Roman

Zweites Capitel.


Zweites Capitel.

Zwei Stubenburschen.

Octave Sarrasin, der Sohn des Doctors, gehörte nicht geradezu unter die Faullenzer. Er war weder dumm noch gescheidt, weder schön noch häßlich, weder blond noch braun und überhaupt ein Muster von Mittelmäßigkeit nach allen Seiten. Im Colleg errang er sich gewöhnlich einen zweiten Preis und zwei oder drei Accessits. Beim Baccalaureats-Examen lautete seine Censur »leidlich«. Einmal bei der École centrale abgewiesen, wurde er bei einer zweiten Prüfung mit Nummer hundertsiebenzwanzig aufgenommen. Er war einer jener unentschiedenen Charaktere, einer der Geister, die sich schon mit einer unvollständigen Sicherheit zufrieden geben, die mit dem »Ungefähr« auf vertrautem Fuße stehen und durch’s Leben wandeln wie ein Mondstrahl. In der Hand des Schicksals gleichen diese Leute dem Korkpfropfen auf dem Wellenkamme, Je nachdem der Wind von Norden oder Süden weht, werden sie nach dem Pole oder dem Aequator hineingetrieben. Ihre Laufbahn entscheidet nur der Zufall. Hätte sich Doctor Sarrasin nicht selbst einigen Täuschungen über den Charakter seines Sohnes hingegeben, so würde er wahrscheinlich gezögert haben, ihm jenen Brief zu schreiben; ein wenig väterliche Verblendung ist jedoch auch den besten Köpfen nachgelassen.

Zum Glück verfiel Octave gleich im Anfange seiner höheren Ausbildung der Herrschaft einer energischen Natur, deren etwas tyrannischer, aber wohlthätiger Einfluß sich ihm mit unwiderstehlicher Gewalt aufdrängte. Auf dem Lyceum Charlemagne, wohin ihn sein Vater zur Beendigung der Studien geschickt hatte, schloß Octave einen innigen Freundschaftsbund mit einem seiner Kameraden, einem Elsäßer, Marcel Bruckmann, der zwar ein Jahr jünger war als er, physisch geistig und moralisch aber das entschiedenste Üebergewicht über ihn behauptete. Der schon in seinem zwölften Jahre verwaiste Marcel Bruckmann besaß als Erbtheil eine kleine Rente, welche gerade hinreichte, seine Collegien zu bezahlen. Ohne Octave, der ihn während der Ferien zu seinen Eltern mitzunehmen pflegte, hätte er wohl niemals den Fuß außer den Mauern des Lyceums gesetzt.

Erklärlicher Weise wurde Doctor Sarrasin’s Familie bald auch die des jungen Elsäßers. Trotz scheinbarer Kälte doch von tiefempfindsamer Natur, sagte ihm eine innere Stimme, daß er jenen braven Leuten, die ihm Vater- und Mutterstelle vertraten, sein ganzes Leben zu widmen habe. Es ging also ganz natürlich zu, daß er Doctor Sarrasin, dessen Gattin und deren hübsches und schon recht verständiges Töchterchen aufrichtig verehren lernte, doch gab er Allen seine Erkenntlichkeit nicht durch Worte, sondern mehr durch die That kund. Er stellte sich nämlich die angenehme Aufgabe, aus Jeanne, welche viel Wißbegierde zeigte, ein junges Mädchen mit klarem Verstande, mit festem, urtheilsfähigem Geiste heranzubilden, und Octave gleichzeitig zu einem, seines Vaters würdigen Sohn zu erziehen. Die Erreichung dieser Ziele machte ihm der junge Mann allerdings weniger leicht als das junge Mädchen, die für ihr Alter dem Bruder offenbar überlegen war, Marcel hatte sich aber einmal in den Kopf gesetzt, seine Aufgabe nach beiden Seiten hin zu erfüllen.

Marcel Bruckmaun gehörte zu den mannhaften und klugen Kämpen, welche Elsaß-Lothringen alljährlich zu ihrer Erprobung in den Strudel des Pariser Lebens zu entsenden pflegte. Schon als Kind zeichnete er sich ebenso durch die Kraft und Geschmeidigkeit seiner Muskeln, wie durch seine hervorragenden geistigen Anlagen aus. Er war innerlich ebenso ganz willens- und thatkräftig, wie äußerlich ein Hüne von Gestalt. Von der Schule her beherrschte ihn stets das Bedürfniß, sich in Allem auszuzeichnen, in der Arbeit wie beim Spiele, im Turnsaale wie im chemischen Laboratorium. Entging ihm ein Preis seiner jährlichen Ernte, so hielt er das Jahr für verloren. Mit zwanzig Jahren war er ein Riese an Körper, voller Leben und Thätigkeit, eine hochangespannte organische Maschine von größter Leistungsfähigkeit. Sein intelligenter Kopf erregte die Aufmerksamkeit feinerer Beobachter. Als Zweiter in die Centralschule eingetreten, hatte er beschlossen, sie nur als Erster zu verlassen.

Nur seiner unbeugsamen und für zwei Menschen völlig ausreichenden Energie verdankte Octave überhaupt seine Zulassung. Im Laufe eines Jahres hatte ihn Marcel »gedrillt«, an strenge Arbeit, auch an das schöne Bewußtsein des Erfolges gewöhnt. Ihn beseelte für diese schwächliche, schwankende Natur ein Gefühl freundschaftlichen Mitleids, ähnlich demjenigen, das ein Löwe etwa für einen jungen Hund haben kann. Es machte ihm Vergnügen, diese anämische Pflanze durch den Ueberschuß seines Lebenssaftes zu kräftigen und sie auch neben sich Früchte zeitigen zu lassen.

Der Krieg von 1870 überraschte die beiden Freunde, als sie eben mit Absolvirung ihres Examen beschäftigt waren. Sofort, nachdem der Unterricht unterbrochen worden, trat Marcel voll patriotischen Schmerzes über die Gefahren, welche Straßburg und Elsaß bedrohten, in das einunddreißigste Bataillon der Jäger zu Fuß ein. Octave folgte seinem Beispiele.

Schulter an Schulter standen beide Vorposten während der schrecklichen Belagerung von Paris. Bei Champigny erhielt Marcel eine Kugel in den rechten Arm, bei Buzeval eine Epaulette auf die linke Schulter. Octave besaß weder eine Auszeichnung noch eine Wunde. Gewiß lag dieser Mangel nicht an ihm, denn er wich auch im Feuer nie von seines Freundes Seite; kaum sechs Meter blieb er hinter jenem zurück; sechs Meter thaten eben Alles.

Nach dem Friedensschlusse und der Wiederaufnahme der gewohnten Arbeiten bewohnten die Studirenden zwei benachbarte Zimmer in einem einfachen Hause in der Nähe des Collegs. Das Unglück Frankreichs, der Verlust Elsaß‘ und Lothringens hatten Marcel’s Charakter die ganze Reife des Mannes aufgeprägt.

»Es ist die Aufgabe der französischen Jugend, sagte er, die Fehler ihrer Väter wieder gut zu machen, ein Ziel, das sie nur durch ernstliche Arbeit zu erreichen vermag.«

Um fünf Uhr stand er gewöhnlich auf und nöthigte Octave ebenfalls dazu. Er geleitete ihn zum Unterricht und beim Spazierengehen und wich nie einen Fuß breit von seiner Seite. Nach Hause zurückgekehrt, ging es an die Arbeit, die wohl zuweilen durch eine Pfeife Tabak und eine Tasse Kaffee gewürzt wurde. Um zehn Uhr ging man zu Bett mit befriedigtem, wenn auch nicht zufriedenem Herzen und von geistiger Nahrung gesättigt. Von Zeit zu Zeit eine Partie Billard, ein gutes Schauspiel, in längeren Zwischenräumen ein Concert des Conservatoriums, ein Ritt bis in den Wald von Verrières, ein Spaziergang unter den Bäumen, zweimal wöchentlich ein Wettkampf im Boxen und Fechten – das waren so die Zerstreuungen der beiden Freunde. Octave versuchte zwar manchmal, sich gegen diese Ordnung aufzulehnen und ließ seine Neigung zu weniger empfehlenswerthen Vergnügungen durchschimmern. Er sprach davon, Aristide Leroux zu sehen, der in der Brauerei von St. Michel seinen Mann stellte. Marcel spottete aber so bitter über derartige Abweichungen, daß jener seine Lust meist unterdrückte.

Am 29. October 1871 saßen die beiden Stubenburschen gegen sieben Uhr Abends wie gewöhnlich an demselben Tische unter dem Schirme einer gemeinschaftlichen Lampe. Marcel war mit Leib und Seele in ein Problem der descriptiven Geometrie vertieft. Octave beschäftigte sich höchst aufmerksam mit der für ihn leider weit wichtigeren Herstellung einer Kanne Kaffee. Hierin zeichnete er sich mit Vorliebe aus, weil er damit täglich Gelegenheit fand, für einige Minuten der schrecklichen Notwendigkeit, verwirrte Gleichungen aufzulösen, eine der Aufgaben, die Marcel seiner Meinung nach gar zu häufig wiederholte, überhoben zu sein. Tropfen für Tropfen ließ er also das siedende Wasser durch eine dicke Schicht gemahlenen Mokkas sickern, ein stilles Vergnügen, das ihm volle Befriedigung gewährte. Wenn Marcel’s Fleiß ihm Gewissensbisse machte, so fühlte er stets das unwiderstehliche Bedürfniß, ihn wenigstens durch sein Geplauder einmal zu stören.

»Wir werden uns wohl einen ordentlichen Durchseiher anschaffen müssen, sagte er plötzlich. Dieser antike Filter steht wahrlich nicht auf der Höhe der Civilisation.

– So kauf‘ einen Durchseiher! Das wird mindestens dazu dienen, Dich nicht jeden Abend eine Stunde bei dieser Kocherei verspielen zu lassen!« antwortete Marcel.

Wiederum wandte er sich seinem Problem zu.

»Ein Gewölbe hat als Intrados ein Ellipsoid mit drei ungleichen Winkeln, A, B, D, E sei die Grund-Ellipse, welche die größte Achse oA = a enthält, die mittlere Achse aber oB = b, während die kleinste Achse (o, o‘, o“) vertical und gleich c ist, wonach das Gewölbe ein gedrücktes darstellt…«

In diesem Augenblick klopfte es an die Thüre.

»Ein Brief, Herr Octave Sarrasin!« rief der Hausbursche herein.

Man kann sich denken, wie lieb dem jungen Studenten diese Abwechslung war.

»Der ist von meinem Vater, bemerkte Octave. Ich erkenne die Handschrift… Das nennt man doch wenigstens ein Sendschreiben!« fügte er, das Papierpacket in der Hand wiegend, hinzu.

Marcel wußte so wie er, daß der Doctor in England verweilte. Als er vor acht Tagen durch Paris kam, wurde seine Anwesenheit durch ein den beiden Kameraden gegebenes Mittagsmahl im Restaurant des Hotel-Royal gefeiert, das früher berühmt, jetzt aus der Mode gekommen ist, von Doctor Sarrasin aber noch immer als das non plus ultra des Pariser Raffinements betrachtet wurde.

»Theile mir mit, was der Vater von dem hygienischen Congresse schreibt, sagte Marcel. Es war von ihm ein guter Gedanke, dahinzugehen. Die französischen Gelehrten verfallen zu leicht in den Fehler, sich zu isoliren.«

Marcel machte sich wieder an das Studium seines Problems.

» … Die Extrados bestehen aus einem dem ersten ähnlichen Ellipsoid, das sein Centrum unter o‘ der Verticale o haben möge. Nach Bezeichnung der Brennpunkte der drei Hauptellipsen F1, F2, F ziehen wir die Hilfsellipse und Hyperbel, deren gemeinschaftliche Achse…«

Da veranlaßte ihn ein Schrei Octave’s den Kopf zu erheben.

»Was giebt es denn? fragte er, etwas beunruhigt über das erbleichte Gesicht seines Freundes.

– Lies selbst!« erwiderte dieser, der über die eben empfangene Nachricht ganz von Sinnen zu sein schien.

Marcel nahm den Brief, las ihn zu Ende, durchlas ihn noch einmal, warf einen Blick auf die ihn begleitenden Documente und sagte:

»Das ist merkwürdig!«

Dann stopfte er seine Pfeife und setzte sie in aller Muße in Brand. Octave hing an seinen Lippen.

»Glaubst Du, daß das Alles wahr ist, fragte er mit zitternder Stimme.

– Wahr? … Natürlich. Dein Vater hat einen viel zu klaren Verstand und wissenschaftlichen Geist, als daß er sich durch eine derartige Täuschung fangen ließe. Uebrigens liegen ja die Beweise bei und die Sache ist im Grunde sehr einfach.«

Nachdem die Pfeife richtig in Ordnung gebracht war, ging Marcel auf’s Neue an seine Arbeit. Octave stand mit schlotternden Armen dabei, unfähig, nur noch den Kaffee zu Stande zu bringen, viel weniger vermögend, einen logischen Gedanken zu erfassen. Er fühlte sich aber gedrängt zu sprechen, nur um sich zu überzeugen, daß er nicht träume.

»Aber… wenn das wahr ist, so stellt das Alles auf den Kopf!… Weißt Du wohl, daß eine halbe Milliarde ein wahrhaft enormes Vermögen darstellt?«

Marcel erhob wie zur Bestätigung den Kopf.

»Enorm ist das richtige Wort. Es giebt vielleicht kein ähnliches in ganz Frankreich; man kennt nur wenig solche Vermögen in den Vereinigten Staaten und fünf oder sechs in England, fünfzehn oder zwanzig in der ganzen Welt.

– Und ein Titel noch obendrein! rief Octave, ein Baronets-Titel! Ich habe gewiß niemals darnach gestrebt, einen solchen zu besitzen, da sich dieser aber von selbst bietet, so muß man doch wohl zugestehen, daß er einen eleganteren Klang hat als der bloße Name Sarrasin.«

Marcel blies eine dicke Rauchwolke vor sich her, sagte aber kein Wort, Diese Wolken sagten ja deutlich genug: »Bah!… Bah!«

»Ich hätte es, fuhr Octave fort, gewiß nie so gemacht wie viele Menschen, welche ihrem ehrlichen Namen ein Partikelchen anhängen oder sich ein papierenes Marquisat erkaufen! Doch einen echten authentischen Titel zu besitzen, der völlig regelrecht in die »Peerage« Großbritanniens und Irlands eingetragen ist, ohne daß darüber ein Zweifel oder Einspruch aufkommen kann, wie das sonst so häufig geschieht…«

Die Pfeife Marcel’s wiederholte immer ihr »Bah … Bah!«

»Du magst nun dagegen sagen, was Du willst, mein Lieber, fuhr Octave mit Wärme fort, aber »das Blut ist doch etwas besonderes«, wie die Engländer sagen.«

Er hielt vor dem spöttischen Blicke Marcel’s ein wenig ein und kam wieder auf seine Millionen zurück.

»Erinnerst Du Dich, plauderte er weiter, daß Binôme, unser Mathematik-Professor, in seiner ersten Stunde jedes Unterrichtsjahres regelmäßig wiederkäute, daß eine halbe Milliarde eine größere Zahl ist, als daß der menschliche Geist sich von ihr eine einigermaßen richtige Vorstellung zu machen im Stande wäre, wenn man nicht die graphische Darstellung zu Hilfe nähme?… Du weißt wohl noch, daß ein Mann, selbst wenn er jede Minute einen Franc verausgabte, mehr als tausend Jahre brauchte, um mit jener Summe fertig zu werden. O, wahrhaftig… es ist doch ein eigentümliches Gefühl, sich zu sagen, daß man der Erbe einer halben Milliarde Francs ist!

– Eine halbe Milliarde Francs, wiederholte Marcel mehr erregt durch das Wort als die Sache selbst. Weißt Du auch, was Ihr am besten damit anfangen könntet? Ihr solltet sie Frankreich schenken zur Bezahlung seiner Kriegsschulden! Das Vaterland brauchte nur zehnmal so viel!…

– Laß um Himmels willen meinem Vater gegenüber von einem solchen Gedanken nichts verlauten!… rief Octave erschreckt. Er wäre im Stande, darauf einzugehen. Ich sehe schon kommen, daß er selbst über ein ähnliches Project nachdenken wird… es mag noch hingehen, dem Staate das Capital zu verschreiben, aber die Rente davon müßten wir mindestens für uns behalten!

– Sieh da, Du bist ja, ohne davon eine Ahnung zu haben, ein geborner Kapitalist! erwiderte Marcel. Dennoch sagt mir ein gewisses Etwas, mein armer Octave, daß es für Dich besser gewesen wäre – wenn nicht auch für Deinen Vater, der doch klaren Kopf und Sinn hat – daß diese ungeheure Erbschaft sich auf bescheidenere Dimensionen beschränkte. Ich sähe es weit lieber, Du hättest mit Deiner braven kleinen Schwester eine Rente von fünfundzwanzigtausend Pfund zu verzehren, als diesen Berg von Gold!« Er ging wieder an seine Arbeit.

Auch Octave war es unmöglich, ganz müßig zu bleiben, und er wanderte deshalb so hastig im Zimmer auf und ab, daß sein Freund endlich ungeduldig wurde.

»Du würdest besser thun, in die Luft zu gehen, sagte er, heute Abend bist Du doch für alles Andere untauglich.

– Du hast recht!« antwortete Octave, der mit Freuden diese halbe Erlaubniß ergriff, jeder Art von Arbeit zu entschlüpfen.

Schnell griff er nach dem Hute, eilte die Treppen hinab und befand sich auf der Straße. Nach kaum zehn Schritten machte er schon wieder unter einem Gascandelaber Halt, um den Brief seines Vaters noch einmal zu durchlesen. Er fühlte das Bedürfniß, sich zu überzeugen, daß er wirklich wach sei.

»Eine halbe Milliarde!… Eine halbe Milliarde … wiederholte er sich immer. Das giebt mindestens fünfundzwanzig Millionen Rente… Wenn mir mein Vater jährlich nur eine zum Unterhalte gewährt, nur eine halbe, nur eine viertel davon, so wäre ich ja glücklich. Mit Geld läßt sich gar viel anfangen! Gewiß würde ich es weise anwenden. Ich bin doch kein Dummkopf, nicht wahr?… Man hat ja in der École centrale Aufnahme gefunden!… Dazu besitze ich auch einen Titel!… Ich werde ihm keine Schande machen!«

Im Vorbeigehen sah er sich in den Spiegelscheiben eines Ladens.

»Ich werde ein Hotel haben und Pferde! … Marcel natürlich ganz wie ich. Von dem Augenblicke an, wo ich reich bin, ist es ganz dasselbe, als ob er es wäre. Das versteht sich von selbst! … Eine halbe Milliarde! … Baronet! … Es ist drollig; jetzt, da es gekommen ist, scheint es mir, als hätte ich schon darauf gewartet. Eine innere Stimme sagte mir, daß ich nicht dazu auserlesen sei, ewig über Büchern zu brüten und Gleichungen zu enträthseln! … Doch wie dem auch sei, es ist doch ein schöner Traum!«

Octave wanderte mit derlei Gedanken im Kopfe längs der Arcaden der Rivoli-Straße hin. Er kam nach den Elysäischen Feldern, bog um die Ecke der Rue Royale und gelangte nach dem Boulevard. Früher fiel sein Blick theilnahmslos auf die Schaufenster mit ihren glänzenden Ausstattungen, die er als unnütze Sachen betrachtete, welche ihn nichts angingen. Heute blieb er davor stehen und empfand mit freudiger Erregung, daß alle diese Schätze ihm gehörten, wenn er nur wollte.

»Für mich, sagte er, drehen die Spinnerinnen Hollands ihre Spindeln, für mich erzeugt Elboeuf seine geschmeidigsten Gewebe, construiren die Uhrmacher die feinsten Chronometer, strahlt der Kronleuchter der großen Oper sein Meer von Licht, klingen die Geigen und schreien sich die Sängerinnen heiser! Für mich züchtet man Vollblut in den Manegen und erstrahlt das Café Anglais in vollem Glanze! … Paris ist mein! … Alles gehört mir! … Sollte ich nicht auf Reisen gehen? Nicht meine Baronie in Indien besuchen? Da könnte ich einmal eine Pagode kaufen, sowie die bronzenen und elfenbeinernen Idole über den Marktpreis bezahlen! … Dann schaffte ich mir Elefanten an … ginge auf die Tigerjagd!… Und die herrlichen Gewehre!… Das prächtige Boot! … Ein Boot? Ei nein, aber eine schöne tüchtige Dampfyacht, die mich hinbringt, wohin ich will und anhält und abfährt nach meinem Belieben. Halt, da ich eben beim Dampf bin, meiner Mutter werd‘ ich doch Nachricht zugehen lassen müssen. Wenn ich nun nach Douai führe?… Aber jetzt ist Unterrichtszeit… o, das Colleg, man kann ja wohl einmal fehlen. Aber Marcel muß davon wissen. Ich werde ihm eine Depesche senden, er muß doch begreifen, daß es mich drängt, unter solchen Umständen meine Mutter und meine Schwester zu sehen.« Octave trat in ein Telegraphenbureau, meldete seinem Freunde, daß er abreise und in zwei Tagen zurückkehren werde. Dann sprang er in einen Fiaker und ließ sich nach dem Nordbahnhof fahren.

Sobald er im Waggon saß, setzte er seine Träumereien fort.

Um zwei Uhr Morgens läutete Octave geräuschvoll an der Thüre seines Vaterhauses – an der Nachtklingel – und setzte das friedliche Stadtviertel des Aubette in Aufregung.

»Wer mag denn so krank sein? fragten sich die Gevattern von einem Fenster zum andern.

– Der Doctor ist nicht in der Stadt! rief die alte Magd aus ihrer Luke in der obersten Etage herab.

– Ich bin’s, Octave!… Machen Sie schnell auf, Francine!« Nach längerem Warten gelang es Octave, in das Haus einzudringen. Seine Mutter und die Schwester Jeanne liefen eiligst in Nachtkleidern herbei, um die Ursache seines plötzlichen Besuches zu erfahren. Der mit lauter Stimme vorgelesene Brief des Doctors lieferte schnell den Schlüssel zu diesem Räthsel.

