I. Was man sieht, wenn man von Nivelles kommt.

An einem schönen Maimorgen des vergangenen Jahres (1861) machte ein Reisender, derselbe, welcher diese Geschichte erzählt, die Tour von Nivelles nach La Hulpe. Er ging zu Fuß. Der Weg ging zwischen zwei Baumreihen auf einer großen gepflasterten Chaussée hin, welche wellenförmig sich über Hügel hinaufschlängelt. Lillois und Bois-Seigneur-Isaac hatte er schon passirt. Im Westen gewahrte er den aus Schiefer gebauten Kirchthurm von Braine-l’Alleud, welcher die Gestalt einer umgekehrten Vase hat. Er hatte so eben ein auf einer Anhöhe befindliches Gehölz und an der Wende eines Seitenweges neben einer Art wurmstichigen Galgens, welcher die Inschrift »Alte Barriere Nr. 4« trug, ein Wirthshaus hinter sich gelassen, welches an seiner Vorderseite folgendes Schild hatte: »Zu den vier Wänden. Echabeau, Kaffeehaus.«

Eine Viertelstunde weiter kam er in einen Thalgrund, wo unter einem Brückenbogen Wasser in den Straßengraben fließt. Die einzelnen grünen Bäume, welche nach der Chaussée zu das Thal ausfüllen, zerstreuen sich nach der anderen Seite zu in den Wiesen und ziehen sich unordentlich und anmuthsvoll nach Braine-l’Alleud zu.

Rechts an der Straße stand ein Wirthshaus, davor ein vierrädriges Fuhrwerk, ein großes Bündel Hopfenstangen, ein Pflug, ein Haufen dürres Reisholz neben einer lebendigen Hecke, Kalk, der in einer viereckigen Grube rauchte und eine an einem strohenen Schuppen angebrachte Leiter. Ein junges Mädchen jätete auf dem Felde, wo ein großer gelber Zettel, wahrscheinlich die Ankündigung einer Kirmiß enthaltend, im Winde herum flatterte. Von der Ecke des Wirthshauses, neben einer Pfütze hin, in welcher zahlreiche Enten schwammen, führte ein schlecht gepflasterter Weg in das Gebüsch. Der Wanderer betrat dasselbe.

Nachdem er so etwa hundert Schritte längs einer Mauer aus dem fünfzehnten Jahrhundert mit spitzem Ziegeldache gemacht hatte, befand er sich einer großen gewölbten Steinpforte gegenüber mit einer gradlienigen Imposte im ernsten Style Ludwig XIV., an beiden Seiten mit zwei hervorragenden runden Flächen versehen, in welcher Brustbilder angebracht waren. Auf dem Boden vor der Pforte lagen drei Eggen, durch welche hindurch alle Blumen des Mai durcheinander wuchsen. Die Pforte war verschlossen. Sie hatte zwei alte morsche Flügelthüren zum Verschluß, welche mit einem alten verrosteten Klopfer geschmückt waren.

Die Scene war reizend; die Aeste hatten jenes sanfte Zittern des Mai, welches mehr von den Nestern als vom Winde herzukommen scheint. Auf einem Baume sang ein braver kleiner, wahrscheinlich verliebter Vogel, so eifrig wie er nur konnte.

Der Reisende bückte sich und betrachtete in dem links daliegenden Stein am rechten Thürflügel eine ziemlich große runde Aushölung, welche einer runden Honigzelle nicht unähnlich sah. In diesem Augenblicke öffneten sich die Thorflügel und eine Bäuerin trat heraus.

Sie sah den Reisenden und bemerkte, daß er sich in Betrachtungen erging.

»Eine französische Kugel hat das gethan,« sagte sie zu ihm.

»Was Sie da höher oben an der Thür sehen,« fügte sie hinzu, »neben einem Loche, das rührt von einer großen Kartätschenkugel her, welche aber nicht ganz durch das Holz durchgegangen ist.«

»Wie heißt der Ort?« fragte der Reisende.

»Hougomont,« sagte die Bäuerin.

Der Reisende richtete sich auf, ging einige Schritte weiter, sah über die Hecken und gewahrte am Horizont zwischen den Bäumen hindurch eine Art Hügel und auf demselben Etwas, das von Ferne wie ein Löwe aussah. Er befand sich auf dem Schlachtfelde von Waterloo.

X. Das Plateau von Mont-Saint-Hean.

Gleichzeitig mit dem Hohlwege wurde die Batterie demaskirt.

Sechzig Kanonen und dreizehn Carré’s feuerten auf die Cuirassire, welchen die Geschosse so zu sagen beinahe auf die Brust gesetzt wurden. Der unerschrockene General Delord machte der englischen Batterie seinen militairischen Gruß.

Die ganze fliegende englische Artillerie hatte sich im Galopp in die Carrés begeben. Die Cuirassire hatten nicht einmal Zeit festen Fuß zu fassen. Das Unglück im Hohlwege hatte sie zwar decimirt, aber nicht entmuthigt. Je geringer ihre Zahl wurde, desto größer wurde ihr Muth.

Im gestreckten Galopp, mit losgelassenen Zügeln, den Säbel zwischen den Zähnen, die Pistole in der Faust stürzten sie sich auf die englischen Carrés.

Es giebt in den Schlachten Augenblicke, wo die Seele den Körper bis zu dem Grade verhärtet, daß sie den Soldaten zu einer Statue macht, an welcher alles Fleisch Granit geworden ist.

Aber auch die in so heftiger Weise angegriffenen englischen Bataillone wichen nicht.

Es war schrecklich.

Alle Fronten der englischen Armee wurden zugleich angegriffen. Ein rasender Wirbel umhüllte sie. Die Infanterie aber blieb kalt und wankte nicht. Das erste Glied war nieder gekniet und empfing die Cuirassire mit dem Bajonett, während das zweite auf sie feuerte. Hinter diesem stand die Artillerie.

Von Zeit zu Zeit öffnete sich die Front des Carrés, ließ den Ausbruch einer Kartätschenladung durch und schloß sich wieder. Die Kuirassire blieben die Antwort nicht schuldig, wüthend säbelten sie Alles vor sich nieder. Mit ihren sich bäumenden Pferden setzten sie über die Bajonette, über die Glieder des Carrés mitten in dasselbe hinein, mitten in jene vier lebenden Mauern. Die Kugeln der Infanterie durchlöcherten die Reihen der Cuirassire, die Cuirassire brachen Bresche in die Carrés. Die durch die wüthende Kavallerie zusammengehauenen Carré’s zogen sich ohne zu wanken zusammen. Unerschöpflich im Schuß bewirken sie mitten unter den Angreifenden Explosionen. Sie waren Krater, die angreifende Kavallerie ein Sturm: die Lava kämpfte mit dem Blitz.

Das letzte Carré rechts, welches am meisten von allen ausgesetzt war, wurde schon beim ersten Anprall beinahe gänzlich vernichtet. Es war aus dem fünfundsiebzigsten Hochländer-Regiment gebildet. Der Dudelsackpfeifer saß in der Mitte auf einer Trommel und spielte, mit seinem melancholischen Auge, in welchem See und Hain der Heimath sich spiegelten, in tiefe Erinnerungen versunken, achtlos auf seine schreckliche Umgebung, Melodien der heimathlichen Berge, bis der Säbel eines Cuirassirs Sang und Sänger tödtete. Diese Schotten starben mit Erinnerungen an Ben Lothian wie die Griechen mit Erinnerungen an Argos. Die verhältnißmäßig wenig zahlreichen Cuirassire, welche durch die Katastrophe im Hohlwege noch mehr geschmolzen waren, hatten beinahe die ganze englische Armee gegen sich. Jeder aber galt so viel wie zehn. Das vergrößerte ihre Anzahl. Indessen begannen einige Hanoversche Regimenter zu weichen. Wellington sah es und dachte an seine Cavallerie. Hätte Napoleon in diesem Augenblicke an seine Infanterie gedacht, er würde die Schlacht gewonnen haben. Dieses Vergessen war ein großer verhängnißvoller Fehler von ihm.

Plötzlich sahen die angreifenden Kuirassire sich angegriffen. Die englische Cavallerie erschien hinter ihnen. Vor ihnen die Carré’s, hinter ihnen Somerset, d. h. vierzehnhundert Garde-Dragoner. Zu seiner Rechten hatte Somerset Dörnberg mit den deutschen Cheveauxlegers, zur Linken Trip mit den belgischen Carabiniers. So mußten die von allen Seiten angegriffenen Kuirassire nach überall hin Front machen. Was ging es sie an! Sie waren ein Wirbelwind.

Die hier auf allen Seiten bewiesene Tapferkeit ist unbeschreiblich: für solche Franzosen mußte es wenigstens solche Engländer geben.

Obwohl Ney mit Unterstützung herbeieilte und zwölf Angriffe erfolgten, hielten, sich die Carré’s immer noch. Ney wurden vier Pferde unter dem Leibe getödtet, die Hälfte der Kuirassire blieb auf dem Platze. Zwei Stunden dauerte der Kampf. Die Lage Wellingtons hatte sich verschlimmert. Diese seltsame Schlacht war wie ein Duell zwischen zwei bis auf den Tod erbitterter Verwundeten, die, ohne daß einer nachgiebt, bis auf den letzten Blutstropfen mit einander kämpfen. Wer von ihnen beiden wird zuerst fallen?

Wellington fühlte sich seinem Untergänge nahe: die Krisis war im Anzüge.

Die Kuirassire hatten zwar insofern ihren Zweck nicht erreicht, als sie das Centrum nicht durchbrochen hatten und sogar der größte Theil des Plateau’s, das Dorf und der Höhepunkt, den Engländern gehörte, während Ney nur den Abhang und den Kamm inne hatte. Die Schwächung der Engländer schien jedoch unheilbar, der Blutverlust dieser Armee war schrecklich. Die wüthenden Stöße der gewaltigen, eisenbepanzerten Schwadronen hatten die Infanterie zermalmt. Um fünf Uhr zog Wellington seine Uhr aus der Tasche und man hörte ihn dabei die düstern Worte murmeln: »Blücher oder die Nacht!«

Beinah in demselben Augenblicke blitzte in der Entfernung auf den Höhen nach Frischemont zu eine Bajonetlinie.

Das ist der Wendepunkt in diesem riesigen Drama.

XI. Napoleon hat einen schlechten, Bülow einen guten Führer.

Man kennt die schmerzliche Enttäuschung Napoleons: Grouchy wird erwartet, Blücher erscheint; der Tod statt des Lebens. Das Schicksal hat solche Wandlungen. Man erwartet den Thron der Weltherrschaft und sieht St. Helena vor sich. Wenn der kleine Hirte, welcher Bülow als Führer diente, diesem gerathen hätte, lieber oberhalb Frischemont statt unterhalb Planchenois aus dem Walde herauszukommen, so würde das neunzehnte Jahrhundert vielleicht eine andere Gestalt erhalten haben. Napoleon hätte die Schlacht von Waterloo gewonnen. Auf jedem andern Wege als auf dem unterhalb Planchenois wäre die preußische Armee auf eine für die Artillerie unübersteigliche Schlucht gestoßen und Bülow wäre nicht eingetroffen.

Eine einzige Stunde später – erklärt der preußische General Müffling – und Blücher hätte Wellington nicht mehr gefunden, »die Schlacht wäre verloren gewesen.«

Es war, wie man sieht, die höchste Zeit, daß Bülow ankam. Uebrigens war er sehr aufgehalten worden. Er hatte in Dion-le-Mont bivouakirt und war mit Anbruch des Tages aufgebrochen. Die Wege aber waren ungangbar und die Divisionen waren im Koth stecken geblieben. Die Gleise gingen bis an die Achsen der Kanonen. Außerdem hatte man den Dyle über die schmale Brücke zu Wavre passiren müssen; die zur Brücke führende Straße war von den Franzosen in Brand gesteckt; die Pulverwagen, die zwischen zwei Reihen brennender Häuser nicht hindurchfahren konnten, mußten warten, bis der Brand gelöscht war. Es war Mittag, als die Avantgarde Bülow’s Chapelle-Saint-Lambert noch nicht hatte erreichen können.

Wäre die Schlacht zwei Stunden früher begonnen worden, so würde sie um vier Uhr zu Ende gewesen und Blücher würde auf dem Schlachtfelde angelangt sein, wenn sich dasselbe bereits in den Händen des siegreichen Napoleon befunden. So sind diese unermeßlichen Zufälligkeiten mit dem Unendlichen in Uebereinstimmung gebracht, welches unserem sterblichen Auge entgeht.

Schon seit Mittag hatte der Kaiser zuerst mit seinem Fernrohre am äußersten Horizonte Etwas bemerkt, das seine Aufmerksamkeit fesselte. Er sagte: »ich sehe da unten eine Wolke, die mir von Truppen herzurühren scheint.« Dann fragte er den Herzog von Dalmatien: »Soult, was sehen Sie in der Richtung nach Chapelle-Saint-Lambert zu?« – Der Marschall richtete sein Fernrohr dahin und antwortete: »Vier bis fünftausend Mann, Sire. Offenbar Grouchy,« Jenes Etwas blieb indeß unbeweglich in dem Nebel. Alle Fernrohre des Generalstabes beobachteten die von dem Kaiser bemerkte »Wolke«. Einige sagten: »es sind Colonnen, die Halt machen.« Die Meisten erklärten aber: »es sind Bäume.« Allerdings bewegte sich die Wolke nicht und der Kaiser sandte Domons Division leichter Reiterei auf Recognoscirung dieses dunkeln Punktes aus.

Bülow hatte sich in der That nicht gerührt. Seine Avantgarde war sehr schwach und vermochte nichts. Er mußte auf das Gros des Armeecorps warten und hatte den Befehl, sich zu concentriren, ehe er in die Schlachtlinie einrücke. Um fünf Uhr aber befahl Blücher, da er die Gefahr Wellingtons sah, Bülow, anzugreifen und sprach dabei das beachtenswerthe Wort: »Man muß der englischen Armee Luft machen.«

Bald nachher entfalteten sich die Divisionen Losthin, Hiller, Hacke und Ryssel vor dem Lobau’schen Corps, die Cavallerie des Prinzen Wilhelm von Preußen brach aus dem Walde hervor, Planchenois stand in Flammen und die preußischen Kugeln begannen selbst bis in die Reihen der Garde-Reserve hinter Napoleon hinein zu regnen.

XII. Die Garde.

Das Uebrige kennt man: daß eine dritte Armee einbrach, die Schlacht verschoben wurde, plötzlich sechs und achtzig Feuerschlünde donnerten, Pirch I. mit Bülow und die Kavallerie Ziethens unter. Blüchers eigener Führung die Franzosen überraschte; daß die Franzosen zurückgeworfen, Macognet von dem Plateau Ohains hinweggefegt, Darutte aus Papolette vertrieben wurde, daß Donzelot und Quiot wichen und mit Einbruch der Nacht eine neue Schlacht sich auf die ermatteten französischen Regimenter stürzte; daß die ganze englische Linie von Neuem die Offensive ergriff und, vorwärts gedrängt, in die französische Armee wie ein gigantischer Keil einbrach; wie die englischen und preußischen Kartätschen einander unterstützten zur Vernichtung der Franzosen; wie endlich bei diesem Unglück auf allen Seiten die Garde in diesem entsetzlichen Zusammensturz, in die Schlachtlinie einrückte.

Da sie fühlte, daß sie in den Tod gehe, rief sie: »es lebe der Kaiser!« Die Geschichte kennt nichts Ergreifenderes als diesen in Jubelrufe ausbrechenden Todeskampf.

Der Himmel war den ganzen Tag über bedeckt gewesen. Plötzlich und grade in diesem Augenblicke, es war acht Uhr Abends, zogen sich die Wolken vom Horizont zurück und ließen durch die Ulmen an der Straße von Nivelles den mächtigen unheimlichen rothen Glanz der untergehenden Sonne durchdringen. In Austerlitz hatte man sie aufgehen sehen.

Jedes Bataillon der Garde war bei diesem Entscheidungskampf von einem General commandirt. Es waren Friant, Michel, Roquet, Harlet, Mallet, Poret von Morvan. Als die hohen Mützen der Grenadiere der Garde mit der breiten Adlerplatte, symmetrisch in schnurgrader Linie, ruhig, im Düster dieses Gedränges erschienen, fühlte der Feind Achtung vor Frankreich; man glaubte zwanzig Siege mit entfalteten, flatternden Fahnen auf dem Schlachtfelde erscheinen zu sehen, und diejenigen, welche die Sieger waren, hielten sich für besiegt und wichen zurück. Wellington aber rief: »Auf Garden, zielt gut!« Das rothe Regiment der englischen Garde, das hinter den Hecken lag, erhob sich, und ein Hagel von Kugeln durchlöcherte die dreifarbige, um die französischen Adler zitternd flatternde Fahne, Alles stürzte hervor – das letzte Gemetzel begann. Die kaiserliche Garde fühlte im Dunkel, daß die Armee um sie her wankte, die beginnende Verwirrung der ungeheuren Flucht; sie vernahm das sauve qui peut (es rette sich wer kann), das «n die Stelle des »es lebe der Kaiser!« getreten war. Während man hinter ihr floh, rückte sie vor, mehr und mehr niedergeschmettert, von Schritt zu Schritt dem Tode näher rückend. Zögernde und Furchtsame gab es da nicht. Der Soldat in dieser Truppe war ein ebenso großer Held wie sein General. Kein Mann entzog sich dem Tode, welcher hier einem Selbstmorde in gewisser Beziehung nicht unähnlich war. Ney, außer sich, groß im großartigen Bewußtsein des freiwilligen Todes, bot sich in diesem Unwetter allen Kugeln dar. Das fünfte Pferd schon war unter ihm gefallen. Mit flammenden Augen, triefend von Schweiß, Schaum auf den Lippen, mit aufgeknöpfter Uniform, eine seiner Epauletten von einem englischen Cavalleristenhiebe halb durchschnitten, sein Ordenstern auf der Brust durch eine Kugel verbogen, blutend, von Schmutz bedeckt, großartig, einen zerbrochenen Degen in der Hand, rief er: »Seht, wie ein Marschall Frankreichs auf dem Schlachtfelds stirbt!« Es war jedoch vergebens, er starb nicht. Wild und aufgebracht fragte er Drouet von Erlon: »Läßt Du Dich denn nicht tödten?« Mitten unter dieser Kanonade, welche diese Handvoll Männer niederwarf, rief er: »Giebt es denn nichts für mich? Ach! daß doch alle diese englischen Kugeln mir in den Leib führen!«. Unglücklicher! Du warst für französische Kugeln aufgespart!

XIII. Die Katastrophe.

Die Flucht hinter der Garde war schauerlich. Die Armee zog sich plötzlich auf allen Zeiten zurück, von La Haie-Sainte, von Papelotte, von Planchenois. Dem Rufe: Verrath! folgte der andere: Rette sich wer kann! Eine Armee, die sich auflöset, ist wie Eisgang. Alles zerreißt, zerspringt, senkt sich, schwimmt, fällt, stößt, wälzt und überstürzt sich. Unerhörte Auflösung! Ney, borgt sich ein Pferd, springt auf dasselbe und ohne Hut, ohne Halsbinde, ohne Degen stellt er sich quer auf die Straße nach Brüssel und hielt zugleich die Engländer und die Franzosen auf. Er bemühte sich die Armee zu halten; er rief sie an, er schimpfte sie, krampfhaft hängt er sich an die Flucht, um sie aufzuhalten. Diese aber überfluthet ihn. Die Soldaten wichen ihm aus, und riefen: »es lebe der Marschall Ney!« Zwei Regimenter Durutte’s zogen hin und her wie herumgeworfen zwischen den Säbeln der Uhlanen und den Kugeln der Brigaden Kempt, Best, Pack und Rylandt. Das schlimmste Gedränge ist die Flucht. Freunde ermorden sich, um fliehen zu können; die Schwadronen und Bataillone lösen sich auf und zerstreuen sich unter- und gegeneinander wie ungeheurer Schaum der Schlacht. Lobau an dem einen und Reille an dem anderen Ende werden in die Flut hineingezogen. Vergebens baut Napoleon mit dem Reste der Garde, die ihm geblieben, Mauern auf; vergebens verschwendet er seine Schwadronen zu einer letzten Anstrengung. Guyot, der die Kaiser-Schwadronen zum Angriffe führte, fällt unter den Hufen der englischen Dragoner. Napoleon galoppirt an den Fliehenden hin, redet sie an, drängt, droht, bittet. Jeder Mund, der des Morgens »es lebe der Kaiser!« gerufen hatte, blieb stumm. Man kannte ihm kaum. Die frisch angekommene preußische Cavallerie stürzt im Fluge herbei, säbelt nieder, zerhackt, mordet, vernichtet. Die Kanonen fliehen. Die Trainsoldaten spannen die Pferde ab und retten sich auf denselben; allerlei umgestürzte Wagen versperren die Straße und werden Veranlassung zu neuen Metzeleien. Einer tritt den Anderen, man metzelt sich gegenseitig nieder. Man läuft über Lebende und Todte hinweg. Die Arme wissen nicht was sie thun. Eine vom Schwindel ergriffene Menge füllt die Straßen und Wege, die Brücken, die Ebenen, die Hügel, die Thäler und die Wälder aus, welche von dieser Flut verdunkelt werden. Wilde Rufe, ins Getreide weggeworfne Tornister und Gewehre, keine Kameraden, keine Offiziere, keine Generäle mehr, nichts als ein unaussprechlicher Schrecken! Mit Säbeln bahnt man sich einen Weg. Ziethen säbelt Frankreich mit aller Bequemlichkeit nieder. Aus den Löwen sind Lämmer geworden. Das war die Flucht.

In Genappe versuchte man sich umzuwenden, Front zu machen, sich zu sammeln, Lobau sammelte dreihundert Mann. Man verbarricadirte den Eingang des Dorfes, aber schon beim ersten Einschlagen der preußischen Kugeln wendete man sich von Neuem zur Flucht und Lobau wurde gefangen genommen.

Die Preußen stürzten sich nach Genappe, wüthend ohne Zweifel, daß sie so wenig gesiegt. Die Verfolgung war grauenhaft. Blücher befahl Alles nieder zu machen. Roguet hatte zuerst jenes betrübende Beispiel gegeben, als er gedroht, jeden französischen Grenadier erschießen zu lassen, der ihm einen preußischen Gefangenen bringe. Blücher übertraf Roguet. Der General der jungen Garde, Duhesme, lehnte an der Thür eines Wirthshauses in Genappe, übergab seinen Degen einem Todten-Husaren, der den Degen nahm und den Gefangenen niederstach. Nach dem Siege die Niedermetzelung der Besiegten. Wir sind die Geschichte. Deshalb wollen wir strafend das Wort aussprechen: »der alte Blücher befleckte seine Ehre.« Diese Grausamkeit setzte dem Unglück die Krone auf. Die verzweiflungsvolle Flucht ging durch Genappe, Quatre-Bras, Sombresse, durch Frasnes, Thuin Charleroi, und machte erst an der Grenze Halt. Ach! und wer floh in solcher Weise? Die große Armee!

Hat dieser Schwindel, dieser Schrecken, dieser Sturz der höchsten Tapferkeit, welche jemals die Geschichte in Erstaunen setzte, keine Ursache? Nein! Der Schatten des gewaltigen Rechts wirft sich auf Waterloo. Es ist der Tag des Geschickes. Die Macht über den Menschen schuf diesen Tag. Daher die allgemeine Verwirrung; daher kommt es, daß alle diese großen Seelen ihre Waffen streckten. Die, welche Europa besiegt hatten, waren niedergeworfen. Sie hatten nichts mehr zu sagen, nichts mehr zu thun; sie ahnten im Dunkel das Dasein von etwas Schrecklichem. Hoc erat in fatis. (So wollte es das Schicksal.) An diesem Tage änderte sich die Perspective des menschlichen Geschlechts. Waterloo ist der Angelpunkt des neunzehnten Jahrhunderts.

Der große Mann mußte verschwinden, damit das große Jahrhundert erscheinen konnte. Einer übernahm es, dem man niemals wiederspricht. Daraus erklärt sich der panische Schrecken der Heroen. In der Schlacht von Waterloo sehen wir mehr als eine Wolke, wir sehen ein Meteor. Gott war in derselben. Bei einbrechender Nacht ergriffen Bernard und Bertrand auf einem Felde bei Genappe einen in Gedanken versunkenen, finstern, düster blickenden Mann, welcher, von der Strömung der Flucht mit fortgetrieben, so eben von seinem Pferde abgestiegen war und den Zügel seines Pferdes unter dem Arm, neben demselben her zu Fuß und allein nach Waterloo hin zurückging. Es war Napoleon, welcher noch vorwärts zu gehen versuchte: schlafwandelnder Titan gestürzten Traumes.

XIV. Das letzte Carré.

Einige Carrés der Garde, unbeweglich in der Fluth der Flucht, wie Felsen im fließenden Wasser, hielten aus bis zur Nacht. In der Nacht erwarteten auch sie den Tod und unerschütterlich ließen sie sich einhüllen von diesem zweifachen Dunkel.

Ein jedes Regiment starb für sich, denn die Verbindungen mit den andern waren abgebrochen. Einige hatten auf den Höhen von Rossomme, andere in der Ebene Mont-Saint-Jean Stellung genommen, um diesen letzten Kampf zu kämpfen. Hier kämpften diese düsteren Carrés, verlassen, besiegt, schrecklich, einen furchtbaren Todeskampf. Ulm, Wagram, Jena, Friedland starben in ihm.

Gegen neun Uhr Abends in der Dämmerung war unten am Plateau von Mont-Saint-Jean noch Eines übrig. In diesem düstern, von englischen Massen übergossenen Thale am Fuße des Abhanges, welchen die Kürassiere erklommen hatten, kämpfte dieses Carré unter dem Kreuzfeuer der siegreichen feindlichen Artillerie, unter einem furchtbar dichten Kugelregen. Der Commandant desselben hieß Cambronne, ein unbekannter Offizier. Mit jeder Kugelladung wurde das Carré kleiner. Es gab jedoch Widerpart. Den Kartätschenkugeln antwortete es mit Flintenkugeln und dabei zog es seine vier Mauern immer mehr zusammen. Von Fern hörten die Fliehenden, wenn sie erschöpft einen Augenblick stehen blieben, dieses in der Dunkelheit schwächer und schwächer werdende, düstere Donnern.

Als diese Legion nur noch eine Hand voll Soldaten war, ihre Fahne nur noch ein Fetzen, ihre Gewehre wegen Mangel an Munition nur noch Stücke, als der Haufen der Gefallenen größer war als die Gruppe der Lebenden, empfanden die siegreichen Gegner diesen erhabenen Sterbenden gegenüber einen heiligen Schrecken. Die englische Artillerie schwieg. Es war ein Aufschub.

Die Kämpfenden hatten um sich herum gleichsam ein Gewimmel von Gespenstern, Silhouetten von Menschen zu Pferde, die dunkeln Umrisse der Kanonen, den zwischen Rädern und Lafetten hindurch schimmernden hellen Himmel. Der colossale Kopf des Todes, welchen die Helden im Pulverdampfe im Hintergrunde der Schlacht stets undeutlich erblickten, näherte sich ihnen immer mehr und schaute sie an.

Im Dämmerungsdunkel konnten sie die neue Ladung der Kanonen hören; die angezündeten Lunten, welche in dem Dunkel der Nacht wie Tiegeraugen aussahen, bildeten einen Kreis um ihre Köpfe. Alle Lunten wurden dicht an die Kanonen gebracht. Da rief in höchster Erregung ein englischer General (nach einigen Colville, nach andern Maitland), die letzte über dem Haupte der Helden schwebende Minute aufhaltend: »Ergebt Euch, tapfere Franzosen!« Cambronnes Antwort lautete: »Dreck!«

XV. Cambronne.

Mit Erlaubniß des französischen Lesers sei es gesagt, daß das schönste Wort, welches vielleicht je ein Franzose ausgesprochen, nicht einmal wiederholt werden kann; daß es verboten ist, das Erhabene in die Geschichte niederzulegen. Wir haben uns auf unsre Gefahr von diesem Verbot dispensirt.

Unter jenen Riesen gab es einen Titanen und dieser war Cambronne.

Was giebt es Größeres, als dieses Wort zu sagen und dann zu sterben! Denn sterben heißt, sterben wollen, es ist nicht seine Schuld, wenn er die Kanonade überlebt.

Der Mann, welcher die Schlacht von Waterloo gewonnen hat, ist nicht der fliehende Napoleon, nicht Wellington, welcher um 4 Uhr zu weichen begann und um 5 Uhr verzweifelte; es ist nicht Blücher, der sich gar nicht geschlagen hat! Der Mann, welcher die Schlacht von Waterloo gewonnen hat, ist Cambronne. Ein solches Wort dem euch tödtenden Donner ins Gesicht zu schleudern, heißt siegen. Diese Antwort der Catastrophe geben, dieses dem Schicksal ins Gesicht sagen, ironisch im Grabe zu sein, in einer Silbe die europäische Coalition zu ertränken, aus dem Letzten der Worte das Erste zu machen, Leonidas durch Rabelais zu vervollständigen, auf eigene Faust Waterloo mit einem Fastnachtsdienstag zu beschließen, diesen Sieg in ein letztes, unmöglich auszusprechendes Wort zusammen zu fassen, den Boden unter den Füßen zu verlieren und dabei die Geschichte im Auge zu behalten, nach solcher Metzelei die Lacher für sich zu haben – das ist ungeheuer, es ist eine dem Blitz angethane Beschimpfung, das ist äschyleische Größe. Das Wort Cambronnes brach verachtungsvoll hervor aus der Brust, in welcher der Todeskampf wüthete. Wer hat gesiegt? Wellington? Nein, denn ohne Blücher wäre er verloren gewesen. Blücher? Nein, denn wenn Wellington nicht begonnen hätte, hätte er nicht endigen können. Dieser Cambronne, welcher in der letzten Stunde erscheint, dieser unbekannte Soldat, dieser unendlich kleine Kriegsmann fühlt, daß die Catastrophe eine Lüge enthalt, welche ihn doppelt peinigt. Und in dem Augenblicke, wo er darüber vor Zorn außer sich geräth, bietet man ihm zum Hohn das Leben. Wie sollte er da nicht auffahren! Da suchte er nach einem Worte, wie man nach einem Schwerte sucht. Der Schaum kommt ihm auf die Lippen und dieser Schaum ist das Wort. Vor diesem großen und doch mittelmäßigen Siege, vor diesem Siege ohne Sieger richtet sich dieser Verzweifelte in die Höhe, er unterliegt der Massenhaftigkeit, er constatirt aber ihr Nichts. Und das heißt, Sieger sein.

Auf das Wort Cambronne’s antwortete die englische Stimme: »Feuer!« Die Batterien flammten, der Hügel zitterte, ein letztes schreckliches Geheul entstieg allen diesen Rachen von Erz. Eine ungeheure Rauchwolke, matt erleuchtet von dem aufgehenden Mond, rollte dahin. Als der Rauch sich verzog, war nichts mehr da. Jener ungeheure Ueberrest war vernichtet, die Garde war todt.

So endeten die französischen Legionen, welche höher zu stellen sind als die römischen, zu Mont-Saint-Jean auf der von Regen und Blut getränkten Erde an der Stelle, wo heut zu Tage 4 Uhr früh, pfeifend und lustig mit der Peitsche knallend der Postillon mit der Post, welche von Nivelles kommt, vorüberfährt.

Zweites Buch. Die Arbeit.


Erstes Capitel. Die Hülfsmittel dessen, dem Alles mangelt.

Die Grotte entließ ihre Besucher nicht ohne Weiteres. Der Eintritt war nicht bequem gewesen, doch der Ausgang bot noch viel bedeutendere Schwierigkeiten. Gilliatt legte dennoch den Heimweg zurück und begab sich niemals wieder in die Höhle. Er hatte darin nicht gefunden, was er suchte, und seine Zeit gestattete ihm keine weitere Befriedigung seiner Neugier.

Ohne Säumen begann er seine Schmiedearbeit. Da ihm Handwerkszeug fehlte, mußte er dasselbe anfertigen.

Das Wrack lieferte ihm das Brennmaterial, die See war sein Triebrad, der Wind sein Blasebalg, ein Felsblock ersetzte den Amboß, sein natürliches Talent diente ihm statt der Wissenschaft, seine Willenskraft als Macht.

Gilliatt begann seine Arbeit mit brennendem Eifer.

Das Wetter zeigte sich seinem Streben geneigt. Es war immer noch trocken und die Aequinoctialwinde übten ihre Herrschaft auf die schonendste Weise. Trotz der Märzzeit blieb es stille. Die Tage nahmen zu. Das Himmelsblau, die sanfte Bewegung des Meeres, die Heiterkeit des Mittags, schienen jede böse Absicht auszuschließen. Die See lächelte im Sonnenschein. Ein zärtliches Vorspiel würzt künftigen Verrath. Das Meer ist mit dergleichen Liebkosungen nicht geizig. Hat man es mit diesem Weibe zu thun, so hüte man sich vor seinem Lächeln.

Es wehten nur gelinde Lüfte; der hydraulische Blasebalg arbeitete um so besser. Starker Wind wäre hinderlich gewesen.

Gilliatt hatte eine Säge. Er verfertigte sich eine Feile. Mit ersterer bearbeitete er das Holz, mit letzterer die Metalle. Auch bediente er sich der Feuer- und der Kneipzange, dieser eisernen Hände des Schmieds. Erstere packt, letztere formt; die eine versieht die Dienste des Daumens, die andere vertritt den Zeigefinger.

Das Handwerkszeug ist ein Organismus. Gilliatt verschaffte sich allmälig Hülfstruppen und schmiedete sich seine Waffenrüstung.

Aus einem Reifholz machte er ein Schirmdach für seinen Feuerheerd.

Eine seiner ersten Sorgen war das Aussondern und Ausbessern der Blockrollen. Auch setzte er die Räder und Kästen der Flaschenzüge wieder in Stand, trennte alles Splitterwerk von den zerbrochenen Balken und stutzte ihre Enden zu; wie wir schon sagten, besaß er zur Ausführung seiner Zimmerarbeiten eine Menge Schiffstrümmer, die er früher aufgespeichert und ihren Formen und Stoffen gemäß geordnet hatte. Das Holz der Strandeiche und Kiefer lag auf seinem bestimmten Platz, wie Krummhölzer, Katzsparren und Decklukeinfassungen auf dem ihrigen. Er konnte dieser Hülfsmittel seiner Zeit nothwendig bedürfen. –

Jeder, der eine Zugwinde herstellen will, muß nicht nur Balken und Flaschenzüge, sondern auch Seile haben. Gilliatt verbesserte die Kabeltaue und Grelinge. Er spannte die zerrissenen Segel und es gelang ihm, die aus ihren Säumen gezogenen Halbseile zu Troß umzuarbeiten. Mit diesem fügte er das Tauwerk zusammen. Leider konnten diese künstlichen Ausbesserungen sich nicht lange halten, ohne zu verfaulen, weshalb Gilliatt eilen mußte, sie in Tätigkeit zu setzen. Aufgelöste Seile hatte er freilich benutzt, aber es fehlte ihm an Theer.

Als das Tauwerk hergestellt war, setzte Gilliatt die Ketten in Stand.

Dank des spitzen Vorsprungs seines Ambosses gelang es ihm, plumpe, aber haltbare Ringe zu schmieden. Mit diesen verband er die Enden der zerrissenen Ketten und verlängerte sie.

Auf eigene Hand schmieden, ist mehr als unbequem. Dennoch kam Gilliatt zum Ziel. Freilich hatte er nur kleine, wenig massenhafte Gegenstände herzustellen, die er mit Hammer und Zange formte, indem er jedes dieser Werkzeuge in einer Hand gefaßt hielt.

Weshalb wandte er alle diese Mühe an? Wir werden es erfahren.

Er mußte die Schneide seiner Axt und die Zähne seiner Säge mehrmals schärfen. Um die Letzteren spitzen zu können, hatte er sich eine dreieckige Feile verfertigt.

Bei irgend einer Gelegenheit bediente er sich des Gangspills der Durande. Der Kettenhaken zerbrach. Er schmiedete einen neuen daraus. Mit Hülfe seiner Zangen und seines Meißels, den er in der Weise eines Schraubenschlüssels anwandte, unternahm er es, die beiden Räder des Schiffes zu zerlegen. Es gelang ihm. Man wird nicht vergessen haben, daß dies keine Unmöglichkeit war. Die Räder hatten eine eigenthümliche Construction. Die Treträder, welche sie umgaben, schützten sie. Aus den Brettern der Letzteren zimmerte Gilliatt zwei Kisten, in denen er alle Theile der beiden Laufräder, sorgfältig numerirt, aufbewahrte.

Sein Stück Kreide leistete ihm hierbei kostbare Dienste. Die beiden Kisten stellte er auf den sichersten Platz des Schiffsverdecks.

Nach Beendigung dieser Vorarbeiten stand Gilliatt der Hauptschwierigkeit seines Unternehmens gegenüber.

Es war ein Leichtes gewesen, die Räder zu zerlegen; schwer hielt es aber, dasselbe mit der Maschine zu thun.

Ueberdies hatte Gilliatt keine klare Anschauung von dem Bau des Getriebes.

Wenn er auf’s Gerathewohl zu Werke ging, konnte er der Maschine unverbesserlichen Schaden zufügen, und selbst, wenn er die Unklugheit eines Versuchs hätte begehen wollen, mußte er andere Werkzeuge haben als solche, wie man sie in einer Höhle statt der Schmiede, mit Hülfe eines Zugwindes statt des Blasebalges und auf einem als Amboß dienenden Kiesel anfertigen kann. Das Streben, die Maschine auseinanderzulegen, war von der Gefahr, dieselbe zu zerstören, begleitet.

Man glaubte einer unausführbaren Sache in’s Auge zu sehen.

Dem Anschein nach stand Gilliatt vor einer Schranke, die Unmöglichkeit heißt.

Was war zu beginnen?

Er hatte seine Idee.

Nicht wissen, was thun, treibt zum Versuchen. Die Unentschlossenheit ist eine Träumerei und wird durch ihre Neugierde zur Kraft. Wissen bringe manchmal aus der Fassung giebt oft schlechten Rath. Hätte Gama Kenntnisse gehabt, so wäre er vor dem Vorgebirge der Stürme zurückgewichen, und Columbus würde Amerika nicht entdeckt haben, wenn er ein guter Kosmograph gewesen wäre.

Der zweite Besteiger des Montblanc war ein Gelehrter, Saussure; der erste ein Schäfer, Balmat.

Diese Fälle bilden gleichwohl, wie wir im Vorbeigehen bemerken wollen, die Ausnahme und verringern den Werth der eigentlichen Wissenschaft nicht im Geringsten. Der Unwissende kann finden, der Gelehrte allein kann erfinden.

Die Barke lag immer noch in der Bucht des »Mannes«, wo ihr das Meer nichts anhaben konnte, vor Anker und Gilliatt hatte, wie man sich erinnern wird, Alles so hergerichtet, daß sie ihm völlig bequem zur Hand war. Er ging hin und maß sorgsam die Größe ihres Querbalkens an mehreren Stellen, namentlich die Hauptkoppel, dann kehrte er zur Durande zurück und maß den großen Durchmesser des Maschinenbodens, welchen er, ohne die Räder, um zwei Fuß schmäler als den größten Querbalken der Barke fand, so daß die Maschine in dieser Platz hatte.

Wie konnte man sie aber hineinschaffen?

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Zweites Capitel. Gilliatt’s Meisterstück kommt dem des Lethierry zu Hülfe.

Kurze Zeit darauf hätte ein Fischer, welcher toll genug gewesen wäre, sich zu solcher Jahreszeit in dieser Gegend aufzuhalten, seine Kühnheit durch den Anblick einer ganz eigentümlichen Geschichte zwischen den Douvres-Felsen belohnt gefunden.

