese großen Haufen von gelbem Lehm, welche von zahllosen Ameisen zusammengetragen sind und in größerer Entfernung abwechselnd mit einigem Buschwerk oder einer Gruppe magerer Mimosen die Einförmigkeit dieser weiten Ebenen unterbrechen.

James Hilton lachte für sich.

»Herr Méré, wenn Sie sich ein wenig in Galopp setzen wollen, um sich jenem Ameisenbau zu nähern – da, am Ende meines Fingers – so verspreche ich Ihnen, daß Sie, was Sie wünschten, zu sehen bekommen werden. Gehen Sie aber nicht zu nahe heran, denn die Sache könnte schlecht ablaufen.«

Cyprien gab seinem Pferde beide Sporen und ritt schnell nach dem Hügel zu, den ihm James Hilton als einen Ameisenbau bezeichnet hatte.

»Da nistet natürlich eine Löwenfamilie! sagte er, als Cyprien sich entfernt hatte. Ich setze gleich Eins gegen Zehn, daß jene gelben Haufen, die er für Ameisenbauten hält, nichts anderes sind.

– Per Bacco! Da hätten Sie freilich alle Ursache gehabt, ihm jede Annäherung zu Widerrathen!«

Als er aber bemerkte, daß Bardik und Lî ihn hörten, gab er seinen Worten eine andere Wendung.

»Der Frenchman wird einen schönen Schreck haben und uns viel zu lachen geben.«

Der Neapolitaner täuschte sich. Cyprien war nicht der Mann dazu, gleich »einen schönen Schreck zu haben«, wie er sagte. Zweihundert Schritt vor dem ihm gewiesenen Ziele erkannte er, um welch‘ schreckliches Ameisennest es sich hier handelte. Dasselbe entpuppte sich nämlich als ein ungeheurer Löwe, eine Löwin und drei junge Löwen, welche im Kreise an der Erde lagen und friedlich in der Sonne schliefen. Bei den Hufschlägen Templars öffnete der Löwe die Augen, erhob den gewaltigen Kopf, gähnte, wobei er zwischen zwei Reihen ungeheurer Zähne einen Rachen zeigte, in dem ein zehnjähriges Kind hätte mit Haut und Haar verschwinden können. Dann starrte er den Reiter an, der bis auf zwanzig Schritte an ihn herangekommen war.

Zum Glück mochte die Bestie keinen Hunger haben, sonst wäre sie nicht so gleichgiltig geblieben.

Cyprien hielt schon die Hand am Carabiner und wartete zwei bis drei Minuten, was seine Majestät der Löwe zu thun beschließen würde. Da er sich aber überzeugte, daß dieser keine Lust zum Beginn von Feindseligkeiten zu haben schien, fühlte auch er sich nicht aufgelegt, das Glück dieser interessanten Familie zu stören, sondern warf sein Pferd herum und sprengte mit verhängtem Zügel wieder seinen Genossen entgegen.

In gezwungener Anerkennung seiner Kaltblütigkeit und bewiesenen Muthes, empfingen ihn diese mit lauten Beifallsrufen.

»Ich würde meine Wette verloren haben, Herr Hilton,« gab Cyprien darauf allein Antwort.

Am nämlichen Abend gelangte man noch so weit, um am Ufer des Limpopo selbst zu rasten. Obwohl James Hilton ihm davon abrieth, bestand doch Friedel darauf, heute eine Schüssel Fische zu fangen.

»Das ist höchst ungesund, Kamerad! sagte dieser. Vergessen Sie niemals, daß es im Bush-Veld nicht rathsam ist, weder am Ufer der Flüsse zu verweilen, noch …

– Bah! Bah! Ich habe schon manchen Anderen angeln sehen! antwortete der Deutsche mit der seiner Nation eigenthümlichen Hartnäckigkeit.

– Oho, meinte Annibal Pantalacci, was kann wohl Schlimmes dabei sein, eine oder zwei Stunden am Wasserrande zu sitzen? Habe ich nicht auf der Entenjagd, durchnäßt bis zu den Achseln, halbe Tage lang so ausharren müssen?

– Das ist nicht ganz dieselbe Sache! erwiderte James Hilton.

– Ah was, es ist doch alles Eins! … entgegnete der Neapolitaner. Mein lieber Hilton, Sie thäten weit besser, den Kasten mit dem Käse zu meinen Maccaronis zu holen, als daß Sie unseren Kameraden abhalten wollen, eine Schüssel Fische zu fangen. Das wird unserem Speisezettel eine wünschenswerthe Abwechslung verleihen!«

Ohne noch Lehre anzunehmen, ging Friede! weg und trieb seine Angelei so lange fort, daß es schon völlig Nacht war, als er nach dem Lagerplatz zurückkehrte.

Der starrköpfige Angler schmauste mit bestem Appetit, ließ sich ebenso wie die Anderen die gefangenen Fische vortrefflich munden, aber er klagte schon über heftiges Frösteln, als er sich am Wege neben seinen Kameraden zur Ruhe niederlegte.

Mit Anbruch des folgenden Tages, als sich Alle zur Weiterreise rüsteten, war Friedel die Beute eines hitzigen Fiebers und unmöglich im Stande, ein Pferd zu besteigen. Er verlangte nichtsdestoweniger, daß man ohne Zögern aufbrechen möge, da er sich auf dem Stroh im Wagen ganz wohl befinden werde. Man that also, wie er wünschte.

Zu Mittag begann er zu deliriren.

Um drei Uhr war er verschieden.

Seine Krankheit bestand in einem Sumpffieber der gefährlichsten Art.

Angesichts dieses plötzlichen Endes konnte Cyprien sich nicht enthalten, zu denken, daß Annibal Pantalucci durch seine schlechten Rathschläge bei diesem Vorfalle eine schwere Verantwortlichkeit auf sich geladen habe. Außer ihm schien freilich Niemand daran zu denken.

»Sie sehen, wie sehr ich Recht hatte, daß man bei anbrechender Nacht nicht am Flußufer verweilen soll!« begnügte sich James Hilton mit philosophischer Gelassenheit zu wiederholen.

Die Gesellschaft machte kurze Zeit Halt, um den Leichnam, der doch nicht den wilden Thieren preisgegeben werden sollte, zu beerdigen.

Er war ein Rivale, fast ein Feind, und doch fühlte Cyprien sich tief erregt, als er ihm die letzten Ehren erwies. Der Anblick des Todes, der ja immer ein erhabener und feierlicher ist, scheint inmitten der Wüste nur noch eindrucksvoller zu werden. Allein im Angesichte der Natur, erkennt der Mensch noch deutlicher dieses unvermeidliche Ende. Fern von seiner Familie, fern von Allen, die er liebt, fliegt sein Gedanke desto sehnlicher zu ihnen. Er sagt sich, daß morgen vielleicht auch er auf der unendlichen Ebene umsinkt, um sich nicht wieder zu erheben, daß auch er einen Fuß tief unter dem Sande vergraben werde, daß ein nackter Stein die Stelle bezeichnet, und daß ihm auf dem letzten Wege weder die Thränen einer Mutter oder Schwester, noch die Klagen eines Freundes das Geleit geben werden. Und indem er einen Theil des Mitgefühls, welches er für das Loos seines Kameraden empfindet, auf seine eigene Lage überträgt, erscheint es ihm, als ob ein Stück von ihm selbst in dem einfachen Grabe bestattet worden wäre.

Schon an dem, dieser traurigen Feierlichkeit folgenden Tage wurde auch Friedel’s Pferd, das an den Wagen gebunden worden war, von dem Veld-Fieber befallen, und mußte seinem Schicksale überlassen werden.

Das arme Thier hatte seinen Herrn nur um wenige Tage überlebt.

Vierzehntes Capitel.


Vierzehntes Capitel.

Im Norden des Limpopo.

Drei volle Tage verstrichen mit Nachsuchungen und Sondirungen, ehe sich eine Furth im Bette des Limpopo fand. Es war noch immer zweifelhaft, ob man eine solche entdeckt habe, als einige Macalaccas-Kaffern, welche am Ufer des Flusses umherschweiften, sich erboten, die Expedition zu führen.

Diese Kaffern sind arme Teufel, welche die herrschende Race der Betchuanas als Sclaven betrachtet, sie ohne jede Entschädigung zur härtesten Arbeit zwingt, fast unmenschlich behandelt, und denen Jene noch obendrein bei Todesstrafe verbieten, jemals Fleisch zu essen. Die unglücklichen Macalaccas dürfen zwar alles Wild, welches sie antreffen, nach Belieben erlegen, aber nur unter der Bedingung, daß sie es ihren Herren und Meistern abliefern. Diese aber ließen Jenen nur die Eingeweide liegen, etwa so wie die europäischen Jäger gegenüber ihren Hunden verfahren.

Ein Macalacca besitzt keinerlei Eigenthum, nicht einmal eine Hütte oder eine Kürbisflasche. Er geht so gut wie ganz nackt umher, ist ganz mager, fleischlos und trägt als Gürtel nur einige Büffeldärme, die man aus der Ferne leicht für Blutwürste ansehen könnte, welche in Wirklichkeit aber nichts sind, als sehr urwüchsige Schläuche, in denen sich sein Wasservorrath befindet.

Bardik’s vortreffliche Anlagen zum Handel zeigten sich hier sehr schnell in der Art und Weise, wie er aus diesen Unglücklichen das Geständniß herauszupressen verstand, daß dieselben trotz ihres Elends einige Straußfedern besaßen, welche in einem benachbarten Dickicht sorgfältig versteckt waren. Er schlug ihnen sofort vor, diese zu kaufen, und kam mit ihnen überein, sich noch am nämlichen Abend zu treffen.

