Märchen

Bollos Dankbarkeit.

Neunundzwanzigstes Stück.

Bollos Dankbarkeit.

Eben wollte der grüne Fischer den panierten Hampelmann in die Pfanne legen, da kam ein fremder Hund in die Höhle. Er hatte Bratenduft gerochen und war ihm nachgegangen.

»Hinaus da!« – schrie der Grüne; er hatte immer noch den Hampelmann in den Händen.

Der arme Hund hatte schrecklich Hunger; er kauerte sich nieder, winselte und wedelte und bat um ein Stückchen Fisch.

»Marsch hinaus!« rief der Unmensch zum zweiten Male, »sonst! …« schon hob er ein Bein hoch und wollte dem hungrigen Tiere einen Tritt versetzen.

Der Hund war empört über die Grobheit. Knurrend zeigte er dem Grünen seine beiden Reihen spitzer Zähne und stellte sich auf zum Angriffe.

Da erklang in der Höhle eine leise Stimme:

»Bollo, hilf mir, ich werde gebraten.«

Sofort erkannte der Hund Bengeles Stimme und merkte, daß sie aus dem panierten Dinge kam, das der Fischer in der Hand hielt.

Was tut der treue Hund? – Er springt hoch, faßt den panierten Bengele mit seinen Zähnen, reißt ihn dem erstaunten Fischer rasch aus der Hand und trägt ihn schnellen Laufes davon.

Der Fischer war wütend, daß ihm der seltene Leckerbissen entgangen war; er wollte dem Hunde nachrennen, aber nach wenigen Sprüngen ging ihm schon der Atem aus und er keuchte verärgert in seine Höhle zurück.

Bollo blieb erst stehen, als er an den Fußweg gekommen war, der vom Meer nach Fleißigenstadt führte. Dort legte er seinen Freund Bengele sanft auf die Erde nieder.

»Bollo, du hast mir das Leben gerettet«, sagte der Hampelmann; »ich kann dir nie genug danken.«

»Gar nicht notwendig!« entgegnete der treue Hund; »ich habe nur meine Schuld abgetragen. – Schau dort das Meer!«

»Wie bist du nur in jene Höhle gekommen?« fragte Bengele.

»Ich lag immer noch halbtot am Ufer, da trug mir der Wind von weitem einen Bratengeruch daher. Weil ich Appetit hatte, ging ich diesem Dufte nach. Wäre ich eine Minute später gekommen, –«

»Sei still:« – sagte Bengele und fing von neuem an zu zittern. »Sprich nicht mehr davon! Wärst du eine Minute später gekommen, dann wäre ich jetzt schon gebraten und verspeist. Brrr! – Es schauert mich jetzt noch, wenn ich nur daran denke.«

Bollo mußte lachen! – Er reichte dem Hampelmann seine rechte Pfote zum Abschiede. Dieser drückte sie fest und liebevoll dem treuen Freunde; dann gingen sie auseinander.

Nächtliche Heimkehr. – Die gemütliche Schnecke.

Dreißigstes Stück.

Nächtliche Heimkehr. – Die gemütliche Schnecke.

Der Hund lief heim; Bengele wandte sich einer nahegelegenen Hütte zu. Dort saß ein alter Mann vor der Haustüre, und Bengele fragte ihn:

»Sagt, lieber Mann, habt ihr nichts gehört von einem Knaben, der Eugen hieß und an den Kopf geschlagen wurde?«

»Man hat ihn dort zu den Fischersleuten gebracht und jetzt …«

»Wird er tot sein«, fiel Bengele schmerzlich bewegt dem Alten in die Rede.

»Nein, nein! Er ist wieder gesund und schon nach Hause gegangen.«

»Wirklich? – Wirklich?« rief Bengele und tat einen Freudensprung. – »Also war die Verletzung nicht so schlimm?«

»Es hätte schlimmer gehen können«, sagte der Alte; »das Buch war gar zu schwer, das sie ihm an den Kopf geworfen haben.«

»Wer hat es geworfen?«

»Einer von seinen Schulkameraden, ein gewisser Bengele.«

»Wer ist dieser Bengele?« fragte der Hampelmann.

»Man sagt, er sei ein Schlingel, ein Bummler, ein ganz lotteriger Bube.«

»Alles erlogen!«

»Kennst du Bengele?«

»Vom Sehen, ja!«

»Was hältst du von ihm?« fragte der Alte weiter.

»Ich halte ihn für einen braven Knaben, einen fleißigen Schüler, ein folgsames Kind, das sehr an seinem Vater und an seiner Mutter hängt.«

Plötzlich griff Bengele nach seiner Nase: sie war durch diese Schwindelei eine Spanne länger geworden. Voller Angst sagte er darum gleich:

»Nein, nein, lieber Mann, ich habe nur Spaß gemacht; Ihr dürft nicht glauben, was ich gesagt habe. Ich kenne nämlich Bengele sehr gut und weiß, daß er wirklich ein nichtsnutziger Strick ist, ein eigensinniger Schlingel, der die Schule schwänzt und mit schlechten Kameraden herumbummelt.«

Sofort bekam die Nase ihre richtige Größe wieder. –

Es ging gegen Abend. Ein kühler Wind kam vom Meere her und der Hampelmann fing an zu frieren. Der grüne Fischer hatte ihm alle Kleider vom Leibe gerissen; überall klebte ihm noch das Paniermehl an. Er schämte sich, so nach Hause zu gehen, und bat den Alten um ein Gewand.

Der Mann war arm und sagte:

»Mein lieber Kleiner, ich kann dir nichts geben als einen alten Sack.«

Bengele nahm das Anerbieten dankbar an. Der Alte holte einen Sack in seiner Hütte, schnitt mit der Schere an den Zipfeln zwei Löcher für die Arme und dazwischen in der Mitte ein größeres für den Hals. – Der Hampelmann zog den Sack über den Kopf, streckte die Hände bei den Zipfeln heraus und trottelte in diesem Kleide der Heimat zu.

Das Herz pochte ihm laut, manchmal wollte er wieder umkehren; denn er dachte:

»Wie kann ich so zu meiner guten Mutter Fee zurückkommen? Was wird sie sagen, wenn sie mich sieht? Sie wird mir nicht mehr verzeihen, sicher nicht! Aber ich bin selbst daran schuld; ich bin ein Schlingel; ich verspreche immer, mich zu bessern, aber ich halte es nie!«

Als Bengele nach Fleißigenstadt kam, war es schon dunkel. Kein Sternlein war am Himmel zu sehen und bald fing es an zu regnen. Der Hampelmann nahm den nächsten Weg zum Hause der Mutter Fee. Er stand vor der Haustüre und wollte klopfen. Der Mut verließ ihn, und er ging zehn Schritte weiter. – Er kehrte zurück, stand wieder vor der Türe und – ging wieder weg. Erst das vierte Mal pochte er zaghaft und leise.

Er wartete und wartete. Nach einer halben Stunde wurde im vierten Stock ein Fenster geöffnet. Eine große Schnecke kroch über die Fensterbrüstung. Sie trug zwischen den Hörnchen eine brennende Kerze, blickte zur Haustüre und fragte:

»Wer kommt noch so spät?«

»Ist die Herrin zu Hause?« rief Bengele empor.

»Die Frau Fee schläft und will nicht geweckt werden; – wer bist du denn?«

»Ich bin’s!«

»Wer ich?«

»Bengele.«

»Was für ein Bengele?«

»Der Hampelmann, der bei der Frau Fee wohnt.«

»Ah so!« sagte die Schnecke. »Warte ein bißchen, ich komme gleich hinunter und mache dir auf.«

»Spute dich, sonst muß ich in diesem Wetter erfrieren.«

»Mein Lieber, ich bin eine Schnecke, und den Schnecken pressiert es nie.«

Eine Stunde verging, es verging eine zweite, und die Türe war immer noch zu. Bengele klapperte mit den Zähnen und litt unsäglich durch die Kälte und Nässe. Er faßte Mut und klopfte noch einmal und diesmal viel fester.

Da ging im dritten Stock das Fenster auf, und die Schnecke zeigte sich wieder:

»Liebe Schnecke«, rief Bengele, »zwei Stunden warte ich schon, und in diesem Hundewetter ist eine Stunde so lang wie ein Jahr. – Mach vorwärts, ums Himmels willen beeile dich!«

Die Schnecke aber regte sich nicht auf. So langsam und gemächlich wie zuvor sagte sie: »Ich bin eine Schnecke, mein Lieber, und den Schnecken pressiert es nie.« – Und wieder ging das Fenster zu.

Gleich danach schlug es Mitternacht, dann 1 Uhr, dann 2 Uhr, und die Haustüre war immer noch zu.

Jetzt ging dem Bengele die Geduld aus, er klopfte und rüttelte mit aller Gewalt an der Türklinke; aber auf einmal verwandelte sich der eiserne Griff in einen lebendigen Aal, quietschte ihm aus der Hand und verschwand in der Wasserrinne neben der Straße.