Madame Sarrasin war einen Augenblick ganz außer sich. Mit Freudenthränen im Auge, umarmte sie ihren Sohn und ihre Tochter. Es schien ihr, als gehöre ihnen nun die ganze Welt und als könnte das Unglück unmöglich jemals die jungen Leute treffen, welche jetzt einige hundert Millionen besaßen. Die Frauen sind indeß weit mehr als die Männer dazu geschaffen, große Schicksalswandlungen zu ertragen, Madame Sarrasin durchlas den Brief ihres Gatten noch einmal, sagte sich, daß es seine Sache wäre, über ihr Geschick und das der Kinder zu bestimmen, und die Ruhe zog damit wieder in ihr Herz ein. Jeanne schien über die Freude ihrer Mutter und ihres Bruders beglückt zu sein; ihr dreizehnjähriges Köpfchen selbst aber träumte von keinem größeren Glücke, als sie in diesem kleinen Hause schon genoß, wo sich ihr Leben zwischen dem Unterrichte der Lehrer und den Liebkosungen der Eltern in Frieden und Freuden abspielte. Sie hatte keine besondere Vorstellung davon, warum einige Stöße Banknoten mehr in ihrer Lebensweise eine besondere Veränderung hervorbringen sollten, und machte sich deshalb über die Zukunft keine besonderen Sorgen.

Madame Sarrasin, sehr jung schon die Gattin eines gänzlich mit seinen stillen Studien beschäftigten Fachgelehrten, respectirte die Liebhaberei ihres Mannes, den sie zärtlich liebte, wenn sie ihn auch nicht immer verstand. Da sie das Glück, das Doctor Sarrasin in seiner Arbeit fand, nicht zu theilen vermochte, fühlte sie sich wohl manchmal etwas vereinsamt an der Seite dieses fleißigen Forschers und wandte ihre Liebe, ihre Hoffnungen nur destomehr ihren Kindern zu. Für sie träumte sie immer eine glänzende Zukunft, welche ihnen unzweifelhaft bevorstehen müsse. Octave – daran zweifelte sie keinen Augenblick – war gewiß noch zu höheren Dingen berufen. Seit seinem Eintritte in die Centralschule hatte sich die bescheidene und nützliche Akademie für junge Ingenieure in ihrer Vorstellung zu einer Pflanzschule berühmter Männer erhoben. Ihre einzige Beunruhigung hatte den Grund darin, daß sie ihr geringes Vermögen für ein Hinderniß, für eine Schwierigkeit ansah, welches die glorreiche Laufbahn ihres Sohnes hemmen und auch der einstigen Lebensstellung ihrer Tochter schaden könne. Was sie jetzt freilich aus dem Schreiben ihres Mannes ersah, sagte ihr, daß sie solche Befürchtungen fallen lassen könne. Jetzt war ihre Befriedigung vollständig.

Mutter und Sohn verbrachten einen großen Theil der Nacht plaudernd und Pläne entwerfend, während die mit der Gegenwart zufriedene und um die Zukunft unbesorgte Jeanne in einem Lehnstuhl friedlich eingeschlummert war.

Endlich wollten sich auch die beiden Anderen einige Ruhe gönnen.

»Du hast mir noch gar nichts von Marcel mitgetheilt, sagte Madame Sarrasin zu ihrem Sohne. Setztest Du ihn von dem Briefe des Vaters etwa gar nicht in Kenntniß? Was meint er dazu?

– O, erwiderte Octave, Du kennst ja Marcel! Er ist mehr als ein Gelehrter, er ist ein Stoiker vom Kopf bis zu den Zehen! Ich glaube, er erschrak über die Größe dieser Erbschaft, d. h. in Bezug auf uns; den Vater nahm er davon aus, dessen gesunder Sinn, wie er sagte, und tiefe wissenschaftliche Bildung ihn beruhigte. Zum Teufel, aber was Dich betrifft, Mutter, und Jeanne auch und vorzüglich mich, so verhehlte er nicht, daß er eine geringere Erbschaft, so etwa fünfundzwanzigtausend Pfund Rente, weit lieber gesehen hätte…

– Marcel hat vielleicht so unrecht nicht, antwortete Madame Sarrasin mit einem Blick auf ihren Sohn. Ein plötzlicher Glücksfall birgt für gewisse Naturen nicht selten seine Gefahren!«

Jeanne war eben wieder erwacht und hatte nur die letzten Worte ihrer Mutter gehört.

»Du weißt, Mama, sagte sie, sich die Augen reibend und nach ihrem Kämmerchen wankend, Du weißt, was Du mir eines Tages gesagt hast, daß Marcel immer recht habe! Ich, ich glaube, was unser Freund Marcel für wahr hält!«

Jeanne umarmte noch ihre Mutter und verschwand.

Zwanzigstes Capitel.


Zwanzigstes Capitel.

Schluß.

France-Ville ist nun von jeder Unruhe frei, in Frieden mit allen Nachbarn, weise verwaltet, glücklich mit seinen gesitteten Bewohnern und blüht im eigenen Glücke empor. Sein wohlverdientes Gedeihen erregt bei Niemandem Neid, seine Stärke schützt es vor ungerechten Angriffen.

Stahlstadt war nichts als eine ungeheure Werkstatt, eine gefürchtete Zerstörungsmaschine in der eisernen Hand des Herrn Schultze, jetzt ist durch Marcel Bruckmann’s Bemühen die Liquidation vollendet, ohne daß Jemand dabei geschädigt worden wäre, und nun ist es ein Centralpunkt ohne Gleichen geworden, der befruchtend auf alle Zweige der Industrie wirkt.

Seit einem Jahre ist Marcel der glückliche Gatte Jeanne’s und die Geburt eines Kindes setzte ihrem Glücke noch die Krone auf.

Octave hat sich unter der Leitung seines Schwagers noch weiter trefflich entwickelt und unterstützt jenen mit voller Kraft. Seine Schwester geht jetzt damit um, ihn an eine ihrer Freundinnen zu verheiraten, welche neben hübscher Erscheinung auch gesunden Menschenverstand und Willensstärke genug besitzt, ihn vor etwaigen Rückfällen zu bewahren.

Die Wünsche des Doctors und seiner Gattin sind in Erfüllung gegangen und sie würden sozusagen auf dem Gipfel des Glücks und des Ruhmes stehen – wenn der Ruhm in dem Programm ihres edlen Ehrgeizes nur überhaupt eine Stelle gefunden hatte.

Schließlich dürfen wir wohl versichern, daß für die Zukunft, Dank den Bemühungen des Doctor Sarrasin und Marcel Bruckmann’s, bestens gesorgt ist und daß das Beispiel von France-Ville und Stahlstadt, der Musterstadt und Musterwerkstatt, auch für spätere Generationen nicht verloren sein wird.

Drittes Capitel.


Drittes Capitel.

Unter »Vermischtes«.

Als sich Doctor Sarrasin zur vierten Sitzung des hygienischen Congresses einstellte, drängte sich ihm die Beobachtung auf, daß ihn alle Collegen mit ganz besonderer Auszeichnung empfingen. Bis jetzt hatte der ehrenwerthe Lord Glandover, Ritter des Hosenbandordens, der den nominellen Vorsitz der Versammlung führte, es kaum für der Mühe werth erachtet, von der persönlichen Anwesenheit des französischen Arztes Notiz zu nehmen.

Dieser Lord war ein hochgestellter Mann, dessen Aufgabe darin bestand, die Sitzungen zu eröffnen oder zu schließen und ganz mechanisch denjenigen Rednern das Wort zu ertheilen, welche auf einer ihm vorliegenden Liste verzeichnet standen. Er steckte stets die Hand in eine Oeffnung seines im Uebrigen zugeknöpften Ueberrockes – nicht etwa, weil er vom Pferde gestürzt war – sondern einzig deshalb, weil einige englische Bildhauer diese unbequeme Stellung für die Statuen mehrerer Staatsmänner gewählt haben.

Ein bleiches glattes Gesicht mit einzelnen rothen Flecken, eine Perrücke aus Queckengras, hoch über einer wahrscheinlich etwas hohlklingenden Stirne aufgethürmt, bildeten eine höchst komische und gleichzeitig ungeheuer steife Erscheinung. Lord Glandover bewegte sich nur im Ganzen, als wäre er aus Holz oder Papiermaché hergestellt. Selbst seine Augen zuckten unter dem Knochenbogen ihrer Höhlen nur stoßweise, wie die einer Puppe oder eines Gliedermannes.

Bei der ersten Vorstellung hatte der Präsident des hygienischen Congresses Doctor Sarrasin mit gnädiger Herablassung begrüßt, welche, in Worte übersetzt, etwa lautete:

»Guten Tag, Sie kleiner Mann! … Sie sind also Derjenige, welcher, um sein bischen Leben zu gewinnen, solche kleine Arbeiten mit den kleinsten Maschinchen ausführt? … Ich muß in der That ein scharfes Gesicht besitzen, um eine auf der Stufenleiter der lebenden Wesen so tief unter mir stehende Creatur zu erkennen … Setzen Sie sich in den Schatten meiner Herrlichkeit, ich gestatte es Ihnen!« Heute begrüßte ihn Lord Glandover mit dem zuvorkommendsten Lächeln und trieb die Höflichkeit sogar so weit, ihm einen leeren Platz an seiner rechten Seite anzubieten. Uebrigens hatten sich auch alle übrigen Mitglieder des Congresses von ihren Sitzen erhoben.

Verwundert über diese Zeichen außerordentlich schmeichelhafter Aufmerksamkeit und in der Ueberzeugung, daß der Blutkügelchen-Zähler seinen Collegen bei näherer Betrachtung doch als eine weit wichtigere Entdeckung als auf den ersten Blick erschienen sei, nahm Doctor Sarrasin den ihm angebotenen Platz ein.

All‘ sein Entdecker-Stolz schwand aber dahin, als Lord Glandover sich mit einer so ungewohnten Verrenkung, daß er sich dabei wohl einen steifen Hals zuziehen konnte, zu seinem Ohr neigte und sagte:

»Ich höre, daß Sie ein Mann von großem Vermögen sind? Man sagt mir, Sie ›wären einundzwanzig Millionen Sterling werth‹?«

Lord Glandover schien untröstlich, daß er das eine so hübsche Summe erreichende Aequivalent an Fleisch und Bein hatte so unbeachtet lassen können.

»Warum theilten Sie mir das nicht gleich mit? … Offen gesagt, das war nicht hübsch; man soll sich nicht solchem falschen Verdacht aussetzen!«

Doctor Sarrasin, der sich seinem Gefühle nach nicht um einen Deut mehr werth schätzte als bei den früheren Sitzungen, fragte sich, wie die ihn betreffende Neuigkeit schon eine solche Verbreitung habe finden können, als ihm Doctor Ovidius aus Berlin, sein rechter Nachbar, mit falschem Lächeln zuflüsterte:

»Sie sind ja ein wahrer Rothschild geworden! – Der »Daily Telegraph« bringt schon die Nachricht! … Meinen herzlichen Glückwunsch!«

Er übergab ihm dabei eine Nummer des Journals von demselben Morgen. Da las man unter der Rubrik »Vermischtes« folgende Zeilen, die ihren Verfasser deutlich genug erkennen ließen:

»Eine ungeheure Erbschaft. – Die berühmte, unerhobene Nachlassenschaft der Begum Gokool hat endlich durch die Gewandtheit und Mühe der Herren Billows, Green und Sharp, Sollicitors, 93 Southampton row, London, ihren berechtigten Empfänger gefunden. Der glückliche Eigenthümer jener jetzt in der Bank von England niedergelegten einundzwanzig Millionen Sterling ist ein französischer Arzt, der Doctor Sarrasin, über dessen schöne Denkschrift, die er dem Kongresse für Hygiene in Brighton vorgelegt, wir vor wenig Tagen erst berichtet haben. Nach vieler Mühe und vergeblichen Nachforschungen, deren Aufzählung fast einen Roman für sich bilden würde, ist Mr. Sharp der unbestreitbare Nachweis gelungen, daß Doctor Sarrasin der einzige lebende Nachkomme des Baronet Jean Jacques Langevol, des zweiten Gemahls der Begum Gokool, ist. Der Erwähnte stammt, wie alle Documente bestätigen, aus der kleinen französischen Stadt Bar-le-Duc. Zum Zwecke der Besitzergreifung sind nur noch einige unbedeutende Formalitäten zu erfüllen. Das Gesuch liegt dem Kanzleihofe jetzt schon vor. Es ist wahrlich eine wunderbare Verknüpfung von Umständen zu nennen, die auf das Haupt eines französischen Gelehrten außer einem britannischen Titel nun die Schätze einer ganzen Reihe indischer Rajahs aufgehäuft haben. Die Glücksgöttin hätte ja auch eine minder gute Wahl treffen können, und man darf wohl darüber erfreut sein, daß ein so beträchtliches Capital in Hände gefallen ist, welche gewiß den besten Gebrauch davon zu machen wissen werden.«

Es war eine ganz eigenthümliche Empfindung, welche Doctor Sarrasin die so schnelle Veröffentlichung seiner Angelegenheit widerwärtig erscheinen ließ; nicht die kleinen Unannehmlichkeiten waren daran Schuld, die er als scharfer Menschenkenner als nächste Folge derselben voraussah, sondern er fühlte sich selbst erniedrigt durch die Wichtigkeit, die man der ganzen Sache beilegte; er erschien sich persönlich verkleinert gegenüber der enormen Summe seines Kapitals. Seine Arbeiten, sein persönliches Verdienst – was er selbst nicht zu gering anschlug – verschwanden schon in diesem Ocean von Gold und Silber, selbst in den Augen seiner Collegen. Sie sahen in ihm nicht mehr den unermüdlichen Forscher, den feinen, erleuchteten Geist, den scharfsinnigen Erfinder – sie erkannten in ihm nur eine halbe Milliarde. Wäre er ein kropfbehafteter Krüppel aus den Hochalpen gewesen, ein roher Hottentotte, ein noch so tief gesunkenes Menschenkind, statt einer der ehrenwerthesten Repräsentanten der Menschheit, sein »Gewicht« wäre doch dasselbe geblieben. Lord Glandover hatte sich des Wortes bedient, er »werthete« einundzwanzig Millionen Sterling, nicht mehr und nicht weniger.

Dieser Gedanke entmuthigte ihn und der gesammte Congreß, der ihn mit vollständig wissenschaftlicher Neugier betrachtete, um zu sehen, wie sich »ein halber Milliardär« ausnähme, bemerkte mit Verwunderung, daß sich seine Physiognomie durch eine gewisse Traurigkeit verschleierte.

Doch das war nur eine vorübergehende Schwäche. Die Größe des Zweckes, dem er die unerwarteten Reichthümer zu widmen entschlossen war, trat dem Doctor vor Augen und heiterte seine Züge wieder auf. Er wartete das Ende der Vorlesung des Doctor Stewenson aus Glasgow über die Erziehung der jungen Idioten ruhig ab und erbat sich dann das Wort zu einer Mittheilung.

Lord Glandover ertheilte es ihm sofort, sogar noch vor dem schon angemeldeten Doctor Ovidius. Er hätte es ihm gegeben, auch wenn der ganze Congreß dagegen opponirt, wenn alle Gelehrten Europas Einspruch erhoben hätten gegen eine solche Bevorzugung! Die Stimme des Präsidenten ließ dies deutlich genug erkennen.

»Meine Herren, begann Doctor Sarrasin, ich gedachte eigentlich noch einige Tage zu warten, bevor ich Sie mit dem ungeahnten Glücksfall bekannt machte, der mich betroffen, und ehe ich Ihnen die weiteren Folgen vor Augen führte, welche dieser Zufall für die Wissenschaft haben kann. Da die Sache jedoch ohne mein Zuthun schon bekannt geworden ist, möchte es als Ziererei erscheinen, wenn ich mich nicht über die Begründung oder Übertreibung etwaiger Gerüchte ausspreche. . . Nun, meine Herren, es ist allerdings an dem, daß mir eine beträchtliche Summe, eine Summe »von mehreren hundert Millionen«, welche jetzt im Depot der Bank von England liegt, rechtlicher Weise zugefallen ist. Brauche ich Ihnen erst zu sagen, daß ich mich unter diesen Verhältnissen nur als Fidei-Commissär der Wissenschaft betrachte? (Allseitige Sensation.) Mir gehört ja eigentlich dieses Capital nicht, es gehört der Menschheit, dem Fortschritt! (Bewegung, Ausrufe, einstimmiges Bravo. Der ganze Kongreß erhebt sich, begeistert durch die eben gehörte Erklärung.) Beschämen Sie mich nicht durch Ihren Beifall, meine Herren. Ich kenne keinen einzigen Jünger der Wissenschaft, Keinen, der dieses schönen Namens würdig wäre, der an meiner Stelle nicht das Nämliche gethan hätte. Wer weiß, ob es nicht gar noch Mißgünstige giebt, die da meinen, daß auch eine solche Handlungsweise mehr von Eigenliebe, als von der Hingebung an edlere Zwecke dictirt sei? … (Nein! nein!) Darauf kommt übrigens nicht viel an. Halten wir nur das letzte Ziel im Auge, Ich erkläre also hiermit endgiltig und ohne jeden heimlichen Hintergedanken: Die halbe Milliarde, welche der Zufall in meine Hände gab, ist nicht mein Eigenthum, sondern das der Wissenschaft. Wollen Sie das Parlament bilden, welches das nöthige Budget aufstellt? … Ich habe nicht das genügende Vertrauen zu mir, daß ich im Stande wäre, allein darüber zu verfügen. Ich rufe Sie zu Richtern auf, Sie mögen selbst entscheiden, wie dieser Schatz am nützlichsten zu verwenden sein mag!« (Hurrahs. Ungeheure Erregung. Allgemeines Delirium.)

Der ganze Congreß war auf den Füßen. Einige Mitglieder desselben haben in ihrer Begeisterung die Tische bestiegen. Professor Turnbull aus Glasgow scheint von einem Schlaganfall bedroht. Doctor Cicogna aus Neapel ist ganz außer Athem. Nur Lord Glandover bewahrt die Würde und heitere Ruhe, welche seinem Range entspricht. Er ist übrigens vollkommen überzeugt, daß Doctor Sarrasin sich nur einen angenehmen Scherz erlaube und nicht im Mindesten die Absicht habe, einen so extravaganten Plan auch auszuführen.

Der endlich wieder zu einigem kalten Blute gelangte Congreß hörte mit wahrhaft kirchlicher Ruhe zu.

»Meine Herren, unter den Veranlassungen zu Krankheiten, den Ursachen des Elends und vorzeitigen Todes, welche uns umringen, giebt es eine, die meiner Ansicht nach gewiß die höchste Beachtung verdient, es sind das die bedauernswerthen hygienischen Verhältnisse, unter denen die meisten Menschen leiden. Sie drängen sich in den Städten dicht zusammen, in Wohnungen, denen es an Luft und Licht, den beiden unentbehrlichen Bedingungen des Lebens und der Gesundheit, mangelt. Diese Anhäufungen von Menschen werden nicht selten wirkliche Infectionsherde. Diejenigen, welche dabei den Tod nicht finden, werden doch in ihrer Gesundheit geschädigt; ihr Productionsvermögen nimmt ab und die Gesellschaft verliert auf diese Weise große Summen von Arbeit, welche sonst vortheilhaft zu verwenden wäre. Warum, meine Herren, sollten wir gegen diesen Uebelstand nicht einmal das mächtigste Mittel der Ueberredung, nämlich das eigene Beispiel versuchen? Warum sollten wir nicht einmal alle Kräfte, alle unsere Kenntnisse vereinigen, um den Plan zu einer Musterstadt, die den strengsten wissenschaftlichen Anforderungen entspräche, auszuarbeiten und durchzuführen? … (Ja, ja, sehr richtig!) Warum sollten wir also nicht das Capital, das uns zur freien Verfügung steht, dazu anwenden, diese Stadt zu erbauen und sie der Welt gleichsam als praktischen Unterrichtsgegenstand vor Augen zu stellen?« (Ja wohl! Gewiß! – Donnernder Beifall.)

Die Mitglieder des Kongresses drücken, wie von ansteckender Tollkrankheit befallen, einander die Hände, stürzen sich auf Doctor Sarrasin, heben ihn in die Höhe und tragen ihn im Triumph durch den Saal.

»Nach dieser Stadt, meine Herren, fuhr der Doctor fort, als es ihm gelungen, seinen Platz wieder zu erobern, die Jeder von uns schon vor seinem geistigen Auge vollendet sieht, was wohl binnen wenig Monaten zur Wahrheit werden kann, nach dieser Stadt der Gesundheit und des Wohlergehens laden wir dann alle Völker zum Besuche ein, verbreiten den Plan und die Beschreibung derselben in allen Sprachen und ziehen solche ehrenwerthe Familien dahin, welche Armuth und Arbeitsmangel aus den überfüllten Ländern vertrieben haben. Auch solche – Sie werden nicht darüber erstaunen, wenn ich daran denke – welche äußere Verhältnisse zu einem grausamen Exil gezwungen haben, würden bei uns einen Platz für ihre Thätigkeit, für die fruchtbringende Entfaltung ihrer Geisteskräfte finden und uns moralische Schätze zuführen, welche mehr werth sind als Goldminen und Diamantengruben. Wir errichten hier geräumige Schulen, in denen die Jugend, erzogen nach weisen, alle moralischen, physischen und intellectuellen Fähigkeiten gleichmäßig ausbildenden Grundsätzen, uns für die Zukunft vielversprechende Generationen sichern würde!«

Wir müssen darauf verzichten, den enthusiastischen Lärm zu beschreiben, der dieser Mittheilung folgte. Die Beifallsrufe, die »Hipp! Hipp!« die Hurrahs hörten eine ganze Viertelstunde nicht mehr auf.

Doctor Sarrasin hatte sich kaum wieder niedergesetzt, als sich Lord Glandover nochmals zu ihm herabneigte und mit den Augen zwinkernd ihm in’s Ohr sagte:

»Eine ausgezeichnete Speculation! … Sie rechnen auf den Ertrag des Octroi, ja? … Ein ganz sicheres Geschäft, sobald es von gewählten Namen eingeführt und patronisirt wird! … Alle Kranken und Halbgesunden werden dort wohnen wollen! … Ich hoffe, Sie heben mir ein gutes Stück Land auf, nicht wahr?«

Der durch diese Hartnäckigkeit, mit der er seinen besten Absichten nur eigennützige Motive untergeschoben sah, erzürnte Doctor wollte diesmal Seiner Herrlichkeit antworten, als er hörte, daß der Vicepräsident einen durch Acclamation darzubringenden Dank vorschlug für den Urheber der menschenfreundlichen Vorschläge, welche die Versammlung eben vernommen hatte.

