Märchen

761. Nidda

761. Nidda

Zu des Kaiser Friedrich des Rotbart Gezeiten war im Hessenlande ein Raubgraf, der tat in der Gegend vielen Schaden; er hieß Berthold und saß auf einer Bergfeste, die hieß die Altenburg. Da er nun beim Kaiser verklagt ward, so wurde er in seiner Feste belagert und hart bedrängt. Endlich erbot sich die Gräfin, des Räubers Gemahl, zur Übergabe, begehrte aber freien Abzug mit so viel von ihren besten Sachen, als ihr Esel und sie selbst würden tragen können; das ward ihr zugesagt unter dem Beding, daß nicht etwa der Graf auf dem Esel reite, als welcher zu den Besten nicht gehöre. Die Gräfin sagte das zu, daß ihr Gemahl Berthold nicht auf dem Esel sitzen sollte, setzte aber ihre drei Söhnlein auf des Esels Rücken und nahm ihren Gemahl auf ihren eignen, und so zogen sie ab, hatten wohl auch noch einiges vom besten in ihren Taschen. Weit kamen sie nicht von der Altenburg, die nun von des Kaisers Söldnern zerstört wurde, und es gelobte die Gräfin, nachdem sie ihren Gemahl absitzen lassen, sich da anzubauen, allwo der Esel stehenbleibe. Und da blieb der Esel bald darauf nicht nur stehen, sondern sogar stecken, und die Gräfin regte ihn zum Fortgehen an und rief: Nit da, nit da! – aber der Esel stand so steif wie jene Eselin Bileams, welche redete, und sie mußten allda bleiben und bei einem Feuer die Nacht zubringen. Darauf haben sie sich dort angebaut und ein Schloß begründet, welches den Namen Nidda empfing, oder gar drei Schlösser, für jedes der Söhnlein eines. In den Kellern der zerstörten Altenburg ruhen noch große Schätze, und es sind dort viele Hufeisen gefunden worden, welche Graf Berthold, wenn er auf Raub ausritt, den Pferden verkehrt aufschlagen ließ.

In dieser Sage erscheint am frühesten die liebevolle Rettung des Mannes durch das listreiche, aber auch starke und treue deutsche Weib, die sich dann später einfach bei der Rettung des Ritters von Staupitz und vielfach bei den Weibern von Weinsberg wiederholte.

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762. Der Graf von Ziegenhain

762. Der Graf von Ziegenhain

Die hessische Stadt Ziegenhain hatte vorzeiten eigne Grafen, welche jedoch ausgestorben sind. Sie stammten von Ludwig dem Eisernen, Landgrafen zu Thüringen, ab. Der letzte dieser Grafen hieß Johann, zubenamt der Starke. Und in Wahrheit war er ein starker Hans, und der edle Jochem von Schapelow, der vier Eimer Weines auf einmal aus des Brandenburger Kurfürsten Keller trug, wäre vielleicht gegen diesen Ziegenhainer nicht aufgekommen. Eines schönen Tages geruhte Graf Hans von Ziegenhain zu Frankenberg, auch einem oberhessischen Städtlein, mit seiner Frau Mutter spazierenzugehen, und kamen durch eine etwas enge Gasse, mitten in selbiger stand ein Fuder Wein auf einem Wagen, das versperrte die Gasse so auf beiden Seiten, daß man ohne sich an Wand oder Wagen zu beschmutzen nicht wohl vorbei konnte, und zogen die Frau Gräfin darüber schon ein schiefes Maul. Da griff Graf Hans herzhaft an und hob und schob mit einem Ruck vorn und einem Ruck hinten das ganze Fuder samt dem Wagen zur Seite, daß die Wände der Häuser krachten und die Leute darin dachten, es wäre ein Erdbeben. Das war der gnädigen Frau Mutter wieder nicht recht, und hub an zu schelten: Ist das nun not und nötig, seine Leibeskraft so übermäßig anzustrengen und selbige also liederlich zu vergeuden? – Darauf sagte Graf Hans von Ziegenhain bescheidentlich: Die Frau Mutter ereifere sich doch ja nicht und sei nicht ungnädig! Ich habe es gut gemeint, indem derselben habe Platz machen wollen zum Vorbeigehen. Da ich es nun damit nicht getroffen, so will ich meinen Fehler gleich wiedergutmachen! – sprach’s und rückete alsbald, ohne erst Antwort abzuwarten, mit zwei Rucken das Fuder samt dem Wagen wieder so, wie es zuvor gestanden, und mußte nun die gestrenge Frau Landgräfin umwenden und sich eine andere Gasse zum Durchspazieren suchen.

