Märchen

983. Der Schneider von Unken

983. Der Schneider von Unken

Im Lofertal, das schon österreichisch, liegt Unken, mag wohl den Namen mit der Tat haben, gibt darin auch noch ein Mäustal und ein Rabental, ein Dörflein Höllenstein und eine Bergreihe, die Hohlwege; ein Bach heißt der Unkenbach, einer der Finsterbach und einer der Schwarzbach, fließen alle in die Saal, die ihr Eiswasser unterhalb Salzburg in die Salzach rinnen läßt. Geister gibt es auch genug dortherum und manchen Schatz im Schoß der gewaltigen Berge, die das Tal einengen.

Nun war zu Unken ein tapferer Schneider, eines Schneiders Sohn, das war ein gewaltiger Nimrod, hatte den Stutzen lieber wie das Bügeleisen und den Hirschfänger lieber als die Schere, tat wenigstens so, und hielt sich einen großen Fanghund, aber mit dem Jagdgewehr durft‘ er am Tage nicht gehen. Nun ging er einstmals bei Nacht über die Wegscheid, wo es gar nicht geheuer ist, war auf dem Kaitl gewesen und hatte da ohne Zweifel einmal getrunken, denn man kann am Kaitl nicht wohl ohne Einkehr vorübergehen. Wie nun der Schneider so hinaufsteigt zur Wegscheid, geht neben ihm ein schwarzer Mann, hält Tritt und Schritt mit ihm und spricht kein Grüß Gott und kein Zeitlassen und kein Gelobt sei Jesus Christ, auch nicht Guten Abend, sondern gar nichts. Wird’s dem tapfern Schneider seltsam, ruft seinen großen Fanghund. Aber der große Fanghund, wie er den schwarzen Mann sieht, klemmt er den Schwanz zwischen die Beine und reißt aus wie Schafleder, über die Wegscheid hinein ins Lofertal, daß er in zwei Augenblicken seinem Herrn aus dem Gesicht ist. Jetzt wird’s dem Schneider brühheiß und eiskalt in einem Atem, doch faßt er sich ein Herz und zieht vom Leder, nämlich aus seinem Gürtel sein Messer, daran auch, wie dort landüblich, eine Gabel, nestelt die Gabel in die linke Hand und denkt, nun komm nur an, du Schwarzer! Dabei schlugen ihm aber alle Glieder, und die Kniee schlotterten ihm. Der Schwarze blieb stumm. Ein sehr starkes Stück Wegs unterm ganzen Wendberg zur Rechten hin ging der dunkle Begleiter mit, bis sie herunterkamen, wo eine Brücke über einen Bach führt, der vom Mitterberg herabrollt, und welche die Säumerbrücke heißt, darauf blieb der Schwarze stehen und bog sich hinab zum Wasser. Der tapfere Schneider, fest die Wehr, Messer und Gabel in den Händen, trabte weiter, erreichte das Wirtshaus zur Schnagelreit mit Mühe und Not und mehr tot als lebendig und käseweiß, und da dachten die Leute, er wolle jemand totstechen, denn er legte die Wehr gar nicht aus der Hand, und endlich fand sich, daß er vom ängstlichen Festhalten den Krampf in die Finger bekommen hatte und die Fäuste nicht öffnen konnte. Nicht um die Welt wäre er noch einmal vor die Haustüre gegangen, und niemals ging er wieder im Zwielicht über die Wegscheid. Andern Morgens, da der tapfere Schneider heimkam nach Unken, prügelte er den großen Fanghund weidlich durch, schlug ihm mit der eisernen Elle fast das Rückgrat entzwei und jagte ihn aus dem Hause.

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984. Die steinerne Agnes

984. Die steinerne Agnes

Von Reichenhall nach dem Hallturm und Berchtesgaden zu kommt man unterm Dreisesselkopf vorbei und läßt den Lattenberg rechts liegen; dort war auf einer Alm eine junge hübsche Sennderin, die war auch gar fromm und fleißig und hielt es mit dem Spruch: Bete und arbeite, und die hieß Resi, das ist auf Hochdeutsch Agnes. Jeden Morgen und Abend hat die Nesi vor einem Kreuzel droben aus ihrer Almen ihr Gebet verrichtet, und das hat den Teufel mächtig gegiftet, denn er hat es gerad zumeist auf die Frommen abgesehen, da die Unfrommen ihm schon von selbst in die Hände laufen.

