Märchen

990. Die Goldzacken

990. Die Goldzacken

Am Untersberge, dessen Gipfelseitenansicht, von weitem gesehen, merkwürdig einem Menschengesicht gleicht, hat es schon gar manchen geneckt und, wenn nicht in das Innere, doch außen in Wald und Geklüft irregeführt, denn es ist gar ein gewaltiger Bergstock, der stundenweit seinen Hochrücken streckt und in den weißen Blöcken seines Marmors Geflechte zeigt, rot wie der Bart des Barbarossa. Da war zu Fagen ein Scheuerbauer, hieß Sebastian Fletscher, der kam auch einmal an eine Felswand, die etwas überhing, blitz, da hingen Zacken von purem blanken Gold weit herunter, daß man sie mit der Hand erreichen konnte, gerade solche, wie der Holzmann in der Geisterkirche am Ochsenkopf fand, aber der Fehler war der, daß man die Goldzacken nicht mit der Hand abbrechen konnte wie Eiszapfen. Indes war der Fletscher klug, er dachte, du willst heimgehen und deine Haue holen, willst dir aber zuvor ein Merkzeichen machen, daß du den Ort wiederfindest; trug also einen tüchtigen Haufen Steine zusammen, gerade unter die Goldzacken, und lief nun, was er konnte, heim und holte die Haue. Wie schwang um ihn die Hoffnung so goldene Flügel und hing sie ihm an Haupt und Füße, daß er mehr flog als ging. Da er nun wieder hinaufkam, der Bastel, so lag richtig sein Steinhaufen noch da, aber – o weh – die Goldzacken waren nicht mehr da – dergleichen bleibt nicht ewig sitzen und sichtbar. Die rechte Stunde war für immer vorüber, und der arme Fletscher hatte nun keinen andern Lohn als den Hinweg für den Herweg.

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991. Riesen und wilde Frauen im Untersberge

991. Riesen und wilde Frauen im Untersberge

Leute aus dem Dorfe Feldkirchen ohnweit der Stadt Salzburg erzählten für wahrhaft: Als wir noch junge Buben waren, haben wir mit eigenen Augen gesehen, daß einige alte Riesen aus dem Untersberge herausgingen, herunterkamen und sich auf die nächst dieses Berges stehende Grödiger Pfarrkirche lehnten, mit unterschiedlichen Personen Gespräche hielten, doch niemand einiges Leid zufügten, sondern ihren Weg wieder in Frieden gingen. Die Grödiger Leute waren von den Riesen oft ermahnt, durch erbauliches Leben sich gegen verdientes Unglück zu sichern. Dieselben Leute zeigten zu der nämlichen Zeit an, daß zu Grödig vielmals etliche Frauen von wilder Art aus dem Untersberg gekommen sind zu den Knaben und Mägdlein, welche zunächst dem Loch innerhalb Glanegg des Viehes hüteten, und ihnen Brot und Käse zu essen gegeben haben. Auch in das Kornschneiden gingen solche wilde Frauen nach Grödig. Sie kamen sehr früh des Morgens herab, und abends, da die andern Leute Feierabend genommen, gingen sie, ohne die Abendmahlzeit mitzuessen, wiederum in den Wunderberg hinein.

Eines Tages geschah es, daß ein Bauersmann bei Grödig aus dem Felde ackerte und sein kleines Söhnlein auf das Pferd gesetzt hatte. Da kamen die wilden Frauen aus dem Untersberge, hätten das Knäblein gern gehabt und wollten es mit Gewalt hinwegführen. Der Vater aber, dem die Geheimnisse und Begebenheiten dieses Berges schon bekannt waren, eilte den Frauen ohne Furcht zu und nahm ihnen den Knaben ab mit den Worten: Was erfrechet ihr euch, so oft herauszugehen und mir jetzt sogar meinen Buben hinwegzunehmen? Was wollt ihr mit ihm machen? – Die wilden Frauen sagten: Er wird bei uns bessere Pflege haben, und wird ihm bei uns besser gehen als zu Hause; der Knabe wäre uns sehr lieb, es wird ihm kein Leid widerfahren! – Allein der Vater ließ seinen Knaben nicht aus den Händen, und die wilden Frauen gingen bitterlich weinend von bannen.

