Eilftes Kapitel.

Eilftes Kapitel.

– Verfluchet sei mein Stamm,
Wofern ich ihm verzeihe. –
Shylock.

Der Indianer hatte für seinen Zweck einen jener steilen, pyramidenförmigen Hügel ausersehen, welche eine große Aehnlichkeit mit künstlichen Erdaufwürfen haben und in den Thälern Amerikas so häufig gefunden werden. Der fragliche Hügel war hoch und abschüssig, sein Gipfel, wie gewöhnlich, abgeplattet, eine Seite davon aber weniger regelmäßig, als es sonst wohl der Fall ist. Der Ort hatte für einen Ruheplatz keine anderen Vortheile, als seine Höhe und Form, welche eine Vertheidigung leicht und einen Ueberfall beinahe unmöglich machten. Da Heyward jedoch nicht weiter auf eine Befreiung hoffte, welche Zeit und Entfernung gleich unwahrscheinlich machten, so betrachtete er diese geringfügigen Eigenthümlichkeiten mit gleichgültigem Auge, und war allein darauf bedacht, seine schwächeren Begleiter zu trösten und ihnen Muth einzusprechen. Die Narragansets ließ man die Zweige der auf dem Hügel sparsam wachsenden Bäume und Gesträuche abweiden, während die Reste des Mundvorrathes unter dem Schatten einer Buche, die mit ihren wagerechten Aesten sie gleich einem Dache überragte, ausgebreitet würden.

Trotz ihres eilfertigen Marsches hatte einer der Indianer Gelegenheit gefunden, ein verirrtes Hirschkalb mit einem Pfeile zu erlegen, und die vorzüglicheren Theile des Thieres geduldig auf den Schultern nach dem Ruheplatz getragen. Ohne Hülfe und Kenntniß der Kochkunst schickte er sich sogleich mit seinen Genossen an, diese schwerverdauliche Speise hinunterzuschlingen. Magua allein hielt sich entfernt, ohne an dem widerlichen Mahle Theil zu nehmen, und schien in tiefes Nachdenken versunken. Diese Enthaltsamkeit, so auffallend bei einem Indianer, wenn er Mittel hat, seine Eßlust zu befriedigen, zog endlich Heyward’s Aufmerksamkeit auf sich. Er gab sich der Hoffnung hin, der Hurone denke darüber nach, wie er die Wachsamkeit seiner Gefährten am ehesten täuschen könne, um sich in den Besitz der versprochenen Geschenke zu setzen. Mit dem Gedanken, diese Pläne durch seinen eigenen Rath zu unterstützen und die Versuchung noch zu verstärken, verließ er die Buche und kam, wie von Ungefähr, auf die Stelle zu, wo le Renard saß.

»Hat nicht Magua die Sonne lange genug im Gesicht gehabt, um aller Gefahr von den Canadiern entronnen zu seyn?« fragte er, als ob er über das gute Einverständniß zwischen ihnen nicht länger im Zweifel wäre: »und wird der Häuptling von William Henry nicht mehr erfreut seyn, wenn er seine Tochter wieder sieht, ehe noch eine zweite Nacht sein Herz gegen ihren Verlust verhärtet und ihn mit seinen Geschenken weniger freigebig gemacht haben wird?« –

»Lieben die Blaßgesichter ihre Kinder weniger am Morgen, als am Abend?« fragte der Indianer kalt.

»Keineswegs,« erwiederte Heyward, besorgt, seinen Fehler zu verbessern, wenn er einen gemacht, »der weiße Mann vergißt oft den Begräbnißplatz seiner Väter; er gedenkt zuweilen nicht mehr derer, die er lieben sollte und zu lieben versprochen hat; aber die Zärtlichkeit eines Vaters für sein Kind darf nie ersterben.«

»Und ist das Herz des weißköpfigen Häuptlings sanft, wird er lange an die Kinder denken, die seine Squaws ihm gegeben haben? Er ist so hart gegen seine Krieger, und seine Augen sind aus Stein gebildet!«

»Er ist streng gegen die Trägen und Bösen, aber gegen die Nüchternen und Verdienstvollen ist er ein gerechter und gütiger Führer. Ich habe schon viele liebevolle und zärtliche Aeltern gesehen, aber noch keinen Mann, dessen Herz gegen sein Kind zärtlicher gesinnt gewesen wäre. Du hast den Graukopf vor der Fronte seiner Krieger gesehen, Magua; aber ich habe erlebt, wie seine Augen in Thränen schwammen, wenn er von diesen Kindern sprach, die nun in Deinen Händen sind!«

Heyward schwieg; denn er konnte sich den auffallenden Ausdruck nicht erklären, der sich über die schwärzlichen Züge des aufmerksamen Indianers blitzschnell verbreitete. Zuerst war es, als ob die Erinnerung an die versprochene Belohnung in seinem Geiste lebendig würde, wie er von den Quellen väterlicher Zärtlichkeit hörte, die ihm den Besitz jener sichern würden; während Duncan aber weiter redete, wurde der Ausdruck der Freude so grimmig boshaft, daß er nothwendig befürchten mußte, es liege ihr eine unheimlichere Leidenschaft als Gewinnsucht zu Grunde,

»Geh!« sprach der Hurone, indem er für den Augenblick diesen beunruhigenden Ausdruck seines Antlitzes mit einer todtenähnlichen Ruhe vertauschte, »geh und sage der schwarzlockigen Tochter, daß Magua sie sprechen will. Der Vater wird nicht vergessen, was die Tochter verspricht.«

Duncan, der in dieser Rede des Wilden den Wunsch nach einem weitern Unterpfande dafür erblickte, daß die versprochenen Gaben ihm auch wirklich zu Theil werden sollten, zog sich langsam und zögernd nach der Stelle zurück, wo die Schwestern von ihrer Anstrengung ausruhten, um seinen Auftrag an Cora auszurichten.

»Sie wissen, von welcher Art die Wünsche eines Indianers sind,« schloß er, sie zu der Stelle führend, wo sie erwartet wurde. »Sie müssen freigebig mit Anerbietungen von Pulver und Decken seyn. Geistige Getränke stehen jedoch bei Leuten, wie er, oben an; auch wäre es gut, wenn Sie ihm ein Geschenk von Ihrer Hand mit jener Grazie, die Ihnen so eigenthümlich ist, anbieten würden. Bedenken Sie, Cora, daß von Ihrer Geistesgegenwart und Besonnenheit sogar Ihr Leben und das Alicens abhängt!«

»Und das Ihrige, Heyward!«

»Das meinige kommt wenig in Betracht, es ist bereits an meinen König verkauft, und gehört dem ersten besten Feinde, der es mir nehmen kann. Ich habe keinen Vater, der mich erwartet, und nur wenige Freunde, die ein Schicksal beklagen, nach welchem ich mit der nicht zu stillenden Sehnsucht der Jugend nach Auszeichnung gedürstet habe. Aber still! wir nahen uns dem Indianer. »Magua, die Lady, mit welcher Du zu sprechen gewünscht, steht vor Dir.«

Der Indianer erhob sich langsam von seinem Sitze und stand fast eine Minute schweigend und regungslos vor ihr. Dann gab er Heyward mit der Hand ein Zeichen, sich zurückzuziehen, und sagte kalt:

»Wenn der Hurone mit den Weibern spricht, verschließt sein Stamm die Ohren.« Als Duncan noch immer zögerte, als wollte er nicht gehorchen, sprach Cora mit ruhigem Lächeln:

»Hören Sie’s, Heyward? Ihr Zartgefühl sollte Sie wenigstens veranlassen, sich zurückzuziehen. Gehen Sie zu Alice und trösten Sie dieselbe mit unsern wiederauflebenden Hoffnungen!«

Sie wartete bis er sich entfernt hatte, und sprach dann, gegen den Eingebornen gekehrt, mit aller Würde ihres Geschlechts in Stimme und Geberden: »Was will Le Renard der Tochter Munro’s sagen?«

»Hör‘!« antwortete der Indianer, seine Hand fest auf ihren Arm legend, als wollte er alle Ihre Aufmerksamkeit auf seine Worte lenken – eine Bewegung, welche Cora eben so fest, als ruhig zurückwies, indem sie ihren Arm seinem Griffe entzog – »Magua ward als Häuptling und Krieger unter den rothen Huronen an den Seen geboren; er sah die Sonnen von zwanzig Sommern den Schnee von zwanzig Wintern in die Ströme treiben, ehe er ein Blaßgesicht erblickte, und er war glücklich! Dann kamen seine canadischen Väter in die Wälder und lehrten ihn das Feuerwasser trinken und er ward ein Bösewicht. Die Huronen trieben ihn von den Gräbern seiner Väter, als ob er ein gejagter Büffel wäre. Er rannte zu den Ufern der Seen hinab und verfolgte ihren Ausfluß bis zur »Kanonen-Stadt«. Hier jagte und fischte er, bis das Volk ihn zurück durch die Wälder wieder in die Arme seiner Feinde trieb. Der Häuptling, welcher ein geborner Hurone war, wurde endlich ein Krieger unter den Mohawks!«

»Ich habe früher so etwas gehört!« sagte Cora, als sie bemerkte, daß er schwieg, um die Leidenschaft zu unterdrücken, die bei der Erinnerung an das vermeintliche Unrecht, das er erlitten, in helle Flammen aufzulodern begann. »Ist es Le Renard’s Schuld, daß sein Haupt nicht aus einem Felsen geschaffen war? Wer gab ihm das Feuerwasser? Wer machte ihn zu einem Bösewicht? Die Blaßgesichter, das Volk Deiner Farbe, thaten es!«

»Und bin ich verantwortlich dafür, daß es unbesonnene, schlechte Menschen gibt, deren Gesichtsfarbe der meinigen gleicht?« fragte Cora ruhig den aufgeregten Wilden.

»Nein, Magua ist ein Mann und kein Thor. Solche, wie Du, öffnen nie ihre Lippen dem Feuerstrome: der große Geist hat Dir Weisheit gegeben!«

»Was habe ich also bei Deinem Unglücke, ich will nicht sagen, bei Deinen Verirrungen zu thun oder darüber zu sagen?«

»Höre,« wiederholte der Indianer, indem er seine ernste Stellung wieder annahm, »als seine englischen und französischen Väter das Beil aus der Erde gruben, zog Le Renard auf die Vorposten der Mohawks und focht gegen seine eigene Nation. Die Blaßgesichter haben die Rothhäute aus ihrem Jagdgebiet vertrieben, und jetzt, wenn sie kämpfen, führt ein weißer Mann sie an. Der alte Häuptling am Horican, Dein Vater war der große Anführer unserer Kriegspartei. Er sprach zu den Mohawks: thut Dies und thut Jenes, und fand Gehorsam. Er machte ein Gesetz, daß, wenn ein Indianer Feuerwasser trinke und in die Leinwand-Wigwams seiner Krieger komme, es nicht vergessen werden sollte. Magua öffnete thöricht den Mund und das Feuergetränk führte ihn in Munro’s Hütte. Was that der Graukopf? seine Tochter soll es sagen!«

»Er vergaß seiner Worte nicht, übte Gerechtigkeit und bestrafte den Schuldigen,« sprach das kühne Mädchen.

»Gerechtigkeit!« wiederholte der Indianer, indem er den grimmigsten Seitenblick auf ihr unerschrockenes Antlitz warf, »ist das Gerechtigkeit, wenn man das Uebel schafft und dann dafür bestraft? Magua war es nicht selbst: das Feuerwasser sprach und handelte für ihn! Aber Munro glaubte es nicht. Der Huronenhäuptling ward vor allen Kriegern mit dem Blaßgesichte gebunden, und wie ein Hund durchpeitscht.«

Cora schwieg; denn sie wußte nicht, wie sie diese unkluge Strenge ihres Vaters so rechtfertigen sollte, daß es der Fassungskraft eines Indianers angemessen wäre.

»Sieh!« fuhr Magua fort, indem er den leichten Calico, der seine bemalte Brust nur unvollkommen bedeckte, bei Seite riß: »hier sind Narben von Messern und Kugeln – dieser mag sich ein Krieger vor seiner Nation rühmen; aber der Graukopf hat Spuren auf dem Rücken des Huronenhäuptlings hinterlassen, die er, wie eine Squaw, unter dieser bemalten Leinwand der Weißen verbergen muß.«

»Ich glaubte,« begann Cora wieder, »der indianische Krieger sey ausdauernd, fühle, kenne nicht den Schmerz, den sein Körper leide.«

»Als die Chippewas Magua an den Pfahl banden und ihm diese Wunde schlugen,« sprach der Andere, indem er seinen Finger in eine tiefe Narbe legte, »lachte ihnen der Hurone ins Gesicht und sagte: nur Weiber verwunden so leicht! Da war sein Geist in den Wolken! Aber als er Munro’s Streiche fühlte, lag sein Geist unter der Birkenruthe. Der Geist eines Huronen ist nie berauscht; er vergißt Nichts!«

»Aber er kann besänftigt werden. Wenn mein Vater dir Unrecht that, so zeig‘ ihm, wie ein Indianer vergeben kann und bring‘ ihm seine Töchter zurück. Du hast von Major Heyward gehört –«

Magua schüttelte den Kopf und verbot ihr die Anerbietungen zu wiederholen, die er so sehr verachtete.

»Was willst du also haben?« fuhr Cora nach einer peinvollen Pause fort, indem sich ihr die Ueberzeugung immer mehr aufdrang, daß der zu sanguinische und edelmüthige Duncan durch die Schlauheit des Wilden grausam getäuscht worden sey. »Was ein Hurone liebt. – Gutes für Gutes, Böses für Böses!«

»So willst du denn das Unrecht, welches Munro dir zugefügt hat, an seinen hülflosen Töchtern rächen? Wäre es nicht männlicher, du trätest ihm vor’s Angesicht, und verschafftest dir als Krieger Genugthuung?«

»Die Arme der Blaßgesichter sind lang und ihre Messer scharf!« entgegnete der Wilde mit boshaftem Gelächter; »warum sollte Renard unter die Musketen seiner Krieger gehen, wenn er den Geist des Graukopfs unter seinen Händen hat?«

»Nenne deine Absicht, Magua,« sprach Cora, alle ihre Kräfte aufbietend, um ruhig und standhaft zu bleiben, »Willst du uns als Gefangene in die Wälder schleppen, oder hast du uns noch größeres Uebel zugedacht? Gibt es keine Belohnung, kein Mittel, das Unrecht zu sühnen, und dein Herz zu erweichen? Wenigstens laß meine zarte Schwester los und schütte alle Bosheit über mich aus. Erkaufe dir Reichthum mit ihrer Rettung und sättige deine Rache an Einem Opfer. Der Verlust beider Töchter würde den alten Mann ins Grab bringen, und welche Genugthuung hätte dann Le Renard?«

»Höre!« sprach der Indianer wieder, »die lichten Augen können zum Horican zurückkehren und dem alten Manne erzählen, was geschehen ist, wenn das schwarzlockige Mädchen bei dem großen Geist seiner Väter schwören will, nicht zu lügen.«

»Was muß ich versprechen?« fragte Cora, immer noch durch ihre Fassung und weibliche Würde eine geheime Gewalt über den wilden Eingebornen behauptend.

»Als Magua sein Volk verließ, wurde sein Weib einem andern Häuptling gegeben; er hat sich jetzt Freunde unter den Huronen gemacht und will zu den Gräbern seiner Väter an die Ufer des großen See’s zurückkehren. Die Tochter des englischen Häuptlings soll mit ihm gehen und für immer in seinem Wigwam leben.«

So empörend auch ein solcher Vorschlag für Cora seyn mußte, so behielt sie doch, trotz ihres mächtigen Abscheus, Selbstbeherrschung genug, um, ohne eine Schwäche zu verrathen, ihm zu antworten:

»Und welches Vergnügen würde Magua daran finden, seine Hütte mit einem Weibe zu theilen, das er nicht liebt, das einer Nation und Farbe angehört, die von der seinigen verschieden ist? Es wäre besser, er nähme Munro’s Gold und kaufte mit seinen Gaben das Herz eines Huronenmädchens.«

Der Indianer gab ihr fast eine Minute lang keine Antwort, heftete aber seine wilden Blicke in einer so seltsamen Weise auf Cora’s Antlitz, daß sie vor Scham ihre Augen sinken ließ, die zum erstenmal einem Ausdrucke begegnet waren, den kein keusches Mädchen ertragen kann. Während sie in sich selbst zusammenschrack, fürchtend, ihre Ohren möchten durch einen noch schlimmern Vorschlag verletzt werden, antwortete Magua im Tone der schwärzesten Bosheit:

»Als die Hiebe den Rücken des Huronen geißelten, wußte er schon, wo er ein Weib finden müßte, die Schmerzen zu büßen. Die Tochter Munro’s sollte sein Wasser schöpfen, sein Kornfeld hacken und sein Wildpret kochen. Der Leib des Graukopfes sollte unter seinen Kanonen schlafen, sein Herz aber unter Le Subtil’s Messer liegen!«

»Ungeheuer! wohl verdienst du deinen verrätherischen Namen!« rief Cora, hingerissen von dem Gefühle empörter Kindesliebe, »nur ein Teufel konnte solche Rache ersinnen! Aber du überschätzest deine Gewalt! Du sollst finden, daß du wirklich Munro’s Herz unter deinen Händen hast, und daß es deiner äußersten Bosheit Hohn spricht!«

Der Indianer antwortete auf diesen kühnen Trotz mit einem schrecklichen Hohnlächeln, das seinen unerschütterlichen Entschluß verrieth, und winkte sie hinweg, als wollte er die Unterredung für immer schließen. Cora, die bereits ihre Uebereilung bereute, mußte gehorchen: denn Magua verließ sie sogleich und trat auf seine gefräßigen Gesellen zu. Heyward eilte dem aufgeregten Mädchen entgegen und fragte sie über das Ergebnis der Unterredung, welche er in einiger Entfernung mit dem lebhaftesten Antheil beobachtet hatte. Da sie aber Alicens Angst nicht erhöhen wollte, wich sie einer bestimmten Antwort aus und verrieth blos durch ihre bleichen Züge und die unruhigen Blicke, die sie auf alle Bewegungen ihrer Feinde heftete, daß sie Nichts ausgerichtet habe. Auf die wiederholten und ernstlichen Fragen ihrer Schwester über ihr wahrscheinliches Schicksal antwortete sie nur dadurch, daß sie mit einer Bestürzung, die sie nicht mehr bewältigen konnte, auf die dunkle Gruppe hindeutete, und, Alice an ihr Herz drückend, laut ausrief:

»Dort! dort! lies unser Schicksal in ihren Gesichtern! Bald werden wir’s sehen! Bald!«

Die Geberden und die gebrochene Stimme Cora’s sprachen deutlicher als alle Worte und richteten schnell die Aufmerksamkeit auch ihrer Begleiter auf eine Stelle, auf die ihr eigener starrer Blick mit einer Spannung geheftet war, der nur in der Wichtigkeit des Augenblicks Erklärung fand.

Als Magua die Rotte lungernder Wilden, die, nachdem sie ihr ekelhaftes Mahl mit gieriger Gefräßigkeit verschlungen hatten, in thierischer Trägheit auf dem Boden ausgestreckt lagen, erreicht hatte, begann er, sie mit der Würde eines indianischen Häuptlings anzureden. Seine ersten Worte hatten die Wirkung, daß seine Zuhörer mit den Zeichen ehrfurchtsvoller Aufmerksamkeit sich erhoben. Da der Hurone in seiner Muttersprache redete, so konnten die Gefangenen, obgleich von den Eingebornen aus Vorsicht im Bereiche ihrer Tomahawks gehalten, nur aus den bedeutungsvollen Geberden, womit der Indianer stets seine Beredsamkeit beleuchtet, auf den Inhalt seiner Worte schließen.

Anfangs waren Magua’s Worte und Bewegungen ruhig und bedächtig. Als er aber die Aufmerksamkeit seiner Kameraden hinlänglich rege gemacht hatte, schloß Heyward aus seinem öfteren Hindeuten nach der Gegend der großen Seen, daß er von dem Lande ihrer Väter und ihrem entfernten Stamme spreche. Häufige Beifallsbezeigungen folgten und mit dem ausdrucksvollen »Hugh!« sahen die Zuhörer einander an, als wollten sie ihre Zufriedenheit mit dem Redner zu erkennen geben. Le Renard war zu gewandt, um seinen Vortheil nicht zu benützen. Er sprach jetzt von dem langen, mühevollen Wege, den sie zurückgelegt, seitdem sie ihre weiten Jagdgehege und ihre Dörfer verlassen hätten, um mit den Feinden ihrer canadischen Väter zu kämpfen. Er zählte die Krieger ihrer Partei auf, ihre zahlreichen Waffenthaten, ihre der Nation geleisteten Dienste, ihre Wunden und die Zahl der Skalpe, die sie gewonnen hätten. Wenn er auf einen der Anwesenden anspielte (und der schlaue Indianer vergaß keinen), strahlten die Züge des Geschmeichelten vor Entzücken, und er säumte nicht, die Wahrheit seiner Worte durch Geberden des Beifalls zu bekräftigen. Jetzt sank die Stimme des Sprechers, und die lauten, lebhaften Siegestöne, womit er ihre glücklichen Erfolge und Großthaten aufgezählt hatte, verstummten. Er beschrieb Glenn’s Wasserfall, die unzugängliche Felseninsel mit ihren Höhlen, ihren zahllosen Strudeln und Wasserwirbeln; sprach den Namen la longue Carabine aus und brach ab, bis der Wald unter ihnen das letzte Echo eines lauten und langen Geheuls widertönt hatte, womit der verhaßte Name aufgenommen wurde. Er deutete auf den jungen Kriegsgefangenen und beschrieb den Tod eines beliebten Kriegers, der von seiner Hand in die tiefe Schlucht gestürzt worden war. Er schilderte nicht nur das traurige Loos dessen, der zwischen Himmel und Erde hängend, der ganzen Truppe ein so gräßliches Schauspiel dargeboten hatte, sondern stellte von Neuem die Schrecken seiner Lage, seine Standhaftigkeit und seinen Tod an den Aesten eines jungen Baumes dar und schloß mit einer kurzen Angabe der Art und Weise, wie jeder ihrer Freunde gefallen war, wobei er nicht versäumte, ihren Muth und ihre Verdienste rühmend anzuerkennen. Als diese Aufzählung der Ereignisse zu Ende war, wechselte seine Stimme ihre Töne abermals und wurde klagend, sogar melodisch in ihren tiefen Kehllauten. Er sprach jetzt von den Weibern und Kindern der Erschlagenen, ihrer Verlassenheit, ihrem leiblichen und geistigen Elend, ihrer Entfernung, und dem Unglück, noch nicht gerächt zu seyn. Dann erhob er plötzlich seine Stimme zu furchtbarer Kraft und rief:

»Sind die Huronen Hunde, daß sie Solches ertragen? Wer soll dem Weibe Menowana’s sagen, daß die Fische seinen Schädel haben und sein Volk noch nicht Rache genommen? Wer wagt es, der Mutter Wassawattimie’s, dem stolzen Weibe, mit unblutigen Händen unter die Augen zu treten? Was soll man den alten Männern sagen, wenn sie nach Skalpen fragen, und wir ihnen kein Haar von einem weißen Schopfe vorweisen können? Die Weiber werden mit Fingern auf uns deuten. Ein schwarzer Flecken haftet auf dem Namen der Huronen, mit Blut muß er abgewaschen werden!«

Seine Stimme verhallte unter dem Rachegeschrei, das in die Lüfte erscholl, als ob der Wald, statt der winzigen Rotte, von dem ganzen Stamme angefüllt wäre. Während dieser Anrede konnten die bei dem Erfolge des Redners am meisten Betheiligten in den Mienen der Zuhörer die Fortschritte des Redners nur zu deutlich erkennen. Seine Klage und sein Leid hatten diese durch Mitgefühl und Trauer, seine Behauptungen durch Geberden der Bekräftigung und sein Ruhmreden mit dem lauten Frohlocken der Wilden beantwortet. Wenn er von Muth sprach, waren ihre Blicke fest und entsprechend; wenn er auf ihre Verluste anspielte, glühten ihre Augen vor Wuth; als er auf die Schmähungen der Weiber kam, senkten sie beschämt ihre Häupter; wie er aber auf die Mittel zur Befriedigung ihrer Rache wies, berührte er eine Saite, die noch nie verfehlt hatte, in der Brust eines Indianers wiederzuklingen. Auf den ersten Wink, daß die Schlachtopfer in ihrem Bereiche seyen, sprang die ganze Rotte auf, stieß ein wüthendes Rachegeschrei ans und stürzte mit gezückten Messern und hocherhobenen Tomahawks auf die Gefangenen los. Heyward warf sich zwischen die Schwestern und den Vordersten, welchen er mit der Stärke der Verzweiflung erfaßte und für einen Augenblick seinem Ungestüm Einhalt that. Dieser unerwartete Widerstand gab Magua Zeit, dazwischen zu treten, und durch seinen blitzschnellen Ruf und seine Geberden die Aufmerksamkeit der Bande aufs Neue zu fesseln. In jener Sprache, der er sich mit solcher Gewandtheit zu bedienen wußte, brachte er seine Kameraden von ihrem augenblicklichen Vorhaben ab und forderte sie auf, die Qual ihrer Schlachtopfer zu verlängern. Sein Vorschlag wurde mit Beifallruf aufgenommen und mit Blitzesschnelle ausgeführt.

Zwei kräftige Krieger warfen sich über Heyward her, während ein Dritter sich des minder gefährlichen Singmeisters bemächtigte. Keiner der Gefangenen unterlag jedoch ohne einen verzweiflungsvollen Kampf. Selbst David warf seinen Angreifer zur Erde, und Heyward wurde erst bewältigt, als der Sieg über seinen Begleiter die Indianer in den Stand setzte, ihn mit vereinten Kräften anzugreifen. Er wurde gefesselt und an den Stamm des jungen Baumes gebunden, an dessen Aesten Magua den verhängnisvollen Tod des Huronen pantomimisch dargestellt hatte. Als der junge Kriegsmann wieder zur Besinnung kam, hatte er die peinvolle Gewißheit vor Augen daß sie alle ein gemeinsames Schicksal erwarte. Zu seiner Rechten war Cora, gleich ihm an einen Baum gebunden, blaß und aufgeregt, aber mit festem Blicke alle Bewegungen ihrer Feinde verfolgend. Zu seiner Linken leisteten Alice die Weiden, womit man sie an eine Fichte gebunden hatte, einen Dienst, den ihre zitternden Glieder versagten, und schützten ihre zarte Gestalt allein vor einem schnellen Zusammensinken. Ihre Hände hatte sie vor sich, wie zum Gebete gefaltet; statt sich aber aufwärts zu jener Macht emporzurichten, die allein noch retten konnte, wanderten ihre Augen unbewußt und mit kindlicher Abhängigkeit nach Duncan’s Antlitz. David hatte gekämpft, und die Neuheit dieses Umstandes hielt ihn schweigend und in stiller Ueberlegung, ob er daran Recht oder Unrecht gethan habe. Die Rache der Huronen hatte jetzt eine neue Richtung genommen, und sie schickten sich an, dieselbe mit jener raffinirten Grausamkeit zu befriedigen, die seit Jahrhunderten bei ihnen an der Tagesordnung ist. Einige suchten Aeste, um den Holzstoß zu errichten; einer schnitzte die Splitter einer Fichte, um sie brennend den Gefangenen ins Fleisch zu stoßen, während Andere die Wipfel zweier junger Bäume zur Erde bogen, um Heyward mit den Armen daran zu binden und dann zurückschnellen zu lassen. Aber Magua’s Rache suchte einen höhern und noch boshaftern Genuß.

Während die minder raffinirten Ungeheuer der Bande, vor den Augen der Opfer ihrer Rache, diese wohlbekannten und gewöhnlichen Mittel der Marter vorbereiteten, trat er zu Cora, und machte sie mit dem Ausdruck teuflischer Bosheit auf das Schicksal aufmerksam das sie im nächsten Augenblick erwartete:

»Nun!« rief er, »was sagt die Tochter Munro’s? Ihr Haupt ist zu gut, um ein Kissen in dem Wigwam Le Renard’s zu finden; wird sie’s besser haben, wenn es, ein Spielball der Wölfe, um diesen Hügel rollt? Ihr Busen kann nicht die Kinder eines Huronen nähren, sie soll ihn von Indianern angespieen sehen!«

»Was will dieses Ungeheuer?« fragte der erstaunte Heyward.

»Nichts!« war ihre feste Antwort, »Er ist ein Wilder, ein grausamer, unwissender Wilder und weiß nicht, was er thut. Laßt uns mit unsrem letzten Athem Buße und Verzeihung für ihn erflehen!«

»Verzeihung!« echote der wilde Hurone, indem er in seiner Wuth den Sinn der Worte mißverstand: »das Gedächtniß eines Indianers ist länger, als der Arm der Blaßgesichter; sein Erbarmen kürzer, als ihre Gerechtigkeit! Sprich, soll ich die gelben Locken ihrem Vater senden, oder willst du Magua zu den großen Seen folgen, um sein Wasser zu tragen und ihn mit Korn zu nähren?«

Cora winkte ihm mit einer Bewegung des Abscheu’s, den sie nicht zu unterdrücken vermochte, sich zu entfernen. »Verlaß mich!« sprach sie mit einer Feierlichkeit, die für einen Augenblick sogar die Wildheit des Indianers zurückdrängte; »du mischest Bitterkeit in meine Gebete; du stehst zwischen mir und meinem Gott!«

Der leichte Eindruck, den sie auf den Wilden machte, war jedoch bald vorüber und er fuhr mit bitterem Hohn, auf Alice deutend, fort:

»Sieh!« sprach er, »das Kind weint! Sie ist noch zu jung zum Sterben! Schicke sie zu Munro, ihm die grauen Haare zu kämmen und Leben in dem Herzen des alten Mannes zu erhalten.«

Cora konnte dem Verlangen nicht widerstehen, auf die jugendliche Schwester zu schauen, in deren Auge sie einem flehenden Blicke begegnete, der Liebe zum Leben verrieth.

