X. Das Plateau von Mont-Saint-Hean.

Gleichzeitig mit dem Hohlwege wurde die Batterie demaskirt.

Sechzig Kanonen und dreizehn Carré’s feuerten auf die Cuirassire, welchen die Geschosse so zu sagen beinahe auf die Brust gesetzt wurden. Der unerschrockene General Delord machte der englischen Batterie seinen militairischen Gruß.

Die ganze fliegende englische Artillerie hatte sich im Galopp in die Carrés begeben. Die Cuirassire hatten nicht einmal Zeit festen Fuß zu fassen. Das Unglück im Hohlwege hatte sie zwar decimirt, aber nicht entmuthigt. Je geringer ihre Zahl wurde, desto größer wurde ihr Muth.

Im gestreckten Galopp, mit losgelassenen Zügeln, den Säbel zwischen den Zähnen, die Pistole in der Faust stürzten sie sich auf die englischen Carrés.

Es giebt in den Schlachten Augenblicke, wo die Seele den Körper bis zu dem Grade verhärtet, daß sie den Soldaten zu einer Statue macht, an welcher alles Fleisch Granit geworden ist.

Aber auch die in so heftiger Weise angegriffenen englischen Bataillone wichen nicht.

Es war schrecklich.

Alle Fronten der englischen Armee wurden zugleich angegriffen. Ein rasender Wirbel umhüllte sie. Die Infanterie aber blieb kalt und wankte nicht. Das erste Glied war nieder gekniet und empfing die Cuirassire mit dem Bajonett, während das zweite auf sie feuerte. Hinter diesem stand die Artillerie.

Von Zeit zu Zeit öffnete sich die Front des Carrés, ließ den Ausbruch einer Kartätschenladung durch und schloß sich wieder. Die Kuirassire blieben die Antwort nicht schuldig, wüthend säbelten sie Alles vor sich nieder. Mit ihren sich bäumenden Pferden setzten sie über die Bajonette, über die Glieder des Carrés mitten in dasselbe hinein, mitten in jene vier lebenden Mauern. Die Kugeln der Infanterie durchlöcherten die Reihen der Cuirassire, die Cuirassire brachen Bresche in die Carrés. Die durch die wüthende Kavallerie zusammengehauenen Carré’s zogen sich ohne zu wanken zusammen. Unerschöpflich im Schuß bewirken sie mitten unter den Angreifenden Explosionen. Sie waren Krater, die angreifende Kavallerie ein Sturm: die Lava kämpfte mit dem Blitz.

Das letzte Carré rechts, welches am meisten von allen ausgesetzt war, wurde schon beim ersten Anprall beinahe gänzlich vernichtet. Es war aus dem fünfundsiebzigsten Hochländer-Regiment gebildet. Der Dudelsackpfeifer saß in der Mitte auf einer Trommel und spielte, mit seinem melancholischen Auge, in welchem See und Hain der Heimath sich spiegelten, in tiefe Erinnerungen versunken, achtlos auf seine schreckliche Umgebung, Melodien der heimathlichen Berge, bis der Säbel eines Cuirassirs Sang und Sänger tödtete. Diese Schotten starben mit Erinnerungen an Ben Lothian wie die Griechen mit Erinnerungen an Argos. Die verhältnißmäßig wenig zahlreichen Cuirassire, welche durch die Katastrophe im Hohlwege noch mehr geschmolzen waren, hatten beinahe die ganze englische Armee gegen sich. Jeder aber galt so viel wie zehn. Das vergrößerte ihre Anzahl. Indessen begannen einige Hanoversche Regimenter zu weichen. Wellington sah es und dachte an seine Cavallerie. Hätte Napoleon in diesem Augenblicke an seine Infanterie gedacht, er würde die Schlacht gewonnen haben. Dieses Vergessen war ein großer verhängnißvoller Fehler von ihm.

Plötzlich sahen die angreifenden Kuirassire sich angegriffen. Die englische Cavallerie erschien hinter ihnen. Vor ihnen die Carré’s, hinter ihnen Somerset, d. h. vierzehnhundert Garde-Dragoner. Zu seiner Rechten hatte Somerset Dörnberg mit den deutschen Cheveauxlegers, zur Linken Trip mit den belgischen Carabiniers. So mußten die von allen Seiten angegriffenen Kuirassire nach überall hin Front machen. Was ging es sie an! Sie waren ein Wirbelwind.

Die hier auf allen Seiten bewiesene Tapferkeit ist unbeschreiblich: für solche Franzosen mußte es wenigstens solche Engländer geben.

Obwohl Ney mit Unterstützung herbeieilte und zwölf Angriffe erfolgten, hielten, sich die Carré’s immer noch. Ney wurden vier Pferde unter dem Leibe getödtet, die Hälfte der Kuirassire blieb auf dem Platze. Zwei Stunden dauerte der Kampf. Die Lage Wellingtons hatte sich verschlimmert. Diese seltsame Schlacht war wie ein Duell zwischen zwei bis auf den Tod erbitterter Verwundeten, die, ohne daß einer nachgiebt, bis auf den letzten Blutstropfen mit einander kämpfen. Wer von ihnen beiden wird zuerst fallen?

Wellington fühlte sich seinem Untergänge nahe: die Krisis war im Anzüge.

Die Kuirassire hatten zwar insofern ihren Zweck nicht erreicht, als sie das Centrum nicht durchbrochen hatten und sogar der größte Theil des Plateau’s, das Dorf und der Höhepunkt, den Engländern gehörte, während Ney nur den Abhang und den Kamm inne hatte. Die Schwächung der Engländer schien jedoch unheilbar, der Blutverlust dieser Armee war schrecklich. Die wüthenden Stöße der gewaltigen, eisenbepanzerten Schwadronen hatten die Infanterie zermalmt. Um fünf Uhr zog Wellington seine Uhr aus der Tasche und man hörte ihn dabei die düstern Worte murmeln: »Blücher oder die Nacht!«

Beinah in demselben Augenblicke blitzte in der Entfernung auf den Höhen nach Frischemont zu eine Bajonetlinie.

Das ist der Wendepunkt in diesem riesigen Drama.

XI. Napoleon hat einen schlechten, Bülow einen guten Führer.

Man kennt die schmerzliche Enttäuschung Napoleons: Grouchy wird erwartet, Blücher erscheint; der Tod statt des Lebens. Das Schicksal hat solche Wandlungen. Man erwartet den Thron der Weltherrschaft und sieht St. Helena vor sich. Wenn der kleine Hirte, welcher Bülow als Führer diente, diesem gerathen hätte, lieber oberhalb Frischemont statt unterhalb Planchenois aus dem Walde herauszukommen, so würde das neunzehnte Jahrhundert vielleicht eine andere Gestalt erhalten haben. Napoleon hätte die Schlacht von Waterloo gewonnen. Auf jedem andern Wege als auf dem unterhalb Planchenois wäre die preußische Armee auf eine für die Artillerie unübersteigliche Schlucht gestoßen und Bülow wäre nicht eingetroffen.

Eine einzige Stunde später – erklärt der preußische General Müffling – und Blücher hätte Wellington nicht mehr gefunden, »die Schlacht wäre verloren gewesen.«

Es war, wie man sieht, die höchste Zeit, daß Bülow ankam. Uebrigens war er sehr aufgehalten worden. Er hatte in Dion-le-Mont bivouakirt und war mit Anbruch des Tages aufgebrochen. Die Wege aber waren ungangbar und die Divisionen waren im Koth stecken geblieben. Die Gleise gingen bis an die Achsen der Kanonen. Außerdem hatte man den Dyle über die schmale Brücke zu Wavre passiren müssen; die zur Brücke führende Straße war von den Franzosen in Brand gesteckt; die Pulverwagen, die zwischen zwei Reihen brennender Häuser nicht hindurchfahren konnten, mußten warten, bis der Brand gelöscht war. Es war Mittag, als die Avantgarde Bülow’s Chapelle-Saint-Lambert noch nicht hatte erreichen können.

Wäre die Schlacht zwei Stunden früher begonnen worden, so würde sie um vier Uhr zu Ende gewesen und Blücher würde auf dem Schlachtfelde angelangt sein, wenn sich dasselbe bereits in den Händen des siegreichen Napoleon befunden. So sind diese unermeßlichen Zufälligkeiten mit dem Unendlichen in Uebereinstimmung gebracht, welches unserem sterblichen Auge entgeht.

Schon seit Mittag hatte der Kaiser zuerst mit seinem Fernrohre am äußersten Horizonte Etwas bemerkt, das seine Aufmerksamkeit fesselte. Er sagte: »ich sehe da unten eine Wolke, die mir von Truppen herzurühren scheint.« Dann fragte er den Herzog von Dalmatien: »Soult, was sehen Sie in der Richtung nach Chapelle-Saint-Lambert zu?« – Der Marschall richtete sein Fernrohr dahin und antwortete: »Vier bis fünftausend Mann, Sire. Offenbar Grouchy,« Jenes Etwas blieb indeß unbeweglich in dem Nebel. Alle Fernrohre des Generalstabes beobachteten die von dem Kaiser bemerkte »Wolke«. Einige sagten: »es sind Colonnen, die Halt machen.« Die Meisten erklärten aber: »es sind Bäume.« Allerdings bewegte sich die Wolke nicht und der Kaiser sandte Domons Division leichter Reiterei auf Recognoscirung dieses dunkeln Punktes aus.

Bülow hatte sich in der That nicht gerührt. Seine Avantgarde war sehr schwach und vermochte nichts. Er mußte auf das Gros des Armeecorps warten und hatte den Befehl, sich zu concentriren, ehe er in die Schlachtlinie einrücke. Um fünf Uhr aber befahl Blücher, da er die Gefahr Wellingtons sah, Bülow, anzugreifen und sprach dabei das beachtenswerthe Wort: »Man muß der englischen Armee Luft machen.«

Bald nachher entfalteten sich die Divisionen Losthin, Hiller, Hacke und Ryssel vor dem Lobau’schen Corps, die Cavallerie des Prinzen Wilhelm von Preußen brach aus dem Walde hervor, Planchenois stand in Flammen und die preußischen Kugeln begannen selbst bis in die Reihen der Garde-Reserve hinter Napoleon hinein zu regnen.

XII. Die Garde.

Das Uebrige kennt man: daß eine dritte Armee einbrach, die Schlacht verschoben wurde, plötzlich sechs und achtzig Feuerschlünde donnerten, Pirch I. mit Bülow und die Kavallerie Ziethens unter. Blüchers eigener Führung die Franzosen überraschte; daß die Franzosen zurückgeworfen, Macognet von dem Plateau Ohains hinweggefegt, Darutte aus Papolette vertrieben wurde, daß Donzelot und Quiot wichen und mit Einbruch der Nacht eine neue Schlacht sich auf die ermatteten französischen Regimenter stürzte; daß die ganze englische Linie von Neuem die Offensive ergriff und, vorwärts gedrängt, in die französische Armee wie ein gigantischer Keil einbrach; wie die englischen und preußischen Kartätschen einander unterstützten zur Vernichtung der Franzosen; wie endlich bei diesem Unglück auf allen Seiten die Garde in diesem entsetzlichen Zusammensturz, in die Schlachtlinie einrückte.

Da sie fühlte, daß sie in den Tod gehe, rief sie: »es lebe der Kaiser!« Die Geschichte kennt nichts Ergreifenderes als diesen in Jubelrufe ausbrechenden Todeskampf.

Der Himmel war den ganzen Tag über bedeckt gewesen. Plötzlich und grade in diesem Augenblicke, es war acht Uhr Abends, zogen sich die Wolken vom Horizont zurück und ließen durch die Ulmen an der Straße von Nivelles den mächtigen unheimlichen rothen Glanz der untergehenden Sonne durchdringen. In Austerlitz hatte man sie aufgehen sehen.

Jedes Bataillon der Garde war bei diesem Entscheidungskampf von einem General commandirt. Es waren Friant, Michel, Roquet, Harlet, Mallet, Poret von Morvan. Als die hohen Mützen der Grenadiere der Garde mit der breiten Adlerplatte, symmetrisch in schnurgrader Linie, ruhig, im Düster dieses Gedränges erschienen, fühlte der Feind Achtung vor Frankreich; man glaubte zwanzig Siege mit entfalteten, flatternden Fahnen auf dem Schlachtfelde erscheinen zu sehen, und diejenigen, welche die Sieger waren, hielten sich für besiegt und wichen zurück. Wellington aber rief: »Auf Garden, zielt gut!« Das rothe Regiment der englischen Garde, das hinter den Hecken lag, erhob sich, und ein Hagel von Kugeln durchlöcherte die dreifarbige, um die französischen Adler zitternd flatternde Fahne, Alles stürzte hervor – das letzte Gemetzel begann. Die kaiserliche Garde fühlte im Dunkel, daß die Armee um sie her wankte, die beginnende Verwirrung der ungeheuren Flucht; sie vernahm das sauve qui peut (es rette sich wer kann), das «n die Stelle des »es lebe der Kaiser!« getreten war. Während man hinter ihr floh, rückte sie vor, mehr und mehr niedergeschmettert, von Schritt zu Schritt dem Tode näher rückend. Zögernde und Furchtsame gab es da nicht. Der Soldat in dieser Truppe war ein ebenso großer Held wie sein General. Kein Mann entzog sich dem Tode, welcher hier einem Selbstmorde in gewisser Beziehung nicht unähnlich war. Ney, außer sich, groß im großartigen Bewußtsein des freiwilligen Todes, bot sich in diesem Unwetter allen Kugeln dar. Das fünfte Pferd schon war unter ihm gefallen. Mit flammenden Augen, triefend von Schweiß, Schaum auf den Lippen, mit aufgeknöpfter Uniform, eine seiner Epauletten von einem englischen Cavalleristenhiebe halb durchschnitten, sein Ordenstern auf der Brust durch eine Kugel verbogen, blutend, von Schmutz bedeckt, großartig, einen zerbrochenen Degen in der Hand, rief er: »Seht, wie ein Marschall Frankreichs auf dem Schlachtfelds stirbt!« Es war jedoch vergebens, er starb nicht. Wild und aufgebracht fragte er Drouet von Erlon: »Läßt Du Dich denn nicht tödten?« Mitten unter dieser Kanonade, welche diese Handvoll Männer niederwarf, rief er: »Giebt es denn nichts für mich? Ach! daß doch alle diese englischen Kugeln mir in den Leib führen!«. Unglücklicher! Du warst für französische Kugeln aufgespart!

XIII. Die Katastrophe.

Die Flucht hinter der Garde war schauerlich. Die Armee zog sich plötzlich auf allen Zeiten zurück, von La Haie-Sainte, von Papelotte, von Planchenois. Dem Rufe: Verrath! folgte der andere: Rette sich wer kann! Eine Armee, die sich auflöset, ist wie Eisgang. Alles zerreißt, zerspringt, senkt sich, schwimmt, fällt, stößt, wälzt und überstürzt sich. Unerhörte Auflösung! Ney, borgt sich ein Pferd, springt auf dasselbe und ohne Hut, ohne Halsbinde, ohne Degen stellt er sich quer auf die Straße nach Brüssel und hielt zugleich die Engländer und die Franzosen auf. Er bemühte sich die Armee zu halten; er rief sie an, er schimpfte sie, krampfhaft hängt er sich an die Flucht, um sie aufzuhalten. Diese aber überfluthet ihn. Die Soldaten wichen ihm aus, und riefen: »es lebe der Marschall Ney!« Zwei Regimenter Durutte’s zogen hin und her wie herumgeworfen zwischen den Säbeln der Uhlanen und den Kugeln der Brigaden Kempt, Best, Pack und Rylandt. Das schlimmste Gedränge ist die Flucht. Freunde ermorden sich, um fliehen zu können; die Schwadronen und Bataillone lösen sich auf und zerstreuen sich unter- und gegeneinander wie ungeheurer Schaum der Schlacht. Lobau an dem einen und Reille an dem anderen Ende werden in die Flut hineingezogen. Vergebens baut Napoleon mit dem Reste der Garde, die ihm geblieben, Mauern auf; vergebens verschwendet er seine Schwadronen zu einer letzten Anstrengung. Guyot, der die Kaiser-Schwadronen zum Angriffe führte, fällt unter den Hufen der englischen Dragoner. Napoleon galoppirt an den Fliehenden hin, redet sie an, drängt, droht, bittet. Jeder Mund, der des Morgens »es lebe der Kaiser!« gerufen hatte, blieb stumm. Man kannte ihm kaum. Die frisch angekommene preußische Cavallerie stürzt im Fluge herbei, säbelt nieder, zerhackt, mordet, vernichtet. Die Kanonen fliehen. Die Trainsoldaten spannen die Pferde ab und retten sich auf denselben; allerlei umgestürzte Wagen versperren die Straße und werden Veranlassung zu neuen Metzeleien. Einer tritt den Anderen, man metzelt sich gegenseitig nieder. Man läuft über Lebende und Todte hinweg. Die Arme wissen nicht was sie thun. Eine vom Schwindel ergriffene Menge füllt die Straßen und Wege, die Brücken, die Ebenen, die Hügel, die Thäler und die Wälder aus, welche von dieser Flut verdunkelt werden. Wilde Rufe, ins Getreide weggeworfne Tornister und Gewehre, keine Kameraden, keine Offiziere, keine Generäle mehr, nichts als ein unaussprechlicher Schrecken! Mit Säbeln bahnt man sich einen Weg. Ziethen säbelt Frankreich mit aller Bequemlichkeit nieder. Aus den Löwen sind Lämmer geworden. Das war die Flucht.

In Genappe versuchte man sich umzuwenden, Front zu machen, sich zu sammeln, Lobau sammelte dreihundert Mann. Man verbarricadirte den Eingang des Dorfes, aber schon beim ersten Einschlagen der preußischen Kugeln wendete man sich von Neuem zur Flucht und Lobau wurde gefangen genommen.

Die Preußen stürzten sich nach Genappe, wüthend ohne Zweifel, daß sie so wenig gesiegt. Die Verfolgung war grauenhaft. Blücher befahl Alles nieder zu machen. Roguet hatte zuerst jenes betrübende Beispiel gegeben, als er gedroht, jeden französischen Grenadier erschießen zu lassen, der ihm einen preußischen Gefangenen bringe. Blücher übertraf Roguet. Der General der jungen Garde, Duhesme, lehnte an der Thür eines Wirthshauses in Genappe, übergab seinen Degen einem Todten-Husaren, der den Degen nahm und den Gefangenen niederstach. Nach dem Siege die Niedermetzelung der Besiegten. Wir sind die Geschichte. Deshalb wollen wir strafend das Wort aussprechen: »der alte Blücher befleckte seine Ehre.« Diese Grausamkeit setzte dem Unglück die Krone auf. Die verzweiflungsvolle Flucht ging durch Genappe, Quatre-Bras, Sombresse, durch Frasnes, Thuin Charleroi, und machte erst an der Grenze Halt. Ach! und wer floh in solcher Weise? Die große Armee!

Hat dieser Schwindel, dieser Schrecken, dieser Sturz der höchsten Tapferkeit, welche jemals die Geschichte in Erstaunen setzte, keine Ursache? Nein! Der Schatten des gewaltigen Rechts wirft sich auf Waterloo. Es ist der Tag des Geschickes. Die Macht über den Menschen schuf diesen Tag. Daher die allgemeine Verwirrung; daher kommt es, daß alle diese großen Seelen ihre Waffen streckten. Die, welche Europa besiegt hatten, waren niedergeworfen. Sie hatten nichts mehr zu sagen, nichts mehr zu thun; sie ahnten im Dunkel das Dasein von etwas Schrecklichem. Hoc erat in fatis. (So wollte es das Schicksal.) An diesem Tage änderte sich die Perspective des menschlichen Geschlechts. Waterloo ist der Angelpunkt des neunzehnten Jahrhunderts.

Der große Mann mußte verschwinden, damit das große Jahrhundert erscheinen konnte. Einer übernahm es, dem man niemals wiederspricht. Daraus erklärt sich der panische Schrecken der Heroen. In der Schlacht von Waterloo sehen wir mehr als eine Wolke, wir sehen ein Meteor. Gott war in derselben. Bei einbrechender Nacht ergriffen Bernard und Bertrand auf einem Felde bei Genappe einen in Gedanken versunkenen, finstern, düster blickenden Mann, welcher, von der Strömung der Flucht mit fortgetrieben, so eben von seinem Pferde abgestiegen war und den Zügel seines Pferdes unter dem Arm, neben demselben her zu Fuß und allein nach Waterloo hin zurückging. Es war Napoleon, welcher noch vorwärts zu gehen versuchte: schlafwandelnder Titan gestürzten Traumes.

XIV. Das letzte Carré.

Einige Carrés der Garde, unbeweglich in der Fluth der Flucht, wie Felsen im fließenden Wasser, hielten aus bis zur Nacht. In der Nacht erwarteten auch sie den Tod und unerschütterlich ließen sie sich einhüllen von diesem zweifachen Dunkel.

Ein jedes Regiment starb für sich, denn die Verbindungen mit den andern waren abgebrochen. Einige hatten auf den Höhen von Rossomme, andere in der Ebene Mont-Saint-Jean Stellung genommen, um diesen letzten Kampf zu kämpfen. Hier kämpften diese düsteren Carrés, verlassen, besiegt, schrecklich, einen furchtbaren Todeskampf. Ulm, Wagram, Jena, Friedland starben in ihm.

Gegen neun Uhr Abends in der Dämmerung war unten am Plateau von Mont-Saint-Jean noch Eines übrig. In diesem düstern, von englischen Massen übergossenen Thale am Fuße des Abhanges, welchen die Kürassiere erklommen hatten, kämpfte dieses Carré unter dem Kreuzfeuer der siegreichen feindlichen Artillerie, unter einem furchtbar dichten Kugelregen. Der Commandant desselben hieß Cambronne, ein unbekannter Offizier. Mit jeder Kugelladung wurde das Carré kleiner. Es gab jedoch Widerpart. Den Kartätschenkugeln antwortete es mit Flintenkugeln und dabei zog es seine vier Mauern immer mehr zusammen. Von Fern hörten die Fliehenden, wenn sie erschöpft einen Augenblick stehen blieben, dieses in der Dunkelheit schwächer und schwächer werdende, düstere Donnern.

Als diese Legion nur noch eine Hand voll Soldaten war, ihre Fahne nur noch ein Fetzen, ihre Gewehre wegen Mangel an Munition nur noch Stücke, als der Haufen der Gefallenen größer war als die Gruppe der Lebenden, empfanden die siegreichen Gegner diesen erhabenen Sterbenden gegenüber einen heiligen Schrecken. Die englische Artillerie schwieg. Es war ein Aufschub.

Die Kämpfenden hatten um sich herum gleichsam ein Gewimmel von Gespenstern, Silhouetten von Menschen zu Pferde, die dunkeln Umrisse der Kanonen, den zwischen Rädern und Lafetten hindurch schimmernden hellen Himmel. Der colossale Kopf des Todes, welchen die Helden im Pulverdampfe im Hintergrunde der Schlacht stets undeutlich erblickten, näherte sich ihnen immer mehr und schaute sie an.

Im Dämmerungsdunkel konnten sie die neue Ladung der Kanonen hören; die angezündeten Lunten, welche in dem Dunkel der Nacht wie Tiegeraugen aussahen, bildeten einen Kreis um ihre Köpfe. Alle Lunten wurden dicht an die Kanonen gebracht. Da rief in höchster Erregung ein englischer General (nach einigen Colville, nach andern Maitland), die letzte über dem Haupte der Helden schwebende Minute aufhaltend: »Ergebt Euch, tapfere Franzosen!« Cambronnes Antwort lautete: »Dreck!«

XV. Cambronne.

Mit Erlaubniß des französischen Lesers sei es gesagt, daß das schönste Wort, welches vielleicht je ein Franzose ausgesprochen, nicht einmal wiederholt werden kann; daß es verboten ist, das Erhabene in die Geschichte niederzulegen. Wir haben uns auf unsre Gefahr von diesem Verbot dispensirt.

Unter jenen Riesen gab es einen Titanen und dieser war Cambronne.

Was giebt es Größeres, als dieses Wort zu sagen und dann zu sterben! Denn sterben heißt, sterben wollen, es ist nicht seine Schuld, wenn er die Kanonade überlebt.

Der Mann, welcher die Schlacht von Waterloo gewonnen hat, ist nicht der fliehende Napoleon, nicht Wellington, welcher um 4 Uhr zu weichen begann und um 5 Uhr verzweifelte; es ist nicht Blücher, der sich gar nicht geschlagen hat! Der Mann, welcher die Schlacht von Waterloo gewonnen hat, ist Cambronne. Ein solches Wort dem euch tödtenden Donner ins Gesicht zu schleudern, heißt siegen. Diese Antwort der Catastrophe geben, dieses dem Schicksal ins Gesicht sagen, ironisch im Grabe zu sein, in einer Silbe die europäische Coalition zu ertränken, aus dem Letzten der Worte das Erste zu machen, Leonidas durch Rabelais zu vervollständigen, auf eigene Faust Waterloo mit einem Fastnachtsdienstag zu beschließen, diesen Sieg in ein letztes, unmöglich auszusprechendes Wort zusammen zu fassen, den Boden unter den Füßen zu verlieren und dabei die Geschichte im Auge zu behalten, nach solcher Metzelei die Lacher für sich zu haben – das ist ungeheuer, es ist eine dem Blitz angethane Beschimpfung, das ist äschyleische Größe. Das Wort Cambronnes brach verachtungsvoll hervor aus der Brust, in welcher der Todeskampf wüthete. Wer hat gesiegt? Wellington? Nein, denn ohne Blücher wäre er verloren gewesen. Blücher? Nein, denn wenn Wellington nicht begonnen hätte, hätte er nicht endigen können. Dieser Cambronne, welcher in der letzten Stunde erscheint, dieser unbekannte Soldat, dieser unendlich kleine Kriegsmann fühlt, daß die Catastrophe eine Lüge enthalt, welche ihn doppelt peinigt. Und in dem Augenblicke, wo er darüber vor Zorn außer sich geräth, bietet man ihm zum Hohn das Leben. Wie sollte er da nicht auffahren! Da suchte er nach einem Worte, wie man nach einem Schwerte sucht. Der Schaum kommt ihm auf die Lippen und dieser Schaum ist das Wort. Vor diesem großen und doch mittelmäßigen Siege, vor diesem Siege ohne Sieger richtet sich dieser Verzweifelte in die Höhe, er unterliegt der Massenhaftigkeit, er constatirt aber ihr Nichts. Und das heißt, Sieger sein.

Auf das Wort Cambronne’s antwortete die englische Stimme: »Feuer!« Die Batterien flammten, der Hügel zitterte, ein letztes schreckliches Geheul entstieg allen diesen Rachen von Erz. Eine ungeheure Rauchwolke, matt erleuchtet von dem aufgehenden Mond, rollte dahin. Als der Rauch sich verzog, war nichts mehr da. Jener ungeheure Ueberrest war vernichtet, die Garde war todt.

So endeten die französischen Legionen, welche höher zu stellen sind als die römischen, zu Mont-Saint-Jean auf der von Regen und Blut getränkten Erde an der Stelle, wo heut zu Tage 4 Uhr früh, pfeifend und lustig mit der Peitsche knallend der Postillon mit der Post, welche von Nivelles kommt, vorüberfährt.

I. Was man sieht, wenn man von Nivelles kommt.

An einem schönen Maimorgen des vergangenen Jahres (1861) machte ein Reisender, derselbe, welcher diese Geschichte erzählt, die Tour von Nivelles nach La Hulpe. Er ging zu Fuß. Der Weg ging zwischen zwei Baumreihen auf einer großen gepflasterten Chaussée hin, welche wellenförmig sich über Hügel hinaufschlängelt. Lillois und Bois-Seigneur-Isaac hatte er schon passirt. Im Westen gewahrte er den aus Schiefer gebauten Kirchthurm von Braine-l’Alleud, welcher die Gestalt einer umgekehrten Vase hat. Er hatte so eben ein auf einer Anhöhe befindliches Gehölz und an der Wende eines Seitenweges neben einer Art wurmstichigen Galgens, welcher die Inschrift »Alte Barriere Nr. 4« trug, ein Wirthshaus hinter sich gelassen, welches an seiner Vorderseite folgendes Schild hatte: »Zu den vier Wänden. Echabeau, Kaffeehaus.«

Eine Viertelstunde weiter kam er in einen Thalgrund, wo unter einem Brückenbogen Wasser in den Straßengraben fließt. Die einzelnen grünen Bäume, welche nach der Chaussée zu das Thal ausfüllen, zerstreuen sich nach der anderen Seite zu in den Wiesen und ziehen sich unordentlich und anmuthsvoll nach Braine-l’Alleud zu.

