Zweites Kapitel

Erzählt die Entdeckungsfahrten einer tapfern Mutter und wie eine Brücke und ein Baumhaus gebaut werden. Fritz erweist sich als ein Held. Es wird Sonntag gefeiert. Die Natur schenkt reiche Gaben.

Der schweizerische Robinson

»Tatsächlich«, begann die Mutter, »scheinst du nicht begierig zu sein, mich anzuhören, da du mich den ganzen Abend gar nicht zum Worte kommen lässest. Aber je länger sich das Wasser gesammelt hat, je länger fließt es; und nun will ich reden nach Herzenslust!

Morgens frühe war ich aufgestanden, und als ich erkannte, daß ihr so bald nicht zurückkehren würdet, war mein Plan bald gefaßt. Ich wollte einen bequemeren Wohnplatz suchen; denn hier in der furchtbaren Hitze am Strand ist es tagsüber fast nicht auszuhalten. Die Knaben waren bald munter geworden; sie hatten sich sofort daran gemacht, Fritzens Schakal abzuhäuten und nicht ohne Kunst aus Streifen, die sie aus der Haut schnitten, Jacks Gürtel und Türks Halsband zu verfertigen, die beide ihr heute abend angestaunt habt.

Der schweizerische Robinson

Ich eröffnete ihnen jetzt meinen Reiseplan, und alle gaben ihre freudige Zustimmung. Ohne Säumen setzten sie sich in Bereitschaft, untersuchten ihre Gewehre, luden sie, wählten sich Hirschfänger und erhielten Mundvorrat auf den Rücken. Mir blieb die Wasserflasche und statt des Hirschfängers ein Handbeil. Dafür nahm ich Ernsts leichte Flinte und gab ihm ein Jagdrohr, das mit Kugeln geladen werden konnte. So waren wir gerüstet, und da eure Rückkehr sich noch immer verzögerte, brachen wir, von den zwei Hunden begleitet, auf und zogen dem Bache zu.

Türk, der bei eurem ersten Zuge mitgewesen war, schien gleich zu bemerken, daß wir den nämlichen Weg aufsuchten, und warf sich sofort zu unserm Anführer auf. Hinter ihm her kamen wir bald an die Stelle, wo ihr über den Bach gesetzt, und glücklich, obwohl nicht ohne Mühe, gelangten auch wir hindurch.

Nachdem ich aus dem Bache noch die Wasserflasche gefüllt hatte, setzten wir unsern Stab weiter, und als wir die Anhöhe jenseits des Baches erreicht hatten, bekam in der Tat, wie ihr es beschrieben, die Gegend ein ungemein anmutiges Aussehen, und mein Herz eröffnete sich seit langem zum erstenmal wieder einem hoffnungsvollen Gedanken.

Wir hielten uns links nach dem Strande hin, wo wir ohne Hindernis weiterschreiten konnten. Wir trafen auf eure vorgestrigen Fußstapfen und folgten ihnen nach, bis wir in die gerade Linie mit einem Wäldchen kamen, wo wir denn den Strand wieder verließen und uns rechts gegen dasselbe hinwandten. Bald aber mußten wir durch hohes Gras eindringen, was äußerst beschwerlich war und uns ganz ungemein ermüdete.

Eine Menge unbekannter Vögel sangen uns aber fröhlich entgegen oder flatterten vor uns her. Die Knaben verschlangen sie gierig mit den Augen und schickten sich an, sie herunterzuschießen; allein ich gab es um so weniger zu, da die Bäume von solcher Höhe waren, daß schwerlich ein Schuß nur hinaufgetragen hätte.

Aber, was das auch für Bäume waren! – Nein, du kannst dir keinen Begriff davon machen. In deinem Leben hast du keine Bäume von solcher Größe gesehen. Was uns von ferne ein ganzes Wäldchen geschienen, das war in der Nähe doch bloß eine Gruppe von zehn bis vierzehn Stämmen, und, was das Sonderbarste war, sie standen sicher in den Lüften, wobei sie rings herum wie von großen Strebepfeilern kräftig unterstützt wurden. Die weit ausgebreiteten starken Wurzeln hatten den ungeheuer dicken Stamm gleichsam in die Höhe gehoben. Dennoch war derselbe auch in der Mitte fest in den Boden gewurzelt, aber unten war er ungleich dünner als oberhalb, wo die Wurzeln sich in ihn verloren und ihn wohl um die Hälfte dicker machten.

Jack mußte mir an einem Wurzelpfeiler eines der Riesenbäume hinaufklettern und droben den Umfang des Stammes mit Packfaden ausmessen. Da fanden wir denn an elf Meter; und rings um die Wurzeln, wo sie aus der Erde brachen, hatte ich vierzig Schritte zu gehen. Die Höhe des Baumes von der Erde bis da, wo die Äste anfingen, mochte an zweiundzwanzig Meter betragen. Laub und Zweige waren dicht und gaben vortrefflichen Schatten. Die Blätter sind ungefähr wie unsere Nußblätter, aber Früchte habe ich nicht entdeckt. Unter den herrlichen Bäumen endlich ist der Boden mit reinem Grase bewachsen und von Buschwerk oder Dornen vollkommen frei, so daß sich alles vereinigt, um den schönsten und lieblichsten Ruheplatz zu bilden.

Auch gefiel es mir dort so wohl, daß ich beschloß, ein kühles Mittagslager zu halten, und daß ich mich samt den Knaben in dem grünen Waldpalast niederließ. Die Futtersäcke wurden hervorgenommen, ein Bächlein gewährte einen frischen Trunk, und wir erquickten uns nach Herzenslust. Indes kamen auch unsre Hunde herbei, die am Strand zurückgeblieben waren, und zu meinem Erstaunen bettelten sie nicht einmal zu fressen, sondern legten sich, wie mir schien, mit ziemlich gefülltem Wanste ruhig zu unsern Füßen hin und schliefen alsbald ein.

Der schweizerische Robinson

Ich konnte nicht satt werden, mich an diesem unvergleichlichen Platze umzusehen, und mir deuchte, wenn wir uns auf einem der hochstämmigen Bäume ansiedeln könnten, so würden wir ganz außerordentlich sicher sein. Zudem sah ich weit und vermutete noch weiter umher nicht einen einzigen Ort, der zum Ansiedeln lieblicher und freundlicher wäre, so daß ich den Entschluß faßte, nicht ferner zu suchen, sondern umzukehren und nur, wenn die Zeit es erlaubte, am Strande noch einiges aufzufischen, das von unserm Wracke angetrieben worden war.

Am Strande fanden wir dann aber wenig zu retten, weil der größere Teil der angeschwemmten Sachen für unsere Kräfte viel zu schwer war.

Soviel wir aber bezwingen konnten, zogen wir landeinwärts, bis es uns vor der künftigen Flut gesichert schien, und bei dieser Arbeit merkte ich, was unsre Hunde vor kurzem gefressen haben mochten. Denn ich sah sie an seichten und klippigen Stellen des Ufers auf Krabben lauern und dieselben vermittelst der Pfoten beglückt aufs Trockene ziehen oder selbst unter dem Wasser mit Behendigkeit wegschnappen. Da wußten wir also, wo unsere Fresser vorhin ihre Nahrung gefunden hatten.

Indem wir unsern Weg fortsetzten und schon im Begriffe waren, vom Strande abzulenken, ward ich inne, daß unser Bill etwas Rundes mit Begier aus dem Sande scharrte und alsbald hastig verschlang. Ernst sah ihm gleichfalls zu und sagte gelassen: ›Das werden Schildkröteneier sein.‹

›Oh‹, rief ich, ›in diesem Falle wollen wir retten, was zu retten ist; denn dergleichen können auch wir verspeisen!‹

Es kostete jedoch Mühe, bis wir den Näscher von der schmackhaften Beute wegbringen konnten. Aber endlich gelang es uns, gegen zwei Dutzend Eier noch unversehrt zu erhalten und in unsere Säcke zu verteilen.

Über diesem Geschäfte blickten wir zufällig auf das Meer hinaus und gewahrten mit Verwunderung ein Segel, das sich lustig dem Lande näherte. Ich wußte gar nicht, was ich denken sollte. Ernst behauptete, daß es der Vater und Fritz seien, und Fränzchen fing an bange zu werden, daß die Wilden kommen und uns auffressen möchten. – Indes bestätigte sich bald, was Ernst behauptete, und wir liefen eilig dem Bache zu, sprangen alle von Stein zu Stein hinüber und kamen bald bei der Ankerstelle an, wo wir mit Frohlocken in eure Arme flogen.

Das ist, mein lieber Mann, der Bericht von unsrer Erkundigungsreise, und jetzt, wenn du mir einen Gefallen tun willst, ziehen wir gleich morgen aus und setzen uns bei meinen herrlichen Bäumen fest.«

»Ei«, sagte ich, »Mutterchen, so, das ist alles, was du für unsre künftige Bequemlichkeit und Sicherheit herausgefunden hast! Ein zweiundzwanzig Meter hoher Baum, auf dem wir wie die Hühner auf der Stange sitzen müßten, wenn wir schon das Glück hätten hinaufzukommen! Denn, werden wir keinen Luftballon auftreiben, wird es uns schwerlich gelingen.«

»Oh, scherze nur lustig zu!« entgegnete die Mutter. »Mein Gedanke ist so abgeschmackt nicht. Wenigstens wären wir nachts vor den Schakalen und vor ähnlichen Gästen sicher, und ich weiß noch wohl, daß ich in unserm Vaterland so ein paar Linden sah, auf welchen man vermittelst einer Treppe hinanstieg und zwischen den Ästen eine hübsche Laube mit einem tüchtigen Fußboden fand. Was hindert uns, nach ähnlicher Weise hier auf den Bäumen ein Schlafzimmer einzurichten?«

»Nun, wir werden ja sehen, was sich tun läßt!«

Wir hatten inzwischen unser Mahl beendet, und die Dunkelheit brach mächtig herein; so beschlossen wir, zur Ruhe zu gehen, legten uns, nach verrichteter Andacht, in gewohnter Ordnung unter den Schirm unsres Zeltes nieder und schliefen wie die Murmeltiere bis an den lichten Morgen fort.

»Horch, Weibchen,« sagte ich zu meiner Frau, als wir beide des Morgens früh erwachten, »du hast mir vergangenen Abend eine in jeder Hinsicht schwere Aufgabe vorgelegt, wir müssen uns über dieselbe noch ein wenig näher beraten. – Im Grunde deucht mir, die Vorsehung habe uns gleich anfangs an die passendste Stelle dieser Küste geführt, um sowohl für unsere Sicherheit als für unsern Unterhalt aufs beste zu sorgen. Gerade als ob der ganze Raub von dem gescheiterten Schiffe uns zuteil werden sollte, haben wir einen bequemen Weg zu demselben, und die Klippen hier rings herum bergen uns so gut, daß wir alle Wachsamkeit nur gegen die Seite des Baches zu richten haben, der ohnehin an den wenigsten Stellen einen Übergang erlaubt. Wie wäre es also, wenn wir uns einstweilen geduldeten und zum wenigsten ausharrten, bis wir uns alles Beweglichen auf dem Wrack bemächtigt haben? Und wie wäre es, wenn wir dein auserkorenes Wäldchen zum Wohnplatze wählten und hier zwischen den Felsen unser Magazin und unsere Festung hätten? – Wenn ich mit der Zeit an einigen Stellen das Ufer des Baches mit Pulver sprenge, so kommt gegen unsern Willen auch keine Katze hinüber. Vor allem aber müssen wir an eine Brücke denken, wenn wir mit Sack und Pack von hinnen wollen.«

»Oh, dann geht es wieder eine Ewigkeit, bis wir ausziehen können«, bemerkte sie dagegen. »Warum nicht aufpacken und durchwaten? – Das Notwendigste mögen Esel und Kuh auf dem Rücken tragen!«

»Das werden sie wohl immer tun müssen«, sagte ich; »aber da sind Bastkörbe und Säcke nötig, und während du für diese sorgst, können die übrigen an der Brücke schon ein Tüchtiges fördern. Einmal gebaut, nützt sie uns immer. Der Bach kann anschwellen und den Durchgang unmöglich machen. Zudem mag ich unsre Schafe und Ziegen nicht der Gefahr des Ertrinkens aussetzen, und selbst die Knaben und wir dürften in dem Überspringen nicht immer so viel Glück haben wie bisher.«

»Nun denn, in Gottes Namen!« rief sie aus, »ich ergebe mich. Aber ohne Unterbrechung muß jetzt daran gearbeitet werden, daß wir weiter kommen; und dann hoffe ich, daß du unser Pulver hier zurücklassest; denn ich ängstige mich fort und fort, eine solche Menge davon in der Nähe zu wissen.«

»Wir wollen es mit der Zeit verteilen«, beruhigte ich sie, »und in den Felsen eingraben, daß es vor Feuersgefahr und vor Nässe besser verwahrt sei. Allerdings ist es unser gefährlichster Feind, wenn wir es nicht mit Sorgfalt hüten; aber es ist auch unser nützlichster Freund, wenn wir es in Obacht nehmen.«

So war nun die wichtige Frage von der Veränderung unsres bisherigen Wohnorts abgetan und zugleich unser heutiges Tagwerk bestimmt. – Die Kinder wurden aufgeweckt und der Plan ihnen mitgeteilt. Sie fanden ihn prächtig und wären nur des Brückenbaues gern enthoben gewesen, um in lauter Luftsprüngen sogleich nach dem angenehmen Wäldchen zu fliegen, dem sie jetzt anfingen, den Namen des gelobten Landes zu geben.

Alles sah vorerst der emsigen Mutter zu, die der Reihe nach erst die Kuh und dann die Ziegen ihrer Milch entledigte und rechts und links den schmunzelnden Knaben davon zu kosten gab. Den Rest goß sie teils in einen Topf über das Feuer, um mit Zwieback eine Milchsuppe zu kochen, teils in unsre Wasserflasche, um ihn aufzubewahren.

Unterdessen rüstete ich unser Tonnenschiffchen, um nach dem Wracke zu fahren und Bretter für die künftige Brücke zu holen. Dann wurde gefrühstückt, und gleich darauf bestieg ich mit Fritz und Ernst unser Fahrzeug, weil mir zur Beschleunigung meines Geschäftes nötig schien, doppelte Hilfe mitzunehmen.

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Ernst war ganz entzückt, daß ihm erlaubt worden war, mitzufahren, und daß er nun das Segel so prächtig sich füllen, den Wimpel so lustig dahinflattern sah. Wir brauchten aber diesmal gar nicht bis zum Wrack zu fahren. Als unser Schifflein von der Strömung hinausgetrieben wurde, bemerkte ich ein kleines Inselchen unweit vom Strande, und mit Vergnügen sah ich dort eine Menge Balken und Bretter, die das Wasser nach und nach hier angetrieben hatte und die uns der Mühe überhoben, für ihresgleichen nach dem Wracke zu fahren. Ich wählte also, was zu meinem Brückenbau mir dienlich schien, machte mit Hilfe des Hebeeisens und einer Winde flott, was auf dem Trocknen saß, verknüpfte die Balken zu einem Floße, lud die Bretter darauf und hängte das Ganze hinten an unser Fahrzeug, so daß wir, vier Stunden nach der Abreise von den Unsrigen, wieder zur Heimkehr gerüstet waren und uns mit Fug wohlverrichteter Dinge rühmen konnten.

Es dauerte auch nicht lange, so fuhren wir glücklich in die kleine Bucht, ließen das Segel fallen und legten an der alten Stelle bei. Von den Unsrigen war zwar niemand bei der Hand, aber ihre Abwesenheit erschreckte uns nicht wie das vorige Mal; wir erhoben vielmehr unsre Stimmen im Chor und riefen ein tapferes ho! ho!, bis endlich ein lauter Gegenruf erschallte und die Mutter mit den zwei Kleinen vom Bache her zum Vorschein kam, wo das Ufer sie unsern Augen entzogen hatte. Jedes trug in der Hand sein Schnupftuch bauchig und gefüllt, und Fränzchen führte das kleine Fischnetz, das an einem langen hölzernen Gabelstock festgemacht war.

Als die lieben Leute jetzt bei uns standen und sich über unsre baldige Rückkehr sattsam verwundert hatten, konnte sich Jack nicht länger enthalten, sein Schnupftuch hoch in die Luft zu heben und eine Anzahl der prächtigsten Flußkrebse vor unsern Augen auszuschütten. Die Mutter und Fränzchen folgten seinem Beispiel nach, und ein wimmelnder, zappelnder Haufe lag plötzlich beisammen. Aber die Krebse, die anfingen, sich frei zu fühlen, watschelten rechts und links nach allen Kräften davon, und die Knaben hatten genug zu tun, die Flüchtlinge beieinanderzuhalten. Da gab es denn ein Springen und Bücken und Schimpfen und Lachen, das ganz unvergleichlich war.

»Ja, gelt, Vater«, sagte Jack, »da haben wir jetzt von den rechten? Es waren erschrecklich viel, gewiß über tausend, und wenigstens zweihundert davon haben wir mitgehen heißen. Seht nur, was für große darunter sind! Und was für Scheren sie haben!«

»Aber wer ist denn der Urheber dieses herrlichen Funds?« fragte ich. »Gewiß bist du es selbst!«

»Nein, das nicht«, sagte er, »der kleine Lecker da hat das Meisterstück gemacht. Aber wer gleich zur Mutter gelaufen ist und es ihr gesagt und das Gabelnetz geholt und bis über die Knie im Wasser gestanden und die Burschen zu Dutzenden herausgefischt hat – das weiß ich! Und nun will ich euch erzählen, wie alles gegangen ist: Während die Mutter mit Nähen beschäftigt war, ging ich mit Fritzens Affen auf den Schultern und mit Fränzchen dem Bache nach, um ein bißchen zu sehen, wo wir doch die Brücke schlagen könnten.«

»So, so!« fiel ich ihm in die Rede, »da hat dein flüchtiges Köpfchen einmal einen wichtigen Gedanken erfaßt! Der junge Herr Werkmeister war folglich auf den Augenschein ausgegangen, und nun werden wir, seine Gesellen und Lehrburschen, vernehmen, was für eine passende Stelle sich finden ließ.«

»Ja, höre nur«, fuhr er fort, »ich will dir alles zeigen! – Wir gingen immer dem Bache zu, und Fränzchen las bunte Steinchen auf, und wenn er ein glänzendes fand, so lief er zu mir her und sagte: das ist ein prächtiges, siehst du da, Gold! Das will ich zerstoßen und Schreibsand machen. Als er endlich auf dem obern Rande des Ufers der Dinger zu wenig fand, ließ er sich niederwärts in den Bruch bis an das Wasser, und jetzt rief er plötzlich: Jack, Jack, komm doch her und sieh, wie ungeheuer viel Krebse an Fritzens Schakal sind! – Ich rutschte hinab über das Bord und sah in der Tat mit Erstaunen, daß der Schakal an einer seichten Stelle festgeblieben und jetzt die Beute einer Legion der prächtigsten Krebse war. – Auf und davon machte ich mich jetzt und verkündigte es der Mutter, die gleich mit einem Gabelgarn herausrückte, das ich noch nie gesehen hatte, und so fingen wir teils mit dem Werkzeug, teils mit den Händen, soviel wir nur wollten, und wir hätten noch mehr gefangen, wenn wir nicht euer Rufen gehört hätten. – Aber, nicht wahr, es sind doch grimmig viel?«

»Ja«, sagte ich, »wenn wir auch die kleinsten davon wieder laufen lassen, so sind noch genug zu der freigebigsten Mahlzeit für uns alle; und so haben wir abermals unvermutet eine Vorratskammer entdeckt, die uns Speise verspricht für manchen Tag. Gott sei’s gedankt, daß wir allenthalben Überfluß finden!«

Nachdem wir nun auch unserseits Bericht erstattet hatten, traf die Mutter Anstalten, eine gute Portion von den Krebsen zu sieden; wir übrigen aber waren indes beschäftigt, die hergebrachten Balken und Bretter teils voneinander zu lösen, teils an das Land zu schaffen. Es bedurfte zwar noch des Nachdenkens, um eine so einfältige Sache zustande zu bringen, weil wir gar kein Geschirr hatten, um unsere Tiere vorspannen zu können; ich machte es aber kurz und gut so, wie die Lappländer ihre Rentiere vor die Schlitten binden. Ein langer Strick ward an dem einen Ende zur Schlinge geknüpft und diese dem Esel über den Hals geworfen, so daß das andere Ende zwischen den Beinen des Tieres nach hinten ging und dort an die Hölzer festgebunden wurde. Die Kuh mußte sich auf gleiche Weise anspannen lassen, und so brachten wir unser Floß Stück für Stück bis an den Bach, auf die Stelle, die der kleine Werkmeister auf seinem Augenschein zum Brückenbau ausersehen hatte und die auch mir bei näherer Betrachtung die beste schien. Beide Ufer des Baches nämlich waren hier zusammengedrückt, ziemlich steil, fest und gleich hoch. Dazu kam noch diesseits der Strunk eines alten Baumes, an den ich meine Hauptbalken anlehnen konnte, während jenseits ein paar kräftige Bäume mir ebenfalls einen guten Stützpunkt versprachen.

Es war nur die einzige Schwierigkeit, auszumachen, wie die langen und schweren Balken, die zum mindesten acht Meter lang sein mußten, über den Bach zu bringen wären; eine Frage, die uns während der bevorstehenden, fast um eine Stunde verspäteten Mahlzeit recht nützlich beschäftigen konnte.

Wir begaben uns also sämtlich zur Kochstelle, wo die Mutter inzwischen nach Herzenslust Krebse gesotten hatte und jetzt uns erwartete. Vor allem aber zeigte sie mir die Näherei, mit welcher sie den Vormittag zugebracht hatte, und überraschte mich sehr mit zwei Tragsäcken für unsern Esel, die sie aus Segeltuch mit Packfaden mühselig zusammengenäht hatte. Da es ihr nämlich an großen und starken Nadeln gefehlt hatte, so war sie genötigt gewesen, mit einem Nagel allemal ihrem kleinen Werkzeug vorzubohren; und so hatte sie nur durch seltene Geduld und Ausdauer ihre Arbeit zustande gebracht, was ihr denn auch dreifaches, aus dem Herzen kommendes Lob einbrachte.

Mit dem Essen ging es diesmal rasch vorwärts; wir schwatzten über das bevorstehende Werk, und wir waren kaum satt, als wir schon wieder aufsprangen und frisch an den kunstreichen Brückenbau gingen.

Das erste, was ich hier veranstaltete, war, daß ich einen Balken hart hinter den Baumstumpf der Länge des Ufers nach legte und ihn vier bis fünf Fuß über einem seiner Enden so an dem Stumpf befestigte, daß er sich leicht um denselben herumdrehen und auf diese Weise das kürzere Hinterteil des Balkens dem längern allenfalls Gegengewicht halten konnte, wenn dieses über den Bach hinaus und nach dem untern Ufer gezogen würde. Hierauf befestigte ich an das andere Ende des Balkens einen Strick, und dieser, in gehöriger Länge um einen Stein gebunden, wurde über den Bach geworfen. Da ich keine Möglichkeit sah, den Esel oder die Kuh sogleich dorthin zu schaffen, nahm ich einen Flaschenzug und ein Seil, sprang damit von Stein zu Stein über, befestigte den Flaschenzug an einem Baum, zog den hergeworfenen Strick hindurch und kehrte mit dem Ende desselben in der Hand auf das diesseitige Ufer zurück. Nun war leicht zu helfen. Die Kuh samt dem Esel wurden an dieses Strickende vorgespannt und wacker angetrieben. Der Balken wandte sich sanft um den Strunk und hielt fest, obgleich sein längeres und schwereres Ende schon anfing, frei über dem Bach zu schweben. Bald berührte das Holz die andere Seite des Ufers und legte sich dort durch sein Gewicht fest. Jetzt waren Jack und Fritz im Sprung auf dem Balken, und verwegen, aber mit ungemeiner Leichtigkeit, gingen sie hinüber.

Nachdem der erste Balken gelegt war, minderte sich die Schwierigkeit unsres Werkes um vieles. Ein zweiter und ein dritter wurden so hinübergezogen, daß sie mit dem einen Ende diesseits liegen blieben und mit dem andern, auf den befestigten Balken aufgelegt, sich bequemen mußten, bis hinüber zu rutschen, wo sie, in passender Entfernung, neben dem ersten hingebettet wurden.

Bald blieb uns nur noch übrig, Bretter und Laden quer auf diese Unterlage zu breiten, und in einem Nu war dieses Geschäft abgetan, und die Brücke stand fertig vor unsern Augen. Fast ausgelassen vor Lustigkeit tanzte das junge Volk nun darüber hin, und schier hätte ich in der Freude selbst ein paar Sprünge gemacht. Die Brücke war zweieinhalb bis drei Meter breit und ganz erträglich ausgefallen; nur daß ich noch unterließ, die Bretter fest aufzulegen, weil mir ratsam schien, sie beweglich zu erhalten, damit man sie leicht wegnehmen und den Übergang des Baches erschweren könnte.

Die Arbeit hatte unsere Kräfte nicht wenig mitgenommen, und als der Abend hereinbrach, fanden wir uns so erschöpft, daß wir ohne weiteres uns nach Essen und Nachtlager umsahen.

Des andern Morgens erhielten die Knaben Befehl, unsere Herde zusammenzutreiben und den Esel samt der Kuh zum Bepacken näher zu bringen. Beide mußten sich Säcke von der Arbeit der fleißigen Mutter aufladen lassen, und beide hielten geduldig her. Die Säcke bestanden aus einem langen Stück Segeltuch, das den Tieren über den Rücken hing, an beiden Enden beträchtlich aufgeschlagen und auf den Seiten mit Packfaden fest vernäht war.

Hierauf fingen wir an einzupacken, was wir in den nächsten Tagen an Mundvorrat, Werkzeug, Küchengeschirr, Stricken und andern Bedürfnissen nötig haben konnten. Des Kapitäns Flaschenfutter und ein kleiner Vorrat aus dem Butterfasse wurden nicht vergessen. Zuletzt wollte ich oben über die Säcke unsere Bettdecken und Hängematten schlagen und damit die Ladung vollenden, als die Mutter eilig herbeikam und plötzlich meinem Eifer Einhalt tat.

»Die Hühner«, sagte sie, »dürfen wir doch unmöglich diese Nacht allein lassen, sonst ist es aus mit ihnen; und dann hatte ich gehofft, den Franz auf den Esel zu setzen; denn ich weiß noch wohl, wie er mich im Marsche aufgehalten hat, und dann muß auch mein Zaubersack mit; denn wer weiß, wie bald wir ihn nötig haben!«

»Ach!« rief ich aus, »was hast du doch alles aufzuladen! Wir wollen sehen, ob es möglich ist, deinem Wunsche nachzukommen; aber je weniger wir uns diesmal aufbürden, je schneller können wir wiederkehren.«

Zum Glück hatte ich doch den Esel im Bepacken etwas geschont und bereits an die Möglichkeit gedacht, ihm auf dem Wege vielleicht den kleinsten der Knaben aufsetzen zu müssen. Diesem also wurde jetzt mit dem Zaubersack eine Rücklehne gemacht, und bald saß er da zwischen den drei Säcken so sattelfest, daß er im Notfall galoppieren durfte, zumal da ich ihn auf alle Gefahr angebunden hatte.

Indes war die junge Mannschaft den Hühnern und den Tauben nachgelaufen und hatte nicht ein einziges Stück erhascht. Alles war auseinandergestoben, und die Knaben kehrten leer und verdrießlich zurück.

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»Ei, laß es gut sein!« sagte die Mutter, »wir wollen sie schon bekommen.«

»Ja, ja«, meinten die Jungen, »das wird was Feines absetzen; wir möchten es auch sehen!«

»Ihr sollt es gleich auf der Stelle sehen«, versetzte die Mutter, »und sollt erfahren, daß, wer seinen Kopf zu brauchen weiß, oft viel weiter kommt, als wer läuft oder jagt und sich auf Stärke oder Schnelligkeit blindlings verläßt.«

Mit diesen Worten fing sie an, den Hühnern und Tauben freundlich zu rufen und aus beiden Händen einzelne Erbsen und Haferkörner, die sie aus dem Zaubersacke zurückbehalten hatte, hinzuwerfen. Bald kam das Geflügel näher; die Mutter warf den Rest des Futters in unser offenes Zelt, das Federvieh trippelte allmählich hinein, und als es sämtlich am besten Fressen war, schlich sie seitwärts hinzu und schlug plötzlich die Flügel des Eingangs zusammen, so daß alle die Näscher glücklich gefangen waren.

»Wie nun«, rief sie den Knaben zu, »ihr hochweisen Herren! – habe ich Wort gehalten? Und hört ihr auf, die Achseln zu zucken?«

Jack mußte gleich in das Zelt, wie der Fuchs in das Hühnerhaus, und uns einen der Gefangenen nach dem andern herauslangen, worauf wir ihnen die Beine zusammenbanden und sie oben auf dem Gepäck der Kuh anknüpften, so gut es sich in der Kürze tun ließ. Zwei Bogen von einem Reifen wurden über das Völklein aufgespannt, ein paar Decken darauf hingelegt, damit die Finsternis es ruhig hielte, und so war auch dieses nun glücklich abgetan.

Was wir an dem Landungsplatze zurücklassen mußten, das von der Sonne oder von einem allfälligen Regen verdorben werden konnte, schafften wir in das Zelt, dessen Eingang zugeheftet und an Pflöcke auf dem Boden festgeknüpft wurde. Als weiteren Schutz stellten wir die vollen und leeren Tonnen rings wie ein Bollwerk auf und vertrauten dann das Ganze getrost der öffentlichen Sicherheit und der Obhut des freundlichen Himmels.

Endlich begannen wir unsern Zug, sämtlich mit Ober- und Untergewehr ausgerüstet, klein und groß, jung und alt, jedes seine Weidtasche auf dem Rücken, fröhlich und guten Mutes. Fritz und die Mutter marschierten voraus; Kuh und Esel mit Ritter Franz folgten nach; die Ziegen, von Jack aufgeführt, machten das dritte Glied; der Affe saß possierlich auf einer der Ziegen. Hinter diesen kam Ernst als Führer der Schafe, und hinter den Schafen, als wachsame Nachhut, ging ich. Auf der Seite trabten wie rasche Flügeladjudanten unsere Hunde. Der ganze Zug rückte langsam vor, und mich dünkte, er sehe fast aus wie der Zug des Erzvaters Abraham oder des Jakob, die mit der Familie und den Herden von Land zu Land gezogen waren. Glücklich kamen wir über unsere Brücke, und hier erst half auch das Schwein unsern stattlichen Zug verherrlichen. Es hatte sich so widerspenstig angestellt, daß wir nicht imstande gewesen waren, es mit dem übrigen Vieh zusammenzubringen; aber jetzt, da es uns samt und sonders abziehen sah, trat es freiwillig der übrigen Herde bei, wiewohl es mit Grunzen seine Mißbilligung deutlich zu verstehen gab.

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Inzwischen fing hier eine andere Not an. Das üppige Gras jenseits des Baches stach unserm Vieh so mächtig in die Augen, daß alles sich ans Fressen machte und rechts und links aus dem Zuge strebte. Wir hätten das näschige Volk auch nimmermehr wieder in Reih und Glied gebracht, wenn nicht unsere Hunde dabei das Beste getan und mit entsetzlichem Bellen und Anspringen alles in Ordnung gebracht hätten.

Um dieselbe Geschichte nicht zum zweitenmal zu haben, befahl ich, links gegen den Strand zu wenden, weil ich wußte, daß dort kein Gras sei, das uns aufhalten konnte.

Mit bereit gehaltener Flinte ging Fritz immer voraus und hoffte, sich ein Wild zu erjagen. Wir andern schlenderten gemächlich nach, und ohne weiteres Ereignis kamen wir in kurzem bei der neu erkorenen Wohnstelle an.

»Potz Wunder«, rief Ernst, »was sind das für Bäume! Schrecklich, schrecklich groß!«

»In der Tat«, sagte ich, »einen solchen Begriff habe ich mir nicht davon gemacht. Ich gebe dir die Ehrenerklärung, liebe Mutter, hier ist anmutig zu wohnen! Wenn es uns gelingt, einen Baum zu ersteigen und uns droben anzusiedeln, so sind wir so sicher vor den Tieren, als man nur wünschen kann; denn es wird selbst dem Bären, sonst einem guten Kletterer, nicht gelingen, an diesen ungeheuern und astlosen Stämmen emporzuklimmen.«

Jetzt wurde alles abgepackt, und unserm Vieh spannten wir, mit Ausnahme des Schweins, die Vorderfüße mit Stricken, damit es sich nicht zu weit verlaufen könne; den Tauben aber und den Hühnern ließen wir vollkommene Freiheit. Darauf setzten wir uns vergnügt ins Grüne und hielten Rat, wie wir uns denn eigentlich einquartieren wollten. Insbesondere war ich wegen der Nacht besorgt und wegen reißender Tiere, denen wir hier auf ebener Erde und bei den offenen Umgebungen bloßgestellt waren. Es muß etwas versucht werden, um in die Höhe zu kommen, dachte ich; und während ich anfing, mit der Mutter Rücksprache zu nehmen, wischte Fritz wieder auf und davon – im Augenblick geschah ein Schuß, und wieder ein Schuß dicht hinter unserm Rücken.

»Getroffen, getroffen!« rief der jagdlustige Junge, und im Sprunge kam er daher und jubelte: »Vater, Vater! welch eine prächtige Tigerkatze!« – Stolzierend hob er die Beute an den Hinterpfoten hoch in die Luft und zeigte sie von allen Seiten.

»Brav, brav, Herr Jägermeister!« sagte ich. »Da hast du den Tauben und Hühnern wahrhaftig einen Ritterdienst geleistet; der saubere Kamerad da würde gleich diese Nacht uns Hühner- und Taubenbraten für immer erspart haben. – Gib acht, ob solcher Kaper noch mehr da herumstreichen. Es wäre schlimm, wenn sich diese Brut hier eingenistet hätte; wir müßten sie mit Feuer und Schwert ausrotten. Aber nun erzähle erst, wie du es geschossen hast.«

»Da, mit der Pistole habe ich das Ungetüm erlegt«, antwortete er.

»Doch wohl nicht auf dem Baume?« fragte ich.

»Das freilich nicht«, versetzte Fritz. »Ich merkte, daß sich dort in den Ästen etwas regte, stand auf, schlich näher, erkannte die gefleckte Katze, schoß mit der Flinte und sah das Tier vor meine Füße fallen. Aber im Hui sprang es wieder auf und versuchte, trotz seiner Wunde, den Baumstamm von neuem zu erklimmen. Da gab ich ihm den Rest mit der Pistole, und es fiel zum zweitenmal und fiel für immer.«

»Wahrhaftig, du hast von Glück zu reden«, sagte ich, »daß es nicht wütend auf dich losgefahren ist; denn solche Tiere, wenn sie verwundet sind, verstehen nicht viel Scherz.«

»Ja, Vater«, versetzte Fritz, »aber nun möchte ich mir verbitten, daß Jack mir diesen hübschen Balg nicht wie den des Schakals verderbe! Sieh doch, Vater, wie schön die schwarzbraunen Flecken und Streifen auf dem goldgelben Grunde stehen! – Was ist das wohl eigentlich für eine Katze?«

»Vorderhand kannst du bei deiner ersten Benennung bleiben«, sagte ich, »und sie Tigerkatze heißen. Doch scheint es mir nicht eben die, welche man auf dem Vorgebirge der Guten Hoffnung mit diesem Namen bezeichnet. Vielmehr könnte es der Margay sein, der sonst in Amerika zu Hause ist und als ein böses, ungemein wildes Tier den Vögeln und allem, was er übermeistern kann, gar sehr gefährlich wird, so daß ich selbst im Namen unserer Ziegen und Schafe für die Vernichtung dieses furchtbaren Feindes Dank sagen muß.«

»Aber nicht wahr, mein herzliebes Väterchen«, bat Fritz, »ich darf jetzt die Haut für mich behalten? Wenn ich nur schon wüßte, was ich daraus machen könnte, das uns nützlich wäre!«

»Wenn du sie selbst abstreifen willst«, sagte ich, »und dabei Sorge trägst, daß die Schenkelbedeckung unverletzt bleibt, so will ich dir etwas angeben, das uns nützlich genug wäre, wenn es im Grunde schon nicht notwendig ist. Zur Kleidung brauchen wir einstweilen noch keine Felle, solange wir Segeltuch haben; ein Gürtel dagegen ist immer dienlich, und da kannst du den Schwanz zu dem allerprächtigsten verarbeiten. Die vier Schenkel taugen vortrefflich zu vier Bestecken, um Messer, Gabeln und Löffel im Gürtel zu führen. Die übrige Haut in vier Stücke zu saubern Überschlägen für die Bestecke zerschneiden, wäre dann nicht übel angewandt.«

Fritz und Jack ließen mir keine Ruhe, bis ich aufstand und die Beute an den Hinterfüßen auf eine hochstehende Wurzel nagelte und ihnen Anweisung gab, die Haut ohne Risse von dem Fleische zu bringen. Mit Herzenslust gingen die kleinen Jäger an ihr Geschäft, und Ernst ward inzwischen ausgesandt, um große Steine zu einem Feuerherd zu suchen, während Fränzchen uns dürres Reisig zusammentrug, damit die Mutter das Mittagsmahl bereiten könne.

Bald war Ernst so glücklich, seiner Aufgabe genug zu tun, und wir machten uns emsig an die Arbeit, die Steine, die er hergeschafft, in Ordnung zu setzen, wobei uns die Mutter nach den Bedürfnissen ihrer Kocherei anleitete.

Indes wir so arbeiteten, kam endlich auch Fränzchen mit einem Arm voll Reisholz zurück, machte runde Backen und schmatzte herzlich, indem er der Mutter fast unverständlich zurief: »Ja, das ist gut, ungeheuer gut!«

»O du genäschiger Junge!« rief ihm die Mutter ängstlich zu, »was stellst du mir an? – Um Gotteswillen, verschlinge nicht alles, was dir schmecken mag! Du könntest dich ja vergiften! Gib heraus, was du noch im Munde hast, und schlucke mir kein Bröcklein herunter!«

Mit diesen Worten fuhr die Mutter in Angst auf den Knaben zu, griff mit den Fingern in seinen Mund und holte, nicht ohne Mühe, den Überrest einer kleinen Feige hervor.

»Woher hast du das?« fragte ich. – »Gottlob, daß unsere Furcht umsonst war! Ich weiß nicht, daß es giftige Feigen gebe.«

»Dort im Grase«, erzählte Fränzchen, »sind der Dinger viel tausend, und ich habe gedacht, weil sie gut sind, so würden sie nicht giftig sein; und dann fressen die Tauben, die Hühner und das Schwein dort hinten aus allen Leibeskräften davon, und da habe ich gemeint, es würde mir auch nichts schaden.«

»So siehst du nun, Mutter«, sagte ich, »daß unsere stattlichen Bäume Feigenbäume sind, und das ist ja herrlich. – Aber bei diesem Anlaß muß ich euch ernstlich ermahnen, Kinder, daß ihr forthin keine Art von Früchten genießet, die ich nicht gesehen und für unschädlich erklärt habe. Besonders laßt euch nicht etwa kindisch durch den angenehmen Geschmack verführen, das, was euch auf der Zunge behagt, sofort, wie Fränzchen, für unschuldig und gesund zu halten! Auf den Fall jedoch, daß ihr mich nicht solltet befragen können, mag euch wenigstens die Regel dienen, nach welcher man gewöhnlich sich in fremden Ländern zu richten pflegt: daß man nämlich ohne Gefahr nur solche Früchte genießen dürfe, von denen sich Vögel ernähren oder allenfalls auch Affen.«

»Da sind aber doch die Kokosnüsse«, wendete Ernst ein, »die uns vortrefflich schmecken und gleichwohl von keinem Vogel gefressen werden.«

»Ei, und dann ist einer klugen Katze doch eine Maus entwischt!« versetzte ich lachend. »Wenn die Kokosnüsse nicht so schwer und groß und hart wären, so würden sie unter den Vögeln schon ihre Liebhaber finden. Überdies will ich keineswegs behaupten, daß es nicht auch Früchte gebe, die dem Menschen zwar unschädlich, aber einzelnen Arten von Vögeln Gift sein mögen; wie man zum Beispiel von den bittern Mandeln es sagt, die den Hühnern und Papageien tödlich sein sollen. Dieser Fall jedoch scheint der seltenere zu sein, und im ganzen zweifle ich, ob im Naturzustande ein Vogel von einer ihm schädlichen Frucht genießen werde, so daß meine Regel für den ersten Anlauf uns sicher genug wird leiten können. Nur möchte ich weniger auf unsere hergebrachten Hühner und Tauben als auf die Vögel dieses Landes sehen; denn bei den erstem ist vielleicht der natürliche Trieb durch die Zucht schon etwas gelähmt. Aber hier von unserm Affen läßt sich das Beste erwarten.«

Auf diese Äußerung sprangen die Jungen um Fränzchen zusammen und forschten eifrig, ob er nicht noch ein paar Feigen in der Tasche habe, bettelten sie ihm schmeichelnd ab und zogen dann im Triumphe zu dem kleinen Affen, der auf einer Baumwurzel saß und mit Zähnefletschen der Schmiererei des Ausbalgens zugesehen hatte.

Die Feigen wurden dem possierlichen Knirps zur Prüfung vorgehalten; er griff hurtig zu, beroch die Dinger von allen Seiten und fuhr dann getrost, unter drolligem Gesichterschneiden, mit der Bescherung in das Maul, so daß die Knaben anfingen zu klatschen und dem kleinen Pickelhering ein lautes Bravo riefen.

Indes hatte die Mutter auf der fertig gewordenen Kochstelle Feuer gemacht, den Kessel mit Wasser aufgesetzt und angefangen, das Mittagsmahl mit Behendigkeit zuzurüsten. Ich war daher bedacht, den unerfahrenen Knaben in ihrer Arbeit beizustehen. Die Katze wurde endlich enthäutet und ihr Fleisch den Hunden preisgegeben, die mit Heißhunger darüber herfielen.

Bis zum Essen ließ ich nun die Knaben den Versuch machen, Steine und Prügel über die untersten Äste von demjenigen Feigenbaum zu werfen, den ich als den höchsten und schönsten zum künftigen Wohnsitz auserlesen hatte. Ja, ich versuchte es endlich selbst; aber da wir uns zufällig in diesem Stück niemals geübt hatten und auch die niedrigsten Äste schon in beträchtlicher Höhe standen, so gelang es uns nicht ein einziges Mal, und ich mußte mir etwas anderes ersinnen; denn es war mir um ein Mittel zu tun, eine Strickleiter an einen der Äste zu bringen.

Von diesem mißlungenen Unternehmen hinweg ging ich mit Fritz, um das Fell zum Einweichen, mit Steinen beschwert, in den nahen Bach zu legen; und dann endlich rief die Mutter zum Essen, wo wir uns hurtig einfanden und uns das einfache Mahl ganz vortrefflich schmecken ließen.

Nachdem wir gesättigt waren, sagte ich zu meiner Frau: »Wir werden wohl einstweilen unser Nachtlager hier auf der Erde bestellen müssen; denn ich sehe durchaus nicht, wie wir heute noch auf den Baum gelangen sollen. Arbeite du also gleich an den Zugriemen und an tüchtigen Brustbändern, damit Kuh und Esel dann Laden und Holz herbeischleppen und wir uns auf dem Baume einrichten können, wenn ich endlich ein Mittel gefunden habe, um glücklich hinaufzukommen.«

Die gute Mutter ging mit Kopfschütteln an das Schneidern und ich an das Aufschlagen unserer Hängematten, damit wir auf jeden Fall ein Nachtquartier hätten. Es war leicht, an den hochgewölbten Baumwurzeln unsre luftigen Lager in traulicher Nachbarschaft aufzuknüpfen, und so konnte ich alle zusammen auch mit einem ausgespannten mächtigen Stück Segeltuch gemeinschaftlich bedecken, um wider den gefährlichen Nachttau ein Obdach zu haben.

Als diese Vorkehrung getroffen war, eilte ich mit Fritz und Ernst an den Strand, um das angeschwemmte Holzwerk in Augenschein zu nehmen und vor allem etwas Taugliches zu haltbaren Sprossen einer Strickleiter aufzufinden.

Am Ufer lag nun freilich eine Menge von Holzwerk, doch so, daß es noch eine langweilige Zurüstung für meinen Endzweck erforderte, und mein Geschäft wäre sehr ins Stocken geraten, wenn mir nicht Ernst von ungefähr eine Anzahl Bambusrohre, die von Sand und Schlamm fest überdeckt lagen, zu meinem Troste vorgezeigt hätte. – Flugs war ich darüber her, scharrte sie vollends hervor, fing an, sie mit Hilfe der Knaben zu säubern und von den Überbleibseln halbverfaulter Blätter zu reinigen, prüfte sie und fand sie so fest und zähe, daß sie meinem Zwecke durchaus entsprachen. Ich fing also an, die Stücke mit einem Handbeil in Stäbe von einem bis anderthalb Meter Länge zu hauen und diese durch die Knaben in drei Bündel von angemessener Dicke schnüren zu lassen, damit ein jeder von uns den seinen nach unserer Wohnstelle tragen könne. Hierauf suchte ich ein paar dünnere Rohre, aus denen ich mir Pfeile verfertigen wollte, weil ich diese mir zum Mittel ausgesonnen hatte, um auf den gewaltigen Baum zu gelangen.

In einiger Entfernung erblickte ich bald einen grünen Rohrbusch, der zu meiner Absicht tauglich schien und nur noch näher untersucht werden mußte. Wir waren nach unserer Gewohnheit alle mit Feuergewehren bewaffnet; und da zufällig Bill mit uns an das Ufer geschlendert war, so marschierten wir auf das Rohrdickicht los, als wenn es Mord und Totschlag gelten sollte.

Der schweizerische Robinson

Kaum aber näherten wir uns demselben, so fuhr Bill wie ein Toller hinein und trieb einen Flug der schönsten Flamingos auf, die sich mit rauschendem Schwunge stracks in die Luft erhoben. Fritz, der allezeit rasch und auf seiner Hut war, schlug plötzlich an, schoß hinter dem dichten Schwärme drein und brachte glücklich zwei von den Ausreißern in das Geröhr herab. Der eine davon lag tot, der andere dagegen war nur leicht an einem Flügel verwundet, erhob sich sofort auf seine Füße und lief mit der ganzen Macht seiner langen Beine, wie auf Stelzen, durch Sumpf und Rohr davon.

Aber rascher noch war Bill; der bahnte sich gewaltig einen Pfad durch Sumpf und Rohr und erhaschte zeitig genug den Flamingo beim Flügel, bis ich herbeikommen und mich des Tieres, das mit dem andern Fittich aus allen Kräften um sich schlug, endlich bemeistern konnte.

Ich nahm ihn unter den Arm und eilte zu den Meinigen zurück. Die Freude der Knaben war ganz unbändig, als sie meinen Flamant noch am Leben sahen; denn sie hofften, ihn zähmen zu können.

Unterdessen fing ich an, mir Rohre zu suchen, die abgeblüht hatten, weil ich wußte, daß die Wilden auf den Antillen aus der Spitze besonders von diesen ihre Pfeile machten. Zugleich hieb ich zwei der höchsten Rohre in ihrer ganzen Länge ab, um mit ihrer Hilfe womöglich die Höhe unseres großen Baumes zu messen, auf die ich recht neugierig war. Als aber die Knaben das hörten, lachten sie mich aus und meinten, wenn ich auch zehn der armseligen Rohre aneinanderbände, so würde ich doch noch kaum bis an die untersten Äste reichen. Da bat ich sie um ein bißchen Geduld und mahnte an den Hühner- und Taubenfang der Mutter in unserm Zelte, wie da die Spötter zuschanden geworden waren.

Sämtlich mit Beute bepackt, langten wir bald bei den Unsrigen wieder an und wurden mit großer Teilnahme und Neugier freundlich bewillkommnet. Am meisten freute sich alles über den herrlichen Flamant, nur bemerkte die Mutter, wo wir am Ende für all das lebendige Vieh, das wir nach Hause brächten, auch Futter herbeischaffen sollten? – Ich ließ mich durch diese Frage jedoch nicht abhalten, die Wunden des armen Tieres nun genauer in Augenschein zu nehmen, und fand, daß der Schuß ihm das äußerste Gelenk des einen Flügels zerschmettert habe und daß das andere von den Zähnen Bills ebenfalls zerknirscht worden war. Bei meiner Ungeschicklichkeit in der Heilkunde hielt ich es für das beste sowie für das kürzeste, beide Gelenke mit einer großen Schere ganz wegzuschneiden, und als die Wunden von diesem Schnitte gewaltig bluteten, nahm ich eine glühende Kohle vom Herd und brannte die Flügelenden so, daß das Blut sich plötzlich stillte, worauf denn die verletzte Stelle mit Butter eingeschmiert, der Vogel an dem einen Bein mit einer langen Schnur gebunden an einem Pflock neben unserm Bächlein festgemacht und seinem Schicksal einstweilen überlassen wurde.

Unterdessen hatte ich die Höhe unseres Wohnbaumes zu schätzen gesucht und nach genauer und sorgfältiger Berechnung gefunden, daß er wohl zwölf Meter hoch sein müsse.

Es war nun die Frage, ob wir fünfundzwanzig Meter haltbare Seile vorrätig hätten, wenn eine Strickleiter zur Besteigung des Baumes verfertigt werden sollte. Ich hieß Fritz und Ernst unsern Vorrat messen, setzte mich selber ins Gras und fing eilfertig an, aus einem Stück von Bambusrohr einen Bogen und aus den hergetragenen Rohrspitzen ein halb Dutzend Pfeile zu machen. Diese letztern ließ ich vorn nur stumpf und füllte sie mit feuchtem Sande, damit sie nicht gar zu leicht würden; von hinten aber versah ich sie mit Flamingofedern, damit sie hübsch gerade fliegen möchten, und so brachte ich sie glücklich zustande.

Kaum war ich fertig, als mein junges Volk zu mir hersprang, mich umringte und jauchzend ausrief: »Ein Bogen, ein Bogen! alle Welt! und auch Pfeile! Was willst du damit machen? Oh, laß mich schießen! und mich auch! mich auch!«

»Geduld, Kinder, Geduld!« sagte ich. »Diesmal begehre ich den Vorrang, weil ich selbst das Werkzeug verfertigt habe, und nicht etwa nur zum Spiel, sondern zum Nutzen und zum augenblicklichen Gebrauch.– Frau, wenn du rohen und starken Faden hast, so lange ihn hervor!«

Der schweizerische Robinson

»Wir wollen sehen«, erwiderte sie, »was mein Zaubersack vermag. – Also, mein lieber Sack, gib her, was du birgst! – Mein Mann will Faden, und zwar guten und starken. – Ei, sieh mal, da fällt mir ein ganzes Knäuel, gerade wie du verlangt hast, von selber in die Hand!«

»Oh, das ist eine große Zauberei«, lachte Ernst, »aus einem Sacke herauszuholen, was man zuvor hineingetan hat!«

»Das ist freilich keine Kunst«, versetzte die Mutter; »aber zur rechten Zeit daran zu denken und hineinzutun, was man im Notfall brauchen möchte, das ist aufs wenigste eine halbe Zauberei; denn ob es auch damit sehr natürlich geht, so ist es für einfältige oder unbedachte Menschen doch fast ein Wunder, wenn man weiter in die Zukunft denkt als gerade der Nase lang. Gibt es doch Wilde, die des Morgens ihr Bett verhandeln, weil sie gar nicht bedenken, daß sie es abends wieder brauchen.«

In diesem Augenblick kam Fritz zu uns, der mit der Messung unsres Seilwerks fertig geworden, und brachte mir den guten Bericht, daß ungefähr fünfzig Meter vorhanden seien.

Ich band nun den erhaltenen Faden an einen Pfeil, wickelte von dem Knäuel etwas ab, legte den Pfeil auf den Bogen und schoß aufs Geratewohl in die Höhe, bis ich nach ein paar Versuchen meinen Pfeil über einen starken Ast des auserwählten Baumes hinüberschießen konnte, so daß er auf der andern Seite herunterfiel und der Faden jetzt über den Ast vor uns niederhing. Sogleich wurde ein Stück Seil über den Ast gezogen, weil der Faden zu schwach schien, um eine Strickleiter daran emporzuziehen, und nun maßen wir die Hälfte des Fadens ab, wobei wir denn richtig die zwölf Meter fanden, die uns meine Schätzung zuvor schon angegeben hatte.

Nun ging es mit Zuversicht und Eifer an die Verfertigung einer Strickleiter. Ich schnitt zuerst ungefähr dreißig Meter von meinem vorrätigen, etwa daumendicken Seil ab und teilte es dann in zwei gleiche Hälften. Hierauf legte ich beide Stücke nebeneinander der Länge nach auf den Boden, doch so, daß ein Zwischenraum von einem halben Meter blieb. Dann ließ ich durch Fritz die Bambusrohre in Stücke von sechzig Zentimeter Länge schneiden, durch Ernst mir die Stücke reichen, wickelte derweil an den zwei Seiten rechts und links, immer nachrutschend, von dreißig zu dreißig Zentimeter ein Stück des Seils auf, steckte das Rohrstück hindurch, ließ von Jack an beiden Enden jedesmal einen Nagel einschlagen, und erhielt so die vierzig Sprossen meiner Leiter in ganz kurzer Zeit und nicht ohne vergnügtes Erstaunen der zusehenden Mutter.

Jetzt wurde das neue Machwerk fest an das eine Seilende geknüpft, das von dem untersten Aste herabhing, und vermittelst des andern zogen wir es in die Höhe, so daß die Leiter hinangelangte, der Paß auf den Baum eröffnet war und ein Freudengeschrei der Knaben den Beschluß machte.

Gleich wollte nun jeder empor und lief an die Leiter hin; aber ich erwählte mir Jack als den leichtesten der drei ältern und als den flinksten, weil ich der Festigung meiner Leiter noch nicht ganz traute und gleichwohl hoffte, daß sie mit Jack doch weniger als mit einem der größern brechen würde. Der Junge krabbelte dann auch keck und hurtig wie eine Katze davon und kam wohlbehalten hinauf.

Da wir uns nun von der Festigkeit unsrer Arbeit überzeugt hatten, stieg auch Fritz hinauf und befestigte die Leiter so geschickt, daß ich es wagen durfte, sie selbst zu betreten, um sie vollends nach allen Erfordernissen sicher und begehbar zu machen. Ich zog unsern Flaschenzug hinauf und befestigte ihn an einem der nächsten obern Äste, die ich erreichen konnte, um für den folgenden Tag alles bereit zu haben, wenn ich nun Bretter und Balken hinaufschaffen wollte. Mit dieser Arbeit, die ich im Mondschein vollendete, schloß ich mein heutiges Tagewerk, und zufrieden stiegen wir die stattliche Seiltreppe wieder hinunter.

Die Mutter übergab mir jetzt die Zugriemen und die Brustbänder für unsern Esel und die Kuh, so daß ich voraussah, wir würden uns am folgenden Morgen auf dem Baum ansiedeln können.

Als unser Vieh sich indes zusammengefunden und selbst das Geflügel sich eingestellt hatte, wurde einiges Futter gestreut, damit die Tiere sich gewöhnten, des Abends stets herbeizukommen; und wir sahen es gern, daß, während die Tauben im Fluge sich bald zu den obern Zweigen des großen Baumes erhoben, auch die Hühner ihre Richtung aufwärts nahmen und von Sprosse zu Sprosse den Weg unserer Leiter emporzogen, um gackernd sich droben ihr Nachtlager zu suchen.

Das vierfüßige Volk wurde unter den gewölbten Wurzeln des Baumes in der Nähe unserer Hängematten angebunden und legte sich wiederkauend sorgenlos dahin. – Auch der Flamant wurde nicht vergessen, sondern mit Milch erquickt und in einer Ecke hart an dem Baumstamme festgebunden, wo er stracks seinen Kopf unter den rechten Flügelrest steckte, das linke Bein in die Höhe zog und so sich der Süßigkeit des Schlummers getrost zu ergeben wagte.

Endlich kam auch für uns die willkommene Zeit des Essens und des Schlafes. Wir hatten, während die Mutter auftrug, unser Reisholz in einzelnen Haufen rings um den Baum gelegt; denn ich hatte mir vorgenommen, mit Einbruch der Nacht etwa zwei davon anzuzünden und während der Nacht, da ich mir vornahm, nur wenig zu schlafen, allmählich auch die übrigen zum Schrecken eines allfälligen Feindes in Brand zu stecken. So war also für möglichste Sicherheit alles in Ordnung gebracht, und als die Mutter nun rief, daß sie fertig sei, sprangen wir eifrig hinzu und saßen bald bei der gesegneten Mahlzeit, auf die uns so lange schon der Mund gewässert hatte.

Zum Nachtisch zogen die Jungen noch Feigen hervor, welche sie sich den Tag hindurch aufgelesen hatten, und erlustigten sich an den faden, süßlichen Dingern gar herzlich. Doch ging es nicht eben lange, so gähnten sie Schlag auf Schlag, und nach einem kurzen Gebete suchten sie sämtlich die Ruhe. Das tat endlich auch ich, nachdem ich zuvor ein paar Reisighaufen angezündet und bei den übrigen die Runde gemacht hatte.

Während der ersten Hälfte der Nacht war ich sehr unruhig, weil ich der öffentlichen Sicherheit noch gar nicht traute und jedes rauschende Blatt in mir Besorgnis erweckte. Von Zeit zu Zeit, wenn ich merkte, daß ein Holzhaufe heruntergebrannt war, stand ich auf und zündete den folgenden an. Im Anfang erhob ich mich leicht; nach Mitternacht aber war ich träger und begnügte mich, bloß hinzusehen oder hinzulauschen, ob alles in Ordnung sei, bis endlich gegen Morgen der Schlaf mich übermannte, so daß ich beinahe zu spät für das bevorstehende Tagwerk erwachte. Ich weckte die Meinigen auf, und sogleich wurde gefrühstückt und zur Arbeit geschritten.

Nachdem die Mutter das Vieh gemolken und für einiges Futter gesorgt hatte, machte sie sich mit Ernst, Jack und Fränzchen samt dem Esel auf den Weg nach dem Strande, um uns Laden und Holzwerk herbeizuschaffen, indem das Meer so viel davon angeschwemmt hatte, daß wir uns ein paar Ladungen holen konnten.

Unterdessen stieg ich mit Fritz auf den großen Baum und traf die nötigen Anstalten, uns mit Bequemlichkeit einzurichten. Es fand sich alles nach meinem Wunsche; die Zweige waren ziemlich dicht beieinander, und die stärkern liefen fast waagrecht von dem Stamme hinaus in die Luft. Einige, die mir nicht passend standen, sägten wir hinweg oder hieben sie mit den Beilen ohne weiteres ab. Diejenigen, welche sich am niedrigsten nebeneinander hervorstreckten, ließ ich stehen, um meinen Fußboden darauf festzumachen. Über diesen, in der Höhe von vier bis sechs Fuß, verschonte ich ein paar andere, um unsre Hängematten zu befestigen; und noch höher ward eine dicht gedrängte Reihe bestimmt, die Decke unseres Luftpalastes aufzunehmen, welche vorderhand bloß in dem großen Stück Segeltuch bestehen sollte.

Mit diesen Zurüstungen ging es langsam genug, so daß inzwischen zwei volle Lieferungen von Balken und Laden durch die Mutter herbefördert wurden; und so fing ich denn an, mittels des Flaschenzugs Stück um Stück, was ich nötig hatte, emporzuwinden und zunächst einen Fußboden zurechtzulegen, der dann sogleich doppelt gemacht wurde, damit desto weniger aus dem Rutschen und Verschieben eines einzelnen Balkens oder Brettes ein Unglück entstehen könne. Hierauf ward am Rande dieses Estrichs eine Brustwehr von Laden aufgerichtet, wegen Gefahr, über Bord zu stürzen, und mit dieser Arbeit sowie mit der Herbeischaffung einer dritten Holzfuhr wurde der Morgen dergestalt ausgefüllt, daß niemand an die Zubereitung des Mittagsmahls denken konnte und wir uns für diesmal mit kalter Küche begnügen mußten.

Nach dem Essen ging es von neuem an die Vollendung unseres Baumhauses, das nun anfing, recht freundlich und sommerlich einladend auszusehen. Wir spannten das Segeltuch und die Hängematten von den Wurzeln des Baumes los und zogen sie, zusammengerollt, mit Hilfe des Flaschenzugs in die neue Wohnung. Mit saurem Schweiß ward das Segeltuch dann über die bedeckenden Äste der Wohnung hingebreitet, und da seine Länge zu beiden Seiten beträchtlich herunterhing, so fiel mir ein, es rechts und links an unser Brustgeländer festzunageln und mit dem Dache zugleich zwei Wände zu bereiten. Eine dritte Wand gab uns hinten der Baumstamm, indem ich unser Gehäuse nur an der einen Seite desselben aufgerichtet hatte, und so blieb zu freier Aussicht und zum Einsteigen bloß noch die vierte von den Seiten meines Hauses.

Der schweizerische Robinson

Leicht und bald wurden in der fertigen Wohnung endlich unsere Hängematten aufgeknüpft, und so war am Abend dieses Tages die neue, wunderbare Lagerstätte für uns alle schon vollendet.

Ich stieg vergnügt mit Fritz von dem Baume herab; und da ich noch einige Laden übrig fand, so machte ich mich daran, zwischen den Wurzeln unseres Baumes gleich einen Tisch und zwei Bänke aufzuschlagen, damit wir den Tag über einen gemütlichen Platz zum Essen und zu mancherlei Verrichtungen hätten. Es wurde freilich mit dieser Arbeit etwas gepfuscht, weil ich mich ermüdet fühlte; doch kam alles erträglich zustande, und während ich den Rest des Tages damit ausfüllte, die Mutter das Nachtessen rüstete, mußten mir die Knaben alles kleine Holz, das wir auf dem Baume abgehauen hatten, fleißig zusammenlesen, in Bündel verteilen und zu künftigem Gebrauch etwas seitwärts von unserm Feuerherd aufschichten, und zwar an einer Stelle, wo es den Tag hindurch Sonne hatte und vorläufig austrocknen konnte. Die größeren Äste sägte ich in Scheiter oder spaltete sie, und die Jungen schleppten auch diese zu dem Haufen.

Von der mannigfaltigen Anstrengung des Tages durchaus erschöpft, warf ich mich endlich auf eine Bank, wischte mir die Stirn, die voll Schweißtropfen stand, langsam ab, seufzte laut und sagte nach einer Pause: »Wahrhaftig, Mutter, heute habe ich gearbeitet wie ein Pferd, aber morgen will ich mir gewiß auch Ruhe gönnen!«

»Das kannst du, mein lieber Mann, und das sollst du«, antwortete sie. »Denn, um dir die Wahrheit zu sagen, ich habe nachgerechnet und gefunden, daß morgen ein Sonntag ist, und daß wir leider an dieser Küste bereits einen solchen unbeachtet gelassen haben.«

»Gut, du gewissenhafte Seele, daß du an das alles gedacht hast, und dieser Tag soll morgen gefeiert werden! Ich merkte wohl, daß wir einen Sonntag übergingen; aber ich glaube, damals in der Not unserer Rettung und über den ersten dringenden Anstalten unsres Hierseins war es verzeihlich. Jetzt hingegen, da wir angesiedelt und für die nächsten paar Monate hoffentlich geborgen sind, wäre es unrecht, wenn wir nicht diesen schönen Feiertag in gewohnter Weise, mit mehr als einem kurzen Gebet, begehen wollten!«

»Ich wenigstens freue mich von Herzen, einen Tag hindurch an das Beste und Vortrefflichste, das ich kenne, ganz ungestört denken zu dürfen. Die Knaben wollen wir morgen mit dem Sonntag recht überraschen und nun Anstalten treffen, um uns alsbald zur Ruhe zu begeben. Ich muß dir sagen, mein Lieber, daß du mir das Luftschloß auf dem Baum ungemein zum Dank eingerichtet hast, und daß ich nun wagen will, mit euch allen die erste Nacht droben schlafen zu gehen; denn ich sehe, du hast alles so zweckmäßig veranstaltet, daß wir hoffen dürfen, dort nicht nur ohne Gefahr hausen, sondern auch die Nächte weit sicherer zubringen zu können als auf der ebenen Erde, wo Schakale und andere Raubtiere uns überfallen möchten. – Aber jetzt ist es Zeit zum Essen«, schloß sie; »rufe du die Knaben herbei, während ich anrichte.«

Es ging nicht lange, so war die junge Mannschaft zur Hand, und die Mutter brachte vom Feuerherd einen irdenen Kochtopf, nach dessen Geheimnis wir alle lüstern waren. Als der Deckel abgehoben worden, zeigte sich unser geschossener Flamant, und die Mutter bemerkte, daß sie ihn nicht gebraten, sondern vorgezogen habe, ihn zu dämpfen, weil Ernst ihr gesagt, daß es ein altes und zähes Tier sei. Wir lachten über die Vorsorge des Jungen, der sich in der Mutter Kochamt gemischt, fanden aber in der Tat, daß er nicht unrecht gehabt hatte. Man griff zu, nagte jedes Knöchelchen rein ab und fand alles unvergleichlich.

Nach dem Essen wurde ein mächtiges Feuer angefacht, das einigermaßen wenigstens unser Vieh beschützen sollte, und nun begannen wir, unsern Baum zu besteigen. Im Hui waren die drei altern Knaben droben. Ihnen folgte die Mutter, die nicht ohne Furcht und nur langsam, aber doch glücklich in die Höhe klimmte. Zuletzt betrat auch ich die Leiter, und zwar, nachdem ich sie erst an ihrem untern Ende losgeknüpft hatte, so daß sie nun schwankend in der Luft hing und das Aufsteigen mir gewaltig erschwerte, zumal, da ich mir Fränzchen auf den Rücken gepackt hatte; denn ich wagte nicht, ihn allein auf der schwankenden Leiter hinaufklettern zu lassen. Endlich langte ich ebenfalls in dem Luftrevier an und zog zu großem Vergnügen der Knaben die Strickleiter hinter mir herauf, so daß es ihnen vorkam, wir seien in einer Ritterburg und, nach aufgezogener Fallbrücke, sicher gegen alle Feinde der Welt.

Weil ich mir nun vorgenommen hatte, mich nicht wieder mit der Unterhaltung von Feuer zu quälen, da die erste Nacht so ruhig und still vorübergegangen war, so setzte ich nur noch unser Schießgewehr in Bereitschaft, damit es allenfalls bei der Hand sei, wenn sich unten etwas Feindseliges zeigen sollte, und ich von oben zur Unterstützung der wachenden Hunde hinabschießen könne. Darauflegte ich mich wohlgemut zur Ruhe, und die allgemeine Ermüdung ließ uns alle vortrefflich die Süßigkeit des Schlafes bis zum Anbruch des folgenden Morgens in reichlichem Maße genießen.

Andern Tags erwachte alles fröhlich und guten Mutes. »Was gibt es heute zu tun?« riefen die Knaben wie aus einem Munde. »Nichts, gar nichts«, erwiderte ich; »heute soll nicht ein Streich gearbeitet werden.«

»Ach, du willst nur scherzen, lieber Vater, wir merken es wohl«, riefen die Kinder.

»Nein, Kinder, ich scherze nicht. Es ist Sonntag heute, und wir wollen ihn feiern, wie recht und billig ist.«

»Ah, Sonntag, Sonntag!« rief Jack freudig aus; »das ist ja prächtig; da will ich Pfeile schießen und herumspazieren und faulenzen, daß es eine Lust sein soll.«

»Davon ist einstweilen nicht die Rede, mein Kleiner!« sagte ich. »Der Sonntag ist der Tag des Herrn und bestimmt, daß wir mit aller Innigkeit an den lieben Gott denken.«

»Ich habe geglaubt«, meinte Ernst, »der Gottesdienst bestehe im Kirchengehen, im Predigthören und im Kirchengesang; wie wollen wir denn den Sonntag feiern?«

»Ja, Vater«, fiel ihm das kleine Fränzchen in die Rede, »hier ist ja keine Kirche; wie können wir da in die Predigt gehen und auf der Orgel spielen?«

»Gerade, als wenn der Vater uns nicht auch predigen könnte«, sagte Jack, »und als ob es im Freien nicht auch gut wäre und man nicht ohne Orgel auch singen könnte. – Weißt du nicht mehr? Die Soldaten zu Hause gingen auch nicht in die Kirche, wenn sie kampierten, und hatten auch keine Orgeln, und doch hatten sie Predigt.«

»Freilich, Kinder«, nahm ich nun das Wort, »Gott ist allenthalben; und wo man aufrichtig an ihn denkt, da ist Gottesdienst. In diesem Sinne kann jeder Ort in der Welt zur Kirche werden. Und am Ende ist die schöne Natur und der blaue, herrliche Himmel wohl schöner und herzerquickender als ein steinernes Haus von Menschenhand.«

Der schweizerische Robinson

Da sahen die Jungen ein, daß wir recht guten Grund hatten, auch auf unserer Insel Sonntag zu feiern. So geschah denn nur das Nötigste, wie ich es angeordnet hatte, und nachdem wir auch für unsere Tiere gesorgt hätten, setzten wir uns endlich hin auf das weiche Gras. Während alle andächtig lauschten, erzählte ich ihnen, wie gut es Gott mit uns fügte, als er uns auf diese wunderschöne Insel geraten ließ, die uns alles zum Leben biete. Ich ermahnte sie, sich der weisen Führung Gottes zu unterwerfen, die sicher auch uns mit diesem harten, arbeitsreichen Leben nur Gutes bringen wolle.

Mein junges Volk war ein Weilchen ganz nachdenkend und gesetzt; aber bald, da ich sie nicht mehr zusammenhielt, ging ein jeder seines Weges, und weil sie glaubten, keinerlei Geschäfte unternehmen zu dürfen, so schien es mir, daß sie sich zwar Mühe gäben, sich mit ihren Gedanken allein die Zeit zu vertreiben, daß aber ihre Seele noch zu arm sei, um sich ohne äußere Beschäftigung oder Unterhaltung den Rest des Tages genügen zu können.

Ich sprach also die Knaben, da ich sie nicht mit Sittenlehren auf einmal überschwemmen wollte, von einer allzu strengen Muße frei, und nun war ihnen geholfen. Jack verlangte meinen Bogen samt den Pfeilen und wollte den Versuch machen, die letztern mit Spitzen zu bewaffnen. Fritz hatte Lust, an seinem Besteck zu arbeiten, und brauchte dazu Rat von mir. Fränzchen bat gar, weil er mit der Flinte noch nicht schießen dürfe, daß ich doch einen Bogen und Pfeile für ihn schnitzen möge.

Da mußte ich wohl nachgeben, und zuerst überantwortete ich Jack meine Pfeile und wies ihn an, wie er unten den Sand wieder herausschaffen und dafür seine Spitzen in die Rohre hineinfügen solle. »Das Ganze«, sagte ich, »muß dann mit Packfaden wohl verbunden und sollte zu mehrerer Festigkeit noch in Leim getunkt werden.«

»Ja«, meinte Jack, »du hast gut reden; wenn ich nur wüßte, wo hier die Leimsieder wohnen, da wollt‘ ich schon kaufen!«

»Nun«, sagte Fränzchen, »laß dir von der Mutter ein Fleischtäfelchen geben, die Dinger sehen aus gerade wie Leim.«

»Ei was«, versetzte Jack, »du kleiner Knopf wirst das wohl nicht besser verstehen als wir!«

»Mit alledem«, bemerkte ich, »ist der Einfall so übel nicht. Nimm du das Gute an, woher es auch kommen mag! Es sind wohl manche berühmte Erfindungen aus Gedanken hervorgegangen, die anfangs um kein Haar klüger schienen. Geh, hole ein Fleischtäfelchen herbei, setze es in einer Kokosschale ans Feuer und mache wenigstens einen Versuch.«

Während sich Jack für sein Geschäft in Atem setzte, kam auch Fritz und verlangte Auskunft wegen seiner Bestecke. Ich hieß ihn vor allem sein Fell herbeischaffen und lagerte mich in das Gras, um aus einem Rest von Bambusrohr einen Bogen zu schneiden. Es ist gut, dachte ich, wenn die Jungen frühzeitig lernen, auch mit dieser Waffe sich durchzuhelfen. Unser Pulvervorrat wird früher oder später zu Ende gehen, und wenn ein Unglück damit geschähe, so könnten wir ihn schnell verlieren. Es ist daher ratsam, daß wir so bald wie möglich für ein anderweitiges Mittel der Jagd und der Verteidigung sorgen; und da die Knaben der Karaiben schon jung es dahin bringen, auf die Weite von dreißig bis vierzig Schritten ein Ziel von dem Umfang eines kleines Talers mit Pfeilschüssen zu treffen und Vögel von den Bäumen zu schießen, so werden wohl meine Jungen bei fortgesetzter Übung das nämliche lernen.

Als ich mich nun nach unserm Geflügel umschaute, war es mir angenehm zu sehen, daß Tauben und Hühner sich eifrig teils hoch im Baume, teils auf der Erde an unsern wilden Feigen sättigten.

Der schweizerische Robinson

Noch vor dem Mittagessen war Jack mit der Zurüstung seiner Pfeile fertig geworden und übte sich wacker im Schießen. Auch für Fränzchen hatte ich jetzt Bogen und Pfeile vollendet und war damit zufrieden. Aber wenn ich Ruhe haben wollte, so mußte noch für einen Köcher Rat werden; denn die kleine Person ließ sich nicht davon abbringen, daß ein Bogenschütze so gut einen Köcher, als der Flintenschütze eine Weidtasche brauche. Ich ergab mich endlich und nahm die abgeschälte Rinde von einem Baumzweig, leimte sie wieder zusammen, versah sie mit einem Boden und einer Schnur zum Anhängen und brachte das Ding ganz leidlich zustande. Eben, als ich fertig war und auch Fritz die Schenkel seiner Katzenhaut gesäubert hatte, rief die Mutter zum Essen, und wir lagerten uns fröhlich hin. Während der Mahlzeit aber kam mir die Laune, den Knaben einen Vorschlag zu machen, von dem ich wußte, daß er sehr nach ihrem Geschmack sein würde.

»Wie wäre es«, sagte ich, »wenn wir endlich daran gingen, unsrer Wohnung und den verschiedenen Gegenden dieses Landes, soweit sie uns bis jetzt bekannt geworden, ordentliche Namen zu geben? – Die Küste überhaupt wollen wir zwar damit verschonen; denn wer weiß, ob sie nicht längst von unsern gelehrten Herren Landsleuten, den erdkundigen Europäern, zu Buche getragen und mit dem Namen irgendeines Schiffers oder eines Heiligen christlich getauft worden ist? Aber die einzelnen Plätze, an denen wir uns aufhalten, oder die uns merkwürdig sind, wollen wir benennen, damit wir uns in Zukunft desto kürzer und leichter darüber verständigen können und außerdem die liebliche Täuschung haben, als lebten wir mitten in einem bevölkerten Lande zwischen angebauten Ortschaften, die uns längst bekannt wären.«

»Oh, das ist herrlich, das ist vortrefflich!« – jubelten alle. Jack aber machte sogleich einen Vorschlag. »Nun wollen wir auch«, sagte er, »so vertrackte und türkische Namen ersinnen, wie sie auf den Landkarten stehen, die Leute können sich dann recht den Kopfzerbrechen, wenn sie die Geographie dieser Insel erlernen. Ich habe auch genug an ihrem Monomotapa und Zanguebar und Coromandel geschwitzt.«

»Ja, mein Junge«, bemerkte ich lächelnd, »wenn nur jemals die Leute von unserm Lande und von den beizulegenden Namen etwas in Erfahrung bringen! – Übrigens wären wir am Ende selber am meisten gestraft, wenn wir uns die Zunge mit wunderlichen Namen zermarterten.«

»Aber, wie machen wir es denn?« fragte Jack.

»Wir wollen es machen, wie alle Völker es gemacht haben«, erwiderte ich; »wir wollen die Orte in unsrer Muttersprache nach auffallenden Eigenschaften bezeichnen oder nach Ähnlichkeiten mit andern Dingen oder nach Ereignissen und Begebenheiten, oder nach Menschen, das heißt hier, am besten nach uns selbst.«

»Ja, ja, so wird es besser sein«, sagte er; »aber wo fangen wir denn an?«

»Ich denke, wohl bei der Bucht«, versetzte ich, »in der wir zuerst gelandet haben. Wie heißen wir die?«

»Ich möchte sie aus Dankbarkeit für unsere glückliche Rettung künftig die Rettungsbucht heißen«, sprach die Mutter.

Dieser Name gefiel allen und wurde daher sogleich angenommen. Hierauf gaben wir auch den übrigen Punkten, die uns bis dahin merkwürdig geworden waren, Namen, welche an irgendeinen bedeutenden Umstand erinnerten. So wurde unser erster Wohnplatz bei der Bucht Zeltheim genannt, weil unser Obdach ein Zelt gewesen war; das Inselchen, das am Eingang der Rettungsbucht liegt, erhielt den Namen Haiinsel, weil Fritz dort einen Haifisch gesehen haben wollte; und eine weitere Insel wurde im Gegensatz dazu nun die Walfischinsel genannt. Den Morast, wo wir die Pfeilrohre geschnitten, nannten wir nach dem dort geschossenen Vogel den Flamantsumpf; unser Baumschloß erhielt den poetischen Namen Falkenhorst; »denn«, sagte ich zu den Knaben, »ihr seid alle ein so junges Raubgesindel, hoffentlich von edler Art, gelehrig, folgsam, rasch und mutig wie die Falken.« – Auf meinen Vorschlag ward das Vorgebirge, auf welchem ich mit Fritz vergebens nach unsern Schiffsgesellen umgesehen hatte, das Vorgebirge der betrogenen Hoffnung und der Hügel, auf welchem wir standen, einfach die Warte genannt. Endlich tauften wir den Bach, über welchen die Schakale nach unserm frühern Wohnsitz gedrungen waren, den Schakalbach.

So verplauderten wir lustig die Zeit, während wir speisten, und legten das Fundament zu einer Geographie unsres neuen Vaterlandes, die wir denn auch lachend beschlossen, mit der ersten Post nach Europa zu senden. Nach dem Essen ging jeder wieder an seine Arbeit. Fritz vollendete seine Bestecke; Jack, Ernst und Fränzchen übten sich im Pfeilschießen und leisteten zwischenhinein dem größern Bruder einige Hilfe.

Unterdessen war es Abend geworden, und die drückendste Tageshitze war vorübergegangen, so daß es anfing, zu einem Spaziergang einladend zu werden und ich die ganze Familie dazu aufforderte. – »Wohin könnte man wohl gehen?«

»Ich dächte, nach Zeltheim!« rief Jack. »Denn wir müssen doch morgen brav Pulver und Blei haben, damit wir hier auf den Feigenbäumen ein bißchen die Vögel, die haufenweise droben sitzen, vermindern und einen Vorrat von annehmlichem Fleisch zurücklegen können.«

»Ich stimme auch für Zeltheim«, sagte die Mutter; »denn meine Butter ist ausgegangen; Fritz hat mir mit seiner Gerberei den Rest verschmiert, und die Herren, die beständig von einfacher Kost und sparsamer Küche predigen, sind doch allemal froh, wenn hübsch fett und ansehnlich aufgestellt wird.«

»Ja«, bemerkte Ernst, »wir sollten auch ein paar Enten und Gänse herüberschaffen, sie wären hier im Bache sehr anmutig.«

»Da ihr alle so statthafte Gründe gebt«, sagte ich, »so trete ich gern euerm Vorschlage bei, aber dann wollen wir nicht unsern alten Weg an dem Strand nehmen, sondern einen neuen versuchen; wir gehen hier unserm Bächlein nach hinauf an die Felswand und ziehen uns in ihrem wohltätigen Schatten hinüber, bis wo der Schakalbach niederstürzt. Da kommen wir dann wohl über die Steine nach Zeltheim und kehren beladen über die Brücke, den gewöhnlichen Weg am Ufer, nach Hause, wobei wir die Sonne, wenn sie noch nicht untergegangen ist, im Rücken haben. Dieser neue Weg läßt uns auf neue Entdeckungen und Vorteile hoffen.«

Mein Gedanke ward gutgeheißen, und bald machten sich alle bereit, unter meiner Führung aufzubrechen. Fritz war mit dem Schwanze seiner Tigerkatze umgürtet; doch waren seine Bestecke noch nicht so vollendet, daß er sie mitführen konnte. Alles trug Waffen und Weidtaschen, weil man nicht wußte, was uns begegnen möchte. Selbst Fränzchen hatte seinen Bogen und seinen Pfeil in der Hand und den gespickten Köcher als Hinterhalt auf dem Rücken. Die Mutter allein war unbewaffnet, aber sie trug ihre Butterflasche, um sie in Zeltheim aus dem Vorratsfasse wieder anzufüllen. – Den Affen kam die Lust an, mit uns zu gehen. Er sprang ohne viel Federlesens Fritz auf die Schulter und gedachte, so auf gewohnte Art zu reisen. Dem Jungen wurde die Sache aber mit der Zeit zu lästig. Der kleine Geselle hielt keine Minute Ruhe, sondern seiltänzerte beständig von einer Schulter, von einem Arm zum andern. »Höre du«, sagte Fritz endlich, »das geht mit dir nicht so weiter. Ich kann mich auf die Dauer nicht von dir als Baum benutzen lassen. Wir müssen’s ernstlich nochmals mit einem Gaul versuchen. Bill hierher!«

Der schweizerische Robinson

Er war natürlich empört über die Zumutung, dem kleinen Affenreiter als Zirkuspferd dienen zu sollen; aber Fritz, der diesmal mehr Zeit und Geduld aufwenden konnte als kürzlich bei der Heimkehr vom anstrengenden Marsche, ließ mit immer erneuten Versuchen nicht locker. Das schnelle Begriffsvermögen unsres Affenkindes kam ihm dabei zustatten. Der Kleine merkte nicht sobald, daß es sich auf Bills Rücken gut sitzen ließe, als er sich auch mit aller Kraft seiner gelenkigen vier Händchen festkrallte. Es half dem Hunde nichts mehr, daß er sich zu Boden warf; das Knirpschen saß wie angenagelt. Bill rieb sich an einem Baum, um seinen Reiter abzuscheuern – umsonst, der Schlingel schnitt eine Fratze und rückte ein bißchen zur Seite. Lachend sahen die Kinder dem Handel zu. Fritz faßte endlich den Hund zärtlich um den Hals, streichelte seinen Kopf und redete ihm gut zu: »Komm, Bill, komm, mein schönes Tier, sei brav, sei vernünftig, laß den frechen kleinen Kerl reiten. So, so, so zeig, daß du ein kaltblütiger Engländer bist. Sollst auch mein Bester sein, mein schönster Hund, mein kluger Hund! Siehst du wohl? Nun komm her.« Dabei hatte er einen Strick in Bills Halsband befestigt und sich das Ende desselben mehrfach um die Hand geschlungen, um etwaigen Ausreißgelüsten vorzubeugen. Bill blieb aber stehen und sah trübselig vor sich hin. Er begriff, daß sein Schicksal besiegelt sei; aber Freude hatte er nicht daran. Auf immer wiederholtes Zureden entschloß er sich endlich, mit seinem unverschämten Reiter neben uns herzutraben.

»Siehst du, mein Junge«, sagte ich, »das hat mich gefreut, daß du mit Ruhe und Geduld dem Ding beigekommen bist. Auf diese Weise wird sich Bill am besten gewöhnen und mit der Zeit ohne Murren seiner Pflicht genügen.«

Unser Weg am Bache hinauf war außerordentlich angenehm, weil er eine Zeitlang noch im Schatten der großen Bäume und über einen weichen, ebenen Grasplan ging. Wir eilten deswegen nicht, sondern schlenderten gemächlich dahin und sahen uns mit Bequemlichkeit um. Die Knaben streiften rechts und links auf die Seite und entwischten zum Teil meinem Blicke. – So kamen wir an das Ende des Gehölzes; und nun nahm ich mir vor, das junge Volk wieder zusammenzurufen, um in geschlossenem Zuge weiterzugehen. Indem ich mich aber wandte, sah ich die Bürschchen von selbst im Galopp daherrennen, und zwar diesmal den bedächtigen Ernst voraus, der keuchend mich fast umrannte, vor Freuden und Hast nicht ein Wort zu sagen vermochte und immer drei hellgrüne Kugeln mir vor Augen hielt.

»Erdäpfel, Vater, Erdäpfel!« rief er endlich, als er wieder die Stimme fand.

»Wie, was, wo?« sagte ich freudig. »Solltest du wirklich so glücklich sein? Herbei, ihr Jungen, herbei! – So laß doch sehen, mein Sohn! Ich wage es noch gar nicht zu glauben, daß du hier die Fruchtknollen von der herrlichen Pflanze habest; und doch sehen sie ganz, ganz danach aus.«

»Ja, gewiß, Vater, sind es Erdäpfel«, beteuerte Fritz; »das ist ein rechter Segen für uns. Ernst ist doch glücklich gewesen.«

»O was?« rief Jack schnippisch dazwischen; »ich hätte sie auch gefunden, wenn ich den nämlichen Weg gegangen wäre wie er! Das ist keine Kunst!«

»Ei«, schalt die Mutter, »setze doch den Wert dieser herrlichen Entdeckung nicht herab! Wärest du auch mitten durch die Kartoffelstauden durchgewatet, so ist noch sehr die Frage, ob du sie erkannt hättest; denn du bist gar zu flüchtig. Ernst gibt in seiner Stille meistens acht auf alles, und was er entdeckt, ist selten nur Zufall oder Glück. Aber ich fürchte noch immer, wir täuschen uns; denn die lebhaften Wünsche machen leichtgläubig. Es könnten vielleicht auch andere Gewächse eine solche glatte, kugelförmige Frucht erzeugen.«

Wir eilten nun alle hin, wo sich Ernst die Knollen abgebrochen hatte, und mit freudigem Entzücken sahen wir von dem Ende unsres Wäldchens bis hinauf an die Flühe den Boden ganz mit Kartoffelstauden überdeckt, und in ihrer Demut gefielen sie uns besser als alle Rosen von Persien. Ein Teil stand in Samen, ein Teil schon abgedorrt, ein Teil in erfreulicher Blüte, und hin und wieder sproßten noch junge Pflänzchen hervor.

Jack rief aus: »O prächtig! Gewiß sind das Erdäpfel! Die wollen wir schon kriegen!« – und hiermit stürzte er flugs auf die Knie und fing mit allen zehn Fingern an zu kratzen und zu graben. Von seinem feurigen Beispiel hingerissen, war auch der Affe sogleich von seinem Gaul herunter und über die Stauden her, riß einige weg und scharrte so behende, daß er noch lange vor Jack die herrlichste reife Kartoffel aus dem Boden zog, und nachdem er sie berochen und zur Seite geschmissen, immer andre hervorholte und in kurzem ein ganzes Häufchen beisammen hatte; denn Fränzchen nahm sich die Mühe, den fortgeworfenen nachzulaufen und sie aufzufischen. Wir übrigen blieben dabei nichts weniger als müßig. Teils mit den Händen, teils mit den Hirschfängern und Messern grub jeder nach Kartoffeln, so fleißig er konnte, und fast unersättlich füllten wir unsre Säcke und Weidtaschen so voll von der köstlichen Speise, als es nur möglich war.

Der schweizerische Robinson

Erst nach einer Weile setzten wir uns wieder in Bewegung, um vollends nach Zeltheim zu wandern. Bill verzog keine Miene, als Fritz den Affen wieder auf seinen Rücken setzte. Zwar hatten ein paar lüsterne Mäuler geraten, sogleich nach Falkenhorst zurückzukehren und ein herrliches Kartoffelgericht zu schmausen; aber da dringende Gründe nach Zeltheim mahnten, so ward unser angefangener Spaziergang, wiewohl von der unerwarteten Belastung etwas erschwert, doch lustig und freudig fortgesetzt.

»Kinder«, sagte ich im Gehen, »die Entdeckung der Erdäpfel ist fast unschätzbar für uns.«

»Ja, wahrhaftig«, sagte Fritz, »wir haben Ursache, Gott auf das innigste zu danken.«

In allerlei Gesprächen waren wir bis an die Felsenreihe gekommen, von welcher unser Bächlein mit sanftem Geräusch als ein lieblicher, kleiner Wasserfall herniederrieselte und längs welcher wir nun gegen den Schakalbach gingen. Wir mußten uns durch hochstehendes Gras arbeiten und bekamen, die Felswand links, das Meerufer in einiger Ferne rechts, eine zweifache, schöne, aber durchaus verschiedene Aussicht, über die wir uns nicht wenig freuten.

Besonders die Felsen gewährten ein so malerisches Schauspiel, als man nur wünschen konnte. Sie stellten sich dar wie ein offenes Treibhaus, wo statt der Blumentöpfe die kleinen Absätze, Risse und Vorsprünge der Fluh mit den seltensten und mannigfaltigsten Gewächsen ganz überdeckt waren. Am zahlreichsten erschienen die stachligen Saftpflanzen, die man eben in den Treibhäusern auch gewöhnlich zu ziehen pflegt. Da sah man die sogenannten indianischen Feigen, die Aloe, die prächtige, mehr als mannshohe indische Stachelkerze, die dornige Schlangenwinde und zwischendurch, was uns am meisten entzückte, selbst die gekrönte Ananas, diese Königin der Früchte.

Alle fuhren wir begierig nach einer solchen Kostbarkeit, weil sie uns allen bekannt war, und vorzüglich, weil sie roh genossen werden konnte. Der Affe ging dem jungen Völklein vor, und nach seinem löblichen Muster wurde genascht, daß es eine Freude war. Ich fand also nötig, die Knaben zu warnen, daß sie von der Leckerei nicht übermäßig genießen möchten, weil sie Gefahr liefen, an der kältenden Frucht, die dabei nicht ohne Schärfe wäre, sich die Ruhr zu essen und ihre Freude mit Schmerz und Krankheit zu bezahlen.

Endlich entdeckte ich unter den verschiedenen Stachelpflanzen auch ein paar Karatten – eine Art von Aloe oder Agave, die teils in voller Blüte, teils schon verblüht wie junge Bäumchen emporgeschossen waren, eine mir ganz überaus willkommene Erscheinung.

»Da seht her, Kinder«, rief ich; »da machen wir einen bessern Fund als mit den Ananas, so vortrefflich euch diese behagen mochten! Das untere Laubwerk dieser Pflanzen ist der Ananas fast gleich; aber dann betrachtet den schlanken geraden Stengel, der mitten emporsteigt und sich oben wie ein hübsches Bäumchen gestaltet! Betrachtet die angenehme Blüte!« Mit vollem Munde antworteten alle: »Das ist nichts, wenn man die Frucht nicht essen kann! Die Ananas geht über alles; wir lassen euch diese trostlosen Bäumchen gern, wenn wir Ananas haben.«

»O ihr Leckermäuler!« lachte ich; »ihr macht es eben wie so viele tausend Menschen! Ihr überseht einen wahren und dauerhaften Vorteil über einem flüchtigen Sinnenkitzel. Das will ich euch handgreiflich und auf der Stelle beweisen. – Ernst, nimm hier meinen Stahl und Feuerstein und schlage mir doch Feuer!«

»Ja, bitte um Vergebung!« erwiderte dieser, »ich muß auch Zunder haben!«

»Richtig, mein Freund!« fuhr ich fort. »Aber gesetzt nun, wir hätten keinen, oder der unsrige wäre schon aufgebraucht, womit wollten wir Feuer machen? Und ohne Feuer wäre es mit unserm hiesigen Wohlsein bald zu Ende.«

»Oh, wir könnten es machen wie die Wilden«, sagte Ernst, »und zwei verschiedene Hölzer aneinander reiben, bis sie sich entzündeten.«

»Gehorsamer Diener!« antwortete ich. »Für uns, die wir es nicht gewohnt sind, würde das ein saures Stück Arbeit sein. Ich will wetten, daß zum wenigsten keiner von euch, und wenn er den ganzen Tag hindurch riebe, nur ein Fünkchen erhielte. So schnell, sicher und bequem wie mit Zunder bekämen wir auf keinen Fall unser Feuer.«

»Dann müßten wir also Geduld haben«, meinte er, »bis wir einen tauglichen Baumschwamm fänden, um uns andern zu bereiten.«

»Dies eben nicht!« bemerkte ich. »Wir könnten uns welchen aus Leinwand verfertigen, wenn wir sie in einem verschlossenen Gefäß verbrennten. Aber Leinwand haben wir sonst nötig, und es ist doch allemal das beste, wenn wir unsern Zunder gleich bereit und gewachsen finden.«

Mit diesen Worten nahm ich einen dürren Stengel von einer Karatte zur Hand, schälte die äußere Rinde davon ab, brach ein Stücklein des trockenen, schwammigen Markes heraus, legte es auf den Feuerstein, schlug mit dem Stahl an, und im Hui war mein neumodischer Zunder entbrannt. Die Knaben sahen mich erstaunt an, machten einen Freudensprung und riefen: »Vortrefflich, vortrefflich! Es lebe die Zunderstaude!«

»Nun«, sagte ich, »das war eins! Jetzt soll uns die Mutter berichten, womit sie die Löcher unsrer Kleider flicken oder neue zu nähen denkt, wenn ihr einst unser Faden ausgeht.«

»Ja«, fiel die Mutter ein, »das hat mir schon lange Kummer gemacht, und deshalb sehe ich mich überall auf das sorgfältigste nach wildem Flachs oder Hanfstengeln um.«

»Du kannst deinen Kummer jetzt mildern«, versetzte ich; »denn in den Blättern der Karatte hier hast du den schönsten Faden, den du dir für unsre Lage wünschen kannst. Freilich ist er nicht länger als die Blätter selbst, aber doch allemal so lang, als ein Nähtling in der Regel wohl sein mag.«

Hiermit spaltete ich ein Blatt vor aller Augen und zog eine Menge von starken zierlichen Fäden heraus, die ich der Mutter sogleich übergab, und auf welche ich meine Jugend aufmerksam machte. »Nicht wahr«, sagte ich, »die Karatte, die ihr mir so verächtlich preisgegeben habt, kann im Grund uns andre und bessere Dienste leisten als die hochgeschätzte Ananas, die nur den Gaumen kitzelt!«

»Es kommt uns doch nun trefflich zu statten«, bemerkte die Mutter, »daß du zu Hause so viel Nützliches nachgelesen hast; denn wir übrigen haben nach unsrer einfältigen Ansicht die Ananas doch wohl vorziehen müssen. Aber langsam genug geht es freilich noch zu, wenn man die Fäden so Stück um Stück aus einem Blatte herausziehen muß.«

Der schweizerische Robinson

»Oh, da kann allenfalls Rat geschafft werden«, sagte ich; »denn läßt man nur etwa die Blätter an der Sonne oder am Feuer recht ausdorren, zieht man sie dann leicht durch einen zulaufenden Strick, bis das Mark davon abgestreift ist, so bekommt man bald einen Haufen Fäden, die sich dann mit geringer Mühe vollends reinigen lassen. Übrigens könnte man auch versuchen, die Blätter zu brechen, so wie den Hanf, daß das Unnütze abfiele und das Fädige zurückbliebe.«

»Ja, ja«, rief Fritz, »ich sehe schon, die Karatte wird die Ananas ausstechen; sie verspricht uns zehnmal mehr Nutzen.«

Bald darauf kamen wir an den Schakalbach und setzten mit Behutsamkeit hinüber, worauf wir auch bald bei dem Zelte waren. Alles fand sich da in gehöriger Ordnung, wie wir es verlassen hatten, und jedermann ging an das Geschäft, um deswillen er hergekommen war.

Fritz griff nach Pulver und Schrot, wovon er recht die Fülle nahm. Ich machte mich mit der Mutter und Fränzchen gleich über die Buttertonne, um unsre blecherne Flasche zu füllen. Ernst endlich und Jack zogen aus, um Enten und Gänse zu fangen. Da uns diese jedoch schon etwas fremd geworden waren und auf eigene Zehrung zu leben vermochten, so ließen sie sich durchaus nicht haschen und konnten nur durch List von den Jungen gegriffen werden. Ernst hatte nämlich ein Stück Käse in der Tasche, von welchem er jetzt Bröckchen an Packfaden band und dem schwimmenden Geflügel als Atzung in das Wasser warf. Sowie nun der Käse von einem der gierigen Tiere verschlungen ward, so zogen die Knaben es sachte, unter verhaltenem Gelächter, an das Ufer und hatten in kurzem das Federvieh, soviel ich nämlich verlangte, gar ordentlich beisammen.

Der schweizerische Robinson

»Hier, Vater«, rief Jack mit einer Gans unter dem Arm und krümmte sich vor Vergnügen, »das mußt du doch sagen, solchen Fisch hast du noch nie gesehen.« – »Ja, ja«, sagte ich lachend, »komisch genug nimmt sich die Geschichte aus, aber jetzt seid mir nur behutsam, wenn ihr den übertölpelten Fressern die Fäden wieder aus dem Halse zieht, damit ihr mir die Tiere nicht verletzt.« Sie waren in der Tat auch so sorgfältig, daß keines nur im mindesten Schaden nahm.

Jeder der Gefangenen ward jetzt mit einem Schnupftuch umwunden, daß nur Hals und Kopf hervorragten, und so wurden sie, vier an der Zahl, zwei Enten und zwei Gänse, hinten auf unsere Weidtaschen oder Habersäcke gebunden, wo sie denn zum Fortschaffen gar nicht unbequem waren.

Zuletzt nahmen wir auch Salz, aber weniger, als wir im Sinne gehabt hatten; denn da ein Säcklein, welches wir hatten füllen wollen, unterwegs mit Kartoffeln vollgestopft worden war, so konnten wir bloß die Zwischenräume derselben mit Salz anfüllen. Weil aber auf diese Weise das Säcklein beträchtliches Gewicht erhielt, so wurde dem stämmigen Türk die Last auf seinen kräftigen Rücken gelegt.

So waren wir denn alle reichlich beladen, und ich pfiff und rief zum Aufbruch. Wir sahen jetzt in der Tat ganz drollig aus, da zumal die Enten und Gänse mit ihrem beständigen Geschnatter und Halsverdrehen ein wunderliches Schauspiel gaben. Indes war das Lachen über unsern Aufzug ein Trost gegen den Druck unsrer Bürden, und wir beklagten uns erst zu Hause über sie, als die Ursache schon vorüber war.

Doch ging nun auch bald die Freude doppelt los; denn die Mutter nahm ohne Verzug unsern Kochtopf und stellte das ersehnte Gericht von Kartoffeln sogleich an das Feuer. Ja, sie melkte sofort auch Ziegen und Kuh, damit die Milch unsere Mahlzeit verherrlichen helfe, und die jubelnden Knaben sprangen zärtlich um sie her und leisteten Dienste, soviel sie nur konnten.

Ich setzte indessen das hergebrachte Geflügel in Freiheit und gebrauchte bloß die Vorsicht, daß ich allen die größten und kräftigsten Schwungfedern aus den Flügeln zog, damit sie nicht so leicht entfliehen könnten und sich allmählich an diese neue Gegend gewöhnten.

Endlich fand unter redseligen Lobsprüchen das köstliche Kartoffelmahl statt, nicht ohne herzliche Danksagung gegen den allgütigen Geber; dann schlichen wir müde und schläfrig in unser Baumkastell und genossen der erquickendsten Ruhe bis an den Morgen.

Drittes Kapitel

Das Schiff wird weiter ausgebeutet. Man bäckt Maniokbrot und baut eine Pinasse. Der Vater verfertigt Wurfkugeln. Eine Trapphenne wird gefangen. Ein Wachsbaum und ein Kautschukbaum werden entdeckt.

Der schweizerische Robinson

Ich hatte auf dem Heimwege am Strande unter vielen anderen Dingen auch verschiedene Bughölzer wahrgenommen, die mir ganz besonders tauglich schienen, um daraus eine Schleife zu verfertigen und mit dieser dann das Butterfass und andre notwendige Dinge von Zeltheim nach Falkenhorst zu schaffen. Sogleich hatte ich mir vorgenommen, am folgenden Tage, noch ehe mein Hausvolk erwacht sei, an den Strand zu gehen und das Nötige vorzukehren. Als Gehilfen hatte ich mir Ernst bestimmt, weil seine Trägheit als Gegengift eines frühen Morgenganges am meisten bedurfte, und weil Fritz zur allfälligen Verteidigung der Zurückgelassenen der Tüchtigste schien.

Kaum war ich also bei der ersten Dämmerung erwacht, so ermunterte ich auch den gähnenden Ernst; wir stiegen unbemerkt von dem Baumschlosse hinab und ließen die geliebten Schlummerer sämtlich zurück.

Unser Esel mußte mitwandern, und damit er nicht leer ginge, ließ ich ihn einen starken Baumast ziehen, den ich mitnehmen wollte und gut zu gebrauchen dachte.

Wir kamen bald zu den Bughölzern, die das Ziel unsrer Wanderung waren; ich beschloß, sie auf den Baumast zu legen, den der Esel mir hergeschleift hatte, und der mir einstweilen, da er noch voll kleiner Zweige war, zum Schlitten dienen konnte. Um die Ladung gleich voll zu machen, befreiten wir jetzt noch eine Kiste, die halbübersandet am Ufer lag, und wälzten sie ebenfalls auf den Baumast, worauf wir langsam den Heimweg antraten, und, wo es nötig war, mit ein paar aufgelesenen Stangen wie mit Hebebäumen dem Esel das Fortziehen seiner Last erleichterten.

Schon von ferne hörten wir bei Falkenhorst puffen und knallen, denn die Jagd auf die Tauben, die oben im Baume nisteten, war eben in ihrem besten Beginne. Als man uns aber ankommen sah, hallte Freudengeschrei, und man eilte uns grüßend entgegen. Die Kiste, die wir hergebracht hatten, mußte sogleich geöffnet werden, und ich tat es mit dem Soldatenschlüssel, das heißt mit einer tüchtigen Axt. Es fand sich jedoch nichts von einiger Wichtigkeit darin; denn es schien eine gemeine Matrosenkiste, und sie enthielt bloß Kleidungsstücke und Linnenzeug, das sämtlich von Seewasser ganz durchnäßt war.

Ich mußte mich nun bei der Mutter verantworten, daß ich sie und die drei Knaben ohne Warnung und Abschied des Morgens im Stich gelassen hatte; aber die Vorweisung meiner schönen Bughölzer und die nahe Aussicht auf eine bequeme Schleife und auf das baldige Herschaffen des Butterfasses beschwichtigten jeden Vorwurf schnell, und wir eilten friedlich zum Frühstück.

Nach dessen Vollendung übersah ich die Beute der Knaben an Drosseln und Tauben, wovon richtig zu vier Dutzend beisammenlagen. Indes hatte sowohl Fritz als Jack den ersten Schuß umsonst getan, weil beide vergessen hatten, ihre Flinten statt mit Kugeln mit Schrot zu laden. Dann aber hatten sie bald gefehlt und bald getroffen, aber schon so viel Pulver und Blei verbraucht, daß, als sie jetzt ihre Jägerei von neuem beginnen wollten, die Mutter eilig dazwischentrat und vorstellte, daß man einerseits das Schießzeug nicht so vergeuden sollte und daß andrerseits schon Vögel genug da seien, um heute gerupft und auf die Zukunft eingemacht zu werden.

Ich pflichtete der verständigen Frau vollkommen bei und ermahnte die Jugend, in der Tat mit Pulver und Blei nicht so verschwenderisch zu sein, weil auf diesem Schatze so ganz unsre Verteidigung und großenteils selbst unsre Nahrung beruhe. Wenigstens riet ich zur möglichsten Sparsamkeit, bis uns gelungen wäre, vom Wrack des Schiffes unsre Vorräte beträchtlich zu vermehren. Dafür hieß ich die Jungen sich Schlingen machen und diese droben in den Baumästen aufhängen, um die Drosseln und Tauben künftig mit List zu fangen. Zu den Schlingen aber mahnte ich, die Fäden unsrer neuentdeckten Karatten zu benutzen, die mir zu diesem Gebrauche sehr geeignet schienen, da sie fast steif waren wie Roßhaar.

Mein Rat war nicht in den Wind geredet. Ich mußte sogleich den Knaben Anweisung geben, wie die Schlingen zu machen seien, und als sie es begriffen hatten, erlaubte ich Fränzchen und Jack, sich mit dieser Arbeit zu beschäftigen, während Fritz und Ernst mir in der Verfertigung einer Schleife tüchtig an die Hand gehen sollten.

Indem wir sämtlich an unser Werk gingen, erhob sich unter unserm Hühnervolk ein ganz abscheulicher Lärm. Der Hahn krähte laut auf, und der übrige Troß gackerte und flatterte herum, als wäre der Fuchs darunter. Wir sahen alle hin, und die Mutter stand auf, um nachzusehen, ob etwa eine der Hennen ein Ei gelegt habe. Ernst, der zufällig den Affen im Auge hatte, bemerkte jetzt, daß dieser unverrückt auf die Hühner blickte und plötzlich, als diese vor der Mutter zerstoben, unter eine der Baumwurzeln fuhr. Er lief dem Aufpasser nach und war so glücklich, ihn eben zu erwischen, als er ein frischgelegtes Hühnerei hervorholte und es an den Boden schlug, um sich’s auf der Stelle schmecken zu lassen. Der Affe war nach dieser Speise sehr lüstern und fuhr bald unter eine andere Wurzel und dann hinaus in das Gras; aber Ernst, der ihm wachsam auf dem Fuße folgte, brachte bald vier Eier daher, die von der Mutter mit herzlichster Freude betrachtet wurden.

Dem Affen trug die Freibeuterei nichts als den Übernahmen Knips ein und die Beraubung seiner Freiheit, sooft es uns schien, daß unsere Hühner gelegt hätten oder doch zu legen geneigt seien. Hatte man dann Zeit, so band man den Gefangenen wieder los und ließ sich von ihm zeigen, wo die Eier verborgen lagen. Die Mutter legte sich denn bald eine Sammlung an und wartete mit Ungeduld, bis unsre Hühner brütig würden, um so schnell als möglich ein junges Völklein zu ziehen, von dessen Benutzung sie schon Herrliches träumte.

Mittlerweile war Jack auf unsern Baum gestiegen und hatte bereits ein paar Schlingen für die gefiederten Feigenfresser in den Ästen aufgehängt. Er kam wieder herab und brachte uns die willkommene Nachricht, daß auch droben unser Hausgeflügel, und zwar unsre Tauben, Anstalten zu Brut und Zucht getroffen habe. Ich verbot nun desto mehr alles Schießen auf dem Baume, damit unsre freundlichen Tiere nicht verwundet oder weggeschreckt würden, und ich ermahnte auch die Jungen, fleißig nach den aufgestellten Schlingen zu sehen, damit sich nicht unsre Tauben selbst darin fingen und sich durch Zappeln erdrosselten. Ja, ich hätte gern die Schlingen wieder aberkannt, wenn ich sie nicht selber zuvor empfohlen hätte und weil ich es für unrätlich hielt, mir so schnell zu widersprechen.

Unterdessen bearbeitete ich meine Bughölzer zu einem Schlitten oder einer Schleife, die ganz einfach war und also schnell zustande kam. Zwei Bughölzer, vorn, in der Mitte und hinten mit einem Querholz verbunden und so gestellt, daß die Krümmung vorn in die Höhe stand, waren das ganze Kunstwerk, und es brauchten nur noch die Zugstricke des Esels an die emporstehenden zwei Spitzen festgemacht zu werden, so war mein Gespann vollendet.

Ich hatte von meiner Arbeit nicht aufgeblickt, bis ich fertig war; und als ich mich jetzt umsah, gewahrte ich, daß die Mutter mit den Knaben inzwischen Vögel gerupft hatte und im Begriff stand, zwei volle Dutzend an die lange spanische Degenklinge eines Schiffsoffiziers wie an einen Bratspieß anzustecken. Der Degen schien mir gut angewendet, aber die Menge der Vögel kam mir vor wie Vergeudung, und ich machte darüber meine Glosse. Allein die Mutter wies mich zurecht, indem sie bemerkte, daß es nicht darum zu tun sei, ein verschwenderisches Gastmahl zu halten, sondern in Erwartung der abzuholenden Buttertonne die Vögel bereit zu machen, um sie dann halbgebraten und mit Butter übergossen nach meiner eigenen Angabe zum Aufbewahren zweckmäßig zuzurichten.

Es ließ sich dagegen nichts einwenden, und ich verabredete sofort den Marsch nach Zeltheim, der gleich nach dem beschleunigten Mittagessen begonnen werden sollte. Die Mutter beschloß, während meiner Abwesenheit mit den Jungen ein Reinigungsfest zu halten und sowohl Kleider als Leiber einer tüchtigen Wäsche zu unterwerfen; ein Gedanke, der mir so beifallswert schien, daß ich mir vornahm, ihn auch an mir und Ernst auszuführen; denn Ernst sollte wieder allein mich begleiten und Fritz zur Verteidigung abermals zu Hause bleiben.

Sobald wir denn gegessen hatten, machten wir uns zum Abmarsche fertig, und nach gehöriger Bewaffnung erhielt jeder an seinen Hirschfängergurt zum Geschenke von Fritz ein schönes vollendetes Besteck, das nebst Gabel, Messer und Löffel auch ein Handbeil zu tragen erfinderisch eingerichtet war und mir in der Tat nützlich schien. – Wir spannten hierauf sowohl den Esel als die Kuh mit ihren Zugstricken an unsre Schleife, nahmen jeder ein Stück Bambusrohr als Geißel zur Hand, kommandierten den Bill zum Mitgehen, den Türk zum Zurückbleiben, nahmen Abschied und trieben unser saumseliges Zugvieh ganz eifrig vor uns her.

Da wir leicht denken konnten, daß unsre Schleife sich besser über den festen Sand am Ufer als durch hohes und dichtes Gras ziehen lassen würde, so schlugen wir den gewöhnlichen Weg am Strande nach der Brücke des Schakalbachs ein und gelangten bald ohne Abenteuer nach Zeltheim, wo wir unser Vieh sogleich ausspannten und weiden ließen, während wir selbst mit Anstrengung nicht nur die Buttertonne, sondern auch ein Pulverfäßchen, die angestochene Kästonne, verschiedenes Werkzeug, Kugeln und Schrot auf unsere Schleife luden.

Der schweizerische Robinson

Dieses Geschäft fesselte uns dermaßen, daß wir spät erst bemerkten, unser Zugvieh habe sich, lüstern nach dem bessern Futter von jenseits, über die Brücke des Schakalbachs fortgeschlichen und sei ganz aus unserm Gesichtskreise verschwunden. Ich trug Ernst auf, es mit Bills Hilfe zu suchen, indes ich selbst auf der andern Seite von Zeltheim einen Ort zum Baden und zur Wäscherei erkundschaften wollte.

Bald hatte ich das Ende der Rettungsbucht erreicht und fand, daß sie sich mit einem Moraste voll der prächtigsten spanischen Rohre schloß und hinter diesem durch eine Reihe unersteiglicher Felsen, die selbst etwas in das Meer hinausliefen, ganz ummauert und zugemacht war. Hier zeigte sich eine Stelle, die mir zum Baden recht eingerichtet schien. Ich rief nun Ernst mit freudiger Stimme zu, und indes ich seiner Ankunft entgegensah, hieb ich mir zur Kurzweil einige Rohre, von deren nützlichem Gebrauch ich schon vorläufig mir einen lebhaften Begriff machte.

Da sich Ernst noch immer nicht blicken ließ, so ging ich endlich in Unruhe zurück, um ihn aufzusuchen, und siehe, da lag der Junge in Lebensgröße gemächlich auf der Schattenseite unseres Zeltes und schlief wie eine Haselmaus, indes sich unser Vieh unbewacht in der Nähe herumtrieb und nach Bequemlichkeit graste.

»Auf, auf, du Faulpelz!« rief ich den Schläfer jetzt an. – »Warum hütest du nicht die Tiere, daß sie nicht über die Brücke schleichen?«

»Oh, sie lassen es wohl bleiben«, erwiderte er gelassen, »ich habe gleich ein paar Laden aufgehoben; da ist nun eine Lücke, und ich denke, die furchtsamen Burschen springen nicht darüber.«

»Nun, das laß ich mir gefallen!« sagte ich. »Deine Trägheit hat dich erfinderisch gemacht. Aber nun solltest du nicht den kostbaren Tag verschlafen, sondern hübsch etwas Nützliches begonnen und zum Beispiel Salz geholt haben. Untätigkeit, solange man Kraft hat und mitten in den Arbeitsstunden, gehört sich nicht. – Aber weil du da müßig gelegen hast, so magst du nun das Versäumte nachholen und in dieses Säckchen Salz auflesen; doch sauber und reinlich, daß man es wenigstens unsern Tieren unbesorgt vorlegen kann. Wird das Säckchen voll, so leere es in den großen Bastsack des Esels, bis auch dieser gefüllt ist. Inzwischen will ich dort hinter dem Felsvorsprung baden.«

Mit diesen Worten ging ich hin, mich auszuziehen, und um den Jungen nicht gar zu lange zu quälen, fuhr ich hurtig zu und kühlte und wusch mich, so schnell es nur möglich war. – Endlich zog ich mich wieder an und ging nach der Salzstelle, um zu sehen, wie weit es der Knabe wohl gebracht habe. Er hatte auch wirklich den Salzsack fast gefüllt; ich schickte ihn nun baden und fuhr selbst in seiner Arbeit fort. Als auch er sich erfrischt hatte, konnten wir endlich aufpacken, anspannen und den Rückweg antreten doch nicht, ehe wir die aufgehobenen Laden unsrer Brücke wieder zurechtgelegt hatten.

Glücklich, wiewohl etwas spät, kamen wir in Falkenhorst an und fanden den gewohnten frohlockenden Empfang. Mit großen Augen beschauten wir aber den seltsamen Aufzug, in welchem das hinterlassene Volk uns entgegenkam. – Der eine war in ein langes weißes Matrosenhemd gehüllt und schleppte gespenstermäßig den Saum auf dem Boden. Der andere steckte in einem Paar Hosen, die gleich unter der Achsel ihren Anfang nahmen und wie zwei Glocken über zwei Schwengeln weit um die magern Beinchen hingen. Dem dritten war eine Jacke umgeknüpft, die bis an die Knöchel reichte und in der er ordentlich wie ein spazierender Mantelsack aussah. Eine unglaublich komische Gesellschaft.

Nachdem ich sie genugsam belacht hatte, fragte ich die Mutter, was die Ursache von diesem Fastnachtspiel sei.

Da hörte ich denn, daß die kleine Mannschaft eben erst aus der Schwemme gekommen sei, und weil die Mutter während des Badens allen die Kleider gewaschen habe, die länger, als sie geglaubt, nicht trocknen wollten, so habe sich das ungeduldige Völkchen über eine Matrosenkiste gemacht und sich jeder nach seinem edlen Geschmacke ausstaffiert. Der lächerliche Anzug war allen so närrisch vorgekommen, daß sie beschlossen hatten, auch dem Vater und Ernst den Spaß ihrer Maskerade freundschaftlich zu gönnen.

Jetzt aber wurde auch von unsrer Seite Rechenschaft gegeben; und so wie wir in unserm Text vorschritten, wurden Fässer, Rohre und Salz, gleichsam als die Bilder dazu, der Reihe nach umständlich vorgewiesen und je nach Gebühr von den Knaben bestaunt, von uns aber gedeutet und erklärt.

