Roman

Achtzehntes Capitel.


Achtzehntes Capitel.

Nordwärts.

Die Mannschaft schien zu ihrer gewohnten Zucht und Folgsamkeit zurückgekehrt zu sein. Die spärlichen, nicht sehr ermüdenden Manoeuvres ließen ihr reichlich Muße. Die Temperatur hielt sich über dem Gefrierpunkt, und das Thauwetter mußte die größten Schwierigkeiten dieser Fahrt überwinden,

Duk, vertraulich und gesellig, hatte aufrichtige Freundschaft mit dem Doctor Clawbonny angeknüpft, und sie standen auf dem besten Fuß mit einander. Aber wie stets ein Freund dem Andern sich hingiebt, so muß man eingestehen, daß der Doctor nicht der Andere war. Duk machte mit ihm Alles, was er wollte, und der Doctor folgte ihm, wie ein Hund seinem Herrn. Duk zeigte sich übrigens liebenswürdig gegen die meisten Matrosen und Officiere an Bord; nur mied er, aus Instinct ohne Zweifel, die Gesellschaft Shandon’s; auch hatte er einen Groll, und was für einen! gegen Pen und Foker; sein Haß sprach sich in ihrer Nähe durch kaum verhaltenes Knurren aus. Diese wagten übrigens nicht mehr mit dem Hund des Kapitäns anzubinden.

Kurz, die Mannschaft hatte wieder Vertrauen gefaßt, und hielt sich gut.

»Es kommt mir vor, sagte einst James Wall zu Richard Shandon, als hätten unsere Leute die Anrede des Kapitäns im Ernst genommen; sie sehen aus, als zweifelten sie nicht am Erfolg.

– Da sind Sie im Irrthum, erwiderte Shandon; wenn sie nachdächten, wenn sie die Lage prüften, so begriffen sie, daß wir aus einer Unvorsichtigkeit in die andere gerathen.

– Doch, fuhr Wall fort, sind wir ja hier in freierem Meer; wir kommen wieder auf schon bekannte Wege; Sie übertreiben wohl, Shandon?

– Ich übertreibe nicht, Wall; der Groll, die Eifersucht, wenn Sie wollen, welche Hatteras mir einflößt, machen mich nicht blind. Antworten Sie mir, haben Sie die Kohlenkammern angesehen?

– Nein, erwiderte Wall.

– Nun, gehen Sie hinab, und Sie werden sehen, wie reißend schnell unsere Vorräthe schwinden. Grundsätzlich hätte man die Fahrt vorzugsweise mit dem Segel machen, und die Schraube vorbehalten sollen, um Strömungen oder widrigen Winden entgegen zu fahren, so daß unser Brennmaterial nur mit größter Sparsamkeit verwendet würde, denn, wer kann sagen, an welcher Stelle diese Meere, und ob nicht auf die Dauer von Jahren wir festgehalten werden können? Aber Hatteras, den nur der Wahnsinn treibt, vorwärts zu kommen, bis zu dem unzugänglichen Pol zu dringen, macht sich über ein solches Detail keine Gedanken mehr. Mag der Wind entgegen sein, oder nicht, er fährt mit vollem Dampf und wenn das so fortgeht, gerathen wir in große Verlegenheit, wo nicht in’s Verderben.

– Ist das wahr, was Sie sagen, Shandon? Dann ist’s eine bedenkliche Sache!

– Ja, Wall, bedenklich, nicht allein in Rücksicht auf die Maschine, die ohne Heizung in einer kritischen Lage uns wenig nützen würde, sondern auch in Hinsicht auf eine Ueberwinterung, worauf wir früher oder später gefaßt sein müssen. Man muß aber in einem Lande, wo häufig das Quecksilber im Thermometer gefriert,2 ein wenig Rücksicht auf die Kälte nehmen.

– Aber, irre ich nicht, Shandon, so rechnet der Kapitän darauf, seinen Vorrath auf der Insel Beechey zu ergänzen; dort muß eine große Menge Kohlen gelagert sein.

– Kann man denn in diesen Meeren fahren, wohin man will, Wall? Kann man sich darauf verlassen, daß man diesen oder jenen Ort eisfrei finde? Und wenn uns die Insel Beechey abgeht, wenn man nicht zu ihr gelangen kann, was soll aus uns werden?

– Sie haben Recht, Shandon; Hatteras scheint mir unvorsichtig; aber warum machen Sie ihm nicht darüber einige Bemerkungen?

– Nein, Wall, erwiderte Shandon mit kaum verhüllter Bitterkeit; ich habe mir vorgenommen, zu schweigen; ich habe keine Verantwortlichkeit mehr für das Schiff; ich lasse die Ereignisse herankommen; ich gehorche dem Befehl, und habe keine Ansicht zu äußern.

– Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Sie so nicht recht handeln, Shandon, weil sich’s um ein gemeinsames Interesse handelt, und solche Unvorsichtigkeiten des Kapitäns uns alle sehr theuer zu stehen kommen können.

– Und wenn ich mit ihm spräche, Wall, würde er mir Gehör geben?«

Wall getraute sich nicht, Ja zu sagen.

»Aber, fügte er bei, vielleicht gäbe er den Vorstellungen der Mannschaft Gehör.

– Die Mannschaft! sagte Shandon mit Achselzucken; aber, mein armer Wall, haben Sie dieselbe noch nicht beobachtet? Sie ist von einem ganz andern Gefühl beseelt, als dem ihrer Rettung! Sie weiß, daß es dem zweiundsiebenzigsten Breitegrad zugeht, und daß für jeden Grad weiter hinaus ihr eine Summe von tausend Pfund zugesagt ist.

– Sie haben Recht, Shandon, erwiderte Wall, und der Kapitän hat damit das beste Mittel ergriffen, seine Leute festzuhalten.

– Allerdings, erwiderte Shandon, für jetzt wenigstens.

– Was meinen Sie damit?

– Ich meine, daß, wenn man keine Gefahren oder Beschwerden zu bestehen hat, im freien Meer sich befindet, das schon ganz gut geht; Hatteras hat sie mit Geld gewonnen; aber was man um des Geldes willen thut, thut man schlecht. Kommen wir einmal in schwierige Verhältnisse, Gefahren, Elend, Krankheit, Entmuthigung, Kälte, der wir uns unsinniger Weise über Hals und Kopf aussetzen, da werden Sie sehen, ob diese Leute noch Sinn für eine ausgesetzte Prämie haben!

– Also, Ihrer Ansicht nach, Shandon, wird Hatteras seinen Zweck nicht erreichen?

– Nein, Wall, es wird ihm nicht gelingen; bei einer solchen Unternehmung müssen die Männer an der Spitze vollkommene Einigkeit des Sinnes haben, die aber hier nicht besteht. Ich füge bei, Hatteras ist ein Narr, wie seine ganze Vergangenheit beweist! Kurz, wir werden schon sehen! Es können Ereignisse der Art eintreten, daß man genöthigt ist, das Commando des Schiffes einem nicht so wagehalsigen Kapitän anzuvertrauen …

– Doch, sagte Wall mit zweifelnder Miene den Kopf schüttelnd, wird Hatteras immer auf seiner Seite haben …

– Er wird, unterbrach Shandon, den Doctor Clawbonny haben, das ist ein Gelehrter, der nur Gedanken für sein Wissen hat; Johnson, der ein Seemann ist, Sklave der Disciplin, und sich nicht einmal die Mühe nimmt zu urtheilen; vielleicht noch zwei bis drei Mann weiter, wie den Zimmermann Bell, höchstens vier zusammen, und es sind unser achtzehn an Bord! Nein, Wall, Hatteras besitzt nicht das Vertrauen der Mannschaft, das weiß er wohl, und ködert sie mit Geld; er hat von der Katastrophe Franklin’s einen geschickten Gebrauch gemacht, um in den wankelmüthigen Geistern eine Wendung herbeizuführen; aber das hält nicht an, sag‘ ich Ihnen, und wenn es ihm nicht gelingt, auf der Insel Beechey zu landen, ist er verloren!

– Wenn die Mannschaft vermuthen könnte…

– Ich bitte Sie ernstlich, erwiderte Shandon lebhaft, ihr diese Bemerkungen nicht mitzutheilen; sie wird schon selbst darauf kommen. In diesem Augenblick übrigens ist’s nützlich, in der Richtung nach Norden zu bleiben. Aber wer weiß, ob nicht das, was Hatteras für eine Fahrt nach dem Pol hält, zu einer Rückkehr wird? Am Ende des Mac-Clintock-Canals befindet sich die Bai Melville, wo die vielen Straßen zusammenlaufen, welche in die Baffins-Bai zurückführen. Hatteras mag sich in Acht nehmen! Der Weg ostwärts ist leichter, als der nordwärts.«

Aus diesen Worten ist Shandon’s Stimmung zu erkennen, und man sieht, wie der Kapitän Grund hatte, einen Verräther in demselben zu ahnen.

Shandon urtheilte übrigens in dem Punkt richtig, daß er annahm, die gegenwärtige Befriedigung der Mannschaft rühre von der Aussicht her, bald über den zweiundsiebenzigsten Breitegrad hinauszukommen. Dieser Hunger nach Geld übermannt auch die Verzagteren an Bord.

Nimmt man den Kapitän und den Doctor aus, welche an der Prämie keinen Theil haben konnten; so belief sich die übrige Mannschaft des Forward auf sechzehn Mann. Da die Prämie tausend Pfund betrug, so machte dies zweiundsechzig und ein halb Pfund dem Mann für jeden Grad. Gelang es je, an den Pol zu kommen, so brachten die achtzehn Grad bis dahin jedem eine Summe von elfhundertundfünfundzwanzig Pfund, d. h. ein Vermögen. Diese Lieblingsidee kostete demnach dem Kapitän achtzehntausend Pfund, aber er war reich genug damit eine Spazierfahrt nach dem Pol zu bezahlen.

Diese Berechnungen entflammten, wie leicht begreiflich ist, die Geldgier der Mannschaft in hohem Grad, und Mancher, der vierzehn Tage zuvor gerne südwärts gesteuert wäre, trachtete jetzt, über diese mit Gold belegte Breite hinauszukommen.

Am 16. Juni fuhr der Forward beim Cap Aworth vorüber. Der Berg Rawlinson ragte mit weißen Spitzen zum Himmel; Schnee und Nebel ließen ihn kolossal erscheinen, indem man seine Entfernung überschätzte; die Temperatur hielt sich einige Grad über dem Gefrierpunkt; es kamen improvisirte Cascaden an den Abhängen des Berges zum Vorschein, und Lavinen stürzten mit einem Donnergeroll herab, das mit fortwährendem Abfeuern schweren Geschützes zu vergleichen war. Die in langen weißen Streifen zu Tage liegenden Gletscher verbreiteten weithin einen ungeheuern Widerschein. Die nordische Natur im Kampf mit dem Thauwetter bot den Augen einen glänzenden Anblick. Die Brigg fuhr ziemlich nahe an der Küste vorüber; man gewahrte auf einigen geschützten Felsen hier und da Haidekraut, dessen röthliche Blüthen schüchtern zwischen dem Schnee sich herauswagten, und magere Flechten von röthlicher Farbe, so wie auf dem Boden kriechende Sprossen einer Art Zwergweide.

Endlich, am 19. Juni, kam man unter dem berufenen zweiundsiebenzigsten Grad bei der Spitze Minto vorüber, welche die Bai Ommaney auf der einen Seite abschließt, und lief in die Bai Melville ein.

Trotz eines starken Nordwindes hatte der Forward ziemlich leichte Fahrt, so daß er am 23. Juni über den vierundsiebenzigsten Breitegrad hinauskam. Er befand sich in der Mitte des Melville-Beckens, welches eins der ansehnlichsten Meere dieser Gegenden bildet. Es wurde zum erstenmal vom Kapitän Parry bei seiner großen Expedition im Jahre 1819 befahren, und seine Mannschaft gewann dadurch die von der Regierung ausgesetzte Prämie von fünftausend Pfund.

Clifton machte die Bemerkung, daß man jetzt schon zwei Grade gewonnen, und dabei bereits hundertfünfundzwanzig Pfund auf seinem Conto habe. Man entgegnete jedoch, in diesen Gegenden habe Vermögen wenig Werth, und es sei wohl gerathen, zu warten, bis man in einer Schenke zu Liverpool sich die Hände reiben könne.

  1. Das ist bei 42° hunderttheilig unter Null der Fall.

Neunzehntes Capitel.


Neunzehntes Capitel.

Ein Wallfisch in Sicht.

Das Melville-Becken, obwohl es eine leichte Fahrt gestattete, war doch nicht frei von Eis; man sah ungeheure Eisfelder, die sich bis an die Grenzen des Horizonts erstreckten; hier und da zeigten sich einige Eisberge, aber unbeweglich und, wie festgeankert inmitten der Eisfelder. Der Forward schlug mit vollem Dampf die weiten Fahrwege ein, wo seine Bewegungen leicht wurden. Der Wind schlug häufig um, von einem Punkt der Windrose zum andern rasch überspringend.

Die Veränderlichkeit des Windes in den Polar-Meeren ist eine beachtenswerthe Thatsache, und häufig folgt auf vollständige Windstille in wenig Minuten ein regelloser Sturm. Dieses mußte Hatteras am 23. Juni, selbst mitten in der ungeheuern Bai erfahren.

Die beständigsten Winde wehen im Allgemeinen von der Eisdecke zum freien Meer, und sind sehr kalt. An diesem Tage fiel das Thermometer um einige Grad; der Wind schlug nach Süd um, und ungeheure Windstöße, welche über die Eisfelder strichen, entledigten sich ihrer Feuchtigkeit unter der Form dichten Schnees. Hatteras ließ augenblicklich die Segel, welche die Schraube unterstützten, aufgeien, was jedoch nicht so schnell geschehen konnte, daß nicht in einem Augenblick sein kleines Bramsegel fortgerissen wurde.

Hatteras ordnete seine Manoeuvres mit der kaltblütigsten Ruhe an, und verließ während des Sturmes das Verdeck nicht; er war genöthigt, vor dem Wetter wieder ostwärts zu flüchten. Der Wind regte ungeheure Wellen auf, in deren Mitte Eisblöcke aller Formen schaukelten, die von den umgebenden Eisfeldern losgerissen wurden; die Brigg wurde gleich einem Spielball hin- und hergeworfen, und Trümmer von Eisblöcken stürzten über ihren Rumpf; zu Zeiten wurde das Schiff senkrecht auf die Spitze eines Wasserberges gehoben und sein stählernes Vordertheil funkelte wie schmelzendes Metall, dann stürzte es wieder in einen Abgrund mitten in seine eigenen Rauchwirbel, während seine Schraube außerhalb des Wassers ihre Schläge in die Luft machte. Regen mit Schnee vermischt, fiel in Strömen.

Der Doctor ließ sich eine solche Gelegenheit, bis auf’s Hemd durchnäßt zu werden, nicht entgehen; er blieb unausgesetzt auf dem Verdeck, um die tiefe Bewunderung eines solchen Schauspiels ungeschmälert zu genießen. Man konnte seinen nächsten Nachbar nicht hören, daher schaute er schweigend. Dabei beobachtete er eine sonderbare, den Nordregionen eigenthümliche Erscheinung.

Das Unwetter beschränkte sich auf einen engen Raum, erstreckte sich nicht über drei bis vier Meilen weit; in der That verliert der über die Eisfelder streifende Wind viel von seiner Kraft und kann seine verheerende Gewalt nicht weit ausdehnen. Der Doctor gewahrte von Zeit zu Zeit, wenn das Unwetter etwas nachließ, jenseits der Eisfelder heitern Himmel und ruhiges Meer; also brauchte der Forward nur durch die Fahrwasser zu dringen, um eine ruhige Fahrt zu bekommen; nur lief er dabei Gefahr, auf die beweglichen Bänke geworfen zu werden, welche dem Wogendrang unterworfen waren. Doch gelang es Hatteras, sein Schiff nach Verlauf einiger Stunden in ein ruhiges Meer zu bringen, während die Heftigkeit des am Horizont wüthenden Orkans einige Kabellängen weit vom Forward sich legte.

Das Melville-Becken bot damals nicht mehr den nämlichen Anblick dar; durch Einwirken der Wogen und Winde wurde eine große Zahl Eisberge von den Küsten losgerissen und trieben in allen Richtungen sich durchkreuzend und wider einanderstoßend, nordwärts. Man konnte deren mehrere hundert zählen; aber die Bai ist sehr breit, und die Brigg wich ihnen leicht aus. Es war ein prachtvolles Schauspiel, wie diese schwimmenden Massen mit ungleicher Geschwindigkeit auf dieser ungeheuern Rennbahn um die Wette zu treiben schienen.

Der Doctor war davon ganz entzückt, als der Harpunier Simpson zu ihm trat, und ihn auf die wechselnden Farben des Meeres aufmerksam machte; dieselben änderten ihren Ton vom tiefen Blau bis zum Olivengrün; lange Streifen zogen von Norden südwärts mit so grell abstechenden Rändern, daß man, soweit das Auge reichte, ihre Scheidelinien verfolgen konnte. Mitunter auch zogen durchsichtige Streifen neben andern, die völlig dunkel waren.

»Nun, Herr Clawbonny, was halten Sie von dieser eigentümlichen Erscheinung? sagte Simpson.

– Ich bin der Meinung, erwiderte der Doctor, welche einst der Wallfischfahrer Scoresby über die Natur dieser verschieden gefärbten Wasser aussprach: nämlich die blauen sind ohne jene Milliarden kleiner Thierchen und Medusen, wovon die grünen Wasser durchdrungen und angefüllt sind; er hat darüber verschiedene Experimente angestellt, und ich schenke ihm gerne Glauben.

– Ei, mein Herr, man kann aus der Meeresfärbung noch eine andere Belehrung schöpfen.

– Wirklich?

– Ja, Herr Clawbonny, und wahrhaftig, wenn der Forward nichts als ein Wallfischfahrer wäre, so hätten wir, glaub‘ ich, gewonnen Spiel.

