Roman

Zehntes Capitel.


Zehntes Capitel.

Gefährliche Fahrt.

Shandon, der Doctor Clawbonny, Johnson, Foker und der Koch Strong stiegen in das Wallfischboot und fuhren an’s Ufer.

Der Gouverneur, seine Frau und fünf Kinder; sämmtlich von Eskimorace, kamen höflich dem Besuch entgegen. Der Doctor verstand als Philolog ein wenig dänisch, welches zur Anknüpfung freundlicher Beziehungen hinreichte; auch verstand der Eismeister Foker, zugleich Dolmetscher der Expedition, etwa zwanzig Wörter Grönländisch, und wenn man nicht ehrgeizig ist, kommt man mit zwanzig Wörtern schon weit.

Der Gouverneur, ein Eingeborener der Insel Disko, war nie aus seinem Geburtsland herausgekommen; er begrüßte im Namen seiner Stadt, die aus drei hölzernen Häusern, dem des Gouverneurs des lutherischen Pfarrers und einem Schulhause und Magazinen besteht, welche die Güter gestrandeter Schiffe bergen. Der Rest besteht aus Schneehütten, in welche die Eskimo’s durch eine einzige Öffnung hineinkriechen.

Ein großer Theil der Bewohner war dem Forward entgegengefahren, und mehr als ein Eingeborener fuhr in seinem fünfzehn Fuß langen und höchstens zwei Fuß breiten Kaïak bis in die Mitte der Bai.

Der Doctor wußte, daß das Wort Eskimo einen Menschen bezeichnet, der rohe Fische ißt; aber er wußte auch, daß diese Benennung im Lande wie ein Schimpfwort gilt, daher verfehlte er auch nicht, die Bewohner »Grönländer« zu nennen.

Und doch war an den öligen Robbenfell-Kleidern und Stiefeln, an der schmutzigen und übelriechenden Umhüllung, welche Männer von Frauen nicht unterscheiden läßt, leicht zu erkennen, womit diese Leute sich nährten; zudem waren sie, wie alle Völker, welche von Fischen leben, zum Theil vom Aussatz befallen, aber sie befanden sich darum nicht eben übler.

Der lutherische Pfarrer und seine Frau, mit welchen der Doctor besonders zu plaudern sich versprach, waren auf einem Ausflug nach Proven, südlich von Uppernawik, so daß er sich auf die Unterhaltung mit dem Gouverneur beschränkt sah. Dieser oberste Beamte schien nicht sehr gelehrt; zwar verstand er etwas mehr als ein Esel, aber des Lesens war er nicht völlig kundig.

Doch befragte er ihn über Handel, Gewohnheiten und Sitten der Eskimo’s, und vernahm aus ihrer Geberdensprache, daß die Robben, nach Kopenhagen geliefert, etwa vierzig Pfund galten, ein Bärenfell mit vierzig dänischen Dollars, ein blaues Fuchsfell mit vier, ein weißes mit zwei bis drei bezahlt wurde.

Der Doctor wünschte auch, um sich persönlich zu unterrichten, eine Eskimohütte zu besuchen; man kann sich kaum vorstellen, wozu sich ein Gelehrter in seinem Wissensdrang versteht; zum Glück war die Oeffnung zu enge, so daß er trotz allem Eifer nicht hinein kommen konnte. Und das war auch besser, denn es giebt nichts so Widerliches, als diese Anhäufung todter oder lebender Gegenstände, Robben- oder Eskimofleisch, fauler Fische und stinkender Kleider, womit eine Grönländerhütte ausgestattet ist; keine Fenster für Lufterneuerung, nur oben an der Spitze ein Loch, wodurch zwar der Rauch abziehen kann, nicht aber der Gestank.

Foker gab dem Doctor dies an, aber der würdige Gelehrte grollte doch seiner Beleibtheit; denn er hätte gern selbst sich ein Urtheil gebildet.

»Ich bin überzeugt, sagte er, daß man mit der Zeit sich daran gewöhnt.«

Während der ethnographischen Studien dieses Letzteren war Shandon, seinen Instructionen nach, beschäftigt, sich Transportmittel über das Eis zu verschaffen; er mußte für einen Schlitten und sechs Hunde vier Pfund bezahlen, und auch dafür sie herzugeben, machten die Eingeborenen Schwierigkeiten.

Shandon hätte gerne den geschickten Hundeführer Hans Christian geworben, welcher zur Expediton des Kapitäns Mac Clintock gehört hatte, aber derselbe befand sich damals im südlichen Grönland.

Dazu nun die Hauptfrage des Tages: befand sich zu Uppernawik ein Europäer, der auf die Vorüberfahrt des Forward wartete? Hatte der Gouverneur Kenntniß davon, daß ein Fremder, wahrscheinlich Engländer, sich in diesen Gegenden aufhalte? Wann hatte er die letzten Verbindungen mit Wallfischfahrern oder andern Schiffen?

Auf diese Fragen erwiderte der Gouverneur, daß seit länger als zehn Monaten kein Fremder an dieser Gegend der Küste gelandet sei.

Shandon ließ sich die Namen der zuletzt angekommenen Wallfischfahrer angeben; er kannte keinen derselben. Das war zum Verzweifeln.

»Sie werden mir zugeben, Doctor, daß dies nicht zu begreifen ist, sagte er zu seinem Gefährten. Nichts am Cap Farewell! Nichts auf der Insel Disko! Nichts zu Uppernawik!

– Fügen Sie mir nach einigen Tagen noch dazu: Nichts in der Bai Melville, lieber Shandon, und ich werde Sie als alleinigen Kapitän des Forward begrüßen.«

Das Wallfischboot kehrte gegen Abend mit den Besuchern zum Forward zurück; Strong hatte sich, zum Behuf neuer Gerichte, einige Dutzend Eier von Eider-Enten verschafft, welche zweimal so groß als Hühnereier und von grünlicher Farbe sind. So wenig das war, so erquickend war es doch für die auf gesalzenes Fleisch angewiesene Mannschaft.

Der Wind wurde am folgenden Tag günstig, und doch gab Shandon keinen Befehl unter Segel zu gehen; er wollte noch einen Tag warten und, sein Gewissen zu beruhigen, jedem menschlichen Wesen Zeit lassen, sich zum Forward einzufinden; er ließ sogar von Stunde zu Stunde den Sechzehnpfünder abfeuern, welcher inmitten der Eisberge donnernd widerhallte; doch hatte dies nichts weiter zur Folge, als daß Schwärme von Seevögeln dadurch aufgescheucht wurden. Während der Nacht wurden auch einige Raketen in die Luft gelassen, aber vergeblich. Man mußte sich zum Weiterfahren entschließen.

Am 8. Mai um sechs Uhr früh fuhr der Forward mit vollen Segeln ab und verlor bald Uppernawik mit seinen häßlichen Stangengerüsten, woran dem Ufer entlang Eingeweide von Robben und Bauchstücke von Dammhirschen hingen, aus dem Gesicht.

Der Wind wehte aus Süd-Ost, und die Temperatur stieg wieder auf zweiunddreißig Grad (0° hunderttheilig). Die Sonne drang durch den Nebel, und die Eisblöcke wurden unter ihrer auflösenden Einwirkung etwas lockerer.

Indessen übte der Reflex dieser blendendweißen Strahlen einen nachtheiligen Einfluß auf das Gesicht einiger Leute der Mannschaft. Der Waffenschmied Wolsten, Gripper, Clifton und Bell wurden schneeblind, eine im Frühjahr sehr verbreitete Augenkrankheit, welche bei den Eskimo’s häufig Blindheit zur Folge hat. Der Doctor rieth der ganzen Mannschaft, besonders aber den Kranken, an, sich das Gesicht mit einem Schleier von grüner Gaze zu verhüllen, und befolgte zuerst seine Anordnung.

Die von Shandon zu Uppernawik gekauften Hunde waren ziemlich wilder Art; doch gewöhnten sie sich bald an das Schiff, und Kapitän Hund stand nicht übel zu seinen neuen Kameraden; er schien ihre Gewohnheiten zu kennen. Man konnte leicht erkennen, daß dieser Kapitän bereits Bekanntschaft mit seinen Stammesgenossen auf Grönland gehabt haben mußte. Da diese zu Lande bei ungenügender Nahrung stets hungrig gehalten wurden, so waren sie nun gierig, bei dieser Schiffsordnung sich zu erholen.

Am 9. Mai strich der Forward einige Kabel weit bei der westlichsten der Baffins-Inseln vorbei. Der Doctor bemerkte in der Bai zwischen den Inseln und dem Lande einige Felsen, die man Crimson-Cliffs nennt; sie waren mit einem schön karminrothen Schnee bedeckt, welchem der Doctor Kane einen rein vegetalen Ursprung giebt; Clawbonny hätte dies merkwürdige Phänomen gern näher beobachtet, aber das Eis gestattete nicht, sich der Küste mehr zu nähern; obwohl die Temperatur zu steigen anfing, konnte man klar sehen, daß die Eisberge und Eisströme im Norden des Baffins-Meeres häufiger wurden.

Von Uppernawik an bot das Land einen andern Anblick, und es zeichneten sich am Horizont die Profile unermeßlicher Gletscher auf grauem Himmelsgrund. Am 10. ließ der Forward die Bai Kingston rechts nächst dem vierundsiebenzigsten Breitegrad: mehrere hundert Meilen westlich von dem Eingang des Lancaster-Sund.

Dann aber verschwand die ungeheure Wasserfläche unter ausgedehnten Eisfeldern, auf welchen regelmäßige Spitzhügel wie die Krystallisation der nämlichen Substanz sich erheben. Shandon ließ heizen, und bis zum 11. Mai schlängelte der Forward durch die gewundenen Engen, und sein schwarzer Rauch zeichnete am Himmel den Weg, welchen er nahm.

Aber bald zeigten sich neue Hindernisse; da die schwimmenden Massen beständig ihre Stelle wechselten, so schlossen sich die engen Fahrwasser; vor dem Vordertheil des Forward drohte jeden Augenblick das Wasser zu mangeln, und wenn er eingeklemmt wurde, würde es ihm schwer fallen, sich wieder heraus zu ziehen. Jeder wußte es, jeder dachte daran.

Auch zeigten sich an Bord dieses Schiffes ohne Ziel, ohne bekannte Bestimmung, das sinnlos nach Norden zu steuerte, einige Symptome schwankender Gesinnung; unter den an ein Leben voll Gefahren gewöhnten Leuten fanden sich Manche, die trotz der gebotenen Vortheile es bereuten, sich so weit gewagt zu haben. Es herrschte bereits in den Gemüthern eine gewisse Entmuthigung, welche durch die Angst Clifton’s und die Reden von einigen Anstiftern, wie Pen, Gripper, Waren und Wolsten noch zunahm.

Zu der gemüthlichen Herabstimmung der Mannschaft gesellten sich dann noch erschöpfende Strapazen, denn am 12. Mai war die Brigg auf allen Seiten eingeschlossen; die Dampfkraft reichte nicht mehr aus, man mußte sich durch die Eisfelder eine Bahn machen. Bei den sechs bis sieben Fuß dicken Blöcken war die Anwendung der Sägen sehr mühevoll; wenn in einer Lange von hundert Fuß zwei Parallelschnitte gemacht waren, mußte man das zwischen denselben befindliche Eis mit Aexten und Hebebäumen zerbröckeln; dann steckte man Anker durch ein mit einem starken Bohrer gemachtes Loch; dann begann man die Winde anzuwenden, und zog das Schiff mit den Armen; eine sehr große Schwierigkeit bestand noch darin, daß man die Eisstücke unter die Blöcke bringen mußte, um dem Fahrzeug Bahn zu machen; und man mußte sie vermittelst langer Stangen mit einer eisernen Spitze hinwegstoßen.

Kurz, das Sägen, Ziehen, Winden, Stoßen, – unablässig nothwendige, gefährliche Verrichtungen mitten im Nebel oder dichtem Schnee, die niedrige Temperatur, Augenleiden, Gemüthsbefangenheit, – Alles wirkte zusammen, die Mannschaft herabzustimmen und auf ihre Einbildungskraft zu wirken.

Haben es die Matrosen mit einem energischen, kühnen, überzeugten Manne zu thun, der seines Zweckes, seines Weges und Zieles sicher ist, so hält das Vertrauen sie wider Willen aufrecht; sie sind mit ihrem Haupt eines Sinnes, stark durch seine Kraft, und ruhig durch seine Ruhe. Aber an Bord der Brigg wußte man, daß der Befehlshaber nicht sicher war, bei dem unbekannten Ziel und Bestimmungsort schwankte. Trotz der Energie seines Charakters gab sich durch Aenderung der Befehle, unvollständige Manoeuvres, unzeitige Bemerkungen, durch eine Menge Einzelheiten, welche der Mannschaft nicht unbemerkt bleiben konnten, seine Schwäche unwillkürlich kund.

Und dann, Shandon war doch nicht Kapitän des Schiffes, von dem nach Gott Alles abhing; Grund genug, daß man über seine Befehle disputirte, und vom Disputiren bis zur Gehorsamverweigerung ist nur ein leichter Schritt.

Die Unzufriedenen gewannen bald den ersten Maschinisten für sich, der bisher sich strenge an seine Pflicht hielt,

Am 16. Mai, sechs Tage nachdem der Forward bei der Eisdecke angelangt war, hatte Shandon noch keine zwei Meilen nordwärts zurückgelegt. Man war mit dem Schicksal bedroht, im Eise stecken zu bleiben. Das war ein bedenklicher Fall.

Gegen acht Uhr gingen Shandon und der Doctor in Begleitung des Matrosen Garry aus, um auf der unermeßlichen Ebene zu recognosciren; sie waren bedacht, sich nicht allzuweit von dem Schiff zu entfernen, denn es wurde schwierig, sich in den weißen Einöden, deren Ansichten sich unaufhörlich änderten, Merkpunkte zu bilden. Die Strahlenbrechung hatte sonderbare Wirkungen, so daß der Doctor darüber staunte; wo er meinte, nur einen Fuß weit springen zu müssen, mußte man über fünf bis sechs Fuß hinaus; oder es fand der entgegengesetzte Fall statt: in beiden Fällen aber kam es auf den glasharten Eisstücken zum Niederfallen, was, wenn auch nicht gefährlich, doch immer beschwerlich war.

Shandon suchte mit seinen Begleitern fahrbare Wasserwege; in einer Entfernung von drei Meilen vom Schiff erstiegen sie mit ziemlicher Beschwerde einen Eisberg, welcher dreihundert Fuß hoch sein mochte. Von hier aus schweifte ihr Blick über diesen wüsten Haufen, gleich den Trümmern einer Riesenstadt mit umgeworfenen Obelisken, zusammengestürzten Thürmen und umgekehrten Palästen. Die Sonne zog mühsam ihre Kreise um einen mit Bergspitzen besetzten Horizont, und warf lange, schiefe Lichtstrahlen ohne Wärme, als wenn nichtwärmeleitende Stoffe zwischen sie und dies traurige Land gedrungen wären.

Das Meer schien, so weit die Blicke nur reichten, völlig festgefroren.

„Wie kommen wir weiter? fragte der Doctor.

– Ich weiß nicht, erwiderte Shandon, aber wir kommen weiter, müßten wir auch diese Berge mit Pulver sprengen; ich lasse mich gewiß nicht durch diese Eisblöcke bis zum nächsten Frühjahr hier festhalten.

– Wie das jedoch, sagte der Doctor, dem Fox fast in diesen nämlichen Gegenden passirt ist. Ei doch! wir dringen durch … mit ein wenig Philosophie. Sie werden sehen, das ist so viel werth, wie alle Maschinen!

– Man muß zugeben, daß dieses Jahr nicht eben günstige Aussicht darbietet.

– Unstreitig, Shandon, und ich bemerke, daß das Baffins-Meer die Neigung zeigt, in den Zustand vor 1817 zurückzukehren.

– Meinen Sie, Doctor, es sei nicht immer so wie jetzt gewesen?

– Nein, lieber Shandon: von Zeit zu Zeit haben ungeheure Eisgänge stattgefunden, welche die Gelehrten nicht zu erklären wußten. So ist bis zum Jahre 1817 dieses Meer beständig versperrt gewesen, als eine ungeheure Überschwemmung stattfand und diese Eisberge in den Ocean trieb, welche meistens an der Bank von New-Foundland zerbröckelten. Von der Zeit an ist die Baffins-Bai fast frei gewesen, und ward zum Sammelplatz der Wallfischjäger.

– Also, fragte Shandon, sind seit dieser Zeit die Nordfahrten leichter gewesen?

– Ganz außerordentlich; aber man bemerkt, daß seit einigen Jahren die Bai Neigung zeigt, wieder fest zu werden, und sich, vielleicht für lange Zeit, den Forschungsreisenden zu verschließen. Um so mehr Grund also, daß wir so weit als möglich vordringen. Und doch gleichen wir ein wenig den Leuten, welche sich in unbekannte Gänge hineinwagen, deren Thüren sich unablässig hinter ihnen wieder schließen.

– Würden Sie mir rathen zurückzuweichen? fragte Shandon, indem er tiefer in des Doctors Augen zu lesen versuchte.

– Ich! Ich habe nie verstanden einen Fuß rückwärts zu thun; und sollte man nie wieder zurückkommen, so sag‘ ich vorwärts! Nur müssen wir uns klar machen, daß wir, wenn wir unvorsichtig sind, genau wissen, welcher Gefahr wir uns aussetzen.

– Und Sie, Garry, was halten Sie davon? fragte Shandon den Matrosen.

– Ich, Commandant, würde grad‘ aus vorwärts gehen; ich schließe mich des Herrn Clawbonny’s Meinung an; übrigens thun Sie, was Ihnen beliebt; commandiren Sie, wir werden gehorchen.

– Nicht Alle reden, wie Sie, Garry, fuhr Shandon fort; es haben nicht Alle Lust zu gehorchen! Und wenn sie sich weigern, meine Befehle auszuführen?

– Ich habe Ihnen meine Ansicht geäußert, Commandant, erwiderte Garry mit kalter Miene, weil Sie mich um dieselbe befragt haben; aber Sie sind nicht daran gebunden.«

Shandon gab keine Antwort; er prüfte achtsam den Horizont, und begab sich wieder mit seinen beiden Gefährten auf das Eisfeld.

Elftes Capitel.


Elftes Capitel.

Der Teufels-Daumen.

Während der Abwesenheit des Commandanten hatten die Bootsleute verschiedene Arbeiten ausgeführt, so daß es nun dem Schiffe möglich war, sich dem Druck der Eisfelder zu entziehen. Pen, Clifton, Bolton, Gripper, Simpson nahmen diese mühevolle Verrichtung vor; der Heizer und die beiden Maschinisten mußten sogar beihelfen, denn vom Augenblick an, wo ihr Dienst bei der Maschine nicht erforderlich war, wurden sie wieder Matrosen, und konnten als solche zu allen Dienstleistungen an Bord zugezogen werden.

Aber das geschah nicht ohne große Aufregung.

»Ich erkläre, daß ich jetzt satt daran habe, sagte Pen, und wenn binnen drei Tagen der Eisbruch nicht eintritt, schwöre ich zu Gott, daß ich die Hände in den Schooß lege!

– Die Hände in den Schooß legen, erwiderte Gripper; da wäre es doch besser, man brauchte sie, um rückwärts zu kommen! Meinst Du, wir hätten Lust, hier bis zum künftigen Frühjahr zu überwintern?

– Wahrhaftig, das wäre ein traurig Winterquartier, versetzte Plover, denn das Schiff ist nach allen Seiten hin schutzlos!

– Und wer weiß, sagte Brunton, ob selbst im nächsten Frühjahr das Meer freier sein wird, als heute?

– Es handelt sich gar nicht um nächstes Frühjahr, entgegnete Pen; wir haben heute Donnerstag; wenn bis Sonntag früh die Bahn nicht frei ist, fahren wir rückwärts nach dem Süden.

– Bravo! rief Clifton.

– Seid Ihr damit einverstanden? fragte Pen.

– Einverstanden! erwiderten die Kameraden.

– Ganz recht, fuhr Waren fort, denn wenn wir dergestalt arbeiten und das Schiff mit den Armen fortziehen müssen, so bin ich der Meinung, daß wir rückwärts ziehen.

– Bis Sonntag wird sich das zeigen, sagte Wolsten.

– Auf Befehl, fuhr Brunton fort, sind meine Oefen bald geheizt.

– Ei! versetzte Clifton, die werden wir schon selbst heizen.

– Wenn von den Officieren einer, erwiderte Pen, sich das Vergnügen machen will, hier Winterquartier zu nehmen, steht es ihm frei; man wird ihn ruhig hier lassen; Niemand wird ihn hindern, sich eine Schneehütte zu bauen, um als echter Eskimo darin zu leben.

– Nichts von dem, Pen, entgegnete Brunton; wir dürfen Keinen im Stich lassen; versteht Ihr wohl, Ihr andern? Ich glaube übrigens, daß der Commandant nicht schwer zu bestimmen sein wird; er sieht mir schon sehr beunruhigt aus, und wenn man ihm die Sache glimpflich beibringt …

– Wohl zu verstehen, fuhr Plover fort; Richard Shandon ist ein harter und mitunter starrköpfiger Mann; man müßte ihm geschickt beikommen.

– Wenn ich denke, versetzte Bolton mit sehnsüchtigem Seufzen, daß wir binnen einem Monat wieder in Liverpool sein können! Ueber die Linie der Eisblöcke im Süden werden wir rasch hinaus sein! Zu Anfang Juni wird die Davis-Straße frei zu passiren sein, und dann brauchen wir uns nur in’s Atlantische Meer treiben zu lassen!

– Dazu kommt noch, erwiderte der kluge Clifton, daß wir, wenn wir unter der Verantwortlichkeit des Commandanten zurückkehren, unsere Antheile und Vergütungen ungeschmälert behalten; kämen wir aber allein heim, so wären wir derselben nicht ganz sicher.

– Gut ausgeklügelt, sagte Plover; dieser verteufelte Clifton spricht, wie ein Finanzmann. Nehmen wir uns in Acht, daß wir nichts mit den Herren von der Admiralität auseinanderzusetzen haben; das ist sicherer, und lassen wir Niemand im Stich.

– Aber wenn die Officiere sich weigern, sich uns anzuschließen?« versetzte Pen, der seine Kameraden zum Aeußersten drängen wollte.

Eine so direct gestellte Frage setzte etwas in Verlegenheit.

»Das werden wir sehen, wenn die rechte Zeit dafür sein wird, versetzte Bolton, übrigens wird es hinreichen, Shandon für unsere Sache zu gewinnen, und ich denke, das wird nicht schwer sein.

– Doch giebt es Einen, den möcht‘ ich hier lassen, sagte Pen fluchend, und sollte er mir auch einen Arm fressen.

– Ah! Den Hund sagte Plover.

– Ja, den Hund, und ich werde bald mit ihm fertig sein!

– Um so lieber, versetzte Clifton mit Beziehung auf sein Lieblingsthema, als der Hund an all‘ unserm Unglück Schuld ist.

– Er hat uns behext, sagte Plover.

– Er hat uns in das Eis hinein geschleppt, erwiderte Gripper.

– Er hat uns, entgegnete Wolsten, mehr Eisblöcke in den Weg geschafft, als man je zu dieser Zeit gesehen hat?

– Er hat mir die Augen krank gemacht, sagte Brunton.

– Er hat uns den Gin und Branntwein entzogen, versetzte Pen.

– Er ist an Allem Schuld, riefen sie alle zusammen.

– Und dazu noch, erwiderte Clifton, ist er der Kapitän.

– Ja wohl, Unglücks-Kapitän, schrie Pen, dessen unsinniger Zorn sich durch die eigenen Worte steigerte, Du hast gerne hierher gewollt, sollst auch hier bleiben!

– Aber wie fangen wir ihn? sagte Plover.

– Ei! Nun ist gute Gelegenheit dafür, erwiderte Clifton, der Commandant ist nicht an Bord, der Lieutenant schläft in seiner Cabine; der Nebel ist dicht genug, daß Johnson uns nicht wahrnehmen kann …

– Aber der Hund? schrie Pen.

– Der schläft oben neben der Kohlenkammer, erwiderte Clifton, und wenn man Lust hat …

– Ich übernehme es, versetzte Pen wüthend.

– Nimm Dich in Acht, Pen; er hat Zähne, die können Eisenstangen zerbeißen!

– Rührt er sich, so steche ich ihn in den Bauch«, entgegnete Pen, und zückte sein Messer. Und er stürzte in das Zwischendeck, Waren ihm nach, um ihm dabei zu helfen.

Bald kamen sie miteinander zurück und schleppten das Thier in den Armen, die Schnauze und Pfoten geknebelt; sie hatten ihn im Schlaf überrascht, und der unglückliche Hund konnte ihnen nicht mehr entrinnen.

»Hurrah für Pen! rief Plover.

– Und jetzt, was willst Du mit ihm anfangen? fragte Clifton.

– In’s Wasser werfen, und wenn er je wieder kommt …« versetzte Pen mit wüstem Lachen der Befriedigung.

Zweihundert Schritte vom Schiff entfernt war ein Robbenloch, eine kreisrunde Oeffnung, wie sie diese Thiere mit ihren Zähnen machen und stets von innen aus nagend offen halten; durch dieselbe ist der Robbe im Stande, an der Oberfläche Luft zu schöpfen; aber er muß sorgfältig verhindern, daß dieselbe nicht oben wieder zufriert, denn die Beschaffenheit seiner Kinnlade macht ihm unmöglich, das Loch von außen nach innen zu erneuern, und im Moment der Gefahr könnte er seinen Feinden nicht entrinnen.

Pen und Waren gingen mit dem Hund zu dieser Oeffnung und warfen ihn, so arg er zappelte und dagegen wehrte, unbarmherzig in’s Meer; darauf wälzten sie einen gewaltigen Eisblock über das Loch, um dem Thier den Ausgang zu schließen, daß es nimmer wieder komme.

»Gute Reise, Kapitän!« rief der brutale Matrose.

Gleich darauf kehrten Pen und Waren wieder an Bord zurück. Johnson hatte gar nichts davon gemerkt; der Nebel um das Schiff herum ward dichter und es begann wieder heftig zu schneien.

Eine Stunde nachher erschienen auch Richard Shandon, der Doctor und Garry wieder auf dem Forward.

Shandon hatte in nordöstlicher Richtung ein Fahrwasser bemerkt, welches er zu benutzen beschloß. Demnach ertheilte er seine Befehle; die Mannschaft gehorchte mit einer gewissen Rührigkeit; sie wollte Shandon die Unmöglichkeit weiter zu dringen begreiflich machen, und zudem hielt sie sich noch drei Tage zum Gehorsam verbunden.

Während eines Theiles der Nacht und des folgenden Tages wurde die Säge-Arbeit und das Ziehen des Schiffes eifrig fortgesetzt; der Forward kam ungefähr zwei Meilen weiter nordwärts. Am 18. befand er sich in der Nähe des Landes, fünf bis sechs Kabellängen von einem sonderbar gestalteten Pic, dem man seiner auffallenden Form wegen den Namen »Teufelsdaumen« gegeben hatte.