Alle waren lustig und freudig, außer Fritz. Dem sah ich an, daß es ihn einigermaßen ärgerte, nicht mitgewesen zu sein. Er schloß sich schmeichelnd und freundlich an mich an und sagte: »Ja, ihr habt doch viel Neues gefunden; aber nicht wahr, das nächste Mal darf ich auch mit, Väterchen, wenn es wieder einen Auszug gibt? Es ist hier um Falkenhorst auch gar nichts zu holen. Wir haben nichts als ein paar Tauben und Drosseln in unsern Schlingen erwischt, und das macht mir Langeweile.«

»Ja, mein alter Junge«, sagte ich, »das Kurzweiligste ist nicht immer das Beste. Doch weil du deinen Übermut tapfer bekämpft hast, so verspreche ich dir, dich auf meiner nächsten Streiferei mitzunehmen, und sollte es schon morgen nach unserm Wracke sein. Du hast aber, indem du hier als Schildwache für Mutter und Brüder zurückgeblieben bist, auch deine Pflicht getan, und das muß dich mit Befriedigung erfüllen.«

Wir beschlossen diesen Tag einerseits mit den gewöhnlichen Verrichtungen, andrerseits mit einer Salzausteilung an unsre Tiere, denen das ein herrliches Fest war. Das Nachtessen wurde kurz abgemacht, weil alles sich nach Ruhe sehnte, der wir denn auch sämtlich uns bald in die Arme warfen.

Am folgenden Morgen gab ich Fritz den Auftrag, alles für die Reise nach dem Wrack in Bereitschaft zu setzen; Ernst und Jack sollten eine Strecke weit uns begleiten.

Ohne Sorge brach ich denn auf, ließ der Mutter zu einigem Schutze den Bill zurück und ermahnte sie, standhaft zu sein und zu vertrauen, daß wir auch diesmal von dem Wracke glücklich und mit mancherlei guten und nützlichen Dingen versehen ans Land zurückkehren würden.

Von Zeltheim aus aber sandte ich Ernst und Jack mit einer Botschaft zur Mutter zurück. Ich hatte nämlich bei dem Abschied von der Mutter doch nicht den Mut gehabt, ihr eine zweitägige Trennung vorauszusagen, weil sie mich oft gebeten hatte, daß ich dergleichen ja nicht ohne den äußersten Notfall tun solle. Indem ich jetzt die zwei Knaben beauftragte, der Mutter zu sagen, daß sie sich gedulden und uns gestatten möge, auf dem Schiffe zu übernachten, hatte ich einerseits nicht den Vorwurf der Heimtückerei zu fürchten, und andrerseits war ich den Einwendungen und Bitten der gar zu ängstlichen Frau doch glücklich entwischt.

Demnach unterrichtete ich die Knaben, was sie der Mutter zu melden hätten, ermahnte sie, derselben hilfreich und gehorsam zu sein, hieß sie, damit ihr Morgengang doch etwas nütze, Salz auflesen und wies sie an, ein Weilchen vor dem Mittagessen nach Hause zu gehen, damit die Mutter nicht in Angst und Sorgen gerate. Ja, ich veranlaßte Fritz zu diesem Zweck, Ernst seine silberne Taschenuhr zu leihen, damit die zwei Jungen sich nicht verspäteten. Die Hoffnung auf eine goldne, die sich vielleicht an Bord des Schiffs finden dürfte, machte ihn bereitwilliger zu dem Opfer, als es sonst vielleicht der Fall gewesen wäre.

Schnell kamen wir auf dem gewohnten Wege bei unserm Wrack an.

Sobald wir ausgestiegen waren und unser Schifflein festgemacht hatten, war mein erstes, mich nach tüchtigem Baustoff zu einem Floß umzusehen; denn ich wollte den Einfall Ernsts nun zur Ausführung bringen, weil unser »Katamarang« zum Fortbringen einer ansehnlichen Ladung viel zu wenig Raum und nicht die hinreichende Festigkeit hatte. Bald war eine Anzahl von Wassertonnen gefunden, die mir geeignet schienen. Wir leerten sie, schlugen sie wieder zu, stießen sie in das Wasser, reihten sie dort, etwa zwölf an der Zahl, in ein längliches Viereck und nagelten sie mit Klammern, Stricken und Planken recht tüchtig zusammen. Endlich befestigten wir einen haltbaren Boden von Brettern oben darauf und führten zugleich einen fußhohen Rand rings um die Diele herum, so daß wir ein Fahrzeug herausbrachten, das wenigstens imstande war, bequem dreimal soviel davonzuführen als das Kufenschiff.

Indes hatten wir auch mit dieser Arbeit den ganzen Tag zugebracht und uns kaum ein paar Augenblicke gegönnt, um etwas kalte Küche zu speisen, die wir in unsern Schnappsäcken mitführten; denn wir mochten uns nicht einmal Zeit nehmen, uns auf dem Schiffe nach anderweitigen Eßwaren umzusehen. Des Abends also, da wir uns ganz ermüdet fanden und mit erschöpfter Kraft unmöglich an das Land rudern konnten, faßten wir leicht den Entschluß, auf dem Schiffe zu bleiben, und nachdem wir auf den Fall eines Sturmes hin die notwendigen Maßregeln getroffen hatten, legten wir uns in der Kajüte zur Ruhe, wo wir von den elastischen Matratzen, im Gegensatz zu den unbequemen Hängematten, so süß in Schlaf gewiegt wurden, daß unsre Verabredung, wechselweise zu wachen, um auf Wind und Meer zu lauschen, völlig zuschanden ward.

Vergnügt erhoben wir uns am folgenden Morgen von unserm Lager, und mit rascher Tätigkeit gingen wir nun an die zweckmäßige Beladung unsres kunstreichen Floßes.

Erst plünderten wir unsre eigene Kammer, die wir vormals auf dem Schiffe bewohnt hatten, und von da besuchten wir wieder die Kajüte, wo wir selbst die Schlösser der Türen, die Riegel der Fenster samt ihren Beschlägen nicht verschonten. Ein paar reichhaltige Kisten, die Schiffsoffizieren gehört hatten, waren uns ein willkommener Fund. Aber fast noch angenehmer war uns die Kiste des Schiffszimmermanns und des Büchsenschmieds. Ein Koffer des Kapitäns war ganz mit kurzer Ware gefüllt und enthielt zum Teil auch Kostbarkeiten, die uns fast verblendeten. Da lagen goldne und silberne Uhren, Tabaksdosen, Schnallen, Hemdknöpfe, Halsketten, Ringe, und von solchen Herrlichkeiten ein Überfluß, wahrscheinlich zu Geschenken oder zu einem vorteilhaften Handel bestimmt, den der Kapitän etwa treiben wollte. Selbst eine wohlbeschlagene Geldkiste mit Dublonen und Piastern zeigte sich, und beinahe hätten wir uns einfallen lassen, mit ihrer Plünderung den Anfang zu machen. – Doch bald zogen uns wieder andre Gegenstände mit Übermacht an, als zum Beispiel einfache Bestecke, die uns statt der silbernen des Kapitäns künftig dienen konnten, und weiter ein paar Dutzend junge Bäumchen von allerlei europäischen Obstsorten, die man zum Verpflanzen sorgfältig eingepackt hatte. Ich erkannte Birnen, Äpfel, Pomeranzen, Mandeln, Pfirsiche, Aprikosen, Kastanien, Reben, und was uns nur in der lieben Heimat ehemals erquickt haben mochte. – Hierauf entdeckten wir eine Anzahl Eisenstangen und gewaltige Bleimassen; dann ein paar Schleifsteine, Wagen – und Karrenräder, ein ganzes Schmiedwerkzeug, Hacken und Schaufeln, Pflugscharen, Ketten, Eisen- und Kupferdraht, Säcke voll Mais, voll Erbsen, Hafer und Wicken, selbst eine kleine Handmühle und ähnliches mehr, mit einem Worte, einen fast unerschöpflichen Vorrat von Dingen, die zur Anlegung oder zur Erhaltung einer europäischen Ansiedlung in entfernten Weltgegenden vonnöten sind.

Was sollte ich nun von allen diesen Schätzen mitnehmen, und was zurücklassen? – Den ganzen ungeheuren Plunder vermochten wir unmöglich davonzubringen; und gleichwohl lag uns am Herzen, wegen der zunehmenden Baufälligkeit des Wrackes noch so viel als nur irgend anging zu retten.

»Ei«, sagte Fritz, »lassen wir vor allem das trostlose Geld hier, denn was hilft uns der Quark!«

»Ho, ho!« erwiderte ich, »du redest unhöflich von dem allgemeinen Weltgötzen! Es soll mir lieb sein, wenn du ihn nie mit dem Trosse der Menschen anbeten lernst! – Wir wollen auch den Kasten mit der kurzen Ware noch zurücklassen und für diesmal uns zum Gesetz machen, nur das Allernützlichste zu wählen, wozu ich Pulver, Eisen, Blei, Getreide, die Obstbäume und mancherlei Werkzeug rechne. Von diesen Dingen laß uns soviel als möglich mitnehmen, und wenn dann ein übriges Plätzchen ist, so mag auch etwas Unnötiges aus Gnaden mitgehen. Doch soll dir für deine Person erlaubt sein, aus dem Koffer voll Kostbarkeiten, nach meinem Versprechen, eine goldene Uhr zu nehmen.«

Infolge des aufgestellten Gesetzes befrachteten wir unser Floß aufs zweckmäßigste und ließen als nützlich auch ein neues Fischgarn samt der großen Magnetnadel unsres Schiffes mit ihrem Kästchen für diesmal in die Ladung gehen.

Es ging bis in den Nachmittag, ehe wir mit unsrer Ladung fertig waren, und wir hatten nicht nur das Floß, sondern selbst unser Schifflein mit Gerätschaften voll beladen.

Jetzt endlich, da wir abstoßen wollten, ward das Floß an einer von seinen vier Ecken durch einen festgenagelten Strick mit unserm Kufenschiff in Verbindung gesetzt, und so bugsierten wir es, nicht ohne Besorgnis eines Unfalls, im Schweiße unsres Angesichts langsam gegen die Küste.

Der Wind war so gütig, unsre Arbeit zu erleichtern, und blies lustig in unser Segel, das Meer war still, und wir rückten bald um ein Beträchtliches vorwärts, ohne daß uns das Mindeste begegnet wäre.

Nach einem geringen Vorwurfe der Mutter, daß wir sie abermals mit den Kleinen eine Nacht allein gelassen hatten, ward erzählt, welche Schätze wir noch vorgefunden hatten.

Ich bat die Mutter, mit ein paar von den Jungen unsre Schleife samt dem Zugvieh von Falkenhorst herbeizuschaffen, damit wir wenigstens einen Teil unsrer Ladung sogleich in Sicherheit brächten. Inzwischen, da die Ebbe noch zunahm und unsre Fahrzeuge bald ganz auf dem Grunde und beinahe schon trocken saßen, benutzte ich den Augenblick, um, in Ermanglung eines Ankers, sie sonst nach Möglichkeit festzumachen. Ich wälzte zu dem Zwecke zwei herbeigeführte mächtige Bleiklumpen vermittelst Hebeisen von dem Floße herunter und gegen die Küste; worauf ich denn durch Seile das Floß und das Schifflein mit diesen Massen in Verbindung setzte, daß sie uns nicht mehr leicht entführt werden konnten.

Als die Schleife während dieser Arbeit herbeikam, beluden wir sie tüchtig und nahmen vor allem Matratzen und Baumstämmchen darauf.

Um sie zu Hause wieder abladen zu können, waren wir genötigt, ihr sämtlich das Geleit zu geben; und so marschierten wir denn in fröhlichem Zuge nach Falkenhorst. Unterwegs fragten mich die Kleinen eifrigst, ob sich denn die Geldkiste und der Koffer mit der köstlichen kurzen Ware nicht an Bord unsres Floßes befinde – denn Fritz hatte schon ein Wörtchen davon geplaudert, und nun wollte jeder etwas Schönes daraus geschenkt bekommen.

»Übrigens, denke nur«, erzählte die Mutter unterwegs, »Fränzchen hat etwas Neues gefunden. Er hat mit einem Stöckchen einem Bienenschwarm in einem hohlen Baum nachgestöbert. Natürlich wurden die Bienen unruhig und haben den Jungen erbärmlich zerstochen, und so hat er eine Entdeckung, die uns vielleicht künftighin nützen kann, einstweilen mit Schmerzen bezahlt.«

»Wenn wir zu Hause angelangt sind«, nahm jetzt Ernst das Wort, »so will ich die Wurzeln zeigen, die ich heute gefunden habe; sie sind schon ziemlich welk geworden. Ich weiß nicht, ist es eine Art von Rüben oder von Rettich; die Pflanze sah mehr wie ein Strauch als wie Kraut aus, und ich durfte nicht wagen, von der Wurzel zu kosten, obschon ich sah, daß unser Schwein recht wacker davon fraß.«

»Das hast du gut gemacht, mein Junge«, bemerkte ich. »Denn manches schadet dem Schweine nicht, was dem Menschen mehr oder weniger Gift ist. – Laß aber deine Wurzeln einmal sehen. – Wie bist du dazu gekommen?«

»Ich strich ein bißchen herum«, antwortete er, »und traf unvermutet das Schwein an, das einen kleinen Busch eifrig unterwühlte und begierig etwas verschlang, das es aus dem Boden gescharrt hatte. Da trieb ich es weg und fand dies Bündel großer Wurzeln.«

»Wenn meine Vermutung richtig ist«, bemerkte ich, »so hast du einen herrlichen Fund getan, der uns samt den Kartoffeln, solange wir hier sind, vor Hungersnot auf immer beschützen wird; denn ich glaube, deine Wurzeln könnten wohl Maniok sein, aus dem man in Westindien eine Gattung Brot oder Kuchen macht, die man Kassave nennt. Wenn du dir die Stelle der Pflanze wohl gemerkt hast und wir noch mehrere finden, so wollen wir die Zubereitung zu Brot wenigstens versuchen; ich glaube, daß sie mir so ziemlich gelingen wird.«

Über diesem Gespräche hatten wir unsre Schleife von ihrer Ladung vollständig befreit, und gleich brach ich mit den Knaben auf, um noch vor Einbruch der Nacht eine zweite herbeizuholen. Die Mutter blieb indes mit Fränzchen zurück, um uns ein erquickendes Mahl zu bereiten.

Der schweizerische Robinson

Als wir bei dem Floße wieder angekommen waren, luden wir auf die Schleife, so viel sie nur tragen konnte, zuerst ein paar von unsern Kisten, die wir auf dem Schiffe gehabt hatten, dann vier Wagenräder und die Handmühle, die mir bei der wahrscheinlichen Entdeckung von Maniok jetzt von doppelter Wichtigkeit schien, und zuletzt noch allerlei Kleinigkeiten, was irgend nur Platz fand. All der Reichtum hatte eine ganz fröhliche, ja fast ausgelassene Stimmung erzeugt, und ich benutzte sie, um für diese Nacht noch ein paar Matratzen auf unser Baumschloß zu schaffen, und es gelang mir, vermittelst des Flaschenzugs alle nacheinander in unsre Wohnung hinaufzubringen, wo wir bald einem sanften und erquickenden Schlaf in die Arme sanken.

Fast noch vor Tagesanbruch erhob ich mich, um an den Strand zu eilen und nach unsern zwei Fahrzeugen zu sehen. Die Meinigen erwachten nicht, und gern gönnte ich ihnen den Schlaf, der sich bei Kindern billig länger als bei Erwachsenen ausdehnen darf.

Mit so wenig Geräusch als möglich schlich ich die Leiter hinab und fand drunten schon Leben und Munterkeit. Die beiden Doggen umhüpften mich mit Freudensprüngen und merkten, daß ich ausziehen wolle; der Hahn schlug krähend mit den Flügeln, und ein paar Ziegen meckerten mir freundlich entgegen. Aber der Esel, um den es mir am meisten zu tun war, nickte noch behaglich in Morgenträumen mit seinem gedankenreichen Haupt und schien keine große Lust zu dem Spaziergange zu haben, den ich ihm zugedacht hatte.

Ich rief ihn also wach, spannte ihn vor die Schleife, ließ die Kuh, weil sie noch nicht gemolken war, zurück, kommandierte die Hunde mitzugehen und trabte nun zwischen Furcht und Hoffnung nach dem Ufer zu. – Dort sah ich denn zu meinem Troste sowohl Floß als Tonnenschiff noch glücklich an ihrer Stelle, und obgleich ich bemerkte, daß die Flut sie beide während der Nacht gehoben hatte, so waren doch die Bleimassen und Eisenstangen, an die wir sie vor Anker gelegt hatten, imstande gewesen, sie festzuhalten. Ohne Säumen bestieg ich nun das Floß und suchte mir eine Ladung für den ehrlichen Grauschimmel zusammen, den ich für diesmal doch gnädig behandelte, um desto schneller wieder in Falkenhorst zu sein. Auch jagte ich mich und ihn in Schweiß, um noch vor dem Frühstück bei den Meinigen anzulangen, und war über die Maßen verwundert, als ich an das Baumschloß kam, daß sich noch keine Seele von dem ganzen Hausvolk weder sehen noch hören ließ, obgleich die Sonne schon seit mehr als einer Stunde am Himmel stand.

Da machte ich denn ein Gepolter und Gelärm, als wenn es Krieg geben sollte. Auch ward meine Frau schnell munter, sprang von ihrem Lager auf und verwunderte sich nicht wenig, daß es schon so hoch am Tage sei.

»Wahrhaftig«, sagte sie, »das ist die Zauberkraft der Matratzen, die mich heute so fest in den Schlaf gewiegt hat und gar nicht erwachen ließ. Wie es scheint, hält die gleiche Kraft auch unsre armen Jungen noch schwer gefangen.«

In der Tat konnten sich diese den Schlaf fast nicht aus den Augen reiben; sie gähnten, sie streckten sich aus und schliefen alsbald wieder ein.

»Auf, auf!« rief ich noch einmal mit lauter Stimme. »Ihr greulichen Faulpelze! Tüchtige Jungen müssen auf den ersten Ruf aus den Betten sausen.«

Fritz war der erste, der sich jetzt ermannte, und Ernst natürlich der letzte, der von seinem Lager kroch.

Nach verrichteter Andacht und genossenem Frühstück eilten wir an den Strand, um das Floß vollends abzuladen, damit es bei der Mittagsflut wieder in Bereitschaft sei, um vom Land zu stoßen.

Ziemlich bald führten wir nun zwei Ladungen nach Hause. Bei der letzten Heimfahrt begann schon die Flut unsre Fahrzeuge zu erreichen, und ich verabschiedete deswegen die andern, um mit Fritz in unserm Tonnenschiffchen vollends abzuwarten, bis wir flott geworden wären. Doch da ich bemerkte, daß Jack immer um unser Fahrzeug herumschlich, so erlaubte ich endlich auch ihm, zu uns zu steigen.

Bald hob uns die Flut empor, daß wir rudern konnten, und statt bloß nach der Rettungsbucht zu fahren, um dort unsre Fahrzeuge in Sicherheit zu bringen, ließ ich mich von der schönen Witterung verführen, wieder nach dem Wracke zu schiffen. Nur mit großer Arbeit jedoch gelang es uns, trotz der Flut und einem frischen Seewind, in die Strömung zu kommen, die zu unserm Ziel führen mußte. Als wir hier aber anlangten, war es zu spät, etwas Wichtiges anzufangen, und ich nahm mir vor, in der Eile bloß aufzupacken, was sich zunächst etwa darbieten möchte. Wir durchliefen demnach das Schiff, um allerlei Kleinigkeiten aufzutreiben, die sich mit leichter Mühe fortbringen ließen. Jack kam bald unter fürchterlichem Gerassel mit einem Schubkarren angezogen und hatte ganz besondere Freude, daß er etwas gefunden habe, um künftig die ausgegrabenen Kartoffeln in ansehnlicher Menge nach Falkenhorst schaffen zu können. Fritz aber brachte mir die frohe Botschaft, daß er in einem eigenen Verschlag des Schiffes eine auseinandergelegte Pinasse 2 samt allem Zubehör, und selbst ein paar kleine Kanonen zu ihrer Bewaffnung vorgefunden habe.

Ich freute mich so darüber, daß ich alles fahren und liegen ließ, um nach dem Verschlage zu laufen, wo ich zwar fand, daß der Junge sich nicht geirrt habe, aber daß uns auch ein mächtiges Stück Arbeit bevorstehe, wenn wir das Ding zusammenfügen und in See bringen wollten.

Für diesmal also ließ ich die Sache dahingestellt und raffte dafür einigen Hausrat und sonst zusammen, was ich glaubte, nächstens benutzen zu können, wie zum Beispiel einen großen kupfernen Kessel, ein paar eiserne Platten, verschiedene neue Tabaksrappen, 3 zwei Schleifsteine, ein Pulvertönnchen und endlich ein Fäßchen mit Flintensteinen, die mir äußerst willkommen waren. Es versteht sich, daß auch Jacks Schubkarren nicht vergessen wurde, indem ich sogar ein paar andre und zugleich einige Tragriemen mitgehen ließ, die sich vorfanden. Alles dieses wurde hurtig aufgepackt, und kaum ließen wir uns Zeit, auch etwas zu essen, als wir schon wieder absegelten, um nicht vom Landwind überrascht zu werden, der sich jeden Abend zu erheben pflegte.

Einmal am Ufer, begannen wir sofort, unsre mitgebrachten Waren ans Land zu schaffen; aber die sinkende Sonne ließ uns nicht hoffen, damit fertig zu werden; und so füllte sich jeder von uns nur einen Schubkarren, um wenigstens etwas von unsrem Raube nach Hause zu bringen, wobei weder die Tabaksrappen noch die Eisenplatten vergessen wurden.

Der schweizerische Robinson

Als wir Falkenhorst näher kamen, hatte ich große Freude zu hören, wie unsre wachsamen Leibtrabanten mit weithinschallendem Gebell uns angaben. Sobald sie aber entdeckten, wer die nahenden Fremdlinge seien, waren sie auch die ersten, die uns zu freundschaftlichem Empfang entgegeneilten. Der Ausdruck ihres Entzückens war so lebhaft, daß sie das kleine Männchen, das mit seinem Schubkarren ohnehin das Gleichgewicht kaum zu halten vermochte, vollends auf die Nase warfen. Da vergalt denn das Bürschchen die empfangene Höflichkeit mit Faustschlägen und gab sowohl uns als der Mutter, die mit Ernst und Fränzchen ebenfalls herbeikam, nicht wenig zu lachen. Mit unsern Schubkarren und ihrer Fracht war man übrigens, wie billig, von Herzen zufrieden, nur daß man über die Tabaksrappen und die Eisenplatten ein bißchen die Achseln zog, während ich über das Achselzucken wieder heimlich lachte.

Hierauf zeigte mir die Mutter einen schönen Vorrat von Kartoffeln, den sie während meiner Abwesenheit eingesammelt hatte, und auch eine Menge von den Wurzeln, die ich für Maniok hielt, so daß ich ihren Fleiß und ihre Vorsorge höchlich zu loben fand.

»Ja, Vater!« rief jetzt Fränzchen aus, »was wirst du erst sagen, wenn wir bald auch Mais und Melonen, Hafer und Kürbisse bekommen? Die Mutter hat jedesmal davon gesteckt oder gesät, wenn wir eine Kartoffelstaude ausgezogen haben.«

»O du Plappermaul!« rief die Mutter. »Warum hast du mich verraten? Du hast mir eine große Freude verdorben; denn ich wollte den Vater einst mit meiner Pflanzung überraschen, wenn alles schon aufkeimen würde.«

»Das tut mir leid für dich, mein liebes Mütterchen!« sagte ich. »Aber auch jetzt ist meine Freude über den Einfall groß. Sage mir nur, woher du das Gesäme und die Kerne nahmst, und was dir zu dem guten Gedanken verhalf?«

»Oh! Samen und Kerne hatte ich natürlich in meinem Zaubersack«, erwiderte sie, »und den Gedanken gab mir eure Plünderungssucht und das ewige Streichen nach dem Wracke. Denn ich dachte, bis ihr dort aufgeräumt hättet, würdet ihr euch kaum die Mühe geben, einen Garten oder Acker zu bestellen, und so verlören wir die gute Zeit dafür. Deswegen säte ich jedesmal, wenn wir zur Gewinnung von Erdäpfeln den Boden aufbrachen, etwas von unserm Gesäme und ließ auch die kleinen Erdäpfel zurück, damit wir zu seiner Zeit, wenn alles groß geworden sein würde, eine trostvolle Ernte bekämen.«

»Das ist vortrefflich ausgesonnen, meine liebe Frau! Aber doch hat unsre Plünderungssucht gewiß auch ihr Gutes, denn so hat sie uns heute eine Pinasse entdecken lassen, die sich noch unzusammengefügt auf dem Wracke befindet und uns vielleicht künftig wesentliche Dienste leisten kann.«

»Ach, das macht mir wenig Freude«, entgegnete die Mutter; »denn ich möchte lieber nie wieder auf das Meer. Aber, wenn es einmal sein muß, so ist es freilich dann besser, sich einem tüchtigen Fahrzeug anzuvertrauen als einem schlechten und gebrechlichen wie unserm Tonnenschiff. Aber sage mir, was sollen uns die Tabaksrappen nützen, die du da hergeschleppt hast? Ich hoffe doch, du denkst nicht daran, unsre Nasen zu füttern, bis wir mit dem Futter für den Mund in Sicherheit sind.«

»Sei unbesorgt, liebe Mutter!« sagte ich, »es kommt mir gar nicht in den Sinn, die unreinliche und lächerliche Gewohnheit des Tabakschnupfens hier einzuführen, aber die Tabaksrappen sind bestimmt, uns bald das erste frische Brot zu verschaffen, das wir an dieser Küste werden genießen können. Und so magst du die Dinger mit Ehrfurcht ins Auge fassen, denn sie werden uns unentbehrlich sein.«

»Nun«, versetzte sie, »was Tabaksrappen mit frischem Brot zu tun haben, das kann ich nicht einsehen. Und zudem, wo ist ein Backofen, der uns hier noch viel unentbehrlicher ist?«

»Diesen sollen mir die eisernen Platten ersetzen, die du so ziemlich scheel angesehen hast«, bemerkte ich. »Aber freilich werden wir nicht rundes, schön aufgelaufenes Brot bekommen, sondern flache Kuchen, die uns jedoch nicht weniger gut schmecken sollen. Wir können sogleich mit Ernsts Wurzeln einen Versuch machen. Die Sonne ist noch nicht untergegangen, und vielleicht werde ich euch noch vor dem Schlafengehen mit neuem Backwerk erfreuen können. – Aber vor allem mußt du mir noch ein starkes Säcklein von Segeltuch nähen.«

Die Mutter tat sogleich, was ich sie hieß; aber voll Zweifel über meine Bäckerkunst setzte sie zugleich ein tüchtiges Gericht Erdäpfel in dem mitgebrachten Kupferkessel ans Feuer, damit wir auf jeden Fall etwas Genießbares zu essen bekämen, wenn mein Versuch mißlingen sollte. Inzwischen breitete ich ein großes Segeltuch auf die Erde und sammelte die junge Mannschaft, um mit ihrer Hilfe das Brotmachen ohne Säumnis zu unternehmen. Jeder erhielt eine eigene Tabaksrappe und ein Häufchen Maniok, der von der Mutter reinlich gewaschen worden war. Auf mein Kommando fing nun jeder an, seine Wurzeln tüchtig zu reiben, und so sammelten sich auf dem untergelegten Tuche eine Art von feuchten Sägespänen, die freilich noch kein leckeres Ansehen hatten. Doch war die Arbeit den jungen Bürschchen angenehm, und sie hatten großen Spaß dabei.

Endlich rief Ernst mit Lachen: »Ja, das wird ein vortreffliches Kleieessen geben, wenn man aus einem solchen Geraspel Brot machen muß!« Und Jack setzte hinzu: »Das ist doch das erstemal, daß ich höre, man könne aus Rüben Brot machen! Jedenfalls riecht’s nicht sehr einladend.«

»Was doch die Herren nicht alles an der edlen Pflanze auszusetzen wissen!« rief ich ihnen zu. »Der Maniok, den wir da vor uns haben, gibt ein ganz vortreffliches Brot, das in Amerika eine Hauptnahrung vieler Eingeborener ist und, wie man sagt, von den dortigen Europäern nicht selten selbst unserm Getreidebrot vorgezogen wird. Der Maniok ist übrigens eine Pflanze, von der es mehrere Arten gibt. Die eine wächst sehr schnell, und ihre Wurzeln sind in kurzem reif; eine andre ist etwas später und eine dritte soll erst im zweiten Jahre ausgewachsene Wurzeln haben. Die zwei ersten Gattungen sind giftig, wenn sie roh genossen werden; die dritte aber soll auch roh ganz unschädlich sein. Indes werden die zwei andern ihr vorgezogen, weil sie fruchtbarer sind und sehr viel schneller zur Reife gelangen.«

»Ei! wie dumm ist das doch, eben die giftigen auszulesen!« bemerkte Jack, »da bedank‘ ich mich für das giftige Brot! Denn, wie können wir wissen, daß unsre Wurzeln hier gerade von der unschädlichen Gattung sind?«

»Es ist mir zum mindesten wahrscheinlich«, sagte ich, »weil diese letzte Art, wenn ich mich recht erinnere, besonders strauchartig und also der unsrigen ähnlich ist, während die beiden andern mehr rankenartig sein sollen. Indes wollen wir, um ganz sicher zu gehen, unser Geraspel noch auspressen.«

»Warum denn auspressen, Vater?« fragte Ernst.

»Weil bei den giftigen Arten«, antwortete ich, »nur der Saft der Wurzel schädlich, das trockene Mark aber gesund und äußerst nahrhaft ist. – Doch wollen wir zu aller Vorsicht mit unsern Kuchen, ehe wir sie selbst kosten, einen Versuch an unsern Hühnern und an dem Affen anstellen. Schaden sie diesen nicht, so werden sie auch uns nicht schaden.«

Jedermann war mit diesem Vorschlage zufrieden und arbeitete wieder emsig fort; denn der Schrecken vor dem Gifte hatte zuvor einen Augenblick ihre Hände gleichsam gelähmt. Bald war unser ganzer Vorrat von Maniok geraspelt, und ein beträchtlicher Haufe sonderbaren Geschabes lag vor uns auf dem Segeltuch. Da die Mutter inzwischen den erbetenen Sack genäht hatte, so wurde dieser jetzt gleich mit den zerriebenen Wurzeln angefüllt, tüchtig gestopft und kräftig zugebunden, so daß allerorten der Saft zwischen den Fäden hervordrang. Aber freilich war es damit noch nicht genug, und es mußte für eine Art von Presse gesorgt werden, wozu ich sogleich die nötigen Anstalten traf.

Es wurde nämlich ein langer, gerader, tüchtiger Baumast abgeschnitten, gereinigt und zweckmäßig zugerüstet. Hernach wurde hart an einer niedrigen Wurzel unsres Wohnbaumes ein Lager von Brettern bereitet, auf dieses der Sack gelegt, auf den Sack wiederum Bretter und quer über diese der lange Baumast, der an seinem hintern Teil unter eine feste Wurzel griff und an dem vordem, weit herausstehenden Ende mit Gewicht beschwert werden konnte. Hier nun wurden verschiedene Bleimassen, Ambosse und Eisenstangen angehängt und aufgebunden, bis der Sack mit ungemeiner Kraft zusammengepreßt ward, daß der Manioksaft allenthalben hervorquoll und auf die Erde lief.

»Das ist wirklich riesig bequem und sehr einfach!« bemerkte Fritz.

»Aber sage mir jetzt«, fragte die Mutter weiter, »muß der ausgepreßte Maniok nicht mit einem Male verbacken werden? Wenn das ist, so werden wir morgen den ganzen Tag nichts tun können als backen.«

»Keineswegs!« antwortete ich. »Wenn das Mehl recht getrocknet ist, so kann man es in Tonnen schlagen, und dann hält es sich jahrelang gut. Allein es geht beim Backen so viel darauf, daß du ohnehin nicht wegen Überfluß zu sorgen brauchst. Es schmilzt von der Wärme gleichsam ineinander, so daß eine ziemliche Menge doch nur einen sehr dünnen Kuchen gibt.«

»Vater«, sagte Fritz, »meinst du nicht auch, daß wir jetzt geschwind einen ausbacken sollten? Es dringt kein Tröpfchen Saft mehr aus unserm Sacke, und was herausgeflossen ist, hat sich ganz verlaufen.«

»Ich will es wohl zugeben«, erwiderte ich, »aber doch wird es für uns Menschen klug sein, wenn wir unsere Naschlust bis morgen bezwingen und für heute nur einen Probekuchen für die Hühner und den Affen machen. Dann wollen wir sehen, wie ihnen unser Machwerk bekommt, und ob es ratsam sei, auch für uns die Bäckerei in Gang zu setzen.«

Der Sack wurde sofort geöffnet, ein paar Fäuste voll von dem trocknen Mehl herausgenommen und der Rest mit einem Stocke recht umgerührt und aufgelockert, um von neuem unter die Presse zu kommen. Hierauf ward eine von unsern runden, etwas gewölbten eisernen Platten über ein paar Steinen erhöht auf Glut gestellt und, sobald sie erwärmt war, ein Teil von dem Mehl mit einem hölzernen Spaten darauf hingebreitet, flachgeschlagen und stehengelassen, bis der Kuchen von unten gelb geworden war; dann wurde er gewendet und auf der andern Seite ebenfalls gar gebacken.

»Ach, das riecht vortrefflich«, bemerkte Ernst. »Wie schade, daß wir nicht auch sogleich von diesem frischen Brote essen dürfen!«

»Ei, ich wenigstens und Fränzchen, wir wollten es schon versuchen!« meinte Jack.

»Das glaube ich, ihr beide seid immer die unbesonnensten!« schalt ich ihn. »Ich vermute freilich, daß es euch gar nicht schaden würde, aber immerhin ist es rätlicher, noch bis morgen zu warten. Auch wollen wir nicht alle unsre Hühner zugleich daran wagen, sondern höchstens zwei, und dann den Meister Knips, den Eierdieb; der kann uns hier einen wesentlichen Dienst tun.«

Alsbald war der Kuchen, nachdem er ein wenig kühl geworden war, den bestimmten Kredenzern vorgebröckelt; und nicht ohne Mißgunst der eßlustigen Knaben verschlangen ihn diese aufs begierigste.

Am folgenden Morgen eilten wir sogleich zu unsern Hennen und dem Affen, um zu sehen, wie der Maniokkuchen ihnen bekommen sei; und da wir sie allerseits munter fanden, so schickten wir uns sämtlich zu der großen Bäckerei mit gewaltigem Eifer an.

Das Maniokmehl wurde aus der Presse genommen und ein mächtiges Feuer angezündet, um recht viel glühende Kohlen zu erhalten. Doch wurde zugleich wieder ein Kessel mit Kartoffeln aufgestellt, damit die Glut nicht umsonst verlodere. Sobald sich aber genug Kohlen zeigten, wurde jedem von den Jungen sein eigener Herd angelegt, jedem eine eiserne Platte darübergestellt und jedem endlich sein Teil Maniokmehl in einer Kokosschale zugemessen, damit sich ein jeder sein Brot hübsch selber bereite und wir schneller vorankämen.

Der schweizerische Robinson

Alle waren in einem Halbkreis um mich her aufgestellt, damit sie meinen Handgriffen zusehen und sie nachahmen könnten. Es gelang uns auch insgesamt die Verrichtung gar nicht übel, obwohl so hin und wieder ein Stückchen verbrannten oder halbverbrannten Kuchens mit unterlief. Aber das war unsre geringste Sorge, denn die Hühner und Tauben und Hunde um uns her nahmen allemal von Herzen gern damit vorlieb. Selbst von seiten der Knaben wurde noch während der Arbeit gar häufig gekostet und genascht und an den Fingern geleckt, so daß wir ein gutes Weilchen zu keinem nur irgend bedeutenden Vorrat gelangten. Außerdem verfuhren ein paar von den Jungen mit einer so beispiellosen Reinlichkeit, daß jedem seine Macherei zur selbsteigenen Verspeisung überlassen werden mußte. Eine große Schüssel voll Milch setzte dieses Geschäft sogleich in Gang, und wir frühstückten nach der Bemerkung des einen wie Drescher, nach der des andern wie Könige. Aber jetzt fuhr ein unwiderstehlicher Drang in mich, von neuem, und zwar mit Heeresmacht, nach dem Wracke zu fahren, um durch unsre Gesamtkraft womöglich die Pinasse zu erobern, die wir gestern entdeckt hatten. Indes war die gute Mutter auf keine Weise zu bereden, sich auf das ungetreue Meer zu wagen, und mit Mühe nur konnte ich ihr alle Knaben bis auf den jüngsten zu der beabsichtigten Fahrt abschwatzen. Auf jeden Fall mußte ich mein Wort geben, des Abends wieder ans Land zu kommen und überhaupt keine Nacht mehr auf dem Wracke zuzubringen. Ich ging zwar nur ungern darauf ein, aber endlich versprach ich es; und so wurden wir nicht unwillig, obschon mit Seufzen und schwerem Herzen von ihr entlassen.

Die Jungen waren wie gewöhnlich, wenn etwas Neues losgehen sollte, lustig und guter Dinge. Ernst besonders lächelte ganz zufrieden, daß er wieder einmal mitgehen durfte. Wir waren insgesamt bewaffnet und teils mit Kassave, teils mit Kartoffeln zum Mundvorrat trefflich ausgestattet. Unser Weg ging nach der Rettungsbucht, wo wir ohne Abenteuer ankamen, vorsichtig unsre Korkwesten umschnallten, die dortigen Gänse und Enten ein wenig fütterten, in das Tonnenschiff sprangen und, indem wir das Floß ins Schlepptau nahmen, getrost unsre Fahrt antraten.

Sogleich nach der Ankunft bei dem Wracke wurden die Fahrzeuge etwas befrachtet, damit wir auf jeden Fall des Abends nicht ohne Beute heimkehrten. Danach wurde die Pinasse abermals in Augenschein genommen. Zwei Punkte schienen mir eine unüberwindliche Schwierigkeit zu bieten: einmal der Platz, wo sie lag, und dann ihre beträchtliche, sehr ins Gewicht fallende Größe. Der Verschlag war hinten im Bauche des Schiffes unter der Offizierskajüte, auf der äußern Seite gegen das Meer, und verschiedene Zwischenwände trennten ihn ganz von unserm gewohnten Ankerplatz in der Mitte des Wracks. Auch war nicht zur Hälfte genug Raum vorhanden, um das Fahrzeug gleich auf der Stelle zusammenzusetzen und dann, so wie unser Tonnenschiff, vom Stapel zu lassen. Endlich waren auf der andern Seite doch die einzelnen Stücke viel zu schwer, um sie mit unsern beschränkten Hilfsmitteln und Kräften an einen bequemen Platz zu schaffen.

Ich setzte mich hin, um ungestört nachzudenken, wie ich die Sache angreifen müsse; unterdessen durchstöberten die Knaben das Wrack von oben bis unten und schleppten alles auf das Floß, was sie nur davontragen konnten.

In den Verschlag mit der Pinasse fiel durch ein paar Spalten der Seitenwand Licht und erhellte denselben hinlänglich, daß ich mich darin umsehen konnte. Da bemerkte ich mit Vergnügen, wie alle Stücke dieses Fahrzeuges dermaßen verständig hingelegt und obendrein so genau mit Nummern bezeichnet waren, daß ich ohne besondere Kühnheit mich getrauen durfte, sie zusammenzusetzen, wenn ich nur die gehörige Zeit daran wagen wollte, mir in dem Schiffe mehr Raum zu brechen. Da ward mein Entschluß gefaßt, und die Arbeit nahm ohne Verzögerung ihren Anfang. Aber freilich ging sie mit einer Langsamkeit vonstatten, die uns den Mut vielleicht ganz genommen haben würde, wenn nicht der Wunsch nach einem tüchtigen, äußerst lenkbaren und sichern Fahrzeuge, das zu tausend Bequemlichkeiten und einst sogar zu unserer Rettung dienen könnte, jeden Augenblick uns zur Beharrlichkeit und zu erneuter Anstrengung aufgefordert hätte.

Der Abend brach herein, ohne daß wir irgend bedeutende Fortschritte gemacht hatten, und wir mußten ohne weiteres an unsere Heimkehr denken. Erst der nächste Morgen fand uns wieder bei unserer Arbeit.

So durchlebten wir mehr als eine Woche, bis die Pinasse ganz zusammengesetzt war. Früh am Morgen fuhren wir regelmäßig ab, und des Abends kehrten wir schwerbeladen wieder heim.

Endlich stand die Pinasse doch fertig und fahrgerecht, und es kam allein noch darauf an, sie in Freiheit zu setzen, weil sie zwischen den Schiffswänden uns blutwenig nützen konnte. Wunderhübsch sah sie aus, stattlich und anmutig zugleich. Sie hatte hinten ein kleines Verdeck und war für Mast und Segel eingerichtet wie eine Brigantine; auch versprach sie, ein guter Segler zu sein, weil sie eine leichte Bauart hatte und nicht tief im Wasser zu gehen schien. Übrigens hatten wir alle Fugen sorgfältig mit Werg verstopft und dann kalfatert, das heißt mit Pech oder Schiffsteer überzogen, damit auch von dieser Seite alles in Ordnung sei. Ja selbst das Überflüssige war getan, indem wir zwei kleine Kanonen von pfundigen Kugeln auf das Hinterdeck gestellt und dort mit den nötigen Ketten auf die gewöhnliche Weise festgemacht hatten.

Aber mit alledem saß das hübsche Ding noch unbeweglich in seinem Verschlag auf dem Trocknen und sehnte sich umsonst, in See zu stechen und vollends mit Segel und Mast seine Ausrüstung zu erhalten. Der gehörigen Durchbrechung der Seitenwand des Wrackes drohten die größten und langwierigsten Schwierigkeiten. Da ließ mich in Ermanglung eines vernünftigen Auswegs die Ungeduld einen gewagten und kühnen Entschluß fassen.

Ich fand nämlich einen starken eisernen Mörser, wie sie in den Küchen gebraucht werden und wie ich ihn zu meinem Vorhaben für dienlich hielt. Hierauf bereitete ich mir ein dickes eichenes Brett, an das ich eiserne Haken befestigte. Ferner machte ich vermittelst eines Hohlmeißels in dieses Brett eine Rinne, und so war meine erste Zurüstung fertig. Hierauf mußten mir die Knaben Lunte herbeischaffen, und ich schnitt ein langes Stück davon, daß ich vermuten konnte, es würde zwei Stunden lang zu brennen haben. Dieses Stück ward in die Rinne eingepaßt, der Mörser mit Pulver geladen, das Brett mit der Lunte auf seine Mündung gelegt, die Haken mit den Handhaben des Mörsers fest zusammengeknüpft und da, wo der Mörser auf dem Brette lag, alle Fugen aufs genaueste verpicht und verteert. Endlich wurde kreuz und quer mit übergespannten und geknebelten Ketten alles noch fester gemacht, und so erhielt ich eine Petarde oder einen Portensprenger, von dem ich mir die beste Wirkung versprechen durfte. Sogleich hängte ich das furchtbare Werkzeug in dem Verschlage, wo unsere Pinasse stand, an die Wand des Wracks, und zwar mit möglichster Sorgfalt so, daß der Rückschlag des Mörsers mein Fahrzeug vermutlich nicht treffen, sondern weit über dasselbe wegfliegen mußte, wenn wenigstens einigermaßen Glück dabei war.

Jetzt steckte ich die Lunte an, die vermittelst der Rinne bis mitten unter den Mörser lief, und bestieg dann kaltblütig das bereitliegende Tonnenschiff. Die Knaben hatte ich bei dem Anzünden der Lunte schon vorausgeschickt. Dann ruderten wir mit dem beladenen Floße nach Zeltheim, und während wir die Last ans Ufer schafften, warteten wir ruhig die Explosion ab. Von der See her ertönte auch bald ein heftiger Knall; wir sahen uns kaum an, sprangen mit Hast in unser Schiff, und schneller als je kamen wir aus der Bucht, denn die Neugier der Knaben beschleunigte den Ruderschlag; und als wir den freien Blick gegen das Wrack gewannen, bemerkte ich mit Vergnügen, daß es unverändert die alte Gestalt darbot und daß auch kein verdächtiger Rauch davon aufstieg, der mich hätte beängstigen können. Leichtern Herzens also fuhr ich weiter, und statt wie gewöhnlich von der Landseite gleich in den Bauch des Schiffes zu fahren, umsteuerte ich jetzt das Vorderteil desselben, um auf die entgegengesetzte Seite zu kommen, weil dort meine Petarde angebracht gewesen war. Ich erblickte denn auch bald eine greuliche Zerstörung, indem der größte Teil der Schiffswand zerschmettert war, die Trümmer unzählbar im Wasser schwammen, alles durcheinanderlag und der Verschlag, wo die Pinasse stand, vollkommen aufgerissen mir entgegengähnte. Da mir aber die Pinasse unverletzt und nur ein wenig auf die Seite gesenkt schien, so erhob ich ein tönendes Freudengeschrei, das die Knaben nicht wenig überraschte; denn die schauderhafte Verwüstung rings um uns her hatte sie ganz mit Wehmut erfüllt.

»Nun ist sie gewonnen«, rief ich aus, »nun ist sie unser, die herrliche Pinasse! Leicht ist es jetzt, sie in See zu bringen! Laßt uns hinauf und sehen, ob sie von dem Mauerbrecher nicht Schaden gelitten hat!«

Wir stiegen jetzt durch die Lücke hinein, und auf den ersten Blick sah ich, daß die Pinasse unversehrt war und daß nirgends eine Spur von Glut oder Flammen zu erblicken sei. Der zurückgeprallte Mörser aber und Stücke von der zersprengten Kette staken tief in der entgegengesetzten Wand und hatten zum Teil auch diese zerschmettert.

Hierauf besichtigte ich die Lage der Sachen etwas genauer und sah, daß ich die Pinasse leicht würde durch Winden und Hebeisen über Bord in das Wasser befördern können; zumal, da ich von Anfang an schon die Vorsicht gehabt hatte, ihren Kiel auf Walzen zu legen, so daß bei kräftigem Ansetzen das Fahrzeug sich wohl mußte fortschieben lassen. Bevor ich aber dieses unternahm, band ich hinten einen langen Strick an das Schiff und befestigte ihn mit dem andern Ende so, daß er es zurückhalten mußte, wenn es fortgestoßen allzuweit in die See hinauslaufen wollte. Hierauf stemmten wir uns wacker an und arbeiteten zum Teil mit Hebeisen, so daß die Pinasse bald in Bewegung kam und endlich nicht ohne Gewalt ins Wasser fuhr; doch so, daß sie von dem Stricke noch gehemmt werden konnte. Mit leichter Mühe zogen wir sie dann um das Wrack herum und bis zur Stelle, wo wir gewöhnlich unser Floß anlegten und wo zu seiner Befrachtung ein Flaschenzug an einem hervorragenden Balken angebracht war, auf dessen Beistand ich jetzt rechnete, um alsbald unser neu erobertes Besitztum auch mit Mast und Segel auszustatten. In der Tat war vermittelst dieser Hilfe beides in kurzem aufgerichtet und, so gut als ich mich auf Schiffbau und Betakelung 4 verstand, recht brauchbar in Ordnung gebracht.

Aber jetzt erwachte mit einem Male der kriegerische Geist in meinen Jungen, und sie hatten gar keine Ruhe mehr. Ein Fahrzeug mit zwei Kanonen und obendrein voll Flinten und Pistolen schien ihnen ganz unüberwindlich, und sie prahlten gewaltig von Angriff und Verteidigung gegen ganze Flotten von Wilden und von deren gänzlicher Vernichtung. Ich versicherte ihnen aber, daß wir Ursache hätten, froh zu sein, wenn wir nicht in die Notwendigkeit versetzt würden, mit unsern Streitkräften und unserm nagelneuen Heldenmut einen blutigen Versuch zu machen.

Über der vollständigen Ausrüstung und Befrachtung der stattlichen Barke waren abermals ein Paar Tage verflossen; und da wir sie stets hinter dem Wracke versteckt hielten und insgesamt uns vorgenommen hatten, die Mutter und Fränzchen mit ihrer prachtvollen Erscheinung zu überraschen, so war es uns gelungen, die gehörige Verschwiegenheit zu halten und einer genauem Beobachtung unsres Treibens am Wracke durch irgendein Fernglas glücklich zu entgehen.

Als aber alles vollendet und fertig war, konnte ich den Jungen auch unmöglich abschlagen, zur Belohnung ihres Stillschweigens die Mutter bei unserer feierlichen Anfahrt aus den Kanonen salutieren zu dürfen. Sogleich wurden diese geladen, und zu jeder stellte sich einer der Knaben mit brennender Lunte, voll Begierde, nur loszufeuern. Der dritte hatte seinen Platz bei dem Mastbaum genommen, um das Kommando zu führen und nebenbei auf das Takelwerk zu sehen, wiewohl die Hauptsache schon gemacht und unsre Segel aufgespannt waren. Ich endlich stellte mich an das Steuer, um das ganze Fahrzeug zu leiten; und mit Jubelgeschrei fuhren wir jetzt ab gegen das heimische Land.

Der Wind war uns günstig und blies so munter, daß wir gleich einem Vogel über den Spiegel des Wassers streiften und daß mich ob der Schnelligkeit beinahe ein Grauen befiel. Unser »Katamarang« flog mit, weil wir ihn als Boot hinten angebunden hatten.

Als wir uns der Einfahrt der Rettungsbucht näherten, zogen wir das größte Segel ein, damit ich das Fahrzeug besser zu bemeistern vermöchte, und allmählich ließen wir auch die übrigen Segel fallen, damit wir nicht durch die Gewalt des Windes an die Felsen oder auf den Strand getrieben würden. So ward unser Lauf denn langsamer, und wir konnten unbesorgt das große Geschäft der Begrüßung und des Ankerns beginnen.

»Nummer eins, Feuer! – Nummer zwei, Feuer!« kommandierte Fritz mit Begeisterung. Jack und Ernst an den Kanonen tupften unerschrocken zu, die Schüsse dröhnten, das Felsenufer gab einen majestätischen, langnachtönenden Widerhall; Fritz jagte zwei Pistolenschüsse nach, und zum Beschluß brachen wir noch in ein gellendes Hurrageschrei aus.

Mit allen Zeichen des Staunens und der Verwunderung winkte jetzt die Mutter ein freundliches Willkommen, und Fränzchen stand mit großen Augen und weit aufgerissenem Munde an ihrer Seite, in gänzlicher Unwissenheit, ob da sich zu freuen oder ob zu fürchten und zu jammern Ursache sei.

Als wir endlich so geschickt waren, an einer kleinen Erhöhung des Felsens, die uns als Kai dienen konnte, und wo unser Schiff noch genug Wasser hatte, ans Ufer zu stoßen, sprang die Mutter herbei und rief in einem Atemzug: »O ihr lieben, abscheulichen Leute, wieviel Freude und Schrecken habt ihr mir gemacht! Ich wußte in aller Welt nicht, wo das prächtige Schiff herkomme und wen es bergen möchte. Ich schlüpfte hinter die Felsen, und als ich vollends eure Kanonen vernahm, fuhr ich vor Angst und Schrecken zusammen. Hätte ich nicht zum Trost endlich eure Stimme erkannt, so wäre ich davongelaufen, der Himmel weiß, wie weit! – Aber ja, das ist nun ein niedliches, allerliebstes Schiffchen! Mit einem solchen in See zu stechen, das läßt sich allenfalls noch hören, da wäre ich auch dabei; das soll uns Nutzen und Freude bringen!«

Voll Eifer betrat sie das Fahrzeug und verwunderte sich jetzt immer mehr, daß wir es so glücklich zustande gebracht hatten, und lobte von Herzen unsre Geschicklichkeit, unsern Fleiß und unsre Ausdauer. »Aber bildet euch ja nicht ein«, fügte sie hinzu, »daß wir, Fränzchen und ich, während eurer Abwesenheit müßig geblieben sind. O nein! Wir haben indessen auch tüchtig gearbeitet, und können wir’s heute nicht mit Schüssen beweisen, so tun wir’s künftig mit Schüsseln. Komm du nur mal mit.«

Der schweizerische Robinson

Neugierig und eilig sprangen wir ans Ufer. Die Mutter führte uns aufwärts gegen die Felsenwand, da wo der Schakalbach sich herunterstürzt, und wies unsern erstaunten Blicken hier die wohlgetroffenen Anlagen zu einem Küchengarten, der bereits ansehnlich vorgerückt war.

»Sieh«, sagte sie, »die Arbeit meines Schweißes! Das Erdreich war locker genug, daß ich es bezwingen konnte. Dort sind gute und schöne Kartoffeln der Mutter Erde anvertraut; hier sind frische Maniokreiser eingesteckt; drüben ist Lattich und Salat gesät. Daneben ist Platz für Zuckerrohr gelassen. Wenn du mir künftig mit Bambus ein wenig Wasser von dem benachbarten Falle herbeileiten willst, so habe ich für jede der Pflanzstätten auch Nahrung und Erquickung, daß alles mir prächtig gedeihen wird. Aber noch sind wir nicht zu Ende! Da, auf die untersten Absätze des Felsens, habe ich dir einige Ananas samt ihren Wurzeln und der anklebenden Erde versetzt, und zwischenhinein habe ich Melonenkerne gesteckt, die sich einst mit ihren Ranken schön über das Gestein hin verbreiten werden. Hier ist ein Raum für Bohnen ausgemessen und dort ein andrer für allerlei Kohl. Um jede Pflanzung herum sind etliche Maiskörner in die Erde gebracht, damit die aufschießenden Stengel je nach Bedarf einigen Schatten verleihen und nicht von der Sonnenglut alles verbrannt werde, was in den Beeten hervorkommen soll.«

»Mutterchen«, rief ich, »du bist wirklich eine vortreffliche Frau! Ich hätte es deiner und Fränzchens geringer Kraft und eurer Verschwiegenheit doch niemals zugetraut, daß ihr so schnell und so ganz ohne mein Vorwissen ein so beschwerliches und erfreuliches Werk vollbringen würdet.«

Seelenvergnügt über die gegenseitig erteilten und empfangenen Lobsprüche gingen wir jetzt zu unserm Ruheplatz vor dem Zelt zurück.

Die Mutter erinnerte mich, daß ich über den Reisen nach dem Wracke die Bündel von Obstbäumchen in Falkenhorst durchaus und vielleicht schon zu lang vernachlässigt habe. An der freien Luft seien sie ganz ausgetrocknet; und wären sie nicht hin und wieder doch mit Wasser besprengt und zur Vorsicht mit Zweigen bedeckt worden, so dürfte gar kein Stück mehr tauglich sein. »Einige«, sprach die gute Frau, »habe ich ganz der Länge nach in kühles Erdreich vergraben; und gern hätte ich es mit allen getan, wenn die Zeit und die Anlegung meines Küchengartens es mir zugelassen hätten!«

»Da hast du das Beste gemacht, was in einem solchen Falle geschehen kann«, bemerkte ich; »aber ich werde schon noch selbst nach Falkenhorst gehen müssen; denn an den Bäumchen ist mir viel gelegen.«

»Das ist eben, was ich meine«, sagte sie; »wir sollten insgesamt wieder hin zu unserm Baumkastell, denn es gibt nun dort viel zu veranstalten. Der größte und unentbehrlichste Teil des Wrackes ist jetzt in unsrer Gewalt, aber manches liegt bei unsrer Wohnung ganz ohne Obdach und leidet jetzt von der Sonne, künftig von dem Regen, wenn es nicht einen Schirm bekommt. Endlich bin ich nun bis zum Überdruß in dieser Bratpfanne von Zeltheim gewesen, wo man von früh bis spät nicht aus dem Schweiße kommt.«

»Mütterchen!« erwiderte ich, »du hast in allen diesen Stücken recht, und wenn du mir nur die See nicht durchaus verbietest, so finde ich es nur billig, mich jetzt in dein Gesuch zu fügen und nach Falkenhorst zu ziehen. Nur laß mich zuvor noch unser Fahrzeug ausladen, damit wir alles auf gewohnte Weise in Sicherheit bringen!«

So wurde unsere letzte Beute zu den übrigen Vorräten geordnet und sorgfältig mit Segeltuch überspannt, das wir so gut als möglich mit Pflöcken befestigten; die Pinasse wurde vor Anker gelegt und mit dem Vorderteil an einen Pfahl gebunden. Hierauf traten wir die Rückreise nach Falkenhorst an, wohin wir alles mitnahmen, was wir nur irgend glaubten dort gebrauchen zu können, und sowohl wir selbst als unsere Tiere waren bis zum Übermaß beladen.

Der Tag nach unsrer Heimkehr traf gerade auf einen Sonntag, den wir in nun schon gewohnter Weise feierten.

Während sich die Jungen am Nachmittag im Klettern und Bogenschießen übten, hatte ich zwei Bleikugeln an die beiden Enden einer klafterlangen Schnur befestigt.

»Was soll jetzt das geben?« riefen die Kinder, sobald sie es gewahr wurden; »und wie kann das nützlich sein, und wie gebraucht man es denn?«

»Ihr sollt wissen«, sprach ich, »daß wir im Kleinen hier die Waffe und das Jagdgeschoß einer ganzen tapfern und jagdfertigen Völkerschaft erhalten, und zwar der berühmten weiland riesenhaften Patagonier auf der südlichsten Spitze von Amerika. Statt der Kugeln aber verknüpfen diese nur zwei gewichtige Steine mit Lederriemen, die freilich fester und auch um ein merkliches länger sind als meine gegenwärtigen Schnürchen da. – Nach ihrem Bedürfnis so wunderlich ausgerüstet ziehen sie ins Freie und sollen sich des einfachen Werkzeugs, das sie Bolas nennen, mit unglaublicher Geschicklichkeit bedienen. Ist es ihnen darum zu tun, zu verwunden oder zu töten, so werfen sie mit aller Kraft nur den einen der Steine nach dem, was sie treffen wollen, und ziehen ihn sogleich vermittelst des Riemens und des zweiten Steins, den sie zuvor in die andre Hand gefaßt, wieder zurück, um den Wurf, wenn es nötig ist, alsbald zu wiederholen. Ist ihnen aber daran gelegen, ein Wildbret lebendig zu fangen, so schwingen sie den einen der Steine rundum über ihrem Kopfe, bis er einen gewaltigen Trieb erhält, und werfen ihn dann plötzlich mit dem andern, den sie noch in der Hand behalten, zugleich nach ihrem Gegenstande hin, und zwar mit einer Sicherheit, daß sie ein flüchtiges Tier selbst im Galopp auf diese Art umstricken; denn die Steine fahren fort, an dem Riemen sich zu drehen, und sowie der Riemen an die Füße oder an den Hals des Wildes gelangt, umwinden die Steine mit ihrer Schwungkraft das, was den Riemen aufhält, so stark und so plötzlich, daß meistenteils die Tiere nicht weiter können oder doch sehr gehindert werden und so dem nacheilenden Jäger in die Hände fallen.«

Diese Schilderung der patagonischen Jägerei war den Knaben über die Maßen ergötzlich, und ich mußte sogleich mit dem neugearbeiteten Werkzeug eine Probe gegen ein Baumstämmchen machen, das in einiger Entfernung mir vorgewiesen wurde. Mein Wurf gelang mir, und die Schnur mit den Kugeln wickelte sich so geschickt um das Bäumchen herum, daß die Möglichkeit der patagonischen Kunststücke vollkommen einleuchtend war. Jeder von den Knaben verlangte sogleich seine Wurfkugeln, und Fritz setzte sich ohne Verzug in Atem, um der neuen Übung recht Herr zu werden. Er war auch der erste von den vieren, der es nach unermüdlichen Wiederholungen zu einigem Erfolg brachte; denn einerseits war er wirklich der Gewandteste, und andrerseits hatte er am meisten Körperkraft und den reifsten Verstand.

Am Morgen nach dem wohlverbrachten Sonntag bemerkte ich früh schon von dem Baumschlosse herab, daß die See in einer starken Bewegung sei und daß der Wind mit ungemeiner Lebhaftigkeit zu blasen angefangen habe. Ich freute mich also nicht wenig, wieder in Falkenhorst zu sein und den Tag zu Verrichtungen auf dem Lande bestimmt zu haben; denn obwohl für eigentliche Seeleute und Schiffer höchstens ein gesunder und frischer Luftzug über das Wasser ging, wäre doch für uns Anfänger die Fahrt nach dem Wrack eine Tollkühnheit und das bißchen Wind nicht viel weniger gewesen als was tüchtigen Matrosen ein ausgemachter Sturm.

Am meisten Sorge machten mir die vertrockneten Baumstämmchen, da sie zu gänzlichem Verdorren nicht zweideutig Miene machten. Es wurde beschlossen, diesem drohendsten Übel vor jedem andern zu begegnen und dann nach dem Wäldchen der Flaschenkürbisse zu wandern, um uns dort mit Gefäßen zu allerlei Vorräten und Verrichtungen, denen wir entgegensahen, in gehöriger Anzahl und Größe zu versehen.

Alsdann machten wir uns mit Heereskraft an das Eingraben der Bäumchen, und die Sehnsucht nach einer lange unterlassenen Wanderung trieb uns so lebhaft an, daß wir mit der ganzen Arbeit fertig wurden, ehe wir es erwarteten.

Mit Sonnenaufgang des nächsten Tages war denn auch alles in gespannter Erwartung auf den Füßen, und die letzten Vorkehrungen zum Abmarsche wurden mit außerordentlicher Schnelligkeit getroffen. Der Esel an der Schleife hatte diesmal eine Hauptrolle, weil er bestimmt war, unser Kürbisgeschirr nach Haus zu schleppen und je nach Bedürfnis auch zum Fortkommen der schwächern Knaben seine Dienste zu leisten. Einstweilen indes ward ihm unser Mundvorrat samt etwas Pulver und Blei aufgeladen. Türk eröffnete wie gewöhnlich den Zug. Hinter ihm her gingen die Knaben in vollkommener Jagdausrüstung. Auf sie folgte die Mutter mit mir; und endlich, etwas niedergeschlagen, den Meister Knips auf seinem Rücken, machte Bill mit schleichendem Gange die Hinterhut. Ich führte diesmal ein doppeltes Jagdgewehr, dessen einer Lauf mit dem gröbsten Eisenhagel zur Pirsche für Wildbret, der andre mit einer bleiernen Kugel zur Verteidigung kräftig geladen war. So zogen wir fröhlich und guter Dinge von Falkenhorst ab, umgingen den Flamantsumpf und gelangten bald in die herrliche Gegend, die jenseits liegt, und an der sich die Mutter samt denjenigen Knaben, die noch niemals dort gewesen waren, gar nicht satt sehen konnten.

Der schweizerische Robinson

Fritz, voll Begierde nach irgendeinem Jagdabenteuer, verließ den Strand und lockte den Türk auf die Seite, wo sie dann beide durch das hohe Gras hinschritten und mitunter gänzlich vor unsern Augen verschwanden. Bald trieb Türk mit Gebell einen mächtigen Vogel auf, und im Augenblick schoß ihn Fritz glücklich aus der Luft. Allein der Getroffene war nichts weniger als tot, er machte sich vielmehr mit unglaublicher Behendigkeit durch die Kraft seiner Beine alsbald aus dem Staube. Türk jagte wie rasend hinterdrein; Fritz schrie wie ein Zahnbrecher und lief keuchend nach, und als der aufmerksame Bill das alles erblickte, warf er den Affenritter durch einen Seitensprung in den Sand, folgte wie ein Habicht dem Jagdzuge nach und eilte auf kürzerem Wege dem Flüchtling in die Flanke, wo er ihn dann glücklich zupacken bekam und ihn kräftig festhielt, bis Fritz endlich herbeigelaufen war. Aber hier gab es einen ganz andern Kampf als mit dem weichgeschnabelten und schwachbeinigen Flamingo. Der verwundete Vogel war groß und stark und hatte kraftvolle Schenkel, die er zu empfindlichen Stößen weidlich zu rühren wußte. Auch trippelte mein Fritz in vollem Verzagen um den Kampfplatz herum und wußte dem Ungetüm auf keinerlei Art beizukommen; denn selbst Türk, der sich tapfer herangemacht hatte, war durch ein paar tüchtige Tritte an den Kopf entweder schwindlig oder schüchtern geworden, so daß er gar nicht mehr anbeißen wollte.

So mußten sie hübsch alle warten, bis auch ich hinzugekommen war; und wegen des hohen Grases und meiner schweren Belastung war das eben nicht hurtig geschehen. Aber wie freute mich jetzt, als ich endlich zur Stelle war, der Anblick einer prächtigen Trapphenne, die halb wenigstens von meinem Raubgesindel schon überwältigt lag! – Um sie ganz in unsre Gewalt zu bringen, ohne sie zu töten, ergriff ich mein Schnupftuch, erlauschte mir einen günstigen Augenblick und warf es dem rüstigen Kämpfer so glücklich über den Kopf hin, daß er sich nicht wieder davon losmachen und auch nicht mehr sehen konnte. Alsbald verfertigte ich eine Schlinge von starkem Packfaden und schnürte damit seine gefährlich ausschlagenden Beine, machte den Bill, der sich festgebissen hatte, von dem verwundeten Flügel los und band die beiden Fittiche knapp an den Leib mit einem Stricke, der rings um denselben herumging. So ward endlich das widerspenstige Tier, trotz manchem Schlage, den es mir beibringen konnte, vollkommen gebändigt und selbst zum Fortbringen gleichsam eingepackt. Die stattliche Beute machte mir ungemeines Vergnügen, und ich bestimmte sie zur Vermehrung unsrer kleinen Hühnerzucht, auf die ich beständig mein Augenmerk richtete.

Ohne Verzug trugen wir den Gefangenen zu der neugierig harrenden Reisegesellschaft, die sich inzwischen ein wenig auf dem Strand gelagert hatte. Ernst und Jack erhoben sich aber sogleich und riefen schon aus der Ferne: »Der ist aber prächtig!«

Ich fand das selbst auch, ließ daher die Henne auf die Schleife binden, und wohlgemut zogen wir weiter nach dem Affenwäldchen, wo Fritz die tragikomische Begebenheit, die diesem zu seinem Namen verholfen, der Mutter und den hochbegierigen Brüdern wiederholen mußte. Ernst jedoch machte sich bald auf die Seite, und ganz ergriffen von der Pracht der umstehenden Bäume, pflanzte er sich vor eine der Kokospalmen, die seitwärts ein wenig vereinzelt stand, und erhob, voll Verwunderung über die gewaltige Höhe, sein Auge bedächtig an dem unendlichen Stamme empor bis hinan zu den schönen Kokostrauben, die er unter der Krone von Blättern herabhängen sah und die sein ganzes Herz in die zärtlichste Bewegung brachten. Ich hatte mich unvermerkt hinter ihn gestellt und freute mich des Ausdrucks seiner Gefühle, bis endlich der Knabe laut ward und mit einem Stoßseufzer ausrief: »Das ist doch greulich, greulich hoch!« –

»Ja gelt«, sagte ich da, »und die Kokosnüsse lachen einen so lieblich an, daß es wahrhaftig eine Lust ist. Wenn sie dir nur auch von selbst in den Mund fliegen wollten!« – »Potztausend, nein!« war seine Antwort, »das würde Zahnlücken setzen, die mir übel behagten, wenn es nicht gar etwas Schlimmeres gäbe.«

Kaum hatte er das gesagt, so plumpste eine mächtige Nuß von dem bewunderten Baum schwer vor uns hin in das Gras, und während Ernst ein wenig verblüfft zur Seite sprang und aufwärts schaute, kam bald eine andre nach, so daß auch ich mich verwundern mußte.

»Ei«, sagte der Knabe, »da geht es ja fast wie in den Feenmärchen! Kaum daß man von einem Wunsche spricht, so ist er auch schon erfüllt.«

»Freilich!« versetzte ich. – »Doch möchte der Zauberer, der uns so bereitwillig aufwartet, leicht in der Gestalt eines Affen im Baumwipfel sitzen und eher ein zärtliches Verlangen haben, uns mit den Nüssen wegzusteinigen, als unsre Tafel mit Leckerbissen zu versehen.«

Ernst wagte jetzt die beiden Früchte herbeizuholen, und wir fanden sie nicht einmal gänzlich reif, und noch viel weniger welk oder sonst verdorben, so daß ich gar keine Ursache finden konnte, warum sie doch heruntergefallen sein möchten. Ich ging deswegen mit Ernst immer um den Baum herum und sah empor, um zu entdecken, was in aller Welt diesen Fall veranlaßt haben könne. Inzwischen eilte auch Fritz mit der Mutter und den übrigen Knaben herbei. Wir verteilten uns nun auf alle Seiten und starrten um so eifriger in die Höhe, da sich bald, zur Verwunderung aller, zwei neue und kerngesunde Früchte von ihrem Stiele rissen und ehrerbietig vor unsre Füße fielen.

»Das ist zum wenigsten ein höflicher und sehr verständiger Hexenmeister, der da droben seinen Hokuspokus macht!« sagte Ernst. »Vorher, als wir hier nur unser zwei standen, warf er uns hier nur zwei von den Nüssen heran; jetzt aber, da sich die Gäste vermehren, trifft er Anstalt, den Tisch nach Gebühr auch etwas reichlicher zu decken, und da wollen wir recht erkenntlich sein, wollen eine von den Nüssen gleich aufmachen und auf des Wundermanns Gesundheit mit aller gebührenden Dankbarkeit trinken.«

»Ja, ja!« sagte Jack und guckte lustig zu den Nüssen empor; »der Meister Hämmerli 5 macht seine Sachen ganz prächtig; und wenn er jetzt nur noch für Fränzchen und für mich ein paar von seinen Zwergnüssen beschert, so wollen wir ihm alle ein kräftiges Lebehoch bringen.«

»Ach, ach!« rief Fritz in diesem Augenblick, »ich habe ihn entdeckt, Vater! Ein ganz abscheuliches Tier, flach, rund, so groß wie das Innere meines Hutes und mit zwei fürchterlichen Krebsscheren; es kommt den Stamm herunter.«

Auf diesen Bericht schlüpfte Fränzchen in Eile hinter die Mutter; Ernst sah sich um, wo man allenfalls sicher wäre; Jack hob drohend den Gewehrkolben, und alles blickte voll Neugier auf den Baum, der einen so seltsamen Gast beherbergt hatte.

Das zweifelhafte Wundertier rutschte langsam und gemächlich gegen uns herab, und als es in erreichbare Nähe gekommen war, schlug Jack mit seinem Gewehr darauf los, fehlte aber, und die Bestie kam plötzlich, wie mit einem Sprunge, zur Erde herab. Behend und mit weitklaffenden Scheren marschierte sie jetzt auf ihren Angreifer los.

Mein Männchen verteidigte sich zwar tapfer, aber mit einer Hitze, daß ihm auch kein Streich gelang, um so mehr, da sein Gegner ziemlich gewandt jedem Schlag auszuweichen verstand; endlich, des fruchtlosen Zuschlages satt, und vermutlich in lebhafter Erinnerung, wie Krebsscheren die Waden zerklemmen, machte Jack rechtsumkehrt und lief eine Strecke davon. Seine Brüder schlugen ein helles Gelächter auf. Im Nu stand er wieder still, legte Schnappsack und Gewehr auf den Boden, zog seine Jacke aus, hielt sie ausgespreizt mit beiden Händen und rannte von neuem gegen seinen Widersacher an. Urplötzlich warf er das Gewand über das ganze Tier, stürzte mit dem Gewicht seines Körpers darauf, wickelte die Jacke rund herum und fing nun an, mit Faustschlägen auf den wunderlichen Pack aus allen Leibeskräften loszuhämmern. – »Ich will dich schon, heilloser Drache!« rief er aus; »du sollst mir andre Manieren lernen! So mit Kneipzangen zu begrüßen ist keine Sitte!«

Vor Lachen konnte ich lange dem Jungen nicht einmal Hilfe leisten; aber zuletzt sprang ich hin, ergriff mein Handbeil und schlug so tüchtig auf das Bällchen zu, daß mir vorkam, es möchte genug sein, worauf ich es denn auseinanderwickelte und nach Erwarten das Ungetüm tot fand, wiewohl in so drohender Gestalt, als es nur je zuvor gehabt hatte.

»Nein! das ist doch ein garstiges, häßliches Tier«, meinte Jack; »wenn es nicht so widerlich ausgesehen hätte, ich wäre auch nicht so hitzig geworden; aber Furcht habe ich nicht gehabt. Was ist es nur für ein Geschöpf?«

»Es ist eine Krabbe«, versetzte ich, »oder, wenn du lieber willst, ein Taschenkrebs; und wofern es dir weiter so geht, so werde ich dich ordentlich zum Krebsritter schlagen, denn diesmal hast du dich schon anders gehalten als dort an dem Seeufer, als deine Beinchen so jämmerlich in der Klemme waren. Aber sieh doch: Dieser Waghals hier scheint mir eine sogenannte Kokoskrabbe, und da sie auf Kokosnüsse erpicht ist, so muß sie wohl Stärke oder List genug haben, die Schale derselben zu öffnen, und folglich mag sie für einen Knaben schon ein bedeutender Gegner sein.«

Unter diesen Worten lud ich die Krabbe samt den Kokosnüssen auf unsre Schleife.

Noch eine Weile mußten wir uns mühevoll durch das Dickicht fortarbeiten, bis wir endlich wieder ins Freie kamen und zugleich etwas rechts vor uns, ein wenig seitwärts vom Ufer, das Kürbiswäldchen erblickten, in dem wir bald den angenehmen Platz erreichten, wo ich mich schon früher gelagert hatte.

Jedermann verwunderte sich hier über die schönen Bäume und die seltsame Frucht, die so wunderlich angewachsen war; ich spähte nun sogleich nach verschiedenen Formen und Größen der Kürbisse, die wir teils hier verarbeiten, teils zu unserm vielfachen Bedarfe mitnehmen könnten; bald lag denn auch eine große Anzahl davon aufgehäuft, und wir fingen an zu schneiden, zu sägen und zu schnitzen, daß es eine Lust war. Ich verfertigte zuerst einen hübschen Eierkorb, indem ich von der obern Hälfte eines Kürbisses einen geschweiften Bogen über der ausgehöhlten untern feststehen ließ. Hierauf sorgte ich für eine Anzahl Milch- und Rahmgefäße mit Deckeln, wozu die obere gleichfalls gereinigte Hälfte nun wieder auf die zubereitete untere gelegt ward. Alsdann bereitete ich Wassergefäße, die von oben eine runde Öffnung, etwa fingerbreit im Durchschnitt, erhielten, bei denen wir dann das Eingeweide mit Schrot und Sand herausfegen mußten. Endlich wurden flachere Teller und tiefere Näpfe, ja sogar Bienenkörbe und Tauben- oder Hühnernester zugerüstet, die aus den größten Kürbissen mit Öffnung zum Einschlüpfen so niedlich gerieten, daß Fränzchen nur noch ein wenig kleiner zu sein wünschte, um sich ein ähnliches Wohnhaus beizulegen. Die Taubennester waren bestimmt, hin und wieder auf die Zweige unsres Baumschlosses aufgenagelt zu werden; und von den Hühnernestern, die zum Teil auch für die Enten und Gänse berechnet waren, wollte ich teils an dem Bächlein, teils unter den stattlichen Baumwurzeln zu Falkenhorst gleichsam Dörfchen und Meiereien anlegen.

Es gelang uns zwar mit allen diesen verschiedenen Stücken nur ungleich und mittelmäßig, aber doch noch erträglich, so daß wir immerhin eine Menge selbstverfertigten Kürbisgeschirrs mit uns schleppen konnten. Indessen hatten die Mutter und Fränzchen einige Kartoffeln gebraten, die sie unterwegs gegraben hatten; sie wiesen mir auch eine seltsame Sorte Äpfel, die einen köstlichen Geruch verbreiteten, die wir aber nicht zu verzehren wagten, weil sie mir unbekannt waren. Aber ihr Anblick hatte in aller Stille den Meister Knips herbeigelockt, und da er diebisch ein paar ergriffen und mit sichtbarem Wohlbehagen verzehrt hatte, fing die Eßlust der Knaben an, sich unwiderstehlich zu regen; auch das Trapphuhn, das wir mit einem Spannstrick an den Füßen mit einer längern Schnur an ein Baumstämmchen gebunden, verschlang einige vorgeworfene Äpfel ohne Bedenken; so mußte ich schon gestatten, daß auch wir sie nun kosten dürften, worauf sie denn ganz wohlschmeckend befunden wurden und ich mit ziemlicher Sicherheit auf die Mutmaßung fiel, daß es sogenannte Goyaven, eine Art von eßbaren westindischen Früchten, sein könnten.

Indes war durch diese Näscherei unser Hunger mehr angefacht und gleichsam zum Bewußtsein gerufen als befriedigt worden; und da die Zeit unmöglich erlaubte, den Taschenkrebs auf der Stelle noch zuzurichten, so waren wir gezwungen, mit der kalten Küche vorliebzunehmen, die wir von Falkenhorst mitgebracht hatten. Zum Nachtisch erhielten wir ein paar von den halbgebratenen frischen Kartoffeln zu kosten.

Kaum aber waren wir durch dieses Mahl ein wenig gestärkt und belebt, so drang die Mutter mit Hast auf den Antritt unsrer Heimreise, weil der Abend schon im Anrücken sei; der Tag schien auch mir so vorgeschritten, daß ich es für unratsam hielt, die Schleife sogleich nach Haus zu nehmen; ich beschloß daher, sie bis morgen da zu lassen und dem Grauschimmel nur seine gewöhnlichen Tragsäcke mit dem allertrockensten Kürbisgeschirr und den jüngsten der Knaben aufzuladen, unsre Trappgans mit Stricken so bequem als möglich auszurüsten, ohne ihr Gelegenheit zum Entrinnen zu lassen.

Alle diese Anstalten waren in kurzem getroffen; durch einen majestätischen Hain von Eichen, die hin und wieder mit Feigenbäumen angenehm unterbrochen waren und den Boden mit unzähligen Eicheln fast überdeckt hatten, woran auch das Trapphuhn mit der heißesten Begier sich erlabte, gelangten wir endlich noch vor Einbruch der Nacht nach Falkenhorst zurück, so daß uns Zeit genug blieb, unsre Beute abzupacken, die Tiere zu füttern und für unser Nachtessen zu sorgen, wobei wir uns den Krebs, auf dem Roste gebraten, trefflich schmecken ließen; als Zutat wurden Kartoffeln und Eicheln in die Glut gelegt; denn Fränzchen hatte sich selbst die Bestallung zum Küchenjungen verliehen und für ein schönes, hellauflachendes Feuer gesorgt, das uns, beim Eintritt einer empfindlichen Abendkühle, bald auch zur Erwärmung höchlich willkommen war.

Es versteht sich, daß wir es nicht anstehen ließen, schon am folgenden Tag die Schleife in dem Kürbiswäldchen abzuholen. Ich machte mich zu dem Ende mit Fritz und dem Esel ungesäumt auf den Weg, indes ich den übrigen Jungen gebot, bei der Mutter zu bleiben; denn da ich mir vorgenommen hatte, einen Streifzug an der Felsenreihe weiter hinaus zu wagen, wollte ich mich nicht durch die schwächeren und furchtsameren unter den Knaben in der Ausführung dieses Vorsatzes verhindern lassen.

Als wir bei den immergrünen Eichen ankamen, fanden wir unser Schwein unter denselben auf Mästung. Es war uns lieb, zu bemerken, daß es uns viel zutraulicher nahen ließ und seine Wildlingsmanieren ein wenig abgelegt zu haben schien.

Der schweizerische Robinson

Im Fortschreiten durch den Eichenwald sammelten wir einen Vorrat von den abgefallenen Früchten, und da wir geräuschlos einhergingen, so wurden die Vögel des Haines, die sich gerade mit ihrem Frühstücke beschäftigten, frech und sorgenlos genug, daß Fritz einen Häher und zwei Papageien von den niedrigsten Zweigen glücklich herabpirschen konnte. Den Häher hielt ich für den größern virginischen blauen, der eine Haube hat; von den Papageien war der schönere ein prächtiger roter Arra, der andre aber ein gemeiner von grünem Gefieder mit etwas Gelb. Wir packten die Tiere auf unsern Esel und setzten unsre Reise weiter fort, bis wir endlich bei unsrer Schleife im Kürbiswäldchen eintrafen, wo wir zur großer Zufriedenheit alles im besten Zustande fanden. Weil aber der Morgen noch gar nicht so weit vorgerückt war, so begann ich gleich die beschlossene Streiferei an der Felsenwand hinaus, um, wenn es möglich wäre, bis an deren Ende zu gelangen und zu sehen, ob sie nicht irgendwo sich umgehen lasse und eine Gelegenheit biete, in das Innere des Landes zu kommen, oder ob sie das Stück der Küste, auf dem wir uns befanden, vollkommen umzingle.

Zuweilen trafen wir auf ähnliche Bächlein wie das bei Falkenhorst, die uns willkommene Labung gewährten. Als wir das Wäldchen, in dem die Mutter die Goyaven gefunden hatte, zurückgelegt hatten, mußten wir uns durch eine Menge von Maniokranken und Erdäpfelstauden mühsam hindurcharbeiten und fanden uns nicht wenig aufgehalten, aber doch auch entschädigt durch die freie Aussicht über sie hin, die, vermöge des niedrigen Wachstums dieser Pflanzen, unserm Blicke gestattet ward. Bald gerieten wir in ein neues und dichtes Gebüsch, das uns fremd war und dessen Zweige von zahlreichen Beeren einer seltsamen Beschaffenheit fast niederhingen. Diese Beeren waren nämlich ganz wie mit Wachs überzogen und klebten uns, da wir, noch unbekannt mit dieser Eigenschaft, einige zu pflücken geeilt, recht bemerkbar an den Fingern. Nun wußte ich, daß es in Amerika eine Art von wachstragenden Stauden gibt, welche bei den Kräuterkennern Mrica cerifera heißt, und so mußte mir unsre Entdeckung äußerst erfreulich sein.

Fritz, der meine Freude bemerkte, fragte mich, was man mit diesen Beeren wohl anfangen könne. – »Sie sollen uns«, sagte ich, »die besten Dienste tun; sie werden nämlich in vielem Wasser gesotten und mit Schaumlöffeln wieder herausgenommen. Das Wasser wird alsdann durch ein Tuch geseiht und bis zum Erkalten stehengelassen. Es gerinnt auf seiner Oberfläche eine mehr oder minder beträchtliche Scheibe von grünem Wachs, das freilich etwas spröder ist als das von unsern Bienen, aber doch zum Brennen vollkommen taugt und selbst einen angenehmen Geruch dabei verbreiten soll.«

Nun sammelte Fritz von den Wachsbeeren, soviel er in einen der Bastsäcke des Esels nur hineinpfropfen konnte, und ich half ihm so getreulich, daß wir den Sack schnell angefüllt hatten und es rätlich fanden, unsre Straße nun weiterzuziehen.

Wir waren bald ziemlich vorwärts gerückt und gelangten jetzt wieder an ein Wäldchen von einer ganz besondern Art wilder Feigenbäume, die eine runde Frucht voll kleiner Samenkörner in einem saftigen Fleische von etwas herbem Geschmacke trugen. Als wir aber die Bäume genauer zu betrachten anfingen, bemerkten wir an einigen eine Art von Harz oder Gummi, das die Stämme bei zufälliger Verletzung ausgeschwitzt zu haben schienen und das von der Sonne und dem Zutritt der freien Luft etwas geronnen und gehärtet war. Diese neue Entdeckung zog Fritz sogleich an; denn die Ähnlichkeit dieses Gummis mit dem Harze der Kirschbäume, das er in unsrer Heimat oft gesammelt und gleich dem Arabischen Gummi zum Kleistern und Leimen gebraucht hatte, war ihm viel zu lockend, als daß er nicht gleich hätte beginnen sollen, zu dem nämlichen Gebrauch einen Vorrat abzukratzen. Im Weitergehen wollte Fritz ein Stück von der neugewonnenen Beute zwischen den Fingern vermittelst etwas Speichels aufweichen. Der Gummi ließ sich aber nicht auflösen, so sehr er sich auch Mühe gab, und vermutlich hätte er seinen Schatz wieder weggeworfen, wenn sich das Zeug nicht durch die Wärme der Finger allmählich erweicht, bei einem zufälligen Versuch mit beiden Händen merklich hätte ausdehnen lassen und dann von selbst elastisch zusammengeschnellt wäre.

Diese unerwartete Erscheinung fiel dem Knaben auf. »Sieh! sieh doch Vater!« rief er aus, »ich glaube bald, das Feigenharz ist wahrer Kautschuk oder elastischer Gummi; denn ich kann es vollkommen wie diesen auseinanderziehen, und es schlüpft allemal wieder plötzlich zusammen!«

»Wie?« rief ich voll Freuden. »Das wäre eine herrliche, unvergleichliche Entdeckung, die uns noch treffliche Dienste leisten kann. Der Kautschuk«, erklärte ich ihm, »ist nämlich eine Art von milchigem Safte, der aus gewissen Bäumen und besonders aus dem eigentlich sogenannten Kautschukbaum durch gemachte Einschnitte in die Rinde von selbst herausfließt. Zu Hause erhielten wir dieses Harz meistenteils über Portugal oder Frankreich, weil es besonders in den südamerikanischen Ländern Brasilien, Guyana und Cayenne gezogen wird. Am häufigsten kommt es in der Gestalt von schwärzlichen Fläschchen vor, indem die Wilden, die es zuerst gewinnen, solange es noch frisch und flüssig ist, kleine irdene Flaschen bis zu gehöriger Dicke damit bestreichen; diese werden dann in den Rauch gehängt, wo das Harz vollkommen trocknet und seine dunkle Farbe bekommt; jetzt, oder auch noch vorher, schneidet und drückt man ihm die verschiedenen Figuren oder Linien ein, mit denen es gewöhnlich verziert ist; endlich wird das irdene Fläschchen inwendig in seinem harzigen Überrocke zerschlagen und zerstoßen, die Bruchstücke müssen zum Halse heraus, und es bleibt ein vollständiges, biegsames, bequemes Gefäß von Kautschuk, das leicht zu tragen, nicht brüchig und zu allerlei Gebrauche tauglich ist. Übrigens kann man ihm, wie du leicht begreifen wirst, alle möglichen Formen geben, und so hoffe ich, wenn wir die Sache recht angreifen, auch Schuhe und Stiefel daraus machen zu können.«

Der schweizerische Robinson

Inzwischen waren wir an den Rand des Kokoswäldchens gelangt und erkannten vor uns ausgebreitet die große Bucht und zur Linken das Vorgebirge der getäuschten Hoffnung, das früher schon der Endpunkt unsrer Streifereien gewesen war. Wir machten uns aber ohne Aufenthalt an die Fortsetzung unsres glücklichen Streifzugs, dem ein dickes Röhricht von Bambus, in das wir uns nicht hineingetrauten, bald ein natürliches Ziel zu stecken schien. Wir lenkten also links gegen die Warte der betrogenen Hoffnung, wo das lockende Zuckerrohr, das bis an ihre Mitte hinaufwuchs, eine gar zu erfreuliche Beute versprach, als daß wir mit leerer Hand hätten umkehren mögen. Ein mächtiges Bündel von dem süßen Naschwerk also ward dem Esel auf den Wachsbeerensack gebunden, und wir versäumten nicht, uns erquickende Spazierstöcke zu schneiden. Bald jedoch gelangten wir in das Kürbiswäldchen und zu der Schleife zurück, die in Geduld unser wartete. Der Rücken des Esels wurde hier entladen; die Zuckerrohre kamen auf die Schleife, und Meister Graurock mußte sich bequemen, geduldig zu ziehen, was er sanftmütig bis jetzt getragen hatte. Ohne weitere Abenteuer trafen wir noch so ziemlich zu guter Zeit bei den Unsrigen wieder ein, denen wir mit den erbeuteten Schätzen und einer weitläufigen Schilderung unsrer Reise große Freude bereiteten; ganz besondres Glück aber machte bei den Knaben der grüne Papagei. Nach einer köstlichen Mahlzeit bestiegen wir endlich mit Einbruch der Nacht unsre stolze Feigenburg, zogen die Strickleiter empor und begaben uns sämtlich zu der wohlbenötigten Ruhe.

  1. Ein kleines Schiff
  2. Raffeln, Reibeisen, mit denen Tabak zu Schnupftabak gerieben wurde.
  3. Die Ausrüstung eines Schiffes mit dem nötigen Tauwerk
  4. Wahrscheinlich von dem berühmten und gelehrten Felix Hemmerlein, einem Chorherrn zu Zürich noch vor der Reformation, nennt man in der Schweiz mitunter einen geschickten Mann, und zumal einen Tausendkünstler oder vermeinten Zauberer, kurzweg Meister Hämmerli. Selbst der böse Feind erhält bisweilen, drollig genug, diesen Namen.

Viertes Kapitel

Das Wrack wird gesprengt. Der Esel desertiert und kehrt mit einem Gefährten wieder zurück. Ein Büffel, ein Schakal und ein Adler werden gefangen und gezähmt. Die Regenzeit bricht herein.

»Lichter machen! Lichter machen!« riefen alle, Mutter und Kinder, am folgenden Morgen, und man ließ mir nicht eher Ruhe, als bis ich ihnen zugesagt hatte, sogleich an die Herstellung von Wachskerzen gehen und mit Beeren der Wachspflanze zu diesem Behuf einen ernstlichen Versuch machen zu wollen. Wir ließen in dem größten unsrer Kessel so viel davon sieden, als er nur fassen konnte, und erhielten in der Tat eine beträchtliche Beute von schönem, wohlriechendem, grünem Wachse, das wir in noch flüssigem Zustande in ein besonderes Gefäß abgossen und alsbald weiter benutzten. Wir hatten nämlich während des Kochens der Beeren eine Anzahl Dochte von ausgefasertem Segeltuch gezwirnt; diese wurden jetzt in die Wachsmasse mehrmals sorgfältig eingetunkt, wieder herausgezogen und an die Luft gehalten, bis das Wachs daran erkaltete und gerann; sobald sie hinreichend mit Wachs bekleidet waren, um tüchtige Kerzen vorzustellen, wurden sie an einer kühlen Stelle aufgehängt, damit sie durch Verdunstung härter würden. Es ist wahr, daß diese Kerzen nicht so glatt, so zierlich gerundet und so gleichmäßig dick ausfielen wie die, die von den Lichterziehern gegossen oder gezogen werden; aber bei Anbruch der Dämmerung, als wir die erste zur vorläufigen Probe ansteckten, brannte sie doch so gut und hell, daß wir uns auf dem Baumschlosse mit aller möglichen Bequemlichkeit bei ihrem Schein entkleiden und zu Bett begeben konnten. Der Erfolg unserer Kerzenmacherei versetzte uns in die beste Laune der Welt und gab uns Mut, alsbald eine zweite, von der Mutter mit Sehnsucht gewünschte Veranstaltung ins Werk zu setzen. Es sollte nämlich, da wir einen ziemlichen Vorrat von Rahm hatten, auch einmal gebuttert werden, und ich mußte dazu die gehörige Vorkehrung treffen.

Mein Plan war bald fertig; ich füllte einen großen ausgehöhlten Flaschenkürbis mit Rahm und band den Deckel sorgfältig zu, so daß die Flüssigkeit nicht ausrinnen konnte; hierauf legte ich das Gefäß auf ein großes Stück Segeltuch, dessen vier Zipfel an Pflöcken aufgehängt waren und die belastete Mitte wie eine Art von Sack zu der notwendigen Bewegung frei ließen; jeder der vier Knaben mußte nun an einem Zipfel sachte hin- und herziehen, daß das Tuch in eine schaukelnde Bewegung kam, und da sie dieses Geschäft mit Leichtigkeit und sogar sitzend verrichten konnten, so brachten sie es unter vielerlei Spaßen und gellendem Singsang in kurzem so weit, daß ich hoffen konnte, die Sahne geronnen zu sehen, und wirklich beim Öffnen der geschaukelten Kalebasse zu allgemeiner Freude recht ordentliche Butter fand.

Um ein gewaltiges schwerer ward mir eine andere Arbeit, die mir schon lange fast unentbehrlich erschienen war. Ich hatte nämlich oft bemerkt, daß unsere Schleife für unser Zugvieh teils zu schwer, teils überhaupt zu wenig bequem sei, und daher schon längst beabsichtigt, mit einigen Rädern, die wir vom Wracke erbeutet, einen kleinen Karren zu bauen. Ich glaubte nun, vor dem Beginn meiner Arbeit, alle Formen und Sorten von Wagen und Karren in unsrer Heimat genug betrachtet zu haben, um mit Erfolg ein ordentliches Fuhrwerk einrichten zu können. Aber, als ich nun Axt und Säge, Holz und Eisen, Bohrer und Hammer, Nägel und Schrauben zusammengeschleppt hatte, wußte ich, die Wahrheit zu sagen, kaum, wie ich anfangen, und gar viel weniger, wie ich fortfahren und gehörig vollenden sollte; woraus ich sah, wie sehr viel erfordert wird, um sagen zu können, daß man eine Sache hinreichend erkannt habe, und wie bedeutsam die Behauptung ist, eine Sache so gut zu kennen, als hätte man sie selbst gemacht.

Nach mancher Anstrengung und zahlreichen Mißgriffen stümperte und pfuschte ich endlich eine Art zweirädrigen Leiterwagen zusammen, der uns übrigens in der Folge von großem Nutzen war, um unsre Ernte heimzubringen.

Da uns indessen Zeltheim eigentlich mehr zum Zufluchtsort dienen sollte, indem dort neben andern Vorräten auch unsre Waffen und unser Schießbedarf lagen, so waren wir hauptsächlich darauf bedacht, diesen Ort durch Anlegung einer dichten Hecke von Stachelpflanzen einigermaßen gegen das Eindringen wilder Tiere, ja sogar gegen den Überfall eines Trupps von Wilden sicherzustellen, insofern wir je einen solchen zu befürchten haben sollten. Auch die Umgebung der Brücke, die übrigens durch Wegnahme einiger Bretter unzugänglich gemacht werden konnte, wurde befestigt und hinter einer kleinen Verschanzung unsre zwei Kanonen von der Pinasse zur Vorsicht aufgestellt.

Unter allen den anstrengenden Arbeiten indes war auch das Bedürfnis zurückgekehrt, wieder einmal nach dem Wracke zu fahren, indem besonders unsre Kleider, wovon ich noch einige Kisten voll auf dem Schiffe wußte, einer Erneuerung bedurften. Dazu kam der Wunsch, womöglich noch ein paar Kanonen zu retten, um sowohl zu Wasser als zu Land hinter unsrer Schutzhecke uns im Notfalle gehörig verteidigen zu können.

Am ersten gelegenen Tage fuhr ich daher mit den drei ältern Knaben nach dem Wrack, wo wir noch alles ziemlich unverletzt, aber von Wind und Wetter doch manches schon loser gemacht und auseinanderklaffend fanden. Die Matrosenkisten und die Kriegsvorräte mußten in besonders reichlichem Maße herhalten; hingegen beschränkten wir uns auf eine Batterie Vierpfünder, indem das schwerere Geschütz nicht von der Stelle zu bringen war und wir auch jene nur nach und nach ans Land schaffen konnten. Wir kehrten zu dem Zwecke mehrmals nach dem Wracke zurück und beluden jedesmal unsre Pinasse und unser Tonnenschiff mit so viel Laden, Fenstern, Türen, Eisenwerk und andern Kostbarkeiten, als sie nur zu tragen vermochten. Endlich, nachdem alles Brauchbare rein ausgeplündert war, entschloß ich mich, das Wrack in die Luft zu sprengen, in der Hoffnung, daß Wind und See uns wohl einen großen Teil des Holzwerks an den Strand schaffen würden, das wir da leicht auffischen und zu allfälligen Bauten aufbewahren könnten. Wir rollten daher ein Pulverfaß, das wir absichtlich zurückgelassen hatten, in den untern Raum des Wracks, steckten behutsam einen Stock mit einem Stück brennender Lunte tief in den aufgeschlagenen fürchterlichen Schlund und fuhren dann rasch, mit aufgespannten Segeln, zu den Unsrigen zurück. Da ich die Entzündung der Pulvertonnen nicht vor Eintritt der Nacht erwartete, trugen wir unser Abendessen auf eine kleine Landspitze, von wo aus wir das Wrack ungehindert beobachten konnten. Bald nach Einbruch der Dunkelheit verkündeten denn auch ein majestätischer Donner und eine prächtige Feuersäule das Entzünden der Tonne und das Zertrümmern des Wracks. In diesem Augenblick schien mehr als je das vereinende Band, das uns an die geliebte Heimat knüpfte, für immer und unerbittlich zerrissen. Wir begaben uns schweigend in unser Zelt, und statt des Jubels, auf den die Knaben sich gefreut hatten, glaubte ich ein verhaltenes Seufzen und Schluchzen zu bemerken, das ich übrigens nur mit Mühe zu unterdrücken vermochte. Ein alter, redlicher und wohltätiger Freund gleichsam war mit dem Schiffe uns fortgerafft.

Der schweizerische Robinson

Die Ruhe der Nacht dämpfte indessen unsre allseitigen Empfindungen genug, um uns am folgenden Morgen wieder Lust zu machen, uns nach den Spuren der Ungeheuern Zertrümmerung in der Nähe umzusehen. – Das Wrack war verschwunden, das Ufer lag voll Holzwerk, und in der See schwamm eine Menge von Bruchstücken aller Art, zwischen denen ich mit Freuden auch die Schwimmtonnen entdeckte, an die ich große kupferne Kessel, die ich zu einer Zuckersiederei bestimmt, befestigt hatte. Einstweilen glaubten wir diese jedoch am zuverlässigsten zur Verwahrung des Pulvers benutzen zu können, indem wir die Pulverfässer damit zudeckten und den übrigen Raum mit Moos und Erde sorgfältig verstopften. Mehrere Tage lang waren wir nun beschäftigt, alle die Stangen, Bughölzer, Laden und Latten aufzufischen und am Ufer aufzutürmen. Die Mutter freute sich besonders darüber, daß das gefährliche Pulver so gut verwahrt sei, aber noch angenehmer war ihr die Entdeckung, daß, ganz in der Nähe dieser Stelle, zwei von unsern Enten und eine der Gänse gebrütet hatten, die mit einer ansehnlichen Zahl von Jungen aufgescheucht schnatternd ins Freie schwammen. Wir versäumten nicht, durch hingeworfene Krumen und Zwieback die fröhlichen Tiere wieder anzulocken, und über diesem angenehmen Geschäft erwachte in uns allen eine so gewaltige Sehnsucht, wieder einmal zu dem Federvieh und zu allen Genüssen von Falkenhorst umzukehren, daß wir gleich auf den folgenden Tag unsre Abreise in die freundlichen Gefilde festlegten.

Auf dem Wege dahin bemerkten wir, daß die zwei neugepflanzten Reihen von Obstbäumen bei weitem nicht stark genug seien, um durch eigene Kraft in geradem Wuchs emporzuschießen, und so beschlossen wir, so bald als möglich einen Streifzug nach dem Vorgebirge der getäuschten Hoffnung zu machen und Bambusrohr zu Stützen für unsere Bäumchen herbeizuschaffen; überdies ging unser Kerzenvorrat zu Ende, und endlich war eine Bruthenne da, für die wir Eier aufzusuchen wünschten.

An einem schönen Morgen zogen wir denn früh mit der ganzen Haushaltung von Falkenhorst ab. Zum leichteren Fortkommen wurde statt der Schleife der Wagen bespannt, und für die Schwächeren hatte ich ein paar Bretter als Sitze darauf gebunden; allerlei Geräte zu den bevorstehenden Verrichtungen, Mundvorrat, eine Flasche Wein aus des Kapitäns Flaschenfutter, ein paar Gefäße für Wasser und endlich der nötige Schießbedarf wurden teils auf den Wagen gepackt, teils, nach Bedürfnis, von uns selbst getragen.

Ohne viel Bedenken führte ich mein liebes Völkchen die neugefundene Straße durch das Strauchwerk von Kartoffeln, Maniok und Goyaven zu den Wachsbeeren und zu den Federharzbäumen; denn jedermann war begierig, diese Dinge, von denen Fritz und ich so viel erzählt hatten, endlich selbst zu sehen und zu plündern.

Auch säumten wir nicht, bedeutende Vorräte zu sammeln. Es wurden zwei Säcke mit Wachsbeeren gefüllt und einstweilen an einem sicheren Orte versteckt, um sie bei unsrer Rückkehr mitzunehmen. Als wir dann bei den Gummibäumen anlangten, machten wir so viele Einschnitte in mehrere der kräftigsten Stämme, als wir Näpfe zur Sammlung des Saftes mitgebracht hatten, die wir dann zur Aufnahme der herabträufelnden Flüssigkeit hinstellten.

Indem wir die Näpfe ihrem Schicksale unbesorgt überließen, brach unser Zug wieder auf, und wir gelangten in das Kokoswäldchen, wo wir unsre Richtung etwas links und mehr gegen die Stelle der Zuckerrohre nahmen, damit wir am Rande des Wäldchens zwischen diesen und den Bambusrohren in gleicher Entfernung zu lagern kämen. Dieser Strich wurde so glücklich getroffen, daß wir beim Heraustreten ins Freie links den ersten und rechts den zweiten dieser Rohrbüsche vor uns hatten und zwischen beiden hindurch die prächtige Bucht erblickten, an der das Vorgebirge der getäuschten Hoffnung hinaus in die See lief. Der Anblick war auf diesem Standpunkte so schön und reizend, daß wir beschlossen, den wohlgelegenen Ort zum Mittelpunkt für unsre Streifereien zu wählen: ja es hätte wenig gefehlt, so wäre der Plan gemacht worden, unsre Wohnung von Falkenhorst hieher zu verlegen, wenn wir nicht die Sicherheit auf dem hohen Baume und die mannigfaltigen dort schon eingerichteten Bequemlichkeiten in Erwägung gezogen und so endlich dem alten Wohnplatze sein Recht gelassen hätten.

Gleich wurden jetzt unsre zwei Zugtiere ausgespannt und in das fette, saftige Gras entlassen, das unter dem beschatteten Dache von verschiedenen Palmenarten emporgesproßt war. Wir selbst bereiteten uns von dem mitgebrachten Vorrat ein kurzes Mittagsmahl in dem schattigen Gehölze, und dann ging es an das Schneiden, Säubern und Binden von Bambus- und Zuckerrohr, wovon wir mäßige Bündel verfertigten, die wir auf unserm Wagen bequem nach Hause schaffen konnten. Die Arbeit erweckte bei der Jugend, zufolge des knappen Mittagstisches, in anderthalb Stündchen wieder Eßlust, und obschon das Aussaugen der Zuckerrohre ihnen eine Zeitlang genug tat, so fingen sie doch endlich an, sich nach etwas Derberem umzusehen. Da nun die Mutter unsre mitgebrachten Vorräte nicht vor dem Nachtessen preisgeben wollte, so warfen die Knaben ihr zärtliches Verlangen auf die Kokosnüsse, die hin und wieder an den Palmen uns entgegenlachten. Sie suchten aber vergeblich auf der Erde nach abgefallenen, genießbaren Früchten, und ein Versuch von Fritz und Jack, an den gewaltigen Stämmen hinanzuklimmen, mißlang ebenso. Verdrießlich und erhitzt blieben sie endlich vor den unbezwingbaren Bäumen stehen und starrten erbost in die hoch oben nickenden Nußbündel hinauf.

»Halt«, rief ich plötzlich, »was fällt mir da ein! Wo habe ich doch das gesehen –! Auf einer Abbildung muß es gewesen sein. Natürlich! Kinder, ich hab’s! Ihr sollt hinaufkommen, und ganz gemütlich obendrein.«

Die Jungen spitzten mächtig die Ohren. »Gemütlich?« meinte Jack zweifelnd. »So viel Ansprüche mache ich gar nicht mal. Wenn ich nur mit Ach und Krach oben ankomme, will ich krähen vor Freude.«

»Also, paßt auf, ihr Herren! Fritz, hole mir Stricke vom Wagen. – So, nun komm her, du sollst den Anfang machen.« Ich fesselte ihn nun an den Fußknöcheln, aber so lose, daß er noch winzige Schritte machen konnte. Dann knüpfte ich sorgfältig ein kräftiges Seil zum Ring in der Höhe seiner Hüften um ihn und den Baum herum, doch weit genug, daß er sich noch leicht schräg vom Baum abstemmen konnte. »So, nun kann’s losgehen«, sagte ich dann.

»Ja, aber wie denn nur?« fragte Fritz völlig verblüfft. »Mit zusammengebundenen Füßen? Wie kann ich da den Stamm ordentlich umklammern?«

»Sollst du auch nicht, mein Junge. Du sollst daran in die Höhe gehen wie die Indier. Paß auf. Stell‘ deine Füße auswärts, ganz dicht an den Baum. Nun fasse den losen Strick, mit dem du um den Stamm gegürtet bist, und schiebe ihn, so hoch du kannst, an dem Baum in die Höhe, so daß er auf einen der knotigen Vorsprünge zu liegen kommt. Halte dich nun fest und gehe gleichzeitig Schrittchen für Schrittchen in die Höhe, stemme dabei die Sohlen deiner Füße an den Stamm – merkst du was? Wenn sie nicht gefesselt wären, könntest du sie nicht stemmen. Nun hebe dich mit dem Strick wieder zu einem Knoten, zieh an, geh Schrittchen. Lehne dich jetzt fest nach rückwärts gegen den Gurtstrick – merkst du was? Du stehst, unten angestemmt, oben angelehnt, ruhst dich aus. He? Was meinst du? Wird’s nun gehen? Siehst du wohl? Was hab ich gesagt!«

Fritz fing an zu strahlen. Er hatte begriffen und klomm, zog, stemmte sich und schritt langsam, aber stetig an dem eben noch so unzugänglichen Baum in die Höhe. Die anderen Jungen standen und starrten mit offenen Mäulern dem allgemach verschwindenden Bruder nach. Jack kam zuerst wieder zu sich.

»Potz Kuckuck!« rief er, »das ist ein Hauptspaß, da muß ich auch hinauf! Vater, bitte, bitte, mache mir auch so eine indische Sache zurecht! Hier ist gleich noch so ein schöner Baum.«

In wenigen Minuten war das Kerlchen wie sein Vorgänger ausgerüstet und begann gleichfalls das große Werk von neuem. Ich freute mich, zu sehen, daß er, wenn auch beträchtlich langsamer als sein viel stärkerer Bruder, in die Höhe ging und endlich gleich diesem im Wipfel anlangte. Beide hieben nun mit ihrem im Gürtel mitgeführten Handbeil so tapfer auf die Trauben der Kokosnüsse ein, daß sie herabfielen wie Hagel und wir hohe Zeit hatten, auf die Seite zu springen, wenn wir nicht unsre Hirnschädel mutwillig preisgeben wollten. Glücklich gelangten die Jungen wieder herunter, und wir waren alle außer uns vor Freuden, daß dieses große gymnastische Wagestück so trefflich abgelaufen war.

»Nun könnten wir doch aber auch noch ein paar von unsern Nüssen aufschmausen«, bat Franz. »Es bleiben ja noch genug zum Mitnehmen.«

»Gewiß können wir das, mein Kleiner. Gebt einmal her.«

»Ja, was ist denn das?« meinte Fritz, der sich sofort ans Öffnen begeben hatte, nach einigen Minuten. »Das Zeug von Bast sitzt ja schauderhaft fest. Das war doch sonst nicht.«

»Aha«, sagte ich, »da haben wir’s. Das sind die frisch abgehauenen Nüsse, deren rauhe Hülle noch nicht mürbe geworden ist. Sie sind noch nicht völlig reif, also sehr widerstandsfähig. Aber wartet – ich weiß Rat. Die braven Inder müssen wieder helfen. Freut euch, daß mein gutes Gedächtnis sich aufblättern läßt wie ein Buch. Da war ein Ding, das hieß Kokosspieß. Beschrieben war’s und abgebildet auch. Kommt, das werden wir gleich haben. Sucht mir einen Stock von festem Holz.« Nach einigen Minuten war das Verlangte zur Stelle. »So. Hier haben wir einen Baumstumpf, dahinein treiben wir unsern Stecken. Merkt, daß ich ihn am obern Ende gespitzt habe, und nun gebt acht.« Mit beiden Händen faßte ich die Nuß, stieß sie kräftig gegen meinen Stab und brachte so mit Leichtigkeit den Bast herunter. Die Jungen waren entzückt. »Das geht erstaunlich schnell«, riefen sie, »die Fetzen fliegen ja nur so.«

Der schweizerische Robinson

Jeder enthülste nun auf die neugelernte Art eine der widerspenstigen Nüsse. Sogar die Mutter mußte einige Stöße tun.

Währenddem war der Mittag schon lange vorübergegangen, und da wir beschlossen hatten, die Nacht in dieser anmutigen Gegend zuzubringen, so wurden wir einig, uns eine leichte Waldhütte aus Zweigen und Blättern zu errichten, um uns so gut als möglich gegen Tau und kühle Windzüge zu schützen.

Während wir damit beschäftigt waren und als eben diese Arbeit zu unserm Vergnügen ihrem Ende nahte, wurden wir plötzlich durch eine ganz außerordentliche Lebhaftigkeit unseres Eselchens gestört, das bis dahin ruhig in der Nähe geweidet hatte, nun aber plötzlich in Feuer und Flamme gesetzt schien, die Nase hoch in den Wind hob, ein entsetzliches y-ah! vernehmen ließ und allerlei lustige Sprünge machte. Ehe wir uns aber recht besinnen konnten, ob alle diese Wunderzeichen auf Gutes oder Böses deuteten, nahm der Grauschimmel in vollem Galopp reißaus. Unglücklicherweise waren in diesem Augenblick unsre Hunde beiseite geschlichen und hatten sich in die Zuckerrohre begeben, so daß wir den Esel in den Büschen von Bambus verschwinden sahen, ehe wir diese zurückrufen konnten. Eine Zeitlang verfolgten wir noch seine Spur, verloren sie aber bald gänzlich, so daß wir uns für heute zur Rückkehr entschlossen.

Dieses Ereignis verursachte mir doppelte Sorge; vorerst bedauerte ich den Verlust des Esels, der uns bei unsern Wanderungen unentbehrlich war; sodann glaubte ich seinen plötzlichen Schrecken der Nähe irgendeines wilden Tieres zuschreiben zu müssen. Ich ließ daher vor unsrer Hütte ein gewaltiges Feuer bereiten; weil ich jedoch unsern Vorrat nicht für die ganze Nacht hinreichend hielt, so kam ich auf den Gedanken, durch eine Anzahl Fackeln zu helfen, wozu ich mehrere Zuckerrohre mit Lianen zusammenband, und da ich keine ausgepreßten hatte, so nahm ich geradezu noch volle und vermutete richtig, daß sie nur desto besser und langsamer brennen würden und dennoch ein erhellendes Licht geben mußten. Einige Dutzend dieser Fackeln von fünf bis sechs Fuß Länge wurden rechts und links vor den Eingang unsrer Hütte gesteckt und in der Mitte das Feuer angemacht, an dem die Mutter vorerst unser Nachtessen bereitete, das uns dann aber auch trefflich vor der kühlen Nachtluft schützte. Angekleidet und die geladenen Gewehre neben uns legten wir uns auf das weiche Moos, das von den Knaben gesammelt und in der Hütte ausgebreitet worden war, und da wir sämtlich sehr ermüdet waren, so überfiel bald der Schlaf die lieben Meinigen. Ich selbst suchte mich wach zu erhalten, unterhielt das Feuer und zündete nachher auch die Fackeln an, die ein so helles Feuer verbreiteten, daß ich uns gegen alle Anfälle reißender Tiere gesichert hielt und mich bis zum Morgen ebenfalls einem erquickenden Schlafe überließ.

Am andern Morgen wurde beim Frühstück der Plan zu unserm bevorstehenden Tagewerk entworfen. Ich hatte vergebens gehofft, daß die Nacht und die erwärmende Flamme bei unsrer Hütte den entflohenen Esel wieder herbeilocken würden, und beschloß daher, mit einem der Knaben und den zwei Doggen durch das Röhricht von Bambus den Flüchtling aufzusuchen, gegen den Abend jedoch wieder bei der Waldhütte einzutreffen, wo die Mutter inzwischen mit den übrigen Knaben uns erwarten und Zuckerrohr und Kokosnüsse einsammeln würde, damit wir am folgenden Tage wieder nach Falkenhorst heimkehren könnten. Da ich nötig fand, beide Hunde zugleich auf diesen Streifzug zu nehmen, so schien es mir am ratsamsten, daß nur Jack mich begleiten, die andern zum Schutze der Mutter und Fränzchens zurückbleiben sollten.

Jubelnd machte sich Jack bereit; gut bewaffnet und mit Mundvorrat wohl versehen betraten wir das Gebüsch von Bambusrohr, in dem wir eine Zeitlang mit Hilfe der Hunde mühsam der Spur des Esels folgten. Wir gelangten endlich auf eine weite Ebene und an den Strand der großen Bucht, in die sich hier ein ziemlich beträchtlicher Fluß ergoß, dessen Ufer durch einen hohen Bergrücken begrenzt war. Dieser ließ nur einen schmalen steinigen Zwischenraum übrig, mußte aber bei hohem Wasserstande unzugänglich sein.

Die Vermutung, daß unser Esel sich lieber auf dem schwierigen Landwege durchgeholfen, als über den reißenden Fluß gesetzt habe, und die Hoffnung, hinter der Felswand irgend etwas Neues und Wichtiges aufzufinden, ließ mich das Wagstück unternehmen, hier durchzudringen, um von dem niedrigen Wasserstande den möglichsten Vorteil zu ziehen. Wir kletterten also vorwärts und gelangten bald an einen rauschenden Bach, der rechts aus einer Felsenschlucht hervorkam und links sich in den Fluß ergoß, aber ein so tiefes Bett und einen so raschen Lauf hatte, daß wir nur eine einzige Stelle fanden, wo wir ihn glücklich durchwaten und auf das jenseitige Ufer gelangen konnten. Hier bemerkten wir jetzt mit Vergnügen, da der Boden wieder Sand und Erde hielt und nicht mehr aus nacktem Felsen bestand, die Fußtritte des Esels, deutlich erkennbar an dem Abdruck seiner eisenbeschlagenen Hufe. Zu unserm Staunen jedoch lief diese Spur mitten durch ein Gewimmel andrer, ähnlicher Hufformen, die, schwächer und flüchtiger eingedrückt, ganz offenbar einer Herde wilder Einhufer angehören mußten und deren Verfolgung wir nun emsig aufnahmen.

Die Bergreihe zur Rechten zog sich jetzt bald zurück, so daß wir eine fast unabsehbare, nur im Hintergrunde von ein paar Hügeln umzogene Ebene vor uns sahen, in der teils prächtiges Gras, teils hin und wieder zerstreute Wäldchen ein lachendes Bild von Ruhe, Fruchtbarkeit und Milde gewährten.

Ganz in der Ferne glaubten wir ein paar Herden von ansehnlichen Tieren zu bemerken, die mir zwar einmal Kühen und ein andermal Pferden nicht ungleich, aber doch eher wild als zahm und bekannt schienen.

Da wir im Grase die Spuren unseres Esels wieder verloren hatten und ich gleichwohl noch nicht alle Hoffnung aufgeben wollte, so beschloß ich, so unbemerkt als möglich auf eine jener Herden, die uns am nächsten stand, loszugehen und womöglich auszukundschaften, ob er sich etwa ihr zugesellt habe. Dazu hatten wir aber ein Wäldchen von riesigen Bambusgewächsen zu umgehen; als wir durch niedriges Buschwerk an der Ecke desselben herumlenkten, stießen wir, kaum vierzig Schritte weit, auf eine Herde von wilden und furchtbaren Büffeln, die zwar an Zahl nur gering, aber dem Aussehen nach entsetzlich waren und hingereicht hätten, uns auf der Stelle zu vernichten. – Auch erschrak ich so sehr, daß ich kaum daran dachte, den Hahn meines Doppelgewehres in Bereitschaft zu setzen, und dann fast wie versteinert stehenblieb. Zum Glück waren unsere Hunde jetzt noch ein wenig hinter uns, und die Büffel mochten so wenig mit dem Anblicke des Menschen bekannt sein, daß sie ruhig auf ihrer Stelle blieben und uns verwundert anglotzten oder doch höchstens von der Erde, wo sie gelagert waren, aufstanden und nicht im mindesten auf Verteidigung oder Angriff bedacht zu sein schienen.