Rechts an der Straße stand ein Wirthshaus, davor ein vierrädriges Fuhrwerk, ein großes Bündel Hopfenstangen, ein Pflug, ein Haufen dürres Reisholz neben einer lebendigen Hecke, Kalk, der in einer viereckigen Grube rauchte und eine an einem strohenen Schuppen angebrachte Leiter. Ein junges Mädchen jätete auf dem Felde, wo ein großer gelber Zettel, wahrscheinlich die Ankündigung einer Kirmiß enthaltend, im Winde herum flatterte. Von der Ecke des Wirthshauses, neben einer Pfütze hin, in welcher zahlreiche Enten schwammen, führte ein schlecht gepflasterter Weg in das Gebüsch. Der Wanderer betrat dasselbe.

Nachdem er so etwa hundert Schritte längs einer Mauer aus dem fünfzehnten Jahrhundert mit spitzem Ziegeldache gemacht hatte, befand er sich einer großen gewölbten Steinpforte gegenüber mit einer gradlienigen Imposte im ernsten Style Ludwig XIV., an beiden Seiten mit zwei hervorragenden runden Flächen versehen, in welcher Brustbilder angebracht waren. Auf dem Boden vor der Pforte lagen drei Eggen, durch welche hindurch alle Blumen des Mai durcheinander wuchsen. Die Pforte war verschlossen. Sie hatte zwei alte morsche Flügelthüren zum Verschluß, welche mit einem alten verrosteten Klopfer geschmückt waren.

Die Scene war reizend; die Aeste hatten jenes sanfte Zittern des Mai, welches mehr von den Nestern als vom Winde herzukommen scheint. Auf einem Baume sang ein braver kleiner, wahrscheinlich verliebter Vogel, so eifrig wie er nur konnte.

Der Reisende bückte sich und betrachtete in dem links daliegenden Stein am rechten Thürflügel eine ziemlich große runde Aushölung, welche einer runden Honigzelle nicht unähnlich sah. In diesem Augenblicke öffneten sich die Thorflügel und eine Bäuerin trat heraus.

Sie sah den Reisenden und bemerkte, daß er sich in Betrachtungen erging.

»Eine französische Kugel hat das gethan,« sagte sie zu ihm.

»Was Sie da höher oben an der Thür sehen,« fügte sie hinzu, »neben einem Loche, das rührt von einer großen Kartätschenkugel her, welche aber nicht ganz durch das Holz durchgegangen ist.«

»Wie heißt der Ort?« fragte der Reisende.

»Hougomont,« sagte die Bäuerin.

Der Reisende richtete sich auf, ging einige Schritte weiter, sah über die Hecken und gewahrte am Horizont zwischen den Bäumen hindurch eine Art Hügel und auf demselben Etwas, das von Ferne wie ein Löwe aussah. Er befand sich auf dem Schlachtfelde von Waterloo.

Zweites Buch. Die Arbeit.


Erstes Capitel. Die Hülfsmittel dessen, dem Alles mangelt.

Die Grotte entließ ihre Besucher nicht ohne Weiteres. Der Eintritt war nicht bequem gewesen, doch der Ausgang bot noch viel bedeutendere Schwierigkeiten. Gilliatt legte dennoch den Heimweg zurück und begab sich niemals wieder in die Höhle. Er hatte darin nicht gefunden, was er suchte, und seine Zeit gestattete ihm keine weitere Befriedigung seiner Neugier.

Ohne Säumen begann er seine Schmiedearbeit. Da ihm Handwerkszeug fehlte, mußte er dasselbe anfertigen.

Das Wrack lieferte ihm das Brennmaterial, die See war sein Triebrad, der Wind sein Blasebalg, ein Felsblock ersetzte den Amboß, sein natürliches Talent diente ihm statt der Wissenschaft, seine Willenskraft als Macht.

Gilliatt begann seine Arbeit mit brennendem Eifer.

Das Wetter zeigte sich seinem Streben geneigt. Es war immer noch trocken und die Aequinoctialwinde übten ihre Herrschaft auf die schonendste Weise. Trotz der Märzzeit blieb es stille. Die Tage nahmen zu. Das Himmelsblau, die sanfte Bewegung des Meeres, die Heiterkeit des Mittags, schienen jede böse Absicht auszuschließen. Die See lächelte im Sonnenschein. Ein zärtliches Vorspiel würzt künftigen Verrath. Das Meer ist mit dergleichen Liebkosungen nicht geizig. Hat man es mit diesem Weibe zu thun, so hüte man sich vor seinem Lächeln.

Es wehten nur gelinde Lüfte; der hydraulische Blasebalg arbeitete um so besser. Starker Wind wäre hinderlich gewesen.

Gilliatt hatte eine Säge. Er verfertigte sich eine Feile. Mit ersterer bearbeitete er das Holz, mit letzterer die Metalle. Auch bediente er sich der Feuer- und der Kneipzange, dieser eisernen Hände des Schmieds. Erstere packt, letztere formt; die eine versieht die Dienste des Daumens, die andere vertritt den Zeigefinger.

Das Handwerkszeug ist ein Organismus. Gilliatt verschaffte sich allmälig Hülfstruppen und schmiedete sich seine Waffenrüstung.

Aus einem Reifholz machte er ein Schirmdach für seinen Feuerheerd.

Eine seiner ersten Sorgen war das Aussondern und Ausbessern der Blockrollen. Auch setzte er die Räder und Kästen der Flaschenzüge wieder in Stand, trennte alles Splitterwerk von den zerbrochenen Balken und stutzte ihre Enden zu; wie wir schon sagten, besaß er zur Ausführung seiner Zimmerarbeiten eine Menge Schiffstrümmer, die er früher aufgespeichert und ihren Formen und Stoffen gemäß geordnet hatte. Das Holz der Strandeiche und Kiefer lag auf seinem bestimmten Platz, wie Krummhölzer, Katzsparren und Decklukeinfassungen auf dem ihrigen. Er konnte dieser Hülfsmittel seiner Zeit nothwendig bedürfen. –

Jeder, der eine Zugwinde herstellen will, muß nicht nur Balken und Flaschenzüge, sondern auch Seile haben. Gilliatt verbesserte die Kabeltaue und Grelinge. Er spannte die zerrissenen Segel und es gelang ihm, die aus ihren Säumen gezogenen Halbseile zu Troß umzuarbeiten. Mit diesem fügte er das Tauwerk zusammen. Leider konnten diese künstlichen Ausbesserungen sich nicht lange halten, ohne zu verfaulen, weshalb Gilliatt eilen mußte, sie in Tätigkeit zu setzen. Aufgelöste Seile hatte er freilich benutzt, aber es fehlte ihm an Theer.

Als das Tauwerk hergestellt war, setzte Gilliatt die Ketten in Stand.

Dank des spitzen Vorsprungs seines Ambosses gelang es ihm, plumpe, aber haltbare Ringe zu schmieden. Mit diesen verband er die Enden der zerrissenen Ketten und verlängerte sie.

Auf eigene Hand schmieden, ist mehr als unbequem. Dennoch kam Gilliatt zum Ziel. Freilich hatte er nur kleine, wenig massenhafte Gegenstände herzustellen, die er mit Hammer und Zange formte, indem er jedes dieser Werkzeuge in einer Hand gefaßt hielt.

Weshalb wandte er alle diese Mühe an? Wir werden es erfahren.

Er mußte die Schneide seiner Axt und die Zähne seiner Säge mehrmals schärfen. Um die Letzteren spitzen zu können, hatte er sich eine dreieckige Feile verfertigt.

Bei irgend einer Gelegenheit bediente er sich des Gangspills der Durande. Der Kettenhaken zerbrach. Er schmiedete einen neuen daraus. Mit Hülfe seiner Zangen und seines Meißels, den er in der Weise eines Schraubenschlüssels anwandte, unternahm er es, die beiden Räder des Schiffes zu zerlegen. Es gelang ihm. Man wird nicht vergessen haben, daß dies keine Unmöglichkeit war. Die Räder hatten eine eigenthümliche Construction. Die Treträder, welche sie umgaben, schützten sie. Aus den Brettern der Letzteren zimmerte Gilliatt zwei Kisten, in denen er alle Theile der beiden Laufräder, sorgfältig numerirt, aufbewahrte.

Sein Stück Kreide leistete ihm hierbei kostbare Dienste. Die beiden Kisten stellte er auf den sichersten Platz des Schiffsverdecks.

Nach Beendigung dieser Vorarbeiten stand Gilliatt der Hauptschwierigkeit seines Unternehmens gegenüber.

Es war ein Leichtes gewesen, die Räder zu zerlegen; schwer hielt es aber, dasselbe mit der Maschine zu thun.

Ueberdies hatte Gilliatt keine klare Anschauung von dem Bau des Getriebes.

Wenn er auf’s Gerathewohl zu Werke ging, konnte er der Maschine unverbesserlichen Schaden zufügen, und selbst, wenn er die Unklugheit eines Versuchs hätte begehen wollen, mußte er andere Werkzeuge haben als solche, wie man sie in einer Höhle statt der Schmiede, mit Hülfe eines Zugwindes statt des Blasebalges und auf einem als Amboß dienenden Kiesel anfertigen kann. Das Streben, die Maschine auseinanderzulegen, war von der Gefahr, dieselbe zu zerstören, begleitet.

Man glaubte einer unausführbaren Sache in’s Auge zu sehen.

Dem Anschein nach stand Gilliatt vor einer Schranke, die Unmöglichkeit heißt.

Was war zu beginnen?

Er hatte seine Idee.

Nicht wissen, was thun, treibt zum Versuchen. Die Unentschlossenheit ist eine Träumerei und wird durch ihre Neugierde zur Kraft. Wissen bringe manchmal aus der Fassung giebt oft schlechten Rath. Hätte Gama Kenntnisse gehabt, so wäre er vor dem Vorgebirge der Stürme zurückgewichen, und Columbus würde Amerika nicht entdeckt haben, wenn er ein guter Kosmograph gewesen wäre.

Der zweite Besteiger des Montblanc war ein Gelehrter, Saussure; der erste ein Schäfer, Balmat.

Diese Fälle bilden gleichwohl, wie wir im Vorbeigehen bemerken wollen, die Ausnahme und verringern den Werth der eigentlichen Wissenschaft nicht im Geringsten. Der Unwissende kann finden, der Gelehrte allein kann erfinden.

Die Barke lag immer noch in der Bucht des »Mannes«, wo ihr das Meer nichts anhaben konnte, vor Anker und Gilliatt hatte, wie man sich erinnern wird, Alles so hergerichtet, daß sie ihm völlig bequem zur Hand war. Er ging hin und maß sorgsam die Größe ihres Querbalkens an mehreren Stellen, namentlich die Hauptkoppel, dann kehrte er zur Durande zurück und maß den großen Durchmesser des Maschinenbodens, welchen er, ohne die Räder, um zwei Fuß schmäler als den größten Querbalken der Barke fand, so daß die Maschine in dieser Platz hatte.

Wie konnte man sie aber hineinschaffen?

————

Zweites Capitel. Gilliatt’s Meisterstück kommt dem des Lethierry zu Hülfe.

Kurze Zeit darauf hätte ein Fischer, welcher toll genug gewesen wäre, sich zu solcher Jahreszeit in dieser Gegend aufzuhalten, seine Kühnheit durch den Anblick einer ganz eigentümlichen Geschichte zwischen den Douvres-Felsen belohnt gefunden.

Er hätte nämlich Folgendes wahrgenommen: Vier starke Balken gingen in gleichen Zwischenräumen von der einen Klippe zur andern und waren auf die haltbarste Art, durch Einzwängen in die Felsen, befestigt. An dem kleinen Douvre ruhten und endigten ihre äußersten Spitzen gegen Vorsprünge des Felsens; an dem großen Douvre waren ihre andern Enden von einem kräftigen Arbeiter, der auf dem einzurammenden Balken selbst stehen mußte, mit starken Hammerschlägen in die steilen Böschungen getrieben worden.

Diese Balken waren etwas länger, als der Zwischenraum breit war, so daß sie äußerst fest hielten und etwas schräg lagen. Ihr spitzer Winkel war dem großen und ihr stumpfer dem kleinen Douvre zugekehrt. Sie schossen schwach und ungleichmäßig ab, was ein Fehler war. Davon abgesehen, hätte man glauben können, sie seien zur Aufnahme eines Docks angelegt worden. An diesen vier Balken waren vier Krahnen angebracht, alle mit Tauen und Hemmungen; gewagt und sonderbar schien dabei nur das zu sein, daß sich der Flaschenzug mit den beiden Rollen an dem einen und der einfache Kloben am entgegengesetzten Ende des Balkens befand. Dieses Abweichen von der Regel war zu groß, um nicht gefährlich werden zu können, wahrscheinlich aber für das Unternehmen, welches hier ausgeführt werden sollte, zweckdienlich. Die Flaschenzüge waren stark und die Kloben fest.

An diesen Krahnen befanden sich Kabel, welche von Weitem wie Fäden aussahen, und unter diesem luftigen Apparate von Flaschenzügen und Gerüsten glaubte man an jenen Fäden den gestrandeten Rumpf der Durande hangen zu sehen.

Aber so weit war es noch nicht. Senkrecht unter den Balken waren acht Oeffnungen in dem Deck angebracht, vier Backbord und vier Tribord von der Maschine, und acht andere gerade unter diesen im Kiele. Die Taue, welche senkrecht von den Flaschenzügen herabliefen, wurden durch die Tribordöffnungen in den Schiffsraum eingeführt, gingen dann unter dem Kiele und der Maschine fort, gelangten wieder durch die Oeffnungen am Backbord in das Schiff, stiegen von Neuem durch das Deck in die Höhe und waren schließlich um die vier Kloben an den Balken geschlungen; hier faßte sie eine Art Hißtau und vereinigte sie zu einem einzigen Kabel, welches ein einziger Arm lenken konnte. Ein Haken und eine durchbohrte Rolle, durch deren Loch dies Kabel lief und sich abhaspelte, vollendeten den Apparat und hemmten ihn nötigenfalls.

Durch dieses Zusammenlaufen der Taue mußten die vier Krahnen zu gleicher Zeit arbeiten und so die Arbeit gleichmäßig vertheilt werden. Es gehörte die richtige Zügelung der vorhandenen Kräfte, ein starkes Steuerruder in der Hand eines gewandten Piloten dazu, dies Unternehmen auszuführen. Die sehr geniale Befestigung des Hißtaues hatte einiges von den vereinfachenden Eigenschaften der heutigen Weston-Winden und des alten, von Vitruve erfundenen Polyspaston. Gilliatt war darauf gekommen, ohne Vitruve, der nicht mehr, und ohne Weston, der noch nicht lebte, zu kennen. Die Länge der Kabel wechselte mit der ungleichen Abschüssigkeit der Balken und hob diesen Fehler zum Theil wieder auf. Taue waren gefährlich, die weißen Stricke konnten reißen; Ketten wären besser gewesen, aber sie hätten sich schlecht von den Winden abgehaspelt.

Dies Alles war zwar voller Fehler, aber als die That eines einzigen Menschen staunenerregend.

Uebrigens wollen wir die Beschreibung jetzt abbrechen.

Man wird es begreiflich finden, daß wir viele Einzelheiten, welche die Sache zwar für Fachgenossen deutlicher, für Andere aber unverständlicher macht, mit Schweigen übergehen.

Die Spitze des Maschinenrauchfangs ging zwischen den beiden Mittelbalken hindurch.

Gilliatt hatte, ohne es zu ahnen, und unbewußt Unbekanntes nachahmend, nach drei Jahrhunderten den Mechanismus des Zimmermans von Salbris wiederhergestellt, jenen rohen und fehlerhaften Mechanismus, gefährlich für den, welcher wagen sollte, mit ihm zu arbeiten.

Aber selbst die gröbsten Fehler verhindern eine Maschine nicht, so gut als möglich zu arbeiten; sie hinkt, aber es geht doch. Der Obelisk auf dem Sanct-Peter-Platze zu Rom ist gegen alle Regeln der Statik aufgestellt worden. Czaar Peter’s Wagen war so gebaut, daß er bei jedem Schritt umzufallen schien, und doch rollte er vorwärts. Wie viele Ungehörigkeiten an der Maschine zu Marly! Alles an ihr war falsch und doch gab sie Ludwig XIV. zu trinken.

Wie dem auch sei, Gilliatt hatte Vertrauen und war sogar von dem Erfolge so fest überzeugt, daß er am Tage seiner Abreise in den beiden Bordseiten der Barke zwei Paar eiserner Ringe einließ, welche eben so weit von einander abstanden, als die vier Ringe auf der Durande, welche die vier Ketten des Rauchfangs festhielten.

Gilliatt hatte seinen Plan jedenfalls schon fix und fertig; denn da alle Aussichten gegen ihn waren, so wollte er wenigstens alle Vorsicht auf seiner Seite haben.

Er that Dinge, welche unnütz schienen; ein Beweis aufmerksamen Vorbedachtes!

Seine Art, vorwärts zu gehen, hätte, wie wir schon bemerkt haben, einen einfachen Beobachter, ja sogar einen Sachverständigen, außer Fassung gebracht.

Ein Zeuge seiner Arbeiten, der zum Beispiel gesehen hätte, wie er mit unerhörter Anstrengung und mit Lebensgefahr acht bis zehn große Nägel, welche er selbst geschmiedet hatte, in den Fuß der beiden Douvres beim Anfange der Durchfahrt einschlug, hätte schwerlich verstanden, wozu sie dienen sollten, und sich wahrscheinlich gefragt, was diese ganze Arbeit bezwecke.

Hätte er dann gesehen, wie Gilliatt das Stück des Vordertheils, welches, wie man sich erinnert, am Strande festhaftete, maß, hieraus ein sehr festes Greling an seinem obern Rande befestigte, mit Axtschlägen die ausgefugten Balken, welche es festhielten, lostrennte, es mit Hülfe der abnehmenden Fluth, welche es von unten vorwärts stieß, während er nach oben zog, aus der Straße schleppte und schließlich mit großer Mühe dieses schwere Planken- und Balkengerüst, welches breiter, als die Einfahrt in die Meerenge selbst war, mittelst des Greling an den Nägeln, welche er in dem Grund des kleinen Douvre eingetrieben hatte, befestigte; dies Alles würde ein Beobachter vielleicht noch weniger verstanden und sich gesagt haben, daß, wenn Gilliatt, um sich seine Arbeit zu erleichtern, die Straße zwischen den Douvres durch diese Barrikade isoliren wollte, er nur nöthig gehabt hätte, sie während der Fluth fallen zu lassen, die sie dann stromabwärts geführt hätte.

Gilliatt hatte aber wahrscheinlich seine Gründe für seine Arbeit.

Um die Nägel in den Grund des Douvre einzutreiben, benutzte er alle Spalten in dem Granit, vergrößerte sie nach Bedürfniß und trieb zuerst Holzkeile und dann in diese die eisernen Nägel hinein.

Dasselbe machte er an den beiden andern Felsen, welche sich östlich, auf dem andern Ende der Klippenreihe befanden; er schlug in alle Sprünge Holzstückchen ein, als wenn er auch diese Risse für eine etwaige Aufnahme von Krampen vorbereiten wollte; dies schien aber nur eine einfache Voraussetzung zu sein; denn er befestigte keine Nägel in ihnen. Selbstverständlich konnte er kluger Weise in seiner schlimmen Lage seine Materialien nur im Augenblick der höchsten Noth und je nach Maß und Bedürfniß verwenden. Noch eine neue Schwierigkeit zu allen schon vorhandenen.

Nach Vollendung der ersten Arbeit begann eine zweite. Gilliatt ging unverzüglich von der einen an die andere und unternahm entschlossen dieses Riesenwerk. –

————

Drittes Capitel. Sub re.

Der Mensch, welcher sich all diesen Arbeiten unterzog, hatte ein schreckliches Aussehen bekommen.

Gilliatt rieb bei diesen vielfachen Anstrengungen seine ganzen Kräfte auf einmal auf und konnte sie nur schwer wiederersetzen.

Einerseits hatten ihn Entbehrungen, anderseits Erschöpfung abgemagert. Sein Kopf- und Barthaar war lang geworden. Er besaß nur noch ein ganzes Hemde. Seine Füße waren bloß; denn den einen Schuh hatte ihm der Wind und den andern das Meer entführt. Splitterchen sprangen während der Arbeit von dem rohen und sehr gefährlichen Ambosse, dessen er sich bediente, los und brachten ihm an Händen und Armen kleine Wunden bei, welche eigentlich mehr Schrammen, als Wunden waren, aber in Folge der scharfen Luft und des Seewassers sehr schmerzten.

Er war hungrig, durstig und es fror ihn.

Sein Behälter mit süßem Wasser war leer, sein Roggenmehl aufgebraucht, er besaß nur noch etwas Biskuit, das er mit den Zähnen zerbrechen mußte, da es ihm an Wasser, um es aufzuweichen, fehlte.

Allmälig, Tag für Tag nahmen seine Kräfte ab und entzog ihm der fürchterliche Felsen die Lebenskraft.

Trinken, Essen, Schlafen, nichts war für ihn nothwendiger geworden.

Er aß, wenn es ihm gelang, eine Seemuschel oder Krabbe zu fangen, und trank, wenn er sah, daß sich ein Seevogel auf einer Felsenspitze niederließ. Er kletterte dann dort hin und fand daselbst eine Lache mit etwas süßem Wasser. Er trank nach dem Vogel, bisweilen auch mit ihm zusammen, denn die Möven und Schwalben hatten sich an ihn gewöhnt und flogen nicht fort, wenn er sich näherte. Gilliatt fügte ihnen, selbst wenn er ganz ausgehungert war, nichts Böses zu. Wie man sich erinnern wird, war er in Bezug auf Vögel abergläubisch, während sich diese ihrerseits vor seinen verwirrten und zerzausten Haaren und seinem langen Barte nicht mehr fürchteten, denn diese Umwandlung in seinem Aussehen beruhigte sie; sie fanden in ihm keinen Menschen mehr, sondern hielten ihn für ein wildes Thier.

Die Vögel und Gilliatt waren jetzt gute Freunde. Diese Armen halfen sich gegenseitig. So lange Gilliatt Gerste gehabt, hatte er ihnen kleine Brocken von den Kuchen, die er sich machte, hingeworfen; dafür zeigten sie ihm jetzt die Stellen, an denen sich Wasser fand.

Er aß die Muscheln, welche in gewisser Beziehung den Durst löschten, roh; die Krabben kochte und röstete er zwischen zwei glühend gemachten Steinen, da er keinen Topf hatte, wie die Wilden auf der Insel Feroë.

Unterdessen näherten sich einige Vorboten des Aequinoctiums. Es war Regen eingetreten, aber ein feindlicher. Kein Guß- und Platzregen, sondern lange, feine, gefrorne, durchdringende, scharfe Spitzen, welche Gilliatts Kleider bis auf die Haut und seine Haut bis auf die Knochen durchbohrten. Dieser Regen gab ihm wenig zu trinken und durchnäßte ihn sehr.

Hülfe ließ dieser des Himmels unwürdige Regen ihm nicht zu Theil werden; dagegen barg er viel Elend für Gilliatt und verfolgte ihn länger, als eine Woche hindurch, bei Tage und bei Nacht. Dieser Regen war eine schlechte That von oben.

Nachts schlief er in seinem Felsloche nur, wenn er sich bei der Arbeit zu sehr angestrengt hatte. Die großen Seemücken stachen ihn und er erwachte mit Pusteln bedeckt.

Er hatte das Fieber, es hielt ihn aufrecht; denn das Fieber regt auf und doch tödtet es. Instinktmäßig kaute er Flechten oder sog an den Blättern der wilden Cochlearia, den magern Schößlingen der trockenen Spalten auf den Klippen. Im Uebrigen beschäftigte er sich wenig mit seinen Leiden, denn er hatte keine Zeit, sich ihretwegen von seiner Beschäftigung abzuhalten. Die Maschine der Durande befand sich in gutem Zustande. Das genügte ihm.

In jedem Augenblicke zwang ihn seine Arbeit, sich bald im Nassen, bald im Trocknen aufzuhalten. Er ging in das Wasser und wieder aus ihm, wie man aus einem Zimmer seiner Wohnung in ein anderes geht.

Seine Kleider trockneten aber nicht mehr. Sie waren von dem Regenwasser, welches nie versiegte, und von dem Seewasser, welches nie trocknet, durchdrungen, so daß Gilliatt völlig im Nassen lebte.

Man gewöhnt sich daran, im Nassen zu leben. Die armen Irländer: fast nackte Greise, Mütter, junge Mädchen, Kinder, welche den Winter in freier Lust unter Platzregen und Schnee, in den Häuserwinkeln der Straßen London’s eng zusammengekauert zubringen, sind stets durchnäßt und leben und sterben so.

Naß sein und Durst haben. Gilliatt ertrug diese sonderbare Qual. Er biß manchmal in den Aermel seiner Theerjacke.

Das Feuer, welches er anmachte, erwärmte ihn kaum; denn in freier Luft ist es nur eine halbe Hülfe; man verbrennt auf der einen Seite und erfriert auf der andern.

Gilliatt, schweißtriefend, zitterte vor Kälte.

Alles ringsum widerstand ihm in einer Art furchtbaren Schweigens. Er fühlte sich überall angefeindet.

Die Dinge haben ein finsteres Non possumus und ihre Trägheit ist eine dunkle Warnung.

Ein unendlicher schlechter Willen umgab Gilliatt. Er hatte Hitze und Frost. Das Feuer verzehrte ihn, das Wasser machte ihn erstarren, der Durst brachte ihm Fieber, der Wind zerriß seine Kleider und der Hunger durchwühlte seinen Magen. Er hielt den Druck einer erschöpfenden Gesammtheit aus. Ein ruhiger und großartiger Widerstand, der augenscheinlich die Unverantwortlichkeit des Unglücks besaß, aber voll einer gewissen wilden Einmüthigkeit war, drängte von allen Seiten auf Gilliatt ein, der es fühlte, wie er sich unerbittlich auf ihn stützte. Kein Mittel, um sich ihm zu entziehen. Er war fast wie eine Person. Gilliatt hatte die Empfindung, als ob ein dunkler Haß und Widerwillen danach strebe, ihn zu verkleinern und der ihn nur zur Flucht treiben wollte; aber, da er blieb, seine unbesiegbaren Feindseligkeiten auf ihn ausschüttete. Da man ihn nicht hinauswerfen konnte, so warf man ihn zu Boden. Welches »Man?« Das Unbekannte. Das würgte und drückte ihn zusammen und nahm ihm Platz und Athem. Er wurde von der Unsichtbarkeit gefoltert. Jeden Tag drückte sich diese geheimnißvolle Schraube um eine Umdrehung tiefer.

Gilliatt’s Lage mitten unter solchen beunruhigenden Ereignissen glich einem unehrlichen Zweikampfe, in welchem ein Verräther hilft.

Das Bündniß der finstern Mächte hatte ihn umschlossen. Er faßte den Plan, sich ihrer zu entledigen. So jagt der Gletscher die erratischen Blöcke fort.

Scheinbar, fast ohne damit in Berührung zu kommen, zerfetzte und zerriß ihn dies geheime Bündniß, es brachte ihn zum Aeußersten und machte ihn, so zu sagen, vor dem Kampfe kampfunfähig. Deshalb arbeitete er doch mit weniger Unterbrechungen, als früher; aber je mehr das Werk vorrückte, desto mehr ging es mit dem Arbeiter zurück.

Der doppelte Douvre, dieser Drachen aus Granit mitten auf offener See, hatte Gilliatt aufgenommen, erhalten, eintreten und ihn arbeiten lassen. Dieser Empfang glich der Gastfreundschaft eines offenen Rachens.