»Was sagt er, liebste Cora? fragte Alice mit zitternder Stimme. »Sprach er davon, mich zu unsern Vater zurückzusenden?«

Einige Augenblicke ruhten die Augen der ältern Schwester auf der jüngern, während in ihren Zügen mächtige und mit einander streitende Gefühle kämpften. Endlich sprach sie, obgleich ihre Töne jene reiche, ruhige Fülle verloren hatten, mit einem Ausdruck fast mütterlicher Zärtlichkeit:

»Alice, der Hurone bietet uns beiden das Leben an – ja, mehr noch als dies; er will sogar Duncan – unsern unschätzbaren Duncan sowohl, als dich, unsern Freunden – unsrem Vater – unserem kinderlosen, unglücklichen Vater zurückgeben, wenn ich diesen rebellischen, eigensinnigen Stolz beuge und mich dazu verstehe –«

Ihre Stimme stockte und ihre Hände faltend blickte sie gen Himmel, als suchte sie in ihrer Todesangst Erleuchtung von der Weisheit des Unendlichen.

»Sprich!« rief Alice; »zu was, theuerste Cora? O daß das Anerbieten mir gemacht würde! euch zu retten, den betagten Vater zu trösten! Duncan zu befreien, wie freudig könnte ich sterben!«

»Sterben!« wiederholte Cora mit einer ruhigem und festeren Stimme, »das wäre leicht! vielleicht ist es die Wahl nicht weniger, die er mir läßt. Er wollte von mir haben,« fuhr sie fort, während ihre Stimme unter dem Bewußtseyn des Entehrenden eines solchen Vorschlages sank, »daß ich ihm in die Wildniß folge, mit ihm zu den Behausungen der Huronen gehe und dort bleibe; kurz, daß ich sein Weib werde! Sprich denn, Alice, theures Kind, Schwester meiner Liebe! Und auch Sie, Major Heyward, helfen Sie meiner schwachen Vernunft mit Ihrem Rathe auf. Darf man das Leben mit einem solchen Opfer erkaufen? Willst du es, Alice, aus meiner Hand um solchen Preis empfangen? Und Sie, Duncan, leiten Sie mich! Verfügt über mich! Euch gehöre ich ganz!«

»Wie?« rief der Jüngling voll Unwillen und Erstaunen. »Cora! Cora! Sie spielen mit unsrem Jammer! Sprechen Sie nicht mehr von dieser entsetzlichen Wahl. Der Gedanke schon ist schrecklicher als tausendfacher Tod!«

»Daß Sie so antworten würden, wußte ich!« rief Cora, während ihre Wange erröthete und ihre dunkeln Augen noch einmal von einer Aufwallung erglänzten, wie sie dem Weibe natürlich war. »Was sagt meine Alice? Ihrer Entscheidung will ich mich ohne Murren unterwerfen.«

Beide, Heyward und Cora, horchten mit peinlicher Erwartung und mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, aber keine Antwort erfolgte. Es schien, als sey die zarte und gefühlvolle Alice, nachdem sie diesen Vorschlag gehört, vernichtet in sich selbst zurückgesunken. Ihre Arme hingen herab, die Finger bewegten sich in leichten Zuckungen; ihr Haupt war auf ihren Busen gesunken, und ihre ganze Gestalt schien, ohne eigene Kraft, nur durch ihre Bande am Baume aufrecht erhalten zu werden, gleich einem schönen Sinnbilde verwundeten Zartgefühls ihres Geschlechtes, scheinbar ohne Leben und doch noch des Lebens sich bewußt. In wenigen Augenblicken begann jedoch ihr Haupt sich langsam zu bewegen mit dem Zeichen der innersten, unbezwinglichsten Mißbilligung. »Nein! nein! nein! besser, wir sterben, wie wir zusammen gelebt!«

»So stirb’« schrie Magua, seinen Tomahawk mit Ungestüm gegen die wehrlose Sprecherin werfend, zähneknirschend und mit einer Wuth, die er nicht länger bezwingen konnte, über diesen unerwarteten Beweis von Festigkeit in einem Wesen, welches er für das schwächste unter allen gehalten hatte. Die Axt schwirrte an Heyward’s Stirn vorbei, durchschnitt eine von den flatternden Locken Alicen’s und fuhr über ihren Kopf in den Baum. Dieser Anblick brachte Duncan zur Verzweiflung. Mit gewaltsamer Anstrengung sprengte er seine Fesseln und stürzte auf einen andern Wilden, welcher mit lautem Geschrei und besser zielend, einen zweiten Streich zu führen im Begriffe war. Sie faßten sich, rangen, und fielen zu Boden. Der nackte Leib seines Gegners bot Heyward keinen Halt; er entschlüpfte ihm, fuhr ihm mit einem Knie auf die Brust und drückte ihn mit Riesenkraft darnieder. Schon sah Duncan das Messer in der Luft blitzen, als ein zischender Laut an ihm vorbeipfiff und von dem scharfen Knall einer Büchse mehr begleitet als gefolgt ward. Er fühlte sich von der Last, die ihn niedergedrückt hatte, erleichtert, und sah, wie der grimmige Ausdruck in seines Gegners Miene in einen Blick leerer Wildheit überging. Der Indianer sank todt auf die dürren Blätter zu seiner Seite nieder.

Zwölftes Kapitel.

Zwölftes Kapitel.

Clown. Ich bin fort, Sir,
Und im Nu, Sir,
Bin wieder ich zurück.
         
Shakespeare’s        
heiliger Dreikönigsabend.

Regungslos standen die Huronen bei diesem plötzlichen Eintritte des Todes in ihre Reihen. Als sie aber der verderbenbringenden Sicherheit eines Schusses gedachten, der sich sein feindliches Ziel mit so viel Gefahr für den Freund gewählt hatte, ertönte plötzlich der Ruf: »La longue Carabine« aus Aller Munde, und ein wildes, fast klägliches Geheul ließ sich hören. Ein lautes Geschrei aus einem kleinen Dickicht, wo die Unvorsichtigen ihre Waffen aufgestellt hatten, antwortete, und im nächsten Augenblick stürzte Hawk-eye, zu ungeduldig, die wiedergewonnene Büchse zu laden, auf sie zu, indem er die gewichtige Waffe schwang und die Luft mit weiten und mächtigen Schwingungen durchschnitt. So kühn und rasch aber auch die Bewegungen des Kundschafters waren, so überholte ihn doch die leichte und kräftige Gestalt eines Wilden, welcher mit unglaublicher Behendigkeit und Kühnheit an ihm vorbei mitten unter die Huronen sprang und hier unter furchtbaren Drohungen einen Tomahawk schwingend und ein blitzendes Messer zückend sich vor Cora stellte. Schneller, als der Gedanke diesen unerwarteten und verwegenen Bewegungen folgen konnte, in der unheilbringenden Vollrüstung des Todes, glitt eine Gestalt vor ihren Augen vorbei und stellte sich in drohender Haltung zur Seite des Andern auf. Die wilden Quäler schracken vor diesen kriegerischen Eindringlingen zurück und stiessen bei ihrem Erscheinen den oft wiederholten eigenthümlichen Ruf des Erstaunens aus, auf den die wohlbekannten und gefürchteten Benennungen: Le Cerf agile! Le gros Serpent! folgten.

Aber der schlaue und wachsame Führer der Huronen war nicht so bald außer Fassung gebracht. Mit scharfem Auge um sich blickend, überschaute er die Art des beginnenden Kampfes mit einem Blick, und seine Begleiter durch Stimme und Beispiel ermuthigend, zückte er sein langes, gefährliches Messer und stürzte mit lautem Geheul auf den erwartenden Chingachgook los. Dies war das Signal zu allgemeinem Kampf. Kein Theil hatte Feuergewehre und der Streit mußte auf die tödtlichste Weise, Hand gegen Hand mit Waffen des Angriffs und keinen der Vertheidigung entschieden werden.

Uncas stürzte sich, das Kampfgeschrei erwiedernd, auf einen Feind und zerschmetterte ihm mit einem einzigen, wohlgerichteten Schlage den Schädel. Heyward zerrte Magua’s Waffe aus dem jungen Baume und eilte mit Ungestüm zum Streit herbei. Da die Kämpfenden sich jetzt an Zahl gleich waren, so ersah sich jeder seinen Mann unter den Gegnern aus. Angriff und Streiche folgten sich mit der Wuth eines Wirbelwinds und der Schnelligkeit des Blitzes. Hawk-eye nahm alsbald einen zweiten Feind in den Bereich seines Armes; mit einem Schwunge seiner furchtbaren Waffe wehrte er die einfache, kunstlose Vertheidigung seines Gegners ab und schlug ihn mit demselben Streiche zu Boden. Heyward schleuderte, zu hitzig, um zu warten bis er seinem Gegner nahe genug war, den Tomahawk auf ihn ab. Er traf den Indianer, den er sich ausersehen, vor die Stirne und hemmte für einen Augenblick seinen Angriff. Ermuthigt durch diesen geringen Vortheil, sprang der ungestüme junge Mann mit unbewehrten Händen auf seinen Feind los. Ein Augenblick aber reichte hin, ihn von seiner Uebereilung zu überzeugen; denn alsbald mußte er seine ganze Gewandtheit und allen Muth aufbieten, um sich der verzweifelten Messerstöße des Huronen zu erwehren. Unfähig, einem so behenden und wachsamen Gegner länger zu widerstehen, umfaßte er ihn mit seinen Armen und es gelang ihm, dem Feinde mit eisernem Griff die Hände fest an den Leib zu drücken; aber diese Anstrengung war zu stark, als daß sie ihn nicht hätte bald erschöpfen müssen. In dieser äußersten Gefahr ertönte eine Stimme neben ihm:

»Vernichtet die Schufte! keinen Pardon den verfluchten Mingos!« Im nächsten Augenblick fiel der Kolben der Büchse Hawk-eye’s auf den nackten Kopf von Heyward’s Gegner, dessen Muskeln unter dem Streiche zu verdorren schienen, während er kraft- und bewegungslos aus Duncan’s Armen niedersank.

Als Uncas seinen ersten Feind niedergeschmettert hatte, wandte er sich wie ein hungriger Löwe, einen zweiten zu suchen. Der fünfte und einzige Hurone, der bei dem ersten Angriff seinen Gegenmann gefunden, hatte eine Weile unentschlossen da gestanden und dann mit teuflischer Bosheit versucht, das unterbrochene Werk der Rache zu vollenden. Ein Siegesgeschrei erhebend sprang er auf die wehrlose Cora zu und schleuderte, als furchtbaren Vorboten seiner Annäherung, seinen scharfen Tomahawk nach ihr. Dieser streifte ihr die Schulter, durchschnitt die Weiden, welche sie an den Baum gefesselt hielten und ließ ihr Freiheit, zu entfliehen. Cora entschlüpfte dem Griffe des Wilden, warf sich, um die eigene Sicherheit unbesorgt, an Alicens Busen, und versuchte mit krampfhaften, zitternden Händen die Weiden zu lösen, die jene noch festhielten. Nur ein Ungeheuer konnte bei diesem Zuge edelmüthiger, aufopfernder Liebe ungerührt bleiben; aber die Brust des Huronen kannte kein Mitgefühl. Er ergriff Cora an den üppigen Locken, welche ihr in schöner Verwirrung über Nacken und Schultern fielen, und riß sie mit dem rohesten Ungestüm auf die Kniee nieder. Hierauf wand er sich die reiche Fülle der Haare um die Hand und, sie hoch mit ausgestrecktem Arme emporhaltend, schwang er ein Messer um das schöngeformte Haupt seines Schlachtopfers, indem er ein höhnisches und frohlockendes Gelächter erhob. Allein er mußte diesen Augenblick grausamer Lust theuer bezahlen. In demselben Moment erschaute Uncas diese entsetzliche Scene. Emporspringend schoß er durch die Lüfte und stürzte gleich einer Kugel auf die Brust seines Feindes herab, indem er ihn jählings viele Schritte weg zu Boden schleuderte. Die Heftigkeit der Anstrengung warf den jungen Mohikaner samt dem Feinde zur Erde. Beide sprangen zugleich wieder auf, fochten, bluteten wechselseitig. Aber der Kampf war bald entschieden; der Tomahawk Heyward’s und die Büchse Hawk-eye’s fielen in demselben Augenblick auf den Schädel des Huronen, als Uncas Messer sein Herz erreichte.

Der Kampf war jetzt entschieden bis auf das immer noch währende Handgemenge von »le Renard Subtil« und »le gros Serpent.« Die wilden Krieger bewiesen, daß sie diese bezeichnenden Namen, die ihnen für frühere Kriegsthaten zu Theil geworden, wohl verdienten. Als sie handgemein wurden, verging einige Zeit damit, daß sie den schnellen und kräftigen Hieben, die sie auf einander führten, gegenseitig auswichen; plötzlich aber stürzten sie auf einander los, umfaßten sich und fielen zu Boden, indem sie sich, Schlangen gleich, in unaufhörlichen Krümmungen um einander wanden. In dem Augenblicke, da sich die Sieger unbeschäftigt fanden, war die Stelle, wo diese erfahrenen und verzweifelten Kämpfer lagen, nur an einer Wolke von Staub und Blättern erkennbar, welche sich von dem Mittelpunkte der kleinen Ebene, wie durch einen Wirbelwind getrieben, an den Rand derselben fortbewegte. Von kindlicher Liebe, Freundschaft und Dankbarkeit angetrieben, stürzten Heyward und seine Genossen nach dem Orte und umgaben die kleine Staubwolke, welche über den Kämpfenden schwebte. Umsonst schoß Uncas um die Wolke, dem Feinde seines Vaters das Messer in das Herz zu stoßen; umsonst war Hawk-eye’s Büchse drohend emporgehoben; umsonst suchte Duncan einen Fuß des Huronen zu erfassen – seine Hände schienen all‘ ihre Kraft verloren zu haben. Bedeckt, wie sie waren, von Staub und Blut, schienen sie durch ihre schnellen Bewegungen in einen Körper verwachsen. Die todtenähnliche Gestalt des Mohikaners und die düstere des Huronen wechselten vor ihren Augen in so schneller und verworrener Aufeinanderfolge, daß die Freunde des Erstern nicht wußten, wann oder wohin sie ihre hülfreichen Streiche führen sollten. Zwar gab es kurze, flüchtige Augenblicke, wo die grimmigen Augen Magua’s gleich denen des fabelhaften Basilisken durch den ihn umgebenden Staubwirbel funkelten, und mit diesen kurzen und tödtlichen Blicken konnte er das Schicksal eines Kampfes mit solchen Feinden lesen. Ehe jedoch eine feindliche Hand auf sein dem Tode geweihtes Haupt herabsinken konnte, war schon an seiner Stelle das finstere Gesicht Chingachgook’s sichtbar. Auf diese Weise hatte sich der Kampf aus dem Mittelpunkte der kleinen Ebene an den Rand derselben gezogen. Dem Mohikaner gelang es jetzt, seinem Gegner einen gewaltigen Stoß mit dem Messer zu versetzen; Magua ließ ihn plötzlich los, und sank regungslos, wie es schien, ohne Leben zurück. Sein Gegner sprang auf die Füße und ließ die Laubgewölbe des Waldes von Siegsgeschrei ertönen.

»Sieg den Delawaren! Sieg den Mohikanern!« rief Hawk-eye, indem er noch einmal den Kolben seiner langen Todeswaffe erhob; »ein letzter Kolbenstreich von Einem, dem reines Blut in den Adern rinnt, ist nicht wider seine Ehre und raubt ihm sein Recht auf den Skalp nicht.«

In dem Augenblick aber, da die verderbliche Waffe herabfuhr, entzog sich der geschmeidige Hurone schnell der Gefahr durch eine Bewegung, durch welche er über den Rand des Absturzes rollte, auf die Füße zu stehen kam, und mit einem einzigen Sprung in das Dickicht eines niedern Buschwerks verschwand, das sich zu seinen Seiten schloß. Die Delawaren, welche den Feind todt geglaubt hatten, stiegen ihren Ruf der Verwunderung aus und verfolgten ihn wie zwei Windspiele, wenn sie das Wild erschauen, mit stürmischer Eile, als ein schrilles und eigenthümliches Geschrei des Kundschafters ihr Vorhaben änderte und sie auf den Gipfel des Hügels zurückrief.

»Das sieht ihm gleich!« rief der alte Waidmann, dessen Vorurtheile so viel dazu beitrugen, seinen natürlichen Sinn für Gerechtigkeit, so bald es die Mingo’s betraf, zu berücken. »Ein lügenhafter, betrügerischer Kerl! Ein ehrlicher Delaware, einmal besiegt, wäre ruhig liegen geblieben, und hätte sich den Todesstoß geben lassen; diese schurkischen Maquas aber haben ein Leben, wie wilde Katzen. Laßt ihn gehen – laßt ihn gehen: ’s ist nur ein Mann ohne Büchse oder Bogen und hat manche gute Meile zu seinen französischen Kameraden; und wie ein Eber, der seine Fänge verloren, kann er keinen Schaden mehr thun, ehe er und auch wir die Tritte unsrer Moccassins einer weiten Sandstrecke eingedrückt haben. Sieh, Uncas,« fuhr er in delawarischer Sprache fort, »dein Vater hält bereits seine Skalpenärnte. Er thut recht, daß er nach den Vagabunden sieht, sonst entspringt uns wieder Einer durch die Wälder und kreischt wie ’ne Elster, der man die Flügel freigelassen hat!«

Mit diesen Worten hielt der ehrliche, aber unversöhnliche Kundschafter seinen Umgang bei den Todten, und stieß ihnen mit solcher Kaltblütigkeit sein langes Messer in die leblose Brust, als ob es eben so viel Ueberreste von Thieren gewesen wären. Der ältere Mohikaner war ihm jedoch zuvorgekommen und hatte den widerstandlosen Häuptern bereits diese Sinnbilder des Sieges abgezogen.

Uncas aber flog, seine Sitte nur wir möchten wohl sagen, seine Natur verläugnend, mit instinktmäßigem Zartgefühl, von Heyward begleitet, den Mädchen zu Hülfe, befreite schnell Alice von ihren Fesseln und führte sie in Cora’s offene Arme. Wir wollen unterlassen, den Dank gegen den allmächtigen Lenker der Ereignisse zu schildern, der in den Schwestern glühte, die dem Leben und ihrer Liebe so unerwartet wieder geschenkt worden waren. Ihr Gebet war innig und still; die Opfer ihres edeln Gemüths brannten hell und rein auf den geheimen Altären ihrer Herzen; und ihre neu belebten irdischen Gefühle drückten sich in langen, glühenden, wenn auch sprachlosen Liebkosungen aus. Als Alice von ihren Knieen, auf die sie zur Seite Cora’s gesunken war, sich erhob, stürzte sie an den Busen ihrer ältern Schwester und sprach unter lautem Schluchzen den Namen ihres betagten Vaters aus, während ihre sanften Taubenaugen von den Strahlen der Hoffnung erglänzten.

»Wir sind gerettet! wir sind gerettet!« sprach sie leise; »um in die Arme unsres theuren, theuren Vaters zurückzukehren, und sein Herz wird nicht vor Gram brechen. Und auch du, Cora, meine Schwester, die du mir mehr als Mutter bist; auch du bist gerettet, und Duncan!« fuhr sie fort, indem sie mit einem unaussprechlichen Lächeln der Unschuld auf den Jüngling schaute: »auch unser tapferer, edelmüthiger Duncan ist ohne Verletzung der Gefahr entronnen!«

Auf diese feurigen und fast unzusammenhängenden Worte antwortete Cora blos damit, daß sie die jugendliche Sprecherin an ihr Herz drückte, und sich mit inniger Zärtlichkeit über sie beugte. Der männliche Heyward schämte sich nicht, über diesen Anblick zärtlichen Entzückens Thränen zu vergießen, und Uncas stand, frisch und mit Blut bedeckt vom Kampfe kommend, ein ruhiger und anscheinend ungerührter Zuschauer da, aber mit Augen, die bereits ihre Wildheit verloren hatten, und von einem Mitgefühle strahlten, das ihn weit über den geistigen Gesichtskreis und wahrscheinlich um Jahrhunderte über die Sitten seiner Nation erhob.

Während sich diese ihrer Lage so natürlichen Gefühle aussprachen, nahte sich Hawk-eye, dessen vorsichtiges Mißtrauen ihn überzeugt hatte, daß die Huronen, welche eine so himmlische Scene entstellt, ihre Harmonie nicht mehr zu unterbrechen im Stande waren, David und befreite ihn von den Banden, die er bis zu diesem Augenblick mit musterhafter Geduld getragen hatte.

»Jetzt!« rief der Kundschafter, die letzte Weide hinter sich werfend, »jetzt seyd Ihr wieder Herr eurer Glieder, obgleich Ihr im Gebrauche derselben nicht mehr Verstand zeigt, als die Natur, die solche geschaffen hat. Wenn euch der Rath eines Mannes, der nicht älter ist, als Ihr, aber den größten Theil seines Lebens in der Wildniß zugebracht hat und also wohl sagen kann, daß er Erfahrung über seine Jahre besitzt, nicht verdrießt, so wäre er folgender: verkauft das kleine Pfeif-Instrument in eurer Tasche da an den ersten besten Narren, den Ihr treffet, und kauft mit dem Geld ’ne brauchbare Waffe und wär’s auch nur der Lauf einer Reiterpistole. Mit Eifer und Sorgfalt könntet Ihr’s noch zu was bringen; denn jetzt sollt‘ ich meinen, müßten eure Augen deutlich sehen, daß eine Aaskrähe ein besserer Vogel, als eine Spottdrossel ist. Die Eine schafft wenigstens dem Menschen das stinkende Aas aus dem Gesicht, indes die Andere in den Wäldern Nichts als Unheil stiftet, indem sie die Leute irre führt.«

»Waffen und Zinken für die Schlacht, aber Lobgesang für den Sieg!« antwortete der befreite David. »Freund,« fügte er bei, seine kleine, zarte Hand freundlich gegen Hawk-eye aufreckend, indem seine Augen blinzten und sich mit Thränen füllten: »ich danke dir, daß die Haare meines Hauptes noch wachsen, wo sie die Vorsehung hingepflanzt hat. Wenn auch die der Andern glänzender und gekräuselt sind, so habe ich doch die meinen immer noch gut genug gefunden für den Schädel, den sie decken. Daß ich keinen Theil an dem Kampfe nahm, geschah nicht sowohl aus Abneigung, als wegen der Bande, in die mich die Heiden gelegt. Tapfer und flink hast du dich im Kampfe bewiesen, und hierfür danke ich dir, ehe ich mich noch anderer und wichtigerer Pflichten entledige, weil du dich des Christenlobes würdig erwiesen hast.«

»Das ist nicht der Rede werth, und noch oft könnt Ihr’s zu sehen bekommen, wenn Ihr länger bei uns verweilt,« erwiederte der Kundschafter, ein gut Theil milder gestimmt gegen den Mann des Gesangs, der so unzweideutig seiner Dankbarkeit Worte geliehen hatte. »Ich hab‘ meinen alten Kameraden, den Wildtödter, wieder,« setzte er hinzu, indem er mit der Hand an den Kolben seiner Büchse schlug; »und das ist allein schon ein Sieg. Die Irokesen sind schlau; aber das war ein dummer Streich, daß sie ihre Büchsen sich so weit aus der Hand legten; und hätten Uncas oder sein Vater auch nur die gewöhnliche Indianergeduld gehabt, so wären wir mit drei Kugeln statt mit einer hinter die Schelme gestiegen, und das hätte dem ganzen Pack den Garaus gemacht, dem Springhasen dort, wie seinen Spießgesellen. Aber ’s war Alles so vorherbestimmt und wird auch so am besten seyn.« »Du hast Recht,« versetzte David; »hast ganz den Geist des Christenthums erfaßt. Wer gerettet werden soll, wird gerettet werden, und wer zur Verdammniß vorherbestimmt ist, wird sicherlich verdammt werden. Dies ist die Lehre der Wahrheit, und eine höchst tröstliche und erquickliche für den wahren Gläubigen!

Der Kundschafter, der in dieser Zeit dagesessen hatte, den Zustand seiner Büchse mit einem gewissen väterlichen Eifer prüfend, blickte zu dem Andern mit einem Ausdruck des Mißvergnügens auf, den er keineswegs zu verhehlen gemeint war, fernere Rede rauh unterbrechend: –

»Lehre oder nicht,« sprach der kecke Waldmann, »das ist der Glaube von Schurken und der Fluch eines ehrlichen Mannes. Ich kann glauben, daß der Hurone dort durch meine Hand fallen mußte; denn ich hab‘ es mit meinen eigenen Augen gesehen. Aber nur wenn ich Zeuge davon bin, will ich glauben, daß er irgend einen Lohn empfangen, oder daß Chingachgook dort am jüngsten Tag verdammt werden wird.«

»Ihr habt keine Gewährleistung für solch eine verwegene Lehre, noch eine Autorität, auf die Ihr euch berufen könnet,« rief David, dessen Glaube eine starke Färbung jener metaphysischen Spitzfindigkeit trug, durch welche man zu jener Zeit und vornehmlich in seiner Provinz die schöne Einfachheit der Offenbarung verhüllte, indem man sich bestrebte, in das heilige Dunkel der göttlichen Natur einzudringen, Selbstgenügsamkeit an die Stelle des Glaubens setzte und folglich Alle, welche von solchen menschlichen Dogmen ausgingen, in Absurditäten und Zweifel verwickelte; »euer Tempel ist auf Sand gebaut, und der erste Sturm wird ihn von seiner Stelle reißen. Ich frage euch, welche Autoritäten habt Ihr für eine so unchristliche Behauptung (gleich andern Verteidigern eines Systems war David nicht immer genau in der Wahl seiner Ausdrücke). Nennt Kapitel und Vers; in welchem der heiligen Bücher findet Ihr einen Text, welcher für euch spräche?«

»Buch!« wiederholte Hawk-eye mit auffallender, unverholener Verachtung; »haltet Ihr mich für einen wimmernden Knaben, der einer eurer alten Großmütter an der Schürze hängt; und die gute Büchse auf meinem Knie da für eine Gänsefeder, mein Pulverhorn für ein Tintenfaß und meine Jagdtasche für ein übergeschlagenes Taschentuch, mein Essen drin in die Schule zu tragen? Was? Buch? Was hab‘ ich, ein Krieger der Wildniß, obgleich ein Mann von reinem Blut, mit Büchern zu schaffen? Ich las immer nur in einem, und die Worte, welche in diesem geschrieben sind, sind zu einfach und zu klar, um viel Schulens zu bedürfen; und doch kann ich mich rühmen, vierzig lange und harte Jahre darin gelesen zu haben.«

»Was meint Ihr da für ein Buch?« fragte David, der des Andern Meinung nicht recht verstand.

»Es liegt offen vor euern Augen,« erwiederte der Kundschafter, »und der Eigenthümer ist nicht karg damit, läßt gerne darin lesen. Ich hörte schon sagen, es gebe Leute, die in Büchern lesen, um sich zu überzeugen, daß ein Gott ist. Es ist möglich, daß sie in den Niederlassungen seine Werke so verunstalten, daß das, was in der Wildniß so klar und deutlich vor Augen liegt, unter Krämern und Priestern zweifelhaft wird. Wenn’s einen Solchen gibt und er will mir von einer Sonne zur andern durch die Windungen der Wälder folgen, so soll er genug sehen, um sich zu überzeugen, daß er ein Narr ist und daß seine größte Narrheit darin besteht, an ein Wesen hinanreichen zu wollen, dem er niemals, weder an Güte noch an Macht gleichkommen kann.«

Sobald David merkte, daß er mit Einem stritt, der seinen Glauben aus Naturanschauungen geschöpft habe, und sich auf keine Spitzfindigkeit der Lehre einließ, so gab er gerne einen Kampf auf, in dem er weder Vortheil noch Ehre Ernten konnte. Während der Kundschafter sprach, hatte auch er sich gesetzt, und das allzeit bereite Büchlein nebst der in Eisen gefaßten Brille hervorziehend, schickte er sich an, eine Pflicht zu erfüllen, die allein in Folge des unerwarteten Angriffs auf seine Rechtgläubigkeit so lange unerfüllt geblieben war. Er war in der That ein Minstrel des westlichen Continents in einer weit spätern Zeit, als jene begeisterten Barden, welche früher den profanen Ruhm eines Freiherrn oder Fürsten besangen; aber er war ein Barde im Geiste seiner Zeit und seines Landes, und jetzt im Begriff, den so eben errungenen Sieg zu verherrlichen, oder vielmehr einen Lobgesang dafür anzustimmen. Er wartete geduldig, bis Hawk-eye ausgeredet hatte, und begann, seine Augen erhebend, mit lauter Stimme:

»Ich lade euch ein, meine Freunde, euch mit mir zu einem Lobgesang für die wunderbare Errettung aus den Händen der Barbaren und Ungläubigen zu vereinigen, nach der kräftigen und feierlichen Melodie, genannt »Northampton«.«

Er benannte nächstdem Seite und Vers, wo die von ihm gewählten Strophen zu finden waren und brachte die kleine Pfeife an seine Lippen mit einem so würdevollen Ernste, als ob er in der Kirche sich befände. Dies Mal blieb übrigens seine Stimme ohne Begleitung; denn die beiden Schwestern erfreuten sich noch an jenen zärtlichen Liebesbeweisen, von denen wir bereits gesprochen haben. Nicht abgeschreckt durch die kleine Zuhörerschaft, welche in Wahrheit nur aus dem verdrießlichen Kundschafter bestand, erhob er seine Stimme, begann und endete seinen heiligen Gesang, ohne durch irgend Etwas unterbrochen zu werden.

Hawk-eye hörte zu, während er seinen Flintenstein zurecht machte und seine Büchse wieder lud; aber die Töne, welche durch keine Scenerie und keine verwandte Empfindung unterstützt wurden, waren nicht vermögend, seine schlummernden Gefühle zu wecken. Nie hatte ein Minstrel, oder welchen passendern Namen man David geben wollte, vor unempfänglicheren Zuhörern seine Talente entwickelt, und doch, sah man auf die Einfalt und Innigkeit seiner Andacht, so drang wahrscheinlich noch keines Barden Gesang so unmittelbar zu dem Throne dessen, dem allein Preis und Ehre gebührt. Der Kundschafter schüttelte den Kopf, murmelte einige unverständliche Worte, unter denen »Kehle« und »Irokese« allein vernehmbar waren, und ging weg, um das eroberte Arsenal der Huronen zu sammeln und in Augenschein zu nehmen. Bei diesem Geschäfte unterstützte ihn Chingachgook, der sowohl seine eigene, als seines Sohnes Büchse unter der Beute fand. Selbst Heyward und David wurden jetzt mit Waffen versehen; auch fehlte es nicht an Schießbedarf, um sie wirksam zu machen.