»Du hast demnach Geld, um sie dafür zu entschädigen?« fragte Cyprien erstaunt.

Bardik lachte laut auf und zeigte ihm eine Hand voll kupferner Knöpfe, welche er im Laufe von einem oder zwei Monaten gesammelt hatte und die er in einem Leinwandbeutel bei sich trug.

»Das ist aber keine giltige Münze, erklärte ihm Cyprien, und ich kann nicht dulden, daß Du jene armen Leute mit ein paar Dutzend alter Knöpfe bezahlst!«

Es war jedoch unmöglich, Bardik verständlich zu machen, warum sein Vorhaben ein nicht ganz ehrenhaftes wäre.

»Wenn die Macalaccas meine Knöpfe im Austausch gegen ihre Federn annehmen, wer könnte da etwas dagegen einzuwenden haben? antwortete er. Sie wissen doch recht gut, daß Jenen die Federn nichts als das Einsammeln gekostet haben. Ja, sie haben nicht einmal das Recht, solche zu besitzen, und dürfen sie auch nur ganz unter der Hand sehen lassen. Ein Knopf dagegen ist ein nützlich‘ Ding, nützlicher als eine Straußfeder. Warum sollte es also verboten sein, ein oder zwei Dutzend solcher im Austausch gegen eben so viele Straußfedern anzubieten?«

Diese Beweisführung war zwar eigenthümlich, aber doch nicht durchschlagend, der junge Kaffer übersah eben, daß die Macalaccas seine Knöpfe nicht entgegennahmen, um von denselben den gewöhnlichen Gebrauch zu machen, da sie ja so wie so keine Kleidungsstücke trugen, sondern weil sie diesen runden Metallstücken, welche gemünztem Gelde ähnlich sahen, einen gewissen Werth beilegten. Es blieb also im Grunde immer ein reiner Betrug.

Cyprien mußte freilich erkennen, daß der Unterschied zu fein sei, um von dem Verstande eines Halbwilden, der beim Handeln stets ein sehr weites Gewissen hat, begriffen zu werden, und er ließ seinen Diener also thun, was dieser wollte.

Am Abend bei Fackelschein wurde die Handelsoperation Bardik’s vollends abgeschlossen. Die Macalaccas hatten offenbar eine geheime Furcht, von ihrem Abkäufer übervortheilt zu werden, denn sie begnügten sich nicht mit dem von den Weißen angezündeten Feuer, sondern brachten Körbe mit Mais zur Stelle, die sie, nachdem dieselben in die Erde versenkt waren, in Brand setzten.

Die Eingebornen holten darauf die Straußfedern hervor und gingen dann daran, Bardik’s Knöpfe einer genauen Prüfung zu unterziehen.

Da kam es unter ihnen zu einem, von lebhaften Bewegungen und lautem Geschrei begleiteten Streite über die Natur und den Werth der runden Metallscheibchen.

Niemand verstand ein Wort von dem, was sie in ihrer sehr unartikulirten Sprache sagten, dagegen konnte man aus den erhitzten Gesichtern, den sprechenden Grimassen und dem auflodernden Zorn sehen, daß die Angelegenheit für sie von sehr großer Bedeutung sein müsse.

Plötzlich wurde diese stürmische Verhandlung durch eine unerwartete Erscheinung unterbrochen.

Ein hochgewachsener Neger mit komischer Würde, bekleidet mit einem alten Mantel aus rothem Baumwollenstoff, die Stirn verziert mit dem eigenthümlichen Diadem aus Schafdärmen, welches die Kaffernkrieger gewöhnlich tragen – trat aus dem Dickicht, vor welchem diese Verhandlung stattfand. Dann fiel er mit kräftigen Stockschlägen über die auf frischer That ertappten Macalaccas her, welche er bei einer verbotenen Operation ertappt hatte.

»Lopepe! … Lopepe! …« riefen die unglücklichen Wilden, die sich wie eine Bande Ratten nach allen Richtungen zerstreuten.

Ein Kreis von Kriegern aber, welche plötzlich aus allen benachbarten Büschen auftauchten, zog sich um sie zusammen und vertrat ihnen den Weg.

Lopepe ließ sich sofort die Knöpfe einhändigen, betrachtete sie aufmerksam beim Scheine des brennenden Maises und steckte sie mit sichtbarer Befriedigung in seine Ledertasche.

Dann ging er auf Bardik zu, dem er die schon übergebenen Straußfedern aus der Hand nahm, und ließ diese ebenso verschwinden, wie er es mit den Knöpfen gemacht hatte.

Die Weißen waren bisher passive Zuschauer dieses Auftrittes gewesen und wußten auch nicht, ob es rathsam sei, sich dabei einzumischen, als Lopepe diese Schwierigkeit wegräumte, indem er auf sie zukam. In befehlerischem Tone richtete er dann an diese eine lange Ansprache, welche natürlich Keiner von ihnen verstand. Nur James Hilton, der einige Worte der Betchuana-Sprache kannte, gelang es, wenigstens den allgemeinen Sinn dieser Ansprache zu fassen, den er seinen Begleitern verdolmetschte. In der Hauptsache lief das darauf hinaus, daß der Häuptling sich bitter beklagte, daß man Bardik gestattet habe, mit den Macalaccas einen Handel anzufangen, da diese ja nichts Eigenthümliches besitzen dürften.

Zum Schlusse erklärte er die weggenommene Waare als Contrebande und legte den Weißen die Frage vor, was sie von ihrer Seite zu sagen hätten.

Unter diesen herrschte hierüber eine ziemlich getheilte Ansicht. Annibal Pantalacci wollte sofort nachgegeben wissen, um mit dem Betchuana-Hänptling nicht in Mißhelligkeiten zu gerathen. James Hilton und Cyprien fürchteten, so sehr sie die Rechtmäßigkeit des Verfahrens dieses Wilden anerkannten, doch durch zu große Nachgiebigkeit nur die Unverschämtheit Lopepe’s zu steigern, und vielleicht, wenn er seine Forderungen zu hoch schraubte, einen Streit unvermeidlich zu machen.

Nach kurzer Berathung wurde dann beschlossen, daß der Betchuana-Häuptling die Knöpfe behalten, die Federn aber wieder herausgeben sollte.

Das gab ihm James Hilton halb durch Gesten, halb mit Hilfe einiger kafferischer Worte zu verstehen.

Lopepe nahm zuerst eine diplomatische Miene an und schien zu zögern. Die Mündungen der europäischen Gewehre, welche er im Halbdunkel schimmern sah, brachten ihn aber doch bald auf andere Gedanken, und er lieferte die Federn aus.

Von nun an zeigte sich der wirklich intelligente Häuptling weit zugänglicher. Er bot den drei Weißen ebenso wie Bardik und Lî eine Prise aus seiner großen Dose an und setzte sich an der Lagerstelle nieder. Ein Glas Branntwein, das ihm der Neapolitaner reichte, brachte ihn vollends in gute Laune, und als er sich dann nach anderthalbstündigem Verweilen, welches unter ziemlich vollkommenem Stillschweigen verlaufen war, erhob, lud er die Caravane für den folgenden Tag zu einem Besuche in seinem Kraal ein.

Man sagte ihm das zu, und nach Auswechslung eines Händedrucks zog Lopepe sich majestätisch zurück.

Bald nach seinem Aufbruche hatten sich Alle niedergelegt, mit Ausnahme Cypriens, der, nachdem er sich in seine Decke gehüllt, träumerisch die Sterne betrachtete.

Es war eine mondlose Nacht, in der die Sterne desto glänzender blinkten. Das Feuer erlosch allmählich, ohne daß der junge Ingenieur darauf achtete.

Er gedachte der Seinigen, welche in diesem Augenblick gewiß nicht ahnten, welch‘ seltsames Abenteuer ihn hier in die Wüste Südafrikas verschlagen hatte, an die reizende Alice, welche vielleicht auch nach den Sternen aufschaute, und an Alle, die seinem Herzen theuer waren. Als er sich so in süße Träume versenkte, welchen die Todtenstille der Ebene noch einen poetischeren Hauch verlieh, fing er an halb einzuschlummern. Da vernahm er plötzlich auffallende Tritte und bemerkte, daß die für die Nacht leicht eingehegten Zugthiere unruhig wurden und aufsprangen.

Cyprien glaubte dann im Schatten eine niedrigere, gedrungenere Gestalt als die der Büffel zu erkennen, welche ohne Zweifel die Veranlassung zu dieser Erregung war. Ohne lange zu überlegen, was das sein könnte, ergriff Cyprien eine Peitsche, die ihm zur Hand lag, und ging unerschrocken auf das Lager der Thiere zu.

Er hatte sich nicht getäuscht. Fast inmitten der Büffel befand sich hier ein Thier, welches den Schlaf der ersteren gestört hatte.

Selbst nur halb munter und ohne groß nachzudenken, um was es sich handeln könne, versetzte er dem Eindringling auf’s Geradewohl einen Hieb über die Schnauze.

Auf diesen Angriff antwortete sofort ein furchtbares Brüllen! …

Es war ein Löwe, den der junge Ingenieur eben wie ein einfaches Kaninchen behandelt hatte.

Kaum gewann er aber Zeit, die Hand an einen der Revolver zu legen, die er stets im Gürtel trug, und rasch zur Seite zu springen, als das Thier, welches zuerst auf ihn zugestürzt war, ohne ihn zu erreichen, von Neuem auf seinen ausgestreckten Arm losgesprungen kam.

