IX.

Am Morgen dieses Tages stieg Schuhmacher, wie er pflegte, auf den Arm seiner Tochter gestützt, in den Garten herab, der an sein Gefängniß stieß. Beide hatten eine unruhige Nacht gehabt, der Greis durch Schlaflosigkeit, das junge Mädchen durch süße Träume.

Der Vater warf, nachdem sie eine Zeitlang herumgegangen waren, einen ernsten und traurigen Blick auf seine Tochter: »Du lächelst vor Dich hin und erröthest, Ethel; Du bist glücklich, denn Du erröthest nicht über die Vergangenheit, und lächelst der Zukunft entgegen.«

Ethel erröthete noch mehr und hörte auf zu lächeln.

»Mein Vater,« sagte sie verwirrt, »ich habe die Edda mitgebracht.«

»So lies, meine Tochter!« versetzte der Greis und fiel in seine vorige Träumerei zurück.

Ethel las ihm die Geschichte der Schäferin Allanga vor, welche die Hand eines Königs ausschlug, bis er ihr bewiesen haben würde, daß er ein Kriegsmann sei. Regner Lodbrog erhielt die Hand der Schäferin erst, nachdem er den Räuber von Klipstadur, Ingulph den Vertilger, besiegt hatte.

Plötzlich ließ sich ein Geräusch hinter ihnen hören, und der Lieutenant Ahlfeldt trat aus dem Gebüsche.

»Habe ich nicht, schönste Dame,« rief er Ethel zu, »den Namen Ingulphs des Vertilgers aus Ihrem schönen Munde vernommen? Ohne Zweifel haben Sie von Han dem Isländer gesprochen und sind sofort bis zu seinem Ahnhern hinaufgestiegen. Die Damen lieben Räubergeschichten. Man erzählt von Ingulph und dessen Nachkommen Dinge, welche schauerlich angenehm zu vernehmen sind. Ingulph der Vertilger hatte nur einen einzigen, mit der Hexe Thoarka erzeugten Sohn. Dieser Sohn hatte wieder nur einen Sohn, der ebenfalls mit einer Zauberin erzeugt war. Seit vier Jahrhunderten hat sich dieses Geschlecht immer nur durch einen einzigen Zweig fortgepflanzt und in Island viel Unglück angerichtet. Durch diese Reihe einziger Erben ruht jetzt Ingulphs Geist auf dem berüchtigten Han dem Isländer, der so eben, wie ich vermuthe, die jungfräulichen Gedanken der schönen Dame beschäftigt hat.«

Der Lieutenant hielt einen Augenblick inne. Ethel schwieg aus Verlegenheit, Schuhmacher aus Ekel und Langeweile. Der Geck hielt dies für eine Aufmunterung, fortzufahren.

»Han der Isländer,« sprach er weiter, »kennt keine andere Leidenschaft als Menschenhaß, und ist einzig damit beschäftigt, dem menschlichen Geschlechte zu schaden …«

»Das ist vernünftig von ihm,« sagte Schuhmacher.

»Er lebt immer allein,« fuhr der Lieutenant fort.

»Dann ist er glücklich,« sprach Schuhmacher.

»Möge uns der Gott Mithra von diesen Vernünftigen und Glücklichen befreien! Verflucht sei der Wind, der diesen isländischen Teufel nach Norwegen geweht hat! Ein Bischof ist es, dem wir das Glück danken, Han von Klipstadur zu besitzen. Nach der Tradition fanden einige Bauern Han, der noch ein Kind war, auf den Bergen von Bessested und wollten ihn umbringen; aber der Bischof von Scalholt hielt sie davon ab, und nahm den jungen Wilden in Schutz, um aus dem Teufel einen Christen zu machen. Er wendete tausend Mittel an, seine höllische Intelligenz zu entwickeln. In einer finstern Nacht aber zündete der herangewachsene Han seines Wohlthäters Wohnung an, setzte sich auf einen Baumstamm und schiffte ohne Weiteres nach Norwegen. So erzählt man sich in den Spinnstuben. Seitdem Unheil aller Art: Die Minen von Faroer verschüttet und dreihundert Arbeiter unter den Trümmern begraben, der über Golyn hängende Fels zur Nachtzeit auf das Dorf herabgestürzt, die Brücke von Half-Broe unter den Wanderern zusammenbrechend und in den Abgrund fallend, die Hauptkirche zu Drontheim in Brand gesteckt, die Leuchtthürme in stürmischen Nächten ausgelöscht und eine Menge von Verbrechen und Mordthaten in die Seeen von Sparbo und Smiassen eingesenkt, oder in den Grotten von Walderhog und Rylaß verborgen. In den Spinnstuben behaupten sie, daß bei jedem Verbrechen ihm ein neues Haar in seinen Bart wachse. Wenn das der Fall ist, so muß sein Bart so dicht sein, als der des ehrwürdigsten assyrischen Magiers.«

Schuhmacher unterbrach ihn: »Und es ist nicht gelungen, sich dieses Menschen zu bemächtigen?« sagte er mit triumphirendem Blick und ironischem Lächeln. »Ich muß in der That die Fähigkeit der Großkanzlei beider Königreiche bewundern.«

»Han,« fuhr der Lieutenant, der die spöttische Anspielung nicht verstand, redselig fort, »hat sich bisher eben so unüberwindlich gezeigt, als Horatius Cocles. Soldaten, Milizen, Bergbewohner, Landleute, Alles flieht vor ihm oder findet den Tod. Er ist ein Dämon, dem man weder entgehen, noch ihn erreichen kann. Glücklich diejenigen, welche ihn suchen und nicht finden. Nicht wahr, edle Dame, das sind seltsame Geschichten? Sie könnten Stoff zu einem trefflichen Roman im Geschmacke der sublimen Schriften der Demoiselle Scudery liefern. Man müßte jedoch unser Klima etwas mildern, die Traditionen ein wenig aufputzen und unsere barbarischen Namen modificiren. So müßte man z. B. aus Drontheim Durtinianum machen, unsere finstern Wälder in liebliche Gebüsche, und unsere Waldströme in tausend klare Bäche verwandeln. Unsere schauerlichen Höhlen müßten halbdunkle Grotten sein, in welchen das reinste Krystall glänzt. In einer dieser Grotten würde ein berüchtigter Zauberer, Hannus von Thule, wohnen … denn Sie werden einsehen, daß Han der Isländer für ein poetisches Ohr zu hart klingt. Dieser Riese, denn ein Riese müßte es durchaus sein, würde in gerader Linie von dem alten Mars abstammen. Ingulph der Vertilger ist ein Name, der die Phantasie nicht in Anspruch nimmt. Die Hexe Thoarka könnte man in die Zauberin Theone verwandeln. Nachdem der Großmagier von Thule den Riesen Hannus erzogen hat, entflieht er eines Tages aus seinem goldenen Palaste auf einem mit zwei fliegenden Drachen bespannten Wagen. Ein alter Baumstamm wäre gar zu prosaisch. Unter dem schönen Himmel von Durtinianum angekommen und durch den Anblick dieses lieblichen Geländes verführt, schlägt er hier seinen Wohnsitz auf und macht das Land zum Schauplatze seiner Verbrechen. Lauter Verbrechen, das wäre gar zu schauerlich, weßhalb einige sinnreich erdachte verliebte Abenteuer damit zu verflechten sind. Mithin muß die Schäferin Alcippe eines Tages mit ihren Lämmchen in einem Rosen- und Myrtenhain spazieren gehen. Der Riese Hannus erblickt sie und verliebt sich alsbald. Allein die schöne Alcippe liebt bereits den schönen Lycidas, welcher Offizier ist und daselbst in Garnison liegt. Hiedurch Eifersucht des Riesen auf den Offizier, des Offiziers auf den Riesen, allerhand Ränke, List und Streit, Ohnmächten, Zweikämpfe, Entführungen, und eine Menge allerliebster Geschichten, durch welche die Gräuelthaten des Riesen Hannus verzuckert und für den zarten Geschmack des schönen Geschlechts genießbar gemacht würden, und ich wette meine polnischen Stiefel gegen ein Paar Holzschuhe, daß ein solcher Roman, aus der Feder der geistreichen Scudery geflossen, alle Damen in Kopenhagen toll machen würde.«

Schuhmacher, der auf das ganze Gesalbader nicht geachtet hatte, faßte den Namen Kopenhagen auf und sagte: »Kopenhagen? Was gibt es Neues zu Kopenhagen?« »Nichts, so viel ich weiß,« antwortete der Lieutenant, »außer der Einwilligung des Königs zu der wichtigen Vermählung, von der man in diesem Augenblicke in beiden Königreichen spricht.«

»Wie! Welche Vermählung?«

In diesem Augenblicke trat Ordener in den Garten. Die Anwesenheit des unberufenen Lieutenants setzte die Gesellschaft in Verlegenheit und führte ein ziemlich langes Stillschweigen herbei.

»Bei der Schleppe des königlichen Mantels,« rief der Lieutenant lachend aus, »das ist ein Schweigen, welches ganz demjenigen der gallischen Senatoren gleicht, als der Römer Brennus … Ich weiß auf Ehre nicht mehr recht, wer Römer oder Gallier, Senator oder Feldherr war. Doch gleichviel. Erzählen Sie dem alten Herrn da, was es Neues zu Kopenhagen gibt. Ich wollte ihn eben von der hohen Vermählung unterhalten, welche in diesem Augenblicke Meder und Perser beschäftigt.«

»Welche Vermählung?« fragten Ordener und Schuhmacher zugleich.

»Aus dem Schnitt Ihrer Kleider, Herr Fremdling,« rief der Lieutenant, in die Hände klopfend, »habe ich bereits geahnt, daß Sie aus irgend einer andern Welt gekommen sein müssen. Diese Frage gibt mir Gewißheit darüber. Sie sind ohne Zweifel gestern in einem mit Drachen bespannten Feenwagen an den Ufern der Nidder gelandet, denn wenn Sie durch Norwegen gereist wären, hätten Sie doch von der berühmten Vermählung zwischen dem Sohn des Vicekönigs und der Tochter des Großkanzlers hören müssen.«

Schuhmacher wandte sich zu dem Lieutenant: »Wie! Ordener Guldenlew heirathet Ulrike Ahlfeldt?«

»So ist es, und zwar wird das geschehen, ehe noch die Wülste zu Kopenhagen aus der Mode kommen.« »Friedrich Guldenlews Sohn muß jetzt etwa zweiundzwanzig Jahre alt sein, denn ich erfuhr seine Geburt, nachdem ich etwa ein Jahr in der Citadelle von Kopenhagen saß. Mag er sich jung heirathen,« fuhr Schuhmacher mit einem bittern Lächeln fort; »wenn er in Ungnade fällt, wird man ihm doch nicht minder den Vorwurf machen, daß er nach dem Kardinalshut getrachtet habe.«

Der Lieutenant verstand die Anspielung nicht, welche der gefallene Günstling auf sein eigenes Unglück machte.

»Das gewiß nicht,« rief er lachend, »der Baron Ordener wird Graf, Oberst und Ritter vom Elephantenorden, was Alles mit dem Kardinalshut sich nicht verträgt.«

»Desto besser,« sagte Schuhmacher. »Vielleicht wird man eines Tags aus seinem Ordensband ein Halsband machen, die Grafenkrone auf seiner Stirne zerbrechen und ihm die Epauletten ins Gesicht werfen.«

Ordener ergriff des Alten Hand: »Sprechen Sie nicht den Fluch über das Glück eines Feindes aus, ehe Sie wissen, ob dieses Glück auch ein Glück für ihn ist.«

»Je nun,« fiel der Lieutenant ein, »was liegt dem Baron Thorwick an diesen Verwünschungen?«

»Mehr vielleicht, als Sie glauben,« erwiderte Ordener. »Uebrigens,« fügte er nach einer Pause hinzu, »ist Ihre berühmte Heirath noch nicht so gewiß, als Sie denken.«

» Fiat quod vis,« versetzte der Lieutenant mit einer ironischen Verbeugung. »Der König, der Vicekönig und der Kanzler wünschen und wollen zwar diese Heirath, weil sie aber dem fremden Herrn da mißfällt, so wird ohne Zweifel trotz des Königs, des Vicekönigs und des Kanzlers nichts daraus werden.«

»Da können Sie vielleicht Recht haben,« sagte Ordener trocken.

»Das ist gar zu spaßhaft,« rief der Lieutenant aus, und lachte wie toll. »Wenn doch nur der Baron Thorwick hier wäre, um zu hören, wie dieser fremde Prophet über seine Zukunft verfügt! Es scheint mir jedoch, mein gelehrter Herr, daß Ihr Bart noch nicht lang genug ist, um ein großer Zauberer zu sein.«

»Herr Lieutenant,« antwortete Ordener kalt, »ich glaube nicht, daß Ordener Guldenlew eine Frau heirathet, ohne sie zu lieben.«

»Und wer sagt Ihnen, mein Herr vom grünen Mantel, daß der Baron Ordener Guldenlew die Gräfin Ulrike von Ahlfeld nicht liebt?«

»Und wer sagt Ihnen,« frage ich, »daß er sie liebt?«

Hier wurde der Lieutenant durch die Lebhaftigkeit des Gesprächs hingerissen, eine Thatsache zu behaupten, welcher er nicht gewiß war: »Wer es mir sagt, daß er sie liebt? Eine spaßhafte Frage! Es thut mir leid um Ihre Prophetengabe, aber Jedermann weiß ja, daß diese Vermählung sowohl eine Neigungs- als eine Convenienzheirath ist.«

»Wenn Jedermann es weiß, so weiß ich wenigstens es nicht.«

»Sie also ausgenommen! Was liegt daran? Sie werden dadurch nicht hindern, daß der Sohn des Vicekönigs in die Tochter des Großkanzlers verliebt ist.«

»Verliebt?«

»Ganz toll verliebt!«

»Er müßte allerdings toll sein, wenn er in sie verliebt wäre.«

»Vergessen Sie nicht, von wem und mit wem Sie reden. Sollte man nicht meinen, der Sohn des Vicekönigs dürfte sich nicht in eine Dame verlieben, ohne zuvor diesen Bauer da um Erlaubniß zu bitten?«

Mit diesen Worten erhob sich der Offizier. Ordeners Augen blitzten.

Ethel trat zu ihm: »Ruhig, um Gottes Willen! Was liegt uns daran, ob der Sohn des Vicekönigs die Tochter des Kanzlers liebt?«

Ordener beruhigte sich. Der Lieutenant nahm seine alte muntere Laune wieder an.

»Das Fräulein,« rief er aus, »spielt mit unendlicher Grazie die Rolle der Sabinerinnen. Meine Worte waren nicht abgemessen genug; ich hatte vergessen, daß zwischen uns ein Band der Ritterlichkeit besteht, das uns verbietet, uns gegenseitig zu reizen. Ritter, Ihre Hand! Gestehen Sie ebenfalls, daß Sie vergessen hatten, daß Sie von dem Sohne des Vicekönigs mit seinem künftigen Schwager, dem Lieutenant Ahlfeldt, sprachen.«

Schuhmacher, der bisher gleichgültig zugehört hatte, sprang von seinem steinernen Sitze auf und stieß einen Schrei des Abscheus aus.