An derselben Stelle waren im Jahre 1851 der »Prinz Albert«, und 1853 Kaue mit dem »Advance« mehrere Wochen lang ununterbrochen stecken geblieben.

Die seltsame Gestalt des Teufelsdaumens, die öde und verlassene Umgebung, ringsum ungeheure Eisberge, manche über dreihundert Fuß hoch, das Krachen der Eisberge, welches unheimlicher Weise im Echo widerhallte, Alles machte die Lage des Forward erschrecklich traurig. Shandon begriff, daß er ihn von da wegbringen und weiter führen müsse. Vierundzwanzig Stunden nachher, seiner Schätzung nach, konnte er um etwa zwei Meilen von dieser unheimlichen Küste wegkommen. Aber das war nicht Alles. Shandon fühlte sich von Furcht befangen, und die falsche Stellung, worin er sich befand, lähmte seine Thatkraft; um seinen Instructionen nach vorwärts zu dringen, hatte er sein Schiff in eine außerordentlich gefährliche Lage versetzt; das Schiffsziehen brachte die Leute gänzlich herab; man brauchte über drei Stunden, um einen zwanzig Fuß langen Canal in ein Eis zu hauen, das vier bis fünf Fuß dick war; der Gesundheitszustand der Mannschaft drohte schon schlimmer zu werden. Shandon staunte über das Schweigen der Leute und ihre ungewöhnliche Hingebung; aber er besorgte, es möchte dies der Vorbote eines nahen Sturmes sein. Man kann sich demnach die peinliche Ueberraschung, die Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit vorstellen, welche ihn befiel, als er wahrnahm, daß in Folge einer unmerklichen Bewegung des Eisfeldes der Forward während der Nacht des 18. zum 19. wieder Alles verlor, was er durch so viele Strapazen gewonnen hatte, am Samstag Morgen befand er sich wieder im Angesicht des Teufelsdaumens, der stets drohte, und in einer noch bedenklicheren Lage; die Eisberge wurden häufiger und fuhren Phantomen gleich im Nebel vorüber.

Shandon war vollständig entmuthigt; offen gesagt, der Schrecken drang in das Gemüth dieses unverzagten Mannes und in die Herzen seiner Mannschaft. Shandon hatte vom Verschwinden des Hundes reden gehört, aber er wagte nicht die Schuldigen zu strafen; er mußte fürchten einen Aufruhr hervorzurufen.

Das Wetter war diesen Tag über erschrecklich; dicht aufgewirbelter Schnee umhüllte die Brigg mit einem undurchdringlichen Schleier; bisweilen, unter Einwirkung des Sturmwetters, theilte sich der Nebel, und das Auge sah mit Schrecken auf der Landseite den Teufelsdaumen gespensterartig emporragen.

Der Forward ankerte sich fest an einen ungeheuren Eisblock, weiter konnte er nichts thun, nichts versuchen; die Dunkelheit nahm zu, so daß der Mann am Steuer den Wachposten am Vordertheil nicht sehen konnte.

Shandon zog sich, unablässig beängstigt, in seine Cabine zurück; der Doctor ordnete seine Reisenotizen; von der Mannschaft war die Hälfte auf dem Verdeck geblieben, die anderen befanden sich im gemeinschaftlichen Saal.

In einem Moment, wo der Sturm ärger tobte, schien der Teufelsdaumen mitten im zerrissenen Nebel über die Maßen hoch zu ragen.

»Großer Gott! schrie Simpson, und wich voll Schrecken zurück.

– Was giebt es«, sagte Foker.

Nun rief es auf allen Seiten:

»Er wird uns zerschmettern!

– Wir sind verloren!

– Herr Wall! Herr Wall!

– ’s ist Alles aus!

– Commandant! Commandant!«

So schrieen die Leute von der Wache zusammen.

Wall stürzte auf das Hintercastell; Shandon in Begleitung des Doctors eilte auf das Verdeck und schaute.

Mitten durch die Spalten des Nebels schien der Teufelsdaumen plötzlich näher bei der Brigg; er schien phantastisch vergrößert; an seiner Spitze erhob sich ein zweiter Kegel, umgekehrt und auf seiner Spitze sich drehend; – er drohte mit seiner ungeheuern Masse das Schiff zu zertrümmern; er wankte, drohte zu fallen: ein Anblick zum Entsetzen. Jeder wich unwillkürlich zurück, und einige Matrosen verließen das Schiff, eilten auf das Eis.

»Keiner rühre sich vom Platz! rief der Commandant in strengem Ton. Jeder an seinen Posten!

– Meine Freunde, haben Sie doch keine Angst, sagte der Doctor; ’s ist keine Gefahr! Sehen Sie, Commandant, sehen Sie, Herr Wall, ’s ist eine Luftspiegelung, nichts weiter!

– Sie haben Recht, Herr Clawbonny, versetzte Meister Johnson; die Leute haben sich aus Unwissenheit durch ein Luftgebilde ängstigen lassen.«

Auf die Worte des Doctors waren die meisten der Matrosen herbeigekommen, und ihre Furcht verwandelte sich in Bewunderung dieses merkwürdigen Phänomens, welches alsbald erlosch.

»Sie nennen das Luftspiegelung! sagte Clifton; nun, der Teufel steckt doch etwas darinnen, Ihr könnt mir’s glauben.

– Ganz gewiß«, erwiderte ihm Gripper. Aber als sich der Nebel ein wenig zerklüftete, erblickte der Commandant eine große und freie Fahrstraße, die er nicht vermuthet hatte. Er beschloß unverzüglich diesen günstigen Fall zu benutzen; die Leute wurden auf beiden Seiten des Fahrwassers aufgestellt, es wurden ihnen starke Taue gereicht, und sie begannen das Schiff in nördlicher Richtung zu ziehen.

Stunden lang wurde dieses Manoeuvre eifrig, obwohl schweigend, ausgeführt; Shandon hatte die Oefen heizen lassen, um den glücklicherweise entdeckten Canal zu benutzen.

»Es ist ein günstiger Zufall, sagte er zu Johnson, und wenn wir nur einige Meilen noch vorwärts kommen können, werden wir vielleicht am Ende unserer Mühsal sein! Herr Brunton, heizen Sie stärker, und sobald der Dampf hinreichend sein wird, lassen Sie mich es wissen. Wenn inzwischen unsere Leute wieder mehr Muth gewinnen, ist das ein eben so großer Gewinn. Sie eilen sich, vom Teufelsdaumen wegzukommen! Nun, so benutzen wir diese gute Stimmung.«

Auf einmal wurde der Zug der Brigg plötzlich gehemmt.

»Was giebt es? fragte Shandon. Wall, sind unsere Schlepptaue zerrissen?

– Nein, Commandant, erwiderte Wall, indem er sich über das Geländer neigte. Ei! Da kommen unsere Leute zurück, klettern auf das Schiff; sie scheinen von einem sonderbaren Schrecken befallen!

– Was giebt es denn? rief Shandon, auf das Vordertheil stürzend.

– An Bord! An Bord!« schrieen die Matrosen in ärgstem Schrecken.

Shandon blickte nach Norden hin, und Schaudern befiel ihn wider Willen.

Ein seltsames Thier, mit sprühender Zunge und riesenhaftem Schlund, sprang mit gräßlichen Bewegungen eine Kabellänge vom Schiff entfernt; es schien über zwanzig Fuß hoch zu sein, mit struppig starrenden Haaren; es verfolgte die Matrosen und stürzte auf sie zu, während es mit furchtbarem, zehn Fuß langem Schwanz den Schnee fegte und in dichten Wirbeln aufregte. Beim Erblicken eines solchen Ungeheuers wurden auch die Unverzagtesten von eisigem Schrecken befallen.

»’S ist ein Bär! sagte der Eine.

– ‚S ist der Währwolf!

– Der Löwe in der Apokalypse!«

Shandon holte eiligst aus seiner Cabine einen stets geladenen Revolver; der Doctor griff rasch zu seiner Waffe, um auf das Thier zu feuern, dessen Größe an die Vierfüßler der Urzeit erinnerte.

Es kam mit ungeheuern Sprüngen näher; Shandon und der Doctor feuerten zugleich, und es zeigte sich plötzlich durch die Erschütterung der Luftschichten eine unerwartete Wirkung.

Als der Doctor genau hinsah, konnte er nicht umhin, laut aufzulachen.

»Die Strahlenbrechung! sagte er.

– Die Strahlenbrechung!« rief Shandon.

Aber dazwischen fürchterliche Angstrufe aus der Mannschaft:

»Der Hund! rief Clifton.

– Der Kapitän Hund! wiederholten seine Kameraden.

– Er ist es! rief Pen, immer noch der Hund!«

Es war wirklich der Hund, dem es gelungen war, seine Bande zu zerreißen und durch eine andere Oeffnung wieder auf die Oberfläche des Eisfeldes zu gelangen. In diesem Augenblick war durch die Refraction, – eine unter diesen Breitegraden gewöhnliche Erscheinung – seine Gestalt in furchtbaren Verhältnissen angewachsen. Diese Täuschung war zwar durch die Lufterschütterung beseitigt, aber es blieb doch eine schlimme Wirkung auf die Gemüther der Matrosen, welche wenig fähig waren, die Erklärung der Thatsache aus rein physischen Gründen gelten zu lassen. Das Abenteuer des Teufelsdaumens, das Wiedererscheinen des Hundes unter so phantastischen Umständen, machten sie vollends in ihrer Haltung irre, und lautes Murren ließ sich auf allen Seiten hören.

Zwölftes Capitel.


Zwölftes Capitel.

Der Kapitän Hatteras.

Der Forward drang mit Dampfeskraft zwischen den Eisfeldern und Eisbergen rasch vorwärts. Johnson hielt selbst das Steuer. Shandon untersuchte mit seiner Schneebrille den Horizont; aber seine Freude dauerte nicht lange, denn er erkannte bald, daß man am Ende des Fahrpasses sich rings von Bergen umgeben fand.

Doch zog er den Schwierigkeiten einer Umkehr das Mißliche einer Fortsetzung der Fahrt vor.

Der Hund lief auf der Eisfläche hinter der Brigg her, aber in ziemlicher Entfernung. Da hörte man, wenn er zurückblieb, ein eigenthümliches Pfeifen, worauf er sogleich zurückkehrte.

Als sich dies Pfeifen zum erstenmal hören ließ, sahen sich die Matrosen um; sie waren allein auf dem Verdeck und beriethen zusammen; kein Fremder, kein Unbekannter; und doch vernahm man das Pfeifen noch einigemal. Clifton ward zuerst unruhig.

»Hören Sie? sagte er, und sehen Sie, wie das Thier springt, wenn es pfeifen hört.

– Das ist ganz unglaublich, erwiderte Gripper.

– Jetzt sind wir fertig! rief Pen; weiter gehe ich nicht.

– Pen hat Recht, versetzte Brunton; das heißt Gott versuchen.

– Den Teufel versuchen, erwiderte Clifton. Lieber geb‘ ich meinen ganzen Theil an der Prämie hin, als daß ich noch einen Schritt weiter gehe.

– Wir kommen nicht wieder zurück«, sagte Bolton niedergeschlagen.

Die Mannschaft war im höchsten Grade entmuthigt.

»Nicht einen Schritt weiter! rief Wolsten; seid Ihr einverstanden?

– Ja! Ja! erwiderten die Matrosen.

– Nun denn, sagte Bolton, so gehen wir zum Commandanten; ich übernehme es mit ihm zu reden.«

Die Matrosen gingen in dichten Haufen auf’s Hinterdeck zu.

Der Forward kam eben an eine große kreisrunde Stelle von etwa achthundert Fuß Durchmesser; sie war vollständig rings versperrt, mit Ausnahme des einzigen Auswegs, welchen man gekommen war.

Shandon begriff, daß er sich selbst eingesperrt hatte. Aber was nun anfangen? Wie zurückkehren? Er fühlte seine ganze Verantwortlichkeit; es ballte sich ihm die Faust.

Der Doctor schaute mit gekreuzten Armen, ohne ein Wort vorzubringen. Er sah die Eiswände an, deren Höhe durchschnittlich dreihundert Fuß betragen mochte. Dichter Nebel lagerte über diesem Abgrund.

In diesem Augenblick redete Bolton den Commandanten an.

»Commandant, sprach er mit bewegter Stimme, wir können nicht weiter!

– Das sagt Ihr? erwiderte Shandon, dem der Zorn über die Verletzung seiner Autorität in’s Angesicht stieg.

– Wir erklären, Commandant, fuhr Bolton fort, daß wir für den unsichtbaren Kapitän genug geleistet haben, und wir sind entschlossen, nicht weiter vorwärts zu gehen.

– Sie sind entschlossen? … rief Shandon. So sprechen Sie, Bolton! Hüten Sie sich!

– Ihre Drohung macht nichts aus, erwiderte Pen brutal; wir gehen nicht weiter!«

Shandon ging auf die empörten Matrosen zu, als der Rüstmeister leise zu ihm sagte:

»Commandant, wenn wir wieder von hier heraus wollen, haben wir keinen Augenblick zu verlieren. Da schwimmt ein Eisberg zu dem Fahrpaß hin, der kann uns ganz absperren.«

Shandon untersuchte nochmals die Lage.

»Sie werden mir später Ihr Verhalten verantworten, sagte er zu den Aufrührern. Inzwischen, das Schiff gewendet!«

Die Matrosen eilten an ihre Posten. Der Forward wendete rasch, die Oefen wurden stärker geheizt; es galt dem schwimmenden Berg zuvor zu kommen. Es war eine Wettfahrt zwischen der Brigg und dem Eisberg; die erstere eilte südlich, um hinauszukommen, der letztere trieb nordwärts, den Weg zu versperren.

»Heizen, Heizen! rief Shandon, mit vollem Dampf! Brunton, verstehen Sie?«

Der Forward glitt rasch, wie ein Vogel zwischen den zerstreuten Eisblöcken durch, welche sein Vordertheil rasch durchschnitt; die Schraube wirkte, daß der Rumpf des Schiffes zitterte, und das Manometer zeigte eine äußerste Spannung des Dampfes, der zum Betäuben laut pfiff.

»Die Klappen beschwert!« rief Shandon.

Der Maschinist gehorchte, auf die Gefahr hin, das Schiff in die Luft zu sprengen.

Doch waren diese verzweifelten Anstrengungen vergebens; der Eisberg, von einer unterseeischen Strömung getrieben, kam zuvor; die Brigg war noch drei Kabellängen entfernt, als der Eisberg wie ein Keil in den freien Paß eindrang und jeden Ausweg sperrte.

»Jetzt sind wir verloren! rief Shandon, dem das unvorsichtige Wort entschlüpfte.

– Verloren! rief die Mannschaft.

– Rette sich, wer kann! sagten die Einen:

– Die Boote in’s Meer! riefen Andere.

– In die Vorrathskammer! schrien Pen und Andere seines Gelichters; sollen wir ersaufen, so wollen wir’s im Gin!«

Alle Zügel rissen, die Unordnung stieg auf das höchste. Shandon fühlte sich übermeistert; er wollte commandiren, stammelte, stockte; sein Gedanke konnte nicht Worte finden. Der Doctor ging voll Unruhe auf und ab. Johnson kreuzte mit stoischem Schweigen die Arme.

Da ließ sich plötzlich eine starke, energische, gebieterische Stimme vernehmen, mit dem Ruf:

»Jeder an seinen Posten! Rasch gewendet!«

Johnson gehorchte zitternd, ohne sich zu besinnen ließ er eiligst das Rad des Steuers drehen.

Es war hohe Zeit; die Brigg war im Begriff, mit aller Kraft wider die Wände prallend, zu scheitern.

Aber, während Johnson instinctmäßig Folge leistete, eilten Shandon, Clawbonny, die gesammte Mannschaft bis auf den Heizer Waren und den Neger Strong auf’s Verdeck, und alle sahen aus der Cabine, dessen Schlüssel allein im Besitz des Kapitäns war, einen Mann heraustreten …

Dieser Mann war der Matrose Garry.

»Garry! rief Shandon erbleichend – Sie … was haben Sie für Recht hier zu commandiren? …

– Duk!« rief Garry, und wiederholte das Pfeifen, welches der Mannschaft so sehr aufgefallen war.

Als der Hund seinen wahren Namen vernahm, sprang er mit einem Satz auf das Hinterdeck und legte sich ruhig zu den Füßen seines Herrn.

Die Mannschaft ließ keinen Laut vernehmen.

Dieser Schlüssel, welchen allein der Kapitän des Forward in Händen haben konnte, dieser Hund, welchen er geschickt und der eben so zu sagen sein Persönlichkeit beurkundet hatte, dieser Befehlshaberton, den man unmöglich verkennen konnte, – alles dies machte einen mächtigen Eindruck auf die Matrosen, und genügte, Garry’s Autorität festzustellen.

Uebrigens war Garry nicht mehr kenntlich; er hatte den breiten Backenbart, welcher sein Gesicht umrahmte, abgelegt, und um so mehr traten seine leidenschaftslosen Züge voll Thatkraft und Befehlshaberwürde in’s Licht; er trat auf in seiner Standeskleidung mit den Abzeichen des Commandanten.

So wurde denn auch die Mannschaft des Forward wider Willen fortgerissen und rief einstimmig:

»Hurrah! Hurrah! Hurrah für den Kapitän!

– Shandon, sprach dieser zu seinem Stellvertreter, lassen Sie die Mannschaft sich aufstellen, ich will Musterung halten.«

Shandon gehorchte und gab mit bewegter Stimme seine Befehle. Der Kapitän trat vor seine Officiere und Matrosen und sprach zu Jedem, was seinem bisherigen Verhalten gemäß passend war.

Hierauf stieg er auf die Companie und sprach in ruhigem Ton die folgenden Worte:

»Officiere und Matrosen, ich bin Engländer, wie Sie auch, und mein Wahlspruch ist der des Admirals Nelson:

»England erwartet von Jedem, daß er seine Pflicht erfülle.

»Als Engländer will ich nicht, wollen wir nicht, daß kühnere Männer dahin dringen, wohin wir nicht vermocht hätten. Als Engländer will ich nicht, wollen wir nicht geschehen lassen, daß Andere den Ruhm davon tragen, weiter nach dem Norden zu dringen. Wenn jemals eines Mannes Fuß das Polarland betreten darf, so muß das der Fuß eines Engländers sein! Hier ist die Flagge Englands. Ich habe dies Schiff ausgerüstet, ich habe mein Vermögen an das Unternehmen gesetzt, und will mein Leben und das Eurige dafür einsetzen, aber diese Flagge soll am Nordpol wehen. Lassen Sie es an Zuversicht nicht fehlen. Tausend Pfund Sterling sind Euch für jeden Grad zugesagt, welchen wir von heute an weiter nördlich vordringen. Jetzt sind wir unter’m zweiundsiebenzigsten, und es sind neunzig Grad. Nun rechnet. Mein Name wird Ihnen übrigens eine Bürgschaft sein; Energie und Patriotismus sind ihm eigen. Ich bin der Kapitän Hatteras!

– Der Kapitän Hatteras!« rief Shandon.

Dieser Name war unter den englischen Seeleuten wohl bekannt. Die Mannschaft vernahm ihn mit stillem Respect.

»Jetzt, fuhr Hatteras fort, soll man die Brigg an die Eisblöcke festankern, die Feuer ausgehen lassen, und Jeder gehe an sein gewöhntes Tagewerk. Shandon, ich habe mit Ihnen über die Schiffsangelegenheiten zu reden. Kommen Sie nebst dem Doctor, Wall und dem Rüstmeister zu mir in meine Cabine. Johnson, lassen Sie die Leute auseinander gehen.«

Hatteras, kaltblütig und kühl, stieg ruhig vom Hinterdeck herab, während Shandon die Brigg festankern ließ.

Wer war denn dieser Hatteras, und weshalb machte sein Name einen so tiefen Eindruck auf die Mannschaft?

John Hatteras, der einzige Sohn eines Brauers zu London, der im Jahre 1852 im Besitze von sechs Millionen starb, widmete sich noch in jungen Jahren, trotz des glänzenden Vermögens, das er erben sollte, dem Seewesen. Nicht der Handelsberuf führte ihn dazu, sondern sein Herz war vom Trieb nach geographischen Entdeckungen durchdrungen; er sann unablässig darauf, seinen Fuß dahin zu setzen, wohin noch kein Mensch gedrungen war.

Bereits zwanzig Jahre alt besaß er die kräftige Leibesbeschaffenheit magerer und sanguinischer Menschen: energische Gesichtszüge mit geometrisch bestimmten Linien, hohe Stirn senkrecht auf der Ebene schöner, aber kalter Augen, feine Lippen eines wortkargen Mundes, mittlere Statur, fester Gliederbau mit eisernen Muskeln – gaben das Gesammtbild eines Mannes von erprobtem Charakter. Sein Aussehen verrieth Kühnheit, sein Ton kühle Leidenschaft; unbeugsam, nie zurückzuweichen fähig, war er bereit, das Leben Anderer mit gleicher Ueberzeugung, wie das seinige auf das Spiel zu setzen. Es galt daher zweimal zu überlegen, ehe man sich zur Theilnahme an seinen Unternehmungen entschloß.

Den Stolz des Engländers besaß er im höchsten Grade. Als in seiner Gegenwart ein Franzose mit vermeintlicher Höflichkeit und selbst Liebenswürdigkeit sagte:

»Wäre ich nicht Franzose, so möcht‘ ich Engländer sein«, so erwiderte Hatteras:

»Wäre ich nicht Engländer, so möcht‘ ich Engländer sein.«

Ueber Alles ging ihm der Wunsch, den Ruhm geographischer Entdeckungen seinen Landsleuten allein zu wahren; aber zu seinem großen Mißfallen hatten diese im Laufe der früheren Jahrhunderte in Hinsicht auf Entdeckungen wenig geleistet.

Die Entdeckung Amerika’s verdankte man dem Genuesen Christoph Columbus, Indiens dem Portugiesen Vasco de Gama, China’s dem Portugiesen Fernand d’Andrada, der Feuerlande dem Portugiesen Magelhaen, Canada’s dem Franzosen Jacques Cartier; die Sunda-Inseln, Labrador, Brasilien, das Cap der guten Hoffnung, die Azoren, Madeira, New-Foundland, Guinea, Congo, Mexiko, Cap Blanco, Grönland, Island, die Südsee, Californien, Japan, Cambodja, Peru, Kamtschatka, die Philippinen, Spitzbergen, das Cap Horn, die Behrings-Straße, Tasmanien, Neu-Seeland, Neu-Britannien, Neu-Holland, Louisiana, die Insel Jan-Mayen – wurden von Isländern, Skandinaviern, Russen, Portugiesen, Dänen, Spaniern, Genuesen, Holländern aufgefunden; aber kein einziger Engländer befand sich unter ihnen; für Hatteras zum Verzweifeln, daß seine Landsleute nicht dieser glorreichen Schaar von Seefahrern angehörten, welchen man die großen Entdeckungen des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts verdankte.

Die neueren Zeiten konnten Hatteras ein wenig trösten; die Engländer fanden doch eine Entschädigung an ihrem Sturt, Daniel Stuart, Burke, Wills, King, Gray in Australien; an Palliser in Amerika, an Cyrill Graham, Wadington, Cummingham in Indien, an Burton, Speeke, Grant, Livingstone in Afrika.

Aber dies reichte nicht hin; nach Hatteras Ansicht waren die Leistungen dieser kühnen Reisenden vielmehr Vervollständigungen, als Entdeckungen; er strebte nach Besserem.

Er hatte bemerkt, daß, obwohl die Engländer nicht unter den ältern Entdeckern die Mehrzahl bildeten, und daß man bis auf Cook zurückgehen mußte, um Neu-Caledonien (1774) und die Sandwich-Inseln (1778) zu bekommen, es doch eine entlegene Gegend des Erdballs gab, wo sie durch vereinte Bemühungen etwas geleistet hatten, nämlich die Eismeere und Nord-Länder Amerika’s.

Die Entdeckungen der Polarlande übersieht man an dieser Zusammenstellung:

  entdeckt von im Jahr
Nowaja-Simlia Willoughby 1553
Die Insel Waigatz Barrough 1556
Die Westküste Grönlands Davis 1585
Die Davis-Straße Davis 1587
Spitzbergen Willoughby 1596
Die Hudson-Bai Hudson 1610
Die Baffins-Bai Baffin 1616

Während der letzteren Jahre sind Hearne, Mackenzie, John Roß, Parry, Franklin, Richardson, Beechey, James Roß, Back, Dease, Sompson, Rae, Inglefield, Belcher, Austin, Kellet, Moore, Mac Clure, Kennedy, Mac Clintock unablässig mit der Durchforschung dieser unbekannten Gegenden beschäftigt gewesen.

Man hatte die Nordküsten Amerika’s genau abgesteckt, die nordwestliche Durchfahrt fast entdeckt, aber das genügte nicht; mehr und Besseres zu leisten hatte John Hatteras bereits zweimal mit auf eigene Kosten ausgerüsteten Schiffen versucht; er wollte zum Pol selbst vordringen, und so der Reihe der englischen Entdeckungen durch die glänzendste Unternehmung die Krone aufsetzen.

Nach dem Pol zu dringen, war für ihn Lebenszweck.

Nachdem Hatteras sehr schöne Reisen in die Südmeere gemacht, versuchte er zum erstenmal im Jahre 1846 durch das Baffins-Meer weiter nördlich zu gelangen, aber er kam mit der Corvette Halifax nicht über den vierundsiebenzigsten Breitegrad hinaus; seine Mannschaft hatte schrecklich zu leiden, und John Hatteras trieb seine abenteuerliche Verwegenheit soweit, daß seitdem die Seeleute wenig Lust hatten, nochmals solche Unternehmungen unter einem solchen Führer vorzunehmen.

Doch gelang es ihm im Jahre 1850 auf der Goelette Farewell zwanzig entschlossene Männer durch hohe Löhnung zu gewinnen. Bei dieser Gelegenheit hatte der Doctor Clawbonny bei Hatteras, den er nicht kannte, nachgesucht, die Reise mitzumachen; aber die Stelle des Arztes war bereits besetzt, zum Glück für Clawbonny.

Der Farewell schlug den Weg ein, welchen im Jahre 1817 der Neptun aus Aberdeen genommen hatte, und gelangte nördlich von Spitzbergen bis zum sechsundsiebenzigsten Breitegrad. Dort mußte er überwintern; aber die Leiden waren so arg, und die Kälte so grimmig, daß nicht ein einziger von der Mannschaft nach England zurückkam, nur Hatteras ausgenommen, der nach einem Weg von mehr als zweihundert Meilen über die Eisfelder, von einem dänischen Wallfischfahrer heim gebracht wurde.

Die Rückkehr dieses einzigen Mannes machte ungeheures Aufsehen. Wer sollte es von nun an wagen, sich an Hatteras bei seinen tollkühnen Unternehmungen anzuschließen? Doch gab er die Hoffnung dafür nicht auf. Sein Vater, der Brauer, starb und hinterließ ihm ein ungeheures Vermögen.