»Auch das noch!« schrie Bengele, immer mehr vom Zorn erfaßt. – »Jetzt muß ich mir schon mit den Füßen helfen.«

Er nahm einen Anlauf und tat einen kräftigen Tritt gegen die Türe. Da gab ein Brett nach, der Fuß ging durch und blieb wie ein Nagel im Holze stecken. Vergeblich waren alle Anstrengungen des Hampelmannes; er brachte sein Bein nicht mehr heraus.

Mit einem Fuß auf dem Boden stehen und mit dem andern in einer Türe festgeklemmt sein, ist kein Vergnügen. Aber Bengele mußte aushalten.

Beim Morgengrauen wurde endlich die Türe geöffnet. Die wackere Schnecke war in neun Stunden vom vierten Stock herunter gekrochen; sie hatte sich wirklich beeilt.

»Was machst du denn mit dem Fuß in der Türe?« fragte sie Bengele.

»Das war eine dumme Geschichte. Schau mal, liebe Schnecke, ob du mir nicht heraushelfen kannst.«

»Mein Lieber, da muß ich schon den Schreiner kommen lassen; auf solche Arbeit verstehe ich mich nicht.«

»Dann geh und bitte die Mutter Fee, daß sie mich losmache.«

»Die Herrin schläft und will Ruhe haben.«

»Aber ich kann doch nicht den ganzen Tag wie ein Nagel in der Türe stecken!«

»Zähle zur Unterhaltung die Käfer, die auf der Straße vorbeilaufen!«

»Bring mir lieber etwas zu essen, ich bin halbverhungert!«

»Sofort!« sagte die Schnecke.

In der Tat kam sie nach drei Stunden wieder und trug eine Silberplatte auf dem Kopf. Darauf lag ein Brötchen, ein Stück Fleisch und vier schöne Aprikosen.

Für Bengele war das der erste Trost nach dem vielen Unglück. Aber auf seine Freude folgte sogleich die bitterste Enttäuschung: das Brot wurde in seiner Hand ein Stein, das Fleisch verwandelte sich in rostiges Eisen und die Aprikosen erwiesen sich als bunte Glaskugeln.

Der Hampelmann schäumte vor Zorn. Er faßte die Platte und wollte sie mit dem ganzen Inhalt hinaus auf die Straße werfen. Doch die Kräfte gingen ihm aus; ohnmächtig sank er zusammen und war wie tot.

Als Bengele wieder zu sich kam, lag er in seinem Bette. Die Mutter Fee saß neben ihm und sprach:

»Mein Kind, du bist sehr unartig gewesen; die Strafe dafür hast du heute nacht erhalten. Ich verzeihe dir deinen Leichtsinn; aber dies ist das letzte Mal.«

Bengele weinte und küßte der guten Mutter die Hand. Er versprach ihr fest, daß er keine Streiche mehr mache, und wurde sehr ernst.

Die gute Fee machte ihm neue Kleider, und Bengele ging wieder zur Schule. Bis zum Schlusse des Schuljahres lernte er mit großem Fleiße und war musterhaft brav.

In der Prüfung wurde er belobt und erhielt ein schönes Buch als Preis.

Die Mutter Fee war sehr zufrieden und sprach zu ihm:

»Von mir sollst du die schönste Gabe empfangen; morgen will ich deinen Herzenswunsch erfüllen. Nun verdienst du es nicht mehr, ein Hampelmann zu sein; über Nacht sollst du ein Knabe werden. – Wir machen morgen nachmittag ein kleines Fest in unserem Garten. Du darfst deine Schulkameraden dazu einladen. Es gibt Kaffee mit Kuchen, Butterbrot und Honig.«

Unbeschreiblich groß war Bengeles Freude. Was er als Hampelmann verübt und ausgestanden hatte, das alles soll vergangen und vergessen sein. Morgen fängt er als Knabe ein neues, glückliches Leben an.

Kein Hindernis schien mehr im Wege; aber … In Bengeles Leben gab es immer wieder ein »Aber«, das alles Schöne verdarb.

Freund Röhrle.

Einunddreißigstes Stück.

Freund Röhrle.

Nach dem Mittagessen wollte Bengele seine Freunde im Städtchen aufsuchen und zum Feste laden.

Vor dem Weggehen mahnte ihn die Fee und sprach: »Achte darauf, daß du vor Dunkelheit wieder zu Hause bist!«

»In einer Stunde bin ich zurück«, sagte der Hampelmann zuversichtlich.

»Versprich nicht zu viel, Bengele! – Wer zu viel verspricht, hält gewöhnlich wenig.«

»Aber ich nicht! – Und erst, wenn ich ein Knabe bin …«

»Abwarten! – Jetzt bist du noch ein Hampelmann. Wenn du heute nicht gehorchst, ist es dein größter Schaden.«

»Warum?«

»Wer nicht hören will, muß fühlen.«

»Das ist wahr. Ich habe es genug erfahren. Aber ich mache keine dummen Streiche mehr.«

»Abwarten!«

Bengele verabschiedete sich von der guten Mutter, sang und sprang und ging zum Hause hinaus.

In einer Stunde hatte er wirklich all seine Freunde eingeladen. Die meisten nahmen gerne an; manche ließen sich auch bitten. Doch als sie hörten, daß es dickgestrichene Butterbrote mit Honig gebe, sagten sie gerne zu. Äußerlich zierten sie sich freilich und meinten: »Wir wollen dir deine Freude nicht verderben.«

Bengeles bester Freund war Friedrich. Die Knaben nannten ihn nur den »Röhrle«. Er war ein dünnes, zartes Kerlchen, aber in allen Streichen durch wie ein Blasröhrle. Gerade deshalb liebte ihn Bengele mehr als alle andern. Er hatte ihn auch zuerst einladen wollen, aber er traf ihn nicht zu Hause. Auch ein zweites und drittes Mal war sein Gang vergeblich.

Nun suchte der Hampelmann seinen Röhrle in allen Winkeln und Ecken, wo sie miteinander gespielt hatten. Schließlich fand er ihn vor dem Städtchen hinter der Scheune eines Bauernhofes.

»Röhrle«, rief Bengele schon von weitem, »wo steckst du nur? – Was treibst du denn hier außen?«

Röhrle hatte ein schlechtes Zeugnis erhalten und fürchtete sich vor seinem Vater, der abends nach Hause kam. Er antwortete seinem Freunde:

»Ich warte bis Mitternacht, um auszureißen.«

»Wohin?«

»Weit, weit fort!«

»Dreimal schon habe ich dich daheim gesucht.«

»Warum?«

»Hast du es noch nicht gehört, was morgen geschieht? – Weißt du nicht, was ich werden soll?«

»Was?«

»Morgen hat es mit dem Hampelmann ein Ende, und ich werde ein Knabe wie du und alle andern.«

»Ich gratuliere!«

»Also morgen kommst du zum Feste.«

»Ich habe dir schon gesagt, daß ich ausreiße.«

»Wann?«

»Bald!«

»Wohin?«

»In ein fremdes Land, ins schönste Land der Welt!«

»Wie heißt es?«

»Faulenzerland! – Willst du nicht mitgehen?«

»Nein!«

»Sehr dumm, Bengele! – Es wird dich einmal reuen. Faulenzerland ist das schönste Land der Welt. Schulen und Bücher sind dort verboten. Wer lernt, wird bestraft. Jeden Tag ist schulfrei. Die großen Ferien gehen vom 1. Januar bis 31. Dezember. – Das ist ein Leben nach meinem Geschmacke. Daran könnten sich die zivilisierten Länder ein Vorbild nehmen.«

»Aber was treibt man denn jeden Tag im Faulenzerland?«

»Man spielt von Morgen bis Abend; dann geht man schlafen und am andern Morgen fängt es von vorne an. Na!?«

»Hmm!« machte Bengele und neigte den Kopf zur Seite. Das bedeutete: »Es tät mir auch gefallen.«

»Gehst du also mit? Ja oder nein! – Sei nicht langweilig!«

»Nein, nein, nein! – Ich habe meiner guten Mutter Fee versprochen, ein richtiger Knabe zu werden, und jetzt wird es auch gehalten. – Übrigens geht die Sonne gleich unter. – Ich gehe heim. Adieu, glückliche Reise!«

»So wird es doch gerade nicht eilen?«

»Doch! Ich habe es meiner Mutter versprochen; bevor es dunkel wird, will ich daheim sein.«

»Bleibe nur noch ein wenig da!«

»Es wird zu spät!«

»Nur noch ein ganz klein wenig!«

»Dann schimpft die Mutter Fee!«

»Laß sie schimpfen; sie hört auch wieder auf«, sagte der schlimme Röhrle.

»Gehst du allein oder mit andern?« fragte Bengele.