»Ahlfeldt! Ein Ahlfeldt vor meinen Augen!» rief er aus. »Fort Schlange! Warum erkannte ich nicht an dem Sohne die Züge seines schändlichen Vaters! Laßt mich in Ruhe in meinem Kerker, ich bin nicht zu der Strafe verurtheilt, Euch zu sehen! Jetzt fehlte mir nur noch der Sohn jenes Guldenlew neben diesem Ahlfeldt! Feige Verräther! Am Ende kommen sie noch selbst, sich an meinem Jammer zu ergötzen! Abscheuliches Geschlecht! Fort von mir, Du Sohn Ahlfeldts!«

Der Lieutenant, der im Anfang bestürzt war, ging bald zum Zorn über. »Willst Du schweigen, alter Narr! Willst Du aufhören, Deine teuflischen Litaneien zu singen!«

»Fort,« rief Schuhmacher, »und, nimm meinen Fluch mit Dir, meinen Fluch über Dich und das elende Geschlecht der Guldenlew, das sich dem Deinigen vermählen will!«

»Zum Teufel! Doppelte Beschimpfung! …«

Ordener hielt den Lieutenant, der ganz außer sich war.

»Lieutenant,« sagte er ruhig, »Ihr Feind ist ein Greis. Wir haben uns bereits Genugthuung zu geben, ich nehme auch die Beleidigungen des Gefangenen auf mich.«

»Meinetwegen, Sie machen eine doppelte Schuld ab,« erwiederte der Lieutenant. »Das wird ein Kampf auf Leben und Tod werden, denn ich habe meinen Schwager und mich selbst zu rächen. Vergessen Sie nicht, daß Sie mit meinem Handschuh auch den für Ordener Guldenlew ausheben.«

»Lieutenant Ahlfeldt,« sagte Ordener, »Sie führen die Sache der Abwesenden mit edelmüthiger Hitze. Bedenken Sie, daß ein unglücklicher Greis, dem das Unglück einiges Recht gibt, ungerecht zu sein, auch Mitleid verdient.«

Ahlfeldt gehörte zu den Menschen, bei denen man durch Lob eine Tugend wecken kann. Er drückte Ordeners Hand und trat auf Schuhmacher zu, der, durch seine Entrüstung erschöpft, auf den Stein zurück in die Arme seiner trostlosen Tochter gesunken war.

»Herr Schuhmacher,« sagte der Offizier, »Sie haben Ihr Alter mißbraucht, und ich war vielleicht im Begriff, meine Jugend zu mißbrauchen, wenn Sie nicht einen Verfechter gefunden hätten. Ich bin diesen Morgen zum letzten Mal in Ihr Gefängniß gekommen, um Ihnen anzukündigen, daß Sie, laut besondern Befehls des Vicekönigs, von nun an in dem Ihnen angewiesenen Raume frei und unbewacht bleiben können. Empfangen Sie diese erfreuliche Nachricht aus dem Munde eines Feindes.«

»Gehen Sie!« sagte der alte Gefangene mit dumpfer Stimme.

Der Lieutenant verbeugte sich und ging, innerlich vergnügt, einen beifälligen Blick Ordeners erlangt zu haben.

Schuhmacher blieb eine Zeitlang in Gedanken versunken; dann warf er einen Blick auf Ordener und fragte: »Nun?«

»Herr Graf, Dispolsen ist ermordet.«

Das Haupt des Greises sank auf seine Brust herab.

Ordener fuhr fort: »Sein Mörder ist ein berüchtigter Räuber, Han der Isländer.«

»Han der Isländer!« sagte Schuhmacher. »Han der Isländer!« wiederholte Ethel.

»Er hat den Hauptmann beraubt,« fuhr Ordener fort.

»Haben Sie,« fragte der Greis, »von keiner kleinen eisernen Büchse, die mit dem Greiffenfeldischen Wappen versiegelt war, etwas vernommen?«

»Nein, Herr Graf!«

Schuhmacher stützte seine Stirne in beide Hände.

»Ich werde Ihnen diese Büchse verschaffen, verlassen Sie sich darauf. Der Mord ist gestern Morgen geschehen, Han ist nach Norden geflohen. Ich habe einen Führer, der seine Schlupfwinkel kennt, und ich selbst habe oft die Berge von Drontheimhus durchstrichen. Ich werde den Räuber auffinden.«

Ethel erbleichte. Schuhmacher stand auf, sein Blick hatte etwas Freudiges; er schien vergnügt, noch Tugend unter den Menschen zu finden.

»Edler Ordener, leben Sie wohl!« sprach der Greis feierlich, hob die Hand gen Himmel und verschwand im Gebüsche.

Als Ordener sich umwandte, fiel sein erster Blick auf Ethel. Die Jungfrau saß auf dem von Moos gebräunten Felsstück, bleich wie ein Marmorbild auf einem schwarzen Fußgestell.

»Gerechter Gott!« rief er aus. »Was ist Dir?«

»Ordener,« erwiederte sie mit zitternder Stimme, »wenn Du mich liebst, wenn ich Dir theuer bin, wenn Du meinen Tod nicht willst, so gib diesen thörichten Vorsatz auf, ich beschwöre Dich im Namen des Himmels, bleib! Suche diesen Räuber, diesen Dämon nicht auf! Warum willst Du ohne Grund Dein Leben aufs Spiel setzen?«

»Du machst Dir unnöthige Unruhe, meine Ethel! Der Himmel wird mit mir sein, und ich suche nicht ohne Grund diesen Räuber auf; es geschieht für Euch, diese eiserne Büchse enthält …«

»Was soll mir diese eiserne Büchse, mag sie enthalten, was sie will, wenn sie Dein Leben in Gefahr bringt!« »Warum denkst Du denn, daß mein Leben in Gefahr sei?«

»Ha! Du kennst diesen Han, diesen höllischen Geist nicht! Weißt Du, welches Ungethüm Du aufsuchst? Weißt Du, daß er über alle Mächte der Finsterniß gebietet? Daß er Berge umstürzt und Städte verwüstet? Daß unterirdische Höhlen unter seinem Fußtritt einbrechen? Daß sein Hauch die Leuchtthürme auf dem Felsen auslöscht? Und diesem von der Macht der Hölle beschützten Riesen willst Du entgegentreten?«

»Beruhige Dich, liebe Ethel, man hat Dir die Macht und Stärke dieses Räubers viel zu übertrieben geschildert. Er ist ein Mensch wie ein anderer; er gibt den Tod und empfängt ihn.«

»Du willst mir also nicht folgen? Was soll aus mir werden, wenn Du ferne bist, wenn ich Dich von Gefahr zu Gefahr irrend weiß? Gewiß, Du kennst dieses Ungeheuer nicht, es hat ganze Bataillone vernichtet.«

»Beste Ethel, ich muß. Es handelt sich um Euer Glück, um Euer Vermögen …«

»Was liegt an meinem Glück, an meinem Vermögen?«

»Ethel, es handelt sich um das Leben Deines Vaters.«

»Um das Leben meines Vaters?« rief sie erbleichend aus.

»Ja, dieser Räuber, den wahrscheinlich Deines Vaters Feinde gedungen haben, hat dem Hauptmann Dispolsen Papiere abgenommen, an denen Deines Vaters Leben hängt. Diese Papiere will ich ihm wieder abnehmen, und sollte ich sie mit meinem Blute bezahlen.«

»Um meines Vaters Leben!« wiederholte die trostlose Jungfrau, wandte dann langsam die Augen auf Ordener und sprach: »Was Du thun willst, ist fruchtlos, aber thue es!«

»Edelmüthige Tochter!« rief der Jüngling begeistert aus und faßte ihre Hand. »Der Himmel wird mich schützen, ich kehre bald zurück, um Dich nie mehr zu verlassen. Ich will der Retter Deines Vaters werden und verdienen, sein Sohn zu sein.« »Gehe, mein Ordener, und wenn Du nicht wiederkehrst, wird auch mich der Schmerz tödten. Diesen Trost habe ich.«

Sie verließen Hand in Hand den Garten. Unter der Pforte schnitt Ethel eine ihrer schwarzen Locken ab und gab sie Ordener.

»Ordener,« sprach sie, »denke an mich, ich will für Dich beten!«

IV.

Während dieser Zeit war ein Diener mit einem Handpferd in den Palasthof des Gouverneurs von Drontheim eingeritten. Er war mit Kopfschütteln und mißvergnügter Miene abgestiegen und machte sich eben fertig, die Pferde in den Stall zu führen, als plötzlich Jemand ihn barsch am Arm ergriff.

»Wie!« rief ihm eine Stimme zu, »Du kommst allein, Paul! Wo ist denn Dein Herr?«

So fragte der alte General Levin von Knud, der von seinem Fenster aus den Bedienten ohne seinen Herrn hatte ankommen sehen und in den Hof herbeigeeilt war.

»Excellenz,« erwiederte der Diener mit einer tiefen Verbeugung, »mein Herr ist nicht mehr in Drontheim.«

»Wie? Er war also da? Er ist wieder fort, ohne seinen alten Freund zu sehen? Und seit wann denn?«

»Er ist diesen Abend angekommen und diesen Abend wieder fort.«

»Diesen Abend? Diesen Abend! Wo ist er denn abgestiegen? Wohin ist er denn?«

»Er ist im Spladgest abgestiegen und hat sich nach Munckholm eingeschifft.«

»Hm! Ich glaubte ihn bei den Gegenfüßlern. Was Teufels hat er denn in dem alten Schlosse zu thun? Was machte er denn im Spladgest? Das ist ja ein wahrer fahrender Ritter! Ich bin freilich selbst Schuld daran, warum habe ich ihn so erzogen? Ich wollte ihn frei wissen, trotz der Fesseln seines Ranges …«

»Ei!« fiel Paul ein, »er kümmert sich auch verdammt wenig um die Etikette.«

»Wenn er nur etwas mehr Herr seiner Launen wäre! Nun, er wird schon kommen. Laß Dir inzwischen nichts abgehen, Paul! Nun, seid ihr weit miteinander in der Welt herumgezogen?«

»Mein Herr General, wir kommen gerade von Bergen. Mein Herr war traurig.«

»Traurig! Was hat es denn zwischen ihm und seinem Vater gegeben? Will ihm diese Heirath nicht einleuchten?«

»Ich weiß es nicht, aber Seine Erlaucht will es nun einmal so haben.«

»Will es so haben! Der Vicekönig will es so haben! Will denn Ordener nicht?«

»Ich weiß nicht, Excellenz! Er scheint traurig.«

»Traurig! Wie hat ihn sein Vater empfangen?«

»Das erste Mal, das war im Lager bei Bergen. Seine Erlaucht sagte: Ich sehe Dich nicht oft, mein Sohn! – Desto besser für mich, mein gnädiger Vater, erwiederte mein Herr, das ist ein Zeichen, daß Sie mich vermissen. – Hierauf erzählte er von unsern Reisen in dem Norden, worauf Seine Erlaucht sagte: Das ist gut! – Am andern Morgen, als mein Herr von seinem Vater kam, sagte er: Man will mich verheirathen, ich muß aber erst meinen zweiten Vater, den General Levin sprechen. – Dann habe ich die Pferde gesattelt, und jetzt sind wir hier.«

»Wirklich,« sagte der alte General gerührt, »wirklich, er hat mich seinen zweiten Vater genannt?«

»Ja, Euer Excellenz.«

»Wehe mir, wenn ihm diese Heirath zuwider ist, denn ich will lieber bei dem König in Ungnade fallen, als dazu helfen. Inzwischen, die Tochter des Großkanzlers beider Königreiche … Höre, Paul, weiß Dein Herr, daß seine künftige Schwiegermutter, die Gräfin Ahlfeldt, seit gestern incognito hier ist, und daß der Graf erwartet wird?«

»Ich weiß nicht, mein General!«

»Ja wohl!« dachte der alte General, »er muß es wissen, sonst hätte er nicht gleich bei seiner Ankunft zum Rückzug geblasen.«

Der General nickte gegen Paul und die Schildwache, die das Gewehr vor ihm präsentiert hatte, wohlwollend mit dem Kopf und ging in den Palast zurück.

V.

Als der junge Mann ins Zimmer des Gefangenen trat, klang es abermals in seine Ohren: »Ist es endlich der Hauptmann Dispolsen?«

Diese Frage machte ein alter Mann, der, den Rücken der Thüre zugewendet, an einem Tische saß, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt und den Kopf in beiden Händen. Er trug eine Art Schlafrock von schwarzer Wolle, und über einem Bette, das in einem Winkel des Zimmers stand, erblickte man ein zerbrochenes Wappen, um welches die ebenfalls zerbrochenen Elephanten- und Danebrogsorden hingen; unterhalb des Wappens war eine umgekehrte Grafenkrone, und die beiden Bruchstücke einer Hand der Gerechtigkeit machten das Ganze dieser seltsamen Zierathen vollständig. Dieser Greis war der Staatsgefangene Schuhmacher.

»Nein, gnädiger Herr,« antwortete der Kerkermeister. Hierauf sagte er zu dem Fremden: »Hier ist der Gefangene!«

Mit diesen Worten schloß er die Thüre, ehe er noch die Antwort des Gefangenen hören konnte, der in verdrießlichem Tone sagte: »Wenn es nicht der Hauptmann ist, so will ich Niemand sehen.«

Der Fremde blieb an der Thüre stehen, und der Gefangene, der sich allein glaubte, denn er hatte nicht einmal aufgeblickt, fiel wieder in seine vorige Träumerei zurück.

Plötzlich rief er aus: »Gewiß hat mich dieser Hauptmann auch verrathen und verlassen! Die Menschen … Ha! die Menschen sind wie das Stück Eis, das jener Araber für einen Edelstein hielt: er packte es sorgfältig in seinen Ranzen, und als er es suchte, fand er nicht einmal mehr einen Tropfen Wasser.«

»Ich gehöre nicht zu diesen Menschen,« sagte der Fremde.

Schuhmacher erhob sich rasch: »Wer ist hier? Wer hört mir zu? Irgend ein elender Scherge dieses Guldenlew?«

»Reden Sie nicht übel von dem Vicekönig, Herr Graf!«

»Herr Graf! Wollen Sie mir schmeicheln, daß Sie mich so nennen? Sie geben sich verlorene Mühe, ich bin nicht mehr mächtig.«

»Der, welcher mit Ihnen spricht, hat Sie nie in Ihrer Macht gekannt und ist doch Ihr Freund.«

»So hofft er noch irgend Etwas von mir. Die Erinnerung an Unglückliche knüpft sich stets an Hoffnungen, die noch übrig sind.«

»Ich sollte mich über Sie beklagen, Herr Graf, denn ich habe mich Ihrer erinnert, und Sie haben mich vergessen. Ich bin Ordener.«

Ein Strahl der Freude überzog die düstern Züge des Gefangenen.

»Willkommen, Ordener!« sagte er. »Willkommen, der aus der Ferne kommt und sich des Gefangenen noch erinnert!«

»Und Sie hatten mich vergessen?« fragte Ordener.

»Ich hatte Sie vergessen,« erwiederte Schuhmacher, der wieder in seinen düstern Ton zurückfiel, »wie man den vorüberstreichenden Wind vergißt, der uns die Wangen kühlt. Glücklich noch, wenn es kein Sturmwind wird, der uns unter Trümmern begräbt!«

»Graf Greiffenfeld,« fuhr der Fremde fort, »Sie glaubten also nicht an meine Rückkehr?«

»Der alte Schuhmacher glaubte nicht daran; es ist aber hier ein junges Mädchen, die mich heute erst daran erinnerte, daß Sie am letztverflossenen achten Mai vor einem Jahr abgereist sind.