Dieser Umstand rettete uns wahrscheinlich das Leben, denn wir hatten jetzt Frist, uns ein wenig zurückzuziehen und unsere Gewehre vollkommen instand zu setzen. Ich wollte mich mit den gewaltigen Bestien durchaus nicht einlassen und dachte nur auf einen sichern Rückzug, als ungeschickterweise jetzt Türk und Bill uns wieder einholten und von den Büffeln alsbald erblickt wurden. Da fingen urplötzlich die schrecklichen Tiere an zu brüllen, daß es uns durch Mark und Bein ging, und wie rasend begannen sie zu stampfen, zu toben, mit den Hörnern in der Erde zu wühlen, so daß ich mit Entsetzen den Augenblick sah, wo sie auf uns losbrechen und nebst den Hunden, die ihnen wohl Schakale oder Wölfe schienen, auch uns beide darniederwerfen, uns zertreten und gänzlich vernichten würden. Die Hunde blieben jedoch bei dieser Gefahr so unerschrocken, daß wir sie umsonst in unsern Hinterhalt zurückriefen; sie machten vielmehr selbst einen Angriff und packten ein junges Büffelkalb, das uns um ein halb Dutzend Schritte näher stand als der übrige Haufe, nach ihrer Art bei den Ohren und zogen es mit Gewalt gegen uns her. Jetzt galt es Ernst, und wollten wir unsere tapferen Verteidiger nicht den wütend anrückenden Büffeln preisgeben, so mußten wir einen Kampf wagen, der eine wahre Tollkühnheit schien und einzig gelingen konnte, wenn unser Feuergewehr die Tiere, die wir nicht alle zu treffen vermochten, doch hinlänglich erschreckte, daß sie reißaus nahmen. Mit zitterndem Herzen drückten wir los, und zu hohem Glücke fuhren ob Knall, Feuer und Rauch die fürchterlichen Bestien wie vor einem Donnerschlag zurück und ergriffen in unbegreiflicher Schnelligkeit eine Flucht, die vielleicht stundenweit ging; eines von den Tieren aber, eine Kuh, und vermutlich die Mutter des angebissenen Kalbes, war durch meinen Schuß verwundet worden und geriet über dem Schmerz in eine solche Raserei, daß sie keinen Augenblick sich zurückwandte, sondern mit dreifacher Wut gegen unsere Doggen heranstürmte und ihnen gewiß den Geraus gemacht haben würde, wenn ich sie nicht mit einem zweiten Schuß so glücklich getroffen hätte, daß sie niedersank, worauf ich ihr, rasch hinzueilend, mit einem Pistolenschuß vollends den Rest gab.

Jetzt erst atmeten wir wieder auf, denn wir hatten einen unvermeidlichen Tod vor uns gesehen. Es blieb uns indessen noch Arbeit genug; denn das Büffelkalb zwischen unsern zwei Hunden gebärdete sich so ungestüm und schlug mit den Füßen so grimmig um sich her, daß ich besorgte, die rüstigen Beißer würden eine schwere Verwundung erhalten, und nötig fand, ihnen schnell zu Hilfe zu kommen. Glücklicherweise fiel Jack auf den Einfall, seine Schleuderkugeln zu gebrauchen, die er mit dem gehörigen Schwung dem zappelnden Kalb so glücklich in die Hinterfüße warf, daß es umfiel und verwickelt blieb, bis wir, schnell hinzulaufend, es mit einem stärkern Strick festbinden konnten und nun auch die Hunde von den angepackten Ohren losmachen durften. Der Büffel war nun völlig in unserer Gewalt, und Jack freute sich zum voraus, den Gefangenen der Mutter und den Brüdern vorzuführen. Es war indessen nicht so leicht, das Tier vom Flecke zu bringen; denn obwohl es augenblicklich wehrlos zu unsern Füßen lag, loderte doch in seinen tückischen Augen eine so bösartige Wildheit, daß wir alle Ursache hatten, sehr vorsichtig mit ihm umzugehen. Ich sann hin und her, bis mir endlich ein zwar etwas grausames, aber sicheres Verfahren einfiel, das in Italien gebräuchlich sein soll. Ich machte nämlich den Strick, womit wir die Beine des Büffels gebunden hatten, an einem Baume fest und ließ die Hunde wieder die Ohren anpacken, um so dessen Kopf festzuhalten; dann faßte ich die Scheidewand der Nasenlöcher, durchschnitt sie mit meinem scharfen, spitzigen Messer und zog einen dünnen Strick hindurch, den ich nachher als Leitseil zu benutzen gedachte. Meine Operation gelang vollkommen, und das Tier schien nach starker Blutung durch den Schmerz, den ihm das Seil bei rascher Bewegung verursachte, einstweilen völlig lenksam. Es machte allerdings mehrfache Versuche, sich gegen die unwillkommene Herrschaft aufzulehnen;, aber ein Ruck an dem Seil in seiner gepeinigten Nase brachte es allemal schnell zur Besinnung. Auch gingen ihm die Hunde mit Knurren und Ankläffen nicht von der Seite. Wir sahen aber deutlich, daß es noch Mühe genug kosten werde, den wilden tückischen Burschen wirklich zu zähmen.

Es blieb uns nur noch übrig, die erledigte Büffelkuh so gut als möglich auszuweiden, wozu es uns aber an dem nötigen Werkzeug mangelte; ich beschränkte mich daher darauf, die Zunge und ein paar hübsche Fleischriemen herauszuschneiden, die wir mit Salz, das wir mit uns genommen, tüchtig einrieben und zum Trocknen an der Sonne ausbreiteten; den Rest überließen wir unsern beiden Doggen, die mit Heißhunger darüber herfielen.

Der schweizerische Robinson

Munter wanderten wir vorwärts und befanden uns bald wieder an dem Engpasse, in den plötzlich vor uns her ein Schakal sich flüchtete; noch ehe er jedoch seine Höhle erreicht hatte, wurde er von unsern Doggen gepackt und nach hartem Kampfe zerrissen. Da es ein Weibchen war, so vermuteten wir, es möchten sich Junge in dem Nest befinden; und Jack war gleich bereit, in die Höhle zu dringen; allein da ich das Männchen noch darin vermutete, so brannte ich vorerst meine Pistole los. Nichts regte sich, und ich ließ nun Jack in die Höhle kriechen, dem die Doggen neugierig folgten; in einem Nu aber fielen diese über ein Nest voll Junge her, das sich in einer Ecke befand, so daß er nur mit Mühe eines derselben retten konnte, das nicht über zehn bis zwölf Tage alt schien und noch kaum die Augen zu öffnen vermochte. Es war nicht größer als eine kleine Katze, aber mit so hübschem goldgelbem Fell, daß Jack mich inständig bat, das Geschöpfchen nach Hause nehmen und großziehen zu dürfen, was ich ihm teils zur Belohnung für sein wackeres Betragen, teils auch in der Hoffnung, das Tier zähmen und zur Jagd abrichten zu können, gerne gewährte. – Wir brachen jetzt wieder auf, überschritten den Bach glücklich und gelangten endlich gegen Abend zu den Unsrigen zurück, die uns mit Jubel empfingen. Alles drängte sich voll Verwunderung um den jungen Büffel und den kleinen Schakal, und Fragen folgten auf Fragen. Jack ließ sich nicht lange bitten, unsere Abenteuer zu erzählen, wobei er sich freilich, wie gewohnt, ein wenig Übertreibung zuschulden kommen ließ; er wußte auch die Neugierde seiner Zuhörer so lange zu fesseln, daß die Stunde des Abendessens heranrückte, ehe ich nur Zeit gefunden hatte, nachzuforschen, was denn unsere Leute inzwischen unternommen und ausgeführt hätten. Da hörte ich denn, daß man ebenfalls fleißig und rührig gewesen sei, die Warte der getäuschten Hoffnung bestiegen, für die Nacht Holz gesammelt und neue Fackeln gebunden habe.

Als die Hauptbeute des Tages brachte mir Fritz auf seiner Faust einen jungen, herrlich gefiederten Raubvogel, den er aus einem Felsennest bei der Warte der getäuschten Hoffnung in Abwesenheit der Alten ausgenommen hatte; obwohl seine Federn noch gar nicht ihre vollkommene Färbung zeigten, so fand ich doch gleich, daß der Vogel nicht in eine der bekannten europäischen Adlerfamilien gehöre, sondern wohl eher der sogenannte malabarische Adler sein möchte; schon seiner Schönheit wegen, noch mehr aber in der Hoffnung, denselben ebenfalls zähmen und gleich einem Falken zur Jagd, besonders zur Vogelbeize, abrichten zu können, ließ ich mir dessen Gesellschaft gefallen. Fritz hatte übrigens dem Gesellen die Augen verbunden und ihn an eine Schnur gefesselt, weil er sonst zu scheu und zu grimmig war.

Als Fritz ihn nun von seiner Kappe befreite, zeigte das Tier gleich eine Wildheit, über die wir erstaunten, und sein Aussehen ward so fürchterlich, daß unser sämtliches Geflügel alsbald vor dem Wütenden die Flucht ergriff. Fritz war einstweilen ratlos, wie der Wüterich zu zähmen sei, und dachte schon daran, ihn zu töten. Da schuf Ernst, der nachsinnend dabeistand, Rat und Hilfe.

»Fritz«, rief er, »gib mir den Burschen, ich will ihn kuranzen, daß er Mores lernt; er soll noch so zahm und lenksam werden wie ein Hündchen!«

»Ja holla«, versetzte Fritz, »der ist mein, und ich verschenke ihn nicht so leicht. Er ist mir noch gar nicht feil; aber du könntest mir wohl sagen, wie man ihn bändigen muß, und es ist sehr mißgünstig von dir, wenn du es nicht tust.«

»Sachte, sachte!« sprach ich jetzt; »mein guter Fritz sollte gescheiter sein und nicht von der Mißgunst anderer reden, während er selbst daran krank ist. Ernst bittet um einen Vogel, den du nicht zu meistern verstehst und eben im Begriff warst, zu erschlagen; aber flugs willst du wieder das Tier behalten und findest den Bruder neidisch, der dir seine nützliche Kunst ohne etwelche Belohnung nicht mitteilen will.«

»Du hast recht, Vater!« versetzte Fritz etwas beschämt. »Ich gebe ihm dafür den Affen, wenn er ihn haben mag. Der Adler ist heldenmäßiger, den muß ich selbst behalten! – Was meinst du, Ernst?«

»Ich bin es wohl zufrieden«, erwiderte ihm dieser, »denn auf das Heldentum bin ich nicht versessen. Mir ist mehr darum, ein tüchtiger Gelehrter zu werden; dann will ich auch deine Taten beschreiben, wenn du mit dem Adler viel ritterliche Abenteuer vollbracht hast.«

»Das wird sich finden!« sagte Fritz. »Aber vorerst nun, wie soll ich ihn zähmen? Wie soll ich ihn wenigstens ruhiger machen?« –

»Ja, ganz zuverlässig kann ich es nicht behaupten«, antwortete Ernst, »aber ich glaube, du wirst ihn zur Ordnung bringen können wie die Karaiben die Papageien. Blase ihm Tabakrauch in den Schnabel, bis er schwindlig und betäubt ist, dann wird seine Wildheit nicht lange währen.«

Fritz lachte zwar ungläubig, aber Ernst ging gleich daran, einen Versuch zu wagen; er holte eine Pfeife und Tabak aus einer Offizierskiste; Fritz mußte den Vogel wieder blenden und festbinden. Alsdann nahm ihm Ernst die Kappe ab und trat so dicht vor den Gefesselten hin, als nötig war, um ihm ganze Wolken von Tabakrauch ins Gesicht zu blasen. Wirklich wurde der Wildfang nach und nach ruhiger und hockte endlich wie betäubt auf seiner Stelle, so daß ihm der Kopf leicht wieder verhüllt werden konnte. Ganz beschämt überließ Fritz seinem Bruder den Affen, und die Räucherung zeigte sich auch in der Folge so zweckmäßig, daß der Adler, mit jedem Tage gezähmter, sich nach und nach an seine Umgebung zu gewöhnen schien.

Als wir beiderseits mit unseren Berichten und Taten zu Ende gekommen waren, ließ ich ein Feuer machen und besonders viel grünes Holz anlegen, damit ein gewaltiger Rauch entstehe, um die hergebrachten Fleischriemen von der Büffelkuh räuchern zu können, was denn auch an hohen, aufgerichteten Gabeln sogleich ins Werk gesetzt ward. Auf die Nacht wurden wieder die früheren Anstalten getroffen, doch so, daß wir auch dafür sorgten, unsere Fleischriemen fortwährend im Rauche zu halten. Das junge Büffelwild, das sich eine Portion zerhackter Kartoffeln mit Milch trefflich hatte schmecken lassen, banden wir neben unsere Kuh, und zu unserm Vergnügen hielt es sich friedlich mit ihr zusammen; die Hunde nahmen ihre Wachtposten. Wir selbst legten uns endlich zur Ruhe, und obschon wir zur gehörigen Zeit wieder die Fackeln anzuzünden gedachten, schliefen wir doch sämtlich in kurzer Zeit ein und schlummerten so tief und süß und ungestört, daß wir erst mit Aufgang der Sonne erwachten.

Schon früh an diesem Morgen machten wir uns an das längst beschlossene Geschäft, unsere Baumstämmchen mit den nötigen Pfählen zu ihrer Unterstützung zu versehen. Wir zogen also mit dem beladenen Karren voll Rohr und mit einem Steckeisen, um Löcher in die Erde zu machen, wohlgemut von Haus und ließen nur die Mutter und Fränzchen mit dem Auftrage zurück, uns ein gutes Mittagessen bereitzuhalten, zugleich auch unsere Wachsbeeren zu sieden, um Wachs zu gewinnen.

Das Büffelkalb blieb im Stalle zurück, weil ich wünschte, daß seine Nase vollends wieder heilen möchte. Die Kuh war ja auch zur Fortbringung unseres Fuhrwerks, da wir beständig haltzumachen hatten, vollkommen stark genug. Doch gaben wir vor unserem Aufbruch dem Büffelkalb eine gute Handvoll Salz, um es allmählich an uns zu gewöhnen, und diese Leckerei behagte ihm so gut, daß es sich, zum erstenmal, ordentlich nach uns umsah, als wir gingen.

Unsere Arbeit fing schon in der Nähe von Falkenhorst am Eingang des angelegten Baumgangs nach Zeltheim, bei den Walnußbäumen, den Kastanien- und Kirschbäumen an, die wir in zwei regelmäßigen Reihen hier eingesetzt hatten und die zum Teil durch den Wind von ihrem aufrechten Stande verbeugt waren.

Ich, als der Stärkste, hielt das Steckeisen und bohrte kraft seines gewichtigen Falles den hinzustellenden Rohrpfählen vor. Die Knaben beschäftigten sich mit der Auswahl und dem Zuspitzen, und gemeinschaftlich banden wir dann mit einer Art von Lianen oder dünner und zäher Schlingpflanze, die ich für Mihi hielt, den neugesteckten Pfahl an die zarten Bäumchen.

Die Arbeit dauerte lange und machte unsere Rücken schmerzen; auf den Mittag kehrten wir dann, hungrig wie die Wölfe, nach Falkenhorst zurück, wo die Mutter uns eine treffliche Mahlzeit zugerichtet und uns längst mit Sehnsucht erwartet hatte.

Wir speisten wacker und viel und ließen uns die nötige Ruhe, während wir eifrig von einer Angelegenheit sprachen, die besonders mir, und fast in noch höherem Grade der Mutter, schon länger auf der Seele gelegen hatte.

Uns beiden nämlich war das Auf- und Absteigen in unser Baumschloß vermittelst der Strickleiter ein wenig zu mühsam und selbst gefährlich vorgekommen, so daß wir uns fast nie als zum Schlafengehen hinaufbegaben und dann jedesmal in schwerer Besorgnis standen, es möchte dieser oder jener der Knaben, die leichtsinnig und rasch wie die Katzen emporeilten, durch einen Fehltritt hinunterstürzen und unglücklich werden. Diese Besorgnisse hatten mich zu fortdauerndem Nachdenken veranlaßt, ob es auf keine Weise möglich sei, einen bessern Eingang in unsre Burg herzustellen. Ich war endlich zur Überzeugung gekommen, daß sich von außen schlechterdings nichts anbringen lasse, was zweckmäßiger sei als unsre Strickleiter, und daß ich versuchen müßte, auf irgendeine Weise durch das Innere des Stammes zu unsrer Wohnung hinaufzudringen.

»Hast du mir nicht gesagt, Mutter«, fing ich endlich an, »es finde sich eine Höhlung in dem Stamm unsres Baumes, wo sich ein Bienenschwarm aufzuhalten scheine? Es käme nur darauf an, zu erforschen, wie tief wohl das Loch gegen die Wurzel hin abwärtsgehe und von welchem Umfange es sei, so könnte für unsern Plan vielleicht viel gewonnen werden.«

Der schweizerische Robinson

Diese Äußerung zündete gleich bei den Knaben ein loderndes Feuer an; sie sprangen auf, machten sich bereit und kletterten wie Eichhörner an den Wurzelbogen, soweit sie reichen konnten, rings um die Höhle der Bienen, um anzuklopfen und Versuche zu machen, wie weit wohl inwendig das Holz unter der Rinde weggefault sei. Aber das unbedachtsame Hauen und Hämmern schlug dem neugierigen Völklein gar übel zu; denn der beunruhigte Bienenschwarm drang erbittert aus seiner Kluft, umsauste die Knaben mit Heeresmacht, fing an zu stechen, blieb ihnen zum Teil an den Haaren oder an den Kleidern und jagte sie verwundet und erschreckt in eine so hastige Flucht, daß sie mit Zetergeschrei, selbst an uns Eltern hinweg, in alle Weite gelaufen wären, wenn nicht die Mutter und ich sie aufgehalten und vorläufig ihre Wunden mit kühler Erde belegt hätten, um ihnen etwas Linderung zu verschaffen. Jack, der am übereiltesten auf das Bienennest losgestürmt, war auch am abscheulichsten zerstochen und kriegte fast eine Larve von feuchtem Lehm über sein entzündetes Gesicht, Ernst dagegen war diesmal, vermöge seiner Langsamkeit, mit einem einzigen Stiche davongekommen, weil er im Hinaufklettern der letzte gewesen und, sobald er das Gefecht sich erheben sah, ohne Bedenken Reißaus genommen hatte. – Es verging wohl eine Stunde, bis die Knaben von ihren Schmerzen hinreichend hergestellt waren, um etwas Ordentliches unternehmen zu können; aber sie brannten dermaßen von Zorn gegen die heroischen Bienen, daß ich unverzüglich Anstalt treffen mußte, diesen Gästen zu Leibe zu gehen, wenn ich das Klagen und Jammern der unvorsichtigen Söhnchen nicht bis in die späteste Nacht hinein hören wollte. Während also die Bienen noch wild und tobend um den Baum herumsummten, rüstete ich Tabak, Lehm, Pfeifen, Meißel, Hammer und anderes mehr, das ich dienlich fand, und machte mir aus mehreren großen Kürbissen, die mit Fluglöchern versehen wurden, hübsche Bienenkästlein zurecht, denen ich gleich ihren Stand auf einem mächtigen Aste unsres Baumschlosses bestimmte, wo ich ein langes Brett für sie hinnagelte und ein Schattendach von Stroh bereitete, damit sie gegen Sonnenschein und Regen besser geschützt seien.

Diese Vorkehrungen währten indes länger, als ich gedacht hatte, und ich mußte meinen beschlossenen Sturmlauf bis an den folgenden Morgen verschieben. Ich fing wohlbedächtig damit an, daß ich die Öffnung im Baumstamme, wo die Bienen aus und ein flogen, mit Lehm so vollkommen verstopfte, daß ich nur das Röhrchen von meiner Tabakspfeife hindurchstecken konnte, womit ich jetzt dermaßen räucherte, daß ich dachte, die Tierchen müßten davon ersticken. Anfangs erhob sich ein Summen und Brummen in dem Stamme, wie wenn Sturm und Wirbelwind darin Haushaltung hätten; aber nach und nach ward es stiller und endlich so ruhig, daß ich mein Röhrchen herausziehen und in meinen Kunstgriffen fortfahren durfte. Jack war neben mich hinaufgeklettert, und nun fingen wir an, mit Meißel und Beil ein Stück von dem Baum, etwa drei Fuß hoch und zwei in der Breite, sorgfältig loszumachen, so daß es zuletzt nur an einer einzigen Ecke noch festblieb. Hierauf wiederholte ich die große Räucherung in aller Form, weil ich besorgte, die Betäubung von früher könnte schon ziemlich vorüber sein; und nun wurde vollends unser eingehauenes Fenster herausgerissen und das Eingeweide des Stammes ans Licht gebracht.

Ein gewaltiges Erstaunen befiel uns, als wir hier die prachtvolle Haushaltung und die unbegreifliche Arbeit des Bienenvolks erblickten. Es zeigte sich ein Vorrat von Wachs und Honig, daß wir gar nicht Rat wußten, wo wir damit hin sollten, und nur nach Schüsseln und Näpfen zu rufen hatten, um allen Überfluß aufzufassen. Die Waben schnitt ich gleich der Reihe nach heraus, und kaum daß ich ein wenig Luft gemacht hatte, wischte ich die besinnungslosen Bienen in die zugerüsteten Kürbisse, die ihnen zur Wohnung dienen sollten und deren Innenwände ich teilweise mit Honig bestrich, und brachte dann den Rest der Waben in die herbeigeschafften Gefäße.

Sobald ich damit fertig war, stieg ich hinunter, ließ ein Tönnchen sauber auswaschen und mit unsrer Beute anfüllen, doch so, daß uns etwas zum Kosten und zum Mittagessen übrigblieb. Das volle Tönnchen wurde alsdann auf die Seite gewälzt und mit Segeltuch, Brettern und Laubwerk bedeckt, damit die aufwachenden Bienen es nicht entdeckten und heimsuchten. Endlich stieg ich auf unser Baumschloß, befestigte meine Bienenhäuschen auf das festgenagelte Brett, stürzte das bereitete Strohdach darüber, verfügte mich wieder hinab und erlabte mich an den Erstlingen des vortrefflichen Honigs dergestalt, daß ich fast nicht aufhören konnte und sowohl mir als meinem liebwerten Hausvolke schier mit Gewalt Maß und Ziel auflegen mußte, wenn wir nicht krank oder doch für den ganzen übrigen Tag faul werden sollten.

Indes machte ich der Schmauserei noch so ziemlich ohne Widerspruch durch die Bemerkung ein Ende, daß die Bienen sich nun bald von ihrer Ohnmacht erholt haben dürften und daß sie dann ohne Gnade mit den Räubern ihres Honigs, wenn sie von diesem nur ein Tröpflein entdeckten, den allerhitzigsten Kampf unternehmen würden. Dieser Wink war genug, um den Jungen alles Naschen auf der Stelle zu verleiden und den Rest unsres Honigs in das tiefste Versteck zu bringen. Mir selbst aber fiel ein, daß sich ohne Zweifel die aufwachenden Tierchen gleich nach ihrer alten Behausung begeben und daß sie sich bald wieder dort einnisten könnten, wenn ihnen nicht zweckmäßig vorgebaut würde. Ich nahm also ein paar Hände voll Tabak und ein mit Lehm bestrichenes kleines Brett, stieg zu der Höhlung von neuem empor, machte das Brett dort inwendig fest, zündete den Tabak auf verschiedenen Punkten an und sah nun bald einen Rauch und Dampf entstehen, daß ich hoffen durfte, den Bienen die Rückkehr in ihre Heimat gänzlich zu verleiden und den Platz zu einer nähern Untersuchung des innern Baumstammes frei zu erhalten.

Meine Vorsorge war von Wirkung; denn obschon sich die Bienen in der Tat, sobald sie zu Sinnen kamen, schwarmweise der alten Wohnung zu nahem suchten, so trieb sie die Räucherei doch immer von neuem zurück, und bis auf den Abend gewöhnten sie sich schon ganz ordentlich, die neuen Kürbishäuser als ihre Heimat zu betrachten.

Wir Honigräuber nahmen uns inzwischen vor, die Besichtigung des inwendigen Baumes bis auf den folgenden Morgen zu vertagen, und da uns ratsam schien, den erbeuteten Honig sogleich zu reinigen und von dem Wachse zu sondern, was doch jetzt wegen der umherschwärmenden Bienen nicht angehen konnte, so legten wir uns bis auf den späten Abend zur Ruhe, um ein wenig zu schlafen, damit wir dann die Nacht rüstig zu durchwachen und, sicher vor den ersten Eigentümern, mit dem Honig zu schalten imstande wären.

Sowie demnach die Dämmerung sich am Himmel zeigte und die Bienen, von Dunkelheit und Kälte bezwungen, in ihrem Kürbis lagen, erhoben wir uns von den Betten und gingen an unser Werk. Alle Waben wurden aus dem Tönnchen wieder ausgepackt, in einen Kessel geworfen, mit ein wenig Wasser vermischt und dann bis zum Schmelzen über einem gelinden Feuer gehalten, so daß es eine allgemeine flüssige Masse gab. Diese ward zur Absonderung von Unreinigkeiten durch einen groben Sack gepreßt, wieder in das Tönnchen gegossen und dann zum Abkühlen während des Restes der Nacht auf die Seite gestellt. Am Morgen hatte sich richtig das Wachs in einer großen geronnenen Scheibe auf die Oberfläche gehoben und konnte bequem abgenommen werden; der reine Honig blieb zurück, ward sorgfältig vermacht, neben unserm Weinfäßchen in die Erde gegraben und versprach für die Zukunft so viel Süßes und Gutes, als wir nur wünschen konnten.

Sobald unser Tönnchen in der Erde war, und bevor noch die Bienen von der Wärme der aufgehenden Sonne geweckt wurden, ging es ohne Verzug an die Untersuchung des Baumstammes und seiner Höhlung, die wir zum voraus schon für beträchtlich hielten. Mit einer Stange reichte ich von unserm eingehauenen Fenster hinweg nach oben, und eine Schnur, mit angebundenem Stein hinabgesenkt, diente uns nach unten, um Höhe und Tiefe des ausgefaulten Baumes in Erfahrung zu bringen. Da fand sich denn zu meinem Erstaunen, daß aufwärts bis zu den Zweigen, wo wir unsre Wohnung hatten, und abwärts bis fast auf den Stock der Stamm seinen Kern und das meiste von seinem Holze verloren habe, so daß es gar nicht besonders schwierig erschien, durch diese prächtige Höhlung hinauf eine Wendeltreppe anzubringen, die für unsere Sicherheit und Bequemlichkeit alles mögliche zu leisten geeignet wäre. Ich beschloß daher, mit ihrem Bau sogleich den Anfang zu machen, und freute mich, die Knaben dabei in neue Tätigkeit zu setzen, weil ich in dieser die dauerhafteste Quelle unsres allseitigen Wohlbefindens erkennen mußte.

Vor allem wurde denn unten an dem Baume, gegen die Seite des Meeres zu, eine stattliche Türe eingeschnitten, und zwar gerade von solcher Größe, daß wir die Türe von des Kapitäns Kajüte auf dem Wrack in die Öffnung hineinpassen konnten und folglich imstande waren, den Eingang wenigstens vor Tieren bequem und leicht zu verschließen. Hierauf wurde der Raum in dem Stamme von Überresten des gefaulten Holzes sorgfältig gereinigt, die Seitenwände, soweit wir vorläufig reichen konnten, glatter gemacht und in der Mitte ein zehn bis zwölf Fuß langes, gerades, ungefähr einen Fuß dickes Bäumchen aufgerichtet, um meine Wendeltreppe daran herumzuführen. Bald waren in Schneckenlinie an diesem Bäumchen und jedesmal auch gegenüber in den Wänden der großen Baumhöhlung die gehörigen Einschnitte angebracht, um von halbem Fuß zu halbem Fuß immer aufwärts Bretter als Stufen einzufügen, bis ich endlich mit diesem Anfang der Treppe die Höhe des Wendelbaumes erreicht hatte. Das eingehauene Fenster, das wir den Bienen zulieb angebracht hatten, diente jetzt vortrefflich, mir zu meinem Arbeiten Licht zu verschaffen. In abgemessener Entfernung davon ward nun ein zweites und, als die Treppe höher stieg, zuletzt ein drittes durchgebrochen, wodurch wir einen hellen Zugang auf unser Baumschloß erhielten; und nun wurde droben in unsrer Wohnung ein Ausgang gehauen, um den obern Teil der Treppe bequemer vollenden zu können. Ein zweites bearbeitetes Baumstämmchen ward dann inwendig hinaufgezogen, auf das erste hin befestigt, mit den nötigen Einschnitten ferner zurechtgemacht und weiter mit eingefügten Brettern als Stufen vollständig ausgerüstet, bis meine Wendeltreppe ganz in der Höhe bei dem Ausgang in unsre Baumstube glücklich sich anschloß und vorderhand wenigstens genügen konnte, wenn sie auch den Kunstregeln der Architektur und dem Schönheitssinne gar wenig entsprechen mochte.

Die Vollendung dieser Treppe beschäftigte uns volle vierzehn Tage, wurde jedoch von mannigfaltigen andern Ereignissen und Verrichtungen gar nicht selten unterbrochen.

Wenige Tage nach dem Beginn unserer Arbeit warf unser Bill sechs Junge, die mir sämtlich als dänische Doggen unvermischter Art vorkamen und die uns gewaltige Freude machten. Doch wäre es mir bedenklich gewesen, die ganze Brut am Leben zu lassen, und ich befahl, der säugenden Mutter alle bis auf ein Männchen und ein Weibchen wegzunehmen, wogegen ich Jack erlaubte, zu einigem Ersatz seinen jungen Schakal in das Nest zu legen, was denn auch mit dem besten Erfolge auf der Stelle vollzogen ward und weder dem Säugling noch der Amme nur im geringsten zuwider schien.

Der schweizerische Robinson

Fast zur nämlichen Zeit warfen auch unsere zwei Ziegen jede ein Paar Zicklein und die Schafe zusammen vier Lämmer, so daß wir mit Vergnügen dem erfreulichen Wachstum unserer Herde entgegensahen. Damit aber kein nützliches Tierchen mehr, nach dem schändlichen Beispiel des Esels, aus unserm Gewahrsam entlaufe, so ließ ich jedem der Alten ein Glöcklein an den Hals binden, wovon wir auf dem Wrack, als Tauschware für die Wilden, eine Menge vorgefunden hatten.

Meine größte Aufmerksamkeit richtete ich, nächst unsrer Wendeltreppe, auf das gefangene Büffelkalb, dessen Wunde nun gänzlich geheilt war, so daß ich ihm, gleich den Hottentotten, ein Stäbchen, das wie ein Pferdegebiß auf beiden Seiten etwas hervorragte, durch die Nase zog, um es damit nach meinem Belieben leiten zu können.

Nach einer Reihe vergeblicher Versuche war es uns endlich gelungen, es mit Erfolg einzuspannen, freilich nur, wenn die Kuh ihm vor dem Wagen Gesellschaft leistete. Ihre unerschütterliche Gemütsruhe wirkte besänftigend auf seinen Grimm. Das Lasttragen und Reiten allerdings war eine viel stärkere Zumutung, und ich konnte diese neue Abrichtung nicht ohne sanfte Vorbereitungen beginnen.

Vorerst wurde dem mißtrauischen Zornnickel eine große Decke von Segeltuch auf den Rücken gelegt und diese mit einem tüchtigen Gurt aus dem Felle der Büffelkuh nach und nach fester geschnürt. Einige Tage lang begnügten wir uns hiermit, bis der Zögling es aufgab, brummend und brüllend den Kopf zur Seite zu werfen und seinen unwillkommenen Schmuck anzuschnaufen. Dann ward von Zeit zu Zeit eine leichte Last auf die Decke gebunden, und nach etwa vierzehn Tagen konnten die Bastsäcke des Esels mit voller Ladung darüber hingelegt werden.

Das schwierigste Stück blieb natürlich das Reiten. Es lag mir aber so viel daran, auch diese Leistung von dem vielversprechenden starken Tier zu erreichen, daß ich mir keine Mühe verdrießen lassen wollte. Der Affe mußte zuerst hinauf. Denn Meister Knips war einesteils so leicht und andernteils so geschickt im Anklammern, daß er trotz aller Sprünge des beleidigten Kalbes nicht ein einziges Mal zur Erde fiel. Jack, als der Gelenkigste, machte dann den ersten Versuch von den Knaben, und seiner katzenartigen Behendigkeit gegenüber mußte der Büffel endlich klein beigeben. Die andern hatten bei dem Gemaßregelten leichteres Spiel, und endlich schien er zu denken: der Klügere gibt nach – und fügte sich in sein Schicksal.

Fritz hatte sich viel mit seinem Adler beschäftigt, indem er ihm jeden Tag sein Futter in einer Anzahl kleiner Vögel schoß, die er ihm bald zwischen den hervorsprossenden Hörnern des Büffelkalbes oder einer Ziege, bald auf dem Rücken unserer Trapphenne oder des Flamingos, doch jederzeit auf einem Brettchen zu verzehren gab, damit er nach Art der Falken auf solcherlei Tiere zu stoßen desto geschickter und bereitwilliger werde. – Allmählich gewöhnte sich der Vogel, dem Knaben auf jeden Ruf und besonders auf sein Pfeifen gehorsam zuzufliegen, und es fehlte nur noch an einem Versuch im Freien, ob das Beizen gelingen würde, wenn wir uns nur getraut hätten, den Vogel von seiner Leine vollkommen loszubinden, da wir befürchteten, seine kühne, hochstrebende Natur würde ihn bald von uns wegtragen und in den angeborenen Zustand der Zwanglosigkeit zurücklocken.

Ernst wurde von dem Erziehungsfieber, das unter uns eingerissen war, ebenfalls angesteckt und versuchte sein Glück mit der Abrichtung des Affen, der ihm von Fritz überlassen worden war. Es war drollig, zu sehen, wie der phlegmatische, langsame, aber bedächtige Lehrmeister mit dem gewandten, hurtigen und leichtsinnigen Zögling umspringen mußte, um ihn gefügig zu machen. Dem mühescheuen Knaben lag am Herzen, sich durch das Tier in irgendeiner Arbeit erleichtern zu lassen, und nach mancherlei mißlungenen Versuchen hatte er beschlossen, den Meister Knips an das Lasttragen zu gewöhnen. Mit Hilfe Jacks fing er deshalb an, eine sogenannte Hütte oder einen Rückenkorb aus Rohr zu flechten, brachte das Werk endlich zustande, befestigte zwei Tragriemen daran und lud es nun seinem Pflegling auf den Buckel, damit er sich vorläufig daran gewöhne. Doch war dem närrischen Affen das Ding unleidlich; er fletschte mit den Zähnen, wälzte sich auf dem Boden herum, machte fußhohe Sätze, biß in die Tragriemen wie rasend und versuchte jede List und jede Gewalt, um nur sein Anhängsel wieder loszuwerden. Allein es half nichts; und das Tierchen wurde endlich mit Schlägen und guten Bissen so weit gebracht, daß es nach dem Maße seiner Kraft recht merkliche Bürden mit Sorgfalt zu tragen verstand.

Auch Jack fing endlich an, in das Fach der Erziehung zu pfuschen, und zwar unternahm er, den jungen Schakal, dem er den Namen Jager zugeteilt hatte, in Zucht zu nehmen, um ihm nach Möglichkeit das Stellen und Herbringen des Wildbrets einzutrichtern. Mit dem Stellen indes war in den ersten sechs Monaten, so vielfältig der Versuch auch wiederholt wurde, nicht das mindeste ausgerichtet; aber das Hertragen von allerlei hingeworfenen Dingen ward dem Tiere mit Leichtigkeit beigebracht und ließ uns für die Folgezeit manchen bedeutenden Vorteil erwarten.

Solcherlei Beschäftigungen füllten gewöhnlich ein paar Stunden des Tages, in denen wir entweder von unserem Treppenbau ausruhten oder uns zu bloßer Erholung eine Freude gönnen wollten. Auf den Abend sammelten wir uns dann gewöhnlich in einen trauten Kreis und begannen auf Anregung der Mutter irgendein gemeinsames notwendiges Geschäft.

Dabei kam mir die Lust, meinen Kunstfleiß und meine Erfindungskraft an einem neuen und wichtigen Unternehmen, an der Verfertigung eines Stiefelpaares aus Kautschuk, in völligem Glanze zu zeigen; und zugleich ermunterte ich die Knaben, ihr Glück mit Jägerfläschchen und mit ähnlichem Geräte zu versuchen.

Für mein Vorhaben füllte ich ein Paar meiner alten Strümpfe mit grobem Sand, überzog sie mit einer dünnen Lage von Lehm und ließ sie vorläufig in dieser Gestalt zuerst im Schatten und dann in der Sonne gänzlich trocken werden. Hierauf schnitt ich ein Paar Sohlen nach der Größe meiner Schuhe und benützte dazu ein Stück Haut von der Büffelkuh, das ich zuvor mit einem Hammer tüchtig geschlagen und sonst nach Erfordernis bearbeitet hatte. Nachdem ich die Sohlen an die Strümpfe befestigt hatte, machte ich mir einen Pinsel von Ziegenhaaren, mit dem ich die Strümpfe so gleichmäßig als möglich bestrich. Wenn die eine Lage des Federharzes zu gerinnen anfing, begann ich alsbald eine andere nachzutragen, bis mir die Stiefel die gehörige Dicke zu haben schienen und nur noch des Austrocknens bedurften, wozu sie jetzt aufgehängt wurden. Sobald sie hinreichend hart geworden waren, nahm ich sie wieder herunter, leerte den sandigen Inhalt aus, zog auch die Strümpfe mit Angst und Not hervor, zerstieß die Kruste von Lehm, schaffte den Staub und die Stücke davon recht säuberlich weg und hatte so ein Paar Stiefel, weich, glatt und wasserdicht, daß es eine Lust war. Sie saßen mir wie angegossen, so daß die Knaben darüber jubelten und jeder sich ausbat, bald auf ähnliche Weise bestiefelt zu werden.

Eines Morgens, als wir kaum noch aufgestanden waren, um die letzte Hand an unsere Wendeltreppe zu legen, ließen sich aus der Ferne zwei seltsame Stimmen vernehmen, die erschallten wie das schreckliche Gebrüll von reißenden Tieren, untermischt mit einem besonderen Keuchen und Schnarchen und fast ersterbenden, wunderlichen Tönen, so daß ich in meinem Urteil über dieselben nicht einig werden konnte und bang wurde, zu erfahren, woher sie wohl rühren möchten; denn selbst unsere Hunde wurden dadurch unruhig gemacht und schienen bereits ihre Zähne zu wetzen, um einem gefährlichen Feinde auf die gebührende Weise begegnen zu können. Demnach setzten auch wir uns in Verteidigungszustand, luden unsere Gewehre und Pistolen, stellten uns auf unserem Baumschlosse in Ordnung hin und machten uns gefaßt, von dort herab einen Angriff tapfer zurückzuschlagen.

Als indessen das Gebrüll wieder aufhörte, stieg ich bewaffnet von unserer Burg hinunter, versah unsere getreuen Wächter mit ihren stachligen Halsbändern, lockte unser Vieh ganz in die Nähe, damit wir es im Auge hätten, und stieg dann wieder hinauf, um sorgfältig zu spähen, ob der erwartete Feind nicht irgendwo sichtbar sei.

So standen wir alle in gespannter Erwartung, bis nach einem Weilchen das Gebrüll sich von neuem vernehmen ließ, und zwar ganz in der Nähe. Da lauschte denn Fritz mit scharfem Ohre darauf hin, warf plötzlich sein Gewehr auf die Seite, sprang lustig empor, fing an zu lachen und rief laut: »Der Esel! der Esel! Es ist wahrhaftig der Esel, der wieder zu uns heimkehrt und darüber ein Freudenlied anstimmt.«

Dies überraschte uns so sehr, daß wir uns beinahe ärgerten, nicht eine reißende Bestie kommen zu sehen und also vergebens in so großer Bangigkeit geschwebt zu haben. Doch faßten wir uns bald, und als ein neues Gebrüll in der Tat ganz eselhaft und gefahrlos zu klingen schien, so löste sich unsere Besorgnis plötzlich in ein schallendes Gelächter und in mancherlei Scherzreden, mit denen wir uns gegenseitig zum besten hielten.

Nicht lange, so glückte es uns auch, zwischen den Bäumen hindurch, wiewohl noch in ziemlicher Ferne, unser altes, ehrliches Grauschimmelchen gegen uns herkommen zu sehen, doch so, daß es häufig stillstand, um ein wenig zu grasen oder sich umzuschauen. Aber zu unserer großen Freude sahen wir einen stattlichen Gefährten von seiner Art ihm zur Seite traben, den ich bald für ein prächtiges Quagga oder einen Waldesel erkannte und nach dessen Besitz mir sogleich der Mund über die Maßen zu wässern anfing.

Der schweizerische Robinson

Unverzüglich stieg ich also mit Fritz von dem Baume hinunter, mahnte mein Hausvolk, sich droben so still als möglich zu halten, und dachte mit aller Anstrengung auf ein Mittel, den willkommenen Fremdling einzufangen.

Demnach bereitete ich schnell eine zulaufende Schlinge an einem ziemlich langen Strick, dessen anderes Ende ich an eine Baumwurzel festknüpfte. Die Schlinge ward an der Spitze von einer Stange vermittelst eines Querstäbchens offen erhalten, so daß, wenn man sie dem Tier über den Kopf warf, das Querstäbchen hinwegspringen, die Schlinge den Hals umschnüren und das Tier gefangen sein mußte.

Ferner rüstete ich ein Stück Bambus, etwa zwei Fuß lang, das ich unten spaltete und oberhalb mit Packfaden umwand, damit es nicht ganz voneinander risse und mir sogleich den Dienst einer Zange leisten konnte.

Fritz sah meiner Arbeit neugierig zu, ward ein wenig ungeduldig, weil er den Nutzen davon nicht einsehen konnte, und erbot sich endlich, mit seinen Wurf kugeln auf den Wildling loszugehen, um ihn aufs schnellste in unsere Gewalt zu bringen. Allein ich wollte für diesmal der patagonischen Jägerei nicht Raum gestatten, weil ich befürchtete, daß der Wurf nur allzuleicht mißlingen und den prächtigen Waldesel für immer verscheuchen dürfte. Deswegen hielt ich den Knaben zurück, bis sich der Fremdling ein wenig herangemacht hatte, und in der Zwischenzeit gab ich ihm über den Gebrauch meiner Schlinge den nötigen Unterricht. Als sich die zwei Weidgänger uns dann beträchtlich genähert hatten, ließ ich Fritz mit der Stange und der offenen Schlinge daran hinter dem Baume, wo wir versteckt gewesen, sachte hervortreten und ganz langsam nach dem wilden Esel hinschleichen, soweit es die Länge des Strickes, der, wie gesagt, an einer Baumwurzel festgeknüpft war, nur irgend gestattete.

Unser Waldesel fing mächtig an zu stutzen, als er die Menschengestalt plötzlich zu Gesicht bekam, und mißtrauisch sprang er einige Schritte zurück, um das Geschöpf, das ihm völlig unbekannt schien, mit prüfendem Bücke zu mustern. Aber weil Fritz sich äußerst ruhig hielt, so fing der Fremdling unbefangen wieder an zu grasen, und Fritz näherte sich ganz sachte unserm alten Hausgenossen, durch dessen Vertrauen er auch den Wildfang kirre zu machen wohl am ehesten sich getrauen durfte. Lockend streckte er deswegen eine Handvoll Haber mit Salz vermischt dem Grauschimmel entgegen, und ohne Verzug eilte dieser herbei, um das beliebte Futter sogleich in Empfang zu nehmen. Dem Fremdling schien dieses aufzufallen; er näherte sich, hob seinen Kopf empor, schnaufte leise durch die Nase, witterte den Leckerbissen, den es zu naschen gab, kam abermals ein wenig näher und konnte zuletzt seiner Neugierde, seiner Freßlust und dem gefährlichen Beispiel seines Gesellen so wenig mehr widerstehen, daß er ganz nahe an Fritz heranrückte und dieser mit Gewandtheit ihm den Strick am Ende seiner Stange über den Kopf und den Hals werfen konnte.

Aber jetzt, da der Wildfang diese Bewegung mit Erschrecken wahrgenommen und die derbe Berührung etwas unsanft empfinden mochte, ward er auch plötzlich scheu und wollte sich in eilender Hast aus dem Staube machen. Doch umsonst! Denn die Schlinge an seinem Halse wurde sogleich durch die Bewegung zusammengezogen, nahm dem armen Gefangenen den Atem und zwang ihn, mit herausgestreckter Zunge auf den Boden zu fallen und demütig still zu sein.

Jetzt sprang ich unverweilt aus meinem Hinterhalte hervor, löste nach Bedürfnis das angespannte Seil, damit der zierliche Wildling mir nicht ersticke, warf ihm die Halfter unseres Esels rasch um den Kopf, nahm mein gespaltenes Rohr, klammerte ihm die Scheidewand der Nase tüchtig dazwischen, band dann die Zange nach unten zusammen, damit sie nicht abfallen möchte, und hatte nun den Burschen auf die nämliche Weise gebändigt wie die Schmiede, wenn sie ein wildes Pferd zu beschlagen haben. Hierauf löste ich die Schlinge von dem Halse gänzlich ab, und indem ich die Halfter mit zwei langen Stricken an zwei nahestehenden Baumwurzeln rechts und links befestigte, ließ ich das Tier zu sich selber kommen, um zu sehen, wie es sich gebärden würde und was zu seiner Bezwingung vielleicht noch vonnöten sei.

Inzwischen war mein ganzes Hausvolk eilfertig von dem Baume herabgestiegen, und in froher Bewunderung standen wir sämtlich um den prächtigen Wildling her, dessen schlanker Bau ihn weit über die Klasse der Esel hinweg, beinahe zu der Würde eines Pferdes zu erheben schien. Nach einer Weile sprang der Geplagte wieder empor auf seine Füße und schien Lust zu haben, einen Versuch zu seiner Rettung zu machen; aber der Schmerz an seiner eingeklemmten Nase dämpfte sogleich seine Regsamkeit, und er fand für gut, sich so sittsam zu benehmen, daß ich es wagen durfte, ihn ganz sanft zwischen zwei Wände von Baumwurzeln zu leiten, wo der eine Strick von der Halfter schon befestigt war und jetzt auch der andere so kurz angebunden wurde, daß dem Tiere fast der ganze Spielraum, sich zu bewegen und etwa loszureißen, klüglich benommen ward und wir mit ziemlicher Sicherheit ihm zu nahen vermochten. – Jetzt erst, da man des edlen Wildfangs sich habhaft sah, dachte man auch daran, unsern Flüchtling wieder in Gewahrsam zu bringen und ihm das Ausreißen für die Zukunft schwieriger zu machen. Er ward mit einer neuen Halfter ebenfalls festgebunden, an den Vorderfüßen ein wenig gespannt und so in die Nähe des Waldesels gestellt, um diesen desto geneigter zu machen, in unserer Botmäßigkeit zu bleiben, weil am Tage lag, daß die Verschiedenheit des Geschlechtes das Quagga mochte bewogen haben, sich an unsern Hausgenossen anzuschließen, und wir also hoffen durften, diese Ursache würde fortwährend beitragen, den Wildfang immer mehr an uns zu gewöhnen.

Unsere erste Sorge ging dahin, den neuen Ankömmling zu zähmen und ihn sowohl zum Lasttragen als zum Reiten abzurichten. Zwar kostete es nicht geringe Mühe, aber endlich gelang es doch, ihn folgsam zu machen.

Nach ein paar Wochen war unser Wildling schon so weit erzogen, daß man ihn mit ziemlicher Sicherheit reiten konnte und nur noch die beiden Vorderfüße mit einem Seil etwas zu spannen brauchte, damit er sich nicht gar zu schnell in die Weite verlaufe. Doch war es jetzt auch um die Leitung desselben zu tun, und in Ermangelung eines tüchtigen Gebisses suchte ich dieses vermittelst eines Kappzaums ins Werk zu setzen, wobei aber durch leichte Berührung der Ohren so ziemlich erreicht wurde, was der Kappzaum nicht hinreichend leistete, daß man nämlich das Tier bald zur Rechten, bald zur Linken seitwärts zu gehen bewog, so wie man es ratsam fand.

Während dieser Geschichten war eine dreifache Brut von Küchlein aus den Eiern geschlüpft, und eine Menge von etwa vierzig jungen Hähnchen und Hühnern schwärmte zirpend, zu großem Vergnügen der Mutter, um uns her.

Diese Vermehrung mahnte uns an eine neue Bequemlichkeit, die wir uns schon lange gewünscht hatten und die wir sogleich uns einzurichten nicht mehr anstehen wollten.

Es war uns nämlich schon länger bange gewesen vor dem Eintritte der Regenmonate oder des Winters dieser Gegenden; und da dieser schwerlich noch lange ausbleiben konnte, so mußten wir auf ein Obdach für unser Vieh und Geflügel denken, weil wir dasselbe der übeln Witterung nicht aussetzen durften.

Zu dem Ende fingen wir an, eine Bedeckung über die gewölbten Baumwurzeln unserer Wohnung hinzuziehen, indem wir Bambusrohre von der einen zu der andern hinüberlegten, sie befestigten, hin und wieder unterstützten, mit dünnerm Rohre durchflochten, endlich mit Moos und Lehm überdeckten, mit einem Gusse von Teer kalfaterten und so eine Bedachung zustande brachten, auf der man ordentlich herumspazieren konnte und die, nach außen mit einem Geländer versehen, gleichsam einen Balkon darstellte, unter dem zwischen den Baumwurzeln jetzt allerlei Gemächer vor Regen und Sonne gesichert standen, die uns ferner je nach Bedürfnis eingefaßt zur Speisekammer, zum Milchkeller und zu verschiedenen Stallungen dienten, wo unser Vieh geschirmt war und wo wir auch für die Regenzeit trockenes Heu oder dürre Blätter zu Futter und Streue für unser Vieh mit Bequemlichkeit aufbewahren konnten.

Die Speisekammer mit allerlei Vorrat auf den Winter im Überfluß zu versehen war unsere nächste Angelegenheit, und täglich zogen wir aus, um etwas Nützliches herbeizuschaffen, das uns entweder als Nahrung oder als Mittel einer zweckmäßigen Beschäftigung wünschenswert erschien.

Als wir eines Abends so vom Kartoffelngraben wieder heimkamen und unsern Wagen mit vollen Säcken durch die Kuh, das Büffelkalb und den Esel vor uns hinschleppen ließen, fiel mir ein, die Mutter mit den Kleinen vollends auf dem geraden Wege nach Hause zu senden und inzwischen mit Ernst und Fritz einen Umweg durch den Süßeichelwald zu nehmen, um dort ein paar Säcke voll dieser Früchte zu sammeln und die Ausbeute dieses Tages noch ergiebiger zu machen. Ernst hatte seinen Affen bei sich, und Fritz saß ritterlich auf dem gebändigten Quagga.

Wir führten ein paar leere Säcke mit uns, die zur Aufnahme der Eicheln bestimmt waren und die der Wildling als ein Probestück, da er sich durchaus nicht zum Ziehen gebrauchen lassen wollte, auf seinem Rücken nach Falkenhorst tragen sollte, damit er doch anfange, zum allgemeinen Besten und nicht bloß zur Lustbarkeit des Reitens seine hilfreichen Dienste zu tun.

Der schweizerische Robinson

Als wir an Ort und Stelle gekommen waren, wurde der Springer, dem wir den Namen Leichtfuß erteilt hatten, an eine Staude gebunden, und wir machten uns emsig an die Arbeit des Einsammelns, die denn auch bei der Menge von abgefallenen Früchten aufs schnellste vonstatten ging. Wir waren aber mit dieser Beschäftigung noch lange nicht zum Ziel gekommen, als wir durch unsern Affen plötzlich darin gestört wurden, der unversehens in das nächste Gebüsch sprang, nach dem er lange schon seitwärts geschielt hatte; und jetzt erhob sich in demselben ein kreischendes Vogelgeschrei und ein rauschendes Schlagen mit Flügeln, das auf einen lebhaften Kampf unseres Affen mit irgendeinem Buschbewohner schließen ließ.

Ich ermunterte Ernst, der am nächsten bei dem Kampfplatze stand, doch auszukundschaften, was eigentlich vor sich gehe; und als der Junge sich etwas mehr hinangeschlichen hatte, rief er uns freudig zu: »Vater, ein Hühnernest mit Eiern! Der Affe streitet mit der Henne! Fritz kann sie fangen, wenn ich den Affen hier festhalte!« – Bei diesen einladenden Worten sprang Fritz ohne Säumen hinzu und brachte mir in der Tat nach kurzer Frist ein schönes lebendiges Weibchen des kanadischen Kragenhahns, den er vor einiger Zeit geschossen hatte. Ich war höchlich über diesen Fund erfreut, und sofort wurden dem Tier Flügel und Füße mit Bindfaden zusammengeschnürt, um es am Ausreißen zu hindern. Inzwischen war Ernst bei dem Gebüsche zurückgeblieben, hatte seinen Affen hinausgejagt und kam nun sachte gegen uns zu, trug bedächtig seinen Hut in der Hand und hatte seinen Gürtel mit Blättern besteckt, die gleich so viel Degen spitzig herausstanden und mir auf das erste Ansehen von der Schwertlilie zu sein schienen; dann zog er sein Schnupftuch, das bisher den Inhalt seines Hutes bedeckt hatte, mit Sorgfalt hinweg, streckte mir den Hut entgegen und rief lustig: »Da, Vater, da sind jetzt Eier von dem Kragenhuhn! – Sie lagen in einem ganz verhudelten Neste unter vielen Lilienblättern, so daß ich sie nicht einmal gefunden haben würde, wenn sich die Henne nicht so wütend gegen den Affen verteidigt hätte, daß die Blätter in Unordnung kamen und die Eier mir endlich von selbst in die Augen fielen. Ich denke, wir werden der Mutter damit ein großes Vergnügen machen. Die Blätter aber, die ich hier eingesteckt habe, bringe ich Fränzchen; denn sie sehen aus wie Schwerter und werden ihm ein lustiges Spielzeug sein, damit zu fechten und einzuhauen!« Nachdem wir unsre Säcke vollends mit Eicheln angefüllt hatten, luden wir sie dem Quagga auf den Rücken; Fritz schwang sich dazwischen, und wir traten insgesamt den Rückweg nach Falkenhorst an, wobei Ernst die gefundenen Eier und ich das Kragenhuhn geduldig zu tragen übernahmen.

Die Mutter war über unsern Fund sehr erfreut; sie behandelte die alte Henne so gut und zweckmäßig, daß sie fortfuhr, die Eier auszubrüten, uns in wenigen Tagen mit fünfzehn Hühnchen beschenkte und mit ihrer jungen Brut bald ganz zahm wurde.

Ein paar Tage nach unsrer Rückkehr, da Fränzchens Lilienschwerter schon ganz verwelkt auf dem Boden herumlagen, geriet Fritz auf den Einfall, sie wieder zusammenzulesen, den Kleinen herbeizurufen und ihm zu sagen: »Sieh, Brüderchen, deine Schwerter sollen jetzt zu einer wackern Peitsche werden, damit sie doch nicht umsonst verfaulen; du kannst damit die Schafe und Ziegen besser in Ordnung halten.«

Die Knaben setzten sich nebeneinander hin; Fränzchen mußte die Blätter in lange Riemchen zerfetzen, und Fritz verflocht sie zu einem tüchtigen Geißelstrick, der in kurzem zustande kam.

Ich bemerkte nicht ohne frohe Ahnung, als ich dieser Arbeit ein wenig zusah, wie zäh und biegsam die Blattriemchen sich winden und fügen ließen, und begann deswegen ein Stückchen davon genauer in Augenschein zu nehmen. Da sah ich denn, daß die Blätter aus langen, geschmeidigen und starken Fasern zusammengesetzt seien und daß nur ein grünlicher Pflanzenschleim sie zu einem Stengel verknüpfe. Dies gab mir die Vermutung, daß die vermeintlichen Lilienblätter in der Tat wohl etwas anderes, und zwar die neuseeländische Flachspflanze (Phormium tenar) wären, deren Entdeckung mir in unsrer Lage ganz unaussprechlich kostbar sein mußte und darum sogleich, wiewohl noch als bloße Vermutung, meiner Frau gemeldet wurde, die darüber in Entzücken geriet und mit lebhafter Freude ausrief: »Oh, welch ein herrlicher Fund! Der beste, den ihr je nach Hause gebracht habt! Schafft mir solche Blätter herbei, soviel ihr nur könnt! Das gibt Strümpfe, gibt Hemden, gibt Kleider, gibt Faden und Stricke und was man irgend sich wünschen kann!« – Ich mußte über diese Begeisterung der Mutter ein wenig lachen, aber es war doch eben die Gesinnung einer tüchtigen Haushälterin, der das Herz im Leibe hüpft, wenn von Hanf und Flachs nur die Rede ist.

Während ich indes den Eifer der Mutter ein wenig zu mäßigen strebte, weil der Weg von diesen Blättern bis zur Leinwand doch noch gar zu schwierig und in die Länge gezogen wäre, schlichen sich Fritz und Jack unvermerkt zur Seite, sprangen, ohne mich zu fragen, einer auf den Wildling, der andre auf den Büffel, und eilten so rasch gegen den Wald hinein, daß wir sie bald aus den Augen verloren.

Nach einer guten Viertelstunde kamen unsre Ritter in eilfertigem Trabe wieder zu uns heim. Sie hatten sich gleich fouragierenden Husaren zu beiden Seiten ihrer Pferde mächtige Bündel von der Flachspflanze angehängt und warfen uns dieselben unter allgemeinem Freudengeschrei vor die Füße. Ich hieß die Knaben, sich sofort unter die Befehle der Mutter verfügen und ihr zur Bearbeitung des Flachses, namentlich zum Rösten desselben, ungesäumt behilflich zu sein.

Wir legten zu diesem Zwecke die Pflanzen zunächst in den Bach; im Wasser sollten die weichen Blatteile verfaulen; die härtern mußten dann noch überbleiben.

Nach Verlauf von ungefähr vierzehn Tagen hielt die Mutter dafür, daß unser Flachs wohl sattsam geröstet sein möchte, und wir zogen abermals aus, um ihn aus seiner Beize ans Tageslicht zu ziehen. Er wurde gleich in der Nähe auf das Gras in die Sonne gebreitet und trocknete hier in einem einzigen Tage so vollkommen ab, daß wir ihn des Abends auf unsern Karren laden und ohne Schwierigkeit zu fernerer Verarbeitung nach Falkenhorst führen konnten. Hier fand sich indessen noch keine Zeit, um uns Hecheln und Brechen oder vollends auch Haspeln und Spinnräder zu verfertigen; vielmehr mußten wir uns mit immer größerem Ernste auf das Einbrechen der Regenzeit gefaßt machen, und bei der Ungewißheit, wie lange sie wohl dauern könnte, fleißig dafür sorgen, daß sowohl für uns als für alle unsere Haustiere hinlänglicher Mundvorrat bei der Hand sei. Schon fielen von Zeit zu Zeit Regenschauer; die Witterung, die bisher unausgesetzt warm und heiter gewesen war, zeigte sich jetzt trüb und veränderlich, der Himmel war dann und wann umwölkt, die Winde bliesen beinahe stürmisch, und alles ermahnte uns, jeden Augenblick zu benutzen, unsere Geschäfte im Freien zu beendigen.

Besonders waren wir darauf aus, Kartoffeln und Maniokwurzeln auszugraben, weil diese Speise uns am liebsten war und sich am leichtesten aufbewahren ließ. Doch versäumten wir nicht, auch Kokosnüsse und süße Eicheln in beträchtlicher Menge zusammenzulesen und auf einen angenehmen Wechsel in unserer Winterkost bedacht zu sein. Beim Ausgraben der Erdäpfel und des Manioks aber schien es uns ratsam, in das locker gemachte und aufgerissene Erdreich soviel als möglich von unsern europäischen Getreidearten hineinzusäen, weil wir zu einem regelmäßigen Pflügen und Ackern noch nicht eingerichtet waren und gleichwohl unser vaterländisches Korn und Mehl, trotz all den Leckerbissen des südlichen Klimas, unter dem wir lebten, in mancherlei Hinsichten allzu schätzbar fanden, als daß wir für seine Erhaltung und Vermehrung nicht hätten ernstlich besorgt sein sollen.

Überhaupt war nun offenbar die gelegenste Zeit zum Pflanzen und Säen von jeder Art; denn der bevorstehende Regen versprach allem die gehörigen Säfte zur Entwicklung und erweichte das Erdreich zum Anwurzeln der Gewächse, die sonst in dem harten und ausgebrannten Boden unmöglich hätten einschlagen können. Wir eilten daher, auch eine Anzahl junger Kokospflanzen nach Zeltheim zu versetzen, und gruben eine Menge Zuckerrohr in der dortigen Nachbarschaft ein, damit wir an diesem so gelegenen und so befestigten Orte in Zukunft von allem, was uns das Nützlichste und Angenehmste war, einige Vorräte bei der Hand haben möchten.

Aber ungeachtet der musterhaften Tätigkeit, mit der wir uns in die Verfassung setzten, dem Sturme des Winters die Spitze zu bieten, brach doch endlich die volle Regenzeit noch bei weitem zu früh herein, als daß sie uns nicht hätte unbequem und selbst gefährlich über den Leib kommen sollen. Es fielen freilich auch Güsse vom Himmel, daß mich Fränzchen mit Tränen befragte, ob dies eine Sintflut geben würde, und ich gar nicht absehen konnte, wie wir uns gegen die Nässe auf die Dauer zu schützen vermochten.

Das erste, was uns außerordentlich belästigte, war die Notwendigkeit, mit größter Schleunigkeit von unserm lustigen Baumquartier hinab in das Erdgeschoß zwischen die Baumwurzeln unter das Rohrdach zu ziehen; denn in der Höhe war es schon wegen des durchdringenden Windes und bald wegen des Regens selbst unmöglich mehr auszuhalten, und wir mußten alles hinunterschleppen, was irgend von der Feuchtigkeit bedeutend verdorben werden konnte. Aber nun wurden die Gemächer auf ebenem Boden so vollgepfropft von allerlei Hausrat, Betten und lebendigen Geschöpfen, daß man sich beinahe nicht rühren konnte. Obendrein war der Geruch des benachbarten Viehes, sein Geschrei, der Rauch, wenn wir Feuer anmachten, schier unerträglich. Doch ward all diesem Übelstand nach und nach ein wenig gesteuert, und wir erhielten durch ein engeres Zusammendrängen der Haustiere und durch Aufschichten von mancherlei Gerätschaften auf unserer Wendeltreppe nach einigen Tagen doch so viel Raum, daß wir arbeiten und uns des Nachts mit Bequemlichkeit strecken und ausruhen konnten. Das Kochen verschoben wir allemal, solange es nur möglich war, und ersparten uns die Qual der Räucherung, selbst auf Unkosten unsrer Leckerhaftigkeit, mit großem Vergnügen. Im übrigen fehlte uns fast gänzlich das nötige trockene Holz, und wir dankten dem Himmel, daß die Witterung nicht sonderlich kalt ward; denn sonst hätten wir uns nicht mehr zu helfen gewußt.

Der schweizerische Robinson

Schlimm war besonders der Umstand, daß wir für unser sämtliches Vieh bei weitem nicht genug Heu oder Laub gesammelt hatten und doch nicht imstande waren, den Abgang mit Kartoffeln oder Eicheln oder ähnlichen Vorräten auszugleichen; denn nun sahen wir uns in der Notwendigkeit, die meisten unserer Tiere, selbst mitten im Regen, aus den Ställen zu treiben, um sie ihr Futter sich selbst suchen zu lassen.

Um nun täglich das ausgetriebene Volk, wenn es Abend ward, wieder heimzuholen, mußte bald Fritz, bald ich mich entschließen, in den Regen zu gehen, um fast jedesmal bis auf die Haut durchnäßt und von Kälte halb erstarrt wieder zurückzukommen. Dies veranlaßte die Mutter, an ein Gewand zu denken, das uns bei solchen Ausflügen ausgiebig vor dem Regen zu beschützen vermöchte.

Es ward demnach ein gutes Matrosenhemd aus einer Kiste genommen und mit einer tuchenen Kapuze versehen, die sich bequem über den Kopf ziehen ließ und einen vortrefflichen Schutz gewährte. – Das Ganze tränkten wir mit Federharz, wovon uns ein Vorrat von der Stiefelmacherei übriggeblieben war, und so erhielten wir eine Art von Panzer, der, undurchdringlich für das Wasser, uns außerordentliche Dienste leistete. Nun konnten wir, trotz aller nassen Witterung, ohne Gefahr für unsere Kleidung und selbst für unsere Gesundheit ins Freie gehen und dort die erforderliche Arbeit tun.

Im übrigen suchten wir uns den Aufenthalt in unserem Winterquartier auf alle mögliche Weise nützlich und kurzweilig zu machen. Ich entschloß mich, zum Zeitvertreib die Geschichte unseres Lebens in diesem fremden Lande ausführlich niederzuschreiben und teils zur Belehrung, teils zum Vergnügen ein bleibendes Denkmal davon aufzustellen. Die Mutter und die Knaben waren mir auch gern bei diesem Geschäfte behilflich, und durch die vereinigten Beiträge aller kam die Schilderung der vergangenen Monate so getreu zustande, als sich nur wünschen ließ.

Die letzte und wohl die nützlichste meiner Winterarbeiten war die Vollendung einer Hanfbreche und zweier Hecheln, von denen die eine grob, die andere fein gemacht ward. Ich nahm dazu lange Nägel, die rund gefeilt und gleichmäßig zugespitzt wurden. Diese schlug ich in gehöriger Dichtigkeit nebeneinander durch ein großes Eisenblech, so daß ringsherum von dem Blech, fast anderthalb Zoll breit, ein undurchbrochener Rand übrigblieb, der dann auf allen Seiten rings um die Nägel her emporgekrümmt gleichsam eine niedrige Schachtel bildete. Hierauf wurde Blei zerschmolzen, die Vertiefung bis an das oberste Bord damit ausgegossen und so den emporgerichteten Nägeln, die noch gut vier Zoll lang frei standen, eine feste Haltung gegeben, damit sie beim Hecheln den gehörigen Widerstand leisten und doch in die Hanfbüschel hinreichend eingreifen könnten. Zuletzt lötete ich an das Blech ein paar Öhrchen, um es vermittelst derselben je nach Bedürfnis auf eine Unterlage festzuschrauben oder festzunageln; und so ward die ganze Maschine von einer Brauchbarkeit und Dauerhaftigkeit, daß die Mutter vor Begier brannte, sie sogleich erproben zu können, und mit unablässigen Seufzern die bessere Jahreszeit herbeiwünschte, wo es wieder möglich wäre, im Freien ein Feuer zu machen, den Flachs, der von neuem feucht geworden war, in die Darre zu bringen und endlich mit Brechen und Hecheln einen durchgreifenden Versuch anzustellen, der ihrem hausmütterlichen Herzen zum Trost und zur Lust gereichen sollte.

Fünftes Kapitel

Die Mutter spinnt Garn. Die Wohnung im Fels. Der Heringszug kommt. Man findet Baumwolle, gründet neue Niederlassungen und baut ein Boot. Die Täubchenernte trifft ein. So zähmt man Tauben.

Der schweizerische Robinson

Ich kann nicht sagen, wie froh und glücklich uns zumute ward, als nach langen, trübseligen Wochen der Himmel begann, sich aufzuklären, die Sonne wieder schien und die Witterung anfing, milder und ruhiger zu werden. Mit lautem Jubel entschlüpften wir unsern dumpfigen Gemächern, ergingen uns an der frischen Luft und erlabten unsre Augen an dem heitern jungen Grün, das allenthalben kräftig aus der Erde keimte. Die ganze Natur war gleichsam neu erstanden. Jedes Geschöpf sog mit Wonne die neue Lebensluft in sich ein. Alle Plagen des sogenannten Winters waren vergessen, und voller Zuversicht sahen wir den Arbeiten und Beschwerden des Sommers entgegen, als seien sie ein Kinderspiel.

Unsere gesamte Baumpflanzung stand im lebendigsten Triebe; die Samen, die wir dem Erdreich anvertraut hatten, stiegen üppig empor, an den Bäumen prangte der Schmuck frisch ausschlagender Blätter und Zweiglein; der Boden überkleidete sich mit einer herrlichen Mannigfaltigkeit der vielfarbigsten Blumen und der saftigsten Kräuter, die man nur sehen konnte; balsamische Düfte von zahllosen Blüten durchzogen die Luft, und der Gesang der aufwachenden, überall aus ihrem Versteck in das gemeinsame Leben hervoreilenden, buntgefiederten Vögel vollendete das Bild eines lachenden Frühlings und einer aufgehenden Schöpfung.

Der schweizerische Robinson

Voll neuen Mutes begannen wir jetzt unsre Arbeiten durch das Aufräumen und Ausputzen unsres Baumschlosses, wo der Regen und abfallendes Laub es verderbt oder verunstaltet hatten; und nach wenigen Tagen schon waren wir imstande, es wieder förmlich zu beziehen, die Wendeltreppe frei zu machen, die Gemächer zwischen den Wurzeln mit der alten Bequemlichkeit einzurichten und uns nun ferner zweckmäßigen Unternehmungen eifrig zuzuwenden.

Der Mutter lag natürlich vor allem ihr geliebter Flachs am Herzen. So trug ich ihr also, indes die Jungen unser Vieh ins frische Gras hinaustrieben, die feuchtgewordenen Bündel der Flachspflanze ins Freie und half ihr, ein Gestell zum vorläufigen Dörrofen erbauen, damit alles recht schnell getrocknet werden könne. Dann ging das Brechen und Hecheln los. Die Jungen wurden angestellt, um allenthalben beizuspringen, besonders aber die Stengel vor dem Brechen mit tüchtigen Prügeln auf einem Tisch abzuklopfen, um so das Sprödeste von der Haut herauszuschlagen. Die Mutter hielt sich ans Brechen, ich selbst machte den Hechler und lieferte so vortreffliche Ware, daß wir alle ganz entzückt waren.

»Nun schnitze mir aber auch gleich eine Spindel, lieber Mann«, bat die Mutter, ganz rot vor Eifer, »damit ich sofort anfangen kann, die Büschel zu Garn zu verarbeiten.«

Durch Kunst und Fleiß brachte ich denn wohl eine Spindel und selbst einen Haspel glücklich zustande; und nun ergab sich die gewerbsame Frau dem Geschäft ihrer liebsten Bestimmung mit einer solchen Leidenschaft, daß sie nicht einmal Lust zeigte, den lang entbehrten Genuß eines Spazierganges oder eines Ausflugs in die Weite sich angedeihen zu lassen, sondern froh war, wenn nur wir uns davonmachten und sie höchstens mit einem der Knaben zu Hause ließen, damit sie desto ungestörter für die künftigen Bedürfnisse von Fäden, Schnüren, Strümpfen und Leinwand gehörige Vorkehrungen treffen könnte.

Wir aber unternahmen sofort einen Zug nach Zeltheim, um zu sehen, wie der Winter sich dort bemerkbar gemacht habe und ob auch da zu flicken und aufzuräumen sei, wie es in unserem Baumpalaste so nötig gewesen war.

Wir fanden leider, daß Zeltheim ohne Vergleich härter mitgenommen und mannigfaltiger beschädigt worden war als das luftige Falkenhorst. Sturm und Regen hatten vereint das Zelt niedergeworfen, einen Teil der Segeltücher hier völlig weggeführt und alle unsre Vorräte dermaßen angegriffen, daß vieles sich ganz unbrauchbar zeigte und anderes nur durch die schleunigsten Anstalten zum Trocknen vor dem Untergange bewahrt werden konnte.

Glücklicherweise war doch die wohlgebaute Pinasse so ziemlich von aller Zerstörung verschont geblieben. Dagegen schien unser Tonnenschiffchen entsetzlich heruntergebracht und so baufällig, daß ich gar nicht hoffen durfte, es zu einer Fahrt wieder gebrauchen zu können.

Bei genauerer Prüfung unsrer Vorräte zeigte sich besonders ein namhafter Schaden in unserm Pulver, von dem ich drei Fäßchen unter dem Schirme des Zeltes zurückgelassen und nicht in das größere Magazin unter die Wölbung der Fluß hinter den Vorsprung der Felsreihe gebracht hatte. Zwei von diesen Fäßchen fand ich durch hineingedrungenes Wasser so gänzlich zugrunde gerichtet, daß ihr Inhalt ohne allen Nutzen weggeschüttet werden mußte. Dieser wichtige und leider unersetzliche Verlust wurde mir jetzt ein Antrieb, desto schneller auf ein künftiges Winterquartier zu denken, wo dergleichen Unfälle nicht mehr möglich wären und wo wir sowohl uns selbst als unsre sämtlichen Gerätschaften mit Sicherheit durch die nassen Monate hindurchfristen könnten.

Indes wagte ich keineswegs zu hoffen, daß wir, nach Fritzens riesenmäßigem Vorschlag, uns in die Felswand würden eingraben können; denn zu diesem Unternehmen schien bei unsern äußerst beschränkten Kräften kaum die Verwendung von drei oder vier Sommern hinreichend zu sein. Gleichwohl ließ mir meine Sehnsucht nach einer geräumigen und wasserfesten Wohnung gar keine Ruhe, bis ich wenigstens einen Versuch gemacht haben würde, wie der Fels sich bearbeiten lasse, und vorläufig einen Keller für unser Pulver ausgehöhlt hätte, wo dieser kostbarste von unsern Schätzen gegen die Unbill der Witterung künftig auf eine zuverlässige Weise geborgen wäre.

Bevor also die Mutter noch fertig ward mit ihrer Spinnerei, zog ich an der Spitze meiner diesmaligen Gehilfen, Fritz und Jack, eines Morgens, nachdem wir schon ein paar Tage bei Zeltheim verweilt hatten, um nur das allgemeine Trocknen zu besorgen, ausdrücklich in der Absicht von Falkenhorst ab, mit Pickeln, Brecheisen und Meißeln an den Felsen unser Glück zu versuchen und zum mindesten eine Wölbung für ein paar Pulverfäßchen zustande zu bringen. Ich wählte mir an der Fluh eine geeignete Stelle, wo sie beinahe glatt, vollkommen abschüssig oder lotrecht in die Höhe ging und, etwas besser gelegen als unser Zelt, eine umfassende Übersicht der Rettungsbucht, samt dem Ufer zwischen dem Schakalbache rechts und dem Vorsprunge des Felsens links, ohne Schwierigkeit möglich machte. Hier zeichnete ich mit Kohle den Umriß der Öffnung, die wir aufs Ungefähr hineinhauen wollten, und begann alsbald mit den zwei Knaben im Schweiße unsres Angesichts das saure Geschäft eines Steinbrechers.

Der erste Tag brachte uns so wenig vom Flecke, daß wir trotz unsres anfänglichen Mutes ganz kleinlaut wurden und fast verzweifelten, auch nur einen erträglichen Keller bis zur nächsten Regenzeit zustande zu bringen. Doch, was mir in den folgenden Tagen sogleich wieder Vertrauen und Hoffnung gab, war der Umstand, daß die Härte des Gesteins, sowie wir etwas tiefer kamen, allmählich abnahm; ja, es wurde endlich so weich, daß man es mit nur noch geringer Anstrengung loshacken und herausschaufeln konnte.

Wir waren schon mehrere Fuß weit eingedrungen. Jack, als der Kleinste, hockte an der Hinterwand des Loches und arbeitete keuchend und schnaufend mit seinem Brecheisen drauflos. Plötzlich stieß er einen Schrei aus und rief dann atemlos: »Vater, ich bin durch! Ich bin durch!«

»Ja, wohin denn durch«, antwortete ich, »doch wohl schwerlich durch den ganzen Berg!«

»Freilich durch den Berg!« schrie das Bürschchen, »juchhe, juchhe!«

»Wahrhaftig«, rief Fritz, der sofort hingestürzt war, »komm doch mal her, Vater, das ist höchst merkwürdig. Sein Brecheisen scheint durch das Gestein hindurch in einen offnen Raum zu gehen. Sieh nur, man kann es drehen und wenden, wie man will.«

Verwundert trat ich hinzu und faßte den Stiel des Werkzeugs, das immer noch eingesteckt war. Eine freudige Ahnung durchzuckte mich. Schnell, hastig, aufgeregt arbeitete ich Stück um Stück von der Felsmasse los, und nach einer kleinen Viertelstunde hatte ich ein Loch aufgerissen, das groß genug war, um einen Menschen durchzulassen. Beide Jungen wollten auch sofort hinein. Aber ich hielt sie zurück; denn eine ganz entsetzliche Stickluft drang mir aus der gesprengten Öffnung entgegen und benahm mir schier den Atem.

»Weg, weg!« rief ich ihnen zu, indem ich selbst schnell wieder ins Freie zurücktrat. »Hütet euch, in diese gefährliche Höhle hineinzugehen. Die Luft darin ist tödlich.«

»Wieso? Warum?« riefen beide.

»Sie ist verdorben und taugt nicht mehr zum Atmen.«

»Wie kommt das?«

»Das kommt«, sagte ich, »wenn sie mit vielen schädlichen Ausdünstungen angefüllt ist oder wenn sie brennbare Gase enthält oder Kohlensäure, die zu schwer zum Atmen ist, so daß der Mensch darin ersticken muß.«

»Ja, was machen wir denn nun aber?« fragten die Jungen tief enttäuscht.

»Wir müssen versuchen, die Luft in der Höhle zu reinigen.«

»Na, das soll uns wohl schwer werden«, meinte Jack.

»Vielleicht sogar unmöglich; denn es ist ja noch die Frage, wodurch die Luft da drin verdorben ist. Jedenfalls müssen wir alles tun, was wir können. Das Ding ist wichtig genug. Zuerst die Feuerprobe. Schnell bringt ein tüchtiges Bündel dürres Gras zusammen.«

Dies war in wenigen Minuten geschehen. Ich zündete es an und warf den brennenden Klumpen in die Höhle. Aber im Nu war er erloschen. Da bedurfte es also wirksamerer Mittel. Wir saßen und guckten uns an. »Wenn man Pulver drin abbrennen könnte«, schlug Jack vor.

»Halt«, rief ich und sprang mit einem Satz in die Höhe. Ich besann mich plötzlich auf eine Kiste mit Raketen und Granaten, die wir mit gerettet hatten und die zu nächtlichen Signalen bestimmt gewesen waren. Schnell lief ich, von den neugierigen Jungen gefolgt, zu unserm Zelt; die Kiste war unbeschädigt. Ich nahm ein paar Stück heraus, gab ihnen welche zu tragen, und so verfügten wir uns wieder vor die Pforte der gähnenden Unterwelt. »Jetzt wollen wir den bösartigen Luftgeistern aber mal gehörig auf den Leib rücken«, sagte ich vergnügt und brannte meine erste Granate los.

Es knallte prachtvoll in die scheußliche Kluft hinein, und die Leuchtkörper fuhren wie strahlende Meteore über den Boden bis an die Hinterwand, wo sie zurückprallten, emporsprangen, mit dumpfem Getöse zerplatzten und einen Strom von mephitischer Luft durch den Ausgang davonjagten.

Nachdem wir eine Weile so geschossen und gefeuerwerkt hatten, ließ ich einen zweiten Versuch mit entzündetem Heu anstellen, und als die Bündel jetzt gemächlich auf dem Boden der Höhle herunterbrannten und zu Asche wurden, erkannten wir, daß wenigstens von seiten der Luft unser Eintritt nun gesichert und nichts mehr zu fürchten sei als die Gefahr, in dem Dunkel sich anzustoßen oder von zusammengelaufenem Wasser verschlungen zu werden.

Ich enthielt mich deswegen, ganz in die Grotte hineinzutreten, und beorderte dafür unsern Springinsfeld Jack, unverzüglich nach Falkenhorst zu reiten, dort die frohe Mär den Zurückgelassenen kundzutun, in ihrer Begleitung wieder umzukehren und soviel Kerzen herbeizuschaffen, als irgend vorhanden wären, damit wir uns gleich vereint in aller Bequemlichkeit zur Untersuchung des wunderbaren Gewölbes in seiner ganzen Ausdehnung auf den Weg machen könnten.

Der schweizerische Robinson

Inzwischen machte ich mich mit Fritz daran, den Eingang in das entdeckte Gewölbe breiter und höher zu machen, allen Schutt säuberlich wegzuführen und dergestalt bequeme Bahn zu brechen, daß unser Hausvolk sich unbesorgt in die Wundergrotte begeben könnte. Nach ein paar Stündchen langte die Mutter samt Ernst und Fränzchen auf unserm Erdäpfelkarren glücklich bei uns an.

Ungesäumt wurden jetzt die Wachslichter angesteckt und ein feierlicher Zug in das düstere Gewölb unternommen. Jede Person trug eine brennende Kerze in ihrer Rechten, irgendein Gerät in der Linken, ein unangezündetes Licht in der Tasche zum Vorrat und etwas Feuerzeug in dem Gürtel, um sogleich wieder Hilfe zu haben, wenn ihm unerwartet seine Kerze ausgelöscht würde. Alles schritt festlich einher, ich selber voran, die Knaben halb furchtsam, halb neugierig hinterdrein, die Mutter am Schlusse, und auf beiden Seiten unsere Hunde, denen der sonderbare Anblick Scheu und Besorgnis zu erwecken schien.

Es war ein prächtiges, erhabenes Schauspiel, als wir jetzt in der Grotte standen. Rings um uns her glänzten die Wände wie der gestirnte Himmel; vom Bogen des natürlichen Gewölbes hingen zahllose schimmernde Kristalle herab, und viele kamen auch an den Seiten hervor. Überall funkelte vervielfacht die Flamme von unsern Kerzen, als ständen wir in einem reicherleuchteten Königssaal oder in einem gotischen Dom während der Frühmesse, wo überall Lampen gesteckt sind und in mannigfaltig gebrochenem Strahle sich alle Farben und alle Grade des Lichtes bald in die Runde verbreiten, bald zum blendenden Tag auf irgendeinem gemeinsamen Platze sich zusammendrängen.

Der Boden unserer Höhle war fest, meistens eben, mit feinem Sande wie geflissentlich überstreut und, was mir am angenehmsten war, so trocken, daß ich nirgends auch nur eine Spur von Feuchtigkeit entdecken und also mit Recht auf vollkommenste Gesundheit dieses Wohnplatzes schließen konnte.

Ich fand zu meiner unsäglichen Freude teils aus der Kristallform, teils aus der geringen Festigkeit und ganz besonders endlich aus dem Geschmack eines abgeschlagenen Stückes von der Wand, daß wir in einer Höhle voll kristallisierten Bergsalzes seien, dem ein gewöhnlicher Gipsspat zu Grunde liege.

Wir ließen uns diesen angenehmen Fund höchlichst gefallen, weil er uns eine ganz erstaunliche Menge von Salz für uns selber und für unser Vieh beinahe gebrauchsfertig in die Hände gab und nur noch die Mühe des Zerstoßens übrigließ, die gegen das beschwerliche Sammeln am Meeresufer eine Kleinigkeit schien.

Entzückt, glückselig schmiedeten wir nun Plan auf Plan, wie die herrliche Grotte zu benutzen sei, und die gesamte Macht unseres Fleißes und unserer Erfindungskunst warf sich von jedem andern Geschäfte hinweg auf diesen frisch eröffneten unvergleichlichen Schauplatz einer äußerst lohnenden Betriebsamkeit.

Falkenhorst blieb zwar für den begonnenen Sommer unser eigentlicher Wohnsitz und unser regelmäßiges Nachtquartier; aber den ganzen Tag hindurch waren wir in Zeltheim an dem neuen Felsenschloß aufs unablässigste bemüht, die notwendigen Einrichtungen zu treffen, um ein haltbares und zweckmäßiges Winterhaus zu gewinnen.

Zuerst war ich natürlich auf Licht und freie gesunde Luft für unsere Salzhöhle bedacht; und so fing ich das Geschäft ihrer Ausrüstung mit dem Durchbruch einer Reihe von Fenstern an. Natürlich mußte zu diesem Zweck die Felswand verdünnt werden; denn, wenn wir die Fensteröffnungen auf dieselbe Art hätten einhauen wollen wie die Pforte, so wären wohl mehrere fünf bis sechs Fuß tiefe Schießscharten entstanden, aber von Licht und Luft hätten wir nicht viel zu kosten bekommen. Wir fingen selbstverständlich die Verdünnung und Abglättung von innen an, wo nach Abtragung des Salzlagers das Gestein am weichsten war. Immerhin aber blieb es eine schwere, mühevolle Arbeit, und wir belohnten uns mit einem besonderen Ruhetag, als endlich die geretteten Fenster der Offizierskajüte, nach deren Maß wir die Löcher ausgehauen hatten, mit ihren blankgeputzten Scheiben in der Sonne funkelten. Der Eingang zu der Höhle wurde von der Höhe und Breite unserer Tür zu Falkenhorst gemacht und diese nach Zeltheim geschleppt, indem ich mir vorgenommen hatte, die bei dem Baumschloß durch eine neue von bloßer Rinde zu ersetzen, damit die Öffnung zur Wendeltreppe wenigstens für einen ersten Anlauf von Wilden täuschend maskiert sei und nicht so leicht eine Plünderung gestatte.

Da die Felsenhöhle äußerst geräumig war, so wurde sie vorerst in zwei Abteilungen geschieden, die durch einen geradewegs in die Tiefe führenden, teilweise durch Pfähle abgegrenzten breiten Gang getrennt waren, und die eine davon rechts neben dem Eingang für unsere Wohnung, die andere links für Küche und Arbeitsraum ausgewählt. In die Tiefe, wo kein Fenster mehr anzubringen war, sollten Keller, Magazin und Stallungen zu hegen kommen; alles sollte nach und nach durch Zwischenwände gesondert, durch Türen wieder verbunden und in jeder Art mit den Erfordernissen eines gemächlichen Wohnhauses meisterhaft ausgerüstet werden. Die große Vorarbeit der Natur, die uns der wichtigsten Schwierigkeiten eines ansehnlichen Baues überhob und nur das Geschäft der innern Vollendung erheischte, gab uns Mut und Lust, diesem letztern standhafter obzuliegen, und wir bewiesen eine Tätigkeit, eine Ausdauer, wie noch bei keinem der Werke, die wir an dieser einsamen Küste bis dahin ausgeführt hatten.

Die Seite, wo wir uns vorgenommen hatten, eigentlich zu wohnen, ward ferner in drei verschiedene Zimmer gesondert, von denen das erste neben der Tür zum Schlafgemach für die Mutter und mich, das zweite zum Eßsaal und das dritte zum Schlafzimmer der vier Knaben bestimmt sein sollte. Das erste und das letzte von diesen Zimmern erhielten Glasfenster; das mittlere hingegen mußte mit bloßem Gitterwerk vorliebnehmen. In die Küche ward zwischen den zwei Taglöchern ein Feuerherd an die Vorderwand gebaut, diese dann obenher durchbrochen und zum Teil mit einem Vordache versehen, das über die Feuerstelle hingebreitet den Rauch auffangen und ihn sogleich ins Freie leiten sollte. Dem Arbeitszimmer gaben wir einen ganz besonders großen Raum mit breiter Ausgangstür, damit wir im Winter etwas Tüchtiges darin verrichten und nach Bedürfnis auch unsern Wagen samt der Schleife darin unterbringen könnten. Hier und im Zimmer der Brüder brachten wir übrigens auch einige der im Heimatlande so beliebten großen Wandschränke an. Die Stallungen wurden vielfach abgeteilt und zogen sich an der Seiten- und Hinterwand der Höhle, neben Pulverkammer und Vorratsraum hin. Luft bekamen sie, wenn auch nicht aus erster Hand, durch die Fenster in der Felswand; denn natürlich nahmen die Zimmerwände nur einen geringen Bruchteil der Höhe dieser riesigen Höhlenwölbung ein. Übrigens hatten wir mit Rücksicht auf die in der Tiefe liegenden Räume in ansehnlicher Höhe über den Fenstern eine zweite Reihe solcher Öffnungen, die allerdings nur vergittert wurden, ausgehauen. Vor ihnen hin lief ein mehrere Fuß breiter, durch starke Pfähle gestützter Estrich. Von beiden Seiten führten Treppenstufen, roh in den Stein gesprengt, hinauf. Gut befestigte Seile ersetzten der Felswand entlang das Geländer. Dieser hohe Söller diente uns vortrefflich als Ausguck in die Ferne. Immerhin aber war die durch die Raumverhältnisse gebotene Lage der Stallungen ein Hinweis auf die gewissenhafteste und pünktlichste Sauberkeit bei der Pflege der Tiere und Instandhaltung ihres Aufenthaltes.

Eines Morgens, als wir von Falkenhorst nach dem Felsenhaus zogen, gewahrten wir unweit vom Strande mit großer Verwunderung ein Schauspiel, dessen wir zuvor noch niemals, obgleich wir diesen Weg hundertmal gemacht hatten, ansichtig geworden waren. Weit auf der Höhe des Meeres schien ein beträchtlicher Umfang des Wassers gleichsam in Aufruhr, als wenn es von unterirdischem Feuer emporgejagt, schäumend und sprudelnd in einem Kochkessel wallte. Drüberhin schwebten unzählige Wasservögel aus den Geschlechtern der Möwen, der Fregatten, der Tölpel, der Albatrosse und manche andere mit häßlichem, ohrzerreißendem Gekreisch und Gekrächz. Die gefiederte Schar blieb unablässig voll Unruhe und Bewegung. Bald stürzten ganze Haufen davon gegen die Oberfläche des Wassers; bald erhoben sie sich hoch in die Lüfte, wirbelten hastig im Kreise, verfolgten sich nach allen Seiten und ließen uns ungewiß, ob Spiel und Vergnügen oder ob Krieg und blutige Bekämpfung der Zweck ihres Treibens sei.

Von der wogenden Bank im Meere bot sich ebenfalls ein seltsamer Anblick dar. Hier und dort im Glanze der Morgenröte tauchten kleine Lichter wie Feuerflammen auf, erloschen in den kräuselnden Wellen alsbald wieder und erneuerten sich doch hundertfältig und lebendig fast mit jedem Augenblick. Die gesamte strudelnde Masse rückte vorwärts von der offenen See gegen das Ufer und nahm gerade ihren Strich nach der Rettungsbucht, so daß wir mit der möglichsten Beschleunigung voll Verwunderung und Neugier dorthin eilten.

Der schweizerische Robinson

Unterwegs suchte jeder die außerordentliche Erscheinung zu erklären; die Mutter vermutete eine Sandbank, die wir bis jetzt übersehen hätten; Fritz dagegen meinte, es sei ein unterirdischer Vulkan, der im Begriff sei, sich auszuleeren; Ernst endlich glaubte, es sei ein furchtbares Seeungeheuer, das sich auf den Wellen schaukle. Diese Erklärung gefiel den meisten am besten, eben weil sie der Sache einen wunderbaren Anstrich gab. Ich aber war nach einiger Überlegung auf den Gedanken gekommen, es möchte wohl eine Heringsbank, ein riesiger Zug von Heringen sein, der von beutelustigen Vögeln und Seehunden begleitet wurde. Da hieß es nun rasch handeln. Wir kamen selten so schnell nach Zeltheim, und kaum hatten wir den mitgenommenen Wagen recht ausgespannt, als schon die Heringsbank beinahe rauschend in die Rettungsbucht daherzog und in solcher Hastigkeit sich vorwärts drängte, daß mitunter ein Fisch über den andern hinwegsprang oder umschlug und zappelnd den Bauch sehen ließ, wobei wir denn deutlich gewahr wurden, daß in diesem Falle von den nassen Schuppen der Tierchen flimmernde Lichter zurückstrahlten und jenes seltsame Funkeln hervorbrachten, das wir schon in der fernen See bemerkt hatten.

Jetzt war indessen keine Zeit zu müßiger Betrachtung dieses anmutigen Schauspiels; es galt vielmehr zuzugreifen und Fische zu fangen, soviel als nur möglich wäre; denn schneller und leichter konnten wir nicht für unsere Wintervorräte sorgen, und wir wußten nur allzuwohl, wieviel Nahrungsmittel erforderlich seien, um in der langen Regenzeit für uns und unsere Tiere keinen Mangel zu haben.

Demnächst verteilte ich, je nach unserer Kraft und Geschicklichkeit, die verschiedenen Rollen, die wir bei dem bevorstehenden Geschäft übernehmen sollten. Fritz kam ins Wasser zu stehen, um die Fische in Körben aufzufangen und uns zuzureichen; Ernst und Jack wurden zum Ausweiden bestellt; die Mutter mörselte Salz; Fränzchen machte den Handlanger von uns allen; ich selbst hatte mir das Einpökeln und Aufschichten in den Tonnen gewählt, weil hier am meisten Sorgfalt erforderlich schien.

Ich bestreute den Boden meiner Tonnen zuerst mit Salz, legte dann eine Reihe von Heringen, die Köpfe gegen den Mittelpunkt, darauf hin, übersprengte diese von neuem mit Salz, ordnete wieder eine Lage von Fischen mit ihren Köpfen nach außen und fuhr in diesem raumsparenden Aufschichten fort, bis allemal eine Tonne gefüllt war und nur noch ein schmaler Rand blieb, der zum Einfügen einer passenden Bedeckung etwa zollbreit oben emporstand. Hier wurden dann große Baumblätter und ein rund geschnittenes Stück Segeltuch eingeschoben, auf dieses ferner zwei wohlschließende halbrunde Bretter gelegt, das Ganze mit Steinen gewaltig beschwert und so für ein Weilchen in die Kühlung unseres Felsgewölbes hingestellt, bis die Masse sich ein wenig gesetzt hätte und wir die Tonnen zu besserer Aufbewahrung gänzlich vermachen könnten.

Diese ganze Arbeit nahm uns gute vier Tage weg und band uns gänzlich an Zeltheim, weil wir von früh bis spät jedesmal nicht mehr als zwei Tonnen einpökeln konnten und doch nicht aufhören wollten, bis wir wenigstens sieben oder acht damit angefüllt hätten.

Unsere gewöhnliche Arbeit an der Einrichtung der Felshöhle ging indessen fortwährend ihren gemächlichen Schritt und wurde bald Hauptgeschäft, bald Nebensache, je nachdem wir sonst etwas Wichtiges zu tun fanden.

Seitdem ich den Gipsspat in unserer Grotte als die durchgängige Grundlage der Salzkristalle entdeckt hatte, machte ich förmlich Jagd darauf, weil ich ihn für unser Gebäude vielfach zu nutzen hoffte. Da jedoch unsere Höhle schon groß genug war, so wollte ich diese brauchbare Steinart lieber anderswo sprengen und forschte deswegen an der ganzen Felsenreihe, ob sie nicht irgendwo zutage bräche. Bald gelang es mir auch, in der Gegend unseres Pulvermagazins hinter dem Vorsprung des Felsens gegen das Röhricht zu eine Stelle zu finden, wo das Erdreich weich genug war, um sich mit Bequemlichkeit abstechen zu lassen. Hiervon ward ein tüchtiger Vorrat an unsern Feuerherd bei Zeltheim geschleppt, und jedesmal, wenn wir kochten, ließ ich einige Stücke davon ausglühen und, wenn sie wieder erkaltet waren, zu Staub zermalmen, an einen trockenen Ort zur Seite legen und aufbewahren, bis das Innere der Höhle weiter eingerichtet werden könnte, da ich denn beschloß, einen Versuch in Gipsarbeit zu machen und dadurch eine Menge von Laden zu ersparen, die ich sonst zur Vertäfelung unserer Gemächer nötig gehabt haben würde.

Ungefähr einen Monat nach dem großen Heringszug, der sich längst wieder aus unserer Bucht verloren hatte, fand sich in dieser sowohl als in den angrenzenden Gegenden des Meerufers eine Menge von Stören, Hausen und Lachsen ein, die den süßen Gewässern nachzogen und landeinwärts gegen die Quelle derselben emporstrebten, um dort ihre Rogen, wie sie gewohnt sind, zwischen den Steinen abzulegen und sich dann wieder in die hohe See zurückzuziehen.

Die Fische waren meistenteils von solcher Größe, daß Jack, der uns die angenehme Botschaft von diesen Fremdlingen überbrachte, sie für junge Walfische hielt.

Sie boten uns willkommene Nahrung und Vorrat für den Winter, aber wir wußten nicht, wie ihnen am besten zu Leibe zu gehen sei, und griffen daher nach eigenem Gutdünken zu den Waffen. Fritz ergriff die Harpunen mit ihrem Seil und dem Haspel. Ich, wie Neptun, nahm einen Dreizack, der zum Fischestechen eingerichtet war. Ernst versah sich mit großen Angelhaken, und Jack bereitete seinen Pfeil vor, indem er an einer langen Schnur Schwimmblasen befestigte, die den getroffenen Fisch am Tauchen hindern sollten. So gerüstet, waren wir bald von neuem an dem Strande. Ernst warf seinen Haken mit einer Lockspeise von dem Eingeweide des erst gefangenen Lachses in die Wellen und paßte, bis einer von den Fremdlingen anbeißen würde. Jack schoß ein paarmal fehl, bis endlich sein Pfeil steckenblieb und er mit vieler Not einen Gewaltsfisch gegen das Ufer zog. Ich selber stach glücklich zwei dieser Tiere; doch mußte ich tief in das Wasser gehen, um sie vollends in unsere Gewalt zu bringen. Auch Ernst zog endlich einen jungen Hausen an seinem Haken aufs Ufer, wobei ihm die Mutter und Fränzchen zu Hilfe kommen mußten. Die größten Schwierigkeiten verursachte Fritz, der einen greulichen Stör gleich hinter den Kopf harpuniert und vermittelst des Seils an dem Haspel nur kümmerlich festgehalten hatte. Ich selber lief zur Unterstützung hinzu, und nur durch zwei neue Harpunen, die dem Ungetüm in den Leib geschleudert wurden, vermochten wir, es so weit zu ermüden, daß wir es in eine Untiefe heranziehen, ihm eine zulaufende Schlinge hinter den Kiemen um den Hals werfen und zuletzt durch den Büffel es vollends an das Land schleppen konnten.

Alle diese prächtigen Fische wurden jetzt ausgeweidet. Ich zerschnitt alles Fleisch in mäßige Stücke, salzte diese zum Teil wie die Heringe schichtenweise ein und versuchte einen andern Teil, nachdem ihn die Mutter mit etwas Salz im Wasser abgekocht, in einem Fasse mit Öl Übergossen, ungefähr so zu bereiten und aufzubewahren, wie man es mit dem vortrefflichen Thunfisch am Mittelländischen Meere zu machen pflegt.

Die Fischblasen aber wurden gereinigt und gekocht; aus dem Wasser wurde die Gallerte abgeschäumt und erkalten und trocknen gelassen.

So bekamen wir glücklich einen so schönen durchsichtigen Leim, daß ich mir Hoffnung machte, ihn nicht nur zum Kleistern, sondern mehr noch zu Fensterscheiben anstatt des Glases künftig verwenden zu können.

Der Küchengarten bei Zeltheim, den wir ganz in der Nähe hatten, stand im herrlichsten Flor und gab uns ohne viele Wartung zahlreiches Zugemüse von allerlei Gattungen und vortrefflichem Geschmacke. Besonders angenehm war es uns, daß die Pflanzen hier an keine bestimmte Jahresfrist ausschließlich gebunden schienen, und daß vielmehr während der ganzen Sommerszeit fast ununterbrochen zum Beispiel Bohnen und Zuckererbsen teils in der Blüte, teils ausgewachsen uns zu Befehl standen. Für unsere kleine Mühe damit wurden wir reichlich belohnt; denn außer mannigfaltigem Küchenkraut erhielten wir jetzt auch treffliche Gurken und Melonen, ferner eine Menge Türkenkorn oder Mais von ungewohnter Größe. Auch das eingelegte Zuckerrohr keimte kräftig empor, und endlich hatten auch die verpflanzten Ananas auf den Vorsprüngen der Felswand meistenteils Wurzel geschlagen und versprachen uns für die Zukunft einen herrlichen Vorrat ihrer unvergleichlichen Früchte.

Dieses allgemeine Gedeihen der Pflanzungen in unserer Nähe gab uns tröstliche Hoffnungen auch für die entlegenen, zu deren Besuch wir uns nun fertigmachten und eines Morgens von Zeltheim wohlgemut aufbrachen.

Unser Weg ging zuerst nach Falkenhorst, wo wir uns vollends nach Bedürfnis ausrüsten wollten. Ehe wir aber dahin gelangten, kamen wir bei dem größten Felde vorbei, das die Mutter an dem Platze der ausgegrabenen Kartoffeln aufs freigebigste besät und mit allerlei Körner vollgesteckt hatte. Hier fanden wir ganze Büschel von europäischen Getreidearten, die zum Teil in völliger Reife waren. Da gab es Gerste, Weizen, Roggen, Hafer, Erbsen, Wicken, Hirse, Ackerbohnen, Linsen und dergleichen, so daß ich mich hoch darüber verwunderte, wo die Mutter nur all den Samen dazu hergenommen habe.

Am beträchtlichsten fiel die Ernte von Türkenkorn aus, wovon im Garten nur ein paar Proben gepflanzt, hier aber ein kleines Feld angelegt worden war. Dafür hatte sich indessen auch eine Menge von ungebetenen Gästen und Schmarotzern am allermeisten hier zu Tische geladen und durch Räubereien unserer Ernte fühlbaren Eintrag getan. Selbst in dem Augenblicke, da wir uns dem Maisfelde näherten, ergriff wohl ein halbes Dutzend Trappgänse, die sich gerade auf Mästung befanden, plötzlich mit rauschendem Flügelschlag die Flucht; und als unsere Hunde jagdlustig vor uns hin in das Getreide stürmten, fuhr auch ein beträchtlicher Schwarm von kleinerem Geflügel mit heftigem Geschrei in die Lüfte, während andere Gattungen, nach Art der Wachteln nur über den Boden weglaufend, ebenfalls Reißaus nahmen.

Fritz war schnell gefaßt. Unverzüglich riß er seinem Adler, den er bei jeder Streiferei auf seiner Jagdtasche mit sich trug, die verhüllende Kappe von den Augen, zeigte ihm mit der Hand die flüchtigen Trappen, die jetzt eben sich in die Luft emporschwangen, warf ihn von der Faust ihnen nach, sprang dann plötzlich auf den Waldesel und flog wie ein Pfeil über Stock und Stauden hinter seinem Zöglinge drein. Wir sahen jetzt in der Luft ein Schauspiel, das unsere höchste Neugier und Teilnahme erregte. Der Adler hatte bald seine Beute im Auge, hob sich in kurzem weit über dieselbe hinweg und drohte mit Gewalt auf sie herunterzustoßen. Die Trappgänse, sobald sie ihn bemerkten, fingen an ängstlich zu werden, versuchten durch mannigfaltige Schwenkungen seinem Stoße zu entgehen, drängten sich einmal zusammen, zerstreuten sich wieder und ließen sich mitunter bis ganz auf die Erde, um in irgendeinem Schlupfwinkel dem Scharfblick und den fürchterlichen Klauen ihres Feindes entgehen zu können. Aber dieser verlor die Flüchtlinge keinen Augenblick aus dem Gesicht; er hatte seine Wahl getroffen, jagte dem größten und schönsten unausgesetzt nach und hatte ihn bald genötigt, sich erdwärts zu senken, um vielleicht durch Laufen vor dem wütenden Verfolger noch Frist zu gewinnen. Diesem jedoch gelang es, den Läufer nach einer Weile glücklich einzuholen, sich auf seinem Rücken anzuklammern, mit beständigem Schlagen der Flügel seine fernere Flucht zu hindern und ihn hin und wieder durch einen Streich mit dem Schnabel mutloser und immer schwächer zu machen.

Verhängten Zügels sprengte nun Fritz hinter den Gebüschen hervor, stieg von seinem Leichtfuß hinunter, warf sein Schnupftuch der Trappe über den Kopf, band ihr die Beine zusammen, legte seinem Adler die Kappe wieder auf, machte ihm die Klauen frei, setzte ihn an den alten Platz auf seinen Weidsack und erhob ein triumphierendes Freudengeschrei, das uns alle rasch zu ihm hinlockte.

Den Rest des Tages brachten wir mit dem Aushülsen und Aufbewahren unserer hergeführten Getreidearten zu und machten noch die nötigen Anstalten, um am folgenden Morgen mit Tagesanbruch wieder ausziehen zu können. Vorzüglich wählten wir eine Schar Hühner, samt ein paar Hähnen, die wir etwas entfernt von unserer Wohnung als Kolonisten in die Wildnis auszusetzen gedachten, damit sie sich dort vermehren, ihren Unterhalt selbst aufsuchen und uns künftig als Wildbret dienen sollten; diesen fügten wir noch vier von unsern jungen Schweinchen und zwei Paar Ziegen bei, da unsere Herde jetzt schon sehr beträchtlich war und wir uns dadurch die vielfältige Mühe des Fütterns bedeutend erleichtern konnten.

Am folgenden Morgen also, nachdem wir unsern Wagen bepackt, unsern Haustieren hinlänglich Trank und Speise vorgelegt und uns alle bewaffnet und gerüstet hatten, zogen wir insgesamt von Falkenhorst aus. Die Kuh, der Büffel und der alte Grauschimmel mußten ziehen; den gezähmten Wildling aber ritt wie gewöhnlich unser rascher Fritz, der lustig voraustrabte und überall auskundschaftete, wo sich am besten durchkommen lasse und ob nirgends etwas Gefährliches für unsern Zug zu befürchten sei.

Wir schlugen wieder einen neuen Strich ein, indem wir in der Mitte zwischen dem Strand und den Flühen dahinzogen, um endlich vollständig mit der Gegend bekannt zu werden, die sich von Falkenhorst bis an die große Bai jenseits der Warte und des Vorgebirgs der getäuschten Hoffnung ausdehnte.

Nach einem ziemlich beschwerlichen Marsche drangen wir bis an den jenseitigen Rand des Gehölzes durch und übersahen hier eine kleine Ebene, die, größtenteils mit niedrigem Buschwerk bewachsen, uns durch einen höchst auffallenden Anblick in Erstaunen setzte. Fränzchen fand zuerst Worte, die sein Gefühl und seine Vorstellung von dem seltsamen Schauspiel an den Tag legten. »Ach, lieber Himmel, Schnee!« rief er. »Seht doch nur, Schnee! Das ist aber mal schön! Richtiger Winter und nicht so scheußlicher, ewiger Regen!« Wir mußten über den Einfall des Knaben zwar lachen; aber es lag wirklich auf allen Sträuchern und am Boden eine weiße luftige Flockenhülle, die wie Schnee leuchtete. Mir ahnte jedoch auf der Stelle, was wir vor uns hätten, und Fritzens rascher Untersuchungsgeist bestätigte bald, was ich vermutete. Es befand sich nämlich eine Menge Baumwollstauden um uns her, deren Früchte oder Samenkapseln, durch ihre vollkommene Reife geborsten, ihren flaumartigen Inhalt lustig davontreiben ließen, so daß überall, vom Spiel der Winde herumgetragen, ganze Büschel der feinsten Baumwolle teils mit, teils ohne Samenkerne rings an den Sträuchern hingen oder auf der Erde lagen oder noch fest an ihren Hülsen wie die runden Schneeballen in unsern Gärten von den grünbelaubten Zweigen uns entgegennickten. Die Freude über diese Entdeckung wurde bald allgemein und laut, besonders aber bei der Mutter, die mir gleich mit Entzücken eine Menge von Dingen aufzählte, die wir jetzt verfertigen könnten und für die ich seinerzeit mit Werkzeugen und Maschinen Rat schaffen sollte.

Der schweizerische Robinson

Inzwischen wurde von der willkommenen Bescherung gleich soviel abgestreift, ausgezupft und gereinigt, als unsere Säcke nur fassen konnten, und die Mutter sammelte sogar schon eine Tasche voll Kerne, um sie bei Zeltheim der Erde anzuvertrauen und diese nutzbare Pflanze, gleich so vielen andern, in unsere Nähe zu bringen.

Hierauf gelangten wir auf einen kleinen Hügel, von dem aus man eine herrliche Aussicht genoß. Bäume von allen Arten bedeckten die Seiten des Hügels, der sich auf der einen Seite in eine fruchtbare, von einem kleinen Bach bewässerte Ebene verlor. Jedermann stimmte mir bei, als ich den Entschluß mitteilte, gerade hier eine Niederlassung anzulegen.

Während nun die andern sich so gut es ging häuslich niederließen, untersuchte ich die nächste umliegende Gegend und fand denn auch bald eine Gruppe von Bäumen, die in so passenden Zwischenräumen voneinander abstanden, daß ich sie als Hauptpfeiler unserer Meierhütte ganz unverändert gebrauchen konnte, nachdem einige kleine Störenfriede beiseite geschafft sein würden.

Die Bäume, die ich zu meinem Hüttenbau erwählt hatte, standen fast regelmäßig in einem länglichen Viereck, dessen größere Seite gegen das Meer hinsah. In die vordern drei Stämme wurden wenigstens zehn Fuß hoch Fugen eingeschnitten, in die zwei Querstangen von ungefähr fünf Zoll im Durchschnitt zu liegen kamen. Hinten ward in der Höhe von acht Fuß ebenfalls an drei Bäumen das gleiche gemacht. Hierauf mußten zwei Stangen von den vordem Eckbäumen zu den hintern angebracht werden, und diese liefen schräg mit einer Senkung von zwei Fuß nach der ungleichen Höhe der eingehauenen Fugen. Wir legten dann von Baum zu Baum dünne Latten in gleicher Richtung wie die Seitenstangen als Sparren auf die vorderen und auf die hintern Querbalken auf, mit denen sie durch hölzerne Nägel haltbar verbunden wurden und so einen großen Rost bildeten, über den wir dann Stücke von Baumrinde wie ordentliche Ziegel aneinander hinschoben und festnagelten, nachdem wir sie an der Sonne getrocknet hatten.

Nach dem Essen ging es wieder an den Bau unserer Waldhütte, der mehrere Tage hintereinander mit großem Eifer fortgesetzt wurde. Wir flochten die Seitenwände unsres Gebäudes aus Lianen oder andern Schlingpflanzen und aus biegsamen Ruten so dicht als möglich und bis zu der Höhe von fünf Fuß. Der übrige Zwischenraum bis an das Dach ward dann mit einem luftigen Gitterwerk nur insoweit verschlossen, daß Wind und Licht noch ungehindert durchstreichen und wir nach Bedürfnis von innen bequem hinausblicken konnten. Eine Türe blieb natürlich offen und war an der Hauptseite des Häuschens gegen das Meer hin angebracht. Hierauf richteten wir das Inwendige so zweckmäßig ein, als wir ohne viel Aufwand von Holz in der Kürze nur vermochten. Eine Scheidewand bis auf halbe Höhe des Gebäudes schnitt es in zwei ungleiche Teile, von denen der größere mit der Haupttüre zum Schafstall, der kleinere dagegen für uns selber zur Lagerstätte bestimmt war, sooft es uns gefallen würde, hier ein paar Tage zuzubringen. Im Schafstalle legten wir einen Verschlag für die Hühner an, der mit Staketen insoweit zugemacht wurde, daß wohl die Hühner, aber nicht die Schafe durchschlüpfen konnten. In beiden Ställen endlich wurden gehörige Vorrichtungen zum Füttern unserer Tiere gemacht und vom Schafstall nach unserem Schlafzimmer eine geflochtene Türe eingesetzt, die jederzeit in unserer Abwesenheit verschlossen werden sollte.

Aber während dieser Arbeit unternahmen wir doch Streifzüge in die nächste Umgegend, sowohl in der Absicht, Kartoffeln oder Kokosnüsse aufzutreiben, als mit dem Wunsche, die Gegend umher noch etwas besser auszuforschen.

Wir gingen deshalb an einem kleinen Bache allmählich aufwärts gegen die Felswand zu, bis wir in den alten, uns schon bekannten Weg kommen würden. Aber bald gerieten wir an einen großen Morast und einen kleinen See in lieblicher Umgebung. Hier sah ich mit freudigem Erstaunen, daß der sumpfige Boden bis an das lautere Wasser hin mit wildem Reis überwachsen sei, das zum Teil in vollem Aufkeimen, zum Teil schon in halber Reife stand, ja hin und wieder auch völlig ausgewachsen eine Menge naschender Freibeuter aus dem Vogelgeschlecht herbeigelockt hatte, die bei unserer Annäherung mit Geräusch in die Höhe flogen. Es gelang uns, vier oder fünf Kragenhühner im Fluge herunterzuschießen; aber unsere Geschicklichkeit wäre ohne den jungen Schakal fruchtlos gewesen, der glücklicherweise mit uns gelaufen war und mit viel Behendigkeit, sobald er ein Stück Wild aus der Luft herunterpurzeln sah, flugs in die morastige Reispflanzung hineinsprang und es uns zur Hand schaffte.

Wir verfehlten auch nicht, gleich einen Tragkorb voll wilder Reisähren zu pflücken; Meister Knips mußte ihn zur freudig erstaunten Mutter heimschleppen, was ihm viel Grimassen entlockte, uns allen aber in jeder Hinsicht viel Freude bereitete.

Nachdem wir am folgenden Morgen die Schafe, Ziegen und Hühner, die zurückbleiben sollten, mit Futter versorgt hatten, brachen wir von der neuen Meierei, der wir den Namen Waldegg gegeben hatten, auf. In einem Gehölze, das wir bald erreichten, trafen wir auf eine ungeheure Menge von Affen, die uns mit abscheulichem Geschrei und einem Hagel von großen Fichtenzapfen empfingen, und nur mit ein paar wohlangebrachten Schüssen von kleinem Schrot konnten wir uns endlich Luft machen.

Fritz hob einige von den Zapfen auf, mit denen uns die Affen beschossen hatten, und ich erkannte bald, daß es die Frucht der sogenannten Piniolenkiefer sei, die mir sowohl ihres angenehmen Geschmackes wegen, als vorzüglich zu künftigem Ölpressen höchlich willkommen war, weshalb ich den Jungen befahl, davon soviel zu sammeln als nur möglich.

Wir setzten hierauf unsern Marsch fort und gelangten bald in das Affenwäldchen, das wir ohne Aufenthalt durchzogen und so schnell genug in die Nähe des Vorgebirges der getäuschten Hoffnung kamen. Beim Heraustreten aus dem Walde bemerkte ich einen kleinen Hügel, der eine vorteilhafte Aussicht zu versprechen schien, daher ich denn nicht zögerte, ihn mit meinem Gefolge zu besteigen. Als wir auf die Höhe gelangt waren, fanden wir unsere Erwartung noch übertroffen, so herrlich war das Land, das sich auf allen Seiten unsern Augen darbot. Ich beschloß daher, auch hier eine Niederlassung anzulegen. Sobald wir uns ein wenig erholt hatten, legten wir Hand ans Werk und begannen den Bau einer Hütte; die Arbeit ging nach den in Waldegg gemachten Erfahrungen so schnell und leicht vorwärts, daß wir in sechs Tagen damit fertig wurden. Wir gaben der neuen Ansiedlung auf Ernsts Vorschlag den klangvollen Namen Hohentwiel.