– Aber ich sehe doch, erwiderte der Doctor, von einem Wallfisch nicht die geringste Spur.

– Richtig! Aber es wird nicht lange dauern, so werden wir einen sehen, ich sag’s Ihnen voraus. Es ist ein merkwürdig gutes Vorzeichen für einen Wallfischjäger, wenn er unter diesem Breitegrad solche grüne Streifen antrifft.

– Und weshalb? fragte der Doctor, welchen solche von Leuten des Faches gemachte Bemerkungen lebhaft interessirten.

– Weil man in diesen grünen Wassern, erwiderte Simpson, weit mehr Wallfische zu fischen bekommt.

– Und aus welchem Grunde, Simpson?

– Weil sie darin reichlichere Nahrung finden.

– Sind Sie dieser Thatsache gewiß?

– O! Hundertmal, Herr Clawbonny, habe ich die Erfahrung im Baffins-Meer gemacht; und ich sehe nicht ein, warum es nicht in der Melville-Bai ebenso sein sollte.

– Sie sollen Recht haben, Simpson.

– Und sehen Sie, erwiderte dieser, indem er sich über das Geländer beugte, schauen Sie her, Herr Clawbonny.

– Nun, versetzte der Doctor, man könnte es für das Kielwasser eines Schiffes halten!

– Das ist ja, erwiderte Simpson, eine fette Substanz, welche der Wallfisch hinter sich läßt. Glauben Sie mir, das Thier, von welchem dieselbe herrührt, muß nicht weit davon entfernt sein!«

Wirklich, die Atmosphäre war von einem starken Laichgeruch durchdrungen. Der Doctor betrachtete nun aufmerksam den Meeresspiegel, und es dauerte nicht lange, so fand die Voraussagung des Harpuniers seine Bestätigung. Foker’s Stimme ließ sich vom Mast herab vernehmen.

»Ein Wallfisch, rief er, unter’m Wind zu uns!«

Alle schauten in der angegebenen Richtung; eine Meile von der Brigg entfernt sah man einen Wasserstrahl ein wenig aus dem Meere heraussprudeln.

»Da ist er ja! Da ist er! schrie Simpson, dessen Erfahrung unmöglich irren konnte.

– Er ist wieder verschwunden, erwiderte der Doctor.

– Man würde ihn wohl zu finden wissen, wenn es nothwendig wäre«, sagte Simpson bedauernd.

Aber, zu seinem großen Erstaunen, und obwohl kein Mensch die Bitte gewagt hätte, gab Hatteras Befehl, das Wallfischboot fertig zu machen; es war ihm ganz recht, seiner Mannschaft diese Zerstreuung zu gewähren, und selbst auch einige Tonnen Oel zu bekommen.

Vier Matrosen verfügten sich in das Boot; Johnson, am hintersten Platz, hatte es zu leiten; Simpson, die Harpune in der Hand, stand vorn. Der Doctor ließ sich nicht abhalten, die Expedition mitzumachen. Das Meer war ziemlich ruhig. Das Boot fuhr rasch ab und befand sich nach zehn Minuten eine Meile weit von der Brigg.

Der Wallfisch, nachdem er abermals Luft geschöpft, war von Neuem untergetaucht; aber er kam bald wieder an die Oberfläche und spritzte fünfzehn Fuß weit die Mischung von Dünsten und Schleim, welche aus seinen Luftlöchern entweicht.

»Dort, dort!« rief Simpson, und wies auf einen Punkt achthundert Yards von der Schaluppe.

Diese fuhr rasch auf das Thier los, und die Brigg, welche es ebenfalls bemerkt hatte, kam mit schwachem Dampf herum.

Das ungeheure Thier verschwand und kam wieder zum Vorschein, wie die Wellen es trieben, so daß man seinen schwärzlichen Rücken sah; ein Wallfisch schwimmt nicht schnell, wenn er nicht verfolgt wird, und dieser wiegte sich in gleichgiltiger Ruhe.

Die Schaluppe fuhr still heran, dem Strome der grünen Wasser folgend, deren dunkle Beschaffenheit das Thier hindert, seinen Feind zu sehen. Es ist immer ein ängstlicher Anblick, wenn man eine schwache Barke den Kampf mit solchen Ungeheuern unternehmen sieht: dieses mochte etwa hundertunddreißig Fuß messen, und man trifft nicht selten zwischen dem zweiundsiebenzigsten und achtzigsten Breitegrad Wallfische, die über hundertundachtzig Fuß groß find. Die Berichte alter Schriftsteller von siebenhundert Fuß großen Thieren gehören in’s Reich der Fabeln.

Nicht lange, so war die Schaluppe nahe bei dem Wallfisch. Simpson winkte mit der Hand, die Ruder hielten inne, der gewandte Harpunier schwang und schleuderte seine Harpune mit kräftiger Hand. Die mit widerhakiger Spitze versehene Waffe drang in die dichte Fettschichte. Das verwundete Thier warf seinen Schwanz rückwärts und tauchte unter. Augenblicklich wurden die vier Ruder senkrecht emporgehoben; das an die Harpune befestigte Seil, welches auf dem Vordertheil lag, rollte sich äußerst schnell ab, und die Schaluppe wurde fortgezogen, während Johnson sie geschickt leitete.

Der Wallfisch entfernte sich von der Brigg und schwamm in der Richtung der treibenden Eisberge; während einer halben Stunde trieb er so. Als die Schnelligkeit des Thieres abzunehmen schien, wurde das Seil allmälig beigezogen und sorgfältig aufgerollt; der Wallfisch erschien bald wieder auf der Meeresoberfläche, schlug diese mit seinem fürchterlichen Schwanz, und das von ihm ausgespritzte Wasser fiel als Platzregen auf die Schaluppe nieder. Diese kam rasch heran; Simpson ergriff eine lange Lanze und hielt sich bereit, dem Thiere zu Leibe zu gehen.

Dieses aber schlüpfte mit größter Schnelligkeit in eine enge Fahrt zwischen zwei Eisbergen. Dahin es zu verfolgen, ward nun äußerst gefährlich.

»Teufel! rief Johnson.

– Vorwärts! Vorwärts! Fest, meine Freunde, rief Simpson in unsinnigem Jagdeifer, der Wallfisch ist unser!

»Aber zwischen die Eisberge können wir ihm nicht folgen,« erwiderte Johnson, und hielt die Schaluppe an.

»Ja! ja!« schrie Simpson.

»Nein! nein!« riefen einige Matrosen.

Während dessen war der Wallfisch zwischen zwei Eisberge gerathen, welche von den Wellen und dem Wind getrieben, zusammenzufahren strebten.

Die bugsirte Schaluppe drohte in diese gefährliche Enge hineingezogen zu werden; da sprang Johnson mit einem Beil in der Hand auf’s Vordertheil, und hieb den Strick entzwei.

Es war hohe Zeit. Die beiden Berge fuhren mit unwiderstehlicher Gewalt zusammen und zerdrückten das Thier.

»Verloren!« rief Simpson.

»Gerettet!« erwiderte Johnson.

»Wahrhaftig!« rief der Doctor, der keine Miene verändert hatte, »das verlohnte der Mühe zu sehen!«

Die zertrümmernde Gewalt dieser Berge ist enorm.

Wie es hier erging, geschieht es häufig in jenen Meeren. Scoresby erzählt, es seien im Laufe eines einzigen Sommers in der Baffins-Bai dreißig Wallfische auf diese Art umgekommen; er sah, wie ein Dreimaster binnen einer Minute plattgedrückt wurde.

Nach einer kleinen Weile kam die Schaluppe wieder zu der Brigg, und an ihren gewöhnlichen Platz auf dem Verdeck.

»Das ist eine Warnung,« sagte Shandon laut, »für die Unvorsichtigen, welche sich in die engen Fahrwasser hineinwagen!«

Zweites Capitel.


Zweites Capitel.

Ein unerwarteter Brief.

Das Schreiben, welches Richard Shandon acht Monate zuvor erhalten hatte, lautete wörtlich:

Aberdeen, den 2. August 1859.

»Herrn Richard Shandon, Liverpool.

»Mein Herr.

»Gegenwärtiges soll Sie in Kenntniß setzen, daß sechzehntausend Pfd. Sterling dem Bankhause Marcuart K Cie. in Liverpool zugestellt worden sind. Hier beifolgend eine Reihe von Anweisungen mit meiner Unterschrift, mit welchen Sie über Summen bis zu dem gedachten Betrag verfügen können.

»Sie kennen mich nicht; darauf kommt wenig an. Ich kenne Sie, und das ist die Hauptsache.

»Ich biete Ihnen die Stelle des Unterbefehlshabers an Bord der Brigg Forward, zu einer Expedition, die lang und gefährlich sein kann.

»Lehnen Sie ab, so ist’s nichts. Nehmen Sie an, so sollen Sie fünfhundert Pfund als Gehalt empfangen, und nach Verlauf jedes Jahres, so lange die Unternehmung dauert, soll Ihr Gehalt um ein Zehntheil erhöht werden.

»Die Brigg Forward existirt noch nicht. Sie müssen sie noch bauen lassen, so daß sie spätestens zu Anfang April 1860 in die See stechen kann. Hierbei folgt ein detaillirter Plan mit Aufriß. Sie haben sich pünktlich daran zu halten. Das Schiff soll in den Werften der Herren Scott & Cie. gezimmert werden, mit welchen Sie sich darüber zu benehmen haben.

»Ich empfehle Ihnen ganz besonders die Bemannung des Forward; sie wird bestehen aus einem Kapitän, der bin ich, einem Lieutenant, Sie, einem dritten Officier, einem Rüstmeister, zwei Maschinisten, einem Eismeister, acht Matrosen und zwei Heizern, zusammen achtzehn Mann, inbegriffen den Doctor Clawbonny aus dieser Stadt, welcher zu gehöriger Zeit bei Ihnen erscheinen wird.

»Die zur Theilnahme an der Expedition des Forward berufenen Leute müssen Engländer sein, frei, ohne Familie, unverheiratet, nüchtern (denn geistige Getränke und selbst Bier werden an Bord nicht geduldet), bereit alles zu unternehmen und alles zu ertragen. Sie werden dieselben vorzugsweise aus Leuten von sanguinischer Leibesbeschaffenheit wählen, welche eben deshalb das Lebensprincip thierischer Wärme in höherm Grade in sich enthalten.

»Sie bieten ihnen das Fünffache ihres gewöhnlichen Soldes, mit einer jährlichen Zulage von einem Zehntel. Bei Beendigung der Unternehmung werden jedem derselben fünfhundert Pfund zugesichert, und zweitausend Pfund Ihnen. Diese Gelder werden von den obgedachten Herren Marcuart & Cie. bezogen.

»Diese Unternehmung wird lange dauern und voll Strapazen, aber ehrenvoll sein. Sie haben sich also nicht zu besinnen, Herr Shandon.

»Antwort post restante Göteborg (Schweden)

unter K. Z.«

»P. S. Sie werden künftigen fünfzehnten Februar einen großen dänischen Hund mit herabhängenden Lefzen, schwärzlich fahl mit schwarzen Querstreifen empfangen. Sie wollen ihm an Bord eine Stätte anweisen und ihm Gerstenbrod vermischt mit Brühe von Talgbrot zum Futter geben. Den Empfang des Hundes melden Sie nach Livorno unter gleichen Buchstaben wie oben.

»Der Kapitän des Forward wird zu passender Zeit sich einfinden und zu erkennen geben. Im Augenblick der Abfahrt werden Sie neue Instruktionen bekommen.

Der Kapitän des Forward K. Z.«

Zwanzigstes Capitel.


Zwanzigstes Capitel.

Die Insel Beechey.

Am 25. Juni kam der Forward gegenüber dem Cap Dundas, am nordwestlichen Ende des Prinz-Wales-Landes. Hier nahmen die Schwierigkeiten zu zwischen den zahlreichen Eisblöcken. Das Meer wird hier enger, und die Linie der Inseln Crozier, Young, Day, Lowther, Garret, die wie Befestigungswerke vor einer Rhede liegen, nöthigen die Eisströme, in der Meerenge sich anzuhäufen. Was die Brigg unter andern Umständen an einem Tag geleistet hätte, hielt sie vom 25. bis 30. Juni auf; sie hielt an, fuhr wieder zurück, wartete die günstige Gelegenheit ab, um die Insel Beechey nicht zu verfehlen, verbrauchte viel Kohlen, indem sie während des Anhaltens nur ihr Feuer mäßigte, ohne es je ganz ausgehen zu lassen, um zu jeder Stunde bei Tag und Nacht mit Dampf versehen zu sein.

Hatteras kannte ebensowohl, wie Shandon, den Bestand der Vorräthe; aber da er sicher darauf rechnete, auf der Insel Beechey Brennmaterial zu treffen, so wollte er nicht aus Sparsamkeit eine Minute verlieren; er war in Folge seiner Abschweifung in den Süden sehr verspätet, und obwohl er die Vorsorge gehabt, aus England seit Anfang April abzufahren, so war er doch jetzt nicht weiter voran, als die vorausgehenden Expeditionen zu derselben Zeit. Am 30. gewahrte man das Cap Walker, an der nordöstlichen Spitze des Prinz-Wales-Landes; es ist der äußerste Punkt, welchen Kennedy und Bellot nach einem Ausflug durch ganz Nord-Sommerset am 3. Mai 1852 wahrnahmen. Bereits im Jahre 1851 war der Kapitän Ommaney bei der Expedition Austin so glücklich, daselbst seine Mannschaft mit Proviant versehen zu können.

Dieses sehr hohe Cap ist durch seine rothbraune Farbe merkwürdig; man kann bei hellem Wetter von hier aus bis an den Eingang der Wellington-Straße sehen. Gegen Abend erblickte man das Cap Bellot, welches durch die Bai Mac Leon vom Cap Walker getrennt ist. An dieser Stelle besteht die Küste aus gelblichem Kalkstein von sehr runzeligem Aussehen; sie ist durch enorme Eisblöcke geschützt, welche die Nordwinde auf die imposanteste Weise hier aufschichten. Der Forward verlor sie bald aus dem Gesicht, und bahnte sich zwischen locker verbundenen Eisstücken quer über die Barrow-Straße einen Weg zur Insel Beechey.

Hatteras, entschlossen gradaus zu fahren, um nicht über die Insel hinaus fortgezogen zu werden, verließ an den folgenden Tagen nicht einen Augenblick seinen Posten; er stieg häufig auf die Querstangen des Obermastes, um die vorteilhaften Fahrpässe aufzusuchen. Er bot bei dieser Fahrt durch die Enge Alles auf, was Geschick und Geistesruhe, Kühnheit, selbst seemännisches Genie zu leisten vermögen. Das Glück war ihm zwar nicht ganz hold, denn zu dieser Jahreszeit hätte er das Meer fast eisfrei finden sollen. Endlich aber, indem er weder seinen Dampf, noch seine Mannschaft, noch sich selbst schonte, erreichte er doch sein Ziel.

Am 3. Juli um elf Uhr Vormittags signalisirte der Eismeister nördlich ein Land; nachdem Hatteras die Beobachtung angestellt, erkannte er die Insel Beechey, diesen allgemeinen Sammelplatz der Befahrer der Nordmeere. Fast alle Schiffe, welche sich in diese Meere wagten, haben dieselbe berührt. Hier hielt Franklin sein erstes Winterquartier, bevor er in die Wellington-Straße eindrang. Das letzte Schiff, welches zugleich mit dem Forward bei der Insel Beechey anlegte, war der Fox; Mac Clintock versah sich hier am 11. August 1855 mit Vorräthen, und besserte vor nicht ganz zwei Jahren die Wohnungen und Magazine aus: Hatteras wußte dies Alles sehr genau.

Dem Rüstmeister schlug beim Anblick dieser Insel gewaltig das Herz; er hatte sie als Quartiermeister an Bord des Phönix besucht. Hatteras befragte ihn, wie die Küste beschaffen, wo am besten zu ankern, die Landung möglich sei; die Witterung wurde prachtvoll, die Temperatur hielt sich auf siebenundfünfzig Grad (+14° hunderttheilig).

»Nun, Johnson, fragte der Kapitän, Sie kennen sich wohl hier aus?

– Ja, Kapitän, ’s ist richtig die Insel Beechey! Nur müssen wir noch ein wenig weiter nordwärts fahren; da ist die Küste zugänglicher.

– Aber die Wohnungen, die Magazine? sagte Hatteras.

– Die können Sie erst nach der Landung sehen; sie liegen im Schutz hinter diesen kleinen Bergen, welche Sie dort unten sehen.

– Und Sie haben beträchtliche Vorräthe hingeschafft?

– Beträchtliche, Kapitän. Die Admiralität hat uns im Jahre 1853 mit dem Dampfer Phönix unter dem Commando des Kapitän Inglefield und dem Breadalbane mit Proviant hierher geschickt; wir brachten Lebensmittel für eine ganze Expedition.

– Aber der Commandant des Fox hat im Jahre 1855 reichlich aus diesen Vorräthen geschöpft, sagte Hatteras.

– Seien Sie ruhig, Kapitän, entgegnete Johnson, es wird noch genug für Sie übrig sein; die Kälte bewahrt alles merkwürdig, und wir werden es noch frisch finden, wie am ersten Tag.

– Um Lebensmittel ist mir’s nicht zu thun, erwiderte Hatteras; ich habe für mehrere Jahre, aber Kohlen bedarf ich.

– Nun, Kapitän, wir haben deren über tausend Tonnen hier gelassen; darum können Sie ruhig sein.

– So wollen wir anfahren, fuhr Hatteras fort, der das Fernrohr in der Hand unablässig die Küste beobachtete.

– Sie sehen diese Spitze, versetzte Johnson; sind wir um diese herum, so befinden wir uns ganz nahe bei unserm Ankerplatz. Ja wohl, von dieser Stelle aus sind wir mit dem Lieutenant Creswell und den zwölf Kranken des Investigator nach England abgefahren. Aber sind wir so glücklich gewesen, den Lieutenant des Kapitän Mac Clure wieder heimzubringen, so hat der Officier Bellot, welcher auf dem Phönix mitfuhr, seine Heimat nie wieder gesehen! Ach! Eine traurige Erinnerung. Aber, Kapitän, ich denke, wir müssen an dieser Stelle die Anker werfen.