Ordener bebte vor Freude: »Wie, mein Gott! Ist dieses junge Mädchen, das sich meiner erinnerte, Ihre Ethel?«

»Und wer sonst?«

»Ihre Tochter hat die Monate seit meiner Abreise gezählt! Wie viele traurige Tage habe ich inzwischen nicht verlebt! Ich habe ganz Norwegen bereist, von Christiania bis Wardhus; aber immer zog es mich wieder nach Drontheim hin.«

»Benützen Sie Ihre Freiheit, junger Mann, so lange Sie sich ihrer erfreuen. Aber sagen Sie mir endlich einmal, wer Sie sind. Ich möchte Sie unter einem andern Namen kennen. Der Sohn eines meiner Todfeinde heißt auch Ordener.«

»Vielleicht, Herr Graf, fühlt dieser Todfeind mehr Wohlwollen für Sie, als Sie für ihn.«

»Sie weichen meiner Frage aus. Doch behalten Sie Ihr Geheimniß; ich würde vielleicht erfahren, daß die von Außen lockende Pflanze tödtliches Gift enthält.«

»Herr Graf!« sagte Ordener mit Entrüstung. »Herr Graf!« wiederholte er im Tone mitleidigen Vorwurfs.

»Kann ich Ihnen denn trauen, da Sie immer mir gegenüber die Parthie des unversöhnlichen Guldenlew nehmen?«

»Der Vicekönig,« unterbrach ihn der junge Mann feierlich, »hat eben erst Befehl ertheilt, daß Sie im Innern des ganzen Schlosses des Löwen von Schleswig künftig frei und ohne Wache sein sollen. Ich habe dies zu Bergen erfahren und man wird es Ihnen ohne Zweifel bald bekannt machen.«

»Das ist eine Gunst, die ich nicht zu erlangen hoffte, und so viel ich mich erinnere, habe ich von meinem Wunsche nur mit Ihnen gesprochen. Uebrigens vermindert man das Gewicht meiner Eisen, so wie das meiner Jahre sich vermehrt, und wenn die Gebrechlichkeiten des Alters mich hinfällig gemacht haben werden, so wird es ohne Zweifel heißen: Jetzt bist Du frei!«

Bei diesen Worten lächelte der Greis bitter und fuhr fort: »Und Sie, junger Mann, haben Sie noch immer Ihre thörichten Gedanken von Unabhängigkeit?«

»Hätte ich sie nicht, so wäre ich nicht hier.«

»Wie sind Sie nach Drontheim gekommen?«

»Wie? Zu Pferd!«

»Wie nach Munckholm?«

»In einem Nachen.«

»Armer Thor! Sie glauben frei zu sein, und Sie bedürfen eines Rosses und einer Barke! Das sind nicht die Glieder deines Leibes, die deinen Willen thun, sondern ein Thier und ein lebloser Stoff, und das nennst du Willen!«

»Ich zwinge Wesen, mir zu gehorchen.«

»Ueber gewisse Wesen das Recht auf Gehorsam üben, heißt Andern das Recht auf Befehl geben. Unabhängigkeit ist nur in Vereinzelung.«

»Sie lieben die Menschen nicht?«

Der Greis lächelte traurig: »Ich weine, daß ich Mensch bin, und ich lache über den, der mich tröstet. Sie werden es erfahren, wenn Sie es noch nicht wissen, das Unglück macht mißtrauisch, wie das Glück undankbar. Sagen Sie mir, da Sie von Bergen kommen, ob der Hauptmann Dispolsen guten Wind gehabt hat? Es muß ihm etwas Glückliches begegnet sein, weil er mich vergißt.«

Ordener wurde verlegen und traurig.

»Dispolsen, Herr Graf! Um mit Ihnen über ihn zu sprechen, kam ich heute. Ich weiß, daß er Ihr ganzes Vertrauen besaß …«

»Sie wissen es?« unterbrach ihn der Gefangene mit Unruhe. »Sie irren sich. Kein menschliches Wesen besitzt mein Vertrauen. Dispolsen hat allerdings sehr wichtige Papiere von mir in Händen. In meinen Angelegenheiten ging er nach Kopenhagen zum König. Ich gestehe sogar, daß ich ihm mehr traute, als jedem Andern, denn so lange ich mächtig war, habe ich ihm nie eine Gunst erwiesen.«

»Herr Graf, ich habe ihn heute gesehen …«

»Ihre Verwirrung sagt mir das Uebrige, er ist ein Verräther.«

»Er ist todt.«

»Todt!«

Der Gefangene ließ das Haupt sinken und kreuzte die Arme über die Brust, dann hob er das Auge und starrte den jungen Mann an: »Als ich Ihnen sagte, daß ihm etwas Glückliches begegnet sei …«

Jetzt wandte sich sein Blick der Mauer zu, an welcher die Trümmer seiner vergangenen Größe hingen, und er winkte mit der Hand, als ob er den Zeugen eines Schmerzes, den er zu überwinden suchte, entfernen wollte.

»Nicht ihn beklage ich,« sagte er, »es ist nur ein Mensch weniger auf der Welt. Nicht mich beklage ich, was habe ich zu verlieren? Aber meine Tochter, mein unglückliches Kind! Ich werde das Opfer dieser schändlichen Umtriebe werden, und was wird aus meinem Kinde werden, wenn man ihm den Vater nimmt?«

Der Greis kehrte sich lebhaft Ordener zu: »Wie ist er gestorben? Wo haben Sie ihn gesehen?«

»Ich sah ihn im Spladgest; man weiß nicht, ob er durch Selbstmord oder durch Meuchelmord umgekommen ist.«

»Daran liegt Alles. Ist er ermordet worden, so weiß ich, woher der Schlag kommt. Dann ist Alles verloren. Er überbrachte mir die Beweise des Complotes, das sie gegen mich spinnen. Diese Beweise hätten mich retten und sie verderben können … Sie wußten sie zu vernichten! Unglückliche Ethel!«

»Herr Graf, ich werde Ihnen morgen sagen, ob er ermordet worden ist.«

Ohne zu antworten, folgte Schuhmacher dem hinausgehenden Ordener mit einem Blicke, worin sich die Ruhe der Verzweiflung malte, die schrecklicher ist, als die Ruhe des Todes.

Ordener trat in das einsame Vorzimmer des Gefangenen, ohne zu wissen, nach welcher Seite er sich wenden sollte. Es war Nacht, der Saal dunkel. Er öffnete eine Thüre und befand sich in einem großen Vorplatz, der bloß durch das helle Licht des Mondes beleuchtet war. Er ging einem röthlichen Scheine zu, der vom äußersten Ende des Corridor ihm entgegen leuchtete.

Durch eine halb offene Thüre erblickte er ein junges schwarzgekleidetes Mädchen auf den Knieen vor einem einfachen Altar. Sie hatte schwarze Augen und lange schwarze Haare. Beides eine Seltenheit im hohen Norden. Ordener bebte, er erkannte die Betende.

Das Mädchen betete für ihren Vater, für den gestürzten Gewaltigen, für den verlassenen Gefangenen. Sie betete noch für einen Andern, dessen Namen sie nicht nannte. Ordener entfernte sich, das einsame Gebet der Jungfrau ehrend.

Das Gebet war zu Ende. Die Jungfrau kam mit dem Licht in der Hand durch den Corridor. Ordener drückte sich an die Mauer.

»Mein Gott!« rief sie, als sie ihn erblickte.

Die Lampe entfiel ihrer Hand. Ordener stürzte herbei, die Ohnmächtige zu halten.

»Ich bin es!« sagte er mit sanfter Stimme.

»Ordener ist es!« flüsterte sie. Sie hatte den Ton dieser Stimme im Lauf eines Jahres nicht vergessen.

Sie wand sich, schüchtern und verwirrt, aus seinen Armen los und sagte: »Herr Ordener ist es!«

»Er selbst, Gräfin Ethel!«

»Warum nennen Sie mich Gräfin?«

»Warum nennen Sie mich Herr?«

Die Jungfrau schwieg lächelnd. Der Jüngling schwieg und seufzte.

Sie unterbrach zuerst das Stillschweigen: »Wie sind Sie denn hieher gekommen?«

»Verzeihen Sie, wenn meine Gegenwart Sie belästigt. Ich kam, um mit dem Grafen, Ihrem Vater, zu sprechen.«

»Also,« sagte die Jungfrau mit bewegter Stimme, »also sind Sie nur meines Vaters wegen gekommen?«

Der junge Mann senkte das Haupt, denn diese Worte dünkten ihn sehr ungerecht.

»Sie sind ohne Zweifel,« fuhr die Jungfrau im Tone des Vorwurfs fort, »Sie sind ohne Zweifel schon lange zu Drontheim? Ihre Abwesenheit aus dieser Festung wird Ihnen nicht lange vorgekommen sein.«

Ordener, tief gekränkt, antwortete nicht.

»Ich verdenke es Ihnen nicht,« fuhr das Mädchen mit einer Stimme fort, die vor Schmerz und Zorn zitterte; »aber ich hoffe, Herr Ordener,« fügte sie in stolzem Tone hinzu, »daß Sie mir nicht zugehört haben, als ich mein Gebet verrichtete.«

»Doch, Gräfin, ich habe Ihnen zugehört.«

»Ah! Herr Ordener! Es ist nicht schicklich zu horchen.«

»Ich habe nicht gehorcht, sondern gehört.«

»Ich betete für meinen Vater,« sagte die Jungfrau, ihn starr anblickend, als ob sie auf so einfache Worte eine Antwort erwarte.

Ordener schwieg.

»Ich habe auch,« fuhr sie unruhig fort, »für Jemand gebetet, der Ihren Namen führt, für den Sohn des Vicekönigs, des Grasen Guldenlew; denn man muß für Jedermann beten, selbst für seine Widersacher …«

Die Jungfrau erröthete, weil sie die Unwahrheit sagte, aber sie war erbittert über den Jüngling und glaubte in ihrem Gebet seinen Namen genannt zu haben.

»Ordener Guldenlew,« sagte der Jüngling, »ist sehr zu bedauern, wenn Sie ihn unter Ihre Widersacher zählen; inzwischen fühlt er sich glücklich, eine Stelle in Ihrem Gebet zu finden.«

»Nicht doch,« sagte die Jungfrau, bestürzt über den kalten Ton des Jünglings, »ich habe nicht für ihn gebetet … Ich weiß nicht was ich that, nicht was ich sage. Den Sohn des Vicekönigs, den verabscheue ich … ich kenne ihn nicht … Sehen Sie mich nicht so finster an! Habe ich Sie denn beleidigt? Können Sie denn einer armen Gefangenen nichts verzeihen, Sie, der seine Tage bei irgend einer schönen Edeldame verlebt, die frei und glücklich ist, wie Sie!«

»Ich, Gräfin!« rief Ordener aus.

Der Jungfrau stürzten die Thränen aus den Augen. Der Jüngling sank ihr zu Füßen.

»Hatten Sie mir nicht selbst gesagt,« fuhr sie durch Thränen lächelnd fort, »daß Ihnen Ihre Abwesenheit kurz vorgekommen ist?«

»Wer, ich? Gräfin!«

»Nennen Sie mich nicht so, ich bin für Niemand mehr Gräfin, am wenigsten für Sie.«

Der Jüngling sprang vom Boden auf und drückte sie an seine Brust.

»Angebetetes Wesen!« rief er im Taumel der Leidenschaft, »nenne mich Deinen Ordener! Sprich, liebst Du mich?«

Er verschlang ihre Antwort in dem seligen Kuß der ersten Liebe. Beide schwiegen, sie konnten keine Worte mehr finden. Ethel richtete sich zuerst aus den Armen ihres Geliebten auf. Beide betrachteten sich mit trunkenen Blicken.

»Warum haben Sie mich denn erst gemieden, als Sie in diesem Gange waren?« fragte das Mädchen.

»Ich habe Sie nicht gemieden; ich war ein unglücklicher Blinder, der nach langen Jahren wieder Licht sieht, und der sich einen Augenblick von ihm abwendet, weil seine Augen zu schwach geworden sind, es zu ertragen.«

»Auf mich paßt Ihr Gleichniß besser, denn während Ihrer Entfernung kannte ich kein anderes Glück, als den Umgang mit meinem unglücklichen Vater. Ich verbrachte meine langen Tage damit, ihn zu trösten und auf Ihre Rückkehr zu hoffen. Ich las meinem Vater die Fabeln der Edda vor, und wenn er an den Menschen verzweifelte, las ich ihm das Evangelium, damit er doch den Glauben an den Himmel behalte. Ich sprach von Ihnen; er schwieg, und das beweist, daß er Sie liebt. Wenn ich über den Meerbusen hin auf die ferne Straße und aus die landenden Schiffe blickte, schüttelte er bitter lächelnd den Kopf. Ich weinte. Das Gefängniß, in dem ich mein ganzes Leben zugebracht habe, wurde mir jetzt zum einsamen Kerker. Mein Vater füllte es nicht mehr aus, meine Gedanken schweiften in die Ferne; ich sehnte mich nach der Freiheit, die ich nie gekannt habe.«

»Und ich, ich will jetzt diese Freiheit nicht mehr, die Du nicht mit mir theilen kannst!«

»Wie, Ordener, Sie wollen also immer hier bleiben?«

Diese Worte riefen dem Jüngling Alles ins Gedächtnis zurück, was er vergessen hatte.

»Geliebtes Wesen,« sagte er, »ich muß Dich diesen Abend noch verlassen. Morgen sehe ich Dich wieder, und muß wieder gehen, bis ich zurückkehre, um immer zu bleiben.«

»Ach!« unterbrach ihn schmerzlich die Jungfrau, »noch einmal fort!«

»Ich komme bald wieder, um Dich aus diesem Kerker zu reißen, oder mich mit Dir darin zu begraben.«

»Gefangen mit ihm!« sagte sie sanft. »O, täusche mich nicht, darf ich ein solches Glück hoffen?«

»Welchen Schwur verlangst Du? Was begehrst Du von mir? Sage es, Geliebte!« rief der Jüngling aus und schloß sie stürmisch in seine Arme.

»Ich bin Dein!« flüsterte die Jungfrau.

Eine männliche Stimme lachte nahe bei ihnen laut auf. Ein Mann schlug seinen Mantel zurück, zog eine Blendlaterne hervor und leuchtete den Beiden ins Gesicht.

»Muth gefaßt, mein schönes Paar!« sagte er lachend. »Nur Muth gefaßt!«

Es war der Lieutenant, der seine nächtliche Runde machte. Er hatte das liebende Paar von ferne erblickt und seine Laterne unter dem Mantel versteckt.

Ethel machte eine Bewegung, sich von Ordener loszureißen, aber, bestürzt wie sie war, trieb sie der Instinkt, Schutz bei ihm zu suchen, und sie verbarg ihr glühendes Gesicht an seiner Brust.

Der Jüngling blickte stolz auf und sagte: »Wehe dem, der Dich zu beleidigen wagt!«

»In der That, ja,« erwiederte der Lieutenant, »wehe mir, wenn ich so tölpisch war, die zarte Madonna zu erschrecken!«

»Herr Lieutenant,« rief Ordener hochfahrend, »schweigen Sie!«

»Herr Unverschämter,« versetzte der Offizier, »belieben Sie zu schweigen!«

»Haben Sie es gehört?« donnerte Ordener. »Erkaufen Sie Ihre Begnadigung durch Schweigen.«

» Tibi tua,« antwortete der Lieutenant, »behalten Sie Ihren guten Rath für sich, erkaufen Sie Ihren Pardon durch Schweigen!«

»Schweigen Sie!« rief Ordener donnernd, setzte die Jungfrau auf einen alten Stuhl nieder und faßte den Offizier kräftig am Arme.