Cyprien fühlte, wie die scharfen Krallen ihm in’s Fleisch eindrangen, und rollte mit dem furchtbaren Raubthiere in den Staub. Plötzlich krachte ein Schuß; der Körper des Löwen wand sich in schmerzlichen Zuckungen, streckte sich dann aus und lag bewegungslos neben ihm.

Mit der noch freigegebenen Hand hatte Cyprien, ohne seine Kaltblütigkeit zu verlieren, dem Raubthier seinen Revolver in’s Ohr abgefeuert, und eine Sprengkugel hatte diesem den Kopf zerschmettert.

Inzwischen kamen die durch das Gebrüll und den Schuß wachgewordenen Schläfer nach dem Kampfplatze. Man befreite Cyprien von dem noch zum Theil über ihm liegenden gewaltigen Thiere und untersuchte seine Wunden, welche sich zum Glück nicht als ernsthaft erwiesen. Lî verband ihm dieselben mit in Branntwein getauchter Leinwand, im Wagen wurde ihm der bequemste Platz eingeräumt und bald darauf schliefen Alle wieder, während Bardik Wache hielt, wozu er sich bis zum anbrechenden Morgen erboten hatte.

Kaum graute der Tag, als die Stimme James Hilton’s, der seine Gefährten zu Hilfe rief, diesen wieder einen neuen Unfall verkündete. James Hilton hatte ganz angekleidet im Vordertheil des Wagens gelegen, und stieß jetzt seine Worte im Tone des größten Entsetzens hervor, ohne jedoch eine eigene Bewegung zu wagen.

»Um mein rechtes Knie hat sich eine Schlange gewickelt, unter dem Beinkleid! sagte er. Sprecht nicht zu laut oder ich bin verloren. Seht aber zu, was etwa zu thun ist!«

Seine Augen hatten sich vor Schreck übernatürlich erweitert, und das Gesicht war todtenbleich. In der Gegend seines rechten Knies bemerkte man wirklich unter der blauen Leinwand der Kleidung die Anwesenheit eines fremden Körpers – einer Art um das Bein geschlungenen Kabels. Die Lage war offenbar ernsthaft. Wie James Hilton sagte, konnte die Schlange bei der ersten Bewegung, die er vornahm, ihn beißen.

Inmitten dieser Angst und allgemeinen Unentschlossenheit übernahm es aber Bardik, der Sache ein Ende zu machen. Nachdem er den Hirschfänger seines Herrn ergriffen, näherte er sich James Hilton mit kaum bemerkbarer Bewegung, dann brachte er die Augen etwa in das gleiche Niveau mit der Schlange und schien einige Secunden die Lage des Reptils genau zu studiren. Ohne Zweifel suchte er zu erkennen, wo sich der Kopf des Thieres befinden möge.

Plötzlich erhob er sich mit rascher Bewegung, schlug mit kräftigem Arm zu, und der blanke Stahl traf mit kurzem Schlage das Knie James Hilton’s.

»Sie können die Schlange abschütteln. Sie ist todt!« sagte Bardik, welcher lächelnd alle Zähne zeigte.

James Hilton gehorchte maschinenmäßig und schüttelte das Bein … das Reptil fiel zu seinen Füßen nieder.

Es war eine schwarze Viper von kaum einem halben Zoll Durchmesser, aber eine, deren geringster Biß den Tod hätte zur Folge haben müssen. Der junge Kaffer hatte dieselbe mit wunderbarer Geschicklichkeit geköpft. Das Beinkleid James Hilton’s zeigte einen Schnitt vom kaum sechs Centimeter Länge und seine Oberhaut war nicht einmal geritzt.

Auffallender Weise – und Cyprien empörte das ordentlich – schien es James Hilton gar nicht in den Sinn zu kommen, seinem Retter zu danken. Jetzt, wo er der Gefahr entronnen war, hielt er diese Intervention für völlig natürlich. Ihm konnte der Gedanke gar nicht kommen, die schwarze Hand eines Kaffern zu ergreifen und diesem ein »Ich danke!« zu sagen.

»Ihr Hirschfänger hat wirklich eine gute Schneide!« bemerkte er einfach, während Bardik diesen wieder in die Scheide steckte, ohne dem, was er gethan, selbst eine besondere Bedeutung zuzumessen.

Das Frühstück hatte bald die Eindrücke dieser verhängnißvollen Nacht verwischt. Es bestand heute nur aus einem einzigen, in Butter gebratenen Straußenei, welches jedoch vollkommen hinreichte, den Hunger der fünf Genossen zu stillen.

Cyprien bekam ein leichtes Fieber und hatte auch von seinen Wunden ein wenig zu leiden. Dennoch bestand er darauf, Annibal Pantalacci und James Hilton nach dem Kraal Lopepe’s zu begleiten. Das Lager wurde also der Obhut Bardik’s und Lî’s anvertraut, welche es unternommen hatten, dem Löwen das Fell abzuziehen. Dieser war übrigens ein ungeheures Exemplar jener Art, welche man als Löwen mit Hundeschnauze bezeichnet. Die drei Reiter begaben sich also allein auf den Weg.

Der Betchuana erwartete sie, umgeben von seinen Kriegern, am Eingang seines Kraals. Hinter diesen hatten sich in zweiter Reihe die Frauen und Kinder neugierig angesammelt, um die Fremden zu betrachten. Einige dieser schwarzen Hausfrauen trugen jedoch eine merkwürdige Gleichgiltigkeit zur Schau. Vor ihren halbkugelförmigen Hütten kauernd, fuhren sie ungestört in ihrer Arbeit fort. Zwei oder drei von ihnen spannen Fäden aus langen Grasfasern, welche sie dann zu einem Strick zusammendrehten.

Der allgemeine Eindruck des Ganzen war ein sehr erbärmlicher, obwohl die Hütten ziemlich gut gebaut schienen. Diejenige Lopepe’s, welche größer als die anderen und im Inneren mit Strohmatten ausgeschlagen war, erhob sich ziemlich in der Mitte des Kraals. Da hinein führte der Häuptling seine Gäste, wies ihnen drei Schemel an und setzte sich selbst vor sie hin, während seine Leibgarde sich im Halbkreise hinter ihm aufstellte.

Zunächst begann nun der Austausch der gewöhnlichen Redensarten. Die Gebräuche dabei beschränkten sich hier jedoch darauf, eine Tasse eines gegohrenen Getränks zu genießen, das der Gastgeber übrigens selbst erzeugt hatte; um den Beweis zu geben, daß sich hinter dieser Sitte nicht etwa ein heimlicher Anschlag verberge, setzte Jener stets zuerst die dünnen Lippen an die Tasse und reichte sie dann erst den Fremdlingen. Nach einer so höflichen Einladung nicht zu trinken, wäre als tödtliche Beleidigung betrachtet worden. Die drei Weißen verzehrten also dieses Kaffernbier, wobei es ohne einiges Gesichterschneiden seitens Annibal Pantalacci’s nicht abging, der seine Meinung dahin abgab, daß ihm ein Glas Lacrymae-Christi weitaus lieber sein würde, als dieses verteufelt fade Gebräu der Betchuanas.

Darauf kamen die Geschäfte an die Reihe. Lopepe hätte gern eine Flinte eingehandelt; dieser Wunsch konnte ihm leider nicht erfüllt werden, obgleich er dafür ein ziemlich gutes Pferd und hundertfünfzig Pfund Elfenbein anbot. Die Colonialgesetze sind in diesem Punkte besonders streng und verbieten den Europäern jede Überlassung von Feuerwaffen an die Kaffern der Grenzgebiete, wenn dazu nicht die specielle Erlaubniß des Gouverneurs eingeholt war. Zu seiner Schadloshaltung hatten die drei Gäste Lopepe’s diesem ein Flanellhemd, eine Stahlkette und eine Flasche Rum mitgebracht, für den Wilden ein sehr bedeutendes Geschenk, worüber er seiner Freude lauten Ausdruck gab.

Der Betchuana-Hänptling erwies sich denn auch gern erbötig, alle von ihm verlangten Aufklärungen zu geben, wobei James Hilton als Dolmetscher diente.

Zunächst erfuhr man, daß ein Reisender, dessen Personalbeschreibung auf Matakit vollständig paßte, vor fünf Tagen durch den Kraal gekommen war. Das war die erste Nachricht, welche die Expedition seit zwei Wochen über den Flüchtling erhalten hatte, und die sie natürlich dankbar entgegen nahm. Der junge Kaffer mochte jedenfalls mehrere Tage mit Aufsuchung einer Furth durch den Limpopo verloren haben und begab sich jetzt gewiß nach den Berggegenden im Norden. Ehe daran zu denken war, diese zu erreichen, mußten gewiß sieben bis acht Tage vergehen.

Lopepe rühmte sich übrigens ein Freund des Beherrschers jenes Landes zu sein, nach welchem Cyprien und seine Gefährten eben aufbrechen wollten. Wer wäre hier von den eingeborenen Fürsten auch nicht gern der angesehene Freund und getreue Verbündete des großen Tonaïa gewesen, jenes unüberwindlichen Eroberers des Kaffernlandes?

Auf die Frage, ob Tanaïa die Weißen wohl freundschaftlich aufnehmen werde, versicherte Lopepe, daß sie sich darauf verlassen könnten, da er ebenso gut wie die anderen Häuptlinge der Gegend wisse, daß diese Beleidigungen nicht ungeahndet ließen.

