37. Kapitel


Allwo die fürtreffliche Aventüre mit der Kammerfrau Schmerzenreich fortgesetzt wird

Hocherfreut waren der Herzog und die Herzogin, zu sehen, wie bereitwillig Don Quijote auf ihren Plan einging. Sancho aber sagte dazu: »Ich möchte nicht, daß diese geehrte Kammerfrau meiner versprochenen Statthalterschaft einen Stein in den Weg legt; denn ich habe einen Toledaner Apotheker, der wie ein Starmatz schwatzte, sagen hören, wo Zofen und Kammerfrauen dabei seien, da könne nichts Gutes herauskommen. Gott steh mir bei, wie übel war selbiger Apotheker auf die Kammerfrauen zu sprechen! Woraus ich denn entnehme, sintemal alle Kammerfrauen lästig und unangenehm sind, wes Ranges und Standes sie sein mögen: was werden erst die schmerzenreichen sein, welches diese Gräfin mit den drei Falten oder den drei Schleppen sein soll? Denn bei mir zulande ist Falten und Schleppe, Schleppe und Falten alles einerlei.«

»Schweige, Freund Sancho«, fiel Don Quijote ein; »denn sintemal diese geehrte Kammerfrau von so fernen Landen kommt, um mich aufzusuchen, wird sie wohl nicht zu denen gehören, die der Apotheker in seinem Register hatte, und dies um so gewisser, als diese eine Gräfin ist, und wenn Gräfinnen als Kammerfrauen dienen, so kann dies sicher nur bei einer Königin oder Kaiserin sein, und in ihrem eignen Hause sind sie höchste Gebieterinnen und lassen sich selbst von Kammerfrauen bedienen.«

Darauf versetzte Doña Rodríguez, die zugegen war: »Meine gnädige Frau Herzogin hat Kammerfrauen in ihren Diensten, die Herzoginnen sein könnten, wenn das Glück es nur wollte; aber wohin des Königs Wille geht, dahin wird das Gesetz gedreht; und keiner soll den Kammerfrauen was Böses nachsagen, vorab den alten und den unverheirateten. Denn wiewohl ich beides nicht bin, kann ich’s doch begreifen und habe doch eine Vorstellung davon, wieviel eine noch unverheiratete Kammerdame vor einer verwitweten voraushat; wer uns aber zwacken und scheren will, dem bricht und sticht die Schere in Hand und Finger.«

»Nichtsdestoweniger gibt es bei den Kammerfrauen viel zu scheren«, entgegnete Sancho, »nach dem, was mein Barbier sagt, gerade wie es besser ist, den Reis nicht umzurühren, wenn er sich auch unten am Topf ansetzen will.«

»Die Schildknappen«, entgegnete Doña Rodríguez, »sind uns beständig so feind, daß sie, da sie stets in den Vorzimmern als Kobolde herumgeistern und uns auf Schritt und Tritt zu Gesicht bekommen, all die Augenblicke, wo sie nicht beten – und dieser Augenblicke sind viele! –, darauf verwenden, uns zu lästern, uns bis auf die Haut auszuziehen und unsern guten Ruf ins Grab zu legen. Aber diesen Holzklötzen auf zwei Beinen, denen sag ich ernstlich: Mag es sie noch so sehr ärgern, so werden wir nach wie vor auf der Welt sein und in vornehmen Häusern leben, und sollten wir auch vor Hunger sterben und unsre zarten oder nicht zarten Glieder mit einem schwarzen Nonnenrock bedecken müssen, wie man am Tag einer Prozession einen Misthaufen mit einem Teppich zudeckt. Wahrhaftig, wenn es mir nur gestattet wäre oder die Gelegenheit es erheischte, würde ich nicht nur den Anwesenden, sondern der ganzen Welt klarmachen, daß es keine gute Eigenschaft gibt, die sich nicht bei einer Kammerfrau findet.«

»Ich glaube«, sagte die Herzogin, »meine brave Doña Rodríguez hat recht und sehr recht; aber sie wartet wohl am besten eine gelegene Zeit ab, um ihre und der andern Kammerfrauen Sache zu führen, die üble Meinung jenes bösen Apothekers zuschanden zu machen und auch diejenige, die der große Sancho Pansa in seinem Busen hegt, mit der Wurzel herauszureißen.«

Darauf entgegnete Sancho: »Seit ich mit Statthalteraussichten schwanger gehe, ist mir der Schildknappenschwindel vergangen, und ich gebe für alle Kammerfrauen unter der Sonne nicht einen Holzapfel«.

Sie hätten das Kammerfrauengespräch noch weiter fortgesetzt, wenn sie nicht abermals den Pfeifer und die Trommler gehört hätten, woraus sie denn entnahmen, daß die Kammerfrau Schmerzenreich im Anzug sei. Die Herzogin fragte den Herzog, ob es sich wohl schicke, ihr zur Begrüßung entgegenzugehen, da sie doch eine Gräfin und vornehme Person sei.

»Soweit sie was von einer Gräfin an sich hat«, entgegnete Sancho, ehe noch der Herzog antworten konnte, »da halte ich zwar für gut, wenn von dessentwegen Eure Hoheiten ihr entgegengehen; aber von wegen der Kammerfrau, da bin ich der Meinung, Ihr dürft nicht einen einzigen Schritt gehen.«

»Wer heißt dich, Sancho, dich da hineinzumischen?« sagte Don Quijote.

»Wer, Señor?« antwortete Sancho; »ich, ich mische mich hinein, und ich darf mich wohl hineinmischen als ein Schildknappe, der die Regeln der Höflichkeit in Euer Gnaden Schule gelernt hat; denn Euer Gnaden ist der höflichste und wohlgesittetste Ritter in der ganzen Höflichkeitswelt. Auch pflegt man ja in derlei Dingen, wie ich aus Euer Gnaden Mund gehört, mit einer Karte zuviel ebensoleicht zu verlieren als mit einer Karte zuwenig; und Gelehrten ist gut predigen.«

»Es ist ganz so, wie Sancho sagt«, versetzte der Herzog; »wir wollen abwarten, wie die Gräfin aussieht, und danach wollen wir bemessen, wieviel Höflichkeit ihr gebührt.«

Indem schritten die Trommler und der Pfeifer herein wie das erstemal. Und hiermit beschließt der Verfasser dieses kurze Kapitel und fängt das folgende an, worin er dasselbe Abenteuer fortsetzt, welches eines der bemerkenswertesten in dem ganzen Buche ist.

38. Kapitel


Allwo Bericht gegeben wird vom Berichte, welchen die Kammerfrau Schmerzenreich über ihr eigenes Mißgeschick erstattet hat

Hinter den trübseligen Musikern schritten nun in den Garten herein etwa zwölf Kammerfrauen, in zwei Reihen verteilt, alle in weite Nonnenkleider gehüllt, die dem Anscheine nach von gewalktem Wollstoff waren, mit weißen Schleiern von dünnem Musselin, so lang, daß sie bloß den untern Saum des Kleides sehen ließen. Hinter ihnen kam die Gräfin Trifaldi einher, die der Kammerjunker Trifaldin Weißbart an der Hand führte; gekleidet war sie in feinsten schwarzen Zwilch, der nicht gekrempelt war, und war er das schon gewesen, so hätte sich jede Flocke an dem Zeug so dick wie eine Kichererbse gezeigt, und zwar wie eine jener großen Kichererbsen aus Martos; die Schleppe – oder Falte oder Schoß oder wie man es nennen will – lief in drei Spitzen aus, die von den Händen dreier ebenfalls in Trauer gekleideter Edelknaben getragen wurden; diese drei Spitzen, welche spitze Winkel bildeten, stellten eine in die Augen fallende geometrische Figur dar. Und daraus schlossen alle, welche die drei spitzwinkligen Rockfalten oder Schöße betrachteten, sie müsse deshalb die Gräfin Trifaldi heißen; das ist ungefähr, als wenn wir sagten: die Gräfin mit den drei Falten. Und Benengelí bemerkt, dies ist in der Tat der Fall gewesen und sie habe mit ihrem wirklichen Namen Gräfin Lobuna, Wolfhausen, geheißen, und zwar aus dem Grunde, weil in ihrer Grafschaft viele lobos, das ist Wölfe, hausten; und wenn anstatt der Wölfe es Füchse, zorros, gewesen wären, so würde man sie Gräfin Zorruna, Fuchshausen, geheißen haben, weil es dortzulande der Brauch ist, daß die Herrschaften ihre Namen von den Dingen entlehnen, woran ihre Güter besonders reich sind. Indessen hat diese Gräfin, um der neuen Mode ihrer Falte oder Schleppe Eingang zu verschaffen, den Namen Lobuna oder Wolfhausen aufgegeben und den Namen Trifaldi oder Dreischlepp angenommen.

Die zwölf Kammerfrauen und die Gräfin kamen in feierlichem Prozessionsschritt einher, die Gesichter mit Schleiern bedeckt, die schwarz, aber nicht wie der des Trifaldin durchsichtig waren, sondern so dicht, daß man nicht hindurchsehen konnte. Sobald die kammerfrauliche Truppe aufmarschiert war, standen der Herzog, die Herzogin und Don Quijote auf und ebenso die andern alle, die dem langsam schreitenden Aufzug zusahen. Die zwölf Kammerfrauen machten halt und bildeten ein Spalier, durch welches die Schmerzenreich hinschritt, ohne daß Trifaldin sie von der Hand ließ. Als der Herzog, die Herzogin und Don Quijote dies sahen, gingen sie ihr etwa zwölf Schritte weit entgegen, um sie zu begrüßen. Sie warf sich jetzt auf die Knie nieder und sprach mit einer Stimme, die eher grob und rauh als fein und zart war: »Eure Hoheiten wollen geruhen, diesem Eurem Diener, ich will sagen dieser Eurer Dienerin, nicht so große Höflichkeit zu erweisen, denn sintemal ich so schmerzenreich bin, würde ich nicht imstande sein, meiner Schuldigkeit zu genügen, dieweil mein nie erhörtes und nie geschautes Mißgeschick mir meinen Verstand, ich weiß nicht wohin, entführt hat, jedenfalls sehr weithin, denn je mehr ich ihn suche, desto weniger kann ich ihn wiederfinden.«

»Ohne Verstand wäre der, Frau Gräfin«, entgegnete der Herzog, »der nicht aus Eurem ganzen Wesen Euren großen Wert ersähe, welcher, auch ohne daß man mehr von Euch erblickt, würdig ist, alle Perlen der Höflichkeit und alle Blüte wohlgezogenster und feinster Förmlichkeiten zu empfangen.«

Alsbald zog er sie an der Hand empor und führte sie zu einem Sitze neben der Herzogin, welche sie ebenfalls mit großer Höflichkeit begrüßte. Don Quijote schwieg, und Sancho starb schier vor Begierde, das Gesicht der Trifaldi und irgendeiner ihrer vielen Kammerfrauen zu sehn; allein dies war nicht möglich, bis sie später aus eigenem Antrieb und freiem Willen sich entschleierten.

Als nun alles ruhig geworden und tiefes Schweigen beobachtete, in Erwartung, wer dasselbe zuerst brechen würde, da war es die Kammerfrau Schmerzenreich, die das Gespräch mit folgenden Worten eröffnete: »Ich hege die Zuversicht, allermächtigster Herr und allerschönste Herrin und ihr, allerverständigste Anwesende, daß meine Allerbedrängtestheit in Euren alleredelsten Herzen einen nicht weniger freundlichen als großsinnigen und schmerzenreichen Empfang finden wird: denn selbige ist solcher Art, daß sie ausreicht, zu rühren Marmelsteine, zu schmelzen Demanten und den Stahl der allerhärtesten Herzen von der Welt. Doch bevor sie in den Bereich Eures Gehörs, um nicht zu sagen Eurer Ohren dringt, möchte ich wohl, daß Ihr mich wissend machet, ob in diesem Verein, Kreis und geselligem Zirkel der allerseelenreinste Ritter Don Quijote von der allergemanschtesten Mancha anwesend ist, imgleichen sein allerschildknapplichster Sancho Pansa.«

»Der Pansa ist hier«, sagte Sancho, eh noch ein andrer antworten konnte, »und der Don Allerquijotischste ebenfalls; und mithin, allerschmerzenreichste kammerfraulichste Dame, könnt Ihr sagen, was Euch allerbeliebtest; wir alle sind eifrigst und allerbereitest, Euch aufs allerdienerischste allergefälligst zu sein.«

Jetzt erhob sich Don Quijote, und sich zur schmerzenreichen Kammerfrau wendend, sprach er: »Wenn Eure Bedrängnisse, hochbedrängte Dame, sich irgendwelche Hoffnung der Abhilfe versprechen können von irgendwelcher Tapferkeit oder Heldenhaftigkeit irgendwelchen fahrenden Ritters – allhie ist die meinige, die, obschon schwach und gering, ganz Euren Diensten geweiht werden soll. Ich bin Don Quijote von der Mancha, dessen Aufgabe es ist, aller Art von Hilfsbedürftigen beizustehn, und so habt Ihr nicht nötig, Señora, um jemandes Wohlwollen zu werben oder erst nach Vorreden zu suchen, sondern nur, ganz einfach und ohne Umschweife, Eure Leiden zu erzählen, denn Euch hören die Ohren solcher, die, wenn sie ihnen nicht abzuhelfen vermögen, doch sie schmerzlich mitfühlen werden.«

Als dies die schmerzenreiche Kammerfrau hörte, machte sie Miene, sich zu Don Quijotes Füßen werfen zu wollen, ja sie warf sich wirklich vor sie hin, gab sich alle Mühe, sie mit den Armen zu umschlingen, und sagte: »Vor diese Füße und Beine werfe ich mich hin, o unbesiegter Ritter, denn sie sind die Träger und Säulen der fahrenden Ritterschaft; diese Füße will ich küssen, an deren Schritten die Rettung aus meinem Unglück hängt und geknüpft ist. O fahrender Held, dessen wirkliche und wahre Kampfestaten jene fabelhaften der Amadíse, Esplandiane und Belianíse hinter sich lassen und verdunkeln!«

Jetzt wandte sie sich von Don Quijote hinweg zu Sancho Pansa, ergriff seine Hände und sprach zu ihm: »O du, redlichster Schildknappe, so jemals in gegenwärtigen oder in vergangenen Jahrhunderten fahrenden Rittern bedienstet gewesen, du, dessen Vortrefflichkeit größer ist als der Bart Trifaldins, meines Geleiters, der allhier zugegen ist! Wohl magst du dich rühmen, daß du, indem du dem großen Don Quijote dienst, dem Inbegriff der gesamten Ritterwelt dienest, welche jemals auf Erden das Waffenwerk hat betrieben. Ich beschwöre dich bei allem, was du deiner eignen allergetreusten Vortrefflichkeit schuldest, daß du mir ein trefflicher Fürbitter bei deinem Dienstherrn seiest, auf daß er sofort einer allerdemütigsten und allerunglücklichsten Gräfin wie mir seine Hilfe zuwenden wolle.«

Sancho entgegnete hierauf: »Ob meine Vortrefflichkeit, Herrin mein, so groß und umfänglich ist wie der Bart Eures Kammerjunkers, da liegt mir entsetzlich wenig dran; wenn dereinst meine Seele aus diesem Leben scheidet, dann möge sie in Kinn- und Knebelbart stolzieren, denn das ist von Wichtigkeit; aber um die Bärte im Diesseits kümmre ich mich nicht. Allein auch ohne diesen ganzen Schwindel und ohne dieses demütige Flehen bitte ich meinen Herrn – der mich, ich weiß es, sehr lieb und mich gerade zu einem gewissen Handel sehr nötig hat –, daß er Euer Gnaden in allem, was er vermag, helfen und beistehen möge. Also wolle Euer Gnaden Dero Bedrängnis auspacken und sie uns erzählen und uns nur gewähren lassen, wir werden uns schon alle miteinander verständigen.«

Über all dieses wollten Herzog und Herzogin schier vor Lachen bersten, da sie ja selbst um das Geheimnis dieses Abenteuers wußten, und sie lobten im stillen den Witz und die Verstellungskunst der Trifaldi. Diese aber setzte sich wieder und sprach: »In dem weitberühmten Königreich Candaya, das zwischen dem großen Trapobana und dem Südmeer liegt, zwei Meilen jenseits des Kap Comorin, führte die Herrschaft die Königin Doña Maguncia, die Witwe des Königs Archipél, ihres Herrn und Gemahls. In dieser Ehe bekamen und erzeugten sie die Infantin Antonomásia, die Erbin des Reiches, welche Infantin Antonomásia unter meiner Leitung und Lehre erzogen wurde und heranwuchs, dieweil ich die älteste und vornehmste unter den Kammerfrauen ihrer Mutter war. Es fügte sich nun, wie die Tage kamen und gingen und das Kindlein Antonomásia das Alter von vierzehn Jahren erreichte, daß es eine so vollkommene Schönheit besaß, daß die Natur sie nicht auf eine noch vollkommenere Stufe zu erheben vermochte. Wollen wir nun sagen, daß ihr Verstand noch etwas feuchtnasig war? Nein, sie war so verständig wie schön; ja sie war die Allerschönste auf Erden und ist es noch, wenn nicht etwa die mißgünstigen Schicksalsgötter ihres Lebens Faden schon abgeschnitten haben. Jedoch sie werden es nicht getan haben; der Himmel wird nicht zugeben, daß der Erde so großes Leid geschehe, wie es geschähe, wenn von der schönsten Rebe auf Erden die Traube unreif abgepflückt würde.

In diese Schönheit, in diese von meiner unbeholfenen Zunge nie nach Gebühr gepriesene Schönheit verliebten sich eine unendliche Anzahl Prinzen, sowohl einheimische als auch fremde, und unter ihnen wagte auch ein schlichter Edelmann am Hofe seine Gedanken zum Himmel so hoher Huldseligkeit emporzuheben, im Vertrauen auf seine Jugendblüte und seine Stattlichkeit, auf seine großen Talente und seine Liebenswürdigkeit, die Gewandtheit und die glücklichen Anlagen seines Geistes; denn ich tue Euern Hoheiten kund – wenn es Hochdenselben nicht unangenehm ist –, daß er die Gitarre spielte, als wenn er ihr Sprache verliehe, und daß er ferner ein Poet und ein ausgezeichneter Tänzer war und Vogelkäfige so schön zu fertigen verstand, daß er damit sein Brot hätte verdienen können, wenn er in Not geraten wäre: lauter Eigenschaften und Vorzüge, die ausgereicht hätten, einen Berg zu erschüttern, geschweige denn ein zartes Mägdlein.

Indessen hätten all seine Artigkeiten und gewinnende Anmut, seine ganze Liebenswürdigkeit und seine Talente ihm wenig oder nichts geholfen, die Festung meiner kleinen Prinzessin zu erobern, wenn der unverschämte Spitzbube sich nicht des Mittels bedient hätte, zuerst mich selber zu erobern. Der Räuber und gewissenlose Strolch wollte zuerst meine Neigung gewinnen und meinen Sinn bestechen, damit ich als ein schlechter Burgvogt ihm die Schlüssel der Burg ausliefern sollte, die ich hütete. Kurz, er beschmeichelte meinen Geist und eroberte meine Zuneigung mit, ich weiß nicht was für Spielsächelchen und Flittern, die er mir schenkte. Was mich aber ganz besonders dahin brachte, mich vor ihm zu beugen und daniederzuwerfen, das waren die Verse, die ich ihn eines Abends vor meinem Fenstergitter singen hörte, das auf ein Gäßchen hinausging, wo er harrend stand; und wenn ich mich recht entsinne, lauteten sie folgendermaßen:

Tiefe Wunden mir geschlagen
Hat die süße Feindin mein,
Und zu mehren meine Pein,
Soll ich dulden und nicht klagen.

Dieses Lied schien mir ein wahres Juwel und seine Stimme Honigseim, und seit ich gesehen, in welches tiefe Weh ich durch diese und ähnliche Verse gefallen, habe ich mir überlegt, daß aus jedem rechten wohlgeordneten Gemeinwesen die Dichter verbannt werden müßten, wie schon Plato angeraten, zum mindesten die lüsternen, weil sie Verse schreiben, nicht wie die vom Markgrafen von Mantua, welche die Kinder und Weiber ergötzen und zum Weinen bringen, sondern Spitzfindigkeiten, die wie ein sacht ins Fleisch gleitender Dorn sich Euch durch die Seele bohren und sie wie ein Blitzstrahl versehren und nur das äußere Gewand unversehrt lassen. Ein andermal wieder sang er:

Komm, o Tod, schweb leis hernieder,
Daß dein Nahn mir unbewußt,
Denn des Sterbens süße Lust
Gibt mir sonst das Leben wieder.

Und noch andere Verschen und Lieder solcher Art, die, wenn die Männer sie uns singen, ins Herze dringen, und wenn sie sie uns schreiben, uns die Seele aufregen. Wie aber erst, wenn sie sich so tief vor uns demütigen, eine gewisse Art von Versen zu dichten, die in Candaya damals üblich waren und welchen sie den Namen Seguidillas gaben? Da hüpften die Herzen, da spürte man Kitzel, zu lachen, da zappelten die Glieder ohne Aufhören, da befiel quecksilbriges Zittern alle Sinne. Und deshalb sage ich, meine Herrschaften, solche Minnesänger sollte man von Rechts wegen auf die Eidechseninseln verbannen. Aber sie selbst tragen nicht die Schuld, sondern die Einfaltspinsel, die ihnen Lob spenden, und die Närrinnen, die ihnen Glauben schenken.

Wäre ich die redliche Aufseherin gewesen, die ich hätte sein sollen, so hätte sein hohles Wortgedrechsel mein Herz nicht rühren dürfen, ich hätte es nicht für Wahrheit halten dürfen, wenn er zu mir sagte: ›Ich lebe in stetem Sterben, ich brenne im Frost, in Feuersglut friere ich, ich hoffe sonder Hoffnung, ich scheide und bleibe zugleich‹, nebst andern Unmöglichkeiten derselben Gattung, von denen ihre Schriften voll sind. Und vollends, wenn sie uns den Phönix Arabiens, die Krone Ariadnes, die Pferde des Sonnengottes, des Südens Perlen, Tibars Gold und den Balsam von Pancaya verheißen! Da lassen sie erst recht ihrer Feder freien Lauf, weil es sie gar wenig kostet zu versprechen, was sie zu halten weder gedenken noch vermögen.

Aber wohin verirre ich mich? Weh mir Unglücklichen! Welche Torheit, welcher Wahnsinn reißt mich hin, fremde Sünden zu erzählen, wo ich soviel von den meinigen zu sagen habe? O ich aber- und abermal Unglückselige! Nicht die Verse haben mich besiegt, sondern meine eigne Einfalt; nicht seine Lieder haben mich schwach werden lassen, sondern mein eigner Leichtsinn; meine zu große Unerfahrenheit und meine zu geringe Überlegung haben den Schritten Don Clavijos, dies ist der Name des besagten Ritters, den Weg geöffnet und den Pfad gebahnt. Und so ward ich die Vermittlerin, daß er einmal, ja vielmals im Gemach der durch mich, nicht durch ihn betrogenen Antonomásia als ihr rechtmäßig erklärter Gatte weilen durfte; denn bin ich auch eine Sünderin, so hätte ich doch nie zugegeben, daß er, ohne ihr Ehegemahl zu sein, ihr nur bis an den Rand ihrer Schuhsohlen nahe gekommen wäre. Nein, nein, das nicht; bei allen Händeln solcher Art, wenn ich mich damit befassen soll, muß die Heirat vorangehn. Bei diesem Handel war nur ein böser Umstand; nämlich die Ungleichheit des Standes; denn Don Clavijo war ein einfacher Edelmann, die Infantin Antonomásia aber die Erbin des Königreichs, wie ich schon gesagt habe. Eine Zeitlang blieb dieser gefährliche Handel verborgen und mit dem Mantel meiner schlauen Vorsicht bedeckt, bis es mir vorkam, als müsse ihn doch, ich weiß nicht was für ein Anschwellen von Antonomásias Leibe sehr bald aller Welt offenbaren. Diese Besorgnis veranlaßte uns drei zu einer geheimen Beratung, und wir beschlossen, noch ehe der schlimme Handel ans Licht käme, solle Don Clavijo bei dem geistlichen Gericht Antonomásia zur Ehefrau begehren, gestützt auf ein Eheversprechen, das die Infantin ihm ausgestellt hatte; mein schlauer Geist hatte es so bündig und fest aufgesetzt, daß selbst Simsons Stärke es nicht hätte zerreißen können. Die Schritte bei Amt wurden getan, der Vikar beim geistlichen Gericht prüfte das Eheversprechen; besagter Vikar nahm der Prinzessin die Beichte ab, sie beichtete ohne alle Umstände, er ließ sie im Hause eines hochgeachteten Hofrichters in Verwahr halten.«

Hier fiel Sancho ein: »Auch in Candaya gibt es Hofrichter, Poeten und Seguidillas? Sonach kann ich drauf schwören, daß die Welt überall ein und dieselbe ist. Aber Señora Trifaldi, Euer Gnaden wolle sich was sputen, denn es wird spät, und ich kann’s nicht länger aushalten, daß ich den Ausgang der gar so langen Geschichte erfahre.«

»Ich will mich sputen«, antwortete die Gräfin.