Als die Waldbewohner ihre Auswahl getroffen und ihre Beute vertheilt hatten, kündigte der Kundschafter an, daß sie aufbrechen müßten. Mittlerweile war Gamuts Gesang verstummt, und die Schwestern waren im Stande, der Aeußerung ihrer Gefühle Schranken zu setzen. Gestützt auf Heyward und den jungen Mohikaner stiegen sie den steilen Abhang des Hügels hinab, den sie erst noch unter so ganz verschiedenen Auspicien erklommen hatten, und dessen Gipfel beinahe der Schauplatz ihrer grausamen Ermordung geworden wäre. Am Fuße desselben fanden sie ihre Narragansets, welche an den Gebüschen weideten; sie bestiegen solche und folgten den Bewegungen eines Führers, der sich in den gefährlichsten Lagen als ihr Freund bewährt hatte. Die Reise war jedoch kurz. Hawk-eye verließ den Pfad, auf dem die Huronen gekommen waren, bog rechts durch ein Dickicht, ging dann über einen rieselnden Bach und hielt in einem engen Thälchen unter dem Schatten einiger Wasserulmen. Die Entfernung von dem Fuße des verhängnisvollen Hügels betrug nur einige Ruthen, und die Pferde hatten den Schwestern nur dazu gedient, sie trocknen Fußes über den seichten Bach zu bringen.

Der Kundschafter und die Indianer schienen den abgeschiedenen Platz, auf dem sie sich befanden, genau zu kennen: denn sie lehnten ihre Büchsen an die Bäume, und fingen an, das dürre Laub wegzuräumen und die bläulichte Thonerde aufzuscharren, worauf plötzlich eine klare, reine Quelle glänzend hervorsprudelte. Der Weiße blickte um sich, als ob er etwas suchte, was er zu finden hoffte, aber nicht sogleich finden konnte.

»Die sorglosen Schufte, die Mohawks mit ihren Tuscarora und Onondagabrüdern haben hier ihren Durst gestillt,« murmelte er, »und die Landstreicher haben die Kürbisflasche weggeworfen! So geht es, wenn man Einem einen Dienst erweist und es mit undankbaren Hunden zu thun hat! Hier hat der Herr zu ihrem Besten mitten in der heulenden Wildniß die Hand aufgereckt und aus den Eingeweiden der Erde eine Quelle springen lassen, welche die reichsten Apothekerbuden in allen Kolonien zu Schanden machen kann. Nun seht! die Taugenichtse haben die Erde eingetreten und den hübschen Platz verschändet, als ob sie dumme Bestien und keine Menschen wären.«

Uncas reichte ihm stillschweigend die gewünschte Kürbisflasche hin, die er bisher in seinem Spleen nicht an dem Ast einer Ulme hatte hängen sehen. Er füllte sie mit Wasser, und zog sich in einige Entfernung zurück nach einer Stelle, wo der Boden fester und trockener war. Hier setzte er sich nieder, und nach einem langen und, wie es schien, erquickenden Zuge fing er an, die Reste der Nahrungsmittel, welche die Huronen zurückgelassen hatten und die sich in seiner Waidtasche befanden, in genaue Untersuchung zu nehmen. »Dank Dir, Junge,« fuhr er fort, indem er die leere Kürbisflasche an Uncas zurückgab, »jetzt wollen wir sehen, wie diese Kriecher, die Huronen, auf ihren Wegelagerungen lebten. Da seht ‚mal! die Kerls kennen die besten Bissen an dem Wilde, und man sollte denken, sie könnten ein Stück Wildpret abschneiden und braten trotz dem besten Koch im Lande! Aber alles ist roh: die Irokesen sind noch ächte und gerechte Wilde. Uncas, nimm meinen Stahl und zünd‘ ein Feuer an! Ein Stück zarten Rostbratens hilft nach einem so langen Marsche der Natur wieder auf.«

Heyward, welcher bemerkte, daß ihre Führer ernstliche Anstalten zu einem Mahle machten, half den Ladies von den Pferden und nahm an ihrer Seite Platz, mit Freude sehend, daß sie nach der blutigen Scene einiger Augenblicke Ruhe genießen sollten. Während die Küchenvorbereitungen vor sich gingen, spornte ihn die Neugierde, nach den Umständen zu fragen, die zu ihrer so zeitigen als unerwarteten Rettung geführt hatten.

»Wie kommt es, daß wir Euch sobald wieder sahen, mein edelmüthiger Freund?« fragte er, »und ohne die Hülfe der Garnison von Edward?«

»Wären wir der Krümmung des Flusses nachgegangen, so wären wir noch zeitig genug gekommen, das Laub über Eure Leichen zu rechen, aber zu spät, um Eure Skalps zu retten,« antwortete der Kundschafter kaltblütig, »Nein, nein, statt Kraft und Zeit mit dem Rennen nach dem Fort zu vergeuden, blieben wir am Ufer des Hudson im Hinterhalt, um die Bewegungen der Huronen zu beobachten.«

»So waret Ihr denn Augenzeugen alles dessen, was mit uns vorging?«

»Keineswegs, die Augen der Indianer sehen zu scharf, als daß man ihnen entgehen könnte; wir hielten uns verborgen. Schwer hielt es, den Mohikaner-Jungen da im Versteck zu halten. Oh! Uncas, Uncas, Dein Benehmen war mehr das eines neugierigen Weibes, denn eines Kriegers, der auf der Lauer liegt.«

Uncas wandte sein Haupt einen Augenblick nach der finstern Miene des Sprechers; aber er sprach nicht, noch gab er ein Zeichen der Reue. Im Gegentheile lag, wie Heyward zu bemerken glaubte, in der Miene des jungen Mohikaners ein Ausdruck von Stolz, wo nicht von Verachtung: er unterdrückte eine Leidenschaft, die im Begriff war auszubrechen, sowohl aus Rücksicht gegen seine Zuhörer, als aus gewohnter Achtung für seinen weißen Genossen.

»Ihr saht, wie sie uns gefangen nahmen?« fragte Heyward weiter.

»Wir hörten es,« war die bezeichnende Antwort. »Ein Indianergeschrei ist eine verständliche Sprache für Leute, die ihr Leben in den Wäldern zugebracht haben. Aber als Ihr landetet, mußten wir wie Schlangen unter dem Laube kriechen und verloren Euch gänzlich aus den Augen, bis wir Euch wieder erblickten, an die Bäume gebunden, um auf gut Indianisch niedergemetzelt zu werden.«

»Unsere Rettung war ein Werk der Vorsehung. Fast ein Wunder war es, daß Ihr den rechten Weg einschluget: denn die Huronen theilten sich, und jeder Haufen hatte seine Pferde.«

»Ja, beinahe hatten wir die Fährte verloren, und wären irre gegangen, wenn Uncas nicht gewesen wäre; wir entschieden uns jedoch für den Weg, der in die Wildniß führt; denn wir schlossen mit Recht, daß die Wilden mit ihren Gefangenen diese Richtung einschlagen würden. Aber als wir schon manche Meile zurückgelegt hatten, ohne einen einzigen Zweig geknickt zu finden, wie ich doch gerathen hatte, wurde ich sehr besorgt, besonders da ich sah, daß alle Fußstapfen von Moccassins herrührten.«

»Unsere Sieger hatten die Vorsicht gebraucht, uns auf ihre Weise zu beschuhen,« sagte Duncan, indem er den Fuß aufhob und die kleinen Halbstiefel zeigte.

»Das war klug und sieht ihnen ähnlich: doch wir waren zu erfahren, um uns durch diese gewöhnliche List von unsrer Fährte abbringen zu lassen.«

»Welchen Umstande verdanken wir also unsere Rettung?«

»Einem Umstande, den ich als ein Weißer, der keinen Tropfen Indianerblutes in seinen Adern hat, fast mich schämen sollte zu gestehen: – der Einsicht des jungen Mohikaners, in Dingen, die ich besser verstehen sollte, als er, und an die ich jetzt noch kaum glauben kann, obgleich meine eigenen Augen mir sagen, daß es so ist.«

»Das ist sonderbar! Wollt Ihr mir nicht sagen, was es ist?«

»Uncas war kühn genug, zu behaupten,« fuhr Hawk-eye fort, indem er seine Augen nicht ohne Neugierde auf die Pferdchen der Ladies heftete, »daß die von den Frauen gerittenen Thiere beide Füße auf einer Seite zu gleicher Zeit zur Erde setzten, was doch dem Gange aller vierfüßigen Bestien, die ich kenne, widerstreitet, dem des einzigen Bären ausgenommen. Und doch sind hier Pferde, die immer so gehen, wie meine eigenen Augen mich überzeugten, und wie ihre Fährte zwanzig lange Meilen bewiesen hat.

»Das ist der Vorzug dieser Thiere! Sie kommen von den Ufern der Narragansetbai, in der kleinen Provinz der Providence-Kolonien, und sind berühmt wegen ihrer Ausdauer und der Leichtigkeit ihrer Bewegungen; doch lassen sich auch nicht selten andere Pferde so abrichten.«

»Mag seyn! mag seyn!« sagte Hawk-eye, der mit besonderer Aufmerksamkeit auf diese Erklärung gehört hatte, »obgleich ich ein Mann bin, dem das reine Blut der Weißen in seinen Adern fließt, so ist doch mein Urtheil, was das Wild und den Biber betrifft, gründlicher, als über lasttragende Thiere. Major Effingham hat viele edle Rosse, ich habe aber nie eines auf so wunderliche Weise seitwärts gehen sehen.«

»Gewiß: denn er schätzt den Werth der Thiere nach ganz andern Eigenschaften. Immer aber ist dies eine sehr beliebte Race, und wie ihr seht, erfährt sie viel Ehre durch die Lasten, die man ihr anvertraut.«

Die Mohikaner hatten ihr Geschäft an dem Feuer eingestellt, um zuzuhören; und als Duncan ausgeredet hatte, sahen sie einander verwundert an, während der Vater den nie fehlenden Ausruf des Erstaunens vernehmen ließ. Der Kundschafter sann nach, als ob er die neu erworbene Kenntniß verdauen wollte, und warf wieder einen verstohlenen Blick auf die Pferde.

»Ich darf wohl sagen, man bekommt in den Niederlassungen gar wunderbare Dinge zu Gesicht!« begann er langsam: »die Natur wird vom Menschen schwer gemißbraucht, wenn er ‚mal die Oberhand über sie gewinnt. Doch der Gang dieser Thiere mag nun seyn, wie er will, Uncas hatte sich einmal die Bewegung gemerkt, und ihre Spur führte uns an den eingeknickten Busch. Der höchste Zweig unter dem Tritt eines Pferdehufs war aufwärts gebogen, wie eine Lady die Blume von dem Stängel bricht, alles Andere aber zerrissen und niedergebrochen, als ob die starke Hand eines Mannes daran gezerrt hätte. So schloß ich denn, daß das schlaue Otterngezüchte das Knicken des Zweiges bemerkt und dann auch die übrigen zerbrochen habe, um uns glauben zu machen, ein Rehbock habe an den Zweigen sein Geweih versucht.«

»Ich glaube, Euer Scharfblick täuschte Euch nicht: es ist so etwas vorgefallen!«

»Das war leicht abzusehen!« fuhr der Kundschafter fort, keineswegs gemeint, hier einen besondern Scharfblick bewiesen zu haben, »etwas ganz Anderes war es mit dem watschelnden Gange des Pferdes. Da fiel mir ein, die Mingos könnten zu dieser Quelle gehen, denn die Schelme kennen die Kraft ihres Wassers recht wohl.«

»Ist sie denn so berühmt?« fragte Heyward, mit neugierigem Auge das abgeschiedene Thälchen und seine sprudelnde Quelle betrachtend, die mit einer braunen Erde umgeben war.

»Wenige Rothhäute reisen südlich oder östlich von den großen Seen, die nicht von ihren Eigenschaften gehört hätten. Wollt Ihr sie nicht selber kosten?«

Heyward nahm die Kürbisflasche, warf sie aber, nachdem er ein wenig von dem Wasser getrunken hatte, mit Geberden des Ekels wieder weg. Der Kundschafter lachte auf seine Weise aus vollem Herzen still vor sich hin und schüttelte mit großer Selbstzufriedenheit den Kopf.

»Ja, Ihr müßt erst durch Gewohnheit den rechten Geschmack daran erhalten! Es gab ’ne Zeit, wo mir’s eben so wenig schmecken wollte; nun ich mich daran gewöhnt habe, lechze ich darnach, wie der Damhirsch nach den Licks. Eure starkgewürzten Weine sind Eurem Gaumen nicht angenehmer, als der Rothhaut dieses Wasser, besonders im Zustande der Erschöpfung. Aber Uncas ist mit dem Braten fertig, es ist Zeit, an’s Essen zu denken, denn unsere Reise ist lang und zum geringsten Theile zurückgelegt.«

Das Gespräch durch diesen raschen Uebergang abbrechend, machte sich Hawk-eye an die Ueberreste des Mundvorraths, die der Gefräßigkeit der Huronen entgangen waren. Das Essen wurde mit eben so wenig Umständen aufgetragen, als zubereitet; und er und die Mohikaner begannen ihr bescheidenes Mahl mit der Stille und Sorgfalt von Männern, welche sich zu großen und anhaltenden Anstrengungen stärken wollen.

Sobald sie sich dieser nothwendigen und zum Glück angenehmen Pflicht entledigt hatten, that jeder der Waldbewohner zum Abschied noch einen tüchtigen Zug aus der einsamen, stillen Quelle, um welche sich innerhalb der nächsten fünfzig Jahre der Reichthum, die Schönheit und die Talente einer ganzen Halbkugel sammeln sollten, Gesundheit und Vergnügen zu suchen. Hawk-eye kündigte nun den Aufbruch an, die Schwestern setzten sich wieder zu Pferde; Duncan und David griffen nach ihren Büchsen und folgten ihnen; der Kundschafter ging voran und die Mohikaner beschlossen den Zug. Die ganze Gesellschaft zog sich auf dem schmalen Pfade rasch gegen Norden und ließ das Heilwasser mit dem benachbarten Bache sich vermischen, die Leichen der Gefallenen aber unbeerdigt auf dem nahen Berge faulen, ein Schicksal, das die Krieger der Wälder zu häufig trifft, als daß es Mitleid erregen oder auch nur zu einer weiteren Bemerkung führen könnte.

Dreizehntes Kapitel.

Dreizehntes Kapitel.

Ich suche einen nähern Weg.
Parnell.

Der Weg, welchen Hawk-eye einschlug, führte quer über die sandigen, hier und da von Thälern und Wellungen der Hügel durchschnittenen Ebenen, über welche sie am Morgen desselben Tages unter Magua’s Führung gekommen waren. Die Sonne war jetzt tief gegen die entfernten Berge gefallen, und da ihr Weg durch die endlosen Waldräume ging, so war die Hitze jetzt nicht mehr so drückend. Ihre Reise ging also rascher von Statten, und lange vor Einbruch der Dämmerung hatten sie eine gute, obwohl beschwerliche Strecke ihres Heimweges zurückgelegt. Der Jäger schien, wie der Wilde, dessen Stelle er eingenommen hatte, auf geheime Merkzeichen in der Wildniß mit einer Art von Instinkt zu achten, ließ selten von seiner Eile nach und hielt niemals an, um mit sich zu Rathe zu gehen. Ein schneller Blick im Vorübergehen auf das Moos an den Bäumen, auf die niedergehende Sonne, auf den Lauf der zahlreichen Gewässer, reichte hin, ihm Gewißheit zu geben, daß er auf dem rechten Wege sey, ohne ihm irgend einen Zweifel darüber zu lassen. Mittlerweile begann der Wald seine Farbe zu wechseln, und das lebhafte Grün, das seine Laubgewölbe verschönert hatte, verlor sich in das dunklere Licht, welches den Einbruch der Nacht zu verkündigen pflegt.

Während die Augen der Schwestern zwischen den Bäumen durch in die goldene Strahlenflut blickten, die einen glänzenden Hof um die Sonne bildete und eine längs den Hügeln im Westen aufgethürmte Wolkenmasse bald hier und dort mit Purpurstreifen durchzog, bald mit einem schmalen Saume des glänzendsten Goldgelb begränzte, wandte sich Hawk-eye plötzlich und sprach, indem er auf den prachtvollen Himmel wies:

»Dies ist das Zeichen für den Menschen, die Nahrung und Ruhe zu suchen, deren er bedarf. Besser und weiser wäre es, wenn er auf diese Zeichen der Natur merken und sich von den Vögeln in der Luft und den Thieren auf dem Felde eine Lehre nehmen wollte. Unsere Nachtruhe wird jedoch bald vorüber seyn: mit dem Monde müssen wir wieder aufbrechen und weiterziehen. Ich erinnere mich noch, hier mit den Magua’s gekämpft zu haben, in dem ersten Kriege, in dem ich Menschenblut vergoß. Wir errichteten ein Blockhaus, um dieses Rabengezüchte von unsern Skalpen fern zu halten. Wenn meine Merkzeichen mich nicht täuschen, so finden wir’s ein paar Ruthen weiter zur Linken.«

Ohne eine zustimmende Aeußerung oder auch nur eine Antwort abzuwarten, trat der rüstige Kundschafter unbedenklich in ein dichtes Gehölz von jungen Kastanienbäumen, indem er die Zweige der üppigen, auf dem Boden empor wuchernden Schößlinge bei Seite schob, als erwartete er mit jedem Schritte eines früher bekannten Gegenstandes wieder ansichtig zu werden. Seine Erinnerungen täuschten ihn nicht. Nachdem er sich einige hundert Schritte weit durch das mit Brombeersträuchen verwachsene Unterholz durchgearbeitet hatte, gelangte er auf eine offene Stelle, die ein niedriger, kleiner Rasenhügel umgab, auf welchem das verfallene Blockhaus stand. Dieses rohe, vernachläßigte Gebäude war eines jener verlassenen Werke, zu augenblicklichem Gebrauche aufgebaut, und, wenn die Gefahr verschwunden war, wieder aufgegeben; es lag jetzt in der Einsamkeit des Waldes, verfallen, vernachläßigt und beinahe vergessen, wie die Umstände, die seine Errichtung herbeigeführt hatten. Solche Denkmale früherer Kämpfe findet man noch häufig auf der breiten Gränze der Wildniß, welche einst die feindlichen Provinzen trennte: sie bilden eine Art Ruinen, die mit den Erinnerungen der Kolonialgeschichte im engsten Verbande stehen und dem düstern Charakter der umgebenden Schauplätze vollkommen entsprechen.

Das Rindendach war längst zerfallen und hatte sich mit dem Erdreich vermischt; die mächtigen Fichtenblöcke aber, die eilig über einander geschoben wurden, ruhten noch an ihrer Stelle; doch war eine Ecke des Gebäudes gewichen und drohte den baldigen Einsturz des Ganzen. Während Heyward und seine Begleiter zögerten, das zerfallene Gebäude zu betreten, beschritten Hawk-eye und die Indianer nicht allein ohne Furcht, sondern selbst mit sichtbarem Interesse die niederen Wände. Indeß der Erstere die Ruinen innen und außen mit der Neugierde eines Mannes, dessen Erinnerungen mit jedem Augenblicke wieder lebendiger werden, betrachtete, erzählte Chingachgook seinem Sohne in delawarischer Sprache und mit dem Stolze des Siegers die kurze Geschichte des Scharmützels, das in seiner Jugend auf diesem abgeschiedenen Punkte Statt gesunden hatte. Ein Zug der Schwermuth mischte sich jedoch in seinen Triumph und gab seiner Stimme, wie so oft, etwas eigenthümlich Sanftes und Musikalisches.

Mittlerweile waren die Schwestern munter vom Pferde gestiegen und schickten sich an, in der Abendkühle an einem Orte, dessen Sicherheit, wie sie glaubten, nur durch die Thiere des Waldes gestört werden konnte, auszuruhen.

»Wäre es nicht besser gewesen, mein würdiger Freund,« fragte der wachsamere Duncan, als er sah, daß der Kundschafter seine kurze Untersuchung beendigt hatte, »wenn wir unsern Abstand an einem weniger bekannten und seltener besuchten Orte genommen hätten?«

»Wenige sind am Leben, welche von der Errichtung dieses Blockhauses etwas wissen,« antwortete dieser langsam und nachdenklich, »es geschieht nicht oft, daß Bücher gemacht und Erzählungen geschrieben werden über ein solches Scharmützel, wie hier in einem Krieg zwischen den Mohikanern und den Mohawks Statt gefunden hat. Ich war damals noch ein junger Bursche und zog mit den Delawaren aus, weil ich wußte, daß sie ungerechter Weise verleumdet waren. Vierzig Tage und vierzig Nächte lagen die Schufte, nach unserem Blute dürstend, um dieses Blockgebäude, dessen Plan ich selbst entworfen, und das ich zum Theil selbst mit aufgeführt habe, obgleich ich, wie Ihr wißt, kein Indianer, sondern ein Weißer von unverfälschtem Blute bin. Die Delawaren halfen mir’s aufführen und wir hielten’s zehen gegen zwanzig, bis unsere Zahl beinahe gleich war: dann machten wir einen Ausfall auf die Hunde, und Keiner entkam, das Schicksal der Seinigen zu verkünden. Ja, ja, ich war damals noch jung und der Anblick des Blutes war mir neu, ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß beseelte Geschöpfe, wie ich, auf der nackten Erde von den Thieren zerrissen oder im Regen gebleicht werden sollten. Deshalb begrub ich die Todten mit eigenen Händen unter eben dem Hügel, auf dem Ihr Platz genommen habt, und angenehm sitzt sich’s darauf, obgleich er aus menschlichen Gebeinen besteht.«

Heyward und die beiden Schwestern fuhren augenblicklich von dem Rasengrabmahl auf, und Letztere überlief unwillkürlich ein Grauen, obgleich sie selbst erst so schreckliche Scenen erlebt hatten, als sie sich in so unmittelbarer Berührung mit dem Grabe der gefallenen Mohawks fanden. Das Dämmerlicht, das düstere Dickicht, hinter welchem sich die Fichten in athemlosem Schweigen bis in die Wolken erhoben, und die Todtenstille in dem weiten Walde umher – Alles vereinigte sich, ein solches Gefühl noch zu steigern.

»Sie sind dahin und thun Niemand mehr etwas zu Leide,« fuhr Hawk-eye fort, indem er, melancholisch lächelnd über ihrer sichtbaren Unruhe, die Hand bewegte: »die erheben kein Schlachtgeheul mehr, können keinen Streich mit dem Tomahawk mehr führen! Und von allen denen, die sie bestatten halfen, sind Chingachgook und ich noch allein am Leben! Die Brüder und die Familie Chingachgook’s bildeten unsere ganze Kriegspartei, und Ihr seht hier Alles beisammen, was noch von seinem Geschlechte übrig ist.«

Die Augen der Zuhörer suchten unwillkürlich die Gestalten der Indianer in mitleidiger Theilnahme an ihrem trostlosen Schicksale. In dem Schatten des Blockhauses gewahrte man ihre dunkeln Umrisse: der Sohn lauschte der Erzählung des Vaters mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, wie sie ein Bericht zur Folge haben mußte, der so sehr den Ruhm von Männern pries, die er schon lange um ihres Muthes und ihrer wilden Tugenden willen verehrt hatte.

»Ich hatte geglaubt, die Delawaren seyen ein friedfertiges Volk,« sagte Duncan; »hätten nie persönlich Krieg geführt, und die Vertheidigung ihres Landes eben den Mohawks anvertraut, die Ihr erschlagen habt.«

»Das ist zum Theil wahr,« antwortete der Kundschafter, »und doch im Grunde eine heillose Lüge. Ein solcher Vertrag ward in früheren Zeiten durch die teuflischen Kniffe der Holländer geschlossen. Sie wollten dadurch die Eingebornen entwaffnen, die das meiste Recht auf ein Land besaßen, in dem Jene sich niedergelassen hatten. Die Mohikaner, obgleich zu demselben Stamme gehörig, achteten in ihrem Verkehre mit den Engländern nie auf diesen thörichten Vertrag, sondern vertrauten ihrer Tapferkeit, und so thaten auch die Delawaren, als ihnen die Augen über ihre Thorheit geöffnet wurden. Ihr seht den Häuptling der großen Mohikaner-Sagamoren vor Euch! Seine Familie konnte einst den Damhirsch über Länderstrecken jagen, größer als die von Albany Patteroon, ohne über einen Bach oder Hügel zu kommen, der ihr nicht zugehörte. Aber was ist ihrem Abkömmling geblieben? Er findet, so’s Gott gefällt, seine sechs Fuß Erde und ruht hier vielleicht im Frieden, wenn er einen Freund hat, der sich die Mühe nimmt, sein Haupt so tief in die Grube zu legen, daß die Pflugschaar es nicht erreichen kann.«

»Genug!« fiel Heyward ein, welcher besorgte, der Gegenstand möchte auf eine Erörterung führen, welche die zur Rettung seiner schönen Schutzbefohlenen so unumgänglich nothwendige Eintracht stören könnte.

»Wir sind weit gereist, und Wenige unter uns besitzen eine Körperkraft wie die Eurige, die keine Ermüdung, keine Schwäche zu kennen scheint.«

»Meine Sehnen und Knochen helfen mir allerdings überall durch,« sagte der Jäger, indem er seine muskulösen Glieder mit einer Schlichtheit des Ausdrucks überschaute, die verrieth, mit welch aufrichtigem Behagen er diesen Lobspruch aufnahm; »es gibt größere und stärkere Leute in den Niederlassungen, Ihr könnt aber viele Tage in einer Stadt umgehen, bis Ihr einen findet, der im Stande ist, seine fünfzig Meilen zu gehen, ohne zu halten, um Athem zu schöpfen, oder der den Hunden auf der Jagd mehrere Stunden nicht aus der Hörweite kommt. Da aber Fleisch und Blut nicht immer dieselben sind, so ist es nach alle dem, was die Frauenzimmer heute erlebt und durchgemacht haben, nicht mehr als billig, anzunehmen, daß sie zu ruhen wünschen. Uncas, reinige die Quelle, während Dein Vater und ich über ihre zarten Häupter von diesen Kastanienschößlingen ein Obdach und aus Gras und Blättern eine Lagerstätte bereiten.«

Das Gespräch verstummte, während der Jäger und seine Gefährten beschäftigt waren, für die Bequemlichkeit und den Schutz der ihrer Führung Anvertrauten zu sorgen. Eine Quelle, welche vor vielen Jahren die Eingebornen veranlaßt hatte, diesen Platz für ihre zeitigen Verschanzungen zu wählen, war bald von den Blättern gereinigt und goß nun ihren reinen Krystall über den grünenden Hügel herab. Eine Ecke des Gebäudes ward jetzt in so weit mit einem Obdache versehen, daß der in diesem Himmelsstriche stark fallende Nachtthau eine Abhaltung fand, und Schichten von weichen Zweigen und dürrem Laub wurden darunter zum Ruhelager für sie ausgebreitet.

Während die emsigen Waidmänner in dieser Weise beschäftigt waren, genossen Cora und Alice Erfrischungen, die mehr Bedürfniß als Geschmack sie annehmen hieß. Bald darauf zogen sie sich in das Blockhaus zurück, dankten erst dem Himmel für die Gnade, die ihnen bisher zu Theil geworden war, und flehten um Fortdauer der göttlichen Huld auch für die künftige Nacht; dann legten sie ihre zarten Glieder auf das duftende Lager, und trotz aller peinlichen Erinnerungen und Besorgnisse sanken sie bald in jenen Schlummer, den die Natur so gebieterisch forderte und mit Hoffnungen auf den kommenden Morgen versüßte.

Duncan hatte sich angeschickt, die Nacht gerade vor der Ruine zu durchwachen; aber der Kundschafter, welcher seine Absicht bemerkte, deutete auf Chingachgook, während er sich unbekümmert auf das Gras niederstreckte, und sagte:

»Die Augen des weißen Mannes sind zu schwerfällig und zu blind für eine solche Wache! Der Mohikaner wird unsere Schildwache seyn; wir dürfen ruhig schlafen.«

»Ich bin vorige Nacht auf meinem Posten eingeschlummert,« entgegnete Heyward, »und habe weniger Ruhe nöthig, denn Ihr, die Ihr dem Charakter eines Soldaten mehr Ehre gemacht habt! Laßt darum Alle schlafen, ich allein will Wache halten.« »Wenn wir unter den weißen Zelten des sechzigsten Regiments und vor einem Feinde, wie die Franzosen lägen, wünschte ich mir keinen bessern Wächter,« versetzte der Kundschafter, »aber in der Finsterniß und mitten in der Wildniß würdet Ihr nicht viel schärfer beobachten können, als ein Kind, und Eure Wachsamkeit wäre umsonst. Macht es denn wie ich und Uncas und schlafet: schlafet unbesorgt!«

Heyward gewahrte wirklich, daß der jüngere Indianer, während sie noch sprachen, sich an dem kleinen Hügel niedergelegt hatte, wie einer, der die zur Ruhe vergönnte Zeit sich bestmöglich zu Nutze machen will; seinem Beispiel war auch David gefolgt, dessen Stimme buchstäblich »an seinem Schlunde klebte«, während das Fieber seiner Wunde durch die Anstrengungen der Reise nur gesteigert worden war. Nicht gemeint, eine nutzlose Erörterung fortzuspinnen, that der junge Mann, als ob er willfahren wollte, lehnte seinen Rücken, halb zurückliegend, an die Stämme des Blockhauses, war aber fest entschlossen, kein Auge zu schließen, bis er sein ihm anvertrautes kostbares Gut in Munro’s Hände überantwortet hätte. Hawk-eye, in der Meinung, seinen Gefährten überredet zu haben, schlief seinerseits alsbald ein, und eine Stille, so tief als die Einsamkeit, die sie umgab, herrschte durch diese abgeschiedenen Räume.

