Achtes Kapitel.

Achtes Kapitel.

– – Sie säumen noch,
Die Rächer ihres Heimatlandes.
Gray.

Der Warnungsruf des Kundschafters war nicht überflüssig. Während der so eben geschilderte mörderische Kampf Statt fand, wurde das Brausen des Wasserfalls durch keinen menschlichen Laut unterbrochen. Es war, als ob die Theilnahme am Verlaufe desselben die Eingebornen am Gegenufer in athemloser Erwartung erhalten hätte, während die schnellen Bewegungen und die plötzlichen Wechsel in den Stellungen der Kämpfenden wirklich nicht erlaubten, Feuer zu geben, da es dem Freunde wie dem Feinde gefährlich werden konnte. So bald aber der Kampf entschieden war, erhob sich ein so wildes, stürmisches Geheul, wie es nur immer Wuth und Rachsucht hervorbringen kann. Es folgten unaufhörliche Blitze aus den Büchsen, die ihre bleiernen Todesboten in vollen Ladungen über die Felsen entsandten, als ob die Angreifenden an der leblosen Scene des verderblichen Kampfes ihre unmächtige Wuth auslassen wollten.

Stete, besonnene Erwiederung gab die Büchse Chingachgook’s, der während des ganzen Straußes seinen Posten mit unerschütterlicher Entschlossenheit behauptete. Als Uncas‘ Siegsgeschrei in seine Ohren drang, antwortete der erfreute Vater mit einem einzigen Ruf, worauf seine geschäftige Büchse allein bewies, daß er seinen Posten noch mit unermüdetem Eifer vertheidigte. Auf diese Weise flogen viele Minuten mit der Schnelligkeit eines Gedankens vorüber, während die Büchsen der Angreifenden bald in ganzen Salven, bald in vereinzelten Schüssen sich hören ließen. Obgleich der Fels, die Bäume und die Gesträuche, rings um die Belagerten, an hundert Stellen zerschossen und zerrissen wurden, so war doch ihr Versteck so fest und die Verteidiger gebrauchten so große Vorsicht, daß David bis jetzt in der kleinen Truppe der einzige Verwundete war.

»Laßt sie ihr Pulver verschießen,« sprach der besonnene Kundschafter, während Kugel an Kugel an der Stelle, wo er in Sicherheit lag, vorüberpfiff; »da wird’s viel Blei aufzulesen geben, wenn’s vorüber ist, und ich denke, die Kobolte kriegen das Spiel noch eher satt, als die alten Steine da um Pardon bitten werden! Aber Uncas, Junge, du verschwendest ja nur Pulver, wenn du so stark lädst: eine Büchse, die stößt, schießt nie ’ne sichre Kugel. Ich sagte dir, du solltest den vertrakten Springer unter dem weißen Strich an seinem Schlachtschmucke nehmen; wenn deine Kugel nur um ein Haar breit höher gegangen wäre, aber so ging sie ja zwei Zoll weiter hinauf. Der Sitz des Lebens liegt tief bei einem Mingo, und Menschlichkeit gebeut, der Schlangenbrut ein baldiges Ende zu machen.«

Ein ruhiges Lächeln erheiterte die stolzen Züge des jungen Mohikaners und verrieth, daß er sowohl die englische Sprache, als auch die Meinung des Andern wohl verstehe, aber er ertrug die Zurechtweisung, ohne darauf zu erwiedern oder sich zu vertheidigen.

»Ich kann nicht zugeben, daß Ihr Uncas Mangel an Scharfblick und Geschick Schuld geben wollt,« sprach Duncan; »er hat mir auf die kaltblütigste und bereitwilligste Weise von der Welt das Leben gerettet und sich Einen zum Freund gemacht, den man nie daran zu erinnern haben wird, was er ihm schuldig ist!«

Uncas erhob sich etwas, um Heyward’s dargebotene Hand zu drücken. Während diesen Freundschaftsbeweisen wechselten die beiden jungen Männer Blicke der Verständigung, welche Duncan die Stellung und die Verhältnisse seines wilden Genossen vergessen ließen. Hawk-eye, welcher diesen Ausbruch jugendlicher Gefühle kalt, aber nicht unfreundlich mit angesehen hatte, erwiederte unterdessen: »Das Leben ist ein Ding, für das sich Freunde in der Wildniß oft verpflichtet sind. Ich darf wohl sagen, daß ich Uncas schon mehrere Male diesen Dienst geleistet habe, und erinnere mich recht wohl, daß auch er zu fünf verschiedenen Malen zwischen mir und dem Tod gestanden hat. Drei Mal im Kampfe mit den Mingos, einmal, da wir über den Horican gingen und –«

»Diese Kugel war besser gezielt, als gewöhnlich!« rief Duncan, indem er unwillkürlich vor einem Schuße zurückfuhr, der an dem Felsen neben ihm mit Heftigkeit abgeprallt war.

Hawk-eye griff nach dem formlosen Metall und schüttelte bei der Untersuchung den Kopf. »Fallendes Blei,« sprach er, »drückt sich nie platt. Wenn’s aus den Wolken käme, ließ‘ ich mir’s gefallen!«

Aber Uncas‘ Büchse richtete sich bedächtlich gen Himmel und wies den Augen seiner Nachbarn einen Punkt, der das Geheimniß sogleich enthüllte. Eine mächtige Eiche stand auf dem rechten Ufer des Flusses, ihnen beinahe gegenüber, und neigte sich, den freien Luftraum suchend, so weit herüber, daß ihre obern Aeste jenen Arm des Stromes überhingen, der an ihrem eigenen Ufer floß. Unter dem obersten Laubwerk, das die knorrigen, verwitterten Aeste nur spärlich bedeckte, hatte sich ein Wilder eingenistet, den der Stamm des Baumes theilweise verbarg, theilweise aber sichtbar machte, als er auf sie herabblickte, um zu sehen, welche Wirkung sein verrätherischer Schuß hervorgebracht habe.

»Diese Satane werden am Ende noch den Himmel ersteigen, um uns zu Grunde zu richten,« sprach Hawk-eye; »halt‘ ihn im Schach, Junge, bis ich den Wildtödter zum Schusse bringen kann, und wir ihm sein Blei von beiden Seiten des Baumes wieder heimgeben.«

Uncas wartete, bis der Kundschafter das Signal gab. Die Büchsen blitzten, Blätter und Rinde der Eiche flogen in die Luft und wurden vom Winde zerstreut: der Indianer aber erwiederte ihren Angriff mit einem höhnischen Gelächter und antwortete ihnen mit einer zweiten Kugel, welche Hawk-eye die Mütze vom Kopfe schlug. Noch einmal erscholl das wilde Geheul aus den Wäldern, und ein Hagel von Kugeln pfiff über die Köpfe der Belagerten hin, als wollten sie diese an dem Orte zusammenhalten, wo sie ein leichtes Opfer des unternehmenden Kriegers werden mußten, der seinen Standpunkt auf dem Baume genommen hatte.

»Da muß geholfen werden!« sagte der Kundschafter, mit unruhigem Auge um sich blickend. »Uncas, ruf deinen Vater; wir brauchen alle unsre Waffen, um die zähe Raupenbrut von ihrem Aste herab zu schütteln.«

Das Signal ward sogleich gegeben, und ehe Hawk-eye seine Büchse zum zweiten Mal geladen hatte, war Chingachgook bei ihnen. Als der Sohn dem erfahrnen Krieger die Stellung des gefährlichen Feindes gezeigt hatte, entfuhr der gewöhnliche Ausruf: »Hugh« seinen Lippen; weiter ließ er kein Zeichen der Verwunderung oder der Besorgniß vernehmen. Hawk-eye und die Mohikaner beriethen sich einige Augenblicke ernstlich in delawarischer Sprache, dann nahmen sie ruhig ihre Posten ein, um den eilig verabredeten Plan in Ausführung zu bringen.

Der Krieger auf der Eiche hatte von dem Augenblick seiner Entdeckung an, ein ununterbrochenes, aber unwirksames Feuer unterhalten. Die Wachsamkeit seiner Feinde erlaubte ihm jedoch nicht, genau zu zielen, da ihre Büchsen sogleich Alles, was von ihm sichtbar ward, sich zum Ziele nahmen; immer jedoch fuhren seine Kugeln mitten unter die lauernden Vertheidiger. Heyward’s Kleider, die ihn vor den Andern sichtbar machten, wurden wiederholt getroffen und einmal floß sogar Blut aus einer leichten Wunde am Arme.

Endlich versuchte der Hurone, durch die lange ungeduldige Wachsamkeit seiner Feinde verwegen gemacht, besser und genauer zu zielen. Das scharfe Auge der Mohikaner entdeckte durch das dünne Laubwerk wenige Zoll von dem Stamme des Baumes die dunklen Umrisse seiner Beine, welche er unvorsichtiger Weise bloßgestellt hatte. Ihre Büchsen feuerten gemeinschaftlich: da sank er auf sein verwundetes Bein zusammen, so daß ein Theil seines Leibes zum Vorschein kam. Mit Blitzesschnelle benutzte Hawk-eye diesen Vortheil und feuerte sein Gewehr nach dem Gipfel der Eiche ab. Die Blätter bewegten sich ungewöhnlich, die gefährliche Büchse fiel von der Höhe herab und nach wenigen Minuten vergeblicher Anstrengung zeigte sich die Gestalt des Wilden in der Luft schwebend, während er noch einen knorrigen nackten Ast des Baumes verzweiflungsvoll umklammert hielt. »Gebt ihm – um Gottes Willen! gebt ihm noch eine Kugel!« rief Duncan, seine Augen abwendend vor Grauen über das Schauspiel, ein Mitgeschöpf in solch entsetzlicher Todesangst zu sehen.

»Kein Korn!« rief der harte Hawk-eye: »sein Tod ist gewiß, und wir müssen das Pulver sparen: Kämpfe mit Indianern dauern oft ganze Tage: ’s gilt ihren, oder unsern Skalpen! und Gott, der uns erschaffen, hat in unsere Natur den Wunsch gelegt, die Haut auf dem Kopfe zu behalten!« Gegen diese strenge und unbeugsame Moral, die noch durch eine so handgreifliche Politik unterstützt wurde, ließ sich nichts einwenden. Von diesem Augenblicke an verstummte das Geheul in den Wäldern wieder, das Feuer hörte auf, und Aller Augen, der Freunde sowohl als der Feinde waren auf die hoffnungslose Lage des Unglücklichen gerichtet, der zwischen Himmel und Erde schwebte. Sein Körper wurde vom Winde hin und her getrieben, und obwohl dem Schlachtopfer kein Aechzen oder Stöhnen entfuhr, so gab es doch Augenblicke, wo er grimmige Blicke auf seine Feinde herniederschoß, und die Angst kalter Verzweiflung malte sich trotz der Entfernung sehr deutlich auf seinen schwärzlichen Zügen. Drei Mal hob der Kundschafter mitleidig seine Büchse und drei Mal gewann es die Klugheit über sein Gefühl: schweigend senkte er sie wieder. Endlich ließ der Hurone eine Hand los und erschlafft sank sie an seine Seite herab. Eine verzweiflungsvolle fruchtlose Anstrengung, den Ast wieder zu fassen, erfolgte, und man sah, wie er einen flüchtigen Augenblick in der leeren Luft umhergriff. Blitzschnell fuhr ein Schuß aus Hawk-eye’s Büchse, die Glieder des Schlachtopfers zitterten und zogen sich krampfhaft zusammen, das Haupt sank herab auf die Brust, und wie ein Bleiklumpen stürzte die Leiche in die schäumenden Wasser, das Element schloß sich über ihm mit rastlosem Ungestüm, und jede Spur des unglücklichen Huronen war auf immer verschwunden.

Kein Siegesruf folgte dem wichtigen Vortheil; selbst die Mohikaner starrten einander mit schweigendem Entsetzen an. Ein einziger Schrei erscholl aus dem Wald und Alles war wieder still. Hawk-eye, der allein noch die Besinnung behalten zu haben schien, schüttelte den Kopf über seine augenblickliche Schwäche und machte sich laute Vorwürfe darüber.

»’s war die letzte Ladung in meinem Horn und die letzte Kugel in meiner Tasche; das hieß wie ein Knabe gehandelt! Was lag daran, ob er todt oder lebendig auf den Felsen fiel? Mit dem Fühlen wär’s bald vorbei gewesen. Uncas, Junge, geh‘ hinab in das Canoe, und bring‘ das große Horn: es ist alles Pulver, das wir noch haben und wir brauchen’s bis auf das letzte Korn, oder ich kenne die Mingos nicht.«

Der junge Mohikaner willfahrte und verließ den Kundschafter den unnützen Inhalt seiner Tasche durchsuchend und sein leeres Horn mit erneuter Unzufriedenheit schüttelnd. Von dieser unerfreulichen Untersuchung schreckte ihn jedoch bald ein lauter, durchdringender Schrei aus Uncas Mund auf, der selbst Duncans ungeübtem Ohr wie die Botschaft eines neuen, unerwarteten Unfalls klang. Da jeder Gedanke seiner Seele nur auf den kostbaren, ihm anvertrauten, in der Höhle verborgenen Schatz gerichtet war, so fuhr der junge Mann auf, unbekümmert um die Gefahr, der er sich aussetzte. Wie von gleichem Drange getrieben, ahmten auch seine Begleiter diese Bewegung nach und stürzten zu der freundlichen Kluft mit einem Ungestüm, welches das zerstreute Feuer ihrer Feinde vollkommen unschädlich machte. Der ungewohnte Schrei zog auch die Schwestern mit dem verwundeten David aus ihrem Zufluchtsorte herbei, und ein einziger Blick machte sie mit dem Unstern bekannt, der selbst die kalte Ruhe ihres jungen indianischen Beschützers aus dem Gleichgewichte brachte.

In geringer Entfernung von dem Felsen sah man ihre kleine Barke durch den Strudel in der schnellen Strömung des Flusses auf eine Weise dahintreiben, welche schließen ließ, daß ihr Lauf durch eine verborgene Kraft gelenkt wurde. Sobald dieser unwillkommene Anblick sich dem Auge des Kundschafters darbot, griff er instinktmäßig nach seiner Büchse, aber der Lauf entsprach den sprühenden Funken des Steines nicht.

»Es ist zu spät, ’s ist zu spät!« rief Hawk-eye, indem er mit bitterem Unmuth die Waffe sinken ließ: »der Schurke hat die Strömung gewonnen, und hätten wir auch Pulver, so könnt‘ es kaum die Kugel schneller jagen, als er jetzt forttreibt!«

Der wagehalsige Hurone hob jetzt den Kopf über die Wandung des Canue’s empor, winkte, wahrend er pfeilschnell in der Strömung dahinglitt, mit der Hand und stieß einen Schrei aus, der das wohlbekannte Zeichen eines glücklichen Erfolges war. Sein Ruf wurde durch gellendes Geheul und höhnendes Gelächter aus den Wäldern beantwortet, das so boshaft klang, als ob fünfzig böse Geister ihre Lästerungen über den Fall einer Christenseele ausstießen.

»Ihr habt gut lachen, ihr Höllenkinder!« sprach der Kundschafter, indem er sich auf den Vorsprung eines Felsens setzte, und die Büchse nachläßig zu seinen Fußen fallen ließ; »die drei schärfsten und besten Flinten in diesen Wäldern sind jetzt nicht mehr werth, als drei Wollkrautstängel, oder ein vorjähriges Rehgeweih!«

»Was ist zu thun?« fragte Duncan, bei welchem der Eindruck getäuschter Hoffnung dem männlichen Verlangen nach Anstrengung gewichen war; »was wird aus uns werden?« Hawk-eye fuhr statt der Antwort auf eine so bezeichnende Weise mit dem Finger um seinen Schädel, daß seine Herzensmeinung von Niemand bezweifelt werden konnte.

»Gewiß, gewiß steht es mit uns noch nicht so verzweifelt,« rief der junge Mann; »die Huronen sind nicht hier; wir können die Höhlen vertheidigen, uns ihrer Landung widersetzen.«

»Mit was?« fragte kaltblütig der Kundschafter. »Mit Uncas‘ Pfeilen? oder mit Weiberthränen? Nein, nein: Ihr seyd jung und reich und habt Freunde: in solchem Alter ist es freilich hart zu sterben! Aber,« hier warf er einen Blick auf die Mohikaner, »laßt uns bedenken, daß wir Männer reiner Abkunft sind, und diese Eingebornen der Wälder lehren, daß weißes Blut so frei als rothes fließen kann, wenn die bestimmte Stunde gekommen ist.«

Duncan wandte sich schnell nach der Richtung, die ihm des Andern Augen gaben, und las eine Bestätigung seiner schlimmsten Besorgnisse in dem Benehmen der Indianer.

Chingachgook setzte sich mit würdevoller Haltung auf ein anderes Felsstück, hatte bereits sein Messer und seinen Tomahawk bei Seite gelegt und war im Begriff die Adlersfeder vom Haupte zu nehmen, und seinen Harschopf für den letzten, empörenden Dienst in Ordnung zu bringen. Seine Miene war ruhig, obgleich nachdenklich, während das Feuer seiner dunkeln, glühenden Augen allmählig in einen Ausdruck überging, der für das Schicksal, das er im nächsten Augenblick erwartete, mehr geeignet war.

»Unsere Lage kann noch nicht so hoffnungslos seyn!« sprach Duncan: »selbst in diesem Augenblick ist uns vielleicht Hülfe nah. Ich sehe keine Feinde: sie sind offenbar des Kampfes müde, in dem sie so viel wagen und so wenig Aussicht zum Gewinne haben.

»Es steht eine Minute, vielleicht eine Stunde an, so stehlen sich die listigen Schlangen heran, und es ist ganz in ihrer Art, daß sie in diesem Augenblicke schon innerhalb Hörweite sind,« sprach Hawk-eye, »aber kommen werden sie und in einer Weise, die uns nichts mehr hoffen läßt! – Chingachgook« – hier sprach er Delawarisch – »mein Bruder, wir haben unsern letzten Kampf zusammen gekämpft, und die Maquas werden triumphiren über den Tod des weisen Mannes der Mohikaner und des Blaßgesichtes, dessen Auge Nacht zu Tag und Wolken zu Frühlingsnebeln machen kann!«

»Laß die Mingoweiber über ihre Erschlagenen weinen!« entgegnete der Indianer mit charakteristischem Stolz und unerschütterlicher Festigkeit; »die große Schlange der Mohikaner hat sich in ihre Wigwams aufgerollt und ihren Triumph mit den Wehklagen der Kinder vergiftet, deren Väter nicht mehr zurückgekehrt sind! Elf Krieger liegen von den Gräbern ihres Stammes entfernt, seit der Schnee geschmolzen ist, und Niemand kann sagen, wo sie zu finden sind, wenn Chingachgook’s Zunge verstummt! Laß sie ihr schärfstes Messer ziehen, und ihren flinksten Tomahawk schwingen: denn ihr bitterster Feind ist unter ihren Händen. Uncas, letzter Zweig eines edeln Stammes, rufe den Memmen, daß sie sich beeilen, sonst erweichen ihre Herzen und sie werden zu Weibern!«

»Sie suchen unter den Fischen nach ihren Todten!« antwortete die leise, sanfte Stimme des jugendlichen Häuptlings; »die Huronen schwimmen mit den schleimigen Aalen. Sie fallen von den Eichen, wie die Frucht, reif zum Essen! und die Delawaren lachen!«

»Ja, ja,« murmelte der Kundschafter, welcher diesen eigenthümlichen Herzensergießungen mit größter Aufmerksamkeit zugehört hatte: »sie haben ihr indianisches Herz erwärmt und werden bald die Maquas auffordern, ein baldiges Ende mit ihnen zu machen. Was mich betrifft, der ich das reine Blut der Weißen in mir trage, ich muß sterben, wie es meiner Farbe ziemt, mit keinem Scheltwort im Munde und keiner Bitterkeit im Herzen!«

»Warum aber sterben?« fragte Cora: von der Stelle vortretend, wo sie bis auf diesen Augenblick natürlicher Schreck unter dem Schutze des Felsen gehalten hatte. »Flieht in die Wälder und ruft Gott um Beistand an! Geht, wackere Männer, wir verdanken euch bereits zu viel, und wollen euch nicht länger an unser unglückliches Schicksal fesseln.«

»Da kennt Ihr die List der Irokesen wenig, Lady! wenn Ihr glaubt, daß sie uns den Weg in die Wälder offen gelassen haben,« versetzte Hawk-eye, fügte jedoch gleich darauf in seiner schlichten Weise hinzu: »die Strömung würd‘ uns freilich bald aus dem Bereiche ihrer Büchsen oder Stimmen bringen.«

»So versucht es mit dem Fluß! Warum noch säumen und die Zahl der Opfer unsrer erbarmungslosen Feinde vermehren?«

»Warum?« wiederholte der Kundschafter, stolz um sich blickend, »weil es einem Manne besser ziemt, im Frieden mit sich selbst zu sterben, als von bösem Gewissen gepeinigt zu leben! Welche Antwort wollten wir Munro geben, wenn er uns fragte, wo und wie wir seine Kinder verlassen hätten?«

»Geht und saget ihm, daß Ihr sie mit den Auftrage verlassen hättet, ihnen eilig zu Hülfe zu kommen,« versetzte Cora mit edlem Eifer, dem Kundschafter näher tretend; »daß die Huronen sie in die nördlichen Wildnisse schleppten und sie durch Wachsamkeit und Eile noch gerettet werden könnten; und wenn nach alledem es dem Himmel gefallen sollte, daß sein Beistand zu spät käme, so hinterbringt ihm,« fuhr sie mit allmälig sinkender, ihr zuletzt beinahe versagender Stimme fort, »die Liebe, die Segnungen, die letzten Gebete seiner Töchter, und sagt, er solle nicht trauern über ihr frühes Ende, sondern mit demüthigem Vertrauen nach dem Ziel der Christen, wo er seine Kinder wieder begegnen werde, emporblicken!«

Die harten, verwitterten Züge des Kundschafters begannen zu arbeiten, und als sie geendet hatte, stützte er sein Kinn auf seine Hände, in tiefes Nachdenken über den Vorschlag versunken.

»Es liegt Vernunft in ihren Worten!« brach endlich eine Stimme aus den zusammengedrückten, bebenden Lippen hervor: »ja, und sie athmen den Geist des Christenthums; was gut und recht für eine Rothhaut ist, kann Sünde für einen Mann seyn, der keinen unächten Tropfen Blutes hat, um damit seine Unwissenheit zu entschuldigen, Chingachgook! Uncas! Hört Ihr die Worte des schwarzäugigen Weibes?«

Er sprach jetzt in delawarischer Sprache mit seinen Genossen, und seine Rede, obgleich ruhig und bedächtlich, schien dennoch sehr entschieden. Der ältere Mohikaner hörte ihm mit feierlichem Ernste zu und schien seine Worte abzuwägen, wie wenn er die Wichtigkeit ihres Inhalts fühlte. Nach augenblicklicher Zögerung gab er durch einen Wink mit der Hand seine Zustimmung und sprach mit dem seinem Volke eigenthümlichen Nachdruck das englische »Gut!« Dann steckte der Krieger sein Messer und seinen Tomahawk wieder in den Gürtel, und schritt schweigsam auf die Ecke des Felsens zu, die von dem Gegenufer aus am wenigsten gesehen werden konnte. Hier hielt er einen Augenblick, wies bedeutungsvoll auf die Wälder unten, und sprach einige Worte in seiner Sprache, als wollte er den von ihm beabsichtigten Weg andeuten, warf sich dann in das Wasser und seine Bewegungen waren dem Auge der Zuschauer entschwunden.

Der Kundschafter schied erst, nachdem er einige Worte mit der hochsinnigen Cora gesprochen hatte, deren Athem leichter wurde, als sie sah, daß ihre Vorstellungen Eingang fanden.