Abermals kamen die wilden Frauen aus dem Wunderberge nahe an die Kugelstatt oder Kugelmühle, so bei diesem Berge schön auf der Anhöhe liegt, und nahmen dort ein Knäblein mit sich fort, das das Weidvieh hütete. Da haben über ein Jahr hernach die Holzleute dasselbe Knäblein auf dem Untersberge auf einem Baumstock sitzen sehen, das hatte ein schön grünes Kleid an. Dies sagten sie den Eltern des Knaben, und am andern Tage suchten sie es mit Vater und Mutter an demselben Orte, aber der Knabe ward nicht wieder gefunden.

Mehrmals hat es sich begeben, daß eine wilde Frau aus dem Wunderberge gegen das Dorf Anif ging, welches eine gute halbe Stunde vom Berge entlegen ist. Alldort machte sie sich in die Erde Löcher und Lagerstatt. Sie trug ungemein langes und schönes Haar, das ihr beinahe bis zu den Fußsohlen hinabreichte.

Ein Bauersmann aus Anif sah zum öftern diese Frau ab- und zugehen, und ob ihrer Schönheit und der Schönheit ihrer langen Haare ward ihm gegen sie das Herz entzündet. Er konnte dem Drange, ihr zu nahen, nicht widerstehen, ging zu ihr, betrachtete sie mit innigem Wohlgefallen und legte sich endlich in seiner Einfalt ohne Scheu zu ihr auf ihr Lager, doch in allen Ehren; beide sahen einander an, und keines sprach ein Wort; noch weniger trieben sie Ungebührliches. Als der Bauer zur zweiten Nacht wiederkam, fragte ihn die wilde Frau, ob er nicht selbst ein Weib habe. – Nun hatte er eine angetraute Ehefrau, doch verleugnete er sie und sprach: Nein! – Des Bauers Ehewirtin aber machte sich allerhand Gedanken, wo denn ihr Mann des Abends hingehe und die Nächte zubringe. Daher spähte sie nach ihm und ging aus, ihn zu suchen, und fand ihn auf dem Felde, bei der wilden Frau schlafend. Da rief sie der wilden Frau zu: O behüte Gott deine schönen Haare! Was tut ihr denn da miteinander? – Mit diesen Worten wich das Bauernweib von ihnen, und ihr Mann erschrak gar sehr darüber. Aber die wilde Frau hielt ihm seine treulose Verleugnung vor und sprach: Hätte deine Frau bösen Haß und Ärger gegen mich zu erkennen gegeben, so würdest du jetzt unglücklich sein und nicht mehr von dieser Stelle kommen, aber weil deine Frau nicht bös war, so liebe sie fortan und hause mit ihr getreulich und unterstehe dich nicht mehr, daher zu kommen, denn es steht geschrieben: Ein jeder lebe getreulich mit seinem getrauten Weibe, obgleich die Kraft dieses Gebots einst in große Abnahme kommen wird und damit aller zeitliche Wohlstand der Eheleute. Nimm diesen Schuh voll Geld mit dir und sieh dich nicht mehr um! – Damit schwand die wilde Frau hinweg, und der Bauer ging mit seinem Schuh voll Geld erschrocken heim und tat, wie ihm geboten war.

Ein Müller aus Salzburg, Leonhard Burger mit Namen, ging einst auf den Untersberg, da traf er eine wilde Frau und ein Bergmännlein an und sahe letzteres mit einem Hammer in das Gestein hauen; es floß in eine große untergestellte Kanne von einem halben Maß eitel gediegenes Gold. Die wilde Frau schrie den Wanderer an, und scheu wich er zurück; wäre er geblieben, so hätte er wohl etwas mehr bekommen; so aber gab ihm das Bergmännlein nur ein gutes Stück von einem glänzend schimmernden Steine, und daran hatte er sein Lebenlang genug.