Nun hat der Teufel die fromme Dirne gar arg in Versuchung geführt, ist bald als Hirtenbub, bald als Jäger, bald als Musikant zu ihr gekommen und hat ihr seine Teufelslügen vorgeplauscht, aber sie hat sich alles nichts anfechten lassen und ist ihm immer entgangen, ist auch zuletzt nicht mehr allein in ihrer Sennhütte geblieben, sondern hat noch eine Sennderin bei sich bleiben lassen. Darauf, um sie allein zu haben, hat ihr der Teufel eine Kuh weggetrieben bis auf die Almgarten, die nach St. Zeno gehört, und wie die Nesi ihre Kuh gesucht hat und endlich auch erblickt, so gar weit weg, und sie hat eintreiben wollen, ist der Teufel als ein Wildschütz dagestanden mit einem schönen Gamsbart auf dem Hütel und in einer grauen Joppen und hat sie mit ganz feurigen Augen angeschaut. Da hat sie einen Schrei getan und hat Reißaus gegeben, und der Teufel ist hinter ihr her und hat sie gejagt, bis sie nimmer laufen konnt‘, und ist an eine Steinwand gekommen, wie die heilige Ottilia, und hat zur Mutter Gottes gerufen: Hilf, heilige Mutter Gottes! Hilf! hilf! – und da hat sich die Steinwand aufgetan, und die Nesi ist hindurchgerennt, aber der Teufel, nicht faul, ist eben auch durchgeschlupft, hinter ihr drein, und hat das arme Dirndl doch erwischt, aber wie er an’s angerennt ist, hat er sich fast seine große schwarze Nase ein- und die Hörner abgestoßen, wenn er noch welche gehabt hat, denn der Leib Nesis ist in Stein verwandelt gewesen, und zwei weiße Engeln haben ihre Seele sanft gen Himmel getragen. Da hat der Teufel einen schönen Zorn gekriegt über die steinerne Sennderin, und die steht heute noch als Fels und heißt die steinerne Nesi. Und die Schlucht blieb und heißt das Teufelsloch, und wenn die Sonne hindurchscheint, was alle Jahr gerade am Sonnwendtag nur einmal geschieht, so juchezet die Nesi, daß man es weit und breit auf den Almen hört.

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985. Die Untersberger

985. Die Untersberger

Wer von Reichenhall nach Berchtesgaden geht, hat stets den weitberufenen Untersberg zur Linken. Dieser, von vielen im Volke auch der Wunderberg geheißen, steht eine Meile von Salzburg an dem Grundlosen Moos, wo einst vor alten Zeiten die große Hauptstadt Helfenburg gestanden haben soll. Er ist sechstausendsiebenhundertundachtundneunzig Fuß hoch und überreich an Wäldern, Alptriften, Wild und heilsamen Kräutern, an Marmor und anderm noch kostbareren Erz und Gestein. Ein altes Buch sagt aus, daß öfters fremde Kunsterfahrene aus Welschland herbeikamen, die Erze und Minern insgeheim bearbeiteten, nebenbei aber sich der Bosheit gebrauchten, die Fundgruben den Umwohnern aus Neid zu verhehlen und zu verblenden. Zahllose Sagen gehen von dem Untersberg im Munde des Volkes. Im Innern sei er ganz ausgehöhlt und mit Palästen, Kirchen, Klöstern, Gärten, Gold- und Silberquellen versehen. Kleine Männlein bewahrten die Schätze und wanderten ehedem oft um Mitternacht in die Stadt Salzburg, in der Domkirche daselbst Gottesdienst zu halten, aber auch nach andern Kirchen der Umgegend. Sieben Holzknechten und drei Reichenhallern kam einst auf schmalem Fußweg ein ganzer Zug schwarzer Männchen entgegen, vierhundert an der Zahl, Paar um Paar, ganz gleich gekleidet, zwei Trommler und zwei Pfeifer voran. Auch hörte man des Nachts in diesem Wunderberge Kriegsgetümmel und Schlachtgetön, besonders bei bevorstehendem Kriege. Zur mitternächtigen Geisterstunde kommen die Riesen hervor, steigen zum Gipfel und schauen gen Osten unverwandt; wann es dann zwölfe schlägt, erlischt ihr vorausgehend Flammenlicht, die Riesen verschwinden, und es treten die Zwerge aus dem zaubervollen Bergesinnern und brechen das Erz und hämmern am Gestein, oder sie wandeln, mit netzförmigen Häubchen bedeckt, mitten unter dem werdenden Vieh umher.