»Weisheit,« sprach er, »wird oft auch der Jugend, wie dem Alter gegeben, und was Ihr gesprochen habt, ist weise, um nicht mehr zu sagen. Wenn man euch, das heißt Diejenigen, welche für eine Weile verschont werden, in die Wälder führt, so knickt die Zweige an den Büschen, wo Ihr geht, und macht die Merkzeichen eures Zuges so stark, als Ihr könnet. Wenn dann sterbliche Augen sie entdecken können, so verlaßt euch darauf, daß Ihr einen Freund habt, der euch eher bis ans Ende der Erde folgt, als daß er euch verließe.«

Er schüttelte Cora liebevoll die Hand, hob seine Büchse auf, betrachtete sie einen Augenblick mit schmerzlicher Zuneigung, schob sie dann sorgfältig bei Seite, und begab sich nach der Stelle hinab, wo Chingachgook so eben verschwunden war. Einen Augenblick hing er am Felsen, und fügte bitter hinzu, indem er vorsichtig um sich blickte: »hätte das Pulver ausgehalten, so wäre diese Schande nicht über uns gekommen.« Dann ließ er seine Hand los, das Wasser schloß sich über ihm und er war gleichfalls verschwunden.

Aller Augen waren jetzt auf Uncas gerichtet, der sich in unbeweglicher Ruhe an den rauhen Felsen gelehnt hatte, Cora zauderte einige Augenblicke; wies dann auf den Fluß und sprach:

»Deine Freunde sind nicht mehr sichtbar geworden und jetzt wahrscheinlich in Sicherheit. Ist es nicht Zeit, daß du ihnen folgst?«

»Uncas bleibt,« antwortete der Häuptling ruhig in englischer Sprache.

»Um die Schrecken unsrer Gefangennehmung zu vermehren und unsre Rettung weniger möglich zu machen! Geh‘ edler, junger Mann,« fuhr Cora fort, ihre Augen unter dem Blicke des Mohikaners senkend, und vielleicht im Bewußtseyn ihres Einflusses auf ihn, »geh‘ zu meinem Vater, wie ich dir gesagt habe, und sey der vertrauteste meiner Boten. Sag‘ ihm, er solle dir die Geldmittel anvertrauen, um die Freiheit seiner Töchter zu erkaufen. Geh‘! Es ist mein Wunsch, meine Bitte, daß du gehst!«

Der gefaßte, ruhige Blick des jungen Häuptlings ging in den Ausdruck düsterer Traurigkeit über, aber er zögerte nicht länger. Mit geräuschlosem Tritt überschritt er den Felsen und stürzte in den unruhigen Strom. Kaum wagten die Zurückgelassenen Athem zu holen, bis sie, weit im Strome hinab, sein Haupt einen Augenblick auftauchen sahen, um Luft zu schöpfen – dann verschwand er wieder und ward nicht mehr gesehen.

Diese schnellen und anscheinend glücklichen Versuche hatten nur wenige Minuten der setzt so kostbaren Zeit weggenommen. Nach dem letzten Blicke auf Uncas wandte sich Cora mit bebender Lippe zu Heyward: »Ich habe Ihre Fertigkeit im Schwimmen rühmen hören, Duncan,« sprach sie; »folgen Sie dem Vorgang dieser einfachen, getreuen Wesen!«

»Ist das die Treue, welche Cora Munro von ihrem Beschützer fordert?« fragte der junge Mann mit traurigem, aber bitterem Lächeln.

»Es ist jetzt keine Zeit für eitle Spitzfindigkeiten und falsche Meinungen,« antwortete ste, »sondern ein Augenblick, wo jede Pflicht gleich erwogen werden sollte. Für uns können Sie jetzt von keinem weitern Nutzen sein, während Ihr kostbares Leben noch für andere und nähere Freunde gerettet werden kann.«

Er antwortete nicht, aber seine Augen fielen ernst auf die schöne Gestalt Alicens, welche mit kindlicher Hingebung an seinem Arm hieng.

»Bedenken Sie,« fuhr Cora fort, nach einer Pause, während welcher sie mit einem Schmerze zu kämpfen schien, noch bitterer als derjenige, der in ihrer Furcht seinen Grund hatte, »daß das Schlimmste, was wir erleiden können, der Tod ist, ein Zoll, denn wir alle entrichten müssen, wenn Gott ihn von uns fordert.«

»Es gibt Uebel, welche schlimmer sind als der Tod,« entgegnete Duncan, empfindlich über ihre Zumuthung, »die aber die Gegenwart Eines, der für Sie zu sterben bereit ist, abwenden kann.«

Cora drang nicht weiter in ihn, sie verhüllte ihr Gesicht mit ihrem Shawl, und zog die fast besinnungslose Alice hinter sich her in den tiefsten Winkel der inneren Höhle.

Neuntes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

– – – – Sei heiter, Holde,
Zerstreu‘ mit Lächeln du des Kummers Wolk,
Die über deiner offnen Stirne hängt.
Der Tod der Agrippina.

Die plötzliche, fast zauberhafte Umwandlung der wilden Scenen des Kampfes in die Stille, welche rings um ihn herrschte, wirkte auf die erhitzte Einbildungskraft Heywards, wie ein fieberhafter Traum. Obwohl alle Bilder und Vorfälle, von denen er Zeuge gewesen war, sich seinem Gedächtnisse tief eingeprägt hatten, fiel es ihm doch schwer, sich von ihrer Wirklichkeit zu überzeugen. Ungewiß über das Schicksal derer, die sich der reißenden Strömung anvertraut hatten, lauschte er Anfangs auf jedes Zeichen, jeden Laut, der den guten oder schlechten Erfolg ihres gewagten Unternehmens verkünden würde. Aber er lauschte vergeblich: mit Uncas war jede Spur von den Abenteurern verschwunden, und er blieb in gänzlicher Ungewißheit über ihr Schicksal.

In diesem Augenblicke peinlichen Zweifels zögerte Duncan nicht lange, um sich zu blicken, ohne innerhalb des schützenden Felsen zu bleiben, was kaum noch für seine Sicherheit so nothwendig geschienen hatte. Jede Anstrengung jedoch, irgend eine Spur der Annäherung ihrer verborgenen Feinde zu entdecken, blieb eben so fruchtlos als die Nachforschung nach seinen früheren Begleitern. Die bewaldeten Ufer des Flusses schienen wieder von Allem verlassen, was thierisches Leben athmete. Der Aufruhr, welcher eben noch durch die Laubgewölbe des Waldes widerhallte, war vorüber und das Rauschen der Wasser, durch den Luftzug verstärkt oder gemindert, ertönte in unvermischter natürlicher Lieblichkeit, Ein Fischgeier, welcher auf dem obersten Zweige einer abgestorbenen Fichte ein entfernter Zuschauer des Kampfes gewesen war, schoß jetzt von seinem hohen, rauhen Sitze herab und schwebte in weiten Kreisen über seiner Beute, wahrend eine Elster, deren kreischende Stimme durch das noch heischere Geschrei der Wilden übertönt worden war, wieder ihre unharmonische Kehle zu öffnen wagte, als wäre sie von neuem im ungestörten Besitze ihres öden Waldgebiets. Duncan schöpfte aus dieser natürlichen Begleitung der Einsamkeit wieder einige Hoffnung und begann alle seine Geisteskraft zu neuen Anstrengungen aufzubieten, mit neuerwachendem Vertrauen auf Erfolg.

»Die Huronen lassen sich nicht sehen,« sprach er zu David, der sich von den Wirkungen des betäubenden Schusses noch nicht ganz erholt hatte, »wir wollen uns in der Höhle verbergen und das Uebrige der Vorsehung überlassen.«

»Ich erinnere mich,« versetzte der verwirrte Singmeister, »daß ich mit zwei holdseligen Mädchen mich vereinigte, um unsere Stimmen zu Dank und Preis zu erheben; seitdem bin ich von einem schweren Gericht für meine Sünden heimgesucht worden. Es war mir, als läge ich im Schlaf, und Mißtöne zerrissen mein Ohr, als ob die letzte Zeit erfüllt wäre und die Natur ihrer Harmonie vergessen hätte.«

»Armer Mensch! deine eigene Zeit war beinahe selbst abgelaufen! aber steh‘ auf und komm‘ mit mir; ich will dich an einen Ort führen, wo du keine andre Töne als die deines Psalmgesangs hören sollst.«

»Es liegt eine Harmonie in dem Falle des Katarakts, und das Rauschen des Wassers ist oft den Sinnen angenehm!« sprach David, indem er sich noch verwirrt die Hand an die Stirne drückte. »Ist nicht noch immer die Luft mit Geheul und Geschrei erfüllt, als ob die abgeschiedenen Geister der Verdammten –«

»Nicht mehr, nicht mehr,« unterbrach ihn der ungeduldige Heyward, »es hat aufgehört, und sie, die es erhoben, sind, so Gott will, nicht mehr da! Alles ist still und im Frieden bis auf den Fluß; herein denn, wo Ihr jene Laute, die euch so vergnügen, hören lassen könnet.«

David lächelte traurig, obgleich nicht ohne einen flüchtigen Schimmer von Freude über die Anspielung auf seinen Lieblingsberuf. Er zögerte nicht länger, sich an einen Ort zu begeben, welcher ihm so ungestörten Genuß für seine müden Sinne versprach, und auf den Arm seines Begleiters gelehnt, trat er in den engen Eingang der Höhle. Duncan ergriff einen Haufen Sassafras und schob ihn vor den Eingang, so daß keine Spur einer Oeffnung mehr zu sehen war. Innerhalb hängte er vor dieser gebrechlichen Scheidewand die Decken auf, welche die Waldbewohner zurück gelassen hatten, wodurch er das hintere Ende der Höhle verdunkelte, während das vordere von der engen Schlucht, durch welche ein Theil des Flusses rauschte und sich einige Ruthen weiter unten mit seinem Schwesterarm wieder vereinigte, spärliches Licht empfing.

»Ich liebe den Grundsatz der Eingebornen nicht, nach welchem sie unter anscheinend verzweifelten Umständen sich ohne Widerstand ihrem Schicksale fügen«, sprach er, mit diesen Vorkehrungen beschäftigt, »unser Grundsatz, daß die Hoffnung nur mit dem Leben ende, ist weit tröstlicher und des Charakters eines Soldaten würdiger. Sie, Cora, bedürfen der Ermuthigung nicht; Ihre Seelenstärke und ungetrübte Einsicht sagt Ihnen Alles, was sich für Ihr Geschlecht geziemt. Aber können wir nicht die Thränen der Weinenden trocknen, die zitternd an Ihrem Busen liegt?«

»Ich bin ruhiger, Duncan,« sagte Alice, aus den Armen ihrer Schwester sich erhebend, und trotz ihrer Thränen einen Anschein von Fassung erzwingend, »jetzt bin ich viel ruhiger. In diesem Versteck sind wir sicher, geborgen, vor Mißhandlungen geschützt. Wir wollen Alles von den edelmüthigen Männern erwarten, die schon so viel für uns gewagt haben.«

»Jetzt spricht unsere sanfte Alice, wie eine Tochter Munro’s!« sagte Heyward und ging, ihr die Hand drückend, ans den Eingang der Höhle zu. »Zwei solche Muster von Muth vor sich, müßte ein Mann sich schämen, wenn er sich anders denn als Held betrüge!« Er setzte sich dann in die Mitte der Höhle, indem er die einzige ihm noch gebliebene Pistole krampfhaft umklammerte, während seine gerunzelte, drohende Stirn einen verzweifelten Entschluß verrieth »Wenn die Huronen kommen, so sollen sie unsre Position nicht so leicht nehmen, als sie wähnen,« murmelte er leise und schien, mit dem Kopfe an den Felsen gelehnt, in Geduld zu erwarten, was da kommen würde, während sein Auge unverrückt auf den offenen Eingang ihres Asyls gerichtet war.

Dem letzten Laute seiner Stimme folgte eine tiefe, lange, beinahe athemlose Stille. Die frische Morgenluft war in ihren Versteck gedrungen und ihr stärkender Einfluß ward allmählich von seinen Bewohnern empfunden. Da eine Minute nach der andern verging und sie in ungestörter Sicherheit ließ, begann das wohlthuende Gefühl der Hoffnung nach und nach wieder in ihrem Gemüthe Raum zu gewinnen, obgleich Jedes sich scheute, Erwartungen auszusprechen, welche der nächste Augenblick grausam zerstören konnte.

David allein machte eine Ausnahme bei diesem Wechsel von Stimmungen. Ein schwacher Lichtstrahl fiel durch die Oeffnung auf sein bleiches Gesicht und die Seiten des kleinen Buchs, dessen Blätter er überschlug, als ob er einen für ihre Lage passenden Gesang finden wollte. Wahrscheinlich hatte ihn diese ganze Zeit eine verworrene Erinnerung an den ihm von Duncan zugesagten Trost geleitet. Endlich schien es, als ob sein geduldiges Forschen belohnt werden sollte: denn ohne Erklärung oder Einleitung sprach er laut die Worte: »Insel Wight,« zog dann einen langen, sanften Ton ans seiner Pfeife und durchging einige Läufe der Weise, die er eben genannt hatte, mit den süßeren Tönen seiner eigenen klangreichen Stimme. »Ist keine Gefahr hierbei?« fragte Cora, ihr schwarzes Auge auf Major Heyward heftend.

»Armer Schelm! Seine Stimme ist zu schwach, um unter dem Rauschen der Wasserfälle gehört zu werden,« war die Antwort. »Außerdem schützt ihn auch die Höhle. Lassen Sie ihm sein Lieblingsgeschäft, da er’s ohne Gefahr thun kann.«

»Insel Wight!« wiederholte David, indem er mit jener Würde um sich blickte, womit er die flüsternden Echo’s in seiner Schule zum Schweigen zu bringen gewohnt war; »’s ist eine schöne Melodie und ein feierlicher Text. Singen wir’s mit gebührender Andacht!«

Nachdem er eine Weile geschwiegen, um die Wirksamkeit seiner Vorschrift zu erhöhen, ließ sich die Stimme des Sängers erst in leisen, murmelnden Tönen vernehmen, dem Ohre allmählich kund werdend, bis sie endlich das enge Gewölbe mit Klängen füllte, die durch das von seiner Angegriffenheit rührende Zittern noch dreimal gellender wurden. Die Melodie, welche keine Schwäche zerstören konnte, übte allmählig ihren Einfluß auf die Zuhörer aus. Sie ließ selbst die erbärmliche Travestie der Gesänge Davids, den der Sänger aus einem Bande ähnlicher Ergießungen ausgewählt hatte, ja den ganzen Inhalt über der Harmonie der Töne vergessen. Alice trocknete unwillkührlich ihre Thränen und heftete ihre schmelzenden Augen auf Gamuts blasse Züge mit einem Ausdrucke reinen Entzückens, den sie nicht zu verbergen suchte. Cora lächelte den frommen Anstrengungen des Namensbruders des jüdischen Fürsten Beifall zu, und Heyward wandte bald den festen, ernsten Blick von dem Eingang der Höhle ab und richtete ihn mit milderem Ausdruck auf Davids Gesicht und die irrenden Strahlen, die für Augenblicke aus Alicens feuchten Augen leuchteten. Der lebhafte Antheil der Zuhörer erhob das Gemüth des Sängers noch mehr, seine Stimme gewann wieder ihren vollen Umfang und Reichthum, ohne die rührende Sanftheit zu verlieren, die ihr einen geheimen Zauber verlieh. Seine wiederkehrende Kraft auf’s Höchste steigernd, füllte er jetzt die Bogen der Höhle mit langen und vollen Tönen, als sich draußen plötzlich ein Geheul erhob, das die frommen Accorde verstummen ließ und seine Stimme erstickte, als wäre ihm buchstäblich sein Herz in die Kehle gesprungen.

»Wir sind verloren!« rief Alice, indem sie sich Cora in die Arme warf.

»Noch nicht, noch nicht,« entgegnete der aufgeregte, aber unerschrockene Heyward: »das Geschrei kam von der Mitte der Insel und wurde durch den Anblick ihrer todten Gefährten hervorgerufen. Wir sind noch nicht entdeckt, es bleibt immer noch Hoffnung.«

So schwach und beinahe hoffnungslos die Aussicht auf Rettung war, so blieben Duncan’s Worte doch nicht vergeblich: sie weckten die Geisteskraft der Schwestern wieder in so weit, daß sie den Ausgang stillschweigend erwarteten. Das Geheul ertönte zum zweiten Mal, Stimmen erschollen von der obern Spitze der Insel bis zu ihrem niederen Ende und ließen sich bald auch auf dem nackten Felsen über den Höhlen vernehmen, wo nach einem wilden Triumphgeschrei fortwährend ein so entsetzliches Geheul die Luft erfüllte, wie es nur der Mensch, und er nur im Zustand der wildesten Barbarei ausstoßen kann.

Die Töne erschollen bald in allen Richtungen um sie; Einige riefen ihren Gefährten vom Rande des Wassers herauf, und Andere antworteten von der Höhe herab. Schreie ließen sich in der gefährlichen Nähe der Felsenspalte zwischen den beiden Höhlen vernehmen, in welche sich ein kreischendes Geheul aus dem Abgrunde der tiefen Felsenklüfte mischte.

Kurz, so reißend schnell hatten sich die wilden Töne über den ganzen kahlen Felsen verbreitet, daß die geängsteten Zuhörer sich leicht einbilden konnten, sie ertönten auch unter ihnen, während sie in Wahrheit über und auf allen Seiten von ihnen waren.

Mitten in diesem Tumult ertönte ein Triumphgeheul nur wenige Schritte von dem verborgenen Eingang in die Höhle. Heyward gab alle Hoffnung auf, indem er glaubte, dies sey das Signal, daß sie entdeckt worden seyen. Diese Besorgniß verschwand jedoch wieder, als sich die Schreienden um die Stelle sammelten, wo der Weiße so widerstrebend seine Büchse zurückgelassen hatte. Unter dem Kauderwelsch der indianischen Dialekte, das man jetzt deutlich vernahm, ließen sich nicht blos einzelne Wörter, sondern selbst ganze Sätze in dem Patois Canada’s unterscheiden. Viele Stimmen tönten mit einem Mal: »la longue Carabine!« und die Echo der Wälder gegenüber gaben einen Namen wieder, der, wie Heyward sich wohl erinnerte, von seinen Feinden einem berühmten Jäger und Kundschafter des englischen Lagers gegeben wurde, welcher, wie er jetzt zum ersten Mal erfuhr, sein letzter Begleiter gewesen war. »La longue Carabine! la longue Carabine!« ging es von Mund zu Mund, bis die ganze Bande sich, wie es schien, um die Siegestrophäe versammelt hatte, welche den Tod ihres furchtbaren Eigenthümers zu verkünden schien. Nach einer stürmischen Berathung, welche nur zuweilen durch Ausbrüche ihrer wilden Freude unterbrochen ward, trennten sie sich wieder und erfüllten die Luft mit dem Namen eines Feindes, dessen Leiche sie, wie Heyward aus ihren Ausdrücken schloß, in einer Spalte des Felsens zu finden hofften.

»Jetzt,« flüsterte er den zitternden Schwestern zu, »jetzt ist der Augenblick der Entscheidung! wenn unser Versteck dies Mal ihrer Nachforschung entgeht, so sind wir geborgen! Auf jeden Fall können wir gewiß seyn, daß unsre Freunde entkommen sind und daß wir in wenigen Stunden ans Hülfe von Webb hoffen dürfen.«

Einige Minuten des bängsten Stillschweigens folgten, während welcher, wie Heyward wohl wußte, die Wilden ihre Nachforschungen mit mehr Eifer und Umsicht als bisher fortsetzten. Mehr denn ein Mal konnte er ihre Fußtritte unterscheiden, wie sie an dem Sassafras hingingen, so daß die Blätter rauschten und die dürren Aeste brachen. Endlich wich der Haufen ein wenig, die Ecke des Vorhangs sank und ein schwacher Lichtstrahl drang in das Innere der Höhle, Cora drückte Alice in der Angst des Todes an das Herz und Heyward sprang auf. Ein Schrei ward in diesem Augenblick gehört, als ob er aus der Mitte des Felsens käme, und ließ vermuthen, daß sie endlich in die benachbarte Höhle eingedrungen waren. In einer Minute hatte sich, wie die Zahl und das laute Geschrei der Stimmen verrieth, der ganze Haufe in und um diesen verborgenen Ort zusammengedrängt.

Da die innern Eingänge der beiden Höhlen so dicht neben einander waren, schritt Duncan, der ein weiteres Verborgenbleiben nicht länger für möglich hielt, vor David und die Schwestern hin, um sich zwischen diese und den ersten Anlauf der schrecklichen Rotte zu stellen. Durch seine Lage zur Verzweiflung gebracht, trat er ganz nahe an die schwache Barriere, welche ihn nur einige Fuße

von seinen fühllosen Verfolgern trennte, hielt sein Auge an die zufällige Oeffnung, und schaute mit einer Art verzweifelter Gleichgültigkeit hinaus, um ihre Bewegungen zu beobachten.

Im Bereich seines Armes war die braune Schulter eines riesenhaften Indianers, dessen tiefe und gebieterische Stimme Befehle zu ertheilen schien, denen die Andern gehorchten. Vor ihm konnte Duncan in das Gewölbe gegenüber blicken, das mit Wilden angefüllt war, welche das ärmliche Geräthe des Kundschafters durcheinander warfen und durchstöberten. Davids Wunde hatte die Blätter des Sassafras mit einer Farbe gefärbt, die, wie die Wilden wohl wußten, noch nicht an der Zeit war. Ueber dieses Zeichen ihres Erfolgs stimmten sie ein Geheul an, wie eine Koppel Hunde, welche die Fährte wieder gefunden haben. Nach diesem Siegesgeschrei rissen sie das duftende Bett in der Höhle auf und trugen die Zweige in die Felsenspalte, indem sie sie umherstreuten, als ob sie vermutheten, daß sie die Leiche des Mannes verbargen, den sie so lange gehaßt und gefürchtet hatten. Ein wild und grimmig aussehender Krieger näherte sich jetzt dem Häuptling mit einer Ladung Gestrüpp, und gab, mit Frohlocken auf dunkelrothe Flecken, womit sie besprengt waren, deutend, seine Freude durch indianische Ausrufungen zu erkennen, deren Inhalt Heyward blos aus der häufigen Wiederholung des Namens la longue Carabine zu muthmaßen vermochte. Als seine Freudenrufe aufgehört hatten, warf er das Gestrüpp auf den kleinen Haufen, welchen Duncan vor dem Eingang in die zweite Höhle gebildet hatte, und verschloß so wieder die Aussicht. Sein Beispiel ward von Andern nachgeahmt, welche, die Zweige aus der Höhle des Kundschafters heraus schaffend, sie auf den einen Haufen warfen und so unwissend zur Sicherheit derer, die sie suchten, selbst beitrugen. Gerade das Unansehnliche der Vorkehrung war ihr Hauptverdienst: denn Niemand dachte daran, einen Haufen Gestrüpp wegzuräumen, von dem Jeder glaubte, daß er im Augenblick der Eile und der Verwirrung zufälliger Weise unter den Händen der eigenen Partei entstanden sey.

Da die Decken unter dem äußern Drucke wichen und die Zweige sich, durch ihre eigene Last eine dichte Masse bildend, in die Felsspalte eindrückten, so athmete Duncan wieder freier auf. Mit leichtem Tritt und noch leichterem Herzen kehrte er in die Mitte der Höhle nach der Stelle zurück, wo er durch die Oeffnung eine Aussicht nach dem Flusse hatte. Während er diese Bewegung machte, brachen die Indianer, als hätten sie ihren Entschluß geändert, aus der kleinen Felsenschlucht auf und entfernten sich wieder die Insel hinauf nach dem Punkte, von dem sie ursprünglich herabgekommen waren. Hier verrieth ein zweites Klagegeheul, daß sie sich wieder um die Leichen ihrer gefallenen Kameraden versammelt hatten.

