Auf Grund einer Ähnlichkeit

Auf Grund einer Ähnlichkeit

»Ist dein Spiegel zerbrochen, so blicke in stilles Wasser,
aber hüte dich, hineinzufallen.«

Indisches Sprichwort.

Nach einer glücklichen Liebe ist so ziemlich das Unbequemste, das ein junger Mann zu Beginn seiner Laufbahn mit sich herumschleppen kann, eine Liebe, die nicht erwidert wird. Er kommt sich dabei wichtig und businesslike vor, wird blase und zynisch und kann jedesmal, wenn er mit der Leber nicht ganz in Ordnung ist oder an Mangel an Bewegung leidet, um seine verlorene Geliebte trauern und sich auf eine zarte, dämmrige Weise sehr glücklich fühlen.

Hannasydes Liebesaffäre war für ihn eine wahre Gottesgabe. Die Sache war nun schon vier Jahre alt und das Mädchen hatte ihn längst vergessen. Sie hatte inzwischen geheiratet und kämpfte mit zahlreichen eigenen Sorgen. Damals hatte sie Hannasyde erklärt: obwohl sie ihn nie anders als mit den Augen einer Schwester betrachten könnte, nähme sie doch ein anhaltendes, lebhaftes Interesse an seinem Wohlergehen. Diese überraschend neuartige und originelle Bemerkung gab Hannasyde für die Dauer zweier Jahre Stoff zum Denken, und seine Eitelkeit füllte die übrigen vierundzwanzig Monate aus. Hannasyde war jedoch ein ganz anderer Kerl als Phil Garron, trotzdem er mit diesem unverdienten Glückspilz Einiges gemein hatte.

Er hegte und pflegte also jene unglückliche Liebe, wie Männer eine gut eingerauchte Pfeife hegen und pflegen um der Behaglichkeit willen, und weil sie ihm durch den Gebrauch teuer geworden war. Sie brachte ihn glücklich über die erste Simlaer Saison hinweg. Hannasyde war keine Beauté. Außerdem hatte er etwas ungeschliffene Manieren und eine gewisse rauhe Art, einer Dame auf ’s Pferd zu helfen, die ihm in den Augen des schönen Geschlechts keinen besonderen Reiz verliehen. Daran wäre selbst dann nichts zu ändern gewesen, wenn er sich um weibliche Gunst bemüht hätte, was er nicht tat. Eine ganze Weile behielt er sein verwundetes Herz für sich.

Dann traf ihn das Unglück. Jeder, der schon in Simla gewesen ist, kennt den Abhang, der sich vom Telegraphenamt nach dem Bureau für öffentliche Arbeiten hinzieht. Hannasyde schlenderte eines Septembermorgens in der Besuchszeit diesen Abhang hinauf, als eine Rickshaw eilig den Berg hinunterrollte, und in der Rickshaw saß das leibhaftige Ebenbild des Mädchens, deretwegen er so glücklich unglücklich war. Hannasyde lehnte sich gegen die Brüstung und rang nach Luft. Er wollte den Berg wieder hinunterlaufen, der Rickshaw nach, aber das war unmöglich; also schritt er weiter, während der größere Teil seines Blutes ihm in den Schläfen hämmerte. »Sie« war, wie er später ausfindig machte, die Frau eines Mannes aus Dindigul oder Coinbatore oder sonst irgendeinem gottverlassenen Nest und war um ihrer Gesundheit willen schon früh im Jahre nach Simla gekommen. Nach Schluß der Saison wollte sie nach Dindigul, oder wie das Nest hieß, zurück und würde aller Wahrscheinlichkeit nach im Leben nicht wieder nach Simla kommen, denn ihr nächster Kurort in den Bergen war Ooctacamund. Noch in der gleichen Nacht ging Hannasyde, aufgewühlt und zuckend unter der Gewalt seiner zu neuem Leben angefachten Gefühle, eine geschlagene Stunde mit sich zu Rate. Er entschied sich für das Folgende; und man selbst mag entscheiden, wieviel bei diesem Beschluß echter Anhänglichkeit für seine alte Liebe und wieviel einer ganz natürlichen Neigung, auszugehen und sich zu amüsieren, entsprang. Mrs. Landys-Haggert würde nach aller menschlichen Voraussicht niemals wieder seinen Weg kreuzen. Es war also ganz gleich, wie er sich benahm. Sie ähnelte in einer ans Wunderbare grenzenden Weise dem Mädchen, das »ein tiefes, anhaltendes Interesse« nahm, und wie die Formel sonst noch lautete. Alles in allem würde es äußerst angenehm sein, Bekanntschaft mit Mrs. Landys-Haggert zu schließen und sich auf kurze, nur sehr kurze Zeit hin einzureden, daß er wieder einmal mit Alice Chisane zusammen wäre. Jeder ist in irgendeinem Punkte mehr oder weniger verrückt. Hannasydes besondere Monomanie war seine alte Liebe zu Alice Chisane.

Er machte es sich daher zur Aufgabe, Mrs. Haggert vorgestellt zu werden – mit Erfolg. Ebenfalls machte er es sich zur Aufgabe, so viel von seiner Zeit wie nur irgendmöglich mit dieser Dame zu verbringen. Einem Manne, der es wirklich ernst meint, bietet Simla eine überraschende Fülle von Möglichkeiten für Tête-à-têtes. Es gibt dort Gartenfeste, Tennispartien und Picknicks, Frühstücke in Annandale, Wettschießen, Diners und Bälle, nicht zu sprechen von Spazierritten und -gängen, die ja private Angelegenheiten sind. Hannasyde hatte sich mit dem festen Vorsatz, Ähnlichkeiten zu entdecken, ans Werk gemacht und endete damit, mehr zu finden als er gehofft hatte. Er wollte sich täuschen, er hatte es sich in den Kopf gesetzt, getäuscht zu werden, und er täuschte sich überaus gründlich. Nicht nur waren Gesicht und Figur von Mrs. Landys-Haggert Gesicht und Figur von Alice Chisane, nein, auch die Stimme und die tieferen Töne waren genau die gleichen; ebenso die Redewendungen und kleinen Manierismen in Gang oder Gebärde, die jede Frau hat: sie waren identisch, absolut identisch. Die Kopfhaltung war die gleiche; der müde Ausdruck in den Augen nach einem langen Spaziergang war der gleiche; und einmal – Wunder über Wunder – summte Mrs. Haggert, während Hannasyde im Nebenzimmer auf sie wartete, um sie zu einem Spazierritt abzuholen, Ton für Ton ein altes Lied, genau so wie Alice es Hannasyde einmal in der Dämmerung eines englischen Salons vorgesummt hatte, mit genau dem gleichen, vollen Tremolo in der zweiten Zeile. An der Frau selbst – an ihrer Seele war nicht die geringste Ähnlichkeit zu entdecken; Alice und sie waren von verschiedenem Guß. Trotzdem wollte Hannasyde diese aufreizende, verwirrende Ähnlichkeit in Gesicht, Stimme und Wesen erforschen, sehen und hegen. Er war versessen darauf, so und nicht anders einen Narren aus sich zu machen, und er wurde in keiner Hinsicht enttäuscht.

Offene und unverhohlene Verehrung, einerlei von welchem Manne, ist jeder Frau, einerlei wie sie beschaffen ist, angenehm; da Mrs. Landys-Haggert aber eine Frau von Welt war, wußte sie nicht, was sie von Hannasydes Bewunderung halten sollte.

Keine Mühe schien ihm zu groß – im gewöhnlichen Leben war er ein Egoist – um ihre Wünsche zu erfüllen, ja, wenn möglich, ihnen zuvorzukommen. Jeder ihrer Befehle war ihm Gesetz. Kein Zweifel, er genoß ihre Gesellschaft, solange sie mit ihm über Banalitäten schwatzte. Sobald sie jedoch ihre persönlichen Anschauungen und Klagen – gesellschaftliche kleine Reibereien, die in Simla die Würze des Lebens ausmachen – vorbrachte, war er weder angenehm berührt noch interessiert. Es lag ihm nicht das geringste daran, näheres von Mrs. Landys-Haggert oder ihren vergangenen Erlebnissen zu erfahren – sie hatte fast die ganze Welt bereist und verstand, geistreich zu plaudern – er wollte nur das Ebenbild von Alice Chisane vor Augen und Ohren haben. Alles, was ihn darüber hinaus an eine fremde Persönlichkeit gemahnte, irritierte ihn, und er machte aus seinen Gefühlen kein Hehl.

Eines Abends sagte ihm Mrs. Landys-Haggert vor dem Postgebäude ohne jede vorherige Warnung kurz und bündig ihre Meinung. »Mr. Hannasyde,« sagte sie, »wollen Sie mir bitte gütigst erklären, weshalb Sie sich zu meinem speziellen Cavalier servante ernannt haben? Ich verstehe es nicht; aber ich bin aus irgendeinem Grunde fest überzeugt, daß ich selbst Ihnen vollkommen gleichgültig bin.« Übrigens erscheint das als eine Bestätigung der Theorie, daß kein Mann einer Frau etwas vorlügen kann, ohne entdeckt zu werden. Hannasyde wurde überrumpelt. Seine Stellung war zu keiner Zeit eine sehr feste gewesen, weil er in einem fort nur an sich selbst dachte, und ehe er so recht wußte, was er tat, platzte er mit der deplacierten Antwort heraus: »Das sind Sie mir auch wirklich.«

Das Sonderbare an der Situation und diese Antwort zwangen Mrs. Landys-Haggert zum Lachen. Und jetzt kam die ganze Geschichte heraus, und am Schluß von Hannasydes lichtvoller Erklärung bemerkte Mrs. Haggert mit einem kaum hörbaren Anflug von Verachtung in der Stimme: »Also ich soll Ihnen als Puppe dienen, die Sie mit den Lumpen ihrer alten und brüchigen Liebe bekleiden?«

Hannasyde war sich nicht im klaren, welche Antwort jetzt die richtige war, er erging sich daher in undeutlichen und allgemeinen Lobpreisungen von Alice Chisane, und das war auch nicht gerade befriedigend. Nun ist aber ausdrücklich darauf hinzuweisen, daß Mrs. Haggert auch nicht den Schatten eines wärmeren Gefühls für Hannasyde hegte. Aber … aber keine Frau liebt es, für eine andere, statt um ihrer selbst willen umworben zu werden – besonders wenn die Betreffende eine etwas abgestandene Göttin älteren Jahrgangs ist.

Hannasyde vermochte indes nicht einzusehen, daß er einen ganz besonderen Narren aus sich gemacht hatte. Er freute sich vielmehr, in der Wüstenei von Simla eine mitfühlende Seele getroffen zu haben.

Als die Saison zu Ende war, kehrte Hannasyde nach seinem Wohnort und Mrs. Haggert an den ihrigen zurück. »Es war eigentlich so, wie wenn man einem Gespenst den Hof macht,« sagte sich Hannasyde, »und vollkommen ohne Belang; jetzt werde ich mich an die Arbeit machen.« Allein er ertappte sich dabei, daß er in einem fort an das Haggert-Chisane-Gespenst denken mußte, ohne sich darüber klar werden zu können, ob die Haggert- oder die Chisane-Mischung an diesem reizenden Gespenst überwog.

*

Die Klarheit kam ihm einen Monat später.

Eine besonders charakteristische Eigenschaft dieses Landes ist die Art, in der eine herzlose Regierung ihre Beamten von einem Ende des Reiches nach dem anderen schickt. Niemals kann man überzeugt sein, daß man einen Freund oder Feind endgültig losgeworden ist, bis nicht der oder die Betreffende stirbt. Ich kenne einen Fall – – aber das ist eine andere Geschichte.

Haggerts Abteilung beorderte ihn innerhalb von zwei Tagen von Dindigul nach der Grenze, und er ging – von Dindigul nach seiner neuen Station – und setzte bei jeder Etappe aus seiner eigenen Tasche Geld zu. Seine Frau ließ er unterwegs in Luknow bei Freunden zurück, um an einem großen Ball auf der Chutter Munzil teilzunehmen und ihm nachzureisen, sobald er das neue Haus ein wenig wohnlich gemacht hätte. Luknow war auch Hannasydes Station, und Mrs. Haggert blieb eine Woche dort. Hannasyde ging, um sie vom Bahnhof abzuholen, und als der Zug hereinbrauste, wußte er plötzlich, an welche er den ganzen vergangenen Monat hatte denken müssen. Gleichzeitig ging ihm die Unklugheit seines Verhaltens auf. Die Luknower Woche, in der sie sich auf zwei Bällen trafen und eine unbegrenzte Anzahl Spazierritte machten, war für den Fall entscheidend; Hannasyde merkte plötzlich, daß er in Gedanken ständig folgenden Kreis durchlief: Er bete Alice Chisane an – zum mindesten hatte er sie einmal angebetet. Und er bewundere Mrs. Landys-Haggert, weil sie Alice Chisane gleiche, obwohl sie zehntausendmal reizender sei. Dabei »gehöre« Alice Chisane einem anderen, und Mrs. Landys-Haggert ebenfalls – (obendrein war sie eine gute, anständige Frau). Daher sei er, Hannasyde – – hier gab er sich verschiedene nicht gerade schmeichelhafte Namen und wünschte, er wäre gleich zu Anfang klüger gewesen.

Ob Mrs. Landys-Haggert ahnte, was in seiner Seele vorging, weiß nur sie allein. Er schien, ganz abgesehen von der Chisane-Ähnlichkeit plötzlich ein rückhaltloses Interesse an allem zu nehmen, was sie selbst betraf, und er sagte ein oder zwei Dinge, die Alice Chisane, wenn sie noch mit ihm verlobt gewesen wäre, selbst auf Grund der Ähnlichkeit nicht hätte verzeihen können. Aber Mrs. Haggert tat, als höre sie diese Bemerkungen nicht und setzte Hannasyde ausgiebig auseinander, was für ein Herzenstrost und eine Erquickung sie ihm dank ihrer seltsamen Ähnlichkeit mit seiner alten Liebe gewesen wäre. Und Hannasyde stöhnte beim Reiten in sich hinein und sagte: »Da haben Sie wirklich recht.« Dann beschäftigte er sich mit Vorbereitungen für ihre Abreise nach der Grenze und fühlte sich dabei ganz ungewöhnlich klein und unglücklich.

Es kam der letzte Tag ihres Aufenthaltes in Luknow und Hannasyde brachte sie zum Bahnhof. Sie war sehr dankbar für seine Güte und für all die Mühe, die er sich ihretwegen gemacht hatte und lächelte freundlich und voller Mitgefühl, wie jemand, der sich des Alice-Chisane Grundes dieser Güte vollauf bewußt ist. Und Hannasyde schalt die Kulis, die das Gepäck trugen, und schob die Leute auf dem Bahnsteig beiseite und flehte innerlich zum Himmel, daß das Dach einstürzen und ihn erschlagen möchte.

Als der Zug sich langsam in Bewegung setzte, lehnte sich Mrs. Landys-Haggert zum Fenster hinaus, um Hannasyde Lebewohl zu sagen: – »Übrigens fällt mir da ein, Mr. Hannasyde, ich reise ja im Frühjahr nach England; vielleicht sehen wir uns dann auf der Durchreise. Also sage ich nur auf Wiedersehen.«

Hannasyde schüttelte ihr die Hand und erwiderte sehr ernst und in tiefster Verehrung: – »Ich hoffe zu Gott, daß ich Ihr Gesicht nie wieder sehen werde!«

Und Mrs. Haggert verstand ihn.

Wressley vom Auswärtigen Amt

Wressley vom Auswärtigen Amt

Einer der Flüche unseres Lebens hier draußen ist – im malerischen Sinne gesprochen – der völlige Mangel an Atmosphäre. Es gibt bei uns keine nennenswerten Halbtöne. Die Menschen heben sich alle kraß und roh gegen den Horizont ab; es gibt nichts, das einen versöhnlichen Schimmer über sie würfe, nichts, gegen das man sie messen könnte. Sie verrichten ihre Arbeit und fangen allmählich an zu glauben, daß es außer ihrer Arbeit nichts gibt, ja, daß nichts über die Arbeit geht und daß sie selbst der Mittelpunkt sind, um den sich die ganze Verwaltung dreht. Hier ein Beispiel! Ein eurasischer Schreiber war an einer Kasse angestellt, um Formulare auszufüllen. Er bemerkte zu mir: »Wissen Sie, was passieren würde, wenn ich auf diesem Bogen eine einzige Zeile hinzufügte oder wegließe?« Und im Tone eines Verschwörers fügte er hinzu: »Sämtliche Zahlungen des Schatzamtes im ganzen weiten Umkreis des Gouvernements würden in Unordnung geraten! Stellen Sie sich das einmal vor!«

Hätten die Menschen nicht diese Illusion von der alles überragenden Wichtigkeit ihrer eigenen speziellen Arbeit, ich glaube, sie setzten sich eines schönen Tages hin und machten ihrem Leben ein Ende. Aber ihre Schwäche ist mitunter lästig, besonders wenn der Zuhörer sich darüber klar ist, daß er an genau dem gleichen Fehler leidet.

Selbst das Indische Sekretariat glaubt, daß es Gutes tut, wenn es einen überarbeiteten Beamten von der Exekutive auffordert, in einem Distrikt von fünftausend Quadratmeilen eine statistische Erhebung über den Kornwurm anzustellen.

Es war einmal ein Mann vom Auswärtigen Amt – ein Mann, der in seinem Dienste bereits die mittleren Lebensjahre erreicht hatte, und von dem respektlose junge Unterbeamten behaupteten, er könne Aitchisons »Verträge und Sunnuden« nachts im Schlafe von hinten nach vorne auswendig aufsagen. Was er mit seinem aufgespeicherten Wissen tat, wußte allein der Staatssekretär, und der spürte begreiflicherweise keinerlei Neigung, darüber etwas verlauten zu lassen. Dieses Mannes Name lautete Wressley, und es war seinerzeit zu einer stehenden Redensart geworden, zu behaupten, daß Wressley über die Staaten von Mittelindien besser Bescheid wüßte, als sonst irgendeine lebende Seele auf Erden. Wer das nicht erklärte, galt für einen Mann von beschränktem Verstände.

Heutzutage ist der Mann, der behauptet, das wirre Gewebe zwischenstammlicher Beziehungen jenseits der Grenze zu kennen, ein nützlicheres Individuum, aber zu Wressleys Zeit wurde viel Aufmerksamkeit auf die mittelindischen Staaten verwandt. Sie wurden als »Foci« und »Faktoren« bezeichnet, kurz, erhielten alle möglichen und unmöglichen Namen.

Und hier machte sich der Fluch anglo-indischen Lebens heftig fühlbar. Wenn Wressley seine Stimme erhob und über diese und jene Erbfolge von diesem und jenem Throne sprach, schwieg das ganze Auswärtige Amt, und die Departementchefs wiederholten nur die letzten zwei, drei Worte Wressleys und setzten ihr »Ja, ja« darunter in dem erhabenen Gefühl, daß sie »das Reich in seinen schweren politischen Entscheidungen« unterstützten. So ist es aber in fast allen großen Betrieben: ein oder zwei Leute verrichten die Arbeit, während die anderen daneben sitzen und reden, bis der Ordenssegen sich über sie ergießt.

Wressley war der aktive Teilhaber der Firma »Auswärtiges Amt«, und um ihn bei der Stange zu halten, wenn er Spuren der Ermüdung zeigte, verhätschelten ihn seine Vorgesetzten und rieben es ihm unter die Nase, was er für ein Prachtkerl sei. In Wahrheit hatte er einen Sporn gar nicht nötig, denn er war ein zäher Bursche; was er jedoch an Lob erhielt, bestätigte ihn in der Meinung, daß es auf der Welt niemanden gäbe, so absolut und zwingend unentbehrlich für den Bestand des Indischen Reiches wie Wressley vom Auswärtigen Amt. Er arbeitete damals unter einem Vizekönig, der genau wußte, wann es an der Zeit war, einen widerspenstigen großen Mann zu »streicheln« und einen im Joch schwitzenden müden, kleinen zu ermutigen; folglich arbeiteten seine sämtlichen Gespanne glatt und reibungslos. Wressley gab er die oben geschilderte Meinung von sich selbst, und sogar zähe Burschen werden mitunter von den Lobpreisungen eines Vizekönigs ein wenig aus ihrer Bahn geworfen. Es war einmal ein Mann – – – aber das ist eine andere Geschichte.

Ganz Indien kannte Wressleys Name und Amt – beide standen sogar in Thacker und Spinks Auskunftsbuch verzeichnet – aber was er als Mensch war, was er eigentlich tat und welches seine besonderen Meriten waren – das wußten und darum kümmerten sich noch keine fünfzig Seelen. Seine Arbeit füllte sein Leben aus und er fand keine Zeit, Bekanntschaften zu pflegen, ausgenommen die von toten Rajput-Häuptlingen mit einem »Ahir« Fleck auf ihrem Wappenschild. Wressley hätte einen vorzüglichen Clerk im Heroldsamt abgegeben, hätte er nicht im bengalischen Zivildienst gestanden.