Er hätte nämlich Folgendes wahrgenommen: Vier starke Balken gingen in gleichen Zwischenräumen von der einen Klippe zur andern und waren auf die haltbarste Art, durch Einzwängen in die Felsen, befestigt. An dem kleinen Douvre ruhten und endigten ihre äußersten Spitzen gegen Vorsprünge des Felsens; an dem großen Douvre waren ihre andern Enden von einem kräftigen Arbeiter, der auf dem einzurammenden Balken selbst stehen mußte, mit starken Hammerschlägen in die steilen Böschungen getrieben worden.

Diese Balken waren etwas länger, als der Zwischenraum breit war, so daß sie äußerst fest hielten und etwas schräg lagen. Ihr spitzer Winkel war dem großen und ihr stumpfer dem kleinen Douvre zugekehrt. Sie schossen schwach und ungleichmäßig ab, was ein Fehler war. Davon abgesehen, hätte man glauben können, sie seien zur Aufnahme eines Docks angelegt worden. An diesen vier Balken waren vier Krahnen angebracht, alle mit Tauen und Hemmungen; gewagt und sonderbar schien dabei nur das zu sein, daß sich der Flaschenzug mit den beiden Rollen an dem einen und der einfache Kloben am entgegengesetzten Ende des Balkens befand. Dieses Abweichen von der Regel war zu groß, um nicht gefährlich werden zu können, wahrscheinlich aber für das Unternehmen, welches hier ausgeführt werden sollte, zweckdienlich. Die Flaschenzüge waren stark und die Kloben fest.

An diesen Krahnen befanden sich Kabel, welche von Weitem wie Fäden aussahen, und unter diesem luftigen Apparate von Flaschenzügen und Gerüsten glaubte man an jenen Fäden den gestrandeten Rumpf der Durande hangen zu sehen.

Aber so weit war es noch nicht. Senkrecht unter den Balken waren acht Oeffnungen in dem Deck angebracht, vier Backbord und vier Tribord von der Maschine, und acht andere gerade unter diesen im Kiele. Die Taue, welche senkrecht von den Flaschenzügen herabliefen, wurden durch die Tribordöffnungen in den Schiffsraum eingeführt, gingen dann unter dem Kiele und der Maschine fort, gelangten wieder durch die Oeffnungen am Backbord in das Schiff, stiegen von Neuem durch das Deck in die Höhe und waren schließlich um die vier Kloben an den Balken geschlungen; hier faßte sie eine Art Hißtau und vereinigte sie zu einem einzigen Kabel, welches ein einziger Arm lenken konnte. Ein Haken und eine durchbohrte Rolle, durch deren Loch dies Kabel lief und sich abhaspelte, vollendeten den Apparat und hemmten ihn nötigenfalls.

Durch dieses Zusammenlaufen der Taue mußten die vier Krahnen zu gleicher Zeit arbeiten und so die Arbeit gleichmäßig vertheilt werden. Es gehörte die richtige Zügelung der vorhandenen Kräfte, ein starkes Steuerruder in der Hand eines gewandten Piloten dazu, dies Unternehmen auszuführen. Die sehr geniale Befestigung des Hißtaues hatte einiges von den vereinfachenden Eigenschaften der heutigen Weston-Winden und des alten, von Vitruve erfundenen Polyspaston. Gilliatt war darauf gekommen, ohne Vitruve, der nicht mehr, und ohne Weston, der noch nicht lebte, zu kennen. Die Länge der Kabel wechselte mit der ungleichen Abschüssigkeit der Balken und hob diesen Fehler zum Theil wieder auf. Taue waren gefährlich, die weißen Stricke konnten reißen; Ketten wären besser gewesen, aber sie hätten sich schlecht von den Winden abgehaspelt.

Dies Alles war zwar voller Fehler, aber als die That eines einzigen Menschen staunenerregend.

Uebrigens wollen wir die Beschreibung jetzt abbrechen.

Man wird es begreiflich finden, daß wir viele Einzelheiten, welche die Sache zwar für Fachgenossen deutlicher, für Andere aber unverständlicher macht, mit Schweigen übergehen.

Die Spitze des Maschinenrauchfangs ging zwischen den beiden Mittelbalken hindurch.

Gilliatt hatte, ohne es zu ahnen, und unbewußt Unbekanntes nachahmend, nach drei Jahrhunderten den Mechanismus des Zimmermans von Salbris wiederhergestellt, jenen rohen und fehlerhaften Mechanismus, gefährlich für den, welcher wagen sollte, mit ihm zu arbeiten.

Aber selbst die gröbsten Fehler verhindern eine Maschine nicht, so gut als möglich zu arbeiten; sie hinkt, aber es geht doch. Der Obelisk auf dem Sanct-Peter-Platze zu Rom ist gegen alle Regeln der Statik aufgestellt worden. Czaar Peter’s Wagen war so gebaut, daß er bei jedem Schritt umzufallen schien, und doch rollte er vorwärts. Wie viele Ungehörigkeiten an der Maschine zu Marly! Alles an ihr war falsch und doch gab sie Ludwig XIV. zu trinken.

Wie dem auch sei, Gilliatt hatte Vertrauen und war sogar von dem Erfolge so fest überzeugt, daß er am Tage seiner Abreise in den beiden Bordseiten der Barke zwei Paar eiserner Ringe einließ, welche eben so weit von einander abstanden, als die vier Ringe auf der Durande, welche die vier Ketten des Rauchfangs festhielten.

Gilliatt hatte seinen Plan jedenfalls schon fix und fertig; denn da alle Aussichten gegen ihn waren, so wollte er wenigstens alle Vorsicht auf seiner Seite haben.

Er that Dinge, welche unnütz schienen; ein Beweis aufmerksamen Vorbedachtes!

Seine Art, vorwärts zu gehen, hätte, wie wir schon bemerkt haben, einen einfachen Beobachter, ja sogar einen Sachverständigen, außer Fassung gebracht.

Ein Zeuge seiner Arbeiten, der zum Beispiel gesehen hätte, wie er mit unerhörter Anstrengung und mit Lebensgefahr acht bis zehn große Nägel, welche er selbst geschmiedet hatte, in den Fuß der beiden Douvres beim Anfange der Durchfahrt einschlug, hätte schwerlich verstanden, wozu sie dienen sollten, und sich wahrscheinlich gefragt, was diese ganze Arbeit bezwecke.

Hätte er dann gesehen, wie Gilliatt das Stück des Vordertheils, welches, wie man sich erinnert, am Strande festhaftete, maß, hieraus ein sehr festes Greling an seinem obern Rande befestigte, mit Axtschlägen die ausgefugten Balken, welche es festhielten, lostrennte, es mit Hülfe der abnehmenden Fluth, welche es von unten vorwärts stieß, während er nach oben zog, aus der Straße schleppte und schließlich mit großer Mühe dieses schwere Planken- und Balkengerüst, welches breiter, als die Einfahrt in die Meerenge selbst war, mittelst des Greling an den Nägeln, welche er in dem Grund des kleinen Douvre eingetrieben hatte, befestigte; dies Alles würde ein Beobachter vielleicht noch weniger verstanden und sich gesagt haben, daß, wenn Gilliatt, um sich seine Arbeit zu erleichtern, die Straße zwischen den Douvres durch diese Barrikade isoliren wollte, er nur nöthig gehabt hätte, sie während der Fluth fallen zu lassen, die sie dann stromabwärts geführt hätte.

Gilliatt hatte aber wahrscheinlich seine Gründe für seine Arbeit.

Um die Nägel in den Grund des Douvre einzutreiben, benutzte er alle Spalten in dem Granit, vergrößerte sie nach Bedürfniß und trieb zuerst Holzkeile und dann in diese die eisernen Nägel hinein.

Dasselbe machte er an den beiden andern Felsen, welche sich östlich, auf dem andern Ende der Klippenreihe befanden; er schlug in alle Sprünge Holzstückchen ein, als wenn er auch diese Risse für eine etwaige Aufnahme von Krampen vorbereiten wollte; dies schien aber nur eine einfache Voraussetzung zu sein; denn er befestigte keine Nägel in ihnen. Selbstverständlich konnte er kluger Weise in seiner schlimmen Lage seine Materialien nur im Augenblick der höchsten Noth und je nach Maß und Bedürfniß verwenden. Noch eine neue Schwierigkeit zu allen schon vorhandenen.

Nach Vollendung der ersten Arbeit begann eine zweite. Gilliatt ging unverzüglich von der einen an die andere und unternahm entschlossen dieses Riesenwerk. –

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Drittes Capitel. Sub re.

Der Mensch, welcher sich all diesen Arbeiten unterzog, hatte ein schreckliches Aussehen bekommen.

Gilliatt rieb bei diesen vielfachen Anstrengungen seine ganzen Kräfte auf einmal auf und konnte sie nur schwer wiederersetzen.

Einerseits hatten ihn Entbehrungen, anderseits Erschöpfung abgemagert. Sein Kopf- und Barthaar war lang geworden. Er besaß nur noch ein ganzes Hemde. Seine Füße waren bloß; denn den einen Schuh hatte ihm der Wind und den andern das Meer entführt. Splitterchen sprangen während der Arbeit von dem rohen und sehr gefährlichen Ambosse, dessen er sich bediente, los und brachten ihm an Händen und Armen kleine Wunden bei, welche eigentlich mehr Schrammen, als Wunden waren, aber in Folge der scharfen Luft und des Seewassers sehr schmerzten.

Er war hungrig, durstig und es fror ihn.

Sein Behälter mit süßem Wasser war leer, sein Roggenmehl aufgebraucht, er besaß nur noch etwas Biskuit, das er mit den Zähnen zerbrechen mußte, da es ihm an Wasser, um es aufzuweichen, fehlte.

Allmälig, Tag für Tag nahmen seine Kräfte ab und entzog ihm der fürchterliche Felsen die Lebenskraft.

Trinken, Essen, Schlafen, nichts war für ihn nothwendiger geworden.

Er aß, wenn es ihm gelang, eine Seemuschel oder Krabbe zu fangen, und trank, wenn er sah, daß sich ein Seevogel auf einer Felsenspitze niederließ. Er kletterte dann dort hin und fand daselbst eine Lache mit etwas süßem Wasser. Er trank nach dem Vogel, bisweilen auch mit ihm zusammen, denn die Möven und Schwalben hatten sich an ihn gewöhnt und flogen nicht fort, wenn er sich näherte. Gilliatt fügte ihnen, selbst wenn er ganz ausgehungert war, nichts Böses zu. Wie man sich erinnern wird, war er in Bezug auf Vögel abergläubisch, während sich diese ihrerseits vor seinen verwirrten und zerzausten Haaren und seinem langen Barte nicht mehr fürchteten, denn diese Umwandlung in seinem Aussehen beruhigte sie; sie fanden in ihm keinen Menschen mehr, sondern hielten ihn für ein wildes Thier.

Die Vögel und Gilliatt waren jetzt gute Freunde. Diese Armen halfen sich gegenseitig. So lange Gilliatt Gerste gehabt, hatte er ihnen kleine Brocken von den Kuchen, die er sich machte, hingeworfen; dafür zeigten sie ihm jetzt die Stellen, an denen sich Wasser fand.

Er aß die Muscheln, welche in gewisser Beziehung den Durst löschten, roh; die Krabben kochte und röstete er zwischen zwei glühend gemachten Steinen, da er keinen Topf hatte, wie die Wilden auf der Insel Feroë.

Unterdessen näherten sich einige Vorboten des Aequinoctiums. Es war Regen eingetreten, aber ein feindlicher. Kein Guß- und Platzregen, sondern lange, feine, gefrorne, durchdringende, scharfe Spitzen, welche Gilliatts Kleider bis auf die Haut und seine Haut bis auf die Knochen durchbohrten. Dieser Regen gab ihm wenig zu trinken und durchnäßte ihn sehr.

Hülfe ließ dieser des Himmels unwürdige Regen ihm nicht zu Theil werden; dagegen barg er viel Elend für Gilliatt und verfolgte ihn länger, als eine Woche hindurch, bei Tage und bei Nacht. Dieser Regen war eine schlechte That von oben.

Nachts schlief er in seinem Felsloche nur, wenn er sich bei der Arbeit zu sehr angestrengt hatte. Die großen Seemücken stachen ihn und er erwachte mit Pusteln bedeckt.

Er hatte das Fieber, es hielt ihn aufrecht; denn das Fieber regt auf und doch tödtet es. Instinktmäßig kaute er Flechten oder sog an den Blättern der wilden Cochlearia, den magern Schößlingen der trockenen Spalten auf den Klippen. Im Uebrigen beschäftigte er sich wenig mit seinen Leiden, denn er hatte keine Zeit, sich ihretwegen von seiner Beschäftigung abzuhalten. Die Maschine der Durande befand sich in gutem Zustande. Das genügte ihm.

In jedem Augenblicke zwang ihn seine Arbeit, sich bald im Nassen, bald im Trocknen aufzuhalten. Er ging in das Wasser und wieder aus ihm, wie man aus einem Zimmer seiner Wohnung in ein anderes geht.

Seine Kleider trockneten aber nicht mehr. Sie waren von dem Regenwasser, welches nie versiegte, und von dem Seewasser, welches nie trocknet, durchdrungen, so daß Gilliatt völlig im Nassen lebte.

Man gewöhnt sich daran, im Nassen zu leben. Die armen Irländer: fast nackte Greise, Mütter, junge Mädchen, Kinder, welche den Winter in freier Lust unter Platzregen und Schnee, in den Häuserwinkeln der Straßen London’s eng zusammengekauert zubringen, sind stets durchnäßt und leben und sterben so.

Naß sein und Durst haben. Gilliatt ertrug diese sonderbare Qual. Er biß manchmal in den Aermel seiner Theerjacke.

Das Feuer, welches er anmachte, erwärmte ihn kaum; denn in freier Luft ist es nur eine halbe Hülfe; man verbrennt auf der einen Seite und erfriert auf der andern.

Gilliatt, schweißtriefend, zitterte vor Kälte.

Alles ringsum widerstand ihm in einer Art furchtbaren Schweigens. Er fühlte sich überall angefeindet.

Die Dinge haben ein finsteres Non possumus und ihre Trägheit ist eine dunkle Warnung.

Ein unendlicher schlechter Willen umgab Gilliatt. Er hatte Hitze und Frost. Das Feuer verzehrte ihn, das Wasser machte ihn erstarren, der Durst brachte ihm Fieber, der Wind zerriß seine Kleider und der Hunger durchwühlte seinen Magen. Er hielt den Druck einer erschöpfenden Gesammtheit aus. Ein ruhiger und großartiger Widerstand, der augenscheinlich die Unverantwortlichkeit des Unglücks besaß, aber voll einer gewissen wilden Einmüthigkeit war, drängte von allen Seiten auf Gilliatt ein, der es fühlte, wie er sich unerbittlich auf ihn stützte. Kein Mittel, um sich ihm zu entziehen. Er war fast wie eine Person. Gilliatt hatte die Empfindung, als ob ein dunkler Haß und Widerwillen danach strebe, ihn zu verkleinern und der ihn nur zur Flucht treiben wollte; aber, da er blieb, seine unbesiegbaren Feindseligkeiten auf ihn ausschüttete. Da man ihn nicht hinauswerfen konnte, so warf man ihn zu Boden. Welches »Man?« Das Unbekannte. Das würgte und drückte ihn zusammen und nahm ihm Platz und Athem. Er wurde von der Unsichtbarkeit gefoltert. Jeden Tag drückte sich diese geheimnißvolle Schraube um eine Umdrehung tiefer.

Gilliatt’s Lage mitten unter solchen beunruhigenden Ereignissen glich einem unehrlichen Zweikampfe, in welchem ein Verräther hilft.

Das Bündniß der finstern Mächte hatte ihn umschlossen. Er faßte den Plan, sich ihrer zu entledigen. So jagt der Gletscher die erratischen Blöcke fort.

Scheinbar, fast ohne damit in Berührung zu kommen, zerfetzte und zerriß ihn dies geheime Bündniß, es brachte ihn zum Aeußersten und machte ihn, so zu sagen, vor dem Kampfe kampfunfähig. Deshalb arbeitete er doch mit weniger Unterbrechungen, als früher; aber je mehr das Werk vorrückte, desto mehr ging es mit dem Arbeiter zurück.

Der doppelte Douvre, dieser Drachen aus Granit mitten auf offener See, hatte Gilliatt aufgenommen, erhalten, eintreten und ihn arbeiten lassen. Dieser Empfang glich der Gastfreundschaft eines offenen Rachens.

Die Wüste, das weite Meer, der Raum, wo es für den Menschen Gefahren giebt, die stille Unfreundlichkeit der Erscheinungen, welche ihrem Laufe folgen, das große allgemeine Gesetz der Unversöhnlichkeit und des Widerstandes, die Ebbe und Fluth, die Klippe, jene schwarze Plejade, von der jede Spitze einen Drehstern, den Mittelpunkt unzähliger, allen Richtungen zueilender Sterne bildet, ein unverständliches Bündniß der Gleichgültigkeit der Dinge gegen die Verwegenheit eines Wesens, der Winter, das Unwetter und die ringsum wogende See hüllten Gilliatt ein, umzogen ihn immer dichter, schlossen sich gewissermaßen über ihm und schlossen ihn von den Lebenden ab, wie eine Zelle, welche um einen Menschen in die Höhe steigt. Alles gegen, nichts für ihn; er war allein, verlassen, schwach, zerschlagen, vergessen; seine Proviantkammer leer, sein Handwerkszeug zerbrochen oder unbrauchbar; Hunger und Durst quälten ihn am Tage, und die Kälte in der Nacht; er hatte Wunden und Risse, Lumpen auf seinen Geschwüren, Löcher in den Kleidern und Wunden im Fleische, zerrissene Hände, blutende Füße, abgemagerte Glieder, bleiche Gesichtsfarbe und Feuer in den Augen.

Ein herrliches Feuer: den sichtbaren Willen. Das Auge des Menschen ist so beschaffen, daß sich in ihm die Tugend des Menschen wiederspiegelt; es sagt uns, was für ein Mensch in uns lebt. Wir versichern uns durch das Licht, welches unter unsern Lidern ruht. Kleine Geister blinzeln mit den Augen, große schleudern Blitze. Glänzt nichts hinter der Pupille, so denkt auch nichts im Gehirne und es liebt nichts im Herzen. Wer liebt, will; und wer will, blitzt und leuchtet. Der Entschluß bringt dem Blicke jenes wunderbare Feuer, welches aus dem Verbrennen der furchtsamen Gedanken entsteht.

Die Beharrlichen sind die Erhabensten. Wer tapfer ist, hat nur einen Antrieb; der Wachsame nur ein Mittel, der Muthige nur eine Tugend; der in Wahrheit Beharrliche ist hingegen wirklich groß. Fast das ganze Geheimniß großer Herzen liegt in dem einen Worte: Perseverando. Die Beständigkeit ist für den Muth, was die Rolle für den Hebel: die beständige Erneuerung des Stützpunktes. Möge das Ziel auf der Erde oder im Himmel sein; ihm entgegenstreben, darin beruht Alles; im ersten Falle ist es ein Columbus, im zweiten ein Jesus. Das Kreuz ist so einfach, daher sein Ruhm. Sein Gewissen nicht überlegen und seinen Willen nicht entwaffnen lassen, dadurch leidet und siegt man. In moralischen Dingen schließt Fallen ein Steigen nicht aus. Aus dem Falle entspringt die Auferstehung. Die Mittelmäßigen lassen sich durch ein scheinbares Hinderniß zurückschrecken; die Starken nicht. Untergang ist ihnen nur Möglichkeit, Sieg Gewißheit. Man konnte Stephan alle möglichen guten Gründe anführen, damit er sich nicht steinigen lasse. Die Verachtung vernünftiger Gegengründe schafft jenen erhabenen besiegten Sieg, welcher Märtyrerthum heißt.

Alle Anstrengungen Gilliatt’s schienen sich an das Unmögliche anzuklammern, der Erfolg war gering oder langsam und er mußte viel ausgeben, um wenig zu erhalten; aber eben das läßt ihn als großartig und leidenschaftlich erscheinen.

Um vier Balken über einem Wracke aufzurichten, und in diesem den rettbaren Theil loszulösen und für sich allein herzustellen, um an diesem Strande wieder Krahnen mit ihren Tauen anzubringen, dazu hätte es so vieler Vorbereitungen, Arbeiten und Anstrengungen, so vieler Nächte auf hartem Lager und so vieler Tage voller Qual bedurft, daß darin das Elend der einsamen Arbeit bestand. Unheil in der Ursache, Noth in der Folge. Gilliatt hatte mehr gethan als das Elend angenommen, er hatte es gewollt. Aus Furcht vor einem Mitarbeiter, denn ein Mitarbeiter hätte zum Nebenbuhler werden können, suchte er keinen Genossen. Das vernichtende Unternehmen, die Gefahr, den Zweifel, die sich selbst vervielfältigende Arbeit, den möglichen Untergang des Retters bei der Rettung, den Hunger, das Fieber, die Entbehrungen, den Widerstand, alles das auf sich allein zu nehmen, hatte er die Selbstsucht gehabt.

Er befand sich unter einer Art von furchtbarer Luftpumpe. Die Lebenskraft zog sich allmälig von ihm zurück, aber er bemerkte es kaum.

Die Erschöpfung der Kräfte erschöpft nicht den Willen. Glauben ist erst die zweite Macht; Wollen die erste. Die Berge, welche nach dem Sprüchworte der Glauben versetzt, sind nichts gegen das, was der Willen thut. Alles was Gilliatt an Kraft verlor, gewann er an zäher Ausdauer wieder. Das Zusammenschrumpfen des physischen Menschen unter der zurückschreckenden Wirkung dieser wilden Natur diente nur zur Vergrößerung des moralischen Menschen.

Gilliatt fühlte keine Müdigkeit oder, um besser zu sagen, er erkannte sie nicht an. Die Weigerung der Seele, den abnehmenden Kräften des Körpers zuzustimmen, ist eine unendliche Kraft.

Gilliatt sah die Fortschritte, welche seine Arbeit machte, aber nur diese. Er war elend, ohne es zu wissen. Sein Ziel, welches er beinahe erreicht hatte, wich ihm nicht aus den Augen. Er litt all jenes Leiden, ohne daß ihm ein anderer Gedanke als der »Vorwärts« kam. Sein Werk stieg ihm zu Kopfe. Der Willen wurde trunken. Man kann sich auch geistig berauschen und ein solcher Rausch heißt Heldenmuth.

Gilliatt war gewissermaßen ein Hiob des Oceans; aber ein Hiob, welcher stritt, kämpfte, den Widerwärtigkeiten Trotz bot, siegte und wenn das Wort für einen armen Matrosen, welcher Krabben und Muscheln fischte, nicht zu groß ist – ein Hiob Prometheus.

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Viertes Capitel. Sub umbra.

Nachts öffnete Gilliatt manchmal seine Augen, betrachtete den Schatten und fühlte sich fremdartig bewegt.

Es bemächtigte sich seiner die Angst.

Der Schatten übt einen gewissen Druck aus.

Das tiefe Dunkel, das zu durchdringen unmöglich ist, eine Mischung von Licht mit diesem Dunkel; man weiß nicht, welchem besiegten und düstern Licht; aufgelöste Helle, bei der es undeutlich ist, ob sie Sonne oder Asche; Millionen von Lichtern und doch kein Licht; ein weiter Brand, welcher sein Geheimniß nicht sagt: ein Zerstieben des Feuers in Staub, der einem stillstehenden Fluge von Funken gleicht, die Unordnung des Strudels und die Unbeweglichkeit des Grabes, die Aufgabe, welche eine Oeffnung im Abgrunde bietet, ein Räthsel, welches sein Gesicht zeigt und verbirgt, die verschleierte Unendlichkeit der Finsterniß: das ist die Nacht. Dieses Bündniß drückt auf den Menschen.

Diese Bereinigung aller Geheimnisse auf ein Mal, der Geheimnisse der Welt und des Unheils häuft sich über dem Menschen zusammen.

Der Druck des Schattens wirkt umgekehrt auf die verschiedenen Gattungen der Seele. Der Mensch erkennt sich unvollkommen vor der Nacht. Er sieht das Dunkel und fühlt die Schwäche. Der schwarze Himmel ist der blinde Mensch, der Mensch, welcher der Nacht in’s Angesicht blickt, stürzt hin, kniet nieder, wirft sich zu Boden, legt sich flach auf die Erde, verkriecht sich in ein Loch oder sucht Flügel. Fast immer will er dieser ungestalteten Gegenwart des Unbekannten entfliehen; frägt sich, was es ist, zittert, beugt sich, ist unwissend; bisweilen will er auch fortgehen.

Wohin gehen?

Dorthin.

Dorthin? Was ist das und was giebt es dort?

Diese Neugierde sucht augenscheinlich verbotene Dinge, denn auf dieser Seite sind alle Brücken rings um den Menschen abgebrochen. Die Arche der Unendlichkeit fehlt; aber das Verbotene zieht an, denn es ist ein Strudel. Wohin der Fuß nicht geht, kann der Blick dringen; wo der Blick still steht, kann der Geist noch weiter. Es giebt keinen Menschen, der nicht wagt, so schwach und gebrechlich er auch immer sein mag; seiner Natur nach, spürt und sucht der Mensch vor der Nacht. Für die Einen ist sie ein Fallen, für die Andern ein Steigen. Das Schauspiel ist düster. Das Unbestimmbare mischt sich hinein.

Ist die Nacht heiter, ist sie ein Schattengrund. Ist sie stürmisch, ist sie ein Nebelgrund. Die Unbegrenztheit entzieht sich und bietet sich zu gleicher Zeit an, verschlossen für die Versuche und geöffnet für die Vermuthungen. Unzählige Lichtstreifen machen die bodenlose Dunkelheit noch schwärzer. Blitzende und funkelnde Gestirne. Dinge, welche erwiesenermaßen in dem Unbekannten existiren; schreckliche Herausforderung, eine Berührung dieser Helle zu versuchen. Es sind die Maßstäbe der Schöpfung in dem Absoluten, die Marken der Entfernung, dort wo es keine Entfernungen mehr giebt; ein scheinbar unmögliches und doch wirkliches Aufzählen der Ebbe der Tiefen. Ein mikroskopischer Punkt, welcher glänzt, dann ein andrer, noch ein andrer und wiederum ein andrer, es ist die Undurchdringlichkeit, die Endlosigkeit. Dieses Licht ist ein Heerd, dieser Heerd ein Stern, dieser Stern eine Sonne, diese Sonne ein All, dieses All ein Nichts. Jede Zahl ist in der Unendlichkeit Null.

Dieser Welten, welche nichts sind, giebt es wirklich. Indem man sie anerkennt, fühlt man den Unterschied, welcher das Nichtssein von dem Nichtsein trennt.

Das Unerreichbare mit dem Unerklärbaren bildet den Himmel.

Aus dieser Betrachtung löst sich eine erhabene Erscheinung los: Das Großwerden der Seele durch das Staunen.

Die Scheu vor dem Heiligen ist dem Menschen eigentümlich; das Thier kennt sie nicht. Die Vernunft findet in diesem erhabenen Schrecken ihren Untergang und ihren Prüfstein.

Der Schatten ist einfach, daher der Schreck; zu gleicher Zeit ist er auch zusammengesetzt, daher die Ohnmacht. Seine Einheit drückt auf unsern Geist und raubt ihm die Lust, Widerstand zu leisten. Durch seine Vielfältigkeit bewirkt er, daß man ihn rings um sich, auf allen Seiten, erblickt; man scheint seine plötzliche Ankunft fürchten zu müssen. Man giebt sich so zu sagen hin und hütet sich. Man ist in der Gegenwart des Alls, daher die Unterwerfung, und in der Wahrheit, daher das Mißtrauen. Die Einheit des Schattens enthält ein Vielfaches. Geheimnißvolles Vielfaches, sichtbar in der Materie, fühlbar im Geiste. Das bewirkt Schweigen; ein Grund, noch wachsamer zu sein.

Die Nacht – der Verfasser hat es schon an andern Stellen gesagt – ist der eigentliche und normale Zustand der abgesonderten Schöpfung, von welcher wir einen Theil ausmachen. Der Tag, kurz in der Dauer, wie im Raume, ist nur eine Sternennähe.

Das nächtliche Wunder des Alls vollführt sich nicht ohne Reibung und jede Reibung einer solchen Maschine ist eine Verletzung des Lebens. Diese Reibungen der Maschine nennen wir das Böse. Wir fühlen in dieser Dunkelheit das Uebel, das geheime Leugnen der Gottheit, die verhüllte Schmähung der Thatsachen lehnt sich gegen das Ideale auf. Das Uebel macht durch eine unbestimmbare, tausendköpfige Teratologie die weite Gesammtheit des Alls, verwickelt sich und findet sich überall ein, um Widerstand zu leisten. Es ist der Sturm und verzögert den Gang des Schiffes, es ist das Chaos und fesselt das Entstehen einer Welt. Das Gute hat die Einheit, das Böse die Allgegenwart. Das Böse zerstört das Leben, was ganz logisch ist; es bewirkt, daß die Fliege von dem Vogel und der Planet vom Komet verschlungen wird. Das Uebel ist ein Strich durch die Schöpfung.

Die nächtliche Dunkelheit macht vollkommen schwindlig. Wer in sie eindringt, sinkt in ihr unter und geht in ihr zu Grunde. Keine Anstrengung hält einen Vergleich mit dieser Prüfung der Dunkelheit aus. Es ist das Studium eines Nichts.

Kein bestimmter Ort, wo der Geist ruhen könnte; Ausgangspunkte ohne Endpunkt; ein Gewirr sich widersprechender Lösungen; alle Verzweigungen des Zweifels, sich zu derselben Zeit einstellend, die Verästelung der Erscheinungen, welche sich ohne aufzuhören unter einem unbestimmten Drucke entblättern, alle Gesetze, sich gegenseitig ineinander stürzend, ein unergründliches Durcheinander, welches ein Vegetiren der Mineralien und Lebendigwerden der Vegetation bewirkt, den Gedanken wägt, die Liebe strahlen läßt und die Anziehung liebt; die ungeheure Reihe von Angriffen aller Fragen, welche sich in der endlosen Dunkelheit entwickeln. Das Ungewisse, welches das Unbekannte zur Welt bringt; die kosmische Gleichzeitigkeit in voller Erscheinung, nicht für den Blick, sondern für die Vernunft, in dem großen unendlichen Raum und das sichtbar geordnete Unsichtbare, das ist die Finsterniß. Der Mensch steht unter ihr.

Er kennt nicht die Einzelheiten, trägt aber, im Verhältnis zu seinem Geiste, das furchtbare Gewicht der Gesammtheit. Dieser Druck trieb die chaldäischen Schäfer zur Sternkunde. Unfreiwillige Enthüllungen dringen aus den Poren der Schöpfung; ein Austritt der Wissenschaft findet gewissermaßen von selbst statt und gewinnt den Unwissenden. Jeder Einsiedler wird unter diesen geheimnißvollen Eindrücken, oft ohne sich dessen selbst bewußt zu sein, ein Naturphilosoph.

Die Dunkelheit ist untheilbar; bewohnt, ohne Ortswechsel von dem Absoluten, und auch mit Ortswechsel. Man bewegt sich in ihr, das beunruhigt. Eine heilige Bildung durchläuft ihre Entwicklungsstufen daselbst. Vorbedachtsamkeiten, Mächte und gewollte Bestimmungen arbeiten dort gemeinsam ein unermeßliches Werk aus. Ein fürchterliches und schreckliches Leben ist darin. Es giebt dort große Zusammenhäufungen unter den Gestirnen, die Sternen-, die Planetenfamilie, die Milchstraße, das Quid divinum der Strömungen, der Ausflüsse der Polarisationen und der Anziehungen; die Umarmung und die Abstoßung, eine prächtige Ebbe und Fluth allgemeinen Gegensatzes, die Unwägbarkeit frei mitten unter Brennpunkten; die Lebenskraft in den Kugeln, das Licht außerhalb der Kugeln, das umherirrende Atom, das zerstreute Samenkorn, befruchtende Curven, Begegnungen des Zusammendringens und des Kampfes, unerhörte Vorbereitungen, Entfernungen, welche Träumen gleichen, schwindelnde Umkreisungen, Versinken ganzer Welten in das Unberechenbare, Wunder, welche sich gegenseitig in der Dunkelheit verfolgen, einen Mechanismus, stetes Sphärenrauschen auf der Flucht, Räder, deren Umdrehungen man fühlt; der Gelehrte behauptet, der Unwissende fühlt und zittert; es besteht und entfernt sich; es ist unerkämpfbar, unerreichbar, unnahbar. Man ist bis zur Niedergeschlagenheit überzeugt, fühlt eine unbestimmte, schwarze Erscheinung auf sich, kann nichts fassen und wird durch das Ungreifbare zerdrückt.

Ueberall das Unbegreifliche, nirgends das Unverständliche.

Und dazu tritt noch die furchtbare Frage: Ist dieses Innewohnen ein Wesen?

Man ist im Dunkel, man hört und sieht es.

Indessen geht und rollt die dunkle Erde weiter; die Blumen sind sich dieser riesenhaften Bewegung bewußt; das Leinkraut öffnet sich um elf Uhr Abends und die Meerlilie um fünf Uhr Morgens. Ueberwältigende Regelmäßigkeit.

In andern Tiefen schafft sich der Wassertropfen eine Welt, keimt das Aufgußthierchen, tritt die großartige Fruchtbarkeit aus dem Samenfaden, bereitet das Unergründbare seine Größe aus und offenbart sich die Umkehrung der Unendlichkeit; eine Diatrome erzeugt in einer Stunde dreizehnhundert Millionen neue.

Welche Zusammenstellung aller Räthsel auf ein Mal!

Das Unverkleinerliche zeigt sich.

Man wird zum Glauben gezwungen. Glauben aus Zwang, das ist der Erfolg. Aber glauben genügt nicht, um ruhig zu sein. Der Glauben hat eine unbeschreibbare und merkwürdige Sucht nach Formen. Daher die Religionen. Nichts ist so drückend, als ein Glauben ohne Umriß.

Was man auch immer denkt und will, welchen Widerstand man auch immer in sich fühlt; den Schatten anblicken, heißt nicht anblicken, sondern betrachten.

Was soll man aus diesen Erscheinungen machen! Wie sich unter ihrem Zusammentreffen bewegen! Dieses Räthsel zu lösen, ist unmöglich. Welche Träumerei allen diesen Endpunkten anpassen? Wie viele tief verborgne, gleichzeitige, stammelnde, sich durch ihre eigne Menge verdunkelnde Enthüllungen, scheinbares Lallen des Wortes! Der Schatten ist ein Schweigen, aber dieses Schweigen sagt Alles. Eine Mittelkraft löst sich davon majestätisch ab: Gott ist der unbegreifbare Begriff, der im Menschen lebt. Die Vernunftschlüsse, die Anklagen, die Verneinungen und die Religionen gehen darüber hinfort, ohne ihn zu verringern. Diesen Begriff bestätigt der Schatten in seiner Gesammtheit, aber Verwirrung liegt auf allem Uebrigen. Furchtbare Immanenz. Der unbeschreibbare Einklang der Kräfte offenbart sich durch das Bestehen des Gleichgewichts in dieser ganzen Dunkelheit. Das All schwebt; nichts fällt. Die unaufhörliche und unermeßbare Ortsveränderung geht ohne Unfall und Bruch vor sich. Der Mensch nimmt an dieser Bewegung des Vorrückens Theil und die Menge der Schwankungen, welche er erfährt, nennt er das Geschick. Wo fängt das Geschick an? Wo hört die Natur auf? Welchen Unterschied giebt es zwischen einem Ereigniß und einer Zeit, zwischen einem Kummer und einem Regen, zwischen einer Tugend und einem Stern? Ist eine Stunde nicht eine Welle? Die sich bewegenden Räder greifen beständig ineinander ein und setzen, ohne dem Menschen zu antworten, ihre hartherzigen Umdrehungen fort. Der Sternenhimmel ist eine Erscheinung von Rädern, Balanciers und Gegengewichten; die höchste Betrachtung, verdoppelt durch das höchste Nachsinnen; die ganze Wirklichkeit; noch mehr: das ganze Insichversenken. Nichts geht darüber hinaus. Man fühlt sich ergriffen in der Gewalt dieses Schattens ohne die Möglichkeit eines Entweichens; sieht sich in den Zähnen dieses Rades, bildet einen wesentlichen Bestandteil eines unbeachteten Alls und fühlt das Unbekannte in sich mit einem Unbekannten außer sich geheimnißvoll Brüderschaft schließen. Das ist die höchste Verkündigung des Todes. Welche Qual und welches Entzücken zu gleicher Zeit! Dem Unendlichen anhängen und dadurch dazu geführt werden, sich selbst eine notwendige Unsterblichkeit, vielleicht eine mögliche Ewigkeit zuzuschreiben; in dem wunderbaren Wogen dieser Sündfluth des allgemeinen Lebens die unertränkbare Beharrlichkeit des Ich fühlen! Die Sterne betrachten und ausrufen: Ich bin eine Seele, wie Ihr! Die Finsterniß betrachten und ausrufen: Ich bin ein Abgrund, wie Du!

Dieses Riesenhafte ist die Nacht.

Das Alles, durch die Einsamkeit noch vergrößert, drückte auf Gilliatt.

Verstand er es? Nein.

Fühlte er es? Ja.

Gilliatt war ein großer, wirrer Geist und ein großes, wildes Herz.

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Fünftes Capitel. Gilliatt weis’t der Barke ihr Stellung an.

Die von Gilliatt ausgesonnene Rettung der Maschine war, wie wir schon sagten, ein ächtes Riesenunternehmen; und man kennt seine Geduld bei diesem Riesenunternehmen und ebenso seinen Fleiß. Der Fleiß geht bis in das Wunderbare, die Geduld bis in den Tod. So fand zum Beispiel ein Gefangener, Thomas, auf dem St. Michaelsberge Mittel, die Hälfte einer Mauer in einen Strohsack zu stecken. Zu Tulle schnitt im Jahre 1820 ein anderer Gefangener Blei auf der als Spazierplatz dienenden Plattform des Gefängnisses. Woher nahm er das Messer? Man kann es nicht ahnen. Er schmolz dieses Blei; aber mit welchem Feuer? Man weiß es nicht. Er goß dieses geschmolzene Blei, aber in was für eine Form? Man weiß es. In eine Form aus Brodkrume; und mit Hülfe dieses Bleies und dieser Form machte er einen Schlüssel und öffnete damit ein Schloß, von dem er nie etwas anders sah, als das Loch. Solch unerhörte Geschicklichkeit besaß auch Gilliatt. Er wäre die steile Böschung von Boisrosé hinauf- und wieder hinabgeklettert. Er war der Trenck einer Brandung und der Latude einer Maschine.

Das Meer, sein Gefangenwärter, überwachte ihn.

Uebrigens, wir müssen es gestehen, so undankbar und schlecht auch der Regen war, so zog Gilliatt doch Vortheil aus ihm. Er hatte seinen Vorrath von süßem Wasser einigermaßen wieder hergestellt; aber sein Durst war unlöschbar und er leerte seinen Wasserbehälter fast eben so schnell, als er ihn füllte.

Eines Tages, ich glaube, es war am letzten April oder ersten Mai, war Alles fertig.

Die Maschine war zwischen den acht Tauen der Krahnen auf jeder Seite zwischen vier gleichsam eingeschlossen. Die sechszehn Oeffnungen, durch welche diese Kabel liefen, waren auf der Brücke und unter dem Kiele durch Schnitte mit der Säge angebracht, die Dielen gleichfalls mit der Säge, das Gerüst mit der Axt, das Eisenwerk mit der Feile und die Fütterung mit zwei Meißeln bearbeitet worden. Der Theil des Kiels, über welchem sich die Maschine befand, war viereckig losgetrennt, so daß er mit der Maschine gehoben werden konnte und ihr als Stütze diente. Diese ganze furchtbare Last hielt nur an einer Kette, welche selbst nur noch mit einem Feilenstriche zusammenhing. Ist Alles so weit vorgeschritten und dem Ende so nahe, dann ist Eile Klugheit.

Das Meer stand niedrig, der Augenblick war günstig.