Nun erst wagte Duncan wieder die Augen nach seinen Begleitern zu wenden: denn während der größten Gefahr fürchtete er, der Ausdruck von Besorgniß in seiner Miene möchte die Unruhe derer vermehren, die ohnedies schon so sehr niedergeschlagen waren. »Sie sind fort, Cora!« flüsterte er: »Alice, sie sind dahin zurückgekehrt, woher sie gekommen sind, und wir sind gerettet! Dem Himmel allein sey Dank, der uns aus den Klauen dieser erbarmungslosen Feinde errettet hat!«

»Dem Himmel will auch ich danken!« rief die jüngere Schwester, aus den umschlingenden Armen Cora’s sich losreißend und mit begeistertem Dankgefühl auf den nackten Felsen sich niederwerfend: »dem Himmel, welcher einem ergrauten Vater bittere Thränen erspart und denen, die ich so sehr liebe, das Leben gerettet hat –«

Heyward und die ruhigere Cora waren von diesem Akt unwillkührlicher Rührung mächtig ergriffen, und Jener glaubte, die Frömmigkeit noch nie in einer so lieblichen Gestalt, wie in der jugendlichen Alice erblickt zu haben. Ihre Augen strahlten von der Glut dankbarer Gefühle, eine schöne Röthe kehrte auf ihre Wangen zurück und ihre ganze Seele schien sich durch ihre beredten Züge in Worte des Dankes ergießen zu wollen. Während sich aber ihre Lippen bewegten, schienen ihr die Worte durch einen neuen und plötzlichen Eindruck im Munde zu ersterben. Die Blüte ihrer Wangen wich der Blässe des Todes; ihre sanften, schmelzenden Augen erstarrten und schienen sich vor Entsetzen krampfhaft zusammenzuziehen, während ihre Hände, zum Dankgebet gen Himmel erhoben, niedersanken und ihre Finger in convulsivischer Bewegung vorwärts wiesen. Alsbald folgten Heyward’s Augen der angedeuteten Richtung und über dem obern Rande des Felsens, der die Schwelle des offenen Ausgangs bildete, erblickte er die boshaften, wilden und grimmigen Züge von le Renard Subtil!

In diesem Augenblick der Ueberraschung verließ Heyward seine Selbstbeherrschung nicht. In dem leeren, ausdrucklosen Gesichte des Indianers las er, daß sein Auge, an das Tageslicht gewöhnt, noch nicht im Stande war, das Dämmerlicht in der Tiefe der Höhle zu durchdringen. Schon wollte er mit seinen Begleiterinnen hinter eine Krümmung an der natürlichen Wand zurücktreten, die sie vielleicht verborgen hätte, als ein plötzlicher Schimmer der Freude, der über das Gesicht des Wilden fuhr, ihm sagte, es sey zu spät und sie seyen verrathen.

Dem empörenden Blick des Frohlockens und des barbarischen Triumphes, der diese schreckhafte Wahrheit bestätigte, konnte Heyward unmöglich widerstehen. Alles vergessend und nur dem Triebe seines heißen Blutes folgend, hob Duncan seine Pistole und gab Feuer. Vom Knall dieser Waffe erdröhnte die Höhle, wie beim Ausbruch eines Vulkans, und als der Rauch von dem Luftzuge der Felsenschlucht vertrieben war, fand er die Stelle leer, die eben noch die Züge seines verrätherischen Führers eingenommen hatten. An den Ausgang stürzend sah Heyward nur noch den Schein seiner dunkeln Gestalt, wie er sich um den niedern Rand eines Felsens schlich, der ihn bald seinen Augen entrückte.

Unter den Wilden herrschte eine Todtenstille auf die Explosion, die sich aus den Eingeweiden des Felsens hatte vernehmen lassen. Als aber Renard seine Stimme zu einem langen und ihnen verständlichen Geschrei erhob, ward es von allen Indianern, die es hören konnten, mit einem gleichzeitigen Geheul beantwortet. Die schreienden Rotten stürzten sich wieder über die Insel herab, und ehe Duncan Zeit hatte, sich von seiner Bestürzung zu erholen, war die schwache Barriere in alle Winde zerstreut. Von beiden Enden drangen die Feinde in die Höhle. Sie wurden aus ihrem Zufluchtsorte an das Tageslicht geschleppt und standen jetzt von der ganzen Bande triumphirender Huronen umgeben.

Zehntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

Ich fürchte, morgen schlafen wir zu lang,
Wie wir in dieser Nacht zu lange wachten.
Sommernachtstraum

Sobald sich Duncan von dem Schrecken über dies plötzliche Unglück erholt hatte, stellte er über das Aeußere und das Benehmen der Sieger seine Beobachtungen an. Gegen ihre sonstige Sitte hatten sich die Eingeborenen im Uebermuthe des Siegs weder an den zitternden Schwestern, noch an ihm selbst vergriffen. Zwar hatten verschiedene Individuen des Stammes die reichen Verzierungen seiner Uniform zu wiederholten Malen betastet, und ihre gierigen Augen drückten den Wunsch nach dem Besitze dieser Kleinigkeiten aus. Aber ehe sie ihrer gewohnten Heftigkeit den Lauf gelassen, hemmte die gebieterische Stimme des schon erwähnten hohen Kriegers die aufgehobenen Hände und überzeugte Heyward, daß man sie zu irgend einem besondern Zwecke aufbewahre.

Während jedoch die Jüngeren und Prunksüchtigen aus der Bande diese Schwäche zu Tage legten, setzten die erfahrnen Krieger ihre Nachforschungen in den Höhlen mit einem Eifer fort, welcher zeigte, daß sie mit dem bereits Gefundenen noch nicht zufrieden waren. Nicht im Stande, neue Opfer aufzufinden, nahten sich die Rachsüchtigen ihren männlichen Gefangenen, indem sie den Namen la longue Carabine mit einem Ungestüm aussprachen, das nicht mißverstanden werden konnte. Duncan stellte sich, als ob er ihre wiederholten und ungestümen Fragen nicht verstünde, während seinem Begleiter eine völlige Unkenntniß der französischen Sprache den Versuch einer solchen Täuschung ersparte. Ermüdet durch ihre Zudringlichkeiten und befürchtend, durch hartnäckiges Stillschweigen seine Sieger aufzureizen, sah sich Duncan nach Magua um, welcher seine Antworten auf die immer ernstlicher und drohender werdenden Fragen allein verdolmetschen konnte.

Das Benehmen dieses Wilden war von demjenigen seiner Genossen sehr verschieden. Während die andern entweder ihre kindische Leidenschaft für den Putz zu befriedigen suchten und die ärmlichen Geräthschaften des Kundschafters plünderten, oder, blutdürstige Rache in ihren Blicken, nach dem abwesenden Eigenthümer forschten, stand le Renard in einiger Entfernung von den Gefangenen so ruhig und zufrieden da, daß man deutlich erkannte, er habe den Hauptzweck seines Verraths bereits erreicht. Als Heyward den Augen seines früheren Führers zuerst begegnete, wandte er sich ab, voll Abscheu über den boshaften, wenn gleich ruhigen Blick, der ihn traf. Er bezähmte seinen Widerwillen und redete mit abgewandtem Gesicht seinen siegreichen Feind in folgenden Worten an:

»Le Renard Subtil ist ein zu großer Krieger,« sprach der widerstrebende Heyward, »als daß er einem unbewaffneten Manne nicht erklären sollte, was seine Sieger wissen wollen.«

»Sie fragen nach dem Jäger, der die Pfade durch die Wälder kennt,« antwortete Magua in gebrochenem Englisch, indem er zu gleicher Zeit mit wildem Lächeln die Hand auf das Bündel Blätter legte, womit eine Wunde an seiner Schulter umbunden war. »La longue Carabine! Seine Büchse ist gut und sein Auge nie geschlossen; aber gleich dem kurzen Gewehr des weißen Häuptlings vermag sie nichts gegen das Leben le Subtils.«

»Le Renard ist zu tapfer, um der im Kriege erhaltenen Wunden, oder der Hände, die sie schlugen, zu gedenken.«

»War es Krieg, als der ermüdete Indianer am Zuckerahorn ruhte, um sein Korn zu essen? Wer füllte die Gebüsche mit den kriechenden Feinden? Wer zog sein Messer? Wessen Zunge war Frieden, indeß sein Herz die Farbe des Blutes hatte? Sagte Magua, daß das Beil nicht mehr in der Erde sey, und daß seine Hand es ausgegraben habe?«

Duncan schwieg, weil er seinem Ankläger nicht damit antworten wollte, daß er ihn an seinen Verrath erinnerte, und verschmähte es, eine Entschuldigung vorzubringen, um Jenes Unmuth zu besänftigen. Magua schien auch zufrieden, den Streit, so wie jede andere Unterhaltung beruhen zu lassen: denn er lehnte sich wieder an den Baum, von dem ihn nur augenblickliche Aufregung entfernt hatte. Aber der Ruf la longue Carabine! erneuerte sich, sobald die ungeduldigen Wilden bemerkten, daß die kurze Unterhaltung abgebrochen war.

»Ihr hört,« sprach Magua mit verstockter Gleichgültigkeit, »die rothen Huronen rufen nach dem Leben der »langen Büchse,« oder wollen sie das Blut derer, die ihn verborgen halten!

»Er ist fort – ist entronnen; er ist zu weit fort, als daß sie ihn erreichen könnten.«

Renard lächelte mit stolzer Verachtung, indem er antwortete: »Wenn der Weiße Mann stirbt, so denkt er, er ist im Frieden, aber die rothen Männer wissen selbst die Geister ihrer Feinde zu quälen. Wo ist seine Leiche? Laß die Huronen seinen Skalp sehen!«

»Er ist nicht todt, er ist entronnen.«

Magua schüttelte ungläubig den Kopf.

»Ist er ein Vogel, um seine Schwingen auszubreiten, oder ein Fisch, um ohne Luft zu schwimmen? Der weiße Häuptling liest in seinen Büchern und hält die Huronen für Thoren?«

»Obgleich kein Fisch, kann doch »die lange Büchse« schwimmen. Er schwamm den Strom hinab, als alles Pulver verschossen und die Augen der Huronen hinter einer Wolke waren.«

»Und warum blieb der weiße Häuptling zurück?« fragte der immer noch ungläubige Indianer. Ist er ein Stein, der zu Boden sinkt, oder brennt der Skalp ihm auf dem Kopfe?« »Daß ich kein Stein bin, könnte euer Kamerad, der in die Wasserfälle stürzte, Dir sagen, wenn er noch am Leben wäre!« entgegnete der gereizte junge Mann, in seinem Aerger jener ruhmredigen Sprache sich bedienend, die am ehesten die Bewunderung eines Indianers zu erregen pflegt. »Der weiße Mann glaubt, daß nur Memmen ihre Weiber im Stiche lassen.«

Magua murmelte einige unverständliche Worte zwischen den Zähnen und fuhr dann fort:

»Können die Delawaren eben so gut schwimmen, als in den Büschen kriechen? Wo ist le gros Serpent?«

Duncan sah aus dieser kanadischen Benennung , daß seine letzten Begleiter seinen Feinden bekannter, als ihm selber waren, und antwortete ungern: »auch er ist mit dem Strome hinab.«

»Ist le Cerf agile nicht hier?«

»Ich weiß nicht, wen ihr den flinken Hirsch nennet,« antwortete Duncan, der gern eine Gelegenheit ergriff, um Zeit zu gewinnen.

»Uncas,« antwortete Magua, indem er die delawarischen Namen mit noch mehr Schwierigkeit aussprach, als selbst die englischen Worte.

»Das springende Glenn,« sagt der weiße Mann, wenn er den jungen Mohikaner ruft.«

»Es herrscht einige Verwirrung in den Namen unter uns, le Renard,« erwiederte Duncan, indem er eine Erörterung herbeizuführen hoffte, daim ist das französische Wort für Damhirsch und Cerf für Hirsch; elan ist der richtige Ausdruck, wenn du vom Glennthier sprichst.«

»Ja,« murmelte der Indianer in seiner Muttersprache: »die Blaßgesichter sind geschwätzige Weiber! Sie haben für jedes Ding zwei Wörter, während die Rothhaut den Ton ihrer Stimme für sich sprechen läßt.« Dann wieder in die fremde Sprache übergehend, fuhr er fort, indem er sich der unvollkommenen Ausdrucksweise, die er sich in der Provinz zu eigen gemacht, bediente: »der Damhirsch ist schnell, aber schwach; das Glenn schnell und stark, und der Sohn von le Serpent ist le Gerf agile. Hat er sich in den Fluß gestürzt, den Wäldern zu?«

»Wenn du den jungen Delawaren meinst, auch er ist den Fluß hinab.«

Da der Indianer in der Art ihres Entkommens nichts unwahrscheinlich fand, so nahm er die Wahrheit des Gehörten mit einer Bereitwilligkeit an, die ein weiterer Beweis dafür war, wie wenig Werth er auf so unbedeutende Gefangene lege. Seine Gefährten schienen jedoch die Sache anders anzusehen.

Die Huronen hatten das Ergebnis, des kurzen Gesprächs mit der ihnen eigenthümlichen Geduld und einem Stillschweigen abgewartet, das immer mehr zunahm, bis endlich die ganze Bande verstummt war. Als Heyward aufhörte, zu sprechen, wandten sich aller Augen auf Magua, indem sie auf ihre ausdrucksvolle Weise eine Erklärung des Gesagten verlangten. Ihr Dolmetscher wies auf den Fluß und machte sie theils durch Geberden, theils durch wenige Worte, die er ausstieß, mit dem Inhalt des Gesprochenen bekannt. Kaum war dies allgemein bekannt, so erhoben sie ein furchtbares Geschrei, wodurch sie ihre Wuth über das Vorgefallene zu erkennen gaben. Die Einen rannten wie Rasende nach dem Ufer des Flusses und schlugen mit wüthenden Geberden in die Luft; Andere spuckten das Element an, um ihre Entrüstung über den Verrath auszudrücken, den es an ihren anerkannten Siegerrechten begangen hatte. Wieder Andere, und zwar nicht die minder Kräftigen und Furchtbaren der Bande schoßen finstere Blicke, in welchen die wildeste Leidenschaft nur durch ihre gewohnte Selbstbeherrschung gemäßigt wurde, auf die Gefangenen, welche sich in ihrer Gewalt befanden. Einer oder zwei machten ihren boshaften Gefühlen durch die drohendsten Geberden Luft, gegen welche die Schwestern weder Geschlecht noch Schönheit schützen konnte. Der junge Soldat machte einen verzweifelten, wenn gleich fruchtlosen Versuch, Alicen beizuspringen, als er sah, wie ein Wilder seine dunkle Hand mit dem üppigen Haare umwand, das in Locken über ihre Schultern herabfloß, und mit einem Messer um ihr Haupt fuhr, als wollte er bezeichnen, auf welche abscheuliche Weise es seiner schönen Zierde beraubt werden sollte. Aber Heyward’s Hände waren gebunden: und auf die erste Bewegung, die er machte, fühlte er den Griff des kräftigen Indianers, der die Rotte befehligte, seine Schulter wie mit einer Zange zusammendrücken. Erkennend, wie ohnmächtig ein Widerstand gegen die überlegene Gewalt erscheinen mußte, ergab er sich in sein Schicksal und ermuthigte seine zarten Begleiterinnen nur durch die leise und freundliche Versicherung, daß die Drohungen der Indianer gewöhnlich schlimmer als ihre Handlungen seyen.

Während aber Duncan durch diese tröstenden Worte die Besorgnisse der Schwestern zu zerstreuen versuchte, war er nicht so schwach, sich selbst zu täuschen. Er wußte sehr wohl, daß das Ansehen eines Indianerhäuptlings auf schwachen Füßen ruhe, und öfter durch physische Kraft, als durch moralische Ueberlegenheit behauptet werde. Die Gefahr war deshalb in dem Maße größer, je bedeutender die Zahl der Wilden war, die sie umgaben. Der ausdrücklichste Befehl dessen, der ihr anerkannter Führer war, konnte jeden Augenblick durch die rasche Hand eines Wilden überschritten werden, dem es einfiel, den Manen eines Freundes oder Verwandten ein Opfer zu bringen. Während er sich daher den äußern Anschein von Ruhe und Seelenstärke gab, schwebte er in tödtlicher Angst, sobald einer der Sieger den hülflosen Schwestern näher trat, oder einen seiner finstern, irrenden Blicke auf jene zarten Gestalten warf, die so wenig im Stande waren, der geringsten Gewaltthätigkeit zu widerstehen.

Seine Besorgnisse wurden jedoch nicht wenig gemildert, als er den Führer seine Krieger zu einer Berathung, versammeln sah. Sie war kurz und bei dem Stillschweigen der Meisten wurde, wie es schien, ein einmüthiger Beschluß gefaßt. Da die wenigen Sprecher häufig nach der Gegend von Webbs Lager deuteten, fürchteten sie offenbar von dieser Seite Gefahr. Diese Besorgniß beschleunigte wahrscheinlich ihren Entschluß und beeilte die folgenden Bewegungen.

Während dieser kurzen Ueberlegung, die seine schlimmsten Befürchtungen etwas milderte, hatte Heyward Muße, die vorsichtige Art zu bewundern, wie die Huronen, selbst nach dem Aufhören der Feindseligkeiten, ihre Annäherung an die Insel bewerkstelligt hatten. Es ist schon erwähnt worden, daß die obere Hälfte der Insel ein nackter Felsen war, der außer einigen zerstreuten Stämmen Treibholz keine Schutzwehr hatte. Diesen Punkt hatten sie zu ihrer Landung gewählt, und zu diesem Behufe das Canoe durch den Wald um den Wasserfall herum getragen. Nachdem sie ihre Waffen in das kleine Fahrzeug gelegt hatten, hängten sich ein Dutzend Männer an die Seiten des Canoes und folgten seiner Richtung, während zwei der erfahrensten Krieger in Stellungen, die sie den gefährlichen Weg überschauen ließen, in ihm ruderten. Begünstigt durch diese Anordnung, gelangten sie an der Spitze der Insel an jenen Punkt, der für die ersten Wagehälse so verderblich geworden war, aber mit dem Vortheil einer größeren Zahl und im Besitze von Feuerwaffen. Daß dies die Art ihrer Landung gewesen, erkannte Duncan jetzt: denn sie brachten die leichte Barke von dem obern Ende des Felsens und ließen sie nahe am Eingang der äußern Höhle in’s Wasser. Sobald dies geschehen war, winkte der Führer den Gefangenen, herabzukommen und in das Canoe zu steigen.

Da Widerstand unmöglich und Verstellungen nutzlos waren, so gab Heyward zuerst das Beispiel der Unterwerfung und schritt voran in das Canoe, wo er sich mit den beiden Schwestern und dem stets noch verblüfften David niederließ. Obgleich die Huronen die kleinen Kanäle zwischen den Stromschnellen und Wirbeln nicht kennen konnten, so waren sie doch mit den gewöhnlichen Regeln einer solchen Schifffahrt zu vertraut, um einen bedeutenden Fehler zu machen. Als der Lootse, welcher das Canoe zu leiten hatte, seinen Platz eingenommen, sprang die ganze Rotte in den Fluß: das Schifflein glitt auf der Strömung dahin, und in wenigen Augenblicken befanden sich die Gefangenen auf dem südlichen Ufer des Stromes, beinahe dem Punkte gegenüber, wo sie jenes am vorigen Abend getroffen hatten. Hier fand eine zweite kurze, aber ernstliche Berathung Statt, während welcher die Pferde, deren panischem Schrecken die Eigenthümer ihr Unglück hauptsächlich zuschrieben, aus dem Dickicht der Wälder und an den verborgenen Ort geführt wurden, wo sie sich befanden. Der Trupp theilte sich jetzt. Der oft erwähnte erste Anführer bestieg Heyward’s Roß, zog mit dem größten Theil seiner Leute quer durch den Fluß und verschwand in den Wäldern, indem er die Gefangenen der Obhut von sechs Wilden überließ, an deren Spitze le Renard Subtil stand. Duncan betrachtete alle diese Bewegungen mit erneuter Besorgniß.

Aus der ungewöhnlichen Schonung der Wilden gegen ihn glaubte er schließen zu dürfen, daß er Montcalm als Gefangener ausgeliefert werden sollte. Da die Gedanken der Unglücklichen selten schlummern, und die Einbildungskraft nie lebhafter ist, als wenn sie von der Hoffnung, sey sie auch noch so schwach und entfernt, aufgeregt wird, so hatte er schon daran gedacht, ob nicht die väterlichen Gefühle Munro’s benützt werden sollten, ihn seiner Pflicht gegen den König untreu zu machen: denn, obgleich der französische Befehlshaber für einen Mann von Muth und Unternehmungsgeist galt, so sprach man ihn doch nicht von jenen politischen Ränken frei, welche nicht immer den Anforderungen einer strengen Moral Gehör gaben und die europäische Diplomatie jener Zeiten sehr entehrten.

Alle diese geschäftigen und erfinderischen Betrachtungen waren nun durch die Maßregeln seiner Sieger zu Nichte geworden. Derjenige Theil des Trupps, welcher dem riesenhaften Krieger folgte, nahm seine Richtung nach den Quellen des Horican und er und seine Begleiter hatten nichts Geringeres zu gewarten, als daß sie, hülflose Gefangene, in der Gewalt der Sieger bleiben müßten. Um über ihr künftiges Schicksal Gewißheit zu erhalten und je nach Umständen auch die Macht des Goldes zu versuchen, überwand Duncan seinen Widerwillen, mit Magua zu sprechen. Er wandte sich also an seinen früheren Führer, welcher sich das Ansehen und die Miene eines Mannes gegeben hatte, der die künftigen Bewegungen des Trupps zu leiten habe, und sprach in so freundlichem und vertraulichem Tone, als ihm nur immer möglich war:

»Ich wünschte mit Magua Worte zu sprechen, die nur ein so großer Häuptling hören darf.«

Der Indianer wandte seine Augen verächtlich auf den jungen Kriegsmann und antwortete:

»Sprich! die Bäume haben keine Ohren!«

»Aber die rothen Hurone»sind nicht taub, und ein Rath, der sich nur für die großen Männer einer Nation eignet, würde die jungen Krieger trunken machen. Wenn Magua nicht hören will, so weiß der Offizier des Königs zu schweigen.«

Der Wilde sprach nachläßig mit seinen Kameraden, welche beschäftigt waren, in ihrer linkischen Weise die Pferde für die beiden Schwestern herzurichten und trat ein wenig auf die Seite, wohin er mit vorsichtiger Geberde Heyward zu folgen winkte.

»Jetzt sprich!« sagte er, »wenn Deine Worte von der Art sind, daß sie Magua hören kann.«

»Le Renard Subtil hat sich des ehrenvollen Namens, den ihm seine canadischen Väter gaben, würdig erwiesen,« fing Heyward an, »ich erkenne seine Weisheit und Alles, was er für uns gethan hat, und werde es ihm gedenken, wenn die Stunde seiner Belohnung kommt. Ja, Renard hat gezeigt, daß er nicht blos ein großer Häuptling im Rathe ist, sondern auch weiß, wie er seine Feinde hintergehen kann.«

»Was hat Renard gethan?« fragte ihn kalt der Indianer.