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763. Das Fräulein von Boineburg

763. Das Fräulein von Boineburg

Viele Sagen gehen im Volksmunde von der Boineburg in Hessen und ihren Bewohnerinnen. Es waren der Schwestern drei, und da träumte der jüngsten, daß es in Gottes Rat beschlossen, eine von ihnen werde vom Wetter erschlagen werden. Als sie nun morgens ihren Schwestern diesen Traum erzählt hatte und mittags ein schweres Gewitter aufstieg, so sprach die älteste: Mir ist sicher der Tod bestimmt, ließ sich einen Stuhl hinaustragen und saß harrend im Wetter – aber sie blieb unversehrt. Am zweiten Tage, da wieder ein Gewitter drohend aufzog, tat die zweite Schwester das gleiche, allein ihr widerfuhr wie der ältesten. Nun sprach die dritte: Ich bin es, die Gott rufen wird! und machte sich in gleicher Weise bereit, beichtete und stiftete zu ihrem Gedächtnis eine Spende, setzte sich auf den Stuhl, und alsbald fuhr ein Blitz herab und tötete sie.

Andere erzählen ganz anders. Eine tausendjährige Eiche stand im Hofe der Boineburg. Unter ihr lag an einem heißen Sommertage die einzige Tochter des Ritters und war eingeschlummert. Ein rasches Wetter zog heran, und vom Donner und strömenden Regen erwacht das Fräulein, fährt auf und eilt nach dem Hause. Indem so fährt ein Wetterstrahl in die Eiche und wirft auch das Fräulein leblos zu Boden. Aber es gelingt, die bloß Ohnmächtige wieder in das Leben zurückzurufen, und der erfreute Vater stiftet dankbar eine Armenspende. An jedem Gründonnerstage mußte der Kaplan vor dem zerspaltenen Baum eine Gedächtnisrede halten, und Korn und Fleisch ward an die Armen von vierundzwanzig Dörfern ausgeteilt. Das Fräulein nahm den Nonnenschleier. Die Spende besteht noch immer, obschon die Burg längst in Trümmern liegt; die Rede hält der Pfarrer zu Datterode.

Einst lag am Gründonnerstag noch hoher Schnee, und der vierspännige Wagen mit den Liebesgaben konnte den steilen Burgweg nicht hinan; der Wagenführer wollte daher umlenken. Da erschien aber plötzlich auf dem Wagen eine weiße Jungfrau mit schönem, aber ernstem und drohendem Antlitz und bedeutete dem Fuhrmann, hinaufzufahren. Der wendete erschrocken sich wieder zum Weg, und siehe, mit Leichtigkeit zogen die Rosse jetzt den schweren Wagen, und droben verschwand die Jungfrau lächelnden Blickes. Alles Volk, das den Wagen umwimmelte, hatte sie gesehen.

Als das Hessenland in ein Königreich Westfalen umgewandelt war, wollte die französische Behörde nichts von dieser altherkömmlichen Spende wissen, sondern sie mit andern Einkünften unter dem üblichen lügenhaften Vorwand der Ersparnis selbst schlucken – ein nicht bloß bei Franzosen geübter schlechter Finanzkniff –, und wirklich unterblieb im Jahre 1808 Spende und Rede. Aber da ist dem Könige von Westfalen ein schreckliches Gesicht erschienen, und seine Finanzer haben die Spende wieder herausrücken und das Vermächtnis auf Schloß Boineburg erfüllen müssen.