Inzwischen begab sich ein geographisches Ereigniß, das John Hatteras auf’s Peinlichste traf.

Der Kaufmann Grinnel hatte eine Brigg, l’Advance, mit siebenzehn Mann unter dem Befehl des Dr. Kaue ausgerüstet und zur Aufsuchung des Sir John Franklin abgeschickt, und diese drang im Jahre 1853 durch das Baffins-Meer und den Smith-Sund bis zum zweiundachtzigsten Grad nördlicher Breite, näher zum Pol als irgend einer seiner Vorgänger.

Das Schiff war aber ein amerikanisches, Grinnel und Kane Amerikaner!

Natürlich ging im Herzen des Hatteras die Verachtung des Engländers gegen den Yankee in Haß über; er faßte den Entschluß, um jeden Preis seinen kühnen Nebenbuhler zu übertreffen, bis an den Pol selbst zu dringen.

Er lebte seit zwei Jahren zu Liverpool incognito, indem er für einen Matrosen galt! Er erkannte in Richard Shandon den Mann, welchen er bedurfte, und machte ihm, sowie dem Doctor Clawbonny in anonymen Briefen Anträge. Der Forward wurde erbaut, ausgerüstet, bemannt. Hatteras hütete sich wohl, seinen Namen bekannt zu geben, sonst hätte er keinen einzigen Begleiter gefunden. Daher entschloß er sich, das Commando der Brigg nur unter gebieterischen Umständen und wenn seine Mannschaft so weit sich eingelassen, um nicht mehr zurückzukommen, selbst zu übernehmen. Er hatte, wie gesehen, den Rückhalt, seinen Leuten solche Geldanbietungen zu machen, daß nicht ein einziger sich weigern würde, ihn bis an’s Ende der Welt zu begleiten.

Und das Ziel, wohin er strebte, war ja auch das Ende der Welt.

Nun waren kritische Umstände eingetreten, und Hatteras gab sich unverzüglich zu erkennen.

Sein Hund, der treue Duk, der Gefährte seiner Fahrten, war der Erste, welcher ihn erkannte, und zum Glück für die Muthigen, zum Unglück für die Verzagten, wurde es gehörig festgestellt, daß John Hatteras der Kapitän des Forward war.

Dreizehntes Capitel.


Dreizehntes Capitel.

Des Kapitän Hatteras Pläne.

Die Erscheinung dieses kühnen Mannes machte auf die Mannschaft einen verschiedenen Eindruck; die Einen schlossen sich enge an ihn an, sei’s aus Kühnheit oder Geldliebe; Andere ergaben sich drein, und behielten sich vor, später zu protestiren. Uebrigens schien es im Augenblick doch schwierig,, einem solchen Manne Widerstand zu leisten. Also begab sich Jeder wieder an seinen Posten. Der 20. Mai war Sonntag, für die Mannschaft ein Ruhetag.

Beim Kapitän fand eine Berathung der Officiere statt: Hatteras, Shandon, Wall, Johnson und der Doctor bildeten die Versammlung.

»Meine Herren, sagte der Kapitän in dem zugleich sanften und gebieterischen Ton, welcher ihm eigen war, mein Vorhaben, bis zum Pol zu dringen, ist Ihnen bekannt; ich wünschte Ihre Ansicht über diese Unternehmung zu hören. Was halten Sie davon, Shandon?

– Es kommt mir nicht zu, Kapitän, erwiderte Shandon kalt, darüber zu denken, sondern zu gehorchen.«

Hatteras wunderte sich nicht über die Antwort.

»Richard Shandon, versetzte er ebenso kalt, ich bitte, sich über unsere Aussichten auf Erfolg auszusprechen.

– Nun, Kapitän, erwiderte Shandon, die Thatsachen sprechen an meiner Statt; bis jetzt sind alle Versuche der Art gescheitert; ich wünsche, wir möchten besseren Erfolg haben.

– Wir werden ihn haben. Und Sie, mein Herr, was halten Sie davon?

– Ich meinestheils, sagte der Doctor, halte Ihren Plan für ausführbar, Kapitän; und da es klar am Tage liegt, daß die Seefahrer früher oder später einmal zum Nordpol gelangen werden, so sehe ich nicht ein, warum wir nicht so glücklich sein sollten.

– Und es sind Gründe vorhanden zu glauben, daß eben uns dies Glück zu Theil wird, erwiderte Hatteras, denn wir haben demnach unsere Maßregeln ergriffen und werden die Erfahrungen unserer Vorgänger benutzen. Und in dieser Hinsicht sage ich Ihnen, Shandon, meinen Dank für die Sorgfalt, womit Sie die Ausrüstung betrieben haben; es sind zwar unter der Mannschaft einige schlimme Gesellen, ich werde sie aber zur Vernunft zu bringen wissen; aber im Ganzen hab‘ ich Sie nur dafür zu beloben.«

Shandon machte eine kühle Verbeugung. Er war in eine falsche Stellung gekommen, da er an Bord des Forward das Commando zu führen meinte. Hatteras verstand ihn, und setzte ihm nicht weiter zu.

»Und Sie, meine Herren, sprach er darauf zu Wall und Johnson, ich hätte keine Officiere zur Mitwirkung finden können, die mehr, wie Sie, sich durch Muth und Erfahrung auszeichnen.

– Wahrhaftig! Kapitän, ich bin Ihnen mit Leib und Seele ergeben, erwiderte Johnson, und obwohl mir Ihre Unternehmung etwas kühn vorkommt, können Sie doch bis auf’s Aeußerste auf mich bauen.

– Und auf mich ebenfalls, sagte James Wall.

– Ihren Werth, Herr Doctor, weiß ich zu schätzen.

– So, da wissen Sie mehr, wie ich, erwiderte der Doctor lebhaft.

– Jetzt, meine Herren, fuhr Hatteras fort, sollen Sie erfahren, auf welche unbestreitbare Thatsachen sich meine Behauptung stützt, daß wir am Pol anlangen werden. Im Jahre 1817 kam der Neptun aus Aberdeen im Norden von Spitzbergen bis zum zweiundachtzigsten Grade. Im Jahre 1826 fuhr der berühmte Parry nach seiner dritten Reise in die Polar-Meere, ebenfalls vom Ende Spitzbergens aus mit Schlittenbarken bis hundertundfünfzig Meilen nordwärts. Im Jahre 1852 drang der Kapitän Inglefield, im Smith-Sund bis zu 78° 35′ Breite. Alle diese Schiffe waren englische und von Engländern commandirt.«

Nach einer Pause fuhr er fort.

»Hinzufügen muß ich, daß im Jahre 1854 der Amerikaner Kane, Commandant der Brigg Advance, noch höher hinaufkam, und sein Lieutenant Morton, durch die Eisfelder vordringend, die Flagge der Vereinigten Staaten noch über den zweiundachtzigsten Grad flattern ließ. Auf dies werd‘ ich nicht mehr zurückkommen. Das aber ist wohl zu merken, daß die Kapitäne des Neptun, der Entreprise, der Isabelle, des Advance übereinstimmend berichtet haben, daß von diesen hohen Breitegraden an ein ganz eisfreies Becken des Polar-Meeres existire.

– Eisfrei! rief Shandon unterbrechend. Unmöglich!

– Merken Sie wohl, Shandon, fuhr Hatteras ruhig fort, daß ich Ihnen Thatsachen anführe, gestützt auf Namen. Ich füge weiter bei, daß, während der Commandant Parry im Jahre 1851 am Ufer des Wellington-Canals sich aufhielt, sein Lieutenant Stewart ebenfalls ein freies Meer antraf, und daß dieser besondere Umstand im Jahre 1853, während des Winteraufenthalts Sir Edward Belcher’s, in der Northumberland-Bai unter 76° 52′ Breite und 99° 20′ Länge bestätigt wurde. Das sind unbestreitbare Thatsachen, die man gelten lassen muß, will man nicht unredlich sein.

– Doch, Kapitän, fuhr Shandon fort, sind diese Thatsachen so sehr in Widerspruch …

– Irrthum, Shandon, Irrthum! rief der Doctor Clawbonny; diese Thatsachen widersprechen keinem Satz der Wissenschaft; der Kapitän wird mir gestatten, es Ihnen auseinanderzusetzen.

– Thun Sie das, Doctor! erwiderte Hatteras.

– Nun, so hören Sie, Shandon. Es ergiebt sich sehr klar aus den geographischen Thatsachen und dem Studium der isothermen Linien, daß der kälteste Punkt der Erde nicht am Pol selbst sich befindet; gleich dem magnetischen Punkt liegt er einige Grad vom Pol ab. So zeigen die Berechnungen Brewsters, Bergham’s und einiger Physiker, daß auf unserer Hemisphäre zwei Kältepole existiren: der eine läge in Asien unter 79° 30′ nördlicher Breite und 120° Länge; der andere in Amerika unter 78° nördlicher Breite und 97° westlicher Länge. Dieser letztere geht uns an, und Sie sehen, Shandon, daß er mehr wie zwölf Grad unterhalb des Pols liegt. Nun frage ich Sie, warum sollte nicht am Pol das Meer ebenso eisfrei sein, als es im Sommer, unter 66° Breite sein kann, d. h. südlich der Baffins-Bai?

– Das hieß vortrefflich auseinander gesetzt, erwiderte Johnson; Herr Clawbonny redet von diesen Dingen als Mann vom Fach.

– Das scheint möglich, versetzte James Wall.

– Hirngespinnste und Vermuthungen! Bloß Hypothesen! erwiderte Shandon hartnäckig.

– Nein, Shandon, fuhr Hatteras fort, nehmen wir die beiden Fälle in Betracht: entweder das Meer ist eisfrei, oder nicht, und mögen wir das eine annehmen, oder das andere, so kann uns nichts hindern, zum Pol zu gelangen. Ist es frei, so wird uns der Forward leicht hinbringen; ist er von Eis umgeben, so führen wir es auf unsern Schlitten aus. Sie werden mir zugeben, daß dies nicht unausführbar ist; sind wir einmal mit unserer Brigg bis zum dreiundachtzigsten Grad gedrungen, so haben wir nur noch sechshundert Meilen bis zum Pol zu machen.

– Und was wollen sechshundert Meilen bedeuten, sagte der Doctor lebhaft, wenn es man weiß, daß ein Kosacke, Alexis Markoff, auf dem Eismeer längs der Nordküste Rußlands mit Schlitten von Hunden gezogen eine Strecke von achthundert Meilen binnen vierundzwanzig Tagen zurückgelegt hat.

– Hören Sie das, Shandon, erwiderte Hatteras, und sagen Sie mir, ob die Engländer weniger zu Stande bringen, als ein Kosack?

– Nein, gewiß nicht! rief hitzig der Doctor aus.

– Nein, gewiß nicht! stimmte der Rüstmeister ein.

– Nun, Shandon? fragte der Kapitän.

– Kapitän, erwiderte Shandon kalt, ich kann nur wiederholen, was ich vorhin gesagt habe: ich werde Gehorsam leisten.

– Gut. Jetzt, fuhr Hatteras fort, denken wir an unsere gegenwärtige Lage; wir stecken im Eise fest, und es scheint mir unmöglich, daß wir noch dieses Jahr bis zum Smith-Sund dringen können. Sehen Sie nun, was am besten zu thun ist.«

Hatteras breitete auf dem Tische eine der trefflichen Karten aus, welche im Jahre 1859 auf Befehl der Admiralität herausgegeben wurden.

»Wollen Sie mir gefällig folgen. Wenn uns der Smith-Sund versperrt ist, so ist es an der Westseite des Baffins-Meeres mit dem Lancaster-Sund nicht ebenso; meiner Ansicht nach müssen wir diesen bis zur Barrow-Straße hinauffahren, und von da bis zur Insel Beechey; Segelschiffe haben diesen Weg hundertmal gemacht; mit einer Schraubenbrigg werden wir keine Schwierigkeiten haben. Sind wir einmal bei der Beechey-Insel, so fahren wir den Wellington-Canal so weit als möglich hinauf nordwärts bis zum Ausfluß des Fahrwassers, welches die Verbindung des Wellington-Canals mit dem Canal der Königin bildet, an eben der Stelle, wo man das freie Meer gewahrte. Nun sind wir jetzt erst am 20. Mai; in einem Monat, wenn es gut geht, werden wir diesen Punkt erreicht haben, und von da aus dringen wir weiter nach dem Pol zu. Was halten Sie davon, meine Herren?

– Offenbar, erwiderte Johnson, ist dies der einzige Weg, den wir zu nehmen haben.

– Nun, so wollen wir ihn einschlagen, und gleich morgen. Dieser Sonntag sei der Ruhe gewidmet; Sie werden dafür sorgen, Shandon, daß der Gottesdienst regelmäßig stattfindet; die Religion wirkt wohlthätig auf den Geist, ein Seemann darf das Vertrauen auf Gott nicht verlieren.

– Sie haben Recht, Kapitän, erwiderte Shandon, und ging mit dem Lieutenant und dem Rüstmeister hinaus.

– Doctor, sagte John Hatteras, und wies auf Shandon, das ist ein gedrückter Mann, den der Hochmuth verdorben hat; ich kann nicht mehr auf ihn rechnen.«

Am folgenden Morgen ließ der Kapitän in aller Frühe das Boot in’s Meer bringen, und untersuchte die Eisberge des Beckens, welche nicht über zweihundert Yard dick waren. Er nahm sogar wahr, daß in Folge eines allmäligen Druckes der Eisblöcke das Becken enger zu werden drohte; es wurde daher dringend nöthig, eine Bresche zu schaffen, damit das Schiff nicht zwischen diesen Bergen, wie in einem Schraubstock zertrümmert werde. Aus den von John Hatteras angewendeten Mitteln sah man wohl, daß es ein energischer Mann war.

Er ließ für’s Erste Stufen in die Eiswand hauen, und erstieg auf denselben den Gipfel eines Eisbergs; von da aus erkannte er, daß nach Südwesten leicht ein Ausgang zu bahnen sein würde. Auf seinen Befehl wurde fast in der Mitte des Berges eine Sprenggrube gemacht, eine Arbeit, die rasch vorgenommen, im Verlauf des Montags fertig wurde.

Hatteras konnte von seinen Sprengcylindern zu acht und zehn Pfund Pulver keinen Gebrauch machen, weil bei solchen Massen ihre Wirkung unbedeutend gewesen wäre; sie waren nur zum Zersprengen der Eisfelder tauglich. Er ließ daher tausend Pfund Pulver in die Grube schaffen, und die Richtung der Explosion sorgfältig berechnen. Eine lange, mit Guttapercha umgebene Lunte führte aus dieser Mine nach außen. Der zu der Grube führende Gang wurde mit Schnee und Eisstücken ausgefüllt, welche in der folgenden Nacht so hart wie Granit zusammenfroren. In der That sank die Temperatur unter Einwirkung des Ostwinds auf zwölf Grad (-11° hunderttheilig).

Am folgenden Morgen um sieben Uhr hielt sich der Forward mit geheizter Maschine bereit, den geringsten Ausweg zu benutzen. Johnson erhielt Auftrag, die Mine anzuzünden; die Lunte war so berechnet, daß sie eine halbe Stunde zu brennen, hatte, bevor das Feuer zum Pulver gelangte. Johnson hatte daher hinreichend Zeit, wieder an Bord zu kommen, und er war auch schon zehn Minuten nach Ausführung seines Auftrags wieder an seinem Posten.

Die Mannschaft befand sich auf dem Verdeck; das Wetter war, nachdem es aufgehört hatte zu schneien, trocken und ziemlich hell; Hatteras stand mit Shandon auf der Campanie, und der Doctor zählte die Minuten auf seinem Chronometer.

Um acht Uhr fünfunddreißig Minuten hörte man eine dumpfe Explosion, die weit weniger laut war, als man vorausgesetzt hatte. Die äußere Gestalt der Berge änderte sich, wie bei einem Erdbeben, plötzlich; dicker, weißer Rauch drang in beträchtlicher Höhe in die Lüfte; die Seiten des Eisbergs zerspalteten sich in langen Rissen, und sein oberer Theil wurde weit fortgeschleudert, so daß seine Trümmer um den Forward umher niederfielen.

Aber der Weg war noch nicht frei; ungeheure Eisstücke blieben auf die benachbarten Berge gelagert in der Luft schweben, und ließen befürchten, sie möchten herabfallend die Oeffnung wieder schließen.

Hatteras erkannte mit einem Blick, was noth that.

»Wolsten!« rief er.

Der Waffenschmied erschien.

»Kapitän!

– Laden Sie das Geschütz auf dem Vordertheil dreifach, sagte Hatteras, und stoßen Sie die Ladung möglichst stark.

– Also wollen wir das Gebirge mit Kanonenkugeln angreifen, fragte der Doctor.

– Nein, erwiderte Hatteras, das ist unnöthig. Keine Kugel, Wolsten, sondern dreifache Ladung Pulver. Aber rasch!«

Nach einigen Minuten war die Ladung vollzogen.

»Was will er ohne Kugeln ausrichten? brummte Shandon.

– Das wird sich zeigen, erwiderte der Doctor.

– Wir sind fertig, Kapitän, rief Wolsten.

– Gut, erwiderte Hatteras. Brunton! rief er dem Maschinisten zu, Achtung! Einige Schritte voran.«

Brunton öffnete die Schieber, und die Schraube setzte sich in Bewegung; der Forward fuhr nahe zu dem gesprengten Berg heran.

»Richten Sie wohl auf den Fahrpaß!« rief der Kapitän zum Waffenschmied.

Derselbe gehorchte; als die Brigg nur noch eine halbe Kabellänge entfernt war, rief Hatteras:

»Feuer!«

Es erfolgte ein furchtbarer Knall, und durch die Luftbewegung erschüttert, wurden die Blöcke mit einem Mal in’s Meer gestürzt. Die lebhafte Erregung der Luftschichten war schon hinreichend gewesen.

»Jetzt mit vollem Dampf, Brunton! rief Hatteras. Gerade in den Fahrpaß hinein, Johnson!«

Johnson hielt das Steuer; die Brigg, vom Dampf getrieben drang mitten durch die nun offene Bahn. Es war hohe Zeit. Kaum war der Forward hindurchgefahren, so schloß sich die Oeffnung wieder.

Es war ein ängstlicher Moment, und es befand sich an Bord nur ein einziges ruhiges und festes Herz, – der Kapitän. Darum brach auch die Mannschaft, in freudigem Staunen über das Gelingen, in den einstimmigen Ruf aus:

»Hurrah für John Hatteras!«

Siebentes Capitel.


Siebentes Capitel.

Die Central-Anlagen.

Ein glänzender Bericht des Doctor Echternach, Oberarzt der Section des Albrechts-Schachtes, hatte dargelegt, daß das Ableben Karl Bauer’s, Nr. 41.902, dreizehn Jahre alt, »Fallthürwärter« der Galerie 228, durch Asphyxie in Folge Aufnahme einer größeren Menge von Kohlensäure in die Athmungsorgane eingetreten sei.

Ein nicht minder glänzender Bericht des Ingenieur Maulesmülhe bewies die Notwendigkeit, das Ventilations-System bis zur Zone B des Planes XIV auszudehnen, deren Stollen schädliche Gasarten durch eine Art langsamer, unmerklicher Destillation ausströmten. Endlich erwähnte eine Anmerkung desselben Beamten gegenüber der obersten Geschäftsleitung die aufopferungsvollen Bemühungen des Werkführers Rayer und des Gießers erster Classe, Johann Schwartz.

Als der junge Arbeiter sich acht bis zehn Tage später in der Thorwächterstube seine Marke holen wollte, fand er an dem Nagel gleichzeitig eine an ihn gerichtete Vorladung hängen.

»Genannter Schwartz hat sich heute um zehn Uhr im Bureau des General-Directors, Centralgebäude, Thor und Straße A einzufinden.

– Endlich! dachte Marcel. Sie haben sich Zeit genommen, aber sie kommen doch dazu.«

Durch Plaudereien mit Kameraden und durch seine sonntäglichen Spaziergänge in der Umgebung von Stahlstadt hatte er jetzt hinreichende Kenntnisse von der strengen Organisation der ganzen Anlage, um zu wissen, daß die Erlaubniß, in deren eigentlichen Kern einzudringen, nur ungemein selten ertheilt wurde. Es waren hierüber wirkliche Legenden in Aller Munde. Man erzählte, daß unberechtigte Eindringlinge aus dem abgeschlossenen Mittelpunkte gar nicht wieder erschienen seien; daß die daselbst beschäftigten Arbeiter und Beamten sich vor ihrer Zulassung einer ganzen Reihe freimaurerischer Ceremonien zu unterwerfen und durch feierliche Eidesleistung das Versprechen zu geben hätten, über Alles, was hier vorging, unverbrüchliches Stillschweigen zu bewahren, während über Jeden ohne Gnade durch einen geheimen Gerichtshof die Todesstrafe verhängt wurde, der seinen Schwur verletzte. Eine unterirdische Eisenbahn setzte dieses Heiligthum mit der äußeren Umfassung des Werkes in Verbindung… nächtliche Züge beförderten dahin unbekannte Besucher… dort wurden bisweilen Berathschlagungen abgehalten im Beisein räthselhafter Persönlichkeiten, die sich an den Verhandlungen betheiligten…

Ohne auf solche unsichere Berichte einen besonderen Werth zu legen, wußte Marcel doch, daß sie die volksthümliche Anschauung einer unleugbaren Thatsache ausdrückten, der unendlichen Schwierigkeit nämlich, die es kostete, in die centrale Abtheilung zu gelangen. Von allen ihm bekannten Arbeitern – und er zählte manche Freunde unter den Metall- und den Kohlengräbern, den Maschinenarbeitern und den Gehilfen bei den Hochöfen, unter den Steigern und Zimmerern wie unter den Schmieden – hatte noch keiner durch das Thor A jemals seinen Fuß gesetzt.

Mit dem Gefühle berechtigter und hochgespannter Neugier stellte er sich zur bestimmten Stunde ein und überzeugte sich bald, daß hier die strengsten Vorsichtsmaßregeln beobachtet wurden.

Marcel ward übrigens schon erwartet. Im Thorwächterstübchen befanden sich zwei Männer in grauer Uniform mit dem Säbel an der Seite und dem Revolver im Gürtel. So wie die Klause der Pförtnerin in einem geschlossenen Kloster hatte auch dieser Raum zwei Thüren, eine äußere und innere, welche sich niemals gleichzeitig öffnen ließen.

Nach Prüfung und Visirung seines Passes brachte man ein weißes Tuch herbei, mit dem die beiden uniformirten Gesellen Marcel, der kein Erstaunen darüber zeigte, die Augen sorgfältig verbanden.

Dann nahmen sie ihn an den Armen und führten ihn, ohne ein Wort zu sprechen, hinweg.

Nach zwei- bis dreitausend Schritten ging es eine Treppe in die Höhe, eine Thüre öffnete sich und schloß sich wieder, und Marcel erhielt Erlaubniß, seine Binde abzunehmen.

Er befand sich hier in einem sehr einfachen Saale mit mehreren Stühlen, einer schwarzen Tafel und einer großen Wandkarte mit Musterrissen, nebst allen zum Linearzeichnen gehörigen nöthigen Utensilien. Durch hohe Fenster mit mattem Glase drang das Licht in diesen Raum ein.

Fast gleichzeitig traten zwei Personen ein, denen man die Gelehrten auf den ersten Blick ansah.

»Sie sind uns besonders empfohlen, begann einer derselben. Wir werden Sie prüfen und zusehen, ob Sie sich für die Modellabtheilung eignen. Sind Sie bereit, sofort auf unsere Fragen zu antworten?«

Marcel erklärte sich in bescheidener Weise zur Ablegung der Prüfung bereit.

Die beiden Examinatoren legten ihm nun nacheinander verschiedene Fragen aus der Chemie, Geometrie und Algebra vor. Der junge Arbeiter befriedigte sie nach allen Seiten durch die Klarheit und Bestimmtheit seiner Antworten. Die Figuren, welche er mit Kreide an die Tafel zeichnete, waren so richtig, sauber, fast elegant. Seine Gleichungen standen so geordnet da wie die Linien eines Garde-Regiments. Eine seiner Demonstrationen erschien so bemerkenswert und neu, daß sie ihr Erstaunen darüber zu erkennen gaben und fragten, wo er seinen Unterricht genossen habe.

»In der Primär-Schule meiner Heimat Schaffhausen.

– Sie scheinen ein guter Zeichner zu sein?

– Das war mein liebstes Fach.

– Der Unterricht in der Schweiz steht wirklich auf hoher Stufe! bemerkte der eine Examinator zu dem anderen… Wir lassen Ihnen zwei Stunden Zeit zur Ausführung dieser Zeichnung, fuhr er dann fort, und übergab dem zu Prüfenden den Durchschnitt einer ziemlich complicirten Dampfmaschine. Wenn Sie das vollbringen, werden Sie mit der Censur »Sehr wohl zufrieden und ausnehmend befähigt« zugelassen werden.«

Marcel ging, allein gelassen, eifrig an die Arbeit.

Als seine Richter nach Ablauf der gewährten Frist zurückkehrten, waren sie über die Trefflichkeit seines Aufrisses so erfreut, daß sie der versprochenen Censur noch die Bemerkung hinzufügten: »Wir haben keinen Zeichner von gleicher Geschicklichkeit«.

Bald darauf nahmen die grauen Gesellen den jungen Arbeiter in Empfang und führten ihn unter Beobachtung derselben Maßregeln, d. h. mit verbundenen Augen, nach dem Bureau des General-Directors.

»Sie sind für einen der Zeichensäle der Modell-Abtheilung vorgeschlagen, begann diese Persönlichkeit. Sind Sie bereit, sich den einschlagenden Bedingungen der Fabriksordnung zu unterwerfen?

– Ich kenne diese zwar nicht, erwiderte Marcel, setze aber voraus, daß sie nicht unannehmbar sind.

– So hören Sie: 1. Sie sind während der ganzen Zeit Ihres Engagements verpflichtet, in derselben Abtheilung zu wohnen und dürfen dieselbe nicht anders als mit spezieller, nur ausnahmsweise zu ertheilender Erlaubniß verlassen. – 2. Sie unterwerfen sich einer militärischen Disciplin und geloben Ihrem Vorgesetzten bei harter, unerbittlicher Strafe unbedingten Gehorsam. Dagegen treten Sie gleichzeitig mit Unterofficiersrang in den Verband einer activen Streitmacht ein und können durch regelrechtes Avancement in derselben auch die höchsten Grade erreichen. – 3. Sie verpflichten sich endlich, niemals irgend Jemandem von dem, was Sie in der Ihnen zugängigen Abtheilung sehen, etwas mitzutheilen, – 4. Ihre eingehende wie ausgehende Korrespondenz, welche sich überhaupt nur auf Ihre Familie zu beschränken hat, geht offen durch die Hände der betreffenden Vorgesetzten.

– Kurz, ich bin ein Gefangener!« dachte sich Marcel.

Dann antwortete er einfach: »Diese Bedingungen erscheinen mir gerecht und ich bin bereit, mich denselben zu unterwerfen.