Vieles auch weiß die Sage der Umwohner von den wilden Frauen des Untersberges zu berichten; wilde Frauen in weißen Gewändern, mit fliegenden Haaren, an den Firsten des Berges. Sie sangen schöne Lieder.

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977. Der Keferloher Jahrmarkt

977. Der Keferloher Jahrmarkt

Nicht weit von München liegt ein Ort, heißt Keferlohs, das hat einen berühmten Jahr- und Pferdemarkt, da strömt halb München hin, wo nicht noch mehr als halb, es geht dort alleweile lustig her, kramt sich dort mancher den schönsten Zopf, und wer Prügel wünscht, die könnte er dort prima Sorte spottwohlfeil haben, wohl gar umsonst, denn sie sitzen nicht fest auf dem Keferloher Markt. Des Marktes Ursprung aber wird davon abgeleitet, daß er eine Gabe Kaiser Ottos sei, weil ihm die Bayern, absonderlich die von München und Keferlohs, in der schweren Hunnenschlacht am Lech mit ihrer Reiterei zu rechter Zeit und Stunde zu Hülfe gekommen, da er schon den Sieg verlorengegeben. Da nun durch diese Reiterei der Sieg offenbar erkämpft worden, so habe der Kaiser flottweg die tapfern Bäuerlein zu Rittern geschlagen, die Pferdezucht und Wettrennen empfohlen und die Pferdemärkte eingesetzt. Da waren zwei Bauernführer dabei, die liebten einander, wie Hund und Katze einander lieben, so daß sie nicht einmal mehr miteinander in einer Kirche beten wollten; machten es wie jene Schwestern, baute sich jeder eine eigne Kirche, einer, der Niklas hieß, ein Niklaskirchlein, der andere ein Jakobskirchlein. Ein dritter Keferloher, der jene beiden noch überbieten wollte, ließ sich einen Pflug von purem Silber anfertigen und ackerte mit vier Pferden seinen getreuen Nachbarn vor der Nase herum, noch ließ er sich einen Maler kommen, da ging es fast wie im Liede: Meister Maler, wollt Ihr wohl – der sollte ihm ein Wappen malen und ihn hinein und den Pflug und die vier Pferde und den Acker und die beiden Nachbarn und deren Kirchen und den ganzen Keferloher Jahrmarkt. Was der Maler nicht in sotanes Bild bringen können, wird wohl außen geblieben sein.

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978. Liebe findet ihre Wege

978. Liebe findet ihre Wege

Auf dem Chiemsee, nach dem Bodensee das größte deutsche Binnengewässer, liegen in nicht allzuweiter Ferne voneinander zwei Inseln, die Herren- und die Fraueninsel, und auf jeder ein Kloster, dem Namen entsprechend. Da war auf Herrenchiemsee ein Mönch und auf Frauenchiemsee eine Nonne, die hatten einander geliebt, ehe sie das Klostergelübde abzulegen gezwungen worden, und liebten einander fort und fort, wie dereinst Hero und Leander sich geliebt, wo nur Hero eine Nonne als Priesterin der Aphrodite war. Und in dunkeln Nächten brannte hell ein Licht in der Nonnenzelle gegen Herrenchiemsee zu, und in des Sees mächtiger Flut rauschte es leise, und es kam und schwamm herüber und hob sich zum Strande und gewann die Zelle und sein Lieb. Aber stetig lauert der giftige Neid, der keinem und keiner heimliche Liebe vergönnt, und in einer stürmischen Nacht löschte er, nachdem sie recht hell geflammt, die Kerze in der Nonnenzelle aus, und der Schwimmer erreichte nimmer sein Uferziel, die Nixe des Chiemsees zog ihn in ihre Umarmung und warf im bleichen Morgengraun nur seine Leiche an die Fraueninsel. Mitleidvoll gönnten die Nonnen dem toten Mönch ein Grab und hatten bald neben ihm eine zweite Leiche zu bestatten.