»Es wird dem Congreß von Brighton, sagte er, zur ewigen Ehre gereichen, daß dieser Gedanke hier an’s Licht trat. Ihn überhaupt zu fassen, das bedurfte nichts Geringeres als der höchsten klarsten Einsicht im Verein mit einem großen Herzen und einer Freigebigkeit ohne Gleichen. . . und doch, jetzt, da diese Idee ausgesprochen ist, wundert man sich fast, daß sie nicht schon lange einmal verwirklicht wurde! Wie viele in nutzlosen Kriegen verschwendete Milliarden, wie viel durch lächerliche Speculation vergeudete Capitalien hätte man einem solchen Zwecke schon opfern können und sollen!«

Schließlich machte der Redner den Vorschlag, die neue Stadt als gerechte Ehrenbezeugung für ihren Gründer »Sarrasina« zu nennen.

Dieser Vorschlag hatte schon einstimmige Annahme gefunden, als man auf das Ersuchen Doctor Sarrasin’s ihn doch noch einmal in Berathung nehmen mußte.

»Nein, sagte dieser, mein Name hat hierbei nichts zu schaffen. Hüten wir uns überhaupt, die zukünftige Stadt durch eine Benennung zu entstellen, welche unter dem Vorwande, aus dem Griechischen oder Lateinischen zu stammen, dem Wesen der Sache, die sie trägt, immer einen etwas pedantischen Anstrich verleiht. Jene wird die Stadt des Wohlbefindens sein, doch ich wünschte, daß mit ihr der Name meines Vaterlandes verknüpft würde und wir sie z. B. »France-Ville« tauften!«

Man konnte dem Doctor diese wohlverdiente Satisfaction nicht weigern.

France-Ville war mit Worten schon gegründet; es sollte, da die Sitzung geschlossen wurde, das auch bald auf dem Papiere sein. Man beschäftigte sich sofort mit der Berathung der Hauptgegenstände des Projects.

Lassen wir den Congreß jedoch bei dieser praktischen Beschäftigung, welche sich von der gewöhnlichen Thätigkeit derartiger Versammlungen so wesentlich unterschied, um dem Schicksal der Mitteilung des »Daily Telegraph« auf einer ihrer unzähligen Wanderungen Schritt für Schritt zu folgen.

Vom Abend des 29. October ab strahlte die piquante, wörtlich abgedruckte Neuigkeit mittelst der englischen Journale nach allen Provinzen des Vereinigten Königreiches aus. Sie erschien unter Anderem in der Huller Zeitung und stand am Kopfe der zweiten Seite einer Nummer dieses bescheidenen Blattes, das die »Mary Queen«, ein mit Kohlen beladener Dreimaster, schon am 1. November nach Rotterdam brachte.

Dort sofort von der fleißigen Scheere des Chefredacteurs und einzigen Secretärs des »Niederländischen Echos« ausgeschnitten und in die Sprache Cuyp’s und Potter’s übertragen, gelangte die sensationelle Nachricht auf den Flügeln des Dampfes am 2. November an die »Bremer Nachrichten«. Hier erhielt sie, ohne an der Thatsache etwas zu ändern, ein neues Kleid und erschien nun bald gedruckt in drei Sprachen. Wir wissen freilich nicht, warum der teutonische Journalist, nachdem er seine Übersetzung mit »Eine übergroße Erbschaft« überschrieben hatte, zu der elenden Ausflucht griff, die Leichtgläubigkeit seiner Leser dadurch zu mißbrauchen, daß er in Paranthese hinzufügte: »Original-Correspondenz aus Brighton«?

Nachdem die Sache nun einmal deutsch geworden, gelangte der Bericht auch an die Redaction der großen »Norddeutschen Allgemeinen«, welche ihm einen Platz in der zweiten Spalte der dritten Seite einräumte, während sie die frühere Überschrift, als eine zu charlatanmäßige für eine so ernsthafte Person, einfach unterdrückte.

Nachdem der Bericht so verschiedene Wandlungen durchgemacht, kam er am Abend des 3. November in die große Hand eines sächsischen Hausdieners und durch diesen in das Zimmer des Professor Schultze, an der Universität Jena.

Einen so hohen Platz eine solche Persönlichkeit auch auf der Stufenleiter der lebenden Wesen einnimmt, so bot der Genannte auf den ersten Blick doch nichts Außergewöhnliches dar. Er war ein hochgewachsener Mann von fünf- bis sechsundvierzig Jahren; seine mächtigen Schultern deuteten auf eine gute Constitution; seine Stirne war kahl und die wenigen Haare an den Schläfen und dem Hinterkopfe erinnerten mit ihrer Farbe etwa an den Flachs. Seine Augen waren blau, doch von jenem unbestimmten Blau, das keinen Gedanken verräth. Aus ihnen scheint kein Strahl hervorzuleuchten, und doch fühlt man sich unangenehm berührt durch ihren Blick. Professor Schultze hatte einen großen Mund mit einer Doppelreihe tüchtiger Zähne, welche nicht wieder loslassen, was sie einmal packten, doch mit einem Saume schmaler Lippen, deren Hauptaufgabe darin zu bestehen schien, die Worte zu zählen, welche sie passirten. Die ganze Erscheinung machte auf jeden Andern einen beunruhigenden, fast widerwärtigen Eindruck, worüber der Professor selbst übrigens ganz befriedigt zu sein schien.

Bei dem durch seinen Diener verursachten Geräusch wandte er die Augen nach dem Kamine und sah nach einer sehr hübschen Wiener Stutzuhr, die sich merkwürdiger Weise unter die sonst sehr einfache Ausstattung seines Zimmers verirrt hatte, wobei er mit einer mehr steifen als rauhen Stimme sagte:

»Sechs Uhr fünfundfünfzig! Mein Courier kommt spätestens um sechs Uhr dreißig. Sie bringen mir ihn heute wieder fünfundzwanzig Minuten zu spät. Das nächste Mal, wenn er nicht um sechs Uhr dreißig auf meinem Tische liegt, verlassen Sie binnen acht Tagen meinen Dienst.

– Wünscht der Herr Professor jetzt zu speisen? fragte der Diener, bevor er sich zurückzog.

– Es ist jetzt erst sechs Uhr fünfundfünfzig und ich esse um sieben Uhr! Das ist Ihnen schon seit den drei Wochen, die Sie in meinem Hause sind, bekannt. Beachten Sie für die Zukunft, daß ich niemals mit den Stunden wechsle und nicht gewohnt bin, meine Anordnungen zu wiederholen.«

Der Professor legte das Journal auf den Tisch und begann wieder an einem Aufsatze zu arbeiten, der in den nächsten Tagen in den »Annalen für Physiologie« erscheinen sollte. Wir begehen wohl keine Indiscretion, wenn wir die Überschrift dieser Arbeit mittheilen. Dieselbe lautete nämlich:

»Warum verfallen alle Franzosen in höherem oder geringerem Grade einer fortwährenden Entartung?«

Während sich der Professor mit dieser Aufgabe beschäftigte, wurde das Abendessen, bestehend aus einer Schüssel mit Würstchen und Kohl, nebst einem tüchtigen Krug Bier auf einem anderen Tische servirt. Der Gelehrte legte die Feder weg und verzehrte diese Mahlzeit mit größerem Wohlgefallen, als man von einer so ernsthaften Persönlichkeit erwartet hätte. Dann klingelte er nach dem Kaffee, zündete eine große Porzellanpfeife an und machte sich wieder an die Arbeit.

Es war fast Mitternacht, als der Professor das letzte Blatt weglegte, worauf er sich sofort nach seinem Schlafzimmer begab, um der wohlverdienten Ruhe zu pflegen. Erst im Bette löste er das Kreuzband von seinem Journal und begann vor dem Einschlafen noch ein wenig zu lesen. Eben als ihm die Augen zufallen wollten, wurde seine Aufmerksamkeit durch einen fremden Namen, nämlich Langevol, erregt, dem er unter der Rubrik »Vermischtes« in Verbindung mit der ungeheuren Erbschaftsangelegenheit begegnete. So viel er sich aber auch bemühte, sich klar zu machen, weshalb ihm dieser Name besonders auffiel, so gelangte er doch zu keinem Resultate. Nachdem er eine Zeit lang vergeblich hin und her überlegt hatte, warf er die Zeitung weg, blies das Licht aus und lag bald in tiefem Schlafe.

In Folge eines gewissen physiologischen Phänomens aber, über welches er sich früher selbst in langen gelehrten Abhandlungen verbreitet hatte, kehrte dieser Name Langevol sogar in Professor Schultze’s Träumen wieder. Ja, beim Erwachen am nächsten Morgen hatte er ihn zu seiner größten Verwunderung zuerst auf den Lippen.

Plötzlich, als er gerade nach der Uhr sehen wollte, ging ihm ein unerwartetes Licht auf. Er hob das vor dem Bett liegende Journal wieder auf und las die betreffende Nachricht wiederholt von Anfang bis zu Ende durch, während er sich immer noch die Stirne rieb, als wolle er seine Gedanken in besseren Fluß bringen. Offenbar wurde er sich klar, denn er sprang plötzlich auf und lief, ohne sich zum Anziehen des großgeblümten Schlafrockes Zeit zu nehmen, nach der Wand, holte ein neben dem Fenster hängendes kleines Porträt herab und strich mit dem Aermel über dessen bestaubte Rückseite.

Der Professor hatte sich nicht getäuscht. Hinter dem Bilde las man in vergilbten, durch ein halbes Jahrhundert schon nahezu unleserlich gemachten Schriftzügen die Worte: »Therese Schultze, geborne Langevol.«

Noch am Abend desselben Tages reiste der Professor mit dem Schnellzuge nach London ab.

Viertes Capitel.


Viertes Capitel.

Jeder seinen Theil.

Am 6. November um 7 Uhr Morgens kam Herr Schultze auf dem Bahnhofe von Charing-Croß an. Gegen Mittag stellte er sich in Nummer 93, Southampton row, in einem durch eine hölzerne Barrière in zwei Theile getrennten größeren Zimmer ein, das auf der einen Seite für die Beamten des Hauses, auf der anderen für das Publikum bestimmt war und dessen Mobiliar aus sechs Stühlen, einem dunklen Tische, unzähligen grünen Pappbänden und einem ungeheuren Adreßbuche bestand. Vor dem Tische saßen zwei junge Leute, welche eben dabei waren, ihr aus Brot und Käse bestehendes Frühstück – die gewöhnliche Mahlzeit im Reiche der Schreiber – zu verzehren.

»Ich komme hier recht zu den Herren Billows, Green und Sharp? fragte der Professor mit demselben Tone, mit dem er etwa sein Essen bestellte.

– Mister Sharp ist in seinem Cabinet, – Ihr Name? Und welche Angelegenheit?

– Professor Schultze aus Jena, Langevol’sche Erbschaftssache.«

Der junge Mann meldete diese Auskunft durch ein Sprachrohr weiter und erhielt auf dem nämlichen Wege eine Antwort, die er sich freilich hütete, laut zu wiederholen. Man konnte dieselbe etwa übersetzen:

»Zum Teufel mit der Langevol’schen Erbschaftssache! Wiederum ein Narr, welcher Ansprüche zu haben glaubt!«

Antwort des jungen Mannes:

»Es ist ein Herr von »respectabler« Erscheinung. Er macht keinen besonders angenehmen Eindruck, gehört aber offenbar nicht zu den gewöhnlichen Leuten.«

Ein weiterer mysteriöser Ausruf.

»Und er kommt aus Deutschland?

– So sagt er wenigstens,«

Durch das Sprachrohr zitterte ein Seufzer.

»Lassen Sie ihn heraufkommen.«

– Zwei Treppen hoch, die Thür gerade aus!« wendete sich der junge Mann nun an Herrn Schultze, indem er ihm den Weg andeutete.

Der Professor verschwand in einem inneren Gang, kletterte zwei Treppen hinauf und stand bald vor einer gepolsterten Thür, an der der Name des Mister Sharp sich in schwarzen Buchstaben von einem Messingschilde abhob.

Der Bezeichnete saß vor einem großen Mahagoni-Schreibtische in einem gewöhnlich ausgestatteten Zimmer mit wollenen Teppichen, lederüberzogenen Stühlen und gewaltigen Actenfascikeln. Er erhob sich kaum in seinem Armstuhl und schien, nach der gewöhnlichen höflichen Methode der meisten Bureaumenschen, fünf Minuten eifrigst mit dem Durchblättern des größten Actenpackets beschäftigt, um zu zeigen, wie sehr seine Thätigkeit beansprucht sei. Endlich geruhte er, sich an Professor Schultze zu wenden, der neben ihm Platz genommen hatte.

»Ich bitte, mein Herr, begann er, mir möglichst kurz auseinander zu setzen, was Sie zu mir führt. Meine Zeit ist außerordentlich beschränkt und ich bin nur im Stande, Ihnen wenig Minuten zu widmen.«

Der Professor lächelte ziemlich gleichgiltig und bewies jenem dadurch, daß ein solcher Empfang auf ihn gar keinen imponirenden Eindruck hervorbringe.

»Vielleicht werden Sie noch einige Minuten zugeben, wenn Sie erst wissen, was mich hierherführt.

– So sprechen Sie, mein Herr.

– Es betrifft den Nachlaß Jean Jacques Langevol’s aus Bar-le-Duc und ich bin der Enkel von dessen älterer Schwester, Therese Langevol, vermählt im Jahre 1792 mit meinem Großvater, Martin Schultze, früherem Wundarzt der Armee von Braunschweig und verstorben im Jahre 1814. Ich besitze selbst noch drei von meinem Großonkel an seine Schwester gerichtete Briefe und verschiedene Nachrichten über seinen Marsch in die Heimat nach der Schlacht bei Jena, ohne jetzt hier der anderen amtlichen Urkunden zu erwähnen, welche meine directe Abstammung bescheinigen.«

Wir brauchen dem Professor Schultze nicht weiter zu folgen in den Aufklärungen, welche er Mr. Sharp gab. Er wurde dabei, ganz gegen seine Gewohnheit, fast weitschweifig und schien sich über dieses Thema gar nicht erschöpfen zu können. Ihm lag nämlich vor Allem daran, Mr. Sharp, als einen Engländer, von der Nothwendigkeit zu überzeugen, der germanischen Race den Vorrang vor allen Uebrigen zu bewahren. Wenn er überhaupt den Gedanken hegte, seine Ansprüche auf diesen Nachlaß geltend zu machen, so geschah das nur, um ihn jenen französischen Händen zu entreißen, die davon leicht ungeeigneten Gebrauch machen konnten! … Worin er seinen Gegner in erster Reihe bekämpfte, das war vor Allem dessen Nationalität! … Einem Deutschen gegenüber würde er jedenfalls Verzicht leisten u. s. w., u. s. w. Die Befürchtung aber, daß ein angeblicher Gelehrter, ein Franzose, jenes gewaltige Capital zur Unterstützung französischer Ideen verwenden könne, brachte ihn aus Rand und Band und legte ihm die Pflicht auf, seine Rechte bis zum Aeußersten geltend zu machen.

Auf den ersten Blick erschien diese Ideenverbindung zwischen der politischen Anschauungsweise und dem reichen Nachlasse nicht recht verständlich. Mr. Sharp besaß aber zu viel geschäftlichen Scharfblick, um den höheren Zusammenhang zwischen den Anforderungen des Vertreters der germanischen Race im Allgemeinen und denen des Professor Schultze im Besonderen bezüglich der Beerbung der Begum zu durchschauen. Beide erschienen ihm übrigens von nahezu gleichem Werthe.

Ein Zweifel hierüber war ja nicht wohl möglich. So erniedrigend es auch für einen akademischen Lehrer der Universität Jena sein mußte, zu Leuten aus untergeordneter Menschenrace in verwandtschaftlichen Beziehungen zu stehen, so lag es doch auf der Hand, daß diesem unvergleichlichen menschlichen Producte etwas französisches Blut, wenigstens mütterlicherseits, beigemischt war. Immerhin handelte es sich hier nur um eine Verwandtschaft in zweiter Linie gegenüber der Abstammung des Doctor Sarrasin, welche natürlich auch nur einen rechtlich untergeordneten Anspruch auf jene Erbschaft bedingte. Der Sollicitor erkannte jedoch schnell die Möglichkeit, dieselbe mit einiger Aussicht auf Erfolg anhängig zu machen und in dieser Möglichkeit auch noch weiter die günstige Lage der Verhältnisse für den Vortheil der Firma Billows, Green und Sharp, nämlich die Gelegenheit, aus dieser jetzt schönen Affaire Langevol eine ganz außerordentlich ertragsreiche zu machen, so etwa eine neue Inscenirung von Boz Dickens »Jarndyce gegen Jarndyce«. Vor den Augen des Mannes der Gesetze breitete sich schon ein ganzer Horizont von Stempelpapier, Acten und Schriftstücken aller Art aus. Oder, was noch mehr werth schien, er dachte im Interesse seiner Clienten an ein durch ihn, Sharp, herbeizuführendes Compromiß, das ihm fast ebensoviel Ehre als Vortheil bringen mußte.

Inzwischen setzte er Herrn Schultze die Ansprüche des Doctor Sarrasin auseinander, brachte die Belege für dieselben bei und deutete dabei mit darauf hin, daß, wenn Billows, Green und Sharp es in die Hand nähmen, die Rechtsansprüche des Professors – »Ansprüche übrigens, mein lieber Herr, welche sich einem ordentlichen Processe gegenüber wohl schwerlich als stichhaltig erweisen dürften« – die er aus seiner Verwandtschaft mit dem Doctor herleite, zu vertheidigen, er darauf rechne, daß der allgemein anerkannte Gerechtigkeitssinn der Deutschen es auch Billows, Green und Sharp nicht verüblen werde, wenn sie, der Erkenntlichkeit des Professors gewiß, jenen anderen, begründeteren Ansprüchen gegenüber seine Sache zu führen versuchten.

Der Professor war ein viel zu offener Kopf, um die Logik in der Darlegung des Geschäftsmannes nicht zu begreifen. Er bemühte sich, ihn nach dieser Seite hin zu beruhigen, ohne sich, bezüglich der »Erkenntlichkeit«, gerade bestimmt zu binden. Mr. Sharp bat ihn nun in höflichster Form um die Erlaubniß, seine Angelegenheit nach eigenem Ermessen prüfen zu dürfen, und geleitete ihn mit rücksichtsvollster Artigkeit wieder zur Thür. Jetzt war bei ihm keine Rede mehr von den nur knapp zugemessenen Minuten, mit denen er vorher so sehr geizte!

Herr Schultze zog sich zwar mit der Ueberzeugung zurück, daß er wohl keinen vollberechtigten Anspruch auf die Erbschaft der Begum habe, aber auch mit der anderen, daß ein Kampf zwischen der angelsächsischen und lateinischen Race, ganz abgesehen von seiner Verdienstlichkeit an sich, wenn er nur richtig geführt würde, nicht anders als zum Vortheil der ersteren ausschlagen könne.

Zunächst erschien es nun von Wichtigkeit, die Meinung des Doctor Sarrasin kennen zn lernen. Eine unverzüglich nach Brighton abgelassene Depesche brachte den französischen Gelehrten schon gegen fünf Uhr in das Cabinet des Sollicitors.

Doctor Sarrasin vernahm mit einer Ruhe, über welche Mr, Sharp nicht wenig erstaunte, den eingetretenen Zwischenfall. Auf die ersten Worte des Mr. Sharp hin erklärte er mit aller Offenheit, daß er sich erinnere, in seiner Familie davon reden gehört zu haben, wie eine, von einer reichen vornehmen Dame erzogene Großtante von ihm, mit jener ausgewandert sei und sich in Deutschland verheiratet haben solle. Im Uebrigen war ihm weder der Name, noch der genaue Grad der Verwandtschaft dieser Großtante bekannt.

Mr. Sharp griff schon nach seinen sorgfältig katalogisirten Actenstücken, die er dem Doctor zur Einsicht vorlegte.

Es erwuchs hiermit – Mr. Sharp verheimlichte das nicht – Material zu einem Processe, und Processe dieser Art ziehen sich gern in die Länge. Man brauchte zwar der gegnerischen Partei das Zugeständniß, zu dem Doctor Sarrasin sich eben in seiner Aufrichtigkeit dem Sollicitor gegenüber herbeigelassen hatte, nicht mitzutheilen . . . immerhin existirten noch jene Briefe Jean Jacques Langevol’s an seine Schwester, deren Herr Schultze erwähnte und welche der Sache offenbar eine ihm günstige Wendung gaben. Stand diese auch auf schwachen Füßen und entbehrten jene Beweisstücke des eigentlichen legalen Charakters, so waren sie doch einmal vorhanden. Aus dem Staube der städtischen Archive würden dann schon noch weitere Beweise ausgegraben werden. Vielleicht ging die gegnerische Partei, wenn ihr authentische Beweise mangelten, sogar so weit, solche zu erfinden. Man mußte eben auf Alles vorbereitet sein. Wer konnte es vorher sagen, ob nicht neue Untersuchungen jener plötzlich wieder auferstandenen Therese Langevol und ihrer Vertreter nicht am Ende gar noch Ansprüche zu Tage förderten, welche denen des Doctor Sarrasin vorgingen? … Jedenfalls drohten lange Streitigkeiten, endlose Beweisführungen und eine Lösung der ganzen Frage erst in weiter Ferne. Die Wahrscheinlichkeiten, den Proceß zu gewinnen, wögen auf beiden Seiten etwa gleichviel; beiden Parteien würde es nicht schwer fallen, von fremder Hand die nöthige Unterstützung zum Kostenvorschuß zu finden, um alle Hebel in Bewegung zu setzen. Ein berühmt gewordener ähnlicher Proceß hätte im Kanzleigericht volle dreiundachtzig Jahre gespielt und wäre zuletzt nur niedergeschlagen worden, weil die Mittel zu seiner Weiterführung ausgegangen waren; Capital und Interessen – Alles hatte er verschlungen! … Sachverstandigen-Urtheile, Commissionen, Beibringung von Beweisstücken und gewöhnliche Proceduren würden einen gar nicht zu bestimmenden Zeitraum beanspruchen! … Nach zehn Jahren könne die Sache recht wohl noch völlig unentschieden und die halbe Milliarde in der Bank eingeschlafen sein…

Doctor Sarrasin hörte dieser Darlegung ruhig zu. Wenn er auch nicht Alles so fest wie die Worte des Evangeliums glaubte, so bemächtigte sich seiner doch eine Art Entmuthigung. Wie ein Reisender, der vorn auf einem Schiffe steht, wenn er den Hafen, in den er einzulaufen gedachte, plötzlich sich weiter zurückziehen sieht, so gestand er sich, daß es nicht unmöglich sei, daß jenes große Vermögen, welches ihm schon so sicher war, daß er im Voraus darüber verfügt hatte, sich gar noch verflüchtigen und ihm noch entschwinden könnte.