– Gut. Erheben Sie die Hand… Schwören Sie… Sie sind hiermit zum Zeichner im vierten Atelier ernannt… Wohnung erhalten Sie angewiesen und für Essen und Trinken sorgt hier eine Küche erster Ordnung… Ihre Sachen haben Sie noch nicht hier?

– Nein, mein Herr. Da ich nicht wußte, was man von mir wollte, hab‘ ich sie noch bei meiner Wirthin gelassen.

– Man wird sie Ihnen bringen, denn von jetzt ab dürfen Sie die Abtheilung nicht mehr verlassen.

– Da hab‘ ich also wohl daran gethan, dachte Marcel, meine Bemerkungen in Chiffren niedergeschrieben zu haben. Man hätte diese entdecken sollen…!«

Schon gegen Abend war Marcel wohnlich eingerichtet in einem hübschen Zimmerchen des vierten Stockwerkes eines an einem geräumigen Hofe liegenden hohen Hauses und konnte sich eine Vorstellung von seiner neuen Lebensweise machen.

Sie schien sich nicht so traurig zu gestalten, wie er anfänglich vermuthete. Seine Kameraden – er machte im Restaurant bald deren Bekanntschaft – waren im Allgemeinen still und freundlich, wie alle Männer der ernsten Arbeit. Um sich doch einigermaßen zu zerstreuen, denn sonst entbehrte dieses Automatenleben jeder Abwechslung, hatten mehrere derselben ein Orchester gebildet und führten allabendlich eine recht hübsche Musik aus. Während der seltenen Mußestunden boten eine Bibliothek und ein reichlich ausgestattetes Lesezimmer dem Geiste vielseitige wissenschaftliche Nahrung. Die Angestellten waren zum Besuche gewisser, von den ausgezeichnetsten Lehrern abgehaltener Kurse verpflichtet und außerdem regelmäßigen Prüfungen und Probearbeiten unterworfen. Aber die Freiheit, die Luft fehlte diesem engen Raume. Das Ganze glich einer geschlossenen Schule für Erwachsene und dazu einer mit den lästigsten Beschränkungen. Trotz der Gewöhnung an diese eiserne Disciplin lastete die umgebende Atmosphäre doch schwer genug auf den halb Gefangenen.

Der Winter verstrich unter den Arbeiten, denen Marcel mit Leib und Seele oblag. Sein Eifer, die Vollkommenheit seiner Zeichnungen und die außerordentlichen Fortschritte in allen Fächern, welche Lehrer und Examinatoren einstimmig bestätigten, hatten ihm in kurzer Zeit unter allen diesen fleißigen Männern eine gewisse Berühmtheit erworben. Er galt allgemein als der gewandteste, beste Zeichner, der jede Schwierigkeit zu überwinden wußte. Stieß irgendwer einmal auf eine solche, so war er es, zu dem man seine Zuflucht nahm. Selbst die Abtheilungs-Vorsteher begegneten ihm mit einer gewissen Hochachtung, die sich das wahre Verdienst trotz aller Eifersucht doch immer erzwingt.

Hoffte der junge Mann freilich, mit dem Eintritte in die Modell-Abtheilung auch in die innersten Geheimnisse des ganzen Werkes einzudringen, so sah er sich arg enttäuscht.

Sein Leben verrann innerhalb eines Eisengitters von dreihundert Meter Durchmesser, das die Central-Anlagen nach allen Seiten abschloß. Theoretisch erhielt er hier zwar Einsicht in alle Zweige der metallurgischen Industrien, in der Praxis blieb seine Thätigkeit dagegen auf das Zeichnen von Dampfmaschinen beschränkt. Er entwarf deren in allen Größen und Stärkeverhaltnissen, für jede Industrie und andere Verwendung, für Kriegsschiffe und Druckpressen; niemals griff seine Thätigkeit aber über diese Specialität hinaus. Die hier bis auf’s Aeußerste getriebene Arbeitstheilung hielt ihn in ihren starren Fesseln.

Nach viermonatlichem Verweilen in der Section A wußte Marcel von der Gesammt-Organisation der Stahlstadt kaum mehr als vorher, außer daß er seine Notizen um einige allgemeine Bemerkungen über dieses großartige Getriebe bereichert hatte, in dem er selbst trotz seiner Verdienste, nur ein unscheinbares Rädchen darstellte. Er wußte, daß der »Stierthurm« – eine Art Cyklopenbauwerk, das alle umgebenden Gebäude überragte – den eigentlichen Mittelpunkt dieses Spinnengewebes von Anlagen bildete. Aus gelegentlichen, aber nicht zuverlässigen Aeußerungen hatte er beim Essen wohl auch erfahren, daß sich Herrn Schultze’s Privatwohnung im Erdgeschoß jenes Thurmes und das vielerwähnte geheimste Cabinet wieder in dessen Mitte befinde. Man bemerkte dazu, daß jener gegen jede Feuersgefahr gesicherte und im Innern wie ein Panzerschiff von außen geschützte gewölbte Saal durch ein System von Sicherheitsthüren mit Selbstschüssen verschlossen sei, welche auch dem ängstlichsten Bankgeschäfte genügt hätten. Man nahm übrigens an, Herr Schnitze arbeite an der Vollendung einer furchtbaren Kriegsmaschine, der Wirkung ohne Gleichen und welche bestimmt sei, Deutschland die Weltherrschaft zu sichern.

Um den Schleier dieses Geheimnisses zu lüften, brütete Marcel über den abenteuerlichsten Plänen. Ob er aber wie ein Dieb einzusteigen versuchen oder sich einer Verkleidung bedienen sollte – nichts schien ihm Erfolg zu versprechen. Die langen düsteren und festen Mauern, welche in der Nacht glänzend beleuchtet und von bewährten Posten bewacht wurden, hätten doch alle seine Anstrengungen vereitelt. Selbst wenn er alle Hindernisse vielleicht an einer Stelle glücklich überwand, was würde er dann mehr sehen, als irgend eine Einzelheit – niemals das Ganze!

Immerhin! Er hatte sich gelobt, nicht zurückzuschrecken, er wich auf keinen Fall. Und kostete es ihm zehn Jahre eines fast kerkergleichen Lebens, so wollte er auch zehn Jahre lang ausharren. Einst mußte ja die Stunde schlagen, wo das Geheimniß sich ihm offenbarte. Da France-Ville, eine glückselige Stadt, frisch emporblühte und ihre wohlthätigen Einrichtungen Jedermann sichtlich nützten, indem sie den entmuthigten Völkern einen neuen schöneren Horizont eröffneten, so zweifelte Marcel keinen Augenblick, daß Herr Schultze, gegenüber einem solchen Erfolge der lateinischen Race, mehr als je dabei beharren werde, seine Drohungen wahr zu machen. Ganz Stahlstadt selbst und die Arbeiter, für welche dasselbe errichtet war, lieferten hiervon den Beweis.

So verflossen mehrere Monate.

Eines Tages, als Marcel wohl zum tausendsten Male im Stillen seinen Hannibals-Eid wiederholte, kam einer der grauen Akolyten mit der Meldung, daß der General-Director ihn zu sprechen wünsche.

»Es ward mir von Herrn Schultze, begann dieser hohe Beamte, der Auftrag ertheilt, ihm unseren besten Zeichner zu senden. Das sind Sie. Packen Sie also Ihre Effecten zusammen, um in den innersten Kreis zu verziehen. Sie sind hiermit zum Lieutenant befördert!«

Gerade jetzt, wo er fast an dem endlichen Erfolge verzweifelte, jetzt gewährte ihm die logische und naturgemäße Wirkung seines heldenhaften Fleißes die längst herbeigesehnte Erlaubniß zum Zutritt! Marcel übermannte die Freude darüber so sehr, daß sich der Ausdruck dieser Empfindung unwillkürlich in seinen Zügen wiederspiegelte,

»Ich schätze mich glücklich, Ihnen eine so angenehme Nachricht mittheilen zu können, fuhr der Director fort, und kann Ihnen nur rathen, auf dem so unermüdlich verfolgten Wege auszuharren. Jetzt winkt Ihnen die glänzendste Zukunft. So gehen Sie mit Gott!«

Endlich, nach langer Prüfung sah Marcel das Ziel vor sich, das er einst zu erreichen geschworen.

Seine ganzen Habseligkeiten in den Mantelsack unterzubringen, den grauen Männern zu folgen, die letzte Umschließung zu überschreiten, deren einziger Zugang von der Straße A ihm sonst noch wer weiß wie lange hätte versperrt sein können – alles das war für Marcel das Werk weniger Minuten.

Jetzt befand er sich also am Fuße jenes sonst ganz unzugänglichen Stierthurmes, dessen steile Spitze er bisher nur von fern halb in Wolken verloren erblickt hatte.

Das Bild, das sich hier vor seinen Augen entfaltet, war im höchsten Grade überraschend. Man denke sich einen Menschen, der plötzlich, ohne jeden Uebergang, aus einer geräuschvollen, düsteren europäischen Werkstätte mitten in einen jungfräulichen Urwald der Tropenzone versetzt worden wäre. Nicht geringer war das Erstaunen, das sich Marcels im Centrum von Stahlstadt bemächtigte.

Ein echter Urwald gewinnt freilich an Reiz, wenn man ihn nur gleichsam durch die Schilderung phantasiereicher Schriftsteller sieht, während der Park des Herrn Schultze wirklich den wunderbar schönsten Lustgarten darstellte. Hier bildeten hohe, schlanke Palmen, dichtbelaubte Bananen und üppige Cacteen reizende Gruppen. Lianen wanden sich an hochstrebenden Eukalypten empor und bildeten in den Wipfeln lichtgrüne Festons oder reichten in dichten Gehängen wieder bis zur Erde herab. Auf dem Boden selbst grünten und blühten die seltensten Pflanzen. Neben den Ananas reiften Orangen und Goyaven, Kolibris und Paradiesvögel flatterten mit ihrem buntschillernden Gefieder umher. Selbst die ganze Temperatur hatte hier denselben tropischen Charakter wie die Vegetation.

Marcel suchte zuerst nach den Glasdächern und Heizungsanlagen, welche dieses Wunder ermöglichten, und stand einen Augenblick sprachlos vor Erstaunen, nichts als den blauen Himmel über sich zu sehen.

Dann entsann er sich aber, daß unfern von hier eine Kohlengrube in Brand stehe, und durchschaute sehr bald, daß Herr Schultze sich diese Schätze unterirdischer Wärme durch metallene Rohrleitungen dienstbar gemacht habe, um sich die gleichbleibende Temperatur eines Treibhauses zu sichern.

Diese Erklärung aber, welche sein Verstand dem jungen Elsäßer gab, hinderte ihn nicht, mit entzückten Augen das saftige Grün des Rasens zu genießen und in vollen Zügen den köstlichen Wohlgeruch der Atmosphäre einzusaugen. Nachdem er volle sechs Monate kein dürftiges Grashälmchen gesehen, suchte er sich heute reichlich zu entschädigen. Ein sandbestreuter Gang führte ihn in unmerklicher Steigung nach einer schönen, von majestätischer Colonnade überdachten Marmortreppe. Hinter derselben erhob sich ein ungeheures vierseitiges Bauwerk, gleichsam das Fußgestell des Stierthurmes. Unter dem Säulengange bemerkte Marcel sieben bis acht Diener in rother Livrée und einen Schweizer mit Dreimaster und Hellebarde; zwischen den Säulen standen reichverzierte bronzene Kandelaber, und als er die Treppe emporstieg, verrieth ein dumpfes Rollen, daß die unterirdische Eisenbahn unter seinen Füßen hinlief.

Marcel nannte seinen Namen und wurde sofort in einen Vorraum, ein wahres Museum prachtvoller Sculpturen, eingelassen. Ohne sich hier aufhalten zu können, durchschritt er zunächst einen Salon mit roth und goldener Ausschmückung, dann einen solchen in Schwarz und Gold und kam hierauf in ein gelb und golden gehaltenes Zimmer, wo ihn der Diener fünf Minuten lang allein ließ. Endlich wurde er in ein reiches, grün und golden verziertes Arbeitszimmer eingeführt.

Herr Schultze, der, neben einem tüchtigen Schoppen Bier sitzend, eine lange irdene Pfeife schmauchte, machte inmitten dieses Luxus den Eindruck eines Schmutzfleckens auf einem lackirten Stiefel.

Ohne sich zu erheben, ja, ohne nur den Kopf zu verwenden, sagte der König von Stahlstadt frostig und einfach:

»Sind Sie der Zeichner?

– Ja, mein Herr.

– Ich habe Ihre Zeichnungen gesehen. Sie sind recht gut. Aber Sie haben nichts als Dampfmaschinen gezeichnet?

– Man hat nie etwas Anderes von mir verlangt.

– Verstehen Sie sich etwas auf Ballistik?

– In Mußestunden habe ich mich zum Vergnügen damit beschäftigt.«

Diese Antwort ging Herrn Schultze zu Herzen. Er würdigte seinen Untergebenen jetzt eines Blickes.

»Sie würden es also wagen, mit mir eine Kanone zu zeichnen? … Werden ja bald sehen, wie Sie dabei bestehen! … O, es wird Ihnen nicht leicht sein, den Dummkopf Sohne zu ersetzen, der sich heute Morgens durch Unvorsichtigkeit mit einer Dynamitpatrone den Garaus gemacht hat! … Der Esel hätte uns Alle miteinander in die Luft sprengen können!«

Aus Herrn Schultze’s Munde klangen diese Rücksichtslosigkeiten wirklich gar nicht besonders auffallend.

Achtes Capitel.


Achtes Capitel.

Die Höhle des Drachen.

Der Leser, der dem Geschick des jungen Elsäßers folgte, wird sich kaum darüber wundern, diesen schon nach einigen Wochen als Vertrauten des Herrn Schultze wiederzufinden. Beide waren fast unzertrennlich geworden. Arbeiten, Mahlzeiten, Spaziergänge im Parke, lange Pfeifen beim schäumenden Bierkrug – Alles thaten und genossen sie gemeinschaftlich. Noch nie hatte der Ex-Professor von Jena einen Mitarbeiter so ganz nach seinem Geschmacke gefunden, der ihm das Wort von der Lippe ablas und seine theoretischen Anforderungen so schnell zu verwirklichen wußte.

Marcel zeigte sich nicht nur nach allen Seiten gründlich unterrichtet, sondern war auch der liebenswürdigste Gesellschafter, der unverdrossenste Arbeiter, sowie der glücklichste und doch bescheidenste Erfinder.

Herr Schultze war entzückt von ihm. Zehnmal täglich sagte er sich:

»Welcher Fund! Welche Perle von Mann!«

In Wahrheit hatte Marcel den Charakter seines grauenhaften Chefs im ersten Augenblicke durchschaut, als dessen meist hervortretende Charakter-Eigenthümlichkeit einen grenzenlosen Egoismus erkannt, der sich äußerlich durch die empfindlichste Eitelkeit kennzeichnete, und er hatte sich feierlich gelobt, sein eigenes Benehmen unter allen Umständen darnach zu richten.

Binnen wenig Tagen hatte er die Claviatur dieses Instrumentes so genau kennen gelernt, daß er mit Herrn Schultze wie auf einem Piano zu spielen im Stande war. Seine Taktik ging ganz einfach davon aus, den eigenen Werth so viel wie möglich hervorzuheben, dem Anderen aber dabei immer noch Gelegenheit zu lassen, seine Überlegenheit an den Tag zu legen. Fertigte er z. B. eine Zeichnung an, so lieferte er dieselbe möglichst vollkommen – bis auf einen in die Augen fallenden, leicht nachzubessernden Fehler, auf den der Ex-Professor dann sofort mit größter Selbstbefriedigung aufmerksam machte.

Kam ihm ein neuer Gedanke, so ließ er ihn mitten im Gespräche in der Weise laut werden, daß Herr Schultze glauben konnte, ihn zuerst gehabt zu haben. Manchmal ging er hierin noch weiter und sagte zum Beispiel:

»Hier habe ich den Riß zu einem Kriegsschiff mit abnehmbarer Ramme, wie Sie es wünschten, entworfen.

– Ich? antwortete Herr Schultze, der nicht im Geringsten daran gedacht hatte.

– Gewiß! Sie haben das also vergessen?… Einen ablösbaren Rammsporn, der in der Flanke des feindlichen Fahrzeuges einen spindelförmigen Torpedo hinterläßt, welcher nach drei Minuten explodirt.

– Das ist mir gänzlich entfallen. Es gehen mir so viele Gedanken durch den Kopf.«

Und Herr Schultze heimste ganz ruhig die Vaterschaft der neuen Erfindung ein.

Immerhin wurde er durch dieses Verfahren wohl nur zum Theile hinter’s Licht geführt. Wahrscheinlich fühlte er selbst, daß Marcel ihm überlegen war. In Folge eines jener räthselhaften und doch nicht so seltenen Vorgänge im menschlichen Gehirn kam es ihm aber bald gar nicht schwer an, sich mit dem »Schein der Ueberlegenheit« zu begnügen und das vorzüglich seinem Untergebenen gegenüber festzuhalten.

»Er ist doch ein Dummkopf trotz seines Geistes, dieser junge Naseweis!« sagte er manchmal für sich und zeigte heimlich lächelnd die zweiunddreißig »Steine« seines Gebisses.

Seine Eitelkeit fand übrigens wirklich eine gewisse reelle Befriedigung. Er allein war ja im Stande, sozusagen industrielle Träumereien aller Art zu verwirklichen!… Solche Träumereien hatten keinen Werth, außer durch ihn und für ihn!… Marcel war am Ende ja auch nichts Anderes als ein Rädchen des gewaltigen Organismus, den er, Schultze, in’s Leben zu rufen gewußt u. s. w. u. s. w….

Alles in Allem wurde er auch niemals »aufgeknöpfter«, wie man zu sagen pflegt. Nach fünfmonatlichem Verweilen im Stierthurme kannte Marcel von den Geheimnissen der letzten innersten Anlagen auch noch nichts Besonderes. Nur sein längst gehegter Verdacht war zur halben Gewißheit geworden. In ihm wurzelte jetzt die feste Ueberzeugung, daß Stahlstadt noch ein Geheimniß berge und Herr Schultze noch zu einem anderen Zwecke, als den des bloßen Nutzens arbeitete. Alles, was man ringsum sah und hörte, unterstützte die Annahme, daß der Professor irgend eine neue Kriegsmaschine erfunden habe.

Die Lösung dieses Räthsels ließ aber noch immer auf sich warten.

Marcel sah wohl ein, daß auch er es nicht ohne eine Krisis erfahren würde. Da eine solche nicht von selbst eintrat, beschloß er, dieselbe absichtlich herbeizuführen.

Es war am Abend des 5. September nach dem Essen. Ein Jahr vorher, genau auf den Tag, hatte er im Albrechts-Schachte die Leiche seines kleinen Freundes Karl aufgefunden. Draußen bedeckte der lange und rauhe Winter dieser amerikanischen Schweiz schon die ganze Umgebung mit seinem weißen Mantel. Im Parke von Stahlstadt freilich war die Temperatur noch ebenso mild wie im Juni, und der Schnee, der hier schon zum Schmelzen kam, bevor er den Erdboden erreichte, fiel nur als Thau an Stelle der Flocken nieder.

»Diese Würstchen mit Sauerkraut waren doch vortrefflich, nicht wahr? begann Herr Schultze, den auch die Millionen der Begum seinem Lieblingsgerichte nicht abwendig gemacht hatten.

– Ganz ausgezeichnet!« bestätigte Marcel, der diese Speise, welche er allgemach geradezu verwünschte, mit wahrem Heldenmuth niederwürgte.

Seine Magenbeschwerden veranlaßten ihn jetzt aber den letzten Anlauf zu versuchen, den er schon längst im Schilde führte.

»Ich lege mir immer die Frage vor, fuhr Herr Schultze mit einem Seufzer fort, wie die Völker, welche weder Würstchen noch Sauerkraut und Bier kennen, überhaupt ihr Leben fristen können?

– Ja, es muß für sie eine Strafe ohne Ende sein, meinte Marcel… wahrlich, es wäre nur ein Act der Menschlichkeit, sie wieder mit dem »Vaterlande« zu vereinigen.

– O… o… Das kommt noch… Das kommt noch! rief der König von Stahlstadt. Jetzt haben wir uns schon im Herzen Amerikas festgesetzt; nun lassen Sie uns nur erst eine oder zwei Inseln in der Nähe von Japan in Besitz nehmen, dann werden Sie staunen, welche Riesenschritte wir rings um den Erdkreis machen werden!«

Der Kammerdiener hatte die Pfeifen hereingebracht. Herr Schultze stopfte die seinige und setzte sie in Brand. Marcel hatte mit Absicht diesen Augenblick der vollkommensten Glückseligkeit seines Herrn abgewartet.

»Ich muß gestehen, begann er dann nach kurzem Schweigen, daß ich an diese Eroberung nicht recht glauben kann!

– Welche Eroberung? fragte Herr Schultze, der schon nicht mehr bei dem Gegenstande der Unterhaltung war.

– Die Eroberung der ganzen Erde durch die Deutschen!«

Der Ex-Professor glaubte falsch verstanden zu haben.

»Sie glauben nicht an die Unterwerfung der Welt durch die Deutschen?

– Nein.

– Ei, sehen Sie, das ist sonderbar! … Ich wäre begierig, die Gründe dieses Zweifels zu hören.

– Sehr einfach, die französischen Artilleristen werden noch größere Fortschritte machen und Sie überflügeln. Die Schweizer z. B., meine Landsleute, welche jene sehr gut kennen, haben das Vorurtheil, daß ein Franzose so viel ausrichte wie zwei Deutsche. 1870 ist für jene eine Lection gewesen, welche sich gegen Diejenigen kehren wird, die sie ertheilt haben. Davon ist in meinem Vaterlande Jedermann überzeugt, und, ich mag das nicht verhehlen, damit stimmen auch die besten Köpfe Englands überein.«

Marcel hatte diese Worte in einem so kalten trockenen und schneidenden Tone hervorgestoßen, daß er die Wirkung einer solchen schnurgeraden Blasphemie bei dem König von Stahlstadt womöglich verdoppeln mußte.

Herr Schultze war sprachlos und außer Athem, Das Blut stieg ihm so heftig in’s Gesicht, daß der junge Mann fürchtete, zu weit gegangen zu sein. Da er aber wahrnahm, daß sein Opfer, nachdem dessen Wuth einigermaßen verschnauft war, nicht von einem solchen Schlage sterben würde, fuhr er in seiner Rede fort:

»Ja, es ist unangenehm, sich das sagen zu müssen, aber es bleibt doch wahr. Wenn unsere Rivalen weniger geräuschvoll auftreten, so sind sie dafür desto fleißiger. Glauben Sie denn, daß diese seit dem Kriege gar nichts gelernt haben? Während wir plumper Weise nur darauf ausgehen, das Gewicht unserer Geschütze zu vermehren, bringen sie etwas ganz Neues zu Tage, was sich bei der ersten Gelegenheit zeigen wird.

– Etwas Neues! Etwas Neues! stammelte Herr Schultze, o das bringen wir auch.

– Ah, sehr schön, bleiben wir dabei! Wir stellen aus Stahl her, was unsere Vorgänger aus Bronze machten, das ist Alles! Wir verdoppeln die Proportionen und die Tragweite unserer Geschütze!

– Verdoppeln!… entgegnete Herr Schultze mit einem Tone, der vielmehr sagte: wahrhaftig wir erreichen mehr als eine simple Verdoppelung!

– Im Grunde sind wir aber doch nichts Anderes als Nachahmer. Darf ich Ihnen die volle Wahrheit sagen? Uns fehlt die Erfindungsgabe. Wir ersinnen nichts, die Franzosen erfinden, darauf verlassen Sie sich.«

Herr Schultze hatte scheinbar wieder einige Ruhe gewonnen, doch verrieth das Zittern seiner Lippen, die Blässe, welche der ersten apoplektischen Röthe folgte, wie tief sein Inneres erregt war.

Hätte er je geglaubt, eine solche Erniedrigung zu erfahren? Er sollte Schultze heißen, der unumschränkte Beherrscher der größten Werkstatte und der ersten Kanonengießerei der ganzen Welt sein, Könige und Parlamente zu seinen Füßen sehen und sich hier von einem einfachen Zeichner sagen lassen, daß ihm die Gabe der Erfindung fehle, daß er noch unter dem französischen Artilleristen stehe!… Und das zu erdulden, wo ihm in seiner Festung tausend Mittel zur Verfügung standen, den unverschämten Buben zu vernichten, ihm den Mund auf ewig zu verschließen und seine Argumente aus der Welt zu schaffen? Nein, ein solcher Schimpf war nicht zu ertragen!

Herr Schultze erhob sich jetzt so plötzlich, daß er seine Pfeife dabei zerbrach. Dann blickte er Marcel voll bitterer Ironie an, preßte die Zähne fest aufeinander und sagte zu diesem oder pfiff ihm vielmehr die Worte zu:

»Folgen Sie mir, ich werde Ihnen zeigen, ob ich, Herr Schultze, der Erfindungsgabe entbehre!«

Marcel hatte ein gewagtes Spiel getrieben, doch er hatte gewonnen. Dank der plötzlichen Ueberraschung durch eine so kühne, unerwartete Redeweise, Dank dem heftigen Aerger, den er seinem Chef bereitete, bei dem die Eitelkeit nun einmal stärker war als die Klugheit, Schultze drängte es nun, sein Geheimniß zu entschleiern, er eilte fast wider Willen nach dem Arbeitszimmer, dessen Thür er sorgfältig hinter sich verschloß, ging geraden Weges auf ein Büchergestell zu und drückte auf eines der Fächer. Sofort entstand in der Mauer eine sonst von Bücherreihen versteckte Oeffnung. Diese bildete den Eingang zu einem engen Wege, der bis zu dem Fuße des Stierthurmes selbst führte.

Hier wurde eine starke, eichene Thüre mittelst eines kleinen Schlüssels, den der Werkbesitzer niemals von sich gab, geöffnet. Dann zeigte sich eine zweite Thür mit einem Buchstaben-Vexirschloß, wie man solche wohl an Geldkisten verwendet. Herr Schultze stellte das betreffende Wort ein und schob die schwere Pforte zurück, welche nach innen zu noch mit complicirten Selbstschuß-Apparaten versichert war, die Marcel als Sachkenner natürlich gern näher in Augenschein genommen hätte. Sein Führer ließ ihm hierzu aber keine Zeit.

Beide befanden sich nun vor einer dritten Thür, ohne sichtbares Schloß, welche nur durch einen an den richtigen Stellen und in bestimmter Ordnung angewendeten Druck aufsprang.

Nachdem sie diese drei Verschanzungen durchschritten, stiegen Herr Schultze und sein Begleiter eine eiserne Treppe von zweihundert Stufen empor und gelangten damit nach dem oberen Theile des Stierthurmes, der ganz Stahlstadt überragte.

Dieses Granitbauwerk, dessen Festigkeit auf den ersten Blick einleuchtete, bedeckte eine Art Kasematte mit mehrfachen Schießscharten. In der Mitte derselben stand eine ungeheure Kanone aus Gußstahl.