– Gut«, erwiderte Hatteras.

Und er ertheilte demnach seine Befehle.

Der Forward befand sich in einer kleinen, von der Natur gegen die Nord-, Ost- und Südwinde geschützten Bucht, etwa eine Kabellänge von der Küste entfernt.

»Herr Wall, sagte Hatteras, lassen Sie die Schaluppe bereit machen, und schicken dieselbe mit sechs Mann ab, um die Kohlen an Bord zu schaffen.

– Ja, Kapitän, erwiderte Wall.

– Ich will mich mit dem Doctor und dem Rüstmeister in der Pirogue an’s Land begeben. Herr Shandon, Sie haben wohl die Güte uns zu begleiten?

– Zu Ihrem Befehl«, erwiderte Shandon.

Nach einigen Augenblicken saß der Doctor, mit seinem Jagdgeräthe und gelehrten Apparat versehen, nebst seinen Genossen in der Pirogue; zehn Minuten darauf stiegen sie an einer ziemlich niedrigen und felsigen Küste an’s Land.

»Führen Sie uns, Johnson, sagte Hatteras. Sie finden sich hier zu Hause?

– Vollständig, Kapitän; doch sehe ich ein Monument, welches ich an dieser Stelle nicht zu treffen vermuthete!

– Dies! rief der Doctor aus, ich weiß, was es ist. Treten wir näher; dieser Stein wird uns selbst sagen, was er bisher hier zu thun hatte.«

Die vier Mann schritten voran, und der Doctor sprach, indem er den Hut zog:

»Dies, meine Herren, ist ein zum Ehrengedächtniß Franklin’s und seiner Gefährten errichtetes Monument.«

In der That hatte Lady Franklin, welche bereits 1855 dem Doctor Kane eine schwarze Marmortafel zugestellt, eine zweite im Jahre 1858 Mac Clintock anvertraut, um sie auf der Insel Beechey aufzustellen. Mac Clintock entledigte sich gewissenhaft dieser Pflicht, und stellte diese Tafel nicht weit von einem bereits zum Andenken Bellot’s durch Sir John Barrow errichteten Leichendenkstein auf.

Die Tafel hatte folgende Inschrift:

 

Zum Angedenken an

Franklin, Crozier, Fitz-James

und all ihre tapferen Brüder,

Officiere und treue Kameraden, welche für die Wissenschaft und den Ruhm ihres Vaterlandes gelitten haben und gestorben sind,
ist dieser Stein errichtet
nahe der Stelle, wo sie ihren ersten Winter im Norden zugebracht, und von wo aus sie abfuhren, um über die Hindernisse zu triumphiren oder zu sterben.
Er bezeugt die Erinnerung und Bewunderung ihrer Landsleute und Freunde, und den im Glauben versöhnten Schmerz
Der Frau, die in dem Haupt der Unternehmung den liebevollsten Gemahl verloren hat.

Also hat ER sie zum letzten Hafen geleitet, wo Alle die Ruhe finden.

1855.

 

Dieser Stein auf einer entlegenen Küste dieser fernen Regionen sprach schmerzvoll zum Gemüth; dem Doctor traten bei dieser rührenden Leidbezeugung Thränen in die Augen. Und trotz dieser düstern Warnung des Verhängnisses war der Forward im Begriff, den Weg des Erebus und Terror zu verfolgen.

Dieser gefährlichen Betrachtung entzog sich zuerst Hatteras, und erstieg rasch einen ziemlich hohen, fast ganz schneefreien Hügel.

»Kapitän, sagte Johnson, der ihm folgte, von da herab werden wir die Magazine sehen.«

Shandon und der Doctor holten sie in dem Augenblick ein, als sie auf dem Gipfel ankamen.

Aber von hier aus verloren sich ihre Blicke über ungeheure Ebenen, welche keine Spur einer Wohnung zeigten.

»Das ist aber doch sonderbar, sagte der Rüstmeister.

– Nun! und jene Magazine? sagte Hatteras lebhaft.

– Ich weiß nicht… Ich sehe nicht… stotterte Johnson.

– Sie werden sich im Weg geirrt haben, sagte der Doctor.

– Es scheint mir aber doch, versetzte Johnson nachdenklich, an eben dieser Stelle …

– Kurz, sagte Hatteras ungeduldig, wohin sollen wir gehen?

– Hinab, sprach der Rüstmeister, denn es wäre möglich, daß ich mich irre; seit sieben Jahren hab‘ ich die Erinnerung an diese Oertlichkeiten verloren.

– Besonders, erwiderte der Doctor, wenn das Land so einförmig und monoton ist.

– Und dennoch …« murmelte Johnson.

Shandon hatte keine Bemerkung geäußert.

Nachdem sie einige Minuten gegangen, blieb Johnson stehen.

»Aber nein, rief er aus, nein, ich irre mich nicht!

– Nun denn? sagte Hatteras, und blickte umher.

– Was hat Sie zu dieser Aeußerung veranlaßt, Johnson? fragte der Doctor.

– Sie sehen diese Erhöhung des Bodens? sagte der Rüstmeister, und deutete, zu seinen Füßen auf eine Bodenerhebung, worauf drei Stellen etwas erhöht vortraten.

– Was schließen Sie daraus? fragte der Doctor.

– Hier befinden sich, erwiderte Johnson, die drei Gräber der französischen Bootsleute! Jetzt bin ich sicher, ich irre nicht, und hundert Schritte von uns sollten sich die Wohnungen befinden, und wenn sie nicht da sind … so ist …«

Er wagte nicht, seinen Gedanken völlig auszusprechen; Hatteras war voran geeilt, und ein Sturm der Verzweiflung erfaßte ihn. Hier hätten in der That die so sehnlich erstrebten Magazine mit den Vorräthen aller Art, worauf er rechnete, sich befinden müssen; aber Verderben, Plünderung, Zerstörung, Verwüstung waren darüber hergegangen, wo civilisirte Hände reiche Hilfsquellen für die erschöpften Seefahrer geschaffen hatten. Wer hatte solche Plünderung verübt? Die reißenden Thiere, Wölfe, Füchse, Bären? Nein, denn sie hätten nur die Lebensmittel vernichtet, und es war kein Fetzen von einem Zeltobdach geblieben, kein Stückchen Holz, Eisen oder anderes Metall, und, das Erschrecklichste für den Forward, kein Bröcklein Brennmaterial! Offenbar haben die Eskimo’s, die oft mit europäischen Schiffen in Berührung kamen, am Ende den Werth dieser Gegenstände, welche ihnen völlig mangeln, schätzen gelernt; seitdem Fox des Weges gekommen, hatten sie öfters diesen Ort des Ueberflusses besucht, und unablässig weggenommen und geplündert, mit der wohl überdachten Absicht, keine Spur von dem, was hier gewesen war, zurückzulassen; und nun lag eine weitreichende Schneedecke über dem Boden.

Hatteras war voll Bestürzung. Der Doctor schaute mit Kopfschütteln. Shandon schwieg stets, und ein achtsamer Beobachter hätte ein boshaftes Lächeln wahrnehmen können.

In diesem Augenblicke kamen die vom Lieutenant Wall geschickten Leute an. Sie verstanden Alles. Shandon trat zu dem Kapitän, und sprach:

»Herr Hatteras, es scheint mir unnütz in Verzweiflung zu gerathen; wir befinden uns zum Glück am Anfang der Barrow-Straße, welche uns in’s Baffins-Meer zurückführen wird!

– Herr Shandon, erwiderte Hatteras, wir befinden uns glücklicherweise am Anfang der Wellington-Straße, und sie wird uns dem Norden zuführen!

– Und wie werden wir fahren, Kapitän?

– Mit Segeln, mein Herr! Wir haben noch für zwei Monat Brennmaterial, und das ist mehr, als wir während unseres bevorstehenden Winteraufenthaltes bedürfen.

– Sie wollen mir gestatten zu sagen, fuhr Shandon fort …

– Ich gestatte Ihnen, mir an Bord zu folgen, mein Herr«, erwiderte Hatteras.

Und er kehrte seinem Unterbefehlshaber den Rücken zu, begab sich auf die Brigg, und schloß sich in seine Cabine ein.

Zwei Tage lang war widriger Wind; der Kapitän erschien nicht wieder auf dem Verdeck. Der Doctor benutzte diesen gezwungenen Aufenthalt auf der Insel Beechey; er sammelte die wenigen Pflanzen, welche eine verhältnismäßig hohe Temperatur auf den schneefreien Felsen wachsen ließ, etliches Haidekraut, einige Flechtensorten, eine Art gelber Ranunkeln, eine dem Sauerampfer ähnliche Pflanze, und kräftiges Steinbrech.

Die Fauna dieser Gegend war reicher als die so beschränkte Flora; der Doctor gewahrte lange Reihen Gänse und Kraniche, welche nordwärts zogen; die Rebhühner, blau-schwarze Eider-Enten, die Ritter, eine Art Strandläufer, Polartaucher, Feldhühner, dreizehige Möwen, und Taucherenten repräsentirten das Thierreich. Der Doctor war so glücklich, einige graue Hasen zu erlegen, die im Winter weißen Pelz tragen, und einen blauen Fuchs. Einige Bären, die offenbar vor den Menschen scheuten, ließen sich nicht nahe kommen, und die Robben waren aus gleichem Grunde sehr scheu. In der Bai fanden sich reichlich eine Art Trompetenschnecken, die recht schmackhaft waren; von Insecten gelang es dem Doctor, einen Moskito, der ihn gestochen, zu erhaschen. Von Schalthieren sammelte er eine Art Muscheln, und einige zweischalige Schnecken.

Einundzwanzigstes Kapitel.


Einundzwanzigstes Kapitel.

Bellot’s Tod.

Die Temperatur hielt sich während des 3. und 4. Juli auf siebenundfünfzig Grad (+14° hunderttheilig); dies war der höchste in diesem Jahr beobachtete Thermometerstand. Aber am 5. schlug der Wind um zu Süd-Ost, und war von heftigem Schneegestöber begleitet. Hatteras ertheilte, ohne sich um die üble Stimmung der Mannschaft zu kümmern, Befehl, unter Segel zu gehen.

Seit dreizehn Tagen, nämlich seit dem Cap Dundas, war der Forward nicht einen Grad weiter nördlich gekommen; daher war auch der von Clifton vertretene Theil der Mannschaft nicht befriedigt; doch stimmten in diesem Augenblick ihre Wünsche mit der Entschließung des Kapitäns überein, im Canal Wellington weiter hinaufzufahren, und sie machten keine Schwierigkeiten im Dienst.

Es gelang nicht ohne Mühe, die Brigg segelfertig zu machen; aber, nachdem sie während der Nacht ihre Maste aufgesteckt, fuhr Hatteras kühn mitten durch die Eisblöcke, welche die Strömung südwärts trieb. Die Mannschaft hatte bei dieser gewundenen Fahrt viel Beschwerde, da sie oft genöthigt war, die Segel anders zu brassen.

Der Canal Wellington ist nicht sehr breit; er zieht sich schmal zwischen der Küste von Nord-Devon im Osten und der Insel Cornwallis im Westen. Diese galt lange für eine Halbinsel; Franklin fuhr im Jahre 1846 von Westen her um sie herum.

Der Canal Wellington wurde 1851 vom Kapitän Penny auf den Wallfischfahrern Lady Franklin und Sophie erforscht; einer seiner Lieutenants, Stewart, der bis zum Cap Beecher, unter 76° 20′ kam, entdeckte das freie Meer. Das freie Meer! Darauf stand Hatteras‘ Hoffnung.

»Was Stewart gefunden hat, will ich auch finden, sagte er zu dem Doctor, und dann kann ich mit Segeln dem Pol zu fahren.

– Aber, versetzte der Doctor, fürchten Sie nicht Ihre Mannschaft? …

– Meine Mannschaft!« sagte Hatteras barsch. Dann fuhr er leise fort: »Die armen Leute«, zu großem Staunen des Doctor.

Es war dies die erste Spur eines Gefühls der Art, welche er im Herzen des Kapitäns wahrnahm.

»Doch nein! fuhr dieser mit Energie fort, sie müssen mir folgen! Sie werden mir folgen!«

Indessen hatte der Forward auch nichts vom Zusammenstoßen mit Eisströmen, die in Zwischenräumen von einander trieben, zu fürchten, so kam er doch wenig nordwärts voran, weil widrige Winde oft zum Haltmachen nöthigten. Er fuhr mit Mühe an den Caps Spencer und Innis vorüber, und am 10., Dienstags, kam er endlich, zu großer Freude Clifton’s, über den 75. Breitegrad hinaus.

Der Forward befand sich an der nämlichen Stelle, wo die amerikanischen Schiffe Rescue und Advance unter dem Kapitän Haven so fürchterliche Gefahren zu bestehen hatten. Der Doctor Kane gehörte zu dieser Expedition; gegen Ende Septembers 1850 wurden diese, von einer Eisdecke umgeben, mit unwiderstehlicher Gewalt in den Lancaster-Sund zurückgetrieben.

Shandon erzählte die Katastrophe dem James Wall in Gegenwart einiger Bootsleute von der Brigg.

»Advance und Rescue, sagte er, wurden dermaßen von den Eisblöcken erschüttert, emporgehoben, hin- und hergeworfen, daß man die Feuer auf dem Schiff mußte ausgehen lassen; und doch sank die Temperatur bis zu achtzehn Grad unter Null! Während des ganzen Winters wurden die unglücklichen Mannschaften zwischen der Eisdecke festgehalten, stets bereit, ihr Schiff zu verlassen, und drei Wochen lang wechselten sie nicht einmal die Kleider! In dieser fürchterlichen Lage wurden sie, nachdem sie tausend Meilen weit getrieben, von ihrer Fahrt ab bis in’s Baffins-Meer zurückverschlagen!«

Man denke, welche Wirkung diese Erzählungen auf die moralische Haltung einer bereits übel gesinnten Mannschaft haben mußte.

Während dieser Unterhaltung sprach Johnson mit dem Doctor von einem Ereigniß, welches in dieser Gegend vorgefallen war; der Doctor gab ihm auf seine Bitte genau den Moment an, wo sich die Brigg unter 75° 30′ befand.

»Hier ist’s! Eben hier! rief Johnson. Das ist die unheilvolle Stelle!«

Und bei diesen Worten traten dem wackeren Rüstmeister die Thränen in die Augen.

»Sie wollen vom Tod des Lieutenant Bellot erzählen, sagte zu ihm der Doctor.

– Ja, Herr Clawbonny, von dem tapferen Officier, der so viel Herz und Muth hatte!

– Und hier also, sagten Sie, fand die Katastrophe statt?

– Gerade hier, an dieser Stelle der Küste von Nord-Devon! O! es ist bei alledem ein großes Verhängniß, und das Unglück wäre nicht passirt, wenn der Kapitän Pullen früher an sein Bord zurückgekommen wäre!

– Was meinen Sie damit, Johnson?

– Hören Sie, Herr Clawbonny, und Sie werden sehen, an welchen Fäden oft das Dasein hängt. Sie wissen, daß der Lieutenant Bellot im Jahre 1850 eine erste Fahrt zur Aufsuchung Franklin’s mitmachte?

– Ja, Johnson, auf dem Prinz Albert.

– Als er nach Frankreich zurückkam, erhielt er im Jahre 1853 die Erlaubniß, auf dem Phönix, an dessen Bord ich mich als Matrose befand, unter dem Kapitän Inglefield, in See zu gehen. Wir brachten nebst dem Breadalbane Vorräthe nach der Insel Beechey.

– Dieselben, die wir leider nicht mehr vorfanden!

– Die nämlichen, Herr Clawbonny. Wir trafen zu Anfang August auf der Insel Beechey ein; am 10. desselben Monats verließ der Kapitän Inglefield den Phönix, um den Kapitän Pullen, der seit einem Monat von seinem Schiff, dem Nordstern, getrennt war, aufzusuchen. Nach seiner Rückkehr hatte er im Sinne, die Depeschen der Admiralität dem Sir Edward Belcher, welcher im Canal Wellington überwinterte, zu übersenden. Nun kam kurz nach der Abfahrt unsers Kapitäns der Kapitän Pullen an Bord seines Schiffes zurück. Daß er nicht vor Abfahrt des Kapitäns Inglefield zurückkam! Da der Lieutenant Bellot besorgte, die Abwesenheit unsers Kapitäns möge sich hinausziehen, und da er wußte, daß die Depeschen der Admiralität pressirten, so erbot er sich, sie selbst zu überbringen. Er ließ das Commando der beiden Schiffe dem Kapitän Pullen, und reiste am 12. August mit einem Schlitten und einem Kautschukboot ab. Er nahm mit sich den Quartiermeister des Nordstern, drei Matrosen, Madden, David Hook und mich. Wir vermutheten, Sir Edward Belcher möchte sich in der Nähe des Cap Beecher im Norden des Canals befinden. Wir fuhren also in unserm Schlitten in dieser Richtung, und hielten uns dabei nahe am östlichen Ufer. Am ersten Tag campirten wir drei Meilen vom Cap Innis; am folgenden Tag machten wir Halt auf einem Eisblock, etwa drei Meilen vom Cap Bowden. Während der Nacht, die übrigens taghell war, entschloß sich der Lieutenant Bellot, da das Land nur drei Meilen entfernt war, dort sein Lager zu nehmen. Er versuchte zweimal in dem Kautschukboot hinüber zu setzen, aber beidemal trieb ihn ein heftiger Südostwind zurück; Harvey und Madden waren glücklicher, sie hatten sich mit einem Seil versehen, um den Schlitten in Verbindung mit der Küste zu halten. Mit Hilfe dieses Seils wurden drei Gegenstände hinübergeschafft; aber bei einem vierten Versuch fühlten wir, daß unser Block sich in Bewegung setzte. Herr Bellot rief seinen Gefährten zu, das Seil loszulassen, und so wurden wir, der Lieutenant, David Hook und ich, weit von der Küste abgetrieben. In dem Augenblick wehte der Wind heftig aus Südost, und es schneite. Aber wir liefen noch nicht große Gefahr.

