Roman

Zehntes Capitel.


Zehntes Capitel.

Ein Artikel aus »Unser Jahrhundert«, deutsche Revue.

Einen Monat vor der Zeit, da sich die oben erzählten Ereignisse zutrugen, stand in einer deutschen Revue mit dem Titel »Unser Jahrhundert« ein Aufsatz bezüglich France-Villes, der im deutschen Kaiserreiche gerechtes Aufsehen machte, wahrscheinlich weil er die Verhältnisse dieser Stadt nur von ausschließlich materiellem Standpunkte aus beleuchtete.

»Wir haben unsere Leser schon von der merkwürdigen Erscheinung an der fernen Westküste der Vereinigten Staaten unterrichtet. Die große amerikanische Republik hat – in Folge der vielseitigen eingewanderten Elemente, welche ihre Bevölkerung umfaßt – uns schon seit langer Zeit an immer neue Ueberraschungen gewöhnt. Die letzte derselben ist gleichzeitig eine der merkwürdigsten, nämlich die Gründung der Stadt France-Ville, an die vor fünf Jahren noch kein Mensch dachte und welche sich schon heute eines unerwartet blühenden Wohlstandes erfreut.

Diese wunderbare Stadt ist wie durch Zauberkünste an der Küste des Pacifischen Oceans emporgewachsen. Wir wollen hier nicht prüfen, ob der Plan und die erste Idee zu derselben, wie man allgemein behauptet, von einem Franzosen, einem Doctor Sarrasin, ausgegangen ist oder nicht. Die Sache ist nicht unmöglich, da sich der genannte Arzt einer entfernten Verwandtschaft mit unserem berühmten Stahlkönig rühmen kann. Man setzt auch, beiläufig bemerkt, hinzu, daß die Aneignung einer beträchtlichen Erbschaft, welche rechtlicher Weise Herrn Schultze zukam, mit der Gründung von France-Ville in Verbindung steht. Ueberall, wo in der Welt etwas Gutes geschieht, darf man gewiß sein, darin wenigstens ein germanisches Samenkorn zu finden, eine Wahrheit, welche wir mit Genugthuung auch bei dieser Gelegenheit bestätigt sehen.

Doch wie dem auch sei, wir fühlen uns verpflichtet, unseren Lesern eingehende und verläßliche Einzelheiten über diese Musterstadt mitzutheilen.

Man erspare sich die Mühe, den Namen derselben auf der Landkarte zu suchen. Selbst der große Atlas in 378 Foliobänden, herausgegeben von unserem berühmten Tüchtigmann, wo alle Gebüsche und Baumgruppen der Alten und Neuen Welt mit größter Genauigkeit verzeichnet stehen, selbst dieses großartige Denkmal geographischer Wissenschaft enthält noch keine Spur von France-Ville. Noch vor fünf Jahren breitete sich an der Stelle, welche die neue Stadt jetzt einnimmt, eine öde Wüstenei aus. Der betreffende Punkt liegt unter 43° 11′ 3″ nördlicher Breite und 124° 41′ 17″ westlicher Länge von Greenwich. Er findet sich, wie man hieraus ersieht, nahe der Küste des Stillen Oceans, am Fuße der secundären Kette der Felsengebirge, der den Namen Cascaden-Berge erhalten hat, zwanzig Meilen nördlich vom Cap Blanc, Staat Oregon, Nordamerika.

Mit peinlichster Sorgfalt wurde diese geeignetste Stelle unter vielen anderen ziemlich günstigen Oertlichkeiten ausgewählt. Ausschlaggebend für die endliche Entscheidung war ihre Lage in der gemäßigten Zone der nördlichen Halbkugel, welche bezüglich der Civilisation unserer Erde stets den Reigen anführt, wie in der Mitte einer Föderativ-Republik und gleichzeitig eines noch neuen Staates, der ihr vorläufig eine gewisse Unabhängigkeit gewährleistete und der Stadt mit ihrem Gebiete ähnliche Rechte einräumte, wie sie etwa das Fürstenthum Monaco in Europa genießt – unter der Bedingung, nach einer gewissen Reihe von Jahren in den Staatenbund der Union einzutreten; – die Nähe des Oceans, der doch mehr und mehr zur Landstraße der Welt wird; – die bergige fruchtbare und ungemein gesunde Natur des Erdbodens; – die Nachbarschaft einer Bergkette, welche vor den Nord-, Süd- und Ostwinden gleichmäßig schützte und es der vom Meere hereinwehenden Brise überließ, die Atmosphäre der Stadt zu erneuern; – das Vorhandensein eines kleinen Flusses, dessen frisches, süßes, weiches, durch wiederholte Fälle sowohl wie durch rasche Strömung reichlich oxygenirtes Wasser sich noch vollkommen klar in’s Meer ergießt; – endlich ein natürlicher Hafen, der durch Dammschüttungen leicht vergrößert werden könnte und den ein bogenförmig verlaufendes Vorgebirge bildete.

Hier sei auch noch einiger minder bedeutender Vorzüge erwähnt, wie der Nähe ergiebiger Marmor- und Steinbrüche, eines Lagers von Kaolin und endlich sogar des Vorkommens goldhaltiger Geschiebe. Gerade um dieses letzteren Umstandes willen hätte man sich beinahe von hier weggewendet; die Begründer der Stadt glaubten, der Eintritt des Goldfiebers könnte ihre besten Pläne durchkreuzen. Zum Glück fanden sich aber nur sehr wenige und ganz kleine Goldkörner vor.

Wenn die Wahl des Terrains auch nur auf Grund der ernstesten und eingehendsten Erwägungen erfolgte, so hatte sie doch nur zwei Tage in Anspruch genommen und auch nicht erst eine besondere Expedition nöthig gemacht. Die Kenntniß unserer Erdkugel ist jetzt so weit vorgeschritten, daß man sich über die entlegensten Punkte derselben, auch ohne sein Zimmer zu verlassen, Auskunft verschaffen kann.

Nach Entscheidung dieses Punktes schifften sich zwei Abgesandte des Gründungs-Comités auf dem nächsten Liverpooler Dampfer ein, gelangten in elf Tagen nach New-York, sieben Tage später nach San-Francisco und mietheten hier ein Dampfboot, das sie nach zehn Stunden an der erwählten Stelle an’s Land setzte.

Die unumgänglichen Verhandlungen mit der Legislatur von Oregon wegen Gewinnung der Concession zum Landerwerb längs der Meeresküste am Fuße der Cascaden-Berge und in einer Breite von vier englischen Meilen, sowie die mit einigen tausend Dollars erreichte Abfindung von ein halb Dutzend Pflanzern, welche auf das betreffende Land begründete oder vorgebliche Ansprüche erhoben – Alles das bedurfte kaum der Zeit eines Monats.

Im Januar 1872 war das Gebiet schon besichtigt, vermessen, abgesteckt und näher untersucht, während eine Armee von 20.000 chinesischen Kulis unter Anleitung von 500 europäischen Werkführern und Ingenieuren rüstig an die Arbeit ging, Maueranschläge in ganz Kalifornien, eine permanente Waggon-Annonce im Schnellzuge, der jeden Morgen von San-Francisco abgeht und den ganzen amerikanischen Continent durchfliegt, endlich eine tägliche Reclame in den dreiundzwanzig Journalen der genannten Stadt hatten hingereicht, die notwendigen Arbeitskräfte herbeizuziehen.

Man hatte sogar Abstand nehmen können von der zur Zeit so beliebten »Bekanntmachung im großen Styl«, nämlich durch Ausmeißelung riesiger Buchstaben in den der Bahnstrecke benachbarten Felsengebirgen, obgleich eine Gesellschaft sich unter Ermäßigung der gewöhnlichen Preise dazu erbot. Hierbei ist freilich nicht zu vergessen, daß die massenhafte Zuströmung chinesischer Kulis nach Nordamerika gerade damals eine merkbare Störung auf dem Arbeitsmarkte hervorgerufen hatte. Mehrere Staaten sahen sich genöthigt, jene armen Teufel in Massen auszutreiben, um die Existenz ihrer eigenen Einwohner zu sichern und blutigen Zusammenstößen vorzubeugen. Die Gründung von France-Ville rettete da Viele vor dem Untergange. Der Taglohn wurde für Alle gleichmäßig auf einen Dollar festgesetzt, der jedoch erst nach Vollendung der Arbeit ausgezahlt werden sollte, während die nöthigen Lebensbedürfnisse bis dahin von den Verwaltungsorganen geliefert wurden. Auf diese Weise verhütete man jede Unordnung und jede schamlose Speculation, welche so häufig bei der Versetzung größerer Volksmengen vorzukommen pflegen. Der gesammte Arbeitslohn ward allwöchentlich unter Zuziehung von Deputirten der Arbeiter nach der Bank von San-Francisco abgeführt, während jeder Kuli, der den seinigen in Anspruch nahm, sich verpflichten mußte, seine Stellung zu verlassen und überhaupt nicht hierher zurückzukehren. Es war das eine von der Nothwendigkeit, sich der gelben Bevölkerung wieder entledigen zu können, unbedingt gebotene Maßregel, denn jene wäre auf den Typus und den Geist der neuen Stadt gewiß nicht ohne nachteiligen Einfluß geblieben. Da die Gründer sich überdies das Recht vorbehalten hatten, Jedermann den Aufenthalt hier zu genehmigen oder zu versagen, so ließ sich jene Bestimmung von Anfang an leicht durchführen.

Das erste größere Unternehmen bestand in der Herstellung einer Geleisverbindung mit der Pacific-Railroad, welche zunächst nach Sacramento führte. Man suchte dabei alle größeren Dammschüttungen oder tieferen Einschnitte, die einen üblen Einfluß auf die Gesundheit der Nachbarschaft hätten ausüben können, möglichst zu vermeiden. Diese Arbeit und gleichzeitig die Fertigstellung des Hafens wurde mit außergewöhnlichem Eifer betrieben. Mit dem Monat April trafen auf dem Bahnhofe von France-Ville die bisher noch in Europa zurückgebliebenen Comité-Mitglieder mit dem ersten directen Zuge von New-York ein.

Inzwischen waren der allgemeine Plan der Stadt entworfen und die leitenden Grundsätze für Errichtung der Privatwohnungen und öffentlichen Gebäude festgestellt worden.

An nothwendigem Materiale mangelte es keineswegs; auf die ersten Nachrichten über dieses Project hin beeilte sich die amerikanische Industrie, die Quais von France-Ville mit allen nur denkbaren Baumaterialien zu überschwemmen. Die Gründer geriethen vielmehr wegen der großen Auswahl in Verlegenheit. Sie beschlossen zunächst, daß Quadersteine nur zu öffentlichen Gebäuden und sonst nur zur Ausschmückung benützt, das Mauerwerk für Wohnhäuser aber aus gebrannten Ziegeln errichtet werden solle. Wohlverstanden aber nicht aus jenen unförmigen, groben, mit mehr oder weniger Erde vermischten, oft nur halbgebrannten Ziegeln, sondern aus leichten, nach Form, Gewicht und Dichtigkeit gleichen und ihrer Länge nach von parallelen cylindrischen Luftzügen durchborten Backsteinen. Diese immer aneinander gefügten Oeffnungen sollten dann in der ganzen Mauer verlaufende und an den Enden freimündende Kanäle bilden, um der Luft auf diese Weise vollkommen unbehinderte Circulation sowohl in den Umfassungsmauern der Gebäude als auch in deren Innenwänden zu gewähren2. Eine solche Anordnung hatte daneben noch den Vortheil, den Schall bedeutend abzuschwächen und jeden Raum gewissermaßen unabhängig von den nebenliegenden zu machen.

Das Comité sah davon ab, den Bauenden einen gewissen Typus der Häuser vorzuschreiben; es bekannte sich vielmehr als Gegner einer ermüdenden, geschmacklosen Gleichförmigkeit und begnügte sich, nur folgende Grundregeln aufzustellen, nach welchen die Architekten sich zu richten hätten:

1. Jedes Haus soll für sich isolirt mitten auf einem mit Bäumen, Rasenplätzen und Blumen ausgestatteten Platze stehen und für je eine einzige Familie eingerichtet werden.

2. Kein Haus darf mehr als zwei Stockwerke enthalten; Licht und Luft sollen von Niemand zum Nachtheile eines Anderen abgesperrt werden.

3. Die Front jedes Gebäudes soll zehn Meter von der Straße zurückstehen und von letzterer durch ein Gitter in Armhöhe geschieden sein. Der Raum zwischen Gitter und Façade ist als Blumengarten herzurichten.

4. Die Mauern sind aus patentirten, probemäßigen Tubular-Backsteinen zu errichten. Bezüglich der Ausschmückung gilt keinerlei Vorschrift.

5. Die Dächer sind flach, mit leichter Neigung nach allen vier Seiten des Hauses anzulegen, mit Asphalt abzudecken und mit einem gegen Unfall sichernden Schutzgitter zu versehen; auch ist für geeignete Vorrichtung zum schnellen Abfluß der atmosphärischen Niederschläge zu sorgen.

6. Alle Häuser sollen auf Kellerwölbungen ruhen, welche nach allen Seiten offen sind. Wasserleitungen und Abfallrohre verlaufen an dem mittelsten Hauptpfeiler, um ihren Zustand bequem im Auge behalten zu können und im Falle einer Feuersbrunst den nöthigen Wasservorrath bei der Hand zu haben. Der Boden jener, das Straßenniveau mindestens einen halben Meter überragenden Gewölbehalle ist sorgfältig zu besanden. Von letzterer führt eine besondere Treppe nach den Küchen und sonstigen Wirthschaftsräumen, so daß alle darauf bezüglichen Verrichtungen ausgeführt werden können, ohne den Gesichts- oder Geruchssinn zu beleidigen.

7. Küchen, Wirthschaftsräume u. s. w. werden, abweichend von dem gewöhnlichen Gebrauch, in das oberste Stockwerk verlegt und stehen daselbst in bequemer Verbindung mit dem platten Dache, das zu ihnen gewissermaßen einen geräumigen Anhang in freier Luft darstellt. Ein Aufzug, bewegt durch mechanische Kräfte, die den Einwohnern ebenso wie das künstliche Licht und das Wasser zu ganz mäßigen Preisen geliefert werden, besorgt die Beförderung aller Lasten nach jenem Stockwerke.

8. Die Anordnung der Zimmereinrichtung bleibt dem Gutdünken jedes Einzelnen überlassen. Streng verpönt sind nur zwei gefährliche Krankheits-Erzeuger, zwei wirkliche Miasmen-Brutstätten und Gift-Laboratorien: Teppiche und Tapeten! Die von geschickten Ebenisten aus kostbaren Holzarten künstlich zusammengefügten Parquettfußböden könnten nur verlieren, wenn sie unter Wollengeweben von stets zweifelhafter Sauberkeit verborgen würden. Die mit geglätteten und gefirnißten Backsteinen bekleideten Mauern prunken in dem Glanze und der Abwechslung der Gemächer aus der besten Zeit Pompejis und zeigen dabei eine Fülle und Dauerhaftigkeit der Farben, welche die Tapeten mit ihren feinvertheilten Giftsubstanzen nimmermehr erreichen. Man wäscht sie einfach ab wie Spiegel- oder Fensterscheiben, oder wie man Fußböden und Deckenflächen abreibt. Dabei kann sich keine Spur eines Krankheitskeimes in irgend einem Hinterhalte verstecken.

9. Schlaf- und Ankleidezimmer müssen getrennt sein. Es kann nicht warm genug empfohlen werden, das erstere, in dem man ja den dritten Theil des Lebens zubringt, so groß, so luftig und zugleich so einfach als möglich herzustellen. Es hat dasselbe eben nur zum Schlafen zu dienen; vier Stühle, ein eisernes Bett mit Roßhaar-Stahlfedermatratze und eine fleißig ausgeklopfte wollene Decke genügen zu seiner Ausstattung. Daunenbetten, gesteppte und andere Fußdecken sind als die mächtigen Verbündeten epidemischer Krankheiten natürlich ausgeschlossen. Feine, leichte und warmhaltende Wollendecken, welche leicht zu reinigen sind, ersetzen jene vollständig. Ohne über Vorhänge und andere Draperien etwas Besonderes zu bestimmen, folge man doch dem Rathe, dieselben nur aus leicht waschbaren Stoffen zu wählen.

10. Jedes Zimmer erhalte seinen eigenen Kamin, der nach Belieben mit Holz oder Kohle geheizt werden mag, für jede Feuerstelle soll aber auch eine nach außen mündende Oeffnung zum Aufsaugen frischer Luft vorhanden sein. Was den Rauch betrifft, so soll derselbe nicht unmittelbar durch die Dächer entweichen, sondern durch unterirdische Kanäle nach speciellen, auf städtische Kosten zu unterhaltende Oefen geleitet werden, deren jeder den Rauchabgang von je 200 Häusern aufnimmt, von den schwebenden Kohlentheilchen befreit und in einer Höhe von 35 Meter in farblosem Zustande in die Luft entläßt.

Hiermit schließen die für Errichtung der Einzelwohnungen aufgestellten Regeln.

Auch die für das Allgemeine maßgebenden Grundsätze sind nur nach sorgfältigster Erwägung aufgestellt.

Der Plan der ganzen Stadt zeichnet sich zunächst durch seine Einfachheit und Regelmäßigkeit aus, welche eine unbegrenzte Weiterentwickelung gestatten. Die sich rechtwinkelig kreuzenden Straßen folgen einander in gleichen Abständen und sind alle gleich breit, mit Bäumen bepflanzt und durch Nummern bezeichnet.

Von ein halb zu einem halben Kilometer unterbricht diese Ordnung eine breitere, alleeartige Straße mit einer nicht bepflanzten Strecke an jeder Seite, welche für die städtischen Pferde- und Dampfeisenbahnen bestimmt ist. Jede Kreuzung einer solchen Allee bildet einen öffentlichen, vorläufig mit schönen Copien der Meisterwerke der Sculptur geschmückten Garten, bis einst die Künstler von France-Ville selbst würdige Originale an Stelle jener Copien geschaffen haben.

Alle Beschäftigungsarten und jede Handelsthätigkeit sind frei.

Zur Erlangung des Aufenthaltsrechtes in France-Ville genügt es, aber ist es auch unbedingt nöthig, gute Empfehlungen beizubringen, sowie den Nachweis der Befähigung zu nützlicher Thätigkeit in einem Gewerbe, einer Wissenschaft oder einer Kunst, und sich endlich zur Einhaltung der städtischen Gesetze zu verpflichten. Eigentliche Müßiggänger bleiben von dem Gemeinwesen ausgeschlossen.

Oeffentliche Gebäude wuchsen schon in großer Zahl empor. Die hervorragendsten derselben sind die Hauptkirche, eine Anzahl Kapellen, die Museen, Bibliotheken und die Volks- und Gelehrtenschulen, welche man so luxuriös und mit Rücksicht auf alle hygienischen Anforderungen hergestellt hat, daß sie jeder Großstadt zur Ehre gereichen würden.

Selbstverständlich unterliegen die Kinder einem weisen Schulzwange, der sie nöthigt, an allen geistigen und körperlichen Uebungen theilzunehmen, welche die gleichmäßige Gehirn- und Muskelausbildung derselben verbürgt. Man gewöhnt sie dabei an eine so strenge Reinlichkeit, daß sie vor einem Flecken auf ihren einfachen Kleidern bald einen wirklichen Abscheu empfinden.

Die Beobachtung der peinlichsten Reinlichkeit seitens des Einzelnen wie der Gesammtheit lag den Gründern von France-Ville übrigens vom Anfang an vorwiegend am Herzen. Zu säubern und immer wieder zu säubern, alle Miasmen, welche jede Anhäufung von Menschen nothwendiger Weise mit sich bringt, schon im Keime zu ersticken und unschädlich zu machen, das betrachtete die städtische Verwaltung überhaupt als ihre wichtigste Aufgabe. Zu dem Zwecke wurde der Abfluß der Kloaken vor der Stadt gesammelt und einem geeigneten Verfahren unterworfen, wodurch er verdichtet und zur bequemen Ueberführung nach den Feldern geeignet gemacht wurde.

Wasser fließt überall in reichlicher Menge. Die mit getheertem Holz gepflasterten Straßen, wie die mit Steinplatten belegten Fußwege erinnern an die Sauberkeit eines holländischen Hauses. Nahrungsmittel werden unablässig besichtigt und untersucht, und drohen solchen Händlern, welche es versuchen sollten, sich auf Kosten der öffentlichen Gesundheit zu bereichern, sehr empfindliche Strafen. Ein Geschäftsinhaber, der ein schlechtes Ei, verdorbenes Fleisch oder einen Liter Milch von zweifelhafter Güte verkauft, wird als Vergifter – und ein solcher ist er ja in der That – behandelt und verurtheilt. Die Handhabung der so notwendigen und doch so schwierigen Gesundheitspolizei ist erfahrenen Männern, wirklichen Specialisten in diesem Fache anvertraut, welche in den Normalschulen hierzu eigens herangebildet werden.

Ihre Befugniß, rechtskräftig einzuschreiten, erstreckt sich sogar bis auf die in großem Style eingerichteten Waschanstalten, welche mit Dampf arbeiten und neben geräumigen Trockensälen vorzüglich auch Desinfections- Zimmer besitzen. Niemand erhält seine Leibwäsche zurück, ohne daß dieselbe gründlich gebleicht worden wäre, und dabei achtet man auch sorgfältig darauf, die Sendungen zweier Familien niemals zu vermengen. Diese einfache Vorsichtsmaßregel ist von ganz unberechenbarem Erfolge.

Krankenhäuser giebt es nur wenige; man bevorzugt allgemein die häusliche Verpflegung und jene dienen nur für wohnungslose Fremde oder ganz außergewöhnliche Fälle. Es ist wohl kaum nöthig, hervorzuheben, daß in den Köpfen der Begründer dieser Musterstadt der Gedanke nicht platzgreifen konnte, ein Krankenhaus in weit größerem Umfange als gewöhnliche Gebäude herzustellen und sieben- bis achthundert Kranke auf einem einzigen Infectionsherde zusammenzupferchen. Im Gegentheil, statt der wissenschaftlich gar nicht zu begründenden Methode, mehrere Kranke an einer Stelle zu vereinigen, strebte man vielmehr darnach, solche möglichst zu isoliren, eine Maßregel, welche deren eigenes, wie das öffentliche Interesse gebieterisch erheischt. Selbst in jedem Privathause sorgt man dafür, einen Kranken in einem abgesperrten Zimmer zu pflegen. So dienen die kleinen Krankenhäuser eigentlich mehr nur als zeitweilige Stationen für dringende Fälle. Zwanzig, höchstens dreißig Kranke finden, jeder in einem Raume für sich, Unterkunft in den leichten, aus Weidenholz errichteten Baracken, die man jedes Jahr einfach abbrennt, um sie neu zu errichten. Diese nach feststehendem Modell errichteten luftigen Bauten gewähren auch noch den Vortheil einer leichten Ueberführung nach dem oder jenem Theile der Stadt und einer dem jeweiligen Bedarf entsprechenden Vermehrung oder Verminderung.

Als nennenswerthe Neuerung ist die Ausbildung eines ganzen Corps geprüfter Krankenpflegerinnen zu betrachten, welche die Verwaltung zur Verfügung der Bewohner bereit hält. Diese sorgfältig ausgewählten Frauen leisten den Aerzten eine gar nicht zu unterschätzende Hilfe. Sie treten in den Schooß der betroffenen Familien, ausgerüstet mit den so nothwendigen und gerade im Momente der Gefahr oft schmerzlich vermißten praktischen Kenntnissen, und erfüllen neben der Aufgabe, den Kranken zu pflegen, auch die andere, der Verbreitung der Krankheit selbst entgegen zu wirken.

Es würde viel zu weit führen, wollte man hier alle hygienischen Verbesserungen aufzählen, welche die Gründer der neuen Stadt daselbst eingeführt haben. Jeder Bewohner erhält bei seiner Ankunft ein kleines Büchlein eingehändigt, das ihm die wichtigsten Grundregeln einer wissenschaftlich geordneten Lebensweise in einfacher leichtverständlicher Sprache erläutert.

Er ersieht daraus, daß das möglichst vollkommene Gleichgewicht aller Functionen eine Grundbedingung der Gesundheit bildet; daß den Organen des Körpers Arbeit und Ruhe gleich nothwendig sind; daß das Gehirn der Ermüdung ebenso bedarf, wie die Muskeln; daß neun Zehntel aller Krankheiten von einer durch die Luft oder durch Nahrungsmittel verbreiteten Ansteckung herrühren. Er wird um seine Wohnung und seine Person also so viel als möglich »Quarantäne-Anstalten« errichten. Die Enthaltung von aufregenden Giften (Spirituosen u. dgl.), tägliche Körperübungen, gewissenhafte Durchführung auch geistiger Arbeit, der Genuß reinen Wassers, gesunden Fleisches und leichter, einfach zubereiteter Gemüse, eine regelmäßige Nachtruhe von sieben bis acht Stunden, das ist so etwa das ABC der Gesundheit.

Während wir von den durch die Begründer aufgestellten Grundzügen ausgingen, haben wir von dieser eigenartigen Stadt unwillkürlich wie von einem in sich vollendeten Gemeinwesen gesprochen. Und in der That erhoben sich, nachdem nur die ersten Gebäude errichtet waren, die weiteren wie durch Zauberschlag aus der Erde. Man muß den »Far-West« (fernen Westen) selbst besucht haben, um dieses wunderbare Emporblühen der Städte zu verstehen. Im Januar 1872 noch eine Einöde, zählte die erwählte Ansiedelungsstelle 1873 schon 6000 Gebäude; im Jahre 1874 standen 9000 vollendet.

An diesem unerhörten Erfolge hat freilich auch die Speculation ihren Antheil. Auf dem ausgedehnten und anfangs ziemlich werthlosen Terrain wurden die Häuser gleich in Massen erbaut und dann zu sehr mäßigen Preisen und unter annehmbaren Bedingungen vermiethet. Die vollständige Zollfreiheit, die politische Unabhängigkeit des kleinen, isolirten Gebietes, der Reiz der Neuheit und die Milde des Klimas lenkten die Auswanderung hierher. Zur Zeit zählt France-Ville schon 100.000 Einwohner.