Die Wüste, das weite Meer, der Raum, wo es für den Menschen Gefahren giebt, die stille Unfreundlichkeit der Erscheinungen, welche ihrem Laufe folgen, das große allgemeine Gesetz der Unversöhnlichkeit und des Widerstandes, die Ebbe und Fluth, die Klippe, jene schwarze Plejade, von der jede Spitze einen Drehstern, den Mittelpunkt unzähliger, allen Richtungen zueilender Sterne bildet, ein unverständliches Bündniß der Gleichgültigkeit der Dinge gegen die Verwegenheit eines Wesens, der Winter, das Unwetter und die ringsum wogende See hüllten Gilliatt ein, umzogen ihn immer dichter, schlossen sich gewissermaßen über ihm und schlossen ihn von den Lebenden ab, wie eine Zelle, welche um einen Menschen in die Höhe steigt. Alles gegen, nichts für ihn; er war allein, verlassen, schwach, zerschlagen, vergessen; seine Proviantkammer leer, sein Handwerkszeug zerbrochen oder unbrauchbar; Hunger und Durst quälten ihn am Tage, und die Kälte in der Nacht; er hatte Wunden und Risse, Lumpen auf seinen Geschwüren, Löcher in den Kleidern und Wunden im Fleische, zerrissene Hände, blutende Füße, abgemagerte Glieder, bleiche Gesichtsfarbe und Feuer in den Augen.

Ein herrliches Feuer: den sichtbaren Willen. Das Auge des Menschen ist so beschaffen, daß sich in ihm die Tugend des Menschen wiederspiegelt; es sagt uns, was für ein Mensch in uns lebt. Wir versichern uns durch das Licht, welches unter unsern Lidern ruht. Kleine Geister blinzeln mit den Augen, große schleudern Blitze. Glänzt nichts hinter der Pupille, so denkt auch nichts im Gehirne und es liebt nichts im Herzen. Wer liebt, will; und wer will, blitzt und leuchtet. Der Entschluß bringt dem Blicke jenes wunderbare Feuer, welches aus dem Verbrennen der furchtsamen Gedanken entsteht.

Die Beharrlichen sind die Erhabensten. Wer tapfer ist, hat nur einen Antrieb; der Wachsame nur ein Mittel, der Muthige nur eine Tugend; der in Wahrheit Beharrliche ist hingegen wirklich groß. Fast das ganze Geheimniß großer Herzen liegt in dem einen Worte: Perseverando. Die Beständigkeit ist für den Muth, was die Rolle für den Hebel: die beständige Erneuerung des Stützpunktes. Möge das Ziel auf der Erde oder im Himmel sein; ihm entgegenstreben, darin beruht Alles; im ersten Falle ist es ein Columbus, im zweiten ein Jesus. Das Kreuz ist so einfach, daher sein Ruhm. Sein Gewissen nicht überlegen und seinen Willen nicht entwaffnen lassen, dadurch leidet und siegt man. In moralischen Dingen schließt Fallen ein Steigen nicht aus. Aus dem Falle entspringt die Auferstehung. Die Mittelmäßigen lassen sich durch ein scheinbares Hinderniß zurückschrecken; die Starken nicht. Untergang ist ihnen nur Möglichkeit, Sieg Gewißheit. Man konnte Stephan alle möglichen guten Gründe anführen, damit er sich nicht steinigen lasse. Die Verachtung vernünftiger Gegengründe schafft jenen erhabenen besiegten Sieg, welcher Märtyrerthum heißt.

Alle Anstrengungen Gilliatt’s schienen sich an das Unmögliche anzuklammern, der Erfolg war gering oder langsam und er mußte viel ausgeben, um wenig zu erhalten; aber eben das läßt ihn als großartig und leidenschaftlich erscheinen.

Um vier Balken über einem Wracke aufzurichten, und in diesem den rettbaren Theil loszulösen und für sich allein herzustellen, um an diesem Strande wieder Krahnen mit ihren Tauen anzubringen, dazu hätte es so vieler Vorbereitungen, Arbeiten und Anstrengungen, so vieler Nächte auf hartem Lager und so vieler Tage voller Qual bedurft, daß darin das Elend der einsamen Arbeit bestand. Unheil in der Ursache, Noth in der Folge. Gilliatt hatte mehr gethan als das Elend angenommen, er hatte es gewollt. Aus Furcht vor einem Mitarbeiter, denn ein Mitarbeiter hätte zum Nebenbuhler werden können, suchte er keinen Genossen. Das vernichtende Unternehmen, die Gefahr, den Zweifel, die sich selbst vervielfältigende Arbeit, den möglichen Untergang des Retters bei der Rettung, den Hunger, das Fieber, die Entbehrungen, den Widerstand, alles das auf sich allein zu nehmen, hatte er die Selbstsucht gehabt.

Er befand sich unter einer Art von furchtbarer Luftpumpe. Die Lebenskraft zog sich allmälig von ihm zurück, aber er bemerkte es kaum.

Die Erschöpfung der Kräfte erschöpft nicht den Willen. Glauben ist erst die zweite Macht; Wollen die erste. Die Berge, welche nach dem Sprüchworte der Glauben versetzt, sind nichts gegen das, was der Willen thut. Alles was Gilliatt an Kraft verlor, gewann er an zäher Ausdauer wieder. Das Zusammenschrumpfen des physischen Menschen unter der zurückschreckenden Wirkung dieser wilden Natur diente nur zur Vergrößerung des moralischen Menschen.

Gilliatt fühlte keine Müdigkeit oder, um besser zu sagen, er erkannte sie nicht an. Die Weigerung der Seele, den abnehmenden Kräften des Körpers zuzustimmen, ist eine unendliche Kraft.

Gilliatt sah die Fortschritte, welche seine Arbeit machte, aber nur diese. Er war elend, ohne es zu wissen. Sein Ziel, welches er beinahe erreicht hatte, wich ihm nicht aus den Augen. Er litt all jenes Leiden, ohne daß ihm ein anderer Gedanke als der »Vorwärts« kam. Sein Werk stieg ihm zu Kopfe. Der Willen wurde trunken. Man kann sich auch geistig berauschen und ein solcher Rausch heißt Heldenmuth.

Gilliatt war gewissermaßen ein Hiob des Oceans; aber ein Hiob, welcher stritt, kämpfte, den Widerwärtigkeiten Trotz bot, siegte und wenn das Wort für einen armen Matrosen, welcher Krabben und Muscheln fischte, nicht zu groß ist – ein Hiob Prometheus.

————

Viertes Capitel. Sub umbra.

Nachts öffnete Gilliatt manchmal seine Augen, betrachtete den Schatten und fühlte sich fremdartig bewegt.

Es bemächtigte sich seiner die Angst.

Der Schatten übt einen gewissen Druck aus.

Das tiefe Dunkel, das zu durchdringen unmöglich ist, eine Mischung von Licht mit diesem Dunkel; man weiß nicht, welchem besiegten und düstern Licht; aufgelöste Helle, bei der es undeutlich ist, ob sie Sonne oder Asche; Millionen von Lichtern und doch kein Licht; ein weiter Brand, welcher sein Geheimniß nicht sagt: ein Zerstieben des Feuers in Staub, der einem stillstehenden Fluge von Funken gleicht, die Unordnung des Strudels und die Unbeweglichkeit des Grabes, die Aufgabe, welche eine Oeffnung im Abgrunde bietet, ein Räthsel, welches sein Gesicht zeigt und verbirgt, die verschleierte Unendlichkeit der Finsterniß: das ist die Nacht. Dieses Bündniß drückt auf den Menschen.

Diese Bereinigung aller Geheimnisse auf ein Mal, der Geheimnisse der Welt und des Unheils häuft sich über dem Menschen zusammen.

Der Druck des Schattens wirkt umgekehrt auf die verschiedenen Gattungen der Seele. Der Mensch erkennt sich unvollkommen vor der Nacht. Er sieht das Dunkel und fühlt die Schwäche. Der schwarze Himmel ist der blinde Mensch, der Mensch, welcher der Nacht in’s Angesicht blickt, stürzt hin, kniet nieder, wirft sich zu Boden, legt sich flach auf die Erde, verkriecht sich in ein Loch oder sucht Flügel. Fast immer will er dieser ungestalteten Gegenwart des Unbekannten entfliehen; frägt sich, was es ist, zittert, beugt sich, ist unwissend; bisweilen will er auch fortgehen.

Wohin gehen?

Dorthin.

Dorthin? Was ist das und was giebt es dort?

Diese Neugierde sucht augenscheinlich verbotene Dinge, denn auf dieser Seite sind alle Brücken rings um den Menschen abgebrochen. Die Arche der Unendlichkeit fehlt; aber das Verbotene zieht an, denn es ist ein Strudel. Wohin der Fuß nicht geht, kann der Blick dringen; wo der Blick still steht, kann der Geist noch weiter. Es giebt keinen Menschen, der nicht wagt, so schwach und gebrechlich er auch immer sein mag; seiner Natur nach, spürt und sucht der Mensch vor der Nacht. Für die Einen ist sie ein Fallen, für die Andern ein Steigen. Das Schauspiel ist düster. Das Unbestimmbare mischt sich hinein.

Ist die Nacht heiter, ist sie ein Schattengrund. Ist sie stürmisch, ist sie ein Nebelgrund. Die Unbegrenztheit entzieht sich und bietet sich zu gleicher Zeit an, verschlossen für die Versuche und geöffnet für die Vermuthungen. Unzählige Lichtstreifen machen die bodenlose Dunkelheit noch schwärzer. Blitzende und funkelnde Gestirne. Dinge, welche erwiesenermaßen in dem Unbekannten existiren; schreckliche Herausforderung, eine Berührung dieser Helle zu versuchen. Es sind die Maßstäbe der Schöpfung in dem Absoluten, die Marken der Entfernung, dort wo es keine Entfernungen mehr giebt; ein scheinbar unmögliches und doch wirkliches Aufzählen der Ebbe der Tiefen. Ein mikroskopischer Punkt, welcher glänzt, dann ein andrer, noch ein andrer und wiederum ein andrer, es ist die Undurchdringlichkeit, die Endlosigkeit. Dieses Licht ist ein Heerd, dieser Heerd ein Stern, dieser Stern eine Sonne, diese Sonne ein All, dieses All ein Nichts. Jede Zahl ist in der Unendlichkeit Null.

Dieser Welten, welche nichts sind, giebt es wirklich. Indem man sie anerkennt, fühlt man den Unterschied, welcher das Nichtssein von dem Nichtsein trennt.

Das Unerreichbare mit dem Unerklärbaren bildet den Himmel.

Aus dieser Betrachtung löst sich eine erhabene Erscheinung los: Das Großwerden der Seele durch das Staunen.

Die Scheu vor dem Heiligen ist dem Menschen eigentümlich; das Thier kennt sie nicht. Die Vernunft findet in diesem erhabenen Schrecken ihren Untergang und ihren Prüfstein.

Der Schatten ist einfach, daher der Schreck; zu gleicher Zeit ist er auch zusammengesetzt, daher die Ohnmacht. Seine Einheit drückt auf unsern Geist und raubt ihm die Lust, Widerstand zu leisten. Durch seine Vielfältigkeit bewirkt er, daß man ihn rings um sich, auf allen Seiten, erblickt; man scheint seine plötzliche Ankunft fürchten zu müssen. Man giebt sich so zu sagen hin und hütet sich. Man ist in der Gegenwart des Alls, daher die Unterwerfung, und in der Wahrheit, daher das Mißtrauen. Die Einheit des Schattens enthält ein Vielfaches. Geheimnißvolles Vielfaches, sichtbar in der Materie, fühlbar im Geiste. Das bewirkt Schweigen; ein Grund, noch wachsamer zu sein.

Die Nacht – der Verfasser hat es schon an andern Stellen gesagt – ist der eigentliche und normale Zustand der abgesonderten Schöpfung, von welcher wir einen Theil ausmachen. Der Tag, kurz in der Dauer, wie im Raume, ist nur eine Sternennähe.

Das nächtliche Wunder des Alls vollführt sich nicht ohne Reibung und jede Reibung einer solchen Maschine ist eine Verletzung des Lebens. Diese Reibungen der Maschine nennen wir das Böse. Wir fühlen in dieser Dunkelheit das Uebel, das geheime Leugnen der Gottheit, die verhüllte Schmähung der Thatsachen lehnt sich gegen das Ideale auf. Das Uebel macht durch eine unbestimmbare, tausendköpfige Teratologie die weite Gesammtheit des Alls, verwickelt sich und findet sich überall ein, um Widerstand zu leisten. Es ist der Sturm und verzögert den Gang des Schiffes, es ist das Chaos und fesselt das Entstehen einer Welt. Das Gute hat die Einheit, das Böse die Allgegenwart. Das Böse zerstört das Leben, was ganz logisch ist; es bewirkt, daß die Fliege von dem Vogel und der Planet vom Komet verschlungen wird. Das Uebel ist ein Strich durch die Schöpfung.

Die nächtliche Dunkelheit macht vollkommen schwindlig. Wer in sie eindringt, sinkt in ihr unter und geht in ihr zu Grunde. Keine Anstrengung hält einen Vergleich mit dieser Prüfung der Dunkelheit aus. Es ist das Studium eines Nichts.

Kein bestimmter Ort, wo der Geist ruhen könnte; Ausgangspunkte ohne Endpunkt; ein Gewirr sich widersprechender Lösungen; alle Verzweigungen des Zweifels, sich zu derselben Zeit einstellend, die Verästelung der Erscheinungen, welche sich ohne aufzuhören unter einem unbestimmten Drucke entblättern, alle Gesetze, sich gegenseitig ineinander stürzend, ein unergründliches Durcheinander, welches ein Vegetiren der Mineralien und Lebendigwerden der Vegetation bewirkt, den Gedanken wägt, die Liebe strahlen läßt und die Anziehung liebt; die ungeheure Reihe von Angriffen aller Fragen, welche sich in der endlosen Dunkelheit entwickeln. Das Ungewisse, welches das Unbekannte zur Welt bringt; die kosmische Gleichzeitigkeit in voller Erscheinung, nicht für den Blick, sondern für die Vernunft, in dem großen unendlichen Raum und das sichtbar geordnete Unsichtbare, das ist die Finsterniß. Der Mensch steht unter ihr.

Er kennt nicht die Einzelheiten, trägt aber, im Verhältnis zu seinem Geiste, das furchtbare Gewicht der Gesammtheit. Dieser Druck trieb die chaldäischen Schäfer zur Sternkunde. Unfreiwillige Enthüllungen dringen aus den Poren der Schöpfung; ein Austritt der Wissenschaft findet gewissermaßen von selbst statt und gewinnt den Unwissenden. Jeder Einsiedler wird unter diesen geheimnißvollen Eindrücken, oft ohne sich dessen selbst bewußt zu sein, ein Naturphilosoph.

Die Dunkelheit ist untheilbar; bewohnt, ohne Ortswechsel von dem Absoluten, und auch mit Ortswechsel. Man bewegt sich in ihr, das beunruhigt. Eine heilige Bildung durchläuft ihre Entwicklungsstufen daselbst. Vorbedachtsamkeiten, Mächte und gewollte Bestimmungen arbeiten dort gemeinsam ein unermeßliches Werk aus. Ein fürchterliches und schreckliches Leben ist darin. Es giebt dort große Zusammenhäufungen unter den Gestirnen, die Sternen-, die Planetenfamilie, die Milchstraße, das Quid divinum der Strömungen, der Ausflüsse der Polarisationen und der Anziehungen; die Umarmung und die Abstoßung, eine prächtige Ebbe und Fluth allgemeinen Gegensatzes, die Unwägbarkeit frei mitten unter Brennpunkten; die Lebenskraft in den Kugeln, das Licht außerhalb der Kugeln, das umherirrende Atom, das zerstreute Samenkorn, befruchtende Curven, Begegnungen des Zusammendringens und des Kampfes, unerhörte Vorbereitungen, Entfernungen, welche Träumen gleichen, schwindelnde Umkreisungen, Versinken ganzer Welten in das Unberechenbare, Wunder, welche sich gegenseitig in der Dunkelheit verfolgen, einen Mechanismus, stetes Sphärenrauschen auf der Flucht, Räder, deren Umdrehungen man fühlt; der Gelehrte behauptet, der Unwissende fühlt und zittert; es besteht und entfernt sich; es ist unerkämpfbar, unerreichbar, unnahbar. Man ist bis zur Niedergeschlagenheit überzeugt, fühlt eine unbestimmte, schwarze Erscheinung auf sich, kann nichts fassen und wird durch das Ungreifbare zerdrückt.

Ueberall das Unbegreifliche, nirgends das Unverständliche.

Und dazu tritt noch die furchtbare Frage: Ist dieses Innewohnen ein Wesen?

Man ist im Dunkel, man hört und sieht es.

Indessen geht und rollt die dunkle Erde weiter; die Blumen sind sich dieser riesenhaften Bewegung bewußt; das Leinkraut öffnet sich um elf Uhr Abends und die Meerlilie um fünf Uhr Morgens. Ueberwältigende Regelmäßigkeit.

In andern Tiefen schafft sich der Wassertropfen eine Welt, keimt das Aufgußthierchen, tritt die großartige Fruchtbarkeit aus dem Samenfaden, bereitet das Unergründbare seine Größe aus und offenbart sich die Umkehrung der Unendlichkeit; eine Diatrome erzeugt in einer Stunde dreizehnhundert Millionen neue.

Welche Zusammenstellung aller Räthsel auf ein Mal!

Das Unverkleinerliche zeigt sich.

Man wird zum Glauben gezwungen. Glauben aus Zwang, das ist der Erfolg. Aber glauben genügt nicht, um ruhig zu sein. Der Glauben hat eine unbeschreibbare und merkwürdige Sucht nach Formen. Daher die Religionen. Nichts ist so drückend, als ein Glauben ohne Umriß.

Was man auch immer denkt und will, welchen Widerstand man auch immer in sich fühlt; den Schatten anblicken, heißt nicht anblicken, sondern betrachten.

Was soll man aus diesen Erscheinungen machen! Wie sich unter ihrem Zusammentreffen bewegen! Dieses Räthsel zu lösen, ist unmöglich. Welche Träumerei allen diesen Endpunkten anpassen? Wie viele tief verborgne, gleichzeitige, stammelnde, sich durch ihre eigne Menge verdunkelnde Enthüllungen, scheinbares Lallen des Wortes! Der Schatten ist ein Schweigen, aber dieses Schweigen sagt Alles. Eine Mittelkraft löst sich davon majestätisch ab: Gott ist der unbegreifbare Begriff, der im Menschen lebt. Die Vernunftschlüsse, die Anklagen, die Verneinungen und die Religionen gehen darüber hinfort, ohne ihn zu verringern. Diesen Begriff bestätigt der Schatten in seiner Gesammtheit, aber Verwirrung liegt auf allem Uebrigen. Furchtbare Immanenz. Der unbeschreibbare Einklang der Kräfte offenbart sich durch das Bestehen des Gleichgewichts in dieser ganzen Dunkelheit. Das All schwebt; nichts fällt. Die unaufhörliche und unermeßbare Ortsveränderung geht ohne Unfall und Bruch vor sich. Der Mensch nimmt an dieser Bewegung des Vorrückens Theil und die Menge der Schwankungen, welche er erfährt, nennt er das Geschick. Wo fängt das Geschick an? Wo hört die Natur auf? Welchen Unterschied giebt es zwischen einem Ereigniß und einer Zeit, zwischen einem Kummer und einem Regen, zwischen einer Tugend und einem Stern? Ist eine Stunde nicht eine Welle? Die sich bewegenden Räder greifen beständig ineinander ein und setzen, ohne dem Menschen zu antworten, ihre hartherzigen Umdrehungen fort. Der Sternenhimmel ist eine Erscheinung von Rädern, Balanciers und Gegengewichten; die höchste Betrachtung, verdoppelt durch das höchste Nachsinnen; die ganze Wirklichkeit; noch mehr: das ganze Insichversenken. Nichts geht darüber hinaus. Man fühlt sich ergriffen in der Gewalt dieses Schattens ohne die Möglichkeit eines Entweichens; sieht sich in den Zähnen dieses Rades, bildet einen wesentlichen Bestandteil eines unbeachteten Alls und fühlt das Unbekannte in sich mit einem Unbekannten außer sich geheimnißvoll Brüderschaft schließen. Das ist die höchste Verkündigung des Todes. Welche Qual und welches Entzücken zu gleicher Zeit! Dem Unendlichen anhängen und dadurch dazu geführt werden, sich selbst eine notwendige Unsterblichkeit, vielleicht eine mögliche Ewigkeit zuzuschreiben; in dem wunderbaren Wogen dieser Sündfluth des allgemeinen Lebens die unertränkbare Beharrlichkeit des Ich fühlen! Die Sterne betrachten und ausrufen: Ich bin eine Seele, wie Ihr! Die Finsterniß betrachten und ausrufen: Ich bin ein Abgrund, wie Du!

Dieses Riesenhafte ist die Nacht.

Das Alles, durch die Einsamkeit noch vergrößert, drückte auf Gilliatt.

Verstand er es? Nein.

Fühlte er es? Ja.

Gilliatt war ein großer, wirrer Geist und ein großes, wildes Herz.

————

Fünftes Capitel. Gilliatt weis’t der Barke ihr Stellung an.

Die von Gilliatt ausgesonnene Rettung der Maschine war, wie wir schon sagten, ein ächtes Riesenunternehmen; und man kennt seine Geduld bei diesem Riesenunternehmen und ebenso seinen Fleiß. Der Fleiß geht bis in das Wunderbare, die Geduld bis in den Tod. So fand zum Beispiel ein Gefangener, Thomas, auf dem St. Michaelsberge Mittel, die Hälfte einer Mauer in einen Strohsack zu stecken. Zu Tulle schnitt im Jahre 1820 ein anderer Gefangener Blei auf der als Spazierplatz dienenden Plattform des Gefängnisses. Woher nahm er das Messer? Man kann es nicht ahnen. Er schmolz dieses Blei; aber mit welchem Feuer? Man weiß es nicht. Er goß dieses geschmolzene Blei, aber in was für eine Form? Man weiß es. In eine Form aus Brodkrume; und mit Hülfe dieses Bleies und dieser Form machte er einen Schlüssel und öffnete damit ein Schloß, von dem er nie etwas anders sah, als das Loch. Solch unerhörte Geschicklichkeit besaß auch Gilliatt. Er wäre die steile Böschung von Boisrosé hinauf- und wieder hinabgeklettert. Er war der Trenck einer Brandung und der Latude einer Maschine.

Das Meer, sein Gefangenwärter, überwachte ihn.

Uebrigens, wir müssen es gestehen, so undankbar und schlecht auch der Regen war, so zog Gilliatt doch Vortheil aus ihm. Er hatte seinen Vorrath von süßem Wasser einigermaßen wieder hergestellt; aber sein Durst war unlöschbar und er leerte seinen Wasserbehälter fast eben so schnell, als er ihn füllte.

Eines Tages, ich glaube, es war am letzten April oder ersten Mai, war Alles fertig.

Die Maschine war zwischen den acht Tauen der Krahnen auf jeder Seite zwischen vier gleichsam eingeschlossen. Die sechszehn Oeffnungen, durch welche diese Kabel liefen, waren auf der Brücke und unter dem Kiele durch Schnitte mit der Säge angebracht, die Dielen gleichfalls mit der Säge, das Gerüst mit der Axt, das Eisenwerk mit der Feile und die Fütterung mit zwei Meißeln bearbeitet worden. Der Theil des Kiels, über welchem sich die Maschine befand, war viereckig losgetrennt, so daß er mit der Maschine gehoben werden konnte und ihr als Stütze diente. Diese ganze furchtbare Last hielt nur an einer Kette, welche selbst nur noch mit einem Feilenstriche zusammenhing. Ist Alles so weit vorgeschritten und dem Ende so nahe, dann ist Eile Klugheit.

Das Meer stand niedrig, der Augenblick war günstig.

Es war Gilliatt gelungen, den Radbaum, dessen äußerste Enden hinderlich sein und das Aufwinden stören konnten, loszumachen und dieses schwere Stück senkrecht im Innern der Maschine selbst anzubringen.

Es war Zeit, zu Ende zu kommen. Zwar fühlte sich Gilliatt, wie wir schon gesagt haben, nicht matt, da er es nicht sein wollte, aber wie sah es mit seinem Handwerkszeug aus. Die Schmiede war allmälig unbrauchbar geworden, der Amboß gesprungen, der Blasebalg begann schlecht zu arbeiten und da der kleine Wasserfall Meerwasser enthielt, so hatte sich in den Gelenken des Apparats Salz niedergeschlagen und hinderte deren Spiel.

Gilliatt ging zum »Mann,« musterte die Barke, überzeugte sich, daß in ihr Alles in Ordnung war, besonders die vier Ringe am Tri- und Backbord, lichtete dann den Anker und kehrte rudernd mit ihr zu den beiden Douvres zurück, deren Zwischenraum sie durchließ, da das Wasser tief und die Oeffnung breit genug war. Gilliatt wußte bereits seit dem ersten Tage, daß man die Barke bis unter die Durande bringen konnte.

Dies Unternehmen war jedoch sehr schwer; es erforderte die Genauigkeit eines Juweliers; und das Einführen der Barke in die Klippe war um so mißlicher, als es für Gilliatts Zwecke mit dem Sterne, also mit dem Steuer zuerst geschehen mußte. Auch war es wichtig, daß ihr Mast und Takelwerk vor dem Wracke, auf der Seite des Schlupfhafens, blieben.

Diese vermehrten Schwierigkeiten machten das Unternehmen selbst für Gilliatt unbequem. Es handelte sich nicht mehr, wie bei der Klippe »der Mann,« um einen Barrenschlag, man mußte Alles zusammen thun: stoßen, ziehen, schleppen und sondiren. Gilliatt gebrauchte nicht weniger als eine Viertelstunde dazu, aber Alles lief gut ab.

In fünfzehn bis zwanzig Minuten war die Barke unter der Durande angebracht und von ihr beinahe festgeschlossen. Gilliatt gabelte sie mit ihren beiden Ankern so ein, daß der stärkste dem heftigsten Winde, welchen er zu fürchten hatte, dem West, entgegenarbeitete. Hierauf senkte er mit einem Hebel und der Winde die beiden Kisten in die Barke hinab, welche die abgenommenen Räder enthielten und deren Schlingen ganz fest waren. Diese beiden Kisten sollten als Ballast dienen.

Dann befestigte Gilliatt an dem Haken der Ketten der Winde die Schlingen des Balancirtaues, welches für die Krahne als Hemmung bestimmt war.

Für das, was Gilliatt vorhatte, waren die Fehler der Barke ebenso viele gute Eigenschaften; sie hatte kein Deck, die Belastung mußte auf den Kiel drücken und sie dadurch mehr Fahrwasser erhalten. Da sich ihr Mast vorn, vielleicht zu weit nach vorn, befand, so mußte die Belastung leichter von Statten gehen und da sich der Mast außerhalb des Wracks befand, so konnte nichts die Abfahrt hindern. Die Barke war wie ein Huf, auf dem Meere ist nichts so fest und beständig, als diese Hufform.

Plötzlich bemerkte Gilliatt, daß das Meer stieg. Er blickte sich um, woher der Wind komme.

————

Sechstes Capitel. Plötzlich eine Gefahr.

Nur eine schwache Brise wehte, und zwar aus Westen; eine schlechte Gewohnheit, welche der Wind aber zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche liebt.

Die Fluth in der Douvre-Klippe verhält sich beim Steigen, je nach der Richtung des Windes, verschieden. Je nachdem sie die Brise treibt, dringt die See bald von Ost und bald von West in diese Meeresenge ein. Kommt sie von Ost, so ist sie gut und sanft; von West hingegen ungestüm. Das kommt daher, weil der Ost, welcher vom Lande herweht, wenig Kraft hat, der West aber, welcher über dem atlantischen Ocean streicht, das ganze Wehen der Unendlichkeit mit sich bringt. Selbst eine scheinbar ganz leichte Brise, welche aus Westen kommt, ist beunruhigend. Sie rollt die großen Wellen aus unbegrenzter Ferne herbei und treibt zu viel Wasser auf ein Mal in den engen Schlund.

