Märchen

Feuerschlund muß niesen.

Elftes Stück.

Feuerschlund muß niesen.

Der Direktor Feuerschlund sah aus wie ein Wüterich. – Denkt nur an seinen schwarzen Bart, der wie ein Schurz Brust und Beine bedeckte! – Aber im Grund war der schreckliche Mann doch nicht sehr böse. Als er den armen Bengele sah und ihn jammern hörte: »Ich will nicht sterben, ich will nicht verbrennen«, wurde er weich und gerührt. Er wehrte sich eine Zeitlang gegen dieses Gefühl, schließlich aber konnte er sich nicht mehr halten und mußte laut niesen.

Kasperle stand bisher gebückt und kummervoll wie eine Trauerweide. Bei dem Niesen wurde er plötzlich heiter und sagte dem Bengele verstohlen und ganz leise:

»Ein gutes Zeichen, Brüderlein! Der Direktor hat niesen müssen. Er hat Mitleid mit dir; jetzt bist du gerettet!«

Wenn sonst die Menschen gerührt sind, weinen sie oder tun, als ob sie’s in den Augen bisse. Feuerschlund mußte in solchen Fällen immer niesen. Wer es wußte, merkte ihm gleich die innere Rührung an.

Nach dem Niesen setzte der Direktor wieder sein wildes Gesicht auf und fuhr den Bengele an:

»Laß das Heulen! Ich bekomme Magenweh von deinem Jammern; schon drückt mich’s wieder …« – Hatzi, hatzi! mußte er noch zweimal niesen.

»Gesundheit!« sagte Bengele.

»Dankschön! – Leben deine Eltern noch?« fragte Feuerschlund.

»Der Vater, ja! Die Mutter habe ich nie gekannt.«

»Was für ein Elend wäre es für deinen Vater, wenn ich dich jetzt ins Feuer geworfen hätte. Armer Vater, du tust mir leid …« hatzi, hatzi, hatzi, dreimal mußte er niesen.

»Gesundheit!« sagte Bengele.

»Dankschön! – Eigentlich muß ich dir aber auch leid tun. Schau da, ich habe kein Holz mehr, um den Hammel fertig zu braten, und du hättest gerade guten Dienst getan. Aber jetzt habe ich Mitleid mit dir und es ist nichts mehr zu machen. Ich will dafür einen von meinen Schauspielern aufs Feuer legen. – Heda! Gendarmen!«

Gleich erschienen zwei lange Holzgendarmen; sie trugen einen altmodischen Helm auf dem Kopf und schwangen ihre Säbel.

Mit rauher Stimme sagte der Direktor:

»Faßt den Kasperle, bindet ihn und legt ihn hier auf das Feuer. Mein Hammel muß gar werden!«

Denkt euch den Schrecken des unschuldigen Kasperle! Seine Beine knacksten zusammen, und er fiel stracks auf die Nase.

In diesem fürchterlichen Augenblick warf sich Bengele dem Direktor zu Füßen, weinte und flehte:

»Erbarmen, Herr Feuerschlund!«

»Herr Feuerschlund?« gab dieser barsch zurück.

»Erbarmen, Herr Direktor!«

»Direktor?«

»Erbarmen, Herr Hofrat!«

»Hofrat?«

»Erbarmen, Herr Geheimerat!«

»Geheimerat?«

»Erbarmen, Exzellenz!«

Beim Titel Exzellenz verzog der Direktor sofort den Mund zu einem feinen Lächeln; er wurde plötzlich artig und zugänglich und sagte zu Bengele:

»Nun, mein Lieber, was ist dein Begehr?«

»Ich bitte um Gnade fürs Kasperle.«

»Hier gilt keine Gnade mehr. Dich habe ich geschont, also muß ich einen andern aufs Feuer legen. Mein Hammel muß gar werden.«

»Dann« – stolz richtete sich Bengele auf und warf seine Mütze weit von sich wie ein Held – »dann kenne ich meine Pflicht. Vorwärts, Gendarmen, bindet mich und legt mich auf die Glut! Kasperle, mein aufrichtigster Freund, soll nicht meinetwegen sterben!«

All die hölzernen Leutchen jammerten laut; die beiden Gendarmen weinten wie kleine Kinder.

Feuerschlund blieb anfangs hart und unerbittlich; er schien so gefühllos und kalt wie ein Eisklotz. Aber dann faßte ihn langsam die Rührung, er mußte vier-, fünfmal niesen, nahm den Bengele zärtlich in seine Arme und sprach:

»Du bist ein braver Hampelmann! Komm her und gib mir einen Kuß!«

Bengele kletterte wie ein Eichhörnchen an dem Bart des Direktors hinauf und drückte ihm einen festen Kuß auf die Nasenspitze.

»Also bin ich begnadigt?« fragte Kasperle mit kaum hörbarem, dünnem Stimmchen.

»Begnadigt!« sagte Feuerschlund, seufzte und schüttelte den Kopf:

»Es geht nicht anders! Heute abend muß ich meinen Hammel halb roh essen. Aber einandermal! Es soll mir keiner so wieder kommen!«

Die Kunde von der Begnadigung trieb die hölzernen Schauspieler alle auf die Bühne. Sie zündeten sämtliche Lichter an wie bei einer Festvorstellung, hüpften und tanzten und waren lustig bis tief in die Nacht hinein.

Bengele erhält fünf Goldstücke. – Seine Freundschaft mit dem Fuchs und der Katze.