Eine Zeit lang hielt Duncan wirklich seine Sinne munter und aufmerksam auf jeden Laut, der sich in dem Walde hören ließ. Sein Gesicht ward schärfer, während die Schatten der Nacht über seine Umgebung sich lagerten, und selbst, als die Sterne über seinem Haupte funkelten, konnte er noch die rückgelehnten Gestalten seiner Begleiter, wie sie auf dem Grase hingestreckt lagen, selbst die Gestalt Chingachgook’s, unterscheiden, der aufrecht und bewegungslos da saß, einem der Bäume ähnlich, welche die dunkle Gränzlinie auf jeder Seite von ihnen bildeten. Noch hörte er die leisen Athemzüge der Schwestern, welche wenige Schritte entfernt von ihm lagen, und der Luftzug bewegte kein Blättchen, dessen flüsternden Laut sein Ohr nicht vernommen hätte. Endlich mischten sich die melancholischen Töne eines Waldvogels mit dem klagenden Geschrei der Eule; seine müden Augen suchten noch hin und wieder das funkelnde Licht der Sterne, und dann war ihm, als sähe er sie noch durch seine geschlossenen Augenlieder. In Augenblicken flüchtigen Erwachens hielt er einen Busch für seinen Mitwächter; sein Kopf sank aber bald wieder auf die Schulter und diese suchte ihrerseits auf der Erde eine Stütze; endlich erschlaffte seine ganze Gestalt und der junge Mann verfiel in einen tiefen Schlaf; er träumte, er sey ein Ritter alter Zeit, der seine mitternächtliche Wache vor dem Zelte einer befreiten Prinzessin halte, deren Gunst er durch einen solchen Beweis der Aufopferung und Wachsamkeit zu gewinnen hoffe.

Wie lange der erschöpfte Duncan in diesem Zustande der Bewußtlosigkeit lag, wußte er selbst nicht zu sagen. Seine Schlummergesichte waren aber lange schon vorüber, als ihn ein leichter Schlag auf die Schulter weckte. Aufgeschreckt durch diese Mahnung, sprang er empor mit der verworrenen Erinnerung an die Pflicht, die er sich zu Anfang der Nacht auferlegt hatte.

»Wer da?« fragte er, nach der Stelle greifend, wo sonst sein Degen hing. »Sprich! Freund oder Feind?«

»Freund,« erwiederte die leise Stimme Chingachgook’s, welcher auf den Lichtkörper deutete, der seinen milden Schimmer durch die Oeffnung der Bäume gerade auf ihren Bivouac ergoß, und in seinem gebrochenen Englisch fortfuhr: »Mond kommt und weißen Mannes Fort weit – weit entfernt. Zeit zum Aufbruch, wenn Schlaf beide Augen des Franzmanns schließt!«

»Du hast Recht, rufe Deine Freunde auf und sattelt die Pferde, während ich meine Begleiterinnen für den Marsch vorbereite.«

»Wir wachen, Duncan,« sprach Alice mit ihrer sanften Silberstimme, innerhalb des Gebäudes, »und fühlen uns nach einem so erquickenden Schlafe zu der eiligsten Reise gestärkt. Aber Sie haben die ganze Nacht hindurch für uns gewacht, nach den langen und großen Anstrengungen des gestrigen Tages!«

»Sagen Sie vielmehr, daß ich wachen wollte; aber meine treulosen Augen haben mir einen Spuck gemacht; zum zweiten Mal habe ich mich des anvertrauten Gutes unwürdig gezeigt.«

»Nein, Duncan, läugnen Sie nicht,« unterbrach ihn lächelnd Alice, indem sie in aller Lieblichkeit ihrer frisch erblühten Reize aus dem Schatten des Gebäudes in das Licht des Mondes trat, »ich weiß, sorglos sind Sie, wenn Sie an sich selbst zu denken haben, und nur zu wachsam für das Wohl Anderer. Können wir hier nicht noch ein wenig verweilen, bis Sie die Ruhe gefunden, deren Sie bedürftig sind? Mit Freude, mit der größten Freude werden Cora und ich Wache halten, während Sie und diese wackern Männer einigen Schlafes genießen.«

»Wenn Scham mich von meiner Schläfrigkeit heilen könnte, so sollte sich mein Auge nie mehr schließen,« sprach der unzufriedene Jüngling, Alice in ihr offenes Antlitz blickend, in dessen zarter Besorgniß er jedoch nichts las, was seinen halb erwachten Argwohn hätte bestätigen können. »Aber es ist nur zu wahr, nachdem ich Sie durch meine Unbesonnenheit in diese Gefahr gebracht habe, bleibt mir nicht einmal das Verdienst, Ihre Ruhe so überwacht zu haben, wie es die Pflicht des Soldaten ist.«

»Niemand außer Duncan kann sich selbst einer solchen Schwäche anklagen. Gehen Sie denn zur Ruhe, glauben Sie mir, keine von uns beiden, so schwache Mädchen wir auch sind, wird sich als läßige Wache erweisen.«

Der junge Mann sah sich der Verlegenheit, seine Schuld auf’s Neue zu betheuern, durch einen Ausruf Chingachgook’s und die Stellung gespannter Aufmerksamkeit, die dessen Sohn einnahm, überhoben,

»Die Mohikaner hören einen Feind!« flüsterte Hawk-eye, der indessen mit den Uebrigen wach und munter geworden war. »Der Wind läßt sie Gefahr wittern.«

»Das wolle Gott verhüten!« rief Heyward. »Wir haben genug Blutvergießen gehabt.«

Mit diesen Worten jedoch griff der junge Kriegsmann nach seiner Büchse und trat in den Vordergrund, bereit, seine unverzeihliche Nachläßigkeit abzubüßen, indem er sein Leben für die Vertheidigung seiner Schutzbefohlenen unbekümmert aussetzte.

»Es ist das Knistern eines Waldthiers, das um uns herum Futter sucht,« flüsterte er, sobald die leisen und anscheinend entfernten Laute, welche die Mohikaner aufgeschreckt hatten, sein eigenes Ohr erreichten. »St!« entgegnete der aufmerksame Kundschafter, »’s ist ein Mensch; ich selbst erkenne jetzt seinen Tritt, so unvollkommen auch meine Sinne im Vergleich mit denen eines Indianers sind. Der entwischte Hurone ist wahrscheinlich auf eine Streifpartie Montcalm’s gestoßen und hat jetzt unsere Fährte. Es sollte mir Leid thun, wenn ich an diesem Orte noch mehr Blut vergießen sollte,« fuhr er mit einem unruhigen Blick auf seine düstere Umgebung fort, »aber wenn es seyn muß, muß es seyn! Führe die Pferde in das Blockhaus, Uncas, und Ihr, Freunde, folgt ihnen nach. So alt und dürftig das Gebäude ist, so gewährt es immerhin einigen Schutz, und hat manchesmal schon von Büchsenknall wiedergetönt!«

Er fand keine Widerrede, und die Mohikaner führten die Narragansets in die Ruine, wohin sich auch die übrige Gesellschaft in größter Stille begab.

Das Geräusch nahender Fußtritte ließ sich jetzt zu deutlich vernehmen, als daß man noch über die Art der Unterbrechung hätte ungewiß seyn können. Bald mischten sich Menschenstimmen darein, sie riefen sich einander in einer Mundart zu, die, wie der Jäger Heyward zuflüsterte, die Sprache der Huronen war. Als sie an die Stelle kamen, wo die Pferde das Dickicht in der Umgebung des Blockhauses betreten hatten, verloren sie offenbar die Spur, weil ihnen die bisherigen Kennzeichen mangelten.

Nach den Stimmen zu schließen, waren bald ihrer zwanzig an jenem Orte versammelt, und gaben lärmend ihre verschiedenen Meinungen und Rathschläge.

»Die Schelme kennen unsere Schwäche,« flüsterte Hawk-eye, welcher neben Heyward in tiefem Schatten stand und durch eine kleine Oeffnung zwischen den Stämmen blickte, »sonst würden sie kein so müßiges Squawgeschwätz führen. Da hört ‚mal das Gewürm, jeder von ihnen scheint zwei Zungen und nur ein Bein zu haben.«

So tapfer Duncan im Kampfe war, so vermochte er doch auf diese kaltblütige und charakteristische Bemerkung des Kundschafters nicht zu antworten. Er faßte nur seine Büchse fester und heftete mit steigender Unruhe seinen Blick durch die enge Oeffnung auf die mondbeleuchtete Umgebung. Die tieferen Töne eines Wilden, der mit gebieterischem Nachdruck zu sprechen schien, ließen sich vernehmen, und die Stille, mit welcher sein Befehl, oder vielmehr sein Rath aufgenommen wurde, bewies die Achtung, in der er stehen mußte. Aus dem Rauschen der Blätter und dem Brechen der dürren Zweige ging jetzt hervor, daß sich die Wilden trennten, um die verlorene Spur wieder aufzufinden. Zum Glück für die Verfolgten war das Mondlicht, welches einen milden Schimmer über die kleine Lichtung vor der Ruine verbreitete, nicht stark genug, um die dichten Waldgewölbe zu durchdringen, wo alle Gegenstände noch in trügerischem Schatten lagen. Die Nachforschung blieb erfolglos; denn so kurz und plötzlich war der Uebergang von dem schwachen Pfadstrich der Reisenden in das Dickicht gewesen, daß jede Spur ihrer Fußtritte in der Dunkelheit der Wälder sich verloren hatte.

Nicht lange jedoch währte es, so hörte man die rastlosen Wilden durch das Gestrüpp brechen und sich allmählich dem innern Rande des dichten Kreises von jungen Kastanienbäumen nähern, welche die kleine Fläche umgaben.

»Sie kommen,« murmelte Heyward, indem er seine Büchse zwischen zwei Bäumen durchzustecken suchte; »wir wollen bei ihrer Annäherung Feuer geben.«

»Haltet Alles im Schatten,« sprach der Kundschafter; »das Schnappen des Feuersteins, oder selbst der Geruch eines einzigen Pulverkorns auf der Zündpfanne würde sie uns wie hungrige Wölfe über’n Hals bringen. Sollte es Gott gefallen, daß wir für unsere Skalpe kämpfen müßten, so vertraut auf die Erfahrung von Männern, welche die Wege der Wilden kennen und selten dahinten bleiben, wenn das Kriegsgeschrei ertönt.«

Duncan blickte zurück und sah, wie die zitternden Schwestern sich in einem fernen Winkel des Gebäudes an einander schmiegten, indeß die Mohikaner gleich zwei aufrechten Posten im Schatten standen, bereit loszufeuern, sobald es nöthig seyn würde. Seine Ungeduld bekämpfend, blickte er wieder durch die Oeffnung auf die lichte Fläche und erwartete schweigend den Ausgang. Alsbald öffnete sich das Dickicht und ein hoher bewaffneter Hurone trat einige Schritte auf die offene Fläche vor. Während er das stille Blockhaus betrachtete, fiel das volle Mondlicht auf seine schwärzlichen Züge und verrieth sein Erstaunen und seine Neugierde. Er stieß jenen Ausruf aus, der die erstere Empfindung bei dem Indianer stets zu begleiten pflegt und ein leichter Ruf führte einen Begleiter an seine Seite.

Diese Kinder der Wälder standen einige Augenblicke stille, indem sie auf das verfallene Gebäude deuteten, und in der unverständlichen Sprache ihres Stammes sich mit einander unterhielten. Jetzt näherten sie sich mit langsamen, vorsichtigen Schritten, indem sie jede Minute inne hielten, das Gebäude anzustarren, gleich verscheuchten Damhirschen, deren Neugierde mächtig mit Besorgnissen um die Oberhand streite. Plötzlich stieß einer mit dem Fuße an den Erdhügel und untersuchte ihn. In diesem Augenblick bemerkte Heyward, daß der Kundschafter sein Messer in der Scheide lockerte, und den Hahn seiner Büchse spannte. Diese Bewegungen nachahmend, schickte sich der junge Mann gleichfalls zu einem Kampfe an, der jetzt unvermeidlich schien.

Die Wilden waren so nahe, daß die geringste Bewegung eines der Pferde, oder selbst ein stärkerer Athemzug die Flüchtlinge verrathen hätte. Die Untersuchung des Erdhügels schien jedoch die Aufmerksamkeit der Huronen auf einen andern Gegenstand abgelenkt zu haben. Sie sprachen mit einander; aber der Ton ihrer Stimmen war so tief und feierlich, als hätte sie ein Gefühl der Ehrfurcht und geheimer Scheu ergriffen. Sie zogen sich vorsichtig zurück, indem sie ihre Augen auf die Ruine geheftet hielten, als erwarteten sie Geister der Todten aus den schweigsamen Räumen hervorschweben zu sehen, Endlich erreichten sie den Saum des freien Platzes, traten langsam in das Dickicht zurück und verschwanden.

Hawk-eye ließ den Kolben seiner Büchse auf die Erde sinken und sprach, lang und tief aufathmend, in hörbarem Geflüster:

»Ja, sie scheuen die Todten, und das hat ihnen und vielleicht bessern Menschen als sie, das Leben gerettet.«

Heyward lieh seine Aufmerksamkeit einen Augenblick dem Gefährten, antwortete aber nicht, sondern wandte sich nach denen, die ihn in diesem Moment näher angingen. Er hörte, wie die beiden Huronen das Gebüsch verließen. Der ganze Haufe hatte sich, wie sie jetzt deutlich hörten, um sie versammelt, um mit gespannter Begierde ihren Bericht zu vernehmen. Nach wenigen Minuten ernster und feierlicher Berathung, die sehr verschieden war von dem Lärm, mit dem sie sich zuerst um die Stelle versammelt hatten, wurden die Töne immer schwächer und entfernter, und verloren sich endlich in den Tieferes Waldes. Hawk-eye wartete, bis ein Zeichen des lauschenden Chingachgook ihm die Gewißheit gab, daß jeder Laut der Rückziehenden von der Entfernung verschlungen ward, und gab dann Heyward ein Zeichen, die Pferde vorzuführen und den Schwestern in den Sattel zu helfen. Sobald dies geschehen war, schritten sie aus dem zerfallenen Thorweg und verließen in einer Richtung, derjenigen, in welcher sie gekommen waren, gerade entgegengesetzt, den Ort, indem die Schwestern verstohlene Blicke nach dem stillen Grabmal und dem verfallenen Blockhaus warfen, als sie aus dem sanften Mondlichte traten, um sich in die düstere Tiefe der Wälder zu begraben.

Vierzehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Wache: Qui est là?
Johanna d’Arc: Paysans, pauvres gens de France.
König Heinrich VI.

Während der schnellen Entfernung von dem Blockhause und ehe sie sich tief in dem Walde befanden, waren die Reisenden zu sehr mit ihrem Entkommen beschäftigt, als daß sie ein Wort auch nur mit einander geflüstert hätten. Der Kundschafter nahm seinen alten Platz an der Spitze des Zuges wieder ein, obgleich seine Schritte, auch als schon ein großer Raum zwischen ihnen und ihren Feinden lag, bedächtiger waren, als bei ihrem früheren Marsche, da er die Oertlichkeit der ihn umgebenden Wälder nicht kannte. Mehr denn einmal hielt er, um mit seinen Genossen, den Mohikanern, zu Rath zu gehen, indem er aufwärts zum Monde wies und die Rinden der Bäume sorgfältig untersuchte. In diesen kurzen Pausen lauschten Heyward und die Schwestern mit Sinnen, welche die Gefahr doppelt schärfte, ob nicht irgend ein Laut die Nähe ihrer Feinde verkünde. In solchen Augenblicken war ihnen, als ob hier ein weites Land in ewigem Schlaf begraben liege; nicht der geringste Laut ließ sich im Walde hören, außer dem entfernten und kaum hörbaren Murmeln eines Baches. Vögel, Thiere und Menschen schienen, wenn es überhaupt welche in dieser Wildniß gab, alle zu schlummern. Allein die Töne des Baches, obgleich schwach und leise murmelnd, machten mit einem Mal den Bedenklichkeiten ihrer Führer ein Ende und alsbald schlugen sie ihre Richtung dahin ein. Als die Ufer des kleinen Flusses erreicht waren, machte Hawk-eye noch einmal Halt, nahm die Moccassins von den Füßen und lud Heyward und Gamut ein, das Gleiche zu thun. Hierauf trat er in das Wasser und fast eine halbe Stunde gingen sie in dem Bett des Flusses fort, um keine Spur zu hinterlassen. Der Mond war bereits hinter eine Masse ungeheurer schwarzer über dem westlichen Horizonte hängender Wolken gesunken, als sie aus dem niedern und unwegsamen Gewässer traten, um wieder auf die sandige, aber bewaldete, höher gelegene Fläche zu gelangen. Hier schien der Kundschafter wieder zu Hause zu seyn: er verfolgte seinen Weg so sicher und schnell, wie Einer, der seiner Ortskenntniss vollkommen vertrauen kann. Der Pfad wurde bald unebener, die Reisenden sahen sich von beiden Seiten immer enger von Bergen eingeschlossen und bemerkten, daß sie bald durch eine Gebirgsschlucht kommen müßten. Plötzlich hielt Hawk-eye, wartete bis die ganze Reisegesellschaft beisammen war, und sagte dann in leisem, vorsichtigem Tone, den die Ruhe und das Dunkel des Platzes noch feierlicher machten:

»Es ist leicht, in der Wildniß die Pfade zu kennen, und die Licks und die Strombette zu finden,« sagte er; »aber wer kann sagen, ob nicht hinter jenen stillen Bäumen und öden Bergen ein Heer gelagert ist?«

»Sind wir denn so nahe bei William Henry?« fragte Heyward, auf den Kundschafter zutretend.

»Es ist noch ein langer und ermüdender Weg dahin; aber wann und wie wir ihm nahen sollen, ist jetzt die Hauptfrage. Seht,« sprach er, durch die Bäume nach einem Punkte deutend, wo ein kleines Wasserbecken den Glanz der Sterne auf seinem ruhigen Spiegel wiederstrahlte, »hier ist der ›Blutteich‹, und ich bin auf einem Grund und Boden, auf dem ich nicht nur oft gewandelt, sondern mich auch von Aufgang der Sonne bis zum Untergang mit dem Feinde herumgeschlagen habe.«

»Ha! so ist denn jene matte, düstere Wasserfläche das Grab der wackern Männer, die in dem Kampfe gefallen sind. Ich habe sie nennen hören, bin aber nie zuvor an ihr Ufer gekommen.«

»Drei Schlachten schlugen wir mit dem Deutsch-Franzosen an einem Tag,« fuhr Hawk-eye fort, mehr dem Gange seiner Gedanken folgend, als auf Duncans Bemerkung antwortend. Er stieß auf uns, als wir gerade auszogen, seiner Vorhut einen Hinterhalt zu legen, und trieb uns wie gescheuchtes Wild durch das Defilé bis zu den Ufern des Horican. Hier sammelten wir uns wieder hinter unserem Verhau, stellten uns ihm unter Sir William entgegen, der für diese Waffenthat erst zum Sir William wurde, und zahlten ihm tüchtig heim für den Unstern am Morgen. Hunderte von Franzosen sahen an dem Tag die Sonne zum letzten Mal, und selbst ihr Anführer Dieskau fiel in unsere Hände, so zusammengeschossen und verwundet, daß er, zu fernerem Kriegsdienste untüchtig, in sein Vaterland zurückkehren mußte.«

»Das war ein ruhmvoller Tag,« rief Heyward in der Hitze seines jugendlichen Feuers: »der Ruf desselben drang schnell bis zu unserem Heere im Süden.«

»Ja, ’s war aber damit noch nicht zu Ende. Ich ward vom Major Effingham auf Sir Williams ausdrücklichen Befehl abgesandt, die Flanke der Franzosen zu umgehen und die Nachricht von ihrem Unstern über den Bergrücken hin nach dem Fort am Hudson zu überbringen. Gerade dort, wo Ihr die Bäume auf der Anhöhe emporwachsen seht, traf ich auf ein Hülfscorps und führte es nach der Stelle, wo der Feind just sein Mittagsmahl hielt und sich Nichts weniger träumen ließ, als daß sein blutiges Tagewerk nicht zu Ende sey.«

»Und Ihr überfielet sie?«

»Wenn der Tod ein Ueberfall für Leute ist, die blos darauf denken, den Magen zu füttern. Wir ließen ihnen keine Zeit zum Besinnen; denn sie hatten uns in dem Strauße am Morgen auch übel mitgespielt, und nur Wenige unter uns waren, die nicht einen Freund oder Verwandten unter ihren Händen verloren hatten. Als Alles vorbei war, wurden die Todten, und einige sagen, sogar die Sterbenden in den kleinen Teich dort geworfen. Mit diesen meinen Augen sah ich das Wasser so mit Blut gefärbt, wie nie eines aus den Eingeweiden der Erde floß.«

»Ein passendes und, wie ich hoffe, friedliches Grab für einen Soldaten! Ihr habt also auf dieser Gränze viele Treffen mitgemacht?«

»Ich?« sprach der Kundschafter, indem er sich mit einem Ausdrucke militärischen Stolzes zu seiner vollen Höhe erhob; »’s gibt nicht viele Echos unter diesen Hügeln, die nicht den Knall meiner Büchse nachgerufen, und wenig Geviertmeilen zwischen dem Horican und dem Flusse, wo nicht mein ›Wildtödter‹ einem lebendigem Geschöpfe, sei’s nun einem Feind oder einem Thiere, den Garaus machte. Ob das Grab da drunten so ruhig ist, wie Ihr meinet, ist eine andre Frage. Es gibt Leute im Lager, die sagen und meinen, wenn ein Mann ruhig im Grab liegen soll, so dürfe man ihn nicht darein legen, wenn noch Leben in seinem Leibe sey; und so viel ist gewiß, daß die Aerzte nur wenig Zeit hatten, zu bestimmen, wer todt oder lebendig war. St! Seht Ihr Nichts am Ufer des Teichs auf- und niedergehen?«

»Es ist nicht wahrscheinlich, daß sich Jemand so heimathlos, wie wir, in diesem öden Wald befinde.«

»So einer, wie der, fragt vielleicht wenig nach Haus und Obdach, und der Nachtthau thut Dem Nichts, der den Tag in dem Wasser zubringt,« entgegnete der Kundschafter, Heyward mit so krampfhafter Heftigkeit an der Schulter ergreifend, daß dieser mit Schmerzen inne ward, wie sehr abergläubische Furcht in einem sonst so unerschrockenen Manne die Oberhand gewinnen konnte.

»Bei Gott! es ist eine Menschengestalt und kommt auf uns zu! Die Waffen bereit, meine Freunde! Wir wissen nicht, mit wem wir’s zu thun haben.«

»Qui vive?« fragte eine strenge, rasche Stimme, die wie ein Ruf aus einer andern Welt von jener einsamen und unheimlichen Stelle herüberklang.

»Was will er?« flüsterte der Kundschafter; »er spricht weder indianisch noch englisch.«

»Qui vive?« wiederholte dieselbe Stimme, und dem Rufe folgte ein Rasseln der Waffen und eine drohende Stellung des Trägers.

»France,« rief Heyward, aus dem Schatten der Bäume auf das Ufer des Teiches und in die Nähe der Schildwache hervortretend.

»Woher kommt Ihr? wohin wollt Ihr so früh?« fragte der Grenadier in der Sprache und mit dem Accent eines Mannes aus Altfrankreich.

»Ich komme vom Rekognosciren und will mich wieder niederlegen«

»Seyd Ihr ein Offizier des Königs?« –

»Natürlich, Kamerad; hältst du mich für einen Provincialen? Ich bin Hauptmann bei den Jägern.« (Heyward wußte wohl, daß der Andre von einem Linienregimente war.) »Ich habe die Töchter des Kommandanten der Festung bei mir. Sicher hast du davon gehört – ich nahm sie in der Nähe des andern Forts gefangen, und bringe sie zum General.«

»Meiner Treu! meine Damen, das ist mir leid für Sie!« rief der junge Soldat, seine Mütze mit Anstand berührend: »Aber so geht’s im Krieg. Sie werden finden, welch braver Mann unser General ist und wie artig gegen Frauen. »Das ist das Auszeichnende eines ächten Kriegsmannes,« versetzte Cora mit bewundernswürdiger Geistesgegenwart und ebenfalls französisch – »lebe wohl, Freund, ich wünschte dir wohl einen angenehmern Beruf zu erfüllen!« Der Soldat salutirte sie höflich für ihre Artigkeit. Nach einem »Gute Nacht, Freund!« von Heyward zogen die Reisenden bedächtig weiter. Die Schildwache, welche wieder am Ufer des Teichs auf und niederging und sich nicht einfallen ließ, daß ein Feind so frech herbeikommen könnte, trillerte beim Anblick der Frauen, der vielleicht Erinnerungen aus seinem fernen und schönen Frankreich in ihm erweckte, die Strophen eines Liedes, das mit den Worten anfängt:

Vive le vin, vive l’amour, ete.

»Das war gut, daß Ihr den Schelm verstandet!« flüsterte der Kundschafter, als sie sich ein wenig entfernt hatten, und ließ seine Büchse in die Biegung seines Armes sinken; »ich sah gleich, daß es einer von den unruhigen Franzmännern war; und er that wohl daran, daß er so freundlich sprach, sonst hätte er unter die Gebeine seiner Landsleute gebettet werden können.«

Hier wurde er von einem langen und heftigen Stöhnen unterbrochen, das aus dem kleinen Wasserbecken kam, als ob die Geister der Hingeschiedenen um ihr Wassergrab spukten.

»Gewiß hatte Der Fleisch und Bein,« fuhr der Kundschafter fort; »kein Geist hätte sein Gewehr so fest handhaben können.«

»Hatte Fleisch und Bein; ob aber der arme Schelm noch dieser Welt angehört, muß ich wohl bezweifeln,« erwiederte Heyward, als er, um sich blickend, Chingachgook in ihrem kleinen Zuge vermißte. Ein zweites Stöhnen, schwächer als das erste, folgte auf einen lauten, unheimlichen Sturz in das Wasser, und Alles ward wieder still, als ob die Ufern dieses düstern Teiches seit der Schöpfung nie in ihrer Ruhe gestört worden wären. Während sie noch in Ungewißheit waren, sahen sie die Gestalt des Indianers aus dem Dickichte gleiten. Als der Häuptling wieder zu ihnen herankam, befestigte er den noch rauchenden Skalp des unglücklichen jungen Franzosen an seinem Gürtel und steckte auf der andern Seite das Messer und den Tomahawk, mit seinem Blut gefärbt, an ihre Stelle. Chingachgook nahm seinen gewöhnlichen Platz mit der Miene eines Mannes wieder ein, der ein verdienstliches Werk verrichtet zu haben glaubte. Der Kundschafter ließ das eine Ende seiner Büchse auf die Erde sinken, und mit den Händen auf das andere gestützt, stand er eine Weile in tiefem Nachdenken. Dann schüttelte er traurig den Kopf und murmelte vor sich hin: »Von einer Weißhaut wär‘ das ’ne grausame, unmenschliche Handlung gewesen; aber für den Indianer lag sie in der Natur: das läßt sich, glaube ich, nicht wohl läugnen. Lieber wollt‘ ich, ’s wär‘ einem verfluchten Mingo begegnet, als dem lustigen Jungen aus den alten Landen!«

»Genug,« sprach Heyward, besorgt, die arglosen Schwestern möchten diesen Grund des Aufenthalts errathen, während er seinen Abscheu durch ähnliche Betrachtungen, wie der Jäger, niederkämpfte; »es ist einmal geschehen und läßt sich nicht mehr ändern, obgleich es besser unterblieben wäre. Wir sind, wie Ihr sehet, offenbar in die Vorpostenlinie der Feinde gerathen. Welchen Weg gedenkt Ihr nun einzuschlagen?«

»Ja,« versetzte Hawk-eye, sich wieder erhebend, »ja, so ist es, wir dürfen ’s uns nicht verfehlen. Die Franzosen haben das Fort wirklich in allem Ernste eingeschlossen, und eine kitzliche Sache ist es, da durchzukommen.«

»Und nur wenig Zeit bleibt uns dazu!« fügte Heyward bei, indem er seine Augen auf die Dunstmasse heftete, die den niedergehenden Mond verbarg.

»Und nur wenig Zeit dazu!« wiederholte der Kundschafter. »Die Sache läßt sich mit Hülfe der Vorsehung auf zweierlei Weise angreifen, einen dritten Ausweg weiß ich nicht.«

»Nennt sie schnell! Die Zeit drängt.«

»Die Eine wäre, wir ließen die Frauenzimmer absteigen, ihre Thiere auf der Ebene weiden, schickten die Mohikaner voraus, brächen eine Bahn durch die Schildwachen und zögen über deren Leichen in das Fort ein.«

»Das geht nicht – das geht nicht!« unterbrach der edelmüthige Heyward: »ein Soldat könnte sich vielleicht so durchschlagen, aber nicht in solcher Begleitung.«

»Es wäre allerdings ein blutiger Pfad, auf dem die zarten Füße geben müßten,« erwiederte mit ähnlichem Widerstreben der Kundschafter: »aber ich glaubte, ihn als Mann nennen zu sollen. Im andern Falle müßen wir wieder zurück, und fast ans dem Bereiche Ihrer Späheörter. Wir wenden uns nach Westen und gehen auf die Berge, wo ich euch Monate lang so verbergen will, daß alle Teufelshunde in Montcalms Sold die Fährte dazu nicht finden sollen.«

»Thun wir das und zwar augenblicklich!«

Weitere Worte waren nicht von Nöthen: denn Hawk-eye kehrte mit dem einzigen Rufe: »Mir nach!« auf demselben Wege zurück, auf dem sie in diese mißliche und selbst gefährliche Lage gerathen waren. Stillschweigend und vorsichtig gingen sie vorwärts, ohne das geringste Geräusch: denn mit jedem Augenblicke mußten sie befürchten, einer Rundwache oder einem Piquet von Feinden zu begegnen. Während sie still an dem Rande des Teiches vorübergingen, warfen Heyward und der Kundschafter verstohlene Blicke in das unheimliche Dunkel. Vergeblich suchten sie die Gestalt, die so eben noch an seinen stillen Ufern einhergewandelt war, während ein leises und regelmäßiges Anschlagen der kleinen Wellen zeigte, daß die Wasser sich noch nicht wieder beruhigt hatten: ein schreckhaftes Zeugniß für die blutige That, die so kurz zuvor in ihrem Bereiche verübt worden war. Gleich der ganzen flüchtigen und düstern Scene schwand auch das niedrige Wasserbecken schnell in die Finsterniß dahin und vermischte sich mit der Masse schwarzer Gegenstände im Rücken der Reisenden.