Ein Wasser, welches sich in einem Abgrund verliert, ist immer furchtbar. Es ist mit dem Wasser, wie mit der Menge, welche auch flüssig ist. Das, was eindringen kann, ist geringer, als das, was eintreten will, daraus entsteht die Vernichtung für die Menge und das Zucken für das Wasser. So lange der West regiert und wäre es der schwächste Hauch, so haben die Douvres täglich zweimal diesen Angriff auszuhalten. Das Meer hebt sich, die Fluth steigt; der Felsen widersteht; der kleine Hafen öffnet sich nur spärlich, die mit Gewalt eingetriebene Woge springt und brüllt und die hohle See schlägt rasend die beiden innern Seiten der Straße. Bei dem geringsten Westwinde bieten die beiden Douvres folgendes eigenthümliche Schauspiel; draußen auf dem Meere die Ruhe; innen die Aufregung. Diese beschränkte und unbegrenzte Wuth hat nichts mit einem Sturm gemein; sie ist nur eine Rebellion der Wogen, aber schrecklich. Die Winde aus Nord und Süd fassen die Klippe von der Seite und regen die Wellen in der Straße nur wenig auf. Im Osten grenzt der Eingang, wie man sich erinnern wird, an den Felsen »der Mann;« die gefährliche Oeffnung des Westens befindet sich an dem entgegengesetzten Ende, genau zwischen den beiden Douvres.

An dieser Westöffnung befand sich Gilliatt mit der gescheiterten Durande und der festgeankerten Barke.

Ein Unglück schien unvermeidlich und drohte schon, denn es verfügte über eine zwar geringe, aber doch hinreichende Menge des ihm nothwendigen Windes.

Binnen wenig Stunden mußte das Anschwellen der wachsenden Fluth einen furchtbaren Kampf in der Douvres-Enge beginnen. Die ersten Wellen brandeten schon. Dieses Anschwellen, die Springfluth des ganzen atlantischen Oceans, hatte die Gesammtheit des Meeres hinter sich. Kein Windstoß, kein Zorn, sondern eine einfache Alles beherrschende Welle, mit einer Schnellkraft in sich, welche Amerika verläßt, um an Europa sich zu brechen und einen Schlag von zweitausend Meilen besitzt. Diese Welle, die Riesenbrandung des Oceans, mußte auf die Oeffnung in der Klippe stoßen, sich an den beiden Douvres, den Eingangsthürmen und Pfeilern der Straße, brechen, durch die Fluth und das Hinderniß anschwellen, von den Felsen zurückgeworfen und von dem Winde übertrieben der Klippe Gewalt anthun, mit dem ganzen Strudel des besiegten Widerstandes und der vollen Wuth der gefesselten Welle zwischen den beiden Mauern eindringen, dort die Durande und die Barke finden und beide zerbrechen.

Gegen diese Möglichkeit bedurfte es eines Schildes, den Gilliatt besaß.

Man mußte die Fluth daran verhindern, mit ihrer ganzen Gewalt einzudringen, ihr verbieten zu steigen, wodurch sie zerstören mußte, ihr den Durchgang verlegen, ohne ihr den Eintritt zu verweigern, ihr widerstehen und nachgeben, dem Drucke der Welle auf den Schlupfhafen, worin die ganze Gefahr bestand, zuvorkommen, an Stelle des Einstürmens ein gemächliches Eindringen setzen, der Woge ihre Aufregung und rohe Kraft nehmen, diese Wuth zur Sanftmuth zwingen und das aufregende Hinderniß durch ein beruhigendes ersetzen.

Gilliatt, der stärker als der Starke, Gemsenmanöver in den Gebirgen und Sapajou-Unternehmen in den Wäldern vollführte, der bei den schwankend und schwindelig machenden Sprüngen den kleinsten Kieselstein zu benutzen wußte, der in das Wasser sprang, aus dem Wasser sprang, im Kielwasser schwamm und den Felsen, mit einem Strick zwischen den Zähnen und einem Messer in der Hand, zu erklettern verstand, – löste mit der ihm eigenthümlichen Geschicklichkeit das Greling, welches, schwebend und an die Böschung des kleinen Douvre gelehnt, den Vordertheil der Durande hielt; machte aus dicken Tauenden eine Art von Haspeln, welche dies Panneau an den großen, in den Granit eingelassen Nägeln befestigen sollten, ließ auf diesen Haspeln jene, einer Schleusenthür ähnliche Planken-Armatur spielen, bot ihre Seite, wie man es mit dem Backen eines Steuerruders macht, dem Wasser dar, welches eines ihrer Enden vorwärts trieb und an den großen Douvre führte, während die Tauhaspeln auf dem kleinen Douvre ihr anderes Ende zurückhielten, bewerkstelligte auf dem großen Douvre, mit Hülfe der schon im Voraus eingeschlagenen Nägel, dieselbe Art der Befestigung, wie auf dem kleinen, schloß dieses mächtige Balkengerüst innig an den doppelten Pfeiler des Schlupfhafens auf, kreuzte auf dieser Barre eine Kette, wie ein Degengehänge über einem Panzer, und in weniger als einer Stunde wendete sich dieser Verschluß gegen die Fluth und vertrat den Eingang in die Straße zwischen den Klippen, wie eine Thür.

Dieses mächtige Gerüst einer gewaltigen Masse von Balken und Planken, welches liegend ein Floß und stehend eine Mauer bildete, war von Gilliatt mit Hülfe der Fluth und mit zauberhafter Geschicklichkeit angebracht worden. Das Kunststück war fertig geworden, bevor die steigende Fluth Zeit hatte, es wahrzunehmen.

In diesem Falle hätte Jean Bart wieder das berühmte Wort angewandt, welches er jedesmal dem Meere zurief, wenn er einen Schiffbruch geschickt vermied: » Angeführt den Engländer!« Wie man weiß, nannte Jean Bart den Ocean, wenn er ihn beleidigen wollte, den Engländer.

Nachdem Gilliatt die Meerenge so versperrt hatte, dachte er an die Barke. Er rollte genug Kabel auf die beiden Anker ab, daß sie mit der Fluth steigen konnte, ein ähnliches Verfahren, wie das, welches die alten Seeleute »mit Knoten ankern« nannten. Bei alle dem wurde Gilliatt nicht überrascht, denn er hatte an Alles schon vorher gedacht; ein Sachverständiger hätte es an den beiden, mit ihren glatten Klobenwerken an dem Sterne der Barke befestigten Rollen gesehen, über welche zwei Grelinge liefen, deren Enden schief durch die Ringe der beiden Anker gingen.

Indessen war die Fluth schon bis zur halben Höhe gestiegen; in einem Augenblicke kann schon der Schlag ihrer Wellen, selbst wenn sie ruhig sind, kräftig werden. Was Gilliatt erwartet hatte, ging in Erfüllung. Die Fluth rollte kräftig gegen die Barke, stieß gegen sie, stauchte sich an ihr auf und ging dann unter ihr durch. Draußen war es die hohle See, drinnen ein Eintröpfeln. Gilliatt hatte eine Art von caudinischen Engpässen für das Meer ersonnen und es dadurch besiegt.

————

Siebentes Capitel. Eher Entwickelung, als Lösung.

Der schreckliche Augenblick war gekommen.

Es handelte sich jetzt darum, die Maschine in die Barke zu bringen.

Einige Augenblicke hindurch stützte Gilliatt seine Stirn auf seine linke Hand, den linken Ellbogen auf die rechte Hand und dachte nach; dann stieg er auf das Wrack, von dem ein Theil, die Maschine, losgemacht werden, der andere aber, der Rumpf, zurückbleiben sollte, und schnitt die vier Seile, welche am Back- und Tribord der Durande die vier Ketten des Schlotes festhielten, durch. Da die Seile nur aus Hanf bestanden, so gelang ihm das mit seinem Messer.

Die vier Ketten hingen frei und ohne Anhang an dem Schlote hinab.

Von dem Wracke stieg er in den Apparat, welchen er gemacht hatte, schlug mit dem Fuße gegen die Balken, untersuchte die Flaschenzüge und Rollen, berührte die Kabel, prüfte die Ansatzstücke, überzeugte sich, daß das weiße Tauwerk nicht tief durchnäßt war, daß nichts fehlte und sich nichts bog, sprang dann von dem hohen Lukenrande auf das Deck und stellte sich neben die Winde in den Theil der Durande, welcher an den Douvres bleiben sollte. Dort war sein Platz während der Arbeit.

Ernst und nur von nützlicher Erregung erregt, warf er einen Blick auf die Krahne, ergriff hierauf eine Feile und begann die Kette, welche Alles in der Schwebe hielt, zu durchschneiden.

Man hörte das Knirschen der Feile unter dem Grollen des Meeres.

Die Kette der Winde, welche an dem Balancir-Tau befestigt war, befand sich dicht neben seiner Hand, so daß er sie leicht fassen konnte.

Plötzlich hörte man ein Krachen. Die Kette, welche von der Feile zerschnitten wurde, war mehr als halb durchgefeilt und eben gerissen; der ganze Apparat fing zu schwanken an. Gilliatt hatte nur noch Zeit, sich auf das Balancirtau zu stürzen.

Die zerrissene Kette peitschte den Felsen, die acht Kabel dehnten sich aus, der ganze losgesägte und losgeschnittene Theil riß sich vom Wracke los, der Bauch der Durande öffnete sich und der auf die Kabel drückende Eisenboden der Maschine erschien unter dem Kiele.

Hätte Gilliatt nicht zeitig das Tau ergriffen, so wäre ein Sturz erfolgt. Jetzt war aber seine furchtbare Hand da und so wurde es nur ein Herabsinken.

Als Jean Bart’s Bruder, Peter Bart, jener starke und kluge Trunkenbold, jener arme Fischer aus Dünkirchen, welcher den Großadmiral von Frankreich duzte, die in der Bai von Ambleteure verlorene Galeere Langeron rettete und um diese schwere schwimmende Masse aus der Mitte der Brandung jener gefährlichen Bai herauszuschaffen, das große Segel im Flattern mit Meerbinsen zusammenband, als er wollte, daß diese Binsen, sich selbst zerbrechend, das Segel dem Winde zum freien Spiel überließen, vertraute er sich dem Brechen der Binsen ebenso an, wie Gilliatt dem Reißen der Kette; es war dieselbe merkwürdige Kühnheit, von demselben überraschenden Erfolge gekrönt.

Das Tau, welches Gilliatt gefaßt hatte, hielt gut und arbeitete wunderbar. Wie man sich erinnern wird, war es dazu bestimmt, den Kräften, welche aus mehreren in eine zusammengezogen waren und einer gemeinsamen Bewegung gehorchten, das Gleichgewicht zu halten. Es hatte einige Aehnlichkeit mit einer Boyleine, wirkte aber nicht auf ein Segel, sondern auf einen Mechanismus.

Gilliatt stehend und die Hand an der Winde, fühlte, so zu sagen, dem Apparate den Puls.

Hier zeigte sich Gilliatt’s Erfindungsgabe auf das Deutlichste.

Ein auffallendes Ineinandergreifen fand statt.

Während die völlig losgelöste Maschine der Durande gegen die Barke hinabstieg, hob sich diese gegen jene hin. Das Wrack und das Rettungsboot halfen sich gegenseitig, gingen einander entgegen, suchten sich und ersparten sich die halbe Arbeit.

Die Fluth schwoll ohne Geräusch zwischen den beiden Douvres an, hob die Barke und näherte sie der Durande; sie war mehr als besiegt, sie war gezähmt. Der Ocean bildete einen Theil des Mechanismus.

Das steigende Wasser hob die Barke nicht rückwärts, sondern sanft und beinahe vorsichtig, als wenn sie aus Porzellan gewesen wäre.

Gilliatt hatte die Kräfte dieser beiden Arbeiter, des Wassers und des Apparates, vereint, gegeneinander abgemessen und regelte, unbeweglich an der Winde stehend, gleich einer fürchterlichen Bildsäule, der alle Bewegungen auf einmal gehorchen, die Geschwindigkeit des Sinkens nach der des Steigens.

Kein Springen in der Fluth, kein Schwanken in den Krahnen. Es war ein merkwürdiges Zusammenspielen aller dienstbar gemachten Naturkräfte. Einerseits war die Anziehungskraft der Maschine, andererseits die Fluth das Boot. Die Anziehungskraft der Gestirne – die Fluth – und die der Erde – die Schwere – schienen sich mit einander verständigt zu haben, um Gilliatt zu dienen. Ihr Gehorsam kannte weder Zögerung noch Aufenthalt, und durch den Willen eines Geistes wurden diese unthätigen Kräfte zu thätigen Hülfsmitteln. Von Minute zu Minute schritt das Werk vor; der Zwischenraum zwischen der Barke und dem Wrack verminderte sich unmerklich. Die Annäherung geschah schweigend und gewissermaßen für den Menschen, welcher zugegen war, furchtbar. Das Element hatte einen Befehl erhalten und führte ihn aus.

Fast in demselben Augenblick, als die Fluth zu steigen aufhörte, hörten auch die Kabel auf sich abzurollen. Plötzlich, aber ohne Bewegung, standen die Flaschenzüge still. Die Maschine hatte, wie unter der Leitung einer Hand, in der Barke Platz genommen. Sie stand in ihr gerade, aufrecht, unbeweglich und fest. Die Stützplatte ruhte mit ihren vier Ecken senkrecht auf dem Kiele.

Es war vollbracht.

Gilliatt blickte überwältigt hin.

Das arme Wesen war von der Freude nicht verwöhnt. Er beugte sich unter einem unermeßlichen Glücke, fühlte, wie alle seine Glieder zitterten, und er, der bis dahin keine Verwirrung gekannt hatte, begann vor seinem Siege zu beben.

Er betrachtete die Barke unter dem Wracke und die Maschine in der Barke. Er schien es nicht zu glauben. Man hätte sagen können, er war auf das nicht vorbereitet, was er gethan hatte. Ein Wunder war unter seinen Händen hervorgegangen und er erblickte es mit Staunen.

Dieses Staunen dauerte nur kurze Zeit.

Gilliatt machte eine Bewegung wie Jemand, der erwacht, stürzte auf die Säge zu, schnitt die acht Taue durch, sprang dann in die Barke, von welcher ihn jetzt, Dank ihrem Steigen durch die Fluth, eine Entfernung von höchstens zehn Fuß trennte, ergriff eine Rolle mit Troß, machte vier Schlingen, steckte sie durch die Ringe, welche er schon früher angebracht hatte, und befestigte an Bord der Barke auf beiden Seiten die vier Ketten des Schlotes, welche noch vor einer Stunde an Bord der Durande festsaßen.

Nachdem der Rauchfang angeschlossen war, machte Gilliatt den oberen Theil der Maschine los. Ein viereckiges Stück der Brückenplatte der Durande hing daran fest. Gilliatt schlug es ab und befreite die Barke von diesem überflüssigen Ballaste von Planken und Brettern, welche er auf den Felsen warf. Nützliche Erleichterung!

Uebrigens war die Barke, wie man wohl erwarten konnte, unter der großen Last der Maschine fest geblieben und hatte sich nur wenig gesenkt. Die Maschine der Durande war zwar schwer, aber nicht so wuchtig, als der Steinhaufen und die Kanone, welche die Barke schon früher von Herm geholt hatte.

So war Alles beendet und er brauchte die Maschine nur noch fortzufahren.

————

Achtes Capitel. Der Erfolg eben so schnell wiedergenommen, als gegeben.

Alles war noch nicht beendigt.

Gilliatt mußte den Schlupfhafen wieder öffnen, welchen das Vordertheil der Durande verschloß, und die Barke sofort aus der Klippe schaffen, das lag klar auf der Hand. Auf offenem Meere ist jede Minute kostbar. Der Wind war schwach, kaum ein Kräuseln zeigte sich auf hoher See; der sehr schöne Abend versprach eine ebenso schöne Nacht. Das Meer war stillstehend, aber die Ebbe begann sich schon fühlbar zu machen; der Augenblick war für die Abfahrt äußerst günstig. Er verließ mit der Ebbe die Douvres, landete mit der Fluth in Guernesey und konnte mit Tagesanbruch in St. Sampson sein.

Aber ein unerwartetes Hinderniß stellte sich ein. Trotz seiner Vorsicht hatte Gilliatt eine Kleinigkeit vergessen.

Die Maschine war frei, der Rauchfang aber nicht.

Die Fluth hatte dadurch, daß sie die Barke dem in der Luft schwebenden Wrack näherte, die Gefahren des Herablassens verringert und die Rettung abgekürzt; aber in Folge dieser Verminderung des Zwischenraums blieb der obere Theil des Schlotes in dem klaffenden Rahmen stecken, welchen gewissermaßen der offene Kiel der Durande bildete. Der Rauchfang wurde von ihm festgehalten, als ob er zwischen vier Mauern gesteckt hätte.

Die Dienstleistung der Wellen wurde durch diesen hinterlistigen Streich gestört.

Wie es schien, hatte das zum Gehorsam gezwungene Meer einen Hintergedanken. Die Ebbe konnte das Werk der Fluth vielleicht zerstören.

Der etwas mehr als drei Klafter hohe Schornstein steckte acht Fuß tief in der Durande; das Niveau des Wassers war im Begriff um zwölf Fuß zu sinken und der Schornstein, indem er mit dem Holländer dem Meeresgrund näher kam, gewann oben einen Spielraum von vier Fuß, konnte also in’s Schwanken gerathen.

Wie lange mochte es währen, ehe er diese Freiheit erlangte? – Sechs Stunden.

Nach Verlauf derselben war es nicht weit mehr von Mitternacht. Doch wie konnte man zu jener Zeit eine Ausschiffung versuchen? In welchen Canal sollte das Fahrzeug sich durch die Klippen winden, in denen sich schon bei Tage Niemand zurechtfand? Und wer wollte sich in jenen Hinterhalt von Untiefen wagen?

Gilliatt war gezwungen, den folgenden Tag abzuwarten.

Sechs verlorene Stunden konnten ihm mindestens zwölf andere kosten.

Er durfte nicht einmal daran denken, den Eingang des Felsgäßchens zu öffnen, um weiter arbeiten zu können.

Gilliatt mußte sich auch ausruhen.

So lange er sich zwischen den Douvresklippen befand, hatte er alles Andere gethan, nur nicht die Arme gekreuzt; dies that er jetzt zum ersten Mal.

Diese gezwungene Pause erzürnte und empörte ihn fast, als hätte er selber sie verschuldet. Was würde Deruchette sagen, sähe sie mich hier müßig stehen? fragte er sich.

Und doch bedurfte er so nothwendig des Sammelns neuer Kräfte.

Der Holländer stand jetzt zu seiner Verfügung und er beschloß die Nacht auf ihm zu verbringen.

Er holte sein Schaffell von dem großen Douvre, speiste einige Schlüsselmuscheln und Seekastanien und trank, da er großen Durst halte, fast den ganzen Wasserrest seiner Schiffsflasche. Dann hüllte er sich in das Fell, dessen Wolle ihm wohl that, legte sich wie ein Wächterhund in die Nähe seiner Maschine, zog die Galerienue über seine Augen und sank in Schlummer.

————

Neuntes Capitel. Die Warnungen der See.

Wie von einer Springfeder emporgeschnellt, erwachte er plötzlich inmitten der Nacht.

Er öffnete die Augen.

Die Douvres über seinem Haupt erglänzten wie vom Wiederschein einer starken, hellen Kohlengluth. Die ganze schwarze Façade war von diesem Licht beleuchtet.

Woher kam dies Feuer?

Aus dem Wasser.

Das Meer schien in Flammen zu stehen. So weit das Auge reichte, wogte es wie Feuersgluth, doch hatte dieselbe nicht den gewöhnlichen rothen Schein, auch kein Knistern, keine Hitze und Purpurröthe, nicht das kleinste Geräusch begleitete sie. Ein weitverbreiteter bleicher Glanz zitterte über dem Wasser. Es war keine Feuersbrunst, sondern ein Seegespenst.

Die Erscheinung glich der fahlen Gluth, welche eine Flamme, das Erzeugniß eines Traumes, in dem Innern einer Todtengruft entzündete.

Man mache sich eine Vorstellung von einer in Brand gesetzten Finsterniß.

Die Nacht, die unermeßliche, aufgestörte und verwirrte Nacht, schien der Brennstoff des eisigen Feuers zu sein. Das Dunkel trat als Element in dies Lichtphantom. Alle Fischer des Canals kennen das phosphorische Leuchten, welches Warnungen für die Seefahrer enthält.

Bei diesem Leuchten verlieren alle Gegenstände ihre wirkliche Beschaffenheit. Ein geisterhaftes Wesen durchdringt sie und läßt sie durchsichtig erscheinen. Die Felsen sind nur noch Umrisse. Ankertaue gleichen rothglühenden Eisenstangen. Fischernetze glänzen im Wasser wie ein Maschenwerk von Feuer. Die eine Hälfte des Ruders ist Ebenholz, die andere, im Wasser befindliche, funkelt wie Silber. Tropfen, die in’s Meer zurückfallen, verwandeln sich in Sterne. Jede Barke läßt einen Kometenschweif hinter sich. Matrosen, deren Kleider durchfeuchtet sind, gleichen brennenden Menschen. Taucht man seine Hände in die Fluth, so tragen sie beim Herausziehen glühende Handschuhe, doch ist es ein todtes Feuer, das nicht brennt. Der nasse Arm wird zum glimmenden Brand. Alle im Meer befindlichen Dinge rollen mit der Flammenströmung hinweg. Die Fische sind feurige Zungen und zerrissene Blitze, welche in einem bleichen Abgrund züngeln.

Jenes helle Leuchten war durch Gilliatt’s geschlossene Augenlider gedrungen. Nur ihm verdankte er sein Erwachen. Es war hohe Zeit aufzustehen.

Nach der Ebbe folgte jetzt eine neue Fluth.

Der Schornstein der Maschine, welcher während Gilliatt’s Schlaf frei geworden war, stand im Begriff, von dem über ihm gähnenden Wrack gepackt zu werden.

Er stieg langsam empor.

Nur noch ein Fuß fehlte und er fuhr wieder in die Durande.

Die Fluth braucht etwa eine halbe Stunde, um einen Fuß hoch zu steigen. Längere Zeit blieb Gilliatt also nicht, wenn er die schon in Frage stehende Rettung völlig ausführen wollte.

Er richtete sich blitzschnell empor.

So sehr die Verhältnisse ihn auch drängten, konnte er doch nicht umhin, das Meerleuchten einige Minuten nachdenklich zu betrachten.

Er kannte die See aus dem Grunde. Wider ihren Willen und oft von ihr gemißhandelt, war er lange Zeit ihr Gefährte gewesen. Das geheimnißvolle Wesen, welches Ocean heißt, konnte nichts beabsichtigen, was Gilliatt verborgen geblieben wäre.

Er eilte schnell zu den Hißtauen, ließ sie langsam nach, ergriff dann, da der Gabelanker ihn nicht mehr hinderte, den Bootshaken des Holländers, stützte sich an die Felswand und steuerte nach dem, einige Klafterlängen jenseits der Durande liegenden Ausgang des Felsengäßchens. Es machte Raum, wie die Matrosen von Guernesey sagen. In weniger als zehn Minuten war der Holländer aus dem Bereich unterhalb des Wrack. Es stand nicht länger zu befürchten, daß der Schornstein wieder in die Schlinge der Durande gerieth. Mochte die Fluth immerhin steigen.

Er betrachtete erst das Meerleuchten und lichtete dann die Anker, doch nicht um abzufahren, sondern weil er den Holländer auf’s Neue und zwar in der Nähe des Ausgangs befestigen wollte.

Bisher hatte er sich nur der beiden Anker seines eigenen Fahrzeuges bedient, ohne den kleinen Anker der Durande zu benutzen, welchen er, wie man weiß, in den unterseeischen Klippen auffand. Er bewahrte ihn für dringende Fälle in einem Winkel des Holländers, nebst einem Vorrath von dreidrähtigen Seilen und Hißtau-Blockrollen und seinem Ankertau, das er im Voraus mit sehr spröden Feuerflaschen versehen hatte. Gilliatt warf auch diesen dritten Anker, was auf lebhafte Besorgniß und doppelte Vorsicht schließen ließ.

Das phosphorische Leuchten, welches er überwachte und unverwandt beobachtete, bedrohte ihn vielleicht, während es ihm zu gleicher Zeit nützte. Ohne dasselbe wäre er ein Gefangener des Schlafs geblieben und die Nacht hätte ihn betrogen. Jenes Licht erweckte und erleuchtete ihn. Es bewirkte in den Klippen eine trübe Tageshelle, die Gilliatt zwar beunruhigte, ihm aber insofern diente, als sie die Gefahr zeigte und seinen Abzug möglich machte. Wollte er von nun an die Segel spannen, war der Holländer mit der Maschine frei und unbehindert.

Gilliatt schien indeß weniger und weniger an eine Abreise zu denken. Als er den Holländer quer vor Anker gelegt hatte, holte er die stärkste Kette aus seinem Lagerhaus, befestigte jedes ihrer Enden an zwei Nägeln, von denen der eine in den kleinen, der andere in den großen Douvre geschlagen war und verstärkte so das Bollwerk von Futterdielen und Balken, welches die an der Außenseite kreuzweis gespannte Kette bereits sicherte. Weit entfernt, die Einfahrt zu öffnen, versperrte er dieselbe vollends.

Das Meerleuchten dauerte zwar noch fort, nahm aber allmählig ab. Der Tag begann zu dämmern.

Plötzlich lauschte Gilliatt.

————

Zehntes Capitel. Wen’s juckt, der kratze sich.

Er glaubte in unermeßlicher Ferne ein schwaches, undeutliches Geräusch zu hören.

Bisweilen entsteigen der Tiefe grollende Laute.

Er lauschte zum zweiten Mal. Das leise Tönen ließ sich wieder vernehmen. Gilliatt schüttelte den Kopf, wie Jemand, der da weiß, um was es sich handelt.

Einige Minuten später befand er sich am entgegengesetzten Ende des Felsgäßchens, das bis jetzt offen war und trieb mit starken Hammerschlägen große Nägel in den Granit der beiden Eisfelsen, dieses, dem Mann benachbarten Ausgangs, eine Vorkehrung, die er früher an der Einfahrt der Douvres getroffen hatte.

Die Spalten dieser Felsen waren alle ausgebessert und mit kernigem Eichenholz gefüllt. Da die Klippe gerade hier aus sehr mürbem Gestein bestand, diente sie vielen Eidechsen zur Wohnung und Gilliatt war im Stande, noch mehr Nägel darin anzubringen, als am entgegengesetzten Fundament der beiden Douvres.

Plötzlich, als würde es ausgelöscht, endigte das Meerleuchten und die mit jedem Augenblick abnehmende Morgendämmerung herrschte an seiner Stelle.

Als Gilliatt die Nägel eingeschlagen hatte, schleppte er Balken, Taue und Ketten herbei und begann, ohne die Augen eine Secunde von seiner Arbeit zu wenden, den Ausgang des Passes mit Bohlen zu versperren, indem er diese in horizontaler Richtung befestigte und durch Taue zusammenfaßte, eine der lockern Verschanzungen, welche die heutige Wissenschaft anerkennt und mit dem Namen Wellenbrecher belegt hat.

Wer mit eigenen Augen – zum Beispiel in Rocquaine, Guernesey oder Bourg-d’eau in Frankreich, die Wirkung beobachtet hat, welche einige in den Fels gerammte Pfähle hervorbringen, begreift die Bedeutung dieser so einfachen Vorkehrung. Der Wellenbrecher ist eine Zusammensetzung der Verschärfung, die man in Frankreich épi und in England dick nennt. Wellenbrecher sind die »spanischen Reiter« der Festungswerke, die im Wasser zur Abwehr des Sturmes erbaut werden. Nur mit Hülfe dieser Macht kann man gegen das Meer kämpfen.

Die Sonne hatte inzwischen vollkommen heiter ihre Himmelsbahn betreten. Das Meer war still, die Luft klar.

Gilliatt beschleunigte seine Arbeit. Auch er war ruhig und doch lag Angst in seiner Hast.

Mit großen Sätzen eilte er von Fels zu Fels, von der Verschanzung zum Magazin und wieder zurück nach der Verschanzung. Bald schleppte er einen Katzsparren, bald eine Verdeckslukeneinfassung herbei. Die Nützlichkeit seiner Ansammlung von Zimmerwerk erwies sich. Es war klar, daß Gilliatt einem vorhergesehenen Ereigniß gegenüber stand.

Eine starke Eisenstange diente ihm als Hebebaum, mit dessen Hülfe er die Balken fortschaffte.

Das Werk ging so schnell von Statten, daß man sagen konnte, es wuchs empor, anstatt ausgeführt zu werden. Wer nie der Arbeit eines Pioniers zugesehen hat, kann sich keine Vorstellung von einer solchen Eile machen.