Es war Gilliatt gelungen, den Radbaum, dessen äußerste Enden hinderlich sein und das Aufwinden stören konnten, loszumachen und dieses schwere Stück senkrecht im Innern der Maschine selbst anzubringen.

Es war Zeit, zu Ende zu kommen. Zwar fühlte sich Gilliatt, wie wir schon gesagt haben, nicht matt, da er es nicht sein wollte, aber wie sah es mit seinem Handwerkszeug aus. Die Schmiede war allmälig unbrauchbar geworden, der Amboß gesprungen, der Blasebalg begann schlecht zu arbeiten und da der kleine Wasserfall Meerwasser enthielt, so hatte sich in den Gelenken des Apparats Salz niedergeschlagen und hinderte deren Spiel.

Gilliatt ging zum »Mann,« musterte die Barke, überzeugte sich, daß in ihr Alles in Ordnung war, besonders die vier Ringe am Tri- und Backbord, lichtete dann den Anker und kehrte rudernd mit ihr zu den beiden Douvres zurück, deren Zwischenraum sie durchließ, da das Wasser tief und die Oeffnung breit genug war. Gilliatt wußte bereits seit dem ersten Tage, daß man die Barke bis unter die Durande bringen konnte.

Dies Unternehmen war jedoch sehr schwer; es erforderte die Genauigkeit eines Juweliers; und das Einführen der Barke in die Klippe war um so mißlicher, als es für Gilliatts Zwecke mit dem Sterne, also mit dem Steuer zuerst geschehen mußte. Auch war es wichtig, daß ihr Mast und Takelwerk vor dem Wracke, auf der Seite des Schlupfhafens, blieben.

Diese vermehrten Schwierigkeiten machten das Unternehmen selbst für Gilliatt unbequem. Es handelte sich nicht mehr, wie bei der Klippe »der Mann,« um einen Barrenschlag, man mußte Alles zusammen thun: stoßen, ziehen, schleppen und sondiren. Gilliatt gebrauchte nicht weniger als eine Viertelstunde dazu, aber Alles lief gut ab.

In fünfzehn bis zwanzig Minuten war die Barke unter der Durande angebracht und von ihr beinahe festgeschlossen. Gilliatt gabelte sie mit ihren beiden Ankern so ein, daß der stärkste dem heftigsten Winde, welchen er zu fürchten hatte, dem West, entgegenarbeitete. Hierauf senkte er mit einem Hebel und der Winde die beiden Kisten in die Barke hinab, welche die abgenommenen Räder enthielten und deren Schlingen ganz fest waren. Diese beiden Kisten sollten als Ballast dienen.

Dann befestigte Gilliatt an dem Haken der Ketten der Winde die Schlingen des Balancirtaues, welches für die Krahne als Hemmung bestimmt war.

Für das, was Gilliatt vorhatte, waren die Fehler der Barke ebenso viele gute Eigenschaften; sie hatte kein Deck, die Belastung mußte auf den Kiel drücken und sie dadurch mehr Fahrwasser erhalten. Da sich ihr Mast vorn, vielleicht zu weit nach vorn, befand, so mußte die Belastung leichter von Statten gehen und da sich der Mast außerhalb des Wracks befand, so konnte nichts die Abfahrt hindern. Die Barke war wie ein Huf, auf dem Meere ist nichts so fest und beständig, als diese Hufform.

Plötzlich bemerkte Gilliatt, daß das Meer stieg. Er blickte sich um, woher der Wind komme.

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Sechstes Capitel. Plötzlich eine Gefahr.

Nur eine schwache Brise wehte, und zwar aus Westen; eine schlechte Gewohnheit, welche der Wind aber zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche liebt.

Die Fluth in der Douvre-Klippe verhält sich beim Steigen, je nach der Richtung des Windes, verschieden. Je nachdem sie die Brise treibt, dringt die See bald von Ost und bald von West in diese Meeresenge ein. Kommt sie von Ost, so ist sie gut und sanft; von West hingegen ungestüm. Das kommt daher, weil der Ost, welcher vom Lande herweht, wenig Kraft hat, der West aber, welcher über dem atlantischen Ocean streicht, das ganze Wehen der Unendlichkeit mit sich bringt. Selbst eine scheinbar ganz leichte Brise, welche aus Westen kommt, ist beunruhigend. Sie rollt die großen Wellen aus unbegrenzter Ferne herbei und treibt zu viel Wasser auf ein Mal in den engen Schlund.

Ein Wasser, welches sich in einem Abgrund verliert, ist immer furchtbar. Es ist mit dem Wasser, wie mit der Menge, welche auch flüssig ist. Das, was eindringen kann, ist geringer, als das, was eintreten will, daraus entsteht die Vernichtung für die Menge und das Zucken für das Wasser. So lange der West regiert und wäre es der schwächste Hauch, so haben die Douvres täglich zweimal diesen Angriff auszuhalten. Das Meer hebt sich, die Fluth steigt; der Felsen widersteht; der kleine Hafen öffnet sich nur spärlich, die mit Gewalt eingetriebene Woge springt und brüllt und die hohle See schlägt rasend die beiden innern Seiten der Straße. Bei dem geringsten Westwinde bieten die beiden Douvres folgendes eigenthümliche Schauspiel; draußen auf dem Meere die Ruhe; innen die Aufregung. Diese beschränkte und unbegrenzte Wuth hat nichts mit einem Sturm gemein; sie ist nur eine Rebellion der Wogen, aber schrecklich. Die Winde aus Nord und Süd fassen die Klippe von der Seite und regen die Wellen in der Straße nur wenig auf. Im Osten grenzt der Eingang, wie man sich erinnern wird, an den Felsen »der Mann;« die gefährliche Oeffnung des Westens befindet sich an dem entgegengesetzten Ende, genau zwischen den beiden Douvres.

An dieser Westöffnung befand sich Gilliatt mit der gescheiterten Durande und der festgeankerten Barke.

Ein Unglück schien unvermeidlich und drohte schon, denn es verfügte über eine zwar geringe, aber doch hinreichende Menge des ihm nothwendigen Windes.

Binnen wenig Stunden mußte das Anschwellen der wachsenden Fluth einen furchtbaren Kampf in der Douvres-Enge beginnen. Die ersten Wellen brandeten schon. Dieses Anschwellen, die Springfluth des ganzen atlantischen Oceans, hatte die Gesammtheit des Meeres hinter sich. Kein Windstoß, kein Zorn, sondern eine einfache Alles beherrschende Welle, mit einer Schnellkraft in sich, welche Amerika verläßt, um an Europa sich zu brechen und einen Schlag von zweitausend Meilen besitzt. Diese Welle, die Riesenbrandung des Oceans, mußte auf die Oeffnung in der Klippe stoßen, sich an den beiden Douvres, den Eingangsthürmen und Pfeilern der Straße, brechen, durch die Fluth und das Hinderniß anschwellen, von den Felsen zurückgeworfen und von dem Winde übertrieben der Klippe Gewalt anthun, mit dem ganzen Strudel des besiegten Widerstandes und der vollen Wuth der gefesselten Welle zwischen den beiden Mauern eindringen, dort die Durande und die Barke finden und beide zerbrechen.

Gegen diese Möglichkeit bedurfte es eines Schildes, den Gilliatt besaß.

Man mußte die Fluth daran verhindern, mit ihrer ganzen Gewalt einzudringen, ihr verbieten zu steigen, wodurch sie zerstören mußte, ihr den Durchgang verlegen, ohne ihr den Eintritt zu verweigern, ihr widerstehen und nachgeben, dem Drucke der Welle auf den Schlupfhafen, worin die ganze Gefahr bestand, zuvorkommen, an Stelle des Einstürmens ein gemächliches Eindringen setzen, der Woge ihre Aufregung und rohe Kraft nehmen, diese Wuth zur Sanftmuth zwingen und das aufregende Hinderniß durch ein beruhigendes ersetzen.

Gilliatt, der stärker als der Starke, Gemsenmanöver in den Gebirgen und Sapajou-Unternehmen in den Wäldern vollführte, der bei den schwankend und schwindelig machenden Sprüngen den kleinsten Kieselstein zu benutzen wußte, der in das Wasser sprang, aus dem Wasser sprang, im Kielwasser schwamm und den Felsen, mit einem Strick zwischen den Zähnen und einem Messer in der Hand, zu erklettern verstand, – löste mit der ihm eigenthümlichen Geschicklichkeit das Greling, welches, schwebend und an die Böschung des kleinen Douvre gelehnt, den Vordertheil der Durande hielt; machte aus dicken Tauenden eine Art von Haspeln, welche dies Panneau an den großen, in den Granit eingelassen Nägeln befestigen sollten, ließ auf diesen Haspeln jene, einer Schleusenthür ähnliche Planken-Armatur spielen, bot ihre Seite, wie man es mit dem Backen eines Steuerruders macht, dem Wasser dar, welches eines ihrer Enden vorwärts trieb und an den großen Douvre führte, während die Tauhaspeln auf dem kleinen Douvre ihr anderes Ende zurückhielten, bewerkstelligte auf dem großen Douvre, mit Hülfe der schon im Voraus eingeschlagenen Nägel, dieselbe Art der Befestigung, wie auf dem kleinen, schloß dieses mächtige Balkengerüst innig an den doppelten Pfeiler des Schlupfhafens auf, kreuzte auf dieser Barre eine Kette, wie ein Degengehänge über einem Panzer, und in weniger als einer Stunde wendete sich dieser Verschluß gegen die Fluth und vertrat den Eingang in die Straße zwischen den Klippen, wie eine Thür.

Dieses mächtige Gerüst einer gewaltigen Masse von Balken und Planken, welches liegend ein Floß und stehend eine Mauer bildete, war von Gilliatt mit Hülfe der Fluth und mit zauberhafter Geschicklichkeit angebracht worden. Das Kunststück war fertig geworden, bevor die steigende Fluth Zeit hatte, es wahrzunehmen.

In diesem Falle hätte Jean Bart wieder das berühmte Wort angewandt, welches er jedesmal dem Meere zurief, wenn er einen Schiffbruch geschickt vermied: » Angeführt den Engländer!« Wie man weiß, nannte Jean Bart den Ocean, wenn er ihn beleidigen wollte, den Engländer.

Nachdem Gilliatt die Meerenge so versperrt hatte, dachte er an die Barke. Er rollte genug Kabel auf die beiden Anker ab, daß sie mit der Fluth steigen konnte, ein ähnliches Verfahren, wie das, welches die alten Seeleute »mit Knoten ankern« nannten. Bei alle dem wurde Gilliatt nicht überrascht, denn er hatte an Alles schon vorher gedacht; ein Sachverständiger hätte es an den beiden, mit ihren glatten Klobenwerken an dem Sterne der Barke befestigten Rollen gesehen, über welche zwei Grelinge liefen, deren Enden schief durch die Ringe der beiden Anker gingen.

Indessen war die Fluth schon bis zur halben Höhe gestiegen; in einem Augenblicke kann schon der Schlag ihrer Wellen, selbst wenn sie ruhig sind, kräftig werden. Was Gilliatt erwartet hatte, ging in Erfüllung. Die Fluth rollte kräftig gegen die Barke, stieß gegen sie, stauchte sich an ihr auf und ging dann unter ihr durch. Draußen war es die hohle See, drinnen ein Eintröpfeln. Gilliatt hatte eine Art von caudinischen Engpässen für das Meer ersonnen und es dadurch besiegt.

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Siebentes Capitel. Eher Entwickelung, als Lösung.

Der schreckliche Augenblick war gekommen.

Es handelte sich jetzt darum, die Maschine in die Barke zu bringen.

Einige Augenblicke hindurch stützte Gilliatt seine Stirn auf seine linke Hand, den linken Ellbogen auf die rechte Hand und dachte nach; dann stieg er auf das Wrack, von dem ein Theil, die Maschine, losgemacht werden, der andere aber, der Rumpf, zurückbleiben sollte, und schnitt die vier Seile, welche am Back- und Tribord der Durande die vier Ketten des Schlotes festhielten, durch. Da die Seile nur aus Hanf bestanden, so gelang ihm das mit seinem Messer.

Die vier Ketten hingen frei und ohne Anhang an dem Schlote hinab.

Von dem Wracke stieg er in den Apparat, welchen er gemacht hatte, schlug mit dem Fuße gegen die Balken, untersuchte die Flaschenzüge und Rollen, berührte die Kabel, prüfte die Ansatzstücke, überzeugte sich, daß das weiße Tauwerk nicht tief durchnäßt war, daß nichts fehlte und sich nichts bog, sprang dann von dem hohen Lukenrande auf das Deck und stellte sich neben die Winde in den Theil der Durande, welcher an den Douvres bleiben sollte. Dort war sein Platz während der Arbeit.

Ernst und nur von nützlicher Erregung erregt, warf er einen Blick auf die Krahne, ergriff hierauf eine Feile und begann die Kette, welche Alles in der Schwebe hielt, zu durchschneiden.

Man hörte das Knirschen der Feile unter dem Grollen des Meeres.

Die Kette der Winde, welche an dem Balancir-Tau befestigt war, befand sich dicht neben seiner Hand, so daß er sie leicht fassen konnte.

Plötzlich hörte man ein Krachen. Die Kette, welche von der Feile zerschnitten wurde, war mehr als halb durchgefeilt und eben gerissen; der ganze Apparat fing zu schwanken an. Gilliatt hatte nur noch Zeit, sich auf das Balancirtau zu stürzen.

Die zerrissene Kette peitschte den Felsen, die acht Kabel dehnten sich aus, der ganze losgesägte und losgeschnittene Theil riß sich vom Wracke los, der Bauch der Durande öffnete sich und der auf die Kabel drückende Eisenboden der Maschine erschien unter dem Kiele.

Hätte Gilliatt nicht zeitig das Tau ergriffen, so wäre ein Sturz erfolgt. Jetzt war aber seine furchtbare Hand da und so wurde es nur ein Herabsinken.

Als Jean Bart’s Bruder, Peter Bart, jener starke und kluge Trunkenbold, jener arme Fischer aus Dünkirchen, welcher den Großadmiral von Frankreich duzte, die in der Bai von Ambleteure verlorene Galeere Langeron rettete und um diese schwere schwimmende Masse aus der Mitte der Brandung jener gefährlichen Bai herauszuschaffen, das große Segel im Flattern mit Meerbinsen zusammenband, als er wollte, daß diese Binsen, sich selbst zerbrechend, das Segel dem Winde zum freien Spiel überließen, vertraute er sich dem Brechen der Binsen ebenso an, wie Gilliatt dem Reißen der Kette; es war dieselbe merkwürdige Kühnheit, von demselben überraschenden Erfolge gekrönt.

Das Tau, welches Gilliatt gefaßt hatte, hielt gut und arbeitete wunderbar. Wie man sich erinnern wird, war es dazu bestimmt, den Kräften, welche aus mehreren in eine zusammengezogen waren und einer gemeinsamen Bewegung gehorchten, das Gleichgewicht zu halten. Es hatte einige Aehnlichkeit mit einer Boyleine, wirkte aber nicht auf ein Segel, sondern auf einen Mechanismus.

Gilliatt stehend und die Hand an der Winde, fühlte, so zu sagen, dem Apparate den Puls.

Hier zeigte sich Gilliatt’s Erfindungsgabe auf das Deutlichste.

Ein auffallendes Ineinandergreifen fand statt.

Während die völlig losgelöste Maschine der Durande gegen die Barke hinabstieg, hob sich diese gegen jene hin. Das Wrack und das Rettungsboot halfen sich gegenseitig, gingen einander entgegen, suchten sich und ersparten sich die halbe Arbeit.

Die Fluth schwoll ohne Geräusch zwischen den beiden Douvres an, hob die Barke und näherte sie der Durande; sie war mehr als besiegt, sie war gezähmt. Der Ocean bildete einen Theil des Mechanismus.

Das steigende Wasser hob die Barke nicht rückwärts, sondern sanft und beinahe vorsichtig, als wenn sie aus Porzellan gewesen wäre.

Gilliatt hatte die Kräfte dieser beiden Arbeiter, des Wassers und des Apparates, vereint, gegeneinander abgemessen und regelte, unbeweglich an der Winde stehend, gleich einer fürchterlichen Bildsäule, der alle Bewegungen auf einmal gehorchen, die Geschwindigkeit des Sinkens nach der des Steigens.

Kein Springen in der Fluth, kein Schwanken in den Krahnen. Es war ein merkwürdiges Zusammenspielen aller dienstbar gemachten Naturkräfte. Einerseits war die Anziehungskraft der Maschine, andererseits die Fluth das Boot. Die Anziehungskraft der Gestirne – die Fluth – und die der Erde – die Schwere – schienen sich mit einander verständigt zu haben, um Gilliatt zu dienen. Ihr Gehorsam kannte weder Zögerung noch Aufenthalt, und durch den Willen eines Geistes wurden diese unthätigen Kräfte zu thätigen Hülfsmitteln. Von Minute zu Minute schritt das Werk vor; der Zwischenraum zwischen der Barke und dem Wrack verminderte sich unmerklich. Die Annäherung geschah schweigend und gewissermaßen für den Menschen, welcher zugegen war, furchtbar. Das Element hatte einen Befehl erhalten und führte ihn aus.

Fast in demselben Augenblick, als die Fluth zu steigen aufhörte, hörten auch die Kabel auf sich abzurollen. Plötzlich, aber ohne Bewegung, standen die Flaschenzüge still. Die Maschine hatte, wie unter der Leitung einer Hand, in der Barke Platz genommen. Sie stand in ihr gerade, aufrecht, unbeweglich und fest. Die Stützplatte ruhte mit ihren vier Ecken senkrecht auf dem Kiele.

Es war vollbracht.

Gilliatt blickte überwältigt hin.

Das arme Wesen war von der Freude nicht verwöhnt. Er beugte sich unter einem unermeßlichen Glücke, fühlte, wie alle seine Glieder zitterten, und er, der bis dahin keine Verwirrung gekannt hatte, begann vor seinem Siege zu beben.

Er betrachtete die Barke unter dem Wracke und die Maschine in der Barke. Er schien es nicht zu glauben. Man hätte sagen können, er war auf das nicht vorbereitet, was er gethan hatte. Ein Wunder war unter seinen Händen hervorgegangen und er erblickte es mit Staunen.

Dieses Staunen dauerte nur kurze Zeit.

Gilliatt machte eine Bewegung wie Jemand, der erwacht, stürzte auf die Säge zu, schnitt die acht Taue durch, sprang dann in die Barke, von welcher ihn jetzt, Dank ihrem Steigen durch die Fluth, eine Entfernung von höchstens zehn Fuß trennte, ergriff eine Rolle mit Troß, machte vier Schlingen, steckte sie durch die Ringe, welche er schon früher angebracht hatte, und befestigte an Bord der Barke auf beiden Seiten die vier Ketten des Schlotes, welche noch vor einer Stunde an Bord der Durande festsaßen.

Nachdem der Rauchfang angeschlossen war, machte Gilliatt den oberen Theil der Maschine los. Ein viereckiges Stück der Brückenplatte der Durande hing daran fest. Gilliatt schlug es ab und befreite die Barke von diesem überflüssigen Ballaste von Planken und Brettern, welche er auf den Felsen warf. Nützliche Erleichterung!

Uebrigens war die Barke, wie man wohl erwarten konnte, unter der großen Last der Maschine fest geblieben und hatte sich nur wenig gesenkt. Die Maschine der Durande war zwar schwer, aber nicht so wuchtig, als der Steinhaufen und die Kanone, welche die Barke schon früher von Herm geholt hatte.

So war Alles beendet und er brauchte die Maschine nur noch fortzufahren.

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Achtes Capitel. Der Erfolg eben so schnell wiedergenommen, als gegeben.

Alles war noch nicht beendigt.

Gilliatt mußte den Schlupfhafen wieder öffnen, welchen das Vordertheil der Durande verschloß, und die Barke sofort aus der Klippe schaffen, das lag klar auf der Hand. Auf offenem Meere ist jede Minute kostbar. Der Wind war schwach, kaum ein Kräuseln zeigte sich auf hoher See; der sehr schöne Abend versprach eine ebenso schöne Nacht. Das Meer war stillstehend, aber die Ebbe begann sich schon fühlbar zu machen; der Augenblick war für die Abfahrt äußerst günstig. Er verließ mit der Ebbe die Douvres, landete mit der Fluth in Guernesey und konnte mit Tagesanbruch in St. Sampson sein.

Aber ein unerwartetes Hinderniß stellte sich ein. Trotz seiner Vorsicht hatte Gilliatt eine Kleinigkeit vergessen.

Die Maschine war frei, der Rauchfang aber nicht.

Die Fluth hatte dadurch, daß sie die Barke dem in der Luft schwebenden Wrack näherte, die Gefahren des Herablassens verringert und die Rettung abgekürzt; aber in Folge dieser Verminderung des Zwischenraums blieb der obere Theil des Schlotes in dem klaffenden Rahmen stecken, welchen gewissermaßen der offene Kiel der Durande bildete. Der Rauchfang wurde von ihm festgehalten, als ob er zwischen vier Mauern gesteckt hätte.

Die Dienstleistung der Wellen wurde durch diesen hinterlistigen Streich gestört.

Wie es schien, hatte das zum Gehorsam gezwungene Meer einen Hintergedanken. Die Ebbe konnte das Werk der Fluth vielleicht zerstören.

Der etwas mehr als drei Klafter hohe Schornstein steckte acht Fuß tief in der Durande; das Niveau des Wassers war im Begriff um zwölf Fuß zu sinken und der Schornstein, indem er mit dem Holländer dem Meeresgrund näher kam, gewann oben einen Spielraum von vier Fuß, konnte also in’s Schwanken gerathen.

Wie lange mochte es währen, ehe er diese Freiheit erlangte? – Sechs Stunden.

Nach Verlauf derselben war es nicht weit mehr von Mitternacht. Doch wie konnte man zu jener Zeit eine Ausschiffung versuchen? In welchen Canal sollte das Fahrzeug sich durch die Klippen winden, in denen sich schon bei Tage Niemand zurechtfand? Und wer wollte sich in jenen Hinterhalt von Untiefen wagen?

Gilliatt war gezwungen, den folgenden Tag abzuwarten.

Sechs verlorene Stunden konnten ihm mindestens zwölf andere kosten.

Er durfte nicht einmal daran denken, den Eingang des Felsgäßchens zu öffnen, um weiter arbeiten zu können.

Gilliatt mußte sich auch ausruhen.

So lange er sich zwischen den Douvresklippen befand, hatte er alles Andere gethan, nur nicht die Arme gekreuzt; dies that er jetzt zum ersten Mal.

Diese gezwungene Pause erzürnte und empörte ihn fast, als hätte er selber sie verschuldet. Was würde Deruchette sagen, sähe sie mich hier müßig stehen? fragte er sich.

Und doch bedurfte er so nothwendig des Sammelns neuer Kräfte.

Der Holländer stand jetzt zu seiner Verfügung und er beschloß die Nacht auf ihm zu verbringen.

Er holte sein Schaffell von dem großen Douvre, speiste einige Schlüsselmuscheln und Seekastanien und trank, da er großen Durst halte, fast den ganzen Wasserrest seiner Schiffsflasche. Dann hüllte er sich in das Fell, dessen Wolle ihm wohl that, legte sich wie ein Wächterhund in die Nähe seiner Maschine, zog die Galerienue über seine Augen und sank in Schlummer.

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Neuntes Capitel. Die Warnungen der See.

Wie von einer Springfeder emporgeschnellt, erwachte er plötzlich inmitten der Nacht.

Er öffnete die Augen.

Die Douvres über seinem Haupt erglänzten wie vom Wiederschein einer starken, hellen Kohlengluth. Die ganze schwarze Façade war von diesem Licht beleuchtet.

Woher kam dies Feuer?

Aus dem Wasser.

Das Meer schien in Flammen zu stehen. So weit das Auge reichte, wogte es wie Feuersgluth, doch hatte dieselbe nicht den gewöhnlichen rothen Schein, auch kein Knistern, keine Hitze und Purpurröthe, nicht das kleinste Geräusch begleitete sie. Ein weitverbreiteter bleicher Glanz zitterte über dem Wasser. Es war keine Feuersbrunst, sondern ein Seegespenst.

Die Erscheinung glich der fahlen Gluth, welche eine Flamme, das Erzeugniß eines Traumes, in dem Innern einer Todtengruft entzündete.

Man mache sich eine Vorstellung von einer in Brand gesetzten Finsterniß.

Die Nacht, die unermeßliche, aufgestörte und verwirrte Nacht, schien der Brennstoff des eisigen Feuers zu sein. Das Dunkel trat als Element in dies Lichtphantom. Alle Fischer des Canals kennen das phosphorische Leuchten, welches Warnungen für die Seefahrer enthält.

Bei diesem Leuchten verlieren alle Gegenstände ihre wirkliche Beschaffenheit. Ein geisterhaftes Wesen durchdringt sie und läßt sie durchsichtig erscheinen. Die Felsen sind nur noch Umrisse. Ankertaue gleichen rothglühenden Eisenstangen. Fischernetze glänzen im Wasser wie ein Maschenwerk von Feuer. Die eine Hälfte des Ruders ist Ebenholz, die andere, im Wasser befindliche, funkelt wie Silber. Tropfen, die in’s Meer zurückfallen, verwandeln sich in Sterne. Jede Barke läßt einen Kometenschweif hinter sich. Matrosen, deren Kleider durchfeuchtet sind, gleichen brennenden Menschen. Taucht man seine Hände in die Fluth, so tragen sie beim Herausziehen glühende Handschuhe, doch ist es ein todtes Feuer, das nicht brennt. Der nasse Arm wird zum glimmenden Brand. Alle im Meer befindlichen Dinge rollen mit der Flammenströmung hinweg. Die Fische sind feurige Zungen und zerrissene Blitze, welche in einem bleichen Abgrund züngeln.

Jenes helle Leuchten war durch Gilliatt’s geschlossene Augenlider gedrungen. Nur ihm verdankte er sein Erwachen. Es war hohe Zeit aufzustehen.

Nach der Ebbe folgte jetzt eine neue Fluth.

Der Schornstein der Maschine, welcher während Gilliatt’s Schlaf frei geworden war, stand im Begriff, von dem über ihm gähnenden Wrack gepackt zu werden.

Er stieg langsam empor.

Nur noch ein Fuß fehlte und er fuhr wieder in die Durande.

Die Fluth braucht etwa eine halbe Stunde, um einen Fuß hoch zu steigen. Längere Zeit blieb Gilliatt also nicht, wenn er die schon in Frage stehende Rettung völlig ausführen wollte.

Er richtete sich blitzschnell empor.

So sehr die Verhältnisse ihn auch drängten, konnte er doch nicht umhin, das Meerleuchten einige Minuten nachdenklich zu betrachten.

Er kannte die See aus dem Grunde. Wider ihren Willen und oft von ihr gemißhandelt, war er lange Zeit ihr Gefährte gewesen. Das geheimnißvolle Wesen, welches Ocean heißt, konnte nichts beabsichtigen, was Gilliatt verborgen geblieben wäre.

Er eilte schnell zu den Hißtauen, ließ sie langsam nach, ergriff dann, da der Gabelanker ihn nicht mehr hinderte, den Bootshaken des Holländers, stützte sich an die Felswand und steuerte nach dem, einige Klafterlängen jenseits der Durande liegenden Ausgang des Felsengäßchens. Es machte Raum, wie die Matrosen von Guernesey sagen. In weniger als zehn Minuten war der Holländer aus dem Bereich unterhalb des Wrack. Es stand nicht länger zu befürchten, daß der Schornstein wieder in die Schlinge der Durande gerieth. Mochte die Fluth immerhin steigen.

Er betrachtete erst das Meerleuchten und lichtete dann die Anker, doch nicht um abzufahren, sondern weil er den Holländer auf’s Neue und zwar in der Nähe des Ausgangs befestigen wollte.

Bisher hatte er sich nur der beiden Anker seines eigenen Fahrzeuges bedient, ohne den kleinen Anker der Durande zu benutzen, welchen er, wie man weiß, in den unterseeischen Klippen auffand. Er bewahrte ihn für dringende Fälle in einem Winkel des Holländers, nebst einem Vorrath von dreidrähtigen Seilen und Hißtau-Blockrollen und seinem Ankertau, das er im Voraus mit sehr spröden Feuerflaschen versehen hatte. Gilliatt warf auch diesen dritten Anker, was auf lebhafte Besorgniß und doppelte Vorsicht schließen ließ.

Das phosphorische Leuchten, welches er überwachte und unverwandt beobachtete, bedrohte ihn vielleicht, während es ihm zu gleicher Zeit nützte. Ohne dasselbe wäre er ein Gefangener des Schlafs geblieben und die Nacht hätte ihn betrogen. Jenes Licht erweckte und erleuchtete ihn. Es bewirkte in den Klippen eine trübe Tageshelle, die Gilliatt zwar beunruhigte, ihm aber insofern diente, als sie die Gefahr zeigte und seinen Abzug möglich machte. Wollte er von nun an die Segel spannen, war der Holländer mit der Maschine frei und unbehindert.

Gilliatt schien indeß weniger und weniger an eine Abreise zu denken. Als er den Holländer quer vor Anker gelegt hatte, holte er die stärkste Kette aus seinem Lagerhaus, befestigte jedes ihrer Enden an zwei Nägeln, von denen der eine in den kleinen, der andere in den großen Douvre geschlagen war und verstärkte so das Bollwerk von Futterdielen und Balken, welches die an der Außenseite kreuzweis gespannte Kette bereits sicherte. Weit entfernt, die Einfahrt zu öffnen, versperrte er dieselbe vollends.

Das Meerleuchten dauerte zwar noch fort, nahm aber allmählig ab. Der Tag begann zu dämmern.

Plötzlich lauschte Gilliatt.

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Zehntes Capitel. Wen’s juckt, der kratze sich.

Er glaubte in unermeßlicher Ferne ein schwaches, undeutliches Geräusch zu hören.

Bisweilen entsteigen der Tiefe grollende Laute.

Er lauschte zum zweiten Mal. Das leise Tönen ließ sich wieder vernehmen. Gilliatt schüttelte den Kopf, wie Jemand, der da weiß, um was es sich handelt.

Einige Minuten später befand er sich am entgegengesetzten Ende des Felsgäßchens, das bis jetzt offen war und trieb mit starken Hammerschlägen große Nägel in den Granit der beiden Eisfelsen, dieses, dem Mann benachbarten Ausgangs, eine Vorkehrung, die er früher an der Einfahrt der Douvres getroffen hatte.

Die Spalten dieser Felsen waren alle ausgebessert und mit kernigem Eichenholz gefüllt. Da die Klippe gerade hier aus sehr mürbem Gestein bestand, diente sie vielen Eidechsen zur Wohnung und Gilliatt war im Stande, noch mehr Nägel darin anzubringen, als am entgegengesetzten Fundament der beiden Douvres.

Plötzlich, als würde es ausgelöscht, endigte das Meerleuchten und die mit jedem Augenblick abnehmende Morgendämmerung herrschte an seiner Stelle.

Als Gilliatt die Nägel eingeschlagen hatte, schleppte er Balken, Taue und Ketten herbei und begann, ohne die Augen eine Secunde von seiner Arbeit zu wenden, den Ausgang des Passes mit Bohlen zu versperren, indem er diese in horizontaler Richtung befestigte und durch Taue zusammenfaßte, eine der lockern Verschanzungen, welche die heutige Wissenschaft anerkennt und mit dem Namen Wellenbrecher belegt hat.

Wer mit eigenen Augen – zum Beispiel in Rocquaine, Guernesey oder Bourg-d’eau in Frankreich, die Wirkung beobachtet hat, welche einige in den Fels gerammte Pfähle hervorbringen, begreift die Bedeutung dieser so einfachen Vorkehrung. Der Wellenbrecher ist eine Zusammensetzung der Verschärfung, die man in Frankreich épi und in England dick nennt. Wellenbrecher sind die »spanischen Reiter« der Festungswerke, die im Wasser zur Abwehr des Sturmes erbaut werden. Nur mit Hülfe dieser Macht kann man gegen das Meer kämpfen.

Die Sonne hatte inzwischen vollkommen heiter ihre Himmelsbahn betreten. Das Meer war still, die Luft klar.

Gilliatt beschleunigte seine Arbeit. Auch er war ruhig und doch lag Angst in seiner Hast.

Mit großen Sätzen eilte er von Fels zu Fels, von der Verschanzung zum Magazin und wieder zurück nach der Verschanzung. Bald schleppte er einen Katzsparren, bald eine Verdeckslukeneinfassung herbei. Die Nützlichkeit seiner Ansammlung von Zimmerwerk erwies sich. Es war klar, daß Gilliatt einem vorhergesehenen Ereigniß gegenüber stand.

Eine starke Eisenstange diente ihm als Hebebaum, mit dessen Hülfe er die Balken fortschaffte.

Das Werk ging so schnell von Statten, daß man sagen konnte, es wuchs empor, anstatt ausgeführt zu werden. Wer nie der Arbeit eines Pioniers zugesehen hat, kann sich keine Vorstellung von einer solchen Eile machen.

Der östliche Eingang war noch enger als der westliche. Er hatte nur eine Breite von fünf oder sechs Fuß. Dies kam Gilliatt zu Statten. Da der zu befestigende Platz nur klein war, mußte die Verschanzung jedenfalls besser Stich halten, und konnte überdies leichter hergestellt werden. Die querliegenden Bohlen genügten also, senkrecht einzurammende waren überflüssig.

Als Gilliatt die ersten Balken vor dem Eingang angebracht hatte, stieg er auf dieselben und lauschte.

Das Grollen der See ließ sich deutlicher vernehmen.

Gilliatt setzte seine Arbeit fort. Er vervollständigte sie durch die beiden Krahnbalken der Durande, welche er mit dem Querbalken zusammenfügte, indem er durch die Blockrollenräder der letzteren Hißtaue zog, und diese um das Gebälk befestigte. Das Ganze durchschürzte er dann mit Ketten.

Das vollständige Machwerk war nichts Anderes als eine Art Geflechte, dessen Stäbe durch Bohlen vertreten wurden, während Ketten die Weidengerten waren.

Gilliatt vervielfachte die Befestigungen und schlug die fehlenden Nägel in die Verschanzung.

Da er viele Eisenstangen in dem Wrack vorgefunden hatte, konnte er einen großen Vorrath von Nägeln schmieden.

Während seiner Arbeit zermalmte er Schiffszwieback mit den Zähnen. Er hatte Durst, ohne ihn löschen zu können, denn es fehlte ihm an süßem Wasser. Den Rest in seiner Schiffsflasche trank er bereits am vorigen Abend.

Er fügte noch vier oder fünf Balken zu den übrigen und stieg dann zum zweiten Mal auf die Verschanzung, um zu lauschen.

Das ferne Geräusch war verstummt. Alles schwieg.

Das Meer lag in stiller Herrlichkeit da. Es verdiente jedes Madrigal, welches die Bürger ihm widmen, wenn sie mit seinem Betragen zufrieden sind: »ein Spiegel« – – – »ein See« – – – »Oel« – – – »ein Schäker« – – – »ein Hammel« – – Die tiefe Himmelsbläue war des dunkeln Meergrüns würdig – Saphir und Smaragd, die einander bewundern durften. Sie hatten einander nichts vorzuwerfen. Kein Wölkchen in den Lüften, keine Schaumflocken aus dem Wasser. Eine strahlende Aprilsonne stieg über all‘ dieser Pracht empor. Das Wetter konnte nicht schöner sein.

Am äußersten Horizont strich eine lange schwarze Reihe von Zugvögeln dahin. Sie flogen schnell und näherten sich der Erde. Es hatte den Anschein, als wären sie auf der Flucht.

Gilliatt fuhr fort, den Wellenbrecher zu erhöhen, so weit die Krümmung der Felsen es gestattete.

Gegen Mittag dünkte ihm der Sonnenschein heißer, als natürlich war.

Die Mittagsstunde ist entscheidend für den Tag. Gilliatt stand auf dem festen Flechtwerk, das er soeben vollendet hatte, und begann seine unbegrenzte Umgebung zu beobachten.

Das Meer war nicht nur ruhig, sondern träge. Kein Segel ließ sich erblicken. Der Himmel war noch immer klar, doch hatte das Blau sich in Weiß verwandelt. Dieser Umstand befremdete ihn. Am westlichen Horizont zeigte sich ein kleiner Fleck von krankhafter Farbe. Er behauptete unbeweglich seinen Platz, nahm aber an Umfang zu. In der Nähe der unterseeischen Klippen bemerkte man ein sanftes, leises Kräuseln der Fluth. Gilliatt hatte wohl gethan, seinen Wellenbrecher zu bauen.

Ein Unwetter zog herauf.

Der Abgrund hatte sich entschieden, eine Schlacht zu liefern.

Fünftes Buch. Der Revolver.


Erstes Capitel. Das Wirthshaus am Hafen.

Sieur Clubin war ein Mann, welcher es verstand, seine Zeit abzuwarten, wenn er etwas vorhatte.

Er war klein und gelb und stark wie ein Stier. Vergebens hatte es das Meer versucht, sein wachsgelbes Gesicht zu bräunen; es blieb ein Wachsgesicht, und sogar sein Auge hatte etwas von dem Licht einer Wachskerze. Sein Gedächtniß ließ ihn niemals im Stich, es war von einer ganz merkwürdigen Unfehlbarkeit. Hatte er nur ein einziges Mal einen Menschen gesehen, so hatte er ihn fest im Gedächtniß wie in ein Notizbuch verzeichnet. Der lakonische Blick dieses Mannes packte Jeden gleichsam mit festen Fingern. Sein Augapfel bewahrte jedes Bild, das sich ihm einmal eingeprägt hatte; und mochten auch Jahre darüber hingegangen sein und das Alter die Gesichtszüge verändert haben, Sieur Clubin erkannte in dem gefurchten Gesicht das frühere junge Gesicht wieder. Es war unmöglich, das Gedächtniß dieses Mannes auch nur einen Augenblick zu täuschen. Sieur Clubin war wortkarg, nüchtern und kalt; niemals begleitete er seine Worte auch nur mit der geringsten Bewegung. Seine offene, redliche Miene nahm auf der Stelle für ihn ein. Viele Leute hielten ihn für naiv; er hatte eine gewisse Falte im Augenwinkel, welche ihm ein erstaunlich dummes Ansehen gab. Wir haben schon seine außerordentlichen Fähigkeiten als Seemann geschildert; auch sein Charakter als Mensch und Bürger ließ nichts zu wünschen übrig; er war in jeglicher Beziehung ein Muster. Keiner war so fromm, so heilig, als Sieur Clubin; es gab keinen gewissenhafteren, keinen redlicheren Menschen, als Sieur Clubin. Wem er verdächtig erscheinen konnte, der war sicherlich selbst ein verdächtiges Subject. Er war befreundet mit einem Wechsler, Namens Rebuchet, in St. Malo. Dieser Mann sagte: » Keinem Anderen als Sieur Clubin würde ich mein ganzes Geschäft anvertrauen.« Sieur Clubin war Wittwer. Seine verstorbene Frau stand in dem Rufe eben so großer Gewissenhaftigkeit, als er selber. Sie stand im Ruf einer unerschütterlichen Tugend. Hätte ihr jemals der Amtmann den Hof gemacht, so hätte sie es ganz sicher dem Könige angezeigt; und wäre der liebe Gott in sie verliebt gewesen, so hätte sie es sicher dem Pfarrer gebeichtet. Das Ehepaar Clubin war der personificirte Ausdruck des englischen Wortes » respectabel.« Sie galten in. ganz Torteval für Muster des Anstandes. War Madame Clubin der Schwan, so war Herr Clubin das Hermelin. Er wäre an einem Flecken gestorben. Wenn er eine Stecknadel fand, so ruhete er nicht eher, als bis er ihren Eigenthümer entdeckte. Den Fund eines Packets Streichhölzer hätte er ohne alle Frage veröffentlicht. Eines Tages gab er dem Gastwirth von St. Servau fünfundsechszig Centimes zurück mit den Worten: »Freund‘, Ihr habt Euch, als ich vor drei Jahren hier frühstückte, um fünfundsechszig Centimes verrechnet.«

Das war ein großer Beweis von Ehrlichkeit. Er kniff dabei die Lippen mit einem seltsamen Ausdruck zusammen. Er schien ungehalten. Worüber? Wahrscheinlich über die Gauner.