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992. Der Fuhrmann und die Bergmännlein

992. Der Fuhrmann und die Bergmännlein

Einstmals im Jahre 1694 wollte ein Fuhrmann mit einem Wagen, der mit Wein befrachtet war, aus Tirol nach Hallein fahren und kam neben St. Leonhard bei der Almbrücke zu Niederalm, einem Dorfe zunächst des Wunderberges. Dort ging ein Bergmännlein aus dem Berge hervor und fragte den Fuhrmann: Woher kommst du, und was fährst du? – Der Fuhrmann sagte: Wein. – Da sprach das Männlein: Fahre mit mir! Ich gebe dir gute Münze dafür, und mehr, als du zu Hallein bekommen wirst. – Der Fuhrmann weigerte sich, weil der Wein bestellt sei. Darüber ward das Bergmännlein erzürnt, fiel auf die Mähnen der Pferde und rief: Fuhrmann, weil du nicht mitfahren willst, will ich dich so führen, daß du gar nicht wissen sollst, wo du bist, und sollst dich nicht mehr auskennen. – Dem Fuhrmann wurde mächtig bange, er sah, daß er in der Gewalt des Unterirdischen war, und gehorchte nun dem Bergmännlein, das mit eigener Hand den Zaum der Pferde ergriff und das Geschirr immer näher zu dem Untersberge hinlenkte. Dem Fuhrmann schien es, als gehe es auf einer kunstgerecht gemachten Straße, aber zugleich überkam ihn gar mächtig ein Schlaf, des er sich nicht erwehren konnte, nickte ein, erwachte wieder und sah, daß er einem Felsenschloß nahe, dessen Mauern von rot und weißem Marmor waren, und dessen Fenster wie Kristallspiegel glänzten. Dieses Schloß war so gefestet, daß man durch mehrere Tore und über sieben Zugbrücken mußte. Da nun der Wagen in das Schloß herein war, hieß der Kellermeister den Fuhrmann willkommen und sprach ihm Mut ein, und war selbiger Kellermeister etwa so ein Männlein wie die im Osenberg, der Bart ging ihm bis aus den Bauch, an der Seite hing ihm eine große Tasche, und in der Hand trug es einen großen Schlüsselbund. Nun sprangen auch andre seinesgleichen herbei, die spannten die Pferde aus, führten sie zum Futter und luden den Wein ab, andere führten den Fuhrmann in ein helles Gemach und setzten ihm zu essen und zu trinken vor, dann zeigten sie ihm das Innere des Schlosses, das gar überherrlich war, und sah viel Wunders an gegossenen Riesen von Erz und reiche Gewaffen, Gestühle, Bett- und Tafelwerk und einen fässervollen Keller so weit und tief, daß sein Ende nicht zu ersehen war, und dachte bei sich: Na, die müssen ’s Zechen verstehen. Und im Keller drin an einem runden Tisch zählte ein Bergmännlein ihm einhundertundachtzig Dutzend Dukaten hin und ermahnte ihn, wieder andern Wein zu kaufen und guten Handel damit zu rreiben. Und weil das eine Pferd des Fuhrmanns blind war, so nahm ein Männlein einen Stein, der schien bläulich, und strich damit dem Pferd übers Auge, da ward es sehend, und schenkten ihm den Stein, auch andern zu helfen. Gar mancherlei erfuhr er noch von heimlichen Dingen, die er alle bei sich behielt bis an seinen Tod, und fand sich unversehens wieder mit seinem leeren Geschirr an dem Ort, da ihn zuerst das Bergmännlein angesprochen hatte. Den blauen Stein aber hat er einem Apotheker in Salzburg gezeigt, der fand, daß er ein kupfer- und zinkhaltiges Mittelsalz sei, nannte ihn ob seiner Tugend Lapis mirabilis, bildete ihn auf chemischem Wege nach und tät damit zuerst große Augenkuren an Menschen und Vieh.