»Ja, was ist dann zu thun? fragte er den Sollicitor.

– Was? … Hm! …« Das war freilich schwer zu sagen. Noch schwieriger, es auszuführen. Immerhin konnte sich ja noch Alles nach Wunsch ordnen lassen. Er, Sharp, hegte wenigstens diese Ansicht. Die englische Justiz war ja ausgezeichnet – vielleicht etwas langsam, das gestand er zu – ja sicher etwas langsam pede claudo … hm! … hm! … aber dafür desto zuverlässiger. Es könnte ja gar nicht fehlen, daß Doctor Sarrasin nach Verlauf einiger Jahre in Besitz jenes Nachlasses kam, vorausgesetzt… hm! … hm! … daß seine Ansprüche wirklich rechtlich begründet wären! …

Der Doctor verließ das Cabinet in Southampton row mit sehr stark erschüttertem Vertrauen und überzeugt, daß er werde auf eine ganze Serie endloser Processe eingehen oder auf seinen schönen Traum verzichten müssen. Wenn er freilich an sein herrliches Project dachte, so konnte er sich doch einigen Bedauerns nicht erwehren.

Inzwischen bestellte Mr. Sharp den Professor Schultze, der ihm seine Adresse hinterlassen hatte, wieder zu sich. Er theilte diesem mit, daß Doctor Sarrasin niemals habe von einer gewissen Therese Langevol reden hören, daß er ausdrücklich die Existenz eines deutschen Zweiges seiner Familie ableugnete und jede Vereinbarung ablehne. Es blieb also dem Professor, wenn er sein Recht für begründet halte, nichts übrig als zu »klagen«. Er stehe zwar der Sache ganz ohne eigenes Interesse, mehr als Liebhaber gegenüber und habe gewiß nicht die Absicht, ihn zu irgendwelchen Maßregeln zu überreden. Was könne anderseits ein Sollicitor wünschen, als einen Proceß oder lieber zehn Processe dreißig Jahre hindurch, wie sie diese Nachlaßregelung mit sich zu führen scheine? Er, Sharp, hätte ja alle Ursache, sich darüber zu freuen. Wenn er nicht fürchte, Professor Schultze einen von ihm verdächtig aussehenden Vorschlag zu machen, könnte er seine Uninteressirtheit wohl so weit treiben, dem Herrn selbst einen seiner Collegen vorzuschlagen, dem er seine Vertretung übertragen könnte… und gewiß, auf die Wahl eines solchen käme jetzt sehr viel an. Die Carrière des Juristen sei zur wahrhaften Landstraße geworden!… Abenteurer und Langfinger wandelten diese in Menge! … Er gestand das ein mit Schamröthe auf der Stirne! …

»Wenn der französische Doctor einen Vergleich eingehen wollte, was würde das kosten?« fragte der Professor.

Ihn, als Gelehrten, konnten jene Worte Sharp’s nicht verblüffen! Als praktischer Mann ging er gerade auf sein letztes Ziel los, um unterwegs keine kostbare Zeit zu verlieren. Der Sollicitor kam durch dieses Verfahren außer Fassung. Er stellte Herrn Schultze vor, daß die Sache nicht so geschwind gehe, daß man nicht ein Ende vorhersehen könne, wo man erst im Anfange stehe; daß es, um Doctor Sarrasin einem Vergleiche geneigt zu machen, nothwendig sei, die Sache etwas zu verzögern und jenem seine Bereitwilligkeit zu einem solchen Schritte zu verheimlichen.

»Ich bitte Sie, mein Herr, schloß er, lassen Sie mir freie Hand und vertrauen Sie mir, ich stehe für Alles.

– Gewiß, das glaube ich, erwiderte Schultze, ich wüßte jedoch am liebsten bald, woran ich wäre.«

Es gelang ihm diesmal noch nicht, von Mr. Sharp herauszulocken, wie hoch er die sächsische Erkenntlichkeit taxire und er mußte ihm zunächst freie Hand lassen.

Am folgenden Tage ließ jener Doctor Sarrasin zu sich bitten. In größter Gelassenheit fragte ihn dieser, ob er ihm wichtige Neuigkeiten mitzutheilen habe. Der durch diese Gleichgiltigkeit beunruhigte Sollicitor eröffnete ihm, daß eine allseitige Ueberlegung ihn überzeugt habe, es werde das Beste sein, das Uebel an der Wurzel zu fassen und dem neuen Prätendenten einen Vergleich vorzuschlagen. Das wäre, Doctor Sarrasin müsse das selbst zugestehen, gewiß ein uneigennütziger Vorschlag, den wenig Collegen an seiner Stelle gemacht haben würden. Er setzte aber seinen Stolz daran, diese Angelegenheit, welche er fast mit den Augen eines Vaters betrachtete, schnell zu erledigen.

Doctor Sarrasin hörte diesen Rath an und billigte ihn, als das verhältnißmäßig klügste Auskunftsmittel. Er hatte sich seit einigen Tagen schon so sehr in den Gedanken, seinen wissenschaftlichen Traum zur Ausführung zu bringen, hineingelebt, daß er diesem Project alles Andere unterordnete.

Zehn Jahre oder auch nur ein Jahr zu warten, ohne zu dessen Verwirklichung schreiten zu können, wäre für ihn eine grausame Täuschung gewesen. Mit den gesetzlichen Fragen wenig vertraut, hätte er, ohne gerade von Mr. Sharp’s Worten dupirt zu sein, doch seine Anrechte gern für eine Baarsumme hingegeben, wenn diese ihm nur erlaubte, von der Theorie zur Praxis überzugehen. Er ertheilte Mr. Sharp also ebenfalls uneingeschränkte Vollmacht und reiste wieder ab.

Der Sollicitor hatte nun erreicht, was er wollte. Gewiß wäre mancher Anderer an seiner Statt der Versuchung unterlegen, die streitigen Punkte durch einen Proceß zu erledigen, der ihm, der Lage der Sache nach, eine fette, lebenslängliche Rente gesichert hätte. Mr. Sharp gehörte aber nicht zu den Leuten, welche sich gern auf weitausgehende Speculationen einlassen. Er sah die Möglichkeit vor sich, mit einem Schlage eine reichliche Ernte einzuheimsen, und beschloß, diese Gelegenheit zu benützen. Schon am nächsten Tage schrieb er wieder an den Doctor und ließ dabei durchblicken, daß Herr Schultze vielleicht nicht abgeneigt sein werde, auf ein gütliches Arrangement einzugehen. Besuchte er dann wiederum einmal Doctor Sarrasin, das andere Mal Professor Schultze, so äußerte er sich abwechselnd immer gegen den Einen und den Anderen, daß die gegnerische Partei von dem gemachten Vorschlage nichts hören wolle und daß die Gerüchte von dem Streite jetzt gar noch einen dritten Kandidaten herbeigezogen hätten …

Dieses Spiel währte etwa acht Tage. Morgens ging Alles nach Wunsch und des Abends erhoben sich irgendwelche unerwartete Schwierigkeiten, welche der Sache wieder eine üblere Wendung gaben. Für den armen Doctor waren das lauter Fußangeln, Ausflüchte oder doch schmerzliche Verzögerungen. Mr. Sharp konnte sich nicht entschließen, den Angelhaken anzuziehen, aus Furcht, der Fisch könnte sich zuletzt zu einer äußersten Anstrengung aufraffen und den Faden, an dem er ihn hielt, zerreißen. Diese Vorsicht erwies sich jedoch im gegebenen Falle für überflüssig. Vom ersten Tage ab erklärte sich Doctor Sarrasin, der vor den Belästigungen eines langen Processes zurückscheute, getreu seinem Worte zu einem Ausgleiche bereit. Als Mr. Sharp denn endlich den psychologischen Moment, wie der technische Ausdruck lautete, gekommen glaubte, wo sein Client, nach weniger anständiger Ausdrucksweise, »gar gekocht« sein mußte, demaskirte er plötzlich seine Batterie und schlug selbst einen sofortigen Ausgleich vor.

Dazu stellte sich auch eine andere wohlwollende Persönlichkeit, Banquier Stilbing, ein, der den Rath gab, zwischen den beiden Parteien einfach zu theilen, und sich erbot, jeder derselben 250 Millionen Francs auszuzahlen, während er als Commissionsgebühr für sich bescheidener Weise nur den Ueberschuß über die halbe Milliarde, nämlich 27 Millionen beanspruchte.

Doctor Sarrasin hätte Mr. Sharp gern umarmt, als er ihm dieses Resultat mittheilte, das jenem noch höchst günstig erschien. Er war auf der Stelle bereit, zu unterzeichnen, er verlangte nach nichts Anderem, er hätte den Banquier Stilbing und dem Sollicitor Sharp gern goldene Statuen gewidmet und der hohen Bank von England sammt allen Chicanen des Vereinigten Königreichs noch dazu.

Die Acten wurden geschlossen, die Zeugen waren bestellt, die Stempelmaschine von Sommerset House zur Arbeit bereit. Herr Schultze hatte sich ergeben. Durch den gewandten Sharp an die Mauer gedrückt, müßte er zitternd eingestehen, daß die Sache, einem weniger gutmüthigen Gegner als Doctor Sarrasin gegenüber, für ihn wohl einen schlimmeren Ausgang gehabt haben würde. Die ganze Angelegenheit kam nun in Ordnung. Gegen ihre gebührend legitimirte Vollmacht und ihre Zustimmungs-Erklärung zu der Theilung des Nachlasses in zwei gleiche Hälften erhielten sie einen auf sich ausgestellten Chec über je hunderttausend Pfund und für den Rest Wechsel, welche sofort nach Erfüllung der gesetzlichen Formalitäten fällig waren.

So endete diese erstaunliche Angelegenheit zum größeren Ruhme der Superiorität der anglo-sächsischen Race.

Man erzählt sich noch, daß Mr. Sharp beim Abendessen im Cobden-Club in Gesellschaft seines Freundes Stilbing ein Glas Champagner auf das Wohl des Doctor Sarrasin, ein zweites auf das des Professor Schultze getrunken und sich beim Leeren der Flasche zu dem indiscreten Ausspruche habe hinreißen lassen:

»Hurrah!… Rule Britannia!… Es giebt doch Niemand außer uns!«

In Wahrheit freilich betrachtete Banquier Stilbing seinen Gast als armen Teufel, der sich für siebenundzwanzig Millionen ein Geschäft von fünfzig habe aus den Händen gehen lassen, und der Professor dachte im Grunde nicht anders, wenigstens von der Stunde ab, da er, Herr Schultze, sich in die Nothlage versetzt sah, jedem beliebigen Arrangement seine Zustimmung zu geben. Und wozu hätte man nicht einen Mann, wie Doctor Sarrasin, einen leichtblütigen, raschen und gewiß schwärmerischen Mann vielleicht noch bestimmen können!

Gerüchtweise hatte der Professor reden gehört von dem Project seines Rivalen, eine französische Stadt unter den ausgewähltesten hygienischen Verhältnissen zu begründen, welche das Aufblühen einer geistig und körperlich auf’s beste entwickelten jungen Generation sicherten. Ein solches Unternehmen erschien in seinen Augen absurd und mußte allem Anscheine nach scheitern, schon weil es im Widerspruche stand gegen das von ihm verfochtene Gesetz, daß die lateinische Race dem Untergange geweiht sei, sich vorläufig jedenfalls der sächsichen Race unterzuordnen und nach und nach überhaupt vom Erdboden zu verschwinden habe. Diese Resultate konnten nun doch einigermaßen in Frage gestellt werden, wenn das Programm des Doctors seiner Verwirklichung entgegenging, noch mehr, wenn sich dasselbe erfolgversprechend entwickelte. Im Interesse der allgemeinen Weltordnung und in Folge eines unausweichlichen Gesetzes lag es also jedem Sachsen ob, ein so wahnwitziges Unternehmen, wenn irgend möglich, zu vereiteln. Unter den gegebenen Verhältnissen war es für ihn, Professor Schultze, Docent der Chemie an der Universität Jena, bekannt durch seine zahlreichen vergleichenden Arbeiten über die verschiedenen Menschenracen – aus denen ganz deutlich hervorging, daß die germanische Race alle übrigen zu absorbiren bestimmt sei – es war also für ihn klar, daß er durch die gleichzeitig schöpferische und zerstörende Kraft der Natur, dazu ausersehen sei, die Pygmäen zu bekämpfen, welche sich – gegen sie auflehnten. Von aller Ewigkeit her war es bestimmt gewesen, daß Therese Langevol Martin Schultze heiraten mußte, und daß, wenn sich eines Tages die beiden Nationalitäten, vertreten durch den französischen Doctor und den deutschen Professor, gegenüberstehen würden, der Letztere unbedingt den Ersteren zermalmen müsse. Schon hielt er ja die Hälfte des Vermögens seines Gegners in der Hand, Das war das Mittel, dessen er bedurfte.

Jenes Project stand seiner Wichtigkeit nach für Herrn Schultze übrigens erst in zweiter Linie; er betrachtete es nur neben den weit umfänglicheren, über denen er selbst brütete, um alle Völker zu unterwerfen, die sich weigern würden, sich mit dem deutschen Volke zu verschmelzen und sich dem »Vaterlande« anzuschließen. Da er jedoch Doctor Sarrasin’s, seines unversöhnlichen Feindes, Absichten bis zum Grunde – wenn sie einen solchen überhaupt besaßen – kennen lernen wollte, vermittelte er sich Zutritt zu dem internationalen, hygienischen Congreß und besuchte fleißig dessen Sitzungen. Beim Weggehen aus einer solchen Versammlung hörten einige Mitglieder, darunter zufällig auch Doctor Sarrasin selbst, ihn die Erklärung abgeben, daß sich gleichzeitig mit France-Ville eine befestigte Stadt erheben werde, welche die Existenz jenes absonderlichen und widernatürlichen Ameisenhaufens schnell genug unmöglich machen werde.

»Ich hoffe, fügte er hinzu, daß die Erfahrung, welche wir mit ihr machen werden, der Welt als warnendes Beispiel dienen werde!«

Besaß Doctor Sarrasin auch ein großes Herz voller Liebe für die Menschheit, so brauchte er doch nicht erst zu lernen, daß nicht alle Seinesgleichen den Namen Philantropen verdienten. Er schrieb jenes Wort seines Gegners also in sein Gedächtniß, da er als vernünftiger Mann sich sagte, daß man keine Drohung gänzlich außer Acht lassen solle. Als er bald darauf an Marcel schrieb, um diesen einzuladen, ihn bei seinem Vorhaben zu unterstützen, erwähnte er auch dieses Vorfalles und entwarf von Herrn Schultze dabei ein Bild, welches den jungen Elsäßer überzeugte, daß der gute Doctor in jenem einen halsstarrigen Gegner haben werde.

»Wir brauchen vor Allem kräftige und entschlossene Männer, schloß der Doctor, tüchtige Gelehrte, nicht allein zum bauen, sondern auch zum vertheidigen.«

»Wenn ich Ihnen, antwortete Marcel darauf, nicht augenblicklich an die Hand zu gehen im Stande bin, um an der Begründung Ihrer Stadt theilzunehmen, so rechnen Sie doch darauf, mich zur richtigen Stunde zu finden. Ich werde jenen Herrn Schultze nicht einen Tag aus den Augen verlieren. Meine Eigenschaft als Elsäßer giebt mir einen Schimmer von Recht, mich um seine Angelegenheiten zu bekümmern. Fern oder nahe, ich bleibe Ihnen allezeit ergeben. Beunruhigen Sie sich nicht, wenn Sie möglicher Weise einmal monate- oder gar jahrelang nichts von mir hören sollten. Nah oder fern werd‘ ich nur den Einen Gedanken haben, für Sie zu arbeiten und Frankreich zu dienen.«

Vierzehntes Capitel.


Vierzehntes Capitel.

Fertig zum Kampfe!

Wenn die Gefahr auch nicht unmittelbar drohte, so war sie doch nicht minder ernst. Marcel unterrichtete Doctor Sarrasin und dessen Freunde von Allem, was er über die Vorbereitungen des Herrn Schultze und dessen Zerstörungswerkzeuge wußte. Schon am nächsten Tage trat ein Vertheidigungsrath, dem er zugesellt wurde, zusammen, verhandelte über den Plan zum Widerstande und traf darnach die entsprechenden Maßregeln.

Nach allen Seiten fand Marcel bei Octave, der sich jetzt moralisch sehr zum eigenen Vortheile verändert zeigte, thatkräftige Unterstützung.

Was hatte man aber im Rathe beschlossen? Im Einzelnen wußte das kein Mensch. Nur die leitenden Grundsätze wurden durch die Presse zweckentsprechend unter der Menge veröffentlicht. In Allem erkannte man unschwer Marcel’s praktische Hand.

»Bei jeder Vertheidigung – so ging die Rede in der Stadt – handelt es sich vorzüglich darum, die Kräfte des Feindes zu kennen und das Vertheidigungs-System denselben anzupassen. Ohne Zweifel sind Herrn Schultze’s Kanonen von furchtbarer Wirkung. Immer ist es aber besser, diese Kanonen, deren Anzahl, Kaliber, Tragweite und Zerstörungsvermögen man kennt, vor sich zu haben, als gegen halb unbekannte Höllenmaschinen zu kämpfen.«

Zuvörderst kam es darauf an, die Stadt vor einer Einschließung zu Wasser und zu Lande sicher zu stellen. Auf diese Frage verwendete der Vertheidigungsrath allen Eifer, und als eines Tages Maueranschläge verkündeten, daß dieselbe gelöst sei, fiel es Niemand ein, daran zu zweifeln. Die Bewohner der Stadt eilten in Menge herbei, sich zur Ausführung der nöthigen Arbeiten zu erbieten. Keine Verwendung ward zu gering geschätzt, wenn dadurch nur die Widerstandsfähigkeit France-Villes erhöht wurde. Leute jeden Alters und Berufes betheiligten sich unter den gegebenen Umständen als einfache Arbeiter. Rasch und freudig ward das Werk gefördert. In der Stadt sammelte man einen für zwei Jahre hinreichenden Vorrath an Lebensmitteln an. Kohle und Eisen häuften sich zu beträchtlichen Mengen; Eisen als das wichtigste Material zur Bewaffnung und Ausrüstung, Kohle als Reservoir der Wärme und Bewegung, das ja niemals zu entbehren ist.

Während aber Kohle und Eisen auf den freien Plätzen zusammenströmten, wuchsen auch riesige Pfeiler von Mehlsäcken und Kisten mit geräuchertem Fleische empor, erhoben sich ganze Meiler von Käse, Berge von Conserven jeder Art und füllten getrocknete Gemüse die zu Magazinen verwandelten Hallen und Hörsäle. In den Gärten tummelten sich zahlreiche Heerden und machten aus France-Ville eine einzige große Weide.

Als endlich der Erlaß zur Einberufung aller waffenfähigen Mannschaften erschien, da legte die Begeisterung, mit der man ihn aufnahm, noch einmal Zeugniß ab von dem vorzüglichen Geiste dieser Bürgersoldaten. Bekleidet mit einfachen wollenen Blousen, Leinwandbeinkleidern und Halbstiefeln, bedeckt mit einem Hute aus gummirtem Leder und bewaffnet mit den von Werder (in Nürnberg) erfundenen Gewehren, übten sie in den Alleestraßen fleißig das Waffenhandwerk.

Schwärme von Kulis durchwühlten die Umgebung, hoben Gräben aus und warfen an geeigneten Stellen Feldschanzen und wirkliche Wälle auf. Auch das Gießen von Geschützen wurde nun emsig betrieben, eine Arbeit, welche die große Zahl der, leicht in Gießöfen umzuwandelnden Rauchverbrennungs-Oefen wesentlich begünstigte.

Mitten in diesem regen Treiben zeigte sich Marcel unermüdlich. Er war überall und stets seiner Aufgabe gewachsen. Wo sich eine theoretische oder praktische Schwierigkeit herausstellte, er wußte sie sofort zu lösen. Im Nothfalle streifte er selbst die Aermel auf und zeigte ein vortheilhaftes Verfahren oder einen zweckmäßigen Handgriff. Seine Autorität wurde auch ohne Widerspruch anerkannt, seine Anordnungen gewissenhaft ausgeführt.

Neben ihm that Octave ebenfalls sein Bestes. Beabsichtigte er anfangs auch seine Beinkleider mit goldenen Galons zu verzieren, so sah er doch bald davon ab, da er einsah, daß er zunächst nur als einfacher Soldat nützlich wirken könne.

Er trat in das ihm angewiesene Bataillon ein und wußte sich als Mustersoldat zu führen. Denen, die ihn anfänglich darum bedauerten, erwiderte er:

»Jeder nach Verdienst! Zu commandiren verstände ich jetzt wahrscheinlich nicht … so will ich wenigstens gehorchen lernen!«

Plötzlich verlieh eine – freilich unbegründete – Nachricht den Vertheidigungsarbeiten einen noch erhöhten Nachdruck. Herr Schultze, sagte man, sollte mit Schifffahrts-Gesellschaften wegen des Transportes seiner Kanonen verhandeln. Von dieser Stunde ab jagte eine »Ente« die andere. Bald steuerte die Schultze’sche Flotte schon auf France-Ville zu, bald wieder war die Eisenbahn in Sacramento von offenbar aus dem Himmel gefallenen »Uhlanen« besetzt worden.