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97. Die Brüder

97. Die Brüder

Auf den nachbarlichen Burgen Sternfels und Liebenstein am Rhein wohnten zwei Brüder, die waren sehr reich und hatten die Burgen stattlich von ihres Vaters Erbe erbaut. Da ihre Mutter starb, wurden sie noch reicher, beide hatten aber eine Schwester, die war blind, mit der sollten nun die Brüder der Mutter Erbe teilen. Sie teilten aber, da man das Geld in Scheffeln maß, daß jedes ein volles Maß nach dem andern nahm, und die blinde Schwester fühlte bei jedem, daß eines so richtig voll war wie das andere; die arglistigen Brüder drehten aber jedesmal, wenn es ans Maß der Schwester ging, dieses um und deckten nur den von schmalem Rand umgebenen Boden mit Geld zu, da fühlte die Blinde oben darauf und war zufrieden, daß sie ein volles Maß empfing, wie sie nicht anders glaubte. Sie war aber gottlos betrogen, dennoch war mit ihrem Gelde Gottes Segen, sie konnte reiche Andachten in drei Klöster stiften, zu Bornhofen, zu Kidrich und Zur Not Gottes. Aber mit dem Gelde der Brüder war der Unsegen für und für, ihre Habe verringerte sich, ihre Herden starben, ihre Felder verwüstete der Hagel, ihre Burgen begannen zu verfallen, und sie wurden aus Freunden Feinde und bauten zwischen ihren nachbarlich nahe gelegenen Burgen eine dicke Mauer als Scheidewand, deren Reste noch heute zu sehen sind. Als all ihr Erbe zu Ende gegangen, versöhnten sich die feindlichen Brüder und wurden wieder Freunde, aber auch ohne Glück und Segen. Beide bestellten einander zu einem gemeinschaftlichen Jagdritt, wer zuerst munter sei, solle den andern Bruder frühmorgens durch einen Pfeilschuß an den Fensterladen wecken. Der Zufall wollte, daß beide gleichzeitig erwachten, beide gleichzeitig die Armbrust spannten, im gleichen Augenblick den Laden aufstießen und schossen, und daß der Pfeil jedes von ihnen dem andern in das Herz fuhr – das war der Lohn ihrer untreuen Tat an ihrer blinden Schwester.

Andere erzählen, es habe das Geschick nur den einen Pfeil eines der Brüder dem einen der Brüder in das Herz gelenkt, darauf sei der andere zur Buße nach dem Heiligen Grabe gepilgert und im Morgenlande verstorben. Noch andere haben neue Märlein über dies feindliche Brüderpaar ersonnen, denen Kundige es auf den ersten Blick ansehen, daß sie früher nie als Sagen im Volke lebten.

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979. Das Fräulein vom Karlstein

979. Das Fräulein vom Karlstein

Wenn man vom Chiemsee über Traunstein durch das reizende Hochgebirgstal von Inzell schreitet, wo die Alpenrosen von den Höhen bis nieder an den Weg steigen, kömmt man zwischen dem Staufenberge, dem Wendberge und dem Müllnerberge an eine Wegscheide, da geht ein Weg nach Traunstein, einer nach Reichenhall und Berchtesgaden, und der dritte führt südwärts recht ins Gebirg hinein, der Saal entgegen, zunächst nach Unken, wo die Füchse einander gute Nacht geben. Eine Strecke unterhalb dieser Wegscheide liegt ein Gehöft, im Kaitl geheißen, nicht mehr weit von Reichenhall, dort rastet sich’s gut und fehlt nimmer an Gesellschaft von Jägern, Holzleuten und Wanderern, die des Wegs ziehen, und vom Kaitl bis Reichenhall spannen sich reizende Wiesenteppiche, die heißen die Weidwiesen. In der Nähe ist auch ein Trümmerschloß, der Karlstein, die Leute dortherum nennen es aber nur das Salzsäßchen, und sieht gerad aus von weitem wie das Löttöpfchen im Thüringerwalde. Dortherum nun geht ein Geist um in eines kleinen Weibleins Gestalt, das soll ein Fräulein auf dem Karlstein gewesen sein, die habe einen Jüngling geliebt und einen andern, den sie nicht liebte, mit aller Gewalt heiraten sollen, wie sich das bisweilen in der Welt also zuträgt. Da habe nun besagtes Fräulein das nämliche getan wie jenes im Ritterschloß über Heilingen und sich von der Burg herab in den Felsenabgrund gestürzt, wo sie nun als Geist zur Strafe und zur Sühne umwandeln muß. Ein Holzschaffner unterm Karlstein fand, sooft er in die Burg hinaufkam, die seit des Fräuleins und ihres grausamen Vaters Tode – denn grausam heißen alle Väter, die nicht ihrer Kinder Willen tun – verödet war und ein Aufenthalt der Füchse und Schubuts, jedesmal ein Rupertigröschlein. Sobald er das aber aufhob und einsackte, ging ein Spuk los, der nicht gering war. Es warf erst mit Sand, dann mit kleinen Steinen, dann mit großen, auch kamen gätliche Baumstämme geflogen – doch war das beste, daß keiner den Holzschaffner traf, nur mußte er die Beine auf die Achsel nehmen und laufen, als wenn er dem Schlangenkönig die Krone genommen hätte.