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993. Der Goldsand

993. Der Goldsand

Ein armer Dienstknecht beim Hofwirt zu St. Zeno, Paul Mayer, ging auch auf den Untersberg hinauf, als er beim Brunnental fast die Hälfte des Berges erstiegen hatte, stand er vor einer Steinklippe, und unter der lag ein Häuflein glitzernder Sand. – Ei, das könnt‘ am Ende Gold sein, dachte der Paul Mayer und steckte Sand ein, so viel in seine Taschen ging, und wandte sich zur Umkehr. Da trat ihm ein Fremder entgegen, grimmen Aussehens und riesenhaften Wuchses, und fragte: Was trägst du da? – Und da der arme Teufel vor Schreck verstummte, leerte jener ihm nolens volens die Taschen wieder aus und sprach: Jetzt gang gleich abi, und gang nimmer auf dem alten Weg z’ruck, und laß dich nimmer wieder hier oben antreffen, wenn d’nit zwa Bein‘ z’vill host! – Der Knecht ging ganz bestürzt einen andern Weg zurück, ärgerte ihn der Verlust des Sandes, vertraute sein Abenteuer einem Kameraden und nahm den mit auf die Höhe, trotz des Verbotes jenes Riesenmannes. Aber sie suchten und suchten und fanden durchaus nicht die Wand, nicht den Sand.

Ein Holzmeister, der sich auf dem Untersberge im Geschäft verspätet, fand den Rückweg nicht und mußte in eine Felskluft einkriechen und allda nachten. Am andern frühen Morgen nahm er eine Steinklippe wahr, von welcher eben solcher Goldsand abrieselte, wie der Paul Mayer erblickt, der Holzmeister hatte nichts bei sich, den Sand aufzufangen, merkte sich die Stelle, ging heim und holte ein Krüglein. Dem glückte es nun besser wie dem Bastel Fletscher mit den Goldzacken, er fand die Stelle und den rinnenden Sand und setzte ein Krüglein, das er mit heraufgebracht, unter. Als dasselbe voll war, ging er hinweg und sah eine Türe, die stand offen, und er schaute hinein und sah es drinnen auch tageshell, aber mit einem Schnapp schlug die Türe ihm vor der Nase zu, und drinnen dröhnte es wie ein Schuß in einem großen Weinfaß. Im Krüglein war wahrhaftig Goldsand; er hat es nachher noch zum öftern füllen dürfen, aber bald darauf ist er gestorben, und da ging’s mit dem Golde nach dem Sprüchwort: Wie gewonnen, so zerronnen, es zerrann nur so, wie eben Sand zerrinnt, und war kein Segen dabei. Es fand auch niemand nach ihm weder die Türe noch den quellenden Goldsand.

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994. Die Goldkohlen

994. Die Goldkohlen

Zu Salzburg war eine Kräuterfrau oder Kräutelbrocklerin, wie man sie dort nennt, die ging auf den Wunderberg nach Wurzeln und Kräutern, denn was da alles Gutes darauf wächst, ist gar nicht zu sagen: Tausendgüldenkraut und bittrer Enzian, Goldwurzel und Salomonssiegel, Allermannsharnisch und Teufelsabbiß, Lungenkraut und Edelleberkraut. Engelsüß und Johannisblut, Dosten und Dorand, Himmelskerzen und Herzleuchte, Farnkrautmännlein und Farnkrautweiblein und viele hundert andere Heilwurzeln und Würzkräuter, so daß es nur eine Lust ist, auf selbem Berge zu kräuteln. Wie nun das Weiblein emsig ihres Geschäftes oblag, kam sie zu einer Wand des Berges, da lagen schwarze Brocken, sahen ohngefähr wie Kohlen aus, die warf sie auch alsbald in ihren Korb, und als dieser voll Kräuter war, ging sie heim. Zu Hause blitzte es aus den Kohlen hell und klar, gediegen Gold saß drin, die Hülle und Fülle. – Ei, des Dinges willst du mehr holen, das ist der wahre Jakob und die Herzenstrostmünze! – rief die Alte. Kehrte alsbald eilend wieder um zum Berge, fand aber da, wo die schwarzen Kohlen gelegen hatten, nichts als ein unsaubres Kräutlein: Ziegenlorbeeren.