Eines Tages – zwischen zwei Gängen auf’s Amt – traf Wressley ein großes Unglück; es traf und überwältigte ihn, warf ihn wie einen kleinen Schuljungen einfach über den Haufen, so daß er keuchend und nach Luft ringend auf dem Kampfplatz zurückblieb. Ohne jeden Grund und entgegen den Gesetzen der Vorsicht verliebte er sich auf den ersten Blick in ein frivoles, goldhaariges Mädchen, das auf einem langbeinigen, grobknochigen Wallach mit einer blausamtenen Jockeimütze tief in die Stirn geschoben die Simlaer Hauptstraße auf und ab zu jagen pflegte. Sie hieß Venner – Tillie Venner – und war reizend. Sie eroberte Wressleys Herz im kurzen Galopp, und Wressley entdeckte, daß es nicht gut sei, daß der Mensch allein bleibe; selbst wenn er die Hälfte der Akten des Auswärtigen Amts in seinen Schränken liegen hat.

Dann lachte ganz Simla, denn Wressley als Verliebter bot einen lächerlichen Anblick. Er tat sein Möglichstes, um das Mädchen für sich – das heißt für seine Arbeit – zu interessieren – und auch sie gab sich, nach Weiberart, die größte Mühe, Interesse zu zeigen für das, was sie hinter seinem Rücken als »Mr. Wressleys Wajahs« bezeichnete: sie hatte eine sehr hübsche Art zu lispeln. Sie verstand auch nicht das Geringste von alledem, heuchelte aber Verständnis. Männer haben auch schon vor Wressleys Zeit auf jenen bloßen Schein hin geheiratet.

Jedoch die Vorsehung wachte über Wressley. Er war ganz betroffen von Miß Venners Intelligenz. Er wäre noch betroffener gewesen, hätte er gehört, wie sie privatim und im Vertrauen seine Besuche schilderte. Er hatte eine sonderbare Auffassung von der Art, wie man um Mädchen wirbt. Er meinte, ein Mann sollte ihnen das Beste, was er in seinem Leben geleistet hätte, ehrfurchtsvoll zu Füßen legen. Ich glaube, Ruskin schreibt irgendwo dasselbe; im gewöhnlichen Leben jedoch sind ein paar Küsse wirksamer und weniger zeitraubend.

Etwa einen Monat nachdem er sein Herz an Miß Venner verloren hatte – die Folge war, daß er seine Arbeit elend vernachlässigte – kam Wressley der erste Gedanke zu seinem »Eingeborenenregime in Mittelindien« und erfüllte ihn mit Freude. So, wie er den Plan des Buches entwarf, mußte es ein großes Buch werden – sein Lebenswerk – ein wirklich umfassendes Werk über einen ungemein, fesselnden Gegenstand, geschrieben auf Grund all der mühsam erworbenen Spezialkenntnisse Wressleys vom Auswärtigen Amt rein Geschenk für eine Kaiserin.

Miß Venner sagte er, er beabsichtige Urlaub zu nehmen und hoffe, ihr bei seiner Rückkehr ein ihrer würdiges Geschenk mitbringen zu können. Würde sie wohl bereit sein, solange zu warten? Natürlich war sie bereit! Wressley bezog ein Gehalt von eintausendsiebenhundert Rupien im Monat. Dafür wartete sie, wenn nötig, ein Jahr. Ihre Mama half ihr sogar dabei.

Also nahm Wressley Urlaub auf ein Jahr sowie sämtliche verfügbaren Dokumente – es war ungefähr eine Wagenladung voll – und zog, seinen Kopf heiß von großen Gedanken, nach Mittelindien. Er begann sein Werk in dem Lande, von dem er schrieb. Eine allzu ausgedehnte Amtstätigkeit hatte ihn zu einem kalten Arbeiter gemacht; und er hatte wohl geahnt, daß er für seine Palette der lebendigen Macht des Lokalkolorits bedurfte. Ein gefährlicher Farbstoff für die Versuche eines Amateurs!

Der Himmel allein weiß, wie der Mann arbeitete! Er sammelte seine Rajahs, analysierte seine Rajahs und verfolgte sie samt ihren Gattinnen und Konkubinen bis in prähistorische Zeiten und noch weiter zurück. Er datierte und konterdatierte, pedigrierte und pedigrierte noch einmal, eruierte und kritisierte, inferierte, notierte, kombinierte, selektrierte, sortierte und klassifizierte zehn Stunden am Tage. Und weil dieser neue und unverhoffte Glanz der Liebe ihn umspielte, verwandelte er jenes tote Gebein und die unsaubere Geschichte vergangener Missetaten in etwas, über das man nach Wressleys Willen lachen oder weinen mußte. Sein Herz und seine Seele lebten in seiner Feder und flößen in die Tinte über. Für die Dauer von zweihundertunddreißig Tagen und Nächten war er ein Wesen mit Mitgefühl, Einsicht, Humor und Stil, und sein Buch wurde ein Buch. Ihm standen seine ungeheuren Spezialkenntnisse zur Verfügung, aber der Geist, der aus ihm atmete, der menschlich verstehende Funke, die Poesie und die Gewalt der Rede waren über jede Spezialkenntnis erhaben. Ich zweifle indes, ob er der Gabe, die ihm gewährt war, wirklich inne wurde; so ist es immerhin möglich, daß er seines Glücksgefühls zum Teil verlustig ging. Er arbeitete ja für Tillie Venner, nicht für sich selbst. Männer leisten nicht selten ihre beste Arbeit blind,»um eines anderen Menschen willen.

Außerdem kann man – eine Bemerkung, die nichts mit dieser Geschichte zu tun hat – überall in Indien, wo jeder jeden kennt, Männer beobachten, die unter dem Banne einer Frau aus Reih und Glied hinaus auf Einzelposten getrieben werden. Taugt der Betreffende was, so wird er, einmal in Bewegung gesetzt, weitermarschieren; aber der Durchschnittsmensch kehrt, sobald die Frau an seinen Erfolgen als Tribut ihrer Macht das Interesse verloren hat, in Reih und Glied zurück.

Wressley brachte das erste Exemplar seines Buches nach Simla mit und überreichte es errötend und stotternd Miß Venner. Sie las einen kleinen Teil daraus. Ihre Kritik gebe ich verbatim wieder: »Ach ja, Ihr Buch! Es handelt ja nur von jenen scheußlichen Wajahs! Ich habe es nicht verstanden.«

*

Wressley vom Auswärtigen Amt war erledigt, zerbrochen ich übertreibe nicht – durch dieses eine frivole, dumme kleine Mädchen. Er vermochte nur noch zu stammeln: »Aber – aber es ist mein magnum opus! Mein Lebenswerk!« Miß Venner wußte nicht, was er mit magnum opus sagen wollte, aber sie wußte, daß Hauptmann Kerrington bei der letzten Ghymkhana drei Rennen gewonnen hatte. Wressley ersuchte sie, hinfort nicht mehr auf ihn zu warten. So viel Verstand war ihm noch geblieben.

Dann kam die Reaktion auf eine einjährige Überanstrengung, und Wressley kehrte in das Auswärtige Amt und zu seinen »Wajahs« zurück, ein kompilierender, Exzerpte machender, Berichte schreibender Tagelöhner, der schon mit dreihundert Rupien im Monat überbezahlt gewesen wäre. Er ließ es bei Miß Venners Kritik bewenden; das beweist, daß die Inspiration seines Buches, eine rein vorübergehende war und mit ihm selbst nichts zu tun hatte. Trotzdem hatte er kein Recht, fünf Bücherkisten voll des besten Werkes über indische Geschichte, das je geschrieben wurde, die er mit ungeheuren Kosten den ganzen Weg von Bombay hatte kommen lassen, unterwegs in irgendeinem kleinen Gebirgssee zu versenken.

Als er wenige Jahre später kurz vor seinem Rücktritt seinen Haushalt auflöste, sah ich mir seine Bibliothek durch und stieß dabei auf das einzige noch existierende Exemplar seines »Eingeborenenregimes in Mittelindien« – das Exemplar, das Miß Venner nicht hatte verstehen können. Ich las es, auf seinen Koffern sitzend, die ganze Nacht hindurch und bot ihm an, dafür zu zahlen, was er haben wollte. Er durchflog, über meine Schulter gebeugt, ein paar Seiten und sagte dann müde:

»Wie zum Teufel bin ich dazu gekommen, einmal so was Anständiges zu schreiben?«

Und zu mir gewandt fügte er hinzu:

»Nehmen Sie ’s und behalten Sie ’s. Schreiben Sie eine Ihrer Penny-Geschichten über seine Entstehung. Vielleicht – vielleicht – war der ganze Fall überhaupt nur bestimmt, diesem Zwecke zu dienen.«

Und das schien mir, der ich wußte, was Wressley vom Auswärtigen Amt einmal gewesen war, so ziemlich das Bitterste, das ich je einen Mann über sein eigenes Werk habe sagen hören.

Eine mündliche Botschaft

Eine mündliche Botschaft

Diese Geschichte mag von denen erklärt werden, die wissen, aus welchem Stoff die menschliche Seele ist und wo die Grenze des Möglichen liegt. Ich habe lang genug in diesem Lande gelebt, um zu wissen, daß man nichts weiß, und kann daher nur berichten, was sich ereignete.

Dumoise war unser Zivilarzt in Meridki; wir nannten ihn »die Maus«, weil er klein, rundlich und still war. Er war ein guter Arzt und kam mit jedem gut aus, sogar mit dem stellvertretenden Regierungskommissar, der die Manieren eines Schifferknechts und den Takt eines Regimentsgauls besaß. Dumoise heiratete ein Mädchen, so rund und still wie er selbst. Sie war eine Miß Hillardyce, die Tochter von »Squash« Hillardyce, der aus Versehen seines Chefs Tochter zur Frau erhielt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Flitterwochen dauern in Indien nur selten länger als acht Tage, indes steht es jedem jungen Paare frei, sie auf zwei, drei Jahre auszudehnen. Indien ist für Eheleute, die ganz ineinander aufgehen, ein ideales Land. Niemand hindert sie, allein für sich, ohne Verkehr, zu leben – wie »die Mäuse« das taten. Dieses stille, kleine Pärchen zog sich nach der Hochzeit vor der Welt zurück und war sehr glücklich. Zwar sahen sie sich gezwungen, gelegentlich einmal eine Gesellschaft zu geben, aber sie schlössen sich niemandem an, und die Station ging ihre eigenen Wege und vergaß die beiden ganz; nur von Zeit zu Zeit bemerkte jemand so nebenbei: »die Maus« wäre ein vorzüglicher Kerl, aber ein wenig langweilig. Um die Wahrheit zu sagen, ein Zivilarzt, der sich mit jedem verträgt, ist eine Seltenheit und wird als solche entsprechend gewürdigt. Jedoch nur wenige Menschen können es sich leisten, Robinson Crusoe zu spielen – am wenigsten in Indien, wo wir Europäer spärlich sind und ganz besonders von der Hilfsbereitschaft anderer abhängen. Dumoise tat unrecht, sich ein Jahr lang vor der Welt zu verschließen, und er entdeckte seinen Fehler, als mitten in der kalten Jahreszeit auf der Station eine Typhusepidemie ausbrach, an der auch seine Frau erkrankte. Dumoise war ein scheues, zurückhaltendes Kerlchen, und fünf Tage vergingen in Untätigkeit, ehe er erkannte, daß seine Frau an etwas Schlimmerem als einfachem Fieber ausbrannte, und drei weitere Tage verstrichen, bevor er es wagte, Mrs. Shute, die Frau des Ingenieurs, aufzusuchen und ihr schüchtern seine Not zu gestehen. Fast jeder Haushalt in Indien weiß, daß die Ärzte dort dem Typhus gegenüber machtlos sind. Der Kampf muß in solchen Fällen zwischen der Pflegerin und dem Tode ausgefochten werden, Minute für Minute, Grad für Grad. Mrs. Shute hätte Dumoise »wegen seiner verbrecherischen Saumseligkeit« auch fast geohrfeigt und machte sich unverzüglich auf den Weg, das arme Ding zu pflegen. In jenem Winter hatten wir in unserer Station verschiedene Typhusfälle, und da die durchschnittliche Sterbeziffer ungefähr fünf zu eins beträgt, waren wir überzeugt, jemanden unter uns verlieren zu müssen. Aber wir taten alle unser Möglichstes. Die Frauen wachten bei den Frauen, und die Männer machten sich ans Werk und pflegten die Junggesellen, die daniederlagen. Sechsundfünfzig Tage lang rangen wir mit jenen Fällen und brachten sie im Triumph durch das Tal der Schatten. Und gerade, als wir glaubten, nun wäre die Sache endlich vorbei und einen kleinen Ball geben wollten, um den Sieg zu feiern, bekam die kleine Mrs. Dumoise einen Rückfall und starb innerhalb einer Woche, und die Station ging statt dessen zu ihrem Begräbnis. Dumoise brach am Grabe vollständig zusammen und mußte schließlich weggeführt werden.

Nach dem Tode verkroch sich Dumoise in sein Haus und verweigerte jeden Trost. Er ging zwar nach wie vor gewissenhaft seinen Pflichten nach, aber wir alle hatten das Empfinden, daß er unbedingt Urlaub nehmen müsse, und seine Kollegen vom Dienst gaben ihm das auch zu verstehen. Dumoise bedankte sich sehr für ihren freundlichen Vorschlag – er war in jenen Tagen für alles dankbar – und ging auf eine Wandertour nach Chini. Chini liegt einige zwanzig Tagesmärsche von Simla entfernt im Herzen der Berge, und die dortige Szenerie ist sehr wohltuend für Menschen in innerlicher Not. Man wandert durch große, schweigende Deodarwälder am Fuße von großen, schweigenden Felsklippen und über große schweigende Almen, wogend und schwellend wie ein Frauenbusen, und der Regen, der auf die Deodare niederfällt, sagt: »Still, still, still.« So wurde der kleine Dumoise nach Chini expediert, um in Begleitung einer großen Plattenkamera und eines Jagdgewehrs seinen Kummer niederzukämpfen. Außerdem nahm er noch einen völlig überflüssigen Träger mit, weil der Bursche seiner Frau Lieblingsdiener gewesen war. Er war zwar ein Faulpelz und ein Dieb, aber Dumoise traute ihm rückhaltslos.

Auf dem Rückwege von Chini machte Dumoise einen Abstecher nach Bagi durch die Waldschläge am Ausläufer des Mount Huttoo. Einige Menschen, die schon mehr als ein wenig in der Welt herumgekommen sind, behaupten, der Weg von Kotegarh nach Bagi sei einer der schönsten dieser Erde. Er führt durch dunkle, nasse Wälder und gipfelt ganz plötzlich in einem öden, kargen Berghang mit schwarzen Klippen. Der Bagi Dak-Bungalow ist gegen alle Stürme ungeschützt und bitter kalt. Nur wenige Menschen kommen nach Bagi; vielleicht war das der Grund, weshalb Demoise dort hinging. Er machte um sieben Uhr abends Rast, und sein Träger eilte den Berg hinunter ins Dorf, um für den nächsten Tagesmarsch Kulis zu engagieren. Die Sonne war bereits untergegangen und die Nachtwinde begannen zwischen den Felsen zu singen und zu summen. Dumoise lehnte sich gegen das Verandageländer und wartete auf die Rückkehr seines Trägers. Der Mann war kaum verschwunden, da kehrte er auch schon in solcher Hast zurück, daß Dumoise glaubte, ein Bär wäre ihm über den Weg gelaufen. Der Bursche jagte, so rasch er nur konnte, den Berg hinauf.

Aber kein Bär war da, um dieses Entsetzen zu erklären. Der Mann stürzte auf die Veranda und fiel der Länge nach hin, das Gesicht aschgrau, während Blut ihm aus der Nase strömte. Dann stieß er gurgelnd hervor: »Ich habe die Memsahib gesehen! Ich habe die Memsahib gesehen!

»Wo?« fragte Dumoise.

»Dort unten auf dem Weg zum Dorfe. Sie trug ein blaues Kleid und lüftete den Schleier ihres Hutes und sagte: ›Ram Dass, überbringe dem Sahib meine Salaams und melde ihm, daß ich ihn nächsten Monat in Nuddea treffen werde.‹ Dann lief ich, weil ich mich fürchtete.«

Was Dumoise darauf sagte oder tat, weiß ich nicht. Ram Dass erklärt, er hätte nichts geantwortet, sondern sei die ganze kalte Nacht auf der Veranda auf und ab geschritten, wartend, daß die Memsahib den Berg hinauf zu ihm komme, und hätte wie ein Wahnsinniger die Arme in das Dunkel hinausgestreckt. Aber keine Memsahib kam, und am folgenden Tage ging Dumoise weiter nach Simla, stündlich den Träger einem neuen Kreuzverhör unterwerfend.

Ram Dass vermochte nur zu wiederholen, er hätte Mrs. Dumoise getroffen, und sie hätte ihren Schleier gelüftet und ihm die Botschaft aufgetragen, die er getreulich ausgerichtet hätte. An dieser Darstellung hielt Ram Dass fest. Er wußte nicht, wo Nuddea lag und besaß auch keine Freunde in Nuddea und wäre, selbst wenn man seinen Lohn verdoppelt hätte, unter keinen Umständen nach Nuddea gegangen.

Nuddea liegt in Bengalien, und ein im Pandschab angestellter Arzt hat nicht das Geringste mit Nuddea zu schaffen. Die Reise von dort nach Meridki mißt über zwölfhundert Meilen.

Dumoise marschierte ohne weiteren Aufenthalt bis Simla durch und kehrte von dort nach Meridki zurück, um den Kollegen abzulösen, der ihn während seiner Tour vertreten hatte. Es galt noch ein paar Rechnungen auszugleichen und einige Anweisungen des Generalarztes zu notieren, kurz, die Übernahme dauerte einen ganzen Tag. Am Abend erzählte Dumoise seinem Locum tenens – einem alten Freunde aus seiner Junggesellenzeit – was sich in Bagi ereignet hatte, und der Freund erklärte, Ram Dass hätte, wenn er schon einmal mit dergleichen Dingen anfange, doch ebensogut Tuticorin vorschlagen können.

Im gleichen Augenblick erschien der Telegraphenbote mit einem Telegramm aus Simla, in dem Dumoise angewiesen wurde, gar nicht erst die Station in Meridki zu übernehmen, sondern sofort in besonderer Mission nach Nuddea weiterzureisen. In Nuddea war eine häßliche Choleraepidemie ausgebrochen, und die bengalische Regierung hatte sich, wie immer, in Ermangelung der erforderlichen Anzahl Ärzte, eine Kraft aus dem Pandschab geborgt.

Dumoise warf das Telegramm über den Tisch weg dem anderen hin und fragte: »Nun?«

Der andere sagte gar nichts. Was sollte er schließlich auch sagen?

Dann fiel ihm ein, daß Dumoise ja auf dem Wege nach Bagi Simla hatte passieren müssen, und daß ihm dort vielleicht etwas von der bevorstehenden Versetzung zu Ohren gekommen wäre.

Er versuchte, die Frage und den dahinter stehenden Verdacht zu formulieren, aber Dumoise fiel ihm ins Wort: »Hätte ich das gewollt: ich wäre gar nicht erst aus Chini zurückgekehrt. Ich befand mich dort auf einer Jagdexpedition. Ich wünsche im Gegenteil weiterzuleben, da ich noch allerhand zu leisten habe … obwohl mir das andere ebenso lieb ist.«

Der Kollege neigte den Kopf und half Dumoise in der Abenddämmerung die eben erst geöffneten Koffer packen. Da trat Ram Dass mit der Lampe ein.

»Wohin reisen der Sahib?« fragte er.

»Nach Nuddea,« antwortete Dumoise leise.

Ram Dass umklammerte Dumoises Knie und Stiefel und flehte ihn an, nicht zu gehen. Ram Dass weinte und heulte, bis er aus dem Zimmer gewiesen werden mußte. Dann packte er seine Habseligkeiten zusammen und kehrte noch einmal zurück, um seinen Herrn um ein Zeugnis zu bitten. Er wollte nicht mit nach Nuddea, um dort seinen Sahib sterben zu sehen und vielleicht selbst sterben zu müssen.

So zahlte Dumoise ihm seinen Lohn und reiste allein nach Nuddea, nachdem der andere Arzt von ihm wie von einem zum Tode Verurteilten Abschied genommen hatte.

Elf Tage später gesellte sich Dumoise zu seiner Memsahib, und die bengalische Regierung mußte sich einen neuen Arzt borgen, um die Epidemie in Nuddea zu bekämpfen. Der erste lag tot in dem Chooadanga Dak-Bungalow.