Hawk-eye wich bald von der Richtung, der sie bisher auf ihrem Rückwege gefolgt waren, ab, sich aufwärts gegen die Berge wendend, welche die westliche Gränze der engen Ebene bildeten, und führte mit schnellen Schritten seine Begleiter tief in die Schatten, die von den hohen und steilen Gipfeln der Berge fielen. Der Weg wurde jetzt beschwerlich, da der Boden bald in ungeheure Felsmassen emporlief, bald von tiefen Schluchten durchschnitten war, so daß ihr Zug verhältnißmäßig nur langsam sich fortbewegte. Rauhe, schwarze Gipfel umgaben sie von jeder Seite und entschädigten sie zum Theil für die größere Anstrengung durch das Gefühl von Sicherheit, welches sie einflößen. Endlich begannen sie einen steilen, rauhen Abhang hinanzuklimmen, auf einem Pfade, der sich zwischen Felsen und Bäumen hinwand, die einen umgehend, von den andern unterstützt, in einer Weise, die kundgab, daß sie von Männern herrührte, lange erfahren in den Vortheilen der Wildniß. So wie sie sich allmählig über den Thalgrund erhoben, begann die dichte Finsterniß, die gewöhnlich dem nahenden Tage vorangeht, sich zu zerstreuen, und die Gegenstände in der Ebene erschienen in den klaren und deutlichen Farben, die ihnen die Natur verliehen hatte. Als sie aus dem Gehölz verkrüppelter Bäume, die sich um die fahlen Wände des Gebirges zogen, auf einen flachen, moosbewachsenen Felsen, der den Gipfel bildete, hervortraten, begrüßte sie der Morgen, seinen röthlichen Glanz über den grünen Fichten eines Hügels zeigend, der auf der entgegengesetzten Seite des Horicanthales lag. Der Kundschafter ließ jetzt die Schwestern absteigen, nahm den ermüdeten Thieren Zaum und Sattel ab, und ließ sie in voller Freiheit das Gestrüpp und die kärglich vorhandenen Kräuter dieser hohen Region abweiden.

»Geht,« sagte er, »sucht euer Futter, wo die Natur es euch anweist, und nehmt euch in Acht, daß ihr nicht selbst aus diesen Hügeln ein Futter der Wölfe werdet.«

»Bedürfen wir ihrer nicht weiter?« fragte Heyward.

»Seht und urtheilt mit eigenen Augen,« antwortete der Kundschafter, indem er an den östlichen Rand des Berges trat und den Andern winkte, ihm dahin zu folgen; »wenn es so leicht wäre, in das Herz des Menschen zu blicken, als man von diesem Punkte aus erspähen kann, was mitten in Montcalm’s Lager vorgeht, so gäb‘ es wenig Heuchler, und die Arglist der Mingos wäre im Vergleich mit der Ehrlichkeit eines Delawaren verlorenes Spiel.«

Als die Reisenden den Rand des Absturzes erreichten, sahen sie mit einem Blicke, daß der Kundschafter nicht Unrecht gehabt hatte, und bewunderten seine Vorsicht in der Wahl dieses Platzes.

Der Berg, auf dem sie standen, erhob sich vielleicht tausend Fuß über die Niederung, gleich einem ungeheuern Kegel, und trat ein wenig aus der Reihe hervor, die sich meilenweit an den westlichen Ufern des See’s hinzieht, bis er, seinen Schwestergipfel jenseits der Wasser erreichend, in verworrenen, schroffen Felsmassen, schwach mit Immergrün bedeckt, bis gegen Canada ausläuft. Unmittelbar unter ihren Füßen beschrieb das Südufer des Horican einen großen Halbkreis von einem Berge zum andern, und bildete ein weites Gestade, das sich in eine unebene und hochgelegene Fläche erhob. Gegen Norden erstreckte sich der klare und, wie es von dieser schwindligen Höhe erschien, schmale Spiegel des heiligen See’s, in unzählige Buchten ausgezackt, durch fantastische Formen von Vorgebirgen verschönert und mit zahllosen Inseln besäet. In der Entfernung von einigen Stunden verlor sich das Bett des Sees zwischen Bergen oder wurde durch eine Dunstmasse bedeckt, welche von einer leichten Morgenluft langsam über seine Fläche hergetrieben ward. Aber eine enge Oeffnung zwischen den Kämmen des Gebirges deutete den Ausgang an, durch welche er seinen Weg weiter gegen Norden fand, um seinen klaren und weiten Spiegel noch einmal auszubreiten, ehe er dem seinen Champlain seinen Tribut bezahlte. Gegen Süden erstreckte sich das Defilé oder vielmehr die bewaldete Ebene, die so oft schon erwähnt worden ist. Einige Stunden lang, aber noch innerhalb Sehweite, senkten sich die Berge, scheinbar ungerne ihre Herrschaft aufgebend, und liefen in die niedrigen Sandflächen aus, über welche wir unsere Abenteurer auf ihrer zweifachen Reise begleitet haben. An beiden Bergreihen hin, welche die gegenüberliegenden Seiten von See und Thal begränzten, stiegen Dunstwolken in Schneckenwindungen von den unwirthbaren Wäldern, wie Rauch aus verborgen liegenden Hütten empor, oder trieben langsam an den Abhängen hinab, um sich mit dem Nebel der Niederungen zu verbinden. Eine einzelne schneeweiße Wolke schwamm über dem Thal und bezeichnete die Stelle, unter welcher der stille Blutteich lag.

Gerade am Ufer des See’s, etwas mehr gegen den westlichen, als den östlichen Rand hin, lagen die ausgedehnten Erdwälle und die niedrigen Gebäude von William Henry. Zwei der Hauptbastionen schienen aus dem Wasser, das ihren Fuß bespülte, aufzutauchen, während ein tiefer Graben und ausgedehnte Sümpfe die anderen Seiten und Winkel vertheidigten. Das Land war auf eine beträchtliche Strecke rings um die Festungswerke der Bäume beraubt, sonst aber lag der ganze Schauplatz in dem grünen Kleide der Natur: ausgenommen da, wo die klaren Gewässer den Gesichtskreis begränzten, oder steile Felsen ihre schwarzen, kahlen Häupter über die Wellenlinien der Gebirgsketten erhoben. Vor dem Fort waren hin und wieder Schildwachen zu sehen, welche ihre zahlreichen Feinde aufmerksam zu beobachten schienen, und innerhalb der Walle erblickten die Reisenden Soldaten, nach durchwachter Nacht in Schlummer versunken. Gegen Südosten, aber in unmittelbarer Berührung mit dem Fort, stand ein verschanztes Lager auf einer Felsenanhöhe, einem Punkte, den man weit geeigneter für das Fort selber gewählt hätte. Hier zeigte ihnen Hawk-eye jene Hülfstruppen, welche erst kürzlich in ihrer Gesellschaft den Hudson verlassen hatten. Aus den Wäldern, ein wenig weiter gegen Süden, stiegen zahlreiche schwarze und finstere Rauchsäulen auf, die man von den reinern Ausdünstungen der Quellen leicht unterscheiden konnte: nach der Aussage des Kundschafters sichere Zeichen, daß der Feind sich dort in Masse gelagert hatte.

Das Schauspiel, welches sich am Westufer des See’s, dem südlichen ganz nahe, darbot, nahm die Aufmerksamkeit des jungen Soldaten vor Allem in Anspruch. Auf einem Streifen Landes, welcher von seinem Standpunkt aus zu schmal schien für ein so beträchtliches Truppencorps, sich aber wirklich mehrere tausend Fuß von den Ufern des Horican bis an den Fuß des Berges erstreckte, sah man weiße Zelte und Kriegswerkzeuge für ein Lager von zehntausend Mann. Bereits waren vorne Batterien aufgeführt, und während die Zuschauer mit so verschiedenen Empfindungen auf eine Scene herabblickten, die einer Landkarte gleich vor ihren Füßen ausgebreitet lag, erscholl bereits der Donner einer Artilleriesalve aus dem Thale herauf und tönte von Echo zu Echo durch die östlichen Berge hin.

»Da unten fängt’s nachgerade an zu tagen,« sagte der bedächtige und besonnene Kundschafter, »und die Wachenden wollen die Schläfer mit Kanonendonner wecken. Wir sind um ein Paar Stunden zu spät. Montcalm hat bereits die Wälder mit seinen vermaledeiten Irokesen angefüllt.«

»Der Platz ist in der That eingeschlossen,« bemerkte Duncan: »Aber bleibt uns denn gar kein Mittel, hineinzukommen? Besser noch, innerhalb der Werke gefangen genommen zu werden, als den herumschwärmenden Indianern in die Hände zu fallen.«

»Seht!« rief der Kundschafter, die Aufmerksamkeit Cora’s unwillkürlich auf das Quartier ihres eigenen Vaters richtend, »wie dieser Schuß die Steine aus dem Haus des Kommandanten emporschlug! Ja, diese Franzosen werden es, so solid und massiv es ist, in kürzerer Zeit zusammenschießen, als es aufgebaut wurde.«

»Heyward, ich sterbe beim Anblick einer Gefahr, die ich nicht theilen kann!« sprach die unerschrockene, aber besorgte Tochter. »Gehen wir zu Montcalm und bitten ihn, uns einzulassen: er wagt es nicht, dem Kind die Bitte zu versagen.« »Ihr würdet schwerlich noch mit einem Haar auf dem Kopf in das Zelt des Franzmannes kommen!« entgegnete der derbe Jäger. »Wenn ich nur eines der tausend Boote hätte, die leer am Ufer stehen, dann ließ‘ es sich noch machen. Ha! da wird’s bald mit ihrem Feuern ein Ende haben: dort kommt ein Nebel, der den Tag zur Nacht machen muß, in der ein Indianerpfeil gefährlicher als eine Kanone wird. Jetzt, wenn Ihr’s euch getraut und mir folgen wollt, will ich’s versuchen: denn es verlangt mich recht ins Lager hinab, und wär’s auch nur, um die Mingohunde, die ich da drunten in dem Birkendickicht lauern sehe, auseinanderzutreiben.«

»Wir sind bereit,« antwortete Cora muthig: »einem solchen Ziele entgegen trotzen wir jeglicher Gefahr!«

Der Kundschafter wandte sich mit dem Lächeln aufrichtigen und herzlichen Beifalls zu ihr um und antwortete:

»Ich wollt‘, ich hätte tausend Mann mit sehnigen Armen und scharfen Augen, die den Tod so wenig fürchteten, als Ihr! Ich wollte diese schnatternden Franzosen, eh‘ noch ’ne Woche um wäre, in ihr Nest zurückgejagt haben, daß sie heulen sollten, wie Hunde an der Kette, oder wie hungrige Wölfe. Aber voran!« fuhr er gegen die Uebrigen fort, »der Nebel kommt so schnell, daß wir ihn kaum noch auf der Ebene treffen, um unsern Zug zu decken. Aber denkt daran, daß Ihr, falls mir was Menschliches begegnet, den Wind immer auf der linken Wange behaltet–oder folgt den Mohikanern, die fänden ihren Weg so gut bei Nacht als bei Tag.«

Er winkte ihnen jetzt mit der Hand, ihm zu folgen, und eilte mit freiem, aber vorsichtigem Tritte den steilen Abhang hinab. Heyward unterstützte die Schwestern, und in wenig Minuten waren sie am Fuße des Berges, den sie mit so viel Mühe und Anstrengung erklommen hatten.

Der von Hawk-eye eingeschlagene Weg brachte die Reisenden bald auf die Ebene, einem Ausfallthor an dem westlichen Mittelwalle des Forts gegenüber, ungefähr eine halbe (englische) Meile von dem Punkte entfernt, wo er innehielt, um Duncan Zeit zu lassen, mit seinen Begleiterinnen nachzukommen. Von Ungeduld getrieben und durch die Beschaffenheit des Bodens begünstigt, waren sie dem Nebel, der nur langsam über den See herabkam vorausgeeilt, und mußten deshalb warten, bis er das Lager in seinen dichten Mantel eingehüllt hatte. Die Mohikaner benutzten den Aufschub, aus den Wäldern zu schleichen und die Umgebungen auszuspähen. Ihnen folgte in einiger Entfernung der Kundschafter, um früher zu erfahren, was sie gesehen hätten, und selbst über die Oertlichkeit seine Beobachtungen anzustellen. In wenig Minuten kehrte er zurück, roth vor Aerger, und machte seinem Unmuth in folgenden Worten Luft:

»Hier haben die pfiffigen Franzosen ein Piquet uns gerade auf den Weg gestellt,« sprach er; »Rothhäute und Weiße; und wir können im Nebel eben so gut mitten unter sie gerathen, als an ihnen vorbei kommen.«

»Können wir keinen Umweg machen, um der Gefahr zu entgehen?« fragte Heyward, »und später wieder, wenn wir vorbei sind, auf unsern Weg zurückkommen?«

»Wenn einer im Nebel einmal von der geraden Linie abweicht, wie kann er wissen, wann und wie er sie wieder finden soll? Die Nebel des Horican sind nicht wie die Ringe aus des Schmauchers Pfeife, oder der Rauch eines Musketenschusses!«

Er sprach noch, als sich ein furchtbarer Knall vernehmen ließ, eine Kanonenkugel in das Dickicht und den Stamm eines jungen Baumes schlug und von der Erde zurückprallte, da ihre Kraft durch den frühern Widerstand gebrochen war. Die Indianer langten fast zur selben Zeit mit dem schrecklichen Boten an und Uncas begann unter lebhaften Geberden eifrig in der Sprache der Delawaren zu reden.

»So wird es gehen, Junge,« murmelte der Kundschafter, als Jener ausgesprochen hatte; »hitzige Fieber kann man nicht wie Zahnweh behandeln. So kommt denn! der Nebel stellt sich ein.« »Halt!« rief Heyward; »sagt mir vorher, was Ihr glaubt hoffen zu dürfen.«

»Das ist gleich gesagt; es ist nur wenig, aber etwas ist besser als Nichts. Der Schuß, den Ihr sahet,« fuhr der Kundschafter fort, indem er das harmlose Eisen mit dem Fuß anstieß, »hat die Erde auf seinem Wege von dem Fort aufgepflügt und wir können diese Spur verfolgen, wenn alle andere Zeichen uns trügen. Keine Worte mehr! Folgt mir, sonst verläßt uns der Nebel mitten auf dem Wege, und man schießt von beiden Heeren auf uns.«

Heyward erkannte, daß wirklich der entscheidende Augenblick gekommen war, wo gehandelt, nicht gesprochen werden mußte, und trat zwischen die beiden Schwestern, um ihre Schritte zu beschleunigen, indem er die halb sichtbare Gestalt ihres Führers im Auge behielt. Bald zeigte sich, daß Hawk-eye die Stärke des Nebels nicht überschätzt hatte: denn kaum waren sie sechzig Schritte weit, als sie ihre verschiedenen Reisegefährten in dem Dunste nicht mehr zu unterscheiden vermochten.

Sie hatten bereits einen kleinen Umweg zur Linken gemacht und wandten sich wieder zur Rechten, nachdem sie, wie Heyward glaubte, wohl den halben Weg nach den befreundeten Festungswerken zurückgelegt hatten. Plötzlich wurden ihre Ohren etwa zwanzig Schritte von ihnen von dem schrecklichen Rufe begrüßt:

»Qui va là?«

»Vorwärts!« flüsterte der Kundschafter, sich wieder links wendend.

Vorwärts!« wiederholte Heyward, als der Zuruf von einem Dutzend Stimmen in drohendem Tone wiederholt wurde.

»Ich,« rief Duncan französisch, indem er die Schwestern mit sich fortzog.

»Dummkopf! – welcher Ich? –«

»Freund von Frankreich!«

»Du scheinst mir eher ein Feind von Frankreich! Halt! oder bei Gott, ich will Dich mit dem Teufel gut Freund machen! Kameraden, Feuer!«

Der Befehl fand sogleich Gehör und der Nebel wurde von dem Knall von fünfzig Musketen erschüttert. Zum Glück war falsch gezielt, und die Kugeln durchpfiffen die Luft in einer verschiedenen Richtung, aber doch immer so nahe, daß es den ungeübten Ohren Davids und der beiden Mädchen dünkte, sie sausten nur ein Paar Zoll von ihnen vorbei. Der Ruf ward wiederholt und der Befehl nicht allein zum Feuern, sondern selbst zur Verfolgung war nur zu gut vernehmbar. Als Heyward kurz den Sinn des Gehörten erklärt hatte, hielt Hawk-eye an und sprach entschlossen und fest:

»Laßt uns auch Feuer geben, dann glauben sie, es sey ein Ausfall und weichen, oder warten auf Verstärkung.«

Der Plan war gut, blieb aber ohne Erfolg. So bald die Franzosen die Gewehrsalve hörten, war es, als ob die ganze Gegend lebendig würde, und Flinten klirrten die Ebene entlang von den Ufern des See’s bis an den fernsten Saum der Wälder.

»Wir kriegen das ganze Heer auf den Hals und führen einen allgemeinen Sturm herbei,« sprach Duncan; »voran, mein Freund, wenn euch euer und unser Leben lieb ist.«

Der Kundschafter wollte willfahren, aber in der Verwirrung des Augenblicks hatte er seine Stellung verändert und die Richtung verloren. Vergeblich hielt er seine Wangen gegen den Wind, nicht das leiseste Lüftchen wehte mehr. In dieser Noth bemerkte Uncas die Furche der Kanonenkugel, welche hier die Spitzen von drei nahe an einander liegenden Ameisenhaufen weggenommen hatte.

»Laßt mich ‚mal schauen!« sagte Hawk-eye, bückte sich, um die Richtung zu erkennen, und setzte rasch seinen Weg fort.

Geschrei, Flüche, rufende Stimmen, Flintenschüsse folgten sich ununterbrochen und, wie es schien, von allen Seiten. Plötzlich erleuchtete ein starker Feuerstrahl die Scene, der Nebel stieg in dichten Wallungen empor, mehrere Kanonenschüsse flogen über die Ebene und alle Echo der Berge hallten den Donner des Geschützes wieder.

»Das ist von dem Fort!« rief Hawk-eye und blieb plötzlich stehen, »und wir laufen, wie mit Blindheit geschlagen, nach dem Walde, den Maquas in die Messer.«

Sobald sie den Irrthum erkannt, beeilten sie sich, ihn gut zu machen. Duncan überließ gerne Uncas Arme die Sorge, Cora zu führen, und sie nahm diesen willkommenen Beistand bereitwillig an. Offenbar waren nicht Wenige eifrig in ihrer Verfolgung begriffen, und jeder Augenblick drohte Gefangenschaft, wo nicht Verderben.

»Keinen Pardon den Schuften!« rief ein eifriger Verfolger, welcher die Bewegungen der Feinde zu leiten schien.

»Steht fest und bereit, meine Tapfern vom 60sten Regiment!« rief plötzlich eine Stimme über ihnen: »wartet, bis ihr die Feinde seht; feuert tief und fegt das Glacis rein!«

»Vater! Vater! rief eine durchdringende Stimme aus dem Nebel; ich bin’s! Alice! deine Elsie! Halt ein, o rette deine Töchter!«

»Halt!« schrie der frühere Sprecher im furchtbarsten Tone väterlicher Angst, so daß der Ruf bis in die Wälder drang und in feierlichem Echo zurückrollte. »Sie ist’s! Gott hat mir meine Kinder wieder geschenkt! Das Ausfallthor geöffnet! Hinaus, ihr Sechziger! hinaus! Thut keinen Schuß, ihr könntet meine Lämmer tödten! Treibt die französischen Hunde mit dem Bayonette fort!«

Duncan hörte das Rasseln der rostigen Angeln, und rasch zu der Stelle eilend, deren Richtung der Laut bezeichnete, stieß er auf eine lange Reihe dunkelroth uniformirter Krieger, die nach dem Glacis eilten. Er erkannte sie als sein eigenes Bataillon der königlichen Americaner, flog an ihre Spitze und entfernte bald jegliche Spur von Verfolgern aus den Festungswerken.

Einen Augenblick hatten Cora und Alice zitternd und verwirrt da gestanden, als Duncan sie so unerwartet verließ; aber ehe sie Zeit zu sprechen fanden, oder auch nur daran zu denken vermochten, stürzte ein Offizier von fast riesenhafter Gestalt, dessen Locken die Jahre und der Dienst gebleicht und dessen militärischen Stolz die Zeit zwar gemildert, aber nicht vernichtet hatte, mitten aus dem Nebel auf sie zu und drückte sie an seine Brust, während große Thränen über sein bleiches und tiefgefurchtes Antlitz rollten.

»Ich danke dir, Herr!« rief er in seinem eigenthümlichen schottischen Accent. »Laß Gefahr kommen, welche da wolle, dein Knecht ist vorbereitet!«

Fünfzehntes Kapitel.

Fünfzehntes Kapitel.

So tretet ein, zu hören seine Botschaft,
Die alsbald ich errathen wollt‘ und deuten,
Eh‘ noch der Franzmann spräch‘ ein Wort davon.
König Heinrich V.

Die nächsten Tage verflossen unter den Entbehrungen, der Verwirrung und den Gefahren der Belagerung, welche ein Feind, dessen Macht Munro nicht den gehörigen Widerstand leisten konnte, aufs Lebhafteste betrieb. Es war, als ob Webb mit seinem Heer, das unthätig an den Ufern des Hudson lag, die bedrängte Lage seiner Landsleute gänzlich vergessen hätte. Montcalm hatte die Wälder mit seinen Wilden angefüllt, deren Geschrei und Geheul durch das brittische Lager scholl und die Soldaten entmuthigte, welche bereits nur zu geneigt waren, die Gefahr zu vergrößern. Nicht ebenso war es mit den in dem Fort Eingeschlossenen. Durch die Worte und das gute Beispiel ihrer Führer angefeuert, hatten sie Muth gefaßt und ihren alten Ruf mit einem Eifer behauptet, welcher der Strenge ihres Anführers Ehre machte. Der französische General hatte seinerseits, als begnügte er sich mit großer Anstrengung durch die Wildnis; gezogen zu seyn, um vor den Feind zu kommen, bei all‘ seinem Geschick dennoch verabsäumt, die benachbarten Höhen zu besetzen, von denen aus er die Belagerten ungestraft vernichten konnte, ein Vortheil, den die neuere Kriegskunst keinen Augenblick zu benützen unterlassen hätte. Diese Geringschätzung der Anhöhen, oder vielmehr diese Scheu vor der Anstrengung des Erklimmens, kann als die Hauptschwäche der damaligen Kriegführung betrachtet werden. Sie schrieb sich von der einfachen Weise der Indianerkriege her, wo bei der Art der Kämpfe und den dichten Wäldern Festungen selten waren und das Geschütz beinahe alle Bedeutung verlor. Die Nachläßigkeit, welche solchergestalt überhand genommen hatte, reichte bis in die Zeit der Revolutionskämpfe herab und verlor den Amerikanern die wichtige Festung Ticonderoga, ein Verlust, der Bourgoyne’s Heer den Weg in das Herz des Landes öffnete. Erstaunt blicken wir auf diese Unwissenheit oder Bethörung, wie man es nennen darf, zurück: denn man weiß, daß das uebersehen der Vortheile einer solchen Anhöhe – wenn auch die Schwierigkeit, sich auf ihr festzusetzen, wie bei Mont Destance, sehr übertrieben worden ist – einen Ingenieur, der in unserer Zeit die Anlegung der Werke an ihrem Fuße zu leiten, oder einen General, der sie zu vertheidigen gehabt hätte, um ihren Ruf bringen würde.

Der Reisende, der Siechling, oder der Freund von Naturschönheiten, welcher jetzt in seinem Viergespann durch die Schauplätze, die wir zu beschreiben versucht, dahinrollt, um Belehrung, Gesundheit oder Vergnügen zu finden, oder gemächlich seinem Ziele entgegen auf jenen künstlichen Wasserstraßen getragen wird, die unter der Verwaltung eines Staatsmanns entstanden sind, welcher für das Gelingen des gewagten Unternehmens seinen politischen Ruf einsetzte, darf nicht glauben, daß seine Vorfahren mit gleicher Leichtigkeit über diese Berge gegangen sind und die Strömungen überwunden haben. Die gelungene Herbeischaffung einer einzigen schweren Kanone wurde oft einem Siege gleichgeschätzt, wenn anders glücklicher Weise die Schwierigkeiten des Bodens sie nicht zu weit von ihrer nothwendigen Begleiterin, der Munition, entfernten, ohne welche sie nichts als eine schwerfällige, nutzlose eiserne Röhre ist.

Die Nebel, welche aus einer solchen Lage entspringen mußten, machten sich dem entschlossenen Schottländer, der jetzt William Henry vertheidigte, sehr fühlbar. Obgleich sein Gegner die Berge nicht benutzte, hatte er doch seine Batterien mit Einsicht in der Ebene aufgepflanzt und sie wurden mit Geschick und Nachdruck bedient. Diesem Angriff sonnten die Belagerten nur die unvollkommenen und in Eile angeordneten Vertheidigungsmittel einer Festung der Wildniß entgegenstellen.

Es war am fünften Tage der Belagerung und dem vierten seines eigenen Dienstes in dem Fort, daß Major Heyward Nachmittags eine eben angekündigte Parlamentirung benützte, um sich auf die Brustwehr einer Wasserbastion zu begeben, wo er die frische Seeluft athmen und die Fortschritte der Belagerer beobachten konnte. Er war allein, wenn man die einsame Schildwache, die auf dem Erdwall auf- und niederging, nicht rechnen will: denn die Artilleristen hatten sich entfernt, um die zeitige Unterbrechung ihres gefahrvollen Dienstes zu benützen. Der Abend war äußerst still und das Lüftchen, welches von dem klaren See her wehte, sanft und erfrischend. Es schien, als ob auch die Natur den Augenblick, wo der Donner des Geschützes und das Pfeifen der Kugeln verstummte, gewählt hätte, in ihrer mildesten und entzückendsten Gestalt zu erscheinen. Die Sonne goß ihre scheidende Glorie über die Landschaft, ohne jener stolzen Strahlen zu entbehren, die dem Klima und der Jahreszeit eigenthümlich sind. Das frische, liebliche Grün der Berge wurde bald durch das sanftere Licht der Sonne gemildert, bald durch die leichten Wölkchen verdunkelt, welche zwischen ihnen und der Sonne schwammen. Zahlreiche Eilande ruhten im Schooße des Horican, so niedrig und tief, als wären sie in die Wasser gebettet, andere über den Fluthen schwebend, gleich leichten Hüllen grünen Sammtes. Zwischen diesen ruderten die Fischer des Belagerungsheeres friedlich ihre Nachen umher, oder gaben sich auf dem klaren Wasserspiegel ruhig dem Vergnügen des Fischfanges hin.

Die Scene war belebt und doch still; und Alles, was der Natur angehörte, lieblich und einfach groß, während, was von dem Willen und den Bewegungen der Menschen abhing, lebhaft und muthwillig erschien.

Zwei kleine weiße Flaggen wehten, die eine auf einem hervorspringenden Winkel des Forts, die andere auf der vorgeschobenen Batterie der Belagerer, – Sinnbilder der Ruhe, nicht blos für die Feindseligkeiten, sondern selbst für die Erbitterung der Kämpfenden. Hinter ihnen wehten, in schweren, seidenen Falten sich ausbreitend und schließend, die nebenbuhlerischen Standarten Englands und Frankreichs, Hunderte junger Franzosen, munter und sorglos, zogen Netze an den kieselreichen Strand, in der gefährlichen Nähe der düstern, aber schweigsamen Geschütze des Forts, während die östlichen Berge den lärmenden Jubel der Fischenden wiedertönten. Die Einen kamen eilig herbei, um die Belustigungen auf dem Wasser mitzumachen, während Andere mit der unruhigen Neugierde ihrer Nation bereits die benachbarten Hügel erklommen. Von all‘ diesem Treiben, dieser Lust waren diejenigen, welche die Belagerten zu beobachten hatten, und die Belagerten selbst müßige, wenn schon nicht gleichgültige Zuschauer. Hier und da stimmte auch ein Piquer einen Sang an, oder begann einen Tanz, der die düsteren Indianer aus ihren Hinterhalten in dem Walde um sie versammelte. Kurz Alles hatte mehr den Anschein eines Freudentages, denn einer den Gefahren und Anstrengungen eines blutigen, erbitterten Krieges gestohlenen Stunde. Duncan hatte, diese Scene betrachtend, eine Weile in nachdenklicher Stellung dagestanden, als seine Augen durch den Laut nahender Fußtritte sich auf das Glacis vor dem schon erwähnten Ausfallthore richteten. Er trat in den Winkel einer Bastion und sah, wie der Kundschafter unter der Bewachung eines französischen Offiziers auf das Fort herzukam, Hawkeye’s Züge waren eingefallen und bekümmert, seine Miene niedergeschlagen, als fühlte er sich tief entehrt, daß er den Feinden in die Hände gerathen war. Er trug seine Lieblingswaffe nicht und die Hände waren ihm mit Riemen aus Hirschhäuten auf den Rücken gebunden. Das Herannahen von Fahnen, zum Schutze der Parlamentirer bestimmt, war in letzter Zeit so häufig geworden, daß Heyward bei dem ersten nachläßigen Blick auf die Gruppe wieder einen Offizier in gleichem Auftrag zu sehen erwartete. Sobald er aber den hohen Wuchs und die immer noch trotzigen, wenn gleich niedergeschlagenen Züge seines Freundes, des Waidmanns, erkannte, fuhr er erstaunt zurück, und eilte von der Bastion in das Innere der Festung herab.

Töne anderer Stimmen zogen jedoch seine Aufmerksamkeit auf sich und ließen ihn einen Augenblick seinen Vorsatz vergessen. In einem innern Winkel des Erdwalls traf er auf die beiden Schwestern, welche längs der Brustwehr umherwandelten, um, wie er, die frische Abendluft zu genießen. Er hatte sie seit dem peinlichen Augenblick, wo er sie nur verließ, um für ihre Sicherheit zu sorgen, nicht wieder gesehen. Von Sorge gebeugt und durch Anstrengungen erschöpft hatte er sie verlassen und fand sie jetzt frisch und blühend, obgleich sie immer noch einige Schüchternheit und Unruhe verriethen. Unter solchen Umständen dürfen wir uns nicht wundern, wenn der junge Mann eine Zeit lang alles Andere vergaß, um sie anzureden. Die arglose, jugendliche Alice kam ihm jedoch zuvor.