Jeden Dienstag führte Sieur Clubin die Durande nach St. Malo. Er kam daselbst des Abends an, hielt sich zwei Tage auf, um seine Geschäfte zu besorgen, und kehrte dann Freitag früh mit seinem beladenen Schiff wieder nach Guernesey zurück.

Zu jener Zeit befand sich dicht am Hafen ein kleines Wirthshaus, welches man die Herberge zum Johannes nannte.

Das war das Absteigequartier Sieur Clubin’s, denn es befand sich in diesem Hause zu gleicher Zeit das französische Bureau der Durande.

Die Zollbeamten und Küstenwärter aßen dort zu Mittag. Sie hatten ihren besonderen Tisch. Die Zollbeamten von Binic trafen dort mit ihren Collegen aus St. Malo zusammen.

Es kamen auch häufig Schiffscapitäne dorthin, welche ebenfalls, wie die Zollbeamten, ihren besonderen Tisch hatten.

Sieur Clubin setzte sich bald an diesen, bald an jenen Tisch; er war an beiden gleich gern gesehen, doch zog er in der Regel die Gesellschaft der Zollbeamten und Küstenwärter vor.

Man speiste sehr gut in diesem Hause. Ein gewisser Herr Gertrais-Gaboureau präsidirte an der Tafel der Schiffscapitäne. Dieser Mensch war eigentlich kein Mensch, sondern ein Barometer. Seine langjährigen Erfahrungen zur See hatten aus ihm einen unfehlbaren Wetterpropheten gemacht. Er bestimmte genau das Wetter des nächsten Tages vorher. Er erkannte den Wind durch das Gehör. Er fühlte der Fluth den Puls und sagte zu den Wolken: zeigt mir Eure Zunge, das heißt den Blitz. Er war der Arzt der Wogen, der Brisen, des Sturmes; der Ocean war sein Kranker; er kannte den Zustand der Klimate und die Pathologie der Jahreszeiten aus dem Grunde. Er haßte England eben so sehr, als er den Ocean liebte; er hatte die englische Marine nur studirt, um ihre schwachen Seiten kennen zu lernen. Er beurtheilte die Nationen nach ihren Marinen. England nannte er Trinity House, Schottland Northern commissioners, Irland Ballast board.

Selten war der Gegenstand des Gesprächs an dem Tische der Capitäne und an dem der Zollbeamten und Küstenaufseher derselbe. Dies war jedoch ausnahmsweise in den ersten Tagen des Februar, bis zu welchem Zeitpunkte unsere Geschichte vorgeschritten ist, der Fall. Der Capitän des Dreimasters Tamaulipas, Namens Zuela, welcher aus Chili gekommen war und wieder dorthin zurückkehren wollte, nahm dieses Mal die Aufmerksamkeit sämmtlicher Anwesenden in Anspruch. An der Tafel der Capitäne besprach man seine Schiffsladung, an dem Tische der Zollbeamten und Küstenwärter gaben seine Schliche den Stoff zur Unterhaltung. Der Capitän Zuela aus Copiapo hatte den Unabhängigkeitskrieg mitgemacht, und zwar in der unabhängigsten Weise. Er hielt es bald mit Bolivar, bald mit Morillo, auch wohl mit Beiden zugleich, wie es ihm Vortheil brachte. Er war Allerweltsdiener, und als solcher reich geworden. Er war Bonapartist, Bourbonist, Absolutist, Atheist, Katholik, und huldigte dem Liberalismus. Er war Alles, that Alles, wenn es ihm etwas einbrachte. Er gehörte zu der großen Partei, die man die Fraction »Nimm« nennen könnte. Von Zeit zu Zeit machte Herr Zuela Handelsreisen nach Frankreich, und wenn man dem Gerücht Glauben schenken darf, machte er dadurch, daß er politischen Flüchtlingen und Emigrirten, auch wohl bankerotten Kaufleuten die Hand zur Flucht bot, ganz ausgezeichnet gute Geschäfte; er nahm Alle, Schufte wie Ehrenmänner, in sein Schiff auf, wenn sie nur bezahlten. Die Polizei wußte er dadurch zu täuschen, daß er die verdächtigen Passagiere nicht im Hafen aufnahm, sondern von irgend einer einsamen Stelle am Strande durch eines seiner Boote abholen ließ. Er hatte auf seiner letzten Seereise den in contumaciam verurtheilten Berton entschlüpfen lassen, und dieses Mal wollte er, wie man sich erzählte, mehrere Personen, die sich in der Affaire an der Bidassoa compromittirt hatten, mitnehmen. Die Polizei hatte ein wachsames Auge auf ihn. Es war damals eine wahre Fluchtepoche. Die Restauration war eine Reaction. Die Revolutionen führen Emigrationen, die Restaurationen Verfolgungen herbei. Während der ersten acht Jahre nach der Wiedereinsetzung der Bourbonen beherrschte ein panischer Schrecken die Finanzen, die Industrie und den Handel. Der Letztere stand auf einem Vulkan. Die Bankerotte waren an der Tagesordnung. »Rette sich, wer kann!« – war der Wahlspruch der Politik geworden. Lavalette war geflohen, Lefevre Desnouettes Delon hatte die Flucht ergriffen. Die außerordentlichen Gerichtshöfe wütheten, mehr noch Trestaillon. Man floh die Brücke von Saumur, die Esplanade von La Réole, die Mauer des Observatoriums von Paris, den Thurm von Taurias in Avignon – düstere Schattenbilder, welche die Reaction in das Buch der Geschichte verzeichnet, und welchen noch heute die Spuren jener blutigen Hand anhaftet. In London hatte der sich nach Frankreich verzweigende Prozeß Thistlewood, in Paris der sich nach Belgien, nach der Schweiz und Italien verzweigende Prozeß Trogoff die Ursachen der Besorgniß und der heimlichen Flucht vermehrt und selbst die höchsten Schichten der damaligen Gesellschaft fast bis zur Entvölkerung unterwühlt. Alles zitterte und floh. Sich und sein Hab‘ und Gut in Sicherheit zu bringen, war das Einzige, woran man dachte. Wer verdächtig befunden wurde, war verloren. Man floh nach Texas, man rettete sich nach Peru oder Mexico. Die Männer von der Loire, damals Räuber, heute Nabobs, hatten jene Colonie, das berühmte »Zufluchtsfeld« in Texas gegründet. Béranger sang: Ihr Wilden, wir sind Franzosen, habt Mitleid mit unserem Ruhm! Die einzige Rettung war Auswanderung. Nichts aber ist weniger leicht als die Flucht. Dieses einsylbige Wörtlein bezeichnet einen Abgrund von Elend. Wer flüchtet, hat mit tausend Hindernissen zu kämpfen; sehr vornehme, sogar berühmte Personen mußten Verbrecher-Schleichwege wählen, um zu ihrem Ziele zu gelangen. Es fehlt aber diesen Armen an der die Verbrecher auszeichnenden Geschicklichkeit; es giebt nichts Linkischeres, als die Rechtlichkeit vor dem Richterstuhl.

Nur für den Unredlichen ist die Flucht leicht und sogar mit Vortheilen verbunden. Es war durchaus nichts Ungewöhnliches, irgend einen vor den Gesetzen Englands oder Frankreichs Flüchtenden in fremdem Lande als Hohenpriester oder als Großmogul wieder auftauchen zu sehen. Es wurde ein bestimmter Industriezweig, den Flüchtlingen für Geld und gute Worte Gelegenheit zur Flucht zu bieten. Wer sich nach England flüchten wollte, wandte sich an die Schmuggler; wer nach Amerika zu flüchten beabsichtigte, wandte sich an Betrüger von so alter Praxis, wie der Capitän Zuela.

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Zweites Capitel. Clubin bemerkt Jemanden.

Zuela speiste zuweilen in dem Wirthshaus am Hafen. Sieur Clubin kannte ihn von Ansehen.

Man konnte Sieur Clubin nicht nachsagen, daß er stolz sei; er verschmähte es nicht, die oberflächliche Bekanntschaft von Banditen und Spitzbuben zu machen; zuweilen hatte er sogar freundschaftliche Beziehungen mit Einem oder dem Anderen dieser gefährlichen Spitzbuben angeknüpft; man bemerkte öfter, wie er ihnen im Vorübergehen die Hand reichte oder einen Gruß zuwinkte. Er sprach englisch mit dem Schmuggler und radebrecht spanisch mit dem »Contrabandist.« Sieur Clubin hatte darüber seine eigenen Grundsätze: Der Zweck heiligt die Mittel. – Auch das Böse kann dem Guten zu Nutz und Frommen gereichen. – Es kommt dem Wildhüter zu Statten, wenn er sich zuweilen mit dem Wilddieb unterhält. – Der Pilot muß den Piraten kennen lernen, denn der Pirat ist eine Klippe. Sieur Clubin sagte ferner: Ich bin der Arzt, der das Gift kostet. Wer kann gegen solche Grundsätze etwas einzuwenden haben? Alle Welt gab dem Sieur Clubin Recht; man hatte durchaus nichts dagegen einzuwenden, daß Sieur Clubin mit Gesindel verkehrte; man hätte es für eine lächerliche Abgeschmacktheit gehalten, wenn er sich aus Furcht vor übler Nachrede nicht mit diesen Leuten eingelassen hätte. Wer konnte bei einem so ausgezeichneten Ehrenmann, wie Sieur Clubin etwas Arges darin finden? Man war so vollkommen davon überzeugt, daß Alles, was Sieur Clubin zu thun für gut fand, zum Besten der Durande geschah, daß er überall nur den Vortheil seines Capitäns im Auge hatte. Den Ruf Sieur Clubin’s konnte Nichts erschüttern. Der Krystall nimmt keine Flecken an. Seine Sünden waren nur Scheinsünden, und als solche ihm im Voraus vergeben. Man kannte seine Klugheit; man wußte, daß sein vertraulicher Umgang mit den Spitzbuben nur das Resultat dieser Klugheit war; daher dienten derartige Klugheitsrücksichten seiner Ehrlichkeit nur als Relief.

Sieur Clubin stand in dem Ruf der Treuherzigkeit und Offenheit, demungeachtet mußte man ihm eine ganz außerordentliche Geschicklichkeit zuerkennen. Es ist dieser scheinbare Widerspruch eine der Variationen des ehrlichen Mannes, welche ungemein geschätzt werden. Sieur Clubin besaß die so sehr geschätzte Vereinigung dieser beiden Eigenschaften. Wenn man ihn im Gespräch mit einem Spitzbuben überraschte, so hatte dies durchaus nichts Beunruhigendes; man wußte, Sieur Clubin war ein Ehrenmann; wenn er es für gut fand, mit Spitzbuben zu verkehren, so mußte er seine Wohlbegründeten Absichten dabei haben, und es fiel Keinem auch nur im Entferntesten ein, dabei etwas zu finden, oder ihn wohl gar deshalb zur Rechenschaft zu ziehen.

Der Dreimaster Tamaulipas war zur Abfahrt gerüstet und sollte in acht Tagen in See gehen.

An einem Dienstag Nachmittag kam die Durande noch bei hellem Tageslicht in St. Malo an. Sieur Clubin bewachte, wie gewöhnlich, das Einlaufen in den Hafen des Dampfbootes, denn er hatte als treuer, für den Vortheil seines Herrn bedachter Diener sein Falkenauge überall. Als das Schiff sich dem Hafen näherte, bemerkte er auf dem Strande an einem sehr einsamen Orte zwischen zwei Felsen zwei Männer, welche miteinander sprachen. Er nahm das Fernrohr zur Hand, und erkannte den Einen derselben als den Capitän Zuela; es schien, daß ihm auch der Andere nicht unbekannt war.

Dieser Andere hatte eine robuste Gestalt; sein breiter Hut und sein übriger Anzug gab ihm das Ansehen eines Quäkers; auch hatte er den zu Boden gerichteten Blick dieser Secte.

Als Sieur Clubin in das Wirthshaus am Hafen kam, erfuhr er, daß der Dreimaster Tamaulipas gerüstet und in acht Tagen in See ginge.

Es ergab sich später, daß Sieur Clubin auch noch speciellere Erkundigungen eingezogen hatte.

Bei einbrechender Nacht ging er zu einem Waffenhändler in der Straße St. Vincent und sagte zu ihm:

– Wißt Ihr, was ein Revolver ist?

– Ja, antwortete dieser, es ist eine amerikanische Erfindung.

– Eine Pistole, welche immer von Neuem anfängt zu reden.

– Jawohl, welche stets der Frage die Antwort auf dem Fuße folgen läßt. –

– Und dann die Frage wiederholt.

– Ganz recht. Diese Pistole hat einen Lauf, welcher sich dreht.

– Und worin sich fünf bis sechs Kugeln befinden.

Der Waffenhändler schnalzte mit der Zunge, zum Zeichen seiner Verehrung für diese amerikanische Erfindung, und setzte mit wichtiger Miene hinzu:

– Es ist dieses eine ganz vortreffliche Waffe, Sieur Clubin, eine Erfindung, die ihren Weg machen wird.

– Ich wünschte einen Revolver mit sechs Kugeln zu kaufen.

– Ich habe keine.

– Wie das? Ihr seid ja Waffenhändler.

– Es ist eine funkelnagelneue Erfindung, Sieur Clubin, die so eben erst auftauchte. Man bedient sich in Frankreich noch immer der einfachen Pistole.

– Teufel!

– Ich führe diesen Artikel noch nicht.

– Teufel!

– Doch könnt Ihr bei mir ganz vortreffliche Pistolen kaufen.

– Ich brauche einen Revolver.

– Nun ja – ich begreife – ein Revolver ist schon besser, als eine einfache Pistole – wartet einmal – ich besinne mich – da ist –

– Was?

– In St. Malo –

– Ein Revolver?

– Ja.

– Zu verkaufen?

– Ja.

– Wo?

– Ich glaube es zu wissen – ich werde mich erkundigen –

– Wann kann ich mir die Antwort holen?

– Ihr macht da einen ganz vortrefflichen Kauf – ich kann Euch diesen Revolver empfehlen –

– Wann kann ich mir die Antwort holen?

– Wenn ich Euch sage, die Waffe ist gut, so könnt Ihr sie auf meine Verantwortung kaufen –

– Wann kann ich mir die Antwort holen?

– Wenn Ihr das nächste Mal nach St. Malo kommt.

– Verrathet nicht, daß der Revolver für mich ist, sagte Clubin.

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Drittes Capitel. Clubin nimmt Etwas mit und bringt es nicht wieder.

Sieur Clubin belud die Durande mit einer gewissen Anzahl Ochsen und Passagiere, und trat, wie gewöhnlich, am Freitag Morgen die Rückreise nach Guernesey an. Als das Schiff den Hafen verlassen und dem Kapitain die Zeit vergönnt war, die Kommandobrücke für einige Augenblicke zu verlassen, ging Clubin in seine Koje, schloß sich ein, nahm ein ihm gehörendes Felleisen, packte Kleidungsstücke, Bisquit, ein Pfund Cacao, einige Schachteln mit Eingemachtem in eine Abtheilung desselben und legte in die andere sein Chronometer und sein Fernglas. Dann schloß er das Felleisen sorgfältig zu und befestigte in beiden Ohren desselben ein Thau, um es im Notfall aufhissen zu können. Dann stieg er in den unteren Schiffsraum hinab, trat in das Kabelgat, und kam mit einem jener knotigen und an dem Ende mit einem Haken versehenen Stricke, deren sich die Kalfaterer auf dem Meere und die Diebe auf dem Lande bedienen, auf das Verdeck zurück.

Als Clubin in Guernesey angelangt war, ging er nach Torteval; daselbst hielt er sich eine Stunde auf. Er nahm den Hakenstrick und das Felleisen dorthin mit und brachte beides nicht wieder nach Guernesey zurück.

Sagen wir es ein für alle Mal: das Guernesey, von welchem hier die Rede ist, ist das ehemalige, nicht das jetzige Guernesey. Das alte Guernesey ist verschwunden; man würde höchstens in den Dörfern noch Spuren davon vorfinden, dort mag es wohl noch leben; in den Städten ist es todt. Was wir hier von Guernesey sagen, gilt auch von Jersey. St. Helier ist so gut als Dieppe, St. Pierre-Port so gut als Lorient. Dank dem bewunderungswürdigen Geist der Initiative, der dieses muthige kleine Inselvolk auszeichnet, hat sich seit vierzig Jahren der ganze Archipelagus des Canals geändert. Da, wo ehemals Schatten war, ist heute Licht.

Zu jenen Zeiten, die schon durch ihre Entfernung historisch sind, wurde der Schleichhandel sehr stark betrieben. Die Westküste von Guernesey war wie besät mit Schmugglerschiffen. Mehr als genau unterrichtete Personen, welche noch bis in die kleinsten Details die Dinge zu schildern im Stande sind, welche vor einem halben Jahrhundert passirten, wissen jetzt noch die Namen mehrerer der damaligen Schiffe zu nennen. Gewiß ist, daß beinahe in jeder Woche einige, entweder in Plainmont oder in der Bucht der Heiligen einliefen. Sie kamen und gingen mit einer gewissen Regelmäßigkeit fast wie die heutigen Dampfboote. In der Nähe von Serk befand sich eine Grotte, welche man den Laden nannte, weil an dieser Stelle die Schmuggler ihre Waaren verkauften. Diese Leute hatten damals ihre besondere Sprache, welche heut zu Tage Niemand mehr verstehen würde; dieses Idiom verhielt sich ungefähr zur spanischen Sprache, wie das der Levante zur italienischen.

An vielen Orten des englischen und französischen Uferlandes, bestand zwischen Kaufleuten und Schleichhändlern ein geheimes Einverständniß. Mehr als ein renommirtes Handelshaus öffnete dieser seine Thür, natürlich nur die Hinterthür; und gar mancher angesehene Handelsherr verdankte dem Schleichhandel seine Reichthümer. Wenigstens behauptete Séguin dieses von Bourgain und Bourgain von Séguin. Wir können die Wahrheit ihrer Aussage nicht verbürgen; vielleicht verleumdeten sie sich gegenseitig. Wie dem auch sei, der von den Gesetzen verdammte und verfolgte Schleichhandel stand mit der Finanzwelt, also mit der besten Gesellschaft, auf sehr gutem Fuße.

Eben dies gewährte ihm Schutz gegen die Gesetze; man sah den Schleichhändlern durch die Finger, weil sie Mitwisser vieler Geheimnisse waren. Es gab keine verschwiegnere Leute, als die Schmuggler, keine ehrlichere Spitzbüberei, als der Schleichhandel. Der Schleichhandel ohne Verschwiegenheit war eine Unmöglichkeit, seine Geheimnisse waren eben so heilig wie das Beichtgeheimniß.

Nichts konnte das gegebene Wort eines Schmugglers wankend machen. Ein Alkade in Oyarzun ließ eines Tages einen Schmuggler foltern; er sollte gestehn, wer ihn mit geheimen Geldvorschüssen unterstützte. Er gestand Nichts. Der ihm die Geldvorschüsse geliefert hatte, war der Alkade selber. Der eine der beiden Mitschuldigen mußte, um vor den Augen der Welt dem Gesetz zu genügen, den anderen foltern lassen; der andere hatte die Folterqualen ausgestanden, um den Eid zu brechen.

Die beiden berühmtesten Schmuggler, welche zu jener Zeit in Plainmont verkehrten, hießen Blasco und Blasquito. Sie waren Namensvettern, was in dem katholischen Spanien für eine Verwandtschaft gilt, und zwar deshalb, weil Beide denselben Schutzpatron im Himmel haben – in der That, ein beinahe ebenso inniges Band, als auf Erden denselben Vater zu haben!

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Viertes Capitel. Plainmont.

Plainmont, nahe bei Torteval, ist einer der drei Winkel von Guernesey. Es befindet sich dort auf der äußersten Spitze des Kaps ein hoher, von Rasen bedeckter Bergrücken, der das Meer beherrscht.

Diese Höhe ist sehr einsam, um so einsamer, da man ein Haus daselbst bemerkt. Dieses Haus gesellt zu dem Gefühl der Einsamkeit noch den Eindruck der Furcht.

Es ist, wie man sagt, ein Gespensterhaus. Verhext oder nicht: jedenfalls ist sein Anblick ein unheimlicher.

Es steht mitten im Grünen, ist von Granit erbaut und hat nur ein einziges Stockwerk.

Es hat nichts von einer Ruine; es ist vollkommen wohnlich. Die Mauern sind dicht und das Dach ist fest. Es fehlt diesen Mauern kein Stein, dem Dach kein Schiefer. Der von Ziegelsteinen gebaute Schornstein ist unversehrt. Dieses Haus kehrt dem Meere den Rücken zu; es zeigt diesem nur eine leere Wand. Betrachtet man indessen diese Wand genauer, so bemerkt man in derselben ein zugemauertes Fenster. Die beiden Giebel haben drei Fensterluken: eine nach Osten, die beiden andern nach Westen. Alle drei sind vermauert. Nur die Landseite hat eine Thür und Fenster. Die Thür ist vermauert, die beiden Fenster des Erdgeschosses ebenfalls. Im ersten Stock sind zwei offene Fenster, deren Anblick das Haus doppelt unheimlich macht. Die zugemauerten Fenster sind weniger schreckenerregend, als diese beiden offenen, deren Oeffnung bei hellem Tage schwarz erscheint. Sie haben weder Scheiben noch Rahmen; es sind schwarze Mauerlöcher, welche wie zwei leere Augenhöhlen aussehen. Im Innern des Hauses ist Alles roh; man sieht hinter diesen beiden dunkeln Luken nichts, als die nackte Steinwand. Man glaubt ein Leichenhaus zu sehen. Keine menschliche Wohnung nah und fern, lautlose Stille rings umher. Nur Brennesseln welche der Wind bewegt, streifen den Fuß der Mauer. Dennoch hört man, wenn man das Ohr dicht an die Wand hält, bisweilen ein Geräusch wie der Flügelschlag aufgescheuchter Vögel. Ueber der Thür dieses Hauses sind die Buchstaben ELM-PBJLG und das Datum 1780 eingegraben. Des Nachts fällt das trübe Mondlicht darauf.

Das Meer schlingt sich wie ein Gürtel um dieses Haus, seine Lage ist herrlich, und darum um so grauenvoller. Die Schönheit dieses Ortes wird zum Räthsel. Warum nur ist jenes Haus nicht bewohnt? Ist es nicht gut gebaut, und in wohnlichem Zustande? Woher kommt es nur, daß es so einsam und verlassen ist? Rings umher vortreffliches Erdreich; doch kein Pflug, der es beackert; keine Menschenhand, die den Pflug leitet, um Nutzen aus dem guten Boden zu ziehen. Hat dieses Haus denn keinen Herrn? Die Thür ist vermauert. Warum? Was geht in seinem Inneren vor? Wenn Nichts, warum wohnt Niemand darin? Warum flieht Alles vor diesem einsamen Gebäude? Ist es denn wirklich unbewohnt von menschlichen Wesen? Hausen nur Raubvögel und Geister darin? Geht Niemand über die Schwelle dieser vermauerten Thür? Nur Regen, Wind und Hagel erzwingen sich den Eingang durch die offenen Fenster, und lassen im Innern ihre verheerenden Spuren zurück. Nur der Sturm rast durch diese nackten Mauern. Birgt dieses Haus irgend ein Verbrechen? Scheint es doch, als müßte dies Haus des Nachts in seiner trostlosen Oede um Hülfe rufen. Schon am hellen Tage bietet es einen unheimlichen Anblick dar, wie wohl in der Nacht? Ist es nicht als ob diese Mauern ein tiefes, unergründliches Geheimniß bärgen? Ein heiliger Schrecken herrscht in diesen Mauern. Der Schatten, den sie in sich bergen, ist nicht bloßer Schatten, nein, es ist der dunkle Schooß, in dem das Unbekannte wohnt. Wenn die Sonne untergegangen ist, wenn die Fischer heimkehren und der Vögel Lied verstummt, wenn der Schäfer seine Heerde heimwärts treibt und sich das kriechende Gewürm zwischen dem Steingerölle ein Plätzchen für die Nachtrast sucht, wenn des Himmels Sternenaugen glänzen, und sich ein kühler Wind erhebt, und wenn die Nacht den dunkeln Schleier über die ganze Erde breitet, dann stehen die beiden Fenster dieses unheimlichen Hauses offen und schauen mit ihren hohlen Augen in die schwarze Nacht hinein. Des Volkes Aberglaube machte dieses herrenlose Haus zum Eigenthum der Nacht, zum Zufluchtsort der Nachtgeister und der armen Seelen die Erlösung hoffend und ersehnend die Luft in diesen Räumen mit ihren Klagen füllen. Der stumpfsinnige, und doch zu gleicher Zeit auch tiefsinnige Glaube des Volkes macht dieses Haus zum Eigenthum der Geister. »Es ist ein Gespensterhaus«, damit ist alles gesagt.

Bildet sich der Aberglaube seine Meinung, so hat auch die Vernunft das Recht ihrer Meinung. Sie erklärt die Sache ganz einfach. Dieses Haus, sagt sie, ist ein alter Beobachtungsposten aus der Zeit der Revolutionskriege, des Kaiserreichs und des Schmuggels. Nach Beendigung des Krieges wurde der Posten aufgegeben; das Haus aber hat man stehen lassen, um es gelegentlich wieder einmal zu benutzen. Man hat die Thür und die Fenster des Erdgeschosses vermauert, um es vor Verunreinigung zu bewahren und unzugänglich für Menschen zu machen; und durch die Vermauerung der Fenster an seinen drei Seeseiten suchte man es gegen Beschädigung durch die Süd- und Westwinde zu sichern. Das ist Alles.

Die Unwissenden und Abergläubigen blieben bei ihrer Meinung. Erstens ist dieses Haus nicht während der Revolutionskriege erbaut. Es trägt an seiner Thür das Datum 1780, sei also älter als die Revolution. Zweitens war dieses Haus auch nicht zu einem Wachthaus bestimmt. Es trägt die Buchstaben ELM-PBLJG; diese seien die doppelte Namenschiffer zweier Familien, und nach altem Brauche bedeute dies, daß das Haus zur Wohnung für ein junges Gattenpaar bestimmt gewesen sei. Es war also ehemals bewohnt. Warum ist es jetzt nicht mehr bewohnt? Wenn man die Thür und die übrigen Fenster zumauerte, warum ließ man gerade jene beiden Fenster offen? Man hätte sämmtliche Fenster oder keins zumauern müssen. Warum gerade die Fenster der Südseite, und nicht auch die der Nordseite vermauern? Ist denn die Nordseite weniger den Verheerungen der Stürme und des Unwetters ausgesetzt, als die Südseite.

Die Abergläubigen sind ganz sicher im Unrecht; aber auch die vernünftigen Leute haben nicht Recht. Die Sache war und blieb ein Räthsel.

Gewiß ist nur, daß dies Haus den Schmugglern eher nützlich als schädlich erscheinen soll. Der Schreck nimmt allen Dingen ihre wahren Verhältnisse. Ohne Zweifel würden viele Spukgestalten, die der Aberglaube in die Räume dieses Hauses versetzt, sich durch natürliche, wirkliche menschliche Gestalten von Fleisch und Blut ersehen lassen, welche sich in nächtlicher Weile in diese Mauern flüchteten, und die Furcht des Volkes benutzten, um sich ungestört und ungehindert dort Beschäftigungen hinzugeben, welche das Auge des Gesetzes fürchten mußten.

Die Polizei war zu jener Zeit und ganz besonders in den kleineren Ländern noch kein so wohlorganisirtes Institut als heute; sie ließ der Kühnheit der Abenteurer und Verbrecher einen viel größeren Spielraum, als dieses jetzt der Fall ist.

Fügen wir dem Gesagten noch hinzu, daß dieses Haus ein um so erwünschterer Schlupfwinkel für die Schmuggler war, weil es sich durch seine Lage den beobachtenden Blicken der Zollbeamten und Küstenwärter entzog. Diese Leute fürchten bekanntlich weder den Teufel noch seine Großmutter; sie machen diesen eben so gut wie anderen Leuten den Proceß, während sich die Abergläubigen damit begnügen zu entfliehen, und das Kreuz zu schlagen, wenn sie in die Nähe der vermeintlichen Gespenster kommen. Es hat fast den Anschein, als ob diejenigen, welche Furcht zu erregen beabsichtigen, und die, welche Furcht empfinden, ein stilles Uebereinkommen mit einander getroffen hätten, sich gegenseitig durch die Finger zu sehen; die Erschrockenen bilden sich ein, etwas gesehen zu haben, dessen Enthüllung die Geister scheuen müßten und die sich an ihnen rächen würden; daher ihr unverbrüchliches Schweigen über dergleichen Dinge. Die Furchtsamen schweigen überdies schon aus Instinct, die Furcht hat etwas Schweigengebietendes. Es ist, als ob sie dem vor Schrecken Bleichen den Finger auf den Mund legte; das Wort erstarrt auf seinen Lippen, und die Züge seines Antlitzes werden zu Marmor.

Wir müssen unsere Leser daran erinnern, daß zu jener Zeit die Guerneseyer noch des Glaubens lebten; daß sich in jedem Jahre das Mysterium der Krippe um die Weihnachtszeit erneuere. Niemand hätte es gewagt, am heiligen Abend in einen Stall zu treten, aus Furcht, die Thiere vor der Krippe auf den Knieen liegend anzutreffen.

Wenn man den Legenden Glauben schenken darf, welche dort in der Gegend und zu damaliger Zeit gäng und gäbe waren, so hatten die Furchtsamen damals die Mauern jenes verrufenen Hauses in Plainmont ganz mit Ratten ohne Pfoten, Fledermäusen ohne Flügel, und mit Gerippen todter Thiere behängt. Man kann noch heute die Spuren der in den Wänden eingeschlagenen Nägel erkennen. Auch Büschel gelber Wolfsmilch und zwischen den Blättern einer Bibel zerquetschte Kröten hängte man dort auf. Die Vorübergehenden hielten es nämlich für eine ganz unerläßliche Nothwendigkeit, den Hexen und Gespenstern solche Opfergaben zu bringen, um sich auf diese Art von ihnen Verzeihung für ihren Vorwitz zu erkaufen.

Es giebt überall in der Welt Abergläubige, zuweilen sogar sehr hochgestellte.

Cäsar besuchte Sagane, Napoleon I. Mademoiselle Lenormand. Es giebt Menschen, die sogar den Teufel zu bestechen suchen; sie bitten ihn, daß er, was Gott gethan, nicht wieder verderben möge. Das war eins der Gebete Carl des Fünften. Es giebt aber auch furchtsame Menschen, welche sich einbilden, ein Unrecht gegen den Bösen begehen zu können, das sie ihm abbitten müßten; Menschen, deren eifrigstes Bestreben es ist, sich mit dem Teufel auf guten Fuß zu stellen. Daher die Opfer, welche dem Bösen gebracht werden. Es ist dieses eine Bigotterie wie jede andere. Gewisse kranke Gemüther glauben an das Vorhandensein von Sünden gegen die Dämonen. Die Theologen der Unwissenheit haben die abgeschmacktesten Vorstellungen von den Gesetzen der Hölle und ihren Uebertretungen. Es giebt Leute, welche sich einbilden, daß auch das Böse seinen Cultus, seine Religionsgesetze habe, deren Uebertretung eben so straffällig, wie die der übrigen Gesetze sei; daß man den Geist der Lüge nicht belügen dürfe, und vor dem Vater der Sünde ein Bußgebet sprechen müsse. Der Aberglaube hat so gut sein Glaubensbekenntniß und seinen Kultus wie die Religion; wenigstens war dies damals der Fall. Die Hexenprozesse, deren Akten von Paragraphen dieses eigentümlichen Glaubensbekenntnisses wimmeln, geben einen Beweis davon. Der menschliche Irrthum geht weit, so weit, daß eingebildete Sünden durch eingebildete Strafen getilgt, und unsaubere Gewissen mit dem Hexenbesen gereinigt werden.

Wie dem auch sein mochte, ob mit Recht oder Unrecht. Dies Haus war verrufen; Keiner wagte sich herein, Jeder vermied die nähere Bekanntschaft dieser unheimlichen Bewohner.

Es hatte den Schrecken zu seinem Hüter angestellt; die Furcht hielt alle Beobachter fern. Es war daher sehr leicht, mit Hülfe einer Leiter oder des ersten besten von einem benachbarten Acker geraubten Pfahlzauns in seine inneren Räume zu dringen. Der Flüchtling, welcher ein Asyl vor dem verfolgenden Gesetze suchte, konnte mit etwas Wäsche, Kleidung und Lebensmitteln versehen, ganz ruhig in diesem Hause so lange verweilen, bis sich ihm eine Gelegenheit zur heimlichen Entweichung bot.

Man erzählt sich, daß vor ungefähr vierzig Jahren ein politischer Flüchtling, wie die Einen, – ein Bankeruttirer, wie die Anderen sagen, in diesem Hause in Plainmont Zuflucht gefunden habe. Später sei ihm durch ein Fischerboot Gelegenheit zu weiterer Flucht geboten worden. Man sagt, er habe sich nach England gewandt. Von England aus gelangt man sehr leicht nach Amerika.

Es geht ferner die Sage, daß alle von den Flüchtigen auf dieser Stelle zurückgelassenen Sachen unberührt dort liegen bleiben; denn es sei sowohl für den Teufel, als für die Schmuggler von Interesse, daß der wieder komme, der sie daselbst zurückgelassen hat.

Vom Dache dieses Hauses steht man etwa eine Meile südwärts von der Küste die Klippe des Hanvis.

Diese Klippe ist berühmt. Sie hat so viel Böses angerichtet, als ein Felsen im Meere nur anrichten kann. Der Hanvis ist eins der gefürchtetsten Mörder des Kanals, er hat die Kirchhöfe von Torteval und Roquaine mit vielen Gräbern bereichert.

Im Jahr 1862 erbaute man auf einer der Klippen der Hanvis einen Leuchtthurm. Derselbe Felsen, der früher die Schifffahrer in das Verderben riß, beleuchtet jetzt das Meer. Man sucht jetzt als Beschützer und Leiter am Horizont das Licht auf jener selben Klippe, die man ehemals wie einen Uebelthäter floh. Der Hanvis ist jetzt eine Beruhigung für Diejenigen, welche bei Nacht jene Seestrecke befahren, die er ehemals so gefahrvoll machte. Diese Metamorphose hat einige Aehnlichkeit mit der Umwandlung eines Räubers in einen Soldaten.

Der Hanvis besteht aus drei verschiedenen Felsen, welche man den großen und den kleinen Hanvis und die »Malve« nennt. Auf dem kleinen Hanvis errichtete man den Leuchtthurm.

Diese drei Klippen beherrschen eine ganze Felsengruppe, welche sich zum Theil unter Wasser befindet und sich durch hervorragende Spitzen auch über dem Wasser bemerkbar macht. Diese, die kleineren Klippen beherrschenden Felsen haben das Ansehen einer Festung. An der hohen Seeseite bildet sich eine Kette von dreizehn Felsen; an der Nordseite befinden sich zwei Brandungen, die Haules-Fourquiers und die Aiguillons, und eine Sandbank, l'Héronée gegen Süden drei Felsen, der Cat-Roque, der Percé und der Roque Herpin; sodann die Soute Bone und die Bonet Le Monet; außerdem vor Plainmont, dem Wasser gleich, der Tas de Pois d'Aval.

Es ist sehr schwierig, jedoch nicht unmöglich, den Engpaß des Hanvis bis Plainmont zu durchschwimmen. Sieur Clubin hat es, wie wir wissen, bewiesen. Es bieten sich dem Schwimmer, welcher diesen Engpaß ganz genau kennt, zwei Ruhepunkte, der Roque rondel, und der diesem links in schräger Richtung gegenüberliegende Rouque rouge dar.

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Fünftes Capitel. Die kleinen Nest-Ausnehmer.

Ungefähr zu derselben Zeit, wo Sieur Clubin in Torteval war, ereignete sich etwas in der Gegend von Plainmont, was erst längere Zeit nachher bekannt wurde; denn alles Schreckliche bindet denen, welche es erlebt haben, die Zunge.

Es war an einem Sonnabend – wir glauben dieses Datum mit Bestimmtheit annehmen zu dürfen – als drei Knaben die steilen Felshöhen der Umgegend von Plainmont erkletterten. Sie waren eben im Begriff, mit reicher Beute versehen, nach Hause zu kehren. Es waren nämlich kleine Nest-Ausnehmer. Ueberall, wo es steile Gestade und Löcher in den in das Meer ragenden Felsen giebt, wimmelt es von diesen kleinen Räubern. Wir erwähnten dieser Sache schon, als wir von Gilliatt erzählten und von der großen Mühe, welche er sich gab, die gefährliche Jagd der Kinder zu verhüten.

Die kleinen Vogelnest-Ausnehmer sind so zu sagen, die Straßenbuben des Oceans. Furcht ist ihnen fremd.

Die Nacht war sehr dunkel; dicht übereinander gehäufte Wolkenschichten verfinsterten den Horizont. Die Glocke des runden, oben spitz zulaufenden Kirchthurms von Torteval, welcher der Mütze eines Magiers sehr ähnlich sah, schlug soeben die dritte Morgenstunde. Warum kehrten die Knaben so spät nach Hause zurück? Das ist ganz einfach. Sie hatten im Tas de Pois d'Aval Möwennester ausgenommen. Vom schönen Wetter hinausgelockt, hatten sie sich bei ihrem, eine ganz besondere Geschicklichkeit, große Aufmerksamkeit und viele Zeit erfordernden Jagdvergnügen verspätet. Die Fluth überraschte sie; sie konnten nicht schnell genug die kleine Bucht erreichen, in welcher sie ihr Boot befestigt hatten und waren daher gezwungen, auf einer der Felsenspitzen des Tas de Pois die Ebbe abzuwarten. So hatte die Nacht sie überrascht. Die von Angst und Sorgen um die Ihrigen gequälten Mütter erwarten ihre Sprößlinge mit fieberhafter Ungeduld. Kommen diese dann endlich, so macht sich das so lange geängstigte, von Unruhe gepeinigte, und nun wieder beruhigte Mutterherz, ungeachtet seiner geheimen Freude über die glückliche Wiederkehr der kleinen Ausreißer, gewöhnlich durch Püffe und Ohrfeigen Luft. Unsere Jäger, welche einen ähnlichen Empfang voraussahen, eilten, die Heimath zu erreichen. Allein eine gewisse Unruhe, welche sich mehr und mehr ihrer bemächtigte, je näher sie dem gefürchteten Ziele kamen, hemmte ihre Schritte. Sie hatten eine mit Rippenstößen versetzte Umarmung in Aussicht.

Nur einer der drei kleinen Landstreicher hatte Nichts zu fürchten; er war eine Waise, ein kleiner Franzose, der weder Vater noch Mutter hatte und in diesem Augenblick mit seiner Mutterlosigkeit ganz einverstanden war. Niemand ängstigte sich um ihn; es wird ihn also Niemand schlagen. Die beiden Anderen waren Guerneseyer Kinder und gehörten zu dem Kirchspiel von Torteval.

Als die Gruppe der höchsten Felsen erstiegen war, erreichten die kleinen Vogelräuber die Anhöhe, auf welcher sich das unheimliche Haus befindet.

Nicht ohne Furcht und Grauen näherten sie sich demselben. Kein Erwachsener, der bei Tage in diese verrufene Gegend kam, konnte sich eines ängstlichen Gefühles erwehren; wie viel weniger diese Kinder bei Nacht.

Es drängte sie, eiligst davon zu laufen und zugleich fühlten sie sich festgebannt, um sich umzusehen. Sie blieben stehen.

Sie betrachteten das Haus.

Es war schrecklich dunkel, schauerlich öde.

Mitten auf der einsamen Höhe stand es da, ein dunkler Klotz, ein symmetrischer und doch häßlicher Auswuchs, eine hohe, viereckige Granitmasse mit gradlinigten Winkeln, gleich einem ungeheuren Altar, den Mächten der Finsterniß geweiht.