»Sehen Sie hier!« sagte der Professor, der bisher den Mund nicht mehr aufgethan hatte.

Es war das größte Belagerungsgeschütz, das Marcel je gesehen, als Hinterlader eingerichtet und mindestens 300.000 Kilogramm schwer. Der Durchmesser seiner Mündung erreichte einundeinhalb Meter. Das Ungethüm mit seiner auf Rollen laufenden Stahl-Laffette war doch so leicht zu regieren, daß ein Kind zu seiner Bewegung hingereicht hätte, so ausgezeichnet arbeitete der sinnreiche Mechanismus. Hinter der Laffette hielt eine gewaltige Feder den Rückstoß des Geschützes auf und diente gleichzeitig dazu, dasselbe nach jedem Schuß wieder in seine vorige Lage zu bringen.

»Und welche Perforationskraft besitzt dieses Geschütz? fragte Marcel, den ein solches Meisterstück unwillkürlich in Erstaunen setzte.

– Auf 20.000 Meter durchbohren wir mit einem Vollgeschoß eine vierzigzöllige Platte wie eine Butterschnitte!

– Wie groß ist die Tragweite?

– Die Tragweite! rief Schultze, der sich allgemach erwärmte. O, Sie meinten, wir als Nachahmer hätten es nicht weiter gebracht als bis zur Verdoppelung der Schußweite der heutigen Kanonen. Nun, mit dieser hier verpflichte ich mich, ein Projectil mit der größten Treffsicherheit bis auf zehn Stunden weit zu schleudern.

– Zehn Stunden! wiederholte Marcel, zehn Stunden! Da müssen Sie aber ein bisher unbekanntes Pulver anwenden.

– O, jetzt kann ich Ihnen Alles mittheilen, antwortete Herr Schultze in etwas auffallendem Tone. Es hat nichts mehr zu bedeuten, daß ich Ihnen meine Geheimnisse entschleiere. Das großkörnige Pulver hat sich überlebt. Ich bediene mich nur der Schießbaumwolle, deren Expansivkraft die des gewöhnlichen Pulvers um das Vierfache übertrifft. Eine Kraft, welche ich durch Beimischung von acht Zehnteln ihres Gewichts salpetersauren Natrons noch verfünffache.

– Der Explosion dieses Pyroxils, wendete Marcel ein, vermöchte aber kein Geschütz, und bestände es aus dem besten Stahl der Welt, Widerstand genug zu leisten. Nach drei, vier, fünf Schüssen wird Ihre Kanone zerstört oder doch unbrauchbar sein.

– Und wenn sie nur einen Schuß abgiebt, so wird dieser genügen!

– Der wird sehr theuer zu stehen kommen!

– Etwa eine Million, so hoch belaufen sich die Herstellungskosten des Geschützes.

– Ein Schuß für eine Million! …

– Was thut das, wenn er dafür eine Milliarde zerstört!

– Eine Milliarde!« rief Marcel.

Er mußte an sich halten, um nicht das Entsetzen bemerkbar werden zu lassen, das sich der Bewunderung zugesellte, die ihm diese furchtbare Zerstörungsmaschine immerhin einflößte.

»Das ist ohne Zweifel ein erstaunliches und höchst merkwürdiges Geschütz, es bestätigt aber, trotz aller seiner Vorzüge, nur meinen Ausspruch: Vervollkommnungen, Nachahmung, keine Erfindung!

– Keine Erfindung! versetzte Herr Schultze achselzuckend. Ich wiederhole, daß ich für Sie keine Geheimnisse mehr haben will. Kommen Sie also!«

Der König von Stahlstadt und sein Begleiter verließen die Kasematte und begaben sich, mittelst eines hydraulischen Fahrstuhls nach einer unteren Etage. Hier befanden sich eine Menge länglicher, cylinderförmiger Gegenstände, welche man aus einiger Entfernung recht wohl für demontirte Geschütze hätte ansehen können.

»Da sehen Sie unsere Geschosse!« sagte Herr Schultze.

Jetzt mußte Marcel allerdings anerkennen, daß das, was er hier vor sich sah, nichts ähnelte, was er von früher kannte. Es waren das ungeheure Tuben von zwei Meter Länge und ein Meter zehn Zentimeter Durchmesser, äußerlich mit einem Bleimantel überzogen, um genau in die Züge der Seele des Rohres zu passen, an der Rückseite mit verbolzter Stahlplatte verschlossen und an der Spitze mit länglich stählerner Spitze versehen, die in einem Percussionszünder auslief.

Ueber die eigentliche Natur dieser Geschosse gab ihr äußeres Ansehen noch keinen Aufschluß. Noch lag die Voraussetzung nahe, daß sie im Innern einen furchtbaren Explosionsstoff enthalten möchten, der wahrscheinlich Alles in seiner Art übertraf.

»Sie werden sich nicht klar?« fragte Herr Schultze, als er Marcel schweigend stehen sah.

»In der That, nein! Wozu in aller Welt ein so langes und dem Anscheine nach so schweres Langgeschoß?«

»Der Schein trügt,« erwiderte Herr Schultze, »denn das Gewicht desselben weicht nicht besonders von dem einer gewöhnlichen Kugel desselben Kalibers ab. … Nun, Sie sollen Alles wissen! … Der innerste Theil besteht aus einer langen Spindel von Glas, die mit Eichenholz überkleidet und, unter dem Drucke von zweiundsiebzig Atmosphären mit flüssiger Kohlensäure geladen ist. Beim Niederfallen erfolgt die Explosion der Umhüllung und die Flüssigkeit kehrt in den gasförmigen Zustand zurück. Die Folge davon ist eine Kälte von ungefähr hundert Grad in der Umgebung und gleichzeitig die Beimischung einer enormen Menge Kohlensäure zu der Atmosphäre.

Jedes lebende Wesen, das sich im Umkreise von dreißig Meter um die Stelle der Explosion aufhält, wird ebenso durch Kälte getödtet, wie durch das Gas erstickt. Ich nehme nur dreißig Meter an, um eine Basis für die Berechnung zu gewinnen; die Wirkung erstreckt sich aber höchst wahrscheinlich noch viel weiter, vielleicht auf einen Umkreis von hundert bis zweihundert Meter. Dazu kommt ferner, daß die Kohlensäure in Folge ihrer specifischen Schwere, welche die der Luft bedeutend übertrifft, sich lange Zeit in den unteren Schichten der Atmosphäre aufhält; die todesdrohende Zone behält also ihre vergiftenden Eigenschaften noch mehrere Stunden nach der Explosion, und jedes Geschöpf, das sich in diese hineinwagt, geht rettungslos zu Grunde, Ja, ja, das ist ein Kanonenschuß, der im Augenblick ebenso wie auf die Dauer wirkt! … Bei meinem System giebt es keine Verwundeten mehr, sondern nur noch Todte!«

Herr Schultze fand offenbar Wohlgefallen daran, die Vorzüge seiner Erfindung in das rechte Licht zu stellen. Er hatte seine ganz gute Laune wieder, war roth von Stolz geworden und wies alle seine Zähne.

»Nun denken Sie sich, fuhr er fort, eine hinreichende Anzahl meiner Feuerschlünde auf eine belagerte Stadt gerichtet! Rechnen wir ein Stück auf jede Hektare Oberfläche, das gäbe für eine Stadt von tausend Hektaren hundert Batterien zu je zehn Geschützen. Nehmen wir ferner an, diese alle wären in gehöriger Stellung und sicher gerichtet, dazu günstige ruhige Luft und nun erfolgte durch eine elektrische Leitung das Signal zum Abfeuern … binnen einer Minute athmete auf einer Fläche von tausend Hektaren kein lebendes Wesen mehr! Ein wahrer Ocean von Kohlensäure hätte die Stadt überschwemmt! Die Idee hierzu kam mir übrigens erst im letzten Jahre, als ich den ärztlichen Bericht über den kleinen Jungen im Albrechts-Schacht durchlas. Die erste Anregung erhielt ich allerdings in Neapel, beim Besuche der dortigen Hundsgrotte1. Es bedurfte aber des letzteren Ereignisses, um den Gedanken in mir zur Reife zu bringen. Sie begreifen doch das Princip? Ein künstlicher Ocean von reiner Kohlensaure! Schon ein Fünftel dieses Gases der Atmosphäre beigemengt genügt aber, sie unathembar zu machen!«

Marcel stand sprachlos da; er vermochte in der That kein Wort hervorzubringen. Herr Schultze fühlte seinen Triumph so lebhaft, dass er ihn selbst abzuschwächen suchte.

»Es ärgert mich hierbei nur eine Kleinigkeit,« sagte er,

»Und das wäre?« fragte Marcel.

»Es hat mir noch nicht gelingen wollen, den Knall bei der Explosion zu umgehen. Das verleiht meinem Schuß noch zu viel Aehnlichkeit mit dem gewöhnlichen Kanonenschuß. Denken Sie etwas darüber nach, wie es möglich wäre, einen geräuschlosen Schuß zu erzielen. So ein plötzlicher Tod, der in heiterer stiller Nacht hunderttausend Menschen ganz unbemerkt überrascht, das wäre so nach meinem Sinn!«

Diese wundervolle Aussicht machte Herrn Schultze zum vollkommenen Schwärmer, und vielleicht hätte seine Träumerei, bei welcher er in einem wahren Vollbade seiner Eigenliebe schwelgte, noch lange fortgedauert, wenn ihn nicht eine Bemerkung Marcels daraus erweckt hätte.

»Recht schön, Herr Schultze, aber tausend Geschütze dieser Art kosten Zeit und viel Geld.

– Geld?… Daran ersticken wir fast!… Die Zeit gehört uns!«

Und wahrlich, der Mann, welcher so sprach, glaubte an seine Worte.

»Gut, fuhr Marcel fort, leider ist Ihr mit Kohlensäure gefülltes Geschoß wiederum nichts eigentlich Neues, denn man kennt schon seit vielen Jahren solche Kugeln mit tödtlichen Gasarten; doch gebe ich gerne zu, daß Ihre Maschine unerhörte Verwüstungen anzurichten vermag. Indessen…

– Indessen?…

– Das Geschoß ist zu leicht für seine Größe und wird nimmermehr zehn Stunden weit fliegen!…

– Das ist auch nur für zwei Stunden berechnet, erwiderte Herr Schultze lächelnd. Hier ist dagegen, fügte er lächelnd hinzu, ein Projectil aus Gußstahl. Dieses enthält hundert kleine, symmetrisch angeordnete Kanonen, welche ineinander geschoben sind wie die Auszüge eines Fernrohres, und die, nachdem sie zuerst als Geschosse fortgeschleudert wurden, zuletzt selbst als Kanonen wirken, indem sie eine Unzahl kleiner Kugeln mit leicht entzündlicher Masse aussenden. Ich schieße also gleichsam eine ganze Batterie hinaus, welche Tod und Verderben über eine ganze Stadt ausstreut, indem sie dieselbe mit unauslöschlichem Feuer überschüttet! Dieses Geschoß besitzt die nothwendige Schwere, um zehn Stunden weit zu fliegen. Binnen Kurzem werde ich damit einen Versuch anstellen, der jedem Ungläubigen Gelegenheit bieten soll, hunderttausend Körper, die ich als Leichen zu Boden strecke, mit dem Finger zu berühren!«

Die »Steine« im Munde glänzten bei diesem Versprechen so herausfordernd, daß Marcel nicht übel Lust verspürte, ein Dutzend davon auszubrechen. Er gewann es aber über sich, seine Arme in Ruhe zu lassen. Noch wußte er ja immer noch nicht Alles, was er hören wollte.

In der That begann Herr Schultze bald von Neuem: »Ich sagte Ihnen, daß nächstens ein Versuch angestellt werden solle.

– Wirklich? Und wo? … fragte Marcel.

– Nun, mit einem dieser Geschosse, das durch mein Riesengeschütz von der obersten Platform aus über die Cascade-Mounts hinweggeschleudert werden wird! … Uebrigens auf eine Stadt, welche kaum zehn Stunden weit von uns entfernt liegt, die diesen furchtbaren Donnerschlag nicht erwartet und dessen unausbleibliche Wirkung auch nicht abzuwehren vermöchte. Wir haben heute den 5. September… nun, am 13. um elf Uhr fünfundvierzig Minuten des Nachts wird France-Ville vom amerikanischen Boden verschwinden! Der Untergang Sodoms wird sein Gegenstück erhalten! Professor Schultze wird von seinem Thurme aus alle Feuer des Himmels entfesseln!«

Bei dieser allerdings unvorhergesehenen Erklärung drängte sich in Marcels Brust alles Blut zum Herzen. Zum Glück bemerkte Herr Schultze nicht, was in ihm vorging.

»Sehen Sie, fuhr er fort, als handelte es sich um die gleichgiltigsten Dinge, wir erstreben hier das Gegentheil von dem, was die Erbauer France-Villes beabsichtigen. Wir suchen das Geheimniß, das Leben der Menschen abzukürzen, während Jene darnach trachten, es zu verlängern. Ihr Werk ist aber einmal verdammt, und erst aus dem von uns entsendeten Tode soll das Leben ersprießen. Uebrigens erfüllt Alles in der Natur seinen Zweck, und als Doctor Sarrasin in jener Einöde seine Stadt gründete, hat er sie mir, ohne daran zu denken, als bestes Versuchsobject für die Tragweite meiner Geschütze hingestellt!«

Marcel konnte kaum glauben, was er soeben hörte.

»Aber, begann er mit unwillkürlich zitternder Stimme, welche einen Augenblick lang die Aufmerksamkeit des Königs von Stahlstadt zu erregen schien, die Einwohner von France-Ville haben Ihnen doch nichts gethan? Sie haben, so viel ich weiß, auch nicht die geringste Ursache, mit ihnen Streit zu führen?

– Mein Bester, begann Herr Schultze, in Ihrem nach anderen Seiten recht gut organisirten Gehirn lebt noch ein Rest von keltischen Ideen, die Ihnen noch viel Schaden bringen könnten, wenn Sie noch lange zu leben hätten! Das Recht, das Gute und das Böse sind nur relativ verschiedene Dinge, je nach dem Standpunkt, von dem aus man sie betrachtet. Es giebt nichts Absolutes, als die großen Naturgesetze. – Das Gesetz des Kampfes um’s Dasein gehört dahin ebenso wie das der Gravitation. Sich ihm entziehen zu wollen, ist reiner Unsinn; sich ihm zu fügen und in der von ihm bezeichneten Richtung zu wirken, ist das einzige Rechte und Vernünftige, und aus diesem Grunde werde ich Doctor Sarrasin’s Stadt zerstören. Mit Hilfe meiner Kanonen werden meine fünfzigtausend Deutschen leicht genug mit jenen hunderttausend Träumern fertig werden, die nun einmal unterzugehen bestimmt sind!«

Da Marcel die Nutzlosigkeit jedes Versuches, Herrn Schultze’s Anschauungen zu ändern, von vornherein einsah, setzte er das Gespräch nicht weiter fort.

Beide verließen nun den Geschoßraum, dessen geheime Thüren wieder verschlossen wurden, und begaben sich nach dem Speisezimmer zurück.

So als ob gar nichts vorgefallen sei, führte Herr Schultze hier seinen Bierkrug zum Munde, ließ eine Glocke ertönen, verlangte eine andere Pfeife an Stelle der zerbrochenen und fragte den Kammerdiener:

»Sind Arminius und Sigimer bei der Hand?

– Gewiß.

– Sage ihnen, sie sollen nicht weggehen, damit ich sie rufen kann.«

Als der Diener das Zimmer verlassen, wandte sich der Stahlkönig gegen Marcel und schaute diesem gerade in’s Gesicht.

Dieser schlug die Augen nicht nieder vor jenem Blicke, der selbst metallische Härte angenommen zu haben schien.

»Sie denken das erwähnte Vorhaben wirklich auszuführen? fragte er noch einmal.

– Natürlich. Ich kenne die Lage von France-Ville genau auf das Zehntel einer Secunde bezüglich der Länge und Breite, und am 13. September um elf Uhr fünfundvierzig Minuten Nachts wird die Stadt aufgehört haben zu existiren.

– Einen solchen Plan hätten Sie aber doch völlig geheim halten sollen.

– Mein Lieber, erwiderte Herr Schultze, da fehlt es Ihnen wieder einmal an der nöthigen Logik. Ich beklage es deshalb auch weniger, daß Sie so jung sterben müssen!«

Marcel war bei den letzten Worten aufgesprungen.

»Wußten Sie das wirklich nicht vorher, fuhr Herr Schultze eiskalt fort, daß ich von meinen Projecten niemals gegen Andere spreche als gegen Die, welche sie nicht mehr verrathen können?«

Die Glocke ertönte. Arminius und Sigimer, zwei Riesen von Gestalt, erschienen an der Thür.

»Sie wollten in mein Geheimniß dringen, sagte Herr Schultze, Sie kennen es! … Nun werden Sie dafür den Tod erleiden!«

Marcel gab keine Antwort.

»Sie sind ein viel zu heller Kopf, fuhr Herr Schultze fort, als daß Sie annehmen könnten, ich würde Sie nun, da Sie davon wissen, was ich zunächst beabsichtige, noch am Leben lassen können. Das wäre ein unverzeihlicher Leichtsinn, das wäre unlogisch. Die Größe meines Zieles verbietet mir, dessen Erreichung durch die Rücksichtnahme auf den verhältnißmäßig geringen Werth eines einzelnen Menschenlebens zu gefährden – selbst eines Menschen wie Sie, dessen gute Gehirnorganisation ich übrigens hochschätze. Ich bedauere wirklich, daß mich eine schwache Regung von Eigenliebe etwas zu weit hingerissen hat und mich nun zwingt, Sie unschädlich zu machen. Sie werden jedoch einsehen, daß ich angesichts der von mir verfolgten Interessen nicht einem weicheren Gefühle nachgeben darf. Ich gestehe Ihnen jetzt gern ein, daß Ihr Vorgänger Sohne wegen Verletzung desselben Geheimnisses hat sterben müssen und nicht durch die Explosion einer Dynamit-Patrone umgekommen ist. Meine Regel duldet keine Ausnahme. An einem unumstößlichen Gesetze vermag ich selbst nichts zu ändern!«

Marcel blickte Herrn Schultze an. Der Ton seiner Stimme sagte ihm, daß der Starrsinn dieses Trotzkopfes nicht zu beugen sein werde und daß er verloren sei. Er gab sich also nicht einmal Mühe, gegen jenes Urtheil Einspruch zu erheben.

»Wann werde ich sterben und auf welche Weise? fragte er.

– Sorgen Sie sich nicht um solche Einzelheiten, erklärte Herr Schulze völlig ruhig. Sie werden sterben, doch wird Ihnen jede Todesqual erspart bleiben. Sie werden eines Morgens nicht wieder erwachen. Das ist Alles!«

Auf einen Wink des Stahlkönigs sah Marcel sich abgeführt und nach seinem Zimmer gebracht, vor dessen Thür die beiden Riesen Wache standen.

Als er sich aber allein sah, dachte er zitternd vor Angst und Wuth an den Doctor, an dessen Familie, seine Landsleute, an Alle, die er liebte.

»Der Tod, der meiner wartet, ist das Geringste, sagte er, doch die Gefahr, die ihnen droht, wie soll ich diese beschwören?«

  1. Die Hundsgrotte in der Nähe von Neapel erhielt den Namen von der merkwürdigen Eigenschaft ihrer Atmosphäre, welche einen Hund oder jedes etwa ebenso große vierfüßige Thier erstickt, während sie dem aufrechtstehenden Menschen nicht schadet – eine Eigenschaft, welche auf eine ungefähr sechzig Centimeter hohe Schicht Kohlensäure zurückzuführen ist, die in Folge ihrer Schwere nur dicht über dem Erdboden lagert.

Neuntes Capitel.


Neuntes Capitel.

»P. P. C.«

Marcels Lage war gewiß eine sehr ernste. Was konnte er, dessen Lebensstunden jetzt gezählt waren und der mit der untergehenden Sonne vielleicht seine letzte Nacht hereinbrechen sah, dagegen thun?

Er schlief nicht einen Augenblick – weniger aus Furcht, nicht wieder zu erwachen, wie ihm Herr Schultze gesagt – aber weil seine Gedanken sich von France-Ville, dem eine so beispiellose Katastrophe drohte, nicht wieder zu trennen vermochten.

»Was soll ich beginnen? fragte er sich immer wieder. Jene Kanone zerstören? Den Thurm, der sie trägt, in die Luft sprengen? Wie könnte ich das? Entfliehen! … Entfliehen, wo mein Zimmer von jenen beiden Riesen bewacht ist! Und wenn es mir gelänge, vor jenem schrecklichen 13. September aus Stahlstadt zu entweichen, wie sollte ich das drohende Unheil abwenden? … Immerhin! Kann ich auch unsere liebe Stadt nicht beschützen, so kann ich doch deren Bewohner retten, wenn ich noch zu Ihnen gelange mit dem Rufe: Flieht! Flieht ohne Säumen! Ihr seid bestimmt, durch Feuer und Eisen elend umzukommen! Flieht Alle, Alle!«

Dann wendeten sich Marcels Gedanken einer anderen Richtung zu.

»O, der teuflische Schultze! dachte er. Selbst angenommen, er habe die zerstörende Gewalt seines Geschosses übertrieben und er könne nicht die ganze Stadt mit unverlöschbarem Feuer überschütten, so ist doch kaum daran zu zweifeln, daß ein einziger Schuß einen großen Theil derselben in Asche legen werde! Es ist eine höllische Maschine, die er da erfunden hat, und diese fürchterliche Kanone wird ihr Geschoß, trotz der großen Entfernung zwischen beiden Städten, gewiß sicher nach seinem Ziele schleudern. Eine Anfangsgeschwindigkeit, welche die gewöhnliche um das Zwanzigfache übertrifft! So gegen zehntausend Meter, oder zweiundeinehalbe Stunde in der Secunde! Das ist fast der dritte Theil der Umdrehungs-Schnelligkeit der Erde am Aequator! Ist das wirklich möglich? …

Ja.. Ja! … Wenn sein Geschütz nicht beim ersten Abfeuern zerspringt! … Und das wird nicht geschehen, denn es besteht aus einem Metalle, dessen Widerstand gegen das Zerreißen fast unbegrenzt zu nennen ist! Der Schurke kennt die Lage von France-Ville auf’s Haar! Ohne seine Höhle zu verlassen, wird er sein Rohr mit mathematischer Sicherheit richten und das Geschoß wird, wie er vorausgesagt, mitten in die unglückliche Stadt hineinfallen! Wie kann ich die armen Einwohner warnen?«

Marcel hatte, als der Tag wieder anbrach, kein Auge geschlossen. Er verließ also sein Bett, auf das er sich in seiner fieberhaften Schlaflosigkeit vergebens ausgestreckt hatte.

»Also erst in der folgenden Nacht, sagte er sich. Dieser Henker will mir die Todesqual ersparen und wartet, bis mich vor Erschöpfung der Schlaf überwältigt hat! Und dann? … Ja, welche Todesart mag er mir bestimmt haben? Denkt er mich durch Einathmung von Blausäure zu morden, während ich schlafe? Oder will er in mein Zimmer heimlich Kohlensäure einströmen lassen, über die er ja in beliebiger Menge verfügt? Sollte er dieses Gas nicht vielmehr in flüssigem Zustand verwenden, so wie er es in seinen Glasgeschossen verwendet hat, dessen plötzliche Verflüchtigung eine Kälte von nahe hundert Grad erzeugt? Am folgenden Morgen läge dann an meiner Stelle statt dieses kräftigen, wohlgebauten lebensvollen Körpers eine trockene, gefrorne verhornte Mumie! … O, dieses Elend! … Mein Herz möge vertrocknen, mein Leben bei jener unerträglichen Temperatur erstarren, wenn nur mein Freund, Doctor Sarrasin, seine Familie, Jeanne, meine liebe Jeanne gerettet würden! Um ihretwillen muß ich fliehen … ich werde es also durchsetzen!«

Mit diesem letzten Worte hatte Marcel, obwohl er voraussetzen mußte, jetzt eingesperrt zu sein, die Hand unwillkürlich auf den Drücker des Thürschlosses gelegt.

Zu seinem großen Erstaunen öffnete sich die Thür, er konnte ganz wie früher in den Garten hinab spazieren gehen.

»Aha, sagte er, ich bin nur ein Gefangener in den Central-Anlagen, nicht in meinem Zimmer! Das ist schon etwas!«

Kaum erschien Marcel freilich draußen, als er bemerkte, daß er trotz seiner scheinbaren Freiheit doch nicht zwei Schritte ohne die Aufsicht der beiden Männer machen könnte, welche ganz den historischen oder vielmehr vorhistorischen Namen Arminius und Sigimer entsprachen.

Schon manchmal hatte er sich, wenn er jenen beim Promeniren begegnete, gefragt, was wohl das eigentliche Amt dieser beiden Kolosse in grauer Uniform mit dem Stierhalse, den herkulischen Muskeln und röthlichem Gesicht mit dichten grauen Schnurr- und Backenbärten sein möchte.

Jetzt kannte er dasselbe. Sie waren die ausführenden Organe für Herrn Schultze’s Machtsprüche und daneben seine persönliche Leibwache.

Die beiden Riesen behielten ihn stets im Gesicht, lagerten vor der Thür seines Zimmers und folgten ihm auf dem Fuße, wenn er in den Park hinaustrat. Eine reichliche Bewaffnung mit Revolvern und Dolchen sicherte den Erfolg ihrer Aufgabe noch weiter.

Uebrigens erschienen sie stumm wie die Fische. Marcel hatte wohl mehrmals versucht, eine Unterhaltung mit ihnen anzuknüpfen, aber keine andere Antwort als drohende Blicke erhalten. Selbst das Angebot eines Kruges Bier, das er alle Ursache hatte, für unwiderstehlich zu halten, erwies sich fruchtlos. Nach fünfzehnstündiger Beobachtung hatte er nur eine Leidenschaft seiner Wächter erkannt, eine einzige, die Pfeife, die sie auf Tritt und Schritt rauchten, wenn sie ihm nachgingen. Konnte Marcel vielleicht diese eine Schwäche zu seinem Vortheil ausbeuten? Das wußte er für jetzt noch nicht und konnte es sich wirklich auch kaum vorstellen, doch er hatte sich einmal geschworen zu entfliehen und durfte nun auch nicht das Geringste unbeachtet lassen, was seine Entweichung begünstigen konnte.

Die Zeit drängte – was sollte er beginnen?

Beim leisesten Zeichen eines Widerstandes oder Fluchtversuches war er sicher, zwei Kugeln durch den Kopf zu bekommen. Selbst angenommen, daß die Schüsse ihn nicht trafen, so befand er sich doch inmitten einer dreifachen Umschließung, welche mit dreifachen Reihen von Wachen besetzt war.

Seiner Gewohnheit als alter Zögling der Centralschule entsprechend, hatte Marcel sich seine Aufgabe als klarer mathematischer Kopf zurechtgelegt.