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980. Das Weidwiesenweiblein

980. Das Weidwiesenweiblein

Mag das Weidwiesenweiblein nun jenes verwunschene Fräulein vom Karlstein sein, wie einige sagen, oder auch nicht sein, so viel steht baumfest, daß selbiges Weiblein gehörig spukt. An der Wegscheid sitzt es und winselt zum Steinerbarmen, aber die Steine sind dort gar zu groß. Als Baumstamm saust es die steilen Bergwände prasselnd nieder und rollt hinter den Pferden des Reiters her, bis nahe an den Kaitl, dann ist’s weg. Auf dem Felsen hört man es herzzerschneidend schreien und wimmern; am schlimmsten hat sich’s im Jahr 1831, aufgeführt, nachdem es auch in den Jahren 1782 und 1783 gar arg gespukt und viel Redens von sich gemacht. Seine Gestalt war klein, sein Gewand schwarz, in der Hand trug es einen Tiegel und im Tiegel ein brennend Lämpchen. Ein großer Hut barg das spinnewebig runzelvolle Gesicht. Mit dem Lämpchen leuchtete es den Leuten ganz getreulich durch die dunkle Nacht, und kein Wind mochte das verlöschen, bisweilen aber hat es manche auch ganz ungetreulich irregeführt, besonders wenn sie sich im Kaitl recht bezecht hatten. Im letzterwähnten Jahre machte sich im Spätherbst der Brunnenwärter vom Nesselgraben auf und ging dem Winseln nach, das sich stark hören ließ, und verstieg sich hoch hinauf bis auf den Grat des Bergstocks, da hörte er das Gewinsel wieder tief unter sich, und unter ihm klaffte steilab die schüssige Wand. Da er mit Not wieder heruntergestiegen war, kam ein Bekannter zu ihm, das war der Kreiser von Helmbach, der stieg kecklich und mit Gefahr seines Lebens durch die Schrunden der Stimme nach und fand endlich ein uralt hockeruckeriges Weiblein, das saß in einer Felsenspalte wie eine Unke und greinte gotteserbärmlich, gab auf keine Frage eine Antwort, und wie der Bub sich zu ihm bog, krallte es ihm nach dem Gesicht. Der aber, nicht furchtsam und nicht faul, erwischt das Weiblein beim Schlafittich und zieht es nach sich bis auf die Matte, wo er vorher seine Joppen ausgezogen. Da läßt er’s fahren und bückt sich und zieht die Joppe an, und wie er umschaut, ist’s Weiblein weg wie weggeblasen. Da kommt ihm aber ein gewaltigs Grauen an, macht, daß er heimkommt, und wird acht Tage lang krank vor Schrecken. Nicht lange darauf ist das Weiblein auch auf den Kaitl gekommen, hat Gaben empfangen, aber nie dafür gedankt. Einige sagen, daß das Weidwiesenweiblein nachderhand mit seinem Lämpchen einem Fuhrmann geleuchtet, dem in finsterer Nacht beim Kalkofen ein Rad zerbrochen, dem sei das Leuchten ein großer Trost gewesen, und habe gesagt, als er das Hülfsrad angelegt: Tausend Dank! – und da hätte das Weiblein voller Freude gesagt: Hab‘ genug an einem Dank! Jetzt sieht mich niemand mehr! – sei darauf hinweggeschwunden und erlöst gewesen, wie das dienstfertige Licht zwischen Neundorf und Görkwitz im Vogtland.