»Ha, des läßigen, pflichtvergessenen Ritters, der seine Damen mitten in den Schranken verläßt!« rief sie, »Tage, Jahrhunderte warteten wir darauf, daß Sie zu unsern Füßen um Gnade und Verzeihung bitten würden für Ihr feiges Entweichen, Ihre Flucht – denn wirklich flohen Sie mit einer Eile, daß sein angeschossenes Wild, wie unser würdiger Freund, der Kundschafter, sich ausdrücken würde, Ihnen hätte gleichkommen können!«

»Alice spricht, wie Sie wissen werden, von unserm Danke und unsern Segnungen,« setzte die ernstere, besonnenere Cora hinzu. »Wirklich haben wir uns ein wenig gewundert, daß Sie sich so streng von einem Orte entfernt hielten, wo die Dankbarkeit der Töchter in der des Vaters Unterstützung gefunden hätte.«

»Ihr Vater selbst konnte Ihnen sagen, daß ich, obgleich von Ihnen entfernt, um Ihre Sicherheit stets bekümmert war,« erwiederte der junge Mann. »Um den Besitz des Dorfs von Hütten dort,« – er wies auf das benachbarte verschanzte Lager, »ist indessen lebhaft gestritten worden. Wer dieses besitzt, ist bald auch im Besitze des Forts und alles dessen, was sich darin befindet. Meine Tage und Nächte sind seit unsrer Trennung dort vergangen, weil ich glaubte, daß meine Pflicht mich dahin riefe. Aber,« fuhr er mit einer Miene des Unmuths fort, den er vergeblich zu verbergen suchte, »aber hätte ich geglaubt, daß Soldatenpflicht so ausgelegt werden könnte, so wäre Scham noch zu der Zahl meiner Gründe gekommen!«

»Heyward! – Duncan!« rief Alice, sich vorwärts beugend, um in sein halb angewandtes Antlitz zu sehen, bis eine Locke ihres goldenen Haars auf ihrer Wange ruhen blieb und die Thräne verbarg, die ihrem Auge entquoll: »könnte ich glauben, daß diese geschwätzige Zunge Ihnen wehe gethan, so wollte ich sie zu ewigem Stillschweigen verdammen. Cora mag sagen, wenn sie will, wie hoch wir Ihre Dienste geschätzt haben, und wie innig, wie inbrünstig unsere Dankbarkeit ist.«

»Und wird Cora die Wahrheit davon bezeugen?« rief Duncan, indeß ein Lächeln innigen Vergnügens die Wolken des Mißmuths von seiner Stirne trieb. »Was sagt unsre ernste Schwester? Wird sie für die Vernachläßigung des Ritters eine Entschuldigung in der Pflicht des Soldaten finden?«

Cora antwortete nicht sogleich, sondern wandte ihr Gesicht auf das Wasser, als ob sie beobachtete, was auf dem Horican vorgehe. Als sie ihr dunkles Auge auf den jungen Mann richtete, lag ein solcher Ausdruck von Bangigkeit darin, daß er jeden andern Gedanken, als den herzlicher Besorgniß, aus seinem Gemüthe verdrängte.

»Sie sind nicht wohl, theuerste Miß Munro?« rief er; »wir konnten scherzen, während Sie leiden!«

»Es ist Nichts,« antwortete sie, indem sie seinen angebotenen Arm mit weiblicher Zurückhaltung ablehnte. »Daß ich das Leben nicht von seiner Sonnenseite betrachten kann, wie diese harmlose, glühende Schwärmerin,« fuhr sie fort, indem sie ihre Hand leicht, aber zärtlich auf den Arm ihrer Schwester legte, »ist die Schuld der Erfahrung und vielleicht ein unglücklicher Zug meines Wesens. Sehen Sie,« fügte sie hinzu, als wollte sie aus Pflichtgefühl sich aller Schwäche entschlagen, »blicken Sie um sich, Major Heyward, und sagen Sie mir, welche Aussicht dies ist für die Tochter eines Soldaten, dessen größtes Glück seine Ehre und sein Kriegsruf ist.«

»Beide sollen und können nicht befleckt werden durch Umstände, denen er nicht gebieten kann,« erwiederte Duncan mit Wärme. »Aber Ihre Worte rufen mich zu meiner eigenen Pflicht zurück, Ich gehe jetzt zu Ihrem ritterlichen Vater, um seinen Entschluß in Dingen von höchster Wichtigkeit, unsere Vertheidigung betreffend, zu vernehmen, Gott segne Sie in jeglichem Geschick, edle Cora, – denn so kann und muß ich Sie nennen.« Sie reichte ihm frei die Hand, obgleich ihre Lippe bebte, und ihre Wangen allmälig eine Todtenblässe überschlich. »In jeglichem Geschick werden Sie, ich bin’s gewiß, eine ehrenreiche Zierde Ihres Geschlechtes seyn. – Alice, adieu!« – sein Ton ging von Bewunderung in Zärtlichkeit über – »Adieu, Alice: wir werden uns bald wiedersehen, als Sieger hoffe ich, und unter Freudenbezeugungen!« Ohne die Antwort einer der Schwestern zu erwarten, eilte der junge Mann die Rasenstufen der Bastion hinab, mit raschen Schritten über den Paradeplatz und stand nach kurzer Weile vor ihrem Vater. Munro ging, als Duncan eintrat, mit unruhiger Miene und Riesenschritten in dem engen Zimmer auf und nieder.

»Sie sind meinen Wünschen zuvorgekommen, Major Heyward,« sagte er, »ich wollte Sie eben um die Ehre Ihres Besuches bitten lassen.«

»Mit Bedauern sah ich den Boten, den ich so warm empfohlen, unter dem Gewahrsam der Franzosen zurückkehren! Ich hoffe, Sie haben keinen Grund, in seine Treue Zweifel zu setzen,«

»Die Treue der ›langen Büchse‹ ist mir Wohl bekannt,« versetzte Munro, »und über allen Zweifel erhaben: aber sein gutes Glück scheint ihn endlich verlassen zu haben, Montcalm hat ihn gefaßt und mit der verdammten Artigkeit seines Volkes ihn mir wieder zugesandt unter der demüthigenden Erklärung: da er wisse, wie große Stücke ich auf den Burschen halte, so wolle er mir ihn nicht vorenthalten, Eine jesuitische Manier, Major Heyward, einem Manne zu sagen, daß er im Unglück ist!«

»Aber der General und seine Hilfe?«

»Sahen Sie nach dem Süden, als Sie hereinkamen, und konnten Sie noch Nichts von ihnen erblicken?« fragte der alte Soldat, bitter lachend: »gehen Sie! gehen Sie, Sie sind ein ungeduldiger Knabe, Sir, und wollen den Herren keine Zeit zum Marschiren lassen!«

»So kommen sie denn! Hat der Kundschafter davon gesagt?«

»Wann? und auf welchem Wege? Das hat der Dummkopf mir nicht gesagt. Es war ein Brief vorhanden, und das ist das einzige Erfreuliche bei der Sache. Was die gewohnten Aufmerksamkeiten Ihres Marquis von Montcalm betrifft – ich stehe dafür, Duncan, Der von Lothian konnte ein Dutzend solcher Marquisate kaufen – wenn die Nachrichten in dem Briefe schlimm lauteten, so würde diesem französischen Herrn die Artigkeit gewiß nicht erlauben, sie uns zu verschweigen.«

»Er behält also den Brief und läßt den Boten frei?«

»Ja, und das Alles aus sogenannter Bonhommie. Ich wollte wetten, wenn man die Wahrheit wüßte, so würde sich finden, laß des Burschen Großvater in der edeln Kunst des Tanzens unterrichtet hat.«

»Aber was sagt denn der Kundschafter? Er hat Augen und Ohren und eine Zunge: wie lautet sein mündlicher Bericht?«

»Oh! Sir, an den natürlichen Organen fehlt’s ihm nicht, und er bedenkt sich auch nicht, zu sagen, was er gehört und gesehen hat. Alles aber lauft darauf hinaus: an den Ufern des Hudson befindet sich ein Fort Sr. Majestät, zu Ehren Sr. königlichen Hoheit des Prinzen von York, Edward genannt, wie Sie wissen, und ist wohl gefüllt mit Bewaffneten, wie es einem solchen Werke ziemt.«

»Bemerkte er keine Bewegung, keine Zeichen, daß man uns zu Hülfe kommen wolle?« –

»’s gab Morgen- und Abendparaden, und wenn einer von den Lümmeln aus den Provinzen – Sie wissen’s ja, Duncan, sind selbst ein halber Schottländer – wenn Einer sein Pulver auf seinen Kochtopf fallen ließ und es traf die Kohlen, so gab’s Feuer!« Plötzlich aber ging er von seiner bittern Ironie in einen ernstern, bedächtlichern Ton über und fuhr fort: »und doch müßte und muß in dem Brief etwas stehen, das zu wissen für uns gut wäre.«

»Unser Entschluß sollte schnell geschehen,« sagte Duncan, welcher gern diese veränderte Stimmung benützte, um die Unterredung auf wichtigere Gegenstände zu lenken: »ich kann Ihnen nicht verhehlen, Sir, daß sich das Lager nicht mehr lange halten läßt, und es thut mir leid, hinzufügen zu müssen, daß es mit dem Fourt selber nicht besser zu stehen scheint: mehr als die Hälfte unsers Geschützes ist zersprungen.« »Und wie sollte es anders seyn? Die Einen wurden aus dem See aufgefischt: andere rosteten seit der Entdeckung des Landes in den Wäldern, und wieder andere sind gar keine Kanonen, nur Spielzeug für Korsaren, Glauben Sie, Sir, man könnte dreitausend Meilen von Großbrittannien, mitten in einer Wildniß, Woolwicher Waare bekommen?«

»Die Mauern stürzen uns über dem Kopfe zusammen, und der Mundvorrath fängt an zu fehlen,« fuhr Heyward fort, ohne diesen neuen Ausbruch seines Unmuths zu beachten; »selbst die Mannschaft zeigt Spuren von Unzufriedenheit und Unruhe.«

»Major Heyward,« sprach Munro, mit der vollen Würde des Alters und eines höheren Ranges zu dem jungen Manne sich wendend, »umsonst hätte ich Sr. Majestät ein halbes Jahrhundert gedient und meine Haare im Feld ergrauen sehen, wenn ich das, was Sie sagen, und die Dringlichkeit der Umstände nicht selbst begreifen würde; und doch sind wir der Ehre der königlichen Waffen und unsrer eigenen Alles zu opfern verpflichtet. So lange noch Hoffnung auf Unterstützung vorhanden ist, werde ich diese Feste vertheidigen, und sollt‘ ich dazu die Kiesel vom Seeufer auflesen. Alles kommt darauf an, den Brief zu Gesicht zu bekommen, damit wir die Absichten des Mannes kennen lernen, den uns der Earl von London als seinen Stellvertreter hinterlassen hat.«

»Und kann ich hiebei von Nutzen seyn?«

»Ja, das können Sie, Sir: der Marquis von Montcalm hat mich neben seinen übrigen Artigkeiten auch zu einer persönlichen Unterredung zwischen den Festungswerken und dem Lager eingeladen, um mir, wie er sagt, weitere Aufschlüsse zu geben. Nun denke ich, würd‘ es nicht sehr weise seyn, wenn ich ein zu großes Verlangen zeigte, ihn zu sprechen, und ich könnte Sie, einen Offizier von Rang, zu meinem Stellvertreter nehmen: denn es würde Schottland keine Ehre bringen, wenn es hieße, eines seiner Kinder habe sich von dem Eingebornen eines andern Landes an Höflichkeit übertreffen lassen.« Ohne sich in eine überflüßige Erörterung oder Vergleichung bei Höflichkeitsverdienste dieser oder jener Nation einzulassen, Verstand sich Duncan mit Freuden dazu, bei der bevorstehenden Unterredung die Stelle des Veteranen zu vertreten. Ehe er sich verabschiedete, folgte eine lange, vertrauliche Mittheilung, in welcher der junge Mann von dem, was ihm oblag, noch genau unterrichtet wurde, wie es eben die Erfahrung und der eigenthümliche Scharfsinn seines Obern eingeben mochte. Da Duncan nur als der Stellvertreter des Befehlshabers auftrat, so fielen natürlich die Förmlichkeiten, welche eine Unterredung der Häupter beider feindlichen Streitkräfte begleitet hätten, weg. Der Waffenstillstand dauerte noch fort, und unter dem Wirbeln der Trommeln trat Duncan, von einer kleinen weißen Fahne begleitet, zehen Minuten nach dem Empfang seiner Verhaltungsbefehle aus dem Ausfallthor. Er wurde von dem Offizier, der die Vorposten befehligte, mit den gewöhnlichen Förmlichkeiten empfangen und sogleich zu dem entfernten Zelte des berühmten Kriegsmanns geführt, der an der Spitze des französischen Heeres stand.

Der feindliche General empfing den jugendlichen Abgesandten, umgeben von seinen hohen Offizieren und einer dunkeln Schaar indianischer Häuptlinge, welche ihn mit den Kriegern ihrer verschiedenen Stämme in das Feld begleitet hatten. Heyward stand einen Augenblick stille, als seine Augen mit einem flüchtigen Blicke über die dunkle Gruppe der letztern schweiften und den boshaften Zügen Magua’s begegneten, welcher ihn mit der diesem Wilden eigenen, ruhigen, aber düstern Aufmerksamkeit betrachtete. Ein Ausruf des Erstaunens wollte den Lippen des jungen Mannes entschlüpfen; schnell erinnerte er sich aber seines Auftrags und seiner Umgebung, und jeden Schein von Aufregung unterdrückend, wandte er sich gegen den feindlichen Anführer, der ihm bereits einen Schritt entgegen getreten war.

Der Marquis von Montcalm stand in der Zeit, von welcher wir schreiben, in der Blüthe seiner Jahre und, könnte man hinzusetzen, im Zenith seines Glückes. Aber selbst in dieser beneidenswerthen Lage war er leutselig und zeichnete sich eben so wohl durch seine Aufmerksamkeit gegen die Gesetze der Höflichkeit, als durch jenen ritterlichen Muth aus, der ihn schon zwei Jahre später auf den Ebenen von Abraham das Leben verlieren ließ. Duncan’s Auge wandte sich von der boshaften Miene Magua’s ab und heftete sich mit Vergnügen auf die lächelnden, feinen Züge und den edeln kriegerischen Anstand des französischen Anführers.

»Mein Herr,« sprach Letzterer, »es macht mir viel Vergnügen, daß – aber wo ist der Dolmetscher?«

»Ich glaube, er wird uns entbehrlich seyn,« erwiederte Heyward bescheiden, »ich spreche ein wenig Französisch.«

»Ah! das ist mir lieb,« sprach Montcalm, indem er Duncan vertraulich unter dem Arme nahm und ihn in die Tiefe des Zeltes führte, wo sie sich eher besprechen konnten, ohne gehört zu werden. »Ich hasse diese Schelme, man weiß nicht recht, wie man mit ihnen daran ist.« –

»Nun, mein Herr,« fuhr er fort, immer noch französisch sprechend, »obgleich ich stolz darauf gewesen wäre, Ihren Chef bei mir zu empfangen, so schätze ich mich dennoch glücklich, daß er es geeignet fand, einen so ausgezeichneten und sicher eben so liebenswürdigen Offizier an mich abzuordnen.«

Duncan verbeugte sich tief, denn er nahm die Schmeichelei gerne hin, obgleich er den heroischen Entschluß gefaßt hatte, sich durch keinen Kunstgriff bethören zu lassen, die Interessen seines Fürsten außer Acht zu setzen. Montcalm fuhr, nachdem er einen Augenblick geschwiegen hatte, als ob er seine Gedanken sammeln wollte, fort:

»Ihr Kommandant ist ein wackerer Mann und wohl versteht er, meine Angriffe abzuschlagen. Aber ist es nicht Zeit, der Menschlichkeit mehr, als dem Muthe Gehör zu geben? Jene ziert den Helden ebenso, wie diese.«

»Wir halten diese Eigenschaften für unzertrennlich,« versetzte Duncan lächelnd, »während wir über in der Energie Eurer Excellenz alle Aufforderung finden, diesen zu beleben, so sehen wir doch noch keine Veranlassung, jene in Anwendung zu bringen.«

Montcalm verbeugte sich seinerseits leicht, aber mit der Miene eines Mannes, der zu erfahren ist, um auf die Sprache der Schmeichelei zu hören. Nach kurzem Nachsinnen fuhr er fort:

»Möglich, daß meine Gläser mich täuschten, und daß Ihre Werke unserm Geschütze besser widerstehen, als ich geglaubt hatte. Sie kennen unsere Stärke?«

»Unsere Berichte lauten verschieden,« antwortete Duncan nachläßig, »aber die höchsten schätzen Ihre Macht auf nicht mehr, als zwanzigtausend Mann.«

Der Franzmann biß sich in die Lippen, und faßte den Andern scharf in’s Auge, als ob er in seinen Gedanken lesen wollte; dann fuhr er mit der ihm eigenthümlichen Gewandtheit fort, als ob er die Richtigkeit einer Angabe, welche die Stärke seines Heeres verdoppelte, anerkenne.

»Es ist ein schlechtes Kompliment für uns Soldaten, mein Herr, daß wir, was wir auch angewandt, unsere Zahl nicht haben verbergen können. Wenn es irgendwo möglich wäre, so glaubte ich, es müßte in diesen Wäldern geschehen können. Wenn Sie es aber auch für zu früh halten, auf die Stimme der Menschlichkeit zu hören,« fuhr er arglistig lächelnd fort, »so darf ich doch glauben, daß die Galanterie bei einem jungen Manne, wie Sie, ihr Recht finden wird. Die Töchter des Kommandanten sind, wie ich höre, in das Fort gekommen, seit es eingeschlossen ist.«

»Es ist wahr, Monsieur: aber weit entfernt, unsern Muth zu schwächen, geben sie uns in ihrer eigenen Seelenstärke ein Beispiel des Muthes! Bedürfte es nur der Entschlossenheit, um einen so vollendeten Kriegsmann, wie Monsieur de Montcalm, zurückzuschlagen, so würde ich der älteren dieser Damen mit Vergnügen die Vertheidigung von William Henry anvertrauen.« »Es ist eine weise Verordnung in unserem salischen Gesetz, ›die Krone von Frankreich soll nie von der Lanze an den Rocken übergehen,‹ versetzte Montcalm trocken und mit einer gewissen Hoheit, ging aber sogleich wieder in einen Ton leichter Höflichkeit über: »da alle edleren Eigenschaften sich vererben lassen, so will ich Ihnen gerne glauben; aber, wie ich schon sagte, auch der Muth hat seine Gränzen und auch die Menschlichkeit spricht ihr Recht an. Ich hoffe, mein Herr, Sie sind bevollmächtigt, über die Bedingungen der Uebergabe des Forts zu unterhandeln?«

»Haben Euer Excellenz unsere Vertheidigung so schwach gefunden, daß Sie diese Maßregel nothwendig glauben?« –-

»Es sollte mir leid thun, wenn sich die Vertheidigung so lange hinauszöge, daß meine rothen Freunde dort noch mehr gereizt würden,« fuhr Montcalm fort, indem er seine Augen auf die Gruppe aufmerksamer und finsterer Indianer richtete, ohne auf die Frage des Andern zu achten: »ich finde es schon jetzt schwierig, sie in den Gränzen unsrer Kriegsgebräuche zu halten.«

Heyward schwieg: denn eine peinliche Erinnerung an die Gefahren, denen er eben erst entronnen war, und an die Leiden, welche jene wehrlosen Geschöpfe mit ihm getheilt hatten, drang sich seinem Geiste auf.

»Diese Herren da,« fuhr Montcalm fort, indem er seinen vermeintlichen Vortheil verfolgte, »sind äußerst furchtbar, wenn sie sich in ihrer Hoffnung getäuscht sehen, und ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie schwer es mir fällt, ihren Unmuth in Schranken zu halten. Nun, mein Herr, wollen wir von den Bedingungen sprechen?«

»Ich fürchte, Euer Excellenz sind über die Stärke von William Henry und die Hülfsquellen der Besatzung getäuscht worden!«

»Ich belagere nicht Quebec, sondern eine Erdschanze, die von zweitausend dreihundert wackern Soldaten vertheidigt wird,« war seine kurze, aber lakonische Antwort. »Unsere Wälle sind Erdschanzen, es ist wahr, und ruhen auf keinem Diamantfelsen, aber sie stehen an einem Ufer, das Dieskau und seinem Heer verderblich geworden ist. Nur wenige Stunden ist eine beträchtliche Macht von uns entfernt, die wir als einen Theil unsrer Vertheidigungsmittel betrachten.«

»Ja, sechs bis achttausend Mann,« erwiederte Montcalm, wie es schien, mit großer Gleichgültigkeit, »und ihr Chef hält sich hinter seinen Schanzen für sicherer, als in offnem Felde.«

Jetzt war es an Heyward, sich vor Aerger in die Lippe zu beißen, da der Andere so kaltblütig von Truppen sprach, deren Stärke, wie der junge Mann wohl wußte, so sehr übertrieben worden war. Beide schwiegen eine kleine Weile; endlich nahm Montcalm wieder das Wort und gab zu verstehen, daß er bei dem Besuche des Offiziers keinen andern Zweck voraussetze, als Bedingungen zur Uebergabe vorzuschlagen. Auf der andern Seite suchte Heyward dem französischen General Aeußerungen zu entlocken, aus denen sich auf die in dem aufgefangenen Briefe enthaltenen Entdeckungen hätte schließen lassen. Keiner von Beiden erreichte jedoch seinen Zweck; und nach einer längern und fruchtlosen Besprechung entfernte sich Duncan mit einer vortheilhaften Meinung von der Artigkeit und den Talenten des feindlichen Anführers, aber ohne Aufschlüsse über den eigentlichen Zweck seiner Sendung erhalten zu haben. Montcalm begleitete ihn bis an die Thüre seines Zeltes und wiederholte seine Einladung an den Kommandanten des Forts, mit ihm auf einem offenen Platze zwischen beiden Heeren zu einer unmittelbaren Besprechung zusammen zu treffen.

Sie trennten sich und Duncan kehrte unter gleicher Begleitung, wie zuvor, an die Vorposten der Franzosen zurück, von wo er sich sogleich in das Fort und in das Quartier seines Befehlshabers begab.

Einleitung.

Einleitung.

Der Verfasser glaubt, in dem Texte der folgenden Erzählung und den begleitenden Anmerkungen den Schauplatz derselben genugsam beleuchtet, ebenso dem Leser die zum Verständnis der meisten einzelnen Anspielungen erforderliche Belehrung in hinlänglichem Maaße gegeben zu haben. Immer aber herrscht noch so viel Dunkelheit in den indianischen Ueberlieferungen und so viele Verwirrung in den indianischen Namen, daß einige Erläuterungen willkommen seyn dürften.

Bei wenig Menschen findet man eine größere Verschiedenheit, wir möchten sagen, größere Widersprüche der Gemüthsart, als bei dem eingebornen Krieger von Nordamerika. Im Kriege ist er unternehmend, prahlerisch, verschmitzt, grausam, rachsüchtig, voll Selbstverläugnung und Aufopferung; im Frieden gerecht, edelmüthig, gastfreundlich, bescheiden, abergläubisch und insgemein keusch. Diese Eigenschaften zeichnen zwar nicht Alle in gleichem Grade aus, bilden aber so hervorstechende Züge bei diesen merkwürdigen Völkern, daß man sie charakteristisch nennen darf.

Man ist allgemein der Ansicht, daß die Ureinwohner des amerikanischen Festlandes asiatischer Abkunft seyen. Viele Thatsachen, sowohl im physischen als im sittlichen Gebiete, bestärken diese Meinung, und nur wenige fallen scheinbar in die entgegengesetzte Wagschale.

Die Farbe des Indianers ist, wie der Verfasser glaubt, ihm eigenthümlich; und wenn seine Backenknochen sehr auffallend das Gepräge tartarischen Ursprungs tragen, so ist dieß bei den Augen nicht der gleiche Fall. Das Klima dürfte auf erstere großen Einfluß gehabt haben; aber es ist schwer abzusehen, wie es bei den letzteren einen so wesentlichen Unterschied bewirkt haben soll. Die Bildersprache des Indianers ist in Dichtung und Rede morgenländisch: beschränkt, und vielleicht zu ihrem Vortheil beschränkt durch den engeren Kreis seiner praktischen Kenntnisse. Er nimmt seine Bilder von den Wolken, den Jahreszeiten, den Vögeln, den Vierfüßlern und der Pflanzenwelt. Hierin thut er vielleicht nicht mehr, als ein anderes thatkräftiges und phantasiereiches Volk auch thun würde, wenn es in dem Walten seiner Einbildungskraft durch den Kreis der Erfahrung in Schranken gehalten wird; aber der nordamerikanische Indianer kleidet seine Gedanken in ein Gewand, das zum Beispiel von dem des Afrikaners zu sehr abweicht und in sich selbst zu viel Morgenländisches hat, als daß es nicht auffallen müßte. Seine Sprache hat ferner ganz den Reichthum und die gedankenreiche Fülle der chinesischen; er gibt einen Satz mit einem Wort und bestimmt den Sinn eines ganzen Satzes durch eine Silbe: ja er drückt verschiedene Bedeutungen durch die einfachsten Biegungen der Stimme aus.

Sprachforscher, welche viele Zeit auf ihr Studium verwandt haben, behaupten, daß die vielen zahlreichen Stämme welche früher das Gebiet der Vereinigten Staaten bewohnten, eigentlich nur zwei oder drei Sprachen geredet hätten. Die jetzigen Schwierigkeiten des Verständnisses der Völker unter einander sind nach ihnen in Sprachverderbniß und Mundarten zu suchen. Der Verfasser erinnert sich, der Zusammenkunft zweier Häuptlinge der großen Prairien westlich vom Mississipi angewohnt zu haben, bei welcher ein Dolmetscher, der Beider Sprachen redete, zugegen war. Die Krieger schienen im besten Vernehmen unter sich und sprachen viel mit einander, und doch verstand nach der Versicherung des Dolmetschers Keiner ein Wort von dem, was der Andere sagte. Sie waren von feindlichen Stämmen, und nur der Einfluß der amerikanischen Regierung hatte sie einander genähert. Merkwürdig ist jedoch, daß eine gemeinsame Politik Beide auf denselben Gegenstand führte. Sie forderten sich gegenseitig zum Beistande auf, falls die Wechsel des Kriegs die eine oder die andere Partei in die Hände ihrer Feinde brächte. – Welche Bewandtniß es nun auch mit dem Ursprung und dem Genius der indianischen Sprachen haben mag, eine Verschiedenheit in einzelnen Wörtern derselben liegt jetzt außer allem Zweifel, welche fast alle Nachtheile von fremden Sprachen mit sich führt: daher die Schwierigkeit, ihre Geschichte zu studiren, und die Unzuverläßigkeit ihrer Ueberlieferungen.

Gleich Völkern, die höhere Ansprüche machen dürfen, erzählt auch der amerikanische Indianer die Geschichte seines Stammes oder Geschlechts ganz anders, als andere Völker. Er überschätzt gerne seine eigenen Vorzüge und schlägt diejenigen seines Nebenbuhlers oder Feindes geringer an; ein Zug, der vielleicht die mosaische Schöpfungsgeschichte bekräftigen dürfte.

Die Weißen haben durch ihre Verstümmelung der Namen viel dazu beigetragen, die Überlieferungen der Ureinwohner noch mehr zu verdunkeln. So wechselte bei ihnen der Name auf dem Titel dieses Buches bald in Mohicanni, bald in Mohikans oder Mohegans; die letzte Form ist bei den Weißen die gewöhnlichste. Wenn man sich erinnern will, daß die Stämme des Landes, welches der Schauplatz der folgenden Erzählung ist, im Munde der Holländer (die sich zuerst in New-York ansiedelten), der Engländer und der Franzosen stets wieder anders klangen, und wie sogar die Indianer nicht allein ihren Feinden, sondern auch sich selbst häufig verschiedene Namen gaben, so ist die Verwirrung leicht erklärt. In den folgenden Blättern werden die Namen Lenni, Lenape, Lenope, Delawaren, Wapanachki und Mohikaner von einem und demselben Volke oder von Stämmen desselben Volkes gebraucht. Die Mengwe, die Maqua’s, die Mingo’s und die Irokesen, obgleich nicht durchaus identisch, werden von den Sprechern häufig identificirt, da sie politisch mit einander verbunden und Feinde der vorgenannten Völkerschaften waren. Mingo war ein Hauptschimpfwort, ungleich heftiger als Mengwe und Maqua. Oneida ist der Name eines besonderen und mächtigen Stammes aus diesem Bunde.

Die Mohikaner waren Herren des Landes, welches in diesem Theile des Kontinents von den Europäern zuerst in Besitz genommen wurde. Sie wurden daher auch zuerst vertrieben, und das anscheinend unvermeidliche Loos aller dieser Völker, welche den Fortschritten oder vielmehr den Übergriffen der Gesittung bis zum Verschwinden weichen mußten, wie das Grün ihrer Heimathwälder dem schneidenden Froste – haben wir als bereits erfüllt betrachtet. Es bleibt historische Wahrheit genug in dem Gemälde, um diese Freiheit zu rechtfertigen. Am Schlusse dieser Einleitung wird es an der Stelle seyn, über einen wichtigen Charakter dieser Geschichte, der auch in zwei andern Erzählungen desselben Verfassers eine bedeutende Rolle spielt, noch einige Worte zu sagen. Einen Kundschafter in den Kriegen, welche England und Frankreich um den Besitz des amerikanischen Festlandes führten: einen Jäger in jenen Zeiten der emsigsten Thätigkeit, die dem Frieden vom Jahr 1783 unmittelbar folgten: endlich einen einsamen Streifer in den Prairien, nachdem die Politik der Freistaaten jene endlosen Oeden dem Unternehmungsgeiste ihrer halbcivilisirten Abenteurer geöffnet hatte, die zwischen Gesittung und Barbarei die Mitte hielten – ein solches Individuum zu schildern, heißt mit Hülfe der Dichtung einen Zeugen für die Wahrheit jener wunderbaren Umwandlungen aufstellen, welche die Fortschritte der amerikanischen Nation bis zu einer vorher nie gekannten Höhe bezeichnen – Fortschritte, für welche Hunderte von Lebenden dasselbe Zeugniß ablegen könnten. In diesem Punkte hat unsere Dichtung nicht das Verdienst einer Erfindung.