Wozu sollte er also den Weißen feindlich entgegentreten, da diese durch ihre sich selbst ladenden Gewehre stets im Vortheil seien; deshalb empfehle es sich, mit denselben friedlich zu verkehren, sie freundlich aufzunehmen und verläßlich mit ihnen zu verhandeln.

Das waren etwa die Auskünfte, welche Lopepe ertheilte. Nur eine derselben hatte eigentlich größere Bedeutung: die, daß Matakit jedenfalls einige Tage eingebüßt hatte, bevor er den Strom überschreiten konnte, und daß man sich auf seiner richtigen Spur befand.

Bei ihrer Rückkehr nach dem Lagerplatze fanden Cyprien, Annibal Pantalacci und James Hilton, Bardik und Lî in großer Aufregung.

Sie waren ihrer Erzählung nach von einem großen Trupp von Kaffernkriegern heimgesucht worden, welche Lopepe’s Stamme nicht angehörten; diese hätten sie erst völlig umzingelt und dann ein förmliches Verhör mit ihnen angestellt, dahin zielend, was sie überhaupt hier im Lande wollten, ob sie nicht allein die Betchuana ausforschen und sich unterrichten wollten, wie zahlreich und wie stark bewaffnet diese seien. Fremdlinge, hatten jene erklärt, thäten sehr unrecht, sich auf ein solches Unternehmen einzulassen; der große König Tonaïa habe zwar nichts zu gebieten, so lange sie seine Gebiete noch nicht betreten hätten, aber er könne die Sache wohl mit anderen Augen ansehen, wenn sie daselbst einzudringen versuchten.

Das war etwa der Inhalt ihrer Aeußerungen. Der Chinese schien über dieselben nicht mehr erregt, als sie es verdienten. Der sonst so ruhige und jeder Gefahr gegenüber so muthige Bardik aber zeigte sich so übertrieben erschrocken, daß Cyprien es sich nicht zu erklären vermochte.

»Sehr schlimme Krieger, sagte er, die großen Augen hin und her rollend, Krieger, welche die Weißen hassen und sie »Cuic machen lassen« werden! …«

Dieses Ausdrucks bedienen sich alle halbcivilisirten Kaffern, wenn sie einen gewaltsamen Tod bezeichnen wollen.

Was war nun zu thun? Sollte man diesem Zwischenfall eine Bedeutung beimessen? Nein, gewiß nicht. Die Krieger, obgleich gegen dreißig Mann, welche nach Bardik’s und des Chinesen Bericht diese wehrlos überraschten, hatten denselben doch nichts zu leide gethan, und nicht einmal den Versuch gemacht zu stehlen. Ihre Drohungen liefen wohl nur auf Aufschneidereien hinaus, welche die Wilden den Fremden gegenüber überhaupt sehr lieben; jedenfalls genügte ein höfliches Auftreten gegen den Häuptling Tonaïa und eine offenherzige Erklärung über den Zweck der Ankunft der drei Weißen, um jeden Verdacht bei Jenem zu ersticken und sich sein Wohlwollen zu sichern.

Man beschloß also mit allgemeiner Zustimmung aufzubrechen.

Die Hoffnung, Matakit bald einzuholen und ihm den gestohlenen Diamanten wieder abzunehmen, ließ vorläufig jede Vorsicht vergessen.

Erstes Capitel.


Erstes Capitel.

Rein toll, diese Franzosen!

»Reden Sie, mein Herr, ich höre!

– Ich erlaube mir um die Hand Ihrer Fräulein Tochter, der Miß Watkins anzuhalten.

– Um die Hand Alices?

– Ja, mein Herr. Meine Bitte scheint Sie zu überraschen, doch werden Sie verzeihen, wenn ich nur schwer begreife, warum Ihnen diese so außerordentlich erscheinen kann. Ich bin sechsundzwanzig Jahre alt und heiße Cyprien Méré. Meines Standes Minen-Ingenieur, ging ich mit Nummer zwei aus der polytechnischen Schule ab. Meine Familie genießt ein verdientes Ansehen, wenn dieselbe auch nicht reich ist. Der französische Consul in der Capstadt würde das, wenn Sie es wünschen, bezeugen, er und mein Freund Pharamond Barthès, der Ihnen wohlbekannte unerschrockene Jäger, dessen Namen ganz Griqualand nennt, würde es bekräftigen können. Ich befand mich jetzt hier im Auftrage der Akademie der Wissenschaften und der Regierung Frankreichs. Letztes Jahr hab‘ ich vom Institut den Preis Houdart für meine Arbeiten über die chemische Zusammensetzung der vulkanischen Felsen der Auvergne errungen. Meine Abhandlung über das Diamantengebiet des Vaal, welche nahezu beendet ist, wird von der gelehrten Welt jedenfalls mit Freuden begrüßt werden. Nach der Heimkehr von meiner Mission werd‘ ich zum Hilfslehrer an der Bergwerksschule von Paris ernannt werden und habe mir schon eine Wohnung, Universitätsstraße Nr. 104 drei Treppen, vorbehalten. Meine Einkünfte belaufen sich vom nächsten ersten Januar ab auf 4800 Francs. Ich weiß, daß das kein Reichthum ist; doch durch Privatarbeiten, Untersuchungen, akademische Preise und Mitarbeiterschaft an wissenschaftlichen Zeitungen wird sich dieses Einkommen bequem verdoppeln. Ich füge hinzu, daß ich bei meiner bescheidenen Lebensweise nicht mehr brauche, um glücklich zu sein. Ich erlaube mir also, um die Hand Ihrer Fräulein Tochter, der Miß Watkins anzuhalten.«

Schon aus dem sicheren und entschlossenen Tone dieser Anrede war leicht zu entnehmen, daß Cyprien Méré die Gewohnheit hatte, in allen Dingen gerade auf’s Ziel loszusteuern und frei von der Leber weg zu reden.

Sein Gesichtsausdruck strafte die Wirkung seiner Worte auch nicht Lügen. Es war der eines jungen, gewohnheitsgemäß mit ernsten wissenschaftlichen Fragen beschäftigten Mannes, der den minderwerthigen Dingen dieser Welt nur die unumgänglich nothwendige Zeit opfert.

Seine kastanienbraunen, sehr kurz geschnittenen Haare, sein blonder, aber auch kurz gehaltener Bart, die Einfachheit seines Reisecostüms aus grauem Zwillich, der Strohhut für zehn Sous, den er beim Eintritte höflich auf einen Stuhl abgelegt hatte – während sein Gegenüber mit der gewöhnlichen Ungenirtheit der anglo-sächsischen Race immer den Kopf bedeckt hielt – Alles an Cyprien Méré; deutete auf einen ernsthaften Geist, ebenso wie sein klarer Blick auf ein reines Herz und unbeschwertes Gewissen hinwies.

Hierbei verdient bemerkt zu werden, daß der junge Franzose so vollkommen englisch sprach, als habe er sehr lange Zeit in den innersten Theilen des britannischen Königreichs gewohnt.

In einem Holzlehnstuhle sitzend, das linke Bein auf einen Strohsessel ausgestreckt, den Ellbogen auf die Ecke eines groben Tisches gestemmt und gegenüber einer Flasche mit Gin, nebst einem mit dieser starken alkoholischen Flüssigkeit halbgefüllten Glase, hörte ihn Mr. Watkins, eine lange Pfeife rauchend, gelassen an.

Bekleidet war der Mann mit weißer Hose, einer Weste aus grober blauer Leinwand und einem gelblichen Flanellhemd ohne Brustlatz und Kragen. Unter dem gewaltigen Filzhut, der gleich für immer auf seinem grauschimmernden Schädel festgeschraubt schien, zeigte sich ein ziemlich rothes, etwas aufgedunsenes Gesicht, welches wie mit Johannisbeergelée gefüllt erschien. Dieses wenig einnehmende Gesicht mit einzelnen Bartflocken war von zwei grauen Augen durchbohrt, welche nicht eben Geduld und Wohlwollen verriethen.

Zur Entschuldigung des Mr. Watkins muß freilich angeführt werden, daß derselbe heftig an Gicht litt, was ihn eben zwang, den linken Fuß wohl verpackt zu halten und die Gicht ist – im südlichen Afrika ebenso wie in anderen Ländern – keineswegs dazu angethan, den Charakter der Leute, deren Gelenke sie peinigt, zu mildern.

Der hier geschilderte Auftritt ging im Erdgeschoß der Farm des Mr. Watkins vor sich, etwa unter dem 29. Grade südlicher Breite und den 25. Grade östl. Länge von Greenwich, an der Westgrenze des Oranje-Freistaates, im Norden der englischen Capcolonie, d. h. in der Mitte des südlichen oder englisch-holländischen Afrikas. Dieses Land, dessen Grenze gegen den Südrand der großen Wüste von Kalakari das rechte Ufer des Oranjeflusses bildet, trägt auf älteren Landkarten noch den Namen Griqualand; wird aber seit etwa zehn Jahren richtiger »Diamonds-Field«, das Diamantenfeld, genannt.