»Ho, Bauer!« sagte dieser halb erzürnt, halb lachend, »Ihr seht nicht, daß dieser Ausschlag, den Ihr so plump anfaßt, vom feinsten Sammt ist.«

Ordener sah ihn starr an: »Lieutenant, mein Degen ist länger, als meine Geduld.«

»Ei, seht doch!« erwiederte der Offizier, »Ihr macht Ansprüche auf eine solche Ehre. Wißt Ihr auch, wer ich bin? Nein, nein! Prinz gegen Prinz! Bauer gegen Bauer! wie der schöne Leander gesagt hat.«

»Männer gegen Männer!« sagte Ordener gelassen.

»Ich würde böse werden, mein sehr wackerer Bauersmann, wenn Ihr eine Uniform trüget.«

»Einen Säbel trage ich, lieber Freund!«

Mit diesen Worten warf Ordener den Mantel zurück und faßte den Griff seines Säbels. Die Jungfrau, aus ihrer Betäubung erwachend, fiel ihm mit einem Schrei in den Arm.

»Ihr thut wohl daran, schöne Dame,« sagte der Lieutenant, der sich ruhig in Positur gesetzt hatte, »zu hindern, daß dieser Jüngling für seine Kühnheit gestraft werde, denn Cyrus war im Begriff, es mit Cambyses aufzunehmen, obwohl diesem Lehensmann da noch zu viel Ehre geschieht, wenn man ihn mit Cambyses vergleicht.«

»Im Namen des Himmels, Herr Ordener,« sagte Ethel, »lassen Sie mich nicht Ursache und Zeugin eines solchen Unglücks sein!«

Ordener stieß langsam die halb gezogene Klinge in die Scheide zurück.

»Meiner Treu, Ritter, ich weiß nicht, ob Sie einer sind, aber ich gebe Ihnen diesen Titel, weil Sie ihn zu verdienen scheinen; ich und Sie handeln nach den Gesetzen der Ehre und Tapferkeit, aber nicht nach denen der Galanterie. Die Dame hat Recht, Austritte solcher Art dürfen nicht unter den Augen von Damen vor sich gehen, obwohl häufig Damen die Ursache davon sind. Wir können also hier schicklicherweise bloß von einem duellum remotum reden; und Sie als der Beleidigte haben die Waffen zu bestimmen.«

»Wohl denn, Ritter,« erwiderte Ordener; »ich werde Ihnen durch einen Freund Zeit und Ort bekannt machen lassen.«

»So sei es,« antwortete der Lieutenant, »und es ist mir um so lieber, weil ich jetzt Zeit habe, der Vermählung meiner Schwester anzuwohnen, denn Sie müssen wissen, daß Sie die Ehre haben werden, sich mit dem künftigen Schwager eines hohen Herrn, des Sohnes des Vicekönigs von Norwegen, Baron Ordener Guldenlew, zu schlagen, der bei Gelegenheit dieses erlauchten Beilagers zum Grafen von Danneskiold erhoben und zum Oberst und Ritter des Elephantenordens ernannt werden wird, während man mich, den Sohn des Großkanzlers beider Königreiche, zum Hauptmann ernennen wird …«

»Ganz gut, ganz wohl, Lieutenant Ahlfeldt!« fiel ihm Ordener ungeduldig ins Wort, »Sie sind noch nicht Hauptmann und der Sohn des Vicekönigs ist noch nicht Oberst … und Säbel sind immer Säbel.«

»Und Lümmel bleiben Lümmel« was man auch thue, sie zu sich zu erheben,« murmelte der Offizier zwischen den Zähnen.

»Ritter,« fuhr Ordener fort, »Sie kennen die Vorschriften des Ritterthums, Sie werden nie mehr in diesen Thurm kommen und über diese Sache Stillschweigen beobachten.«

»Was das Stillschweigen betrifft, so verlassen Sie sich auf mich, ich werde so stumm sein, als Mucius Scävola, als er die Faust über die Kohlpfanne hielt. In diesen Thurm werde ich nicht mehr kommen, weder ich, noch irgend ein Argus der Besatzung, denn ich habe eben den Befehl erhalten, in Zukunft Schuhmacher ohne Wache dann zu lassen, welchen Befehl ich ihm diesen Abend mitgetheilt hätte, wenn ich nicht ein Paar neue polnische Stiefel hätte anprobiren müssen, was meine ganze Zeit ln Anspruch nahm. Dieser Befehl ist, unter uns gesagt, sehr unklug. Soll ich Ihnen meine polnischen Stiefel zeigen?«

Während dieses Gesprächs war Ethel, welche jetzt die Beiden friedlich sah und nicht wußte, was duellum remotum heißt, verschwunden, nachdem sie zuvor Ordener ins Ohr geflüstert hatte: »Morgen also!«

»Lieutenant Ahlfeldt, ich wünsche, daß Sie mir dazu behülflich wären, aus der Festung zu kommen.«

»Recht gerne, obwohl es schon spät oder vielmehr früh ist. Aber wie wollen Sie einen Nachen finden?« »Das ist meine Sache.«

Der Lieutenant begleitete nun Ordener bis an das äußerste Thor, das er ihm öffnen ließ.

»Auf Wiedersehen, Lieutenant Ahlfeldt!« »Auf Wiedersehen! Und hiebei erkläre ich, daß Sie ein wackerer Kämpe sind, obwohl ich Ihren Namen nicht weiß.«

Die Eisenpforte schloß sich und der Lieutenant kehrte zurück, eine Melodie von Lulli summend, seine polnischen Stiefel betrachtend und aus einem französischen Roman deklamirend.

Ordener zog seine Kleider aus, wickelte sich in seinen Mantel und befestigte sie mit seiner Degenkuppel auf dem Kopfe: dann warf er sich in die See und schwamm dem Spladgest zu.

Als er sich diesem Gebäude näherte, hörte er innen ein Geräusch von Stimmen; ein schwaches Licht schimmerte aus der oberen Oeffnung. Hierüber verwundert, schlug er heftig an die Pforte; das Geräusch hörte auf, das Licht verschwand. Er klopfte abermals, und als das Licht wieder erschien, sah er etwas Schwarzes durch die obere Oeffnung auf das Dach gleiten. Er klopfte zum dritten Mal mit dem Griff seines Säbels und rief: »Oeffnet, im Namen Sr. Majestät des Königs! Oeffnet, im Namen Sr. Erlaucht des Vicekönigs!«

Die Thüre öffnete sich endlich langsam, und unter ihr erschien Spiagudry’s lange, hagere Gestalt, die Kleider in Unordnung, mit stierem Blick, verwirrten Haaren, blutigen Händen, einer Lampe in der Hand.

VI.

Etwa eine Stunde darauf, nachdem Ordener den Spladgest verlassen hatte, schloß Oglypiglap, da es ganz Nacht geworden war und die Menge sich verlaufen hatte, das äußere Thor des Gebäudes, während Spiagudry die Leichname zum letzten Male mit Wasser begoß. Beide zogen sich dann in ihre bescheidene Wohnung zurück; der Lappe legte sich auf sein ärmliches Lager. Spiagudry setzte sich hinter einen Tisch voll alter Bücher, getrockneter Pflanzen, abgeschälter Beine, und lag seinen Studien ob.

Er war schon mehrere Stunden in tiefes Nachdenken versunken und wollte eben seine Bücher mit dem Bett vertauschen, als er auf folgende Stelle des Thormodus Torföus stieß: »Wenn ein Mensch seine Lampe anzündet, kehrt der Tod bei ihm ein, ehe sie erlischt.«

»Der gelehrte Doktor mag mir verzeihen,« sagte er für sich, »so wird es bei mir diesen Abend nicht sein.«

Er nahm die Lampe in die Hand, um sie auszublasen.

Da rief plötzlich eine Stimme, die aus dem Zimmer der Leichname kam: »Spiagudry!«

Spiagudry zitterte an allen Gliedern, nicht als ob er an eine Auferstehung seiner Todten geglaubt hätte, denn dazu war er zu einsichtsvoll, nicht weil ihm die Stimme unbekannt, sondern weil sie ihm nur allzu bekannt war.

»Spiagudry!« wiederholte die Stimme zornig, »willst Du hören, oder soll ich Dir die Ohren ausreißen?« »Möge St. Hospiz sich meiner erbarmen, nicht meiner Seele, sondern meines Leibs!« sagte der erschrockene Alte, ging mit einem Schritte, den die Furcht beschleunigte und zugleich verzögerte, der Thüre zu und öffnete sie.

Am Fuße des steinernen Bettes, auf welchem Gill Stadts Leichnam lag, stand ein kleiner untersetzter Mann, in verschiedenartige Thierhäute gekleidet, auf welchen zum Theil das abgetrocknete Blut noch bemerkbar war. Die Züge des kleinen Mannes hatten etwas außerordentlich Wildes. Er hatte einen rothen dichten Bart, sein Kopf, auf dem er eine Mütze von Elennsfell trug, war mit gleichen Haaren bedeckt; sein Mund war groß, seine Lippen dick, seine Zähne weiß und scharf, seine Nase gebogen, wie ein Adlerschnabel, und sein graues, unstätes Auge warf auf Spiagudry einen schielenden Blick, worin die Wildheit des Tigers nur durch die Bösartigkeit des Affen ermäßigt war. Dieses seltsame Wesen war mit einem breiten Schwert, einem Dolch ohne Scheide bewaffnet und stützte sich auf den Stiel einer steinernen Axt, die es in der Hand trug; seine Hände waren mit großen Handschuhen von blauem Fuchsfell bedeckt.

»Dieses alte Gespenst,« brummte der Mann vor sich hin, »hat mich lange warten lassen.«

Bei diesen Worten stieß er ein Geheul aus, wie ein wildes Thier. Spiagudry bebte erschrocken zurück.

»Weißt Du,« fuhr er fort, »daß ich von dem Strande von Urchthal komme? Warum hast Du gesäumt, mir zu öffnen? Hast Du etwa Lust, Dein Strohlager mit einem dieser steinernen Betten zu vertauschen?«

Der alte Mann zitterte an allen Gliedern, und was ihm von Zähnen im Munde noch übrig war, klapperte im Fieberfrost zusammen.

»Verzeiht, Herr,« sagte er und bückte sich tief, »ich lag in tiefem Schlaf. …«

»Soll ich Dich einen noch tieferen Schlaf kennen lehren?«

Spiagudry machte eine Geberde des Schreckens.

»Nun, was ist Dir denn? Was hast Du? Ist Dir etwa meine Gegenwart nicht angenehm?«

»O, mein gnädigster Herr! Was könnte mir denn angenehmer sein, als das Glück, Euer Excellenz zu sehen?«

»Alter Fuchs ohne Schwanz, meine Excellenz befiehlt Dir, mir die Kleider von Gill Stadt einzuhändigen.«

Als der kleine Mann diesen Namen aussprach, wurde sein Gesicht, bisher wild und höhnisch, plötzlich düster und traurig.

»Verzeiht, Herr!« sagte Spiagudry, »ich habe sie nicht mehr, Euer Gnaden weiss, daß wir den Nachlaß der Bergleute, welche der König als ihr geborener Beschützer beerbt, an den königlichen Schatz abliefern müssen.«

Der kleine Mann wandte sich gegen den Leichnam, kreuzte die Arme übereinander, und sagte mit dumpfer Stimme: »Er hat Recht. Die elenden Bergleute sind wie die Eidergans! man macht ihr das Nest, dann rupft man ihr die Federn aus.«

Mit diesen Worten umfaßte er den Leichnam, drückte ihn fest in seine Arme und stieß ein Schmerzgeheul aus, das so wild klang, wie das Brüllen eines wilden Thiers. Darunter mischte er von Zeit zu Zeit einige Worte einer fremden Sprache, die Spiagudry nicht verstand.

Er ließ den Leichnam auf den Stein zurückfallen und wandte sich zu dem Wächter: »Weißt Du, verfluchter Hexenmeister, den Namen des unter einem bösen Sterne geborenen Soldaten, der das Unglück gehabt hat, Gill von diesem Mädchen vorgezogen zu werden?«

Hier gab er dem Leichnam der Guth Stersen einen Fußtritt. Spiagudry machte mit dem Kopf ein verneinendes Zeichen.

»Nun denn, bei der Axt Ingulphs, meines Stammvaters, so will ich Alle vertilgen, welche diese Uniform tragen!« Er deutete auf die Kleider des Hauptmanns, die an der Wand hingen.

»Der,« fuhr er fort, »an dem ich mich rächen will, wird darunter sein. Ich will den ganzen Wald anzünden, damit der vergiftete Stamm darin verbrenne. Das habe ich an dem Tage geschworen, wo Gill gestorben ist, und ich habe ihm bereits einen Gefährten beigesellt, damit sich sein Leichnam freue.«

»O, Gill!« klagte er in wilden Tönen, »da liegst Du jetzt, ohne Kraft und Leben, der Du die Robbe im Schwimmen und die Gemse im Laufen überholtest, der Du den Bären des Berges Kole in Deinen Armen erdrücktest! Starr und unbeweglich liegst Du, der Du Drontheimhus, von Orkel bis zum Smiassen, in einem Tage durchliefst, der Du den Gipfel des Dofre-Field erstiegst, wie ein Eichhörnchen den Gipfel der Eiche! Da liegst Du stumm, der Du, aufrecht auf der stürmischen Spitze des Kongsberg, Deine Stimme lauter erhobst, als das Brüllen des Donners! O, Gill! So habe ich denn vergebens für Dich die Minen von Faroer verschüttet, so habe ich vergebens für Dich die Kirche von Drontheim verbrannt! Alle meine Mühe ist verloren, und mit Dir stirbt das Geschlecht der Kinder des Eislandes, der Abkömmlinge Ingulphs des Vertilgers! Du wirst nicht der Erbe meiner steinernen Axt sein, sondern ich werde aus Deinem Schädel das Wasser des Meeres und das Blut der Menschen trinken!«

Mit diesen Worten ergriff er den Kopf des Leichnams.

»Spiagudry, hilf mir!« sagte er, riß seine Handschuhe ab und zeigte seine breiten Hände, an denen lange, harte und gebogene Nägel waren, wie die Krallen eines wilden Thieres.

Spiagudry, der ihn im Begriffe sah, mit seinem breiten Säbel den Schädel des Leichnams abzuhauen, schrie mit einem Tone des Abscheus, den er nicht zurückzuhalten vermochte: »Gerechter Gott, Herr! … ein Leichnam! …« »Nun,« erwiederte ruhig der kleine Mann, »ist es Dir lieber, wenn diese Klinge sich hier an einem Lebenden versucht?«

»Erlaubt mir, Eure Ritterlichkeit anzustehen! … Wie mag Eure Excellenz eine solche Entweihung … Euer Gnaden … Gnädiger Herr … Euer Erlaucht wird nicht …«

»Bist Du bald zu Ende? Brauche ich alle diese Titel, lebendes Skelett, um an Deinen tiefen Respekt vor meinem Säbel zu glauben?«

»Ich beschwöre Euch beim heiligen Waldemar, beim heiligen Usuph, schont eines Todten!«

»Hilf mir, und sprich nicht mit dem Teufel von den Heiligen!«

»Gnädiger Herr, bei Eurem erlauchten Ahnherrn St. Ingulph! …«

»Ingulph der Vertilger war ein Ausgestoßener, wie ich.«

»Im Namen des Himmels,« fuhr der alte Mann fort und warf sich vor ihm nieder.