Ueber den fraglichen Charakter hat der Verfasser weiter Nichts zu sagen, als daß er einen Mann von natürlicher Gutmüthigkeit zeichnen soll, welcher den Versuchungen des civilisirten Lebens entrückt, dennoch die Vorurtheile und Lehren desselben nicht ganz vergessen hat: einen Mann, der an die Sitten und Gewohnheiten des Naturzustandes gewiesen, durch dieses Band mehr gewinnt als verliert, und die Schwächen wie die Vorzüge seiner Lage sowohl als seiner Geburt zu Tage legt. Der Verfasser wäre vielleicht der Wirklichkeit näher geblieben, wenn er ihn sittlich weniger hochgestellt hätte; aber das Gemälde hätte an Interesse verloren, und die Aufgabe des Romanschreibers ist, dem Ideale der Poesie möglichst nahe zu kommen. Nach diesem Bekenntniß braucht er kaum noch hinzuzusetzen, daß bei der Auffassung und Ausstattung dieser selbstgeschaffenen Persönlichkeit kein individueller Charakter zu Grunde lag. Der Verfasser glaubte der Wahrheit genug geopfert zu haben, indem er die Sprache und die dramatische Haltung beibehielt, derer die Rolle bedurfte.

Was die Oertlichkeit anbelangt, so hat der Schauplatz der folgenden Erzählung, seitdem die angedeuteten historischen Ereignisse stattgefunden haben, sich so wenig verändert, als nur irgend ein Distrikt von gleichem Umfang in dem ganzen Gebiete der Vereinigten Staaten. Moderne, gut eingerichtete Bade-Anstalten finden sich jetzt an der Quelle, wo Hawk-eye Halt machte und trank; Straßen durchschneiden die Wälder, wo er und seine Freunde sogar pfadlos wandern mußten, Glenn’s hat ein kleines Dorf, und während William Henry und selbst eine Festung spätern Ursprungs nur noch an Ruinen erkennbar sind, steht eine andere Ortschaft an den Ufern des Horican. Außer diesen Veränderungen hat der Unternehmungsgeist und die Schöpfungskraft des Volkes, welche anderwärts Wunder gethan, wenig vollbracht. Die ganze Wildniß, in welcher sich die letzten Ereignisse unserer Geschichte zutragen, ist beinahe immer noch Wildniß, obgleich die Rothhäute ganz aus ihr gewichen sind. Von allen hier genannten Stämmen sind dort nur noch wenige halbcivilisirte Oneida’s auf dem ihnen in New-York vorbehaltenen Landstriche zu treffen. Die Uebrigen haben entweder die Gebiete ihrer Väter verlassen, oder sind ganz von der Erde verschwunden.

Sechstes Capitel.


Sechstes Capitel.

Das Centrum der Erde.

Bei diesen Worten lief mir ein Schauder über den ganzen Körper. Doch nahm ich mich zusammen. Ich entschloß mich sogar, mich wacker zu halten. Wissenschaftliche Gründe allein konnten den Professor Lidenbrock abhalten. Nun gab’s deren, und zwar gewichtige, gegen eine solche Reise.

Nach dem Mittelpunkt der Erde zu reisen! welche Thorheit! Ich sparte meine Einwendungen für den günstigen Moment auf und machte mich an’s Essen.

Wie fluchte mein Oheim, als er den Tisch nicht gedeckt sah. Alles klärte sich auf. Die gute Martha bekam wieder ihre Freiheit, eilte auf den Markt und rührte sich dergestalt, daß nach einer Stunde mein Hunger gestillt war und das Bewußtsein der Lage mir wieder kam.

Während der Mahlzeit war mein Oheim fast lustig; er ließ Scherze hören, die bei einem Gelehrten nie sehr gefährlich sind. Nach dem Dessert winkte er mir, ihm in sein Cabinet zu folgen.

Ich gehorchte. Er setzte sich an’s eine Ende des Tisches, ich an’s andere.

»Axel, sagte er mit ziemlich sanfter Stimme, Du bist ein sehr gescheiter Junge; Du hast mir da einen wackeren Dienst geleistet, als ich des Ringens müde schon den Gedanken aufgeben wollte. Wohin wäre ich gerathen? Niemand kann das wissen! Ich werde Dir’s niemals vergessen, und Du wirst an dem Ruhm, den wir erlangen werden, Deinen Antheil haben.

– Nun, dacht ich, ist er guter Laune; da ist’s Zeit über den Ruhm zu disputiren.

– Vor Allem, fuhr mein Oheim fort, empfehle ich Dir völliges Geheimniß, verstehst Du mich? Es fehlt in der Gelehrtenwelt nicht an Neidischen, und es würden Viele die Reise unternehmen wollen, die bis zu unserer Rückkehr nichts merken sollen.

– Meinen Sie, sagte ich, die Zahl solcher Verwegenen sei so groß?

– Ganz gewiß! Wer würde sich besinnen, solch einen Ruhm zu gewinnen? Wäre dies Document bekannt, so würde ein ganzes Heer von Geologen hineilen, Arne Saknussemm’s Spur zu verfolgen.

– Davon bin ich aber gar nicht überzeugt, lieber Oheim, denn die Aechtheit des Documents ist durch nichts erwiesen.

– Wie? und das Buch, worin wir’s gefunden haben!

– Gut! Ich gebe zu, daß Saknussemm diese Zeilen geschrieben hat, aber folgt daraus, daß er wirklich die Reise vorgenommen hat, und kann nicht das alte Pergament eine Fopperei enthalten?«

Es war mir fast leid, dies letztere etwas kecke Wort herausgesagt zu haben. Der Professor runzelte die Stirn, und ich fürchtete Schlimmes für die Fortsetzung dieser Unterhaltung. Zum Glück hatte es nichts zu bedeuten. Mein strenger Genosse erwiderte mit leichtem Lächeln:

»Das werden wir sehen.

– Ah! sagte ich etwas verdutzt; aber erlauben Sie mir vorzubringen, was sich alles über das Document sagen läßt.

– Rede, lieber Junge, genire Dich nicht. Ich lasse Dir alle Freiheit Deine Meinung zu sagen. Du bist nun nicht mehr mein Neffe, sondern mein College. Also vorwärts.

– Nun, so will ich Sie erst fragen, was sind diese Yokul, Sneffels und Scartaris, wovon ich nie ein Wort habe reden hören?

– Das ist ganz leicht. Ich habe just vor Kurzem von meinem Freunde August Petermann in Gotha eine Karte bekommen, die mir gerade zu rechter Zeit kam. Nimm den dreißigsten Atlas im zweiten Fach der großen Bibliothek, Reihe Z, Brett 4.«

Ich stand auf und fand in Gemäßheit dieser genauen Angaben rasch den begehrten Atlas. Mein Oheim schlug ihn auf und sagte:

»Hier ist eine der besten Karten von Island, die Handerson’sche; ich glaube, die wird uns alle Schwierigkeiten lösen.«.

Ich beugte mich über die Karte.

»Sieh diese aus Vulkanen bestehende Insel, sagte der Professor, und merke, daß sie alle mit dem Namen Yokul bezeichnet sind. Dies Wort bedeutet im Isländischen ‚Gletscher‘, und unter dem hohen Breitegrad Islands geschehen die meisten vulkanischen Ausbrüche durch die Eisdecke.

– Gut, erwiderte ich, aber was ist dann Sneffels?« Ich hoffte, er wisse diese Frage nicht zu beantworten. Wie irrte ich mich! Mein Oheim fuhr fort:

»Folge mir auf die westliche Küste Islands. Siehst Du seine Hauptstadt Reykjawik? Ja. Gut. Fahre über die unzähligen Fjorde dieser zerrissenen Seeküsten, und halte etwas unter dem fünfundsechzigsten Breitegrad an. Was siehst Du da?

– Eine Art Halbinsel, gleich einem abgenagten Knochen.

– Die Vergleichung ist richtig, lieber Junge; jetzt, siehst Du nichts auf dieser Halbinsel?

– Ja, einen Berg, der aus dem Meer emporgewachsen scheint.

– Gut! Dieser Snäfields Jöcul ist der Sneffels.

– Der Snäfields Jöcul?

– Der ist’s, ein fünftausend Fuß hoher Berg, einer der merkwürdigsten auf der Insel, und gewiß der berühmteste der ganzen Welt, wenn sein Krater den Eingang zum Centrum der Erde bildet.

– Aber das ist unmöglich! rief ich mit Achselzucken, und gegen eine solche Annahme mich sträubend.

– Unmöglich! erwiderte der Professor Lidenbrock mit strengem Ton. Und warum?

– Weil dieser Krater offenbar mit Lava verstopft ist, die Felsen glühend, und dann …

– Und wenn’s ein ausgebrannter Krater ist?

– Ausgebrannt?

– Ja. Die Zahl der noch thätigen Vulkane auf der Erdoberfläche beträgt gegenwärtig nur etwa dreihundert; aber es giebt eine noch weit größere Anzahl erloschener Vulkane. Unter die letzteren gehört der Snäfields, der seit den historischen Zeiten nur einen Ausbruch gehabt hat, im Jahre 1219; seitdem ist er allmälig stille geworden, und er gehört nicht mehr zu den thätigen Vulkanen.«

Auf diese bestimmten Angaben hatte ich durchaus nichts zu erwidern; ich warf mich also auf die übrigen Schwierigkeiten, die das Document enthielt.

»Was bedeutet das Wort Scartaris, fragte ich, und was haben die Kalenden des Juli dabei zu schaffen?«

Mein Oheim besann sich einige Augenblicke. Einen Augenblick hatte ich Hoffnung, aber auch nur einen Augenblick, denn bald antwortete er mir folgendermaßen:

»Was Du Dunkelheit nennst, ist für mich Licht. Dies beweist die sinnreiche Sorge, womit Saknussemm seine Entdeckung genau bezeichnen wollte. Der Snäfields hat mehrere Krater, und es war daher erforderlich, denjenigen, welcher zum Mittelpunkt der Erde führt, anzugeben. Wie hat’s nun der gelehrte Isländer gemacht? Er hat bemerkt, daß beim Herannahen des ersten Juli, also gegen Ende des Juni, eine der Bergspitzen, der Scartaris, ihren Schatten bis zu der Mündung des fraglichen Kraters werfe, und hat diese Thatsache in dem Document niedergelegt. Dies war die genaueste Angabe, so daß man, wenn man einmal auf dem Gipfel des Snäfields sich befindet, unmöglich mehr in Zweifel sein kann, welcher Weg einzuschlagen.«

Allerdings wußte mein Oheim eine Antwort auf Alles. Ich sah wohl, daß ihm bei den Worten des alten Pergaments nicht beizukommen war. Ich setzte ihm daher von dieser Seite aus nicht mehr zu, und da ich vor Allem ihn überzeugen mußte, so ging ich zu den wissenschaftlichen Einwendungen über, welche meines Erachtens ganz anders bedeutsam waren.

»Nun, sagt‘ ich, die Phrase Saknussemm’s, ich muß es zugeben, ist klar und läßt über ihren Sinn keinen Zweifel mehr. Ich gebe sogar zu, daß das Document den Anschein völliger Aechtheit hat. Dieser Gelehrte ist in das Innere des Snäfields hinabgestiegen; hat gesehen, wie der Schatten des Scartaris den Rand des Kraters vor dem ersten Juli bestrich; er hat sogar aus den sagenhaften Erzählungen seiner Zeit entnommen, daß dieser Krater zum Centrum der Erde führe; aber daß er selbst dahin gedrungen, daß er von einer Reise dahin wieder zurückgekehrt sei, glaub‘ ich durchaus nicht!

– Und aus welchem Grund? sagte mein Oheim mit ausnehmend spöttischem Ton.

– Weil alle Theorien der Wissenschaft beweisen, daß eine solche Unternehmung unausführbar ist!

– Alle Theorien sprechen das aus? erwiderte der Professor mit gutmüthiger Miene. Ja, die schlechten Theorien! Die armseligen Theorien werden uns geniren!«

Ich sah, daß er sich über mich lustig machte, aber ich fuhr demungeachtet fort:

»Ja! es ist eine ausgemachte Sache, daß die Wärme unter der Erdoberfläche mit siebenzig Fuß Tiefe um einen Grad zunimmt; nehmen wir nun dies steigende Verhältniß als sich gleichbleibend an, so muß, da der Erdradius fünfzehnhundert Meilen beträgt, im Centrum eine Temperatur stattfinden von mehr als zweimalhunderttausend Grad! Die Stoffe im Inneren der Erde befinden sich daher im Zustand des glühenden Gas, denn die Metalle, Gold, Platina, die härtesten Steine widerstehen nicht einer solchen Hitze. Ich darf also fragen, ob es möglich sei, in eine solche Umgebung zu gelangen.

– Also, Axel, die Hitze macht Dir Bedenken?

– Allerdings. Kämen wir bis zu einer Tiefe von nur zehn Meilen, so wären wir an der Grenze der Erdrinde, denn da ist die Temperatur bereits über dreizehnhundert Grad.

– Und Du hast Angst zu zerschmelzen?

– Ich überlasse Ihnen die Entscheidung der Frage, erwiderte ich mit Humor.

– So will ich Dir meine Meinung bestimmt sagen, entgegnete der Professor Lidenbrock, indem er einen hohen Ton annahm: Weder Du, noch irgend ein Mensch weiß einigermaßen zuverlässig, was im Inneren des Erdballs vorgeht, da man kaum erst den zwölftausendsten Theil ihres Radius kennt; daher ist die Wissenschaft außerordentlich vervollkommnungsfähig, und jede Theorie wird von einer neuen umgestürzt. Hat man ja bis auf Fourier geglaubt, die Temperatur der Planetenräume sei stets abnehmend, und jetzt weiß man, daß die höchste Kälte der Aetherregionen nicht über vierzig bis fünfzig Grad unter Null steigt. Warum könnte es mit der Wärme im Inneren nicht ebenso der Fall sein? Weshalb sollte sie nicht in einer gewissen Tiefe eine nicht mehr zu übersteigende Höhe erreichen, anstatt bis zu einer Höhe zu steigen, wo die störrigsten Metalle schmelzen?«

Da mein Oheim die Frage auf das Gebiet der Hypothesen verpflanzte, so hatte ich nichts darauf zu erwidern.

»Nun denn, ich will Dir nur sagen, daß echte Gelehrte, wie Poisson unter Anderen, bewiesen haben, daß, wenn im Inneren des Erdballs eine Hitze von zweimalhunderttausend Grad existirte, das aus den zerschmolzenen Stoffen erzeugte glühende Gas eine solche Spannkraft erlangen würde, daß die Erdrinde nicht mehr Widerstand zu leisten vermöchte und zerspringen müsse, wie die Wände eines Dampfkessels durch die Ausdehnung des Dampfes.

– Das ist Poisson’s Ansicht, lieber Oheim, nichts weiter.

– Einverstanden, aber es ist auch die Ansicht anderer ausgezeichneter Geologen, daß das Innere des Erdballs weder aus Gas, noch Wasser, noch schwereren Steinen besteht, als die wir kennen, denn in diesem Falle würde die Erde ein zweifach geringeres oder verdoppeltes Gewicht haben.

– O! Mit Ziffern beweist man Alles, was man will!

– Und ist’s mit Thatsachen, lieber Junge, ebenso? Ist’s nicht ausgemacht, daß die Zahl der Vulkane seit den ersten Tagen der Welt beständig abgenommen hat? und wenn es eine Centralwärme giebt, kann man nicht daraus schließen, daß sie immer schwächer wird?

– Lieber Oheim, wenn Du Dich auf’s Feld der Voraussetzungen begiebst, habe ich nicht mehr zu reden.

– Und ich habe zu sagen, daß die Ansichten der berufensten Männer mit der meinigen übereinstimmen. Erinnerst Du Dich, wie mir im Jahre 1825 der berühmte englische Chemiker Humphry Davy einen Besuch machte?

– Durchaus nicht, denn ich kam erst neunzehn Jahre später auf die Welt.

– Nun, Humphry Davy besuchte mich auf einer Durchreise durch Hamburg. Wir besprachen uns lange, unter Anderem über die Hypothese der Flüssigkeit des inneren Kerns der Erde. Wir waren einstimmig darin, daß die Flüssigkeit nicht möglich sei, aus einem Grunde, worauf die Wissenschaft nie eine Antwort gefunden hat.

– Und welcher ist das? fragte ich etwas betroffen.

– Weil diese flüssige Masse gleich dem Ocean der Anziehung von Seiten des Mondes ausgesetzt wäre, und folglich zweimal täglich im Inneren Ebbe und Fluth entstehen würden, welche durch Emporheben des Erdbodens zu periodischen Erdbeben Anlaß gäben.

– Aber es ist doch unverkennbar, daß die Erdoberfläche der Verbrennung ausgesetzt gewesen ist, und man darf annehmen, daß die äußere Kruste sich erst abkühlte, während die Hitze sich zum Centrum zurückzog.

– Irrthum, erwiderte mein Oheim; die Erde ist erst durch Verbrennung ihrer Oberfläche in Hitze gerathen, nicht anders. Ihre Oberfläche bestand aus einer großen Quantität von Metallen, wie Potassium und Sodium, welche die Eigenschaft haben, bei der bloßen Berührung mit Luft und Wasser in Brand zu gerathen. Diese Metalle geriethen in Brand, als die atmosphärischen Dünste als Regen auf den Boden herabkamen; und allmälig, als die Gewässer durch die Ritzen der Erdrinde drangen, veranlaßten sie abermals Brand mit Explosionen und Ausbrüchen. Daher die zahlreichen Vulkane in der ersten Zeit der Welt.

– Das ist doch eine sinnreiche Hypothese! rief ich etwas wider Willen.

– Und Humphry Davy machte mir’s durch ein sehr einfaches Experiment erkennbar. Er verfertigte eine metallene Kugel hauptsächlich aus den Metallen, wovon ich eben sprach, als ein vollständiges Ebenbild unseres Erdballs. Als man dieselbe mit einem feinen Thau auf ihrer Oberfläche benetzte, schwoll sie auf, oxydirte und bildete ein kleines Gebirge; an dessen Spitze öffnete sich ein Krater, und es fand ein Ausbruch statt, und theilte der Kugel eine solche Hitze mit, daß man sie nicht mehr in der Hand halten konnte.«

Wahrlich, die Beweisgründe des Professors fingen an auf mich Eindruck zu machen; er machte sie zudem mit seiner gewöhnlichen Leidenschaft und seinem Enthusiasmus geltend.

»Du siehst, Axel, fügte er bei, der Zustand des inneren Kerns hat verschiedene Hypothesen unter den Geologen veranlaßt; nichts ist weniger bewiesen, als die Thatsache einer inneren Hitze; meiner Ansicht nach ist sie nicht vorhanden, könnte nicht vorhanden sein; doch, wir werden’s sehen, und werden, wie Arne Saknussemm, dann wissen, woran man sich hinsichtlich dieser Frage zu halten habe.

– Nun ja! erwiderte ich, indem ich diesen Enthusiasmus zu theilen anfing, ja, wir werden’s sehen, wenn man jedoch dort sehen kann?

– Und warum nicht? Können wir nicht auf elektrische Erscheinungen rechnen, die uns Licht gewähren, und selbst auf die Atmosphäre, welche bei Annäherung an das Centrum durch ihren Druck leuchtend werden kann?

– Ja, sagte ich, ja! Das ist möglich, nach Allem.

– Das ist gewiß, erwiderte mein Oheim triumphirend; aber nur stille, verstehst Du? Kein Wort von alle diesem; kein Mensch soll die Idee bekommen, vor uns das Centrum der Erde zu entdecken.«

Siebentes Capitel.


Siebentes Capitel.

Reise-Vorbereitungen.

So schloß diese merkwürdige Unterredung. Ich war fieberhaft angeregt. Ich verließ ganz verblüfft das Cabinet meines Oheims, und die Luft Hamburgs reichte nicht aus, um mich darin zu erholen. Ich eilte daher an das Elbufer nach der Dampffähre hin, welche zur Verbindung der Stadt mit der Harburger Eisenbahn dient.

War ich von dem, was man mich eben gelehrt hatte, überzeugt? War ich nicht vielmehr dem Professor Lidenbrock erlegen? Sollte ich im Ernst nehmen, daß er entschlossen sei, zum Centrum des Erdkörpers zu dringen? Hörte ich soeben die tollen Speculationen eines Narren, oder die wissenschaftliche Darlegung eines großen Genie? Bei Allem, wo hörte die Wahrheit auf, begann der Irrthum?

Ich schwankte zwischen tausend sich widersprechenden Hypothesen, ohne mich an einer festhalten zu können.

Doch erinnerte ich mich, daß ich überzeugt worden war, obwohl mein Enthusiasmus anfing mäßiger zu werden; aber ich hätte unverzüglich abreisen wollen, ohne mir Zeit zum Ueberlegen zu lassen. Ja, es hätte mir nicht an Muth gefehlt, augenblicklich meinen Ranzen zu schnallen.

Doch muß ich gestehen, eine Stunde hernach war diese Ueberreizung schon gesunken, die Spannung meiner Nerven ließ nach, und ich kam wieder aus den Abgründen der Erde zur Oberfläche empor.

»Das ist ja lächerlich! sagte ich mir; es hat keinen rechten Verstand! Solch einen Vorschlag kann man einem verständigen Jungen nicht im Ernst machen. Das Alles ist eitel Nichts. Ich habe übel geschlafen, einen schlimmen Traum gehabt.«

Inzwischen war ich längs dem Ufer der Elbe um die Stadt herum gekommen und auf die Straße nach Altona. Es hatte mich eine richtige Ahnung diesen Weg geführt, denn ich bemerkte bald mein liebes Gretchen, das raschen Schrittes tapfer nach Hamburg heim ging.

»Gretchen!« rief ich ihr von Weitem zu.

Das Mädchen stand stille, etwas betroffen schien es, auf offener Straße so angerufen zu werden. Mit zehn Schritten war ich bei ihr.

»Axel! sagte sie überrascht. Du bist mir entgegen gegangen, das ist ja recht hübsch.«

Als nun aber Gretchen mich ansah, entging ihr mein unruhiges verstörtes Aussehen nicht.

»Was ist Dir? sagte sie mir die Hand reichend.

– Was mir ist, Gretchen!« rief ich.

Und in zwei Secunden, in drei Sätzen hatte ich meine hübsche Vierländerin über die Lage der Dinge in Kenntniß gesetzt. Einige Augenblicke schwieg sie. Ob ihr Herz gleich dem meinigen klopfte, weiß ich nicht, aber ihre Hand in der meinigen zitterte nicht. Hundert Schritte gingen wir stumm neben einander her.

»Axel! sagte sie endlich.

– Liebes Gretchen!

– Das wird eine schöne Reise sein.«

Ich sprang auf bei diesen Worten.

»Ja, Axel, eine Reise, des Neffen eines Gelehrten würdig. Ein Mann muß sich durch ein großes Unternehmen auszeichnen!

– Wie? Gretchen, Du räthst mir nicht von solch einem Unternehmen ab?

– Nein, lieber Axel, und ich würde Euch gerne begleiten, wenn nicht ein armes Mädchen ein Hinderniß für Euch wäre.

– Ist das wirklich Dein Ernst?

– Wirklich.«

Ach! Wie sind doch Frauen, junge Mädchen, weibliche Herzen stets unbegreiflich! Seid Ihr nicht die schüchternsten Wesen, so seid Ihr die tapfersten! Vernunft hat bei Euch keine Geltung. Wie? dieses Kind ermunterte mich, die Reise mitzumachen! Sie hatte keine Furcht vor einer abenteuerlichen Fahrt! Sie drängte mich dazu, den sie doch liebte.

Ich war verlegen und, offen zu sagen, schämte mich.

»Gretchen, fuhr ich fort, wir wollen sehen, ob Du morgen noch ebenso sprichst.

– Morgen, lieber Axel, werd‘ ich reden, wie heute.«

Wir gingen Hand in Hand, aber in tiefem Schweigen unseres Weges weiter. Die Gemüthsbewegungen des Tages hatten mich kleinlaut gemacht.

»Immerhin, dachte ich, ist der erste Juli noch weit entfernt, und bis dahin kann noch Manches vorgehen, was meinen Oheim von der tollen Lust, eine Reise unter die Erde zu machen, heilen mag.«

Es war schon Nacht geworden, als wir bei dem Hause der Königsstraße anlangten. Ich hatte vermuthet, wir träfen die Wohnung ruhig, meinen Oheim, wie gewöhnlich, schon zu Bette, und Martha mit Abstäuben des Speisezimmers beschäftigt.

Aber ich hatte die Ungeduld des Professors nicht in Anschlag gebracht. Ich fand ihn unter einer Truppe Lastträger, welche allerhand Waaren in die Allee brachten, mit lautem Geschrei hin und her rennend; die alte Dienerin wußte nicht, wo ihr der Kopf stand.

»Aber, so komm doch, Axel; eile doch, Unglückseliger! rief mein Oheim schon von Weitem, wie er mich erblickte. Und Dein Koffer ist noch nicht gepackt, und meine Papiere noch nicht geordnet, und der Schlüssel meines Reisesacks nicht zu finden, und meine Kamaschen bleiben aus!«

Ich war wie vom Donner gerührt, die Stimme versagte mir. Kaum vermochten meine Lippen die Worte hervorzubringen:

»Also reisen wir ab?

– Ja, Unglückseliger, und Du gehst spazieren, anstatt bei der Hand zu sein!

– Wir reisen ab? fragte ich nochmals mit schwacher Stimme.

– Ja, übermorgen in aller Frühe.«

Ich konnte nichts weiter anhören und flüchtete in mein Zimmerchen.

Es war nicht mehr daran zu zweifeln. Mein Oheim hatte den Nachmittag dazu verwendet, einen Theil der Reisebedürfnisse anzuschaffen; die Allee lag voll Strickleitern, Fackeln, Reiseflaschen, eisernen Haken, Spitzhauen, beschlagenen Stöcken, Spaten – wofür man zehn Mann wenigstens zum Herbeischleppen brauchte.

Ich brachte eine entsetzliche Nacht hin. Am folgenden Morgen hörte ich schon frühe mich anrufen. Ich war entschlossen, meine Thüre nicht zu öffnen.

Aber wie hätte ich einer so süßen Stimme widerstehen können, die mir zurief: »Lieber Axel!«

Ich ging aus meiner Kammer, und dachte, mein verstörtes blasses Aussehen, meine rothen Augen würden auf Gretchen wirken, daß sie ihre Gedanken änderte.

»Nun! mein lieber Axel, sagte sie zu mir, ich sehe, Du befindest Dich besser, und die Nacht hat Dich beruhigt.

– Beruhigt!« rief ich.

Ich eilte vor meinen Spiegel. Ei nun! Ich sah nicht so übel aus, als ich gedacht hatte. Kaum glaublich.

»Axel, sprach Gretchen zu mir, ich habe lange mit meinem Vormund geplaudert. Es ist ein kühner Gelehrter, ein muthiger Mann, und Du wirst Dich erinnern, daß sein Blut in Deinen Adern fließt. Er hat mir von seinen Plänen erzählt, von seinen Hoffnungen, weshalb und wie er seinen Zweck zu erreichen hofft. Ich zweifle nicht, daß er ihn erreichen wird. Ach! lieber Axel, wie schön ist’s, sich so seiner Wissenschaft zu widmen! Welcher Ruhm wird Herrn Lidenbrock zu Theil werden, und auf seinen Genossen zurückstrahlen! Bei der Rückkehr wirst Du ein Mann sein, seines Gleichen, frei zu reden, zu handeln, frei endlich zu …«

Erröthend stockte das Mädchen. Seine Worte machten mir wieder Muth. Dennoch wollte ich noch nicht an unsere Abreise glauben. Ich zog Gretchen mit mir zu dem Zimmer des Professors.

»Lieber Oheim, sagte ich, es ist also ausgemacht, daß wir abreisen?

– Wie? Du zweifelst daran?

– Nein, sagte ich, um ihm nicht zu widersprechen. Nur möcht‘ ich Sie fragen, ob es so Eile damit hat.

– Ja wohl! die Zeit drängt! die Zeit, die unwiederbringlich schnell entflieht!

– Wir haben ja doch erst den 26. Mai, und bis zu Ende Juni …

– Hm! meinst Du denn, Unwissender, daß man so leicht nach Island komme? Wärest Du nicht wie ein Narr von mir gelaufen, so hätte ich Dich mit auf das Kopenhagener Bureau, zu Lissender & Cie., genommen. Da hättest Du erfahren, daß von Kopenhagen nach Reykjawik nur einmal monatlich, am 22., ein Boot abgeht.

– Nun?

– Nun? wenn wir bis zum 22. Juni warteten, würden wir zu spät kommen, um zu sehen, wie ‚des Scartaris Schatten den Krater des Sneffels liebkoset‘. Wir müssen daher so schnell wie möglich nach Kopenhagen kommen, um daselbst für die Ueberfahrt ein Beförderungsmittel zu finden. Geh‘ und pack‘ Deinen Koffer!«

Darauf war kein Wort zu erwidern. Ich begab mich wieder in mein Zimmer. Gretchen folgte mir nach und bemühte sich selbst, meine Reisebedürfnisse in einen kleinen Ranzen zu packen. Es ging ihr das nicht näher zu Herzen, als wenn sich’s um einen Ausflug nach Lübeck oder Helgoland handelte. Ihre kleinen Hände bewegten sich ohne Uebereilung hin und her. Sie plauderte ruhig und führte mir die verständigsten Gründe zu Gunsten unserer Unternehmung an. Sie wirkten zauberhaft auf mich, und ich konnte ihr nicht zürnen. Manchmal, wenn ich aufbrausen wollte, achtete sie nicht darauf, und setzte mit methodischer Ruhe ihre Arbeit fort.

Endlich war der letzte Riemen des Ranzen geschnallt, und ich kam herab in’s Erdgeschoß.

Diesen Tag über kamen die Ablieferungen von physikalischen Instrumenten, Waffen, elektrischen Apparaten noch häufiger. Die gute Martha verlor den Kopf.

»Ist der Herr ein Narr geworden?« sagte sie zu mir.

Ich machte ein Zeichen der Bejahung.

»Und er nimmt Sie mit?«

Gleiches Ja.

»Wohin soll’s gehen?« fragte sie.

Ich deutete mit dem Finger nach dem Inneren der Erde.

»In den Keller? schrie die alte Dienerin.

– Nein, sagte ich endlich, noch tiefer hinab!«

Der Abend kam. Ich wußte gar nicht mehr, wie die Zeit verflossen war.