Das Zimmer, in welchem diese diplomatische Verhandlung gepflogen wurde, war ebenso bemerkenswerth wegen des auf einzelne Stücke seiner Ausstattung verschwendeten Luxus, wie wegen der Aermlichkeit anderer Theile seiner Einrichtung. Der Fußboden zum Beispiel bestand nur aus festgeschlagenem Lehm, war aber da und dort wieder mit dicken Teppichen und kostbarem Pelzwerk belegt. An den Wänden, welche niemals eine Rolle Tapeten kennen gelernt hatten, hing eine prachtvolle Pendule in ciselirtem Kupfer, reiche Waffen verschiedenen Fabrikats und bunte englische Bilder in theuren Umrahmungen, Ein Sammetsopha stand zur Seite eines weißen, hölzernen Tisches, der mehr für den Gebrauch in einer Küche bestimmt sein mochte. Direct von Europa bezogene Lehnstühle streckten dem Mr. Watkins vergeblich ihre Armlehnen entgegen, da dieser ihnen einen alten, einst von eigener Hand geschnitzten Sessel vorzog. Im Ganzen verlieh diese unverständige Anhäufung von Werthgegenständen, vorzüglich aber das Durcheinander von Panther-, Leoparden- Giraffen- und Tigerkatzenfellen, die über allen Möbeln ausgebreitet lagen, dem Raume den Charakter einer gewissen barbarischen Opulenz.

Die Gestalt der Decke wies deutlich darauf hin, daß das Haus kein weiteres Stockwerk hatte und nur aus dem Erdgeschoß bestand. Wie alle hier zu Lande, war es zum Theil aus Planken, zum Theil aus Lehm errichtet und mit Zinkwellenblech, das auf leichtem Sparrenwerk ruhte, abgedeckt.

Uebrigens sah man, daß diese Wohnung erst vor nicht langer Zeit fertig geworden war. Man brauchte nur durch eines der Fenster zur Rechten hinauszusehen, um zur Rechten und zur Linken fünf oder sechs verlassene Baulichkeiten wahrzunehmen, welche sich alle glichen, aber von ungleichem Alter und offenbar dem raschen gänzlichen Verfall preisgegeben waren. Diese bildeten ebensoviele Häuser, welche Mr. Watkins nacheinander gebaut, bewohnt und verlassen hatte, je nach der Zunahme seines Wohlstandes, und welche also gewissermaßen die Stufen desselben bezeichneten.

Das entlegenste war nur aus Rasenstücken errichtet und verdiente kaum den Namen einer Hütte. Das nächstfolgende bestand aus Lehm, das dritte aus Lehm und Planken; das vierte aus Lehm und Zink. Man ersieht hieraus, wie der Fleiß des Mr. Watkins ihm gestattet hatte, in der Herstellung seiner Wohnung immer höhere Ziele zu verfolgen.

Alle diese mehr oder weniger verfallenen Baulichkeiten erhoben sich auf einem kleinen, nahe dem Zusammenflusse des Vaal und der Modder – dem Hauptarme des Oranjeflusses in diesem Theile Südafrikas – gelegenen Hügels. In der Umgebung sah man, so weit der Blick nur reichte, nach Südwesten und Norden nichts als eine traurige, nackte Ebene. Der Veld – wie man sich im Lande ausdrückt, besteht aus röthlichem, trockenem, unfruchtbarem und staubigem Boden, den nur da und dort etwas mageres Gras bedeckt oder ein Dornengebüsch unterbricht. Das völlige Fehlen von Bäumen ist der entscheidende Zug in diesen Gegenden. Rechnet man hierzu, daß es ebenso an Steinkohle gebricht, daß die Verbindung mit dem Meere eine langsame und beschwerliche ist, so wird man sich nicht wundern, daß es hier sehr an Brennmaterial mangelt und daß man für häusliche Zwecke sich genöthigt sieht, den Mist der Heerden zu verfeuern.

Auf diesem einförmigen Grunde von wirklich jämmerlichem Aussehen verliefen die Betten zweier Flüsse, aber so flach, so wenig eingedämmt, daß man kaum begreift, warum sie sich nicht gleich über die ganze weite Ebene ausbreiten.

Nur nach Osten hin wird der Horizont durch die entfernten Gipfel von zwei Bergen, dem Platberg und Paardeberg, unterbrochen, an deren Fuß ein sehr scharfes Auge vielleicht Rauchsäulen, Staubwirbel, kleine weiße Punkte – nämlich Hütten oder Zelte – und ringsum ein Gewimmel von lebenden Wesen erkennen kann.

Hier in diesem Veld liegen die in Ausbeutung begriffenen Diamantengruben, der Du Toi’s Pan, der New-Rush und, vielleicht der reichste Platz von allen, die Vandergaart-Kopje. Diese verschiedenen, frei zu Tage und fast in gleicher Ebene mit dem Boden liegenden Minen, welche man unter dem Namen Dry-Diggings oder trockene Gruben zusammenfaßt, haben seit 1870 Diamanten und andere kostbare Steine im Werthe von etwa vierhundert Millionen geliefert. Sie liegen alle in einem Umkreise von höchstens zwei bis drei Kilometern, und von den Fenstern der Farm Watkins, welche davon nur vier englische 1 Meilen entfernt ist, konnte man sie mit dem Fernrohre schon recht deutlich erkennen.

»Farm« erscheint hier übrigens als ein recht unpassendes Wort, denn auf diese Niederlassung angewendet, würde man in der Umgebung wenigstens vergeblich nach irgend welcher Cultur gesucht haben. Wie alle sogenannten Farmer in Südafrika war Mr. Watkins vielmehr Schäfer, d. h. Eigenthümer von Ochsen-, Ziegen- und Schafheerden, als wirklicher Leiter eines landwirthschaftlichen Betriebs.

Mr. Watkins hatte inzwischen noch nicht auf die ebenso höfliche, wie bestimmt ausgesprochene Anfrage Cyprien Méré’s geantwortet. Nachdem er sich drei Minuten Zeit zur Ueberlegung gegönnt, kam er endlich dazu, die Pfeife aus dem Mundwinkel zu nehmen, und sprach den folgenden Satz aus, der offenbar mit dem Anliegen des jungen Mannes in sehr zweifelhafter Verbindung stand.

»Ich glaube, die Witterung wird umschlagen, lieber Herr. Noch nie habe ich von meiner Gicht heftiger zu leiden gehabt, als seit heute Morgen!«

Der junge Ingenieur runzelte die Augenbrauen, wandte einen Moment den Kopf ab und mußte sich wirklich zusammennehmen, um seine Enttäuschung nicht gar zu sehr merken zu lassen.

»Sie würden gut thun, auf den Gin zu verzichten, Herr Watkins, antwortete er trocken, und zeigte dabei nach dem Steingutkrug, dessen Inhalt die wiederholten Angriffe des Trinkers schnell verminderten.

– Auf den Gin verzichten? By Jove, da geben Sie mir einen schönen Rath! rief der Farmer. Hat der Gin schon jemals einem ehrlichen Mann Schaden gethan? … Ja, ich weiß schon, wo Sie hinaus wollen! … Sie denken mich mit dem Recepte zu beglücken, das einst einem Lordmajor verordnet wurde. Wie hieß doch gleich der betreffende Arzt? Abernethy glaube ich. »Wollen Sie sich wohl befinden, sagte dieser zu dem an Gicht leidenden Patienten, so leben Sie für einen Schilling täglich und verdienen Sie sich diesen durch körperliche Arbeit!« – Das ist ja ganz gut und schön! Aber bei dem Heile unseres alten England, wenn man, um gesund zu bleiben, für einen Schilling täglich leben sollte, wozu hätte man sich dann überhaupt ein Vermögen erworben? Solche Dummheiten sind eines Mannes von Geist, wie Sie, Herr Méré, unwürdig! … Bitte, sprechen wir nicht mehr davon. Was mich angeht, halten Sie sich überzeugt, daß ich dann lieber gleich in die Grube fahren würde! Gut essen, tüchtig trinken, eine gute Pfeife rauchen, wenn mir die Lust dazu ankommt, eine andere Freude kenne ich auf der Welt nicht, und dieser wollen Sie mich noch berauben!

– O, das lag mir gewiß gänzlich fern, erwiderte Cyprien offenherzig. Ich erinnerte Sie nur an eine gesundheitliche Vorschrift, welche mir richtig erschien. Doch schweigen wir von diesem Thema, wenn Sie es wünschen, Herr Watkins, und kommen wir lieber auf den eigentlichen Grund meines heutigen Besuches zurück.«

So wortreich Mr. Watkins eben noch gewesen war, verfiel er jetzt doch sogleich in merkwürdiges Stillschweigen und blies stumm Rauchwolken in die Luft.

Da öffnete sich die Thür. Mit einem Glase auf silbernem Präsentirteller trat eben ein junges Mädchen in’s Zimmer.

Das hübsche Kind, der die große, auf den Farmen des Veld beliebte Haube ganz reizend stand, war mit einem einfachen, kleingeblümten Leinenkleide angethan. Neunzehn bis zwanzig Jahre alt, von sehr zartem Teint, mit schönem blonden, sehr feinem Haar, großen blauen Augen und sanften aber heiteren Zügen, war sie ein Bild der Gesundheit, der Grazie und des frohen Lebensmuthes.

»Guten Tag, Herr Méré, sagte sie auf Französisch, aber mit leichtem englischen Anklange.

– Guten Tag, Fräulein Alice, antwortete Cyprien Méré, der sich bei dem Eintritte des jungen Mädchens erhoben und vor ihr verneigt hatte.

– Ich hatte Sie kommen sehen, Herr Méré, fuhr Miß Watkins fort, wobei sie unter liebenswürdigem Lächeln die schönen weißen Zähne sehen ließ, und da ich weiß, daß Sie den abscheulichen Gin meines Vaters nicht lieben, bringe ich Ihnen ein Glas Orangeade, mit dem Wunsche, daß es schön frisch sein möge.

– Sehr liebenswürdig von Ihnen, mein Fräulein.