Die Flucht der Weißen Husaren

Die Flucht der Weißen Husaren

Manche Menschen glauben, ein englisches Kavallerieregiment verstünde sich nicht aufs Ausreißen. Das ist ein Irrtum. Ich habe vierhundertundsiebenunddreißig Lanzen in wildem Entsetzen nach allen Richtungen davonjagen sehen – habe erlebt, daß das beste Regiment, das jemals zu Pferde gesessen, für die Dauer von zwei Stunden aus der Armeeliste gelöscht war. Sollte man jedoch die Geschichte den Weißen Husaren wiedererzählen, man liefe, glaube ich, Gefahr, etwas unfreundlich aufgenommen zu werden. Sie sind nicht gerade stolz auf die Begebenheit.

Man kann die Weißen Husaren an ihrer Einbildung erkennen, die größer ist als die sämtlicher anderer Kavallerieregimenter auf der Kommandorolle. Falls das nicht genügt, kann man sie an ihrem alten Kognak erkennen. Der gehört seit sechzig Jahren zum Bestand ihres Kasinos und verdient, daß man eine Reise macht, um ihn zu kosten. Man verlange den alten »MacGaire« Kognak und achte darauf, daß man den richtigen bekommt. Falls der Kasino-Unteroffizier einen für ungebildet hält und der Meinung ist, man verstünde den echten nicht genügend zu würdigen, wird man dementsprechend von ihm behandelt. Der Unteroffizier ist ein wackerer Mann. Aber ich warne jeden, als Gast am Regimentstisch von Parforce-Märschen oder Distanzritten zu reden. Die Offiziere sind ungemein empfindlich, und werden das jedem, der sie, ihrer Meinung nach, auslacht, auch zu verstehen geben.

Wie die Weißen Husaren behaupten, ist der Regimentskommandeur an allem schuld. Er war ein neuer und hätte das Kommando niemals übernehmen dürfen. Er behauptete, das Regiment sei ihm nicht schneidig genug. Das mußte den Weißen Husaren passieren, von allen Regimentern der Welt den Weißen Husaren, die wußten, daß sie jede Truppe auf Gottes Erdboden – Kavallerie, Artillerie oder Infanterie – über–, nieder– und in Stücke reiten konnten. Diese Beleidigung war das erste, das sie ihrem Kommandeur übelnahmen.

Dann kassierte er das Paukenpferd – das Paukenpferd der Weißen Husaren! Vielleicht begreift man im ersten Augenblick nicht das unsagbare Verbrechen, das er damit beging. Die Seele eines jeden Regiments lebt in dem Paukenpferd, das die silbernen Kesselpauken trägt. Es ist fast immer ein großer, scheckiger Wallach. Letzteres ist Ehrensache, und jedes Regiment ist bereit, jede beliebige Summe auf einen Schecken zu verwenden. Der jedoch ist dann über die gewöhnlichen Gesetze der Kassation erhaben und seines Wohlergehens sicher, so lange er ausrücken kann und dem Regiment Ehre macht. Er versteht zuletzt auch mehr von Regimentssachen als der Adjutant selbst und könnte, auch wenn er es wollte, keinen Fehler mehr begehen.

Das Paukenpferd der Weißen Husaren war erst achtzehn Jahre alt und allen seinen Pflichten noch vollauf gewachsen. Von rechtswegen stand ihm noch eine sechsjährige Dienstzeit bevor, und es bewegte sich mit dem Pomp und der Würde eines Tambour–Majors von der Garde. Das Regiment hatte 1200 Rupien dafür bezahlt.

Aber der Oberst erklärte, der Gaul hätte zu verschwinden und so wurde er in aller Form kassiert und durch einen verwaschenen Fuchs ersetzt, der so häßlich wie ein Maultier war, und den Hals eines Schafs, einen Rattenschwanz und die Häcksen einer Kuh hatte. Der Trommler haßte das Vieh, und die besseren Pferde von der Regimentskapelle legten ihre Ohren zurück und zeigten ihm das Weiße ihrer Augen, wann immer sie es zu Gesicht bekamen. Sie hatten es auf den ersten Blick als Emporkömmling und Plebejer erkannt. Ich glaube, des Obersten Schneid erstreckte sich auch auf die Regimentskapelle, und er wünschte, daß sie an den regulären Parade–Manövern teilnähme. Eine Kavallerie–Kapelle jedoch ist heilig. Sie rückte nur bei Paraden vor dem Höchstkommandierenden aus, und der Regimentskapellmeister ist eine Persönlichkeit, noch um einen Grad bedeutender als der Oberst selbst. Er ist ein Hohepriester, und das »Keel Row« ist sein heiliger Gesang. Das »Keel Row« ist die Melodie für den Parademarsch im Trab, und wer seine Klänge nicht laut und schrill das Getrappel des beim Salut vorbeitrabenden Regiments hat übertönen hören, dem stehen noch einige akustische und seelische Erfahrungen bevor.

Als der Oberst das Paukenpferd der Weißen Husaren kassierte, hätte es beinah eine Meuterei gegeben.

Das Offizierskorps war böse, das Regiment wütend und die Kapelle fluchte … wie eben nur Kavalleristen fluchen können. Das Paukenpferd sollte versteigert – öffentlich versteigert werden, damit womöglich ein Parse es kaufte und vor einen Karren spannte! Das war schlimmer, als hätte man die internen Angelegenheiten des Regiments vor aller Welt bloßgelegt oder das Kasinosilber einem Juden – einem schwarzen Juden – verkauft!

Der Oberst war ein kleinlicher Mann und ein Tyrann. Er wußte, wie das Regiment über sein Verhalten dachte; als dann gar die Mannschaft sich erbot, das Paukenpferd zu kaufen, erklärte er, ihr Vorhaben grenze an Meuterei und sei reglementswidrig.

Aber einer der Leutnants – Hogan-Yale, ein Irländer – erstand das Paukenpferd bei der Auktion für einhundertsechzig Rupien, und der Oberst tobte. Yale heuchelte Reue – er war unnatürlich gefügig – und erklärte, er hätte das Pferd nur gekauft um es vor eventuellen Mißhandlungen und dem Hungertode zu retten; er würde es auf der Stelle erschießen und damit der Sache ein Ende machen. Das schien den Obersten zu beruhigen, denn er wollte, daß das Paukenpferd aus der Welt geschafft würde. Er fühlte, er hatte einen Fehler begangen, konnte das aber selbstverständlich nicht zugeben. Inzwischen irritierte ihn die Gegenwart des Paukenpferdes.

Yale holte sich ein Glas des berühmten alten Kognaks, drei Zigarren und seinen Freund Martyn; alle zusammen verließen das Kasino. Yale und Martyn konferierten zwei Stunden lang auf Yales Bude; aber nur der Bullterrier, der über Yales Stiefelleisten wacht, weiß, was sie besprachen. Zum Schluß verließ ein bis zu den Ohren verdecktes und verhülltes Pferd Yales Stallungen, um sehr gegen seinen Willen nach den Zivilquartieren herübergebracht zu werden. Yales Reitknecht begleitete es. Darauf brachen zwei Männer in die Theaterrequisitenkammer des Regiments ein und entwendeten eine ganze Reihe von Farbtöpfen und einige große Pinsel für Dekorationsmalerei. Und schließlich senkte sich Nacht herab auf die Kasernen, und in Yales Stall entstand ein Lärm, wie wenn ein Pferd seine Box in lauter Splitter zerstampfte. Yale besaß ein Packpferd, einen großen, weißen Wallach.

Der folgende Tag war Donnerstag, und als die Mannschaft hörte, Yale wolle am Abend das Paukenpferd erschießen, beschloß sie, dem alten Tier ein regelrechtes militärisches Begräbnis zu gewähren – ein besseres, als sie im Augenblick dem Obersten gegeben hätte, wäre er dann gerade gestorben. Die Leute holten also einen Ochsenwagen, ein Stück Sackleinwand und ganze Berge von Rosen, und der Kadaver wurde, bedeckt von der Leinewand, an den Ort überführt, wo sonst die an Milzbrand verendeten Pferde verbrannt wurden, während zwei Drittel des Regiments ihm das Geleit gab. Die Musik spielte zwar nicht, aber alle sangen »Der Ort, wo der alte Gaul starb«, was ihnen in Anbetracht der Gelegenheit passend und pietätvoll erschien. Als die Leiche ins Grab gelegt wurde und die Leute ganze Arme voll Rosen über sie ausschütteten, stieß der Regimentshufschmied einen saftigen Fluch aus und bemerkte laut: »Das ist so wenig unser Paukenpferd wie ich es bin!« Da fragte ihn der Wachtmeister des fünften Zuges, ob er seinen Kopf vielleicht in der Kantine gelassen hätte? Aber der Regimentshufschmied erklärte, er kenne des Paukenpferds Beine so genau wie seine eigenen; er schwieg jedoch, als er auf dem armen, steif ausgestreckten Vorderhufe die Regimentsnummer eingebrannt sah.

So wurde das Paukenpferd der Weißen Husaren begraben, während der Regimentshufschmied murrte. Die Sackleinewand, die den Kadaver bedeckte, war stellenweise mit schwarzer Farbe beschmiert, und der Hufschmied lenkte des Wachtmeisters Aufmerksamkeit auf diese Tatsache. Aber der Wachtmeister versetzte ihm einen kräftigen Tritt gegen das Schienbein und meinte, er sei ohne Zweifel betrunken.

Am Montag nach dem Begräbnis rächte sich der Oberst an den Weißen Husaren. Da das Pech es wollte, daß er im Augenblick das Garnisonskommando führte, befahl er für diesen Tag eine Brigadefelddienstübung. Er erklärte, er würde das Regiment »für seine verdammte Unverschämtheit schon schwitzen lassen«, und er führte sein Vorhaben gründlich durch. Jener Montag war einer der härtesten Tage, deren die Weißen Husaren sich erinnern können. Sie wurden gegen einen vermeintlichen Feind geschickt, vorgeschoben, zurückgezogen, von ihren Pferden runterkommandiert und in einem staubigen Gelände auf jede nur mögliche, vorschriftsmäßige Weise gezwiebelt, bis ihnen der Schweiß aus allen Poren rann. Das einzige Amüsement kam erst gegen Abend, als sie eine Batterie reitende Artillerie überrumpelten und zwei Meilen weit verfolgten. Das war eine persönliche Angelegenheit, und der größte Teil der Mannschaft hatte Wetten darauf gesetzt, wobei die Artilleristen ganz offen behaupteten, sie wären den Weißen Husaren über. Darin täuschten sie sich jedoch. Der Vorbeimarsch bildete den Schluß dieses Feldzuges, und als das Regiment in die Quartiere zurückkam, waren die Leute von den Sporen bis zu den Kinnriemen mit Schmutz bedeckt.

Die Weißen Husaren besitzen ein großes und ganz spezielles Privileg. Sie errangen es sich, so viel ich weiß, bei Fontenoy.

Viele Regimenter haben besondere Rechte, wie zum Beispiel das Tragen von Kragen bei der Interimsuniform oder von Bandschleifen zwischen den Schulterblättern oder von roten und weißen Rosen am Helm an gewissen Tagen im Jahr. Einige dieser Rechte hängen mit den Regimentsheiligen zusammen, andere dagegen mit den Ruhmestaten der Truppe. Und alle werden besonders hochgehalten, keines aber so hoch wie das Vorrecht der Weißen Husaren, im Quartier die Pferde bei klingendem Spiel zur Tränke zu reiten. Dabei wird immer nur ein Stück gespielt, das niemals wechselt. Ich weiß nicht, wie es in Wirklichkeit heißt, aber die Weißen Husaren nennen es: »Führ mich nach London zurück« und die Melodie ist sehr hübsch. Das Regiment würde sich eher von der Armeeliste streichen lassen, als auf diese Auszeichnung verzichten.

Als das Kommando »weggetreten« erscholl, begaben sich die Offiziere nach Hause, um sich zurechtzumachen, und die Leute ritten im Schritt hintereinander in den Kasernenhof und machten es sich bequem. Das heißt, sie knöpften sich den engen Rock auf und schoben den Helm zurecht und fingen an, je nach Laune entweder zu scherzen oder zu fluchen; während die Vorsichtigeren unter ihnen Gurte und Zügel lockerten oder ganz abnahmen. Ein guter Kavallerist hält genau so viel auf seinen Gaul wie auf sich selbst und glaubt oder sollte doch glauben, daß sie beide zusammen Weibern wie Männern, Mädchen wie Kanonen gegenüber unwiderstehlich sind.

Dann gab der Ordonnanzoffizier den Befehl: »Pferde tränken!« und das Regiment begab sich im Schlenderschritt zu den Schwadronstränken, die sich hinter den Stallungen zwischen diesen und den Kasernen befanden. Es waren vier riesige Krippen, eine für jede Schwadron, in Hufeisenform angeordnet, so daß sämtliche Pferde, wenn nötig, innerhalb von zehn Minuten getränkt werden konnten. Meist jedoch zog das Regiment die Sache noch um sieben weitere Minuten in die Länge, während die Musik spielte.

Die Kapelle legte los und die verschiedenen Schwadronen begaben sich gemütlich an ihre Krippen, während die Mannschaft die Füße aus den Steigbügeln zog und sich untereinander zu necken begann. Die Sonne ging gerade hinter einer großen, heißen, rotglühenden Wolkenbank unter, und die Straße, die zu den Zivilquartieren hinüberführte, schien pfeilgrade das Auge der Sonne zu durchbohren. Mitten auf dem Wege zeigte sich ein winziger Punkt. Er wuchs und wuchs, bis er sich als ein Pferd entpuppte, das auf seinem Rücken eine Art Bratrost trug. Die rote Wolke leuchtete durch die eisernen Stäbe hindurch. Einige der Leute beschatteten mit der Hand die Augen und sagten: »Was zum Deibel trägt der Gaul da auf seinem Rücken?«

In der nächsten Minute hörten sie ein Wiehern, das jede einzelne Seele – Pferde wie Mannschaft – kannte und erblickten – in grader Linie auf die Regimentskapelle zuhaltend – das tote Paukenpferd der Weißen Husaren.

Rechts und links auf dem Widerrist baumelten und hallten dumpf wider bei jedem Schlage die in schwarzen Flor gehüllten Kesselpauken, und auf seinem Rücken saß stramm und soldatisch ein barhäuptiges Gerippe.

Die Musik brach ab und einen Augenblick herrschte Totenstille.

Dann wendete irgendjemand aus Zug fünf seinen Gaul – die Leute sagen, es wäre der Wachtmeister gewesen – und entfloh schreiend. Keiner weiß genau, wie jetzt alles kam; es scheint jedoch, daß zum mindesten ein Mann aus jedem Zuge das Signal zu einer Panik gab, und die übrigen gehorchten wie die Schafe. Die Pferde, die gerade erst ihre Schnauzen in die Krippen getaucht hatten, bäumten sich und keilten aus; kaum aber setzte die Musik aus, was geschah, als das Paukenpferd sich auf etwa eine Achtelmeile genähert hatte, als sämtliche Hufe dem Beispiel folgten, und das Rattern und Stampfen dieser wilden Flucht – das so ganz, ganz anders klang, als das taktfeste, dröhnende Trapp-trapp-trapp eines Parademanövers – gab den Tieren den Rest. Sie fühlten genau, daß die Männer auf ihren Rücken sich fürchteten; und haben Gäule das erst verstanden, so ist alles vorbei, bis auf das eigentliche Gemetzel.

Zug über Zug machte Kehrt und floh, rannte auseinander – hierhin und dorthin – wie verschüttetes Quecksilber. Es war ein einzigartiges Schauspiel, denn Mannschaft wie Pferde befanden sich in jedem nur möglichen Zustand des Schreckens, und die Karabinertaschen, die lose gegen ihre Flanken schlugen, trieben die Tiere nur noch stärker an. Währenddessen schrien und fluchten die Leute durcheinander, und versuchten, die Kapelle nicht zu überrennen, die von dem Paukenpferd gejagt wurde, dessen Reiter vornübergesunken war und sein Pferd anzutreiben schien, als gälte es, eine Wette zu gewinnen.

Der Oberst war nach dem Kasino hinübergegangen, um etwas zu trinken. Der größere Teil des Offizierskorps war ebenfalls dort und der diensttuende Leutnant wollte sich eben nach der Kaserne zurückbegeben, um von den Wachtmeistern den Rapport über das Pferdetränken entgegenzunehmen. Als das »Führ mich nach London zurück« nach zwanzig Takten plötzlich abbrach, fragte jede einzelne Seele im Kasino: »Was in aller Welt ist passiert?« Eine Minute später hörte man höchst unmilitärische Geräusche und gewahrte, weit über die Ebene verstreut, die vollkommen aufgelösten, fliehenden Weißen Husaren.

Der Oberst war vor Wut sprachlos; er glaubte, das Regiment hätte gemeutert oder wäre bis auf den letzten Mann betrunken. Da jagte auch schon die Regimentskapelle – ein hoffnungslos desorganisierter Mob – vorbei, hinter ihr, im schwerfälligen Trabe, das tote und bereits begrabene Paukenpferd mitsamt dem wippenden, rasselnden Gerippe. Hogan-Yale flüsterte Martyn leise zu: »Das hält der stärkste Draht nicht aus«, und die Kapelle, die wie ein Hase einen Haken geschlagen hatte, stürmte zum zweiten Male vorbei. Das übrige Regiment jedoch war verschwunden – auf einer wilden Jagd durch die ganze Provinz, denn inzwischen war es dämmrig geworden und jeder einzelne Mann brüllte seinem Nachbar zu, das Paukenpferd sei ihm unmittelbar auf den Flanken. Kavalleriepferde werden im allgemeinen viel zu schonend behandelt. Im Notfalle vermögen sie selbst mit einer Belastung von zweihundert Pfund Außerordentliches zu leisten. Das merkten jetzt ihre Reiter.

Wie lange diese Panik währte, kann ich nicht sagen. Ich glaube, die Leute erkannten, als der Mond aufging, daß sie nichts mehr zu befürchten hatten und schlichen sich, entsetzlich beschämt, langsam zu Zweit, zu Dritt und truppweise in die Kasernen zurück. Inzwischen hatte das Paukenpferd, verstimmt über die Behandlung, die seine alten Freunde ihm angedeihen ließen, angehalten und Kehrt gemacht und war zu den Verandastufen des Kasinos getrabt, um sich sein Stück Brot zu holen. Niemand wollte sich die Blöße geben, auszureißen; aber es hatte auch niemand Lust, sich dem Pferde zu nähern, bis endlich der Oberst selbst eine Bewegung machte und das Gerippe am Fuß packte. Die Kapelle hatte inzwischen in einiger Entfernung gehalten und kam jetzt langsam näher. Der Oberst warf ihr einzeln und kollektiv jedes üble Schimpfwort an den Kopf, das ihm im Augenblick einfiel, denn er hatte mittlerweile das Paukenpferd an der Brust angefaßt und gemerkt, daß es aus Fleisch und Blut war. Dann trommelte er mit geballter Faust auf die Kesselpauken los und entdeckte, daß sie nur aus Silberpapier und Bambusstäben bestanden. Zuletzt versuchte er immer noch fluchend, das Gerippe aus dem Sattel zu reißen, fand jedoch, daß es durch Drähte an die Sattelpausche befestigt war. Das Bild, wie der Oberst mit seinen Armen des Gerippes Hüften umschlang und sich mit dem Knie gegen des alten Paukenpferds Bauch stemmte, war etwas auffallend, um nicht zu sagen komisch. Nach zwei, drei Minuten hatte er das Gespenst glücklich heruntergezerrt und zu Boden geworfen, wobei er der Kapelle zuschrie: »Hier habt Ihr das Zeugs, vor dem Ihr ausgekniffen seid, Ihr Hunde!« Das Gerippe sah in der Dämmerung nicht gerade reizvoll aus. Aber der Kapellmeister schien es wiederzuerkennen, denn er begann plötzlich zu kichern und zu schlucken. »Soll ich es wegräumen, Herr Oberst?« fragte der Kapellmeister. »Ja,« sagte der Oberst, »schicken Sie ’s zur Hölle und reiten Sie selbst hinterdrein!«

Der Kapellmeister grüßte, schwang das Gerippe über den Sattel und führte das Pferd nach dem Stall. Dann begann der Oberst sich nach der übrigen Mannschaft zu erkundigen, und die Sprache, der er sich dabei bediente, war wunderbar. Er würde das ganze Regiment auflösen – jeden einzelnen Kerl vor ’s Kriegsgericht bringen – er verzichte darauf, ein derartiges Gesindel zu kommandieren. Als die Leute langsam und allmählich den Weg zurückfanden, wurden seine Ausdrücke immer wüster, bis sie zum Schluß selbst die äußersten Grenzen der Redefreiheit überschritten, die einem Kavallerieoberst erlaubt ist.