»Wie? hat er nicht gesehen, daß die Wälder mit lauernden Feindeshaufen angefüllt waren, und daß selbst eine Schlange sich nicht ungesehen durchschleichen konnte? Verlor er da nicht den Pfad, um die Augen der Huronen zu täuschen? Gab er nicht vor, daß er zu seinem Stamme, der ihn so sehr mißhandelt und wie einen Hund von seinen Wigwams vertrieben hatte, zurückkehren wolle? Und als wir seine Absicht erkannten, standen wir ihm nicht bei, indem wir ein falsches Gesicht machen, um die Huronen auf die Meinung zu bringen, der weiße Mann glaube, daß sein Freund sein Feind geworden sey? Ist nicht alles dies wahr? Und als le Subtil durch seine Weisheit die Augen seiner Nation verschlossen und ihre Ohren verstopft hatte, vergaßen sie nicht, daß sie ihm einst Uebles gethan und ihn gezwungen hatten, zu den Mohawks zu fliehen? Ließen sie ihn nicht auf der Südseite des Flusses mit ihren Gefangenen, während sie thörichter Weise nach dem Norden gingen? Gedenkt er jetzt nicht, wie ein Fuchs seine Schritte rückwärts zu wenden, um dem reichen, grauköpfigen Schotten seine Töchter wieder zuzuführen? Ja, Magua, ich sehe jetzt Alles und habe schon darüber nachgedacht, wie so viele Weisheit und Ehrlichkeit zu belohnen seyn wird. Erstlich wird der Befehlshaber von William Henry ihn für einen solchen Dienst belohnen, wie es eines so großen Hauptes würdig ist. Magua’s Medaille wird nicht länger von Zinn, sondern von geschlagenem Golde seyn; sein Horn wird Pulvers die Fülle haben; Dollars wird er so viel in seiner Tasche tragen, als Kiesel am Horican sind, und das Wild des Waldes wird ihm die Hand lecken, denn es wird wissen, daß es vergeblich vor der Büchse flieht, die er führen wird. Was mich betrifft, so weiß ich nicht, wie ich den Schotten an Dankbarkeit übertreffen soll: aber ich – ja ich will –«

»Was will der junge Häuptling, der vom Aufgang der Sonne kommt, geben?« fragte der Hurone, als er bemerkte, daß Heyward gerade da ins Stocken gerieth, wo er bei der Aufzählung seiner Geschenke mit der Gabe enden wollte, die für einen Indianer das Ziel der höchsten Wünsche bilden mochte,

»Er will das Feuerwasser von den Inseln des Salzsees vor Magua’s Wigwam schneller fließen lassen, als der brausende Hudson strömt, bis das Herz des Indianers leichter wird, als die Feder eines Kolibri, und sein Athem süßer, als der Geruch des wilden Geisblattes.«

Le Renard hatte Heywards schlauer Rede mit tiefem Stillschweigen zugehört. Als der junge Mann von dem Kunstgriffe sprach, womit der Indianer seine eigene Nation hintergangen haben sollte, nahm die Miene des Zuhörers den Ausdruck vorsichtigen Ernstes an. Bei der Anspielung auf das Unrecht, das, wie Duncan sich den Schein gab anzunehmen, den Huronen aus seinem heimatlichen Stamme vertrieben hatte, leuchtete aus des Andern Auge ein Strahl so unbezähmbarer Wildheit, daß der verwegene Sprecher glaubte, die rechte Saite angeschlagen zu haben. Wie er aber auf die Stelle kam, wo er den Durst nach Rache durch das Motiv der Gewinnsucht so listig zu verdrängen suchte, ward ihm die gespannteste Aufmerksamkeit zu Theil. Le Renard hatte seine Frage ruhig und mit aller Würde eines Indianers gestellt. Aus der nachdenklichen Miene des Zuhörers war ersichtlich, daß die Gegenrede auf das schlaueste angelegt war. Der Hurone besann sich einige Augenblicke, legte dann seine Hand auf den rohen Verband seiner verwundeten Schulter und fragte mit einigem Nachdruck:

»Machen Freunde solche Zeichen?«

»Würde la longue Carabine einen Feind so leicht abfertigen?«

»Kriechen die Delawaren gegen diejenigen, welche sie lieben, gleich Schlangen daher, und winden sich, um sie zu stechen?«

»Würde le gros Serpent sich von Ohren hören lassen, von denen er wünschte, daß sie taub wären?«

»Schießt der weiße Häuptling sein Pulver seinen Brüdern in’s Gesicht?«

»Verfehlt er je sein Ziel, wenn er ernstlich gemeint ist zu tödten?« fragte Duncan, mit einem Ausdrucke wohl angenommener Geradheit lächelnd.

Eine wiederholte lange Pause des Nachdenkens folgte diesen klugen Fragen und schnellen Antworten. Duncan sah, daß der Indianer unschlüßig war. Um seinen Sieg zu vollenden, wollte er die Belohnungen wieder aufzählen, als Magua mit einer ausdrucksvollen Geberde sprach:

»Genug, le Renard ist ein weiser Häuptling, und was er thut, wird sich zeigen. Geh und halte den Mund geschlossen. Wenn Magua spricht, wird’s Zeit zur Antwort seyn.«

Als Heyward bemerkte, daß sich seine Augen unruhig auf den Rest der Gesellschaft richteten, wich er alsbald zurück, um den Anschein eines verdächtigen Einverständnisses mit ihrem Führer zu vermeiden. Magua trat auf die Pferde zu und that, als ob er mit der Sorgfalt und dem Geschick seiner Kameraden wohl zufrieden wäre. Er winkte jetzt Heyward, den Schwestern in den Sattel zu helfen, denn selten ließ er sich herab, der englischen Sprache sich zu bedienen, wenn nicht eine mehr denn gewöhnliche Veranlassung ihn dazu nöthigte.

Jetzt war kein weiterer Vorwand zum Aufschub abzusehen, und Duncan sah sich genöthigt, wenn auch ungern, zu willfahren. Während seiner Dienstleistung flüsterte er jedoch seine wiedergewonnenen Hoffnungen den zitternden Mädchen zu, welche, aus Furcht den wilden Blicken ihrer Sieger zu begegnen, selten ihre Augen aufschlugen. Da die Stute Davids von den Begleitern des Häuptlings in Beschlag genommen war, so mußte ihr Eigenthümer, wie Duncan, zu Fuße gehen. Letzterer bedauerte jedoch diesen Umstand nicht, da ihm so vielleicht möglich wurde, die Eile der Reise zu vermindern; denn immer noch wandte er sehnsüchtige Blicke nach der Gegend von Fort Edward hin, in der eiteln Erwartung, von diesem Theile des Waldes her in irgend einem Laute ein Zeichen nahender Hülfe zu entdecken. Als Alles bereit war, gab Magua das Zeichen zum Aufbruch, indem er selbst als Führer an die Spitze des Zuges trat. Nächst ihm folgte David, welcher anfing, sich seiner mißlichen Lage bewußt zu werden, da die Wirkungen seiner Wunde immer mehr verschwanden. Die Schwestern ritten hinter ihm, neben diesen ging Heyward, während die Indianer die Seiten deckten und den Zug in gewohnter unermüdlicher Wachsamkeit schlossen.

So zogen sie in ununterbrochenem Stillschweigen fort; nur hin und wieder richtete Heyward einige Worte des Trostes an die Schwestern, oder machte David seinem Kummer durch fromme Ausrufungen Luft, womit er seine demüthige Ergebung ausdrücken wollte. Ihr Weg ging nach Süden, der Richtung von William Henry beinahe entgegen gesetzt. Obgleich Magua der ursprünglichen Entschließung der Sieger treu zu bleiben schien, so konnte Heyward doch nicht glauben, daß seine lockenden Anerbietungen so bald vergessen worden seyn sollten: er kannte die Krümmungen eines Indianerpfads zu gut, um nicht anzunehmen, daß hier, wo kluge List vor Allem nöthig war, auch diese scheinbar genommene Richtung am Ende doch noch zum Ziele führe. Meile auf Meile wurde in diesen endlosen Wäldern zurückgelegt, und noch war kein Ende ihrer Reise abzusehen. Heyward hatte immer die Sonne im Auge, wie sie ihre Mittagsstrahlen durch die Aeste der Bäume schoß, und sehnte sich nach dem Augenblick, wo Magua’s Politik ihrem Zug eine seinen Hoffnungen günstigere Richtung geben würde. Oft bildete er sich ein, der listige Wilde wende, weil er nicht hoffen dürfte, Montcalms Heer zu umgehen, den Zug nach einer wohlbekannten Pflanzung an der Grenze, wo ein ausgezeichneter Offizier der Krone und beliebter Freund der sechs Nationen große Besitzungen hatte und sich gewöhnlich aufhielt. In die Hände Sir William Johnson´s überantwortet zu werden, war freilich einer Reise in die Wildnisse Canadas bei weitem vorzuziehen; aber selbst um das Erstere auszuführen, mußte noch manche ermüdende Meile im Walde zurückgelegt werden, und jeder Schritt entfernte ihn weiter vom Schauplatz des Kriegs, und folglich von einem Posten, auf den ihn Pflicht und Ehre riefen.

Cora allein erinnerte sich an die Weisungen des scheidenden Kundschafters, und so oft sich Gelegenheit bot, reckte sie ihre Hand aus, um Zweige, die ihr in den Weg kamen, zu zerknicken. Aber die Wachsamkeit der Indianer machte diese Vorsichtsmaßregeln nicht nur schwierig, sondern auch gefährlich. Oft wurde sie in ihrem Vorhaben gestört, wenn sie den wachsamen Augen der Wilden begegnete, wo sie dann eine nichtempfundene Unruhe heucheln und der Bewegung ihres Armes einen Grund weiblicher Aengstlichkeit unterzulegen bemüht seyn mußte. Nur einmal war sie ganz glücklich, als sie den Zweig eines großen Sumachbaumes abbrach und ihr plötzlich der Einfall kam, einen ihrer Handschuhe fallen zu lassen. Dieses Zeichen, das den Nachfolgenden einen Wink geben sollte, ward jedoch von einem ihrer Führer belauscht; er gab ihr den Handschuh zurück, zerbrach die übrigen Zweige umher, um den Schein hervorzubringen, als sey ein Wild dort durchgebrochen, und legte dann seine Hand mit einem so bedeutungsvollen Blicke auf den Tomahawk, daß er diesen verhohlenen Merkmalen ihres Zuges für immer ein Ende machte. Da sich überdies bei beiden Banden Pferde befanden, welche ihre Fußtritte dem Boden eindrückten, so vereitelte dieser Umstand alle Hoffnung, daß die zurückgelassenen Spuren ihnen Hülfe und Rettung verschaffen würden.

Heyward hätte vielleicht eine Einrede gewagt, wenn ihm nicht die finstere Zurückhaltung Magua’s den Muth dazu benommen hätte. Auf dem ganzen Zuge wandte er sich selten, um nach seinen Begleitern zu sehen und sprach kein Wort. Ohne andere Führer als die Sonne und geleitet von Merkzeichen, welche nur dem Scharfblick des Eingebornen erkennbar sind, verfolgte er seinen Weg durch die öden Fichtenwälder, mitunter über kleine, fruchtbare Thäler, durch Bäche und Flüßchen und wellenförmige Hügel, mit instinktartiger Sicherheit und fast in der geraden Richtung des Vogelflugs. Nie schien er unschlüßig zu sein, der Weg mochte kaum erkennbar werden, ganz verschwinden oder gebahnt und offen vor ihm liegen. Nichts hemmte seine Eile oder machte ihn zweifelhaft. Es schien, als ob Ermüdung ihm völlig unbekannt wäre. So oft sich die Augen der ermatteten Wanderer von dem gefallenen Laube, über das sie schritten, erhoben, schwebte seine dunkle Gestalt durch die vorderen Baumstämme hin, sein Auge blieb unbeweglich vorwärts gerichtet, während die leichte Feder auf seinem Schopfe in einem Luftzuge flatterte, der allein durch seine schnelle Bewegung hervorgebracht wurde.

Aber alle diese Sorgfalt und Eile galt einem bestimmten Ziele. Nachdem sie durch ein tiefes Thal gekommen waren, durch welches ein rauschender Bach in Krümmungen dahinfloß, stieg er plötzlich einen Hügel hinan, der so steil und unwegsam war, daß die Schwestern, um zu folgen, absteigen mußten. Als sie den Gipfel erreicht, befanden sie sich auf einer Fläche, auf der nur wenige Bäume standen. Unter einem derselben hatte sich Magua’s dunkle Gestalt hingeworfen, als wollte er jene Ruhe suchen, deren Alle so sehr bedürftig waren.

Eilftes Kapitel.

Eilftes Kapitel.

– Verfluchet sei mein Stamm,
Wofern ich ihm verzeihe. –
Shylock.

Der Indianer hatte für seinen Zweck einen jener steilen, pyramidenförmigen Hügel ausersehen, welche eine große Aehnlichkeit mit künstlichen Erdaufwürfen haben und in den Thälern Amerikas so häufig gefunden werden. Der fragliche Hügel war hoch und abschüssig, sein Gipfel, wie gewöhnlich, abgeplattet, eine Seite davon aber weniger regelmäßig, als es sonst wohl der Fall ist. Der Ort hatte für einen Ruheplatz keine anderen Vortheile, als seine Höhe und Form, welche eine Vertheidigung leicht und einen Ueberfall beinahe unmöglich machten. Da Heyward jedoch nicht weiter auf eine Befreiung hoffte, welche Zeit und Entfernung gleich unwahrscheinlich machten, so betrachtete er diese geringfügigen Eigenthümlichkeiten mit gleichgültigem Auge, und war allein darauf bedacht, seine schwächeren Begleiter zu trösten und ihnen Muth einzusprechen. Die Narragansets ließ man die Zweige der auf dem Hügel sparsam wachsenden Bäume und Gesträuche abweiden, während die Reste des Mundvorrathes unter dem Schatten einer Buche, die mit ihren wagerechten Aesten sie gleich einem Dache überragte, ausgebreitet würden.

Trotz ihres eilfertigen Marsches hatte einer der Indianer Gelegenheit gefunden, ein verirrtes Hirschkalb mit einem Pfeile zu erlegen, und die vorzüglicheren Theile des Thieres geduldig auf den Schultern nach dem Ruheplatz getragen. Ohne Hülfe und Kenntniß der Kochkunst schickte er sich sogleich mit seinen Genossen an, diese schwerverdauliche Speise hinunterzuschlingen. Magua allein hielt sich entfernt, ohne an dem widerlichen Mahle Theil zu nehmen, und schien in tiefes Nachdenken versunken. Diese Enthaltsamkeit, so auffallend bei einem Indianer, wenn er Mittel hat, seine Eßlust zu befriedigen, zog endlich Heyward’s Aufmerksamkeit auf sich. Er gab sich der Hoffnung hin, der Hurone denke darüber nach, wie er die Wachsamkeit seiner Gefährten am ehesten täuschen könne, um sich in den Besitz der versprochenen Geschenke zu setzen. Mit dem Gedanken, diese Pläne durch seinen eigenen Rath zu unterstützen und die Versuchung noch zu verstärken, verließ er die Buche und kam, wie von Ungefähr, auf die Stelle zu, wo le Renard saß.

»Hat nicht Magua die Sonne lange genug im Gesicht gehabt, um aller Gefahr von den Canadiern entronnen zu seyn?« fragte er, als ob er über das gute Einverständniß zwischen ihnen nicht länger im Zweifel wäre: »und wird der Häuptling von William Henry nicht mehr erfreut seyn, wenn er seine Tochter wieder sieht, ehe noch eine zweite Nacht sein Herz gegen ihren Verlust verhärtet und ihn mit seinen Geschenken weniger freigebig gemacht haben wird?« –

»Lieben die Blaßgesichter ihre Kinder weniger am Morgen, als am Abend?« fragte der Indianer kalt.

»Keineswegs,« erwiederte Heyward, besorgt, seinen Fehler zu verbessern, wenn er einen gemacht, »der weiße Mann vergißt oft den Begräbnißplatz seiner Väter; er gedenkt zuweilen nicht mehr derer, die er lieben sollte und zu lieben versprochen hat; aber die Zärtlichkeit eines Vaters für sein Kind darf nie ersterben.«

»Und ist das Herz des weißköpfigen Häuptlings sanft, wird er lange an die Kinder denken, die seine Squaws ihm gegeben haben? Er ist so hart gegen seine Krieger, und seine Augen sind aus Stein gebildet!«

»Er ist streng gegen die Trägen und Bösen, aber gegen die Nüchternen und Verdienstvollen ist er ein gerechter und gütiger Führer. Ich habe schon viele liebevolle und zärtliche Aeltern gesehen, aber noch keinen Mann, dessen Herz gegen sein Kind zärtlicher gesinnt gewesen wäre. Du hast den Graukopf vor der Fronte seiner Krieger gesehen, Magua; aber ich habe erlebt, wie seine Augen in Thränen schwammen, wenn er von diesen Kindern sprach, die nun in Deinen Händen sind!«

Heyward schwieg; denn er konnte sich den auffallenden Ausdruck nicht erklären, der sich über die schwärzlichen Züge des aufmerksamen Indianers blitzschnell verbreitete. Zuerst war es, als ob die Erinnerung an die versprochene Belohnung in seinem Geiste lebendig würde, wie er von den Quellen väterlicher Zärtlichkeit hörte, die ihm den Besitz jener sichern würden; während Duncan aber weiter redete, wurde der Ausdruck der Freude so grimmig boshaft, daß er nothwendig befürchten mußte, es liege ihr eine unheimlichere Leidenschaft als Gewinnsucht zu Grunde,

»Geh!« sprach der Hurone, indem er für den Augenblick diesen beunruhigenden Ausdruck seines Antlitzes mit einer todtenähnlichen Ruhe vertauschte, »geh und sage der schwarzlockigen Tochter, daß Magua sie sprechen will. Der Vater wird nicht vergessen, was die Tochter verspricht.«

Duncan, der in dieser Rede des Wilden den Wunsch nach einem weitern Unterpfande dafür erblickte, daß die versprochenen Gaben ihm auch wirklich zu Theil werden sollten, zog sich langsam und zögernd nach der Stelle zurück, wo die Schwestern von ihrer Anstrengung ausruhten, um seinen Auftrag an Cora auszurichten.

»Sie wissen, von welcher Art die Wünsche eines Indianers sind,« schloß er, sie zu der Stelle führend, wo sie erwartet wurde. »Sie müssen freigebig mit Anerbietungen von Pulver und Decken seyn. Geistige Getränke stehen jedoch bei Leuten, wie er, oben an; auch wäre es gut, wenn Sie ihm ein Geschenk von Ihrer Hand mit jener Grazie, die Ihnen so eigenthümlich ist, anbieten würden. Bedenken Sie, Cora, daß von Ihrer Geistesgegenwart und Besonnenheit sogar Ihr Leben und das Alicens abhängt!«

»Und das Ihrige, Heyward!«

»Das meinige kommt wenig in Betracht, es ist bereits an meinen König verkauft, und gehört dem ersten besten Feinde, der es mir nehmen kann. Ich habe keinen Vater, der mich erwartet, und nur wenige Freunde, die ein Schicksal beklagen, nach welchem ich mit der nicht zu stillenden Sehnsucht der Jugend nach Auszeichnung gedürstet habe. Aber still! wir nahen uns dem Indianer. »Magua, die Lady, mit welcher Du zu sprechen gewünscht, steht vor Dir.«

Der Indianer erhob sich langsam von seinem Sitze und stand fast eine Minute schweigend und regungslos vor ihr. Dann gab er Heyward mit der Hand ein Zeichen, sich zurückzuziehen, und sagte kalt:

»Wenn der Hurone mit den Weibern spricht, verschließt sein Stamm die Ohren.« Als Duncan noch immer zögerte, als wollte er nicht gehorchen, sprach Cora mit ruhigem Lächeln:

»Hören Sie’s, Heyward? Ihr Zartgefühl sollte Sie wenigstens veranlassen, sich zurückzuziehen. Gehen Sie zu Alice und trösten Sie dieselbe mit unsern wiederauflebenden Hoffnungen!«

Sie wartete bis er sich entfernt hatte, und sprach dann, gegen den Eingebornen gekehrt, mit aller Würde ihres Geschlechts in Stimme und Geberden: »Was will Le Renard der Tochter Munro’s sagen?«

»Hör‘!« antwortete der Indianer, seine Hand fest auf ihren Arm legend, als wollte er alle Ihre Aufmerksamkeit auf seine Worte lenken – eine Bewegung, welche Cora eben so fest, als ruhig zurückwies, indem sie ihren Arm seinem Griffe entzog – »Magua ward als Häuptling und Krieger unter den rothen Huronen an den Seen geboren; er sah die Sonnen von zwanzig Sommern den Schnee von zwanzig Wintern in die Ströme treiben, ehe er ein Blaßgesicht erblickte, und er war glücklich! Dann kamen seine canadischen Väter in die Wälder und lehrten ihn das Feuerwasser trinken und er ward ein Bösewicht. Die Huronen trieben ihn von den Gräbern seiner Väter, als ob er ein gejagter Büffel wäre. Er rannte zu den Ufern der Seen hinab und verfolgte ihren Ausfluß bis zur »Kanonen-Stadt«. Hier jagte und fischte er, bis das Volk ihn zurück durch die Wälder wieder in die Arme seiner Feinde trieb. Der Häuptling, welcher ein geborner Hurone war, wurde endlich ein Krieger unter den Mohawks!«

»Ich habe früher so etwas gehört!« sagte Cora, als sie bemerkte, daß er schwieg, um die Leidenschaft zu unterdrücken, die bei der Erinnerung an das vermeintliche Unrecht, das er erlitten, in helle Flammen aufzulodern begann. »Ist es Le Renard’s Schuld, daß sein Haupt nicht aus einem Felsen geschaffen war? Wer gab ihm das Feuerwasser? Wer machte ihn zu einem Bösewicht? Die Blaßgesichter, das Volk Deiner Farbe, thaten es!«

»Und bin ich verantwortlich dafür, daß es unbesonnene, schlechte Menschen gibt, deren Gesichtsfarbe der meinigen gleicht?« fragte Cora ruhig den aufgeregten Wilden.

»Nein, Magua ist ein Mann und kein Thor. Solche, wie Du, öffnen nie ihre Lippen dem Feuerstrome: der große Geist hat Dir Weisheit gegeben!«

»Was habe ich also bei Deinem Unglücke, ich will nicht sagen, bei Deinen Verirrungen zu thun oder darüber zu sagen?«

»Höre,« wiederholte der Indianer, indem er seine ernste Stellung wieder annahm, »als seine englischen und französischen Väter das Beil aus der Erde gruben, zog Le Renard auf die Vorposten der Mohawks und focht gegen seine eigene Nation. Die Blaßgesichter haben die Rothhäute aus ihrem Jagdgebiet vertrieben, und jetzt, wenn sie kämpfen, führt ein weißer Mann sie an. Der alte Häuptling am Horican, Dein Vater war der große Anführer unserer Kriegspartei. Er sprach zu den Mohawks: thut Dies und thut Jenes, und fand Gehorsam. Er machte ein Gesetz, daß, wenn ein Indianer Feuerwasser trinke und in die Leinwand-Wigwams seiner Krieger komme, es nicht vergessen werden sollte. Magua öffnete thöricht den Mund und das Feuergetränk führte ihn in Munro’s Hütte. Was that der Graukopf? seine Tochter soll es sagen!«

»Er vergaß seiner Worte nicht, übte Gerechtigkeit und bestrafte den Schuldigen,« sprach das kühne Mädchen.

»Gerechtigkeit!« wiederholte der Indianer, indem er den grimmigsten Seitenblick auf ihr unerschrockenes Antlitz warf, »ist das Gerechtigkeit, wenn man das Uebel schafft und dann dafür bestraft? Magua war es nicht selbst: das Feuerwasser sprach und handelte für ihn! Aber Munro glaubte es nicht. Der Huronenhäuptling ward vor allen Kriegern mit dem Blaßgesichte gebunden, und wie ein Hund durchpeitscht.«

Cora schwieg; denn sie wußte nicht, wie sie diese unkluge Strenge ihres Vaters so rechtfertigen sollte, daß es der Fassungskraft eines Indianers angemessen wäre.