Zwölftes Stück.

Bengele erhält fünf Goldstücke. – Seine Freundschaft mit dem Fuchs und der Katze.

Am andern Morgen rief Feuerschlund den Bengele zu sich und fragte ihn:

»Wie heißt dein Vater?«

»Seppel!«

»Was treibt er für ein Handwerk?«

»Er ist arm.«

»Wieviel verdient er?«

»So viel, daß er nie einen Pfennig Geld in der Tasche hat! – Seinen einzigen Kittel hat er weggeben müssen, um mir ein ABC-Buch zu kaufen.«

»Der arme Mann tut mir leid! – Nimm hier diese fünf Goldstücke und bringe sie ihm mit einem Gruß von mir!«

Bengele dankte dem Direktor tausendmal; dann nahm er der Reihe nach Abschied von allen Geschwistern, auch von den Gendarmen, und machte sich auf den Weg nach Hause.

Er war noch keine fünf Minuten gegangen, da traf er auf der Straße einen hinkenden Fuchs und eine blinde Katze. Die beiden halfen einander durchs Leben. Der kranke Fuchs stützte sich beim Gehen auf die Katze und die blinde Katze hatte am Fuchse einen Führer.

»Guten Tag, Bengele!« grüßte der Fuchs mit feinem Anstand.

»Woher weißt du meinen Namen?«

»Ich kenne deinen Vater schon lange!«

»Wo hast du ihn gesehen?«

»Gestern unter der Haustüre.«

»Was machte er?«

»Er war hemdärmelig und zitterte vor Kälte.«

»Armer Vater! – Aber, so Gott will, sollst du von heute ab nicht mehr frieren!«

»Wieso?«

»Weil ich jetzt ein großer Herr geworden bin!«

»Du ein großer Herr!« sagte der Fuchs und verzog spöttisch das Gesicht. Die Katze lachte; aber weil sie es nicht merken lassen wollte, strich sie sich mit den Pfoten den Schnurrbart zurecht.

»Da ist gar nichts zu lachen«, brauste Bengele auf. »Ich mache euch nicht gern den Mund wässerig; aber da schaut her: sind das nicht fünf Goldstücke?«

Sprach’s und schüttelte stolz sein Geld in der hohlen Hand.

Unwillkürlich stellte der Fuchs sein lahmes Bein fest auf den Boden und stand eine Weile darauf; die Katze riß ihre blinden Augen auf, daß sie funkelten wie zwei grüne Lichter. Aber gleich besann sie sich, machte die Augendeckel wieder zu und – der dumme Bengele merkte nichts.

»Und nun«, fragte der Fuchs, »was willst du mit dem Geld da anfangen?«

»Zu allererst«, versetzte unser Hampelchen, »lasse ich meinem guten Vater einen schönen neuen Kittel machen, ganz von Gold und Silber und mit Knöpfen von Edelsteinen, dann kaufe ich ein neues ABC-Buch für mich.«

»Für dich?!«

»Jawohl! Jetzt will ich in die Schule gehen und mich mit allem Eifer hinter die Bücher setzen.«

»Schau mich mal an«, sagte der Fuchs, »mit meinem einfältigen Eifer im Lernen habe ich ein Bein verloren.«

»Und ich erst!« bestätigte die Katze, »mit meinem einfältigen Eifer im Lernen habe ich das Augenlicht vollständig eingebüßt.«

Bei diesen Worten flog eine Amsel auf die Hecke neben der Straße, pfiff ihr Liedchen und sang:

»Traue nicht, lieb‘ Bengelein,
Diesen Kameraden!
Lahmer Fuchs und blinde Katz‘
Wollen dir nur schaden.«

Das ehrliche Vögelein hätte besser getan zu schweigen. – Gleich tat die Katze einen hohen Sprung und faßte die Sängerin mit ihren scharfen Krallen. Die Unglückliche rief noch sterbend: »’s ist wahr!« Dann aber biß ihr die Katze die Kehle ab und fraß sie auf. – Ein Häufchen Federn war alles, was von der aufrichtigen Amsel übrig blieb. – Die hinterlistige Katze schloß die Augen wieder und spielte nach wie vor die Blinde.

»Die gute Amsel!« sagte Bengele; »so grausam hättest du doch nicht mit ihr verfahren sollen!«

»Ich mußte ihr eine Lehre geben«, meinte die gefühllose Mörderin; »die wird ein zweites Mal nicht mehr fremden Leuten in ihre Sachen hineinreden.«

Die drei waren indes schon ein gutes Stück weiter gegangen und nahe bei Bengeles Heimat angelangt. Da blieb der Fuchs plötzlich stehen und, als wäre ihm eben ein besonderer Gedanke gekommen, sagte er:

»Bengele, willst du nicht dein Geld vervielfältigen?«

»Was meinst du damit?«

»Willst du nicht aus deinen lumpigen fünf Goldstücken hundert, oder tausend, oder zweitausend machen?«

»Freilich! Aber wie?«

»Ganz einfach! Du gehst nicht nach Hause, sondern mit uns!«

»Wohin?«

»Aufs Wunderfeld!«

»Nein, nein! Das tue ich nicht! Ich gehe heim! Mein Vater wartet schon lange auf mich. Wie wird er gestern abend Angst gehabt haben, weil ich nicht zurückgekommen bin! – Ich war jetzt unartig genug. Lispel-Heimchen hatte recht. Den bösen Kindern geht es nicht gut auf der Welt. Ich habe es am eigenen Leib gespürt. Wie viel Unglück ist über mich gekommen! Nie vergesse ich den Schrecken bei dem Todesurteil des Direktors Feuerschlund! Brrrrrr! mir gruselt noch, wenn ich nur daran denke.«

»Also denn«, sagte der Fuchs, »geh nach Hause! Aber dein Glück hast du verscherzt!«

»Hast du verscherzt«, bekräftigte die Katze.

