Märchen

Ein Eierkuchen, der davonfliegt.

Fünftes Stück.

Ein Eierkuchen, der davonfliegt.

Indessen war es Abend geworden, und Bengele erinnerte sich, daß er noch nichts gegessen hatte. Er spürte eine Leere im Magen und fühlte starken Appetit. Im Handumdrehen war der Appetit schon Hunger und verlangte gestillt zu werden.

Auf dem eisernen Ofen in der Ecke stand ein Topf. Das Hampelchen hob den Deckel ab und schaute hinein. – Nichts als Wasser. Bengele sah sein dummes Gesicht darin abgespiegelt und setzte kopfschüttelnd den Deckel wieder auf den Topf.

Das hungrige Hampelchen rannte im Zimmer auf und ab, zog alle Schubladen aus, öffnete alle Kästchen. – O daß er doch ein Stückchen Brot finden könnte, wenn es auch ganz trocken wäre! Sogar mit einer alten, harten Kruste hätte er sich begnügt, aber gar nichts war da auf Vorrat bei seinem armen Vater Seppel.

Indes wurde der Hunger immer stärker und Bengele fing an zu gähnen. Er riß den Mund entsetzlich auf und glaubte, sein Magen gehe ihm davon. Mutlos und verzweifelt fing er an zu weinen und sprach:

»Ja, ja! Lispel-Heimchen hat doch recht gehabt und hat es so gut mit mir gemeint. – Aber ich war eigensinnig und unartig; ich habe dem Vater nicht gehorcht und bin ihm davongelaufen. – Wenn doch nur der Vater da wäre! – Durch meine Schuld ist er ins Gefängnis gekommen, und ich muß daheim vor Hunger sterben. – Der Hunger tut so weh; er ist eine schreckliche Krankheit.« –

Hurra! – Dort liegt etwas auf dem Kehrichthaufen. Bengele springt hin, hebt es auf und ruft:

»Ein Ei! Ein Ei!« – Der halbverhungerte Hampelmann kann sein Glück kaum fassen. Er hält das Ei in beiden Händen, drückt es an die Wangen, küßt und streichelt es.

»Jetzt mache ich mir einen Eierkuchen«, sagt er überglücklich, »oder soll ich es einschlagen? – oder weichkochen? – Das Einschlagen geht am schnellsten; ich kann nicht mehr lange warten mit meinem Hunger.«

An der Wand hing eine Bratpfanne. Er holte sie herab und stellte sie auf die Kohlenglut, über der Vater Seppel den Leim kochte. Butter oder anderes Fett war nicht da. Bengele goß Wasser in die Pfanne und blies die Kohlenglut neu an. Das Wasser begann ein wenig zu dampfen, da nahm er das Ei, schlug es auf den scharfen Rand der Pfanne und … –

»Pieps, pieps!« begrüßte ihn ein lustiges buntfarbiges Vögelchen; es kroch flink aus dem Ei, setzte sich auf den Pfannenstiel, schlug die Flügel und putzte sich. Dann machte es dem Bengele ein artiges Kompliment und sang mit heller Stimme:

Mein kleiner Freund, ich danke dir;
Du hast mich heut befreit.
Ich schwing‘ mich fort, weit fort von hier
Zur Waldeseinsamkeit.

Halbflügg‘ entflog dem Elternpaar
Ich aus dem Nest heraus
Und schlief verzaubert hundert Jahr‘
In diesem weißen Haus.

Adieu! Leb wohl, mein Bengelein!
Ich laß den Vater grüßen. –
Des Eigensinnes Diener sein,
Muß jeder bitter büßen.

Mit großen Augen und offenem Munde, die Eierschalen in der Hand, hörte der Hampelmann des Vögleins Lied. Der kleine Sänger flog fort durchs offene Fenster; der Hampelmann aber weinte zum Erbarmen und sprach: »Lispel-Heimchen und das Vögelein haben ganz recht. – Ich muß vor Hunger sterben. – Wäre ich doch nicht davongelaufen. – Ja, ich muß es büßen, ich sterbe vor Hunger.«

Immer schlimmer knurrte der Magen. Es war schon spät abends. Bengele wagte das Äußerste, ging zum Hause hinaus und lief aufs Geratewohl fort.

»Ich werde doch irgend einen guten Menschen finden, der mir ein wenig zu essen gibt«, das war sein einziger Gedanke.

Der Große Hai.

Sechsunddreißigstes Stück.

Der Große Hai.

Ohne ein bestimmtes Ziel schwamm Bengele dahin. Da zeigte sich seinem Blicke ein blendend weißer Marmorfelsen, der weit über den Wasserspiegel emporragte. Auf der Spitze stand eine wunderhübsche Ziege; der Hampelmann hörte sie meckern und sah, wie sie ihm mit dem rechten Vorderfuße winkte. Er schwamm näher und erkannte deutlich, daß das Fell der Ziege so golden glänzte wie das Haar der Mutter Fee.

Dem Hampelmann pochte das Herz laut. Mit verdoppelter Kraft schwamm er dem Felsen zu. Schon war er nahe am Ziel, da erblickte er von der Seite den Kopf eines riesigen Tieres. Dreireihig blinkten die Zähne aus dem weitaufgerissenen Maule. Den Mutigsten hätte die Angst erfaßt.

Kennt ihr dieses Ungeheuer? – Das war der Große Hai, von dem ihr schon gehört habt.

Bengele entsetzte sich in der tiefsten Seele. Näher und näher kam der grausige Rachen und gähnte ihm entgegen wie ein todbringender Abgrund.

»Schnell, schnell, Bengele«, meckerte die Ziege auf dem Felsen. Der Hampelmann strampelte mit Händen und Füßen.

»Rasch, Bengele, das Untier kommt! – Rasch, oder du bist verloren.«

Bengele schwamm so schnell er konnte; wie ein Pfeil schoß er durchs Wasser; schon hatte er die Hand am Felsen; die Ziege streckte ihm einen Fuß entgegen, um ihm herauszuhelfen, da …

Es war zu spät. Das Ungetüm hatte ihn erschnappt. Es zog den Atem ein und der arme Bengele zappelte mit dem Wasser in den Rachen des Großen Hais. Das ging so rasch, wie man ein rohes Ei austrinkt. Bengele rutschte mit solcher Geschwindigkeit durch den Schlund des Ungeheuers, daß er wie ein Sack in eine Ecke des Magens fiel. Ohnmächtig lag er über eine Viertelstunde da.

Als der Hampelmann wieder zu sich kam, begriff er lange nicht, wo er war. Um ihn herum lagerte eine Dunkelheit, so undurchdringlich wie in einem Tintenfaß. Nebenan ließ sich ein gleichmäßiges Brausen hören. Es dröhnte wie ein ferner Wasserfall. Nach einiger Zeit erfaßte Bengele die Ursache des Getöses. – Der Große Hai litt an Atemnot. Sein Schnaufen brauste wie ein Wintersturm in den gewaltigen Kiemen.

Bengele war kein Hasenfuß. – Aber je mehr er darüber nachdachte, daß er im Bauche des Seeungeheuers lebendig begraben sei, desto banger wurde ihm ums Herz.

»O ich Unglückseliger!« jammerte er; »nun ist alles verloren. Hier kann niemand mehr helfen – niemand!«

»Das scheint mir auch der Fall«, ließ sich aus der Dunkelheit eine heisere Summe vernehmen.

»Wer spricht da?« fragte Bengele und zitterte noch mehr.

»Ich, ein armer Delphin. Der Große Hai hat uns zusammen verschluckt. – Was für ein Fisch bist du?«

»Ich bin kein Fisch, sondern ein Hampelmann.«

»Warum hast du dich dann verschlucken lassen, wenn du kein Fisch bist?«

»Ich habe mich doch nicht verschlucken lassen, sondern das Ungetüm hat mich verschluckt. Was sollen wir jetzt machen in diesem dunklen Loch?«

»Abwarten, bis wir zusammen verdaut werden.«

»Aber ich will nicht verdaut werden«, heulte Bengele.

»Ich habe auch kein besonderes Verlangen danach«, meinte der Delphin; »aber ich ergebe mich in alles. – Ich bin ein Delphin; im Wasser ward ich geboren und, wenn es sein muß, will ich auch im Wasser sterben. – Was ist schlimmer für mich: vom Großen Hai im blauen Meer verdaut zu werden, oder daß mich die tückischen Menschen fangen und auf der Erde verzehren?«

»Dumme Redensarten!« versetzte Bengele dem weisen Fische.