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986. Der Kaiser im Untersberge

986. Der Kaiser im Untersberge

Im Schoß des Berges sitzt verzaubert ein alter Kaiser. Einige sagen, Karl der Große sei es, andere nennen Friedrich den Rotbart, der sich in das Unterschloß auf dem Kyffhäuser in Thüringen verwünscht haben und dort noch sitzen soll. Wieder andere lassen Kaiser Karl V. den sein, der im Untersberge verzaubert weile. Mancher soll ihn gesehen haben mitten im Kreise glänzender Wappner, sitzend an einem Tisch von Marmelstein, durch welchen ihm der Bart gewachsen, der fast dreimal um den Tisch reicht. Wann er zum drittenmal die letzte Ecke erreicht, dann wird der Antichrist erscheinen, dann wird die große Schlacht auf dem Walserfelde geschlagen, die Engel stoßen in ihre Posaunen, und der Jüngste Tag bricht an. Auch die Tochter des Kaisers wohnt daselbst und hat sich zum oftern freundlich gegen solche gezeigt, die zu günstiger Stunde in den Berg traten. Zu heiligen Zeiten will man wahrgenommen haben, daß der große Kaiser sich mit seinem Hofgesinde oder aber mit den Mönchen von St. Justus in der Domkirche zu Salzburg um Mitternacht eingefunden, die Mette mitgesungen und dem Hochamte beigewohnt, welches sein Hofpfarrer oder der Prior von Sankt Justus oder wohl gar ein großer Kirchenprälat zelebriert, der zugleich mit ihm in den Untersberg verwünscht worden ist. Zu solchen Zeiten wallen die vertriebenen Mönche in langen Zügen durch Erdklüfte unter Seen und Flüssen nach den benachbarten Kirchen und halten in St. Bartholomä am Königssee bei Berchtesgaden, in Grödig, im Münster Berchtesgadens und im hohen Dome der Metropolis zur Mitternachtsstunde unter Glockenklang und Orgelton den Gottesdienst. Ritter und Reisige durchreiten in glühenden Panzern, auf Flammenrossen und mit funkensprühenden Waffen die Gefilde der Umgegend, sich zur Pein und dem Lanmann zum Schrecken. Mit anbrechendem Tage eilen sie in den Untersberg zurück durch eine nur selten und nur wenigen sichtbare eherne Pforte, welche beim Hallturm hinter den Trümmern der Burg Plauen zwischen den Steinklüften eingestürzter Felsen zu Tage geht.

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987. Der Birnbaum auf dem Walserfeld

987. Der Birnbaum auf dem Walserfeld

Auf dem Walserfeld, ganz nahe dem Untersberg, stehet ein uralter Birnbaum, ganz dürr und abgestorben seit langer Zeit, und ist schon zum öftern gar umgehauen worden, aber durch die Kraft des Allmächtigen wurde die Wurzel behütet und trieb wieder aus, daß der Baum emporwuchs. Von diesem Baume geht nun eine alte Weissagung, daß er dereinst wieder beginnen werde zu blühen und Frucht zu tragen. Wann aber dieses sich ereignet, dann wird der verzauberte Kaiser mit all seinen Wappnern hervortreten aus dem Schöße des Untersberges, und es wird eine große und erschreckliche Schlacht des Glaubens halber geschlagen werden. Dieses geschieht aus göttlichem Verhängnis, weil kein Mensch mehr dem andern brüderliche Liebe erzeigen will. Wann der Baum beginnt zu grünen, wird diese Zeit der Not nahe sein, wann er aber anfangen wird Früchte zu tragen, wird sich die Schlacht anheben, und der Fürst des Bayernlandes wird an den Birnbaum seinen Schild aufhängen. Auf dem Felde wird den Streitern das Blut rinnen bis an die Knöchel und in die Schuhe, und die Vornehmen (merk’s!) werden wünschen, insgesamt auf einem Sattel davonreiten zu können. Nur die guten Menschen werden von den Riesen des Untersberges geschützt und gerettet, die bösen aber alle erschlagen werden. So blutig soll die Schlacht sein, daß sie alles Volk zerstören wird, als welches gar schrecklich. Fürwahr, eine gräßliche Prophezeiung, klingt, als wenn 1848 ihr Geburtstag gewesen wäre. Die Guten werden davonkommen, das sind die mit den Schlapphüten, den roten Federn und den Waldschrattbärten, die den bösen, vornehmen Menschen alle brüderliche Liebe zu erzeigen und mit ihnen zu teilen trefflich geneigt sind.