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981. Die übergossene Alm

981. Die übergossene Alm

Im bayrischen Hochgebirge ragt unter der weiten Kette mächtiger Alpenhäupter auch der Wendelstein sechstausenddreihundert Fuß hoch in die Lüfte, und ewiger Schnee bedeckt die Höhen ringsumher. Am Abhang dieses Berges war nordwärts eine Alm gelegen, die Kaiserer Alm genannt, die war gar blumenvoll, rings gute Weide, und standen schöne Sennhütten droben, mit frischen und lustigen Sennderinnen, die wußten gar nicht, wie gut sie es hatten, und weil sie es zu gut hatten, wurden sie übermütig, führten ein üppiges Leben und sannen auf allerlei Lustfrevel und unnütze Dinge. Sie hingen den Kühen silberne Glocken an und verguldeten den Stieren die Hörner; sie wuschen sich mit Milch und pflasterten den Weg zum Stall mit Käsen, wie der Hirte auf der Blümelis-Alpe seine Treppe. Wein ließen sie von Salzburg fäßleinweis heraufkommen und Schleckerbißlein auch, Rosinen, Mandelkern, Zucker und Zingiber, eingemachten versteht sich, Zimmet und Nägelein, Muskatblüt und -nuß, Pistazien und Zibeben, Datteln und Feigen, Marzipan und Biskuit. An Beten dachten selbige Dirnen die ganze Woche nicht, und den Sonntag auch nicht, und wenn die Woche herum war, wieder nicht, aber getanzt und gejuchezet haben’s alleweil genug. Und da haben sie einmal einen ganzen Tanzplatz von Käsen gemacht, und die Lücken mit Butter ausgefüllt, und sind darauf herumgetanzt, und haben gemeint, der Teufel könnte hernach mit seiner Großmutter und seiner Kameradschaft die Käs‘ schon fressen, daß er auch einmal etwas in seinen hungrigen Wanst bekäme. Aber nun war es verspielt und war Gottes Geduldfaden abgerissen, und in der Nacht, da heult’s und klopft’s und pocht und donnert an die Sennhütten, und seufzt und ächzt und stöhnt, und die Windsbraut kommt dahergefahren, und die ewigstarren Wellen im Steinernen Meer wogen und branden, und es ist, als ob vom Watzmann bis zum Zugspitz das ganze Gebirg in eins zusammenkrache und -donnere. Ganze Berge Lawinenschnee übergossen die Alm mit den sündigen Menschen darauf, war nur schad ums arme Vieh – und als der Morgen kam, da war auf der ganzen Alm ein Schmelz, wie ein Zuckerguß auf einer Linzer Torte, und glitzerte hell im Sonnenschein – eitel Eis und Schnee und glattgefroren wie eine Gletscherwand. Das ist nun die übergossene Alm, ein ewiges Wahrzeichen von der Menschen Frevel und Gottes Strafgericht.

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971. Die rechte Hand

971. Die rechte Hand

Es war ein junger Graf von Dachau, der liebte ein Ritterfräulein von Wolfratshausen, nahe dem Wurm- oder Würmsee gelegen, hatte aber einen Feind am Grafen von Starnberg, der ließ ihn auflauern durch seine Knechte, und da er von oder nach Wolfratshausen ritt, so erschlugen sie ihn nahe bei Berg am See und beraubten ihn und hieben ihm die rechte Hand ab, an deren Finger einem er einen Ring von seiner Braut trug, den wollten sie auch sich aneignen, aber da schnappte des Ermordeten Hund zu und faßte die Hand und trug sie fort, immer fort bis nach Dachau, zwischen Augsburg und München, und legte sie zu den Füßen der Mutter des Erschlagenen nieder. Da schrie die Mutter Ach und Weh zusamt der Braut, und ließen an der Stätte, wo die Tat geschehen, die bald kundbar ward, eine Kapelle bauen, die ist Hernachmals aber, weil sie zu fern vom Wege stand, bei die Notschweig hingebaut worden, und an der Empore der Kapelle ward die Geschichte bildlich dargestellt.

Bei Wolfratshausen hat vordessen auch ein Schloß gestanden, aber es ist versunken; darinnen ruht noch ein großer Schatz, den drei Fräulein und ein Hund hüten. Als diese drei noch beim Leben waren und geerbt hatten, waren zwei blind, die eine aber war halb schwarz, halb weiß und machte es bei der Teilung mit ihren Schwestern gerade so wie die Brüder auf der Burg am Rhein mit ihrer blinden Schwester: sie maß sich den vollen Scheffel Geldes zu und drehte dann den Scheffel um, deckte den Boden und ließ die Blinden fühlen, daß das Gefäß voll sei. Dafür fitzt sie der Teufel mit Ruten, bis die Haut in Fetzen von ihrem Leibe hängt, welche dann in der zwölften Stunde wieder zusammenwächst. Das soll so lange dauern, bis der Schatz gehoben ist.

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