»Das ist nun einmal meine Auffassung«, sagte dieser gelassen, »und eine Weltanschauung sollte man immerhin respektieren.«

Bengele dachte an andere Dinge und sprach: »Überhaupt will ich da wieder hinauskommen; ich werde fliehen.«

»Fliehe nur, wenn du kannst!«

»Ist dieser Große Hai sehr groß?«

»Ohne Schwanz mißt er ein Kilometer; nun mache dir ein Bild!«

Bengele glaubte auf einmal von weitem ein Licht zu sehen.

»Was mag das dort für ein Licht sein?« fragte er den Delphin.

»Wohl auch ein armer Verschluckter, der mit uns aufs Verdautwerden wartet.«

»Ich werde ihn aufsuchen. Vielleicht ist es ein alter, kluger Fisch, der sagen kann, wie wir uns am besten davonmachen.«

»Ja gehe, liebes Hampelchen, Gott schütze dich auf dem Wege.«

»Adieu, Delphin!«

»Adieu, Hampelchen, viel Glück!«

»Wo treffen wir uns wieder?«

»Das weiß der Himmel; es ist besser, gar nicht darüber nachzudenken.«

Ein freudiges Wiedersehen.

Siebenunddreißigstes Stück.

Ein freudiges Wiedersehen.

Bengele wanderte durch den Bauch des Großen Hai. Vorsichtig und langsam versuchte er einen Schritt nach dem andern. Die Richtung gab ihm der ferne Lichtschein an.

Der Weg war schrecklich. Der Hampelmann trat in der Dunkelheit auf alle möglichen Dinge und erschrak sehr oft. Einmal patschte er in etwas Weiches und Schlüpfriges. Ein starker Fischgeruch stieg ihm in die Nase. – Unwillkürlich dachte er an das Netz des grünen Fischers, in dem er mit den vielen Fischen gezappelt hatte.

Immer deutlicher konnte Bengele die Dinge unterscheiden; mehr und mehr hellte der Weg sich auf. Endlich stand er vor dem Lichte und sah … na, was? – Nie würdet ihr es erraten. – Er sah einen gedeckten Tisch, auf ihm stand, in eine leere Weinflasche gesteckt, eine Kerze. Hinter dem Tische saß ein alter Mann. Ein langer Bart verdeckte seine Brust, das weiße Haar fiel in langen Strähnen von seinem Haupte. Er hatte ein Paar ungekochte Fischlein vor sich liegen und aß davon.

Einen Augenblick stand Bengele unbeweglich da wie eine Bildsäule. Er wollte lachen, weinen, reden; aber er brachte nichts fertig. Nur ein paar unverständliche Worte kamen über seine Lippen. – Endlich ein lauter Freudenschrei, und mit ausgebreiteten Armen flog er dem weißen Alten an den Hals. –

»O, lieber, lieber Vater! Jetzt habe ich dich doch noch gefunden, und jetzt gehe ich nie mehr von dir fort, nie, nie mehr.«

Der Alte wischte sich die Augen aus und sagte: »Ist es wahr? – Ist es keine Täuschung? – Bist du es wirklich, mein lieber Bengele?«

»Freilich bin ich’s. Ich bin’s, dein Bengele. – Gelt, du hast mir alles verziehen? – Lieber Vater, wie gut du bist! – Und ich … Aber wenn du wüßtest, wie ich es büßen mußte! Ich habe immer Unglück gehabt, und es ist mir immer schlecht gegangen. – An jenem Tage, wo du deinen Kittel verkauft hast, ging ich nicht in die Schule, sondern zum Kasperletheater. – Der Direktor Feuerschlund wollte mit mir seinen Hammel braten; aber am Schluß gab er mir fünf Goldstücke. Ich solle sie dem Vater bringen, hat er gesagt. Aber da kam der Fuchs und die Katze. Wir gingen in den ›Geleimten Vogel.‹ Dort haben sie wie ausgehungerte Wölfe gefressen. Ich ging in der Nacht weiter, und die Räuber haben mich angepackt. Ich bin davongerannt, aber sie kamen immer hinter mir her. Dann henkten sie mich an der ›Großen Eiche‹. Aber das schöne Mägdlein mit dem goldenen Haar hat mir seine Kutsche geschickt und die Ärzte sagten: ›Wenn er nicht tot ist, so lebt er noch‹ – Dann habe ich ein wenig gelogen, und meine Nase ist so schrecklich lang geworden, daß ich nicht mehr zur Tür hinauskam. Und dann ging ich mit dem Fuchs und der Katze aufs Wunderfeld mit vier Goldstücken, weil ich eines dem Wirt zum ›Geleimten Vogel‹ geben mußte. – Der Papagei hat mich ausgelacht, weil ich keine zweitausend Goldstücke bekam und die vier auch nicht wieder. Deshalb hat mich der Richter ins Gefängnis werfen lassen; er hat den Dieben noch geholfen. – Dann habe ich Hunger gehabt und wollte mir ein Traubenbeerchen abrupfen, und dort ist eine Marderfalle gewesen. Deshalb hat mich der Bauer zum Hofhund gemacht; aber ich war treu, und er hat mich fortgelassen. Die Schlange, die so arg mit dem Schwanze rauchte, hat auch lachen müssen, als ich in den Schmutz fiel, und dann ist sie gestorben. Auch die gute Fee war tot; aber der große Täuber hat mich ans Meer getragen und gesagt: ›Ich habe deinen Vater gesehen, er macht einen Kahn am Meer und will dich suchen.‹ Da habe ich gesagt: ›Wenn ich nur Flügel hätte wie du‹, und er hat gesagt: ›Willst du zu deinem Vater?‹ – ›Schon!‹ habe ich gesagt, ›aber wer trägt mich zu ihm?‹ ›Ich‹, hat der Täuber gesagt; deshalb bin ich ihm auf den Rücken gesessen, und wir sind Tag und Nacht geflogen. Aber am Meer haben die Fischer gesagt: ›Dort geht ein Mann mit seinem Kahne unter.‹ Ich habe dich gleich erkannt und dir gewinkt, du sollst ans Ufer kommen.«

»Ich habe dich auch erkannt«, sagte Seppel, »und wäre gern zurückgefahren; aber das Meer war wild, und eine große Welle hat mir den Kahn umgeschlagen. Es kam der schauerliche Große Hai und verschlang mich.«

»Wie lang bist du jetzt schon hier?« fragte Bengele. – »Heute sind es genau zwei Jahre – zwei Jahre, so lang wie die Ewigkeit.«

»Wie hast du leben können? Wo hast du die Kerze her und die Streichhölzer?«

»Das will ich dir alles erzählen. – In dem schrecklichen Unwetter ging auch ein großes Segelschiff unter. Die Seeleute retteten sich alle, als das Schiff sank. – Der Große Hai hatte gerade an diesem Tage einen Riesenhunger und verschlang das ganze Schiff.«

»Was! – Und hat es auf einmal hinuntergeschluckt?«

»Jawohl! – Nur der große Mastbaum blieb ihm wie ein Zahnstocher in den Zähnen hängen, er lockerte ihn mit der Zunge und spuckte ihn wieder aus. – Das Schiff war mein Glück. Ich fand darin Fleisch in Konservenbüchsen, Brot, Zwieback, Rosinen, Wein, Käse, Zucker, Kaffee und Kerzen. Auch einige Pakete Streichhölzer habe ich gefunden. Zwei Jahre lang hat mir dieser Vorrat ausgereicht; aber jetzt ist alles verbraucht und aufgezehrt. Die Kerze, die hier brennt, ist die letzte.«

»Und dann?«

»Dann, mein lieber Sohn, müssen wir im Dunkeln leben.«

»Nein, Vater! Jetzt ist keine Zeit zu verlieren; wir müssen uns retten.«

»Retten? – Unmöglich! – Wie?«

»Durch das Maul des Ungeheuers gehen wir zurück und springen ins Meer.«

»Du hast gut reden, Bengele; ich kann nicht schwimmen.«

»Macht nichts. Ich nehme dich auf den Rücken. Wir sind nah am Lande.«

»Es geht nicht, Bengele«, sagte Seppel und schüttelte traurig den Kopf. – »Du bist nicht stark genug, um mich zu tragen.«

»Den Mutigen hilft Gott. Wir wollen die Rettung wagen. Sollte es bestimmt sein, daß wir umkommen, so sterben wir miteinander.«

Bengele nahm die Kerze und leuchtete voran. Sie gingen durch den Magen des Fisches und kamen an den weiten Schlund. Hier wollten sie den günstigen Augenblick zur Flucht abwarten.