Von größerem Werthe und für uns von alleinigem Interesse erscheint die Thatsache, daß dieses hygienische Experiment als vollkommen geglückt zu betrachten ist. Während die jährliche Sterblichkeit in den meistbegünstigten Städten Europas und der Neuen Welt nie merkbar unter drei Procent herabgegangen ist, erreicht der fünfjährige Durchschnitt für France-Ville nur anderthalb Procent. Auf die Höhe dieser Ziffer wirkte auch noch eine kleine Sumpffieber-Epidemie, welche ganz im Anfange ausbrach. Die Sterblichkeit des letzten Jahres z. B. erreicht nur ein und ein Viertel Procent. Eine andere gewichtige Erscheinung ist die, daß mit sehr wenigen Ausnahmen alle registrirten Todesfälle von specifischen, meist angeerbten Erkrankungen herrühren. Zufällige Erkrankungen waren dagegen ungemein selten, beschränkter und minder gefährlicher Natur, als an irgend einem anderen Orte. Eigentliche Epidemien kamen gar nicht zur Beobachtung.

Wir werden die weitere Entwickelung dieses Versuches im Großen stets mit Interesse verfolgen. Es wäre vorzüglich werthvoll, festzustellen, ob der Einfluß einer wissenschaftlich geordneten Lebensweise auf eine ganze Generation, oder lieber auf mehrere einander folgende Generationen wohl im Stande wäre, auch angeerbte krankhafte Anlagen aufzuheben.

»Eine solche Hoffnung erscheint gar nicht zu kühn, schreibt einer der Begründer dieser wunderbaren Colonie, und wie weittragend müßten in diesem Falle die Folgen davon sein! Die Menschen würden bis zum neunzigsten oder hundertsten Jahre leben und, wie die meisten Thiere, wie die pflanzlichen Organismen, nur in Folge von Altersschwäche eingehen!«

Ein solcher Traum hat wirklich viel Verführerisches.

Sollen wir indeß unsere innerste Ueberzeugung aussprechen, so glauben wir vorläufig noch nicht sehr fest an den endlichen Erfolg des ganzen Experimentes.

Einen Grund- und Hauptfehler finden wir darin, daß die Leitung in Händen von lateinischer Abstammung ruht und das germanische Element davon principiell ausgeschlossen wurde. Das ist ein übles Vorzeichen. Seit die Welt besteht, ist nichts Beständiges geschaffen worden, außer durch Deutschland, und so wird es auch in Zukunft sein. Die Gründer von France-Ville vermochten wohl den Weg zu bahnen, über einige dunkle Punkte Licht zu verbreiten; aber nicht an diesem Punkte Amerikas, in Syrien ist es, wo wir einst die wahre Musterstadt werden emporwachsen sehen.«

  1. Diese Vorschriften wie überhaupt die ganze Idee zu dem hier entwickelten Plane sind einem Entwurfe des Dr. Benjamin Ward Richardson, Mitglied der Königl. Ges. d. Wissensch. in London, entlehnt.

Elftes Capitel.


Elftes Capitel.

Ein Abendessen bei Dr. Sarrasin.

Am 13. September – nur wenige Stunden vor dem von Herrn Schultze für die Zerstörung France-Villes festgesetzten Zeitpunkte – hatten weder der Gouverneur noch die Einwohner der Stadt eine Ahnung von der ihnen drohenden entsetzlichen Gefahr.

Es war um sieben Uhr Abends.

Lauschig verdeckt von dichten Oleandern und Tamarinden, dehnte sich die freundliche Stadt längs des Abhanges der Cascadenberge aus, während die kurzen Wellen des Stillen Oceans sich an ihren Marmor-Quais geräuschlos brachen. Die sorgsam gesprengten, von der frischen Meeresbrise durchwehten Straßen boten ein ebenso lachendes wie belebtes Bild. Die Bäume, welche sie beschatteten, murmelten in leisem Rauschen. Die Rasenplätze prangten im herrlichsten Grün. Auf schmucken Beeten öffneten die Blumen ihre Kelche und strömten liebliche Wohlgerüche aus. Selbst die Häuser schienen selbstgefällig zu lächeln in ihrem sauberen weißen Gewande. Die Luft war ruhig, der Himmel blau wie das endlose Meer, das am Ende der langen Alleestraßen glänzte.

Ein Reisender, der zufällig die Stadt betreten hätte, würde erstaunt gewesen sein über das gesunde Aussehen der Bewohner und über das rege Treiben, das in den Straßen herrschte. Man schloß soeben die in einem Quartiere vereinigten Akademien für Malerei, Bildhauerkunst und Musik nebst der öffentlichen Bibliothek, in welch‘ genannten Anstalten ausgezeichnete Lehrcurse mit stets nur wenigen Schülern abgehalten wurden, wobei jeder Einzelne dafür desto größeren Nutzen daraus zu ziehen vermochte. Die Menschenmenge, welche jenen Instituten entströmte, veranlaßte zeitweilig sogar wirkliche Verkehrshindernisse; trotzdem ließ sich kein ungeduldiger Ausruf, kein wüstes Geschrei vernehmen. Alles trug das Gepräge der Ruhe und Befriedigung.

Nicht im Herzen der Stadt, sondern nahe der Küste des Oceans hatte die Familie Sarrasin sich ihr trauliches Heim errichtet. Hier ließ sich gleich zu Anfang – denn sein Haus gehörte zu den zuerst vollendeten Bauten – Doctor Sarrasin mit Gattin und seiner Tochter Jeanne nieder.

Octave, der improvisirte Millionär, zog es vor, in Paris zu bleiben; jetzt fehlte ihm aber Marcel, der treue Mentor, sehr fühlbar.

Seit jener Zeit, wo sie in der Rue du Roi-de-Sicile bei einander wohnten, hatten sich die beiden Freunde fast aus dem Gesichte verloren. Als der Doctor mit Frau und Tochter nach der Küste von Oregon auswanderte, blieb Octave also als sein eigener Herr zurück. Bald wendete er sich von der Schule, wo er nach seines Vaters Wunsche die Studien fortsetzen sollte, mehr und mehr ab und fiel beim letzten Examen, das Marcel mit der ersten Censur bestand, elend durch.

Bis dahin war Marcel der Compaß des armen Octave gewesen, der nun einmal seinen Weg nicht allein zu finden wußte. Nach der Abreise des jungen Elsäßers begann er in Paris bald das Leben eines großen Herrn zu führen. Den größten Theil seiner Zeit verbrachte er auf dem Bocke eines prächtigen Viergespanns, das fortwährend zwischen der Avenue Marigny, wo er jetzt wohnte, und den verschiedenen Rennbahnen innerhalb der Bannmeile umherjagte. Octave Sarrasin, der noch vor drei Monaten sich kaum im Sattel der Reitbahnpferde halten konnte, die er damals stundenweise miethete, war plötzlich zu einem der in die Geheimnisse der Hippologie am besten eingeweihten Männer Frankreichs geworden. Diese »Erziehung« verdankte er einem von ihm gemietheten englischen Groom, der ihn durch den Reichthum seiner Fachkenntnisse vollkommen zu beherrschen verstand.

Schneider, Sattler, Schuhmacher beanspruchten seine Morgenstunden. Die Abende gehörten den kleinen Theatern und den funkelnagelneuen, an der Ecke der Rue Trouchet eröffneten Gesellschaftssälen, welche Octave deshalb bevorzugte, weil er hier Leute fand, die wenigstens seinem Gelde die Ehren erwiesen, die seine Verdienste ihm doch niemals errungen hätten. Die Welt hier erschien ihm als das Ideal der Vornehmheit. Auffallender Weise zeigte die im Vorzimmer angebrachte, kostbar eingerahmte Liste der Besucher nur ausländische Namen. Vielsagende Titel wucherten hier wie Unkraut, so daß man beim Durchlesen derselben eher geglaubt hätte, im Vorzimmer eines heraldischen Hörsaales zu verweilen. Beim weiteren Eindringen mußte man sich dagegen unwillkürlich in eine lebende ethnologische Ausstellung versetzt glauben. Alle großen Nasen und gelben Teints der Alten und der Neuen Welt schienen sich hier ein Stelldichein gegeben zu haben. Diese kosmopolitischen Gestalten erschienen zwar alle in höchst sorgfältiger Garderobe, doch verrieth dabei die sichtbare Bevorzugung hellfarbiger Stoffe das ewige Bestreben der schwarzen und gelben Racen, sich äußerlich den »Bleichgesichtern« möglichst ähnlich zu machen.

Octave Sarrasin erschien inmitten dieser Zweihänder wie ein kleiner Gott. Man citirte seine Worte, copirte seine Cravaten und erkannte seine Urtheile als Glaubens-Artikel an. Betäubt von solchem Weihrauchdufte, bemerkte er selbst dann gar nicht, daß er bei jeder Gelegenheit stets sein Geld verlor. Einige Mitglieder des Clubs, geborne Orientalen, schienen für sich einen gewissen Anspruch auf die Nachlassenschaft der Begum zu erheben. Jedenfalls wußten sie nicht zu wenig davon auf langsamem aber sicherem Wege in ihre Taschen überzuleiten.

Unter diesen neuen Verhältnissen hatten sich die alten Bande zwischen Octave und Marcel bald gelockert. Kaum wechselten die beiden Freunde in langen Zwischenräumen einmal einen Brief miteinander. Welche Gemeinsamkeit bestand noch zwischen dem emsigen Arbeiter, der nur nach dem einen Ziele strebte, seine geistige Entwickelung nach allen Seiten zu vervollkommnen, und dem auf seinem Reichthum stolzen, hübschen jungen Mann, dessen Kopf einzig mit Clubgeschichten und Stallmemoiren erfüllt war?

Wir wissen, daß Marcel die Hauptstadt Frankreichs verließ, zuerst, um die Maßnahmen des Herrn Schultze zu beobachten, der eben Stahlstadt, eine Rivalin von France-Ville, auf dem nämlichen unabhängigen Gebiete der Vereinigten Staaten gegründet hatte, und später, um in den Dienst des Stahlkönigs einzutreten.

Octave führt sein unnützes Leben voller Zerstreuungen zwei Jahre hindurch. Endlich begab er sich, aller jener hohlen Dinge herzlich müde, nach Vergeudung einiger Millionen wieder zu seinem Vater, ein Schritt, der ihn noch in der zwölften Stunde vor dem Untergange – dem physischen weniger als dem moralischen – rettete. Jetzt wohnte er also in France-Ville, in dem Hause des Doctors.

Seine Schwester Jeanne hatte sich, ihrem Aeußeren nach zu urtheilen, zur herrlichen Jungfrau ausgebildet. Jetzt neunzehn Jahre alt, zeigte sie nach vierjährigem Aufenthalte in dem neuen Vaterlande alle hervorragenden Eigenschaften der Amerikanerin in Verbindung mit der Grazie der Französin. Ihre Mutter äußerte manchmal, daß sie erst seit dem stündlichen Zusammenleben mit der Tochter den Reiz eines innig vertrauten Umgangs kennen gelernt habe.

Frau Sarrasin selbst war seit der Heimkehr ihres verlornen Sohnes, ihres Kronprinzen, des Kindes ihrer Hoffnung, so vollkommen glücklich, als man es hiernieden überhaupt sein kann, denn sie fühlte sich als Theilnehmerin aller der Wohlthaten, die ihr Mann, Dank seinem unermeßlichen Reichthume, austheilen konnte und auch wirklich austheilte.

Am heutigen Abend hatte Dr. Sarrasin zwei seiner besten Freunde bei Tische, den Colonel Hendon, ein altes Ueberbleibsel vom Secessionskriege her, der damals einen Arm bei Pittsburg und ein Ohr bei Seven-Oaks zurückließ, seine Partie Schach aber noch ebensogut wie jeder Andere spielte, und dazu Herrn Lentz, den Oberleiter des Unterrichtswesens in der neuen Stadt.

Die Unterhaltung bewegte sich um einige städtische Verwaltungs-Angelegenheiten, wie um die in den öffentlichen Anstalten jeder Art, in den Schulen, Hospitälern, gegenseitigen Hilfscassen u.s.w. bisher erzielten Erfolge.

Nach dem Programme des Doctors, das auch der Unterweisung in der Religion eine Stelle anwies, hatte Herr Lentz mehrere Volksschulen in’s Leben gerufen, in denen es als Hauptaufgabe der Lehrer betrachtet wurde, den Geist der Kinder zu entwickeln, indem derselbe gewissermaßen einer intellektuellen Gymnastik unterworfen wurde, welche sich der natürlichen Entfaltung seiner Fähigkeiten möglichst anpaßte. Man lehrte den Kindern einen Zweig des Wissens eher lieben, bevor man sie damit vollpfropfte, und vermied damit jene seichten Kenntnisse, welche nach Montaigne »nur auf der Oberfläche des Gehirns schwimmen«, nicht in das Verständniß übergehen und weder weiser noch besser machen. Später, nach verständig geleiteter Vorbereitung, würde sich der dann einzuhaltende, fruchtversprechende Weg der Weiterbildung von selbst offenbaren.

In jener Zeit stand France-Ville übrigens in schönster Blüthe, in materieller wie in intellectueller Hinsicht. Hier fanden sich die hervorragendsten Gelehrten beider Halbkugeln zusammen. Künstler wie Maler, Bildhauer und Musiker, welche das Ansehen der Stadt herbeilockte, gab es in Menge. Unter solchen Meistern bildete sich die aufwachsende Jugend und versprach diesen Winkel Amerikas einst mit noch größerem Glanze zu umgeben. Man durfte mit Recht voraussetzen, daß dieses neue Athen französischen Ursprungs noch allen anderen Städten den Rang ablaufen werde.

Gleichzeitig ward in den höheren Schulen auch der militärischen Erziehung ihr Theil. Beim Abgange von denselben kannten die jungen Leute neben der Handhabung der Waffen auch die Grundsätze der Taktik und der Strategie.

Colonel Hendon sprach sich, als man dieses Thema berührte, auch mit größter Befriedigung über die jungen Recruten aus.

»Sie sind, sagte er, schon an die Gewaltmärsche, an Strapazen und alle körperlichen Uebungen gewöhnt. Unser Heer besteht aus allen wehrfähigen Männern der Stadt, und wenn der Tag einmal kommen sollte, würden sich gewiß Alle als geschulte, disciplinirte Soldaten erweisen.«

Wohl stand France-Ville mit allen Nachbarstaaten, die es sich bei jeder Gelegenheit zu Danke verpflichtet hatte, im besten Einvernehmen; kommt aber das eigene Interesse in Frage, so hat der Undank meist die lauteste Stimme; deshalb hielten Doctor Sarrasin und seine Freunde sich auch immer zu dem Grundsatze: Hilf Dir selbst, so wird Gott Dir helfen! – und waren also gewöhnt, sich nur auf sich allein zu verlassen.

Das Abendessen näherte sich dem Ende, der Nachtisch wurde eben aufgehoben und die Damen verließen, nach der hier zur Geltung gelangten angelsächsischen Sitte, den Tisch und das Gemach.

Doctor Sarrasin, Octave, Colonel Hendon und Herr Lentz setzten die begonnene Unterhaltung fort und besprachen die wichtigsten Fragen der politischen Oekonomie, als ein Diener eintrat und dem Doctor seine Zeitung überreichte.

Es war der »New-York Herald«. Dieses hochangesehene Blatt hatte von vornherein der Gründung und später der Entwickelung France-Villes mit wohlwollender Theilnahme gedacht und die ersten Persönlichkeiten der Stadt pflegten aus dessen Spalten sich über das Urtheil der Allgemeinheit bezüglich ihres Unternehmens zu unterrichten. Diese Vereinigung glücklicher, freier und in ihrem beschränkten Gebiete gänzlich unabhängiger Männer entbehrte natürlich auch nicht der Neider, und wenn die Bewohner France-Villes in Amerika auf der einen Seite Freunde besaßen, die sich ihrer annahmen, so gab es doch auch genug feindlich Gesinnte, die sie angriffen. Jedenfalls stand der »New-York Herald« auf ihrer Seite und versäumte nicht, ihnen öffentlich seine Achtung und Bewunderung zu zollen.

Plaudernd hatte Doctor Sarrasin das Kreuzband zerrissen und ließ ganz mechanisch seinen Blick über den ersten Artikel des Blattes gleiten.

Wie erstaunte er aber schon bei den ersten Zeilen, die er erst für sich und dann zur größten Verwunderung und tiefsten Entrüstung seiner Freunde mit lauter Stimme las:

»New-York, den 8. September. – Die nächsten Tage drohen mit der Erscheinung der gröblichsten Verletzung anerkannten Völkerrechtes. Wir vernehmen aus bester Quelle, daß in Stahlstadt die umfangreichsten Vorbereitungen im Werke sind, um France-Ville, die Stadt französischen Ursprungs, anzugreifen und zu vernichten. Wir wissen nicht, ob die Vereinigten Staaten im Stande oder gar verpflichtet sind, intervenirend in diesen Kampf einzutreten, der die lateinische und sächsische Race gegen einander aufhetzen könnte; wir unterlassen aber nicht, alle Männer von Ehrgefühl über diesen schnöden Mißbrauch der Gewalt zu benachrichtigen. Möge France-Ville keine Stunde verlieren, sich in Vertheidigungszustand zu setzen …« u.s.w.

Zwölftes Capitel.


Zwölftes Capitel.

Der Kriegsrath

Des Stahlkönigs Haß gegen Doctor Sarrasin und dessen Bestrebungen war Niemandem ein Geheimniß. Man wußte, daß er absichtlich seine Stadt gegenüber der anderen gegründet hatte. Immerhin lag doch ein weiter Zwischenraum zwischen diesem Schritte und der Absicht, die letztere durch einen Gewaltstreich ohne Gleichen zu zerstören. Der »New-York Herald« meldete das Unerhörte aber schwarz auf weiß. Die Correspondenten des mächtigen Journals hatten Herrn Schultze’s Geheimnisse erspäht und – sie sagten es ja – jetzt war keine Stunde zu verlieren!

Der würdige Doctor saß anfangs ganz betäubt da. So wie jeder brave Mann sträubte er sich lange, das Entsetzliche zu glauben. Es schien ihm unmöglich, daß Jemand sich so weit verirren könne, eine Stadt, welche gewissermaßen das allgemeine Eigenthum der Menschheit bildete, ohne Ursache, aus reiner Prahlerei, vernichten zu wollen.

»Bedenken Sie doch, rief er in aller Unschuld aus, daß unsere Sterblichkeit dieses Jahr nur ein und ein Viertel Procent betragen würde; daß wir keinen Knaben von zehn Jahren haben, der nicht lesen könne, daß seit der Gründung France-Villes keine Mordthat, kein Diebstahl vorgekommen ist! Und nun sollten Barbaren kommen, einen so glückverheißenden Versuch in seinem Anfange zu nichte zu machen? Nein, ich kann es nicht glauben, daß ein Chemiker, ein Gelehrter, und wäre es hundertmal ein Deutscher, solcher Verruchtheit fähig wäre!«

Nichtsdestoweniger durfte man die Warnung einer dem Werke des Doctors befreundeten Zeitung nicht unbeachtet lassen. Nach Ueberwindung der ersten Bestürzung wandte sich der Doctor, der seiner wieder Herr geworden, an seine Freunde.

»Meine Herren, begann er, Sie sind Mitglieder des Stadtrates, es liegt ihnen nicht weniger ob als mir, alle zur Rettung der Stadt nöthigen Maßregeln zu ergreifen. Was haben wir zunächst zu thun?

– Giebt es keine Möglichkeit eines gütlichen Ausgleichs? fragte Herr Lentz. Ist der Kampf ehrenvoller Weise zu vermeiden?

– Gewiß nicht, fiel Octave ein, Herr Schultze sucht ihn offenbar um jeden Preis. Sein Haß wird jede Verständigung vereiteln!

– So sei es, rief der Doctor, vielleicht sind wir doch im Stande, ihm gebührend zu antworten. Meinen Sie, Colonel, daß wir im Stande sind, den Kanonen von Stahlstadt Widerstand zu leisten?

– Jede menschliche Kraft kann offenbar durch eine andere menschliche Kraft überwunden werden, erwiderte Colonel Hendon, doch dürfen wir gar nicht daran denken, uns durch dieselben Mittel und Waffen, mit denen Herr Schultze jedenfalls angreifen wird, vertheidigen zu wollen. Die Herstellung von Kriegsmaschinen, die gegen die seinigen zu kämpfen vermöchten, erfordern eine viel zu lange Zeit, und ich bezweifle überhaupt, daß wir damit zu Stande kämen, da uns die dazu nöthigen Werkstätten gänzlich fehlen. Für unsere Rettung giebt es nur den einen Weg, den Feind uns fern zu halten und jede Belagerung unmöglich zu machen.

– Ich werde sofort die Rathsversammlung berufen!« sagte Doctor Sarrasin.

Mit diesen Worten schritt er schon seinen Gästen nach dem Arbeitszimmer voran.

Letzteres bildete ein einfach ausgestatteter, auf drei Seiten mit Büchergestellen erfüllter Raum, dessen vierte Seite unter einigen Gemälden und Kunstwerken eine Reihe numerirter, etwa einer Hörrohrmündung ähnlicher Apparate einnahm.

»Dank dem Telephon, sagte er, können wir in France-Ville eine Verhandlung abhalten, während jeder Theilnehmer zu Hause bleibt.«

Der Doctor berührte den Drücker eines Anrufglocken-Systems, das gleichzeitig in den Behausungen sämmtlicher Rathsmitglieder ertönte. In weniger als drei Minuten verkündete die durch jeden Leitungsdraht zugeführte Antwort: »Gegenwärtig!« daß der Rath versammelt war.

Der Doctor setzte sich nun vor seinem Sprechapparat, klingelte und sagte:

»Die Sitzung ist eröffnet. Mein ehrenwerther Freund, Colonel Hendon, hat das Wort, um dem Stadtrathe eine höchst wichtige Mittheilung zu machen.«

Darauf nahm der Colonel den Platz vor dem Telephon ein, verlas zuerst den Artikel aus dem »New-York Herald« und beantragte, daß sofort die nöthigen Maßregeln beschlossen würden.

Kaum hatte er geendet, als Nr. 6 die Frage stellte:

»Hält der Colonel eine Verteidigung auch dann noch für möglich, wenn sich die von ihm vorgeschlagenen Mittel zur Fernhaltung des Feindes als unzureichend erweisen sollten?«

Colonel Hendon antwortete bejahend. Frage und Antwort waren inzwischen augenblicklich auch den anderen nicht sichtbaren Theilnehmern der Sitzung ebenso zu Ohren gekommen, wie die vorher gegangenen Erklärungen.

Nr. 7 fragte an, wie viel Zeit ihnen zur Vorbereitung des Kampfes bleiben würde.

Der Colonel vermochte das nicht zu bestimmen, meinte aber, man solle an’s Werk gehen, als stehe der Angriff schon in vierzehn Tagen bevor.

Nr. 2: »Sollen wir den Angriff abwarten oder halten Sie es für rathsamer, demselben zuvorzukommen?

– Unsere Lage verlangt das letztere, antwortete der Colonel, und wenn uns z. B. eine Landung von der Seeseite her droht, werden wir Herrn Schultze’s Schiffe durch Torpedos zu sprengen suchen!«

Auf diese Aeußerung hin erbot sich Doctor Sarrasin, ein Comité der hervorragendsten Chemiker und der erfahrensten Artillerie-Officiere zu berufen, um diesem die Prüfung der von Colonel Hendon zu machenden Vorschläge zu überweisen.

Frage des Telephons Nr. 1:

»Welcher Geldsumme bedarf es zur schleunigsten Fertigstellung der Vertheidigungsmittel?

– Wir brauchen etwa fünfzehn bis zwanzig Millionen Dollars.«

Nr. 4: »Ich beantrage, sofort eine allgemeine Bürgerversammlung einzuberufen.«

Präsident Sarrasin: »Ich bringe diesen Antrag zur Abstimmung!«

Zwei aus jedem Telephon ertönende Glockenschläge meldeten dessen einstimmige Annahme.

Es war jetzt achtundeinhalb Uhr. Die Sitzung hatte kaum achtzehn Minuten gedauert und Niemand aus seiner Ruhe gestört.

Die Volksversammlung wurde hierauf durch ein ebenso einfaches als schnell wirksames Mittel einberufen. Kaum hatte Doctor Sarrasin, immer mittelst Telephon, den Beschluß des Rathsgremiums nach dem Stadthause gemeldet, als schon auf allen bei den 280 Straßenkreuzungen der Stadt angebrachten Säulen eine elektrische Glocke ertönte. Diese Säulen überragte ein beleuchtetes Zifferblatt, dessen durch Elektricität bewegte Zeiger sofort auf acht und ein halb Uhr – die Stunde der Einberufung – eingestellt wurden.

Alle Bewohner, denen durch jene eine Viertelstunde über andauernden Glockenzeichen eine gleichzeitige Meldung zuging, eilten aus den Häusern, richteten die Blicke nach dem ihnen nächsten Zifferblatte und verloren, überzeugt, daß eine nationale Pflicht sie nach dem Stadthause riefe, keinen Augenblick, sich dahin zu begeben.

In kürzester Zeit war die Versammlung vollzählig. Doctor Sarrasin befand sich schon auf seinem Ehrenplatze, umgeben von den Mitgliedern des Rathes. Colonel Hendon wartete am Fuße der Tribüne nur, daß ihm das Wort ertheilt würde.

Die meisten Anwesenden kannten schon die Hiobspost, welche Veranlassung zu diesem Meeting gab. Die von dem Telephon des Stadthauses automatisch niedergeschriebene Verhandlung des Rathes war sofort an die Journale versendet worden, welche sie als Extrablatt durch öffentlichen Anschlag bekannt gaben.

Der Stadthaussaal bildete einen großartigen, glasüberdachten Raum mit vorzüglicher Ventilation, über den lange, an den eisernen Gewölbträgern angebrachte Gasflammenreihen ihr gleichmäßiges, überreiches Licht ergossen.

Ringsumher stand die ruhige, erwartungsvolle Menge. Jedes Antlitz glänzte heiter. Das Vollgefühl von Gesundheit, die Gewohnheit eines regelmäßig geordneten Lebens und das Bewußtsein der eigenen Kraft ließen bei Niemandem eine besondere Erregung oder gar eine zornige Hitze aufkommen.