Diesen ganzen Zug hatte ich hauptsächlich unternommen, um einen Baum ausfindig zu machen, aus dessen Rinde sich ein leichtes und doch nicht zu kleines Boot verfertigen ließe. Bis dahin waren meine Nachforschungen vergeblich gewesen; ich hatte aber demungeachtet die Hoffnung noch nicht verloren, und als der Bau der neuen Hütte vollendet war, begann ich mit den Knaben in der Gegend herumzustreifen, die an seltenen Bäumen so reich war. Nach langer und vielfältiger Prüfung mit bloßer Hand und mit der Axt fand ich endlich an ein paar prächtigen, hochstämmigen Bäumen, die den Eichen ähnelten und fast auch gleiche, nur etwas kleinere Früchte trugen, eine Rinde, die beinahe wie Kork anzusehen war und sich bloß durch größere Zähigkeit davon unterscheiden mochte, so daß sie meinen Absichten vollkommen entsprechend schien.

Nachdem ich denjenigen ausgesucht hatte, der meinem Bedürfnis am besten zu entsprechen schien, zogen wir die kleine Strickleiter, die wir mitgenommen hatten, an einen der untersten Äste. Fritz mußte hinaufklettern und oben rings um den Stamm die Rinde bis auf den Splint mit seiner Handsäge durchschneiden, während ich von oben bis unten sorgfältig das nämliche tat. Hierauf machten, wir einen schmalen Streifen von der Rinde längs des Stammes vollständig los, dann wurde mit hölzernen Meißeln die übrige Hauptmasse der Rinde nach und nach abgetrennt, und da der Baum gerade in vollem Safte stand, so daß die Rinde ziemlich biegsam war, so gelang unsere Arbeit vollkommen.

Wir hatten jetzt zwar die Rinde abgeschält und unversehrt auf das Gras gebracht, aber damit war kaum noch die Hälfte der Arbeit getan. Es schien mir am vorteilhaftesten, die weitere Bearbeitung sogleich vorzunehmen, weil die Rinde bei der natürlichen Feuchtigkeit und Geschmeidigkeit, die sie noch hatte, jetzt noch am leichtesten die Form annehmen könnte, die ich ihr geben mußte, um sie als Fahrzeug gebrauchen zu können. Zu dem Ende sperrte ich mit einem tüchtigen Keil die zusammenschnellenden Längswände des Rindenstückes auseinander, schnitt vorn und hinten in der Mitte der ganzen Bauchung etwa fünf Fuß lang gänzlich durch, schob die beiden dergestalt voneinander getrennten Wände zusammen, daß sie von ihrem Anfang bei dem Einschnitt hinweg je mehr und mehr sich deckten und gegen das äußerste spitziger zuliefen, in welcher Lage sie mit ein paar Nägeln haltbar verbunden wurden, daß sie nicht wieder zurückweichen konnten und so zwei Schnäbel meines Bootes ausmachten, die von selbst in die Höhe standen und das Durchschneiden des Wassers erleichtern sollten. Hierdurch wäre nun aber mein Schiffchen in der Mitte zu flach geworden, so daß ich durch kräftiges Zusammenziehen vermittels einiger Stricke die Seitenwände mehr senkrecht aufzusteigen zwang; doch fehlte es mir an den nötigen Werkzeugen, um die letzte Hand an die Arbeit legen zu können; ich schickte Fritz und Jack nach Zeltheim; sie sollten die Schleife, die ich jetzt auf den kleinen Rädern der Schiffskanonen laufen ließ, herbeischaffen, damit wir mit ihrer Hilfe das angefangene Boot an eine zur Vollendung bequemere Stelle bringen könnten. Ich suchte inzwischen in allen Wäldchen und Büschen der nächsten Umgebung Bughölzer und Kniestücke, teils zur Befestigung, teils zum Emporhalten der Seitenwände meines Schiffchens. Ich war auch so glücklich, in Ernsts Begleitung viel sogenanntes Lichtholz zu entdecken, das, meistenteils krumm verwachsen, mir manche treffliche Rippenstücke zu meinem Fahrzeuge hergab. Bei diesem Anlasse machten wir auch an einem Baumstamme die Entdeckung von einem neuen Harze, das beim Eintrocknen ungemein fest und verbindend ward, und von dem wir durch die Mutter und Fränzchen sogleich einen Vorrat zusammenbrachten, der mir für die künftige Verpichung viel zu versprechen schien.

Der schweizerische Robinson

Es war schon spät am Abend, als unsere zwei Jungen mit dem abgeholten Karren wieder bei uns eintrafen, und da wir der vorgerückten Stunde wegen nichts Ferneres mehr unternehmen konnten, begaben wir uns sämtlich zur Ruhe. Am folgenden Morgen aber ging es schon in aller Frühe an die Arbeit. Wir luden das Boot nebst den Bughölzern und andern nötigen Dingen auf den Rollwagen und traten dann sogleich unsern Rückmarsch an.

Wir gelangten bald in den großen Rohrbruch, durch den wir uns vermittels der Handbeile langsam durcharbeiteten, um besonders für den mitgenommenen Esel, der unsern Mundvorrat trug, hinreichend Bahn zu machen. Dabei gerieten wir an beträchtliche Schäfte von Bambus, wie ich diesseits des Engpasses sonst noch keine gefunden hatte, und wir hieben ein Stück davon nieder, um es als Mast für unser neugebautes Boot gebrauchen zu können.

Nach einer ziemlichen Zeit waren wir endlich aus dem Röhricht wieder frei und bekamen auf unserer Linken statt des Meeres den großen Fluß an die Seite, während rechts die lange Felsenreihe sich etwas umbog und nur einen schmalen Durchweg ließ, den wir von jetzt an mit dem Namen Klus oder Klause bezeichneten. Hier an der allerengsten Stelle, nur wenige Schritte von dem Bache, der seitwärts aus einer Kluft hervorrauschend quer über den Engpaß in den großen Strom sich ergießt, warfen wir einen tüchtigen Erdwall auf, der uns zugleich einen Graben gewährte und nur durch eine schmale Pforte von Staketen den freien Durchzug nach dem Bache und den grasbewachsenen Flächen des innern Landes gestattete. Der Zwischenraum ward mit stacheligen Zwergpalmen, indianischen Feigen und dornigen Gewächsen reichlich übersetzt, so daß nur ein hin und her schlängelnder Fahrweg hindurchging, der über eine verdeckte Wolfsgrube führen sollte und in Zukunft mit einer Fallbrücke sowohl am Bache als über den Graben der Verschanzung verschlossen werden konnte, wenn einmal die verschiedenen Stachelpflanzen kräftig emporgeschossen sein würden. Auf diese Weise war der Paß vor jedem Einfall von reißenden Tieren gesichert.

Wir hatten auch die mitgenommenen Ferkel jenseits des Klusbaches hingetrieben, die Stelle, wo es geschehen war, mit dem Namen Eberfurt belegt und konnten nach ein paar mühsam verlebten Tagen unsern Weg wieder fortsetzen.

Wir hielten uns bloß in Falkenhorst ein paar Stündchen auf, um das Mittagsmahl zu nehmen und einige Anstalten, besonders wegen Fütterung des Geflügels, zu treffen. Alsdann zogen wir ferner nach Zeltheim, wo wir glücklich und nicht allzuspät, aber sämtlich müde und abgearbeitet anlangten.

Hier nun, nach einigen häuslichen Vorkehrungen und genossener Ruhe, ging es mit Macht wieder an das Boot, das in einem Zuge vollends zustandegebracht ward. Es erhielt tüchtige Rippen von Bughölzern, vorn und hinten ein Kniestück zu mehrerer Befestigung der emporgehenden Spitze, von unten der ganzen Länge des Fahrzeugs nach einen Kiel, und endlich oberhalb an dem ganzen Rande hin ein Bord von biegsamen Stangen und Latten, an denen wieder eiserne Ringe befestigt wurden, um das Tauwerk des Mastes nach Bedürfnis durchzuziehen. Auf den Boden legte ich, als beständigen Ballast, gleichsam ein Pflaster von schweren Steinen, die mit Lehm oder Ton wasserdicht verbunden waren. Über diese dann ward eine Diele von Brettern gemacht, auf der man trocken und bequem entweder stehen oder liegen konnte. Quer über das Schiffchen wurden bewegliche Bänke geschlagen, in die Mitte kam der Mast aus Bambus mit einem dreieckigen Segel, und hinten befestigte ich mit ein Paar Türangeln das Steuerruder, so daß es vermittels einer in das Schiff hineingehenden langen Handhabe ziemlich bequem regiert werden konnte.

Der schweizerische Robinson

Ich will hier etwas nachholen, das ich seinerzeit zu erzählen unterlassen habe. Es war von unserer Kuh bald nach der Regenzeit ein Stierkalb geworfen worden, und ich hatte ihm zur einstigen Zähmung seiner Wildheit, gleich wie dem Büffel, die Scheidewand der Nasenlöcher durchbohrt, um in der Folge einen eisernen Ring oder ein hölzernes Stäbchen zur Befestigung eines Zaumes hindurchzustecken und es also regieren zu können.

Jetzt war das Tier schon etwas stärker und von der Muttermilch entwöhnt worden, so daß ich für ratsam hielt, es allmählich an seine künftige Bestimmung zu gewöhnen, und eines Abends die Frage aufwarf, wozu wir es wohl eigentlich erziehen sollten. Da war denn Fritz der Meinung, wir könnten es mit großem Nutzen zu einem hottentottischen Reitochsen ausbilden. Damit waren alle einverstanden, und wir trugen das neue Reittier Fränzchen an, der sich zu unser aller Erstaunen ohne weiteres einverstanden erklärte, das Kälbchen aufzuziehen und für seine Zwecke zu zähmen.

Darauf fragte ich, wie das Tier denn heißen solle, und machte einen Vorschlag von allerlei Namen aus unserm schweizerischen Kuhreigen, damit der Knabe sich einen davon auswählen möchte. Aber diesem gefielen alle nicht, und er sprach: »Ich will das Kälbchen Brummer nennen oder auch nur Brumm; denn bis ich das Tier gebändigt haben werde, mag noch geknurrt und gebrummt werden, denk‘ ich.« – Wir fanden alle die Benennung passend, und gleich gerieten die Knaben in Eifer, auch dem Büffel und den zwei jungen Doggen gehörige Namen beizulegen.

Jack ließ sich es nicht verwehren, für seinen geüebtesten Büffel selbst einen Vorschlag zu machen, und meinte, wir sollten ihn Sturm nennen; denn es würde gar prächtig klingen, wenn man sagte, er sei auf dem Sturm dahergekommen. Diese unschuldige Eitelkeit brachte mich zum Lachen. »Ja, ja«, rief ich, »das wird aber majestätisch aussehen, wenn unser winziges Großsprecherlein so auf den Flügeln des Sturms daherfliegen wird.«

Den zwei jungen Hunden wurden kurzweg nach ihrer vorstechenden Hauptfarbe die Namen Braun und Falb erteilt; und hiermit hatte unser lustiges Taufgeschäft für diesmal wieder ein Ende.

Die Entdeckung der Baumwolle führte nicht so schnell, wie die Knaben glaubten, zu ihrer Verwertung in unserm Haushalt. Denn die gesammelte Fasermasse war noch ganz durchsetzt von den Samenkörnern, die in den weichen Flocken eingebettet gelegen hatten. Diese Körner mit den Fingern zu beseitigen, erwies sich als so mühsam, daß ich daran denken mußte, uns ein mechanisches Hilfsmittel dazu herzustellen. Wußte ich doch, daß auch die einfachen Naturvölker Asiens und Nordafrikas sich ein solches in der sogenannten »Tschurka«, wie die Inder, Perser und Bucharen es nennen, bereitet haben. Ich schritt denn dazu, es ihnen nachzutun, um so zuversichtlicher, als ich in London im Museum der ostindischen Compagnie ein solches Gerät gesehen hatte. Zwei dünne Wälzchen, nur stark fingerdick, etwas über einen Fuß lang, wurden in zwei aufrechte Pfosten, die ich auf ein schweres Brett befestigt hatte, übereinander gelagert, und zwar so, daß sie außen noch etwa handbreit vorstanden. Die obere Walze wurde an dem einen der äußeren Enden vierkantig gelassen, um einen Dreharm aufzunehmen; an den beiden auf der andern Seite des Gestelles vorstehenden Enden schnitzte ich die Walzen schraubenartig aus, derart, daß sie einander ihre Drehbewegung mitteilen mußten. So hatte ich es in London in der erwähnten Sammlung gesehen.

Weder die Mutter noch die Jungen begriffen, was mein sonderbares Maschinchen bedeute. Als ich aber nach zweitägiger Arbeit im Schweiße meines Angesichts die Keile zum Nachstellen der Lagerung eingetrieben und mein Machwerk auf den Platz vor dem Felsenhause gebracht hatte, rief ich: »Nun bringt einmal Baumwolle her!« Jack flog nach unserm Vorrat und schleppte ein dickes Bündel heran. »Jetzt losgewalzt!« rief ich, drehte mit der Rechten die Kurbel und führte mit der Linken die weiße, flockige Masse in kleinen Gaben den Wälzchen zu. Und siehe da, die Faserflocken wurden von den Walzen erfaßt und mitgenommen, die runden Kerne aber nicht; sie lösten sich los und fielen auf das Fußbrett nieder. Ein Hurra der Jungen belohnte meinen Fleiß. Die Mutter machte sich entzückt sofort auch ans Walzen, drehte aber anfangs im Feuereifer mal vor, mal zurück, so daß Jack, der mit den Händen auf den Knien daneben Wache stand, mehr als einmal rief: »Aber Mütterchen, anders herum! Es kriecht ja zurück!« Mein Maschinchen sah zwar recht roh und nach dem Zimmermann aus; aber so gut, dachte ich, wie die Indier und Bucharen in ihren Hütten es fertigbringen, ist es immerhin noch. Die Freude der Mutter war förmlich herzerhebend. Sie sah für ihren Spinnfleiß nun völlige Befriedigung voraus und ließ bald vor unsern Augen, nachdem sie einen oben gespaltenen Rohrstab zum Rocken gemacht, nämlich mit einem dicken Bausch der entkernten Baumwolle besteckt hatte, die Spindel munter ihren Tanz beginnen, daß es eine Lust war, zuzusehen.

Fast zwei Monate hindurch arbeiteten wir von jetzt an in unserer großen Salzhöhle, um durch bretterne oder geflochtene Wände mit den nötigen Dielen vorläufig die Haupteinteilungen der Gemächer und der Ställe zu beendigen, damit wir während der langen Regenzeit den Rest der nötigsten innern Bequemlichkeiten und Verzierungen zum Zeitvertreib vollends ausführen könnten. Unsere Arbeit war freilich schwer; aber da wir von dem Wracke noch schöne Vorräte von Balken, Laden und Brettern hatten und es auch an Rohren und Schlingpflanzen zu Flechtwerk nicht eben fehlte, so brachten wir gleichwohl durch fleißiges Aufrichten und Einfügen dieser Baustoffe den größten Teil der Haupteinrichtungen, die uns für den Winter am wesentlichsten schienen, mit gutem Erfolg zustande. Insbesondere machten wir hübsche Stukkaturarbeit oder vielmehr leidliche Pfuschereien in der edlen Gipserkunst, da wir nämlich, zur Ersparung von weitläufigem Täfelwerk, die meist nur geflochtenen Zwischenwände unserer Zimmer mit angemachtem Gips bewarfen, damit sie teils reiner und freundlicher aussehen, teils die kühle Luft und die allfälligen bösen Dünste aus den benachbarten Viehställen etwas mehr von uns abhalten möchten.

Der Boden unserer Wohnung wurde mit festgestampftem Lehm, wie man mitunter in Dreschtennen zu tun pflegt, in einer ziemlich dicken Lage gleichmäßig überzogen und samt den nassen Gipswänden der Hitze der restlichen Sommermonate zum vollkommenen Austrocknen anheimgestellt; doch machten wir, teils der größern Wärme, teils der Reinlichkeit wegen, einen vorläufigen Versuch, aus der Wolle von unsern Schafen und aus Ziegenhaaren ein großes Stück Filz zu verfertigen, das in unserm gewöhnlichen Speisezimmer und Gesellschaftssaale auf die Erde gebreitet werden sollte. Die Sache gelang ganz erträglich; wir legten die Wolle samt den Haaren, nachdem sie wohl ausgewaschen, getrocknet und gezupft worden waren, vollkommen gleichmäßig in ziemlich dünner Lage auf ein Stück Segeltuch von der Größe des Teppichs, den wir verfertigen wollten; dann begossen wir die gesamte Masse mit kochendem Wasser, in dem wir eine Menge Fischleim aufgelöst hatten, rollten das Segeltuch dann zusammen, schlugen auf das Bündel mit hölzernen Keulen aus allen Leibeskräften los, begossen die Lage von Haaren zum zweitenmal, stampften sie mit den Füßen und bearbeiteten kurz das ganze Gemisch so kräftig und so lange, daß es sich als eine brauchbare Filzdecke von dem Segeltuche wieder abtrennen, an der Sonne getrocknet zu unsern Zwecken fürder gebrauchen ließ.

Kurze Zeit danach traf für uns die Täubchenernte ein, wie wir sie seither nannten, wo wir vor einem Jahre bei Falkenhorst so zahlreiche Strichtauben abgeschossen hatten, die von der Mutter halb gebraten und so zweckmäßig in Butter aufbewahrt worden waren. Dieser Vorrat hatte uns das ganze Jahr hindurch von Zeit zu Zeit ein schmackhaftes Gericht verschafft; ich wollte daher die Gelegenheit nicht versäumen, denselben bestmöglichst zu erneuern. Wir fanden auch wirklich, daß bereits auf den Bäumen bei Falkenhorst sich gleichsam ein Vortrab dieser Vögel einzufinden beginne. Sogleich erwachte die Jagdlust mit aller Lebhaftigkeit in uns, und der Baugeist trat matter in den Hintergrund. Wir zogen daher insgesamt nach Falkenhorst gegen die Tauben zu Felde.

Indem ich überlegte, wie wir wohl diesmal unser Schießpulver sparen könnten, besann ich mich, von einer westindischen Völkerschaft oder den Bewohnern der Pelewinseln gelesen zu haben, daß sie aus dem noch flüssigen Kautschuk oder Federharz, mit Öl gemengt, einen so starken Vogelleim zurichten, daß man selbst Pfauen und Truthühner damit fangen könne. Ich hieß daher Fritz und Jack ausziehen, um von dem Stoff so viel einzusammeln, als in Tagesfrist möglich wäre, um gleich einen tüchtigen Vorrat davon anlegen zu können. Am Abend, als wir alle schon zu Bett gegangen waren, kamen sie zurück mit einer für uns genügenden Menge Federharz.

»Liebe Kinder, heute müssen wir mit der Sonne aufstehen«, rief ich den Meinigen zu, als es hell zu werden begann; »denn heute haben wir vollauf zu tun!« Bald war alles auf den Beinen, und nachdem die gewöhnlichen Verrichtungen der Frühstunde abgetan waren, ging es ernstlich an die Arbeit. Zuerst wurden die Knaben ausgesandt, um taugliche Gerten zur Verfertigung von Leimruten herbeizuschaffen. Ich selbst beschäftigte mich unterdessen mit Bereitung des Vogelleimes, indem ich auf gelinder Glut eine genügende Menge Öl zu dem noch flüssigen Federharz mengte. Diesem Gemische fügte ich dann, nach eigenmächtigem Gutdünken, etwas flüssigen Terpentin bei und verband die ganze Masse durch Rühren und Schlagen so genau miteinander, daß ich in der Tat einen sehr zähen und stark packenden Vogelleim herausbrachte. Hierauf wies ich die zurückgekommenen Knaben an, den klebrigen Stoff auf die gesammelten Ruten zu streichen, und ging dann hin, um ausfindig zu machen, wo diese am vorteilhaftesten eingesteckt werden könnten. Ich merkte bald, daß wir vor einem Jahre jedenfalls bloß zum Ende und gleichsam zu den Nachzüglern des großen Taubenstrichs gekommen sein müßten; denn jetzt fiel eine so ganz unaussprechliche Menge dieser Vögel über alle benachbarten Bäume her, daß auch ein Blinder kaum fehlgeschossen haben würde. Ganz besonders waren sie hinter den süßen Eicheln im nahen Eichenwald her, und die Menge des Unrates am Boden ließ mutmaßen, daß sie hier schon ein Nachtlager gehalten hatten und auch wohl ein zweites belieben würde. Froh dieser Entdeckung, nahm ich mir vor, wenn unsere Ruten nicht Wildes genug liefern sollten, auch noch eine Nachtjagd zu veranstalten, und, nach Art der amerikanischen Ansiedler in Virginien, die Täubchen bei Fackellicht einzufangen, zu welchem Zweck ich schnell noch etwas Lichtholz und dürres Reisig sammelte.

Als ich wieder heimkam, fand ich schon einen hinreichenden Vorrat von Leimruten. Nun mußte Jack auf unsern großen Baum steigen und sie an den Ästen befestigen.

Kaum hatte der Junge vielleicht ein Dutzend solcher Ruten gesteckt und war heruntergekommen, um sich mit neuen zu versehen, als die Tauben schon einfielen und ohne die mindeste Scheu sich an den gefährlichen Stellen niederließen. Da blieb schon die eine und die andere an einer Leimrute kleben, zappelte oder flatterte, bis die Rute losging, stürzte damit herunter und ward zur leichtesten Beute, worauf die Ruten, eiligst wieder gesäubert, noch ein zweites und drittes Mal ihren Dienst leisteten. Bald leuchtete den Jungen die Sache so vollkommen ein, daß ich ihnen den Betrieb anheimstellen konnte und die Mutter samt Fränzchen drauflos zu rupfen begannen, soviel beider Kräfte nur vermochten. Ich rüstete inzwischen Fackeln für die folgende Nacht zu, um den Fang nach schon erwähnter Weise mehr im großen und ohne den Aufwand von Vogelleim zu treiben, wobei mir denn das eingesammelte Lichtholz und der frische Terpentin, in Ermangelung des Peches, sehr behilflich waren.

Der schweizerische Robinson

Während ich so bei meiner Arbeit saß, brachte Jack mir eine besonders hübsche Taube, die ihn vor manchen andern dauerte.

»Ach, Vater!« rief er, »da habe ich eine gar zu große und schöne. Sie heimelt mich fast an wie eine Bekannte.«

Ernst, der auch herbeigesprungen war, bemerkte jetzt: »Ei, das glaube ich wohl! Es ist ja eine unserer eigenen freigelassenen Tauben, und die sollten wir nicht töten, bis die Art sich ansehnlich vermehrt habe.«

Ich pflichtete dieser Bemerkung bei, nahm den Gefangenen zur Hand, erkannte ihn wirklich als der Meinung Ernsts entsprechend, rieb ihm die beschmierten Schwungfedern an den Flügeln mit Asche säuberlich ab, rupfte die kleinern verklebten Federchen aus und brachte das Tierchen lebendig unter Jacks bereitstehenden Hühnerkorb, worauf ich ermahnte, womöglich einige hübsche Gespane zu diesem Erstling einzuhaschen.

Dies geschah darauf mit gutem Erfolg, und am Abend hatten wir schon zwei Paare von unserer europäischen Zucht beieinander. Allein von den wilden Zugtäubchen, auf die wir eigentlich Jagd machten, war noch bei weitem nicht unser Tönnchen voll geworden. Das öftere Besteigen des Baumes hatte sie doch ein wenig verschüchtert.

Als der Abend einbrach, zogen wir, meinem gefaßten Vorsatze nach, zu einer neuen Taubenjagd nach dem Süßeichelwald aus, wo ich vermutete, daß wir den größten Taubenzug im Nachtquartier finden würden. Seltsam war unsre Bewaffnung, denn sie bestand aus langen Bambusrohren, Fackeln und Säcken, so daß die Jungen sich gewaltig verwunderten, wie man doch mit diesen Werkzeugen einen Taubenfang bewerkstelligen könne. Da wir bald in der Nähe des von mir ersehenen Platzes eingetroffen waren und die Dunkelheit nach Art der südlichen Klimate schon rasch auf den Sonnenuntergang folgte, so zündeten wir jetzt ungesäumt die Fackeln an und ersahen gleich, daß wir es sehr gut getroffen hatten. Rings auf den Baumästen war ein ungeheurer Schwarm von Tauben gelagert. Durch den Fackelschein alsbald erweckt und geblendet, wurden die Vögel unruhig und fingen an, in verwirrtem Hüpfen oder Flattern zwischen Laubwerk und Gezweige herumzustürmen, wo nicht wenige sich die Köpfe zerstießen oder sonst sich verletzten und zur Erde fielen. Diese wurden flugs ergriffen und sogleich in unsere Säcke gesteckt. Sehr aber förderten wir den Fang, indem wir obendrein mit unsern Stangen in dem Astwerke herumschlugen, wodurch nicht nur der Tumult, sondern auch die Niederlage des Geflügels namhaft vermehrt wurde. Kaum vermochte die Mutter samt Fränzchen eilfertig genug zusammenzulesen und einzusacken, was auf der Erde herumflatterte.

Nachdem ich endlich für unser Bedürfnis Wildbret genug beieinander sah, steuerte ich dem Verderben, und ehe noch unsere Fackeln insgesamt verbrannt waren, ließ ich aufbrechen zum Heimweg. Die herrliche Beute lag in den Säcken auf zwei Stangen, die in geringem Abstände gleichlaufend aneinandergebunden waren; je zwei und zwei von uns wechselten im Tragen miteinander ab, während die andern mit den Fackeln uns voranleuchteten, so daß wir fast einem nächtlichen Leichenzug des alten Femgerichtes glichen.

Glücklich kamen wir so bei Falkenhorst an, enthoben durch raschen Tod die Täubchen alles fernem Leidens, versorgten sie an einem wohlgesicherten Ort und begaben uns dann ermüdet zur Ruhe.

Fast den ganzen folgenden Tag hatten wir genug zu tun mit Rupfen, Sieden, Braten und Schmoren, wie in einem vielbesuchten Gasthofe bei der festlichsten Mahlzeit.

Indem wir aber hiermit beschäftigt waren, geschah hintereinander dreimal ein plumpender Fall von den nächsten Bäumen ins Gras; es waren drei der prächtigsten Vögel, die in den Baumkronen an einigen der dort noch übrigen Ruten kleben geblieben waren; nach näherer Untersuchung fand ich, daß wir einen herrlichen Fang gemacht hatten. Sie gehörten sämtlich zu dem Taubengeschlechte; ich glaubte mit ziemlicher Sicherheit eine Riesentaube aus den molukkischen Inseln, eine eigentliche molukkische Taube, in deren Kropf wir auch eine Muskatnuß vorfanden, und eine nikobarische Taube zu erkennen. Wir freuten uns über die prächtige Beute, und ich entschloß mich leicht, sie mitzunehmen und sie womöglich an uns zu gewöhnen, wozu denn ein hübscher Taubenschlag gebaut werden sollte. Da Fritz hierauf äußerte, es würde wohl schwerfallen, die Tauben zu bannen, erwiderte ich mit feierlicher Stimme, ohne mich jedoch auf weitere Erklärungen einzulassen: »Mit ein wenig Zauberei kann man viel ausrichten!«

Sobald wir alles so gut als möglich wieder in Ordnung gebracht hatten, brachen wir auf, und ohne weiteres Abenteuer langten wir in Falkenhorst an. Auch die Mutter hatte die lebhafteste Freude an dem herrlichen Geflügel, das wir mitbrachten; sie pflichtete mir eifrigst bei, alsbald hinüber nach Zeltheim zu ziehen und die Errichtung eines Taubenschlages nebst ein paar andern Arbeiten vorzunehmen. Zu dem Zweck wurde der nötige Mundvorrat samt einigen andern notwendigen Geräten auf unsern Wagen gepackt, und wir brachen in der Absicht auf, für eine geraume Zeit unsern Aufenthalt in Zeltheim zu nehmen.

Noch am nämlichen Tag wählte ich die passende Stelle zu dem neuen Taubenschlage, den ich in der Höhe über unserm äußersten Zimmer, rechts nach dem Schakalbache zu, in dem Felsen aushauen wollte.

Die Arbeit wurde sogleich begonnen und während mehrerer Wochen mit geringer Unterbrechung fortgeführt, so daß sie bei der großen Weichheit des Gesteines bald genug vollendet war. Nur ein kleinerer Teil dieses Taubenhauses nämlich war in Felsen auszuhauen und erhielt dort einen zweckmäßigen Eingang mit drei Fluglöchern, worauf noch etwas darüber ein Fensterchen zum Einlassen des Lichtes angebracht wurde. Einige Flugstangen endlich samt einem Fallbrett wurden außerhalb beigefügt, wobei die Strickleiter, aus jenem Fensterchen hinabgelassen, uns bestens zustatten kam. Innerhalb nach dem leeren Raum und zur großen Höhle hinein mußte nicht ohne Mühe teils eine Seitenwand samt Tür, teils eine Hinterwand und ein Stück Oberdiele noch verfertigt werden, was denn freilich nicht ohne alle Pfuscherei ablief. Desto niedlicher und vollkommener ward das Innere des Taubenschlages mit Ruhsedeln, Stangen und Brettfächern eingerichtet, in welche letztem die Nester der Tauben, voneinander abgesondert, vorläufig mit einigem Flechtwerk hineingebaut wurden.

Der schweizerische Robinson

Als mir das Ganze nun wenigstens leidlich zur Aufnahme des ältern und neuern Taubenvolkes geeignet schien, sagte ich eines Morgens zu Fritz, während ich die übrigen Leutchen zu einer andern Arbeit geschickt hatte: »Jetzt, mein wackerer Meistergeselle, wollen wir zu den verkündeten Zaubermitteln schreiten, um die neuen Ansiedler an ihre Wohnung zu bannen und ihnen vielleicht auch Gattinnen zu verschaffen.« Da er mich darob gar verwundert ansah und nicht recht wußte, was er von meinem seltsamen Reden denken sollte, fuhr ich lächelnd fort:

»Es soll ein Taubenhändlerkunststück sein, was ich hier versuchen will, und man soll damit nicht nur die eigenen Tauben ihrem Schlage treu erhalten, sondern obendrein auch fremde Tauben anziehen, daß sie mit den eigenen zufliegen. Wir brauchen dazu bloß Anis, Lehm oder Ton und Salz, um eine Masse zu kneten, die den Tauben sehr angenehm sein soll, so daß sie auch nur mit dem Geruche davon wiederum andere Tauben herbeilocken.«

»Oh, das wäre doch ein leichtes Mittel für uns«, rief Fritz aus, »da wir jetzt den Anis entdeckt haben! Gleich will ich alles herbeischaffen, was nötig ist.«

»Eben diese Entdeckung hat mich an jene List gemahnt«, versetzte ich; »doch sollten wir noch ein wenig Anisöl haben, um die Fluglöcher des Taubenschlages damit zu bestreichen. Denn da die Tauben beim Aus- und Einschlüpfen sie fast immer ein wenig streifen, so nehmen sie von dem Öl jenen Geruch an, der für fremde Tauben so lockend ist, daß sie den also wohlriechenden bis in ihre Schläge folgen sollen.«

Um nun das nötige Anisöl zu gewinnen, zerstießen wir im Küchenmörser etwas Anis, schütteten Öl darüber, rührten alles durcheinander und seihten das Öl durch feine Leinwand, auf die der zerstoßene Anis geschüttet und zuletzt durch Umdrehen gepreßt wurde. Das neue Erzeugnis hatte freilich noch keinen starken Anisgehalt, konnte aber doch für einige Tage schon den Geruch bewahren.

Jetzt wurde auch die Lehmmasse mit Anis und Salz geknetet und, als sie hinreichend durchgearbeitet war, am Feuer ein wenig gehärtet und zum Überfluß mit dem neuen Anisöl beträufelt, worauf wir sie im Taubenschlage frei hinlegten und endlich die Tauben selbst in ihr neues Quartier einführten, den Rest des Öles aber auf frische Aniskörner gossen und in einem versteckten kühlen Winkel für ungefähr zwei Tage noch zu stärkerem Einziehen des Anisgeruches hinstellten.

Als unser Hausgesinde zurückkam, rühmten wir uns bloß der Vollendung des Taubenschlages und des Einzugs der Tauben in diese Residenz. Alsbald kletterte jedermann mit uns hinauf, und eins ums andere guckte mit neugierigem Wohlgefallen durch eine handbreite Öffnung der Tür, wo ich einen Schieber angebracht hatte. Da zeigte sich denn, daß die Tauben ganz munter herumflatterten und herumhüpften, unser hingestreutes Futter gemütlich schnabulierten und zwischendurch eifrig an dem Lehmkuchen pickten. Selbst wenn jemand von uns in den Verschlag eintrat, so zeigten die Tierchen sich zahm und zutraulich, als seien sie schon ganz an uns gewöhnt.

Zwei Tage ließ ich die Sache so hingehen, war aber selbst zu neugierig, die Wirkung meiner Zauberkünste zu erfahren, als daß ich noch länger hätte warten mögen. Ich stand daher früh am dritten Tage auf, weckte bloß Fritz und ließ ihn auf der noch hängenden Strickleiter emporsteigen, um mit dem stärker durchgezogenen Anisöl die Fluglöcher und Sitzstangen außen am Taubenschlag von neuem tüchtig zu tränken, auch zugleich die Schnur in Ordnung zu bringen, mit der von unten her künftig der Taubenschlag sich auf- und zumachen ließe. Dann aber schlichen wir wieder hinein und weckten die vier Schlummernden, als hätten wir uns gar nicht entfernt gehabt. Sie sprangen auf, zogen sich an und eilten um so schneller zum Frühstück, als ich ankündigte, sogleich nachher unsern Tauben die Freiheit des Ausfliegens gestatten zu wollen.

Bald standen wir nun alle im Freien, dem Taubenschlage gegenüber, und jetzt gab ich mir das Ansehen, meine versprochene Zauberei in Ausübung zu bringen: Ich tat geheimnisvoll, murmelte vor mich hin und machte mit einer Rute hin und wieder ein paar feierliche Luftstreiche, worauf ich zuletzt mit halblauter Stimme sprach: »Jetzt wird es die Burschen lehren, mir nicht auszureißen!« – Und alsbald hieß ich Jack vermittelst der vorbereiteten Schnur unsern Taubenschlag aufmachen.

Nicht lange, so wagten sich die Gefangenen hervor. Erst ließen sie nur die Köpflein sehen und spähten in die neugeöffnete Welt; hierauf tummelten sie sich ein wenig auf dem Flugbrett und auf den Ruhestangen; jetzt spazierten sie wieder hinein, jetzt kamen sie wieder heraus und lüfteten emsig die Flügel, indem sie dieselben auseinanderschlugen und gleichsam wiegend emporhoben. – Endlich, mit einem Male rauschte es, und der ganze Schwarm brach auf wie mit Sturmesbrausen, und zwar zu solch erstaunlicher Höhe, daß die Knaben ein wahres Angstgeschrei ausstießen und auch die Mutter den Flug schon verloren gab. Aber kaum hatten die Vögel ein paarmal in der obern Luft herumgekreist, als wollten sie die sogenannte Vogelschau von Land und Meer aufnehmen, so schwirrten sie wieder daher zu ihrem Häuschen und schienen sich des ersten wohlgelungenen Ausfluges zu freuen, indem sie sich zur Rast niedersetzten.

Jetzt aber konnte ich erst auf meine Zauberei pochen, und so rief ich denn aus: »Das wußt‘ ich wohl, daß sie nicht fort könnten, und wenn sie auch noch so hoch geflogen wären!«

»Ja was«, versetzte Ernst, »wie hättest du das wohl wissen können, Vater?«

»Weil ich sie fest an ihren Schlag gebannt habe«, war meine Antwort.

»Also wirkliche Zauberkünste, Vater?« fragte Jack mit zögerndem Lächeln.

»Oh, so geh doch mit deinen Zauberkünsten!« fiel Ernst wiederum ein. »Gerade als ob ein Mensch wirklich zaubern könnte.«

»Ja, ja!« ergriff nun Fritz das Wort, »du wirst noch dein blaues Wunder erleben, ungläubiger Ernestus!«

Bald regten sich die Tauben wieder mit einer ganz eigenen Rührigkeit, und, wie davongetragen auf stürmender Windsbraut, schossen die drei Fremdlinge hinweg von den vier Europäern, hoch in die Lüfte nach der Gegend von Falkenhorst hin; aber dann rastlos auch noch weit darüber hinaus, so daß endlich selbst ich, mit einem guten Fernrohre bewaffnet, sie gänzlich aus dem Gesichte verlor.

»Adieu, ihr Herren!« rief Jack den Entschwundenen nach, indem er eine höhnische Verbeugung machte, seinen Hut abzog und einen gewaltigen Kratzfuß hinten auswarf.

»Ha, ha, ha!« lachte zugleich Ernst, »der Zauber hat gewirkt, Vater, ich hab es doch immer und immer gedacht, daß es nur ein Scherz sein solle.«

Ich ließ mich indessen scheinbar nichts anfechten, sondern stellte mich gleichsam trotzig hin, blies ganz geheimnisvoll den Tauben über meine Hand hinaus nach und redete wie zu einem unsichtbaren Geiste: »Geh und eile, und bringe die Ausreißer zurück, bis morgen spätestens! Hörst du, Kleiner, und spute dich!«

Hiermit wandte ich mich aufs neue zu den Knaben und sagte: »Für die Fremdlinge ist gesorgt, ihr lieben Leutchen! Laßt uns aber zusehen, was unsere vier Landsleute machen!«

Wir faßten nun diese, die wir ein paar Augenblicke ganz aus den Augen gelassen hatten, wieder sorgfältig aufs Korn; sie blieben aber hübsch in unserm Gesichtskreise, machten lediglich ihre abwechselnden Schwenkungen, als hielten sie Lustjagd miteinander, setzten sich auf die Erde, pickten Körner auf und flogen wieder nach dem Schlage zurück, als wären sie schon gänzlich eingewöhnt.

»Das ist schon gut mit diesen Furchthasen«, meinte Jack; »die sind froh, in so unbekannten Gegenden eine sichere Heimat zu haben, aber den drei Fremdlingen haben wir wohl allzufrüh aufgemacht.«

»Ei!« bemerkte Fritz mit vertraulichem Tone, »hast du denn nicht gesehen, wie der Vater ihnen jemand nachgeschickt hat, der sie gebührend herumholen wird? Das ist ein Spiritus familiaris, ein unsichtbarer Hausgeist, der ihm Untertan ist – also nur Geduld!«

»Pah!« machte Jack mit einem höchst ungläubigen und ablehnenden Gesicht und zuckte die Achseln. Ernst schüttelte schweigend den Kopf.

Unsre Tagesangelegenheit war von jetzt an, auf die Rückkehr der Flüchtlinge zu achten. Sie nahmen fast unser ganzes Sinnen und Erwarten in Anspruch. Demzufolge begannen wir keine andere Arbeit als solche, die sich im Anblick des Taubenschlages ausführen ließ, wobei wir denn jeden Augenblick nach den Ruhestangen aufsahen oder in der Luft umschauten, ob die Fremdlinge sich nicht irgendwo erblicken ließen. Allein der Abend brach an, und noch keiner der drei Flüchtlinge hatte sich wieder eingefunden. Ich fing doch im geheimen an zu zweifeln, wollte mir aber nichts merken lassen. In etwas gedrückter Stimmung verlief der Abend.

Am folgenden Morgen wurden aus uneingestandener Verdrießlichkeit die Ausreißer gar nicht mehr erwähnt, und wir verharrten emsig bei unserer Arbeit innerhalb der Felsenhöhle bis gegen Mittag.

Jack indessen, der einen Augenblick beiseite geschlichen war, kam plötzlich zurückgesprungen, klatschte freudig in die Hände, nahm lustige Sätze und rief: »Er ist da, er ist da, er ist wahrhaftig da!«

»Wer ist da?« fragten alle, »wer, wer?«

»Der blaue Tauber!« rief Jack noch lauter; »der blaue Tauber! heißa, juhei!«

»Possen, Possen«, versetzte Ernst, »man lockt uns nicht so leicht zu dem leeren Taubenschlag.«

»Was Possen?« entgegnete ich ihm, »ich wußte wohl, daß der Kamerad zurückkommen würde. Und auch die anderen zwei sind jetzt sicher auf den Heimweg bedacht.«

Jetzt stürzte alles in Hast aus der Höhle, und froh erstaunt sahen wir nicht nur unsern blauen Flüchtling, sondern auch eine Gespielin desselben auf einer Ruhestange des Taubenschlages sitzen und beide sich freundlich aneinander schnäbeln. Bald aber flog das Männchen auf das Flugbrett, gurrte laut, nickte gleichsam mit dem Kopfe, schlüpfte zum Flugloch hinein, kam wieder herausgetrippelt und machte zuletzt seine Einladungen so dringend, daß das schüchterne Weibchen sich endlich, wenn auch zögernd, in unsern Taubenpalast hineinwagte.

Sofort wollten die Jungen hin, das Häuschen vermittelst des Fallbretts zu schließen, um uns den neu angekommenen Gast vollends zu sichern. »Nicht doch!« rief ich ihnen zu; »ihr könntet mir das gute Geschöpfchen nur scheu machen. Außerdem erwarte ich ja heute die zwei andern Flüchtlinge noch, und denen wollen wir nicht das Tor vor der Nase verschließen.«

Die Mutter betrachtete mich mit erstauntem Lächeln. »Beinahe fange ich nun selbst an zu glauben, mein lieber Mann«, sagte sie, »daß du etwas mehr kannst als Brot essen. Die Geschichte hier sieht wirklich ein bißchen nach Hexerei aus.«

»Oh, das ist von ungefähr geschehen!« bemerkte Ernst. »Des Vaters Hauch über die Hand bleibt doch nur ein leerer Wind und hat da gar nichts geholfen.«

»Du wirst aber doch zugeben«, versetzte ich, »daß mehr als ein bloßes Ungefähr im Spiele sein muß, wenn nun bald auch die andern zwei Flüchtlinge heimkehren ins Taubenhaus.«

»Ja freilich, das muß ich fast«, sagte er, »denn es ist doch gar nicht glaublich, daß am nämlichen Tag sich dreimal der nämliche regellose Zufall ereignen sollte.«

Indes wir noch so miteinander redeten und scherzten, schrie Fritz, der mit seinen scharfblickenden Augen immer in die Ferne gespäht hatte, plötzlich laut auf: »Sie kommen! sie kommen!«

Und wirklich, nach wenigen Augenblicken erkannten wir alle einen zweiten von unsern Ausreißern mit einer Gefährtin. Doch erhob meine Bande nun ein solches Gejubel, daß die armen Tiere sichtbar stutzig wurden und vielleicht wieder davongeflogen wären, hätte nicht ihre Müdigkeit sie abgehalten; denn diese war aus den mattern Flügelschlägen leicht zu erkennen. Und so gebot ich denn allgemeines Stillschweigen, worauf die beiden Luftpilger sich auf einer Ruhestange des Taubenschlages niederließen und das Männchen in kurzem, das Weibchen aber nach langem Zögern erst durch ein Flugloch hineinspazierten.

Der schweizerische Robinson

»Wie nun«, fragte ich Ernst, »was sagst du zu dem seltsamen Handel? Auch das zweite Paar ist angelangt.«

»Seltsam scheint mir’s«, sprach Ernst, »sehr seltsam! Aber für zauberisch und übernatürlich halt‘ ich es dennoch nicht. Es ist nur ein unbegreifliches Glück dabei.«

»Gut, mein Sohn!« sagte ich zu ihm, »du bist wenigstens standhaft, und da du für deine Meinung recht gute Gründe hast, so kann ich deine Beharrlichkeit nicht als Eigensinn verwerfen. Wenn aber noch vor Abend auch das dritte verkündigte Paar eintrifft, so wirst du dich wohl auf etwas mehr als auf Zufall oder Glück einlassen müssen und mir meinen Ruhm nicht länger vorenthalten.«

Da wir doch einmal unsere Arbeit unterbrochen hatten, so ging die Mutter mit Fränzchen daran, etwas für das Abendessen vorzubereiten. Aber bald kam der Kleine gravitätisch wieder zurück, warf sich ordentlich in die Brust und schmetterte im Ton eines ausrufenden Herolds: »Nach Standesgebühr hochzuverehrende Herren und Nichtherren! Euch sei kund und zu wissen abseiten der geliebtesten Mutter, daß wir soeben die Ehre gehabt haben, den schönen molukkischen Goldflügler mit liebwertester Frau Gemahlin wohlbehalten in allhiesiger Residenz eintreffen und ihr Absteigequartier im neuen Gasthof zum Taubenhaus nehmen zu sehen.«

Lachend rannten wir alle hinaus an Ort und Stelle, wo die Mutter, dem Taubenschlage gegenüber, durch einen Fingerzeig alles bestätigte; denn die zwei Prachtsvögel saßen auf den Ruhestangen, und es war merkwürdig zu sehen, wie die zwei andern Taubenpaare ihnen einladend zunickten und gurrten, bis endlich alle drei Paare hintereinander, wie einheimisch, in das Häuschen schlüpften.

»Wahrhaftig, Vater«, rief Ernst, »ich muß mich ergeben! Mein bißchen Verstand und Wissen ist zu Rande. Aber, wenn du doch gezaubert hast, was hast du denn dazu gebraucht?«

»Das ist eine Frage!« versetzte ich, »hast du denn nicht gehört, wie ich magische Sprüchlein murmelte? Und hast du nicht gesehen, wie ich meinen Hauch den Flüchtlingen nachgeschickt habe?«

»Hoho! gehorsamer Diener!« sagte er, »und ganz gehorsamer Diener! Aber doch nicht so leichtgläubiger Diener.«

Ich freute mich, daß der Junge seinem gesunden Verstande mehr vertraute als dem Schein und daß er sich nicht blenden ließe. Ich lobte ihn deshalb und erklärte nun, was ich für ganz natürliche Mittel gebraucht hatte, um die fremden Tauben an ihre neue Wohnung zu fesseln.

Während des Abends und der folgenden Tage beobachteten wir die Taubenkolonie in ihrem neuen Quartiere sehr aufmerksam und sahen, daß sie täglich da heimischer und zutraulicher wurde.

Noch ein paar Wochen lang hielten die Tauben unsere Aufmerksamkeit selbst bei jeder andern Beschäftigung gespannt. Die drei Fremdlinge mit ihren herbeigeholten Weibchen gewöhnten sich immer mehr an ihren neuen Wohnsitz, und gleich wie jene uns drei Weibchen ihrer Art verschafft hatten, ebenso zogen die zwei europäischen Paare jetzt allmählich ihre alten Kameraden und deren ganze Brut an, wodurch unsere schönen Lieblinge aus dem Quartiere verdrängt zu werden Gefahr liefen und wir obendrein so viele Schmarotzer zu füttern bekamen, daß wir wegen ihrer Ernährung in Verlegenheit gerieten. Demnach mußten wir die neuen Ankömmlinge wegzufangen suchen, und dies bewerkstelligten wir zum Teil durch Leimruten am Morgen früh, wenn wir den Taubenschlag noch nicht geöffnet hatten, zum Teil gerade durch diesen selbst, wenn unser Flug im Felde war und hin und wieder ein Wildfang hineinschlüpfte, den wir dann schnell durch Herunterlassen des Fallbrettes in unsere Gewalt bekamen. Dies verschaffte uns mehr Taubenbraten, als uns genehm war, und bei diesem Überdrusse ging es Fritzens Adler eine Zeitlang ganz unvergleichlich; zuletzt indessen nahm die Zudringlichkeit ein Ende, und es blieb vorderhand bei den fünf Paaren, auf die wir uns einstweilen einschränken wollten.

Inzwischen hatte mich aber eine andere Arbeit ernsthaft in Anspruch genommen. Ich ließ mir von Jack im Flamantsumpf ein Bündel Rohre schneiden; daraus suchte ich zwei schöne Stücke aus, etwa fingersdick, von ungefähr gleichem, geradem Wuchse aus, die ich nur einmal genau in der Mitte voneinander spaltete und dann wieder fest aufeinander band, damit sie sich im Trocknen nicht etwa schief werfen möchten.

Ich beabsichtigte, mit diesen Stücken einen ziemlich weit voraussehenden Versuch zu machen, indem ich sie zur Einfassung eines sogenannten Weberblattes bestimmte, da ich beständig auf einen Webstuhl für die Mutter bedacht war, um ihr gesponnenes Garn einmal zu Ehren zu bringen. Demnach schnitt ich auch gleich ein Hölzchen als Modell zu den Zähnen oder Gitterstäbchen des Weberblattes zurecht und ließ mir von den Knaben eine Anzahl von solcherlei Zähnen verfertigen. Neugierig verlangte das Völkchen zu erfahren, wozu ich diese »Zahnstocher« denn endlich zu brauchen gedächte. Und da ich nun nicht mit der Rede heraus wollte, weil ich der Mutter eine angenehme Überraschung zugedacht hatte, so antwortete ich zuletzt aus Verlegenheit in einer Art komischer Verzweiflung: »Es soll ein hottentottisches Musikinstrument geben, das Gom-Gom heißt, und nach dem, wenn es einst richtig gespielt wird, die Mutter selbst noch im Takt ihre Füße lüpfen und sich lustig gebärden soll.«

Bald war die Menge der sogenannten Zahnstocher hinlänglich; ich nahm sie mit geheimnisvollem Lächeln und barg dann die Teile zu dem Webstuhle bis auf gelegene Zeit, wo ich von der Mutter unbemerkt mein Weberblatt vollends zusammensetzen könnte.

In diesen Tagen warf Gräuel, der Esel, ein Junges von herrlicher Art, so daß wir die schönste Hoffnung hatten, nicht nur ein nützliches Haustier, sondern auch ein stattliches Reitpferd daraus bilden zu können. Sogleich ward es einhellig mir selbst zugesprochen, damit auch ich einen tüchtigen Gaul bekomme, und ich gab ihm zu guter Vorbedeutung den Namen Rasch, dem es in kurzer Zeit durch ein wildes, beinahe stürmisches Verhalten, aber auch durch hurtigen Trab und leichte, zierliche Bewegungen zu entsprechen schien.

Allmählich sammelten wir auch Heu und anderes Futter in unsre Höhle, um während der Regenzeit einige von unsern Tieren, besonders einiges Vieh, bei uns behalten zu können. Übrigens waren alle unsre Vierfüßer gewohnt, auf den Ruf unserer Stimmen oder auf das Tuten mit einer großen Schneckenmuschel, ja sogar auf den Knall eines Schießgewehrs, sich schnell bei uns einzufinden, weil sie dann jedesmal mit Salz oder einem andern ihnen angenehmen Futter beglückt werden. Nur die Schweine bekümmerten sich wenig um unsern Zuruf, da sie fast überall bessere Leckereien fanden, als wir imstande waren oder Lust hatten ihnen anzubieten; wir konnten sie übrigens durch unsere Hunde jederzeit leicht einfangen lassen.

Allmählich fing die Witterung an, sehr unbeständig zu werden. Es sammelten sich oft schwere Gewitterwolken am Horizont, die, von heftigen Stürmen dahergejagt, uns mit gewaltigem Platzregen überströmten. Manchmal brachen plötzliche Ungewitter unter den wütendsten Windstößen von der Bergseite her, wo wir ihre Annäherung nicht bemerken konnten, gewaltig über uns los, erschreckten uns mit Donner und Blitz, drohten mit ihrem Gusse alles wegzuschwemmen und jagten uns tief in das Versteck unserer Höhle. Auch das Meer nahm teil an diesen Zuckungen der Natur; die Gewalt der Orkane warf es gleichsam aus seinen untersten Tiefen gegen den Himmel oder gegen das Land, und haushohe Grundwogen, unter zischendem Schäumen und furchtbarem Gebrause, zerschellten an den sich entgegenstemmenden Klippen oder Felswänden. Kurz, alles verkündigte den Eintritt der Regenmonate und stürmte und brauste gleichsam das dröhnende Vorspiel zu dem ernsthaftesten Stücke des Jahreslaufes.

Ich hatte diesen Wechsel auf den ersten Tag des Brachmonats berechnet; aber er trat schon einige Tage vorher mit solcher Gewalt ein, daß wir voraussahen, wohl zwölf Wochen die Winterquartiere beziehen zu müssen. Die Fluten des Himmels ergossen sich zwar nicht alle Tage mit gleichem Überfluß, aber die Witterung blieb doch immer schlecht und veränderlich.

Von unserm Vieh behielten wir einstweilen nur die Kuh und den Esel samt dem Leichtfuß und Sturm in der Salzhöhle, die Kuh wegen der Milch, den Esel wegen des jüngst geworfenen Fohlens und den Sturm mit dem Wildling, um so oft als möglich, in günstigen Augenblicken, einen der Jungen nach Falkenhorst senden zu können. Dort war nämlich all unser übriges Vieh und ein Teil des Geflügels sowie auch unser Heu- und Laubvorrat zur Fütterung des Viehs untergebracht, so daß zur Pflege des erstern und zur Abholung einiges Bedarfes von dem letztern fast alle Tage jemand hinübereilen und durch ein paar Hände voll Salz oder Mais oder einen andern Leckerbissen die Tiere uns zugeneigt erhalten mußte. Die Hunde, der Schakal, der Affe und der Adler hingegen blieben an unserm Aufenthaltsorte, wo sie bei mancher Beschwerde doch auch mitunter einen Spaß zur Verkürzung der winterlichen Regenabende gewährten.

Die Anordnung der Gemächer in der Höhle beschäftigte uns noch mehrere Tage. Ernst und Fränzchen hatten die Bücherei zu besorgen, die vom einen Ende des sehr langen und großen Bubenzimmers abgespalten war. Sie schlugen dort ein leichtes Fachwerk von Laden auf und stellten die Bücher darauf in Reih und Glied; die Mutter und Jack machten das Wohnzimmer samt der Küche zurecht, wo es tüchtig zu tun gab; ich und Fritz endlich besorgten die Werkstätte, weil hier ein größerer Kraftaufwand nötig war.

Vor allem wurde die eiserne Drehbank des Kapitäns, von vorzüglicher Arbeit und mit einer Kiste voll der nötigsten Geräte versehen, ins günstigste Licht gestellt und die Werkzeuge an der Wand befestigt. In einem kleinen Nebengewölbe, das ich zu einer Schmiede bestimmt hatte, errichteten wir aus Güldenstein den nötigen Feuerherd. Endlich wurden noch eine Hobelbank und alle Gerätschaften, sowohl des Schiffszimmermanns als des Böttchers, in den Arbeitssaal hineingeschafft.

Kaum war das alles im großen und groben ausgeführt, so gab es nun erst im kleinen eine Menge Einrichtungen und Anordnungen zu treffen; hier fehlten Gestelle und Brettergerüste, dort Bänke und Tische; da wieder kleine Leitern, bewegliche Treppchen und verschiedene Schubkasten; über unsere zur rechten Zeit angelegten schönen Wandschränke gerieten wir immer wieder aufs neue in Entzücken.

Außen vor der Höhle, in der ganzen Länge unserer Gemächer und Eingänge, ward allmählich auch von dem Ausbruch des Gesteines und allerlei Schutt oder Abfall, den wir aus dem Innern herausgeschafft hatten, eine Art Terrasse geebnet, die durch ein vorragendes Dach von Bambusrohren zu einer Art Vorhalle bestimmt wurde und uns vor Sonnenschein und Regen schützen sollte.

Ernst und Fränzchen hatten inzwischen auch eine ganz löbliche Aufstellung unserer gelehrten Hilfsmittel vorgenommen. Wir besaßen eine hübsche Menge von Büchern, die teils uns selbst, teils dem Schiffskapitän und den Offizieren gehört hatten, besonders viele Reisebeschreibungen und naturgeschichtliche Werke, zum Teil mit ausgemalten Bildern, die uns als ein wahrer Schatz erschienen und aus denen wir manche Belehrung zu erhoffen hatten; ferner fanden sich viele Seekarten, mehrere mathematische und astronomische Instrumente und ein vortrefflicher Globus vor. Endlich versprach ich mir nützliche Beschäftigung von den vielen Wörterbüchern und Grammatiken der Schiffsbücherei, die mitgenommen worden waren, um bei allfälligem Zusammentreffen mit Schiffen oder Menschen der verschiedensten Nationen einige Hilfe zu finden.

Nun trieben wir fleißig unsere lange unterbrochenen Sprachstudien. Deutsch und Französisch sollten wir alle treiben; das Englische und Holländische ward der Mutter samt den zwei ältern Knaben angewiesen; nur sollte sich Ernst, der zu Haus in der Schule die Grundlage zum Lateinischen tüchtig gelegt hatte, fortwährend auch mit diesem beschäftigen, da es sich zum Verständnis naturgeschichtlicher Werke und auch einiger medizinischer Schriften aus dem Nachlaß unsres Schiffsarztes ganz besonders eignete; mir selbst hatte ich das Malayische zu erlernen aufgegeben, da ich es für sehr wohl möglich hielt, daß ostindische Eingeborne zumal von den Inseln, uns einmal auffinden würden, in welchem Falle das in jenen Gegenden so verbreitete Malayische mir Trost und Hilfe versprach.

So bildeten wir denn ein kleines Babel in unserm beschränkten Familienkreise, und die Brocken der verschiedenen Sprachen umsummten uns die Ohren mitunter zum köstlichsten Spaße.

Erst jetzt fanden wir endlich Muße, den ganzen Rest unserer Schätze von dem gestrandeten Schiffe auszupacken und jedem Gegenstande einen passenden Platz anzuweisen. Es fanden sich da Spiegel, Kommoden, ein paar Konsolen mit polierten Marmorplatten, eine Anzahl Sessel, bequeme und unbequeme, und sogar zwei sehr hübsche Schreibtische; sodann zeigten sich Stock- und Schlaguhren von seltenem Geschmack, deren eine mit einem Glockenspiel versehen war; eine Seeuhr, zur Bestimmung der geographischen Länge auf der See, womit ich freilich nicht allzugut umzugehen wußte – kurz, wir fanden uns reicher, als wir es je gedacht hatten. Aber freilich gab es jetzt auch vieles zu putzen, zu flicken und auszubessern, was denn die zehn oder zwölf Wochen der Regenzeit so gut ausfüllen half, daß ich nur ein Joch für die Ochsen und ein paar Karden zum Kämmen der Baumwolle, samt einem Baumwollrad zum Spinnen für die stets daran mahnende Mutter noch zustande brachte. Dafür waren wir aber auch nun eingehaust wie die Prinzen und bildeten uns nicht wenig ein auf unsere herrliche Wohnung.

Am Ende der ganzen Einrichtung wünschte mein Hausgesinde den alten Namen Zeltheim gegen einen großartigem umzutauschen; und obschon mir der alte Name durch die Erinnerung an unsere ersten Rettungstage teuer war, so gab ich doch den dringenden Wünschen aller nach, und es wurde endlich nach langem Hinundherraten Felsenheim dafür gewählt.

Gegen Ende August und also auch der Regenzeit, wie ich wenigstens hoffte, schien das Wetter eher noch stürmischer werden zu wollen; das Meer schlug in ungeheuren Wellen gegen den Strand und brauste, von wütenden Orkanen gepeitscht, ganz fürchterlich; Regen, Donner und Blitz begleiteten fast ohne Unterlaß den gräßlichen Aufruhr des Ozeans und schienen der ganzen Natur mit Zerstörung zu drohen. Um so glücklicher schätzten wir uns nun in unserer festen Wohnung, da wir in Falkenhorst dieses Unwetter unmöglich hätten aushalten können.

Endlich indessen klärte sich allmählich der Himmel auf, die Stürme legten sich, und wir durften es wagen, aus unserer wohlgeborgenen Freistätte wieder hinauszutreten in die freie Natur.

Zehntes Kapitel

Nach zehn Jahren. Jack unterliegt im Kampf mit einem Eber; Löwen werden erlegt. Fritz löst das Rätsel der rauchenden Klippe. Miß Jenny wird gerettet.

Der schweizerische Robinson

Nach einem langen, langen Gedankenstrich, nach tiefem, etwa achtjährigem Verstummen schlage ich unser Erinnerungsbuch wieder auf. Ich durchblättere die schon geschriebenen Kapitel, ich durchdenke die ungeschriebenen, die gefolgt wären. Sie gleichen den ersten, wie ein Jahr dem andern geglichen hat. Jagd- und Streifzüge reihten sich an Stunden schwerer Arbeit; Entdeckungen und Erfolge wechselten ab mit Enttäuschungen. Scharfer Blick und sichere Hand, ruhiger Herzschlag in Augenblicken der Gefahr, fröhliche Zuversicht im Ungemach und immer wache Dankbarkeit für alle Geschenke der freigebigen Mutter Natur – das sind die Früchte, die uns unser seltsames Schicksal gezeitigt hat. Wahrlich, eine gesegnete Ernte. Zehn Jahre sind an uns vorübergerauscht, zehn Jahre der Einsamkeit, zehn Jahre harten, mühevollen Schaffens, zehn Jahre des Friedens, des Glückes. Auch ihre Spuren haben sie zurückgelassen. Silberfäden durchziehen mein Haar, rauh, hart und schwielig sind die arbeitgewohnten Hände. Mutterchen ist fast schneeweiß; an ihrem zarteren Bau haben die Unbilden der Witterung, die manchmal recht drückenden Mühseligkeiten unsres tatenreichen Einsiedlerlebens am stärksten gerüttelt. Auch einige Anfälle hitzigen Fiebers haben uns zeitweilig um ihr Leben bangen gemacht. Aber heute schaut sie doch mit dem gewohnten Blick friedlicher Heiterkeit aus ihren guten Augen zu mir herüber. »Mutterchen!« sage ich, »du siehst prächtig aus. Wie schön dein braungebranntes Gesicht mit den gesunden Farben zu dem weißen Haar paßt. Wirklich ein erquicklicher Anblick, zumal wenn ich bedenke, wie kümmerlich du voriges Jahr nach deiner letzten Krankheit warst.« – »Ja«, sagt sie, behaglich lächelnd, »damals war ich nicht sehr munter, aber heute nehm ich’s noch mit euch allen auf.«

Aus meinen vier Knaben sind vier junge Männer geworden. Der Kampf um den Lebensunterhalt, der bei uns kaum je bildlich, sondern ganz wörtlich als solcher zu verstehen war, hat ihre Kräfte früh entwickelt und gestählt, hat alle körperlichen Fähigkeiten zu seltener Vollkommenheit ausgebildet. Der stetige Verkehr mit der herrlichen Natur ringsum, die in lebhaftem Wechsel sich ihre Gaben entweder abringen ließ oder sie freiwillig gnadenreich spendete, hat ihre Seelen frisch und fröhlich, ihre Augen wachsam erhalten. Was in ihnen an überschäumender Lebenskraft unter diesen ungewöhnlichen Verhältnissen leicht hätte zur Roheit ausarten können, das bändigte und sänftigte die Gegenwart der Mutter, dieser besten Freundin des heranwachsenden Jünglings. Die liebevolle Ehrfurcht, mit der sich meine vier Wildlinge stets, auch in ihren widerspruchvollsten Launen unter dem sanften, ernsten Blick der Mutter beugten, gibt mir die Gewähr, daß in ihren jungen Herzen die tiefe Achtung vor der edlen und echten Weiblichkeit als wohlbehütetes Samenkorn Wurzel geschlagen hat und sie auch im späteren Leben als schützende Erinnerung begleiten wird. – Ein wirksames Gegengewicht zur Betätigung der rein mechanischen Körperkraft bot uns zudem von jeher die Beschäftigung mit den Wissenschaften. Unser herrlicher Bücherschatz ist uns im Laufe der Jahre immer mehr eine wahre Fundgrube an Genuß und Erbauung geworden. Das Gemeinschaftliche der Arbeit, das Verschmelzen oder Abmessen der sehr verschiedenen Fähigkeiten in unsrer kleinen Genossenschaft war besonders geeignet, unsre Studien zu kräftigen und das Interesse stets wach zu erhalten. Unser kleines naturgeschichtliches Museum weist heute eine Reihe von Sammlungen und Merkwürdigkeiten auf, um die uns mancher europäische Professor beneiden könnte. – So in der Stille aufgewachsen am großmütigen Herzen der Natur, fern vom Getriebe der lärmenden Welt, deren gute oder schlimme Einflüsse hier völlig schweigen mußten, hat sich auch die religiöse Entwicklung meiner Kinder zu einer besonders innigen gestaltet. Sie sind ihrem »lieben Gott« gewissermaßen stets näher gewesen als die Hunderte ihrer Genossen, die im Staub und Häusergewimmel, im ruhelosen Hasten und Treiben der großen Städte aufwachsen. Nirgends spricht Gott lebendiger, liebreicher, ernster und erschütternder zu seinen Kindern als durch die tönende, flüsternde oder brausende Stimme der Natur. Ihrem Liebreiz, ihrer majestätischen Schönheit erschließt sich das Herz; ihrem Drohen, ihren Schrecknissen beugt sich zitternd der Geist. Überall ist es der Allmächtige, Allgütige, Allgerechte, dessen Gegenwart wir empfinden, dessen Weisheit wir uns fügen. – Noch in einem andern Sinn hat das Heranwachsen in unsrer tiefen Einsamkeit auf die Entwicklung meiner Söhne von Einfluß sein müssen. Was man unter »jungen Herren« versteht, sind sie nicht geworden. Sie können nicht Walzer tanzen, sie können keinen Kratzfuß und keine höflichen Redensarten machen. Sie verstehen auch nicht, was ja in Gesellschaften manchmal vonnöten sein soll, über ein kleines Garnichts eine lange Unterhaltung aufzubauen. Wenn sie nichts zu sagen haben, so schweigen sie. Ihr ganzes Wesen hat neben der erquicklichen Frische blühender Männlichkeit den unverkennbaren Hauch des Knabenhaften behalten. Sie sind rüstiger und kraftvoller, aber begreiflicherweise auch wilder und unlenksamer, als sie es in Europa geworden wären. Die Zeiten, in denen sie mich für jeden Ausflug um Erlaubnis fragten, sind längst vorbei. Oftmals weiß ich halbe oder ganze Tage nicht, wo besonders die zwei Ältesten herumschwärmen. Denn auch Ernst kann sich gewaltig ermuntern, wenn seine Wißbegier angeregt wird.

Er hat die Trägheit und Genußsucht seiner Kinderjahre kräftig bekämpft und stellt jetzt an Kaltblütigkeit so gut seinen Mann wie Fritz, der mit seinen sechsundzwanzig Jahren, seinem schwarzen Schnauzbart, seiner dunkellockigen Mähne, unter der die braunen Haselnußaugen hervorblitzen, ein Bild männlicher Kraft geworden ist. Der blonde Ernst, obwohl zwei Jahre jünger, hat ihn an Länge überholt. Sein Gliederbau ist schlanker, gestreckter und schmächtiger; seine körperliche Ausdauer erreicht nicht entfernt die des Bruders. In Jack, dem dreiundzwanzigjährigen, zeigt sich wieder Fritzens kleiner Wuchs bei noch feineren Gliedern, die mehr auf Anstelligkeit und Beweglichkeit als auf eigentliche Kraftanstrengungen eingerichtet sind. Bei Franz endlich, der nun zwanzig Jahre alt ist, findet sich eine gewisse Mischung verschiedener körperlicher und geistiger Eigenschaften seiner Brüder. Er hat viel Empfindlichkeit wie Fritz und Ernst, die Pfiffigkeit Jacks aber ist bei ihm zur Klugheit geworden, da er als der Jüngste sich öfters gegen die Bevorteilung von Seiten der Brüder hat verteidigen müssen. Als der Jüngste ist er, wie sich das nach Jacks Ausspruch »von selbst versteht«, der einzige, dem der Schmuck des Bartes einstweilen noch versagt ist. Jack streicht mit nicht geringem Stolz seine »männliche Zier«, die bislang noch aus einem bescheidenen, aber deutlichen schwarzen Fläumchen besteht; wenigstens braucht er nicht mehr tatenlos zuzusehen, wie Ernst seinen schönen, weichen, blonden Schnurrbart durch die Finger zieht.

Der schweizerische Robinson

Was nun unsere land- und wirtschaftliche Umgebung betrifft, so hat diese ihren eigentlichen Charakter völlig gewahrt, nur haben sich im Laufe der Jahre Verbesserungen und Verschönerungen mannigfacher Art herausgebildet. Felsenheim ist nach wie vor unsre Winterresidenz oder, wenn man will, unser Regierungspalast, während Falkenhorst uns als Sommerwohnung, als Lustschloß dient. Ausgedehnte Stallungen für allerlei Vieh, die sehr vergrößerte Bienenzucht, die Anlage einer Reihe von Taubenschlägen zur Aufzucht europäischer Ansiedler sind die Dinge, auf denen dort unser Hauptaugenmerk ruht. In Felsenheim gibt es manche neue Bequemlichkeiten.

An der ganzen Vorderseite der Wohnung läuft jetzt eine offene Galerie entlang mit einem Dach, das schräg von der Felswand auf vierzehn stattliche Baumsäulen herabreicht. An diesen winden sich Vanille und Pfefferranken empor und schlängeln sich über das ganze Dach hinauf. Ein Versuch mit Weinreben ist der anprallenden Sonnenhitze wegen nicht gelungen. Unter der offenen Galerie oder Veranda, zunächst bei einem laufenden Brunnen, der sein Wasser in die bekannte große Schildkrötenschale ergießt, sitzen wir gewöhnlich, um von der Arbeit auszuruhen, besonders am Abend zum Nachtessen. Auf dem anderen Flügel der Veranda – man könnte sie auch Laubengang nennen – ist ebenfalls ein fließender Brunnen angebracht, der jedoch einstweilen seinen Strahl in einen Trog von Bambus sprudelt. Vermittels Rinnen von Bambusrohr können wir je nach Bedürfnis den Ablauf beider Brunnen zur Bewässerung unserer zunächstgelegenen Pflanzungen benutzen. Die beiden äußersten Enden des Laubenganges, da wo er die Brunnen bedeckt, haben ein höheres Dach von einigermaßen chinesischem Zuschnitt bekommen, so daß sie als Abschluß besonders hübsch wirken. Zwei stattliche, breite Stufen führen längs der Veranda von außen hinein. In der Mitte vor dem Haupttor unserer Wohnung werden sie natürlich von einer sanft ansteigenden Einfahrt unterbrochen. – Von der reizlosen Schroffheit, mit der uns zu Anfang unseres Aufenthaltes die Küste der Rettungsbucht schreckte, ist heute nichts mehr zu sehen. Unermüdliche Arbeit, begünstigt durch das herrliche Klima und den guten Boden, hat im Laufe der Jahre aus diesem ehemals so wilden und kahlen Fleck ein kleines Paradies geschaffen, das, zur Rechten durch den brausenden Schakalbach, zur Linken durch die unersteiglichen Flühe und den weithinlaufenden Gänsesumpf begrenzt, in ungestörter Glückseligkeit für Menschen und Tiere den köstlichsten Zufluchtsort bietet. Auch die Haifischinsel jenseits der Bucht ist schon längst nicht mehr die öde Klippe, die einst durch ihren traurigen Anblick den Aufenthalt zu Felsenheim unerfreulich machte. Kokospalmen und Pinien schaukeln ihre grünen Häupter im Seewinde; dichte Manglebäume am Strande entlang schützen den Sandboden gegen die anspülenden Meereswellen, und lustig schaut das Wachthäuschen neben seinem drohend aufgepflanzten Vierpfünder und dem hochragenden Flaggenstock in die unabsehbare Weite hinaus. – Zwischen unsrer Höhle und dem Schakalbache bis hinauf an dessen Quelle liegen unsre mittlerweile recht ansehnlich gewordenen Pflanzungen und Gärten samt dem kleinen Acker. Der größere jenseits des Baches befindet sich ebenfalls noch in unserm Gesichtskreis. Ein Palisadenzaun von Bambus nebst einer Reihe stachliger Feigen zieht sich in gerader Linie mit den Säulen unsrer Galerie am Schakalbache hin; er schützt die Anlagen auf derjenigen Seite, wo die Felswand und der Bach nicht genug Sicherheit gewähren. Den innern Raum dieses Dreiecks füllen dann außer dem kleinen Getreidefeld und der noch kleinern Baumwollpflanzung eine Anzahl von Küchengewächsen, ein Feldchen von Zuckerrohren, ein Beet mit Cochenillepflanzen und der bekannte Baumgarten von europäischen Fruchtbäumen. Mit dem Gedeihen dieser letzteren hat sich’s in der Hauptsache recht gut gemacht. Besonders schön geraten Pistazien, Mandeln, Walnüsse, Pfirsiche, Pomeranzen und Zitronen, während die Trauben nur in ganz geringer Anzahl und nur von mittelmäßigem Wert erzielt werden. Vorzüglich schön ist der Baumgang von Felsenheim nach Falkenhorst gediehen, weil die Bäume hier mehr auseinanderstehen und von der Seeluft die höchstnötige Kühlung empfangen. Ich muß aber eingestehen, daß wir einen Teil der europäischen Früchte hauptsächlich aus Anhänglichkeit ans liebe Vaterland pflegen und in Ehren halten; denn den Äpfeln, Birnen, Kirschen und Pflaumen ist der heiße Himmelsstrich so ungünstig, daß sie nur einen sehr geringwertigen und kleinen Ertrag liefern. Pomeranzen, Zitronen, Ananas und Zimmetäpfel ersetzen jedoch diesen Abgang reichlich. – Eine Anzahl neuer Geräte und Anstalten zur Ausnützung der verschiedenartigen Ernten ist natürlich auch im Lauf der Jahre dazugekommen. Sie lassen alle manches zu wünschen übrig, müssen aber genügen und erfüllen auch vollständig ihren Zweck.

Der schweizerische Robinson

Da ist zunächst die Zuckerrohrpresse, deren Teile wir mühselig aus den vom Wrack gefristeten Sachen zusammengestellt haben und die mittels eines angespannten Zugviehs getrieben wird. Vier kupferne Kessel, zum Zuckersieden bestimmt, die anfangs zur Aufbewahrung des Schießpulvers gedient hatten, mit der Zeit aber leer geworden waren, sind nebeneinander in eine Art Kunstofen eingemauert worden. Eine Reibe und Presse zur Gewinnung des Öles aus Nüssen, Mandeln und Oliven ersetzt uns jetzt die alte, langweilige Apothekerpresse, mit der wir uns nicht länger plagen mochten. Eine andere Reibe dient verschiedenen Zwecken; einmal, um mit einem runden Rollstein unsern Flachs zu reiben, anstatt ihn durch Schlagen wie früher weich zu machen; dann, um mit einem sich wälzenden hölzernen Läufer bei der jedesmal sehnlich erhofften Traubenernte die Beeren auszudrücken; endlich, um mit einem flachen, langsam gehenden Reibstein den Kakao zu zerreiben. Die Unterlage oder der Kessel zu dieser Reibe ist ein großer, etwas ausgehöhlter Speckstein, der, frisch aus seiner Lagerung genommen, sehr leicht zu bearbeiten war, bald aber, an Luft und Feuer getrocknet, eine außerordentliche Härte angenommen hat. Dieser Unterlagestein hat einen etwa neun Zoll hohen Rand und ruht auf einem in die Erde gebauten Ofen, wodurch er je nach Bedürfnis erwärmt werden kann. Durch die Erfahrung belehrt, haben wir diese im Freien festliegenden Anstalten nach und nach mit Schutzdach und Einwandung versehen, so daß wir uns auch während der Regenzeit ganz ungestört dort beschäftigen können. Alle unsauberen, übelriechenden Zubereitungen, wie Gerberei und Lichterziehen aus Unschlitt, werden nach wie vor auf der Walfischinsel erledigt. Die Werkstätte zu diesen Arbeiten ist mit der Zeit unter einer Hervorragung des Felsens eingesprengt worden und liegt so ziemlich gegen alle Unbilden der Witterung geschützt. In Waldegg ist eine regelmäßige Baumwollpflanzung errichtet und der dortige Reissumpf in ein ordentliches Reisfeld verwandelt worden, welch letzteres unsre Bemühungen mit ganz prachtvollen Ernten lohnt. Auch Hohentwiel wird nicht außer acht gelassen. Von dort holen wir uns regelmäßig beträchtliche Vorräte von Knospen des Kapernstrauches, die in Essig, mit Pfeffer verschärft, zu künftigem Gebrauch aufbewahrt werden. Jedesmal kurz nach der Regenzeit schlagen dann auch die Blätter des Teestrauches im Überfluß aus, die mit nicht minderem Eifer gesammelt, getrocknet und luftdicht verwahrt werden. Unmittelbar vor der Regenzeit hinwieder geht es allemal den reifen Zuckerrohren und der Moorhirse zu Leibe. Von Hohentwiel aus wird zuweilen wohl auch nach der Klus ein Abstecher gemacht, um zu untersuchen, ob Elefanten oder andere gefährliche Tiere durchgebrochen seien und ob keines sich in unsern Schlingen und Wolfsgruben gefangen habe. – Unsere Haustiere, geflügelte wie vierbeinige, sind in vortrefflichem Zustande und haben sich ansehnlich vermehrt. Besonders gilt dies von Tauben und Hühnern, welch letztere durch Veredlung mit Hilfe des prächtigen einheimischen Geflügels sich zu einem wahren Staatsvolk ausgewachsen haben. Unser Mittagstisch ist nie um die köstlichsten gebratenen Hähnchen und Tauben verlegen, und um den immer erneuten Eiervorrat möchte uns mancher Gutsbesitzer beneiden. Von den alljährlich bescherten Kälbern haben wir nur zwei aufgezogen, einen Bullen von großem Mut und ungeheuren Kräften und eine hübsche, brave Melkkuh. Sie heißt Blaß, ihrer hellen Farbe wegen, während der Stier nach seiner dröhnenden Stimme den Namen Brüll erhalten hat. Beide sind natürlich zum Reiten wie zum Ziehen und Lasttragen abgerichtet, ebenso wie Pfeil und Flink, zwei junge Esel, mit denen der muntre Rasch uns erfreut hat. Die Schweine haben sich natürlich riesig vermehrt, und wir sind schon längst genötigt gewesen, die älteren Stücke aus dem Küstenrevier landeinwärts in die Steppe zu versetzen. Auch das übrige kleine Vieh hat sich entsprechend vervielfältigt, und wir können nicht nur unbesorgt davon schlachten, so daß unsere Tafel mit zahmem und wildem Fleisch in angenehmer Abwechslung bestellt ist, sondern wir haben einen Teil von ihnen schon in die Wildnis ziehen lassen, wo wir sie nun, vermischt mit den Gazellen, auf unsern Jagdzügen wieder antreffen. Mit großer Vorliebe schonen und pflegen wir zarte, reizende Antilopen auf der Haifischinsel, die sich nur langsam vermehren. Kürzlich haben wir uns ein Pärchen in den reichbebuschten Hof von Felsenheim herübergeholt, um uns an den niedlichen Gestalten und possierlichen Sprüngen zu ergötzen. Unter den Hunden haben wir einstweilen nur einen Sprößling des gewandten Jager am Leben gelassen. Er verspricht ein vorzüglicher Spürhund zu werden. Jack hat ihn Koko genannt. Das sei ein kurzer und doch fernhintönender Name und wecke ein prachtvolles Echo in den Wäldern und an Felsklüften.

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Nach diesem Rück- und Rundblick nehme ich endlich den Faden meiner Erzählung wieder auf.

Ich habe schon erwähnt, daß meine Söhne sich mit Beziehung auf die Freiheit ihrer Bewegungen so ziemlich von meiner väterlichen Gewalt losgelöst hatten. Im großen und ganzen war mir das schon recht. Sie waren keine Kinder mehr, und ich mußte darauf bedacht sein, ihnen beizeiten Selbständigkeit zu sichern. Wer mochte wissen, wie unser Leben sich noch gestalten würde und wie lange sie noch Vater und Mutter um Rat fragen könnten.

So hatte sich denn auch Fritz einmal schon vom frühen Morgen an von Felsenheim verloren. Erst gegen Abend bemerkten wir an der Abwesenheit seines Kajaks, daß er wohl einen Ausflug in See gemacht habe. Gleich begaben wir uns auf die Hochwache der Haifischinsel, um uns so weit als tunlich nach dem Flüchtling umzusehen, wobei wir auch die Flagge lustig in dem Wind flattern ließen und unsere Alarmkanone zum Salutieren luden. Eine Weile zwar entdeckten wir nichts; endlich unterschieden wir jedoch einen kleinen, schwarzen Punkt auf der besonnten Wasserfläche, und nicht lange, so konnten wir schon durch ein Fernglas unsern Herrn Grönländer in seinem Kahn unterscheiden. Er schlug taktmäßig mit dem Ruder auf den Meeresspiegel und näherte sich, wiewohl etwas langsamer und schwerfälliger, als ich erwartet hatte, der Küste von Felsenheim.

»Numero eins, Feuer!« kommandierte jetzt Ernst als wachthabender Offizier, und Jack brannte alsbald los. Dann erhoben wir alle noch ein frohes Hurra und eilten flugs von der Höhe nach dem Strand, um womöglich in unserem Boote Fritz zuvorzukommen und ihn bei unserer Wohnung am Lande zu empfangen.

Kaum hatte er die Rettungsbucht erreicht, so erkannte ich gleich, was seinen Lauf verzögert haben mochte; denn eine gewichtige Beute schwamm angebunden an der Seite des Kajaks. Hinter dem Fahrzeug im Wasser ward überdies noch ein beträchtlicher Sack bugsiert, der ebenfalls hinderlich sein mußte.

»Willkommen, Fritz, willkommen!« rief ich ihm schon aus der Ferne zu; »woher des Landes, oder woher des Meeres? Du hast, scheint es, gute Beute gemacht, denn du bist beladen wie ein Frachtwagen. Wo hast du dich herumgetrieben, du Schlingel? Na, die Hauptsache ist, daß man dich wohlbehalten wieder hat!«

»Ja«, erwiderte Fritz, »es geht mir ausgezeichnet. Ich habe allerlei Beute gemacht und Entdeckungen – das sag‘ ich euch, die werden uns bald genug wieder anlocken.«

Kaum saß das Kajak auf dem Strand, als das Schifflein samt dem Ruderer darin von den drei übrigen Brüdern unter Jubelgeschrei gezogen und bis zu unserer Wohnung hin fortgeschoben wurde, worauf alsbald noch ein unförmliches, gleich einer Kröte aufgeblasenes Seetier und ein Sack voll großer, flacher und dicker Muscheln auf einer Tragbahre nachgeholt wurden. Dann aber setzten wir uns alle um den zur Ruhe gelagerten Fritz her, begierig, den Reisebericht zu vernehmen, der ihm schon gleichsam über die Lippen hervorguckte.

»Du bist hoffentlich nicht ärgerlich gewesen, lieber Vater«, so fing er an, »daß ich ausgezogen bin, ohne mich zu verabschieden. Es reizte mich nämlich ganz riesig, einmal einen Streifzug jenseits jener Klippen, an denen ich mein Walroß erlegt habe, zu unternehmen. Ich war deiner Zustimmung durchaus nicht sicher, da der Ausflug so völlig ins Ungewisse ging. Daher beschloß ich, lieber heimlich auf und davon zu gehen und dich dann nachträglich durch meinen Erfolg zu versöhnen. Ich richtete demnach mein Kajak in aller Stille mit Mundvorrat, Trinkwasser, Schießbedarf, Fangvorrichtungen verschiedener Art ein und lauerte so auf die nächste passende Gelegenheit.

Der heutige schöne Morgen und die stille See lockten mich unwiderstehlich, meinen Plan auszuführen. Ich schlich mich davon, während ihr noch in der Felsenhöhle beschäftigt wart, ergriff zuletzt noch ein gutes Handbeil, rief meinen Adler, schiffte mich ein und überließ mich der Strömung des Schakalbaches, die mich auch in kurzem aus eurem Gesichte trug. Ich beobachtete jedoch genau den Strich meines Kompasses, um den Rückweg wieder auffinden zu können.

Als ich über die Stelle unseres weiland gesprengten Wrackes fuhr, sah ich in nicht sehr großer Tiefe, weil das Wasser besonders hell und ruhig war, viele unserer größeren Kanonen, Eisenstangen, Kugeln und dergleichen auf dem Grund liegen. Schade, daß es uns an allen Vorrichtungen fehlt, um sie heraufzuholen.

Von da wandte ich mich wieder schräg und westlich nach der Küste, mitten durch die Riffe eines gleichsam zertrümmerten Vorgebirges, wo sich bald Tafeln und Blöcke von Felsgestein aufeinandertürmten, bald einzelne Klippen und Felsbrocken zerstreut aus dem Meere hervorragten oder zunächst unter der Wasserfläche verborgen staken. Auf den unzugänglichsten hatten sich eine Menge Seevögel angesiedelt, die dort ihre Brutplätze haben mochten und mit rasendem Geschrei herumschwärmten. Wo dagegen eine Klippe flacher und zugänglicher lag, da zeigten sich große Seetiere, die teils in der Sonne liegend schnarchten, teils ordentlich betäubend quiekten, schrien, schnaubten und brüllten. Gewöhnlich lagen sie, Art bei Art, rudelweise aneinander; namentlich Seelöwen, Seebären und See-Elefanten, besonders aber Walrosse.

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Ich muß bekennen, daß es mir unter all diesen Riesentieren nicht eben wohl zu Mute war, und somit suchte ich mich durch die Klippen ihres Aufenthalts mehr unbemerkt durchzustehlen, als ritterlich und offen durchzuschlagen. Erst nach anderthalb Stunden etwa war ich jedoch gänzlich geborgen und befand mich jetzt gerade vor einem prächtigen Felsentor, das die Natur in stolzem gotischem oder altdeutschem Geschmacke erbaut zu haben schien. Es öffnete sich wie der Schwibbogen einer ungeheuren Brücke; der Fels aber lief noch jenseits als ein Vorgebirg von beträchtlicher Höhe in die See hinaus.

Ich fuhr bedachtsam und vorsichtig hindurch, fand aber nichts Bedeutendes, und als ich mich durch das hohe Felsengewölbe hindurchgearbeitet hatte, befand ich mich sofort in einer prächtigen Bai, am niedrigen und lieblichen Strand einer fast unabsehbaren Steppe, die mit verschiedenen anmutigen Holzungen unterbrochen, links von ungeheuren Felsenmassen begrenzt, rechts von einem sanften Strome durchzogen und bewässert war. Jenseits des letztern schien sich vieles Sumpfland auszubreiten, und ein mächtiger Zedernwald verhinderte endlich alle fernere Aussicht.

Während meiner Fahrt an einem schönen Ufer hin, bei spiegelglatter See, bemerkte ich in verschiedener Tiefe, zumal auf steinigem Grund, bald mehr, bald minder ausgedehnte Lager beträchtlich großer Muscheln von der Art der Bivalven oder zweiklappigen wie die Austern. Das muß doch ein fetteres und ergiebigeres Essen sein, dachte ich, als die kleinen Austern in der Rettungsbucht. Hiermit riß ich einige der Muscheln mit meinem Bootshaken von dem felsigen Grunde los, faßte sie in mein Sackgärnchen auf und fuhr gleich damit an das Land, wo ich sie bloß hinwarf, ohne aus meinem Kajak zu steigen; denn ich fuhr alsbald zurück, um eine zweite Ladung zu holen, die ich nach Felsenheim zu führen beschloß und deswegen zu besserer Erhaltung, eingepackt in meinen gewöhnlichen Reisesack, hinten an meinem Kajak im Wasser nachschleppte.

Als ich dann wieder an die vorige Stelle zurückkam und mich nach den vorhin ans Land geworfenen Muscheln umsah, fand ich alle an der brennenden Sonne auf dem Strande schon verschmachtet und vollkommen offen, wodurch mir natürlich jede Eßlust auf der Stelle verging. Hingegen war ich doch neugierig, die Dinger etwas näher zu untersuchen. Ich schnitt also in den Körper der Tiere an verschiedenen Stellen ein und fand ihn allerorten so zäh, daß ich an der Eßbarkeit des Fleisches, auch wenn es gekocht würde, durchaus zweifelte. Hin und wieder aber war mein Schnitt auf etwas Hartes geraten, dem ich weiter nachgrübelte; und siehe da, bald hob ich mit der Messerspitze ein paar größere und kleinere Erbsen hervor, die völlig aus Perlmutter gedrechselt zu sein schienen. Jetzt untersuchte ich der Reihe nach alle Muscheln. Die niedlichen Erbschen lagen meist zwischen dem Fleisch und der äußern Schale, ein solches Kügelchen war sogar von der Größe einer halbreifen Haselnuß. – Hier habe ich alle die Dingerchen in meiner Bambusbüchse beisammen, soviel ich nur in den Austern vorfand. Sieh sie dir an, Vater, und wenn das nicht die schönsten orientalischen Perlen sind, will ich Matz heißen.«

»Laß sehen Fritz«, riefen die Brüder, »laß sehen! Alle Wetter, wie schön, wie glänzend! Das war aber mal ein herrlicher Fund!«

»Ja«, sagte ich, »du hast hier einen wahren Schatz entdeckt, mein lieber Sohn, um den uns ganze Völker beneiden würden, wenn sie es erführen. Ohne Handelsverkehr freilich nützen uns diese Herrlichkeiten wenig; dennoch wollen wir baldigst den Fundort dieser Muscheln besuchen, die Entdeckung könnte doch noch folgenreich für uns werden. – Aber nur weiter!«

»Nachdem ich mich«, fuhr Fritz fort, »mit Speise und Trank etwas gelabt hatte, setzte ich meine Fahrt aufs Geratewohl an dem ebenen Strande fort, der immer mehr mit mannigfaltigen kleinen Buchten eingeschnitten war. Wegen des im Wasser nachschleppenden Austernbündels rückte ich jedoch nicht sonderlich vor. Ich kam an dem beobachteten Strome vorüber, der nur sehr wenig Fall hatte und mit den schönsten Wasserpflanzen bedeckt war, so daß er mir beinahe wie eine schön begraste Wiese vorkam, zumal verschiedene Wasservögel, besonders eine Art von langzehigen, wie auf trockenem Boden darüber wegliefen. Nachdem ich meinen Vorrat von Trinkwasser daselbst erneuert hatte, eilte ich, meine Grenzbesichtigung der großen Bai zu beendigen, und beschloß, diese mit dem Namen der großen Perlbai zu beehren. Bald erreichte ich dann das jenseitige Vorgebirge, das dem mit dem Schwibbogen fast symmetrisch gegenüberstand; beide mochten anderthalb bis zwei Stunden weit voneinander stehen, wenn man die gerade Linie ihres Abstandes betrachtete, und beide ragten weit in die See hinaus; innerhalb ihrer Spitze aber lief ein Felsenriff von dem einen zu dem andern hin und trennte die Bai von der offenen See mit Ausnahme einer einzigen Stelle, die zu einer bequemen Durchfahrt offen blieb. Das übrige schien mir durch die Klippen und durch Sandbänke vollkommen wohl gesichert und bildete somit einen prächtigen natürlichen Seehafen, dem nur eine Stadt fehlte.

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Ich versuchte, die neuentdeckte Einfahrt sogleich zum Hinausfahren zu benutzen. Die Strömung der gerade stark angewachsenen Flut war mir aber so gewaltig entgegen, daß ich, um nicht umzuwerfen, mein Vorhaben schlechterdings aufgeben mußte. Demnach zog ich mich an dem Riffe fort gegen das äußere Vorgebirge, bis ich dieses erreichte und an der gewaltigen Felswand mich wieder landwärts hielt, ohne jedoch auf ein Tor zu stoßen wie auf der entgegengesetzten Seite. Dagegen spürte ich dort bald eine Menge vierfüßiger Tiere auf, die mir von der Größe eines gewöhnlichen Seehundes zu sein schienen. Ich sah sie bald auf den Klippen herum, bald im Wasser miteinander scherzen, sich necken, verfolgen, untertauchen und wieder hervorkommen. Ich war riesig begierig, sie näher kennenzulernen; das beste wäre gewesen, eines zu erlegen und mitzunehmen. Aber noch war ich zu weit außer dem Schuß und fürchtete auch, nicht unbemerkt genug hinschleichen zu können oder auch meine Beute nur zu verwunden, die dann doch durch Untertauchen mir wieder entgehen dürfte. Deswegen legte ich meinen Kahn hinter einem Felsenvorsprunge fest, nahm Blitz und warf ihn nach dem Trupp jener Tiere hinaus in die Luft; er flog auch hin wie ein Pfeil, schoß nieder auf ein schönes erwachsenes Geschöpf, und hatte es fast im Hui geblendet. Schnell lief ich in Sprüngen über einzelne Steinblöcke nach dem Kampfplatze hin und schlug das Tier mit dem Bootshaken tot, während ich mit Erstaunen von allen übrigen keine Spur mehr bemerken konnte, denn sie waren sämtlich wie durch einen Zauber verschwunden.«

»Aber wie hast du es angefangen«, fragte ich ihn jetzt, »deine Beute so geschickt heimzubringen; denn für dein schwaches Fahrzeug war sie doch viel zu schwer.«

»Ja, das kostete mich Mühe und Nachdenken genug«, antwortete er, »denn zurücklassen wollte ich sie unter keiner Bedingung, und obschon mir freilich das Kunststück der Grönländer, das Tier aufzublasen, in den Sinn kam, so mochte ich doch den Mund nicht zwischen Balg und Fleisch des getöteten Tieres stecken, da ich ohnehin keinen sonderlichen Erfolg voraussah; etwas Röhrenartiges hatte ich aber nicht bei mir, und es war weder Schaft noch Haken auf der öden Klippe des Riffes aufzutreiben.

Indem ich so etwas stumpfsinnig in die Welt hinausschaute, fielen mir die Menge Seevögel auf, die mich näher und immer näher mit Gekreisch umschwirrten. Möwen, Seeschwalben, Albatrosse, Fregatten und dergleichen flatterten mir unverschämt zu Leibe, daß ich zuletzt ungeduldig ward und mit meinem Bootshaken blindlings unter sie schlug. Zum Glück traf ich einen großen Vogel so gut, daß er mit ausgebreiteten Flügeln betäubt hinstürzte. Es war ein stattlicher Albatros, den, glaube ich, die Seeleute auch das Schaf oder das Kriegsschiff nennen. Während er nun so vor mir lag, sprang mir’s plötzlich in die Augen, daß die Kiele seiner Schwungfedern meinem Bedürfnis ganz vortrefflich abhelfen könnten. Schnell raufte ich mir einige der größten aus, bediente mich ihrer zum Aufblasen der Seeotter und hatte sie bald in schwimmfertigem Stande. Dann war es aber auch Zeit, mich auf den Heimweg zu begeben; ich zog das Kajak hinüber an die Außenseite des Riffs, band meine gewonnenen Schätze sorgfältig auf und an, fuhr in Gottes Namen durch die Brandung glücklich hinaus in die hohe See und befand mich in kurzem wieder auf wohlbekannten Gewässern, wo ich denn bald aus weiter Ferne schon unsere Flagge spielen sah und nicht lange darauf auch den Knall unserer Alarmkanone zum Zeichen eurer willkommenen Nähe vernahm.«

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Dies war Fritzens Erzählung, und gleich am Schlusse fiel mein Hausvolk über seine mitgebrachten Eroberungen eifrig her. Da winkte mir Fritz, der alle, auch die Mutter nicht ausgenommen, so emsig beschäftigt sah, heimlich auf die Seite. Neugierig folgte ich ihm zu einer fernstehenden Bank. »Denke doch, Vater, denke!« sprach er aufgeregt, »was mir mit dem Albatros noch Sonderbares widerfahren ist! Indem ich ihn auf dem Schoße hielt, sah ich plötzlich zu meinem Erstaunen, daß sein eines Bein mit einem leinenen Lappen umwunden war. Sofort löste ich ihn ab und betrachtete ihn näher. Da fand ich ihn denn mit einer Art Purpurfarbe beschrieben und las in englischer Sprache ganz deutlich die Worte: »Rettet eine unglückliche Engländerin von der rauchenden Klippe!«

»Was sagst du da?« fuhr ich auf. Fritz faßte mich am Arme. »Nicht wahr?« sagte er mit unterdrückter, fast heiserer Stimme, indem er sich nach den andern umsah. »Wie mir zu Mute war, Vater! Als ob mich ein elektrischer Schlag getroffen hätte. Ich las und las immer von neuem die paar Worte!

Mein Gott! dachte ich, ist das Wahrheit oder Täuschung? Haust noch eine lebendige Seele in diesen weiten Einsamkeiten? Wie kann sie denn hergekommen sein? – Doch ja, dachte ich wieder, so gut als wir selbst, durch Sturm und Schiffbruch! Könnte ich nur die Unglückliche finden und retten oder ihr doch wenigstens Trost oder Hoffnung bringen! Das arme Geschöpf!

In diesen Gedanken suchte ich den armen Vogel nur wieder zu sich zu bringen, tunkte schnell eine Feder, so stumpf sie war, in die blutende Wunde der Seeotter, und malte erst auf den schon beschriebenen Lappen, dann aber auch auf ein abgerissenes Stück von meinem Schnupftuch die englischen Worte: »Nur Gott vertraut! Hilfe ist hoffentlich nahe.«

Hierauf band ich beide Lappen an die zwei Beine des Albatrosses, damit die arme Engländerin, wenn sie den Vogel je wieder zu Gesicht bekäme, sogleich an der Doppelzahl der Bändchen sehen könne, daß er in fremden Händen gewesen sei. Denn ich dachte mir, die Schiffbrüchige habe wohl das Tier wenigstens zum Teil gezähmt, und es werde über, kurz oder lang zu ihr auf die rauchende Klippe zurückkehren, die wohl nicht in großer Entfernung liegen möchte.

Es war mir gelungen, den betäubten Vogel mit etwas kräftigem Met wieder gänzlich zu ermuntern. – Er fing an herumzutappen, hob seine Flügel, machte ein paar Versuche damit, und plötzlich sauste er unaufhaltsam davon, nach Westen zu. Ich blieb ganz verblüfft und enttäuscht dastehen, denn ich hatte gehofft, ich würde ihm nachrudern können. Aber er war mir im Nu aus den Augen.

Nun aber, Vater, quält mich der Gedanke fortwährend: Wird mein Zettelchen wohl zu der Unglücklichen hingelangen? Wo mag sie hausen? Werde ich sie finden und erretten können?«

»Mein lieber Sohn!« sagte ich, »diese Begebenheit ist sicher die merkwürdigste, die wir hier noch erlebt haben, und ich freue mich über die Klugheit, mit der du dich benommen hast. Recht, daß du sie vorläufig bloß mir vertrautest. Die Nachricht, so wie sie ist, würde nur allgemeine Unruhe bewirken, ohne Nutzen zu bringen. Zumal wir ja nicht einmal wissen können, ob nicht entweder das Läppchen sehr alt und die Schreiberin seither gänzlich verunglückt oder gar so weit von uns entfernt verschlagen ist, daß wir sie unmöglich auffinden können. Denn bekanntlich ist ja der Albatros ein gewaltiger Luftsegler und kann in wenigen Tagen aus einer ungeheuren Weite dorthin gekommen sein, wo du ihn erwischt hast. Jetzt aber laß uns zu den andern zurückgehen, ich habe dir eine Erklärung zu machen.«

Hiermit traten wir Hand in Hand zu dem Kreise der Unsrigen, die, gleich etwas Besonderes ahnend, sich stillschweigend hinstellten wie zu einem feierlichen Empfang, und ich erhob meine Stimme mit großem Ernst: »Hier, Mutter, führe ich dir deinen Sohn und euch Kindern euren ältesten Bruder mit der ausdrücklichen Anerkennung vor, daß er seit geraumer Zeit, und namentlich bei seinem eben uns erzählten letzten Ausflug, sich so tätig, mutvoll und verständig benommen hat, daß ich ihn von nun an wie einen durchaus selbständigen jungen Mann behandeln werde und auch so von euch allen geehrt zu sehen wünsche. Forthin soll er mir als Freund zur Seite stehen. Er darf nach freiem Willen und eigener Einsicht handeln; ich spreche ihn hiermit in aller Form los von meiner väterlichen Gewalt!

Fritz war von diesem feierlichen Auftritt ganz betroffen. Die Mutter, Freudentränen in den Augen, zog ihn an sich, gab ihm einen herzlichen Kuß und entfernte sich dann eilig, um, wie sie sagte, zur Feier des Tages ein besonders herrliches Mahl zu bereiten.

Die Brüder beglückwünschten Fritz von Herzen zu dieser Mannbarkeitserklärung; wir alle feierten den Anlaß bei fröhlichen Liedern und ernsthaften Gesprächen bis tief in die Nacht hinein.

Am andern Morgen, kaum daß wir unsere Morgenarbeit einigermaßen getan hatten, stürmten die vier Burschen gewaltig auf mich ein, doch unverzüglich auf die Perlenfischerei zu ziehen. – »Sachte, sachte«, war mein Bescheid, »soll unser Werk vonstatten gehen, so muß auch für gehöriges Werkzeug Rat geschafft werden. Laßt uns die Sache recht vorbereiten, und schaffe jeder etwas Nützliches zu dem Ausfluge herbei, so will ich gern mit dabei sein.«

Sofort gingen wir sämtlich an die Arbeit, wobei ich selbst zwei große und zwei kleinere Rechen oder Haken aus Eisen zurechtschmiedete, sie mit starken hölzernen Stielen versah und an die zwei größern eiserne Ringe befestigte, um sie vermittels Stricken an unser Boot zu binden und sie dergestalt durch Rudern im Schiff über den Grund zu ziehen, wo Perlaustern sich vorfinden möchten.

Franz half der Mutter lange Netzbeutel verfertigen, die, an meine großen Rechen festgemacht, dazu dienen sollten, die abgekratzten Muscheln sogleich aufzunehmen.

Fritz war sehr eifrig, aber sehr schweigsam, immer abseits, mit einer Arbeit auf eigene Faust beschäftigt, die darin bestand, daß er in dem Verdeck seines Kajaks eine zweite Sitzöffnung anbrachte, was mir ziemlich deutlich seine stillen Hoffnungen verriet; die Brüder aber fanden es freilich natürlich, daß er darauf bedacht sei, etwa dem einen oder dem andern ein Plätzchen neben sich zu bereiten, was Fritz unwidersprochen so hingehen ließ.

Mit Proviant und Werkzeug vollkommen ausgerüstet, stießen wir eines Tages, da Wind und Wasser uns vorzüglich zu begünstigen schienen, unter den Segenswünschen der zurückbleibenden Mutter und Franzens voll gespannter Hoffnungen vom Land. Wir legten in kurzem den Weg zurück, den Fritz uns früher beschrieben hatte, und kamen noch vor Abend in der Austernbai an. Wir richteten uns auch bald zum Schlafen ein. Die Hunde blieben am Strand beim Feuer, das wir angezündet hatten, wo es ihnen vortrefflich behagte; wir aber schliefen im Boot, mit dem wir uns in einigem Abstand vom Ufer vor Anker legten, doch so, daß wir bei entstehendem Lärm unsere Landtruppen ohne weiteres in den Schutz unserer Feuergewehre nehmen konnten. Wir schliefen auch warm und sanft, obwohl uns im Anfang das Geheul einiger Schakale von der Küste her beunruhigte.

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Bei Anbruch des Tages waren wir bald alle munter, hatten gelandet, ein nahrhaftes Gabelfrühstück eingenommen und ruderten ungesäumt nach der Austernbank hin, wo wir mit unserm Garnrechen und den übrigen Werkzeugen eine Menge Muscheln in kurzer Zeit emporholten. Der gute Erfolg machte uns auch Lust, sowohl an diesem als an den nächstfolgenden zwei Tagen bei dem einförmigen Geschäfte auszuhalten, und wir bekamen einen stattlichen Haufen zusammen, den wir am Strande zu einem länglichen Würfel dicht ineinanderschichteten.

Gegen Abend, ungefähr eine Stunde vor der Zurüstung des Nachtessens, pflegten wir jeden Tag eine Streiferei durch die Ufergegend zu machen, wobei gewöhnlich ein paar Stücke kostbaren Geflügels, bald eine Art Feldhühner, bald kleine Strandläufer, bald anderes erbeutet wurden.

Am letzten Abend unserer Perlfischerei hatten wir große Lust, ein wenig tiefer als sonst in das benachbarte Wäldchen einzudringen, da wir Truthähne oder Pfauen gehört zu haben glaubten, nach denen wir gleich ein zärtliches Verlangen trugen. Zugleich aber hofften wir auch etwa irgendein vierfüßiges Tier aufzuspüren.

Ernst war diesmal mit dem wackeren Falb etwas vorausgezogen, und Jack mit seinem Jager plänkelte in einiger Entfernung hinter ihm durch das hochaufgeschossene Gras, während Fritz und ich noch am Ufer erst etwas an unserm Werkzeug in Ordnung bringen wollten. Da geschah plötzlich ein Schuß, auf den ein Aufschrei und dann ein zweiter Schuß erfolgte. Alsbald rissen Bill und Braun von uns aus, nach der Richtung dieser Schüsse hin.

»Hier ist Not am Mann!« rief Fritz und rannte ebenfalls schleunigst nach der Gegend des Lärms, indem er zugleich seinen Adler während des Laufes enthaubte. Bald darauf warf er ihn vor sich hin durch die Luft und feuerte dann einen Pistolenschuß los, nach dem ich unmittelbar statt des vorigen Notschreis den Jubelruf: »Viktoria, Viktoria!« vernahm.

Es versteht sich, daß ich auch schon unterwegs war nach dem mutmaßlichen Kampfplatze, doch glaubte ich jetzt meinen Sturmschritt etwas mäßigen zu können. Gleichwohl ging es keine zwei Minuten, so gewahrte ich schon zwischen den Baumstämmen Jack, der, auf beiden Seiten von Ernst und Fritz unterstützt, wie ein Gelähmter gegen mich herwankte. – Nun also, dachte ich, der ist gottlob doch noch aufrecht, und es ist ihm nicht so schlimm ergangen, als ich gefürchtet hatte! – Somit hielt ich still, rief die Jäger herbei und dachte auf eine Erquickung an unserm Standplatz am Ufer, wo wir zur Notdurft einen zwar etwas armseligen Tisch und ein paar Bänke errichtet hatten.

Als die drei vollends bei mir anrückten, ächzte, stöhnte und winselte Jack ganz jämmerlich, tastete‘ betrübt an sich selber herum und sagte bei mehr als zwanzig Stellen: »Hier tut’s mir weh, und hier, und hier, und hier; ich bin zerstoßen wie ein zermörseltes Pfefferkorn.«

Ich fand jedoch bei näherer Untersuchung nichts weiter als ein paar Flecke, wie man sie von heftigem Stoßen oder Schlagen zu kriegen pflegt; kurz, es lief alles auf einen ziemlich unbestimmten Schmerz in den Muskeln heraus. »Na, na«, rief ich, »gar so unmenschlich kann das Leiden dem Aussehen nach nicht sein. Einige Quetschungen, weiter seh‘ ich nichts. Das kann doch einen so tüchtigen Jägerburschen nicht gleich aus der Fassung bringen. Was gab’s denn?«

»Ja, was gequetscht!« versetzte Jack. »Gewalkt, zerstampft und beinahe zermalmt bin ich; es fehlte nur ein Haar, so hätte die Bestie mir den Bauch aufgeschlitzt, und dann adieu mit dem Jägerburschen; aber die wackeren Hunde und Fritzens Blitz haben dem Greuel gezeigt, wo Barthel den Most holt.«

»So rücke doch endlich mal heraus! Was für ein Greuel hat dich also geknetet?«

»Ach!« rief Ernst, »es war ein gräßliches afrikanisches Wildschwein, mit häßlichen Fleischlappen unter den Augen und an den Schläfen, mit halbfußlangen Hauern und einem handbreiten Rüssel, der das Erdreich durchwühlte, wie eine Pflugschar und ordentliche Furchen riß.«

»Nun, da war die Gefahr allerdings schlimm genug! – Da wollen wir nur den armen Kerl ein bißchen pflegen und erquicken. Schon auf den Schrecken hin.«

Ich gab dem Patienten einen Becher Kanariensekt von unserer eigenen Machenschaft, wusch ihm auch die zerstoßenen Glieder damit und brachte ihn dann auf unser Nachtlager im Boote, wo er so sanft und schnell einschlief, daß ich für sein weiteres Befinden bald außer Sorge war.

»Nun aber«, sprach ich zu Ernst, sobald ich wieder am Ufer war, »erzähle die Geschichte vom afrikanischen Eber! Denn noch immer ist es mir unklar, wie es mit dem Abenteuer zugegangen sein mag.«

»Ich war als der erste mit Falb in das Wäldchen getreten«, fing er an, »da riß der Hund sich unversehens von mir los und stürzte in ein Gebüsch hinein. Da mußte die Bestie gelagert haben, denn nun brach sie mit entsetzlichem Schnauben, Rasseln und Schnaufen aus dem Dickicht. Ich erschrak denn doch nicht wenig. Sehr einladend sah das Scheusal auch nicht aus, als es da in geringer Entfernung anhielt und an einem Baum seine Hauer wetzte. Indessen war auch Jack zu dem Wäldchen herangekommen, und sobald sein Jager das Wild in der Nähe witterte, ging er heulend darauf los und umkreiste es gemeinschaftlich mit Falb, um irgendeine Blöße zu erspähen. Ich näherte mich dem Untier behutsam von Baum zu Baum, um von ihm ungesehen in sichere Schußnähe kommen zu können. Inzwischen hatte sich Jager etwas unbedachtsam herangemacht und kriegte von der rückwärts ausscharrenden Bestie einen Tritt, daß er winselnd übertorkelte. Jack wurde darüber erbost, sprang eilfertig vor, feuerte und fehlte oder streifte den Eber wenigstens nur obenhin. Natürlich geriet das Scheusal nun in rasende Wut und stürzte auf ihn los. Jack brannte sofort durch. Ich schoß, um ihm beizustehen, traf aber auch schlecht und machte die Bestie nur noch wütender. Nun läuft ja unser Junge wie ein Hottentotte und wäre gewiß entkommen, wenn er nicht über eine Baumwurzel gefallen wäre. Im Augenblick, als das Ungetüm sich auf ihn stürzte, kriegten Falb und Jager es aber von hinten zu packen, so daß es in der Verteidigung gegen die neuen Angreifer Jack keinen ernstlichen Schaden zufügen konnte. Jetzt kamen auch Bill und Braun an, erwischten es bei den Ohren, der Adler schoß, wie sein Name besagte, als Blitz aus der Luft auf ihn nieder, und Fritz konnte sich nun ungefährdet so weit nähern, um dem Unhold mit der Pistole den Garaus zu machen. Wir halfen nun dem stöhnenden Jack auf die Beine, und da sind wir nun, wie wundenbedeckte Helden, die aus der Schlacht heimkehren!«

Der schweizerische Robinson

Ich mußte nun doch lachen, um so mehr, als die schwerverwundeten Helden während der Erzählung sich tapfer hinter das Nachtessen gemacht hatten. Das Einbrechen der Nacht mahnte auch sofort an förmliches Abendessen und Ruhe. Zwar hätten wir gern noch unsere Hunde am Ufer gehabt; sie waren aber, ohne daß wir es wahrgenommen hatten, bei dem erlegten Hauer zurückgeblieben, und jetzt war es uns zu spät, sie noch abzuholen. Wir steckten demnach kurz und gut das gewöhnliche Wachtfeuer an, genossen etwas kalte Küche und zogen uns dann auf unser Boot zurück, wo wir ohne bedeutende Störung die Nacht ebenso ruhig verschliefen, als wäre es auf Felsenheim.

Frühzeitig machten wir uns am folgenden Morgen wohlgerüstet auf den Weg nach der Walstatt, um den gefällten Eber in Augenschein zu nehmen und über seine Benutzung Rat zu halten; doch ließen wir den armen Jack, der nach seinem schrecklichen Abenteuer wohl noch einer längern Ruhe bedürftig war, auf seinem Lager zurück.

Sobald wir dem Gehölze nahten, sprang uns Jager samt den drei Hunden mit Freudensätzen entgegen. Sie hatten also ungefährdet die Totenwache bei dem Eber durchgemacht. Wir waren auch bald selbst an Ort und Stelle, wo mich allerdings die Größe des erlegten Ungeheuers, zugleich aber auch seine Häßlichkeit in Erstaunen setzte. Mir schien, das furchtbare Tier hätte dem wilden Büffel und sogar dem gewaltigen Löwen Trotz zu bieten vermocht.

Während ich so stillschweigend hinstarrte, rief Fritz sehr fröhlich: »Ah, der Tausend, welch eine gute Gelegenheit, unsere westfälischen Schinken zu ersetzen, die wir so lange schon verdaut haben! Ja wahrlich, es lassen sich hier noch größere Keulen herausschneiden, als jene gewesen sind!«

»Und dann dürfen wir auch den Kopf nicht vergessen«, bemerkte Ernst, »den Jack für das Museum in Anspruch genommen hat. Es wäre aber nötig, daß wir den mächtigen Leichnam erst drunten am Strande hätten, um ihn bequem zu zerlegen, wie es uns gut dünken würde.«

»Ei, freilich«, stimmte Fritz bei, »das läßt sich auch leicht bewerkstelligen.«

»Nur zu«, sagte ich, »aber ich fürchte, ein alter afrikanischer Eber möchte so wenig ein schmackhafter Braten sein als ein alter europäischer.«

Fritz hatte indessen an einem vielästigen und dichtbelaubten Baum eine große Anzahl Zweige heruntergehackt; diese wurden zusammengebunden, auf den Boden nebeneinandergebreitet und dann mit den nötigen Stricken versehen, deren wir mehrere zur Vorsorge mitgenommen hatten. Es wurde auch ausgemacht, daß wir uns mit dem Kopf und den vier Keulen des Ebers begnügen wollten. Das Tier wurde also an Ort und Stelle zerlegt. Dann bereiteten wir fünf Schleifen aus den Zweigbündeln und spannten vor drei davon unsere drei Hunde; ich nahm die vierte, Ernst mit Fritz die fünfte. Jeder Hund zog einen der Schinken, ich desgleichen, und die Brüder den großmächtigen Eberkopf, mit dem sie Jack zu erfreuen gedachten. Es machte zwar Mühe, das neumodische Zugvieh in ordentlichem Gang zu erhalten; dennoch gelangten wir ohne längern Aufenthalt an das Ufer, wo die knurrenden Hunde wieder ausgespannt wurden, die im Hui ausrissen und nach dem Wäldchen zurückrannten, da sie zu merken schienen, daß wir ihnen den Rest des Ebers als Beute überlassen wollten, woran sie sich denn auch nicht wenig erlabten.

Schnell nahm Fritz einen Spaten zur Hand und fing an, eine Grube zu graben, wobei ihm Ernst Hilfe leistete. »Wir wollen«, sagten sie, »Jack überraschen und seinen Schweinskopf als einen otaheitischen Braten zurichten, was auch uns andern zugute kommen soll.« Bald loderte ein schönes, hochflammendes Feuer aus der vollendeten Grube hervor, und wir hängten, um es ganz zu benutzen, die gewaltigen Schinken des Ebers daran, in der Absicht, vorläufig die Borsten wegzusengen, was vermittels eines glühenden Eisenstabes auch an dem Schweinskopfe geschah.

Jack hatte sich inzwischen wieder ziemlich erholt und stand seinen Brüdern aus allen Kräften bei, um vorerst den Schweinskopf recht ordentlich zu säubern; ich aber war mittlerweile beschäftigt, die vier Keulen von den versengten Borsten zu reinigen, was mich eben nicht sehr belustigte.

Die Dämmerung war unter diesen Arbeiten schon eingebrochen. Plötzlich zerriß ein entsetzliches, dröhnendes Gebrüll die Luft. Wir standen erstarrt, mit stockendem Herzschlag. Was war das? Und wieder! Rollend, drohend, in kurzen Absätzen, jetzt schwächer, dumpfer, jetzt erneut, in grauenhaftem Drohen. Wir bohrten unsre Augen in die sinkende Dunkelheit. Dort drüben vom Walde her kam es. Einige Herzschläge lang herrschte Totenstille, dann brach es aufs neue aus, tief, donnernd wie aus gigantischer Brust. Fritz neben mir stand steil aufrecht, mit flammendem Blick.