»Bedenke es wohl, Bengele, daß du das Glück geradezu fortjagst!«

»Fortjagst!« echote wieder die Katze.

»Deine fünf Goldstücke wären morgen ihrer zweitausend.«

»Zweitausend«, hinkte wieder die Katze nach.

»Wie ist das möglich?« fragte Bengele und stand da mit weit geöffnetem Munde.

»Gleich will ich es dir erklären«, versetzte der Fuchs. »Du gehst mit uns aufs Wunderfeld. Dort gräbst du ein kleines Loch in den Boden und legst – sagen wir einmal – ein Goldstück hinein. Dann schüttest du das Loch wieder zu, gießest einige Kannen Wasser drüber, streust Salz darauf und gehst ruhig zu Bett. Über Nacht treibt das Goldstück wie ein Samenkorn eine Pflanze; diese blüht und bringt Früchte. Am andern Morgen stehst du auf, gehst aufs Wunderfeld und – du traust deinen Augen nicht – da steht ein Bäumchen mit Goldstücken so reich beladen wie ein vollhängender Pflaumenbaum.«

»Wenn ich also auf dem Wunderfelde – Bengele war schon ganz von Sinnen – meine fünf Goldstücke einlege, wieviel habe ich dann am andern Morgen?«

»Keine leichtere Rechnung wie diese«, meinte der Fuchs. »Du kannst sie ohne Rechenmaschine an den Fingern lösen. Also! Du setzest fünf Goldstücke, sie geben fünf Bäumchen, jedes trägt zum wenigsten fünfhundert Goldpflaumen. – Fünfmal fünfhundert sind – zweitausend fünfhundert! – Am andern Morgen steckst du zweitausendfünfhundert Goldstücke in die Tasche.«

»Nein! Wie schön, wie schön!« rief Bengele aus und fing vor Freude an zu tanzen. – »Wenn ich die 2500 Goldstücke habe, behalte ich für mich nur 2000, die andern 500 will ich euch zweien schenken.«

»Uns brauchst du nichts zu schenken«, tat der Fuchs schier beleidigt, »Gott behüt‘ uns davor!«

»… Behüt‘ uns davor«, echote kopfschüttelnd die Katze.

»Wir arbeiten«, fuhr der Fuchs fort, »einzig für das allgemeine Wohl, wir wollen nur andere reich und glücklich machen.«

»… Glücklich machen«, ergänzte die Katze und nickte mit dem Kopfe.

»Sind das brave Leute!« dachte Bengele. – Er vergaß sofort seinen Vater, den neuen Kittel, das ABC-Buch und alle guten Vorsätze.

»Kommt!« sagte er zu seinen zwei neuen Freunden, »wir kehren sofort um und gehen aufs Wunderfeld!«

Im Gasthaus »Zum geleimten Vogel«.

Dreizehntes Stück.

Im Gasthaus »Zum geleimten Vogel«.

Den ganzen Tag waren die drei Goldbaumzüchter schon gegangen, als sie spät abends und todmüde ans Gasthaus »Zum geleimten Vogel« kamen.

»Hier wollen wir ein bißchen Rast machen«, sagte der Fuchs, »wir essen eine Kleinigkeit und ruhen ein Paar Stunden aus. Um Mitternacht brechen wir wieder auf und sind dann morgen bei Tagesgrauen auf dem Wunderfeld.«

Sie traten in das Wirtshaus und setzten sich zusammen an einen Tisch. – Keiner hatte Appetit.

Die arme Katze litt an gräßlichen Magenschmerzen und konnte nicht mehr ertragen als dreißig kleine Bachforellen, blaugekocht mit Kartöffelchen und zerlassener Butter, dann noch vier Portionen Leberwurst. An jeder Portion schnupperte sie erst, und wenn sie ein bißchen dünn geschnitten war, so sagte die Feinschmeckerin: »Sie riecht«, und verlangte eine andere.

Der Fuchs hätte gern etwas Kräftiges genossen nach dem langen Marsche; aber der Arzt hatte ihm leichte Kost verordnet. Darum begnügte er sich mit einem gewöhnlichen Hasenpfeffer. Als Gemüse nahm er dazu eine Platte gebackener Hähnchen. Nach diesem ersten Gange ließ er sich ein leichtes Ragout von Rebhühnern, Wachteln und Froschschenkeln bereiten; aß zum Schluß ein paar süße Trauben und dann meinte er:

»Ich höre gern auf; es ist die reinste Marter, wenn man sich ohne Appetit zum Essen zwingen muß. Nun bin ich froh, daß diese Qual vorüber ist.«

Am wenigsten aß Bengele. Er nahm ein paar Nußkerne und ein bißchen Brot; alles andere ließ er stehen. Das arme Hampelchen war mit seinen Gedanken immer beim Wunderfeld und hatte nur noch Hunger nach Gold.