Der erste Gedanke der Kinder war, zu fliehen; der zweite, näher heranzutreten. Sie hatten noch niemals jenes Haus um diese Stunde gesehen. Es giebt eine Neugierde der Furcht. Es befand sich ein kleiner Franzose unter ihnen; dieser Umstand bewirkte, daß sie näher gingen.

Die Franzosen glauben bekanntlich an nichts. Ueberdies war man ja zu Dreien; getheilte Furcht giebt eine Art von Sicherheit.

Dann waren unsere kleinen Abenteurer ja auch Jäger und als solche an Gefahren schon gewöhnt. Sie zählten alle drei zusammen kaum dreißig Jahre. Es waren Kinder. Kinder aber wollen Alles wissen, Alles erforschen, jedem Ding auf den Grund gehen. Und unsere kleinen Helden waren aus uns bekannten Ursachen zu Untersuchungen gerade heute ganz besonders aufgelegt; sie hatten es, wie wir wissen, nicht besonders eilig, die Heimath zu erreichen. Sie steckten überall die Köpfe hinein, kein Loch, keine Felsspalte blieb ununtersucht. Wer auf die Jagd geht, folgt einer magischen Gewalt. Wer auf Entdeckungen ausgeht, wird wie von einem unsichtbaren Räderwerk vorwärts getrieben. Wer den ganzen Tag die Nase in Vogelnester gesteckt hat, den gelüstet es, sie auch in der Nacht einmal in Gespensternester zu stecken. Wen sollte es nicht reizen, in das Verborgene zu schauen, der Hölle auf den Zahn zu fühlen?

Vom Sperling bis zum Kobold ist nur ein Schritt. Und warum sollte unser muthiges kleines Kleeblatt diesen Schritt nicht wagen? Jetzt war ihnen einmal eine Gelegenheit geboten, sich mit eigenen Augen von der Wahrheit aller der von den großen Leuten ihnen erzählten grausigen Geschichten zu überzeugen. Eben so klug zu sein, vielleicht gar noch mehr zu wissen als die großen Leute, das war Etwas, das ihren kleinen Ehrgeiz spornte. Jetzt oder nie! war der Wahlspruch der kleinen Helden; mit Todesverachtung schritten sie ihrem unheimlichen Ziele zu.

Sie hatten aber auch in dem kleinen Franzosen einen Führer, der, wenn es galt, selbst den Teufel nicht scheute. Er war ein muthiger kleiner Kalfater-Lehrling, der zu den Wesen gehörte, welchen schon als Kindern die Selbstständigkeit des Mannes innewohnt. Er schlief des Nachts auf dem Zimmerplatz oder auf dem Heuboden und erwarb seinen Lebensunterhalt. Er hatte eine starke Stimme und war ein kerniger gewandter Knabe, der mit derselben Leichtigkeit Bäume wie Felsen erkletterte. Er verdiente sich sein Brod dadurch, daß er bei Ausbesserung von Fischerbarken behülflich war. Er war ein Kind der Liebe; der Würfel des Zufalls hatte ihn ausgespielt. Mau wußte, daß er in Frankreich geboren war, doch kannte man weder seinen Geburtsort, noch seine Eltern. Er war eine lustige Waise. Er lebte so frei und so fröhlich wie der Vogel in der Luft, baute sich selber sein Nest, und sorgte auch selber für sein Futter. Eben so leicht wie er die Pfennige gewann, ließ er sie auch durch die Finger schlüpfen; wenn ihn ein Bettler um eine Gabe bat, gab er stets das Seinige hin, um ihm zu helfen. Er war ein wilder gutherziger Knabe mit röthlich blonden Haaren, der schon einmal mit Parisern gesprochen hatte. Er verdiente durch sein Handwerk täglich einen Schilling. Wenn ihm einmal die Lust ankam, Vogelnester auszunehmen, gab er sich selber Ferien. Das war der kleine Franzose.

Die Einsamkeit an diesem Orte hatte etwas von Todestrauer, etwas Unnahbares. Der Anblick war wild. Rings umher Abgrund; unten das Meer. Das Meer war still, es regte sich kein Lüftchen; kein Blatt, kein Grashalm rauschte; Todtenstille, Grabesruhe überall. Die drei Knaben näherten sich, der kleine Franzose voran, langsamen Schrittes dem Hause und betrachteten es.

Einer jener Knaben fügte, als er später die Abenteuer jener Nacht erzählte, hinzu: »Es sagte nichts!«

Sie näherten sich mit verhaltenem Athem, wie man einem wilden Thiere entgegentritt. Sie hatten die kleine Anhöhe erstiegen, welche sich dicht hinter dem Hause befindet und sich gegen die Meerseite hin zu einer kleinen, aus Felsen gebildeten Landzunge abflacht, deren Erklimmen dem Wanderer große Schwierigkeiten verursachen würde. Das kleine Plateau war glücklich erstiegen; das Ziel ihrer Beobachtung lag ihnen gerade gegenüber, allein es bot nur den Anblick der Südseite mit den zugemauerten Fenstern. Sie hatten nicht gewagt, sich nach links zu wenden, wo sie die andere Front mit den beiden schrecklichen Fenstern gesehen hätten. Indessen faßten sie Muth. Der Kalfater-Lehrjunge sagte leise zu ihnen: Wenden wir uns nach der Backbordseite; da wird’s schön! Wir müssen die beiden schwarzen Fenster sehen!

Sie folgten ihm und langten auf der anderen Seite des Hauses an.

Die beiden Fenster waren erleuchtet.

Die Kinder flohen.

Als sie eine Weile gelaufen waren, blieb der kleine Franzose stehen und sah sich um.

Seht, sagte er, jetzt ist Alles wieder dunkel.

Es war so; die Fenster waren nicht mehr erleuchtet. Das unheimliche Gebäude setzte sich in scharfen Umrissen von dem dunkelblauen Grunde des Himmels ab.

Die Furcht wich nicht, aber die Neugierde kehrte zurück; die kleinen Vogelräuber näherten sich zum zweiten Mal dem Hause.

Plötzlich waren wie auf einen Schlag die beiden Fenster wieder erleuchtet.

Die beiden Guerneseyer nahmen wiederum die Beine in die Hand und liefen davon; der kleine französische Satan ging zwar nicht vorwärts, wich aber auch nicht zurück. Mit unverwandtem Blick blieb er unbeweglich vor dem Hause stehen.

Das Licht verschwand, dann erglänzte es von Neuem. Es war schrecklich. Der Reflex warf einen unsichern Feuerschein auf das vom Nachtthau schimmernde Gras. In gewissen Momenten zeichnete das Licht auf der innern Wand große schwarze Profile, die sich bewegten, und Schatten von unförmlichen Köpfen.

In dem Hause aber, welches weder eine Thür noch eine Decke, sondern weiter nichts als vier kahle Wände und ein Dach hatte, mußte der Lichtschein des einen Fensters auch das andere erleuchten.

Als die beiden flüchtig gewordenen Guerneseyer den Franzosen ruhig stehen bleiben sahen, kehrten sie, Schritt vor Schritt, Einer nach dem Andern, zitternd und neugierig zurück. Der Kalfater-Lehrling sagte ganz leise zu ihnen: Es sind Gespenster in diesem Hause; ich habe die Nase des Einen gesehen. Als die Beiden das hörten, duckten sie sich hinter den Franzosen, stellten sich auf die Zehen und sahen über seine Schultern nach dem Hause hin. Hinter diesem Schilde fühlten sie sich sicher; zwischen ihnen und den Gespenstern stand der Franzose.

Das alte Gemäuer schien seinerseits auch sie zu beobachten. Es glotzte mit seinen beiden feurigen Augen in die Nacht hinein.

Das Licht verschwand, kam wieder, und verschwand von Neuem. Dieses Plötzliche Auftauchen und Wiederverschwinden des Lichtscheines hatte etwas von Höllenspuk. Das geht hin und her, öffnet und schließt sich. Die Luftlöcher einer Gruft bringen dieselben Lichtwirkungen hervor, wie eine Blendlaterne.

Plötzlich tauchte an einem der Fenster eine dunkle Masse aus, welche einer menschlichen Gestalt glich; sie schwang sich auf eins der Fenster, als käme sie von außen, und verlor sich dann im Innern des Hauses. Es schien, als wäre Jemand eingetreten.

Die Gespenster kommen immer durch die Fenster.

Der Lichtschein wurde einen Augenblick stärker, darauf verlosch er ganz. Das Haus wurde wieder dunkel. Jetzt vernahmen die kleinen Lauscher ein Geräusch, welches Menschenstimmen sehr ähnlich war. Es geht in der Regel so: wenn man sieht, hört man nicht, und wenn man hört, sieht man nicht.

Es herrscht in der Nacht auf dem Meere eine ganz eigenthümliche Stille. Während bei Tage das Geräusch der Wogen den Flügelschlag des Adlers übertönt, würde man in der Nacht bei Windesstille eine Mücke fliegen hören. Diese Stille gleicht der Ruhe des Grabes. Um so unheimlicher war das verworrene Geräusch, welches aus dem Hause drang.

– Sehen wir zu! – sagte der kleine Franzose.

Er ging dem Hause einen Schritt näher.

Die Andern folgten ihm nach, denn eine große Furcht hatte sich ihrer bemächtigt und schnitt ihnen den Rückzug ab; sie wagten es jetzt nicht mehr, ohne ihren Kameraden zu fliehen.

Als sie an einem großen Haufen Reiser vorüberkamen, welcher merkwürdiger Weise ihre Furcht ein wenig minderte, raschelte es in einem benachbarten Busch, und eine große Eule flog heraus. Der Flug der Nachteulen ist schräg und hat etwas Unruhiges, wie der Blick eines schielenden Menschen. Als der Vogel ganz dicht an den Kindern vorbeirauschte und sie mit seinen runden Augen anglotzte, zitterten sie wie Espenlaub. Der kleine Franzose aber redete besorgt den Vogel an:

– Spätzchen, Du kommst zu spät. Jetzt hab‘ ich keine Zeit. Ich will sehen!

Er ging weiter vor.

Man konnte, trotz dem Krachen, welches seine groben, mit großen Nägeln beschlagenen Schuhe auf dem Stechginster verursachten, deutlich die Stimmen im Innern des Hauses vernehmen, die sich in einem ruhig geführten Gespräch bald hoben, bald senkten.

Der kleine Franzose sagte:

– Nur dumme Leute glauben an Gespenster!

Frechheit in der Gefahr wirkt ermuthigend auf die Furchtsamen und treibt sie vorwärts. Die beiden Jungen aus Torteval folgten Schritt für Schritt den Fußtapfen des Kalfater-Lehrlings.

Je näher sie kamen, desto größer schien ihnen das Haus zu werden. In dieser optischen Täuschung, welche ihnen ihre Furcht vorspiegelte, lag etwas Wahres. Das Haus wurde in Wirklichkeit größer, weil sie sich ihm näherten.

Die Stimmen, welche aus demselben kamen, wurden jetzt immer deutlicher. Die Kinder hörten zu. Auch das Ohr hat seine Größentäuschungen. Das war kein Gemurmel; es war mehr als ein Geflüster und weniger als Lärm. Von Zeit zu Zeit tönten ein oder zwei deutlich vernehmbare Worte zu ihnen hinüber. Diese Worte waren unverständlich und klangen ganz sonderbar. Die Kinder standen still und lauschten; dann schritten sie wieder vorwärts.

– Hört Ihr? Die Gespenster sprechen mit einander, – sagte der Franzose; ich aber glaube nicht an Gespenster.

Die beiden Kleinen von Torteval hätten sich gern hinter dem Reiserhaufen versteckt, sie waren aber schon zu weit von ihm entfernt, und ihr Freund, der Franzose, ging immer muthig vorwärts. Sie fürchteten sich, bei ihm zu bleiben, und wagten nicht, ihn zu verlassen; sie folgte ihm Schritt vor Schritt in athemloser Spannung.

Der Kalfater-Lehrling drehte sich nun um und sagte:

– Ihr wißt, daß dies Alles nicht wahr ist. Es giebt keine!

Das Haus wurde immer größer, immer höher, je näher sie ihm kamen; die Stimmen wurden immer deutlicher.

Jetzt waren sie ihm ziemlich nahe.

Sie bemerkten nun das Licht im Innern; doch war es wie gedämpft, es war ein richtiges Gespensterlicht.

Als sie ganz nahe am Hause waren, machten sie Halt.

Einer der beiden Knaben aus Torteval faßte den Muth zu bemerken:

– Es sind keine Gespenster, es sind weiße Damen.

– Was ist das, was hier am Fenster herunterhängt? fragte der Andere.

– Es sieht aus wie ein Strick.

– Es ist eine Schlange.

– Nein, es ist der Strick eines Erhängten – sagte mit sehr bestimmtem Ton der kleine Franzose; solche Dinge gebrauchen die Gespenster; aber ich glaube nicht an Gespenster.

Und mit drei Schritten, die man eher Sprünge nennen konnte, war er am Fuß des alten Gemäuers. Es lag etwas Fieberhaftes in dieser Kühnheit.

Die beiden Andern waren ihm bebend nachgeschlichen und hielten sich dicht an seine Seite, der Eine rechts, der Andere links. Sie hielten nun die Ohren an die Mauer und hörten folgendes Gespräch, das die Gespenster im Hause führten:

– Asi, entendido esta?

– Entendido.

– Dicho?

– Dicho.

– Aqui esperara un hombre, y podra marcharse en Inglaterra con Blasguito?

– Pagando.

– Blasquito tomara. al hombre en su barca.

– Sin buscar para, conocer a su pais?

– No nos toca.

– Ni a su nombre del hombre?

– Abgemacht.

– Es ist gesagt?

– Gesagt.

– Ein Mann wird hier warten, und würde mit Blasquito nach England gehen können?

– Für Geld und gute Worte.

– Blasquito wird den Mann in seine Barke aufnehmen.

– Ohne nachzufragen, aus welchem Lande er ist?

– Das geht uns nichts an.

– Ohne ihn zu fragen, wer er ist?

– No se pide el nombre, pero se pesa la bolsa.

– Bien. Esperara el hombre en esa casa.

– Tenga que comer.

– Tendra.

– Onde?

– En este saco que he Ilevado.

– Muy bien.

– Puedo dexar el saco aqui?

– Los contrababdistas no son ladrones.

– Y vosotros, quando marchais?

– Man fragt nicht nach dem Namen, man wiegt die Börse.

– Gut. Der Mann wird in diesem Hause warten.

– Er muß mit Lebensmitteln versehen werden.

– Er soll sie haben.

– Wo?

– In dem Sack, den ich mitbringe.

– Sehr gut.

– Kann ich den Sack hier lassen?

– Die Schmuggler sind keine Spitzbuben.

– Und wann werdet Ihr reisen?

– Manana por la manana. Si su hombre de usted esta parado, podria, venir con nosotros.

– Parado no esta.

– Hacienda suya.

– Cuantos dias esperara alli?

– Dos, tres, quatro dias. Menos o mas.

– Es cierto que el Blasquito vendra?

– Cierto.

– En este Plainmont?

– En este Plainmont.

– Morgen früh. Wenn Euer Mann bereit wäre, könnte er mit uns reisen.

– Er ist nicht bereit.

– Desto schlimmer für ihn.

– Wie lange wird er hier warten müssen?

– Zwei, drei, vier Tage. Etwas weniger, etwas mehr.

– Ist es ganz sicher, daß Blasquito kommt?

– Ganz sicher.

– Hierher? Nach Plainmont?

– Hierher nach Plainmont.

– A qual semana?

– La que viene.

– A qual dia?

– Viernes, o sabado, o domingo.

– No puede faltar?

– Es mi tocayo.

– Por qualquiera tiempo viene?

– Qualiquiera. No tieme. Soy el Blasco, es el Blasquito.

– Asi, no puede faltar de venir en Guernesey?

– In welcher Woche?

– In der nächsten.

– An welchem Tag?

– Freitag, Sonnabend oder Sonntag.

– Er kommt also unter allen Umständen?

– Er ist ja mein Namensvetter.

– Er kommt bei jedem Wetter?

– Bei jedem Wetter. Er hat keine Furcht. Ich bin Blasin, er ist Blasquito.

– Er wird also jedenfalls nach Guernesey kommen?

– Vengo a un mes, y viene al otro mes.

– Entiendo.

– A cuentar del otro sabado, desdehoy en vocho, no se pasaran cino dias sin que venga el Blasquito.

– Pero un muy malo mar?

– Egurraldia gaïzta?

– Si.

– No vendria el Blasquito tan pronto, pero vendria.

– Donde vendra?

– Einen Monat komme ich, den andern kommt er.

– Ich verstehe.

– Heute über acht Tage ist Sonnabend; von da an werden keine fünf Tage vergehen, ohne daß Blasquito kommt.

– Doch wenn das Meer hartnäckig ist?

– Egurraldia gaïztoa? 4

– Ja.

– Dann wird Blasquito nicht so schnell kommen, doch kommen wird er.

– Von wo kommt er?

– Del Vilvao.

– Onde ira?

– En Portland.

– Bien.

– O en Tor Bay.

– Mejor.

– Su humbre de usted puede estarse quieto.

– No traidor sera, el Blasquito?

– Los cobardes son traidores. Somos valientes. El mar es la iglesia del invierno. La traicion es la iglesia del infierno.

– Von Bilbao.

– Wohin geht er?

– Nach Portland.

– Das ist gut.

– Oder nach Tor Bay.

– Das ist noch besser.

– Euer Mann kann ganz ruhig sein.

– Blasquito wird nichts verrathen?

– Feige sind Verräther. Wir sind tapfer. Das Meer ist die Kirche des Winters. Der Verrath ist die Kirche der Hölle.

– No se entiende a lo que dicemos?

– Escuchar a nosotros y mirar a nosotros es imposible. La espanta hace alli el desierto.

– Lo sè.

– Ouien se atravesaria a escuchar?

– Es verdad.

– Y escucharian que no entiendrian. Hablamos a una lengua fiera y nuestra que no se conoce. Despues que lu sabeis, ereis con nosotros.

– Soy venido para componer las haciendas con ustedes.

– Hört Niemand, was wir sprechen?

– Es ist unmöglich, uns zu hören oder uns zu sehen. Der Schrecken macht diesen Ort zur Wüste.

– Ich weiß es.

– Wer also sollte es wagen, uns zu belauschen?

– Das ist wahr.

– Und wenn uns wirklich Jemand belauschte, so würde er nicht verstehen können, was wir sprechen. Wir sprechen eine wilde Sprache, die nur wir verstehen. Weil Ihr sie auch versteht, gehört Ihr zu uns.

– Ich bin gekommen, um mit Euch meine Anordnungen zu treffen.

– Bueno.

– Y ahora me voy.

– Mucho.

– Digame usted, hombre. Si el pasagero quiere que el Blasquito le Lleve en ninguna otra parte que Portland o Tor Bay?

– Tenge onces.

– El Blasquito hara lo que querra el hombre?

– El Blasquito hace lo que quieren las onces.

– Es menester mucho tiempo para ir en Tor Bay?

– Das ist gut.

– Jetzt gehe ich.

– Meinetwegen.

– Sagt mir, ob der Passagier will, daß Blasquito ihn anderswohin als nach Portland oder nach Tor Bay bringt?

– Das hängt davon ab, ob er Quadrouples 5 bekommt.

– Wird Blasquito thun, was der Mann haben will?

– Blasquito wird thun, was die Quadrouples haben wollen.

– Braucht man lange Zeit, um nach Tor Bay zu gelangen?

– Como quiere el viento.

– Ocho horas?

– Menos, o mas.

– El Blasquito obedeîera al pasagero?

– Si le obedeie el mar a el Blasquito.

– Bien pagado sera.

– El oro es el oro. El viento es el viento.

– Mucho.

– El hombre hace lo que puede con el oro. Dios con el viento hace lo que quiere.

– Wie es dem Winde gefällt.

– Acht Stunden?

– Weniger oder mehr.

– Wird Blasquito seinem Passagier gehorchen?

– Wenn das Meer dem Blasquito gehorcht.

– Er soll gut bezahlt werden.

– Gold ist Gold. Wind ist Wind.

– Das ist richtig.

– Der Mensch macht mit dem Geld, was er kann. Gott macht mit dem Wind, was er will.

– Aqui sera viernes el que desea marcharse con Blasquito.

– Pues.

– A qual momento Ilega Blasquito?

– A lo noche. A la noche se Ilega, a la noche se marcha. Tememos una muger quien se Ilama el mar, y una hermana quien se Ilama la noche. La muger puede faltar, la hermana no.

– Todo dicho esta. Abour, hombres.

– Buenas tardes. Un golpe de aquardiente?

– Gracias.

– Der Mann, der mit Blasquito zu reisen wünscht, wird am Freitag hier sein.

– Gut.

– Um welche Zeit kommt Blasquito an?

– In der Nacht. Man kommt hier in der Nacht an, man reist in der Nacht ab. Unsere Frau heißt das Meer, unsere Schwester die Nacht. Die Frau täuscht zuweilen, die Schwester niemals.

– Gute Nacht. Wollt Ihr nicht einen Schluck Branntwein?

– Ich danke.

– Es mejor que xarope.

– Tengo vuestra palabra.

– Mi nombre es Pundonor.

– Sea usted con Dios.

– Ereis gentleman y soy caballero.

– Er ist besser als Syrup.

– Ich habe Euer Wort.

– Mein Name ist so gut wie ein Ehrenwort.

– Lebt wohl.

– Ihr seid ein Gentleman, ich bin ein Cavalier.

Es war klar, daß nur Teufel so sprechen konnten. Die Kinder hörten nicht weiter zu und liefen dieses Mal allen Ernstes davon. Der kleine Franzose hatte sich endlich überzeugt, daß es wirkliche Gespenster waren, und er lief nun schneller als die Andern.

An dem Dienstag, welcher auf diesen Sonnabend folgte, kam Sieur Clubin mit der Durande wieder, wie gewöhnlich nach St. Malo.

Der Dreimaster Tamaulipas lag noch immer auf der Rhede.

Sieur Clubin fragte, in Dampfwolken gehüllt, den Wirth des Gasthauses am Hafen:

– Nun, wann wird der Taumalipas in See gehen?

– Uebermorgen, am Donnerstag, antwortete der Wirth.

An jenem Abend speiste Sieur Clubin an dem Tische der Küstenwächter zu Nacht und entfernte sich gegen seine Gewohnheit nach dem Nachtessen. Er versäumte es deshalb, auf das Bureau der Durande zu gehen. Die Ladung der Durande schien diesmal für den Capitän Nebensache zu sein; denn er traf fast gar keine Vorbereitungen. Das war bei einem sonst so pünktlichen Mann wie Sieur Clubin ein merkwürdiger Fall.

Er unterhielt sich einige Augenblicke mit seinem Freunde, dem Wechsler.

Zwei Stunden, nachdem auf der Noguette die Abendglocke geläutet wurde, kam er wieder. Die brasilianische Glocke läutet immer um zehn Uhr. Es war also Mitternacht.

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Sechstes Capitel. Die Herberge der Elenden.

Vor vierzig Jahren befand sich in St. Malo eine kleine Gasse, die man Coutanchez-Gäßchen nannte; dies Gäßchen existirt nicht mehr; es fiel als ein Opfer der Verschönerungen. Dieses Gäßchen bestand aus zwei Reihen hölzerner Häuser, die so dicht an einander gedrängt waren, daß zwischen den Gebäuden nur ein schmaler Raum für einen kleinen Bach blieb, welchen man die Straße nannte. Wer durch diese Straße ging und nicht in das Wasser treten wollte, mußte sich sehr in Acht nehmen, daß er sich nicht rechts und links an den eckigen Vorsprüngen der alten Baracken Kopf, Schulter und Ellenbogen zerstieß. Diese alten Baracken aus dem normännischen Mittelalter haben fast menschliche Physiognomien; der Gedanke an Hexen liegt sehr nahe. Ihre eingezogenen Stockwerke, ihre Ueberhänge, ihre scharfkantigen Schirmdächer und Eisengitter sehen fast aus wie Lippen, Kinn, Nase und Augenbrauen; die Dachlucke stellt ihr eines Auge vor; die Wände sind die warzenbesäeten runzligen Wangen. Diese garstigen alten Hexenfratzen stecken ihre Nase so dicht zusammen, als wollten sie sich zu einem schlimmen Streich verschwören. Die veralteten Worte: Halsabschneider, Kehlabschneider, Gurgelabschneider erinnern an diese Architectur.

Das größte, berühmteste oder berüchtigteste unter den Häusern des Contanchez-Gäßchen war die sogenannte Jacressarde.

Die Jacressarde war das Obdach der Obdachlosen. In allen Städten und ganz besonders in Hafenstädten, giebt es Menschen, welche zu der sogenannten Hefe des Volkes gehören. Es sind dies Tagediebe, Spitzbuben, Gauner, Landstreicher, Abenteurer, Diener des Lasters, Arbeiter und Arbeiterinnen des Bösen, Schelme und Schelminnen mit zerrissenen Kleidern und zerfetzten Gewissen. Hier findet man die zum tiefsten Elend herabgesunkene Liederlichkeit, den leichtsinnigen Verschwender am Bettelstab, die schlecht belohnte Nichtswürdigkeit, die im Zweikampf mit der Gesellschaft Besiegten, frühere Schlemmer, die jetzt am Hungertuche nagen, die Elenden in dem beklagenswerthen Doppelsinne des Wortes. Das sind die Bewohner dieser Herberge. Die menschliche Vernunft ist dort bestialisch. Es ist der Kehrichthaufen der Seelen. Dieser Kehricht sammelt sich in einem Winkel an, der von Zeit zu Zeit durch den Besen der Polizei gesäubert wird. Der Schmutzwinkel von St. Malo war die Jacressarde.

Man konnte die Jacressarde eher einen Hof als ein Haus, eher einen Brunnen als einen Hof nennen, denn ein solcher nahm den größten Raum desselben ein. Die Jacressarde hatte keine Straßenseite; eine leere nackte Wand, von einer Thür durchbrochen, war ihre Façade.

Man drückte auf die Thürklinke, öffnete und befand sich im Hofraum.

In der Mitte desselben befand sich ein großes rundes Loch von Pflastersteinen eingerahmt; das war der Brunnen.

Die Straßenseite war wie gesagt nur eine hohe Mauer; alle Wohnungsräumlichkeiten dieses merkwürdigen Gebäudes befanden sich im Hofe.

Wer bei Nacht auf seine eigene Gefahr dies Haus betrat, vernahm zunächst ein von vielen Athemzügen verursachtes Geräusch. Wenn Mond und Sterne Licht genug gewährten, um die dunkeln Umrisse, die man erblickte, einigermaßen genauer zu erkennen, bot folgender Anblick sich dar:

Der Hof, der Brunnen, der Thür gegenüber eine Art Schoppen, wenn man eine offene wurmstichige Galerie, deren aus halb verfaulten Balken bestehende Decke von unregelmäßig auseinander stehenden steinernen Pfeilern gestützt wurde, so nennen konnte. In der Mitte der Brunnen; um den Brunnen herum auf einer Streu von Stroh, in Form eines Rosenkranzes, ein Kreis von Schuhsohlen, von heruntergetretenen Stiefeln, zerrissenes Fußzeug, aus dem vorne die Zehen heraussehen, nackte Männer-, Frauen und Kinderfüße.

Alle diese Füße schliefen. Jenseits dieser Füße entdeckt das Auge, sobald es sich erst ein wenig an das Halbdunkel dieser Galerie gewöhnt hat, die zu denselben gehörenden menschlichen Formen: schlafende Gesichter, langhingestreckte träge Leiber, Lumpenpack beiderlei Geschlechts, das wüste Durcheinander eines Kehrichthaufens, der durch irgend einen ungeschickten Zufall als ein menschliches Lager benutzt wird. Diese elende Schlafstelle stand Jedermann für den Miethszins von zwei Sous die Woche offen. Die Füße der Schläfer stießen an den Brunnen. In Gewitternächten strömte der Regen, im Winter fiel der Schnee auf die Körper der dort Gelagerten.

Und wer sind diese elenden Geschöpfe?

Unbekannte. Der Abend führt sie her, der anbrechende Tag führt sie wieder fort. Die menschliche Gesellschaft ist reich an solchen Wesen. Einige von ihnen schlichen sich am Morgen fort ohne zu bezahlen.

Die Meisten hatten den Tag über nichts gegessen. Hier schläft das Laster, die Verworfenheit, die Ansteckung, das Elend denselben Schlummer der Ermattung auf demselben Bett von Schmutz. Die Träume dieser Elenden halten gute Nachbarschaft; sie geben sich an diesem Ort ein grauenvolles Stelldichein. Da liegen sie in friedlicher Eintracht neben einander gebettet, die Müden, die Hinfälligen, die Berauschten, die Ausschweifenden, die armen Notleidenden, die ohne ein Stück Brod und ohne einen guten Gedanken ihren Tag verbracht. Wie viel Begierden und Gewissensbisse schlummern hinter den ermatteten feuchten Augenlidern dieser Hingestreckten; ihr Haar vermischt sich mit dem Kehricht. Die menschliche Fäulniß gährt in diesem Bottich. Das Verhängniß, eine Reise, der Zufall, die Nacht hat sie alle auf diesen Fleck zusammengeweht. Das Schicksal leerte hier die mit Abfall und Kehricht gefüllte Bütte aus. Wer da wollte, kam; wer da konnte, schlief; wer es wagte, sprach. Es war ein Ort des Flüsterns. Man war bemüht, sich und sein Geschick im Schlafe zu vergessen, da man sich nicht verlieren konnte. Was man vom Tode zu nehmen vermochte, das nahm man. Sie schlossen die Augen, um sich in die jeden Abend von Neuem beginnende Agonie zu versenken. Woher kamen sie? Aus der Gesellschaft, deren Elend, von der Woge hergetrieben, deren Abschaum sie waren.

Nicht Jeder, der Stroh suchte, fand es. Mehr als ein Nackter streckte sich auf dem Steinpflaster. Zusammengekauert legten sie sich nieder; gelähmt standen sie auf.

Der Brunnen ohne Brustwehr und Verschluß, stets offen, war dreißig Fuß tief. Der Regen fiel hinein, die Unreinigkeiten sickerten durch; alle Abflüsse vom Hofe drangen ein. Der Schöpfeimer für das Wasser stand daneben. Wer Durst hatte, trank. Wer das Leben satt hatte, ertränkte sich darin. Von dem Schlaf auf dem Kehrichthaufen schlüpfte man in den ewigen Schlaf. Im Jahre 1819 zog man ein vierzehnjähriges Kind ans dem Brunnen.

Um in diesem Hause nicht Gefahr zu laufen, mußte man »vom Bau« sein. Die Laien wurden mit scheelem Auge angesehen.

Kannten diese Elenden einander? Nein; sie witterten sich.

Eine junge, ziemlich hübsche Frau war die Wirthin der Herberge. Sie hatte ein hölzernes Bein, trug eine Haube mit Bändern, und wusch sich zuweilen mit dem Wasser des Brunnens.

Wenn der Tag anbrach, wurde der Hof leer; die Stamm-Gäste machten sich davon.

Es befanden sich auch ein Hahn und Hühner in diesem Hofe, die den ganzen Tag im Kehricht kratzten. Auf einem quer über einigen Pfählen liegenden Balken, der den Anblick eines Galgens bot, (ein an diesem Ort nicht übel angebrachtes Bild) trocknete zuweilen die junge Frau mit dem hölzernen Bein ein vom Regen durchnäßtes und von Straßenkoth beschmutztes seidenes Kleid.

Ueber dem Schoppen, und wie dieser selbst, den Hof umschließend, befand sich ein Stockwerk, und über diesem ein Speicher. Eine wurmstichige hölzerne Treppe führte in dieses obere Stockwerk; und von dort aus führte eine Leiter auf den Speicher. Diese wackelige Leiter ward sehr oft, und in sehr geräuschvoller Weise von der hinkenden Frau mit dem hölzernen Bein erstiegen.

Die wechselnden, für eine Woche oder nur für eine Nacht zahlenden Miether wohnten im Hofe, die festen Miether im Hause.

Die Fenster waren ohne Rahmen; Gesimse ohne Thüren, Rauchfänge ohne Heerd. Ein Zimmer war mit dem andern nur durch ein länglich viereckiges Loch, das einst eine Thür gewesen war, verbunden. Der Mörtel war von den Wänden gefallen und bedeckte den Boden. Man wußte nicht, wie das Haus noch zusammenhielt. Bei jedem Windstoß zitterte es. Den durch langjährigen Gebrauch glatt gewordenen Treppenstufen konnte man sich nicht ohne Gefahr anvertrauen. Der Winter drang in das alte Gemäuer, wie das Wasser in einen Schwamm. Die Fülle von Spinnen sicherte gegen einen plötzlichen Einsturz. Zwei oder drei mit Löchern reich versehene Strohsäcke, aus welchen mehr Asche als Stroh hervorsah, füllten die Winkel der Stuben aus; sonst befanden sich außer einigen Krügen und Schüsseln, die zu verschiedenen Zwecken dienten, gar keine Geräthschaften darin. Es herrschte ein süßlicher, widerwärtiger Geruch.

Von den Fenstern hatte man die Aussicht auf den Hof. Diese Aussicht glich der auf einen Karren voll Unrath. Die Dinge, um nicht zu sagen die Menschen, welche sich daselbst im Schlamme wälzten, welche dort verfaulten und verschimmelten, sind nicht zu beschreiben. Alle Ueberreste hielten dort gute Kameradschaft; der Boden war wie besäet von Fetzen und Abfällen aller Art.

Aus der wechselnden Einquartierung im Hofe beherbergte die Jacressarde drei feste Miether: einen Kohlenbrenner, einen Lumpensammler und einen Goldmacher. Der Kohlenbrenner und der Lumpensammler hatten zwei Strohsäcke im ersten Stocke inne; der Goldmacher, ein Chemiker, wohnte auf dem Boden, der auch, man weiß nicht warum – die Dachstube genannt wurde. In welchem Winkel die Frau schlief, wußte man nicht. Der Goldmacher war ein wenig Dichter. Er bewohnte im Dachstuhl, unter den Ziegeln, eine Kammer, welche eine schmale Dachluke und einen großen steinernen Kamin hatte, durch den der Wind heulte; die Luke war in Ermangelung von Fensterscheiben mit einem alten Stück Eisenblech nothdürftig zugenagelt, welches dem Tageslicht, aber nicht der Kälte den Eingang verwehrte. Der Kohlenbrenner zahlte von Zeit zu Zeit mit einem Sack voll Kohlen. Der Lumpensammler wöchentlich ein Mäßchen Getreide für die Hühner; der Goldmacher zahlte gar nicht. Statt dessen steckte er das Haus in Brand. Er hatte das wenige vorhandene Holz unter seinem Schmelztiegel verbrannt; jetzt zog er schon die Latten aus der Mauer, um seinen Goldtopf damit zu heizen. Ueber dem Lager des Lumpensammlers sah man zwei Reihen mit Kreide geschriebener Ziffern: eine Reihe mit 3, die andere mit 5 bezeichnet. Der Lumpensammler vergrößerte dieselben in jeder Woche durch Hinzufügung einer neuen 3 oder neuen 5, je nachdem das Maß Getreide, welches er für seiner Wirthin Hühner erstanden, drei Liards oder fünf Centimes kostete. Der Schmelztopf des »Chemikers« war eine alte zerplatzte Bombe, die er zum Tigel promovirt hatte, in welchem er seine Ingredienzien vermischte. Die Umwandlung derselben in Gold nahm ihn ganz in Anspruch. Bisweilen sprach er davon mit den Nacktfüßen im Hofe, die ihn auslachten. Er sagte dann: » Diese Leute sind voller Vorurtheile.« Er war entschlossen, nicht eher zu sterben, als bis es ihm gelungen wäre, der Wissenschaft mit dem Stein der Weisen die Fenster einzuwerfen. Sein Ofen fraß viel Holz. Das Treppengeländer war bereits verschwunden. Das ganze Haus ging nach und nach in Feuer auf. Die Wirthin sagte ihm: »Ihr werdet mir nur noch das Gehäuse lassen!«

Er entwaffnete sie durch einige Verse.

Das war die Jacressarde.

Ein gnomenartiges, mit einem Kropf behaftetes, und einen Besen in der Hand haltendes Geschöpf, welches eben so wohl ein zwölfjähriger Knabe als ein sechszigjähriger Greis sein konnte, war Hausknecht in dieser Herberge.

Die Stammgäste traten durch die Hofthür in das Haus ein, das Publikum durch den Laden. Was war das für ein Laden? Die hohe Mauer, welche die Straßenfaçade vorstellte, war von einem winkeligen Loch durchbrochen, das zugleich als Thür und als Fenster diente, dieses einzige mit einem wirklich festen Verschluß, mit Rahmen, Scheiben, Riegeln und Angeln versehene Fenster hatte sogar auch Läden, dieses merkwürdige Thür-Fenster führte in eine Art von Bretterverschlag, welcher dicht an den Hofraum grenzte und durch eine Hinterthür mit demselben in Verbindung stand. Das war der Laden. Aus der Thür desselben war die mit Kohle gezeichnete Inschrift zu lesen: » Raritäten-Cabinet.« Die Raritäten wurden den Besuchern des Cabinetes auf drei zum Gestell arrangirten und mit Glasscheiben verschlossenen Brettern zur Schau gestellt. Dieser kostbare Raritätenkasten enthielt einige Porzellantöpfe ohne Henkel, einen chinesischen Sonnenschirm, den goldene Figuren und viele Löcher zierten, und welchen Niemand weder aufspannen noch schließen konnte; einige unförmliche Sand- und Eisensteine, verschiedene eingedrückte Männer- und Frauenhüte, zwei oder drei Muscheln, mehrere sonderbar geformte alte Hornknöpfe, eine Schnupftabaksdose mit dem Bildniß der unglücklichen Marie Antoinette, und einen einzelnen Band eines umfangreichen Werkes über Algebra von Boisbertrand. Diese reichhaltige Sammlung der verschiedensten Seltenheiten barg der Raritätenkasten in seinen gläsernen Wänden. Der Laden stand durch eine Hinterthür mit den inneren Räumen des Hauses in Verbindung. Es stand in demselben ein Tisch und ein Schemel. Die Frau mit dem hölzernen Bein hatte die Aufsicht daselbst und leitete das Geschäft.

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Siebentes Capitel. Ein nächtlicher Besuch im Raritäten-Cabinet.

Clubin war am Dienstag den ganzen Abend nicht in das Wirthshaus gekommen. Er kam auch am Mittwoch nicht.

An diesem Abend, um die Zeit der Dämmerung begaben sich zwei Männer in das Contanchez-Gäßchen; sie blieben vor der Jacressarde stehen. Der Eine von ihnen klopfte an das Fenster. Die Thür wurde geöffnet; sie traten ein. Ein Licht stand auf dem Tisch. Die Frau mit dem hölzernen Bein empfing sie mit einem Lächeln, dessen sich nur Standespersonen, das heißt Bürger von St. Malo zu erfreuen hatten.

Diese beiden Männer waren in der That Bürger.

Derjenige, welcher geklopft hatte, sagte:

– Guten Abend, Frau Wirthin; ich komme wegen der bewußten Sache.

Die Frau mit dem hölzernen Bein lächelte von Neuem und entfernte sich darauf durch die in den Hof führende Hinterthür.

Es währte nicht lange, so öffnete sich diese Thür wieder und ein Mann trat in den Laden, welcher unter seiner Blouse etwas zu verbergen schien; seine Haare und Kleider waren ganz besäet von Strohhalmen; sein Blick hatte etwas Starres, wie der eines Menschen, welcher aus dem Schlaf geweckt worden ist.

Er trat näher. Man betrachtete sich gegenseitig. Der Mann mit der Blouse sah etwas bestürzt aus. Er sagte:

– Seid Ihr der Waffenschmied?

Der Gefragte antwortete: Ja. Seid Ihr der Pariser?

– Genannt »Rothhaut.« Ja.

– Zeigt her.

– Hier.