Die Geduld des kleinen Mannes war erschöpft, seine grauen Augen glühten wie zwei Kohlen.

»Hilf mir!« wiederholte er und schwang seinen Säbel.

Diese beiden Worte klangen wie das Brüllen eines wilden Thieres. Spiagudry, in Todesfurcht zitternd, setzte sich auf den Stein und hielt mit seinen Händen Gills kaltes und feuchtes Haupt, während der kleine Mann, mit Hülfe seines Dolchs und Säbels, den Hirnschädel mit seltener Geschicklichkeit abnahm.

Er betrachtete einige Zeit lang den blutigen Schädel, während er abgebrochene Worte in einer fremden Sprache ausstieß. Dann gab er ihn Spiagudry, damit er ihn säubere und wasche.

»Und ich,« sprach er mit untermischtem Heulen, »ich werde im Tode nicht den tröstenden Gedanken haben, daß ein Erbe der Seele Ingulphs aus meinem Schädel das Blut der Menschen und das Wasser der Meere trinken wird!«

Nach einem düstern Nachsinnen fuhr er fort: »Der Orkan folgt dem Orkan, die Lawine der Lawine,, und ich werde der letzte meines Geschlechtes sein. Warum hat Gill nicht, gleich mir, gehaßt, was ein menschliches Antlitz an sich trägt? Welcher Dämon, der Ingulphs Dämon feindlich ist, hat ihn in diese unsel’gen Minen gestoßen, ein wenig Gold zu gewinnen?«

Spiagudry, der ihm den Schädel brachte, unterbrach ihn: »Die Excellenz hat Recht. Selbst das Gold, sagt Snorro Sturleson, wird oft zu theuer erkauft.«

»Du erinnerst mich eben recht,« sagte der kleine Mann, »daß ich Dir einen Auftrag zu ertheilen habe. Hier ist eine eiserne Büchse, die ich bei diesem Offizier gefunden habe. Sie ist so fest verschlossen, daß sie ohne Zweifel mit Gold gefüllt sein muß, als dem Einzigen, was die Menschen werthschätzen. Diese Büchse händige der Wittwe Stadt, im Weiler Thoctree, ein, um ihr ihren Sohn zu bezahlen.«

Mit diesen Worten zog er aus seinem Tornister eine kleine eiserne Büchse und übergab sie Spiagudry, der sie mit einer tiefen Verbeugung empfing.

»Erfülle getreulich meinen Befehl,« sagte der kleine Mann und warf ihm einen durchbohrenden Blick zu. »Bedenk, daß zwei Dämonen nichts hindert, sich wieder zu sehen. Ich halte Dich für noch mehr feig als geizig, Du bist mir für diese Büchse verantwortlich.«

»O, Herr, bei meiner armen Seele! …«

»Nicht doch! Bei Deinem Fleisch und Bein.«

In diesem Augenblick wurde heftig an die äußere Thüre des Spladgest gepocht.

Der kleine Mann staunte, Spiagudry bebte zurück und bedeckte die Lampe mit seiner Hand.

»Was ist das?« grinste der Kleine. »Du zitterst, alter Tropf! Nie wirst Du erst zittern, wenn Du die Posaune des jüngsten Gerichts hörst!« Ein zweiter heftigerer Schlag ließ sich vernehmen. »Man wird einen Todten bringen,« sagte der kleine Mann. »Nein, Herr, nach Mitternacht bringt man keine Leichname mehr.«

»Lebendig oder todt, ich muß fort. Du, Spiagudry, sei treu und stumm. Ich schwöre Dir bei Ingulphs Geist und Gills Schädel, daß Du das ganze Regiment von Mundholm in Deine Herberge bekommen wirst.«

Er befestigte Gills Schädel an seinen Gürtel, zog seine Handschuhe an und schwang sich mit der Lebendigkeit einer Gemse durch die obere Oeffnung auf das Dach.

Ein dritter Schlag erschütterte das Gebäude, und eine Stimme von Außen gebot im Namen des Königs und des Vicekönigs, die Thüre zu öffnen.

VII.

Nachdem der Gouverneur von Drontheim aus dem Schloßhof in sein Kabinet zurückgekommen war, warf er sich in einen breiten Sessel und ließ sich von einem seiner Sekretäre die eingelangten Bittschriften vortragen.

Der Geheimschreiber begann folgendermaßen:

»1. Der hochwürdige Doktor Anglyvius bittet, daß der hochwürdige Doktor Foxtipp, bischöflicher Bibliothekar, Unfähigkeits halber in seinem Amte ersetzt werde. Supplikant weiß nicht, wer den gedachten unfähigen Doktor ersetzen könnte; er will bloß so viel sagen, daß er, Doktor Anglyvius, lange Zeit das Amt eines Bibliothekars …«

»Der Schlingel soll sich an den Bischof wenden,« unterbrach ihn der Gouverneur.

»2. Athanasius Munder, Priester, Seelsorger der Gefängnisse, bittet um die Begnadigung von zwölf reuigen Verurtheilten bei Gelegenheit der glorreichen Vermählung des ritterlichen Ordener Guldenlew, Barons von Thorwick, Ritters des Danebrogordens, Sohnes des Vicekönigs, mit der edlen Dame Ulrike von Uhlfeldt, Tochter Sr. Gnaden des Grafen Großkanzlers beider Königreiche.«

»Vertagt!« sagte der General. »Mich dauern die Verurtheilten.«

»3. Faustus Prudens Destrombides, norwegischer Unterthan, lateinischer Poet, bittet um Erlaubnis, das Hochzeitgedicht für gedachtes Brautpaar verfertigen zu dürfen.«

»Ah! Ah! Der wackere Mann muß schon alt sein, denn er ist der Nämliche, der im Jahre 1674 ein Hochzeitgedicht auf die projektirte Vermählung Schuhmachers, damals Grafen von Greiffenfeld, mit der Prinzessin Luise Charlotte von Holstein-Augustenburg vorbereitet hatte, welche Vermählung nicht Statt fand. Ich fürchte,« fügte der Gouverneur zwischen den Zähnen hinzu, »daß Faustus Prudens der Poet der Vermählungen sei, welche nicht Statt finden. Vertagt die Bitte und fahrt fort. Man soll sich in Beziehung auf diesen Poeten erkundigen, ob im Hospital von Drontheim keine Bettstelle vacant ist.«

»4. Die Bergleute des Guldbransthales, der Inseln Faroer, des Sund-Moer, von Hubfallo, Roeraas und Kongsberg bitten um Befreiung von den Lasten der königlichen Vormundschaft.«

»Diese Bergleute sind ungeduldig. Sie sollen, wie es heißt, bereits darüber murren, daß man sie so lange ohne Antwort läßt. Diese Bittschrift muß einer reiflichen Prüfung unterworfen werden.«

»5. Braal, Fischer, erklärt, in Gemäßheit des Adelsrechts, daß er bei der Absicht beharre, sein Erbgut wieder an sich zu kaufen.«

»6. Die Schöppen von Kös, Löwig, Indal, Skongen, Stod, Sparbo und andern Flecken und Dörfern des nördlichen Drontheimhus bitten, auf den Kopf des Räubers, Mörders und Mordbrenners Han, gebürtig, wie man sagt, von Klippstadur in Island, einen Preis zu setzen. Dieser Bitte widersetzt sich Nychol Orugix, Scharfrichter des Drontheimhus, der Han als sein Eigenthum in Anspruch nimmt. Dagegen unterstützt die Bitte Benignus Spiagudry, Wächter im Spladgest, als welchem der Leichnam zukommen soll.«

»Dieser Bandit ist sehr gefährlich, besonders in einem Augenblick, wo man Unruhen unter den Bergleuten fürchtet. Man soll einen Preis von tausend Thalern auf seinen Kopf setzen.«

»7. Benignus Spiagudry, Mediciner, Antiquar, Sculptor, Mineralog, Naturalist, Botaniker, Legist, Chemiker, Mechanikus, Physiker, Astronom, Theolog, Grammatiker…«

»Ist denn das nicht der nämliche Spiagudry, der Wächter im Spladgest ist?«

»Allerdings, Ew. Excellenz!«

» … im Namen des Königs Inspektor im Gebäude des Spladgest, in der königlichen Stadt Drontheim, stellt vor, daß er, Benignus Spiagudry, es ist, welcher die Entdeckung gemacht hat, daß die Sterne, welche man Fixsterne nennt, ihr Licht nicht von dem Gestirn erhalten, das man Sonne nennt; item, daß Odins wahrer Name Frigge, Sohn des Fridulph ist; item, daß der See-Regenwurm sich von Sand nährt; item, daß der Lärm der Bevölkerung die Fische von Norwegens Küsten scheucht, weßhalb die Unterhaltsmittel in dem nämlichen Verhältniß abnehmen, in welchem die Bevölkerung zunimmt; item, daß der Golf, Otte-Sund benannt, ehedem Limfjord geheißen und den Namen Otte-Sund erst angenommen hat, nachdem Otto der Rothe seine Lanze hineingeworfen; item, daß man auf seinen Rath und unter seiner Leitung aus einer alten Bildsäule der Freya die Göttin der Gerechtigkeit gemacht hat, welche den großen Platz von Drontheim ziert, und daß man den Löwen, der sich unter den Füßen des Götzenbildes befand, in den Teufel umgewandelt hat, der das Verbrechen darstellt; itemitem …« »Verschont uns mit den weiteren Item und sagt kurz, was der Mann begehrt!«

Der Sekretär schlug mehrere Blätter um und fuhr fort:

»… Der unterthänigste Supplikant glaubt für so viele der Kunst und Wissenschaft ersprießliche Arbeiten Se. Excellenz bitten zu dürfen, die Taxe jedes männlichen und weiblichen Leichnams um zehn Pfennige zu erhöhen, was den Todten nur angenehm sein kann, indem es ihnen beweist, wie hoch man ihre Personen anschlägt …«

Hier öffnete sich die Thüre des Kabinets und der Thürsteher kündete mit lauter Stimme die edle Dame Gräfin von Ahlfeldt an.

Eine Dame von hoher Gestalt, die auf ihrem Kopf eine kleine Grafenkrone trug, reich in Scharlach und Gold gekleidet, trat in das Zimmer. Der General bot ihr die Hand und führte sie an einen Sessel.

Die Gräfin mochte fünfzig Jahre alt sein. Das Alter hatte aber den Runzeln, welche die Sorgen des Hochmuths und Ehrgeizes schon längst in ihre Züge gegraben hatten, nichts beizufügen gehabt. Sie warf ihren hochmüthigen Blick, mit ihrem falschen Lächeln, auf den alten General.

»Nun, Herr General, Ihr Zögling läßt auf sich warten. Er sollte vor Untergang der Sonne hier sein.«

»Er wäre hier, Frau Gräfin, aber er ist gleich bei seiner Ankunft nach Munckholm gegangen.« »Nach Munckholm? Er wird doch hoffentlich nicht Schuhmacher dort aufsuchen?«

»Es wäre wohl möglich.«

»Wie! der erste Besuch des Barons von Thorwick für Schuhmacher?«

»Warum nicht, Gräfin? Schuhmacher ist unglücklich.«

»Wie, General! Der Sohn des Vicekönigs steht in Verbindung mit diesem Staatsgefangenen?«

»Frau Gräfin, als Friedrich Guldenlew mir seinen Sohn anvertraute, bat er mich, ihn zu erziehen, wie ich den meinigen erzogen hätte. Ich war der Meinung, daß die Bekanntschaft mit Schuhmacher unserem Ordener, der die Bestimmung hat, eines Tages eben so mächtig zu werden, nützlich sein könnte. Ich habe daher, mit Genehmigung des Vicekönigs, meinen Bruder Grummond von Knud um eine Einlaßkarte in alle Gefängnisse gebeten, die ich sofort Ordener einhändigte. Er macht jetzt Gebrauch davon.«

»Und seit wann hat Ordener diese nützliche Bekanntschaft gemacht?«

»Seit etwas mehr als einem Jahre. Es scheint, daß er sich in Schuhmachers Umgang gefiel, denn er ist ziemlich lange zu Drontheim geblieben. Nur auf meine ausdrückliche Aufforderung hat er es im letzten Jahre ungern verlassen, um eine Reise durch Norwegen zu machen.«

»Und weiß Schuhmacher, daß sein Tröster der Sohn eines seiner größten Feinde ist?«

»Er weiß, daß er sein Freund ist, und das genügt ihm, wie uns.«

»Aber Sie, Herr General,« sagte die Gräfin mit einem durchbohrenden Blick, »wußten Sie, als Sie diese Verbindung nicht nur duldeten, sondern selbst herbeiführten, daß Schuhmacher eine Tochter hat?« »Ich wußte es, Gräfin.«

»Und dieser Umstand schien Ihnen gleichgültig in Beziehung auf Ihren Zögling?«

»Der Zögling Levins von Knud, der Sohn Friedrichs Guldenlew, ist ein rechtlicher Mann. Ordener kennt die Schranke, die ihn von Schuhmachers Tochter trennt; er ist unfähig, ein Mädchen, und dazu noch die Tochter eines unglücklichen Mannes zu verführen.«

Die Gräfin erröthete und erblaßte abwechselnd. Sie wandte das Haupt ab, um den ruhigen unbefangenen Blick des alten Mannes zu vermeiden.

»Erlauben Sie, General,« stotterte sie endlich, »ich muß es Ihnen sagen, diese Bekanntschaft scheint mir sonderbar und unklug. Es heißt, daß die Bergleute und die nördlichen Stämme mit einer Empörung drohen, und daß Schuhmachers Name in diese Sache verwickelt sei.«

»Sie setzen mich in Erstaunen,« rief der Gouverneur aus! »Schuhmacher hat bis jetzt sein Unglück geduldig ertragen. Dieses Gerücht ist gewiß nicht gegründet.«

Der Thürsteher kündigte an, daß ein Abgesandter des Großkanzlers mit der Gräfin zu sprechen wünsche. Die Gräfin verabschiedete sich und begab sich in ihre Gemächer.

Sie saß, von ihren Frauen umgeben, auf einem reichen Sopha, als der Abgesandte eintrat. Als ihn die Gräfin erblickte, machte sie eine Geberde des Widerwillens, welche sie aber alsbald hinter einem wohlwollenden Lächeln versteckte. Der Abgesandte war ein wohlbeleibter, mehr kleiner als großer Mann. Sein Gesicht war offen bis zur Schamlosigkeit, und sein Blick hatte etwas Teuflisches. Er verbeugte sich tief vor der Gräfin und reichte ihr ein versiegeltes Paket dar.

»Gnädige Gräfin,« sagte er, »erlauben Sie mir, eine wichtige Botschaft Seiner Gnaden, Ihres erlauchten Gemahls, meines erhabenen Herrn, zu Ihren Füßen niederzulegen.«

»Kommt er nicht selbst? Und warum schickt er Euch?« fragte die Gräfin.