39. Kapitel


Wo die Trifaldi ihre erstaunliche und denkwürdige Geschichte fortsetzt

An jedem Worte, das Sancho sprach, hatte die Herzogin ebensoviel Vergnügen als Don Quijote Ärger; er gebot ihm Schweigen, und die Schmerzenreich fuhr fort und sprach: »Endlich, nach vielen Fragen und Aussagen, da die Infantin beständig auf ihrem Kopfe blieb, ohne von ihrer gleich von vornherein gegebenen Erklärung abzugehn, fällte das geistliche Gericht seinen Spruch zugunsten Don Clavijos und überantwortete sie ihm zu seiner rechtmäßigen Gemahlin, worüber die Königin Doña Maguncia so großen Verdruß empfand, daß wir sie begruben, eh drei Tage vorüber waren.«

»Da mußte sie wohl gestorben sein?« bemerkte Sancho.

»Das ist klar«, entgegnete Trifaldin; »in Candaya werden nicht die Lebendigen begraben, sondern die Toten.«

»Man hat’s schon erlebt, Herr Kammerjunker«, versetzte Sancho, »daß einer, der in Ohnmacht lag, begraben wurde, weil man glaubte, er wäre tot; und ich meine, die Königin hätte lieber in Ohnmacht fallen sollen als sterben; denn solange einer noch lebt, kann zu vielen Dingen Rat werden, und der verrückte Streich der Infantin war doch nicht so arg, daß man ihn sich so tief zu Herzen nehmen mußte. Hätte sich das Fräulein mit einem Pagen oder sonst mit einem Diener an ihrem Hofe verheiratet, was schon oft vorgekommen ist, wie ich mir hab sagen lassen, dann freilich war das Unglück nicht mehr gutzumachen; aber daß sie sich mit einem Ritter verheiratet hat, der von so feiner, vornehmer Art und so verständig, wie er uns eben geschildert worden – wahrhaftig, wahrhaftig, obzwar es eine Dummheit war, so war sie doch nicht so groß, wie man sich’s denkt. Denn nach den Regeln meines Herrn, der hier zugegen ist und mir keine Lüge erlauben würde, so wie aus Studenten Bischöfe werden, so können Ritter, zumal die fahrenden, Könige und Kaiser werden.«

»Du hast recht, Sancho«, sprach Don Quijote; »denn ein fahrender Ritter, wenn er nur ein paar Fingerbreit Glück hat, besitzt in seinem inneren Werte die nächsten Ansprüche, der höchste Herr auf der Welt zu werden. Aber das Fräulein Schmerzenreich wolle gefälligst fortfahren, denn mir schwant, es bleibt ihr noch das Bittere zu erzählen von dieser bis hierhin süßen Geschichte.«

»Und ob!« erwiderte die Gräfin; »und ob noch das Bittere erübrigt! Und zwar so bitter, daß im Vergleich damit Koloquinten süß und Oleanderblätter wohlschmeckend sind. Nachdem die Königin gestorben, also nicht in Ohnmacht gefallen war, begruben wir sie, und kaum hatten wir sie mit Erde bedeckt und kaum ihr das letzte Lebewohl gesagt, ach!

Quis talia fando temperet a lacrimis?

da, auf einem hölzernen Pferde sitzend, erschien über der Grabstätte der Königin der Riese Malambruno, Maguncias leiblicher Vetter, der nicht nur ein grausamer Mensch, sondern auch noch ein Zauberer ist; und um Don Clavijo für seine Vermessenheit zu strafen sowie aus Ärger über Antonomásias Maß- und Zuchtlosigkeit verzauberte er beide auf der Grabstätte selbst und bannte sie da fest, sie in einen Affen aus Erz verwandelt und ihn in ein scheußliches Krokodil aus einem unbekannten Metall; und zwischen beiden ein Gedenkmal, ebenfalls aus Metall; mit einer Inschrift in syrischer Sprache, die, auf candayisch und jetzt auf spanisch wiedergegeben, folgenden Spruch enthält:

Nicht eher wird dies vermessene Liebespaar
seine frühere Gestalt wiedererlangen,
bis der kriegsmutige Manchaner sich mit mir im
Einzelkampfe misset, denn seiner
Heldenhaftigkeit allein will das Geschick dies
nie noch dagewesene Abenteuer vorbehalten.

Dies vollbracht, zog er seinen breiten ungeheuren Säbel aus der Scheide, packte mich an den Haaren und machte Miene, als wolle er mir die Gurgel durchschneiden und mir, Rumpf und Stumpf, den Kopf abhauen. Ich erstarrte vor Angst, die Zunge klebte mir am Gaumen, ich war außer mir; aber dabei nahm ich dennoch alle Kraft zusammen und beschwor ihn mit zitternder, kläglicher Stimme so, daß er die Vollziehung einer so strengen Strafe einstweilen vertagte. Endlich hieß er sämtliche Kammerfrauen des Palastes vor sich bringen, es waren dies die hier anwesenden, und nachdem er uns unsere Schuld mit großer Übertreibung zu Gemüte geführt und die Sinnesart der Kammerfrauen, ihre argen Ränke und noch ärgeren Anschläge tüchtig gescholten und allen die Schuld aufgebürdet hatte, die doch nur die meinige war, sagte er, er wolle uns nicht mit der Todesstrafe büßen lassen, sondern mit andern lang wirksamen Strafen, die uns für immer bürgerlich tot machen sollten. Und im Nu und im nämlichen Augenblick, als das letzte Wort gesprochen, fühlten wir alle, wie sich uns die Poren im Antlitz öffneten und wie es uns im ganzen Gesicht wie mit Nadelspitzen stach. Sogleich fuhren wir mit den Händen über Kinn und Wangen und fanden uns in dem Zustande, welchen ihr jetzt sehen sollt.«

Und die Schmerzenreich und die andern Kammerfrauen hoben sofort die Schleier, in die sie bisher verhüllt waren, und ließen ihre Gesichter, ganz mit Bärten bewachsen, sehen, hier mit blonden, dort mit schwarzen, hier mit weißen, dort mit grauen. Über diesen Anblick zeigten sich der Herzog und die Herzogin höchlich verwundert, Don Quijote und Sancho starr vor Erstaunen und alle anderen Anwesenden außer sich vor Überraschung.

Und die Trifaldi fuhr fort: »Solchergestalt hat uns der feige Bösewicht, der Schelm von Malambruno, mißhandelt, hat die Zartheit und schwellende Weichheit unsrer Angesichter mit der struppigen Rauheit dieser Borsten überdeckt. O wollte der Himmel, er hätte uns lieber mit seinem ungeheuern Säbel die Hirnschale eingeschlagen, als daß er das Licht unserer Wangen mit diesem üblen Werg überschattet hätte, das uns nun umhüllt! Denn, meine Herrschaften, wenn wir uns die Sache recht überlegen – und was ich anitzo sagen will, da möchte ich, daß bei meinen Worten meine Augen zu lebendigen Bronnen würden; allein die ständige Betrachtung unseres Unglücks und all die Meere von Tränen, die diese Augen bisher schon herniedergeregnet haben, die haben ihnen alles Naß entzogen und sie so trocken gemacht wie Stroh, und mithin will ich es ohne Tränen sagen –, so sag ich denn: wohin soll eine Kammerfrau mit Bart sich wenden? Welchen Vater oder welche Mutter wird es ihrer erbarmen? Wer wird ihr Hilfe spenden? Denn sogar wenn sie eine glatte Haut hat und selbige mit tausenderlei Salben und Pomaden martert, findet sie kaum einen, der sie mag; was aber soll sie anfangen, wenn sie ein Gesicht aufweist, das zum Buschwald geworden? O werte Kammerfrauen und Gefährtinnen! In einem unseligen Augenblicke sind wir zur Welt geboren, zu unglücklicher Stunde haben unsre Väter uns gezeugt!«

Und bei diesen Worten war es, als wolle sie in Ohnmacht fallen.

34. Kapitel


Welches berichtet, wie man Kunde erhielt, auf welche Weise die unvergleichliche Dulcinea solle entzaubert werden, eine der preisenswertesten Aventüren in diesem Buche

Groß war das Vergnügen, das der Herzog und die Herzogin an der Unterhaltung mit Don Quijote und Sancho Pansa fanden; sie wurden dadurch in ihrem Vorhaben bestärkt, die beiden mit ein paar lustigen Streichen anzuführen, die ganz wie Abenteuer aussähen und wirkten, und was ihnen Sancho Pansa von der Höhle des Montesinos erzählt hatte, diente ihnen als Ausgangspunkt, um dem fahrenden Paar einen Possen von ganz besondrer Art zu spielen. Worüber sich indessen die Herzogin am meisten wunderte, war, daß Sanchos Einfalt so weit ging, zuletzt an Dulcineas Verzauberung als eine unfehlbare Wahrheit zu glauben, während er doch selbst bei dieser Sache der Zauberkünstler und der Anstifter gewesen.

Nachdem sie nun ihren Dienern Anweisung erteilt hatten, was sie alles tun sollten, führten sie Don Quijote sechs Tage später zu einer Treibjagd mit einem solchen Gefolge von Jägern und Schützen, wie es nur ein gekrönter König hätte mitführen können. Sie gaben Don Quijote einen Jagdanzug und Sancho gleichfalls einen solchen von feinstem grünem Tuch; allein Don Quijote wollte ihn nicht anlegen, weil er nächster Tage zum rauhen Waffenhandwerk zurückkehren müsse und keinen Kleiderkasten noch Schränke mitnehmen könne. Sancho jedoch nahm den ihm geschenkten an in der Absicht, ihn bei der ersten besten Gelegenheit zu verkaufen.

Als nun der erwartete Tag herangekommen war, legte Don Quijote seine Rüstung an, Sancho aber sein Jagdkleid, und auf seinem Grauen, von dem er sich, obschon man ihm ein Pferd gab, nicht trennen wollte, mischte er sich unter die Schar der Jäger. Die Herzogin erschien in prächtigem Aufzug, und Don Quijote führte aus lauter Höflichkeit und feiner Sitte ihren Zelter am Zügel, obwohl der Herzog es nicht zugeben wollte. Endlich kamen sie zu einem Gehölz zwischen zwei sehr hohen Bergen, wo, nachdem die Jagdstände besetzt und die Treiber ordentlich verteilt waren, die Jagd mit großem Hallo, Rufen und Schreien begann, so daß einer den andern vor lauter Hundegebell und dem Schall der Hifthörner nicht hören konnte. Die Herzogin stieg ab. Einen scharfen Jagdspieß in der Hand, stellte sie sich an einem Punkt auf, wo sie wußte, daß Wildsauen zu wechseln pflegten. Auch der Herzog und Don Quijote stiegen ab und stellten sich ihr zur Seite. Sancho nahm seinen Posten hinter ihnen allen, ohne von seinem Grauen abzusteigen, den er nicht unbeschützt zu lassen wagte, damit ihm nichts zustieße.

Kaum hatten sie Posten gefaßt und sich mit zahlreichen Dienern im Flügel aufgestellt, als ein ungeheurer Keiler, von den Hunden gehetzt und von den Jägern verfolgt, gegen sie heranstürzte, die Zähne und Hauer wetzend und Schaum aus dem Rachen sprühend. Sobald Don Quijote ihn erblickte, nahm er den Schild in den Arm, zog das Schwert und trat vor, um ihn anrennen zu lassen, und das nämliche tat der Herzog mit seinem Jagdspieß. Allen aber wäre die Herzogin zuvorgekommen, wenn der Herzog sie nicht daran gehindert hätte. Nur Sancho, als er das gewaltige Tier zu Gesicht bekam, ließ seinen Grauen im Stich, rannte aus Leibeskräften davon und wollte auf eine hohe Eiche klettern, aber es gelang ihm nicht; vielmehr, als er schon bis zur Mitte des Baumes gestiegen war und, einen Ast ergreifend, sich abarbeitete, um auf den Gipfel zu gelangen, da sah er sich so vom Glück verlassen und so vom Mißgeschick heimgesucht, daß der Ast brach und er beim Herabfallen an einem Aststummel hängenblieb, ohne zum Boden hinabgelangen zu können. Wie er sich nun in solcher Lage sah, den grünen Jagdrock zerrissen, und es ihn deuchte, wenn das grimme Tier bis zu dieser Stelle käme, so könnte es zu ihm hinaufreichen, begann er so durchdringend zu schreien und so gewaltig um Hilfe zu rufen, daß alle, die ihn hörten und ihn nicht sahen, glaubten, er stecke einer wilden Bestie zwischen den Zähnen. Doch der Keiler mit den mächtigen Hauern wurde endlich durchbohrt vom Eisen zahlreicher Jagdspieße, die man ihm entgegenstreckte; und als Don Quijote seine Augen nach Sanchos Geschrei hinwendete, sah er ihn mit dem Kopf nach unten an der Eiche hangen, und bei ihm stand der Graue, der ihn in seinem Unglück nicht im Stiche lassen wollte. Auch sagt Sidi Hamét, er habe gar selten Sancho Pansa ohne den Esel und den Esel ohne Sancho Pansa gesehen; so große Freundschaft und Treue bewahrten sie einander.

Don Quijote kam herbei und holte Sancho vom Baume herunter, und als dieser sich frei und auf dem sicheren Boden sah, betrachtete er die Risse in seinem Jagdrock, und es tat ihm in der Seele weh, denn er meinte, er besitze in dem Rock ein Rittergut.

Indem brachte man den gewaltigen Keiler, auf einem Saumtier querüber liegend und mit Büscheln Rosmarin und Myrtenzweigen bedeckt, als Siegesbeute nach einem großen Jagdzelt, das mitten im Gehölze aufgeschlagen war. Hier fand man die Tische schon in Ordnung und das Mahl bereit, so kostbar und großartig, daß man daran wohl die hohe Würde und Prachtliebe des Gastgebers erkennen konnte. Sancho zeigte der Herzogin die offenen Wunden seines zerrissenen Kleides und sagte: »Wäre dies eine Jagd auf Hasen oder Kleingeflügel gewesen, dann wäre mein Rock vor solchen Nöten sicher geblieben. Ich weiß wirklich nicht, was man für Vergnügen daran haben kann, zu warten, bis so eine Bestie herankommt, die, wenn sie euch mit einem Hauer trifft, euch das Leben nehmen kann. Ich erinnere mich, ich habe einmal eine alte Romanze singen hören, in der es heißt:

Mögen dich die Bären fressen,
Gleich wie Fávila den Hehren.«

»Dieser Fávila war ein gotischer König«, sagte Don Quijote, »den ein Bär auffraß, als er jagen ging.«

»Das sag ich ja gerade«, versetzte Sancho; »ich kann es nicht leiden, wenn sich die Fürsten und Könige in dergleichen Gefahren begeben, einem Vergnügen zuliebe, das meiner Meinung nach keines sein sollte, da es darin besteht, ein Tier umzubringen, das gar nichts Böses getan hat.«

»Im Gegenteil, Ihr seid im Irrtum, Sancho«, entgegnete der Herzog; »denn die hohe Jagd ist eine körperliche Übung, die für Könige und Fürsten notwendiger ist als irgendeine. Die Jagd ist ein Abbild des Kriegs, bei ihr haben wir gar manche Kriegslist, manchen schlauen Anschlag und Hinterhalt, um den Feind ohne Gefahr zu besiegen; bei ihr erduldet man die strengste Kälte und unerträgliche Hitze und vergißt Schlaf und Müßiggang; die Kräfte werden gestärkt und die Glieder geschmeidig gemacht – kurz, es ist eine Leibesübung, die vielen Vergnügen macht und keinem schadet; und das beste daran ist, daß sie nicht für jedermann ist, wie es die übrigen Arten der Jagd sind, ausgenommen die Falkenjagd, die auch nur für Könige und große Herren ist. Also, werter Sancho, ändert Eure Ansicht, und wenn Ihr einmal Statthalter seid, beschäftigt Euch mit der Jagd, und Ihr werdet sehen, für einen ausgelegten Groschen trägt sie Euch hundert ein.«

»Das nicht«, entgegnete Sancho. »Was ein guter Statthalter ist, bleibt daheim, mag nicht hinaus, bricht lieber das Bein und bleibt zu Haus. Das wär nicht übel, wenn die Geschäftsleute zu ihm kämen, ganz müde vom Weg, und er wäre im Wald, sich zu erlusten; da ging’s mit dem Statthaltern schön bergab! Meiner Treu, Jagd und sonstiger Zeitvertreib sind gewiß eher für Tagediebe da als für Statthalter. Womit ich mich aber zu unterhalten gedenke, das ist das Trumpfspiel an den vier hohen Festtagen und Kegelschieben an Sonn- und kleinen Feiertagen, denn all das Jagen widersteht meinem Sinn und geht mir wider das Gewissen.«

»Gott gebe, daß es sich so bewähre, Sancho«, meinte der Herzog, »denn vom Gesagt zum Getan ist’s eine lange Bahn.«

»Mag sie so lang sein, wie sie mag«, versetzte Sancho; »den guten Zahler drückt kein Pfand, und besser schafft, wem Gott beisteht, als wer noch so früh aufsteht; und der Bauch ernährt die Füße, nicht aber die Füße den Bauch. Damit will ich sagen: wenn Gott mir beisteht und ich tue nach Wissen und Gewissen meine Pflicht, so werde ich gewiß beim Regieren meinen Weg besser finden als ein Jagdfalke. Oder es soll mir einer einmal auf den Zahn fühlen, und da kann er sehen, ob ich zubeiße oder nicht!«

»Vermaledeit sollst du sein von Gott und all seinen Heiligen, vermaledeiter Sancho«, sprach Don Quijote. »Wann wird einmal der Tag kommen, wie ich dir schon so oft gesagt habe, wo ich dich einen glatten zusammenhängenden Satz ohne Sprichwörter sagen höre? Wollen doch Eure Hoheiten diesen Toren gehen lassen, verehrte Herrschaften; er wird Euren Geist wie zwischen Mühlsteinen nicht zwischen zwei, sondern zwischen zweitausend Sprichwörtern zerreiben, die er so passend und so im richtigen Augenblick beibringen wird, so wahr Gott ihm Gesundheit verleihen möge – oder mir, wenn ich sie anhören wollte.«

»Sancho Pansas Sprichwörter«, bemerkte die Herzogin, »sind zwar zahlreicher als die des griechischen Komturs, aber darum nicht weniger zu schätzen wegen der Kürze ihres kernigen Ausdrucks. Von mir wenigstens kann ich sagen, daß sie mir mehr Vergnügen machen als andere, auch wenn diese passender beigebracht und schicklicher angewendet würden.«

Unter diesen und andern unterhaltenden Gesprächen begaben sie sich aus dem Zelte in den Wald, und mit dem Absuchen verschiedener Jagdstände verging ihnen der Tag, und es brach die Dunkelheit über sie herein. Jedoch war der Abend nicht so hell und nicht so ruhig, wie es die Jahreszeit erheischte – es war nämlich um die Mitte des Sommers –, vielmehr herrschte ein gewisses Helldunkel, das dem Vorhaben des herzoglichen Paares äußerst dienlich war. Kurz vor der Dämmerung schien nämlich mit einemmal der Wald auf allen vier Seiten in Brand zu stehen, und plötzlich hörte man hier und dort, hüben und drüben, unzählige Schlachthörner und andres Kriegsgetöne, als ob zahlreiche Reiterscharen den Wald durchzögen. Der Schein des Feuers, der Klang der kriegerischen Instrumente blendete und betäubte Augen und Ohren der Umstehenden, ja aller, die sich im Walde befanden.

Alsbald hörte man tausendfaches La-Illáh-il-Alláh nach Art der Mauren, wenn sie in die Schlacht ziehen; es erschollen Trompeten und Zinken, wirbelten Trommeln, erklangen Pfeifen, alle fast auf einmal, so anhaltend und so stürmisch, daß man nicht hätte bei Sinnen sein müssen, um nicht von Sinnen zu kommen bei dem wirren Zusammenklang so vieler Instrumente. Der Herzog war ganz außer sich, die Herzogin war starr, Don Quijote in großer Verwunderung, Sancho zitterte, ja selbst die Mitwisser erschraken. Mit der Furcht, die sie packte, kam über sie eine tiefe Stille, und zugleich ritt ein Postillon in der Tracht eines Dämons vor sie hin, der ein ungeheures ausgehöhltes Ochsenhorn blies, das einen heiser schnarrenden entsetzlichen Ton von sich gab.

»Holla, Freund Kurier«, rief der Herzog, »wer seid Ihr, und wohin wollt Ihr?«

Darauf antwortete der Kurier mit grausiger und wilder Stimme: »Ich bin der Teufel; ich suche den Don Quijote von der Mancha. Die Leute, die da heranziehen, sind sechs Scharen Zauberer, welche auf einem Triumphwagen die unvergleichliche Dulcinea von Toboso mit sich führen; sie kommt verzaubert daher mit dem tapferen Franzosen Montesinos, um Don Quijote anzuweisen, wie besagtes Fräulein zu entzaubern sei.«

»Wenn Ihr der Teufel wäret, wie Ihr sagt und wie Euer Aussehen zeigt«, sprach der Herzog, »hättet Ihr bereits den Ritter Don Quijote von der Mancha erkannt, da Ihr ihn vor Euch habt.«

»Bei Gott und meinem Gewissen«, antwortete der Teufel, »ich habe nicht darauf achtgegeben, denn ich muß meine Gedanken nach allen Seiten auf so vielerlei Sachen richten, daß mir die Hauptsache, derentwegen ich herkam, in Vergessenheit geraten ist.«

»Ganz gewiß«, sprach Sancho, »muß dieser Teufel ein braver Kerl und frommer Christ sein, sonst tät er nicht bei Gott und seinem Gewissen schwören. Jetzt bin ich überzeugt, daß es sogar in der Hölle brave Leute gibt.«

Alsbald wandte der Teufel sein Antlitz dem Ritter Don Quijote zu und sprach, ohne abzusteigen: – »Zu dir, dem Löwenritter, – könnte ich dich doch in den Klauen der Löwen sehen! –, sendet mich der unglückselige, aber tapfere Ritter Montesinos und läßt dir in seinem Namen sagen, just an dem Orte, wo ich dich finden würde, sollest du ihn erwarten, dieweil er die Dame mit sich führt, die man Dulcinea von Toboso benennet, auf daß er dir die Weisung erteile, wie ihre Entzauberung zu bewerkstelligen ist. Und weil mein Kommen weiter keinen Zweck hat, ist meines Bleibens länger nicht. Dich mögen Teufel geleiten wie ich, gute Engel aber diese Herrschaften!«

Darauf blies er wieder sein ungeheuerliches Horn, wendete den Rücken und zog von dannen, ohne eine Antwort abzuwarten. In neues Erstaunen gerieten hier alle, besonders Sancho und Don Quijote: Sancho, weil er sah, daß der Wahrheit zum Trotz Dulcinea verzaubert sein sollte; Don Quijote, weil er noch immer nicht zur Gewißheit kommen konnte, ob seine Erlebnisse in der Höhle des Montesinos Wirklichkeit seien oder nicht. Während er noch immer in diesen Gedanken verzückt war, fragte ihn der Herzog: »Gedenket Euer Gnaden zu warten, Señor Don Quijote?«

»Warum nicht?« antwortete er; »hier will ich unverzagt und starkmütig warten, und käm auch die ganze Hölle, mich anzufallen. «

»Ich aber«, sagte Sancho, »wenn ich wieder einen Teufel zu sehen und ein Horn zu hören bekomme wie vorhin, dann warte ich hier am Ort so gewiß, als ich jetzt draußen bei den Truppen in Flandern stehe.«

Unterdessen war die Nacht tiefer hereingebrochen, und es begannen zahlreiche Lichter durch den Wald zu irren, geradeso wie am Himmel die trockenen Ausdünstungen der Erde umherschweifen, welche unsern Augen wie fallende Sterne erscheinen. Zugleich vernahm man ein grausiges Gepolter, ähnlich dem jener schweren Balkenräder, die man an Ochsenkarren sieht und vor deren fortwährendem heftigem Stoßen und Knarren, wie man sagt, die Wölfe und Bären flüchten, wenn es solche da gibt, wo diese Karren vorüberfahren. Zu diesem ganzen Unwetter kam noch eines, das alles andre übertobte: es schien nämlich geradeso, als ob auf allen vier Seiten des Waldes zugleich vier Treffen oder Schlachten geliefert würden, denn an einer Seite erscholl das mächtige Donnern furchtbarer Geschütze, anderwärts wurde aus unzähligen Musketen gefeuert, schier dicht dabei erschollen die Rufe der kämpfenden Krieger, weiterhin hörte man aufs neue das La-Illáh-il-Alláh der Söhne Hagars. Kurz, die Jagd- und Waldhörner, die Ochsenhörner; die Trompeten, die Oboen und Zinken, die Trommeln, das Geschütz, die Musketen und vor allem das erschreckliche Knarren und Dröhnen der Karren, das alles zusammen bildete ein so wirres, so grausiges Gelärm, daß Don Quijote all seine Herzhaftigkeit zu Hilfe nehmen mußte, um es auszuhalten. Aber Sanchos Mut sank danieder, er fiel ohnmächtig der Herzogin gerade in die Schöße ihres Gewandes; sie fing ihn darin auf und befahl eiligst, ihm Wasser ins Gesicht zu spritzen.