Der Mann zog unter seiner Blouse eine Waffe hervor, welche zu seiner Zeit in Europa noch äußerst selten war, nämlich einen Revolver.

Der Revolver war neu und glänzte. Die beiden Herren untersuchten ihn. Derjenige, welcher das Haus zu kennen schien und den der Pariser als den Waffenschmied bezeichnet hatte, ließ den Mechanismus spielen. Dann reichte er das Ding seinem Begleiter, der fremd an diesem Orte zu sein schien und sich immer mit dem Rücken gegen das Licht hielt.

Der Waffenschmied fragte: Wie viel?

Der Mann in der Blouse antwortete: Ich komme damit aus Amerika. Andere schleppen Affen, Papageien, wilde Bestien mit nach Frankreich, als ob die Franzosen Wilde wären. Ich führe dies ein. Es ist eine nützliche Erfindung.

– Wie viel? wiederholte der Waffenschmied.

– Es ist eine Pistole mit einem Drehapparat –

– Wie viel?

– Paff! ein erster Schuß – Paff! ein zweiter – ein dritter – Paff! ein ganzer Hagel! Das macht Arbeit!

– Wie viel?

– Er hat sechs Läufe.

– Nun ja! Also wie viel?

– Sechs Läufe, macht sechs Louis.

– Wollt Ihr fünf Louis?

– Unmöglich. Jede Kugel einen Louis, das ist der Preis.

– Wollen wir ein Geschäft machen? Laßt uns vernünftig reden.

– Ich habe Ihnen den rechten Preis gesagt. Sehen Sie sich das Ding nur an, Herr Büchsenschmied.

– Ich habe es untersucht.

– Die Schraube dreht sich wie Talleyrand. Das ist eine Schraube, so beweglich wie eine Wetterfahne. Ein wahres Juwel!

– Ich hab’s gesehen.

– Die Läufe sind spanisches Fabrikat.

– Ich hab’s bemerkt.

– Er ist damascirt. Sehen Sie nur, wie das gearbeitet ist.

– Ich sehe es wohl.

– Das ist eine große Seltenheit, mein Herr.

– Seid Ihr denn auch vom Handwerk?

– Ich bin von allen Handwerken.

– Sagen wir also: fünf Louis. Seid Ihr’s zufrieden?

– Ich erlaube mir die Bemerkung, daß ich die Ehre hatte zu sagen, sechs Louis.

Der Waffenschmied sagte in gedämpften Tone zu dem Blousenmann:

– Hört, Pariser, laßt Euch die gute Gelegenheit nicht entgehen. Schlagt das Ding los. Für Leute wie Ihr seid, ist so eine Waffe ja doch nichts. So ein Ding lenkt blos die Aufmerksamkeit auf Euch.

– Ihr mögt Recht haben, sagte der Pariser. Für einen soliden Bürger paßt’s besser.

– Wollt Ihr fünf Louis?

– Nein, sechs. Einen Louis jeder Lauf.

– Gut also, sechs Napoleons.

– Ich fordre sechs Louis.

– So seid Ihr also kein Bonapartist? Ihr zieht einen Louis einem Napoleon vor?

Der Pariser, genannt Rothhaut, lächelte.

– Napoleon ist mehr, sagte er, doch Louis gilt mehr.

– Sechs Napoleons.

– Sechs Louis. Das macht für mich einen Unterschied von 24 Francs.

– Dann wird nichts aus unserem Geschäft.

– Wie Ihr wollt. Dann behalte ich meine Waffe.

– Behaltet sie.

– Ich mich handeln lassen? Donnerwetter! Man soll mir nicht nachsagen, daß ich eine solche Erfindung um ein Butterbrod losgeschlagen habe!

– Dann, gute Nacht.

– Das ist ein Fortschritt über die Pistole hinaus, die die Indianer Nortay-u-Hah nennen.

– Fünf Louis baar ist Geld –

– Nortay-u-Hah heißt so viel wie kurze Flinte. Die Wenigsten wissen das.

– Wollt Ihr fünf Louis und ein Thälerchen Trinkgeld?

– Herr, ich habe gesagt: sechs.

Der Mann, welcher bisher dem Licht den Rücken gekehrt und der sich während dieses Gesprächs, ohne ein Wort zu reden, mit der Untersuchung des Mechanismus beschäftigt hatte, trat nun an den Waffenschmied heran und flüsterte ihm leise in’s Ohr:

– Ist das Ding gut?

– Vortrefflich.

– Dann gebe ich die sechs Louis.

Fünf Minuten später, nachdem der Pariser das Gold eingestrichen und in einer geheimen Tasche unter der Achselhöhle seiner Blouse verborgen, und der Käufer des Revolvers diesen in die Tasche seines Beinkleides gesteckt hatte, entfernte sich der Letztere mit seinem Begleiter durch das Gäßchen.

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Achtes Capitel. Ein tragisches Ereigniß.

Am nächsten Tag – es war am Donnerstag – geschah nahe bei St. Malo, bei dem Vorsprung von Decollé, an einer Stelle, wo das Gestade steil und das Meer tief ist, etwas sehr Tragisches.

Der Gipfel des Decollé ist eine ziemlich breite Fläche, die ganz besät mit kleinen Felsblöcken ist, welche kolossalen Pflastersteinen gleichen; ein dichtes kurzes Gras sproßt in den Zwischenräumen. Dieser steile Abhang erhebt sich sechszig Fuß hoch über dem Meeresspiegel. Eine natürliche Treppe von kleineren Granit-Felsblöcken gebildet, führt bis zum Gipfel hinauf. Diese Treppe bietet große Schwierigkeiten; es gehören Riesenschritte oder Clown-Sprünge dazu, sie zu ersteigen.

Es mochte um die fünfte Abendstunde sein, als ein Mann, in einen weiten Uniform-Mantel gehüllt, dessen scharfwinkelige Falten verriethen, daß er Waffen darunter trug, am äußersten Rande dieses Abhanges stand. Er hatte ein Fernrohr in der Hand, und beobachtete mit großer Aufmerksamkeit die Bewegungen eines Schiffes, welches schon seit einer Stunde den Hafen von St. Malo verlassen hatte, doch anstatt die hohe See zu gewinnen, sich hinter den Dünen gleichsam versteckt hielt. Es war ein Dreimaster. Es hatte nicht Anker geworfen, vielleicht weil der Meeresgrund an dieser Stelle es nicht gestattete, sondern sich darauf beschränkt, aufzubrassen.

Der Mann, welchen sein Uniform-Mantel als einen von der Küstenwache bezeichnete, verlor das Schiff nicht einen Augenblick aus den Augen.

Es war noch heller Tag; besonders auf dem Meere und auf dem hohen Felsgestade; unten am Fuße des Felsens begann es allmälig zu dunkeln.

Der Küstenwächter war so vertieft in seine Beschäftigung, daß er weder rück- noch vorwärts sah, sondern seine ganze Aufmerksamkeit auf den Gegenstand seiner Beobachtung richtete. Er bemerkte daher nicht, daß sich auf der Felsentreppe, welcher er den Rücken zuwandte, Etwas bewegte. Hinter einer der Krümmungen jener Treppe befand sich ein Mann, der jedenfalls schon vor der Ankunft des Küstenwächters an dieser Stelle versteckt gewesen war.

Von Zeit zu Zeit trat derselbe aus seinem Versteck hervor, und beobachtete den Beobachter auf der Zinne des Felsens. Dieser versteckte Späher trug einen breitkrempigen amerikanischen Hut, sein Aeußeres verrieth einen Quäker. Es war derselbe, welchen Sieur Clubin zehn Tage vorher zwischen den Felsen der kleinen Bucht mit dem Capitain Zuela sprechen sah.

Plötzlich schien sich die Aufmerksamkeit des Küstenwächters zu verdoppeln. Er putzte schnell mit dem Tuch seines Aermels das Glas seines Fernrohrs, und richtete dasselbe unverwandt auf den Dreimaster.

Ein schwarzer Punkt hatte sich von diesem abgelöst; dieser schwarze Punkt, ähnlich einer Ameise auf dem Meere, war ein Kahn. Einige Matrosen waren in dieses kleine Fahrzeug gestiegen, und ruderten mit aller Kraft dem Lande zu.

Die Aufmerksamkeit des Küstenwächters hatte den höchsten Grad erreicht, als plötzlich der kleine Nachen eine schräge Richtung nahm, und sich dem äußersten Rande des Felsvorsprungs näherte.

In diesem Augenblick erschien der Quäker in seiner ganzen Länge oben auf der Treppe. Der Wächter sah ihn nicht. Mit herabhängenden Armen, geballten Fäusten und mit dem Blick eines Jägers, welcher zielt, betrachtete dieser Mann den Rücken des Küstenwächters. Nur vier Schritte war er von ihm entfernt. Er that behutsam einen Schritt vorwärts, dann stand er still. Er that einen zweiten Schritt, dann blieb er wieder stehen. Er machte keine andere Bewegung als die des Gehens, sonst blieb sein ganzer Körper unbeweglich wie eine Bildsäule. Sein Fuß trat geräuschlos auf das Gras, jetzt that er den dritten Schritt und blieb wiederum stehen. Jetzt stand er dicht hinter dem Küstenwächter, der noch immer unbeweglich durch sein Fernrohr blickte. Langsam erhob der Mann jetzt seine beiden fest geschlossenen Hände bis zu der Höhe seiner Achseln, ließ dann plötzlich den Vorderarm fallen, und seine Fäuste trafen, wie aus der Pistole geschossen, die Schultern des Küstenwächters. Der Stoß war furchtbar.

Der Küstenwächter hatte nicht Zeit zu schreien. Er fiel kopfüber den Abhang hinunter in’s Meer. Einen Augenblick sah man noch seine beiden Sohlen. Es war, als wenn ein Stein in das Wasser fiel. Die Wogen schlossen sich über ihm.

Zwei oder drei Kreise bildeten sich in dem dunkeln Wasser.

Das Einzige, was von ihm übrig blieb, war das Fernrohr, welches seinen Händen entfallen, im Gras am Boden lag.

Der Quäker beugte sich über den Rand des Abhanges, beobachtete, wie die Kreise in den Fluthen sich allmälig verloren, wartete noch einige Minuten, murmelte dann, sich wieder aufrichtend, halb singend in den Bart:

Einer von der Polizei
Brach sich das Genick entzwei.

Er beugte sich noch einmal hinab. Es war nichts mehr zu sehen. Nur auf der Stelle, wo der Küstenwächter versunken war, zeigte sich jetzt auf der Oberfläche des Wassers eine bräunliche Färbung. Wahrscheinlich hatte sich der in das Meer Gestürzte den Schädel an irgend einer Klippe unter dem Wasser zerschmettert, und es war sein heraufsteigendes Blut, das die Wogen an jener Stelle dunkler färbte. Als der Quäker die rothe Lache bemerkte, sang er:

Und vor einer Viertelstund
War der Mann noch …

Er endigte nicht.

Er vernahm hinter sich eine sehr sanfte Stimme, die ihn anredete:

– Ah! Ihr seid es, Rantaine! Guten Abend! Ihr habt soeben einen Mann getödtet. Er wandte sich um. Fünfzehn Schritte hinter ihm, am Ausgang einer von Felsen gebildeten Grotte stand ein kleiner Mann, der einen Revolver in der Hand hielt.

Er antwortete: Wie Ihr seht. Guten Abend, Sieur Clubin.

Der kleine Mann begann zu zittern.

– Ihr kennt mich?

– Habt Ihr mich doch auch erkannt! – erwiederte Rantaine. Inzwischen vernahm man vom Meere her das Geräusch von Ruderschlägen. Es war das Boot, welches der Küstenwächter beobachtet hatte, und das sich jetzt näherte.

Sieur Clubin sagte mit leiser Stimme, als spräche er mit sich selber:

– Es ging schnell!

– Was steht Euch zu Diensten? fragte Rantaine.

– Nicht viel. Es sind jetzt gerade zehn Jahre, daß ich Euch nicht gesehen habe. Ihr müßt gute Geschäfte gemacht haben. Wie geht es Euch?

– Gut, erwiederte Rantaine. Und Euch?

– Sehr gut, antwortete Sieur Clubin.

Rantaine ging einen Schritt gegen Sieur Clubin vor. Er vernahm ein leises Knacken. Sieur Clubin spannte den Hahn seines Revolvers.

– Rantaine, sagte er, wir sind fünfzehn Schritte auseinander. Das ist eine gute Entfernung. Bleibt, wo Ihr seid.

– Ach was! Was wollt Ihr von mir?

– Ich will ein wenig mit Euch plaudern.

Rantaine rührte sich nicht von der Stelle.

Sieur Clubin fuhr fort:

– Ihr habt so eben einen Küstenwächter getödtet.

Rantaine lüftete seinen Hut und antwortete: Ihr habt mir bereits die Ehre erwiesen, es mir zu sagen.

– Ich hatte mich nicht ganz deutlich ausgedrückt. Ich hatte gesagt: einen Mann. Jetzt sage ich: einen Küstenwächter. Es war No. 619. Er war Familienvater, und hinterläßt eine Frau und fünf Kinder.

– Das kann sein, sagte Rantaine.

Es folgte eine unmerkliche Pause.

– Die Küstenwächter sind auserlesene Leute, sagte Clubin. Es sind fast lauter ehemalige Seeleute.

– Ich habe bemerkt, sagte Rantaine, daß in der Regel eine Frau und fünf Kinder zurückbleiben.

– Sieur Clubin fuhr fort: Rathet einmal, was dieser Revolver gekostet hat.

– Es ist eine schmucke Waffe, erwiederte Rantaine.

– Wie hoch schätzt Ihr ihn?

– Ich schätze ihn hoch.

– Er hat mich hundert und vier und vierzig Francs gekostet.

– Ihr hättet das Ding, sagte Rantaine, in dem Waffenladen im Contanchez-Gäßchen kaufen sollen.

Clubin erwiederte:

– Er hat nicht geschrieen. Der Fall benimmt die Stimme.

– Sieur Clubin, wir werden diese Nacht eine Brise bekommen.

– Ich bin allein in das Geheimniß eingeweiht.

– Verkehrt Ihr noch immer in dem Wirthshaus am Hafen? fragte Rantaine.

– Ja. Es ist ganz gut dort.

– Ich erinnere mich, einmal vortreffliches Sauerkraut dort gegessen zu haben.

– Ihr müßt außerordentlich kräftig sein, Rantaine. Ihr habt ein paar Schultern! Ich möchte keinen Nasenstüber von Euch haben! Als ich zur Welt kam, war ich so gebrechlich, daß man nicht glaubte, mich am Leben zu erhalten.

– Es ist doch gelungen. Das ist ein Glück!

– Ja, ich verkehre noch immer in dem alten Wirthshaus am Hafen.

– Wißt Ihr auch, Sieur Clubin, warum ich Euch erkannt habe? Weil Ihr mich erkannt habt. Ich sagte mir: Das kann nur Clubin!

Er ging einen Schritt vor.

– Stellt Euch wieder dahin, wo Ihr gestanden habt, Rantaine.

Rantaine wich zurück, und sagte leise für sich:

– Vor so einer Maschine wird man wie ein Kind.

Sieur Clubin fuhr fort:

– Orientiren wir uns. Wir haben zur Rechten, ungefähr dreihundert Schritte von hier, nach der Seite von St. Enogat einen andern Küstenwächter, Nr. 618, der noch lebendig ist, und zur Linken, nach der Seite von St. Lunaire eine Zollwache. Das macht sieben bewaffnete Männer, die in fünf Minuten hier sein können. Der Felsen wird umstellt, der Engpaß bewacht, es ist nicht möglich zu entfliehen. Am Fuß des Abhangs ist eine Leiche.

Rantaine warf einen Seitenblick auf den Revolver.

– Wie Ihr sagt, Rantaine, es ist eine schmucke Waffe. Vielleicht ist er nur mit Pulver geladen. Gleichviel; ein Schuß genügt, um die bewaffnete Macht herbeizurufen. Ich habe sechs Schüsse darin.

Das regelmäßige Geräusch der Ruderschläge wurde immer vernehmbarer; das Boot war nicht mehr fern.

Der große Mann fixirte den Kleinen mit einem eigenthümlichen Blick.

Sieur Clubin’s Stimme wurde immer ruhiger und sanfter.

– Rantaine, sagte er, wenn die Männer in dem Boot, das sogleich anlegen wird, wüßten, was Ihr so eben gethan habt, würden sie den Andern hülfreiche Hand leisten, Euch fest zu nehmen. Ihr bezahlt dem Capitain Zuela zehn tausend Francs für die Ueberfahrt. Beiläufig gesagt, hättet Ihr es billiger haben können, wenn Ihr Euch an die Schmuggler von Plainmont gewandt hättet; aber diese hätten Euch nur bis England gebracht, und außerdem könnt Ihr nicht wagen nach Guernesey zu gehen, wo man die Ehre hat Euch zu kennen. Kommen wir also auf die Sachlage zurück. Wenn ich Feuer gebe, so werdet Ihr festgenommen, Ihr bezahlt dem Zuela dafür, daß er Euch zur Flucht verhilft, zehn tausend Francs. Fünf tausend habt Ihr ihm schon im Voraus gegeben. Zuela könnte die fünf tausend Francs behalten, und sich damit aus dem Staube machen. So steht’s! Rantaine, Ihr habt eine gute Maske gewählt, dieser Hut, dieser närrische Anzug, diese Gamaschen machen Euch völlig unkenntlich. Ihr habt nur noch die Brille vergessen. Ihr habt wohl gethan, Euch einen Backenbart wachsen zu lassen.

Rantaine lächelte. Dieses Lächeln glich ziemlich einem Grinsen.

Clubin fuhr fort:

– Rantaine, Ihr tragt amerikanische Beinkleider; mit doppelten Tragbändern. In dem einen dieser Tragbänder befindet sich Eure Uhr. Ihr mögt sie behalten.

– Danke, Sieur Clubin!

– In dem andern ist eine kleine eiserne Dose, welche sich vermittelst einer Feder öffnet und schließt. Es ist eine alte Matrosen-Tabaksdose. Zieht sie aus Eurem Tragband hervor und werft sie mir zu.

– Das ist ja ein Diebstahl!

– Ich hindere Euch nicht, die Wache zu rufen. Indem er das sagte, sah Clubin ihm fest in’s Auge.

– Hört Mess Clubin …, sagte Rantaine, indem er einen Schritt vorwärts that und Clubin seine offene Hand entgegenstreckte.

Mess war eine Schmeichelei.

– Bleibt wo Ihr seid, Rantaine!

– Mess Clubin, verständigen wir uns. Ich biete Euch die Hälfte.

– Sieur Clubin verschränkte seine Arme so, daß der blanke Lauf seines Revolvers hervorblitzte.

– Rantaine, wofür haltet Ihr mich? Ich bin ein Ehrenmann.

Nach einer kurzen Pause setzte er hinzu: Ich muß das Ganze haben, Rantaine.

Rantaine murmelte zwischen den Zähnen: Der Kerl ist ein wahrer Seeräuber!

Clubin’s Augen leuchteten auf, seine Stimme wurde klar und schneidend wie scharf geschliffener Stahl.

Er rief:

– Ich sehe, Ihr seid im Irrthum. Ihr heißet: Diebstahl. Ich heiße: Wiedererstattung. Rantaine, hört mich an. Vor zehn Jahren habt Ihr bei Nacht und Nebel Guernesey verlassen. Von den hundert tausend Francs, welche Ihr damals mitnahmt, waren nur fünfzig tausend Euer Eigenthum. Die andern fünfzig tausend habt Ihr Eurem Wohlthäter und Geschäftsgenossen, dem biedern vortrefflichen Mess Lethierry gestohlen. Diese fünfzig tausend Francs mit zehnjährigen Zinsen, das macht achtzig tausend sechs hundert und sechszig Francs und sechsundsechszig Centimes. Gestern wart Ihr bei einem Wechsler. Ich will ihn Euch nennen; er heißt Rebuchet und wohnt in der Straße St. Vincent. Ihr habt ihm sechs und siebenzig tausend Francs in französischen Banknoten bezahlt und erhieltet dafür von ihm drei englische Tausend-Pfund-Noten. Diese drei englischen Banknoten verwahrt Ihr in der eisernen Dose und die eiserne Dose in Eurem rechten Trageband. Diese drei Banknoten betragen fünf und siebenzig tausend Francs. Im Namen Mess Lethierry’s will ich mich damit begnügen. Ich reise Morgen nach Guernesey, und will sie ihm überbringen. Rantaine, der Dreimaster da unten ist der Tamaulipas. Ihr habt in voriger Woche Eure Kisten und Kasten zwischen dem Gepäck der Mannschaft dort untergebracht. Ihr wollt Frankreich verlassen, und Ihr habt Eure Gründe dazu. Ihr geht nach Arequipa. Das Boot kommt, Euch abzuholen. Ihr erwartet es hier. Von mir hängt es ab, Euch fest zu halten, oder reisen zu lassen. Genug der Worte. Werft mir die eiserne Dose zu.

Rantaine öffnete sein Tragband, zog eine kleine Dose hervor und warf sie Clubin zu. Es war die eiserne Dose. Sie rollte zu Clubin’s Füßen.

Clubin bückte sich danach, ohne den Kopf zu neigen, und hob, seine zwei Augen und seine sechs Revolverläufe fest auf Rantaine gerichtet, mit der Linken die Dose auf.

Dann rief er:

– Kehrt mir den Rücken, Freund!

Rantaine gehorchte.

Clubin schob den Revolver unter den linken Arm und drückte auf die Feder der Dose. Sie sprang auf.

In der Dose lagen die drei Tausend-Pfund-Noten und eine Zehn-Pfund-Note.

Er faltete die drei Tausend-Pfund-Noten wieder zusammen, legte sie in die Dose, schloß dieselbe und steckte sie in seine Tasche.

Dann nahm er einen Kieselstein von der Erde, wickelte die Zehn-Pfund-Note um denselben und sagte:

– Kehrt Euch wieder um!

Rantaine that es.

Sieur Clubin sprach:

– Ich habe Euch gesagt, daß ich mich mit den drei Tausend-Pfund-Noten begnügen würde. Nehmt diese Zehn-Pfund-Note zurück.

Dabei warf er die Note mit dem Kieselstein Rantaine zu.

Rantaine schleuderte Beides mit einem Fußtritt in’s Meer.

– Ganz nach Belieben! rief Clubin. Aber Ihr müßt sehr reich sein. Das beruhigt mich.

Das Geräusch der Ruderschläge, welche während dieses Gespräches der beiden Männer immer vernehmbarer geworden war, hörte plötzlich auf. Das Boot hatte am Fuße des Abhangs angelegt.

– Euer Fiacre ist unten, Ihr könnt abreisen, Rantaine.

Rantaine wandte sich nach der Treppe und stieg hinab. Clubin näherte sich vorsichtig dem Rand des Abhangs, und mit vorgebeugtem Haupte sah er ihn hinabsteigen. Das Boot hatte auf derselben Stelle angelegt, wo der Küstenwächter hinabgestürzt war.

Als Clubin Rantaine hinunterklettern sah, murmelte er leise vor sich hin:

– Arme Nummer Hundertundneunzehn! – Er glaubte sich allein. Rantaine glaubte, zu Zweien zu sein. Ich allein wußte, daß wir unser Drei waren.

Sein Blick fiel auf das zu seinen Füßen liegende Fernrohr, das der Küstenwächter hatte fallen lassen. Er hob es auf.

Das Geräusch der Ruderschläge begann von Neuem. Rantaine war in das Fahrzeug gestiegen. Das Boot suchte das Weite.

Nach den ersten Ruderschlägen des sich von dem Abhang entfernenden Bootes sprang Rantaine plötzlich in die Höhe; seine Miene war entsetzlich, er ballte krampfhaft die Faust und kreischte wild: – Ha, der Teufel selber ist eine Canaille!

Einige Sekunden später hörte der auf dem Rand des Abhangs stehende und das Boot mit dem Fernglas beobachtende Clubin folgende mit starker Stimme vernehmlich gesprochenen Worte:

– Sieur Clubin, Ihr seid ein braver Mann; aber Ihr werdet es in der Ordnung finden, daß ich an Mess Lethierry schreibe, um ihn von der Sache in Kenntniß zu setzen. In dem Boot befindet sich ein Matrose, der zu der Mannschaft des Taumalipas gehört; er ist aus Guernesey, heißt Ahier-Tostevin, und wird mit dem Capitän Zuela bei dessen nächster Fahrt nach St. Malo zurückkommen. Er wird bezeugen, daß ich Euch die Summe von 3000 Pfund Sterling für Mess Lethierry eingehändigt habe.

Es war Rantaine’s Stimme.

Sieur Clubin war aber nicht der Mann der halben Maßregeln. Unbeweglich, das Auge unverwandt an das Fernglas geheftet, ganz so wie vor ihm der Küstenwächter, stand er auf derselben verhängnißvollen Stelle, und sah das Boot immer kleiner und kleiner werden. Er sah es verschwinden und wieder auftauchen; er sah, wie es sich dem Tamaulipas näherte, wie es anlegte; er sah endlich die kräftige Gestalt Rantaine’s auf dem Verdeck des Tamaulipas.

Als das Boot wieder eingebracht war, stach der Tamaulipas in See. Ein frischer Wind blähte die wieder aufgehißten Segel. Eine halbe Stunde später war der Tamaulipas nur noch ein kleiner schwarzer Punkt am Horizont, der sich in der immer tiefer werdenden Dämmerung bald ganz verlor.

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Neuntes Capitel. Der Briefkasten des Oceans.

An diesem Abend kam Sieur Clubin spät nach Hause. Eine der Ursachen seiner Verspätung war, daß er noch vor seiner Rückkehr ein Wirthshaus vor dem Dinan-Thor besucht hatte. Er kaufte in diesem entlegenen Hause. wo man ihn nicht kannte, eine Flasche Branntwein; dann stattete er der Durande noch einen Besuch ab, um sich zu überzeugen, ob für die Abfahrt am nächsten Morgen Alles bereit sei.

Als Sieur Clubin in das Wirthshaus am Hafen trat, fand er Niemanden als den Capitän Gertrais-Gaboureau in der Wirthsstube, der, sein Pfeifchen schmauchend, bei einem Schoppen saß.

Herr Gertrais-Gaboureau, der eben den Mund an den Rand seines Glases gesetzt hatte, winkte zwischen Schoppen und Rauchwolke mit den Augen Sieur Clubin einen Gruß zu.

Good bye, Capitain Clubin!

– Guten Abend, Capitain Gertrais!

– Nun ist der Tamaulipas ja abgesegelt.

– So? erwiederte Clubin; ich habe nicht darauf geachtet.

Herr Gertrais spuckte aus, und sagte:

– Zuela ist durchgerannt.

– Wann denn?

– Diesen Abend.

– Wohin geht er?

– Zum Teufel.

– Ohne Zweifel. Aber wohin?

– Nach Arequipa.

– Ich wußte nichts davon, erwiederte Clubin.

Er fügte hinzu:

– Ich gehe jetzt zu Bette.

Er zündete sein Licht an, ging nach der Thür, kehrte aber wieder zurück und sagte:

– Wart Ihr schon ein Mal in Arequipa, Capitän Gertrais?

– Ja, vor Jahren.

– Wo wird denn angelegt?

– Ueberall, wo man will. Aber der Tamaulipas wird nirgends anlegen.

Capitän Gertrais-Gaboureau klopfte die Asche seiner Pfeife auf den Rand eines Tellers aus, und fuhr fort:

Ihr erinnert Euch wohl des Wallfischfängers »das Trojanische Pferd,« und des Dreimasters Trentemouzin, die nach Cardiff segelten? Ich warnte Beide, nicht abzureisen, denn ich verstehe mich, wie Ihr wißt, ein wenig auf’s Wetter. Sie haben nicht auf mich gehört, und mußten’s büßen; sie sind in einem schönen Zustand wieder gekommen. Das »Trojanische Pferd« hatte Wasser geschluckt; es war mit Terpentin beladen. Man pumpte das Wasser mit sammt dem Terpentin heraus. Der Dreimaster lief in einem schauerlichen Zustand in den Hafen ein. Der Schiffsschnabel, der Ankerstock am Backbord, Alles zerbrochen; die Spiere des großen Vorstagsegels, die Bugsierthaue und die Krahnbalken, alles zum Teufel gegangen; sämmtliches Eisen am Bugsprit fehlte. Der Backbord hatte furchtbaren Leck. So geht es denen, die keinen guten Rath annehmen wollen.

Clubin hatte sein Licht auf den Tisch gestellt, und beschäftigte sich mit einigen Nadeln, die er bald aus seinem Rockkragen heraus zog, bald wieder hinein steckte.

– Sagtet Ihr nicht vorhin, Capitain Gertrais, der Tamaulipas würde nirgend anlegen?,

– Nein, er geht gerades Weges nach Chili.

– In diesem Fall würde er also unterwegs keine Nachrichten von sich geben können?

– Das habe ich nicht gesagt. Erstens kann er allen Schiffen, denen er begegnet, und die nach Europa gehen, Nachrichten mitgeben.

– Das ist wahr.

– Dann hat er auch noch den Briefkasten des Oceans.

– Den Briefkasten des Oceans? Was meint Ihr damit?

– Wie? Ihr kennt nicht den Briefkasten des Oceans?

– Nein.

– Wenn man die Magellanstraße passirt.

– Nun?

– Das ist eine Strecke, die keine vier Sous werth ist; überall Schnee, beständig Unwetter, Regen, Hagel und böse Winde.

– Und weiter?

– Wenn Ihr das Cap Monmouth umsegelt habt –

– Nun? Weiter!

– So kommt Ihr an das Cap Valentin –

– Weiter!

– Dann an das Cap Isidor –

– Weiter!

– Dann müßt Ihr das Vorgebirge Anna umsegeln.

– Gut. Aber was meintet Ihr mit dem Briefkasten des Oceans?

– Wir sind gleich da. – Berge zur Rechten, Berge zur Linken; überall Fettgänse und Sturmvögel; ein furchtbarer Ort! Tausend Heilige und tausend Affen! Ist das ein Lumpenpack! Wie das klappert! Hier braucht man dem Winde nicht mit Segeln zu Hülfe zu kommen; hier heißt es: aufgepaßt! Das Barkholz der Heckbalken in Acht genommen! Das große Segel wird hier mit dem Vorstagsegel vertauscht. Hu! Windstoß auf Windstoß! und dann manchmal vier, fünf, sechs Tage Windstille! Ihr bringt Charpie mit nach Hause, und wenn Ihr das schönste neue Spiel Segel mitgenommen habt. Das ist ein schöner Tanz! Der größte Dreimaster springt wie ein Floh auf den Wogen herum. Ich sah mit an, wie ein kleiner Schiffsjunge auf der englischen Brigg True-blue mit sammt dem Katerbaum zu allen fünf tausend Millionen Kreuz Donnerwettern fuhr. Wie ein Schmetterling flatterte er in der Luft. Ach, und diese Teufelsküste! Es giebt nichts Abschreckenderes, nichts Unwirthlicheres! Felsen so zackig als hätten sie Kinder ausgeschnitten. Aber das ist noch Nichts; kommt nur erst an den Port Famine, da ist es schlimmer als schlimm! Wogen so holperig wie Ihr noch niemals welche weder gesehen noch befahren habt! Eine wahre Hölle von einem Seestrich. Und an diesem schauerlichen Ort kommt Euch urplötzlich, Ihr wißt nicht wie, ein Ding vor die Augen, worauf mit roth gemalten Buchstaben: Post-Office zu lesen ist.

– Was soll das heißen, Capitain Gertrais?

– Das will ich Euch sagen, Capitain Clubin. Sobald ihr das Vorgebirge Anna umschifft habt, seht ihr auf einem Kiesel von hundert Fuß Höhe einen großen Stock. Es ist ein Pfosten, dem man ein Faß an den Hals gebunden. Dieses Faß ist der Briefkasten. Die Herren Engländer konnten es nicht unterlassen, ihr » PostOffice« darauf zu schreiben. In was mischen die sich nicht? Das ist die Oceanspost. Sie gehört nicht etwa dem Gentleman, dem König von England. Sie ist Gemeingut; sie gehört sämmtlichen Flaggen des Oceans. »Post-Office« ist das nicht fast chinesisch? Das ist ungefähr, als wenn der Teufel Euch urplötzlich eine Tasse Thee reichte.

– Wie aber wird es mit diesem Briefkasten gehalten?

– Nichts einfacher als das. Jedes vorüberfahrende Schiff expedirt sein Boot mit Depeschen. Die Schiffe, welche aus Amerika kommen, nehmen die Briefe mit, die für Europa bestimmt sind, und umgekehrt nehmen die Schiffe, welche aus Europa kommen, die Briefe für Amerika mit Jedes ausgesendete Boot wird von einem Officier befehligt; dieser legt das Briefpacket seines Schiffes in die Tonne, und nimmt dafür das Packet, welches er darin vorfindet. Ich nehme Eure Briefe mit nach Amerika, Ihr nehmt dafür die meinigen mit nach Europa, und umgekehrt. Nichts ist einfacher als das. Die Tonne ist durch eine Kette an dem Pfosten befestigt; sie ist durch einen festen Deckel wohl verwahrt, der aber sonst weder Schloß noch Riegel hat. Ihr seht also, Capitän, daß auch das Meer seinen Briefkasten hat, und Ihr könnt Euch versichert halten, daß die Briefe ankommen, die Ihr an Eure überseeischen Freunde schreibt, und daß auch die Eurer Freunde richtig an Eure Adresse gelangen.

– Das ist sehr sonderbar, murmelte träumerisch Sieur Clubin.

Nach Beendigung dieser seiner anstrengenden Rede sprach Capitän Gertrais-Gaboureau von Neuem seinem Schoppen zu.

– Wenn es dem Schuft Zuela einfallen sollte, mich mit seinem Geschreibsel zu belästigen, so habe ich in einem Zeitraum von vier Monaten das Gekritzel dieses Lumpenhundes hier. – A propos, Capitän Clubin, reist Ihr Morgen?

Sieur Clubin hörte nichts; er befand sich in einer Art traumwachen Zustandes.

Capitain Gertrais-Gabonreau wiederholte seine Frage.

Clubin erwachte.

– Gewiß reise ich Morgen, Capitän. Es ist ja mein Tag; ich muß morgen reisen.

– Ich an Eurer Stelle reiste Morgen nicht. Schon seit zwei Nächten umflattern die Meervögel den Leuchtthurm. Das ist ein schlimmes Zeichen. Mein Sturmglas prophezeit auch nichts Gutes. Wir sind im zweiten Octant des Mondes; das ist das Maximum der Feuchtigkeit. Die Pimpinelle schließt die Blätter, die Regenwürmer kriechen aus der Erde, die Mücken stechen, die Bienen verlassen ihren Korb nicht, die Sperlinge stecken die Köpfe zusammen und halten Rath mit einander; man hört den Ton der fernen Glocken, ich hörte diesen Abend das »Angelus« von St. Lunaire. Die Sonne ist bleich untergegangen. Lauter böse Vorboten. Ich sage Euch, Capitain, bleibt Morgen ruhig an Bord. Wir haben einen furchtbaren Nebel zu erwarten. Nebel ist schlimmer als Sturm. Der Nebel ist ein heimtückischer Duckmäuser.

  1. Baskisch: Schlechtes Wetter.
  2. Eine spanische Münze.

Sechstes Buch. Der betrunkene Steuermann und der nüchterne Capitän.


Erstes Capitel. Die Douvresfelsen.

Fünf Meilen von der Küste entfernt im Süden von Guernesey zwischen den Inseln des Canals und St. Malo liegt eine Gruppe von Klippen, unter dem Namen der Douvresfelsen bekannt. Diese Stelle ist sehr gefährlich.

Denselben Namen führen eine Menge Klippen und Brandungsplätze. Auf einem Douvresfelsen an der Nordküste wird gegenwärtig ein Leuchtthurm erbaut. Auch dieser Punkt ist unheilvoll, doch darf man ihn nicht mit den obenerwähnten Klippen verwechseln.

Das Cap Bréhant an der französischen Küste liegt den Douvresfelsen am nächsten. Die Douvresfelsen liegen ein wenig weiter von der Küste Frankreichs als von der ersten Insel des Archipels der Normandie. Eine große Diagonale, von Jersey aus gezogen, berührt fast jene Klippen. Wenn Jersey sich wie auf einer Thürangel nach Corbière hin herumdrehte, so würde die Landspitze St. Katharina beinahe auf die Douvresfelsen stoßen. Die Entfernung zwischen beiden Punkten beträgt etwa vier Meilen.

Selbst die wüstesten Felsen vielbefahrener Meere pflegen selten verlassen zu sein. Auf Hagot findet man Schmuggler, auf Binic Zollbeamte. Auf Cancale giebt es Austernzüchter, auf Césambre, der Insel Casars, Kaninchenjäger, Krabbensammler auf Brecqhou; Minquier und Ecrehou werden von Netzfischern und Anglern aufgesucht. Nur die Douvresfelsen sind menschenleer.

Die Seevögel haben dort ihr Reich.

Es giebt nichts Gefürchteteres. Die Helme, wo dem Glauben nach die » Blanche Nef« untergegangen ist, die Bank von Calvados, die Stacheln der Insel Wight, La Ronesse, welche die Küste von Beaulieu so sehr gefährdet, die Untiefe von Preel, welche die Einfahrt nach Merquel in einer Weise einengt, daß man dort zwanzig Klafter lange, roth gestrichene Baken vorlegen mußte, die gefährliche Strecke zwischen Etables und Plouha, die beiden »Druiden« im Süden von Guernesey, der alte und der kleine Anderlo, die Ratten-Insel, welche durch das Sprüchwort: »Wenn Du auch durch die Ratte kömmst ohne zu sterben, so zitterst Du wenigstens,« als Gegenstand des Schreckens bezeichnet wird, die todten Weiber, die Straße zwischen La Boue und la Frouquie, der Irrweg zwischen Guernesey und Jersey, das »böse Pferd« neben Boulay-Bay und Barneville sind weniger gefürchtet. Darum würde man lieber alle diese Orte befahren, als die Douvresklippen auch nur einmal berühren.

In dem ganzen gefährlichen Gewässer des Canals la Manche, dieses Archivels des Abendlandes, finden die Douvresfelsen nur ihres Gleichen an der furchtbaren Paternosterklippe zwischen Guernesey und Serk. Und doch kann man von letzterm Punkt aus wenigstens Signale geben, darf daher auf Hülfe in Gefahr hoffen. Nach Norden hin entdeckt man die Landzunge von Dicard oder Icare und im Süden die »Dicke Nase.« Von den Douvresfelsen aus steht das Auge nichts als Himmel und Wasser. Wasser, Windstöße, Regenwolken, Leere und Unbegrenztheit!

Nur ein Verschlagener nähert sich den Douvresklippen. Die Granitfelsen sind von einer gräßlich rohen Form, überall unzugänglich steil.

Und das Meer rings umher. Wasser von grundloser Tiefe. Eine so völlig verlorne Klippe, wie die der Douvres lockt und hegt Geschöpfe, welche nicht werth sind, in der Nähe menschlicher Wesen zu leben. Sie ist eine Art unterseeischer, unbegrenzter, riesiger Madrepore, ein ertrunkenes Labyrinth. In einer Tiefe, wohin die Taucher nur mit Mühe gelangen, finden sich unterirdische Höhlen, Löcher, Schlupfwinkel, verschlungene Gänge und düstre Gassen. Geschlechter von Ungeheuern erzeugen sich dort in üppigen Massen und verschlingen einander. Krabben fressen Fische und werden von diesen vertilgt. Erschreckende Gebilde, die nicht geschaffen sind, um von Menschenaugen angeschaut zu werden, treiben hier ihr Wesen. Eigenthümliche Formen von Rachen, Fühlfäden, Flossen, Schwimmblasen, aufgesperrten Kiefern, Fängen, Schuppen und Krebsscheeren schwimmen, zittern, wachsen oder zergehen und verschwinden in dem flüssigen, unheilbringenden Element. Grauenhafte Schwärme tummeln darin umher und gehen ihren Verrichtungen nach. Das Ganze ist ein riesiges Nest von Ungeheuern.