»Wo denkst du hin? – allein! – Es sind über hundert Knaben.«

»Geht die Reise zu Fuß?«

»Nein, nein! Gleich kommt das Fuhrwerk, mit dem man bis ins Faulenzerland fahren kann.«

»Wenn es nur gleich käme!«

»Warum?«

»Ich möchte euch abfahren sehen.«

»Warte noch ein wenig, und du kannst alles sehen.«

»Nein, nein, nein, jetzt gehe ich heim.«

»Warte doch nur noch ein bißchen!«

»Ich habe lang genug gewartet. Die gute Mutter ängstigt sich um mich.«

»Die arme Fee! Sie wird vielleicht denken, daß dich der Nachtkrabb frißt.«

»Na also!« sagte Bengele; »aber weißt du auch bestimmt, daß es in jenem Lande keine Schulen gibt?«

»Keine Spur davon!«

»Auch keine Lehrer?«

»Keinen einzigen!«

»Muß man gar nie lernen?«

»Gar nie!«

»Ein schönes Land!« murmelte Bengele, – schon war er halb gefangen. – »Ein schönes Land! Ich habe es zwar noch nie gesehen, aber ich kann mir’s vorstellen.«

»Warum gehst du dann nicht mit?«

»Du kriegst mich nicht herum und brauchst darum gar keine Anstrengungen mehr zu machen. Nun habe ich es einmal der Mutter versprochen, ein guter Knabe zu werden; ich werde es halten.«

»Also, Adieu! Einen schönen Gruß an die Schulhäuser, wenn du dran vorbeigehst!«

»Adieu, Röhrle, gute Reise, viel Vergnügen, vergiß deine alten Freunde nicht!«

Bengele wollte gehen; aber er hatte keine drei Schritte gemacht, so drehte er sich noch einmal um und sprach:

»Sag, Röhrle, gibt es dort wirklich immer Ferien?«

»Gewiß!«

»Weißt du ganz sicher, daß die Ferien vom 1. Januar bis zum 31. Dezember gehen?«

»Ganz sicher!«

»Ein schönes Land!« seufzte Bengele und rückte seine Mütze zurecht. Aber er siegte noch einmal über sich selbst und sagte rasch:

»Also, Adieu! Gute Reise!«

»Adieu!« –

Gleich drehte sich Bengele noch einmal um und fragte:

»Wann geht es ab?«

»Gleich!«

»Schade! – Wenn es nicht über eine Stunde ginge, dann könnte ich vielleicht doch warten.«

»Aber die Fee!« bemerkte der schlaue Röhrte.

»Jetzt ist es sowieso zu spät, und auf eine Stunde mehr oder weniger kommt es nicht mehr an.«

»Armer Bengele, wenn die Fee dich ausschimpft!«

»Macht nichts; ich lasse sie schimpfen, sie hört schon wieder auf.«

Es war dunkle Nacht geworden. Nach langem Warten sahen die beiden von ferne her ein Lichtlein kommen; sie hörten tuten und blasen, aber es war so leise wie Fliegengesumme.

»Da, da!« rief Röhrle.

»Was?« fragte Bengele.

»Da kommt das Fuhrwerk! – Gehst du mit? – Ja oder nein!?«

»Muß man dort wirklich nicht lernen?«

»Gar nicht! Wirklich gar nicht!«

»Ein schönes Land, ein schönes Land! – Wirklich ein schönes Land!«

Faulenzerland – ein schönes Land.

Zweiunddreißigstes Stück.

Faulenzerland – ein schönes Land.

Fast geräuschlos auf seinen Gummirädern näherte sich ein großer Postwagen. Ihn zogen zwölf Paar Eselchen, alle gleich groß, nur verschiedenfarbig. Da gab es graue, weiße, gesprenkelte, gefleckte, gestreifte, gelbe und sogar blaue Esel.

Man erblickte keine Hufe; denn die Tiere trugen gelbe Schuhe mit Gummisohlen.

Und erst der Kutscher! – Denkt euch ein kugeliges Männchen, fettglänzend wie einen Butterballen. Sein Gesicht glich einem rotbackigen Apfel; um sein Mündchen flog immerdar ein süßes Lächeln; seine Stimme war so schmeichelhaft zart wie das Schnurren der Katze, die sich der Herrin in den Schoß legen will.

Alle Knaben waren von der Liebenswürdigkeit des Männleins gefangen, wenn sie ihn nur sahen, stiegen sofort in seinen Wagen und fuhren mit ihm ins Faulenzerland.

Auch diesmal war das Gefährt schon dicht besetzt. Die kleinen Faulenzer saßen gedrängt wie Heringe in der Tonne. Aber keiner beklagte sich. Alle waren froh, ins glückliche Land zu kommen, wo die Bücher und die Schulen verboten sind. Sie dachten nicht mehr an die Eltern, hatten keinen Hunger mehr, vergaßen den Schlaf und waren voll Freude und Ausgelassenheit.

Das Fuhrwerk blieb stehen. Lächelnd fragte der Kutscher den Röhrle:

»Sag, mein Söhnchen, willst du auch mitfahren ins glückliche Land?«

»Natürlich will ich mit!«

»Aber sieh, es gibt keinen Platz mehr im Wagen; er ist schon völlig überfüllt.«

»Es wird schon gehen«, meinte Röhrle, »im schlimmsten Falle kann ich mich auch auf das Trittbrett setzen; ich habe es schon oft gemacht.« – Wirklich fuhr er auf dem Trittbrett mit.

»Und du, mein lieber Kleiner«, wandte sich der Kutscher an Bengele, »was hast denn du im Sinn? – Fährst du auch mit?«

»Ich gehe nicht mit. – Ich gehe jetzt heim, ich will lernen und ein ordentlicher Knabe werden.«

»Viel Vergnügen und viel Glück!«

»Bengele«, rief Röhrle, »horch! komm mit, wir wollen ein lustiges Leben führen!«

»Nein, nein, ich bleibe da!«

»Komm doch mit«, schrien alle aus dem Wagen, »wir wollen vergnügt miteinander spielen.«

»Ja, aber was wird meine gute Mutter sagen?« entgegnete Bengele; doch schon war es ihm leid, daß er daheim bleiben sollte. Er fuhr mit dem Ärmel über die Augen.

»Werde mir doch nicht trübsinnig«, sprach da das dicke Männchen, »komm mit ins Land der Freude!«

Bengele tat einen tiefen Seufzer, dann noch einen und einen dritten. Er war besiegt und sprach:

»Macht mir ein wenig Platz! – ich fahre mit.«

»Es ist alles besetzt«, sprach das Männchen, »aber du sollst sehen, wie gern ich dich habe. Komm und setze dich auf den Kutscherbock!«

»Und Sie?«

»Ich gehe zu Fuß nebenher.«

»Nein, nein, das gebe ich nicht zu! – Dann setze ich mich lieber auf einen Esel und reite«, sprach Bengele.

Gleich sprang er auf den ersten Esel rechts an der Deichsel. Der aber bäumte sich und warf ihn ab. – Das Gelächter und den Spektakel der Knaben hättet ihr hören sollen! – Aber das fette Männchen lachte nicht. Gelassen ging es auf den widerspenstigen Esel zu, tat, als sage es ihm etwas Liebes ins Ohr, biß ihm aber in Wirklichkeit die Ohrenspitze ab.

Bengele war von seinem Falle wieder aufgestanden; er schämte und ärgerte sich. Noch einmal schwang er sich elegant auf den Esel. Alle Knaben im Wagen bewunderten den Hampelmann; sie riefen: »Brav gemacht, Bengele!« und klatschten ihm Beifall.

Die Reise ging weiter. Gleichmäßig trabten die Eselchen dahin. Bengele fühlte sich schon ganz sicher im Sattel und dachte nicht mehr an die Bosheit seines Reittieres. Da fiel dem Esel eine neue Schlechtigkeit ein. Plötzlich hob er beide Hinterbeine hoch, und Bengele sauste über seinen Kopf weg in den Straßenschmutz.

Neuer Spektakel im Wagen! Aber das Männchen sagte dem Esel etwas ins andere Ohr und biß ihm die andere Ohrenspitze ab.

Hierauf tröstete es den Bengele und sprach:

»Nun setze dich ruhig auf den Burschen da! Er hatte Grillen im Kopfe, aber ich habe sie ihm herausgeblasen. Jetzt ist er fromm und wirft dich nicht mehr ab.«

Bengele stieg auf. Der Wagen rollte weiter. Die Knaben schwatzten und lachten nicht mehr. Auf einmal hörte Bengele ein verstohlenes Geflüster: »Armer Tölpel! Ungehorsam und herzlos bist du von der Mutter weggelaufen; bald wird es dich reuen!«

Bengele bekam Angst und schaute sich nach allen Seiten um. Es war niemand zu sehen. – Die Esel trippelten gleichmäßig weiter, im Wagen schliefen die Knaben, Röhrle schnarchte, das Männchen auf dem Bocke sang leise vor sich hin:

Ich fahre durch die Länder
In stiller dunkler Nacht.
Zwei Dutzend fauler Knaben
Hab‘ heut ich aufgebracht.

Die bunten Esel fuhren
Als Knaben einmal mit,
Und spielend lernten alle
Den leichten Eselschritt.

Es geht das Spiel zu Ende,
Eh’s einer nur bedacht, –
Und neue Esel ziehen
Den Wagen in der Nacht.