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988. Geistermette

988. Geistermette

Ein Bewohner dieser Gegend, der Seebühler genannt, hat erzählt, einmal sei er mit seinem Vater und ihrer zwei andern vom Thumsee zur Nachtzeit nach Berchtesgaden zu gegangen; Wild zu schießen, denn dort gibt es Wild und Wildschützen allewege. Da seien sie außerhalb Reichenhall bei der jetzt niedergerissenen Kirche von St. Peter und Paul vorbeigekommen, gerade als die Glocke drinnen in der Stadt zwölf geschlagen. Alsbald erblickten die Wildschützen die Kirchensenster hell erleuchtet und kletterten neugierig außen an einem Fenster in die Höhe, hineinzugucken, denn Wildschützen fürchten sich vor dem Teufel nicht. Da war die ganze Kirche voll schwarz angetaner Leute, und jede Person hielt ein Licht, und hatten ihre Häupter all gesenkt voll Andacht. Am Altare der Priester hielt feierlich das Hochamt, und die Orgel erklang dazu durch die Nachtstille in süßen Tönen. – Außer dieser Kirche und dem Dome zu Salzburg werden als Geisterkirchen auch noch genannt die Propsteikirche zu Berchtesgaden, die Kapelle zu St. Bartholomä hart am Königssee unterm Watzmann, die zu St. Zeno abwärts Reichenhall nach Salzburg zu, auch in der G’main und im Stift zu Högelwerth ist gleiches wahrgenommen worden. Ja sogar weit vom Untersberge, hat der Seebühler erzählt, zu St. Salvator in Prien, hart am entgegengesetzten Ufer des Chiemsees nach Rosenheim zu, wie ihm die Mesnerin heilig und teuer versichert hat, haben die schwarzen Untersberger Geistermette gehalten; die Kirche war hell erleuchtet, die Orgel klang nebst andern Instrumenten, die Kirchentüre aber war verschlossen und ließ sich mit dem Schlüssel nicht öffnen. Nachbarsleute genug seien dabei gewesen und könnten’s bezeugen.

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98. Die wandelnde Nonne

98. Die wandelnde Nonne

Nahe bei Niederlahnstein, am rechten Rheinufer, stand einst ein Frauenkloster, Machern, darinnen ging es nichts weniger als gottwohlgefällig zu. Es gab Besuche von Mönchen aus Nachbarklöstern, gab wüste Gelage, Geschrei, auch nächtliche Reigen, und spät des Nachts fuhren die Mönche auf raschen Rollwagen durch den Hohlweg, einen Bach entlang, nach Herchheim und Niederlahnstein zu. Nur eine einzige Nonne war fromm und tugendhaft, sie betete viel und las die heiligen Geschichten, während ihre Schwestern sich im vollen Sinnentaumel aller Weltlust hingaben. Da kam einst ein frommer Klausner namens Michael, der in einem stillen Tale bei Marienburg hauste, in einer Sturmnacht an das Klostertor, als gerade im Kloster der Konvent die Lahnsteiner Kirmes feierte, wobei es hoch herging und nicht an geliebten Gästen fehlte, und begehrte Einlaß, allein die weltlichen Sünderinnen fürchteten einen geistlichen Zeugen und ließen ihn nicht ein, sie ließen ihn obdachlos und ungelabt draußen bleiben. Da verwünschte der fromme Mann im zornigen Eifer das ganze Kloster und die Nonnen zu Nachteulen und Nachtgespenstern und alle die buhlenden Mönche zu Teufelslarven, und am Morgen – war das Kloster verschwunden, und öde war die Stätte, wo es gestanden. Seitdem vernimmt man alljährlich zur Zeit des Lahnsteiner Kirmesfestes hinten in der Talschlucht, wo das Kloster stand, Gekreisch und Geheul und wilden Spuk, den Schall von Buhlliedern und wieder dazwischen fromme Weisen – und gewahrt auch wohl grausige Mönchsgespenster auf Rollwagen mit feuersprühenden Rädern durch das Tal dahinfahren. Die einzige fromme Nonne aber wandelt in heiligen Nächten und auch zu jener Kirmeszeit ernst und mild an einen verwitterten Bildstock, der am Bächlein steht, das aus dem Tale kommt, ab und auf und scheint in einem Buche zu lesen. Niemand tut sie etwas zuleide, grüßt auch wohl, doch ist ihr Anblick vielen schon schreckend gewesen.