Kaum ertönte das Glockenzeichen des Vorsitzenden, als auch schon die vollkommenste Ruhe herrschte.

Der Colonel betrat die Tribüne.

Mit tiefer starker Stimme, ohne unnützen Redeschmuck und nichtssagende Floskeln – in der Sprache der Leute, welche wissen, was sie sagen und sich über ihren Gegenstand mit Klarheit verbreiten, weil sie denselben beherrschen – schilderte Colonel Hendon Herrn Schultze’s tiefwurzelnden Haß gegen Frankreich, gegen Sarrasin und sein Werk, und nach dem »New-York Herald«, die furchtbaren Vorbereitungen zur Vernichtung France-Villes und seiner Bewohner.

»An diese selbst tritt nun die Forderung heran, den besten Ausweg zu suchen, fuhr er dann fort. Leute ohne Muth und Vaterlandsliebe würden vielleicht vorziehen, zurückzuweichen und den Angreifern die neue Heimat zu überlassen. Ich bin jedoch im Voraus überzeugt, daß solche kleinmüthige Vorschläge in den Herzen meiner Mitbürger kein Echo finden werden. Die Männer, welche die Tragweite der von den Gründern France-Villes erstrebten Ziele begriffen und sich den Gesetzen der Musterstadt unterwerfen konnten, diese Männer sind nothwendig auch Leute, die Kopf und Herz auf dem rechten Flecke haben. Als aufrichtige und streitbare Vertreter des Fortschrittes werden sie gern Alles thun, dieses Gemeinwesen ohne Gleichen, dieses preiswerthe Denkmal, das der Kunst, das Menschenloos zu verbessern, errichtet wurde, zu retten! Ja, es ist ihre Pflicht, auch das Leben in die Schanze zu schlagen für die Sache, die sie vertreten!«

Ein ungeheurer Beifallssturm folgte diesen mannhaften Worten.

Verschiedene Redner schlossen sich den Aeußerungen Colonel Hendon’s vollinhaltlich an.

Doctor Sarrasin betonte die Nothwendigkeit der sofortigen Constituirung eines Vertheidigungsrathes, der unter unentbehrlicher Geheimhaltung seiner Operationspläne die dringendsten Maßnahmen aus eigener Machtvollkommenheit zu treffen habe. (Ohne Discussion angenommen.)

Während der Sitzung brachte ein Rathsmitglied noch in Anregung, daß es sich empfehlen möchte, für die ersten Arbeiten einen vorläufigen Credit von fünf Millionen Dollars auszuwerfen. Alle Hände erhoben sich zustimmend.

Um zehn Uhr fünfundzwanzig Minuten schloß die Versammlung und schon wollten sich die Bewohner France-Villes nach der Erledigung der Anführer-Wahl zurückziehen, als sich ein unerwarteter Zwischenfall ereignete.

Die eben leerstehende Tribüne erklomm ein Unbekannter von sehr fremdartiger Erscheinung.

Der Mann schien wie durch Zauberei emporgeschnellt. Sein energisches Gesicht verrieth die gewaltigste Aufregung, während sein Auftreten die ruhigste Entschlossenheit zeigte. Die halbzerfetzte Kleidung voller Schmutz und Schlamm und die noch blutige Stirne ließen erkennen, daß er manche Fährlichkeit überwunden haben möge.

Bei seinem Anblick blieben Alle stehen. Durch nicht mißzudeutende Handbewegungen gebot der Unbekannte der Versammlung Ruhe.

Wer war er? Woher kam er? Niemand, selbst Doctor Sarrasin nicht, dachte daran, ihn darum zu fragen.

Neber seine Persönlichkeit erhielt man doch bald einigen Aufschluß.

»Ich bin aus Stahlstadt entflohen, sagte er, Herr Schultze hatte mich zum Tode verurtheilt, Gottes Gnade verdanke ich es, bis zu Euch gelangt zu sein, um in Zeiten eine Rettung zu versuchen. Mein verehrter, väterlicher Freund, Doctor Sarrasin, wird gewiß bestätigen, daß man, wenn mein jetziges Aussehen mich auch ihm selbst unkenntlich macht, zu Marcel Bruckmann einiges Vertrauen haben kann!

– Marcel!« riefen der Doctor und Octave wie aus einem Munde.

Beide eilten auf ihn zu …

Eine erneute Handbewegung hielt sie zurück.

In der That, das war der wunderbar errettete Marcel. Nachdem er, eben als er besinnungslos zusammenbrach, das Gitter des Kanals gesprengt, riß die Strömung seinen fast leblosen Körper mit sich fort. Zum Glück schloß jenes Gitter auch die Umwallung von Stahlstadt ab, und zwei Minuten später wurde Marcel draußen auf den Bachesrand geworfen – jetzt ein freier Mann, wenn er noch einmal auflebte.

Lange Stunden hindurch lag der muthige Jüngling ohne Bewegung, in finsterer Nacht und einsamer Gegend ohne alle Hilfe.

Als er wieder zu sich kam, war es schon hell geworden. Allmälig kehrte ihm auch die Besinnung wieder. Gott sei Dank, endlich war er dem vermaledeiten Stahlstadt entronnen und kein Gefangener mehr! Alle seine Gedanken strebten zu Doctor Sarrasin, seinen Freunden, seinen Landsleuten.

»Zu ihnen! Zu ihnen!« rief er laut.

Mit äußerster Anstrengung gelang es Marcel, sich aufzurichten.

Zehn Meilen trennten ihn von France-Ville, zehn Meilen, die er ohne Eisenbahn, Pferd oder Wagen durch das rings um Stahlstadt verlassene Land zurücklegen mußte. Ohne sich einen Augenblick Ruhe zu gönnen, überwand er diese Strecke und langte um zehn ein Viertel Uhr bei den ersten Häusern der Stadt des Doctor Sarrasin an.

Hier klärten ihn schon die Maueranschläge über die Lage auf. Er erfuhr, daß die Bewohner von der ihnen drohenden Gefahr Kenntniß hatten; er fügte sich aber auch, daß diese weder wissen konnten, wie nahe sie über ihnen schwebte, noch viel weniger, von welcher Art dieselbe sei.

Die von Herrn Schultze beabsichtigte Katastrophe sollte noch heute Abend um elf Uhr fünfundvierzig Minuten hereinbrechen … jetzt war es fünfzehn Minuten nach zehn!

Eine letzte Anstrengung stand ihm noch bevor. Marcel stürmte durch die Stadt, was er nur laufen konnte, und um zehn Uhr fünfundzwanzig Minuten, eben als die Versammlung auseinander gehen wollte, stand er, ohne zu fragen, auf der Tribüne.

»Nicht nach einem Monate, meine Freunde, rief er, selbst nicht erst nach einer Woche droht Euch das Unheil zu erreichen. Vor Ablauf einer Stunde soll eine Katastrophe ohne Gleichen, ein Regen von Eisen und Feuer über Eure Stadt hereinbrechen. Eine wahre Höllenmaschine, welche zehn Meilen weit trägt, wird jetzt, da ich hier spreche, schon gegen sie gerichtet. Ich habe jene mit eigenen Augen gesehen! Mögen Frauen und Kinder Schutz suchen in den festesten Kellern oder bringt sie vorläufig aus der Stadt hinaus auf die Berge. Alle kräftigen Männer müssen sich zum Feuerlöschen bereit halten. Für jetzt ist das Feuer Euer einziger Feind! Weder Armeen noch Soldaten marschiren gegen Euch. Der Gegner, der Euch bedroht, verschmäht solch‘ alltägliche Angriffsmittel. Wenn sich die Pläne, die Rechnungen eines Mannes, dessen Herrschaft über das Böse anerkannt ist, verwirklichen, wenn Herr Schultze sich nicht zum ersten Male geirrt hat, so wird in France-Ville auf einmal an hundert Stellen Feuer ausbrechen! An hundert Orten werden wir gleichzeitig dem verheerenden Elemente entgegentreten müssen. Was aber auch kommen möge, zuerst gilt es, die Bevölkerung zu retten, denn sollten auch Eure Häuser, Denkmäler, ja schlimmstenfalls selbst die ganze Stadt zu Grunde gehen – diesen Verlust vermögen Zeit und Geld ja zu ersetzen!«

In Europa würde man Marcel für einen Narren gehalten haben. In Amerika pflegt man jedoch kein Wunder der Wissenschaft, und wäre es noch so unerwarteter Natur, von vornherein zu leugnen. Man hörte den jungen Ingenieur ruhig an und schenkte ihm, auf Doctor Sarrasin’s Versicherung hin vollen Glauben.

Mehr noch durch den Nachdruck des Redners als durch seine Worte bezwungen, gehorchte ihm die Menge, ohne neue Verhandlungen zu beginnen. Doctor Sarrasin bürgte für Marcel Bruckmann. Das genügte.

Sofort wurden die nöthigen Verordnungen erlassen, zu deren Verbreitung sich zahlreiche Boten nach allen Seiten zerstreuten.

Von den Bewohnern der Stadt selbst kehrten die Einen nach ihren Behausungen zurück und flüchteten in die Keller, bereit, die Schrecken eines Bombardements über sich ergehen zu lassen; die Anderen eilten zu Fuß, zu Pferde und zu Wagen hinaus in’s Feld und sammelten sich auf den ersten Abhängen der Cascadenberge. Währenddessen vertheilten sich die kräftigen Männer nach den von dem Doctor Sarrasin bezeichneten Stellen und schafften Alles herzu, was zur Dämpfung einer Feuersbrunst dienen konnte, nämlich Wasser, Sand und Erde.

Im Sitzungssaale spannen sich die Verhandlungen noch in der Form von Zwiegesprächen fort.

Da schien es aber, als sei Marcel plötzlich von einem Gedanken erfaßt, der nicht aus seinem Gehirn weichen wollte. Er sprach nicht mehr, sondern seine Lippen murmelten nur noch die einzigen Worte:

»Um drei Viertel zwölf Uhr! Wäre es möglich, daß dieser verfluchte Schultze uns durch seine teuflische Erfindung vernichten sollte? …«

Plötzlich zog Marcel ein Notizbuch aus der Tasche. Er deutete ringsum an, daß er völlige Ruhe wünsche, und warf mit fieberhaft zitternder Hand einige Ziffern auf das Papier. Dann ward seine Stirne allmälig heiterer und sein Antlitz leuchtete wieder auf.

»O, meine Freunde, rief er laut, entweder sind diese Zahlen hier Lügner, oder Alles, was wir befürchten, löst sich in Nichts auf wie ein Alpdrücken vor dem Ergebniß eines ballistischen Problems, dem ich lange vergeblich auf den Grund zu kommen suchte. Herr Schultze hat sich geirrt. Die uns drohende Gefahr ist nur ein Traum. Diesmal ist seine Weisheit eitel Dunst. Es wird, es kann nichts von dem eintreffen, was er beabsichtigte! Sein entsetzliches Geschoß wird über France-Ville hinwegfliegen, ohne ihm zu nahe zu kommen, und wenn irgend etwas zu fürchten ist, so ruht das noch im Schooße der Zukunft!«

Was wollte Marcel hiermit sagen? Niemand verstand ihn.

Da setzte der junge Elsäßer das Resultat seiner eben durchgeführten Rechnung den erstaunten Zuhörern auseinander. Mit klarer, noch schwach zitternder Stimme führte er seine Beweise so schlagend, daß sie auch jeden Uneingeweihten überzeugen mußten. Da ward es Licht nach der Finsterniß und friedliche Ruhe nach der Todesangst. Das Geschoß konnte nämlich nicht allein die Stadt des Doctors nicht, sondern es konnte »überhaupt nichts« treffen. Es mußte sich im Weltraume verlieren! …

Doctor Sarrasin prüfte und bestätigte die Aussagen Marcel’s und wies dann mit dem Finger nach dem Zifferblatte der Uhr im Saale.

»Binnen drei Minuten, sagte er, werden wir wissen, ob Schultze oder Marcel Bruckmann Recht hat! Doch, wie dem auch sei, liebe Freunde, bedauern wir nicht die getroffenen Vorsichtsmaßregeln und vernachlässigen wir nichts, was die Henkerpläne unseres Feindes zu kreuzen vermag! Sein Schuß wird das Ziel verfehlen, wie Marcel uns eben versichert, aber es dürfte nicht der letzte sein. Schultze’s Haß wird sich nicht für geschlagen ansehen und ihn dem einmaligen Mißerfolge gegenüber zum Verzicht auf weitere Versuche bringen.

– Kommt, kommt!« rief Marcel.

Alle eilten mit ihm hinaus nach dem großen Platze.

Die drei Minuten verflossen. Jetzt schlugen die Thurmuhren drei Viertel elf Uhr! …

Vier Secunden später rauschte eine dunkle Masse hoch in der Luft über die Köpfe der erwartungsvollen Menge hinweg und verlor sich, schnell wie ein Gedanke, mit unheimlichem Sausen in der Ferne.

»Glückliche Reise! rief Marcel hell auflachend. Bei solcher Anfangs-Geschwindigkeit kann das Geschoß des Herrn Schultze, das jetzt schon die Grenzen der Atmosphäre verlassen hat, nicht mehr auf den Erdboden zurückfallen!«

Zwei Minuten später ließ sich eine Detonation vernehmen, so als wenn ein dumpfes Grollen aus den Eingeweiden der Erde heraustönte.

Das war der Donner der Kanone vom Stierthurme, der erst 113 Secunden nach dem Vorüberfliegen des Geschosses hörbar ward, da letzteres mit weit größerer, wahrhaft fabelhafter Schnelligkeit dahinraste.

Dreizehntes Capitel.


Dreizehntes Capitel.

Marcel Bruckmann an Prof. Schultze, Stahlstadt

France-Ville, am 14. September.

»Ich halte mich für verpflichtet, den Herrn Stahlkönig zu benachrichtigen, daß ich die Grenze seines Gebietes vorgestern Abend glücklich überschritten habe, da ich erklärlicher Weise lieber mich selbst als das Schultze’sche Kanonenmodell in Sicherheit zu bringen suchte.

»Indem ich Ihnen hiermit Lebewohl sage, würde ich mich für pflichtvergessen betrachten, wenn ich Ihnen jetzt nicht auch meine Geheimnisse mittheilte; doch seien Sie deshalb ruhig, Sie werden die Mitwissenschaft nicht mit dem Leben zu bezahlen haben.

»Ich heiße weder Schwartz, noch bin ich ein Schweizer. Ich bin geborener Elsäßer. Mein Name ist Marcel Bruckmann. Ich bin, wenn ich Ihren Worten Glauben schenken darf, ein leidlicher Ingenieur, vor Allem aber Franzose. Sie sind der unversöhnliche Feind meines Vaterlandes, meiner Freunde, meiner Familie. Sie nähren abscheuliche Pläne gegen Alles, was ich liebe. Ich habe gewagt, was ich wagen konnte, dieselben zu durchschauen und werde Alles aufbieten, sie zu vereiteln.

»Ich beeile mich, Ihnen wissen zu lassen, daß Ihr erster Schuß mißlungen ist und, Gott sei Dank, sein Ziel nicht getroffen hat, ja überhaupt nicht treffen konnte. Ihre Kanone bleibt nichtsdestoweniger ein Hauptwunderwerk, die Projectile aber, welche sie unter ihrer ungeheuren Pulverladung schleudert, werden niemals Jemand ein Leid anthun. Diese können nirgends niederfallen! Ich ahnte das vorher; heute ist es, zu Ihrem größeren Ruhme, eine erwiesene Thatsache, daß Herr Schultze eine zwar entsetzliche – aber ganz unschuldige Kanone erfunden hat.

»Sie werden ohne Zweifel mit Vergnügen hören, daß wir gestern Abend, vier Secunden nach drei Viertel elf Uhr, Ihr allzu vervollkommnetes Langgeschoß über unsere Stadt wegfliegen sahen. Es hielt eine westliche Richtung ein, sauste fort durch den leeren Raum und wird so bis an’s Ende der Jahrhunderte weiter gravitiren. Ein Projectil mit einer, der gewöhnlichen um das Zwanzigfache überlegenen Anfangs-Geschwindigkeit kann eben nicht mehr »fallen!« Seine Fortbewegungskraft macht es im Vereine mit der Anziehungskraft der Erde zu einem Körper, der bestimmt ist, um unsere Erdkugel zu circuliren.

»Das hätten Sie übrigens wissen sollen!

»Endlich hoffe ich, daß die Riesenkanone des Stierthurmes durch diesen ersten Probeschuß gänzlich zerstört ist; das Vergnügen, die Planetenwelt mit einem neuen Gestirne, die Erde mit einem zweiten Satelliten beschenkt zu haben, bezahlt man immerhin mit 200.000 Dollars nicht zu theuer.

Marcel Bruckmann.«

Ein Expreßbote brachte dieses Schreiben sofort von France-Ville nach Stahlstadt. Marcel war es wohl nachzusehen, daß er sich die höhnische Genugthuung nicht versagen konnte, Herrn Schultze seinen Brief so bald als möglich zuzustellen.

Der junge Mann hatte in der That ganz Recht, wenn er behauptete, daß jenes berüchtigte, mit einer Anfangs-Geschwindigkeit ohnegleichen fortgeschleuderte und jenseits der Erdatmosphäre kreisende Geschoß nicht mehr auf unseren Planeten zurückfallen könne; ebenso wenn er voraussetzte, daß die Kanone des Stierthurmes durch die Explosion ihrer enormen Pyroxil-Ladung unbrauchbar gemacht geworden sei.

Herr Schultze empfand obige Mittheilung als ein herbes Mißgeschick, als den schwersten Schlag für seine zügellose Selbstliebe.

Er erblaßte bei Durchlesung desselben, und nachher sank ihm das Haupt auf die Brust herab, als wäre er von einem Keulenschlage getroffen. Aus diesem Zustande einer dumpfen Betäubung erwachte er erst nach einer Viertelstunde – aber schäumend vor Zorn! Arminius und Sigimer allein waren Zeugen des furchtbaren Ausbruches.

Herr Schultze aber war nicht der Mann dazu, sich sofort für überwunden zu erklären. Jetzt erst sollte der Kampf auf Leben und Tod zwischen ihm und Marcel beginnen. Verblieben ihm denn nicht seine mit flüssiger Kohlensäure geladenen Geschosse, welche durch minder mächtige, aber zweckmäßigere Geschütze auf kürzere Entfernungen geschleudert werden konnten?

Mit Anstrengung beruhigt, betrat der König von Stahlstadt wieder sein Cabinet und ging wie gewöhnlich an die Arbeit.

Das jetzt mehr als je bedrohte France-Ville durfte nichts vernachlässigen, sich in Vertheidigungszustand zu setzen.

Achtes Capitel


Achtes Capitel

Das große Experiment

Bei Gelegenheit der schönen Untersuchungen über die Löslichkeit fester Körper in Gasen – Untersuchungen, mit denen er sich das ganze vorausgegangene Jahr beschäftigt hatte – war Cyprien natürlich aufgefallen, daß gewisse Substanzen, wie Kieselsäure und Thonerde zum Beispiel, welche an sich in Wasser nicht löslich sind, das doch in Wasserdampf unter starkem Druck und hoher Temperatur werden können.

Diese Erfahrung führte ihn auf den Gedanken, zuerst zu prüfen, ob er nicht ein gasartiges Lösungsmittel des Kohlenstoffes entdecken könne, um diesen dann zur Krystallisation zu bringen.

Aber alle seine Versuche in dieser Hinsicht blieben erfolglos, und nach mehreren Wochen vergeblicher Bemühungen sah er sich genöthigt, seine Angriffsbatterien zu verändern.

»Batterien« ist wirklich das richtige Wort, denn wie sich aus dem Folgenden ergiebt, sollte eine Kanone darin eine Rolle spielen.

Verschiedene Analogien führten den jungen Ingenieur zu der Annahme, daß der Diamant sich in den Kopjen vielleicht auf ganz gleiche Weise bilden könne, wie der Schwefel in den Solfataren. Nun weiß man aber, daß der Schwefel hier durch eine halbe Oxydation des Schwefelwasserstoffes entsteht, aus dem sich, während ein Theil in Schwefelsäure übergeführt wird, ein anderer Theil in Form von Krystallen an den Wänden der Solfataren niederschlägt.

»Wer weiß, sagte sich Cyprien, ob die Diamantfundstätten nicht wirkliche Carbonataren sind? Denn offenbar gelangt eine Mischung von Wasserstoff und Kohlenstoff nothwendig dahin mit dem Wasser und den alluvialen Ablagerungen, und zwar in Form von Sumpfgas. Warum könnte es nicht die Oxydation des Wasserstoffes in Verbindung mit der theilweisen Oxydation des Kohlenstoffes sein, welche die Auskrystallisirung des Kohlenstoffes veranlaßte?«

Von diesem Gedanken bis zu dem Versuche, irgend einen Körper in analoger, aber künstlicher Reaction die theoretische Function des Sauerstoffes spielen zu lassen, war es für einen Chemiker natürlich nicht weit.

Cyprien ging denn auch sofort daran, diesen Vorsatz zur Ausführung zu bringen. Zunächst handelte es sich darum, für das Experiment eine Anordnung zu treffen, die sich so weit als möglich den bei der natürlichen Erzeugung des Diamants vermutheten Verhältnissen näherte. Diese Anordnung mußte auch eine sehr einfache sein. Alles, was Natur oder Kunst nur Großes leisten, trägt diesen Charakter. Giebt es etwas weniger complicirtes, als gerade die schönsten von den Menschen gemachten Entdeckungen und Erfindungen, die Gravitation, der Compaß, die Buchdruckerkunst, die Dampfmaschine, der elektrische Telegraph?

Cyprien holte selbst aus dem Grunde der Mine einigen Vorrath an Erde jener Art, die er für sein Experiment am geeignetsten hielt. Dann vermengte er mit dieser Erde ein ziemlich fettes Material, mit dem er das Innere eines Stahlrohres von einem halben Meter Länge, bei einer Wanddicke von fünf Centimetern und einem inneren Durchmesser von acht Centimetern, sorgfältig ausfüllte.

Dieses Rohr aber bestand aus nichts Anderem, als dem abgeschnittenen Stücke einer nicht mehr gebrauchten Kanone, die er zufällig im Kimberley erkaufen konnte, wo eine freiwillige Schaar, welche in einem Feldzuge gegen benachbarte Kaffernstämme Dienste geleistet hatte, eben aufgelöst wurde. In der Werkstätte des Jacobus Vandergaart passend zurechtgeschnitten, lieferte diese Kanone genau den Apparat, dessen er bedurfte, das heißt einen Recipienten von hinreichender Widerstandsfähigkeit, um einen enormen inneren Druck auszuhalten.

Nachdem er in das vorläufig an einem Ende verstopfte Rohr Kupferbruchstücke und etwa zwei Liter Wasser gebracht, füllte es Cyprien vollständig mit Sumpfgas an. Dann verkittete er diesen Satz sorgfältig und ließ nun beide Enden mit Metallpfropfen von zweifelloser Festigkeit abschließen. Der Apparat war nun fertig und es galt nur noch, denselben einer höchst intensiven Hitze auszusetzen.

Er wurde also in einer Art großen Reverberirofens untergebracht, in dem das Feuer Tag und Nacht unterhalten werden sollte, um eine, auf die Dauer von zwei vollen Wochen berechnete Weißglühhitze zu erzeugen.

Rohr und Ofen wurden außerdem noch mit feuerbeständigem Thon umgeben, der nur eine möglichst große Wärme halten und dann eine sehr langsame Abkühlung zulassen sollte, wenn die Zeit dazu herankam.

Das Ganze glich mehr einem ungeheuren Bienenkorbe oder etwa einer Eskimohütte.

Matakit war jetzt schon in der Lage, seinem Herrn einige Dienste zu leisten. Er hatte alle Vorbereitungen zu dem Experiment mit äußerster Aufmerksamkeit verfolgt, und als er erfuhr, daß es sich um die Darstellung von Diamanten handelte, zeigte er sich nicht wenig eifrig, zu dem Gelingen des Unternehmens nach Kräften beizutragen. Er hatte bald gelernt, das Feuer so zu unterhalten, daß man ihm diese Arbeit getrost allein überlassen konnte.

Es möchte sich übrigens kaum Jemand vorstellen, wie viel Zeit und Mühe es in Anspruch nahm, diese Vorbereitungen zu treffen. In jedem größeren Laboratorium würde man im Stande gewesen sein, dieses Experiment zwei Stunden, nachdem es beschlossen worden, zur Ausführung zu bringen, während Cyprien in diesem wilden Lande nicht weniger als drei Wochen brauchte, um seine Idee nur unvollkommen zu verwirklichen. Dabei hatten ihn noch besondere Glücksumstände begünstigt, indem er in genannter Stadt nicht nur die alte Kanone fand, sondern auch die ihm so nothwendige Kohle bekam. Dieses Material war sonst in Kimberley so selten, daß man sich, um eine Tonne desselben zu erhalten, wohl an mindestens drei Händler wenden mußte.

Endlich waren alle Schwierigkeiten überwunden, und nachdem das Feuer einmal in Brand gesetzt war, übernahm es Matakit, dasselbe nicht wieder verlöschen zu lassen. Der junge Kaffer war übrigens sehr stolz auf seine Function. Diese konnte ihm jedoch kaum eine neue sein, denn ohne Zweifel hatte er zu Hause bei seinem Stamme schon häufig in einer Art Höllenküche hantirt.

Cyprien hatte sich einmal bei verschiedenen Gelegenheiten überzeugt, daß Matakit, seit er in seine Dienste getreten war, bei den übrigen Kaffern das Ansehen eines Zauberers genoß. Einige Kenntnisse elementarer Chirurgie und zwei oder drei Taschenspielerkunststückchen, die er von seinem Vater gelernt haben mochte, bildeten seine ganzen Zauberkünste, Trotzdem kamen die Leute, um ihn wegen wirklicher oder eingebildeter Krankheiten zu befragen, um sich Träume deuten, Prophezeiungen vorsagen oder ein Urtheil fällen zu lassen. Seine Vorschriften waren meist ebenso unsinnig, wie seine Aussprüche albern, die nackten Landsleute schienen mit denselben jedoch zufrieden zu sein. Was brauchte es mehr?