»Wichtige Geschäfte verzögern Seiner Gnaden Ankunft, wie Sie aus diesem Briefe ersehen werden, gnädige Gräfin. Was meine Sendung betrifft, so soll ich, laut Befehls meines erhabenen Herrn, mich der ausgezeichneten Ehre einer geheimen Audienz bei Ihnen erfreuen.«

Die Gräfin erblaßte und rief mit zitternder Stimme aus: »Ich, eine geheime Unterredung mit Euch, Musdoemon?«

»Wenn dies der gnädigen Gräfin im Geringsten unangenehm wäre, so würde sich Ihr unwürdiger Diener bis in den Tod betrüben.«

»Unangenehm! Durchaus nicht!« sagte die Gräfin mit erzwungenem Lächeln; »aber ist denn diese Unterredung durchaus nothwendig?«

Der Abgesandte verbeugte sich tief: »Durchaus nothwendig! Der Brief Ihres erhabenen Gemahls wird Sie förmlich davon in Kenntniß setzen.«

Es war auffallend, die stolze Gräfin Ahlfeldt vor einem Diener, der ihr so tiefe Ehrfurcht bezeugte, zittern und erbleichen zu sehen. Sie öffnete langsam das Paket, und nachdem sie dessen Inhalt durchlaufen hatte, sagte sie zu ihren Frauen mit schwacher Stimme: »Man lasse uns allein!«

»Geruhen die gnädige Gräfin,« sagte der Abgesandte, indem er ein Knie beugte, »mir die Freiheit, die ich mir nehme, und die Mühe, die ich Ihnen zu verursachen scheine, gnädigst zu verzeihen!«

»Ihr könnt im Gegentheil glauben,« erwiederte die Dame mit erzwungenem Wohlwollen, »daß es mir Vergnügen macht, Euch zu sehen.«

Die Frauen entfernten sich.

»Elphege,« sagte jetzt der Abgesandte in gänzlich umgestimmtem Tone, »Du scheinst der Zeiten vergessen zu haben, wo ein Téte-á-Téte mit mir Dir nicht so zuwider war?«

Die stolze Dame beugte ihr gedemüthigtes Haupt. »Möchte ich es vergessen können!« murmelte sie.

»Einfältiges Weib! Wie magst Du über Dinge erröthen, die kein menschliches Auge gesehen hat?«

»Gott sah sie.«

»Gott, Du schwaches Weib! Du, bist nicht werth, Deinen Mann betrogen zu haben, denn er ist nicht so leichtgläubig als Du.«

»Ihr treibt Euern Spott mit meinen Gewissensbissen, Musdoemon!«

»Nun, Elphege, wenn Du ein Gewissen hast, warum häufst Du täglich neue Verbrechen?«

Die Gräfin verbarg ihr Gesicht in beiden Händen. Musdoemon fuhr fort: »Elphege, Du hast die Wahl: Gewissensbisse und keine Verbrechen mehr, oder das Verbrechen und keine Gewissensbisse. Mache es wie ich, wähle das Zweite.«

»Mögen Euch diese Worte nicht in die Ewigkeit begleiten!«

»Das geht über den Spaß, mein Schatz!«

Musdoemon setzte sich vertraulich neben die Gräfin und schlang seine Arme um ihren Hals.

»Elphege,« sagte er, »suche dem Geist nach wenigstens zu bleiben, was Du vor zwanzig Jahren warst.«

Die unglückliche Gräfin, Sklavin ihres Mitschuldigen, suchte seiner widerlichen Zärtlichkeit los zu werden. Es lag in dieser ehebrecherischen Umarmung von zwei Wesen, die sich gegenseitig haßten und verachteten, Etwas, das selbst für diese entwürdigten Seelen empörend war. Ihre gesetzwidrige Verbindung, einst ihre Lust, war ihnen jetzt zur Qual geworden. Gerechte Strafe verbotener Leidenschaften! Ihr Verbrechen war ihre Strafe geworden.

Um dieser qualvollen Scene ein Ende zu machen, fragte die Gräfin, indem sie sich den Armen ihres verhaßten Liebhabers entriß, welchen mündlichen Auftrag ihr Gemahl ihm ertheilt habe?

»Ahlfeldt,« sagte Musdoemon, »hat in dem Augenblicke, wo seine Macht sich durch die Vermählung Ordener Guldenlews mit unserer Tochter befestigt …«

»Unserer Tochter!« rief die stolze Gräfin aus, und ihr auf Musdoemon gerichteter Blick nahm einen Ausdruck hochmüthiger Verachtung an.

»Nun,« sagte Musdoemon kaltblütig, »ich meine doch, daß Ulrike eben so gut meine Tochter sein könne, als die seinige. Ich wollte also sagen, daß diese Heirath Deinen Mann nicht vollkommen befriedigt, wenn nicht zu gleicher Zeit Schuhmacher ganz gestürzt wird. Dieser alte Günstling ist von seinem Kerker aus fast eben so furchtbar, als in seinem Palast. Er hat am Hofe heimliche, aber wichtige Freunde, um so mächtiger vielleicht, weil sie unbekannt sind. Als der König vor einem Monat erfuhr, daß die Unterhandlungen des Großkanzlers mit dem Herzog von Holstein-Ploen nicht vorwärts schritten, rief er ungeduldig aus: Greiffenfeld allein wußte mehr, als alle diese Menschen zusammen. Ein Intriguenmacher, Namens Dispolsen, der von Munckholm nach Kopenhagen kam, hat von dem König mehrere geheime Audienzen erhalten, nach welchen der König aus der Kanzlei, wo sie niedergelegt sind, Schuhmachers Adels- und Eigenthums-Urkunde abfordern ließ. Man weiß nicht, wohin Schuhmacher abzielt, aber ein Staatsgefangener ist, wenn er nur seine Freiheit erlangt, nicht mehr so fern von der Macht. Er muß also sterben, und zwar durch richterlichen Spruch umkommen. Ihm ein Verbrechen unterzuschieben, daran arbeiten wir.

»Dein Mann, Elphege, wird unter dem Vorwand, die nördlichen Provinzen incognito zu besuchen, sich des Resultats, das unsere Umtriebe bei den Bergleuten gehabt haben, selbst versichern. Wir wollen in Schuhmachers Namen einen Aufstand von ihnen herbeiführen, der sich nachher leicht wird dämpfen lassen. Was uns beunruhigt, ist der Verlust mehrerer wichtigen Papiere, welche sich auf diesen Plan beziehen, und die wir nicht ohne Grund im Besitze dieses Dispolsen vermuthen. Da wir nun wußten, daß er von Kopenhagen nach Munckholm zurückgereist war, so haben wir in den Schluchten von Kole einige Getreue aufgestellt, um ihn umzubringen und ihm seine Papiere abzunehmen. Aber wenn, wie man versichert, Dispolsen zur See zurückgekommen ist, so war unsere Mühe vergebens. Inzwischen habe ich bei meiner Ankunft einige Gerüchte von der Ermordung eines gewissen Hauptmanns Dispolsen vernommen. Wir werden ja sehen.

»Inzwischen spüren wir einem berüchtigten Räuber, Han dem Isländer, nach, den wir an die Spitze des Aufstands der Bergleute stellen wollen. Und nun, mein Schatz, was hast Du mir von Deiner Seite für Nachrichten mitzutheilen? Ist der niedliche Vogel in dem Käsig von Munckholm endlich die Beute unseres Friedrich …«

»Unseres Friedrich!« rief die Gräfin entrüstet aus,

»Nun, was weiter! Wie alt ist er? Vierundzwanzig Jahre, und es sind jetzt sechsundzwanzig Jahre, daß wir einander kennen!«

»Mein Friedrich, Gott weiß es, ist der legitime Erbe des Großkanzlers.«

»Wenn Gott es weiß,« sagte Musdoemon lachend, »so ist vielleicht dem Teufel davon nichts bekannt. Im Uebrigen ist Dein Friedrich ein Pinsel, der meiner unwerth wäre, und es lohnt sich nicht der Mühe, sich um eine solche Kleinigkeit zu streiten. Er taugt zu nichts, als ein Mädchen zu verführen. Damit ist er doch hoffentlich zu Stande gekommen?«

»Noch nicht, so viel ich weiß.«

»Elphege, suche doch eine etwas thätigere Rolle in unsern Angelegenheiten zu spielen. Ich kehre morgen zu Deinem Manne zurück. Beschränke Du Dich nun nicht darauf, für unsere Sünden zu beten, sondern handle. Ahlfeldt muß auch darauf denken, mich etwas besser zu belohnen, als bisher geschehen ist. Mein Glück ist an das Eurige geknüpft; aber ich fange an, es müde zu werden, der Diener des Gemahls zu sein, wenn ich der Liebhaber der Frau bin, und der Schulmeister der Kinder, deren Vater ich zu sein die Ehre habe.«

Hier endigte die Unterredung. Die Frauen traten wieder ein.

»Erlauben mir die gnädige Gräfin,« sagte Musdoemon mit einer tiefen Verbeugung, »die Hoffnung zu hegen, daß ich morgen wieder eine Audienz erlangen werde, um die Huldigungen meiner tiefsten Ehrfurcht zu Ihren Füßen niederzulegen?«

VIII.

»Alter Herr,« sagte Ordener zu Spiagudry, »fast hätte ich geglaubt, daß die in diesem Gebäude befindlichen Leichname damit beauftragt seien, die Thüre zu öffnen.«

»Verzeihen Sie, gnädiger Herr, ich … ich lag in tiefem Schlafe.«

»Wenn das der Fall ist, so müssen Eure Todten wach gewesen sein, denn ich hörte eben erst hier laut und deutlich sprechen.«

Spiagudry gerieth in Verwirrung: »Wie, gnädiger Herr,« stotterte er, »Sie hätten reden gehört?«

»Allerdings! Doch was liegt daran? Ich bin nicht hieher gekommen, mich mit Euern Angelegenheiten zu beschäftigen, sondern Euch mit den meinigen. Wir wollen hineingehen.«

Spiagudry öffnete und sie traten in das Leichenzimmer.

»Benignus Spiagudry,« sagte jetzt dieser, »steht Ihnen in Allem, was menschliche Wissenschaften betrifft, zu Diensten. Wenn Sie jedoch, wie man aus Ihrem nächtlichen Besuche schließen möchte, einen Hexenmeister hier zu finden glauben, so irren Sie sich. Ne famam credas, ich bin nur ein Gelehrter. Kommen Sie in mein Arbeitszimmer, gnädiger Herr!«

»Nicht doch, wir müssen hier bei diesen Leichnamen bleiben.«

»Bei diesen Leichnamen!« rief Spiagudry bestürzt aus. »Die können Sie nicht sehen, gnädiger Herr!«

»Wie? ich soll Leichname nicht sehen dürfen, die bloß deßhalb hier sind, um gesehen zu weiden? Ich habe Erkundigungen über einen derselben bei Euch einzuziehen, und Eure Pflicht ist es, sie mir zu geben. Gern oder ungern, Ihr müßt.«

Spiagudry hatte einen großen Respekt vor tödtlichen Gewehren, und er sah einen tüchtigen Säbel an Ordeners Seite. »Nihil non arrogat armis,« murmelte er zwischen den Zähnen.

»Zeigt mir die Kleider des Hauptmanns,« sagte Ordener.

In diesem Augenblicke fiel ein Strahl des Lichts auf Gill Stadts verstümmeltes Haupt.

»Gerechter Gott!« rief Ordener aus, »welche abscheuliche Entweihung!«

»Erbarmet Euch meiner um Gottes Barmherzigkeit willen!« rief der Alte.

»Alter Mann,« fuhr Ordener mit drohender Stimme fort, »Du stehst am Rande des Grabes, und scheust Dich nicht, einen solchen Frevel zu begehen! Zittere, die Lebenden werben die Entweihung rächen, die Du an Todten begangen hast!«

»Gnade! Gnade! Ich habe es nicht gethan … Wenn Sie wüßten! …«

Hier hielt er inne, denn er dachte an die Worte des kleinen Mannes: »Sei treu und stumm.«

»Haben Sie,« fuhr er zitternd fort, »Jemand durch diese Oeffnung schlüpfen sehen?«

»Ja! War es Dein Mitschuldiger?«

»Nein, es war der Schuldige, der Alleinschuldige. Das schwöre ich bei allen himmlischen und höllischen Mächten, bei diesem so schändlich entweihten Leichname selbst!«

Mit diesen Worten warf er sich stehend auf die Kniee nieder. So häßlich er auch war, so lag doch in seiner Verzweiflung, in seinen Betheuerungen ein solcher Ton der Wahrheit, daß er Ordener überzeugte.

»Alter Mann,« sagte er, »stehe auf. Wenn Du den Todten nicht entweiht hast, so würdige wenigstens Dein Alter nicht herab.«

Spiagudry stand auf.

»Wer ist der Schuldige?« fragte Ordener.

»Stille, edler Herr, stille! Sie wissen nicht, von wem Sie sprechen. Stille!«

»Wer ist der Schuldige? Ich will ihn wissen,« fuhr Ordener kaltblütig fort.

»Im Namen des Himmels, gnädiger Herr! Reden Sie nicht so, schweigen Sie, sonst möchte … Ich kann nicht … aus Furcht …«

»Furcht! die wird mich nicht schweigen machen, Dich aber wird sie zum Reden bringen.«

»Gnade, edler junger Herr!« rief der trostlose Spiagudry, »ich kann nicht … ich darf nicht …«

»Du kannst und sollst. Nenne den Schuldigen!«

Spiagudry suchte eine Ausflucht: »Wohlan denn, edler Herr! Der Entweiher dieses Leichnams ist der Mörder dieses Offiziers.«

»Dieser Offizier ist also ermordet worden?«

»Allerdings, gnädiger Herr!«

»Und von wem? Von wem?«

»Im Namen der Heiligen, die Ihre Mutter anrief, als sie Ihnen das Leben gab, forschen Sie nicht nach diesem Namen, zwingen Sie mich nicht, ihn zu nennen.«

»Ich will den Mörder wissen.«

»Nun denn! Betrachten Sie die tiefen Risse, welche lange und spitzige Nägel in diesen Leichnam gegraben haben – dann werden Sie den Mörder kennen.«

»Wie!« sagte Ordener, »irgend ein wildes Thier?«

»Nein, mein gnädiger Herr.«

»Nun, wenn es nicht der Teufel selbst gethan hat, so wüßte ich nicht …«

»Stille! Nehmen Sie sich in Acht. Haben Sie niemals,« fuhr der Alte mit leiser Stimme fort, »von einem Menschen oder einem Ungeheuer mit menschlichem Angesicht sprechen hören, dessen Nägel so lang sind, wie die Astaroths, der uns ins Verderben gestürzt hat, oder des Antichrists, der uns verderben wird?«

»Rede deutlicher.«

»Wehe! Wehe! heißt es in der Offenbarung …«

»Den Namen des Mörders will ich wissen.«

»Der Mörder … den Namen … Gnädiger Herr, erbarmen Sie sich meiner! Ach, erbarmen Sie sich!«

»Zaudere nicht länger.«

»Nun denn, wenn Sie es durchaus verlangen, der Mörder und Entweiher ist Han der Isländer.«

Dieser furchtbare Name war Ordener nicht unbekannt.