Martyn zog Hogan-Yale beiseite und meinte, Geschaßtwerden wäre wohl das Geringste, dessen sie sich zu versehen hätten, wenn die Sache herauskäme. Martyn war der weniger Charaktervolle von beiden. Hogan-Yale zog nur die Augenbrauen hoch und bemerkte: erstens sei er der Sohn eines Lords, und zweitens wäre er an der theatralischen Auferstehung des Paukenpferds so unschuldig wie ein neugeborenes Kind.

»Meine Instruktionen«, sagte Yale mit ganz besonders gewinnendem Lächeln, »lauteten: ich solle das Paukenpferd auf möglichst eindrucksvolle Art zurückbefördern. Ich frage Dich: kann ich dafür, wenn irgend ein Esel von Freund das in einer Weise tut, die die Gemüter von Ihrer Majestät Kavallerie in Aufruhr versetzt?«

Martyn entgegnete: »Du bist ein großer Mann und wirst dereinst General werden; aber ich würde meine Aussicht auf den Rittmeister opfern, wenn ich mit heiler Haut aus dieser Sache raus wäre.«

Die Vorsehung rettete Martyn und Hogan-Yale. Der Etatsmäßige führte den Obersten in eine Nische, wo sonst die Leutnants nachts ihren Poker spielten; dort unterhielten sie sich leise, nachdem der Oberst sich weidlich ausgeflucht hatte. Ich nehme an, der Etatsmäßige schilderte den Streich als das Werk irgendeines gemeinen Kavalleristen, den man nie und nimmer eruieren würde, und ich weiß, er betonte, welche Sünde und Schande es sei, das ganze Regiment zur Zielscheibe des Spotts und des öffentlichen Gelächters zu machen.

»Sie werden uns,« sagte der Etatsmäßige, der wirklich eine bewunderungswürdige Phantasie besaß, – »sie werden uns »Die Wilde Jagd«, die »Geisterjäger« nennen; ja, sie werden uns von einem Ende der Armeeliste bis zum anderen mit jedem nur möglichen Spitznamen belegen. Sämtliche Erklärungen von der Welt werden nicht genügen, um den anderen klar zu machen, daß das Offizierkorps nicht dabei war. Um der Ehre des Regiments und Ihrer selbst willen: vertuschen Sie diese Sache.«

Der Oberst war vor lauter Wut erschöpft; so war es nicht so schwierig, ihn zu beruhigen, wie man hätte annehmen können. Langsam und allmählich bewog man ihn zu der Erkenntnis, daß es offensichtlich unmöglich sei, das ganze Regiment vor ein Kriegsgericht zu stellen, und ebenso offensichtlich unmöglich, irgendeinem x-beliebigen Leutnant den Prozeß zu machen, der seiner Meinung nach die Sache angezettelt hätte.

»Aber das Vieh lebt ja noch! Man hat es gar nicht erschossen!« brüllte der Oberst. »Es ist glatter, frechster Ungehorsam! Ich habe erlebt, daß ein Kerl sich wegen geringerer Sachen das Genick gebrochen hat, wegen verdammt viel geringerer Sachen! Ich sage Ihnen, Mutman, sie machen sich über mich lustig! Lustig machen sie sich!«

Und wieder setzte sich der Etatsmäßige zum Obersten und rang mit ihm, eine volle halbe Stunde lang. Nach Ablauf dieser Zeit meldete sich der Regimentswachtmeister. Die Situation war für ihn so ziemlich neu, aber er war nicht der Mann, sich durch irgend etwas aus der Fassung bringen zu lassen. Er grüßte und berichtete: »Melde gehorsamst, daß das ganze Regiment wieder beisammen ist.« Dann fügte er, um den Oberst zu besänftigen, hinzu: »Und die Pferde haben auch nicht gelitten.«

Der Oberst schnaubte nur und antwortete: »Na, dann bringen Sie die Leute nur ins Bettchen und sorgen Sie dafür, daß sie in der Nacht nicht aufwachen und schreien.« Darauf zog sich der Wachtmeister zurück.

Dieser kleine Scherz gefiel dem Obersten; außerdem fing er an, sich der Ausdrücke zu schämen, die er gebraucht hatte. Der Etatsmäßige redete ihm nochmals zu, und die beiden saßen bis tief in die Nacht zusammen.

Am übernächsten Tage gab es eine feierliche Parade vor dem Obersten als dem Garnisonskommandanten, und er hielt den Weißen Husaren eine kräftige Strafpredigt. Der Kern seiner Rede war, da das Paukenpferd sich trotz seines Alters fähig gezeigt hätte, das ganze Regiment in die Flucht zu schlagen, sollte es auf seinen stolzen Posten an der Spitze des Regiments zurückkehren – aber das Regiment sei und bleibe ein Pack erbärmlicher Schufte mit schlechten Gewissen.

Da brachen die Weißen Husaren in ein Hoch aus und warfen alles Bewegliche, das ihnen zur Hand war, in die Luft; und am Schluß der Parade ließen sie den Obersten hochleben, bis sie heiser waren. Leutnant Hogan-Yale dagegen erhielt keine Ovation; er hielt sich still im Hintergrunde auf und lächelte nur ungemein freundlich.

Und der Etatsmäßige bemerkte zum Obersten – außerdienstlich: »Derartige Kleinigkeiten machen außerordentlich populär und erschüttern nicht im geringsten die Disziplin.«

»Aber ich habe mein Wort nicht gehalten,« sagte der Oberst.

»Lassen Sie ’s gut sein,« erwiderte der Etatsmäßige. »Die Weißen Husaren werden Ihnen von jetzt ab überallhin folgen. Regimenter sind wie die Weiber. Wenn man ihnen in Kleinigkeiten nachgibt, kann man sie um den Finger wickeln.«

Eine Woche später erhielt Hogan-Yale einen überaus merkwürdigen Brief, unterzeichnet: »Sekretär des Wohlfahrtsvereins Charitas und Zelos, 3709 E. C.« Der Betreffende verlangte ein Gerippe zurück, von dem er, wie er schrieb, begründetermaßen vermute, daß es sich in Hogans Besitz befände.

»Wer zum Teufel ist der Verrückte, der mit alten Knochen handelt?« fragte Hogan-Yale.

»Verzeihung, Herr Leutnant,« sagte der Regimentskapellmeister, »das Gerippe befindet sich bei mir, und ich werde es zurückschicken, wenn der Herr Leutnant die Kosten für den Transport zur Stadt übernehmen. Ein Sarg ist auch noch dabei.«

Hogan-Yale lächelte und reichte dem Regimentskapellmeister zwei Rupien mit den Worten: »Gravieren Sie auf dem Schädel das Datum ein, verstanden?«

Sollte man also diese Geschichte bezweifeln, so weiß man jetzt, wohin man sich wenden muß, um das Datum auf dem Schädel des Gerippes zu lesen. Aber ich rate jedem, nicht mit den Weißen Husaren über die Angelegenheit zu sprechen.

Ich weiß zufällig einiges über die Sache, weil ich das Paukenpferd für seine Auferstehung vorbereitete. Es konnte sich nur schwer an das Gerippe gewöhnen.

Vergeudet

Vergeudet

Einen jungen Menschen, der in die Welt hinaus soll und auf eigenen Füßen stehen muß, nach dem von Eltern so beliebten Bevormundungssystem zu erziehen, zeugt nicht von Klugheit. Er muß schon eine Ausnahme unter Tausend sein, wenn er sich nicht durch eine Menge völlig unnötiger Widerwärtigkeiten durchschlagen soll; und unter Umständen wird er scheitern, aus dem einfachen Grund, weil er die wahren Verhältnisse von Wert und Unwert nicht kennengelernt hat.

Man lasse einen jungen Hund getrost die Seife im Badezimmer fressen oder einen frisch gewichsten Stiefel anknabbern, er wird vergnügt knurrend weiterknabbern, bis er schließlich merkt, daß ihm nach Hammeltalg und Wichse sehr schlecht wird. Und daraus wird er folgern, daß ihm weder Seife noch Stiefel gut bekommen. Und daß es eine Dummheit ist, einen großen Hund ins Ohr zu beißen, wird ihm schon sehr bald der erste beste ältere Hund aus der Nachbarschaft beibringen. Da er jung ist, wird er’s nicht vergessen und mit sechs Monaten schon wohlerzogen und verfeinerten Geschmackes ins Leben hinausgehen. Man stelle sich aber die schrecklichen Übelkeiten und die Prügel vor, die er hätte ausstehen müssen, wenn man ihn von Seife, Wichse und großen Hunden schützend ferngehalten hätte, bis er mit männlich scharfen Zähnen zur hohen Schule des Lebens herangereift wäre. Dann wende man diese Erkenntnis auf das Bevormundungssystem an und achte auf seine Ergebnisse. Es ist immer noch, um ein nicht gerade schönes Wort zu gebrauchen, das größere von zwei Übeln.

Es war einmal ein junger Mensch, der nach der Theorie des Bevormundungssystems auferzogen worden war. Und die Theorie war sein Tod. Er lebte vom Tage seiner Geburt an im Schoß der Familie, bis er, fast als Primus, auf die Kriegsschule nach Sandhurst kam. Er war in allem, was ein Privatlehrer gut zensiert, ausgezeichnet unterrichtet, und sein Zeugnis trug die gewichtige Bemerkung, daß er »seinen Eltern nie im Leben eine Stunde Kummer bereitet habe.« Was er in Sandhurst außer dem regelrechten Pensum lernte, ist nicht der Rede wert. Aber er sah um sich und fand Seife und Wichse sozusagen recht gut. Er aß davon und kam nicht gerade als Primus aus Sandhurst zurück. Es gab im Zwischenakte eine Szene mit den Seinigen, die viel von ihm erwartet hatten. Dann folgte ein Jahr »vom Gift des Lebens unberührt« in einem Regiment dritten Ranges, wo die jüngeren Offiziere Kinder waren und die älteren alte Weiber. Schließlich kam er nach Indien, wo er, abgeschnitten vom Beistand seiner Eltern, in schlimmen Zeiten nur auf sich selbst angewiesen war.

Nun ist Indien das Land vor allen Ländern, wo man nichts zu ernst nehmen darf – die Mittagsglut natürlich ausgenommen. Zuviel: Arbeit und allzuviel Energie bringen dort einen Menschen gerade so sicher um, wie zuviel Laster und Alkohol. Liebeleien haben nichts auf sich, weil ja jeder bald versetzt wird; weil entweder er oder sie die Garnison verläßt, um nicht wieder zurückzukehren. Tüchtige Arbeit hat nichts auf sich, weil jeder nach seinen schlechtesten Leistungen beurteilt wird, und weil sein Bestes gewöhnlich doch nur anderen zugute kömmt Untüchtige Arbeit hat nichts auf sich, weil andere nicht tüchtiger sind, und weil die Unfähigkeit sich in Indien länger hält als sonstwo. Vergnügungen haben nichts auf sich, weil man sie, kaum genossen, auch schon wiederholen muß, und weil die meisten Vergnügungen nur darin bestehen, sich anderer Leute Geld zu gewinnen. Auch Krankheit hat nichts auf sich, weil sie alltäglich ist, und weil ein anderer des Töten Amt und Würden einnimmt schon in den acht Stunden zwischen Tod und Begräbnis. Gar nichts hat etwas auf sich, nur Heimatsurlaub und Zuschüsse, und auch das nur der Seltenheit wegen. Es ist ein schwerfälliges, ein »kutcha« (rohes) Land, wo alle mit unvollkommenen Mitteln arbeiten, wo man am klügsten niemand und nichts ernst nimmt, und aus dem man am besten möglichst bald in eine Gegend flüchtet, wo Vergnügen wirklich Vergnügen ist, und wo es sich noch lohnt, einen guten Ruf zu haben.

Der junge Mensch nun – die Geschichte ist eigentlich so alt wie das Land – kam und nahm alles ernst. Er war hübsch und wurde verhätschelt. Und auch das Verhätscheln nahm er ernst. Frauen rieben ihn auf, die nicht wert waren, daß man ein Pony sattelte, um zu ihnen zu reiten. Sein neues, freies Leben in Indien gefiel ihm sehr. Und es erscheint unter dem Gesichtswinkel eines Leutnants – zuerst wirklich reizvoll: nichts als Ponys, Spielpartner, Tanzereien usw. Er kostete davon wie ein junger Hund von der Seife. Nur kam er leider erst zum Kosten, als seine Zähne schon männlich scharf waren. Er fühlte sich nicht sicher – ganz wie der junge Hund – und begriff nicht, warum man ihn nicht mit derselben Rücksicht behandelte wie im Hause seines Vaters. Das kränkte ihn.

Er entzweite sich mit anderen jungen Leuten, und da er äußerst empfindlich war, vergaß er es nicht und regte sich darüber auf. Er fand Gefallen am Whist, an Gymkhanas und ähnlichen Dingen, mit denen man sich nach dem Dienst zerstreut. Aber er nahm auch die ernst, genau so ernst, wie er einen »Kater« nahm. Und weil er ein Neuling war, verlor er beim Spielen sein Geld.

Und auch seine Verluste nahm er ernst. Er verwandte ebensoviel Energie und Interesse auf ein billiges Rennen von Ekkapony-Erstlingen mit Stutzmähnen wie auf ein Derby. Daran war einesteils seine Unerfahrenheit schuld – wie bei einem jungen Hund, der ärgerlich den Zipfel des Kaminteppichs anbellt; zum andern Teil kam es von dem Schwindel her, der ihn ergriff, als er aus seiner Ruhe in den unruhigen Glanz eines bewegteren Lebens hineintaumelte. Niemand warnte ihn vor Seife und Stiefelwichse, denn ein Durchschnittsmensch hält es für selbstverständlich, daß ein anderer Durchschnittsmensch sich davor in acht nimmt. Es war herzzerreißend mit anzusehen, wie der Junge sich die Stirn einrannte. Es war nicht viel anders, als wenn ein zu hart gerittenes Füllen, das dem Stallknecht durchgeht, in die Knie bricht und sich zerschlägt.

Die Zügellosigkeit bei Vergnügungen, die kein Ausbrechen lohnen, geschweige denn ein wildes Toben, dauerte sechs Monate: die ganze kühle Jahreszeit hindurch. Wir glaubten, daß die Hitze und die Erkenntnis, Geld und Gesundheit eingebüßt und seine Pferde lahm geritten zu haben, den ›Jungen‹ zur Vernunft und zum Stehen bringen würden. In neunundneunzig Fällen von hundert wäre das auch sicherlich geschehen. Man kann diesen Vorgang in jeder indischen Garnison gesetzmäßig verfolgen. Aber gerade dieser Fall war eine Ausnahme. Denn der ›Junge‹ war empfindsam und nahm alles ernst, was ich nun wohl schon zehnmal gesagt habe. Wir konnten natürlich nicht wissen, in welchem Lichte ihm seine Tollheiten erschienen. Außergewöhnlich oder gar erschütternd waren sie nicht. Er war finanziell fürs Leben vielleicht lahm gelegt und bedurfte daher einiger Fürsorge. Doch eine einzige heiße Saison würde die Erinnerung an seine Streiche absterben lassen, und irgendein Wucherer hätte ihm über seine Geldnöte hinweggeholfen. Aber er muß wohl eine ganz andere Auffassung der Dinge gehabt und sich für rettungslos verloren gehalten haben. Sein Oberst redete ihm am Schluß der kalten Jahreszeit ins Gewissen. Das machte ihn noch unglücklicher; und es war doch nur ein ganz gewöhnlicher »Rüffel«.

Was nun eintrat, ist ein merkwürdiges Beispiel für die Art und Weise, wie wir alle miteinander verkettet und füreinander verantwortlich sind. Das, was dem ›Jungen‹ den letzten Stoß gab, war die Bemerkung einer Frau, mit der er plauderte. Sie zu wiederholen ist zwecklos, denn es war eine von den kleinen, oft grausamen Bemerkungen, die man hinwirft, ohne sie bedacht zu haben. Aber ihm trieb sie das Blut zu Kopf. Er blieb drei Tage lang ganz für sich und kam dann um zwei Tage Urlaub ein. Er wollte angeblich in der Nähe eines etwa dreißig Meilen entfernten Unterkunftshauses für Kanal-Ingenieure jagen. Er bekam Urlaub und war abends bei der Offiziersmesse lauter und herausfordernder denn je. Er wolle Hochwild jagen, sagte er, und fuhr um halb elf in einer Ekka fort. In der Nähe des Unterkunftshauses gab es nur Rebhühner, und das ist doch kein Hochwild. Darum lachten alle.

Am nächsten Morgen kam ein Major von kurzem Urlaub zurück und hörte, daß der ›Junge‹ auf Hochwildjagd gegangen sei. Der Major hatte den ›Jungen‹ liebgewonnen und ihn öfter während der kalten Zeit im Zaum zu halten versucht. Er runzelte die Stirn, als er von dem Ausflug hörte und ging auf die Zimmer des ›Jungen‹, um sie zu durchstöbern.

Als er kurz darauf zurückkam, machte ich gerade dem Kasino meinen Besuch. Außer uns war niemand im Vorzimmer.

Er sagte: »Der ›Junge‹ ist auf der Jagd. Schießt man Hochwild mit einem Revolver und einem Schreibzeug?«

Ich sagte: »Unsinn, Major!« denn ich verstand, was er meinte.

Er sagte: »Unsinn oder nicht, ich fahr‘ nach dem Kanal – im Augenblick. Ich habe keine Ruhe.«

Dann sagte er nach einer Minute Überlegung: »Können Sie lügen?«

»Das wissen Sie am besten,« gab ich zur Antwort. »Es ist ja mein Beruf.«

»Also gut,« sagte der Major, »Sie müssen mit mir in einer Ekka zum Kanal kommen, gleich, im Augenblick, Schwarzwild schießen. Ziehen Sie sich Ihren Jagdanzug an, rasch, und fahren Sie mit Ihrer Büchse hier wieder vor.«

Der Major war ein energischer Mann; und ich wußte, daß er keinen Befehl umsonst gab. Darum gehorchte ich und fand bei meiner Rückkehr alles bereit für einen Jagdausflug; den Major in einer Ekka, Flintentaschen und Proviant aufgeladen.

Er entließ den Kutscher und fuhr selbst. Im Ort ging es noch im Schritt. Aber sobald wir die staubige Straße und die Ebene erreicht hatten, ließ er das Pony ausgreifen. Ein indisches Pferd kann zur Not alles leisten. Wir legten die dreißig Meilen in noch nicht drei Stunden zurück, aber das arme Tier war auch halbtot.

Einmal sagte ich: »Warum solch elende Eile, Major?«

Er antwortete ruhig: »Der ›Junge‹ ist schon seit einer, zwei, fünf, – vierzehn Stunden jetzt, allein! Ich sage Ihnen ja, ich habe keine Ruhe!«

Seine Unruhe kam auch über mich, und ich half das Pony anpeitschen.

Als wir das Unterkunftshaus erreichten, rief der Major nach dem Diener des ›Jungen‹, erhielt aber keine Antwort. Wir gingen ans Haus heran, riefen den ›Jungen‹ mit Namen und erhielten ebenfalls keine Antwort.

»Er wird noch jagen,« sagte ich, und im gleichen Augenblick sah ich in einem Fenster Licht von einer Windlaterne. Es war vier Uhr nachmittags. Wir blieben wie versteinert in der Veranda stehen und hielten den Atem an, um jeden Laut zu erhaschen. Da hörten wir vom Zimmer her das Brr – brr – brr – von tausend Fliegen. Der Major sagte nichts, aber er nahm seinen Helm ab, und wir schlichen ins Zimmer.

Der ›Junge‹ lag mitten im kahlen, weißgetünchten Zimmer tot auf dem Feldbett. Er hatte sich mit einem Revolverschuß den Schädel fast zerschmettert. Gewehrtasche und Bettzeug waren noch verschnürt. Auf dem Tisch lag seine Schreibmappe mit Photographien. Er war in den Tod gegangen, hatte sich verkrochen wie eine vergiftete Ratte!

Der Major sagte leise vor sich hin: »Armer Junge; armer, armer Teufel!« Dann wandte er sich vom Lager ab und sagte: »Ich brauche Ihre Hilfe in dieser Sache.«

Da ich wußte, daß der ›Junge‹ durch eigene Hand gestorben war, verstand ich, was er mit dieser Hilfe meinte. Ich ging also zum Tisch, nahm einen Stuhl, zündete mir eine Zigarre an und sah die Schreibmappe durch. Der Major blickte mir über die Schulter und sagte immer wieder leise: »Zu spät gekommen! – Wie eine Ratte im Loch! – Armer, armer Teufel!«

Der ›Junge‹ mußte wohl die halbe Nacht darüber verbracht haben, an die Seinigen, seinen Oberst und an ein Mädchen in der Heimat zu schreiben. Nachdem er damit zu Ende gewesen, mußte er sich erschossen haben. Denn er war schon lange tot, als wir kamen.