Der schweizerische Robinson

»Das muß – das muß – das ist der Löwe!« stieß er hervor. Dann griff er nach seiner Büchse und sprang mit einem Satz in sein Kajak.

»Feuer anfachen«, rief er kurz, heftig, »zurück ins Boot – Gewehre bereit – ich rudere dort herum, komme von der Seite.« – Da jagte er auch schon pfeilschnell am Ufer gegen die Mündung des Baches hin und verschwand uns im Nu aus den Augen. Unwillkürlich folgten wir hastig seinem rasch hingeworfenen Befehl. Soviel in der Eile zu erraffen war, wurde dem Feuer Holz zugeworfen. Wir griffen nach unsern Flinten, warfen die Hirschfänger um, sprangen ins Boot und hielten uns in atemloser Spannung bereit, entweder landwärts zu schießen oder seewärts mit allen Rudern zu fliehen. Da kamen auch schon in rasendem Lauf die Hunde Jager und Knips vom Walde her auf unser Feuer los. Der Affe sprang zähnefletschend am Ufer hin und wieder, da er das Boot nicht ohne Wasserbad erreichen konnte. Die Hunde und der Schakal blieben mit gesträubten Haaren und scharf gespitzten Ohren hinter dem Feuer stehen und starrten darüber weg nach dem Waldsaum, abwechselnd heftig bellend und jammervoll stöhnend. Indessen hatte sich das entsetzliche Grollen in kurzen Absätzen wiederholt. Es kam näher und näher, offenbar aus der Gegend, wo der Eber erlegt worden war. Die Witterung des Aases mußte unsern noch unsichtbaren königlichen Feind gelockt haben. War es wirklich der Löwe? Ich wagte nicht mehr zu zweifeln. Wir waren ihm freilich all die Jahre bisher noch nie begegnet; aber diese Stimme konnte keinem Geringeren gehören. Da – was war das dort am äußersten Saum des Lichtkreises? Etwas stand da, was vorher nicht dagewesen war – und jetzt – ein neues mark- und beinerschütterndes wütendes Aufbrüllen, und in zwei, drei mächtigen Sätzen kam es gegen uns angesprungen, ein gewaltiges Tier – er war es! Ein Schauder lief uns über die Haut. Was würde nun kommen! Jenseits des Feuers, noch in ziemlicher Entfernung, war er einige Sekunden lang regungslos stehengeblieben. Nun ließ er sich nieder, nach Katzenart geduckt, indes sein funkelnder Blick unaufhörlich zwischen unsern Hunden und den aufgehängten Schweinskeulen hin und her wanderte. Dann erhob er sich wieder langsam, begann gemessenen Schrittes auf und ab zu gehen, blieb stehen, brüllte kurz und heftig auf und setzte seine Halbkreiswanderung fort. Einigemal wandte er sich in raschen, eiligen Sätzen seitwärts zum Bach, aus dem er trank, und kehrte dann hastig zurück. Bei jeder Wendung kam er dem Feuer näher, wurde sein Schritt sprunghafter, jedes neue Aufbrüllen klang drohender. Die Hunde standen winselnd, mit zusammengezogenen Gliedern, hinter dem Feuer. Unsre Spannung schärfte sich ins Unerträgliche. Ich wagte nicht zu schießen; der unruhige Flackerschein des Feuers, die unberechenbaren Bewegungen des Löwen gestatteten kein ruhiges Zielen. Jetzt – er blieb stehen, duckte sich, kauerte, senkte den Kopf auf die ausgestreckten Vorderpranken, die Augen sprühten Funken, der Schweif peitschte rechts und links die Erde tief atmend hob ich die Büchse – da knallte aus dem Dunkel her in nächster Nähe ein Schuß – ich fuhr in die Höhe – »das war Fritz!« – Der Löwe sprang mit einem entsetzlichen, kreischenden, alles durchdringenden Brüllen hoch auf, stand einige Sekunden lang starr, wankte, sank, brach zusammen und blieb regungslos auf dem Fleck liegen.

»Gerettet!« rief ich, noch halb erstickt von Aufregung, »er scheint ins Herz getroffen! Ein Meisterschuß! Bleibt einstweilen im Boot, schußfertig – man kann nicht wissen – ich will hin!«

Nach einigen Ruderschlägen sprang ich ins seichte Wasser und erklomm hastig das Ufer. Freudig winselnd empfingen mich die Hunde, spähten aber gleich wieder, von mir abgewandt, ins Dunkel hinaus, woher der Löwe gekommen war. Also war die Luft noch nicht rein, die Gefahr noch nicht vorüber? Ich blieb hinter dem Feuer stehen, die Büchse schußfertig im Arm. Und wahrhaftig! – Wieder kam es aus der Finsternis gegen uns her, in langen mächtigen Sätzen, ein kraftvolles Tier, etwas kleiner als der Gefallene – sie, die Löwin! Einen Augenblick nur stutzte sie vor dem Lagerfeuer, kümmerte sich dann aber weder um dieses noch um die Hunde, sondern kreuzte unstet, unter kurzen, gleichsam rufend klingenden Brülltönen am Außenkreis der erhellten Uferstelle herum. Offenbar suchte sie ihren Gefährten. Welch ein Glück, daß nicht beide zugleich gekommen waren! Jetzt hatte sie ihn schon entdeckt; mit zwei Sprüngen war sie an seiner Seite, beroch ihn, befühlte ihn mit den Vordertatzen, leckte seine blutende Wunde – dann richtete sie sich hoch auf und stieß ein langgezogenes, entsetzliches Jammergeheul aus, das uns einen Schauer durch alle Glieder jagte. Paff! knallte wieder ein Schuß, und die rechte Vorderpfote des Tieres sank gelähmt herab. Ich riß die Büchse an den Kopf – es war die höchste Zeit – und gab Feuer. Ein erneutes, gräßliches Aufkreischen – die untere Kinnlade war zerschmettert. In diesem Augenblick stürzten sämtliche Hunde wie rasend vor, fielen über die Verwundete her und bissen sich an verschiedenen Stellen ein. Jetzt begann ein schrecklicher Kampf. Ein wirrer Knäuel springender, rollender, sich windender Gliedmaßen, unsicher beleuchtet vom schwachen Flackerschein des Lagerfeuers weiter unten am Ufer, ein Gemisch von Kreischen, Wutbrüllen der Löwin, von Stöhnen und Keuchen der Hunde. Ich wagte nicht, zum zweitenmal zu feuern, aus Furcht, einen der Unseren zu töten. Da tat das Ungetüm einen mächtigen Tatzenschlag nach Bill, der tollkühn genug dessen Gurgel gepackt hatte, und riß ihm den Bauch auf. Außer mir, sprang ich nun herzu und stieß der Löwin meinen Hirschfänger in die Brust – es war zu spät. Zu spät auch trat jetzt Fritz mit vorgehaltener, schußfertiger Flinte aus dem Dunkel der Büsche heraus – der Feind war tot, aber mit einem teuren Opfer erkauft.

Der schweizerische Robinson

Auf unsre lauten Zurufe kamen jetzt auch Ernst und Jack aus dem Boote zu uns hergestürzt. Schweigend und erschüttert umarmten wir uns. Das war eine fürchterliche halbe Stunde gewesen.

»Kommt«, sagte ich endlich, »holt Feuerbrände. Wir wollen das Schlachtfeld nun doch genau untersuchen.«

Es geschah, und wie nicht anders zu erwarten war, fanden wir den armen Bill tot, mit noch immer krampfhaft zusammengeklemmten Kinnladen an der Kehle der Löwin hängen, gräßlich zerfleischt, als Opfer seiner Treue und seines Mutes gefallen.

»Ach Ernst«, sagte Fritz nach tiefem Schweigen, »du solltest ihm nun eine schöne Grabschrift machen. Er hat sie redlich verdient, sollt ich meinen.«

»Ja«, erwiderte Ernst, »das will ich wohl, aber wahrhaftig, meiner schwachen Muse stockt noch das Blut in den Adern von der Angst, die ich gefühlt habe. Seht nur, was für ungeheure Kerle das sind, was für Pranken, was für Rachen – fürwahr, es hätte ganz anders kommen können.«

»Ja«, rief ich, »ohne Fritzens meisterlichen Schuß sähe die Sache wohl viel schlimmer aus. Alle Achtung, mein Sohn! Du hast dich vortrefflich gehalten.«

Fritz errötete vor Freude. »Morgen, denke ich, ziehen wir den erlegten Feinden das Fell über die Ohren«, sagte er, »aber Bill sollte doch wohl gleich bei Fackelschein zur wohlverdienten Ruhe bestattet werden.«

Sofort bereiteten Fritz und Jack eine Grube, die in dem leichten Erdreich in kurzem zustande kam. Ich selbst löste indessen das Gebiß unsres treuen Freundes von der Kehle der Löwin, worauf ich auch gleich die übrigen Hunde, Falb und Braun, sowie den Jager in Untersuchung nahm und einige, jedoch ungefährliche Verletzungen an ihnen zu besorgen fand.

Jetzt legten wir den gefallenen Helden in das vollendete Grab, bedeckten ihn mit Erde und versprachen, ihm einst einen stattlichen Totenhügel aufzuwerfen.

»Und wann bekommt er seine Grabschrift?« fragte Fritz.

»Ich habe sie schon«, antwortete Ernst und begann leise:

»Allhier, nach langem, raschem Umtrieb, still
         Ruht Bill,
Hund oder Amazone, wie man will.
Er wachte, jagte, kämpfte viel hienieden,
Im Streite tapfer, sanft im Frieden.
         Um seine Herrn litt er den Tod,
         Kühn schützend sie in großer Not.
Ruhmvoll ist einer Löwin er erlegen,
Kein Held ging treuer seinem Los entgegen.«

»Recht so, Alter«, sagte Jack nach einem kurzen Schweigen und schüttelte dem Bruder die Hand.

Es wurde auch sogleich festgesetzt, die Grabschrift nächstens so dauerhaft als möglich bei der Ruhestätte für alle Folgezeit aufzupflanzen.

»Aber, haben wir nicht bald«, fragte Jack, »die ganze liebe Nacht durchwacht? Die Löwengeschichte hat uns wahrlich lange hingehalten, und es ist mir, als ob schon die Morgenluft mich durchblase, denn ich bin hohl wie eine Orgelpfeife und merke, daß sehr lange nichts in meinen Magen gekommen ist. Wenn nur die Glut den prächtigen Schweinskopf in der Bratgrube nicht zur Mumie zusammengeschmort hat!«

Augenblicklich meldete sich bei uns allen das gleiche Gefühl. Wir froren plötzlich vor Hunger, und ohne viel Worte zu verlieren, trabten wir mit einiger Hast hinter ihm drein nach der Kochstelle, wo die Grube sofort gelüftet und gereinigt ward. Der gierig ersehnte Wildbraten sah aber in der Tat nicht viel anders aus als wie ein verkohlter Eichenklotz, so daß die Brüder verdrießlich drum herumsaßen und gar nicht den Mut hatten, anzustechen oder anzuschneiden; ich drang aber mutig durch den verdächtigen Außenschein, und bald zeigte sich unter der Kohlenschicht der Schweinsrüssel so delikat, daß er uns die angenehmste und stärkendste Mahlzeit gewährte.

Nach aufgehobener Tafel legten wir uns noch für die drei oder vier übrigen Nachtstunden in unser Boot und fanden uns genötigt, gegen eine empfindliche Kälte Vorkehrung zu treffen. Der heiße Himmelsstrich wird durch die Kühle der Nächte den Menschen oft sehr gefährlich, und diese Kühle mag es erklären, warum nicht wenige Tiere der heißen Zone, wie die Hyäne und selbst der Löwe, mit dichtstehenden Haaren ausgestattet sind.

Leichten und fröhlichen Mutes schritten wir mit Sonnenaufgang an das in der Nacht uns zugewachsene Tagewerk, die zwei Löwen abzuhäuten; in ein paar Stunden war das Werk auch schon glücklich vollendet. Die Kadaver blieben natürlich liegen, und bald flogen aus unabsehbaren Fernen, gleich als wenn sie plötzlich aus dem Nichts entsprungen wären, die mannigfaltigsten Aasvögel in unzählbarer Menge daher. Ich erkannte die wenigsten und fühlte auch keine Lust, nach ihnen auszugehen.

Der schweizerische Robinson

Je empfindlicher die höher steigende Sonne unsere Atmosphäre durchglühte, desto mehr stiegen auch die fauligen Ausdünstungen von den zusammengeschichteten Austern in die Luft und verbreiteten bald einen unausstehlichen Gestank, so daß wir froh waren, gleich nach Aushäutung des Löwenpaares die schleunigsten Anstalten zur Heimkehr treffen zu können. Jack fand, daß die prächtige Haut des Löwen einen stattlichen Mantel abgeben würde, und legte sie sich auf Kopf und Schulter, so daß ihn die Brüder spottend einen zweiten Herkules nannten.

Diesmal wollte Jack mit der Fahrt im Kajak nichts zu tun haben, weil er von dem Führen des Doppelruders noch immer wunde Hände zu haben behauptete und von den Quetschungen des Wildschweins noch nicht völlig hergestellt sei. Er trat daher zu mir und Ernst ins Boot, wo das Segel ihm die meiste Mühe zu ersparen verhieß.

Fritz hingegen nahm einigen Mundvorrat in das grönländische Fahrzeug und ließ es sich nicht nehmen, darin, wenn auch allein, seinen Platz zu behaupten.

Bald darauf lichteten wir den Bootsanker, nachdem wir auch unsere Jagdtiere an Bord genommen hatten, und machten uns auf den Weg, die Perlbai zu verlassen. Wir durchschifften sie in gerader Richtung nach der Stelle hin, wo sie durch die obenerwähnte Öffnung des wenig bedeckten Felsenriffs mit der weiten See in Verbindung stand, und brachten wohl anderthalb Stunden zu, bis wir in diese Öffnung hineinfahren konnten, wohin uns übrigens Fritz als treuer Lotse in seinem Kajak den Weg gezeigt hatte; hier aber legte er einen Augenblick bei, kam an das Boot und überreichte mir einen Brief, den vorgeblich heute die Morgenpost, noch während ich schlief, abgegeben haben sollte.

Einmal nun gewohnt, daß mit Posten und Briefen von den Burschen Scherz getrieben wurde, ging ich auch diesmal ein auf das beglaubigte Komödienspiel, nahm den Brief gravitätisch ab und schritt in unser Kajütenzelt, um ihn bedächtig für mich allein durchzulesen.

Da fand ich denn zu meinem Erstaunen, daß der ritterliche Junge noch immer den Kopf voll abenteuerlicher Gelüste hatte, um der verunglückten Engländerin, von der er durch jenen Aufruf an dem Fuße des Seevogels sich um Hilfe angefleht deuchte, womöglich beizuspringen. Natürlich ward ich über das nach meinem Dafürhalten phantastische Unternehmen stutzig, dachte während einer Pause nach, wie der gutmütige Mensch davon abzubringen sein möchte, und ging dann wieder aus dem Kajütchen hinaus in das offene Boot. Fritz hatte jedoch bereits das Weite gesucht und ruderte sehr emsig, schon entfernt, in entgegengesetzter Richtung von der unsrigen auf und davon. Es war also nicht viel mehr zu tun, als ihm durch das Sprachrohr nachzurufen: »Fahre wohl, Fritz, sei vorsichtig und kehre bald zurück!« – Er schien aber meinen Zuruf nicht einmal gehört zu haben; denn er gab keine Art von Zeichen und verschwand bald hinter demjenigen Vorgebirge, das gegenüber dem Kap der Kirchfluh die schöne Perlbai begrenzte und dem ich von nun an den Namen des Kaps Lebewohl beizugeben gebot.

Wir hielten etwas trübselig und verstimmt unsern Lauf gegen Morgen, weil ich es für ratsam hielt, in Erwartung der Rückkunft Fritzens die Mutter nicht durch längeres Fortbleiben in Angst zu setzen, und so trafen wir denn gegen Abend glücklich in der Rettungsbucht ein, wo jedoch die Freude des Wiedersehens bei der Mutter durch das Ausbleiben Fritzens und bei Franz durch den Tod des rühmlich gefallenen Bill sehr geschwächt wurde. Hingegen waren wir mit den stattlichen Schweinskeulen und den zwei Löwenhäuten sehr willkommen.

Die Löwenhäute nahm ich selbst vor und schaffte sie gleich am folgenden Morgen nach der Gerberei auf der Haifischinsel, wo ich sie in den Sauerbottich zum Beizen einlegte und mit Beibehaltung der Haare zu schönem Weichleder auszurüsten gesonnen war.

Fünf Tage verliefen unter solchen und ähnlichen Verrichtungen, ohne daß von dem ausgezogenen Fritz auch nur eine Spur bemerkt worden wäre, und schon waren unsere Gedanken stündlich mit ihm beschäftigt, so daß ich den lautesten Beifall erhielt, als ich den Vorschlag machte, ihm entgegenzuziehen und mindestens wieder bis nach der Perlbai zu fahren, wo er uns höchstwahrscheinlich früher und sicherer wiederfinden dürfte. Selbst die Mutter trieb augenblicklich zur Ausführung dieses Vorschlags, und ihr liebendes Herz war gleich entschlossen, mitzuziehen, als ich ihr anbot, das größere Schiff, die sonst wenig mehr gebrauchte Pinasse, zu dieser Fahrt in Bereitschaft zu setzen.

Unverzüglich ward zum Werk geschritten. Durch Verlegung des Schwerpunktes senkten wir das Fahrzeug auf die Seite, schabten es unterhalb glatt, kalfaterten seinen Bauch und besserten Verschiedenes an dem Kiel aus, wobei mir zwei von den Brüdern an die Hand gingen. Der dritte half der vielbeschäftigten Mutter, die teils mit Ausbesserung des Segelwerks, teils mit Verfertigung großer Säcke für die neue Baumwolle und kleinerer zum Aufheben von Pottasche, die ich bereiten wollte, sowie endlich mit Zurüstungen für den nötigen mannigfaltigen Mundvorrat, besonders des Zwiebacks, beschäftigt war. Nachdem endlich alles in etlichen Tagen wenigstens leidlich zustande gekommen war, schifften wir uns an einem frühen Morgen bei schöner Witterung und günstigem Ostwind ein, verließen unter jubelndem Hurra, worin das Freudengebell der Hunde sich mischte, die friedliche Bucht von Felsenheim, gewannen den frischen Luftzug, der uns gleichsam auf seine Schwingen nahm, und wurden rasch durch die offene See bis auf die Höhe des Vorgebirges der Kirchfluh getragen, das uns mit seinen hochragenden Zacken schon von weitem zu Gesichte gekommen war. Allmählich zogen wir die Segel ein und liefen rechts dem Lande zu, wo das größere Fahrzeug nur mit außerordentlicher Behutsamkeit durch die Öffnung des Riffes hindurchzulenken war. Wir erreichten die Bai und segelten bald unter ruhigem Winde auf spiegelglattem Wasser dahin. Wir standen alle an der Brüstung und schauten dem lebhaften Spiel einiger Delphine zu, die unser Schiff umschwammen, als plötzlich ein seltsamer Gegenstand unsere Aufmerksamkeit auf ungewohnte Weise in Anspruch nahm. In sehr weiter Entfernung glaubte ich nämlich einen Wilden in einem Kanoe wahrzunehmen, der erst hinter einigen Klippen hervorschiffte, dann ein gutes Weilchen innehielt, uns genau zu beobachten schien und schnell wieder bei einem kleinen Vorgebirge des Ufers verschwand.

Ich befahl erschrocken, unsere Kanonen aufs neue zu laden, alles Feuergewehr in Bereitschaft zu setzen und besonders eiligst aus zahlreichen Bündeln mitgenommener Maisstengel, die als Beitrag zur Bereitung der Pottasche bestimmt waren, auf unserm Verdeck eine Art Brustwehr aufzuwerfen, hinter der wir gegen Pfeile, Wurfspieße und Schleudersteine besser gesichert wären.

Bald zeigte sich abermals ein Kanoe, das gleich dem vorigen einen einzigen Ruderer trug, der aufs neue, und zwar noch länger, uns belauerte. Ich hielt jetzt für ratsam, die weiße Schiffsflagge aufzuziehen, um einer etwa versteckten Schar von Wilden unsere friedliche Absicht daraus zu erkennen zu geben. Der Wilde verschwand jedoch aufs neue. Es zeigte sich zwar in kurzem wieder einer an einer Landspitze, und es hatte das Ansehen, als ob hintereinander abwechselnde Späher uns beobachteten und jeder seinen Bericht vereinzelt zurücktragen müßte. Wir näherten uns etwas der Stelle, wo der letzte Kundschafter uns zu Gesicht gekommen war. Ich ergriff das Sprachrohr und rief ein paar malayische Grüße hindurch, die ich mir für solche Zwecke aus Reisebeschreibungen sorglich gemerkt hatte. Aber auch diese hatten keinen Erfolg, und Jack schlug vor, lieber ein derbes englisches Leibwort fliegen zu lassen. Zugleich war er auch schon flink an das abgestellte Sprachrohr geraten und schmetterte ein paar saftige Matrosenflüche in die Luft. Das schien zu wirken; denn der Wilde kam sofort mit einem grünen Zweig in der Hand wieder zum Vorschein und ruderte gerade auf uns zu. Nach wenigen Augenblicken aber schrie Jack laut lachend auf: »Alle Wetter, das ist ja Fritz! Was Tausend macht der Kerl für Faxen!«

Der schweizerische Robinson

Und wahrhaftig! Jetzt erkannten wir ihn deutlich, wie er auf seinem walroßköpfigen Kajak daherkam, mit schwarz gefärbtem Gesicht und Händen, verwunderlich aufgeputzt. Er nickte, winkte, warf Kußhände und gebärdete sich nach Jacks Versicherung »gänzlich verrückt«.

Bald war er erreicht, und wir holten ihn samt seinem Kajak an Deck. Infolge der überaus herzlichen Begrüßung waren wir binnen kurzem ähnlich zugerichtet wie unser nachgemachter Negerjüngling, nur etwas unregelmäßiger, was zu neuem Vergnügen Anlaß gab.

»Junge, wie siehst du aus und was machst du für Geschichten?« rief ich endlich. Er konnte vor lauter Liebkosungen und Freudenbezeugungen noch kaum zu Atem kommen. »Ihr sollt alles hören«, versprach er, »laßt mir nur Zeit.«

Ich nahm ihn beiseite. »Hast du den Zweck deiner Fahrt erreicht?« fragte ich schnell. »Das ist vorläufig das Wichtigste.«

»Ja«, erwiderte er, »ich bin vollkommen glücklich gewesen.« »Nun, und was hat denn die seltsame Mummerei zu bedeuten?«

Er lachte. »Da muß ich gestehen, daß ich euch ganz einfach für malayische Seeräuber hielt und euch durch allerlei Spiegelfechtereien von dem Inselchen, wo ihr mich zuerst erblickt haben mußtet, fernzuhalten suchte. Nachts aber wollte ich meine glücklich Gefundene abholen und gedachte, durch das Tor der Kirchfluh heimlich nach Felsenheim zu entwischen.«

Gern hätte ich gleich nach allen Einzelheiten gefragt; die Mutter aber, die ich von Fritzens Reisezweck heimlich unterrichtet hatte, unterdrückte dem Reinlichkeitsbedürfnis zulieb alle eigene Neugier und erklärte, sie wolle das Mohrengesicht nun keinen Augenblick länger vor sich sehen. Es wurde also mit Zuhilfenahme verschiedener Mittel so eifrig gerieben und geschabt, daß in kurzer Zeit der Europäer wieder zum Vorschein kam und sich zu ferneren Nachfragen einstellen konnte.

Wir hatten aber keine Zeit zu verlieren; denn ehe uns die Flut heftig nach dem Ufer trieb, mußten wir einen passenden Ankerplatz ausfindig gemacht haben. Fritz empfahl jetzt mit großer Dringlichkeit eben das kleine Inselchen, wo er seine Gefährtin ausgesetzt hatte. Mit Freuden willfahrte ich diesem Vorschlag; denn mir schlug das Herz bei dem Gedanken, ein fremdes, hilfloses Menschenwesen in unserer tiefen Einsamkeit als Gefährtin zu begrüßen. Ich tauschte mit Fritz einen Blick des Einverständnisses, und nun geriet der brave Karl in geradezu unbeschreibliche Bewegung und Tätigkeit; er sprang an den Mastbaum, wandte die Segel, zog die Taue hier an, ließ sie dort wieder los, rief mir zu, wie ich steuern sollte, und warf sich endlich auch im Hui von dem Verdecke der Jacht hinab in sein Kanoe, das wir wieder auf den Wasserspiegel ausgesetzt hatten. – Sofort gab er uns, als Lotse voranrudernd, die nötige Richtung und leitete uns hinter ein kleines, romantisches Inselchen der großen Perlbai, wo eine schmale Erdzunge eine sichere, bequeme Bucht auf zwei Seiten so umschloß, daß wir mit stillem, hinlänglich tiefem Fahrwasser bis hart an das Ufer gelangen und das Schiff vermittels eines Taues an einem nahestehenden Baum festlegen konnten.

Unverzüglich sprang Fritz aus seinem Kajak, und ohne sich nur umzuwenden und ein Wort oder ein Zeichen gegen uns zu verlieren, rannte er spornstreichs einem naheliegenden hübschen Gehölze zu, wo wir zwischen Baumstämmen im Schatten hoher Palmen und anderer dichtbelaubter Bäume eine fast nach Hottentottenart errichtete Hütte aus einigem Buschwerk hervorblicken sahen. Es versteht sich, daß wir dem eiligen Vorläufer alsbald nachtrabten und bald auch einen Feuerherd vor der Hütte erkannten, der aus großen Kieselsteinen aufgeführt war, aus deren Mittelpunkt, statt einer Pfanne oder eines Topfes, die schönste Riesenmuschel in unsere Augen glänzte.

Noch hatte Fritz nicht bemerkt, daß wir ihm nachgekommen waren. Er spähte in das Gehölz hinein und rief aus voller Kehle ein Hohoho und Huaho übers andere. Jetzt trafen wir bei ihm ein, er blickte sich nach uns um und errötete heftig. Fast im nämlichen Augenblick hörten wir ein Rascheln in einem nahen Baumwipfel – eine schlanke Jünglingsgestalt in Matrosenkleidern glitt behend am Stamm hinunter und blieb scheu, unschlüssig am Fuße desselben stehen.

Und wir? Wir standen da wie angewurzelt, schier atemlos, und verschlangen das Wunder mit unsern Blicken. Ein Mensch! Nach zehn langen Jahren totenstiller Einsamkeit ein Mensch! Nach zehn langen Jahren des Schweigens ein Bote aus der fernen weiten Welt! Die Beklemmung einer ganz ungewohnten Glückseligkeit verschloß uns die Lippen, indes das fremde junge Geschöpf in gleichfalls tiefster Erschütterung noch wie gebannt auf seinem Platz verharrte. Fritz, der mit leuchtenden Augen von uns auf seinen Findling und wieder auf uns geblickt hatte, brachte plötzlich Bewegung in die Stille, indem er seinen Hut vom Kopf riß, ihn hoch in die Lüfte warf und jubelnd ausrief:

»Es lebe der junge Lord Montrose von der rauchenden Klippe; er sei uns willkommen als Freund und Bruder in unserm Familienkreise!«

Jetzt löste sich die Spannung mit einem Schlage, und unter stürmischem Jubel wurde der Ankömmling umringt. Ich wehrte meine ungestümen Wildlinge ab; denn ich hatte aus Fritzens Hochrufen sofort verstanden, daß er fürs erste den neuen Gefährten den Brüdern nicht als Mädchen verraten wolle. Ich wechselte einen kurzen Blick des Einverständnisses mit der Mutter, dann ergriff ich den zarten Fremdling an beiden Händen und führte ihn zu ihr, die ihm mit ausgebreiteten Armen, lächelnd und schluchzend entgegentrat.

»Willkommen bei uns, mein liebes Kind«, sagte ich in tiefster Rührung. »Komm her«, rief die Mutter, zog ihn an sich und küßte ihn auf den Mund. In Tränen ausbrechend, barg das holdselige Geschöpf sein Gesicht an ihrem Halse. Fritz, der offenbar zwischen Ergriffenheit und strahlendem Jubel schwankte, blickte, die Unterlippe kauend, zur Seite. Ich wandte mich an die etwas verblüfften drei andern und bedeutete ihnen, jetzt noch nichts zu fragen, sondern vor allen Dingen für einen tüchtigen Imbiß zu sorgen. Man müsse dem jungen Fremdling Zeit lassen, sich in seine neue Lage zu finden. Ruhe sei jetzt die erste Bürgerpflicht.

»Das wird schwerhalten«, meinte Jack, »ich bin so entsetzlich glücklich, daß ich gar nicht weiß, was ich vor Vergnügen anfangen soll. Sich dabei ruhig und gesittet zu betragen, ist wirklich eine starke Zumutung.«

Der schweizerische Robinson

»Komm«, sagte Ernst, »wir wollen nur schnell zum Boot zurück und was zu essen und zu trinken holen. Sind Hunger und Durst gestillt, so wird Fritz wohl auch zum Erzählen Lust bekommen.«

»Ja«, rief Franz, »kommt rasch. Ich verbrenne vor Neugierde.«

Damit rannte die Jungmannschaft nach unserm Fahrzeug und holte dort vor allen Dingen einen Feldtisch nebst Stühlen, Geschirr und Tischzeug; denn die bevorstehende Mahlzeit sollte zu einem Schmause der höchsten Feierlichkeit erhoben werden. Kaum war die Mutter dieser Anstalten gewahr geworden, so begab sie sich mit Feuereifer an die Bereitung eines ganz auserlesenen Mahles. An Pistazien, Rosinen, Mandeln, Zucker und Kassavekuchen wurde nicht gespart. Es gab nach Jacks bewährtem Urteil »ein wahres Götteressen«.

Aber fast hätte sich schon hier unser angeblicher junger Lord Eduard durch die Anstelligkeit und Bereitwilligkeit, mit der er der Mutter in den Kochgeschäften beisprang, den drei noch uneingeweihten Jungen verraten; denn diese hatten trotz der langen nötig gewesenen Übung in immer abnehmendem Maße Lust und Geschicklichkeit zu der edlen Kochkunst an den Tag gelegt.

Bei der köstlichen Mahlzeit fehlten auch Krüge von unserem besseren Met und ein paar Flaschen alten Kanariensektes nicht, so daß meine vier Jünglinge unmäßig lustig wurden; es begegnete hier auch, was jüngeren Leuten so leicht widerfährt, wenn sie zum erstenmal mit Personen, denen sie zu gefallen wünschen, zusammen sitzen. Ihr Mutwille steigert sich, brach in allerlei Scherzreden aus und neckte zuletzt den schweigsamen und bescheidenen Fremdling dergestalt, daß ich für gut fand, zum Aufbruch zu mahnen, besonders da Fritz mit einer wunderlichen Mischung von hingebender Lustigkeit und doch wieder sorgsamer Eifersucht mir viel zu reizbar vorkam, als daß ich ihn noch länger auf diese Weise hätte ausgesetzt lassen mögen. Ich kommandierte demnach: »Zu Bette!« wozu denn auch unverzügliche Anstalt getroffen wurde. Sir Eduard wollte sich stracks wieder auf den Baum verfügen, aus dessen Wipfel er gleichsam wie vom Himmel herab zu uns gekommen war; die Mutter aber ließ es schlechterdings nicht geschehen, sondern drang auf ein bequemes und angenehmes Nachtlager im Schiff, das wir schon der Höflichkeit wegen unserem neuen, hochwillkommenen Gaste gewähren müßten.

Der schweizerische Robinson

»Ach«, sagte Fritz bei diesem Anlaß, »unser neuer Freund ist keineswegs verwöhnt, denn hier hat er stets zwischen den rauhen Baumzweigen geschlafen, während ich in dem hottentottischen Hüttchen meine Ruhe hielt; auf unserer Reise hierher aber ging es vollends hart und unbequem zu. Denn stets übernachteten wir auf Klippen im Meer, um vor plötzlichen Überfällen reißender Tiere sicher zu sein. Da zogen wir denn unser Kajak hoch ins Trockene, schlüpften so weit in die Sitzlöcher, als sich tun ließ, deckten uns mit Schilfmänteln und auf dem Kopfe mit breiten Schilfhüten und legten unsere scharfgeladenen Waffen in den nächsten Bereich. Auf diesem Inselchen aber haben wir uns ein paar Tage aufgehalten, weil mein Kajak einer starken Ausbesserung bedürftig geworden war.«

Die Mutter drang jetzt darauf, daß wenigstens unser neuer Hausgenosse sich zur Ruhe verfüge; sie sähe ihm an, wie müde er sei. Er verabschiedete sich demnach von uns und ließ sich von der Mutter seine Lagerstatt auf dem Schiff anweisen. Die Brüder hingegen, durch die Mahlzeit überaus munter geworden und durch die ersten Bruchstücke von Fritzens Erzählung neugierig gemacht, blieben noch geraume Zeit beim Feuer, ließen einige Pinienzapfen aufspringen und knallen, naschten die Kerne davon und plauderten, wobei die drei Jüngeren pfiffig genug den Fritz über seine Reise und deren Veranlassung ausholten.

Fritz antwortete gutlaunig auf alle ihre neckenden Fragen, fing dann an, sein Abenteuer mit dem Albatros zu erzählen, gefiel sich nicht wenig in dem romantischen Stoffe und plauderte am Ende so treuherzig fort, daß er bald dem Sir Eduard eine Miß Jenny unterschob und endlich jeden Augenblick der armen Engländerin erwähnte, samt allem, was sie getan und gelitten habe.

Die Brüder kamen auch bald genug hinter sein Geheimnis, winkten einander, ohne daß er’s merkte, bedeutsam zu, verstellten sich aber und nannten in ihren Fragen immer nur den Engländer und den jungen Sir oder Eduard. Als aber Jack ihn zuletzt fragte, ob er den malayischen Zuruf nicht verstanden hätte, gab Fritz zur Antwort: »Freilich doch! Aber um so eiliger floh ich, weil ich gerade den Kopf voll malabarischer Seeräuber hatte, von denen Sir Eduard erzählt, daß sie häufig in diesen Gewässern kreuzen, wo er Schiffbruch gelitten hat. Als ich aber«, fuhr er fort, »englische Klänge, wenn auch derbe Matrosenausdrücke, vernahm, dachte ich, ein Schiff könnte gekommen sein, um die gute Miß Jenny aufzusuchen, und da…«

»Ha, ha, ha!« brach es jetzt aus allen Kehlen, »verraten, verraten, vergaloppiert, Herr Friedrich! Sir Eduard ist wahrhaftig in eine Miß Jenny und der künftige Bruder in eine anmutige künftige Schwester verwandelt worden. Sie lebe hoch und abermal hoch!«

Fritz war ein Weilchen verblüfft, daß er sich so arg verfangen hatte, machte dann aber doch gute Miene zu dem Ungeschick, stimmte selbst in den Jubel der Brüder ein und half ihnen mehrmals Vivat rufen, bis sie alle sich niedergelegt hatten und ein wohltätiger Schlaf sie nach kurzer Frist einwiegte.

Am folgenden Morgen jedoch konnten sich die drei Jüngeren nicht enthalten, mit ihrer Entdeckung alsbald hervorzurücken, und sie grüßten unter halb gutmütigen, halb schalkhaften Gebärden das kleine Fräulein mit scharf betontem Namen als Miß Jenny und als hoffentlich zukünftige Schwester, so daß das errötende Kind eine Zeitlang kaum aufzusehen wagte, bis es endlich kurz entschlossen jedem der Neckholde lächelnd die Hand bot und sich scherzend zu vorläufiger brüderlicher Liebe bestens empfahl.

Das Frühstück wurde hierauf in fortwährender munterer Stimmung aller Teilnehmer verzehrt und bestand vorzüglich in einer Schokolade von Fritzens Machenschaft, die besonders der jungen Miß zu behagen und sie an die vergangene Zeit ihres heimischen Wohlseins zu erinnern schien.

Der schweizerische Robinson

Während des Mittagsmahles besprachen wir unsere weiteren Pläne. Es wurde beschlossen, nach Felsenheim zurückzukehren, um vor allen Dingen unsre neue Gefährtin bei uns heimisch zu machen. Der Nachmittag wurde zu Anstalten zur Heimreise verwandt. Alle Habseligkeiten Jennys befanden sich wohl verpackt in einer Art Trog, den Fritz eigens zum Zwecke der Fortschaffung noch auf der rauchenden Klippe verfertigt hatte. Nur weniges hatte sie aus dem Schiffbruch gerettet; der größte Teil ihrer Besitztümer bestand aus den Gegenständen, die sie mit außerordentlichem Kunstsinn und vieler Geschicklichkeit aus den Stoffen bereitet hatte, die ihr in ihrer Abgeschiedenheit zu Gebote standen. Mit Hilfe eines starken Messers allein, das sie glücklicherweise bei sich führte, hatte sie sich in den dritthalb Jahren ihrer Einsamkeit eine erstaunliche Menge von Geräten und sonstigen Nützlichkeiten hergestellt. Zu Hausrat und Kleidung hatten Knochen, Federn, Schnäbel, Füße, Gedärme und Häute verschiedener Tiere den Stoff gegeben, deren sie bald mit List, bald mit Gewalt habhaft geworden war. An einigen zierlich geflochteten Schnüren aus ihren eigenen Haaren befanden sich Angeln aus Perlmutter zum Fischfang; aus starken Fischgeräten mit durchgebranntem Öhr hatte sie Nadeln verschiedener Stärke gemacht. Eine große Herzmuschel mit einem Docht aus einem baumwollenen Halstuch diente zur Lampe, eine größere Muschel derselben Art als Kochkessel. Auch ein paar niedliche Pinsel aus Seehundshaaren, in Federkiele eingepaßt, fanden sich; dazu ein Müschelchen voll der schönsten Purpurfarbe zum Schreiben, aus einer Art Flechten bereitet. Aus Seehundsfellen und auch aus Vogelhäuten mit den Federn daran hatte sie sich Wämser, Gürtel und Strümpfe gefertigt; endlich auch zwei Paar Sandalen aus doppelt genommener Seehundshaut.

Alles wurde nach vorläufig nur flüchtiger Besichtigung in unser großes Fahrzeug gebracht und sorglich verstaut.

Am frühen Morgen war Jenny wieder als erste wach, und siehe da, die kleine Meisterin der Überraschung hatte etwas Unerwartetes im Hinterhalt gehabt. Seitwärts nämlich von unserm Landungsplatz hatte sie hinter Gebüsch einen zahmen Kormoran verborgen gehalten, so zwar, daß er mit einer tüchtigen Schnur angebunden, doch ziemlich frei im nahen Wasser herumschwimmen konnte. Nun brachte sie ihn herbei mit dem Bedeuten, daß sie ihn nur wegen seiner häßlichen Ausdünstung zur Seite gelassen habe. Er sei aber ein nützlicher Geselle; sie habe ihn auf chinesische Weise zum Fischfang abgerichtet.

Endlich bestiegen wir die Pinasse und steuerten nach der Perlbai, der wir vor unsrer Rückkehr nach Felsenheim einen kurzen Besuch zugedacht hatten.

Elftes Kapitel

Wie Jenny auf die rauchende Klippe kam. Endlich ein Schiff. Neu-Schweizerland!

Der schweizerische Robinson

Fritz, der Wilde, der wieder sein Kajak bestiegen hatte, diente uns als Lotse, und nachdem wir mit seiner Hilfe glücklich durch die Riffe und Klippen gekommen waren, die den Eingang der Bai bilden, gelangten wir bald ans Land, wo wir unser Fahrzeug vor Anker legten. Am Ufer fanden wir alles unverrückt, wie wir es verlassen hatten; Tisch und Bänke standen aufrecht, und die otaheitische Bratgrube war noch nicht zusammengefallen, auch der Luftkreis hatte sich inzwischen gereinigt, die Perlmuscheln lagen geruchlos und die Salzkräuter trocken; die Gerippe des Löwenpaares und des afrikanischen oder äthiopischen Ebers endlich zeigten sich schon beinahe gebleicht sowie von allem Fleische rein genagt.

Das erste, was wir vornahmen, war die Aufrichtung unseres Wachtzeltes, um an dem offenen Strande des Tages vor der Sonne, des Nachts gegen den kalten Luftzug geschützt zu sein. Dann aber ging es eifrig, hastig und gierig an das Öffnen der Perlmuscheln; nichts wurde übersehen, nichts zurückgelassen. Welch ein Freudengeschrei erhob sich, wenn jetzt die Menge, jetzt die Größe und zierliche Rundung oder die regelmäßige Form der Perlen unsere Mühe belohnte! – Indes was nützt uns im Grunde der unvergleichliche Schatz? – Auch schien Miß Jenny klüger als wir zu verfahren, indem sie mehr die feinen Fasern oder Fäden an den Muschelschalen beachtete und sammelte als die glänzenden Kügelchen; als die Mutter zur Bereitung des Mittagessens abseits nach der alten Feuerstelle ging, lief sie ihr nach. »Heute mittag gibt’s ein schönes Gericht Fische«, rief sie uns lächelnd, über die Schulter zurückgewandt, zu, »und heute abend gebratenes Federwild!«

Die Mutter lächelte zwar ziemlich ungläubig über den ersteren Punkt und meinte, mit einer Schüssel Fische für sieben Personen würde es in so kurzer Zeit wohl Schwierigkeit absetzen; Jenny kehrte sich jedoch daran nicht, lief eilig fort, warf sich in das Kajak, nahm ihren Kormoran zur Hand und ruderte ein paar Steinwürfe weit in die Bai hinaus. Hier legte sie dem geschickten Fischfänger einen Ring an den Hals, damit er seinen Fang nicht verschlingen könne, ließ ihn dann frei auf den Rand des Schiffleins stehen und hielt mit dem Ruderschlag inne. Da war es denn allerliebst zu sehen, wie der geübte Vogel von Zeit zu Zeit in das Wasser hinabschoß und bald wieder mit irgendeinem silberglänzenden Fisch auftauchte, sei es ein Hering, sei es ein junger Lachs oder Kabeljau, den er seiner Meisterin brachte, um sogleich wieder nach einem anderen hinabzutauchen.

In kurzer Frist hatte Miß Jenny mehr als überflüssig ihr Wort gelöst und wenigstens zu zwei reichlichen Mahlzeiten Fische genug beieinander, worauf sie den gefiederten, bestverdienten Fischerjungen von seinem Halsring wieder befreite und ihm zur Belohnung einige der kleinsten Fischlein seiner Ausbeute vorwarf, die sofort mit Heißhunger verschlungen wurden.

»Wahrhaftig«, rief die Mutter aus, als die reichliche Bescherung ihr jetzt lächelnd zu Füßen gelegt wurde, »wir haben in unserer lieben Freundin eine wahre Fee zur Gefährtin bekommen!«

Nach dem Nachtessen kamen wir endlich dazu, Fritzens Erzählung anzuhören. Jenny begab sich zu Bett, ihr bot die Erzählung nichts Neues; wir andern aber saßen am Tisch und hörten unserm jungen Helden zu, der nun begann:

Der schweizerische Robinson

»Ihr erinnert euch, wie ich das große Fahrzeug verließ und auf meinem armseligen Kajak in den großen Ozean ausfuhr. Die See war ruhig, in meinem Innern aber gab es sozusagen Sturm und Wellen; denn einerseits fuhren mir allerlei seltsame Gedanken und Erwartungen durch den Kopf, wenn es mir gelingen sollte, die rauchende Klippe und die schiffbrüchige Engländerin zu entdecken; andererseits regten sich Besorgnisse genug, daß ich hundert Gefahren entgegenliefe und daß ich vielleicht, von euch allen verschlagen, in traurige Einsamkeit geraten, keinen Rückweg finden und euch in den tiefsten Kummer stürzen könnte.

Anfangs ruderte ich kräftig in die offene See hinaus, aber ein leichter Windzug ließ mich bald ahnen, wie gefahrvoll die Richtung sein würde, wenn ein stärkerer Wind vom Lande her sich erhöbe. Ich hatte auch kaum die Perlbai zurückgelegt, als ein heftiger Sturm begann. Jeden Augenblick drohte die Brandung mein schwaches Fahrzeug an den Klippen zu zerschellen; in das weite Meer wagte ich mich aber noch weniger, da ich von den gewaltigen Wogen wohl ebensoschnell verschlungen worden wäre. Gegen Abend schien jedoch der Wind wieder nachzulassen, und ich atmete auf. Freilich fand ich mich, weil ich allen Biegungen und Krümmungen des Ufers hatte folgen müssen, nur wenig gefördert, als die Nacht einbrach, und da ich nicht wagte, am Strande zu übernachten, indem ich eben keine Lust spürte, einem Löwenpaar Trotz zu bieten, so steuerte ich einer Kuppe im Meere zu, die wohl eine Viertelstunde vom Lande als ein hoher, unförmlicher Steinhaufen aus dem Wasser hervorragte. Ich fand zwischen dem Gestein einen ziemlich geborgenen Winkel und schlief trotz aller Unbequemlichkeit in meine Decke gewickelt ganz herrlich. Das Abendessen sowie das Frühstück am folgenden Tag bestand aus kalter Küche, Nüssen und dergleichen, weil ich mir nicht getraute, ein Feuer anzumachen und mich dadurch einem möglichen Überfall von Wilden auszusetzen.

Am folgenden Morgen fuhr ich schon mit ruhigerem Mute als tags zuvor in meinen Forschungen nach der rauchenden Klippe fort, und ob ich gleich im ganzen wieder hart am Ufer dahinzog, so fuhr ich doch zu jedem Felsen hinaus, der nur etwas bedeutend aus dem Meeresspiegel ragte. Die Küste war jetzt durchgehends flach und sandig; aber in mäßigem Abstande davon sah man dichte Wälder mit vielem Unterholz und zahlreichen Schlingpflanzen, die an Stämmen und Ästen üppig nach der Höhe stiegen. Ich hielt sie meist für Pfefferstauden, weil eine Menge Tukane oder Pfeffervögel sie beständig umflatterten.

Später sah ich bald gar keine Klippe mehr in der offenen See, hingegen eine tiefe Bucht am Ufer, die mich eine Zeitlang glauben ließ, es gehe hier ein schmaler Meeresarm hindurch, auf dem ich kürzer und gefahrloser als im offenen Gewässer nach den weiter entlegenen Gegenden hingelangen könnte. Wohlgemut fuhr ich hinein und bemerkte gar keine Flußströmung, weil gerade Flutzeit war und ich so fast ohne Ruderschlag vorwärts gelangte. Nach einem Stündchen ungefähr ward ich aber enttäuscht und merkte wohl, daß ich auf einem Fluß einherfahre. Die Gegend war aber so hübsch, daß ich’s nicht lassen konnte, weiter zu rudern. Besonders reizend waren die zarten bunten Gewinde von Lianen, Pfefferranken und dergleichen, die sich an starken Ästen oder schräg geneigten Bäumen quer übers Wasser zogen. Allerlei kleines Getier, Baumratten, kleine Affen und Meerkatzen turnten auf den fliegenden Brücken hin und her. Auch Vögel hüpften darauf herum. Besonders komisch aber war eine Art großer Wasservögel, die sich gemächlich schaukelten, wie auf einem Schwebeseile, und dann plötzlich bei meiner Annäherung wie tot auf das Wasser plumpsten; kaum berührten sie es aber, so schossen sie jählings auflebend drunter weg und streckten nur von Zeit zu Zeit den Kopf auf einem langen und sehr dünnen Hals in die Höhe, um zu sehen, ob ich ihnen etwas tun wolle.

Der schweizerische Robinson

Nach einer Weile gelangte ich in eine kleine Bucht des Flusses und beschloß, da die Gegend hier offener war und nicht leicht aus nahem Gebüsch mich eine Gefahr beschleichen konnte, für ein Viertelstündchen ans Land zu steigen und wenigstens irgendeinen Vogel zur Atzung meines Adlers herunterzupirschen. Es geschah; ich schoß einen Tukan hart an meinem Landungsplatze und sprang aus dem Kajak, um den Gefallenen aufzuheben. Aber, hilf Himmel! Welch ein entsetzliches Konzert von Schreien, Pfeifen, Krächzen, Schnattern und Quäken entstand da auf meinen Schuß! Ich hätte glauben sollen, alles würde über mich herfallen und mich in Stücke zerreißen, so daß ich nur hastig meinen Tukan aufraffte und dann wieder nach meinem Kajak sprang. Aber bekanntermaßen sind unter den Tieren, wie unter den Menschen, die voreiligen und lauten Schreier selten auch tapfere Kämpfer, und ich blieb ganz unangefochten. Plötzlich aber hob sich ganz in meiner Nähe aus dem Röhricht unter Schnauben und Stöhnen eine riesige dunkle Masse. Entsetzt faßte ich mein Ruder und jagte nur so davon. Mein Boot schoß dahin wie ein Pfeil. Was war es? Ein greuliches Nilpferd mitsamt seinem Jungen. Eine nette Bekanntschaft! Sie schwammen quer über den Strom. Zum Glück waren aber die beiden Scheusale offenbar ebenso erschreckt durch meinen Schuß wie ich durch ihr plötzliches Auftauchen. Und so rissen wir also gleichzeitig voneinander aus. Ich wagte auch nicht, weiter hinaufzudringen, sondern sputete mich stromabwärts in die offene Bucht und zog mich auf den einzigen Felsen zurück, den ich dort inselartig aus dem Wasser emporstarren sah. Ein Abendessen von einigen Austern, die ich mühsam zusammenfand, nebst einer Kleinigkeit von meinem Mundvorrat beschloß dann den Tag, wiewohl ich mehr aus Besorgnis, keine sichere Schlafstätte zu finden, als wegen zu weit vorgerückter Abendzeit dort mein Nachtlager nahm.

Der schweizerische Robinson

War ich indessen ungewöhnlich früh zur Ruhe gegangen, so war ich auch desto frühzeitiger mit Anbruch des folgenden Tages wieder auf der Fahrt, näherte mich wie gewöhnlich der Küste, fuhr westwärts und hatte bald einen Landstrich zur Seite, der allen bisher von mir gesehenen durch Schönheit und Fruchtbarkeit den Rang ablief. Mehrere Wasserfälle stürzten im Hintergrunde der Aussicht von mächtigen Felswänden herab und schlängelten sich dann als Bäche durch ein wechselreiches Hügelland, wo mir auf verschiedenen Anhöhen kleine Tierherden zu Gesicht kamen, die der Größe nach Lamas oder Vicunnas sein konnten und einst vielleicht eine köstliche Erwerbung für uns abgeben dürften. Gern landete ich an dieser lieblichen Küste, und da ich eben ein paar entenartige Vögel auf dem Wasser erlegt hatte, so stieg ich aus, machte mir von abgefallenem Reisig ein Feuerchen und wollte mit aller Muße für mich und für den Adler eine längere Tischzeit feiern. Kaum aber waren meine zwei Vögel an einem hölzernen Spieß über dem Feuer, so bemerkte ich bei zufälligem Umherblicken hinter einigen Büschen in der Nachbarschaft etliche höchst verdächtige Köpfe, die bald auf-, bald niederduckten und mich sehr genau zu beobachten schienen. Ich konnte nichts deutlich unterscheiden, fühlte mich aber, das gesteh ich, sehr unheimlich und verzog mich eiligst in mein Schiffchen, um vom Wasser aus in sicherer Entfernung die unbekannten Feinde zu beobachten. Kaum war ich davon, so kamen auch zwei haarige, rotbraune Gesellen von ansehnlicher Größe aus dem Gebüsch herausgehumpelt. Im selben Augenblick erkannte ich, daß es ein paar mächtige Affen waren, ich glaube sicher Orang-Utans. Sie untersuchten neugierig, was ich da wohl gemacht haben könnte, rührten unter den ausgerupften Vogelfedern herum, beschnüffelten mein Messer, das am Boden lag, fingerten an meiner Armbrust, setzten sich endlich in einiger Entfernung vom Feuer nieder und betrachteten andächtig meine zwei britzelnden Enten. Das dauerte so ein gutes Viertelstündchen. Angst hatte ich natürlich gar nicht, denn die Herrschaften kümmerten sich nicht um mich, konnten mir auch nicht zu Leibe. Aber um meine Enten wurde mir bang und bänger. Wenn die zwei Onkel da noch lange Gevatter standen, konnte ich meiner ersehnten Mahlzeit ade sagen. Endlich war das Feuer aus, die Sache wurde ihnen selber langweilig und sie wischten davon. Ich wartete noch ein Weilchen, ruderte dann langsam heran, die Luft blieb rein, und so begab ich mich schleunigst an meinen Lagerplatz zurück. Mein armer Braten! Auf der einen Seite verkohlt, auf der andern halb roh. Ungenießbar!

Ich mußte schon zufrieden sein, daß wenigstens mein Adler mit dem verpfuschten Leckergericht vorliebnehmen wollte. Da indessen meine mitgenommenen Vorräte aller Schonung bedurften, so mußte ich anderes Geflügel schießen, das zwar bald und ganz in der Nähe gefunden war, jedoch ebenfalls wieder gerupft und gebraten sein wollte, worüber der größte Teil des Nachmittags verstrich, so daß mein früher Aufbruch am Morgen für mein Weiterkommen so gut als fruchtlos wurde und ich nur mit genauer Not vor dem Eintreten der Finsternis ein Felseninselchen erreichen konnte, um wie gewöhnlich mein Nachtlager in sicherer Entfernung von der Küste aufzuschlagen.

Nicht sonderlich erquickt erhob ich mich am frühen Morgen und schätzte mich glücklich, nur unverletzt von der dummen Affenküste auf und davon zu rudern; doch mußten mich erst ein paar Schlucke Kanariensekt für die vielen Unterbrechungen des Schlafes, die mich ermüdet hatten, schadlos halten.

Das Ufer, an dem entlang ich heute den Strich zu nehmen hatte, war ganz auffallend unfruchtbarer und einförmiger, als ich vorher irgendeines gesehen hatte; es zogen sich zwar wohl ein paar Flüßchen hindurch, aber auf dem öden Sandboden schien nichts Rechtes wachsen zu können. Es war mir daher nicht wenig überraschend, nach Umfahrung einer kleinen Landspitze plötzlich etwa drei oder vier Büchsenschüsse weit ein kleines Rudel Elefanten an einer breitern und morastigen Stelle des dortigen Flüßchens sich im Schlamme herumwälzen zu sehen. Ein Gebüsch von Mimosen belebte in der Nachbarschaft die Einöde, wie bestellt als Futter für die Riesenviecher. Aus größerer Entfernung glaubte ich auch das Geschrei und Schnauben der Nilpferde zu vernehmen, und im fernsten Hintergrunde kam es mir vor, als flöge in einer Staubwolke ein Trupp Antilopen oder Zebras den Gebirgen zu.

Trotz meiner Sehnsucht nach der rauchenden Klippe ward ich doch neugierig, diesen für mich so neuen Landstrich etwas näher zu besehen, und ich entschloß mich um so eher dazu, als gerade jetzt die Elefanten, ihres Treibens um Ufer satt, mit unerwarteter Schnelligkeit über die breiteste Stelle des Flüßchens setzten, das tiefer war als ich geglaubt hatte, Sie benahmen sich übrigens dabei auf eine merkwürdige Art, denn sie schritten oder schwammen in einer langen Reihe hintereinander über das Wasser, und zur Erleichterung des Atmens legte jeweilen der Hintermann seinen Rüssel auf den Rücken des Vordermanns. Auf dem jenseitigen Ufer aber zerstreuten sie sich wieder, zausten mit den Rüsseln in den Mimosen herum, rissen Zweige davon ab und stopften sie geschickt in ihr großes Maul.

Als sie sich indessen seitwärts weit genug verloren zu haben schienen, fuhr ich noch weiter den kleinen Fluß hinauf, der meist nur zwanzig bis dreißig Fuß breit war und kaum ein anderes Fahrzeug als ein leichtes ohne häufigen Anstoß getragen hätte.

Die Gegend wurde allmählich sandiger, und es schien sich ein Teil des Flußwassers in dem lockern Grunde, durch den es lief, zu verlieren.

Die merkwürdigste Entdeckung im Fortrücken waren mir einige Rhinozerosse, die sich in beträchtlicher Entfernung von mir hinter gewaltigen Kaktusstauden lustig machten, indem sie gleichsam spielend einzelne Schäfte mit dem Horn auf der Nase zerschlitzten und die auseinanderfallenden dann mit der beweglichen und starken Oberlippe nach dem großmächtigen Schlunde führten, ohne der vielen und ansehnlichen Stacheln der Pflanze im geringsten zu achten. Es befiel mich zuerst Lust, die Wirkung eines Flintenschusses auf die Riesengeschöpfe zu versuchen; aber der Himmel bewahrte mich vor der Ausführung des kindischen Einfalls, denn ich hätte mein Leben gefährdet, wenn die Kolosse, aufmerksam und ärgerlich gemacht, auf mich eingestürmt wären.

Die Sache kam mir immer bedenklicher vor; mein Schifflein war so leicht, daß eine solche Bestie es nur zu bequem umreißen konnte, und dann ging ich ohne alle Rettung verloren. Somit traute ich dem Landfrieden keinen Augenblick mehr, machte rechtsumkehrt und fuhr – was hast du, was kannst du – aus der Twingherrlichkeit der Wassertyrannen hinab zur offenen See; auch glaubte ich, noch unterhalb im Strome ein paar Kaimane oder Alligatoren im Schilfe bemerkt zu haben, die wahrscheinlich auf Fische lauerten, bei denen ich jedoch nicht Lust hatte, mich zu Gaste zu laden. Im freien Fahrwasser hingegen, als ich mich wieder in Sicherheit sah, gelüstete mich’s nach einem Fischgericht, und da ich bemerkte, daß ganze Züge einer Art Salmen oder anderen solchen Kameraden in den Fluß einliefen, nahm ich meinen Vorteil wahr, harpunierte mir ein paar und führte sie mit nach einem unfern liegenden kleinen Felsenriffe, wo ich für diesmal auf einer über das Wasser mäßig emporragenden Felsenbank mein Nachtlager nahm und die Fische mir als einen schmackhaften Braten angedeihen ließ.

Der schweizerische Robinson

Auch diese Nacht verstrich indessen nicht viel ruhiger als die frühere; denn das kalte und harte Lager abgerechnet, hatte ich auch im Traum unablässig mit baumlangen Alligatoren zu kämpfen und weckte mich mehrmals selbst durch die Heftigkeit meiner Bewegungen. Ich war daher froh, als das Morgenlicht mir die Weiterreise gestattete, und verschob diese auch keinen Augenblick. Abermals fuhr ich in der Entfernung eines Steinwurfes am Strande hin und wünschte nur eine freundliche Stelle zum Aussteigen zu finden, um meinem Adler einige Bissen zum Frühstück gewähren zu können. Endlich landete ich unfern einer kleinen, wenig belaubten Baumgruppe, wo ich irgendeinen Vogel vermutete und zugleich einen schwärzlichen Sand entdeckte, der, mit gelblich schimmernden Blättchen durchmengt, mich ungewiß ließ, ob ein gemeiner Glimmer oder ob köstliches Gold da vorhanden sei. Auf das letztere indessen nicht erpicht, ließ ich den Entscheid bis auf eine spätere Forschungsreise dahingestellt. Hingegen schritt ich nach den paar Bäumen hin, entdeckte glücklich einige Papageien darauf und schoß den ersten besten unverzüglich herunter. Allein mit einer entsetzlichen Gefahr und einem Schrecken, wie ich noch keinen empfunden zu haben glaube, mußte ich den kleinen Gewinn bezahlen; denn indem ich dem Adler harmlos zusah, wie er den Papagei verzehrte, blieb ich ein Weilchen untätig stehen und versäumte, mein Gewehr wieder zu laden, was ich freilich in diesem unbekannten Revier keinen Augenblick hätte verschieben sollen.

Auf einmal hörte ich ein Knistern im Sand hinter mir, dachte, ein Seekrebs oder eine Schildkröte käme dahergeschlichen, wendete mich ziemlich gleichgültig um und sank vor überwältigendem Entsetzen fast nieder, denn ich sah einen großen gestreiften Tiger, der nur etwa zehn oder fünfzehn Schritte noch von mir stand und vielleicht eine Sekunde später mit einem einzigen Gewaltsprung mich erreicht, niedergeworfen und zerfleischt haben würde.

Der schweizerische Robinson

Einen Augenblick muß ich starr und so gut als bewußtlos gestanden haben; dann fühlte ich, wie ich mich schwer auf mein Jagdrohr stützte, und gleichzeitig hörte ich die Flügel meines Adlers rauschen. Es war mir dunkel vor den Augen gewesen; aber jetzt gewahrte ich jählings den Adler, der mit unsäglicher Wut das Haupt des Tigers umflatterte und unablässig gegen seine Augen loshackte, so daß das Ungetüm, indem es diese wütenden Angriffe abwehren mußte, mich entweder nicht mehr beachtete oder doch nicht anzugreifen wagte. Ich warf die Flinte jetzt von mir und zog eine Pistole aus dem Gürtel. Da plötzlich schoß der Tiger mit Oberleib und Vordertatzen in die Höhe, packte den Adler mit beiden Pranken zugleich, quetschte ihn furchtbar zusammen und warf ihn tot auf den Boden. Es zerschnitt mir das Herz, diesen gewaltsamen Tod meines armen Jagdgefährten anzusehen. Aber es galt jetzt, keinen Augenblick zu zaudern. Ich feuerte meine Pistole gegen den Tiger ab. Der brach erst zusammen, und schon war ich im Begriff, mich über ihn herzumachen. Aber da raffte er sich schon wieder auf und sprang mit ein paar mächtigen Sätzen davon. Klopfenden Herzens blieb ich mit der anderen schnell herausgezogenen Pistole auf der Walstatt lauernd stehen; es hätte doch noch ein Gefährte in der Nähe sein können. Aber nichts rührte sich. Langsam schritt ich dann rückwärts meinem Kajak zu, um mich auf die See hinaus retten zu können, wenn die Art des neuen Angriffs es gestatten würde.

Glücklicherweise blieb ich ungefährdet, hob endlich mein Gewehr wieder auf, lud es mit einer Kugel und war dann unmittelbar auf meinen gänzlichen Rückzug bedacht. Daß ich aber meinen Adler, den getreuesten aller Malabaren, nicht schmählich auf dem Kampfplatze vermodern ließ, das wird man mir auch unversichert zutrauen. Ich band ihn vorn auf das Kajak und nahm mir vor, ihn entweder auszubalgen oder ehrenvoll zu bestatten, sobald ich einen passenden und friedlichen Landungsplatz erreicht haben würde; war er doch mein Schutzengel gewesen bei dem toddrohenden Überfall!

Bald indessen sollte mir ganz anders zumute werden! Um ein paar nahe Klippen herumschiffend, erblickte ich plötzlich eine kleine Felseninsel in größerer Weite und sah – und sah – eine Rauchsäule davon emporsteigen! Ich schrie laut auf und schlug vor Entzücken mit dem Ruder aufs Wasser. Das mußte die ›rauchende Klippe‹ sein! Dort mußte die ›schiffbrüchige Engländerin‹ wohnen. Fast atemlos vor Aufregung und Anstrengung ruderte ich drauflos. Das Herz schlug mir bis zum Hals hinauf. Nicht einen Augenblick kam mir der Gedanke, es könnten ebensogut Seeräuber oder Wilde dort hausen. Aber wenn ich’s nachträglich überlege, so muß ich zugeben, heißspornig und unüberlegt gehandelt zu haben, indem ich so einfach drauf zufuhr, ohne mich im mindesten zu sichern.

Endlich kam ich der rauchenden Klippe so nahe, daß ich einen Menschen genau hätte erkennen können; allein der Rauch stieg hinterwärts, von der mir abgekehrten Seite des Felsens, empor, und ich glaubte schon, einen Umweg nehmen zu müssen, als ich ein wenig seitwärts eine Steinplatte gewahr wurde, bei der ich anfahren konnte. So flink wie weiland Wilhelm Tell sprang ich auf festen Grund. Ein paar von Menschenhand aufeinandergeschichtete Steine leiteten mich wie ein schmales Treppchen empor, und im Nu war ich oben um eine Ausbeugung des Felsens herum, da – weiter unten – am hochrauchenden Feuer saß jemand, eine schlanke junge Gestalt in Männerkleidern. Hätte sie nicht in diesem Augenblick eine lange blonde Flechte, die bei der gebückten Stellung vornübergeglitten war, über die Schultern zurückgeworfen, so wäre ich am Ende irre geworden. Ich drückte die Fäuste auf den Mund – am liebsten hätte ich laut aufgeheult vor Freude – aber ich nahm mich zusammen. Schnell sagte ich mir: erschreck sie nicht! Sie ist nicht mehr an Menschen gewöhnt! Langsam! Langsam! So stieß ich denn mit dem Fuß an ein Steinchen, daß es ins Rollen kam und eilig den Berg hinunterkollerte. Auf dieses Geräusch wandte sie den Kopf, sah das Steinchen liegen und blickte den Weg hinauf, den es gekommen sein mußte. Da entdeckte sie mich, der absichtlich noch stehengeblieben war. Sie wurde totenblaß, sprang auf und blieb dann regungslos stehen, den starren Blick unverwandt auf mich geheftet. In tiefster Ergriffenheit näherte ich mich langsam und blieb dann einige Schritte von ihr entfernt stehen. Kaum konnte ich vor Beklommenheit sprechen. ›Ich bin der Retter‹, sagte ich. Die Stimme zitterte mir, ihr könnt mir’s glauben. ›Ich habe den Albatros gefangen‹, fuhr ich fort, ›ich habe den Brief an seinem Bein gefunden. Ich habe jetzt auch die rauchende Klippe gefunden –‹ Da streckte sie mir, von Glut übergossen, beide Hände hin.›Willkommen‹, rief sie, in einem Atem lachend und weinend. – Mein Englisch ist doch gewiß das beste nicht, aber in dem Augenblick hat sie mich verstanden, wiewohl sie später manch liebes Mal nicht leicht aus meinem Radebrechen klug werden konnte. Den Bericht über die nächste halbe Stunde erlaßt ihr mir wohl. Ich könnte doch nicht beschreiben, wie mir zumute war, wie wir uns langsam faßten und zum Bewußtsein der Wirklichkeit zurückkehrten.

Anfangs dachten wir nicht an Essen und Trinken, nicht an Schiff oder Obdach, nicht an Menschen und Rückkehr zu Menschen. Jedes ergoß sich in Erzählungen, Fragen und Ausrufungen; dennoch achtete keines recht auf die des anderen. Jenny war indessen doch lange vor mir gefaßt und machte stillschweigend Anstalten zum Abendessen, während ich des Plauderns und Fragens immer noch kein Ende finden konnte und vom Hundertsten ins Tausendste geriet.

Kurz, die Mahlzeit kam zustande, ward in guter Eintracht verzehrt und gab Gelegenheit, uns einander bei etwas gefaßterer Stimmung ungleich besser als bisher zu verstehen.

Auf die Nacht zog sich Miß Jenny in den Hintergrund der Grotte zurück, den sie mit einer Art Vorhang, aus Schilf und Grashalmen geflochten, von dem vorderen Teil abgesondert hatte, während ich in diesem Vorderteil meine Schlafstätte bekam, wo ich indessen eher wie ein wachender Paladin vor dem Zelte seiner Prinzessin, als wie ein müder und schlafbedürftiger Ruderer die Nacht zubrachte.

Am Morgen schlüpfte Jenny gerade hervor, als mich endlich der Schlummer überwältigt hatte, und erst ihre Einladung zum Frühstück unter Scherzen und Lachen weckte mich aus der eingerissenen Schlaftrunkenheit.

Da die See diesen Tag etwas unruhig war und ich Jenny überzeugt hatte, daß es am ratsamsten sei, wenn sie sogleich mit all ihrem Eigentum die Fahrt zu den Meinigen mit mir anträte, so veranstalteten wir den Tag hindurch alles Nötige, um ihr Gepäck und die seltsamen Gerätschaften von der Arbeit ihrer geschickten Hände in mein Kajak zu laden. Ich fand dabei jeden Augenblick Veranlassung, in Verwunderung und Lob über den großen Kunstfleiß auszubrechen, mit dem innerhalb zwei oder dritthalb Jahren das erfinderische Mädchen so vieles zustande gebracht hatte. Sie hingegen meinte, in Europa, mit europäischen Hilfsmitteln und Werkzeugen, würde selbst ein gewöhnliches Mädchen in einem so langen Zeitraum und bei solchen Entbehrungen das Doppelte oder Dreifache von Arbeit geliefert haben.

Was mir Jenny am vorigen und an diesem Tag und auf der Heimreise von ihrem Aufenthalt in Ostindien erzählt hat, wohin sie noch ganz jung gekommen ist, von der begonnenen Heimreise nach Europa, ihrem Schiffbruch, ihrer Rettung und der Robinsonade auf der rauchenden Klippe, das gäbe fürwahr ein hübsches und langes Buch, wenn der Vater in der Regenzeit sich an die Aufzeichnung machen wollte.

Genug, am dritten Tag war alles zur Abreise bereit; wir ließen nur ein Kistchen voll Muscheln und ein Faß mit geräuchertem Fleisch zurück, das, vom Sturm an die Klippe getrieben, mit einem Teil seines Inhalts zu Jennys Ernährung viel beigetragen hatte. Die See war für mein schwaches Schifflein wieder fahrbar geworden, und die Heimfahrt wäre ziemlich rasch zu Ende gekommen, wenn nicht eine starke Beschädigung des Kajaks, wie ich schon früherhin berichtete, uns auf der kleinen Insel Freudenau aufgehalten hätte, wo ich übrigens von unserer Fahrt schon manches zum besten gegeben habe, was ich jetzt wohl nicht zu wiederholen brauche!«

Fritzens Erzählung hatte wenigstens bis Mitternacht gedauert, und alle seine Zuhörer, auch ich nicht ausgenommen, waren recht wach und munter geblieben. Ich befahl indessen, endlich zur Ruhe zu gehen. Freilich schien niemand einen rechten Schlaf finden zu können, und in der Tat, auch mir öffneten sich so viele Aussichten in eine neue Zukunft durch die Vermehrung meines lieben Hausvolks und durch Fritzens vielversprechende Entdeckung, daß mein Geist in steter Bewegung blieb und mir kein ordentlicher Schlummer zuteil werden wollte.

Noch ein paar Tage mußten in der Perlbai zugebracht werden, das war bei mir ausgemacht; aber dann zeigten sich der anlockenden Unternehmungen so viele, daß ich zu keinem Entschluß darüber zu kommen vermochte. Unterdessen ward einstweilen jedermann wieder geweckt, ein Frühstück eingenommen und in trautem Gespräch ein Morgenstündchen verplaudert; denn, durch Fritzens Erzählung aufgeregt, war alles Volk auf die Geschichte der kleinen, liebenswürdigen Miß so neugierig geworden, daß man ihr nicht Ruhe ließ, bis sie wenigstens das Wesentlichste davon zum besten gegeben hatte.

Aus ihrem oftmals unterbrochenen Bericht ergab sich folgendes:

Der schweizerische Robinson

Jenny war die einzige Tochter eines englischen Obersten, der in Indien Kriegsdienste geleistet hatte. Der Oberst hatte seiner Tochter eine sorgfältige Erziehung angedeihen lassen; sie lernte nicht nur alle weiblichen Handfertigkeiten, sondern auch Reiten, Fechten, Schießen und Jagen. Vor einigen Jahren hatte nun der Oberst den Befehl erhalten, eine Anzahl ausgedienter Soldaten auf einem Kriegsschiff nach England zu begleiten. Er hatte selbst seinen Abschied genommen und dachte nun daran, Jenny ebenfalls nach England zu bringen. Auf dem Kriegsschiff, das den Obersten nach England trug, konnte Jenny aber nicht aufgenommen werden; so mußte sie, nur von einer vertrauten Kammerfrau begleitet, mit der Bark Dorcas reisen, die ebenfalls nach England in die See stach. Die Bark geriet aber in eine Reihe von Stürmen und wurde ganz von ihrem Kurse abgetrieben, so daß der Kapitän sich nicht mehr zurechtfinden konnte. In einer finstern, schweren Sturmnacht scheiterte das Schiff, die Mannschaft sprang in die Boote, die aber sogleich vom Sturm verschlungen wurden. Eine wohltätige Welle spielte Jenny ans Land, wo sie besinnungslos liegenblieb; sie hatte nicht die geringsten Lebenszeichen weder von der Mannschaft noch von der Kammerfrau bemerkt. Zwei Tage lang blieb sie, von Angst und Schrecken fast tot, auf der Insel, ohne etwas zu unternehmen; sie nährte sich kümmerlich von einigen Eiern, die sie den brütenden Strandvögeln aus den Nestern nahm.

Am dritten Tage hatten sich endlich milde Witterung und Sonnenschein wieder eingestellt. Das heitere Wetter hatte ihr sogleich die Hoffnung eingeflößt, die wahrscheinlich gerettete Schaluppe des Schiffes würde von der stillen See alsbald Vorteil ziehen und die kleinere oder die allfällig an das Ufer geworfene Bemannung des Bootes aufsuchen. In dieser tröstlichen Erwartung hatte die Schiffbrüchige an nichts Angelegentlicheres als an ein anzufachendes Feuer zu denken. Und da sie auf dem Schiffe in der Kleidung eines Seekadetten gelebt und als solcher Messer und Feuerzeug und dergleichen mit sich geführt hatte, so fand sie sich ungleich weniger hilflos, als sie ohne diese Rolle gewesen wäre, die sie freilich aus einem kleinen Mutwillen angenommen hatte, die ihr aber doch von ihrem Vater selbst gestattet worden war.

Ein fortwährend erhaltenes Feuer, teils zu Ersparung ihres wenigen Zunders und zu Schonung von Stahl und Feuerstein, teils zu steter Einladung vorbeisegelnder Schiffe, war lange mit allerlei Holzwerk von der gescheiterten Korvette und später mit getrocknetem Gras oder Seetang unterhalten worden. Eine Matrosenkiste oder sonst ein nützliches Gerät von der Korvette war dem unglücklichen Mädchen nicht zuteil geworden, und sie hatte sich kaum ein paar Nägel aus Brettern verschaffen können; einige Lebensmittel jedoch, ein Fäßchen Bier und namentlich ein Faß mit Fleisch waren ihr in die Hände gefallen. Aber mit reicher, glücklicher Erfindungskraft hatte sie bald angefangen, alles Mögliche zu bereiten, zu verfertigen und zu unternehmen, was ihr das Leben erhalten und ihren öden Wohnort erträglich machen konnte.

Nie war das glückliche Geschöpf darüber im Zweifel gewesen, daß Gott es dereinst von dem einsamen Felsen wieder abberufen würde. Alle Robinsone – das war drolligerweise ihr Trostgrund gewesen – von denen man liest, sind ja doch glücklich heimgekommen, oder es sind Menschen zu ihnen gelangt, und der liebe Gott wird es wohl noch viel besser machen als so ein Romanschreiber.

Viele Beschäftigung und Unterhaltung hatte die Miß in der Erziehung und Zähmung einiger Vögel gefunden, die an zugänglichen Orten der rauchenden Klippe von den Alten ausgebrütet und von ihr aus den Nestern genommen worden waren. Immer jedoch hatte ihr ein Unfall die Tiere wieder entrissen, oder sie waren unversehens ausgeblieben; dies war auch mit dem Albatros geschehen, den Fritz verwundet und dann mit seiner Antwort auf die so folgenreiche Einladung der Miß entlassen hatte.

»Wo mag der wohl jetzt herumfliegen?« sagte sie lächelnd. »Am Ende hat ihn schon wieder jemand gefangen und liest nun die beiden Briefe viele hundert Meilen von hier. Wie hätte ich gejubelt, wenn er mit der Antwort zu mir zurückgekehrt wäre! Aber schließlich war es wunderschön, wie es dann gekommen ist.« Damit streckte sie dem glücklich lächelnden Fritz die Hand hin und umarmte dann zärtlich die Mutter.

»Ich heiße dich nochmals bei uns willkommen, mein liebes Kind«, sagte ich ernst und gerührt. »Der liebe Gott hat es gut mit uns gemeint. Er hat uns füreinander gerettet. Leben wir nun füreinander in Liebe und Treue.«

Am nächsten Tag aber wurde unser Schiff wohl ausgerüstet, und dann wendeten wir den Kiel heimwärts.

Jenny brannte vor Neugier auf das von den Brüdern so viel gepriesene »Felsenhaus«, das »luftige, duftige Baumschloß«, die »ländlichen Villen« bei der Klus, auf Hohentwiel und bei Waldegg. Die Jünglinge aber erschöpften sich in Erzählungen und Verheißungen alles dessen, was sie vorzeigen, einrichten, verbessern, ja schenken und verehren wollten, wenn Miß Jenny nur es zu sehen und anzunehmen würdigte.

Schon auf der Heimfahrt, die den glücklichsten und schnellsten Fortgang hatte, war das junge Volk unersättlich in Winken, Angaben und Auseinandersetzungen. Ein fast komischer Wettstreit erhob sich unter den Brüdern, wer am frühesten, bündigsten und anziehendsten jeden neuen Gegenstand bezeichnen und beschreiben könnte. Wir fuhren in offener See um die Vorgebirge der Kirchfluh und der Stumpfnase hin und erreichten früh am Nachmittag Hohentwiel, wo ich mannigfaltiger Vorkehrungen wegen das Nachtlager aufzuschlagen beschloß. Fritz und Franz aber mußten sogleich im Kajak bis Felsenheim weiterrudern, um alles dort zu unserm Empfang in Bereitschaft zu setzen, und es freute mich, daß Fritz nur mit einer leisen Äußerung, wie gern er geblieben wäre – sich alsbald ermannte, sein Fahrzeug bestieg und die holde Miß Jenny verließ, bei der er sonst so unzertrennlich und so gern zu verharren schien.

Als wir in die Rettungsbucht einfuhren, da donnerten von der Haifischinsel die Kanonen zu festlichem Gruß; dann sahen wir unsere kriegerischen Jünglinge in das Kajak springen und blitzschnell gegen das Ufer hinrudern, wo sie vor uns anlangten. Dort hießen uns alle ebenso ernsthaft als freundlich willkommen und standen uns bei der Ausschiffung bei.

Als wir damit zustande gekommen waren, schritten wir langsam unserer hübschen, dicht umrankten Wohnung zu. – Jenny konnte des Wunderns und Freuens an dem reizvollen Landschaftsbild kein Ende finden, und uns selber schien unser geliebtes Plätzchen gleichsam neu geschenkt und frisch verklärt, und als nun von allen Seiten lebendiges Gezwitscher und Geflatter in den Sträuchern sich kundgab, als die schönen und seltenen Geschöpfe unseres Geflügelbestandes bald neugierig, bald zahm sich anschmiegten, herbeihüpften oder niederflatterten, da wurden dem guten Mädchen ordentlich die Augen feucht. Sie lehnte sich zärtlich an meinen Arm und rief: »Nein, wie schön ist es hier bei euch!«

Der schweizerische Robinson

In der luftigen, kühl beschatteten Galerie unserer Wohnung, vor der Mitte des Haupteingangs, bemerkten wir jetzt mit froher Überraschung einen gedeckten Tisch, und wunderlich bunt stand drauf alles beisammen, was wir von alten oder neuen, europäischen oder selbstverfertigten Gerätschaften nur irgend besitzen mochten. Felsenheimer Porzellan, Bambusgeschirr, Kokosschalen, Becher von Straußeneiern hatten sich den Gläsern, Flaschen und Tellern aus dem gestrandeten Schiffe beigesellt, und das Abenteuerliche des Anblicks war in hohem Grade vermehrt durch aufgestellte oder an Schnüren frei schwebende Vögel aus unserem Museum, die eine liebliche Täuschung von paradiesischem Zusammenleben mit aller Kreatur gewährten. Eine große mit Papier überzogene Tafel endlich, umkränzt mit vielfarbigen Blüten und Blumen, hing über der ganzen Festanstalt, und in hohen, rotgemalten Buchstaben war darauf zu lesen: »Hoch lebe Miß Jenny Montrose! Gesegnet sei ihr Eingang in die Klause des schweizerischen Robinsons!« –

Die Gefäße aller Art stellten übrigens kein leeres Gepränge vor. Was nur in der Eile aufzutreiben gewesen war, war aufgetischt. Met und Kanariensekt und fette Milch luden ein, den Durst zu stillen; Früchte jeder Art boten eine willkommene Erfrischung dar. Die Feige, die Goldorange, die würzige Ananas lachten aus frischem Blättergrün, und andere Früchte zeigten sich aufgestapelt in kleinen Pyramiden; ja selbst ein warmes Fischgericht und ein ansehnlicher Braten auf einer wärmenden Kohlenpfanne verherrlichten den Schmaus, und ich sagte lächelnd zu Franz: »Es hat ein Zauberer euch beigestanden und hat sein Tischlein deck dich! für euch ausgesprochen.« Er aber rieb mit bedeutsamer Miene die Augen, und ich begriff, daß die wackeren zwei Jungen selbst die Nacht zu Hilfe genommen und sich den Schlaf abgebrochen hatten, um den festlichen Empfang zu veranstalten, der uns so angenehm überraschte.

Miß Jenny, zwischen mir und der Mutter, erhielt den Ehrenplatz an der stattlich besetzten Tafel; Ernst und Jack setzten sich ebenfalls; Fritz und Franz ließen es sich aber nicht nehmen, in aller Form die Aufwartung zu besorgen, wobei sie mit Handtüchern unter dem Arme als Kellner herumsprangen, das Fleisch zerlegten, die Teller wechselten und überhaupt mit einer Fertigkeit ihr Amt versahen, daß wir oft Essen und Trinken vergaßen, nur um ihnen zuzusehen, doch ohne daß wir die Rolle vornehmer und einer solchen Bedienung gewohnter Gäste zu spielen unterlassen hätten.

Der Nachmittag war ein neues, immer wechselndes Fest, wobei Jenny fast nicht zu Atem kommen konnte, denn rechts, links, vorn und hinten ertönte Schlag auf Schlag: »Ach, liebe Jenny, kommen Sie hierher! Steigen Sie da hinauf! Sehen Sie dies! Untersuchen Sie erst das!« und wie die Einladungen der viere noch weiter lauteten. Es bedurfte der Gewandtheit des Mädchens, um allen genugzutun und jedes erwünschte Zeichen des Beifalls, der Teilnahme und der Verwunderung gehörig anzubringen. In Haus und Höhle, Vorplatz und Garten blieb kein Winkel ungezeigt und unbeschaut als die arme Küche, der doch so wesentliche Mittelpunkt des häuslichen und gedeihlichen Daseins. Auch lachte Miß Jenny zuletzt alle vier Jünglinge aus, sprang an die Seite der Mutter und bat, nun endlich auch hingeführt zu werden, wohin sie gehöre. Die Mutter nahm diese Bitte mit großem Wohlgefallen auf, richtete ihren Gang nach der Küche und ließ die vier diensttuenden Herrlein ein wenig verblüfft zur Seite stehen, so daß Jack mit ausgespreizten Händen und Fingern sich das Zeichen einer langen Nase machte und linksumkehrt hinten wegsprang, um sich anderswo ein Geschäft zu suchen.

Am folgenden Tage war alles frühzeitig rege, um einen Ausflug nach Falkenhorst zu bereiten, und ich fand in der Tat ratsam, daß wir insgesamt hinzögen, um den lange versäumten Wohnsitz wieder einmal von Grund aus zu besichtigen und nach Bedürfnis herzustellen. Wir fanden denn auch alles ziemlich verwahrlost und hatten saure Tage genug, bis alles wieder einigermaßen instand gestellt worden war. Aber nie wurde wohl so eifrig und so fröhlich das Schwierigste bewältigt, wie es jetzt geschah, wo Jenny mithalf und durch ein helles, frohes Lachen unsern Mut hob; die Brüder wetteiferten, ihr Lob zu hören. Kaum aber waren wir hier einigermaßen zurecht gekommen, da riefen Waldegg und Hohentwiel nach unserer Arbeit. So vergingen die Tage; Jenny war immer mit uns, und wir hatten uns alle so an das liebe Mädchen gewöhnt, daß wir uns gar nicht mehr denken konnten, wie wir einst ohne sie auskommen mußten. Und als vollends nun die Regenzeit kam, wieviel schöner war nun diese trübe Zeit für uns! Wir lernten nicht nur mancherlei von Jenny; sie lernte auch vieles von uns. Da war es denn auch lustig zu sehen, wie meine Jungen sich bestrebten, ihr täppisches, oft fast grobes Wesen abzulegen und feinere Manieren anzunehmen.

So ging die Regenzeit diesmal viel schneller vorüber als früher; wir wurden von der schönen Jahreszeit gleichsam überrascht. Doch empfanden wir nicht geringere Freude über ihr Erscheinen; wir schlüpften wie Tauben aus ihrem Schlage wohlgemut hinaus in die freie Luft, renkten und schwenkten die Glieder, besahen den lichtblauen Himmel, zerstreuten uns in unsern Garten, zu den Pflanzungen, an den Strand, oder wo sonst das erste Gelüsten frei gewordener Bewegung uns hinrief, und fingen an, für die nächstfolgende Zeit allerlei Geschäfte festzusetzen. Da geriet Fritz auf den natürlichen Gedanken, sogleich nach der Haifischinsel hinüberzurudern und auf unserer Warte sich umzusehen, ob die stürmische See der winterlichen Jahreszeit nichts herbeigeführt habe, das unserer Aufmerksamkeit wert sein könnte.

Jack begleitete ihn. Ich war am Strande beschäftigt, tat zuweilen einen Blick zu ihnen hinüber und freute mich an der affenartigen Gewandtheit, mit der sie den Felsen auf der Strickleiter erklommen. Wir hatten ausgemacht, daß sie zwei Schüsse tun sollten, wie dies all die Jahre hindurch von Zeit zu Zeit geschehen war, um entweder vorbeikommende Schiffe anzurufen oder Notleidenden die Richtung anzugeben. Ich hielt in der Arbeit inne, schützte die Augen mit der Hand und schaute zu ihnen hinüber, innerlich lachend über die jungenhafte Vergnügtheit, mit der sie der altgewohnten Lustbarkeit, ihre Feuerschlünde speien zu lassen, oblagen. Noch standen sie regungslos nach dem zweiten Schuß. Ihre Gestalten zeichneten sich scharf gegen den klaren Himmel ab. Da machte einer von ihnen – ich konnte nicht genau unterscheiden, welcher – eine heftige Bewegung mit den Armen, der andere tat einen Sprung, noch einen – das mußte Jack sein – dann stürzten sie aufeinander los, umschlangen sich und standen so wohl eine Minute. »Was haben sie denn nur?« dachte ich. Jetzt kam schon wieder Bewegung in die stumme Gruppe. Sie rannten zum Abhang, schossen mit geradezu bedenklicher Hast die Strickleiter hinunter ins Boot hinein und jagten gegen das Ufer hin, just auf mich zu. Schnurr! sausten sie auf den Sand. Fritz sprang zuerst heraus; er war bleich, trotz der Anstrengung des Ruderns. »Was gibt’s?« rief ich bestürzt.

»Vater!« keuchte er heiser, »hast du nichts gehört?«

»Hast du denn nichts gehört?« schrie Jack, dem die Tränen übers Gesicht liefen.

»Was soll ich denn gehört haben außer eurem Geknalle?«

»Es hat ja geantwortet! Es hat wieder geschossen!«

»Unsinn!« rief ich, »ich habe nichts gehört. Es war der Widerhall eurer eigenen Schüsse.«

»Aber Vater! Wir werden doch noch das Echo von einem Antwortschuß unterscheiden können. Wir haben ja wohl schon fünfzigmal von der Warte aus geschossen. Der Knall kam viel zu spät für einen Widerhall, und endlich – drei auf zwei – das wäre doch wunderlich!« »Habt ihr denn nichts gesehen? Kein Schiff! Kein Boot! Keinen Rauch?«

»Nichts, gar nichts! Das ist es ja eben! Es schien westwärts von unsrer Bucht zu sein. Aber der Schall täuscht ja. O Vater, was tun wir?«

Wahrhaftig, ich wußte nicht, was ich da sagen sollte. Die Sache überraschte und erschütterte mich ungleich mehr, als ich je gedacht hätte, da ich doch stets darauf aus gewesen war, durch Lärmzeichen die Nähe von Menschen zu ermitteln. Nie aber hatte ich es mir recht deutlich gemacht, wie im Fall einer menschlichen Annäherung mein Verhalten sein sollte, und so geriet ich jetzt in hundert Besorgnisse und trieb auf einer See von Zweifeln herum. Waren es Europäer? Waren es seeräuberische Malayen, die vielleicht in der Umgegend gelandet hatten? Waren es arme Verschlagene? Waren es glückliche Entdecker? – Sollten wir uns unverhohlen zu erkennen geben? Oder sollten wir im Hinterhalte bleiben und listig spähen, bevor wir unsre Gegenwart verrieten? Ich versammelte mein Hausvolk und hielt großen Rat; denn ich fand die Sache viel zu wichtig, als daß ich sie mit Fritz und Jack unter der Hand hätte abtun mögen.

Mittlerweile kam die Nacht herbei; wir beschlossen, die Entscheidung bis auf den folgenden Tag zu verschieben, und ich beorderte die drei Ältern, abwechselnd mit mir Stunde um Stunde vor unserm Höhlenhaus in der Galerie Wache zu halten, um genau zu horchen, ob in der stillern Nacht wieder ein Zeichen von Menschennähe sich vernehmen lasse.

Der schweizerische Robinson

Allein die Nacht war nicht so schweigsam, als wir sie erwartet hatten; vielmehr machten sich Sturm und Regen von neuem auf und gaben ein so tosendes Nachspiel zu der anscheinend verstrichenen Regenzeit, daß es nicht möglich war, irgend etwas anderes zu hören als die heulende Windsbraut, das rastlose Tropfengeplätscher und das Brausen des Ozeans. Zwei Tage und zwei Nächte hindurch wütete dieser Nachwinter dergestalt fort, und in den wenigen Pausen der Unterbrechung fanden wir alle Hände voll zu tun, um nur dem Ungestüm des Wetters entgegenzuarbeiten, so daß an ein Aufhorchen und Ausspähen gar nicht zu denken war. Erst am dritten Tage, obwohl die See noch hoch ging und am Himmel sich eine stetige Wolkenjagd trieb, zeigte sich eine Möglichkeit, auf Forschung auszugehen, und man wird leicht denken, daß ich nicht verfehlte, mich selbst nach unserer Warte zu verfügen, wobei ich Jack zur Begleitung nahm und einen Wimpel mitführte, der meinen Zurückgebliebenen nach Verabredung entweder ein Zeichen guter Neuigkeit oder drohender Gefahr sein sollte. Schwang ich den Wimpel dreimal und warf ihn darauf in die Tiefe, so sollten Frau, Kinder und Jenny mit Eilfertigkeit sich nach Falkenhorst zurückziehen und alles Vieh dorthin treiben, bis ich nachkommen würde; schwang ich aber den Wimpel nur zweimal, pflanzte ich ihn dann fest neben dem Wachthäuschen, und zog ich auch die dortige Flagge auf, so war der Anschein günstig oder wenigstens nicht entscheidend bis auf weiteres.

Der schweizerische Robinson

Mit ungeheurer Spannung lauschten und lauerten die Zurückgebliebenen auf unsere Bewegungen; wir aber landeten mit Herzklopfen an dem Haifischinselchen, wo wir eiligst die Höhe des Felsens erstiegen und uns mit Falkenblicken umsahen, ohne jedoch das mindeste Neue gewahr zu werden. Ich entschloß mich denn endlich, drei Kanonenschüsse loszubrennen, um zu erfahren, ob irgend etwas darauf erfolgen würde; denn schon regten sich wieder Zweifel in mir, ob sich die beiden nicht überhaupt geirrt oder bloß etwas Natürliches, vielleicht das unterirdische Tosen eines nahen Erdbebens vernommen hätten. Ich lud tüchtig, Jack brannte los, und wir ließen eine Frist von zwei Minuten zwischen den einzelnen Schüssen, damit wir gerade Zeit hätten, wieder zu laden zwischen dem zweiten und dem dritten. Jetzt aber spitzten wir die Ohren gewaltig, und horch! – es brummte dumpf. Einmal! – Pause von ein paar Minuten. – Zweimal! – Dreimal! – Sieben Schüsse hintereinander folgten sich vernehmbar, ich jubelte, Jack tanzte wie voll süßen Weines, schnell zog ich die Flagge an dem großen Flaggenstock auf und schwang zweimal den mitgebrachten Wimpel. Aber wie zu mir selbst kommend aus einem Fiebertraum schlug ich jetzt mit der Faust an meine Stirne und rief: »Was für ein Tor bin ich, so blindlings den Freudenlärm anzuheben, und weiß doch nicht, ob Freund oder Feind in der Nähe ist!«

Alsbald half ich unsere Geschosse wieder laden, befahl Jack, mit brennender Lunte ein Stündchen bereitzustehen, Wache zu halten, loszubrennen, sobald er ein fremdes Fahrzeug erblicke, und verfügte mich dann ungesäumt zu den Meinigen nach Felsenheim zurück, um zweckmäßige Anstalten zu treffen.

Ich fand mein Hausvolk in außerordentlicher Bewegung. Fritz sprang mit einem gewaltigen Satze zu mir in das Boot, als ich nur erst im Begriffe war, anzulegen, und alles rief in verworrener Hast entgegen: »Wo sind sie? Wo sind sie? Was ist’s für ein Schiff? Sind es Europäer? Sind es Engländer?« – Zwar hatte man die sieben Antwortschüsse so wenig als vor drei Tagen die drei gehört, und es ergab sich, daß die Felsen links von unserer Wohnung vermutlich den Ton aufhielten, der jenseits gefallen war; aber unsere Freudenzeichen hatten hingereicht, um meine Leute vor ungeduldiger Erwartung fast außer sich zu bringen.

Indessen, ich mußte einmal die Wahrheit sagen und die prickelnde Neugierde unbefriedigt lassen; doch war alles mit mir zufrieden, als ich sofort den Entschluß ankündigte, auf Erkundigung zu fahren und, in Fritzens Gesellschaft am Ufer hinrudernd, womöglich den Standort des mutmaßlichen, nahe liegenden Schiffes ausfindig zu machen. Jenny schien ganz das sonst so besonnene Köpfchen verloren zu haben; sie lief geschäftig herum, sang zwanzigerlei Liederverse und versicherte alle Augenblicke, gewiß sei ihr lieber Vater gekommen, um sie abzuholen.

Ich machte mir jetzt Fritzens Einfall mit seiner Mummerei vom letzten Jahr zunutze, indem ich allerlei Felle und Federn, oder was sonst zur Verkleidung dienen konnte, herbeibringen ließ. »Als Wilde wird man uns viel weniger beachten«, sagte ich, »und in unserm Wohnsitz viel weniger aufsuchen. Auch wird unser Lauschen aus der Ferne, unsre Schüchternheit und unser Verschwinden, wenn wir sehen, daß nichts zu holen ist, wofern wir nämlich zu den Ankömmlingen kein Vertrauen zu fassen vermögen ungleich weniger Aufsehen erwecken, als wenn man Europäer in uns erkennt. Wir aber gewinnen dadurch Zeit, neue Vorkehrungen zu treffen, und obwohl ich das Beste hoffe, so verlange ich doch, daß ihr andern alles zum Rückzug nach Falkenhorst in Bereitschaft haltet, wohin Jack und Franz vorläufig das Hausvieh treiben mögen. Übrigens wünsche ich, daß die Mutter und Jenny sich als Seekadetten anziehen und daß jedermann sich bewaffne. Seeräubern, wenn sie nicht allzu zahlreich sind, können wir auf irgendeinem günstigen Standpunkte wohl noch die Spitze bieten.«

Es war ungefähr Mittag, als ich endlich mit Fritz im Kajak vom Ufer stieß. Die Mutter sah uns mit überströmenden Augen nach. Jenny hielt sie umschlungen, redete ihr lustig zu und lachte über »die zwei wilden Männer«. Jack und Franz waren schon mit dem Vieh und einigen unsrer Kostbarkeiten aufgebrochen. Wir waren wegen unsrer Rolle ganz einverstanden, und wenn man uns zufällig entdecken, anrufen, einfangen würde, so wollten wir im rauhsten Schweizerdeutsch sprechen, voll guter Zuversicht, daß keine seefahrende Nation es verstehen würde. Im übrigen waren wir bewaffnet, nur hielten wir die Säbel, Flinten und Pistolen auf den äußersten Notfall im Verstecke, während wir unsre Harpunen als Lanzen führten.

Der schweizerische Robinson

Stillschweigend, in einer Art froher Bangigkeit, ruderten wir aus der Rettungsbucht und hielten uns links an das felsige Vorgebirge, das vom Entensumpf in die See hinauslief, wo es ein wenig abgerundet endigte.

Wir legten fünf Viertelstunden glücklich zurück und würden in gerader Linie kaum fünfundzwanzig Minuten zu dieser Fahrt gebraucht haben, wenn wir nicht, unsres gebrechlichen Fahrzeugs wegen, so nahe am Ufer hingesteuert hätten. Jetzt aber führte uns die Richtung der unfreundlichen Küste wieder seewärts, und ein Vorgebirge zwang uns, eine Umschiffung zu versuchen; denn allem Vermuten nach mußte das gesuchte Fahrzeug gleich jenseits anzutreffen sein, da wir sonst seine Kanonenschüsse schwerlich vernommen hätten.

Zuvor indessen hielten wir noch einen Augenblick an, musterten unsre Vermummung, genossen eine nötige Herzstärkung und ruderten dann mit erneuter Anstrengung dem Felsenkap zu, das zum Glück doch keine bedeutende Brandung an seinem Fuße bemerken ließ, weil außerhalb im Meer verschiedene Felsenriffe die Wellen schon hinreichend brechen mochten.

Endlich waren wir am äußersten Punkte, und zufällig boten sich hier einige Steinklippen dar, hinter denen wir verborgen genug allmählich vorwärts spähen konnten. Wie ward uns aber zumute, wie löste sich alle Beklemmung, als wir jetzt in der kleinen Bucht vor einem bebuschten, nicht allzu steilen, doch hinterwärts gleich Felsenheim mit Flühen umgrenzten Ufer ein europäisches Schiff erblickten, das zwar teilweise abgetakelt zu sein schien, aber am Flaggenstock die teure englische Flagge erkennen ließ und zum Zeichen, daß es nicht unbevölkert sei, gerade von einer Schaluppe verlassen ward, die nach dem Strand zu steuerte!

Fritz war kaum zu halten, daß er nicht ins Wasser sprang, um mir nichts, dir nichts hinüberzuschwimmen; allein die Besonnenheit kam mir eben zu rechter Zeit wieder und hielt ihn sowohl als mich selbst zurück mit dem Gedanken, es sei ja doch nichts gewonnen als die Sicherheit, ein europäisches Schiff zu sehen. Leicht aber könnten asiatische Seeräuber ein solches gekapert haben und zur Lockspeise oder im Übermut die englische Flagge wehen lassen. Auch sei möglich, was nicht ganz selten begegne, daß eine aufrührerische englische Schiffsmannschaft ihre Offiziere ermordet habe und sich nun geflissentlich in diesem unbekannten, von den gewöhnlichen Schifferstraßen abseits liegenden Gewässer herumtreibe.

Wir hielten demnach hinter einem großen Felsenstück, und es gelang uns, daran so weit emporzuklettern, daß wir durch Ferngläser den Gegenstand unsrer gespannten, brennenden Neugier mit Bequemlichkeit beobachten konnten. Es schien mir eine Jacht, die leicht ausgerüstet, aber doch mit acht oder zehn mittelmäßigen Kanonen bewaffnet sei; Segel und Takelwerk samt den Oberstangen der Mäste war niedergelassen. Das Schiff lag vor Anker und mochte im Begriffe stehen, ausgebessert zu werden. Am Lande sah man drei Zelte, und ein gastlicher Rauch stieg auf, der die Bereitung einer Mahlzeit verkündigte. Allem Ansehen nach aber war die Mannschaft nicht eben zahlreich und auch nicht in einer bedrohlichen Verfassung; doch glaubten wir auf dem Schiffe zwei Schildwachen zu erkennen, die Stückpforten waren geöffnet, und die Stücke sahen heraus zu allfälligem Empfange.

Mir schien zuletzt, es sollte nicht allzu gewagt sein, wenn wir uns erblicken ließen; doch versprachen wir uns, auf keinen Fall unser Kajak zu verlassen und uns einstweilen durchaus nicht zu erkennen zu geben.

Die Komödie war drollig genug, wie wir nun hinter den Steinklippen sachte nach der Bucht hineinruderten, uns als Verwunderte und Zagende gebärdeten, bald innehielten, bald wieder mit einigen Ruderschlägen vorwärts drangen und dann allerlei hampelmannartige Gebärden nach dem Schiffe hin machten.

Der Kapitän und einige neben ihm erscheinende Personen betrachteten uns jetzt mit Aufmerksamkeit und winkten uns mit Schnupftüchern heran, indem sie abwechselnd die leeren Hände erhoben, als wollten sie uns zeigen, daß sie unbewaffnet seien. Mir war am liebsten, daß die Schaluppe mittlerweile den Strand erreicht hatte und nicht das Ansehen nahm, auf uns losrudern zu wollen; denn ich hätte solch eine Zusammenkunft sehr gescheut. Wir fuhren daher dem Schiffe näher und bemerkten jetzt auf seiner andern Seite, die wir durch Umkreisen des Hinterteils zu Gesicht bekamen, alle Anstalten zu einer großen Ausbesserung, was auf jeden Fall gewährleistete, daß wir nicht so bald einen Besuch von dem großen Fahrzeug zu befürchten hätten.

Endlich rief uns der Kapitän durch ein Sprachrohr an und fragte, wer wir seien, woher wir kämen und wie die Küste genannt würde. Ich aber antwortete wiederholt, so laut ich vermochte, die drei Worte: »Englishmen, good men!« ohne mich auf etwas anderes einzulassen. Doch hielten wir stets näher dem Schiffe zu, um alles wohl ins Auge zu fassen. Die umstehenden Leute schienen den Kapitän mit allem Anstand zu behandeln, und keine Spur von Unordnung, Trunkenheit oder Ungehorsam verriet eine aufrührerische Schiffsmannschaft. Man zeigte uns rotes Tuch, Beile, Nägel und andere Kostbarkeiten des Tauschhandels mit den Wilden; allein ich wies unsre Harpunen und stellte mich an, gar nichts zum Tausche anbieten zu können, die Warfen aber mit nichten ablassen zu wollen. Zuletzt verlangten die Schiffsoffiziere Pataten, Kokosnüsse, Feigen und andere Früchte, worauf ich endlich ein englisches »Ja, ja! viel, viel!« herauswürgte. Fritz konnte das Lachen kaum noch verbeißen. »Schnell zurück jetzt«, raunte ich ihm zu. Wir machten nun einen wahren Hokuspokus von zärtlichen Abschiedsgebärden, krächzten ein über das andre Mal »Englishmen! Englishmen!« und ruderten dann mit aller Hast, um aus der Bucht heraus wieder auf den Heimweg zu gelangen. Kaum waren wir um das große Felsenriff herum und außer Sehweite, so fielen wir mit jubelndem Lachen einander um den Hals.

»Ist es denn möglich!« rief ich. »Menschen! Ein Schiff! Europäer, Freunde! Erlösung! Vaterland!«

»Vater, du weinst!« sagte Fritz ergriffen. Ihm selber standen aber auch die Augen voller Tränen.

»Komm nach Hause«, sagte ich, mich fassend, »so schnell wie möglich. Die Mutter! Was wird die Mutter sagen?!«

Aus allen Kräften ruderten wir nun heimwärts. Sowie die Rettungsbucht in Sicht kam, schossen wir, nach vorher getroffener Verabredung, als ein Zeichen glücklicher Verrichtung unsre Pistolen los. Die Antwort kam unmittelbar zurück in gleicher Münze, und jubelnd, Tücher schwenkend, sammelte sich mein aufgeregtes Hausvolk am Landungsplatz.

Mit meiner Erzählung war nun zwar Miß Jenny nicht sonderlich zufrieden; denn in der Zuversicht, ihr Vater selbst müsse angekommen sein, verargte sie uns das Hinaustreiben des Maskenspiels bis an das Ende der Zusammenkunft nicht wenig, indem sie meinte, wir hätten nur ihr Hiersein zu melden gebraucht, so wäre alles auf das Beste abgelaufen; die Mutter hingegen lobte unsre Vorsicht und bemerkte, daß ein stattlicher Aufzug in Masse uns besser empfehlen würde, als wenn zwei abenteuerliche Figuren in einem armseligen Kajak sich als Schiffbrüchige kundgegeben hätten. Auch willigte sie gerne ein, zutrauensvoll in unserm großen Fahrzeuge zu den Ankömmlingen hinüberzuschiffen und uns in möglichst anständiger Gestalt bei ihnen einzuführen.

Dies fand denn bald den allgemeinen Beifall, und es wurde beschlossen, vorderhand unsre Lage nicht zu verraten, bis eine vollständige Mitteilung aus freien Stücken mir zulässig scheinen würde.

Unmöglich kann ich das Leben und Treiben unter alt und jung in Felsenheim schildern, als mehr und mehr die neue Begebenheit nach allen Seiten und in allen ihren mutmaßlichen Folgen zur Sprache kam. Die possierlichsten Pläne wurden im Hui geschmiedet und wieder verworfen; man wollte dies, hoffte jenes, wünschte das, besorgte anderes, und jedermann schien vorauszusetzen, daß wir stracks unter vollen Segeln mit Mann und Rind, Weib und Kind nach Europa zusteuern würden. Doch sah die Mutter mich jeweilen forschend an, wenn solcherlei Redensarten umherflogen, und schien zu warten, ob ich durch irgendeine Äußerung sie bestätigen oder ablehnen würde.

Es fiel mir indessen nach meiner Stellung eines Hausvaters und wohlregierenden Patriarchen schwer aufs Herz, einen Beschluß zu fassen. Zog uns einerseits die Liebe zum Vaterland sehnend nach Europa, so fesselten uns demgegenüber starke Bande an diese liebliche neue Heimat, die uns im Lauf der langen Jahre teuer geworden war; wie teuer, das empfand ich jetzt zum erstenmal mit voller Deutlichkeit, da die Frage des Scheidens lebendige Gestalt angenommen hatte. Mußte ich auch wünschen, meine Söhne in das Getriebe der großen Welt versetzt zu sehen, damit sie lernten, mit und in der Allgemeinheit zu leben, so beherrschte mich gleichwohl eine seltsame Ängstlichkeit, sie dann Einflüssen ausgesetzt zu wissen, die hier in der verschwiegenen Einsamkeit unsrer geliebten, schönen Einöde niemals Gewalt über sie bekommen konnten. Das Törichte dieses Gedankens war mir nichtsdestoweniger klar. Der Mensch ist zum Zusammenleben mit seinesgleichen bestimmt. Wie soll ein Stein seine Ecken und Kanten verlieren, wenn er nicht geschliffen wird? – Übrigens entschlug ich mich mit einem raschen Entschluß aller quälenden Grübeleien, indem ich mir sagte, daß ich ja noch gar nicht wisse, wie sich die fernere Bekanntschaft mit den Fremden gestalten, ob es uns gelüsten würde, mit ihnen davonzusegeln, wenn sie, was ja auch noch festgestellt werden mußte, überhaupt gesonnen und imstande wären, uns mitzunehmen.

Der ganze folgende Tag verlief mit Ausrüstung unserer Pinasse, mit dem Zurechtmachen unserer Kleidung und Waffen, endlich mit dem Einpacken frischer Baumfrüchte oder Gemüse, damit wir auf jeden Fall den dringenden Wunsch des Kapitäns der Jacht befriedigen könnten, den er gegen uns »Wilde« geäußert hatte. Ja, noch der andere Morgen verfloß unter Zurüstungen, und erst nach dem Mittagessen bestiegen wir unser im Verhältnis der obwaltenden Eile recht ansehnlich zugestutztes Fahrzeug, dem aber Fritz als Lotse wieder in seinem Kajak voranfuhr, doch für diesmal in der Uniform eines wohlausgerüsteten Seeoffiziers.

Also stach ich nun mit fünf matrosenmäßig gekleideten und leicht bewaffneten Personen, unsere kleinen Stücke scharfgeladen und den Schiffsraum zum Teil mit Gewehr, zum Teil mit Erfrischungen tüchtig befrachtet, in See, und getrost begannen wir eine Fahrt, die wahrscheinlich für immer entscheiden mußte, was uns die Zukunft bringen würde, ob Glück und Weltverkehr, ob Verderben oder Gram einer neu verlorenen Hoffnung auf Menschengemeinschaft.

Behutsam durchfuhren wir mit halb eingerafften Segeln die Bucht hinter der Entenspitze und nahmen den Lauf mehr seewärts in offnerem Fahrwasser, bis wir auf die Höhe des äußern Vorgebirges kamen und nun nach der Ankerstelle der englischen Jacht einlenken konnten. Es war ein bedeutungsschwerer Augenblick für mich, als wir diese wieder zu Gesicht bekamen, Fritz zu uns an Bord stieg und mein ganzes Schiffsvolk mit tief ergreifendem Staunen die hoffnungsvolle oder besorgnisbringende Erscheinung anzustarren begann. Ich ließ jedoch keinem müßigen Hinbrüten Raum, sondern kommandierte mit Stentorstimme, ließ die englische Flagge aufhissen und regierte das Steuer dergestalt, daß wir uns in sicherem Abstände von der Jacht behaupten, aber doch bequem mit ihr in Verbindung treten konnten.

Ganz unsäglich war das Erstaunen der Mannschaft auf der Jacht und am Ufer, als wir so stolz in die Bucht einzogen. Wenn wir verkappte Seeräuber gewesen wären, ich glaube, das Fahrzeug wäre uns in der ersten Überraschung eine leichte Beute geworden; denn es war jetzt noch schwächer besetzt als das erste Mal. Aber Friede, Freude, Teilnahme traten bald an die Stelle der bänglichen Verwunderung. Wir legten uns etwa zwei Büchsenschüsse weit von der Jacht vor Anker und begrüßten sie mit einem lauten Hurrageschrei, das von ihrem Verdeck und noch kräftiger vom nahen Ufer her zurückgegeben ward. Sodann bestieg ich mit Fritz das kleine Boot, das wir im Schlepptau nachgezogen hatten, und so ruderten wir – eine weiße Flagge aufsteckend – nach der Jacht hin, um dem Kapitän in seinem eigentlichen Amtskreis unsern Ehrenbesuch abzustatten.

Er befand sich an Bord, empfing uns mit einfacher, seemännischer Geradheit, lud uns in seine Kajüte ein, ließ alten Kapwein auftragen und fragte dann mit Verbindlichkeit, welchem Zufall er das Glück verdanke, die englische Flagge an einem unwirtlichen, ganz unbekannten Ufer begrüßen zu können, wo er kaum einige ratlose Wilde zu vermuten Ursache gehabt hätte.

Ich erzählte so viel, als ich vorläufig für gut erachtete, und hob besonders die Anwesenheit der Miß Jenny heraus, weil ich vermuten konnte, daß die Nennung ihres Vaters, des Obersten Montrose, bei einem englischen Schiffskapitän ungleich größere Teilnahme erwecken dürfte als eine Schweizerfamilie, die stets unbedeutend und sehr wenig bekannt gewesen war. Auch hatte ich mich nicht getäuscht; der Kapitän fragte angelegentlich nach der jungen Miß und versicherte, bei seiner letzten Anwesenheit in England den Befehlshaber eines Schiffes gesprochen zu haben, auf dem Oberst Montrose glücklich aus Ostindien in Portsmouth eingetroffen sei. Übrigens nannte er sich selbst Littlestone, war Oberleutnant in der königlichen Marine, kommandierte die Jacht Unicorn und war auf einer Fahrt nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung begriffen, wohin er Depeschen aus Sidney-Cove in Neusüdwales zu überbringen hatte. Zuletzt ergab sich’s, daß ihm sogar der Auftrag geworden war, sich auf der Hinfahrt nach dem Kap ostwärts zu halten und sich nach den Küsten umzusehen, an denen vor ungefähr drei Jahren die Korvette Dorcas verunglückt sei. Es hatten sich nämlich, nach seltsamen Schicksalen und unsäglichen Leiden, drei Matrosen und ein Bootsmann von der Mannschaft dieses Schiffes nach Sidney-Cove durchgearbeitet, und aus ihren Angaben war einige Hoffnung hervorgegangen, noch einen Rest dieser Mannschaft in den Gegenden des erlittenen Schiffbruchs aufzufinden.

Kapitän Littlestone pries sich glücklich, in Miß Jenny einen Gegenstand seiner Sendung zu finden, und erzählte, wie wenig gefehlt hätte, daß er von diesem unlustigen, klippenreichen Ufer für immer geschieden wäre. Vier Tage lang hatte ihn der Sturm unter drohenden Gefahren gleichsam an diese Küsten festgebannt, und kein freundlicher Hafen hatte ihm eine Freistätte gezeigt, bis er endlich die Bucht gefunden hatte, in der er noch jetzt vor Anker lag. Hier hatte er frisches Wasser und etwas Holz eingenommen, als unerwartet zwei Kanonenschüsse gehört wurden, die er freudig mit dreien erwiderte, indem er daraus schließen zu können glaubte, daß die Mannschaft des Dorcas größtenteils gerettet sein und sich noch an diesem Gestade aufhalten müsse.

Sofort war alles veranstaltet worden, die Schiffbrüchigen aufzusuchen. Der Unicorn fuhr aus seiner Bucht, allein das plötzliche abermalige Losbrechen des Sturmwetters überfiel ihn so nahe am Ufer, daß er mit der Seite an ein scharfes, vorragendes Felsenriff geriet und nur unter den furchtbarsten Anstrengungen seiner Besatzung wieder in die Bucht zurückgebracht werden konnte, wo er nun zu seiner Ausbesserung lag.

Auch die spätem drei Kanonenschüsse waren mit freudiger Teilnahme vernommen und beantwortet worden. Kapitän Littlestone hatte sich fest vorgesetzt, die Küste ferner nach dem mutmaßlichen Überreste der Schiffbrüchigen auszukundschaften; allein die harte Arbeit war für seine Leute so erschöpfend gewesen, daß einige an Krankheitsanfällen schwer darniederlagen und deshalb in Zelte ans Ufer geschafft worden waren. Darunter befand sich Master Wolston, ein sehr geschickter Mechaniker, der sich samt seiner Gattin und zwei Töchtern als Fahrgast auf dem Unicorn befunden hatte und jetzt dergestalt litt, daß binnen acht Tagen an kein Weiterreisen für ihn zu denken war.

In aller Kürze hatte ich das Wesentliche dieser Nachrichten vernommen und lud jetzt den Kapitän mit gebührender Ehrerbietung ein, sich an Bord meiner Pinasse zu verfügen und mein liebes Hausvolk in Augenschein zu nehmen, was er denn gleich mit höflicher Zusage verhieß, und mich zugleich aufs artigste bat, die Ankündigung seines Besuches bei den Damen auf meinem Fahrzeuge selbst übernehmen zu wollen. Dies geschah natürlich in froher Eilfertigkeit. Fritz und ich ruderten zurück. Meine Leute waren etwas unruhig und zaghaft gewesen; aber sofort lebten sie wieder auf, setzten sich zu einem anständigen Empfang in Bereitschaft und änderten stracks die Ladung unsres Geschützes, um die schicklichen Bewillkommnungsschüsse abfeuern zu können, sobald der Kapitän erscheinen würde.