»Morgen früh, sagte mein Oheim, präcis sechs Uhr reisen wir ab.«

Um zehn Uhr sank ich wie eine träge Masse auf mein Bett. Während der Nacht kam mir wieder die Angst.

Ich träumte in einem fort von Abgründen! Ich verfiel dem Wahnsinn. Ich fühlte mich von des Professors starker Hand ergriffen, fortgezogen, in einen Schlund gestürzt. Ich fiel in unergründliche Schluchten hinab mit der wachsenden Schnelligkeit fallender Körper. Mein Leben war nur noch ein endloses Fallen.

Um fünf Uhr wachte ich auf, zerschlagen durch Erschöpfung und Aufregung. Ich begab mich in’s Speisezimmer hinab. Mein Oheim saß bei Tische und schlang sein Frühstück hinunter. Ich blickte ihn mit einer Art Grauen an. Aber Gretchen war zugegen. Ich sprach nichts, konnte nicht essen.

Um halb sechs Uhr hörte man das Rasseln eines Wagens in der Straße. Es kam ein großer Wagen, uns auf die Altonaer Eisenbahn zu bringen. Er war bald mit den Collis meines Oheims bepackt.

»Und Dein Koffer? sagte er zu mir.

– Er ist fertig, erwiderte ich, und es ward mir schwach.

– So bring‘ ihn rasch herab, oder Du bist Schuld, daß wir den Zug verfehlen!«

Gegen mein Geschick anzukämpfen, schien mir damals unmöglich. Ich begab mich wieder in meine Kammer, ließ meinen Ranzen die Treppe hinab rutschen und folgte hinterdrein.

In diesem Augenblick gab mein Oheim die »Zügel« seines Hauses in Gretchen’s Hände. Meine hübsche Vierländerin bewahrte ihre gewohnte Ruhe. Sie umarmte ihren Vormund, konnte aber, als sie meine Wange mit ihren süßen Lippen berührte, eine Thräne nicht zurückhalten.

»Gretchen! rief ich aus.

– Geh‘, lieber Axel, geh‘, sagte sie zu mir, Du verlässest Deine Braut, aber bei der Rückkehr findest Du Deine Frau.«

Ich schloß Gretchen in meine Arme, dann setzte ich mich in den Wagen. Martha und das junge Mädchen sagten uns von der Schwelle des Hauses aus Lebewohl. Darauf rannten die Pferde, durch das Pfeifen ihres Kutschers angeregt, im Galop über die Altonaer Straße.

Achtes Capitel.


Achtes Capitel.

Reise nach Island.

Von Altona aus, welches zum Weichbild Hamburgs gehört, führt eine Eisenbahn nach Kiel, wo wir an’s Ufer des Belt gelangten. In zwanzig Minuten kamen wir auf Holsteinisches Gebiet.

Um halb sieben hielt der Wagen vorm Bahnhof; die zahlreichen Collis meines Oheims, seine umfangreichen Reiseartikel wurden abgeladen, transportirt, gewogen, etikettirt, in den Gepäckwagen gebracht; und um sieben Uhr saßen wir in derselben Waggonabtheilung einander gegenüber. Der Dampf zischte, die Locomotive setzte sich in Bewegung. Wir befanden uns unterwegs.

Ich hatte mich noch nicht drein gefunden. Doch wirkten die frische Morgenluft, die bei der Schnelligkeit der Fahrt rasch erneuerten Eindrücke darauf hin, mich durch Zerstreuung aus meiner großen Befangenheit zu reißen.

Die Gedanken des Professors eilten offenbar dem Zug voraus, der für seine Ungeduld zu langsam fuhr. Wir befanden uns allein in dem Waggon, sprachen aber kein Wort mit einander. Mein Oheim durchmusterte seine Taschen und seinen Reisesack mit sorgfältiger Achtsamkeit. Ich sah wohl, daß es ihm für die Ausführung seiner Pläne an nichts mangelte.

Unter Anderem hatte er ein sorgfältig zusammengelegtes Blatt Papier mit dem Wappen der dänischen Kanzlei und der Unterschrift des dänischen Consuls zu Hamburg, der ein Freund des Professors war. Mit Hilfe desselben konnten wir leicht in Kopenhagen Empfehlungen an den Gouverneur von Island bekommen.

Ich bemerkte auch das merkwürdige Document in der geheimsten Tasche des Portefeuille auf’s Sorgfältigste aufgehoben. Ich verfluchte es aus Herzens Grund, und sah mir das Land an. Es war eine ungeheure Reihe wenig merkwürdiger Ebenen, die einförmig, schlammig und ziemlich fruchtbar waren: eine Landschaft, die zur Anlage von Eisenbahnen sehr geeignet war und gerade Linien zuließ, welche den Eisenbahngesellschaften so erwünscht sind. Aber diese Einförmigkeit konnte mir nicht einmal langweilig werden, denn bereits drei Stunden nach unserer Abfahrt hielt der Zug in Kiel zwei Schritte vom Meere.

Da unser Gepäck nach Kopenhagen eingeschrieben war, brauchten wir uns nicht darum zu bekümmern. Doch wurde es von dem Professor während des Transports zum Dampfboot mit sorglichem Auge überwacht. Hier wurde es im unteren Schiffsraum geborgen.

Mein Oheim hatte bei seiner übermäßigen Eile die Stunden des Anschlusses von Dampfboot und Eisenbahn so wohl berechnet, daß wir einen vollen Tag zu verlieren hatten. Das Dampfboot Ellenora ging nicht vor Abend ab.

Daraus entsprang ein neunstündiger Fieberzustand, während dessen der zornmüthige Reisende die Verwaltung der Boote und der Eisenbahnen zum Teufel wünschte, sammt den Regierungen, welche dergleichen Mißbräuche gestatteten. Ich mußte darin einstimmen, als er den Kapitän der Ellenora darüber zur Rede stellte. Er wollte ihn nöthigen, unverzüglich heizen zu lassen. Der aber hieß ihn seines Weges gehen.

In Kiel muß wohl, wie anderwärts, ein Tag hinzubringen sein. Wir gingen an den grünen Ufern der Bai, in deren Hintergrund das Städtchen sich erhebt, spazieren, durchliefen die belaubten Gebüsche, welche ihm das Aussehen eines Nestes unterm Gezweig geben, die Villen zu bewundern, welche sämmtlich mit Badehäuschen versehen sind; so kam unter Herumlaufen und Fluchen zehn Uhr Abends heran.

Die Rauchwolken der Ellenora wirbelten in die Lüfte; das Verdeck zitterte unter den Stößen des Dampfkessels; wir befanden uns an Bord im Besitz von zwei Lagerstätten übereinander in der einzigen Kammer des Bootes.

Um zehn Uhr fünfzehn Minuten wurden die Anker gelichtet, und der Dampfer fuhr rasch über die dunkeln Fluthen des Großen Belt.

Es war dunkle Nacht, ein hübscher Seewind, und das Meer stark wogend; einige Feuer an der Küste schimmerten durch die Finsterniß; später, ich weiß nicht wo, glänzte ein Leuchtthurm hell über den Fluthen.

Um sieben Uhr früh landeten wir zu Korsör, einem Städtchen an der Westküste Seelands. Hier stiegen wir unverzüglich in den Waggon einer neuen Eisenbahn und fuhren durch eine Landschaft, die nicht minder flach war, als die Ebenen Holsteins.

Nach drei Stunden langten wir in der Hauptstadt Dänemarks an. Mein Oheim hatte die ganze Nacht kein Auge geschlossen. Ich glaube, in seiner Ungeduld trappelte er im Waggon und stampfte mit den Füßen.

Endlich gewahrte er eine Mündung in’s Meer.

»Der Sund!« rief er.

Zu unserer Linken befand sich ein ungeheurer Bau, der einem Spital glich.

»Das ist ein Irrenhaus, sagte einer unserer Reisegefährten.

– Gut, dachte ich, da sollten wir bis an’s Ende unserer Tage bleiben! Und so groß dies Spital ist, so wäre es doch zu klein für alle Narrheit des Professors Lidenbrock!«

Endlich, um zehn Uhr, stiegen wir zu Kopenhagen aus; das Gepäck wurde auf einen Wagen geladen und mit uns zum Hotel Phönix in Bred-Gade gefahren. Das dauerte eine halbe Stunde, denn der Bahnhof liegt außerhalb der Stadt. Darauf nahm mein Oheim, nachdem er ein wenig seine Toilette geordnet, mich mit sich. Der Portier des Hotels sprach deutsch und englisch; aber der Professor, der vieler Sprachen kundig war, fragte ihn auf gut dänisch, und in gutem Dänisch gab ihm der Mann an, wo das Museum der Nordischen Alterthümer lag.

In dieser merkwürdigen Anstalt sind eine Menge wunderbarer Dinge aufgestapelt, woraus man die Geschichte des Landes mit seinen alten Steinwaffen, seinen Humpen und Schmucksachen wieder aufbauen könnte. Der Director desselben, der gelehrte Professor Thomson, war ein Freund des Hamburgischen Consuls.

Mein Oheim hatte einen Brief an denselben, der ihn warm empfahl. Im Allgemeinen empfängt ein Gelehrter den anderen ziemlich schlecht. Aber hier war’s ganz anders. Herr Thomson als dienstfertiger Mann ließ dem Professor Lidenbrock, und selbst seinem Neffen einen herzlichen Empfang zu Theil werden. Daß mein Oheim dem trefflichen Director gegenüber sein Geheimniß bewahrte, brauch‘ ich kaum zu sagen. Unsere Absicht war ganz einfach, als Liebhaber ohne Interesse Island zu besuchen.

Herr Thomson stellte sich uns ganz zu Verfügung, und wir liefen über die Quais, um ein abfahrendes Schiff aufzusuchen.

Ich hoffte, es werde ganz an Beförderungsmitteln fehlen; aber ich täuschte mich. Eine kleine dänische Corvette, die Valkyrie, sollte am 2. Juni nach Reykjawik unter Segel gehen. Der Kapitän, Herr Bjarne, befand sich an Bord. Sein demnächstiger Passagier drückte ihm in seiner Freude tüchtig die Hände. Der wackere Mann war über diese Herzlichkeit etwas betroffen. Er fand es ganz einfach, daß er, wie es ihm oblag, nach Island fahre. Meinen Oheim kam das als etwas Erhabenes vor. Der würdige Kapitän benutzte diesen Enthusiasmus, um uns für die Ueberfahrt doppelt bezahlen zu lassen. Aber wir machten uns daraus nicht viel.

Herr Bjarne strich eine ansehnliche Summe Speciesthaler ein und sagte: Erscheinen Sie Dienstag um sieben Uhr frühe an Bord.

Wir dankten Herrn Thomson für seine Bemühung und begaben uns in’s Hotel Phönix zurück.

»Das geht ja schön! recht schön! sprach mein Oheim. Welch glücklicher Zufall, daß wir dies Schiff zum Abfahren bereit fanden! jetzt wollen wir frühstücken und dann die Stadt besehen.«

Wir begaben uns zum Kongens-Nye-Torw, einem unregelmäßigen Platz, wo sich ein Posten befand mit zwei aufgeprotzten unschuldigen Kanonen, die keinem Menschen Angst machen. Dicht daneben, Nr. 5, befand sich eine französische »Restauration«, die von einem Koch Namens Vincent gehalten wurde; wir frühstückten daselbst hinlänglich für den mäßigen Preis von vier Mark die Person.

Hernach freute ich mich wie ein Kind, die Stadt zu besehen; mein Oheim ließ sich führen; übrigens sah er nichts, weder den unbedeutenden Königspalast, noch die hübsche Brücke aus dem siebzehnten Jahrhundert, die vor dem Museum über den Canal führt, noch das ungeheure Grabmal Thorwaldsen’s, das an den Wänden mit abscheulichen Gemälden geziert ist und die Werke dieses Bildhauers enthält, noch in einem ziemlich schönen Park das allerliebste Schloß Rosenberg, noch den bewundernswerthen Renaissance-Bau der Börse, noch deren Thurm, der aus den verschlungenen Schwänzen von vier broncenen Drachen gebildet ist, noch die großen Mühlen der Festungswerke, deren ungeheure Flügel gleich den Segeln eines Schiffes im Seewind schwellen.

Was könnten wir da, meine hübsche Vierländerin mit mir, für köstliche Spaziergänge machen längs des Hafens, wo die Zweidecker und Fregatten unter ihrer rothen Bedachung ruhten, an dem grünen Gestade der Meerenge, durch das schattige Buschwerk, in dessen Schoße die Citadelle sich birgt, deren Kanonen zwischen Hollunder und Weidengezweig ihre schwarze Mündung hervorstrecken!

Aber ach! mein armes Gretchen war fern, und konnte ich hoffen, sie jemals wieder zu sehen?

Mein Oheim jedoch hatte kein Auge für diese reizenden Gegenden; um so mehr aber gefiel ihm ein Glockenthurm der Insel Amak, welche den südwestlichen Theil Kopenhagens bildet.

Wir richteten unsere Schritte dorthin, bestiegen ein kleines Dampffahrzeug, welches zum Verkehr auf den Canälen diente, und in einigen Augenblicken legte es am Quai Dock-Yard an.

Nachdem wir durch einige enge Straßen gekommen, wo Galeerensträflinge in halb gelben, halb grauen Hosen unter dem Stock der Profoßen arbeiteten, kamen wir vor Frelsers-Kirk. Diese Kirche bietet nichts Merkwürdiges. Dagegen wurde die Aufmerksamkeit des Professors durch ihren ziemlich hohen Thurm angezogen, um dessen Spitze sich von der Plateform an außen im Freien eine Treppe spiralförmig windet.

»Steigen wir hinauf, sagte mein Oheim.

– Aber der Schwindel? entgegnete ich.

– Um so mehr, man muß sich gewöhnen.

– Doch …

– Komm‘, sag‘ ich Dir, wir haben keine Zeit zu verlieren.«

Ich mußte mich fügen. Ein Aufseher, der gegenüber wohnte, stellte uns einen Schlüssel zu, und wir begannen hinaufzusteigen.

Mein Oheim ging mit munterem Schritt voran. Ich folgte nicht ohne Angst nach, denn es ward mir sehr leicht schwindelig. Es ging mir die Haltung des Adlers und die Unempfindlichkeit seiner Nerven ab.

So lange wir uns in der inneren Schnecke befanden, ging Alles gut; aber nach etwa hundertundfünfzig Stufen wehte mir die Luft in’s Gesicht; wir waren bis zur Plateform gekommen, von wo aus die Treppe in freier Luft begann, mit einem schwachen Geländer und Stufen, die stets enger wurden und bis zum Unendlichen zu führen schienen.

»Es ist mir nicht möglich! Niemals! – schrie ich.

– Solltest Du wohl so feige sein? Steig‘!« erwiderte unbarmherzig der Professor.

Ich mußte durchaus ihm folgen, und klammerte mich an.

In der freien Luft schwand mir die Besinnung; ich fühlte bei den heftigen Windstößen den Thurm schwanken, meine Beine versagten mir den Dienst; ich ruschte bald auf den Knieen, dann auf dem Leib; ich schloß die Augen; es wurde mir übel.

Endlich, indem mein Oheim mich am Kragen faßte, kam ich bei der Kugel an.

»Jetzt schau‘, sagte er, und schaue recht! Du mußt lernen, in einen Abgrund blicken!«

Ich öffnete die Augen. Ich sah die Häuser platt und zusammengedrückt, wie mitten im Nebel des Rauchs. Ueber meinem Kopf zog flockiges Gewölk, und durch optische Täuschung schien es mir unbeweglich, während der Thurm, die Kugel, wir zugleich mit in phantastischer Eile fortgezogen wurden. In der Ferne sah man auf der einen Seite grüne Felder, auf der andern das im Sonnenschein schimmernde Meer. Bei der Spitze von Helsingör breitete sich der Sund aus, mit etlichen weißen Segeln, und östlich zeigten sich im Nebel wogend die halb vermischten Gestade Schwedens. Dies alles zusammen wirbelte vor meinen Blicken.

Demungeachtet mußte ich aufstehen, mich gerade halten, schauen. Meine erste Schwindellection dauerte eine Stunde. Als ich endlich wieder hinabsteigen und den festen Boden des Pflasters betreten durfte, war ich an allen Gliedern steif.

»Morgen wiederholen wir die Lection«, sagte mein Professor.

Und wirklich, fünf Tage wurde diese Schwindelübung fortgesetzt, und ich machte, mit und wider Willen, merkliche Fortschritte in der Kunst, von einem hohen Standpunkt aus zu betrachten.

Neuntes Capitel.


Neuntes Capitel.

Ankunft auf Island.

Der Tag der Abreise kam heran. Tags zuvor überbrachte uns der gefällige Herr Thomson dringende Empfehlungsbriefe an den Statthalter Islands, Grafen Trampe, den Coadjutor des Bischofs, Herrn Picturson, und den Bürgermeister von Reykjawik, Herrn Finsen. Mein Oheim dankte ihm mit wärmstem Händedruck.

Am 2., sechs Uhr frühe, befand sich unser kostbares Gepäck an Bord der Valkyrie. Der Kapitän führte uns in ziemlich enge Cabinen.

»Haben wir günstigen Wind? fragte mein Oheim.

– Vortrefflichen, erwiderte der Kapitän Bjarne; Südost. Wir werden mit vollen Segeln aus dem Sund in die weite See stechen.«

Nach einer kleinen Weile stach die Goelette, mit Fockmast, Mars- und Bramstange, in See und fuhr mit vollen Segeln in die Meerenge ein. Eine Stunde hernach schien die Hauptstadt Dänemarks fern in den Fluthen zu versinken, und die Valkyrie fuhr längs der Küste von Helsingör. Ich befand mich in reizbarer Stimmung, glaubte Hamlet’s Schatten auf der Terrasse des alten Schlosses zu sehen, das übrigens weit jünger ist, als der heroische Prinz von Dänemark. Es dient gegenwärtig als kostbare Hütte des Pförtners am Sund, wo jährlich fünfzehntausend Schiffe aller Nationen vorüber fahren.

Das Schloß Kronborg verschwand bald im Nebel, ebenso der Thurm von Helsingborg auf dem schwedischen Gestade, und die Goelette neigte sich ein wenig unterm Wehen der Seewinde des Kattegat.

Die Valkyrie segelte trefflich, aber auf ein Segelschiff kann man sich nie sehr verlassen. Es war für Reykjawik mit Kohlen, Haushaltungsgegenständen, Töpferwaaren, wollenen Kleidungsstücken und einer Ladung Getreide befrachtet. Fünf Mann, lauter Dänen, genügten als Bemannung.

»Wie lange wird die Ueberfahrt dauern? fragte mein Oheim den Kapitän.

– Zehn Tage etwa, erwiderte letzterer, wenn wir nicht bei den Faröern allzuviel widrigen Wind aus Nordwest gegen uns haben.

– Aber Sie werden dadurch doch nicht einer bedeutenden Verspätung ausgesetzt sein?

– Nein, Herr Lidenbrock; seien Sie ruhig, wir werden ankommen.«

Gegen Abend fuhr die Goelette um das Cap Skagen an der Nordspitze Dänemarks, dann während der Nacht durch den Skager-Rak, streifte beim Cap Lindenäs an der Südspitze Norwegens vorüber und stach in das Nordmeer.

Zwei Tage nachher bekamen wir die schottische Küste bei Peterhead in Sicht, und die Valkyrie fuhr zwischen den Orcaden und den Shetlandinseln auf die Faröer zu.

Bald glitt unsere Goelette über die Wogen des Atlantischen Meeres; sie mußte gegen den Nordwind laviren und kam mit Mühe bei diesen Inseln an. Am 8. erkannte der Kapitän Myggenäs, die östlichste der Gruppe, und von nun an fuhren wir gerade auf Cap Portland an der Südküste Islands.

Es kam nichts Merkwürdiges bei der Fahrt vor. Ich bestand leicht die Seekrankheit; mein Oheim war zu seinem großen Leidwesen beständig unwohl, und schämte sich dessen.

Er konnte also den Kapitän Bjarne nicht über den Snäfields, über die Verkehrsmittel und den Transport befragen. Er mußte dies also auf seine Ankunft verschieben, und brachte seine ganze Zeit in seiner Cabine liegend zu, deren Scheidewände vom Wogenschlag krachten. Er verdiente auch wirklich ein wenig sein Schicksal.

Am 11. bekamen wir Cap Portland in Sicht. Das damals helle Wetter ließ Myrdals Yokul, der es beherrscht, erkennen. Das Cap besteht aus einer starken, vereinzelt am Ufer sich erhebenden Anhöhe mit steilen Abhängen.

Die Valkyrie hielt sich in mäßiger Entfernung von den Küsten, indem sie längs derselben westwärts mitten durch Heerden von Hai- und Wallfischen fuhr. Bald zeigte sich ein ungeheurer durchbrochener Felsen, durch welchen das schäumende Meer mit wüthendem Brausen eindrang. Die Westmaninselchen schienen wie hingesäete Felsen über dem Meeresspiegel emporzuragen. Von hier fuhr die Goelette weiter vom Land ab, um das Cap Reykjanäs, welches die Westspitze von Island bildet, in gehöriger Entfernung zu umsegeln.

Mein Oheim war durch das starke Wogen des Meeres gehindert das Verdeck zu betreten, um die ausgezackten Küsten zu bewundern.

Achtundvierzig Stunden darauf, nach einem Sturm, der mit zusammengeschlagenen Segeln zu fliehen zwang, gewahrte man östlich die Boje der Spitze Skagen, deren gefährliche Felsen sich weit hin unter dem Wasserspiegel ziehen. Es kam ein isländischer Lootse an Bord und nach drei Stunden ankerte die Valkyrie in der Bai Faxa vor Reykjawik.

Nun kam endlich der Professor aus seiner Cabine heraus, etwas blaß und zerschlagen, aber stets enthusiastisch, und Befriedigung sprach aus seinen Augen.

Die Bevölkerung der Stadt, die sich für das ankommende Schiff ungemein interessirte, strömte am Quai zusammen.

Mein Oheim eilte, sein Gefängniß, um nicht zu sagen, sein Krankenhaus, zu verlassen. Bevor er aber vom Verdeck stieg, zog er mich in den Vordergrund und zeigte mir mit dem Finger auf der Nordseite der Bai einen hohen Berg mit zwei Spitzen, einen doppelten mit ewigem Schnee bedeckten Kegel.

»Der Snäfields! rief er aus, der Snäfields!«

Darauf, nachdem er mir mit einem Wink unbedingtes Schweigen anempfohlen, stieg er in das Landungsboot; ich ihm nach, und bald betraten wir den Boden Islands.

Sofort zeigte sich ein stattlicher Mann in Generalsuniform. Es war jedoch nur ein Magistrat, der Statthalter der Insel, Baron Trampe, in eigener Person. Der Professor überreichte ihm seine Briefe aus Kopenhagen, und es entspann sich in dänischer Sprache eine kurze Unterhaltung, woran ich, aus gutem Grunde, mich durchaus nicht betheiligte. Das Resultat war, daß der Baron Trampe sich dem Professor Lidenbrock völlig zur Verfügung stellte.

Ein herzlicher Empfang wurde meinem Oheim von dem Bürgermeister Finsen zu Theil, der gleich dem Statthalter in militärischer Uniform ebenso friedlichen Charakters war.

Der Coadjutor Pictursson befand sich eben auf einer bischöflichen Rundreise im nördlichen Bezirk; wir mußten vorerst darauf verzichten, ihm vorgestellt zu werden. Aber der Professor der Naturwissenschaften an der Schule zu Reykjawik, Herr Fridrickson, ein sehr gefälliger Mann, gewährte uns einen sehr schätzbaren Beistand. Dieser bescheidene Gelehrte sprach nur Isländisch und Latein; er bot mir in letzterer Sprache seine Dienste an, und wir konnten uns in derselben leicht verständigen. Er war auch in der That der einzige Mann, mit dem ich mich während meines Aufenthalts auf Island unterhalten konnte.

Von den drei Zimmern, welche seine Wohnung enthielt, stellte uns der treffliche Mann zwei zur Verfügung, und wir richteten uns flugs bei ihm ein, über die Menge unseres Gepäcks waren die Bewohner von Reykjawik etwas erstaunt.

»Nun, Axel, sagte mein Oheim, es geht gut; die Hauptschwierigkeit ist schon beseitigt.

– Wie, die Hauptschwierigkeit? rief ich aus.

– Allerdings, wir brauchen nur hinabzusteigen.

– Wenn Sie’s so verstehen, haben Sie Recht; aber am Ende, denk‘ ich, müssen wir auch wieder herauskommen?

– O! Das macht mir keine Sorgen! Wohlan! Es ist keine Zeit zu verlieren. Ich gehe nun auf die Bibliothek, da findet sich vielleicht ein Manuscript von Saknussemm, das ich sehr gerne zu Rathe ziehen würde.

– Dann besehe ich mir unterdessen die Stadt. Wollen Sie das nicht auch thun?

– Das interessirt mich sehr wenig. Die Merkwürdigkeiten dieses Landes sind nicht über, sondern unter der Erde.«

Ich ging aus, streifte umher.

In den zwei Straßen Reykjawiks irre gehen, wäre nicht leicht gewesen. Ich brauchte daher nicht nach dem Weg zu fragen, was in der Geberdensprache zu Mißverständnissen führt.

Die Stadt zieht sich auf ziemlich niederem und sumpfigem Boden zwischen zwei Anhöhen hin. Auf der einen Seite ist sie von einer ungeheuren Lavaschicht bedeckt, die in allmäligen Stufen nach dem Meer zu abfällt; auf der anderen erstreckt sich die ungeheure, nördlich von dem großen Gletscher des Snäfields begrenzte Bai Faxa, worin eben die Valkyrie das einzige vor Anker liegende Schiff war. Gewöhnlich liegen hier die englischen und französischen Fischerboote in Menge; diese waren aber damals auf der Nordküste der Insel beschäftigt.

Die längere der beiden Straßen von Reykjawik läuft mit dem Ufer parallel; in derselben wohnen die Kauf- und Geschäftsleute in hölzernen Hütten, die aus rothen, horizontal gelegten Balken aufgebaut sind; die andere läuft westlicher zwischen den Häusern des Bischofs und der anderen, nicht dem Handel angehörigen Personen einem kleinen See zu.

Diese trübseligen, düsteren Straßen hatte ich rasch durchschritten. Ich sah darin mitunter ein Stückchen farblosen Rasen gleich einem alten abgetragenen Teppich; oder auch ein Fleckchen, das wie ein Nutzgarten aussah, mit etwas Gemüse, Erdäpfeln, Kohl und Lattich, welches wohl für eine Liliputertafel ausgereicht haben würde; einige kränkelnde Levkojen suchten auch am Sonnenstrahl Erquickung.

Ungefähr in der Mitte der nicht geschäftlichen Straße fand ich, umgeben von einer Erdmauer, den öffentlichen Friedhof, worin es an Raum nicht gebrach. Hierauf, nach einigen Schritten, gelangte ich zur Wohnung des Statthalters, einem Gemäuer gleich dem Stadthause zu Hamburg, einem Palast neben den Hütten der isländischen Bewohner. Zwischen dem kleinen See und der Stadt erhob sich die Kirche, die im protestantischen Styl aus verkalktem, von den Vulkanen ausgeworfenem Gestein erbaut war; durch die argen Westwinde wäre ihr Dach aus rothem Ziegelstein augenscheinlich in alle Lüfte zerstreut worden.

Auf einer nahen Anhöhe erblickte ich die Nationalschule, wo man, wie ich hernach von unserem Hauswirth hörte, die hebräische, englische, französische und dänische Sprache lehrte, von welchen vier Sprachen ich, zu meiner Schande, nicht ein Wörtchen verstand. Ich wäre unter den vierzig Schülern dieses kleinen Gymnasiums der unterste gewesen, und nicht würdig, mit ihnen in den Schränken mit zwei Abtheilungen zu schlafen, worin die schwächeren in der ersten Nacht ersticken konnten.

In drei Stunden hatte ich nicht allein die Stadt, sondern auch ihre Umgebung gemustert. Im Allgemeinen ein höchst trauriger Anblick. Keine Bäume, so zu sagen keine Vegetation. Ueberall lebende Spitzen vulkanischen Gesteins. Die Hütten der Isländer sind aus Erde und Torf verfertigt, ihre Wände nach innen geneigt. Sie sehen wie Dächer aus, die unmittelbar auf dem Boden ruhen. Nur sind diese Dächer Wiesen, die einigermaßen ergiebig sind. In Folge der Wärme ihrer Bewohner sproßt das Gras darauf ziemlich gut, und man mäht es zur Zeit der Heuernte sorgfältig ab, sonst würden die Hausthiere auf den grünen Dächern weiden.

Während meines Spaziergangs begegneten mir wenig Leute. Auf dem Heimweg durch die gewerbliche Straße fand ich die meisten Einwohner beschäftigt, Kabljau zu trocknen, zu salzen und einzuladen; denn es ist dies der Hauptausfuhrartikel. Die Menschen scheinen kräftig, aber schwerfällig, Musterstücke von blonden Deutschen mit gedankenvollem Auge, die sich etwas außerhalb der menschlichen Gesellschaft fühlen, arme, in dieses Eisland verwiesene Verbannte, welche die Natur dazu verurtheilte, auf dieser Grenze des Polarkreises zu leben! Ich bemühte mich vergebens, ein Lächeln auf ihrem Antlitz zu gewahren; manchmal lachten sie wohl aus unwillkürlicher Muskelbewegung, niemals aber kam’s zur Freundlichkeit des Lächelns.

Ihre Tracht bestand in einem groben Rock von schwarzer Wolle, die in den scandinavischen Ländern unter dem Namen »Vadmel« bekannt ist, einem breitgerandeten Hut, Hosen mit rother Borde, und einem Stück Leder, das zu einer Art Fußbekleidung zusammengelegt ist.

Die Frauen, von traurigem Aussehen, zeigten ziemlich angenehme aber ausdruckslose Züge; ihr Anzug bestand aus Leibchen und Rock aus dunklem »Vadmel«; die Mädchen trugen ihr Haar in Zöpfen geflochten unter einem braunen gestrickten Häubchen; die Verheirateten hatten als Kopfbedeckung ein buntes Tuch, worüber eine Verzierung von weißer Leinwand.

Als ich nach einem hübschen Spaziergang in die Behausung des Herrn Fridrickson zurückkam, fand ich meinen Oheim bereits in Gesellschaft seines Hauswirths.