»Angenommen, ein Mensch sei von zwei gänzlich rücksichtslosen Kerlen bewacht, die ihn auch körperlich an Stärke weit übertreffen und überdies bis an die Zähne bewaffnet sind, so kann es sich zuerst nur darum handeln, der Aufmerksamkeit dieser Argusaugen zu entwischen. Ist das erreicht, so gilt es, aus einem befestigten Platz zu entkommen, dessen Zugänge alle strengstens überwacht sind …«

Hundertmal legte Marcel sich diese Fragen vor und hundertmal scheiterte er mit dem Versuche, sie zu lösen.

Es wäre schwer zu entscheiden, ob nur die Gefahr seiner Lage seinen Erfindungsgeist auf’s höchste anspannte oder ob der bloße Zufall ihm endlich zu einem Rettungsanker verhalf.

Jedenfalls wurde Marcels Aufmerksamkeit schon am nächsten Tage, als er im Park umherging, durch einen sonderbaren Strauch, der auf einem Beete grünte, unwillkürlich erregt.

Es war eine düstere, krautartige Pflanze mit wechselständigen, eiförmigen, zugespitzten Blättern, großen glockenförmigen, braunvioletten Blüthen und verästeltem Achsenstengel.

Marcel, der sich mit Botanik nur so nebenher beschäftigt hatte, glaubte in derselben doch die Kennzeichen der Familie der Solaneen zu erkennen. Ganz ohne Absicht pflückte er ein Blättchen davon ab, das er während des Gehens zerkaute.

Er hatte sich nicht geirrt. Eine gewisse Schwere der Glieder, verbunden mit dem Gefühle von Uebelkeit, bewies ihm, daß er hier ein natürliches Laboratorium für Belladona, d.h. eines der wirksamsten Narcotica, aufgefunden habe.

Immer dahinschlendernd, gelangte er nach einem kleinen See, der sich nach dem Süden des Parkes hin erstreckte, um an seinem Ende einen Wasserfall zu speisen, der dem im Boulogner Walde sklavisch nachgebildet war.

»Wo fließt aber das Wasser dieses Falles ab?« fragte sich Marcel.

Dasselbe ergoß sich zunächst in das Bett eines Flüßchens, das nach vielen Windungen an der Grenze des Parkes verschwand.

Dort mußte also ein Ausfluß sein und allem Anscheine nach entleerte sich der Fluß durch einen unterirdischen Kanal, der außerhalb Stahlstadts die Umgebung bewässerte.

Marcel ahnte, daß hier die Pforte zur Flucht zu suchen sei. War es auch kein Thorweg, so blieb es doch immer eine Pforte.

»Doch, wenn der Kanal durch Eisengitter verschlossen wäre? warf ihm da die Stimme der Klugheit ein.

– Wer nicht wagt, gewinnt nicht! Die Feilen wurden nicht erfunden, um Korkpfropfen abzunagen, und Feilen giebt es hier von der besten Art!« erwiderte eine ironische Stimme in seinem Innern, die Stimme, welche die raschen Entschlüsse zur Welt bringt.

Binnen zwei Minuten war Marcels Plan gefaßt. Ein Gedanke – wenn man es einen solchen nennen darf – ein Gedanke war ihm gekommen, der sich vielleicht als unausführbar erwies, aber dem er doch zu folgen versuchen wollte, wenn ihn der Tod nicht vorher ereilte.

Er kehrte also wie von ungefähr nach jenem Gebüsch zurück und pflückte zwei oder drei Blätter so davon ab, daß seine Wächter es bemerken mußten.

Dann begab er sich nach seinem Zimmer, trocknete die Blätter am Feuer, zerrieb sie mit den Händen und mischte sie unter seinen Tabak.

Auch die sechs folgenden Tage erwachte Marcel, eigentlich zu seinem eigenen Erstaunen des Morgens immer wieder. Sollte Herr Schultze, den er jetzt nicht mehr sah und dem er bei seinen Spaziergängen niemals begegnete, seine Absicht aufgegeben haben? Nein, sicher nicht, so wenig wie sein Vorhaben, die Stadt des Doctor Sarrasin zu zerstören.

Marcel benutzte also das ihm noch geschenkte Leben und wiederholte sein Verfahren Tag für Tag. Wohlverstanden fiel es ihm nicht ein, von der Belladonna selbst zu rauchen, und er theilte seinen Tabak deshalb in zwei Packete, das eine für seinen gewöhnlichen Gebrauch, das andere zu seinem täglichen Manöver. Er ging dabei einfach darauf aus, Arminius‘ und Sigimers Neugier zu erregen. Als eingefleischte Raucher mußten sie sich doch endlich den Busch merken, von dem er seine Blätter pflückte und einmal den Versuch machen, welchen Geschmack diese Beimischung dem Tabak wohl verleihe.

Seine Rechnung sollte nicht täuschen und die beabsichtigte Folge trat sozusagen mit mechanischer Nothwendigkeit ein.

Am sechsten Tage – dem Tage vor jenem verhängnißvollen 13. September – sah Marcel endlich, als er den Blick zufällig nach rückwärts schweifen ließ, zu seiner größten Befriedigung, daß auch die beiden Wächter sich einigen Vorrath von jenen Blättern mitnahmen.

Bald darauf überzeugte er sich, daß sie dieselben am Feuer dörrten, dann in den groben Händen zerrieben und ihrem Tabak beimengten. Sie schienen schon im Voraus lüstern zu sein auf diesen Genuß.

Wollte Marcel denn Arminius und Sigimer wirklich nur einschläfern? Nein. Ihm genügte es ja nicht, nur ihrer Wachsamkeit zu entgehen. Er mußte auch Hilfsmittel finden, um im Wasser glücklich durch den Kanal zu kommen, selbst wenn dieser mehrere Kilometer lang war. Auch dieses Mittel stand klar vor Marcels Augen. Immerhin konnte der Versuch neunmal unter zehnmal mißlingen, doch das Opfer seines jede Stunde bedrohten Lebens erschien ihm ja nur gering.

Der Abend kam heran, mit ihm die Essensstunde und der Zeitpunkt für seinen gewöhnlichen letzten Spaziergang. Das unzertrennliche Dreiblatt begab sich in den Park.

Ohne eine Minute zu verlieren, wendete sich Marcel scheinbar absichtslos nach einem im Gebüsch errichteten Gebäude, nämlich der Modellkammer zu. Dort setzte er sich auf eine einsame Bank und begann zu rauchen.

Sofort ließen sich Arminius und Sigimer, die ihre Pfeifen stets bei der Hand hatten, auf einer Bank in der Nähe nieder und bliesen dicke Wolken vor sich her.

Die narcotische Wirkung ließ nicht lange auf sich warten.

Nach kaum fünf Minuten taumelten die zwei schweren Teutonen wie zwei Bären in ihrem Käfig umher. Ihre Augen verschleierte eine Wolke, ihre Ohren summten; ihre Gesichtsfarbe wechselte von hellroth zu kirschroth; machtlos sanken ihre Arme herab und die Köpfe fielen auf die Rücklehne der Bank nieder.

Die Pfeifen lagen bald auf der Erde.

Endlich mischte sich ein lautes Schnarchen unter das Zwitschern der Vögel, welche der ewige Sommer im Parke von Stahlstadt zurückhielt.

Das war der Augenblick, auf den Marcel wartete. Man kann sich vorstellen, mit welcher Ungeduld, denn am nächsten Abend um elf Uhr fünfundvierzig Minuten sollte das von Herrn Schultze dem Untergang geweihte France-Ville verschwinden.

Marcel eilte in den Modellsaal. Dieser große Raum enthielt ein ganzes Museum, hydraulische Motore, Locomotiven, Dampfmaschinen, Locomobilen, Pumpen, Turbinen, Bohrmaschinen, Schiffsmaschinen, Schiffsrümpfe – gewiß für mehrere Millionen, wahre Meisterwerke. Hier wurden die Holzmodelle von jedem Stück aufbewahrt, das seit Gründung der Fabrik des Herrn Schultze jemals in derselben angefertigt worden war, und selbstverständlich fehlten darunter Modelle für Kanonen, Torpedos u. dergl. nicht.

Die Nacht war dunkel und dem kühnen Unternehmen, das der junge Elsäßer plante, besonders günstig. Während er seinen Fluchtversuch ermöglichte, wollte er auch das Modellmuseum von Stahlstadt der Vernichtung preisgeben. O, hätte er es mit der Kasematte und dem Geschütz, das diese barg, den furchtbaren unzerstörbaren Stierthurm gleichzeitig vernichten können! Doch daran war nicht zu denken.

Marcels erste Sorge war es hier, sich eine kleine Stahlsäge auszuwählen, mit der er Eisen durchschneiden konnte, welche er von einem Werkzeuggestelle herabnahm und in die Tasche gleiten ließ. Dann entzündete er ein Streichhölzchen und warf es brennend in die Ecke des Saales, wo Zeichnungen und leichte Modelle aus Weidenholz aufgehäuft lagen.

Dann verschwand er eiligst.

Kurze Zeit nachher züngelten schon die durch das viele leicht brennbare Material genährten Flammen durch die Fenster. Sofort ertönte die Alarmglocke; die elektrischen Klingeln meldeten den Unfall durch ganz Stahlstadt und von allen Seiten stürmten die Feuerwehrmannschaften mit ihren Dampfspritzen herbei.

Gleichzeitig erschien Herr Schultze, dessen Gegenwart geeignet war, seine Arbeiter anzuspornen.

Binnen wenigen Minuten zeigten die Kessel schon vollen Dampfdruck und die gewaltigen Spritzen warfen ihre mächtigen Wasserstrahlen in die Gluth. Sie gossen eine ganze Sündfluth gegen die Mauern und selbst auf das Dach des Modellhauses. Das Feuer erwies sich aber jenem Wasser überlegen, das nur verdunstete, aber nicht zu löschen vermochte, und bald stand das ganze Bauwerk in hellen Flammen. Schon nach fünf Minuten hatte der Brand einen solchen Umfang angenommen, daß man darauf verzichten mußte, seiner Herr zu werden. Der Anblick dieser Feuersbrunst war eben so großartig wie entsetzlich.

Marcel, in einer Ecke verborgen, verlor Herrn Schultze nicht aus den Augen, der seine Leute anfeuerte wie zur Erstürmung einer feindlichen Stadt. Vergeblich. Das Feuer zehrte ruhig fort an seiner Beute und das im Park isolirt stehende Gebäude mußte voraussichtlich total zu Grunde gehen.

Als auch Herr Schultze sich überzeugte, daß nichts von demselben zu retten sei, rief er plötzlich mit lauter Stimme:

»Zehntausend Dollars Belohnung Demjenigen, der das unter der Glaskuppel des Mittelbaues aufbewahrte Modell Nummer 3175 rettet!«

Eben dieses Modell war das Muster der von Herrn Schultze vervollkommneten Kanone und hatte für diesen einen höheren Werth als irgend ein anderes.

Um das geforderte Stück zu holen, mußte man sich aber durch einen wahren Feuerregen wagen und in eine absolut unathembare Atmosphäre begeben. Jedermann lief die größte Gefahr, darin selbst umzukommen. Trotz des Lockmittels der zehntausend Dollars trat auf Herrn Schultze’s Aufruf doch Niemand vor.

Da drängte sich ein Mann heran.

Es war Marcel.

»Ich werde gehen, sagte er.

– Sie! rief Herr Schultze.

– Ich!

– Geben Sie sich aber nicht der Hoffnung hin, daß dadurch an dem über Sie verhängten Todesurtheil etwas geändert werde.

– Ich denke gar nicht daran, dasselbe von mir abzuwenden, sondern nur an die Rettung des kostbaren Modells.

– So geh‘, antwortete Herr Schultze, und ich schwöre Dir im Falle des Gelingens zu, daß die zehntausend Dollars Deinen rechtmäßigen Erben zugestellt werden sollen.

– Darauf rechne ich!« erwiderte Marcel.

Man hatte mehrere für den Fall eines Schadenfeuers immer bereitgehaltene Galibert’sche Apparate herbeigebracht, mit denen man sich ja auch in unathembare Gasarten wagen kann. Marcel hatte einen solchen schon benützt, als er damals den kleinen Karl, das Kind der Frau Bauer, dem Tode zu entreißen suchte.

Ein solcher mit Luft von mehreren Atmosphären Spannung gefüllter Apparat wurde auf seinem Rücken befestigt. Mit der Klammer auf der Nase und das Mundstück des Schlauches zwischen den Lippen drang er nun beherzt in den Rauch ein.

»Endlich! sagte er. Für eine Viertelstunde besitze ich Luftvorrath in dem Behälter! … Gott gebe, daß er hinreicht!«

Selbstverständlich dachte Marcel nicht im Geringsten daran, das Modell der Schultze’schen Kanone aus den Flammen zu retten. Er stürmte nun mit Gefahr für sein Leben durch den qualmerfüllten Saal unter einem Hagel glühender Funken und prasselnder Balken, die ihn wie durch ein Wunder verschont ließen, und genau in dem Moment, wo das Dach unter einer Garbe von prächtigen Feuerstrahlen zusammenbrach, die der Wind bis zu den Wolken hinauftrieb, entkam er durch eine entgegengesetzte Thür des Saales, die sich nach dem Park hin öffnete.

Nach dem kleinen Flusse zu eilen, dessen Uferwand hinabzustürmen bis zu dem unbekannten Ausfluß, der ihn aus Stahlstadt befreien mußte, und sich ohne weiteres Besinnen in das Wasser zu stürzen, das Alles war für Marcel nur das Werk weniger Secunden.

Schnell riß die Strömung ihn in den Wasserschwall, der sieben bis acht Fuß tief sein mochte, dahin. Er brauchte auf keine Richtung zu achten, denn die Strömung führte ihn wie ein Ariadne-Faden. Er merkte auch bald, daß er in einen engen Kanal hineingezogen worden war, eine Art weites Rohr, welches das Wasser vollkommen ausfüllte.

»Wie lang mag dieser Schlauch sein? fragte sich Marcel, daran liegt Alles! Bin ich nicht binnen einer Viertelstunde heraus, so geht mir die Luft aus und mein Schicksal ist besiegelt!«

Marcel bewahrte sich seine ganze Kaltblütigkeit, Zehn Minuten lang wälzte ihn der Strom unaufhaltsam mit sich fort, dann stieß er an einen Widerstand.

Es war ein mit Haspen in der Mauer befestigtes Eisengitter.

»Das wußte ich vorher!« sagte Marcel für sich.

Sofort holte er die Säge aus der Tasche und begann die Krampen des Riegels zu durchsägen.

Nach fünf Minuten hatte er noch nicht viel erzielt. Schon athmete Marcel nur noch mit großer Beschwerde. Die in dem Behälter jetzt sehr verdünnte Luft strömte ihm nur ungenügend zu. In den Ohren begann es zu sausen, das Blut schoß ihm in die Augen, der Kopf brannte, Alles deutete auf einen Schlaganfall hin, der ihn lähmen mußte.

Noch widerstand er, den Athem zeitweise anhaltend, um nur so wenig als möglich von dem Sauerstoff zu verbrauchen, der ihm noch zu Gebote stand, aber der Riegel wich nicht von der Stelle.

Da entfiel ihm gar noch die Säge.

»Gott kann nicht meinen Untergang wollen!« dachte er.

Er packte das Gitter mit beiden Händen und mit der Kraft, wie sie nur der Trieb der Selbsterhaltung verleiht.

Das Gitter gab nach. Der Riegel war gebrochen und die Strömung riß den unglücklichen Marcel mit sich fort, der schon fast erstickt war und nur mit größter Mühe die letzten Restchen Luft aus seinem Behälter saugte.

Am folgenden Tage, als Herrn Schultze’s Leute in das vom Feuer gänzlich zerstörte Gebäude eindrangen, fanden sie unter dem Schutte und der glimmenden Asche nicht das geringste Ueberbleibsel von einem menschlichen Körper. Es lag auf der Hand, daß der muthige Arbeiter ein Opfer seines guten Willens geworden war. Die, welche ihn von den Werkstätten her näher kannten, verwunderten sich hierüber nicht. Das kostbare Modell war also nicht zu retten gewesen, der Mann aber, der das Geheimniß des Königs von Stahlstadt kannte, weilte auch nicht mehr unter den Lebenden.

»Der Himmel ist mein Zeuge, daß ich ihm jede Todesqual ersparen wollte, sagte sich Herr Schultze zur Beruhigung. Jedenfalls erspare ich auf diese Weise zehntausend Dollars!«

Das war die ganze Leichenrede für den jungen Elsäßer!

Fünftes Capitel.


Fünftes Capitel.

Die Stahlstadt.

Ort und Zeit haben gewechselt. Seit fünf Jahren befindet sich der Nachlaß der Begum schon in den Händen der beiden Erben und den Schauplatz bilden jetzt die Vereinigten Staaten, im Süden Oregons, zehn Meilen vom Ufer des Pacifischen Oceans. Hier breiten sich ungeheure Gebiete aus, welche zwischen den beiden Nachbarstaaten noch nicht genau abgegrenzt sind und die eine Art amerikanischer Schweiz bilden.

In der That, eine Schweiz, wenn man nur die Außenseite der Dinge in’s Auge faßt, die steilen Gipfel, welche zum Himmel emporsteigen, die tiefen Thäler, welche die langen Gebirgszüge trennen, den großartigen wilden Anblick, den alle diese Landschaften aus der Vogelschau gewähren würden.

Diese falsche Schweiz betreibt aber nicht wie die europäische die friedlichen Beschäftigungen des Hirten, Fremdenführers oder Gastwirths. Das Ganze ist nichts als eine auf eisen- und kohlenhaltigem Boden aufgethürmte Alpendecoration, eine Kruste von Felsen, Erdreich und hundertjährigen Fichten.

Wenn der in diese Einöden verirrte Wanderer die Stimmen der Natur belauscht, so hört er nicht wie im Oberlande das harmonische Murmeln des Lebens neben dem tiefen Schweigen der Bergwelt. Von fern her vernimmt er die schweren Schläge des Stampfhammers und unter seinen Füßen erstickte Detonationen von Pulver. Es hat den Anschein, als bedecke dieser Boden die Maschinerie eines Theaters und als könne er jeden Augenblick in geheimnißvolle Tiefen versinken.

Längs der Seiten der Berge laufen hier mit Asche und Kohlenstückchen macadamisirte Straßen hin. Unter gelblichem Buschwerk schillern kleine Schlackenhaufen in allen Farben des Prismas wie Basiliskenaugen hervor. Da und dort gähnt der von Regengüssen zerrissene, von Brombeersträuchen halbverdeckte Mund eines verlassenen Schachtes, wie der Krater eines erloschenen Vulkans. Die Luft ist mit Rauch geschwängert und lastet wie ein schwerer Mantel auf der Erde. Keine Vögel flattern lustig dahin, kein Insect schwärmt im Sonnenschein und seit Menschengedenken hat man einen Schmetterling hier nicht gesehen.

Falsche Schweiz! An ihren nördlichen Grenzen, da wo die Ausläufer der Berge sich in der Ebene verlieren, liegt zwischen zwei mageren Hügelketten das Gebiet, welches bis 1871 die »Rothe Wüste« hieß von der Farbe des eisenoxydreichen Bodens und welche jetzt »Stahlfeld« genannt wird.

Denke man sich eine fünf bis sechs Quadratmeilen große Fläche mit sandigem, dann und wann mit Gerölle untermischtem Boden, und so dürr und trostlos, wie etwa das vertrocknete Bett eines Meeres der Vorzeit. Um dieses Land zu erwecken, ihm Leben und Bewegung zu verleihen, hat die Natur so gut wie nichts gethan; dafür aber hat die Menschenhand mit einer Energie ohne Gleichen eingegriffen.

Auf der nackten steinichten Ebene sind binnen fünf Jahren achtzehn Arbeiterdörfer mit kleinen, gleichmäßig grauen, aus Chicago fix und fertig hierher geschafften Häusern emporgewachsen, die eine Schaar kräftiger Arbeiter bergen.

Im Mittelpunkt dieser Ansiedlungen, am Fuße der Coal-Butts, jener unerschöpflichen Steinkohlen-Gebirge, erhebt sich eine ungeheure, düstere, fremdartige Masse, eine Anhäufung regelmäßiger Gebäude mit symmetrisch angeordneten Fenstern, bedeckt mit rothen Dächern und überragt von einem Wald cylindrischer Schornsteine, welche aus tausend Schlünden rußige Wolken aushauchen. Der Himmel erscheint nur wie hinter einem schwarzen Vorhang, den manchmal röthliche Blitze durchzucken. Der Wind trägt von hier ein rollendes Geräusch weiter, das etwa entferntem Donner oder dem Rauschen der hohlen See vergleichbar ist. Alles dieses zusammen ist »Stahlstadt«, die deutsche Stadt, das persönliche Besitzthum des Herrn Schultze, des Ex-Professors der Chemie von Jena, der durch die Millionen der Begum zum größten Eisen-Industriellen und speciell zum berühmtesten Kanonengießer der ganzen Erde geworden ist.

Er fertigt solche von jeder Form und jedem Kaliber, mit glatter oder gezogener Seele, mit beweglicher oder fester Culasse, für Rußland und die Türkei, für Rumänien und Japan, vor Allem aber für Deutschland. Dank der Macht eines enormen Kapitals, erwuchs hier ein Riesen-Etablissement, eine wirkliche Stadt und gleichzeitig Musterwerkstatt wie durch Zauberschlag aus der Erde. 30.000 Arbeiter, meist geborne Deutsche, siedelten sich rings um dieselbe an und bildeten dadurch deren Vorstädte. Binnen wenigen Monaten schon eroberten sich die Erzeugnisse dieser Anstalt durch ihre allseitigen Vorzüge die ausgedehnteste Anerkennung.

Professor Schultze gräbt das Eisenerz und die Steinkohle aus seinen eigenen Bergwerken. Auf Ort und Stelle wandelt er das erstere in Gußstahl um. Auf Ort und Stelle macht er daraus Kanonen.

Was keiner seiner Concurrenten auszuführen vermöchte, das war ihm ein Leichtes. In Frankreich gewinnt man Stahlbarren von 40.000 Kilogramm; in England hat man eine schmiedeeiserne Kanone von hundert Tonnen Gewicht hergestellt; Krupp in Essen liefert Gußstahlblöcke von 500.000 Kilogramm. Herr Schultze kennt keine Grenzen; verlangt von ihm eine Kanone von ganz beliebigem Gewicht und der außergewöhnlichsten Wirkung, er wird sie herstellen, glänzend wie ein Geldstück aus der Münze und in der bedungenen Frist.

Aber – er läßt sich auch dafür bezahlen! Es scheint, als hätten die 250 Millionen von 1871 nur seinen Appetit gereizt.

In der Kanonen-Industrie, wie überhaupt in allen anderen Dingen steht man groß da, wenn man das kann, was die Anderen nicht vermögen. Hier verdient auch hervorgehoben zu werden, nicht nur, daß Herrn Schultze’s Kanonen früher nie dagewesene Dimensionen erreichten, sondern daß sie, wenn durch den Gebrauch bei ihnen von einer Abnützung überhaupt die Rede sein konnte, doch jedenfalls niemals zersprangen. Das Material von Stahlstadt scheint ganz besondere Eigenschaften zu besitzen. Man erzählt sich über diesen Punkt von mancherlei unbekannten Zuschlägen, von chemischen Geheimnissen. Sicher ist jedoch nur, daß hierüber Niemand etwas Verläßliches kennt.

Man weiß nur, daß in Stahlstadt das Fabrikations-Verfahren mit eifersüchtiger Strenge geheim gehalten wird.

In diesem von Wüsten umgebenen, von der Welt durch einen Wall von Bergen abgeschlossenen und fünfhundert Meilen von den nächsten kleinen Ansiedlungen entfernten Winkel Nordamerikas würde man freilich vergeblich eine Spur jener Freiheit suchen, welche die Macht der Vereinigten Staaten begründet hat.

Wer etwa bis unter die Mauern von Stahlstadt kommt, der versuche ja nicht, eines der massiven Thore zu passiren, die von Strecke zu Strecke die Linie von Gräben und Festungswerken unterbrechen. Der Wachposten würde Jeden ohne Widerrede zurückweisen. Nach Stahlstadt gelangt man nur mit Hilfe einer geheimen Formel, eines Feldgeschreies oder zum mindesten einer gestempelten, unterzeichneten und in aller Ordnung ausgestellten Erlaubnißkarte.

Diese Erlaubniß besaß offenbar ein junger Arbeiter, der an einem November-Morgen in der Stahlstadt ankam, denn nach Zurücklassung eines alten, abgenützten ledernen Mantelsacks begab er sich nach dem nächsten Thore von dem Dorfe aus.

Es war ein großer, starkknochiger Mensch, nachlässig gekleidet, im Schnitte der amerikanischen Pioniere. Mit einem lockeren Matrosenkittel, einem wollenen Hemd ohne Kragen und mit Streifen besetzten Beinkleidern, die er in die großen Stiefeln gesteckt hatte. Ueber das Gesicht drückte er einen groben Filzhut tief herein, als wollte er den auf der Haut angesammelten Kohlenstaub verbergen, und schritt elastischen Schrittes dahin, während er ein Liedchen in den braunen Bart pfiff.

An der Pforte angekommen, überreichte der junge Mann dem Wachthabenden ein gedrucktes Blatt und ward sofort eingelassen.

»Ihre Ordre ist ausgestellt an Werkmeister Seligmann, Section K, Straße neun, Atelier siebenhundertdreiundvierzig, sagte der Unterofficier. Sie haben nur dem Wege längs der Umfassung, hier rechter Hand bis zur Marke K zu folgen und sich dort dem Pförtner vorzustellen… Sie kennen die Fabriksordnung?… Sie sind entlassen, wenn Sie eine andere Section als die Ihrige betreten!« fügte er in dem Augenblicke hinzu, als der neue Ankömmling sich schon entfernte.

Der junge Arbeiter folgte der ihm bezeichneten Richtung und schlug den Weg längs der Umwallung ein. Zu seiner Rechten zog sich ein Graben hin und auf dem Erdaufwurf vor demselben wandelten Wachen auf und ab. Zur Linken, zwischen dem breiten Rundwege und einer Menge von Gebäuden, zeigte sich zunächst das Doppelgeleis einer Gürteleisenbahn; dahinter erhob sich noch eine zweite Mauer, ähnlich der äußeren, woraus die Gestalt von Stahlstadt leicht zu erkennen war.

Das Etablissement bildete nämlich einen Kreis, der strahlenförmig in einzelne, wiederum befestigte Sectoren zerfiel, welche von einander gänzlich unabhängig waren, außer daß sie Mauer und Graben gemeinschaftlich umschlossen.

Der junge Arbeiter fand bald am Rande des Weges die Marke K vor einem großartig angelegten Thore, an dessen Wölbung derselbe Buchstabe wiederum in Stein gehauen zu sehen war, und stellte sich hier dem Pförtner vor.

Dieses Mal hatte er es nicht mit einem Soldaten zu thun, sondern sah einen Invaliden mit hölzernem Bein und ordengeschmückter Brust vor sich.