– Ah, da fällt mir ein, denken Sie sich, was Dada, mein Strauß, heute verzehrt hat, fuhr sie unbefangen fort. Meine Elfenbeinkugel zum Ausbessern der Strümpfe. Und die war übrigens ziemlich groß. Sie kennen sie ja, Herr Méré, ich erhielt sie erst direct vom Billard in New-Rush … Und dieser Vielfraß, die Dada, hat sie verschluckt, als wenn’s eine Pille wäre! Wahrlich, dieses böse Thier wird mich noch früher oder später vor Aerger umbringen.«

Während sie so sprach, bewahrte Miß Watkins im Winkel ihrer blauen Augen einen kleinen lustigen Strahl, der nicht auf besondere Lust, jene düstere Vorhersage, nicht einmal später, zu rechtfertigen, hinwies. Mit dem den Frauen eigenen Feingefühl bemerkte sie doch sehr bald das Stillschweigen ihres Vaters und des jungen Ingenieurs, sowie deren offenbar in Folge ihrer Gegenwart verlegenen Mienen.

»Es sieht ja aus, als ob ich die Herren belästigte, sagte sie; Sie wissen, daß ich sofort gehe, wenn Sie Geheimnisse haben, die für mein Ohr nicht bestimmt sind. Uebrigens hab‘ ich auch gar keine Zeit übrig Ich muß noch eine Sonate üben, bevor ich das Essen zurecht mache. Ja, ich sehe schon, Sie sind heute zum Plaudern nicht aufgelegt, meine Herren! – Gut, ich überlasse Sie Ihren schwarzen Anschlägen!«

Damit ging sie schon hinaus, kehrte jedoch noch einmal um und sagte gelassen, obwohl sie einen sehr ernsten Gegenstand berührte:

»Wenn Sie mich nun über den Sauerstoff fragen wollen, Herr Méré, stehe ich gern zu Ihrer Verfügung. Das Capitel der Chemie, welches Sie mir zum Lernen aufgaben, hab‘ ich nun dreimal durchgenommen, und jener »gasförmige, farb-, geruch- und geschmacklose Körper« hat für mich kein Geheimniß mehr.«

Dabei machte Miß Watkins eine graziöse Verbeugung und verschwand wie ein lichter Meteor.

Gleich darauf erklangen aus einem entfernten Zimmer her die Accorde eines vortrefflichen Pianos und verriethen, daß das junge Mädchen mit allem Eifer ihren musikalischen Uebungen oblag.

»Nun also, Herr Watkins,« nahm Cyprien, dem diese liebliche Erscheinung seine Frage wieder in Erinnerung gerufen hatte, wenn er sie überhaupt hätte vergessen können, das Wort, »wollen Sie mir gefälligst Antwort geben auf die Frage, welche ich die Ehre hatte, an Sie zu richten?«

Mr. Watkins nahm die Pfeife feierlichst aus dem Mundwinkel, spuckte einmal auf die Erde aus, und warf dann schnell den Kopf zurück, während seine Augen einen forschenden Blick auf den jungen Mann schossen.

»Sollten Sie, Herr Méré,« fragte er, »mit ihr zufällig schon davon gesprochen haben?«

– Gesprochen, worüber? … Gegen wen?

– Ueber das, was Sie eben sagten? … Gegen meine Tochter?

– Für wen halten Sie mich, Herr Watkins! erwiderte der junge Ingenieur mit einer Wärme, die keinen Zweifel aufkommen ließ. Ich bin Franzose, Herr Watkins! … Ich brauche Sie also wohl nicht zu versichern, daß ich mir nie erlaubt haben würde, ohne Ihre Zustimmung gegen Ihr Fräulein Tochter von einer Verheiratung zu sprechen!«

Mr. Watkins Blick wurde wieder sanfter, und damit schien sich auch seine Zunge besser zu lösen.

»Das ist am besten! … Brav, junger Mann! Ich erwartete von Ihrer Discretion gegenüber Alice nichts Anderes! antwortete er in ziemlich trockenem Tone. Und da man zu Ihnen Vertrauen haben kann, werden Sie mir Ihr Wort geben, ihr in Zukunft auch nichts davon zu erwähnen.

– Und warum, mein Herr?

– Weil diese Heirat unmöglich und es am besten ist, wenn Sie dieselbe gänzlich aus Ihren Plänen streichen, antwortete Mr. Watkins. Sie sind ein ehrenwerther junger Mann, Herr Méré, ein vollkommener Gentleman, ein ausgezeichneter Chemiker, ein hervorragender Lehrer Ihres Faches, von großer Zukunft – daran zweifle ich nicht im mindesten – meine Tochter aber werden Sie nicht erhalten, aus dem einfachen Grunde, weil ich bezüglich derselben ganz andere Absichten habe.

– Indeß, Herr Watkins …

– Kommen Sie nicht darauf zurück … Es wäre unnütz! … erwiderte der Farmer. Und wären Sie Herzog und Pair von England, so würden Sie mir doch nicht passen. Nun sind Sie nicht einmal englischer Unterthan und erklären eben mit größter Unbefangenheit, daß Sie auch kein Vermögen besitzen. Nun aufrichtig, glauben Sie, ich hätte meine Alice so erzogen, wie es geschehen ist, hätte ihr die besten Lehrer von Victoria und Bloëmfontain gehalten, um sie mit kaum vollendetem zwanzigsten Jahre aus dem Hause zu schicken, um in Paris, Universitätsstraße, im dritten Stockwerke zu leben, und das mit einem Manne, dessen Sprache ich nicht einmal verstehe? … Ueberlegen Sie sich das, mein Herr Méré, und denken Sie sich an meine Stelle! … Nehmen Sie an, Sie wären der Farmer John Watkins, Eigenthümer der Mine der Vandergaart-Kopje, und ich, ich wäre Herr Cyprien Méré, ein junger französischer Gelehrter, der zu Forschungszwecken nach dem Cap der Guten Hoffnung gekommen wäre. Malen Sie sich’s aus, Sie säßen hier im Zimmer, in meinem Lehnstuhle, und schlürften ihren Gin bei einer Pfeife des besten Hamburger Tabaks; würden Sie dann eine Minute, ja nur eine einzige, daran denken, Ihre Tochter unter diesen Verhältnissen heiraten zu lassen?

– Ganz gewiß, Herr Watkins, antwortete Cyprien, und ohne zu zögern, wenn ich an Ihnen diejenigen Eigenschaften gefunden zu haben glaubte, welche das Lebensglück meines Kindes gewährleisten könnten.

– So! Dann thäten Sie unrecht, mein lieber Herr, sehr unrecht! erwiderte Mr. Watkins. Sie handelten dann wie ein Mensch, der nicht würdig wäre, die Mine von Vandergaart-Kopje zu besitzen, oder Sie könnten diese vielmehr gar nicht besitzen. Denn glauben Sie vielleicht, sie wäre mir als gebratene Taube zugeflogen? Meinen Sie etwa, es hätte keiner Intelligenz, keines eisernen Fleißes bedurft, um sie anzulegen und vorzüglich mir deren Besitz zu sichern? … Nun also, Herr Méré, diese verständige Einsicht, von welcher ich damals, bei jener denkwürdigen und entscheidenden Angelegenheit Beweise an den Tag gelegt habe, ziehe ich gern bei allen Vorkommnissen meines Lebens zu Rathe, und vorzüglich dann, wenn diese auch meine Tochter betreffen. Eben deshalb aber wiederhole ich Ihnen, streichen Sie diese Pläne aus Ihren Papieren. Alice ist nicht für Sie geschaffen!«

Nach diesen mit triumphirendem Tone ausgesprochenen Schlußworten ergriff Mr. Watkins sein Glas und that daraus einen herzhaften Zug.

Der junge Ingenieur war wie vom Donner gerührt und wußte keine Antwort zu finden. Als der Farmer das bemerkte, trieb er ihn noch weiter in die Enge.

»Sie sind doch sonderbare Schwärmer, die Franzosen! fuhr er fort; sie halten wahrlich gar nichts für unmöglich. Sie kommen an, als wenn sie vom Monde herabgefallen wären, erscheinen im Herzen vom Griqualand bei einem grundehrlichen Manne, der bis vor drei Monaten noch kein Sterbenswörtchen von ihnen gehört, und den sie selbst kaum zehn Mal in diesen neunzig Tagen gesehen haben. Sie suchen denselben auf und sagen ohne Umstände zu ihm: John Stapleton Watkins, Sie haben eine reizende, vortrefflich erzogene Tochter, welche allgemein als die Perle des ganzen Landes angesehen wird, und die, was nicht eben schädlich ist, Ihre einzige Erbin zu der reichsten Diamant-Kopje der beiden Welten ist! Ich, ich bin Cyprien Méré, Ingenieur aus Paris, und habe viertausendachthundert Francs jährliches Einkommen! … Sie werden mir also gefälligst diese junge Dame als Gattin überlassen, damit ich sie in meine Heimat entführe, und Sie nichts wieder von ihr hören – höchstens aus der Ferne durch die Post oder den Telegraphen … Und das würden Sie natürlich finden? … Ich, ich halte es für die reine Tollheit!«

Ganz bleich geworden, hatte Cyprien sich erhoben. Er ergriff seinen Hut und bereitete sich, fortzugehen.