»Nachdem wir unsere Gefährten aus dem Gesicht verloren, suchten wir zuerst Schutz unter dem Zelt unsers Schlittens, aber vergebens; darauf begannen wir mit unsern Messern uns ein Obdach in das Eis zu schneiden. Herr Bellot setzte sich eine halbe Stunde und sprach mit uns über die Gefahr unserer Läge; ich sagte ihm, daß mir nicht bange sei. »Unter Gottes Schutz, sprach er, wird kein Haar von unserm Kopfe fallen.« Es war sechs Uhr und ein Viertel Vormittags am 18. August. Herr Bellot packte seine Schriften zusammen, und sagte, er wolle nachsehen, wie das Eis schwimme. Kaum war er vier Minuten weg, als ich, ihn zu suchen, um den Eisblock ging, worauf wir uns geborgen hatten; aber ich konnte ihn nicht sehen, und als ich zu unserm Obdach zurückkehrte, gewahrte ich seinen Stock auf der andern Seite einer etwa fünf Klafter breiten Spalte, wo das Eis völlig gebrochen war. Ich rief ihn, erhielt aber keine Antwort. In dem Augenblick wehte der Wind sehr stark. Ich suchte weiter rings um den ganzen Block, konnte aber von dem armen Lieutenant keine Spur entdecken.

– Und was vermuthen Sie? fragte der Doctor gerührt.

– Ich denke mir daß, als Herr Bellot unser Obdach verließ, der Wind ihn in diese Spalte trieb, und da sein Paletot zugeknöpft war, konnte er nicht schwimmen, um wieder an die Oberfläche zu kommen! Ach! Herr Clawbonny, das ist der ärgste Schmerz, den ich erlebt habe! Ich wollte es nicht glauben! Dieser brave Officier ein Opfer seines Diensteifers! Denn, wissen Sie, um den Instruktionen des Kapitäns Pullen zu folgen, wollte er noch vor dem Eisgang an’s Land setzen! Ein wackerer Mann, von Jedermann an Bord geliebt, dienstwillig, muthig! Ganz England hat ihn beweint, und selbst die Eskimo’s, als sie vom Kapitän Inglefield seinen Tod vernahmen, riefen mit Thränen wie ich: armer Bellot!

– Aber Sie, Johnson, mit Ihren Kameraden, fragte der Doctor gerührt, wie sind Sie wieder an’s Land gekommen?

– Wir, mein Herr, das hatte wenig auf sich; wir blieben noch vierundzwanzig Stunden auf dem Eisblock, ohne Nahrung und Feuer; aber endlich trafen wir auf ein Eisfeld, das auf einer Untiefe festsaß. Darauf sprangen wir, und mit Hilfe eines Ruders, das wir noch hatten, zogen wir einen Eisblock bei, der uns zu tragen fähig war, und sich wie ein Floß lenken ließ. So haben wir das Ufer erreicht, aber leider allein!«

Inzwischen war der Forward an dieser unheimlichen Küste vorüber gekommen, und Johnson verlor die Stelle der Katastrophe aus dem Gesicht. Am folgenden Tag ließ man rechts die Bai Griffin, und zwei Tage nachher die Caps Grinnel und Helpmann; endlich, am 14. Juli fuhr man um die Spitze Osborn herum, und am 15. ankerte die Brigg in der Bai Baring am Ende des Canals. Die Fahrt war nicht sehr schwierig; Hatteras fand das Meer fast ebenso eisfrei, wie einst Belcher, als er mit dem Pionnier und L’Assistance bis zum siebenundsiebenzigsten Grade fuhr und da sein Winterlager nahm. Dies war bei seinem ersten Winteraufenthalt von 1852–1853, dann im folgenden Jahre nahm er von 1853–1854 sein Quartier in dieser Bai Baring, wo der Forward eben ankerte.

In Folge der Prüfungen und härtesten Gefahren, mußte er sein Schiff Assistance mitten zwischen dem ewigen Eis zurücklassen.

Von dieser Katastrophe machte Shandon, der ebenfalls den entmuthigten Matrosen etwas vorerzählen wollte, eine Schilderung. Hatte Hatteras Kenntniß von diesem Verrath seines ersten Officiers? Man kann es nicht sagen; jedenfalls schwieg er stille dazu.

Auf der Höhe der Bai Baring befindet sich ein enges Fahrwasser, welches eine Verbindung des Kanals Wellington mit dem Canal der Königin bildet. Hier fanden sich die treibenden Eisblöcke sehr enge gedrängt. Hatteras bemühte sich vergebens durch die Fahrwasser im Norden der Insel Hamilton zu dringen; der Wind gestattete es nicht; man mußte daher zwischen der Insel Hamilton und der Insel Cornwallis durchzukommen suchen und verlor darüber fünf kostbare Tage mit vergeblichen Anstrengungen. Die Temperatur neigte zum Sinken, ja sank am 19. Juli auf sechsundzwanzig Grad (-3° hunderttheilig); am folgenden Tag stieg sie wieder; aber dieses verfrühte Drohen des Polar-Winters mußte Hatteras veranlassen, nicht länger zu warten. Der Wind hatte eine Neigung sich westlich zu halten, und hemmte die Fahrt seines Schiffes. Und doch mußte er eilen an den Punkt zu gelangen, wo Stewart ein freies Meer antraf. Am 19. entschloß er sich, um jeden Preis in dem Fahrwasser vorzudringen; aber der Wind war durchaus entgegen. Zwar hätte die Brigg mit ihrer Schraube gegen die heftigen Windstöße ankämpfen können; aber Hatteras mußte vor allen Dingen sein Brennmaterial sparen; anderentheils war doch das Fahrwasser zu breit, so daß man die Brigg nicht ziehen konnte. Hatteras, ohne die Strapazen der Mannschaft zu berücksichtigen, nahm seine Zuflucht zu einem Mittel, welches die Wallfischfahrer manchmal unter ähnlichen Umständen anwenden. Er ließ die Boote zum Wasserspiegel hinabbringen, und dabei mit ihrem Takelwerk an den Seiten des Schiffes in der Schwebe halten; diese Boote waren am Vorder- und Hintertheil mit Tauen fest angebunden, und die Ruder wurden auf dem einen rechts, auf dem andern links angebracht; die Bootsleute nahmen der Reihe nach auf den Ruderbänken Platz und mußten kräftig rudern, so daß sie die Brigg dem Wind entgegen vorwärts brachten.

Der Forward kam dergestalt in dem Fahrwasser langsam voran; natürlich verursachten solche Arbeiten den Bootsleuten große Strapazen, und man hörte sie murren. Vier Tage lang ruderte man in dieser Weise, bis zum 23. Juni, wo man glücklich die Insel Baring im Canal der Königin erreichte.

Der Wind war fortwährend entgegen, und die Mannschaft hielt es nicht mehr aus. Der Doctor hielt die Gesundheit der Leute für sehr erschüttert, und glaubte bei einigen derselben die ersten Symptome des Scorbuts zu erkennen; er versäumte nichts, um dies schreckliche Uebel zu bekämpfen, da er reichlichen Vorrath von Citronensaft und Kalkpastillen zur Verfügung hatte.

Hatteras wußte wohl, daß er sich nicht mehr auf seine Mannschaft verlassen konnte; Milde, Ueberzeugung würden fruchtlos gewesen sein; er beschloß daher mit Strenge dagegen anzukämpfen und bei Gelegenheit unerbittlich zu verfahren; ganz besonders mißtraute er Richard Shandon und selbst James Wall, der jedoch nicht gar laut zu reden wagte. Hatteras hatte auf seiner Seite den Doctor, Johnson, Bell, Simpson, welche ihm mit Leib und Seele ergeben waren; unter den Schwankenden waren Foker, Bolton, der Waffenschmied Wolsten, der erste Maschinist Brunton, welche sich unter Umständen gegen ihn zu wenden fähig waren; die übrigen, Pen, Gripper, Clifton, Waren, spannen unverhohlen Aufruhrpläne; sie wollten ihre Kameraden mit sich fortreißen, den Forward zur Rückkehr nach England zu nöthigen.

Hatteras sah wohl, daß er von dieser übel gesinnten, und zumal von Strapazen erschöpften Mannschaft die Fortsetzung der bisherigen Manoeuvres nicht mehr erlangen könnte. Er blieb vierundzwanzig Stunden der Insel Baring gegenüber, ohne einen Schritt vorwärts zu thun. Inzwischen sank die Temperatur, und unter diesen hohen Breitegraden spürte man schon den Einfluß des bevorstehenden Winters. Am 24. fiel das Thermometer auf zweiundzwanzig Grad (-6° hunderttheilig). Während der Nacht bildete sich neues Eis und ward sechs bis acht Linien dick; wenn dazu noch Schnee fiel, konnte es bald stark genug werden, um einen Mann zu tragen. Das Meer bekam bereits die unreine Färbung, welche die erste Krystallbildung ankündigt.

Hatteras verhehlte sich nicht diese beunruhigenden Symptome; wenn die Fahrpässe sich demnächst verstopften, würde er genöthigt sein, an dieser Stelle zu überwintern, weit vom Ziel seiner Reise, und ohne das freie Meer, welchem er den Berichten seiner Vorgänger zufolge so nahe sein mußte, auch nur gesehen zu haben. Er beschloß daher um jeden Preis vorwärts zu dringen, und einige Grade weiter im Norden zu gewinnen: und da er sah, daß er weder mit einer Mannschaft am Ende ihrer Kraft die Ruder verwenden, noch bei stets widrigem Wind die Segel gebrauchen konnte, so ertheilte er Befehl, die Oefen zu heizen.

Fünfzehntes Capitel.


Fünfzehntes Capitel.

Der Forward südwärts zurück getrieben.

Gegen Abend hellte sich die Witterung auf und man konnte klar das Land zwischen dem Cap Sepping und Cap Clarence unterscheiden, welches ostwärts, dann südlich hinausläuft, und durch eine ziemlich niedere Landzunge mit der Westküste in Verbindung steht. Das Meer war bei der Mündung der Regenten-Straße frei von Eis; aber als wolle es dem Forward die Fahrt nach Norden versperren, bildete es über dem Hafen Leopold hinaus eine undurchdringliche Eisdecke.

Hatteras, dem dies sehr unlieb war, ließ es jedoch nicht merken und nahm seine Zuflucht zu Petarden, um die Einfahrt zum Hafen Leopold mit Gewalt zu bahnen; er lief zu Mittag am Sonntag den 27. Mai in denselben ein; die Brigg wurde auf großen Eisbergen, welche so hart und fest wie Felsen waren, geankert.

Sogleich sprangen der Kapitän, nebst dem Doctor, Johnson und dem Hund Duk auf das Eis und begaben sich von da unverzüglich an’s Land; Duk machte vor Freude lustige Sprünge; übrigens war er, seit der Kapitän sich zu erkennen gegeben, sehr gesellig und sanft geworden, und grollte nur einigen von der Mannschaft, welche sein Herr eben so wenig, wie er, leiden mochte.

Der Hafen war von den Eisblöcken frei, welche die Ostwinde gewöhnlich davor aufschichten; das steil abschüssige Land hatte eine Schneedecke mit zierlich wellenförmigen Gipfeln. Das von James Roß errichtete Gebäude mit einem Fanal war noch ziemlich wohl erhalten; aber die Vorräthe schienen von den Füchsen und selbst Bären, deren frische Spuren man noch sah, geplündert worden zu sein; auch Menschenhände mußten bei der Zerstörung sich betheiligt haben, denn es waren am Ufer der Bai einige Reste von Eskimo-Hütten zu sehen. Die sechs Gräber mit Seeleuten der Entreprise und des Investigator waren an einer leichten Erhöhung des Bodens zu erkennen; sie waren von Menschen und Thieren unbeschädigt gelassen worden.

Als der Doctor zum erstenmal den nordländischen Boden betrat, war er wahrhaft gerührt.

»Sehen Sie hier, sprach er zu seinen Gefährten, James Roß nannte diesen Ort selbst eine Zufluchtsstätte! Wäre Franklin’s Expedition bis dahin gekommen, so wäre sie geborgen gewesen. Dort ist die hier zurückgelassene Maschine, und der auf der Plattform errichtete Ofen, woran die Mannschaft des »Prinz Albert« im Jahre 1851 sich wärmte; es ist Alles in dem nämlichen Zustand geblieben, daß man glauben könnte, sein Kapitän Kennedy habe diesen gastlichen Hafen erst gestern verlassen. Da ist die Schaluppe, welche ihm und den Seinigen einige Tage Schutz gewährte, denn dieser Kennedy verdankte, als er von seinem Schiff getrennt war, dem Lieutenant Bellot, welcher, um ihn aufzufinden der Octoberkälte trotzte, wahrhaft seine Rettung.

– Ein wackerer, verdienter Officier, den ich gekannt habe,« sagte Johnson.

Während der Doctor mit dem Eifer eines Alterthumsforschers die Spuren der vorhergehenden Überwinterung aufsuchte, war Hatteras bemüht, die Lebensmittel und das Brennmaterial zu sammeln, welches sich nur in sehr kleiner Menge vorfand. Am folgenden Tage brachte man sie an Bord. Der Doctor streifte umher, ohne sich weit vom Schiff zu entfernen, und zeichnete die merkwürdigsten Ansichten. Allmälig stieg die Temperatur, der aufgehäufte Schnee fing an zu schmelzen. Der Doctor machte eine vollständige Sammlung des nordischen Gevögels, als Möven, Taucher, Eider-Enten, von denen einige bereits sich am Bauch der Eiderdaunen beraubt hatten, um ihr Nest damit auszufüttern. Der Doctor gewahrte auch große Robben, welche zum Luftschöpfen an die Oberfläche des Eises kamen, aber herausbekommen konnte er keine derselben.

Bei seinen Ausflügen entdeckte er den Ebbe- und Fluthstein mit den eingegrabenen Zeichen

[E. J.]
1849.

welche das Vorbeifahren der Entreprise und des Investigator bezeichnen; er drang vor bis zum Cap Clarence, der nämlichen Stelle, wo John und James Roß im Jahre 1833 so ungeduldig das Aufgehen des Eises erwartet hatten. Der Boden war mit Gebeinen und Schädeln von Thieren bedeckt, und man konnte noch die Spuren von Eskimo-Wohnungen erkennen.

Der Doctor hatte im Sinne gehabt, im Hafen Leopold ein Steindenkmal zu errichten mit einer Notiz von der Fahrt des Forward und dem Zweck der Expedition. Aber Hatteras war dem förmlich entgegen; er wollte nicht Spuren hinter sich lassen, welche ein Concurrent hätte benutzen können. Ungeachtet seiner guten Gründe mußte der Doctor dem Willen des Kapitäns sich fügen.

Shandon tadelte zumeist diesen Eigensinn; denn im Fall eines Unglücks hätte kein Fahrzeug dem Forward zu Hilfe kommen können.

Hatteras wollte diesen Gründen nicht Rechnung tragen. Da seine Ladung am Montag Abend fertig war, machte er noch einmal den Versuch, nach Sprengung der Eisdecke nordwärts zu dringen; aber nach gefährlichen Versuchen mußte er sich entschließen, den Regenten-Canal wieder hinabzufahren; um keinen Preis wollte er im Hafen Leopold bleiben, da er heute offen, morgen durch eine unerwartete Verschiebung der Eisfelder eingeschlossen sein konnte.

Wenn Hatteras seine Besorgnisse nicht merken ließ, so empfand er sie doch innerlich sehr stark. Er wollte nordwärts dringen, und sah sich gezwungen südwärts zurückzuweichen! Wohin sollte er dergestalt kommen? Sollte er bis zu Victoria-Harbour im Golf Boothia weichen, wo Sir John Roß 1833 überwinterte? Sollte er die Bellot-Straße dann frei finden, und um Nord-Sommerset herum durch die Peel-Straße wieder nordwärts fahren? Oder würde er, gleich seinen Vorgängern mehrere Winter hier in Gefangenschaft stecken, genöthigt seine Kräfte und Vorräthe da aufzuzehren?

Diese Besorgnisse peinigten ihn; aber er mußte einen Entschluß fassen. Er wendete sein Schiff und fuhr südwärts.

Der Prinz-Regent-Canal ist vom Hafen Leopold an bis zur Bai Adelaide fast gleichmäßig breit. Der Forward fuhr rasch zwischen Eisblöcken mitten hindurch, und war besser daran, als die vorherigen Schiffe, welche meistens einen vollen Monat brauchten, um diesen Canal herabzufahren, selbst in besserer Jahreszeit. Allerdings hatten diese Fahrzeuge, Fox ausgenommen, nicht den Dampf zur Verfügung, so daß sie den Launen eines ungewissen und oft widrigen Windes ausgesetzt waren.

Die Mannschaft zeigte sich im Allgemeinen hoch erfreut, aus den nördlichen Regionen herauszukommen; der Plan, nach dem Pol zu dringen, schien wenig nach ihrem Geschmack; sie erschraken leicht über Hatteras‘ Entschließungen, denn der Ruf seiner Kühnheit konnte sie wenig beruhigen. Hatteras suchte alle Gelegenheiten vorwärts zu kommen, ohne alle Rücksicht auf die Folgen, zu benützen. Und doch ist’s in den Nord-Meeren zwar gut vorwärts zu dringen, aber man muß auch seine Lage behaupten, und sich nicht in Gefahr bringen, sie wieder aufgeben zu müssen.