Das geschah, und er kam wieder zu sich, im Augenblick, wo gerade einer der Karren mit den knarrenden Rädern dort bei dem Jagdstand anlangte. Es zogen ihn vier langsam schreitende Ochsen, alle prächtig mit schwarzen Schabracken behangen; an jedem Horn trugen sie eine brennende Wachsfackel festgebunden, und oben auf dem Karren war ein hoher Sitz angebracht, auf dem ein ehrwürdiger Greis saß mit einem Barte, weißer als Schnee und so lang, daß er ihm bis unter den Gürtel reichte; bekleidet war er mit einem langen Mantel von schwarzem Barchent. Da der Karren mit zahllosen Lichtern besteckt war, konnte man alles darauf Befindliche erkennen und unterscheiden. Den Karren führten vier scheußliche Teufel, in den nämlichen Barchent gekleidet, mit so scheußlichen Gesichtern, daß Sancho, nachdem er sie einmal angeblickt, die Augen schloß, um sie nicht noch einmal zu sehen. Als nun der Karren ganz herangekommen war, erhob sich der ehrwürdige Greis von seinem Sitze, stellte sich aufrecht und rief mit mächtiger Stimme: »Ich bin der Zauberer Lirgandéo«; und der Karren zog fürbaß, ohne daß der Greis ein Wort hinzugefügt hätte.

Diesem Karren folgte ein andrer von gleicher Art, auf dem wieder ein Greis thronend saß; dieser ließ den Karren halten und sprach mit nicht minder feierlichem Ton: »Ich bin der Zauberer Alquife, der vertraute Freund Urgandas der Unerkannten.« – Und er zog fürbaß.

Alsbald kam ein dritter Karren, von außen und innen wie der vorige; aber auf dem Throne saß kein Greis wie die andern, sondern ein kräftiger Mann von bösartigem Aussehen, der, als er herannahte, wie die andern aufstand und mit einer noch rauheren, teuflischeren Stimme sprach: »Ich bin Arkalaus der Zauberer, der Todfeind des Amadís von Gallien und seiner ganzen Sippschaft.« – Und er zog fürbaß.

Nicht weit von da machten die drei Karren halt, das widerwärtige Gelärm ihrer Räder hörte auf, und man vernahm dafür ein andres, nicht Gelärm, sondern Getöne, von einer süßen und wohlklingenden Musik herrührend. Darob ward Sancho froh und hielt es für ein gutes Zeichen, und er sprach daher zur Herzogin, von der er sich keinen Augenblick und keinen Schritt weit entfernte: »Señora, wo Musik ist, da kann nichts Böses sein.«

»Auch wo Licht und Helle ist«, erwiderte die Herzogin.

Darauf entgegnete aber Sancho: »Licht gibt auch das Feuer und Helle der Scheiterhaufen, wie wir es an den Flammen sehen, die uns umringen, und es wäre wohl möglich, daß sie uns verbrennen; aber die Musik ist immer ein Zeichen der Freuden und Festlichkeiten.«

»Das wird sich finden«, sagte Don Quijote, der alles mit angehört hatte; und er sagte wahr, wie sich in folgendem Kapitel zeigen wird.

35. Kapitel


Wo über die Weisung, die Don Quijote betreffs der Entzauberung Dulcineas erhielt, weiter berichtet wird, nebst anderen, staunenswerten Begebnissen

Nach dem Takte der lieblichen Musik kam ein Karren oder Wagen auf sie zu, einer von der Art, die man Triumphwagen nennt, von sechs grauen Maultieren gezogen, die mit weißem Linnen behangen waren. Auf jeglichem saß ein Kerl, aussehend wie einer, der zur Kirchenbuße geführt wird, das heißt ebenfalls weißgekleidet und mit einer großen brennenden Wachsfackel in der Hand. Der Karren war zwei- oder auch dreimal so groß als die vorigen, und an den Seiten, sowie oben darauf, befanden sich noch zwölf solcher Bußbrüder in schneeweißen Kitteln, alle mit brennenden Fackeln, ein Anblick, der ebenso wunderbar wie schauerlich war; und auf einem hohen Throne saß eine Maid, gehüllt in zahllose Schleier aus Silberflor, durch welche allwärts zahllose Goldflitter hindurchglitzerten, so daß ihr Gewand wenn nicht reich, so doch blendend war. Ihr Angesicht war in einen feinen durchsichtigen Schleier gehüllt, dessen Gewebe nicht hinderte, daß man ein wunderschönes Mädchengesicht erblickte, und die vielen Lichter gestatteten es, dessen Schönheit und Alter zu erkennen, das zwischen zwanzig und siebzehn Jahren zu liegen schien. Neben ihr saß eine Gestalt, in ein langes Schleppkleid bis über die Füße gehüllt, den Kopf mit einem schwarzen Schleier bedeckt. Im Augenblick aber, wo der Wagen dem herzoglichen Paare und Don Quijote gegenüber hielt, schwiegen die Oboen und gleich darauf die Harfen und Lauten, die auf dem Karren erklangen, und die Gestalt im Schleppkleide erhob sich, schlug das Gewand nach beiden Seiten auseinander, nahm den Schleier vom Kopf und zeigte sich allen Augen als die leibhaftige Gestalt des Todes, des häßlichen Gerippes. Darüber empfand Don Quijote Mißbehagen, Sancho zitterte vor Furcht, und auch Herzog und Herzogin zeigten sich ein wenig ängstlich.

Dieser lebendige Tod erhob sich, stellte sich aufrecht und begann mit einer Stimme, die ziemlich schläfrig, und einer Sprache, die gerade nicht sehr aufgeweckt war, folgendermaßen zu reden:

»Ich bin Merlin, der, wie in den Geschichten
Es heißt, den Teufel selbst zum Vater hatte;
’s ist Lüge, die allmählich Glauben fand.
Ich bin der Fürst der Zauberkunst, der König
Und Inbegriff von Zoroasters Weisheit,
Im Kampf stets mit der Feindschaft der Jahrhunderte,
Die zu verdunkeln trachtet die gewaltgen
Großtaten der beherzten fahrenden Ritter,
Die ich in Liebe stets gehegt und hege.

Und wenn auch allezeit die weisen Zaubrer,
Die Magier oder Magiker, die schlauen,
Hart von Gemüte sind und rauh und strenge,
Das meine doch ist weich und mild und liebreich,
Und allem Volke wohlzutun geneiget.

Es drang zu Plutos traurig dunkeln Höhlen
(Wo meine Seele sich damit vergnügte,
Zu ziehn gewisse Linien und Figuren)
Der Schmerzensruf der Jungfrau ohnegleichen,
Der schönen Dulcinea von Toboso.

Ihr Unglück samt Verzauberung vernahm ich,
Und die Verwandelung aus edler Dame
Zu einer Bäuerin vom Dorf; mich schmerzt‘ es,
Und ich durchblättert‘ hunderttausend Bücher,
Die meine teuflisch argen Künste lehren,
Und sperrte meinen Geist dann in den hohlen
Raum dieses grimmen schrecklichen Gerippes
Und komme nun, das Rettungsmittel spendend,
Das hilfreich solchem Schmerz und solchem Wehe.

Du aber, Ruhm und Ehr all derer, welche
Sich kleiden ins Gewand von Stahl und Demant,
Du Licht und Leuchte, Leitstern, Pfad und Führer
All jener, die, sich dumpfem Schlaf entreißend
Und trägen Daunen, eifrig sich bereiten,
Das unerträglich harte Werk zu üben
Der blutigen und drückend schweren Waffen:

Dir sag ich, edler Mann, du nie so würdig,
Wie dir gebührt, gepriesner, du mannhafter
Zugleich und hochverständiger Don Quijote,
O du, der Mancha Glanz, der Stern Hispaniens:
Damit sie ihren früheren Zustand wieder
Erlangen möge, sie, die ohnegleichen,
Die hohe Dulcinea von Toboso,
Ist’s nötig, daß sich selbst dein Knappe Sancho
Dreitausend Hiebe und dreihundert gebe
Hier auf sein mächtig Paar Sitzteile, beide
Den Lüften ganz entblößt, und zwar so kräftig,
Daß ihn die Hiebe brennen, schmerzen, ärgern.
Dies ist Beschluß all jener Zaubrer, deren
Gewalt die Maid mit solchem Gram beschwerte,
Und dies ist meines Kommens Zweck, Verehrte.«

»Hol mich der und jener!« rief Sancho; »dreitausend Hiebe? Auch nur drei gebe ich mir ebensowenig wie drei Dolchstöße. Hol der Teufel diese Entzauberungs-Manier; ich weiß nicht, was meine Sitzteile mit den Zaubersachen zu tun haben. Bei Gott, wenn der Herr Merlin keine andre Manier gefunden hat, das Fräulein Dulcinea von Toboso zu entzaubern, kann sie verzaubert in die Grube fahren.«

»Wahrlich, ich will Ihn fassen«, rief Don Quijote, »Er Bauernlümmel, Er Knoblauchfresser, und will Ihn an einen Baum anbinden, nackt und bloß, wie Er aus dem Mutterleib gekommen, und will Ihm, ich sage nicht dreitausenddreihundert, sondern scchstausendsechshundert Hiebe aufmessen, und die sollen so gut sitzen, daß Er sich dreitausenddreihundertmal schütteln kann und schüttelt sie nicht ab; und sag Er mir kein Wort, oder ich reiße Ihm die Seele aus dem Leib!«

Als Merlin das hörte, sagte er: »Nein, so darf es nicht sein, denn die Hiebe, die er empfangen soll, darf er nur aus freiem Willen und nicht mit Gewalt bekommen und nur dann, wann er es will, da ihm keine Frist dazu gesetzt ist. Jedoch wenn er die ihm auferlegte Pön mit der Hälfte dieser Prügel abkaufen will, darf er sie sich von fremder Hand geben lassen, wenn es auch eine etwas schwere Hand sein sollte.«

»Weder fremde noch eigene Hand, weder eine schwere noch eine beschwerte«, entgegnete Sancho; »mich soll keine Hand berühren. Hab ich vielleicht das Fräulein Dulcinea von Toboso auf die Welt gesetzt, daß meine Sitzteile büßen sollen, was ihre Augen gesündigt haben? Mein Herr, der Ritter, ist der Mann dazu, denn sie ist ein Teil von ihm selbst; da er sie auf Schritt und Tritt ›mein Leben‹ und ›meine Seele‹ nennt, seine Stütze und seinen Stab, so kann und soll er sich die Hiebe für sie aufstreichen und alle erforderlichen Maßregeln zu ihrer Entzauberung vornehmen; aber ich mir Hiebe versetzen? Da sei Gott für!«

Kaum hatte Sancho ausgesprochen, als die Maid im Silbergewand, die bei Merlins Geist saß, sich erhob, den dünnen Schleier zurückschlug und ein Antlitz zeigte, das allen mehr als allzu reizend erschien; dann aber wendete sie sich mit der dreisten Unbefangenheit eines Mannes geradeswegs an Sancho und sprach mit einer nicht gerade weiblichen Stimme: »O du unglückseliger Schildknappe, du Waschlappenseele, du Herz von Eichenholz, du Gemüt von Kiesel und Feuerstein! Wenn man dir geböte, du Schelm, du frecher Geselle, du solltest dich von einem hohen Turme herabstürzen; wenn man von dir verlangte, du Feind des Menschengeschlechts, du solltest ein Dutzend Kröten, zwei Dutzend Eidechsen und drei Dutzend Schlangen aufessen; wenn man dir zumuten wollte, du solltest dein Weib und deine Kinder mit einem grausigen scharfen Mohrensäbel morden, da war’s kein Wunder, wenn du dich sträubtest und wehrtest. Aber aus dreitausenddreihundert Hieben sich was zu machen, die doch der nichtsnutzigste Schulknabe allmonatlich bekommt, das erstaunt, erschüttert, entsetzt die erbarmungsreichen Herzen derer, so es anhören, ja all jener, die einst im Verlauf der Zeiten dessen Kunde erlangen werden. Wende, o du elende und herzverhärtete Bestie, wende, sag ich, diese deine scheuen Eulenaugen, wende sie auf die Pupillen meiner Äuglein hier, die vergleichbar funkelnden Sternen, und du wirst sehen, wie sie Tränen vergießen, Tropfen um Tropfen und Bäche auf Bäche, die da Furchen und Pfade und Wege eingraben auf den holden Fluren meiner Wangen. Erbarme dich, du böswilliges Ungetüm, meines blühenden Alters, das die Zwanzig noch nicht erreicht hat, denn ich zähle erst neunzehn Jahre, und das sich verzehren und welken muß unter der Rinde einer Bauerndirne, die ackert und pflügt; und wenn ich anitzo nicht als solche erscheine, so ist’s eine besondere Gnade, die mir der hier gegenwärtige Señor Merlin nur deshalb erwiesen hat, damit meine Reize dich erweichen mögen; können doch die Tränen einer schmerzbedrückten Schönheit Felsen in Baumwollflocken und Tiger in Lämmer verwandeln. Haue dir, haue dir auf dein strotzendes Fleisch, du ungezähmtes Untier, und reiß aus seiner Trägheit heraus deinen Mut, der dich bis jetzt nur zum Essen und immer Essen antreibt, und setze in Freiheit die Glätte meiner Haut, die Zartheit meiner Gestaltung und die Reize meines Angesichts. Und willst du dich nicht um meinetwillen erweichen und zur Vernunft bringen lassen, so tu es um dieses armen Ritters willen, den du hier dir zur Seite siehst; um deines Freundes willen, sag ich, denn ich sehe seine Seele ihm schon quer in der Kehle stecken, keine zehn Zoll weit von den Lippen, und sie wartet nur auf deine grausame oder freundliche Antwort, um entweder zum Munde herauszufahren oder wieder in den Magen zurückzukehren.«

Als Don Quijote das hörte, fühlte er sich an die Kehle und sagte, zum Herzog gewendet: »Bei Gott, Señor, Dulcinea hat wahr geredet; hier hab ich die Seele quer in der Kehle sitzen wie die Nuß an der Armbrust.«

»Was sagt Ihr aber dazu, Sancho?« fragte die Herzogin.

»Ich sage, Señora«, antwortete Sancho, »was die Hiebe angeht: Da sei Gott für!«

»Da sei Gott vor, müßt Ihr sagen, Sancho, und nicht so, wie Ihr Euch ausdrückt«, sprach der Herzog.

»Laßt mich, bitt ich Eure Hoheit«, entgegnete Sancho; »ich bin jetzt nicht in der Stimmung, auf Spitzfindigkeiten zu sehen oder auf einen Buchstaben mehr oder weniger, denn ich bin so verstört über die Hiebe, die ich bekommen oder mir selber aufmessen soll, daß ich nicht weiß, was ich sage und was ich tue. Aber ich möchte wohl von meinem gnädigen Fräulein, dem Fräulein Dulcinea von Toboso, hören, wo sie ihre besondere Manier zu bitten gelernt hat. Sie kommt und verlangt von mir, ich soll mir die Haut mit Hieben zerfetzen, und heißt mich eine Waschlappenseele und ein ungezähmtes Untier nebst einem ganzen Haufen von ähnlichen Schimpfnamen, der Teufel mag sie sich gefallen lassen. Hab ich etwa Haut und Fleisch von Erz? Oder steht bei mir etwas auf dem Spiel, ob sie entzaubert oder nicht entzaubert wird? Was für einen Korb mit Weißzeug, Hemden, Kopftüchern und Socken, obgleich ich dergleichen nicht trage, bringt sie mir her, um mich freundlich zu stimmen? Nichts als ein Schimpfwort über das andere, während sie doch das Sprichwort kennt, das hierzulande bräuchlich ist: Ein Esel mit Gold beladen klettert leicht über den Berg, und Geschenke sprengen Felsen, und auf Gott sollst du vertrauen und mit der Keule hauen; und ein Hab-ich ist mehr wert als zwei Hätt-ich. Und hier der Señor, mein Dienstherr, der mir gütlich über den Berg helfen sollte, und sollte mich hätscheln, damit ich weich würde wie Wolle und gekrempelte Baumwolle, der sagt, wenn er mich zu fassen kriegt, will er mich nackt und bloß an einen Baum anbinden und mir doppelt so viele Hiebe geben. Und doch hätten diese Herrschaften in ihrem großen Mitleid bedenken sollen, daß sie nicht nur einem Schildknappen, sondern einem Statthalter zumuten, sich durchzuhauen; wie man zum Durstigen sagt: Trinke mit Sauerkirschen! Ihr sollt lernen, Schwerenot! Ihr sollt erst lernen, wie man zu bitten hat und wie man zu verlangen hat und wie man sich höflich benimmt; denn eine Zeit ist nicht wie die andere, und die Menschen sind nicht immer bei guter Laune. Jetzt im Augenblick möcht ich bersten vor Leid, weil ich meinen grünen Rock zerfetzt an mir sehe, und da kommen sie und verlangen von mir, ich soll mich aus freiem Willen hauen, während mein freier Wille so wenig damit zu tun hat, als daß ich ein Kazike werde.«

»Nun dann, Freund Sancho«, sprach der Herzog, »wenn Ihr nicht doch noch weich werdet wie eine reife Feige, wahrlich, da sollt Ihr die Statthalterschaft nicht bekommen. Das wäre nicht übel, daß ich meinen Insulanern einen Statthalter schickte, der grausam und steinernen Herzens ist und den weder die Tränen bedrängter Jungfrauen rühren noch die Bitten verständiger, hochgebietender und alterfahrener Zauberer und Weiser. Mit einem Wort, Sancho, entweder Ihr müßt Euch Eure Hiebe aufzählen oder sie aufgezählt bekommen, oder Ihr könnt kein Statthalter werden.«

»Señor«, entgegnete Sancho, »könnte ich nicht zwei Tage Frist bekommen, um zu bedenken, was für mich am besten ist?«

»Nein, unter keiner Bedingung«, fiel Merlin jetzt ein; »hier auf der Stelle muß festgesetzt werden, was aus diesem Handel werden soll. Entweder kehrt Dulcinea in die Höhle des Montesinos und in ihren vorigen Zustand als Bäuerin zurück, oder aber sie wird in ihrer gegenwärtigen Gestalt in die elysäischen Gefilde entrückt, wo sie weilen und erwarten wird, daß die Zahl der Hiebe erfüllt werde.«

»Auf, guter Sancho«, sprach die Herzogin, »zeigt guten Mut und ein gutes Herz und Dankbarkeit für das Brot, das Ihr bei Eurem Herrn Don Quijote gegessen habt, dem wir alle zu Diensten und gefällig sein müssen für seine guten Eigenschaften und seine hohen Rittertaten. Gebt Euer Jawort, lieber Junge, zu dieser Prügelsuppe, und mag der Teufel zum Teufel fahren und die Furcht zu den Hasenfüßen, denn guter Mut überwindet böses Geschick, wie Ihr wohl wisset.«

Auf diese Ansprache antwortete Sancho mit einer ganz abwegigen Frage, die er an Merlin richtete: »Sagt mir doch, Señor Merlin, wie der Teufel als Kurier herkam, brachte er meinem Herrn eine Meldung vom Señor Montesinos, nämlich er trug ihm in dessen Namen auf, ihn hier zu erwarten, weil er zur Entzauberung des Fräuleins Dulcinea Anstalt treffen solle; bis jetzt aber haben wir weder den Montesinos gesehen noch irgend etwas, das ihm ähnlich sieht.«

Darauf antwortete Merlin: »Der Teufel, Freund Sancho, ist ein dummer Kerl und der allergrößte Spitzbube. Ich habe ihn ausgeschickt, um Euern Herrn aufzusuchen; aber nicht mit einer Meldung von Montesinos, sondern von mir; denn Montesinos weilt ruhig in seiner Höhle, wo er auf seine Entzauberung bedacht ist oder, richtiger gesagt, auf sie wartet; denn es fehlt nur noch der Schwanz, so ist ihm die ganze Haut abgezogen. Ist er Euch etwas schuldig oder habt Ihr ein Geschäft mit ihm, so will ich ihn Euch dahin schaffen und zur Stelle bringen, wohin Ihr ihn nur immer haben wollt. Für jetzt aber gebt endlich das Jawort zu Eurer Geißelung und glaubt mir, sie wird Euch zu großem Heil gereichen, sowohl für die Seele als auch für den Leib: für die Seele um der Nächstenliebe willen, mit der Ihr sie verrichten werdet; für den Leib, weil ich weiß, Ihr seid vollblütig von Natur, und es kann Euch keinen Schaden tun, Euch ein wenig Blut abzuzapfen.«

»Es gibt viel Ärzte auf der Welt, selbst die Zauberer sind Ärzte«, versetzte Sancho. »Aber da alle mir dasselbe sagen, wiewohl ich meinesteils es nicht einsehe, so sag ich denn, ich bin’s zufrieden, mir die dreitausenddreihundert Hiebe zu geben unter der Bedingung, daß ich sie mir geben darf, wann und wo ich will, und daß man mir keine Vorschriften macht von wegen bestimmter Tage und Fristen; und alsdann will ich danach trachten, meine Schuld so bald als möglich loszuwerden, auf daß die Welt endlich die Schönheit des Fräuleins Dulcinea von Toboso zu genießen bekomme, sintemal sie ja nun offenbar und ganz entgegen meiner eigenen früheren Ansicht wirklich schön ist. Eine weitere Bedingung ist, daß ich nicht gehalten bin, die Geißel so zu brauchen, daß Blut fließt und daß, wenn auch einmal ein paar Hiebe leicht fallen wie beim Mückenscheuchen, sie mir doch in Anrechnung zu bringen sind. Item, wenn ich mich verzählen sollte, so muß der Señor Merlin, der ja alles weiß, das Zählen selber übernehmen und mich benachrichtigen, ob etliche fehlen oder ob etliche zuviel sind.«

»Über das Zuviel wird es keiner Benachrichtigung bedürfen«, entgegnete Merlin; »denn sobald die Zahl voll ist, so wird im Nu und ohne daß man sich’s versieht, das Fräulein Dulcinea entzaubert sein und voll Erkenntlichkeit den biedern Sancho aufsuchen und ihm Dank und auch Belohnung für das gute Werk spenden. Also braucht Ihr Euch nicht um das Zuviel oder Zuwenig zu sorgen, und Gott verhüte, daß ich jemanden betröge, wär es auch nur um ein Haar seines Hauptes.«

»Nun wohlan, in Gottes Namen«, sagte Sancho; »ich willige in mein eigen Unglück ein; ich erkläre, ich nehme die Buße an unter den festgesetzten Bedingungen.«

Kaum hatte Sancho diese letzten Worte gesprochen, so begann aufs neue die Musik der Oboen zu ertönen, abermals begannen unzählige Musketen zu feuern, und Don Quijote fiel um Sanchos Hals und gab ihm tausend Küsse auf Stirn und Wangen. Die Herzogin und der Herzog und alle Umstehenden bezeigten große Freude; der Karren setzte sich in Bewegung, und beim Vorüberfahren neigte die schöne Dulcinea ihr Haupt vor dem herzoglichen Paare und machte vor Sancho eine tiefe Verbeugung.