Wir müssen hier auch bemerken, daß die Retorten und Flaschen, von denen er jetzt im Laboratorium des jungen Ingenieurs umgeben war, ohne die geheimnißvollen Arbeiten zu rechnen, an welchen er mitwirkte, nicht wenig dazu beitrugen, sein Ansehen noch zu erhöhen.

Cyprien konnte sich oft des Lachens nicht enthalten, sobald er die feierliche Miene sah, welche der brave Bursche annahm, wenn er seine bescheidene Arbeit als Heizer verrichtete, entweder die Kohlen aus dem Rost erneuerte, das Feuer schürte oder gar ein Probirgläschen und einen Schmelztiegel abstäubte. Immerhin lag etwas Einnehmendes in dieser Ernsthaftigkeit. Sie war der naive Ausdruck des Respects, den die Wissenschaft einer rohen, aber intelligenten und wissensdurstigen Natur einflößte.

Matakit hatte daneben auch seine lustigen, fast übermüthigen Stunden. Vorzüglich, wenn er sich in Gesellschaft Lî’s befand. Zwischen diesen beiden Wesen von so verschiedener Abstammung hatte sich eine wirklich innige Freundschaft entwickelt, in Folge der jetzt ziemlich häufigen Besuche, welche der Chinese in der Farm Watkins abstattete. Beide sprachen nothdürftig französisch, Beide waren durch Cyprien vom drohenden Tode gerettet worden und bewahrten ihm eine lebhafte Erkenntlichkeit. Es erschien also natürlich, daß sie sich durch aufrichtige Antheilnahme zu einander hingezogen fühlten, und diese Theilnahme hatte sich allmählich in Zuneigung verwandelt.

Wenn sie unter sich waren, gaben Lî und Matakit dem jungen Ingenieur einen ebenso einfachen, wie rührenden Namen, der recht gut die Natur der Gefühle ausdrückte, die sie für seine Person hegten, sie nannten ihn »das Väterchen« und sprachen von ihm nur mit hoher Bewunderung und fast übertriebener Hingebung.

Diese Ergebenheit trat seitens Lî’s in der peinlichen Aufmerksamkeit zu Tage, die er beim Waschen und Bügeln der Leibwäsche Cypriens beobachtete; seitens Matakit’s in der wahrhaft religiösen Sorgfalt, mit der er sich bemühte, allen Anordnungen seines Herrn gewissenhaft zu entsprechen.

Zuweilen ließen sich die beiden Kameraden, in ihrem Eifer, »das Väterchen« zu erfreuen, etwas zu weit gehen. So kam es, daß Cyprien zum Beispiel auf seinem Tische – er aß jetzt zu Hause – Früchte oder Leckereien vorfand, die er gar nicht verlangt und deren Ursprung ihm unerklärlich blieb, denn auf den Rechnungen der Lieferanten fanden sie sich nicht wieder. Oder es kam auch vor, daß in seinen Hemden, wenn dieselben aus der Wäsche zurückkamen, goldene Knöpfchen unbekannten Herkommens steckten. Ebenso vervollständigten von Zeit zu Zeit ein eleganter, bequemer Stuhl, ein gesticktes Kissen, ein Pantherfell oder sonst eine werthvolle Kleinigkeit auf geheimnißvolle Weise die Ausstattung seines Hauses.

Nahm Cyprien Lî oder Matakit in’s Gebet, so konnte er von Beiden nur ausweichende Antworten erlangen.

»Ich weiß es nicht! … Ich bin es nicht gewesen! … Mich geht das nichts an!«

Cyprien fand ja diese kleinen Überraschungen an sich recht angenehm, nur belästigte ihn der Gedanke, daß ihre Quelle doch nicht ganz rein sein mochte. Hatten diese Geschenke etwa nichts gekostet, als die Mühe, sie sich anzueignen? Immerhin bestätigte nichts diese Vermuthungen, und so peinliche Untersuchungen er deshalb auch vornahm, so lieferten diese doch hinsichtlich dieser Erwerbungen niemals ein greifbares Ergebniß.

Hinter seinem Rücken wechselten dann Matakit und Lî wohl flüchtige Blicke, lächelten und machten sich allerhand geheimnißvolle Zeichen, welche etwa sagen sollten:

»Ach, das Väterchen! … Er sieht immer nur Feuer und Flammen!«

Uebrigens beschäftigten Cyprien gleichzeitig ganz andere und weit ernstere Sorgen. John Watkins schien entschlossen, Alice nun unter die Haube zu bringen, und in Folge dessen bildete sein Haus schon seit einiger Zeit ein wirkliches Museum von Brautwerbern.

Nicht allein James Hilton verkehrte jetzt hier regelmäßig jeden Abend, sondern auch alle unverheirateten Steingräber, deren glückliche Erfolge in der Mine ihnen die seitens des Farmers für einen Schwiegersohn unumgänglich nöthigen Eigenschaften verliehen hatten, wurden von ihm eingeladen, zu Tische behalten und schließlich seiner Tochter zur Auswahl vorgestellt.

Der Deutsche Friedel und der Neapolitaner Pantalacci gehörten auch zu dieser gewählten Gesellschaft. Beide galten jetzt für die glücklichsten Steingräber auf dem Vandergaartfelde. Das allgemeine Ansehen, welches überall den Erfolg begleitet, fehlte ihnen weder in der Kopje, noch in der Farm. Friedel war pedantischer und absprechender als je zuvor, seit sein Dogmatismus sich auf einige Tausend Pfund Sterling stützte. Annibal Pantalacci, der sich in letzter Zeit zum Colonial-Dandy umgewandelt hatte und im Glanze goldener Ketten und Ringe, wie in dem von Diamantnadeln einherging, trug jetzt eine Kleidung von weißer Leinwand, die seinen gelben, erdfarbenen Teint nur noch mehr hervortreten ließ.

Freilich suchte der lächerliche Mensch mit seinen Scherzen, seinen italienischen Gassenhauern und seinen Bemühungen, den Geistreichen zu spielen, vergeblich einen Eindruck auf Alice zu machen. Mindestens behandelte diese gerade ihn fast verächtlich und schien über das Motiv, welches ihn nach der Farm führte, keineswegs im Zweifel zu sein. Sie begnügte sich, niemals freiwillig auf seine Worte zu hören, und lachte nie, weder über seine Lazzi, noch über seine komisch sein sollenden Bewegungen. Nur zu unwissend bezüglich seiner moralischen Mängel, um ihn ganz zu durchschauen, sah sie in ihm nur einen gewöhnlichen Passanten, der nicht mehr und nicht weniger langweilig war, als die meisten Anderen. So erschien es wenigstens Cyprien, und er litt oft grausam davon, sie, die er so hochachtete und so innig verehrte, mit jenem verächtlichen Menschen in Unterhaltung zu sehen.

Es schmerzte ihn um so mehr, als sein Stolz ihm verbot, etwas davon merken zu lassen, und er es unter seiner Würde fand, selbst einen so erbärmlichen Rivalen in den Augen der Miß Watkins noch weiter herabzusetzen. Welches Recht hatte er auch dazu?

Worauf sollte er auch sein Urtheil gründen? Er wußte ja eigentlich nichts von Annibal Pantalacci und ließ sich bei seiner Geringschätzung des Mannes doch nur durch eine Art instinctiven Widerwillens leiten. Ihn in tragischem Lichte darzustellen, das hätte nur Gelächter hervorrufen können. Das sah Cyprien vollständig ein, und es hätte ihn gewiß zur Verzweiflung getrieben, wenn Alice einem solchen Manne irgendwie Aufmerksamkeit schenkte.

Außerdem war er ja eifrig mit einer Arbeit beschäftigt, die ihn fast Tag und Nacht in Anspruch nahm. Es handelte sich nicht um ein einziges Verfahren, Diamanten herzustellen, sondern um zehn und zwanzig verschiedene Methoden, die er sich zurechtgelegt und welche er prüfen wollte, wenn der erste Versuch beendigt wäre. Er begnügte sich nicht mehr mit theoretischen Lehrsätzen und den Formeln, mit denen er während ganzer Stunden seine Notizhefte bedeckte. Jeden Augenblick eilte er nach der Kopje, holte von da neue Fels- und Erdproben und wiederholte seine Analysen hundertmal, aber mit so peinlicher Genauigkeit, daß jeder Fehler dabei ausgeschlossen schien. Je ärger die Gefahr, Miß Watkins sich entgehen zu lassen, ihn bedrohte, desto fester war er entschlossen, nichts unversucht zu lassen, diese abzuwenden.

Dabei hegte er aber gegen sich selbst ein solches Mißtrauen, daß er es vorzog, dem jungen Mädchen von den Experimenten, die er eben ausführte, lieber nichts zu erwähnen. Miß Watkins wußte nur, daß er, ihrem Rathe folgend, sich wieder chemischen Studien hingegeben habe, und schon darüber fühlte sie sich glücklich.

Neuntes Capitel.


Neuntes Capitel.

Eine Ueberraschung.

Der Tag, an dem das Experiment der Berechnung nach beendigt sein sollte, war natürlich ein großer, wichtiger Tag.

Schon seit zwei vollen Wochen brannte das Feuer nicht mehr, so daß sich der ganze Apparat langsam hatte abkühlen können. In der Meinung, daß die Krystallisation des Kohlenstoffes nun vor sich gegangen sein müsse, wenn sie überhaupt durch die hier gegebenen Bedingungen zu erzielen war, ging nun Cyprien daran, die Thonschichten zu entfernen, welche rund um und über den Ofen aufgeschüttet worden war.

Hiezu mußte indeß die Spitzhacke angewendet werden, denn dieser Thon war ebenso verhärtet, wie ein Ziegelstein im Brennofen. Endlich gab die Hülle den Anstrengungen Matakit’s nach und ließ zunächst den oberen Theil des Ofens – die sogenannte Haube desselben – und dann den großen Ofen wahrnehmen.

Das Herz des jungen Ingenieurs schlug hundertzwanzigmal in der Minute, als der junge Kaffer mit Lî’s und Bardik’s Hilfe diese Haube abnahm. Daß das Experiment geglückt sei, glaubte er selbst am wenigsten, denn Cyprien gehörte zu den Leuten, die am meisten an sich selbst zweifeln. Und doch war das ja möglich! Welcher Jubel, wenn das der Fall wäre! Verbarg doch dieser große, geschwärzte Cylinder, der ihm jetzt nach mehrwöchentlichem Harren wieder vor Augen trat, alle seine Hoffnungen auf Glück, auf Ruhm und Reichthum!

O weh! … Die Kanone war gesprungen!

Unter dem ungeheuren Druck des sehr hoch erhitzten Wasserdampfes und des Sumpfgases hatte selbst der Stahl nicht Widerstand zu leisten vermocht. Obwohl das Rohr volle fünf Centimeter Wandstärke hatte, war es doch wie ein einfaches Probirglas geborsten. Es zeigte an der einen Seite und ziemlich genau in der Mitte einen offenen Sprung gleich einem geschwärzten, von den Flammen verzogenen Mund, der den höchlichst enttäuschten jungen Ingenieur boshaft anzugrinsen schien.

Das hieß doch Unglück haben! So viel‘ Mühe, um zu solch‘ negativem Resultate zu kommen! Cyprien hätte sich gewiß weit weniger gedemüthigt gefühlt, wenn sein Apparat in Folge besserer Vorsichtsmaßregeln wenigstens die Feuerprobe ordentlich ausgehalten hätte. Daß sich in dem Cylinder kein krystallisirter Kohlenstoff vorfand, auf diese Enttäuschung war er mehr als hinreichend vorbereitet. Aber diesen alten Stahlschlauch einen ganzen Monat lang erhitzt und wieder abgekühlt, ja geradezu zärtlich gepflegt und gehütet zu haben, um ihn nun in’s alte Eisen werfen zu können, das war denn doch zu viel. Am liebsten hätte er das Rohr gleich mit einem Fußtritte zur Seite geschleudert, wenn dasselbe nicht so schwer gewesen wäre, sich in dieser zwanglosen Art und Weise behandeln zu lassen.

Schon wollte Cyprien dasselbe einfach im Ofen zurücklassen und traf eben Anstalt, ziemlich betrübt wegzuschleichen und Alice seine kläglichen Erfolge mitzuteilen, als die Wißbegierde des Chemikers, die doch noch in ihm lebte, ihn veranlaßte, mittelst eines angezündeten Streichhölzchens durch die entstandene Oeffnung des Rohres dessen Inneres zu überblicken.

»Jedenfalls, so dachte er, hat sich der feuerbeständige Thon, mit dem ich dasselbe innerlich und äußerlich umkleidet habe, ganz in Backstein umgewandelt.«

Diese Voraussetzung erwies sich als begründet, Indeß hatte sich auf Cyprien zunächst unerklärliche Weise von der Wandauskleidung eine Thonkugel abgelöst, welche für sich allein im Rohre verhärtet war.

Die schwarzrothe Kugel von etwa Orangegröße konnte er durch den Sprung bequem herausholen. Cyprien ergriff sie also nur aus Neugier, um sie oberflächlich zu besichtigen. Da erkannte er erst, daß sie wirklich aus einem von der Innenwand abgelösten Thonfragment bestand, welches isolirt hart gebrannt war, und eben wollte er sie bei Seite werfen, als er bemerkte, daß sie, gleich einem Topfe, einen hohlen Klang hatte.

Sie bildete eine Art geschlossenen Krug, in welchem ein anderes, ziemlich schweres Stück frei herumtanzte.

»Die reine Sparbüchse!« sagte Cyprien für sich. Doch selbst wenn er bei Todesstrafe hätte eine Erklärung dieses Geheimnisses geben sollen, wäre er das nicht im Stande gewesen.

Jedenfalls wollte er über die Sache in’s Klare kommen. Er ergriff also einen Hammer und zertrümmerte die Sparbüchse.

Es war in der That eine solche, und noch dazu eine, welche einen ganz unschätzbaren Werth enthielt. Nein, er konnte sich über die Natur des Steines, der sich jetzt den erstaunten Augen des jungen Ingenieurs zeigte, keinen Moment täuschen! Dieser Stein war ein in seine Gangart eingeschlossener Diamant, der den hier gewöhnlich gefundenen vollkommen glich, aber ein Diamant von colossalen, fast unglaublichen und jedenfalls nie vorher gesehenen Dimensionen.

Man urtheile selbst. Der Diamant erschien größer als ein Hühnerei, glich äußerlich etwa einer Kartoffel und mußte mindestens dreihundert Gramm wiegen.

»Ein Diamant! … Ein künstlicher Diamant! wiederholte halblaut der erstaunte Cyprien. Ich habe also die Lösung des Problems der Herstellung solcher entdeckt, trotz des Mißgeschickes mit dem Rohre! … Ich bin also reich! … Alice, meine geliebte Alice ist mein!«

Dann aber wollte er wieder nicht an das glauben, was er sah.

»Doch nein, das ist unmöglich! … Ist eine Illusion, eine Täuschung! … wiederholte er, von bangem Zweifel gequält. O, ich werde ja bald wissen woran ich bin!«

Und ohne sich Zeit zu nehmen, den Hut aufzusetzen, lief Cyprien außer sich vor Freude, wie es ehemals Archimedes war, als er aus dem Bade stieg, in welchem er gelegen hatte, als er seinen berühmten Lehrsatz entdeckte, in aller Eile hinaus und platzte gleich einer Bombe in die Hütte Jacobus Vandergaart’s hinein.

Hier fand er den alten Steinschneider eben beschäftigt, von Nathan aufgekaufte Diamanten zu prüfen, welche dieser ihm zum Schleifen übergeben hatte.

»Ah, Herr Nathan, Sie sind hier gerade am Platze! rief Cyprien. Sehen Sie einmal! Und Sie auch, Herr Vandergaart, sehen Sie, was ich bringe, und sagen Sie mir, was das ist!«

Er hatte seinen Stein auf den Tisch gelegt und blieb mit gekreuzten Armen davor stehen.

Nathan griff zuerst nach dem Stein, erblaßte vor Verwunderung und übergab jenen mit weit aufgerissenen Augen und offenstehendem Munde Jacobus Vandergaart. Dieser führte den betreffenden Gegenstand dicht vor die Augen, ging damit an’s Fenster und betrachtete ihn sorgsam mit dem Vergrößerungsglase. Dann legte er ihn wieder auf den Tisch und starrte Cyprien an.

»Das ist der größte Diamant, den es auf Gottes Erdboden giebt, sagte er ruhig.

– Ja, der allergrößte, wiederholte Nathan. Vier- oder fünfmal so groß, wie der Koh-i-noor, der »Berg des Lichts«, der Stolz des englischen Königsschatzes, der hundertsiebenzig Karat wiegt!

– Zwei- oder dreimal so groß, wie der »Großmogul«, der größte bisher bekannte Stein, der ein Gewicht von zweihundertachtzig Karat hat! fuhr der Steinschneider fort.

– Vier- oder fünfmal so groß, wie der Diamant des Czaren, der dreiundneunzig Karat wiegt! fügte Nathan immer verwunderter hinzu.

– Sieben- oder achtmal so groß, wie der »Regent«, der mit hundertsechsunddreißig Karat angegeben worden ist! vervollständigte Jacobus Vandergaart.

– Zwanzig- oder dreißigmal so groß wie der Diamant in Dresden, der nur einunddreißig wiegt!« rief Nathan.

Dann setzte er hinzu:

»Ich schätze ihn nach dem Schliffe noch mindestens auf vierhundert Karat! Aber, wer wäre im Stande, nur annähernd seinen Werth zu taxiren! Das entzieht sich jeder Berechnung!

– Warum? erwiderte Jacobus Vandergaart, der von den beiden Männern am ruhigsten geblieben war. Der Koh-i-noor wird auf dreißig Millionen Francs geschätzt, der »Großmogul« auf zwölf Millionen, der Diamant des Czaren auf acht und der »Regent« auf sechs Millionen! Danach müßte dieser hier einen Werth von, gering angeschlagen, hundert Millionen haben!

– O, da hängt doch noch sehr viel von seiner Farbe und Qualität ab! warf Nathan ein, der sich nach und nach wieder sammelte und im Hinblick auf ein später mögliches Kaufgeschäft einige Vorbemerkungen anbringen zu müssen glaubte. Wenn er farblos und von ganz reinem Wasser ist, ist sein Werth freilich ganz unschätzbar. Ist er aber gelblich, wie die meisten Diamanten des Griqualandes, so vermindert sich sein Preis damit ganz bedeutend! … Ich weiß übrigens kaum, ob mir für einen Krystall von solcher Größe nicht ein hübscher saphirblauer Schein, wie der des Diamanten Hoges, oder ein röthlicher, wie der des »Großmogul«, oder auch ein smaragdgrüner, wie der des Dresdner lieber wäre.

– Nein, nimmermehr! rief der alte Steinschneider eifrig. Ich für meinen Theil stelle die farblosen Diamanten stets über alle anderen! Ja, sprechen Sie vom Koh-i-noor oder vom »Regent«! Das sind mir richtige Edelsteine! … Neben diesen erscheinen die übrigen nur noch als Phantasie, als einfache Schmucksteine!«

Cyprien hörte schon gar nicht mehr.

»Sie werden entschuldigen, meine Herren, sagte er plötzlich, aber ich bin genöthigt, Sie augenblicklich zu verlassen!«

Mit diesen Worten ergriff er seinen kostbaren Stein und stürmte wieder den Weg nach der Farm zu hinauf. Ohne daran zu denken, daß er doch eigentlich anklopfen müsse, öffnete er die Thür des gewöhnlichen Besuchszimmers, traf hier Alice und hatte diese, ohne sich über sein Benehmen Rechenschaft zu geben, in die Arme geschlossen und auf beide Wangen geküßt.

»Halloh! Was ist denn das?« rief Mr. Watkins, dem diese unverschämten Zärtlichkeiten das Blut zu Kopfe trieben.

Der Farmer saß an einem Tische gegenüber Annibal Pantalacci, mit dem er eben eine Partie Piquet angefangen hatte.

»Entschuldigen Sie, Miß Watkins! stammelte Cyprien ganz erschrocken über seine Kühnheit, aber doch noch vor Freude strahlend. Ich bin allzuglücklich! … Ich bin ein Narr des Glücks! … Da sehen Sie, was ich hier bringe!«

Und er warf mehr, als daß er ihn legte, seinen Diamanten auf den Tisch zwischen die beiden Kartenspieler.

Ebenso wie Nathan und Jacobus Vandergaart begriffen auch diese sehr schnell, um was es sich handle. Mr. Watkins, der von seiner täglichen Portion Gin bis jetzt nur einen sehr bescheidenen Theil verzehrt hatte, war noch in völlig klarem Zustande.

»Das haben Sie gefunden … Sie selbst … in Ihrem Claim?« fragte er sehr lebhaft.

– Das gefunden? antwortete Cyprien triumphirend. Ich hab’s vielmehr gemacht! … Ich selbst hab’s von Anfang an hergestellt! … O, Herr Watkins, Alles in Allem hat die Chemie doch ihren großen Werth!«

Er lachte und drückte mit den Händen die feinen Finger Alices, welche über diese leidenschaftlichen Mittheilungen, aber ganz entzückt über das Glück ihres Freundes, freundlich lächelte.

»Ihnen, nur Ihnen, Fräulein Alice, verdanke ich diese wichtige Entdeckung! fuhr Cyprien fort. Wer hat mir gerathen, mich wieder der Chemie in die Arme zu werfen? Wer hat mich darauf hingewiesen, die Herstellung künstlicher Diamanten zu versuchen? .. Ihre anbetungswürdige Tochter, Herr Watkins! – O, ich muß ihr wohl alle Ehre anthun, wie die alten Ritter ihren Damen, und öffentlich erklären, daß ihr alles Verdienst bei dieser Entdeckung zukommt! … Hätt‘ ich ohne Sie jemals daran gedacht?«

Mr Watkins und Annibal Pantalacci betrachteten den Diamanten, sahen sich dann an und schüttelten die Köpfe. Sie wußten offenbar nicht, woran sie eigentlich waren.

»Sie sagen, daß Sie das gemacht haben … Sie selbst? fuhr John Watkins fort. Das wäre also ein unechter Stein?

– Ein unechter Stein? … rief Cyprien. Nun ja, zugegeben, ein unechter Stein! Jacobus Vandergaart und Nathan schätzten ihn freilich, niedrig veranschlagt, auf fünfzig Millionen, vielleicht auf hundert. Wenn das auch nur ein künstlicher Diamant ist, erzeugt durch ein neues Verfahren, dessen Erfinder ich bin, so ist er darum nicht minder echt! Sie sehen, daß ihm gar nichts fehlt, nicht einmal die Gangart!

– Und Sie würden sich auch getrauen, noch mehr solche Diamanten zu machen? fragte John Watkins etwas gereizt.

– Ob ich mir das getraue, Herr Watkins? Selbstverständlich! Ich will sie Ihnen schaufelweise liefern, diese Diamanten! Will sie Ihnen zehn- oder hundertmal so groß herstellen, wie dieser hier, falls Sie es wünschen. Ich mache Ihnen eine hinreichend große Zahl derselben, um Ihre Terrasse damit zu pflastern, um die Wege des Griqualandes damit zu macadamisiren, wenn Sie danach verlangen … Nur der erste Schritt kostet Mühe; nachdem ich aber den ersten Stein erhalten habe, ist alles Andere sehr einfach und läuft nur auf die richtige Anordnung der chemischen Maßnahmen hinaus.

– Doch wenn es so ist, fuhr der Farmer kreidebleich fort, so bedeutet es das Verderben aller Mineneigenthümer, mein eigenes, wie das des ganzen Griqualandes.

– Ja, freilich! rief Cyprien. Welches Interesse könnte man da noch haben, die Eingeweide der Erde zu durchwühlen, um ein paar kleine, fast werthlose Diamanten zu finden, sobald die Möglichkeit gegeben ist, diese auf künstlichem Wege ebenso leicht herzustellen, wie ein Vierpfundbrot?

– Aber das ist abscheulich! … wetterte John Watkins los. Das ist eine Schändlichkeit, ein Greuel! Wenn das, was Sie sagen, auf Wahrheit beruht, wenn Sie wirklich das Geheimniß besitzen … Er schwieg außer Athem.

– Sie sehen, sagte Cyprien sehr kühl, daß ich nicht grundlos rede, da ich Ihnen mein erstes Erzeugniß vorgelegt habe … Es ist wohl auch groß und werthvoll genug, Sie zu überzeugen!

– Nun gut, antwortete endlich Mr. Watkins, nachdem er wieder ein wenig zu Athem gekommen, wenn das wahr ist … müßte man Sie, Herr Méré, müßte man Sie sofort in der Hauptstraße des Lagers standrechtlich erschießen! … Das ist meine Meinung!

– Und die meinige ebenfalls!« glaubte Annibal Pantalacci mit drohender Geberde hinzusetzen zu müssen.

Ganz bleich war Miß Watkins aufgestanden.

»Mich standrechtlich erschießen, weil ich ein seit fünfzig Jahren aufgestelltes chemisches Problem zu lösen unternommen hätte? antwortete der junge Ingenieur, die Achseln zuckend. Wahrhaftig, das wäre ein etwas vorschnelles Verfahren!

– Hierbei ist gar nichts zu lachen! versetzte der Farmer wüthend. Haben Sie an die unausbleiblichen Folgen Ihrer sogenannten Entdeckung gedacht … an das Aufhören jeder Thätigkeit in den Minen … an die Lahmlegung der wichtigsten Industrie des Griqualandes … an mich, der dadurch an den Bettelstab gebracht würde?

– Meiner Treu, ich muß Ihnen freilich gestehen, daß mir Alles das kaum in den Sinn gekommen ist! antwortete Cyprien offenherzig. Das sind eben unvermeidliche Folgen des industriellen Fortschrittes, und die Wissenschaft hat keinerlei Ursache, sich um diese zu kümmern! Was Sie übrigens persönlich angeht, Herr Watkins, so seien Sie außer Sorge! Was mir gehört, gehört auch Ihnen, und Sie wissen ja recht gut, welche Veranlassung mich dazu gedrängt hat, Untersuchungen in dieser Richtung anzustellen!«

John Watkins begriff plötzlich, welchen Vortheil er selbst aus der Entdeckung des jungen Ingenieurs ziehen könne, und was der Neapolitaner auch davon halten mochte, zögerte er doch gar nicht, wie man sagt, die Flinte umzukehren.