Der östliche Eingang war noch enger als der westliche. Er hatte nur eine Breite von fünf oder sechs Fuß. Dies kam Gilliatt zu Statten. Da der zu befestigende Platz nur klein war, mußte die Verschanzung jedenfalls besser Stich halten, und konnte überdies leichter hergestellt werden. Die querliegenden Bohlen genügten also, senkrecht einzurammende waren überflüssig.

Als Gilliatt die ersten Balken vor dem Eingang angebracht hatte, stieg er auf dieselben und lauschte.

Das Grollen der See ließ sich deutlicher vernehmen.

Gilliatt setzte seine Arbeit fort. Er vervollständigte sie durch die beiden Krahnbalken der Durande, welche er mit dem Querbalken zusammenfügte, indem er durch die Blockrollenräder der letzteren Hißtaue zog, und diese um das Gebälk befestigte. Das Ganze durchschürzte er dann mit Ketten.

Das vollständige Machwerk war nichts Anderes als eine Art Geflechte, dessen Stäbe durch Bohlen vertreten wurden, während Ketten die Weidengerten waren.

Gilliatt vervielfachte die Befestigungen und schlug die fehlenden Nägel in die Verschanzung.

Da er viele Eisenstangen in dem Wrack vorgefunden hatte, konnte er einen großen Vorrath von Nägeln schmieden.

Während seiner Arbeit zermalmte er Schiffszwieback mit den Zähnen. Er hatte Durst, ohne ihn löschen zu können, denn es fehlte ihm an süßem Wasser. Den Rest in seiner Schiffsflasche trank er bereits am vorigen Abend.

Er fügte noch vier oder fünf Balken zu den übrigen und stieg dann zum zweiten Mal auf die Verschanzung, um zu lauschen.

Das ferne Geräusch war verstummt. Alles schwieg.

Das Meer lag in stiller Herrlichkeit da. Es verdiente jedes Madrigal, welches die Bürger ihm widmen, wenn sie mit seinem Betragen zufrieden sind: »ein Spiegel« – – – »ein See« – – – »Oel« – – – »ein Schäker« – – – »ein Hammel« – – Die tiefe Himmelsbläue war des dunkeln Meergrüns würdig – Saphir und Smaragd, die einander bewundern durften. Sie hatten einander nichts vorzuwerfen. Kein Wölkchen in den Lüften, keine Schaumflocken aus dem Wasser. Eine strahlende Aprilsonne stieg über all‘ dieser Pracht empor. Das Wetter konnte nicht schöner sein.

Am äußersten Horizont strich eine lange schwarze Reihe von Zugvögeln dahin. Sie flogen schnell und näherten sich der Erde. Es hatte den Anschein, als wären sie auf der Flucht.

Gilliatt fuhr fort, den Wellenbrecher zu erhöhen, so weit die Krümmung der Felsen es gestattete.

Gegen Mittag dünkte ihm der Sonnenschein heißer, als natürlich war.

Die Mittagsstunde ist entscheidend für den Tag. Gilliatt stand auf dem festen Flechtwerk, das er soeben vollendet hatte, und begann seine unbegrenzte Umgebung zu beobachten.

Das Meer war nicht nur ruhig, sondern träge. Kein Segel ließ sich erblicken. Der Himmel war noch immer klar, doch hatte das Blau sich in Weiß verwandelt. Dieser Umstand befremdete ihn. Am westlichen Horizont zeigte sich ein kleiner Fleck von krankhafter Farbe. Er behauptete unbeweglich seinen Platz, nahm aber an Umfang zu. In der Nähe der unterseeischen Klippen bemerkte man ein sanftes, leises Kräuseln der Fluth. Gilliatt hatte wohl gethan, seinen Wellenbrecher zu bauen.

Ein Unwetter zog herauf.

Der Abgrund hatte sich entschieden, eine Schlacht zu liefern.

Drittes Buch. Durande und Deruchette.


Erstes Capitel. Geplauder und Rauch.

Vielleicht ist der menschliche Körper nur ein Schein. Er verbirgt unser wahres Wesen; er legt sich wie eine dichte Masse um unser Licht oder unsern Schatten. Unser wahres Wesen ist die Seele. Wenn wir es genau nehmen, so ist unser Angesicht eine Maske, welche das wahre, eigentliche Gesicht, das der Seele, verbirgt. Wenn man einmal den wahren Menschen, das wahre Menschenantlitz hinter dieser Fleisch-Maske sehen könnte, welche Ueberraschungen würde diese Enthüllung bieten! Der allgemeine Irrthum besteht darin, daß man den äußeren Menschen für das wahre Wesen hält. Manches junge Mädchen z. B. würde, in ihrer wirklichen Gestalt gesehen, als ein Vogel erscheinen.

Ein Vogel in Gestalt eines Mädchens – kann es etwas Reizenderes geben? Wollt Ihr ein solches Wesen kennen lernen, so seht Euch Deruchette an: Sie ist ein Vögelchen in einem Mädchenleib, ein herzig Vögelchen! Wenn man sie sieht, möchte man ihr zurufen: Guten Morgen, kleine Bachstelze! Man steht nicht die Flügel, aber man hört das Zwitschern, bisweilen sogar einen Gesang. Das Zwitschern steht unter, der Gesang über der Menschenstimme; er ist voll geheimnißvoller Offenbarungen. Ein Mädchen ist eine fleischgewordene Engelsseele. Wenn die Jungfrau Weib wird, entflieht der Engel und kommt erst wieder, wenn er der Mutter eine kleine Seele bringt. Die künftige Mutter bleibt lange Zeit ein Kind; das »kleine Mädchen« lebt noch fort im »jungen Mädchen«, und dieses kleine, junge Mädchen ist eine Grasmücke. Beim Anblick einer solchen Grasmücke denkt man unwillkürlich: Wie lieb ist doch von ihr, daß sie nicht fortfliegt! Dies herzige kleine Wesen wird heimisch, es fliegt von Zweig zu Zweig, oder vielmehr von Zimmer zu Zimmer; man sieht es überall, es kommt und geht, es nähert und entfernt sich und kommt wieder; es putzt die Federn oder kämmt die Haare; man hört das leise Geräusch seines Flügelschlages; es singt uns etwas, wir antworten; dann fragen wir etwas: statt der Antwort zwitschert die kleine Grasmücke. Man spricht nicht mit ihr, man plaudert. Das Plaudern ist eine Erholung, ein Ausruhen vom Sprechen. Ach, es plaudert sich so angenehm mit solch‘ einem kleinen Wesen! Es hat etwas vom Himmel an sich; es ist ein blauer Gedanke, der sich mit unseren schwarzen Gedanken vermählt. Wir wissen ihm Dank, daß es bei seiner leichten, ungreifbaren Flüchtigkeit es doch so gut mit uns meint, uns seinen Anblick zu gönnen; denn ein so luftiges Wesen hat sicher auch die Gabe, sich unsichtbar zu machen. Das Schöne hienieden ist das Nothwendige. Es giebt auf Erden wenig so bedeutende Pflichten, als die, reizend zu sein. Der Wald müßte verzweifeln ohne Singvögelchen. Freude ausströmen, Glück ausstrahlen, Helles, farbenreiches Licht über das Dunkel dieser Erde breiten, die Vergoldung des Schicksals, die Harmonie, die Grazie, die Anmuth sein, heißt uns einen Dienst erweisen. Die Schönheit wirkt wie eine Wohlthat des Himmels; wir fühlen uns ihr zu Dank verpflichtet, obgleich sie weiter nichts thut, um sich diesen unseren Dank zu verdienen, als daß sie eben schön ist. Es giebt Wesen, welche einen feenhaften Zauber über ihre Umgebung verbreiten; zuweilen wissen sie dies selber nicht, doch gerade hierdurch wird ihre Gewalt über uns eine unumschränkte; denn nichts ist reizender, nichts verführerischer, als die ihrer selbst unbewußte, ahnungslose Schönheit. Ihre Gegenwart verklärt, ihre Nähe erwärmt wie das Sonnenlicht; wir freuen uns ihres nur flüchtigen Grußes und sind beglückt, wenn sie bei uns verweilt; sie ist Leben. Durch ihre bloße Gegenwart macht sie das Haus, das sie umfängt, zum Eden; aus ihren Poren strömen Paradieses-Wonnen; und alle diese Wunder bewirkt sie ohne ihr Hinzuthun, nur durch ihr bloßes Dasein.

Das Lächeln eines solchen Wesens birgt eine geheime Kraft in sich, welche, das Gewicht der Ketten mindert, an welcher die ganze Creatur gemeinsam schleppt. So ein Lächeln ist göttlich. Dieses Lächeln hatte Deruchette; oder vielmehr: Deruchette war dieses Lächeln. Es giebt Etwas, was unserm innern Wesen mehr gleicht, als unser Angesicht: das ist unsere Physiognomie. Und wieder giebt es Etwas, was uns noch ähnlicher sieht, als unsere Physiognomie: das ist unser Lächeln. Die lächelnde Deruchette, das war Deruchette.

Es steckt den Bewohnern von Jersey und Guernesey eine ganz eigenthümliche Anziehungskraft im Blute. Die Frauen und Mädchen besonders sind frische, blühende Rosen. Das zarte Weiß ihrer Hautfarbe ist englischen, die blühende Frische normännischen Ursprungs. Sie haben rosige Wangen und blaue Augen; doch fehlt es diesen schönen blauen Augensternen an Glanz; die englische Erziehung hat ihn gedämpft. Das klare feuchte Blau dieser englischen Augen wird unwiderstehlich sein, wenn ihm einst das französische Feuer Glanz verleihen wird. Bis jetzt aber sind die Engländerinnen noch unbeeinflußt vom französischen Wesen geblieben. Deruchette war keine Französin, sie war auch keine Engländerin. Nicht Guernesey, St. Pierre-Port war ihr Geburtsort; aber Mess Lethierry hatte sie erzogen. Sie sollte zu einem Herzblättchen erzogen werden. Sie war eins geworden. Vielleicht wußte sie kaum den Sinn des Wortes Liebe zu fassen; dennoch machte es ihr Vergnügen, Liebe einzuflößen; doch ohne Arg, müssen wir hinzufügen. Sie dachte nicht an’s Heirathen.

Deruchette hatte ganz allerliebste kleine Händchen und eben solche Füßchen. » Vier Fliegenfüßchen,« sagte Mess Lethierry. Sie war von der Natur und vom Glück nicht eben stiefmütterlich behandelt. Sanftmuth und Güte waren ihr in ihrer eigenen Person verliehen, mit Familie und Reichthum war sie in der Person ihres Oheims, Mess Lethierry ausgestattet; ihre Arbeit bestand in der Kunst zu leben; ihr Talent war der Gesang einiger Volkslieder, ihre Wissenschaft war die Schönheit, ihr Geist die Unschuld, ihr Herz die Unwissenheit. Sie hatte jene anmuthige Trägheit der Creolin, welche mit Unbesonnenheit und Lebhaftigkeit gepaart ist. Zu der neckischen Fröhlichkeit des Kindes gesellte sich ein Hang zur Schwermuth. Die Art ihrer Kleidung verrieth die Insulanerin, sie war elegant, ohne den Anforderungen des Geschmacks im strengsten Sinn des Wortes Rechnung zu tragen. Ihr Nacken war verführerisch, ihre Stirne frei und offen; sie hatte kastanienbraunes Haar, eine weiße Haut mit einigen kleinen Sommersprossen, volle, kräftige Lippen, welche die Sonne jenes unbeschreiblich verführerischen Lächelns verklärte. Das war Deruchette.

Wenn die Dämmerung ihre grauen Nebelschleier über das Meer ausbreitete, wenn die Wogen mit einer Art Erschrecken den kühlen Hauch der Nacht auf ihrem Nacken fühlten, sah man zuweilen eine kolossale Masse ihre unförmigen Umrisse in den düstern Wasserspiegel tauchend, in die Bucht von St. Sampfon einlaufen. Dieses Ungeheuer schnaufte und röchelte wie ein wildes Thier; es dampfte wie ein Vulkan und wie eine ungeheure Wasserschlange wälzte es sich durch den Wogenschaum, einen langen Streif hinter sich lassend und näherte sich der Stadt. Es gab dem Meer mit seinen starken Flossen grimmige Fußtritte und spie Flammen und Rauch aus seinem schwarzen Rachen. Das war Durande.

————

Zweites Capitel. Die ewige Geschichte von Utopien.

Ein Dampfschiff war im Jahre 182* in den Gewässern des Canals noch eine Seltenheit, ein angestauntes Meerwunder. Es war für die normännischen Seeleute eine lange Zeit ein Gegenstand des Schreckens, der Bestürzung. Heute können die Dampfer dort zu Dutzenden auf dem Meere kreuzen, ohne auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu erregen. Höchstens richten Sachkundige ihr Augenmerk auf den Schornstein, um an der Farbe des Rumpfes zu erkennen, ob die Schiffe ihre Kohlen aus Wales oder aus Newcastle bezogen. Alles Andere ist ihnen gleichgültig. Man beschränkt die Aeußerungen seiner Teilnahme auf ein: »Willkommen!« wenn die Schiffe anlangen, und wünscht ihnen eine »glückliche Reise!« wenn sie sich entfernen.

Im ersten Viertel des gegenwärtigen Jahrhunderts jedoch erregte die Erfindung dieser merkwürdigen Maschine die allgemeinste Verwunderung. Die Bewohner der Inseln des Canals betrachteten den Rauch der Dampfschiffe mit scheelen Blicken. Die Puritaner dieses Archipelagus, welche es der Königin von England übel genommen, daß sie gegen die Vorschrift der Bibel 1 sich bei der Entbindung chloroformiren ließ, tauften das erste Dampfschiff, welches, die Erfindung mit Ruhm krönend, die Wogen des Canals mit scharfem kräftigem Fluge durchschnitt: »das Teufelsboot« ( Devil-Boat). Diese guten Fischer, welche ehemals Katholiken waren, jetzt Calvinisten sind und immer bigott sein werden, sahen ein Dampfschiff für eine schwimmende Hölle an. Einer ihrer Geistlichen ließ sich über diese Frage folgendermaßen vernehmen: Gott hat Feuer und Wasser von einander geschieden. Was Gott geschieden hat, darf der Mensch das vereinigen? 2 Gleicht dieses eiserne feuerspeiende Ungethüm nicht dem Leviathan? Heißt das nicht, das Chaos in die menschliche Ordnung wieder einführen? Es war wohl nicht das erste Mal, daß man den Fortschritt als eine Rückkehr zum Chaos darstellte.

» Phantasterei, grober Irrthum, tolle Ideen, lächerliche Abgeschmacktheit!« Das war der Wahrspruch, den die Akademie der Wissenschaften zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts Napoleon I. gab, als er die Dampfschifffahrts-Frage ihrer Begutachtung vorlegte. Man kann es den Fischern von St. Sampson nicht verargen und sie sind gewiß zu entschuldigen, wenn sie sich in der Wissenschaft nur bis zu der Höhe der Pariser Mathematiker erhoben; was aber die Religion betrifft, so darf man von den Bewohnern einer so kleinen Insel wie Guernesey nicht mehr gesunde Vernunft als von denen eines Continents wie Amerika erwarten.

Als im Jahr 1807 in Amerika das erste Dampfschiff »Foulton«, von Levingstone kommandirt, in die See stach – seine Maschine war von Watt aus England hingesandt, und außer der Schiffsmannschaft befanden sich nur ein Franzose Namens André Michaud und noch ein anderer Passagier an Bord – wollte ein Zufall, daß der Tag der Abfahrt der 17. August war. Da nahmen die Methodisten das Wort; und ihre Prediger predigten von allen Kanzeln und verfluchten diese Erfindung, welche sie ein Blendwerk des Teufels nannten. Sie erklärten, daß nicht umsonst der Sieben-zehnte des Monats zu dieser Schifffahrt des Teufels festgesetzt sei; denn sieben sei die Zahl der Köpfe und zehn die der Hörner des Thieres der Apokalypse. In Amerika wurde das Thier der Apokalypse, und in Europa das der Genesis gegen das Dampfschiff aufgeboten. Das war der ganze Unterschied. Die Gelehrten erklärten diese Erfindung für unausführbar, die Geistlichen verwarfen sie als gottlos. Die Wissenschaft verurtheilte, die Religion verdammte sie. Fulton war eine Abart von Lucifer. Die einfachen Küsten- und Landbewohner stießen mit in das allgemeine Horn, weil sie den Kopf über eine Erfindung schüttelten, die einen dicken Querstrich durch das Register ihrer langjährigen Erfahrung machte.

Es gehörte ein Mann wie Lethierry dazu, um in dieser Zeit das Unternehmen zu wagen, einen Dampfer von Guernesey nach St. Malo zu führen. Er allein war im Stande, den Gedanken mit der Freiheit des Denkers aufzufassen und mit der Kühnheit des Seemanns auszuführen. Mit seinem französischen Geiste faßte er die Idee, mit seinem englischen führte er sie aus.

Bei welcher Gelegenheit? Das werden wir sogleich erfahren.

————

Drittes Capitel. Rantaine.

Ungefähr vierzig Jahre vor dem Zeitabschnitt, in welchen unsere Erzählung fällt, stand in dem Weichbilde von Paris, nahe bei der Rundmauer, zwischen dem Wolfsgraben und dem Grabmal von Issoire, ein verdächtiges Haus. Es war eine einsam gelegene Spelunke, vielleicht Mördergrube. Hier wohnte mit Weib und Kind ein Biedermann von Bandit, welcher früher Advokatenschreiber gewesen war und jetzt ganz einfach das Handwerk eines Diebes ausübte. Später stand er vor dem Assisenhofe. Diese Familie hieß Rantaine. In der alten Spelunke war nur eine Kommode, worauf zwei gemalte Porzellantassen standen. Jede derselben hatte eine Inschrift. »Aus Freundschaft« lautete die eine, »Aus Achtung« die andere. Das Kind wuchs in einer Kammer mit dem Verbrechen auf. Es erhielt, da beide Eltern aus dem kleineren Bürgerstand waren, eine gewisse Erziehung. Seine bleiche, in Lumpen gehüllte Mutter lehrte es lesen, wenn ihre Mitwirkung bei dem Handwerk ihres Mannes und ihr eigenes Geschäft, die Prostitution, ihr dazu Zeit ließen. Wurden die Eltern durch ihre beiderseitigen Beschäftigungen abgerufen, so blieb das Crucifix in dem aufgeschlagenen Buche an der Stelle, wo man aufgehört hatte, liegen, und das Kind saß träumerisch davor.

Eines Tages waren Vater und Mutter, welche die Polizei bei einem Verbrechen auf frischer That ertappt hatte, unsichtbar geworden.

Das Kind verschwand ebenfalls.

Lethierry begegnete auf einer seiner Reisen einem Abenteurer; er zog ihn aus irgend einer schlimmen Sache, fühlte sich ihm dann durch einen Gegendienst verpflichtet, fand Gefallen an ihm, nahm ihn mit nach Guernesey und machte ihn, nachdem er in ihm einen tüchtigen Küstenfahrer entdeckt, zum Theilnehmer seines Geschäftes. Dieser Abenteurer war der kleine Rantaine, der inzwischen herangewachsen war.

Rantaine hatte, wie Lethierry, einen sehr starken Nacken, einen breiten, sogenannten Lastträger-Rücken und die Lenden des Farnesischen Herkules. Lethierry und Rantaine waren fast von gleicher Gestalt; sie hatten auch denselben Gang. Beide neben einander von hinten gesehen, hätte man für Brüder halten können. Von vorne war es anders. Lethierry hatte ein offenes Gesicht und ein aufrichtiges Gemüth. Rantaine hatte ein verschlossenes Gesicht und ein verstecktes, mißtrauisches Wesen. Er war in der Waffenführung sehr geübt, spielte die Harmonika, putzte ein Licht auf zwanzig Schritt durch einen Pistolenschuß, konnte prächtig boxen, recitirte Verse aus der Henriade und legte Träume aus. Er wußte »die Gräber von St. Denis« von Treneuil auswendig. Nach seiner Aussage war er mit dem Sultan von Calcutta, »welchen die Portugiesen Zamorin nennen« sehr befreundet. Wäre uns ein Blick in sein Gedenkbuch gestattet gewesen, so hätten wir unter anderen auch folgende Notiz gefunden: » In Lyon ist in der Mauerritze einer gewissen Gefängnißzelle in St. Joseph eine Feile verborgen.« Er sprach mit einer bedächtigen Langsamkeit und nannte sich den Sohn eines Ritters vom heiligen Ludwig. Seine Wäsche war ungleich und verschieden gezeichnet. Niemand war im Punkte der Ehre so empfindlich als er; er schlug sich leicht, und wenn er es that, tödtete er den Gegner.

Er hatte im Blick Etwas von einer Theater-Mutter.

Die Kraft, der List als Hülle dienend, das war Rantaine.

Einer seiner famosen Faustschläge, welchen er auf einem Jahrmarkt auf einen »Mohrenkopf« geführt, gewann ihm das Herz Lethierry’s. Man war in Guernesey in völliger Unkenntniß über die Vergangenheit dieses Mannes. Seine Abenteuer waren sehr bunt. Wenn die Schicksale in Charaktermasken auf dem Markt des Lebens erschienen, so hätte das Rantaine’s die Hanswurstjacke tragen müssen.

Er hatte die Welt gesehen und das Leben kennen gelernt. Er war ein Weltumsegler. Seine verschiedenen Berufsarten glichen einer Tonleiter. In Madagascar war er Koch gewesen; in Sumatra Vogelabrichter, in Honolulu General. Auf den Inseln Gallapagos war er religiöser Tagesschriftsteller, in Oomrawuttee Dichter und in Haiti Freimaurer gewesen. In dieser letzteren Eigenschaft hielt er in Grand-Goave eine Leichenrede, von welcher die dortigen Lokalblätter folgendes Fragment aufbewahrt haben: … »So leb‘ denn wohl, schöne Seele! In dem azurfarbigen Himmelsgewölbe, wohin Du jetzt Deinen Flug nehmen wirst, begegnest Du wahrscheinlich dem guten Abbé Leander Crameau von Klein-Goave. Sage ihm, daß es Dir nach einer zehnjährigen ehrenvollen Wirksamkeit gelungen sei, den Bau der Kirche Anse-à-Veau zu vollenden. Lebe wohl jetzt, dahingeschiedener Geist, Muster eines Freimaurers!« Seine Freimaurermaske hinderte ihn, wie man sieht, nicht, die falsche Nase des Katholicismus zu tragen. Die Erstere machte ihm die Männer des Fortschritts, die Letztere die Männer der stabilen Ordnung geneigt. Er gab sich für einen Weißen von reinem unvermischten Blute aus und haßte die Schwarzen. Dennoch hätte er sicherlich Soulouque bewundert. In Bordeaux war er im Jahre 1815 ganz kupfergrün gewesen. Um diese Zeit entstieg der Rauch des Royalismus seiner Stirn in Form einer ungeheuren weißen Feder. Er brachte sein Leben damit hin, plötzlich zu verschwinden, wieder aufzutauchen und wieder zu verschwinden. Er kannte die türkische Sprache; anstatt »guillotinirt« sagte er »neboisirt.« In Tripolis war er bei einem Thaleb Sklave gewesen; hier wurde ihm die türkische Sprache eingeprügelt. Man stellte ihm die Aufgabe, jeden Abend an den Thüren der Moscheen den Gläubigen den Koran vorzulesen. Allem Anschein nach war er ein Renegat.

Er war zu Allem, ja sogar noch zu Schlimmerem fähig. Er konnte zu gleicher Zeit lachen und die Stirn runzeln. » In der Politik schätze ich nur diejenigen, welche fremden Einflüssen unzugänglich sind,« sagte er. Er sagte ferner: »Ich bin für die Aufrechthaltung der Sittlichkeit,« und: »Man muß die Pyramide von Grund auf neu bauen.« Er war eher lustig, als alles Andere, aber die Form seines Mundes strafte seine Worte Lügen. In den Augenwinkeln hatte er ein Faltennetz, in welchem sich alle möglichen dunkeln Gedanken bergen konnten. Das Geheimniß seiner Physiognomie war nur hier zu entziffern. Die »Krähenfüßchen« neben seinen Augenwinkeln glichen eher zwei Geierkrallen. Sein Schädel war oben niedrig und an den Schläfen breit, und sein unförmiges, mit Haarbüscheln bedecktes Ohr schien zu sagen: Sprecht nicht mit dem wilden Thier, das diese Höhle verbirgt.

Eines schönen Morgens war Rantaine aus Guernesey verschwunden.

Der Geschäftstheilnehmer Lethierry’s war »verduftet« und hatte dem »Geschäft« nichts als die leere Kasse zurückgelassen.

In jener Kasse befanden sich außer dem muthmaßlichen Gelde Rantaine’s fünfzigtausend Francs, welche Lethierry gehörten.

Lethierry hatte sich als Küstenfahrer und Schiffszimmermann durch vierzigjährige redliche Arbeit ein Vermögen von hunderttausend Francs zusammengespart. Rantaine stahl ihm die Hälfte davon.

Obgleich halb ruinirt, verlor Lethierry doch nicht den Muth, sondern dachte nur daran, wie er durch neue Anstrengungen das verlorene Gut wieder gewinnen könne. Ein Mann von Herz kann wohl sein Vermögen, aber nie den Muth verlieren. Man sprach damals viel von dem neu erfundenen Dampfboot. Lethierry kam auf den Gedanken, mit der so angefeindeten und verrufenen Maschine Fulton’s einen Versuch zu wagen. Durch die Dampfschifffahrt wollte er den normännischen Archipelagus mit Frankreich verbinden. Er setzte den ganzen Rest seines Vermögens an die Ausführung dieses Planes. Sechs Monate nach der Flucht Rantaine’s sah man aus dem Hafen von St. Sampson ein dampfendes Schiff in See gehen. Die verdutzten Inselbewohner glaubten, es brenne. Es war der erste Dampfer, welcher den Canal befuhr. Dieses Schiff, welches der Haß und die Verachtung der Guerneseyer gleich nach seiner Abfahrt mit dem Spitznamen »Lethierry’s Galiotte« beehrten, kündigte an, daß er regelmäßige Fahrten von Guernesey nach St. Malo unternehmen würde.

————

Viertes Capitel. Das Teufelsschiff.

Dies Unternehmen stieß im Anfang, wie man sich denken kann, auf große Schwierigkeiten. Die Besitzer von Segelschiffen, welche, wie der Dampfer Lethierry’s die Reise von der Insel Guernesey nach den französischen Küsten machten, waren sämmtlich außer sich. Sie bezeichneten dies Unternehmen als ein Angriff auf die heilige Schrift, einen Eingriff in ihre Monopol-Rechte und suchten bei der Geistlichkeit Schutz gegen die ihnen angethane, schwere Unbill. Einige Seelenhirten ließen es sich denn auch angelegen sein, dagegen zu donnern und Bannstrahlen zu schleudern. Einer von ihnen, der ehrwürdige Herr Elihu, erklärte das Dampfschiff für eine Freigeisterei und nur die Segelschiffe für orthodox. Man bemerkte ganz deutlich Teufelshörner auf den von Lethierry’s Dampfer eingeführten Ochsen. Die Unternehmung wurde lange Zeit durch solche gehässige Reden und Verfolgungen aller Art erschwert. Nach und nach aber fanden doch einige vernünftige Leute, daß das Hornvieh durch die bedeutend abgekürzte Zeit der Ueberfahrt weniger zu leiden habe und daher frischer und wohlerhaltener an Ort und Stelle eintreffe, weshalb das Fleisch gesunder, kräftiger und wohlschmeckender sei. Auch selbst die Widerspänstigsten und Böswilligsten mußten zuletzt anerkennen, daß die Reise auf einem Dampfschiff weit gefahrloser, sicherer, schneller und wohlfeiler als die auf den Segelbooten, und die Abfahrt- und Heimkehrzeit zuverlässig sei, daß dieser bedeutend schnellere Transport der Frische der Waaren, ganz besonders aber der so beliebten und vortrefflichen Guerneseyer Butter und den Fischen, sehr zu Statten komme. Man mußte sich endlich entschließen, der so geschmähten, so verwünschten und verspotteten Galiotte Lethierry’s folgende Vorzüge nachzurühmen: Größere Sicherheit der Reise, Regelmäßigkeit des Verkehrs, bequemere Art des Transportes, wodurch eine größere Ausdehnung des Handels und eine Vermehrung des Waarenabsatzes erzielt wurde. Es lag also auf der Hand, daß wenn wirklich das Teufelsboot sich den Gesetzen der Bibel gegenüber als Freigeist erweise, dennoch den Inseln des Canals und besonders Guernesey einen wesentlichen Dienst leiste. Einige starke Geister der Insel gingen sogar so weit, dem verrufenen Teufelsboot in allem Ernste das Wort zu reden. Einer dieser starken Geister war der Sieur Landoys. Die Achtung, welche Sieur Landoys, der Gerichtsschreiber, dem Teufelsschiff zollte, war um so anerkennenswerther, weil derselben eine sehr schätzbare Unparteilichkeit zu Grunde lag. Sieur Landoys war nämlich ein persönlicher Gegner Mess Lethierry’s, dem er es nicht vergeben konnte, daß er ein Mess, dagegen er, Landoys, nur ein Sieur war. Obgleich Schreiber im Hafen von St. Pierre, gehörte Letzterer doch zu der Pfarrei von St. Sampson. In jener Pfarrei waren aber nur zwei Männer ohne Vorurtheil, er selber und Mess Lethierry. Aus diesem einfachen Grunde haßten sich Beide. »Was sich gleicht, stößt sich ab,« sagt das Sprüchwort.