Der Große Hai war sehr alt und schlief wegen seiner Atemnot stets mit weit geöffnetem Maule. Auch jetzt streckte er seinen Kopf über das Wasser und die beiden Flüchtlinge sahen vom Schlunde aus durch das offene Riesenmaul. Vom Himmel blickten freundlich helle die Sterne und der Mond; das Wasser mußte ganz ruhig sein, kein Rauschen war zu vernehmen.

»Wir haben es gut erraten«, lispelte Bengele dem Vater zu; »der Große Hai schläft wie ein Sack. Vorwärts mit Gott!«

Sie schlüpften durch den Schlund und traten auf die Zunge des Ungeheuers. Sie war so breit wie die Kieswege in den Anlagen. – Auf den Zehenspitzen gingen die beiden bis an die Zähne. – O weh! – Das Trippeln hatte den Großen Hai auf der Zunge gekitzelt, er nieste und schüttelte den Kopf so heftig aufwärts, daß Seppel und Bengele mit einem Ruck in den Magen zurückgeschleudert wurden.

Die Kerze ging bei dem Luftzuge aus und es war dunkler wie zuvor.

»Und jetzt?« fragte Bengele nachdenklich.

»Jetzt sind wir für immer verloren.«

»Ich gebe die Hoffnung nicht auf. – Gib mir die Hand, Vater! – Sieh zu, daß du nicht ausgleitest; wir versuchen es noch einmal.«

Ohne daß der Große Hai es merkte, kamen sie diesmal über die lange Zunge. Bengele half dem Vater über die drei Reihen Zähne; jetzt standen die zwei am Rande des Riesenmaules. Das Wasser spielte leise um ihre Füße, vor ihnen lag das weite, freie Meer.

»Setze dich auf meinen Rücken, Vater, und halte dich fest!« flüsterte Bengele.

Sanft glitt der Hampelmann ins Wasser und schwamm mit dem teuern Vater davon.

Der Große Hai schlief weiter und merkte nicht, was vorgefallen war.

Der gute Delphin. – Zwei bestrafte Räuber.

Achtunddreißigstes Stück.

Der gute Delphin. – Zwei bestrafte Räuber.

Bengele schwamm mit einer Sicherheit, die jedem Fische Ehre gemacht hätte. Vater Seppel saß rittlings auf dem hölzernen Kleinen; seine Beine hingen im Wasser; der alte Mann fröstelte und klapperte mit den Zähnen.

»Mut, Vater!« sagte Bengele, »bald sind wir am Ufer.« Seppel strengte seine Augen an wie ein alter Schneider, wenn er die Nadel einfädelt; er konnte kein Land erblicken.

Bengele tat so unerschrocken wie möglich; aber nach und nach schwand sein Mut, er atmete mühsam, seine Arme bewegten sich langsamer. Der Brave hielt aus, solange er konnte. Auf einmal verließen ihn die Kräfte und er stieß die Worte hervor:

»Hilf, Vater! – Ich sinke.«

In dieser höchsten Not kam unerwartete Hilfe. Es ließ sich eine Stimme vernehmen:

»Wer braucht Hilfe?«

»Mein Vater und ich.«

»Ist das nicht Bengeles Stimme?«

»Ja, wer bist du?«

»Der Delphin, euer Leidensgefährte im Bauche des Großen Hai.«

»Hilf uns, oder wir ertrinken.«

»Haltet euch an meinem Schwanze fest«, sagte der Delphin, »ich ziehe euch beide nach und schwimme ans Ufer.«

Bengele bat den freundlichen Fisch, daß er den Vater auf den Rücken nehme. Der Delphin war damit einverstanden und lud das Hampelchen ein, neben den Vater zu sitzen.

Ohne Anstrengung schwamm der starke Fisch wie ein Kahn dahin und spürte kaum die Last, die auf ihm ruhte.

Bengele fragte ihn:

»Wie bist du denn dem Großen Hai entkommen?«

»Ich habe es euch nachgemacht«, sagte er; »deiner Schlauheit verdanke ich meine Rettung.«

Sie erreichten rasch das Ufer. Bengele sprang von dem lebendigen Kahn und half dem Vater absteigen. Dann wandte er sich an den guten Delphin und sprach:

»Lieber Freund, mein Vater und ich verdanken dir das Leben. Ich bin ewig dein Schuldner; nimm als Zeichen der Dankbarkeit einen Kuß von mir an.«

Der Delphin streckte seinen Kopf aus dem Wasser, Bengele kniete nieder und drückte ihm einen lauten Kuß auf die Nase.

Solche Zärtlichkeit hatte der Delphin noch nie erlebt. Tränen trübten seine Augen. Er schämte sich seiner Rührung, zog den Kopf ins Wasser zurück und schwamm hinaus ins unendliche Meer.

Unterdessen war es heller Tag geworden. Vater Seppel war müde und kraftlos; kaum trugen ihn noch die Füße.

»Stütze dich auf meine Schulter, Vater«, sagte Bengele; »wir gehen ganz langsam und ruhen oft aus.«

»Was mag das für ein Land sein?« fragte Seppel.

»Mir scheint, es ist der Strand nahe bei unserer Heimat. – Wir wollen eine Fischerhütte suchen und die Leute bitten, daß sie uns einen Bissen Brot geben. Vielleicht finden wir auch ein Strohlager, um ein wenig zu rasten.«

Sie hatten noch keine hundert Schritte gemacht, so trafen sie am Wege zwei häßliche Bettler.

Es war der Fuchs und die Katze. – Man erkannte sie kaum wieder. Die heimtückische Katze hatte nun wirklich das Augenlicht verloren; der alte Fuchs war über und über räudig. An vielen Stellen fehlten schon alle Haare. Sogar um den stolzen Schwanz war er gekommen. Und das ging so zu:

Immer mehr geriet der schlaue Dieb und Räuber in Armut. Er hatte keinen einzigen Freund, der ihm helfen wollte. Der Hunger quälte ihn entsetzlich. Da verkaufte er einem vorbeiziehenden Händler um ein Paar Pfennige den buschigen Schwanz.

Als Bengele mit seinem Vater daherkam, fing der Fuchs mit heulender Stimme an:

»O Bengele, gib uns armen alten Leuten doch ein kleines Almosen.«

»– kleines Almosen«, jammerte die Katze hintendrein.

»Sieh mal diese alten Gauner!« sagte Bengele, »mich habt ihr einmal betrogen, das mag genügen.«

»Glaub es doch, Bengele, jetzt sind wir wirklich arm und elend.«

»– elend«, echote die Katze.

»Das habt ihr verdient«, sagte Bengele. »Kennt ihr das Sprichwort: ›Gestohlen Gut tut niemals gut‹?«

»Hast du kein Mitleid mit uns?«

»– Mitleid mit uns?«

»Laßt mich in Ruhe, ihr Gauner! Ihr verdient es nicht. – Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.«

»Bengele, sei barmherzig!«

»Barmherzig!«

So heulten die zwei Räuber und liefen dem Hampelmanne nach. Der aber ging mit Vater Seppel weiter und schaute sie nicht mehr an.

Bengele in der Schule

Sechsundzwanzigstes Stück.

Bengele in der Schule

Am andern Morgen ging Bengele zur Schule. War das ein Spektakel für die Schlingel in der Klasse, als sie einen Hampelmann unter sich sahen! Das Lachen wollte nicht mehr aufhören. Jeder hätte ihm gerne einen Streich gespielt: einer riß ihm die Mütze aus der Hand, ein anderer zog ihn hinten am Kittel, ein dritter wollte ihm mit Tinte einen Schnurrbart unter die Nase malen, und ein vierter war frech genug, ihm eine Schnur an Hände und Füße zu binden, um ihn wie einen Hampelmann zappeln zu lassen.