Ich las alles, was er geschrieben hatte und gab dann Blatt für Blatt dem Major.

Wir sahen aus seinem Bericht, wie schwer er alles genommen hatte. Er schrieb von »unerträglicher Schmach«, – von »unauslöschlicher Schande«, »sträflichem Leichtsinn«, »einem verpfuschten Leben« und so fort. Daneben standen viel private Dinge für Vater und Mutter, viel zu heilig alles, um abgedruckt zu werden. Der Brief an das Mädchen zu Hause war der traurigste. Mir stieg etwas in die Kehle, als ich ihn las. Der Major machte keinen Versuch, trockenen Auges zu bleiben. Ich achtete ihn darum. Er las und der Schmerz schüttelte ihn. Er weinte unbekümmert wie ein kleines Kind. Die Briefe waren so trostlos, so hoffnungslos und so ergreifend. Wir vergaßen die Torheiten des ›Jungen‹ und dachten nur an das, was so armselig auf dem Feldbett lag, und an das Geschreibsel in unserer Hand. Es war völlig undenkbar, die Briefe in die Heimat gehen zu lassen. Sie hätten seines Vaters Herz gebrochen und seine Mutter getötet, nachdem sie erst den Glauben an ihren Sohn getötet hätten.

Schließlich trocknete der Major ruhig seine Tränen und sagte: »Eine nette Überraschung für eine ahnungslose englische Familie. Was sollen wir tun?«

Ich wußte, warum mich der Major mitgenommen hatte und antwortete: »Der ›Junge‹ ist an der Cholera gestorben. Wir waren in der Zeit bei ihm. Wir dürfen uns nicht mit Halbheiten begnügen. Kommen Sie.«

Darauf folgte die traurigste Komödie, die ich je mitgespielt habe: das Erdichten eines ungeheuren Lügenbriefes, der doch strotzen mußte von Glaubwürdigkeiten, um des ›Jungen‹ Haus zu trösten. Ich begann den Brief zu entwerfen, und der Major gab mir, während er das Geschreibsel des ›Jungen‹ zusammenraffte und im Kamin verbrannte, hie und da einen Wink. Als wir anfingen, war es Abend, heiß und ruhig. Die Lampe brannte nur trübe. Allmählich gelang mir der Entwurf. Ich schrieb, daß der ›Junge‹ ein Muster aller Tugenden, der Liebling seines Regimentes gewesen wäre, daß er alle Aussicht auf eine glänzende Laufbahn gehabt hätte und noch mehr; daß wir ihm in seiner Krankheit beigestanden hätten, – für kleine Lügen, versteht sich, war kein Raum – und daß er leicht gestorben wäre. Wieder würgte mich etwas an der Kehle, als ich das niederschrieb und an die Ärmsten dachte, die es lesen würden. Und dann lachte ich auf über das Possenhafte, und ins Lachen mischten sich wieder Tränen, bis der Major erklärte, wir hätten jetzt Alkohol nötig.

Ich wage nicht, zu sagen, wieviel Whisky wir getrunken hatten, ehe der Brief fertig war. Wir spürten nichts davon. Wir nahmen des ›Jungen‹ Uhr, sein Medaillon und seine Ringe.

Zuguterletzt sagte der Major: »Wir müssen auch eine Locke schicken. Frauen legen Wert darauf.«

Wir hatten aber guten Grund, ihm keine Locke abzuschneiden. Der ›Junge‹ hatte schwarze Haare; der Major glücklicherweise ebenfalls. Ich schnitt dem Major mit dem Messer eine Locke von der Schläfe und legte sie unserer Sendung bei. Lachen und Schluchzen packte mich wieder, und ich mußte aufhören. Dem Major ging es kaum anders. Und doch wußten wir beide, daß die schlimmere Arbeit erst getan werden mußte.

Wir verschlossen die Sendung: Photographien, Medaillon, Petschafte, Ringe, Brief und Locke, alles mit dem Siegel des ›Jungen‹.

Darauf sagte der Major: »Um Gotteswillen lassen Sie uns hier fortgehen, aus dem Zimmer fort, wir müssen weiter denken.«

Wir gingen hinaus und schritten am Kanalufer auf und nieder und aßen und tranken, was wir mit uns hatten, bis der Mond aufging. Heute weiß ich genau, wie einem Mörder zumute ist. Wir zwangen uns schließlich dazu, in das Zimmer mit der Lampe und dem, was noch drinnen war, zurückzugehen, und die neue Arbeit begann. Ich schreibe darüber nicht. Es war zu grauenvoll. Wir verbrannten die Bettstatt und warfen die Asche in den Kanal. Wir hoben die Matten vom Boden und verbrannten auch sie. Ich ging ins Dorf, um Spaten zu holen – fremder Leute Hilfe wollte ich nicht –, während der Major – – das andere besorgte. Vier harte Stunden lang gruben wir das Grab. Bei der Arbeit stritten wir darüber, ob es richtig wäre, über dem Grabe die Begräbnisformeln, soweit wir uns ihrer erinnerten, zu sprechen. Wir einigten uns auf das Vaterunser und auf ein persönliches, formloses Gebet für den Seelenfrieden des ›Jungen‹. Dann schütteten wir das Grab zu und legten uns auf der Veranda – nicht im Hause – zur Ruhe. Wir waren sterbensmüde.

Beim Aufwachen sagte der Major stumpf: »Wir können vor morgen nicht zurück. Wir müssen ihm schon die nötige Zeit zum Sterben lassen. Vergessen Sie nicht, daß er erst heute morgen gestorben ist. Das klingt natürlicher.«

Der Major mußte also die ganze Nacht wach gelegen und gegrübelt haben. Ich erwiderte: »Weshalb haben wir eigentlich die Leiche nicht ins Quartier zurückgebracht?«

Der Major sann einen Augenblick nach: »Weil die Leute ausgerissen sind, als sie von der Cholera hörten. Weil die ›Ekka‹ fort war.«

Das war in der Tat wahr. Wir hatten das Ekkapony ganz vergessen, und es war allein wieder nach Hause gelaufen.

Also waren wir uns selbst überlassen, den ganzen langen schwülen Tag im Unterkunftshaus am Kanal. Wir prüften wieder und immer wieder unsere Geschichte vom Tode des ›Jungen‹, ob sich auch nicht etwa eine schwache Stelle darin befände.

Nachmittags erschien plötzlich ein Einheimischer. Wir sagten ihm, daß ein »Sahib« an der Cholera gestorben sei, und fort war er. Als die Dämmerung kam, sprach mir der Major von seinen alten Sorgen um den ›Jungen‹, und erzählte schreckliche Geschichten von Selbstmord und verhindertem Selbstmord, bis uns die Haare zu Berge standen. Er sagte, daß er, als er jung und das Land ihm fremd war, auch auf dem Wege zum Tal der Schatten gestanden hätte, ganz wie der ›Junge‹. Und darum könne er dem armen ›Jungen‹ die chaotischen Kämpfe nachfühlen. Er sagte auch, daß junges Volk in Augenblicken der Reue seine Sünden stets für schwerer und unverzeihlicher hält, als sie es in Wirklichkeit sind. Wir verplauderten den ganzen Abend und gingen immer wieder die Geschichte von des ›Jungen‹ Tod durch. – Als der Mond aufgegangen, und der ›Junge‹ – unserer Theorie nach – eben begraben sein konnte, gingen wir geraden Wegs über Land zur Garnison. Wir liefen von acht Uhr abends bis zum nächsten Morgen sechs Uhr. Obgleich wir todmüde waren, vergaßen wir doch nicht in des ›Jungen‹ Zimmer zu gehen, um seinen Revolver mit der fehlenden Munition an Ort und Stelle zu tun; und auch die Schreibmappe legten wir auf den Tisch. Wir suchten den Oberst auf und meldeten ihm den Todesfall. Mehr denn je fühlten wir uns als Mörder. Dann gingen wir zu Bett und schliefen, bis der Zeiger wieder auf der gleichen Stelle stand. Wir waren völlig erschöpft.

Unsere Geschichte wurde geglaubt, solange es nötig war. Denn nach vierzehn Tagen dachte niemand mehr an den ›Jungen‹. Einige fanden nur noch Zeit, zu bemerken, der Major habe unverantwortlich gehandelt, daß er dem Toten die Möglichkeit eines militärischen Begräbnisses genommen habe. Das Traurigste von allem war der Brief von des ›Jungen‹ Mutter an den Major und mich, mit großen Tintenflecken, die den Bogen bedeckten. Sie schrieb uns viel Liebes über unsere große Güte, und daß sie ihr Leben lang uns dankbar sein würde.

Und in Wahrheit hatte sie auch Grund uns dankbar zu sein, nur nicht ganz aus dem Grund, den sie meinte.

Die Bronckhorst’sche Scheidung

Die Bronckhorst’sche Scheidung

Es war einmal ein Mann, der hieß Bronckhorst – ein eckiger, ungehobelter Patron mittleren Alters aus der indischen Armee – grau wie ein Dachs und mit einem Tropfen Bauernblut in den Adern, wie die Leute behaupteten. Das jedoch läßt sich nicht beweisen. Frau Bronckhorst war auch nicht mehr gerade jung, wenn auch fünfzehn Jahre jünger als ihr Gatte. Sie war eine große, blasse, stille Frau mit schweren Lidern und schwachen Augen und mit Haaren, die je nachdem das Licht fiel, rötlich oder gelblich schimmerten.

Bronckhorst war in keiner Hinsicht ein angenehmer Mensch. Er hatte nicht den geringsten Respekt vor den hübschen öffentlichen und privaten Lügen, die das Leben etwas weniger scheußlich machen, als es in Wirklichkeit ist. Sein Benehmen gegenüber seiner Frau war ordinär. Es gibt viele Dinge – einschließlich eines tätlichen Angriffs mit geballter Faust – die eine Frau ertragen kann, aber nur selten kann sie sich abfinden, wie Frau Bronckhorst es tat, mit jahrelangen, brutalen, plumpen Hänseleien, die all ihre kleinen Schwächen verspotten: ihre Anfälle von Migräne, ihre seltenen heiteren Momente, ihre lächerlichen, kleinen Versuche, sich ihrem Gatten anziehender zu machen, entstanden aus der Kenntnis, daß sie nicht mehr ist, was sie war, und – sicherlich das Schlimmste von allem – die Liebe, die sie ihren Kindern entgegenbringt. Diese spezielle Art von schwerfälligem Witz war Bronckhorst besonders teuer. Wahrscheinlich war er ihm, ohne sich etwas Böses dabei zu denken, während der Flitterwochen verfallen, in einer Zeit, da Menschen ihren gewöhnlichen Vorrat an Liebkosungen erschöpft haben und zu dem anderen Extrem greifen, um ihre Gefühle auszudrücken. Der gleiche Impuls treibt einen Mann dazu »Scher Dich, alte Mähre!« zu sagen, wenn sein Lieblingspferd die Schnauze an seinem Rocke reibt. Zum Unglück bleibt aber diese Ausdrucksform haften, auch wenn die Reaktion der Ehe eintritt, und verletzt dann, nach erloschener Zärtlichkeit, die Frau mehr als sie sagen kann.

Trotzdem vergötterte Frau Bronckhorst ihren »Teddy«, wie sie ihn nannte. Vielleicht war das der Grund, weshalb er sie nicht ausstehen konnte. Vielleicht – aber das ist nur eine Theorie, die sein späteres infames Benehmen erklären soll – gab er jenem seltsamen, primitiven Gefühl nach, das mitunter einen Ehegatten nach zwanzigjährigem Beisammensein an der Kehle würgt, wenn er an der anderen Seite des Tisches das gleiche Gesicht, immer und immer wieder das gleiche Gesicht, seines ihm angetrauten Weibes sieht und sich vorstellt, daß er ihr so, wie er es jetzt tut, bis an das Ende ihres oder seines Lebens gegenübersitzen muß. Die meisten Männer und Frauen kennen diesen Krampf. Er dauert in der Regel nur drei Atemzüge und muß eine Art »Rückfall« sein in die Zeiten, da Mann und Weib noch um einen Grad schlimmer waren als jetzt, und er ist viel zu unangenehm um erörtert zu werden.

Eine Einladung zu Tisch bei den Bronckhorsts war eine Strafe, der sich nur wenige Menschen freiwillig unterzogen. Bronckhorst fand Freude daran, Dinge zu sagen, die seiner Frau wehe taten. Wenn der Kleine beim Dessert hereingebracht wurde, gab Bronckhorst ihm meistens ein halbes Glas Wein zu trinken, worauf das Kerlchen natürlich ausgelassen wurde und zum Schluß den Katzenjammer bekam und schreiend entfernt werden mußte. Bronckhorst pflegte sich dann zu erkundigen, ob Teddy sich immer so benehme und ob Frau Bronckhorst nicht gefälligst ein wenig von ihrer Zeit darauf verwenden möchte, »dem Bengel einige Manieren beizubringen«. Frau Bronckhorst, die den Jungen mehr als ihr Leben liebte, versuchte nicht zu weinen – die Ehe schien ihren Willen vollkommen gebrochen zu haben. Zum Schluß erklärte Bronckhorst dann: »Nun ist ’s aber genug. Um Gottes Willen, versuche, Dich wie ein vernünftiger Mensch zu benehmen. Geh voran in den Salon.« Und Frau Bronckhorst ging, mit dem Versuch, die ganze Sache durch ein Lächeln zu vertuschen, aber der Gast war den ganzen Abend über verstimmt und fühlte sich unbehaglich.

Nach drei Jahren dieses heiteren Lebens – Frau Bronckhorst besaß keine Freundinnen, mit denen sie sich aussprechen konnte – wurde die ganze Garnison durch die Nachricht in Aufruhr versetzt, Bronckhorst hätte Klage wegen kriminellen Ehebruchs gegen einen gewissen Biehl anhängig gemacht, der – das war nicht zu leugnen – Frau Bronckhorst auf Gesellschaften besondere Aufmerksamkeiten erwiesen hatte. Der völlige Mangel an Reserve, mit der Bronckhorst seine eigene Unehre behandelte, verhalf uns zu der Erkenntnis, daß die Beweise gegen Biehl unter allen Umständen nur Indizienbeweise auf Grund von Aussagen Farbiger sein würden. Briefe waren nicht vorhanden; aber Bronckhorst erklärte öffentlich, er würde Himmel und Erde in Bewegung setzen, bis er Biehl im Zentralgefängnis die Fabrikation von Teppichen beaufsichtigen sähe. Frau Bronckhorst setzte keinen Fuß mehr vor die Tür und ließ die lieben Mitmenschen reden, was sie wollten. Die Meinungen waren geteilt. Zwei Drittel der Garnison glaubten auf der Stelle an Biehls Schuld, aber ein halb Dutzend Männer, die ihn gut leiden konnten, hielt zu ihm. Biehl selbst war wütend und überrascht. Er leugnete von A bis Z und schwor, er würde Bronckhorst halbtot prügeln.

Wir wußten, keine Jury würde einen Mann, lediglich auf einheimische Zeugenaussagen hin, in einem Lande verurteilen, wo man eine Anklage wegen Mordes, alles komplett, einschließlich sogar der Leiche, für vierundfünfzig Rupien haben kann; indessen hatte Biehl wenig Lust, nur mangels an Beweisen mit einem blauen Auge davonzukommen. Er wünschte restlose Klarheit in dieser Angelegenheit; aber, wie er uns eines Abends erklärte: »Bronckhorst kann auf Grund der Dienstbotenaussagen alles beweisen, und ich habe nichts als mein bloßes Wort.« Das war etwa einen Monat, ehe der Prozeß begann; und wir konnten wenig anderes tun, als Biehl zustimmen. Wir wußten nur, daß die Aussagen der indischen Dienerschaft schlimm genug sein würden, um Biehls Ruf für den Rest seiner Karriere zu ruinieren, denn wenn ein Einheimischer anfängt, meineidig zu werden, wird er es gründlich. Vor Einzelheiten schreckt er nicht zurück.

Irgend ein Genie am Fußende des Tisches, an dem die Affäre durchgesprochen wurde, sagte: »Paßt einmal auf! Ich glaube, Anwälte nützen hier gar nichts. Irgend jemand soll an Strickland telegraphieren und ihn bitten, herüberzukommen und uns rauszureißen.«

Strickland lebte ungefähr hundertundachtzig Meilen landeinwärts. Er hatte sich erst vor kurzem verheiratet, aber er witterte aus dem Telegramm eine Möglichkeit, seine alte Detektivarbeit wieder aufnehmen zu können, nach der es seine Seele gelüstete, und schon am nächsten Abend war er da und ließ sich die Geschichte vortragen. Er rauchte seine Pfeife zu Ende und sagte orakelhaft: »Wir müssen die Zeugen beim Wickel nehmen. Der Sänftenträger, die Kinderfrau und der mohammedanische Aufwärter werden vermutlich die Säulen der Anklage sein. Ich spiele mit in diesem Stück, obwohl ich fürchte, daß mein Dialekt etwas eingerostet ist.«

Er erhob sich und begab sich in Biehls Schlafzimmer, wo man seinen Koffer abgestellt hatte, und schloß die Tür. Eine Stunde später hörten wir ihn die Worte sagen: »Ich brachte es nicht über ’s Herz, mich bei meiner Verheiratung von meinen alten Requisiten zu trennen. Wird das genügen?« Dort, in der Tür, verneigte sich mit vielen Salaams ein widerlicher Fakir.

»Jetzt leiht mir bitte fünfzig Rupien«, sagte Strickland, »und gebt mir Euer Ehrenwort, daß Ihr meiner Frau nichts sagen werdet.«

Er erhielt, was er wünschte, und verließ das Haus, während die ganze Tafelrunde auf sein Wohl trank. Was er dann tat, weiß nur er selbst. Zwölf Tage lang trieb sich ein Fakir in der Nähe von Bronckhorsts Grundstück herum. Danach erschien plötzlich ein »Mether«, und als Biehl von dem hörte, meinte er, Strickland sei ein ausgewachsener Engel. Ob der »Mether« Janki, Frau Bronckhorsts Kinderfrau, Liebeswerbungen vortrug, ist eine Frage, die nur Strickland selbst angeht.

Nach drei Wochen erschien er von neuem auf der Bildfläche und erklärte ruhig: »Sie haben die Wahrheit gesprochen, Biehl. Die ganze Geschichte ist von Anfang bis zu Ende fingiert. Bei Gott! Fast überrascht sie sogar mich! Dieses Schwein von Bronckhorst verdiente abgeschossen zu werden.«

Es gab ein großes Halloh und Geschrei, und Biehl fragte: »Wie wollen Sie es beweisen? Sie können doch nicht erklären, Sie hätten sich widerrechtlich und in Verkleidung in Bronckhorsts Grundstück herumgetrieben!«

»Nein,« entgegnete Strickland. »Sagen Sie Ihrem Esel von Anwalt, er solle irgend einen kräftigen Senf über »inhärente Unwahrscheinlichkeit« und die »Diskrepanz der Zeugenaussagen« aufsetzen. Er wird zwar gar nicht erst zu reden brauchen, aber es wird ihn glücklich machen.«

Biehl hielt den Mund und die anderen warteten die Ereignisse ab. Sie hatten Vertrauen zu Strickland, so wie man ruhigen Männern vertraut. Als es zur Verhandlung kam, war der Gerichtssaal überfüllt. Strickland hielt sich inzwischen auf der Veranda des Gerichtsgebäudes auf, bis er dem mohammedanischen Aufwärter begegnete. Dann murmelte er ihm einen Fakirsegen ins Ohr und fragte ihn, wie es seiner zweiten Frau ginge. Der Mann fuhr herum und sperrte, als er in die Augen von »Estrekeen Sahib« blickte, vor Schreck Mund und Nase auf. Man bedenke, Strickland war vor seiner Heirat unter den Eingeborenen eine Macht gewesen. Strickland flüsterte ihm ein etwas ordinäres, einheimisches Sprichwort zu, des Inhalts, daß er über alles unterrichtet sei, und begab sich, bewaffnet mit einer handfesten Trainerpeitsche, in den Gerichtssaal.

Der Mohammedaner war der erste Zeuge, und Strickland strahlte ihn aus dem Hintergrund des Saales wohlwollend an. Der Mann befeuchtete mit der Zunge die Lippen und nahm, in seiner hündischen Furcht vor »Estrekeen Sahib«, dem Fakir, jeden Punkt seiner Aussage zurück; er erklärte, er sei ein armer Mann und Gott sei sein Zeuge, daß er total vergessen hätte, was Bronckhorst Sahib ihm zu sagen befohlen habe. In seiner tödlichen Angst vor Strickland, dem Richter und Bronckhorst brach er weinend zusammen.