»Wenn ich mir’s recht überlege«, fuhr er fort, »so können Sie ja recht haben und sprechen als braver, junger Mann, als den ich Sie kenne. Ja, ich denke, es könnten sich Mittel und Wege zu einem Übereinkommen finden lassen! Warum sollten Sie eine zu große Menge Diamanten fabriciren? Das wäre das sicherste Mittel, Ihre Erfindung zu entwerthen. Jedenfalls erscheint es weit klüger, das Geheimniß sorgfältig zu wahren, dasselbe nur in weiser Beschränkung auszunutzen und vielleicht nur noch ein oder zwei Exemplare solcher Steine wie diese hier herzustellen oder sich sogar mit diesem ersten Erfolge zufrieden zu geben, der Ihnen ja mit einem Schlage ein beträchtliches Capital sichert und den reichsten Mann im Lande aus Ihnen macht. Auf diese Weise würden Alle zufriedengestellt; die Dinge hier nehmen ihren Lauf wie früher, und Sie vermeiden die Gefahr, mit ganz ansehnlichen fremden Interessen in feindliche Berührung zu kommen!«

Das war eine neue Anschauung der Sachlage, an welche Cyprien bisher noch nicht gedacht hatte. Da trat ihm auch schon mit unerbittlicher Strenge das Dilemma vor Augen, entweder das Geheimniß seiner Entdeckung für sich zu behalten, es der Welt nicht mitzutheilen und es zur eigenen Bereicherung auszunützen, oder mit einem Schlage, wie John Watkins mit Recht sagte, alle natürlichen und künstlichen Diamanten der Welt völlig zu entwerthen und folglich auf jeden Vermögensvortheil zu verzichten um des einen Zweckes willen … die Steingräber von Griqualand, von Brasilien und Indien zu ruiniren!

Vor diese Alternative gestellt, zauderte Cyprien vielleicht ein wenig, aber doch nur einen Augenblick. Und doch sah er ein, daß er, wenn er sich voll Offenheit für die Ehre und die Treue gegenüber der selbstlosen Wissenschaft entschied, für immer auf die Hoffnung verzichten müsse, welche doch der erste Beweggrund zu seiner Entdeckung gewesen war.

Die peinliche Empfindung war für ihn eben so bitter, ebenso schmerzlich und unerwartet, weil er ja plötzlich ans dem schönsten Traume gerissen wurde.

»Herr Watkins, sagte er sehr ernst, wenn ich meine Entdeckung als Geheimniß behandelte, wär‘ ich doch nichts als ein Fälscher! Ich verkaufte dann nach falschem Gewicht, ich würde Andere über die Qualität der Waare täuschen! Erfolge, welche ein Gelehrter erzielt, gehören ihm niemals allein! Sie sind stets ein Theil des geistigen Eigenthums Aller! Davon nur den kleinsten Theil für sich aus egoistischem, persönlichem Interesse zurückzubehalten, wäre das schändlichste Verbrechen, dessen ein Mann sich schuldig machen könnte. Ich werde es nicht thun! … Nein! … Ich denke keine Woche, keinen Tag zu warten, um das Verfahren, auf welches ich neben einiger Berechnung zum großen Theil doch durch glücklichen Zufall gekommen bin, zum Gemeingut zu machen! Dabei habe ich mir nur die eine, ich glaube, gerechtfertigte Beschränkung aufzuerlegen, daß ich die Art und Weise zuerst Frankreich, meinem Vaterlande, mittheile, welches mir die Gelegenheit geboten hat, ihm dienstbar zu sein! Schon morgen werde ich der Akademie der Wissenschaften mein Geheimniß schriftlich übermitteln! Adieu, Herr Watkins, Ihnen verdanke ich es wenigstens, auf eine Verpflichtung hingewiesen worden zu sein, an die ich zunächst gar nicht dachte … Miß Watkins … ich hatte wohl einen herrlichen Traum … ach, daß ich auf seine Verwirklichung verzichten muß!«

Noch ehe das junge Mädchen eine Bewegung auf ihn zumachen konnte, hatte Cyprien seinen Diamanten ergriffen, grüßte artig Miß Watkins, sowie deren Vater, und verschwand.

Fünftes Capitel.


Fünftes Capitel.

Erste Abbauversuche.

Am frühen Morgen des folgenden Tages begaben sich die beiden Compagnons an die Arbeit. Ihr Claim lag nahe dem Rande der Kopje und mußte, wenn Cyprien Méré’s Theorie sich bestätigte, zu den reicheren gehören. Leider war dieser Claim schon stark abgebaut und reichte bis zur Tiefe von einigen fünfzig Metern in die Erde hinab.

In gewisser Hinsicht durfte das aber wieder als ein Vorzug gelten, weil in Folge seiner, alle Nachbar-Claims übertreffenden Tieflage, nach bestehendem Landesgesetz, alle Erdmassen und folglich die etwa darin befindlichen Diamanten, welche von der Umgebung her hineinfielen, den Inhabern desselben gehörten.

Die Arbeit selbst war höchst einfach. Die beiden Theilhaber lösten zuerst mit Spitzhaue und Hacke einen Theil Erdreich regelrecht los. Darauf begab sich der Eine nach der Mündung der Grube und zog an dem langen Drahtkabel die ihm von unten zugesendeten Ledereimer in die Höhe.

Das Erdreich wurde von hier aus mittelst Karrens nach der Hütte Thomas Steel’s geschafft. Nachdem es hier mit groben Holzscheiten zerkleinert und von werthlosen Kieselsteinen befreit war, gelangte dasselbe in ein Sieb mit Maschen von fünfzehn Millimeter Weite, um davon die kleineren Steine zu trennen, welche nun aufmerksam durchgesehen wurden, um die auf den ersten Blick werthlosen bei Seite zu werfen. Endlich gelangte die Erde in ein feinmaschiges Sieb, durch welches nur der Staub daraus entfernt wurde, und war nun in dem erwünschten Zustande, um einer ganz sorgfältigen Prüfung unterworfen zu werden.

Nachdem dieselbe auf einen Tisch ausgeschüttet worden war, an dem die beiden Steinsucher Platz nahmen, ließen sie jene mittelst eines Art Schabers aus Weißblech mit größter Aufmerksamkeit eine Handvoll nach der andern Revue passiren und warfen sie schließlich unter den Tisch, von wo aus sie später hinausgeschafft und an beliebiger Stelle aufgehäuft wurde.

Alle diese Maßnahmen liefen darauf hinaus, in derselben, wenn sie einen solchen enthielt, einen Diamanten zu finden, wär‘ er auch nicht größer als eine halbe Linse gewesen. Wie glücklich schätzten sich dann die Geschäftstheilhaber, wenn ein Tag nicht ohne Entdeckung eines solchen verlief! Sie wendeten sich ihrer Aufgabe mit wahrem Feuereifer zu und untersuchten das Erdreich ihres Claims mit peinlichster Genauigkeit; Alles in Allem gestalteten sich jedoch während der ersten Tage die Ergebnisse ihrer Mühen fast ganz negativ.

Vorzüglich schien Cyprien das Glück nicht günstig. Wenn sich ein kleiner Diamant fand, so war es fast stets Thomas Steel, der ihn entdeckte. Der erste, den er das Glück hatte herauszufinden, wog, selbst die anhaftende Gangart mitgerechnet, kaum ein Sechstel Karat.

Der Karat ist ein Gewicht von vier Gran und entspricht nahezu einem Fünftel Gramm. 5. Ein Diamant erster Güte, der vollständig rein, durchsichtig und farblos ist, und 1 Karat wiegt, werthet in geschnittenem Zustande etwa 200 Mark oder 100 fl. österr. W. Wenn die weniger wiegenden Steine einen verhältnißmäßig nur sehr geringen Preis bedingen, so steigt dieser dafür sehr schnell bei den größeren und schwereren. Im Allgemeinen rechnet man den Handelswerth eines Steines vom reinsten Wasser gleich dem Quadrate seines in Karaten ausgedrückten Gewichts, multiplicirt mit obigem Karatpreise. Schätzt man demnach den Werth eines Karats fehlerlosen Diamants auf zweihundert Reichsmark, so würde ein Stein von derselben Güte und zehn Karat Gewicht hundertmal so viel oder 20.000 Reichsmark (10.000 fl. Oesterr. Währ.) kosten.

Krystalle von zehn Karat, ja selbst solche von nur einem Karat, sind aber verhältnißmäßig selten und nur deshalb bedingen sie einen so hohen Kaufpreis. Hierbei ist noch zu bemerken, daß die Diamanten aus dem Griqualand meist einen gelblichen Schein haben; ein Umstand, der ihren Handelswerth nicht unbeträchtlich herabmindert.

Die Auffindung eines Steinchens von einem Sechstel Karat nach sieben- oder achttägiger Arbeit bildete gewiß eine sehr dürftige Entschädigung für die darauf verwendete Mühe und Arbeit. Bei einem solchen Lohne wäre es einträglicher gewesen, das Feld zu bearbeiten, Heerden zu hüten, oder auf den Landstraßen Steine zu klopfen. Dieser Gedanke kam auch Cyprien wiederholt in den Sinn. Indeß erhielt die Hoffnung, einmal einen schönen Diamanten zu finden, der mit einem Schlage die Arbeit mehrerer Wochen, selbst mehrerer Monate aufwiegen könnte, ihn ebenso aufrecht, wie andere, und selbst die wenigst vertrauensseligen Steingräber. Thomas Steel machte sich, wenigstens dem äußeren Anscheine nach, über so etwas gar keine Gedanken und arbeitete mit der einmal angenommenen Geschwindigkeit mehr maschinenmäßig weiter.

Die beiden Geschäftsgenossen frühstückten meist zusammen, wobei sie sich mit Sandwichbrötchen und Bier begnügten, was an einem Büffet unter freiem Himmel verkauft wurde, zu Mittag aßen sie dagegen an einer der gemeinsamen Tafeln, an welche sich die Insassen des ganzen Lagers vertheilten. Am Abend, wenn sie sich trennten, um jeder seines Weges zu gehen, begab sich Thomas Steel gewöhnlich nach einer Billardstube, während Cyprien für eine oder zwei Stunden die Farm aufsuchte.

Hier hatte der junge Ingenieur öfter das Mißvergnügen, seinen Rivalen, James Hilton, zu treffen, einen großen Burschen mit röthlichem Haar, sehr weißem Teint, dessen Gesicht mit den kleinen Fleckchen übersäet war, die man Epheliden (d. h. Sommersprossen) nennt. Daß dieser Wettbewerber offenbar große Fortschritte in der Gunst John Watkins‘ machte, indem er noch tapferer Gin trank und noch mehr Hamburger Knaster rauchte als jener, lag ihm deutlich genug auf der Hand.

Alice schien freilich die bäuerischen Artigkeiten und die sehr platten Reden des jungen Hilton nur mit großem Widerwillen entgegenzunehmen. Seine Gegenwart wurde Cyprien darum jedoch nicht minder unerträglich. Wenn’s ihm dann zuweilen zu arg wurde und er fürchten mußte, sich nicht genügend beherrschen zu können, sagte er der Gesellschaft schnell Gute Nacht, und lief aus der Farm davon.

»Der Franzose ist nicht bei guter Laune, meinte dann John Watkins, seinem Trinkgenossen mit den Augen zublinzelnd. Es scheint, als ob die Diamanten nicht von allein unter seine Hacke kämen.« James Hilton schlug darüber ein rohes, lärmendes Gelächter auf.

An solchen Abenden verbrachte dann Cyprien gewöhnlich die noch übrige Zeit bei einem alten, grundehrlichen Boer, Namens Jacobus Vandergaart, der ganz in der Nähe des Lagers wohnte.

Eben von seinem Namen rührte die Bezeichnung der Kopje her, deren Grund und Boden er zur ersten Zeit der Concessionen besessen hatte. Man durfte wohl seiner Behauptung glauben, daß er nur durch Verweigerung der Rechtspflege zu Gunsten John Watkins‘ um sein Eigenthum gekommen war. Jetzt so gut wie ruinirt, lebte er in einer alten Lehmhütte und betrieb sein Geschäft als Diamantenschneider wie früher in Amsterdam, seiner Vaterstadt, von Neuem.

Es kam nämlich ziemlich häufig vor, daß die Minengräber, begierig, das wirkliche Gewicht ihrer Steine nach dem Schnitte zu erfahren, ihm dieselben brachten, entweder, um sie nur zu spalten, oder sie auch noch feinerer Bearbeitung zu unterziehen. Solche Arbeiten verlangen aber eine sichere Hand und ein scharfes Auge, und der alte Jacobus Vandergaart, früher ein ausgezeichneter Diamantenschneider und Schleifer, hatte jetzt oft große Mühe, den an ihn gestellten Anforderungen zu entsprechen.

Cyprien, der ihm seinen ersten Diamanten zur Fassung in einen Ring übergeben hatte, empfand bald eine herzliche Zuneigung zu dem Alten. Er saß gern in der bescheidenen Werkstätte, um ein Stündchen zu verplaudern, oder allein um dem Insassen Gesellschaft zu leisten, während dieser an seinem Steinschneidertische thätig blieb. Mit seinem weißen Barte, der kahlen Stirn, auf der ein schwarzes Sammetkäpsel thronte, mit der langen Nase und der großen rundglasigen Brille darauf, bot Jacobus Vandergaart ganz den Anblick eines Alchemisten des fünfzehnten Jahrhunderts mitten unter seinen wunderlichen Werkzeugen und geheimnißvollen Flaschen.

In einer nahe dem Fenster angebrachten Mulde befanden sich die rohen Diamanten, welche Jacobus Vandergaart anvertraut worden waren, und die zuweilen einen sehr beträchtlichen Werth darstellten. Wollte er einen solchen spalten, dessen Krystallisation seiner Ansicht nach zu wünschen übrig ließ, so begann er damit, mit Hilfe eines Vergrößerungsglases die Spaltflächen aufzusuchen, welche alle Krystalle in Lamellen mit parallelen Seiten theilen; dann machte er mit der Schneide eines schon gespaltenen Diamanten in gewünschter Richtung einen Ritz, setzte eine feine Stahlklinge in diesen ein und führte einen kurzen Schlag darauf.

Damit war der Diamant an einer Fläche gespalten, und dieses Verfahren wurde nachher bezüglich der anderen wiederholt.

Wollte Jacobus Vandergaart dagegen den Stein schneiden oder, um es deutlicher auszudrücken, nach bestimmter Form schleifen, so zeichnete er zunächst dessen Gestalt auf die umgebende Gangart, und deutete darauf die beabsichtigten Facetten an. Dann brachte er jeden dieser Steine in Berührung mit einem zweiten Diamanten und setzte einen gegen den anderen einer langen Reibung aus. Die beiden Steine schliffen sich dabei gegenseitig ab und nach und nach trat die eigentliche Facette zu Tage.

Auf diese Weise gab Jacobus Vandergaart dem Edelstein eine der jetzt durch langen Gebrauch eingeführten Formen, welche alle unter die folgenden Abtheilungen fallen: Der »Brillant von doppeltem Gut«, der »Brillant von einfachem Gut« und die »Rosette«.

Der doppelte Brillant besteht aus vierundsechzig Facetten, einer Tafel und der Culasse.

Der Brillant von einfachem Gut bildet oben nur die Hälfte des vorigen. Die Rosette hat nur einen flachen Untertheil und einen kuppelartig von Facetten unterbrochenen Obertheil.

Ausnahmsweise hatte Jacobus Vandergaart wohl auch eine »Briolette«, d. h. einen Diamant zu schneiden, der ohne ein eigentliches Ober- und Untertheil mehr die Gestalt einer Birne hat. In Indien versieht man die Brioletten mit einem Loche in der Nähe des dünneren Endes, um eine Schnur hindurch zu ziehen.

»Pendeloques« dagegen, welche der alte Steinschneider weit häufiger unter die Hände bekam, bilden nur Halbbirnen mit Tafel and Culasse, die an der Vorderseite Facetten tragen.

Wenn der Diamant geschnitten ist, muß er, um vollkommen zu sein, noch polirt werden. Das geschieht mittelst einer Art Schleifscheibe aus hartem Stahl von etwa achtundzwanzig Centimeter Durchmesser, welche parallel mit der Tischplatte läuft und sich, getrieben von einem großen Schwungrad mit Handgriff, zwei- bis dreitausendmal in der Minute dreht. Gegen diese eingeölte und mit, von früheren Schliffen herrührendem Diamantstaub überpuderte Scheibe drückte Jacobus Vandergaart eine nach der anderen die Seiten seines Steines, bis dieselben eine hinreichende Politur angenommen hatten. Das Schwungrad wurde bald von einem kleinen Hottentotten in Bewegung gesetzt, den er tageweise miethete, bald von einem Freunde wie Cyprien, der sich nicht nehmen ließ, ihm diesen Dienst gelegentlich aus Gefälligkeit zu erweisen. Während der Arbeit wurde dann munter geplaudert. Oft schob Jambus Vandergaart die Brille auf die Stirn und hielt kurze Zeit inne, um irgend eine Geschichte aus vergangener Zeit zu erzählen.

Von Südafrika, das er seit vierzig Jahren bewohnte, wußte er sehr viel zu berichten. Daß seine Unterhaltung einen eigenen Reiz hatte, lag darin, daß sie die Überlieferungen des Landes wiederspiegelte, welche noch heute frisch im Andenken sind.

Vor Allem wurde der alte Steinschneider niemals müde, seinen patriotischen und persönlichen Kummer zu schildern. Die Engländer waren in seinen Augen die abscheulichsten Diebe, welche die Erde je gesehen. Die Verantwortlichkeit für seine wohl etwas übertriebenen Anschauungen muß auf ihm ruhen bleiben, doch kann man ihm dieselben wohl einigermaßen verzeihen.

»Das ist nicht zu verwundern, wiederholte er gern, daß die Vereinigten Staaten von Nordamerika sich für unabhängig erklärt haben, ebenso wie Indien und Australien bald dasselbe thun dürften. Welches Volk möchte eine solche Tyrannei ertragen? … O, Herr Méré, wenn der Welt alle die Ungerechtigkeiten bekannt wären, welche diese auf ihre Geldsäcke und ihre Macht zur See so stolzen Engländer verübt haben, dann hätte die menschliche Sprache nicht harte Ausdrücke genug, sie ihnen in’s Gesicht zu schleudern.

»Soll ich Ihnen erzählen, was sie mir, mir, der ich mit Ihnen spreche, angethan haben? fuhr Jacobus Vandergaart fort. Hören Sie mich an und dann werden Sie ja urtheilen können, ob man darüber zweierlei Meinung sein kann.«

Da Cyprien ihm versicherte, daß ihm das große Freude machen werde, fuhr das Männchen fort wie folgt: »Ich bin in Amsterdam im Jahre 1806 auf einer Reise, die meine Eltern dahin gemacht hatten, geboren. Später kam ich dahin zurück, um mein Geschäft zu erlernen; meine ganze Kindheit verlief dagegen am Cap, wohin meine Familie schon vor fünfzig Jahren ausgewandert war. Wir waren Holländer und stolz darauf es zu sein, als Großbritannien sich plötzlich der Colonie – provisorisch, wie es hieß – bemächtigte. John Bull läßt aber nicht wieder los, was er einmal gepackt, und 1815 wurden wir durch das auf einem Congreß versammelte Europa feierlich für Unterthanen des Vereinigten Königreichs erklärt.

»Ich frage Sie, was hatte Europa sich in die Angelegenheiten unserer afrikanischen Provinzen einzumischen?

»Ja, für englische Unterthanen, aber wir wollten das nicht sein, Herr Méré! In der Ueberzeugung, daß Afrika groß genug sei, uns ein Vaterland zu geben, das uns, uns allein gehörte, verließen wir die Capcolonie und wanderten nach den noch wilden Ländereien aus, welche jenes Land im Norden begrenzen. Man nannte uns »Boers,« d. h. Bauern oder auch »Voortrekkers,« das heißt etwa Pioniere oder Vorzügler.

»Kaum hatten wir das neue Land gepflügt, kaum uns durch schwere Arbeit eine unabhängige Existenz geschaffen, da kam die britische Regierung und nahm uns als die ihrigen in Anspruch – immer unter dem Vorwande, daß wir englische Unterthanen seien!

»Das gab Anlaß zu unserem großen Auszuge im Jahre 1833. Auf’s Neue verließen wir das Land in Masse. Nachdem wir auf die mit Ochsen bespannten Wagen unsere Hausgeräthe, Werkzeuge und die Getreidevorräthe verladen hatten, drangen wir noch weiter in die Wüstenei ein. »Zu jener Zeit war das Gebiet von Natal fast ganz entvölkert. Ein blutdürstiger Eroberer, Namens Tchaka, ein wirklicher Neger-Attila aus dem Zuluvolke, hatte hier von l812 bis 1828 fast eine Million Menschen hingeschlachtet. Auch sein Nachfolger Dingaan herrschte daselbst noch durch Schrecken. Dieser wilde König war es jedoch, der uns gestattete, in dem Lande Niederlassungen zu gründen, da wo sich heute die Städte Durban und Port-Natal erheben.

»Der schurkische Dingaan hatte dabei jedoch stets den Hintergedanken gehabt, uns zu überfallen, wenn unsere Gemeinde einigermaßen gediehen wäre. Deshalb bewaffnete sich Jeder, um Widerstand zu leisten, und es war nur unter unerhörten Anstrengungen und, ich darf wohl sagen, durch wahre Wunder von Tapferkeit möglich, daß wir in über hundert Gefechten, in denen unsere Frauen und Kinder an unserer Seite kämpften, im Besitz des Landes bleiben konnten, das wir mit unserem Schweiße, mit unserem Blute gedüngt hatten.

»Kaum war jedoch der schwarze Despot überwunden und seine Macht zertrümmert, als der Gouverneur des Caps britische Truppen sandte mit dem Auftrage, das Gebiet von Natal im Namen ihrer Majestät der Königin von England zu besetzen! … Sie sehen, wir waren noch immer englische Unterthanen! Das geschah im Jahre 1842.

»Andere ausgewanderte Landsleute hatten inzwischen den Transvaal erobert und aus dem Oranjeflusse die Macht des Tyrannen Moselekatze gebrochen. Auch sie mußten sich gefallen lassen, durch einfachen Tagesbefehl das neue Vaterland confiscirt zu sehen, das sie mit so viel Leid und Ungemach erworben hatten.

»Ich übergehe alle Einzelheiten. Der Kampf währte zwanzig Jahre lang. Wir zogen immer weiter, und immer streckte Großbritannien seine gierige Hand nach uns aus, wie über ebensoviele Leibeigene, die noch immer der Scholle angehörten, selbst wenn sie diese verlassen hatten.

»Endlich nach unendlicher Mühe und blutigen Kämpfen gelang es, die Anerkennung unserer Unabhängigkeit in dem Oranje-Freistaate durchzusetzen. Eine von der Königin Victoria unterzeichnete und vom 8. April 1854 datirte Proklamation sicherte uns den freien Besitz des Landes und das Recht beliebiger Selbstregierung zu. Wir bildeten uns endgiltig zur Republik um, und Niemand könnte behaupten, daß unser auf peinliche Beobachtung der Gesetze begründeter Staat, in welchem jedes individuelle Vermögen sich nach Gutdünken entwickeln kann und wo allen Classen ein möglichst gründlichen Unterricht zugänglich gemacht ist, nicht vielen anderen Nationen, die sich vielleicht für weit civilisirter halten, als unser kleiner Staat in Südafrika, als Muster dienen könnte.

»Das Griqualand war ein Theil desselben. Hier hatte ich mich niedergelassen und zwar in demselben Häuschen, in dem wir uns augenblicklich befinden, hier wohnte ich mit meinem Weibe und meinen beiden Kindern. Meinen Kraal oder das Gehege errichtete ich an der Stelle der Mine, wo Sie jetzt arbeiten. Zehn Jahre später kam John Watkins in das Land und erbaute hier seine erste Hütte. Damals wußte man noch nicht, daß diese Terrains Diamanten enthielten, und was mich angeht, hatte ich seit mehr als zwanzig Jahren so wenig Gelegenheit gehabt, mein altes Gewerbe zu betreiben, daß ich mich kaum des Vorhandenseins jener kostbaren Steine entsann.

»Plötzlich, gegen 1867, verbreitete sich das Gerücht, daß unser Gebiet Diamanten enthalte. Ein Boer von den Ufern des Haart hatte Diamanten selbst im Kothe von Straußen und sogar in den Lehmmauern seiner Farm aufgefunden. 6

»Treu ihrem Raubsystem und alle Verträge und Rechte mißachtend, erklärte die englische Regierung gleich darauf, daß das Griqualand ihr gehöre.

»Vergeblich erhob unsere Republik Einspruch. Vergeblich erbot sie sich, die Meinungsverschiedenheiten dem Schiedsspruche eines europäischen Fürsten zu unterbreiten … England wies eine solche Entscheidung zurück und besetzte einfach unser Gebiet.

»Nun hätte man wenigstens noch erwarten sollen, daß von unseren ungerechten Herren die Rechte der Privatpersonen geachtet werden würden! Ich, der ich Wittwer geworden war und bei der furchtbaren Epidemie des Jahres 1870 meine Kinder verloren hatte, fühlte nicht mehr den Muth, noch einmal ein neues Vaterland aufzusuchen und mir noch einmal einen Herd zu gründen, den sechsten oder siebenten während meiner langen Lebensbahn. Ich blieb also im Griqualand.

»Fast den Einzigen hier, ließ mich das Diamantenfieber, das alle Welt befiel, ganz unberührt, und nach wie vor baute ich meinen Gemüsegarten, als ob die Fundstätte des Du Toits Pan, einen Büchsenschuß von meinem Hause, gar nicht entdeckt worden wäre.

»Wie groß aber war eines Tages mein Erstaunen, als ich die nach Landessitte aus trockenen Steinen errichtete Mauer meines Kraals während einer Nacht zerstört und dreihundert Meter weiter nach der Ebene zu fortgeschafft sah. An Stelle der meinigen hatte John Watkins mit Hilfe von hundert Kaffern eine andere errichtet, welche sich direct an die seinige anschloß und seinem Grund und Boden das Stück sandige, röthliche Land hinzufügte, welches bis zur Stunde mein unbestrittenes Eigenthum gewesen war.