Eine Zeitlang tat Bengele harmlos und ließ sich alles gefallen. Dann aber ging ihm die Geduld aus; er wandte sich mit zornigem Blick gegen die Haupthelden und sagte:

»Nehmt euch in acht! – Ich komme nicht in die Schule, damit ihr mit mir Trödel treibt! Ich bin anständig gegen euch, seid es auch gegen mich!«

»Bravo, Hänsele! Du redest ja wie ein Buch!« schrie einer der Schlingel. Alle andern setzten mit ein, klatschten und johlten. Der Frechste von ihnen streckte sogar eine Hand aus, um Bengele an der Nase zu packen; aber der Hampelmann gab ihm unter der Bank einen kräftigen Tritt auf die Schienbeine.

»Autsch! Hat der harte Stiefel!« schrie der Getroffene und rieb sich die schmerzende Stelle.

»Und was für hölzerne Ellbogen!« heulte ein anderer, der sich durch seine Ungezogenheit einen Rippenstoß geholt hatte.

Die beiden Kraftleistungen verschafften dem Hampelchen bald Respekt bei den Kameraden, und nach einiger Zeit mochten sie ihn ganz gut leiden.

Auch der Herr Lehrer war mit ihm zufrieden; denn der Hampelmann war gescheit, fleißig und aufmerksam; er kam nie zu spät in die Schule und hielt sich treu an die Ordnung.

Nur den einen Fehler hatte Bengele, daß er mit zu viel Kameraden verkehrte; unter diesen waren ein paar bekannte Taugenichtse, die nie lernen wollten und alle möglichen Dummheiten im Kopfe hatten.

Der Herr Lehrer bemerkte es wohl; auch die gute Fee warnte fortwährend und sagte:

»Sei vorsichtig, Bengele; deine bösen Kameraden bringen es zuwege, daß sie dir die Freude am Lernen nehmen und dich zu dummen Streichen verführen.«

»Nicht daran zu denken!« entgegnete Bengele selbstbewußt; er legte seinen Zeigefinger an die Stirn und sagte: »Da kämen sie an den Rechten, ich bin viel zu gescheit!«

Eines Tages traf es sich, daß er zur Schule ging und unterwegs einigen seiner gewöhnlichen Kameraden begegnete. Wichtigtuend rannten sie ihm entgegen und fragten:

»Hast du das Neueste schon gehört?«

»Was?«

»Daß in unserem Meer ein Fisch sich zeigt so groß wie ein Berg?«

»Was du nicht sagst! – Das ist sicher der ›Große Hai‹, der meinen armen Vater verschlungen hat.«

»Hinaus ans Meer! Wir müssen ihn sehen! Gehst du mit?«

»Nein! Ich gehe zur Schule.«

»Was! – Schule! – Morgen gehen wir wieder in die Schule; einen Tag Schule mehr oder weniger, darauf kommt es gar nicht an.«

»Was wird der Herr Lehrer sagen?«

»Laß ihn sagen, was er will; ob er einmal mehr brummt oder nicht, das ist egal!«

»Und meine Mutter?«

»Die Mütter verstehen von solchen Dingen überhaupt nichts«, sagten die Schlingel.

Bengele war noch nicht besiegt und sagte: »Wißt ihr, was? – Ich muß unbedingt den ›Großen Hai‹ sehen; dafür habe ich meine besondern Gründe; aber – jetzt gehe ich in die Schule!«

»Dummer Kerl,« sagte da einer, »meinst du, der ›Große Hai‹ warte gerade, bis es dir paßt, ihn anzugucken? – Der wird bald genug in unsern Wassern haben und sich wo anders hin verziehen. Dann hast du ihn gesehen!«

Jetzt lenkte Bengele ein: »Wie lange braucht man von hier ans Meer?«

»Wir rennen und sind in einer Stunde schon zurück.«

»Also zu! – Vorwärts! – Wer kann am besten springen?« schrie Bengele, und gleich ging der Wettlauf los.

Die Schlingel rannten mitten durch die bestellten Felder. Bengele war stets voran; denn keiner konnte laufen wie er.

Von Zeit zu Zeit drehte sich der Hampelmann um und lachte die Kameraden aus, daß sie so weit zurückblieben, pusteten und keuchten. Und ihm ging das Rennen so leicht. – Hätte er ahnen können, wie schlimm die Sache ausging!

Die Rauferei am Meere.

Siebenundzwanzigstes Stück.

Die Rauferei am Meere.

Bengele kam zuerst an den Strand. – Die aufgehende Sonne spiegelte sich tausendfältig in der leichtbewegten See, die Luft war so rein und hell, daß man meilenweit hinaussehen konnte über das glänzende Wasser. Der Hampelmann strengte seine Augen an; aber es war nichts zu erspähen, nicht einmal ein Schifferkahn.

»Wo ist jetzt der ›Große Hai‹? fragte Bengele.

»Er wird noch Kaffee trinken!« gab einer spöttisch zur Antwort; ein anderer machte es noch ärger und sagte:

»Er hat vielleicht noch nicht ausgeschlafen.«

Über diese blöden Antworten und das boshafte Gelächter der Kameraden ward Bengele wütend. Er sah ein, daß sie ihn an der Nase geführt hatten, und fuhr sie zornig an:

»Mir so einen Bären aufzubinden! Ihr Gauner! – Was hatte das für einen Sinn?«

»Einen feinen Sinn!« schrien sie alle.

»Nämlich?«

»Wir haben dich heute auch einmal in unsere Gesellschaft bekommen. – Schäme dich doch, jeden Tag so pünktlich zur Schule zu laufen und alle Aufgaben zu machen!«

»Was habt ihr daran auszusetzen?«

»Sehr viel! – Durch dich sind wir immer blamiert!«

»Weshalb?«

»Weil du zu viel lernst, sind wir stets hinten dran. Das lassen wir uns nicht mehr länger gefallen. Auch wir wollen etwas gelten in der Schule.«

»Was muß ich also tun?«

»Du mußt die Schule ebenso satt bekommen wie wir und auch denken, daß es bloß drei Ekel gibt: die Schule, den Lehrer und die Aufgaben.«

»Wenn ich aber nach wie vor meine Sachen lerne?«

»Dann schauen wir dich gar nicht mehr an, und eines schönen Tages wirst du es teuer büßen.«

Da schüttelte sich der Hampelmann vor Lachen und sagte: »Ihr seid doch zu einfältig!«

Jetzt ging der größte von der Schar drohend auf Bengele zu und sagte:

»Du brauchst den Großhans nicht zu spielen! – Wenn du keine Angst vor uns hast, so haben wir noch viel weniger Angst vor dir. Wir sind sieben gegen einen!«

»Die reinsten sieben Hauptsünden!« sagte Bengele und lachte spöttisch.

»Habt ihr’s gehört? – Der will uns so kommen! Sieben Hauptsünden hat er uns geschimpft! – Bengele, nimm’s gleich zurück! – Oder –!«

»Gigigs!« gab der zurück, zog den Mund schief und rieb den einen Zeigefinger über dem andern.

»Bengele, hör auf, sonst geht dir’s schlecht!«

»Gigigs!«

»Wir verhauen dich wie einen Esel!«

»Gigigs!«

»Wir schlagen dir die Beine ab!«

»Ich gebe dir jetzt gleich Gigigs«, schrie da der Frechste, »hier hast du ein Gigigs, gleich kannst du noch mehr haben!«

Eine kräftige Ohrfeige schallte auf den Kopf des Hampelmanns. Bengele ließ sich das natürlich nicht gefallen. Sofort gab er den Schlag zurück, und es kam zu einer allgemeinen Rauferei.

Der Hampelmann war allein; aber er verteidigte sich wie ein Löwe. Mit seinen Holzfüßen und Holzfäusten führte er so kräftige Streiche, daß die andern bald alle zurückwichen. Wo seine Hiebe trafen, gab es einen blauen Fleck zum Andenken.

Die Knaben waren wütend, daß sie Bengele nicht zwingen konnten, und wollten ihm auf eine andere Art beikommen. – Rasch machten sie ihre Schulsäcke auf und warfen ihre Bücher gegen ihn. Da kam eine Grammatik geflogen, da ein Rechenbuch, da eine Naturgeschichte, da ein Geographiebuch, ein Atlas und sogar ein Federkasten. – Aber der Hampelmann hatte scharfe Augen und war sehr flink; er bückte sich und sprang beiseite, so daß die Geschosse alle über ihn weg oder an ihm vorbeiflogen ins Meer hinein.