Das Kloster Machern aber, das hier der Einsiedel Michael mit seiner Verwünschung dem Boden enthob, wurde an der Mosel nahe bei Zeltingen wiedergefunden und dort mit frommen Insassen bevölkert. Vom Klausner Michael aber geht die Sage, daß er beim Nahen des Todes Gott angefleht, seinen Leichnam nicht unbegraben zu lassen, und siehe, als er Todes verblich, da läuteten die Glocken der alten Johanniskirche bei Niederlahnstein von selbst, von Engelhänden gezogen; da kamen Menschen herbei, erhuben des Klausners Hülle und bestatteten sie in des Johanniskirchhofs geweihete Erde.

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982. Der Marquartsteiner

982. Der Marquartsteiner

Nahe dem Chiemsee, mitten im Schoß der diesen im Süden rings einschließenden Berge, liegt Schloß Marquartstein. Darauf saß ein Graf des Namens Marquart, welcher die Tochter eines Ritters Kuno von Mögling, Adelheid geheißen, entführt hatte, und es war dem alten Möglinger gerade so ergangen wie dem Kaiser Heinrich mit dem Leuchtenberger, sein liebes Kind hatte sich auf der Jagd verirrt, war dem Marquartsteiner begegnet, und dieser hatte sich liebend der Tochter angenommen; um so lieber, als er ihres Vaters Feind war. Aber nur zwei Monate waren dem Marquartsteiner vergönnt, den Becher der Liebe mit Adelheid auszuleeren, da mußte er von Feindeshand den Becher des Todes trinken; Meuchelmörder erschlugen ihn. Seine treue Adelheid beweinte ihn heiß und heiratete darauf den Grafen Ulrich von Pütten. Auch dieser starb und ward heiß beweint, und dann heiratete Adelheid den Grafen Berengar von Sulzbach. Da sie aber ihres Marquartsteiner letzten Seufzer und das Gelübde, ein Kloster zu bauen, empfangen, löste sie sotanes Gelübd, doch nicht eher, bis sie sich nach ihm zum dritten Male vermählt hatte. Dieses Kloster empfing den Namen Baumburg, und Adelheid wurde darin begraben. Adelheids Mutter, Irmengard, eine Hallgräfin von Lindburg, hatte auch ein Gelübde zu erfüllen, und dadurch wurde Berchtesgaden begründet in tiefer Waldwildnis, die jetzt keiner mehr dem freundlichen Talkessel ansieht, durch den aus dem Königssee hervorbrausend die muntere Achen unter schattenden Ahornen ihre dunkelgrünen Wellen rollt. Baumburg und Berchtesgaden blieben lange vereinigt unter einem Propst, und Berchtesgaden war lange Zeit nur ein Sommerfilial, denn im Winter war es dort wegen Wasser und Wind, Sturm und Schnee, Tieren und Waldgeistern nicht auszuhalten, und hatte dort die wilde Berchta so recht ihre Gaden und Jagdreviere. Da ist des Marquartsteiners Andenken treulich behütet worden.

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