Nichtsdestoweniger bewahrte Sieur Landoys so viel Freiheit der Gesinnung, daß er, ungeachtet seines persönlichen Widerwillens gegen den Besitzer desselben, für das Teufelsschiff Partei ergriff. Kaum hatten die Bewohner von Guernesey von dieser erklärten Anhängerschaft Sieur Landoys‘ Notiz genommen, als sich nach und nach und in nicht gar langer Zeit eine förmliche »Partei Teufelsschiff« bildete. Und der sich immer steigernde Erfolg dieser Unternehmung, die immer heller in das Licht tretenden Vorzüge derselben, der dadurch wachsende Wohlstand der Bevölkerung von Guernesey errangen zuletzt, einige wenige Ausnahmen abgerechnet, die allgemeinste Anerkennung. Das Teufelsschiff war für sämmtliche Bewohner der Inseln des Canals ein Gegenstand der Bewunderung geworden.

Heut, nach vierzig Jahren, würde man diese Bewunderung belächeln; denn das Teufelsschiff war im Vergleich zu unseren heutigen eleganten, bequemen Dampfschiffen ein Barbar, ein Urwäldler.

Zwischen unsern heutigen großen transatlantischen Dampfern und dem Feuer- und Räderschiff, mit welchem Denis Papin im Jahre 1707 auf der Fulda einen Versuch machte, ist kaum ein geringerer Unterschied als zwischen dem Dreidecker » Montebello«, der 200 Fuß lang, 50 Fuß breit ist, einen großen Mast von 115 Fuß Höhe und 3000 Tonnen Gehalt hat, 1100 Mann, 10,000 Kugeln und 160 Kartätschladungen trägt, im Gefecht von jedem Bord 3300 Pfund Eisen speit – und dem dänischen Kriegsschiff des zweiten Jahrhunderts, das angefüllt mit Steinen, Bogen und Keulen, in den Sümpfen von Wester-Saruy gefunden wurde und im Rathhaus von Flensburg noch aufbewahrt wird.

Es liegt ein Zeitraum von hundert Jahren – 1707 bis 1807 – zwischen dem Papin’schen und Fulton’schen Schiffe. Lethierry’s Galiotte war ohne Zweifel gegen diese beiden »Versuche« ein Fortschritt zu nennen ohne mehr als ein, den übrigen sich anreihender Versuch zu sein. Doch fiel er meisterhaft aus. Jeder Embryo der Wissenschaft zeigt sich unter diesem zwiefachen Gesichtspunkt: als Fötus ein Ungeheuer, als Keim ein Wunder.

————

Fünftes Capitel. Mess Lethierry macht Carriere.

Das Teufelsschiff machte vortreffliche Geschäfte. Mess Lethierry sah schon im Geist den Augenblick herankommen, wo sich sein Titel Mess in Monsieur verwandeln würde. In Guernesey wird man nicht so schnell Monsieur; dort geht alles langsam, stufenweise, der Mensch hat eine ganze Leiter zu erklettern, ehe er Monsieur wird. Die erste Stufe dieser Leiter ist der Vorname, man sagt schlechtweg: Peter, oder Hans u. s. w. Die zweite Stufe macht den Peter zum »Nachbar Peter;« die dritte nennt ihn »Vater Peter;« die vierte »Sieur Peter,« die fünfte »Mess Peter,« die sechste und letzte Stufe giebt ihm den Titel »Monsieur Peter.«

Diese Leiter, welche sich aus dem Fußboden erhebt, reicht bis in die Wolken. Die ganze Hierarchie Englands klettert auf ihr empor. Ihre Sprossen sind folgende: die erste über dem Monsieur ( gentleman) stehende ist: Esquire (Schild-Knappe); die zweite: Sir (Rentier); die dritte: Baronet; die vierte: Lord, Laird in Schottland; die fünfte: Baron; die sechste: Vicomte; die siebente: Graf, ( Earl in England, Jarl in Norwegen); dann folgen der Marquis, der Herzog, der Pair von England, dann der Prinz von Geblüt und endlich der König. Die Staffeln dieser Leiter führen von der untersten Volksschicht bis zum Bürgerstand, vom Bürgerstand bis zur Freiherrnschaft, von der Freiherrnschaft bis zur Pairschaft, von dieser zum Königthum.

Mess Lethierry hatte es ganz allein dem Teufelsboot zu verdanken, daß er »Etwas« geworden war. Aber der Bau seines Schiffes erforderte große Summen; er hatte sowohl in Bremen als in St. Malo Geld aufnehmen müssen. Nach Ablauf jedes Jahres trug er an beiden Orten einen Theil seiner Schulden ab.

Er hatte außerdem, gleichfalls auf Kredit, am Eingang des Hafens von St. Sampson ein schönes steinernes, noch ganz neues Haus gekauft, das zwischen Meer und Garten liegend, eine Ecke bildete. Er hatte diese Ecke mit einer Inschrift versehen: Die Muthigen ( Les Bravées). Dieses Haus, dessen Nordseite einen Theil der Hafenmauer bildete, hatte eine Doppelreihe von Fenstern. Es besaß so zu sagen zwei Fassaden, eine nördliche und eine südliche, eine Meer- und eine Garten-Façade, denn seine Landseite war von einem prachtvollen Blumengarten umgeben. Demnach hatte es eine Sturm- und eine Rosenseite.

Diese verschiedenen Façaden waren für seine beiden Bewohner wie geschaffen, die Meerseite war Mess Lethierry’s Reich, die Rosenseite bewohnte Miß Deruchette.

Das Haus der Muthigen erfreute sich bald eines großen Rufes, denn Mess Lethierry war im Laufe der Zeit ein Mann des Volks geworden. Diese Beliebtheit verdankte er theilweise seiner persönlichen Güte, seiner Aufopferungsfähigkeit und seinem Muth – denn er hatte gar Vielen das Leben gerettet – zum Theil aber auch dem Erfolg seiner Unternehmung und den Vortheilen, welche er dem Orte zuwandte, indem er Abfahrt und Ankunft des Dampfers nach St. Sampson verlegte. Dieser Vorzug wurde dem Hafen von St. Sampson sehr beneidet, weil er mit großem Nutzen verbunden war; es wurden mehrere Versuche gemacht, dem Ort das ihm von Lethierry eingeräumte Vorrecht zu entziehen, besonders wollte St. Pierre, als Hauptort, dasselbe für sich in Anspruch nehmen, allein Mess Lethierry wies alle Anträge zurück. Er hatte einmal für St. Sampson eine Vorliebe: es war sein Geburtsort. »Diese Stadt hat mich in’s Meer geworfen,« sagte er.

Daher schrieb sich seine große Popularität am Orte. Sein Stand als steuernzahlender Eigenthümer machte ihn zum angesehenen Mann. Der arme Matrose Lethierry hatte schon fünf Stufen der Guerneseyer socialen Leiter erklommen und sich allmälig zum Mess emporgearbeitet; nun setzte er den Fuß auf die letzte Stufe: er war nahe daran, Monsieur zu werden. Das Ende dieser Leiter aber war der Anfang einer andren, welche Lethierry’s Blick eine unbegrenzte Aussicht eröffnete. Was konnte nicht noch alles aus ihm werden, wenn er Monsieur war? Vom Monsieur bis zum Esquire war nur ein Schritt. Wer weiß, ob nicht eines Tages sein Name im Guerneseyer Almanach in der Rubrik: » Gentry and Nobility « glänzen, und man neben seinem Namen die drei stolzen Buchstaben: » Esq.« lesen würde? Lethierry, Esq., das klingt!

Lethierry aber hatte keinen Ehrgeiz, oder höchstens nur den, sich nützlich zu machen; darin suchte er sein Glück, seine Freude. Den Menschen nützlich und nothwendig zu sein, schmeichelte ihm mehr als alle Beliebtheit. Es gab, wie wir schon gesagt, nur zwei Gegenstände seiner Neigung, also auch seines Ehrgeizes: Durande und Deruchette.

Wie dem auch sei, er hatte in die See-Lotterie gesetzt und eine Quinterne gewonnen. Die Quinterne hieß: das Fahrzeug Durande.

————

Sechstes Capitel. Die heilige Durande.

Lethierry, welcher der Vater seines Schiffes war, ließ es auch taufen. Er nannte es Durande. Wir werden es also von jetzt an nicht mehr Teufels-Schiff, sondern Durande nennen; und bitten, allem Buchdruckerbrauch zum Trotz, diesen Namen nicht mehr gesperrt zu drucken, denn wir müssen darin der Auffassung Lethierry’s Rechnung tragen, für welchen die Durande kein Ding, sondern fast eine Person war.

Durande und Deruchette ist ein und derselbe Name. Deruchette ist das Diminutiv von Durande. Dieses Diminutiv ist in dem Westen von Frankreich sehr gebräuchlich.

Man giebt den Namen der Heiligen dort alle ihre Diminutive und Augmentative. Wenn man die ganze Litanei dieser Diminutive und Augmentative hört, ist man versucht zu glauben, daß dieselbe eine Reihenfolge von verschiedenen Namen sei. Diese Identität der Schutzpatrone und Schutzpatroninnen bei der Verschiedenheit der Namen ist dort nichts Seltenes. Die heilige Elisabeth heißt zum Beispiel: Lise, Lisette, Lisa, Elisa, Isabelle, Lisbeth, Bethsy. Es ist sehr wahrscheinlich, daß Mahout, Malcon, Malo und Magloire verschiedene Namen eines und desselben Heiligen sind. Die Sache kommt übrigens hier gar nicht in Betracht.

Die heilige Durande wurde in Angoumois und in der Charente verehrt. Ob sie eine richtige Heilige ist, ist eine andere Frage. Die Bollandisten mögen darüber entscheiden. Gewiß ist, daß sie in oben genannten Oertlichkeiten als Heilige verehrt wurde und ihre besonderen Kapellen hatte.

Als Lethierry noch ein junger Matrose in Rochefort war, machte er die Bekanntschaft dieser Heiligen wahrscheinlich in der Gestalt irgend einer liebenswürdigen Tochter der Charente, vielleicht jener Grisette mit den hübschen wohlgepflegten Nägeln. Zur Erinnerung an diese Jugendschwärmerei gab er den Beiden, die ihm das Liebste waren, diesen Namen: dem Fahrzeug Durande, dem Mädchen Deruchette.

Er war der Vater der Einen und der Oheim der Anderen.

Deruchette war nicht allein seine Nichte, sondern auch sein Pathchen: er hatte sie über die Taufe gehalten. Sie war eine Waise, die Tochter seines verstorbenen Bruders; er hatte sie an Kindesstatt angenommen und vertrat Vater- und Mutterstelle bei ihr. Er hatte ihr die heilige Durande zur Patronin gegeben und nannte sie, zum Unterschied von Durande, Deruchette.

Deruchette erblickte, wie schon mitgetheilt wurde, in St. Pierre-Port das Licht der Welt. So lange der Oheim in Dürftigkeit lebte und die Nichte noch in der Kindheit stand, kümmerte sich Niemand um diesen Namen; als der Matrose ein Gentleman und das Mädchen eine Miß geworden war, erregte der Name Deruchette Anstoß. Warum gerade Deruchette? Es ist ein Name wie jeder andere, meinte der Gentleman Lethierry. Es wurden mehrere Versuche gemacht, die Nichte umzutaufen. Eine schöne Dame aus der guten Gesellschaft von St. Sampson, die Frau eines ehemaligen Schmiedes und jetzigen Rentiers, bestand darauf, Deruchette Nancy zu nennen. Mess Lethierry fragte: warum nicht lieber » Lons, der Salzsieder?« Die schöne Frau gab ihr Spiel nicht so leicht verloren. Schon am nächsten Tage schlug sie Mess Lethierry einen andern Namen vor. »Nein, Mess Lethierry, Deruchette ist doch ein zu verwünschter Name,« sagte sie, »wir wollen Eure Nichte lieber Marianne nennen. Verteufelter Name, das! erwiederte der Onkel; er ist aus den Namen zweier häßlicher Thiere: Mari (Ehemann) und âne (Esel) zusammengesetzt. Sie behielt ihren Namen Deruchette.

Man darf aus diesem Ausspruch jedoch nicht auf Lethierry’s Antipathie gegen die Ehe schließen. Nein, er war durchaus dafür, daß Deruchette sich verheirathen solle. Nur ging er in der Wahl eines Eidams äußerst vorsichtig zu Werke. Lethierry wollte seine Nichte mit einem Manne nach seinem Zuschnitt verbinden; es mußte ein Mann sein, der die Arbeit nicht scheute und Deruchette’s hübsche weiße Händchen schonte. Beim Manne liebte er die rauhe, gebräunte Hand, das Frauenhändchen aber konnte nach seiner Meinung nicht zart, nicht weiß genug sein. Um Deruchette’s zierliche Hände zu schonen, hatte er sie zu einer Dame erzogen. Sie hatte eine feine Ausbildung genossen. Er hielt ihr einen Musiklehrer, schenkte ihr ein Fortepiano, eine kleine Bibliothek und ein kleines Arbeitskörbchen. Sie las jedoch mehr als sie nähte, und musicirte mehr als sie las. Mess Lethierry war ganz damit einverstanden, er wollte sie so. Er verlangte von ihr nichts, als daß sie reizend sein sollte. Sie war eher zu einer Blume als zu einer Hausfrau erzogen. Wer das Wesen und den Character des Seemannes studirt hat, wird das begreifen. Das Rauhe liebt das Zarte. Um das Ideal ihres Oheims zu erfüllen, mußte Deruchette reich sein. Dieses Ziel verfolgte Mess Lethierry, und das Mittel zur Erreichung desselben war ihm sein Dampfboot. Er hatte Durande mit der Sorge betraut, den Brautschatz Deruchette’s zu beschaffen.

————

Siebentes Capitel. Das Lied Bonny Dundee.

Deruchette bewohnte das schönste Zimmer seines schönen Hauses am Hafen. Es hatte zwei Fenster und war mit den zierlichsten Möbeln von geflammtem Mahagoniholz ausgestattet. Ihr allerliebstes kleines Bett (das Nestchen der Grasmücke) war in das Dunkel grün und weiß karirter Vorhänge gehüllt; es hatte die Aussicht nach dem Garten und dem Hügel, welchen das Schloß du Vallekrönte. Jenseits dieses Hügels lag das Gespensterhaus.

Deruchette hatte in diesem Zimmer ihr Fortepiano und ihre Noten. Sie begleitete sich selbst ihr Lieblingslied »Bonny Dundee,« ein schottisches Volkslied mit einer melancholischen Weise. Aller Zauber der Abenddämmerung lag in diesem Liede, alle Frische des Morgenroths in ihrer Stimme; das gab einen seltsam reizenden Contrast. Man sagte: Miß Deruchette ist am Clavier – und die Vorübergehenden standen still, der frischen Stimme und der wehmüthigen Weise zu lauschen.

Deruchette hatte die Gabe, den Frühling fest zu halten; wo sie war, da war Freude, Sonnenlicht und Blumenduft, da war der Lenz in seiner ganzen Pracht. Sie war schön, doch eigentlich mehr hübsch als schön, mehr niedlich als hübsch zu nennen. »Sie ist so schön und so fein wie eine Prinzessin aus dem Feenreich,« sagten die alten Freunde Lethierry’s. Sie hatte prachtvolles Haar: »Einen Zopf wie ein Ankerthau,« sagte Lethierry.

Seit ihrer frühesten Kindheit war Deruchette bezaubernd gewesen. Man fürchtete etwas für ihre Nase; aber die Kleine hatte es sich in den Kopf gesetzt, hübsch zu werden; die Nase schien sich das gemerkt zu haben, denn sie mäßigte ihren Ehrgeiz, welcher in dem Streben nach Größe bestand, und wurde, wie alle übrigen Formen ihres reizenden Gesichtchens, allerliebst.

Deruchette nannte ihren Oheim niemals anders als »Vater.«

Er erlaubte ihr, sich mit der Blumenzucht zu beschäftigen, ja er gestattete sogar, daß sie sich ein wenig in der Wirtschaft umsah; sie begoß ihre Zitterrosen, ihre purpurfarbenen Königskerzen, ihre Flammenblumen und ihr Benedictenkraut mit eigener Hand und zog rosenfarbiges Habichtskraut und Sauerklee von derselben Farbe. Das Klima, welches in dortiger Gegend der Blumenzucht besonders günstig ist, kam ihr vortrefflich zu Statten; ihre Blumen gediehen wunderbar. Sogar der Versuch, die Aloe in Beete zu verpflanzen, gelang ihr, und was noch schwieriger ist: das silberblättrige Fünffingerkraut wuchs zum Erstaunen. Sie hatte eine glückliche Hand. Auch ihren kleinen Gemüsegarten hielt sie vortrefflich im Stande. Nach den Radieschen kam der Spinat, nach dem Spinat kamen die Erbsen. Sie verstand sich auf die Zucht des holländischen Blumenkohls, und pflanzte das Brüßler Kraut im Juli um; im August gab es Rüben, im September krausen Endiviensalat, schöne runde Pastinakwurzeln im Herbst, und im Winter Rabunzen. Mess Lethierry ließ die kleine Gärtnerin gewähren, so lange sie nicht einen allzu eifrigen Gebrauch von dem Spaten und dem Rechen machte. Für die gröbere Gartenarbeit hatte er ihr zwei Mägde, Grace und Douce beigegeben – zwei Namen, welche in Guernesey eingebürgert sind. Grace und Douce besorgten Haus und Garten; ihnen bewilligte Mess Lethierry das Recht, rothe Hände zu haben.

Mess Lethierry’s Zimmer, ein kleines Kabinet, war dem Besitzer der Durande wegen des freien Blickes, den es über den ganzen Hafen gestattete, besonders werth; es stand mit einem Saal im Erdgeschosse in Verbindung, dessen Thür in der Hausflur neben der Eingangsthür lag, von welcher aus die verschiedenen Treppen in die oberen Räume des Hauses führten. Das Kabinet Mess Lethierry’s war mit seiner Hängematte, seinem Chronometer und seiner Pfeife möblirt; es befanden sich außerdem noch ein Tisch und ein Stuhl darin. Die Balken der Decke waren mit Kalk beworfen, die Wände der Stube ebenfalls; rechts neben der Thür hing die Karte des normännischen Archipelagus. Unten am Rande derselben standen die Worte: W. Faden, 5, Charing Cross. Geographer to His Majesty ; an der linken Seite der Thür hing eines jener großen baumwollenen Taschentücher, worauf die Signale aller Marinen der ganzen Erde sich in bunten Farben befinden. In den vier Ecken prangten die Flaggen von Frankreich, Deutschland, Spanien und die der vereinigten Staaten Amerika’s; in der Mitte die Flagge von England.

Douce und Grace machten ihren Namen keine Unehre. Douce war nicht übel und Grace nicht häßlich. Ihr Charakter und ihr Aeußeres umschifften, um mich bildlich auszudrücken, mit ziemlichem Geschick die gefährlichen Klippen ihrer Namen. Douce, welche nicht verheirathet war, hatte einen »Galant.« Auf den Inseln des Canals ist dieses Wort ebenso gebräuchlich, wie die Sache selbst, die es bezeichnet. Die Dienstleistungen dieser beiden weiblichen Wesen zeichneten sich durch jene creolenartige Langsamkeit aus, welche den Dienstboten des normannischen Archipels eigen ist. Grace war kokett und hübsch; sie schaute unaufhörlich nach dem Horizont, und zwar mit der Unruhe einer Katze. Dies kam daher, weil auch sie, wie Douce, einen Galant, und wie man sagte, außer diesem noch einen Ehemann hatte, welcher Matrose war, und dessen Rückkehr von der Reise sie ein Wenig fürchtete. Indeß das geht uns nichts an. Der Unterschied zwischen Grace und Douce bestand darin, daß in einem weniger strengen und sittenreinen Hause Douce eine Magd geblieben, Grace aber zur Kammerjungfer avancirt wäre. Die Talente, welche gewöhnlich eine solche zieren, und deren Vorhandensein wir bei Grace vermuthen, fanden bei einem so unschuldigen jungen Mädchen wie Deruchette nicht den geeigneten Boden. Im Uebrigen wußten weder Mess Lethierry noch seine Nichte etwas von den Liebschaften ihrer beiden Mägde.

Der an Mess Lethierry’s Kabinet stoßende niedrige Saal im Erdgeschoß, eine Art Halle, mit Kamin, Bänken und Tischen versehen, hatte im vorigen Jahrhundert einem Conventikel von protestantischen französischen Flüchtlingen als geheimer Versammlungsort gedient. Die steinerne Wand war mit einem einzigen Bild, nämlich mit einem Pergament in schwarzem Rahmen geziert, worauf alle Heldenthaten von Bénigens Boussuet, Bischof von Meaux, verzeichnet waren. Einige arme Pfarrkinder dieses Adlers, welche sich von den durch den Widerruf des Edictes von Nantes hervorgerufenen Verfolgungen durch die Flucht nach Guernesey zu schützen suchten, hatten dieses Pergament als Zeugniß ihrer Verehrung an dieser Wand aufgehängt. Wem es gelang, die schwerfällige Handschrift auf dem vergilbten Pergamente zu entziffern, konnte folgende, nur sehr wenig bekannte Notizen lesen: »Am 29. October des Jahres 1685, Demolirung der Kirchen in Morcef und Nanteuil, Resultat eines an den König gerichteten Gesuches des Bischofs von Meaux.« – »Am 2. April des Jahres 1686, Gefangennahme der Herren Cochard, Vater und Sohn, wegen Ausübung ihrer Religionsgebräuche, auf Bitten des Herrn Bischofs von Meaux; wurden nach Abschwörung ihres Glaubens frei gegeben.« – »Am 28. October des Jahres 1699 sandte der Bischof von Meaux dem Herrn von Pontchartrain eine Denkschrift, welche die Notwendigkeit darlegte, die Fräulein von Chalandes und von Neuville, welche protestantisch sind, dem Hause der Neuen-Katholikinnen in Paris zu überweisen.« – »Am 7. Juli des Jahres 1703 wurden auf den, durch den Bischof von Meaux nachgesuchten Befehl des Königs, der Bürger Baudouin und dessen Frau, schlechte Katholiken aus Fublaines, im Hospital eingesperrt.«

Am Ende des Saales, in der Nähe der Thür von Lethierry’s Kabinet, war ein kleiner, mit einem Gitter versehener Bretterverschlag, welcher den Hugenotten bei ihren Zusammenkünften als Kanzel gedient hatte. Jetzt wurde er, mit einem Gitter nebst einer kleinen Thür versehen, als Bureau des Dampfbootes Durande benutzt, dem Mess Lethierry in eigener Person vorstand. Ein großes Contobuch, welches aufgeschlagen auf einem Pult von Eichenholz ruhte, vertrat die Stelle der Bibel.

————

Achtes Capitel. Der Mann, welcher Rantaine durchschaut hatte.

So lange er mit der Schifffahrt vertraut war, hatte Lethierry die Durande geführt, ohne je unter einem andern Capitain zu stehen noch irgend eines Lootsen zu bedürfen; allein wie gesagt, es kam eine Stunde, wo er einen Stellvertreter suchen mußte. Seine Wahl fiel auf Sieur Clubin aus Torteval, einen schweigsamen Mann, der in der ganzen Küstengegend im Ruf der strengsten Rechtlichkeit stand. Dieser Mann wurde Lethierry’s alter ego und Stellvertreter.

Sieur Clubin war, obgleich er äußerlich eher einem Advocaten als einem Matrosen glich, doch ein Seemann von seltenen Fähigkeiten. Er besaß alle Talente, welche sein Beruf mit seinen stets wechselnden Gefahren erheischt. Er war ein ebenso geschickter Schiffslader, Mastwächter und Hochbootsmann, als ein kraftvoller Ruderer, erfahrener Lootse und beherzter Capitain. Es fehlte ihm auch keinesweges an Klugheit, die er bisweilen bis zur Waghalsigkeit trieb, was auf der See nicht hoch genug zu veranschlagen ist. Er sah wahrscheinlichen Gefahren mit Vorsorge entgegen, ohne die Möglichkeit des Entrinnens aus dem Auge zu verlieren. Man konnte ihn zu den Seemännern zählen, welche einer bekannten, bedrohlichen Lage trotzen und nie des ruhmvollen Erfolges halber Abenteuer suchen. Er besaß so viel Sicherheit, als das Meer nur irgend einem Menschen lassen kann. Sieur Clubin war überdies ein berühmter Schwimmer. Er gehörte zu den Menschen, die wohlvertraut mit der Wellengymnastik, im Wasser bleiben, so lange man es verlangt, und beim Havre-des-Pas zu Jersey beginnend, La Colette umschwimmen, die Fahrt bis zur Eremitage und dem Elisabeth-Schloß ausdehnen und nach zwei Stunden wieder bei dem Ausgangspunkt anlangen. Seine Heimath war Torteval, und das Gerücht sagte, er habe öfter die gefürchtete Strecke zwischen Hanois und dem Vorgebirge von Painmont durchschwommen.

Was Mess Lethierry am meisten für Clubin einnahm, war die Thatsache, daß dieser Rantaine durchschaut und Lethierry von der Unredlichkeit dieses Menschen in Kenntniß gesetzt hatte. »Rantaine wird Sie bestehlen,« – hatte er ihm gesagt.

Diese Prophezeiung hatte sich bestätigt. Mess Lethierry hatte, freilich in Sachen von geringer Wichtigkeit, mehr als einmal Clubin’s bis zur Peinlichkeit getriebene Rechtlichkeit auf die Probe gestellt und überließ ihm die Führung seiner Angelegenheiten ohne jeden Rückhalt. »Vollkommene Gewissenhaftigkeit verdient volles Vertrauen« – sagte er.

————

Neuntes Capitel. Ein Bericht über weite Reisen.

Da Mess Lethierry sich in einem anderen Anzug unbehaglich fühlte, trug er beständig Schifferkleider und zog sogar die Matrosenjacke seiner Lootsentracht vor. Deruchette rümpfte darüber ihr kleines Näschen. Nichts ist so allerliebst, als anmuthige Züge, von Zorn belebt. – »Pfui, lieber Vater, Du riechst nach Theer!« rief sie und gab ihm einen leichten Schlag auf seine plumpe Schulter.