Noch ruhen im Bergesschoße der Boineburg viele Schätze, und die Jungfrau hütet dieselben; auch sie breitet ein weißes Tuch mit Knotten aus und macht einzelne glücklich. Es soll im Dreißigjährigen Kriege aus Eschwege, Sandra und andern Nachbarstädten viel Geld und Gut hinauf auf die Burg geflüchtet worden sein.

Die Jungfrau der Boineburg erscheint auch als weiße Reiterin. Sie reitet auf des Berges Hochebene hin bis zu einer Stelle, wo eine weiße Lilie mit purpurnem Kelche blüht, die sie dann bricht, und eilend zurückreitet. Begegnet ihr einer, der reinen Herzens und Wandels ist, und ruft sie an: Gib mir die Blume! – der kann großes Glück erlangen, noch aber soll das keinem widerfahren sein, weil die Menschen nicht mehr reinen Herzens und Wandels sind.

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751. Die steinerne Wiege

751. Die steinerne Wiege

Als die alte Burg Krainberg über Tiefenort durch die Herren von Frankenstein erbaut wurde, ward ein lebend Kindlein in eine steinerne Wiege gelegt und mit ihm vermauert, auf daß die Burg unüberwindlich sei. So ward die Wiege zum Sarge. Landleute haben in der Mittagsstunde bisweilen in den Ruinen ein Wimmern vernommen, das aus der Mauer zu kommen schien, auch wollen manche ein weißes Kind ganz allein im Schloßhof haben mit Blumen spielen sehen, das verschwunden, wenn man ihm genaht. Jetzt aber hört und sieht man nichts mehr, und das mag daher kommen, weil vor mehren Jahren die eine Mauer entzweigebrochen ward, um die Steine größtenteils zu Ökonomiegebäuden in Tiefenort zu verwenden, und dabei in einem steinernen Särglein das Gerippe eines Kindes wirklich gefunden wurde.

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752. Die Tulipane

752. Die Tulipane

Auf dem beraseten Burghof des ringsum bewaldeten Krainbergs hütete einst ein Schäfer und fand an einer sichern Stelle eine schöne Tulipane. Das dünkte ihm wunderbar, solche Blume hier zu finden, pflückte sie ab und steckte sie auf seinen Hut. Das hatte er kaum getan, so stand ein bildschönes, aber sehr blasses Jungfräulein vor ihm da und winkte, mit ihm zu gehen; er bedachte sich auch nicht lange, sondern folgte, und die Gestalt führte ihn an das alte Schloß, wo eine Öffnung ins Gemäuer führte, die der Schäfer früher nicht gesehen hatte. Es ging tief hinab in eine geräumige Halle, da stand Goldes genug umher, und das Fräulein gebot ihm, sich davon so viel zu nehmen, als er wolle und tragen könne. Seine Taschen hatten aber alle Löcher, so daß wieder hindurchfiel, was er hineinsteckte; da nahm er seinen Hut und füllte den voll, darüber fiel die Blume herab, und es geschah, was stets erzählt wird, wo Ähnliches sich soll begeben haben, das Jungfräulein bat beweglich: Vergiß das Beste nicht – aber der Jäger achtete der Blume keinen Deut, da er des Goldes so viel hatte; als er jedoch wieder aus dem Kellergewölbe heraustrat, schlug eine eiserne Türe, die er erst gar nicht gesehen hatte, hinter ihm mit Heftigkeit zu, und alle sein Gold verschwand. Darüber ist er so heftig erschrocken, daß ihm eine große Schwachheit ankam, und nach drei Tagen ist er tot gewesen.