Bengele achtete nicht auf das Lied. Er wollte wissen, woher das eigentümliche Geflüster gekommen war, und strengte seine Augen an, ob vielleicht doch jemand in der Nähe sei. Da ließ sich dieselbe Stimme wieder vernehmen:

»Bengele, dummer Hampelmann, laß es dir sagen: Wer nicht lernt und die Bücher nicht leiden mag, wer seinen Eltern davonläuft und dem Lehrer, wer nur faulenzen und spielen will, mit dem nimmt es ein schlimmes Ende. Ich spreche aus Erfahrung; glaube mir! Der Tag wird kommen, wo du weinst wie ich; aber dann ist es zu spät.«

Entsetzt sprang der Hampelmann vom Esel und faßte ihn am Zügel. – Der Wagen hielt an. Bengele wußte nicht, was er denken sollte: sein Esel weinte wie ein Kind.

»Heh! Herr Kutscher!« rief Bengele, »was soll das heißen, der Esel da kann ja weinen!«

»Laß ihn weinen, er wird auch wieder lachen.«

»Gut! Aber wer hat ihn zum Sprechen abgerichtet?«

»Er hat von selber ein paar Worte gelernt, weil er drei Jahre lang mit dressierten Hunden zusammen war.«

»Du armes Tier!«

»Hi! hi!« rief der Kutscher und schwang die Peitsche; »wir können keine Zeit verlieren, weil mal ein Esel weint. – Setze dich in den Sattel! Vorwärts, wir haben noch einen weiten Weg.«

Bengele gehorchte ohne Widerrede. Der Wagen fuhr weiter, und am andern Morgen kamen sie glücklich ins Faulenzerland.

Wie dieses Land gibt es kein zweites auf der ganzen Welt. – Hier wohnen nur Knaben. Die ältesten sind 14 Jahre alt, die jüngsten etwa 8 Jahre. Auf allen Straßen geht es lustig her. Da ist ein Spektakel und ein Gebrüll, daß man die Ohren verstopfen möchte. – Überall sind Knabenscharen. Die einen spielen mit Klickern, andere Tanzknopf, andere alle Art Ballspiele, andere fahren Rad, wieder andere haben ein Schaukelpferd. – Hier machen sie »Blinde Kuh«, dort »Drei Mann hoch«, dort »Hasch-Hasch«. Die singen, die schlagen Purzelbäume, da läuft einer auf den Händen, dort schlägt einer ein Rad, hier marschiert ein strammes Generälchen mit Papierhelm und Holzsäbel. Sie schreien, lachen, fuchteln mit den Händen. Der eine pfeift, ein anderer singt und ein dritter ahmt sogar die Hühner und Hähne nach: ki-ke-ri-ki!

Der Lärm ist ohrenbetäubend, die reinste Hexenküche.

Auf allen Plätzen gibt es kleine Theater, die von Morgen bis Abend überfüllt sind. An den Häusern sieht man mit Kohle und Kreide allerhand Unfug anschrieben:

»hoch faulentzerlant!« – »Wier wolen keine schuhle Meer!« – »Fort mit den Rechenbiechern.«

Merkst du, kleiner Leser, wer das geschrieben hat?

Bengele, Röhrle und die Kameraden, die mit dem Männchen kamen, wurden bald mit den anwesenden Faulenzern bekannt. Sie machten überall mit und waren bald die glücklichsten Kinder auf der Welt. Wie der Blitz flog die Zeit dahin mit Spielen und Spassen.

»Wie schön ist jetzt das Leben!« sagte Bengele, so oft er den Röhrle traf.

»Siehst du«, meinte dieser einmal, »ich habe doch recht gehabt. – Du wolltest heim zu deiner Fee und lernen. – So eine Verrücktheit! – Daß du heute nicht in der langweiligen Schule sitzest, hast du mir allein zu verdanken. – Und wie mußte ich mir Mühe geben, bis ich dich so weit gebracht hatte! – Aber nun siehst du ein, daß ich eben doch allein dein guter Freund bin.«

»Es ist wahr, Röhrle«, gestand Bengele, »dir verdanke ich mein Glück. – Aber weißt du auch, was der Lehrer einmal über dich sagte?«

»Na?«

»Er warnte mich und sprach: »Verkehre nicht mit dem Röhrle; er ist ein schlechter Kamerad und verleitet dich nur zu bösen Streichen!«

»Der dumme Lehrer!« bedauerte Röhrle; »er hat mich nie leiden können, ich weiß es wohl. Darum hat er mich immer verleumdet. – Aber ich verzeihe ihm und will es vergessen.«

»Du bist ein guter Kerl«, sagte Bengele, umarmte herzlich den Röhrle und versprach ihm ewige Freundschaft.

Zwei neue Esel.

Dreiunddreißigstes Stück.

Zwei neue Esel.

Fünf Monate Faulenzerleben waren schon vergangen. Die Knaben hatten ohne Unterlaß gespielt und nie ein Buch angeschaut. – Da erwachte Bengele eines Morgens, und alle Freude am Faulenzerlande war mit einem Schlage vernichtet.

Was war vorgefallen? – Geduld, meine kleinen Leser, ich werde euch alles erzählen.

Bengele wachte also auf, und wie gewöhnlich, wenn er aus dem Bette steigen wollte, kratzte er sich zuerst hinter den Ohren. Wie er nun dieses Mal an den Kopf griff, merkte er – na ratet mal, was? – merkte er zu seinem Entsetzen, daß seine Ohren ein gutes Stück länger geworden waren.

Ihr erinnert euch noch, daß der Hampelmann ursprünglich kleine Öhrchen hatte, so winzig, daß man sie mit bloßem Auge kaum sehen konnte. – Seppel hatte ja vergessen, sie zu schnitzen. – Das dumme Gesicht Bengeles hättet ihr sehen sollen, als er merkte, daß seine Ohren über Nacht so sehr gewachsen waren, daß sie wie Hörner am Kopfe standen. – Gleich suchte sich der Hampelmann einen Spiegel. Es war keiner zu finden. Da füllte er die Waschschüssel mit Wasser und schaute hinein. – Welch entsetzliches Bild! Er hätte es lieber nie gesehen. An seinem Kopfe standen zwei richtige Eselsohren.

Wie ihm das in der Seele weh tat, wie er sich schämte, wie er verzweifelte! – Der arme Bengele! –

Weinen und jammern, mit dem Kopfe an die Wand rennen, an den langen Ohren zerren, alles war umsonst; sie wuchsen immer noch mehr und bekamen ihre Haarbüsche an der Spitze.

Ein hübsches Murmeltierchen, das ein Stockwerk höher wohnte, hatte das Jammergeheul gehört und kam zu Bengele, um ihn zu trösten. Es fand ihn ganz von Sinnen und fragte liebevoll:

»Was fehlt denn meinem Herrn Nachbar?«

»Ich bin krank, liebes Murmeltierchen, schlimm krank! – Diese Krankheit macht mir große Sorge; fühle doch mal meinen Puls!«

»Er ist etwas bewegt.«

»Habe ich vielleicht Fieber?«

Das Murmeltierchen setzte sich auf die Hinterbeine, fühlte genau den Puls, zählte und sagte traurig:

»Mein lieber Freund, das ist eine böse Sache!«

»Wirklich?«

»Du hast ein ekliges Fieber.«

»Was für eines?«

»Das Eselsfieber!«

»Von dem habe ich noch nie etwas gehört«, meinte Bengele; aber ihm ahnte das Unglück.

»Nun denn«, fuhr das Murmeltierchen fort, »so will ich dir alles erklären. – In zwei bis drei Stunden bist du kein Hampelmann mehr und wirst auch kein Knabe sein, sondern –«

»Sondern was?«

»Sondern ein richtiger, vierbeiniger Esel. – Vielleicht kommt dann ein Bauer, kauft dich und nimmt dich mit nach Hause. Du wirst vor sein Wägelchen gespannt und kannst das Gemüse und die Milch in die Stadt fahren.«

»O weh, o weh!« rief Bengele, packte die langen Ohren mit beiden Händen und riß daran, als ob sie gar nicht ihm gehörten.

»Lieber Freund«, beruhigte ihn das Murmeltierchen, »es ist nichts mehr zu machen. Das ist das Schicksal, und so ist es unabänderlich bestimmt, daß alle nichtsnutzigen Kinder, die von Büchern, von Lehrern und von der Schule nichts wissen wollen, nur faulenzen, spielen und den Tag totschlagen, früher oder später Esel werden müssen.«

»Ist das wirklich so?« schluchzte der Hampelmann.