»Sieh!« fuhr Magua fort, indem er den leichten Calico, der seine bemalte Brust nur unvollkommen bedeckte, bei Seite riß: »hier sind Narben von Messern und Kugeln – dieser mag sich ein Krieger vor seiner Nation rühmen; aber der Graukopf hat Spuren auf dem Rücken des Huronenhäuptlings hinterlassen, die er, wie eine Squaw, unter dieser bemalten Leinwand der Weißen verbergen muß.«

»Ich glaubte,« begann Cora wieder, »der indianische Krieger sey ausdauernd, fühle, kenne nicht den Schmerz, den sein Körper leide.«

»Als die Chippewas Magua an den Pfahl banden und ihm diese Wunde schlugen,« sprach der Andere, indem er seinen Finger in eine tiefe Narbe legte, »lachte ihnen der Hurone ins Gesicht und sagte: nur Weiber verwunden so leicht! Da war sein Geist in den Wolken! Aber als er Munro’s Streiche fühlte, lag sein Geist unter der Birkenruthe. Der Geist eines Huronen ist nie berauscht; er vergißt Nichts!«

»Aber er kann besänftigt werden. Wenn mein Vater dir Unrecht that, so zeig‘ ihm, wie ein Indianer vergeben kann und bring‘ ihm seine Töchter zurück. Du hast von Major Heyward gehört –«

Magua schüttelte den Kopf und verbot ihr die Anerbietungen zu wiederholen, die er so sehr verachtete.

»Was willst du also haben?« fuhr Cora nach einer peinvollen Pause fort, indem sich ihr die Ueberzeugung immer mehr aufdrang, daß der zu sanguinische und edelmüthige Duncan durch die Schlauheit des Wilden grausam getäuscht worden sey. »Was ein Hurone liebt. – Gutes für Gutes, Böses für Böses!«

»So willst du denn das Unrecht, welches Munro dir zugefügt hat, an seinen hülflosen Töchtern rächen? Wäre es nicht männlicher, du trätest ihm vor’s Angesicht, und verschafftest dir als Krieger Genugthuung?«

»Die Arme der Blaßgesichter sind lang und ihre Messer scharf!« entgegnete der Wilde mit boshaftem Gelächter; »warum sollte Renard unter die Musketen seiner Krieger gehen, wenn er den Geist des Graukopfs unter seinen Händen hat?«

»Nenne deine Absicht, Magua,« sprach Cora, alle ihre Kräfte aufbietend, um ruhig und standhaft zu bleiben, »Willst du uns als Gefangene in die Wälder schleppen, oder hast du uns noch größeres Uebel zugedacht? Gibt es keine Belohnung, kein Mittel, das Unrecht zu sühnen, und dein Herz zu erweichen? Wenigstens laß meine zarte Schwester los und schütte alle Bosheit über mich aus. Erkaufe dir Reichthum mit ihrer Rettung und sättige deine Rache an Einem Opfer. Der Verlust beider Töchter würde den alten Mann ins Grab bringen, und welche Genugthuung hätte dann Le Renard?«

»Höre!« sprach der Indianer wieder, »die lichten Augen können zum Horican zurückkehren und dem alten Manne erzählen, was geschehen ist, wenn das schwarzlockige Mädchen bei dem großen Geist seiner Väter schwören will, nicht zu lügen.«

»Was muß ich versprechen?« fragte Cora, immer noch durch ihre Fassung und weibliche Würde eine geheime Gewalt über den wilden Eingebornen behauptend.

»Als Magua sein Volk verließ, wurde sein Weib einem andern Häuptling gegeben; er hat sich jetzt Freunde unter den Huronen gemacht und will zu den Gräbern seiner Väter an die Ufer des großen See’s zurückkehren. Die Tochter des englischen Häuptlings soll mit ihm gehen und für immer in seinem Wigwam leben.«

So empörend auch ein solcher Vorschlag für Cora seyn mußte, so behielt sie doch, trotz ihres mächtigen Abscheus, Selbstbeherrschung genug, um, ohne eine Schwäche zu verrathen, ihm zu antworten:

»Und welches Vergnügen würde Magua daran finden, seine Hütte mit einem Weibe zu theilen, das er nicht liebt, das einer Nation und Farbe angehört, die von der seinigen verschieden ist? Es wäre besser, er nähme Munro’s Gold und kaufte mit seinen Gaben das Herz eines Huronenmädchens.«

Der Indianer gab ihr fast eine Minute lang keine Antwort, heftete aber seine wilden Blicke in einer so seltsamen Weise auf Cora’s Antlitz, daß sie vor Scham ihre Augen sinken ließ, die zum erstenmal einem Ausdrucke begegnet waren, den kein keusches Mädchen ertragen kann. Während sie in sich selbst zusammenschrack, fürchtend, ihre Ohren möchten durch einen noch schlimmern Vorschlag verletzt werden, antwortete Magua im Tone der schwärzesten Bosheit:

»Als die Hiebe den Rücken des Huronen geißelten, wußte er schon, wo er ein Weib finden müßte, die Schmerzen zu büßen. Die Tochter Munro’s sollte sein Wasser schöpfen, sein Kornfeld hacken und sein Wildpret kochen. Der Leib des Graukopfes sollte unter seinen Kanonen schlafen, sein Herz aber unter Le Subtil’s Messer liegen!«

»Ungeheuer! wohl verdienst du deinen verrätherischen Namen!« rief Cora, hingerissen von dem Gefühle empörter Kindesliebe, »nur ein Teufel konnte solche Rache ersinnen! Aber du überschätzest deine Gewalt! Du sollst finden, daß du wirklich Munro’s Herz unter deinen Händen hast, und daß es deiner äußersten Bosheit Hohn spricht!«

Der Indianer antwortete auf diesen kühnen Trotz mit einem schrecklichen Hohnlächeln, das seinen unerschütterlichen Entschluß verrieth, und winkte sie hinweg, als wollte er die Unterredung für immer schließen. Cora, die bereits ihre Uebereilung bereute, mußte gehorchen: denn Magua verließ sie sogleich und trat auf seine gefräßigen Gesellen zu. Heyward eilte dem aufgeregten Mädchen entgegen und fragte sie über das Ergebnis der Unterredung, welche er in einiger Entfernung mit dem lebhaftesten Antheil beobachtet hatte. Da sie aber Alicens Angst nicht erhöhen wollte, wich sie einer bestimmten Antwort aus und verrieth blos durch ihre bleichen Züge und die unruhigen Blicke, die sie auf alle Bewegungen ihrer Feinde heftete, daß sie Nichts ausgerichtet habe. Auf die wiederholten und ernstlichen Fragen ihrer Schwester über ihr wahrscheinliches Schicksal antwortete sie nur dadurch, daß sie mit einer Bestürzung, die sie nicht mehr bewältigen konnte, auf die dunkle Gruppe hindeutete, und, Alice an ihr Herz drückend, laut ausrief:

»Dort! dort! lies unser Schicksal in ihren Gesichtern! Bald werden wir’s sehen! Bald!«

Die Geberden und die gebrochene Stimme Cora’s sprachen deutlicher als alle Worte und richteten schnell die Aufmerksamkeit auch ihrer Begleiter auf eine Stelle, auf die ihr eigener starrer Blick mit einer Spannung geheftet war, der nur in der Wichtigkeit des Augenblicks Erklärung fand.

Als Magua die Rotte lungernder Wilden, die, nachdem sie ihr ekelhaftes Mahl mit gieriger Gefräßigkeit verschlungen hatten, in thierischer Trägheit auf dem Boden ausgestreckt lagen, erreicht hatte, begann er, sie mit der Würde eines indianischen Häuptlings anzureden. Seine ersten Worte hatten die Wirkung, daß seine Zuhörer mit den Zeichen ehrfurchtsvoller Aufmerksamkeit sich erhoben. Da der Hurone in seiner Muttersprache redete, so konnten die Gefangenen, obgleich von den Eingebornen aus Vorsicht im Bereiche ihrer Tomahawks gehalten, nur aus den bedeutungsvollen Geberden, womit der Indianer stets seine Beredsamkeit beleuchtet, auf den Inhalt seiner Worte schließen.

Anfangs waren Magua’s Worte und Bewegungen ruhig und bedächtig. Als er aber die Aufmerksamkeit seiner Kameraden hinlänglich rege gemacht hatte, schloß Heyward aus seinem öfteren Hindeuten nach der Gegend der großen Seen, daß er von dem Lande ihrer Väter und ihrem entfernten Stamme spreche. Häufige Beifallsbezeigungen folgten und mit dem ausdrucksvollen »Hugh!« sahen die Zuhörer einander an, als wollten sie ihre Zufriedenheit mit dem Redner zu erkennen geben. Le Renard war zu gewandt, um seinen Vortheil nicht zu benützen. Er sprach jetzt von dem langen, mühevollen Wege, den sie zurückgelegt, seitdem sie ihre weiten Jagdgehege und ihre Dörfer verlassen hätten, um mit den Feinden ihrer canadischen Väter zu kämpfen. Er zählte die Krieger ihrer Partei auf, ihre zahlreichen Waffenthaten, ihre der Nation geleisteten Dienste, ihre Wunden und die Zahl der Skalpe, die sie gewonnen hätten. Wenn er auf einen der Anwesenden anspielte (und der schlaue Indianer vergaß keinen), strahlten die Züge des Geschmeichelten vor Entzücken, und er säumte nicht, die Wahrheit seiner Worte durch Geberden des Beifalls zu bekräftigen. Jetzt sank die Stimme des Sprechers, und die lauten, lebhaften Siegestöne, womit er ihre glücklichen Erfolge und Großthaten aufgezählt hatte, verstummten. Er beschrieb Glenn’s Wasserfall, die unzugängliche Felseninsel mit ihren Höhlen, ihren zahllosen Strudeln und Wasserwirbeln; sprach den Namen la longue Carabine aus und brach ab, bis der Wald unter ihnen das letzte Echo eines lauten und langen Geheuls widertönt hatte, womit der verhaßte Name aufgenommen wurde. Er deutete auf den jungen Kriegsgefangenen und beschrieb den Tod eines beliebten Kriegers, der von seiner Hand in die tiefe Schlucht gestürzt worden war. Er schilderte nicht nur das traurige Loos dessen, der zwischen Himmel und Erde hängend, der ganzen Truppe ein so gräßliches Schauspiel dargeboten hatte, sondern stellte von Neuem die Schrecken seiner Lage, seine Standhaftigkeit und seinen Tod an den Aesten eines jungen Baumes dar und schloß mit einer kurzen Angabe der Art und Weise, wie jeder ihrer Freunde gefallen war, wobei er nicht versäumte, ihren Muth und ihre Verdienste rühmend anzuerkennen. Als diese Aufzählung der Ereignisse zu Ende war, wechselte seine Stimme ihre Töne abermals und wurde klagend, sogar melodisch in ihren tiefen Kehllauten. Er sprach jetzt von den Weibern und Kindern der Erschlagenen, ihrer Verlassenheit, ihrem leiblichen und geistigen Elend, ihrer Entfernung, und dem Unglück, noch nicht gerächt zu seyn. Dann erhob er plötzlich seine Stimme zu furchtbarer Kraft und rief:

»Sind die Huronen Hunde, daß sie Solches ertragen? Wer soll dem Weibe Menowana’s sagen, daß die Fische seinen Schädel haben und sein Volk noch nicht Rache genommen? Wer wagt es, der Mutter Wassawattimie’s, dem stolzen Weibe, mit unblutigen Händen unter die Augen zu treten? Was soll man den alten Männern sagen, wenn sie nach Skalpen fragen, und wir ihnen kein Haar von einem weißen Schopfe vorweisen können? Die Weiber werden mit Fingern auf uns deuten. Ein schwarzer Flecken haftet auf dem Namen der Huronen, mit Blut muß er abgewaschen werden!«

Seine Stimme verhallte unter dem Rachegeschrei, das in die Lüfte erscholl, als ob der Wald, statt der winzigen Rotte, von dem ganzen Stamme angefüllt wäre. Während dieser Anrede konnten die bei dem Erfolge des Redners am meisten Betheiligten in den Mienen der Zuhörer die Fortschritte des Redners nur zu deutlich erkennen. Seine Klage und sein Leid hatten diese durch Mitgefühl und Trauer, seine Behauptungen durch Geberden der Bekräftigung und sein Ruhmreden mit dem lauten Frohlocken der Wilden beantwortet. Wenn er von Muth sprach, waren ihre Blicke fest und entsprechend; wenn er auf ihre Verluste anspielte, glühten ihre Augen vor Wuth; als er auf die Schmähungen der Weiber kam, senkten sie beschämt ihre Häupter; wie er aber auf die Mittel zur Befriedigung ihrer Rache wies, berührte er eine Saite, die noch nie verfehlt hatte, in der Brust eines Indianers wiederzuklingen. Auf den ersten Wink, daß die Schlachtopfer in ihrem Bereiche seyen, sprang die ganze Rotte auf, stieß ein wüthendes Rachegeschrei ans und stürzte mit gezückten Messern und hocherhobenen Tomahawks auf die Gefangenen los. Heyward warf sich zwischen die Schwestern und den Vordersten, welchen er mit der Stärke der Verzweiflung erfaßte und für einen Augenblick seinem Ungestüm Einhalt that. Dieser unerwartete Widerstand gab Magua Zeit, dazwischen zu treten, und durch seinen blitzschnellen Ruf und seine Geberden die Aufmerksamkeit der Bande aufs Neue zu fesseln. In jener Sprache, der er sich mit solcher Gewandtheit zu bedienen wußte, brachte er seine Kameraden von ihrem augenblicklichen Vorhaben ab und forderte sie auf, die Qual ihrer Schlachtopfer zu verlängern. Sein Vorschlag wurde mit Beifallruf aufgenommen und mit Blitzesschnelle ausgeführt.

Zwei kräftige Krieger warfen sich über Heyward her, während ein Dritter sich des minder gefährlichen Singmeisters bemächtigte. Keiner der Gefangenen unterlag jedoch ohne einen verzweiflungsvollen Kampf. Selbst David warf seinen Angreifer zur Erde, und Heyward wurde erst bewältigt, als der Sieg über seinen Begleiter die Indianer in den Stand setzte, ihn mit vereinten Kräften anzugreifen. Er wurde gefesselt und an den Stamm des jungen Baumes gebunden, an dessen Aesten Magua den verhängnisvollen Tod des Huronen pantomimisch dargestellt hatte. Als der junge Kriegsmann wieder zur Besinnung kam, hatte er die peinvolle Gewißheit vor Augen daß sie alle ein gemeinsames Schicksal erwarte. Zu seiner Rechten war Cora, gleich ihm an einen Baum gebunden, blaß und aufgeregt, aber mit festem Blicke alle Bewegungen ihrer Feinde verfolgend. Zu seiner Linken leisteten Alice die Weiden, womit man sie an eine Fichte gebunden hatte, einen Dienst, den ihre zitternden Glieder versagten, und schützten ihre zarte Gestalt allein vor einem schnellen Zusammensinken. Ihre Hände hatte sie vor sich, wie zum Gebete gefaltet; statt sich aber aufwärts zu jener Macht emporzurichten, die allein noch retten konnte, wanderten ihre Augen unbewußt und mit kindlicher Abhängigkeit nach Duncan’s Antlitz. David hatte gekämpft, und die Neuheit dieses Umstandes hielt ihn schweigend und in stiller Ueberlegung, ob er daran Recht oder Unrecht gethan habe. Die Rache der Huronen hatte jetzt eine neue Richtung genommen, und sie schickten sich an, dieselbe mit jener raffinirten Grausamkeit zu befriedigen, die seit Jahrhunderten bei ihnen an der Tagesordnung ist. Einige suchten Aeste, um den Holzstoß zu errichten; einer schnitzte die Splitter einer Fichte, um sie brennend den Gefangenen ins Fleisch zu stoßen, während Andere die Wipfel zweier junger Bäume zur Erde bogen, um Heyward mit den Armen daran zu binden und dann zurückschnellen zu lassen. Aber Magua’s Rache suchte einen höhern und noch boshaftern Genuß.

Während die minder raffinirten Ungeheuer der Bande, vor den Augen der Opfer ihrer Rache, diese wohlbekannten und gewöhnlichen Mittel der Marter vorbereiteten, trat er zu Cora, und machte sie mit dem Ausdruck teuflischer Bosheit auf das Schicksal aufmerksam das sie im nächsten Augenblick erwartete:

»Nun!« rief er, »was sagt die Tochter Munro’s? Ihr Haupt ist zu gut, um ein Kissen in dem Wigwam Le Renard’s zu finden; wird sie’s besser haben, wenn es, ein Spielball der Wölfe, um diesen Hügel rollt? Ihr Busen kann nicht die Kinder eines Huronen nähren, sie soll ihn von Indianern angespieen sehen!«

»Was will dieses Ungeheuer?« fragte der erstaunte Heyward.

»Nichts!« war ihre feste Antwort, »Er ist ein Wilder, ein grausamer, unwissender Wilder und weiß nicht, was er thut. Laßt uns mit unsrem letzten Athem Buße und Verzeihung für ihn erflehen!«

»Verzeihung!« echote der wilde Hurone, indem er in seiner Wuth den Sinn der Worte mißverstand: »das Gedächtniß eines Indianers ist länger, als der Arm der Blaßgesichter; sein Erbarmen kürzer, als ihre Gerechtigkeit! Sprich, soll ich die gelben Locken ihrem Vater senden, oder willst du Magua zu den großen Seen folgen, um sein Wasser zu tragen und ihn mit Korn zu nähren?«

Cora winkte ihm mit einer Bewegung des Abscheu’s, den sie nicht zu unterdrücken vermochte, sich zu entfernen. »Verlaß mich!« sprach sie mit einer Feierlichkeit, die für einen Augenblick sogar die Wildheit des Indianers zurückdrängte; »du mischest Bitterkeit in meine Gebete; du stehst zwischen mir und meinem Gott!«

Der leichte Eindruck, den sie auf den Wilden machte, war jedoch bald vorüber und er fuhr mit bitterem Hohn, auf Alice deutend, fort:

»Sieh!« sprach er, »das Kind weint! Sie ist noch zu jung zum Sterben! Schicke sie zu Munro, ihm die grauen Haare zu kämmen und Leben in dem Herzen des alten Mannes zu erhalten.«

Cora konnte dem Verlangen nicht widerstehen, auf die jugendliche Schwester zu schauen, in deren Auge sie einem flehenden Blicke begegnete, der Liebe zum Leben verrieth.

»Was sagt er, liebste Cora? fragte Alice mit zitternder Stimme. »Sprach er davon, mich zu unsern Vater zurückzusenden?«

Einige Augenblicke ruhten die Augen der ältern Schwester auf der jüngern, während in ihren Zügen mächtige und mit einander streitende Gefühle kämpften. Endlich sprach sie, obgleich ihre Töne jene reiche, ruhige Fülle verloren hatten, mit einem Ausdruck fast mütterlicher Zärtlichkeit:

»Alice, der Hurone bietet uns beiden das Leben an – ja, mehr noch als dies; er will sogar Duncan – unsern unschätzbaren Duncan sowohl, als dich, unsern Freunden – unsrem Vater – unserem kinderlosen, unglücklichen Vater zurückgeben, wenn ich diesen rebellischen, eigensinnigen Stolz beuge und mich dazu verstehe –«

Ihre Stimme stockte und ihre Hände faltend blickte sie gen Himmel, als suchte sie in ihrer Todesangst Erleuchtung von der Weisheit des Unendlichen.

»Sprich!« rief Alice; »zu was, theuerste Cora? O daß das Anerbieten mir gemacht würde! euch zu retten, den betagten Vater zu trösten! Duncan zu befreien, wie freudig könnte ich sterben!«

»Sterben!« wiederholte Cora mit einer ruhigem und festeren Stimme, »das wäre leicht! vielleicht ist es die Wahl nicht weniger, die er mir läßt. Er wollte von mir haben,« fuhr sie fort, während ihre Stimme unter dem Bewußtseyn des Entehrenden eines solchen Vorschlages sank, »daß ich ihm in die Wildniß folge, mit ihm zu den Behausungen der Huronen gehe und dort bleibe; kurz, daß ich sein Weib werde! Sprich denn, Alice, theures Kind, Schwester meiner Liebe! Und auch Sie, Major Heyward, helfen Sie meiner schwachen Vernunft mit Ihrem Rathe auf. Darf man das Leben mit einem solchen Opfer erkaufen? Willst du es, Alice, aus meiner Hand um solchen Preis empfangen? Und Sie, Duncan, leiten Sie mich! Verfügt über mich! Euch gehöre ich ganz!«

»Wie?« rief der Jüngling voll Unwillen und Erstaunen. »Cora! Cora! Sie spielen mit unsrem Jammer! Sprechen Sie nicht mehr von dieser entsetzlichen Wahl. Der Gedanke schon ist schrecklicher als tausendfacher Tod!«

»Daß Sie so antworten würden, wußte ich!« rief Cora, während ihre Wange erröthete und ihre dunkeln Augen noch einmal von einer Aufwallung erglänzten, wie sie dem Weibe natürlich war. »Was sagt meine Alice? Ihrer Entscheidung will ich mich ohne Murren unterwerfen.«

Beide, Heyward und Cora, horchten mit peinlicher Erwartung und mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, aber keine Antwort erfolgte. Es schien, als sey die zarte und gefühlvolle Alice, nachdem sie diesen Vorschlag gehört, vernichtet in sich selbst zurückgesunken. Ihre Arme hingen herab, die Finger bewegten sich in leichten Zuckungen; ihr Haupt war auf ihren Busen gesunken, und ihre ganze Gestalt schien, ohne eigene Kraft, nur durch ihre Bande am Baume aufrecht erhalten zu werden, gleich einem schönen Sinnbilde verwundeten Zartgefühls ihres Geschlechtes, scheinbar ohne Leben und doch noch des Lebens sich bewußt. In wenigen Augenblicken begann jedoch ihr Haupt sich langsam zu bewegen mit dem Zeichen der innersten, unbezwinglichsten Mißbilligung. »Nein! nein! nein! besser, wir sterben, wie wir zusammen gelebt!«

»So stirb’« schrie Magua, seinen Tomahawk mit Ungestüm gegen die wehrlose Sprecherin werfend, zähneknirschend und mit einer Wuth, die er nicht länger bezwingen konnte, über diesen unerwarteten Beweis von Festigkeit in einem Wesen, welches er für das schwächste unter allen gehalten hatte. Die Axt schwirrte an Heyward’s Stirn vorbei, durchschnitt eine von den flatternden Locken Alicen’s und fuhr über ihren Kopf in den Baum. Dieser Anblick brachte Duncan zur Verzweiflung. Mit gewaltsamer Anstrengung sprengte er seine Fesseln und stürzte auf einen andern Wilden, welcher mit lautem Geschrei und besser zielend, einen zweiten Streich zu führen im Begriffe war. Sie faßten sich, rangen, und fielen zu Boden. Der nackte Leib seines Gegners bot Heyward keinen Halt; er entschlüpfte ihm, fuhr ihm mit einem Knie auf die Brust und drückte ihn mit Riesenkraft darnieder. Schon sah Duncan das Messer in der Luft blitzen, als ein zischender Laut an ihm vorbeipfiff und von dem scharfen Knall einer Büchse mehr begleitet als gefolgt ward. Er fühlte sich von der Last, die ihn niedergedrückt hatte, erleichtert, und sah, wie der grimmige Ausdruck in seines Gegners Miene in einen Blick leerer Wildheit überging. Der Indianer sank todt auf die dürren Blätter zu seiner Seite nieder.

Zwölftes Kapitel.

Zwölftes Kapitel.

Clown. Ich bin fort, Sir,
Und im Nu, Sir,
Bin wieder ich zurück.
         