Wie waren die Fische erstaunt, als die Bücher geflogen kamen! – Sie glaubten, es sei etwas zum Fressen, und schwammen scharenweise herbei. Als sie aber ein paarmal an den Büchern herumgeschnuppert hatten, verzogen sie die Schnauze und dachten: »Das ist nichts für uns, wir sind bessere Sachen gewöhnt.« –

Der Kampf zwischen den Knaben ward indes immer hitziger. Da kroch eine dicke Seekrabbe auf den Sand und fing mit rauher, etwas erkälteter Stimme an zu reden:

»Lausbuben, die ihr seid, und nichts anderes! Wollt ihr gleich aufhören! Bei solchen Prügeleien geht es gewöhnlich schief; muß denn wirklich noch etwas passieren?«

Die arme Krabbe redete in den Wind. – Niemand hörte auf sie; ja der nichtsnutzige Bengele drehte sich um, guckte sie schief an und sprach ganz unverschämt:

»Halt deinen Schnabel, alter Brummkasten! Schlotze lieber ein Paar Lakritzen, daß deine Heiserkeit vergeht, oder lege dich ins Bett und schwitze!«

Die Buben hatten ihre eigenen Bücher alle geworfen und machten sich in die Nähe von Bengeles Schulranzen. Gleich hatten sie ihn und räumten ihn aus.

Unter den Büchern war ein besonders großes, schön gebunden mit festen Lederecken. Es war ein Rechenbuch und sehr schwer.

Einer der Stricke nahm dies Buch und zielte damit nach Bengeles Kopf. Mit aller Kraft schleuderte er es, aber er traf unglücklicherweise einen Kameraden; dieser wurde kreideweiß und konnte nur noch sagen: »Mutter, Mutter! hilf mir, ich muß sterben.« Dann fiel er langgestreckt in den Sand.

Erschreckt liefen die Knaben davon. Bengele allein blieb zurück. Auch er war zum Tode erschrocken beim Anblick des getroffenen Knaben; aber trotzdem ging er gleich ans Wasser, tunkte sein Taschentuch hinein und legte es dem Schulkameraden auf den Kopf. Nochmals wiederholte er diese Arbeit, weinte, jammerte und rief dem Armen beständig:

»Eugen! – Eugen! – Armer Eugen! – Mach doch die Augen auf und schau mich an! Gib mir doch Antwort! Ich habe es ja nicht getan! Ich bin’s sicher nicht gewesen! – Mach die Augen doch auf, Eugen! Wenn du die Augen nicht aufmachst, muß ich auch sterben! – O Gott, wenn ich nach Hause komme! Was wird meine liebe Mutter sagen? Was soll aus mir werden? Wohin soll ich davonlaufen? Wo kann ich mich verstecken? – Wenn ich nur in die Schule gegangen wäre! Warum mußte ich auf die Kameraden hören? Die sind mein Unglück! – Der Herr Lehrer hat es mir immer gesagt und die Mutter auch: ›Geh nicht mit bösen Kameraden!‹ – Ja! Aber ich bin ein eigensinniger Holzkopf! Ich lasse alle reden und tue immer, was ich will. Mit meinem Eigensinn habe ich noch keine glückliche Stunde im Leben gehabt. Lieber Himmel! Wie soll das noch gehen! Wie wird diese Geschichte enden?«

So heulte und jammerte Bengele in einem fort, schlug sich an den Kopf vor Verzweiflung und rief immer wieder dem armen Eugen. – Dumpfe Schritte waren auf einmal zu vernehmen; der Hampelmann drehte sich um, vor ihm standen zwei Gendarmen.

»Was machst du da auf dem Boden?« fragten sie.

»Ich helfe meinem armen Schulkameraden.«

»Ist ihm übel geworden?«

»Ich glaube, ja.«

Da bückte sich der eine Gendarm nieder und schaute Eugen an: »Was!« sagte er darauf, »übel geworden? Allerdings! man kann auch so sagen. – Dieser Knabe hat einen Schlag an die Schläfe bekommen! Wer hat ihn geschlagen?«

»Ich nicht!« stotterte Bengele; schon nahm ihm die Angst den Atem.

»Wer dann?«

»Ich nicht!« beteuerte Bengele.

»Womit ist er geschlagen worden?«

»Mit diesem Buch!« sagte der Hampelmann, und hob das schwere Rechenbuch auf.

»Wem gehört das Buch?«

»Mir!«

»Das sagt alles! Es bedarf keines weiteren Beweises mehr! Vorwärts! Auf! Du gehst jetzt mit uns!«

»Ja, aber …«

»Vorwärts!«

»Ich bin doch unschuldig!«

»Keine Redensarten! – Du gehst mit uns!«

Die Gendarmen riefen ein paar Fischer herbei, die gerade am Ufer mit ihren Kähnen vorbeifuhren, und sagten zu ihnen:

»Nehmt diesen ohnmächtigen Knaben mit nach Hause und pfleget ihn; morgen werden wir kommen und nach ihm sehen.«

Dann nahmen sie Bengele in die Mitte und kommandierten nach Soldatenart:

»Vorwärts! Gut ausgeschritten! Sonst kannst du Schlimmeres erleben!«

Ohne Widerrede ging Bengele voran ins Land hinein. Es war derselbe Weg, auf dem er einst das erste Mal nach Fleißigenstadt gekommen war. Das arme Kerlchen wußte nicht mehr, wo ihm der Kopf stand. Alles erschien ihm wie ein böser Traum. Er war halb von Sinnen, sah alles doppelt, seine Beine wackelten, die Zunge war ihm wie gelähmt; er hätte kein Wort mehr herausbringen können. – Ein Gedanke aber ging ihm wie ein Nadelstich durch die Seele: »Was wird die gute Fee sagen, wenn sie mich zwischen den Gendarmen am Hause vorbeigehen sieht? Ich möchte lieber sterben als diese Schande erleben!«

Sie kamen schon zu den ersten Häusern des Städtchens. Da riß ein Windstoß dem Bengele die Mütze vom Kopfe und trug sie zehn Schritte ins Feld hinein.

»Darf ich, bitte, meine Kappe holen?« – fragte er die Gendarmen.

»Geh! Aber flink!«

Bengele ging, hob die Mütze auf und – lief davon. In großen Sprüngen rannte er durch die Felder dem Meere zu.

Die Gendarmen versuchten es gar nicht, den leichtfüßigen Hampelmann zu fangen. Sie hetzten ihm eine schreckliche Bulldogge nach, und nun begann ein lustiges Jagen. Die Leute auf der Straße blieben stehen und schauten den beiden Rennern nach. – Aber weit konnte man den Wettlauf nicht verfolgen. Bengele und die Bulldogge wirbelten einen Staub auf wie ein rasendes Auto und waren bald verschwunden.

Der grüne Fischer.

Achtundzwanzigstes Stück.

Der grüne Fischer.

Für Bengele war das Rennen nicht so lustig wie für die Zuschauer. – Die Bulldogge hieß Bollo und konnte entsetzlich laufen. Der Augenblick mußte kommen, wo sie den Hampelmann einholte.

Schon hörte Bengele hinter sich den wutschnaubenden Hund, schon fühlte er den heißen Atem des grimmigen Tieres, – da kamen sie ans Meer.

Wie ein Frosch sprang Bengele sofort weit hinein ins Wasser. Plumps! fiel er auf und schwamm davon.

Bollo liebte das Wasser nicht. – Er schnupperte daran, sprang ein paar Mal am Ufer auf und ab; aber als er den Hampelmann wegschwimmen sah, erfaßte ihn aufs neue die Wut und er sprang ins Meer.

Rasend zappelte der Hund mit den Tatzen, bald war er müde und sank unter. Mit der letzten Kraft arbeitete er sich noch einmal über Wasser und rief:

»Hilf, hilf! – Ich muß ertrinken.«

»Ersaufe nur«, entgegnete Bengele. – Er war ein gut Stück weiter und außer Gefahr.

»Hilf mir doch, Bengele; rette mich vom Tode!«

Der Hampelmann bekam Mitleid mit seinem Feinde, schwamm zurück und fragte in einiger Entfernung:

»Wirst du mich unbehelligt laufen lassen, wenn ich dich rette?«

»Gewiß! Ich verspreche es dir! Aber jetzt mache schnell! Wenn du noch länger säumst, dann ist es mit mir vorbei.«

Noch zögerte Bengele; aber es fiel ihm ein, daß sein Vater stets gesagt hatte: »Geh nie einer guten Tat aus dem Wege!« Er schwamm darum rasch auf Bollo zu, faßte ihn am Schwanze, und mit wenigen kräftigen Schwimmzügen hatte er ihn aufs trockene Ufer gesetzt.