»Leider ja! Mit Heulen ist hier nichts mehr gut zu machen. Du hättest früher daran denken müssen.«

»Aber ich bin nicht daran schuld, glaub es nur, liebes Murmeltierchen, der Röhrle und nur der Röhrle …«

»Wer ist der Röhrle?«

»Mein Schulkamerad. – Ich habe nach Hause gehen wollen, ich habe folgen wollen, ich habe gelernt und gute Noten bekommen; aber der Röhrle hat zu mir gesagt: ›Wozu willst du dich abplagen? Wozu willst du in die Schule gehen? Geh mit mir ins Faulenzerland! Dort spielt man Tag für Tag und ist immer lustig.‹«

»Warum hast du denn auf einen schlechten Freund und bösen Kameraden gehört?«

»Weil …, weil … o du liebes Murmeltier, weil ich ein unvernünftiger Hampelmann bin und gar kein Herz habe. – Ja, hätte ich nur einen Funken Liebe gehabt, dann wäre ich meiner lieben Mutter Fee nicht davongelaufen. – Sie war so gut gegen mich! – Jetzt wäre ich schon lange kein Hampelmann mehr, sondern ein braver Knabe wie viele andere. – Aber wenn ich den Röhrle erwische, wehe dem! Ich werde ihn gründlich verhauen.« –

Er wollte hinausgehen; aber unter der Türe fielen ihm die Eselsohren ein. Er schämte sich vor den Leuten. – Was tun? – Erfinderisch machte er sich eine hohe Mütze aus Pappdeckel und stülpte sie über die Ohren.

Jetzt suchte er den Röhrle überall: auf den Straßen, in den Theatern, in allen Winkeln; aber er war nicht zu finden. Er fragte andere Knaben nach ihm; keiner hatte ihn gesehen.

Schließlich ging er nach Röhrles Hause und klopfte an die Türe.

»Wer ist draußen?« fragte Röhrle.

»Ich bin’s«, antwortete Bengele.

»Warte ein wenig, ich mache dir gleich auf.«

Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis Röhrle fertig war. – Bengele war höchst erstaunt, als er den Röhrle mit einer ganz ähnlichen Pappdeckelmütze erblickte. Das tröstete den Hampelmann ein wenig; denn er dachte, daß Röhrle die gleiche Krankheit habe. Er tat aber, als merke er nichts, und fragte lachend:

»Wie geht es dir, Freund Röhrle?«

»Sehr gut, wie dem Vogel im Hanfsamen.«

»Sehr gut? im Ernste?«

»Ich hätte keinen Grund zu lügen.«

»Nimm mir’s nicht übel, Röhrle, warum trägst du dann diese Pappdeckelmütze über den Ohren?«

»Der Arzt hat sie mir verschrieben, weil ich Zahnweh hatte. Aber du, lieber Bengele, warum trägst du eine solche Mütze?«

»Mir hat sie der Arzt verordnet, weil ich Halsweh hatte.«

»Armer Bengele!«

»Armer Röhrle!«

Jetzt war es lange still im Zimmer; die beiden Freunde sahen schweigend einander an und einer wollte den andern auslachen. Schließlich ging der Hampelmann auf seinen Freund zu und flötete ihm zärtlich ins Ohr:

»Ich bin neugierig, Röhrle; sag mal, hast du je etwas an den Ohren gehabt?«

»Nie! – Du vielleicht?«

»Auch nie! – Aber seit heute früh habe ich etwas an einem Ohr.«

»Ich auch.«

»Du auch? An welchem?«

»An allen beiden! – Und du?«

»Auch an allen beiden. – Wir haben die gleiche Krankheit.«

»Ich glaube es auch.«

»Röhrle, tu mir einen Gefallen.«

»Gern!«

»Laß mich deine Ohren sehen!«

»Weshalb nicht; aber erst zeig mir deine!«

»Nein, zuerst du!«

»Nein, mein Lieber, erst du, dann ich!«

»Gut«, sagte da der Hampelmann, »wir wollen etwas miteinander ausmachen.«

»Nämlich?«

»Wir nehmen alle zwei auf einmal die Mütze ab.«

»Angenommen!«

»Also aufgepaßt!«

Bengele zahlte: »Eins, zwei, drei!«

Auf drei flögen zwei Pappdeckelmützen in die Luft. – Was darauf folgte, ist fast nicht zu glauben. Bengele und Röhrle sahen, daß sie wirklich beide die gleiche Krankheit hatten; aber sie konnten nicht traurig sein; zu drollig war’s, einander anzugucken. Sie wackelten mit dem Kopfe, ließen ihre Eselsohren aneinander bammeln, schüttelten sich und konnten aus dem Lachen nicht mehr herauskommen. – Plötzlich im größten Hallo wechselte Röhrle die Farbe, ward ganz still, knackte zusammen und rief:

»Hilf, Bengele, hilf!«

»Was hast du?«

»Ich kann nicht mehr aufrecht stehen.«

»Ich auch nicht mehr«, seufzte Bengele und wackelte ganz bedenklich.

Schon neigten sich beide vornüber, schon liefen sie auf allen vieren im Zimmer herum. Die Arme wurden Beine, das Gesicht verzog sich zu einer langen Eselsschnauze, die Haut wurde mit einem grauschwarzen Fell bedeckt. – Das Ärgste kam zuletzt. – Wie sie sich schämten, als ihnen der Schwanz wuchs, dieser häßliche Eselsschwanz! – Sie wollten weinen und klagen über ihr maßloses Elend. – Hätten sie lieber geschwiegen! – Kein Klagelaut drang aus ihrer Kehle, und weinen konnten sie auch nicht mehr. Laut und schnarrend ertönte durch das Haus ein unbändiges: I-ah, I-ah, I-ah!

Bald klopfte es an die Türe und draußen brummte einer:

»Aufgemacht! Ich bin’s, der Kutscher des Wagens, auf dem ihr in dies Land gefahren seid. Gleich aufgemacht, oder paßt auf …!«

Der Richter von Dummersheim.

Neunzehntes Stück.

Der Richter von Dummersheim.

Bengele tat, wie der Fuchs angeordnet hatte. Er vertrieb sich die Zeit, bis das Bäumchen gewachsen war, in der Stadt. Die zwanzig Minuten wollten ihm gar nicht vorbeigehen. Sein Herz pochte laut: tick-tack, tick-tack, wie eine große Wanduhr; seine Gedanken alle drehten sich um das Gold.

»Wenn ich jetzt zweitausend Goldstücke finde! – oder fünftausend, vielleicht auch hunderttausend! – dann bin ich ein großer, reicher Herr – ich kaufe mir ein schönes Schloß – tausend Schaukelpferde zum Spielen – in meinem Keller halte ich mir die feinsten Weine – ich richte mir eine große Bibliothek ein; aber die Bücher müssen alle von Zucker sein oder von Torte, oder Schokolade, oder Schlagsahne.«

Endlich war die Zeit verstrichen. Bengele lief zurück zum Wunderfeld. Schon von weitem blieb er stehen, um sein Goldbäumchen zu erblicken; er sah nichts. – Er ging eine Strecke weiter und strengte die Augen an; es war noch nichts zu unterscheiden. Er trat ins Feld hinein, er stand vor dem Plätzchen, wo er das Gold gesät hatte; das Bäumchen war noch nicht gewachsen.

Der Hampelmann wurde sehr nachdenklich. Er neigte sich nieder und betrachtete lange Zeit die Erde, ob nicht endlich ein Blättchen hervorwachse.

Plötzlich hörte er über sich ein schallendes Gelächter. Bengele drehte sich um und sah auf einem Baume einen struppigen Papagei, der sich die paar Federn putzte, die er noch am Leibe hatte.

»Was lachst du da?« fragte ärgerlich der Goldsucher.

»Ich habe mich beim Kämmen eben ein bißchen unter den Flügeln gekitzelt und mußte lachen.«

Der Hampelmann sagte nichts darauf. Er ging an den Wassergraben, füllte seinen Schuh und begoß noch einmal die Erde über den vier Goldstücken.

Unverschämter wie das erste Mal erklang das Lachen des Papageis.

»Bitte, ungezogener Papagei, dürfte ich jetzt wissen, worüber du lachst?«

»Ich lache über die Dummen, die nicht alle werden, über jene Tölpel, die sich von jedem Gauner betrügen lassen.«

»Meinst du damit etwa mich?«

»Jawohl, armer Bengele! Du hattest so wenig Verstand, daß du glaubtest, man könne Goldstücke säen und ernten wie Erbsen und Bohnen. – Ich war auch einmal so einfältig, und jetzt muß ich es büßen. Zu spät habe ich es leider gelernt, daß man arbeiten muß mit Händen oder mit dem Kopfe, wenn man sich ein paar Pfennige ehrlich ersparen will.«

»Ich versteh‘ dein Geschwätze nicht«, sagte der Hampelmann; aber er hatte schon Angst für sein Geld bekommen.

»So paß mal auf; ich will dir alles erklären«, sprach der Papagei. »Die Sache ist höchst einfach: Als du in der Stadt warst, kamen der Fuchs und die Katze hierher, gruben dein Gold aus und liefen wie der Blitz davon.«

Bengele konnte nicht glauben, was der Papagei plauderte. Er scharrte mit den Händen die Erde wieder auf und suchte seine Goldstücke. So tief grub er das Loch, als er mit seinem Arme hineinreichen konnte. – Das Gold kam nicht mehr zum Vorschein.

Voll Zorn und Ärger lief der Hampelmann in die Stadt zurück und suchte den Staatsanwalt. Die zwei Strolche sollten es büßen, daß sie ihn so tückisch betrogen hatten.