Shakespeare’s        
heiliger Dreikönigsabend.

Regungslos standen die Huronen bei diesem plötzlichen Eintritte des Todes in ihre Reihen. Als sie aber der verderbenbringenden Sicherheit eines Schusses gedachten, der sich sein feindliches Ziel mit so viel Gefahr für den Freund gewählt hatte, ertönte plötzlich der Ruf: »La longue Carabine« aus Aller Munde, und ein wildes, fast klägliches Geheul ließ sich hören. Ein lautes Geschrei aus einem kleinen Dickicht, wo die Unvorsichtigen ihre Waffen aufgestellt hatten, antwortete, und im nächsten Augenblick stürzte Hawk-eye, zu ungeduldig, die wiedergewonnene Büchse zu laden, auf sie zu, indem er die gewichtige Waffe schwang und die Luft mit weiten und mächtigen Schwingungen durchschnitt. So kühn und rasch aber auch die Bewegungen des Kundschafters waren, so überholte ihn doch die leichte und kräftige Gestalt eines Wilden, welcher mit unglaublicher Behendigkeit und Kühnheit an ihm vorbei mitten unter die Huronen sprang und hier unter furchtbaren Drohungen einen Tomahawk schwingend und ein blitzendes Messer zückend sich vor Cora stellte. Schneller, als der Gedanke diesen unerwarteten und verwegenen Bewegungen folgen konnte, in der unheilbringenden Vollrüstung des Todes, glitt eine Gestalt vor ihren Augen vorbei und stellte sich in drohender Haltung zur Seite des Andern auf. Die wilden Quäler schracken vor diesen kriegerischen Eindringlingen zurück und stiessen bei ihrem Erscheinen den oft wiederholten eigenthümlichen Ruf des Erstaunens aus, auf den die wohlbekannten und gefürchteten Benennungen: Le Cerf agile! Le gros Serpent! folgten.

Aber der schlaue und wachsame Führer der Huronen war nicht so bald außer Fassung gebracht. Mit scharfem Auge um sich blickend, überschaute er die Art des beginnenden Kampfes mit einem Blick, und seine Begleiter durch Stimme und Beispiel ermuthigend, zückte er sein langes, gefährliches Messer und stürzte mit lautem Geheul auf den erwartenden Chingachgook los. Dies war das Signal zu allgemeinem Kampf. Kein Theil hatte Feuergewehre und der Streit mußte auf die tödtlichste Weise, Hand gegen Hand mit Waffen des Angriffs und keinen der Vertheidigung entschieden werden.

Uncas stürzte sich, das Kampfgeschrei erwiedernd, auf einen Feind und zerschmetterte ihm mit einem einzigen, wohlgerichteten Schlage den Schädel. Heyward zerrte Magua’s Waffe aus dem jungen Baume und eilte mit Ungestüm zum Streit herbei. Da die Kämpfenden sich jetzt an Zahl gleich waren, so ersah sich jeder seinen Mann unter den Gegnern aus. Angriff und Streiche folgten sich mit der Wuth eines Wirbelwinds und der Schnelligkeit des Blitzes. Hawk-eye nahm alsbald einen zweiten Feind in den Bereich seines Armes; mit einem Schwunge seiner furchtbaren Waffe wehrte er die einfache, kunstlose Vertheidigung seines Gegners ab und schlug ihn mit demselben Streiche zu Boden. Heyward schleuderte, zu hitzig, um zu warten bis er seinem Gegner nahe genug war, den Tomahawk auf ihn ab. Er traf den Indianer, den er sich ausersehen, vor die Stirne und hemmte für einen Augenblick seinen Angriff. Ermuthigt durch diesen geringen Vortheil, sprang der ungestüme junge Mann mit unbewehrten Händen auf seinen Feind los. Ein Augenblick aber reichte hin, ihn von seiner Uebereilung zu überzeugen; denn alsbald mußte er seine ganze Gewandtheit und allen Muth aufbieten, um sich der verzweifelten Messerstöße des Huronen zu erwehren. Unfähig, einem so behenden und wachsamen Gegner länger zu widerstehen, umfaßte er ihn mit seinen Armen und es gelang ihm, dem Feinde mit eisernem Griff die Hände fest an den Leib zu drücken; aber diese Anstrengung war zu stark, als daß sie ihn nicht hätte bald erschöpfen müssen. In dieser äußersten Gefahr ertönte eine Stimme neben ihm:

»Vernichtet die Schufte! keinen Pardon den verfluchten Mingos!« Im nächsten Augenblick fiel der Kolben der Büchse Hawk-eye’s auf den nackten Kopf von Heyward’s Gegner, dessen Muskeln unter dem Streiche zu verdorren schienen, während er kraft- und bewegungslos aus Duncan’s Armen niedersank.

Als Uncas seinen ersten Feind niedergeschmettert hatte, wandte er sich wie ein hungriger Löwe, einen zweiten zu suchen. Der fünfte und einzige Hurone, der bei dem ersten Angriff seinen Gegenmann gefunden, hatte eine Weile unentschlossen da gestanden und dann mit teuflischer Bosheit versucht, das unterbrochene Werk der Rache zu vollenden. Ein Siegesgeschrei erhebend sprang er auf die wehrlose Cora zu und schleuderte, als furchtbaren Vorboten seiner Annäherung, seinen scharfen Tomahawk nach ihr. Dieser streifte ihr die Schulter, durchschnitt die Weiden, welche sie an den Baum gefesselt hielten und ließ ihr Freiheit, zu entfliehen. Cora entschlüpfte dem Griffe des Wilden, warf sich, um die eigene Sicherheit unbesorgt, an Alicens Busen, und versuchte mit krampfhaften, zitternden Händen die Weiden zu lösen, die jene noch festhielten. Nur ein Ungeheuer konnte bei diesem Zuge edelmüthiger, aufopfernder Liebe ungerührt bleiben; aber die Brust des Huronen kannte kein Mitgefühl. Er ergriff Cora an den üppigen Locken, welche ihr in schöner Verwirrung über Nacken und Schultern fielen, und riß sie mit dem rohesten Ungestüm auf die Kniee nieder. Hierauf wand er sich die reiche Fülle der Haare um die Hand und, sie hoch mit ausgestrecktem Arme emporhaltend, schwang er ein Messer um das schöngeformte Haupt seines Schlachtopfers, indem er ein höhnisches und frohlockendes Gelächter erhob. Allein er mußte diesen Augenblick grausamer Lust theuer bezahlen. In demselben Moment erschaute Uncas diese entsetzliche Scene. Emporspringend schoß er durch die Lüfte und stürzte gleich einer Kugel auf die Brust seines Feindes herab, indem er ihn jählings viele Schritte weg zu Boden schleuderte. Die Heftigkeit der Anstrengung warf den jungen Mohikaner samt dem Feinde zur Erde. Beide sprangen zugleich wieder auf, fochten, bluteten wechselseitig. Aber der Kampf war bald entschieden; der Tomahawk Heyward’s und die Büchse Hawk-eye’s fielen in demselben Augenblick auf den Schädel des Huronen, als Uncas Messer sein Herz erreichte.

Der Kampf war jetzt entschieden bis auf das immer noch währende Handgemenge von »le Renard Subtil« und »le gros Serpent.« Die wilden Krieger bewiesen, daß sie diese bezeichnenden Namen, die ihnen für frühere Kriegsthaten zu Theil geworden, wohl verdienten. Als sie handgemein wurden, verging einige Zeit damit, daß sie den schnellen und kräftigen Hieben, die sie auf einander führten, gegenseitig auswichen; plötzlich aber stürzten sie auf einander los, umfaßten sich und fielen zu Boden, indem sie sich, Schlangen gleich, in unaufhörlichen Krümmungen um einander wanden. In dem Augenblicke, da sich die Sieger unbeschäftigt fanden, war die Stelle, wo diese erfahrenen und verzweifelten Kämpfer lagen, nur an einer Wolke von Staub und Blättern erkennbar, welche sich von dem Mittelpunkte der kleinen Ebene, wie durch einen Wirbelwind getrieben, an den Rand derselben fortbewegte. Von kindlicher Liebe, Freundschaft und Dankbarkeit angetrieben, stürzten Heyward und seine Genossen nach dem Orte und umgaben die kleine Staubwolke, welche über den Kämpfenden schwebte. Umsonst schoß Uncas um die Wolke, dem Feinde seines Vaters das Messer in das Herz zu stoßen; umsonst war Hawk-eye’s Büchse drohend emporgehoben; umsonst suchte Duncan einen Fuß des Huronen zu erfassen – seine Hände schienen all‘ ihre Kraft verloren zu haben. Bedeckt, wie sie waren, von Staub und Blut, schienen sie durch ihre schnellen Bewegungen in einen Körper verwachsen. Die todtenähnliche Gestalt des Mohikaners und die düstere des Huronen wechselten vor ihren Augen in so schneller und verworrener Aufeinanderfolge, daß die Freunde des Erstern nicht wußten, wann oder wohin sie ihre hülfreichen Streiche führen sollten. Zwar gab es kurze, flüchtige Augenblicke, wo die grimmigen Augen Magua’s gleich denen des fabelhaften Basilisken durch den ihn umgebenden Staubwirbel funkelten, und mit diesen kurzen und tödtlichen Blicken konnte er das Schicksal eines Kampfes mit solchen Feinden lesen. Ehe jedoch eine feindliche Hand auf sein dem Tode geweihtes Haupt herabsinken konnte, war schon an seiner Stelle das finstere Gesicht Chingachgook’s sichtbar. Auf diese Weise hatte sich der Kampf aus dem Mittelpunkte der kleinen Ebene an den Rand derselben gezogen. Dem Mohikaner gelang es jetzt, seinem Gegner einen gewaltigen Stoß mit dem Messer zu versetzen; Magua ließ ihn plötzlich los, und sank regungslos, wie es schien, ohne Leben zurück. Sein Gegner sprang auf die Füße und ließ die Laubgewölbe des Waldes von Siegsgeschrei ertönen.

»Sieg den Delawaren! Sieg den Mohikanern!« rief Hawk-eye, indem er noch einmal den Kolben seiner langen Todeswaffe erhob; »ein letzter Kolbenstreich von Einem, dem reines Blut in den Adern rinnt, ist nicht wider seine Ehre und raubt ihm sein Recht auf den Skalp nicht.«

In dem Augenblick aber, da die verderbliche Waffe herabfuhr, entzog sich der geschmeidige Hurone schnell der Gefahr durch eine Bewegung, durch welche er über den Rand des Absturzes rollte, auf die Füße zu stehen kam, und mit einem einzigen Sprung in das Dickicht eines niedern Buschwerks verschwand, das sich zu seinen Seiten schloß. Die Delawaren, welche den Feind todt geglaubt hatten, stiegen ihren Ruf der Verwunderung aus und verfolgten ihn wie zwei Windspiele, wenn sie das Wild erschauen, mit stürmischer Eile, als ein schrilles und eigenthümliches Geschrei des Kundschafters ihr Vorhaben änderte und sie auf den Gipfel des Hügels zurückrief.

»Das sieht ihm gleich!« rief der alte Waidmann, dessen Vorurtheile so viel dazu beitrugen, seinen natürlichen Sinn für Gerechtigkeit, so bald es die Mingo’s betraf, zu berücken. »Ein lügenhafter, betrügerischer Kerl! Ein ehrlicher Delaware, einmal besiegt, wäre ruhig liegen geblieben, und hätte sich den Todesstoß geben lassen; diese schurkischen Maquas aber haben ein Leben, wie wilde Katzen. Laßt ihn gehen – laßt ihn gehen: ’s ist nur ein Mann ohne Büchse oder Bogen und hat manche gute Meile zu seinen französischen Kameraden; und wie ein Eber, der seine Fänge verloren, kann er keinen Schaden mehr thun, ehe er und auch wir die Tritte unsrer Moccassins einer weiten Sandstrecke eingedrückt haben. Sieh, Uncas,« fuhr er in delawarischer Sprache fort, »dein Vater hält bereits seine Skalpenärnte. Er thut recht, daß er nach den Vagabunden sieht, sonst entspringt uns wieder Einer durch die Wälder und kreischt wie ’ne Elster, der man die Flügel freigelassen hat!«

Mit diesen Worten hielt der ehrliche, aber unversöhnliche Kundschafter seinen Umgang bei den Todten, und stieß ihnen mit solcher Kaltblütigkeit sein langes Messer in die leblose Brust, als ob es eben so viel Ueberreste von Thieren gewesen wären. Der ältere Mohikaner war ihm jedoch zuvorgekommen und hatte den widerstandlosen Häuptern bereits diese Sinnbilder des Sieges abgezogen.

Uncas aber flog, seine Sitte nur wir möchten wohl sagen, seine Natur verläugnend, mit instinktmäßigem Zartgefühl, von Heyward begleitet, den Mädchen zu Hülfe, befreite schnell Alice von ihren Fesseln und führte sie in Cora’s offene Arme. Wir wollen unterlassen, den Dank gegen den allmächtigen Lenker der Ereignisse zu schildern, der in den Schwestern glühte, die dem Leben und ihrer Liebe so unerwartet wieder geschenkt worden waren. Ihr Gebet war innig und still; die Opfer ihres edeln Gemüths brannten hell und rein auf den geheimen Altären ihrer Herzen; und ihre neu belebten irdischen Gefühle drückten sich in langen, glühenden, wenn auch sprachlosen Liebkosungen aus. Als Alice von ihren Knieen, auf die sie zur Seite Cora’s gesunken war, sich erhob, stürzte sie an den Busen ihrer ältern Schwester und sprach unter lautem Schluchzen den Namen ihres betagten Vaters aus, während ihre sanften Taubenaugen von den Strahlen der Hoffnung erglänzten.

»Wir sind gerettet! wir sind gerettet!« sprach sie leise; »um in die Arme unsres theuren, theuren Vaters zurückzukehren, und sein Herz wird nicht vor Gram brechen. Und auch du, Cora, meine Schwester, die du mir mehr als Mutter bist; auch du bist gerettet, und Duncan!« fuhr sie fort, indem sie mit einem unaussprechlichen Lächeln der Unschuld auf den Jüngling schaute: »auch unser tapferer, edelmüthiger Duncan ist ohne Verletzung der Gefahr entronnen!«

Auf diese feurigen und fast unzusammenhängenden Worte antwortete Cora blos damit, daß sie die jugendliche Sprecherin an ihr Herz drückte, und sich mit inniger Zärtlichkeit über sie beugte. Der männliche Heyward schämte sich nicht, über diesen Anblick zärtlichen Entzückens Thränen zu vergießen, und Uncas stand, frisch und mit Blut bedeckt vom Kampfe kommend, ein ruhiger und anscheinend ungerührter Zuschauer da, aber mit Augen, die bereits ihre Wildheit verloren hatten, und von einem Mitgefühle strahlten, das ihn weit über den geistigen Gesichtskreis und wahrscheinlich um Jahrhunderte über die Sitten seiner Nation erhob.

Während sich diese ihrer Lage so natürlichen Gefühle aussprachen, nahte sich Hawk-eye, dessen vorsichtiges Mißtrauen ihn überzeugt hatte, daß die Huronen, welche eine so himmlische Scene entstellt, ihre Harmonie nicht mehr zu unterbrechen im Stande waren, David und befreite ihn von den Banden, die er bis zu diesem Augenblick mit musterhafter Geduld getragen hatte.

»Jetzt!« rief der Kundschafter, die letzte Weide hinter sich werfend, »jetzt seyd Ihr wieder Herr eurer Glieder, obgleich Ihr im Gebrauche derselben nicht mehr Verstand zeigt, als die Natur, die solche geschaffen hat. Wenn euch der Rath eines Mannes, der nicht älter ist, als Ihr, aber den größten Theil seines Lebens in der Wildniß zugebracht hat und also wohl sagen kann, daß er Erfahrung über seine Jahre besitzt, nicht verdrießt, so wäre er folgender: verkauft das kleine Pfeif-Instrument in eurer Tasche da an den ersten besten Narren, den Ihr treffet, und kauft mit dem Geld ’ne brauchbare Waffe und wär’s auch nur der Lauf einer Reiterpistole. Mit Eifer und Sorgfalt könntet Ihr’s noch zu was bringen; denn jetzt sollt‘ ich meinen, müßten eure Augen deutlich sehen, daß eine Aaskrähe ein besserer Vogel, als eine Spottdrossel ist. Die Eine schafft wenigstens dem Menschen das stinkende Aas aus dem Gesicht, indes die Andere in den Wäldern Nichts als Unheil stiftet, indem sie die Leute irre führt.«

»Waffen und Zinken für die Schlacht, aber Lobgesang für den Sieg!« antwortete der befreite David. »Freund,« fügte er bei, seine kleine, zarte Hand freundlich gegen Hawk-eye aufreckend, indem seine Augen blinzten und sich mit Thränen füllten: »ich danke dir, daß die Haare meines Hauptes noch wachsen, wo sie die Vorsehung hingepflanzt hat. Wenn auch die der Andern glänzender und gekräuselt sind, so habe ich doch die meinen immer noch gut genug gefunden für den Schädel, den sie decken. Daß ich keinen Theil an dem Kampfe nahm, geschah nicht sowohl aus Abneigung, als wegen der Bande, in die mich die Heiden gelegt. Tapfer und flink hast du dich im Kampfe bewiesen, und hierfür danke ich dir, ehe ich mich noch anderer und wichtigerer Pflichten entledige, weil du dich des Christenlobes würdig erwiesen hast.«

»Das ist nicht der Rede werth, und noch oft könnt Ihr’s zu sehen bekommen, wenn Ihr länger bei uns verweilt,« erwiederte der Kundschafter, ein gut Theil milder gestimmt gegen den Mann des Gesangs, der so unzweideutig seiner Dankbarkeit Worte geliehen hatte. »Ich hab‘ meinen alten Kameraden, den Wildtödter, wieder,« setzte er hinzu, indem er mit der Hand an den Kolben seiner Büchse schlug; »und das ist allein schon ein Sieg. Die Irokesen sind schlau; aber das war ein dummer Streich, daß sie ihre Büchsen sich so weit aus der Hand legten; und hätten Uncas oder sein Vater auch nur die gewöhnliche Indianergeduld gehabt, so wären wir mit drei Kugeln statt mit einer hinter die Schelme gestiegen, und das hätte dem ganzen Pack den Garaus gemacht, dem Springhasen dort, wie seinen Spießgesellen. Aber ’s war Alles so vorherbestimmt und wird auch so am besten seyn.« »Du hast Recht,« versetzte David; »hast ganz den Geist des Christenthums erfaßt. Wer gerettet werden soll, wird gerettet werden, und wer zur Verdammniß vorherbestimmt ist, wird sicherlich verdammt werden. Dies ist die Lehre der Wahrheit, und eine höchst tröstliche und erquickliche für den wahren Gläubigen!

Der Kundschafter, der in dieser Zeit dagesessen hatte, den Zustand seiner Büchse mit einem gewissen väterlichen Eifer prüfend, blickte zu dem Andern mit einem Ausdruck des Mißvergnügens auf, den er keineswegs zu verhehlen gemeint war, fernere Rede rauh unterbrechend: –

»Lehre oder nicht,« sprach der kecke Waldmann, »das ist der Glaube von Schurken und der Fluch eines ehrlichen Mannes. Ich kann glauben, daß der Hurone dort durch meine Hand fallen mußte; denn ich hab‘ es mit meinen eigenen Augen gesehen. Aber nur wenn ich Zeuge davon bin, will ich glauben, daß er irgend einen Lohn empfangen, oder daß Chingachgook dort am jüngsten Tag verdammt werden wird.«

»Ihr habt keine Gewährleistung für solch eine verwegene Lehre, noch eine Autorität, auf die Ihr euch berufen könnet,« rief David, dessen Glaube eine starke Färbung jener metaphysischen Spitzfindigkeit trug, durch welche man zu jener Zeit und vornehmlich in seiner Provinz die schöne Einfachheit der Offenbarung verhüllte, indem man sich bestrebte, in das heilige Dunkel der göttlichen Natur einzudringen, Selbstgenügsamkeit an die Stelle des Glaubens setzte und folglich Alle, welche von solchen menschlichen Dogmen ausgingen, in Absurditäten und Zweifel verwickelte; »euer Tempel ist auf Sand gebaut, und der erste Sturm wird ihn von seiner Stelle reißen. Ich frage euch, welche Autoritäten habt Ihr für eine so unchristliche Behauptung (gleich andern Verteidigern eines Systems war David nicht immer genau in der Wahl seiner Ausdrücke). Nennt Kapitel und Vers; in welchem der heiligen Bücher findet Ihr einen Text, welcher für euch spräche?«

»Buch!« wiederholte Hawk-eye mit auffallender, unverholener Verachtung; »haltet Ihr mich für einen wimmernden Knaben, der einer eurer alten Großmütter an der Schürze hängt; und die gute Büchse auf meinem Knie da für eine Gänsefeder, mein Pulverhorn für ein Tintenfaß und meine Jagdtasche für ein übergeschlagenes Taschentuch, mein Essen drin in die Schule zu tragen? Was? Buch? Was hab‘ ich, ein Krieger der Wildniß, obgleich ein Mann von reinem Blut, mit Büchern zu schaffen? Ich las immer nur in einem, und die Worte, welche in diesem geschrieben sind, sind zu einfach und zu klar, um viel Schulens zu bedürfen; und doch kann ich mich rühmen, vierzig lange und harte Jahre darin gelesen zu haben.«

»Was meint Ihr da für ein Buch?« fragte David, der des Andern Meinung nicht recht verstand.

»Es liegt offen vor euern Augen,« erwiederte der Kundschafter, »und der Eigenthümer ist nicht karg damit, läßt gerne darin lesen. Ich hörte schon sagen, es gebe Leute, die in Büchern lesen, um sich zu überzeugen, daß ein Gott ist. Es ist möglich, daß sie in den Niederlassungen seine Werke so verunstalten, daß das, was in der Wildniß so klar und deutlich vor Augen liegt, unter Krämern und Priestern zweifelhaft wird. Wenn’s einen Solchen gibt und er will mir von einer Sonne zur andern durch die Windungen der Wälder folgen, so soll er genug sehen, um sich zu überzeugen, daß er ein Narr ist und daß seine größte Narrheit darin besteht, an ein Wesen hinanreichen zu wollen, dem er niemals, weder an Güte noch an Macht gleichkommen kann.«

Sobald David merkte, daß er mit Einem stritt, der seinen Glauben aus Naturanschauungen geschöpft habe, und sich auf keine Spitzfindigkeit der Lehre einließ, so gab er gerne einen Kampf auf, in dem er weder Vortheil noch Ehre Ernten konnte. Während der Kundschafter sprach, hatte auch er sich gesetzt, und das allzeit bereite Büchlein nebst der in Eisen gefaßten Brille hervorziehend, schickte er sich an, eine Pflicht zu erfüllen, die allein in Folge des unerwarteten Angriffs auf seine Rechtgläubigkeit so lange unerfüllt geblieben war. Er war in der That ein Minstrel des westlichen Continents in einer weit spätern Zeit, als jene begeisterten Barden, welche früher den profanen Ruhm eines Freiherrn oder Fürsten besangen; aber er war ein Barde im Geiste seiner Zeit und seines Landes, und jetzt im Begriff, den so eben errungenen Sieg zu verherrlichen, oder vielmehr einen Lobgesang dafür anzustimmen. Er wartete geduldig, bis Hawk-eye ausgeredet hatte, und begann, seine Augen erhebend, mit lauter Stimme:

»Ich lade euch ein, meine Freunde, euch mit mir zu einem Lobgesang für die wunderbare Errettung aus den Händen der Barbaren und Ungläubigen zu vereinigen, nach der kräftigen und feierlichen Melodie, genannt »Northampton«.«

Er benannte nächstdem Seite und Vers, wo die von ihm gewählten Strophen zu finden waren und brachte die kleine Pfeife an seine Lippen mit einem so würdevollen Ernste, als ob er in der Kirche sich befände. Dies Mal blieb übrigens seine Stimme ohne Begleitung; denn die beiden Schwestern erfreuten sich noch an jenen zärtlichen Liebesbeweisen, von denen wir bereits gesprochen haben. Nicht abgeschreckt durch die kleine Zuhörerschaft, welche in Wahrheit nur aus dem verdrießlichen Kundschafter bestand, erhob er seine Stimme, begann und endete seinen heiligen Gesang, ohne durch irgend Etwas unterbrochen zu werden.