Dies geschah jedoch erst nach einer halben Stunde, weil dessen Schaluppe zuvor mit einiger Mannschaft durch Signale vom Ufer her einberufen werden mußte; sodann aber betrat er samt seinem Steuermann, Master Willis, und dem Seekadetten Dunsley unser nach Vermögen aufgeputztes Fahrzeug, wo ihnen meine Frau und Miß Jenny auf sehr zuvorkommende Weise mit dem Besten aus dem Vorrat unserer Erfrischungen entgegeneilten. Kurz, es knüpfte sich ein Band des Wohlwollens und des Vertrauens, das mich nichts als Ersprießliches hoffen ließ; und bald war der Entschluß gefaßt, den Abend vollends in der Bucht zuzubringen, ans Land zu fahren, die Kranken in den Gezelten zu besuchen und selbst die Nacht hindurch auf dem Ufer zu verweilen, wo Kapitän Littlestone sogleich drei neue Zelte aufzuschlagen und mit Hängematten zu versehen befahl.

Die Bekanntschaft mit dem armen Wolston und seiner liebenswürdigen Familie ward uns hier ganz besonders anziehend. Eine sanfte, verständige Mutter und zwei hübsche Töchter, eine von vierzehn und eine andere von zwölf Jahren, eigneten sich aber auch in hohem Grade, die Teilnahme bei uns allen hervorzurufen. Besonders Jenny und die beiden lieblichen Mädchen schlossen sich in kürzester Frist zärtlich aneinander. Zu dritt wetteiferten sie in der Bereitung eines ganz vorzüglichen und leckerhaften kleinen Festschmauses, zu dem unsre mitgebrachten Früchte und sonstigen guten Dinge das meiste beitrugen.

Unaussprechlich wohltätig ward uns allen dieser gesellige Abend. Der Freudenrausch mäßigte sich bei den einen, jede Besorgnis schwand bei den anderen; der Blick in die Zukunft klärte sich auf bei allen, und das edle Vertrauen gutartiger Menschen stellte sich ungezwungen in einem für die Kürze der Zeit seltenen Grade ein.

Spät begaben wir uns zur Ruhe. Aber noch viel später in die Nacht hinein dauerten die stillen Beratungen zwischen meiner Frau und mir. Kapitän Littlestone schien als besonnener Mann schweigend unsere Vorschläge oder Bitten abwarten zu wollen. Wir hingegen wollten uns ihm auch nicht gleich unbescheiden aufdrängen. Je länger aber wir hin und her sprachen, desto deutlicher ward es uns beiden Alten klar, daß wir keinen lieberen Wunsch hatten, als hier in unserer neuen Heimat, in unserer friedlichen, schönen Einsamkeit zu bleiben, und daß wir eigentlich nicht die geringste Sehnsucht nach dem unruhigen Treiben der europäischen Welt empfanden. Was sollten wir, auf unsere alten Tage, noch da draußen? Hier hatte in den langen Jahren unseres glücklichen Einsiedlerlebens jeder Stein sein Gesicht, jeder Baum seine Sprache bekommen. Meine Frau zumal erklärte sich endlich fest entschlossen, ihre Tage hier in Frieden zu beschließen, nur wünsche sie natürlich mich und wenigstens zwei der Söhne bei sich zu behalten; zwei andere wollte sie gleichsam dem heimatlichen Weltteil Europa zurückgeben, wenn sie hingegen dafür sorgten, daß einige rechtschaffene Menschen zu uns herschifften und sich mit uns verbänden, um eine glückliche Kolonie zu stiften, die nach ihrem Sinne den Namen Neu-Schweizerland erhalten sollte.

Aus voller Seele pflichtete ich diesen Gedanken bei, und wir beschlossen, mit Kapitän Littlestone hierüber Rücksprache zu nehmen sowie ihm zugleich das Land von nun an als freiwillige Übergabe an England zur schutzherrlichen Besitznahme anheimzustellen. Große Sorge und Verlegenheit aber bereitete uns der Gedanke an die Auswahl, die wir unter unsern Söhnen zu treffen hatten. Welche sollten wir hergeben? Welche behalten? Herz und Kopf taten uns weh beim Abwägen der Gründe.

Eigentlich konnten wir ja keinen einzigen entbehren von unsern lieben, großen, breiten, wilden Schlingeln! Und doch mußten wir uns entscheiden; denn wie sollte es schon allein mit Jenny werden? Wie schwer würde sie sich von Fritz trennen! Und er? Würde er sie allein fortlassen?

Endlich nahmen wir uns vor, noch zwei oder drei Tage zuzuwarten und dann womöglich die Sache so zu führen, daß zwei von den Söhnen freiwillig mit uns auf der Insel blieben, die beiden übrigen aber unwiderruflich nach Europa reisten, wenn Kapitän Littlestone sie mit sich nehmen wollte. Und siehe da, schon der folgende Tag führte die Entscheidung herbei! Es wurde nämlich beim Frühstück ausgemacht, der Kapitän sollte uns in Begleitung seines Steuermannes und des schon erwähnten Seekadetten in Felsenheim besuchen und zugleich auch der leidende Mechaniker samt seiner Familie dorthin übergeführt werden, damit ihm alle Bequemlichkeit einer sorgfältigen Pflege zuteil werden möchte, wozu besonders eine freie, balsamische Luft zu gehören schien, die wir ihm in den gartenähnlichen Umgebungen unseres Felsenhauses mit allem Fuge versprechen konnten.

Die Fahrt war eine Lustfahrt für uns insgesamt, denn Hoffnungen und Erwartungen der heitersten Art, jedem Herzen auf eigene Weise sich anschmiegend, begleiteten uns in erquickender Fülle. Fritz und Jack erhielten die Erlaubnis, voranzueilen, und fröhlich jauchzend fuhren sie auf dem schnellen Kajak dahin.

Aber welch ein Erstaunen bemächtigte sich unserer Gäste, als wir nun die Entenspitze umsegelten und im Schoße mächtiger Felsen unsere Bucht, unser Felsenheim, bestrahlt von lichtem Morgenglanz, in all seinem lieblichen Reize sichtbar wurde! – Vollends steigerte sich die Verwunderung aufs höchste, als nach und nach elf Kanonenschüsse vom Haifischinselchen herabknallten und die große englische Flagge sich droben im Morgenwinde majestätisch entfaltete.

»Hier ist gut wohnen; hier laßt uns Hütten bauen!« rief der kranke Wolston und schien wahrhaft aufzuleben im Vorgefühle baldiger Herstellung. »Glückliche, glückliche Menschen!« rief uns seine Gemahlin einmal über das andere zu. »Mutter, war hier nicht das Paradies?« fragte strahlend die jüngere Tochter. »Nein, es war nicht; es ist, es ist!« erwiderte die Mutter wie begeistert. Kurz, es walteten Überraschung, Freude, Rührung, Seligkeit in allen Herzen und auf allen Gesichtern.

Der schweizerische Robinson

Die Landung erneuerte das Entzücken. Alles wimmelte bald durcheinander von Tieren und Menschen; tausenderlei wurde gezeigt, besehen, angefaßt, weggelegt und in einemfort besprochen. Ich jedoch und der gelassene Steuermann sorgten für die Überführung des armen Wolstons nach meinem Zimmer, wo sogleich meine Frau alle Bequemlichkeiten herbeischaffte und der guten Lady Wolston ein Feldbett aufrichtete, damit sie sich ununterbrochen der Pflege ihres Gatten widmen könnte.

Die Mittagsmahlzeit war kurz; denn noch sollte Falkenhorst besucht werden, und überhaupt hatte niemand die nötige Seelenruhe, die von den Feinzünglern zum Schmausen gefordert wird; es ging wie auf einem Dorfjahrmarkt, und die gesamte Jugend tummelte sich so rastlos herum, daß man die dreifache Menschenzahl zu erblicken glaubte. Wenn auch die Sprache und das Verständnis der Worte hundertmal haperten – hier redeten die Gebärden, die Blicke, die Gegenstände selbst, die bald mit Lachen, bald mit ernsthafter Wichtigkeit vorgelegt wurden.

Erst am Abend stellte sich wieder etwas Ruhe in der lärmenden kleinen Gesellschaft ein, und nun bat mich der gute Wolston in seinem und seiner Gattin Namen, seine volle Genesung hier abwarten und auch die für den Augenblick etwas schwächliche ältere Tochter bei sich behalten zu dürfen. Die jüngere solle zu ihrem in Kapstadt angesiedelten Bruder reisen, mit dem sie seinerzeit wieder zurückkehren könnte, um den Vater abzuholen. Es gefiele ihm gar zu gut bei uns, und er hoffe, mir meine Gastfreundschaft nach wiedererlangter Gesundheit durch manchen Ratschlag noch heimzahlen zu können. »Es ist doch ein Glück«, fügte er lächelnd hinzu, »daß ich Mechaniker und nicht Klavierspieler geworden bin. So können Sie mich doch hier nochmal prächtig brauchen.«

Mit frohem Herzen willigte ich ein und fing hierauf an, von meinem und meiner Gattin lebhaftem Wunsche zu sprechen, Neu-Schweizerland. nie wieder zu verlassen. – »Neu-Schweizerland! Neu-Schweizerland!« jubelte auf einmal die ganze Gesellschaft, und die Gläser wurden tüchtig angestoßen: »Es blühe hoch Neu-Schweizerland, auf immer, immer, immer!« – »Und blühe hoch, wer darin leben will, bleiben will, sterben will!« setzte zu meiner Überraschung Ernst hinzu und streckte sein Glas erst mir, dann der Mutter, dann dem redlichen Wolston, der, bequem gelagert, sich dem kleinen Feste nicht entzogen hatte, ja zuletzt, in raschem Überwallen seines Herzens, der jungen Miß Betty Wolston entgegen, die sanft errötend sich hinter die Mutter zurückzog und doch auf den vorlauten Jüngling nicht unfreundlich hinblickte.

»Und wie blühen denn die, die abreisen wollen aus Neu-Schweizerland?« fragte hier schalkhaft Miß Jenny. »Wir Mädchen blühen gar zu gern«, fuhr sie fort, »und da mich’s anzieht, hierzubleiben, und fortzieht, abzureisen, so werde ich mich an die blühendere Partei halten müssen!«

Rasch nahm Fritz das Wort: »Es blühe schön, was von hinnen geht! Es blühe reich und wandellos!« Da ward ihm ein Blick von Jenny, der mir wohl verriet, daß das gute Kind von ihm durchschaut worden war und trotz aller Anhänglichkeit an mein Haus doch allmählich sich heim und zu dem geliebten Vater zurücksehnte.

»Also«, fiel ich jetzt ein, »es zieht Fritz von hinnen. Gebührend ist es auch allerdings, daß er an meiner Stelle die gefundene Tochter dem betrübten Vater wieder zuführe und auf der Reise mit ritterlichem Pflichtgefühl sie schütze vor jeder Gefahr, der sein froher Mut gewachsen ist. Ernst dagegen wird uns bleiben und die Stelle des ersten naturwissenschaftlichen Professors in Neu-Schweizerland versehen. Was beschließt aber Jack, da es doch nur in Europa Komödie gibt, die seinen Gaben angemessen ist?« – »Jack bleibt hier«, war die drollige Antwort. »Hier ist er der beste Reiter, der beste Kletterer, der beste Schütz, wenn Fritz einmal fort ist. Ich habe Ehrgeiz, beim Tausend! Und es ist lustig hier. Von Europa mag ich gar nichts hören; schmeck ich hinüber, so sind sie imstande, sie jagen mich noch in eine Schule hinein. Brr!«

»Just aber in eine tüchtige Schule möcht ich noch«, bemerkte hier Franz. »In einer größeren Gesellschaft kann man doch etwas Größeres werden als unter einem Halbdutzend Robinsonen. Ich hoffe, einst der Vorschule von Neu-Schweizerland in Alt-Schweizerland Ehre zu machen. Es wäre vielleicht geraten, wenn ein Glied der Familie sich in der Heimat ansiedelte; ich bin der jüngste und gewöhne mich am leichtesten. Doch wünschte ich, ganz nach dem Rate des Vaters zu verfahren.«

»Klug und wohlgewünscht!« fiel ich ihm bei. »Du magst ziehen, mein Sohn! Segne Gott unsere sämtlichen Ratschlüsse und Vorsätze! Wo ihr gut seid und nützlich, da ist eure Heimat. Und allen Ernstes, meine lieben Söhne, halte ich euch jetzt fest bei dieser ersten unwillkürlichen Äußerung eurer Wünsche und Ansichten. Nur eine große, gewichtige Vorfrage wird noch sein, ob Kapitän Littlestone es mit seinen Pflichten und Neigungen vereinigen kann, die Wünsche fremder Jünglinge und Mädchen großmütig zu erfüllen.«

Alles schwieg. Auf einigen Gesichtern las man große Verlegenheit, auf allen übrigen gespannte Erwartung. Da nahm der Kapitän mit höflichem Anstände das Wort. »Mir ist es ein Wink des Himmels«, sprach er, »daß alles so wundersam ineinandergreift, was sich hier ereignet oder vorbereitet. Ich hatte den Befehl, Schiffbrüchige zu suchen, und finde auch Schiffbrüchige, wenngleich andere, als ich erwartet hatte. Ich soll drei Personen von meinem Schiffe zurücklassen, die es begehren und frei sind; da stellen sich drei andere ein, die mitzufahren wünschen und ebenfalls frei sind. Mein Schiff könnte nicht zu viele Menschen aufnehmen, ist auch nicht mit Lebensmitteln dazu versehen, und siehe da, vier Menschen, die es verlangen könnten, verlangen es nicht, von mir aufgenommen zu werden. Alles fügt sich so prächtig als nur möglich. Genug, ich bin bereit, mitzunehmen, wen der brave Schweizerprediger mir dazu empfiehlt, und freue mich innig, das Werkzeug der göttlichen Vorsehung zu werden, eine gute Familie wieder an die Menschheit anzuknüpfen, ja vielleicht für England die Grundlage zu einer glücklichen Ansiedlung gewonnen zu haben. Noch einmal, es lebe Neu-Schweizerland! Es leben die neuen Schweizer!«

In tiefster Gemütsbewegung erhoben wir uns von unseren Sitzen. Die Mutter umarmte mit inniger Zärtlichkeit besonders die beiden Söhne, die zum Flug in die große Ferne die Schwingen zu rühren begannen. Mir jedoch war ein Berg von der Seele gewälzt, und ich dankte dem Himmel für die leichte Entwirrung eines Knotens, den ich mit so großer Bangigkeit sich schürzen gesehen hatte.

Nun aber, was will man weiter? Wer malt es sich nicht mit Leichtigkeit selbst aus, wie die Tage der Vorbereitung zur nahen und langen Trennung hingebracht wurden? Der gute Kapitän trieb zur Eile, denn die Ausbesserung seines Schiffes hatte ihn schon mehrere Tage verlieren lassen. Auch konnte er nicht gewiß sein, daß ihn nicht Stürme abermals aufhalten würden, und den festgesetzten Zeitraum zur Abgabe seiner Papiere wollte er durchaus nicht verfehlen; dennoch ließ er uns so viel Muße zuteil werden, als er nur irgend verantworten konnte, und führte sogar seine ausgebesserte Jacht in die Rettungsbucht herbei, um alles bequemer einschiffen zu können. Dabei hatte er die wohltuende Aufmerksamkeit für uns, dem gemeinen Schiffsvolke jeden Aufenthalt am Lande zu verbieten, damit wir durch keine Neugierigen und Müßigen gestört werden möchten; nur gab er uns den Steuermann, den Schiffszimmermann und den Seekadetten zur Hilfe, wo wir es verlangen würden. Es bedurfte deren aber wenig, denn der Geist der Tätigkeit hatte sich in hohem Grade meines Hausvolkes bemächtigt, und jedermann bemühte sich redlich, sich bei den Abreisenden ein freundliches Angedenken zu sichern. Ja, es erhob sich ein Streit der Großmut über eine Menge von Dingen, die die Zurückbleibenden anboten, die Reisefertigen ablehnten und beide doch sehr wohl gebrauchen konnten.

Zuletzt entschied ich denn auch hier. Es versteht sich, daß unserer lieben Jenny durchaus alles mitgegeben ward, was sie von der rauchenden Klippe zu uns gebracht hatte; und nicht ohne Tränen der Rührung übersah sie diese stummen Zeugen der langen, bitteren Einsamkeit. Für Fritz und Franz sorgte ich mit allem Bedacht, dessen ich fähig war; doch überließ ich Kleidung und Geräte den Veranstaltungen der treuen Mutter, die mit Stolz diese Söhne für Europa ausstattete. Hingegen übergab ich beiden ihren wohlgemessenen Anteil an unseren besten Besitztümern für den Welthandel, namentlich Perlen, Korallen, Muskatnüsse, Vanille, seltene Naturmerkwürdigkeiten und was sonst von höherem Geldwerte zu sein schien. Auch wurde ihnen ein Teil solcher Waren und Kleinodien auf Rechnung übergeben, um uns seinerzeit europäische Erzeugnisse dafür zu bringen oder heimzusenden. Vorderhand aber tauschte ich von Kapitän Littlestone einige so gut als neue Schießgewehre und soviel Pulver ein, als er nur irgend entbehren konnte. Natürlich machte ich ihm hingegen mit allem ein Geschenk, was sich an unserem gestrandeten Schiffe an Sachen vorgefunden hatte, die einem Seemanne dienen mochten. Auch einige Papiere und einen Kasten mit Barschaften und Kostbarkeiten übergab ich ihm für die allfälligen Erben des ertrunkenen Befehlshabers unseres vormaligen Schiffes und bat ihn, sich zu erkundigen, ob noch jemand lebe, der mit den Gefährten unseres Schiffbruches in näherer Verwandtschaft gestanden habe. Ein kurzer Bericht von dem Schiffbruche und ein Verzeichnis der Mannschaft, welches letztere ich in der Kajüte aufgefunden hatte, wurde ebenfalls dem redlichen Littlestone übergeben.

Im übrigen versahen wir den Unicorn mit allem, was nur irgend in unseren Kräften stand. Einiges Vieh, gesalzenes Fleisch, Fische, Gemüse, Feld- und Baumfrüchte, kurz, was wir nur den Leuten heilsam oder angenehm glaubten, das schleppten wir herbei. Die Freude ist jederzeit freigebig.

Am meisten lag mir am Herzen, meine Söhne mit all der Liebe und all dem Ernste zu entlassen, die ich nur auszusprechen imstande war. Auch drang ich darauf, daß Fritz sich unverweilt bei dem Obersten Montrose einstellen und sein letztes entscheidendes Glück, Jenny zur Frau zu bekommen, nur von dessen väterlicher Genehmigung erwarten solle.

Oh, jede Stunde, jeder Augenblick brachte wieder eine Sorge, einen Rat, eine Veranlassung, ein Wort der Liebe und der innigsten Mitteilung, die wir den teuren Reisefertigen widmeten! Wir waren alle wehmütig auf den nahen Abschied hin und gleichwohl alle voll Zuversicht auf eine segensreiche Zukunft, die sich ja so schön zu entschleiern begann. Wenn doch die Menschen sich nur recht oft mit solchem Bedachte trennten und recht oft nach wahrer Entbehrung sich wiedersähen! Die edelsten Seiten des Herzens treten rührend und beglückend hervor in solchen Augenblicken. Und warum halten wir zurück damit im ruhigen Zusammenleben? Sollte sich denn unser Herz erschöpfen, wenn wir freigebiger wären mit seinen Liebesbeweisen? – Gewiß nicht! Die wirkliche, treue Liebe ist unergründlich, unerschöpflich. Ihre Quelle versiegt nicht; je frischer sie ausströmt, desto frischer, reichlicher, erquickender quillt sie nach. Wissen wir denn, ob die Sonne morgen dem noch scheint, den wir heute abend geküßt haben? Im Angesicht des schweren Abschieds von meinen lieben Kindern rufe ich euch anderen zu: Liebt euch jeden Tag so, als wenn es der letzte wäre! –

Am letzten freudvollen und leidvollen Abend des Zusammenseins wollte niemand zu weichherzig erscheinen, und so luden wir den Kapitän und alle Schiffsoffiziere zu einem traulichen Abschiedsmahle ein. Dabei übergab ich das Tagebuch unserer Schicksale auf den Küsten Neu-Schweizerlands feierlich meinem Fritz, um es in Europa dem Druck zu übergeben.

»Ich hoffe«, sprach ich, »mein Leben und das Leben der Meinigen auf diesen entlegenen Küsten ist für die Welt nicht verloren gewesen, wenn es in dieser kunstlosen Darstellung wenigstens der Jugend meines heben Vaterlandes vor Augen kommt. Was ich meist nur aufgezeichnet habe, um die eigenen Söhne zu belehren und zu bessern, das kann leicht auch anderen, besonders den Knaben, nützlich werden; denn Kinder gleichen sich im ganzen doch ziemlich, und meine vier Jungen sind wohl ein Bild unzähliger, die überall leben und aufwachsen. Ich will mich glücklich schätzen, wenn meine Erzählung die einen oder anderen aufmerksam macht auf die gesegneten Folgen alles Rechten und Guten, auf die wohltätigen Früchte des Nachdenkens, der gesammelten Kenntnisse, des beharrenden Fleißes und des friedlichen Zusammenwirkens in häuslicher Eintracht, in kindlichem Gehorsam, in brüderlicher Wechselliebe und Wechselhilfe. – Dann würde mich’s auch hoch erfreuen, wenn in der Ferne, zumal im teuren Vaterlande, hin und wieder ein Vaterherz oder ein Mutterherz sich in meine oder in meiner lieben Frau einsame Lage versetzte und irgendein Wort des Trostes oder der nützlichen Belehrung aus meiner anspruchslosen Erzählung zu holen vermöchte. Nicht mit dem Dünkel eines gelehrten Erziehers schrieb ich; unverhohlen gab ich, was gerade bei uns und von uns geschah. Es knüpft sich an keinen bestimmten Lehrgang. Wir waren in einer Lage, auf die man sich nicht schulgerecht vorbereiten kann. Es scheint mir jedoch, dreierlei hat uns vorzüglich geholfen und paßt eigentlich in jede Lebenslage: erstlich ergebene Zuversicht zu dem Vater alles Guten; zweitens rege Tätigkeit; drittens vielfältige, wenn auch manchmal nur zufällig aufgeraffte Kenntnisse, die nicht unter dem kleinlauten Gewinsel eingesammelt worden sind: »Was kann mir das jemals nützen?«

Euch Kindern aber, die ihr mein Buch lesen werdet, möchte ich noch ein paar herzliche Worte sagen:

»Lernt! Lernt, ihr junges Volk! Wissen ist Macht, Wissen ist Freiheit, Können ist Glück. Macht die Augen auf und seht euch um in der schönen Welt. Ihr glaubt gar nicht, was alles durch so ein paar offne, helle Augen in so einen jungen Kopf hineingeht. Aber weit müßt ihr sie aufmachen, nicht nur so blinzeln. Und ich weiß euch auch ein Augenwasser, mit dem ihr morgens früh den alten faulen Schlaf aus den Augen waschen könnt: das ist die Freude am Leben, das ist der gute, frische Wille, ›heute will ich aber ein ganzer Kerl sein!‹ Und so jeden Tag, so jeden lieben Morgen – ich möcht’s wissen, ob das nicht Kinder gibt, die das Glück und der Stolz ihrer Eltern werden und ein Segen für alle die, mit denen das Leben sie ferner zusammenführt, sei’s in Freude, sei’s in Trauer.«

*

Es ist aber späte Nacht. Morgen früh wird auch dieses Kapitel noch meinem Erstgeborenen übergeben. Mit ihm und mit uns allen sei Gott, ohne den wir nichts sind! – Sei gegrüßt, Europa! Sei gegrüßt, Alt-Schweizerland! Möchte Neu-Schweizerland dereinst so kräftig und so glücklich erblühen, wie du geblüht hast in meiner Jugendzeit: fromm, freudig und sein eigen! –

Der schweizerische Robinson

Erstes Kapitel

Erzählt, wie ein Schiff scheitert. Ein tapferer Vater rettet seine Familie und findet eine rettende Insel. Erste Entdeckungsfahrten auf dem Lande und dem gescheiterten Schiff.

Der schweizerische Robinson

Der Sturm hatte schon sechs lange, schreckliche Tage angehalten, und weit entfernt, sich am siebenten zu legen, schien er womöglich noch schrecklicher zu rasen. Wir waren so weit von unserer Fahrt nach Südost verschlagen, daß niemand wußte, wo wir uns befanden. Alles war mutlos und von harter Arbeit und langem Wachen erschöpft; die Masten waren zum Teil zersplittert und über Bord; das Schiff hatte sich leck gearbeitet, und das eindringende Wasser nahm zusehends überhand. Der sonst fluchende Matrose brach jetzt in lautes, heulendes Gebet und fast lächerliche Gelübde aus. Jeder empfahl wechselweise seine Seele Gott und sann wieder auf Mittel, sein Leben zu retten.

»Kinder«, sagte ich zu meinen erschrockenen und wimmernden vier Knaben, »wenn der liebe Gott will, daß wir gerettet werden, so hilft er uns gewiß; sollen wir aber sterben, so müssen wir uns darein ergeben. Im Himmel finden wir uns wieder.«

Meine brave Frau wischte sich die Tränen aus den Augen; dann ward sie ruhiger und redete liebreich den Kindern zu, die sich an sie geschmiegt hatten. Mir aber zerbrach fast das Herz vor Kummer und Jammer. Endlich knieten die armen Dinger dicht zusammengedrängt nieder und begannen zu beten. Es ergriff mich seltsam, mitten in das Toben, Heulen und Brausen des Sturmes hinein die zuversichtlichen jungen Stimmen zu vernehmen.

Plötzlich hörte ich durch das Tosen der anschlagenden Wellen eine Stimme, die »Land! Land!« ausrief; aber im nämlichen Augenblick empfanden wir einen so heftigen Stoß des Schiffes, daß er uns zu Boden warf und alles zu zertrümmern schien. Ein furchtbares Krachen begleitete ihn, und das zunehmende Rauschen des allerorten eindringenden Wassers bewies, daß wir gestrandet waren und das Schiff geborsten. Kläglich ertönte jetzt eine Stimme, wohl die des Kapitäns: »Wir sind verloren, die Schaluppen aus!« – Ein Stich fuhr mir durch das Herz. – »Verloren!« rief ich – und das Wehklagen der Kinder erhob sich lauter als je. Da faßte ich mich und sagte: »Nur nicht den Mut verlieren! Noch stehen wir ja trocken; das Land ist nahe! Ich will hingehen, zu sehen, ob nicht Rettung noch möglich ist.«

Hiemit verließ ich die Meinigen und stieg auf das Verdeck. Eine Welle schlug mich nieder und näßte mich durch und durch. Mit immer neuen Wogen kämpfend, hielt ich mich fest und sah mit Entsetzen, als ich endlich aufblicken konnte, wie unsere Boote voll Mannschaft sich bemühten, vom Schiffe zu stoßen, und wie der letzte Matrose hinuntersprang, das Seil abkappte und seinen Gefährten half, von dannen zu fliehen. Ich rief, ich bat, ich beschwor sie vergebens, mich und meine Lieben mitzunehmen. Das Heulen des Sturms verschlang mein trostloses Flehen, und die Brandung der Wellen machte den Flüchtigen jede Rückkehr unmöglich. Inzwischen gewahrte ich zu einigem Troste, daß das Wasser, welches schon einen Teil des Schiffes angefüllt hatte, nur bis auf eine gewisse Höhe in dasselbe dringen konnte; denn das Hinterteil, wo ein kleiner Aufbau über des Kapitäns Kajüte mein Liebstes auf Erden in sich schloß, war hoch genug zwischen zwei Klippen hinaufgetrieben, daß es frei bleiben mußte. Zugleich erblickte ich südwärts in einiger Entfernung zwischen Wolken und Regen hindurch von Zeit zu Zeit Land, und so rauh es schien, so ward es doch das Ziel meines ganzen ohnmächtigen Sehnens und Hoffens in dieser Stunde der Not. Doch war ich über das Verschwinden aller menschlichen Hilfe tief niedergeschlagen, und voll Kummer kehrte ich zurück zu den Meinigen; aber ich zwang mich, ruhig zu scheinen. »Faßt Mut, Kinder!« rief ich im Hereintreten, »noch ist es nicht vorbei mit uns. Das Schiff zwar sitzt unbeweglich, aber unser Kämmerlein steht hoch über dem Wasser; und wenn morgen Wind und See sich vielleicht legen, so ist es wohl möglich, ans Land zu kommen.« Diese Botschaft ward den Jungen ein stärkender Balsam, und nach ihrer Art nahmen sie gleich für gewiß, was noch fern und zweifelhaft war. Aber meine Frau sah tiefer in mein Herz und entdeckte bald meinen heimlichen Kummer; sie verstand meinen Wink, der ihr mitteilen sollte, wie ganz verlassen wir seien. Doch verlor sie keinen Augenblick ihr unerschütterliches Vertrauen auf Gott, und dies erfüllte mich mit neuem Mut. »Laßt uns etwas essen«, sagte sie; »mit dem Leibe wird auch die Seele gestärkt, und vielleicht steht uns eine harte Nacht bevor.« – In der Tat brach schon der Abend an; Sturm und Wellen wüteten fort; hie und da rissen sie mit schauerlichem Krachen Bretter und Balken von dem geborstenen Schiffe los, und ein beständiges Beben erweckte jeden Augenblick die Angst, daß das Fahrzeug zersplittern möchte.

Bald aber hatte die Mutter für etwas Speise gesorgt, und die Knaben aßen mit Lust, während wir Eltern uns zwingen mußten. Dann legten sich die Kinder auf ihre Betten und fielen bald in einen tiefen Schlaf. Ich aber und die Mutter standen sorgenvoll Wache und lauschten auf jeden Stoß, auf jeden Schall, der eine Veränderung anzudrohen schien. Unter Gebet und Sorgen und mannigfaltigen Ratschlägen verbrachten wir beide die schrecklichste Nacht unseres Lebens und dankten Gott, als der anbrechende Tag endlich durch eine geöffnete Luke schimmerte.

Der Wind begann jetzt in seiner Wut nachzulassen, der Himmel klärte sich auf, und hoffnungsvoll sah ich ein schönes Morgenrot am Horizonte glühen. Mit auflebendem Herzen und froher Stimme rief ich Weib und Kinder auf das Verdeck, wo ich hingestiegen war, und erstaunt sahen die Jungen sich einsam mit uns. »Aber wo sind denn unsere Leute?« riefen sie. »Warum haben sie uns nicht mitgenommen?«

»Liebe Kinder«, antwortete ich, »der uns bis hieher geholfen, wird uns auch weiterhelfen, wenn wir nicht verzweifeln. Seht, unsere Gefährten, auf deren Liebe und Beistand wir so fest vertrauten, haben uns im Augenblick der Gefahr ohne Barmherzigkeit verlassen; Gott allein hat uns seine Gnade nicht entzogen! – Aber jetzt Hand ans Werk! Wir müssen tüchtig arbeiten, wenn wir gerettet sein wollen; und jedes muß freudig nach seinen Kräften das Seinige tun! Laßt sehen, was am ratsamsten ist!«

Fritz war der Meinung, bei stiller See ans Land zu schwimmen; aber Ernst sagte: »Du hast gut sagen. Was sollen wir denn tun, die nicht schwimmen können? Besser, wir bauen ein Floß und fahren alle hinüber.«

»Schon gut«, bemerkte ich, »wenn nur unsere Kräfte dieser Arbeit gewachsen und ein Floß nicht ein so gefährliches Fahrzeug wäre. Denke jeder nach, was uns frommen möchte, und suche auf, was unsere Lage erleichtern kann!«

Mit diesen Worten zerstoben alle nach verschiedenen Teilen des Schiffes, um irgend etwas Nützliches aufzufinden. Ich begab mich vor allem in den Raum, wo Nahrungsmittel und Wasser lagen, um vorerst nach diesen Hauptstücken des Lebens zu forschen. Meine Frau und der kleinste der Knaben sahen nach dem Vieh, das in erbärmlichem Zustande vor Hunger und Durst fast verschmachtete. Fritz eilte nach der Gewehr- und Munitionskammer, Ernst nach dem Verschlage des Schiffszimmermanns, Jack in die Kajüte des Kapitäns. Kaum aber hatte der Kleine diese geöffnet, als zwei gewaltige Doggen ihm freudig entgegensprangen und ihn nach ihrer Art zwar wohlgemeint, aber so plump und tölpisch begrüßten, daß er über und über purzelte und schrie, als ob er am Messer steckte. Indes hatte der Hunger die beiden Tiere so kirre gemacht, daß sie den Jungen, der aus allen Kräften um sich schlug, mit schmeichelndem Gewinsel fast zu Tode leckten. Ich hörte den Lärm und kam dem Bürschchen lachend zu Hilfe. Flink sprang er auf die Beine, packte den größeren der Hunde an den Stutzohren und schüttelte ihn tüchtig. »Laß das sein«, warnte ich ihn. »Es ist zwar ganz in der Ordnung, daß man sich nicht fürchtet, aber mit so großen Hunden muß man stets auf seiner Hut sein. Unversehens bricht einmal ihre Wildheit durch und richtet dann unermeßlichen Schaden an.«

Nach und nach versammelte sich alles um uns her, und jedes brachte mit sich, was es in der gegenwärtigen Lage für das Nützlichste hielt. Fritz hatte zwei Jagdgewehre samt Pulver, Schrot und Kugeln, teils in Hörnern, teils in Fläschchen und Beuteln, herbeigeschleppt. Ernst hielt einen Hut voll Nägel, ein Beil und einen Hammer in den Händen, während eine Beißzange und ein paar Meißel samt Bohrern aus seiner Tasche guckten. Selbst der kleine Franz brachte eine ziemlich große Schachtel unter dem Arm, aus welcher er »kleine, spitzige Häklein«, wie er sagte, mit Eifer auszupacken begann. Zu meiner Freude erkannte ich sie als Fischangeln, die uns sehr nützlich werden konnten.

»Ich«, sagte nun die Mutter, »bringe nichts als gute Botschaft her; doch hoff‘ ich gleichfalls willkommen zu sein. Ich kann sagen, daß noch eine Kuh, ein Esel, zwei Ziegen, sechs Schafe mit einem Widder und ein trächtiges Schwein lebendig vorhanden sind, und daß wir sie zu rechter Zeit getränkt und gefüttert haben, um sie zu erhalten.«

»Alle eure Gaben und Anstalten sind gut«, sprach ich endlich; »aber wie kommen wir jetzt ans Land?« – »Ei«, erwiderte Jack, »können wir nicht große Kufen nehmen und fahren? Ich bin so bei meinem Paten gar prächtig auf dem Teiche herumgeschifft.« – »Nun, nun«, sprach ich, »guter Rat ist auch aus Kindermund dankbar anzunehmen. Geschwind, Kinder, Nägel, Säge, Bohrer herbei! Wir steigen in den Laderaum und sehen, ob etwas zu machen ist!«

Meine Frau und die Knaben, außer Jack, folgten mir bald mit Werkzeug nach, und wir fischten vier lange und leere Tonnen auf, die in dem weiten Raume schwammen. Glücklich zogen wir sie auf den ersten Boden des Schiffes, der kaum über dem Wasser stand, und sahen erfreut, daß alle noch haltbar, von tüchtigem Holze und mit eisernen Reifen gebunden waren. Ich fand sie zu meinem Zwecke geschickt und fing an, sie mit Hilfe der Meinigen bei dem Spundloch in der Mitte voneinanderzusägen. Nach langer, schwerer Arbeit kam ich zum Ziele, und nun sah ich vergnügt meine acht Kufen der Reihe nach an und war verwundert, meine Frau ganz niedergeschlagen zu sehen. »In diese Dinger«, seufzte sie, »werd‘ ich mich in Ewigkeit nicht wagen!«

»Nicht zu voreilig, Mutterchen!« versetzte ich; »mein Werk ist ja gar nicht fertig; es wird immer noch tröstlicher ausfallen als das geborstene Schiff, das nicht von der Stelle kann.«

Ich suchte hierauf zwei lange, biegsame Bretter aus und rüstete sie so zu, daß alle meine Kufen der Ordnung nach darauf stehen konnten und vorn und hinten doch von den Laden so viel übrigblieb, als nötig war, um sie gleich dem Kiel eines Schiffes hinaufzubiegen. Dann nagelten wir die Kufen auf die Unterlage fest und jede zugleich an die Seitenwand der nächsten. Endlich wurde längs den Seiten wieder ein biegsamer Laden angebracht, der vorn und hinten hervorstand. An beiden Enden ward der Boden emporgekrümmt und dann ein starkes Querholz untergelegt, das auf die zwei Seitenladen aufzuliegen kam und den Schwung des Bodens in die Höhe hob. Alles wurde nach Kräften befestigt, die Seitenladen vorn und hinten in eine Spitze aneinandergenagelt und so endlich ein Fahrzeug zustande gebracht, das wenigstens bei stiller See und auf einem kurzen Weg mir alles Mögliche zu versprechen schien. Aber leider fand ich am Ende meinen Wunderbau so schwer und unbeholfen, daß er trotz aller unserer vereinigten Kräfte nicht einen Zoll von der Stelle zu bringen war. Ich fragte nach einer Winde, und Fritz, der sich eine gemerkt hatte, schleppte sie schnell herbei. Indes sägte ich von einer Segelstange einige Walzen und hob dann mit der Winde das Vorderteil meines Fahrzeugs in die Höhe, während Fritz von den Rundhölzern eines unterlegte.

Hierauf band ich einen langen Strick hinten an unser Tonnenschiff und das andere Ende desselben an einen feststehenden Balken, doch so, daß der Strick ganz ungespannt auf den Boden hing. Darauf wurde mit einer zweiten und dritten Walze durch Stoßen und Winden mein Fahrzeug glücklich ins Wasser gebracht, und es lief mit solcher Behendigkeit vom Stapel, daß nur mein klug angebrachter Strick es hinderte, viele Fuß von uns wegzuschießen.

Ich sah indessen wohl, daß eine Fahrt jetzt noch allzu gewagt sein würde, weil bei der leisesten Bewegung das Kufenschiff auf die Seite fallen konnte. Diesem Übelstand abzuhelfen, dachte ich an die Auslegestangen, mit welchen sich wilde Nationen gegen das Umwerfen ihrer Fahrzeuge zu sichern wissen. Noch einmal legte ich Hand ans Werk, um ein so glückliches Mittel zur Erhaltung der Meinigen nach Vermögen zu Hilfe zu ziehen. Zwei gleich lange Stücke von Segelstangen wurden, eines auf das Vorderteil, das andere hinten, durch einen hölzernen Nagel so befestigt, daß sie sich um denselben drehen ließen, damit sie uns nicht etwa hinderten, aus dem Schiffsraum zu fahren, in welchem mein Bau bis jetzt noch vor Anker lag. Dann wurde außen an jedes Ende der Stangen ein leeres Branntweinfäßchen durch das Spundloch in der Mitte angesteckt und wohl vermacht, daß kein Wasser eindringen konnte, und so war ich sicher genug, wenn ich meine Stangen quer über das Schiffchen drehen würde, daß die Fäßchen es kräftig genug hindern müßten, rechts oder links auf die Seite zu sinken.

»So«, sagte ich, als das seltsame Schiff fertig dalag, »das haben wir von den Herren Polynesiern gelernt, die an ihren Schiffen eben solche Ausleger anbringen, um sie vor dem Umkippen zu bewahren, und unser Kufenschiffchen wird uns in dieser Gestalt noch ebenso herrliche Dienste leisten, wie den Polynesiern ihr Katamarang.« – »Wie heißt das Ding?« rief Jack vergnügt, und auch Fränzchen lachte hell auf. »Katamarang.« – »Das ist prächtig! Da haben wir uns ganz was Ausländisches zusammengezimmert! Katamarang! Ich werde unser Boot nun gar nicht mehr anders nennen.«

Es blieb nun nichts mehr übrig, als Rat zu schaffen, um aus dem Bauche unseres Wracks in die freie See zu kommen. Ich stieg also in mein Kufenschiff und richtete sein Vorderteil so, daß es an den Riß der geborstenen Wand hinreichte, die uns ein Tor zur Ausfahrt bot. Dann sägte und hieb ich rechts und links so viel von den vorstehenden Brettern und Balken herunter, als nötig war, um eine freie Durchfahrt zu erhalten; und da dies geschehen, setzten wir uns hin, um für die kommende Fahrt auch für Ruder zu sorgen.

Über all dieser Arbeit war es ganz spät geworden, und da keine Möglichkeit gewesen wäre, noch vor Nacht ans Land zu kommen, so mußten wir, wenn auch sehr ungern, uns entschließen, eine zweite Nacht auf dem vom Einsturz bedrohten Wracke zuzubringen. Wir stärkten uns indes mit einer richtigen Mahlzeit, da wir uns den ganzen Tag hindurch vor Eifer und Fleiß kaum Zeit genommen hatten, hie und da ein Stück Brot und ein Glas Wein zu uns zu nehmen.

Unendlich ruhiger jedoch als am vorigen Tage legten wir uns sämtlich nieder, um durch einen wohltätigen Schlaf die gesunkene Kraft zu neuer Arbeit aufzurichten.

Mit Anbruch des Tages waren wir schon alle wach und munter; denn die Hoffnung läßt, wie der Kummer, nicht lange schlafen. Sobald wir einen Imbiß zu uns genommen hatten, gingen wir ans Werk. »Gebt zuvor dem armen Vieh zu fressen und zu saufen«, sagte ich, »und legt ihm gleich für einige Tage hin. Vielleicht kann es noch abgeholt werden, wenn unsere Rettung gelingt. Seid ihr fertig, so sucht das Nötigste zusammen, was wir für die gegenwärtigen Bedürfnisse mitnehmen können.«

Nach meiner Absicht sollte die erste Ladung unsres Schiffleins bestehen aus einem Fäßchen Pulver, drei Vogelflinten, drei Jagdrohren samt Schrot, Kugeln und Blei, soviel ich herbeischleppen konnte, zwei Paar Sackpistolen und ein paar größeren, mit den nötigen Kugelformen. Dazu kam für jeden Knaben und für die Mutter eine wohlversehene Jägertasche, deren wir einige aus dem Nachlaß der Schiffsoffiziere entlehnten. Ferner nahm ich eine Kiste mit Fleischtäfelchen und eine andere mit feinem Zwieback, samt einem eisernen Kochtopf, eine Angelrute in einem Stock, und endlich ein Fäßchen mit Nägeln sowie Hämmer, Zangen, Sägen, Beile, Bohrer und nötiges Segeltuch zu einem Zelt. Wir brachten so viel zusammen, daß wir manches zurücklassen mußten, obschon ich allen unnützen Ballast des kleinen Fahrzeugs gegen brauchbares Gerät vertauschte.

Nun schickten wir uns an, einzusteigen. Da hörten wir unvermutet die verlassenen und vergessenen Hähne krähen, gleich als ob sie traurig von uns Abschied nähmen; und ich mahnte, daß wir dieselben samt den vorhandenen Gänsen, Enten und Tauben wohl noch mitführen könnten. »Denn«, sagte ich, »wenn wir nicht sie, so nähren sie vielleicht uns.« Mein Rat wurde befolgt. Zehn Hühner mit einem alten und einem jungen Hahn wurden in eine der Kufen oder Halbtonnen des Schiffchens gesteckt und selbe eilig mit Holzstäben vergittert. Das übrige Geflügel ward freigelassen und fand von selbst durch Luft und Wasser den sichern Strich nach dem Lande.

Wir warteten auf meine Frau, die das alles besorgte, und endlich kam sie mit einem ansehnlichen Sack unter dem Arme herbei. »Das ist jetzt meine Vorsorge«, sprach sie und warf den Sack in die Kufe unseres Jüngsten, um, wie ich glaubte, dem Kleinen das Sitzen bequem zu machen. Und jetzt endlich stiegen wir fröhlich ein.

In die vorderste Halbtonne kam meine Frau zu stehen, eine herzliche, fromme, verständige Gattin und Mutter. In der zweiten, gerade vor ihr, saß Franz, ein Kind von guten Anlagen, aber noch unbestimmter Willensart, noch nicht ganz zehn Jahre alt. In der dritten stand Fritz, ein rascher, gutmütiger Krauskopf von sechzehn Jahren. In der vierten war das Pulverfäßchen samt den Hühnern und dem Segeltuch; in der fünften unser Mundvorrat; in der sechsten Jack (Jakob), ein leichtsinniges, aber dienstfertiges, unternehmendes Bürschchen von zwölf Jahren; in der siebenten Ernst, ein verständiger, nur etwas grüblerischer, träger Junge von vierzehn Jahren. In der achten stand ich selbst mit dem zärtlichsten Vaterherzen und mit dem wichtigen Auftrag, das Steuerruder zur Rettung meiner teuren Familie zu führen. Jeder von uns hatte neben sich nützliche Geräte; jeder hielt in der Hand ein Ruder; vor jedem lag eine Schwimmweste für den unglücklichen Fall, daß wir umwerfen sollten; und jeder war angewiesen, wie er sogleich sich ihrer bedienen müßte.

Die Flut hatte schon ihre halbe Höhe erreicht, als wir von dem Wrack abstießen, und ich hatte darauf gerechnet, daß sie unsere schwachen Ruderkräfte unterstützen würde. Wir drehten die Auslegestangen unseres Fahrzeuges nach seiner Länge und kamen so durch die Öffnung des geborstenen Schiffes glücklich in die See. Meine Kinder verschlangen mit den Augen das felsige Land, auf dem Fritz mit seinen Falkenaugen schon Bäume entdecken konnte, und wie er sagte, waren Palmen darunter. Ernst freute sich darauf, Kokosnüsse zu essen, die größer und besser als die Walnüsse seien. Wir ruderten kräftig, aber lange vergebens darauf zu. Das Fahrzeug drehte sich fort und fort im Kreise, bis es mir endlich gelang, richtig in Gang zu kommen. Munter trieben wir nun vorwärts.

Als die beiden Hunde auf dem Schiffe sahen, daß wir uns entfernten, sprangen sie winselnd in das Wasser und holten uns schwimmend ein. Sie waren zu groß für unser Fahrzeug, denn Türk war eine englische Dogge und Bill eine dänische Hündin von gleicher Art. Ich hatte Erbarmen mit ihnen und fürchtete sehr, sie möchten das Schwimmen nicht aushalten. Aber sie halfen sich klug und legten, so oft sie müde waren, die Vorderfüße auf die Auslegestangen, die wieder ins Kreuz über das Schiffchen gedreht worden waren, und so kam der Hinterleib ohne viel Anstrengung nach. Jack wollte ihnen dies zwar verwehren, aber ich verbot es ihm; »denn die Tiere«, sagte ich, »können uns zum Schutz oder, wie du selbst bemerkt hast, zur Jagd von Nutzen sein«.

Unsere Fahrt ging glücklich, wenn auch langsam, vonstatten; aber je näher wir dem Lande kamen, desto trauriger war sein Anblick; denn kahle Felsen prophezeiten uns Hunger und Not. Die See war still und kräuselte sich sanft gegen das Ufer; der Himmel glänzte heiter, und um uns her schwammen Fässer, Ballen und Kisten aus dem geborstenen Schiffe. In der Hoffnung, Nahrungsmittel an das öde Ufer zu bringen, steuerte ich hart an zwei Tonnen hin und befahl meinem Fritz, mit einem Stricke samt Hammer und Nägeln bereit zu sein. Es gelang ihm, beide Tonnen so zu befestigen, daß wir sie hinter uns herschleppten und mit besserer Zuversicht vorwärts steuerten.

Als wir dem Lande näher kamen, verlor sich mehr und mehr sein rauher Anblick. Auch ich unterschied nun schon die schlankaufstrebenden, von mächtigen Wedeln gekrönten Palmen. Ich beklagte laut, daß ich nicht das große Fernglas aus des Kapitäns Kajüte mitgenommen, als Jack ein kleines Perspektiv aus seiner Tasche zog und vor Freuden hüpfte, daß er meinem Wunsch entsprechen konnte. Mit dem Glase in der Hand konnte ich jetzt die nötigen Beobachtungen anstellen und meine Fahrt etwas genauer bestimmen. Ich bemerkte zwar wohl, daß der Strand vor uns verödet und wild aussehe, doch auch, daß er links einen bessern Anblick gewähre. Allein, da ich dorthin wenden wollte, trieb mich eine starke Strömung des Wassers wieder gegen die Felsenküste zu, wo wir denn bald eine schmale Einfahrt erblickten, auf die unsere Enten und Gänse vor uns hinschwammen und wohin sie uns zu Wegweisern dienten. Nahebei floß in kräftigen, ungestümen Wellen ein breiter Bach, der in seinem tiefgelegenen Bett über Steintrümmer und Geröll hinweg sich brausend aus den düstern Felsen hervor ins Meer ergoß. Ein Anblick von ernster, herrlicher Schönheit, den wir minutenlang in stummer Ergriffenheit bewunderten. Die Einfahrt ließ uns in eine kleine Bucht gelangen, wo das Wasser ungemein ruhig und an den meisten Stellen für unser Fahrzeug weder zu tief noch allzu seicht war. Mit Behutsamkeit legte ich an einem Plätzchen an, wo das Ufer die Höhe unsrer Kufen hatte und das Wasser doch hinreichte, uns flott zu erhalten. Es war eine kleine, abschüssige Ebene, in Form eines Dreiecks, dessen Spitze sich zwischen Felsenklüfte hinaufzog, während die Grundlinie sich als Ufer am Wasser hindehnte.

Der schweizerische Robinson

Hurtig sprang ans Land, was springen konnte, und selbst der kleine Franz versuchte aus seiner Kufe herauszuklettern, in der er wie ein gepökelter Hering gelegen hatte. Aber trotz seines Strebens und Anstemmens vermochte er’s nicht, bis die Mutter ihm zu Hilfe kam. – Die Hunde, die etwas vor uns schon das Land erreicht, empfingen uns mit freundlichem Gewinsel und tausend Freudensprüngen, die Gänse mit unaufhörlichem Geschnatter, die Enten mit frohem Trompeten durch die wächserne Nase.

Der schweizerische Robinson

Als wir uns am sichern Ufer befanden, sanken wir unwillkürlich alle auf die Knie, um dem gnädigen und mächtigen Retter unseres Lebens aus vollem Herzen für den verliehenen Schutz zu danken. Hierauf wurde mit Behendigkeit ausgepackt, und o wie reich fanden wir uns schon durch das wenige, das wir gerettet hatten! Die Hühner wurden bis auf weitern Bescheid freigelassen, weil es an einem Käfig gebrach, sie einzuschließen. Dann ward eine geeignete Stelle zur Errichtung eines Zelts und eines bequemen Nachtlagers aufgesucht. Das Zelt stand bald gespannt, weil wir Segeltuch und Stangen hatten. Der First wurde hinten in eine Felsenritze gesteckt und ruhte vorn auf dem Bruchstück einer Segelstange, das in den Boden eingerammt war. Über den First wurde das Segeltuch gezogen, auf beiden Seiten ausgestreckt und an der Erde mit Pflöcken hinreichend befestigt. Zur Vorsorge beschwerten wir den untern Rand mit unsrer Vorratskiste und mit gewichtigem Werkzeug und befestigten Bindstricke an die vornüberhängenden Zipfel, um des Nachts den Eingang zu verschließen. Jetzt befahl ich den Knaben, Moos und Gras zusammenzuraufen, soviel sie könnten, und es an die Sonne zum Trocknen zu breiten, damit wir nicht auf harter Erde ruhen müßten – und indes sie diesen Auftrag ausführten, machte ich in einiger Entfernung von dem Zelte, nah am vorbeirauschenden Bache, mit einigen Steinen einen Feuerherd zurecht. Wir brachten dürre Reiser zusammen, die vom Wasser angetrieben, von der Sonne gedörrt, am Ufer lagen, und bald loderte die Hilfe des Menschen, das erfreuliche Feuer, in hochprasselnder Flamme gen Himmel. Ein Topf mit Wasser und Fleischtäfelchen wurde darübergesetzt, und der Mutter samt Fränzchen als ihrem Küchenjungen die Bereitung der Speisen förmlich übergeben. Fränzchen fragte, was denn der Vater zu leimen vorhabe, daß man da den Leim anmache? Die Mutter belehrte ihn, daß man Fleischsuppe kochen wolle. »Ja«, sagte er, »wo kriegen wir denn Fleisch? Hier gibt’s doch weder Metzger noch Fleischbank zum Einkaufen.« – »Eben das«, antwortete die Mutter, »was du für Leimschnitten hältst, sind Täfelchen von Fleisch, oder, daß ich besser sage, von festgekochter Gallerte, die aus gutem Fleische bereitet wird, um auf das Meer genommen zu werden, weil es unmöglich ist, genug Fleisch oder Vieh auf Seereisen mitzuführen, da beides viel zu bald verderben müßte.«

Der schweizerische Robinson

Indessen hatte Fritz unsre Flinten geladen, nahm die seine zur Hand und entfernte sich gegen den Bach. Ernst machte die Bemerkung, daß es an einer öden Küste nicht anmutig sei, und schlich sich rechts am Meere hin, während Jack zur Linken zwischen der Felswand und dem Wasser kleine Muscheln suchen ging. Ich selbst versuchte die zwei aufgefischten Fässer ans Ufer zu ziehen; bald bemerkte ich aber, daß unser Landungsplatz, so bequem er für das Schifflein war, doch zum Heranbringen der Fässer viel zu wenig Senkung hatte. Während ich mich denn umsonst bemühte und nach einer bessern Anfurt spähte, erhob in einiger Entfernung Jack ein entsetzliches Geschrei. Ich ergriff mein Handbeil und eilte bang zu seiner Hilfe hin. Als ich den Jungen erblickte, stand er auf einer seichten Stelle bis an die Knie im Wasser, und ein großer Meerkrebs hielt mit seiner Schere das Männchen am Bein. Der Kleine zappelte jämmerlich und strebte vergebens, sich loszumachen. Ich ging sogleich ins Wasser, und kaum merkte der ungerufene Gast, daß nahe Hilfe vorhanden sei, so wollte er, so schnell er konnte, rückwärts auf und davon. Ich aber verstand den Spaß anders und faßte das Tier mit Vorsicht hinten um den Leib, und wir trugen es alsbald unter dem Jubelgeschrei des schnell getrösteten Jungen an das Land. Jack, begierig, den schönen Fang, so schwer er auch war, doch selbst der Mutter zu bringen, ergriff ihn rasch. Kaum aber hielt er ihn in den Händen, als er von dem Schwanze des Tieres einen so kräftigen Schlag empfing, daß er es fallen ließ und ganz weinerlich aussah. Da sein Unstern nun mir ein lautes Lachen entriß, so fuhr der Junge im Grimme seines Zornes auf, ergriff hastig einen Stein und schlug dem Feinde die Kopfschale ein. »Das ist gekraftmännlet«, 1 sagte ich unwillig, »auch an seinem Feinde soll man sich nicht rächen! Aber vorsichtig hättest du sein und ihn nicht so zutraulich an der Nase halten sollen.« – Hierauf ergriff der Knabe das leblose Tier von neuem und trug es ganz zufrieden und lustig der Kochstelle zu.

»Mutter, ein Meerkrebs! Ernst, ein Meerkrebs! Wo ist Fritz? Sieh da, Fränzchen, er beißt dich!« Da stellten sich alle um ihn her und betrachteten das Wundertier von oben und unten, mit mehr Erstaunen über die seltene Größe als über die bekanntere Gestalt desselben. Ernst tat bald den Ausspruch, der Krebs müsse gesotten werden, und daß es eine gute Krebssuppe geben würde, wenn man ihn gleich in die kochende Fleischbrühe würfe. Aber die Mutter bedankte sich für eine Krebssuppe nach diesem neumodischen Rezept und beschloß, das erste Gericht allein zuvor gar zu kochen. Ich indessen ging hin, um die seichte Stelle zu benutzen, wo Jack gebissen worden, und trieb unsre Fässer wälzend an das Ufer, wo ich sie aufstellte, so daß sie nicht zurückrollen konnten.

Als ich wieder zur Gesellschaft trat, lobte ich Jack, daß er die erste glückliche Entdeckung gemacht, und versprach ihm die ganze Schere des Krebses, die ihn bei der Wade gehalten, zu billigem Lohne. »Oh«, rief Ernst, »auch ich habe was Eßbares gesehen; aber ich habe es nicht bekommen können, weil es im Wasser lag und ich mich hätte naß machen müssen.« – »Ist wohl der Mühe wert!« sagte Jack, »ich hab’s ja auch gesehen. Es sind garstige Muscheln, von welchen ich wenigstens nicht essen möchte. Lieber meinen Krebs!« – »Ja«, meinte Ernst, »es könnten zwar Austern sein; sie lagen nicht eben tief.«

»Gut, Herr Phlegmatiker«, sagte ich, »wenn du dir die gemerkt hast, so magst du hingehen und eine Probe holen, sobald wir ihrer zur nächsten Mahlzeit bedürfen. In unsern armseligen Umständen muß jeder zum allgemeinen Besten tätig sein und nasse Füße nicht so ängstlich scheuen. Du siehst, wie die Sonne mich und Jack schon fast getrocknet hat.«

»So will ich denn zugleich auch Salz dort mitnehmen«, entgegnete Ernst, »das ich zu ganzen Händen voll in den Felsritzen bemerkt habe. Es muß aus dem Seewasser durch die Sonne ausgekocht worden sein. Dem Geschmacke nach war es vollkommen salzig.«

»Ja, ja, ewiger Philosoph!« tadelte ich ihn. »Besser, du hättest gleich einen Sack mitgenommen, als erst lange darüber zu grübeln. Wenn wir nicht eine ungesalzene Suppe essen sollen, so lauf und hole gleich von der Entdeckung her.«

Salz war es nun freilich, was Ernst uns brachte, aber unrein, mit Sand und Erde vermischt, so daß ich es beinahe weggeworfen hätte und den Jungen schalt, der es nicht behutsam aufgelesen. Aber die Mutter schaffte Rat, indem sie das Salz in einer blechernen Flasche mit süßem Wasser sich auflösen und das Wasser durch ein feines Tuch rinnen ließ, worauf man es in die Suppe goß.

»Hätte man nicht gleich Meerwasser nehmen können?« fragte Jack. »Ach, das ist ja noch bitter, zu seinem Salzgeschmack«, erwiderte Ernst, »und ich hätte mich bald übergeben, als ich es kostete.«

Bald kostete die Mutter mit einem Stäbchen, das sie zum Umrühren gebraucht hatte, von unsrer Suppe und erklärte sie für gut. »Aber«, sagte sie, »noch fehlt Fritz, und zudem, womit wollen wir unser Gericht denn speisen? Es geht unmöglich an, daß jeder den großen, glühenden Topf an den Mund ansetze und den Zwieback mit Händen fische.« Wir standen verblüfft herum, wie der Fuchs in der Fabel, als der Storch ihm einen langhalsigen Krug vorstellte; und endlich lachten wir herzlich über die Armut, in der wir uns befanden.

Der schweizerische Robinson

»Oh«, sagte da Ernst, »wir können ja Muscheln nehmen.« – »Gut, gut«, sagte ich, »das nenn‘ ich doch einen Gedanken! Geh und hole von den Austern! Aber ekel dürfen wir nicht sein, es werden Finger genug in die Suppe getunkt werden, da wir an diesen Löffeln keine Stiele haben.« Jack lief, Ernst ging sachte nach, und Jack stand bis an die Knöchel im Wasser, ehe der andre zur Stelle kam. Emsig sammelte Jack und warf dem Bruder, der immer noch die Nässe scheute, flugs ganze Haufen von Austern zu. Nebenbei steckte Ernst eine große leere Muschelschale in die Tasche, und endlich kamen beide mit vollen Schnupftüchern zurück. Jetzt hörten wir Fritz in der Ferne rufen, und mit froher Stimme gaben wir Antwort. Er kam mit freudig erregtem Gesicht und erzählte dann, daß er jenseits des Baches gewesen sei. »Wie viele Fässer«, rief er, »wie viele Kisten, Hölzer und Sachen liegen dort! Wollen wir sie nicht auffischen? Wollen wir nicht morgen auf das Schiff, um auch dort zu retten? Holen wir nicht das Vieh? Schaffen wir nicht wenigstens die Kuh hieher? Der Zwieback in Milch wäre doch nicht so hart! Drüben ist Gras zum Weiden und ein Wäldchen, wo wir im Schatten wären! Warum bleiben wir noch hier auf der öden, unfruchtbaren Küste?«

»Geduld! Geduld!« antwortete ich. »Alles hat seine Zeit, Freund Fritz! Morgen ist auch ein Tag, und der wird auch seine Plage haben. Vor allem sage mir, hast du keine Spur von unsern Gefährten entdeckt?«

»Auch nicht die mindeste von irgendeinem Menschen«, sagte er, »weder zu Land noch in der See.«

Indes wir so schwatzten, bemühte sich Jack, mit dem Messer eine Auster zu öffnen. Aber mit allen Grimassen, die er schnitt, und mit all seinen Kräften konnte er sie nicht bezwingen. – Ich lachte und ließ alle zugleich auf die glühenden Kohlen legen, wo sie bald von selbst sich öffneten. »Wohlan, Kinder«, sagte ich, »laßt uns einen der schätzbarsten Leckerbissen verwöhnter Gaumen schmecken!« Damit aß ich, nicht ohne Widerwillen, die erste. Verwundert riefen die Knaben: »Aber Austern schmecken ja vortrefflich, herrlich!« Ich erwiderte, daß ich niemand seinen Geschmack abstreite, für mich aber nur zur Not davon möge; und jetzt, als die Jungen das ekle Aussehen der Tiere näher betrachteten, fing ihnen ordentlich an zu grauen. Jeder indes mußte sein Stück abtun, wenn er einen Löffel haben wollte, und so wagte Jack die Heldentat zuerst und verschlang die seine wie Arznei, während er sich schüttelte. Bald folgten die übrigen seinem Beispiel, erklärten die Austern für ein herzlich schlechtes Gericht und fuhren schnell mit den geleerten Schalen in den vollen Suppentopf. Aber alle verbrannten sich die Finger, und jeder rief in eignem Tone sein Ach und sein Weh! Da zog Ernst die große Muschel hervor, schöpfte sich behutsam eine gute Portion darein und lachte die andern aus, daß er nun sogleich gekühlte Suppe haben werde.

»Du hast nicht übel für dich gesorgt«, bemerkte ich; »nur hättest du auch für uns solche Teller schaffen sollen.«

»Ja«, sagte er, »es lagen dort noch genug herum.« – »Eben das ist’s«, sprach ich, »was ich an dir tadeln muß, daß du immer nur an dich selber denkst. Du verdienst, daß deine Selbstsucht gestraft und deine Suppe unsern Bedienten hingestellt werde; ich meine, hier den beiden Doggen. Du magst warten, bis auch wir gewöhnlichen Menschen mitspeisen können.«

Mein Verweis griff doch dem Jungen an das Herz, und ganz gehorsam stellte er seine Schüssel den Tieren hin. Die waren denn auch im Augenblicke fertig damit.

Bald nach unserer Mahlzeit neigte sich die Sonne zum Untergang. Das Federvieh versammelte sich nach und nach um uns her und las die abgefallenen Brocken auf. Meine Frau, die es bemerkte, nahm ihren geheimnisvollen Sack hervor und fing an, es mit Wicken, Erbsen und Hafer zu füttern, indem sie mir auch andere Gartensamen zeigte, die sie mitgenommen hatte. Ich pries ihre Sorge und mahnte nur, mit all diesem Vorrate, der uns zur Aussaat nützen könne, sparsam umzugehen und das Geflügel lieber mit dem verdorbenen Zwieback zu füttern, den wir vom Schiffe noch holen wollten. Unsere Tauben flogen endlich fort in nahe Felsspalten. Die Hühner setzten sich der Reihe nach auf den First des Zeltes, und die Gänse mit den Enten schnatterten hinweg in eine buschige Stelle am sumpfigen Ufer der Bucht. Auch wir schickten uns jetzt zur Ruhe an und luden zur Vorsicht unsere Gewehre und Pistolen, die wir in Bereitschaft legten. Darauf verrichteten wir gemeinschaftlich unser Abendgebet, und mit dem letzten Sonnenstrahl schlichen wir in das Zelt, wo wir eng aneinandergedrängt uns trostvoll zur Ruhe legten.

Ich schaute noch einmal aus dem Zelt, ob alles ruhig sei, und heftete dann den Eingang zu. Der Hahn, vom aufgehenden Mond erweckt, krähte uns ein Abendlied, und ich legte mich nieder. So heiß aber der Tag gewesen, so kalt wurde die Nacht, und wir mußten uns fest aneinanderschließen, wenn wir uns erwärmen wollten. Ein süßer Schlaf begann sich rings auf meine Geliebten hinzulagern, und so ernstlich ich selber wachen wollte, bis etwa die Mutter vom ersten Schlummer sich ermuntern würde, so schnell sanken doch auch mir die müden Augenlider zu, und friedlich schliefen wir alle die erste Nacht auf dem Lande der glücklichen Rettung.

Kaum war der Morgen angebrochen, so weckte mich wieder das Geschrei unseres Hahns, und sogleich ermunterte ich meine Frau, um vor allem in der Stille Rat zu halten, was nun weiter anzufangen sei. Wir wurden bald einig, daß wir uns vorerst nach unsern Gefährten umsehen und dann die Beschaffenheit des Landes erkunden müßten, bevor wir einen wesentlichen Entschluß fassen könnten. Meine Frau begriff indessen wohl, daß eine Reise zu diesem Zwecke sich nicht mit der ganzen Familie anstellen ließe, und ergab sich in den Vorschlag, daß Ernst und die Kleinen bei ihr verblieben, und Fritz als der Rüstigste mit mir auf Entdeckungen zöge. Ich mahnte sie darauf, uns ein Frühstück zu bereiten, und sie schickte sich mit der Bemerkung dazu an, daß es schmale Bissen absetzen würde, weil zu nichts als wieder zu einer Suppe Vorrat sei.

Fritz mußte nun Gewehr und Jägertaschen und ein Handbeil herbeischaffen, ich hieß ihn auch ein paar Sackpistolen mit Zubehör in den Gürtel stecken, während ich mich selbst auf ähnliche Weise zu rüsten begann und für Zwieback samt einer mit Wasser gefüllten Blechflasche sorgte. Bald darauf rief uns die Mutter zum Frühstück. Sie hatte unterdessen Jacks Krebs gesotten; aber er kam uns allen so hart und unschmackhaft vor, daß uns viel auf die Reise übrigblieb und niemand scheel sah, als wir den Rest in unsere Taschen packten. Doch waren wir alle satt geworden; denn das Tier war bedeutend größer und hatte ein viel derberes, nahrhafteres Fleisch als die Flußkrebse. Fritz ermahnte nun aufzubrechen, ehe die Sonne zu glühen beginne.

Ich wies die Kleinen sämtlich an, auf die Mutter zu sehen und ihr in allen Stücken gehorsam zu sein. Dann erinnerte ich sie, auf jeden Fall die Flinten zur Hand zu halten und immer in der Nähe des Tonnenschiffes zu bleiben, welches zur Verteidigung oder Flucht das tauglichste Mittel böte. Hiemit rissen wir uns rasch voneinander los, nicht ohne Schmerz und große Bangigkeit, da wir nicht wissen konnten, was uns auf dieser unbekannten Küste vielleicht bedrohe. Zu unserm eigenen Schutze nahmen wir aber unsern treuen Türk als starken Begleiter mit.

Der schweizerische Robinson

Das Ufer des Baches war an beiden Seiten so felsig, daß nur unten am Ausfluß ein schmaler Zugang von unserer Seite offen blieb, gerade da, wo wir uns bisher Wasser geholt hatten. Ich freute mich, meine Zurückgelassenen auch von dieser Seite so ziemlich gesichert zu sehen, denn auf der andern waren sie es durch senkrechte Klippen so sehr, als ich nur wünschen konnte. Wir mußten, um über den Bach zu gelangen, aufwärts bis da, wo er von der Felswand herunterfiel und wo hin und wieder Steine aus seinem Bette hervorragten, über die wir endlich durch gewagtes Springen noch trocken genug hinüberkamen. Mit saurer Mühe wanden wir uns jetzt durch hohes, von der Sonne halbgedörrtes Gras hindurch und strebten am jenseitigen Ufer des Baches wieder abwärts an den Strand des Meeres zu kommen, wo wir in unserm Marsch doch weniger Hindernisse zu finden hofften.

Wirklich kamen wir schnell vorwärts und hatten jetzt nahe zu unsrer Linken das Meer, zur Rechten aber, etwa eine halbe Stunde von uns entfernt, die fortgesetzte Felswand, die sich von unserm Landungsplatze aus mit dem Ufer in gleicher Linie neben uns hinzog und auf ihrer Höhe mit lachendem Grün und einer großen Mannigfaltigkeit von Bäumen prangte. Der Raum zwischen der Felsenreihe und dem Meer war teils mit hohem, halbdürrem Grase bewachsen und teils mit kleinen Wäldchen besetzt, die sich mitunter oben bis an die Flühe, unten bis an die See erstreckten.

Wir hielten uns sorgfältig an den Strand und sahen fleißiger nach dem Meere, als daß wir uns an der Schönheit des Landes geweidet hätten, indem wir hoffen konnten, vielleicht die Boote mit unsern Gefährten zu erblicken. Gleichwohl säumten wir nicht, auch am Ufer nach Fußstapfen oder ähnlichen Menschenspuren zu forschen, ohne jedoch das mindeste entdecken zu können.

Schweigend, ein jeder in sich gekehrt, wanderten wir fort, bis wir nach einem gut zweistündigen Marsch endlich, etwas weiter vom Meere entfernt, ein Wäldchen erreichten. Hier machten wir halt und erquickten uns in dem kühlenden Schatten an einem klaren Bächlein, das neben uns herrieselte. Rings um uns hin flogen, scherzten, schwirrten mannigfaltige Gattungen uns unbekannter Vögel, die sich jedoch mehr durch prächtige Farben als durch anmutige Stimmen auszeichneten. Fritz wollte auch zwischen Laub und Ästen etwas Affenähnliches entdeckt haben; und in der Tat fing zur Bestätigung Türk an unruhig zu werden und zu bellen, daß Wald und Feld erklang. Fritz schlich herum, seine Vermutung zu bekräftigen, und stolperte, während er aufwärts lauschte, zuletzt so tüchtig über einen runden Körper hin, daß er beinahe den Boden geküßt hätte. Verdrießlich hob er das Ding auf und brachte es mir mit der Bemerkung, daß es wohl ein rundes Vogelnest sei. – »Warum nicht gar!« sagte ich, »eine Nuß ist es, und zwar eine Kokosnuß.« – »Aber es gibt doch Vögel, die runde Nester bauen«, bemerkte Fritz. – »Allerdings«, erwiderte ich; »nur solltest du nicht flüchtig auf den ersten Anblick hin ein rundes faseriges Ding für ein solches angesehen haben. Erinnerst du dich nicht, daß wir gelesen haben, die Kokosnuß sei in ein Bündel von Fasern eingehüllt, die durch eine dünne zerbrechliche Haut zusammengehalten werden? Bei der deinigen hier ist diese Haut verwittert, und darum siehst du die Fasern so struppig herausstehen. Jetzt wollen wir sie vollends wegschneiden, und du wirst die harte Nuß darunter finden.« Es geschah; die Nuß wurde aufgeschlagen und nichts als ein verdorbener Kern darin gefunden, der gänzlich ungenießbar war.

»Aber Vater«, sagte Fritz, »ich habe geglaubt, daß in den Kokosnüssen süßes Wasser sei, das sich trinken lasse wie Mandelmilch!«

»Das ist freilich der Fall, wenn die Nüsse noch unreif sind, gerade wie bei unsern Baumnüssen. Je mehr aber die Frucht reift, desto mehr verdickt sich das Wasser zu einem Kern, und endlich trocknet es vollkommen ein. Kommt die gereifte Nuß in gutes Erdreich, so keimen die Kerne auf und brechen die Schale durch. Bleiben sie aber an einem untauglichen Orte liegen, so ersticken sie und gehen durch innere Gärung zu Schanden wie hier die deinige. Ich vermute, daß sie von Affen hierher verschleppt sein möge, da sie von keinem der Bäume hier herabgefallen sein kann.«

Die Lust nach einer guten Kokosnuß war aber in uns beiden erwacht, und nun machten wir uns an ein eifriges Suchen.

Nach langem Stöbern trafen wir endlich eine, die noch unverdorben war, und sie ersparte uns von unserm Vorrat so viel, daß wir einen ordentlichen Rest für das Mittagsmahl behielten, zu welchem es jetzt noch allzufrüh war. Obschon nämlich die Nuß ein bißchen ranzig war, so waren wir doch satt geworden und rafften uns nun auf, um weiter zu ziehen. Eine Zeitlang führte der Weg durch das Gehölz, wo wir uns oft mit den Handbeilen Bahn machen mußten, weil es mit einer unbeschreiblichen Menge von Lianen verwachsen war. Endlich kamen wir wieder an den Strand und gewannen freiere Aussicht und einen offeneren Pfad. Der Wald zog sich ungefähr einen Büchsenschuß weit rechts neben uns fort, und hin und wieder zeigten sich auch alleinstehende Bäume von eigener Art. Fritz, der seinen Scharfblick unablässig auf Kundschaft sandte, bemerkte bald ein paar von so besonderem Aussehen, daß sie ihm merkwürdig schienen und er ausrief: »Aber, Vater, was sind denn dort für seltsame Bäume mit Kröpfen an den Stämmen?«

Wir gingen hin und ich erkannte mit freudigem Erstaunen, daß es Kalebassenbäume seien, welche Kürbisse tragen. Fritz fand bald einen, der herabgefallen war, und ich erklärte ihm, wie man die harte Schale zu Näpfen, Schüsseln und Flaschen gebrauchen könne; »den Wilden«, setzte ich hinzu, »ist sie ganz unentbehrlich, weil sie ihre flüssigen Sachen darin aufbewahren und wohl gar darin kochen.«

»Das ist unmöglich«, meinte Fritz, »die Schale muß ja verbrennen, wenn sie ans Feuer kommt.«

»Nun«, erwiderte ich, »ans Feuer setzt man die Schalen allerdings nicht. Wenn man in diesen Kürbissen kochen will, wird ihre Mitte durchschnitten und das Mark aus beiden Hälften weggeschafft, worauf man in jede wie in einen Topf Wasser gießt und dann Fische, Krabben, oder was man überhaupt kochen will, hineinlegt. Hierauf werden in dem Wasser nach und nach glühende Steine abgelöscht, bis es siedet und die eingelegte Speise gar ist; die Schale bleibt unverletzt.«

»Ei, da wollen wir aber doch gleich einige Schüsseln und Teller machen«, sagte Fritz; »es wird die Mutter freuen, wenn wir ihr einige Küchengerätschaften bringen.«

Bei diesen Worten nahm er sein Messer und fing an, an einem Kürbisse herumzuschneiden. Er war zwar bald mit seiner Probe fertig, aber er hatte auch den Kürbis durchaus verdorben, weil das Messer bald hier, bald da zu tief ging, ausglitschte, Zähne ließ und krumm hindurchschnitt.

»Das ist doch zum Verzweifeln!« rief er aus, »ich hätte nicht geglaubt, daß eine so einfältige Sache so schwierig sein könne. Meine Arbeit taugt nicht einen Pfifferling.« – Und hiermit warf er den Kürbis weg.

»Immer bist du zu rasch, mein Alter!« sagte ich ihm, »warum wirfst du nun alles fort? Aus den kleinern Stücken kannst du noch Löffel schnitzen; und während du es tust, will ich es nun mit zwei Schüsseln versuchen.«

Fritz las seine Bruchstücke zusammen und fing wieder an zu schneiden; ich aber nahm eine Packschnur, band sie, so hoch es sich tun ließ, um den Kürbis herum, zog sie an, so fest es ging, und klopfte sie sachte mit dem Heft meines Messers in die etwas weiche Schale hinein. Darauf schnürte ich sie fester und schlug sie wieder, bis die Schale durchschnitten war. Dann wurde mir’s leicht, den Faden vollends durch das wässerige Mark zu ziehen und den Kürbis in zwei ungleiche Teile zu trennen, die nun eine gute Form und einen gleichmäßigen Rand hatten.

»Wie in aller Welt«, rief Fritz, »ist dir das in den Sinn gekommen? Da ist ja eine prächtige Suppenschüssel und ein Teller dazu!« – »Siehst du«, sagte ich, »was es nützt, etwas gelesen zu haben. Aus Reisebeschreibungen weiß ich, daß Wilde und Neger, die meist keine Messer haben, es mit den Kürbissen gerade so machen, wie du jetzt gesehen hast.«

Wir legten nun unsere Teller und Schüsseln auf die Erde, damit die Sonne sie austrocknen möge, füllten sie aber vorerst sorgfältig mit Sand, damit sie so wenig als möglich von der Sonnenhitze zusammengezogen würden. Doch verfehlten wir nicht, uns den Ort, wo unsere Küchengerätschaften lagen, genau zu merken, um sie auf der Heimreise leicht wiederfinden zu können. Hierauf zogen wir weiter, und Fritz schnitzelte fortwährend an einem Löffel von Kürbisschale, während ich aus dem Bruchstück einer Kokosnuß, das ich eingesteckt hatte, selbst einen andern zu schneiden versuchte. Aber ich muß gestehen, es fielen beide nur sehr mittelmäßig aus.

»Wo es uns an künstlichen Werkzeugen fehlt«, sagte ich, »da müssen wir doch den Wilden in Verfertigung von Gebrauchsgegenständen den Vorzug lassen. Ich habe da einen Löffel herausgebracht, der nicht viel besser ist als der deine, und man müßte bis an die Ohren gespalten sein, wenn man den einen oder den andern in den Mund bringen wollte.«

»Ich glaub‘ es wohl«, erwiderte Fritz. »Hätten wir sie kleiner gemacht, so wären sie gar zu flach geworden, und mit Schaufeln ist noch schwerer Suppe zu essen als mit Austernschalen. Indes bleibt der meine mir gut, bis ich einen bessern habe.«

Während dieses Gespräches und der Löffelschnitzerei hatten wir nicht versäumt, uns sorgfältig nach allen Seiten nach unsern Gefährten umzusehen; aber alles war leider umsonst. – Endlich, nach einem Marsche von vier wohlgemessenen Stunden, langten wir an einer Erdspitze an, die weit in das Meer hinausreichte und auf welcher sich ein ziemlich bedeutender Hügel erhob. Dieser schien uns die geeignetste Stelle, von der wir, ohne weiter zu schweifen, unsere Forschungen in die Ferne ausdehnen könnten. Nicht ohne Schweiß und Mühe kamen wir auf den Gipfel, der uns eine prächtige, vielumfassende Aussicht gewährte. Allein wir mochten mit unserm vortrefflichen Fernglas herumschauen, wohin und so lange wir wollten, so konnten wir doch nirgends eine Spur von Menschen entdecken. Die schöne Natur aber lag vor uns in ihrer ganzen ungekünstelten Anmut; und trotz alles Mangels an menschlicher Nachhilfe war sie im höchsten Grade reizend. Das reichbewachsene Ufer einer ansehnlichen Bucht, deren jenseitiger Strand sich als ein Vorgebirge in blauer Ferne verlor, schloß die kräuselnde See, in der sich die Sonne spiegelte, lieblich ein und würde uns gewiß entzückt haben, wenn nicht unsere Sehnsucht nach Menschen in diesem Paradiese unbefriedigt geblieben wäre. Der Anblick der fruchtbaren Gegend beruhigte mich aber, weil ich zum wenigsten erkannte, daß weder Hunger noch Mangel uns aufreiben würde; und darum sage ich: »Wohlan, Fritz! Es kommt anders mit uns, als wir gedacht haben! Ein Ansiedlerleben hatten wir uns indes selbst gewählt, und seien wir nun ein paar Menschen mehr oder weniger, unsere Ruhe und Zuversicht soll nicht gestört werden. Wir wollen streben, auch in dieser Lage so gut und so glücklich zu sein als möglich.«

Hiermit stiegen wir entschlossen hinab gegen ein anmutiges Palmenwäldchen, das wir uns von oben ausersehen hatten. Ehe wir aber an dasselbe hingelangten, mußten wir durch eine Menge Rohr, das oft verworren durcheinander lag und uns im Gehen hinderte. Mit vieler Behutsamkeit und langsam nur drangen wir vorwärts, weil ich bei jedem Schritte den tötenden Biß einer verborgenen Schlange befürchtete, da diese Tiere gern an solchen Stellen sich aufhalten. Türk mußte deswegen beständig voraus, damit wir, durch ihn gewarnt, desto besser uns vorsehen könnten.

Der schweizerische Robinson

Ich hieb auch auf jeden Fall ein tüchtiges Rohr ab, weil ich mich damit besser gegen einen schleichenden Feind zu verteidigen hoffte als selbst mit dem Gewehr. Nicht ohne Befremden wurde ich bald eines zähen Saftes gewahr, der aus dem angeschnittenen Stengel drang, und als ich neugierig einen Tropfen davon kostete, fand ich ihn so süß, daß ich nicht daran zweifeln konnte, die schönste natürliche Zuckerpflanzung entdeckt zu haben. Durch immer wiederholtes Kosten ward ich meiner Sache noch gewisser, und ich fühlte mich von dem herrlichen Safte ganz ungemein erquickt. Meinem Fritz indessen wollte ich den glücklichen Fund noch nicht verkünden, sondern ihm die Freude des Selbstentdeckens bereiten; und so rief ich ihm zu, da er etwas vorausging, sich ebenfalls ein Rohr zu seiner Verteidigung abzuschneiden. Er war flink darüber her, und ohne noch etwas weiter zu merken, bediente er sich des Rohres nur als eines Stocks, mit dem er, um allfällige Schlangen zu verscheuchen, so weidlich links und rechts und vor sich in das Röhricht schlug, daß endlich der Stock Risse bekam und der klebrige Saft hervorquoll, der den Knaben zur Neugier reizte. Ganz bedächtig fing er an, das Ding zu kosten, aber dann leckte er sich plötzlich fast die Finger auf und hüpfte und lachte und rief: »O Vater, Vater, Zuckerrohr! o koste nur! Zuckerrohr! herrlich! vortrefflich! Das wird eine Freude werden bei den Bürschchen und bei der Mutter, wenn ich ihnen davon nach Hause bringe!« Hierauf schnitt er Stück um Stück von seinem Rohre ab und sog jedes so begierig aus, daß ihm der Nektar über das Kinn hinablief und ich seiner Gierigkeit Einhalt tun mußte. »Verschnaufe nur erst einmal und sei nicht so unmäßig!«

»Aber ich war so durstig, und es schmeckte so gut!«

»Du entschuldigst dich gerade wie die Trunkenbolde; sie trinken unmäßig, eben weil sie dürsten und weil es ihnen schmeckt. So gut aber auch ihre Ausreden sind, sie nehmen gleichwohl Schaden an Leib und an Seele.«

»Dann will ich wenigstens einen schönen Vorrat von Zuckerrohr heimnehmen, damit wir unterwegs von Zeit zu Zeit uns erquicken und die Mutter mit den Brüdern sich daran freuen können.«

»Ja, dawider habe ich nichts«, sagte ich; »aber mache die Last nicht zu groß, wir müssen schon viel und noch lange tragen.«

Ich hatte gut predigen; der Junge hieb wenigstens ein Dutzend der schönsten Rohre ab, reinigte sie von den Blättern, band sie zusammen und nahm sie unter den Arm, während wir immer vorwärts wanderten und endlich aus dem Rohrdickicht heraus an das Palmenwäldchen kamen. Wir schritten hinein, um uns zu lagern und den Rest unseres Mittagsmahles zu verzehren, als plötzlich eine Anzahl von ziemlich großen Affen, durch unsere Ankunft und das Gebell unseres Hundes erschreckt, flüchtig die Bäume hinaufkletterte, und zwar mit einer solchen Behendigkeit, daß wir sie kaum recht gewahrten, bis sie schon oben in den Kronen saßen, die Zähne fletschten und uns mit abscheulichem Geschrei feindselig begrüßten. Ich bemerkte bald, daß die Bäume Kokospalmen waren, und schöpfte Hoffnung, durch Vermittlung der Affen einiger unreifer und milchreicher Früchte habhaft zu werden.

Der schweizerische Robinson

So fing ich denn bedächtig an, mit Steinen gegen die Affen hinaufzuwerfen, und obwohl ich lange nicht die halbe Höhe der Palmen erreichte, so wurden die Tiere doch zornig; und in ihrer Nachahmungssucht erpicht, es mir gleichzutun, rissen sie Nuß um Nuß von den Stengeln und warfen sie gegen uns herab, so daß wir nur zu springen hatten, um nicht getroffen zu werden, und bald eine Menge von Früchten um uns her auf der Erde lag.

Fritz lachte herzlich, daß mir der Streich gelungen war, und sammelte, da endlich der Kokoshagel sich legte, Nüsse, so viel er tragen konnte. Wir suchten ein sicheres Plätzchen aus, um die Ernte zu genießen, und klopften mit den Handbeilen die Schalen auf. Zuvor jedoch tranken wir durch die lockern Stellen, wo wir mit dem Messer Luft machten, den Saft, der vorhanden war, und wunderten uns, ihn so wenig nach unserm Geschmack zu finden. Am besten bekam uns der festere Rahm, der an den Schalen sitzen blieb und den wir mit unsern neugemachten Löffeln herunterschabten. Übrigens versüßten wir ihn aus unsern Zuckerrohren und schmausten also herrlich. Meister Türk erhielt deshalb den Rest unsres Krebses, den wir jetzt hochmütig verachteten, und etwas Zwieback, worauf er, noch ungesättigt, anfing, Zuckerrohr zu kauen und Kokoskerne zu betteln.

Endlich packte ich ein paar Kokosnüsse, die noch Stiele hatten, zusammen, und Fritz nahm das Bündel Zuckerrohr zur Hand; wir beluden uns, brachen auf und verfolgten gestärkt unsern Heimweg weiter.

Der schweizerische Robinson

Die Reise ging von seiten Fritzens nicht lange ohne Klagen fort. Schwer drückten ihn die Zuckerrohre auf den Achseln, und oft änderte er von der einen auf die andere; bald nahm er sie unter den Arm, dann stand er still und seufzte und schnaufte laut auf. »Nein«, rief er, »ich hätte nicht gedacht, daß ein Bündel Rohr so gewaltig schwer zu tragen wäre, und doch möchte ich es gern nach Hause bringen, damit Mutter und Brüder auch davon bekämen.«

»Nur Geduld und Mut, mein lieber Fritz!« sagte ich ihm. »Denkst du nicht mehr an Äsops Brotkorb, der im Anfang der Reise zwar der schwerste war, aber am Ende der leichteste wurde? Auch die Last deiner Zuckerrohre wird sich mindern, denn wir dürften sie noch tüchtig heimsuchen, ehe wir bei den Unsrigen sind. Schon jetzt kannst du mir ein neues zum Pilgerstab, zum wandernden Honigquell abgeben, und auch du magst ein frisches zur Hand nehmen. Die übrigen schnüre und hänge dir so, daß sie dir am Rücken mit der Flinte ein Kreuz machen; so trägst du leichter und kannst es länger aushalten. Wir müssen wahrhaftig unsern Kopf nun brauchen lernen, wenn er uns nicht am unrechten Orte gewachsen ist. Überlegung und Erfindungskraft werden uns oft den Abgang der Leibeskraft ersetzen müssen.«

Die drückende Hitze belästigte uns gewaltig; um den Durst zu stillen, ermunterte ich Fritz, wie ich an einem Zuckerrohr zu saugen. Wir bemerkten aber bald, daß der süße Saft sauer zu werden begann. Ich erklärte dem erstaunten Fritz, daß der Zucker sich durch die Gärung in Alkohol zu verwandeln beginne. »Nun heißt es mäßig sein, Fritz, damit wir nicht als betrunkene Leute heimkommen.« Wir erquickten uns aber gleichwohl und wanderten erfrischt unter mancherlei Gesprächen weiter, bis wir fast unvermerkt an den Ort kamen, wo wir im Hingehen die Kürbisschüssel und den Teller in den Sand gelegt hatten, um sie auszutrocknen. Wir fanden beide wohlbehalten und beinhart, so daß wir sie ohne viel Unbequemlichkeit mitnehmen konnten.

Kaum waren wir aber durch das Wäldchen hindurch, wo wir gefrühstückt hatten, so verließ uns Türk wie rasend und überfiel einen Trupp Affen, die sich am Rande des Gehölzes auf ebener Erde spielend belustigten und unsere Ankunft gar nicht bemerkten. Sie waren vollkommen überrascht; und ehe wir ganz hinzueilen konnten, hatte die blutdürstige Dogge schon eine alte Äffin eingeholt, angepackt, niedergerissen und sättigte sich jetzt an ihrem zitternden Fleische. Ein Junges, das auf ihrem Rücken gesessen und sie wahrscheinlich an schneller Rettung verhindert hatte, kauerte seitwärts im Grase und sah mit Zähnefletschen dem blutigen Schauspiel zu. Fritz war Hals über Kopf gelaufen, dem traurigen Auftritt zuvorzukommen. Im Springen verlor er seinen Hut und warf Flasche und Zuckerrohr von sich, aber alles umsonst. Er kam zu spät, um dem Morde vorzubeugen, und nur eben früh genug, um einen neuen, recht komischen Auftritt zu veranlassen.

Kaum hatte ihn nämlich der junge Affe erblickt, so schoß er ihm flugs den Rücken hinan bis auf die Achseln und hielt sich mit seinen Händchen in dem krausen Haupthaar so fest, daß ihn kein Schreien, kein Springen, kein Reißen des erschrockenen Knaben herunterbrachte. Ich sprang, so schnell ich vor Lachen konnte, hinzu, um den armen Fritz zu beruhigen; denn daß keine Gefahr vorhanden war, merkte ich wohl, und der panische Schreck des Knaben stach gar zu lächerlich gegen die Grimassen des Äffchens ab.

Der schweizerische Robinson

»Das ist ein rechter Geniestreich von dem kleinen Kerl!« sagte ich, als ich hinzukam; »es hat seine Mutter verloren, und nun nimmt es dich einfach zum Pflegevater. Was muß es doch für eine Familienähnlichkeit an dir gewittert haben?«

»Der Schlingel hat gemerkt, daß ich ein guter Laffe bin«, antwortete Fritz gutmütig, »und daß ich keinem Tier etwas tun kann, wenn es sich unter meinen Schutz begibt. Indessen rauft die Bestie mich jämmerlich, ich bitte dich, schaffe sie mir herunter!«

Mit Sanftmut und mit einigem Geschick konnte ich den ungebetenen Gast endlich losbringen; ich nahm ihn wie ein kleines Kind in meine Arme, betrachtete ihn und mußte ihn recht bedauern; denn er war kaum etwas größer als eine junge Katze und gar nicht imstande, sich selber fortzuhelfen.

»Was soll ich mit dir anfangen«, rief ich, »du armes Waislein, und was können wir dir in unsrer Armut für Unterhalt geben? Viel zu viel Mäuler haben wir zum Essen und viel zu wenig Fäuste zum Arbeiten!«

»Ach! Vater«, bat Fritz, »überlasse das Bürschchen doch mir, ich will es schon besorgen; ich gebe ihm Kokosmilch, bis wir Milch von der Kuh und den Ziegen auf dem Schiffe haben. Vielleicht hilft uns einst sein Spürsinn noch viel, um nützliche Früchte zu entdecken.«

»Gut!« sagte ich, »du hast dich bei dieser ganzen tragikomischen Begebenheit wie ein wackerer Junge betragen, nur hat dich der Schrecken allzusehr aus der Fassung gebracht. Allein ich bin zufrieden mit dir, insbesondere weil du dem Zorn nicht Raum gelassen hast. Dein Schützling sei dir demnach geschenkt. Es wird auf die Art ankommen, wie du ihn erziehst, ob er uns einst durch seinen Naturtrieb nützen oder durch Bosheit schaden und uns zum Abschaffen zwingen soll.«

Indes wir dieses verhandelten, sättigte sich Türk mit Lust an dem alten, totgebissenen Affen; und weil der Mord nun einmal geschehen war, so ließen wir die Mahlzeit um so eher zu, als wir uns selbst bei dem hungrigen Tier in Gefahr gesetzt hätten, wenn uns eingefallen wäre, ihm hinderlich zu sein. Alles, was es den Tag hindurch von uns bekommen hatte, war für seine herrliche Freßlust nichts gewesen. Ohne jedoch abzuwarten, bis Türk satt zu sein geruhte, brachen wir wieder auf. Das Äffchen kam an seine alte Stelle auf Fritzens Rücken, und ich übernahm dafür die Zuckerrohre. Fast ein Viertelstündchen waren wir so gegangen, als Türk in scharfem Trab uns wieder einholte und sich rechts und links noch behaglich die blutigen Lefzen beleckte. Wir empfingen ihn mit saurem Gesicht und machten ihm Vorwürfe über seine Grausamkeit; aber Ihre Vielvermögenden kehrten sich nicht daran und zogen ganz gelassen hinter Fritz einher. Da ward der Affe über die furchtbare Nachbarschaft unruhig und fing an, Fritz auf die Brust zu klettern und ihm beschwerlich zu werden. Das weckte des Knaben Erfindungsgeist, und rasch nahm er den Türk an eine Schnur, band ihm eine zweite um den Hals, versuchte, ihm den Affen auf den Rücken zu setzen, und sprach dabei pathetisch zu dem Hunde: »Hast du die Mutter gemordet, so kannst du den Buben nun selber tragen.« Türk verstand den Spaß aber anders. Er knurrte, schnappte nach dem zitternden Äffchen und fing schließlich an, sich auf dem Boden herumzuwälzen, so daß Fritz fürs erste seine Abrichtungsversuche aufgeben und seinen Schützling wieder auf den Arm nehmen mußte.

Unter solcher Beschäftigung verschwand uns der Weg gleichsam unter den Füßen, und wir befanden uns nahe bei dem großen Bache und bei den Unsrigen, fast ohne daß wir es bemerkten. Bill, der zurückgebliebene Däne, kündigte uns mit lautem Bellen an, und Türk, der Brite, antwortete ihm. Auch begann er allmählich die Gegend zu erkennen und lief jetzt davon, um seinen Kameraden zu bewillkommnen und unsere Ankunft zu melden.

Bald kamen unsere Lieben am gegenseitigen Ufer eins nach dem andern zum Vorschein, winkten uns lachend und jubelnd zu und stiegen uns gegenüber am Bache hinauf, bis wir beiderseits zu der Stelle gelangten, wo wir schon am Vormittag hinübergegangen waren. Da schritten wir denn wieder glücklich an das jenseitige Ufer und eilten den Unsrigen in die offenen Arme.

Kaum hatten uns aber die Jungen recht betrachtet, so fingen sie an, durcheinander zu rufen: »Ein Affe! ein Affe! Wie hast du den bekommen? Ach, das ist herrlich! Hätten wir nur was zu fressen für ihn! – Aber was willst du da mit den Stecken? Was sind das für Nüsse, die der Vater trägt?« – So ging es an ein Fragen und Ausrufen, daß wir nicht wußten, wo wehren und was antworten.

Endlich, als es stiller zu werden begann, nahm ich das Wort: »Also noch einmal herzlich willkommen, Kinder! Wir bringen allerhand Gutes. Aber das Beste, was wir suchten, unsere Schiffsgesellschaft, oder auch nur eine Seele davon, war leider nirgends zu finden.«

»In Gottes Namen«, erwiderte die Mutter, »so laßt uns zufrieden und dankbar sein, daß wenigstens wir gesund und glücklich wieder beisammen sind. Wieviel hab‘ ich gefleht und geseufzt, daß ihr uns unverletzt heimkehren möchtet! So erzählt uns jetzt, wie es euch ergangen ist, und laßt euch von eurer Last erleichtern.«

Jack nahm mir jetzt mein Gewehr ab, Ernst die Kokosnüsse, Fränzchen die Kürbisschalen und die Mutter meine Jagdtasche. Fritz teilte seine Zuckerrohre aus; sein Gewehr aber bot er dem bequemen Ernst, der es zwar bedenklich fand, sich so hart zu beladen, aber doch dem freundlichen Ersuchen des Bruders sich nicht entziehen konnte. Bald indes erbarmte sich seiner die Mutter und nahm ihm die Kokosnüsse wieder ab; und so ging es vorwärts.

»Ja«, fing Fritz nun an, »wenn Ernst wüßte, was er abgegeben hat, er würde es gern behalten haben. Kokosnüsse sind es, Ernst, von deinen lieben Kokosnüssen!«

»O potztausend! Kokosnüsse!« rief dieser; »Mutter, geschwind, ich will sie schon tragen, und das Gewehr behalt‘ ich dazu.«

»Nein, nein«, antwortete die Mutter, »ich mag das Seufzen nicht hören, das du bald anstimmen würdest.«

»Ich kann ja die Stecken da wegwerfen und das Gewehr in der Hand tragen!«

»Beileibe nicht!« rief Fritz dazwischen; »die Strecken sind Zuckerrohr. Komm her! ich will dich lehren, wie man sie aussaugt.«

Der schweizerische Robinson

»Ei, ei«, rief nun alles: »Zuckerrohr!« und jeder flog hin zu Fritz und ließ sich erzählen, ließ sich Anleitung geben in der großen Aussaugekunst.

Auch die Mutter fing an, da sie so merkwürdige Dinge hörte, mich eifrig zu befragen. Mit Freude berichtete ich den Verlauf unsrer Entdeckungen und zeigte, was für nützliche Dinge wir aufgefunden hatten. Nichts aber gefiel ihr mehr als die Kalebassenschüssel und der Teller, weil wir beider fast am meisten bedurften.

So kamen wir endlich bei der Kochstelle an, wo wir mit Vergnügen die Zurüstung zu einer stattlichen Mahlzeit erblickten. Auf der einen Seite des Feuers staken an einem hölzernen Bratspieß über zwei eingerammten hölzernen Gabeln allerlei Fische. Auf der andern Seite ward eine Gans gebraten, und das abtriefende Fett lief in eine unterstellte große Muschelschale. Mitten innen stand über der Flamme der eiserne Topf und duftete den Wohlgeruch einer kräftigen Fleischbrühe aus. Hinter dem Feuer endlich lag eins der aufgefischten Fässer offen vor meinen Augen und zeigte mir als Eingeweide die schönsten holländischen Käse, die sämtlich in Blei gefaßt waren. Das alles war fähig, unsre durch die Säfte, die wir genossen, mehr betäubte als befriedigte Eßlust gar mächtig anzuregen.

Die Mutter rief auch sogleich zum Essen. Wir lagerten uns alle auf die Erde, und die Mutter fing an, die Mahlzeit aufzutragen, wobei unser Kalebassenporzellan ganz unvergleichliche Dienste tat. Die Knaben leerten indes ein paar zerschlagene Kokosnüsse, fanden sie gar trefflich und wählten sich die Bruchstücke der Schalen zu Löffeln. Dem Affen wurde sein Anteil auch gegeben. Das junge Volk tauchte der Reihe nach die Zipfel der Schnupftücher in Kokosmilch und hatte ganz unbeschreibliche Freude, als das kleine Tier sich’s gefallen ließ, an den Zipfeln recht behaglich zu saugen und dergestalt Hoffnung gab, daß wir es würden durchbringen können.

Gleich sollten noch ein paar Nüsse mit der Axt zerschlagen werden, als ich plötzlich ein: »Halt, halt!« kommandierte und bei dem drückenden Mangel an Schüsseln an eine gute Auskunft dachte. »Gebt her, Bürschchen«, rief ich, »wir wollen uns Geschirr machen! Hole mir einer die Säge.«

Jack, als der behendeste, schaffte rasch eine herbei, und ich arbeitete nun so lange, bis jegliches von uns eine Schüssel für sich erhielt, und die Mutter jedem besonders von ihrer Suppe vorlegen konnte. Die gute Frau war seelenvergnügt, daß wir nicht mehr mit den Austernschalen so unreinlich in den gemeinsamen Topf fahren mußten.

So hielten wir denn unsere Nachtmahlzeit, und obwohl wir die Fische ziemlich trocken, die Gans etwas angebrannt fanden, so ging ich doch mit gutem Beispiel voran, und die Jungen fuhren tapfer nach. Da wurde denn erzählt, daß die Fische von Jack und Fränzchen herbeigeschafft worden, und daß die Mutter im Schweiß ihres Angesichts die Kästonne aufgeschlagen und uns den köstlichen Nachtisch gewonnen. Jedes erhielt sein verdientes Lob.

Die Mutter hatte die Aufmerksamkeit gehabt, noch mehr trockenes Gras zu sammeln und es im Zelt hinbreiten zu lassen, so daß wir auf ein weicheres Lager hoffen durften als tags zuvor. Unsere Hühner verließen uns und gingen an ihrer gestrigen Stelle, auf dem First des Zeltes, zur Ruhe; die Gänse und Enten verschwanden gleichfalls in ihr letztes Nachtquartier, und auch wir sehnten uns herzlich nach Schlaf, so daß wir gleich nach aufgehobener Mahlzeit in das Zelt hineinschlüpften. Der Affe mußte mit. Fritz und Jack teilten sich in seine Freundschaft und Verpflegung. Sie nahmen ihn zärtlich in ihre Mitte und deckten ihn mit Sorgfalt zu, daß er nicht frieren möge. Wir übrigen lagerten uns in der gewohnten Ordnung, und ich, als der letzte, schloß das Zelt hinter mir. Gleich den übrigen ergab ich mich nach der heutigen Ermüdung bald und gern einem erquickenden Schlaf.

Nicht lange aber hatte ich seine Süßigkeit genossen, als ich durch die Unruhe der Hühner auf dem First des Zeltes und durch ein scharfes Bellen unserer wachsamen Hunde wieder aufgeweckt wurde. Ich ermannte mich sogleich zu ihrer Hilfe. Die Mutter und Fritz waren auch schon wach. Wir griffen alle drei zum Gewehr und traten vor das Zelt.

Der schweizerische Robinson

Mit Schrecken gewahrten wir bald im Licht des Mondes einen furchtbaren Kampf. Ein Dutzend Schakale hielten unsere zwei Doggen umringt, und diese tapfern Kämpfer hatten bereits drei oder vier ihrer Feinde auf die Walstatt gelegt, so daß der Rest in scheuer Entfernung rings die mutigen Hunde anheulte und ihnen den Vorteil abzulauschen suchte. Die zwei behutsamen Tiere aber sträubten sich, wandten sich nach allen Seiten und ließen sich die Feinde nicht beikommen. Fritz und ich legten sogleich an, und Knall und Fall lagen zwei von den Nachtschwärmern bei den übrigen auf dem Sand, und ein paar andere schleppten zerschmetterte Schenkel mühsam dem Trupp ihrer flüchtigen Kameraden nach. Türk und Bill holten die Verwundeten ein und rissen sie vollends zu Boden; dann, als die Schlacht vorüber war, mästeten sie sich wie echte Tierkaraiben von dem Fleisch ihrer Brüder nach Herzenslust und bewiesen, wie wenig wir ihren Appetit noch kannten, zumal da sonst Hunde das Fleisch von Füchsen und Wölfen, als ihren nächsten Stammesgenossen, nicht so leicht verzehren.

Die Mutter mahnte jetzt, weil alles ruhig sei, wieder ins Zelt zu gehen; aber Fritz erbat sich, erst seinen Schakal herbeischaffen zu dürfen, damit er ihn morgen den Brüdern vorweisen könne. Auf erhaltene Zustimmung brachte er die Bestie mühselig hergeschleppt, denn sie war von der Größe eines ansehnlichen Hundes, wiewohl nicht von dem ausgezeichneten Wuchs der unsrigen. Ich bemerkte dem eifrigen Fritz, daß, wenn Türk und Bill noch nicht satt von dem Schlachtfeld zurückkommen sollten, auch dieser letzte Schakal ihnen zum Lohn ihrer Wachsamkeit und Tapferkeit billig zu gönnen sei. – Wir ließen es darauf ankommen, legten die Leiche neben das Zelt an den Felsen, schlüpften wieder hinein zu den Kleinen, von denen auch nicht eines durch den Lärm geweckt worden war, und ohne Unterbrechung schlummerten wir jetzt an ihrer Seite, bis der Morgen anbrach und der Hahn mit durchdringendem Geschrei mich munter rief. Mein erstes war, auch die Mutter aufzuwecken, um einsam mit ihr den Geschäftsplan dieses Tages zu verabreden.

»Ach, liebe Frau!« fing ich an, »ich sehe so viel Arbeit und Besorgnisse vor, daß ich mir fast nicht zu helfen weiß. Eine Reise nach dem Schiffe ist unumgänglich nötig, wenn das zurückgebliebene Vieh nicht verschmachten soll; und eine Menge von nützlichen Sachen ist dort noch zu holen. Inzwischen wäre aber auch hier am Lande gar viel zu tun, und vor allem sollten wir uns eine bessere Wohnung bereiten.«

»Mit Geduld, Ordnung und anhaltendem Fleiß«, antwortete sie, »wird sich nach und nach alles geben, mein lieber Mann! – Ich denke zwar ungern an eine Rückfahrt nach dem Schiffe, sie ist aber für unser Wohlergehen notwendig, und wir wollen sie zu unserm ersten Geschäft machen; das übrige wird allmählich von selber kommen.«

»Nun denn, so sei’s, wie du geraten hast! Du bleibst, denke ich, wieder zurück bei den Kleinen; und Fritz, als der Stärkste und Gewandteste, kommt mit mir.«

Mit diesen Worten erhob ich mich und rief lauter: »Auf, Kinder, auf! Der Tag bricht an, und wir bekommen heute gewaltig zu schaffen. Morgenstunde hat Gold im Munde!«

Die guten Leutchen ermannten sich nur langsam, gähnten und wanden sich eine geraume Zeit, bis sie den Schlaf aus ihren Augen brachten. Fritz allein war im Hui von seiner Stelle über die andern hinweg aus dem Zelt zu seinem Schakal geflogen. Diesen, der die Nacht hindurch ganz starr geworden war, stellte er vor dem Eingang in Parade hin und lauschte, was die junge Mannschaft darüber sagen würde. Sobald aber die Hunde ihren Feind wieder auf den Beinen sahen, so sträubten sie sich schrecklich, knurrten, bellten und sprangen heran, daß Fritz sie nur mit Not besänftigen konnte; doch verfuhr er dabei so ruhig, daß es mich freuen mußte.

Im Zelte war alles neugierig, was diesen Lärm der Hunde veranlassen möge. Stück für Stück kamen die Kleinen heraus, und selbst der Affe guckte furchtsam bei dem Eingang umher. Als er aber den Schakal erblickte, floh er in die entfernteste Ecke unserer Lagerstätte und verkroch sich im Moos und Heu, daß man kaum noch sein Schnäuzchen sah. Die Knaben wunderten sich höchlich, woher der Fremdling gekommen sei, der da so Wache stand; und Ernst hielt ihn für einen Fuchs, Jack für einen Wolf, Fränzchen für einen gelben Hund.

Fritz lachte sie deswegen aus; die Brüder wurden darüber etwas gereizt, doch machten sie bald wieder Frieden; sie fingen an, nach dem Frühstück zu fragen. Einige schafften Rat und machten sich über eine Zwiebackkiste her; aber mit aller Gewalt vermochten sie kaum, das dürre Zeug zwischen ihren Zähnen zu zerknirschen. Fritz geriet in dieser Not hinter die Käsetonne, und Ernst schlich mit prüfendem Blick an einer andern herum, die wir aufgefischt hatten. Plötzlich kam er mit heiterm Gesicht daher und rief: »O Vater! wenn wir nur Butter auf unsern Zwieback hätten; wahrhaftig, er ginge zehnmal besser hinunter.«

»Ja, wenn! wenn! mit deinem ewigen Wenn!« sprach ich. »Ein Stück Zwieback mit Käse ist doch immer noch besser als eine ganze Schüssel voll Wenn.«

»Könnte einer nur das Faß auftun!«

»Welches Faß und wozu?«

»Je nun! um Butter zu bekommen, dort das große Faß. Da ist gewiß welche drin; denn an einer Fuge ist etwas Fettes herausgeronnen, das gerade wie Butter riecht.«

»Nun, deine Nase sei gepriesen, wenn du richtig geraten hast. Du sollst zum Lohn die erste Butterschnitte haben.«

Wir gingen zusammen hin nach der Tonne, und ich fand die Vermutung des Knaben bestätigt. Aber nun war ich in Verlegenheit, wie ich mich der Butter auf die geschickteste Weise bemächtigen könnte. Fritz, der inzwischen herbeigekommen, meinte rasch, man sollte die vordersten Reifen abschlagen und den Deckel ausheben. Aber ich bemerkte ihm, daß so die Faßdauben auseinandergingen und bei der wachsenden Tageshitze unser kostbares Fett bald herausschmelzen würde.

Am Ende beschloß ich, mit einem ansehnlichen Bohrer eine Öffnung in die Tonne zu machen und vermittelst eines kleinen hölzernen Spatens so viel herauszulangen, als vorderhand nötig sei. Dies geschah, und in wenigen Minuten hatten wir eine Kokosschale für unser Frühstück mit schöner gesalzener Butter vollgehäuft und mit Lust uns herumgelagert. Zwar blieb auch so der Zwieback verzweifelt hart; aber endlich rösteten wir ihn, mit Butter bestrichen, am Feuer, und fanden ihn dann trefflich; nur daß die Knaben in ihrem blinden Eifer manch prächtiges Stück verbrannten und wegwerfen mußten.

Unsere Hunde lagen während dieser Verrichtung ruhig neben uns, und im Verdauen ihrer nächtlichen Mahlzeit machten sie gar nicht Miene, an unserm Frühstück teilnehmen zu wollen. Indes bemerkten wir jetzt, daß sie aus dem blutigen Kampfe keineswegs mit heiler Haut davongekommen waren; denn sie waren an verschiedenen Stellen, besonders um den Hals, gebissen und wund. Sie fingen aber bald an, ihre Wunden gegenseitig zu belecken, zumal am Halse, wo keiner sich selbst hätte beikommen können.

Der schweizerische Robinson

»Es wäre doch gut«, meinte da Fritz, »wenn wir auf dem Schiffe Stachelhalsbänder für unsere wackern Tiere fänden; denn da die Schakale einmal auf unsere Spur geraten sind, so könnten sie wiederkehren und der unbewaffneten Hunde am Ende noch Meister werden.«

»Oh!« sagte Jack, »ich will selbst Halsbänder machen, und das recht tüchtige! Wenn mir nur die Mutter helfen will!«

»Es sei dir versprochen, kleiner Prahler«, sprach die Mutter; »wir wollen sehen, was du erdenken wirst!«

»Ja, ja, Männchen!« fügte ich hinzu, »übe du nur deine Erfindungskraft. Wenn du etwas Kluges herausbringst, so sollst du Lob und Ehre haben. – Indes ist es Zeit, daß wir sämtlich an unser Tagwerk gehen, und also, Fritz, rüste dich! Die Mutter und ich haben nötig befunden, daß du mit auf das Wrack zurückkehrst, damit wir retten, was irgend noch übrig ist. Ihr andern Kleinen bleibt wieder bei der Mutter hier. Seid gehorsam und fleißig.«

Während wir in unser Kufenschiff einstiegen, verabredete ich, daß die Zurückbleibenden eine Stange mit Segeltuch als Flagge aufrichten sollten, die wir mit dem Fernrohr von dem Wrack aus bemerken könnten, und daß das Umwerfen derselben, von drei Notschüssen begleitet, uns ein Zeichen sein solle, wieder heimzukehren. Ja, ich konnte die Mutter zu dem mannhaften Entschlusse bringen, einsam mit den Kleinen zu übernachten, wenn sie nichts Gefährliches vermerken und wenn uns dagegen die Menge der Arbeit zu lang auf dem Schiffe versäumen sollte.

Der schweizerische Robinson

Wir nahmen nichts als unsere Gewehre samt Zubehör mit, weil noch Eßwaren genug auf dem Schiffe sein mußten, und bloß der kleine Affe ward endlich zugelassen, weil Fritz ihn so bald als möglich mit frischer Ziegenmilch erquicken wollte. Schweigend stießen wir vom Ufer, und Fritz ruderte scharf, während ich selbst mit dem Steuer nachhalf, so gut ich vermochte. Als wir schon ziemlich weit vom Lande entfernt und etwa in die Mitte der Bucht gekommen waren, bemerkte ich, daß diese außer der Öffnung, durch die wir zum erstenmal hineingefahren, noch eine zweite hatte, durch welche der Bach, der sich unfern in die Bucht ergoß, mit fortwährendem Zuge der offenen See zuströmte. Diesen Zug zu benutzen und dadurch unsere Kräfte beträchtlich zu schonen, ward gleich mein Augenmerk; und ein so schlechter Steuermann ich auch war, so gelang es mir doch, hineinzukommen. Ganz sanft trug er uns drei Vierteile des Weges dem Wracke zu, und es kostete uns bloß die Mühe, das Schifflein in gerader Richtung zu erhalten, bis wir endlich den letzten Teil der Fahrt mit ausgeruhter Kraft, als die Strömung abzunehmen begann, von neuem mit Rudern zurücklegten und in den offenen Schiffsbauch einfuhren, wo unser Fahrzeug sogleich befestigt wurde.

Kaum waren wir aus den Kufen, als Fritz seinen Affen auf die Arme nahm und, ohne ein Wort zu sagen, Hals über Kopf auf das obere Verdeck lief, wo das sämtliche Vieh stand. Ich folgte nach und freute mich seiner Ungeduld, den bedürftigen Geschöpfen zu Hilfe zu gehen. Oh, wie die verlassenen Tiere uns anblökten, anmeckerten, entgegengrunzten! Nicht sowohl Bedürfnis der Nahrung als Sehnsucht nach Menschen schien alle die Freudentöne auszupressen, denn Futter und Getränk war noch hinlänglich vorhanden. Der Affe ward sogleich einer Ziege an das Euter gelegt und schmatzte unter seltsamen Grimassen die ungewohnte Milch mit immer zunehmender Lust in sich hinein, was uns nicht wenig belustigte.

Nachdem wir hierauf dem Vieh frisches Futter und Wasser gegeben hatten, sorgten wir auch für uns und aßen, was wir ohne langes Suchen im Schiffe finden konnten.

Unsere erste Sorge war nun, unserm Schiff einen Mast mit einem Segel einzubauen, damit wir, durch den frischen Seewind getrieben, um so leichter das Land erreichen möchten.

Zuerst ersah ich mir ein Stück Segelstange, das zu einem Maste tauglich schien, und ein anderes dünneres, an das ich mein Segel befestigen könnte. Fritz mußte mit einem runden Meißel ein Loch durch ein Brett arbeiten, um den Mast nachher durchzustecken. Ich selbst ging in die Segelkammer und schnitt mir von einer großen Tuchrolle ein dreieckiges Segel ab, das ich zurechtmachte, so gut ich imstande war. Darauf nahm ich einen Flaschenzug, den ich oben an meinem Mast befestigen wollte, um das Segel nach Belieben aufziehen und niederlassen zu können. Inzwischen hatte Fritz sein Werk ganz erträglich vollendet, und das Brett mit dem Loche wurde nun quer über die Breite unserer Schiffkufen befestigt und der Flaschenzug an der Spitze des Mastes in einen Ring gehängt, um ihn willkürlich bewegen zu können. Ein Seil, an welches der längste Zipfel des Segels festgeknüpft war, wurde hindurchgezogen und endlich der Mast durch das Loch im Brett auf den Boden der Kufe gesenkt, so daß er vorläufig ganz ansehnlich zu stehen kam. Doch mußte er am Bock noch festgemacht werden, und das geschah ohne Zeitverlust.