Nach dem Essen sagte der Fuchs zum Wirte: »Bitte, zwei Zimmer! eins für Herrn Bengele und für uns beide das andere. Wir wollen uns eine kurze Ruhe gönnen bis Mitternacht; dann müssen wir weiter. Kurz vor zwölf Uhr soll man uns wecken; nicht vergessen!«

»Gewiß, meine Herrschaften, es wird alles gewissenhaft besorgt«, sagte der Wirt. Dabei sah er den Fuchs und die Katze mit verständnisvollem Blicke an, als wollte er sagen: »Wir sind alte Bekannte.«

Bengele legte sich zu Bett, schlief gleich ein und träumte. Es war ihm, als stände er mitten auf dem Wunderfelde. Das stand ganz voll von Pflaumenbäumchen, an ihnen hingen wie Pflaumen die Goldstücke. Der Wind ging leise durch die Blätter, die Goldstücke schlugen aneinander wie kleine Glöcklein und klangen:

Komm, Bengele, bimm, bimm!
Komm, Bengele, nimm, nimm!

Schon streckte er im Traume die Hände aus, um nach den Goldglöckchen zu greifen, da klopfte es dreimal fest an die Türe, und er wachte auf.

Der Wirt kam herein und sagte ihm, es schlage jetzt eben zwölf Uhr.

»Sind meine Begleiter schon gerichtet?« fragte Bengele.

»Mehr als gerichtet! Vor zwei Stunden sind sie aufgebrochen.«

»Warum hatten sie solche Eile?«

»Frau Katze bekam Nachricht, daß ihr ältester Sohn an Kopfweh erkrankt und plötzlich in Lebensgefahr sei.«

»Haben sie das Essen bezahlt?«

»Was denken Sie, Herr Bengele? Sie verkennen solche feingebildeten Personen. Da sie heute von Ihnen zu Tisch gebeten wurden, durften sie die freundliche Einladung doch nicht bezahlen; das hieße taktlos gehandelt.«

»Schade! Diese Taktlosigkeit hätte ich ihnen gar nicht übel genommen«, sagte Bengele und kratzte sich hinter den Ohren.

»Haben sie nicht hinterlassen, wo sie mich erwarten?«

»Am Wunderfeld, morgen früh bei Tagesgrauen.«

Bengele zahlte mit einem Zwanzigmarkstück die gesamte Rechnung und verließ das Wirtshaus. Er konnte nur langsam vorwärts kommen, denn es war so stockdunkel, daß man die eigene Hand nicht vor dem Auge sah. Alles war totenstill. Kein Blatt an den Bäumen rauschte. Nur eine Nachteule flog über die Straße dem Bengele an der Nase vorbei. Erschrocken sprang er einen Schritt zurück und rief: »Wer ist da?« – Das Echo tönte aus der Umgebung zurück: »ist da?« – »da?«

Während er tastend weiterschritt, zeigte sich plötzlich ein matter Schein. Bengele trat näher und erkannte eine leuchtende Grille, die auf einem Straßensteine saß. Wie das Nachtlicht im gefärbten Glase, erhellte das Tierchen um sich herum kümmerlich die dichte Dunkelheit.

»Wer bist du?« fragte Bengele.

»Ich bin der Geist des Lispel-Heimchens«, erhielt er zur Antwort. So leise und hohl klang die Stimme, wie nur die Geister reden.

»Was willst du von mir?« fragte der Hampelmann.

»Einen guten Rat will ich dir geben: Kehre um, nimm die vier Goldstücke, die du noch hast, und bringe sie deinem armen Vater. Er sitzt daheim und jammert, weil er dich so lange nicht mehr gesehen hat.«

»Morgen ist mein Vater ein großer Herr, wenn ich ihm zweitausend Goldstücke bringe.«

»Traue denen nicht, mein Kind, die dich von heute auf morgen reich machen wollen. Es sind Dummköpfe oder Betrüger. Hör auf mich und kehre um!«

»Umkehren!? Weiter gehen will ich, und ich gehe weiter.«

»Es ist spät in der Nacht.«

»Ich gehe weiter.«

»Es ist so dunkel.«

»Ich gehe weiter.«

»Ein gefährlicher Weg.«

»Ich gehe weiter.«

»Denke doch daran, daß man den Eigensinn bereuen muß!«

»Immer die gleichen Sprüchlein! Gute Nacht, du alte Grille!«

»Gute Nacht, Bengele, der Himmel schütze dich vor den Räubern!«

Der Geist des Lispel-Heimchens verschwand, der matte Lichtschein erlosch, und die Straße erschien dunkler wie zuvor.

Bengele fällt unter die Räuber.

Vierzehntes Stück.

Bengele fällt unter die Räuber.

»Wahrhaftig …« bruddelte unser Hampelmann vor sich hin und ging weiter –, »wahrhaftig, wir arme Kinder ziehen immer den kürzeren. Jeder kann uns ausschelten; die ganze Welt will uns Ermahnungen geben. Bald meinten alle, daß sie unser Vater und unsere Lehrer seien. Alle zusammen sind sich darin gleich, auch das Lispel-Heimchen. Zum Beispiel: Ich habe jetzt nicht auf sein Jammergeheul gehört, und gleich sagt es mir ein Unglück voraus. – Räuber sollen kommen!? – Auch das noch! Ich glaube nicht an Räuber und habe nie im Leben daran geglaubt. Die guten Väter erfinden die Räuber, weil sie den Kindern Angst machen wollen, damit sie nachts nicht vor das Haus gehen. – Schließlich, wenn ich jetzt wirklich Räubern auf der Straße begegnete, so wollte ich erst recht keine Angst kriegen! – Nicht daran zu denken! Auf sie los würde ich gehen und sie anbrüllen: ›Meine Herren Räuber, was wollt ihr von mir? Mit mir wird nicht gespaßt! Verstanden! Marsch, weiter! und verzieht euch geräuschlos!‹ – Die wollte ich laufen sehen! – Aber, gesetzt der Fall, daß sie unhöflich genug wären, um stehen zu bleiben, dann – machte ich mich auf die Beine und …«

Bengele konnte den Satz nicht vollenden. Hinter ihm raschelte es in den Büschen; er drehte sich um und erblickte zwei Gestalten, die noch dunkler waren als die stockfinstere Nacht. – Sie glichen wandelnden Vogelscheuchen und standen schon vor dem Hampelmann.