Hawk-eye hörte zu, während er seinen Flintenstein zurecht machte und seine Büchse wieder lud; aber die Töne, welche durch keine Scenerie und keine verwandte Empfindung unterstützt wurden, waren nicht vermögend, seine schlummernden Gefühle zu wecken. Nie hatte ein Minstrel, oder welchen passendern Namen man David geben wollte, vor unempfänglicheren Zuhörern seine Talente entwickelt, und doch, sah man auf die Einfalt und Innigkeit seiner Andacht, so drang wahrscheinlich noch keines Barden Gesang so unmittelbar zu dem Throne dessen, dem allein Preis und Ehre gebührt. Der Kundschafter schüttelte den Kopf, murmelte einige unverständliche Worte, unter denen »Kehle« und »Irokese« allein vernehmbar waren, und ging weg, um das eroberte Arsenal der Huronen zu sammeln und in Augenschein zu nehmen. Bei diesem Geschäfte unterstützte ihn Chingachgook, der sowohl seine eigene, als seines Sohnes Büchse unter der Beute fand. Selbst Heyward und David wurden jetzt mit Waffen versehen; auch fehlte es nicht an Schießbedarf, um sie wirksam zu machen.

Als die Waldbewohner ihre Auswahl getroffen und ihre Beute vertheilt hatten, kündigte der Kundschafter an, daß sie aufbrechen müßten. Mittlerweile war Gamuts Gesang verstummt, und die Schwestern waren im Stande, der Aeußerung ihrer Gefühle Schranken zu setzen. Gestützt auf Heyward und den jungen Mohikaner stiegen sie den steilen Abhang des Hügels hinab, den sie erst noch unter so ganz verschiedenen Auspicien erklommen hatten, und dessen Gipfel beinahe der Schauplatz ihrer grausamen Ermordung geworden wäre. Am Fuße desselben fanden sie ihre Narragansets, welche an den Gebüschen weideten; sie bestiegen solche und folgten den Bewegungen eines Führers, der sich in den gefährlichsten Lagen als ihr Freund bewährt hatte. Die Reise war jedoch kurz. Hawk-eye verließ den Pfad, auf dem die Huronen gekommen waren, bog rechts durch ein Dickicht, ging dann über einen rieselnden Bach und hielt in einem engen Thälchen unter dem Schatten einiger Wasserulmen. Die Entfernung von dem Fuße des verhängnisvollen Hügels betrug nur einige Ruthen, und die Pferde hatten den Schwestern nur dazu gedient, sie trocknen Fußes über den seichten Bach zu bringen.

Der Kundschafter und die Indianer schienen den abgeschiedenen Platz, auf dem sie sich befanden, genau zu kennen: denn sie lehnten ihre Büchsen an die Bäume, und fingen an, das dürre Laub wegzuräumen und die bläulichte Thonerde aufzuscharren, worauf plötzlich eine klare, reine Quelle glänzend hervorsprudelte. Der Weiße blickte um sich, als ob er etwas suchte, was er zu finden hoffte, aber nicht sogleich finden konnte.

»Die sorglosen Schufte, die Mohawks mit ihren Tuscarora und Onondagabrüdern haben hier ihren Durst gestillt,« murmelte er, »und die Landstreicher haben die Kürbisflasche weggeworfen! So geht es, wenn man Einem einen Dienst erweist und es mit undankbaren Hunden zu thun hat! Hier hat der Herr zu ihrem Besten mitten in der heulenden Wildniß die Hand aufgereckt und aus den Eingeweiden der Erde eine Quelle springen lassen, welche die reichsten Apothekerbuden in allen Kolonien zu Schanden machen kann. Nun seht! die Taugenichtse haben die Erde eingetreten und den hübschen Platz verschändet, als ob sie dumme Bestien und keine Menschen wären.«

Uncas reichte ihm stillschweigend die gewünschte Kürbisflasche hin, die er bisher in seinem Spleen nicht an dem Ast einer Ulme hatte hängen sehen. Er füllte sie mit Wasser, und zog sich in einige Entfernung zurück nach einer Stelle, wo der Boden fester und trockener war. Hier setzte er sich nieder, und nach einem langen und, wie es schien, erquickenden Zuge fing er an, die Reste der Nahrungsmittel, welche die Huronen zurückgelassen hatten und die sich in seiner Waidtasche befanden, in genaue Untersuchung zu nehmen. »Dank Dir, Junge,« fuhr er fort, indem er die leere Kürbisflasche an Uncas zurückgab, »jetzt wollen wir sehen, wie diese Kriecher, die Huronen, auf ihren Wegelagerungen lebten. Da seht ‚mal! die Kerls kennen die besten Bissen an dem Wilde, und man sollte denken, sie könnten ein Stück Wildpret abschneiden und braten trotz dem besten Koch im Lande! Aber alles ist roh: die Irokesen sind noch ächte und gerechte Wilde. Uncas, nimm meinen Stahl und zünd‘ ein Feuer an! Ein Stück zarten Rostbratens hilft nach einem so langen Marsche der Natur wieder auf.«

Heyward, welcher bemerkte, daß ihre Führer ernstliche Anstalten zu einem Mahle machten, half den Ladies von den Pferden und nahm an ihrer Seite Platz, mit Freude sehend, daß sie nach der blutigen Scene einiger Augenblicke Ruhe genießen sollten. Während die Küchenvorbereitungen vor sich gingen, spornte ihn die Neugierde, nach den Umständen zu fragen, die zu ihrer so zeitigen als unerwarteten Rettung geführt hatten.

»Wie kommt es, daß wir Euch sobald wieder sahen, mein edelmüthiger Freund?« fragte er, »und ohne die Hülfe der Garnison von Edward?«

»Wären wir der Krümmung des Flusses nachgegangen, so wären wir noch zeitig genug gekommen, das Laub über Eure Leichen zu rechen, aber zu spät, um Eure Skalps zu retten,« antwortete der Kundschafter kaltblütig, »Nein, nein, statt Kraft und Zeit mit dem Rennen nach dem Fort zu vergeuden, blieben wir am Ufer des Hudson im Hinterhalt, um die Bewegungen der Huronen zu beobachten.«

»So waret Ihr denn Augenzeugen alles dessen, was mit uns vorging?«

»Keineswegs, die Augen der Indianer sehen zu scharf, als daß man ihnen entgehen könnte; wir hielten uns verborgen. Schwer hielt es, den Mohikaner-Jungen da im Versteck zu halten. Oh! Uncas, Uncas, Dein Benehmen war mehr das eines neugierigen Weibes, denn eines Kriegers, der auf der Lauer liegt.«

Uncas wandte sein Haupt einen Augenblick nach der finstern Miene des Sprechers; aber er sprach nicht, noch gab er ein Zeichen der Reue. Im Gegentheile lag, wie Heyward zu bemerken glaubte, in der Miene des jungen Mohikaners ein Ausdruck von Stolz, wo nicht von Verachtung: er unterdrückte eine Leidenschaft, die im Begriff war auszubrechen, sowohl aus Rücksicht gegen seine Zuhörer, als aus gewohnter Achtung für seinen weißen Genossen.

»Ihr saht, wie sie uns gefangen nahmen?« fragte Heyward weiter.

»Wir hörten es,« war die bezeichnende Antwort. »Ein Indianergeschrei ist eine verständliche Sprache für Leute, die ihr Leben in den Wäldern zugebracht haben. Aber als Ihr landetet, mußten wir wie Schlangen unter dem Laube kriechen und verloren Euch gänzlich aus den Augen, bis wir Euch wieder erblickten, an die Bäume gebunden, um auf gut Indianisch niedergemetzelt zu werden.«

»Unsere Rettung war ein Werk der Vorsehung. Fast ein Wunder war es, daß Ihr den rechten Weg einschluget: denn die Huronen theilten sich, und jeder Haufen hatte seine Pferde.«

»Ja, beinahe hatten wir die Fährte verloren, und wären irre gegangen, wenn Uncas nicht gewesen wäre; wir entschieden uns jedoch für den Weg, der in die Wildniß führt; denn wir schlossen mit Recht, daß die Wilden mit ihren Gefangenen diese Richtung einschlagen würden. Aber als wir schon manche Meile zurückgelegt hatten, ohne einen einzigen Zweig geknickt zu finden, wie ich doch gerathen hatte, wurde ich sehr besorgt, besonders da ich sah, daß alle Fußstapfen von Moccassins herrührten.«

»Unsere Sieger hatten die Vorsicht gebraucht, uns auf ihre Weise zu beschuhen,« sagte Duncan, indem er den Fuß aufhob und die kleinen Halbstiefel zeigte.

»Das war klug und sieht ihnen ähnlich: doch wir waren zu erfahren, um uns durch diese gewöhnliche List von unsrer Fährte abbringen zu lassen.«

»Welchen Umstande verdanken wir also unsere Rettung?«

»Einem Umstande, den ich als ein Weißer, der keinen Tropfen Indianerblutes in seinen Adern hat, fast mich schämen sollte zu gestehen: – der Einsicht des jungen Mohikaners, in Dingen, die ich besser verstehen sollte, als er, und an die ich jetzt noch kaum glauben kann, obgleich meine eigenen Augen mir sagen, daß es so ist.«

»Das ist sonderbar! Wollt Ihr mir nicht sagen, was es ist?«

»Uncas war kühn genug, zu behaupten,« fuhr Hawk-eye fort, indem er seine Augen nicht ohne Neugierde auf die Pferdchen der Ladies heftete, »daß die von den Frauen gerittenen Thiere beide Füße auf einer Seite zu gleicher Zeit zur Erde setzten, was doch dem Gange aller vierfüßigen Bestien, die ich kenne, widerstreitet, dem des einzigen Bären ausgenommen. Und doch sind hier Pferde, die immer so gehen, wie meine eigenen Augen mich überzeugten, und wie ihre Fährte zwanzig lange Meilen bewiesen hat.

»Das ist der Vorzug dieser Thiere! Sie kommen von den Ufern der Narragansetbai, in der kleinen Provinz der Providence-Kolonien, und sind berühmt wegen ihrer Ausdauer und der Leichtigkeit ihrer Bewegungen; doch lassen sich auch nicht selten andere Pferde so abrichten.«

»Mag seyn! mag seyn!« sagte Hawk-eye, der mit besonderer Aufmerksamkeit auf diese Erklärung gehört hatte, »obgleich ich ein Mann bin, dem das reine Blut der Weißen in seinen Adern fließt, so ist doch mein Urtheil, was das Wild und den Biber betrifft, gründlicher, als über lasttragende Thiere. Major Effingham hat viele edle Rosse, ich habe aber nie eines auf so wunderliche Weise seitwärts gehen sehen.«

»Gewiß: denn er schätzt den Werth der Thiere nach ganz andern Eigenschaften. Immer aber ist dies eine sehr beliebte Race, und wie ihr seht, erfährt sie viel Ehre durch die Lasten, die man ihr anvertraut.«

Die Mohikaner hatten ihr Geschäft an dem Feuer eingestellt, um zuzuhören; und als Duncan ausgeredet hatte, sahen sie einander verwundert an, während der Vater den nie fehlenden Ausruf des Erstaunens vernehmen ließ. Der Kundschafter sann nach, als ob er die neu erworbene Kenntniß verdauen wollte, und warf wieder einen verstohlenen Blick auf die Pferde.

»Ich darf wohl sagen, man bekommt in den Niederlassungen gar wunderbare Dinge zu Gesicht!« begann er langsam: »die Natur wird vom Menschen schwer gemißbraucht, wenn er ‚mal die Oberhand über sie gewinnt. Doch der Gang dieser Thiere mag nun seyn, wie er will, Uncas hatte sich einmal die Bewegung gemerkt, und ihre Spur führte uns an den eingeknickten Busch. Der höchste Zweig unter dem Tritt eines Pferdehufs war aufwärts gebogen, wie eine Lady die Blume von dem Stängel bricht, alles Andere aber zerrissen und niedergebrochen, als ob die starke Hand eines Mannes daran gezerrt hätte. So schloß ich denn, daß das schlaue Otterngezüchte das Knicken des Zweiges bemerkt und dann auch die übrigen zerbrochen habe, um uns glauben zu machen, ein Rehbock habe an den Zweigen sein Geweih versucht.«

»Ich glaube, Euer Scharfblick täuschte Euch nicht: es ist so etwas vorgefallen!«

»Das war leicht abzusehen!« fuhr der Kundschafter fort, keineswegs gemeint, hier einen besondern Scharfblick bewiesen zu haben, »etwas ganz Anderes war es mit dem watschelnden Gange des Pferdes. Da fiel mir ein, die Mingos könnten zu dieser Quelle gehen, denn die Schelme kennen die Kraft ihres Wassers recht wohl.«

»Ist sie denn so berühmt?« fragte Heyward, mit neugierigem Auge das abgeschiedene Thälchen und seine sprudelnde Quelle betrachtend, die mit einer braunen Erde umgeben war.

»Wenige Rothhäute reisen südlich oder östlich von den großen Seen, die nicht von ihren Eigenschaften gehört hätten. Wollt Ihr sie nicht selber kosten?«

Heyward nahm die Kürbisflasche, warf sie aber, nachdem er ein wenig von dem Wasser getrunken hatte, mit Geberden des Ekels wieder weg. Der Kundschafter lachte auf seine Weise aus vollem Herzen still vor sich hin und schüttelte mit großer Selbstzufriedenheit den Kopf.

»Ja, Ihr müßt erst durch Gewohnheit den rechten Geschmack daran erhalten! Es gab ’ne Zeit, wo mir’s eben so wenig schmecken wollte; nun ich mich daran gewöhnt habe, lechze ich darnach, wie der Damhirsch nach den Licks. Eure starkgewürzten Weine sind Eurem Gaumen nicht angenehmer, als der Rothhaut dieses Wasser, besonders im Zustande der Erschöpfung. Aber Uncas ist mit dem Braten fertig, es ist Zeit, an’s Essen zu denken, denn unsere Reise ist lang und zum geringsten Theile zurückgelegt.«

Das Gespräch durch diesen raschen Uebergang abbrechend, machte sich Hawk-eye an die Ueberreste des Mundvorraths, die der Gefräßigkeit der Huronen entgangen waren. Das Essen wurde mit eben so wenig Umständen aufgetragen, als zubereitet; und er und die Mohikaner begannen ihr bescheidenes Mahl mit der Stille und Sorgfalt von Männern, welche sich zu großen und anhaltenden Anstrengungen stärken wollen.

Sobald sie sich dieser nothwendigen und zum Glück angenehmen Pflicht entledigt hatten, that jeder der Waldbewohner zum Abschied noch einen tüchtigen Zug aus der einsamen, stillen Quelle, um welche sich innerhalb der nächsten fünfzig Jahre der Reichthum, die Schönheit und die Talente einer ganzen Halbkugel sammeln sollten, Gesundheit und Vergnügen zu suchen. Hawk-eye kündigte nun den Aufbruch an, die Schwestern setzten sich wieder zu Pferde; Duncan und David griffen nach ihren Büchsen und folgten ihnen; der Kundschafter ging voran und die Mohikaner beschlossen den Zug. Die ganze Gesellschaft zog sich auf dem schmalen Pfade rasch gegen Norden und ließ das Heilwasser mit dem benachbarten Bache sich vermischen, die Leichen der Gefallenen aber unbeerdigt auf dem nahen Berge faulen, ein Schicksal, das die Krieger der Wälder zu häufig trifft, als daß es Mitleid erregen oder auch nur zu einer weiteren Bemerkung führen könnte.

Einleitung.

Einleitung.

Der Verfasser glaubt, in dem Texte der folgenden Erzählung und den begleitenden Anmerkungen den Schauplatz derselben genugsam beleuchtet, ebenso dem Leser die zum Verständnis der meisten einzelnen Anspielungen erforderliche Belehrung in hinlänglichem Maaße gegeben zu haben. Immer aber herrscht noch so viel Dunkelheit in den indianischen Ueberlieferungen und so viele Verwirrung in den indianischen Namen, daß einige Erläuterungen willkommen seyn dürften.

Bei wenig Menschen findet man eine größere Verschiedenheit, wir möchten sagen, größere Widersprüche der Gemüthsart, als bei dem eingebornen Krieger von Nordamerika. Im Kriege ist er unternehmend, prahlerisch, verschmitzt, grausam, rachsüchtig, voll Selbstverläugnung und Aufopferung; im Frieden gerecht, edelmüthig, gastfreundlich, bescheiden, abergläubisch und insgemein keusch. Diese Eigenschaften zeichnen zwar nicht Alle in gleichem Grade aus, bilden aber so hervorstechende Züge bei diesen merkwürdigen Völkern, daß man sie charakteristisch nennen darf.

Man ist allgemein der Ansicht, daß die Ureinwohner des amerikanischen Festlandes asiatischer Abkunft seyen. Viele Thatsachen, sowohl im physischen als im sittlichen Gebiete, bestärken diese Meinung, und nur wenige fallen scheinbar in die entgegengesetzte Wagschale.

Die Farbe des Indianers ist, wie der Verfasser glaubt, ihm eigenthümlich; und wenn seine Backenknochen sehr auffallend das Gepräge tartarischen Ursprungs tragen, so ist dieß bei den Augen nicht der gleiche Fall. Das Klima dürfte auf erstere großen Einfluß gehabt haben; aber es ist schwer abzusehen, wie es bei den letzteren einen so wesentlichen Unterschied bewirkt haben soll. Die Bildersprache des Indianers ist in Dichtung und Rede morgenländisch: beschränkt, und vielleicht zu ihrem Vortheil beschränkt durch den engeren Kreis seiner praktischen Kenntnisse. Er nimmt seine Bilder von den Wolken, den Jahreszeiten, den Vögeln, den Vierfüßlern und der Pflanzenwelt. Hierin thut er vielleicht nicht mehr, als ein anderes thatkräftiges und phantasiereiches Volk auch thun würde, wenn es in dem Walten seiner Einbildungskraft durch den Kreis der Erfahrung in Schranken gehalten wird; aber der nordamerikanische Indianer kleidet seine Gedanken in ein Gewand, das zum Beispiel von dem des Afrikaners zu sehr abweicht und in sich selbst zu viel Morgenländisches hat, als daß es nicht auffallen müßte. Seine Sprache hat ferner ganz den Reichthum und die gedankenreiche Fülle der chinesischen; er gibt einen Satz mit einem Wort und bestimmt den Sinn eines ganzen Satzes durch eine Silbe: ja er drückt verschiedene Bedeutungen durch die einfachsten Biegungen der Stimme aus.

Sprachforscher, welche viele Zeit auf ihr Studium verwandt haben, behaupten, daß die vielen zahlreichen Stämme welche früher das Gebiet der Vereinigten Staaten bewohnten, eigentlich nur zwei oder drei Sprachen geredet hätten. Die jetzigen Schwierigkeiten des Verständnisses der Völker unter einander sind nach ihnen in Sprachverderbniß und Mundarten zu suchen. Der Verfasser erinnert sich, der Zusammenkunft zweier Häuptlinge der großen Prairien westlich vom Mississipi angewohnt zu haben, bei welcher ein Dolmetscher, der Beider Sprachen redete, zugegen war. Die Krieger schienen im besten Vernehmen unter sich und sprachen viel mit einander, und doch verstand nach der Versicherung des Dolmetschers Keiner ein Wort von dem, was der Andere sagte. Sie waren von feindlichen Stämmen, und nur der Einfluß der amerikanischen Regierung hatte sie einander genähert. Merkwürdig ist jedoch, daß eine gemeinsame Politik Beide auf denselben Gegenstand führte. Sie forderten sich gegenseitig zum Beistande auf, falls die Wechsel des Kriegs die eine oder die andere Partei in die Hände ihrer Feinde brächte. – Welche Bewandtniß es nun auch mit dem Ursprung und dem Genius der indianischen Sprachen haben mag, eine Verschiedenheit in einzelnen Wörtern derselben liegt jetzt außer allem Zweifel, welche fast alle Nachtheile von fremden Sprachen mit sich führt: daher die Schwierigkeit, ihre Geschichte zu studiren, und die Unzuverläßigkeit ihrer Ueberlieferungen.

Gleich Völkern, die höhere Ansprüche machen dürfen, erzählt auch der amerikanische Indianer die Geschichte seines Stammes oder Geschlechts ganz anders, als andere Völker. Er überschätzt gerne seine eigenen Vorzüge und schlägt diejenigen seines Nebenbuhlers oder Feindes geringer an; ein Zug, der vielleicht die mosaische Schöpfungsgeschichte bekräftigen dürfte.

Die Weißen haben durch ihre Verstümmelung der Namen viel dazu beigetragen, die Überlieferungen der Ureinwohner noch mehr zu verdunkeln. So wechselte bei ihnen der Name auf dem Titel dieses Buches bald in Mohicanni, bald in Mohikans oder Mohegans; die letzte Form ist bei den Weißen die gewöhnlichste. Wenn man sich erinnern will, daß die Stämme des Landes, welches der Schauplatz der folgenden Erzählung ist, im Munde der Holländer (die sich zuerst in New-York ansiedelten), der Engländer und der Franzosen stets wieder anders klangen, und wie sogar die Indianer nicht allein ihren Feinden, sondern auch sich selbst häufig verschiedene Namen gaben, so ist die Verwirrung leicht erklärt. In den folgenden Blättern werden die Namen Lenni, Lenape, Lenope, Delawaren, Wapanachki und Mohikaner von einem und demselben Volke oder von Stämmen desselben Volkes gebraucht. Die Mengwe, die Maqua’s, die Mingo’s und die Irokesen, obgleich nicht durchaus identisch, werden von den Sprechern häufig identificirt, da sie politisch mit einander verbunden und Feinde der vorgenannten Völkerschaften waren. Mingo war ein Hauptschimpfwort, ungleich heftiger als Mengwe und Maqua. Oneida ist der Name eines besonderen und mächtigen Stammes aus diesem Bunde.

Die Mohikaner waren Herren des Landes, welches in diesem Theile des Kontinents von den Europäern zuerst in Besitz genommen wurde. Sie wurden daher auch zuerst vertrieben, und das anscheinend unvermeidliche Loos aller dieser Völker, welche den Fortschritten oder vielmehr den Übergriffen der Gesittung bis zum Verschwinden weichen mußten, wie das Grün ihrer Heimathwälder dem schneidenden Froste – haben wir als bereits erfüllt betrachtet. Es bleibt historische Wahrheit genug in dem Gemälde, um diese Freiheit zu rechtfertigen. Am Schlusse dieser Einleitung wird es an der Stelle seyn, über einen wichtigen Charakter dieser Geschichte, der auch in zwei andern Erzählungen desselben Verfassers eine bedeutende Rolle spielt, noch einige Worte zu sagen. Einen Kundschafter in den Kriegen, welche England und Frankreich um den Besitz des amerikanischen Festlandes führten: einen Jäger in jenen Zeiten der emsigsten Thätigkeit, die dem Frieden vom Jahr 1783 unmittelbar folgten: endlich einen einsamen Streifer in den Prairien, nachdem die Politik der Freistaaten jene endlosen Oeden dem Unternehmungsgeiste ihrer halbcivilisirten Abenteurer geöffnet hatte, die zwischen Gesittung und Barbarei die Mitte hielten – ein solches Individuum zu schildern, heißt mit Hülfe der Dichtung einen Zeugen für die Wahrheit jener wunderbaren Umwandlungen aufstellen, welche die Fortschritte der amerikanischen Nation bis zu einer vorher nie gekannten Höhe bezeichnen – Fortschritte, für welche Hunderte von Lebenden dasselbe Zeugniß ablegen könnten. In diesem Punkte hat unsere Dichtung nicht das Verdienst einer Erfindung.