Und jetzt kam schon eiligen Schrittes die heiter lächelnde Morgenröte; die Blümlein des Feldes erschlossen sich und reckten die Köpfchen empor, und die flüssigen Kristalle der Bächlein, zwischen weißen und grauen Kieseln hinmurmelnd, eilten hinab, um den ihnen entgegenharrenden Strömen ihren Zoll zu entrichten; die Erde so freudig, der Himmel so hell, die Luft so rein, das Licht so heiter, jedes für sich allein und alles vereint deutete mit voller Gewißheit darauf, daß der Tag, der bereits auf Aurorens Schleppe trat, nicht minder hell und heiter sein würde. Die herzoglichen Gatten aber, zufrieden mit ihrer Jagd und vergnügt über die geschickte und geglückte Ausführung ihres Planes, kehrten zu ihrem Schlosse zurück mit dem Vorsatz, noch mehr solcher lustiger Streiche zu spielen. Denn es gab für sie nichts Ernstes, das ihnen größere Ergötzlichkeit schaffen konnte als diese Scherze.

36. Kapitel


Darin das seltsamliche und bis heut unerhörte Abenteuer mit der Kammerfrau Schmerzenreich, sonst auch Gräfin Trifaldi geheißen, berichtet wird, benebst einem Brief, welchen Sancho Pansa an seine Frau Teresa Pansa geschrieben

Der Herzog hatte einen Haushofmeister, der große Lust an Scherzen hatte und stets heiterer Laune war. Er war es, der die Rolle des Merlin gespielt und alle Vorkehrungen zum vorigen Abenteuer getroffen, die Verse verfaßt und einen Edelknaben die Rolle der Dulcinea hatte spielen lassen. Jetzt, unter Mitwirkung seiner Herrschaft, traf er nun Anstalt zu einem andern Abenteuer von so komischer und kunstvoller Erfindung, wie man sich nur denken kann.

Am folgenden Tage richtete die Herzogin an Sancho die Frage, ob er das Werk der Buße schon begonnen habe, das er für Dulcineas Entzauberung vollbringen solle. Er bejahte dies und erklärte, er habe sich diese Nacht schon fünf Hiebe gegeben. Die Herzogin fragte: »Womit denn?« Er antwortete: »Mit der Hand.«

»Das«, sagte die Herzogin, »heißt eher sich mit der Hand klatschen als sich Hiebe aufmessen. Ich glaube, mit einem so gelinden Verfahren wird sich der weise Merlin nicht zufriedengeben. Es wird erforderlich sein, daß der wackere Sancho etwa eine Stachel- oder Knotengeißel anwendet, die man gehörig fühlt; denn sollen die Buchstaben fest sitzen, muß der Buckel Blut schwitzen, und so billig ist die Erlösung einer hohen Dame wie Dulcinea nicht zu haben und nicht um so geringen Preis. Auch möge Sancho bedenken, daß gute Werke, wenn sie schlaff und lau verrichtet werden, unverdienstlich und wertlos sind.«

Sancho entgegnete darauf: »Wolle mir Eure Herrlichkeit eine richtige Geißel oder einen Strick geben, dann will ich mir damit Hiebe aufzählen, wenn es mir nur nicht allzu weh tut; denn ich tue Euer Gnaden zu wissen, wenn ich auch ein Bauer bin, hat meine Haut doch mehr von Baumwolle an sich als von Esparto, und es wäre nicht recht, mich für einen andern gar zu zerfleischen.«

»Ganz recht«, versetzte die Herzogin, »ich will Euch morgen eine Geißel geben, die für Euch gerade wie gemacht ist und die sich mit der Zartheit Eurer Haut so gut vertragen soll, als wären es leibliche Geschwister.«

Hierauf sagte Sancho: »Liebste Herzens-Herzogin, Eure Hoheit muß auch wissen, daß ich meiner Frau Teresa Pansa einen Brief geschrieben habe, der ihr alles kundtut, was mir begegnet ist, seit ich von ihr Abschied genommen. Hier hab ich ihn vorn auf der Brust, es fehlt weiter nichts daran als die Aufschrift. Ich wünschte, Euer Wohlverständigkeit möchte ihn lesen, weil ich meine, er stimmt völlig zum Statthalterwesen, ich meine, zu der Art, wie Statthalter schreiben müssen.«

»Und wer hat ihn denn aufgesetzt?« fragte die Herzogin.

»Wer sollte ihn denn aufgesetzt haben als ich armer Sündenmensch?« antwortete Sancho.

»Habt Ihr ihn denn auch selber geschrieben?« sagte die Herzogin.

»Da ist kein Gedanke daran«, antwortete Sancho, »denn ich kann weder lesen noch schreiben, wenn ich auch meinen Namen unterzeichnen kann.«

»Wir wollen ihn ansehen«, versetzte die Herzogin; »ganz gewiß habt Ihr in dem Briefe die Eigentümlichkeit und Tüchtigkeit Eurer Geistesgaben an den Tag gelegt.«

Sancho zog einen offenen Brief aus dem Busen hervor; die Herzogin nahm ihn und las folgendes:

Brief Sancho Pansas an seine Frau Teresa Pansa

Kriegt ich Hiebe schwer und mächtig, ritt ich auch einher gar prächtig; hab ich eine schöne Statthalterschaft, so kostet’s mich auch schöne Geißelhiebe. Das, meine Teresa, wirst du für jetzt nicht verstehen; ein andermal sollst du’s erfahren. Du mußt wissen, Teresa, daß ich mich entschlossen habe, du sollst in der Kutsche fahren, das ist die Hauptsache, denn jede andre Art fortzukommen ist gerade, als wenn man auf allen vieren kriecht. Du bist eines Statthalters Frau; sieh, ob jemand wagen wird, dich in die Ferse zu beißen. Hier schicke ich dir ein grünes Jägerkleid, meine gnädige Frau Herzogin hat mir’s geschenkt; mach es zurecht, daß es Rock und Leibchen für unsre Tochter gibt. Don Quijote, mein Dienstherr, ich hab hierzulande sagen hören, er wäre ein Narr voller Gescheitheit und ein Tollhäusler voll hübscher Einfalle und ich stünde nicht hinter ihm zurück. Wir sind in der Höhle des Montesinos gewesen, und der weise Zauberer Merlin hat ein Auge auf mich geworfen behufs Entzauberung der Dulcinea von Toboso, die dorten bei Euch Aldonza Lorenzo heißt. Mit dreitausenddreihundert Geißelhieben weniger fünf, die ich mir geben soll, soll sie aus aller Verzauberung sein, so wie ihre leibliche Mutter gewesen. Sag aber niemandem etwas davon, denn willst du um Rat deine Nachbarn fragen, wird einer weiß, der andre schwarz sagen. Heut über etliche Tage will ich nach meiner Statthalterei abgehen, und ich hab die allergrößte Lust, mir ein tüchtiges Stück Geld zu machen, denn es ist mir gesagt worden, jeder neue Statthalter geht mit demselben Verlangen hin. Ich will der Statthalterei den Puls fühlen und dir dann Nachricht geben, ob du kommen und bei mir bleiben sollst oder nicht. Unser Grauer befindet sich wohl und schickt dir viele Grüße, und ich gedenke ihn nicht von mir zu lassen, und wenn man mich zum Großtürken machen wollte. Die Herzogin, meine Gebieterin, küßt dir die Hände tausendmal, schick ihr dafür zweitausend Handküsse zurück; es gibt ja nichts, was weniger kostet und mehr einträgt als höfliche Manieren, wie mein Herr sagt. Es hat Gott nicht gefallen, mir abermals einen Mantelsack mit abermals hundert Goldstücken zu bescheren wie den von dazumal; aber das braucht dir keinen Kummer zu machen, Teresa mein, denn wer im Turme Sturm läutet, ist sicher vor der Gefahr draußen, und im letzten Aufwasch findet sich alles bei der Statthalterei. Aber es hat mir große Sorge gemacht, daß die Leute mir sagen, wenn ich sie einmal geschmeckt habe, würde ich mir danach alle Finger aufessen; und wenn das der Fall wäre, würde sie mich nicht billig zu stehen kommen. Zwar stehen sich die Lahmen und die Krüppel mit dem, was sie erbetteln, nicht schlechter als die Domherren mit ihrer Pfründe. Mithin wirst du sicher auf die eine oder die andre Art reich werden und im Glück sitzen. Solches Glück wolle Gott dir verleihen und mir Leben und Gesundheit zu deinem Besten.
Gegeben auf diesem Schlosse, am 20. Julius 1614
Dein Mann, der Statthalter Sancho Pansa

Als die Herzogin den Brief zu Ende gelesen, sprach sie zu Sancho: »In zwei Punkten ist der wackere Statthalter ein wenig irregegangen. Erstens, wenn er sagt oder zu verstehen gibt, diese Statthalterschaft sei ihm für die Geißelhiebe gegeben worden, die er sich aufmessen soll, während er doch weiß und es nicht leugnen kann, daß, als der Herzog, mein Gemahl, sie ihm versprach, man noch nicht einmal im Traum daran dachte, daß es Geißelhiebe auf der Welt gäbe. Der andre Punkt ist, daß er sich in dem Brief sehr habgierig zeigt, und ich möchte nicht, daß er sich in den Finger schneidet; Habsucht zerreißt den Sack, und unter einem habgierigen Statthalter kann das Recht nicht seine rechte Statt finden.«

»So hab ich das nicht gemeint, Señora«, entgegnete Sancho; »und wenn Euer Gnaden meint, selbiger Brief wäre nicht so, wie er sein soll, so braucht’s nichts weiter, als ihn zu zerreißen und einen andern zu schreiben, und da wär’s möglich, er würde noch schlechter, wenn’s meinem eignen Hirnkasten überlassen bleibt.«

»Nein, nein«, versetzte die Herzogin, »der Brief ist gut so, und der Herzog soll ihn auch lesen.«

Hiermit begaben sie sich in den Garten, wo man diesen Tag die Tafel halten wollte. Die Herzogin zeigte dem Herzog Sanchos Brief, der ihm den größten Spaß machte. Es wurde gespeist, und nachdem abgedeckt war und die Gastgeber sich geraume Zeit an Sanchos gewürzter Unterhaltung ergötzt hatten, vernahm man plötzlich den schwermütig klagenden Ton einer Querpfeife und den Schall einer heiseren gedämpften Trommel. In allen Gesichtern zeigte sich der Ausdruck der Bestürzung ob dieser mißtönigen kriegerischen und trübseligen Musik; am meisten bei Don Quijote, der es vor lauter Unruhe nicht auf seinem Stuhl aushalten konnte. Von Sancho braucht man nichts weiter zu sagen, als daß die große Angst ihn zu seiner gewöhnlichen Zufluchtsstätte trieb, nämlich in die nächste Nähe oder hinter die Rockschöße der Herzogin; denn das Getön, das sich hören ließ, war wirklich und wahrhaftig höchst kläglich und wehmütig. Als sie nun alle so in gespannter Erwartung dastanden, sahen sie, wie zwei Männer in den Garten traten und näher kamen, beide in Trauergewändern, so lang und tief herunterfallend, daß sie ihnen auf dem Boden nachschleiften, und diese Männer schlugen zwei große Trommeln, die ebenfalls schwarz verhängt waren. Ihnen zur Seite schritt der Pfeifer, raben- und pechschwarz wie die andern beiden. Auf diese dreie folgte ein Mann von riesenhafter Gestalt, in einen gleichfalls dunkelschwarzen Talar nicht sowohl gekleidet als auch vielmehr vermummt, dessen Schleppe wie bei den andern vor Länge ganz ungeheuerlich aussah. Über dem Talar ging ihm rings um die Hüften und quer über die Brust ein Wehrgehenk, ebenfalls schwarz, von dem ein übermäßig langer und breiter Pallasch herabhing, daran das Gefäß und die Beschläge und die Scheide schwarz waren. Er trug das Gesicht mit einem durchsichtigen schwarzen Schleier bedeckt, durch den ein ungewöhnlich langer schneeweißer Bart hindurchschimmerte. Seine Schritte bewegten sich nach dem Schall der Trommeln mit ernster Würde und Gelassenheit. Alles in allem war die Größe seiner Gestalt, sein gemessener Schritt, seine schwarze Tracht und sein Geleite ganz dazu angetan, jeden ängstlich zu machen, und machte wirklich jeden ängstlich, der ihn ansah und nicht kannte.

Mit diesem langsamen Gange und gelassenen Gebaren näherte er sich und warf sich auf die Knie vor dem Herzog, der ihn mit den andern Anwesenden stehend erwartete. Allein der Herzog wollte ihm durchaus nicht eher zu reden gestatten, bis er sich vom Boden erhöbe. Die riesige Schreckgestalt tat also, und sobald er sich aufgerichtet, hob er den Schleier von seinem Angesicht und ließ den greulichsten, längsten, weißesten, dichtesten Bart sehen, den bis jetzt Menschenaugen erschaut hatten, und sofort aus seiner breiten gewaltigen Brust eine tiefe klangvolle Stimme heraufholend und herauspressend und die Augen auf den Herzog heftend, sprach er: »Erhabenster und großmächtiger Herr, man nennt mich Trifaldin den Weißbart; ich bin Kammerjunker bei der Gräfin Trifaldi, die auch den Namen die Kammerfrau Schmerzenreich trägt; und von dieser bringe ich Euer Hoheit eine Botschaft, nämlich daß Euer Herrlichkeit geruhen möchte, ihr Vergunst und Urlaub zu gewähren, daß sie nahen dürfe, Euch ihr Leid und Weh kundzutun, welches wohl das unerhörteste und wundersamste Leid und Weh ist, so die leidvollste Phantasie auf Erden sich erdenken kann. Und zuvörderst begehrt sie zu vernehmen, ob in diesem Eurem Schlosse der mannhafte und nie besiegte Ritter Don Quijote von der Mancha weilt; denn sie ist auf der Suche nach ihm, zu Fuße und mit nüchternem Magen, vom Königreich Candaya bis zu diesem Eurem Herzogtum, was man für ein Wunder oder für ein Werk der Zauberei halten kann und muß. Sie harret an der Pforte dieser Feste oder dieses Lustschlosses und erwartet, um einzutreten, nur Eure Gutheißung. Ich habe gesprochen.«

Hierauf räusperte er sich, strich sich den Bart von oben bis unten mit beiden Händen und blieb in Ruhe und Schweigsamkeit der Antwort des Herzogs gewärtig, welche also lautete: »Bereits, mein wackerer Kammerjunker Trifaldin Weißbart, ist’s viele Tage her, seit wir Kunde von dem Mißgeschick unsrer Frau Gräfin Trifaldi haben, welche die Zauberer mit dem Namen Kammerfrau Schmerzenreich belegt haben. Allerdings könnt Ihr, staunenswerter Kammerjunker, ihr sagen, sie möge eintreten, und es befinde sich hier der mannhafte Ritter Don Quijote von der Mancha, von dessen großherzigem Sinne sie sich mit vollster Zuversicht jeden Schutz und jede Hilfe versprechen darf; und imgleichen könnt Ihr auch in meinem Namen ihr sagen, wenn sie meines Beistandes bedürfen sollte, so solle er ihr nicht fehlen; denn ihr ihn zu gewähren, bin ich schon darum verpflichtet, weil ich ein Ritter bin, in dessen Beruf es liegt und dem es zukommt, aller Art Frauen zu beschirmen, insbesondere würdige Damen, so verwitwet und an Ehre oder Gut geschädigt und schmerzenreich sind, wie es Hochdero Gnaden zweifelsohne sein muß.«

Trifaldin, da er solches vernommen, bog die Knie bis zum Boden, gab dem Pfeifer nebst den Trommlern ein Zeichen, aufzuspielen, ging unter derselben Musik und mit demselben Schritt, wie er hereingekommen, wieder zum Garten hinaus und ließ alle Anwesenden voller Verwunderung zurück ob seines Aussehens und seines Gebarens. Jetzt wendete sich der Herzog zu Don Quijote und sagte ihm: »Auf die Dauer, ruhmvoller Ritter, können die Finsternisse der Bosheit und Unwissenheit doch das Licht der Tapferkeit und Tugend nicht verdecken und verdunkeln. Ich sage dies, dieweil es kaum sechs Tage her ist, seit Eure Fürtrefflichkeit in diesem Schlosse weilt, und schon aus fernen und entlegenen Landen, nicht in Staatswagen oder auf Dromedaren, sondern zu Fuß und nüchternen Magens, kommen die Mühseligen und Beladenen, Euch aufzusuchen, voll Zuversicht, in diesem mächtigen Arme Hilfe zu finden für ihre Nöte und Drangsale; also ist’s dank Euren hohen Heldentaten, deren Ruhm über alle bis heute entdeckten Erdstriche verbreitet ist.«

»Ich möchte wohl, Herr Herzog«, entgegnete Don Quijote, »jener heilige Mann, der Geistliche, der neulich bei der Tafel so bösen Willen und so argen Groll gegen die fahrende Ritterschaft an den Tag legte, wäre hier zugegen, auf daß er mit seinen eignen Augen sähe, ob solche Ritter in der Welt nötig sind; jetzt könnte er mit Händen greifen, daß die, so in außergewöhnlichem Grade bedrängt und des Trostes bar sind, ihre Zuflucht in hochwichtigen Fällen und im schlimmsten Unglück nicht in den Häusern der Studierten noch der Dorfküster suchen noch bei dem Ritter, der es nie über die Gemarkung seines Dorfes hinausgebracht, noch bei dem müßigen Hofmann, der sich lieber nach Neuigkeiten umtut, um sie zu erzählen und zu verbreiten, als selber Werke und Taten zu verrichten, damit andre sie erzählen und niederschreiben. Zuflucht in Nöten, Hilfe in Bedrängnissen, Beschirmung der Jungfrauen, Trost der Witwen, das findet sich bei keinerlei Art von Menschen besser als bei den fahrenden Rittern; und daß ich es bin, dafür sag ich dem Himmel unendlichen Dank, und für hohen Gewinn erachte ich jegliche Widerwärtigkeit und Drangsal, die mich in diesem so ehrenvollen Berufe treffen könnte. So komme denn diese Kammerfrau und begehre, was ihr beliebt; ich biete ihr Hilfe und Rettung in der Kraft meines Arms und in der furchtlosen Entschlossenheit meines kampfbegierigen Geistes.«

31. Kapitel


Welches von vielen und wichtigen Dingen handelt

Unsäglich groß war die Freude, die Sancho in seinem Herzen trug, als er sich seiner Meinung nach in hoher Gunst bei der Herzogin sah; denn alsbald kam ihm der Gedanke, er werde in ihrem Schlosse dasselbe finden, was er in Don Diegos und in Basilios Hause gefunden, wie er denn stets aufs Wohlleben erpicht war; und daher ergriff er die Gelegenheit, sich gütlich zu tun, beim Schopfe, wann und wo sie sich ihm darbot.

Hier erzählt die Geschichte, daß, ehe sie zu dem Lusthaus oder Schloß kamen, der Herzog vorausritt und seiner gesamten Dienerschaft Befehl erteilte, auf welche Art und Weise sie Don Quijote behandeln sollten. Als dieser nun mit der Herzogin an der Pforte des Schlosses anlangte, traten im Augenblick zwei Lakaien oder Reitknechte heraus, gekleidet in prächtige bis auf die Füße herabfallende Röcke, sogenannte Hausröcke vom feinsten karmesinroten Atlas, und ehe Don Quijote sie nur recht gesehen oder gehört hatte, hoben sie ihn in ihren Armen vom Pferde und sagten ihm: »Wolle Euer Herrlichkeit sich bemühen, unserer gnädigen Frau Herzogin absteigen zu helfen.«

Don Quijote tat also, und es gab große Höflichkeitsbezeigungen von beiden Seiten über den Gegenstand; aber zuletzt siegte die Beharrlichkeit der Herzogin, die nur in den Armen des Herzogs von ihrem Zelter steigen oder sich herabheben lassen wollte, indem sie sagte, sie finde sich nicht würdig, einen so hohen Ritter mit so unnützer Beschwer zu belästigen. Der Herzog erschien denn endlich, um ihr herabzuhelfen, und beim Eintritt in den großen Innenhof nahten zwei schöne Jungfrauen und warfen dem Ritter einen weiten Mantel aus feinstem Scharlach über die Schultern; und im Nu füllten sich alle Galerien um den Hof her mit Dienern und Dienerinnen des herzoglichen Paares, die mit lauter Stimme riefen: »Willkommen sei die Blume und Perle der fahrenden Ritter!« Und gleichzeitig gossen sie wohlriechendes Wasser über Don Quijote und das herzogliche Paar. Über alles dies war Don Quijote höchlich verwundert, und es war dies der erste Tag, wo er ganz und gar an sich glaubte und erkannte, daß er in Wirklichkeit und nicht bloß in der Einbildung ein fahrender Ritter sei, da er sich ganz auf dieselbe Art behandelt sah, wie er es von den besagten Rittern in vergangenen Zeiten gelesen hatte.

Sancho ließ seinen Esel im Stich und hing sich an die Herzogin, er trat in das Schloß ein, und da er doch Gewissensbisse empfand, daß er seinen Grauen allein gelassen, wandte er sich an eine ehrwürdige Kammerfrau, die mit den anderen zur Begrüßung der Herzogin herausgekommen, und sagte zu ihr leise: »Señora Gonzalez oder wie sonst Euer Gnaden Name lautet…«

»Doña Rodríguez de Grijalba heiße ich«, antwortete die Kammerfrau; »was wünschet Ihr, guter Freund?«

Sancho antwortete: »Ich wünschte, Euer Gnaden erwiese mir die Gnade, sich vors Tor des Schlosses zu verfügen, wo Ihr einen mir gehörigen grauen Esel finden werdet; Euer Gnaden geliebe, ihn in den Stall bringen zu lassen oder hineinzubringen, denn das arme Tierchen ist ein wenig furchtsam und wird sich unter keiner Bedingung darein finden, allein zu bleiben.«

»Wenn der Herr so anständig ist wie der Diener«, antwortete die Kammerfrau, »so sind wir gut daran! Geht selber, guter Freund, geht zum Henker, Ihr und der Euch hergebracht hat! Geht und sorgt für Euren Esel; wir Kammerfrauen in diesem Hause sind dergleichen Verrichtungen nicht gewohnt.«

»Aber wirklich«, entgegnete Sancho, »ich habe von meinem Herrn gehört, der hat alle Geschichten mit der Wünschelrute aufgespürt, wie er die Geschichte von Lanzelot erzählte, da sagte er, daß,

Als er herkam aus Britannien,
Edeldamen seiner pflagen,
Kammerfrauen seines Rosses;

und was insbesondere mein Grautier betrifft, würde ich’s nicht gegen das Roß des Señor Lanzelot tauschen.«

»Guter Freund, seid Ihr von Beruf ein Possenreißer«, entgegnete die Kammerfrau, »so hebt Eure Witze für Gelegenheiten auf, wo man sie für Witze hält und sie Euch bezahlt; bei mir könnt Ihr nichts weiter gewinnen als Verachtung.«

»Wahrhaftig, Euer Gnaden«, erwiderte Sancho, »bei Euern Jahren hat das Spiel nicht viel Punkte mehr zu vergeben.«

»Du Hurensohn«, rief die Kammerfrau zornentbrannt, »ob ich alt bin oder nicht, darüber habe ich meine Rechnung mit dem Himmel zu machen, aber nicht mit dir, Schelm, Knoblauchfresser!«

Sie schrie das so laut, daß die Herzogin es hörte; und als sie sich umwendete und die Kammerfrau so aufgeregt sah, die Augen mit Blut unterlaufen, fragte sie, mit wem sie’s habe.

»Mit dem da«, antwortete die Kammerfrau, »mit dem sauberen Burschen, der mit aller Gewalt von mir verlangt hat, ich solle seinen Esel, der da vor dem Schloßtor steht, in den Stall bringen, und mir als Beispiel aufstellt, daß es schon einmal so vorgekommen wäre, ich weiß nicht wo, und daß Edeldamen einen gewissen Lanzelot und Kammerfrauen sein Roß gepflegt hätten, und obendrein hat er mich in seiner Höflichkeit eine alte Person geheißen.«

»Das würde ich für eine Beleidigung halten«, versetzte die Herzogin, »ärger als jede andere, die man gegen mich ausstoßen könnte.«

Und das Wort an Sancho richtend, sagte sie: »Merkt Euch, Freund Sancho, daß Doña Rodríguez noch sehr jung ist und daß sie ihre Haube mehr um ihrer Würde willen und dem Herkommen zuliebe trägt als ihrer Jahre wegen.«

»Meine eigenen Jahre, soviel ich noch zu leben habe«, entgegnete Sancho, »sollen lauter Unglück sein, wenn ich es darum gesagt habe; ich hab’s nur gesagt, weil ich meinen Esel so gern habe, daß es mich bedünkte, ich könnte ihn keiner barmherzigeren Person anvertrauen als der Señora Doña Rodríguez.«

Don Quijote, der allem zugehört hatte, sprach zu ihm: »Sind das Äußerungen für diesen Ort, Sancho?«

»Señor«, antwortete Sancho, »jeder muß seine Not da klagen, wo er sich gerade befindet; hier ist mir mein Esel in den Sinn gekommen, und hier hab ich von ihm gesprochen; und wenn ich im Stall an ihn gedacht hätte, so hätte ich im Stall von ihm gesprochen.«

Darauf sagte der Herzog: »Sancho hat vollkommen recht, und es ist kein Grund, ihm irgendeinen Vorwurf zu machen. Der Esel soll sein Futter nach Herzenslust bekommen, und Sancho soll nur außer Sorge sein, man wird den Esel behandeln wie ihn selber.«

Unter diesen Gesprächen, die allen ergötzlich waren, nur nicht dem Ritter, langte man im oberen Geschoß an und führte Don Quijote in einen mit den reichsten Gold- und Brokatstoffen geschmückten Saal. Sechs Fräulein nahmen ihm Wehr und Waffen ab und dienten ihm als Edelknaben, alle vom Herzog und der Herzogin unterwiesen, was sie zu tun hatten und wie sie Don Quijote behandeln sollten, damit er glaube und sehe, daß man ihn als fahrenden Ritter behandelte.