Auf dem Marktplatze stand ein großes Gebäude; über dem Eingänge hing das Wappen von Dummersheim: ein schwerbeladener Esel, der von seinem Treiber geprügelt wird. Der Pförtner, ein schielender Fuchs, führte Bengele in ein großes Zimmer. Hier saß hinter einem grünbelegten Schreibtische der Herr Gorillius, ein alter Affe mit weißem Barte. Er hatte eine goldene Brille ohne Gläser weit vorn auf der Nase sitzen und sah dadurch sehr gelehrt und weise in die Welt. – Das war der Staatsanwalt von Dummersheim.

Bengele erzählte ihm, wie er vom Fuchse und von der Katze betrogen worden sei; er gab Vor- und Zunamen der Bösewichter an – ihr Geburtsdatum wußte er nicht – und verlangte Gerechtigkeit.

Der Staatsanwalt hörte ihn huldvoll an und nahm warmen Anteil an seinem Mißgeschick. – Als der Hampelmann nichts mehr zu sagen hatte, läutete Gorillius mit dem silbernen Glöcklein, das auf dem Tische stand.

Sofort erschienen zwei als Gendarmen gekleidete Bulldoggen.

Der Staatsanwalt deutete auf Bengele und sagte zu ihnen:

»Dem armen Kerlchen da haben sie vier Goldstücke geraubt; faßt ihn also und werft ihn sofort ins Gefängnis.«

Der Hampelmann war über dieses Urteil entrüstet. Er wollte sich dagegen verwahren, aber die beiden Gendarmen hatten keine Zeit zu verlieren, hielten ihm den Mund zu und führten ihn ab.

Vier lange Monate lag Bengele im Gefängnis; ein besonderes Ereignis brachte ihm endlich die Erlösung.

Der junge König Habicht XVII. von Dummersheim hatte einen glücklichen Krieg gegen das Land Hennanien geführt. Man feierte den Sieg mit großen Festlichkeiten: Straßenbeleuchtung, Feuerwerk, Pferderennen, Radfahrer-Wettrennen wurden veranstaltet. Alle Staatsgefangenen sollten die Freiheit erhalten.

»Wenn alles hinaus darf, dann will ich auch losgelassen werden«, sagte Bengele dem Gefangenwärter.

»Du bist nicht an der Reihe«, sagte dieser.

»Bitte sehr«, meinte Bengele, »bin ich denn ein Strolch gewesen?«

»Leute von deiner Sorte haben immer tausend Ausreden«, sagte der Wärter. – Schließlich aber machte er die Tür auf und ließ den Hampelmann laufen.

Die Riesenschlange

Zwanzigstes Stück.

Die Riesenschlange

Denkt euch Bengeles Freude, als er wieder frei war! Ohne sich umzusehen, ging er zur Stadt hinaus. Nach Hause trieb es ihn, fort von dem bösen Dummersheim. Er wollte seine gute Schwester Fee wieder sehen und seinen lieben Vater.

Es hatte viel geregnet. Der Weg war so durchweicht, daß das Hampelchen bis über die Knöchel in den Schlamm einsank. Was kümmerte sich Bengele darum! – Wenn der Weg zur Heimat führt, wird man nicht müde. – Das Holzmännlein sprang durch den Schmutz wie ein Windhund.

Noch einmal mußte er an all das denken, was er erlebt hatte, und sprach für sich selbst:

»Es ist mir viel Unglück passiert; aber verdient habe ich es auch. – Ich bin so ein eigensinniger, dickköpfiger Hampelmann; alles soll immer nur nach meiner Schnur gehen; nie höre ich auf die Leute, die es gut mit mir meinen, und wenn sie auch tausendmal klüger sind wie ich. – Aber jetzt wird es anders! Ich will mich bessern und ein artiger, folgsamer Knabe werden. Am eigenen Leibe habe ich es bitter genug erfahren müssen, daß die ungezogenen Kinder ins Unglück kommen und nie etwas Gutes erreichen.

Ob wohl mein Vater noch auf mich wartet? Wie wird es ihm ergangen sein? – Wahrscheinlich werde ich ihn bei der Fee wiederfinden. Ach wie lange habe ich den Armen nicht mehr gesehen! – Von jetzt an will ich gut gegen ihn sein und ihn von Herzen lieben.

Wird mir die Fee meine Unart verzeihen? – Wie aufmerksam war sie gegen mich und mit welcher Liebe hat sie mich gepflegt! Ja, ihre Sorge hat mir das Leben gerettet! – Und ich! ich bin der undankbarste Hampelmann auf der Welt und habe kein Herz gehabt.« –

Erschrocken macht Bengele plötzlich Halt und weicht unwillkürlich drei Schritte zurück. Was ist geschehen? – Eine Riesenschlange lag quer über die Straße. Grün glänzte ihre schuppige Haut; die Augen sprühten Feuer; der Schwanz endete in einer Spitze, die wie ein Fabrikschlot rauchte.

Wundert ihr euch, daß der Hampelmann Angst bekam? – Hundert Schritte ging er zurück und setzte sich auf einen Steinhaufen. Von dort hielt er Ausschau und wartete, ob die Schlange nicht weiter krieche und die Straße freigebe.

Nach drei Stunden lag das Untier immer noch an dem gleichen Flecke. Auch von weitem konnte Bengele die glühenden Augen sehen und die Rauchwolke, die aus dem Schwanze aufstieg.

Der Hampelmann wurde des Wartens überdrüssig. – Mutig näherte er sich bis auf wenige Schritte dem schrecklichen Wurme und redete ihn mit süßer, freundlicher Stimme an:

»Bitte schön, geehrte Frau Riesenschlange, wolltest du dich nicht auf der einen Seite ein bißchen zusammenziehen, daß ich vorbeigehen kann!«

Er hätte ebensogut an eine Wand hin reden können. Das Tier rührte sich nicht von der Stelle.

Ein zweites Mal versuchte es Bengele und bat noch inständiger:

»Höre doch nur, beste Frau Schlange, ich will nach Hause gehen; mein Vater wartet auf mich, und ich habe ihn schon so lange nicht mehr gesehen. – Bitte, bitte, sei doch gut und laß mich weiter gehen!«

Kein Erfolg! Ja die Schlange, die bisher lustig und voll Leben schien, ward mit einem Male ganz unbeweglich und starr. Sie schloß die Feueraugen, und der Schwanz rauchte nicht mehr.

»Die ist jetzt richtig tot«, sagte Bengele und rieb sich vergnügt die Hände. – Ohne lange zu warten, machte er sich daran, über sie hinwegzuspringen. Aber kaum hatte er sich gerührt, so schnellte die Schlange auf wie ein Hupfteufel. Zum Tod erschrocken, machte das Hampelchen einen Sprung rückwärts, stolperte aber und schlug einen solchen Purzelbaum, daß er mit dem Kopfe in dem aufgeweichten Boden stecken blieb und die Beine in die Luft streckte. Er wollte sich aus seiner hilflosen Lage befreien, und wie ein Käfer, der auf dem Rücken liegt, fing er rasend an zu zappeln und zu strampeln. So etwas Lustiges hatte die Schlange noch nie gesehen. Sie fing an laut zu lachen, schüttelte sich und konnte nicht mehr aufhören. – Es war des Guten zu viel. Von dem übermäßigen Lachen platzte ihr eine Ader im Leibe, und diesmal sank sie wirklich tot auf den Weg.

Die Marderfalle – Bengele wird Hofhund

Einundzwanzigstes Stück.

Die Marderfalle – Bengele wird Hofhund

Der Hampelmann wollte noch vor Nacht zu Hause sein. Er sprang über die tote Riesenschlange weg und ging seines Weges weiter.

Nach einiger Zeit befiel ihn der Hunger so entsetzlich, daß er zu sterben glaubte. Mühsam schleppte er sich noch in einen Weinberg neben der Straße, um ein paar Traubenbeerchen zu pflücken.

Hätte er es doch nicht getan!

Das unglückliche Hampelchen war noch keine fünf Schritte von der Straße weg, da machte es: krack! – und seine Füße waren zwischen zwei Eisen eingeklemmt. Diese schlugen so fest zusammen, daß der Arme ohnmächtig niedersank.

Seit einiger Zeit trieben in dieser Gegend ein paar freche Marder ihr Unwesen. Sie drangen in die Hühnerställe ein, stahlen die Eier und mordeten das Federvieh. Darum legten die Bauern allenthalben Marderfallen. Unser Unglücksbengele war just in eine solche hineingetreten und konnte sich nicht mehr von der Stelle rühren.

Als er wieder zu sich kam, weinte er laut und rief um Hilfe.

Es war alles vergeblich; in der Nähe wohnte niemand und kein Mensch ging den einsamen Feldweg.

Unterdessen wurde es Nacht.