Alle diese schnell darauf widerrufenen Gerüchte waren nur von verzweifelten Journalisten zum Vergnügen ihrer nach Neuigkeiten lechzenden Leser erfunden. In Wahrheit gab Stahlstadt keinerlei Lebenszeichen von sich.

Ließ dieses absolute Stillschweigen Marcel auch die nöthige Zeit zur Vollendung der Vertheidigungsarbeiten, so beunruhigte es ihn doch in seinen seltenen Minuten der Muße desto mehr.

»Sollte der Räuber seine Batterien wieder verändert haben und mit einem neuen Stierthurme seiner Erfindung in’s Feld treten?« fragte er sich wiederholt.

Seine Pläne, sowohl feindliche Schiffe abzuhalten, als auch einer Einschließung von der Landseite zu begegnen, versprachen jedoch, sich auf jeden Fall zu bewähren, und solche Momente der Besorgniß verdoppelten dann nur seine Thatkraft.

Das einzige Vergnügen und die einzige Erholung nach mühevollem Tagewerke bot ihm die flüchtige Stunde, die er jeden Abend im Salon der Frau Sarrasin zubrachte.

Der Doctor hatte von Anfang an verlangt, daß er, wenn ihn nicht eine andere unaufschiebliche Abhaltung hinderte, alle Tage bei ihm speisen sollte; wunderbarer Weise war er noch niemals so dringend in Anspruch genommen gewesen, um auf dieses Privilegium verzichten zu müssen. Die ewige Schachpartie zwischen dem Doctor und Oberst Hendon konnte für ihn kaum ein hinreichendes Interesse zur Erklärung jenes Umstandes darbieten. Es drängte sich deshalb die Annahme auf, daß auf Marcel eine ganz andere Anziehungskraft einwirkte, deren Natur der Beobachter vielleicht errathen konnte, obwohl jener selbst sich darüber jedenfalls nicht im Mindesten Rechenschaft gab, wenn er das Interesse sah, welche die Abendplaudereien mit Frau Sarrasin und Fräulein Jeanne dem jungen Elsäßer einflößten, sobald alle Drei an dem großen Tische Platz genommen hatten, an dem die beiden beherzten Frauen schon jetzt Alles vorbereiteten, was für den späteren Dienst der Ambulancen nothwendig werden konnte.

»Werden diese neuen Stahlbolzen besser sein als die, von denen Sie uns kürzlich die Zeichnung vorlegten? fragte Jeanne, die sich für alle Vertheidigungsarbeiten lebhaft interessirte.

– Ohne allen Zweifel, antwortete Marcel.

– O, das freut mich so sehr! Wie viel Mühe und Arbeit verursacht doch oft das Kleinste! … Sie sagten mir, daß das Ingenieurcorps gestern fünfhundert laufende Meter neue Gräben gezogen habe; das ist viel, nicht wahr?

– O nein, das ist noch nicht genug. Auf diese Weise würden wir die Umwallung vor Ende des Monats nicht fertig haben.

– Ich möchte sie gerne ausgeführt und die abscheulichen Leute Schultze’s im Anzuge sehen! Ach, die Männer sind so glücklich, jetzt handeln und sich nützlich machen zu können. Das Warten ist für sie gewiß ebenso ermüdend wie für uns, die wir zu nichts taugen.

– Zu nichts taugen! rief Marcel, der sonst weit ruhiger sprach, Sie und zu nichts taugen! Für wen mühen sich denn, Ihrer Ansicht nach, jene braven Leute ab, die Alles verlassen haben, um jetzt Soldaten zu werden, wenn sie dadurch nicht die Ruhe und das Glück ihrer Mütter, ihrer Frauen und Verlobten behüten wollen? Wer verleiht ihnen den Feuereifer, wenn nicht Sie, wem wollen Sie diese Opferfreudigkeit zuschreiben, wenn nicht …«

Etwas verwirrt hielt Marcel bei diesem Worte ein, Jeanne erwiderte nichts auf seine Rede und die gute Frau Sarrasin sah sich genöthigt, der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben, indem sie dem jungen Manne gegenüber behauptete, daß bei den Meisten wohl das einfache Pflichtgefühl für ihren Eifer eine hinreichende Erklärung gäbe.

Wenn Marcel dann der unerbittliche Zwang der Verhältnisse aus dem trauten kleinen Kreise abrief, so entzog er sich zwar nur ungern der wohlthuenden Plauderei, aber er nahm den unerschütterlichen Entschluß mit sich fort, France-Ville zu retten bis zum Geringsten seiner Bewohner.

Er dachte kaum daran, wie sich die Ereignisse gestalten könnten, offenbar die natürliche Folge des jetzigen Zustandes der Dinge, wo Alles, entsprechend dem Grundgesetze von Stahlstadt, auch hier in der Hand eines Einzigen lag.

Fünfzehntes Capitel.


Fünfzehntes Capitel.

Die Börse von San-Francisco.

Die Börse von San-Francisco – gleichsam der condensirte und gewissermaßen algebraische Ausdruck einer ungeheuren Industrie- und Handelstätigkeit – ist eine der lebhaftesten und eigenartigsten der Welt. Als natürliche Folge der geographischen Lage der Hauptstadt Kaliforniens zeigt auch sie den kosmopolitischen Charakter, der jene so auffallend kennzeichnet. Unter ihren Säulengängen von herrlichem rothen Granit trifft der blondhaarige, hochgewachsene Angelsachse zusammen mit dem gebrannten, dunkellockigem, mit beweglicherem und feinerem Gliederbau ausgestatteten Kelten. Der Neger begegnet hier dem Finnländer und dem Hindu. Erstaunt sieht der Polynesier neben sich den Grönländer. Der Chinese mit schiefer Augenspalte und sorgfältig gepflegtem Zopfe sucht den Japanesen, seinen historischen Feind, zu übervortheilen. Alle Sprachen, alle Mundarten schwirren hier, wie in einem modernen Babel, durcheinander.

Die Eröffnung dieses in seiner Art einzig in der Welt dastehenden Mammonstempels erfolgte am 12. October ganz wie gewöhnlich. Schlag elf Uhr sah man die bedeutendsten Mäkler und Geschäftsagenten, lustig oder ernsthaft, je nach besonderem Temperamente, herankommen, Händedrücke wechseln und sich nach dem Restaurant begeben, um die Tages-Operationen durch ein Sühnopfer einzuleiten. Einer nach dem Anderen öffneten sie dann das kleine Kupferthürchen der numerirten Kästen im Vorraume, welche die Korrespondenzen der Abonnenten enthalten, zogen ganz gewaltige Briefpackete daraus hervor und durchflogen diese mit zerstreuten Blicken.

Bald entwickelten sich die ersten Tageskurse, während die geschäftige Menge nach und nach anwuchs. Aus den zahlreicher gewordenen Gruppen stieg ein leichtes Murmeln auf.

Von allen Gegenden der Erde regnete es bald telegraphische Depeschen. Es verging kaum eine Minute, ohne daß ein mit lauter, alles Geräusch übertönender Stimme vorgelesener blauer Papierstreifen die an der Nordwand des Saales angeheftete Sammlung von Telegrammen vermehrte.

Von Minute zu Minute wurde die Bewegung lebhafter. Eilig liefen die Handlungsagenten herzu oder wieder weg, stürzten nach dem Telegraphen-Bureau und brachten Antworten dorthin. Alle Taschenbücher waren geöffnet, mit Notizen und Durchstreichungen bedeckt oder theilweise gar zerrissen. Die ganze Menschenmenge schien eine ansteckende Tollheit ergriffen zu haben, als gegen ein Uhr irgend eine geheimnisvolle Neuigkeit alle Gruppen wie ein Schauder zu packen schien.

Eine erstaunliche, unerwartete, unglaubliche Nachricht war eben von einem der Miteigentümer der »Bank des fernen Westens« überbracht worden und verbreitete sich mit Blitzesschnelligkeit weiter.

Die Einen riefen:

»Welch‘ dummer Witz! … Das ist ein Börsenmanöver! Wer soll eine solche Flause glauben?

– O, o, bemerkten Andere, kein Rauch ohne Feuer!

– Geht man in einer Lage wie jene zu Grunde?

– Man kann aus jeder Lage versinken.

– Aber, Herr, die Immobilien allein und die Maschinen repräsentiren einen Werth von achtzig Millionen Dollars! versetzte der Erstere.

– Ohne die Gußstücke, den Rohstahl, die Vorräthe und fertigen Producte zu rechnen! vervollständigte der Zweite.

– Zum Kukuk, das sagte ich ja! Schultze ist gut für neunzig Millionen Dollars und ich verpflichte mich, seine Activa sofort dafür zu realisiren!

– Ja, wie erklären Sie sich dann diese Zahlungseinstellung?

– Ich erkläre sie mir gar nicht! … Ich glaube einfach nicht daran!

– Als ob solche Dinge nicht alle Tage und auch den ansehnlichsten Häusern passirten!

– Stahlstadt ist kein Haus, es ist eine ganze Stadt!

– Nun auf alle Fälle ist es damit nicht aus. Unzweifelhaft wird eine Gesellschaft zusammentreten zur Fortführung der Geschäfte.

– Warum, zum Teufel, hat aber Schultze eine solche nicht gebildet, bevor er seine Wechsel protestiren ließ.

– Richtig, mein Herr, das ist so sinnlos, daß es keine Prüfung aushält! Das Ganze ist nichts als eine falsche Nachricht, die wahrscheinlich von Nasch ausgeht, der für seine Stahlvorräthe dringend eine Hausse braucht!

– Nein, keine falsche Nachricht! Schultze ist nicht allein bankerott, er ist auch flüchtig.

– Was fällt Ihnen ein?

– Durchgegangen, sag‘ ich Ihnen. Das Telegramm mit dieser Mittheilung ist soeben angeheftet worden!«

Eine gewaltige Menschenwoge rollte nach der Depeschentafel. Der neueste blaue Streifen enthielt folgende Worte:

»New-York, 12h 10m. – Central-Bank. Werk Stahlstadt. Zahlungen eingestellt. Bekannte Passiva: 47 Millionen Dollars. Schultze verschwunden.«

Jetzt war kein weiterer Zweifel möglich, so überraschend die Neuigkeit auch klingen mochte, und Vermuthungen über Vermuthungen kamen bald in Gang.

Um zwei Uhr begannen die Listen der durch Schultze’s Fallissement mitgerissenen Häuser zweiter Ordnung den Platz zu überschwemmen. Die größten Verluste erlitt die Mining-Bank in New-York; die Firma Westerlay & Sohn in Chicago, welche mit 7,000.000 Dollars betheiligt war; das Haus Milwaukee in Buffalo 5,000.000; die Industrie-Bank in San-Francisco 1,500.000 Dollars; endlich ein kleiner Ausschuß von Firmen dritten Ranges.

Andererseits machten sich, ohne weitere Nachrichten abzuwarten, die natürlichen Gegenwirkungen des Ereignisses in stürmischer Weise geltend.

Der nach Aussage der Sachverständigen am Vormittag so schwerfällige Markt von San-Francisco gewann um zwei Uhr ein gänzlich verändertes Aussehen. Welche Sprünge, welche Kurssteigerungen und zügellose Entfesselung der Speculation traten da zu Tage!

Hausse in Stahlsorten, die von Minute zu Minute steigen. Hausse in Kohlen! Hausse in den Papieren aller Eisenhütten der amerikanischen Union! Hausse in den Erzeugnissen der Eisenindustrie jeder Art! Hausse auch in den Landpreisen von France-Ville. Fielen diese seit der Kriegserklärung auf Null und verschwanden sie fast von der Börse, so stand der Acre Land heute wieder auf 180 Dollars Geld!

Von dem Abend dieses Tages an wurden die Zeitungs-Expeditionen förmlich belagert. Wenn auch der »Herald« wie die »Tribune«, der »Alta« wie der »Guardian« die mageren Nachrichten, welche sie sich zu verschaffen gewußt hatten, in Placaten mit Riesenlettern bekannt gaben, so reducirten sich dieselben im Grunde doch eigentlich auf nichts.

Was man wußte, beschränkte sich darauf, daß eine von Jackson, Edler & Comp. gezogene, von Herrn Schultze acceptirte Tratte über 8,000.000 Dollars bei Schving, Strauß & Comp., den New-Yorker Banquiers des Stahlkönigs, präsentirt worden sei und daß die genannten Herren constatirt hätten, die Bilanz des Credits ihres Clienten reiche zur Deckung dieser enormen Zahlung nicht aus, während eine telegraphische Mittheilung an jenen bezüglich dieser Thatsache unbeantwortet geblieben sei; daß sie ferner bei Durchsicht ihrer Bücher mit Verwunderung gesehen hätten, wie ihnen von Stahlstadt seit dreizehn Tagen weder ein Brief noch irgend eine Deckung zugegangen; daß sich seit eben dieser Zeit die von Herrn Schultze auf ihre Casse gezogenen Tratten und Checks täglich mehr angehäuft hätten, um dem Schicksale aller übrigen zu verfallen, d.h. mit der Bezeichnung no effects (keine Deckung) nach ihrem Ursprungsorte zurückzuwandern.

Vier Tage lang stürmten einerseits auf Stahlstadt, andererseits auf obige Bankfirma Bitten um Aufklärung, unruhige Telegramme und wüthende Anfragen haufenweise ein.

Endlich war aus Stahlstadt eine Antwort eingetroffen.

»Herr Schultze, so lautete das betreffende Telegramm, seit 17. September verschwunden. Niemand vermag diese geheimnißvolle Thatsache aufzuhellen. Er hat keine Ordres hinterlassen und die Abtheilungscassen sind leer.«

Von jetzt ab konnte die Wahrheit nicht mehr verheimlicht werden. Die Hauptgläubiger hatten Angst bekommen und ihre Papiere bei den Handelsgerichten deponirt. Binnen wenig Stunden verbreitete sich der Zusammensturz mit Blitzeseile und riß sein Gefolge von secundären Bankerotten nach sich. Am Mittag des 13. October belief sich die Summe der angemeldeten Forderungen auf 47,000.000 Dollars. Allem Anscheine nach betrugen die gesammten Passiva unter Hinzurechnung der kleineren Schulden nahe 60,000.000 Dollars.

Das war Alles, was man wußte und was die Journale, vielleicht noch mit einigen Übertreibungen, berichteten. Selbstverständlich stellten alle ohne Ausnahme für den folgenden Tag die verläßlichsten, eingehendsten Nachrichten in Aussicht.

Und wirklich hatte sich jede Zeitung in erster Stunde beeilt, ihre Correspondenten nach Stahlstadt auszuschicken.

Vom Abend des 14. October ab sah sich Stahlstadt plötzlich von einer ganzen Armee Berichterstatter mit geöffnetem Notizbuche und gespitztem Bleistifte in der Hand belagert. Wie eine Woge am Felsenufer brach sich diese Armee aber an der äußeren Umwallung des Riesen-Etablissements. Die Wachen bezogen daselbst ihre Posten nach wie vor, und die Reporter konnten alle möglichen Verführungsmittel versuchen, es gelang doch Keinem, jene pflichtvergessen zu machen.

Immerhin gelangten sie zu der Ueberzeugung, daß die Arbeiter nichts wußten und daß in deren betreffenden Section eine Veränderung nicht eingetreten sei. Die Werkmeister hatten jedoch am letzten Abend auf höheren Befehl mitgetheilt, daß in den Abtheilungscassen kein Geld mehr vorhanden, aus dem Centralblock auch weitere Instruction nicht eingegangen sei, in Folge dessen, außer bei Widerruf dieser Ankündigung, die Arbeiten am nächsten Sonnabend eingestellt werden würden.

Alles das trug mehr dazu bei, die Situation zu compliciren, als sie zu klären. Nur darüber war Niemand länger im Zweifel, daß Herr Schultze seit fast einem Monate verschwunden sei. Dagegen kannte Keiner den Grund dieses Verschwindens oder vermochte die endlichen Folgen zu übersehen. Trotz aller Beunruhigung herrschte doch immer noch das unbestimmte Gefühl, daß die mysteriöse Persönlichkeit jede Minute wieder erscheinen könne.

Im Laufe der ersten Tage nahmen die Arbeiten in den Werkstätten ihren Fortgang im gewohnten Tempo. Jedermann beschäftigte sich innerhalb seines beschränkten Gesichtskreises nur mit der eigenen Aufgabe. Die Abtheilungscassen hatten jeden Sonnabend die fälligen Löhne ausbezahlt. Die Hauptcassa deckte bisher die localen Bedürfnisse. In Stahlstadt war die Centralisation aber so sehr auf die Spitze getrieben, und hatte sich der Besitzer eine so ausnahmslose Aufsicht über den ganzen Geschäftsgang ganz allein vorbehalten, daß seine Abwesenheit schon nach kurzer Frist den nothwendigen Stillstand des ganzen Getriebes herbeiführen mußte. So kam es, daß seit dem 17. September, dem Tage, an welchem der Stahlkönig seine letzten Anordnungen unterzeichnete, bis zum 13. October, wo die Hiobspost der Zahlungseinstellung wie ein Donnerschlag eintraf, Tausende von Briefen – darunter unzweifelhaft viele mit beträchtlichen Geldsendungen – mit der Stahlstadter Post anlangten, im Briefkasten des Centralblocks abgegeben und jedenfalls auch in Herrn Schultze’s Arbeitszimmer befördert wurden, nur hatte er sich allein das Recht vorbehalten, sie zu eröffnen, mit einem Rothstiftstrich als erledigt zu bezeichnen und ihren Inhalt dem Hauptcassier auszuantworten.

Selbst die höchsten Beamten des Werkes hätten sich niemals unterfangen, über den bestimmten Kreis ihrer Thätigkeit hinauszugehen. Besaßen sie ihren Untergebenen gegenüber eine fast unbeschränkte Machtvollkommenheit, so glichen sie doch Herrn Schultze – und sogar dessen Erinnerung – gegenüber nur leblosen Werkzeugen ohne Autorität und Initiative. Jeder verschanzte sich hinter der Verantwortlichkeit seiner Stellung, hatte gewartet, aufgeschoben und die Ereignisse »kommen sehen«.

Endlich waren sie wirklich gekommen. Die eigenthümliche Lage verschleppte sich bis zu dem Zeitpunkte, wo die hauptsächlich interessirten und plötzlich erschreckten Geschäftsfreunde telegraphirten, Antwort begehrten, reclamirten, protestirten und endlich gesetzliche Schritte thaten. Hierzu entschloß man sich nicht allzu schnell. Keinem wollte es einleuchten, daß ein so weltbekanntes Vermögen wirklich auf thönernen Füßen ruhe. Jetzt freilich lag die Thatsache offen vor Augen: Herr Schultze hatte sich seinen Gläubigern durch die Flucht entzogen.

Das war Alles, was die Berichterstatter erfahren konnten. Selbst der berühmte Meiklejohn, dadurch bekannt, daß es ihm gelang, dem General Grant, dem schweigsamsten Manne unseres Jahrhunderts, politische Geständnisse abzulocken, und der unermüdliche Blunderbuß, weit bekannter als der Erste, der, ein einfacher Correspondent des »World«, dem Czar die große Neuigkeit von dem Falle Plewnas überbrachte, selbst diese Haupthelden des Reporterthums waren diesmal nicht glücklicher gewesen als ihre Genossen. Sie mußten eingestehen, daß weder die »Tribune« noch der »World« schon das letzte Wort bezüglich des Fallissements Schultze’s sprechen könnten.

Was dieses industrielle Unglück aber zu einem Ereigniß ohne Gleichen stempelte, das war die sonderbare Lage Stahlstadts als einer unabhängigen, gänzlich isolirten Ansiedlung, welche jedes regelrechte gesetzliche Eingreifen unthunlich machte. Freilich war die Unterschrift des Herrn Schultze in New-York protestirt worden und die Gläubiger desselben durften wohl voraussetzen, daß die durch das Werk selbst repräsentirten Activa zur Befriedigung ihrer Forderung ziemlich hinreichen würden. An welchen Gerichtshof aber sollten sie sich wenden, um eine Beschlagnahme oder die Stellung unter Sequester durchzusetzen? Stahlstadt bildete bis heute noch ein für sich bestehendes, nicht in den Staatsverband aufgenommenes Territorium, wo Alles nur Herrn Schultze gehörte und von ihm abhing. Wenn er nur wenigstens einen Repräsentanten, einen Verwaltungsrath oder einen Stellvertreter zurückgelassen hätte! Hier war aber nur er allein der König, der Oberrichter, der commandirende General, der Notar, der Sachwalter und das Handelstribunal seiner Stadt. In seiner Person verkörperte sich das Ideal der Centralisation. Sobald er fehlte, standen die Anderen dem einfachen Nichts gegenüber, und das ganze kolossale Gebäude stürzte wie ein Kartenhaus zusammen.

Unter allen anderen Verhältnissen hätten die Gläubiger ein Syndicat bilden, an die Stelle des Herrn Schultze treten, die Hand nach seinem Vermögen ausstrecken und sich der Leitung des Geschäftes bemächtigen können. Allem Anscheine nach würden sie sich überzeugt haben, daß es dem ganzen Räderwerke zum Fortgange nur augenblicklich an ein wenig Geld und einer regulirenden Triebkraft mangle.

Das blieben aber Alles fromme Wünsche. Es fehlte an dem Gesetze, diese Substitution durchzuführen. Man stand hier vor einer moralischen Sperre, welche sich vielleicht noch unübersteiglicher erwies als die rings um Stahlstadt aufgeworfenen Wälle. Die bedauernswerthen Gläubiger sahen die Deckung für ihre Forderungen vor Augen, aber ebenso die Unmöglichkeit, sich dieselbe anzueignen.

Es blieb ihnen nur der Ausweg, sich zu einer allgemeinen Versammlung zu vereinigen, ihre Angelegenheiten zu berathen und eine Eingabe an den Congreß zu richten mit dem Ersuchen, sich ihrer Sache anzunehmen, das Interesse der Staatsbürger zu sichern, Stahlstadts Einverleibung in den amerikanischen Bundesstaat auszusprechen und auf diese Weise jene monströse Schöpfung dem gemeinen Rechte civilisirter Länder unterzuordnen. Mehrere Kongreßmitglieder waren persönlich bei der Angelegenheit interessirt; das Gesuch hatte, von mehr als einem Gesichtspunkte aus, etwas Verführerisches für den amerikanischen Volkscharakter, und man durfte sich wohl der Hoffnung auf durchschlagenden Erfolg hingeben. Leider hielt der Congreß jetzt keine Sitzungen ab und es stand ein langer Aufschub bevor, ehe ihm die Angelegenheit unterbreitet werden konnte.