»Ich beklagte mich gegen diesen Räuber … er lachte nur darüber. Ich drohte ihm, eine gerichtliche Klage anhängig zu machen … Er meinte, ich solle es nur thun!

»Drei Tage später erhielt ich die Erklärung dieses Räthsels. Die mir gehörige Bodenausbuchtung war eine Diamantenmine. Nachdem John Watkins diese Ueberzeugung gewonnen, hatte er sich beeilt, meine Mauer zu rücken. Dann war er nach Kimberley gegangen, um officiell die Mine auf seinen Namen anzumelden.

»Ich erhob Klage … Möchten Sie nie erfahren, Herr Méré, was es in englischem Lande kostet, eine Klage zu führen! Nach und nach verlor ich darüber meine Ochsen, meine Pferde, meine Schafe! Ich verkaufte das ganze Hausgeräth, bis auf die Kleidermotten, um diese menschlichen Blutegel, welche man Solicitors, Attorneys, Sherifs und Gerichtsdiener nennt, zu mästen … Kurz, nach einem Jahre voller Winkelzüge, voller Erwartung, immer getäuschter Hoffnung, voll Angst und innerlicher Empörung wurde schließlich die Frage meines Eigenthumsrechts endgiltig geregelt, ohne daß ich dagegen Einspruch erheben oder die Entscheidung cassiren lassen konnte.

»Ich verlor meinen Proceß und zu Grunde gerichtet war ich obendrein! Ein Urtheil in aller Form erklärte meine Ansprüche als unbegründet, wies meine Klage ab und erklärte, daß es dem Gerichtshofe unmöglich sei, die antheiligen Rechte der Parteien zu erkennen, daß es sich dagegen empfehle, für die Zukunft eine bestimmte Grenze festzustellen. So bestimmte man den 25. Grad östlicher Länge von Greenwich als die Linie, welche beide Besitzungen trennen sollte. Das westlich von diesem Meridian gelegene Terrain sollte John Watkins verbleiben, das östlich desselben befindliche Jacobus Vandergaart angehören. Diese auf den ersten Blick eigentümliche Entscheidung war den Richtern durch den Umstand nahegelegt, daß jener 25. Grad über das Gebiet des Bezirks und quer durch den Grund und Boden verläuft, auf dem sich früher mein Kraal befunden hatte.

»Die Mine lag aber leider mehr nach Westen zu. Sie ging damit natürlich in das Eigenthum John Watkins‘ über.

»Trotzdem, und wie um die Ansicht des Landes durch einen unauslöschlichen Flecken zu verewigen, wird dieselbe im Gegensatz zu dem richterlichen Ausspruche noch heute die Vandergaart-Kopje genannt!

»Nun sagen Sie, Herr Méré, hab‘ ich nicht das volle Recht, zu sagen, daß die Engländer Spitzbuben sind?« fragte der alte Boer, als er seine nur zu wahrheitsgetreue Erzählung beendigte.

  1. Genau, d. h. für die dortige Gegend, 0.2052 Gramm, während er an anderen Orten von 0.197 (Amboina) bis 0.2159 Gramm (Livorno) differirt. Amsterdam selbst rechnet 1 Karat = 0.2057 Gramm.
  2. Dieser Boer hieß Jacobs. Ein gewisser Niekirk, ein holländischer Händler, der hier in Gesellschaft eines Straußjägers, Namens O’Reilly, hindurchkam, erkannte in den Händen der Kinder des Boers als Spielzeug einen Diamanten, den er für wenig Sous kaufte und für 12.500 Francs an Sir Philipp Wordehouse, den Gouverneur der Capcolonie, wieder veräußerte. Der betreffende Stein wurde sofort kunstgerecht bearbeitet und nach Paris geschickt, wo er in der Weltausstellung auf dem Marsfelde im Jahre 1867 eine Stelle fand. Seit dieser Zeit ist dem Boden im Griqualande alljährlich an Diamanten ein Werth von 32 Millionen Mark entnommen worden. Als merkwürdiger Umstand verdient angeführt zu werden, daß das Vorkommen von Diamantlagerstätten in diesem Lande früher einmal bekannt gewesen und später wieder vergessen worden ist. Alte Landkarten aus dem fünfzehnten Jahrhundert tragen an solchen Stellen die Bemerkung: »Here Diomonds« = »Hier giebt es Diamanten.«

Sechstes Capitel


Sechstes Capitel

Lagergebräuche

Man wird gerne zugestehen, daß der Inhalt dieses Gesprächs für den jungen Ingenieur nicht besonders angenehm war. Er konnte einer solchen Bemäkelung der Ehrenhaftigkeit des Mannes, den er noch immer heimlich als zukünftigen Schwiegervater betrachtete, keinen Geschmack abgewinnen. Deshalb gewöhnte er sich auch bald, die Ansichten des Jacobus Vandergaart über die Angelegenheit mit der Kopje als einer fixen Idee entsprungen zu betrachten, von der man gewiß Vieles abziehen müsse.

John Watkins, dem gegenüber er diese Sache einmal mit zwei Worten erwähnte, hatte erst statt jeder Antwort laut aufgelacht und dann den Zeigefinger unter Kopfschütteln an die Stirne gelegt, wie um auszudrücken, daß es mit dem Verstand des alten Vandergaart nicht mehr ganz richtig sei.

War es denn nicht wirklich möglich, daß der Greis unter dem Eindruck der Entdeckung der Diamantenmine sich ohne hinreichenden Grund nur in den Kopf gesetzt hatte, dieselbe sei eigentlich sein Eigenthum? Jedenfalls hatte doch das Gericht ihm allseitig Unrecht gegeben, und man durfte doch als unwahrscheinlich ausschließen, daß die Richter absichtlich Recht für Unrecht angesehen hatten. Das sagte sich der junge Ingenieur zur Selbstentschuldigung, wenn er noch ferner mit John Watkins Umgang pflog, nachdem er erfahren, was Jacobus Vandergaart über diesen dachte.

Ein anderer Lagernachbar, bei dem Cyprien gelegentlich einmal gern vorsprach, weil er bei diesem das Leben des Boers in seiner ursprünglichen Färbung antraf, war ein Farmer Namens Mathys Pretorius, der unter allen Diamantengräbern des Griqualandes wohl bekannt war.

Obgleich erst vierzig Jahre alt, war doch Mathys Pretorius schon lange am weiten Becken des Oranjeflusses umhergeirrt, ehe er sich in diesem Lande ansiedelte. Das Nomadenleben hatte auf ihn aber nicht, wie auf Jacobus Vandergaart, die Wirkung, ihn magerer und reizbarer zu machen. Er war dabei vielmehr dick und fett und das in solchem Maße geworden, daß er sich kaum auf den Füßen bewegen konnte. Man hätte ihn mit einem Elephanten vergleichen können.

Fast stets in einem ungeheuren Holzlehnstuhle sitzend, der ganz eigens für ihn gebaut war, um seine gewaltigen Körperformen aufzunehmen, verließ Mathys Pretorius das Haus nur im Wagen, in einer Art Preschwagen aus Weidengeflecht, vor den ein riesiger Strauß gespannt war. Die Leichtigkeit, mit welcher der Stelzfüßler die enorme Masse hinter sich herzog, lieferte einen sprechenden Beweis für die gewaltige Kraft seiner Muskeln.

Mathys Pretorius kam gewöhnlich nur nach dem Lager, um mit den Cantinenwirthen einen Handel in Gemüse abzuschließen. Er war höchst populär, leider von wenig beneidenswerther Popularität, weil diese sich auf seine ganz außergewöhnliche Verzagtheit gründete. Die Steingräber machten sich’s auch häufig zum Vergnügen, ihm durch Erzählungen von tausend Dummheiten einen entsetzlichen Schrecken einzujagen.

Bald wurde ihm ein bevorstehender Einfall von Bassutos oder Zulus gemeldet; bald wieder stellte man sich in seiner Gegenwart so, als lese man in einer Zeitung einen Gesetzvorschlag, wonach in den englischen Besitzungen jedes Individuum von über dreihundert Pfund Gewicht den Tod erleiden sollte. Oder man ließ ihn auch hören, daß sich ein toller Hund auf der Straße von Driesfontein gezeigt habe, und der arme Mathys Pretorius, der diesen Weg einschlagen mußte, um nach Hause zu gelangen, erfand dann tausend Ausflüchte, um im Lager zurückzubleiben.

Seine eingebildeten Befürchtungen verschwanden jedoch noch immer gegenüber der ernsthaften Angst, die ihn wegen etwaiger Entdeckung einer Diamantenmine auf seinem Grund und Boden plagte.

Er entwarf sich schon im Voraus ein entsetzliches Gemälde von dem, was dann geschehen müsse, wenn die habgierigen Menschen über seinen Gemüsegarten herfielen, seine Beete umwühlten und ihn dann gar an die Luft setzten! Die Engländer würden schon Anhaltspunkte finden, um nachzuweisen, daß das Land eigentlich ihnen gehöre.

Wenn sich solche düstere Vorstellungen seines Gehirns bemächtigten, schnürten sie ihm fast die Kehle zu. Wenn er unglücklicher Weise einen »Prospecteur« 7 sah, der um sein Gehöft umherirrte, so konnte er weder essen noch trinken! Und dennoch wurde der Mann alle Tage dicker.

Einer seiner hartnäckigsten Verfolger war jetzt Annibal Pantalacci. Der boshafte Neapolitaner – der nebenbei sehr gut zu gedeihen schien, denn er ließ drei Kaffern in seinem Claim arbeiten und trug einen sehr großen Diamanten im Brustlatze des Hemdes – hatte bald die Schwäche des unglücklichen Boers herausgefunden. So machte er sich wenigstens einmal jede Woche das ziemlich zweifelhafte Vergnügen, in der Umgebung der Farm Pretorius Bodenuntersuchungen anzustellen oder wenigstens die Erde oberflächlich aufzugraben.

Das Gebiet dieser Farm erstreckte sich am linken Ufer des Vaal etwa zwei Meilen über das Lager hinaus und enthielt Alluvialboden, der in der That recht wohl Diamanten bergen konnte, obwohl bis auf den heutigen Tag dafür kein weiterer Beweis erbracht worden war.

Um diese alberne Komödie desto wirksamer zu machen, hielt Annibal Pantalacci darauf, stets in Sicht und vor den Fenstern Mathys Pretorius‘ Aufstellung zu nehmen, und meist schleppte er auch mehrere Kameraden mit, um denselben durch seine Neckereien einen Spaß zu bereiten.

Dann konnte man sehen, wie der, hinter den Baumwollenvorhängen halb erstarrte Mann ängstlich ihren Bewegungen folgte, jede Miene der Leute belauschte und sich immer bereit hielt, nach dem Stall zu laufen, um seinen Strauß einzuspannen und zu entfliehen, wenn er einen feindlichen Einfall in sein Gebiet befürchten zu müssen glaubte.

Warum hatte er aber auch das Unglück gehabt, einem seiner Freunde anzuvertrauen, daß er Tag und Nacht seinen Zugvogel angezäumt halte und die Sitzkasten seines Wagens schon mit Mundvorrath versehen habe, um bei den ersten entscheidenden Erscheinungen Reißaus nehmen zu können?

»Dann gehe ich zu den Buschmännern! sagte er. Schon vor zehn Jahren trieb ich mit ihnen Elfenbeinhandel, und ich versichere Ihnen, es ist hundertmal besser, inmitten der Wilden und der Löwen und Schakals zu leben, als unter diesen unersättlichen Engländern zu wohnen!«

Der Vertraute des unglücklichen Farmers hatte aber – nach unveränderlicher Gewohnheit aller Vertrauten – nichts Eiligeres zu thun, als diese seine Projecte aller Welt auszuschwatzen. Es braucht also wohl kaum darauf hingewiesen zu werden, daß Annibal Pantalacci sich das zu Nutze machte, die Leute in der Kopje weidlich zu amüsiren.

Ein anderes gewöhnliches Opferlamm der schlechten Späße des Neapolitaners war und blieb der Chinese Lî.

Auch dieser hatte sich bei der Vandergaart-Kopje niedergelassen und daselbst eine Waschanstalt gegründet. Es ist ja bekannt, daß die Kinder des Himmlischen Reiches sich auf das Geschäft als Wäscher besonders verstehen.

Der berüchtigte rothe Kasten, der Cyprien so viel Kopfzerbrechen verursacht hatte, als er sich in den ersten Tagen auf der Reise nach dem Griqualande befand, enthielt nichts als Bürsten, Soda, Seifenriegel und Neublau. Für einen intelligenten Chinesen reichte das schon aus, um hier zu Lande sein Glück zu machen.

Cyprien konnte sich wirklich nicht enthalten, aufzulachen, wenn er Lî ganz ernsthaft und schweigend und beladen mit einem großen Korbe begegnete, in welchem dieser seinen Kunden die Wäsche überbrachte.

Dagegen ärgerte es ihn zu sehen, wie wahrhaft roh sich Annibal Pantalacci gegen den armen Teufel benahm. Er warf ihm Tintenflaschen in seinen Waschzuber, spannte vor seiner Thür Seile aus, um ihn zu Falle zu bringen, und befestigte ihn an seiner Bank, indem er einen Nagel durch seine Blouse trieb. Vor Allem verfehlte er niemals, ihn, wenn sich irgend die Gelegenheit bot, mit einem Fußtritte zu regaliren und ihn »Hund von einem Heiden« zu schimpfen. Und wenn er ihm die eigene Kundschaft aufgenöthigt hatte, so geschah das nur, um wenigstens wöchentlich einmal solche Rohheiten ausführen zu können. Niemals fand er seine Wäsche in gutem Zustande, obgleich Lî sie mit größter Sorgfalt wusch und bügelte. Das kleinste falsche Fältchen setzte ihn in wildesten Zorn und er behandelte den bedauernswerthen Chinesen, als ob dieser sein Sclave gewesen wäre.

Solcher Art waren die groben Vergnügungen des Lagerlebens. Sie nahmen jedoch zuweilen auch einen noch ernsteren Charakter an. Wenn es zum Beispiel vorkam, daß ein in der Mine beschäftigter Neger eines Diamantendiebstahls beschuldigt wurde, so hielten es gleich Alle für ihre Pflicht, ihn zum Richter zu begleiten, und ließen es schon im Voraus an gehörigen Faustschlägen nicht fehlen.

Wurde der Angeklagte dann auch völlig frei gesprochen, so hatte er wenigstens seine Tracht Prügel weg. Uebrigens erfolgten in solchen Fällen Freisprechungen nur sehr selten. Der Richter war mit einem verdammenden Urtheile meist schneller fertig, als er ein Orangenviertel mit Salz – ein Lieblingsgericht des Landes – hätte aufessen können. Das Urtheil lautete gewöhnlich auf vierzehn Tage Zwangsarbeit und zwanzig Hiebe mit der cat of nine tails, »der neunschwänzigen Katze«, einer Art Geißel mit Knoten in den Riemen, deren man sich noch in Großbritannien und den englischen Besitzungen bedient, um die Gefangenen auszupeitschen.

Es gab auch noch ein anderes Verbrechen, welches die Diamantengräber noch weniger zu vergeben geneigt waren, als den Diebstahl – die Hehlerei.

Ward, der Yankee, der zu gleicher Zeit mit dem jungen Ingenieur nach dem Griqualande gekommen war, machte darin eines Tages eine traurige Erfahrung, weil er von einem Kaffern Diamanten gekauft hatte. Ein Kaffer darf nach gesetzlicher Vorschrift überhaupt keine Diamanten besitzen, denn es ist ihm verboten, diese in einem Claim zu kaufen, oder gar einen solchen auf eigene Rechnung auszubeuten.

Kaum war die Thatsache bekannt geworden – es war des Abends und zur Stunde, wo gewöhnlich das ganze Lager in Aufruhr ist – als sich schon eine wüthende Menge nach der Cantine des Schuldigen wälzte, hier Alles durcheinander warf und sie dann anzündete; jedenfalls wäre der Yankee an den Galgen geknüpft worden, den schon einige dienstwillige Leute aufrichteten, als zu seinem Glücke ein Dutzend berittene Policemen dazu kamen, die ihn dadurch retteten, daß sie ihn in’s Gefängniß abführten.

Inmitten dieser gemischten, jähzornigen und halbwilden Gesellschaft gehörten natürlich gewaltthätige Auftritte nicht zu den Seltenheiten. Hier vermengten sich alle Racen zur buntscheckigen, lärmenden Versammlung! Hier trugen der Durst nach Gold, der Einfluß eines ausdörrenden Klimas, sowie Enttäuschungen und Ekel an der Arbeit dazu bei, die Köpfe zu erhitzen und die Gewissen zu erweitern. Hätten alle die Leute in ihren Erdlöchern Erfolge erzielt, so hätten sie sich vielleicht ruhiger und duldsamer benommen. Aber auf Einen, welchem es in langen Zwischenräumen glückte, einen Stein von großem Werthe zu finden, gab es wohl Hunderte, welche nur mühsam ihr Leben fristeten und kaum so viel gewannen, um die nöthigsten Lebensbedürfnisse zu befriedigen, wenn sie nicht gar in das größte Elend geriethen. Die Mine glich eben einem grünen Tische, auf dem man aber nicht allein sein Geld, sondern auch seine Zeit, seine Arbeit und die Gesundheit auf eine Karte setzte.

Die Anzahl glücklicher Spieler, denen der Zufall die Haue bei der Ausbeutung ihrer Claims in der Vandergaart-Kopje führte, war von jeher eine sehr beschränkte.

Cyprien sah das Tag für Tag mehr und er legte sich die Frage vor, ob er ein so wenig ergiebiges Geschäft noch fortsetzen solle oder nicht, als ein Zufall zu einer Aenderung seiner Arbeitsmethode führte.

Eines Morgens traf er von ungefähr auf eine Gesellschaft von etwa einem Dutzend Kaffern, die nach dem Lager gekommen waren, um hier Beschäftigung zu suchen. Die Armen stammten aus dem Bergdistricte, der das eigentliche Kaffernland von dem Lande der Bassutos trennt. Sie hatten längs des Oranjeflusses in indischem Gänsemarsche über hundertfünfzig Lienes zu Fuße zurückgelegt und dabei von dem gezehrt, was sie unterwegs finden konnten, das heißt von Wurzeln, Beeren und Heuschrecken. Jetzt erschienen sie ungeheuer mager und glichen eher Skeletten als lebenden Wesen. Mit ihren abgezehrten Beinen, dem langen, nackten Oberkörper mit lederbrauner Haut, die ein leeres Gerippe zu umschließen schien, mit vorspringenden Hüften und den hohlen Wangen, sahen sie mehr aus, als lüsterten sie nach einem Beefsteak von Menschenfleisch, als danach, schwere Arbeit zu leisten. Niemand schien auch geneigt dazu, sie anzuwerben, und so hockten sie beisammen an der Seite des Weges, ohne zu wissen, was sie in ihrem Elend beginnen sollten.

Cyprien war durch ihren Anblick ordentlich gerührt. Er verständigte sie durch Zeichen, ein wenig zu warten, und begab sich nach dem Wirthshause, wo er gewöhnlich aß. Hier bestellte er einen tüchtigen Kessel voll mit Wasser angerührtem Maismehl und ließ diesen nebst einigen Büchsen mit conservirtem Fleisch und zwei Flaschen Rum den armen Teufeln hinbringen.

Dann machte er sich’s zum Vergnügen, zuzusehen, wie diese sich über das Mehl hermachten, das für sie noch ganz neu schien.

Wahrlich, man hätte glauben können, Schiffbrüchige vor sich zu sehen, die nach vierzehntägigem Fasten und schweren Entbehrungen von einem Floße gerettet worden wären. Sie verschlangen Alles mit einer Gier, daß sie nach Verlauf einer Viertelstunde wie eine Bombe hätten platzen können. Aus Rücksicht auf ihre Gesundheit mußte diesem Liebesmahle ein Ziel gesetzt werden, sonst wäre wahrscheinlich die ganze Gesellschaft einfach erstickt.

Nur einer der Neger, ein Bursche von intelligentem Aussehen und seiner Erscheinung nach der Jüngste von Allen, hatte sich bei der Stillung seines Heißhungers doch einige Zurückhaltung auferlegt; und was noch auffallender ist, er versuchte auch, seinem Wohlthäter zu danken, woran die Anderen gar nicht dachten. So näherte er sich Cyprien, ergriff mit ungekünstelter und nicht ungraziöser Bewegung dessen Hand und legte diese auf seinen Krauskopf.

»Wie heißt Du? fragte ihn auf gut Glück der junge Ingenieur, dem dieser Zug von Erkenntlichkeit wohlgefiel.

Der Kaffer, welcher zufällig einige englische Worte verstand, antwortete sofort:

»Matakit!«

Sein offener, vertrauenerweckender Blick machte auf Cyprien einen recht guten Eindruck, deshalb kam ihm auch der Gedanke, den wohlgewachsenen jungen Mann in seinem Claim arbeiten zu lassen, und diese Idee konnte nur gut sein.

»Es ist ja weiter nichts, sagte er für sich, als was alle Welt hier im Districte thut. Für den armen Kaffer ist es jedenfalls besser, mich zum Herrn zu haben, als einem Pantalacci in die Hände zu fallen.«

Dann fuhr er fort:

»Nun, Matakit, Du kamst doch wohl hierher, um Arbeit zu suchen?« fragte er diesen.

Der Kaffer bejahte das durch ein Zeichen.

»Willst Du bei mir arbeiten? Ich werde für Deine Nahrung sorgen, Dir die Werkzeuge liefern und noch zwanzig Schilling den Monat geben.«

Das war der gewöhnliche Tarif, und Cyprien wußte, daß er nicht mehr anbieten durfte, ohne den Zorn des ganzen Lagers auf sich zu laden. Im Stillen behielt er sich aber vor, diesen geringfügigen Lohn durch Geschenke an Kleidungsstücken, Eßgeschirr und was sonst in den Augen eines Kaffern von Werth erscheint, aufzubessern.

Statt aller Antwort zeigte Matakit lachend die zwei Reihen seiner weißen Zähne und legte nochmals die Hand seines Beschützers auf den Kopf. Der Contract war damit abgeschlossen.

Cyprien führte also seinen neuen Diener sogleich mit sich fort. Er nahm aus seinem Koffer ein leinenes Beinkleid, ein Flanellhemd und einen alten Hut und gab das Matakit, der kaum seinen Augen trauen mochte. Sich gleich bei seiner Ankunft im Lager auf so kostbare Art bekleidet zu sehen, das überstieg weit die kühnsten Träume des armen Teufels. Er wußte seine Erkenntlichkeit und Freude gar nicht auszudrücken und hüpfte, lachte und weinte gleichzeitig.

»Matakit, Du scheinst mir ein guter Bursche zu sein, sagte Cyprien. Ich sehe wohl, daß Du ein wenig Englisch verstehst. Kannst Du denn kein einziges Wort sprechen?«

Der Kaffer verneinte durch ein Zeichen.

»Nun, wenn es so steht, werd‘ ich es unternehmen, Dich Französisch zu lehren!« erklärte Cyprien.

Ohne Zögern begann er mit seinem Schüler die erste Lection, indem er ihm die Namen der gewöhnlichsten Gegenstände nannte und diese wiederholen ließ.

Matakit erwies sich dabei nicht nur als ein braver Bursche, sondern auch als recht guter Kopf, der ein außergewöhnliches Gedächtniß besaß.

Binnen kaum zwei Stunden hatte er mehr als hundert Worte gelernt und sprach diese auch ziemlich richtig aus.

Erstaunt über eine solche Fassungsgabe, beschloß der junge Ingenieur, sich diese ehrlich zu Nutze zu machen.

Der junge Kaffer brauchte sieben bis acht Tage Ruhe und stärkende Nahrung, um sich von den Strapazen seiner Reise zu erholen und in den Stand zu kommen, arbeiten zu können. Diese acht Tage wurden indeß von seinem Lehrer ebenso wie von ihm so vortrefflich angewendet, daß Matakit am Ende der ersten Woche schon im Stande war, seine Gedanken, wenn auch noch uncorrect, doch jedenfalls genügend verständlich französisch auszudrücken.

Cyprien veranlaßte ihn nun, seine Lebensgeschichte zu erzählen. Diese war sehr einfach.

Matakit kannte nicht einmal den Namen seines Heimatlandes, das an der Seite der Berge lag, wo die Sonne aufgeht. Er konnte nur mittheilen, daß die Menschen dort ein sehr elendes Dasein fristeten. Dann hatte er, dem Beispiele einiger ausgewanderter Krieger seines Stammes folgend, sein Glück versuchen wollen, und war wie sie nach den Diamantenfeldern gewandert.

Was hoffte er wohl hier zu gewinnen? Nichts als einen rothen Mantel und zehnmal zehn Silberstücke.

Die Kaffern verachten nämlich das Gold. Das rührt von einem unausrottbaren Vorurtheile her, welches die ersten mit ihnen Handel treibenden Europäer den rohen Naturkindern beigebracht haben.

Und was dachte der ehrgeizige Matakit mit seinen Silberstücken anzufangen? Nun, er wollte sich einen rothen Mantel, eine Flinte und Pulver verschaffen und dann nach seinem Kraal zurückkehren. Hier würde er sich eine Frau kaufen, die für ihn arbeiten und sein Maisfeld bestellen müßte. Unter solchen Verhältnissen wäre er dann ein hervorragender Mann, fast ein Häuptling. Alle würden ihn um seine Flinte und sein großes Vermögen beneiden, bis er einst, hoch an Jahren und Ansehen, zu seinen Vätern heimging. Das war Alles ziemlich einfach.

Cyprien verfiel bei Anhörung dieses bescheidenen Programms doch in Nachdenken. Sollte er dasselbe zu ändern versuchen, den Horizont des armen Wilden erweitern, ihm würdigere Ziele des Strebens zeigen als einen rothen Mantel und ein altes Steinschloßgewehr? Oder war es nicht besser, ihn seiner unschuldigen Unwissenheit zu überlassen, um in seinem Kraal in Frieden das Leben, welches er sich wünschte, zu beschließen? Das war eine schwierige Frage, welche der junge Ingenieur nicht so leicht zu lösen wagte, die aber Matakit selbst sehr bald ganz verschwinden ließ.