Die Eisen preßten Bengele die Beine zusammen, und er litt große Schmerzen. Überdies bekam er Angst, als er so ganz allein in der Nacht auf dem Felde war. – Da flog ein Leuchtkäferchen über seinen Kopf; er rief ihm und sagte:

»Leuchtkäferchen, tu mir doch den Gefallen und befreie mich aus dieser Qual!«

»Armes Kerlchen!« sagte dieses und schaute sich den Hampelmann mitleidig an; »wie bist du nur mit den Beinen zwischen diese beiden Eisen geraten?«

»Ich bin von der Straße gegangen, weil ich mir zwei Traubenbeerchen abzupfen wollte und …«

»Ist das dein Weinberg?«

»Nein!«

»Wer hat dir denn gesagt, daß man den andern ihre Sachen nehmen darf?«

»Ich hatte doch so sehr Hunger!«

»Die bösen Kinder finden immer einen Grund, den andern Leuten ihre Sachen wegzunehmen!«

»Du hast recht«, seufzte Bengele; »aber ich werde es auch nie mehr tun.«

Das Zwiegespräch ward jäh abgebrochen; denn von der Straße hörte man Schritte, und das Leuchtkäferchen flog davon. – Auf den Zehenspitzen kam der Bauer angeschlichen, um nachzusehen, ob ein Marder in die Falle gegangen sei.

Sein Erstaunen war unbeschreiblich, als er die Laterne unter seinem Mantel hervorzog und statt eines Marders einen Hampelmann in der Falle fand.

»So, du Tropf«, sagte der Bauer wütend, »du stiehlst mir meine Hühner!?«

»Aber nein, ich nicht!« schluchzte Bengele, »ich bin hierher gekommen, weil ich mir ein paar Traubenbeerchen abzupfen wollte.«

»Wer Trauben stiehlt, kann auch Hühner stehlen. Du wirst schon sehen, was ich jetzt mit dir anfange! – Den Denkzettel vergissest du so schnell nicht wieder!«

Der Bauer machte die Falle auf, faßte den Hampelmann am Genick, wie man eine Katze packt, und trug ihn nach Hause.

Vor dem Hoftore warf er den Gefangenen auf den Boden, stand mit einem Fuße auf seinen Hals und sagte:

»Heute ist es mir zu spät; ich will jetzt zu Bett gehen. – Morgen werden wir abrechnen. Einstweilen machst du mir den Hofhund! Ich habe heute früh meinen treuen Phylax tot in seiner Hütte gefunden. Von jetzt an übernimmst du sein Wächteramt.«

Der Bauer hob das Hundeband auf und legte es Bengele so eng um den Hals, daß er es nicht über den Kopf streifen konnte. Der Lederriemen hing an einer langen Kette, und diese war mit dem andern Ende in die Mauer geschmiedet.

»Wenn es regnet, kannst du in die Hundehütte kriechen. Phylax hat das auch so gemacht. Stroh liegt genug drinnen. Wenn Diebe kommen, so mußt du die Ohren spitzen und laut bellen! – Verstanden?«

Mit diesen Worten ging der Bauer in sein Haus.

Bengele verging fast vor Kälte; es quälten ihn Hunger und Angst. Er wollte das Halsband abstreifen; aber es saß fest und schnürte ihm die Kehle zusammen.

Der Hampelmann ergab sich in sein Schicksal. Er setzte sich auf einen Stein vor der Hundehütte und schaute in die stille Nacht hinein. Hell glänzte der Mond, freundlich blinkten die Sternlein vom Himmel hernieder. Bengele wurde traurig. Er dachte wieder über sein Leben nach und sagte:

»Es geschieht mir recht, ganz recht! Ich war eigensinnig und bin von zu Hause weggelaufen. Ich habe auf schlechte Kameraden gehört, und darum kommt all das Unglück über mich. Wäre ich ein ordentlicher Knabe gewesen, hätte ich gelernt und gearbeitet, wäre ich beim Vater daheim geblieben, dann müßte ich jetzt nicht einem Bauern den Hofhund machen. Wenn ich nur noch einmal auf die Welt kommen könnte! – Aber jetzt ist mit dem besten Willen nichts mehr zu ändern!«

Weinend stillte Bengele seinen quälenden Hunger mit der kalten Hundesuppe, die Phylax übriggelassen hatte. Dann kroch er müde in die Hütte und schlief ein.

Belohnte Treue

Zweiundzwanzigstes Stück.

Belohnte Treue

Gegen Mitternacht wurde Bengele aus dem Schlafe geweckt. Er hörte ein Gezischel in der Nähe seiner Hundehütte und streckte vorsichtig die Nase hinaus. Da standen vier Tiere beisammen und schwatzten miteinander. Sie sahen aus wie schwarze Katzen; aber es waren die Marder. – Die blutgierigen Räuber hatten es wieder auf frische Eier und junge Hühner abgesehen und besprachen eben ihren Kriegsplan.

Da kam einer von ihnen zur Hundehütte geschlichen und lispelte:

»Phylax! – Phylax, guten Abend!«

»Ich heiße nicht Phylax«, sagte Bengele.

»Ja, wer bist du denn?«

»Ich bin Bengele!«

»Was machst du da?«

»Den Hofhund!«

»Und Phylax? Wo ist der gute Alte hingekommen?«

»Er ist heute früh gestorben!«

»Gestorben! – Armer Kerl. Er war so treu und gut! – Doch dir seh‘ ich es schon am Gesicht an; auch du bist ein anständiger Hund!«

»Bedaure sehr, ich bin kein Hund.«

»Was dann?«

»Ein Hampelmann.«

»Und machst den Hofhund?«

»Allerdings, zur Strafe!«

»Gut! – Ich mache dir das gleiche Anerbieten wie dem verstorbenen Phylax und denke, daß du einverstanden bist!« –

»Das wäre?«

»Wir kommen jede Woche einmal wie bisher und untersuchen diesen Hühnerstall. Acht Hühner nehmen wir jeweils mit. Sieben davon gehören uns, eines schenken wir dir unter der Bedingung, daß du dir nie einfallen läßt zu bellen und den Bauern zu wecken.«

»Das hat Phylax wirklich so gemacht?«

»Jawohl, und wir sind dabei stets gut miteinander ausgekommen. – Schlafe also ruhig. Bevor wir gehen, lassen wir dir vor der Hütte ein Huhn liegen, fein gerupft zum Frühstück für morgen. – Einverstanden, nicht wahr!« –

»Und wie!«… sagte Bengele. Aber er wackelte mit dem Kopfe in drohender Art und sagte für sich selbst: »Wir werden gleich deutlicher miteinander reden.«

Die vier Marder waren ihrer Sache sicher und gingen sofort zum Hühnerstall. Dieser lag ganz nahe bei der Hundehütte. Die Diebe öffneten die Türe mit ihren scharfen Zähnen und huschten einer nach dem andern hinein. – Kaum waren sie drinnen, so ward die Türe mit Wucht zugeschlagen.

Bengele hatte die Marder in den Hühnerstall gesperrt, und damit sie ja nicht auskamen, wälzte er vor das Holztürchen einen großen Stein.

Jetzt ging’s ans Bellen; er konnte es wahrhaftig wie ein Hofhund; laut dröhnte sein zorniges: bu, bu, bu – wau, wau, wau!

Gleich sprang der Bauer aus dem Bette, nahm sein Gewehr und guckte zum Fenster hinaus:

»Was ist los?«

»Diebe, Diebe!«

»Wo?«

»Im Hühnerstall.«

»Ich komme gleich hinunter.«

Schon war der Bauer da, ging in den Hühnerstall, packte alle vier Marder und steckte sie in einen Sack. Dann hielt er ihnen folgende Rede:

»So, hab‘ ich euch endlich erwischt! – Ich könnte nun kurzen Prozeß machen; aber ich will euch nicht gar zu grob behandeln. Morgen früh trage ich euch hinüber ins Wirtshaus. Der Wirt zieht euch dann das Fell ab und kocht euch, als Hasenpfeffer. Diese Ehre ist schier zu groß für Hühnerdiebe; aber seine Leute wie ich gönnen auch den Strolchen noch ein bißchen gute Behandlung.«

Darauf ging der Bauer hin zu Bengele, lobte ihn über alle Maßen, streichelte ihn und sprach:

»Aber sage mir nur, wie bist du der Diebesbande auf die Spur gekommen? – Mein armer Phylax hat sie nie erwischt und nie etwas gemerkt.«

Bengele hätte alles erzählen können; er hätte dem Bauern sagen können, wie niederträchtig Phylax unter einer Decke mit den Mardern steckte. Aber er dachte: Der Hund ist tot, und den Toten soll man nie Übles nachreden; es ist am besten, man läßt sie im Frieden ruhen. – Der Bauer drang weiter in Bengele ein: »Hast du gewacht oder geschlafen, als die Marder kamen?« »Geschlafen«, erwiderte Bengele; »aber die Marder haben mich mit ihrem Geschwätze geweckt. Einer kam auch zu mir an die Hütte und sagte: ›Wenn du nicht bellst und den Hausherrn nicht weckst, schenken wir dir ein feingerupftes Huhn‹ – So eine Frechheit! Mir ein solches Anerbieten machen! – Ich bin freilich ein Hampelmann und habe alle möglichen Untugenden; aber das tue ich nie, daß ich den Lumpen den Helfershelfer und dem Stehler den Hehler mache.«

»So ist’s recht!« sagte der Bauer und klopfte ihm auf die Schultern, »alle Achtung vor dir! Weil du ein so guter Hampelmann bist, so laß ich dich jetzt laufen, daß du nach Hause kannst.«

Er nahm ihm das Halsband ab. – Bengele war wieder frei.