Der arme Hund konnte nicht mehr auf den Beinen stehen; denn er hatte zu viel Salzwasser geschluckt und einen kugelrunden Bauch bekommen. Bengele traute ihm aber doch noch nicht und hielt es für das klügste, gleich wieder ins Wasser zu hüpfen und davonzuschwimmen.

»Adieu, Bollo! Komm gut nach Hause!« rief er noch und ruderte ins Meer hinein.

»Adieu, Bengele«, erwiderte der Hund, »ich danke dir tausendmal; du hast mir das Leben gerettet! – Ein Dienst ist den andern wert! Vielleicht kann ich dir deine edle Tat einmal vergelten.«

Bengele schwamm am Ufer entlang. Nach einer Stunde glaubte er vor den Verfolgern sicher zu sein und näherte sich dem Strande. Er gewahrte eine Felsengrotte, aus der Rauch aufstieg.

»Wo Rauch ist, da ist auch Feuer«, dachte der Hampelmann; »dort geh‘ ich hinein und trockne mich ein bißchen; dann will ich weiter sehen, was sich tun läßt.«

Er schwamm ans felsige Ufer und hatte sich schon an einem Steine festgeklammert. Da fühlte er unter seinen Füßen etwas emportauchen, und im Nu war er hoch in die Luft gehoben. Er wollte ins Wasser zurückspringen; doch es war zu spät. Der Unglückliche war in ein Fischernetz geraten, und um ihn zappelte und trappelte es von Fischen aller Art.

Gleich kam auch oben vor der Felsenhöhle der Fischer zum Vorschein, ein grausiges Geschöpf, ein entsetzlich häßliches Ungetüm. Er hatte keine Haare auf dem Kopf, sondern einen Busch von grünem Seegras, seine Haut, seine Augen, sein langer Bart, alles war meergrün. Im ganzen sah er aus wie ein Laubfrosch, der auf den Hinterbeinen steht; aber er war schrecklich wild und unbeschreiblich garstig.

Als der Fischer das Netz ans Land gezogen hatte, grunzte er zufrieden und sprach:

»Ein guter Fang! Auch heute kann ich mich an einem feinen Mahle gütlich tun.« –

»Ein Glück für mich, daß ich kein Fisch bin«, dachte Bengele bei diesen Worten und faßte etwas Mut. Der Fischer trug das Netz in seine Höhle. – Diese war ganz ausgeräuchert schwarz und unheimlich. In der Mitte brannte ein Herdfeuer; darauf stand eine Pfanne. Der ranzige Tran, der darin brodelte, verpestete die Luft.

Der grüne Fischer holte mit seiner plumpen Hand einen Fisch nach dem andern aus dem Netze. Jeder wurde genau untersucht:

»Barben sind gut«, sagte er, hielt eine vor seine Augen, beschnupperte sie und warf sie in einen leeren Kübel. Das Wasser lief dem Höhlenmenschen im Munde zusammen, ehe die Fische noch gekocht waren. Er wurde immer lustiger und sprach:

»Fein diese Nasen! – Ausgezeichnete Äschen! – Und diese Zungen! – Ha! – Solch seine Barsche erst! – Hurra, auch noch Sardellen!« –

Alles flog unbarmherzig in den großen Kübel. Jetzt war Bengele noch übrig. Der grüne Fischer zog ihn heraus; unbeschreibliches Erstaunen erfaßte ihn, seine grünen Augen wurden groß wie Pflugrädchen, und er fragte verwundert:

»Was ist das für eine Sorte? Diesen Fisch habe ich noch nie gegessen!«

Aufmerksam schaute er den Neuling von allen Seiten an und meinte schließlich:

»Ja, ja, es muß eine Art Meerkrebs sein!«

Daß er ein Meerkrebs sein sollte, war dem Bengele doch zu viel, und er schrie beleidigt:

»Was?! – Ein Meerkrebs! – Dich soll das Mäusle beißen! Merke es dir ein für allemal: ich bin ein Hampelmann.«

»Ein Ham-pel-mann?« – sagte der Fischer in langgezogenem Tone, »ich muß schon sagen, einen Hampelmannfisch habe ich noch nie gegessen. Aber gerade deshalb wirst du mir um so besser schmecken.«

»Wie! Essen willst du mich! – Ich bin doch gar kein Fisch. Begreifst du nicht, daß ich reden kann wie du?«

»Das schon«, meinte der Fischer, »aber weil du doch ein Fisch bist und dazu reden kannst wie ich, so will ich dich auch entsprechend behandeln.«

»Das heißt?«

»Als ein Zeichen von Freundschaft und besonderer Hochachtung lasse ich dir die Wahl, wie du gekocht sein willst. Willst du gebraten, gesotten oder geräuchert werden?«

»In diesem Fall fällt mir die Wahl nicht schwer: am liebsten möchte ich losgelassen werden, weil ich nach Hause will.«

»Mach doch keine dummen Witze!« sagte der Fischer, »ich muß dich unbedingt versuchen; die Gelegenheit kommt selten wieder, daß mir ein Hampelmannfisch ins Netz gerät. – Vertraue nur ruhig auf mich; ich brate dich zusammen mit allen andern in der Pfanne, und damit kannst du wohl zufrieden sein. Es ist immerhin ein Trost, wenn man in Gesellschaft gebraten wird.«

Bengele weinte und flehte den Fischer an, daß er ihn frei gebe; er wolle nach Hause gehen zu seiner Mutter. Das grüne Scheusal hatte kein Herz und hörte gar nicht auf des Hampelmanns Gejammer. Verzweifelt drehte und wand sich Bengele; die grünen Tatzen ließen ihn nicht mehr los. – Der grausame Fischer machte schließlich dem Zappeln ein Ende; er nahm ein paar Weidenzweige und band dem Hampelchen Hände und Füße fest. Darauf warf er den neuen Fisch zu den andern in den Kübel.

Bengele ergab sich seinem traurigen Geschicke. Leise wimmerte er:

»Wäre ich doch in die Schule gegangen! – Hätte ich doch nicht auf schlechte Kameraden gehört! – Ach, wie muß ich meine Fehler büßen!«

Der Grüne machte sich daran, die Fische zu braten. Er holte sie der Reihe nach aus dem Kübel, drehte jeden zuerst in einer Schüssel voll Paniermehl und legte ihn dann in den siedenden Tran. Bengele war wieder der letzte. Er zitterte und konnte nicht mehr reden. Aber er schaute den Fischer mit einem Blicke an, der einen Stein erweichen mußte. – Das Ungetüm hatte kein fühlendes Herz. Der Hampelmann wurde ins Paniermehl gesteckt, bis er von allen Seiten dicht davon bedeckt war. – Max und Moritz sahen nicht schlimmer aus, als sie in den Teig fielen. – Der grüne Unmensch faßte den Hampelmannfisch und …

Meister Seppel erhält das Stück Holz

Zweites Stück.

Meister Seppel erhält das Stück Holz

Es klopfte an.

»Nur zu!« rief der Schreiner; er saß noch immer auf dem Boden.

Ein lustiger Alter kam zur Türe herein; es war der Seppel. Von seinem Handwerk hatte er den Namen »Schnefler«, denn er war ein geschickter Holzschnitzer. Die bösen Buben in der Nachbarschaft hießen ihn freilich nur den »Gälfinken«. Seine gelbe Perücke hatte diesen Übernamen verschuldet.

Der »Schnefler-Seppel« war sehr jähzornig. Gnad‘ Gott dem, der ihn »Gälfink« nannte. Das machte ihn teufelswild, und im Zorne kannte er sich selbst nicht mehr.

»Guten Tag, Meister Toni!« grüßte Seppel artig, »was schaffst du denn auf dem Boden?«

»Ich will den Ameisen das ABC beibringen.«

»Ein neuer Beruf! – Guten Erfolg!«

»Was bringt dich heute zu mir, Seppel?«

»Eine kleine Sorge, Toni; ich möchte dich um einen Gefallen bitten. – Heute früh ist mir ein neuer Gedanke in den Kopf gekommen.«

»Laß hören!« sagte der Schreiner und stand vom Boden auf.