»Wie!« rief er aus, »Han! Dieser abscheuliche Bandit!«

»Er hat keine Bande, sondern ist immer allein.«

»Und wie kommst Du zu seiner Bekanntschaft, Elender? Welche gemeinschaftliche Verbrechen haben Euch einander nahe gebracht?«

»Edler Herr, mißtrauen Sie dem Scheine. Ist der Stamm der Eiche vergiftet, weil die Schlange an ihrer Wurzel kriecht?«

»Keine leeren Worte, ein Bösewicht kann keinen andern Freund haben, als einen Mitschuldigen.«

»Ich bin nicht sein Freund, und noch weniger sein Mitschuldiger, und wenn meine Betheurungen Sie nicht überzeugt haben, so erwägen Sie doch, daß die Entweihung dieses Leichnams mich innerhalb vierundzwanzig Stunden, wenn man den todten Körper abholt, der Strafe der Heiligthumsschänder aussetzen wird, obgleich ich unschuldig bin.«

Dieser Grund war für Ordener der überzeugendste; er sagte ruhig, aber ernst: »Alter, seid aufrichtig. Habt Ihr Papiere bei diesem Offizier gefunden?«

»Nicht eines, auf meine Ehre!«

»Wißt Ihr, ob Han der Isländer Papiere bei ihm gefunden hat?«

»Ich weiß es nicht.«

»Kennt Ihr den Versteck Han des Isländers?«

»Er versteckt sich nicht, sondern wandert immer hin und her.«

»Das mag sein, aber er hat doch gewisse Verstecke.«

»Dieser Heide,« sagte Spiagudry leise, »hat eben so viele Verstecke, als die Insel Hitteren Felsenriffe und der Sirius Strahlen.«

»Gebt mir eine bestimmtere Antwort. Ihr steht in geheimnißvoller Verbindung mit diesem Räuber. Ihr kennt ihn und müßt wissen, wohin er von hier aus gegangen ist. Wenn Ihr nicht sein Mitschuldiger seid, so werdet ihr keinen Anstand nehmen, mich an seinen Aufenthaltsort zu führen …«

Spiagudry schauderte zurück.

»Sie, gnädiger Herr,« rief er aus. »Sie, großer Gott! Sie, voll Jugend und Leben, diesen Satan aufsuchen, herausfordern! Als Ingiald den Riesen Nyctolm bekämpfte, hatte er wenigstens vier Arme.«

»Nun, wir haben ja auch vier Arme, wenn Ihr mir zum Führer dient!«

»Ich! Ihr Wegweiser? Sie scherzen mit einem alten Manne, der bereits fast selbst eines Führers bedarf.«

»Hört! Wenn die Entweihung dieses Leichnams Euch der Strafe der Heiligthumsschänder aussetzt, so könnt Ihr nicht hier bleiben. Ihr müßt also fort. Ich nehme Euch unter meinen Schutz, aber nur unter der Bedingung, daß Ihr mich zum Versteck des Räubers geleitet. Seid mein Führer, ich will Euer Beschützer sein. Finde ich Han den Isländer, so bringe ich ihn lebendig oder todt hieher. Ihr könnt dann Eure Unschuld darthun, und ich verspreche Euch, daß Ihr in Euer Amt wieder eingesetzt werdet. Inzwischen empfanget hier mehr Thaler, als es Euch das ganze Jahr durch einträgt.«

»Edler Herr,« versetzte Spiagudry, indem er das Geld in Empfang nahm, »Sie haben vollkommen Recht. Wenn ich Ihnen folge, so setze ich mich einige Tage der Rache des furchtbaren Han aus. Bleibe ich, so falle ich morgen in die Hände des Henkers Orugix. Welches ist denn die Strafe der Heiligthumsschänder? … Gleichviel. In beiden Fällen ist mein armes Leben in Gefahr; da jedoch, nach der richtigen Bemerkung des gelehrten Saemond-Sigfusson, inter duo pericula aequalia minus imminens eligendum est, so folge ich Ihnen. Ja, gnädiger Herr, ich will Ihr Führer sein. Vergessen Sie jedoch nicht, daß ich Allem aufgeboten habe, Sie von Ihrem gefährlichen Unternehmen abzubringen.«

»Ihr sollt also mein Führer sein, und ich verlasse mich auf Eure Rechtlichkeit.«

»Herr, Spiagudry’s Rechtlichkeit ist eben so unbefleckt, als das Geld, das Sie mir eben so großmüthig gespendet haben.«

»Wo denkt Ihr, daß Han sich jetzt aufhalte?«

»Da der Süden von Drontheimhus jetzt voll Truppen ist, welche man auf Requisition des Großkanzlers dahin geschickt hat, so wird wohl Han seinen Weg nach der Grotte von Walderhog oder dem See von Smiassen genommen haben. Wir müssen also über Skongen gehen.«

»Wann könnt Ihr mir folgen?«

»Wenn heute Abend die Nacht einbricht und der Spladgest geschlossen wird, so wird Ihr demüthiger Diener seinen Dienst als Führer bei Ihnen antreten.«

»Wo werde ich Euch diesen Abend finden?«

»Auf dem großen Platze von Drontheim, wenn es Ihnen so gefällig ist, bei der Bildsäule der Gerechtigkeit, welche ehedem die Göttin Freya war und die mich ohne Zweifel in den Schutz ihres Schattens aufnehmen wird, aus Dankbarkeit, daß ich einen so schönen Teufel unter ihre Füße habe meißeln lassen.«

»Gut, Alter, der Vertrag ist geschlossen.«

»Geschlossen,« wiederholte Spiagudry.

Kaum hatte er dieses Wort gesprochen, so ließ sich über ihnen eine Art von Gebrumme hören. »Was ist das?« sagte der zitternde Spiagudry.

»Ist denn außer uns beiden noch ein lebendes Wesen hier?« fragte Ordener staunend.

»Ah! Ohne Zweifel mein Vicarius Oglypiglap,« sagte Spiagudry, den dieser Gedanke beruhigte. »Ein schlafender Lappe, sagte der Bischof Arngrim, macht eben so viel Lärm, als ein wachendes Weib.«

Ordener entfernte sich. Spiagudry schloß eilig die Thüre, legte Gill Stadts Leichnam so zurecht, daß man die Verstümmelung nicht gewahr werden konnte, und begab sich dann in seine Wohnung.

Viele Gründe mußten zusammentreffen, um den furchtsamen Spiagudry zu bewegen, Ordeners abenteuerlichen Vorschlag anzunehmen. Die Hauptgründe waren: 1) die Furcht vor dem anwesenden Ordener und seinem Säbel; 2) die Furcht vor dem Scharfrichter Orugix; 3) ein alter Haß gegen Han den Isländer, den er kaum sich selbst zu gestehen wagte, so sehr drückte ihn der Schrecken nieder; 4) die Liebe zu den Wissenschaften, welche er auf dieser Reise befriedigen zu können glaubte; 5) das Zutrauen in seine vermeintliche List, durch welche er sich Hans Blicken zu entziehen hoffte; 6) die Liebe zum Geld, indem er die für die Wittwe Stadt bestimmte Büchse für sich behalten zu können hoffte.

Im Uebrigen war es ihm gleichgültig, ob der Räuber den Fremden, oder der Fremde den Räuber tödte. Als er über diesen Punkt nachdachte, brach er in die Worte aus: »Es ist immerhin ein Leichnam, der mir zukommen wird.«

Hier ließ sich abermals ein Brummen hören. Spiagudry fuhr schreckenvoll zusammen.

»Das ist kein Schnarchen meines Oglypiglap,« sagte er, »diese Töne kommen von Außen. Es wird wohl,« fügte er nach einigem Nachdenken hinzu, »der Hund im Hafen sein, der bellt.«

III.

»Andrew, in einer halben Stunde soll man die Thorglocke läuten. Sorsyll soll Duckneß am großen Fallgatter ablösen und Maldivius auf die Plattform des großen Thurmes steigen. Beim Kerker des Löwen von Schleswig soll streng aufgepaßt werden. Nicht zu vergessen, um sieben Uhr eine Kanone zu lösen, damit die Kette im Hafen aufgezogen werde; doch nein, man erwartet noch den Hauptmann Dispolsen; man muß im Gegentheil die Leuchte auf dem Thurm anzünden und nachsehen, ob der Leuchtthurm von Walderhog brennt, wie heut der Befehl dazu ertheilt worden ist; vor Allem sind Erfrischungen für den Hauptmann bereit zu halten. Und daß ich es nicht vergesse, man notire für Toric-Belfast, zweiten Arquebusier des Regiments, zwei Tage Arrest; er war den ganzen Tag abwesend.«

So sprach der Sergent der Wache unter dem schwarzen und rauchigen Gewölbe der Thorwache von Munckholm, die unter dem Thurm gelegen ist, welcher das erste Thor des Schlosses beherrscht.

Die Soldaten, an welche seine Befehle gerichtet waren, legten die Karten weg oder erhoben sich vom Lager, um sie zu vollziehen.

In diesem Augenblicke hörte man von Außen das gleichförmige Geräusch der Ruder.

»Ohne Zweifel kommt endlich der Hauptmann Dispolsen!« sagte der Sergent und öffnete das kleine vergitterte Fenster, das auf den Hafen geht.

Eine Barke legte unten an der eisernen Pforte an.

»Wer da?« rief der Sergent mit rauher Stimme.

»Oeffnet!« war die Antwort. »Friede und Sicherheit!«

»Eingang verboten! Habt Ihr Eingangsrecht?«

»Ja!«

»Das will ich erst untersuchen. Lügt Ihr, so will ich Euch das Wasser des Golfs zu kosten geben.«

Er schloß das Fenster, wandte sich zur Wache und sagte: »Immer noch nicht der Hauptmann!«

Ein Licht glänzte hinter der eisernen Pforte, die verrosteten Riegel kreischten, die Eisenstangen hoben sich, das Thor ging auf, und der Sergent untersuchte ein Pergament, das ihm der Ankömmling darbot.

»Einpassirt!« sagte er. »Halt!« fügte er rasch hinzu, »laßt Eure Hutschnalle außen. Man darf nicht mit Kleinodien in ein Staatsgefängniß. Hievon sind nach dem Reglement bloß ausgenommen: »Der König und die Mitglieder der königlichen Familie, der Vicekönig und die Mitglieder seiner Familie, der Bischof und die Befehlshaber der Besatzung.« Ihr habt ohne Zweifel keine von all diesen Eigenschaften?«

Statt aller Antwort nahm der junge Mann die Hutschnalle ab und warf sie dem Schiffer, der ihn geführt hatte, an Zahlungsstatt zu. Dieser, welcher fürchtete, der Andere möchte seine Freigebigkeit bereuen, stieß schnell vom Ufer, um das Wasser der Bucht zwischen den Wohlthäter und die Wohlthat zu legen.

Während der Sergent, über die Unklugheit der Kanzlei murrend, welche auf solche Art die Eingangspässe verschwende, die schweren Riegel wieder vorschob, schritt der junge Mann, den Mantel über die Schulter zurückgeworfen, eilends durch den dunkeln Bogen und kam über den Waffenplatz an das große Fallgatter, das nach Prüfung seines Passes gehoben wurde. Dann schritt er, von einem Soldaten begleitet, wie Jemand, der des Wegs wohl kundig ist, dem Kerker zu, das Schloß des Löwen von Schleswig genannt, weil Rolf der Zwerg weiland seinen Bruder Jotham den Löwen, Herzog von Schleswig, darin gefangen halten ließ.

An einem der innern Thürme schlug der junge Mann mit einem kupfernen Hammer, den ihm der Wächter am Fallgatter gegeben hatte, heftig an die Thüre. »Oeffnet!« rief von Innen eine laute Stimme, »das wird wohl dieser verfluchte Hauptmann sein!«

Als die Thüre sich öffnete, erblickte der Ankömmling im Innern eines schwach beleuchteten gothischen Saals einen jungen Offizier, der nachlässig auf einem Haufen Mäntel und Rennthierhäute lag. Neben ihm stand ein dreiarmiger Leuchter, den er von der Zimmerdecke abgenommen und neben sich gestellt hatte. Seine reiche und ausgesucht elegante Kleidung stand in schroffem Gegensatz zu dem nackten Saal und den plumpen Geräthschaften. Er hielt ein Buch in der Hand und wandte sich mit halbem Leibe dem Ankömmlinge zu:

»Das ist der Hauptmann!« sagte er. »Guten Abend, Herr Hauptmann! Schon lange warte ich auf Ihre Ankunft, obwohl ich nicht das Vergnügen habe, Sie zu kennen. Doch was das betrifft, so werden wir uns bald kennen lernen, nicht wahr, lieber Hauptmann? Vor allen Dingen statte ich Ihnen meine Beileidsbezeugung zu Ihrer Rückkehr in dieses alte verfluchte Nest ab. Wenn ich noch einige Zeit hier verweile, werde ich so abschreckend werden, wie eine Nachteule, die man als Vogelscheuche an eine Thüre nagelt, und wenn ich zur Vermählung meiner Schwester nach Kopenhagen zurückkomme, so will ich verdammt sein, wenn mich unter hundert Damen nur vier wieder erkennen. Sagen Sie mir doch, ob die rosenrothen Bänder noch immer in der Mode sind? Ist kein neuer Roman von Demoiselle Scudery aus dem Französischen übersetzt worden? Hier habe ich gerade Clelia in der Hand. Man wird das zu Kopenhagen auch noch lesen. Das ist mein Codex der Galanterie, jetzt, wo ich seufze, ferne von so vielen schönen Augen; denn so schön auch die Augen unserer jungen Gefangenen sind, Sie wissen, wen ich meine, so bleiben sie doch immer stumm für mich. Ha! Wenn meines Vaters Befehl nicht wäre! … Ich muß Ihnen im Vertrauen sagen, Herr Hauptmann, aber behalten Sie es bei sich, daß mich mein Vater beauftragt hat, Schuhmachers Tochter zu … Sie verstehen mich schon, aber ich verliere Zeit und Mühe, das ist kein Mädchen von Fleisch und Bein, sondern eine steinerne Bildsäule, sie weint immer und sieht mich niemals an.«

Der junge Mann, der bei der Geläufigkeit der Zunge des Offiziers bisher nicht hatte zum Wort kommen können, stieß jetzt einen Schrei der Verwunderung aus. »Wie! Was sagen Sie? Beauftragt die Tochter dieses unglücklichen Schuhmacher zu verführen! …«

»Verführen? Meinetwegen, wenn man das gegenwärtig zu Kopenhagen so nennt; aber das würde selbst dem Teufel nicht gelingen. Als ich vorgestern die Wache hatte, zog ich, ausdrücklich für sie, eine prächtige französische Halskrause an, die man mir unmittelbar von Paris geschickt hatte. Können Sie es glauben, daß sie nicht einmal einen Blick auf mich warf, obwohl ich drei bis viermal durch ihr Zimmer ging und meine neuen Sporen, deren Räder so breit sind, als eine lombardische Dukate, nicht schlecht klingen ließ? Diese Sporen werden wohl noch immer in der Mode sein?«

»Mein Gott! Mein Gott!« sagte der junge Mann und schlug sich vor die Stirne, »das verwirrt mich so …«

»Nicht wahr?« fuhr der Offizier fort, der sich über den wahren Sinn dieses Ausrufs täuschte. »Nicht einen einzigen Blick auf mich zu werfen! So unglaublich das auch ist, so ist es doch wahr.«

Der junge Mann ging in heftiger Aufregung im Zimmer auf und ab.