Der Forward fuhr mit vollem Dampf, und sein schwarzer Rauch wirbelte spiralförmig über den glänzenden Spitzen der Eisberge; das Wetter wechselte unaufhörlich in raschem Uebergang aus trockener Kälte zu schneeigem Nebel. Die Brigg, von schwacher Wassertiefe, streifte nächst der Westküste; Hatteras wollte die Einfahrt der Bellot-Straße nicht verfehlen, denn der Golf Boothia hat im Süden sonst keine Ausfahrt, als die wenig gekannte Fury- und Hecla-Straße, so daß dieser Golf zur Sackgasse wurde, wenn die Bellot-Straße verfehlt wurde oder unfahrbar war.

Am Abend befand sich der Forward gegenüber der Bai Elwin, welche man an ihren hohen senkrechten Felsen erkannte; am Dienstag früh gewahrte man die Bai Batty, wo sich am 10. September 1851 der Prinz Albert für eine lange Ueberwinterung festankerte. Der Doctor beobachtete mit seinem Fernrohr die Küste lange mit Interesse. Von diesem Punkt gingen ringsher die Ausflüge aus; welche die geographische Gestalt von Nord-Sommerset feststellten. Die Witterung war klar, so daß man die tiefen Schluchten, wovon die Bai umgeben ist, unterscheiden konnte.

Der Doctor und Johnson waren vielleicht die Einzigen, welche an diesen öden Gegenden Interesse hatten. Hatteras, stets über seine Karten gebeugt, sprach wenig; seine Schweigsamkeit wuchs, je weiter die Brigg nach Süden kam; er stieg oft auf die Campanie, wo er, die Arme gekreuzt, den Blick im weiten Raum verloren, ganze Stunden lang den Horizont betrachtend verweilte. Seine Befehle, wenn er welche gab, waren kurz und barsch. Shandon beobachtete kaltes Schweigen, und indem er sich allmälig in sich selbst zurückzog, sprach er mit Hatteras nur noch, was der Dienst verlangte; James Wall blieb Shandon ergeben, und richtete sein Verhalten nach dessen Beispiel. Der übrige Theil der Mannschaft wartete die Ereignisse ab, bereit, sie in eigenem Interesse zu benutzen. Es fand an Bord nicht mehr jene Einheit der Gedanken, jene Gemeinsamkeit der Ideen statt, welche für die Ausführung großer Dinge so nöthig ist. Hatteras wußte es wohl.

Man sah im Laufe dieses Tages zwei Wallfische rasch südwärts treiben; desgleichen gewahrte man einen weißen Bären, der mit einigen Flintenschüssen begrüßt wurde, ohne Erfolg, schien es. Dem Kapitän war unter diesen Umständen eine Stunde Zeit viel zu kostbar, als daß er die Verfolgung dieses Thieres gestattete.

Am Mittwoch früh war man über das Ende des Regenten-Canals hinaus; an die Ecke der Westküste schloß sich eine tiefe Krümmung des Landes. Der Doctor erkannte mittels der Karte die Spitze Sommerset-House oder die Fury-Spitze.

»Hier an dieser Stelle, sagte er zu seinem Genossen, ist das erste englische Schiff, welches sie 1815 bei Parry’s dritter Nordpolfahrt in diese Meere schickten, zu Grunde gegangen; die Fury hatte bei ihrem zweiten Winteraufenthalt dermaßen von den Eisblöcken gelitten, daß die Mannschaft sie zurücklassen, und auf dem Geleitschiff Hecla nach England zurückkehren mußte.

– So ein Geleitschiff ist doch offenbar ein großer Vortheil, sagte Johnson; eine solche Vorsicht sollten die Nordpolfahrer nicht versäumen, aber der Kapitän Hatteras wollte sich nicht mit einem Gesellschafter befassen!

– Halten Sie ihn für unvorsichtig, Johnson? fragte der Doctor.

– Ich? Es steht mir darin kein Urtheil zu, Herr Clawbonny. Sehen Sie da an der Küste die Pfosten, worauf noch einige Fetzen eines halb verfaulten Zeltdaches hängen.

– Ja, Johnson; hier lud Parry alle Vorräthe seines Schiffes aus; und wenn ich mich recht entsinne, so bestand das Dach des Gebäudes, welches er errichtete, aus einem mit dem laufenden Takelwerk der Fury befestigten Marssegel.

– Das mußte seit 1825 wohl anders werden.

– Nicht sehr, Johnson. Im Jahre 1829 fand John Roß in dieser gebrechlichen Stätte ein Obdach für seine Mannschaft, worunter sie ihre Gesundheit wiederfand und gerettet wurde. Im Jahre 1851, als vom Prinz Albert aus ein Ausflug dahin gemacht wurde, bestand das Gebäude noch; der Kapitän Kennedy ließ es vor neun Jahren wieder ausbessern. Es wäre interessant, einen Besuch da zu machen. Aber der Kapitän Hatteras hat nicht Lust sich aufzuhalten.

– Und er hat unstreitig Recht, Herr Clawbonny; sagt man in England, »Zeit ist Geld«, so heißt es hier, Zeit ist Rettung, und um einen Tag, selbst eine Stunde Verspätung setzt man sich der Gefahr aus, seinen Reisezweck zu verfehlen. So lassen wir ihn denn nach seiner Weise verfahren.«

Im Verlaufe des 1. Juni, Donnerstags, wurde vom Forward die Bai Creswell diagonal durchschnitten; von der Fury-Spitze an zog sich die Küste nordwärts mit dreihundert Fuß hohen senkrechten Felsen, südwärts ward sie niedriger; einige Gipfel ließen scharf geschnittene Hochflächen erkennen, während andere wunderlich geformt als spitze Pyramiden in den Nebel emporragten.

Das Wetter wurde diesen Tag über milder, aber auch trüber; man verlor die Küste aus den Augen; das Thermometer stieg bis auf zweiunddreißig Grad (0° hunderttheilig); einiges Gevögel flatterte hier und da, und Schaaren wilder Gänse zogen nordwärts; die Mannschaft mußte sich eines Theiles ihrer Kleider entledigen; man spürte die Wirkung der Sonne in den Polargegenden.

Gegen Abend fuhr der Forward, eine Viertelmeile von dem Ufer entfernt bei einer Tiefe von zehn bis zwölf Ellen um das Cap Garry herum, und von da an dicht längs der Küste bis zur Bai Brentford. Unter dieser Breite mußte sich die Bellot-Straße finden, welche James Roß 1828 nicht wahrgenommen zu haben scheint. Seine Karten zeigen in der That eine nicht unterbrochene Küstenstrecke, deren geringste Einzelheiten er sonst sorgfältig angiebt; man muß also annehmen, daß zur Zeit seiner Untersuchung die Bai mit einer festen Eisdecke versperrt und von dem Lande durchaus nicht zu unterscheiden war.

Diese Straße wurde nun wirklich von Kennedy im April 1852 bei einem Ausflug entdeckt, und ihr der Name des Lieutenants Bellot gegeben, als Tribut der Anerkennung der ausgezeichneten Dienste dieses Franzosen.

Sechzehntes Capitel.


Sechzehntes Capitel.

Der magnetische Pol.

Je näher Hatteras dieser Straße kam, desto unruhiger ward er; in der That, es sollte sich das Schicksal seiner Fahrt entscheiden; bis hierher hatte er mehr als seine Vorgänger geleistet, von welchen der glücklichste, Mac Clintock, fünfzehn Monate gebraucht hatte, um in diesen Theil des Polarmeeres zu gelangen; aber, gelang ihm nicht durch diese Straße zu fahren, so war damit wenig, ja nichts gewonnen; konnte er nicht denselben Weg zurück, so sah er sich eingeschlossen bis zum folgenden Jahre.

Daher wollte er auch die Mühe, die Küste zu untersuchen, Niemand sonst überlassen; er stieg hinauf in’s Elsternest, und blieb da mehrere Stunden.

Die Mannschaft wußte genau, wie es mit dem Schiffe stand, und es herrschte an Bord tiefes Schweigen; die Maschine bewegte sich langsamer, und der Forward hielt sich dem Lande möglichst nahe; die Küste war dicht besät mit Eisblöcken, welche auch die heißesten Sommer nicht hatten zum Schmelzen bringen können; es gehörte ein geschicktes Auge dazu, um hier eine Einfahrt zu entdecken.

Hatteras verglich seine Karte mit dem Land. Da um Mittag die Sonne ein wenig zum Vorschein kam, so ließ er durch Shandon und Wall eine recht genaue Aufnahme machen, die ihm laut zugerufen wurde.

Das war ein halber Tag voll Angst für alle Gemüther. Doch plötzlich um zwei Uhr erschallte es laut vom Mast herab:

»Westwärts das Cap! Den Dampf verstärken!«

Die Brigg leistete unverzüglich Folge, sie richtete ihr Vordertheil nach der bezeichneten Stelle, das Meer schäumte unter dem Wellenschlage der Schraube und der Forward schoß mit äußerster Schnelligkeit zwischen zwei reißenden Eisströmen.

Der Weg war gefunden; Hatteras kam bald auf die Campanie herab und der Eismeister begab sich wieder auf seinen Posten.

»Nun, Kapitän, sagte der Doctor, so sind wir doch endlich in die berühmte Straße eingelaufen?

– Ja, erwiderte Hatteras mit gedämpfter Stimme, aber es ist nicht genug damit, einzulaufen, man muß auch wieder heraus.«

Hierauf begab er sich wieder in seine Cabine.

»Er hat Recht, sagte sich der Doctor; wir sind da wie in einer Mausefalle, ohne viel Raum uns zu bewegen, und wenn man in dieser Enge überwintern müßte! … Gut! Wir wären dann nicht die Ersten, welche ein solches Loos träfe, und wo andere sich aus der Verlegenheit zu ziehen wußten, würden auch wir uns zu helfen wissen!«

Der Doctor irrte sich nicht. An derselben Stelle, in einem kleinen geschützten Hafen, den Mac Clintock selbst Kennedy-Hafen benannte, brachte der Fox den Winter 1858 zu.

Die Bellot-Straße, eine Meile breit bei siebenzehn Meilen Länge, mit einer Strömung von sechs bis sieben Knoten, zieht sich zwischen Gebirgsreihen, deren Höhe auf sechzehnhundert Fuß geschätzt wird. Sie scheidet Nord-Sommerset vom Lande Boothia; die Schiffe haben nicht viel freien Bewegungsraum. Der Forward fuhr darin weiter, vorsichtig, doch kam er vorwärts; an dieser engen Stelle giebt es häufig Stürme, und die Brigg hatte ihre gewöhnliche Heftigkeit zu spüren; auf des Kapitäns Befehl wurden die Segelstangen herabgelassen, die Maste herausgenommen; trotzdem hatte das Schiff außerordentlich unter den Windstößen und Wellenschlägen zu leiden; man fuhr zwischen den schwimmenden Eismassen ziemlich auf’s Gerathewohl; das Barometer fiel auf neunundzwanzig Zoll; auf dem Verdeck war es schwer sich aufrecht zu halten, und es blieben daher die Matrosen meistens in ihrem Versammlungsraum, um nicht unnöthig zu leiden.

Hatteras, Johnson, Shandon blieben trotz des Regens und Schneegestöbers auf der Campanie, und auch der Doctor kam trotz des widerlichen Aufenthalts unverzüglich zu ihnen herauf. Man konnte sich nicht verstehen, kaum sehen.

Hatteras war bemüht, mit seinem Blick den dichten Nebelvorhang zu durchdringen, denn seiner Schätzung nach mußte er sich gegen sechs Uhr am Ausgang der Straße befinden; damals schien jeder Ausgang versperrt; Hatteras sah sich daher genöthigt Halt zu machen, und ankerte sich an einem Eisberg fest; aber er blieb die ganze Nacht in Spannung.

Das Wetter war fürchterlich. Der Forward drohte jeden Augenblick seine Ketten zu zerreißen; es war zu befürchten, der Eisberg möge, durch die Gewalt der Weststürme von seiner Basis gerissen, sammt der Brigg forttreiben. Die Officiere waren in ängstlicher Spannung, beständig auf’s äußerste wachsam; zu den Schneewirbeln kam ein wahrer Hagel, den der Sturm von der aufgethauten Oberfläche der Eisbank wegfegte.

Die Temperatur stieg während dieser schrecklichen Nacht erheblich; das Thermometer zeigte siebenundfünfzig Grad (+14° hunderttheilig) und der Doctor glaubte zu seinem großen Befremden im Süden einige Blitze wahrzunehmen, mit sehr fernem Donnern. Dadurch schien sich die Angabe des Wallfischfahrers Scoresby zu bestätigen, der über dem fünfundsechzigsten Breitegrad hinaus die gleiche Erscheinung beobachtete. Ebenso war der Kapitän Parry im Jahre 1821 Zeuge dieser meteorologischen Sonderbarkeit.

Gegen fünf Uhr früh änderte sich die Witterung auffallend rasch; die Temperatur stellte sich plötzlich auf den Gefrierpunkt, der Wind schlug um zu Nord und ward ruhiger. Jetzt konnte man die westliche Mündung der Straße wahrnehmen, aber sie war völlig versperrt. Hatteras blickte begierig nach der Küste, im Zweifel, ob es wirklich die Durchfahrt sei.

Inzwischen ging die Brigg wieder unter Segel, und glitt langsam zwischen den Eisströmen, während die Eisblöcke mit Getöse an seinen Seitenwänden zertrümmerten; die »Pack« waren noch sechs bis sieben Fuß dick; man mußte ihrem Druck sorgfältig ausweichen, denn wollte das Schiff Widerstand leisten, so gerieth es in Gefahr, emporgehoben und auf die Seite geworfen zu werden.

Um Mittag, und zum erstenmal, konnte man ein prachtvolles Sonnenphänomen bewundern, einen Sonnenring mit zwei Nebensonnen; der Doctor beobachtete es, und nahm genaue Maße von demselben. Der äußere Bogen war nur auf einer Strecke von dreißig Grad des Horizont-Durchmessers sichtbar; die beiden Sonnenbilder unterschieden sich merklich; die Farben, welche man bei den Lichtringen wahrnahm, waren von innen nach außen: roth, gelb, grün, schwach bläulich, endlich das weiße Licht ohne merkbare Begrenzung nach außen.

Der Doctor erinnerte sich an die sinnreiche Theorie Th. Young’s über diese Meteore. Dieser Physiker nimmt an, es befänden sich gewisse Wolken aus Glasprismen in der Atmosphäre schwebend; die Sonnenstrahlen, welche auf die Prismen fallen, brechen sich unter Winkeln von sechzig und neunzig Graden. Die Sonnenringe können sich also nur bei heiterem Himmel bilden. Dem Doctor kam diese Erklärung recht sinnreich vor.

Die Seeleute, welche häufig die Polarmeer-Fahrten machen, sehen dieses Phänomen als Vorboten reichlichen Schnees an. Wenn dieses sich bewährte, so wurde die Lage des Forward sehr bedenklich. Hatteras entschloß sich daher, weiterzufahren; während des übrigen Verlaufs dieses Tages und der folgenden Nacht gönnte er sich keinen Augenblick Ruhe, sah auf den Horizont, lief die Strickleitern hinauf, ließ keine Gelegenheit außer Acht, der Ausfahrt der Enge nahe zu kommen.

Doch am frühen Morgen mußte er vor der undurchdringlichen Eisdecke Halt machen. Der Doctor kam auf der Campanie zu ihm. Hatteras nahm ihn mit sich auf’s Hintertheil, wo sie ohne Besorgniß um Ohrenzeugen plaudern konnten.

»Wir stecken fest, sagte Hatteras; unmöglich können wir weiter.

– Unmöglich? fragte der Doctor.

– Unmöglich! Mit allem Pulver des Forward gewännen wir nicht eine Viertelmeile!

– Was fangen wir also an? fragte der Doctor.

– Was weiß ich? Verwünscht sei dies heillose Jahr, welches so schlimm beginnt!

– Nun, Kapitän, wenn man überwintern muß, thun wir’s hier! Die Stelle ist so gut wie eine andere!

– Allerdings, sagte Hatteras leise; aber man sollte ein Winterquartier vermeiden, zumal im Juni. Der Winteraufenthalt ist voll moralischer und physischer Gefahren. Der Geist einer Mannschaft wird durch die lange Ruhe inmitten wirklicher Leiden leicht herabgestimmt. Darum rechnete ich auch darauf, nur unter einem höhern Breitegrad näher dem Pol meinen Aufenthalt zu nehmen!

– Ja, aber das Verhängniß hat gewollt, daß die Baffins-Bai versperrt war.

– Sie war aber doch für einen Andern offen, rief Hatteras voll Entrüstung, für den Amerikaner, den …

– Sehen Sie, Hatteras, sagte absichtlich unterbrechend der Doctor, wir sind noch nicht am 5. Juni; lassen wir den Muth nicht fallen; es kann sich uns noch plötzlich eine Durchfahrt öffnen; Sie wissen, daß das Eis geneigt ist, sich in mehrere Blöcke zu zertheilen, selbst bei ruhiger Witterung; wir können demnach noch stündlich eine Durchfahrt zum freien Meer finden.

– Nun denn, wenn eine sich darbietet, wollen wir sie einschlagen! Es ist leicht möglich, daß wir über der Bellot-Straße hinaus eine Bahn finden, wieder nach Norden zu steuern, durch die Peel-Straße, oder den Canal Mac Clintock, und dann …

– Kapitän, sagte James Wall, der in dem Augenblick herbeikam, wir laufen Gefahr, unser Steuerruder durch die Eisblöcke zu verlieren.

– Nun, erwiderte Hatteras, so wollen wir die Gefahr laufen. Ich lasse es nicht wegnehmen, will vielmehr zu jeder Stunde bei Tag und Nacht bereit sein. Sorgen Sie, Wall, daß man es so viel wie möglich schützt, und den Eisblöcken ausweicht; aber an seiner Stelle soll es bleiben, verstehen Sie mich?

– Aber doch, fuhr Wall fort …

– Man hat mir keine Bemerkungen zu machen, mein Herr, sagte Hatteras mit strengem Ernst. Gehen Sie.«

Wall begab sich wieder auf seinen Posten.