Vom weißen Marmorstein ans brausende Meer

Dreiundzwanzigstes Stück.

Vom weißen Marmorstein ans brausende Meer

Querein durch die Felder lief der Hampelmann davon. Er suchte möglichst rasch die Hauptstraße zu erreichen, die zum Hause der Fee führte. Schon von weitem erkannte sein scharfes Auge das Wäldchen, er sah über die andern Bäume die Große Eiche emporragen, an der er einst Todesangst ausgestanden; aber wie er auch schaute und spähte, das weiße Häuschen war nirgends zu erblicken.

Eine traurige Ahnung beschlich ihn. Er fing einen schnelleren Schritt an und kam auf die grüne Wiese. Das Haus der Fee war nicht mehr da. Mitten im blumigen Grase aber lag ein weißer Marmorstein, der mit Goldbuchstaben beschrieben war. – Bengele konnte noch nicht lesen; aber schon beim Anblick des Steines kamen ihm die Tränen in die Augen.

Da kroch aus dem Grase neben dem Steine ein schwarzer Brummkäfer hervor und fing an unter den Buchstaben herzulaufen, so wie die Kinder den Zeilen mit dem Finger nachfahren, wenn sie noch nicht gut lesen können. Dabei brummte der Käfer wie die Orgel eine Trauermelodie und sang wehmütig und eintönig:

Hier ruht im süßen Schlummer
Das Mägdlein mit dem goldenen Haar.
Ihm brach das Herz vor Kummer,
Weil Bengele so treulos war.

Der Hampelmann zitterte; seine Beine wankten; er fiel nieder auf den kalten Marmorstein, küßte ihn hundertmal und weinte, – weinte den ganzen Tag und die ganze Nacht. Am andern Morgen waren seine Augen tränenleer; aber seine Seufzer klangen noch viel erbarmungswürdiger.

»O, du liebe Fee«, schluchzte er, »warum bist du gestorben? – Warum bin nicht lieber ich gestorben? – Ich bin so böse, und du warst so gut! – Wo wird mein Vater sein? Sag mir doch, liebe Fee, wo kann ich ihn finden? – Ich will immer bei ihm bleiben, nie mehr davonlaufen, nie, nie, nie! – Gute Fee, bist du wirklich tot? – Wenn du mir noch gut bist, dann komm doch und lebe wieder! Ich bin ja dein Brüderlein Bengele. – Kannst du mich allein lassen, so ganz allein in der Welt? – Die Räuber werden wieder kommen und mich wieder aufhängen. Dann muß ich für immer sterben! – Was tue ich allein auf der Welt? – Dich und den Vater habe ich verloren; wer wird mir zu essen geben? – Wo kann ich schlafen? Wer macht mir meine Kleider? – Lieber Gott, laß mich auch sterben, es ist viel besser! Ich will auch sterben, ja, … ja … ja …«

Siehe, da kam ein riesengroßer Täuber geflogen. Mit weitgespannten Flügeln blieb er über Bengele in der Luft schweben und rief ihm zu:

»Sag mal, Kleiner, was machst du da?«

»Du siehst es doch, ich weine!« sagte Bengele, schaute auf und wischte sich mit dem Ärmel die Augen aus.

»Sag mir«, fuhr der Täuber fort, »kennst du nicht einen Hampelmann, der Bengele heißt?«

»Bengele? – hab‘ ich wirklich recht verstanden: Bengele?« rief der Hampelmann und sprang in die Höhe. – »Ich bin ja selbst der Bengele.« Rasch flog der Täuber zur Erde nieder und stand vor dem Hampelmann. Er war größer wie ein Truthahn.

»Du kennst doch auch Seppel?« fragte er weiter.

»Freilich! Das ist ja mein armer Vater. Hat er dir vielleicht etwas von mir gesagt? – Führe mich doch zu ihm! – Lebt er noch? – Sag mir, ums Himmels willen, lebt er noch?«

»Ich bin vor drei Tagen von ihm weggeflogen; er war am Meeresstrand.«

»Was machte er dort?«

»Einen kleinen Kahn, um über das Meer zu fahren. Über vier Monate schon zieht der arme Mann durch die Welt und sucht dich. Er hat dich nirgends finden können; jetzt will er übers Meer fahren und nach dir in fremden Ländern forschen; er meint, du seiest nach Amerika gegangen.«

»Ist es weit von hier ans Meer?« fragte Bengele.

»Über tausend Kilometer!«

»Über tausend Kilometer! – Lieber Täuber, wenn ich nur auch fliegen könnte!«

»Wenn du willst, trage ich dich ans Meer.«

»Was?«

»Du könntest dich auf meinen Rücken setzen; bist du schwer?«

»Ich schwer? Federleicht bin ich!«

Unverzüglich sprang Bengele dem Täuber auf den Rücken, setzte sich fest wie in einem Sattel, ein Bein links und ein Bein rechts, und rief laut:

»Nun mal los! Galopp, mein Pferdchen! Wir haben Eile und wollen bald am Ziele sein.«

Der Täuber flog auf und war in ein paar Minuten so hoch gestiegen, daß er fast an die Wolken stieß. Der Hampelmann wollte sehen, wie es unten auf der Erde aussah; aber er bekam solchen Schwindel und so große Angst, daß er beide Hände fester um den Federhals seines Luftpferdchens legte und sich ganz eng anschmiegte, um nicht herabzufallen.

Den ganzen Tag flogen sie schon. Gegen Abend sagte der Täuber: »Ich habe arg Durst.«

»Und ich arg Hunger«, meinte Bengele.

»Bei dem Taubenschlag dort wollen wir ein bißchen rasten; dann fliegen wir weiter, damit wir morgen früh ans Meer kommen.«

Sie flogen in den Taubenschlag. Drinnen fand sich nur eine Schüssel Wasser und ein Körbchen mit Linsen.

Der Hampelmann hatte nie in seinem Leben die Linsen leiden können. Wenn er ein Linsengericht nur roch, so war es ihm schon zuwider und machte ihm Brechreiz. An diesem Abend aber schmeckten ihm die rohen Linsen wie Pfeffernüsse, und als er mit dem ganzen Korbe so ziemlich fertig war, sagte er:

»Ich hätte nie geglaubt, daß Linsen so gut wären.«

»Mein lieber Freund«, sagte der Täuber, »Hunger ist der beste Koch.«

Sie ruhten sich rasch ein wenig aus, dann ging der Flug weiter. Am andern Morgen kamen sie ans Meer. Der Täuber setzte Bengele auf die feste Erde. Für seine Dienste wollte er keinen Dank und flog alsbald davon.

Am Strande drängte sich eine Menge Leute; sie schrieen, fuchtelten mit den Händen und schauten beständig aufs Meer hinaus.

»Was ist passiert?« fragte Bengele eine alte Frau.

»Ein armer Vater hat seinen Sohn verloren und ist mit einem Kahn aufs Meer hinausgefahren, ihn zu suchen. Aber das Meer ist heute sehr unruhig und das Schifflein wird untergehen.«

»Wo ist das Schifflein?«

»Dort außen, sieh, wo mein Finger hindeutet.«

Weit draußen konnte man eben noch eine Barke sehen. Sie schien nicht größer wie eine Nußschale, und klein wie ein Mücklein erkannte man darin einen Menschen.

Bengele strengte seine Augen an. Er sah den Kahn in weiter Ferne und stieß einen Schrei aus:

»Er ist’s, er ist’s, – mein armer Vater!«

Der Kahn wurde von den wütenden Wellen hin und her geworfen; bald verschwand er hinter den haushohen Wogen, bald schaukelte er über sie hin. Bengele stand auf der Spitze eines hohen Felsenriffs, winkte mit den Händen und mit dem Hute und rief immerfort: »Vater! Vater!«

Es schien, als habe Seppel trotz der großen Entfernung den Knaben erkannt; denn er winkte auch mit seiner Mütze.

Auf einmal wälzte sich eine entsetzlich große Welle daher und der Kahn verschwand. Die Leute warteten, ob er wieder über Wasser komme, aber er war nicht mehr zu sehen.

»Der arme Mann!« sagten die alten, erfahrenen Fischer am Strande, murmelten ein Gebet und gingen nach Hause.

Da hörte man einen verzweifelten Schrei. Die Leute drehten sich um und konnten eben noch sehen, wie sich der Hampelmann von seinem Felsen ins Meer stürzte. Laut rief er dabei:

»Ich will meinen Vater retten.«

Bengele war ganz von Holz, blieb von selbst über Wasser und konnte schwimmen wie ein Fisch. Manchmal verschwand er wohl unter den Wellen, aber bald kam er wieder obenauf; er ruderte aus Leibeskräften und war bald so weit vom Lande weg, daß man ihn nicht mehr sehen konnte.

»Das arme Kerlchen«, sagten die alten Fischer am Strande, murmelten nochmals ein Gebet und gingen nach Hause.