Selten erwähnt die örtliche Sage, wo sie der Wunderblume gedenkt, einer Tulipane, fast immer ist es eine gelbe Schlüsselblume, eine blaue Glockenblume oder eine weiße, auch purpurrote Lilie.

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753. Der Farrensamenfinder

753. Der Farrensamenfinder

Manche mühen sich um den Farrensamen, auch Fahrsamen geheißen, und suchen ihn zu erlangen durch böse Kunst und höllischen Beistand, wie der Jäger zu Benshausen, und andere, die ihn nicht suchen, finden ihn. Der Farrensame, zu rechter Zeit und Stunde gefunden und gesammelt, hat nicht nur die Eigenschaft, Glück zu bringen, unfehlbare Schüsse auf Wild und anderes, sondern er macht auch unsichtbar. Einem Manne zu Berka an der Werra ging es damit gar wunderlich. Sein Fohlen hatte sich im Walde verlaufen, und er suchte es und trat unversehens auf der Waldwiese auf reifendes Farnkraut, und es fiel ihm etwas von dem Samen in die Schuhe. Er lief lange im Walde herum, fand das Füllen nicht, kam erst früh am Morgen wieder nach Hause, ging in die Stube und setzte sich verdrießlich und müde hinter den Kachelofen auf den Lehnstuhl. Frau, Kinder und Gesinde gingen ab und zu, hantierten und plauderten, und keins sprach guten Morgen zu ihm, das nahm ihn wunder; endlich sprach er: Ich habe das Fohlen nicht gefunden! Alle erschraken, niemand wußte, woher plötzlich die Stimme kam; alle sahen einander an, ihn sah niemand. Jo Mann, wo steckst du denn? rief fragend die Frau. Da erhob sich der Mann, trat mitten in die Stube und sagte: Da bin ich ja, närrische Frau, ich stehe ja vor dir! Nun erschraken die Seinen noch mehr, denn sie hatten ihn aufstehen und gehen hören und sahen doch noch immer nichts von ihm. Da merkte der Mann, daß er unsichtbar geworden, wünschte aber nicht, solches zu bleiben, entsann sich, daß ihm etwas in die Schuhe gefallen war, das ihn drückte wie Sand, zog die Schuhe alsbald aus und klopfte sie aus, und da fiel der Wünschelsame heraus, aber niemand sah ihn, weil seine Findestunde vorüber war, der Finder aber stand wieder sichtbarlich vor allen da.

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754. Die Fleischer zu Gerstungen