»Ach! sagte Hatteras in einer Zorneswallung, ich gäbe fünf Jahre meines Lebens darum, wenn ich mich im Norden befände! Es ist mir keine Durchfahrt bekannt, die gefahrvoller wäre. Zum Uebermaß der Schwierigkeit ist in dieser Nähe des magnetischen Pols der Compaß nicht zu gebrauchen, die Nadel wird entweder säumig oder irrig, und ändert beständig ihre Richtung!

– Ich gestehe, erwiderte der Doctor, es ist eine gefahrvolle Fahrt; aber am Ende haben doch die, welche sie unternehmen, sich darauf gefaßt gemacht, so daß ihnen nichts dabei überraschend vorkommen kann.

– Ach! Doctor! Meine Mannschaft ist sehr verändert, und, wie Sie eben gesehen haben, sind bereits die Officiere im Stande Einwendungen zu machen. Die hohe Löhnung war zwar geeignet, für ihre Anwerbung die Entscheidung zu geben; aber das hat auch seine schlimme Seite, denn nach der Abfahrt sind sie um so mehr auf die Rückkehr versessen! Doctor, ich finde bei meiner Unternehmung nicht die nöthige Stütze, und wenn sie scheitert, ist nicht dieser oder jener Matrose daran schuld, sondern der Mangel an Wille bei einigen Officieren … Ah! Das werden sie schwer zu büßen haben!

– Sie übertreiben, Hatteras.

– Ich übertreibe nichts! Meinen Sie, die Leute seien mißgestimmt über die Hindernisse, welche sich mir entgegen stellen? Im Gegentheil! Man hofft, sie würden mich von meinen Plänen abbringen. Darum murren sie auch nicht, und so lange der Schnabel des Forward südwärts gerichtet ist, wird es so bleiben. Die Thoren bilden sich ein, sie kämen damit England näher! Aber wenn es mir gelingt, wieder nordwärts zu steuern, werden Sie sehen, wie es dann anders lautet! Doch ich schwöre, kein lebendes Geschöpf soll mich von der Linie meines Verhaltens abbringen! Eine Durchfahrt, eine Oeffnung, durch welche meine Brigg hindurchgleiten kann, und ich werde Meister sein!«

Die Wünsche des Kapitäns sollten einigermaßen befriedigt werden. Wie der Doctor vorausgesagt, trat im Laufe des Abends eine plötzliche Veränderung ein; durch irgend eine Einwirkung, des Windes, der Strömung oder der Temperatur, kamen die Eisfelder zum Bruch und der Forward drang kühn in die Oeffnung und zertrümmerte mit seinem stählernen Schnabel die schwimmenden Eisblöcke. Er fuhr die ganze Nacht hindurch und kam am Dienstag gegen sechs Uhr aus der Bellot-Straße hinaus.

Aber wie mußte Hatteras in stillem Zorn ergrimmen, als er den Weg nach Norden sich hartnäckig versperrt sah! Doch besaß er Seelenstärke genug, um seine Verzweiflung nicht zu erkennen zu geben, und als habe er die einzige Bahn, welche offen war, selbst vorgezogen, ließ er den Forward die Franklin-Straße hinabfahren; da er nicht die Peel-Straße hinauf konnte, entschloß er sich, um das Prinz-Wales-Land herumzusegeln, um den Canal Mac Clintock zu erreichen. Aber es war ihm ein Schmerz, daß Shandon und Wall sich nicht irren konnten, und wußten, wie es um seine getäuschte Hoffnung stand.

Am 6. Juni ergab sich kein Zwischenfall; es trat Schneewetter ein.

Während sechsunddreißig Stunden fuhr der Forward längs der buchtenreichen Küste Boothia’s, ohne daß es ihm möglich ward, dem Prinz-Wales-Land nahe zu kommen; Hatteras verstärkte den Dampf mit Kohlenverschwendung; er zählte stets darauf, seinen Vorrath auf der Insel Beechey zu ergänzen; am Donnerstag kam er an’s Ende der Franklin-Straße, und fand immer noch den Weg nach dem Norden versperrt.

Das war zum Verzweifeln; es war ihm nicht einmal mehr möglich, denselben Weg zurück zu machen; die Eisblöcke trieben vorwärts, und er sah unablässig den Weg hinter sich wieder sich schließen, als wenn da, wo er eine Stunde zuvor noch gefahren war, das Meer niemals frei gewesen wäre.

So konnte der Forward nicht nur nicht nordwärts vorankommen, sondern durfte sich nicht einen Augenblick aufhalten, wollte er nicht stecken bleiben, und er floh vor den Eisblöcken, wie ein Schiff vor dem Sturm.

Am Freitag, den 8. Juni, kam er nächst der Küste von Boothia an die Einfahrt der James-Roß-Straße, welche er um jeden Preis zu vermeiden hatte, denn sie hatte nur eine westliche Ausmündung und endigt unmittelbar am festen Lande Amerikas.

Die um Mittag angestellten Beobachtungen ergaben 70° 5′ 17″ für die Breite, und 96° 46′ 45″ für die Länge. Der Doctor notirte diese Ziffern auf seiner Karte, und sah, daß er sich endlich am magnetischen Pol befand, gerade an der Stelle, wo James Roß, Neffe des Sir John, unlängst diesen merkwürdigen Punkt festgestellt hatte.

Das Land war in der Nähe der Küste niedrig, und stieg nur um etwa sechzig Fuß in der Entfernung einer Meile von dem Meere ab.

Da der Kessel des Forward gereinigt werden mußte, so ankerte der Kapitän sein Schiff an einem Eisfelde fest, und gestattete dem Doctor, in Gesellschaft des Rüstmeisters an’s Land zu gehen. Er selbst, unempfänglich für Alles, was nicht mit seinen Plänen in unmittelbarer Verbindung stand, schloß sich in seine Cabine ein, und vertiefte sich im Anblick der Karte des Pols.

Der Doctor kam mit seinem Gefährten leicht an’s Land; der Erstere trug einen zu seinen Experimenten bestimmten Compaß; er wollte des James Roß Arbeiten controliren, und entdeckte leicht den von letzterem errichteten Hügel von Kalkstein, er eilte hin und vermochte durch eine Oeffnung darinnen die zinnerne Lade zu gewahren, worin James Roß das Protokoll seiner Entdeckung niedergelegt hatte. Kein lebendes Wesen schien seit dreißig Jahren diese einsame Küste besucht zu haben.

An dieser Stelle nahm eine so leicht wie möglich in Schwebe gebrachte Magnetnadel in Folge magnetischer Anziehung sogleich eine beinahe senkrechte Lage an; das Centrum der Anziehung befand sich demnach in nächster Nähe, wo nicht unmittelbar unter der Nadel.

Der Doctor machte sein Experiment sorgfältig.

Aber wenn James Roß wegen Mangelhaftigkeit seiner Instrumente für seine verticale Nadel nur eine Neigung von 89° 59″ fand, so lag der Grund darin, daß der wahre magnetische Punkt sich wirklich nur eine Minute weit von diesem Ort entfernt befand. Der Doctor Clawbonny war glücklicher, und hatte nicht weit von da die große Befriedigung, ihre Neigung um 90° zu sehen.

»Hier also ist genau der magnetische Pol des Erdballs! rief er aus, und stampfte mit dem Fuß.

– Eben hier? fragte Meister Johnson.

– Gerade hier, mein Freund.

– Also, fuhr der Rüstmeister fort, muß man jede Annahme eines Magnetbergs oder einer magnetisirten Masse aufgeben!

– Ja wohl, mein wackerer Johnson, erwiderte der Doctor mit Lachen, das sind die Hypothesen der Leichtgläubigkeit! Wie Sie sehen, ist hier keine Spur von einem Berg, der im Stande wäre die Schiffe anzuziehen, ihnen ihr Eisen zu entziehen, Anker bei Anker, Nagel bei Nagel, und Ihre Schuhe sind so frei, wie an jedem andern Punkt des Erdballs.

– Also wie erklärt man’s …

– Man erklärt es gar nicht, Johnson; soweit sind wir noch nicht mit unserm Wissen. Aber das steht richtig, mathematisch genau, daß der magnetische Pol sich gerade hier, an dieser Stelle befindet. – Ach! Herr Clawbonny, wie glücklich wäre der Kapitän, wenn er ebenso vom Nordpol sagen könnte!

– Das wird er, Johnson, er wird es sagen.

– Das wolle Gott!« erwiderte Letzterer.

Der Doctor nebst seinem Genossen errichtete ein Merkzeichen gerade an der Stelle, wo das Experiment stattgefunden hatte, und da ihnen das Signal zur Rückkehr gegeben wurde, begaben sie sich um fünf Uhr Abends wieder an Bord.

Siebenzehntes Capitel.


Siebenzehntes Capitel.

Katastrophe des Sir John Franklin.

Es gelang dem Forward, die James-Roß-Straße direct zu durchschneiden, doch nicht ohne Beschwerden; es mußten Säge und Petarden angewendet werden, und die Mannschaft hatte große Strapazen auszustehen. Die Temperatur war zum Glück recht leidlich, um dreißig Grad höher, als James Roß zu derselben Jahreszeit hatte. Das Thermometer wies vierunddreißig Grad (+1° hunderttheilig).

Am Samstag umsegelte man das Cap Felix am Nordende des König-Wilhelm’s-Landes, einer der mittlern Inseln dieser Nord-Meere.

Die Küste dieser Insel, an welcher man herfuhr, bot einen traurigen Anblick, welcher auf die Mannschaft einen tiefen und schmerzlichen Eindruck machte.

In der That war dieses König-Wilhelm’s-Land der Schauplatz des fürchterlichsten Dramas! Einige Meilen westwärts gingen der Erebus und Terror zu Grunde.

Den Matrosen waren wohl die verschiedenen Versuche zur Auffindung des Admirals Franklin, und das Resultat derselben bekannt, aber von den traurigen Details dieser Katastrophe wußten sie nichts. Als nun der Doctor den Lauf des Schiffes auf der Karte verfolgte, kamen einige derselben, Bell, Bolton, Simpson zu ihm heran und knüpften eine Unterredung mit ihm an. Bald schlossen sich ihre Kameraden, von besonderer Neugierde getrieben, ihnen an; während dessen fuhr die Brigg mit äußerster Schnelligkeit, und die Küste mit ihren Buchten, Cap’s, Spitzen flog wie ein riesenhaftes Panorama vor ihren Blicken vorüber.

Hatteras ging mit raschem Schritt auf dem Hinterverdeck hin und her. Der Doctor saß auf dem Verdeck und sah sich von dem größten Theil der Mannschaft umgeben; er verstand ihr Interesse an dieser Lage, und den mächtigen Eindruck, welchen eine Erzählung über die Ereignisse unter ähnlichen Verhältnissen machen mußte; er setzte also das mit Johnson begonnene Gespräch mit folgenden Worten fort:

»Sie kennen, meine Freunde, die frühere Laufbahn Franklin’s; er diente gleich Cook und Nelson vom Schiffsjungen auf; nachdem er in seinen jungen Jahren an großen Seeunternehmungen theilgenommen, entschloß er sich im Jahre 1845, zur Aufsuchung der nordwestlichen Durchfahrt auszufahren; unter seinem Commando standen der Erebus und Terror, zwei bewährte Schiffe, welche bereits im Jahre 1840 mit James Roß an einer Nordpolfahrt theilgenommen hatten. Die Mannschaft des Erebus, worauf sich Franklin befand, bestand aus siebenzig Personen, Officieren und Matrosen, Kapitän war Fitz-James, Lieutenants Gore und Le Vesconte, Rüstmeister Des Voeux, Sargent, Couch, und Stanley Arzt. Auf dem Terror befanden sich siebenzig Mann, Kapitän Crozier, die Lieutenants Little Hogdson und Irving, Rüstmeister Horesby und Thomas, Peddie Arzt. An den Baien, Caps, Meerengen, Spitzen, Canälen, den Inseln dieser Gegenden sind die Namen der meisten dieser Unglücklichen zu lesen, von denen keiner mehr heimgekehrt ist, hundertachtunddreißig Mann zusammen! Wir wissen, daß die letzten Briefe Franklin’s von Disko sind und das Datum des 12. Juli 1845 tragen. »Ich hoffe, sagte er, diese Nacht nach dem Lancaster-Sund unter Segel zu gehen.« Was ist seit seiner Abfahrt aus der Bai von Disko vorgefallen? Die Kapitäne der Wallfischfahrer Prinz von Wales und Entreprise bemerkten zum letztenmal die beiden Schiffe in der Melville-Bai, und seit diesem Tage hörte man nichts mehr von ihnen. Doch können wir Franklin in seiner Fahrt westwärts verfolgen; er fuhr durch den Lancaster-Sund und die Barrow-Straße und kam bis zur Insel Beechey, wo er den Winter 1845–1846 zubrachte.

– Aber wie hat man Kenntniß von diesen Einzelheiten bekommen? fragte der Zimmermann Bell.

– Durch drei im Jahre 1850 von der Expedition Austin auf der Insel entdeckte Gräber, worin drei Matrosen Franklin’s bestattet waren; sodann mit Hilfe des von Hobson, Schiffslieutenant des Fox, aufgefundenen Documents, welches vom 25. April 1848 datirt ist. Daher wissen wir nun, daß der Erebus und Terror nach ihrem Winteraufenthalt die Wellington-Straße wieder bis zum 70° Breite hinauffuhren; aber anstatt weiter nordwärts zu fahren, ohne Zweifel weil dieser Weg nicht fahrbar war, wendeten sie sich wieder südwärts …

– Und das zu ihrem Verderben! sagte eine ernste Stimme. Ihre Rettung lag nordwärts.«

Jeder wendete sich um. Hatteras, auf das Geländer des Hinterdecks gelehnt, hatte seiner Mannschaft diese schreckliche Mahnung zugerufen.

»Ohne Zweifel, fuhr der Doctor fort, war Franklin’s Absicht, wieder an die amerikanische Küste zu kommen; aber auf dieser unseligen Fahrt wurden sie von Stürmen überfallen, und am 12. September 1846 blieben die beiden Schiffe einige Meilen von hier, nordwestlich vom Cap Felix zwischen den Eisblöcken stecken; sie wurden noch bis nord-nordwestlich der Spitze Victoria fortgerissen; gerade hier, sagte der Doctor, und bezeichnete die Stelle des Meeres. Nun aber, fuhr er fort, sind die Schiffe erst am 22. April 1848 verlassen worden. Was ging während dieser neunzehn Monate vor? Was haben die Unglücklichen getrieben? Vermuthlich haben sie die Lande der Umgegend durchforscht, für ihre Rettung nichts unversucht gelassen, denn der Admiral war ein energischer Mann! Daß es ohne Erfolg war …

– Kommt vielleicht vom Verrath seiner Mannschaft«, sagte Hatteras halblaut.

Die Matrosen wagten nicht die Augen aufzuheben; diese Worte lasteten schwer auf ihnen.

»Kurz, das unselige Document meldet uns weiter, Sir John Franklin erlag seinen Mühsalen am 11. Juni 1847. Ehre seinem Andenken!« sprach der Doctor, und zog den Hut ab.

Seine Zuhörer folgten schweigend seinem Beispiel.

»Was ist aus den Unglücklichen, nachdem sie ihren Anführer verloren, geworden? Sie blieben an Bord ihrer Schiffe, und entschlossen sich erst im April 1848, dieselben zu verlassen; von den hundertachtunddreißig waren es noch hundertundfünf. Dreiunddreißig waren todt! Darauf errichteten die Kapitäne Crozier und Fitz-James an der Spitze Victoria einen Steinhaufen zum Denkmal, und legten ihr letztes Document darin nieder. Sehen Sie, meine Freunde, wir fahren bei dieser Spitze vorüber! Sie können die Reste dieses Steindenkmals noch sehen, welches so zu sagen an dem äußersten Punkt, wohin John Roß 1831 drang, sich befindet. Hier ist das Cap Jane Franklin! Hier die Spitze Franklin! Hier die Spitze Le Vesconte! Hier die Bai des Erebus, wo man die aus den Trümmern des einen dieser Schiffe gefertigte und auf einen Schlitten gelegte Schaluppe fand! Dort wurden silberne Löffel gefunden, Munition in Menge, Chocolade, Thee, religiöse Bücher! Denn die hundertundfünf Ueberlebenden schlugen unter Anführung des Kapitäns Crozier den Weg nach Great-Fish-River ein! Bis wohin vermochten sie zu gelangen? Glückte es ihnen die Hudsons-Bai zu erreichen? Sind noch welche bei Leben? Was ist seit dieser letzten Abfahrt aus ihnen geworden? …

– Was aus ihnen geworden ist, will ich Ihnen sagen! sagte John Hatteras mit starker Stimme. Ja, sie haben sich bemüht die Hudsons-Bai zu erreichen, und haben sich in mehrere Trupp zertheilt! Ja, sie haben sich nach dem Süden gewendet! Ja, im Jahre 1854 meldete ein Brief des Doctor Rae, daß im Jahre 1850 die Eskimo’s auf diesem König-Wilhelm’s-Land eine Abtheilung von vierzig Mann getroffen hätten, welche auf Seekälber Jagd machten, ihren Weg über das Eis nahmen mit einem Boot, das sie fortzogen, abgemagert, elend, von Strapazen und Schmerzen erschöpft. Und später entdeckten sie dreißig Leichen auf dem Festland, und fünf auf einer nahen Insel, die halb bestattet, andere unbeerdigt, die unter einem umgestürzten Boot, jene unter den Trümmern eines Zeltes, hier einen Officier mit seinem Telescop auf der Schulter, neben ihm sein geladenes Gewehr, weiter hinaus Kessel mit Resten einer gräßlichen Mahlzeit! Auf diese Nachrichten ersuchte die Admiralität die Hudson-Bai-Compagnie, ihre geschicktesten Agenten auf den Schauplatz des Ereignisses zu schicken. Sie begaben sich den Backfluß hinab bis zu seiner Mündung. Sie untersuchten die Inseln Montreal, Maconochia, die Spitze Ogle. Vergeblich! Alle diese Unglücklichen waren elendiglich gestorben, dem Jammer, dem Hunger erliegend, indem sie ihr Dasein durch gräßlichen Cannibalismus zu fristen suchten! Das ist aus ihnen geworden, indem sie den Weg südwärts nahmen, den sie dann mit ihren verstümmelten Leichen bedeckten! Nun! Haben Sie noch Lust, denselben Weg einzuschlagen?«

Die zitternd bewegte Stimme, die leidenschaftlichen Geberden, die glühenden Gesichtszüge des Kapitäns Hatteras brachten eine unbeschreibliche Wirkung hervor. Die Mannschaft, im Angesicht dieser unheilvollen Lande von tiefster Rührung ergriffen, rief einstimmig:

»Nordwärts! Nordwärts!