Kaum nämlich der ersten Elemente der französischen Sprache mächtig, zeigte der junge Kaffer einen geradezu außerordentlichen Drang zum Lernen. Er fragte ohne Unterlaß, wollte Alles wissen, den Namen jedes Gegenstandes, seine Anwendung und seinen Ursprung. Dann betrieb er wieder leidenschaftlich Lesen, Schreiben und Rechnen. Er war mit einem Worte unersättlich.

Cyprien kam auch bald zu einem Entschlusse. Gegenüber einer so unleugbaren Beanlagung durfte er nicht zaudern. Er entschloß sich also, Matakit jeden Abend eine Stunde Unterricht zu ertheilen, da Letzterer wirklich, außer seinen Arbeiten in der Mine, jede Minute seiner weiteren geistigen Ausbildung widmete.

Erfreut über diesen merkwürdigen Eifer, übernahm es Miß Watkins, mit dem jungen Kaffern seine Lectionen zu wiederholen. Dieser sagte sie übrigens stets für sich selbst her, ob er nun im Grunde des Claims mit der Hacke arbeitete, die Eimer emporwand oder die Kiesel aussonderte. Die Beharrlichkeit bei seinem Werke war so ansteckend, daß sie auf das ganze Personal gleich einer wohlthätigen Epidemie überging, und die Arbeit in der Mine jetzt mit weit mehr Sorgfalt als früher betrieben zu werden schien.

Auf Empfehlung Matakit’s hatte Cyprien nämlich noch einen anderen Kaffer aus demselben Stamme, Namens Bardik gemiethet, dessen Eifer und Intelligenz ebenso alle Achtung verdienten.

Da ereignete sich für den Ingenieur ein glücklicher Umstand, der ihm bisher noch nie widerfahren war; er fand einen Stein von sieben Karat, den er sofort für fünftausend Francs an den Händler Nathan verkaufte.

Das war in der That ein recht gutes Geschäft. Ein Diamantgräber, der von seiner Arbeit nur einen normalen Ertrag erwartet, hätte sich damit recht wohl befriedigt erklären können. Ja, gewiß. Cyprien freilich konnte das nicht.

»Wenn ich alle zwei oder drei Monate ein solches Glück habe, sagte er, bin ich damit etwa einen Schritt weiter gekommen? Es ist nicht ein Diamant von sieben Karat, was ich brauche, sondern tausend oder fünfzehnhundert solcher Steine … wenn mir nicht Miß Watkins entgehen soll, um jenem James Hilton oder einem anderen Bewerber von gleich geringem Werthe in die Hände zu fallen.«

Cyprien überließ sich gerade eines Tages solchen Gedanken, als er nach dem Frühstück bei drückender Hitze und quälendem Staube – jenem röthlichen, blendenden Staube, der die Atmosphäre der Diamantlager unausgesetzt erfüllt – nach der Kopje zurückkehrte, und, um eine Hütte biegend, vor Schreck zurückwankte. Hier bot sich seinen Augen ein klägliches Schauspiel.

Ein Mann hing an der Deichsel eines Büffelkarrens, der vor der Mauer aufgerichtet stand, mit dem Hintertheil auf der Erde und der Deichsel in der Luft. Unbeweglich, mit ausgestreckten Füßen und Händen, hing der Körper wie ein Senkblei im schwindenden Tageslichte und bildete mit der Deichsel einen Winkel von etwa zwanzig Graden.

Es war ein schauerlicher Anblick.

Zuerst verblüfft, empfand Cyprien doch ein warmes Gefühl von Mitleid, als er den Chinesen Lî erkannte, der mit dem um den Hals geschlungenen langen Zopfe hier zwischen Himmel und Erde schwebte.

Der junge Ingenieur harte nicht lange zu überlegen, was hier zunächst zu thun war; das Ende der Deichsel zu erklimmen, den Körper des armen Wichtes in die Arme zu nehmen und etwas zu heben, um die Wirkung der Strangulation aufzuheben – das war für ihn das Werk einer halben Minute. Als das geschehen, ließ er sich vorsichtig niedergleiten und legte seine Bürde im Schatten der Hütte nieder. Es war die höchste Zeit, obgleich Lî noch nicht ganz erkaltet schien. Sein Herz schlug schwach, aber es schlug doch. Bald hatte er auch die Augen wieder geöffnet und schien sonderbarer Weise auch gleichzeitig die Besinnung wieder zu bekommen, als er das Licht erblickte.

Die immer gleichgiltige Physiognomie des armen Teufels ließ auch jetzt, wo er dieser entsetzlichen Lage entronnen war, weder ein Zeichen von Schrecken, noch von Verwunderung erkennen. Er sah vielmehr aus, als ob er nur aus leichtem Schlummer erwachte.

Cyprien reichte ihm ein paar Tropfen mit Essig versetzten Wassers, das er in seiner Feldflasche bei sich trug.

»Können Sie nun sprechen?« fragte er mechanisch, ganz uneingedenk, daß Lî ihn wahrscheinlich nicht einmal verstand.

Der Andere nickte jedoch mit dem Kopfe.

»Wer hat Sie hier gehenkt?«

– Ich selbst, antwortete der Chinese, als habe er gar kein Bewußtsein davon, damit etwas Außergewöhnliches und Verbrecherisches gethan zu haben.

»Sie? .. Sie wollten also einen Selbstmord begehen, Unglücklicher … Und warum?«

– Es war Lî zu warm! .. Lî war mißgestimmt!« erklärte der Chinese. Dann schloß er wieder die Augen, als wolle er ferneren Fragen enthoben sein.

Da bemerkte Cyprien erst zu seiner Verwunderung, daß diese Worte in französischer Sprache gewechselt worden waren.

»Sie sprechen wohl auch Englisch?« fuhr er fort.

– Ja,« bestätigte Lî, die Augenlider aufschlagend.

Man hätte jetzt zwei schiefe Knopflöcher zu sehen geglaubt, die sich an beiden Seiten seiner kleinen Stumpfnase befanden.

Cyprien kam es vor, als läge in diesem Blicke wieder etwas von jener Ironie, die er schon während der Fahrt vom Cap nach Kimberley bemerkt hatte.

»Ihre Gründe sind thöricht! sagte er ernst. Man begeht keinen Selbstmord, weil’s einem zu warm ist! … »Sprechen Sie offen! … Ich wette darauf, hier steckt doch wieder ein boshafter Streich jenes Pantalacci dahinter?«

Der Chinese senkte den Kopf.

»Er wollte mir den Zopf abschneiden, sagte er mit gedämpfter Stimme, und ich weiß, daß er es doch nach wenigen Tagen zur Ausführung gebracht hätte.«

Gleichzeitig gewahrte aber Lî jenen berühmten Zopf in der Hand Cypriens und überzeugte sich, daß das Unheil, welches er vor allem Anderen fürchtete, schon über ihn hereingebrochen war.

»O, Herr! … Wie? .. Sie … Sie haben mir ihn abgeschnitten?« .. rief er mit herzzerreißendem Tone.

– Ich mußte es, um Sie loszumachen, armer Freund! antwortete Cyprien. Aber zum Kuckuk, deshalb sind Sie hier zu Lande nicht einen Sou weniger Werth! … Beruhigen Sie sich getrost!..«

Der Chinese erschien so verzweifelt über diese Amputation, daß Cyprien aus Furcht, jener könne einen neuen Selbstmordversuch machen, sich entschloß, nach seiner Hütte zurückzukehren und ihn mitzunehmen.

Lî folgte ihm ohne Widerspruch, nahm neben seinem Retter Platz, ließ sich geduldig eine Strafpredigt halten und versprach, keinen weiteren Versuch zu unternehmen. Unter der Wirkung einer Tasse dampfenden Thees ließ er sich sogar zur Mittheilung einiger Einzelnheiten aus seinem Leben herbei.

Geboren zu Canton, war Lî in einem englischen Hause für den Handel erzogen worden. Dann hatte er sich nach Ceylon, von da nach Australien und schließlich nach Afrika gewendet. Nirgends aber wollte das Glück ihm lachen. Das Wäschegeschäft im Minenbezirke ging nicht besser als zwanzig andere Beschäftigungen, die er schon versucht hatte. Sein hauptsächlichster Quälgeist war und blieb aber Annibal Pantalacci. Dieser Mensch verschuldete sein ganzes Elend, und ohne ihn hätte er sich vielleicht mit der immerhin zweifelhaften Existenz im Griqualand ausgesöhnt. Nur um dessen ewigen Quälereien zu entgehen, war in ihm der Entschluß gereift, sich das Leben zu nehmen.

Cyprien stärkte den armen Kerl, versprach ihm, ihn gegen den Neapolitaner zu schützen, gab ihm alle Leibwäsche zum Waschen, die er nur finden konnte, und schickte ihn nicht allein getröstet, sondern auch geheilt von dem Aberglauben seines Haaranhängsels nach Hause.

Und auf welche Weise war das dem jungen Ingenieur gelungen? Er hatte Lî einfach, aber sehr ernst erklärt, der Strick eines Gehenkten bringe Glück und daß sein Pech jetzt, wo er seinen Zopf in der Tasche tragen könne, jedenfalls sein Ende nehmen werde.

»Nun, wenigstens kann Pantalacci ihn mir nicht mehr abschneiden!«

Diese echt chinesische Betrachtung vollendete dann die Cur.

  1. So nennt man die Leute, welche zur Aufsuchung eines Lagers von Mineralien oder werthvollen Steinen ausziehen, indem sie sich entweder rein auf den Zufall verlassen, solche zu entdecken, oder auch in mehr systematischer Weise dabei zu Werke gehen.

Siebentes Capitel.


Siebentes Capitel.

Der Einsturz.

Fünfzig Tage waren verflossen, ohne daß Cyprien einen einzigen Diamanten in seiner Grube gefunden hätte. Mehr und mehr wurde ihm das Geschäft als Minengräber zuwider; es erschien ihm als albernes Glücksspiel, so lange Einer nicht Capital genug besaß, um einen Claim erster Güte zu kaufen und gleich ein Dutzend Kaffern anzustellen, die diesen bearbeiteten.

Eines Morgens ließ Cyprien Matakit und Bardik allein mit Thomas Steel nach der Grube gehen und blieb allein im Zelte zurück. Er wollte noch auf einen Brief seines Freundes Pharamond Barthès antworten, der ihm durch einen auf der Rückreise nach dem Cap befindlichen Elfenbeinhändler von sich hatte Nachricht zugehen lassen.

Pharamond Barthès war höchst befriedigt von seinem Jägerleben und dessen Abenteuern. Er hatte schon drei Löwen, sechzehn Elephanten, sieben Tiger und eine Unzahl Giraffen und Antilopen erlegt, ohne das eßbare Wild zu rechnen.

»Wie die historischen Eroberer, schrieb er, ernährte er den Krieg durch den Krieg. Er erhielt von der Jagdbeute nicht allein das ganze kleine Expeditionscorps, das er mitgenommen, sondern es wäre ihm auch ein Leichtes gewesen, wenn er nur gewollt hätte, durch den Verkauf von Fellen und Elfenbein oder durch Tauschhandel mit den Kaffernstämmen, bei denen er sich befand, einen recht ansehnlichen Gewinn zu erzielen.«

Sein Brief schloß mit den Worten:

»Solltest Du nicht Lust verspüren, mit mir einen Ausflug nach dem Limpopo zu unternehmen? Dort werd‘ ich Ende kommenden Monats eintreffen und denke längs desselben bis zur Delagoa-Bai hinabzuziehen, um mich zur See nach Durban zu begeben, wohin ich mich verpflichtet habe, meine Bassutos zurückzuführen … Verlasse also Dein schreckliches Griqualand für einige Wochen und stelle Dich baldigst bei mir ein …«

Cyprien durchlas diesen Brief eben noch einmal, als eine furchtbare Detonation, der ein gewaltiger Lärm im Lager folgte, ihn eiligst aus dem Zelte heraustrieb.

Eine Menge Diamantengräber stürmte in großer Unordnung und Erregung nach der Mine zu.

»Ein Einsturz!« schrie man von allen Seiten.

Die letzte Nacht war nämlich sehr frisch, fast eisig kalt gewesen, während der vorhergegangene Tag zu den wärmsten gezählt werden konnte, die man hier seit langer Zeit erlebt hatte. Gewöhnlich haben solche schroffe Temperaturveränderungen in den frei zu Tage liegenden Erdschichten Zusammenziehungen zur Folge, welche nicht selten mit solchen entsetzlichen Zusammenbrüchen endigen.

Cyprien beeilte sich natürlich ebenfalls nach der Kopje zu kommen. Hier übersah er mit einem Blick, was vorgegangen war.

Eine ganz gewaltige Erdwand von wenigstens sechzig Meter Höhe und zweihundert Meter Länge hatte sich horizontal gespalten und zeigte nun einen Riß, wie die Bresche einer niedergelegten Befestigung. Mehrere hundert Centner Kies hatten sich dabei losgelöst und waren in die Claims hinabgerutscht, welche sie mit Sand, Trümmern und Kieselsteinen erfüllten. Alles, was sich in jenem Augenblicke auf dem Kamme der Wand befand, Menschen, Büffel und Karren, war mit einem Male hinuntergeschleudert und lag nun im Grunde.

Zum Glück hatten die meisten Arbeiter ihr Tagewerk auf dem Grunde der Mine noch nicht begonnen – sonst wäre die halbe Bewohnerzahl des Lagers begraben gewesen unter diesen Riesentrümmern.

Cypriens erster Gedanke galt seinem Theilhaber Thomas Steele. Er hatte aber bald die Freude, diesen unter einer Gruppe Männer zu bemerken, welche sich über die Ursache des Zusammensturzes Rechnung zu geben suchten. Sofort lief er auf ihn zu und redete ihn an.

»Ja, da wären wir mit blauem Auge davon gekommen! sagte der Lancashireman und drückte ihm herzhaft die Hand.

– Und Matakit?« fragte Cyprien.

– Der arme Kerl liegt unten! antwortete Thomas Steele, nach dem Haufen zeigend, der sich über ihrem gemeinschaftlichen Eigenthum gebildet hatte. Ich ließ ihn kaum hinabsteigen und wartete nur, bis er den ersten Eimer gefüllt hatte, als der Einsturz vor sich ging.

– Wir können hier aber nicht unthätig stehen bleiben, ohne den Versuch zu seiner Rettung zu machen! rief Cyprien. Vielleicht lebt er doch noch!…«

Thomas Steele schüttelte den Kopf. »Daß er unter fünfzehn bis zwanzig Tonnen Erdreich noch leben sollte, ist doch sehr unwahrscheinlich, meinte er. Uebrigens müßten wenigstens zehn Mann zwei bis drei Tage arbeiten, um die Mine zu entleeren.

– Das thut nichts! erwiderte entschlossen der junge Ingenieur. Es soll Niemand sagen, wir hätten ein menschliches Wesen in seinem Grabe verschüttet gelassen, ohne den Versuch, es daraus zu befreien!«

Dann wandte er sich durch Vermittlung Bardik’s an einen der Kaffern, der sich in ihrer Nähe befand, versprach diesem den hohen Lohn von fünf Schilling für den Tag und sicherte denselben auch allen Anderen zu, die sich verpflichten würden, seinen Claim unter seiner Anführung wieder freizulegen.

Etwa dreißig Neger erklärten sich sofort dazu bereit, und nun ging es, ohne eine Minute zu verlieren, an die Arbeit. An Hacken, Spitzäxten und Schaufeln fehlte es nicht; Eimer und Taue waren genug zur Hand und Schubkarren ebenfalls. Eine ganze Anzahl Weißer erbot sich, als sie vernahmen, daß es sich darum handle, einen unter der Schuttmasse begrabenen armen Teufel zu erlösen, zur freiwilligen Hilfsleistung. Elektrisirt durch den Feuereifer Cypriens, zeigte sich auch Thomas Steele nicht lässig, diese Rettungsversuche zu leiten.

Gegen Mittag waren schon mehrere Tonnen über dem Claim abgelagerten Sandes und Gesteins herausgeschafft.

Um drei Uhr stieß Bardik einen heiseren Schrei aus; er hatte unter seiner Hacke einen schwarzen, aus der Erde vorstehenden Fuß bemerkt.

Jetzt wurden die Anstrengungen verdoppelt, und wenige Minuten später war der ganze Körper Matakit’s ausgegraben. Der unglückliche Kaffer lag auf dem Rücken, regte sich nicht und war allem Anscheine nach todt. Durch merkwürdigen Zufall hatte sich einer der Ledereimer, die er bei der Arbeit brauchte, ihm über das Gesicht gestürzt und bedeckte dieses wie eine Larve.

Dieser Umstand, der Cyprien sogleich auffiel, weckte in ihm den Gedanken, daß es doch möglich sei, den Verunglückten in’s Leben zurückzurufen; in der That erschien diese Hoffnung nur schwach, denn das Herz schlug nicht mehr, die Haut fühlte sich ganz kalt an, die Glieder waren ziemlich steif, die Hände wie im Todeskampfe zusammengeballt – und das Gesicht – mit seiner bläulichen Blässe, welche man an todten Negern beobachtet – war durch den Erstickungstod entsetzlich verzerrt.

Cyprien verlor deshalb den Muth noch nicht. Er ließ Matakit in die Hütte Thomas Steeles schaffen, welche der Unglücksstätte am nächsten lag. Hier legte man ihn auf den Tisch, der gewöhnlich zum Auslesen der Kiesel diente, und nun wurde der Körper systematischen Reibungen und jenen passiven Bewegungen des Brustkastens unterworfen, welche eine Art künstliche Athmung erzeugen und die man gewöhnlich anwendet, um Ertrunkene wieder zu beleben. Cyprien wußte, daß diese Behandlungsweise sich überhaupt für alle Arten der Erstickung eignet, und im vorliegenden Falle hatte er auf nichts Anderes zu achten, da weder eine Verwundung, noch ein Knochenbruch, ja nicht einmal eine ernsthafte Erschütterung nachzuweisen war.

»Da sehen Sie, Herr Méré, er hat noch einen Erdkloß in der Hand!« bemerkte Thomas Steele, der sein Möglichstes that, den großen schwarzen Körper zu frottieren.

Und wie ging er dabei in’s Zeug, der wackere Sohn von Lancashire! Und wenn er die Pleuelstange einer zwölfpferdigen Dampfmaschine hätte mit »Armöl« poliren wollen, konnte er dazu keinen größeren Kraftaufwand brauchen.

Seine Bemühungen führten denn auch bald einen guten Erfolg herbei. Die Leichenstarre des jungen Kaffern schien allmählich nachzulassen, die Temperatur der Haut hob sich ein wenig. Cyprien, der am Herzen auf das erste Zeichen wiedererwachenden Lebens lauschte, glaubte unter seiner Hand ein leises Zittern von guter Vorbedeutung zu verspüren.

Bald wurden diese Symptome deutlicher. Der Puls fing an zu schlagen; ein leichter Athemzug hob kaum fühlbar die Brust Matakit’s. Diesem folgte eine schon kräftigere Ausathmung und ließ nun auf vollständiges Gelingen dieser Bemühungen hoffen. Plötzlich wurde der schwarze Körper vom Kopf bis zu den Füßen durch zweimaliges herzhaftes Niesen erschüttert. Bis dahin noch bewegungslos, öffnete jetzt Matakit plötzlich die Augen, athmete und kam auch wieder zum Bewußtsein.

»Hurrah! Hurrah! Der arme Teufel ist gerettet! rief Thomas Steele, der schweißtriefend nun seine Reibungen einstellte. Aber sehen Sie nur, Herr Méré, er läßt den Erdkloß noch immer nicht los, den er in den zusammengedrückten Fingern hält!«

Der junge Ingenieur hatte noch ganz andere Sorge, als sich um einen so bedeutungslosen Umstand zu kümmern. Er flößte seinem Patienten einen Löffel voll Rum ein und richtete ihn auf, um ihm das Athmen zu erleichtern. Endlich, als dieser ganz wieder zum Leben gekommen war, wickelte er ihn in seine Decken und trug ihn mit Hilfe von zwei oder drei gutmüthigen Männern nach seiner eigenen Wohnung in der Farm Watkins.

Hier wurde der arme Kaffer in sein Bett gelegt. Bardik reichte ihm eine Tasse heißen Thee. Nach Verlauf einer Viertelstunde verfiel Matakit in ruhigen, friedlichen Schlaf: er war gerettet.

Cyprien empfand im Herzen eine so unvergleichliche Leichtigkeit, die dem Menschen zu Theil wird, der ein Menschenleben den Klauen des Todes entrissen hat. Wenn nun Thomas Steele und die anderen Helfer, welche sich von ihren therapeutischen Uebungen stark angegriffen fühlten, ihren Erfolg in der nächstgelegenen Cantine feierten und denselben mit einem Strom Bier begossen, blieb Cyprien bei Matakit zurück, nahm ein Buch zur Hand und unterbrach nur seine Lectüre, um Jenen noch schlafen zu sehen, wie ein Vater, der den Schlummer seines wiedergenesenden Sohnes überwacht.

Seit den sechs Wochen, welche Matakit nun in Cypriens Diensten stand, hatte dieser nur Veranlassung gehabt, mit Jenem zufrieden, ja über ihn erstaunt zu sein. Seine Intelligenz und Gelehrigkeit, sein Arbeitseifer waren gar nicht zu übertreffen. Er war verläßlich, gutmüthig, gefällig und von besonders sanftem und heiterem Charakter. Keine Arbeit wies er zurück, keine Schwierigkeit erschien seinem Muthe unüberwindlich. Zuweilen sagte sich wohl der junge Mann, daß kaum ein Franzose, wenn er dieselben Fähigkeiten besaß, soviel hätte leisten können, wie dieses wilde Kind der Natur. Und hier wohnten so kostbare Gaben unter der schwarzen Haut und dem Wollkopfe eines armen Kaffern!

Dennoch hatte Matakit einen Fehler – sogar einen recht schlimmen Fehler – der offenbar auf seine frühere Erziehung und auf die gar zu laxen Sitten zurückzuführen sein mochte, die in seinem Kraal jedenfalls herrschten. Sollen wir ihn verrathen? Matakit wurde zuweilen, fast unbewußt, zum Diebe. Sah er einen Gegenstand, der ihm gefiel, so hielt er es für ganz natürlich, sich denselben anzueignen. Vergeblich machte ihm sein Herr wegen dieser lasterhaften Neigung sehr ernsthafte Vorwürfe. Vergeblich drohte er ihn wegzujagen, wenn er sich wieder bei solchen Diebereien ertappen ließe. Matakit versprach davon abzulassen, er weinte, er bat um Verzeihung, und wenn er am nächsten Tage Gelegenheit dazu fand, fing er’s doch von Neuem an.

Seine Neigung verführte ihn keineswegs zur Entwendung besonders werthvoller Dinge; im Gegentheil, im Allgemeinen beschränkte er sich auf Kleinigkeiten, auf ein Messer, eine Cravate, einen Bleistift oder irgend eine ähnliche Lappalie. Cyprien aber schmerzte es darum nicht minder, einen solchen Fehler bei einer sonst so gut angelegten Natur zu entdecken.

»Warten wir! … Hoffen wir das Beste! sagte er für sich. Vielleicht gelingt es mir, ihm klar zu machen, daß es Unrecht ist, zu stehlen!«

Und während er den Schläfer betrachtete, dachte er an diese auffälligen Contraste, die er sich nur durch die Vergangenheit Matakit’s inmitten seines wilden Stammes erklären konnte.

Als die Nacht herankam, erwachte der Kaffer ebenso frisch, ebenso munter, als ob seine Athembewegungen nicht zwei oder drei Stunden fast vollständig unterdrückt gewesen wären. Er konnte jetzt erzählen, was bei jenem Unfall vorgegangen war.

Der Eimer, der sich ihm zufällig auf das Gesicht gestürzt und eine lange Leiter, welche schräg über ihn wegfiel, hatten ihn zunächst gegen die mechanische Einwirkung des Einsturzes gesichert, und dann längere Zeit vor der Erstickung geschützt, da ihm ebendadurch in seinem entsetzlichen Gefängniß ein kleiner Luftvorrath übrig blieb.

Ueber diesen glücklichen Umstand hatte er sich Wohl Rechenschaft gegeben und Alles gethan, daraus Nutzen zu ziehen, indem er nur in langen Zwischenräumen Athem holte. Nach und nach freilich hatte sich die Luft verändert und Matakit gefühlt, daß sein Bewußtsein sich allmählich trübte. Endlich war er in eine Art schweren ängstlichen Schlummers verfallen, aus dem er nur zeitweise erwachte, um mit äußerster Anstrengung ein wenig Luft zu schöpfen. Von dem, was ihm sonst widerfahren, hatte er kein Bewußtsein; er war todt – denn er war wirklich vom Tode wieder auferstanden.

Cyprien ließ ihn kurze Zeit plaudern, gab ihm dann zu trinken und zu essen und nöthigte ihn trotz seines Widerspruches, die Nacht über in dem Bett zu bleiben, in das er ihn geschafft hatte. Nachdem er sich endlich überzeugt, daß hier nichts mehr zu fürchten war, ließ er ihn allein, um seinen gewöhnlichen Besuch im Watkins’schen Hause zu machen.

Den jungen Ingenieur drängte es, Alice die Erlebnisse des Tages mitzutheilen, wie seinen Widerwillen gegen die Minenarbeit, ein Widerwillen, der durch den beklagenswerthen Unfall des heutigen Morgens nur genährt werden konnte. Es schnitt ihm in’s Herz, täglich das Leben Matakit’s auf’s Spiel zu setzen wegen der sehr fraglichen Chance, einige schlechte Diamanten zu gewinnen.

»Die Sache mit eigener Hand zu betreiben, das möchte noch hingehen! sagte er sich. Dieselbe aber für jämmerlichen Lohn einen unglücklichen Kaffern ausführen zu lassen, das ist einfach erbärmlich.«

Er vertraute dem jungen Mädchen also seine Empfindungen und seinen Widerwillen an, und sprach ihr auch von dem Briefe, den er von Pharamond Barthès erhalten. Thäte er wirklich nicht besser, dem Rathe seines Freundes zu folgen? Was konnte er dabei verlieren, wenn er einmal nach dem Ufer des Limpopo reiste, um dort das Jagdglück zu versuchen? Das wäre sicherlich anständiger, als hier gleich einem Geizhalse die Erde zu durchwühlen, oder diese für seine Rechnung von anderen armen Teufeln durchwühlen zu lassen.