»Ich möchte mir einen hölzernen Hampelmann schnitzen; denn ich habe eine neue Art erfunden, den Zauberhampel. Fechten und seiltanzen muß er mir lernen. Dann reise ich mit ihm durch die Welt und verdiene mein Brot. – Was meinst du dazu, Toni?«

»Sehr gut, Gälfink!« kreischte ein feines Stimmchen.

Seppel hörte »Gälfink«, ward vor Zorn rot wie eine Himbeere und fuhr den Schreiner wütend an:

»Warum sagst du mir eine Grobheit?«

»Wer?« –

»Du! – Gälfink hast du mich geheißen!«

»Aber ich nicht!«

»Wer denn? vielleicht ich selber? – Lüg nicht! – Du hast’s gesagt!«

»Nein!«

»Doch!«

»Nein!!«

»Doch!!«

Immer hitziger wird der Streit. Mit Worten ist ihr Zorn nicht mehr zufrieden: schon packen sie sich an den Kitteln; der eine schlägt, der andere beißt; jetzt ringen sie miteinander auf dem Boden; jetzt schnellen sie beide auf und lassen einander los. Zwei Siegern gleich stehen sie da, einer stolzer wie der andere. Der Schnefler zerknittert Tonis Zipfelmütze in seiner Faust; Meister Pflaum aber schwingt als Siegesfahne den künstlichen Haarwuchs des »Gälfinken«.

Eine Zeitlang schauen sie sich triumphierend an; dann sagt der Schreiner:

»Gib mir meine Mütze her!«

»Wenn du mir meine Perücke gibst.«

Lachend tauschten die beiden Alten ihre Beute aus, gaben einander die Hand und versprachen treu und fest, nie mehr zu raufen, sondern stets gute Freunde zu bleiben.

»Nun denn, lieber Seppel«, fing der Schreiner an, »womit kann ich dir dienen?« –

»Ich suche ein Stück Holz für meinen Hampelmann; hast du ein passendes?«

Toni nahm das Scheit von der Hobelbank, das ihm so viel Angst eingejagt hatte, und wollte es dem Freunde in die Hand geben.

Wupp!! – Das Scheit schnellt dem guten Meister Pflaum aus der Hand, überschlägt sich und versetzt dem armen Seppel einen derben Hieb auf die harten Knochen seiner Schienbeine.

»Au!! – au!! – So, Toni! – Ist das die Freundschaft? Die Beine hast du mir halb abgeschlagen! – Au!«

»Ich habe es nicht getan; du kannst es mir glauben.«

»Dann bin ich es wieder selbst gewesen!«

»Das Holzscheit war’s.«

»Rede nicht so einfältig! Du hast es mir an die Beine geschlagen!«

»Es ist nicht wahr!«

»Verlogener Kerl!«

»Seppel, keine Unarten! – Sonst heiße ich dich Gälfink.«

»Esel!«

»Gälfink!«

»Ochs!«

»Gälfink!«

»Dummer Affe!«

»Gälfink!«

Dreimal »Gälfink«, das war für Seppel zu viel. Es ging ihm Hören und Sehen aus, er stürzte auf den Schreiner los, und der Kampf entbrannte hitziger als zuvor.

Schließlich hatte der Schreiner-Toni zwei rote Kratzer mehr auf seiner blauen Pflaumennase; dem Seppel aber fehlten zwei weitere Knöpfe an der Weste. – Ihre Rechnung war damit ausgeglichen; sie drückten einander die Hand und gelobten sich aufs neue ewige Freundschaft.

Seppel nahm sein Holzscheit, dankte dem guten Meister Pflaum, und obgleich ihn sein Bein noch schmerzte, hinkte er doch fröhlich nach Hause.

Bollos Dankbarkeit.

Neunundzwanzigstes Stück.

Bollos Dankbarkeit.

Eben wollte der grüne Fischer den panierten Hampelmann in die Pfanne legen, da kam ein fremder Hund in die Höhle. Er hatte Bratenduft gerochen und war ihm nachgegangen.

»Hinaus da!« – schrie der Grüne; er hatte immer noch den Hampelmann in den Händen.

Der arme Hund hatte schrecklich Hunger; er kauerte sich nieder, winselte und wedelte und bat um ein Stückchen Fisch.

»Marsch hinaus!« rief der Unmensch zum zweiten Male, »sonst! …« schon hob er ein Bein hoch und wollte dem hungrigen Tiere einen Tritt versetzen.

Der Hund war empört über die Grobheit. Knurrend zeigte er dem Grünen seine beiden Reihen spitzer Zähne und stellte sich auf zum Angriffe.

Da erklang in der Höhle eine leise Stimme:

»Bollo, hilf mir, ich werde gebraten.«

Sofort erkannte der Hund Bengeles Stimme und merkte, daß sie aus dem panierten Dinge kam, das der Fischer in der Hand hielt.

Was tut der treue Hund? – Er springt hoch, faßt den panierten Bengele mit seinen Zähnen, reißt ihn dem erstaunten Fischer rasch aus der Hand und trägt ihn schnellen Laufes davon.

Der Fischer war wütend, daß ihm der seltene Leckerbissen entgangen war; er wollte dem Hunde nachrennen, aber nach wenigen Sprüngen ging ihm schon der Atem aus und er keuchte verärgert in seine Höhle zurück.

Bollo blieb erst stehen, als er an den Fußweg gekommen war, der vom Meer nach Fleißigenstadt führte. Dort legte er seinen Freund Bengele sanft auf die Erde nieder.

»Bollo, du hast mir das Leben gerettet«, sagte der Hampelmann; »ich kann dir nie genug danken.«

»Gar nicht notwendig!« entgegnete der treue Hund; »ich habe nur meine Schuld abgetragen. – Schau dort das Meer!«

»Wie bist du nur in jene Höhle gekommen?« fragte Bengele.

»Ich lag immer noch halbtot am Ufer, da trug mir der Wind von weitem einen Bratengeruch daher. Weil ich Appetit hatte, ging ich diesem Dufte nach. Wäre ich eine Minute später gekommen, –«

»Sei still:« – sagte Bengele und fing von neuem an zu zittern. »Sprich nicht mehr davon! Wärst du eine Minute später gekommen, dann wäre ich jetzt schon gebraten und verspeist. Brrr! – Es schauert mich jetzt noch, wenn ich nur daran denke.«

Bollo mußte lachen! – Er reichte dem Hampelmann seine rechte Pfote zum Abschiede. Dieser drückte sie fest und liebevoll dem treuen Freunde; dann gingen sie auseinander.

Nächtliche Heimkehr. – Die gemütliche Schnecke.

Dreißigstes Stück.

Nächtliche Heimkehr. – Die gemütliche Schnecke.

Der Hund lief heim; Bengele wandte sich einer nahegelegenen Hütte zu. Dort saß ein alter Mann vor der Haustüre, und Bengele fragte ihn:

»Sagt, lieber Mann, habt ihr nichts gehört von einem Knaben, der Eugen hieß und an den Kopf geschlagen wurde?«

»Man hat ihn dort zu den Fischersleuten gebracht und jetzt …«

»Wird er tot sein«, fiel Bengele schmerzlich bewegt dem Alten in die Rede.

»Nein, nein! Er ist wieder gesund und schon nach Hause gegangen.«

»Wirklich? – Wirklich?« rief Bengele und tat einen Freudensprung. – »Also war die Verletzung nicht so schlimm?«

»Es hätte schlimmer gehen können«, sagte der Alte; »das Buch war gar zu schwer, das sie ihm an den Kopf geworfen haben.«

»Wer hat es geworfen?«

»Einer von seinen Schulkameraden, ein gewisser Bengele.«

»Wer ist dieser Bengele?« fragte der Hampelmann.

»Man sagt, er sei ein Schlingel, ein Bummler, ein ganz lotteriger Bube.«

»Alles erlogen!«

»Kennst du Bengele?«

»Vom Sehen, ja!«

»Was hältst du von ihm?« fragte der Alte weiter.