– Wohlan denn, nordwärts! Im Norden ist unsere Rettung und unser Ruhm! Dort ist der Himmel auf unserer Seite! Der Wind schlägt um! Die Fahrt ist frei! Fertig zum Umkehren!«

Die Matrosen begaben sich flugs auf ihre Posten; die Eisströme wurden allmälig locker; der Forward bewegte sich reißend schnell mit verstärktem Dampf in der Richtung des Canals Mac Clintock.

Hatteras irrte nicht, indem er auf ein mehr freies Meer rechnete; er schlug den Canal aufwärts den muthmaßlichen Weg Franklin’s ein, der östlichen Küste des Prinz-Wales-Landes entlang, welche damals hinreichend bestimmt war, während das gegenüber liegende Ufer noch unbekannt ist. Offenbar waren die Eisgänge nach dem Süden hin durch die östlichen Engen getrieben, denn diese Straße schien völlig frei zu sein. Daher war der Forward auch im Stande, die verlorene Zeit wieder beizubringen; mit verstärktem Dampf fuhr er am 14. Juni über die Bai Osborne und die äußersten bei den Fahrten 1851 erreichten Punkte hinaus. Es befanden sich zwar noch zahlreiche Eisblöcke in der Straße, aber es war keine Gefahr mehr, daß dem Kiel des Forward das Wasser mangeln werde.

Vierzehntes Capitel.


Vierzehntes Capitel.

Zur Auffindung Franklin’s.

Mittwochs, den 23. Mai, setzte der Forward seine abenteuerliche Fahrt fort, indem er mitten zwischen den Eisblöcken und Eisbergen geschickt lavirte, Dank der fügsamen Dampfkraft, welche so vielen Polarmeer-Fahrern abging; es schien für ihn ein Spiel inmitten der schwimmenden Klippen; es war, als erkenne er die Hand des erfahrenen Herrn, und gleich einem Roß unter einem geschickten Reiter war er dem Gedanken seines Kapitäns dienstbar.

Die Temperatur war wieder im Steigen. Das Thermometer zeigte um sechs Uhr früh sechsundzwanzig Grad (-3° hunderttheilig), um sechs Uhr Abends neunundzwanzig (-2° hunderttheilig) und um Mitternacht fünfundzwanzig (-4° hunderttheilig); es wehte ein leichter Südwest.

Donnerstags um drei Uhr Morgens kam der Forward gegenüber der Bai Possession an der Küste Amerika’s beim Anfang des Lancaster-Sunds; bald sah man Cap Burney. Es fuhren einige Eskimo’s auf das Schiff zu, aber Hatteras nahm sich nicht die Zeit auf sie zu warten.

Die das Cap Liverpool beherrschenden Spitzen Byam-Martin, welche man links ließ, verloren sich im Abendnebel; dieser hinderte auch das Cap Hay aufzunehmen, dessen übrigens sehr niedrige Spitze sich unter den Eisblöcken der Küste verlor, ein Umstand, welcher die hydrographische Bestimmung der Polar-Meere oft sehr schwierig macht.

Die Sturmvögel, Enten, weißen Möwen zeigten sich in sehr großer Zahl. Die Breite betrug 74° 01′, die Länge 77° 15′.

Die beiden Berge Katharine und Elisabeth ragten mit ihren Schneekappen über dem Gewölk empor.

Freitags um sechs Uhr fuhr man Cap Warender auf der rechten Küste der Meerenge vorüber, auf der linken vor Admiralty-Inlet, einer von den Seefahrern, die westwärts eilten, noch wenig untersuchten Bai. Das Meer wogte stark, so daß oft das Verdeck der Brigg von den Wellen bespült und mit Eisstücken besprengt wurde. Das Land der Nordküste bot den Blicken merkwürdige Ansichten dar mit fast wagerechten Hochflächen, welche die Sonnenstrahlen zurückwarfen.

Hatteras wäre gern längs den Nord-Ländern gefahren, um desto eher zur Beechey-Insel und der Einfahrt des Wellington-Canals zu gelangen; aber eine zusammenhängende Eisdecke nöthigte ihn, zu großem Bedauern, sich südlicher zu halten.

Aus diesem Grunde befand sich am 26. Mai, mitten im Nebel mit Schneegestöber, der Forward dem Cap York gegenüber; ein großes und steiles Gebirge machte es kenntlich, da das Wetter ein wenig heller geworden; es zeigte sich gegen Mittag eine Weile die Sonne, so daß man ziemlich gute Beobachtung anstellen konnte: 74° 4′ Breite und 84° 3′ Länge. Der Forward befand sich demnach am Ende des Lancaster-Sundes.

Hatteras zeigte dem Doctor auf den Karten den Weg, welchen er einschlug und verfolgen wollte. Die Lage der Brigg war in dem Augenblick interessant.

»Es wäre mir lieber, sagte er, wir befänden uns weiter nördlich; aber nach dem Unmöglichen muß man nicht streben. Sehen Sie genau unsere Lage.« Es war nicht weit vom Cap York.

»Wir befinden uns mitten in dem nach allen Richtungen hin offenen Kreuzungspunkt, welcher durch die Mündungen des Lancaster-Sunds, der Barrow-Straße, des Wellington-Canals und der Regenten-Durchfahrt gebildet wird. An diesen Punkt müssen nothwendig alle Befahrer dieser Meere kommen.

– Nun, erwiderte der Doctor, da mußten sie in Verlegenheit kommen; denn es ist wirklich ein Kreuzpunkt, wie Sie sagen, wo vier Hauptstraßen zusammenlaufen, und es sind da keine Wegweiser! Wie haben es da die Parry, Roß und Franklin gemacht?

– Sie haben gar nichts gemacht, Doctor, sie haben gewähren lassen; sie hatten sicherlich keine Wahl; bald verschloß sich dem Einen die Barrow-Straße, welche im folgenden Jahr einem Anderen offen war; bald wurde das Schiff unausweichlich in die Regenten-Durchfahrt hingeführt. Aus alle dem ergab sich durch die Gewalt der Dinge zuletzt eine genauere Kenntniß der hier so verwickelten Meere.

– Was für ein sonderbares Land, sagte der Doctor mit einem Blick auf die Karte. Wie ist da Alles ausgezackt, zerrissen, zerfetzt, ohne alle Ordnung und Gedankeneinheit. Es hat den Anschein, als seien die Länder in der Nähe des Nordpols nur deshalb so zerstückelt, um die Annäherung schwieriger zu machen, während auf der andern Hemisphäre sie in milden und glatten Spitzen auslaufen, wie das Cap Horn, das der guten Hoffnung, und der Indischen Halbinsel! Liegt der Grund dieser Gestaltungen etwa in der raschen Rotationsbewegung unter’m Aequator, während das Land in der Umgebung der Pole, als es in der Urepoche noch flüssig war, sich nicht so verdichten, aneinander anschichten konnte, wegen geringerer Rotationskraft?

– Das muß wohl der Grund sein, denn Alles in der Welt hat seine gesetzmäßige Regel, und es ist nichts ohne hinreichende Gründe entstanden, welche Gott bisweilen den Gelehrten zu erforschen gestattet; also, Doctor, machen Sie Gebrauch von dieser Gewährung.

– Ich werde leider darin bescheiden sein, Kapitän. Aber was herrscht für ein entsetzlicher Wind in dieser Straße? fügte der Doctor bei, indem er sich so viel als möglich einwickelte.

– Ja, der Nordwind tobt da zumeist, und treibt uns aus unserer Bahn.

– Er sollte jedoch zwar die Eisblöcke südwärts treiben, aber sonst nicht die Bahn stören.

– Er sollte wohl Doctor, aber der Wind thut nicht immer seine Schuldigkeit. Sehen Sie! Diese Eisdecke scheint undurchdringlich. Kurz, wir wollen versuchen, bis zur Insel Griffith zu kommen, dann um die Insel Cornwallis zu fahren, um den Canal der Königin zu erreichen, ohne durch den Wellington-Canal zu fahren. Und inzwischen will ich durchaus an der Insel Beechey landen, um meinen Kohlenvorrath zu ergänzen.

– Wie so? erwiderte der Doctor erstaunt.

– Allerdings; auf Befehl der Admiralität sind dort große Vorräthe gelagert, um künftige Expeditionen damit zu versehen; und obwohl der Kapitän Mac Clintock im August 1859 davon mitgenommen hat, so versichere ich Sie, daß noch welche für uns vorhanden sind.

– In der That, sagte der Doctor, sind diese Gegenden während fünfzehn Jahren untersucht worden, und bis zu dem Tag, wo man den unzweideutigen Beweis vom Untergang Franklin’s erhielt, hat die Admiralität stets fünf bis sechs Schiffe in diesen Meeren unterhalten. Irre ich nicht, so ist selbst die Insel Griffith, welche ich da auf der Karte sehe, fast mitten auf der Kreuzung, zu einem allgemeinen Rendezvous der Seefahrer geworden.

– So ist es in Wahrheit, Doctor, und die unglückliche Expedition Franklin’s hatte zum Resultat, daß wir mit diesen fernen Gegenden näher bekannt wurden.

– Sie haben Recht, Kapitän, denn seit 1845 haben zahlreiche Unternehmungen stattgefunden. Seit 1848 ward man über das Verschwinden des Erebus und Terror, der beiden Schiffe Franklin’s, unruhig. Man sah damals den alten Freund des Admirals, Doctor Richardson, der schon im siebenzigsten Jahre stand, nach Canada eilen und dem Kupferminenfluß entlang bis zum Polar-Meer dringen. Sodann ist James Roß, Commandant der Entreprise und des Investigator, im Jahre 1848 zu Uppernawik unter Segel gegangen und bis zum Cap York, wo wir uns eben befinden, gekommen. Er warf tagtäglich eine Tonne mit Papieren in’s Meer, welche den Zweck hatten, seinen Aufenthalt bekannt zu geben; während des Nebels löste er Kanonen; bei der Nacht ließ er Raketen werfen und bengalische Feuer anzünden, und fuhr dabei immer mit wenig Segeln; zuletzt überwinterte er, 1848 auf 1849 im Hafen Leopold; hier ließ er eine große Zahl weißer Füchse einfangen und ihnen kupferne Halsbänder anschmieden, worauf die Angabe vom Aufenthaltsort der Schiffe, und der Niederlage von Lebensmitteln eingegraben war, – und ließ diese Füchse nach allen Richtungen laufen. Nachher im Frühling fing er an, die Küste von North-Sommerset auf Schlitten zu untersuchen, inmitten von Gefahren und Entbehrungen, wodurch fast seine gesammte Mannschaft krank oder verstümmelt wurde, errichtete kleine Steinpyramiden, worin er kupferne Röhren barg mit den erforderlichen Notizen, um die Leute der verlorenen Expedition wieder zu sammeln; während seiner Abwesenheit durchforschte sein Lieutenant Mac Clure erfolglos die Nordküsten der Barrow-Straße. Bemerkenswerth ist, Kapitän, daß James Roß unter seinem Befehl zwei Officiere hatte, welchen später berühmt zu werden beschieden war, Mac Clure, welcher die nordwestliche Durchfahrt entdeckte, und Mac Clintock, welcher die Reste Franklin’s auffand.

– Jetzt zwei tüchtige, wackere Kapitäne, zwei brave Engländer. Verfolgen Sie weiter, Doctor, die Entdeckungsgeschichte dieser Meere, worin Sie so bewandert sind; man kann bei der Erzählung dieser kühnen Unternehmungen stets etwas lernen.

– Also, um mit James Roß fertig zu werden, habe ich noch hinzuzufügen, daß er noch weiter westlich die Insel Melville zu erreichen trachtete; aber er war nahe daran, seine Schiffe zu verlieren, blieb zwischen den Eisblöcken stecken und wurde wider Willen in’s Baffins-Meer getrieben.

– Zurückgetrieben, sagte Hatteras mit Stirnrunzeln, wider Willen zurückgetrieben!

– Er hatte nichts aufgefunden, fuhr der Doctor fort. Seit diesem Jahr 1850 wurden jene Meere unablässig von englischen Schiffen befahren, und es wurde eine Prämie von zwanzigtausend Pfund einem Jeden zugesagt, welcher die Mannschaften des Erebus und Terror auffände. Bereits im Jahre 1848 versuchten die Kapitäne Kellet und Moore, Commandanten des Herald und Plover, durch die Behrings-Straße zu dringen. Ich habe weiter beizufügen, daß der Kapitän Austin während 1850–1851 auf der Insel Cornwallis überwinterte, der Kapitän Penny auf der Assistance und Resolute den Wellington-Canal erforschte, der alte John Roß, der Held des magnetischen Pols, auf seiner Jacht Felix nochmals zur Auffindung seines Freundes ausfuhr, die Brigg Prinz Albert eine erste Fahrt auf Kosten der Lady Franklin machte, und endlich zwei von Grinnel ausgerüstete amerikanische Schiffe unter dem Kapitän Haven, aus dem Wellington-Canal heraus in den Lancaster-Sund zurückgeworfen wurden. Während dieses Jahres drang Mac Clintock, damals Austin’s Lieutenant, bis zur Insel Melville und dem Cap Dundas, jener äußersten von Parry im Jahre 1819 erreichten Punkte vor, und fand auf der Insel Beechey Spuren der Ueberwinterung Franklin’s im Jahre 1845.

– Ja, erwiderte Hatteras, drei seiner Matrosen waren dort beerdigt worden, und diese drei Mann waren glücklicher daran, als die Andern!

– Von 1851–1852, fuhr der Doctor, der Bemerkung des Kapitän Hatteras zustimmend, fort, sehen wir den »Prinz Albert« eine zweite Fahrt mit dem französischen Lieutenant Bellot vornehmen; er überwinterte in der Batty-Bay in der Prinz-Regenten-Straße, erforschte den Südwesten von Sommerset und untersuchte ihre Küste bis zum Cap Walker. Während dessen wurde die Entreprise und der Investigator, als sie nach England zurückkamen, unter den Befehl Collinson’s und Mac Clure’s gestellt und vereinigten sich mit Kellet und Moore in der Behrings-Straße. Collinson kehrte zur Ueberwinterung nach Hongkong zurück, indeß Mac Clure vorwärts drang, und nach dreimaligem Winteraufenthalt, 1850–1851, 1851–1852 und 1852–1853 die nordwestliche Durchfahrt entdeckte, ohne über Franklin’s Schicksal etwas erfahren zu können. Von 1852–1853 wurde eine neue Expedition, aus drei Segelschiffen, Assistant, Resolute und North-Star, nebst zwei Dampfboten, Pionnier und Intrepide bestehend, unter dem Obercommandanten Sir Edward Belcher, und dem Kapitän Kellet als Unterbefehlshaber, ausgesendet; Sir Edward besuchte den Wellington-Canal, überwinterte in der Bai Northumberland und befuhr die Küste, während Kellet, bis Bridport auf der Insel Melville weiter dringend, diesen Theil der Nordländer ohne Erfolg durchforschte. Damals aber verbreitete sich in England das Gerücht, es seien zwei, mitten zwischen den Eisblöcken verlassene Schiffe unweit der Küsten Neu-Schottlands gesehen worden. Sogleich rüstete Lady Franklin den kleinen Schraubendampfer Isabelle aus, und der Kapitän Inglefield fuhr die Baffins-Bai hinauf bis zur Spitze Victoria unter’m achtzigsten Breitegrad, und kam ohne weiteren Erfolg zur Insel Beechey zurück. Zu Anfang 1855 wendete der Amerikaner Grinnel die Kosten für eine neue Expedition auf, und der Doctor Kane suchte bis zum Pol vorzudringen…

– Aber er hat es nicht dahin gebracht, rief Hatteras heftig, und Gott Lob! Was er nicht fertig brachte, werden wir zu Stande bringen!

– Ich weiß es, Kapitän, und ich rede nur deshalb von dieser Expedition, weil sie nothwendig an die Bestrebungen, Franklin aufzusuchen, sich anschließt. Uebrigens führte sie auch zu keinem Resultat. Ich hätte beinahe vergessen anzuführen, daß die Admiralität, indem sie die Insel Beechey als die allgemeine Versammlungsstätte der Expeditionen ansah, im Jahre 1853 den Dampfer Phönix, Kapitän Inglefield, beauftragte, Vorräthe dahin zu schaffen; dieser Seemann begab sich nebst dem Lieutenant Bellot dahin, und verlor diesen wackeren Officier, welcher zum zweitenmal England seine eifrigen Dienste widmete; wir können über diese Katastrophe um so genauer die Umstände erfahren, als unser Rüstmeister Johnson Zeuge dieses Unglücks war.

– Der Lieutenant Bellot war ein wackerer Franzose, sagte Hatteras, und sein Andenken ist in England geehrt.