Nachdem ihm die Waffen abgenommen waren, stand Don Quijote in seinen engen Kniehosen da und in seinem gemsledernen Wams, hager, lang und dürr, mit Backenknochen, die von innen einander zu küssen schienen – eine Gestalt, daß die Mädchen, die ihn bedienten, wenn sie sich nicht ganz gehörig in acht genommen hätten, um das Lachen zu verbeißen – was eine der ausdrücklichen Vorschriften war, die ihre Herrschaft ihnen erteilt hatte –, vor Lachen gewiß hätten bersten müssen. Sie baten ihn, sich entkleiden zu lassen, um ihm ein Hemd anzulegen; allein dies wollte er nun und nimmer zugeben, indem er sagte, Sittsamkeit stehe den fahrenden Rittern ebenso wohl an wie Tapferkeit. Jedoch ersuchte er sie, das Hemd Sancho zu überreichen; dann schloß er sich mit diesem in ein Gemach ein, wo ein prachtvolles Bett stand, entkleidete sich und zog das Hemd an. Und da er sich nun mit Sancho allein sah, sprach er zu ihm: »Sage mir, du neugebackener Hofnarr und altbackener Lümmel, dünkt es dich wohlgetan, eine so ehrwürdige und achtungswerte Kammerdame wie jene an ihrer Ehre anzugreifen und zu beleidigen? War es etwa Zeit, dich deines Esels zu erinnern? Oder sind dies Herrschaften, von denen anzunehmen ist, sie werden die Tiere Not leiden lassen, nachdem sie deren Besitzer mit so feiner Art behandelt haben? Um Gottes willen, Sancho, nimm dich zusammen und laß nicht die Fäden an dir sehen, damit die Leute nicht dahinterkommen, aus wie gemeinem grobem Stoffe du gewebt bist. Bedenke, du Sündenmensch, daß der Herr um so höher gewertet wird, je ehrsamer und anständiger seine Diener sind, und daß es einer der größten Vorzüge ist, welche fürstliche Personen vor andern voraushaben, daß sie Diener um sich haben, die so trefflich sind wie sie selber. Siehst du denn nicht ein, o du beschränkter Kopf! o ich vom Glück Verfolgter! daß, wenn du wie ein grober Bauer oder ein possenreißender Dummerjan auftrittst, sie mich für einen Windbeutel halten müssen oder einen Schmarotzer, der mit dem Rittertum wuchern will? Nein, nein, Freund Sancho, laß ab von solchen Unzuträglichkeiten; denn wer als Schwätzer und Witzmacher herumstolpert, fällt beim ersten falschen Tritt zu Boden und wird zum verhöhnten Allerweltsnarren. Zügle deine Zunge; jedes Wort mußt du überlegen und wiederkäuen, bevor es dir über die Lippen kommt, und bedenke, daß wir in eine Umgebung gelangt sind, aus der wir durch Gottes Beistand und meines Armes Kraft mit dem größtmöglichen Erbteil an Ruhm, sowie bereichert an Hab und Gut scheiden sollen.«

Sancho versprach ihm eifrig, sich lieber den Mund zu vernähen oder sich in die Zunge zu beißen, als ein Wort zu sagen, das nicht passend und wohlerwogen wäre, wie er es ihm geboten habe; der Ritter möge deswegen ganz ohne Sorge sein, denn durch ihn werde es niemals herauskommen, wer sie seien.

Don Quijote kleidete sich an, legte sich sein Wehrgehänge mit dem Schwert um die Schulter, warf den weiten Scharlachmantel um, setzte sich eine Jagdmütze von grünem Atlas auf, welche die Jungfräulein ihm gegeben, und verfügte sich in diesem Staat nach dem großen Saal, wo er die Fräulein in zwei gleich langen Reihen aufgestellt fand, alle mit dem Erforderlichen versehen, um ihm Wasser über die Hände zu gießen, was sie denn auch mit vielen Verbeugungen und Förmlichkeiten taten. Sofort traten zwölf Edelknaben mit dem Haushofmeister herzu, um ihn zur Tafel zu führen, da die Herrschaften ihn schon erwarteten. Sie nahmen ihn in die Mitte und geleiteten ihn mit feierlichem Pomp und majestätischer Würde in einen andern Saal, wo ein prachtvoller Tisch mit nur vier Gedecken bereitstand. Die Herzogin und der Herzog gingen ihm bis zur Tür des Saals entgegen, um ihn zu empfangen, und mit ihnen ein Geistlicher von ernstem Aussehen, einer von jenen, die in fürstlichen Häusern das Regiment führen; einer von jenen, welche, da sie nicht selbst als Fürsten geboren sind, es nimmer lernen, diejenigen, die es sind, anzuweisen, wie sie es sein sollen; einer von jenen, die begehren, daß die Großen das Maß ihrer Größe von der Kleinlichkeit ihres Geistes abnehmen sollen; von jenen, welche die Großen, die sie unter ihrer Leitung halten, lehren wollen, sich einzuschränken, sie aber in Wirklichkeit zu Knausern machen. Zu diesen, sage ich, mochte wohl der ernst aussehende Geistliche gehören, der mit dem herzoglichen Paar dem Ritter zur Begrüßung entgegenging.

Sie wechselten tausend Höflichkeiten und artige Reden miteinander, und dann nahmen sie ihn in die Mitte und führten ihn zur Tafel, um Platz zu nehmen. Der Herzog lud Don Quijote auf den Ehrensitz am oberen Ende des Tisches, und obschon er es ablehnte, drang der Herzog so in ihn, daß er den Sitz annehmen mußte. Der Geistliche setzte sich gegenüber und Herzog und Herzogin zu beiden Seiten der Tafel. Sancho war bei allem zugegen und sperrte Mund und Nase auf vor Erstaunen ob all der Ehren, die diese fürstlichen Personen seinem Herrn erwiesen; als er aber die vielen Förmlichkeiten und Bitten sah, die zwischen dem Herzog und dem Ritter hin und her gingen, um diesen an den Ehrenplatz am oberen Ende der Tafel zu nötigen, da sagte er: »Wenn Euer Gnaden es mir erlaubt, so will ich Euch eine Geschichte erzählen, die sich wegen der Plätze bei Tisch in meinem Dorf zugetragen hat.«

Kaum hatte Sancho dies gesagt, als Don Quijote von Zittern befallen wurde, da er fürchtete, Sancho werde ohne allen Zweifel irgendwelche Albernheit sagen. Sancho blickte ihn an, verstand ihn wohl und sprach: »Euer Gnaden braucht nicht zu fürchten, Herre mein, daß ich mich vergesse oder etwas Unrechtes sage; die guten Lehren sind mir noch unvergessen, die mir Euer Gnaden über das Wenig oder Viel, das Gut- oder Schlechtsprechen gegeben hat.«

»Ich entsinne mich nichts dergleichen, Sancho«, entgegnete Don Quijote; »sag, was du willst, aber mach es kurz.«

»Was ich also sagen will«, sprach Sancho, »ist so vollkommene Wahrheit, daß mein Herr Don Quijote, der hier zugegen ist, mich nicht Lügen strafen wird.«

»Meinetwegen lüge du, soviel du Lust hast«, versetzte Don Quijote, »ich werde dich nicht daran hindern; aber bedenke wohl, was du sagen willst.«

»Ich hab es so bedacht und wieder bedacht, daß der wenig zu tun hat, der dran mäkeln will, wie sich sogleich zeigen soll.«

»Es wäre geraten«, sprach Don Quijote, »Eure Hoheiten ließen diesen Toren hinauswerfen, der Blödsinn ohne Ende vorbringen wird.«

»Bei des Herzogs Leben«, sprach die Herzogin, »Sancho soll mir nicht einen Augenblick von der Seite kommen; ich mag ihn wohl leiden, denn ich weiß, er ist ein Mann von heiterem Witz.«

»Heitere Tage möge Euer Herrlichkeit verleben«, sprach Sancho, »weil ich bei Euch in so gutem Ruf stehe, wenn ich auch selber gar keinen habe. Meine Geschichte aber ist folgende: Ein Junker aus meinem Dorfe, ein sehr reicher und angesehener Mann, denn er stammte von den Alamos aus Medina del Campo und war verheiratet mit Doña Mencia de Quiñones, welche eine Tochter war von Don Alonso de Marañón, einem Ritter des Ordens von Santiago, der im Hafen La Herradura ertrank, von dessentwegen in unsrem Dorf vor Jahren jene Schlägerei stattgefunden, an welcher, wie ich meine, auch mein Herr Don Quijote teilgenommen hat, bei welcher der kleine Lausbub Tomasillo eine Wunde davongetragen hat, der Sohn von Balbastro dem Schmied … ist das nicht alles wahr, werter Herr und Gebieter? So wahr ich lebe, Ihr müßt es sagen, damit die Herrschaften mich nicht für einen lügenhaften Schwätzer halten.«

»Bis jetzt«, fiel der Geistliche ein, »halte ich Euch mehr für einen Schwätzer als für einen Lügner; aber wofür ich Euch fernerhin halten werde, weiß ich noch nicht.«

»Du bringst so viele Zeugen bei, Sancho«, erklärte Don Quijote, »und so viele Merkzeichen, daß ich dir das Zugeständnis nicht versagen kann, daß du sicher die Wahrheit sagen wirst. Fahre fort und kürze die Erzählung ab, denn es sieht geradeso aus, als solltest du in ein paar Tagen nicht fertigwerden.«

»Er soll seine Geschichte keineswegs abkürzen, um mir etwa gefällig zu sein«, sprach die Herzogin; »vielmehr soll er sie so erzählen, wie er es eben versteht, wenn er auch in ganzen sechs Tagen nicht zu Ende käme; und falls es wirklich der Tage so viele würden, so hätte ich gewiß keine angenehmeren in meinem ganzen Leben verbracht.«

»So sag ich denn, meine Herrschaften«, fuhr Sancho fort, »daß dieser besagte Junker, denn ich kenne ihn wie hier meine Hand, denn es ist von meinem Haus zu seinem keinen Flintenschuß weit, einen armen, aber ehrbaren Bauersmann zu Tische lud …«

»Vorwärts, Freund«, fiel hier der Geistliche ein, »denn es sieht so aus, als wolltet Ihr mit Eurer Erzählung erst in der andern Welt zum Ziele kommen.«

»Weniger als halbwegs dahin werde ich zum Ziele kommen, so Gott will«, entgegnete Sancho. »Ich sage also, wie der besagte Bauersmann ins Haus des erwähnten Junkers eingeladen hinkam, Gott hab ihn selig, sintemal er schon tot ist, ja zum genaueren Wahrzeichen sagt man, er sei heilig wie ein Engel gestorben, denn ich war nicht dabei, denn ich war zur selben Zeit nach Tembleque ins Heu gegangen …«

»So lieb Euch Euer Leben ist, mein Sohn«, sprach hier der Geistliche, »kehrt schleunigst von Tembleque zurück, und ohne den Junker zu begraben, bringt Eure Erzählung zu Ende, wenn Ihr nicht noch mehr Leichenbegängnisse halten wollt.«

»Die Sache ist nun die«, versetzte Sancho, »daß die beiden sich gerade zu Tisch setzen wollten, ich meine, ich sehe sie lebendiger vor mir als je …«

Das herzogliche Paar hatte großes Vergnügen an dem Mißvergnügen, das der biedere Geistliche über die Umschweife und Unterbrechungen bezeigte, mit welchen Sancho seine Geschichte erzählte und worüber Don Quijote sich schier in Grimm und Wut verzehrte.

»Ich sage also«, fuhr Sancho fort, »daß, wie die beiden im Begriff waren, sich zu Tisch zu setzen, der Bauer hartnäckig darauf bestand, der Junker müsse sich obenan setzen, und der Junker bestand in gleicher Weise darauf, der Bauer müsse sich dahin setzen, weil in seinem Hause stets geschehen müsse, was er befehle; jedoch der Bauer, der als höflich und wohlgesittet gelten wollte, gab einfach nicht nach, bis der Junker ärgerlich ihm beide Hände auf die Schultern legte, ihn mit Gewalt auf den Stuhl niedersetzte und zu ihm sagte: ›Setz dich, du Lümmel, denn wo ich sitze, ist immer oben.‹ Und das ist meine Geschichte, und wahrlich, ich glaube, ich habe sie hier nicht unschicklich beigebracht.«

Don Quijotes Gesicht überzog sich mit tausend wechselnden Farben, die seine braune Haut mit Flecken bedeckten und auf dem dunklen Grunde deutlich hervortraten. Herzog und Herzogin verbissen sich das Lachen, damit Don Quijotes Zorn nicht noch höher steige, da er Sanchos Bosheit wohl verstanden hatte; und um dem Gespräch eine andre Wendung zu geben, fragte die Herzogin den Ritter, was für Nachrichten er von Fräulein Dulcinea habe und ob er ihr dieser Tage etwelche Geschenke an Riesen oder Wegelagerern zugesendet habe; denn es könne doch nicht fehlen, daß er deren viele besiegt habe.

Darauf antwortete Don Quijote: »Herrin mein, meine Mißgeschicke hatten zwar einen Anfang, aber ein Ende werden sie nimmer haben. Riesen habe ich besiegt, und feige Schelme und Wegelagerer habe ich ihr zugesendet; aber wo, wo sollten sie sie finden, wenn sie doch verzaubert und in die scheußlichste Bäuerin verwandelt ist, die man sich vorstellen kann?«

»Ich weiß nicht«, fiel Sancho Pansa ein, »mir doch scheint sie das schönste Geschöpf auf der Welt; wenigstens in der Leichtigkeit und im Springen, weiß ich, steht sie keinem Seiltänzer nach. Wahr und wahrhaftig, Frau Herzogin, sie springt vom Boden auf einen Esel hinauf, als wär sie eine Katze!«

»Und habt Ihr sie verzaubert gesehen, Sancho?« fragte der Herzog.

»Ob ich sie gesehen habe!« antwortete Sancho; »wer, zum Teufel, anders als ich ist denn der erste gewesen, der hinter die Geschichte mit der Verzauberei gekommen ist? Sie ist geradeso verzaubert wie mein Vater selig.«

Der Geistliche, der von Riesen, feigen Schelmen und Verzauberungen reden hörte, kam jetzt darauf, daß dies Don Quijote von der Mancha sein müsse, dessen Geschichte der Herzog tagtäglich las, worüber er ihm öfters Vorwürfe gemacht hatte, indem er ihm sagte, es sei ein Unsinn, solchen Unsinn zu lesen. Als er sich nun überzeugte, daß sein Verdacht vollkommen richtig war, sprach er in vollem Zorn zu dem Herzog: »Gnädiger Herr, Euer Durchlaucht hat dereinst unsrem Gott und Herrn Rechenschaft zu geben für das Tun und Lassen dieses armen Menschen. Dieser Don Quijote, oder Don Hans Narr oder wie er heißen mag, ist meiner Meinung nach noch nicht bis zu dem Punkte verrückt, auf dem ihn Euer Durchlaucht gern sehen möchte, und darum gebt Ihr ihm Gelegenheit, seine Narreteien und Tollheiten immer noch weiter zu spinnen.«

Und das Wort an Don Quijote richtend, sprach er zu diesem: »Und Ihr, Ihr liebe Einfalt, wer hat Euch in den Kopf gesetzt, daß Ihr ein fahrender Ritter seid, Riesen besiegt und Wegelagerer aufgreift? Geht in Gottes Namen, und in Gottes Namen laßt Euch gesagt sein: kehrt heim zu Eurem Hause und erzieht Eure Kinder, wenn Ihr deren habt, und sorgt für Euer Hab und Gut und laßt ab davon, in der Welt herumzustrolchen, Maulaffen feilzuhalten und jedem, der Euch kennt und nicht kennt, etwas zum Lachen zu geben. Wo, zum Henker! habt Ihr gefunden, daß es fahrende Ritter gegeben hat oder heutzutage noch gibt? Wo gibt es in Spanien Riesen oder Wegelagerer in der Mancha oder verzauberte Dulcineas oder die ganze Masse von Albernheiten, die man von Euch erzählt?«

Don Quijote horchte aufmerksam auf die Worte des ehrwürdigen Mannes, und als er sah, daß dieser nunmehr schwieg, stand er von seinem Stuhle auf, und ohne die gebührende Rücksicht auf das herzogliche Paar zu nehmen, sprach er mit zornerfülltem Antlitz und drohender Miene: . .. allein seine Antwort verdient ein besonderes Kapitel.

32. Kapitel


Von der Antwort, die Don Quijote seinem Tadler erteilte, benebst anderen ernsten und lustigen Begebenheiten

Als nun Don Quijote sich erhoben hatte, sprach er, vom Kopf bis zu den Füßen zitternd, als hätte er Quecksilber im Leibe, mit hastiger, unsicherer Stimme: »Der Ort, wo ich weile, und die Persönlichkeiten, vor denen ich stehe, und die Achtung, die ich von jeher vor dem Stand hegte und hege, dem Ihr angehört, dies alles hält und fesselt meinem gerechten Ingrimm die Hände; und sowohl aus diesen Gründen als auch darum, weil ich weiß, was alle wissen, daß die Waffen der Träger des Bürgergewandes dieselben sind wie die des Weibes, nämlich die Zunge, so will ich mit der meinigen mich in einen gleichen Kampf einlassen mit Euch, von dem man eher weise Lehren erwarten sollte als ruchlose Schmähungen. Frommer und wohlmeinender Tadel würde eine andre Umgebung und andre Formen erheischen; so viel aber ist sicher: mich öffentlich und in so herber Weise zu tadeln, dies hat alle Grenzen eines ehrlichen Tadels überschritten. Denn der erste Tadel, den jemand ausspricht, stützt sich schicklicher auf Milde als auf Härte, und es ist nicht wohlgetan, wenn man, ohne die Natur des Fehlers, den man tadelt, näher zu kennen, den Sünder ohne weiteres einen Verrückten und Hans Narren heißt. Oder saget mir doch: ob welcher von all den Verrücktheiten, die Ihr bei mir gefunden habt, verurteilt und schmäht Ihr mich und heißt mich heimgehen und für mein Hausregiment und mein Weib und meine Kinder sorgen, ohne daß Ihr wißt, ob ich solche besitze oder nicht? Braucht man weiter nichts, als sich auf schiefen und krummen Wegen in fremde Häuser einzudrängen, um da über die Herrschaft das Regiment zu führen und sich herauszunehmen, während mancher in der beengten Dürftigkeit eines Kosthauses aufgewachsen ist, ohne mehr von der Welt gesehen zu haben, als in zwanzig, dreißig Meilen Umgegend zu finden ist, als sich herauszunehmen, sag ich, mit dreister Unerfahrenheit der Ritterschaft Gesetze vorzuschreiben und über die fahrenden Ritter Urteile zu fällen? Ist es vielleicht ein eitles Beginnen, oder ist es Zeitverschwendung, wenn man die Welt durchwandert, nicht um deren Genüsse aufzusuchen, sondern ihre harte Mühsal, durch welche die Edlen zum Sitze der Unsterblichkeit emporgehoben werden? Wenn mich die Ritter, die Erlauchten, die Hochgebornen für einen Hans Narren hielten, so würde ich das für eine nie wieder gutzumachende Beschimpfung halten; wenn aber studierte Leute, die den Pfaden des Rittertums nie genaht, geschweige denn sie betreten haben, mich für einfältig halten, darum geb ich keinen Deut. Ein Ritter bin ich, als Ritter werde ich sterben, wenn es dem Höchsten gefällt. Etliche suchen ihren Weg auf dem weiten Felde der hochmütigen Ehrsucht, andre auf dem Felde niedriger Speichelleckerei, andre auf dem trügerischer Scheinheiligkeit, andre auf dem der wahren Gottesfurcht; jedoch ich, von meinem Stern geleitet, wandle den schmalen Pfad des fahrenden Rittertums, und um dieser Aufgabe willen verschmähe und veracht ich Hab und Gut, aber nicht die Ehre. Ich habe der Unbill gesteuert, Unrecht wieder zurechtgebracht, Übermut gezüchtigt, Riesen besiegt, Ungeheuer niedergeworfen. Ich bin verliebt, aber aus keinem andern Grund, als weil jeder fahrende Ritter es notwendig sein muß; und indem ich es bin, gehör ich doch nicht zu denen, die sinnlich lieben, sondern zu den enthaltsamen Platonikern. Meine Absichten richte ich stets auf tugendsame Zwecke, welche darin bestehen, jedem Gutes und keinem Böses zu tun; und wenn, wer solches beabsichtigt, wenn, wer solches ins Werk setzt, ein Narr genannt zu werden verdient, so mögen es Eure Hoheiten aussprechen, edler Herzog und edle Herzogin.«

»Bei Gott, sehr gut!« fiel Sancho ein; »sagt kein Wort mehr zu Euren Gunsten, mein Herr und Gebieter; denn es läßt sich auf der ganzen weiten Welt nichts Besseres drüber sagen und nichts Besseres erdenken und nichts Besseres tun, als dabei zu bleiben. Und wenn der Herr da leugnet, wie er’s denn wirklich geleugnet hat, daß es auf der Welt fahrende Ritter gegeben hat und gibt, was Wunder, daß er von allem, was er gesagt hat, auch nicht das geringste versteht?«

»Seid Ihr vielleicht, guter Freund«, fragte der Geistliche, »jener Sancho Pansa, von dem es heißt, sein Herr habe ihm eine Insul versprochen?«

»Freilich bin ich der«, antwortete Sancho, »und ich verdiene sie ebensogut wie irgendein andrer. Ich bin der Mann, der sagt: Sollst dir gute Gesellen wählen, wirst bald selbst zu den Guten zählen; und ich gehöre zu denen, von denen es heißt: Frag nicht, wo seine Wiege steht, frag, mit wem er zur Atzung geht; und zu denen, die da sagen: Wer unter guten Baum sich streckt, der wird von gutem Schatten gedeckt. Ich habe mich unter den Schatten eines guten Herrn gestreckt, und es ist viele Monate her, seit ich bei ihm bin, und ich will werden wie er selber, wenn es Gott gefällt und er am Leben bleibt und ich am Leben bleibe; und ihm wird’s weder an Kaisertümern zum Herrschen fehlen noch mir an Insuln zum Statthalter.«

»Gewiß nicht, Freund Sancho«, fiel hier der Herzog ein; »denn ich, im Namen des Señor Don Quijote, befehle Euch die Statthalterschaft einer mir gehörigen und gerade nicht vergebenen Insul von nicht geringer Bedeutung.«

»Wirf dich auf die Knie nieder, Sancho«, sprach Don Quijote, »und küsse Seiner Durchlaucht die Füße für die Gnade, so er dir erwiesen.«

Sancho tat es; als aber der Geistliche das sah, stand er voll Empörung von der Tafel auf und sagte: »Bei dem Ordenskleide, das ich trage, beinahe möchte ich sagen, Euer Durchlaucht ist geradeso einfältig wie diese Sünder hier. Bedenkt nur, müssen sie nicht zu Narren werden, wenn ihre Narrheiten von den Verständigen heiliggesprochen werden? Halte Euer Durchlaucht nur immer Gesellschaft mit ihnen; solange sie hier hausen, werde ich dort in meiner Zelle hausen, und ich werde mich enthalten, meine Mißbilligung über Dinge auszusprechen, die ich nicht bessern kann.«

Ohne ein Wort weiter zu sagen und einen Bissen weiter zu essen, ging er von dannen, ohne daß die Bitten des Herzogs und der Herzogin ihn zurückzuhalten vermochten; allerdings sagte der Herzog nicht viel, denn er erstickte schier an dem Lachen, zu dem der ungebührliche Zorn des Geistlichen ihn gereizt hatte. Als er sich endlich satt gelacht, sprach er zu Don Quijote: »Herr Löwenritter, Ihr habt so großartig für Euch geantwortet, daß Euch nichts mehr zu tun bleibt zur Abwehr dieser scheinbaren Beleidigung, die in Wirklichkeit gar keine ist, denn so wenig ein Weib beleidigen kann, so wenig kann es ein Geistlicher, wie Euer Gnaden am besten weiß.«

»So ist es«, entgegnete Don Quijote, »und zwar weil der, welcher selbst nicht beleidigt werden kann, keinen beleidigen kann. Weil Frauen, Kinder und Geistliche sich nicht gegen Beleidigungen verteidigen können, so kann ihre Ehre nicht gekränkt werden; denn zwischen Beleidigung und Ehrenkränkung ist dies der Unterschied, wie Euer Durchlaucht wissen. Die Ehrenkränkung kommt von jemandem, der sie zu begehen vermag, sie begeht und dem Gekränkten die Stirn bietet; die Beleidigung kann von jedem Beliebigen kommen, ohne daß sie die Ehre kränkt. Zum Beispiel: es steht jemand achtlos auf der Straße, es kommen zehn mit gewaffneter Hand und geben ihm Stockprügel, er zieht das Schwert und tut seine Schuldigkeit, aber die Überzahl der Feinde tritt ihm entgegen und macht es ihm unmöglich, sein Vorhaben durchzusetzen, das heißt, sich zu rächen; der Betreffende ist nun zwar beleidigt, aber nicht an seiner Ehre gekränkt. Ein andres Beispiel wird dies mehr bekräftigen: es steht jemand da und hat den Rücken gewendet, es kommt ein andrer und gibt ihm Stockprügel, und im Augenblick darauf flieht er davon und stellt sich dem andern nicht, und der andre eilt ihm nach und holt ihn nicht ein: der Mann, der die Prügel empfing, hat eine Beleidigung empfangen, aber keine Ehrenkränkung; denn bei der Ehrenkränkung muß man dem Gekränkten sofort die Stirne bieten. Wenn derjenige, der die Prügel gegeben, wiewohl er sie ihm hinterrücks im Überfall gegeben, das Schwert zöge und ruhig wartend dastünde, seinem Gegner die Stirn zu bieten, dann wäre der Geprügelte zugleich beleidigt und an seiner Ehre gekränkt: beleidigt, weil er hinterrücks geprügelt worden; an der Ehre gekränkt, weil, der ihm die Prügel gab, den Rücken nicht wendete, festen Mutes aushielt und Stirn gegen Stirn für seine Tat einstand.