Mein Segel machte ein rechtwinkliges Dreieck aus, dessen eine Seite hart am Maste herunterhing und damit verbunden wurde. Die kürzeste Seite wurde unten um eine dünne Segelstange geschnürt, welche von dem Maste über das Schifflein hinausstand und an dem einen Ende mit dem Mast verknüpft war, am andern aber ein langes Seil erhielt, das bis hinten zum Steuerruder reichte und mir einige Führung des Segels oder im Notfall das Loslassen möglich machte. Vorn und hinten am Schiffe wurden Löcher gebohrt, um dieses Seil befestigen zu können, damit man das Segel nach beiden Seiten zu gebrauchen vermöchte, ohne jedesmal das ganze Fahrzeug umkehren zu müssen.

Indes ich so beschäftigt war, hatte Fritz mit dem Fernglas nach dem Lande hingeschaut. Er brachte die Nachricht, daß dort alles in Ordnung zu sein scheine, und trug zugleich einen kleinen Wimpel herbei, den ich ihm zu Gefallen auf unserm Mast befestigen sollte, damit unser Fahrzeug doch ja nach etwas Rechtem aussehe.

Diese Eitelkeit in unserer Armseligkeit machte mich lachen. Aber dem ehrlichen Fritz zulieb befestigte ich den Wimpel und hatte selbst meinen Spaß daran. Dann aber suchte ich unser Schiff auch mit einem Steuerruder zu versehen.

Unverzüglich wurden an beiden Enden des Schiffes je zwei aufrechte starke Knebel befestigt, zwischen denen die Ruder zu liegen kamen und an die sie bei jedem Zuge sich anstemmen konnten.

Während solcher Arbeiten rückte der Abend heran, und ich merkte wohl, daß wir würden auf dem Wrack übernachten müssen, wenn wir nicht mit leerem Schiffe nach Hause fahren wollten. Es war am Lande verabredet worden, daß wir eine Flagge aufziehen sollten, wenn wir gedächten, auf dem großen Schiffe zu bleiben; und dieses wurde jetzt beschlossen und vollzogen.

Den Rest des Tages brachten wir damit zu, den unnützen Ballast von Steinen aus unserm Kufenschiff zu werfen und dafür eine recht schöne Ladung von brauchbaren Gerätschaften und Stoffen zusammenzusuchen. Demzufolge plünderten wir das Wrack wie Vandalen und füllten unser Schifflein nach Herzenslust.

Bei der überwiegenden Wahrscheinlichkeit gänzlicher Einsamkeit ließen wir Pulver und Blei unser erstes Augenmerk sein, um so lang als möglich Mittel zur Jagd und zum Schutz gegen wilde Tiere zu haben. Alles Handwerkszeug, das im Überfluß vorrätig war, schien mir ebenso unentbehrlich zu sein. Unser Schiff war zur Anlegung einer neuen Ansiedlung in der Südsee bestimmt gewesen und enthielt darum eine Menge Dinge, die man sonst gar nicht oder nur sparsam auf Seereisen mitnimmt.

Es wurde mir schwer, bei der Masse von nötigen und nützlichen Dingen, die wir vorfanden, eine Auswahl zu treffen. Nachdem ich aber die obgenannten Stücke voraus erkoren, nahm ich jetzt auch Messer, Gabeln, Löffel und Küchengeschirr, dessen wir sehr bedürftig waren. In des Kapitäns Kajüte fanden sich einige silberne Bestecke und anderes Silberzeug, zinnerne Teller, Platten und Schüsseln samt einem wohlversehenen Flaschenfutter. Das alles wurde eingepackt. In der Küche beluden wir uns ferner mit Rösten, Kellen, Pfannen, Kesseln, Töpfen und Häfen, wovon ich nahm, was mir das Beste und Unentbehrlichste schien. Endlich wurden aus des Kapitäns Vorrat einige westfälische Schinken auserwählt und ein paar Säcklein Getreide, Mais und andere Sämereien beigefügt.

Auf Fritzens Erinnerung, wie hart und kühl unser Nachtlager am Lande sei, vermehrte ich unsre Ladung noch mit einer Anzahl Hängematten und wollenen Bettdecken, die uns allenfalls auch zu anderm Gebrauch dienen mochten. Fritz, der nie genug Waffen sah, schleppte noch ein paar Flinten und einen Arm voll Degen, Säbel und Hirschfänger herbei. Zum Beschlusse ward ein Fäßchen Schwefel und eine Menge von Tauen und Stricken samt einer Rolle Segeltuch aufgeladen. Den Schwefel bestimmte ich zum künftigen Ersatz unsres Schwefelfadens beim Feuerschlagen.

So war denn unser kleines Fahrzeug bis oben befrachtet und ging so tief im Wasser, daß ich es erleichtert haben würde, wenn wir nicht vollkommen ruhige See gehabt hätten. Doch bestimmte ich zwei Korkwämser, um sie auf jeden Fall für die Heimfahrt anzuziehen, damit wir uns leichter retten könnten, wenn das Schifflein umschlagen sollte.

Man kann sich leicht denken, daß es über dieser Arbeit Nacht wurde und daß keine Möglichkeit war, an den Strand zurückzukehren. Wie leicht hätten wir auf einer Klippe auffahren oder sonst in der Dunkelheit verunglücken können! – Ein lachendes großes Feuer am Lande bewies uns das Wohlsein der Unsrigen, und wir bestrebten uns, mit vier großen brennenden Laternen anzuzeigen, daß wir uns gleichfalls gesund und wohl befänden. –Zwei Schüsse sagten uns dann laut Verabredung, daß man unser Signal erkannt und verstanden habe.

Nicht ohne Sorgen für die lieben Zurückgelassenen legten wir uns endlich ermüdet zur Ruhe, und zwar ziemlich unbequem in unser Kufenschiff, um, wenn das Wrack auseinanderginge oder sonst Gefahr sich erhöbe, sogleich zur eiligen Flucht gerüstet zu sein.

Früh am Morgen, als es kaum noch hell genug war, bis zur Küste zu sehen, stand ich bereits auf dem Verdecke des Schiffes und richtete mein großes Fernrohr nach dem Zelte, das meine Lieben beherbergte. Fritz indessen schaffte rasch ein nahrhaftes Frühstück herbei, und wir setzten uns so, daß wir fortwährend nach dem Ufer hinblicken konnten. Nicht lange darauf glaubte ich wahrhaftig die Mutter zu gewahren, die aus dem Zelte schritt. Wir ließen sogleich einen weißen Wimpel in die Lüfte wehen und empfingen zur Antwort ein dreimaliges Schwingen der Flagge, die am Strande aufgerichtet worden war. Eine Last fiel mir vom Herzen, als ich mich so überzeugte, daß sich die Zurückgebliebenen fortwährend in gutem Wohlsein befänden.

»Ja, Fritz!« fing ich jetzt an, »ich dachte, daß ich heute nicht einen Augenblick säumen würde, zurück an das Land zu kehren. Aber nun, da ich gottlob erfahren, daß die Unsrigen wohl sind, erwacht mein Mitleid mit den armen Kreaturen, die hier auf dem Schiffe so kümmerlich hinleben müssen und jeden Tag in Lebensgefahr stehen. Gern wollte ich doch ein paar Stücke davon ans Ufer schaffen.«

»Ei, können wir nicht ein Floß bauen und die Tiere gleich allesamt hinüberführen?«

»Aber denke doch, ohne nur von den Schwierigkeiten des Baues zu reden, denke doch, wie wollen wir denn die Kuh und den Esel und das bissige trächtige Schwein auf solch ein Fahrzeug bringen und während der Überfahrt stillhalten!«

»So wollen wir kurz und gut beim Abfahren das Schwein in die See werfen. Mit seinem Schmerbauch wird es vortrefflich schwimmen, und wir können es an einem Stricke nachziehen.«

»Das ist gar zu heroisch dreingefahren, und am Ende paßt es nur bei dem Schweine. Die Ziegen aber und die Schafe wären mir um vieles lieber.«

»Nun, so wollen wir dem kleinen Vieh die Korkwämser anziehen; da wird es schwimmen wie die Fische und uns noch einen Spaß machen.«

»Ach, Herzensfritz! Was zündet dein lächerlicher Rat mir für ein Licht an! Vortrefflich, vortrefflich! Auf, und zur Probe!«

Wir stürmten empor, und schnell ward einem muntern Lamm ein Korkleibchen umgeschnürt und das Tier in die See geworfen. Voll Furcht und Hoffnung und Neugier sah ich dem armen Geschöpfe nach. Das Wasser schlug rauschend über ihm zusammen und schien es erst verschlingen zu wollen; dann aber kam das erschrockene Ding wieder hervor und schneuzte sich und zappelte ganz erbärmlich und schwamm, daß es eine Lust war, schwamm noch fort, als es endlich ermüdet seine Beine hängen ließ und verzweifelnd dem Wasser gar keinen Widerstand mehr tat.

Ich sprang auf vor Freuden. »Nun sind sie unser! nun sind sie unser!« rief ich einmal über das andere. »Auch für die großen will ich Rat schaffen! Hätten wir nur das Schäfchen wieder!«

Fritz, der einsah, daß man es nicht im Wasser lassen dürfe, bis wir die andern zugerüstet hätten, war bereit, in die See zu springen, um es wieder herbeizuholen. Ich schnallte ihm sein Korkwams um und ließ ihn springen. Er nahm ein Seil mit und warf es dem Lamm über den Kopf, dann zog er es schwimmend zu der Öffnung des geborstenen Schiffes herein, wo wir das Tierchen aufs Trockene hoben und seiner Angst ein Ende machten.

Nun suchte ich vier Wassertonnen zusammen, die ich auslaufen ließ und wieder zuschlug. Darauf band ich je zwei in einiger Weite aneinander und nagelte ihrer ganzen Länge nach starkes Segeltuch an, so daß es von der einen zur andern überhing. Dieses Tuch war bestimmt, dem Esel und der Kuh unter dem Leibe zu liegen, daß ihnen die Tonnen zu beiden Seiten wie Bastkörbe zu stehen kamen. Als wir die Tiere dann zurechtgestellt, wurden die Tonnen an ihrem Rücken festgemacht, die leeren Räume wurden überall mit Stroh vollgestopft, damit kein Druck den Leib beschädige, und endlich befestigte ich die ganze Maschine mit einem Riemen über die Brust, damit sie nicht über die hintern Beine zurückgleiten könne. So waren Kuh und Esel in anderthalb Stunden schwimmfertig ausgerüstet, und nun ging es an das kleinere Vieh. Mit dem Schweine hatten wir entsetzliche Not, und nur, als wir ihm sein bissiges Maul verbunden hatten, konnten wir ihm ein Korkswams unter den Bauch hinschnüren. Die Ziegen und Schafe waren weniger ungebärdig, und so brachten wir endlich die ganze Herde unter dem obern Verdecke zur Abreise zusammen. – Jedem Stücke wurde jetzt noch ein Strick um die Hörner oder um den Leib gebunden und an dem andern Ende des Strickes ein Holz befestigt, damit man es im Wasser auffangen und das Tier also heranziehen könne. Darauf fingen wir an, die Seitenwand des Schiffes, da wo die Tiere standen, loszureißen, bis wir eine Öffnung erhielten, durch welche man sie hinausstürzen konnte. Zum Glück hatten uns Wind und Wellen tüchtig vorgearbeitet, so daß wir in kurzer Zeit eine Menge von Planken und Brettern hinwegzuschaffen vermochten. Endlich war die Öffnung nach Wunsch, und nun wurde mit dem Esel ein Versuch gemacht. Wir führten ihn hart an den Rand, stellten ihn seitwärts und brachten ihn mit einem kräftigen Stoß über Bord. Er fiel mit großer Gewalt in das Wasser, das über ihm zusammenschlug; aber bald tauchte er hervor und schwamm zwischen seinen Tonnen so wunderschön, daß wir ihm ordentlichen Beifall klatschten.

Jetzt kam die Kuh an die Reihe, und da sie mir ungleich schätzbarer war als der Esel, so war ich auch ängstlicher über den Erfolg meiner Schwimmveranstaltung. Nicht weniger glücklich als ihr Vorgänger wurde sie durch die leeren Tonnen flott erhalten und schwamm mit der ganzen Kaltblütigkeit ihrer Familie getrost über die Wasserfläche.

Wir warfen nun auch das kleine Vieh allmählich nach; und alles blieb schwimmend und gelassen in der Nähe des Schiffes. Nur das Schwein wütete fürchterlich und ruderte so ungestüm in der See herum, daß es weit von den andern hinweg, aber glücklicherweise gerade gegen das Land zu schwamm.

Der schweizerische Robinson

Wir zauderten jetzt selbst keinen Augenblick mehr, sondern sprangen mit unsern Korkleibchen angetan in unsern »Katamarang« und kamen bald aus dem Bauche des Wracks in die offene See, recht mitten in die seltsame schwimmende Herde hinein. Da wurden denn nach und nach die Stricke vermittelst der Hölzer aufgefischt, das Vieh herbeigezogen und an den Rand des Schiffleins festgebunden, bis alles versammelt war, und nun das aufgespannte Segel, von günstigem Winde geschwellt, uns gegen das Ufer zu führen begann.

Vergnügt saßen wir in unsern Tonnen und hielten eine Art von Mittagsmahl. Fritz neckte sich mit seinem Affen, und ich, mit halber Seele beständig am Lande bei den Meinigen, sah durch mein Fernglas, um sie aufzusuchen; denn schon vom Schiffe aus hatte ich bemerkt, daß sie zu irgendeinem Streifzuge aufgebrochen sein müßten, und vergebens hatte ich mich seither bemüht, ihre Spur zu entdecken.

Da der Wind uns gerade nach der Bucht zutrieb, so steuerte ich vorsichtig durch die Einfahrt, ließ das Segel fallen und brachte nach einigen Wendungen das Fahrzeug an eine Stelle, wo unser Vieh auf den Grund kam und Fuß fassen konnte; dann ließ ich die Stricke los, das Vieh wandelte von selbst an das Ufer, und bald lag unser Schifflein an dem alten Landungsplatze fest.

Es war mir doch nicht wohl, daß unsre Leute nicht sogleich erschienen, denn schon brach der Abend herein, und ich wußte nicht, wo ich sie suchen sollte. Aber kaum waren wir am Ufer und hatten unser Vieh von seinem Schwimmzeug zu erlösen begonnen, als ein lautes Jubelgeschrei in unsere Ohren drang und hüpfend und tanzend die junge Mannschaft daherkam, worauf sich auch die Mutter frisch und gesund erblicken ließ.

Nachdem sich das erste Durcheinander der Freude gelegt hatte, fing ich, ins Gras gelagert, an, der Ordnung nach unsere Verrichtungen herzuerzählen. Die Mutter war überrascht, daß es mit der Überfahrt des Viehs so vortrefflich gelungen sei. »Ich habe mir fast den Kopf zerbrochen«, sagte sie, »wie man die Tiere ans Land bringen könnte, und doch fiel mir gar nichts ein.«

»Ja«, sagte Fritz, »diesmal hat der Herr Geheimrat seine Künste gemacht.«

»Das ist wahr«, bemerkte ich, »es gebührt ihm das Lob, daß er mich auf die richtige Spur gebracht hat.«

»Ihr sollt beide Dank haben«, erwiderte die Mutter, »denn ihr habt das Beste gerettet, was ich in unsrer Lage mir denken kann.«

»Ach was«, meinte Fränzchen, »da ist die Flagge an dem Schiff doch etwas anderes als das plumpe Vieh. Hei, wie sie lustig im Winde weht!«

Ernst und die andern sprangen nun an das Schiffchen und bewunderten den Mast und das Segel und den Wimpel und ließen sich erklären, wie alles gemacht worden sei. Unterdessen fingen wir an auszupacken und hatten gewaltig zu tun; aber Jack, dem das nicht behagen wollte, schlich sich zur Seite, machte sich an das Vieh, löste Schafen und Ziegen die Korkwämser ab, belachte den Aufzug des Eselchens, das noch trübselig zwischen seinen zwei Tonnen stand, und versuchte zuletzt, ihm Luft zu machen. Als das jedoch nicht gelingen wollte, schwang er sich getrost auf den Rücken des Tieres zwischen die zwei Tonnen hinein und kam nun majestätisch wie ein Hanswurst auf dem ehrlichen Grauschimmel hergeprunkt, indem er aus Leibeskräften mit Maul und Hand und Fuß ihn antrieb, von der Stelle zu traben.

Wir mußten nicht wenig über den drolligen Aufzug lachen und am meisten ich, als ich das Kerlchen von dem Esel hob und es mit einem gelbhaarigen ledernen Gürtel umschlungen sah, in welchem ein paar kleine Pistolen staken.

»Wo in aller Welt«, sagte ich, »hast du nur den Schleichhändleranzug hergenommen?« – »Eigenes Machwerk«, versetzte er, »und sieh nur die Hunde an!«

In diesem Augenblick bemerkte ich, daß jede von den Doggen ein gleichartiges Halsband hatte, nur daß aus dem Leder eine Menge von Nägeln ganz bedenklich in die Lüfte ragte und eine furchtbare Schutzwaffe bildete.

»Das ist brav«, bemerkte ich, »wenn du das alles selbst erfunden und selber ausgeführt hast.«

»Das habe ich! Nur hat die Mutter mir geholfen, wenn es was zu nähen gab.«

»Aber, wo habt ihr die Haut«, fragte ich, »und wo habt ihr Faden und Nadel her?«

»Fritzens Schakal mußte uns jene liefern«, antwortete die Mutter, »und mit Faden und Nadeln soll eine brave Hausfrau jederzeit versehen sein. Ihr Männer denkt wohl an das Große, aber das Kleine überseht ihr, und doch hilft uns dieses tausendmal aus Verlegenheiten. Darum habe ich solche Kleinigkeiten in meinen Zaubersack genommen und hoffe, sie sollen uns noch oft nützlich werden.«

Fritz sah etwas scheel dazu, daß Jack seinen Schakal entweiht und die schöne Haut in Riemen zerschnitten hatte; doch verbarg er seinen Unmut, so gut er konnte.

Aber Jack bekümmerte sich nicht um ihn, sondern stolzierte mit seinem Gürtel umher wie ein kalkuttischer Hahn und blähte sich mächtig auf. Weil aber die Überreste des Schakals bedenklich zu riechen begannen, liefen alle hin und schafften sie in die See, damit sie uns nicht belästigen könnten.

Weil ich unterdessen sah, daß noch keine Anstalten zum Nachtessen getroffen waren, so befahl ich Fritz, die Westfälinger hervorzulangen, die noch in der Kufe lagen.– Alle sahen mich fragend an, was ich damit sagen wolle, als Fritz schon mit einem prächtigen Stück dahergesprungen kam. »O willkommen!« rief nun alles; »ein Schinken! ein Schinken! das ist ja herrlich.«

»Ach«, sagte die Mutter, »laßt euch nicht das Maul wässern nach diesem Leckerbissen; denn, solltet ihr warten, bis er gar gekocht wäre und nach Wunsch euch schmecken dürfte, so könntet ihr dasitzen bis morgen und mit den Zähnen müßig gehen. Hier aber habe ich ein paar Dutzend Eier von unsrer Reise mitgebracht, und wenn es wahr ist, was Ernst behauptet, so sind es Schildkröteneier. Aus diesen habe ich bald einen Kuchen gemacht, denn an Butter fehlt es uns gottlob auch nicht mehr.«

»Oh, es sind gewiß Schildkröteneier«, behauptete Ernst, »denn sie sind wie eine weiße Kugel, ganz hautig wie nasses Pergament, und wir haben sie im Sand am Meerufer gefunden.«

»Ei, so kann es nicht fehlen, mein lieber Ernst!« sagte ich. »Aber bei welchem Anlaß habt ihr sie entdeckt?«

»Ja, das hängt mit unsrer ganzen Geschichte von dem heutigen Tage zusammen«, antwortete die Mutter, »und wenn du mich einmal anhören kannst, so wirst du alles vernehmen.«

»Gut, Mutterchen«, sagte ich, »so koche zuerst dein Eiergericht! Während wir speisen, wollen wir uns eure Taten als ein gutes Zugemüse auftischen lassen und fürstlich davon leben. Was übrigens unsre Schinken betrifft, so kann ich dir sagen, daß sie auch roh ganz eßbar sind, wie wir es auf dem Schiffe selbst erfahren haben; doch will ich glauben, daß sie gekocht noch doppelt so köstlich schmecken. – Indes will ich, bis unser Nachtmahl fertig ist, die Kuh, den Esel und das Schwein, mit denen Jack nicht fertig geworden, vollends ihrer Schwimmrüstung entledigen, und ich hoffe, das junge Volk werde mir Hilfe leisten.«

Mit diesen Worten erhob ich mich, alles jubelte mir nach an das Ufer, und die Arbeit ging uns frisch von der Hand.

Unterdes war die Mutter mit dem Eiergericht fertig geworden und rief uns einladend herbei. Wir machten es uns mit Tellern, Löffeln, Gabeln und Zubehör recht bequem und speisten dann mit verdoppelter Lust, indem wir teils um die aufgestellte Buttertonne standen, teils gemächlich auf der Erde saßen. Der Schinken, Käse und Zwieback gaben nebst den Eiern schon ein stattliches Mahl, und die Hunde, die Hühner, die Tauben, die Schafe und Ziegen versammelten sich mit eigennütziger Neugier als belebende Zuschauer rings umher. Den Gänsen und Enten, obschon sie ganz in der Nähe waren, gefiel es nicht, von der Gesellschaft zu sein. Sie mochten sich in ihrem nassen Elemente besser befinden, zumal da sich dort viele Würmer und eine Art von kleinen Krabben in Menge befanden und die leckerhafteste Nahrung gewährten. Mir aber war schon recht, daß ich die Zahl unsrer Kostgänger sich mindern sah; denn ich merkte im voraus, daß wir weder Zeit noch Mittel haben würden, alle die Tiere in Zukunft zu pflegen und abzufüttern.

Nachdem wir gespeist hatten, ließ ich durch Fritz eine Flasche von unserm eroberten Kanariensekt aus des Kapitäns Flaschenkeller aufstellen; und endlich bat ich die Mutter, uns die Geschichte ihres Tuns und Lassens während unsrer Trennung der Länge nach preiszugeben.

  1. Kraftmännlen, ein Schweizer Ausdruck für »den starken Mann spielen«.

Zum Geleit

Die erste Ausgabe des Schweizerischen Robinson, dieses Pioniers unter den Jugendbüchern, erschien im Jahre 1812 im Verlag von Orell, Füssli & Co., Zürich. Es waren vier Teile in zwei Bänden. Der Berner Stadtpfarrer Johann David Wyß (1743 – 1818) hatte die Geschichte verfaßt und seinen vier Knaben erzählt; einer von ihnen, der Philosophieprofessor und Bibliothekar Johann Rudolf Wyß (1782 bis 1830), der Dichter des Liedes »Rufst du, mein Vaterland«, hat sie dann für die Veröffentlichung vorbereitet. Weil das Werk in seiner ursprünglichen Fassung eigentlich nicht für den Druck bestimmt war, erfuhr es später verschiedene Bearbeitungen, die sich vor allem auf die Kürzung der zahlreichen Exkurse beschränkten. Unser Buch ist somit die einzige Originalausgabe; es gibt weitgehend den ursprünglichen Wortlaut wieder.

Die vorliegende Ausgabe enthält die ersten Illustrationen, die für den Schweizerischen Robinson geschaffen wurden (wenn man von den paar Kupferstichen in den Ausgaben von 1812 und 1821 absieht). Sie stammen von C. Lemercier, schmückten erstmals die Ausgabe von 1841 und atmen also noch den Geist der Epoche, in der dieses Buch entstand.

Seit seinem ersten Erscheinen fand das Buch unvermindert freudige Aufnahme bei jungen und bei erwachsenen Lesern; in Zehntausenden von Exemplaren mußte es immer wieder gedruckt werden. Seit mehr als anderthalb Jahrhunderten begeistert der Schweizerische Robinson Generation auf Generation, und wir hoffen, daß auch die Urururenkel des wackeren Berners und ihre Altersgenossen ihre Abenteuerlust an dem unvergänglichen Buche stillen werden wie einst ihre Väter und Ahnen.

Orell Füssli Verlag

Neuntes Kapitel

Ein Jagdabenteuer mit einer Hyäne. Wozu die Taubenpost gut ist. Elefanten! Fritz macht eine Kajakfahrt stromaufwärts und trifft auf Flußpferde. Das Haifischinselchen wird eine Festung.

Der lange, dreistimmige und geschwätzige Bericht der lustigen Reisegesellschaft läßt sich in etwas gedrängtere Erzählung zusammenfassen.

Rasch ging es also nach dem Aufbruch über die Brücke hinweg. In ziemlich kurzer Zeit erreichten sie die Gegend von Waldegg; hier wollten sie sich für die ersten zwei Tage festsetzen.

Als sie sich aber der Meierei näherten, vernahmen sie ganz bestürzt ein wiederholt aufklingendes Lachen wie von einer Menschenstimme, und zugleich bezeugten ihre Ochsen durch Schnauben, Brüllen und Kopfaufrichten eine ganz außerordentliche Unruhe. Die Hunde fingen an, mit gesträubten Haaren zu knurren, und zogen sich bedächtig in die Nähe der Knaben zurück. Ja, der Strauß machte plötzlich mir nichts dir nichts kehrt und rannte samt seinem hochfahrenden Reiter auf und davon in den Reissumpf am Waldeggsee hinein.

Unterdessen wiederholte sich von Zeit zu Zeit das schauderhafte Lachen, wobei jedesmal der Ausdruck der Unruhe und Angst bei den Tieren wiederkehrte, so daß sich endlich die Ochsen fast gar nicht mehr halten ließen und die zwei Reiter gut fanden, abzuspringen, um ihrer Bewegungen Herr zu bleiben.

»Hier ist etwas nicht richtig«, sagte Fritz, »die zwei Tiere da tun ja, als ob ein Löwe oder Tiger in der Nähe verborgen läge. Sie sind kaum noch zurückzuhalten; ich will sie aber womöglich noch zu bändigen suchen, bis du ein wenig vorausgeschlichen bist, Fränzchen, und in Begleitung der Hunde ausgespäht hast, was für ein Strauchdieb im Revier sein mag. Komm aber eiligst zurück, sowie du etwas Unheimliches bemerkst; wir springen dann wieder auf und sausen im Hui davon. Unsere Ochsen drehen so schon die Nasen nach rückwärts. Schade, daß Jack Reißaus genommen hat; man hört gar keinen Laut von ihm.«

Fränzchen machte seine Pistolen sowie seine Kugelbüchse zurecht, rief leise die zwei Hunde zu sich und kroch dann geduckt durch das Gebüsch nach der Gegend zu, aus der das scheußliche Lachen hergetönt hatte.

Der schweizerische Robinson

Etwa achtzig Schritte weit mochte er sich vorwärts geschlichen haben, als er plötzlich durch eine Öffnung des Gesträuches, ungefähr dreißig oder vierzig Schritte weit vor sich, eine ungeheure Hyäne zu Gesicht bekam, die eben einen Widder zu Boden gerissen hatte.

Entsetzt blieb Fränzchen stehen; das Ungeheuer hob den blutigen Rachen von seinem Opfer und starrte mit funkelnden Augen zu dem armen kleinen Buschklepper hinüber; anstatt aber zum Angriff überzugehen, beugte sie sich wieder zu ihrem Raub und begann in aller Gemütsruhe ihr Frühstück. Einmal nur streifte ihn wieder ein Blitz aus den tückischen Augen, und das grauenvolle Lachen, aus nächster Nähe doppelt fürchterlich, jagte ihm einen Schauder über den Leib. Noch einen tiefen Atemzug, dann hatte der brave Junge sich gefaßt; schnell hob er seine Büchse, nahm einen Baum als Stütze zum Zielen für den doch leise zitternden Arm und drückte ab. Das Scheusal brüllte heulend laut auf. Eine seiner Vordertatzen war zerschmettert. Jetzt aber brachen die Hunde wie rasend los, und im nächsten Augenblicke wälzten sie sich im Knäuel mit ihrem Feinde am Boden. Ein entsetzlicher Kampf, dem Fränzchen verwirrt und erschüttert zusehen mußte, weil ein neuer Schuß aufs Geratewohl in dieses Durcheinander von zuckenden, windenden und springenden Gliedmaßen ebensogut die Freunde wie den Feind treffen konnte.

Fritz, der inzwischen mit großer Anstrengung dazu gelangt war, die zwei Reitochsen an Baumstämmen festzubinden, kam eben jetzt mit gespanntem Hahn seiner Jagdflinte herbeigelaufen, um dem Bruder Hilfe zu leisten. Aber auch er wagte nicht zu schießen. Zum Glücke war der Ausgang des Kampfes nicht lange mehr unentschieden; die beiden Doggen bewährten sich als unvergleichliche Kämpfer, und nach einigen weitern Minuten ängstlicher Spannung brach das Ungetüm, das unter Kreischen und Heulen um sich gebissen hatte, mit einem schauerlichen Ächzen zusammen. Braun hatte ihm die Gurgel regelrecht durchbissen. Jetzt sprang Fritz in langen Sätzen hinzu und jagte der Hyäne aus nächster Nähe eine Pistolenkugel ins Auge. »Viktoria!« schrie er, »komm, Fränzchen!« Das Scheusal rührte sich nicht mehr; mit Gewalt, ja unter Anwendung von Knebeln mußten sie die Hunde von ihrem Widersacher losmachen. Falb hing mit zusammengeklemmtem Gebiß am Nacken des Ungetüms. Beide Köter konnten nur schwer beruhigt werden. Sie umkreisten die Leiche des Feindes mit wütendem Knurren und bleckten mit aufgehobener Oberlippe die Zähne. Erst die Liebkosungen der dankbaren Knaben, die sich mit Streicheln, Klopfen und Rühmen nicht genug tun konnten, lenkten sie ab, und geduldig ließen sie sich dann ihre Wunden waschen und salben.

Der schweizerische Robinson

Nicht lange, so traf nun auch Jack, der sowohl die Schüsse als auch das Siegesgeschrei gehört hatte, bei seinen Brüdern wieder ein, nachdem er sich mit Mühe aus dem Sumpf losgemacht und seinen Strauß zum Walplatz der Hyäne herumgetrieben hatte.

Hierauf schafften die drei Knaben vollends ihr Gepäck nach Waldegg, in dessen Nähe sie sich befanden, und nachdem sie alles abgeladen und in Sicherheit gebracht hatten, holten sie mit dem Schleifkarren auch die erlegte Hyäne dahin ab und machten sich sogleich mit großer Anstrengung an das Ausweiden und Abhäuten des gewaltigen Tieres.

Der schweizerische Robinson

Mit einiger Unterbrechung, um etwelches Geflügel von benachbarten Bäumen herabzuschießen, beschäftigte sie diese Arbeit hinlänglich für den Rest des Tages, worauf sie sich auf unsern zwei schönen Bärenhäuten zur Ruhe begaben, die die Schlingel zu diesem Zwecke mitgenommen hatten.

Um dieselbe Zeit ungefähr saßen wir Eltern samt Ernst des Abends nach vollbrachter Arbeit auf Felsheim unter der offenen Laube und schwatzten viel von den drei kühnen Streifzüglern, Ernst mit etwas rätselhaften Andeutungen, die Mutter nicht ohne manche Besorgnis, ich selbst voll guten Vertrauens, das ich auf Fritzens Verstand, Besonnenheit und entschlossenen Mut einmal gründete.

Mutter und Ernst plauderten noch gemütlich zusammen über die Jagdpartie.

»Aber seht doch«, fiel ich ihnen ins Wort, »was da noch für ein Spätling in unsern Taubenschlag fliegt! Ich kann bei der beginnenden Finsternis nicht einmal erkennen, ob es ein eigener oder ein fremder Vogel sein mag!«

Ernst sprang auf. »Na, da muß ich nur schnell hin und das Fallbrett hinunterlassen. Morgen wollen wir dann sehen, was sich eingefunden hat; die ungewöhnliche Zeit läßt wohl auf etwas Ungewöhnliches schließen.«

Daraufhin machte er noch einige rätselhafte Andeutungen, deren Sinn mir auch dann noch nicht klar war, als wir uns längst zu Bett gelegt hatten. Am Morgen freilich lüftete er den Schleier des Geheimnisses. Während wir noch beim Morgenessen saßen, trat der Junge – mit einem Brief zu uns herein, den die jungen Jäger mit der Taubenpost gestern abend hergesandt hatten. Ich verlangte den Brief natürlich zu lesen, aber er wehrte gravitätisch ab.

»Du wirst gleich hören«, sagte er; ich lese das Briefchen von Wort zu Wort, wie es abgefaßt ist:

»Liebste Eltern und lieber Ernst! Eine gewaltige Hyäne hat zwei Schäfchen und einen Widder zerrissen, aber unsere Hunde griffen sie an, Fränzchen verwundete sie schwer, und sie ist endlich erlegen. Fast den ganzen Tag haben wir mit dem Abstreifen ihrer Haut zugebracht, die sehr schön ist. Unser Pemmikan taugt wenig. Lebt allerseits so wohl als eure wohlbehaltenen Söhne und Brüder! Wir küssen euch alle herzlich.

Waldegg, den fünfzehnten dies.

Euer Fritz!«

»Ha, ha, ein echter Jägerbrief!« lachte ich; »gottlob, daß der Stand mit der Hyäne glücklich vorübergegangen zu sein scheint! Aber wo ist nur das Untier in unser Revier hereingekommen; es muß den Durchgang bei der Klus erst neulich erzwungen haben, denn sonst hätte es wohl längst unter unsern Schafen und Ziegen aufgeräumt.«

»Ach, wenn nur die Jungen vorsichtig sind!« bemerkte die Mutter; »ich wollte, wir könnten sie heimberufen. Ist es wohl rätlicher, ihnen eiligst nachzuziehen oder noch länger Geduld zu haben?«

»Ich glaube doch das letztere, liebe Mutter!« versetzte Ernst; »denn heute abend wird abermals eine Luftpost anlangen, die dann besser bestimmen kann, was etwa tunlich sei.«

Und wirklich, gegen Abend sahen wir noch etwas früher als am Abend zuvor eine zweite Brieftaube im schnellsten Fluge daher und hinein in den Taubenschlag schießen, der unverzüglich von Ernst durch Herunterlassen des Fallbrettes geschlossen wurde, worauf der Knabe dann hinaufstieg und in kurzem ein Zettelchen zurückbrachte, das er unter dem einen Flügel der Angekommenen losgeschürt hatte. Sofort las er den nachstehenden lakonischen Bericht ab:

»Die Nacht ruhig. – Der Morgen heiter. – Kajakfahrt auf dem Waldeggsee. – Unbekanntes Sumpftier auf rascher Flucht. – Morgen geht es nach Hohentwiel. – Lebt insgesamt wohl! – Die Eurigen:

Fritz, Jack und Fränzchen.«

Das Briefchen beruhigte mich und die Mutter nicht wenig, weil es eine ruhige Nacht vermeldete, woraus wir entnehmen konnten, daß wohl keine zweite Hyäne im Reviere sei, denn eine solche würde sich höchstwahrscheinlich zur Nachtzeit herangemacht haben.

Des Briefchens übriger Inhalt war mir freilich für den Augenblick großenteils noch rätselhaft, aber die spätere mündliche Auseinandersetzung der Knaben brachte mich ins reine darüber.

Der schweizerische Robinson

Die Jäger hatten eine Kahnfahrt auf dem Waldeggsee ausgeführt; dabei war es Fritz gelungen, mit dem Kajak einige junge Schwäne einzuholen und zu fangen; sie wurden später in die Rettungsbucht gebracht, wo sie lange eine Zierde der Wasser waren. Während sie weiterpirschten, brach vor ihnen ein schweres, dunkles Sumpftier durchs Gebüsch; sie jagten ihm einige Kugeln nach, trafen aber nicht; doch ließen mich ihre Angaben auf den südamerikanischen Tapir schließen. Die Briefe gaben uns volle Gewißheit, daß es unsern Jungen gut gehe; auch ein dritter bestärkte uns in Sicherheit, so daß wir ihre Rückkunft oder eine spätere Zuschrift in aller Gelassenheit abzuwarten beschlossen.

Unser Entschluß änderte sich jedoch bald, als nicht lange nach dem Mittagessen höchst unerwartet ein weiterer Eilbote auf den Fittichen des Windes zu uns herflog. Schon seine unvermutete Ankunft an sich mußte unsere Besorgnis erregen, noch mehr aber setzte uns der Inhalt des neuen Briefchens in Schrecken und Bangigkeit. Er lautete wie folgt:

»Der Durchgang bei der Klus ist durchbrochen und erstürmt; bis nach Zuckertop liegt alles zerstört. Die Rauchhütte ist zerschmettert. Die Zuckerrohre sind teils ausgerissen, teils zerknickt oder zermalmt und das Hirsefeld abgestreift oder abgefressen; gewaltige Fußstapfen zeigen sich auf dem Boden. Eile, lieber Vater, uns zur Hilfe heran! Wir getrauen uns weder vorwärts noch rückwärts, und wenn auch gesund und unangefochten, fühlen wir uns dem Schaden oder der Gefahr durchaus nicht gewachsen.«

Der schweizerische Robinson

Man kann sich denken, was diese Meldung mir für flinke Füße machte; ich lief unverzüglich hin, den Wildling zu satteln, und gab der Frau die Weisung, in Gesellschaft Ernsts den folgenden Morgen mit unserm Frachtwagen nach der Klus nachzukommen, alles Nötige zu einem längern Aufenthalt dorthin mitzubringen und die Kuh sowie Rasch, den jungen Esel, zum Ziehen des Wagens zu gebrauchen. Mit einem einzigen Satz sprang ich auf den Wildling und sprengte in gestrecktem Galopp davon.

Ich machte den Weg von etwa sechs Stunden in bedeutend kürzerer Zeit und wurde bei meiner unvermutet schnellen Ankunft mit einem lauten Freudengeschrei empfangen. Unverweilt nahm ich jedoch überall den verursachten Schaden in Augenschein und fand zu meinem Schrecken die tollste Verwüstung, die den ungeheuren Fußstapfen nach durchaus nur von Elefanten herrühren konnte. Die dicken Sperrstangen im Engpaß der Klus, die wir einst mit so großer Anstrengung als Schlagbäume übergelegt hatten, lagen wie geknickte Strohhalme auf der Erde, und die Bäume an der Seite waren bis weit hinauf ihrer Äste und Blätter beraubt. Wo aber die Verwüstung sich am greulichsten darstellte, das war bei der Zuckerrohrpflanzung, in der alles, was nicht gefressen worden war, zerstampft und in den Grund verdorben lag; übrigens war auch das Flechtwerk der Waldlaube bei Zuckertop zerrissen, und die Rauchhütte lag gänzlich zerstört.

Ich gab bei dieser ganzen Untersuchung vorzüglich auf alle Fußstapfen acht, ob keine reißenden Tiere sich eingeschlichen hätten, fand aber doch nichts Verdächtiges als eine Art großer Wolfs- oder Hundespuren, deren Richtung ich von der Klus nach dem Ufergebiet unverkennbar bemerkte, die jedoch keineswegs nach der Klus zurückführten. Ich vermutete deshalb, es sei dies die Fährte der von den Knaben erlegten Hyäne, und fand doch einigen Trost darin, nicht andere ebenso verdächtige Spuren wahrgenommen zu haben.

Ohne Zögern schlugen wir jetzt gemeinschaftlich das Waldzelt auf und trugen eine Menge Holz zusammen, um auf die Nacht ein besonders starkes Feuer anzulegen, das uns wider einen Angriff der gewaltigen Elefanten hinlänglich beschützen könnte. Auch war die Nacht, wenigstens von unserer Seite, eben nicht die ruhigste, denn Fritz und ich verplauderten in gespannter Aufmerksamkeit manches Viertelstündchen an unserem Flammenherd, indem wir uns hauptsächlich über die Elefanten unterhielten; doch blieben wir von jedem Überfall verschont.

Erst am folgenden Mittag langte die Mutter mit Ernst samt dem Wagen, der Kuh und dem jungen Esel an, und wir begannen dann alsbald, uns zu einem längeren Aufenthalt einzurichten. Vor allem unternahmen wir sogleich die höchst nötige Ausbesserung und Verstärkung aller früher angebrachten Befestigungen der Klus, die ich hier nicht weitläufig beschreiben will; genug, daß sie uns einen vollen Monat lang in Atem hielten.

Wenn auch die Befestigung des Kluspasses beendigt war, so blieb uns doch noch vieles in der Nähe zu tun übrig; wir mußten nämlich noch an eine feste Wohnung in der Nachbarschaft denken, und diese wurde, nach Fritzens früher geäußertem Wunsch, wie eine kamtschadalische Sommerwohnung auf vier Pfählen angelegt, nur daß wir uns statt der Pfähle vier hohe, schöne Bäume ausersehen hatten, die an einer geeigneten Stelle fast regelmäßig in einem Quadrat zwölf bis dreizehn Fuß weit voneinander abstanden.

Etwa in der Höhe von zwanzig Fuß wurden die vier Stämme durch Balken von Bambusrohr verbunden und zwischen diesen ein starker Estrich gezimmert, der auf allen vier Seiten mit einer acht Fuß hohen Wand von dünneren Rohrschäften eingefaßt war, wobei die Wand gegen die Klus hin ein paar schmale Fenster wie Schießscharten erhielt. Das Dach wurde in der Mitte spitzig aufgerichtet und mit Baumrinde dergestalt bedeckt, daß kein Regen durchschlagen konnte. Zur Treppe rüsteten wir einen Balken mit eingeschnittenen Absätzen auf seinen zwei Seiten ungefähr so zu, wie man sie in Schiffsräumen oder in Speichern und Scheunen der Bauern antrifft. Dieser eingekerbte Balken aber konnte senkrecht über einen anderen, feststehenden emporgeschoben werden, der in der Mitte der hinteren Wand angebracht und sehr wohl befestigt war; er hatte nämlich auf der hinteren Seite Vertiefungen, und in diese griff ein Zahnrad, das sich durch ein Getriebe mit einer Kurbel in Bewegung setzen ließ und den Treppenbalken auf ähnliche Art emporschob oder wieder herabzog, wie man es bei den eisernen Hebestangen der gewöhnlichen Lastwinden sieht. Wurde nun der Treppenbalken vollends durch den Zimmerraum des Häuschens noch weiter emporgewunden, so stieß er oben im Estrich eine Falltüre auf, durch die man ins Freie steigen und sich ziemlich weit umsehen konnte; ließ man aber die Treppe zur Erde hinab, so geschah es vermittels einer Falltüre im Fußboden des Kämmerchens.

Der schweizerische Robinson

Die vier Baumstämme wurden dann unterhalb des Zimmerchens mit vier bis fünf Fuß hohen Trämeln von Kokosholz in ihren Zwischenräumen verbunden, so daß der Platz dazwischen ein wohleingemachtes Erdgeschoß bildete, wo einige Stücke Vieh oder Geflügel untergebracht werden konnten, wozu wir eine Raufe und einen Freßtrog gegenüber der Eingangstüre anbrachten.

Den Zwischenraum zwischen der unteren Brüstung und den Wänden des oberen Gemaches verwahrten wir mit schräg übereinander befestigten, ziemlich dünn gespaltenen Bambuslatten in gehörigen Abständen, daß sie ein sogenanntes Pfaffengitter, wie bei einem Gartenkabinett oder einem Lusthäuschen, bildeten. Auch wurden sonst dem Ganzen noch einige Verzierungen in chinesischem Geschmacke zugeteilt, und da wir alle nach außen gehenden Äste der vier Bäume unverletzt gelassen hatten und wir somit gleichsam im grünen Gebüsch verborgen hockten, so bildete das Ganze ein recht anmutiges Laubkämmerchen, das jedoch unterhalb auch einem kleinen Notställchen oder einem Vogelhause glich.

Während wir so beschäftigt waren, machte Fritz allein auf dem Kajak einen Streifzug den Strom hinauf und kam mit reicher Jagdbeute wieder. Besonders freute mich dabei ein Sultanshuhn, das er lebend gefangen und das nun der Mutter für das Hühnerhaus übergeben wurde. An pflanzlichen Erzeugnissen gewannen besonders mitgebrachte Kakaobohnen unser Interesse.

Er erzählte uns später das Wesentliche von seinem Ausflug, von der ungemeinen Fruchtbarkeit des Geländes am jenseitigen Ufer bis hoch empor an den Abhang der nahehegenden Berge und von der Majestät der dichten Wälder, an denen er vorbeigefahren war. Ein stetiges Kollern von Truthähnen und ein unermüdliches Quäken, Schnarren, Krächzen von Perlhühnern, Pfauen und anderem Geflügel hatte ihn fast schwindlig gemacht. Er war im Fluß höher hinangefahren als bis zu dem Büffelsumpf jenseits der Klus und hatte dort vermittels der messingenen Schlinge an einer Stange das prächtige Sultanshuhn eingefangen. Ferner hatte er einen ganzen Wald von Mimosen zu seiner Rechten erblickt und in demselben einige Trupps von Elefanten zu zehn bis zwanzig Stück, die bald mit Gemächlichkeit Zweige herunterrissen und große Bündel davon mit einem einzigen Ruck ins Maul schoben, bald an seichteren Stellen sich im Sumpfe herumwälzten, bald endlich bis über den Bauch hinauf im Wasser standen und, mit ihren Rüsseln spielend, wie mit Feuerspritzen einander übergossen, um sich in der grimmigen Tageshitze einige Kühlung zu verschaffen; den kleinen Schiffmann aber und sein Kajak hatten sie, wie es schien, gar nicht weiter beachtet.

»Wohl empfand ich einen Augenblick!« sagte Fritz, »die lebhafteste Lust, an einem solchen Burschen mein Jagdglück zu versuchen; aber ich hielt es doch so allein für allzu gefährlich, und bald überfiel mich eine so unheimliche Bangigkeit, daß ich anfing, an die schnellste Rückkehr zu denken, wozu ich fast im nämlichen Augenblicke noch mehr gemahnt wurde. Ich sah nämlich ungefähr zwei Büchsenschüsse vor mir, an einer seichten Stelle des Flusses, wie mit einemmal das Wasser sich mächtig rührte und schäumte, als wenn ein heißer Quell von unten emporsprudeln wollte. Dann aber erhob sich langsam und machtvoll ein schwarzdunkles, gräßliches Tier, das mich mit schauderhaft wieherndem Gebrüll angähnte und mir einen Rachen voll schrecklicher Zähne wies. Aber da hättet ihr sehen sollen, wie ich mich sputete, von dannen zu kommen! Rechtsumkehrt, hieß es, auf und davon wie ein Pfeil, im besten Fahrwasser des Stromes! Ich ruderte auch, daß mir der Schweiß in Bächen über den Rücken floß, und hielt nicht an, ehe ich weit, weit aus dem Gesichte des Ungeheuers war. Immer mit dem Schrecken über das Gewaltstier im klopfenden Herzen eilte ich den kürzesten Weg hieher zurück und habe für diesmal von naturgeschichtlichen Entdeckungen fast eine zu starke Probe bekommen, zumal da mir kein Mensch und nicht einmal einer von unsern weidlichen Rüden bei diesem Abenteuer zur Seite gewesen ist.«

Dies war in der Kürze Fritzens Tagesbericht, und er gab uns vollauf zu denken, indem er uns von der Nachbarschaft zahlreicher und furchtbarer Tiere überzeugte, wie denn namentlich in dem Ungetüm, das so greulich aus dem Wasser auftauchte, der Hippopotamus oder das sogenannte Nilpferd nicht leicht zu verkennen war.

Während des ganzen Tages, den er auf seiner Streiferei zugebracht hatte, waren wir übrigens eifrig beschäftigt gewesen, alles zur Abreise auf den folgenden Morgen in Bereitschaft zu setzen, und hatten zusammengelesen, eingepackt und aufgebunden, was uns nicht für die letzte Nacht und das letzte Nachtessen unentbehrlich war. Fritz aber bat sich aus, den Rückweg zu Wasser in seinem Kajak machen zu dürfen, so daß er das Vorgebirge der getäuschten Hoffnung umrudern und dann hart am Ufer hin sich nach Felsenheim begeben würde. Ich willfahrte ihm desto lieber, da er sich einerseits in der Schifferei tüchtig bewährt hatte und andrerseits mir viel daran lag, das Vorgebirge und die Tunlichkeit seiner Umschiffung näher kennenzulernen.

Früh am folgenden Tag machten wir uns auf den Weg. Fritz hatte bald das Vorgebirge erreicht, das ihm nach der großen Bucht ganz ungemein rauh vorkam, mit abschüssigen Felswänden und tief zwischen dieselben hineindringenden Rissen und Klüften oder Höhlen, wo Raub- und Wasservögel in ungeheurer Menge zu horsten schienen.

Ohne irgendwelche Abenteuer legten wir selbst den Weg zurück, beeilten uns ab- und auszupacken, wobei mir besonders die Menge unsres Geflügels besorglich auffiel. Es ließ sich leicht ermessen, daß das lustige Gesindel bei unsern wiederholten Ausflügen doch wohl unsern Ernten gefährlich sein würde. Ich verordnete demnach eine baldige Verteilung, bei der namentlich die neuen Ankömmlinge sowie die Urhühner, das kanadische Kragenhuhn und die Kraniche, diese jedoch mit etwas gelähmten Flügeln, auf die zwei nahen Inselchen versetzt werden sollten. Die Schwäne hingegen, das neugefangene Sultanshuhn und der Königsreiher wurden zunächst bei dem Gänsesumpf ausgesetzt und dorthin von Zeit zu Zeit durch Leckerbißchen aufs neue angekörnt. Die alten Trapphühner behielten das Vorrecht wie bisher, ganz in unsrer Nähe zu bleiben und sogar bei unsern Mahlzeiten, sooft wir im Freien speisten, schmarotzerisch aufpassen zu dürfen. Dies und anderes beschäftigte mich wohl ein paar Stunden, während die Mutter ein tüchtiges Essen bereitete und auch Fritz wieder bei uns eingetroffen war.

In der darauffolgenden Zeit gingen wir endlich an die Ausführung eines Gedankens, den Fritz immer von neuem zur Sprache brachte und der mehr auf unsere Sicherheit berechnet schien. Es wurde nämlich die Errichtung eines Wachthauses und die Aufpflanzung einer Vierpfünderkanone auf der Höhe der Haifischinsel unternommen, wobei es mich freilich Schweißes und Kopfzerbrechens genug kostete, das Geschütz vermittels eines geeigneten Hebezeugs in die Höhe zu bringen.

Allmählich brachten wir aber alles auf den Felsen, was zu unserem Vorhaben erforderlich war, und die Kanone kam frei mit der Mündung nach der See hinaus zu stehen. Ein Wachthäuschen von Brettern und Bambusrohren, doch so leicht als möglich gebaut, stellte sich unmittelbar dahinter, und ein paar Schritte seitwärts erhob sich ein Flaggenstock mit hinauf- und herablaufendem Seile zum Emporziehen einer Flagge, die bei Erscheinen gefahrloser, vom Meere her sich nähernder Gegenstände weiß, bei gefahrdrohenden und zweifelhaften Annäherungen aber rot sein sollte.

Nach Beendigung dieser mühseligen Arbeit, die uns ein paar Monate kostete, feierten wir ein kleines Freudenfest durch Aufziehen der weißen Flagge und Abfeuern von sechs Kanonenschüssen, die prächtig von den Klippen und Flühen bei Felsenheim widerhallten.

7. Kapitel


7. Kapitel

Das griechische Europa

Mit der allgemeinen geistigen Entwicklung der Hellenen hatte die politische ihrer Republiken sich nicht im Gleichgewicht gehalten, oder vielmehr die Überschwenglichkeit jener hatte, wie die allzu volle Blüte den Kelch sprengt, keinem einzelnen Gemeinwesen verstattet, diejenige Ausdehnung und Stetigkeit zu gewinnen, welche für die staatliche Ausgestaltung vorbedingend ist. Die Kleinstaaterei der einzelnen Städte oder Städtebünde mußte in sich verkümmern oder den Barbaren verfallen; nur der Panhellenismus verbürgte, wie den Fortbestand der Nation, so ihre Weiterentwicklung gegenüber den stammfremden Umwohnern. Er ward verwirklicht durch den Vertrag, den König Philipp von Makedonien, der Vater Alexanders, in Korinth mit den Staaten von Hellas abschloß. Es war dies dem Namen nach ein Bundesvertrag, in der Tat die Unterwerfung der Republiken unter die Monarchie, aber eine Unterwerfung, welche nur dem Ausland gegenüber sich vollzog, indem die unumschränkte Feldherrnschaft gegen den Nationalfeind von fast allen Städten des griechischen Festlandes dem makedonischen Feldherrn übertragen, sonst ihnen die Freiheit und die Autonomie gelassen ward, und es war, wie die Verhältnisse lagen, dies die einzig mögliche Realisierung des Panhellenismus und die im wesentlichen für die Zukunft Griechenlands maßgebende Form. Philipp und Alexander gegenüber hat sie Bestand gehabt, wenn auch die hellenischen Idealisten wie immer das realisierte Ideal als solches anzuerkennen sich sträubten. Als dann Alexanders Reich zerfiel, war es wie mit dem Panhellenismus selbst, so auch mit der Einigung der griechischen Städte unter der monarchischen Vormacht vorbei und rieben diese in Jahrhunderten ziellosen Ringens ihre letzte geistige und materielle Macht auf, hin- und hergezogen zwischen der wechselnden Herrschaft der übermächtigen Monarchien und vergeblichen Versuchen, unter dem Schutz des Haders derselben den alten Partikularismus zu restaurieren.

Als dann die mächtige Republik des Westens in den bisher einigermaßen gleichgewogenen Kampf der Monarchien des Ostens eintrat und bald sich mächtiger als jeder der dort miteinander ringenden griechischen Staaten erwies, erneuerte sich mit der festen Vormachtstellung auch die panhellenische Politik. Hellenen im vollen Sinn des Worts waren weder die Makedonier noch die Römer; es ist nun einmal der tragische Zug der griechischen Entwicklung, daß das attische Seereich mehr eine Hoffnung als eine Wirklichkeit war und das Einigungswerk nicht aus dem eigenen Schoß der Nation hat hervorgehen dürfen. Wenn in nationaler Hinsicht die Makedonier den Griechen näher standen als die Römer, so war das Gemeinwasen Roms den hellenischen politisch bei weitem mehr wahlverwandt als das makedonische Erbkönigtum. Was aber die Hauptsache ist, die Anziehungskraft des griechischen Wesens ward von den römischen Bürgern wahrscheinlich nachhaltiger und tiefer empfunden als von den Staatsmännern Makedoniens, eben weil jene ihm ferner standen als diese. Das Begehren, sich wenigstens innerlich zu hellenisieren, der Sitte und der Bildung, der Kunst und der Wissenschaft von Hellas teilhaftig zu werden, auf den Spuren des großen Makedoniers Schild und Schwert der Griechen des Ostens sein und diesen Osten nicht italisch, sondern hellenistisch weiter zivilisieren zu dürfen, dieses Verlangen durchdringt die späteren Jahrhunderte der römischen Republik und die bessere Kaiserzeit mit einer Macht und einer Idealität, welche fast nicht minder tragisch ist als jenes nicht zum Ziel gelangende politische Mühen der Hellenen. Denn auf beiden Seiten wird Unmögliches erstrebt: dem hellenischen Panhellenismus ist die Dauer versagt und dem römischen Hellenismus der Vollgehalt. Indes hat er darum nicht weniger die Politik der römischen Republik wie die der Kaiser wesentlich bestimmt. Wie sehr auch die Griechen, namentlich im letzten Jahrhundert der Republik, den Römern es bewiesen, daß ihre Liebesmühe eine verlorene war, es hat dies weder an der Mühe noch an der Liebe etwas geändert.

Die Griechen Europas waren von der römischen Republik zu einer einzigen, nach dem Hauptlande Makedonien benannten Statthalterschaft zusammengefaßt worden. Wenn diese mit dem Beginn der Kaiserzeit administrativ aufgelöst ward, so wurde damals gleichzeitig dem gesamten griechischen Harnen eine religiöse Gemeinschaft verliehen, die sich anschloß an die alte, des Gottesfriedens wegen eingeführte und dann zu politischen Zwecken mißbrauchte Delphische Amphiktyonie. Unter der römischen Republik war dieselbe im wesentlichen auf die ursprünglichen Grundlagen zurückgeführt worden: Makedonien sowohl wie Ätolien, die sich beide usurpatorisch eingedrängt hatten, wurden wieder ausgeschieden und die Amphiktyonie umfaßte abermals nicht alle, aber die meisten Völkerschaften Thessaliens und des eigentlichen Griechenlands. Augustus veranlaßte die Erstreckung des Bundes auf Epirus und Makedonien und machte ihn dadurch im wesentlichen zum Vertreter des hellenischen Landes in dem weiteren, dieser Epoche allein angemessenen Sinne. Eine bevorzugte Stellung nahmen in diesem Verein neben dem altheiligen Delphi die beiden Städte Athen und Nikopolis ein, jene die Kapitale des alten, diese nach Augustus‘ Absicht die des neuen kaiserlichen Hellenentums157. Diese neue Amphiktyonie hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der Landesversammlung der drei Gallien; in ähnlicher Weise wie für diese der Kaiseraltar bei Lyon war der Tempel des pythischen Apollon der religiöse Mittelpunkt der griechischen Provinzen. Indes während jenem daneben eine geradezu politische Wirksamkeit zugestanden hat, so besorgten die Amphiktyonen dieser Epoche außer der eigentlich religiösen Feier lediglich die Verwaltung des delphischen Heiligtums und seiner immer noch beträchtlichen Einkünfte158. Wenn ihr Vorsteher sich in späterer Zeit die „Helladarchie“ zuschreibt, so ist diese Herrschaft über Griechenland lediglich ein idealer Begriff.159 Immer aber bleibt die offizielle Konservierung der griechischen Nationalität ein Kennzeichen der Haltung, welche das neue Kaisertum gegen dieselbe einnimmt, und seines den republikanischen weit überbietenden Philhellenismus.

Hand in Hand mit der sakralen Einigung der europäischen Griechen ging die administrative Auflösung der griechisch-makedonischen Statthalterschaft der Republik. An der Teilung der Reichsverwaltung unter Kaiser und Senat hing sie nicht, da dieses gesamte Gebiet und nicht minder die vorliegenden Donaulandschaften bei der ursprünglichen Teilung dem Senat zugewiesen wurden; ebensowenig haben militärische Rücksichten hier eingegriffen, da die ganze Halbinsel bis hinauf zur thrakischen Grenze, als gedeckt teils durch diese Landschaft, teils durch die Besatzungen an der Donau, immer dem befriedeten Binnenlande zugerechnet worden ist. Wenn der Peloponnes und das attisch-böotische Festland damals seinen eigenen Prokonsul erhielt und von Makedonien getrennt ward, was wohl schon Caesar beabsichtigt haben mag, so war dabei, neben der allgemeinen Tendenz, die senatorischen Statthalterschaften nicht zu groß zu nehmen, vermutlich die Rücksicht maßgebend, das rein hellenische Gebiet von dem halb hellenischen zu scheiden. Die Grenze der Provinz Achaia war anfänglich der Oeta, und auch nachdem die Ätoler später dazu gelegt worden160, ist sie nicht hinausgegangen über den Acheloos und die Thermopylen.

Diese Ordnungen betrafen die Landschaft im ganzen. Wir wenden uns zu der Stellung, welche den einzelnen Stadtgemeinden unter der römischen Herrschaft gegeben ward.

Die ursprüngliche Absicht der Römer, die Gesamtheit der griechischer. Stadtgemeinden in ähnlicher Weise an das eigene Gemeinwesen anzuschließen, wie dies mit den italischen geschehen war, hatte infolge des Widerstandes, auf den diese Einrichtungen trafen, insbesondere infolge der Auflehnung des Achäischen Bundes im Jahre 608 (146) und des Abfalls der meisten Griechenstädte zu König Mithradates im Jahre 666 (88) wesentliche Einschränkungen erfahren. Die Städtebünde, das Fundament aller Machtentwicklung in Hellas wie in Italien, und von den Römern anfänglich akzeptiert, waren sämtlich, namentlich der wichtigste der Peloponnesier oder, wie er sich nannte, der Achäer, aufgelöst und die einzelnen Städte angehalten worden, ihr Gemeinwesen für sich zu ordnen. Es wurden ferner für die einzelnen Gemeindeverfassungen von der Vormacht gewisse allgemeine Normen aufgestellt und nach diesem Schema dieselben in antidemokratischer Tendenz reorganisiert. Nur innerhalb dieser Schranken blieb der einzelnen Gemeinde die Autonomie und die eigene Magistratur. Es blieben ihr auch die eigenen Gerichte; aber daneben stand der Grieche von Rechts wegen unter den Ruten und Beilen des Prätors, und wenigstens konnte wegen eines jeden Vergehens, das als Auflehnung gegen die Vormacht sich betrachten ließ, von den römischen Beamten auf Geldbuße oder Ausweisung oder auch Lebensstrafe erkannt werden161. Die Gemeinden besteuern sich selbst; aber sie hatten durchgängig eine bestimmte, im ganzen, wie es scheint, nicht hoch gegriffene Summe nach Rom zu entrichten. Besatzungen wurden nicht so, wie einst in makedonischer Zeit, in die Städte gelegt, da die in Makedonien stehenden Truppen nötigenfalls in der Lage waren, auch in Griechenland einzuschreiten. Aber schwerer als die Zerstörung Thebens auf dem Andenken Alexanders, lastet auf der römischen Aristokratie die Schleifung Korinths. Die übrigen Maßregeln, wie gehässig und erbitternd sie auch teilweise waren, namentlich als von der Fremdherrschaft oktroyiert, mochten im ganzen genommen unvermeidlich sein und vielfach heilsam wirken; sie waren die unvermeidliche Palinodie der ursprünglichen, zum Teil recht unpolitischen römischen Politik des Verzeihens und Verziehens gegenüber den Hellenen. Aber in der Behandlung Korinths hatte sich der kaufmännische Egoismus in unheimlicher Weise mächtiger erwiesen als alles Philhellenentum.

Bei allem dem war der Grundgedanke der römischen Politik, die griechischen Städte dem italischen Städtebund anzugliedern, nie vergessen worden; gleich wie Alexander niemals Griechenland hat beherrschen wollen wie Illyrien und Ägypten, so haben auch seine römischen Nachfolger das Untertanenverhältnis nie vollständig auf Griechenland angewandt und schon in republikanischer Zeit von dem strengen Recht des den Römern aufgezwungenen Krieges wesentlich nachgelassen. Insbesondere geschah dies gegenüber Athen. Keine griechische Stadt hat vom Standpunkt der römischen Politik aus so schwer gegen Rom gefehlt wie diese; ihr Verhalten im Mithradatischen Kriege hätte bei jedem anderen Gemeinwesen unvermeidlich die Schleifung herbeigeführt. Aber vom philhellenischen Standpunkt aus freilich war Athen das Meisterstück der Weit, und es knüpften sich an dasselbe für die vornehme Welt des Auslandes ähnliche Neigungen und Erinnerungen wie für unsere gebildeten Kreise an Pforta und an Bonn; dies überwog damals wie früher. Athen hat nie unter den Beilen des römischen Statthalters gestanden und niemals nach Rom gesteuert, hat immer mit Rom beschworenes Bündnis gehabt und nur außerordentlicher und, wenigstens der Form nach, freiwilliger Weise den Römern Beihilfe gewährt. Die Kapitulation nach der Sullanischen Belagerung führte wohl eine Änderung der Gemeindeverfassung herbei, aber das Bündnis ward erneuert, ja sogar alle auswärtigen Besitzungen zurückgegeben; selbst die Insel Delos, welche, als Athen zu Mithradates übertrat, sich losgemacht und als selbständiges Gemeinwesen konstituiert hatte und zur Strafe für ihre Treue gegen Rom von der pontischen Flotte ausgeraubt und zerstört worden war162.

Mit ähnlicher Rücksicht, und wohl auch zum guten Teil seines großen Namens wegen, ist Sparta behandelt worden. Auch einige andere Städte der später zu nennenden befreiten Gemeinden hatten diese Stellung bereits unter der Republik. Wohl kamen dergleichen Ausnahmen in jeder römischen Provinz vor; aber dem griechischen Gebiet ist dies von Haus aus eigen, daß eben die beiden namhaftesten Städte desselben außerhalb des Untertanenverhältnisses standen und dieses demnach nur die geringeren Gemeinwesen traf.

Auch für die untertänigen Griechenstädte traten schon unter der Republik Milderungen ein. Die anfänglich untersagten Städtebünde lebten allmählich wieder auf, insbesondere die kleineren und machtlosen, wie der böotische, sehr bald163

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Den Schlußstein der republikanischen Epoche macht die Sühnung der Schleifung Korinths durch den größten aller Römer und aller Philhellenen, den Diktatar Caesar, und die Erneuerung des Sternes von Hellas in der Form einer selbständigen Gemeinde römischer Bürger, der neuen „julischen Ehre“.

Diese Verhältnisse fand das eintretende Kaiserregiment in Griechenland vor, und diese Wege ist es weiter gegangen. Die von dem unmittelbaren Eingreifen der Provinzialregierung und von der Steuerzahlung an das Reich befreiten Gemeinden, denen die Kolonien der römischen Bürger in vieler Hinsicht gleichstehen, begreifen weitaus den größten und besten Teil der Provinz Achaia: im Peloponnes Sparta, mit seinem zwar geschmälerten, aber doch jetzt wieder die nördliche Hälfte Lakoniens umfassenden Gebiet165, immer noch das Gegenbild Athens, sowohl in den versteinerten altfränkischen Institutionen wie in der wenigstens äußerlich bewahrten Ordnung und Haltung; ferner die achtzehn Gemeinden der freien Lakonen, die südliche Hälfte der lakonischen Landschaft, einst spartanische Untertanen, nach dem Kriege gegen Nabis von den Römern als selbständiger Städtebund organisiert und von Augustus gleich Sparta mit der Freiheit beliehen166; endlich in der Landschaft der Achäer außer Dyme, das schon von Pompeius mit Piratenkolonisten belegt worden war und dann durch Caesar neue römische Ansiedler empfangen hatte167, vor allem Patrae, aus einem herabgekommenen Flecken von Augustus, seiner für den Handel günstigen Lage wegen, teils durch Zusammenziehung der umliegenden kleinen Ortschaften, teils durch Ansiedelung zahlreicher italischer Veteranen zu der volkreichsten und blühendsten Stadt der Halbinsel umgeschaffen und als römische Bürgerkolonie konstituiert, unter die auch auf der gegenüberliegenden lokrischen Küste Naupaktos (italienisch Lepanto) gelegt ward. Auf dem Isthmos war Korinth, wie es einst das Opfer der Gunst seiner Lage geworden war, so jetzt nach seiner Wiederherstellung, ähnlich wie Karthago, rasch emporgekommen und die gewerb- und volkreichste Stadt Griechenlands, überdies der regelmäßige Sitz der Regierung. Wie die Korinther die ersten Griechen gewesen waren, welche die Römer als Landsleute anerkannt hatten durch Zulassung zu den Isthmischen Spielen, so leitete dieselbe Stadt jetzt, obgleich römische Bürgergemeinde, dieses hohe griechische Nationalfest. Auf dem Festlande gehörten zu den befreiten Distrikten nicht bloß Athen mit seinem ganz Attika und zahlreiche Inseln des Ägäischen Meeres umfassenden Gebiet, sondern auch Tanagra und Thespiae, damals die beiden ansehnlichsten Städte der böotischen Landschaft, ferner Plataeae168; in Phokis Delphi, Abae, Elateia, sowie die ansehnlichste der lokrischen Städte, Amphissa. Was die Republik begonnen hatte, das vollendete Augustus in der eben dargelegten, wenigstens in den Hauptzügen von ihm festgestellten und auch später im wesentlichen festgehaltenen Ordnung. Wenngleich die dem Prokonsul unterworfenen Gemeinden der Provinz der Zahl nach gewiß und vielleicht auch nach der Gesamtbevölkerung überwogen, so sind in echt philhellenischem Geiste die durch materielle Bedeutung oder durch große Erinnerungen ausgezeichnetsten Städte Griechenlands befreite169.

Weiter, als in dieser Richtung Augustus gegangen war, ging der letzte Kaiser des Claudischen Hauses, einer vom Schlage der verdorbenen Poeten und insofern allerdings ein geborener Philhellene. Zum Dank für die Anerkennung, die seine künstlerischen Leistungen in dem Heimatlande der Musen gefunden hatten, sprach Nero, wie einst Titus Flamininus und wieder in Korinth bei den Isthmischen Spielen, die sämtlichen Griechen des römischen Regiments ledig, frei von Tributen und gleich den Italikern keinem Statthalter untertan. Sofort entstanden in ganz Griechenland Bewegungen, welche Bürgerkriege gewesen sein würden, wenn diese Leute mehr hätten fertig bringen können als Schlägereien; und nach wenigen Monaten stellte Vespasian mit der trockenen Bemerkung, daß die Griechen verlernt hätten, frei zu sein, die Provinzialverfassung wieder her170, so weit sie reichte.

Die Rechtsstellung der befreiten Gemeinden blieb im wesentlichen dieselbe wie unter der Republik. Soweit nicht römische Bürger in Frage kamen, behielten sie die volle Justizhoheit; nur scheinen die allgemeinen Bestimmungen über die Appellationen an den Kaiser einer- und die Senatsbehörden andererseits auch die freien Städte eingeschlossen zu haben171. Vor allem behielten sie die volle Selbstbestimmung und Selbstverwaltung. Athen zum Beispiel hat in der Kaiserzeit das Prägerecht geübt, ohne je einen Kaiserkopf auf seine Münzen zu setzen, und auch auf spartanischen Münzen der ersten Kaiserzeit fehlt derselbe häufig. In Athen blieb auch die alte Rechnung nach Drachmen und Obolen, nur daß freilich die örtliche attische Drachme dieser Zeit nichts als lokale Scheidemünze war und dem Wert nach als Obol der attischen Reichsdrachme oder des römischen Denars kursierte. Selbst die formale Ausübung des Rechts über Krieg und Frieden war in einzelnen Verträgen dergleichen Staaten gewahrt172. Zahlreiche der italischen Gemeindeordnung völlig widerstreitende Institutionen blieben bestehen, wie der jährliche Wechsel der Ratsmitglieder und die Tagegelder dieser und der Geschworenen, welche, wenigstens in Rhodos, noch in der Kaiserzeit gezahlt worden sind. Selbstverständlich übte die römische Regierung nichtsdestoweniger auf die Konstituierung auch der befreiten Gemeinden fortwährend einen maßgebenden Einfluß. So ist zum Beispiel die athenische Verfassung, sei es am Ausgang der Republik, sei es durch Caesar oder Augustus, in der Weise modifiziert worden, daß nicht mehr jedem Bürger, sondern, wie nach römischer Ordnung, nur bestimmten Beamten das Recht zustand, einen Antrag an die Bürgerschaft zu bringen; und unter der großen Zahl der bloß figurierenden Beamten wurde einem einzigen, dem Strategen, die Geschäftsleitung in die Hand gelegt. Sicher sind auf diesem Wege noch mancherlei weitere Reformen durchgeführt worden, deren Eintreten in dem abhängigen wie unabhängigen Griechenland wir überall erkennen, ohne daß Zeit und Anlaß der Reform sich bestimmen läßt. So ist das Recht oder vielmehr das Unrecht der Asyle, welche als Überreste einer rechtlosen Zeit jetzt fromme Schlupfwinkel für schlechte Schuldner und Verbrecher geworden waren, gewiß auch in dieser Provinz wenn nicht beseitigt, so doch eingeschränkt worden. Das Institut der Proxenie, ursprünglich eine unseren ausländischen Konsulaten vergleichbare zweckmäßige Einrichtung, aber durch die Verleihung voller bürgerlicher Rechte und oft auch noch des Privilegiums der Steuerfreiheit an den befreundeten Ausländer, besonders bei der Ausdehnung, in der es gewährt ward, politisch bedenklich, ist durch die römische Regierung, wie es scheint erst im Anfang der Kaiserzeit, beseitigt worden; wofür dann nach italischer Weise das mit dem Steuerwesen sich nicht berührende inhaltlose Stadtpatronat an die Stelle trat. Endlich hat die römische Regierung, als Inhaberin der obersten Souveränität über diese abhängigen Republiken ebenso wie über die Klientelfürsten, immer es als ihr Recht betrachtet und geübt, die freie Verfassung im Fall des Mißbrauchs aufzuheben und die Stadt in eigene Verwaltung zu nehmen. Indes teils der beschworene Vertrag, teils die Machtlosigkeit dieser nominell verbündeten Staaten hat diesen Verträgen eine größere Stabilität gegeben, als sie in dem Verhältnis zu den Klientelfürsten wahrgenommen wird.

Wenn den befreiten Gemeinden Achaias ihre bisherige Rechtsstellung unter dem Kaisertum blieb, so hat Augustus denen der Provinz, welchen die Freiheit nicht gewährt war oder ward, eine neue und bessere Rechtsstellung verliehen. Wie er in der reorganisierten Delphischen Amphiktyonie den Griechen Europas einen gemeinsamen Mittelpunkt gegeben hatte, gestattete er auch den sämtlichen Städten der Provinz Achaia, soweit sie unter römischer Verwaltung standen, sich als Gesamtverband zu konstituieren und jährlich in Argos, der bedeutendsten Stadt des unfreien Griechenlands, zur Landesversammlung zusammenzutreten173. Damit wurde der nach dem achäischen Kriege aufgelöste Achäische Bund nicht bloß rekonstituiert, sondern ihm auch die früher erwähnte, erweiterte böotische Vereinigung eingefügt. Wahrscheinlich ist eben durch die Zusammenlegung dieser beiden Gebiete die Abgrenzung der Provinz Achaia herbeigeführt worden. Der neue Verband der Achäer, Böoter, Lokrer, Phokier, Dorer und Euböer174 oder, wie er gewöhnlich gleich wie die Provinz bezeichnet wird, der Verband der Achäer hat vermutlich weder mehr noch weniger Rechte gehabt, als die sonstigen Provinziallandtage des Kaiserreichs. Eine gewisse Kontrolle der römischen Beamten wird dabei beabsichtigt gewesen und werden darum auch die dem Prokonsul nicht unterstellten Städte, wie Athen und Sparta, von demselben ausgeschlossen worden sein. Daneben wird diese Tagsatzung, wie alle ähnlichen, hauptsächlich in dem gemeinschaftlichen, das ganze Land umfassenden Kultus den Mittelpunkt ihrer Tätigkeit gefunden haben. Aber wenn in den übrigen Provinzen dieser Landeskult überwiegend an Rom anknüpfte, so wurde der Landtag von Achaia vielmehr ein Brennpunkt des Hellenismus und sollte es vielleicht werden. Schon unter den julischen Kaisern betrachtete er sich als den rechten Vertreter der griechischen Nation und legte seinem Vorstand den Namen des Helladarchen bei, sich selbst sogar den der Panhellenen175. Die Versammlung entfernte sich also von ihrer provinzialen Grundlage, und ihre bescheidenen administrativen Befugnisse traten in den Hintergrund.

Diese Panhellenen nannten sich mißbräuchlich also und wurden von der Regierung nur toleriert. Aber Hadrian schuf wie ein neues Athen, so auch ein neues Hellas. Unter ihm durften die Vertreter der sämtlichen autonomen oder nicht autonomen Städte der Provinz Achaia in Athen sich als das vereinigte Griechenland, als die Panhellenen176 konstituieren. Die in besseren Zeiten oft geträumte und nie erreichte nationale Einigung war damit geschaffen, und was die Jugend gewünscht, das besaß das Alter in kaiserlicher Fülle. Freilich, politische Befugnisse erhielt das neue Panhellenion nicht; aber was Kaisergunst und Kaisergold gewähren konnte, daran war kein Mangel. Es erhob sich in Athen der Tempel des neuen Zeus Panhellenios, und glänzende Volksfeste und Spiele wurden mit dieser Stiftung verbunden, deren Ausrichtung dem Kollegium der Panhellenen zustand, und zwar zunächst dem Priester des Hadrian als des stiftenden lebendigen Gottes. Einen der Akte, welche dieselben alljährlich begingen, war das dem Zeus-Befreier dargebrachte Opfer in Plataeae zum Gedächtnis der hier im Kampf gegen die Perser gefallenen Hellenen am Jahrestag der Schlacht, dem 4. Boedromion; dies zeichnet seine Tendenz177. Noch deutlicher zeigt dieselbe sich darin, daß Griechenstädten außerhalb Hellas‘, welche der nationalen Gemeinschaft würdig erschienen, von der Versammlung in Athen ideale Bürgerbriefe des Hellenismus ausgestellt wurden178.

Wenn die Kaiserherrschaft in dem ganzen weiten Reich die Verwüstungen eines zwanzigjährigen Bürgerkrieges vorfand und vielerorts die Folgen desselben niemals völlig verwunden wurden, so ist wohl kein Gebiet davon so schwer betroffen worden wie die griechische Halbinsel. Das Schicksal hatte es so gefügt, daß die drei großen Entscheidungsschlachten dieser Epoche, Pharsalos, Philippi, Aktion auf ihrem Boden oder an ihrer Küste geschlagen wurden; und die militärischen Operationen, welche bei beiden Parteien dieselben einleiteten, hatten ihre Opfer von Menschenleben und Menschenglück hier vor allem gefordert. Noch dem Plutarch erzählte sein Ältervater, wie die Offiziere des Antonius die Bürger von Chaeroneia gezwungen hätten, da sie Sklaven und Lasttiere nicht mehr besaßen, ihr letztes Getreide auf den eigenen Schultern nach dem nächsten Hafenort zu schleppen zur Verschiffung für das Heer; und wie dann, als eben der zweite Transport abgehen sollte, die Nachricht von der Actischen Schlacht wie eine erlösende Freudenbotschaft eingetroffen sei. Das erste, was nach diesem Siege Caesar tat, war die Verteilung der in seine Gewalt geratenen feindlichen Getreidevorräte unter die hungernde Bevölkerung Griechenlands. Dieses schwerste Maß des Leidens traf auf vorzugsweise schwache Widerstandskraft. Schon mehr als ein Jahrhundert vor der Actischen Schlacht hatte Polybios ausgesprochen, daß über ganz Griechenland in seiner Zeit Unfruchtbarkeit der Ehen und Einschwinden der Bevölkerung gekommen sei, ohne daß Seuchen oder schwere Kriege das Land betroffen hätten. Nun hatten diese Geißeln in furchtbarer Weise sich eingestellt; und Griechenland blieb verödet für alle Folgezeit. Im ganzen Römerreich, meint Plutarch, sei infolge der verwüstenden Kriege die Bevölkerung zurückgegangen, am meisten aber in Griechenland, das jetzt nicht imstande sei, aus den besseren Kreisen der Bürgerschaften die 3000 Hopliten zu stellen, mit denen einst die kleinste der griechischen Landschaften, Megara, bei Plataeae gestritten hatte179. Caesar und Augustus haben versucht, dieser auch für die Regierung erschreckenden Entvölkerung durch Entsendung italischer Kolonisten aufzuhelfen, und in der Tat sind die beiden blühendsten Städte Griechenlands eben diese Kolonien; die späteren Regierungen haben solche Entsendungen nicht wiederholt. Zu der anmutigen euböischen Bauernidylle des Dion von Prusa bildet den Hintergrund eine entvölkerte Stadt, in der zahlreiche Häuser leer stehen, die Herden am Rathaus und am Stadtarchiv weiden, zwei Drittel des Gebiets aus Mangel an Händen unbestellt liegen; und wenn dies der Erzähler als Selbsterlebtes berichtet, so schildert er damit sicher zutreffend die Zustände zahlreicher kleiner griechischer Landstädte in der Zeit Traians. „Theben in Böotien“, sagt Strabon in der augustischen Zeit, „ist jetzt kaum noch ein stattliches Dorf zu nennen, und mit Ausnahme von Tanagra und Thespiae gilt dasselbe von sämtlichen böotischen Städten.“ Aber nicht bloß der Zahl nach schwanden die Menschen zusammen, auch der Schlag verkam. Schöne Frauen gibt es wohl noch, sagt einer der feinsten Beobachter um das Ende des ersten Jahrhunderts, aber schöne Männer sieht man nicht mehr; die olympischen Sieger der neueren Zeit erscheinen, verglichen mit den älteren, niedrig und gemein, zum Teil freilich durch die Schuld der Künstler, aber hauptsächlich, weil sie eben sind, wie sie sind. Die körperliche Ausbildung der Jugend ist in diesem gelobten Lande der Epheben und Athleten in einer Ausdehnung gefördert worden, als ob es der Zweck der Gemeindeverfassung sei, die Knaben zu Turnern und die Männer zu Boxern zu erziehen; aber wenn keine Provinz so viele Ringkünstler besaß, so stellte auch keine so wenig Soldaten zur Reichsarmee. Selbst aus dem athenischen Jugendunterricht, der in älterer Zeit das Speerwerfen, das Bogenschießen, die Geschützbedienung, das Ausmarschieren und das Lagerschlagen einschloß, verschwindet jetzt dieses Soldatenspiel der Knaben. Die griechischen Städte des Reiches werden überhaupt bei der Aushebung so gut wie gar nicht berücksichtigt, sei es, weil diese Rekruten physisch untauglich erschienen, sei es, weil dieses Element im Heere bedenklich erschien; es war ein kaiserlicher Launscherz, daß der karikierte Alexander, Severus Antoninus, die römische Armee für den Kampf gegen die Perser durch einige Lochen Spartiaten verstärkte180. Was für die innere Ordnung und Sicherheit überhaupt geschah, muß von den einzelnen Gemeinden ausgegangen sein, da römische Truppen in der Provinz nicht standen; Athen zum Beispiel unterhielt Besatzung auf der Insel Delos, und wahrscheinlich lag eine Milizabteilung auch auf der Burg181. In den Krisen des dritten Jahrhunderts haben der Landsturm von Elateia und derjenige von Athen die Kostoboker und die Goten tapfer zurückgeschlagen und in würdigerer Weise, als die Enkel der Kämpfer von Thermopylae in Caracallas Perserkrieg, haben in dem gotischen die Enkel der Marathonsieger ihren Namen zum letzten Mal in die Annalen der alten Geschichte eingezeichnet. Aber wenn auch dergleichen Vorgänge davon abhalten müssen, die Griechen dieser Epoche schlechtweg zu dem verkommenen Gesindel zu werfen, so hat das Sinken der Bevölkerung an Zahl wie an Kraft auch in der besseren Kaiserzeit stetig angehalten, bis dann seit dem Ende des zweiten Jahrhunderts die diese Landschaften ebenfalls schwer heimsuchenden Seuchen, die namentlich die Ostküste treffenden Einfälle der Land- und Seepiraten, endlich das Zusammenbrechen der Reichsgewalt in der gallienischen Zeit das chronische Leiden zur akuten Katastrophe steigerten.

In ergreifender Weise tritt das Sinken von Hellas und treten die Stimmungen, die dasselbe bei den Besten hervorrief, uns entgegen in der Ansprache, die einer von diesen, der Bithyner Dion, um die Zeit Vespasians an die Rhodier richtete. Diese galten, nicht mit Unrecht, als die trefflichsten unter den Hellenen. In keiner Stadt war besser für die niedere Bevölkerung gesorgt und trug diese Fürsorge mehr den Stempel nicht des Almosens, sondern des Arbeitgebens. Als nach dem großen Bürgerkriege Augustus im Orient alle Privatschulden klaglos machte, wiesen allein die Rhodier die bedenkliche Vergünstigung zurück. War auch die große Epoche des rhodischen Handels vorüber, so gab es dort immer noch zahlreiche blühende Geschäfte und vermögende Häuser182. Aber viele Mißstände waren auch hier eingerissen, und deren Abstellung fordert der Philosoph, nicht so sehr, wie er sagt, um der Rhodier willen, als um der Hellenen insgemein. „Einst ruhte die Ehre von Hellas auf vielen und viele mehrten seinen Ruhm, ihr, die Athener, die Lakedämonier, Theben, eine Zeitlang Korinth, in ferner Zeit Argos. Nun aber ist es mit den anderen nichts; denn einige sind gänzlich heruntergekommen und zerstört, andere führen sich, wie ihr wißt, und sind entehrt und ihres alten Ruhmes Zerstörer. Ihr seid übrig; ihr allein seid noch etwas und werdet nicht völlig verachtet; denn wie es jene treiben, wären längst alle Hellehen tiefer gesunken als die Phryger und die Thraker. Wie wenn ein großes und reiches Geschlecht auf zwei Augen steht und was dieser letzte des Hauses sündigt, alle Vorfahren mit entehrt, so stehet ihr in Hellas. Glaubt nicht die ersten der Hellehen zu sein; ihr seid die einzigen. Sieht man auf jene erbärmlichen Schandbuben, so werden selbst die großen Geschicke der Vergangenheit unbegreiflich: die Steine und die Städtetrümmer zeigen deutlicher den Stolz und die Größe von Hellas als diese nicht einmal mysischer Ahnen würdigen Nachfahren; und besser als den von diesen bewohnten ist es den Städten ergangen, welche in Trümmern liegen, denn deren Andenken bleibt in Ehren und ihr wohlerworbener Ruhm unbefleckt – besser die Leiche verbrennen, als sie faulend liegen lassen.“

Man wird diesem hohen Sinn eines Gelehrten, welcher die kleine Gegenwart an der großen Vergangenheit maß und, wie dies nicht ausbleiben kann, jene mit widerwilligen Augen, diese in der Verklärung des Dagewesenseins anschaute, nicht zu nahe treten mit dem Hinweis darauf, daß die alte gute hellenische Sitte damals und noch lange nachher denn doch nicht bloß in Rhodos zu finden, vielmehr in vieler Hinsicht noch allerorts Lebendig war. Die innerliche Selbständigkeit, das wohlberechtigte Selbstgefühl der immer noch an der Spitze der Zivilisation stehenden Nation ist bei aller Schmiegsamkeit des Untertanen- und aller Demut des Parasitenrums den Hellenen auch dieser Zeit nicht abhanden gekommen. Die Römer entlehnen die Götter von den alten Hellenen und die Verwaltungsform von den Alexandrinern; sie suchen sich der griechischen Sprache zu bemächtigen und die eigene in Maß und Stil zu hellenisieren. Die Hellenen auch der Kaiserzeit tun nicht das gleiche; die nationalen Gottheiten Italiens, wie Silvanus und die Laren, werden in Griechenland nicht verehrt und keiner griechischen Stadtgemeinde ist es je in den Sinn gekommen, die von ihrem Polybios als die beste gefeierte politische Ordnung bei sich einzuführen. Insofern die Kenntnis des Lateinischen für die höhere wie die niedere Ämterlaufbahn bedingend war, haben die Griechen, die diese betraten, sich dieselbe angeeignet; denn wenn es auch praktisch nur dem Kaiser Claudius einfiel, den Griechen, die kein Lateinisch verstanden, das römische Bürgerrecht zu entziehen, so war allerdings die wirkliche Ausübung der mit diesem verknüpften Rechte und Pflichten nur dem möglich, der der Reichssprache mächtig war. Aber von dem öffentlichen Leben abgesehen, ist nie in Griechen land so lateinisch gelernt worden wie in Rom griechisch; Plutarchos, der schriftstellerisch die beiden Reichshälften gleichsam vermählte und dessen Parallelbiographien römischer und griechischer berühmter Männer, vor allem durch diese Nebeneinanderstellung, sich empfahlen und wirkten, verstand nicht sehr viel mehr lateinisch als Diderot russisch, und beherrschte wenigstens, wie er selbst sagt, die Sprache nicht; die des Lateinischen wirklich mächtigen griechischen Literaten waren entweder Beamte, wie Appianus und Cassius Dion, oder Neutrale, wie König Juba. In der Tat war Griechenland in sich selbst weit weniger verändert als in seiner äußeren Stellung. Das Regiment von Athen war recht schlecht, aber auch in der Zeit von Athens Größe war es gar nicht musterhaft gewesen. „Es ist“, sagt Plutarchos, „derselbe Volksschlag, dieselben Unruhen, der Ernst und der Scherz, die Anmut und die Bosheit wie bei den Vorfahren.“ Auch diese Epoche weist in dem Leben des griechischen Volkes noch einzelne Züge auf, die seines zivilisatorischen Prinzipats würdig sind. Die Fechterspiele, die von Italien aus sich überall hin, namentlich auch nach Kleinasien und Syrien verbreiteten, haben am spätesten von allen Landschaften in Griechenland Eingang gefunden; längere Zeit beschränkten sie sich auf das halb italische Korinth, und als die Athener, um hinter diesen nicht zurückzustehen, sie auch bei sich einführten, ohne auf die Stimme eines ihrer Besten zu hören, der sie fragte, ob sie nicht zuvor dem Gotte des Erbarmens einen Altar setzen möchten, da wandten manche der Edelsten unwillig sich weg von der sich selber entehrenden Vaterstadt. In keinem Lande der antiken Welt sind die Sklaven mit solcher Humanität behandelt worden wie in Hellas; nicht das Recht, aber die Sitte verbot dem Griechen, seine Sklaven an einen nicht griechischen Herrn zu verkaufen und verbannte somit aus dieser Landschaft den eigentlichen Sklavenhandel. Nur hier finden wir in der Kaiserzeit bei den Bürgerschmäusen und den Ölspenden an die Bürgerschaft auch die unfreien Leute mit bedachte183. Nur hier konnte ein unfreier Mann, wie Epiktetos unter Traian, in seiner mehr als bescheidenen äußeren Existenz in dem epirotischen Nikopolis mit angesehenen Männern senatorischen Standes in der Weise verkehren wie Sokrates mit Kritias und Alkibiades, so daß sie seiner mündlichen Belehrung wie Schüler dem Meister lauschten und die Gespräche aufzeichneten und veröffentlichten. Die Milderungen der Sklaverei durch das Kaiserrecht gehen wesentlich zurück auf den Einfluß der griechischen Anschauungen, zum Beispiel bei Kaiser Marcus, der zu jenem nikopolitanischen Sklaven wie zu seinem Meister und Muster emporsah. Unübertrefflich schildert der Verfasser eines unter den lukianischen erhaltenen Dialogs das Verhalten des feinen athenischen Stadtbürgers in seinen engen Verhältnissen gegenüber dem vornehmen und reichen, reisenden Publikum zweifelhafter Bildung oder auch unzweifelhafter Rohen: wie man es dem reichen Ausländer abgewöhnt, im öffentlichen Bade mit einem Heer von Bedienten aufzuziehen, als ob er seines Lebens in Athen nicht ohnehin sicher und nicht Frieden im Lande sei, wie man es ihm abgewöhnt, auf der Straße mit dem Purpurgewand sich zu zeigen, indem die Leute sich freundlich erkundigen, ob es nicht das seiner Mama sei. Er zieht die Parallele zwischen römischer und athenischer Existenz: dort die beschwerlichen Gastereien und die noch beschwerlicheren Bordelle, die unbequeme Bequemlichkeit der Bedientenschwärme und des häuslichen Luxus, die Lästigkeiten der Liederlichkeit, die Qualen des Ehrgeizes, all das Übermaß, die Vielfältigkeit, die Unruhe des hauptstädtischen Treibens; hier die Anmut der Armut, die freie Rede im Freundeskreis, die Muse für geistigen Genuß, die Möglichkeit des Lebensfriedens und der Lebensfreude – „wie konntest du“, fragt ein Grieche in Rom den andern, „das Licht der Sonne, Hellas und sein Glück und seine Freiheit, um dieses Gedränges willen verlassen?“ In diesem Grundakkord begegnen sich alle feiner und reiner organisierten Naturen dieser Epoche; eben die besten Hellenen mochten nicht mit den Römern tauschen. Kaum gibt es etwas gleich Erfreuliches in der Literatur der Kaiserzeit wie Dions schon erwähnte euböische Idylle: sie schildert die Existenz zweier Jägerfamilien im einsamen Walde, deren Vermögen acht Ziegen sind, eine Kuh ohne Horn und ein schönes Kalb, vier Sicheln und drei Jagdspeere, welche weder von Geld noch von Steuern etwas wissen, und die dann, vor die tobende Bürgerversammlung der Stadt gestellt, von dieser schließlich unbehelligt entlassen werden zum Freuen und zum Freien. Die reale Durchführung dieser poetisch verklärten Lebensauffassung ist Plutarchos von Chaeroneia, einer der anmutigsten und belesensten und nicht minder einer der wirksamsten Schriftsteller des Altertums. Einer vermögenden Familie jener kleinen böotischen Landstadt entsprossen und erst daheim, dann in Athen und in Alexandreia in die volle hellenische Bildung eingeführt, auch durch seine Studien und vielfältige persönliche Beziehungen sowie durch Reisen in Italien mit römischen Verhältnissen wohlvertraut, verschmähte er es, nach der üblichen Weise der begabten Griechen in den Staatsdienst zu treten oder die Professorenlaufbahn einzuschlagen; er blieb seiner Heimat treu, mit der trefflichen Frau und den Kindern und mit den Freunden und Freundinnen des häuslichen Lebens im schönsten Sinne des Wortes genießend, sich bescheidend mit den Ämtern und Ehren, die sein Böotien ihm zu bieten vermochte, und mit dem mäßigen angeerbten Vermögen. In diesem Chaeroneer drückt der Gegensatz der Hellenen und der Hellenisierten sich aus; ein solches Griechentum war weder in Smyrna möglich noch in Antiocheia; es gehörte zum Boden wie der Honig vom Hymettos. Es gibt genug mächtigere Talente und tiefere Naturen, aber schwerlich einen zweiten Schriftsteller, der mit so glücklichem Maß sich in das Notwendige mit Heiterkeit zu finden und so wie er den Stempel seines Seelenfriedens und seines Lebensglückes seinen Schriften aufzuprägen gewußt hat.

Die Selbstbeherrschung des Hellenismus kann auf dem Boden des öffentlichen Lebens sich nicht in der Reinheit und Schönheit offenbaren wie in der stillen Heimstatt, nach der die Geschichte und sie nach der Geschichte glücklicherweise nicht fragt. Wenden wir uns den öffentlichen Verhältnissen zu, so ist mehr vom Mißregiment als vom Regiment zu berichten, sowohl der römischen Regierung wie der griechischen Autonomie. An gutem Willen fehlte es dort insofern nicht, als der römische Philhellenismus die Kaiserzeit noch viel entschiedener beherrscht als die republikanische. Er äußert sich überall im Großen wie im Kleinen, in der Fortführung der Hellenisierung der östlichen Provinzen und der Anerkennung der doppelten offiziellen Reichssprache wie in den höflichen Formen, in welchen die Regierung auch mit der kleinsten griechischen Gemeinde verkehrt und ihre Beamten zu verkehren anhält184. Auch haben es die Kaiser an Gaben und Bauten zu Gunsten dieser Provinz nicht fehlen lassen; und wenn auch das meiste der Art nach Athen kam, so baute doch Hadrian eine große Wasserleitung zum Besten von Korinth, Plus die Heilanstalt von Epidauros. Aber die rücksichtsvolle Behandlung der Griechen insgemein und die besondere Huld, welche dem eigentlichen Hellas von der kaiserlichen Regierung zuteil wurde, weil es in gewissem Sinn gleich wie Italien als Mutterland galt, sind weder dem Regiment noch der Landschaft recht zum Vorteil ausgeschlagen. Der jährliche Wechsel der Oberbeamten und die schlaffe Kontrolle der Zentralstelle ließen alle senatorischen Provinzen, soweit das Statthalterregiment reichte, mehr den Druck als den Segen einheitlicher Verwaltung empfinden, und diese doppelt bei ihrer Kleinheit und ihrer Armut. Noch unter Augustus selbst machten diese Mißstände sich in dem Grade geltend, daß es eine der ersten Regierungshandlungen seines Nachfolgers war, sowohl Griechenland wie Makedonien in eigene Verwaltung zu nehmen185, wie es hieß vorläufig, in der Tat auf die ganze Dauer seiner Regierung. Es war sehr konstitutionell, aber vielleicht nicht ebenso weise, daß Kaiser Claudius, als er zur Gewalt gelangte, die alte Ordnung wiederherstellte. Seitdem hat es dann bei dieser sein Bewenden gehabt und ist Achaia nicht von ernannten, sondern von erlosten Beamten verwaltet worden, bis diese Verwaltungsform überhaupt abkam.

Aber bei weitem übler noch stand es um die von dem Statthalterregiment eximierten Gemeinden Griechenlands. Die Absicht, diese Gemeinwesen zu begünstigen, durch die Befreiung von Tribut und Aushebung wie nicht minder durch die möglichst geringe Beschränkung der Rechte des souveränen Staates, hat, wenigstens in vielen Fällen, zu dem Gegenteil geführt. Die innere Unwahrheit der Institutionen rächte sich. Zwar bei den weniger bevorrechteten oder besser verwalteten Gemeinden mag die kommunale Autonomie ihren Zweck erfüllt haben; wenigstens vernehmen wir nicht, daß es mit Sparta, Korinth, Patrae besonders übel bestellt gewesen sei. Aber Athen war nicht geschaffen, sich selbst zu verwalten, und bietet das abschreckende Bild eines von der Obergewalt verhätschelten und finanziell wie sittlich verkommenen Gemeinwesens. Von Rechts wegen hätte dasselbe in blühendem Zustande sich befinden müssen. Wenn es den Athenern mißlang, die Nation unter ihrer Hegemonie zu vereinigen, so ist diese Stadt doch die einzige Griechenlands wie Italiens gewesen, welche die landschaftliche Einigung vollständig durchgeführt hat; ein eigenes Gebiet, wie es die Attike ist, von etwa 40 Quadratmeilen, der doppelten Größe der Insel Rügen, hat keine Stadt des Altertums sonst besessen. Aber auch außerhalb Attikas blieb ihnen, was sie besaßen, sowohl nach dem Mithradatischen Kriege durch Sullas Gnade wie nach der Pharsalischen Schlacht, in der sie auf Seiten des Pompeius gestanden hatten, durch die Gnade Caesars – er fragte sie nur, wie oft sie noch sich selber zugrunde richten und dann durch den Ruhm ihrer Vorfahren retten lassen wollten. Der Stadt gehörte immer noch nicht bloß das ehemals haliartische Gebiet in Böotien, sondern auch an ihrer eigenen Küste Salamis, der alte Ausgangspunkt ihrer Seeherrschaft, im Thrakischen Meer die einträglichen Inseln Skyros, Lemnos und Imbros sowie im Ägäischen Delos; freilich war diese Insel seit dem Ende der Republik nicht mehr das zentrale Emporium des Handels mit dem Osten, nachdem der Verkehr sich von da weg nach den Häfen der italischen Westküste gezogen hatte, und es war dies für die Athener ein unersetzlicher Verlust. Von den weiteren Verleihungen, die sie Antonius abzuschmeicheln gewußt hatten, nahm ihnen Augustas, gegen den sie Partei ergriffen hatten, allerdings Aegina und Eretria auf Euböa, aber die kleineren Inseln des Thrakischen Meeres, Ikos, Peparethos, Skiathos, ferner Keos vor der Sunischen Landspitze durften sie behalten; und Hadrian gab ihnen weiter den besten Teil der großen Insel Kephallenia im Ionischen Meer. Erst durch den Kaiser Severus, der ihnen nicht wohlwollte, wurde ihnen ein Teil dieser auswärtigen Besitzungen entzogen. Hadrian gewährte ferner den Athenern die Lieferung eines gewissen Quantums von Getreide auf Kosten des Reiches und erkannte durch die Erstreckung dieses, bisher der Reichshauptstadt vorbehaltenen Privilegiums Athen gleichsam an als eine der Reichsmetropolen. Nicht minder wurde das segensreiche Institut der Alimentarstiftungen, dessen Italien sich seit Traian erfreute, von Hadrian auf Athen ausgedehnt und das dazu erforderliche Kapital sicher aus seiner Schatulle den Athenern geschenkt. Eine Wasserleitung, die er ebenfalls seinem Athen widmete, wurde erst nach seinem Tode von Pius vollendet. Dazu kam der Zusammenfluß der Reisenden und der Studierenden und die in immer steigender Zahl von den römischen Großen und den auswärtigen Fürsten der Stadt verliehenen Stiftungen. Dennoch war die Gemeinde in stetiger Bedrängnis. Mit dem Bürgerrecht wurde nicht bloß das überall übliche Geschäft auf Nehmen und Geben, sondern förmlich und offenkundig Schacher getrieben, so daß Augustas mit einem Verbot dagegen einschritt. Einmal über das andere beschloß der Rat von Athen, diese oder jene seiner Inseln zu verkaufen, und nicht immer fand sich ein opferwilliger Reicher gleich dem Iulius Nikanor, der unter Augustas den bankrotten Athenern die Insel Salamis zurückkaufte und dafür von dem Rat derselben den Ehrentitel des „neuen Themistokles“ sowie, da er auch Verse machte, nebenbei den des „neuen Homer“ und mit den edlen Ratsherren zusammen von dem Publikum den wohlverdienten Hohn erntete. Die prachtvollen Bauten, mit denen Athen fortfuhr sich zu schmücken, erhielt es ohne Ausnahme von den Fremden, unter anderen von den reichen Königen Antiochos von Kommagene und Herodes von Judäa, vor allen aber von dem Kaiser Hadrian, der eine völlige „Neustadt“ (novae Athenae) am Ilisos anlegte und außer zahllosen anderen Gebäuden, darunter dem schon erwähnten Panhellenion, das Wunder der Welt, den von Peisistratos begonnenen Riesenbau des Olympieion mit seinen 120, zum Teil noch stehenden Säulen, den größten von allen, die heute aufrecht sind, sieben Jahrhunderte nach seinem Beginn in würdiger Weise abschloß. Selbst hatte diese Stadt kein Geld, nicht bloß für ihre Hafenmauern, die jetzt allerdings entbehrlich waren, sondern nicht einmal für den Hafen. Zu Augusts Zeit war der Peiräeus ein geringes Dorf von wenigen Häusern, nur besucht wegen der Meisterwerke der Malerei in den Tempelhallen. Handel und Industrie gab es in Athen fast nicht mehr, oder für die Bürgerschaft insgemein wie für den einzelnen Bürger nur ein einziges blühendes Gewerbe, den Bettel. Auch blieb es nicht bei der Finanzbedrängnis. Die Welt hatte wohl Frieden, aber nicht die Straßen und Plätze von Athen. Noch unter Augustas hat ein Aufstand in Athen solche Verhältnisse angenommen, daß die römische Regierung gegen die Freistadt einschreiten mußte186; und wenn auch dieser Vorgang vereinzelt steht, so gehörten Aufläufe auf der Gasse wegen der Brotpreise und aus anderen geringfügigen Anlässen in Athen zur Tagesordnung. Viel besser wird es in zahlreichen anderen Freistädten nicht ausgesehen haben, von denen weniger die Rede ist. Einer solchen Bürgerschaft die Kriminaljustiz unbeschränkt in die Hand zu geben, war kaum zu verantworten; und doch stand dieselbe den zu internationaler Föderation zugelassenen Gemeinden, wie Athen und Rhodos, von Rechts wegen zu. Wenn der athenische Areopag in augustischer Zeit sich weigerte, einen wegen Fälschung verurteilten Griechen auf die Verwendung eines vornehmen Römers hin von der Strafe zu entbinden, so wird er in seinem Recht gewesen sein; aber daß die Kyzikener unter Tiberius römische Bürger einsperrten, unter Claudius gar die Rhodier einen römischen Bürger ans Kreuz schlugen, waren auch formale Rechtsverletzungen, und ein ähnlicher Vorgang hat unter Augustus den Thessalern ihre Autonomie gekostet. Übermut und Übergriff wird durch die Machtlosigkeit nicht ausgeschlossen, nicht selten von den schwachen Schutzbefohlenen eben daraufhin gewagt. Bei aller Achtung für große Erinnerungen und beschworene Verträge mußten doch jeder gewissenhaften Regierung diese Freistaaten nicht viel minder als ein Bruch in die allgemeine Rechtsordnung erscheinen, wie das noch viel altheiligere Asylrecht der Tempel.

Schließlich griff die Regierung durch und stellte die freien Städte hinsichtlich ihrer Wirtschaft unter die Oberaufsicht von Beamten kaiserlicher Ernennung, die allerdings zunächst als außerordentliche Kommissarien „zur Korrektur der bei den Freistädten eingerissenen Übelstände“ charakterisiert werden und davon späterhin die Bezeichnung Korrektoren als titulare führen. Die Anfänge derselben lassen sich bis in die traianische Zeit verfolgen; als stehende Beamte finden wir sie in Achaia im dritten Jahrhundert. Diese, neben den Prokonsuln fungierenden, vom Kaiser bestellten Beamten finden in keinem Teil des Römischen Reichs so früh sich ein und sind in keinem so früh ständig geworden sie in dem halb aus Freistädten bestehenden Achaia.

Das an sich wohlberechtigte und durch die Haltung der römischen Regierung wie vielleicht noch mehr durch die des römischen Publikums genährte Selbstgefühl der Hellenen, das Bewußtsein des geistigen Primats rief daselbst einen Kultus der Vergangenheit ins Leben, der sich zusammensetzt aus dem treuen Festhalten an den Erinnerungen größerer und glücklicherer Zeiten und dem barocken Zurückdrehen der gereiften Zivilisation auf ihre zum Teil sehr primitiven Anfänge. Zu den ausländischen Kulten, wenn man absieht von dem schon früher durch die Handelsverbindungen eingebürgerten Dienst der ägyptischen Gottheiten, namentlich der Isis, haben die Griechen im eigentlichen Hellas sich durchgehend ablehnend verhalten; wenn dies von Korinth am wenigsten gilt, so ist dies auch die am wenigsten griechische Stadt von Hellas. Die alte Landesreligion schützt nicht der innige Glaube, von dem diese Zeit sich längst gelöst hatte187; aber die heimische Weise und das Gedächtnis der Vergangenheit haften vorzugsweise an ihr und darum wird sie nicht bloß mit Zähigkeit festgehalten, sondern sie wird auch, zum guten Teil durch gelehrte Repristination, im Laufe der Zeit immer starrer und altertümlicher, immer mehr ein Sonderbesitz der Studierten.

Ähnlich verhält es sich mit dem Kultus der Stammbäume, in welchem die Hellenen dieser Zeit ungemeines geleistet und die adelsstolzesten Römer weit hinter sich gelassen haben. In Athen spielt das Geschlecht der Eumolpiden eine hervorragende Rolle bei der Reorganisierung des Eleusinischen Festes unter Marcus. Dessen Sohn Commodus verlieh dem Haupt des Geschlechtes der Keryken das römische Bürgerrecht, und aus demselben stammt der tapfere und gelehrte Athener, der, .fast wie Thukydides, mit den Goten schlug und dann den Gotenkrieg beschrieb. Des Marcus Zeitgenosse, der Professor und Konsular Herodes Atticus, gehörte ebendiesem Geschlechte an, und sein Hofpoet singt von ihm, daß dem hochgeborenen Athener, dem Nachkommen des Hermes und der Kekropstochter Herse, der rote Schuh des römischen Patriziats wohl angestanden habe, während einer seiner Lobredner in Prosa ihn als Aeakiden feiert und zugleich als Abkömmling von Miltiades und Kimon. Aber auch Athen wurde hierin noch weit überboten von Sparta; mehrfach begegnen Spartiaten, die sich der Herkunft von den Dioskuren, dem Herakles, dem Poseidon und des seit vierzig und mehr Generationen in ihrem Hause erblichen Priestertums dieser Altvordern berühmen. Es ist charakteristisch für dieses Adelsrum, daß es sich hauptsächlich erst mit dem Ende des zweiten Jahrhunderts einstellt; die Heraldiker, welche diese Geschlechtstafeln entwarfen, werden für die Beweisstücke weder in Athen noch in Sparta die Goldwaage angewandt haben.

Dieselbe Tendenz zeigt sich in der Behandlung der Sprache oder vielmehr der Dialekte. Während in dieser Zeit in den sonstigen griechisch redenden Ländern und auch in Hellas im gewöhnlichen Verkehr das sogenannte gemeine, im wesentlichen aus der attischen Mundart heraus verschliffene Griechisch vorherrscht, strebt die Schriftsprache dieser Epoche nicht bloß nach der Beseitigung der eingerissenen Sprachfehler und Neuerungen, sondern vielfach werden dialektische Besonderheiten, dem Sprachgebrauch entgegen, wieder aufgenommen und hier, wo er am wenigsten berechtigt war, der alte Partikularismus in scheinhafter Weise zurückgeführt. Den Standbildern, welche die Thespier den Musen im Hain des Helikon setzten, wurden auf gut böotisch die Namen Orania und Thalea beigeschrieben, während die dazu gehörigen Epigramme, verfaßt von einem Poeten römischen Namens, sie auf gut ionisch Uranie und Thaleie nannten, und die nicht gelehrten Böoter, wenn sie sie kannten, sie nannten, wie alle anderen Griechen, Urania und Thaleia. Von den Spartanern vor allem ist darin Unglaubliches geleistet und nicht selten mehr für den Schatten des Lykurgos als für die zur Zeit lebenden Aelier und Aurelier geschrieben worden188. Daneben kommt der korrekte Gebrauch der Sprache in dieser Zeit auch in Hellas allmählich ins Schwanken; Archaismen und Barbarismen gehen in den Dokumenten der Kaiserzeit häufig friedlich nebeneinander her. Athens sehr mit Fremden gemischte Bevölkerung hat in dieser Hinsicht sich zu keiner Zeit besonders ausgezeichnet189, und obwohl die städtischen Urkunden sich verhältnismäßig rein halten, macht doch seit Augustus die allgemein einreißende Sprachverderbnis auch hier sich fühlbar. Die strengen Grammatiker der Zeit haben ganze Bücher gefüllt mit den Sprachschnitzern, die der eben erwähnte, viel gefeierte Rhetor Herodes Atticus und die übrigen berühmten Schulredner des zweiten Jahrhunderts sich zuschulden kommen ließen190, ganz abgesehen von der verzwickten Künstelei und der manierierten Pointierung ihrer Rede. Die eigentliche Verwilderung aber in Sprache und Schrift reißt in Athen und ganz Griechenland, eben wie in Rom, ein mit Septimius Severus19135.

Die Schadhaftigkeit der hellenischen Existenz lag in der Beschränktheit ihres Kreises: es mangelte dem hohen Ehrgeiz an dem entsprechenden Ziel und darum überwucherte die niedere und erniedrigende Ambition. Auch in Hellas fehlte es nicht an einheimischen Familien von großem Reichtum und bedeutendem Einfluß192. Das Land war wohl im ganzen arm, aber es gab doch Häuser von ausgedehntem Grundbesitz und altbefestigtem Wohlstand. In Sparta zum Beispiel hat das des Lachares von Augustus bis wenigstens in die hadrianische Zeit eine Stellung eingenommen, welche tatsächlich von dem Fürstentum nicht allzuweit abstand. Den Lachares hatte Antonius wegen Erpressung hinrichten lassen. Dafür war dessen Sohn Eurykles einer der entschiedensten Parteigänger Augusts und einer der tapfersten Kapitäne in der entscheidenden Seeschlacht, der fast den besiegten Feldherrn persönlich zum Gefangenen gemacht hätte; er empfing von dem Sieger unter anderen reichen Gaben als Privateigentum die Insel Kythere (Cerigo). Später spielte er eine hervorragende und bedenkliche Rolle, nicht bloß in seinem Heimatland, über welches er eine dauernde Vorstandschaft ausgeübt haben muß, sondern auch an den Höfen von Jerusalem und Caesarea, wobei das dem Spartiaten von den Orientalen gezollte Ansehen nicht wenig mitwirkte. Deswegen von dem Kaisergericht mehrfach zur Verantwortung gezogen, wurde er schließlich verurteilt und ins Exil gesandt; aber der Tod entzog ihn rechtzeitig den Folgen des Urteilsspruches und sein Sohn Lakon trat in das Vermögen und wesentlich auch, wenngleich in vorsichtigerer Form, in die Machtstellung des Vaters ein. Ähnlich stand in Athen das Geschlecht des oft genannten Herodes; wir können dasselbe aufsteigend durch vier Generationen bis in die Zeit Caesars zurückverfolgen, und über des Herodes Großvater ist, ähnlich wie über den Spartaner Eurykles, wegen seiner übergreifenden Machtstellung in Athen die Konfiskation verhängt worden. Die ungeheuren Latifundien, welche der Enkel in seiner armen Heimat besaß, die zu Grabzwecken seiner Lustknaben verwendeten weiten Flächen erregten den Unwillen selbst der römischen Statthalter. Derartige mächtige Familien gab es vermutlich in den meisten Landschaften von Hellas, und wenn sie auf dem Landtag der Provinz in der Regel entschieden, so waren sie auch in Rom nicht ohne Verbindungen und Einfluß. Aber obwohl diejenigen rechtlichen Schranken, welche den Gallier und den Alexandriner noch nach erlangtem Bürgerrecht vom Reichssenat ausschlossen, diesen vornehmen Griechen schwerlich entgegenstanden, vielmehr unter den Kaisern diejenige politische und militärische Laufbahn, welche dem Italiker sich darbot, von Rechts wegen dem Hellenen gleichfalls offenstand, so sind dieselben doch tatsächlich erst in später Zeit und in beschränktem Umfang in den Staatsdienst eingetreten, zum Teil wohl, weil die römische Regierung der früheren Kaiserzeit die Griechen als Ausländer ungern zuließ, zum Teil, weil diese selbst die mit dem Eintritt in diese Laufbahn verknüpfte Übersiedlung nach Rom scheuten und es vorzogen, statt einer mehr unter den vielen Senatoren daheim die ersten zu sein. Erst des Lachares Urenkel Herklanos ist in traianischer Zeit, und in der Familie des Herodes wahrscheinlich zuerst dessen Vater um dieselbe Zeit in den römischen Senat eingetreten193.

Die andere Laufbahn, welche erst in der Kaiserzeit sich auftat, der persönliche Dienst des Kaisers, gab wohl im günstigen Fall Reichtum und Einfluß und ist auch früher und häufiger von den Griechen betreten worden; aber da die meisten und wichtigsten dieser Stellungen an den Offizierdienst geknüpft waren, scheint auch für diese längere Zeit ein faktischer Vorzug der Italiker bestanden zu haben und war der gerade Weg auch hier den Griechen einigermaßen verlegt. In untergeordneten Stellungen sind Griechen am kaiserlichen Hofe von jeher und in großer Anzahl verwendet worden und auf Umwegen oftmals zu Vertrauen und Einfluß gelangt; aber dergleichen Persönlichkeiten kamen mehr aus den hellenisierten Landschaften als aus Hellas selbst und am wenigsten aus den besseren hellenischen Häusern. Für die legitime Ambition des jungen Mannes von Herkunft und Vermögen gab es, wenn er ein Grieche war, im römischen Kaiserreich nur beschränkten Spielraum.