Der Invalide prüfte seinen Schein und versah denselben wiederum mit einem Stempel,

»Alles in Ordnung, sagte er darauf, die neunte Straße linker Hand.«

Der junge Mann passirte die zweite befestigte Linie und befand sich nun in dem Sector K; die an dem Thore auslaufende Straße bildete dessen Achse. Nach beiden Seiten erstreckten sich rechtwinkliche lange Reihen von Baulichkeiten.

Das Getöse der Maschinen wurde nach und nach betäubend. Diese grauen, von hundert Fenstern durchbrochenen Gebäude glichen eher lebenden Ungeheuern als todten Massen. Der neue Ankömmling schien mit einem derartigen Anblick indeß schon vertraut zu sein, denn die Umgebung erregte offenbar seine Aufmerksamkeit nicht sonderlich.

In fünf Minuten befand er sich in der neunten Straße, Atelier siebenhundertdreiundvierzig und gelangte hier zunächst in einem kleinen Comptoir voller Cartons und Verzeichnisse zu dem Werkmeister Seligmann.

Letzterer nahm den mit allen Bescheinigungen versehenen Zettel des jungen Mannes entgegen und sah diesen nachher wie prüfend an.

»Als Puddler engagirt? sagte er. Sie scheinen mir noch ziemlich jung zu sein?

– Das Alter thut wohl nichts zur Sache, erwiderte jener. Ich zähle fast sechsundzwanzig Jahre und habe schon sieben Monate lang gepuddelt. Wenn Sie es wünschen, kann ich Ihnen meine Atteste vorlegen, auf welche hin ich in New-York von dem Chef des Personals angenommen wurde.«

Der junge Mann sprach zwar deutsch ziemlich geläufig, doch mit einem leichten Accent, der das Mißtrauen des Werkführers erweckte.

»Sind Sie etwa ein Elsäßer? fragte er.

– Nein, ich bin Schweizer … aus Schaffhausen. Bitte, hier meine Legitimations-Papiere.«

Er holte dabei ein ledernes Notizbuch aus der Tasche und zeigte dem Werkmeister einen Paß, ein Wanderbuch und andere Certificate.

»Schon gut, Sie sind einmal angenommen und ich habe Ihnen nur Ihren Platz anzuweisen!« erwiderte Seligmann, beruhigt durch jene amtlichen Zeugnisse.

Er schrieb den Namen Johann Schwartz in ein Register, machte auf den Annahmeschein eine zugehörige Bemerkung, lieferte dem jungen Manne eine blaue Karte mit seinem Namen und der Nummer 57.938 aus und fügte hinzu:

»Sie haben sich jeden Morgen um sieben Uhr am Thore K einzustellen, zeigen diese Karte vor, ohne welche Sie auch die äußere Umfassung nicht passiren dürfen, nehmen sich dann von dem Gestell in der Thorstube eine Marke mit Ihrer Matrikelnummer und zeigen mir diese beim Eintreten vor. Um sieben Uhr Abends, wenn Sie wieder weggehen, werfen Sie dieselbe an der Thüre des Ateliers in die Büchse, deren Einwurf nur zu dieser Zeit offen ist.

– Ich weiß schon davon… kann man hier im Etablissement wohnen? fragte Schwartz.

– Nein, ein Unterkommen müssen Sie sich in der Umgebung suchen; dagegen können Sie aus der Arbeiterküche des Ateliers um billigen Preis ein Mittagsmahl erhalten. Ihr Lohn beträgt anfänglich einen Dollar per Tag. Er steigt jedes Vierteljahr um zwanzig Procent… für Vergehen giebt es nur eine Strafe, die Entlassung. Sie wird von mir in erster Instanz ausgesprochen, im Falle des Einspruchs durch den Ingenieur bestätigt oder verworfen. Fangen Sie schon heute an?

– Warum nicht?

– Das wäre nur ein halber Arbeitstag!« bemerkte Seligmann, während er Schwartz durch einen Gang hinführte.

Beide überschritten einen weiten Hof und kamen in eine geräumige Halle, welche ihrer Ausdehnung und der Anordnung ihres Sparrenwerkes nach der Personenhalle eines großen Bahnhofes ähnelte. Als Schwartz dieselbe überblickte, konnte er sich eines Gefühls von Erstaunen doch nicht ganz erwehren.

An jeder Seite dieses langen Raumes erhoben sich zwei Reihen gewaltiger runder Säulen ,die dem Durchmesser und der Höhe nach denen von St. Peter in Rom entsprachen, von der Erde bis zu der verglasten Dachwölbung, über welche sie hinausragten. Das waren die Kamine ebensovieler Puddelöfen, welche an deren Basis aufgemauert standen. Jede Reihe zählte fünfzig solcher Oefen.

An dem einen Ende kamen fortwährend Locomotiven an, welche mit Gußeisenzainen beladene Wagen zur Speisung jener Oefen heranschleppten. Am anderen Ende nahmen leere Wagenzüge das in Stahl verwandelte Gußeisen zur Weiterbeförderung wieder auf.

Durch die Operation des Puddelns wird diese Umwandlung bewirkt. Viele Rotten halbnackter Cyklopen mit langen eisernen Haken verrichteten diese Arbeit.

Die Roheisenzaine wurden in einem mit Schlackenmantel umgebenen Ofen stark erhitzt. Um Schmiedeeisen zu erhalten, würde man diese Gußstücke sogleich umzurühren (d. i. zu puddeln) beginnen, sowie die Masse teigig geworden ist. Um aber Stahl, d. h. jenes Eisencarbonat, das jenem zwar verwandt, aber doch bestimmt verschieden von ihm ist, zu erzielen, wartet man die völlige Schmelzung des Gußeisens ab und treibt die Hitze in den Oefen dann noch höher hinauf. Der Puddler rührt und schaufelt die metallische Masse dann nach allen Seiten um, dreht und wendet sie inmitten der Flamme; wenn sie dann durch Vermischung mit gewissen Zuschlägen einen gewissen Grad von Widerstandsfähigkeit erlangt hat, trennt er sie in vier Klumpen oder »Luppen«, die er einzeln an die Hammergehilfen abgiebt.

Die weitere Bearbeitung erfolgt nun in der Mittellinie des Saales. Vor jedem Ofen befindet sich daselbst nämlich ein entsprechender Stampfhammer, der durch den Dampf eines stehenden, in oben erwähnten Kaminen angebrachten Kessels bewegt und von einem Zängemeister geleitet wird. Vom Kopf bis zu den Füßen mit Stiefeln und Kamaschen von Eisenblech ausgerüstet, geschützt durch ein Schurzfell aus dickem Leder und von einer metallenen Maske verhüllt, erfaßte dieser Kürassier der Industrie die glühende Luppe mit seiner langen Zange und brachte sie unter den Hammer. Bei den wiederholten Schlägen dieser enormen Masse spie jene unter einem Regen glänzender Funken und brennender Eisentheilchen die in ihr enthaltenden Verunreinigungen, wie ein gedrückter Schwamm das Wasser, nach allen Seiten aus.

Darauf gab sie der Zängemeister den Gehilfen zurück, die sie zur Wiedererhitzung nach dem Ofen schleppten, von dem aus sie dann noch einmal mit dem gewaltigen Hammer bearbeitet wurde.

In der ungeheuren Schmiede herrschte eine ewige Bewegung, liefen die endlosen Riemen über ihre Scheiben, dröhnten die dumpfen Schläge, krachte das Feuerwerk der bearbeitenden Eisenmassen und blendete die Weißgluth der zahlreichen Oefen. Inmitten dieses Gedonners und Gebrauses erschien der Mensch nur wie ein Kind gegenüber den leblosen Massen, die er hier beherrschte.

Es sind gar stämmige Burschen, diese Puddlers! So mit allen Kräften das Eisen zu kneten, bei der sengenden ausdörrenden Hitze immer Metallmengen von je einigen Centnern zu behandeln, das Auge stundenlang der brennenden Gluth zuzuwenden, das ist eine gar harte Arbeit, die ihren Mann in eehn Jahren aufreibt.

Schwartz legte, um dem Werkmeister zu zeigen, daß er derselben wohl gewachsen wäre, den Kittel und das Wollenhemd ab, wobei sein athletischer Bau und seine kräftigen Muskeln sichtbar wurden, ergriff eine Rührstange, mit der eben ein Anderer gepuddelt hatte, und setzte diese Arbeit fort.

Da der Werkmeister sah, daß er die Sache kannte, so überließ dieser ihn sich selbst und kehrte nach seinem Bureau zurück.

Der junge Mann strengte sich bis zur Mittagszeit tüchtig an. Ob er aber seine Kräfte dabei zu heftig in Anspruch genommen und es an diesem Morgen versäumt hatte, ein für solche Arbeit unbedingt nöthiges nahrhaftes Frühstück zu sich zu nehmen, jedenfalls bemerkte man, daß er ermüdet und schwach wurde, was dem Rottenführer denn auch bald genug auffiel.

»Sie sind nicht zum Puddler geschaffen, mein Junge, sagte er, und würden besser thun, sich bei Zeiten eine andere Stellung auszubitten, da man Ihnen später einen Wechsel nicht mehr zugestehen würde.«

Schwartz protestirte. Es sei das nur eine vorübergehende Schwäche… er könne puddeln so gut wie ein Anderer!…

Der Rottenführer erstattete trotzdem seinen Bericht und der junge Mann wurde sofort zum Oberingenieur des Werkes berufen.

Dieser musterte seine Papiere auf’s Neue, zuckte die Achseln und fragte mit dem Tone eines Untersuchungsrichters:

»Sind Sie in Brooklyn Puddler gewesen?«

Schwartz senkte verwirrt die Augen nieder.

»Ich sehe wohl, daß ich Ihnen die Wahrheit sagen muß, antwortete er. Ich war nur beim Hochofen angestellt und wollte das Puddeln versuchen, weil das einen höheren Lohn abwirft.

– Da ist doch der Eine wie der Andere! erwiderte achselzuckend der Ingenieur, Sie wollen mit fünfundzwanzig Jahren leisten, was ein Dreißigjähriger nur ausnahmsweise auszuführen im Stande ist!… Sind Sie wenigstens ein guter Gießer?

– Ich war zwei Jahre lang in der ersten Classe.

– Dann thäten Sie besser, in dieser Stellung zu bleiben! Hier werden Sie erst in der dritten Classe wieder anfangen können und dürfen noch von Glück sagen, daß ich Ihnen den Uebertritt in einen anderen Sector erleichtere.«

Der Ingenieur schrieb einige Worte auf einen Passirschein, sendete eine Depesche ab und sagte:

»Geben Sie Ihre Marke zurück, verlassen Sie diese Abtheilung und verfügen Sie sich geraden Weges nach dem Bureau des Oberingenieurs im Sector O. Jener ist von der Sachlage unterrichtet.«

Dieselben Förmlichkeiten, welche Schwartz an dem Thore des Sectors K aufgehalten hatten, empfingen ihn auch am Sector O, Ganz wie am Morgen wurde er hier ausgefragt, aufgenommen und an den Abtheilungs-Werkmeister gewiesen, der ihn in den Gießersaal einführte. Hier vollzog sich die Arbeit schweigsamer, womöglich aber noch methodischer.

»Hier sehen Sie nur die kleinere Abtheilung für den Guß der Zweiundvierzig-Pfünder, sagte der Werkmeister. In den Gießhäusern für Herstellung der großen Kaliber sind nur die Arbeiter erster Classe beschäftigt.«

Diese »kleine« Abtheilung hatte immerhin eine Länge von hundertfünfzig Meter bei fünfundsechzig Meter Breite. Sie diente nach Schwartz‘ Schätzung zur Erhitzung von mindestens sechshundert Schmelztiegeln, welche, je nach ihrer Größe, zu vier, acht oder zwölf in den Oefen an der Seite Platz fanden.

Die zur Aufnahme des geschmolzenen Stahles bestimmten Gießformen standen in der vertieften Längenachse der Galerie in einer Reihe hintereinander. An jeder Seite dieses Mittelgrabens erhob sich, auf einem Schienenstrange verschiebbar, ein mächtiger Krahn, dessen Construction jede mögliche Bewegung gestattete, so daß die gewaltigsten Gewichte an beliebiger Stelle durch denselben gehoben und versetzt werden konnten. Ebenso wie in den Puddelhäusern berührte auch hier je eine Eisenbahn das eine Ende der Galerie, wo dieser die Gußstahlblöcke zugeführt wurden, während eine andere vom entgegengesetzten Ende die aus den Formen hervorgegangenen Kanonen hinwegschaffte.

Neben jeder Gußform stand ein Aufseher mit einer Eisenstange, der die Temperatur des flüssigen Stahles in den Schmelztiegeln zu überwachen hatte.

Das ganze Verfahren, wie es Schwartz schon auch von anderen Orten her kannte, war hier zu höchster Vollkommenheit entwickelt.

Sollte zu einem Gusse verschritten werden, so benachrichtigte ein Glockensignal alle Betheiligten. Mit gleichmäßigen, strengbemessenen Schritten begaben sich die Arbeiter je zwei und zwei von gleicher Größe, eine Eisenstange wagrecht auf den Schultern tragend, nach dem Ofen.

Ein Rottenführer mit einer Schrillpfeife und die Secundenuhr in der Hand, stand in der Nähe der Gießform, welche möglichst in gleicher Entfernung von allen zu ihrer Füllung nöthigen Oefen angebracht war. Von jeder Seite derselben liefen Rinnen aus feuerbeständigem Lehm und mit Eisenblech überdeckt, in sanfter Neigung bis zu einer, direct über der Gußform befindlichen, trichterförmigen Vertiefung. Der Rottenführer pfiff. Sofort ward ein Schmelztiegel mittelst einer Zange aus dem Feuer gehoben und an die Eisenstange des dem Ofen zunächst stehenden Trägerpaares gehangen. Wieder ertönte die Pfeife in verschiedener Weise und die beiden Männer entleerten den Inhalt ihres Tiegels in die entsprechende Rinne. Dann warfen sie das noch hellglühende Gefäß in eine große Kufe.

Ohne Unterbrechung und in genau eingehaltenen Zeiträumen, um die völlige Gleichmäßigkeit des Gußstückes zu sichern, verfuhren alle Nachfolgenden in ganz derselben Weise.

Die hierbei beobachtete Präcision war eine so außerordentliche, daß der letzte Schmelztiegel genau auf das Zehntel der vorher berechneten Secunde ausgeleert und in die Kufe geworfen war. Der ganze Vorgang glich weit mehr der Wirkung eines blinden Mechanismus, als der zusammenfallenden Willensäußerung von hundert lebenden Wesen. Eine unverletzliche Disciplin, die Macht der Gewohnheit und der Einfluß, den eine tactmäßige Musik auf Jedermann ausübt, brachten dieses Wunder zu Stande.

Schwartz schien mit diesem Verfahren vertraut zu sein. Er wurde einem anderen Arbeiter von gleicher Größe zugestellt, probeweise bei einem minder bedeutenden Gußstücke beschäftigt und sofort als erfahrener, gewandter Gießer erkannt. Sein Rottenführer versicherte ihm schon am ersten Abend, daß er schnell vorwärts kommen werde.

Sobald er nach Schluß der Arbeit den Sector 0 und die äußere Umfassung der Fabrik verlassen, begab er sich nach dem Gasthause, seinen Mantelsack zu holen. Auf einem der Außenwege gelangte er dann bald nach einer schon am Morgen bemerkten Gruppe von Häusern, wo er bei einer braven Frau, welche »Kostgänger aufnahm«, geeignetes Unterkommen fand.

Nach dem Abendessen sah man den jungen Arbeiter nicht, wie es die Uebrigen zu thun pflegten, nach einer Brauerei wandern. Er schloß sich vielmehr in sein Zimmerchen ein und brachte aus der Tasche ein offenbar aus der Puddelhütte heimlich mitgenommenes Stückchen Stahl und ebenso eine kleine Menge feuerfesten Thones aus dem Sector O, welche er beim Scheine einer rußenden Lampe aufmerksam betrachtete.

Dann entnahm er dem Mantelsack ein großes, schwach eingebundenes Heft, durchblätterte dessen mit Bemerkungen, Formeln und Rechnungen bedeckte Blätter und schrieb das Nachfolgende in gutem Französisch, aus Vorsicht aber in einer ihm allein bekannten Geheimschrift nieder:

»10. November. – Stahlstadt. – Die Puddel-Methode hier ist ganz die gewöhnliche, nur bedient man sich, wohl zu bemerken, der von Chernoff empfohlenen und verhältnismäßig ziemlich niedrigen Temperaturen, sowohl bei der ersten Erhitzung als bei dem zweiten Feuer. Das Gießen betreibt man nach dem Vorgange Krupp’s in Essen, hält dabei aber auf eine wahrhaft wunderbare Gleichmäßigkeit der Ausführung. Diese Sicherheit in jedem Manöver muß man als die größte Starke der Deutschen anerkennen. Sie rührt offenbar von dem der ganzen germanischen Race angebornen musikalischen Gehör her. Die Engländer werden nie im Stande sein, eine solche Vollkommenheit zu erreichen, dazu fehlt ihnen das Ohr, wenn nicht gar der Geist der Disciplin. Die Franzosen, welche sich ja gern die ersten Tänzer der Welt nennen, müßten sich leicht in dieser Weise ausbilden können. Bisher habe ich also nichts Geheimnißvolles gesehen, dem man die ungeheuren Erfolge dieser Fabrikationsweise zuschreiben könnte. Die von mir beim Wandern durch das Gebirge gesammelten Erzmuster entsprechen unseren guten Eisensorten vollständig. Die Steinkohlen sind gewiß sehr schön und eignen sich für metallurgische Zwecke ganz vorzüglich, stehen aber sicher nicht einzig da in ihrer Art. Ohne Zweifel basirt Schultze’s Herstellungsmethode darauf, daß er nur Material der besten Qualität, frei von jeder fremden Beimischung, verwendet und auf die vollkommene Reinheit desselben achtet. Das Alles ist aber ohne Schwierigkeit nachzuahmen. Es gilt, um im Besitz aller Elemente des Problems zu sein, nur noch die Zusammensetzung des feuerbeständigen Thones zu untersuchen, der zu den Schmelztiegeln und Gußrinnen verwendet wird. Ist das erreicht und sind unsere Gießer erst in ähnlicher Weise disciplinirt, so sehe ich nicht ein, warum wir nicht dasselbe leisten sollten, was hier vollbracht wird. Bisher sah ich freilich nur zwei Sectoren und es giebt deren vierundzwanzig, ohne die Centralstelle, die Abtheilung für Pläne und Modelle, sozusagen das geheime Cabinet, zu rechnen. Worüber mag man dort wohl brüten? Was mag unseren Freunden bevorstehen, wenn ich an die Drohungen denke, die Herr Schultze bei Antritt seiner Erbschaft ausstieß?«

Erschöpft von den Anstrengungen des Tages, entkleidete sich Schwartz und schlüpfte in das kleine, so unbequeme Bett, wie es eben nur ein deutsches Bett sein kann – und das will viel sagen – zündete sich noch eine Pfeife an und begann in einem alten Buche zu lesen. Offenbar schwärmten seine Gedanken aber irgendwo anders umher. Zwischen seinen Lippen drängten sich unaufhörlich die leichten, duftenden Wölkchen hervor, als sagten sie wieder:

»Bah! Bah! Bah! Bah!…«

Am Ende legte er das Buch gänzlich weg und versank in tiefes Sinnen, als wäre er mit der Lösung eines schwierigen Problems beschäftigt.

»O, rief er plötzlich, und wenn es mit dem Teufel selbst zuginge, ich werde hinter Herrn Schultze’s Geheimniß kommen und zu erfahren wissen, was er gegen France-Ville im Schilde führt!«

Den Namen des Doctor Sarrasin auf den Lippen, schlummerte Schwartz ein, im Traume aber veränderte sich dieser zu dem Namen der kleinen Tochter des Arztes. Ungeschwächt bewahrte er die Erinnerung an das liebliche Mädchen, zumal da Jeanne, seit er sie verlassen, nun zur Jungfrau aufgeblüht sein mußte. Diese Erscheinung erklärt sich leicht durch die bekannten Gesetze der Ideenassociation: Der Gedanke an Doctor Sarrasin legte ja den an dessen Tochter ziemlich nahe und als Schwartz oder vielmehr Marcel Bruckmann erwachte und noch immer Jeannes Namen im Gedächtniß hatte, erstaunte er darüber nicht im mindesten, sondern erkannte nur eine Bestätigung der ausgezeichneten psychologischen Grundwahrheiten Stuart Mill’s.

Sechstes Capitel.


Sechstes Capitel.

Der Albrechts-Schacht.

Madame Bauer, die brave Frau, welche Marcel Bruckmann bei sich aufgenommen hatte, war eine Schweizerin von Geburt und die Witwe eines Bergmannes, der vor etwa vier Jahren durch einen jener Unfälle getödtet wurde, die dem Leben des Kohlengräbers den Charakter eines fortwährenden Kampfes verleihen. Das Etablissement gewährte ihr eine kleine jährliche Pension von dreißig Dollars, neben der sie ihr Leben noch durch den geringen Ertrag eines möblirt vermietheten Zimmers und den Lohn ihres Sohnes kärglich fristete, den dieser jeden Sonntag heimbrachte.

Obgleich erst dreizehn Jahre alt, war Karl doch schon in einer Kohlengrube angestellt, wo er beim Passiren der Kohlenwagen eine jener Luftthüren zu öffnen und zu schließen hatte, die zur Ventilation der Schächte unumgänglich nöthig sind, weil man durch dieselben dem Luftstrome eine beliebige Richtung anzuweisen vermag. Das von seiner Mutter ermiethete Häuschen lag zu entfernt vom Albrechts-Schacht, als daß er jeden Abend hätte dahin gehen können, deshalb hatte man ihm auch noch eine leichte nächtliche Beschäftigung in der Grube angewiesen, welche darin bestand, daß er sechs Pferde in ihrem unterirdischen Stalle zu bewachen und zu füttern hatte, während der Stallknecht nach Hause gegangen war.

Karls Leben verlief also fast ganz und gar fünfhundert Meter unterhalb der Erdoberfläche. Tagsüber stand er bei seiner Luftthüre auf Wache, des Nachts schlief er auf dem Stroh neben seinen Pferden. Nur Sonntags Morgens kehrte er einmal an das Licht zurück und konnte sich wenige Stunden an der Sonne, dem blauen Himmel und dem Lächeln der Mutter erfreuen.

Es liegt auf der Hand, daß er nach einer solchen Woche, wo er aus dem Schachte heraufkam, nicht gerade einem »schmucken jungen Manne« glich. Er ähnelte weit mehr einem Berggeiste der Zauberstücke, einem Ofenkehrer oder einem Papua-Neger. Frau Bauer verwendete dann viel Zeit darauf, ihn unter Verschwendung von warmem Wasser und von Seife erst wieder menschlich zu gestalten. Hierauf legte er den Sonntagsstaat aus grobem grünen Tuche an, ein Ueberbleibsel der väterlichen Nachlassenschaft, den die Mutter aus dem großen Weidenholzschranke hervorholte, um dann ihren Knaben, den sie nun für den schönsten der ganzen Welt hielt, bis zum Abend mit selbstzufriedener Zärtlichkeit zu bewundern.

Von seiner Kohlenstaubschichte befreit, war Karl eben nicht häßlicher als irgend ein Anderer. Seine blonden Seidenhaare und die blauen sanften Augen paßten recht gut zu dem auffallend weißen Teint, doch war sein Körper für das Alter von dreizehn Jahren zu klein. Das sonnenlose Leben machte ihn ebenso blutarm, wie eine im Keller wachsende Pflanze, und wahrscheinlich hätte Doctor Sarrasin’s Blutkügelchen-Zähler bei dem jungen Bergmanne eine viel zu geringe Menge dieser Organismusmünze ergeben.

Im Uebrigen erschien das Kind schweigsam, ruhig, sogar phlegmatisch, ließ aber doch ein wenig von dem Stolze durchblicken, den das Gefühl fortwährender Gefahr, der Gewohnheit regelmäßiger Arbeit und der Selbstbefriedigung über die besiegten Schwierigkeiten so leicht jedem Bergmanne verleiht.

Sein größtes Glück fand er darin, neben der Mutter an dem großen viereckigen Tische zu sitzen, der die Mitte der niedrigen Stube einnahm, und auf einem Carton eine Menge abscheulicher Insecten zu befestigen, die er aus den Eingeweiden der Erde mit heraufgebracht hatte. Die Wärme und gleichmäßige Atmosphäre der Minen erzeugen eine den Naturforschern nur wenig bekannte Fauna, ebenso wie die feuchten Steinkohlenwände eine seltsame Flora von Moosen, unbeschriebenen Pilzen und amorphen Gebilden aufweisen. Der Ingenieur Maulesmülhe, ein Liebhaber der Entomologie, hatte das bald entdeckt und Karl für jede neue Species, von der er ihm, wenn auch nur ein Exemplar verschaffte, einen halben Laubthaler versprochen. Diese goldene Aussicht verlockte den Knaben zuerst dazu, alle Winkel seiner Grube zu durchsuchen, und machte am Ende aus ihm selbst einen Sammler, so daß er nun auch Insecten zum eigenen Vergnügen einfing.

Dabei beschränkte er seine Liebhaberei nicht allein auf Spinnen und Asseln. Er unterhielt in seiner Einsamkeit auch sehr freundschaftliche Beziehungen mit zwei Fledermäusen und einer Feldratte. Seinen Reden nach waren diese drei Thiere die gescheitesten und hübschesten der Erde, jedenfalls verständiger als seine Pferde mit den langen weichen Haaren und der prächtigen Mähne, von denen Karl übrigens nur mit Bewunderung sprach.

Da war vorzüglich Blair-Athol, der Erste des Stalles, ein alter Philosoph, der vor sechs Jahren fünfhundert Meter unter die Oberfläche des Meeres hinabgekommen war und niemals das Licht des Tages wiedergesehen hatte. Jetzt litt das Thier fast an völliger Blindheit. Wie genau kannte es aber sein unterirdisches Terrain! Wie wußte es sich nach rechts und links zu drehen, wenn es seinen Wagen dahinzog, ohne sich je um einen Schritt zu verirren! Wie sicher hielt es vor den Luftthüren in richtiger Entfernung an, um den nöthigen Raum zur Oeffnung derselben frei zu lassen! Wie freundlich wieherte es Morgens und Abends zur bestimmten Minute, wenn ihm sein wohlverdientes Futter gereicht wurde! Und es war so gut, so anhänglich und zärtlich!

»Ich versichere Dir, Mutter, daß es mir wirklich einen Kuß giebt, indem es mit dem Backen an meine Wange streicht, wenn ich ihm mit dem Kopfe nahe komme, sagte Karl. Und Du kannst Dir vorstellen, wie bequem es ist, daß Blair-Athol die Uhr so genau im Kopfe hat. Ohne ihn würden wir die ganze Woche über nicht wissen, ob es Nacht oder Tag, Abend oder Morgen ist!«

So plauderte das Kind und Frau Bauer lauschte ihm mit Wohlgefallen. Sie liebte Blair-Athol schon deshalb, weil ihm ihr Sohn gewogen war, und ermangelte bei Gelegenheit nicht, ihm das auch durch ein mitgesendetes Stückchen Zucker zu beweisen. Was hätte sie nicht darum gegeben, diesen alten treuen Diener, den ihr Mann schon gekannt hatte, einmal zu sehen und gleichzeitig die Stelle zu besuchen, wo der Leichnam des armen Bauer nach der Explosion schwarz wie Tinte und verkohlt von den schlagenden Wettern aufgefunden worden war… Frauen hatten aber keinen Zutritt zur Grube und sie mußte sich also mit den oft wiederholten Beschreibungen ihres Sohnes begnügen.