So kann ich denn nach den Gesetzen des fluchwürdigen Zweikampfs mich beleidigt fühlen, aber nicht an meiner Ehre gekränkt; denn Kinder und Frauen haben kein Gefühl dafür, können nicht fliehen und haben auch keinen Grund, dem Gegner standzuhalten; und ebenso ist’s mit denen, die sich dem Dienst der heiligen Kirche gewidmet haben, weil es diesen drei Klassen von Menschen an Waffen zu Schutz und Trutz fehlt und sie daher, obwohl von der Natur darauf angewiesen, sich zu verteidigen, keineswegs gehalten sind, irgend jemand anzugreifen. Und obschon ich eben erst gesagt habe, ich könnte mich möglichenfalls beleidigt fühlen, so sag ich jetzt: nein, in keinem Falle; denn wer nicht an seiner eignen Ehre gekränkt werden kann, der kann noch weniger einen andern an der Ehre kränken. Aus diesen Gründen darf ich die Kränkungen, die jener wackere Mann mir mit seinen Worten angetan, nicht empfinden und empfinde sie wirklich nicht. Nur hätte ich gewünscht, er wäre noch ein wenig dageblieben, um ihn des Irrtums zu überführen, in dem er sich befindet, wenn er meint und sagt, fahrende Ritter habe es in der Welt weder gegeben noch gebe es solche anjetzt; denn wenn Amadís das gehört hätte oder einer der unzähligen aus seiner Nachkommenschaft, so weiß ich, es wäre Seiner Gnaden nicht gut bekommen.«

»Darauf schwör ich selber ganz gewiß«, sprach Sancho; »einen Schwerthieb hätten sie ihm versetzt, daß sie ihn von oben bis unten auseinandergehauen hätten wie einen Granatapfel oder wie eine überreife Melone. Ja, die waren die Rechten, um sich so etwas gefallen zu lassen! Beim heiligen Kreuzeszeichen, ich bin sicher, hätte Rinald von Montalbán solche Redensarten von dem Männlein gehört, so hätte er ihm das Maul mit einem Streich gestopft, daß er in drei Jahren kein Wort mehr geschwatzt hätte; ja, er hätte nur mit ihnen anbinden sollen, und da hätte er sehen mögen, wie er aus ihren Händen losgekommen wäre!«

Die Herzogin wollte schier vor Lachen sterben, als sie Sancho so reden hörte, und innerlich hielt sie ihn für kurzweiliger und verrückter als seinen Herrn; und es gab zu jener Zeit nicht wenige, die ebenso urteilten.

Don Quijote beruhigte sich endlich, und die Mahlzeit kam zu Ende. Während der Tisch abgedeckt wurde, traten vier Mägdlein herzu, die eine mit einem silbernen Becken, die andre mit einer ebenfalls silbernen Kanne, die andre mit zwei schneeweißen reichverzierten Handtüchern über der Schulter, und die vierte, ihre Arme bis zum Ellenbogen entblößt, hielt in ihren weißen Händen – denn weiß waren sie selbstverständlich! – eine neapolitanische Seifenkugel. Die Zofe mit dem Waschbecken trat heran und hielt dieses mit edlem Anstand und höchst unbefangen unter Don Quijotes Bart, und der Ritter, ohne ein Wort zu sagen, verwundert ob einer derartigen Förmlichkeit, war des Glaubens, es müßte in diesen Landen der Brauch sein, statt der Hände den Bart zu waschen, und somit streckte er den seinigen, so tief er nur konnte, ins Becken. Sogleich begann die andre Zofe, Wasser mit der Kanne einzugießen, und die Zofe mit der Seife beeilte sich, ihm den Bart einzureiben, und überzog mit Schneeflocken – denn nicht minder weiß war der Seifenschaum – nicht nur den Bart, sondern das ganze Gesicht des gehorsamen Ritters samt den Augen, so daß der Schaum ihn mit Gewalt nötigte, sie zu schließen.

Der Herzog und die Herzogin, die von alledem nichts gewußt hatten, standen erwartend da, wo eine so ungewöhnliche Abwaschung hinauswolle. Als das Bartputzermägdlein ihn mit einem faustdicken Seifenschaum dasitzen hatte, stellte sie sich an, als sei ihr das Wasser ausgegangen, und hieß die Kannenträgerin frisches holen; Señor Don Quijote werde sich so lange gedulden. Sie tat es, und Don Quijote saß nun da mit dem seltsamsten und lächerlichsten Aussehen, das man sich nur denken kann. Alle Anwesenden, und deren waren viele, starrten ihn an, und wie sie ihn so mit seinem ellenlangen und ungewöhnlich braunen Halse sahen, die Augen geschlossen, den Bart voll Seife, da war es ein großes Wunder und eine seltene Selbstüberwindung, daß sie das Lachen zu verbeißen vermochten.

Don Quijote

Die Veranstalterinnen der Posse hielten ihre Augen niedergeschlagen und wagten ihre Herrschaft nicht anzusehen; dem herrschaftlichen Paare zuckte bald Zorn, bald Lachlust durch den ganzen Körper, und beide wußten nicht, welchem Drang sie nachgeben sollten, ob sie das dreiste Unterfangen der Mädchen bestrafen oder sie belohnen sollten für das Vergnügen, Don Quijote in solchem Zustande zu sehn. Endlich kam die Zofe mit der Kanne; Don Quijotes Abwaschung wurde beendet, und sofort kam das Mädchen mit den Handtüchern, ihn ernst und gelassen zu reinigen und abzutrocknen.

Dann machten ihm alle vier zugleich eine tiefe und lange Verbeugung und wollten gehen; aber der Herzog, damit Don Quijote den ihm gespielten Streich nicht merke, rief die Zofe mit dem Becken herbei und sagte zu ihr: »Kommet her und waschet auch mich, gebt aber acht, daß euch das Wasser nicht ausgeht.«

Das Mädchen, gescheit und gewandt, trat herzu und hielt dem Herzog das Becken unter wie zuerst dem Ritter; sie machten sich eilig daran, ihn recht tüchtig zu waschen und einzuseifen, und nachdem sie ihn gereinigt und abgetrocknet, machten sie ihre Verbeugungen und gingen von dannen. Später hat man erfahren, der Herzog habe geschworen, wenn sie ihn nicht ganz ebenso waschen würden wie Don Quijote, so würde er ihre Keckheit strafen; sie machten dieses aber auf klügliche Weise wieder gut, indem sie ihn selbst ebenfalls einseiften.

Sancho sah den Förmlichkeiten der Abwaschung aufmerksam zu und sagte zu sich selber: Gott steh mir bei! Vielleicht ist es hierzulande der Brauch, den Schildknappen den Bart zu waschen wie den Rittern? Denn bei Gott und meiner armen Seele, ich hab es sehr nötig; ja, wenn sie mir ihn mit dem Schermesser kürzen täten, das würde ich mir für eine noch größere Wohltat erachten.

»Was redet Ihr so für Euch, Sancho?« fragte die Herzogin.

»Ich sage, Señora«, antwortete er, »daß an andern Fürstenhöfen, wie ich habe sagen hören, beim Abdecken Wasser für die Hände gereicht wird, aber nicht Seifenwasser für den Bart. Darum ist’s gut, wenn man lang lebt, dann erlebt man viel; zwar heißt es auch: wer viele Jahre lebt, hat viel Böses durchzumachen, aber eine solche Abwaschung ist doch eher ein Vergnügen als eine Mühsal.«

»Macht Euch darum keinen Kummer, Freund Sancho«, sagte die Herzogin; »ich will’s schon machen, daß meine Zofen Euch waschen, ja Euch mit Haut und Haaren einweichen, wenn es nötig ist.«

»Mit dem Barte bin ich schon zufrieden«, erwiderte Sancho, »wenigstens für jetzt; was weiter werden soll, dafür wird Gott schon sorgen.«

»Merkt Euch, Haushofmeister«, sprach die Herzogin, »was der wackere Sancho wünscht, und erfüllt buchstäblich sein Begehr.«

Der Haushofmeister antwortete, man werde dem Herrn Sancho in allem zu Diensten sein; und hiermit entfernte er sich, um seine Mahlzeit zu halten, und nahm Sancho mit, während Herzog und Herzogin mit Don Quijote bei der Tafel sitzen blieben und sich über viele und verschiedenartige Dinge unterhielten, die sich jedoch alle auf das Waffenwerk und das fahrende Rittertum bezogen. Die Herzogin ersuchte Don Quijote, da er doch ein gutes Gedächtnis zu besitzen scheine, so möge er ihr die Schönheit und die Gesichtszüge des Fräuleins Dulcinea von Toboso zeichnen und beschreiben; denn nach dem, was der Ruf von ihren Reizen verkünde, müsse sie das schönste Geschöpf auf dem Erdkreise und sogar in der ganzen Mancha sein.

Don Quijote seufzte, als er den Wunsch der Herzogin vernahm, und sprach: »Könnte ich mir das Herz herausreißen und es hier auf diesem Tische in einer Schüssel Euer Hoheit vor Augen legen, dann würde ich meine Zunge der Mühe überheben, zu sagen, was kaum der Gedanke fassen kann; denn Euer Durchlaucht würden in meinem Herzen sie getreu abgebildet erblicken. Aber wie soll ich jetzo, Punkt für Punkt und Zug für Zug, die Schönheit der unvergleichlichen Dulcinea zeichnen und beschreiben? Da dies eine Bürde ist, für andre Schultern geeigneter als für die meinen, eine Aufgabe, mit der sich der Pinsel eines Parrhasios, eines Timanthes und eines Apelles und der Meißel eines Lysippos beschäftigen sollte, um sie auf Leinwand, in Marmor oder in Erz zu malen und einzugraben, und die Ciceronische und Demosthenische Redekunst, um sie zu preisen.«

»Was bedeutet demosthenisch, Señor Don Quijote?« fragte die Herzogin; »das ist ein Wort, das ich all meiner Lebtage nicht gehört habe.«

»Demosthenische Redekunst«, antwortete Don Quijote, »bedeutet dasselbe wie Redekunst des Demosthenes, gerade wie Ciceronische die des Cicero, und beide waren die zwei größten Redner der Welt.«

»So ist’s«, sagte der Herzog, »und Ihr habt einen argen Fehler gemacht, daß Ihr das gefragt habt. Aber trotz alledem würde uns Señor Don Quijote ein großes Vergnügen machen, wenn er uns ihre Züge malen wollte; und wenn er es auch nur mit flüchtigen Strichen und Umrissen täte, so würde ihr Bild doch so hervortreten, daß die schönsten Damen sie beneiden müßten.«

»Gewiß würde ich es tun«, erwiderte Don Quijote, »hätte das Unglück, das ihr vor kurzem widerfuhr, sie nicht aus meiner Erinnerung gelöscht, und dieses Unglück ist von solcher Art, daß ich sie eher beweinen als beschreiben möchte. Denn Eure Hoheiten müssen wissen: als ich in den letzten Tagen mich aufmachte, ihr die Hände zu küssen und von ihr Segen, Gutheißung und Urlaub zu dieser dritten Ausfahrt zu empfahen, fand ich in ihr eine ganz andere, als die ich suchte. Ich fand sie verzaubert und aus einer Prinzessin in eine Bauerndirne verwandelt, aus einer schönen Jungfrau in eine häßliche, aus einem Engel in eine Teufelin, aus einer wohlduftenden in eine verpestete, aus einer wohlredenden in eine bäurisch polternde, aus einer würdig ernsten in eine Luftspringerin, aus Licht in Finsternis, in einem Wort: aus Dulcinea von Toboso in eine Dorfbewohnerin aus Sayago.«

»Hilf Himmel!« rief hier der Herzog mit einem lauten Aufschrei; »wer war es, der der Welt soviel Böses angetan hat? Wer hat dem Erdenkreise die Schönheit geraubt, die ihm Freude schuf, die geistreiche Anmut, die ihm Stoff zu heiterer Unterhaltung gab, die Sittsamkeit, die ihm Ehre und Ruhm war?«

»Wer?« antwortete Don Quijote; »wer kann es sein als irgendein boshafter Zauberer aus der Zahl der vielen Neidharte, die mich verfolgen? Diese gottverfluchte Sippschaft, zur Welt geboren, um die Taten der Guten zu verdunkeln und zunichte zu machen und die Handlungen der Schlechten ins Licht zu stellen und zu erhöhen. Verfolgt haben mich die Zauberer, Zauberer verfolgen mich, und Zauberer werden mich verfolgen, bis sie mich und meine hohen Rittertaten in den tiefen Abgrund der Vergessenheit hinabgestoßen haben; und gerade an jener Stelle tun sie mir weh und verwunden sie mich, wo sie wissen, daß ich es am schmerzlichsten empfinde, denn einem fahrenden Ritter die Dame seines Herzens entreißen heißt ihm die Augen rauben, mit denen er sieht, und die Sonne, von der er Licht empfahet, und den Lebensunterhalt, mit dem er sein Dasein fristet. Schon oftmalen hab ich es gesaget, und anitzo sage ich es aufs neue: der fahrende Ritter ohne eine Dame seines Herzens ist wie ein Baum ohne Blätter, ein Gebäude ohne Grundmauer, ein Schatten ohne den Körper, der ihn wirft.«

»Weiter bedarf es keiner Worte«, sprach die Herzogin; »wenn wir jedoch der Geschichte von den Taten des Señor Don Quijote Glauben schenken sollen, die erst wenige Tage vor unserem Zusammentreffen unter großem Beifall des Publikums ans Licht der Welt getreten ist, so geht daraus hervor, wenn ich mich recht entsinne, daß Euer Gnaden das Fräulein Dulcinea niemals gesehen hat und daß ein solches Fräulein gar nicht auf der Welt vorhanden, sondern daß es eine erträumte Dame ist, die Ihr in Eurem Geiste erzeugt und geboren und mit allen den Reizen und Vollkommenheiten ausgemalt habt, die Euch beliebten.«

»Darüber läßt sich viel sagen«, entgegnete Don Quijote; »Gott allein weiß, ob es eine Dulcinea in der Welt gibt oder nicht, oder ob sie ein Traumbild ist oder nicht; dies gehört nicht zu den Dingen, deren Ergründung man bis zum letzten Punkte durchführen darf. Ich habe meine Herzensgebieterin weder erzeugt noch geboren, wiewohl ich mir sie so vorstelle, wie eine Dame sein muß, die in sich alle Eigenschaften vereinigt, welche sie in allen Landen der Welt berühmt machen könnten, wie zum Beispiel: schön ohne Makel, würdevoll ohne Hochmut, liebefühlend mit Züchtigkeit, dankbar, weil sie fein gesittet ist, fein gesittet weil wohlerzogen, und endlich hochgestellt durch Abstammung, denn über adligem Blute strahlt und waltet die Schönheit mit höherem Grade von Vollkommenheit als bei den Schönen von niedriger Abkunft.«

»Das ist richtig«, sagte der Herzog; »allein Señor Don Quijote muß mir gestatten zu bemerken, was das Buch von seinen Taten mich zu sagen nötigt. Es ist daraus nämlich zu entnehmen: wenn man auch zugeben will, es habe in oder außerhalb Toboso eine Dulcinea gelebt und sie habe den höchsten Grad der Schönheit besessen, den Euer Gnaden uns schildert, so kommt sie doch im Punkte der hohen Geburt den Orianen, den Alastrajareas, den Madásimas nicht gleich, noch andern von solcherlei Sippschaft, von denen die Geschichtsbücher voll sind, die Euer Gnaden wohl kennt.«

»Hierauf kann ich entgegnen«, sagte Don Quijote, »daß Dulcinea die Tochter ihrer Taten ist und daß Tugenden das Blut veredeln und daß der Niedriggeborene, wenn tugendhaft, mehr zu schätzen und höherzuhalten ist als der Lasterhafte von hoher Stellung. Und dies gilt hier um so mehr, als Dulcinea einen Zierat besitzt, der sie einst zur Königin mit Krone und Zepter erheben kann, denn das Verdienst eines schönen und tugendsamen Weibes reicht so weit, daß es noch größere Wunder vollbringen kann, und wenn auch noch nicht in der Wirklichkeit, doch der inneren Berechtigung nach trägt sie in sich die Gewißheit weit größerer Glückesgaben.«

»Ich muß sagen, Señor Don Quijote«, versetzte die Herzogin, »in allem, was Ihr sprecht, geht Ihr so vorsichtig zu Werke, als trügt Ihr Blei an den Füßen und als hättet Ihr, wie die Seeleute sagen, das Senkblei in der Hand, und von nun an werde ich glauben und werde allen Leuten meines Hauses und nötigenfalls selbst dem Herzog, meinem Gemahl, den Glauben beibringen, daß es eine Dulcinea von Toboso gibt und daß sie heutigentags lebt und schön ist und von vornehmer Geburt und es verdient, daß ein solcher Ritter wie der Señor Don Quijote ihr in Liebe dient; dies ist das Höchste, was ich von ihr zu rühmen vermag und weiß. Dennoch kann ich nicht umhin, einen Zweifel auszusprechen und ich weiß nicht was für einen kleinen Groll gegen Sancho Pansa zu hegen. Der Zweifel ist, daß die erwähnte Geschichte berichtet, besagter Sancho Pansa habe das besagte Fräulein Dulcinea, als er ihr einen Brief von Euch brachte, gefunden, wie sie einen Sack Weizen siebte, und zu besonderem Wahrzeichen erzählt die Geschichte, es sei gemeiner gelber Weizen gewesen; und dies ist etwas, das mich an ihrer hohen Geburt zweifeln läßt.«

Darauf gab Don Quijote zur Antwort: »Herrin mein, Eure Hoheit muß wissen, daß alles oder beinahe alles, was mir begegnet, sich ganz außerhalb des gewöhnlichen Verlaufs der Dinge hält, die den andern fahrenden Rittern begegnen; ob es nun durch den unerforschlichen Willen des Schicksals so gelenkt wird oder durch die Bosheit irgendeines mißgünstigen Zauberers. Nun ist es eine erwiesene Tatsache, daß alle oder die meisten fahrenden Ritter von Ruf einesteils die Himmelsgabe hatten, nicht verzaubert werden zu können, andernteils eine so undurchdringliche Haut besaßen, daß sie nicht verwundet werden konnten, wie das der Fall war mit dem berühmten Roldán, einem der zwölf Pairs von Frankreich, von dem man erzählt, daß er nur an der Sohle des linken Fußes verwundet werden konnte, und auch das nur mit der Spitze einer großen Stecknadel und durchaus mit keiner andern Waffe; weshalb ihn denn Bernardo del Carpio, als er ihn in Roncesvalles umbringen wollte und sah, daß er ihn nicht mittels des Eisens verwunden konnte, vom Boden aufhob und erwürgte, indem er sich daran erinnerte, wie Herkules den Antäus getötet hatte, jenen Riesen, den man für einen Sohn der Erde ausgibt. Aus dem Gesagten will ich folgern, daß ich wohl möglicherweise eine solche Himmelsgabe besitzen könnte; keineswegs zwar die, nicht verwundet werden zu können, weil mir die Erfahrung oftmalen bewiesen, daß ich eine zarte und durchaus nicht undurchdringliche Haut habe; ebensowenig die, nicht verzaubert werden zu können, denn ich habe mich bereits einmal in einem Käfig gefangen gesehen, worein die ganze Welt mich einzusperren nicht vermocht hätte, wenn es nicht durch Zauberkraft geschehen wäre. Jedoch, da ich mich aus dieser Verzauberung befreit habe, will ich gerne glauben, daß mich keine andre auf Erden künftig mehr schädigen kann; und da so jene Zauberer sehen, daß ihre argen Tücken mir nichts anhaben können, so rächen sie sich an den Wesen, die mir die liebsten sind, und um mir das Leben zu nehmen, quälen und entstellen sie das Leben Dulcineas, durch die allein ich Leben habe. Mithin glaube ich, als mein Schildknappe ihr meine Botschaft überbrachte, verwandelten sie sie in eine Bauernmagd, die mit so niedriger Arbeit beschäftigt war, wie es das Weizensieben ist. Aber ich habe schon seinerzeit gesagt, jener Weizen war weder vom gemeinen gelben noch war es überhaupt Weizen, sondern es waren Perlen aus dem Morgenland; und zum Erweis dieser Tatsache will ich Euern Durchlauchtigkeiten sagen, daß ich vor kurzem, als ich durch Toboso kam, Dulcineas Palast nirgends finden konnte und daß am andern Tage, während mein Schildknappe Sancho sie in ihrer eignen Gestalt, der schönsten des Erdkreises, erblickte, sie mir wie eine grobe häßliche Bäuerin vorkam, und zwar eine durchaus nicht verständig redende, während sie doch der Inbegriff aller Verständigkeit ist.

Da ich nun nicht verzaubert bin und nach menschlichem Ermessen nicht verzaubert werden kann, so ist sie die Verzauberte, die schwer Geschädigte, die Verwandelte, die Verwechselte und Vertauschte, und an ihrer Person haben meine Feinde ihre Rache gegen mich geübt, und um ihretwillen werde ich in unaufhörlichen Tränen dahinleben, bis ich sie wieder in ihrem vorigen Zustande sehe. Das alles hab ich gesagt, damit sich niemand daran stoße, was Sancho vom Sieben und vom Fegen Dulcineas erzählt hat; denn wenn sie sie mir umgestaltet haben, ist’s kein Wunder, daß sie sie auch ihm verwandelt haben. Dulcinea ist eine angesehene Dame von guter Geburt und stammt von den adligen Geschlechtern in Toboso, deren es viele alte und sehr gute gibt. Ganz gewiß ist ihr Heimatort ihr nicht wenig Dank schuldig, da er durch sie berühmt und in künftigen Zeitaltern viel genannt werden wird, wie es Troja durch Helena und Spanien durch die Cava geworden ist, obzwar Toboso aus besserem Anlaß und mit höherem Ruhm.