Da setzte die Panik unter den Zeugen ein. Janki, die Kinderfrau, die keusch aus den Falten ihres Schleiers hervoräugelte, wurde aschgrau im Gesicht, und der Sänftenträger verließ den Gerichtssaal. Er erklärte, seine Mama läge im Sterben, und es wäre für niemanden ratsam, in Gegenwart von »Estrekeen Sahib« ausgiebig zu lügen.

Biehl sagte höflich zu Bronckhorst: »Ihre Zeugen scheinen nicht zu funktionieren. Haben Sie nicht vielleicht noch ein paar gefälschte Briefe bei der Hand?« Aber Bronckhorst schwankte nur in seinem Stuhle hin und her, und es trat eine Totenstille ein, als man Biehl zur Ordnung gerufen hatte.

Bronckhorsts Anwalt sah den Ausdruck auf seines Klienten Gesicht, warf unverzüglich seine Papiere von sich auf den kleinen grünen Tisch und murmelte irgendetwas von »falsch unterrichtet sein.« Der ganze Saal brach in donnernden Beifall aus, wie Militär in einem Theater, und der Richter begann seine Seele zu erleichtern.

*

Biehl stand von seinem Platze auf, und Strickland ließ auf der Veranda eine handfeste Trainerpeitsche fallen. Zehn Minuten später war Biehl hinter den alten Gefängniszellen dabei, Bronckhorst still und ohne Skandal in Fetzen zu schlagen. Was von Bronckhorst übrig blieb, wurde in einen Wagen gepackt; und seine Frau weinte über den Überresten und pflegte sie, bis sie wieder menschenähnlich wurden.

Später, nachdem es Biehl gelungen war, die Gegenklage wegen Zeugenbestechung niederzuschlagen, meinte Frau Bronckhorst mit ihrem matten, wässrigen Lächeln: es hätte wohl irgendein Irrtum vorgelegen und ganz wäre ihr Teddy ja nicht an der Sache schuld. Vielleicht hätte er sie ein wenig satt bekommen, oder sie hätte seine Geduld auf eine zu harte Probe gestellt; und vielleicht würden wir sie jetzt nicht mehr schneiden, und am Ende erlaubten die Mütter auch, daß ihre Kinder wieder mit dem kleinen Teddy spielten. Er wäre ja so einsam. Dann wurde Frau Bronckhorst überall eingeladen, bis Bronckhorst wieder fähig war, auszugehen, worauf er nach England reiste und seine Frau mitnahm. Nach allem, was man zuletzt von ihm hörte, ist ihr Teddy tatsächlich »zu ihr zurückgekehrt« und sie sind mäßig glücklich. Obwohl er ihr natürlich die Tracht Prügel, die sie ihm indirekt verschaffte, nie verzeihen kann.

*

Biehl möchte gern das eine wissen: – »Weshalb habe ich die Klage gegen das Schwein Bronckhorst nicht weiter verfolgt und ihn ins Kittchen gebracht?«

Frau Strickland möchte gerne wissen: – »Wie ist mein Mann nur zu dem fabelhaft schönen Wallach gekommen, den er von Eurer Station mitgebracht hat? Ich bin ganz genau über seine Geldangelegenheiten unterrichtet und bin überzeugt: gekauft hat er ihn sich nicht.«

Und ich möchte vor allem wissen: – »Wie kommt eine Frau wie Frau Bronckhorst dazu, einen Mann wie Bronckhorst zu heiraten?«

Und mein Rätsel ist von allen dreien am schwersten zu lösen.

Venus Annodomini

Venus Annodomini

Sie hat nichts zu tun mit Nummer achtzehn im Braccio Nuovo des Vatikans, die zwischen Viscontis Ceres und dem Nilgott steht. Sie war eine rein indische Gottheit – und wir nannten sie die Venus Annodomini, um sie von den übrigen Annodominis dieser nie aussterbenden Gattung zu unterscheiden. In den Bergen ging die Sage, daß sie einmal jung gewesen war; allein unter den Lebenden war kein Mann, der den Mut gehabt hätte, vorzutreten und kühn die Wahrheit dieser Legende zu bezeugen. Männer ritten hinauf nach Skala und blieben dort und gingen wieder weg und verrichteten ihre Lebensarbeit und kehrten zurück, nur um die Venus Annodomini gänzlich unverändert zu finden. Sie war so ewig wie die Berge, wenn auch nicht ganz so grün. Alles, was ein Mädchen von achtzehn Jahren an Reiten, Spazierengehen, Tanzen, Picknickfeiern und allgemeiner Überanstrengung zu leisten vermag, das leistete auch die Venus Annodomini, ohne das leiseste Anzeichen von Abspannung oder Müdigkeit. Außer ihrer ewigen Jugend, hieß es, hätte sie noch das Geheimnis ewiger Gesundheit entdeckt, und ihr Ruhm mehrte sich weit und breit im Lande. Von einem schlichten Exemplar der Gattung Weib entwickelte sie sich zu einer Institution, insofern man von keinem jungen Manne behaupten konnte, daß seine Erziehung vollendet sei, wenn er nicht zu irgendeiner Zeit vor dem Altar der Venus Annodomini gekniet hatte. Ja, sie hatte nicht ihresgleichen, obwohl es viele Nachahmungen gab. Für sie bedeuteten sechs Jahre nicht mehr als für andere Frauen sechs Monate; und zehn Jahre hinterließen an ihr weniger Spuren als eine Woche Fieber an ihren Geschlechtsgenossinnen. Jeder einzelne betete sie an, und sie ihrerseits war fast zu jedem freundlich und liebenswürdig. Das Jungsein war ihr bereits eine so alte Gewohnheit geworden, daß sie sich nicht davon zu trennen vermochte – in Wahrheit hatte sie niemals die Notwendigkeit hierzu erkannt – und so wählte sie zu ihren bevorzugten Genossen junge Leute.

Unter den Andächtigen, die auf dem Altar der Venus Annodomini opferten, war auch der junge Gayerson. Er wurde der »noch jüngere« Gayerson genannt, um ihn von seinem Vater, dem »jungen Gayerson«, einem Mitglied des bengalischen Zivildienstes – zu unterscheiden, der gleichfalls die Gewohnheiten der Jugend angenommen hatte und auch ein jugendliches Herz besaß. Der »noch jüngere« Gayerson war nun nicht zufrieden, seelenruhig und um der Form willen anzubeten, wie die anderen jungen Männer das taten und einen Spazierritt, einen Tanz oder ein Gespräch seitens der Venus Annodomini mit der gebührend demütigen und dankbaren Gesinnung hinzunehmen. Er stellte im Gegenteil Ansprüche, so daß die Venus Annodomini ihn zurechtweisen mußte, ja, er machte sich ihretwegen ganz überflüssigerweise halb krank, und der Ernst seiner Hingabe bewirkte, daß er neben den älteren Männern, die mit ihm die Venus Annodomini verehrten, je nach seiner Laune entweder stürmisch oder ungezogen erschien. Der Venus selbst tat es leid. Er erinnerte sie an einen jungen Burschen, der ihr vor dreiundzwanzig Jahren einmal eine grenzenlose Verehrung gezollt und für den sie etwas länger als eine Woche ebenfalls eine Schwäche gezeigt hatte. Aber der Junge hatte sich von ihr abgewendet und in weniger als einem Jahr nach seinem Götzendienste eine andere Frau geheiratet; und die Venus Annodomini hatte fast – nicht ganz – seinen Namen vergessen. Der »noch jüngere« Gayerson hatte die gleichen großen, blauen Augen und die nämliche Art zu schmollen und die Unterlippe vorzustrecken, wenn er aufgeregt oder unglücklich war. Trotz alledem hielt ihn die Venus Annodomini streng in Schach. Zu viel Wärme erregte ihr Mißfallen; sie zog eine gemäßigte und ernste Zärtlichkeit vor.

Der »noch jüngere« Gayerson war todunglücklich und gab sich nicht die geringste Mühe, sein Elend zu verbergen. Er stand in der Armee – bei einem Linienregiment, glaube ich, obwohl ich das nicht ganz genau weiß – und da sein Gesicht ein Spiegel und seine Stirn, dank seiner vollkommenen Unschuld, ein offenes Buch war, machten ihm seine Kameraden das Leben zur Last und verbitterten seinen von Natur aus liebenswürdigen Charakter. Niemand außer dem »noch jüngeren« Gayerson – und der gab seine Ansichten niemals zum besten – wußte, für wie alt der »noch jüngere« Gayerson die Venus Annodomini hielt. Vielleicht glaubte er, daß sie fünfundzwanzig sei, vielleicht sagte sie ihm auch, sie sei so alt wie er. Der »noch jüngere« Gayerson hätte den Gugger bei Hochwasser durchwatet, um ihren leisesten Befehl weiterzutragen und vertraute ihr rückhaltlos. Jeder mochte ihn gern und jedem tat es leid, ihn so als Sklave der Venus Annodomini zu sehen. Jeder gab aber auch offen zu, daß es nicht ihre Schuld sei; denn die Venus Annodomini unterschied sich in einem besonderen Punkt von Mrs. Hauksbee und Mrs. Reiver: sie rührte nie einen Finger um irgend jemanden an sich zu fesseln, doch gleich Ninon de Lenclos zog sie alle Männer an. Man konnte Mrs. Hauksbee bewundern und respektieren und Mrs. Reiver verachten und meiden, aber man war einfach gezwungen, die Venus Annodomini zu vergöttern.

Des »noch jüngeren« Gayerson Papa verwaltete eine Abteilung oder einen Bezirk oder war sonst irgendwie administrativ tätig in einer ganz besonders unerfreulichen Gegend Bengaliens – voller Babus, die Zeitungen herausgaben, in denen bewiesen wurde, daß der »junge« Gayerson ein »Nero« und eine »Scylla« und eine »Charybdis« wäre; und außer den Babus gab es dort unten neun Monate im Jahr noch ziemlich viel Dysenterie und Cholera. Der »junge« Gayerson – er war etwa fünfundvierzig – konnte Babus ganz gut leiden; sie amüsierten ihn; aber er hatte etwas gegen die Dysenterie, und wenn er fort konnte, ging er meistens nach Darjiling. In diesem besonderen Jahre setzte er es sich aber in den Kopf, einmal nach Simla zu reisen und seinen Jungen zu besuchen. Der Junge war nicht durchwegs entzückt. Er erzählte der Venus Annodomini, daß er seinen Vater erwarte, und sie errötete ein wenig und sagte, sie würde sich ungemein freuen, seine Bekanntschaft zu machen. Dann sah sie den »noch jüngeren« Gayerson lange gedankenvoll an, weil er ihr sehr, sehr leid tat und weil er ein sehr, sehr großer Idiot war.

»Meine Tochter wird in etwa vierzehn Tagen von drüben kommen, Mr. Gayerson,« bemerkte sie.

»Ihre, was?« fragte er.

»Meine Tochter,« entgegnete die Venus Annodomini. »Sie ist nun schon seit einem Jahr daheim in die Gesellschaft eingeführt, und ich möchte, daß sie Indien auch ein wenig kennen lernt. Sie ist jetzt neunzehn und soll ein sehr nettes, vernünftiges Mädel sein.«

Der »noch jüngere« Gayerson, der knapp zweiundzwanzig Jahre alt war, fiel vor Erstaunen fast vom Stuhl, aber er fuhr fort, gegen alle Möglichkeit an die Jugend der Venus Annodomini zu glauben. Sie dagegen stand mit dem Rücken gegen das verhängte Fenster und beobachtete lächelnd die Wirkung ihrer Worte.

Zwölf Tage später erschien der Papa des »noch jüngeren« Gayerson und war noch keine vierundzwanzig Stunden in Simla, bevor zwei Männer, alte Bekannte von ihm, ihm erzählten, wie der »noch jüngere« Gayerson sich aufgeführt hatte.

Der »junge« Gayerson lachte ziemlich viel und fragte, wer denn die Venus Annodomini sei. (Was beweist, daß er die ganze Zeit in Bengalien gelebt hatte, wo niemand über irgend etwas Bescheid weiß, außer über den Stand der Wechselkurse.) Dann meinte er, »junge Burschen wären nun mal überall gleich« und sprach mit seinem Sohne über die Angelegenheit. Der »noch jüngere« Gayerson sagte, daß er unglücklich und untröstlich sei, und der »junge« Gayerson sagte, daß er bedauere, jemals dazu beigetragen zu haben, einen derartigen Esel in die Welt zu setzen. Er meinte, daß es angebracht wäre, wenn sein Sohn seinen Urlaub abbräche und in seinen Dienst zurückkehrte. Dies rief einige unehrerbietige Antworten hervor, und die Beziehungen waren einigermaßen gespannt, bis der »junge« Gayerson verlangte, daß sie der Venus Annodomini einen Besuch machten. Der »noch jüngere« Gayerson begleitete seinen Papa, fühlte sich aber unbehaglich und kam sich irgendwie klein vor.

Die Venus Annodomini empfing sie mit großer Liebenswürdigkeit und der »junge« Gayerson sagte: »Bei Jove! Es ist Kitty!« Der »noch jüngere« Gayerson hätte auf seine Erklärungen geachtet, wäre seine Zeit nicht vollauf von dem Versuch in Anspruch genommen worden, sich mit einem großen, schönen, ruhigen und gut gekleideten Mädchen zu unterhalten, das die Venus Annodomini ihm als ihre Tochter vorgestellt hatte. Das Mädchen war in Haltung, Stil und Sicherheit weit älter als der »noch jüngere« Gayerson, und als er dies erkannte, spürte er eine gewisse Übelkeit.

Nach einer Weile hörte er die Venus Annodomini sagen: »Wissen Sie, daß Ihr Sohn einer meiner treuesten Verehrer ist?«

»Das wundert mich nicht,« sagte der »junge« Gayerson. Und dann hob er seine Stimme: »Er tritt in seines Vaters Fußtapfen. Ich betete doch den Boden an, auf dem Sie schritten, Kitty, damals, – vor undenklich langen Zeiten – und Sie haben sich seitdem nicht im geringsten verändert. Wie seltsam das alles einem vorkommt!«

Der »noch jüngere« Gayerson sagte gar nichts. Seine Unterhaltung mit der Tochter der Venus Annodomini war während des übrigen Besuches unzusammenhängend und fragmentarisch.

*

»Also morgen nachmittag um fünf,« sagte die Venus Annodomini. »Und seien Sie ja pünktlich.«

»Punkt fünf«, sagte der »junge« Gayerson. »Du kannst deinem alten Vater doch einen Gaul leihen, was, Junge? Ich mache morgen Nachmittag einen Spazierritt.«

»Selbstverständlich«, sagte der »noch jüngere« Gayerson. »Ich reise morgen früh nach Hause. Meine Ponies stehen zu deiner Verfügung.«

Die Venus Annodomini blickte durch das Zwielicht des Zimmers zu ihm hinüber und ihre großen grauen Augen wurden feucht. Sie erhob sich und schüttelte ihm die Hand.

»Leben Sie wohl, Tom,« flüsterte die Venus Annodomini.

Der Bisara von Pooree

Der Bisara von Pooree

Ein Teil der Eingeborenen sagt, daß er von jenseits Kulu stamme, wo der elf Zoll hohe Tempelsaphir zu finden ist. Andere behaupten, er wäre vor dem Teufelsschrein von Ao-Chung in Thibet entstanden und von einem Kafir gestohlen worden, dem ihm ein Ghorka entwendete, der seinerseits von einem Lahuli beraubt wurde, den ein Khitmatgar oder Eingeborenendiener bestahl, der ihn an einen Engländer weiterverkaufte, wodurch er ihm all seine Zauberkräfte nahm; denn um zu wirken, muß der Bisara von Pooree gestohlen werden – wenn möglich unter Blutvergießen, gestohlen aber jedenfalls.

Alle diese Erzählungen, wie er nach Indien gelangte, sind falsch. Er wurde vor Jahrhunderten in Pooree selbst gemacht. – Wie? das würde ein kleines Buch füllen. Dann wurde er von einer Tempelbajadere gestohlen, die damit ihre eigenen Zwecke verfolgte, und wanderte immer in gerader nördlicher Richtung von Hand zu Hand, bis er Hanlé erreichte: und immer trug er den gleichen Namen – der Bisara von Pooree. Seine Form ist die eines winzig kleinen Kästchens aus Silber, außen mit acht kleinen Balarubinen besetzt. Im Innern des Kästchens, das sich durch eine Feder öffnen läßt, ruht ein kleiner, augenloser Fisch, der aus einer dunklen Nußholzart geschnitzt und in einen Fetzen vergilbten Goldbrokats gewickelt ist. Das ist der Bisara von Pooree, und besser wäre es für einen Menschen, er nähme eine Königskobra in die Hand, als daß er den Bisara von Pooree berührte.

Magie jeglicher Art ist heute unmodern geworden und abgetan, außer in Indien, wo nichts sich ändert, trotz des glänzenden, oberflächlichen und billigen Lacks, den man als »Zivilisation« bezeichnet. Jeder, der über den Bisara von Pooree Bescheid weiß, kann sagen, welches seine Kräfte sind – immer vorausgesetzt, daß der Bisara ehrlich gestohlen wurde. Er stellt mit einer Ausnahme den einzigen zuverlässigen, wirksamen Liebeszauber Indiens dar. (Die Ausnahme ist im Besitz eines Gemeinen von der Nizam Kavallerie an einem Ort, Tuprani genannt, direkt nördlich von Hyderabad.) Man kann sich auf diese Tatsache verlassen. Erklären mag sie jemand anders.

Wird der Bisara nicht gestohlen, sondern verschenkt, gekauft oder gefunden, so wendet er sich innerhalb dreier Jahre gegen seinen Besitzer und führt zum Ruin oder zum Tode. Das ist eine weitere Tatsache, die aufklären mag, wer Zeit dazu hat. Inzwischen kann man sich ja darüber lustig machen. Gegenwärtig ist der Bisara von Pooree sicher aufgehoben an eines Ekka-Ponnys Hals hinter der Schnur aus blauen Glasperlen, die den bösen Blick abwehrt. Falls der Ekka-Kutscher ihn finden und tragen oder seiner Frau schenken sollte, tut er mir leid.

1884 befand sich der Bisara in Theog im Besitze einer sehr schmutzigen Kulifrau aus den Bergen. Ich kam vom Norden her nach Simla, kurz ehe Churtons Khitmatgar oder Speisenträger den Bisara erstand und für seinen dreifachen Silberwert an Churton, der Kuriositäten sammelte, weiterverkaufte. Der Diener wußte ebensowenig wie sein Herr, was er gekauft hatte; ein Mann jedoch, der eines Tages Churtons Raritätensammlung durchsah, entdeckte das Amulett – und schwieg. Er war zwar ein Engländer, verstand aber zu glauben. Was beweißt, daß er sich von den meisten Engländern unterschied. Er wußte, es war gefährlich, mit dem kleinen Kästchen, ganz gleich, ob es aktiv oder latent war, etwas zu tun zu haben; denn ungewollte Liebe ist ein furchtbares Geschenk.

Pack – wir nannten ihn »die Made« – war in jeder Hinsicht ein so widerlicher kleiner Kerl, als sich nur je durch einen Irrtum in die Armee eingeschlichen hatte. Er war genau drei Zoll größer als sein Degen, aber nicht halb so stark. Dabei war der Degen nicht mehr als fünfzig Schillinge wert und Fabrikware. Niemand konnte Pack leiden, und es war wohl aus seiner allgemeinen Verkümmerung und Wertlosigkeit heraus, daß er sich so hoffnungslos in Miß Hollis verliebte, die gut und reizend war und fünf Fuß, sieben Zoll in ihren Tennischuhen maß. Er begnügte sich obendrein nicht damit, sich still und anständig zu verlieben, sondern legte die ganze Kraft seiner elenden Zwergnatur in diese Sache. Wäre er nicht so unsympathisch gewesen, man hätte ihn bemitleiden können. Er war übellaunig, reizbar und ungeduldig, immer auf dem Qui Vive, und versuchte vergeblich, sich in den stillen, großen, grauen Augen von Miß Hollis liebenswert zu machen. Es war einer von den Fällen, denen man selbst in diesem Lande begegnet, wo alle nach dem Standesregister heiraten, ein Fall von wirklich blinder, einseitiger Liebe ohne die leiseste Hoffnung auf Gegenliebe. Miß Hollis betrachtete Pack, wie man irgendeine Art Ungeziefer betrachtet, das einem über den Weg kriecht. Aussichten hatte er zudem keine, außer es dereinst zum Hauptmann zu bringen, und so wenig Geist, daß er nicht einmal einen Kupfergroschen nebenher verdienen konnte. Bei einem kräftigen, ausgewachsenen Manne wirkt eine derartige Hingabe rührend, bei einem guten Manne groß. Aber bei einem Menschen wie Pack war sie einfach lästig.