Ach, sie kannte sie sehr gut, diese Grube, diesen schwarzen Schlund, aus dem ihr Mann nicht wieder zurückgekehrt war! Wie oft hatte sie an der gähnenden Mündung von achtzehn Fuß Durchmesser gewartet und war längs der Schachtmauer dem doppelten Gestelle aus Eichenholz gefolgt, in dem die Butten an ihrem über die stählernen Blockrollen gelegten Kabel auf und ab liefen oder hatte sie an der äußeren Umplankung das Maschinenhaus, das Stübchen des Stemplers und alles Andere besucht, was sich sonst hier noch vorfand! Wie oft wärmte sie sich früher an dem unausgesetzt glühenden Feuer des ungeheuren Eisenkorbes, an dem die Bergleute, wenn sie aus dem Abgrunde emporsteigen, ihre Kleidung trockneten und die ungeduldigen Raucher ihre Pfeifen anzündeten! Wie vertraut war sie mit dem Lärmen und der Thätigkeit dieser höllischen Pforte! Die Schaffner, welche die mit Kohlen beladenen Wagen in Empfang nahmen, die Gestängarbeiter, die Ausleser und Wäscher, die Mechaniker und Heizer, sie hatte Alle wiederholt gesehen und kennen gelernt.

Niemals erblickte ihr Auge aber, und doch sah sie es so lebhaft vor sich, wenn auch nur durch das Auge des Herzens, was da in der Tiefe vorging, wenn die Butte mit ihrer Menschenlast, darunter früher ihr Mann und jetzt ihr einziges Kind, im schwarzen Abgrund verschwunden war.

Sie hörte die Stimme und das Gelächter der Leute, wie es allmälig schwächer wurde und endlich ganz verstummte. Sie folgte in Gedanken diesem Käfige, der sich in den engen lothrechten Schacht hinabsenkte – fünf- bis sechshundert Meter, viermal so tief wie die Höhe der größten Pyramide – sie sah ihn dann endlich am Ziele ankommen und die Männer sich beeilen, den Erdboden zu betreten.

Dann zerstreuten sich diese in der unterirdischen Stadt nach allen Seiten; die Karrenläufer suchten ihre Wagen auf; die Häuer mit der Eisenhaue, von der sie ihren Namen haben, wanderten nach dem Kohlenflötze, das man eben in Arbeit hatte; die Ausfüller sorgten dafür, die leeren Gänge, aus denen die mineralischen Schätze geraubt waren, wieder mit festen Massen auszusetzen; die Zimmerer errichteten die Gerüste zur Unterstützung der nicht ausgemauerten Stollen; die Geleisarbeiter besserten an den Wegen aus oder legten Schienen; die Maurer wölbten Gange…

Eine Centralgalerie geht von dem Schachte aus und endet wie ein breiter Fahrweg an einem anderen, drei bis vier Kilometer entfernten Schachte. Von dieser strahlen rechtwinklig Seitenstollen aus und an diesen wieder parallel mit der ersten die Gänge dritter Ordnung. Zwischen diesen Wegen erheben sich Mauern oder Pfeiler, entweder aus Kohle oder aus Felsgestein, Alles ist regelmäßig, viereckig solid und – schwarz!…

Und in diesem Labyrinth von Straßen gleicher Länge und Breite arbeitete eine ganze Armee halbnackter Bergleute, plaudernd bei dem Schimmer ihrer Sicherheitslampen.

Das war das Bild, welches Frau Bauer sich so häufig vor Augen führte, wenn sie allein und gedankenvoll am Kamine saß.

Unter diesen sich kreuzenden Stollen allen kannte sie vorzüglich einen genau, jedenfalls besser als alle Anderen, den nämlich, dessen Thür ihr kleiner Karl den Tag über öffnete und wieder verschloß. Wenn dann der Abend kam, stieg die Tagesschicht wieder empor, um von der Nachtschicht abgelöst zu werden. Ihr Sohn aber nahm nicht mit in der Kufe Platz. Er begab sich nach dem Stalle, zu seinem Liebling Blair-Athol, besorgte diesem das nöthige Futter an Hafer und seine Provision an Heu; dann verzehrte er selbst sein kaltes Abendbrot, das ihm von oben her zugeschickt wurde, spielte ein wenig mit der großen Ratte, die unbeweglich ihm zu Füßen saß, oder mit den beiden Fledermäusen, welche schwerfällig um sein Haupt flatterten, und schlummerte endlich auf dem ärmlichen Strohlager friedlich ein.

Wie genau wußte Frau Bauer das Alles und wie verstand sie jedes Wort von ihrem Karl, noch bevor er es ganz ausgesprochen hatte.

»Weißt Du, Mutter, was mir gestern der Herr Ingenieur Maulesmülhe sagte? Er sagte, wenn ich auf einige arithmetische Fragen, die er in den nächsten Tagen an mich richten würde, gute Antworten gäbe, so wolle er mich verwenden, die Maßkette zu halten, wenn er mit seiner Boussole Grubenpläne aufnähme. Es scheint, man will einen Stollen nach dem Weberschacht durchschlagen und es wird Mühe kosten, diesen genau zu treffen.

– Wirklich, rief Frau Bauer hocherfreut, der Herr Ingenieur Maulesmülhe hat das gesagt!«

Sie stellte sich schon vor, wie ihr Knabe in den Stollen die Kette hielt, während der Ingenieur mit dem Notizbuche in der Hand die Maße eintrug und das Auge auf die Boussole gerichtet, den Winkel für den Durchschlag bestimmte.

»Leider, fuhr Karl fort, weiß ich Niemand, der mir erklären könnte, was ich von der Arithmetik noch nicht kenne, und ich fürchte, jene Fragen schlecht zu beantworten.«

Jetzt mischte sich Marcel, der am Kamin schweigend sein Pfeifchen rauchte, wozu ihn seine Eigenschaft als Pensionär des Hauses berechtigte, in das Gespräch und sagte zu dem Kinde:

»Wenn Du mir mittheilen willst, was Dir fehlt, so könnte ich Dir wohl aus der Noth helfen.

– Sie? bemerkte Frau Bauer etwas ungläubig.

– Gewiß, erwiderte Marcel. Glauben Sie denn, ich lernte gar nichts bei dem Unterricht, den ich Abends nach dem Essen besuche? Der Lehrer ist mit mir recht zufrieden und meint, ich könnte ihm vielleicht zur Aushilfe und zum Wiederholen dienen.«

Marcel holte darauf aus seinem Zimmer ein noch leeres Schreibheft, setzte sich neben den kleinen Knaben, unterrichtete sich über die Lücken in dessen Kenntnissen und setzte ihm Alles mit so großer Klarheit auseinander, daß dieser darin nicht die geringsten Schwierigkeiten fand.

Von diesem Tage ab erwies Frau Bauer ihrem Pensionär offenbar eine größere Achtung und Marcel faßte mehr und mehr Zuneigung zu seinem kleinen Kameraden.

Er selbst erwies sich übrigens als musterhafter Arbeiter und wurde deshalb bald in die zweite und nach kurzer Zeit zur ersten Classe versetzt. Jeden Morgen Punkt sieben Uhr fand er sich am Thore O ein. Alle Abende begab er sich nach dem Essen zum Unterricht, den der Ingenieur Trubner ertheilte. Geometrie, Algebra, Figuren- und Maschinenzeichnen, Alles erfaßte er mit gleichem Eifer und machte darin so schnelle Fortschritte, daß der Lehrer darüber erstaunte. Nach zweimonatlichem Verweilen in dem Schultze’schen Werke war der junge Arbeiter schon als einer der hellsten Köpfe nicht nur im Sector O, sondern in ganz Stahlstadt vorgemerkt. Der am Schlusse des ersten Vierteljahres von seinem unmittelbaren Vorgesetzten erstattete Bericht über ihn lautete wörtlich:

»Schwartz (Johann), 26 Jahr, Gießer erster Classe. Ich fühle mich verpflichtet, den jungen Mann der Centralleitung als außergewöhnlich befähigt zu empfehlen ebenso wegen seiner theoretischen Kenntnisse wie wegen hervorragender praktischer Geschicklichkeit und besonderer Erfindungsgabe.«

Nichtsdestoweniger bedurfte es einer ganz außerordentlichen Veranlassung, um Marcel die Aufmerksamkeit seiner Chefs zu sichern. Diese Gelegenheit bot sich denn auch, wie dies ja früher oder später immer zu geschehen pflegt, hier leider unter sehr betrübenden Umständen.

Marcel bemerkte eines Sonntags Morgens mit Verwunderung, seinen kleinen Freund Karl noch nicht gesehen zu haben, obwohl schon zehn Uhr vorüber war, und er ging deshalb zu Frau Bauer hinab, um zu fragen, ob sie den Grund dieser Verzögerung kenne. Er fand Letztere in großer Unruhe. Schon seit zwei Stunden hätte Karl zu Hause sein müssen. Da er ihre Sorge kannte, erbot er sich, Erkundigungen einzuziehen, und begab sich also nach dem Albrechts-Schacht.

Unterwegs begegnete er mehreren Bergleuten, welche er fragte, ob sie den Knaben gesehen hätten. Alle verneinten das, wechselten mit ihm das gewohnte: »Glück auf!« und Marcel setzte seinen Weg fort.

So kam er gegen elf Uhr nach dem Albrechts-Schachte selbst. Hier herrschte jetzt vollkommene Ruhe im Gegensatze zu dem geschäftigen Treiben der Werktage. Höchstens plauderte eine junge »Modistin« – so nannten die Bergleute scherzweise die Kohlensortirerinnen – mit dem Stempler, den seine Pflicht selbst an Feiertagen an der Mündung des Schachtes zurückhielt.

»Haben Sie den kleinen Karl Bauer, Nummer 41.902 herauskommen sehen?« fragte Marcel den Beamten.

Der Mann prüfte seine Liste und schüttelte den Kopf.

»Hat das Werk noch einen anderen Ausgang?

– Nein, das hier ist der einzige, antwortete der Stempler. Der Durchschlag nach Norden ist noch nicht vollendet.

– So ist der Junge noch unten?

– Jedenfalls, und das ist eigenthümlich, denn des Sonntags haben nur die fünf Extrawächter in der Grube zu bleiben.

– Darf ich hinabsteigen, um nachzusehen?a name=“page86″ title=“Mallorca/JWE“ id=“page86″/>

–Nicht ohne Erlaubniß.

– Es könnte sich ja ein Unfall ereignet haben, sagte da die Modistin.

– Des Sonntags ist kein Unfall möglich.

– Ich muß aber wissen, was mit dem Kinde geschehen ist, fuhr Marcel fort.

– Wenden Sie sich an den Maschinenmeister, dort im Bureau… wenn er überhaupt da ist…«

In vollem Sonntagsstaate mit einem Hemdkragen so steif wie Weißblech, hatte sich der Maschinenmeister bei Abschluß seiner Rechnungen zum Glück etwas verspätet. Als einsichtiger, gefühlvoller Mann konnte er der Sorge Marcels gegenüber nicht theilnahmslos bleiben.

»Wir wollen nachsehen, was geschehen ist!« sagte er.

Der diensthabende Mechaniker erhielt Befehl, sich fertig zu halten, und jener schickte sich an, mit dem jungen Arbeiter in die Grube anzufahren.

»Haben Sie keine Galibert’schen Apparate? fragte der Letztere. Sie könnten uns von Nutzen sein.

– Richtig, man weiß nie, was da in der Tiefe passirt.«

Der Maschinenmeister nahm aus einem Schranke zwei Gefäße, ähnlich den Zinkbehältern, wie sie die »Coco«-Verkäufer in Paris auf dem Rücken tragen. Das waren zwei Metallkisten mit comprimirter Luft, welche mit den Lippen durch zwei Kautschukrohre mit Hornmundstück, das man zwischen die Zähne nimmt, in Verbindung gesetzt werden. Man füllt sie mit Hilfe besonderer Gebläse und sie sind so eingerichtet, daß sie sich vollständig entleeren können. Schließt man nun die Nase durch eine hölzerne Klammer, so kann man, versorgt mit diesem Vorrath an Luft, straflos in einer unathembaren Atmosphäre verweilen.

Nach Beendigung dieser Vorbereitungen stiegen der Maschinenmeister und Marcel in die Butte ein, das Tau glitt über die Rollen und die Hinabfahrt begann. Beleuchtet von zwei kleinen elektrischen Lampen, plauderten Beide, während sie in die Eingeweide der Erde versanken.

»Für einen Neuling in dieser Fahrt sieht man Ihnen eben nicht viel Furcht an, sagte der Meister. Ich habe genug Leute getroffen, die sich entweder gar nicht dazu entschließen konnten, mit anzufahren, oder die sich wenigstens wie Kaninchen in die Ecke des Fahrstuhles verkrochen.

– Wäre das möglich? antwortete Marcel. Mir thut es ganz und gar nichts. Freilich bin ich schon zwei- oder dreimal in Kohlengruben mit angefahren.«

Man langte bald im Grunde des Schachtes an. Ein Wächter, der sich an der Schachtsohle befand, hatte den kleinen Karl nicht bemerkt.

Im Stalle standen die Pferde allein und schienen sich von ganzem Herzen zu langweilen. Das mußte man wenigstens aus dem freudigen Wiehern schließen, mit dem Blair Athol die drei Ankömmlinge bewillkommte. An einem Nagel hing hier Karls Leinentasche und in einer Ecke, neben einer Striegel, sein Arithmetikheft.

Marcel bemerkte sofort, daß die Laterne nicht an ihrer Stelle war ein weiterer Beweis, daß das Kind in der Grube sein müsse.

»Er müßte irgendwo verschüttet worden sein, sagte der Maschinenmeister, doch das ist kaum anzunehmen. Was hätte er auch in den Strecken zu thun, wo jetzt Kohle gebrochen wird, heute an einem Sonntage?

– O, vielleicht suchte er nach Insecten, bevor er auffahren wollte, erwiderte der Wächter, denn dafür hatte er eine wahre Leidenschaft.«

Der Stallknecht, welcher inzwischen hinzukam, erklärte sich auch für diese Annahme. Er hatte Karl schon vor sieben Uhr mit der Laterne weggehen sehen.

Es blieb nun nichts übrig, als regelrechte Nachsuchungen anzustellen. Mittelst der Pfeife wurden auch die anderen Wächter herbeigerufen und Jeder erhielt den Auftrag, einen gewissen Theil des großen Bergwerkes zu durchsuchen.

Binnen zwei Stunden hatte man alle Theile der Kohlengrube durchwandert und die sieben Menschen fanden sich wieder bei der Schachtsohle zusammen. An keiner Stelle hatte sich etwas von einem Einsturz, aber auch nicht das Geringste von Karl gezeigt. Der Maschinenmeister, welcher wahrscheinlich etwas Hunger spürte, neigte zu der Ansicht, das Kind könne vorübergekommm sein, ohne daß er es bemerkt hätte, und werde sich nun ruhig zu Hause befinden. Marcel aber, der vom Gegentheile überzeugt war, bestand darauf, die Nachforschungen auf’s Neue zu beginnen,

»Was bedeutet das? fragte er, auf eine Stelle in dem Grubenplane zeigend, welche nur durch Punkte angedeutet war, wie die Geographen die terrae ignotae jenseits der arktischen Länder zu bezeichnen pflegen.

– Das ist die vorläufig verlassene Zone, antwortete der Meister; die Flötze waren hier nicht mehr bauwürdig.

– Es giebt eine verlassene Zone?… O, da müssen wir daselbst suchen!« erklärte Marcel und das mit einer Bestimmtheit, der sich die Anderen sofort unterwarfen.

Bald erreichten sie nun die Mündung der Strecken, welche, nach ihren feuchten schimmligen Wänden zu urtheilen, schon mehrere Jahre lang aufgegeben sein mußten. Sie folgten denselben schon eine Zeit lang, ohne etwas Verdächtiges zu entdecken, als Marcel plötzlich stehen blieb.

»Fühlen Sie nicht eine gewisse Schwere in den Gliedern und etwas Kopfschmerz?

– Ja, wahrhaftig! bestätigten seine Begleiter.

– Mir erscheint es, fuhr Marcel fort, als wäre ich manchmal halb betäubt. Hier ist ohne Zweifel zu viel Kohlensäure in der Luft!… Gestatten Sie, daß ich ein Streichhölzchen anbrenne? fragte er den Meister,

– Nach Belieben!« antwortete dieser.

Marcel nahm ein kleines Etui aus der Tasche, entzündete ein Hölzchen und bückte sich, um die Flamme dem Erdboden zu nähern. Diese erlosch sofort.

»Ich wußte es, sagte er. Das Gas hält sich wegen seiner größeren Schwere unten auf dem Boden… Wir dürfen hier nicht länger verweilen… ich meine Diejenigen, welche keine Galibert’schen Apparate haben. Wenn es Ihnen recht ist, Meister, setzen wir die Nachsuchungen allein fort.«

Marcel und der Maschinenmeister nahmen nun Jeder das Mundstück ihres Luftbehälters zwischen die Zähne, klemmten sich die Nasenöffnung zu und drangen dann tiefer in die alten Stollen ein.

Nach einer Viertelstunde mußten sie einmal umkehren, um den Luftvorrath zu erneuern, dann setzten sie den Weg fort.

Bei der dritten Wiederholung endlich krönte der Erfolg ihre Mühe. In dunkler Ferne erglühte der bläuliche Schein einer elektrischen Lampe durch den dunklen Schatten. Sie eilten hinzu…

An der feuchten Wand lag der arme kleine Karl schon kalt und steif. Seine blauen Lippen, das dunkel geröthete Gesicht und seine Lage selbst sagten deutlich genug, was hier vorgegangen war,

Um etwas von der Erde aufzuheben, hatte er sich gebückt und war buchstäblich in der Kohlensäureschicht ertrunken.

Alle Wiederlebungsversuche blieben fruchtlos. Der Tod mochte schon vor vier oder fünf Stunden eingetreten sein. Am nächsten Abend zählte der Friedhof von Stahlstadt ein kleines Grab mehr und die arme Frau Bauer stand nicht nur von ihrem Manne, sondern auch von dem einzigen Kinde verlassen in der Welt da.

Neunzehntes Capitel.


Neunzehntes Capitel.

Eine Familien-Angelegenheit.

Vielleicht ist im Laufe dieser Erzählung von den persönlichen Angelegenheiten der eigentlichen Helden derselben etwas zu wenig die Rede gewesen. Ein Grund mehr, jetzt um ihrer selbst willen ausführlicher auf dieselben zurückzukommen.

Der gute Doctor ging nicht so sehr im Allgemeinen und in seinem Streben für die Menschheit auf, daß das Individuum für ihn entschwunden wäre, obwohl er hier nur seinen Idealen nachzujagen schien. Er erschrak also etwas über die Blässe, welche Marcel’s Antlitz bei seinen letzten Worten bedeckte. Seine Augen suchten in denen des jungen Mannes den Sinn dieser plötzlichen Erregung zu lesen. Das Stillschweigen des alten Praktikers hatte etwa die Bedeutung einer Frage an das Schweigen des jungen Ingenieurs, wobei der Erstere zu erwarten schien, das jener dasselbe brechen würde; Marcel aber, der durch eine ungeheure Willensanstrengung seiner Herr geworden war, fand bald sein kaltes Blut wieder. Sein Teint hatte die natürlichen Farben wieder angenommen und seine Haltung war die eines Menschen, der die Fortsetzung einer Unterhaltung erwartet.

Doctor Sarrasin, der jetzt vielleicht selbst etwas über seine Worte an Marcel erschrak, näherte sich seinem jungen Freunde; dann nahm er dessen Arm, wie es ein Arzt zu thun pflegt, wenn er so nebenbei den Puls eines Kranken fühlen will.

Marcel ließ es sich willig gefallen, ohne daran zu denken, was der Doctor that, und da er auch nicht sprach, begann sein alter Freund auf’s Neue:

»Mein wackerer Freund, unsere Unterhaltung über die spätere Gestaltung Stahlstadts führen wir wohl gelegentlich weiter. Damit ist aber nicht ausgeschlossen, daß wir uns nicht mit der Verbesserung des Looses Aller beschäftigten, und vorzüglich des Schicksals Derjenigen, die man liebt und die unserem Herzen überhaupt am nächsten stehen. So halte ich z.B. den Augenblick für gekommen, Dir von einem jungen Mädchen zu erzählen – deren Namen Du später erfahren sollst – was sie schon seit langer Zeit und seit einem Jahre wenigstens zum zwanzigsten Male ihrem Vater und ihrer Mutter antwortete, wenn die Rede auf das Heiraten kam. Alle diesbezüglichen Fragen waren übrigens so vorsichtig gestellt, daß wohl jede auf deren Erörterung hätte eingehen können, und doch antwortete das junge Mädchen Nein! und immer nur Nein!«

Da entzog Marcel, wie durch eine plötzliche Bewegung getrieben, seine Hand rasch der des Doctors. Sei es nun, daß sich derselbe von der Gesundheit seines Patienten hinreichend überzeugt, oder daß er es gar nicht bemerkt hatte, wie jener ihm seinen Arm und scheinbar sein Vertrauen entzogen, jedenfalls fuhr er in seiner Erzählung fort, ohne auf diesen kleinen Zwischenfall Rücksicht zu nehmen.

»Nun, so sage uns endlich, drang die Mutter in die junge Person, von der ich spreche, die Gründe Deiner fortwährenden Ablehnung. Erziehung, Vermögen, glückliche Verhältnisse, körperliche Vorzüge – Du hast ja Alles! Warum dies bestimmte, entschlossene rasche Nein! auf alle jene Fragen, welche Du nicht einmal der Prüfung für werth zu halten scheinst? Du bist doch sonst nicht so peremtorisch!

– Gegenüber diesem Vorwurf ihrer Mutter sah sich das junge Mädchen gezwungen, zu reden, und einmal entschlossen, das peinliche Schweigen zu brechen, sagte sie Folgendes:

»Ich antworte Dir, liebe Mutter, mit voller Offenherzigkeit »Nein«, wie ich Dir »Ja« antworten würde, wenn dieses Ja aus meinem Herzen kommen könnte. Ich stimme darin mit Euch vollkommen überein, daß eine große Anzahl der Partien, welche Ihr vorschlagt, nach vielen Seiten annehmbar erscheint; aber außer der Befürchtung, daß sich alle diese Anfragen vielmehr an die beste, d. h. die reichste Partie der Stadt wenden, als an meine Person, und daß dieser Gedanke mir nicht Lust macht, Ja zusagen, wage ich, da Ihr es wünscht, auszusprechen, daß darunter der Antrag sich nicht befindet, den ich erwartete, noch erwarte und der leider wohl sehr lange auf sich warten lassen wird, oder auch niemals kommt.

– Was, Kind, rief die Mutter erstaunt, Du bist … Sie vollendete den Satz nicht, da sie kein rechtes Ende desselben zu finden wußte, sondern warf nur einen zärtlichen Blick auf ihren Gatten, als ob sie auf dieser Seite einen Ausweg und Hilfe suchte.

Ob dieser nun auf die Sache nicht eingehen wollte, oder wünschte er vielleicht, daß darüber erst Mutter und Tochter etwas klarer werden möchten, jedenfalls schien er den Blick nicht zu verstehen, obwohl das arme Kind tief erröthend und jetzt scheinbar auch etwas erregt, nun plötzlich noch weiter ging,

– Ich sagte Dir, meine Herzensmutter, fuhr sie fort, daß die Anfrage, welche ich erwartete, noch sehr lange auf sich warten lassen könnte, oder auch niemals erfolgt. Ich gestehe Dir, daß diese Verzögerung mich weder verwundern noch kränken wird. Ich habe, sagt man, das Unglück, reich zu sein; Der, welcher jene Frage stellen sollte, ist dagegen sehr arm; deshalb hat er bis jetzt geschwiegen und sehr recht gethan. Ich muß vielmehr abwarten ob …

– Warum sollen wir ihm aber nichts andeuten, fiel ihr die Mutter in’s Wort, welche die Worte, die sie von der Tochter zu hören fürchtete, von deren Lippen nehmen wollte.«

Da mischte sich der Vater des Mädchens ein.

»Meine beste Freundin, sagte er, die beiden Hände seiner Gattin liebevoll fassend, eine um ihre Tochter so zärtlich besorgte Mutter wie Du, rühmt vor dieser, wenn sie in die Welt eintritt oder doch nahe daran ist, nicht ungestraft die Vorzüge eines jungen wackern Mannes, der fast zu unserer Familie gehört, macht nicht ungehört auf die Achtbarkeit seines Charakters aufmerksam oder stimmt ihrem Gatten mit Eifer zu, wenn dieser Gelegenheit nimmt, dessen Fähigkeiten hervorzuheben, wenn er mit Wärme von den tausend Beweisen rührender Anhänglichkeit spricht, die er von demselben empfangen hat. Wenn Diejenige, die diesen jungen Mann vor Augen hat, der von Vater und Mutter allen Anderen vorgezogen wird, ihn selbst nicht bemerkt hätte, so hätte sie eben vollkommen gegen Recht und Pflicht gehandelt.

– Ach, mein Vater, rief das junge Mädchen, während sie sich ihrer Mutter in die Arme warf, um ihre Erregung zu verbergen, wenn Du mich durchschaust, warum zwingt Ihr mich, selbst zu sprechen?

– Warum? Ei, um die Freude zu haben, Dich zu hören, mein Töchterchen, um mich zu überzeugen, daß ich mich nicht täuschte, um Dir sagen zu können, und von Deiner Mutter sagen zu lassen, daß wir den Weg billigen, den Dein Herz betreten, daß Deine Wahl uns entzückt; und was den armen und stolzen Mann betrifft, der den Antrag machen sollte, dem seine zarte Zurückhaltung widerstrebt, so werde ich diese Frage an ihn stellen … Ja, ja, ich werde es thun, da ich in seinem Herzen gelesen habe wie in dem Deinigen! Beruhige Dich also! Bei der ersten sich darbietenden Gelegenheit werde ich Marcel fragen, ob es ihm recht ist, mein Schwiegersohn zu werden! …«

Diese unerwartete Anrede, welche ihm plötzlich die Augen öffnete, schnellte Marcel wie eine Feder empor, Octave hatte schweigend seine Hand gedrückt, während Doctor Sarrasin ihn in seine Arme preßte. Der junge Elsäßer war bleich wie der Tod. Ist das aber nicht die Farbe, die das Glück stets auf die Wangen treibt, selbst bei den stärksten Seelen, wenn es in das Herz einzieht, ohne: Vorsehen! gerufen zu haben? …