In Erwartung dieses Zeitpunktes stockte nun in Stahlstadt jede Thätigkeit und die Oefen erloschen einer nach dem anderen.

Unter der Bevölkerung von 10.000 Familien, welche von dem Werke lebten, herrschte natürlich eine nicht geringe Bestürzung. Was sollten die Leute aber beginnen? Die Arbeit fortsetzen in der Hoffnung auf eine spätere Ablöhnung, die vielleicht in sechs Monaten, vielleicht auch niemals erfolgen sollte? Niemand wußte Rath. Welche Arbeiten sollten wohl ausgeführt werden? Die Quelle der gewohnten Anordnungen war mit den übrigen versiegt. Herrn Schultze’s sämmtliche Clienten erwarteten, um ihre Verbindungen wieder aufzunehmen, die gesetzliche Regulirung. Die aller Befehle entbehrenden Abtheilungsvorsteher, die Ingenieure und Werkmeister konnten nichts vornehmen.

Nun gab es Versammlungen, Meetings, Verhandlungen, Vorschläge, aber es kam kein eigentlicher Plan zu Stande, weil das eben unmöglich war. Das allgemeine Feiern zog bald sein Gefolge von Elend, Verzweiflung und Verbrechen nach sich. Je nachdem sich die Werkstatt leerte, füllte sich das Wirthshaus. Für jede Esse, welche nicht mehr rauchte, sah man in der Nachbarschaft eine Schänke entstehen.

Die klügsten und vorsichtigsten Arbeiter, die, welche sich in Voraussicht schlimmerer Tage eine kleine Baarschaft zurückgelegt hatten, beeilten sich mit Waffen und Gepäck – mit dem Werkzeuge und den der Logiswirthin so an’s Herz gewachsenen Betten – zu entfliehen; bausbäckige Kinder jubelten voll Entzücken über den neuen Anblick der Welt, den sie durch die Thürfenster des Waggons genossen. Diese Leute zerstreuten sich nach allen Himmelsgegenden und hatten bald, der im Osten, jener im Süden, ein Dritter im Norden eine neue Werkstatt, einen anderen Ambos, einen neuen Herd gefunden …

Wie viele blieben aber für Einen, für Zehn, welche sich in dieser Weise helfen konnten, zurück, die das Elend an die Scholle fesselte! Da standen sie mit hohlem Auge und blutendem Herzen der bittersten Noth gegenüber!

Sie blieben, verkauften ihre wenigen Habseligkeiten an eine Horde Raubvögel in Menschengestalt, die instinctmäßig überall zusammenflattern, wo sie ein geschehenes Unglück wittern, griffen binnen wenigen Tagen schon zu den letzten Hilfsmitteln, standen bald da ohne Credit wie ohne Lohn, ohne Hoffnung wie ohne Arbeit, und sahen vor sich, dunkel wie der Winter, der nun bald beginnen sollte, nichts als eine Zukunft von Sorge und Elend!

Sechzehntes Capitel.


Sechzehntes Capitel.

Zwei Franzosen gegen eine Stadt

Als sich die Nachricht von Schultze’s Verschwinden in France-Ville verbreitete, war Marcel’s erstes Wort gewesen:

»Und wenn das nur eine Kriegslist wäre?«

Bei näherer Ueberlegung sagte er sich zwar, daß die Folgen einer derartigen Kriegslist für Stahlstadt hätten so verderblich sein müssen, daß eine gesunde Logik sie von vornherein verwerfen mußte. Dagegen erinnerte er sich auch, daß dem Haß die Ueberlegung zu mangeln pflegt und daß der tödtliche Haß eines Mannes, wie des Herrn Schultze, ihn wohl fähig machen konnte, seiner Leidenschaft Alles zum Opfer zu bringen. Doch wie dem auch sein mochte, jedenfalls mußte er auf seiner Hut bleiben.

Auf seinen Antrag erließ der Vertheidigungsrath auch eine Proclamation, in welcher die Bewohner ermahnt wurden, sich durch die vom Feinde zum Zwecke ihrer Einschläferung verbreiteten falschen Nachrichten in ihrer steten Wachsamkeit nicht beirren zu lassen.

Die mit verdoppeltem Eifer betriebenen Arbeiten und Kriegsübungen zeigten, welche Antwort France-Ville auf das bereit habe, was mit aller Gewalt nur ein absichtsloses Manöver des Herrn Schultze sein sollte. Die wahren oder falschen Einzelheiten aber, welche die Journale von San-Francisco, Chicago und New-York mittheilten, die finanziellen und commerziellen Folgen der Stahlstadter Katastrophe, all‘ dieses Ensemble unbegreiflicher, einzeln so unwichtiger, in ihrer Anhäufung so erdrückender Beweise ließen doch keinen Zweifel aufkommen.

Eines schönen Morgens jedoch erwachte die Stadt des Doctors wirklich und endgiltig gerettet wie ein Schläfer, der eines bösen Traumes schon durch das einfache Erwachen ledig wird. Ja! Jetzt war France-Ville wirklich und ohne Schwertstreich gänzlich außer Gefahr und verdankte diese frohe Botschaft Marcel, der dieselbe nach gewonnener eigener Ueberzeugung schnellstens durch alle ihm zu Gebote stehenden publicistischen Mittel verbreitete.

Da herrschte bald ein allgemeines Gefühl der Erlösung und der Freude, eine festliche Stimmung, als Alle erleichtert aufathmeten. Man drückte einander unter Glückwünschen die Hände und lud sich gegenseitig zu Tische ein. Die Frauen glänzten wieder in frischen Toiletten, die Männer nahmen sich einstweilen Urlaub von den Exercitien, Manövern und Arbeiten. Alle Welt fühlte sich gesichert, befriedigt, geistig erregt. Man hätte eine Stadt voll Wiedergenesener vor sich zu haben geglaubt.

Der Glücklichste von Allen war ohne Zweifel aber Doctor Sarrasin selbst. Der wackere Mann fühlte sich verantwortlich für das Wohlergehen Aller, die sich im Vertrauen auf ihn innerhalb seines Gebietes niedergelassen und unter seinen Schutz gestellt hatten. Schon seit einem vollen Monat ließ ihn die Furcht, Diejenigen in’s Verderben gelockt zu haben, deren Glück er ja nur zu befördern suchte, keinen Augenblick Ruhe finden. Endlich schwand dieser ungeheure Alp von seiner Brust und er konnte wieder frei aufathmen.

Die allgemeine Gefahr hatte die Bürger der Stadt jedoch nur noch mehr einander genähert. Alle Gesellschaftsclassen traten damit in innigere Beziehung zu einander; Jeder erkannte in dem Anderen den Bruder, der von den nämlichen Gefühlen beseelt, von dem gleichen Interesse beeinflußt war. Im Herzen jedes Einzelnen erwachte damit eine ganz neue Empfindung. Von jetzt ab besaßen die Einwohner France-Villes wirklich ein gemeinsames »Vaterland«. Man hatte für dasselbe gefürchtet, gelitten und war sich damit erst bewußt geworden, wie sehr man es liebte.

Die Stadt erzielte von dieser plötzlichen Versetzung in Vertheidigungszustand sogar gewisse materielle Erfolge. Man hatte seine Kräfte kennen gelernt und brauchte sie bei später vorkommender Gelegenheit nicht erst zu improvisiren. Mit einem Wort, man war seiner selbst sicherer geworden und in Zukunft für jeden Fall bereit.

Noch niemals hatte Doctor Sarrasin’s Schöpfung Gelegenheit gehabt, eine so glänzende Probe ihrer Lebensfähigkeit abzulegen. Man erwies sich auch – immerhin eine seltene Erscheinung – nicht unerkenntlich gegen Marcel. Obwohl die Rettung Aller jetzt nicht eigentlich sein Werk zu nennen war, so belohnte man den jungen Ingenieur, der die Vertheidigung organisirt und dessen Opferwilligkeit die Stadt vor dem völligen Untergange bewahrt hätte, im Falle Herrn Schultze’s böse Absichten in Erfüllung gingen, doch wenigstens durch den Ausdruck des öffentlichen Dankes.

Marcel selbst hielt seine Rolle indeß damit noch nicht für beendigt. Das Geheimniß, welches Stahlstadt jetzt verhüllte, konnte jeden Augenblick, so meinte er, eine neue Gefahr gebären. Er mochte sich nicht eher für befriedigt erklären, als bis er in das Dunkel, das jetzt über des Stahlkönigs Etablissement lagerte, volles Licht verbreitet sähe.

Deshalb beschloß er auch, nach Stahlstadt zurückzukehren und vor nichts zurückzuschrecken, bis er den Schlüssel zu diesem Räthsel fände.

Wohl machte ihm Doctor Sarrasin ernstliche Vorstellungen wegen der Schwierigkeiten, vielleicht auch der Gefahren dieses Beginnens, indem er sagte, jener liefe damit in den offenen Höllenschlund und bei jedem Schritte könne er in’s Verderben stürzen … Seiner eigenen früheren Schilderung nach war Herr Schultze nicht der Mann dazu, so lautlos vom Schauplatze abzutreten und sich allein unter den Trümmern seiner Hoffnungen zu begraben … Man werde nicht fehl gehen, auch den letzten Gedanken einer solchen Persönlichkeit zn fürchten – wie etwa den Hai im schrecklichen Kampfe mit dem Tode! …

»Eben weil ich selbst der Meinung bin, lieber Doctor, daß Alles, was Sie denken, möglich ist, halte ich es, für meine Pflicht, nach Stahlstadt zu gehen. Mir scheint es, als läge eine Bombe vor mir, deren Zünder zu entfernen, meine Aufgabe ist, und ich möchte Sie sogar um die Erlaubniß bitten, Octave mitnehmen zu dürfen.

– Octave! rief der Doctor.

– Ja wohl! Er ist jetzt ein wackerer Mann geworden, auf den man zählen kann, und ich versichere Sie, daß ihm der Spaziergang nur heilsam sein wird.

– So nehme Gott Euch Beide in seinen Schutz!« erwiderte der Greis, ihn gerührt in die Arme schließend.

Am folgenden Morgen setzte ein Wagen Marcel und Octave, nachdem sie durch die verlassenen Dörfer der Umgebung gefahren, vor dem äußeren Thore von Stahlstadt ab. Beide waren mit Waffen und allem Notwendigen reichlich versehen und entschlossen, nicht eher zurückzukehren, als bis sie das merkwürdige Geheimniß enträthselt hätten.

Nebeneinander gingen sie auf der Gürtelstraße hin, welche die Befestigungen umschloß, und hier überzeugte sich nun Marcel, der es bis dahin nicht hatte glauben wollen, daß die Werkstätten alle still standen.

Auf dem Wege, den er jetzt in finsterer Nacht, ohne einen Stern am Himmel, mit Octave dahin wanderte, hätte er früher beim Glanze des Gaslichtes das Blitzen des Bajonetts eines Wachpostens und tausend andere Zeichen rührigen Lebens gesehen. Da wären die erleuchteten Fenster der Sectoren erschienen, wie ebensoviele glühende Augen. Jetzt lag Alles düster und stumm vor ihm. Der Tod allein schien über der Cyklopenstadt zu schweben, deren hohe Schornsteine skeletartig zum Himmel emporragten. Marcel’s und seines Begleiters Schritte verhallten in der entsetzlichen Leere. Die Oede und Trostlosigkeit übten einen so unabwehrbaren Einfluß auf ihn aus, daß Octave sich nicht enthalten konnte, zu bemerken:

»Es ist eigenthümlich, aber ich habe noch nie ein so schauerliches Schweigen vernommen wie hier; wirklich, die Ruhe des Kirchhofs!«

Gegen sieben Uhr gelangten Marcel und Octave an den Rand des Wallgrabens, gegenüber dem Haupteingange von Stahlstadt. Kein lebendes Wesen zeigte sich auf der Zinne der Mauer, und von den Wachposten, welche sonst gleich Statuen in abgemessener Entfernung von einander standen, war keine Spur zu sehen. Zwischen der Straße und der aufgezogenen Thorbrücke gähnte aber der offene Graben in einer Breite von fünf bis sechs Metern.

Ueber eine Stunde verging, bis es gelang, eine Tauschlinge über einen Pfahl auf der anderen Seite zu werfen. Endlich glückte es Marcel nach vieler Mühe; Octave ergriff darauf das Seil und kletterte daran bis zum Dache des Thores empor. Marcel beförderte nun auf demselben Wege die Waffen nebst Munition hinüber und folgte endlich selbst nach.

Nun beeilten sie sich, das Tau an der anderen Seite der Mauer zu befestigen, alles »Zubehör« herabzulassen und dann auch auf den Erdboden hinunterzugleiten.

Jetzt befanden sie sich auf demselben Rundwege, dem Marcel sich erinnerte, bei seiner Ankunft in Stahlstadt gefolgt zu sein. Ueberall dieselbe Leere, dasselbe Todesschweigen. Schwarz und stumm erhob sich die imposante Masse von Gebäuden mit ihren tausend Fenstern, als wollten sie zu den Eindringlingen sagen:

»Nur vorwärts! … Jetzt liegen unsere Geheimnisse für Jeden offen, der sie nur ergründen will!«

Marcel und Octave überlegten einen Augenblick.

»Wir werden am besten auf die mir bekannte Pforte O zugehen!« meinte Marcel.

Sie wandten sich nach Westen und standen bald vor dem monumentalen Eingang, in dessen Bogen der Buchstabe O stand. Die beiden massiv-eichenen, mit tüchtigen Stahlnägeln verstärkten Thorflügel waren geschlossen. Marcel schlug wiederholt mit einem von der Straße aufgenommenen Pflasterstein kräftig daran.

Nur das Echo gab ihm Antwort.

»Nun denn, an’s Werk!« drängte Octave.

Von Neuem begannen jetzt die mühsamen Versuche, das Seil über den Eingang hinwegzuschleudern, bis es zufällig an irgend etwas fest genug haftete. Wohl war das schwierig. Endlich gelang es Marcel und Octave aber doch, die Mauer zu übersteigen, womit sie sich nun in der Achse des Sectors O befanden.

»Das wäre Alles recht gut, rief Octave, doch was erreichen wir damit? Nach glücklicher Ueberwindung einer Mauer stehen wir nur vor einer anderen!

– Ruhe im Gliede! erwiderte Marcel. Hier ist mein altes Atelier. Ich sehe es nicht ungern einmal wieder, auch finden sich dort bestimmt manche Werkzeuge und einige Dynamitpatronen, die uns noch zu statten kommen könnten.«

Es war das der große Gießsaal, in dem der junge Elsäßer bei seiner Anstellung Platz fand. Wie traurig sah er jetzt aus mit seinen erloschenen Oefen, den verrosteten Schienen und den bestäubten Krahnen, welche, ebenso vielen Galgen ähnlich, ihre leeren Arme in die Luft ausstreckten! Der Anblick machte einen so frostigen Eindruck, daß Marcel das Bedürfniß einer Abwechslung empfand.

»Komm‘, hier ist ein Atelier, daß Dich mehr interessiren wird!« sagte er zu Octave, den Weg zum Speisehaus einschlagend.

Octave antwortete mit einem Kopfnicken, das seiner Zustimmung, bald aber sogar seiner Befriedigung Ausdruck gab, als er auf einem Holzgestelle ein ganzes Regiment rother, gelber und grüner Flaschen in Schlachtordnung aufgestellt fand. In verschiedenen Kästen mit Conserven sah man auch die bekannten Weißblechdosen mit vielversprechenden Aufschriften, Kurz, hier fand sich Alles beisammen zu einem Frühstück, nach dem man allmälig Verlangen spürte. Schnell wurde nun ein köstliches Essen bereitet, das die beiden jungen Leute zur Fortsetzung ihres Wagnisses stärkte.

Marcel überlegte dabei immer, was jetzt zu beginnen sei. An ein Ersteigen der Umfassungsmauer des Centralblocks war von vornherein nicht zu denken. Diese Mauer ragte viel zu hoch empor und stand zu isolirt von jedem anderen Gebäude, hatte auch nirgends einen Vorsprung zum Befestigen eines Seiles. Um zu deren Thore – jedenfalls dem einzig vorhandenen – zu gelangen, hätte man durch alle Sectoren vordringen müssen, und das wäre keine so leichte Arbeit gewesen. Nun blieb nur die immerhin etwas gewagte Anwendung von Dynamit übrig, denn es erschien fast undenkbar, daß Herr Schultze vor seinem Verschwinden nicht Gegenminen gegen diejenigen angebracht haben sollte, welche von denen, die Stahlstadt zu überwältigen suchen möchten, wahrscheinlich gelegt würden. Doch Alles das war nicht im Stande, Marcel auf sein Vorhaben verzichten zu lassen.

Als Octave sich gestärkt und genügend ausgeruht hatte, ging er mit ihm bis zum Ende der Achsenstraße des Sectors O und bis zum Fuße der gewaltigen Granitmauer.

»Was meinst Du zu einem Minengang hier d’runten? fragte er.

– Das wird ein hartes Stück Arbeit geben, doch wir sind ja keine Müßiggänger!« antwortete Octave, bereit zu jedem Versuche.

Die Arbeit begann. Erst mußte der Grund der Mauer bloßgelegt und ein eiserner Hebel in den Spalt zwischen zwei Bruchsteine eingetrieben werden, um einen derselben auszubrechen; nachher wurden mittelst eines Bohrers mehrere kleine, parallele Löcher hergestellt. Gegen zehn Uhr war die Arbeit vollbracht; die Dynamitpatronen lagen an ihrer Stelle und die Lunte ward entzündet.

Marcel kannte ihre Brenndauer von fünf Minuten, und da er wußte, daß sich unter dem Speisehause ein gewölbter Keller befand, flüchtete er mit Octave einstweilen in diesen Raum.

Plötzlich erzitterte das Gebäude sammt dem Keller wie von einem Erdbeben. Gleich darnach erschütterte die Luft ein entsetzliches Krachen, so als hätten drei bis vier ganze Batterien mit einem Male gefeuert. Nach weiteren zwei bis drei Secunden stürzte eine ganze Lawine nach allen Seiten verstreuter Sprengstücke zur Erde.

Eine Zeit lang hörte man nichts als das Dröhnen zusammenbrechender Dächer, krachenden Balkenwerks, einstürzender Mauern und dazwischen das Klirren zerspringender Fensterscheiben.

Endlich ward es wieder still. Octave und Marcel verließen ihren Schlupfwinkel.

Trotz seines Vertrautseins mit den Wirkungen explosiver Stoffe, erstaunte Marcel doch nicht wenig über die angerichtete Verheerung. Die Hälfte des Sectors war gesprengt und die abgerissenen Mauern aller in der Nähe des Centralblocks befindlichen Werkstätten glichen mehr einer bombardirten Stadt. Ueberall lagen die Trümmer umher, Glasscherben und Metallplatten bedeckten den Boden, während ganze Wolken von Staub, welche über der Stelle der Explosion langsam aus der Luft herniedersanken, sich schneeähnlich über die Ruine ablagerten.

Marcel und Octave eilten nach der inneren Mauer. Auch diese zeigte sich in einer Breite von fünfzehn bis zwanzig Meter zerstört, und auf der anderen Seite der Bresche sah der frühere Zeichner des Centralblocks nun den ihm wohlbekannten Hof, in dem er so viele eintönige Stunden verbracht hatte.

Da dieser Hof jetzt unbewacht war, konnte man das ihn umschließende Eisengitter ohne Schwierigkeit übersteigen, was denn auch bald geschah.

Ueberall dieselbe Grabesstille.

Marcel schritt durch die Säle, wo die Kameraden früher seine Entwürfe bewundert hatten. In einer Ecke fand er auch die halbvollendete Zeichnung zu einer Dampfmaschine wieder, an der er eben arbeitete, als Herr Schultze ihn damals in den Park abrufen ließ. Im Lesesaale lagen die Zeitungen neben den gewöhnlich benützten Büchern.

Alle Gegenstände hier verriethen eine plötzlich aufgehobene Bewegung, eine schroff unterbrochene Thätigkeit.

Die jungen Leute gelangten zur inneren Grenze des Centralblocks und befanden sich bald an der Mauer, welche sie, Marcel’s Meinung nach, von dem Parke noch trennte.

»Werden wir auch diese Bruchsteine noch springen lassen müssen? fragte ihn Octave.

– Vielleicht … Doch um hindurch zu gelangen, können wir zunächst die Thüre aufsuchen, welche schon eine einfache Rakete in die Luft jagt.«

Beide gingen nun längs der Mauer um den Park herum. Von Zeit zu Zeit waren sie zu Umwegen genöthigt durch eine spornartig hervortretende Gruppe von Gebäuden, oder mußten sie auch Gitterthore überklettern. Sie verloren jene dabei aber nie aus den Augen uud sahen ihre Anstrengungen denn auch bald belohnt. Eine kleine schiefe Thür kam in der Mauer zum Vorschein.

Binnen zwei Minuten hatte Octave mittelst eines Handbohrers ein kleines Loch durch die Eichenplanken gebohrt. Marcel sah, als er das Auge an die Oeffnung legte, daß sich auf der anderen Seite der prächtige tropische Park mit ewigem Grün und lauer Frühlingsluft ausbreitete.

»Noch eine Thür zu sprengen und wir sind zur Stelle, sagte er zu seinem Begleiter.

– Eine Rakete für ein Holzbrett, antwortete Octave, das wäre zu viel Ehre!«

Er begann die Pforte also mit kräftigen Axtschlägen zu bearbeiten.

Kaum hatte er daran geschlagen, als er im Innern das Schloß von einem Schlüssel klirren und zwei Riegel zurückschieben hörte.

Die inwendig durch eine starke Kette gehaltene Thür öffnete sich ein wenig.

»Wer da?« rief eine rauhe Stimme heraus.

Siebzehntes Capitel.


Siebzehntes Capitel.

Erklärungen mit Pulver und Blei

Die jungen Leute erwarteten gewiß nichts weniger als diese Frage. Sie verwunderten sich darüber fast mehr, als sie etwa ein Gewehrschuß erschreckt hätte.