»Was meinen Sie, Miß Watkins? Da Sie so viel Feingefühl und praktischen Verstand haben, geben Sie mir einen Rath! Ich bedarf dessen sehr! Ich habe das moralische Gleichgewicht eingebüßt! Ich brauche eine befreundete Hand, mich wieder aufzurichten!«

So sprach er mit voller Offenherzigkeit und fand ein besonderes Vergnügen, das er sich gar nicht weiter erklärte, gerade darin, trotz seiner gewöhnlichen Zurückhaltung gegenüber dieser sanften und reizenden Vertrauten das Mißgeschick seiner Unentschlossenheit zu enthüllen.

Das Gespräch wurde in französischer Sprache geführt und nahm schon nach Verlauf von wenig Minuten infolge dieses einfachen Umstandes einen recht vertraulichen Charakter an, obgleich John Watkins, der seit kurzer Zeit bei der dritten Pfeife eingeschlafen war, sich auch nicht darum gekümmert hätte, wenn die jungen Leute etwa Englisch oder irgend ein anderes Idiom gesprochen hätten.

Alice hörte Cyprien mit inniger Theilnahme zu.

»Alles, was Sie mir da sagen, antwortete sie, hab‘ ich bezüglich Ihrer, Herr Méré, schon längst hin und her überlegt. Ich habe kaum begreifen können, wie Sie als Ingenieur und Gelehrter sich haben scheinbar fröhlichen Herzens entschließen können, ein derartiges Leben zu führen. Ist das nicht ein Verbrechen gegen Sie, wie gegen die Wissenschaft? Ihre kostbare Zeit an eine Handarbeit zu verschwenden, welche jeder Kaffer, jeder gewöhnliche Hottentott vielleicht besser als Sie verrichten könnte, das finde ich unerhört!«

Cyprien hätte freilich nur ein Wörtchen zu sagen gebraucht, um dem jungen Mädchen diesen ihr so auffälligen und peinlichen Umstand zu erklären. Und wer weiß, ob sie ihre Entrüstung nicht ein wenig übertrieb, um ihm ein Geständniß zu entlocken. Er hatte sich jedoch geschworen, dieses Geheimniß für sich zu bewahren, und hätte sich selbst verachten müssen, wenn er es dennoch verrieth. So hielt er also jede weitere Erklärung darüber auf den Lippen zurück.

Miß Watkins fuhr fort:

»Wenn Sie so begierig sind, Diamanten zu finden, Herr Méré, warum suchen Sie dieselben nicht da, wo Sie weit größere Aussicht haben, solche zu entdecken – in Ihrem Schmelztiegel? Wie, Sie sind Chemiker, Sie kennen besser als tausend Andere die Natur dieser elenden Steine, denen man so hohen Werth beilegt, und Sie suchen dieselben durch eine so undankbare, maschinenmäßige Arbeit zu erlangen? Ich für meinen Theil beharre bei dem Gedanken: Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würd‘ ich vielmehr Diamanten herzustellen, als solche in fertigem Zustande aufzufinden suchen!«

Alice sprach mit einem solchen Feuer, mit einem solchen Vertrauen zu seiner Wissenschaft und zu Cyprien selbst, daß das Herz des jungen Mannes wie von einem erquickenden Morgenthau gebadet war.

Leider erwachte Mr. Watkins eben aus seinem Halbschlummer und fragte nach Neuigkeiten aus der Vandergaart-Kopje. Die beiden jungen Leute mußten sich also wieder der englischen Sprache bedienen und dieses vertrauliche Zwiegespräch abbrechen. Der Reiz desselben war erloschen.

Das Samenkorn war jedoch auf günstigen Boden gefallen und sollte Wurzel schlagen. Als der junge Ingenieur nach Hause ging, überdachte er jene eindringlichen und vielleicht die Wahrheit treffenden Worte, die er von Miß Watkins gehört hatte. Was an denselben vielleicht Chimärisches war, das verschwand vor seinen Augen, um diesen nur noch das ehrenvolle und wirklich zärtliche Zutrauen sehen zu lassen.

»Ja, und warum denn nicht? fragte er sich selbst. Die Herstellung von Diamanten, welche noch vor einem Jahrhundert als reine Utopie zu betrachten war, ist heute eigentlich schon vollendete Thatsache. Frémy und Peil in Paris haben Rubinen, Smaragde und Saphire erzeugt, das sind verschieden gefärbte Krystalle der Thonerde. Max Tear in Glasgow und J. Ballantine Hannay ebenda haben schon 1880 Kohlenstoffkrystalle erhalten, welche alle Eigenschaften des echten Diamanten aufwiesen und nur den einzigen Fehler hatten, ungeheuer viel mehr zu kosten, als die natürlichen Diamanten aus Brasilien, Indien oder dem Griqualand, und damit also den Bedürfnissen des Händlers von vornherein nicht zu entsprechen.

»Wenn indeß die wissenschaftliche Lösung eines Problems gefunden ist, kann die industrielle Lösung desselben nicht mehr ferne sein. Warum sollte man diese nicht suchen? … Alle Gelehrten, welche bisher an der gleichen Aufgabe scheiterten, waren nur Theoretiker, Männer vom grünen Tisch und aus dem Laboratorium! Sie haben den Diamanten nicht an Ort und Stelle in seinem ursprünglichen Terrain, sozusagen in seiner Wiege studirt. Ich kann mir ihre Arbeiten, ihre Erfahrungen zu Nutze machen und sie mit den meinigen verknüpfen. Ich habe den Diamanten mit eigener Hand ausgegraben, habe die Lagerstätte, wo er sich vorfindet, mit größter Sorgfalt untersucht und studirt. Wenn es bei nur einigem Glück irgend Jemand gelingen kann, die letzten Schwierigkeiten zu überwinden, so bin ich’s … so muß ich es sein!«

Das wiederholte sich Cyprien des Oefteren und das trat ihm während des größten Theiles der Nacht immer und immer wieder vor das geistige Auge.

Sein Entschluß war bald gefaßt. Am nächsten Morgen schon benachrichtigte er Thomas Steele, daß er, wenigstens vorläufig, die Arbeit in seinem Claim nicht fortzusetzen denke. Er kam mit ihm sogar dahin überein, daß es ihm freistehen solle, seinen Antheil weiter zu verheuern. Dann verschloß er sich in sein Laboratorium, um über die neuen Projecte nachzudenken.

Viertes Capitel.


Viertes Capitel.

Vandergaart-Kopje.

»Ich muß entschieden abreisen, sagte sich am anderen Morgen Cyprien, als er noch mit dem Ankleiden beschäftigt war, muß das Griqualand unbedingt verlassen! Nachdem, was ich mir von dem kranken Mann da drüben habe sagen lassen müssen, wäre es Schwäche, noch länger zu verweilen. Er will mir seine Tochter nicht geben. Vielleicht hat er ja Recht, jedenfalls zeigt er keine besondere Geneigtheit, mildernde Umstände anzuerkennen. Ich muß schon seinen Ausspruch, so schmerzlich es mir auch ankommt, mit männlichem Stolze hinnehmen, und darf meine Hoffnung nur auf die freundlichere Zukunft setzen.«

Ohne weitere Zögerung ging Cyprien daran, jene Apparate in die Koffer und Kisten zu verpacken, die er inzwischen als Tische und Schränke benützt hatte. Mit vollem Eifer beginnend, arbeitete er jetzt schon ganz tüchtig während einer oder zwei Stunden, als ihn durch das offenstehende Fenster, durch welches die erquickende Morgenluft hereinzog, eine frische, reine Stimme, welche gleich dem Liede der Lerche jauchzend emporstieg, erreichte und eines der reizendsten Lieder des Dichters Moore sang:

It is the last rose of summer,
Left blooming alone 3

All her lovely companions
Are faded and gone, etc.

Cyprien eilte an’s Fenster und bemerkte Alice, welche sich nach ihrem Straußgehege begab und eine Schüssel mit geeigneten Leckerbissen für ihre Lieblinge trug. Sie war es, die ihre schmelzende Stimme schon mit aufgehender Sonne ertönen ließ.

I will not leave thee, thou lone one!
To pine on the stern,
Since the lovely are sleeping,
Go sleep with them …

Der junge Ingenieur hatte sich niemals für besonders empfänglich für die Poesie gehalten, und doch ergriff ihn dieses Lied so tief. Er trat dicht an’s Fenster, hielt den Athem an und lauschte diesen Tönen, oder er trank vielmehr die süßen Worte.

Die Stimme schwieg eine Zeit lang. Miß Watkins vertheilte die Vorräthe an ihre Strauße, und es war wirklich ein Vergnügen zuzusehen, wie diese die schlanken Hälse noch verlängerten und mit geschicktem Schnabel nach der kleinen Hand pickten. Nach beendigter Vertheilung kehrte sie um und sang wieder:

It is the last rose of summer,
Left blooming alone
Oh! who would inhabit
This black world alone?

4

Mit feuchtem Auge und wie festgewurzelt stand Cyprien noch immer an der nämlichen Stelle.

Die Stimme entfernte sich, Alice ging offenbar nach der Farm zurück, und sie hatte bis dahin wohl kaum noch zwanzig Meter zurückzulegen, als der Schall eiliger Schritte sie veranlaßte, sich umzuwenden und stehen zu bleiben.

Getrieben von unüberlegter, aber auch unwiderstehlicher Bewegung, war Cyprien im bloßen Kopfe aus seinem Häuschen geeilt und lief jetzt auf sie zu.

»Fräulein Alice!…

– Herr Méré?…«

Im vollen Glanze der Morgensonne standen sie sich auf dem Wege an der Grenze des Grundstückes Aug‘ in Auge gegenüber. Ihre Schattenbilder hoben sich deutlich von der weißen Bretterumzäunung der Farm ab. Jetzt aber, als Cyprien sich dicht bei dem jungen Mädchen befand, schien er selbst erstaunt über sein Benehmen und schwieg halb verlegen still.

»Sie hatten mir etwas zu sagen, Herr Méré, sagte sie mit Interesse.

– Ich wollte von Ihnen Abschied nehmen, Fräulein Alice!… Ich reise noch heute ab!« antwortete er mit ziemlich unsicherer Stimme.

Das leichte Roth, welches den zarten Teint der Miß Watkins belebte, war urplötzlich verschwunden.

»Abreisen?… Sie wollen fortgehen … nach? … fragte sie ganz verwirrt.

– Nach meiner Heimat … nach Frankreich, erwiderte Cyprien. Meine hiesigen Arbeiten sind vollendet … meine Mission ist damit erfüllt. Ich habe im Griqualande nichts mehr zu schaffen und bin deshalb verpflichtet, nach Paris zurückzukehren…«

Während er so mit zögernder Stimme sprach, nahm er schon mehr den Ton eines Angeklagten an, der sich zu entschuldigen sucht.

»Ah … Ja …! Ganz richtig!… Das geht ja nicht anders!…« stammelte Alice, ohne recht zu wissen, was sie sagte.

Das junge Mädchen war wie vom Donner gerührt, diese Nachricht traf sie in ihrem unbewußten Glücke gleich einem Keulenschlage. Bald sammelten sich große schwere Thränen in ihren Augen und perlten an den langen, diese umschattenden Wimpern herab. Aber als ob dieser plötzliche Schmerz sie zur Wirklichkeit zurückführte, fand sie doch die Kraft, lächelnd zu sagen:

»Also abreisen wollen Sie? … Nun, und Ihre ergebene Schülerin wollen Sie einfach verlassen, bevor diese den angefangenen Cursus in der Chemie vollendet hat? Sie wollen, daß ich beim Sauerstoff stehen bleibe und mir die Geheimnisse des Stickstoffes ein Buch mit sieben Siegeln bleiben sollen? … Das ist nicht hübsch von Ihnen, Herr Méré!«

Wohl versuchte sie ihre Worte in scherzhaftes Gebilde zu kleiden, nur strafte sie der Ton ihrer Stimme Lügen. Unter diesem Scherze verbarg sich ein schwerer Vorwurf, der dem jungen Mann tief zu Herzen ging. In gewöhnlicher Sprache lautete derselbe nämlich:

»Nun, und ich? … Mich rechnen Sie also für nichts? … Sie werfen mich einfach in die frühere Unwissenheit zurück! … Sie wären nur hierhergekommen, um sich unter den Boers und den habgierigen Minengräbern als höheres, bevorzugtes, stolzes, interesseloses Wesen zu zeigen! Sie hätten mich in Ihre Studien und Arbeiten eingeweiht, hätten mir Ihr Herz und sein ehrgeiziges Streben eröffnet, Ihre wissenschaftlichen Schatzkammern und Ihre künstlerischen Keime gewiesen; Sie hätten mir nur die Entfernung hervorheben wollen, die sich zwischen einem Denker wie Sie und den anderen Zweihändern, die mich umgeben, aufthut! … Das Alles hätten Sie gethan, um sich bewundern und lieben zu lassen, und wenn Ihnen das gelungen, dann erklären Sie ohne alle Umstände, daß Sie wieder weggehen, daß Alles zu Ende ist, daß Sie nach Paris zurückkehren und sich beeilen wollen, mich ganz zu vergessen? Und Sie glauben auch, daß ich eine solche Lösung bestehender Verhältnisse mit philosophischem Gleichmuth hinnehmen werde?«

Ja, das Alles lag in Alices Worten, und ihr feuchtes Auge unterstützte es noch so deutlich, daß Cyprien sich fast versucht fühlte, auf diesen nicht ausgesprochenen und doch so beredten Vorwurf zu antworten. Es fehlte nicht viel, daß er ausgerufen hätte:

»Es muß sein! … Gestern hab‘ ich bei Ihrem Vater um Ihre Hand angehalten! … Er hat mich zurückgewiesen, ohne mir nur ein Fünkchen Hoffnung zu lassen. Begreifen Sie nun, weshalb ich fortgehe?«

Noch zur rechten Zeit erinnerte er sich aber seines gegebenen Versprechens. Er hatte sich ja verpflichtet, der Tochter des John Watkins niemals von dem schönen Traum zu reden, den er sich gewebt, und er hätte sich für verächtlich gehalten, wenn er ein gegebenes Wort brach.

Gleichzeitig empfand er freilich, wie dieser Plan einer überstürzten Abreise, den er unter dem Drucke des erlebten Mißgeschicks gefaßt, doch etwas rücksichtslos erscheinen mußte. Es schien ihm nun unmöglich, das reizende Kind, welches er liebte, und das ihm – sah er’s jetzt doch allzu deutlich – ebenfalls eine aufrichtige, tiefe Zuneigung entgegenbrachte, so ohne alle Vorbereitung, ohne Aufschub zu verlassen.

Der Beschluß, welcher sich ihm zwei Stunden früher mit dem Charakter unbedingter Notwendigkeit aufgedrängt hatte, erschreckte ihn jetzt selbst, und er wagte nicht, ihn ganz auszusprechen. Ja, er verleugnete seine eigentliche Absicht jetzt gleich gänzlich.

»Wenn ich vom Abreisen sprach, Fräulein Alice, so meine ich damit nicht diesen Morgen, auch nicht den heutigen Tag. Ich habe noch Verschiedenes aufzuzeichnen … noch Vorbereitungen zu treffen … jedenfalls werd‘ ich noch die Ehre haben, Sie wieder zu sehen und mit Ihnen über einen weiteren Studienplan zu sprechen!«

Sich schnell auf den Fersen umdrehend, entfloh Cyprien nach diesen Worten wie ein Irrsinniger, stürmte in seine Hütte und warf sich hier in einen hölzernen Stuhl, wo er in tiefes Nachdenken versank.

Sein Gedankengang hatte jetzt eine ganz andere Richtung angenommen.

»Auf soviel Schönheit und Liebreiz verzichten, wegen Mangels an ein wenig Geld! murmelte er für sich. Den Kampf schon beim ersten Hinderniß aufgeben! Zeigt das soviel Muth, wie ich’s mir dachte? Wär’s nicht besser, einige Vorurtheile zu opfern und danach zu streben, ihrer würdig zu werden? … So viele Leute erwarben schon durch Diamantgräberei binnen wenigen Monaten ein hübsches Vermögen; warum sollt‘ ich selbst das nicht versuchen? Wer hindert mich daran, auch einen Stein von hundert Karat zu finden, wie es Anderen geglückt ist, oder noch besser, gleich eine neue Fundstätte zu entdecken? Ohne Zweifel besitze ich mehr theoretische und praktische Kenntnisse, als die Mehrzahl jener Leute. Warum sollte mir die Wissenschaft nicht erreichen lassen, was Anderen durch rauhe Arbeit mit ein wenig Zufall geglückt ist? Alles in Allem wage ich ja bei dem Versuche nicht besonders viel! Selbst mit Rücksicht auf meine Sendung hierher erscheint es am Ende nicht nutzlos, selbst die Hacke zur Hand zu nehmen und das Geschäft als Minengräber zu versuchen. Und wenn es mir gelingt, wenn ich durch dieses einfache Mittel gar reich würde, wer weiß, ob John Watkins dann nicht mit sich reden und zum Widerrufe seiner ersten Entscheidung bewegen ließe. Der Preis verdient es wahrlich, das Abenteuer zu wagen! …«

Cyprien begann wieder in seinem Laboratorium auf und ab zu gehen; diesesmal aber blieben seine Hände unthätig – seine Gedanken allein waren in Bewegung.

Plötzlich blieb er stehen, ergriff seinen Hut und ging hinaus. Nachdem er den Fußstieg erreicht, der nach der Ebene hinunterführte, wandte er sich schnellen Schrittes der Vandergaart-Kopje zu. In kaum einer Stunde traf er bei dieser ein.

Eben jetzt strömten die Gräber in hellen Haufen nach dem eigentlichen Lagerplatz zum zweiten Frühstück zurück.

Als Cyprien die vielen sonnverbrannten Gesichter an sich vorüberkommen sah, legte er sich die Frage vor, wer wohl im Stande sein möchte, die ihm nöthige Auskunft auf das, was er zu wissen wünschte, zu ertheilen. Da erkannte er unter einer Gruppe Männer das ehrliche Gesicht Thomas Steel’s, des früheren Bergmanns von Lancashire. Zwei- oder dreimal schon hatte er, seit ihrer gemeinschaftlichen Ankunft im Griqualand, Gelegenheit gehabt, ihm zu begegnen und sich zu überzeugen, daß der wackere Mann sichtlich wohl gedieh, wie das seine heiteren Züge, der ganz neue Anzug und vor Allem der breite Ledergürtel bewies, den er um die Hüften geschlungen trug.

Cyprien beschloß sich an diesen zu wenden und ihm seine Absichten mitzutheilen, was denn auch bald mit wenigen Worten geschehen war.

»Einen Claim pachten? Nichts leichter als das, wenn Sie das dazu nöthige Geld haben, antwortete ihm der Bergmann. Gerade neben dem meinigen ist jetzt einer frei. Vierhundert Pfund Sterling (Zehntausend Francs = achttausend Mark) ist er unter Brüdern werth. Mit fünf bis sechs Negern, die ihn für Ihre Rechnung bearbeiten, können Sie sich darauf verlassen, per Woche sieben- bis achthundert Francs Diamanten zu »machen!«

– Ich habe aber nicht zehntausend Francs und auch nicht den kleinsten Negerjungen, antwortete Cyprien.

– Nun gut, so kaufen Sie einen Claimantheil – ein Achtel oder nur ein Zehntel – und bearbeiten diesen selbst. Hier genügen schon tausend Francs als Anlagecapital.

– Das vertrüge sich eher mit meinen Mitteln, erwiderte der junge Ingenieur. Aber – wenn Sie diese Frage nicht zu unbescheiden finden – wie haben Sie es denn angefangen, Herr Steel, sind Sie denn mit einem solchen Capital hierher gekommen?

– Ich kam hierher mit meinen Armen und drei Stückchen Gold in der Tasche, erklärte der Andere. Aber ich habe freilich Glück gehabt. Zuerst bearbeitete ich auf halben Gewinn ein Achtel, dessen Besitzer lieber im Kaffeehause auf der Bärenhaut lag, als sich um seine Geschäfte zu kümmern. Wir waren übereingekommen, unsere Funde zu theilen, und ich habe deren recht schöne gemacht – vorzüglich einen Stein von fünf Karat, den wir für zweihundert Pfund Sterling verkauften. Dann wurde ich müde, für diesen Tagedieb zu arbeiten und kaufte mir ein Sechzehntel, das ich allein ausbeutete. Da ich hier nur sehr kleine Steine fand, gab ich dasselbe bald und zwar vor nun zehn Tagen auf. Jetzt grabe ich auf’s Neue für halbe Rechnung mit einem Manne aus Australien in dessen Claim; in der ersten Woche freilich haben wir für Beide nicht mehr als fünf Pfund gemacht.

– Wenn ich einen Theil eines guten Claims nicht zu theuer zu kaufen fände, wären Sie dann vielleicht geneigt, denselben mit mir auszubeuten? fragte der junge Ingenieur.

– Das versteht sich, antwortete Thomas Steel – jedoch unter einer Bedingung, daß Jeder von uns für sich behält, was er eben findet; das sage ich nicht etwa aus Mißtrauen gegen Sie, Herr Méré! Aber sehen Sie, seit ich hier bin, hab‘ ich bemerkt, daß ich beim Theilen allemal einbüße, weil ich mich auf Spitzaxt und Haue verstehe und zwei oder drei Mal soviel Gesteinmenge losschlage, als die Anderen.

– Das scheint mir dann nicht mehr als billig, antwortete Méré.

– Ah, rief da plötzlich der Lancashiremann, ihn unterbrechend, ein Gedanke, vielleicht ein ganz guter. Wenn wir nun zusammen einen der Claims von John Watkins annähmen?

– Wie? Einen von seinen Claims? Gehört ihm denn der Grund und Boden der Kopje nicht ganz allein?

– Gewiß, Herr Méré; Sie wissen aber doch, daß die Colonialregierung denselben sofort mit Beschlag belegt, sobald in einem Stück Land ein Diamantenlager entdeckt wird. Dann verwaltet dasselbe die Regierung, catastrirt und zerstückelt es in Claims, bezieht auch den größten Theil der Concessionsgelder und zahlt an den Eigenthümer nur eine bestimmte Rente. Die Letztere bildet, wenn die Kopje so ausgedehnt ist wie hier, immerhin ein beträchtliches Einkommen, außerdem bleibt dem Bodenbesitzer noch das Vorkaufsrecht auf so viel Claims, wie er bearbeiten zu lassen im Stande ist. So liegt die Sache auch mit John Watkins. Außer seinem Eigenthumsrecht an der ganzen Mine läßt er mehrere Theile derselben für eigene Rechnung ausbeuten. Er kann das aber nicht so eifrig betreiben, wie er’s wohl wünschte, weil ihn die Gicht hindert, selbst an Ort und Stelle zu erscheinen, und ich glaube, er würde ganz annehmbare Bedingungen stellen, wenn Sie ihm vorschlügen, einen solchen Claim zu übernehmen.

– Ich würde es lieber sehen, wenn der Abschluß des Geschäftes nur zwischen ihm und Ihnen erfolgte, entgegnete Cyprien.

– Darauf soll mir’s auch nicht ankommen, meinte Thomas Steel; die Geschichte soll sehr bald im Reinen sein!«

Drei Stunden später war der halbe Claim Nummer 942, der mit Pfählen abgesteckt und auf einer Karte eingezeichnet war, in vorschriftsmäßiger Form an Herrn Méré und Thomas Steel gegen Zahlung einer Summe von neunzig Pfund Sterling (1800 Mark) überlassen, wofür jene das Patentrecht auf denselben erwarben. Außerdem stellte der Vertrag fest, daß die Concessionäre mit John Watkins die Ausbeute ihrer Arbeit zu theilen und ihm, unter dem Titel der »Royalty«, die drei ersten Diamanten von über sechs Karat Rohgewicht auszuliefern hätten. Nichts wies zwar von vornherein darauf hin, daß dieser Fall eintreten würde, indeß er konnte sich ja doch ereignen – wie ja eben Alles möglich ist.

Alles in Allem verdiente das Geschäft für Cyprien ein sehr Vortheilhaftes genannt zu werden, und Mr. Watkins erklärte ihm das auch, nach Unterzeichnung des Contractes und während er ihm darauf zutrank, in seiner gewöhnlichen offenherzigen Weise.

»Sie haben da einen glücklichen Griff gethan, junger Freund, sagte er, ihm auf die Schulter klopfend. In Ihnen steckt ein gesunder Kern! Ich würde mich nicht im Geringsten wundern, Sie zum besten unserer Diamantengräber im Griqualand werden zu sehen!«

Cyprien konnte in diesen Worten nur eine glückverheißende Prophezeiung bezüglich seiner Zukunft erkennen.

Und Miß Watkins, welche der Verhandlung beiwohnte, hatte einen so sonnenhellen Blick in ihren blauen Augen! Nein, kein Mensch hätte geglaubt, daß diese den lieben langen Morgen lang geweint hatten.

Unter stillschweigender Uebereinkunft wurde des peinlichen Auftrittes vom gestrigen Morgen mit keiner Silbe Erwähnung gethan. Cyprien blieb eben da, das lag auf der Hand, und das war ja im Grunde die Hauptsache.

Der junge Ingenieur ging also mit weit leichterem Herzen fort, um seinen Auszug vorzubereiten, obgleich er in einer größeren Reisetasche nur einige Kleidungsstücke mitnahm, denn er gedachte wohl bei der Vandergaart-Kopje unter einem Zelte zu wohnen, seine Mußestunden aber wie bisher auf der Farm zuzubringen.

  1. Die englischen Verse entsprechen, wenn nicht ganz wort-, so doch ziemlich sinngetreu unserem:

    Letzte Rose, wie magst du so einsam hier blüh’n,
    Deine freundlichen Schwestern sind längst schon dahin,
    Keine Blüthe haucht Balsam mit liebendem Duft.

  2. Warum blühst du so traurig im Garten allein?
    Sollst im Tode mit den Schwestern vereinigt sein.
    D’rum pflücke, o Rose, vom Stamm ich dich ab,
    Sollst ruh’n mir am Herzen und mit mir im Grab.