754. Die Fleischer zu Gerstungen

Zu Gerstungen hat sich eine seltsamliche Mär zugetragen, indem es den Fleischern allda fast genau so ging, und zwar mit dem Grafen von Brandenburg, wie den Metzgern der Stadt Osnabrück mit dem Grafen von Tecklenburg. Der Graf von Brandenburg hatte dasselbe Recht, den Fleischern ihre Taxe zu setzen, und der Fleischbote, welcher Limpert hieß, war, wie dort von der Tecklenburg herab ein Zwerg, so hier von der Brandenburg herab ein lahmer Krüppel, der seine Freude daran hatte, sich samt seinem Esel nicht zu eilen, bis endlich die Geduld der Fleischer zu Gerstungen zu Ende war und der Gildenmeister, ein zorniger Mann, den langsamen Krüppel eine unglaublich schnelle Reise machen ließ, nämlich die in die Ewigkeit, indem er ihn totschlug. Dann zerhackten ihn die Fleischer, luden die Stücke in des Esels Körbe und jagten diesen wieder zur Brandenburg hinauf. Das verdroß nun freilich den Grafen auf der Brandenburg, den bisherigen Schutz- und Schirmherrn der Gerstunger, gar sehr, und befehdete fortan die Stadt, daß sie keinen guten Tag mehr sah, so daß endlich flehentlich um Gnade gebeten ward. Und da machte der Graf von der Brandenburg, gerade wie der Tecklenburger, auch drei harte und schwere, schier unerschwingliche Auflagen. Er heischte einen Scheffel voll Silberheller, alle von einem und demselben Gepräge, auch drei himmelblaue Windhunde und drei mannshohe Eichenstecken ohne Knoten. Wenn binnen Jahresfrist diese Stücke nicht beigeschafft wären, so müsse die Stadt die ganze Metzgerzunft dem Grafen gebunden überliefern, und dann wolle er sehen, ob ihre Gliedmaßen härter wären als die seines zerhackten Fleischboten. Da war guter Rat teuer im Städtlein Gerstungen an der Werra, doch endlich ward er gefunden, ganz so wie die Osnabrücker ihn auch fanden; Agiotage für die Silberheller, wobei die Juden gute Geschäftcher machten, Glasröhren für die Eichenstecken und ein himmelblaues Zimmer mit Zubehör für die Paarung schneeweißer Windhunde. So gelang das schwere Kunststück, und so ward des Grafen Zorn gesühnt, nächstdem wurde der Fleischscharrn in ein Pflegehaus für arme Krüppel verwandelt, und auf den Platz, wo die Fleischer den Limpert zerhackt hatten, ward ein breiter Stein gelegt, der heißt noch heute der Limpertstein. – Die genaue Wiederholung dieser Sage aber mit allen Umständen und ganz geringen Verschiedenheiten an so weit voneinander entfernten Orten und Burgen ist sehr merkwürdig. Von der Brandenburg schmückt heutzutage nur noch die umfangreiche Trümmer das friedliche Werratal, und an Gerstungen zieht die thüringische Eisenbahn hin.

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755. Das Lindigsfrauchen

755. Das Lindigsfrauchen

Außer der Brandenburg, auf der noch eine wandelnde Jungfrau mit Knotten umgeht, soll bei Gerstungen noch eine Burg gelegen haben, das Lindigsschloß genannt. Darauf wohnte ein wunderschönes Fräulein, dessen Schönheit sprüchwörtlich wurde im ganzen Gau, das hatte aber gar seltsamlichen Verkehr mit den Geistern der Elemente, mit den Nixen des Talflusses und mit den Kobolden und Wichtlein im Reichelsdorfer Bergwerke; dieserhalb taten die Eltern ihre Tochter in ein Kloster unter dem Arnsbergs, welches der heilige Bonifazius angelegt haben sollte, aber aus diesem Kloster ließ sich das Fräulein durch einen jungen Ritter von der Brandenburg entführen, der sie zur Gemahlin nahm. Doch auch als solche konnte sie sich des Umganges mit den Nixen nicht ganz entschlagen; sie verlobte ihren einzigen Sohn einer Wasserfeine, und diese holte ihn frühzeitig in ihr nasses Reich, das heißt in der Alltagssprache: der junge Knabe ertrank in der Werra. Von einem dunkeln Sehnen ruhelos umhergetrieben, fand die junge Frau kein Glück; sie gehörte nur halb der Oberwelt an, und als ihr früh das letzte Stündlein schlug, schied sie ohne Beichte, dieweil sie nicht Lust und Neigung hatte, dem Pfaffen auf die Nase zu binden, welche wonne- und wundersamen Geheimnisse ihren tief verschlossenen Jungfrauen- und Frauenbusen bewegt und erfüllt hatten. Derohalb mußte sie auch ohne Absolution hinübergehen und kam nicht in den Himmel, sondern in das Mittelreich der umgehenden Geister, welches ihr vielleicht nicht unangenehm war. Da hat sie nun alle sieben Jahre zu erscheinen, und zwar einmal zwischen der Brandenburg und Gerstungen auf der Stätte der ehemaligen Lindigsburg und zum andernmal auf dem Wege von Gerstungen nach dem ehemaligen Kloster im Kolbacher Tale. Sie trägt einen Schlüsselbund und ein Matronenkleid und hat die unglückliche Neigung, sich den Leuten auf den Rücken zu setzen, auch soll sie, trotz ihres früheren Umganges mit ätherischen Wesen, gar nicht unbeträchtlich schwer sein. Wer aber sie geduldig hockelt bis an ihr Ziel, dem soll und wird sie mit ihrem Schlüsselbunde reich angefüllte Burg- oder Klostergewölbe erschließen, davon soll er die eine Hälfte für sich behalten, für die andere Hälfte soll er ein Kirchlein in Rom bauen. Ein solcher hat sich noch nicht, wohl aber haben einige vom Aufhocken des Lindigsfräuleins den Tod gefunden, wie der Ackermann Ohme, der Fleischer Rösing und andere Biedermänner, andere sind vor der bloßen Erscheinung schon so erschrocken, daß sie in schwere Krankheit gefallen. So wird das arme Lindigsfrauchen wohl fort und fort unerlöst und im Mittelreich bleiben, denn gesetzt, es bekäme einer wirklich den Schatz, so würde er doch denken, eine Kirche in Rom bauen, das hieße Wasser in die Werra tragen.