Andererseits wünsche ich auch Euern Herrlichkeiten klarzumachen, daß Sancho Pansa einer der kurzweiligsten Schildknappen ist, der jemals in eines fahrenden Ritters Diensten gestanden. Er äußert manchmal so scharfsinnige Albernheiten, daß das Nachdenken darüber, ob er albern oder scharfsinnig ist, nicht geringes Vergnügen macht; er hat Tücke in sich, daß man ihn als einen Schelmen verurteilen müßte, und kommt dann wieder mit so gedankenlosen Verkehrtheiten, daß das Urteil über ihn als einen Hausnarren aufs neue Bestätigung erhält; er zweifelt an allem und glaubt alles, und wenn ich meine, er wird vor lauter Dummheit in den Abgrund hinunterstürzen, so bricht er plötzlich mit den verständigsten Äußerungen hervor, die ihn zum Himmel hinaufheben. Kurz, ich würde ihn für keinen andern Schildknappen hergeben, und wenn man mir noch eine große Stadt darauf herausgäbe; und daher bin ich im Zweifel, ob es recht getan sein wird, ihn zu der Statthalterschaft zu entsenden, mit welcher Euer Hoheit ihn beehrt hat, wiewohl ich in ihm eine gewisse Tauglichkeit für das Statthalteramt finde; wenn man seinem Geiste die Auswüchse ein klein wenig beschneidet, wird er mit jeder beliebigen Statthalterschaft so gut wie der König mit seinem Steuerwesen fertigwerden. Zudem wissen wir bereits aus vielfacher Erfahrung, daß es weder großer Geschicklichkeit noch großer Kenntnisse bedarf, um Statthalter zu sein, denn es gibt hierzulande an die hundert, die kaum lesen können und doch scharf auf ihre Amtsgeschäfte sehen wie ein Jagdfalke. Der Punkt, auf den es ankommt, ist, das Gute zu wollen und in allen Dingen nach dem Rechten und Richtigen zu streben; denn es wird ihm nie an jemandem fehlen, der ihm Rat und Anleitung für seine Obliegenheiten erteilt, wie das bei Statthaltern der Fall ist, welche als Ritter erzogen und nicht Studierte sind und welche daher mit Hilfe eines Beisitzers Recht sprechen. Ich würde ihm raten: Laß dir nichts schenken, laß das Recht nicht kränken; und andere Sächelchen mehr, die ich noch auf dem Herzen habe und die seinerzeit zum Vorschein kommen sollen, zum Nutzen für Sancho und zum Besten der Insul, die er etwa zum Statthaltern bekommen würde.«

So weit waren der Herzog, die Herzogin und Don Quijote in ihrer Unterhaltung gekommen, als sie großes Geschrei und großes Gelärm im Palaste hörten; plötzlich stürzte Sancho in den Saal, in großen Ängsten, einen Scheuerlappen als Barbiertuch vor dem Halse, und hinter ihm her eine Menge Diener oder, richtiger gesagt, Küchenschlingel und anderes geringes Hausgesinde, und einer davon hatte einen kleinen Kübel voll Wasser, dem man an der Färbung und Unsauberkeit ansah, daß es Spülwasser war. Der mit dem Kübel folgte und verfolgte ihn und gab sich die größte Mühe, ihm das Gefäß unter dem Barte festzuhalten und anzubinden, und ein anderer Küchenjunge machte Miene, ihm den Bart zu waschen.

»Was ist das, Kinder?« fragte die Herzogin; »was ist das? Was wollt ihr mit diesem wackern Mann? Wie? Bedenkt ihr nicht, daß ihr in ihm einen erwählten Statthalter vor euch habt?«

Darauf antwortete der den Barbier spielende Küchenjunge:

»Dieser Herr will sich nicht waschen lassen, wie es der Brauch ist und wie sich unser gnädiger Herr, der Herzog, und sein eigener Herr haben waschen lassen.«

»Freilich will ich’s«, entgegnete Sancho in höchstem Zorn, »aber ich verlangte, daß es mit reinlicheren Handtüchern geschehen sollte und hellerem Waschwasser und mit nicht so schmutzigen Händen; denn so groß ist der Unterschied nicht zwischen mir und meinem Herrn, daß man ihn mit Engelswasser und mich mit Teufelslauge waschen muß. Die Bräuche in den Landen und Palästen der Großen sind ja insoweit ganz gut, als sie einem nicht lästig werden, aber die Art, wie hier der Bart gewaschen wird, ist ärger, als wie sich die Büßer bei Wallfahrten den Rücken kitzeln. Ich hab einen sauberen Bart und habe derlei Abkühlungen nicht nötig, und wer da herkommt und will mich waschen oder will mir nur ein Haar anrühren auf meinem Kopf, ich meine an meinem Bart, dem will ich, mit Respekt zu sagen, einen derartigen Schlag mit meiner Faust versetzen, daß sie ihm im Hirnkasten steckenbleiben soll. Denn all diese Ziermonjen und Einseifungen sehen eher aus, als wollte man die Gäste foppen, nicht aber mit Artigkeiten erfreuen.«

Die Herzogin starb schier vor Lachen, als sie Sanchos Ingrimm sah und seine Äußerungen hörte. Don Quijote jedoch war nicht sehr entzückt, ihn mit dem schmutzigen Handtuch so übel aufgeputzt und von so vielen Küchengehilfen umringt zu sehen; und daher machte er eine tiefe Verbeugung vor den herzoglichen Ehegatten, als ob er sie um Erlaubnis bäte zu reden, und sprach mit gelassener ernster Stimme zu dem Küchenvolk: »Holla, edle Herren, wollet mir den Burschen in Ruhe lassen und hingehen, wo ihr hergekommen seid, oder meinetwegen anderswohin, wenn ihr Lust habt; mein Schildknappe ist so sauber wie irgendeiner, und die Kübel da sind für ihn zu kleine und zu enghalsige Krüglein. Nehmt meinen Rat an und laßt ihn in Ruhe, denn er und ich verstehen keinen Spaß.«

Sancho nahm ihm das Wort aus dem Munde und fuhr statt seiner also fort: »Nein doch, kommt nur her und treibt euern Spaß mit dem Landstreicher, und ihr sollt sehen, ich laß es mir so wenig gefallen, als es jetzt nachtschlafende Zeit ist. Bringt einen Kamm her, oder was ihr sonst wollt, und striegelt mir meinen Bart, und wenn ihr etwas daraus hervorholt, was der Reinlichkeit zuwider ist, so könnt ihr mir ihn kreuzweise verschneiden.«

Jetzt sprach die Herzogin, ohne daß sie darum zu lachen aufhörte: »Sancho Pansa hat recht mit allem, was er gesagt hat, und wird in allem recht haben, was er sagen wird; er ist sauber und hat, wie er sagt, das Waschen nicht nötig, und wenn unser Brauch ihm nicht gefällt: wohl, des Menschen Wille ist sein Himmelreich; zumal da ihr, die Fürsorger der Reinlichkeit, so über alles Maß nachlässig und leichtsinnig, ich will nicht sagen vermessen wäret, für eine solche Persönlichkeit und einen solchen Bart anstatt Becken und Kamm von reinem Gold und statt deutscher Leintücher Kübel und Näpfe von Holz zu bringen und Wischlappen für einen Schenktisch. Aber ihr seid nun einmal schlechte, ungezogene Burschen, und ihr könnt es nicht lassen, ihr Schlingel, euren Groll gegen die Schildknappen fahrender Ritter zu zeigen.«

Die schelmischen Diener und selbst der Haushofmeister, der mit ihnen gekommen war, glaubten, die Herzogin habe im Ernste gesprochen; sie nahmen daher Sancho den Scheuerlappen von der Brust weg, gingen ganz bestürzt und beinahe beschämt von dannen und ließen ihn stehen. Als Sancho sich dieser Gefahr entledigt sah, die nach seiner Meinung eine außerordentlich große war, warf er sich vor der Herzogin auf die Knie und sagte: »Von großen Damen erwartet man große Gnaden; diese, so mir Euer Gnaden heut erzeigt hat, kann gar nicht anders vergolten werden als mit dem Wunsche, daß ich zum fahrenden Ritter geschlagen werde, um alle Tage meines Lebens hinfort dem Dienste einer so hohen Frau zu widmen. Ich bin ein Bauer, Sancho Pansa heiße ich, ich bin verheiratet, habe Kinder und diene als Schildknappe; wenn ich mit irgendwas hiervon Euer Hoheit dienen kann, so werde ich kürzere Zeit mit dem Gehorchen zögern als Eure Herrlichkeit mit dem Befehlen.«

»Wohl sieht man, Sancho«, erwiderte die Herzogin, »höflich zu sein habt Ihr in der Schule der Höflichkeit selbst gelernt; wohl sieht man, will ich damit sagen, Ihr seid am Busen des Señor Don Quijote großgezogen, welcher gewiß die Perle aller Höflichkeiten ist und die Blume aller Zeremonien, oder Ziermonjen, wie Ihr sagt. Heil einem solchen Herrn und einem solchen Diener, dem einen als dem Polarstern der fahrenden Ritterschaft, dem andern als dem Leitstern schildknapplicher Treue! Steht auf, Freund Sancho, ich will Euer höfliches Benehmen damit vergelten, daß ich den Herzog, meinen Gemahl, veranlasse, so schnell, als er es vermag, Euch die gnädige Zusage einer Statthalterschaft zu erfüllen.«

Hiermit endigte das Gespräch; Don Quijote ging, seine Mittagsruhe zu halten, und die Herzogin ersuchte Sancho, falls er nicht allzu große Lust zu schlafen habe, möchte er den Nachmittag mit ihr und ihren Zofen in einem ganz kühlen Saale verbringen. Sancho antwortete darauf, obschon er wirklich die Gewohnheit habe, im Sommer vier oder fünf Stunden lang einen Mittagsschlaf zu halten, so werde er doch, um ihrer Güte sich gefällig zu erweisen, mit all seinen Kräften sich bemühen, heute gar nicht zu schlafen, und ihrem Befehl gehorsamen. Damit ging er von dannen. Der Herzog gab aufs neue Anweisungen, Don Quijote als fahrenden Ritter zu behandeln, ohne im allergeringsten von der Art abzuweichen, wie, nach den vorliegenden Berichten, die alten Ritter behandelt wurden.

33. Kapitel


Von dem ergötzlichen Gespräche, so von der Herzogin und ihren Jungfräulein mit Sancho Pansa geführt worden und das wohl wert ist, daß man es lesen und sich merken soll

Wie nun die Geschichte erzählt, hielt Sancho diesmal keinen Mittagsschlaf, sondern begab sich, um sein Versprechen zu erfüllen, nach seinem Essen zur Herzogin; und diese, weil sie großes Vergnügen daran hatte, ihm zuzuhören, hieß ihn auf einem niedrigen Stuhle neben sich niedersitzen, obwohl Sancho aus lauter Höflichkeit sich nicht setzen wollte. Allein die Herzogin sagte ihm, er solle als Statthalter Platz nehmen und als Schildknappe sprechen, wiewohl schon jedes einzelne dieser beiden Ämter ihn würdig mache, selbst den Stuhl des Cid Ruy Diaz, des großen Kämpen, einzunehmen. Sancho zog demütig den Kopf zwischen die Schultern und setzte sich, und alle Mägdlein und Frauen der Herzogin umringten ihn, tief schweigend und gespannt, zu vernehmen, was er sagen würde; aber die Herzogin ergriff als erste das Wort und sprach: »Jetzt, da wir allein sind und keiner uns hier hört, wünschte ich, daß der Herr Statthalter mir einige Zweifel lösen möchte, die in mir beim Lesen der Geschichte entstanden sind, welche von dem großen Don Quijote bereits im Druck verbreitet ist. Einer von diesen Zweifeln ist folgender: Da der wackere Sancho die Dulcinea, ich will sagen, das Fräulein Dulcinea von Toboso nie gesehen und ihr auch den Brief des Señor Don Quijote nie gebracht hat, weil dieser in der Sierra Morena im Taschenbuch zurückblieb, wie konnte er wagen, die Antwort zu erfinden, nebst dem Geschichtchen, daß er sie beim Weizensieben angetroffen habe, während doch alles nur ein Possenstreich und eine Lüge und dem guten Rufe der unvergleichlichen Dulcinea so äußerst nachteilig war, alles Dinge, die nicht zur Stellung und Treue eines braven Schildknappen stimmen?«

Ohne auf diese Worte eine Silbe zu erwidern, erhob sich Sancho vom Stuhle und ging sachten Schrittes mit vorgebeugtem Körper, den Daumen auf die Lippen gelegt, im ganzen Zimmer umher, wobei er die Vorhangteppiche einen nach dem andern in die Höhe hob, setzte sich dann wieder und sprach: »Jetzt, Herrin mein, da ich gesehen habe, daß außer den Anwesenden keiner da ist, uns aus dem Hinterhalt zuzuhören, will ich ohne Furcht und Scheu beantworten, was ich bin gefragt worden und was ich etwa noch weiter gefragt werde. Das erste, was ich zu sagen habe, ist, daß ich meinen Herrn Don Quijote für einen unheilbaren Narren halte, wiewohl er manchmal Dinge sagt, die nach meiner Meinung und auch nach der Meinung aller, die ihm zuhören, so gescheit sind und in so richtigem Geleise gehen, daß der Satan selber sie nicht besser äußern könnte; aber trotz alledem steht es vollständig und einwandfrei bei mir fest, daß er verrückt ist. Weil ich nun diese Überzeugung habe, so nehme ich mir heraus, ihm Dinge weiszumachen, die weder Hand noch Fuß haben, wie jene Geschichte mit der Antwort auf den Brief und jene von vor sechs oder acht Tagen, die noch nicht in einem Buch steht, nämlich die Geschichte mit der Verzauberung unseres Fräuleins Doña Dulcinea. Denn ich hab ihm den Glauben beigebracht, sie sei verzaubert, was geradeso wahr ist, wie daß das Wasser den Berg hinaufläuft.«

Die Herzogin bat ihn, ihr diese Verzauberung oder Posse zu erzählen, und Sancho berichtete ihr alles genauso, wie es geschehen war, woran die Zuhörer sich nicht wenig ergötzten. Dann fuhr die Herzogin in ihren Fragen folgendermaßen fort: »Über das, was der wackere Sancho erzählt hat, habe ich ein Bedenken, das mir im Geiste hin und her hüpft, und es flüstert mir was ins Ohr und sagt mir: Da Don Quijote von der Mancha toll und blödsinnig und verrückt ist und Sancho Pansa, sein Schildknappe, es weiß und trotzdem ihm dient und nachläuft und fortwährend auf seine eitlen Versprechungen baut, so muß er ohne allen Zweifel noch toller und dümmer als sein Herr sein; und da dies wirklich so ist, so wird es dir übel angerechnet werden, Frau Herzogin, wenn du dem nämlichen Sancho Pansa eine Insul gibst, um sie als Statthalter zu regieren; denn wer nicht den Verstand hat, sich selbst zu führen und zu beaufsichtigen, wie kann der die Führung und Aufsicht über andre üben?«

»Bei Gott, Señora«, erwiderte Sancho, »diese Bedenklichkeit ist keine Fehlgeburt; aber befehlt ihr nur, deutlich, oder wie sie sonst will zu reden; denn ich sehe es wohl ein, sie redet wahr, und wär ich gescheit, so hätte ich schon längst meinen Herrn im Stiche lassen müssen. Aber das ist einmal mein Schicksal, das ist einmal mein Pech: ich kann nicht anders, ich muß ihm überallhin folgen; wir sind aus demselben Ort, ich habe sein Brot gegessen, ich habe ihn lieb, er ist dankbar, er hat mir seine Esel geschenkt; und vor allem, ich bin treu, und sonach ist es ausgeschlossen, daß uns je etwas anderes trennen könnte als Schaufel und Spaten. Und wenn Eure Hochmütigkeit keine Lust hat, mir die versprochene Statthalterschaft geben zu lassen – mir auch recht, denn aus Staub hat mich Gott geschaffen, und, möglicherweise, wenn man mir sie nicht gibt, könnte dies meiner Seele zum Heil gereichen; denn bin ich auch ein Dummkopf, verstehe ich doch jenes Sprichwort: Der Ameise sind zu ihrem Unglück Flügel gewachsen; es wäre ja auch möglich, daß Sancho der Schildknappe geschwinder in den Himmel kommt als Sancho der Statthalter. Man backt hier geradeso gutes Brot wie in Frankreich, und bei Nacht sind alle Katzen grau; und der Mensch hat Pech zur Genüge, der nachmittags um zwei noch kein Frühstück bekommen hat; kein Magen ist eine Spanne größer als der andre, so daß man ihn, wie es im Sprichwort heißt, nur mit Heu und Stroh stopfen kann; und die Vöglein auf dem Felde haben Gott zum Versorger und Ernährer; und vier Ellen grobes Tuch von Cuenca halten wärmer als vier Ellen hochfeines Tuch von Segovia; und wenn wir von dieser Welt scheiden und uns hinunter in die Erde legen, da muß der Fürst über einen ebenso engen Pfad wie der Taglöhner; und des Papstes Leichnam braucht nicht mehr Raum als des Küsters, obwohl jener soviel höher steht als dieser; und wenn wir in die Grube fahren, da drücken wir uns alle zusammen und ziehen die Glieder ein, oder andre drücken und ziehen uns zusammen, ob wir nun wollen oder nicht, und darin gute Nacht. Und ich sage nochmals, wenn Euer Herrlichkeit keinen Insuln-Statthalter aus mir machen will, weil ich zu dumm bin, so bin ich gescheit genug, mir nichts daraus zu machen. Und ich habe immer sagen hören, hinter dem Kreuze steckt der Teufel, und es ist nicht alles Gold, was gleißt, und hinter den Stieren, dem Pflug und dem Ochsenjoch haben sie den Bauern Wamba hervorgeholt, um König von Spanien zu werden, und mitten aus seinen Goldstoffen, Lustbarkeiten und Reichtümern haben sie den Rodrigo herausgerissen, um ihn den Schlangen vorzuwerfen, falls nämlich die alten Romanzen nicht lügen.«

»Ganz sicher lügen sie nicht!« fiel hier Doña Rodríguez ein, die Kammerfrau, die unter den Zuhörerinnen war; »denn es gibt eine Romanze, die sagt, sie haben den König lebendig in eine Grube voll Kröten, Schlangen und Eidechsen geworfen, und der König hat noch zwei Tage lang in der Grube mit kläglicher schwacher Stimme gesungen:

Ach, sie fressen schon, sie fressen,
Womit am meisten ich gesündigt!

Und darum hat der Herr sehr recht, wenn er sagt, er wolle lieber ein Bauer als ein König sein, wenn er vom Gewürm gefressen werden soll.«

Die Herzogin konnte sich des Lachens nicht erwehren, als sie die Einfalt ihrer Kammerfrau hörte, so wie sie auch nicht umhinkonnte, sich über Sanchos Reden und Sprichwörter zu verwundern, und sie sprach zu diesem: »Der wackere Sancho weiß ja, daß, was ein Ritter einmal versprochen hat, er zu erfüllen bestrebt ist, und sollte es ihn auch das Leben kosten. Der Herzog, mein Herr Gemahl, gehört zwar nicht zu den fahrenden, aber nichtsdestoweniger ist er ein Ritter und wird darum sein Wort betreffs der versprochenen Insul erfüllen, aller Mißgunst und Bosheit der Welt zum Trotz. Seid nur guten Mutes, Sancho; ehe Ihr Euch’s verseht, werdet Ihr auf dem Thron Eurer Insul und Herrschaft sitzen und den Zepter Eurer Statthalterschaft in Händen haben, welche Ihr gegen eine andre von eitel Gold und Juwelen nicht hergeben würdet. Was ich Euch aber anrate, ist, daß Ihr Euch wohl überlegt, wie Ihr als Statthalter Eure Untertanen regieren sollt.«

»In betreff des Gutregierens«, antwortete Sancho, »brauche ich keinen Rat, denn ich bin schon von mir aus gutherzig und habe Mitleid mit den Armen; wer sich mit Kochen und Backen muß quälen, dem sollst du seinen Laib Brot nicht stehlen. Aber beim heiligen Kreuzeszeichen, mir darf man nicht mit falschen Würfeln spielen; ich bin ein alter Jagdhund und verstehe mich auf jedes Hussah-heh! und reibe mir auch zu rechter Zeit den Schlaf aus den Augen und lasse mir keinen blauen Dunst vormachen, denn ich weiß, wo mich der Schuh drückt. Das sag ich von dessentwegen, weil ich für die Guten zugänglich und bei der Hand sein will und die Schlechten bei mir keinen Schritt und keinen Fuß hereinsetzen sollen. Und mir scheint, bei dem Statthaltern und Regieren kommt alles auf den Anfang an, und es wäre möglich, daß nach vierzehn Tagen Statthalterschaft ich mir aus lauter Vergnügen daran die Finger nach dem Amt lecken täte und mehr davon verstünde als von der Feldarbeit, bei der ich aufgewachsen bin.«

»Ihr habt recht, Sancho«, sagte die Herzogin; »es fällt kein Meister vom Himmel, und aus Menschen macht man Bischöfe und nicht aus Steinen. Aber um wieder auf unser voriges Gespräch zurückzukommen, nämlich über die Verzauberung des Fräulein Dulcinea, so halte ich für sicher und mehr als erwiesen, daß jener Einfall Sanchos, seinen Herrn zum besten zu haben und ihm weiszumachen, die Bäuerin sei Dulcinea, und wenn er sie nicht erkenne, so müsse sie verzaubert sein – daß dieser Einfall in der Tat eine Erfindung der Zauberer war, die den Señor Don Quijote verfolgen. Denn tatsächlich weiß ich aus guter Quelle, daß jene Bäuerin, die den Sprung auf ihre Eselin tat, Dulcinea von Toboso war und ist und daß der wackere Sancho, während er meinte, der Betrüger zu sein, der Betrogene ist; und an dieser Tatsache ist so wenig zu zweifeln wie an alledem, was wir nie mit Augen gesehen. Ja, der Señor Sancho Pansa soll wissen, daß wir auch hierzulande Zauberer haben, die uns wohlgesinnt sind und uns glatt und einfach, ohne Arglist und Ränke sagen, was in der Welt vorgeht; und Ihr könnt mir glauben, Sancho, daß die eselspringerische Bauerndirne wirklich Dulcinea von Toboso war und ist und geradeso verzaubert ist wie ihre Mutter, die sie zur Welt geboren; und dereinst, wann wir es uns am wenigsten versehen, werden wir sie sicherlich in ihrer wahren Gestalt erblicken, und dann wird Sancho von dem Irrtum frei werden, in dem er sich jetzo befindet.«

»Alles das kann wohl sein«, entgegnete Sancho Pansa, »und jetzt will ich auch glauben, was mein Herr von den Merkwürdigkeiten erzählt hat, die er in der Höhle des Montesinos gesehen, wo er nach seinen Worten das Fräulein Dulcinea von Toboso in derselben Tracht und Kleidung erblickte, wie ich angab sie gesehen zu haben, als ich lediglich zu meinem persönlichen Vergnügen sie verzauberte. Gerade das Gegenteil davon muß wahr gewesen sein. Denn von meinem armseligen Verstand kann und darf man nicht annehmen, daß er eine so spitzfindige Schelmerei im Nu ausgeheckt hätte. Auch halte ich meinen Herrn nicht für so verrückt, als daß er auf eine so dürftige und magere Versicherung wie die meinige etwas glauben würde, das wider alle menschliche Vernunft ist. Indessen, Señora, wäre es darum doch nicht recht, wenn Hochdero Gütigkeit mich darum für einen böswilligen Menschen halten wollte; denn ein Klotzkopf wie ich ist nicht gehalten, die Gedanken und Bosheiten der abscheulichen Zauberer zu kennen. Ich habe die Geschichte ersonnen, um dem Schelten meines Herrn Don Quijote zu entgehen, und nicht in der Absicht, ihm weh zu tun; und wenn es umgekehrt ausgefallen ist, so lebt ein Gott im Himmel, der Herzen und Nieren prüft.«

»So ist’s in Wahrheit«, sprach die Herzogin. »Aber sagt mir jetzt, Sancho, was ist es denn eigentlich mit der Höhle des Montesinos? Es wäre mir angenehm, das zu wissen.«

Darauf erzählte ihr Sancho Punkt für Punkt, was über dies Abenteuer berichtet worden; und als die Herzogin es vernommen, sagte sie: »Aus diesem Vorgang läßt sich schließen: weil der große Don Quijote sagt, er habe dort die nämliche Bäuerin gesehen wie Sancho am Ausgang von Toboso, so unterliegt es keinem Zweifel, daß es Dulcinea ist und daß die Zauberer hier in der Gegend sehr rührig sind und alles und jedes mit größter Aufmerksamkeit verfolgen.«

»Das sag ich auch«, versetzte Sancho Pansa; »wenn unser Fräulein Dulcinea von Toboso verzaubert ist, so ist’s ihr eigner Schaden; ich aber, ich will nicht mit den Feinden meines Herrn anbinden, sie müssen allzu zahlreich und bösartig sein. Wahr bleibt es, die ich gesehen habe, war eine Bäuerin, und für eine Bäuerin hab ich sie gehalten, und für eine Bäuerin, wie gesagt, hab ich sie erkannt; und wenn sie dennoch Dulcinea war, so geht das nicht auf meine Rechnung und darf mir nicht zu Lasten geschrieben werden; oder wer’s tut, soll mir schwer davon zu tragen haben. Aber das ist die alte Leier: Sancho hat’s gesagt, Sancho hat’s getan, Sancho ist hinüber, Sancho ist herüber – als ob Sancho so der erste beste wäre und nicht derselbe Sancho, der bereits in Büchern weit und breit durch die Welt geht, wie mir Sansón Carrasco gesagt hat, der nichts Geringeres ist als ein gelehrtes Haus, ein Mann, den sie in Salamanca selbst zum Baccalaur gemacht haben; und solche Personen können nicht lügen, höchstens wenn sie gerade Lust dazu haben oder es ihnen ganz besonders dient. Also braucht keiner mit mir anzubinden, und da ich einen guten Leumund habe und ein guter Name, wie ich von meinem Herrn gehört habe, mehr wert ist als großer Reichtum, so mache man mir nur immer die Statthalterschaft einstweilen zurecht, und man wird sein blaues Wunder sehen; denn wer ein guter Schildknappe gewesen ist, wird auch ein guter Statthalter sein.«

»Alles, was der wackere Sancho da gesagt hat«, sprach die Herzogin, »sind lauter Catonische Denksprüche oder, zum wenigsten, dem Michael Verino, florentibus occidit annis, aus der Seele gesprochen. Wirklich, wirklich, um nach seiner Art zu reden, unter einem schlechten Mantel steckt in der Regel ein guter Trinker.«

»Wahrlich, Señora«, entgegnete Sancho, »ich hab in meinem ganzen Leben niemals aus bösem Vorsatz getrunken; aus Durst, ja, das wäre möglich, denn ich habe nichts vom Heuchler an mir; ich trinke, wann ich Lust habe, und wann ich keine Lust habe und man mir zu trinken gibt, damit ich nicht zimperlich oder unmanierlich aussehe; denn wenn ein Freund dir zutrinkt, welch ein Herz ist so steinern, nicht Bescheid zu tun? Hosen, die zieh ich an, aber mache sie nicht schmutzig; trinken tu ich, aber nicht saufen, zumal die Schildknappen der fahrenden Ritter für gewöhnlich nur Wasser trinken, dieweil sie stets durch Forsten, Wälder und Felder, über Berge und Felsklippen ziehen, ohne nur einen barmherzigen Tropfen Wein zu bekommen, und wenn sie ein Auge darum geben wollten.«

»Das glaube ich wohl«, sagte die Herzogin darauf, »und für jetzt mag Sancho schlafen gehen; später wollen wir weiter miteinander reden und Anordnung treffen, daß ihm die bewußte Statthalterschaft schleunigst zurechtgemacht werde, wie er sich ausdrückt.«

Abermals küßte Sancho der Herzogin die Hände und bat sie, ihm die Gnade zu erweisen, daß für seinen Grauen gut gesorgt werde, denn der sei sein Herz und seine Seele und das Licht seiner Augen.