Das Abscheuliche ist dort das Ideal.

Man vergegenwärtige sich, wenn es möglich ist, ein ameisenartiges Gewimmel von Meernesseln und Quallen.

Einen Blick in das Innere des Oceans werfen, heißt die Phantasiewelt einer unbekannten Größe kennen lernen, das Reich der Schrecken betreten. Seine Abgründe gleichen der Nacht. Auch im Meere giebt es Schlaf, wenigstens einen scheinbaren Schlaf der Schöpfung. Dort vollziehen sich in vollkommener Sicherheit die Verbrechen von Creaturen, die keine Rechenschaft ablegen. Dort üben die schwächsten lebenden Gebilde, Phantome und doch ganze Teufel, wilde Werke der Finsterniß.

Vor vierzig Jahren bezeichneten zwei Felsen von sonderbarer Form den Vorüberfahrenden die Klippen der Douvres. Es waren zwei senkrecht emporragende Spitzen, die sich hoch oben krümmten und einander zuneigten. Man glaubte die Fangzähne eines ertrunkenen Elephanten aus dem Meere emporragen zu sehen, nur waren sie thurmhoch, als gehörten sie einem Thiere von der Größe eines Gebirgsarmes. Diese beiden von der Natur gebildeten Thürme der unbekannten, von Unthieren bewohnten Stadt, gestatteten nur einen schmalen Durchgang, in dem die Sturzwellen sich brachen. Er war winklig und krumm, wie eine zwischen zwei Mauern eingeengte Straße. Man nannte diese Zwillingsfelsen die beiden Douvres, den kleinen und den großen. Der eine war sechszig, der andere vierzig Fuß hoch. Das An- und Abprallen der Wogen hat dem Fundament dieser Thürme Zähne wie die einer Säge eingeprägt. Der heftige Aequinoctialsturm des 26. Octobers 1859 stürzte den einen. Der kleinere steht noch heute verstümmelt und verwittert an seinem Platz.

Am eigenthümlichsten gestaltet tritt aus der Douvresgruppe ein Fels unter dem Namen »der Mann« hervor. Auch er steht noch. Im vorigen Jahrhundert fanden Fischer, welche nach diesen Klippen verschlagen wurden, auf jenem Felsen den Leichnam eines Mannes und eine Menge leerer Muscheln neben ihm. Er mußte sich als Schiffbrüchiger dorthin gerettet haben und nährte sich kurze Zeit von dem Inhalt der Schaalen, bis er starb. Diese Begebenheit gab dem Fels den Namen »der Mann.«

Die Einsamkeit des Meeres ist schaurig. Aufruhr und Schweigen herrschen in ihm. Was innerhalb seines Bereichs geschieht, steht in keiner Beziehung zu dem Menschengeschlecht.

Das sind die schauerlichen Douvresfelsen. So weit das Auge reicht, entdeckt es nichts, als eine endlose, arbeitende, gepeinigte Wassermasse.

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Zweites Capitel. Unverhoffter Fund einer Cognacflasche.

Am Freitag früh, dem Tage nach der Abfahrt des Tamaulipas, ging die Durande nach Guernesey ab.

Um neun Uhr verließ sie St. Malo.

Das Wetter war klar, ohne Nebel. Der alte Capitän Gertrais-Gaboureau schien nicht richtig prophezeit zu haben.

Sieur Clubins wichtige Nebengeschäfte ließen ihn sein Amt augenscheinlich ein wenig versäumen. Er hatte erst einige Ballen aus Paris mit allerhand Dingen für Galanterieläden in St. Pierre geladen, sowie drei Kisten für das Krankenhaus auf Guernesey, von denen die eine gelbe Seife, die andere gezogene Lichte und die dritte französisches Sohlen- und feines Corduanleder enthielt. Von seiner letzten Fahrt nahm er einen Kasten voll gemahlenen Zuckers und drei Kisten Conjou-Thee mit zurück, Gegenstände, deren Einfuhr das französische Zollamt nicht gestatten wollte. Sieur Clubin hatte außer einigen Ochsen kein Vieh eingeschifft. Jene Thiere standen ziemlich nachlässig eingesperrt im untern Schiffsraum.

Sechs Passagiere waren an Bord: ein Guerneseyer, zwei Viehhändler aus Malouins, ein »Tourist,« wie man schon damals sagte, ein Pariser Halbbürger, wahrscheinlich Handelsreisender und ein Amerikaner, der Bibeln verbreitete und austheilte.

Die Mannschaft der Durande zählte, Clubin nicht mitgerechnet, sieben Personen: einen Steuermann, zwei Maschinenheizer, den Zimmermann und Kohlenbrenner – beide versahen zugleich Matrosendienste – einen Koch, einen Bootsmann und den Schiffsjungen. Einer der Heizer war zugleich Mechanikus und seiner Abstammung nach ein Neger, der einst aus den Zuckersiedereien in Surinam entwischte und Holländer wurde, ein sehr ehrenwerther, höchst gescheidter Mann, Namens Imbrancam. Er verstand sich vortrefflich auf die Maschine und versah sie auf’s Beste. Seine ganz schwarze Erscheinung im Maschinenraum trug in der ersten Zeit nicht wenig dazu bei, der Durande ein teuflisches Ansehen zu geben.

Der Steuermann, aus Jersey gebürtig, und seinem Ursprung nach ein Cotentin, hieß Tangrouille. Tangrouille gehörte zum hohen Adel.

Dies ist buchstäblich wahr. Auf den Inseln des Canals wie in England herrscht Hierarchie. Es giebt dort noch Kasten. Kasten haben ihre Ideen, durch welche sie sich behaupten. Diese Ideen sind überall dieselben, in Indien wie in Deutschland. Der Adel wird mit dem Degen erworben und durch die Arbeit ausgetilgt. Nur im Müßiggang erhält er sich. Nichtsthun heißt erhaben leben; wer nicht arbeitet, wird geehrt. Ein Handwerk treiben ist erniedrigend. In Frankreich bildeten die Glasfabrikanten früher eine Ausnahme von der Regel. Flaschenleeren war gewissermaßen der Ruhm eines Edelmannes und Flaschenmachen entehrte ihn keinesweges. Wenn Jemand in der Grande-Bretagne und auf den Inseln des Canals adlig sein will, muß er Reichthum besitzen. Ein Arbeiter kann kein Herr sein. Ein Matrose ist nur Matrose, selbst wenn er von einem Bannerritter abstammt. Vor dreißig Jahren sammelte in Aurigny ein Gorges, der rechtmäßige Ansprüche auf die von Philipp August eingezogene Herrschaft Gorges gehabt hatte, mit nackten Füßen im Wasser stehend, Meergras. Ein Carteret ist Kärrner in Serk. In Jersey und Guernesey leben zwei Männer Namens Gruchy, der erste ist Tuchweber, letzterer Schuhmacher und beide erklären sich für Grouchy’s, Vettern des Marschalls von Waterloo. Die alten Pfründenregister des Bisthums von Coutances erwähnen einer Lehnsherrschaft Tangroville, welche jedenfalls mit der von Tancarville an der Basse-Seine zusammenhängt. Letztere ist als Montmorency bekannt. Im fünfzehnten Jahrhundert trug Johann von Héroudeville, der Bogenschütz des Sire von Tangroville, diesem »seine Panzer und die übrige Rüstung« an und 1371 versah ein Herr von Tangroville bei dem Proberitt Bertrand du Guesclin’s den Dienst eines Edelknappen.« Auf den normännischen Inseln entledigen die Leute sich ihres Adels sehr bald, wenn das Elend ihnen über den Kopf wächst. Eine Veränderung ihres Namens genügt, um sie davon zu befreien. Aus Tangroville entstand Tangrouille. So verhielt es sich mit dem Namen des Steuermanns der Durande.

Tangrouille, dieser wahrscheinliche Tancarville und mögliche Montmorency, besaß eine altadlige Eigenschaft, die ihm, als einem Steuermann, zum großen Fehler gereichte: er trank.

Es war Sieur Clubin’s beständige Aufgabe, ihn zu bewachen. Er hatte sich Mess Lethierry gegenüber hierzu verpflichtet.

Der Steuermann Tangrouille verließ das Schiff nie und schlief sogar am Bord.

Als Sieur Clubin am Abend vor der Abreise zu später Stunde einen Besuch auf dem Fahrzeug machte, lag Tangrouille in seiner Hängematte und schlief. In der Nacht erwachte er, seiner Gewohnheit gemäß. Jeder, seiner Freiheit beraubte Trunkenbold hat seinen Versteck. Auch Tangrouille besaß einen solchen und nannte ihn seine Proviantkammer. Dieser geheime Ort befand sich in dem Schiffsraum, wo das Wasser aufbewahrt wird. Er hatte ihn dorthin verlegt, um keinen Verdacht zu erregen und glaubte, Niemand außer ihm kenne diesen Versteck. Der Capitän Clubin, ein mäßiger Mann, war strenge. Die wenigen Tropfen Rum und Gin, welche der Steuermann dem wachsamen, hinterlistigen Wächter zu entwenden vermochte, verbarg er in einer Senkkufe, die ihren Platz in dem geheimnißvollen Winkel des Schiffsraumes mit den Wasserbehältern hatte, und fast alle Nacht stattete er diesem Versteck einen zärtlichen Besuch ab. Die Ueberwachung war strenge; für gewöhnlich beschränkten sich die nächtlichen Ausschweifungen Tangrouille’s auf zwei oder drei eilig hinuntergestürzte Schluck Rum. Zuweilen hatte er nicht den kleinsten Vorrath in seiner Proviantkammer. Heute Nacht fand er darin unverhofft eine Flasche Branntwein. Seine Freude war groß, noch größer sein Erstaunen. Aus welchem Himmel war diese Flasche gefallen? Er konnte sich nicht erinnern, wann und auf welche Weise er sie auf das Fahrzeug geschafft hatte, doch leerte er sie unverzüglich. Die Klugheit trieb ihn gewissermaßen dazu, indem er fürchtete, man könne den Branntwein entdecken und sich desselben bemächtigen. Die Flasche warf er in die See. Als Tangrouille am nächsten Morgen die Ruderpinne ergriff, verspürte er eine Art Schwindel, regierte aber trotzdem das Steuer fest, wie gewöhnlich.

Clubin war an jenem Abend, wie schon gesagt, nach Jean’s Wirthshaus gegangen, um darin zu schlafen. Er trug unter seinem Hemde Tag und Nacht einen ledernen Reisegurt, worin er diesmal zwanzig Guineen aufbewahrte. Auf die innere rauhe Seite dieses Ledergürtels hatte er mit zäher unvertilgbarer Druckerschwärze seinen Namen »Sieur Clubin« geschrieben. Als er am Morgen seiner Abreise aufstand, steckte er die eiserne Dose mit den sechszigtausend Francs in Banknoten in den Gurt und schnallte diesen, seiner Gewohnheit gemäß, um den Leib.

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Drittes Capitel. Gestörte Unterhaltung.

Die Abfahrt ging heiter von Statten. Sobald die Reisenden ihre Felleisen und Mantelsäcke unter oder auf den Bänken in Sicherheit gebracht hatten, unterwarfen sie das Fahrzeug jener Prüfung, von der man glauben sollte, sie sei einem Jeden zur Bedingung gemacht, so allgemein und eifrig ward sie angestellt. Der Tourist und auch der Pariser hatten bisher noch kein Dampfschiff gesehen. Als das Rad sich zu drehen begann, bewunderten sie den Schaum, später den Rauch. Hierauf untersuchten sie auf dem Deck und im Zwischenraum mit haarscharfer Gründlichkeit alle Schiffsbestandtheile: die Ringe, Klammern, Haken und Bolzen, die so sauber und zierlich gearbeitet sind, daß sie den Eindruck kolossaler Schmuckgegenstände machen; es sind in der That eiserne Geschmeide, die das Unwetter mit goldenem Rost überzogen hat. Sie betrachteten von allen Seiten die Lärmkanone, welche angeschlossen auf dem Verdeck lag; »wie ein Hund an der Kette,« bemerkte der Tourist, und »mit einer Blouse von getheerter Leinwand bekleidet, um sich vor Erkältung zu schützen,« fügte der Pariser hinzu. Als man sich mehr und mehr von der Küste entfernte, wichen den gewöhnlichen Bemerkungen Betrachtungen über die Ansicht von St. Malo. Ein Reisender äußerte, die Entfernungen zur See seien trügerisch und eine Meile vom Lande gesehen, gliche Dunkerque auf’s Täuschendste Ostende. Er vervollständigte das, was er über letztgenannten Ort zu sagen hatte, durch die Mittheilung, daß die beiden dortigen Wachtthürme rothgestrichen seien und die Namen Ruytingen und Mardyk führten.

St. Malo rückte dem Auge immer ferner und endlich war es ganz verschwunden.

Die See war ruhig. Das Kielwasser bildete hinter dem Schiff eine lange mit Schaum bekränzte Gasse, die fast ohne Windungen hinlief, so weit der Blick reichte.

Guernesey wird von einer graden Linie durchschnitten, die man sich von St. Malo in Frankreich, nach Exeter in England gezogen denkt. Eine solche Linie kann man auf dem Meere nicht ziehen. Dennoch können Dampfschiffe bis zu einem gewissen Grade eine bestimmte, gerade Richtung innehalten, was Segelschiffe nicht vermögen.

Das Meer ist in Gemeinschaft mit dem Wind eine Verunreinigung von Kräften, das Schiff eine Zusammensetzung von Maschinen. Naturkräfte sind Maschinen von unbegrenzter Macht, die Kraft der gewöhnlichen Maschine ist beschränkt. Durch Verbindung dieser beiden Organismen, von denen der eine unerschöpflich, der andere beschränkt ist, bildet sich der Kampf, den man die Schifffahrt nennt. Die Willenskraft in letzterem Organismus hält dem Unendlichen das Gegengewicht. Auch das Unendliche hat seinen Mechanismus. Die Elemente kennen ihre Bestimmung. Keine Naturkraft ist blind. Der Mensch soll ihre Kräfte erforschen und ihre Bestimmung entdecken.

Während man bemüht ist, die Naturgesetze zu ergründen, besteht jener Kampf fort und in ihm bildet die Dampfschifffahrt eine Art siegender Herrschaft, die der menschliche Geist stündlich über alle Meerestheile ausübt. Das Bewundernswerthe an ihr ist die Zucht, in der sie das Fahrzeug hält. Sie gehorcht den Winden weniger als den Menschen.

Niemals hatte die Durande besser gearbeitet, als heute.

Gegen elf Uhr befand sie sich mit Hülfe einer frischen Nord-West Brise den Minquiers gegenüber und trieb, wenig Rauch gebend, die Steuerbordhalsen zugesetzt, dem Wind fast entgegen nach Westen. Das Wetter war noch immer hell und schön. Nach und nach, als dächte Jeder nur daran, den Hafen wieder zu erreichen, verschwanden die Fahrzeuge von der See.

Man konnte nicht behaupten, daß die Durande genau ihren gewohnten Strich fuhr. Die Mannschaft wurde zwar durch nichts von ihrem Dienst abgezogen, und das Vertrauen zum Capitän war ein unbedingtes. Vielleicht durch die Schuld des Steuermannes fand eine kleine Abweichung von dem gewöhnlichen Wege statt. Die Durande schien eher die Richtung nach Jersey zu verfolgen, als nach Guernesey zu steuern. Bald nach elf Uhr verbesserte der Capitän den Fehler und das Schiff ging geradesweges auf das Cap von Guernesey zu. Man hatte nicht viel Zeit verloren. Er war ein schöner Februarsonnenschein.

Tangrouille befand sich in seinem gegenwärtigen Zustand weder auf sehr festen Füßen, noch vermochte er seinen Arm tüchtig zu gebrauchen. Es war also natürlich, daß er bald nach links, bald nach rechts steuerte, wodurch die Fahrt verzögert ward.

Der Wind hatte sich fast ganz gelegt.

Der Reisende aus Guernesey, welcher ein Fernrohr in der Hand hielt, richtete dasselbe von Zeit zu Zeit auf eine kleine Flocke grauen Schaumes, die der Wind westlich am äußersten Horizont langsam hin und her trieb. Sie glich einem Häufchen staubiger Watte.

Capitän Clubin zeigte wie gewöhnlich seine strenge, puritanische Miene. Er schien seine Aufmerksamkeit zu verdoppeln. Am Bord der Durande war alles heiter; die Passagiere plauderten. Wer bei einer Seefahrt die Augen schließt, kann die Beschaffenheit des Meeres aus der Unterhaltung der Reisenden errathen. Die volle Geistesfreiheit entspricht der vollkommenen Ruhe der See.

Es ist zum Beispiel unmöglich, daß eine Unterhaltung wie folgende stattfinden kann, wenn nicht Windstille herrscht:

– Mein Herr, sehen Sie dort jene niedliche grün und rothe Fliege?

– Sie hat sich auf’s Meer verirrt und ruht auf dem Schiffe aus.

Eine Fliege ermüdet nur wenig.

Gewiß; sie ist so leicht.

Mein Herr, man hat einmal eine Unze Fliegen gewogen und gezählt und fand ihrer sechstausend zweihundert achtundsechszig.

Der Guerneseyer mit dem Fernrohr hatte die Viehhändler aus Malouins angeredet und führte mit ihnen etwa folgende Unterhaltung:

– Der Aubracer Ochse hat einen runden untersetzten Rumpf, kurze Beine und eine falbe Haut. Wegen seiner kurzen Beine ist er etwas langsam bei der Arbeit.

– In diesem Punkt steht’s mit dem Salers-Ochsen besser als mit dem Aubracer.

– Mein Herr, ich habe in meinem Leben zwei schöne Ochsen gesehen. Der erste hatte niedrige Beine, einen dicken Vorderleib, ein volles Schwanzstück, breite Hacken, eine tüchtige Kreuz- und Nackenlänge, kräftige Bewegungen und ein losesitzendes Fell. Der zweite besaß alle Eigenschaften eines tüchtigen Mastochsen: untersetzten Rumpf, starken Hals, leichte Beine, Senkrücken, roth und weißes Fell.

– Dies ist die Contentiner Race.

– Ja, doch ist eine gewisse Aehnlichkeit mit den Stieren von Angus und Suffo vorhanden.

Mein Herr, wollen Sie mir glauben, daß es im Süden Concurrenz-Esel giebt?

Esel?

Esel! Wie ich die Ehre hatte, Ihnen zu sagen.

Man schenkt den häßlichen den Vorzug.

So macht man es auch mit den Mauleselinnen. Die häßlichsten sind die besten.

Richtig! Wie bei den Stuten von Poitevin. Dicken Bauch, dicke Beine.

Die beste Mauleselin ist wie eine dicke, von vier Stützen getragene Wulst.

Bei den Menschen verhält sich’s mit der Schönheit anders als bei den Thieren.

Namentlich bei Frauen.

– Das ist wahr.

– Ich verlange von einer Frau, daß sie niedlich ist.

– Und ich sehe auf einen hübschen Anzug.

– Ja; zierlich, sauber und geputzt wie eine Puppe muß sie sein.

– Und immer frisch aussehen. Ein junges Mädchen sollte stets den Eindruck machen, als wäre es aus dem Ei geschält.

– Um wieder auf meine beiden Ochsen zurückzukommen, muß ich Ihnen sagen, daß ich mit ansah, wie man sie auf dem Markt in Thouars verkaufte.

– Ich kenne den Markt. Die Banneau’s und Babu’s aus La Rochelle und die Getreidehändler von Marans – ich weiß nicht, ob Sie von ihnen gehört haben – besuchen ihn.

Der Tourist und der Pariser plauderten mit dem Bibel-Amerikaner. Auch jene Unterhaltung zeugte davon, daß schönes Wetter war.

Mein Herr, sagte der Tourist, mit der schwimmenden Tonnenzahl verhält sich’s folgendermaßen: Frankreich hat 716,000 Tonnen, Deutschland eine Million, das vereinigte Amerika fünf Millionen, England fünf Millionen fünf tausend. Rechnen wir noch die Fracht der übrigen kleinen Fahrzeuge hinzu, so erhalten wir die Gesammtsumme von zwölf Millionen neun hundert und vier tausend Tonnen, welche auf hundert fünfundvierzig tausend Fahrzeuge vertheilt, auf dem Gewässer des Erdballs umhertreiben.

Der Amerikaner unterbrach ihn.

– Mein Herr, die vereinigten Staaten allein haben fünf Millionen fünftausend Schiffe.

– Zugegeben, sagte der Tourist. Sie sind Amerikaner?

– Ja, mein Herr.

– Ich pflichte Ihnen noch einmal bei.

Es entstand eine Pause. Der amerikanische Missionar fragte sich, ob es wohl zweckmäßig sei, Bibeln anzubieten.

– Mein Herr, ergriff der Tourist das Wort, ist es wahr, daß die Amerikaner eine große Vorliebe für Spitznamen haben, um selbst ihre berühmten Männer dadurch lächerlich zu machen? Nennen Sie Ihren großen Banquier Thomas Benton in Missouri wirklich »die alte Metallbarre?«

– Gewiß, und Zacharias Taylor »den alten Zach.«

– Und General Harrison den »alten Tip,« nicht wahr? oder General Jackson den »alten Hickory?«

– Und zwar, weil Jackson hart wie das Holz des Hickorybaums ist, während Harrison die Rothhäute bei Tippecanon geschlagen hat.

– Sie folgen dabei einem byzantischen Gebrauch.

– Es ist unser eigener. Wir nennen Van Buren den »kleinen Hexenmeister,« Seward, der kleine Einschnitte in die Bankzettel machen ließ, »den kleinen »Bankzettel«, und Douglas, der demokratische Senator von Illinois, welcher vier Fuß hoch ist und große Beredsamkeit besitzt, heißt bei uns der »kleine Riese.« Sie können von Texas nach Maine wandern, ohne einem Menschen zu begegnen, der die Namen Caß und Clay ausspricht. Statt des ersteren sagt man der »große Michiganer« und letzterer heißt stets der »Müllerjunge mit der Schnarre.« Clay ist nämlich der Sohn eines Müllers.

– Ich würde der Kürze wegen Clay und Caß vorziehen, erwiederte der Pariser.

– Das wäre ein Verstoß gegen die allgemeine Sitte. Wir nennen Corvin, den Sekretär der Schatzkammer den »Karrenburschen« und Daniel Webster heißt der »schwarze Dan.« Was Winfield Scott betrifft, so hat er den Spitznamen »Schnell-einen-Teller-Suppe,« weil, nachdem er die Engländer bei Chippeway geschlagen hatte, sein erster Gedanke der war, sich zum Essen zu setzen.

Die in der Ferne sichtbare Schaumflocke war gewachsen. Sie nahm jetzt am Horizont etwa eine Ausdehnung von fünfzehn Graden ein. Es war, als ob in Folge einer Windstille ein Gewölk über dem Wasser stände. Kaum ein Lüftchen regte sich. Das Meer war noch unbewegt. Obgleich die Sonne im Mittag stand, schien sie zu ermatten. Sie schien zwar noch, wärmte aber nicht mehr.

– Ich glaube, das Wetter ändert sich, sagte der Tourist.

– Vielleicht bekommen wir Regen, fügte der Pariser hinzu.

– Oder Nebel, meinte der Amerikaner.

– Mein Herr, nahm der Tourist das Wort, zu Molfetta in Italien regnet es weniger und in Tolmezzo mehr als sonst irgendwo.

Um die Mittagszeit läutete, nach der Sitte des Archipels, die Mittagsglocke. Wer Lust hatte, konnte essen. Einige Reisende hatten bei sich, was sie brauchten und speisten heiter auf dem Verdeck. Clubin aß nie zu Mittag.

Auch während des Speisens ging die Unterhaltung ihren Gang.

Der Guerneseyer, welcher die Bibeln witterte, hatte sich wieder dem Amerikaner genähert und dieser fragte ihn:

– Sie kennen dies Meer?

– Gewiß, ich bin ja hier zu Hause.

– Ich auch, sagte der Reisende von Malouins.

Der Guerneseyer machte eine zustimmende Verbeugung und fügte hinzu: Wir find jetzt den Minquiers gegenüber; aber ich wünsche mir keinen Nebel, ehe sie uns zur Seite liegen.

– Die Inselbewohner sind besser mit dem Meer vertraut, als die Küstenbewohner, sagte der Amerikaner zu dem Malouinesen.

– Freilich, wir Küstenbewohner haben nur das halbe Bord.

– Was versteht man unter den Minquiers? fragte der Amerikaner.

– Sehr böse Kieselsteine, erwiederte der Malouinese.

– Wir haben auch solche, die Grelets heißen, fügte der Guerneseyer hinzu.

– Verdammt! rief der Andere.

– Und die Chouas, sagte der Guerneseyer.

Der Malouinese lachte.

– Die Sauvages gehören auch dahin.

– Und die Moines – bemerkte der Guerneseyer.

– Auch der Canard, rief der Andere.

– Mein Herr, sagte der Guerneseyer, Sie wissen auf Alles zu antworten.

– Malouin – malin, erwiederte der Malouinese, mit den Augen blinzelnd.

Der Tourist unterbrach die Beiden.

– Müssen wir durch diese Felsgruppen schiffen?

– Bewahre! wir haben sie bereits südöstlich liegen lassen.

Der Guerneseyer fuhr fort:

– Große und kleine Felsen mitgerechnet, zählen die Grelets siebenundfünfzig Spitzen.

– Und die Minquiers achtundvierzig, sagte der Malouinese.

Jetzt nahm die Unterhaltung zwischen den beiden Männern einen bestimmteren Charakter an.

– Wie es scheint, mein Herr, von St. Malo, vergessen Sie drei Felsen mitzurechnen.

– Ich zähle jeden mit.

– Die Dérée von der Mâitre-Insel?

– Ja.

– Und die Maisons?

– Sieben Felsen inmitten der Minquiers.

– Sie kennen die Steine, wie ich sehe.

– Wenn ich sie nicht kennte, müßte ich nicht in St. Malo wohnen.

– Es ist ergötzlich, die Beweisgründe der Franzosen zu hören.

Der Malouinese verbeugte sich und sagte:

– Die Sauvages sind drei Felsen.

– Und die Moines zwei.

– Der Canard ist ein einziger.

– Ja, er steht allein.

– Nein, denn die Suarde besteht aus vier Felsen.

– Was nennen Sie die Suarde? fragte der Guerneseyer.

– Die Felsen, welche bei Ihnen die Chouas heißen.

– Zwischen den Chouas und dem Canard ist nicht gut durchzuschiffen.

– Nur die Vögel können es.

– Und die Fische.

– Nicht leicht. Bei Unwetter stoßen sie sich an dem Seitengestein.

– Die Minquiers haben Sandgrund.

– Auch die Maisons.

– Dies sind acht Felsen, die man von Jersey aus sehen kann.

– Richtig, vom Sandufer d’Azette. Doch sind es sieben, nicht acht.

– Zur Ebbezeit kann man zwischen den Minquiers spazieren gehen.

– Ohne Zweifel; es giebt dort trockene Stellen.

– Und die Dirouilles?

– Haben nichts mit den Minquiers zu schaffen.

– Ich will nur sagen, daß sie gefährlich sind.

– Das heißt in der Richtung der Küste von Granville.

– Man sieht, daß ihr Leute von St. Malo ebenso, wie wir, es liebet, in diesen Gewässern umherzufahren.

– Ja, nur mit dem Unterschied, daß wir sagen: »wir haben die Gewohnheit,« während Ihr sagt: »wir lieben es,« erwiederte der Malouinese.

– Ihr seid gute Schiffer.

– Ich bin Ochsenhändler.

– Wer stammt doch gleich aus St. Malo?

– Surcouf.

– Noch ein Anderer?

– Duguay-Trouin.

Hier mischte sich der Pariser in die Unterhaltung.

– Duguay-Trouin? Er wurde von den Engländern gefangen genommen und war ebenso liebenswürdig als tapfer. Eine Engländerin, deren Herz er gewonnen, befreite ihn aus seiner Haft.

In diesem Augenblick schrie eine Donnerstimme:

– »Du bist betrunken!«

————

Viertes Capitel. Worin der Capitän Clubin alle seine Eigenschaften entfaltet.

Alle Reisenden wandten sich um.

Es war der Capitän Clubin, der jene Worte an den Steuermann richtete.

Sieur Clubin duzte sonst keinen. Daß er dies Fürwort auf den Steuermann Tangrouille anwandte, ließ erkennen, daß er sehr zornig war oder sich den Anschein geben wollte, es zu sein.

Ein Zornausbruch vermindert die Verantwortlichkeit dessen, der ihn sich zu Schulden kommen läßt, und hebt dieselbe zuweilen sogar auf. Der Capitän stand auf seinem Commandoplatz zwischen den beiden Laufrädern und sah den Steuermann fest an. Trunkenbold! wiederholte er zwischen den Zähnen.

Der ehrliche Tangrouille senkte den Kopf.

Der Nebel war mehr und mehr gestiegen und nahm jetzt fast die Hälfte des Horizonts ein. Er griff nach allen Richtungen um sich. Ein solcher Nebel gleicht einem Oeltropfen. – Unfühlbar dehnte er sich aus. Der Wind trieb ihn geräuschlos und langsam vorwärts. Nach und nach nahm er von der ganzen Meeresfläche Besitz. Er kam aus Nordwesten und das Fahrzeug eilte ihm entgegen. Man hätte ihn mit einem steilen Uferabhang vergleichen können. Wie eine Mauer durchschnitt er das Meer. An einer bestimmten Stelle schien das Wasser in diese Nebelwand zu dringen und darin zu verschwinden.

Jener Punkt war ungefähr eine halbe Meile weit von dem Schiff entfernt. Es gab eine Möglichkeit, dem Nebel zu entkommen. Das Drehen des Windes war Bedingung, doch mußte es unverzüglich geschehen. Der halbmeilenweite Zwischenraum füllte sich und nahm zusehends ab. Der Nebel eilte vorwärts und die Durande ebenfalls. Beide kamen einander entgegen.

Clubin befahl den Dampf zu verstärken und westlich zu steuern. Auf diese Weise schiffte man einige Zeit längs der Nebelwand hin, doch diese näherte sich mehr und mehr. Bis jetzt fuhr der Dampfer jedoch noch im Sonnenlicht dahin.

Ueber diesem Ausweichen, das schwerlich Stich halten konnte, verstrich die Zeit. Im Februar bricht der Abend schnell herein.

Der Guerneseyer beobachtete die bewegliche Mauer und sagte dann zu dem Malouinesen:

– Ein tüchtiger Nebel!

– Auf der See ein widerwärtiges Ding, erwiederte einer der Malouinesen und der erste fügte hinzu:

– Das die Ueberfahrt hindert.

Der Guerneseyer näherte sich Clubin.

– Capitän Clubin, ich fürchte, wir gerathen in den Nebel.

Clubin antwortete:

– Ich wollte in St. Malo bleiben, aber man rieth mir, in die See zu gehen.

– Wer rieth es?

– Die Alten.

– Natürlich war es recht, daß Sie ausreisten. Wer kann wissen, ob morgen kein Sturm ist? In dieser Jahreszeit muß man auf jede Witterung gefaßt sein.

Nach einigen Minuten tauchte die Durande in die Nebelbank.

Es war ein seltsamer Augenblick. Die auf dem Hinterdeck befindlichen Personen sahen die auf dem Vordertheil plötzlich verschwinden. Eine weiche, graue Scheidewand theilte das Schiff in zwei Hälften und alsbald war das ganze Fahrzeug in Nebel gehüllt. Die Sonne schien nur noch eine Art großen Mondes zu sein.

Jeder fühlte plötzlich Frostschauern. Die Reisenden warfen ihre Ueberzieher, die Matrosen ihre Jacken von Ochsenhaut über die Schultern. Das vollständig unbewegliche Meer lag in drohend kalter Ruhe da. Alles war bleich und grau. Die schwarzen Schornsteine und der Rauch kämpften gegen die Bleifarbe, welche das Schiff einhüllte.

Von jetzt an war es nutzlos, östlich zu steuern. Der Capitän schlug die Richtung nach Guernesey ein und verstärkte den Dampf.

Der Reisende aus jenem Orte hörte, als er um den Maschinenraum streifte, eine Unterredung zwischen dem Neger Imbrancam und seinem Cameraden, dem Heizer. Ersterer sagte:

Heute Vormittag bei Sonnenschein fuhren wir langsam und jetzt im Nebel schnell.

Der Guerneseyer begab sich zu Sieur Clubin.

– Capitän Clubin, es steht zwar nichts zu befürchten, geben wir aber nicht zu vielen Dampf?

– Was soll man machen, mein Herr? Die Zeit, welche jener Trunkenbold von Steuermann versäumt hat, muß wieder eingebracht werden.

– Freilich Capitän Clubin.

Ich beeile mich, nach Guernesey zu gelangen. Wir haben so viel Nebel, daß es bis dahin finster wird.

Der Guerneseyer suchte die Malouinesen auf und sagte zu ihnen:

– Wir haben einen ausgezeichneten Capitän.

Von Zeit zu Zeit trieben plötzliche, dicke Nebelwellen heran – Ballen gekämmter Wolle ähnlich – und verbargen die Sonne. Krankhaft aussehend und noch bleicher als vorher, kam sie dann und wann wieder zum Vorschein. Vom Himmel sah man nur noch zuweilen Streifen, die einer schmutzigen und ölfleckigen Theaterdecoration anzugehören schienen.

Die Durande gelangte in die Nähe eines Kutters, der aus Vorsicht Anker geworfen hatte. Es war der »Shealtiel« aus Guernesey. Der Capitän dieses Fahrzeuges bemerkte die schnelle Fahrt der Durande. Auch dünkte es ihm, daß diese nicht die gewöhnliche Richtung verfolgte. Sie schien zu weit westlich zu gehen. Dies mit voller Dampfkraft treibende Schiff setzte ihn in Erstaunen.

Gegen zwei Uhr war der Nebel so dicht geworden, daß Capitän Clubin sich gezwungen sah, seinen Stand zu verlassen und sich dem Steuermann zu nähern. Die Sonne schien gar nicht mehr. Auf der Durande herrschte eine Art blasser Finsterniß. Man schiffte in flüssiger Bleifarbe und sah weder Himmel noch Meer. Der Wind hatte sich völlig gelegt. Die an einem Ring unter dem Wetterdach der Laufräder hängende Flasche mit Terpentinöl zeigte nicht die leiseste Schwingung.

Die Reisenden waren verstummt.

Der Pariser trillerte ein Lied von Beranger vor sich hin: »An einem Tag erwachte Gott.«

– Der Herr kommt wohl aus Paris? fragte ihn einer der Malouinesen.

– Ja, mein Herr.

– Was treibt man in Paris?

– In Paris, mein Herr, geht alles verkehrt.

– Es ist also auf dem Lande nicht anders als auf dem Meer.

Wir haben allerdings einen bösen Nebel.

– Woraus Unglück entstehen kann.

Der Pariser rief:

– Aber weshalb denn Unglück! Wozu dient das Unglück? Was nützt es? Warum brannte das Odeum nieder? Weshalb giebt es Familien, die auf Stroh liegen? Ist das Gerechtigkeit? Ich kenne Ihre Religion nicht, mein Herr, aber ich selber fühle mich durch die meinige nicht befriedigt.

– Ich ebensowenig, entgegnete der Malouinese.

– Alles was auf Erden vorgeht, macht den Eindruck der Verkehrtheit. Der gute Gott ist, wie mir scheint, nicht an seinem Platz.

Der Malouinese kratzte sich den Kopf, als suche er über die Sache klar zu werden.

– Der gute Gott ist verreist. Man müßte ihn durch irgend einen Beschluß zum Daheimbleiben zwingen. Er lebt in seinem Landhaus und kümmert sich nicht um uns. Daher geht alles verkehrt. Es liegt auf der Hand, mein werther Herr, daß der gute Gott nicht mehr das Regiment führt. Er macht eine Ferienreise und sein Stellvertreter, irgend ein Engeleleve, ein Cretin mit Sperlingsflügeln, versieht seine Geschäfte.

Capitän Clubin näherte sich den beiden Sprechern und legte seine Hand auf die Schulter des Parisers.

– Stille! sagte er. Ueberlegen Sie ihre Worte, mein Herr. Wir sind auf der See.

Alles schwieg.

Nach fünf Minuten flüsterte der Guerneseyer, welcher jedes Wort mit angehört hatte, dem Malouinesen in’s Ohr:

– Ein frommer Capitän!

Es regnete nicht und doch war alles durchnäßt. Man merkte nur an der zunehmenden Unbehaglichkeit, daß die Zeit verstrich und die Reise fortdauerte. Alles schien in Schwermuth zu verfallen. Der Nebel bewirkt tiefe Ruhe auf dem Ocean; er schläfert die Wellen ein und erstickt den Wind. Das Geräusch des Dampfers hatte in der lautlosen, ringsumher herrschenden Stille etwas Klägliches, Beängstigendes.

Einem Fahrzeug begegnete man nicht mehr. Selbst wenn an den fernen Küsten von St. Malo oder Guernesey Schiffe außerhalb des Nebels auf der See gewesen wären, hätten sie die Durande nicht entdecken können und der lange Schweif von Rauch würde ihnen, da er keinen Zusammenhang mit einem sichtbaren Körper hatte, den Eindruck eines schwarzen Kometen an einem blassen Himmel gemacht haben.

Plötzlich schrie Clubin:

– Hund, Du steuerst falsch! Wir werden Haferei machen! Du verdienst in Ketten gelegt zu werden. Fort mit Dir!

Mit diesen Worten ergriff er die Ruderpinne.

Der gedemüthigte Steuermann flüchtete sich unter das Takelwerk des Vorderdeckes.

– Wir sind gerettet, sagte der Guerneseyer.

Das Schiff ging mit reißender Schnelligkeit vorwärts.

Nach drei Stunden hob sich die untere Nebelschicht und man sah wieder Meer.

– Dies gefällt mir nicht, sagte der Guerneseyer.

Der Nebel kann in der That nur durch die Sonne oder den Wind geschlichtet werden. Der erste Fall ist der glücklichere. – Aber für die Sonne war es zu spät. Im Februar um drei Uhr Nachmittags ist ihre Kraft schwach und zu dieser Tageszeit wünscht man nicht das Sichwiedereinstellen des Windes, weil er oft den Orkan ankündigt. Wehte übrigens ein Lüftchen, so konnte man es jedenfalls kaum spüren.

Clubin hielt das Steuerruder und murmelte, das Auge auf den Compaß gerichtet, allerhand Worte, von denen folgende das Ohr der Reisenden erreichten:

– Es ist keine Zeit zu verlieren. Dieser Trunkenbold hat die Reise verzögert.

Seine Züge waren jedoch vollkommen ausdruckslos.

Das Meer lag nicht länger unter dem Nebel in tiefem Schlaf. Hin und wieder spielte eine Welle. Auf ruhigen Stellen schwammen glänzende, glatte Lichtflecken. Sie pflegen den Schiffern Besorgniß zu erregen, denn sie beweisen, daß der Wind von oben her Oeffnungen in die Nebeldecke gearbeitet hat. Die Nebeldecke lüftete sich, um nur noch schwerer und dichter niederzusinken. Die Dunkelheit war vollständig. Zuweilen öffnete sich die furchtbare Mauer wie eine Zange und ließ ein Stück Horizont sehen, worauf sie sich dann wieder zusammen fügte.

Der Guerneseyer stand, mit seinem Fernrohr bewaffnet, wie eine Schildwache auf dem Vorderdeck.

Plötzlich wurde es hell und gleich darauf finster.

Der Guerneseyer wandte sich erschrocken um.

– Capitän Clubin!

– Was giebt es?

– Wir steuern auf die Hanoisfelsen zu.

– Sie irren sich, entgegnete der Capitän kalt.

– Ich bin davon überzeugt.

– Unmöglich.

– Ich entdeckte soeben am Horizont Klippen.

– Wo?

– Dort!

– Unmöglich; in jener Richtung liegt offenes Meer.

Und Clubin hielt die Richtung nach dem bezeichneten Punkt inne.

Der Guerneseyer sah wieder durch sein Fernrohr.

– Capitän!