»Die Räuber! Wahrhaftig!« dachte Bengele. Schnell steckte er die vier Goldstücke in den Mund und nahm sie unter die Zunge. Sonst wußte er sie nirgends zu verstecken.

Dann lief er davon. Aber er hatte keine drei Sprünge gemacht, so fühlte er schon seinen Arm festgehalten und hörte zwei hohle Stimmen grausig brummen.

»Das Geld heraus! – Sonst bist du verloren!«

Mit den Goldstücken im Munde konnte Bengele nicht reden. Er stellte sich darum dumm und gab den Räubern mit allerlei Zeichen zu verstehen, daß er ein armes Hampelmännchen sei und keinen roten Heller in der Tasche habe.

Aus den Kutten der Räuber sprühten die Augen wie die hellen Lichter einer Eisenbahnlokomotive. Die geriebenen Burschen kümmerten sich um Bengeles Geflunker nicht und sagten:

»Mach vorwärts! Keine langen Geschichten!«

Der Hampelmann drehte den Kopf hin und her und fuchtelte mit den Händen ärger wie bisher.

»Heraus das Geld, oder du mußt sterben!« drohte nun der größere von den zwei Räubern.

»Sterben!« wiederholte der andere.

»Nachher geht es an deinen Vater!«

»An deinen Vater.«

»Nein, nein! Tut meinem armen Vater nichts!« rief Bengele verzweiflungsvoll; dabei klirrten die Goldstücke im Munde.

»Schlechter Lump! Unter der Zunge hast du die Goldstücke versteckt! – Gleich spuckst du sie aus!«

Bengele blieb fest.

»So, du willst nicht! – Paß auf, du wirst gleich spucken.«

Die Räuber gingen daran, dem Hampelmann den Mund aufzupressen. Sie legten ihn auf den Boden; der kleinere stellte sich über Bengeles Kopf und hielt ihn mit beiden Händen an der langen Nase, indes der größere mit aller Gewalt den hölzernen Unterkiefer abwärts zu drücken suchte. Aber des Hampelmanns Mund war von gutem Holze und schloß so dicht wie eine scharfe Beißzange. – Auf diese Weise war es unmöglich, ihn zu öffnen; er schien verschraubt und vernietet.

Da nahm der kleinere Räuber ein Messer heraus und wollte es dem Hampelmann wie ein Stemmeisen zwischen die Holzlippen treiben. Ungeschickt faßte er das Messer mit der einen Hand ziemlich vorn an der Klinge. Bengele erkannte seinen Vorteil: blitzschnell schnappte er nach des Räubers Hand und biß sie glatt durch. Er spuckte aus und wunderte sich sehr, daß er keine Menschenhand, sondern etwas Haariges wie eine Pfote abgebissen hatte.

Die Räuber waren verblüfft; Bengele aber bekam durch seinen Erfolg neuen Mut. Mit einem Sprunge setzte er über den Straßenzaun, und nun ging’s im vollen Laufe fort über die Felder. Die Räuber rannten hinter ihm drein wie rasende Hunde hinter einem armen Häslein.

Drei Stunden dauerte schon das wilde Jagen. Dem Bengele ging allmählich der Atem aus. Schon schien ihm alles verloren, als er im letzten Augenblick einen einzelstehenden hohen Tannenbaum gewahrte. Rasch kletterte er am glatten Stamm empor bis an die ersten Äste und stieg dann durchs Gezweige bis zum höchsten Gipfel. – Auch die Räuber wollten hinaufklettern; aber kaum waren sie zur Hälfte am Stamm emporgeklommen, so rutschten sie zurück, fielen auf den Boden und hatten sich Arme und Beine wundgeschürft.

Deshalb gaben die Verwegenen aber ihre Arbeit nicht auf. Rasch sammelten sie in den Hecken ein Büschel dürres Reisig und zündeten es an der Wurzel des Baumes an.

Die Flammen leckten schon am Stamme empor und ergriffen die untersten Äste. – Die Räuber stellten sich zwanzig Schritte vom Baum zurück und warteten auf den Erfolg ihres Werkes. – Bald mußte der Hampelmann im dicken Rauche ersticken und tot zur Erde fallen.

Bengele sah sein Schicksal voraus. Die Todesangst trieb ihn zum Äußersten. Er sprang auf der den Räubern entgegengesetzten Seite von der schwindelnden Höhe herab, und der Todessprung gelang. Ohne Schaden kam er auf den Boden in weitem Abstand von seinen zwei Feinden.

Diesen Vorteil nützte der wackere Hampelmann aus und rannte sofort weiter in die Felder hinein. Die Räuber setzten ihm unverzüglich nach und wurden gar nicht müde.