»Ja, die reine Tollheit, wiederholte der Farmer. Ah, ich überzuckere die Pille nicht, junger Freund. Ich bin eben Engländer von altem Schrot und Korn. Wie Sie mich hier sehen, bin ich zwar genau so arm gewesen wie Sie, ja, eigentlich noch weit ärmer. Ich habe mich in Allem versucht! … Ich war Schiffsjunge an Bord eines Handelsschiffes; war Büffeljäger in Dakota, Minengräber in Arizona, Schafhirt im Transvaal! … Ich habe Hitze und Kälte, Hunger und Strapazen kennen gelernt! Im Schweiße meines Angesichts habe ich zwanzig lange Jahre hindurch das Bischen Zwieback verdient, das mein Mittagsmahl bildete. Als ich die selige Mistreß Watkins, die Mutter Alices und die Tochter eines Boër von französischer Abstammung wie Sie 2 – um Ihnen das beiläufig mitzutheilen – heiratete, hatten wir beide zusammen nicht so viel, um eine Ziege ernähren zu können! Aber ich habe gearbeitet … habe nie den Muth sinken lassen! Jetzt bin ich reich und denke die Früchte meiner Anstrengungen gemächlich zu genießen. –

Meine Tochter will ich jedenfalls in der Nähe behalten – um mich bei den verteufelten Gichtanfällen zu pflegen und mir des Abends zum Zeitvertreib etwas vorzuspielen! … Wenn sich dieselbe jemals verheiratet, so wird das hier an Ort und Stelle sein, und mit einem Sohne des Landes, der ihr ein entsprechendes Vermögen zubringt, der Farmer oder Diamantengräber ist, wie wir Andere, und der mir nicht davon spricht, fortzugehen, um im dritten Stockwerk am Hungertuche zu nagen in einem Lande, wohin ich doch nimmermehr einen Fuß setzen werde, Sie könnte zum Beispiel den James Hilton oder einen andern Burschen seines Schlages zum Manne nehmen. An Bewerbern fehlt es ihr nicht, das dürfen Sie mir auf’s Wort glauben. Kurz, es muß ein guter Engländer sein, der nicht vor einem Glase Gin Reißaus nimmt und der mir Gesellschaft leistet, wenn ich eine Pfeife Knaster rauche.«

Cyprien hatte schon die Hand auf den Drücker der Thüre gelegt, um diesen Raum zu verlassen, in dem er fast erstickte.

»Na, nichts für ungut! rief ihm Mr. Watkins zu. Ich habe gegen Ihre Person sonst gewiß nicht das Geringste, lieber Méré, und werde Sie immer gern als Abmiether und Freund in meinem Hause sehen. Halt, warten Sie einmal, heut‘ Abend werden gerade einige Personen zu uns zu Tische kommen … wollen Sie uns vielleicht Gesellschaft leisten? …

– Nein, ich danke, Herr Watkins! antwortete Cyprien kühl. Ich muß bis zum Abgange der Post meine Correspondenz fertig stellen.«

Damit verließ er leicht grüßend den gichtbrüchigen Farmer.

»Rein toll, diese Franzosen … rein toll!« wiederholte noch öfter Mr. Watkins, während er mit einem, ihm stets zur Hand liegenden Schwefelfaden seine Pfeife wieder in Brand setzte.

Und mit einem tüchtigen Glase Gin suchte er sich wieder vollständig in Ordnung zu bringen.

  1. Die englische Meile mißt 1609 Meter.
  2. Ein große Anzahl von Boërs oder afrikanischen Holländer-Bauern stammen ursprünglich von Franzosen ab, welche in Folge der Aufhebung des Edicts von Nantes erst nach Holland und dann nach dem Cap auswanderten.

IX.


IX.

Am 19. October. – Jetzt wird mir Alles klar, das gegenseitige Zuzischeln der Matrosen, ihr unruhiges Aussehen, die Worte Owen’s, das Begießen des Verdecks, das man in fortwährend angefeuchtetem Zustande zu erhalten trachtet, und ebenso die Wärme, welche sich in den Wohnräumen entwickelt und nach und nach unerträglich wird. Die Passagiere haben davon gelitten, ebenso wie ich, und vermögen sich diese abnorme Temperatur gar nicht zu erklären.

Nachdem er mir diese sehr ernste Mittheilung gemacht, versinkt Robert Kurtis wieder in Stillschweigen.

Er scheint meine Frage zu erwarten, doch gestehe ich, daß mich zunächst ein kalter Schauer vom Kopf bis zu den Füßen überlief. Von allen Unfällen, die eine Seefahrt nur treffen können, ist jener der furchtbarste, und kein Mensch, er sei noch so kaltblütig, wird ohne ein leises Erzittern die Worte hören können: »Es ist Feuer an Bord!« Indessen gewinne ich die Herrschaft über mich selbst, und meine erste Frage lautet:

»Seit wann besteht diese Feuersbrunst?

– Seit sechs Tagen!

– Seit sechs Tagen! rufe ich. Es war also in jener Nacht …?

– Ja, erwiderte mir Robert Kurtis, seit der Nacht, während der die sonderbare Aufregung auf dem Verdeck des Chancellor herrschte. Die wachthabenden Matrosen hatten einen leichten Rauch bemerkt, der aus den Fugen am Deckel der großen Luke quoll. Der Kapitän und ich waren sofort bei der Hand. Kein Zweifel! Die Waaren im Kielraum hatten Feuer gefangen, und es gab keinen Weg, nach dem Herde der Entzündung zu gelangen. Wir haben gethan, was unter solchen Verhältnissen nur allein möglich ist, d. h. wir haben die Luken, so dicht als es irgend anging, verschlossen, um jeden Zutritt der Luft nach dem Innern des Fahrzeugs abzuhalten. Ich hoffte, wir würden dadurch im Stande sein, die Feuersbrunst im Entstehen zu ersticken, und die ersten Tage glaubte ich wirklich, wir waren ihrer Herr geworden. Seit drei Tagen steht es aber fest, daß das Feuer Fortschritte macht. Die Hitze unter unseren Füßen nimmt zu, und ohne die Vorsichtsmaßregel, das Verdeck immer in feuchtem Zustande zu erhalten, wäre es hier nicht zum Aushalten. Alles in Allem, Mr. Kazallon, ist es mir lieber, daß Sie von dem Stande der Dinge unterrichtet sind, deshalb sage ich Ihnen das.«

Schweigend lausche ich dem Berichte des zweiten Officiers. Ich durchschaue den ganzen Ernst der Situation gegenüber einer Feuersbrunst, die von Tag zu Tag mehr Ausbreitung gewinnt und welche zuletzt vielleicht keine menschliche Macht mehr zu dämpfen vermag.

»Ist Ihnen die Entstehung des Feuers bekannt? frage ich.

– Sehr wahrscheinlich ist sie in einer Selbstentzündung der Baumwolle zu suchen.

– Kommt eine solche häufig vor?

– Häufig? Nein! Aber dann und wann; denn wenn die Baumwolle zur Zeit der Einschiffung nicht vollkommen trocken ist, kann sie unter den Verhältnissen, in denen sie sich später befindet, d. h. bei der feuchten Luft eines Kielraumes, der nur sehr unzulänglich zu lüften ist, sich ganz von selbst entzünden. In mir steht die Ueberzeugung fest, daß die Feuersbrunst an Bord keine andere Ursache hat.

– Doch die Ursache fällt für uns jetzt nicht in’s Gewicht. Ist etwas dagegen zu thun, Mr. Kurtis?

– Nein, Mr. Kazallon, antwortet mir Robert Kurtis; doch wiederhole ich Ihnen, daß wir alle für den gegebenen Fall gebotenen Vorsichtsmaßregeln ergriffen haben. Ich hatte daran gedacht, das Schiff in der Wasserlinie an einer Stelle zu öffnen, um eine gewisse Menge Wasser einströmen zu lassen, welches die Pumpen später leicht herausgeschafft hätten; da wir aber zu der Ueberzeugung kamen, daß das Feuer jedenfalls in der Mitte des Cargo entstanden ist, hätten wir den ganzen Kielraum unter Wasser setzen müssen, um jenes zu erreichen. Inzwischen habe ich an mehreren Stellen des Verdecks kleine Oeffnungen anbringen lassen, durch welche während der Nacht Wasser eingegossen wird, doch erweist sich das als unzureichend. Nein, es ist wirklich nur ein Weg offen, – derselbe, welchen man in solchen Fällen immer einschlägt, das Feuer zu ersticken, indem man ihm jeden Luftzutritt von Außen abschneidet und dadurch den die Verbrennung unterhaltenden Sauerstoff raubt.

– Und das Feuer ist trotzdem im Wachsen?

– Ja, und das liefert den Beweis für das Eindringen von Luft in den Schiffsraum durch eine Oeffnung, die wir trotz alles Nachsuchens nicht zu entdecken im Stande sind.

– Hat man Beispiele dafür, Mr. Kurtis, daß Schiffe unter solchen Verhältnissen ausgehalten haben?

– O gewiß, Mr. Kazallon; es kommt gar nicht so sehr selten vor, daß mit Baumwolle befrachtete Schiffe in Liverpool oder Havre mit zum Theil verzehrtem Cargo anlangten. In diesen Fällen hatte man freilich das Feuer zu löschen, mindestens in Schranken zu halten vermocht. Mir ist mehr als ein Kapitän bekannt, der so, mit dem Feuer unter den Füßen, in den Hafen eingelaufen ist. Dann mußte natürlich eiligst die Ladung gelöscht werden, wodurch mit dem unversehrten Theile derselben auch das Schiff gerettet wurde. Bei uns liegen die Dinge leider schlimmer, und ich verhehle mir nicht, daß das Feuer, anstatt beschränkt zu werden, täglich weitere Fortschritte macht. Nothwendiger Weise existirt irgend eine Oeffnung, die sich unserem Nachsuchen entzieht und welche durch Zuführung frischer Luft den Brand ernährt.