»Ich halte ihn für einen braven Knaben, einen fleißigen Schüler, ein folgsames Kind, das sehr an seinem Vater und an seiner Mutter hängt.«

Plötzlich griff Bengele nach seiner Nase: sie war durch diese Schwindelei eine Spanne länger geworden. Voller Angst sagte er darum gleich:

»Nein, nein, lieber Mann, ich habe nur Spaß gemacht; Ihr dürft nicht glauben, was ich gesagt habe. Ich kenne nämlich Bengele sehr gut und weiß, daß er wirklich ein nichtsnutziger Strick ist, ein eigensinniger Schlingel, der die Schule schwänzt und mit schlechten Kameraden herumbummelt.«

Sofort bekam die Nase ihre richtige Größe wieder. –

Es ging gegen Abend. Ein kühler Wind kam vom Meere her und der Hampelmann fing an zu frieren. Der grüne Fischer hatte ihm alle Kleider vom Leibe gerissen; überall klebte ihm noch das Paniermehl an. Er schämte sich, so nach Hause zu gehen, und bat den Alten um ein Gewand.

Der Mann war arm und sagte:

»Mein lieber Kleiner, ich kann dir nichts geben als einen alten Sack.«

Bengele nahm das Anerbieten dankbar an. Der Alte holte einen Sack in seiner Hütte, schnitt mit der Schere an den Zipfeln zwei Löcher für die Arme und dazwischen in der Mitte ein größeres für den Hals. – Der Hampelmann zog den Sack über den Kopf, streckte die Hände bei den Zipfeln heraus und trottelte in diesem Kleide der Heimat zu.

Das Herz pochte ihm laut, manchmal wollte er wieder umkehren; denn er dachte:

»Wie kann ich so zu meiner guten Mutter Fee zurückkommen? Was wird sie sagen, wenn sie mich sieht? Sie wird mir nicht mehr verzeihen, sicher nicht! Aber ich bin selbst daran schuld; ich bin ein Schlingel; ich verspreche immer, mich zu bessern, aber ich halte es nie!«

Als Bengele nach Fleißigenstadt kam, war es schon dunkel. Kein Sternlein war am Himmel zu sehen und bald fing es an zu regnen. Der Hampelmann nahm den nächsten Weg zum Hause der Mutter Fee. Er stand vor der Haustüre und wollte klopfen. Der Mut verließ ihn, und er ging zehn Schritte weiter. – Er kehrte zurück, stand wieder vor der Türe und – ging wieder weg. Erst das vierte Mal pochte er zaghaft und leise.

Er wartete und wartete. Nach einer halben Stunde wurde im vierten Stock ein Fenster geöffnet. Eine große Schnecke kroch über die Fensterbrüstung. Sie trug zwischen den Hörnchen eine brennende Kerze, blickte zur Haustüre und fragte:

»Wer kommt noch so spät?«

»Ist die Herrin zu Hause?« rief Bengele empor.

»Die Frau Fee schläft und will nicht geweckt werden; – wer bist du denn?«

»Ich bin’s!«

»Wer ich?«

»Bengele.«

»Was für ein Bengele?«

»Der Hampelmann, der bei der Frau Fee wohnt.«

»Ah so!« sagte die Schnecke. »Warte ein bißchen, ich komme gleich hinunter und mache dir auf.«

»Spute dich, sonst muß ich in diesem Wetter erfrieren.«

»Mein Lieber, ich bin eine Schnecke, und den Schnecken pressiert es nie.«

Eine Stunde verging, es verging eine zweite, und die Türe war immer noch zu. Bengele klapperte mit den Zähnen und litt unsäglich durch die Kälte und Nässe. Er faßte Mut und klopfte noch einmal und diesmal viel fester.

Da ging im dritten Stock das Fenster auf, und die Schnecke zeigte sich wieder:

»Liebe Schnecke«, rief Bengele, »zwei Stunden warte ich schon, und in diesem Hundewetter ist eine Stunde so lang wie ein Jahr. – Mach vorwärts, ums Himmels willen beeile dich!«

Die Schnecke aber regte sich nicht auf. So langsam und gemächlich wie zuvor sagte sie: »Ich bin eine Schnecke, mein Lieber, und den Schnecken pressiert es nie.« – Und wieder ging das Fenster zu.

Gleich danach schlug es Mitternacht, dann 1 Uhr, dann 2 Uhr, und die Haustüre war immer noch zu.

Jetzt ging dem Bengele die Geduld aus, er klopfte und rüttelte mit aller Gewalt an der Türklinke; aber auf einmal verwandelte sich der eiserne Griff in einen lebendigen Aal, quietschte ihm aus der Hand und verschwand in der Wasserrinne neben der Straße.

»Auch das noch!« schrie Bengele, immer mehr vom Zorn erfaßt. – »Jetzt muß ich mir schon mit den Füßen helfen.«

Er nahm einen Anlauf und tat einen kräftigen Tritt gegen die Türe. Da gab ein Brett nach, der Fuß ging durch und blieb wie ein Nagel im Holze stecken. Vergeblich waren alle Anstrengungen des Hampelmannes; er brachte sein Bein nicht mehr heraus.

Mit einem Fuß auf dem Boden stehen und mit dem andern in einer Türe festgeklemmt sein, ist kein Vergnügen. Aber Bengele mußte aushalten.

Beim Morgengrauen wurde endlich die Türe geöffnet. Die wackere Schnecke war in neun Stunden vom vierten Stock herunter gekrochen; sie hatte sich wirklich beeilt.

»Was machst du denn mit dem Fuß in der Türe?« fragte sie Bengele.

»Das war eine dumme Geschichte. Schau mal, liebe Schnecke, ob du mir nicht heraushelfen kannst.«

»Mein Lieber, da muß ich schon den Schreiner kommen lassen; auf solche Arbeit verstehe ich mich nicht.«

»Dann geh und bitte die Mutter Fee, daß sie mich losmache.«

»Die Herrin schläft und will Ruhe haben.«

»Aber ich kann doch nicht den ganzen Tag wie ein Nagel in der Türe stecken!«

»Zähle zur Unterhaltung die Käfer, die auf der Straße vorbeilaufen!«

»Bring mir lieber etwas zu essen, ich bin halbverhungert!«

»Sofort!« sagte die Schnecke.

In der Tat kam sie nach drei Stunden wieder und trug eine Silberplatte auf dem Kopf. Darauf lag ein Brötchen, ein Stück Fleisch und vier schöne Aprikosen.

Für Bengele war das der erste Trost nach dem vielen Unglück. Aber auf seine Freude folgte sogleich die bitterste Enttäuschung: das Brot wurde in seiner Hand ein Stein, das Fleisch verwandelte sich in rostiges Eisen und die Aprikosen erwiesen sich als bunte Glaskugeln.

Der Hampelmann schäumte vor Zorn. Er faßte die Platte und wollte sie mit dem ganzen Inhalt hinaus auf die Straße werfen. Doch die Kräfte gingen ihm aus; ohnmächtig sank er zusammen und war wie tot.

Als Bengele wieder zu sich kam, lag er in seinem Bette. Die Mutter Fee saß neben ihm und sprach:

»Mein Kind, du bist sehr unartig gewesen; die Strafe dafür hast du heute nacht erhalten. Ich verzeihe dir deinen Leichtsinn; aber dies ist das letzte Mal.«

Bengele weinte und küßte der guten Mutter die Hand. Er versprach ihr fest, daß er keine Streiche mehr mache, und wurde sehr ernst.

Die gute Fee machte ihm neue Kleider, und Bengele ging wieder zur Schule. Bis zum Schlusse des Schuljahres lernte er mit großem Fleiße und war musterhaft brav.

In der Prüfung wurde er belobt und erhielt ein schönes Buch als Preis.

Die Mutter Fee war sehr zufrieden und sprach zu ihm:

»Von mir sollst du die schönste Gabe empfangen; morgen will ich deinen Herzenswunsch erfüllen. Nun verdienst du es nicht mehr, ein Hampelmann zu sein; über Nacht sollst du ein Knabe werden. – Wir machen morgen nachmittag ein kleines Fest in unserem Garten. Du darfst deine Schulkameraden dazu einladen. Es gibt Kaffee mit Kuchen, Butterbrot und Honig.«

Unbeschreiblich groß war Bengeles Freude. Was er als Hampelmann verübt und ausgestanden hatte, das alles soll vergangen und vergessen sein. Morgen fängt er als Knabe ein neues, glückliches Leben an.

Kein Hindernis schien mehr im Wege; aber … In Bengeles Leben gab es immer wieder ein »Aber«, das alles Schöne verdarb.