Lichterloh brannte indes die Tanne in die Nacht hinein und erhellte wie eine Riesenkerze auf eine weite Strecke das Land.

Allmählich dämmerte der Morgen, und Bengele gelangte unversehens an einen breiten, tiefen Graben. Er war bis oben voll schmutziggelben Wassers. – Was anfangen? – »Eins, zwei, drei!« zählt unser Hampelchen, nimmt einen Anlauf und springt hinüber. Die Räuber wollten es ihm nachtun, aber sie hatten sich verrechnet. Plumps! fielen sie mitten ins Wasser. Bengele hörte das Aufschlagen und schrie ihnen höhnisch zu:

»Glück auf zum Bade, ihr Herren Räuber!« Dann rannte er gleich wieder weiter. Er hoffte, die Räuber seien ertrunken; aber als er sich umdrehte, sah er, wie sie ihm schon wieder nachsetzten. Sie steckten immer noch in ihren Säcken und das Wasser tropfte daraus in Strömen auf den Boden.

Die »Große Eiche«.

Fünfzehntes Stück.

Die »Große Eiche«.

Bengele verlor den Mut. Er wollte sich auf den Boden legen und alle Hoffnung aufgeben. – Da schaute er sich noch einmal um und erblickte in weiter Ferne ein kleines, weißes Haus. Es lag in einem grünen Wiesengrunde am dunkeln Waldessaume. Hell glänzten die Fenster im Lichte der aufgehenden Sonne.

»Hätte ich doch nur noch genug Atem!« dachte Bengele. »An jenem Häuschen dort wäre ich gerettet.«

Mutig versuchte der verfolgte Hampelmann noch einmal zu laufen. Er spannte seine letzten Kräfte an und kam nach einer halben Stunde keuchend vor dem Häuschen an. – Zum Tode erschöpft pochte er an die Türe.

Niemand gab Antwort.

Er klopfte stärker; denn schon hörte er die Schritte und den schweren Atem der Verfolger.

Wieder blieb alles still. Voller Verzweiflung schlug der hölzerne Hampelmann mit dem Kopfe und mit den Füßen an die Türe. – Da zeigte sich am Fenster ein schönes Mägdelein; es hatte goldenes Haar und ein Gesicht so zart und weiß wie eine Wachsfigur; seine Augen waren geschlossen, die Hände über der Brust gekreuzt, und ohne die Lippen zu bewegen, mit einer Stimme aus der andern Welt sagte das holde Kind:

»Es wohnt niemand in diesem Hause. Hier sind alle tot.«

»Dann mache doch du mir auf!« rief Bengele und weinte zum Erbarmen.

»Ich bin auch tot.«

»Auch tot! Wie kommst du dann ans Fenster?«

»Ich warte auf den Sarg, in dem man mich fortträgt.«

Damit verschwand das Mägdelein und das Fenster ging zu ohne jeden Laut.

»O schönes Kind im goldenen Haar«, rief Bengele, »um des Himmels willen mach mir auf. Erbarme dich des armen Knaben, dem die Räuber nach …«

»… setzen«, wollte er sagen; da hatten sie ihn schon, und die zwei wilden Stimmen knurrten:

»Jetzt kommst du nicht mehr davon!«

Der Hampelmann sah den Tod vor sich und zitterte so entsetzlich, daß seine Holzgelenke an den Beinen krachten und die Goldstücke im Munde klimperten.

»Nun«, sagten die Räuber, »machst du jetzt den Mund auf oder nicht? – So, du gibst keine Antwort! Auch gut! Diesmal werden wir schon mit dir fertig!«

Sie zogen zwei schrecklich lange, scharfe Messer heraus und wollten sie Bengele in die Seiten stoßen.

Aber der Hampelmann war aus so hartem Holze geschnitzt, daß die Stahlklingen in Stücke brachen und die Räuber mit dem bloßen Messergriff in der Hand sich sprachlos anstarrten.

»Ich hab’s«, meinte schließlich einer von ihnen, »wir müssen ihn aufhängen.«

»Aufhängen«, kam der andere nach.

Sie banden ihm die Hände auf den Rücken und schleppten ihn fort in den Wald. Dort war ein Baum, der über alle emporragte und den man nur die »Große Eiche« hieß. Die beiden Unholde legten Bengele einen langen Strick um den Hals, warfen das freie Ende über den untersten Ast des Baumes und zogen den Hampelmann in die Höhe. Dann setzten sie sich ins Gras nieder, um zu warten, bis der Hampelmann ausgehampelt hatte.

Aber nach drei Stunden hielt Bengele immer noch die Augen offen und den Mund geschlossen, ja er strampelte und hampelte ärger denn je.

Die Räuber wurden des Wartens müde, standen auf und riefen dem armen Kleinen zu:

»Adieu, unsterblicher Zappler! – Morgen früh kommen wir wieder. Bis dahin wirst du das Maul schon aufsperren.«

Weg waren sie.

Jetzt erhob sich ein brausender Nordwind; der pfiff und heulte durch die Äste und Blätter und schlug den armen aufgehängten Bengele nach allen Seiten um den Baum herum. Er bammelte wie der Klöppel einer Kirchenglocke am Sonntage. – Das Pendeln machte ihm große Schmerzen, die Schlinge um den Hals ward immer fester, sie schnürte ihm die Kehle zu und nahm ihm den Atem.