Soweit wird man mir glauben. Was man nicht glauben wird, ist das Folgende: Churton und der Mann, der über die Beschaffenheit des Bisara von Pooree Bescheid wußte, speisten zusammen im Simlaer Klubhaus. Churton erging sich in allgemeinen Klagen über das Leben. Seine beste Stute war direkt aus dem Stall heraus den Berg hinunter gerollt und hatte sich das Rückgrat gebrochen; seine beruflichen Entscheidungen wurden von den oberen Instanzen wieder umgestoßen, und zwar in einem Maße, wie es ein Mann nach achtjähriger Tätigkeit an exponierter Stelle gleich Churton kaum erwarten durfte. Er wußte, was Fieber und Leberleiden sind, kurz, fühlte sich seit Wochen nicht mehr auf dem Posten.

Der Speisesaal des Simlaer Klubhauses hat, wie alle Welt weiß, zwei Abteilungen, die durch eine Art Torbogen voneinander getrennt sind. Wenn man sich am Eingang direkt nach links wendet und den Tisch am Fenster wählt, kann man niemanden sehen, der sich nach seinem Zutritt direkt nach rechts wendet und an einem Tisch auf der rechten Seite des Bogens Platz nimmt. Seltsamerweise ist jedoch jedes Wort, das man selber spricht, nicht nur von dem anderen Gast, nein auch von den Kellnern zu hören, die von der anderen Seite des Wandschirms her die Speisen auftragen. Es lohnt sich, das zu wissen; ein so stark widerhallender Raum ist eine Falle, vor der man gewarnt sein will.

Halb aus Scherz und halb in der Hoffnung, Glauben zu finden, erzählte der Mann, der Bescheid wußte, Churton die Geschichte des Bisaras von Pooree, und zwar etwas ausführlicher, als sie hier erzählt wurde. Er schloß mit dem Vorschlag, das verhängnisvolle Kästchen doch lieber den Berg hinunterzuwerfen und abzuwarten, ob es nicht alle Sorgen und Unannehmlichkeiten mitnähme. Für gewöhnliche Ohren – europäische Ohren – war das Ganze nichts als ein interessantes Stückchen Volksaberglaube. Churton lachte auch nur; er meinte, jetzt nach dem Lunch wäre ihm schon viel wohler, und ging. Pack hatte für sich allein auf der rechten Seite des Bogens gefrühstückt und alles mitangehört. Er war inzwischen dank seiner lächerlichen Vernarrtheit in Miß Hollis, über die ganz Simla lachte, halb verrückt geworden.

Merkwürdig ist, daß ein Mann, der über das vernünftige Maß hinaus haßt oder liebt, bereit ist, auch unvernünftige Schritte zu tun, um seine Leidenschaft zu befriedigen; Dinge, die er lediglich um des Geldes oder der Macht willen nie tun würde. Verlaßt euch darauf, Salomo hätte nie und nimmer Ashtaroth und all den anderen Damen mit den fremdartigen Namen Altäre gebaut, wenn es nicht in seiner Zenana – nirgends sonst – Schwierigkeiten gegeben hätte. Aber das hat nichts mit unserer Geschichte zu tun. Die Tatsachen sind folgende: Tags darauf besuchte Pack Churton, als Churton nicht zu Hause war, gab seine Visitenkarte ab und stahl den Bisara von Pooree von seinem Platz unter der Uhr auf dem Kaminsims! Stahl ihn, Diebsnatur, die er war! Drei Tage später wurde ganz Simla durch die Nachricht elektrisiert, daß Miß Hollis Pack ihr Jawort gegeben hätte – Pack, der elenden, verschrumpelten Ratte! Braucht man noch klarere Beweise als diese? Der Bisara von Pooree war gestohlen worden und hatte seine Macht bewiesen – wie er das immer tat, wenn er auf unrechtmäßige Weise erworben wurde.

Jeder Mensch kommt in seinem Leben drei-, viermal in die Lage, sich mit Recht in anderer Leute Angelegenheit zu mischen und die Vorsehung zu spielen.

Der Mann, der Bescheid wußte, fühlte sich hierzu berechtigt, aber Fühlen und nach seinem Glauben Handeln sind zwei ganz verschiedene Dinge. Die unverschämte Befriedigung, mit der Pack neben Miß Hollis einhertrabte, sowie Churtons überraschende Erholung von seinem Leberleiden im Augenblick, da er von dem Bisara befreit war, brachten indes die Sache zum Klappen. Der Mann, der Bescheid wußte, klärte Churton auf, und Churton lachte, weil man ihn nicht dazu erzogen hatte, Leute, die auf der vizeköniglichen Einladungsliste stehen, des Diebstahls für fähig zu halten – wenigstens, wenn es sich um kleine Dinge handelt. Jedoch die ans Wunderbare grenzende Erhörung des Schneidergesellen Pack bewog ihn dazu, auf den schieren Verdacht hin Schritte zu ergreifen. Er schwor, daß ihm nur daran gelegen sei, sein rubinenbesetztes Silberkästchen ausfindig zu machen. Nun kann man aber einen Menschen, dessen Name auf der vizeköniglichen Einladungsliste steht, nicht des Diebstahls bezichtigen. Und wenn man sein Zimmer plündert, ist man selbst ein Dieb. Churton, getrieben von dem Manne, der Bescheid wußte, entschied sich für den Einbruch. Falls er in Packs Zimmer nichts entdeckte – – aber es ist nicht angenehm, zu bedenken, was in diesem Falle geschehen wäre.

Pack besuchte einen Ball in Beninore – Benmore war damals noch Benmore und kein Büro – und tanzte fünfzehn von zweiundzwanzig Walzern mit Miß Hollis. Churton und der betreffende Mann nahmen alle Schlüssel, die ihnen in die Hände fielen, und begaben sich auf Packs Hotelzimmer, überzeugt, daß die Dienerschaft ausgegangen wäre. Pack war ein schäbiger Kerl. Er hatte nicht einmal eine anständige Kassette gekauft, um seine Papiere aufzubewahren, sondern eine von den billigen inländischen Imitationen, die für zehn Rupien zu haben sind. Sie ließ sich mit jedem beliebigen Schlüssel öffnen, und da – auf ihrem Boden unter Packs Versicherungspolice lag der Bisara von Pooree!

Churton gab Pack alle möglichen schmeichelhaften Namen, steckte den Bisara von Pooree in die Tasche und ging mit »dem Mann« auf den Ball. Wenigstens kam er noch rechtzeitig zum Souper und erblickte in Miß Hollis Augen den Anfang vom Ende. Sie bekam nach dem Souper einen hysterischen Anfall und wurde von ihrer Mama nach Hause gebracht.

Auf dem Ball verstauchte sich Churton, der den abscheulichen Bisara in der Tasche trug, den Fuß, während er die Treppe, die nach der alten Rollschuhbahn führte, hinabging, und mußte murrend in einer Rickshaw nach Hause gebracht werden. Er glaubte trotz dieses erneuten Beweises nicht an den Bisara, aber er suchte Pack auf und warf ihm einige unfreundliche Bezeichnungen an den Kopf, von denen der Ausdruck »Dieb« noch der mildeste war. Pack nahm die Beschimpfung mit dem nervösen Lächeln des Schwächlings auf, dem es sowohl an körperlicher wie an seelischer Kraft gebricht, eine Beleidigung zu verübeln. Dann ging er still seines Wegs. Einen öffentlichen Skandal gab es nicht.

Eine Woche später erhielt Pack von Miß Hollis einen endgültigen Korb. Sie sagte, sie hätte sich in ihren Gefühlen geirrt. So ließ er sich nach Madras versetzen, wo er, selbst wenn er alt genug wird, um Oberst zu werden, keinen großen Schaden anrichten kann.

Churton bestand darauf, dem Manne, der Bescheid wußte, den Bisara von Pooree zu schenken. Der Mann nahm ihn in Empfang und eilte damit nach der großen Wagenstraße, wo er ein Ekka-Pony mit einer blauen Glasperlenkette fand und den Bisara von Pooree mittels eines Schnürsenkels unterhalb der Halskette befestigte. Dann dankte er dem Himmel, daß er sich der Gefahr entledigt hatte. Falls man selber einmal den Bisara von Pooree finden sollte, denke man daran, daß man ihn nicht zerstören darf. Die genauen Gründe hierfür habe ich nicht die Zeit, auseinanderzusetzen, aber die Kraft liegt in dem kleinen hölzernen Fisch. Mr. Gubernatis oder Max Müller werden darüber mehr zu berichten haben als ich.

Man wird behaupten, die Geschichte sei von Anfang bis zu Ende erlogen. Gut. Wem jemals ein kleines, rubinenbesetztes Silberkästchen in die Hände fällt, sieben Achtel mal dreiviertel Zoll groß, in dessen Innern ein dunkelbrauner, mit Goldbrokat umwickelter Fisch ruht, der behalte es. Er behalte es drei Jahre lang und sehe selbst, ob meine Geschichte wahr oder falsch ist.

Besser noch, er stiehlt es, wie Pack es tat; es wird ihm leid tun, daß er sich nicht gleich zu Anfang aufgehängt hat.

Meines Freundes Freund

Meines Freundes Freund

Diese Geschichte muß aus vielen Gründen in der ersten Person erzählt werden. Der Mann, den ich entlarven will, ist Tranter aus der Bombayer Gegend. Ich will, daß Tranter von seinem Klub boykottiert, von seiner Frau geschieden, aus seinem Amte hinausgeworfen und ins Kittchen gesperrt wird, bis ich eine schriftliche Entschuldigung von ihm in Händen habe. Ich will die ganze Welt vor Tranter aus der Bombayer Gegend warnen.

Man kennt die leichtfertige Art, in der hier in Indien Bekannte abgefertigt und weitergeschoben werden. Sie ist außerordentlich praktisch, weil man sich auf diese Weise eines Menschen, den man nicht leiden kann, zu entledigen vermag, indem man ihm einen Empfehlungsbrief schreibt und ihn mitsamt dem Schreiben in irgendeinen Zug steckt. Globetrotter werden am besten so behandelt. Wenn man sie unaufhörlich in Bewegung hält, haben sie keine Zeit beleidigende und anstößige Dinge über die anglo-indische Gesellschaft zu sagen.

Eines Tages während der kühlen Jahreszeit erhielt ich einen vorbereitenden Brief von Tranter aus der Bombayer Gegend, der mich von dem Eintreffen eines solchen Weltreisenden namens Jevon in Kenntnis setzte; und wie gewöhnlich stand in dem Briefe zu lesen, daß jede Freundlichkeit, die ich Jevon erweisen würde, gleichzeitig eine Freundlichkeit gegen Tranter sei. Jeder kennt die Form dieser Art von Mitteilungen.

Zwei Tage später tauchte Jevon mit einem Empfehlungsbriefe auf, und ich tat für ihn, was in meinen Kräften stand. Er war semmelblond, rotbäckig und typisch – wirklich typisch englisch. Trotzdem hatte er keine persönlichen Ansichten über die indische Regierung. Und er bestand auch nicht darauf, auf der Hauptpromenade der Stadt Tiger zu schießen. Noch bezeichnete er uns als »Kolonisten«, um auf Grund dieses Irrtums in Flanellhemd und Sportanzug mit uns zu Abend zu speisen. Er hatte im Gegenteil ungewöhnlich gute Manieren und war sehr dankbar für das wenige, was ich ihm verschaffte – am dankbarsten für eine Einladung zu dem afghanischen Ball und für die Vermittlung der Bekanntschaft mit Mrs. Deemes, einer Dame, für die ich die größte Bewunderung und Hochachtung hegte, und die tanzte – wie der Schatten eines Blatts in einem leichten Winde. Ich hielt große Stücke auf meine Freundschaft mit Mrs. Deemes; hätte ich jedoch gewußt, was mir bevorstand, ich würde Jevon mit einer Gardinenstange das Genick gebrochen haben, ehe ich ihm jene Einladung verschafft hätte.

Ich war indes ahnungslos, und er speiste am Abend des Balles, so viel ich weiß, im Klub, während ich zu Hause aß. Als ich dann auf den Ball ging, fragte mich der erste, dem ich in die Arme lief, ob ich Jevon schon gesehen hätte. »Nein«, sagte ich. »Er war im Klub. Ist er noch nicht gekommen?« »Gekommen?« fragte der andere. »Und ob er gekommen ist! Ich rate Ihnen, sich einmal nach ihm umzuschauen.«

Ich hielt nach Jevon Umschau. Ich fand ihn, wie er auf einer Bank saß und sich selbst und seinem Programm zulächelte. Schon ein halber Blick genügte. Von allen Abenden des Jahres hatte er diesen langen, durstigen Abend damit begonnen, daß er zu tief ins Glas geguckt hatte! Er atmete mühsam durch die Nase, seine Augen waren ziemlich entzündet und er schien mit der ganzen Welt ungemein zufrieden. Ich sandte ein kleines Stoßgebet zum Himmel, daß das Tanzen die Wirkungen des Weines beheben möchte, und machte mich mit einem äußerst unbehaglichen Gefühl daran, meine Tanzkarte auszufüllen. Doch da sah ich Jevon auf Mrs. Deemes zusteuern, um sie zu dem ersten Walzer zu engagieren, und nun wußte ich, daß sämtliche Tänze auf dem Programm nicht genügen würden, um Jevons widerspenstige Beine zur Raison zu bringen. Das Paar machte im ganzen sechs Runden – ich habe sie gezählt. Dann ließ Mrs. Deemes Jevons Arm fallen und kam auf mich zu.

Ich will nicht wiederholen, was Mrs. Deemes mir sagte; sie war wirklich sehr böse. Ich werde auch nicht schreiben, was ich Mrs. Deemes sagte, denn ich sagte gar nichts. Ich spürte nur den einen Wunsch, Jevon erst einmal umzubringen und dann dafür gehenkt zu werden. Mrs. Deemes fuhr mit ihrem Bleistift durch sämtliche Tanznummern, für die ich mich bei ihr eingeschrieben hatte und zog ab, worauf mir einfiel, ich hätte Mrs. Deemes sagen sollen, sie selbst hätte mich gebeten, ihr Jevon vorzustellen, weil er so glänzend tanzte, und ich hätte wirklich nicht vorsätzlich und voller Raffinement ein Komplott geschmiedet, um sie zu beleidigen. Allein ich fühlte, alles Reden hatte keinen Zweck, und es war gescheiter, Jevon davor zu bewahren, daß er mich in weitere Unannehmlichkeiten hineintanzte. Jevon jedoch war verschwunden; so machte ich mich nach jedem dritten Tanz auf die Suche nach ihm, und das ruinierte natürlich den letzten Rest von Vergnügen, den ich von diesem Abend erhofft hatte.

Kurz vor dem Souper erwischte ich Jevon, wie er mit weit gespreizten Beinen vor dem Büffet stand und sich mit einer sehr dicken und ungemein empörten Mama unterhielt. »Wenn dieser Mensch Ihr Freund ist, wie ich aus seinen Reden entnehme, so kann ich Ihnen nur empfehlen, ihn nach Hause zu bringen«, sagte sie. »Er ist in anständiger Gesellschaft unmöglich.« Da wußte ich, daß der Himmel allein wußte, was Jevon alles angerichtet hatte und machte den Versuch, ihn zu entfernen.

Aber Jevon dachte gar nicht daran, zu gehen; o nein! Er wußte ganz alleine, was gut für ihn war, jawohl! Und es fiel ihm nicht ein, sich von dem ersten, besten »lokonialen« Niggeraufseher kujonieren zu lassen! Und überhaupt wäre ich der Freund, der seit frühster Jugend sein Gemüt geformt und gepflegt und ihn dazu erzogen hätte, imitierte Messingwaren aus Benares zu kaufen und den lieben Gott zu fürchten, wahrhaftig! Und wir würden noch einige verdammt gute Drinks miteinander nehmen, Himmelherrgottnocheinmal! Und sämtliche schwarzgekleidete, alte Kamelstuten der Welt würden ihn nicht von der Meinung abbringen, daß nichts über einen Benediktiner gehe, um den Appetit zu reizen. Und … aber nein, er war ja mein Gast.

Ich setzte ihn also in einen stillen Winkel des Speisesaals und begab mich auf die Suche nach einem zuverlässigen, männlichen Mauerblümchen. Da war ein lieber, menschenfreundlicher kleiner Leutnant – der Himmel segne ihn und mache ihn zum Oberstkommandierenden! – der von meiner Verlegenheit hörte. Er selber tanzte nicht und hatte einen Schädel so unempfindlich wie ein Balken aus fünfjahraltem Teakholz. Er sagte, er würde bis zum Schluß des Balles auf Jevon aufpassen.

»Es ist Ihnen wohl gleich, was ich mit ihm anstelle?« erkundigte er sich.

»Gleich? Meinetwegen können Sie das Scheusal erwürgen!«

Aber der Leutnant erwürgte ihn nicht. Er trabte statt dessen nach dem Speisesaal und setzte sich zu Jevon, mit dem er Schnaps über Schnaps trank. Ich wartete, bis die beiden gut im Zuge waren und begab mich dann etwas erleichtert hinweg.

Als die Musik zum Essen blies, hörte ich Näheres über Jevons Aufführung zwischen dem ersten Tanz und meinem Zusammentreffen mit ihm vor dem Büffet. Nachdem Mrs. Deemes sich seiner entledigt hatte, lotste er sich, wie es scheint, nach der Galerie durch, und erbot sich, die Kapelle zu dirigieren oder jedes Instrument zu spielen, das dem Kapellmeister vorzuschlagen beliebte.

Als der Kapellmeister sich weigerte, meinte Jevon, er würde hier nicht genügend gewürdigt und begann sich nach einem mitfühlenden Herzen zu sehnen. Also trollte er sich wieder die Treppe hinunter und unterhielt sich während der nächsten vier Tänze mit vier verschiedenen Mädchen, von denen er dreien einen Heiratsantrag machte. Eines von den Mädchen war übrigens eine verheiratete Frau. Dann begab er sich in das Whistzimmer, wo er mit dem Gesicht nach vorn hinfiel und auf dem Teppich vor dem Kamin in Tränen ausbrach, weil er einer Bande von Falschspielern in die Hände gefallen sei und seine Mama ihn immer schon vor schlechter Gesellschaft gewarnt hätte. Daneben hatte er sich aber noch alles mögliche geleistet und ungefähr drei Viertel Liter gemischten Alkohols konsumiert. Außerdem hatte er über mich die skandalösesten Dinge erzählt!

Sämtliche Frauen verlangten, daß er hinausgeworfen würde und sämtliche Männer wollten ihn verprügeln. Das Schlimmste aber war, daß jeder erklärte, ich wäre an allem Schuld! Nun frage ich ganz ehrlich: wie zum Teufel konnte ich ahnen, daß dieser unschuldige, flaumige junge Globetrotter in so ekelhafter Weise über die Stränge schlagen würde? Nachdem er fast die ganze Welt bereist hatte! Seine Flüche waren wirklich kosmopolitisch, obwohl er die meisten in einem gemeinen japanischen Teehaus in Hakodate aufgelesen hatte. Sie klangen wie eine Dampfpfeife.

Während ich erst der einen, dann der anderen Schilderung von Jevons schamlosem Benehmen lauschte und alle Männer nacheinander von mir sein Blut forderten, fragte ich mich, wo er jetzt wohl steckte. Ich war bereit, ihn auf der Stelle der Gesellschaft zu opfern.

Aber Jevon war verschwunden und dort, in einer fernen Ecke des Speisesaals, saß mit leicht gerötetem Kopf mein lieber, guter, kleiner Leutnant und stärkte sich an Salat. Ich ging zu ihm hin und forschte: »Wo ist Jevon?« »In der Garderobe«, sagte der Leutnant. »Es hat Zeit, bis die Damen gegangen sind. Lassen Sie bloß meinen Gefangenen in Ruhe.« Ich wollte ihn auch in Ruhe lassen, trotzdem warf ich einen Blick in die Garderobe und gewahrte meinen Gast, den man auf einigen zusammengelegten Teppichen, ohne Kragen und mit einem nassen Wickel um den Kopf, hübsch gemütlich zu Bett gebracht hatte.

Den Rest des Abends verbrachte ich mit schüchternen Erklärungen gegenüber Mrs. Deemes und drei, vier anderen Damen, sowie mit dem Versuch, meinen Ruf von den schändlichen Verleumdungen zu reinigen, durch die mein Gast ihn beschmutzt hatte. (Ich bin wirklich ein anständiger Mensch.) Der Ausdruck Verleumdungen reicht noch nicht für das, was er über mich verbreitet hatte.

Wenn ich nicht gerade mit meinen Erklärungen beschäftigt war, rannte ich in die Garderobe, um zu sehen, ob Jevon auch nicht einem Schlaganfall erlegen wäre. Ich wollte nicht, daß er mir hier unter den Händen starb. Immerhin hatte er von meinem Salz und Brot gekostet.