»Was ist das für ein Grauer?« fragte die Herzogin.

»Mein Esel«, antwortete Sancho; »um ihn nicht mit diesem Namen zu nennen, heiße ich ihn gewöhnlich meinen Grauen. Die Frau Kammerfrau da hab ich gebeten, als ich hier ins Schloß kam, sie möchte für ihn sorgen, und sie ward darob so entrüstet, als ob ich ihr gesagt hätte, sie sei eine häßliche oder alte Jungfer, während es doch viel passender und natürlicher für Kammerfrauen sein muß, den Eseln ihr Futter zu geben, als in den Schloßzimmern vornehm zu tun. Gott soll’s wissen, wie hat sich einmal ein Junker in meinem Dorf mit diesen Damen so schlimm gestanden!«

»Das muß wohl ein gemeiner Bauer gewesen sein«, versetzte Doña Rodríguez, die Kammerfrau; »wär er ein Junker gewesen und edel von Geburt, so hätte er sie bis über die Hörner des Monds und die Sterne erhoben.«

»Schon gut, nicht weiter!« sprach die Herzogin; »Doña Rodríguez soll schweigen, und Señor Pansa soll sich zufriedengeben, und die Verpflegung des Grauen soll meine Sorge sein; denn da er Sanchos Kleinod ist, will ich ihn wie meinen Augapfel hüten und auf den Händen tragen.«

»Wofern er nur im Stalle steht, so ist das schon genug«, entgegnete Sancho; »denn auf Euer Hoheit Händen sind weder er noch ich wert einen Augenblick getragen zu werden, und das würde ich ebensowenig erlauben, als daß mir einer Dolchstöße versetzte; denn wenn auch mein Herr sagt, daß man in betreff der Höflichkeiten eher durch eine Karte zuwenig als zuviel das Spiel verliert, so muß man doch, wenn es Esel und andere Langohren betrifft, stets die Richtschnur an der Hand haben und maßhalten.«

»Sancho soll ihn mit zur Statthalterschaft befördern«, sprach die Herzogin, »dort kann er ihn pflegen, wie er will, ja auch ihn in den Ruhestand versetzen.«

»Frau Herzogin«, sprach Sancho, »Euer Gnaden braucht nicht zu denken, Ihr hättet da zuviel gesagt; ich habe wohl schon zwei Esel und noch mehr zu Statthalterschaften kommen sehen, und daß ich den meinigen dazu beförderte, wäre gerade nichts Neues.«

Sanchos Worte weckten aufs neue bei der Herzogin soviel Lachen wie Vergnügen; sie schickte ihn zur Ruhe und ging zum Herzog, um ihm zu erzählen, wie sie sich mit Sancho unterhalten. Beide verabredeten unter sich einen Plan und alle Vorbereitungen, um Don Quijote einen Possen zu spielen, der ganz ausgezeichnet und der Manier der Ritterbücher wohl angepaßt sein sollte, einer Manier, in der sie ihm noch andere Streiche spielten, alle so sachgemäß und so gescheit angelegt, daß es die besten Abenteuer sind, die in dieser großen Geschichte vorkommen.

29. Kapitel


Von dem merkwürdigen Abenteuer mit dem verzauberten Nachen

Auf den hergebrachten – oder noch nicht hergebrachten – Wegen erreichten Don Quijote und Sancho – zwei Tage, nachdem sie das Wäldchen verlassen hatten – den Fluß Ebro, und Don Quijote freute sich sehr seines Anblicks. Er betrachtete lange die Lieblichkeit seiner Gestade, die Klarheit seiner Gewässer, die ernste Ruhe seiner Strömung, die Fülle seiner flüssigen Kristalle; und dieser heitre Anblick erneute in seiner Erinnerung tausend Liebesgedanken. Vorzugsweise aber kam ihm in Sinn und Gedanken, was er in der Höhle des Montesinos gesehen; denn wenn auch Meister Pedros Affe ihm gesagt hatte, ein Teil jener Geschichten sei Wahrheit, ein Teil aber Lüge, so hielt er sich mehr an die wahrhaften, ganz im Gegensatze zu Sancho, der sie sämtlich für die Lüge selbst hielt.

Indem er nun in solchen Gedanken dahinzog, fiel ihm ein kleiner Nachen ohne Ruder in die Augen, der an einen Baumstamm am Ufer angebunden war. Don Quijote blickte sich nach allen Seiten um und sah niemanden, und ohne weiteres stieg er von Rosinante ab und befahl Sancho, gleichfalls von seinem Grauen abzusitzen und beide Tiere zusammen an den Stamm einer dort stehenden Pappel oder Weide fest anzubinden.

Sancho fragte ihn nach der Ursache dieses unerwarteten Beginnens. Don Quijote antwortete: »Du mußt wissen, Sancho, der Nachen hier ist dazu da, und anders kann es nicht sein, mich zu rufen und aufzufordern, daß ich hineinsteige und darin fortschiffe, um Beistand zu leisten irgendeinem Ritter oder sonst einer hilfsbedürftigen vornehmen Persönlichkeit, die gewißlich von großen Nöten bedrängt sein muß; denn so pflegt es in den Ritterbüchern zu sein und bei den Zauberern, die mit solchen Geschichten zu tun haben; wenn ein Ritter sich in einer Drangsal befindet und aus selbiger nur durch eines andern Ritters Hand erlöst werden kann, obgleich sie zwei- oder dreitausend Meilen, ja noch weiter voneinander entfernt sind, da entführen sie ihn gewaltsam in einer Wolke oder bieten ihm einen Nachen dar, damit er dareinsteige, und in kürzerer Zeit, als man die Augen öffnet und schließt, führen sie ihn davon, sei es durch die Lüfte, sei es das Meer hindurch, wie es ihnen beliebt und wo sein Beistand notwendig ist. Sonach, o Sancho, befindet sich dieser Nachen zum nämlichen Zwecke hier; und dies ist so sicher, wie der Tag jetzo scheinet, und ehe denn derselbe vorübergehe, binde den Grauen und Rosinante zusammen an; und nun in Gottes Namen, möge Er uns geleiten! Denn ich werde von meiner Einschiffung nicht abstehen, und kämen selbst Barfüßermönche und bäten mich darum.«

»Wenn es denn einmal so ist«, entgegnete Sancho, »und Euer Gnaden verfällt mit aller Gewalt bei jedem Schritt auf solcherlei, ich weiß nicht, soll ich sagen Unsinn, so bleibt nichts übrig, als zu schweigen und den Kopf zu neigen nach dem Sprichwort: Tu, was dein Herr gebeut, und setze dich mit ihm zu Tische. Aber trotzdem will ich, da ich mein Gewissen von Schuld frei halten will, Euer Gnaden ernstlich sagen, mir wenigstens kommt es so vor, dieser Nachen gehört nicht zu den verzauberten, sondern gehört irgendwelchen Fischern hier am Flusse, in dem die besten Eisen auf der Welt gefangen werden.«

So sprach Sancho, während er die Tiere anband, die er mit großem Seelenschmerz dem Schutz und Schirm der Zauberer überlassen mußte. Don Quijote ermahnte ihn, ob der Tiere unbekümmert zu sein, denn der, welcher sie selbst in fernsten Distanzen über Pfade und Lande führen werde, der werde auch Sorge tragen, sie zu nähren.

»Was ist das für ein Tanz, der Dißtanz?« sagte Sancho; »ich verstehe das nicht, habe ein solches Wort all mein Lebtag nicht gehört.«

»Distanz heißt Entfernung«, erwiderte Don Quijote, »und es ist kein Wunder, daß du es nicht verstehst, denn du bist nicht verpflichtet, Latein zu können wie so manche, die so tun, als könnten sie es, und doch nichts davon verstehen.«

»Jetzt wären sie also angebunden«, fiel Sancho ein; »was haben wir nun zu tun?«

»Was?« antwortete Don Quijote; »ein Kreuz schlagen und den Anker lichten, ich meine uns einschiffen und das Tau kappen, womit dieser Nachen vor Ufer festliegt.«

Und mit einem Sprung schwang er sich hinein, Sancho folgte ihm, er schnitt das Seil durch, und der Nachen entfernte sich allmählich vom Ufer. Als sich aber Sancho ungefähr zwei Ellen weit im Gewässer des Flusses sah, begann er zu zittern und sein Verderben zu fürchten; aber nichts machte ihm so viel Kummer, als daß er seinen Esel iahen hörte und sah, wie sich Rosinante abarbeitete, um loszukommen. Da sprach er zu seinem Herrn: »Mein Grauer schreit iah im Schmerz ob unsrer Entfernung, und Rosinante müht sich, loszukommen, um sich uns nachzustürzen. O liebste Freunde, bleibt in Frieden allhier, und möge auf die Torheit, die uns von euch fortführt, die Enttäuschung bald folgen und uns dann zum holden Zusammensein mit euch zurückbringen!«

Und hiermit begann er so bitterlich zu weinen, daß Don Quijote ärgerlich und auffahrend zu ihm sagte: »Was fürchtest du, feiges Geschöpf? Worüber weinst du, Butterherz? Wer verfolgt dich, wer bedrängt dich, du Maus, die sich im Loche duckt? Oder was geht dir ab, und darbst du etwa im Schoße des Überflusses? Pilgerst du etwa zu Fuß und barfüßig über die Rhypäischen Gebirge, oder sitzest du nicht vielmehr hier, wo eine breite Planke dir einen Sitz gewährt wie einem Erzherzog, auf der geruhsamen Strömung dieses lieblichen Flusses, von wo wir nach kurzer Weile in das weite Meer hinausfahren werden? Aber schon müssen wir hinausgekommen und mindestens sieben- oder achthundert Meilen weit gefahren sein, und wenn ich ein Astrolabium hier hätte, um die Polhöhe damit zu bestimmen, würde ich dir sagen, wie viele der Meilen wir gefahren sind; indessen, ich verstehe entweder nicht viel davon, oder wir haben die Linie der Nachtgleiche, die die beiden entgegengesetzten Pole teilt und sich in gleichem Abstande von ihnen hinzieht, bereits durchschnitten oder werden sie bald durchschneiden.«

»Und wann wir zu diesem Linchen mit dem Nachtleibchen kommen«, fragte Sancho, »wieviel haben wir dann zurückgelegt?«

»Viel«, antwortete Don Quijote, »denn von den dreihundertsechzig Graden, welche die aus Erde und Wasser zusammengesetzte Kugel enthält nach der Kalkulation und Berechnung des Ptolemäus, jenes größten Kosmographen, den man kennt, werden wir die Hälfte zurückgelegt haben, sobald wir an die erwähnte Linie kommen.«

»Bei Gott«, sprach Sancho, »da bringt Ihr mir zum Zeugen Eurer Angaben einen schönen Kerl daher, einen, der Kalk im Latz hat, einen Polen, der mäh sagt, und dazu einen Possengrafen, den man kennt.«

Don Quijote lachte laut auf über die Auslegung, die Sancho der Kalkulation und dem Ptolemäus und dem Kosmographen gegeben, und sagte ihm: »Du mußt wissen, Sancho, wenn die Spanier und überhaupt die Reisenden sich in Cádiz nach Ostindien einschiffen, so haben sie ihre Merkzeichen, woran sie erkennen, daß sie über die Linie der Nachtgleiche, von der ich dir sagte, hinausgekommen sind, und eines davon besteht darin, daß bei allen Leuten im Schiffe die Läuse absterben, ohne daß eine einzige übrigbleibt, und im ganzen Schiff würde man keine finden, wenn man sie auch mit Gold aufwiegen wollte. Sonach, Sancho, magst du dir nur mit der Hand über den Schenkel fahren, und falls du eine am Leben findest, so sind wir gleich aus dem Zweifel; wenn aber nicht, so sind wir über die Linie hinaus.«

»Ich glaube nichts von alledem«, entgegnete Sancho; »aber doch will ich tun, was Euer Gnaden mir befiehlt. Zwar weiß ich nicht, wozu wir solche Proben anstellen sollen, da ich mit meinen eignen Augen sehe, daß wir uns noch keine fünf Ellen weit vom Ufer entfernt haben, ja, wir sind nicht einmal zwei Ellen von dem Ort weg, wo unsre Tiere stehen, denn dorten stehen Rosinante und mein Grauer am gleichen Fleck, wo wir sie gelassen, und wenn ich den Augenpunkt nehme, wie ich es jetzt tue, so schwör ich’s bei dem und jenem, wir bewegen uns überhaupt nicht, wir kommen nicht einmal so geschwind vom Fleck wie eine Ameise.«

»Mach nur die Probe, die ich dir angegeben habe, Sancho«, befahl Don Quijote, »kümmere dich um keine andre, denn du weißt nicht, was Koluren und Linien sind, Parallelen und Tierkreise, Ekliptik und Pol, Sonnenwende und Nachtgleiche, Planeten, Sternbilder, die Punkte und Grade, nach denen die Himmels- und die Erdkugel eingeteilt wird; denn wenn du dies oder auch nur einen Teil davon wüßtest, so würdest du deutlich sehen, wieviel Parallelkreise wir durchschnitten, wieviel Himmelszeichen wir erblickt, wieviel Sternbilder wir hinter uns gelassen haben und noch hinter uns lassen werden. Und nochmals sage ich dir; du sollst dich befühlen und Jagd machen, denn ich bin überzeugt, du bist jetzt sauberer als ein Bogen glattes weißes Papier.«

Sancho befühlte sich, griff mit der Hand sachte und vorsichtig an die linke Hüfte, hob den Kopf, sah seinen Herrn starr an und sagte: »Entweder taugt die Probe nicht, oder wir sind noch nicht dahin gelangt, wo Euer Gnaden meint, ja auf viele Meilen nicht.«

»Wie denn?« fragte Don Quijote, »hast du etwas gefunden?«

»Sogar mehr als etwas«, antwortete Sancho. Er schüttelte die Finger ab und wusch sich die ganze Hand im Flusse, auf dem der Nachen sanft dahinglitt, ohne daß ihn eine geheime Kraft oder ein verborgener Zauberer in Bewegung setzte außer des Wassers eigener Strömung, die jetzt still und freundlich hinwallte.

Indem wurden sie mitten im Flusse Wassermühlen gewahr, und kaum hatte Don Quijote sie erblickt, als er mit lauter Stimme zu Sancho sprach: »Siehst du dort, o mein Freund, da tritt hervor die Stadt, Burg oder Feste, worin irgendein schwerbedrückter Rittersmann oder eine mißhandelte Königin, Infantin oder Prinzessin gefangenliegen muß, und zu deren Beistand bin ich hierhergeführt worden.«

»Was, zum Teufel, für Stadt, Feste oder Burg meint Euer Gnaden, Señor?« fragte Sancho Pansa. »Seht Ihr denn nicht, daß es Wassermühlen im Flusse sind, wo das Getreide gemahlen wird?«

»Schweig, Sancho«, sagte Don Quijote; »denn wenn sie auch wie Wassermühlen aussehen, so sind es doch keine. Ich habe dir ja schon gesagt, daß Zauberei alles verwandelt und aus seinem angebornen Wesen zu einem andern umgestaltet; damit will ich nicht sagen, daß sie das eine zum andern wirklich umgestaltet, sondern es scheint nur äußerlich so. Das hat die Erfahrung uns gezeigt in der Verwandlung meiner Dulcinea, dieser einzigen Zuflucht meiner Hoffnungen.«

Unterdessen war der Nachen mitten in die Strömung geraten und begann rascher zu treiben als bisher. Als die Leute auf den Wassermühlen sahen, wie der Nachen auf dem Flusse herankam und nahe daran war, gerade in den Wassersturz des Mühlkanals hineinzutreiben, sprangen viele von ihnen eiligst mit langen Stangen heraus, um ihn aufzuhalten, und da sie ganz weiß aussahen und ihre Gesichter und Kleider mit Mehl bestäubt waren, so boten sie einen unangenehmen Anblick. Sie stießen ein großes Geschrei aus und riefen: »Ihr verdammten Kerle, wohin wollt ihr? Seid ihr lebensmüde? Was? Wollt ihr zwischen den Rädern ersaufen und zerschellen?«

»Sagte ich dir nicht, Sancho«, sagte Don Quijote jetzt, »daß wir die Stelle erreicht haben, wo ich zeigen soll, wie weit die Kraft meines Armes reicht? Schau hin, wieviel Wegelagerer und feige Schurken sich mir entgegenwerfen; schau hin, wieviel Scheusale mir Widerpart halten; schau hin, wieviel häßliche Fratzen einherkommen und uns Gesichter schneiden. Aber gleich sollt ihr es erfahren, Schelmengezücht!«

Und er stellte sich im Nachen aufrecht, begann mit mächtiger Stimme die Müller zu bedräuen und rief: »Schlechtgesinntes und noch schlechter beratenes Lumpenpack, laßt in Freiheit, laßt ungehindert über sich selbst verfügen die Person, die ihr in eurer Feste oder Zwingburg geknechtet haltet, ob sie hoch oder niedrig, welchen Standes oder Ranges sie sein möge; denn ich bin Don Quijote von der Mancha, der Löwenritter genannt, welchem durch des hohen Himmels Gebot es vorbehalten ist, dies Abenteuer zu glücklichem Ende zu führen!«

Und mit diesen Worten griff er zum Schwerte und begann damit Lufthiebe gegen die Müller zu führen; diese aber, die die Narreteien wohl hörten, aber nicht verstanden, mühten sich, mit ihren Stangen den Nachen aufzuhalten, der schon im Begriff war, in den Strudel des Mühlkanals hineinzutreiben. Sancho warf sich auf die Knie und betete andächtig zum Himmel, ihn aus einer so offenbaren Gefahr zu erlösen, und der Himmel tat es auch vermittels der Geschicklichkeit und Behendigkeit der Müller, die sich mit ihren Stangen wider den Nachen stemmten und ihn zurückhielten, jedoch nicht verhindern konnten, daß der Nachen umschlug und der Ritter und sein Schildknappe kopfüber ins Wasser stürzten. Indessen ging es für Don Quijote gut aus, da er schwimmen konnte wie ein Gänserich, obwohl das Gewicht der Rüstung ihn zweimal auf den Grund hinunterzog; und wären die Müller nicht gewesen, die sich ins Wasser stürzten und sie herauszogen, so wäre für beide hier ein Troja gewesen.

Als sie nun ans Land gebracht und freilich mehr durchnäßt als durstig waren, warf sich Sancho auf die Knie, faltete die Hände, heftete die Blicke gen Himmel und flehte zu Gott in langem andächtigem Gebete, ihn fürderhin von den tollkühnen Anschlägen und Wagnissen seines Herrn zu erlösen. Inzwischen kamen die Fischer herbei, die Eigentümer des Nachens, welchen die Mühlräder in Trümmer zerschlagen hatten; und da sie ihn zerschellt sahen, gingen sie sofort daran, Sancho die Kleider auszuziehen und zugleich von Don Quijote Schadenersatz zu fordern. Der Ritter aber, mit größter Gemütsruhe, als ob er an der ganzen Sache unbeteiligt wäre, versicherte den Müllern und Fischern, er werde den Nachen mit Vergnügen bezahlen, wenn man ihm die Person oder die Personen, die in dieser ihrer Burg gefangenlägen, frei und sonder hinterhaltige Tücke herausgebe.

»Was für Personen oder was für eine Burg meint Ihr, närrischer Mensch?« entgegnete einer von den Müllern. »Wollt Ihr vielleicht die Personen mitschleppen, die in unsre Mühlen kommen, um ihr Getreide zu mahlen?«

»Jetzt genug«, sprach Don Quijote zu sich selber; »da wär ich ein Prediger in der Wüste, wollte ich dieses Gesindel dazu bewegen, für gute Worte eine gute Tat zu tun. Bei diesem Abenteuer müssen zwei mächtige Zauberer aufeinandergestoßen sein, und der eine hindert, was der andre plant; der eine bescherte mir den Nachen, der andre ließ mich scheitern. Gott besser’s! Besteht doch diese ganze Welt nur aus Anschlägen und geheimen Plänen, von denen einer immer dem andern feindlich entgegenwirkt. Mehr kann ich nicht tun.«

Hierauf erhob er seine Stimme und fuhr in seiner Rede fort, indem er die Mühlen ins Auge faßte: »Freunde ihr, wer ihr auch sein möget, die ihr in diesem Kerker eingesperrt weilet, vergebt mir! Um meines Mißgeschicks willen und zu eurem Unglück kann ich euch nicht aus euren Nöten lösen; für einen andern Ritter muß dies Abenteuer vorbehalten und aufbewahrt sein.«

Und dann verglich er sich auch gleich mit den Fischern und bezahlte für den Nachen fünfzig Realen, welche Sancho gar ungern hergab, wobei er sagte: »Bei zwei Kahnfahrten wie dieser würde unser ganzes Hab und Gut scheitern gehen.«

Den Fischern erschien es als ein seltsam Schauspiel, wie diese zwei Gestalten so ganz anders als alle andern Menschen in ihrer Erscheinung waren, und sie konnten mit Don Quijotes Reden und Fragen nicht das geringste anfangen; und da sie beide für verrückt hielten, ließen sie sie stehen und kehrten heim, die einen zu ihren Mühlen, die Fischer zu ihren Hütten.

Don Quijote und Sancho aber kehrten zurück zu ihren Tieren, um selber dumme Tiere zu bleiben, und so endete das Abenteuer mit dem verzauberten Nachen.