Die Augen wurden ihm trübe, er fühlte den Tod nahen; aber immer noch hatte er Hoffnung, daß jemand komme und ihn befreie.

Er hoffte und hoffte; aber es kam niemand. Da fiel ihm sein lieber Vater ein und fast sterbend hauchte er noch:

»Vater, lieber Vater, wenn nur du hier wärest!« Mehr konnte er nicht mehr sprechen; er schloß die Augen, öffnete den Mund; die Beine hingen ihm unbeweglich zu Boden, er schüttelte sich noch einmal und dann …

995. Juvavia

995. Juvavia

Bis dicht an den Fuß des weitberühmten Untersberges erstreckte sich in den alten Zeiten eine Römerstadt, Castrum Juvavium oder Juvavia, zu deutsch Helfenburg geheißen. Julius Cäsar soll zum Schutz des Römerreiches gegen die Deutschen eine Besatzung in dieses Kastell gelegt und Kaiser Aelius Hadrianus eine römische Kolonie dort angesiedelt haben. Diese Stadt wuchs an Gebäuden und Einwohnern und breitete sich weit aus über das fruchtbare Gefilde, in welchem das heutige Salzburg liegt. Aber die Einwohner ehrten und fürchteten letztlich weder die Götter noch den einzigen Gott und versanken ganz und gar in den Schlamm der Laster, und der Himmel verhing sein Zorngericht über die sündige Stadt. In einer schrecklichen Nacht versank Juvavia mit Mauern und Mannen, und an die Stätte, wo es gestanden, trat ein weites und tiefes Moos (Moor), das noch heute zu sehen ist. Es ist nicht gut, diesem zu nahen, Gespenster irren dort um, und zur Nachtzeit locken täuschende Lichter den Wanderer in ungeheuerliche Tiefen. Unter dem Erzbischof Johann Ernst, Grafen von Thun, suchte man diese versunkene Stadt in den Moorgründen auf, welche sich von der Leopoldskrone bis zum Untersberge hin erstrecken. Eine alte Mauer, welche auf einer Seite ohnweit des Daunschlosses im Weingarten vom Mönchsberge herabläuft, hielt man für eine Ruine der berühmten Römerstadt, und eine alte Inschrift, welche jener Erzbischof in Marmor hauen ließ, dient der Sage zur Stütze.

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996. Die Mordau

996. Die Mordau

Zwischen dem Reuteralpgebirg und dem mit ewigem Schnee bedeckten Watzmann liegt eine Alm, die ist die Mordau geheißen. Da war eine Sennderin droben, die war gar schön und lieb, und die hat einen Buben gehabt, der war gar herzig und g’spaßig, doch hat die Liebschaft nicht lang gewährt, denn ein schmucker Jäger stach den Hirtenbuben bei seinem Schatzerl aus, und der Bub zergrämte sich mächtig, und das Schatzerl hatte eine Angst, denn es tut selten gut, wenn ein Dirndl zwei Liebsten auf einmal hat, davon singt schon ein altes Liedel, und vertraut’s dem Jäger heimlich, wenn sie nur den Hirtenbuben auf eine gute Art los sein könnt‘, selbig’s wär‘ ihr schon recht. Da sagte der Jäger: Ei, schick den Talk doch auffi auf den hohen Göhl, drüben jenseits der Achen, da wächst das schönste Edelweiß, und begehr fleißig ein Edelweißsträußel von seiner Hand, da wird ihm schon einmal was begegnen, daß er’s Wiederkommen vergißt. – Diesen treulosen Rat nahm sich die falsche Sennderin zu Herzen, und da währte es nicht lang, so kam der alte Schatz und sagte zu der Falschen: Weißt d’was Neues? Der Herzog Friedrich von Bayern fallt ins Berchtesgadner Landl herein, da bin ich h’rauf kommen, dich zu beschützen, da du so allein hier oben wirtschaftest und kaserst. – O du mein Gott! antwortete die Falsche. Was dich doch träumt hat! Gang heim, oder gang hinüber auf den hohen Göhl und hol mir ein frisches Edelweiß auf meinen Hut, wenn ich morgen h’nunter nach Berchtesgaden in die Kirche geh. – Wie du meinst, ich hab’s gut gemeint, antwortete der unbeglückte Liebhaber und stieg hinauf zum hohen Göhl und fand das Edelweiß, die Blume aller Alpenblumen, doch dünkt‘ ihm immer keins schön und groß genug, und sah zuletzt auf einem Ranft hoch überm Abgrund eins stehen, das leuchtete wie lautres Silber und hatte die Blüte aufgeschlossen wie eine Blume der Königin der Nacht, aber wie der Bub es pflückte, krachte und brach das Gestein des Ranfts, und er stürzte mit einem Schrei turmhoch in den Felsenabgrund hinab und zerschellte elendiglich. Indessen hatte sich der Jägersbub zum Schatzerl gesellt, und waren guter Dinge mitsammen und lachten des armen Narrn, der das Wiederkommen richtig vergessen hatte. Statt seiner aber kamen andre, eine Schar wilder Soldaten, die ihren Weg der Kürze halber, und weil sie den Paß auf dem Weg von Reichenhall nach Berchtesgaden, der die Straße geradezu verschließt, nicht passieren wollten, über die Mordau genommen, die fanden das einsame Paar, machten kein Federlesen mit dem Jäger, sondern stießen ihn nieder, faßten die falsche Dirne auch nicht in Gold, sondern taten ihr, was ihr nicht lieb war, und hatte den Tod davon, und sterbend flirrte vor ihrem brechenden Blick des verratenen Liebsten blutiger Leichnam. Die Soldaten soffen die Milch, fraßen die Käse, schlachteten die Kühe, zündeten die Sennhütte an und warfen die Leichen der Ermordeten in die Flammen. Seitdem heißt die Alpe die Mordau und steht auch so auf den Landkarten. Im Zwielicht schweben Geisterschatten trüb und schwer über ihre Triften hin.