Es blieb ihm die Heimat, und in dieser für das gemeine Wohl tätig zu sein, war allerdings Pflicht und Ehre. Aber es waren sehr bescheidene Pflichten und noch viel bescheidenere Ehren. „Eure Aufgabe“, sagt Dion weiter seinen Rhodiern, „ist eine andere, als die der Vorfahren war. Sie konnten ihre Tüchtigkeit nach vielen Seiten hin entwickeln, nach dem Regiment streben, den Unterdrückten beistehen, Bundesgenossen gewinnen, Städte gründen, kriegen und siegen; von allem dem vermögt ihr nichts mehr zu tun. Es bleibt euch die Führung des Hauswesens, die Verwaltung der Stadt, die Verleihung von Ehren und Auszeichnungen mit Wahl und Maß, der Sitz im Rat und im Gericht, der Gottesdienst und die Feier der Feste; in allem diesem könnt ihr euch vor andern Städten auszeichnen. Auch das ist nichts Geringes, die anständige Haltung, die Sorgfalt für Haar und Bart, der gesetzte Gang auf der Straße, so daß bei euch selbst die anders gewöhnten Fremden sich es abgewöhnen zu rennen, die schickliche Tracht, sogar, wenn es auch lächerlich erscheinen mag, der schmale und knappe Purpursaum, die Ruhe im Theater, das Maßhalten im Klatschen: das alles macht die Ehre eurer Stadt, und mehr als in euren Häfen und Mauern und Docks zeigt sich hierin das gute alte hellenische Wesen und erkennt hierin auch der Barbar, der den Namen der Stadt nicht weiß, daß er in Griechenland ist und nicht in Syrien oder Kilikien.“ Das traf alles zu; aber wenn es jetzt nicht mehr von dem Bürger verlangt ward, für die Vaterstadt zu sterben, so war doch die Frage nicht ohne Berechtigung, ob es noch der Mühe wert sei, für diese Vaterstadt zu leben. Es gibt von Plutarchos eine Auseinandersetzung über die Stellung der griechischen Gemeindebeamten zu seiner Zeit, worin er mit der ihm eigenen Billigkeit und Umsicht diese Verhältnisse erörtert. Die alte Schwierigkeit, die gute Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten zu führen mittels der Majoritäten der unsicheren, launenhaften, oft mehr den eigenen Vorteil als den des Gemeinwesens bedenkenden Bürgerschaft oder auch der sehr zahlreichen Ratsversammlung – die athenische zählte in der Kaiserzeit erst 600, dann 500, später 750 Stadträte –, bestand wie früher, so auch jetzt; es ist die Pflicht des tüchtigen Beamten zu verhindern, daß das „Volk“ nicht dem einzelnen Bürger Unrecht tut, nicht das Privatvermögen unerlaubterweise an sich zieht, nicht das Gemeindegut unter sich verteilt – Aufgaben, die dadurch nicht leichter werden, daß der Beamte kein Mittel dafür hat als die verständige Ermahnung und die Kunst des Demagogen, daß ihm ferner geraten wird, in kleinen Dingen nicht allzu spröde zu sein und wenn bei einem Stadtfest eine mäßige Spende an die Bürgerschaft in Antrag kommt, es nicht solcher Kleinigkeit wegen mit den Leuten zu verderben. Im übrigen aber hatten die Verhältnisse sich völlig verändert, und es muß der Beamte in die gegenwärtigen sich schicken lernen. Vor allem hat er die Machtlosigkeit der Hellenen sich selbst wie den Mitbürgern jeden Augenblick gegenwärtig zu halten. Die Freiheit der Gemeinde reicht soweit die Herrscher sie gestatten, und ein Mehr würde auch wohl vom Übel sein. Wenn Perikles die Amtstracht anlegte, so rief er sich zu, nicht zu vergessen, daß er über Freie und Griechen herrsche; heute hat der Beamte sich zu sagen, daß er unter einem Herrscher herrsche, über eine den Prokonsuln und den kaiserlichen Prokuratoren untergebene Stadt, daß er nichts sein könne und dürfe als das Organ der Regierung, daß ein Federstrich des Statthalters genüge, um jedes seiner Dekrete zu vernichten. Darum ist es die erste Pflicht eines guten Beamten, sich mit den Römern in gutes Einvernehmen zu setzen und womöglich einflußreiche Verbindungen in Rom anzuknüpfen, damit diese der Heimat zugute kommen. Freilich warnt der rechtschaffene Mann eindringlich vor der Servilität; nötigenfalls soll der Beamte mutig dem schlechten Statthalter entgegentreten, und als die höchste Leistung erscheint die entschlossene Vertretung der Gemeinde in solchen Konflikten in Rom vor dem Kaiser. In bezeichnender Weise tadelt er scharf diejenigen Griechen, die – ganz wie in den Zeiten des Achäischen Bundes – bei jedem örtlichen Hader die Intervention des römischen Statthalters herbeiführen, und mahnt dringend, die Gemeindeangelegenheiten lieber innerhalb der Gemeinde zu erledigen, als durch Appellation sich nicht so sehr der Oberbehörde, als den bei ihr tätigen Sachwaltern und Advokaten in die Hände zu liefern. Alles dieses ist verständig und patriotisch, so verständig und so patriotisch wie einstmals die Politik des Polybios, auf die auch ausdrücklich hingewiesen wird. In dieser Epoche des völligen Weltfriedens, wo es weder einen Griechen- noch einen Barbarenkrieg irgendwo gibt, wo die städtischen Kommandos, die städtischen Friedensschlüsse und Bündnisse lediglich der Geschichte angehören, war der Rat sehr am Platze, Marathon und Plataeae den Schulmeistern zu überlassen und nicht die Köpfe der Ekklesia mit dergleichen großen Worten zu erhitzen, vielmehr in dem engen Kreise der noch gestatteten freien Bewegung sich zu bescheiden. Aber die Welt gehört nicht dem Verstande, sondern der Leidenschaft. Der hellenische Bürger konnte auch jetzt noch gegen das Vaterland seine Pflicht tun; aber für den rechten politischen, nach Großem ringenden Ehrgeiz, für die Perikleische und Alkibiadische Leidenschaft war in diesem Hellas, vom Schreibtisch etwa abgesehen, nirgends ein Raum, und in der Lücke wucherten die Giftkräuter, die da, wo das hohe Streben erstickt ist, die Menschenbrust versehren und das Menschenherz vergiften.

Darum ist Hellas auch das Mutterland der heruntergekommenen, inhaltlosen Ambition, unter den vielen schweren Schäden der sinkenden antiken Zivilisation vielleicht des am meisten allgemeinen, und sicher eines der verderblichsten. Dabei stehen in erster Reihe die Volksfeste mit ihrer Preiskonkurrenz. Die olympischen Wettkämpfe stehen dem jugendlichen Volk der Hellenen wohl an; das allgemeine Turnerfest der griechischen Stämme und Städte und der nach dem Spruch der „Hellasrichter“ dem tüchtigsten Wettläufer aus den Zweigen des Ölbaums geflochtene Kranz ist der unschuldige und einfache Ausdruck der Zusammengehörigkeit der jungen Nation. Aber die politische Entwicklung hatte bald über diese Morgenröte hinausgeführt. Schon in den Tagen des Athenischen Seebundes und gar erst der Alexandermonarchie war jenes Hellenenfest ein Anachronismus, ein im Mannesalter fortgeführtes Kinderspiel; daß der Besitzer jenes Ölkranzes wenigstens sich und seinen Mitbürgern als Inhaber des nationalen Primats galt, kam ungefähr darauf hinaus, wie wenn man in England die Sieger der Studentenregatten mit Pitt und Beaconsfield in eine Linie stellen wollte. Die Ausdehnung der hellenischen Nation durch Kolonisierung und Hellenisierung fand in ihrer idealen Einheit und realen Zerfahrenheit in diesem traumhaften Reich des Olivenkranzes ihren rechten Ausdruck; und die griechische Realpolitik der Diadochenzeit hat sich denn auch um dasselbe, wie billig, wenig bekümmert. Aber als die Kaiserzeit in ihrer Weise den panhellenischen Gedanken aufnahm und die Römer in die Rechte und die Pflichten der Hellenen eintraten, da blieb oder ward für das römische Allhellas Olympia das rechte Symbol; erscheint doch unter Augustus der erste römische Olympionike, und zwar kein geringerer als Augustus‘ Stiefsohn, der spätere Kaiser Tiberius194. Das nicht reinliche Ehebündnis, welches das Allhellenentum mit dem Dämon des Spiels einging, machte aus diesen Festen eine ebenso mächtige und dauernde wie im allgemeinen und besonders für Hellas schädliche Institution. Die gesamte hellenische und hellenisierende Welt beteiligte sich daran, sie beschickend und sie nachahmend; überall sprangen ähnliche, für die ganze griechische Welt bestimmte Feste aus dem Boden und die eifrige Anteilnahme der breiten Massen, das allgemeine Interesse für den einzelnen Wettkämpfer, der Stolz des Siegers nicht bloß, sondern seines Anhangs und seiner Heimat ließen fast vergessen, um welche Dinge eigentlich gestritten ward. Die römische Regierung ließ diesem Wetturnen und den sonstigen Wettkämpfen nicht bloß freien Lauf, sondern beteiligte das Reich an denselben; das Recht der feierlichen Einholung des Siegers in seine Heimatstadt hing in der Kaiserzeit nicht von dem Belieben der betreffenden Bürgerschaft ab, sondern wurde den einzelnen Spielinstituten durch kaiserliches Privilegium verliehen195 und in diesem Fall auch die dem Sieger zustehende jährliche Pension (σίτησις) auf die Reichskasse übernommen, die bedeutenderen Spielinstitute also geradezu als Reichseinrichtungen behandelt. Dieses Spielwesen erfaßte wie das Reich selbst so alle Provinzen; immer aber war das eigentliche Griechenland der ideale Mittelpunkt solcher Kämpfe und Siege, hier ihre Heimat am Alpheios, hier der Sitz der ältesten Nachbildungen, der noch der großen Zeit des hellenischen Namens angehörigen und von ihren klassischen Dichtern verherrlichten Pythien, Isthmien und Nemeen, nicht minder einer Anzahl jüngerer, aber reich ausgestatteter, ähnlicher Feste, der Eurykleen, die der oben erwähnte Herr von Sparta unter Augustus gegründet, der athenischen Panathenaeen, der von Hadrian mit kaiserlicher Munifizenz dotierten, ebenfalls in Athen gefeierten Panhellenien. Man durfte sich verwundern, daß die ganze Welt des weiten Reiches sich um diese Turnfeste zu drehen schien, aber nicht darüber, daß an diesem seltsamen Zauberbecher vor allem die Hellenen sich berauschten, und daß das politische Stilleben, das ihre besten Männer ihnen anempfahlen, durch die Kränze und die Statuen und die Privilegien der Festsieger in schädlichster Weise verwirrt ward.

Einen ähnlichen Weg gingen die städtischen Institutionen, allerdings im ganzen Reich, aber wiederum vorzugsweise in Hellas. Als es dort noch große Ziele und einen Ehrgeiz gab, hatte in Hellas, eben wie in Rom, die Bewerbung um die Gemeindeämter und die Gemeindeehren den Mittelpunkt des politischen Wetteifers gebildet und neben vielem Leeren, Lächerlichen, Bösartigen auch die tüchtigsten und edelsten Leistungen hervorgerufen. Jetzt war der Kern verschwunden, die Schale geblieben; in Panopeus im Phokischen standen zwar die Häuser ohne Dach und wohnten die Bürger in Hütten, aber es war noch eine Stadt, ja ein Staat, und bei dem Aufzug der phokischen Gemeinden fehlten die Panopeer nicht. Diese Städte trieben mit ihren Ämtern und Priestertümern, mit den Belobigungsdekreten durch Heroldsruf und den Ehrensitzen bei den öffentlichen Versammlungen, mit dem Purpurgewand und dem Diadem, mit den Statuen zu Fuß und zu Roß ein Eitelkeits- und Geldgeschäft schlimmer als der kleinste Duodezfürst der neueren Zeit mit seinen Orden und Titeln. Es wird ja auch in diesen Vorgängen das wirkliche Verdienst und die ehrliche Dankbarkeit nicht gefehlt haben; aber durchgängig war es ein Handel auf Geben und Nehmen oder, mit Plutarch zu reden, ein Geschäft wie zwischen der Kurtisane und ihren Kunden. Wie heutzutage die private Munifizenz im Positiv den Orden und im Superlativ den Adel bewirkt, so verschaffte sie damals den priesterlichen Purpur und die Bildsäule auf dem Markt; und nicht ungestraft treibt der Staat mit seinen Ehren Falschmünzerei. In der Massenhaftigkeit derartiger Prozeduren und der Roheit ihrer Formen stehen die heutigen Leistungen hinter denen der alten Welt beträchtlich zurück, wie natürlich, da die durch den Staatsbegriff nicht genügend gebändigte scheinhafte Autonomie der Gemeinde auf diesem Gebiet ungehindert schaltete und die dekretierenden Behörden durchgängig die Bürgerschaften oder die Räte von Kleinstädten waren. Die Folgen waren nach beiden Seiten verderblich: die Gemeindeämter wurden mehr nach der Zahlungsfähigkeit als nach der Tüchtigkeit der Bewerber vergeben; die Schmäuse und Spenden machten die Beschenkten nicht reicher und den Schenker oftmals arm; an dem Zunehmen der Arbeitsscheu und dem Vermögensverfall der guten Familien trägt diese Unsitte ihren vollgemessenen Anteil. Auch die Wirtschaft der Gemeinden selbst litt schwer unter dem Umsichgreifen der Adulation. Zwar waren die Ehren, mit welchen die Gemeinde dem einzelnen Wohltäter dankte, großenteils nach demselben verständigen Prinzip der Billigkeit bemessen, welches heutzutage die ähnlichen dekorativen Vergünstigungen beherrscht; und wo das nicht der Fall war, fand häufig der Wohltäter sich bereit, zum Beispiel die ihm zu setzende Bildsäule selber zu bezahlen. Aber nicht dasselbe gilt von den Ehrenbezeugungen, welche die Gemeinde vornehmen Ausländern, vor allem den Statthaltern und den Kaisern wie den Gliedern des kaiserlichen Hauses erwies. Die Richtung der Zeit auf Wertschätzung auch der inhaltlosen und obligaten Huldigung beherrschte den kaiserlichen Hof und die römischen Senatoren nicht so wie die Kreise des kleinstädtischen Ehrgeizes, aber doch auch in sehr fühlbarer Weise; und selbstverständlich wuchsen die Ehren und die Huldigungen einmal im Laufe der Zeit durch die ihnen eigene Vernutzung, und ferner in demselben Maß, wie die Geringhaltigkeit der regierenden oder an der Regierung beteiligten Persönlichkeiten. Begreiflicherweise war in dieser Hinsicht das Angebot immer stärker als die Nachfrage und diejenigen, die solche Huldigungen richtig würdigten, um davon verschont zu bleiben, genötigt, sie abzuwehren, was im einzelnen Fall oft genug196, aber konsequenterweise selten geschehen zu sein scheint – für Tiberius darf die geringe Anzahl der ihm errichteten Bildsäulen vielleicht unter seinen Ruhmestiteln verzeichnet werden. Die Ausgaben für Ehrendenkmäler, die oft weit über die einfache Statue hinausgingen, und für Ehrengesandtschaften197 sind ein Krebsschaden gewesen und immer mehr geworden an dem Gemeindehaushalt aller Provinzen. Aber keine wohl hat im Verhältnis zu ihrer geringen Leistungsfähigkeit so große Summen unnütz aufgewandt wie die Provinz von Hellas, das Mutterland wie der Festsieger- so auch der Gemeindeehren und in einem Prinzipat in dieser Zeit unübertroffen, in dem der Bedientendemut und untertänigen Huldigung.

Daß die wirtschaftlichen Zustände Griechenlands nicht günstig waren, braucht kaum noch besonders ausgeführt zu werden. Das Land, im ganzen genommen, ist nur von mäßiger Fruchtbarkeit, die Ackerfluren von beschränkter Ausdehnung, der Weinbau auf dem Kontinent nicht von hervorragender Bedeutung, mehr die Kultur der Olive. Da die Brüche des berühmten Marmors, des glänzend weißen attischen wie des grünen karystischen, wie die meisten übrigen zum Domanialbesitz gehörten, kam deren Ausbeutung durch die kaiserlichen Sklaven der Bevölkerung wenig zugute.

Die gewerbfleißigste der griechischen Landschaften war die der Achäer, wo die seit langem bestehende Fabrikation von Wollenstoffen sich behauptete und in der wohlbevölkerten Stadt Patrae zahlreiche Spinnereien den feinen elischen Flachs zu Kleidern und Kopfnetzen verarbeiteten. Die Kunst und das Kunsthandwerk blieben auch jetzt noch vorzugsweise den Griechen, und von den Massen besonders pentelischen Marmors, welche die Kaiserzeit verbraucht hat, muß ein nicht geringer Teil an Ort und Stelle verarbeitet worden sein. Überwiegend aber übten die Griechen beide im Ausland; von dem früher so bedeutenden Export des griechischen Kunstgewerbes ist in dieser Zeit wenig die Rede. Den regsten Verkehr hatte die Stadt der beiden Meere, Korinth, die allen Hellenen gemeinsame, stets von Fremden wimmelnde Metropole, wie ein Redner sie bezeichnet. In den beiden römischen Kolonien Korinth und Patrae, und außerdem in dem stets von schauenden und lernenden Ausländern gefüllten Athen konzentrierte sich das größere Bankiergeschäft der Provinz, welches in der Kaiserzeit wie in der republikanischen zum großen Teil in den Händen dort ansässiger Italiker lag. Auch in Plätzen zweiten Ranges, wie in Argos, Elis, Mantineia im Peloponnes, bilden die ansässigen römischen Kaufleute eigene, neben der Bürgerschaft stehende Genossenschaften. Im allgemeinen lag in Achaia Handel und Verkehr darnieder, namentlich seit Rhodos und Delos aufgehört hatten, Stapelplätze für den Zwischenverkehr zwischen Asien und Europa zu sein und dieser sich nach Italien gezogen hatte. Die Piraterie war gebändigt und auch die Landstraßen wohl leidlich sicher198; aber damit kehrte die alte glückliche Zeit noch nicht zurück. Der Verödung des Peiräeus wurde schon gedacht; es war ein Ereignis, wenn eines der großen ägyptischen Getreideschiffe sich einmal dorthin verirrte. Nauplia, der Hafen von Argos, nach Patrae der bedeutendsten Küstenstadt des Peloponnes, lag ebenso wüst199.

Dem entspricht es, daß für die Straßen dieser Provinz in der Kaiserzeit so gut wie nichts geschehen ist; römische Meilensteine haben sich nur in der nächsten Nähe von Patrae und von Athen gefunden und auch diese gehören den Kaisern aus dem Ende des dritten und dem vierten Jahrhundert; offenbar haben die früheren Regierungen darauf verzichtet, hier Kommunikationen herzustellen. Nur Hadrian unternahm es, wenigstens die so wichtige wie kurze Landverbindung zwischen Korinth und Megara über den schlimmen skironischen Klippenpaß durch gewaltige, ins Meer geworfene Dämme zu einer fahrbaren Straße zu machen.

Der seit langem verhandelte Plan, die korinthische Landenge zu durchstechen, den der Diktator Caesar aufgefaßt hatte, ist späterhin erst von Kaiser Gaius, dann von Nero in Angriff genommen worden. Letzterer hat sogar bei seinem Aufenthalt in Griechenland persönlich zu dem Kanal den ersten Stich getan und eine Reihe von Monaten hindurch 6000 jüdische Kriegsgefangene an demselben arbeiten lassen. Bei den in unseren Tagen wieder aufgenommenen Durchsticharbeiten sind bedeutende Reste dieser Bauten zum Vorschein gekommen, welche zeigen, daß die Arbeiten ziemlich weit vorgeschritten waren, als man sie abbrach, wahrscheinlich nicht infolge der einige Zeit nachher im Westen ausbrechenden Revolution, sondern weil man hier, eben wie bei dem ähnlichen ägyptischen Kanal, infolge des irrigerweise vorausgesetzten verschiedenen Höhestandes der beiden Meere bei Vollendung des Kanals den Untergang der Insel Aegina und weiteres Unheil befürchtete. Freilich würde dieser Kanal, wenn er vollendet worden wäre, wohl den Verkehr zwischen Asien und Italien abgekürzt haben, aber Griechenland selbst nicht vorwiegend zugute gekommen sein.

Daß die Landschaften nördlich von Hellas, Thessalien und Makedonien und, wenigstens seit Traian, auch Epirus, in der Kaiserzeit administrativ von Griechenland getrennt wurden, ist schon bemerkt worden. Von diesen hat die kleine epirotische Provinz, die von einem kaiserlichen Statthalter zweiten Ranges verwaltet wurde, sich niemals von der Verwüstung erholt, welche im Verlauf des Dritten makedonischen Krieges über sie ergangen war. Das bergige und arme Binnenland besaß keine namhafte Stadt und eine dünn gesäte Bevölkerung. Die nicht minder verödete Küste war Augustus zu heben bemüht durch eine doppelte Städteanlage, durch die Vollendung der schon von Caesar beschlossenen Kolonie römischer Bürger in Buthrotum, Kerkyra gegenüber, die indes zu keiner rechten Blüte gelangte, und durch die Gründung der griechischen Stadt Nikopolis an eben der Stelle, wo vor der Aktischen Entscheidungsschlacht das Hauptquartier gestanden hatte, an dem südlichsten Punkte von Epirus, anderthalb Stunden nördlich von Prevesa, nach Augustus‘ Absicht zugleich ein dauerndes Denkmal des großen Seesiegs und der Mittelpunkt neu aufblühenden hellenischen Lebens. Diese Gründung ist in ihrer Art als römische neu.

An Ambrakias Statt und des amphilochischen Argos,
an Thyreions und an Anaktorions Statt,
auch an Leukas Statt und was von Städten noch ringsum
rasend des Ares Speer weiter zu Boden gestreckt,
gründet die Siegsstadt Caesar, die heilige, also dem König
Phoebos Apollon mit ihr dankend den aktischen Sieg.

Diese Worte eines gleichzeitigen griechischen Dichters sprechen einfach aus, was Augustus hier getan hat: das ganze umliegende Gebiet, das südliche Epirus, die gegenüberliegende Landschaft Akarnanien mit der Insel Leukas, selbst einen Teil von Ätolien vereinigte er zu einem Stadtgebiet und siedelte die in den dort vorhandenen, verkümmernden Ortschaften noch übrigen Bewohner über nach der neuen Stadt Nikopolis, der gegenüber auf dem akarnanischen Ufer der alte Tempel des aktischen Apollon in prachtvoller Weise erneuert und erweitert ward. Eine römische Stadt ist nie in dieser Weise gegründet worden; dies ist der Synoekismos der Alexandriden. Ganz in derselben Weise haben König Kassandros die makedonischen Städte Thessalonike und Kassandreia, Demetrios der Städtebezwinger die thessalische Stadt Demetrias, Lysimachos die Stadt Lysimacheia auf dem Thrakischen Chersones aus einer Anzahl umliegender, ihrer Selbständigkeit entkleideter Ortschaften zusammengelegt. Dem griechischen Charakter der Gründung entsprechend sollte Nikopolis nach der Absicht seines Stifters eine griechische Großstadt werden200. Sie erhielt Freiheit und Autonomie wie Athen und Sparta und sollte, wie bereits angegeben ward, in der das gesamte Hellas vertretenden Amphiktyonie den fünften Teil der Stimmen führen und zwar, wie Athen, ohne mit anderen Städten zu wechseln. Das neue aktische Apolloheiligtum war völlig nach dem Muster von Olympia eingerichtet, mit einem Vierjahrfest, das selbst den Namen des olympischen neben dem eigenen führte, gleichen Rang und gleiche Privilegien, auch seine Aktfaden wie jenes seine Olympiaden hatte201; die Stadt Nikopolis verhielt sich dazu wie die Stadt Elis zu dem olympischen Tempel202. Sorgfältig ward bei der städtischen Einrichtung sowohl wie bei den religiösen Ordnungen alles eigentlich Italische vermieden, so nahe es lag, die mit der Reichsbegründung so innig verknüpfte Siegesstadt in römischer Weise zu gestalten. Wer die Augustischen Ordnungen in Hellas im Zusammenhang erwägt und namentlich diesen merkwürdigen Schlußstein, wird sich der Überzeugung nicht verschließen können, daß Augustus eine Reorganisation von Hellas unter dem Schutz des römischen Prinzipats ausführbar geglaubt hat und hat ausführen wollen. Die Örtlichkeit wenigstens war dafür wohl gewählt, da es damals, vor der Gründung von Patrae, an der ganzen griechischen Westküste keine größere Stadt gab. Aber was Augustus im Anfang seiner Alleinherrschaft hoffen mochte, hat er nicht erreicht, vielleicht selbst schon späterhin aufgegeben, als er Patrae die Form der römischen Kolonie gab. Nikopolis blieb, wie die ausgedehnten Ruinen und die zahlreichen Münzen beweisen, verhältnismäßig bevölkert und blühend203, aber seine Bürger scheinen weder im Handel und Gewerbe noch anderweitig hervorragend eingegriffen zu haben. Das nördliche Epirus, welches, ähnlich wie das angrenzende, zu Makedonien gelegte Illyricum, zum größeren Teil von albanesischen Völkerschaften bewohnt war und nicht unter Nikopolis gelegt ward, ist in der Kaiserzeit in seinen einigermaßen noch heute fortbestehenden primitiven Verhältnissen verblieben. „Epirus und Illyricum“, sagt Strabon, „ist zum großen Teil eine Einöde; wo sich Menschen finden, wohnen sie in Dörfern und in Trümmern früherer Städte; auch das“ – im Mithradatischen Kriege von den Thrakern verwüstete – „Orakel von Dodona ist erloschen wie das übrige alles.“204

Thessalien, an sich eine rein hellenische Landschaft so gut wie Ätolien und Akarnanien, war in der Kaiserzeit administrativ von der Provinz Achaia getrennt und stand unter dem Statthalter von Makedonien. Was von Nordgriechenland gilt, trifft auch auf Thessalien zu. Die Freiheit und Autonomie, welche Caesar den Thessalern allgemein zugestanden oder vielmehr nicht entzogen hatte, scheint ihnen wegen Mißbrauchs von Augustus genommen worden zu sein, so daß späterhin nur Pharsalos diese Rechtsstellung behalten hat205; römische Kolonisten sind in der Landschaft nicht angesiedelt worden. Ihren besonderen Landtag in Larisa behielt sie, und auch die städtische Selbstverwaltung ist, wie den abhängigen Griechen in Achaia, so den Thessalern geblieben. Thessalien ist weitaus die fruchtbarste Landschaft der ganzen Halbinsel und führte noch im vierten Jahrhundert Getreide aus; nichtsdestoweniger sagt Dion von Prusa, daß auch der Peneios durch wüstes Land fließe, und es ist in der Kaiserzeit in dieser Landschaft nur in sehr geringem Umfang gemünzt worden. Um die Herstellung von Landstraßen haben Hadrian und Diocletian sich bemüht, aber auch, soviel wir sehen, von den römischen Kaisern sie allein.

Makedonien als römischer Verwaltungsbezirk der Kaiserzeit ist, verglichen mit dem Makedonien der Republik, wesentlich verkleinert. Allerdings reicht es wie dieses von Meer zu Meer, indem die Küste sowohl des Ägäischen Meeres von der zu Makedonien gehörigen Landschaft Thessalien an bis zur Mündung des Nestos (Mesta), wie auch die des Adriatischen vom Aoos206 bis zum Drilon (Drin) diesem Distrikt zugerechnet wurden; das letztere Gebiet, nicht eigentlich makedonisches, sondern illyrisches Land, aber schon in republikanischer Zeit dem Statthalter Makedoniens zugewiesen, ist auch in der Kaiserzeit bei der Provinz geblieben. Aber daß Griechenland südlich vom Oeta davon getrennt ward, wurde schon gesagt. Die Nordgrenze gegen Mösien und die Ostgrenze gegen Thrakien blieben zwar insofern unverändert, als die Provinz in der Kaiserzeit so weit reichte, wie auch das eigentliche Makedonien der Republik gereicht hatte, das heißt nördlich etwa bis zum Tal des Erigon, östlich bis zum Flusse Nestos; aber wenn in republikanischer Zeit die Dardaner und die Thraker und sämtliche dem makedonischen Gebiet benachbarte Völkerschaften des Nordens und des Nordostens in ihren friedlichen wie in ihren kriegerischen Berührungen mit diesem Statthalter zu tun hatten und insofern gesagt werden konnte, daß die makedonische Grenze so weit reiche wie die römischen Lanzen, so gebot der makedonische Statthalter der Kaiserzeit nur über den ihm angewiesenen, nirgends mehr mit halb oder ganz unabhängigen Nachbarn grenzenden Bezirk. Da der Grenzschutz zunächst auf das in römische Botmäßigkeit gelangte Thrakerreich und bald auf den Statthalter der neuen Provinz Mösien überging, so wurde der von Makedonien seines Kommandos von vornherein enthoben. Es ist auch auf makedonischem Boden in der Kaiserzeit kaum gefochten worden; nur die barbarischen Dardaner am oberen Axios (Vardar) brandschatzten zuweilen noch die friedliche Nachbarprovinz. Auch von örtlichen Auflehnungen wird aus dieser Provinz nichts berichtet.

Von den südlicheren griechischen Landschaften entfernt sich diese nördlichste sowohl in dem nationalen Fundament wie in der Stufe der Zivilisation. Wenn die eigentlichen Makedonier an dem Unterlauf des Haliakmon (Vistritza) und des Axios (Vardar) bis zum Strymon ein ursprünglich griechischer Stamm sind, dessen Verschiedenheit von den südlicheren Hellenen für die gegenwärtige Epoche keine Bedeutung mehr hat, und wenn die hellenische Kolonisation beide Küsten in ihren Kreis hineingezogen hat, im Westen mit Apollonia und Dyrrhachion, im Osten namentlich mit den Ortschaften der Halbinsel Chalkidike, so ist dagegen das Binnenland der Provinz von einem Gewimmel ungriechischer Völker erfüllt, das von den heutigen Zuständen auf dem gleichen Gebiet mehr in seinen Elementen als in seinem Ergebnis sich unterschieden haben wird. Nachdem die bis in diese Gegend vorgedrungenen Kelten, die Skordisker, von den Feldherren der römischen Republik zurückgedrängt worden waren, teilten sich in das innere Makedonien insbesondere illyrische Stämme im Westen und Norden, thrakische im Osten. Von beiden ist schon früher gesprochen worden; hier kommen sie nur insofern in Betracht, als die griechische Ordnung, wenigstens die städtische, bei diesen Stämmen wohl wie in der früheren207 so auch in der Kaiserzeit nur in beschränktem Maße eingeführt worden ist. Überall ist ein energischer Zug städtischer Entwicklung nie durch das makedonische Binnenland gegangen, die entlegeneren Landschaften sind wenigstens der Sache nach kaum über die Dorfwirtschaft hinausgekommen.

Die griechische Politie selbst ist in diesem Königsland nicht so wie in dem eigentlichen Hellas aus sich selber erwachsen, sondern durch die Fürsten eingeführt worden, die mehr Hellenen waren als ihre Untertanen. Welche Gestalt sie gehabt hat, ist wenig bekannt; doch läßt die in Thessalonike, Edessa, Lete gleichmäßig wiederkehrende, anderswo nicht begegnende Stadtvorstandschaft der Politarchen auf eine merkliche und ja auch an sich wahrscheinliche Verschiedenheit der makedonischen Stadtverfassung von der sonst in Hellas üblichen schließen. Die griechischen Städte, welche die Römer vorfanden, haben ihre Organisation und ihre Rechte behalten, die bedeutendste derselben, Thessalonike, auch die Freiheit und die Autonomie. Es bestand ein Bund und ein Landtag (κοινόν) der makedonischen Städte, ähnlich wie in Achaia und Thessalien. Erwähnung verdient als ein Zeugnis für die nachwirkende Erinnerung der alten großen Zeit, daß noch in der Mitte des dritten Jahrhunderts nach Christus der Landtag von Makedonien und einzelne makedonische Städte Münzen geprägt haben, auf denen der Kopf und der Name des regierenden Kaisers durch den Alexanders des Großen ersetzt sind. Die ziemlich zahlreichen Kolonien römischer Bürger, welche Augustus in Makedonien eingerichtet hat, Byllis unweit Apollonia, Dyrrachium am Adriatischen Meer, an der anderen Küste Dium, Pella, Cassandrea, in dem eigentlich thrakischen Gebiet Philippi, sind sämtlich ältere griechische Städte, welche nur eine Anzahl Neubürger und eine andere Rechtsstellung erhielten, und zunächst ins Leben gerufen durch das Bedürfnis, die ausgedienten italischen Soldaten, für die in Italien selbst kein Platz mehr war, in einer zivilisierten und nicht stark bevölkerten Provinz unterzubringen. Auch die Gewährung des italischen Rechts erfolgte gewiß nur, um den Veteranen die Ansiedelung im Ausland zu vergolden. Daß ein Hineinziehen Makedoniens in die italische Kulturentwicklung niemals beabsichtigt ward, dafür zeugt, von allem andern abgesehen, daß Thessalonike griechisch und die Hauptstadt des Landes blieb. Daneben gedieh Philippi, eigentlich eine der nahen Goldbergwerke wegen angelegte Grubenstadt, von den Kaisern begünstigt als Stätte der die Monarchie definitiv begründenden Schlacht und wegen der zahlreichen an derselben beteiligten und nachher dort angesiedelten Veteranen. Römische, nicht koloniale Gemeindeverfassung hat bereits in der ersten Kaiserzeit Stobi erhalten, die schon erwähnte nördlichste Grenzstadt Makedoniens gegen Mösien am Einfluß des Erigon in den Axios, kommerziell wie militärisch eine wichtige Position und vermutlich schon in makedonischer Zeit zu griechischer Politie gelangt.

In wirtschaftlicher Hinsicht ist für Makedonien auch unter den Kaisern von Staats wegen wenig geschehen; wenigstens tritt eine besondere Fürsorge derselben für diese nicht unter ihrer eigenen Verwaltung stehende Provinz nirgends hervor. Um die schon unter der Republik angelegte Militärstraße quer durch das Land von Dyrrachium nach Thessalonike, eine der wichtigsten Verkehrsadern des ganzen Reiches, haben sich, so viel wir wissen, erst die Kaiser des dritten Jahrhunderts, zuerst Severus Antoninus, wieder bemüht; die ihr anliegenden Städte Lychnidos am Ochrida-See und Herakleia Lynkestis (Bitolia) haben nie viel bedeutet. Dennoch war Makedonien wirtschaftlich besser bestellt als Griechenland. Es übertrifft dasselbe weitaus an Fruchtbarkeit; wie noch heute die Provinz von Thessalonike relativ gut bebaut und wohlbevölkert ist, so wird auch in der Reichsbeschreibung aus Constantius‘ Zeit, allerdings als Konstantinopel schon bestand, Makedonien zu den besonders wohlhabenden Bezirken gerechnet. Wenn für Achaia und Thessalien unsere die römische Aushebung betreffenden Dokumente schlechthin versagen, so ist dagegen Makedonien dabei, namentlich auch für die Kaisergarde, in bedeutendem Umfang, stärker als die meisten griechischen Landschaften, in Anspruch genommen worden, wobei freilich die Gewöhnung der Makedonier an den regelmäßigen Kriegsdienst und ihre vorzügliche Qualifikation für denselben, wohl auch die relativ geringe Entwicklung des städtischen Wesens in dieser Provinz in Anschlag zu bringen sind. Thessalonike, die Metropole der Provinz und deren volkreichste und gewerbreichste Stadt dieser Zeit, gleichfalls in der Literatur mehrfach vertreten, hat auch in der politischen Geschichte durch den tapferen Widerstand, den seine Bürgerin den schrecklichen Zeiten der Goteneinfälle den Barbaren entgegensetzten, sich einen Ehrenplatz gesichert.

Wenn Makedonien ein halb griechisches, so war Thrakien ein nicht griechisches Land. Von dem großen, aber für uns verschollenen thrakischen Stamm ist früher gesprochen worden. In seinen Bereich ist der Hellenismus lediglich von außen gelangt; und es wird nicht überflüssig sein, zunächst rückblickend darzulegen, wie oft der Hellenismus an die Pforten der südlichsten Landschaft, welche dieser Stamm inne hatte und die wir noch nach ihm nennen, bis dahin gepocht und wie wenig er bis dahin im Binnenland erreicht hatte, um deutlich zu machen, was Rom hier nachzuholen blieb und was es nachgeholt hat. Zuerst Philippos, der Vater Alexanders, unterwarf Thrakien und gründete nicht bloß Kalybe in der Nähe von Byzantion, sondern im Herzen des Landes die Stadt, die seitdem seinen Namen trägt. Alexander, auch hier der Vorläufer der römischen Politik, gelangte an und über die Donau und machte diesen Strom zur Nordgrenze seines Reiches; die Thraker in seinem Heere haben bei der Unterwerfung Asiens nicht die letzte Rolle gespielt. Nach seinem Tode schien der Hellespont einer der großen Mittelpunkte der neuen Staatenbildung, das weite Gebiet von dort bis an die Donau208 die nördliche Hälfte eines griechischen Reiches werden zu sollen, der Residenz des ehemaligen Statthalters von Thrakien, Lysimachos, der auf dem Thrakischen Chersones neugegründeten Stadt Lysimacheia eine ähnliche Zukunft zu winken wie den Residenzen der Marschälle von Syrien und Ägypten. Indes es kam dazu nicht; die Selbständigkeit dieses Reiches überdauerte den Fall seines ersten Herrschers (473 281) nicht. In dem Jahrhundert, welches von da bis auf die Begründung der Vormachtstellung Roms im Orient verging, versuchten bald die Seleukiden, bald die Ptolemäer, bald die Attaliden die europäischen Besitzungen des Lysimachos in ihre Gewalt zu bringen, aber sämtlich ohne dauernden Erfolg. Das Reich von Tylis im Haemus, welches die Kelten nicht lange nach dem Tode Alexanders, ungefähr gleichzeitig mit ihrer bleibenden Niederlassung in Kleinasien, im mösisch-thrakischen Gebiet gegründet hatten, vernichtete die Saat griechischer Zivilisation in seinem Bereich und erlag selber während des Hannibalischen Krieges den Angriffen der Thraker, die diese Eingedrungenen bis auf den letzten Mann ausrotteten. Seitdem gab es in Thrakien eine führende Macht überhaupt nicht; die zwischen den griechischen Küstenstädten und den Fürsten der einzelnen Stämme bestehenden Verhältnisse, die ungefähr denen vor Alexander entsprechen mochten, erläutert die Schilderung, die Polybios von der bedeutendsten dieser Städte gibt: wo die Byzantier gesät haben, da ernten die thrakischen Barbaren, und es hilft gegen diese weder das Schwert noch das Geld; schlagen die Bürger einen der Fürsten, so fallen dafür drei andere in ihr Gebiet, und kaufen sie einen ab, so verlangen fünf mehr den gleichen Jahrzins. Dem Bestreben der späteren makedonischen Herrscher, in Thrakien wieder festen Fuß zu fassen und namentlich die griechischen Städte der Südküste in ihre Gewalt zu bringen, traten die Römer entgegen, teils um Makedoniens Machtentwicklung überhaupt niederzuhalten, teils um nicht die wichtige, nach dem Orient führende „Königsstraße“, diejenige, auf der Xerxes nach Griechenland, die Scipionen gegen Antiochos marschierten, in ihrer ganzen Ausdehnung in makedonische Hand kommen zu lassen. Schon nach der Schlacht bei Kynoskephalae wurde die Grenzlinie ungefähr so gezogen, wie sie seitdem geblieben ist. öfter versuchten die beiden letzten makedonischen Herrscher, sich dennoch in Thrakien sei es geradezu festzusetzen, sei es dessen einzelne Fürsten durch Verträge an sich zu knüpfen; der letzte Philippos hat sogar Philippopolis abermals gewonnen und Besatzung hineingelegt, die die Odrysen freilich bald wieder vertrieben. Zu dauernder Festsetzung gelangte weder er noch sein Sohn, und die nach der Auflösung Makedoniens den Thrakern von Rom eingeräumte Selbständigkeit zerstörte, was dort etwa von hellenischen Anfängen noch übrig sein mochte. Thrakien selbst wurde zum Teil schon in republikanischer, entschiedener in der Kaiserzeit römisches Lehnsfürstentum, dann im Jahre 46 n. Chr. römische Provinz; aber die Hellenisierung des Landes war nicht hinausgekommen über den Saum griechischer Pflanzstädte, welcher in frühester Zeit sich auch um diese Küste gelegt hatte, und im Lauf der Zeit eher gesunken als gestiegen. So mächtig und bleibend die makedonische Kolonisation den Osten ergriffen, so schwach und vergänglich hat sie Thrakien berührt; Philipp und Alexander selbst scheinen die Ansiedelungen in diesem Lande widerwillig vorgenommen und geringgeschätzt zu haben209. Bis weit in die Kaiserzeit hinein ist das Land den Eingeborenen, sind die an der Küste übriggebliebenen, fast alle heruntergekommenen Griechenstädte ohne griechisches Hinterland geblieben.

Dieser von der makedonischen Grenze an bis zum Taurischen Chersonesos sich erstreckende Kranz hellenischer Städte ist sehr ungleich geflochten. Im Süden ist er dicht geschlossen von Abdera an bis nach Byzantion an den Dardanellen; doch hat keine dieser Städte in späterer Zeit eine hervorragende Bedeutung gehabt, mit Ausnahme von Byzantion, das durch die Fruchtbarkeit seines Gebietes, die einträgliche Thunfischerei, die ungemein günstige Handelslage, den Gewerbefleiß und die durch die exponierte Lage nur gesteigerte und gestählte Tüchtigkeit seiner Bürger auch den schwersten Zeiten der hellenischen Anarchie zu trotzen gewußt hatte. Bei weitem dürftiger hatte die Ansiedlung sich an der Westküste des Schwarzen Meeres entwickelt; an der später zur römischen Provinz Thrakien gehörigen war nur Mesembria von einiger Bedeutung, an der später mösischen Odessos (Varna) und Tomis (Küstendsche). Jenseits der Donaumündung und der römischen Reichsgrenze an dem Nordgestade des Pontus lagen mitten im Barbarenland Tyra210 und Olbia; weiterhin machten die alten und großen griechischen Kaufstädte auf der heutigen Krim, Herakleia oder Chersonesos und Pantikapäon, einen stattlichen Schlußstein. Alle diese Ansiedlungen genossen des römischen Schutzes, seit die Römer überhaupt die Vormacht auf dem griechisch-asiatischen Kontinent geworden waren, und der starke Arm, der das eigentliche hellenische Land oft schwer traf, verhinderte hier wenigstens Katastrophen wie die Zerstörung von Lysimacheia. Die Beschützung dieser Griechen gehörte in republikanischer Zeit zu den Obliegenheiten teils des Statthalters von Makedonien, teils des von Bithymen, seit auch dies römisch war; Byzantion ist später bei Bithynien geblieben211. Im übrigen ging in der Kaiserzeit nach Einrichtung der Statthalterschaft von Mösien und später derjenigen von Thrakien die Schutzleistung auf diese über.

Schutz und Gunst gewährte diesen Griechen Rom von jeher; aber um die Ausdehnung des Hellenismus hat weder die Republik noch die frühere Kaiserzeit sich bemüht212

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In der benachbarten Provinz Untermösien hat sich, freilich in geringerem Maße, eine ähnliche Entwicklung vollzogen. Die griechischen Küstenstädte, deren Metropole wenigstens in römischer Zeit Tomis war, wurden, wahrscheinlich bei Konstituierung der römischen Provinz Mösien, zusammengefaßt als „Fünfstädtebund des linken Ufers des Schwarzen Meeres“ oder, wie er auch sich nennt, „der Griechen“, das heißt der Griechen dieser Provinz. Später ist als sechste Stadt die unweit der Küste an der thrakischen Grenze von Traian angelegte und gleich den thrakischen griechisch geordnete Stadt Markianopolis diesem Bund angeschlossen worden214. Daß die Lagerstädte am Donauufer und überhaupt die im Binnenland von Rom ins Leben gerufenen Ortschaften nach italischem Muster eingerichtet wurden, ist früher bemerkt worden; Untermösien ist die einzige durch die Sprachgrenze durchschnittene römische Provinz, indem der tomitanische Städtebund dem griechischen, die Donaustädte wie Durostorum und Oescus dem lateinischen Sprachgebiet angehören. Im übrigen gilt von diesem mösischen Städtebund wesentlich das gleiche, was über Thrakien bemerkt ward. Wir haben eine Schilderung von Tomis aus den letzten Jahren des Augustus, freilich von einem dahin zur Strafe Verbannten, aber sicher im wesentlichen getreu. Die Bevölkerung besteht zum größeren Teil aus Geten und Sarmaten; sie tragen, wie die Daker auf der Traianssäule, Pelze und Hosen, langes flatterndes Haar und den Bart ungeschoren, erscheinen auf der Straße zu Pferde und mit dem Bogen bewaffnet, den Köcher auf der Schulter, das Messer im Gürtel. Die wenigen Griechen, die unter ihnen sich finden, haben die barbarische Sitte angenommen mit Einschluß der Hosen und wissen ebensogut oder besser getisch als griechisch sich auszudrücken; der ist verloren, der sich nicht auf getisch verständlich machen kann, und kein Mensch versteht ein Wort lateinisch. Vor den Toren hausen räuberische Scharen der verschiedensten Völker und ihre Pfeile fliegen nicht selten über die schützende Stadtmauer; wer seinen Acker zu bestellen wagt, der tut es mit Lebensgefahr, und pflügt bewaffnet – war doch um die Zeit von Caesars Diktatur bei dem Zuge des Burebista die Stadt den Barbaren in die Hände gefallen und wenige Jahre, bevor jener Verbannte nach Tomis kam, während der dalmatisch-pannonischen Insurrektion über diese Gegend abermals die Kriegsfurie hingebraust. Zu diesen Erzählungen passen die Münzen und die Inschriften derselben Stadt insofern wohl, als die Metropole des linkspontischen Städtebundes in der vorrömischen Zeit kein Silber geschlagen hat, was manche andere dieser Städte taten, und daß überhaupt Münzen wie Inschriften aus der Zeit vor Traian nur vereinzelt begegnen. Aber im 2. und 3. Jahrhundert ist sie umgewandelt und kann ziemlich mit demselben Recht eine Gründung Traians heißen wie das ebenfalls rasch zu bedeutender Entwicklung gelangte Markianopolis. Die früher erwähnte Sperrung in der Dobrudscha diente zugleich als Schutzmauer für die Stadt Tomis. Hinter dieser bluten daselbst Handel und Schiffahrt auf. Es gab in der Stadt eine Genossenschaft alexandrinischer Kaufleute mit ihrer eigenen Serapiskapelle215; in munizipaler Freigebigkeit und munizipaler Ambition steht die Stadt hinter keiner griechischen Mittelstadt zurück; zweisprachig ist sie auch jetzt noch, aber in der Weise, daß neben der auf den Münzen immer festgehaltenen griechischen Sprache hier an der Grenze der beiden Reichssprachengebiete auch die lateinische vielfach selbst auf öffentlichen Denkmälern angewendet wird.

Jenseits der Reichsgrenze, zwischen der Donaumündung und der Krim, hatte der griechische Kaufmann die Küste wenig besiedelt; es gab hier nur zwei namhafte griechische Städte, beide von Miletos aus in ferner Zeit gegründet, Tyra an der Mündung des gleichnamigen Flusses, des heutigen Dnjestr, und Olbia an dem Busen, in welchen der Borysthenes (Dnjepr) und der Hypanis (Bug) fallen. Die verlorene Stellung dieser Hellenen unter den sie umdrängenden Barbaren in der Diadochenzeit sowohl wie während der Vorherrschaft der römischen Republik ist früher geschildert worden. Die Kaiser brachten Hilfe. Im Jahre 56, also in dem musterhaften Anfang der Neronischen Regierung, ist Tyra zur Provinz Mösien gezogen worden. Von dem entfernteren Olbia besitzen wir eine Schilderung aus traianischer Zeit216: die Stadt blutete noch aus ihren alten Wunden; die elenden Mauern umschlossen gleich elende Häuser und das damals bewohnte Quartier füllte einen kleinen Teil des alten ansehnlichen Stadtringes, von dem einzelne übriggebliebene Türme weit hinaus auf dem wüsten Felde standen; in den Tempeln gab es kein Götterbild, das nicht die Spuren der Barbarenfäuste trug; die Bewohner hatten ihr Hellenentum nicht vergessen, aber sie trugen und schlugen sich nach Art der Skythen, mit denen sie täglich im Gefecht lagen. Ebenso oft wie mit griechischen nennen sie sich mit skythischen Namen, das heißt mit denen der den Iraniern verwandten sarmatischen Stämme217; ja im Königshause selbst ward Sauromates ein gewöhnlicher Name. Ihr Fortbestehen selbst hatten diese Städte wohl weniger der eigenen Kraft zu danken als dem guten Willen oder vielmehr dem eigenen Interesse der Eingeborenen. Die an dieser Küste sitzenden Völkerschaften waren weder imstande, den auswärtigen Handel aus eigenen Emporien zu führen, noch mochten sie ihn entbehren; in den hellenischen Küstenstädten kauften sie Salz, Kleidungstücke, Wein, und die zivilisierteren Fürsten schützten einigermaßen die Fremden gegen die Angriffe der eigentlichen Wilden. Die früheren Regenten Roms müssen Bedenken getragen haben, den schwierigen Schutz dieser entlegenen Niederlassung zu übernehmen; dennoch sandte Pius, als die Skythen sie wieder einmal belagerten, ihnen römische Hilfstruppen und zwang die Barbaren, Frieden zu bieten und Geiseln zu stellen. Durch Severus, von dem an Olbia Münzen mit dem Bildnis der römischen Herrscher schlug, muß die Stadt dem Reiche geradezu einverleibt worden sein. Selbstverständlich erstreckte sich diese Annektierung nur auf die Stadtgebiete selbst und ist nie daran gedacht worden, die barbarischen Umwohner Tyras und Olbias unter das römische Szepter zu bringen. Es ist schon bemerkt worden, daß diese Städte die ersten waren, welche, vermutlich unter Alexander († 235), dem beginnenden Gotensturm erlagen.

Wenn auf dem Kontinent im Norden des Pontus die Griechen sich nur spärlich angesiedelt hatten, so war die große, aus dieser Küste vorspringende Halbinsel, der Taurische Chersonesos, die heutige Krim, seit langem zum großen Teil in ihren Händen. Getrennt durch die Gebirge, welche die Taurier innehatten, waren die beiden Mittelpunkte der griechischen Niederlassung auf ihr am westlichen Ende die dorische freie Stadt Herakleia oder Chersonesos (Sevastopol), am östlichen das Fürstenrum von Pantikapäon oder Bosporus (Kertsch). König Mithradates hatte auf der Höhe seiner Macht beide vereinigt und hier sich ein zweites Nordreich gegründet, das dann nach dem Zusammenbruch seiner Herrschaft als einziger Überrest derselben seinem Sohn und Mörder Pharnakes verblieb. Als dieser während des Krieges zwischen Caesar und Pompeius versuchte, die väterliche Herrschaft in Kleinasien wieder zu gewinnen, hatte Caesar ihn besiegt und ihn auch des Bosporanischen Reiches verlustig erklärt. In diesem hatte inzwischen der von Pharnakes daselbst zurückgelassene Statthalter Asandros dem König den Gehorsam aufgekündigt, in der Hoffnung, durch diesen Caesar erwiesenen Dienst selbst das Königtum zu erlangen. Als Pharnakes nach der Niederlage in sein Bosporanisches Reich zurückkam, bemächtigte er zwar zunächst sich wieder seiner Hauptstadt, unterlag aber schließlich und fiel tapfer fechtend in der letzten Schlacht, als Soldat wenigstens seinem Vater nicht ungleich. Um die Nachfolge stritten Asandros, der tatsächlich Herr des Landes war, und Mithradates von Pergamon, ein tüchtiger Offizier Caesars, den dieser mit dem bosporanischen Fürstenrum belehnt hatte; beide suchten zugleich Anlehnung an die bisher im Bosporus herrschende Dynastie und den großen Mithradates, indem Asandros sich mit der Tochter des Pharnakes, Dynamis, vermählte, Mithradates, einem pergamenischen Bürgerhaus entsprossen, ein Bastardsohn des großen Mithradates Eupator zu sein behauptete, sei es nun, daß dieses Gerede die Auswahl bestimmte, sei es, daß es zur Rechtfertigung der Auswahl in Umlauf gesetzt ward. Da Caesar selbst zunächst durch wichtigere Aufgaben in Anspruch genommen war, so entschieden zwischen dem legitimen und dem illegitimen Caesarianer die Waffen, und zwar wieder zu Gunsten des letzteren; Mithradates fiel im Gefecht und Asandros blieb Herr im Bosporus. Er vermied es anfänglich, ohne Zweifel, weil ihm die Bestätigung des Lehnsherrn fehlte, sich den Königsnamen beizulegen, und begnügte sich mit dem auch von den älteren Fürsten von Pantikapäon geführten Archontentitel; aber bald, wahrscheinlich noch von Caesar selbst, erwirkte er die Bestätigung seiner Herrschaft und den königlichen Titel218. Bei seinem Tode (737/38 17/16) hinterließ er sein Reich der Gemahlin Dynamis. So stark war immer noch die Macht der Erbfolge und des Mithradatischen Namens, daß sowohl ein gewisser Scribonianus, der zunächst Asandros‘ Stelle einzunehmen versuchte, wie nach ihm der König Polemon von Pontus, dem Augustus das Bosporanische Reich zusprach, mit der Übernahme der Herrschaft ein Ehebündnis mit der Dynamis verbanden; überdies behauptete jener, selber ein Enkel des Mithradates zu sein, während König Polemon bald nach dem Tode der Dynamis eine Enkelin des Antonius und somit eine Verwandte des Kaiserhauses heiratete. Nach seinem frühen Tode – er fiel im Kampfe gegen die Aspurgianer an der asiatischen Küste – folgten seine unmündigen Kinder ihm nicht und auch seinem gleichnamigen Enkel, den Kaiser Gaius trotz seines Knabenalters im Jahre 38 in die beiden Fürstenrömer seines Vaters wieder einsetzte, blieb das bosporanische nicht lange. An seiner Stelle berief Kaiser Claudius einen wirklichen oder angeblichen Nachkommen des Mithradates Eupator, und diesem Hause ist, wie es scheint, das Fürstenrum von da an verblieben219.

Während im römischen Staat sonst das Klientelfürstentum nach dem Ausgang der ersten Dynastie schwindet und seit Traianus das Prinzip des unmittelbaren Regiments im ganzen Umfang des Römischen Reiches durchgeführt ist, bestand das bosporanische Königtum unter römischer Oberherrschaft bis in das vierte Jahrhundert hinein. Erst nachdem der Schwerpunkt des Reiches nach Konstantinopel verlegt war, ging dieser Staat in das Hauptreich auf220, um dann bald von diesem aufgegeben und, wenigstens zum größeren Teil, die Beute der Hunnen zu werden221. Indes ist der Bosporus der Sache nach mehr eine Stadt als ein Königreich gewesen und geblieben und hat mehr Ähnlichkeit mit den Stadtbezirken von Tyra und Olbia als mit den Königreichen Kappadokien und Numidien. Auch hier haben die Römer nur die hellenische Stadt Pantikapäon geschützt und Grenzerweiterung und Unterwerfung des Binnenlandes so wenig erstrebt wie in Tyra und Olbia. Zu dem Gebiet des Fürsten von Pantikapäon gehörten zwar die griechischen Ansiedlungen von Theudosia auf der Halbinsel selbst und Phanagoria (Taman) auf der gegenüberliegenden asiatischen Küste, aber Chersonesos nicht222 oder nur etwa wie Athen zum Sprengel des Statthalters von Achaia. Die Stadt hatte von den Römern die Autonomie erhalten und sah in dem Fürsten den nächsten Beschützer, nicht den Landesherrn; sie hat auch in der Kaiserzeit als freie Stadt niemals weder mit Königs- noch mit Kaiserstempeln geprägt. Auf dem Kontinent stand nicht einmal die Stadt, welche die Griechen Tanais nennen, ein lebhaftes Emporium an der Mündung des Don, aber schwerlich eine griechische Gründung, dauernd unter der Botmäßigkeit der römischen Lehnsfürsten223. Von den mehr oder minder barbarischen Stämmen auf der Halbinsel selbst und an der europäischen und asiatischen Küste südlich vom Tanais befanden sich wohl nur die nächsten in festem Abhängigkeitsverhältnis224

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Das Gebiet von Pantikapäon war zu ausgedehnt und besonders für den kaufmännischen Verkehr zu wichtig, um, wie Olbia und Tyra, der Verwaltung wechselnder Gemeindebeamten und eines weit entfernten Statthalters überlassen zu werden; deshalb wurde es erblichen Fürsten anvertraut, was weiter sich dadurch empfahl, daß es nicht geraten scheinen mochte, die mit dieser Landschaft verknüpften Verhältnisse zu den Umwohnern unmittelbar auf das Reich zu übertragen. Als Griechenfürsten haben die des bosporanischen Hauses, trotz ihres achämenidischen Stammbaumes und ihrer achämenidischen Jahreszählung, sich durchaus empfunden und ihren Ursprung, nach gut hellenischer Art, auf Herakles und die Eumolpiden zurückgeführt. Die Abhängigkeit dieser Griechen von Rom, der königlichen in Pantikapäon wie der republikanischen in Chersonesos, war durch die Natur der Dinge gegeben, und nie haben sie daran gedacht, gegen den schützenden Arm des Reiches sich aufzulehnen; wenn einmal unter Kaiser Claudius die römischen Truppen gegen einen unbotmäßigen Fürsten des Bosporus marschieren mußten227, so hat dagegen diese Landschaft selbst in der entsetzlichen Verwirrung in der Mitte des 3. Jahrhunderts, welche vorzugsweise sie traf, von dem Reich, auch von dem zerfallenden, niemals gelassen228. Die wohlhabenden Kaufstädte, inmitten eines barbarischen Völkergewoges militärischen Schutzes dauernd bedürftig, hielten an Rom wie die Vorposten an dem Hauptheer. Die Besatzung ist wohl hauptsächlich in dem Lande selbst aufgestellt worden, und sie zu schaffen und zu führen, war ohne Zweifel die Hauptaufgabe des Königs des Bosporus. Die Münzen, welche wegen der Investitur eines solchen geschlagen wurden, zeigen wohl den kurulischen Sessel und die sonstigen bei solcher Belehnung üblichen Ehrengeschenke, aber daneben auch Schild, Helm, Degen, Streitaxt und das Schlachtroß; es war kein Friedensamt, das dieser Fürst überkam. Auch blieb der erste derselben, den Augustus bestellte, im Kampf mit den Barbaren, und von seinen Nachfolgern stritt zum Beispiel König Sauromates, des Rhoemetalkes Sohn, in den ersten Jahren des Severus mit den Sirakern und den Skythen – vielleicht nicht ganz ohne Grund hat er seine Münzen mit den Taten des Herakles bezeichnet. Auch zur See hatte er tätig zu sein, vor allem das auf dem Schwarzen Meer nie aufhörende Piratenwesen niederzuhalten: jenem Sauromates wird gleichfalls nachgerühmt, daß er die Taurier zur Ordnung gebracht und die Piraterie gebändigt habe. Indes lagen auf der Halbinsel auch römische Truppen, vielleicht eine Abteilung der pontischen Flotte, sicher ein Detachement der mösischen Armee; bei geringer Zahl zeigte doch ihre Anwesenheit den Barbaren, daß der gefürchtete Legionär auch hinter diesen Griechen stand. Noch in anderer Weise schützte sie das Reich; wenigstens in späterer Zeit sind den Fürsten des Bosporus regelmäßig Geldsummen aus der Reichskasse gezahlt worden, deren sie auch insofern bedurften, als das Abkaufen der feindlichen Einfälle durch stehende Jahrgelder hier, in dem nicht unmittelbaren Reichslande, wahrscheinlich noch früher stehend geworden ist als anderswo229.

Daß die Zentralisierung des Regiments auch diesem Fürsten gegenüber zur Anwendung kam und er nicht viel anders zu dem römischen Caesar stand wie der Bürgermeister von Athen, tritt vielfach hervor; Erwähnung verdient, daß König Asandros und die Königin Dynamis Goldmünzen mit ihrem Namen und ihrem Bildnis schlugen, dagegen dem König Polemon und seinen nächsten Nachfolgern wohl die Goldprägung blieb, da dieses Gebiet sowie die anwohnenden Barbaren seit langem ausschließlich an Goldcourant gewöhnt waren, aber sie veranlaßt wurden, ihre Goldstücke mit dem Namen und dem Bilde des regierenden Kaisers zu versehen. Ebenfalls seit Polemon ist der Fürst dieses Landes zugleich der Oberpriester auf Lebenszeit des Kaisers und des kaiserlichen Hauses. Im übrigen behielten die Verwaltung und das Hofwesen die unter Mithradates eingeführten Formen nach dem Muster des persischen Großkönigtums, obwohl der Geheimschreiber (αρχιγραμματεύς) und der Oberkammerdiener (αρχικοιτωνείτης) des Hofes von Pantikapäon zu den vornehmen Hofbeamten der Großkönige sich verhielten wie der Römerfeind Mithradates Eupator zu seinem Nachkommen Tiberius Iulius Eupator, der wegen seines Anrechts an die bosporanische Krone in Rom vor Kaiser Pius Recht nahm.

Wertvoll blieb dieses nordische Griechenland für das Reich wegen der Handelsbeziehungen. Wenn auch dieselben in dieser Epoche wohl weniger bedeuteten als in älterer Zeit230, so ist doch der Kaufmannsverkehr sehr rege geblieben. In der augustischen Zeit brachten die Stämme der Steppe Sklaven231 und Felle, die Kaufleute der Zivilisation Bekleidungsstücke, Wein und andere Luxusartikel nach Tanais; in noch höherem Maße war Phanagoria die Niederlage für den Export der Einheimischen, Pantikapäon für den Import der Griechen. Jene Wirren im Bosporus in der claudischen Zeit waren für die Kaufleute von Byzanz ein schwerer Schlag. Daß die Goten ihre Piratenfahrten im dritten Jahrhundert damit begannen, die bosporanischen Reeder zu unfreiwilliger Hilfeleistung zu pressen, wurde schon erwähnt. Wohl infolge dieses, den barbarischen Nachbarn selbst unentbehrlichen Verkehrs haben die Bürger von Chersonesos noch nach dem Wegziehen der römischen Besatzungen sich behauptet und konnten späterhin, als in justinianischer Zeit die Macht des Reiches sich auch nach dieser Richtung hin noch einmal geltend machte, als Griechen in das griechische Reich zurücktreten.

  1. Die Ordnung der Delphischen Amphiktyonie unter der römischen Republik erhellt namentlich aus der delphischen Inschrift CIL III, p. 987 (vgl. BCH 7,1883, S. 427f.). Den Verein bildeten damals siebzehn Völkerschaften mit zusammen 24 Stimmen, sämtlich dem eigentlichen Griechenland oder Thessalien angehörig; Ätolien, Epirus, Makedonien fehlen. Nach der Umgestaltung durch Augustus (Paus. 10, 8) blieb diese Organisation im übrigen bestehen, nur daß durch Beschränkung der unverhältnismäßig zahlreichen thessalischen die Stimmen der bisher vertretenen Völkerschaften auf achtzehn herabgemindert wurden; dazu traten neu Nikopolis in Epirus mit sechs und Makedonien ebenfalls mit sechs Stimmen. Ferner sollten die sechs Stimmen von Nikopolis ein für allemal geführt werden, ebenso wie dies blieb für die zwei von Delphi und die eine von Athen, die übrigen Stimmen dagegen von den Verbänden, so daß zum Beispiel die eine Stimme der peloponnesischen Dorier wechselte zwischen Argos, Sikyon, Korinth und Megara. Eine Gesamtvertretung der europäischen Hellenen waren die Amphiktyonen insofern auch jetzt nicht, als die früher ausgeschlossenen Völkerschaften im eigentlichen Griechenland, ein Teil der Peloponnesier und die nicht zu Nikopolis gezogenen Ätoler, darin nicht repräsentiert waren.
  2. Die stehenden Zusammenkünfte in Delphi und an den Thermopylen währten fort (Paus. 7, 24, 3; Vita Apoll. 4, 23) und natürlich auch die Ausrichtung der Pythischen Spiele nebst der Erteilung der Preise durch das Kollegium der Amphiktyonen (vit. soph. 2, 27); dasselbe hat die Verwaltung der „Zinsen und Einkünfte“ des Tempels (Inschrift von Delphi, Rheinisches Museum, N. F. 2, 1843, S. 111) und legt aus denselben, zum Beispiel in Delphi, eine Bibliothek an (Lebas-Foucart II, S. 845) oder setzt daselbst Bildsäulen.
  3. Die Mitglieder des Kollegiums der Αμψικτίονεσ oder, wie sie in dieser Epoche heißen, Αμψικτύονεσ, werden von den einzelnen Städten in der früher bezeichneten Weise bald von Fall zu Fall (Iteration: CIG 1085), bald auf Lebenszeit (Plut. an seni 20) bestellt; was wohl davon abhängt, ob die Stimme ständig war oder alternierend (Wilamowitz). Ihr Vorsteher heißt in früherer Zeit επιμελητής τού κοινού τών Αμψικτυόνων (Inschriften von Delphi, Rheinisches Museum, N. F. 2, 1843, S. 111; CIG 1713), später Ελλαδάρχης τών Αμψικτυόνων (CIG 1124).
  4. Die ursprünglichen Grenzen der Provinz bezeichnet Strabon (17, 3, 25 p. 840) in der Aufzählung der senatorischen Provinzen: Αχαία μέχρι Θετταλίας καί Αιτωλών καί Ακαρνάνων καί τινων Ηπειρωτικών εθνών όσα τή Μακεδονία προσώριστο, wobei der übrige Teil von Epirus der (von Strabon hier, für seine Zeit irrig, den senatorischen zugezählten) Provinz Illyricum zugeteilt zu werden scheint. Μέχρι einschließend zu nehmen geht, von sachlichen Erwägungen abgesehen, schon deswegen nicht an, weil nach den Schlußworten die vorher genannten Gebiete „Makedonien zugeteilt sind“. Späterhin finden wir die Ätoler zu Achaia gelegt (Ptol. geogr. 3, 14). Daß Epirus eine Zeitlang auch dazu gehört hat, ist möglich, nicht so sehr wegen der Angabe bei Dio 53, 12, die weder für Augustus‘ Zeit noch für diejenige Dios verteidigt werden kann, sondern weil Tacitus zum Jahre 17 (ann. 2, 53) Nikopolis zu Achaia rechnet. Aber wenigstens seit Traian bildet Epirus mit Akarnanien eine eigene prokuratorische Provinz (Ptol. geogr. 3, 13; CIL III, 536; Marquardt, Römische Staatsverwaltung, Bd. 1, S. 331). Thessalien und alles Land nördlich vom Oeta ist stets bei Makedonien geblieben.
  5. Nichts gibt von der Lage der Griechen des letzten Jahrhunderts der römischen Republik ein deutlicheres Bild als das Schreiben eines dieser Statthalter an die achäische Gemeinde Dyme (CIG 1543). Weil diese Gemeinde sich Gesetze gegeben hat, welche der im allgemeinen den Griechen geschenkten Freiheit (η αποδεδομένη κατά κοινόν τοίς ‚Ελλησιν ελευθερία) und der von den Römern den Achäern gegebenen Ordnung (η αποδευθείσα τοίς Αχαιοίς υπό Ρωμαίων πολιτεια; wahrscheinlich unter Mitwirkung des Polybios Paus. 8, 30, 9) zuwiderliefen, worüber es allerdings auch zu Aufläufen gekommen war, zeigt der Statthalter der Gemeinde an, daß er die beiden Rädelsführer habe hinrichten, lassen und ein minder schuldiger Dritter nach Rom exiliert sei.
  6. Die delischen Ausgrabungen der letzten Jahre haben die Beweise geliefert, daß die Insel, nachdem die Römer sie einmal an Athen gegeben hatten, beständig athenisch geblieben ist und sich zwar infolge des Abfalls der Athener von Rom als Gemeinde der „Delier“ konstituierte (Eph, epigr. V, p. 604), aber schon sechs Jahre nach der Kapitulation Athens wieder athenisch war (Ep h. epigr. V, n. 184; Homolle im BCH 8, 1884, S. 142).
  7. Ob das κοινόν τών Αχαιών, das in der eigentlich republikanischen Zeit natürlicherweise nicht vorkommt, schon am Ende derselben oder erst nach Einführung der kaiserlichen Provinzialordnung rekonstruiert worden ist, ist zweifelhaft. Inschriften wie die olympische des Proquästors Q. Ancharius Q. f. (Archäologische Zeitung 36, 1878, S. 38, n. 114) sprechen mehr für die erstere Annahme; doch kann sie nicht mit Gewißheit als voraugustisch bezeichnet werden. Das älteste sichere Zeugnis für die Existenz dieser Vereinigung ist die von ihr dem Augustus in Olympia gesetzte Inschrift (Archäologische Zeitung 35, 1877, S. 36, n. 33). Vielleicht sind dies Ordnungen des Diktators Caesar und im Zusammenhang mit dem unter ihm begegnenden Statthalter „Griechenlands“, wahrscheinlich des Achaia der Kaiserzeit (Cic. ad fam. 6, 6, 10).
  8. Übrigens haben sicher auch unter der Republik, nach Ermessen des jedesmaligen Statthalters, mehrere Gemeinden für einen bestimmten Gegenstand durch Deputierte zusammentreten und Beschlüsse fassen können; wie das κοινόν der Sikelioten also dem Verres eine Statue dekretierte (Cic. Verr. 1, 2, 46, 114), wird ähnliches auch in Griechenland unter der Republik vorgekommen sein. Aber die regelmäßigen provinzialen Landtage mit ihren festen Beamten und Priestern sind eine Einrichtung der Kaiserzeit.
  9. Dazu gehörte nicht bloß das nahe Amyklae, sondern auch Kardmyle (durch Schenkung Augusts, Paus. 3, 26, 7), Pherae (Paus. 4, 30, 2), Thuria (das. 4, 31, 1) und eine Zeitlang auch Korone (CIG 1258; vgl. Lebas-Foucart II, S. 305) am Messenischen Busen, ferner die Insel Kythera (Dio 54, 7).
  10. In republikanischer Zeit erscheint dieser Distrikt als τό κοινόν τών Λακεδαιμονίων (Lebas-Foucart II, S. 110); Pausanias (3, 21, 6) irrt also, wenn er ihn erst durch Augustus von Sparta lösen läßt. Aber Ελευθερολάκονες nennen sie sich erst seit Augustus, und die Erteilung der Freiheit wird also mit Recht auf diesen zurückgeführt.
  11. Es gibt Münzen dieser Stadt mit der Aufschrift c(olonia) I(ulia) D(ume)und dem Kopf Caesars, andere mit der Aufschrift c(olonia) I(ulia) A(ugusta) Du m(e) und dem Kopf Augusts neben dem des Tiberius (F. Imhoof-Blumer, Monnaies Grècques. Leipzig 1883, S. 165). Daß Augustus Dyme der Kolonie Patrae zugeteilt hat, ist wohl ein Irrtum des Pausanias (7,17, 5); möglich bleibt es freilich, daß Augustus in seinen späteren Jahren diese Vereinigung verfügt hat.
  12. Dies zeigt, wenigstens für die Zeit des Pius, die afrikanische Inschrift CIL VIII, 7059 (vgl. Plut. Arist. 21). Die Schriftstellernachrichten über die befreiten Gemeinden geben überhaupt keine Gewähr für die Vollständigkeit der Liste. Wahrscheinlich gehört zu denselben auch Elis, das von der Katastrophe der Achäer nicht betroffen ward und auch später noch nach Olympiaden, nicht nach der Ära der Provinz datierte; überdies ist es unglaublich, daß die Stadt der olympischen Feier nicht bestes Recht gehabt hat.
  13. Scharf drückt dies Aristeides aus in der Lobrede auf Rom (or. p. 224 Jebb): διατελείτε τών μέν Ελλήνων ώσπερ τροφέων επιμελόμενοι … τούς μέν αρίστους καί πάλαι ηγεμόνας (Athen und Sparta) ελευθέρους καί αυτονόμους αφεικότεσ αυτών, τών δ’άλλων μετρίως … εξηγούμενοι, τούς δέ βαρβάρους πρός τήν εκάστοις αυτών ούσαν φύσιν παιδύοντες.
  14. Aber dankbar blieben die hellenischen Literaten ihrem Kollegen und Patron. In dem Apolloniusroman schlägt der große Weise aus Kappadokien Vespasian die Ehre seiner Begleitung ab, weil er die Hellenen zu Sklaven gemacht habe, wie sie eben im Begriff waren, wieder ionisch und dorisch zu reden, und schreibt ihm verschiedene Billets von ergötzlicher Grobheit. Ein Mann aus Soloi, der den Hals brach und dann wieder auflebte und bei dieser Gelegenheit alles sah, was Dante schaute, berichtete, daß er Neros Seele getroffen habe, in welche die Arbeiter des Weltgerichts Flammennägel getrieben hatten und beschäftigt waren sie in eine Natter umzugestalten; allein eine himmlische Stimme habe Einspruch getan und geboten, den Mann wegen seines irdischen Philhellenismus in eine minder abscheuliche Bestie zu verwandeln (Plut. de Sera num. vind. a. E.).
  15. Wenigstens wird in der Verordnung Hadrians über die den athenischen Grundbesitzern obliegenden Öllieferungen an die Gemeinde (CIA III, 18) die Entscheidung zwar der Bule und der Ekklesia gegeben, aber Appellation an den Kaiser oder den Prokonsul gestattet.
  16. Was Strabon (14, 3, 3, p. 665) von dem zu seiner Zeit autonomen Lykischen Städtebund berichtet, daß ihm das Kriegs- und Friedens- und das Bündnisrecht fehle, außer wenn die Römer dasselbe gestatten oder es zu ihrem Nutzen geschieht, wird ohne weiteres auch auf Athen bezogen werden dürfen.
  17. Allerdings sind die bis jetzt bekannten Vorsteher des κοινόν τών Αχαιών, deren Heimat feststeht, aus Argos, Messene, Korone in Messenien (Lebas-Foucart II, S. 305) und haben sich darunter bisher nicht bloß keine Bürger der befreiten Gemeinden, wie Athen und Sparta, sondern auch keine der zu der Konföderation der Böoter und Genossen gehörigen (Anm. 153) gefunden. Vielleicht beschränkte sich dies κοινόν rechtlich auf das Gebiet, das die Römer die Republik Achaia nannten, das heißt das des Achäischen Bundes bei seinem Untergang, und sind die Böoter und Genossen mit dem eigentlichen κοινόν der Achäer zu demjenigen weiteren Bunde vereinigt, dessen Vorhandensein und Tagen in Argos die Inschriften von Akraephia (Anm. 163) dokumentieren. Übrigens bestand neben diesem κοινόν der Achäer noch ein engeres der Landschaft Achaia im eigentlichen Sinn, dessen Vertreter in Aegion zusammentraten (Paus. 7, 24, 4), eben wie das κοινόν τών Αρκάδων (Archäologische Zeitung 37, 1879, S. 139, n. 274) und zahlreiche andere. Wenn nach Paus. 5, 12, 6 in Olympia dem Traian οι πάντες Έλληνες, dem Hadrian αι εσ τό Αχαικόν τελούσαι Bildsäulen gesetzt hatten und hier kein Mißverständnis untergelaufen ist, so wird die letztere Dedikation auf dem Landtag von Aegion stattgefunden haben.
  18. So (nur daß die Dorer fehlen; vgl. Anm. 153) heißt der Verein auf der Inschrift von Akraephia (Keil, Sylloge Inscriptionum Boeoticarum, n. 31). Eben diese Urkunde aber nebst der gleichzeitigen CIG 1625 liefert den Beweis, daß der Verein unter Kaiser Gaius statt dieser wohl eigentlich offiziellen Benennung sich auch einerseits als Verein der Achäer bezeichnet, andererseits als τό κοινόν τών Πανελλήνων oder η σύνοδος τών Ελλήνων, auch τό τών Αχαιών καί Πανελλήνων συνέδριον. Diese Ruhmredigkeit tritt anderswo nicht so grell hervor wie in jenem böotischen Landstädtchen; aber auch in Olympia, wo der Verein seine Denkmäler vorzugsweise aufstellte nennt er sich zwar meistens τό κοινόν τών Αχαιών, aber zeigt oft genug dieselbe Tendenz, zum Beispiel wenn τό κοινόν τών Αχαιών Π. Αίλιο Αρίστονα … συνπάντες οι Έλληνες ανέστεσαν (Archäologische Zeitung 38, 1880, S. 86, n. 344). Ebenso setzen in Sparta dem Caesar Marcus οι Έλληνες eine Bildsäule από τού κοινού τών Αχαιών (CIG 1318).
  19. Auch in Asia, Bithynien, Niedermösien heißt der Vorsteher der der betreffenden Provinz angehörigen Griechenstädte Ελλαδάρχης, ohne daß damit mehr aus gedrückt würde als der Gegensatz gegen die Nichtgriechen. Aber wie der Hellenenname in Griechenland verwendet wird, in einem gewissen Gegensatz zu dem eigentlich korrekten der Achäer, ist dies sicher von derselben Tendenz eingegeben die in den Panhellenea von Argos am deutlichsten sich zeichnete. So findet sich στρατηγός τού κοινού τών Αχαιών καί προστάτης διά βίου τών Ελλήνων (Archäologische Zeitung 35, 1877, S. 192, n. 98) oder auf einem anderen Dokument desselben προστάτης διά βίου τών Ελλήνων τού κοινού τών Αχαιών Mannes προστάτης διά βίου τού κοινού τών Αχαιών (Lebas-Foucart, n. 305); ein (Archäologische Zeitung 35, 1877, S. 195, n. 106), στρατηγός ασυνκρίτως άρξας της Ελλάδος (das. S. 40, n. 42), στρατηγός καί Ελλαδάρχης (das. 34, 1876, S. 8, S. 226), alle ebenfalls auf Inschriften des κοινόν τών Αχαιών. Daß in diesem, mag es auch vielleicht bloß auf den Peloponnes bezogen werden (Anm. 162), die panhellenische Tendenz darum nicht weniger sich geltend machte, ist begreiflich.
  20. Die hadrianischen Panhellenen nennen sich τό κοινόν συνέδριον τών Ελλήνων τών εις Πλατηάς συνιόντων (Theben: Keil, Sylloge lnscriptionum Boeoticarum, n. 31, vgl. Plut. Arist. 19 u. 21), κοινόν της Ελλάδος (CIG 5852), τό ων (ebenda). Ihr Vorsteher heißt ο αρχών τών Πανελλήνων (CIA III, 681, 682; CIG 3832, vgl. CIA III, 10: α[ντ[άρχων τού ιερωτάτου α[γώνος τού Π]αν[ελ]ληνίου), der einzelne Deputierte Πανέλλην (z. B. CIA III, 534; CIG 1124). Daneben treten auch in nachhadrianischer Zeit noch das κοινόν τών Αχαιών und dessen στρατηγός oder Ελλαδάρχης auf, welche wohl von jenen zu scheiden sein werden, obwohl letzterer seine Ehrendekrete jetzt nicht bloß in Olympia aufstellt, sondern auch in Athen (CIA 18; zweites Exemplar in Olympia, Archäologische Zeitung 37, 1879, S. 52).
  21. Daß die Bemerkung Dions von Prusa (or. 38, p. 148 R.) über den Streit der Athener und der Lakedämonier υπέρ τής προπομπείας sich auf das Fest in Plataeae bezieht, ergibt sich aus (Lucian) Έρωτες 18: ως περί προπομπείας αγωνιούμενοι Πλαταιάσιν. Auch der Sophist Irenäos schrieb (Suidas u. d. W.) und Hermogenes (id. II p. 373 Walz) gibt als Redestoff Αυηναίοι καί Λακεδαιμόνιοι περί τής προπομπείας κατά τά Μηδικά (Mitteilung von Wilamowitz).
  22. Es haben sich zwei derselben erhalten, für Kibyra in Phrygien (CIG 5882), ausgestellt vom κοινόν τής Ελλάδος durch ein δόγμα τού Πανελληνίου und für Magnesia am Mäandros (CIA III, 16). In beiden wird die gut hellenische Abstammung der betreffenden Körperschaften nebst den sonstigen Verdiensten um die Hellenen hervorgehoben. Charakteristisch sind auch die Empfehlungsbriefe, welche diese Panhellenen einem um ihr Gemeinwesen wohlverdienten Mann an seine Heimatgemeinde Aezani in Phrygien, an den Kaiser Pius und an die Hellenen in Asia insgemein mitgeben (CIG 3832, 3833, 3834).
  23. Ohne Zweifel will Plutarch mit diesen Worten (de defectu orac. 8) nicht sagen, daß Griechenland überhaupt nicht 3000 Waffenfähige zu stellen vermöge, sondern daß, wenn Bürgerheere nach alter Art gebildet würden, man nicht imstande sein würde, 3000 „Hopliten“ aufzustellen. In diesem Sinn mag die Äußerung wohl soweit richtig sein, als dies bei dergleichen allgemeinen Klagen überhaupt erwartet werden kann. Die Zahl der Gemeinden der Provinz beläuft sich ungefähr auf hundert.
  24. Davon erzählt Herodian (4, 8, 3; c. 9, 4) und wir haben die Inschriften zweier dieser Spartiaten, des Nikokles στρατευμένός δίς κατά Περσών (CIG 1253) und des Dioskoras απελθών εις τήν ευτυχεστάτην συμμαχίαν (= expeditio) τήν κατά Περσών (CIG 1495).
  25. Das φρούριον (CIA III, 826) kann nicht wohl anders verstanden werden.
  26. „An Mitteln“, sagt Diodor. 31, p. 566), „fehlt es euch nicht, und Tausende und aber Tausende gibt es hier, denen es nützlich wäre, minder reich zu sein“; und weiterhin (p. 620): „ihr seid reich, wie sonst niemand in Hellas. Mehr als ihr besaßen eure Vorfahren auch nicht. Die Insel ist nicht schlechter geworden; ihr zieht die Nutzung von Karien und einem Teil Lykiens; eine Anzahl Städte sind euch steuerpflichtig; stets empfängt die Stadt reiche Gaben von zahlreichen Bürgern.“ Er führt weiter aus, daß neue Ausgaben nicht hinzugetreten, wohl aber die früheren für Heer und Flaue fast weggefallen seien; nur ein oder zwei kleine Schiffe hätten sie jährlich nach Korinth (zur römischen Flotte also) zu stellen.
  27. Bei den Volksfesten, die in Tiberius‘ Zeit ein reicher Mann in Akraephia in Böotien ausrichtete, lud er die erwachsenen Sklaven, seine Gattin die Sklavinnen mit den Freien zu Gaste (CIG 1625). In einer Stiftung zur Verteilung von Öl in der Turnanstalt (γυμνάσιον) von Gytheion in Lakonien wird festgesetzt, daß an sechs Tagen im Jahr auch die Sklaven daran Anteil haben sollen (Lebas-Foucart, n. 243 a). Ähnliche Spenden begegnen in Argos (CIG 1122, 1123).
  28. Auf eine der unzähligen Beschwerden, mit welchen die kleinasiatischen Städte wegen ihrer Titel- und Rangstreitigkeiten die Regierung belästigten, antwortete Pius den Ephesiern (W. H. Waddington, Aristide, S. 51), erhöre gern, daß die Pergamener ihnen die neue Titulatur gegeben hätten; die Smyrnäer hätten es wohl nur zufällig unterlassen und würden sicher in Zukunft gutwillig das Richtige tun, wenn auch sie, die Ephesier, ihnen ihre rechten Titel beilegen würden. Einer kleinen lykischen Stadt, welche um Bestätigung eines von ihr gefaßten Beschlusses bei dem Prokonsul einkommt, erwidert dieser (O. Benndorf, Reisen in Lykien und Karien. Wien 1884, Bd. 1, S. 71), treffliche Anordnungen verlangten nur Lob, keine Bestätigung; diese liege in der Sache. Die Rhetorenschulen dieser Epoche liefern auch die Konzipienten für die kaiserliche Kanzlei; aber dies tut es nicht allein. Es gehört zum Wesen des Prinzipals, das Untertanverhältnis nicht äußerlich zu akzentuieren, und namentlich nicht gegen Griechen.
  29. Eine formale Änderung der Steuerordnung folgt an sich aus diesem Wechsel nicht und ist auch bei Tacitus (ann. 1, 76) nicht angedeutet; wenn die Einrichtung getroffen wird, weil die Provinzialen über Steuerdruck klagen (onera deprecantes), so konnten bessere Statthalter durch zweckmäßige Repartierung, eventuell durch Erwirkung von Remission, den Provinzen aufhelfen. Daß die Beförderung der Reichspost besonders in dieser Provinz als drückende Last empfunden ward, zeigt das Edikt des Claudius aus Tegea (Eph. epigr. V, p. 69).
  30. Der athenische Aufstand unter Augustus ist sicher beglaubigt durch die aus Africanus geflossene Notiz bei Eusebius zum Jahre Abrahams 2025 (daraus Oros. hist. 6, 22, 2). Die Aufläufe gegen den Strategen werden oft erwähnt: Plut. q. sympos. 8, 3 z. A.; (Lucian) Demonax 11, 64; vit. soph. 1, 23. 2, 1, 11.
  31. Dem Beamten, auch dem gebildeten, das heißt dem Freidenker, wird angeraten, die Spenden, die er mache, an die religiösen Feste anzuknüpfen; denn die Menge werde in ihrem Glauben bestärkt, wenn sie sehe, daß auch die Vornehmen der Stadt auf die Götterverehrung etwas geben und sogar dafür etwas aufwenden (Plut. praec. ger. reip. 30).
  32. Ein Musterstück ist die Inschrift (Lebas-Foucart II, S. 142, n. 162) des Μ(άρκωρ) Αυρ(ήλιορ) Ζεύξιππου ο καί Κλεάνδρορ Φιλομοίσω, eines Zeitgenossen also des Pius und Marcus, welcher war ιερεύς Λεθκιππίδων καί Τινδαριδάν, der Dioskuren und ihrer Gattinnen, der Töchter des Leukippos, aber, damit zu dem Alten das Neue nicht fehle, auch αρχιερέος τώ Σεβαστώ καί τώον θείων προγόνων ωτώ. Er war in seiner Jugend ferner gewesen βουαγόρ μικκιχιδδομένων, wörtlich Stierführer der Kleinen, nämlich Anführer der dreijährigen Knaben – die lykurgischen Knabenherden gingen mit dem siebenten Jahr an, aber seine Nachfahren hatten das Fehlende nachgeholt und von den Einjährigen an alle eingeherdet und mit „Führern“ versehen. Dieser selbe Mann siegte (νεικάαρ = νικήσας) κασσηρατοριν, μωαν καί λωαν; was das heißt, weiß vielleicht Lykurgos.
  33. „Das innere Attika“, sagt ein Bewohner desselben bei Philostratos (vit. soph. 2, 7), „ist eine gute Schule für den, der sprechen lernen will; die Stadtbewohner dagegen von Athen, welche den aus Thrakien und dem Pontus und andern barbarischen Landschaften herbeiströmenden jungen Leuten Wohnungen vermieten, lassen mehr durch sie ihre Sprache sich verderben als daß sie ihnen das gute Sprechen beibringen. Aber im Binnenland, dessen Bewohner nicht mit Barbaren vermischt sind, ist die Aussprache und die Rede gut“.
  34. Karl Keil (RE 1, z. Aufl., S. 2100) weist hin auf τινός für ής τινός und τά χωρία γέγοναν der Inschrift der Gattin des Herodes (CIL VI, 1342).
  35. Dittenberger in Hermes 1, 1866, S. 414. Dahin gehört auch, was der plumpe Vertreter des Apollonios seinen Helden an die alexandrinischen Professoren schreiben läßt (ep. 34), daß er Argos, Sikyon, Megara, Phokis, Lokris verlassen habe, um nicht, wenn er länger in Hellas verweile, völlig zum Barbaren zu werden.
  36. Tacitus (zum Jahre 62 ann. 15, 20) charakterisiert einen dieser reichen und einflußreichen Provinzialen, den Claudius Timarchides aus Kreta, der in seinem Kreis allmächtig ist (ut solent praevalidi provincialium et opibus nimiis ad iniurias minorum elati) und über den Landtag, also auch über das obligate, aber für den abgehenden Prokonsul mit Rücksicht auf die möglichen Rechenschaftsklagen sehr wünschenswerte Danksagungsdekret desselben verfügt (in sua potestate situm, an proconsulibus, qui Cretam obtinuissent, grates agerentur). Die Opposition beantragt die Untersagung dieser Dankdekrete, aber es gelingt ihr nicht, den Antrag zur Abstimmung zu bringen. Von einer andern Seite schildert Plutarch (praec. ger. reip. 19, 3) diese vornehmen Griechen.
  37. Herodes war εξ υπάτων (vit. soph. 1, 25, 5, p. 536), ετέλει εκ πατέρων εσ τούς δισυπάτους (das. 2 z. A., p. 545). Sonst ist von Konsulaten seiner Ahnen nichts bekannt; aber sicher ist der Großvater Hipparchos nicht Senator gewesen. Möglicherweise handelt es sich sogar nur um kognatische Aszendenten. Das römische Bürgerrecht hat die Familie nicht unter den Juliern (vgl. CIA III, 489), sondern erst unter den Claudiern empfangen.
  38. Der erste römische Olympionike, von dem wir wissen, ist Ti. Claudius Ti. f. Nero, ohne Zweifel der spätere Kaiser, mit dem Viergespann (Archäologische Zeitung 38, 1880, S. 53); es fällt dieser Sieg wahrscheinlich Ol. 195 (n. Chr. 1), nicht Ol. 199 (n. Chr. 17), wie die Liste des Africanus angibt (Eus. thron. 1, p. 214 Schöne). In diesem Jahre siegte vielmehr sein Sohn Germanicus, ebenfalls mit dem Viergespann (Archäologische Zeitung 37, 1879, S. 36). Unter den eponymen Olympioniken, den Siegern im Stadium, findet sich kein Römer; diese Verletzung des griechischen Nationalgefühls scheint vermieden worden zu sein.
  39. Ein also privilegiertes Spielinstitut heißt αγών ιερός, certamen sacrum (das heißt mit Pensionierung: Dio Sl, 1) oder αγών εισελαστικός, certamen iselasticum (vgl. unter anderen Plin. ep. ad Trai. 118, 119; CIL X, 515). Auch die Xystarchie wird, wenigstens in gewissen Fällen, vom Kaiser verliehen (Dittenberger in Heymes 12, 1877, S. 17f.). Nicht mit Unrecht nennen diese Institute sich „Weltspiele“ (αγών οικουμενικός).
  40. Kaiser Gaius zum Beispiel verbittet sich in seinem Schreiben an den Landtag von Achaia die „große Zahl“ der ihm zuerkannten Bildsäulen und begnügt sich mit den vier von Olympia, Nemea, Delphi und dem Isthmos (Keil, Sylloge Inscriptionum Boeoticarum, n. 31). Derselbe Landtag beschließt, dem Kaiser Hadrian in jeder seiner Städte eine Bildsäule zu setzen, von welchen die Basis der in Abea in Messenien aufgestellten sich erhalten hat (CIG 1307). Kaiserliche Autorisation ist für solche Setzungen von jeher gefordert worden.
  41. Bei der Revision der Stadtrechnungen von Byzantion fand Plinius, daß jährlich 12000 Sesterzen (2500 Mark) für den dem Kaiser und 3000 Sesterzen (650 Mark) für den dem Statthalter von Mösien durch eine besondere Deputation zu überreichenden Neujahrsglückwunsch angesetzt waren. Plinius weist die Behörden an, diese Glückwünsche fortan nur schriftlich einzusenden, was Traian billigt (ep. ad Trai. 43, 44).
  42. Daß die Landstraßen in Griechenland besonders unsicher gewesen seien, erfahren wir nicht; der Aufstand in Achaia unter Pius (vita 5, 4) ist seiner Art nach völlig dunkel. Wenn der Räuberhauptmann überhaupt – nicht eben gerade der griechische – in der geringen Literatur der Epoche eine hervorragende Rolle spielt, so ist dies Vehikel den schlechten Romanschreibern aller Zeiten gemein. Das euböische Ödland des feineren Dion ist nicht ein Räubernest, sondern es sind die Trümmer einer großen Gutswirtschaft, deren Inhaber seines Reichtums wegen vom Kaiser verurteilt worden ist und die seitdem wüst liegt. Übrigens zeigt sich hier, was freilich wenigstens für Nicht-Gelehrte keines Beweises bedarf, daß diese Geschichte gerade ebenso wahr ist wie die meisten, welche damit anfangen, daß der Erzähler sie selbst von dem Beteiligten habe; wäre die Konfiskation historisch, so würde der Besitz an den Fiskus gekommen sein, nicht an die Stadt, welche der Erzähler denn auch sich wohl hütet zu nennen.
  43. Des ägyptischen Kaufmanns aus Constantius Zeit naive Schilderung Achaias mag hier noch Platz finden: „Das Land Achaia, Griechenland und Lakonien hat viel Gelehrsamkeit, aber für die übrigen Bedürfnisse ist es unzulänglich: denn es ist eine kleine und gebirgige Provinz und kann nicht viel Getreide liefern, erzeugt aber etwas Öl und den attischen Honig, und kann mehr wegen der Schulen und der Beredsamkeit gepriesen werden, nicht aber so in den meisten übrigen Beziehungen. Von Städten hat es Korinth und Athen. Korinth hat viel Handel und ein schönes Gebäude, das Amphitheater, Athen aber die alten Bilder (historias antiquas) und ein erwähnenswertes Werk, die Burg, wo viele Bildsäulen stehen und wunderbar die Kriegstaten der Vorfahren darstellen (ubi multis statuis stantibus mirabile est videre dicendum antiquorum bellum). Lakonien soll allein den Marmor von Krokeae aufzuweisen haben, den man den lakedämonischen nennt.“ Die Barbarei des Ausdrucks kommt nicht auf Rechnung des Schreibers, sondern auf die des viel späteren Übersetzers.
  44. Wenn Tacitus (arm. 5, 10) Nikopolis eine colonia Romana nennt, so ist das zwar mißverständlich, aber nicht gerade unrichtig, irrig aber des Plinius (nat. 4, 1, 5) colonia Augusti Actium cum … civitate libera Nicopolitana, da Aktion Stadt so wenig gewesen ist wie Olympia.
  45. Ο αγών Ολύμπιος τά Άκτια: Strab. 7, 7, 6, p. 325; Ακτιάς: Ios. bel. Iud. 1, 20, 4; Ακτιονίκης öfter. Wie die vier großen griechischen Landesfeste bekanntlich η περίοδος heißen, der in allen vier gekrönte Sieger, περιοδονίκης, so wird CIG 4472 auch den Spielen von Nikopolis beigefügt τής περιόδου und jene Periodos als die alte (αρχαία) bezeichnet. Wie die Wettspiele öfter ισολύμπια heißen, so findet sich auch αγών ισάκτιος (CIG 4472) oder certamen ad exemplar Actiacae religionis (Tac. ann. 15, 23).
  46. So nennt sich ein Nikopolit άρχων τής ιεράς Ακτιακής βουλής (Delphi; Rheinisches Museum N. F. 2, 1843, S. 111), wie in Elis es heißt η πόλις Ηλείων καί η Ολυμπική βουλή (Archäologische Zeitung 34, 1876, S. 57; ähnlich daselbst 35, 1877, S. 40 und 41 und sonst). Übrigens erhielten die Spartaner, als die einzigen an dem Aktischen Siege mitbeteiligten Hellenen, die Leitung (επιμέλεια) der Aktischen Spiele (Strab. 7, 7, 6, p. 325); ihr Verhältnis zu der βουλή Ακτιακή von Nikopolis kennen wir nicht.
  47. Die Schilderung seines Verfalls in der Zeit des Constantius (Paneg. 11, 9) beweist für die frühere Kaiserzeit vielmehr das Gegenteil.
  48. Die Ausgrabungen in Dodona haben dies bestätigt; alle Fundstücke gehören der vorrömischen Epoche an, mit Ausnahme einiger Münzen. Allerdings hat ein Restaurationsbau stattgefunden, dessen Zeit sich nicht bestimmen läßt; vielleicht ist er ganz spät. Wenn Hadrian, der Ζεύς Δωδωναίος genannt wird (CIG 1822), Dodona besucht hat (Dürr, Reisen Hadrians, S. 56), so tat er es als Archäologe. Eine Befragung des Orakels in der Kaiserzeit wird nur, und auch nicht in glaubwürdigster Weise, berichtet von Kaiser Julian (Theodoretus hist. eccl. 3, 21).
  49. Die Verfügung Caesars bezeugen Appian (civ. 2, 88) und Plutarch (Caes. 48), und sie stimmt zu seinem eigenen Bericht (civ. 3, 80) recht gut; dagegen nennt Plinius (nat. 4, 8, 29) nur Pharsalos als freie Stadt. Zu Augustus‘ Zeit wurde ein vornehmer Thessaler Petraeos (wahrscheinlich der Caesarianer, civ. 3, 35) lebendig verbrannt (Plut. praec. ger. reip. 19), ohne Zweifel nicht durch ein Privatverbrechen, sondern nach Beschluß des Landtags, und es wurden die Thessaler vor das Kaisergericht gestellt (Suet. Tib. 8). Vermutlich gehören beide Vorgänge und ebenso der Verlust der Freiheit zusammen.
  50. In der Zeit der Republik scheint Skodra zu Makedonien gehört zu haben; in der Kaiserzeit sind dies und Lissus dalmatische Städte und macht die Grenze an der Küste die Mündung des Drin.
  51. Die städtischen Gründungen in diesen Gegenden außerhalb des eigentlichen Makedoniens tragen ganz den Charakter eigentlicher Kolonien: so die von Philippi im Thrakerland und besonders die von Derriopos in Paeonien (Liv. 39 53), für welchen letzteren Ort auch die spezifisch makedonischen Politarchen inschriftlich bezeugt sind. Inschrift vom Jahre 197 n. Chr.: τών περί Αλεξάνδρον Φιλίππου εν Δερριόπω πολιταρχών (Duchesne und Bayet, Mission au mont Athos, S. 103).
  52. Daß auch für Lysimachos die Donau Reichsgrenze war, geht hervor aus Paus. 1,9,6.
  53. Kalybe bei Byzantion entstand nach Strabon (7, 6, 2, p. 320) Φιλίππου τού Αμύντου τούς πονηρατότους ενταύθα ιδρύσαντος. Philippopolis soll sogar nach dem Bericht Theopomps (fr. 122 Müller) als Πονηρόπολις gegründet sein und die entsprechenden Kolonisten empfangen haben. Wie wenig Vertrauen diese Angaben auch verdienen, so drücken sie doch in ihrem Zusammentreffen den Botany-Bay-Charakter dieser Gründungen aus.
  54. Doch reicht die nördliche bessarabische Linie, die vielleicht römisch ist, bis nach Tyra.
  55. Daß Byzantion noch in traianischer Zeit unter dem Statthalter von Bithynien stand, folgt aus Plin. ep. ad Trai. 43. Aus den Gratulationen der Byzantier an die Legaten von Mösien kann die ihrer Lage nach kaum mögliche Zugehörigkeit zu dieser Statthalterschaft nicht geschlossen werden; die Beziehungen zu dem Statthalter von Mösien erklären sich aus den Handelsverbindungen der Stadt mit den mösischen Hafenplätzen. Daß Byzanz auch im Jahre 53 unter dem Senat stand, also nicht zu Thrakien gehörte, geht aus Tacitus ann. 12, 62 hervor. Zugehörigkeit zu Makedonien unter der Republik bezeugt Cicero (Pis. 35, 86; prov. 4, 6) nicht, da die Stadt damals frei war. Diese Freiheit scheint, wie bei Rhodos, oft gegeben und oft genommen zu sein. Cicero, a. a. O., spricht sie ihr zu; im Jahre 53 ist sie tributpflichtig; Plinius (nat. 4, 11, 46) führt sie als freie Stadt auf; Vespasian entzieht ihr die Freiheit (Suet. Vesp. 8).
  56. Dies verbürgt das Fehlen von Münzen der thrakischen Binnenstädte, welche nach Metall und Stil in die ältere Zeit gesetzt werden könnten. Daß eine Anzahl thrakischer, besonders odrysischer Fürsten zum Teil schon in recht früher Zeit geprägt haben, beweist nur, daß sie über Küstenplätze mit griechischer oder halbgriechischer Bevölkerung geboten. Ebenso wird auch zu urteilen sein über die ganz vereinzelt stehenden Tetradrachmen der „Thraker“ (A. v. Sallet in Zeitschrift für Numismatik 3, 1876, S. 241).
  57. Auch die im thrakischen Binnenland gefundenen Inschriften sind durchgängig aus römischer Zeit. Das in Bessapara, jetzt Tatar Bazardjik, westlich von Philippopolis, von Dumont (Inscriptions de la Thrace, S. 7) gefundene Dekret einer nicht genannten Stadt wird freilich in gute makedonische Zeit gesetzt, aber nur nach dem Charakter der Schrift, welcher vielleicht trügt.
  58. Das κοινόν τής Πενταπόλεως findet sich auf einer Inschrift von Odessos (CIG 2056 c) die füglich der früheren Kaiserzeit angehören kann, die pontische Hexapolis auf zwei Inschriften von Tomis wahrscheinlich des 2. Jahrhunderts n. Chr. (Marquardt, Römische Staatsverwaltung, Bd. 1, z. Aufl., S. 305; Hirschfeld in Archäologisch-epigraphische Mittheilungen 6, 1882, S. 22). Die Hexapolis muß auf jeden Fall und danach wahrscheinlich auch die Pentapolis, mit den römischen Provinzialgrenzen in Einklang gebracht werden, das heißt die griechischen Städte Untermösiens in sich schließen. Diese finden sich auch, wenn man den sichersten Führern, den Münzen der Kaiserzeit, folgt. Münzstätten (von Nikopolis abgesehen, Anm. 204) gibt es in Untermösien sechs: Istros, Tomis, Kallatis, Dionysopolis, Odessos und Markianopolis, und da die letzte Stadt von Traian gegründet ward, so erklärt sich damit zugleich die Pentapolis. Tyra und Olbia haben schwerlich dazu gehört; wenigstens zeigen die zahlreichen und redseligen Denkmäler der letzteren Stadt nirgends eine Anknüpfung an diesen Städtebund. Κοινόν τών Ελλήνων heißt derselbe auf einer Inschrift von Tomis, welche ich hier wiederhole, da sie nur in der athenischen Pandora vom 1. Juni 1868 gedruckt ist: Αγαθή τύχη. Κατά τά δόξαντα τή κρατήστη βουλή καί τώ λαμπροτάτω δήμω τής λαμπροτάτης μετροπόλεως καί α τοί επονύμου Πόντου Τόμεως τόν Ποντάρχην Πρείσκιον Αννιανόν άρξαντα τοί κοινού τών Ελλήνων καί τής μετροπόλεως τήν α‘ αρχήν αγνώς, καί αρχιερασάμενον, τήν διόπλων κυνεγησίων ενδόξως φιλοτειμίαν μή διαλιπόντα, αλλά καί βουλευτήν καί τών πρωτευόντων Φλαβίας Νέας πόλεως, καί τήν αρχιέρειαν σύμβιον αυτού Ιουλίαν Απολαίστην πάσης τειμής χάρειν.
  59. Das zeigt die merkwürdige Inschrift bei Allard, La Bulgarie Orientale. Paris 1863, S. 263: Θεώ μεγάλω Σαραπ{ίδι καί} τοίς συνναίοις θεοίς καί τώ αυτοκράτορι Τ. Αιλίω Αδριανώ Αντωνείνω Σεβαστώ Ευσεβεί καί Μ. Αυρηλίω Ουήρω Καίσαρι Καρπίων Ανουβίωνος τώ οικώ Αλεξανδρέων τόν βωμόν εκ τών ιδίων ανέθηκεν έτους κγ‘ μηνός Φαρμουθί α‘ επί ιερέων Κορνουτου τού καί Σαραπίωνος Πολύμνου τού καί Λονγείνου. Die Schiffergilde von Tomis begegnet mehrfach in den Inschriften der Stadt.
  60. Das stets bekriegte und oft zerstörte Olbia erlitt nach der Angabe Dios (Borysth. p. 75 R.) etwa 150 Jahre vor seiner Zeit das heißt etwa vor dem Jahre 100 n. Chr., also wahrscheinlich bei dem Zug des Burebista, die letzte und schwerste Eroberung (τήν τελευταίαν καί μεγίστην άλωσιν). Είλον δέ, fährt Dion fort, καί ταύτην Γέται καί τας αλλας τάς εν τοίς αριστεροίς τού Πόντου πόλεις μέχρι Απολλωνίας (Sozopolis oder Sizebolu, die letzte namhafte Griechenstadt an der pontischen Westküste) όθεν δή καί σφόδρα ταπεινά τά πράγματα κατέστη τών ταύτη Ελλήνων, τών μέν ουκέτι συοικισθείσων πόλεων, τών δέ φαύλως καί τών πλείστων βαρβάρων εις αυτάς συρρυέντων. Der junge vornehme Stadtbürger ausgeprägter ionischer Physiognomie, dem Dion dann begegnet, welcher zahlreiche Sarmaten erschlagen oder gefangen hat, und zwar den Phokylides nicht kennt, aber den Homer auswendig weiß, trägt Mantel und Hosen nach Skythenart und das Messer im Gurt. Die Stadtbürger alle tragen langes Haar und langen Bart und nur einer beides geschoren, was ihm als Zeichen serviler Haltung gegen die Römer verdacht wird. Also ein Jahrhundert später sah es dort ganz so aus, wie Ovidius Tomis schildert.
  61. Ganz gewöhnlich heißt der Vater skythisch, der Sohn griechisch, oder auch umgekehrt; zum Beispiel verzeichnet eine unter oder nach Traian gesetzte Inschrift von Olbia (CIG 2074) sechs Strategen: M. Ulpius Pyrrhus Sohn des Arseuaches, Demetrios Sohn des Xessagaros, Zoilos Sohn des Arsakes, Badakes Sohn des Radanpson, Epikrates Sohn des Koxuros, Ariston Sohn des Vargadakes.
  62. Da Asandros sein Archontat wahrscheinlich schon von seinem Abfall von Pharnakes, also vom Sommer des Jahres 707 (47) gezählt hat und bereits im vierten Jahre seiner Regierung den Königstitel annimmt, so kann dieses Jahr füglich auf Herbst 709/710 (45/44) gesetzt werden, die Bestätigung also von Caesar erfolgt sein. Antonius kann sie nicht wohl erteilt haben, da er erst Ende 712 (42) nach Asien kam; noch weniger ist an Augustus zu denken, den Pseudo-Lukianos (macrob. 15) nennt, Vater und Sohn verwechselnd.
  63. Mithradates den Claudius im Jahre 41 zum König des Bosporus machte, führte sein Geschlecht auf Eupator zurück (Dio 60, 8; Tac. ann. 12, 18) und ihm folgte sein Bruder Kotys (Tac. a. a. O.). Ihr Vater heißt Aspurgos (CIG II, p. 95), braucht aber darum kein Aspurgianer (Strab. 11, 2, 19, p. 415) gewesen zu sein. Von einem späteren Dynastiewechsel wird nicht berichtet; König Eupator in Pius Zeit (Lukian. Alex. 57; vita Pii 9) weist auf das gleiche Haus. Wahrscheinlich haben übrigens diese späteren bosporanischen Könige so wie die uns nicht einmal dem Namen nach bekannten nächsten Nachfolger Polemons auch zu den Polemoniden in verwandtschaftlichen Beziehungen gestanden, wie denn der erste Polemon selbst eine Enkelin des Eupator zur Frau gehabt hatte. Die thrakischen Königsnamen, wie Kotys und Rhaskuporis, die in dem bosporanischen Königshaus gewöhnlich sind, knüpfen wohl an den Schwiegersohn des Polemon, den thrakischen König Kotys, an. Die Benennung Sauromates, welche seit dem Ende des 1. Jahrhunderts häufig auftritt, ist ohne Zweifel durch Verschwägerung mit sarmatischen Fürstenhäusern aufgekommen, beweist aber natürlich nicht, daß ihre Träger selber Sarmaten waren. Wenn Zosimos (hist. 1, 31) den nach Erlöschendes alten Königsgeschlechts zur Regierung gelangten geringen und unwürdigen Fürsten die Schuld daran zuschreibt, daß die Goten unter Valerian auf bosporanischen Schiffen ihre Piratenzüge ausführen konnten, so mag das seine Richtigkeit haben und zunächst Phareanses gemeint sein, von dem es Münzen aus den Jahren 254 und 255 gibt. Aber auch diese sind mit dem Bildnis des römischen Kaisers bezeichnet, und später finden sich wieder die alten Geschlechtsnamen (alle bosporanischen Könige sind Tiberii Iulii) und die alten Beinamen wie Sauromates und Rhaskuporis. Im ganzen genommen sind die alten Traditionen wie die römische Schutzherrschaft auch damals hier noch festgehalten worden.
  64. Die letzte bosporanische Münze ist vom Jahre 631 der Archämenidenära, 335 n. Chr.; sicher hängt dies zusammen mit der eben in dieses Jahr fallenden Einsetzung des Neffen Konstantins L, Hanniballianus, zum „König“, obwohl dies Königtum hauptsächlich das östliche Kleinasien umfaßte und zur Residenz Caesa rea in Kappadokien hatte. Nachdem in der blutigen Katastrophe nach Konstantins Tode dieser König und sein Königtum zugrunde gegangen war, steht der Bosporus unmittelbar unter Konstantinopel.
  65. Noch im Jahre 366 war der Bosporus in römischem Besitz (Amm. 26, 10, 6); bald nachher müssen die Griechen am Nordufer des Schwarzen Meeres sich selbst überlassen worden sein, bis dann Justinian die Halbinsel wieder besetzte (Prok. Goth. 4, 5). In der Zwischenzeit ging Pantikapäon in den Hunnenstürmen zugrunde.
  66. Die Münzen der Stadt Chersonesos aus der Kaiserzeit haben die Aufschrift Χερσονήσου ελευθέρας, einmal sogar βασιλευούσης, und weder Königs- noch Kaisernamen oder Kopf (A. v. Sauet in Zeitschrift für Numismatik 1, 1874, S. 27; 4, 1877, S. 273). Die Unabhängigkeit der Stadt dokumentiert sich auch darin, daß sie nicht minder als die Könige des Bosporus in Gold münzt. Da die Ära der Stadt richtig auf das Jahr 36 v. Chr. bestimmt scheint (CIG 8621), in welchem ihr, vermutlich von Antonius, die Freiheit verliehen ward, so ist die vom Jahre 109 datierte Goldmünze der „regierenden Stadt“ im Jahre 75 n. Chr. geschlagen.
  67. Nach Strabons Darstellung (11, 2, 11, p. 495) stehen die Herren von Tanais selbständig neben denen von Pantikapäon und hängen die Stämme südlich vom Don bald von diesen, bald von jenen ab; wenn er hinzufügt, daß manche der pantikapäischen Fürsten bis zum Tanais geboten, und namentlich die letzten, Pharnakes, Asandros, Polemon, so scheint dies mehr Ausnahme als Regel. In der Anm. 215 angeführten Inschrift stehen die Tanaiten unter den untertänigen Stämmen und eine Reihe von tanaitischen Inschriften bestätigen dies für die Zeit von Marcus bis Gordian; aber die Ελληνες καί Ταναείται neben den άρχαντες Ταναειτών und den öfter genannten Ελληνάρχαι bestätigen, daß die Stadt auch damals eine nicht griechische blieb.
  68. In der einzigen lebendigen Erzählung aus der bosporanischen Geschichte, die wir besitzen, der des Tacitus (arm. 12, 15-21) von den beiden rivalisierenden Brüdern Mithradates und Kotys, stehen die benachbarten Stämme, die Dandariden Shaker, Aorser unter eigenen, von dem römischen Fürsten von Pantikapäon nicht rechtlich abhängigen Herren.
  69. In der Titulatur pflegen die älteren pantikapaeischen Fürsten sich Archonten des Bosporus, das heißt von Pantikapäon, und von Theudosia und Könige der Sinder und sämtlicher Maiter und anderer nicht griechischer Völkerschaften zu nennen. Ebenso nennt die meines Wissens unter den Königsinschriften der römischen Epoche älteste den Aspurgos, Sohn des Asandrochos (Stephani, Comptes rendus de la commission pour 1866, S. 128) βασιλεύοντα παντός Βοσπόρου. Θεοδοσίης καί Σίνδων καί Μαιτών καί Τορετών Ψήσων τε καί Ταναειτών. Θηοστάσαντα Σκύθας καί Ταυρούς. Auf den Umfang des Gebietes wird aus der vereinfachten Titulatur kein Schluß gezogen werden dürfen.
  70. In den Inschriften der späteren Zeit findet sich einmal unter Traian die wohl adulatorische Titulatur βασιλεύς βασιλέων μέγας τού πάντος Βοσπόρου(CIG 2123). Die Münzen kennen überhaupt von Asandros an keinen Titel als βασιλεύς, während doch Pharnakes sich βασιλεύς βασιλέων μέγας nennt. Ohne Zweifel ist dies Einwirkung der römischen Souveränität, mit der sich ein über andere Fürsten gesetzter Lehnsfürst nicht recht vertrug.
  71. Es war dies der im Jahre 41 von Claudius eingesetzte König Mithradates, welcher einige Jahre später abgesetzt und durch seinen Bruder Kotys ersetzt ward; er lebte nachher in Rom und kam in den Wirren des Vierkaiserjahres um (Plut. Galba 13 u. 15). Indes wird weder aus den Andeutungen bei Tacitus (ann. 12, 15; vgl. Plin. nat. 6, 5, 17) noch aus dem (durch Verwechslung der beiden Mithradates von Bosporus und von Iberien verwirrten) Bericht bei Petrus Patricius (fr. 3) der Sachverhalt deutlich. Die chersonesitischen Märchen bei dem späten Constantinus Porphyrogenitus (de adm. imp. c. 53) kommen natürlich nicht in Betracht. Der böse bosporanische König Sauromates Κρισκονόρου (nicht Ρησκοπόρου) υιός der mit den Sarmaten gegen Kaiser Diocletianus und Constantius sowie gegen das reichstreue Cherson Krieg führt, ist offenbar hervorgegangen aus einer Verwirrung des bosporanischen Königs- und des Volksnamens und geradeso historisch wie die Variation auf die Geschichte von David und Goliath, die Erlegung des gewaltigen Königs der Bosporaner Sauromates durch den kleinen Chersonesiten Pharnakos. Die Königsnamen allein, zum Beispiel außer den genannten der nach dem Erlöschen des Geschlechts der Sauromaten eintretende Asandros, genügen. Die städtischen Privilegien und die Örtlichkeiten der Stadt, zu deren Erklärung diese Mirabilien erfunden sind, verdienen allerdings Beachtung.
  72. Es gibt keine bosporanischen Gold- oder Pseudogoldmünzen ohne den römischen Kaiserkopf, und es ist dies immer der des vom römischen Senat anerkannten Herrschers. Daß in den Jahren 263 und 265, wo im Reiche sonst nach Valerians Gefangennehmung Gallienus offiziell als Alleinherrscher galt, hier zwei Köpfe auf den Münzen erscheinen, ist vielleicht nur Unkunde; doch mag der Bosporus damals unter den vielen Prätendenten eine andere Wahl getroffen haben. Die Namen werden in dieser Zeit nicht beigesetzt und die Bildnisse sind nicht sicher zu unterscheiden.
  73. Dies wird man dem Skythen Toxaris in dem unter den lukianischen stehenden Dialog (c. 44) glauben dürfen; im übrigen erzählt er nicht bloß μύθοις όμοια, sondern eben einen Mythos, dessen Könige Leukanor und Eubiotos die Münzen begreiflicherweise nicht kennen.
  74. In Betreff der Getreideausfuhr verdient die Notiz in dem Bericht des Plautius Beachtung.
  75. Auch aus dem Erbieten, einer von den römischen Truppen bedrängten Ortschaft der Siraker (am Asowschen Meer) 10000 Sklaven zu liefern (Tac. ann. 12, 17), wird auf einen lebhaften Sklavenimport aus diesen Gegenden geschlossen werden dürfen.