»Wollen Sie etwas genießen, Hauptmann Dispolsen?« rief ihm der Offizier zu.

»Ich bin nicht der Hauptmann Dispolsen.«

»Wie?« sagte der Offizier in ernstem Tone und richtete sich sitzend in die Höhe, »und wer sind Sie denn, daß Sie es wagen, um diese Stunde hier zu erscheinen?«

Der junge Mann hielt ihm seine Einlaßkarte hin: »Ich will den Grafen Greiffenfeld … ich will sagen, Ihren Gefangenen sehen.«

»Grafen! Grafen!« murmelte der Offizier mißvergnügt. »Aber wirklich, die Karte ist in Ordnung, da steht die Unterschrift des Vicekanzlers Grummond von Knud: Vorweiser dies kann immer und zu jeder Zeit alle königlichen Gefängnisse besuchen. Grummond von Knud ist der Bruder des alten Generals Levin von Knud, der zu Drontheim befehligt, und Sie werden wissen, daß dieser alte Herr meinen künftigen Schwager erzogen hat …«

»Ich danke Ihnen für die Mittheilung Ihrer Familienangelegenheiten, Herr Lieutenant. Meinen Sie nicht, daß Sie mir bereits genug davon mitgetheilt haben?«

»Das ist ein unverschämter Kerl, aber er hat, weiß Gott, Recht,« murmelte der Lieutenant für sich und biß sich in die Lippen.

»Holla! Thürschließer, Kerkermeister, Holla!« rief er, »führt diesen Fremden da zu Schuhmacher und zankt nicht, daß ich Euern dreiarmigen Leuchter, in dem nur ein einziges Licht steckt, von der Decke genommen habe! Ich wollte dieses alte Stück näher betrachten, das sich ohne Zweifel noch aus den Zeiten Sciolds des Heiden, oder Havars des Kopfspalters herschreibt, und überhaupt man hängt heutzutage nur noch Kronleuchter von Krystall an der Decke auf.«

Der junge Mann entfernte sich mit dem Kerkermeister, und der Offizier nahm sein Buch wieder zur Hand, um die verliebten Abenteuer der Amazone Clelia und Horatius des Einäugigen zu lesen.

XIX.

Der General Levin von Knud sah nachdenklich vor seinem mit Papieren überlegten Schreibtisch. Ein vor ihm stehender Sekretär wartete auf seine Befehle.

»Zum Teufel auch,« rief er nach einer langen Pause, »wer hätte je gedacht, daß diese verdammten Bergleute es so weit treiben würden? Sie sind sicherlich durch geheime Umtriebe zu diesem Aufstand angereizt worden. Aber die Sache ist ernsthaft. Ihr müht wissen. Wapherney, daß fünf- bis sechshundert Schufte aus den Inseln Faroer bereits ihre Minen verlassen und unter einem alten Banditen Namens Jonas zu den Waffen gegriffen haben, daß ein junger Brausekopf, Norbith genannt, sich an die Spitze der Mißvergnügten von Gulbransthal gestellt hat, daß zu Sund-Moer, zu Hubfallo, zu Kongsberg, die Unzufriedenen, die nur auf das Signal warteten, vielleicht schon im Aufstand begriffen sind, daß die Bergbewohner unter der Anführung des alten tapfern Kennybol sich an die Empörer angeschlossen haben, und daß der gefürchtete Räuber Han an der Spitze der ganzen Insurrektion steht. Was sagt Ihr zu Allem dem, Freund Wapherney? Hm!«

»Euer Excellenz werden wissen, welche Maßregeln …«

»Es ist bei dieser ganzen Geschichte noch ein Umstand, den ich mir nicht entziffern kann, nämlich, daß unser Staatsgefangener Schuhmacher Urheber des Aufstands sein soll. Niemand wundert sich darüber, und mich wundert das am meisten. Ein Mensch, bei welchem sich unser ehrlicher Ordener gefiel, kann kein Staatsverräther sein. Inzwischen sind die Empörer, wie man versichert, in seinem Namen aufgestanden: sein Name ist ihr Loosungswort; sie legen ihm die Titel bei, deren ihn der König entsetzt hat … Das Alles scheint gewiß … Aber woher kommt es, daß die Gräfin Ahlfeldt schon vor sechs Tagen alle diese Sachen wußte, wo doch kaum in den Minen die Empörung sich kundgegeben hatte? Gleichviel, man muß der Sache abhelfen. Gebt mir mein Siegel, Wapherney!«

Der General schrieb drei Briefe, siegelte sie und übergab sie dem Sekretär.

»Dieses Schreiben,« sagte er, »an den Baron Voethaün, Oberst der Arquebusirer zu Munckholm, daß sein Regiment sogleich gegen die Empörer aufbreche. Hier an den Festungscommandanten zu Munckholm, der Staatsgefangene Schuhmacher soll sorgfältiger als je bewacht werden: ich werde ihn selbst verhören. Diesen Brief nach Skongen an den Major Wolhm, daß er einen Theil seiner Truppen gegen die Rebellen abschicke. Schnell Wapherney!«

Der Sekretär ging und ließ den Gouverneur in seinen Gedanken verloren zurück. Alles das, dachte er, ist sehr beunruhigend. Diese Empörer da, diese ränkevolle Kanzlerin hier, dieser Narr von Ordener, man weiß nicht wo! Vielleicht mitten unter den Rebellen, während er mir seinen Schuhmacher auf dem Halse läßt, der sich gegen den Staat verschwört, und seine Tochter, um deren Unschuld willen ich die Compagnie, in welcher Friedrich von Ahlfeldt dient, habe detachiren lassen … Nun, die ist vielleicht gerade am rechten Orte, die ersten Bewegungen der Rebellen aufzuhalten … Wahlstrom, wo sie in Besatzung ist, liegt nahe am See Smiassen und an den Ruinen von Arbar. Diesen Punkt muß der Aufstand bald erreichen…«

In diesem Augenblick öffnete sich die Thüre.

»Was wollt Ihr, Gustav?« fragte der General.

»Ein Note, mein Herr General!«

»Was gibt es da wieder Neues? Laßt ihn herein!«

Der Bote überreichte dem Gouverneur ein Schreiben: »Excellenz, von Seiten Sr. Erlaucht des Vice-Königs!« sagte er.

»Bei Sankt Georg!« rief der General aus, nachdem er gelesen hatte, »ich glaube, sie sind alle närrisch geworden! Beordert man mich gar nach Bergen! Auf Befehl des Königs in dringenden Angelegenheiten … Dazu ist die Zeit gut gewählt … Der Großkanzler, der gegenwärtig die Provinz bereist, wird Sie einstweilen ersetzen … Ein sauberer Ersatzmann … Der Bischof wird ihn unterstützen … Zwei herrliche Befehlshaber in einem empörten Lande, ein Kanzler und ein Bischof! … aber was ist zu machen! … Unmittelbarer Befehl des Königs … Man muß … Ich will doch vor meiner Abreise Schuhmacher noch verhören. Ich sehe wohl, daß man mich in ein Chaos von Intriguen begraben will, aber ich habe einen Compaß, der nie irreleitet: ein gutes Gewissen.«

II.

Der Leser weiß, daß wir uns zu Drontheim, einer der vier größten Städte Norwegens, obwohl nicht der Residenz des Vicekönigs, befinden. Zur Zeit, in welcher diese Geschichte vorging – im Jahre 1699 – gehörte das Königreich Norwegen noch zu Dänemark, und wurde von Vicekönigen regiert, deren Sitz zu Bergen, einer größeren, schöneren und südlicher gelegenen Stadt, als Drontheim, war.

Drontheim bietet einen angenehmen Anblick dar, wenn man es von dem Golf aus betrachtet, dem diese Stadt ihren Namen gegeben hat. Der Hafen ist ziemlich breit und die Stadt liegt in einer wohlbebauten Ebene. Mitten im Hafen, einen Kanonenschuß vom Ufer, erhebt sich, auf einer von Wogen umspülten Felsenmasse, die einsame Feste Munckholm, ein düsteres Gefängniß, in welchem damals der durch sein langes Glück sowohl, als durch seine schnelle Ungnade so berühmte Staatsgefangene saß.

Schuhmacher, ein Mann von niederer Geburt, war von seinem König erst mit Gunstbezeugungen überhäuft, dann plötzlich von seinem Sitze eines Großkanzlers von Dänemark und Norwegen auf die Bank der Staatsverräther gebracht, sofort aufs Schaffot geschleift und zuletzt aus Gnade in einen einsamen Kerker an der äußersten Grenze der beiden Königreiche gebracht worden. Seine eigenen Kreaturen hatten ihn gestürzt, und er hatte nicht einmal das Recht, über Undank zu klagen. Durfte er klagen, wenn er Sprossen der Leiter, die er bloß so hoch gestellt hatte, um auf ihnen hinaufzusteigen, unter seinen Füßen brechen sah?

Der Mann, welcher den Adel in Dänemark gegründet hatte, mußte aus seinem Verbannungsorte sehen, wie die Großen, die er geschaffen, seine eigenen Würden unter sich vertheilten. Der Graf Ahlfeldt, sein Todfeind, war sein Nachfolger als Großkanzler; der General Arensdorf verfügte als Feldmarschall über die Armee, sowie der Bischof Spollyson über Geistlichkeit und Schulen. Der einzige seiner Feinde, der ihm seine Erhebung nicht verdankte, war der Graf Ulrich Friedrich Guldenlew, natürlicher Sohn des Königs Friedrich des Dritten, Vicekönig von Norwegen, und dieser war der edelmüthigste von Allen.

Gegen diesen traurigen Felsen von Munckholm steuerte die Barke, die den jungen Mann mit der schwarzen Feder trug. Die Sonne ging eben unter.

XX.

»Ja, Herr Graf, heute treffen wir ihn in den Ruinen von Arbar, Ich habe es durch Zufall erfahren, aber viele Umstände machen mir es wahrscheinlich.«

»Sind wir weit von diesen Ruinen?«

»Sie liegen in der Nähe des Sees Smiassen. Der Führer versichert, daß wir sie vor Mittag erreichen können.«

So besprachen sich zwei Personen zu Pferd, die in braune Mäntel gehüllt waren. Es war noch früh Morgens und sie befanden sich auf einem jener engen Wege, welche den Wald, der zwischen den Seeen von Smiassen und Sparbo liegt, in allen Richtungen durchschneiden. Ein Bergmann, der sein Horn umhängen hatte und mit seiner Axt bewaffnet war, ritt auf einem kleinen grauen Pferde voran; und hinter ihnen kamen vier andere wohlbewaffnete Reiter, gegen welche sie von Zeit zu Zeit die Köpfe zurückwendeten, als ob sie fürchteten, von ihnen gehört zu werden.

Die beiden Reiter waren der Graf von Ahlfeldt und sein Sekretär Musdoemon. »Wenn dieser isländische Räuber sich wirklich in den Ruinen von Urbar befindet,« sagte der Letztere, »so haben wir viel gewonnen, denn das Schwierigste an der Sache war, dieses ungreifbare Wesen aufzufinden.«

»Glaubt Ihr, Musdoemon? Und wenn er nun unsere Anerbietungen verwirft?«

»Unmöglich, gnädiger Herr Graf! Gold und Straflosigkeit! Welcher Räuber würde da widerstehen?«

»Ihr wißt aber, daß dieser Räuber kein Bösewicht gewöhnlichen Schlags ist. Legt also nicht Euern Maßstab an ihn an. Wenn er nun unsern Antrag nicht annimmt, wie wollt Ihr Euer Versprechen gegen die drei Anführer des Aufstandes erfüllen?«

»Euer Gnaden scheinen vergessen zu haben, daß uns ein falscher Han der Isländer zu Gebot steht.«

»Ihr habt Recht und immer Recht, mein lieber Musdoemon!« sagte der Graf, und beide überließen sich nun ihren eigenen Gedanken.

Musdoemon, dessen Vortheil erforderte, seinen Gebieter bei guter Laune zu erhalten, machte, um ihn zu zerstreuen, eine Frage an den Wegweiser.

»Guter Mann,« sagte er, »was ist das für ein steinernes Kreuz dort hinter jenen Eichen?«

»Das ist kein Kreuz, Herr,« antwortete der Bergbewohner, »sondern der älteste Galgen in Norwegen. Der König Olaus hat ihn für einen Richter aufschlagen lassen, der mit einem Räuber ein Bündniß abgeschlossen hatte.«

Musdoemon sah den Aerger auf dem Gesichte seines Patrons, als er diese Worte hörte.

»Das ist eine ganz besondere Geschichte,« fuhr der treuherzige Wegweiser fort, »der Räuber mußte den Richter hängen …«

Musdoemon rief ihm zu: »Schon gut, schon gut, lieber Freund! Wir wissen diese Geschichte.«

»Er weiß diese Geschichte, der Flegel!« murmelte der Graf für sich. »Warte, Musdoemon, Du sollst mir Deine Unverschämtheit theuer bezahlen!«

»Was befehlen Ew. Gnaden?« fragte Musdoemon mit unterwürfigem Wesen.

»Ich dachte eben auf Mittel, mein Lieber, den Danebrogorden für Euch zu erhalten. Die Vermählung meiner Tochter Ulrike mit Baron Ordener wird dazu eine gute Gelegenheit sein.«

Musdoemon zerfloß in Danksagungen und Betheurungen seiner Anhänglichkeit.

»Um wieder auf unsere Angelegenheiten zu kommen, glaubt Ihr, daß der Mecklenburger den Befehl, der ihn nach Bergen beruft, jetzt in Händen habe?«

»Ohne Zweifel, gnädiger Herr Graf, wird jetzt der Bote zu Drontheim sein, und der General Levin muß sich mithin zur Abreise anschicken.«

»Diese Abberufung ist ein Meisterstreich von Euch, Musdoemon. Er gehört zu Euren best ausgesonnenen und best ausgeführten Intriguen.«

»Die Ehre davon gehört Euer Gnaden eben so gut als mir,« erwiederte Musdoemon, der sich zur Maxime gemacht hatte, den Grafen bei allen seinen Umtrieben zu betheiligen.

Der Graf, der seine geheimen Gedanken ganz gut kannte, versetzte gleichwohl lächelnd: »Mein lieber geheimer Sekretär, Ihr seid immer allzu bescheiden, aber ich werde dennoch Eurer ausgezeichneten Dienste stets eingedenk sein. Elphegens Anwesenheit und des Mecklenburgers Abwesenheit sichern meinen Triumph zu Drontheim. Ich bin Oberhaupt der Provinz, und wenn Han das Commando der Rebellen annimmt, das ich ihm selbst anbieten werde, so werde ich den Ruhm ernten, diese Empörung gedämpft und den furchtbaren Räuber gefangen zu haben.«

In diesem Augenblicke drehte sich der Wegweiser um und rief: »Seht da, gnädige Herren, zu unserer Linken den Hügel, auf welchem Biord der Gerechte im Angesicht seiner Armee den doppelzüngigen Verräther Wellon enthaupten ließ, der die ächten Vertheidiger des Königs entfernt und den Feind in das Lager gerufen hatte, damit es scheine, als habe er allein Biords Leben gerettet …«

Musdoemon unterbrach ihn barsch: »Laßt das, guter Mann, schweigt und setzt Euern Weg fort, ohne Euch umzuwenden! Was liegt uns an Euern alten Geschichten! Ihr stört meinen Herrn durch Eure alte Weiberhistorien!«