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756. Die Wichtlein im Werratale

756. Die Wichtlein im Werratale

Im Werratale, in der Gegend, wo die Hörsel, die unterm Hörseelenberge still vorüberrinnt und an Eisenach hinfließt, in die Werra ausmündet, gab es ehedem viele Wichtelmänner, ja bis Gerstungen und über Berka hinauf waren sie verbreitet. Daselbst wohnten sie unter dem Pferdestalle im Schlosse, und es hielt kein Pferd in diesem Stalle aus, sondern sie hatten sich wie rasend, zerrissen die Ketten, zerschlugen und zerbissen alles, das machte, weil die Tiere eher als die Menschen Geister sehen, hören und wittern. So ging es auch einem Bauer zu Dankmarshausen über Berka, dem fiel ein Pferd nach dem andern, und war nahe daran, dadurch gänzlich zu verarmen. Eines Abends spät ging der Bauer über seine Hausflur und hörte unter einer umgestülpten Wanne ein Flüstern. Er lugte hin und sah bei einem matten Schimmer vier Wichtlein unter der Wanne, die kneteten Brot aus dem Teige, den sie aus einem Backtrog genommen hatten, der auf der Flur stand. Knete zu, knete zu! sprach eins der Wichtlein zum andern, und als sie den Bauer gewahrten, der sie nicht stören wollte, sprach ein Wichtelmann: Weißt du, warum deine Pferde sterben? Weil wir unter dem Stalle wohnen. Tue sie in einen andern Stall, und es soll dir keins fallen. Diesen Rat hörte der Bauer gern, befolgte ihn, und es fiel ihm kein Pferd mehr.

Die Wichtlein machten ihn durch ihre tätige Hülfe reich, weil er sie nicht gescholten, daß sie von seinem Teige sich Brot kneteten.

Unterhalb Spichra zieht sich am rechten Werraufer der Spatenberg hin, an dem öffnet sich ein Erdloch, das heißt noch heutzutage die Wichtelkutte, darinnen wohnten die Wichtlein in großer Anzahl und lange Zeit. Aber an einem schönen Morgen kamen zum Fährmann Beck zu Spichra zwei kleine Männlein, die verlangten, daß er sie überfahre, und gingen mit ihm zum Flusse und zur Fähre. Da sie nun auf letzterer waren und der Fährmann vom Strande stoßen wollte, baten sie ihn, noch einige Augenblicke zu warten, es komme noch jemand; das tat der Mann, er wartete, es kam aber niemand, gleichwohl senkte sich die Fähre tiefer und tiefer in das Wasser, wurde schwerer und schwerer, und da der Ferge endlich abstieß, deuchte ihm, er habe noch nie so schwere Last übergeschifft. Am rechten Ufer aber ward die Fähre zusehends leichter. Nun sage, Fährmann, welchen Lohn begehrst du für unsere Überfahrt? fragte das eine der Männlein. Willst du nach den Köpfen Geld oder einen Scheffel Würz (Salz)? Dieweil nun ein Scheffel Salz dem Fergen ein ungleich reicherer Lohn dünkte als das Fährgeld für zwei Personen, so heischte er diesen. – Nach Köpfen wärst du besser gefahren, Mann! Sieh mir einmal über die rechte Schulter! sprach das zweite Männlein, und wie der Ferge das tat, so sah er ein zahlloses kleines Volk, das aus dem Schiffe gestiegen war und noch immer herauswimmelte, indem so stiegen auch die beiden ersten aus, und alles verschwand vor des Fährmanns Blick, ein vollgehäufter Scheffel reinsten Salzes aber stand auf der Fähre, und dieses Salz nahm im Scheffel nie ein Ende.