Der brave alte Seeheld lieferte die überraschendsten Erzählungen von seinen Reisen. Er hatte auf Madagaskar Vogelfedern gesehen, die so groß waren, daß man mit dreien derselben das Dach eines ganzen Hauses decken konnte, und in Indien fand er Sauerampferblätter von neun Fuß Länge. In Neuholland sah er einmal Heerden von Truthähnen und Gänsen, denen ein Vogel, Namens Agami, anstatt des sonst üblichen Hirtenhundes diente. Er war auf Elephantenkirchhöfen gewesen. In Afrika hatte er die Gorilla’s, eine Art Tigermenschen von sieben Fuß Größe, gesehen. Er kannte die Sitten und Gebräuche sämmtlicher Affen vom wilden Macaco, welchen er den Bravo nannte, bis auf den Brüllaffen, dem er den Beinamen des bärtigen Macaco gab. In Chili hatte er beobachtet, wie ein Affenweibchen die Jäger durch Entgegenhalten ihres Jungen rührte. In Californien fand er einen umgestürzten Baum, in dessen hohlem Stamm ein Reiter sammt dem Pferde hundertfünfzig Schritte weit vordringen konnte. In Marokko sah er, wie die Baskiren und Mozabiten einander mit Eisenstangen bekämpften; letztere, weil sie sich nicht als »Kelb,« das heißt Hunde, behandelt wissen wollten, und die Baskiren, weil sie empört waren, den Khamsis, d. h. der fünften Kaste gleichgestellt zu werden. Auf einer Reise in China war er Augenzeuge, wie der Seeräuber Chan-thong-quan-larh-Quoi in kleine Stücke geschnitten wurde, weil er den »Ap« einer Dorfschaft umgebracht hatte, und in Thu-dan-mot erlebte er, daß ein Löwe eine alte Frau entführte und im vollen Trabe mit derselben aus der Stadt rannte. Bei seiner Anwesenheit in Saïgun wohnte er dem Einzug der »großen Schlange« bei, die aus Canton anlangte, um im Tempel Cho-len’s das Fest Quannam’s, der Schutzgöttin der Schiffer zu feiern. In Rio Janeiro hatte er gesehen, wie die brasilianischen Damen Abends kleine blasenartige Kugeln aus Gaze in’s Haar steckten. Diese enthielten jede eine Phosphorfliege und glichen einem Haarschmuck von Sternen. In Uruguay bekämpfte er Ameisenlöwen und in Paraguay Vogelspinnen, die zottiges Fell und die Größe eines Kinderkopfes hatten. Sie bedecken mit ihren Tatzen einen Raum, der eine Drittel-Elle im Durchmesser beträgt, und ihre Haare dringen dem Menschen, der sie angreift, wie Pfeile in die Haut und erzeugen darin Geschwüre. Am Flusse Arinos, einem Arm des Tocantins, in den nördlichen Urwäldern von Diamantina, hatte er mit eigenen Augen das furchtbare Fledermausvolk, die Mureilagos gesehen, Menschen, die mit weißen Haaren und rothen Augen zur Welt kommen, in düstern Wäldern hausen, am Tage schlafen und im Stockfinstern jagen und fischen, weil sie bei Mondschein fast nichts erkennen können. Als er einst eine Expedition in der Gegend von Beiruth mitmachte, wurde aus einem Zelt des Feldlagers ein Regenmesser gestohlen, worauf ein Hexenmeister, dessen Anzug aus zwei oder drei bandartigen Lederstreifen bestand – worin er einem Manne glich, der nur In Hosenträger gekleidet ist – ein so rasendes Geklapper mit Schellen hervorbrachte, die an der Spitze eines Horns befestigt waren, daß eine Hyäne den Regenmesser wieder an Ort und Stelle brachte. Sie war die Diebin gewesen. Diese glaubwürdigen Geschichten klangen so sehr wie Märchen, daß sie Deruchette ein ausnehmendes Vergnügen machten.

Die Figur am Bugspriet der Durande war das Band zwischen dem Fahrzeug und dem Mädchen. Man nennt auf den normannischen Inseln diese als Zierrath des Schiffsvordertheils außerhalb desselben angebrachte grobgeschnitzte hölzerne Figur »Puppe.« Daher schreibt sich die in jener Gegend gebräuchliche Redensart: » être entre poupe et poupée« 3

Die Puppe der Durande war Mess Lethierry besonders theuer. Er hatte dem Zimmermann befohlen, sie Deruchette möglichst ähnlich zu formen. Sie schien mit der Axt ausgehauen zu sein; es war ein Klotz, der sich bemühte, einem hübschen Mädchen zu gleichen.

Mess Lethierry hatte hinsichtlich dieses ziemlich unförmlichen Blocks seine Illusionen. Er betrachtete ihn mit der Andacht eines Gläubigen, und sah in dieser Figur wirklich Deruchette. Sie glich ihr wie das Dogma der Wahrheit, wie das Götzenbild der Gottheit.

Lethierry hatte zweimal wöchentlich – am Dienstag und Freitag – eine große Freude: am ersten Tag sah er die Durande abfahren und am zweiten sah er sie heimkehren. Er stützte dann den Arm auf sein Fenstersims, betrachtete sein Werk und war glücklich. Er empfand etwas von der göttlichen Genugthuung des Schöpfers. Die Bibel sagt: »Und er sahe, daß es gut war.«

Am Freitag war sein Erscheinen am Fenster so gut wie ein Signal. Wenn er seine Pfeife anzündete, sagte man: »Ah, das Dampfschiff zeigt sich am Horizont!« Ein Rauch verkündigte den andern.

Wenn die Durande in den Hafen gelaufen war, befestigte man ihr Ankertau an einem eisernen Ring, der in das Fundament des Hauses eingemauert war. Während der Nächte bis zum nächsten Dienstag schlief Lethierry wunderbar fest in seiner Hängematte: er wußte, daß neben ihm im Hause Deruchette im Schlummer ruhte, während auf der andern Seite Durande angekettet lag. Ihr Ankerplatz befand sich in der Nähe der Hafenglocke. Vor der Thür des Hauses war nämlich ein kleiner Ausladeplatz.

Dieser Hafendamm, das Haus, der Garten, die von Hecken eingefaßten Gäßchen und selbst die meisten der benachbarten Gebäude sind jetzt nicht mehr vorhanden. Das ganze Terrain wurde angekauft, um den Granit von Guernesey auszubeuten. Gegenwärtig sieht man dort nichts als die Arbeitshöfe der Steinhauer.

————

Zehntes Capitel. Ein Blick auf die in Aussicht stehenden Freier.

Deruchette wuchs heran, allein sie verheirathete sich nicht.

Mess Lethierry hatte sie zur feinen Dame erzogen; die feine Dame machte Ansprüche an den künftigen Gatten. Eine solche Erziehung kann ihre bedenklichen Folgen haben. Allein nahm die Nichte es in diesem Punkte schon genau, so war der Oheim noch viel wählerischer. Er wollte nicht allein für seine Nichte, sondern auch für seine Tochter einen Gatten haben. Nicht allein Deruchette, auch Durande sollte sich vermählen; er wollte für seine beiden Lieblinge einen und denselben Mann; der Führer der Einen sollte zugleich der Leiter der Anderen sein. Ein tüchtiger Schiffscapitain war für ihn das Ideal eines Ehemannes. Wer im Stande ist, ein Schiff zu lenken – so meinte Mess Lethierry – wird ohne allen Zweifel auch eine Frau gut zu leiten wissen. Sieur Clubin, welcher nur fünfzehn Jahre jünger war als Mess Lethierry, konnte nur der vorläufige Führer der Durande sein. Der Erbe seiner Schöpfung mußte ein junger kräftiger Lootse, ein eben so kluger als tüchtiger und derber Seemann sein. Der Gatte seiner lieblichen Deruchette sollte also auch der Herr und Leiter seiner theuren Durande werden. Warum sollten diese beiden Schwiegersöhne nicht in einen einzigen verschmolzen werden? Dies war seine Lieblings-Idee geworden. Er hatte sich, so gut wie seine Nichte, ein Bild von dem Zukünftigen entworfen. Ein sonnenverbrannter, brauner Mastkorbwächter, ein Seeathlet, das war sein Ideal.

Nicht ganz so dachte Deruchette; sie hatte rosigere Träume.

Wie dem auch sei, es schien, als hätten Oheim und Nichte einander das Wort gegeben, sich in dem Zukünftigen nicht zu übereilen. Als Deruchette eine reiche Erbin geworden war, hatte sie Anträge in großer Menge. Freilich sind dergleichen Vorschläge nicht immer die annehmbarsten. Das wußte auch Mess Lethierry sehr wohl; er ließ deshalb einen Freier nach dem andern ziehen, indem er zwischen den Zähnen murmelte: »Goldene Braut, kupferne Freier.« Mess Lethierry wartete. Deruchette desgleichen.

Mess Lethierry war – für einen Engländer eine kaum glaubliche Eigenschaft – kein großer Verehrer der Aristokratie; er wies den Antrag eines Gonduel von Jersey und eines Buguet-Nicolin von Serk zurück. Man ging sogar so weit, auf das Allerbestimmteste zu erklären – doch können wir nicht unterlassen, an der Glaubwürdigkeit dieser Versicherung zu zweifeln – daß Mess Lethierry den Antrag eines Aristokraten von Aurigny, ja sogar den eines Gliedes der Familie Edu, welche ohne alle Frage von »Eduard der Bekenner« abstammt, abgelehnt habe.

————

Eilftes Capitel. Mess Lethierry’s Antipathie.

Mess Lethierry hatte einen großen Fehler. Er haßte, nicht eine Person, sondern eine Sache: den Priester. Als er eines Tages las – denn Mess Lethierry las zuweilen – es war in einem Buch von Voltaire – und ihm die Worte aufstießen: »Die Priester sind Katzen,« da legte er das Buch bei Seite und man hörte ihn zwischen den Zähnen murmeln: »Katzen? – hm – dann bin ich ein Hund.«

Man muß an die vielfachen Verfolgungen denken, die Mess Lethierry von den Priestern der verschiedenen Confessionen, den Lutheranern, Calvinisten und Katholiken in Folge der Schöpfung seines Teufelsschiffes zu erdulden hatte. Der revolutionäre Fortschritts-Versuch in der Schifffahrt des normännischen Archipelagus, der kleinen Insel Guernesey die Wohlthat und die Ehre einer neuen bewunderungswürdigen Erfindung angedeihen zu lassen, war, wir verhehlen es nicht, eine verdammungswürdige Frechheit. Es ist hier, wir bitten es zu bemerken, nicht von der jetzigen Geistlichkeit die Rede, welche fast in allen Kirchen dem liberalen Fortschritt huldigt. Jede Gelegenheit, durch donnernde Kanzelreden der großartigen Unternehmung Mess Lethierry’s Hindernisse in den Weg zu legen, ward von der Geistlichkeit jener Zeit mit Eifer ergriffen. Verabscheut von dem Clerus, verabscheute Mess Lethierry ihn wiederum; der Haß der Geistlichkeit diente dem seinigen als Milderungsgrund.

Gestehen wir es nur, dieser Haß war bei ihm eine Gemüthseigenthümlichkeit, die nicht erst des Priesterhasses zu ihrer Anregung bedurfte. Er war, wie er sagte, jenen Katzen gegenüber der Hund. Er war ihr Gegner aus Ueberzeugung und, was noch viel zwingender ist, aus Instinct. Er fühlte die verborgenen Krallen dieser Katzen, und er zeigte ihnen die Zähne. Oft geschah es, wir müssen es gestehen, zur Unzeit und am unrichtigen Ort. Alles unterschiedslos in einen Topf zu werfen, ist ein Unrecht. Es giebt keinen gesunden Haß in Bausch und Bogen. Er war ein Philosoph, einigermaßen auf Kosten der Vernunft. Es giebt eine Unduldsamkeit der Duldsamen, ebenso wie eine Heftigkeit der Besonnenen. Mess Lethierry’s angeborene Gutmüthigkeit ließ jedoch einen eigentlichen Haß nicht aufkommen. Er war niemals Angreifer; er begnügte sich damit, Angriffe zu pariren. Er hielt sich die Priester vom Leibe. Sie hatten ihm Böses zugefügt; er vergalt nicht Böses mit Bösem, sondern hatte nur einfach kein Wohlwollen für sie. Der ganze Unterschied zwischen dem Haß der Priester und seinem eigenen bestand darin, daß jener voll leidenschaftlicher Erbitterung, der seinige dagegen nichts als Widerwille war.

So klein die Insel Guernesey ist, sie hatte dennoch Platz genug für zwei Confessionen. Die Katholiken wie die Protestanten besaßen ihr besonderes Gotteshaus. In Deutschland, in Heidelberg z. B., macht man weniger Umstände; dort wird eine Kirche in zwei Hälften getheilt; die eine ist für Calvin, die andere für St. Peter bestimmt; Beide sind durch eine Scheidewand von einander getrennt, um die gegenseitigen Faustschläge und Püffe der Bekenner der verschiedenen Confessionen zu verhüten. Die Katholiken haben drei Altäre, die Protestanten desgleichen. Eine einzige Glocke ladet die Bekenner beider Religionen zur Andacht ein. Diese Glocke ruft zu Gott und zu dem Teufel. Jedenfalls eine äußerst praktische Einrichtung, eine kostenersparende Vereinfachung.

Das deutsche Phlegma duldet eine solche Nachbarschaft. In Guernesey jedoch hat jede Religion ihr besonderes Haus. Es giebt dort eine rechtgläubige und eine ketzerische Pfarrei. Zwischen diesen hatte Mess Lethierry die Wahl. Er wählte keine von Beiden.

Dieser Matrose, dieser Philosoph, dieser Emporkömmling des Arbeiterstandes war im Grunde nicht so einfach, als es den Anschein hatte. Er hatte seine Meinungen und bestand mit Hartnäckigkeit auf denselben. In Bezug auf die Priester war er unerschütterlich. Er hätte selbst einen Montlosier ausstechen können.

Mess Lethierry erlaubte sich zuweilen, in sehr unangemessener Weise über die Religion zu spotten; so nannte er z. B. zur Beichte gehen »sein Gewissen kämmen.« Sein Bischen Schreibekunst – es war nur ein ganz kleines Bischen, gewissermaßen eine bei Wind und Wetter gehaltene Nachlese – bestand aus orthographischen Fehlern. Auch seine Aussprache hatte ihre Fehler. Als nach der Schlacht bei Waterloo der Friede zwischen dem Frankreich Ludwigs XVIII. und dem England Lord Wellingtons geschlossen wurde, sagte Mess Lethierry: »Bourmont hat die Vereinigung der beiden feindlichen Lager verhandelt. Einmal schrieb er statt »Papstthum« – » Papstdumm.« Wir glauben nicht, daß er dies absichtlich gethan.

Seine Feindschaft gegen das Papstthum machte ihm übrigens die Anglikaner nicht zu Freunden. Er war ebenso wenig von den protestantischen Predigern als von den katholischen Pfarrern geliebt. Den gewichtigsten Dogmen gegenüber kam sein Unglaube rückhaltslos zum Ausbruch. Ein Zufall führte ihn in eine Predigt des ehrwürdigen Herrn Jaquemin Herode über die Hölle. Dieser ehrenwerthe Geistliche schilderte mit großer Beredsamkeit von der Kanzel herab die Strafen der ewigen Verdammniß, die Pein des höllischen Feuers, den Zorn und die Rache des höchsten Wesens, dessen unerbittliche Strenge, dessen niemals endenden Zorn. Nach Beendigung dieser glänzenden Rede hörte Jemand Mess Lethierry zu einem der Anwesenden mit gedämpfter Stimme sagen: »Seht, Nachbar, ich habe so meine eigenen Ideen über den lieben Gott; ich bilde mir ein, daß er gut ist.« Den Gährungsstoff dieses Atheismus hatte Mess Lethierry aus Frankreich mitgebracht.

Obgleich Guerneseyer von Geburt, nannte man doch Mess Lethierry wegen seines unreinen Geistes »den Franzosen.« Er selber machte übrigens durchaus kein Hehl aus seinen revolutionären Ansichten; nichts hatte dies wohl klarer bewiesen, als der Bau des sogenannten Teufelsschiffes. »Das Jahr 1789 hat mich gesäugt,« sagte er. Die neunundachtziger Milch ist keine gute Milch.

Uebrigens war Mess Lethierry in seinem Thun und Lassen durchaus nicht immer consequent. In kleinen Ländern ist es auch schwierig, es zu sein. In Frankreich erkauft man die Wohlthat eines ruhigen, friedlichen Lebens dadurch, daß man den Schein bewahrt; in England durch ein anständiges Verhalten. Letzteres macht außer einer wohlgeordneten Cravatte und der Heiligung des Sonntags noch eine Menge anderer kleiner Anstandsregeln zur Pflicht. »Sorgen zu müssen, daß Keiner mit dem Finger auf uns deute,« ist ein schreckliches Gesetz. Mit dem Finger auf Jemand zeigen ist das Diminutiv des Bannfluches. Die kleinen Städte wimmeln von Gevatterinnen und Frau Basen, welche Meisterinnen in jener isolirenden Bosheit sind, die der Bannfluch, durch das umgekehrte Opernglas gesehen, das Anathem im verjüngten Maßstabe ist. Die Muthigsten fürchten die Stachelreden dieser Klatsch-Basen. Man mag sich unerschrocken dem Kartätschenfeuer aussetzen, man mag dem Sturme trotzen, aber man flieht vor Madame Pimbeche.

Selbst Mess Lethierry »goß aus Furcht vor Madame Pimbeche zuweilen Wasser in seinen Wein.«

Er vermied die Geistlichen, doch er schloß ihnen nicht geradezu die Thür. Bei feierlichen Gelegenheiten empfing er den katholischen Herrn Kaplan sowohl wie den lutherischen Herrn Rector mit gebührendem Respect in seinem Hause; ja, er begleitete sogar zuweilen seine Nichte in die Kirche; wir wissen aber schon, daß Deruchette diese nur viermal des Jahres, nämlich an den großen Festen, besuchte.

Sei dem aber wie ihm wolle, diese Inconsequenzen peinigten das philosophisch-freigeistige Gewissen Mess Lethierry’s, und je öfter er durch äußere Rücksichten gezwungen war, sich, wie er es nannte, etwas zu vergeben, um so schroffer ward die Scheidewand, die ihn von den Dienern der Kirche trennte; er rächte sich für diese gezwungenen Inconsequenzen durch Spott und Lästerung. Sein von Natur so harmloses Wesen war in diesem einen Punkt voll Bitterkeit. Alle Versuche, ihn zu bessern, blieben erfolglos.

Mess Lethierry war und blieb ein Feind der Pfaffen; er war als Pfaffenfeind geboren.

Seine revolutionäre Geringschätzung erstreckte sich auf die ganze Geistlichkeit. Worin eigentlich der Unterschied der verschiedenen Confessionen lag, wußte er kaum, und der große Fortschritt, nicht an die wirkliche Gegenwart des Herrn im Abendmahl zu glauben, fand deshalb bei Mess Lethierry keine besondere Anerkennung. Seine Blindheit und Unwissenheit in diesen Dingen ging so weit, daß er die Würde eines Abts nicht von der eines Pfarrers zu unterscheiden wußte. Ein »ehrwürdiger Doctor« war in seinen Augen dasselbe, was ein »ehrwürdiger Vater« war. Er sagte: » Wesley ist nicht besser als Loyola.« Wenn er einem Pastor mit seiner Frau am Arme begegnete, wandte er sich ab und sagte: Pfui! ein verheiratheter Priester! Er erzählte, daß er auf seiner letzten Reise nach England die » Frau Bischöfin von London« gesehen habe. Die Empörung, welche dergleichen Ehebündnisse in ihm erzeugten, grenzte an Zorn. – »Ein Weiberrock darf keinen Weiberrock ehelichen,« sagte er. In seinen Augen waren die Priester ein Geschlecht für sich. Seine Rede war: »Weder Frau, noch Mann, ein Priester.« –

» Heirathe wen Du willst, nur keinen Pfaffen!« sagte er zu Deruchette.

————

Zwölftes Capitel. Sorglosigkeit ist unzertrennlich von Anmuth.

Hatte Mess Lethierry ein Mal etwas gesagt, so war es gesagt, und er vergaß es nie. Deruchette ließ auch gar manches kleine Wörtchen fallen, doch sobald sie es ausgesprochen, war es auch vergessen. Darin unterschieden sich Oheim und Nichte.

Deruchette war durch ihre feine Erziehung ein wenig verhätschelt; sie war, so zu sagen, Selbstherrscherin in ihrem kleinen Reiche. Die Bedeutung des Wortes Verantwortlichkeit kannte sie nicht. Eine Erziehung, welche ihr Augenmerk mehr auf die heiteren, gefälligen und angenehmen, als auf die ernsten Seiten des Lebens richtet, ist gefährlich. Vielleicht ist es eine Unklugheit, sein Kind zu schnell glücklich machen zu wollen.

Deruchette glaubte, wenn sie nur zufrieden wäre, sei Alles gut; gab es doch für Mess Lethierry kein größeres Glück, als sein Goldtöchterchen heiter und froh zu sehen. Das Glaubensbekenntniß ihres Oheims war auch das ihrige; sie begnügte sich damit, vier Mal im Jahre, und zwar an den Hauptfeiertagen, das Gotteshaus zu besuchen. Man sah sie zum ersten Mal zu Weihnachten in ihrem Sonntagsstaat zur Kirche gehen. Vom Leben kannte sie noch nichts. Sie besaß alle Eigenschaften, um gelegentlich einmal wahnsinnig zu lieben. Einstweilen lebte sie in sorgloser Heiterkeit.

Wie eine Lerche trillerte Deruchette ihr heiteres Lied, sie kam, ging, plauderte, scherzte, zerpflückte Gänseblümchen und haschte nach großen Schmetterlingen mit sammtenen Flügeln, umflatterte selber wie ein Schmetterling ihre Blumen; kurz, sie lebte lustig in den Tag hinein. Dazu denke man sich noch die Freiheit englischer Sitte. In England ist ein junges Mädchen die freieste Person der Welt; sie ist ihre eigene Herrin, darf mit ihrer Freiheit schalten und walten wie sie will. Später legt die Pflicht beengende Fesseln um ihren Nacken; wenn sie sich vermählt, wird sie Sklavin. Das Kind, die Jungfrau hat alle Freiheit, die verheirathete Frau besitzt keine.

Deruchette stand jeden Morgen auf, ohne sich von den Handlungen des vergangenen Tages Rechenschaft abzulegen; es hätte sie in die allergrößeste Verlegenheit versetzt, wenn Jemand sie gefragt hätte, was sie in der vergangenen Woche gethan habe. Dessenungeachtet hatte Deruchette Stunden, in welchen eine geheimnißvolle Schwermuth sie erfaßte. Der klarste Himmel kann sich plötzlich umwölken. Doch wenn die Wolken vorübergezogen, dann wird der Himmel wieder heiter, blau und strahlend. Deruchette lachte über ihre Schwermuth, die sie nicht verstand. Sie lachte über ihre Heiterkeit, deren Grund sie ebenso wenig kannte.

Deruchette spielte mit Allem. Sie hatte stets irgend eine Schelmerei in Vorrath. Die jungen Burschen peinigte sie mit Spöttereien und Bosheiten. Ich glaube, sie hätte sogar dem Teufel irgend einen Schabernack gespielt. Sie war hübsch, aber ihre Unschuld machte ihre Schönheit gefährlich. Sie war zu einem Lächeln ebenso schneit bereit, wie ein junges Kätzchen zu einem Pfotenschlag. Um so schlimmer für den Gekratzten! Deruchette lächelte; wehe dem, der dieses Lächeln nicht vergessen konnte, denn – Deruchette vergaß, daß sie gelächelt halte; sie lebte nur in der Gegenwart, das Gestern kannte sie nicht mehr. So geht es denen, die zu glücklich sind. Bei Deruchette schwand die Erinnerung an Vergangenes, wie der Schnee schmilzt.

  1. I. Buch Mosis Capitel III. Vers 16.: Du sollst mit Schmerzen gebären.
  2. I. Buch Mosis Cap. I. Vers 4.
  3. poupe – Hintertheil des Schiffes.

Viertes Buch. Gilliatt’s Flöte.


Erstes Capitel. Morgenröthe oder Feuersgluth?

Gilliatt hatte niemals mit Deruchette gesprochen; er hatte sie, wie den Morgenstern, nur immer von fern gesehen.

Als sie ihm auf dem Wege von St Pierre-Port nach Valle begegnete, und zu seiner Ueberraschung seinen Namen in den Schnee schrieb, war Deruchette sechszehn Jahre alt. Den Tag zuvor hatte Mess Lethierry zu ihr gesagt: »Mit den Kindereien hat es jetzt ein Ende, Deruchette. Du bist ein großes Mädchen.«

Der Name Gilliatt, von diesem Kind in den Schnee geschrieben, war für den Träger desselben verhängnißvoll geworden.

Bis jetzt hatte Gilliatt noch mit keinem weiblichen Wesen verkehrt. Wenn er eine Frau oder ein Mädchen sah, lief er davon; er war niemals der »Galant« irgend einer Bäuerin gewesen, nur im alleräußersten Fall sprach er mit einer Frau; sogar vor einer Alten nahm er Reißaus; er fürchtete sich vor dem schönen Geschlecht.

Einmal in seinem Leben hatte er eine Pariserin gesehen. Sie hatte auf der Reise Guernesey berührt; ein zu jener Zeit seltenes Ereigniß. Gilliatt hörte diese Pariserin in folgender Weise das ihr zugestoßene Mißgeschick erzählen: »Ich bin sehr ärgerlich, mein Hut ist naß geworden! Er ist aprikosengelb, und diese Farbe ist die empfindlichste von der Welt.«

Später fand Gilliatt in einem Buche ein altes Modekupfer. Zum Andenken an diese Pariserin klebte er das Bild an die Wand. An Sommerabenden versteckte er sich zuweilen hinter den Felsen der Bucht Houmet-Paradis und sah den Bäuerinnen zu, wie sie, in ihre lange Hemden gehüllt, in der See badeten. Eines Tages hatte er gesehen, wie die Hexe von Torteval hinter einer Hecke ihr Strumpfband befestigte. Er war noch ganz jungfräulich.

Den Weihnachtsmorgen, an welchem Deruchette ihm begegnet war und lachend seinen Namen in den Schnee geschrieben hatte, kam er wieder nach Hause, ohne sich besinnen zu können, warum er eigentlich ausgegangen war. Der Abend kam; er legte sich zu Bett, allein er konnte nicht schlafen, weil er an tausend Dinge dachte: – erstens hielt er es an der Zeit, die schwarzen Rettige im Garten zu pflanzen; – dann wunderte er sich, daß ihm heute das Schiff von Serk nicht begegnet war; sollte ihm wohl ein Unglück zugestoßen sein? – daß er blühenden Hauswurz gesehen, war ein Wunder in dieser Jahreszeit. – Er wußte niemals genau, in welchem Verhältniß er eigentlich zu der verstorbenen alten Frau, seiner früheren Hausgenossin, gestanden; er meinte, sie müsse wohl jedenfalls seine Mutter gewesen sein, und gedachte ihrer mit doppelter Zärtlichkeit. Dann erinnerte er sich des Brautschatzes, der in dem ledernen Koffer verschlossen war. Und von dem ledernen Koffer mit dem Brautschatz schweiften seine Gedanken zu dem ehrwürdigen Herrn Jaquemin Herode; er vermuthete, daß dieser würdige Mann wohl eines Tages Dechant von St. Pierre-Port werden könne, wodurch das Rectorat von St. Sampson vakant würde. Er dachte, daß der Tag nach Weihnachten der siebenundzwanzigste nach dem Neumond wäre, und daß in Folge dessen die Fluth um drei Uhr 21 Minuten, die Halbebbe um sieben Uhr 15, die Ebbe um neun Uhr 33 Minuten und die Halbfluth um zwölf Uhr 39 Minuten eintreten würde. Er erinnerte sich mit allen Einzelheiten an die Tracht des Hochländers, der ihm die Flöte verkauft hatte. Die seltsame Tracht stand ihm stets vor Augen, die Gestalt verfolgte ihn wie ein Gespenst. Er begann zu phantasiren; dann entschlummerte er. Er erwachte erst am hellen Tage, und sein erster Gedanke war Deruchette.

In der nächsten Nacht sah er im Traume immer wieder nur den schottischen Soldaten. Dann träumte er auch von dem alten Rector Jaquemin Herode. Als er erwachte, dachte er wieder an Deruchette, und gerieth in heftigen Zorn gegen sie. Er bedauerte, daß er nicht mehr ein kleiner Knabe wäre, weil er ihr dann sicher die Fenster eingeworfen hätte.

Dann aber dachte er wieder, wenn er ein kleiner Knabe wäre, so lebte seine Mutter noch, und er begann wie ein Kind zu weinen.

Er nahm sich vor, drei Monate nach Chousey oder nach den Minquiers zu reisen; allein er reiste nicht.

Doch betrat er nie wieder den Weg von St. Pierre-Port nach Valle. Er bildete sich ein, der von Deruchette in den Schnee geschriebene Namen Gilliatt sei für alle Zeiten in die Erde eingegraben, und alle Vorübergehenden müßten ihn lesen.

————

Zweites Capitel. Der Eintritt in eine unbekannte Welt.