Von allen Hypothesen, die Marcel bezüglich dieser in Todtenschlaf versenkten Stadt durch den Kopf gingen, hatte er die eine allerdings nicht aufgestellt, daß ihn Jemand ganz ruhig fragen würde, was er hier suche. Sein Unternehmen, das ganz erklärlich erschien, wenn man Stahlstadt als verlassen ansah, gewann ein ganz anderes Aussehen, wenn jenes noch Bewohner hatte. Was im ersten Falle für eine Art archäologischer Untersuchung gelten konnte, wurde im zweiten zum bewaffneten Ueberfalle gemeiner Einbrecher.

Diese Gedanken stürmten zuerst so sehr auf Marcel ein, daß er sprachlos stehen blieb.

»Wer da?« wiederholte die Stimme etwas ungeduldig.

Diese Ungeduld war gewiß ganz am Platze. Wer so vielerlei Hindernisse überwunden, um zu dieser Thüre zu gelangen, dabei Mauern erklettert und ganze Stadttheile in die Luft gesprengt hatte, ohne hier auf die einfache Frage nach dem Zwecke seines Erscheinens Antwort geben zu können, der mußte damit wohl einige Verwunderung erregen.

Eine halbe Minute reichte für Marcel hin, um sich über die Schiefheit seiner Lage klar zu werden, und er antwortete sofort:

»Freund oder Feind, wie Ihr wollt. Ich will Herrn Schultze sprechen.«

Kaum verhallten diese Worte, als er durch die halbgeöffnete Thür einen Aufschrei des Erstaunens hörte.

»Ah!« klang es durch dieselbe heraus.

Marcel konnte dabei durch den Thürspalt ein Stückchen rothen Backenbart, einen struppigen Schnurrbart und ein glotzendes Auge bemerken. An Allem erkannte er Sigimer, seinen früheren Wächter.

»Johann Schwartz, rief der Riese, halb entsetzt und halb erfreut. Johann Schwartz!«

Das unerwartete Wiedererscheinen seines Gefangenen schien ihn nicht weniger Wunder zu nehmen, als dessen geheimnißvolles Verschwinden.

»Kann ich Herrn Schultze sprechen?« wiederholte Marcel, da er keine andere Antwort erhielt als jenen Ansruf.

Sigimer schüttelte den Kopf.

»Keinen Befehl! sagte er. Ohne solchen hier nicht eintreten!

– Können Sie Herrn Schultze wenigstens wissen lassen, daß ich hier bin und ihn zu sprechen wünsche?

– Herr Schultze nicht hier. Herr Schultze abgereist! erwiderte der Riese mit einem Anflug von Bedauern.

– Doch wo ist er? Wann kehrt er zurück?

– Weiß nicht! Wache nicht abgelöst. Niemand eintreten ohne Befehl!«

Diese abgerissenen Sätze waren Alles, was Marcel aus Sigimer herauslocken konnte, der allen weiteren Fragen ein halsstarriges Schweigen entgegensetzte.

»Weshalb sollen wir hier länger um die Erlaubniß zum Eintreten bitten? sagte er. Wir nehmen sie uns ganz einfach!«

Er stemmte sich gegen die Thür, um sie mit Gewalt zu öffnen. Indeß, die Kette widerstand und ein dem seinigen überlegener Druck hatte bald den Flügel zugeschlagen, hinter dem man die beiden Riegel vorschieben hörte.

»Hinter dem Brette muß mehr als Einer stecken!« sagte Octave beschämt über diesen Ausgang.

Er legte das Auge an das Bohrloch und rief plötzlich erstaunt:

»Da ist noch ein zweiter Riese!

– Etwa Arminius?« antwortete Marcel. Nun blickte auch er durch die enge Oeffnung. »Richtig, das ist Arminius, Sigimer’s Kamerad!«

Plötzlich veranlaßte eine andere, scheinbar vom Himmel herabtönende Stimme Marcel, den Kopf zu heben.

»Wer da?« rief diese Stimme.

Diesmal war es die Arminius‘.

Der Kopf des Wächters erschien über der Mauer, die jener mit Hilfe einer Leiter erstiegen haben mochte. »Das wißt Ihr ja längst recht gut, Arminius! entgegnete Marcel, Nun vorwärts! Wollt Ihr öffnen oder nicht?«

Noch hatte er den Satz nicht vollendet, als eine Gewehrmündung über der Mauerzinne erschien. Sofort krachte ein Schuß und eine Kugel streifte die Hutkrämpe Octave’s.

»Warte, Dir will ich Antwort geben!« rief Marcel, der eine Dynamitpatrone unter die Thür steckte und sie in Stücken sprengte.

Nach geöffneter Bresche drangen Octave und Marcel, den Karabiner in der Faust und das Messer zwischen den Zähnen, in den Park ein.

An einem durch die Explosion zerrissenen Stück der Mauer, durch welche sie eben gelangten, lehnte noch eine Leiter, an deren Fuße sich Blutspuren zeigten. Aber weder Sigimer noch Arminius waren sichtbar, um den Eingang zu vertheidigen.

Vor den Blicken der beiden Angreifer lagen die Gärten in der ganzen Pracht ihrer Vegetation. Octave war entzückt.

»O wie herrlich! rief er. Doch Achtung! … Gehen wir als Tirailleure vor … Diese Sauerkrautfresser könnten hinter irgend einem Busche versteckt liegen!«

Octave und Marcel trennten sich und eilten Jeder nach einer Seite der vor ihnen liegenden Allee, wo sie nach den Grundprincipien der Strategie für den Einzelkampf vorsichtig von Baum zu Baum, von Deckung zu Deckung weiter vordrangen.

Bald erwies sich der Nutzen dieser Maßregel. Kaum hatten sie hundert Schritte zurückgelegt, als ein zweiter Schuß krachte. Eine Kugel sprengte die Rinde des von Marcel eben verlassenen Baumes ab.

»Keine Dummheiten! … Lang auf die Erde!« rief Octave halblaut.

Er folgte selbst sogleich seinem Befehle und kroch auf Knieen und Ellbogen bis zu einem Dornenbusch am Rande des Rundtheiles, in dessen Mitte der Stierthurm sich erhob. Marcel, der jener Mahnung nicht sofort gefolgt war, erhielt noch einen dritten Schuß und konnte sich nur hinter den Stamm einer Palme werfen, um einem vierten zu entgehen.

»Zum Glück schießen die Kerle wie Recruten! rief Octave seinem etwa dreißig Schritte entfernten Begleiter zu.

– Still! antwortete Marcel mit den Augen wie mit den Lippen. Siehst Du den Rauch dort aus dem Fenster des Erdgeschosses? … Dort haben sich die Banditen versteckt! … Nun werde ich ihnen aber nach meiner Art aufspielen!«

Im Augenblicke hatte Marcel auch einen ziemlich langen Pfahl hinter dem nächsten Busche herausgerissen; dann warf er seine Jacke ab, diese über das Holz, setzte seinen Hut darüber und stellte eine Vogelscheuche her. Darauf stellte er das Ganze so auf den von ihm eingenommenen Platz, daß Hut und Aermel sichtbar blieben, glitt zu Octave hinüber und raunte diesem in’s Ohr:

»Jetzt beschäftige die Beiden dadurch, daß Du einmal von hier und einmal von meinem Platze aus nach dem Fenster feuerst. Ich werde ihnen in den Rücken fallen!«

Marcel ließ nun Octave schießen und glitt selbst durch das dichte Gebüsch auf dem Rundbeete des Thurmes.

Eine Viertelstunde verging, während der wohl zwanzig Kugeln erfolglos gewechselt wurden.

Marcel’s Jacke und Hut waren buchstäblich wie ein Sieb durchlöchert, er selbst hatte natürlich keinen Schaden dabei gelitten. Die Jalousien des Erdgeschoßfensters hatte Octave seinerseits in Stücke geschossen.

Plötzlich schwieg das Feuer und Octave hörte eine halberstickte Stimme rufen:

»Zu Hilfe! … Ich hab‘ ihn fest! …«

Sein Versteck zu verlassen, ohne Deckung über das Rundbeet zu eilen und das Fenster zu erklettern, das war für Octave nur das Werk einer halben Minute. Gleich darauf sprang er in den Raum hinab.

Wie zwei Schlangen um einander gewunden, lagen Marcel und Sigimer in verzweifeltem Ringen am Boden. Ueberrascht von dem urplötzlichen Angriffe des Feindes, der eine Thür hinter ihm unversehens geöffnet hatte, konnte der Riese von den Waffen keinen Gebrauch machen. Seine herkulische Stärke machte ihn aber trotzdem zu einem furchtbaren Gegner, und obwohl zur Erde geworfen, hoffte er doch immer noch, die Oberhand zu gewinnen. Marcel seinerseits entwickelte ganz außerordentliche Kraft und Gewandtheit.

Der Kampf mußte nothwendiger Weise mit dem Tode des einen der beiden Ringenden enden, wenn Octave’s Dazwischentreten nicht einen minder tragischen Ausgang herbeigeführt hätte. Von zwei Paar Armen gepackt und entwaffnet, ward Sigimer gefesselt, daß er sich nicht rühren konnte.

»Und der Andere?« fragte Octave.

Marcel wies nach dem anderen Ende des Raumes, wo Arminius über und über blutig auf einem Sopha ausgestreckt lag.

»Hat er eine Kugel bekommen? fragte Marcel.

»Ja!« bestätigte Octave.

Marcel trat an Arminius heran.

»Er ist todt! sagte er.

– Meiner Treu‘, er hat’s verdient, bemerkte Octave.

– Nun sind wir Herren des Platzes, rief Marcel. Jetzt laß uns eine sorgfältige Untersuchung vornehmen. Zuerst Herrn Schultze’s Cabinet!«

Von dem Wartezimmer aus, wo sich der letzte ernsthafteste Act abspielte, folgten die beiden jungen Leute nun der Reihe von Zimmern, die zum Allerheiligsten des Stahlkönigs führte.

Octave staunte über alle die Wunder, welche ihm entgegentraten.

Marcel lächelte nur und öffnete nach und nach alle Thüren bis zu dem grün und goldenen Salon.

Er erwartete wohl, hier etwas Neues zu finden, doch nimmermehr ein so eigenthümliches Bild, wie es sich jetzt seinen Blicken bot. Man hätte meinen sollen, das Central-Postamt von New-York oder Paris wäre geplündert worden und man hätte Alles bunt durcheinander in diesen Salon geworfen. Allüberall lagen Briefe, versiegelte Packete auf dem Schreibtisch, auf allen Möbeln und dem Fußboden umher. Bis an’s Knie versank man in dieser Ueberschwemmung. Die ganze, alle Geld-Angelegenheiten, die Fabrik oder auch nur die eigene Person des Herrn Schultze betreffende Correspondenz, die sich tagtäglich in dem Briefkasten an der Parkmauer angesammelt hatte, war von Arminius und Sigimer getreulich hierher gebracht worden und füllte nun das Privatcabinet des Herrn.

Wie viele Anfragen, Schmerzen, ängstliche Erwartung, Elend und Thränen mochten diese stummen, kleinen Papiere mit der Adresse des Herrn Schultze wohl verbergen! Wie viele Millionen auch in Papiergeld, Wechseln, Anweisungen und Rechnungen aller Art! … Alles das schlief jetzt gleichsam bewegungslos wegen der Abwesenheit der einzigen Hand, welcher das Recht zustand, diese schwachen und doch unverletzlichen Hüllen zu lösen.

»Es handelt sich nun darum, sagte Marcel, die verborgene Thür zum Laboratorium aufzufinden!«

Er begann also die Bücher der reichhaltigen Bibliothek wegzuräumen. Vergebens. Es gelang ihm nicht, den geheimen Eingang, den er früher in Begleitung des Herrn Schultze passirt hatte, wieder aufzufinden. Fruchtlos rüttelte er an allen Gestellen und sprengte sie mit einer aus dem Kamine entnommenen Eisenstange los. Vergeblich klopfte er an die Mauer, um irgendwo einen hohlen Klang zu vernehmen. Offenbar hatte Schultze im Bewußtsein, nicht mehr der einzige Kenner jener Thür zu seinem Laboratorium zu sein, dieselbe überhaupt beseitigt,

Nothwendiger Weise mußte er dafür aber eine andere hergestellt haben.

»Aber wo? fragte sich Marcel. Es kann nur hier sein, da Arminius und Sigimer die Briefschaften in diesen Raum beförderten. In diesem Salon muß Herr Schultze sich auch nach meinem Weggange aufgehalten haben. Ich kenne seine Gewohnheiten gut genug, um zu wissen, daß er nach Vermauerung des alten Zuganges einen anderen in unmittelbarer Nahe und geschützt vor indiscreten Blicken haben mußte … Sollte sich unter dem Teppich eine Fallthüre befinden?«

Der Teppich erwies sich als unverletzt. Man hatte ihn auch nicht vom Boden abgelöst und aufgenommen. Das Tafel für Tafel untersuchte Parquet zeigte ebenfalls nichts Verdächtiges.

»Wer sagt Dir, daß sich die Oeffnung in diesem Raume befindet? fragte Octave.

– Ich bin davon überzeugt! erwiderte Marcel.

– Dann bleibt mir nichts übrig, als die Decke zu untersuchen!« antwortete Octave auf einen Stuhl steigend.

Er beabsichtigte, den Kronleuchter zu erklettern und die Rosette um denselben mit Kolbenstößen zu untersuchen. Kaum hing indeß Octave an dem vergoldeten Leuchter, als er denselben zu seinem höchsten Erstaunen herabsinken sah. Ein Stück der Decke folgte nach und ließ eine gähnende Oeffnung zurück, aus welcher eine leichte stählerne Leiter bis zum Parquet herabglitt.

Das Ganze sah aus wie eine Einladung zum Hinaufsteigen.

»Aha, da haben wir’s ja!« sagte Marcel gelassen, und schwang sich, sein Genosse dicht hinter ihm, auf die Leiter.

Achtzehntes Capitel.


Achtzehntes Capitel.

Des Räthsels Lösung.

Die oberste Stufe der schwachen Leiter reichte bis zum Fußboden eines geräumigen, kreisrunden, nach allen Seiten abgeschlossenen Saales, der ohne einen blendend weißen, durch ein Rundfenster im Fußboden heraufströmenden Lichtglanz vollkommen finster gewesen wäre. Jene Glasscheibe glich etwa dem Monde, wenn er, in Opposition zur Sonne stehend, in vollster Klarheit leuchtet.

Das tiefste Schweigen herrschte zwischen den dunklen starken Mauern. Die beiden jungen Männer glaubten im Vorraume einer Todtengruft zu wandeln.

Marcel zauderte unwillkürlich einen Augenblick, bevor er sich über die glänzende Scheibe beugte. Er nahte sich endlich seinem Ziele. Hier mußte sich, das sagte ihm eine untrügliche Ahnung, das Geheimniß, welches unheimlich über Stahlstadt lagerte, endlich vor seinen Augen offenbaren!

Bald hatte er jedoch dieses erklärliche Zögern überwunden. Octave und er knieten neben dem Glase nieder und neigten den Kopf darüber, so daß sie den unter ihnen befindlichen Raum nach allen Seiten übersehen konnten.

Da bot sich ihren Blicken ein ebenso entsetzliches als unerwartetes Bild.

Die auf beiden Seiten schwach convexe, also einer Linse ähnliche Scheibe vergrößerte alle durch dieselbe gesehenen Gegenstände ganz gewaltig.

Hier lag nun Herrn Schultze’s geheimes Laboratorium offen vor ihnen. Das intensive Licht, welches wie aus der Laterne eines Leuchtthurmes durch die Glaslinse strahlte, rührte von einer doppelten elektrischen Lampe her, die in ihrer luftleeren Glocke noch immer fortbrannte, da sie ein mächtiger galvanischer Strom ununterbrochen ernährte. Mitten in dem Zimmer und in blendendem Glanze saß, durch die Strahlenbrechung der Linse enorm vergrößert – ähnlich einer Sphinx aus der lybischen Wüste – eine regungslose menschliche Gestalt.

Ringsumher bedeckten Sprengstücke eines Geschosses den Boden.

Hier war kein Zweifel möglich! … Da saß Herr Schultze, noch immer erkennbar an dem schrecklichen Hohnlachen um den Mund, wie an den weißen Zähnen, aber Schultze in Riesengestalt, den die Explosion einer seiner furchtbaren Mordwaffen gleichzeitig erstickt und durch eine entsetzliche Kälte versteinert hatte.

Der Stahlkönig beugte sich ein wenig über seinen Tisch, mit einer Riesenfeder, welche mehr einer Lanze gleichkam, in der Hand, und schien noch zu schreiben. Ohne den stieren Blick seiner erweiterten Pupillen und die Unbeweglichkeit seines Mundes hätte man ihn wohl für lebend halten können. Wie die Mammuths, welche man zuweilen im Eise der Polarländer findet, ruhte diese Leiche hier, seit einem Monat jedem menschlichen Auge entrückt. Neben derselben befand sich noch Alles in gefrornem Zustande, die Reagentien in den Probirgläsern, das Wasser in den Recipienten, das Quecksilber in den Thermometerkugeln.

Trotz seines Entsetzens über diesen Anblick fühlte Marcel doch eine gewisse Befriedigung, daß es ihm vergönnt gewesen war, das Innere dieses Laboratoriums schon von außen haben übersehen zu können, denn im anderen Falle würden Octave und er gewiß ebenfalls von einem plötzlichen Tode überrascht worden sein.

Wie konnte sich aber dieser fürchterliche Zufall überhaupt ereignen? Marcel errieth das sehr bald, als er erkannte, daß die auf dem Fußboden verstreuten Sprengstücke des Geschosses aus kleinen Glasscherben bestanden. Die innere Umhüllung, welche die flüssige Kohlensäure in den erstickenden Geschossen des Herrn Schultze enthielt, bestand mit Rücksicht auf den furchtbaren Druck, die sie auszuhalten hatte, aus sogenanntem gehärteten Glase, ein Product, das die Widerstandsfähigkeit des gewöhnlichen Glases wohl um das Zehn- und Zwölffache übertraf. Jenes nur erst kurze Zeit bekannte Erzeugniß leidet aber an einem bisher noch nicht völlig erklärten Fehler, dem nämlich, daß es, wahrscheinlich in Folge irgend einer Molekularveränderung seiner Substanz, manchmal ohne jeden nachweisbaren Grund scheinbar von selbst explodirt. Vielleicht mochte auch der ungeheure innere Druck dazu beigetragen haben, das in des Stahlkönigs Laboratorium gebrachte Geschoß zu zersprengen. Die plötzlich befreite Kohlensäure erzeugte dann, streng nach physikalischen Gesetzen, indem sie wieder in Gasform überging, eine unerträgliche Erniedrigung der umgebenden Temperatur.

Auf jeden Fall mußte die Wirkung dieses Unfalles eine wahrhaft blitzartige sein. Herrn Schultze überraschte der Tod in derselben Stellung, die er im Momente der Explosion inne hatte, indem er durch eine Kälte von über hundert Grad unter Null sofort mumificirt wurde.

Marcel’s Aufmerksamkeit erregte jetzt aber besonders die Wahrnehmung, daß der König von Stahlstadt mitten im Schreiben den Tod gefunden hatte.

Was mochte er wohl dem Papier mit jener Feder, die er noch immer in der Hand hielt, anvertraut haben? Es hätte gewiß die Neugier eines Jeden gereizt, den letzten Gedanken, die letzten Worte eines so eigenartigen Mannes zu erfahren.

Wie konnte man aber zu jenem Papiere gelangen? Zunächst war überhaupt nicht daran zu denken, durch Zerdrücken der Glaslinse sich Eingang in das Laboratorium selbst zu verschaffen. Die darin unter gewaltigem Drucke eingeschlossene Kohlensäure wäre unzweifelhaft nach außen entwichen und hätte jedes lebende Wesen umhüllt und rasch erstickt. Auf diese Weise wäre man also nur einem gewissen Tode entgegen gegangen und offenbar stand die Gefahr in keinem Verhältnis zu den Vortheilen, welche der Besitz jenes Papieres versprach.

Erschien es nun so gut wie unmöglich, Herrn Schultze’s Leichnam die letzten von seiner Hand geschriebenen Zeilen zu entreißen, so konnte man dieselben vielleicht von außen entziffern, da sie durch die Strahlenbrechung der Linse vergrößert erschienen und von dem mächtigen Scheine der zwei elektrischen Lampen tageshell erleuchtet waren.

Marcel kannte ja Herrn Schultze’s Handschrift und nach mehreren vergeblichen Versuchen gelang es ihm wirklich, die folgenden Zeilen zu enträthseln.

So wie Alles, was Herr Schultze aufzeichnete, enthielten auch diese mehr einen Befehl als etwa eine Instruction.

»Ordre an B. K. R. Z., binnen vierzehn Tagen mit der gegen France-Ville ausgerüsteten Expedition aufzubrechen. – Gleich nach Empfang dieser Ordre die von mir vorbereiteten Maßregeln zur Ausführung zu bringen. – Das diesmalige Experiment muß vernichtend und vollständig wirken. – Aendern Sie kein Jota an meinen Anordnungen. – Ich will, daß France-Ville nach vierzehn Tagen eine todte Stadt und kein Bewohner derselben am Leben sei. – Ich brauche ein modernes Pompeji und will damit Schrecken und Bestürzung über die ganze Welt verbreiten. – Wenn mein Befehl richtig ausgeführt wird, so wird dieser Erfolg unzweifelhaft erreicht.

– Die Leichen des Doctor Sarrasin und Marcel Bruckmann werden Sie hierher senden. – Ich will Sie sehen und besitzen.

– Schultz …«

Die Unterschrift war unvollendet; das »e.« am Ende und der gewöhnliche Zug unter dem Namen fehlten noch.

Stumm und regungslos standen Marcel und Octave eine Zeit lang diesem fremdartigen Anblick gegenüber, die entsetzten Zeugen der Berufung eines bösen Geistes vor das ewige Gericht, eines Geistes, dessen Bestrebungen sich in unerhört phantastischen Regionen verloren.

Endlich mußten sie sich doch dieser traurigen Scene entreißen. Tief im Innern erregt, verließen die beiden Freunde den Saal über dem unheimlichen Laboratorium.