In den Bergklüften um Spichra finden sich auch kleine, runde, platte Steinchen, die sind gerändert, wie die nummi serrati der Alten, und heißen im Volke Wichtelpfennige. Die Wichtlein aber sind fortgezogen, niemand weiß wohin.

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74. Räderberg

74. Räderberg

Auf dem Räderberge ohnweit Nassau soll vorzeiten ein Kloster gestanden haben, davon man noch einige Trümmer sieht, aber niemand wisse, wes Ordens. Einst ging ein Metzger aus Nassau gegen Abend aus, Vieh einzukaufen, und wandelte auf der Landstraße dahin, da fuhr vor ihm her eine Kutsche, und er folgte ihr immer nach und hatte des Weges weiter nicht acht. Auf einmal da hält die Kutsche vor einem großen schönen Landhaus, das dicht an der Straße steht, das aber der Metzger sich nicht entsinnen kann je gesehen zu haben, sooft er auch des Weges schon gekommen. Das Haus war hell erleuchtet, und aus der Kutsche sah der Metzger drei Mönche steigen, welche in das Haus hineingingen, und da er vermeinte, es sei das Haus ein Gasthaus, so folgte er ihnen ebenfalls nach, um des Hauses Gelegenheit zu erkunden und vielleicht da Herberge zu suchen. Er sah die Mönche in ein Zimmer gehen, wo ein Sterbender zu liegen schien, der ihrer harrte, um die Sterbesakramente zu empfangen, und dann trat er in einen großen Speisesaal, wo, so schien es ihm, viele Gäste beisammensaßen, aßen und ziemlich lärmend zechten. Als der Metzger eintrat, verstummten alle – aber der obenan Sitzende erhob sich und brachte dem Metzger einen Becher dar mit den Worten: Noch einen Tag! – Dem Metzger überlief es kalt bei der Stimme, die er hörte, und aller Durst verging ihm – da erhob sich ein Zweiter, trat an ihn heran, gleich wie jener, bot ihm einen Becher zum Trinken und sagte auch: Noch ein Tag! – aber der Metzger dankte. Da erhob ein Dritter sich, kam und sagte: Und noch ein Tag! Jetzt trank der Metzger und tat Bescheid, um nicht unhöflich zu erscheinen – als ein Vierter auf ihn zukam und ihm in gleicher Weise anbieten zu wollen schien. Da wurde es dem Metzger ganz unheimlich, und schlug ein Kreuz vor sich hin – und plötzlich war alles hinweg, er stand in tiefer Nacht ganz mutterseelenallein und wußte nicht, wo er war, um ihn war Waldgestrüpp und Ruinengemäuer. Zitternd und bebend erharrte der Metzger an der wüsten Stätte den Morgen, und als dieser anbrach, nahm jener wahr, daß er auf dem Räderberg sei, von der Landstraße weit, weit abgekommen, mitten in den Trümmern des verfallenen Klosters. Auf unbegangenem steinigen Wege fand der Metzger sich zurück, unterließ seinen Geschäftsgang, ging vielmehr zum Pfarrer und entdeckte ihm, was ihm geschehen war. Genau nach drei Tagen war der Metzger tot.

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