– Erschiene es da nicht angezeigt, umzukehren, und sobald als möglich Land zu erreichen zu suchen?

– Vielleicht, entgegnet mir Robert Kurtis; das ist eine Frage, welche der Lieutenant, der Hochbootsmann und ich noch heute mit dem Kapitän besprechen wollen; doch ich gestehe, ich sage das Ihnen, Mr. Kazallon, daß ich es schon auf mich genommen habe, den bis jetzt gesteuerten Cours zu ändern; wir haben jetzt den Wind im Rücken und fahren nach Südwesten, d. h. nach der Küste zu.

– Die Passagiere wissen nichts von der ihnen drohenden Gefahr? frage ich den zweiten Officier.

– Nichts, und ich bitte Sie auch um Stillschweigen über die Ihnen gewordenen Mittheilungen. Es ist unnöthig, durch den Schrecken der Frauen und vielleicht kleinmüthiger Männer unsere Verlegenheiten zu vermehren. Auch die Mannschaft hat Befehl, nicht darüber zu sprechen.«

Mir leuchten die gewichtigen Gründe des Mannes, also zu sprechen, ein, und ich versichere ihn meiner unbedingtesten Verschwiegenheit.

X.


X.

Am 20. und 21. Oktober. – Unter diesen Umständen setzt der Chancellor seine Fahrt mit so vielen Segeln fort, als seine Masten tragen können. Manchmal beugen sich seine Obermasten so, als ob sie brechen sollten, aber Robert Kurtis wacht aufmerksam. Er bleibt immer neben dem Steuerrade, da der Mann daselbst nicht sich allein überlassen sein soll. Durch kleine geschickte Schwenkungen giebt er der Brise nach, wenn die Sicherheit des Fahrzeugs compromittirt sein könnte, und so weit, als es möglich ist, verliert der Chancellor unter der Hand, die ihn regiert, nichts an seiner Schnelligkeit.

Heute, am 20. October, sind alle Passagiere auf das Oberdeck gekommen. Sie haben offenbar die abnorme Temperaturerhöhung im Innern bemerken müssen; da sie indeß die Wahrheit nicht ahnen, so verursacht ihnen dieselbe keinerlei Unruhe. Da sie Alle starkes Schuhwerk tragen, so haben sie auch die Wärme, welche trotz der Begießung mit Wasser durch das Verdeck dringt, nicht gefühlt. Die fortwährende Thätigkeit der Pumpen hätte zwar ihre Aufmerksamkeit erregen sollen; doch nein, meist strecken sie sich auf die Bänke aus und lassen sich vollkommen ruhig von dem Rollen des Schiffes wiegen.

Mr. Letourneur allein scheint erstaunt, daß sich die Mannschaft einer auf Kauffahrtei-Schiffen ganz ungewohnten Reinlichkeit befleißigt. Er spricht darüber einige Worte zu mir, und ich antworte ihm in gleichgiltigem Tone. Dieser Franzose ist übrigens ein energischer Mann, ihm könnte ich wohl Alles mittheilen; ich habe Robert Kurtis jedoch versprochen zu schweigen, also schweige ich.

Wenn ich mir aber die möglichen Folgen der bevorstehenden Katastrophe vergegenwärtige, dann steht mir das Herz fast still. Achtundzwanzig Personen sind wir an Bord, vielleicht ebenso viele Opfer, denen die Flammen keine rettende Planke übrig lassen werden!

Heute hat die Conferenz zwischen dem Kapitän, dem zweiten Officier, dem Lieutenant und dem Hochbootsmann stattgefunden. Kapitän Huntly ist, wie vorauszusehen war, ganz gebrochen. Er hat weder kaltes Blut, noch Energie, und überläßt das Commando des Schiffes an Robert Kurtis. Die Fortschritte der Feuersbrunst im Innern sind nun unbestreitbar, und schon kann man in dem am Vordertheile gelegenen Mannschaftsraum kaum noch verweilen. Offenbar ist man nicht im Stande, das Feuer zu beschränken, und früher oder später muß es zum Ausbruch kommen.

Was wird nun zu thun sein? Es giebt nur ein Mittel: So bald als möglich das Land erreichen! Das nächstgelegene Land ist den Beobachtungen nach die Inselgruppe der kleinen Antillen, und kann man wohl hoffen, bei fortdauerndem Nordostwinde schnell dahin zu gelangen.

Da man sich in dieser Ansicht geeinigt hat, so will der zweite Officier die schon seit vierundzwanzig Stunden eingeschlagene Richtung weiter beibehalten. Die Passagiere, denen auf dem unendlichen Oceane jeder Anhaltepunkt fehlt, und die mit den Compaßangaben sehr wenig vertraut sind, haben die Aenderung in der Richtung des Chancellor nicht wahrnehmen können, der jetzt mit dem ganzen Segelwerk die Antillen zu gewinnen sucht, von denen er noch gegen 600 Meilen entfernt ist.

Auf eine von Mr. Letourneur an ihn hierüber gerichtete Frage antwortet Robert Kurtis, daß er, da man gegen den Wind nicht aufzukommen vermöge, im Westen günstige Strömungen aufzusuchen beabsichtige.

Es bildet das die einzige Bemerkung, welche die dem Chancellor ertheilte andere Richtung hervorgerufen hat.

Am anderen Tage, am 21. October, hat sich in unserer Lage nichts geändert. In den Augen der Passagiere geht die Fahrt unter den gewöhnlichen Umständen von Statten, und die Lebensweise an Bord erleidet keinerlei Abweichung. Uebrigens verrathen sich die Fortschritte des Feuers äußerlich noch auf keine Weise, und das ist ein gutes Zeichen. Alle Oeffnungen sind so hermetisch verschlossen, daß kein Rauch den Brand im Innern bemerken läßt. Vielleicht wird es doch noch möglich, das Feuer auf den Kielraum zu beschränken, und vielleicht verlöscht es gar noch ganz oder glimmt nur langsam fort, ohne die ganze Ladung zu ergreifen. Hierauf gründet Robert Kurtis seine Hoffnung und hat aus übermäßiger Vorsicht sogar die Oeffnungen der Pumpen verstopfen lassen, deren im Kielraum mündendes Rohr einige Lufttheilchen eintreten lassen konnte.

Möge uns der Himmel zu Hilfe kommen, denn wir sind nicht im Stande, selbst etwas Weiteres für uns zu thun!

Dieser Tag wäre ohne weitere Ereignisse vergangen, wenn der Zufall mich nicht zum Hörer weniger Worte eines Gesprächs gemacht hätte, aus welchen hervorgeht, daß unsere ohnehin sehr ernste Lage jetzt wahrhaft schrecklich wurde.

Man urtheile selbst.

Ich saß auf dem Oberdeck; zwei der Passagiere plauderten mit leiser Stimme, ohne zu ahnen, daß es mir dort verständlich sein könnte. Diese beiden Passagiere waren der Ingenieur Falsten und der Kaufmann Ruby, welche sich Beide öfter mit einander unterhalten.

Meine Aufmerksamkeit wird erst durch einige ausdrucksvolle Gesten des Ingenieurs erregt, der seinem Vis-à-Vis lebhafte Vorwürfe zu machen scheint. Ich kann nicht umhin, zu lauschen, und höre denn dabei Folgendes:

»Aber das ist ein Wahnsinn! wiederholt Falsten, wie können Sie so unklug sein!

– Bah, antwortet Ruby ganz sorglos, es wird ja nichts geschehen!

– Im Gegentheil, es kann das schlimmste Unheil geschehen! versetzte der Ingenieur.

– Gut, gut, erwiderte der Kaufmann, es ist nicht das erste Mal, daß ich mit dem Zeuge umgehe.

– Ein Stoß genügt aber schon, eine Explosion hervorzurufen.

– Das Gefäß ist sorgfältig verpackt, Mr. Falsten. und ich wiederhole Ihnen, daß Nichts zu fürchten ist.

– Weshalb haben Sie den Kapitän nicht davon unterrichtet?

– Ei, weil er mein Colli dann nicht mitgenommen hätte.«

Der Wind hat sich seit einigen Augenblicken gelegt und trägt mir die Worte nicht mehr zu; offenbar leistet aber der Ingenieur noch immer Widerstand, während Ruby sich begnügt, mit den Achseln zu zucken.

Jetzt, jetzt dringen auf’s Neue einzelne Worte an mein Ohr.

»Doch, doch, sagte Falsten, der Kapitän muß davon erfahren. Das Colli muß in’s Meer geworfen werden; ich verspüre keine Lust, mich in die Luft sprengen zu lassen!«

In die Luft sprengen! Ich erhebe mich rasch bei diesen Worten. Was will der Ingenieur damit sagen? Worauf spielt er an? Er kennt ja die Situation des Chancellor nicht und weiß nicht, daß eine Feuersbrunst seine Fracht verzehrt!

Aber ein Wort, – ein »furchtbares« unter den thatsächlichen Verhältnissen, jagt mich auf. Und dieses Wort »Natron-Pikrat« kommt mehrmals vor.

Im Augenblick bin ich neben den beiden Männern und unwillkürlich fasse ich mit unwiderstehlicher Gewalt Ruby beim Kragen.

»Es ist Pikrat an Bord?

– Ja, antwortet Falsten, ein Colli mit etwa dreißig Pfund.

– Und wo?

– Im Raum, bei der Schiffsfracht!«