– Darauf, fuhr der Doctor fort, fingen die Schiffe des Geschwaders Belcher an allmälig zurückzukehren; nicht alle, denn Sir Edward mußte 1854 die Assistance ebenso zurücklassen, wie Mac Clure 1853 den Investigator. Unterdessen meldete der Doctor Rae in einem Schreiben vom 29. Juli 1854, aus der Repulse-Bai, wohin er durch Amerika gekommen war, datirt, die Eskimo’s des König-Wilhelmlandes besäßen verschiedene Gegenstände, welche vom Erebus und Terror herrührten. Nun war kein Zweifel über das Schicksal der Expedition mehr möglich; der Phönix, North-Star, und Collinson’s Schiff kehrten heim nach England; in den Nordpolar-Meeren befand sich kein englisches Schiff mehr. Aber schien die Regierung auch alle Hoffnung aufgegeben zu haben, so hielt Lady Franklin noch an der Hoffnung fest und rüstete mit den Resten ihres Vermögens den Fox aus unter dem Commando Mac Clintock’s; er fuhr 1857 ab, überwinterte in den Gegenden, wo Sie sich uns zu erkennen gaben, Kapitän, gelangte am 11. August 1858 zur Insel Beechey, überwinterte zum zweitenmal in der Straße Bellot, setzte sein Forschen im Februar 1859 fort, entdeckte am 6. Mai das Document, welches über das Schicksal des Erebus und Terror keinen Zweifel mehr ließ, und kam zu Ende desselben Jahres nach England zurück:

Dieses Alles ist während fünfzehn Jahren in diesen unheilvollen Gegenden vorgegangen, und seit der Rückkehr des Fox hat kein englisches Schiff mehr es unternommen, inmitten dieser gefahrvollen Meere das Schicksal zu versuchen!

– Nun, so wollen wir es versuchen«, erwiderte Hatteras.

Erstes Capitel.


Erstes Capitel.

Der Forward.

»Morgen bei fallender Fluth wird die Brigg Forward, Kapitän K. Z., Lieutenant Richard Shandon, von New-Prince’s-Docks abfahren. Bestimmung unbekannt.«

So las man im »Liverpool-Herald« am 5. April 1860.

Für einen der ersten Handelshäfen Englands ist die Abfahrt einer Brigg ein unbedeutendes Ereigniß, das inmitten der Schiffe jeder Größe und jeder Nationalität kaum bemerkt wird.

Dennoch fand sich am 6. April vom frühen Morgen an eine ansehnliche Volksmenge auf den Quais der New-Prince’s-Docks ein. Die unzählbare Corporation der Seeleute der Stadt schien sich da ein Rendezvous zu geben. Die Arbeiter der benachbarten Werfte verließen ihr Tagewerk, die Kaufleute ihre düstern Comptoire, ihre unbesuchten Gewölbe. Die bunten Omnibus, welche längs der äußern Mauer der Baffins fahren, brachten jede Minute eine Ladung Neugieriger; die Stadt schien nur einen einzigen Gedanken zu haben: der Abfahrt des Forward beizuwohnen.

Der Forward war eine Brigg von hundertundsiebenzig Tonnen Gehalt, ein Schraubendampfer von hundertundzwanzig Pferdekraft. Bot er auch den Augen des Publicums nichts außerordentliches dar, so nahmen doch Kenner einige Besonderheiten wahr, welche jeder Seemann verstand.

Daher machte sich auch eine Gruppe Matrosen an Bord des in der Nähe ankernden Nautilus über die Bestimmung des Forward allerhand Vermuthungen.

»Was soll man, sagte einer, von diesen Masten denken? es ist doch nicht gebräuchlich, daß Dampfschiffe so viel Segel haben.

– Das Fahrzeug muß, erwiderte ein Bootsmann mit breitem, rothem Gesicht, sich mehr auf seine Masten als seine Maschine verlassen wollen, und wenn es so stark in hohen Segeln ist, so geschah es wohl deshalb, weil die niedrigen oft maskirt sein werden. Darum glaub‘ ich sicher, daß der Forward für die Nord- oder Süd-Polarmeere bestimmt ist, wo die Eisberge den Wind mehr hemmen, als es einem tüchtigen Schiffe paßt.

– Sie sollen Recht haben, Meister Cornhill, versetzte ein dritter Matrose, haben Sie auch bemerkt, wie dieser Vordersteven gerade auf’s Meer fällt?

– Und dazu, sagte Meister Cornhill, ist er mit einer Schneide von Gußstahl versehen, die scharf wie ein Rasirmesser ist, und einen Zweidecker entzweischneiden kann, wenn der Forward mit aller Kraft von der Seite her auf ihn eindringt.

– Sicherlich, erwiderte ein Lootse der Mersey, denn diese Brigg fährt mit ihrer Schraube hübsch vierzehn Knoten. Es war zum Staunen, wie sie bei der Probefahrt die Strömung durchschnitt. Glauben Sie mir, ’s ist ein feiner Segler.

– Und ebenso ist sie mit ihren Segeln nicht in Verlegenheit, fuhr Meister Cornhill fort; es fährt stracks in den Wind und ist leicht mit der Hand zu lenken. Und noch etwas besonders! Haben Sie das weite Hennegat seines Steuerruders bemerkt?

– Wahrhaftig, so ist es, erwiderten die andern, aber was ist daraus abzunehmen?

– Es beweist dies für’s erste, Ihr lieben Bursche, versetzte der Meister mit Selbstzufriedenheit, daß Ihr weder zu sehen, noch zu deuten versteht; es ist daraus abzunehmen, daß man dem Kopf des Steuers Spielraum geben wollte, um leichter seine Stelle zu ändern. Sie wissen wohl nicht, daß dies Manoeuvre zwischen den Eisblöcken oft vorkommt?

– Vortrefflich geurtheilt, erwiderten die Matrosen des Nautilus.

– Und zudem, fuhr der eine von ihnen fort, wird die Meinung des Meister Cornhill durch die Ladung der Brigg bestätigt. Ich weiß es von Clifton, der unerschrocken Theil nimmt. Der Forward nimmt für fünf bis sechs Jahre Lebensmittel, und dem entsprechend Kohlen mit. Die ganze Ladung desselben besteht aus Kohlen und Lebensmitteln, nebst einem Pack wollener Kleidung und Robbenfellen.

– Ah! Dann ist auch nicht mehr daran zu zweifeln, sagte Meister Cornhill; aber kurz, mein Freund, da Du Clifton kennst, hat denn der nichts von seiner Bestimmung gesagt?

– Er konnte mir nichts sagen, weil er’s nicht weiß; darauf ist die Mannschaft geworben. Wohin es geht, soll man erst erfahren, wenn man an Ort und Stelle ist.

– Und auch, erwiderte ein Ungläubiger, wenn sie zum Teufel gehen, wie es mir ganz den Anschein hat.

– Aber auch was für ein Sold! fuhr Cliftons Freund lebhaft fort, welch‘ hoher Sold! Fünfmal höher, als der gewöhnliche. Ah! Sonst hätte Richard Shandon Niemand gefunden, der unter solchen Bedingungen sich hätte werben lassen! Ein Fahrzeug von auffallendem Bau, das wer weiß wohin fährt, und nicht aussieht als wolle es ernstlich wiederkommen! Ich meinestheils hätte nicht große Lust dazu.

– Lust oder nicht, Freund, erwiderte Meister Cornhill, Du wärest nie fähig gewesen, der Bemannung des Forward anzugehören.

– Und weshalb?

– Weil Dir die nöthigen Erfordernisse abgehen. Ich habe mir sagen lassen, Verheiratete würden gar nicht angenommen. Da Du nun zu dieser Sorte gehörst, so brauchst Du nicht so spröde zu thun; für Dich freilich wär‘ es eine wahre Zwangspartie.«

Der also angezapfte Matrose lachte mit seinen Kameraden, und gab damit zu erkennen, daß Meister Cornhill Recht hatte.

Cornhill fuhr mit Selbstbefriedigung fort: »Bis auf den Namen ist auch alles an dem Schiff erschrecklich kühn! Der Forward – d. h. Vorwärts, bis wohin? Und dazu kennt man den Kapitän der Brigg nicht.

– O ja! man kennt ihn, erwiderte ein junger Matrose mit etwas naivem Angesicht.

– Wie? Man kennt ihn?

– Allerdings.

– Kleiner, sagte Cornhill, kannst Du glauben, daß Shandon Kapitän des Forward sein werde?

– Aber, versetzte der junge Matrose …

– So laß Dir sagen, daß Shandon Unterbefehlshaber ist, weiter nichts; ’s ist ein wackerer, kühner Seemann, ein Wallfischfahrer, der erprobt ist, ein tüchtiger Kamerad, aber schließlich doch nicht der Befehlshaber; er ist so wenig Kapitän, wie Du und ich, unbeschadet meinem Respect! Den, der nach unserm Herrgott an Bord befehlen wird, kennt er selber auch nicht. Wenn der rechte Zeitpunkt kommt, wird der wahre Kapitän zum Vorschein kommen, man weiß nicht wie, und wer weiß von welchem Ufer der beiden Welten; denn Richard Shandon hat nicht gesagt, und darf auch nicht sagen, wohin auf der Welt er fahren würde.

– Dennoch, Meister Cornhill, fuhr der junge Seemann fort, versichere ich Sie, daß sich einer an Bord vorgestellt hat, einer in dem Schreiben, worin dem Herrn Shandon seine Stelle übertragen ward, angekündigt worden ist!

– Wie? entgegnete Cornhill mit Stirnrunzeln, Du willst behaupten, der Forward habe einen Kapitän an Bord?

– Ja wohl, Meister Cornhill.

– Du sagst mir das, mir?

– Allerdings, weil ich es von Johnson habe, dem Rüstmeister.

– Von Meister Johnson?

– Allerdings, er hat mir es selbst gesagt.

– Er hat Dir’s gesagt?

– Er hat mir es nicht allein gesagt, sondern den Kapitän gezeigt.

– Gezeigt hat er Dir ihn! erwiderte Cornhill betroffen.

– Ja wohl, gezeigt.

– Und Du hast ihn gesehen?

– Mit eigenen Augen.

– Und wer ist’s?

– Ein Hund.

– Ein Hund?

– Ein vierfüßiger?

– Ja!«

Die Matrosen des Nautilus waren ganz verdutzt; in jedem andern Falle würden sie hell aufgelacht haben. Ein Hund Kapitän einer Brigg von hundertundsiebenzig Tonnen! Aber der Forward war wirklich ein so außerordentliches Fahrzeug, daß man zweimal es ansehen mußte, ehe man lachte, ehe man in Abrede stellte. Uebrigens lachte selbst Meister Cornhill nicht.

»Und Johnson hat Dir diesen so außerordentlichen Kapitän gezeigt, diesen Hund? fuhr er fort zu dem jungen Matrosen.

– So wie ich Sie sehe, mit Erlaubniß.

– Nun, was denken Sie davon? fragten die Matrosen den Meister Cornhill.

– Ich denke, nichts, erwiderte dieser barsch, ich denke nichts, als daß der Forward ein Schiff des Teufels ist, oder Narren gehört, die für das Irrenhaus reif sind!«

Die Matrosen sahen ferner den Forward schweigend an, und nicht einem einzigen von ihnen fiel es ein zu behaupten, der Johnson habe den jungen Seemann zum Besten gehabt.

Der Forward zog übrigens seit einigen Monaten die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich. Daß er etwas auffallend gebaut, mit Geheimniß umhüllt war; das Incognito seines Kapitäns; die Art, wie Richard Shandon seine Ausrüstung betrieb; die besondere Auswahl seiner Mannschaft; die unbekannte, von manchen kaum vermuthete Bestimmung desselben, – alles wirkte zusammen, der Brigg ein mehr als sonderbares Gepräge zu geben.

Für einen Denker, Träumer, Philosophen hat übrigens ein Schiff, das abzufahren im Begriff ist, etwas höchst anregendes; die Phantasie begleitet es gerne bei seinem Ringen mit den Wogen, seinen Kämpfen mit den Winden, bei der abenteuerlichen Fahrt, die nicht immer im Hafen ihr Ziel findet, und wofern nur der geringste ungewöhnliche Zwischenfall eintritt, erhält das Schiff ein phantastisches Aussehen.

So war es auch mit dem Forward. Und wenn die gewöhnlichen Zuschauer nicht so kundige Bemerkungen, wie Meister Cornhill, machen konnten, so gab es doch seit drei Monaten Stoff genug zu fortwährendem Gerede, für die Unterhaltung in Liverpool.

Die Brigg wurde zu Birkenhead, einer wirklichen Vorstadt von Liverpool am linken Ufer der Mersey, gebaut, und durch Dampfbarken in unablässigem Verkehr mit dem Hafen gehalten. Die Erbauer, Scott & Cie., hatten von Richard Shandon einen Aufriß und detaillirten Plan erhalten, welcher den Tonnengehalt, die Größenverhältnisse, das Modell der Brigg höchst genau angab. Man konnte darin den Scharfsinn eines vollendeten Seemanns erkennen. Da Shandon beträchtliche Mittel zur Verfügung hatte, so wurden die Arbeiten in Angriff genommen und nach der Weisung des unbekannten Eigentümers auf’s rascheste betrieben.

Die Bauart der Brigg war von erprobter Solidität; sie war offenbar bestimmt, enormem Druck zu widerstehen, denn ihr Fugenwerk aus Teak, einem indischen, durch äußerste Dauerhaftigkeit ausgezeichneten Bauholz, war noch dazu mit dem stärksten Eisenbeschlag versehen. Man fragte sich unter den Seeleuten, weshalb der Rumpf eines mit solchen Widerstandsverhältnissen gebauten Schiffes nicht aus Eisenblech gefertigt wurde, wie bei andern Dampfbooten. Darauf antwortete man, der geheimnißvolle Ingenieur müsse wohl seine Gründe dafür haben.

Die Brigg nahm auf dem Werft allmälig ihre Gestalt an, und ihre Stärke wie Feinheit setzten die Kenner in Erstaunen. Wie die Matrosen des Nautilus bemerkt hatten, bildete sein Vordersteven einen rechten Winkel mit dem Kiel; es war nicht mit einem Schnabel versehen, sondern mit einer Schneide von Gußeisen aus den Werkstätten R. Hawthorn’s zu Newcastle. Dieses metallene, im Sonnenschein blinkende Vordertheil, gab der Brigg, obwohl sie gar nichts Militärisches an sich hatte, ein ganz besonderes Aussehen. Doch wurde auf dem Vordercastell eine Kanone vom Kaliber eines Sechzehnpfünders aufgestellt; auf einem Zapfen sich drehend, konnte sie leicht nach allen Richtungen gestellt werden.

Am 5. Februar 1860 wurde das seltsame Schiff im Angesicht einer ungeheuern Zuschauermenge vom Stapel gelassen, was vollkommen gelang.

Aber welches war denn die Bestimmung des Schiffes? Es sollte den Erebus und Terror, den Sir John Franklin aufsuchen, nichts weiter. Denn im Jahr zuvor war der Commandant Mac Clintock mit sichern Beweisen vom Scheitern dieser unglücklichen Unternehmung aus den Nord-Polarmeeren heimgekehrt.

Wollte denn der Forward nochmals die nordwestliche Durchfahrt machen? Wozu nützte dies? Der Kapitän Mac Clur hatte sie im Jahre 1853 aufgefunden, und sein Lieutenant Creswell hatte zuerst die Ehre, um das amerikanische Festland herum von der Behrings- bis zur Davis-Straße zu fahren.

Es war jedoch für Sachverständige unzweifelhaft, daß der Forward den Eisregionen Trotz bieten sollte. Wollte er zum Südpol vordringen, noch weiter als der Wallfischfahrer Wedell, als der Kapitän Roß? Aber zu welchem Zweck und Nutzen?

Am folgenden Tag, nachdem die Brigg vom Stapel gelaufen, kam ihre Maschine aus den Werkstätten von R. Hawthorn zu Newcastle an.

Diese Maschine, von hundertundzwanzig Pferdekraft mit oscillirenden Cylindern, nahm wenig Raum ein: für ein Schiff von hundertundsiebenzig Tonnen eine bedeutende Kraft. Da es zudem reichlich mit Segeln versehen war, so besaß es außerordentliche Schnelligkeit, wie die Probefahrten bewiesen.

Nachdem die Maschine an Bord war, begann das Einbringen der Vorräthe; keine geringe Arbeit, denn das Schiff wurde auf sechs Jahre verproviantirt. Die Lebensmittel bestanden aus gesalzenem und getrocknetem Fleisch, geräuchertem Fisch, Zwieback und Mehl; Kaffee und Thee wurden lavinengleich in die untern Räume gewälzt. Richard Shandon leitete die kostbare Befrachtung als ein Mann, der sich darauf verstand; alles wurde streng ordnungsmäßig packetirt, etikettirt, numerirt; auch wurde ein großer Vorrath von dem indischen Präparat, Pemmican genannt, welches sehr nahrhafte Bestandtheile enthält, mitgenommen.

Diese Gattung von Lebensmitteln ließ keinen Zweifel, daß es auf eine langedauernde Expedition abgesehen war; und ein kundiger Beobachter begriff auf den ersten Blick, daß diese in die Polar-Meere gehen sollte, wenn er die Tonnen Lime-juice und Kalkpastillen, Päcke von Senf, Sauerampferkörnern und Löffelkraut sah, die Menge von solchen Mitteln gegen den Scorbut, welche man bei den Fahrten in die nördlichen und südlichen Zonen so nothwendig braucht. Shannon besorgte diesen Theil der Ladung mit ganz besonderer Sorgfalt.

Waffen wurden wenige mitgenommen, aber eine Kammer mit Pulver gefüllt, was beunruhigen konnte; denn die einzige Kanone an Bord konnte solches Bedürfniß nicht haben. Ebenso wurde für riesenhafte Sägen gesorgt und starke Werkzeuge, wie Hobel, bleierne Keulen, Handsägen, enorme Beile etc., dazu eine ansehnliche Menge Spreng-Cylinder, womit man das ganze Zollgebäude Liverpools in die Luft sprengen konnte, Raketen und Kunstfeuer zu Signalen, Fanale aller Art.

Die zahlreichen Zuschauer auf den Quais von New-Prince’s-Docks bewunderten ferner ein langes Wallfischboot von Mahagoni, eine Pirogue von Blech mit Guttapercha bezogen, und eine Anzahl Halkett-boafs, Kautschuküberzüge, welche man durch Aufblasen in Canots verwandeln konnte. Jeder fühlte sich um so mehr beunruhigt, als mit der sinkenden Fluth der Forward zu seiner geheimnißvollen Bestimmung abzufahren im Begriff war.