Betrat aber Gilliatt nicht mehr den Weg von St. Pierre-Port nach Valle, so ging er dafür alle Tage in die Gegend des Hauses von Mess Lethierry. Er hatte dabei durchaus keine Absicht, es traf sich ganz zufällig, daß er immer an jenen Ort kam; und merkwürdiger Weise wählte er auch ohne alle Absicht immer den Weg, der dicht an der Mauer von Deruchette’s Garten vorbeiführte.

Eines Tages sagte eine Bäuerin, die eben aus dem Garten Mess Lethierry’s kam, zu einer anderen Frau: »Miß Deruchette ißt gern Spargel.«

Am nächsten Tage legte Gilliatt auf seinem kleinen Grundstück mit vieler Mühe ein schönes Spargelbeet an.

Die Mauer des Gartens an den Bravées war sehr niedrig; man konnte mit der größesten Bequemlichkeit hinübersteigen. Dieser Gedanke erschreckte Gilliatt. Er hätte es nimmer gewagt, hinüberzusteigen. Aber das konnte doch keinem Vorübergehenden verwehrt sein, die Stimmen derer, die im Garten oder in den Zimmern sprachen, zu hören. Er horchte nicht, aber er hörte.

Ein Mal hörte er, wie die beiden Mägde, Grace und Douce mit einander zankten. Dieser Zank berührte Gilliatt’s Ohr wie die lieblichste Musik.

Ein anderes Mal hörte er eine Stimme, die ganz anders, ach! viel, viel schöner als alle übrigen klang; das mußte Deruchette’s Stimme sein! Er ergriff die Flucht.

Aber die Worte, die jene Stimme gesprochen, blieben seinem Gedächtniß für immer eingeprägt; in jedem Augenblick wiederholte er sie sich. Die Stimme hatte gesagt: »Würden Sie mir wohl die Ginster ablassen?«

Nach und nach wurde Gilliatt kühner; ungesehen von Deruchette, wagte er stundenlang nach ihrem Fenster empor zu schauen. Einmal hörte er sie ihr Lieblingslied Bonny Dundee singen; freilich wurde er sehr blaß, allein er war so muthig, zu bleiben, bis das Lied zu Ende war.

Der Frühling kam. Um diese Zeit hatte Gilliatt eine Vision; er sah den Himmel offen, und erblickte Deruchette, wie sie ihren Lattig begoß.

Bald hatte er sich die Stunden gemerkt, wo sie in den Garten kam; er gewöhnte sich daran, sie kommen und gehen zu sehen; man gewöhnt sich an das Gift. Oft umflatterte sein Blick mit dem Schmetterling um die Wette die Hagebuttenlaube, worin sie mit ihrem Oheim saß und plauderte, und er belauschte dann mit athemloser Spannung ihr Gespräch mit Mess Lethierry. Die Worte kamen ganz deutlich an sein Ohr.

Schon so weit war Gilliatt im Lande des Unbekannten vorgedrungen. Er lauschte! Ja, das Menschenherz ist ein alter Spion!

Noch ein anderes Plätzchen, wo Deruchette sich zuweilen niederließ, kannte Gilliatt.

Auch ihre Lieblingsblumen hatte er sich gemerkt; er wußte, daß sie den Geruch der Winde allen andern Blumendüften vorzog. Nach der Winde erhielt die Nelke, nach der Nelke der Jasmin, nach dem Jasmin das Gaisblatt den Vorzug; dann erst kam die Rose. Die Lilie sah sie gern, doch athmete sie niemals ihren Duft ein.

Nach der Wahl ihrer Lieblingsblumen beurtheilte Gilliatt Deruchette; der besondere Duft jeder einzelnen Blume bedeutete für ihn irgend eine besondere Geistes- oder Körperschönheit der Geliebten.

Nur der Gedanke, mit ihr zu sprechen, trieb ihm das Haar zu Berge.

Eine alte Weberfrau, welche ihr Gewerbe von Zeit zu Zeit in die Nähe der Bravées trieb, hatte Gilliatt schon mehrmals lauschend und spähend an der Gartenmauer angetroffen. Sollte wohl diese alte Frau auf den Gedanken gekommen sein, daß hinter dieser Mauer, an welcher Gilliatt wie angewurzelt stand, ein junges Mädchen sei? Schlug dieser alten Frau denn unter ihren Lumpen ein Herz, welches dem Alter und dem Elend zum Trotz, sich noch in die schöne Blüthenzeit des Lebens, das auch ihr einst lächelte, versetzen konnte? Zauberte ihre Phantasie ihr im Winter die Sonnenwelt des Frühlings vor die Seele? Wir können es nicht sagen. So viel aber ist gewiß, daß sie einmal ganz dicht an Gilliatt vorbeistreifte, ihn mit ihrem alten runzligen Gesicht so freundlich wie ein junges Mädchen anlächelte und ihm zuraunte: »Das macht heiß! Nicht wahr?«

Gilliatt vernahm das Wort; er erschrak und wiederholte mit leisem Murmeln die Frage: Das macht heiß? Was will die Alte damit sagen?

Den ganzen Tag wiederholte er sich dieses Wort und grübelte unaufhörlich seinem Sinne nach; allein vergebens, er verstand es nicht.

Eines Abends badeten fünf bis sechs junge Mädchen, die eigens zu dem Zweck aus L'Ancresse gekommen waren, in der Bucht des Houmet-Paradis. Gilliatt konnte sie ganz deutlich von seinem Zimmer aus sehen. Heftig schlug er das Fenster zu und wendete sich ab. Er bemerkte, daß ein nacktes Weib ihm Schauder einflößte.

————

Drittes Capitel. Das Lied Bonny Dundee findet ein Echo auf dem Hügel.

Hinter der Umzäunung des zu den Bravées gehörigen Gartens befand sich ein von Stechpalmen, Moos und Brennnesseln völlig überwachsener Mauerwinkel; eine baumartig in die Höhe geschossene wilde Malve und eine hohe Königskerze sproßten zwischen dem Steingerölle empor. In diesem Schlupfwinkel brachte Gilliatt seinen ganzen Sommer zu. Die Eidechsen hatten sich schon an den stillen friedlichen Träumer gewöhnt, und wärmten sich zutraulich neben ihm auf den von der Sonne durchglühten Steinen. Der Sommer war schön; laue Lüfte kühlten die Hitze der Atmosphäre und spielten mit den Locken Gilliatt’s, über dessen Haupt die Wolkenbilder sich kreuzten. Er saß im Rasen; rund um ihn her war tiefer Friede, eine Ruhe, welche nur der Gesang der Vögel mit fröhlichem Leben unterbrach. Gilliatt hielt sich mit beiden Händen die brennende Stirn und fragte sich: Warum schrieb sie nur meinen Namen in den Schnee? Der Wind wehte heftig vom Meer herüber. Von Zeit zu Zeit hörte man das Signalhorn der Steinsprenger in der Baudue, welches den Vorübergehenden verkündete, daß sogleich eine Mine springen würde, und man sich vorsehen solle. Man konnte den Hafen von St. Sampson nicht sehen; nur die Spitzen der Masten ragten über den Bäumen hervor; es kamen Möwen und setzten sich darauf, schossen wieder hinab und flogen mit dem Winde davon. Gilliatt hatte einmal seine Mutter sagen hören, daß Frauen sich in Männer verliebten, so etwas käme bisweilen vor. Aha! dachte Gilliatt, ich begreife! Deruchette ist in mich verliebt, warum hätte sie sonst meinen Namen in den Schnee geschrieben? Gilliatt wurde tief betrübt. Er sagte sich: Aber auch sie denkt ebenso an mich; das ist wohl sicher. Er dachte daran, daß Deruchette reich, er aber arm sei. Er fand, daß das Dampfboot eine verwünschte Erfindung sei. Er konnte sich nie erinnern, den wie Vielten im Monat man schriebe; so gedankenlos blickte er auf Alles um ihn her.

Eines Abends schloß Deruchette, wie sie es gewöhnlich vor dem Schlafengehen zu thun pflegte, die Fenster. Die Nacht war finster. Plötzlich hörte sie Musik; sie ließ das Fenster geöffnet und lauschte. Es war ihr Lieblingslied Bonny Dundee, das Jemand auf dem gegenüberliegenden Hügel oder am Fuße der Thürme des Schlosses Du Balle auf der Flöte blies; doch bemühte sie sich vergebens, den nächtlichen Flötenspieler zu erkennen.

Seit jener Zeit wiederholte sich von Zeit zu Zeit, besonders in dunkeln Nächten, diese geheimnißvolle Musik.

Deruchette war nicht sonderlich davon erbaut.

————

Viertes Capitel. Ein Vormund und ein Oheim, ehrwürdige Orakel, Verdammen Serenaden als nächtlichen Spectakel.

(Vers aus einer alten Comödie.)

Vier Jahre waren seit der Zeit verflossen, wo Gilliatt Deruchette zum ersten Mal gesehen.

Deruchette zählte fast einundzwanzig Jahre und war noch immer unvermählt.

Es hat irgend Jemand einmal irgendwo gesagt: Eine fixe Idee ist ein Bohrer, der mit jedem Jahre um eine Windung tiefer eindringt. Wenn man ihn im ersten Jahr aus dem Kopf herausdrehen will, reißt man die Haare mit; im zweiten Jahre auch die Haut; im dritten zersprengt man den Schädel; im vierten aber reißt man das ganze Hirn heraus.

Gilliatt’s fixe Idee hatte das vierte Jahr erreicht. Er hatte noch kein Wort mit Deruchette gewechselt. Er dachte fortwährend an das reizende Mädchen; das war Alles. Ein Mal, als sie vor der Thür ihres Hauses mit Mess Lethierry sprach, hatte er es gewagt, dicht an ihr vorbei zu gehen. Er glaubte bemerkt zu haben, daß Deruchette lächelte. War dieser Glaube ein Wahn? Wir wissen es nicht, doch sind wir von der Ueberzeugung tief durchdrungen, daß ein Lächeln bei Deruchette eben keine Unmöglichkeit war.

Gilliatt brachte noch immer seine nächtlichen Ständchen, Mess Lethierry war verdrießlich darüber; das nächtliche Flötengedudel unter Deruchette’s Fenster gefiel ihm durchaus nicht. Er konnte die romantische Schwärmerei nicht leiden; denn er war ein praktischer Mann, der, wie in Allem, so auch in der Liebe, den geraden, offenen Weg den Schleichwegen vorzog. Er wollte seine Nichte verheirathen, aber ganz einfach, ohne Roman und ohne Musik. Es dauerte ziemlich lange, bis er aufmerksam wurde; doch als er endlich dem Jäger auf die Spur gekommen war, ruhete er nicht eher, bis er wußte, wer es war. Er legte sich daher in einer jener finstern Nächte, die der Flötenspieler sich vorzugsweise zu seinem Vortrag ausersah, auf die Lauer. Als er Gilliatt erkannte, fuhr er mit den Fingern in seinen Backenbart, wie er zu thun Pflegte, wenn er grimmig war, und brummte vor sich hin: »Was hat das Thier da unten zu flöten?« Er liebt Deruchette, das ist klar. Du opferst deine Zeit unnütz, mein Junge. Wer um Deruchette werben will, der muß sich geraden Wegs an mich wenden, aber nicht Flöte blasen!«

Zu jener Zeit aber geschah etwas, was die Bewohner von St. Sampson und der Umgegend schon lange als bevorstehend erwartet hatten. Dies wichtige Ereigniß war die Ernennung des ehrwürdigen Herrn Jaquemin Herode zum Dechanten von St. Pierre-Port, welche neue Würde der geistliche Herr sogleich nach dem Eintreffen seines Nachfolgers, des neuen Rectors von St. Sampson, antreten sollte.

Dieser sein Nachfolger in dem bisher verwalteten Amte war ein normännischer Gentleman, ein gewisser Herr Joë Ebenezer Caudray, englisch geschrieben Cawdry.

Man wußte von dem zukünftigen Rector so mancherlei Dinge, welche die Wohlwollenden zu seinem Vortheil, die Mißgünstigen zu seinem Nachtheil auslegten. Man wußte, daß er jung und arm war; doch wurde seine Jugend durch große Gelehrsamkeit und seine Armuth durch große Hoffnung für die Zukunft aufgewogen. Er war der Neffe und Erbe des alten wohlhabenden Dechanten von St. Asaph; wenn der Dechant die Augen schloß, war der Neffe ein reicher Mann. Andrerseits gehörte Herr Ebenezer Caudray durch verwandtschaftliche Beziehungen zu hochgestellten Personen fast zu der Klasse der Honoratioren. Was seine Lehre betrifft, so beurtheilte man dieselbe in verschiedener Weise. Er war Anglikaner, allein nach dem Ausspruch des Herrn Bischof Tillotson sehr »freigeistig,« das heißt, sehr streng. Das Pharisäerthum war ihm zuwider; er hielt sich mehr zu dem Presbyterium als zu dem Episcopat. Er träumte noch von der Urkirche, welche Adam das Recht zuerkannte, Eva zu wählen, und wo Frumentanus, Bischof von Hierapolis, ein Mädchen entführte und zu seiner Gattin machte, indem er zu ihren Eltern sagte: » Sie will es und ich will es; Du, Vater, bist fortan nicht mehr ihr Vater, Du, Mutter, nicht mehr ihre Mutter: Ich bin der »Engel« von Hierapolis, und ihr Vater ist Gott.« Wir können es nicht als Wahrheit verbürgen, man behauptete aber damals, daß M. Ebenezer Caudray den Text: Du sollst Deinen Vater und Deine Mutter ehren, dem von ihm höher geschätzten Text: Das Weib ist Fleisch von des Mannes Fleisch. Das Weib soll Vater und Mutter verlassen und dem Manne folgen, unterordnete. Uebrigens ist dieses Bestreben, die väterliche Gewalt zu beschränken und unter dem Deckmantel der Religion jede Form der Eheschließung anzuerkennen, dem Protestantismus überhaupt, doch ganz besonders dem in England und in Amerika eigen.

————

Fünftes Capitel. Wie sich die öffentliche Meinung über das Unternehmen Lethierry’s vernehmen ließ.

Mess Lethierry hatte seine Schlußrechnung gemacht. Er war zufrieden; seine Schulden in Bremen und St. Malo waren getilgt und außerdem das »Haus der Muthigen« von seiner drückenden Hypothekenlast befreit. Die Durands hatte nicht nur bis jetzt ihre Schuldigkeit gethan, sie war auch zu gleicher Zeit ein produktives Kapital in den Händen ihres Besitzers geworden, das eine glänzende Zukunft in Aussicht stellte. Sie brachte jetzt einen jährlichen Reingewinn von tausend Pfund Sterling, der sich mit jedem Jahr noch vermehrte. Die Durande war also im eigentlichen Sinne des Wortes das Vermögen Mess Lethierry’s, und nicht nur das seinige, sondern auch das des Landes.

Man hatte, um den Transport der Ochsen zu erleichtern, welcher am meisten einbrachte, die beiden kleinen Boote von der Durande entfernt. Das war vielleicht eine Unklugheit; denn es stand ihr jetzt nur noch ein einziges Fahrzeug, die Schaluppe, zu Gebot. Freilich war diese ein ganz vortreffliches Schiff.

Es waren seit dem Zeitpunkte, als sich Rantaine mit der Kasse Mess Lethierry’s entfernt hatte, zehn Jahre verflossen.

Merkwürdig, daß man in ganz Guernesey nicht etwa der Unternehmung selber und ihrer vortrefflichen Leitung, sondern lediglich dem Zufall das erstaunliche Glück zuschrieb, welches die Durande machte. Der sich daraus entwickelnde Wohlstand ihres Besitzers wurde als eine Ausnahme betrachtet. Man bezeichnete das ganze Unternehmen als eine glücklich abgelaufene Narrheit. Es hatte Jemand in Cowes auf der Insel Wight diese Narrheit nachgemacht, doch ohne denselben glücklichen Erfolg zu erzielen. Dieser unglückliche Versuch hatte die Actionäre des Unternehmens ruinirt. Mess Lethierry war der Meinung, der Mißerfolg dieser Spekulation müßte jedenfalls das Resultat einer schlechten Construktion der Maschine sein. Man zuckte die Achseln über diese seine Meinung. Es ist das Schicksal aller Erfindungen, überhaupt alles Neuen, daß es von Anfang an die ganze Welt zum Gegner hat. Die öffentliche Meinung ist bei dem allergeringsten faux pas sogleich mit ihrem Verdammungsurtheil bei der Hand.

Eines der commerciellen Orakel des normannischen Pelagus zu jener Zeit war der Pariser Banquier Jauge. Man erzählt sich, daß, als Jemand seinen Rath und seine Hülfe für die Errichtung einer Dampfschifffahrt in Anspruch nehmen wollte, dieser würdige Mann diesem Jemand den Rücken kehrte, mit den Worten: » Wie könnt Ihr von mir erwarten, daß ich Silber in Dampf verwandle

Die Segelschiffe hingegen fanden ohne die geringsten Schwierigkeiten und überall ihre Commanditen. In Guernesey war die Durande eine Thatsache, aber der Dampf nicht Princip geworden. So tief ist der Haß zwischen der Negation und dem Fortschritt. Man sagte von Lethierry: »Es ist gut, aber zum zweiten Male thut er es nicht.« Sein Beispiel fand daher, ungeachtet des augenscheinlichen Erfolgs der Unternehmung, keine Nachahmer. Niemand hätte es gewagt, eine zweite Durande zu bauen.

————

Sechstes Capitel. Wie Schiffbrüchige Einem begegnen können.

Die Aequinoctialstürme kündigen sich im Kanal zeitig an. Die Enge dieses Meeres hemmt und steigert den Wind. Schon im Monat Februar erschüttern die Westwinde die Wogen und machen die Schifffahrt unsicher. Die Küstenbewohner sehen nach dem Nothzeichen und ängstigen sich für die Schiffe, welche unterwegs sind. Das Meer erscheint wie ein Hinterhalt; unsichtbare Kriegstrommeten rufen zum Kampf; mit furchtbaren Athemzügen schnauben und stöhnen die Winde; hinter dem verdüsterten Gewölk bläht das Antlitz des Sturmes die Backen auf.

Ist aber der Sturm auf dem Meere gefährlich, so ist es der Nebel nicht weniger.

Der Nebel war zu allen Zeiten der Schrecken der Seeleute.

In gewissen Nebeln schweben mikroskopische Krystalle von Eis, welchen Mariott den Hof des Mondes, die Nebensonnen und Nebenmonde zuschreibt.

Die stürmischen Nebel reihen sich zu Bildungen an einander, indem verschiedene Dünste, von ungleichem specifischem Gewicht, sich mit den Ausdünstungen des Wassers vermischen, welche sich regelmäßig über einander häufen und so den dichten Nebel in Schichten theilen, wodurch derselbe eine bestimmte sichtbare Gestaltung gewinnt; zu unterst erscheint der Jod, über dem Jod der Schwefel, über diesem das Brom, und über dem Brom der Phosphor. Indem dadurch nach einem gewissen Verhältniß eine elektrische und magnetische Spannung entsteht, erklären sich viele Phänomene; das St. Elme-Feuer von Columbus und Magellan, die durch die Himmelszeichen fliegenden Sterne des Seneca, die beiden Flammen Castor und Pollux, wovon Plutarch spricht, die römische Legion, deren Speere Cäsar brennen zu sehen glaubte, die Spitze des Schlosses Duino in Friaul, welche Funken sprühte, als die Schildwache sie mit der Spitze ihrer Lanze berührte, und vielleicht auch die Lichterscheinungen von unten herauf, welche die Alten die Erdenblitze des Saturn nannten. Am Aequator erscheint ein ungeheurer immerwährender Nebel, wie um den Erdkreis geschlungen; das ist der Cloud-ring, der Wolkenring. Der Cloud-ring kühlt die tropische Gegend eben so ab, wie der Golfstrom die Pole erwärmt. Hier befindet sich die »Pferdebreite«, Horse latitude; die Schiffer des vorigen Jahrhunderts warfen nämlich in dieser Gegend die Pferde in das Meer, in Zeiten des Sturmes, um sich zu erleichtern, in ruhigen Zeiten, um den Wasservorrath zu ersparen. Columbus sagte: »Nube abajo es muerte.« Der niedrige Nebel ist der Tod. Die Etrusker, welche für die Meteorologie dasselbe sind, was die Chaldäer für die Sternkunde, hatten zwei Priesterschaften, eine für das Gewitter, die andere für den Nebel. Die Gewitterdeuter beobachteten die Blitze, die Wasserdeuter den Nebel. Das Collegium der alten Auguren des Tarquinius wurde von den Tyrern, den Pelasgern, den Phöniziern und von allen Mittelmeerschiffern der Urzeit um Rath gefragt. Man sagte damals die Entstehung des Sturmes voraus; diese aber ist auf das Genaueste verbunden mit der Entstehung des Nebels, ja, es ist im Grunde ein und dasselbe Phänomen. Es giebt auf dem Ocean drei Nebelregionen, eine aequatoriale und zwei polare; die Seeleute geben ihnen nur einen Namen: Der schwarze Topf.

Auf allen Seestrecken, und besonders auf der des Kanals, sind die Aequinoctialstürme gefahrdrohend; sie machen urplötzlich Nacht auf dem Meer. Eine Gefahr des Nebels, auch wenn er nicht sehr dicht ist, besteht darin, daß man die Veränderung des Grundes in Folge der Veränderung der Farbe der Oberfläche nicht erkennen kann; dadurch entsteht eine schlimme Verheimlichung der Klippen und Untiefen, welchen man sich nähert, ohne es zu ahnen. Oft gestatten die Stürme dem Schiff auf seinem Wege keine, andere Vorsichtsmaßregel, als die Segel einzuziehen oder Anker zu werfen.

Es werden eben so viel Schiffbrüche durch Nebel wie durch Sturm veranlaßt.

Trotzdem kam nach einem sehr heftigen Nordwind, welcher auf einen jener Nebeltage folgte, das Postschiff Cashmere wohlbehalten aus England an. Es lief im Hafen von St. Pierre ein beim ersten Strahle des Tages, der vom Meer aufstieg, in demselben Moment, wo das Schloß Cornet durch einen Kanonenschuß den Anbruch des Tages verkündigte. Der neue Pfarrer von St. Sampson befand sich unter den Passagieren dieses Schiffes.

Kurz nach der Ankunft des Cashmere verbreitete sich in der Stadt das Gerücht, daß dieses Boot während der Nacht auf dem Meere von einer Schaluppe angerufen worden sei, auf welcher sich eine schiffbrüchige Mannschaft befunden habe.

————

Siebentes Capitel. Der Schläfer im Felsenstuhl.

In dieser Nacht war Gilliatt, als der Wind sich gelegt hatte, fischen gegangen; doch wagte er sich nicht in das Meer hinaus, sondern hielt sich dicht an der Küste.

Zur Zeit der Fluth kehrte er wieder nach Hause zurück; es mochte wohl um die zweite Nachmittagsstunde sein, die Sonne schien hell und strahlend. Als er am Kuhhorn vorüberkam, sah er einen Schatten in der Nische des Gild-Holm-‚Ur. Als er nahe genug herangekommen war, um deutlich erkennen zu können, sah er, daß dieser Schatten ein Mensch war, der auf dem Felsenstuhl saß. Das Meer war schon sehr hoch gestiegen, die Wogen umzingelten das Kuhhorn, die Rückkehr war unmöglich. Gilliatt gab nun dem Mann im Felsenstuhl durch Zeichen zu verstehen, daß Gefahr im Anzüge sei; dieser jedoch beantwortete mit keiner Miene seine Zeichensprache; er schlief.

Dieser Mann trug einen schwarzen Anzug. – Er sieht aus wie ein Priester, dachte Gilliatt. Er kam ihm ganz nahe und sah, daß er ein junger Mann war.

Er kannte ihn nicht.

Das Meer war nun schon so hoch gestiegen, daß er die Füße des Schläfers erreichen konnte, wenn er sich auf den Rand des Schiffes stellte. Er that dieses, indem er zu gleicher Zeit beide Arme in der Richtung des Felsenstuhles ausstreckte. Diese Stellung brachte ihn in die äußerste Gefahr; wäre er in diesem Augenblick in das Meer gestürzt, so hätte er schwerlich je wieder die Oberfläche desselben geschaut, denn er hätte sich unfehlbar in dem engen Raum zwischen dem Kuhhorn und seiner Schaluppe den Kopf an den Felsen zerschmettert. Er ergriff den Schläfer am Fuß.

– Heda, was macht Ihr hier?

Der Jüngling erwachte.

– Ich genieße die schöne Aussicht, sagte er.

Er erhob sich nun und setzte hinzu:

– Ich komme von der Reise, habe die ganze Nacht ans dem Meere kein Auge geschlossen, und wollte mich durch einen Spaziergang am Strande erfrischen; dies Plätzchen hier lockte mich wegen der herrlichen Fernsicht, die es bietet, doch wollten die müden Augen nicht länger offen bleiben. – Ihr traft mich eingeschlafen hier auf diesem Felsenstuhl. –

– In zehn Minuten hätte Euch die Fluth in’s Meer gespült.

– Pah!

– Springt in mein Schiff.

Gilliatt hielt mit dem Fuß die Barke fest, umklammerte mit einer Hand den Felsen und bot die andere dem Fremden dar; dieser erfaßte sie und schwang sich leicht und behend in das Fahrzeug. Es war ein außerordentlich schöner junger Mann. Gilliatt ergriff nun das Ruder und in zehn Minuten war er an seinem Hause angelangt.

Der junge Fremde trug einen runden Hut und eine weiße Kravatte. Sein langer schwarzer Rock war bis an den Hals zugeknöpft. Blondes Haar bedeckte sein Haupt wie eine Krone; er hatte ein fast weibliches Gesicht, ein reines Auge und ernste Züge.

Unterdessen hatte die Barke das Land erreicht; Gilliatt befestigte das Ankertau in dem eisernen Ring; als er sich umdrehte, reichte ihm die schöne weiße Hand des Fremdlings ein Goldstück.

Er schob diese Hand sanft zurück.

Es entstand eine Pause. Der Jüngling nahm zuerst wieder das Wort.

– Ihr habt mir das Leben gerettet, sagte er.

– Kann sein, antwortete Gilliatt.

Die Barke war nun befestigt; sie sprangen Beide an’s Land. Der junge Fremde wiederholte:

– Ich verdanke Euch mein Leben.

– Was thut das?

Dieser Antwort Gilliatt’s folgte abermals eine Pause.

– Seid Ihr aus diesem Kirchspiel? fragte nun der Fremde Gilliatt.

– Nein, war die Antwort.

– Zu welchem Kirchspiel gehört Ihr denn?

Gilliatt erhob die Hand gen Himmel und sagte:

– Zu jenem.

Der junge Mann grüßte und verließ ihn.

Nach einigen Augenblicken kehrte er jedoch zurück, zog ein Buch aus seiner Tasche und reichte es Gilliatt.

– Erlaubt mir wenigstens, Euch dieses anzubieten.

Gilliatt nahm es.

Es war eine Bibel.

Einen Augenblick darauf sah Gilliatt den jungen Mann den Weg nach St. Sampson einschlagen.

Da stand er, gelehnt an die Brustwehr, und sah dem sich Entfernenden so lange nach, als ihn sein Auge verfolgen konnte; dann aber senkte er den Kopf, vergaß seine neue Bekanntschaft, den Felsenstuhl und Alles, was eben jetzt noch seine Seele beschäftigt hatte, denn diese seine Seele hatte nur für ein einziges Bild, das der Geliebten, Raum.

Eine Stimme, die ihn bei seinem Namen rief, weckte ihn aus seinen Träumereien.

– He, Gilliatt!

Er kannte den Klang dieser Stimme.

– Was giebt es, Sieur Landoys?

Es war in der That Sieur Landoys, welcher in einer Entfernung von etwa hundert Schritten in seinem kleinen Phaeton an ihm vorüberfuhr. Er machte einen Augenblick Halt, um Gilliatt anzurufen, schien jedoch große Eile zu haben.

– Wichtige Neuigkeiten, Gilliatt, große Ereignisse. – Es hat sich etwas zugetragen –

– Wo?

– Im Hause der Muthigen.

– Was?

– Ich bin zu weit von Euch entfernt, um Euch Alles erzählen zu können.

Gilliatt erbebte.

– Verheirathet sich Miß Deruchette?

– Nein. Sie muß.

– Was meint Ihr?

– Gehet hin, so werdet Ihr es erfahren.

Sir Landoys trieb sein Pferd an, und wie der Wind sauste der kleine Wagen dahin.