In diesem Grabe, in dem vollkommene Dunkelheit herrschen mußte, wenn die Lampen nach dem Aufhören des elektrischen Stromes verlöschten, sollte also der Leichnam des Stahlkönigs allein ruhen, erstarrt und vertrocknet wie eine Mumie aus der Pharaonenzeit, welche auch zwanzig Jahrhunderte noch nicht zu Staub zu verwandeln vermochten …

Eine Stunde später, und nachdem sie auch Sigimer, der sich über die wiedergeschenkte Freiheit herzlich befriedigt zeigte, wieder losgebunden, eilten Octave und Marcel aus Stahlstadt hinweg und schlugen den Weg nach France-Ville ein, wo sie am Abend glücklich anlangten.

Doctor Sarrasin arbeitete eben in seinem Cabinet, als man ihm die Rückkehr der beiden jungen Leute meldete.

»Laßt sie herein, rief er, schnell herein!«

Sein erstes Wort, als er der Beiden ansichtig wurde, war:

»Nun?

– Die Nachrichten, welche wir von Stahlstadt bringen, Herr Doctor, begann Marcel, sind derart, daß sie uns für lange Zeit Ruhe sichern. Herr Schultze ist nicht mehr! Herr Schultze ist todt!

– Todt!« rief Doctor Sarrasin.

Nachdenklich und ohne ein Wort zu sprechen, stand der gute Doctor eine Weile vor Marcel.

»Mein Kind, sagte er darauf mit weicher Stimme, begreifst Du, daß diese Neuigkeit, welche mich erfreuen sollte, da sie uns von dem befreit, was ich am meisten verabscheue, von dem Kriege und noch dazu von dem ungerechtesten, grundlosesten Kriege, begreifst Du, daß sie mir im Gegentheil recht nahe geht? Warum mußte dieser Mann mit so hervorragenden Geistesgaben unser Feind sein? Warum widmete er seine so seltenen Eigenschaften nicht dem Wohle seiner Mitmenschen? Wie viel Kraft wurde hier verschwendet, welche so nutzbringend hätte verwendet werden können, wenn sie sich mit der unsrigen zum Heile der Allgemeinheit verband! Sieh, das kam mir zuerst in den Sinn, als Du sagtest: »Herr Schultze ist todt!« Doch, nun erzähle, mein Freund, was Du von dessen unerwartetem Ende weißt.

– Herr Schultze fand seinen Tod, berichtete Marcel, in dem geheimnißvollen Laboratorium, das er mit diabolischer Schlauheit so eingerichtet hatte, daß während seines Lebens kein Anderer dahin zu dringen vermochte. Kein Mensch kannte dessen Vorhandensein, und folglich war es auch unmöglich, daß ihm Jemand hätte zu Hilfe eilen können. Er fiel als das Opfer der unerhörten Concentration aller Kräfte in seiner Hand, auf die er so großen Werth legte, um allein der Schlüssel seiner ganzen Schöpfung zu sein, dieser Concentration, welche sich zu der von Gott bestimmten Stunde gegen ihn und sein Werk selbst kehrte!

– Das konnte nicht anders kommen, antwortete Doctor Sarrasin. Herr Schultze ging von völlig falschen Voraussetzungen aus. Die beste Regierung ist doch offenbar nur diejenige, deren Leiter nach seinem Tode leicht durch einen anderen ersetzt werden kann, und welche ungestört fortarbeitet, weil es in deren Räderwerk kein Geheimniß giebt.

– Sie werden sehen, Herr Doctor, bemerkte Marcel, daß das, was in Stahlstadt geschehen ist, den schlagendsten Beweis für diese ihre Worte bilden wird. Ich sah Herrn Schultze oft genug vor seinem Schreibtische, dem Centralpunkt, von dem alle Befehle ausgingen, denen Stahlstadt gehorchte, ohne daß dabei je ein anderer Mensch zu Rathe gezogen worden wäre. Auch der Tod überraschte ihn in seiner gewohnten Beschäftigung, so daß er noch alle Kennzeichen des Lebens hatte und ich jeden Augenblick erwartete, das Gespenst mich anreden zu hören! … Der Erfinder ist aber als Märtyrer seiner Erfindung gefallen! Vernichtet durch eines jener Geschosse, mit dem er unsere Stadt verderben wollte. Die Waffe zerbrach in seiner Hand, als er beim letzten Worte des Befehls zum Angriffe war. Hören Sie!«

Marcel las mit lauter Stimme die von Herrn Schultze’s Hand geschriebenen Zeilen vor, von welchen er eine Copie entnommen hatte.

Dann setzte er hinzu:

»Außerdem überzeugte mich von dem Ableben des Herrn Schultze aber auch noch die Beobachtung, daß alles Leben rings um ihn erstorben war. In Stahlstadt athmete keine Seele mehr! Wie in dem Zauberschloß Dornröschen’s hatte der Schlaf Alles überfallen, alle Bewegung gehemmt. Die Lähmung des Herrn lähmte gleichzeitig die Diener und erstreckte sich sogar bis auf die todten Maschinen.

– Ja wahrhaftig, rief da Doctor Sarrasin, es giebt eine göttliche Gerechtigkeit! Gerade als er einen unerhörten Angriff gegen uns plante, als er die Federn zu sehr anspannte, da mußte Herr Schultze unterliegen!

– Gewiß, erwiderte Marcel; doch nun, Herr Doctor, denken wir nicht an die Vergangenheit, sondern an die Gegenwart. Schultze’s Tod bedeutet für uns den Frieden. Er bedeutet auch den Untergang des von ihm geschaffenen, übrigens wunderbaren Werkes, aller Voraussicht nach das Ende desselben. Unklugheiten so kolossaler Art, wie Alles, was der Stahlkönig erdachte, haben es untergraben. Einerseits verblendet durch den Erfolg und andererseits durch seinen Haß gegen Frankreich und gegen Sie, hat er Allen, von denen er eine feindliche Gesinnung gegen uns annehmen konnte, ohne hinreichende Sicherstellung ungeheure Waffenvorräthe geliefert. Trotzdem aber, und obgleich die Berichtigung dieser Außenstände sehr lange auf sich warten lassen dürfte, glaube ich, daß eine feste Hand im Stande sein müßte, Stahlstadt wieder aufzurichten und alle jene Kräfte, welche jetzt nur der Zerstörung dienten, für bessere Zwecke nutzbar zu machen. Herr Schultze hat nur einen in Betracht kommenden Erben, Doctor, und dieser Erbe sind Sie. Sein Werk darf nicht untergehen. Man glaubt in der Welt nur allzu gern, daß blos der Untergang einer rivalisirenden Macht von Vortheil sein könne. Das ist doch nicht der Fall, und Sie werden, hoffe ich, mit mir übereinstimmen, daß es Pflicht ist, aus diesem ungeheuren Schiffbruch zu retten, was für das Wohlergehen der Menschheit zu retten ist. Dieser Aufgabe mich zu widmen, bin ich von ganzem Herzen bereit.

– Marcel hat Recht, fiel hier Octave ein, indem er die Hand des Freundes drückte, und ich verpflichte mich gern, unter seiner Leitung zu arbeiten, wenn mein Vater dem zustimmt.

– Es sei Euch gewährt, meine Kinder, sagte Doctor Sarrasin, ja, Marcel, an Capital wird es uns nicht fehlen und mit Deiner Hilfe werden wir in dem wiedererstandenen Stahlstadt ein Arsenal von Hilfsmitteln besitzen, das uns für alle Zukunft vor jedem Angriff sicher stellt. Und so wie wir erstreben, die stärksten unter Allen zu sein, so wollen wir auch trachten, stets Gerechtigkeit zu üben und die Wohlthaten des Friedens und der Gerechtigkeit Allen schätzen lehren, die mit uns in Berührung kommen. O, Marcel, welch‘ schöne Träume! Und wenn ich mir sage, daß ich einen Theil derselben mit Dir und durch Dich zu erfüllen im Stande bin, frage ich mich oft … ja, ich frage mich, warum ich nicht zwei Söhne habe! … Warum Du nicht Octave’s Bruder bist! … Uns Dreien würde nichts mehr unmöglich sein!« …

Elftes Capitel.


Elftes Capitel.

Ein Abendessen bei Dr. Sarrasin.

Am 13. September – nur wenige Stunden vor dem von Herrn Schultze für die Zerstörung France-Villes festgesetzten Zeitpunkte – hatten weder der Gouverneur noch die Einwohner der Stadt eine Ahnung von der ihnen drohenden entsetzlichen Gefahr.

Es war um sieben Uhr Abends.

Lauschig verdeckt von dichten Oleandern und Tamarinden, dehnte sich die freundliche Stadt längs des Abhanges der Cascadenberge aus, während die kurzen Wellen des Stillen Oceans sich an ihren Marmor-Quais geräuschlos brachen. Die sorgsam gesprengten, von der frischen Meeresbrise durchwehten Straßen boten ein ebenso lachendes wie belebtes Bild. Die Bäume, welche sie beschatteten, murmelten in leisem Rauschen. Die Rasenplätze prangten im herrlichsten Grün. Auf schmucken Beeten öffneten die Blumen ihre Kelche und strömten liebliche Wohlgerüche aus. Selbst die Häuser schienen selbstgefällig zu lächeln in ihrem sauberen weißen Gewande. Die Luft war ruhig, der Himmel blau wie das endlose Meer, das am Ende der langen Alleestraßen glänzte.

Ein Reisender, der zufällig die Stadt betreten hätte, würde erstaunt gewesen sein über das gesunde Aussehen der Bewohner und über das rege Treiben, das in den Straßen herrschte. Man schloß soeben die in einem Quartiere vereinigten Akademien für Malerei, Bildhauerkunst und Musik nebst der öffentlichen Bibliothek, in welch‘ genannten Anstalten ausgezeichnete Lehrcurse mit stets nur wenigen Schülern abgehalten wurden, wobei jeder Einzelne dafür desto größeren Nutzen daraus zu ziehen vermochte. Die Menschenmenge, welche jenen Instituten entströmte, veranlaßte zeitweilig sogar wirkliche Verkehrshindernisse; trotzdem ließ sich kein ungeduldiger Ausruf, kein wüstes Geschrei vernehmen. Alles trug das Gepräge der Ruhe und Befriedigung.

Nicht im Herzen der Stadt, sondern nahe der Küste des Oceans hatte die Familie Sarrasin sich ihr trauliches Heim errichtet. Hier ließ sich gleich zu Anfang – denn sein Haus gehörte zu den zuerst vollendeten Bauten – Doctor Sarrasin mit Gattin und seiner Tochter Jeanne nieder.

Octave, der improvisirte Millionär, zog es vor, in Paris zu bleiben; jetzt fehlte ihm aber Marcel, der treue Mentor, sehr fühlbar.

Seit jener Zeit, wo sie in der Rue du Roi-de-Sicile bei einander wohnten, hatten sich die beiden Freunde fast aus dem Gesichte verloren. Als der Doctor mit Frau und Tochter nach der Küste von Oregon auswanderte, blieb Octave also als sein eigener Herr zurück. Bald wendete er sich von der Schule, wo er nach seines Vaters Wunsche die Studien fortsetzen sollte, mehr und mehr ab und fiel beim letzten Examen, das Marcel mit der ersten Censur bestand, elend durch.

Bis dahin war Marcel der Compaß des armen Octave gewesen, der nun einmal seinen Weg nicht allein zu finden wußte. Nach der Abreise des jungen Elsäßers begann er in Paris bald das Leben eines großen Herrn zu führen. Den größten Theil seiner Zeit verbrachte er auf dem Bocke eines prächtigen Viergespanns, das fortwährend zwischen der Avenue Marigny, wo er jetzt wohnte, und den verschiedenen Rennbahnen innerhalb der Bannmeile umherjagte. Octave Sarrasin, der noch vor drei Monaten sich kaum im Sattel der Reitbahnpferde halten konnte, die er damals stundenweise miethete, war plötzlich zu einem der in die Geheimnisse der Hippologie am besten eingeweihten Männer Frankreichs geworden. Diese »Erziehung« verdankte er einem von ihm gemietheten englischen Groom, der ihn durch den Reichthum seiner Fachkenntnisse vollkommen zu beherrschen verstand.

Schneider, Sattler, Schuhmacher beanspruchten seine Morgenstunden. Die Abende gehörten den kleinen Theatern und den funkelnagelneuen, an der Ecke der Rue Trouchet eröffneten Gesellschaftssälen, welche Octave deshalb bevorzugte, weil er hier Leute fand, die wenigstens seinem Gelde die Ehren erwiesen, die seine Verdienste ihm doch niemals errungen hätten. Die Welt hier erschien ihm als das Ideal der Vornehmheit. Auffallender Weise zeigte die im Vorzimmer angebrachte, kostbar eingerahmte Liste der Besucher nur ausländische Namen. Vielsagende Titel wucherten hier wie Unkraut, so daß man beim Durchlesen derselben eher geglaubt hätte, im Vorzimmer eines heraldischen Hörsaales zu verweilen. Beim weiteren Eindringen mußte man sich dagegen unwillkürlich in eine lebende ethnologische Ausstellung versetzt glauben. Alle großen Nasen und gelben Teints der Alten und der Neuen Welt schienen sich hier ein Stelldichein gegeben zu haben. Diese kosmopolitischen Gestalten erschienen zwar alle in höchst sorgfältiger Garderobe, doch verrieth dabei die sichtbare Bevorzugung hellfarbiger Stoffe das ewige Bestreben der schwarzen und gelben Racen, sich äußerlich den »Bleichgesichtern« möglichst ähnlich zu machen.

Octave Sarrasin erschien inmitten dieser Zweihänder wie ein kleiner Gott. Man citirte seine Worte, copirte seine Cravaten und erkannte seine Urtheile als Glaubens-Artikel an. Betäubt von solchem Weihrauchdufte, bemerkte er selbst dann gar nicht, daß er bei jeder Gelegenheit stets sein Geld verlor. Einige Mitglieder des Clubs, geborne Orientalen, schienen für sich einen gewissen Anspruch auf die Nachlassenschaft der Begum zu erheben. Jedenfalls wußten sie nicht zu wenig davon auf langsamem aber sicherem Wege in ihre Taschen überzuleiten.

Unter diesen neuen Verhältnissen hatten sich die alten Bande zwischen Octave und Marcel bald gelockert. Kaum wechselten die beiden Freunde in langen Zwischenräumen einmal einen Brief miteinander. Welche Gemeinsamkeit bestand noch zwischen dem emsigen Arbeiter, der nur nach dem einen Ziele strebte, seine geistige Entwickelung nach allen Seiten zu vervollkommnen, und dem auf seinem Reichthum stolzen, hübschen jungen Mann, dessen Kopf einzig mit Clubgeschichten und Stallmemoiren erfüllt war?

Wir wissen, daß Marcel die Hauptstadt Frankreichs verließ, zuerst, um die Maßnahmen des Herrn Schultze zu beobachten, der eben Stahlstadt, eine Rivalin von France-Ville, auf dem nämlichen unabhängigen Gebiete der Vereinigten Staaten gegründet hatte, und später, um in den Dienst des Stahlkönigs einzutreten.

Octave führt sein unnützes Leben voller Zerstreuungen zwei Jahre hindurch. Endlich begab er sich, aller jener hohlen Dinge herzlich müde, nach Vergeudung einiger Millionen wieder zu seinem Vater, ein Schritt, der ihn noch in der zwölften Stunde vor dem Untergange – dem physischen weniger als dem moralischen – rettete. Jetzt wohnte er also in France-Ville, in dem Hause des Doctors.

Seine Schwester Jeanne hatte sich, ihrem Aeußeren nach zu urtheilen, zur herrlichen Jungfrau ausgebildet. Jetzt neunzehn Jahre alt, zeigte sie nach vierjährigem Aufenthalte in dem neuen Vaterlande alle hervorragenden Eigenschaften der Amerikanerin in Verbindung mit der Grazie der Französin. Ihre Mutter äußerte manchmal, daß sie erst seit dem stündlichen Zusammenleben mit der Tochter den Reiz eines innig vertrauten Umgangs kennen gelernt habe.

Frau Sarrasin selbst war seit der Heimkehr ihres verlornen Sohnes, ihres Kronprinzen, des Kindes ihrer Hoffnung, so vollkommen glücklich, als man es hiernieden überhaupt sein kann, denn sie fühlte sich als Theilnehmerin aller der Wohlthaten, die ihr Mann, Dank seinem unermeßlichen Reichthume, austheilen konnte und auch wirklich austheilte.

Am heutigen Abend hatte Dr. Sarrasin zwei seiner besten Freunde bei Tische, den Colonel Hendon, ein altes Ueberbleibsel vom Secessionskriege her, der damals einen Arm bei Pittsburg und ein Ohr bei Seven-Oaks zurückließ, seine Partie Schach aber noch ebensogut wie jeder Andere spielte, und dazu Herrn Lentz, den Oberleiter des Unterrichtswesens in der neuen Stadt.

Die Unterhaltung bewegte sich um einige städtische Verwaltungs-Angelegenheiten, wie um die in den öffentlichen Anstalten jeder Art, in den Schulen, Hospitälern, gegenseitigen Hilfscassen u.s.w. bisher erzielten Erfolge.

Nach dem Programme des Doctors, das auch der Unterweisung in der Religion eine Stelle anwies, hatte Herr Lentz mehrere Volksschulen in’s Leben gerufen, in denen es als Hauptaufgabe der Lehrer betrachtet wurde, den Geist der Kinder zu entwickeln, indem derselbe gewissermaßen einer intellektuellen Gymnastik unterworfen wurde, welche sich der natürlichen Entfaltung seiner Fähigkeiten möglichst anpaßte. Man lehrte den Kindern einen Zweig des Wissens eher lieben, bevor man sie damit vollpfropfte, und vermied damit jene seichten Kenntnisse, welche nach Montaigne »nur auf der Oberfläche des Gehirns schwimmen«, nicht in das Verständniß übergehen und weder weiser noch besser machen. Später, nach verständig geleiteter Vorbereitung, würde sich der dann einzuhaltende, fruchtversprechende Weg der Weiterbildung von selbst offenbaren.

In jener Zeit stand France-Ville übrigens in schönster Blüthe, in materieller wie in intellectueller Hinsicht. Hier fanden sich die hervorragendsten Gelehrten beider Halbkugeln zusammen. Künstler wie Maler, Bildhauer und Musiker, welche das Ansehen der Stadt herbeilockte, gab es in Menge. Unter solchen Meistern bildete sich die aufwachsende Jugend und versprach diesen Winkel Amerikas einst mit noch größerem Glanze zu umgeben. Man durfte mit Recht voraussetzen, daß dieses neue Athen französischen Ursprungs noch allen anderen Städten den Rang ablaufen werde.

Gleichzeitig ward in den höheren Schulen auch der militärischen Erziehung ihr Theil. Beim Abgange von denselben kannten die jungen Leute neben der Handhabung der Waffen auch die Grundsätze der Taktik und der Strategie.

Colonel Hendon sprach sich, als man dieses Thema berührte, auch mit größter Befriedigung über die jungen Recruten aus.

»Sie sind, sagte er, schon an die Gewaltmärsche, an Strapazen und alle körperlichen Uebungen gewöhnt. Unser Heer besteht aus allen wehrfähigen Männern der Stadt, und wenn der Tag einmal kommen sollte, würden sich gewiß Alle als geschulte, disciplinirte Soldaten erweisen.«

Wohl stand France-Ville mit allen Nachbarstaaten, die es sich bei jeder Gelegenheit zu Danke verpflichtet hatte, im besten Einvernehmen; kommt aber das eigene Interesse in Frage, so hat der Undank meist die lauteste Stimme; deshalb hielten Doctor Sarrasin und seine Freunde sich auch immer zu dem Grundsatze: Hilf Dir selbst, so wird Gott Dir helfen! – und waren also gewöhnt, sich nur auf sich allein zu verlassen.

Das Abendessen näherte sich dem Ende, der Nachtisch wurde eben aufgehoben und die Damen verließen, nach der hier zur Geltung gelangten angelsächsischen Sitte, den Tisch und das Gemach.

Doctor Sarrasin, Octave, Colonel Hendon und Herr Lentz setzten die begonnene Unterhaltung fort und besprachen die wichtigsten Fragen der politischen Oekonomie, als ein Diener eintrat und dem Doctor seine Zeitung überreichte.

Es war der »New-York Herald«. Dieses hochangesehene Blatt hatte von vornherein der Gründung und später der Entwickelung France-Villes mit wohlwollender Theilnahme gedacht und die ersten Persönlichkeiten der Stadt pflegten aus dessen Spalten sich über das Urtheil der Allgemeinheit bezüglich ihres Unternehmens zu unterrichten. Diese Vereinigung glücklicher, freier und in ihrem beschränkten Gebiete gänzlich unabhängiger Männer entbehrte natürlich auch nicht der Neider, und wenn die Bewohner France-Villes in Amerika auf der einen Seite Freunde besaßen, die sich ihrer annahmen, so gab es doch auch genug feindlich Gesinnte, die sie angriffen. Jedenfalls stand der »New-York Herald« auf ihrer Seite und versäumte nicht, ihnen öffentlich seine Achtung und Bewunderung zu zollen.

Plaudernd hatte Doctor Sarrasin das Kreuzband zerrissen und ließ ganz mechanisch seinen Blick über den ersten Artikel des Blattes gleiten.

Wie erstaunte er aber schon bei den ersten Zeilen, die er erst für sich und dann zur größten Verwunderung und tiefsten Entrüstung seiner Freunde mit lauter Stimme las:

»New-York, den 8. September. – Die nächsten Tage drohen mit der Erscheinung der gröblichsten Verletzung anerkannten Völkerrechtes. Wir vernehmen aus bester Quelle, daß in Stahlstadt die umfangreichsten Vorbereitungen im Werke sind, um France-Ville, die Stadt französischen Ursprungs, anzugreifen und zu vernichten. Wir wissen nicht, ob die Vereinigten Staaten im Stande oder gar verpflichtet sind, intervenirend in diesen Kampf einzutreten, der die lateinische und sächsische Race gegen einander aufhetzen könnte; wir unterlassen aber nicht, alle Männer von Ehrgefühl über diesen schnöden Mißbrauch der Gewalt zu benachrichtigen. Möge France-Ville keine Stunde verlieren, sich in Vertheidigungszustand zu setzen …« u.s.w.