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997. Die drei Jungfern

997. Die drei Jungfern

Über Berchtesgaden, oder wie sie es dort in der Gegend nennen, Berchtelsgaden, ragt ein hoher Alpenberg, der Kirnberg, empor, der hat drei spitze Zacken, und diese Zacken heißen die drei Jungfern. Es waren drei Jungfern im Ort, die putzten sich und strählten ihr Haar und flochten’s einander wunderschön, denn sie wollten zum Tanz gehen und waren mitnichten in die Kirche gegangen, als es zur Messe geläutet hatte, und wie sie im besten Haarflechten waren, da läutete es zur Wandlung, und sie hörten den Schall, aber ihre Finger waren so geschäftig, daß keine sich die Zeit nahm, sich zu bekreuzen. Die eine sprach bloß: Horcht, es läutet zur Wandlung! – Meinetwegen! sprach die zweite. – Wandlung hin, Wandlung her! sprach die dritte – da wurden ihnen die Finger so steif und so kalt, und die Zöpfe starrten wie Eiszapfen und waren nicht mehr geschmeidig, und die Stubenwand wich, und ward öde um sie her, und sie hoben sich und fühlten sich gehoben und sind drei Felsenzacken geworden und geblieben immerdar.

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998. Die Salzmänner am Dürrenberge

998. Die Salzmänner am Dürrenberge

An dem Salzberg, der am Dürrenberge (oder auch Dirnberg geschrieben) zwischen Berchtesgaden und Salzburg liegt, ward im Jahre 1573 in dem Salzwerk in einer Tiefe von angeblich sechstausenddreihundert Schuh, wird wohl eine Null zu viel sein, ein Mann ausgegraben, neun Spannen lang, mit Fleisch, Bein, Haar, Bart und Kleidung, und war das Fleisch hart und gelb, wie etwa ein geselchter Stockfisch. Damals stand ein schrecklicher Kometstern am Himmel. Einen ebensolchen Mann hat man abermals ausgegraben im Jahr 1616 im St. Georgen-Stollen in demselbigen Berge und ihn jahrelang beim Stollen Klemereis in einem Kämmerlein aufbehalten, und haben dazumal viele Menschen zu ihren Zeiten selbige beiden Salzmänner gesehen. Zuletzt aber haben diese Salzmänner angehoben zu riechen, wie die ägyptischen Mumien in der Altertümersammlung, die eine Zeitlang auf der Burg zu Nürnberg war oder noch ist, und man hat für gut befunden, der Erde zurückzugeben, was der Erde schon seit undenklichen Jahren angehört, und die Salzmänner christlich begraben.

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989. Der verlorene Jäger

989. Der verlorene Jäger

Es ist nicht selten geschehen, daß Leute in den Untersberg entrückt worden, längere oder kürzere Zeit darinnen geblieben, dann wieder herausgekommen sind und erzählt haben, was ihnen darin begegnet; darüber gibt es viele Sagen, ja ganze Bücher, so eins von Lazarus Aizner, der hat schrecklich viele Wunderdinge im Berg gesehen, auch die Türen zu den Gängen, die nach den Kirchen führen, welche die Untersberger besuchen; einer dieser Wege geht tief unterm Königssee nach Bartholomä – und hat viel seltsamer Prophezeiungen gehört.

Einstmals ging ein Jägersbursch auf den Untersberg und ging daselbst verloren, denn er kam nicht wieder; er war in den Berg geraten und wußte nicht wie, doch hatte er sich seines Bedünkens nicht gar lange darin aufgehalten und wanderte wieder ganz wohlgemut seiner Heimat zu. Als er an die Kirche kam, die man nennt die G’main zur Mutter Gottes, so hörte er läuten und traf auf dem Kirchhof ein kleines Mägdlein an, das fragte er: Warum läutet man? – Zum Seelgottesdienst für einen Jäger, der vorig’ö Jahr auf dem Berge verloren gangen ist, antwortete das Kind. Da ging der Jäger in die Kirche und kniete nieder am Speisegitter, und nach und nach füllte sich das Gotteshaus mit Leuten, davon viele seine Verwandten waren, die ihn alle nicht erkannten. Wie es nun Zeit zum Opfer war, erhob sich der Jäger zuerst und ging voran, da erst erkannten ihn seine Verwandten und Freunde und staunten, daß der mit dem Opfer ging, für dessen arme Seele derselbige Trauergottesdienst gehalten wurde, und war nach beendigtem Dienst groß Fragens um ihn her – aber der Jäger schwieg und offenbarte nichts. Nur dem Erzbischof von Salzburg hat bald darauf der Jäger erzählt, was er gesehen und im Berge erlebt, und ein Vierteljahr danach ist er tot gewesen. Er hat Michael Holzegger geheißen, und soll sich diese Sache 1738 zugetragen haben. Und der Erzbischof ist über das, was er vom Jäger vernommen, sehr nachdenklich und tiefsinnig geworden und hat es niemand anvertraut.

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