Endlich, endlich war jener entsetzliche Ball zu Ende, ohne daß ich jedoch bei Mrs. Deemes einen Zollbreit Boden zurückgewonnen hätte. Als die Damen fort waren und irgend jemand bei der zweiten Abendtafel nach einem Tischlied verlangte, befahl mein Engel von Leutnant dem Speisemeister, das eine Ende der Speisetafel abzuräumen und den Sahib aus der Garderobe herzubringen. Während dieses geschah, konstituierten wir uns zu einem Strafgericht, dessen Vorsitz der Doktor übernahm.

Jevon wurde von vier Mann hereingetragen und auf den Tisch gelegt, wie eine Leiche im Seziersaal, und der Doktor hielt ihm eine Strafpredigt über die Sünden der Unmäßigkeit, während Jevon schnarchte. Dann machten wir uns an die Arbeit.

Wir schwärzten ihm das ganze Gesicht mit Korkruß. Wir schmierten sein Haar so voller Schlagsahne, daß es das Aussehen einer weißen Perücke hatte. Um das Ganze ungestört trocknen zu lassen, zog ein Mann von der Feldzeugmeisterei, der sich auf die Sache verstand, eine große, blaue Papiermütze aus einem Knallbonbon bis tief in Jevons Stirn und leimte sie dort mit Schlagsahnenkleister fest. Man bedenke, das geschah als Strafe, nicht zum Scherz. Wir nahmen Gelatinepapier von den Knallbonbons und klebten ihm blaue Gelatine auf die Nase und gelbe Gelatine auf das Kinn und grüne und rote Gelatine auf die Backen, wobei wir jedes Stück so fest aufdrückten, daß es haftete wie Goldschlägerhaut.

Wir legten ihm eine Schinkenkrause um den Hals und banden sie vorn als Krawatte zusammen. Er wackelte dabei mit dem Kopf wie ein Mandarin.

Wir klebten Gelatinepapier auf seine Handrücken und beschmierten die Innenflächen mit gebranntem Kork und umwanden die Gelenke mit kleinen Kotelettkrausen; dann banden wir beide Hände mit Bindfaden zusammen. Wir wachsten seine Schnurrbartspitzen mit Fischleim, bis er äußerst martialisch aussah.

Wir drehten ihn auf sein Gesicht, steckten seine Frackschwänze zwischen den Schulterblättern zusammen und befestigten darunter eine Rosette aus Kotelettenkrausen. Wir holten rotes Tuch aus dem Ballsaal in den Speisesaal und umwickelten ihn damit. Es waren ungefähr sechzig Fuß roten Tuches von etwa drei Meter Breite; und er wurde zu einem ungeheuer dicken Bändel zusammengeschnürt, aus dem nur jener phantastische Kopf herausragte.

Endlich banden wir den überflüssigen Rest roten Tuches mit Kokosnußfaser so fest, wie wir nur irgend konnten, zur Schleppe zusammen. Wir waren so wütend, daß wir kaum dabei lachten.

Gerade als wir fertig waren, hörten wir das Rattern von Ochsenwagen, die eine Reihe von Stühlen und anderen, Sachen, die die Frau Generalin für das Fest geliehen hatte, wegholen sollten. So warfen wir Jevon wie einen Teppichballen auf einen der Vagen, und die Wagen rollten davon. Nun ist aber das Merkwürdigste an dieser ganzen Geschichte, daß ich nie wieder etwas von Jevon, dem Globetrotter, zu sehen oder zu hören bekam. Er löste sich einfach in Rauch auf. Er wurde nicht im Hause des Generals mit den Teppichen abgeliefert. Er verschwand einfach in der tiefen Finsternis der letzten Nachtstunden und wurde von ihr verschlungen. Vielleicht starb er auch und wurde in den Fluß geworfen.

Aber lebend oder tot, wie hat er sich nur von dem roten Tuch und von der Schlagsahne befreit? Das habe ich mich inzwischen oft gefragt. Ferner habe ich mich oft fragen müssen, ob Mrs. Deemes mich je wieder in Gnaden aufnehmen wird, und ob es mir wohl gelingen wird, die infamen Gerüchte über meine Sitten und Gewohnheiten niederzukämpfen, die Jevon in der Zeit zwischen dem ersten und neunten Walzer des afghanischen Balls in Umlauf gesetzt hat? Sie haften fester als jede Schlagsahne.

Und das ist der Grund, weshalb ich Tranters aus der Bombayer Gegend habhaft werden möchte – tot oder lebendig. Am liebsten aber tot.

Toddy’s Antrag

Toddy’s Antrag

Jawohl, Toddys Mama war eine ungewöhnlich reizende Frau, und ganz Simla kannte Toddy. Die meisten Männer hatten ihn bei irgendeiner Gelegenheit vom Tode errettet. Er selbst tanzte seiner Ayah oder Kinderfrau ungeniert auf der Nase herum und setzte täglich sein Leben aufs Spiel, zum Beispiel, um herauszubekommen, was passieren würde, wenn man ein Maultier von den Gebirgsbatterien am Schwanze zog. Er war ein vollkommen furchtloser kleiner Schlingel und dazu das einzige Kind, dem es gelungen war, die geheiligte Ruhe des Gesetzgebenden Rates des Indischen Reichs zu stören.

Das kam so: Todds Lieblingsziegenbock riß sich los und floh den Berg hinauf, Todd immer hinterdrein, bis sie in den Vorgarten der vizeköniglichen Villa, die es damals noch neben »Peterhoff« gab, hineinplatzten. Der Hohe Rat hielt gerade eine Sitzung ab, und die Fenster waren wegen der Hitze geöffnet. Der rote Ulan auf der Veranda sagte zu Todd, er solle wieder gehen, aber Todd kannte den roten Ulan und die meisten Mitglieder des Rates persönlich. Außerdem hatte er sich fest an das Halsband des Bocks geklammert und wurde im Augenblick gerade über sämtliche Blumenbeete geschleift. Er keuchte daher: »Bring dem langen Staatsrat Sahib meine Salaams, und er soll mir helfen, Moti zu fangen!« Der Staatsrat hörte durch die offenen Fenster den Lärm, und so gewahrte man nach einer Weile das empörende Schauspiel, wie ein juristischer Beirat und ein Gouverneur-Statthalter unter dem direkten Vorsitz des Oberstkommandierenden und des Vizekönigs einem kleinen und sehr schmutzigen Jungen in einem Matrosenanzug mit einem wirren Schopf brauner Haare halfen, einen ungemein lebhaften und widerspenstigen jungen Ziegenbock zur Raison zu bringen. Sie trieben ihn auf den Wieg und hinunter zur Hauptstraße, und Toddy zog im Triumph heim zu seiner Mama und erzählte ihr, sämtliche Sahibs des Geheimen Rates hätten ihm geholfen, Moti einzufangen. Worauf die Mama Toddy einen Klaps gab, weil er sich in die Verwaltung des Reichs eingemischt hatte. Aber Todd traf den juristischen Beirat am darauffolgenden Tage und sagte ihm im Vertrauen, wenn er, der juristische Beirat, jemals einen Ziegenbock einzufangen hätte, so wolle er, Todd, ihm nach Kräften dabei helfen. »Ich danke dir, Todd,« sagte der juristische Beirat.

Todd war das Idol einiger achtzig Sänftenträger und halb so vieler Saise oder Pferdeknechte. Sie alle redete er an mit »O Bruder«. Niemals kam ihm der Gedanke, daß irgendein menschliches Wesen sich weigern könnte, seine Befehle auszuführen, und stets war er der vermittelnde Engel zwischen den Dienstboten und dem Zorne seiner Mama. Die ganze Maschinerie des Haushalts drehte sich um Toddy, der von sämtlichen Leuten vergöttert wurde, angefangen bei dem indischen Wäscher bis hinab zu dem Hundejungen. Selbst Futteh Khan, der faule alte Schlingel von Aufwärter aus Mussoorie, scheute sich, bei Toddy in Ungnade zu fallen, aus Furcht, seine Kameraden könnten auf ihn herabsehen.

So genoß Toddy der Ehre ringsum im Lande, von Boileaugaunge bis Chota Simla, und herrschte gerecht nach seinem Wissen. Natürlich sprach er Urdu, aber er beherrschte auch die vielen sonderbaren Nebendialekte, wie das Chatee Bolee der Frauen, und unterhielt sich feierlich mit Ladenbesitzern wie Bergkulis, ohne Unterschied. Er war frühreif für seine Jahre, und sein Verkehr mit den Eingeborenen hatte ihm einige der bitteren Wahrheiten des Lebens beigebracht: seine Armseligkeit und seinen Schmutz. Ja, er pflegte über Brot und Milch feierliche Aphorismen zum besten zu geben, die er von der Landessprache ins Englische übersetzte, bis seine Mama vor Schreck zusammenfuhr und beteuerte, in der nächsten warmen Jahreszeit müsse Toddy aber wirklich endlich nach England geschickt werden.

Gerade als Todd auf der Höhe seiner Macht stand, doktorte der Oberste gesetzgebende Rat an einer Gesetzesvorlage herum, einer Revision des damaligen Pundschaber Grund- und Bodengesetzes, die einige hunderttausend Menschen nahe berührte. Der juristische Beirat hatte den Gesetzentwurf aufgesetzt, aufgepolstert, zurechtgestutzt und verbessert, bis er sich auf dem Papier wirklich wunderschön ausnahm. Dann begann der Rat die sogenannten untergeordneten Details festzulegen. Als ob Engländer, wenn sie den Einheimischen Gesetze geben, überhaupt beurteilen könnten, welches, vom einheimischen Gesichtspunkte aus betrachtet, die untergeordneten Details und welches die Hauptpunkte sind. Dieser Gesetzentwurf war ein Triumph der »Wahrung der Interessen des Pächters«. Eine Klausel bestimmte, daß kein Pachtvertrag länger als fünf Jahre dauern dürfe, weil ein Grundbesitzer, wenn er einen Pächter, sagen wir, auf zwanzig Jahre hin gebunden hält, ihn bis aufs Mark aussaugen kann. Der Gedanke war, in den submontanen Distrikten einen wechselnden Stand unabhängiger Ackerbauer aufrechtzuerhalten, und ethnologisch und politisch war der Gedanke korrekt. Der einzige Nachteil war, daß er vollkommen falsch war. In Indien schließt das Leben des Eingeborenen auch das seines Sohnes ein. Deshalb kann man dort keine Gesetze machen, die nur für eine Generation Gültigkeit haben. Man muß gleichzeitig vom Eingeborenengesichtspunkt die nächste Generation ins Auge fassen. Seltsamerweise hassen es Eingeborene von Zeit zu Zeit, in Nord-Indien ganz besonders, bevormundet zu sein, selbst wenn es gilt, sie gegen sich selbst zu schützen. Es war einmal ein Negerdorf … Aber das ist eine andere Geschichte.

Aus zahlreichen, später noch zu erörternden Gründen war das Volk gegen die betreffende Gesetzesvorlage. Das indische Mitglied des Rates kannte die Einwohner des Pundschabs ungefähr so gut wie den Charing-Gross-Bahnhof in London. In Kalkutta hatte er erklärt: »Die Vorlage entspricht durchaus den Wünschen jenes großen und wichtigen Standes, unserer ackerbautreibenden Bevölkerung« usw. usw. Des juristischen Beirats Kenntnisse von Eingeborenen beschränkten sich auf englisch-sprechende Gerichtspersonen und auf seine eigenen rotröckigen Ordonnanzen; die submontanen Distrikte gingen niemanden besonders an; die Vizekommissare waren viel zu überarbeitet, um Vorhaltungen zu machen, und die Maßnahme betraf ja außerdem nur die kleinen Pächter. Trotzdem flehte der juristische Beirat zum Himmel, daß er recht getan hätte, denn er war ein ängstlich gewissenhafter Mann. Er wußte nicht, daß kein Mensch, der sich nicht ganz ohne Tünche unter sie mischt, hinter die Gedanken der Eingeborenen kommen kann. Und selbst dann glückt es ihm nicht immer. Aber er handelte nur nach bestem Wissen und Gewissen. Und so wurde die Vorlage dem Obersten Rat unterbreitet, damit dieser ihr die letzten Finessen gebe, während Toddy auf seinen Morgenritten den Burra Simla-Bazar durchstreifte, mit dem Affen Ditta Mulls, des Händlers, spielte und nach Kinderart dem Bazargeschwätz über den neuesten tollen Einfall der hohen Sahibs lauschte.

Eines Tages gab es im Hause von Toddys Mama eine Gesellschaft, zu der auch der juristische Beirat geladen war. Toddy war schon zu Bett gebracht worden, lag aber dort wach, bis er die Herren über ihrem Kaffee lachen hörte. Dann trollte er sich in rotem Flanellschlafrock und Pyjama aus dem Zimmer und suchte bei seinem Vater Zuflucht, von dem er wußte, daß er ihn nicht wieder ins Bett schicken würde. »Das hat man nun davon, Familienvater zu sein«, sagte der, gab Toddy drei getrocknete Pflaumen und etwas Wasser in einem Glase, in dem vorher Wein gewesen war, und ermahnte ihn, still zu sitzen. Todd lutschte die Pflaumen mit großer Bedachtsamkeit, denn er wußte, er würde danach wieder ins Bett gehen müssen und nippte wie ein Mann von Welt an seinem rosa Wasser, während er der Unterhaltung lauschte. Nach einer Weile erwähnte der juristische Beirat, der mit irgendeinem Abteilungsleiter fachsimpelte, seine Gesetzesvorlage, und zwar nannte er sie bei ihrem vollen Namen: »Der revidierte Ryotwary Submontan-Distrikts-Akt.« Toddy verstand nur das eine, unheimliche Wort, erhob seine kleine Stimme und sagte:

»Oh, darüber weiß ich Bescheid! Hat man denn schon murramuttiert, Onkel Staatsrat Sahib?«

»Was sagst du?« fragte der juristische Beirat.

»Murramuttiert – verbessert –, du weißt doch – schön gemacht, damit er Ditta Mull gefällt?«

Der juristische Beirat erhob sich von seinem Platz und setzte sich neben Todd.

»Was verstehst du von Ryotwary, kleiner Mann?« forschte er.

»Ich bin kein kleiner Mann, ich bin Toddy und ich verstehe alles davon. Ditta Mull und Choga Lall und Amir Nath und – und viele, viele meiner Freunde erzählen mir davon, in den Bazaren, wenn ich mich mit ihnen unterhalte.«

»So, – tun sie das – wahrhaftig? Was erzählen sie denn, Toddy?«

Toddy steckte seine Füße unter den roten Flanellschlafrock und sagte: »Ich muß mal überlegen.«

Der juristische Beirat wartete geduldig. Dann sagte Toddy mit unendlichem Mitleid: »Du kannst nich meine Sprache, nich, Sahib Staatsrat?«

»Nein, leider muß ich gestehen, daß ich sie nicht kann,« sagte der juristische Beirat.

»Gut,« bemerkte Toddy, »dann muß ich Engliß überlegen.«

Eine volle Minute brachte er seine Gedanken in Ordnung; dann hub er an, sehr langsam, jeden Begriff erst von der Landessprache ins Englische übersetzend, wie viele anglo-indische Kinder es tun. Im Auge zu behalten ist, daß der juristische Beirat ihm mit Fragen half, wenn er stockte, denn ganz war Toddy der folgenden, ausgiebigen rednerischen Leistung doch nicht fähig:

»Ditta Mull sagt: ›Dieses Ding ist der Unsinn eines Kindes und ist von Narren gemacht.‹ Aber ich finde nich, daß du ein Narr bist, Onkel Staatsrat Sahib«, fügte Toddy hastig hinzu. »Du hast mir meine Ziege gefangen. Und das sagt Ditta Mull auch: ›Ich bin kein Narr, und weshalb sollte der Sirkar sagen, daß ich ein Kind bin? Ich kann sehen, ob das Land gut ist und ob der Grundherr gut ist. Bin ich ein Narr, so komme die Sünde über mein eigenes Haupt. Auf fünf Jahre nehme ich das Land, für das ich Geld gespart habe, und ich nehme auch eine Frau und es wird mir ein kleiner Sohn geboren.‹ Ditta Mull hat jetzt nur eine Tochter, aber er sagt, bald wird er auch einen Sohn bekommen. Und er sagt: ›Nach fünf Jahren muß ich, so wie das neue Gesetz es vorschreibt, wieder gehen. Und wenn ich nicht gehe, muß ich neue Siegel und Stempelmarken auf das Papier kleben, vielleicht gar mitten in der Ernte, und einmal sich an die Gerichten wenden ist Weisheit, zweimal aber »Johannum« (die Hölle).‹ Und das ist ganz richtig,« fügte Toddy ernsthaft hinzu. »Alle meine Freunde sagen es. Und Ditta Mull sagt: ›Alle fünf Jahre wieder neue Steuern und Geld für Advokaten und Gerichtsdiener und Gerichtshöfe, sonst jagt mich der Grundherr fort. Weshalb sollte ich aber gehen wollen? Bin ich ein Narr? Und wenn ich ein Narr bin und selbst nach vierzig Jahren nicht gutes Land erkenne, wenn ich es mit eigenen Augen sehe, so laßt mich sterben. Wenn aber das neue Gesetz fünfzehn Jahre sagte, dann wäre es gut und weise. Dann ist mein kleiner Sohn ein Mann geworden und ich bin längst verbrannt, und er nimmt sich diesen oder irgendeinen anderen Grund und braucht nur einmal Stempelmarken zu bezahlen, und auch sein kleiner Sohn wird geboren und nach fünfzehn Jahren ein Mann werden. Wo hingegen liegt in fünf Jahren und immer neuen Papieren der Gewinn? Nichts liegt darin als »Dikh«, – Unruhe, – »Dikh«. Wir, die wir dieses Land nehmen, sind keine jungen Männer, sondern alte – keine »Jats«, sondern Kaufleute mit ein wenig Geld – und wir wollen fünfzehn Jahre lang Frieden haben. Auch sind wir keine Kinder, daß der Sirkar uns als solche behandle.«

Hier hielt Toddy plötzlich inne, da ihm mittlerweile die ganze Gesellschaft lauschte. Der juristische Beirat fragte Toddy: »Ist das alles?«

»Alles, was ich behalten habe,« entgegnete Toddy. »Aber Du solltest Ditta Mulls großen Affen sehen. Er sieht ganz so aus wie der Sahib Staatsrat.«

»Toddy! Marsch ins Bett,« sagte sein Vater.

Toddy raffte seinen Schlafrock zusammen und ging.

Der juristische Beirat schlug donnernd mit der Faust auf den Tisch – »Bei Jove!« sagte der juristische Beirat, »ich glaube, der Junge hat Recht. Die kurze Pachtfrist ist der wunde Punkt.«

Und er brach in Gedanken an das, was Toddy gesagt hatte, zeitig auf. Nun war es offenbar für den juristischen Beirat unmöglich, mit des Händlers Affen zu spielen, um sich Erleuchtung zu verschaffen; er tat indes etwas viel Besseres, Er stellte überall Erkundigungen an, wobei er sich stets vor Augen hielt, daß der echte Eingeborene – nicht der auf der Universität geschulte Zwitter – so scheu ist wie ein wildes Pferd, und mählich, ganz allmählich überredete er eine Reihe von Männern, die die Frage am meisten anging, ihn ihre Ansichten wissen zu lassen, und sie stimmten mit Toddys Aussagen eng überein.

So wurde diese eine Klausel des Gesetzentwurfs revidiert; und in des juristischen Beirats Brust zog unruhiger Argwohn, daß die indischen Mitglieder wenig mehr als die Befehle, die sie mit sich herumtragen, zum Ausdruck brächten. Aber er wies diesen Gedanken als unliberal weit von sich. Er war ein äußerst liberaler Mann.

Nach und nach verbreitete sich in den Bazaren die Nachricht, Toddy hätte es erreicht, daß die Pachtfristklausel revidiert worden wäre; und hätte Toddys Mama sich nicht eingemischt, Toddy hätte an den Körben von Obst und Pistaziennüssen, Kabuli-Trauben und Mandeln, die sich auf der Veranda türmten, krank gegessen. Bis er nach England ging, stand Toddy in der Wertschätzung der Menge noch um einige Stufen höher als der Vizekönig selbst – weshalb, das vermochte Toddy, und hätte er sein kleines Leben dadurch retten können – niemals zu erraten.

In des juristischen Beirats Privatschatulle liegt noch immer ein flüchtiger Entwurf des »Revidierten Ryotwary Submontan-Distrikts-Aktes«; und neben der zweiundzwanzigsten Klausel stehen mit Blaustift und von dem juristischen Beirat unterzeichnet die Worte: »Toddys Antrag.«