– Nun?

– Wechseln Sie die Richtung!

– Warum?

– Ich bin sicher, daß ich den Felsen hoch und drohend ganz in der Nähe sah. Es ist der große Hanois.

– Sie irren sich. Es wird eine dichtere Nebelstelle sein.

– Im Namen des Himmels, wenden Sie um; es ist der große Hanois!

– Clubin gab der Ruderpinne einen Stoß.

————

Fünftes Capitel. Clubin erwirbt sich durch sein ferneres Verhalten den höchsten Grad der Bewunderung.

Man hörte ein Gekrache. Es giebt kein schaurigeres Geräusch als das Zerbersten eines auf eine Untiefe gerathenen Schiffes. Die Durande stand unbeweglich da. Mehrere Passagiere taumelten von dem Stoß und fielen auf das Verdeck hin.

Der Guerneseyer erhob die Hände zum Himmel.

– Auf dem Hanois, wie ich sagte!

Ein langer Schrei erscholl.

– Wir sind verloren!

Clubins kalte und harte Stimme übertönte Alles.

– Niemand ist verloren! Stille!

Der schwarze, bis zum Gürtel nackte Oberkörper Imbrancams zeigte sich in der viereckigen Oeffnung des Ofenraums. Mit ruhiger Stimme sagte er:

– Capitän, das Wasser dringt in’s Schiff. Das Feuer erlischt.

Ein furchtbarer Augenblick!

Der Stoß konnte nicht furchtbarer gedacht werden. Er glich einem Selbstmord. Die Durande war auf den Felsen gerannt, als hätte sie ihn angreifen wollen. Eine Klippenspitze durchbohrte sie wie ein Nagel. Ein Quadrat, das über eine Klafter maß, befand sich im Schiffsboden, der Vordersteven war zerschmettert, das Vorderdeck eingeschlagen und mit grauenhaftem Gepolter drängte sich das Meerwasser in eine Oeffnung des Rumpfes – in die Todeswunde des Schiffes. Der Rückprall war so heftig gewesen, daß er die Leittaue des abgelösten, hin und her treibenden Steuerruders zerrissen hatte. Ein dichter, schwerer und jetzt fast schwarzer Nebel hüllte das von der Klippe durchbohrte und festgehaltene Fahrzeug ein. Die Nacht zog über das Meer.

Das Vorderdeck des Dampfers senkte sich in die Wogen, ähnlich wie ein Roß, das die Hörner eines Stiers in seinen Eingeweiden fühlt. Die Durande war verloren.

Während eines Schiffbruchs ist Niemand berauscht. Tangrouille stieg entnüchtert in das Zwischendeck hinab, erschien bald wieder oben und sagte:

– Capitän, das Wasser ist bis an die Deckbalken des Schiffsraums gedrungen, in zehn Minuten wird es das Speigatt erreicht haben.

Händeringend und vor Entsetzen außer sich liefen die Reisenden auf dem Verdeck umher, beugten sich über Bord, betrachteten die Maschine und führten Dinge aus, die unnöthig und nur Folgen ihres Schreckens waren.

Der Tourist lag in Ohnmacht.

Clubin gebot durch ein Zeichen mit der Hand Schweigen und man folgte ihm.

– Wie lange kann die Maschine noch arbeiten? fragte er Imbrancam.

– Fünf oder sechs Minuten.

– Ich war am Ruderstock, fuhr der Capitän zu dem Guerneseyer gewandt, fort; Sie beobachteten den Felsen. Auf welcher Klippe des Hanois sitzen wir?

– Auf der Mauve. Ich habe sie vorhin bei der Helle deutlich erkannt.

– Dann liegt der große Hanois am Backbord und der kleine am Steuerbord. Wir befinden uns eine Meile vom Lande.

Das Auge auf den Capitän geheftet, folgten Reisende und Schiffsleute mit angstvoller Aufmerksamkeit der Unterredung.

Das Fahrzeug flott zu machen, war unmöglich und zwecklos. Um die Ladung in’s Meer werfen zu können, hätte man die Stückpforten öffnen und sich bemühen müssen, in tieferes Wasser zu gelangen. Ankerwerfen nützte nichts, denn das Schiff war fest genagelt. Da die Maschine als unbeschädigt dem Schiff zur Verfügung stand, so lange das Feuer nicht erlosch, konnte man mit Hülfe der Räder und des Dampfes zurückweichen und sich vom Felsen losreißen, doch wäre das Schiff durch solch Beginnen sofort umgestürzt. Die Klippenspitze füllte die Oeffnung bis zu einem gewissen Grade und hinderte das Eindringen des Wassers. Wurde jenes Hemmniß entfernt, so gab es keine Möglichkeit, den Leck zu verstopfen und die Pumpen arbeiten zu lassen. Wer den Pfeil aus der Herzenswunde zieht, tödtet den Getroffenen auf der Stelle. Sich von dem Felsen losmachen, hieße auf den Grund gehen.

Die Stiere im untern Schiffsraum, welche das Wasser fühlten, fingen an zu brüllen.

– Die Schaluppe in’s Meer! commandirte Clubin.

Imbrancam und Tangrouille stürzten vorwärts und lösten die Bindseile. Der Rest der Mannschaft stand regungslos vor Schreck da und sah dem Thun der Beiden zu. Clubin commandirte mit kaltem Ton und in den Ausdrücken jener veralteten Sprache, welche die Schiffer der Jetztzeit nicht mehr kennen:

– Holt an! – Schürzt Knoten in die Taue, wenn die Spille nicht mehr arbeiten kann. – Raum genug für den Ganspill. – Hütet die ungetheerten Thaue vor den Blockrollen. – Segel nieder. – Schnell zwei Tonnen Süßwasser hinein. – Zuviel Reibung. – Den Takelläufer zur Hand. – Achtung. –

Die Schaluppe war im Meer.

In demselben Augenblick stockten die Räder der Durande, der Rauch hörte auf, die Maschine stand im Wasser. Die Reisenden glitten die Leiter hinab oder fielen, an dem laufenden Tauwerk klammernd, mehr in die Schaluppe, als sie hinabstiegen. Imbrancam hob den ohnmächtigen Touristen vom Boden auf, trug ihn in das Fahrzeug und stieg dann wieder in’s Schiff. Die Matrosen stürzten den Reisenden nach. Der Schiffsjunge war zu Boden geworfen und wurde mit Füßen getreten. Imbrancam versperrte den Forteilenden den Weg.

– Niemand geht einen Schritt vorwärts! sagte er und drängte mit seinen schwarzen Armen die Matrosen. Er hob das Kind empor und reichte es dem Guerneseyer, der in der Schaluppe stand. Als der Schiffsjunge gerettet war, trat Imbrancam bei Seite und rief:

– Jetzt geht!

Clubin war indessen in seine Cajüte getreten, um die Schiffspapiere und Urkunden hervorzuholen. Auch den Compaß nahm er aus dem Häuschen und gab die Schriften Imbrancam, den Compaß aber Tangrouille und sagte: Steigt in die Schaluppe.

Sie gehorchten. Die übrige Mannschaft war bereits darin untergebracht, kaum ein Platz war noch leer. Die Wellen streiften den Bord.

– Jetzt stoßt ab! rief Clubin.

Ein allgemeiner Schrei tönte aus der Schaluppe.

– Und Sie, Capitän?

– Ich bleibe.

Schiffbrüchige haben wenig Zeit zu Berathungen und noch weniger zum Mitleid. Doch die Mannschaft in der Schaluppe fühlte im Bewußtsein eigener wahrscheinlicher Sicherheit eine selbstlose Bewegung. Alle erhoben ihre Stimmen zu dem bittenden Ruf:

– Begleiten Sie uns, Capitän!

– Ich bleibe.

Der Guerneseyer, welcher das Meer genau kannte, erwiederte:

– Capitän, hören Sie mich! Sie sind auf die Hanoisfelsen geworfen. Ein Schwimmer hat bis Plainmont eine Meile, aber zu Schiff kann man nur in Rocquaine, zwei Meilen von hier landen. Klippen und Nebel machen den Weg gefährlich. Die Schaluppe kann nicht vor zwei Stunden in Rocquaine anlangen. Dann wird es finstere Nacht sein. Heftiger, plötzlicher Sturm ist im Anzuge. Wie gerne kämen wir, um Sie abzuholen, aber wenn das Unwetter losbricht, ist es unmöglich. Wenn Sie bleiben, sind Sie verloren. Begleiten Sie uns.

Der Pariser mischte sich ein.

– Die Schaluppe ist allerdings voll, zu voll und ein Mensch mehr ist ein Mensch zu viel. Wir sind jedoch unserer Dreizehn, eine böse Zahl für die Barke und es ist deshalb besser, sie durch einen Menschen, als durch eine Zahl zu gefährden. Kommen Sie, Capitän.

– Ich trage die ganze Schuld, nicht Sie, Capitän Clubin. Es ist ungerecht, daß Sie zurückbleiben! rief Tangrouille.

– Ich weiche nicht von meinem Platz. In der Nacht wird der Orkan das Fahrzeug zertrümmern. Ich werde es nicht verlassen. Wenn der Capitän sein Schiff verloren hat, ist er todt. Man wird von mir sagen: er that seine Pflicht bis an’s Ende. Tangrouille, ich verzeihe Ihnen!

Und die Arme kreuzend rief er: Gebt Acht auf das Commando! Stoßt ab! Geht in die See!

Die Schaluppe setzte sich in Bewegung. Imbrancam ergriff das Steuer. Alle Hände, die kein Ruder führten, streckten sich dem Capitän entgegen und jeder Mund rief: Ein Hoch dem Capitän Clubin, hurrah!

– Ein bewunderungswürdiger Mann, sagte der Amerikaner.

– Mein Herr, rief der Guerneseyer, es giebt auf der ganzen See keinen ehrenwertheren.

Tangrouille weinte. – Hätte es mir nicht an Muth gefehlt, so wäre ich bei ihm geblieben, murmelte er vor sich hin.

Die Schaluppe verlor sich im Nebel und man sah nichts mehr von ihr. Auch das Geräusch des Ruderschlags verhallte und verstummte.

Clubin war allein.

————

Sechstes Capitel. Ein heller Blick in einen Seelen-Abgrund.

Als Clubin auf der nebelumhüllten Klippe mitten auf dem Meer, fern vom Geräusch der Welt und fern von jedem lebenden Wesen, den Tod sicher vor Augen sah, ergriff ihn eine glühende Freude.

Er hatte sein Ziel erreicht. Sein Traum war erfüllt. Der schon verfallene Wechsel, den er auf das Schicksal gezogen hatte, wurde ihm nun bezahlt.

Verlassen sein, hieß für ihn befreit sein. Er befand sich auf den Hanoisfelsen, eine Meile vom Lande entfernt, und hatte fünfundsiebzigtausend Franken bei sich. Nie gab es einen Schiffbruch, der sich in strengeren Formen vollzogen hätte, es war der regelrechteste Schiffbruch der Welt. Es hatte nichts gefehlt, um ihn vollständig zu machen; Alles war fein eingeleitet. – Clubin verfolgte seit seiner Jugend Ein Ziel. Rechtschaffenheit war sein Einsatz in dem Roulette des Lebens. Er wollte als ehrlicher Mann gelten, der das Glück abwartet und nur bei jedesmaligem Spiel den Satz verdoppelt, die Sache am rechten Ende anfängt, den günstigen Augenblick benutzt, nicht blindlings umhertappt, sondern beherzt zugreift. Einen »Coup« wollte er wagen, doch nur einen einzigen und mit diesem wollte er über alle Schwachköpfe triumphiren. Ihm sollte auf einen Streich gelingen, was gaunerischen Schwachköpfen zwanzig Mal nacheinander mißglückte; ihr Thun fand den Schluß am Galgen, das seinige endete im Hafen des Glücks. Das Zusammentreffen mit Rantaine hatte ihm Licht über sein künftiges Verhalten gegeben.

Unverzüglich entwarf er seinen Plan, der dahin ging, Rantaine zu stürzen und selber zu verschwinden, um etwaige Enthüllungen zu nichte zu machen. Er wollte für todt gelten – das ist die beste Art des Verschwindens. Zu diesem Zwecke mußte er die Durande vernichten. Indem er sogar einen guten Ruf hinterließ, krönte er seine ganze Vergangenheit. Wer Clubin in diesem Schiffbruch sah, hätte ihn für einen beglückten Dämonen gehalten.

Er hatte sein ganzes Leben auf diese Minute gewartet.

Endlich! Dies eine Wort drückte den ganzen Inhalt seiner Empfindungen aus. Eine abschreckende Heiterkeit erhellte seine düstere Stirn. Sein glanzloses Auge, in dem man sonst nichts lesen konnte, nahm einen sonderbaren Ausdruck an. Die lodernde Gluth seiner Seele spiegelte sich darin wieder. Die innere, wie die äußere Natur des Menschen hat ihre elektrischen Spannungen. Eine Idee ist ein Meteor. Der Erfolg ist das Resultat aus verschiedenen Betrachtungen, welche sie vorbereitet haben. Es ist ein Glück, wenn Diejenigen, welche das Böse in sich hegen und pflegen und eine geheime Beute desselben sind, durch solch einen zündenden Funken ihr Wesen offenbaren; ein unedler Gedanke, zur Ausführung gelangt, belebt das Gesicht; gewisse gelungene Berechnungen, wilde Befriedigungen, glücklich errungene Erfolge kündigen sich durch einen düstern Glanz der Augen an.

Dieser Glanz zeigte sich in Clubin’s Blicken. Weder auf Erden noch in andern Regionen konnte man ein ähnliches Leuchten finden.

Der in Clubin verborgene Schurke enthüllte sich durch diesen Glanz.

Er sah in die unergründliche Finsterniß hinein und konnte ein leises, unheilvolles Lachen nicht unterdrücken.

Er war frei und reich!

Sein eigentliches »Ich« sprengte seine Fesseln. Er hatte seine Aufgabe gelöst.

Zeit genug lag vor ihm. Die steigende Fluth mußte der Durande zu Hülfe kommen, indem sie dieselbe von dem Felsen löste und endlich emporhob. Doch konnte dies nicht schnell geschehen, da das Fahrzeug fest auf der Klippe haftete. Die Gefahr umzuschlagen, war nicht vorauszusehen. Das Rettungsfahrzeug mußte hinreichende Zeit haben, sich von den Hanoisfelsen zu entfernen, vielleicht unterzugehen. Clubin hoffte es.

Auf der gescheiterten Durande stehend, kreuzte er die Arme und schwelgte in dem Gefühl, sich in dieser Finsterniß einsam und verloren zu wissen.

Dreißig Jahre hatte die Heuchelei diesen Mann gedrückt. Er war ein Bösewicht, der sich mit der Rechtschaffenheit vermählt hatte und für die Tugend den Haß eines unglücklichen Ehemanns hegte. Er trug sich von jeher mit verbrecherischen Berechnungen; so lange er Mann war, verschanzte er sich hinter der starren Rüstung des Scheins. Innerlich war er ein Ungeheuer. Er hatte sich in die Haut eines vortrefflichen Mannes gesteckt und trug ein Banditenherz in seiner Brust. Er war ein Seeräuber von sanften Geberden, ein Gefangener der Redlichkeit und lag eingezwängt in dem Mumiensarg der Unschuld. Auf dem Rücken wuchsen ihm Engelflügel, deren Last ihn, den Taugenichts, zu Boden zog. Die öffentliche Achtung erdrückte ihn fast. Es ist hart, in solchem Fall als unbescholtener Mann dazustehen. Welche Arbeit, sich im Gleichgewicht zu halten; Böses denken und Gutes reden! Er stellte bisher das Phantom der Redlichkeit vor, während er eigentlich das Gespenst des Verbrechens war. Zu diesem Widerspruch hatte das Schicksal ihn verdammt. Er war gezwungen, gute Haltung anzunehmen, wohlanständig zu sein, über der Mittelmäßigkeit zu stehen und heimlich mit den Zähnen zu knirschen. Es war der Fluch der Tugend, welcher ihn zu ersticken drohte. Sein Leben lang hatte er Lust verspürt, in die auf seinen Mund gedrückte Hand zu beißen.

Und doch mußte er sie küssen.

Gelogen und gelitten haben ist eins. Ein Heuchler ist im doppelten Sinn des Worts ein Leidender: er müht sich ab, einen Triumph zu erringen und erduldet dabei Todespein. Die schwankende Berechnung eines schlechten Streichs unter dem Anscheine von Sittenstrenge und Festigkeit; innere Bosheit, die sich hinter einem vorzüglichen Ruf versteckt; das Streben, die Menschen zu täuschen, sein eigentliches Wesen verleugnen, ist eine beschwerliche Arbeit. Aus der ganzen schwarzen Bosheit seines Wesens ein Gebilde der Reinheit zu schaffen, liebkosend, versteckt, stets auf seiner Hut sein, sich unaufhörlich selbst bewachen, seinem geheimen Verbrechen eine gute Maske anlegen, diejenigen, welche uns verehren, am liebsten zerreißen wollen, die eigene Mißgestalt in Schönheit und die Nichtswürdigkeit in Vollkommenheit umwandeln, Gift versüßen, mit dem Dolche spielen, die Sanftheit seiner Geberden und den milden Klang seiner Stimme wahren – nichts ist schwieriger und trauriger! Die Abscheulichkeit der Heuchelei sättigt den Heuchler im Geheimen; nährt er sich jedoch beständig von der Milch seines Betruges, so wirkt dieselbe ekelerregend! Die Süßigkeit, welche die Arglist der Bosheit verleiht, widert den Bösewicht an, da er gezwungen ist, sie beständig im Munde zu führen, und es giebt Augenblicke, wo der Heuchler hochherzig genug ist, sich ihrer zu entledigen. Jenen Speichel verschlingen, ist abscheulich. Eingewurzelter Stolz kann diesen Zustand herbeiführen. Der Heuchler hat seine Zeiten der Selbstachtung. In der Schurkerei liegt eine unbegrenzte Selbstsucht. Der Wurm hat dieselben Schlangenbewegungen wie der Drache. Der Verräther ist nichts als ein eingeengter Despot, welcher seine Pläne nur verfolgen kann, indem er sich mit der zweiten Rolle begnügt; eine Kleinlichkeit, die auf unbegrenzte Geistesstärke schließen läßt. Der Heuchler ist Zwerg und Riese in einer Person. Clubin glaubte mit voller Ueberzeugung, ein Unterdrückter gewesen zu sein. Nach welchem Recht war er nicht reich geboren? Er hätte nichts Besseres verlangt, als von seinen Eltern hunderttausend Livres Renten zu beziehen. Weshalb war dies unmöglich? Der Fehler lag nicht an ihm. Warum wurde er gezwungen zu arbeiten, das heißt zu betrügen, zu verrathen und zu zerstören, indem man ihm alle Genüsse der Welt versagte? Weshalb verdammte man ihn auf diese Weise zur Marter des Schmeichelns, Kriechens, Beifallsuchens, des Strebens nach Liebe und Achtung, weshalb war er verurtheilt bei Tage und Nacht ein anderes Gesicht als das seinige zu tragen? Verstellung ist eine unterjochte Gewalt. Man haßt Denjenigen, welchen man belügt. Endlich schlug seine Stunde! Clubin rächte sich.

An wem? An Allen und an Allem.

Lethierry hatte ihm nur Gutes erwiesen. Um so schlimmer; er rächte sich an Lethierry und Allen, deretwegen er sich Zwang angethan hatte. Er schritt zur Vergeltung. Wer jemals Gutes von ihm gedacht, war sein Feind. Lethierry gehörte auch zu diesen.

Jetzt war Clubin frei und seinem Gefängniß entronnen. Er befand sich außerhalb des Bereichs der Menschen. Was man seinen Tod nennen würde, war sein Leben; er stand jetzt erst im Begriff, das Leben anzufangen. Der echte Clubin brach aus der Höhle des falschen hervor. Mit einem Schlage stand er da. Er hatte Rantaine mit einem Fußtritt in das Nichts gestoßen, Lethierry zu Grunde gerichtet, irdische Vergeltung unmöglich gemacht, die Meinung der Leute irre geleitet und sich aus dem Bereich der Menschheit entfernt. Er war mit der Welt fertig.

Was Gott betraf, so kannte er dies aus drei Buchstaben zusammengesetzte Wort kaum und kümmerte sich nicht darum.

Er hatte für einen religiösen Mann gegolten. Und jetzt?

Die Heuchelei hat ihre Schlupfwinkel oder sie ist vielmehr selber nur eine einzige Räuberhöhle.

Als Clubin allein war, öffnete sich die Höhle seines Innern. Er genoß einen Augenblick des Entzückens; seine Seele schöpfte frische Luft.

Er athmete die Luft seines Verbrechens mit vollen Zügen. Das versteckte Böse zeigte sich auf seinem Gesicht. In dieser Minute war Rantaine’s Blick im Vergleich mit dem seinen der Blick eines neugebornen Kindes! Welch‘ eine Befreiung, dies Abreißen seiner Maske! Sein Gewissen ergötzte sich an der eigenen gräßlichen Nacktheit und tauchte sich mit Behagen in die freie, volle Fluth des Bösen. Der Zwang, welchen ihm die langertragene Achtung der Menschen auferlegt hatte, flößte ihm, ehe er auf immer gehoben ward, eine rasende Lust an der Schamlosigkeit ein.

Der Verbrecher erreicht stets eine gewisse Art unmäßiger Frechheit. Es giebt in den fürchterlichen, so wenig sondirten sittlichen Abgründen eine gewisse sonderbare, abscheuliche Prahlerei, welche man die Unzucht des Lasters nennen kann. Das Unschmackhafte des falschen guten Rufes reizt den Appetit nach Schande. Man verachtet die Menschen so sehr, daß man wünscht, von ihnen verachtet zu werden und bewundert die Ungebundenheit, welche Entehrung gestattet. Mit gierigen Blicken betrachtet man die Schande, die es sich in öffentlicher Verworfenheit wohl sein läßt. Augen, die zum Niederschlagen gezwungen sind, werfen oft verstohlene Seitenblicke. Maria Alacoque folgt in nächster Linie auf Messalina. Vergleicht La Cadière und die Nonne von Louviers. Clubin hatte auch unter dem Schleier gelebt. Sein ehrgeiziges Streben ging nach Ausübung frecher Schamlosigkeit. Er beneidete die öffentliche Dirne und den Mann, der mit dreister Stirn seine Schandflecken trug. In seinem eigenen Innern fühlte er sich unzüchtiger, als eine jener Gefallenen und es widerte ihn an, für keusch zu gelten. Er war bisher der Tantalus des Cynismus gewesen. Jetzt endlich, auf diesem Felsen in dieser Einsamkeit konnte er aufrichtig sein und er war es. Welch‘ unendliches Behagen, unverstellt verabscheuungswerth dazustehen! In dieser Minute genoß Clubin alle erdenklichen teuflischen Freuden; die Zinsen der Heuchelei wurden ihm gezahlt; seine Falschheit war eine dem Satan vorgestreckte Summe, die er jetzt zurückerhielt. Er überließ sich dem Rausch der Frechheit; nur der Himmel war ja über ihm, die Menschen waren fern.

»Ich bin ein Schurke!« schrie er und fühlte sich befriedigt.

Nie sind wohl ähnliche Gewissensvorgänge bei einem Menschen vorgekommen. Keine Charakterenthüllung ist mit dem Abwerfen der Heuchelei zu vergleichen.

Er war glücklich, ganz allein zu sein und hätte doch nicht gezürnt, wäre Jemand neben ihm gewesen. Es würde ihm einen Genuß bereitet haben, vor Zeugen so verabscheuungswerth dazustehen.

Wie hätte es ihn beglückt, dem ganzen Menschengeschlecht das Wort » Schwachsinniger« zurufen zu können.

Die Abwesenheit der Menschen sicherte seinen Triumph, doch verminderte sie ihn. Er allein war der Zeuge seiner Herrlichkeit.

Es liegt ein Reiz darin, am Pranger zu stehen. Alle Welt weiß, daß man nichtswürdig ist. Die Menge zwingen, ihre Blicke auf Dich zu richten, heißt eine Macht ausüben. Der Galeerensklave, welcher die eiserne Kette am Hals im Bock auf dem Kreuzweg steht, ist der Despot aller Augen, die sich auf ihn richten. Dies Schaffott gleicht einem Piedestal. Ist es nicht ein herrlicher Triumph, der Mittelpunkt allgemeiner Aufmerksamkeit zu sein? Diejenigen, welche vor dem Altar des Teufels opfern, sehen in der Schande einen Heiligenschein. Durch diesen erheben sie sich über die Menge. Er verhilft ihnen zur Herrschaft. Ein Schandpfahl, den die ganze Welt steht, erinnert an einen Thron. Vor Gericht stehen, heißt ein Gegenstand der Aufmerksamkeit sein. Ein schlechter Regent hat entschieden seine Schandpfahlfreuden. Nero, als er Rom anzündete, Ludwig XIV., als er Palatinat wie einen Verräther behandelte, Georg der Reichsverweser, indem er Napoleon langsam tödtete, Nicolaus, als er Angesichts der civilisirten Welt Polen den Hals brach, mußten etwas von der Wollust schmecken, in welcher Clubin jetzt schwelgte. Die Unbegrenztheit der öffentlichen Verachtung macht auf den Verachteten den Eindruck einer ihm dargebrachten großen Anerkennung. Entlarvt werden, ist eine Niederlage; sich selbst entlarven, heißt einen Sieg feiern. Der Sieg ist Trunkenheit, unverschämte, befriedigte Frechheit, gänzliche Nacktheit, die alles um sich her beleidigt. Ein übergroßes Glück.

Die Begriffe eines Heuchlers scheinen im Widerspruch mit einander zu stehen und doch ist seine ganze Schurkerei eine folgerechte. Er hat Honig auf den Lippen und Galle im Herzen. Der Heuchler, an sich grundschlecht, zeigt in seinem Wesen die zwei äußersten Grenzen der Verworfenheit. Er ist zugleich Priester und Courtisane. Als Teufel hat er ein doppeltes Geschlecht. Er ist der verabscheuungswürdige Hermaphrodit des Bösen und befruchtet, vermehrt und verwandelt sich selber. Wollt Ihr seine schöne Seite kennen lernen, wohlan! werft einen Blick auf ihn; wünscht Ihr seine Häßlichkeit zu betrachten, nun, so dreht ihn um!

Clubin’s Seele hatte dies Dunkel verworrener Vorstellungen. Ihm lag wenig daran, dasselbe zu lichten; er schwelgte darin.

Eine Reihe höllenentstiegener Feuerfunken konnte man die Folge seiner Gedanken nennen.

Er stand eine Zeit lang träumerisch da und betrachtete im Geist seine frühere Rechtschaffenheit mit dem Auge einer Schlange, die ihre eben abgeworfene alte Haut vor sich liegen sieht.

Jedermann, ja fast er selbst, hatte an seine Redlichkeit geglaubt.

Zum zweiten Mal brach er in ein Gelächter aus.

Man würde ihn für todt halten, während er in Reichthum lebte. Er galt für verloren und war gerettet. Welchen Streich hatte er dem albernen Menschengeschlecht gespielt!

Und zu diesem albernen Menschengeschlecht gehörte Rantaine. Clubin gedachte seiner mit einer grenzenlosen Verachtung. Der Marder verachtet den Tiger. Rantaine’s Flucht war in gewissem Sinne eine verfehlte; er, Clubin, führte die seine meisterhaft aus. Rantaine ging bestürzt, beschämt, Clubin triumphirend davon. Er hatte, was die Art der bösen That betraf, Rantaine’s Beispiel befolgt; allein das Glück war auf seiner Seite.

Hinsichtlich der Zukunft hatte er noch nichts Festes beschlossen. Die eiserne Büchse, welche er in seinem Gürtel trug, enthielt drei Banknoten; diese Gewißheit genügte. Er wollte seinen Namen ändern. Es giebt Länder, in denen siebenzigtausend Franken so viel bedeuten, als siebenhunderttausend. Es wäre nicht übel, in einen jener Winkel der Erde zu gehen, um von diesem, dem Räuber Rantaine abgejagten Gelde als ehrlicher Mann zu leben. Speculiren, Großhandel treiben, das Capital vermehren, im vollen Ernst Millionair werden, hatte auch etwas für sich.

In Costa-Rica, dem ersten Platz für Kaffeehandel, ließen sich zum Beispiel Tonnen Geldes erwerben. Er wollte die Sache überlegen.

Es eilte nicht. Er hatte Zeit, seine Pläne zu bilden. Das Schwerste war bereits gethan. Rantaine auszuplündern, mit der Durande verschwinden, dies hatte die größten Schwierigkeiten gemacht. Sie waren glänzend überwunden. Der Rest war einfach. Nichts stand zu befürchten, nichts konnte ihm zustoßen. Die Küste war durch Schwimmen zu erreichen. In der Nacht wollte er in Plainmont landen, das Felsufer erklimmen und sich unverzüglich in das Geisterhaus begeben, was ihm mit Hülfe eines Taues mit Knoten, das er schon in einer Felsöffnung versteckt hatte, ohne Mühe gelingen mußte. In jenem Hause fand er sein Felleisen mit trockenen Kleidern und Lebensmitteln. Dort wollte er die Ankunft spanischer Schmuggler abwarten, die, wie man ihn benachrichtigt hatte, vor Ablauf einer Woche Plainmont berühren würden. Diese Schmuggler sollten ihn für einige Guineen nicht nach Tor Bay schaffen, wie er, um etwaige Berechnungen zu verwirren, mit Blasko, einem der Gesellen verabredet hatte, sondern ihn bis Passages oder Bilboa befördern. Von dort wollte er sich nach Vera-Cruz oder New-Orleans begeben. – Jetzt kam der Augenblick, wo er sich in’s Meer stürzen mußte. Die Schaluppe war fern; eine Stunde lang schwimmen, hatte für Clubin nichts zu bedeuten. Nur eine Meile See trennte ihn vom Lande, denn er stand auf dem Hanoisfelsen. Als er mit diesen Gedanken beschäftigt war, zerriß die Nebelwand an einer Stelle. Der entsetzliche Douvresfelsen tauchte vor ihm auf.

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Siebentes Capitel. Ein unerwarteter Zwischenfall.

Clubin betrachtete ihn mit verstörtem Blick.

Es war wirklich die furchtbare einsame Klippe.

Wer konnte ihre mißgeformte Silhouette verkennen! Die beiden Douvreszwillinge starrten gräßlich empor und zeigten ihren, einer Fallgrube ähnlichen Engpaß, den man die Mörderhöhle des Oceans hätte nennen können.

Sie waren ganz in der Nähe. Der Nebel hatte sie versteckt, als seien sie Mitschuldige.

Die Undurchsichtigkeit der Luft war schuld, daß Clubin eine falsche Richtung einschlug. Ungeachtet aller Aufmerksamkeit erging es ihm wie den großen Seefahrern Gonzalez und Fernandez, von denen ersterer das weiße und letzterer das grüne Vorgebirge entdeckte. Der Nebel hatte ihn irregeleitet. Clubin fand ihn zur Ausführung seines Planes sehr vortheilhaft, doch schloß er Gefahr in sich. Der Capitän hatte geglaubt, die westliche Richtung innezuhalten, allein er täuschte sich und der Guerneseyer führte in der Meinung, den Hanois vor sich zu sehen, die letzte Schwenkung des Schiffes herbei. Die Durande stand von einer unterseeischen Klippe durchstoßen, nur einige Kabellängen von den beiden Douvresfelsen entfernt. Zweihundert Faden weiter bemerkte man einen plumpen Würfel von Granit. Die steilen Wände dieses Felsens zeigten Rillen und Vorsprünge, vermittelst deren er sich erklimmen ließ und die gradlinigen Ecken und rechten Winkel ließen auf seinem Gipfel ein Plateau vermuthen.

Es war der »Mann.«

Er überragt selbst die Douvresfelsen. Seine Plattform beherrscht ihre doppelten, unnahbaren Spitzen. Ihr Stand, der in Stufenform abfallend eine Art Gesims bildet, hat eine sonderbare, gewissermaßen kunstgerechte Regelmäßigkeit. Man kann sich nichts Oederes und Schaurigeres vorstellen als diesen Felsen. Die Sturzwellen der hohen See falten ihre Gewänder ungestört auf den viereckigen Fronten dieses riesigen schwarzen Sumpfes, einer Art Piedestal für die zahllosen Gespenster des Meeres und der Nacht.

Der ganze Ort hatte augenblicklich etwas Bedrückendes, Schläfriges. Kaum ein Luftzug, kaum ein Wellengekräusel. Man ahnte unter dieser stummen Wasserfläche ein reiches, verborgenes Leben der Finsterniß.

Clubin hatte die Douvresklippen oft von ferne gesehen.

Er täuschte sich nicht über die Stelle, an der er sich befand.

Kein Zweifel!

Plötzlicher, grauenhafter Wechsel. Die Douvresfelsen anstatt der Hanois. Nicht eine, nein, fünf Seemeilen vom Lande entfernt! Fünf Seemeilen! Unmöglich, nach dem Strand zu schwimmen. Die Douvresfelsen sind für den einsamen Schiffbrüchigen die sichtbare und fühlbare Gegenwart des letzten Augenblicks. Er darf und soll die Erde nicht wieder betreten.

Clubin schauderte. Er selbst hatte sich in den Rachen des Todes gestürzt. Keine Zuflucht als den »Mann.« Wahrscheinlich brach während der Nacht der Sturm los und die überladene Schaluppe der Durande schlug um. Keine Kunde von dem Schiffbruch erreichte den Strand. Es wurde nicht einmal bekannt, daß Clubin auf den Douvresklippen allein zurückgeblieben war. Keine Aussicht, als vor Kälte und Hunger umzukommen. Seine siebenzigtausend Franken verschafften ihm keinen Bissen Brot. All‘ seine mühsamen Zurüstungen fanden endlich in dieser Falle ihr Ziel. Er war der fleißige Baumeister seines eigenen Grabgewölbes. Keine Hülfe. Kein möglicher Glückfall. Sein Sieg bereitete ihm den Untergang; Gefangenschaft anstatt Erlösung; Todesnoth, wo er langes Lebensglück gehofft hatte. Ein Augenblick, die Zeit, welche ein Blitz zum Aufzucken nöthig hat, genügte, um seinen künstlichen Bau einzustürzen. Das geträumte Paradies dieses Dämons erschien ihm in seiner eigentlichen, wahren Gestalt – der Leichengruft.

Mittlerweile hatte sich der Wind wieder eingestellt. Der zerrissene, auseinandergetriebene Nebel jagte in großen, unförmlichen, wirren Ballen dem Horizont entgegen. Das ganze Meer war wieder sichtbar.

Die Ochsen, mehr und mehr durch die Fluth im Schiffsraum bedrängt, fuhren fort zu brüllen.

Die Nacht zog herauf und wahrscheinlich auch der Orkan.

Durch das steigende Meer allmählig emporgehoben, schwankte die Durande von links nach rechts, dann von rechts nach links, bis sie anfing, sich auf der Klippe zu drehen, als sei diese ein Zapfen.

Man sah den Augenblick kommen, wo eine Sturzsee sie losreißen und überfluthen würde.

Es war jetzt weniger finster, als zur Zeit des Schiffbruchs! Man konnte die Gegenstände deutlicher erkennen, obgleich der Abend vorgerückt war. Der Nebel hatte die Finsterniß durch sein Verschwinden gelichtet. Im Westen stand nicht mehr das kleinste Gewölk. Die Dämmerzeit gewährt uns oft einen schönen, klaren Himmel. Die Helle eines solchen erglänzte jetzt auf dem Meere. Das Schiff war in einer Weise gestrandet, daß der vordere Theil sich auf dem Grunde befand, während das Hinterdeck frei aus dem Wasser emporragte. Dort stellte Clubin sich auf und ließ sein Auge am Horizont haften.

Es ist eine Eigenheit des Heuchlers, daß er sich mit Hast an jede Hoffnung klammert. Er lebt in steten Erwartungen. Die ganze Heuchelei ist nichts als eine große verabscheuungswürdige Hoffnung; oder letztere bildet vielmehr das Fundament jener großen Lüge und wird in Verbindung mit derselben ein Laster.

Sonderbar, daß der Heuchler Zuversicht hegt; er verläßt sich auf die Gleichgültigkeit einer Vorsehung, welche das Böse zuläßt.

Clubin erblickte die Meeresfläche.

Die Lage war verzweifelt, seine düstere Seele war es nicht. Er sagte sich, daß die Schiffe, welche unter dem Nebel aufgebraßt lagen oder Anker geworfen hatten, ihre Fahrt fortsetzen und vielleicht in Sicht kommen würden.

Und so geschah es; in der Ferne zeigte sich ein Segel. Es kam aus Westen und bald konnte man die Gestalt des Fahrzeuges erkennen. In der Weise eines Schooners ausgerüstet, hatte es nur einen Mast und der Bugspriet war fast horizontal. Hieraus zu schließen, mußte es ein Kutter sein.

Noch vor Ablauf einer halben Stunde segelte er nahe an den Douvresfelsen vorüber.

Clubin sagte sich: Ich bin gerettet.

Wer sich in einer solchen Lage befindet, ist zunächst auf Erhaltung seines Lebens bedacht.

Der Kutter mochte vielleicht ein fremder sein. Wer weiß, ob er nicht Schmugglern gehörte, die nach Pleinmont reisten? Oder war es Blasco selber, der mit ihm segelte? In diesem Fall war nicht nur Clubin’s Leben gerettet, sondern auch sein Glück gemacht und er durfte seine Bekanntschaft mit den Douvresfelsen ein günstiges Ereigniß nennen, weil es den Abschluß seiner Flucht beschleunigte, ihn des Wartens in dem Geisterhause überhob und sein Abenteuer auf der See ihn bald vollenden ließ.

Die volle Gewißheit des Gelingens drang wieder mit wahnsinniger Gewalt in seine düstere Seele.

Es ist seltsam, wie leicht ein Schurke geneigt ist zu glauben, daß ihm der Erfolg nicht fehlen könne.

Eins blieb jedoch noch zu thun.

Die Durande vermischte, an der Klippe haftend, ihre Formen mit denen der Felsen und vermehrte die Zahl der Spitzen und Zacken noch um einige. Sie verlor sich unter der Menge und konnte in der Dämmerung möglicherweise von dem vorübersegelnden Schiffe nicht erkannt werden. Doch eine menschliche Gestalt, die auf dem Felsen des »Mannes« stehend, Zeichen der Verzweiflung machte und sich in der halbdämmerigen Luft schwarz vom Hintergrunde abhob, mußte die Aufmerksamkeit ohne Zweifel erregen. Man würde jedenfalls ein kleines Fahrzeug abschicken, um den Schiffbrüchigen einzuholen.

Der »Mann« maß nur zweihundert Klafter. Er war durch Schwimmen leicht zu erreichen und auch nicht schwierig zu erklimmen.

Das Vordertheil der Durande steckte im Wasser, deshalb mußte Clubin von der Höhe des Hinterdecks, wo er eben stand, in die See springen. Er warf ein Senkblei hinunter und sah, daß der Grund sehr tief war. Sehr kleine Muscheln, welche der Schlamm mit nach oben brachte, bewiesen durch ihre Frische und Unberührtheit, daß der Felsen tiefe Höhlen enthielt, in denen das Wasser, so bewegt auch die Oberfläche sein mochte, stets ruhig war.

Er entledigte sich seiner Kleider und ließ dieselben auf dem Verdeck. Auf dem Kutter hoffte er andere zu finden.

Nur seinen ledernen Gürtel behielt er um den Leib. Er schnallte ihn fest, tastete nach der eisernen Büchse, maß mit den Augen die Richtung, welche er zwischen den Brandungen und Wogen einzuschlagen hatte, um den »Mann« zu erreichen und stürzte dann, den Kopf vorgestreckt, sich in das Meer. Der Fall war ein tiefer.

Endlich erreichte er den Grund, ging einen Augenblick an den Felsen vorbei unter dem Wasser hin und gab sich dann einen Stoß, um die Oberfläche zu erreichen.

In diesem Augenblick fühlte er sich am Fuß ergriffen.