Ueber den fraglichen Charakter hat der Verfasser weiter Nichts zu sagen, als daß er einen Mann von natürlicher Gutmüthigkeit zeichnen soll, welcher den Versuchungen des civilisirten Lebens entrückt, dennoch die Vorurtheile und Lehren desselben nicht ganz vergessen hat: einen Mann, der an die Sitten und Gewohnheiten des Naturzustandes gewiesen, durch dieses Band mehr gewinnt als verliert, und die Schwächen wie die Vorzüge seiner Lage sowohl als seiner Geburt zu Tage legt. Der Verfasser wäre vielleicht der Wirklichkeit näher geblieben, wenn er ihn sittlich weniger hochgestellt hätte; aber das Gemälde hätte an Interesse verloren, und die Aufgabe des Romanschreibers ist, dem Ideale der Poesie möglichst nahe zu kommen. Nach diesem Bekenntniß braucht er kaum noch hinzuzusetzen, daß bei der Auffassung und Ausstattung dieser selbstgeschaffenen Persönlichkeit kein individueller Charakter zu Grunde lag. Der Verfasser glaubte der Wahrheit genug geopfert zu haben, indem er die Sprache und die dramatische Haltung beibehielt, derer die Rolle bedurfte.

Was die Oertlichkeit anbelangt, so hat der Schauplatz der folgenden Erzählung, seitdem die angedeuteten historischen Ereignisse stattgefunden haben, sich so wenig verändert, als nur irgend ein Distrikt von gleichem Umfang in dem ganzen Gebiete der Vereinigten Staaten. Moderne, gut eingerichtete Bade-Anstalten finden sich jetzt an der Quelle, wo Hawk-eye Halt machte und trank; Straßen durchschneiden die Wälder, wo er und seine Freunde sogar pfadlos wandern mußten, Glenn’s hat ein kleines Dorf, und während William Henry und selbst eine Festung spätern Ursprungs nur noch an Ruinen erkennbar sind, steht eine andere Ortschaft an den Ufern des Horican. Außer diesen Veränderungen hat der Unternehmungsgeist und die Schöpfungskraft des Volkes, welche anderwärts Wunder gethan, wenig vollbracht. Die ganze Wildniß, in welcher sich die letzten Ereignisse unserer Geschichte zutragen, ist beinahe immer noch Wildniß, obgleich die Rothhäute ganz aus ihr gewichen sind. Von allen hier genannten Stämmen sind dort nur noch wenige halbcivilisirte Oneida’s auf dem ihnen in New-York vorbehaltenen Landstriche zu treffen. Die Uebrigen haben entweder die Gebiete ihrer Väter verlassen, oder sind ganz von der Erde verschwunden.

Sechstes Capitel.


Sechstes Capitel.

Das Centrum der Erde.

Bei diesen Worten lief mir ein Schauder über den ganzen Körper. Doch nahm ich mich zusammen. Ich entschloß mich sogar, mich wacker zu halten. Wissenschaftliche Gründe allein konnten den Professor Lidenbrock abhalten. Nun gab’s deren, und zwar gewichtige, gegen eine solche Reise.

Nach dem Mittelpunkt der Erde zu reisen! welche Thorheit! Ich sparte meine Einwendungen für den günstigen Moment auf und machte mich an’s Essen.

Wie fluchte mein Oheim, als er den Tisch nicht gedeckt sah. Alles klärte sich auf. Die gute Martha bekam wieder ihre Freiheit, eilte auf den Markt und rührte sich dergestalt, daß nach einer Stunde mein Hunger gestillt war und das Bewußtsein der Lage mir wieder kam.

Während der Mahlzeit war mein Oheim fast lustig; er ließ Scherze hören, die bei einem Gelehrten nie sehr gefährlich sind. Nach dem Dessert winkte er mir, ihm in sein Cabinet zu folgen.

Ich gehorchte. Er setzte sich an’s eine Ende des Tisches, ich an’s andere.

»Axel, sagte er mit ziemlich sanfter Stimme, Du bist ein sehr gescheiter Junge; Du hast mir da einen wackeren Dienst geleistet, als ich des Ringens müde schon den Gedanken aufgeben wollte. Wohin wäre ich gerathen? Niemand kann das wissen! Ich werde Dir’s niemals vergessen, und Du wirst an dem Ruhm, den wir erlangen werden, Deinen Antheil haben.

– Nun, dacht ich, ist er guter Laune; da ist’s Zeit über den Ruhm zu disputiren.

– Vor Allem, fuhr mein Oheim fort, empfehle ich Dir völliges Geheimniß, verstehst Du mich? Es fehlt in der Gelehrtenwelt nicht an Neidischen, und es würden Viele die Reise unternehmen wollen, die bis zu unserer Rückkehr nichts merken sollen.

– Meinen Sie, sagte ich, die Zahl solcher Verwegenen sei so groß?

– Ganz gewiß! Wer würde sich besinnen, solch einen Ruhm zu gewinnen? Wäre dies Document bekannt, so würde ein ganzes Heer von Geologen hineilen, Arne Saknussemm’s Spur zu verfolgen.

– Davon bin ich aber gar nicht überzeugt, lieber Oheim, denn die Aechtheit des Documents ist durch nichts erwiesen.

– Wie? und das Buch, worin wir’s gefunden haben!

– Gut! Ich gebe zu, daß Saknussemm diese Zeilen geschrieben hat, aber folgt daraus, daß er wirklich die Reise vorgenommen hat, und kann nicht das alte Pergament eine Fopperei enthalten?«

Es war mir fast leid, dies letztere etwas kecke Wort herausgesagt zu haben. Der Professor runzelte die Stirn, und ich fürchtete Schlimmes für die Fortsetzung dieser Unterhaltung. Zum Glück hatte es nichts zu bedeuten. Mein strenger Genosse erwiderte mit leichtem Lächeln:

»Das werden wir sehen.

– Ah! sagte ich etwas verdutzt; aber erlauben Sie mir vorzubringen, was sich alles über das Document sagen läßt.

– Rede, lieber Junge, genire Dich nicht. Ich lasse Dir alle Freiheit Deine Meinung zu sagen. Du bist nun nicht mehr mein Neffe, sondern mein College. Also vorwärts.

– Nun, so will ich Sie erst fragen, was sind diese Yokul, Sneffels und Scartaris, wovon ich nie ein Wort habe reden hören?

– Das ist ganz leicht. Ich habe just vor Kurzem von meinem Freunde August Petermann in Gotha eine Karte bekommen, die mir gerade zu rechter Zeit kam. Nimm den dreißigsten Atlas im zweiten Fach der großen Bibliothek, Reihe Z, Brett 4.«

Ich stand auf und fand in Gemäßheit dieser genauen Angaben rasch den begehrten Atlas. Mein Oheim schlug ihn auf und sagte:

»Hier ist eine der besten Karten von Island, die Handerson’sche; ich glaube, die wird uns alle Schwierigkeiten lösen.«.

Ich beugte mich über die Karte.

»Sieh diese aus Vulkanen bestehende Insel, sagte der Professor, und merke, daß sie alle mit dem Namen Yokul bezeichnet sind. Dies Wort bedeutet im Isländischen ‚Gletscher‘, und unter dem hohen Breitegrad Islands geschehen die meisten vulkanischen Ausbrüche durch die Eisdecke.

– Gut, erwiderte ich, aber was ist dann Sneffels?« Ich hoffte, er wisse diese Frage nicht zu beantworten. Wie irrte ich mich! Mein Oheim fuhr fort:

»Folge mir auf die westliche Küste Islands. Siehst Du seine Hauptstadt Reykjawik? Ja. Gut. Fahre über die unzähligen Fjorde dieser zerrissenen Seeküsten, und halte etwas unter dem fünfundsechzigsten Breitegrad an. Was siehst Du da?

– Eine Art Halbinsel, gleich einem abgenagten Knochen.

– Die Vergleichung ist richtig, lieber Junge; jetzt, siehst Du nichts auf dieser Halbinsel?

– Ja, einen Berg, der aus dem Meer emporgewachsen scheint.

– Gut! Dieser Snäfields Jöcul ist der Sneffels.

– Der Snäfields Jöcul?

– Der ist’s, ein fünftausend Fuß hoher Berg, einer der merkwürdigsten auf der Insel, und gewiß der berühmteste der ganzen Welt, wenn sein Krater den Eingang zum Centrum der Erde bildet.

– Aber das ist unmöglich! rief ich mit Achselzucken, und gegen eine solche Annahme mich sträubend.

– Unmöglich! erwiderte der Professor Lidenbrock mit strengem Ton. Und warum?

– Weil dieser Krater offenbar mit Lava verstopft ist, die Felsen glühend, und dann …

– Und wenn’s ein ausgebrannter Krater ist?

– Ausgebrannt?

– Ja. Die Zahl der noch thätigen Vulkane auf der Erdoberfläche beträgt gegenwärtig nur etwa dreihundert; aber es giebt eine noch weit größere Anzahl erloschener Vulkane. Unter die letzteren gehört der Snäfields, der seit den historischen Zeiten nur einen Ausbruch gehabt hat, im Jahre 1219; seitdem ist er allmälig stille geworden, und er gehört nicht mehr zu den thätigen Vulkanen.«

Auf diese bestimmten Angaben hatte ich durchaus nichts zu erwidern; ich warf mich also auf die übrigen Schwierigkeiten, die das Document enthielt.

»Was bedeutet das Wort Scartaris, fragte ich, und was haben die Kalenden des Juli dabei zu schaffen?«

Mein Oheim besann sich einige Augenblicke. Einen Augenblick hatte ich Hoffnung, aber auch nur einen Augenblick, denn bald antwortete er mir folgendermaßen:

»Was Du Dunkelheit nennst, ist für mich Licht. Dies beweist die sinnreiche Sorge, womit Saknussemm seine Entdeckung genau bezeichnen wollte. Der Snäfields hat mehrere Krater, und es war daher erforderlich, denjenigen, welcher zum Mittelpunkt der Erde führt, anzugeben. Wie hat’s nun der gelehrte Isländer gemacht? Er hat bemerkt, daß beim Herannahen des ersten Juli, also gegen Ende des Juni, eine der Bergspitzen, der Scartaris, ihren Schatten bis zu der Mündung des fraglichen Kraters werfe, und hat diese Thatsache in dem Document niedergelegt. Dies war die genaueste Angabe, so daß man, wenn man einmal auf dem Gipfel des Snäfields sich befindet, unmöglich mehr in Zweifel sein kann, welcher Weg einzuschlagen.«

Allerdings wußte mein Oheim eine Antwort auf Alles. Ich sah wohl, daß ihm bei den Worten des alten Pergaments nicht beizukommen war. Ich setzte ihm daher von dieser Seite aus nicht mehr zu, und da ich vor Allem ihn überzeugen mußte, so ging ich zu den wissenschaftlichen Einwendungen über, welche meines Erachtens ganz anders bedeutsam waren.

»Nun, sagt‘ ich, die Phrase Saknussemm’s, ich muß es zugeben, ist klar und läßt über ihren Sinn keinen Zweifel mehr. Ich gebe sogar zu, daß das Document den Anschein völliger Aechtheit hat. Dieser Gelehrte ist in das Innere des Snäfields hinabgestiegen; hat gesehen, wie der Schatten des Scartaris den Rand des Kraters vor dem ersten Juli bestrich; er hat sogar aus den sagenhaften Erzählungen seiner Zeit entnommen, daß dieser Krater zum Centrum der Erde führe; aber daß er selbst dahin gedrungen, daß er von einer Reise dahin wieder zurückgekehrt sei, glaub‘ ich durchaus nicht!

– Und aus welchem Grund? sagte mein Oheim mit ausnehmend spöttischem Ton.

– Weil alle Theorien der Wissenschaft beweisen, daß eine solche Unternehmung unausführbar ist!

– Alle Theorien sprechen das aus? erwiderte der Professor mit gutmüthiger Miene. Ja, die schlechten Theorien! Die armseligen Theorien werden uns geniren!«

Ich sah, daß er sich über mich lustig machte, aber ich fuhr demungeachtet fort:

»Ja! es ist eine ausgemachte Sache, daß die Wärme unter der Erdoberfläche mit siebenzig Fuß Tiefe um einen Grad zunimmt; nehmen wir nun dies steigende Verhältniß als sich gleichbleibend an, so muß, da der Erdradius fünfzehnhundert Meilen beträgt, im Centrum eine Temperatur stattfinden von mehr als zweimalhunderttausend Grad! Die Stoffe im Inneren der Erde befinden sich daher im Zustand des glühenden Gas, denn die Metalle, Gold, Platina, die härtesten Steine widerstehen nicht einer solchen Hitze. Ich darf also fragen, ob es möglich sei, in eine solche Umgebung zu gelangen.

– Also, Axel, die Hitze macht Dir Bedenken?

– Allerdings. Kämen wir bis zu einer Tiefe von nur zehn Meilen, so wären wir an der Grenze der Erdrinde, denn da ist die Temperatur bereits über dreizehnhundert Grad.

– Und Du hast Angst zu zerschmelzen?

– Ich überlasse Ihnen die Entscheidung der Frage, erwiderte ich mit Humor.

– So will ich Dir meine Meinung bestimmt sagen, entgegnete der Professor Lidenbrock, indem er einen hohen Ton annahm: Weder Du, noch irgend ein Mensch weiß einigermaßen zuverlässig, was im Inneren des Erdballs vorgeht, da man kaum erst den zwölftausendsten Theil ihres Radius kennt; daher ist die Wissenschaft außerordentlich vervollkommnungsfähig, und jede Theorie wird von einer neuen umgestürzt. Hat man ja bis auf Fourier geglaubt, die Temperatur der Planetenräume sei stets abnehmend, und jetzt weiß man, daß die höchste Kälte der Aetherregionen nicht über vierzig bis fünfzig Grad unter Null steigt. Warum könnte es mit der Wärme im Inneren nicht ebenso der Fall sein? Weshalb sollte sie nicht in einer gewissen Tiefe eine nicht mehr zu übersteigende Höhe erreichen, anstatt bis zu einer Höhe zu steigen, wo die störrigsten Metalle schmelzen?«

Da mein Oheim die Frage auf das Gebiet der Hypothesen verpflanzte, so hatte ich nichts darauf zu erwidern.

»Nun denn, ich will Dir nur sagen, daß echte Gelehrte, wie Poisson unter Anderen, bewiesen haben, daß, wenn im Inneren des Erdballs eine Hitze von zweimalhunderttausend Grad existirte, das aus den zerschmolzenen Stoffen erzeugte glühende Gas eine solche Spannkraft erlangen würde, daß die Erdrinde nicht mehr Widerstand zu leisten vermöchte und zerspringen müsse, wie die Wände eines Dampfkessels durch die Ausdehnung des Dampfes.

– Das ist Poisson’s Ansicht, lieber Oheim, nichts weiter.

– Einverstanden, aber es ist auch die Ansicht anderer ausgezeichneter Geologen, daß das Innere des Erdballs weder aus Gas, noch Wasser, noch schwereren Steinen besteht, als die wir kennen, denn in diesem Falle würde die Erde ein zweifach geringeres oder verdoppeltes Gewicht haben.

– O! Mit Ziffern beweist man Alles, was man will!

– Und ist’s mit Thatsachen, lieber Junge, ebenso? Ist’s nicht ausgemacht, daß die Zahl der Vulkane seit den ersten Tagen der Welt beständig abgenommen hat? und wenn es eine Centralwärme giebt, kann man nicht daraus schließen, daß sie immer schwächer wird?

– Lieber Oheim, wenn Du Dich auf’s Feld der Voraussetzungen begiebst, habe ich nicht mehr zu reden.

– Und ich habe zu sagen, daß die Ansichten der berufensten Männer mit der meinigen übereinstimmen. Erinnerst Du Dich, wie mir im Jahre 1825 der berühmte englische Chemiker Humphry Davy einen Besuch machte?

– Durchaus nicht, denn ich kam erst neunzehn Jahre später auf die Welt.

– Nun, Humphry Davy besuchte mich auf einer Durchreise durch Hamburg. Wir besprachen uns lange, unter Anderem über die Hypothese der Flüssigkeit des inneren Kerns der Erde. Wir waren einstimmig darin, daß die Flüssigkeit nicht möglich sei, aus einem Grunde, worauf die Wissenschaft nie eine Antwort gefunden hat.

– Und welcher ist das? fragte ich etwas betroffen.

– Weil diese flüssige Masse gleich dem Ocean der Anziehung von Seiten des Mondes ausgesetzt wäre, und folglich zweimal täglich im Inneren Ebbe und Fluth entstehen würden, welche durch Emporheben des Erdbodens zu periodischen Erdbeben Anlaß gäben.

– Aber es ist doch unverkennbar, daß die Erdoberfläche der Verbrennung ausgesetzt gewesen ist, und man darf annehmen, daß die äußere Kruste sich erst abkühlte, während die Hitze sich zum Centrum zurückzog.

– Irrthum, erwiderte mein Oheim; die Erde ist erst durch Verbrennung ihrer Oberfläche in Hitze gerathen, nicht anders. Ihre Oberfläche bestand aus einer großen Quantität von Metallen, wie Potassium und Sodium, welche die Eigenschaft haben, bei der bloßen Berührung mit Luft und Wasser in Brand zu gerathen. Diese Metalle geriethen in Brand, als die atmosphärischen Dünste als Regen auf den Boden herabkamen; und allmälig, als die Gewässer durch die Ritzen der Erdrinde drangen, veranlaßten sie abermals Brand mit Explosionen und Ausbrüchen. Daher die zahlreichen Vulkane in der ersten Zeit der Welt.

– Das ist doch eine sinnreiche Hypothese! rief ich etwas wider Willen.

– Und Humphry Davy machte mir’s durch ein sehr einfaches Experiment erkennbar. Er verfertigte eine metallene Kugel hauptsächlich aus den Metallen, wovon ich eben sprach, als ein vollständiges Ebenbild unseres Erdballs. Als man dieselbe mit einem feinen Thau auf ihrer Oberfläche benetzte, schwoll sie auf, oxydirte und bildete ein kleines Gebirge; an dessen Spitze öffnete sich ein Krater, und es fand ein Ausbruch statt, und theilte der Kugel eine solche Hitze mit, daß man sie nicht mehr in der Hand halten konnte.«

Wahrlich, die Beweisgründe des Professors fingen an auf mich Eindruck zu machen; er machte sie zudem mit seiner gewöhnlichen Leidenschaft und seinem Enthusiasmus geltend.

»Du siehst, Axel, fügte er bei, der Zustand des inneren Kerns hat verschiedene Hypothesen unter den Geologen veranlaßt; nichts ist weniger bewiesen, als die Thatsache einer inneren Hitze; meiner Ansicht nach ist sie nicht vorhanden, könnte nicht vorhanden sein; doch, wir werden’s sehen, und werden, wie Arne Saknussemm, dann wissen, woran man sich hinsichtlich dieser Frage zu halten habe.

– Nun ja! erwiderte ich, indem ich diesen Enthusiasmus zu theilen anfing, ja, wir werden’s sehen, wenn man jedoch dort sehen kann?

– Und warum nicht? Können wir nicht auf elektrische Erscheinungen rechnen, die uns Licht gewähren, und selbst auf die Atmosphäre, welche bei Annäherung an das Centrum durch ihren Druck leuchtend werden kann?

– Ja, sagte ich, ja! Das ist möglich, nach Allem.

– Das ist gewiß, erwiderte mein Oheim triumphirend; aber nur stille, verstehst Du? Kein Wort von alle diesem; kein Mensch soll die Idee bekommen, vor uns das Centrum der Erde zu entdecken.«

Siebentes Capitel.


Siebentes Capitel.

Reise-Vorbereitungen.

So schloß diese merkwürdige Unterredung. Ich war fieberhaft angeregt. Ich verließ ganz verblüfft das Cabinet meines Oheims, und die Luft Hamburgs reichte nicht aus, um mich darin zu erholen. Ich eilte daher an das Elbufer nach der Dampffähre hin, welche zur Verbindung der Stadt mit der Harburger Eisenbahn dient.

War ich von dem, was man mich eben gelehrt hatte, überzeugt? War ich nicht vielmehr dem Professor Lidenbrock erlegen? Sollte ich im Ernst nehmen, daß er entschlossen sei, zum Centrum des Erdkörpers zu dringen? Hörte ich soeben die tollen Speculationen eines Narren, oder die wissenschaftliche Darlegung eines großen Genie? Bei Allem, wo hörte die Wahrheit auf, begann der Irrthum?

Ich schwankte zwischen tausend sich widersprechenden Hypothesen, ohne mich an einer festhalten zu können.

Doch erinnerte ich mich, daß ich überzeugt worden war, obwohl mein Enthusiasmus anfing mäßiger zu werden; aber ich hätte unverzüglich abreisen wollen, ohne mir Zeit zum Ueberlegen zu lassen. Ja, es hätte mir nicht an Muth gefehlt, augenblicklich meinen Ranzen zu schnallen.

Doch muß ich gestehen, eine Stunde hernach war diese Ueberreizung schon gesunken, die Spannung meiner Nerven ließ nach, und ich kam wieder aus den Abgründen der Erde zur Oberfläche empor.

»Das ist ja lächerlich! sagte ich mir; es hat keinen rechten Verstand! Solch einen Vorschlag kann man einem verständigen Jungen nicht im Ernst machen. Das Alles ist eitel Nichts. Ich habe übel geschlafen, einen schlimmen Traum gehabt.«

Inzwischen war ich längs dem Ufer der Elbe um die Stadt herum gekommen und auf die Straße nach Altona. Es hatte mich eine richtige Ahnung diesen Weg geführt, denn ich bemerkte bald mein liebes Gretchen, das raschen Schrittes tapfer nach Hamburg heim ging.

»Gretchen!« rief ich ihr von Weitem zu.

Das Mädchen stand stille, etwas betroffen schien es, auf offener Straße so angerufen zu werden. Mit zehn Schritten war ich bei ihr.

»Axel! sagte sie überrascht. Du bist mir entgegen gegangen, das ist ja recht hübsch.«

Als nun aber Gretchen mich ansah, entging ihr mein unruhiges verstörtes Aussehen nicht.

»Was ist Dir? sagte sie mir die Hand reichend.

– Was mir ist, Gretchen!« rief ich.

Und in zwei Secunden, in drei Sätzen hatte ich meine hübsche Vierländerin über die Lage der Dinge in Kenntniß gesetzt. Einige Augenblicke schwieg sie. Ob ihr Herz gleich dem meinigen klopfte, weiß ich nicht, aber ihre Hand in der meinigen zitterte nicht. Hundert Schritte gingen wir stumm neben einander her.

»Axel! sagte sie endlich.

– Liebes Gretchen!

– Das wird eine schöne Reise sein.«

Ich sprang auf bei diesen Worten.

»Ja, Axel, eine Reise, des Neffen eines Gelehrten würdig. Ein Mann muß sich durch ein großes Unternehmen auszeichnen!

– Wie? Gretchen, Du räthst mir nicht von solch einem Unternehmen ab?

– Nein, lieber Axel, und ich würde Euch gerne begleiten, wenn nicht ein armes Mädchen ein Hinderniß für Euch wäre.

– Ist das wirklich Dein Ernst?

– Wirklich.«

Ach! Wie sind doch Frauen, junge Mädchen, weibliche Herzen stets unbegreiflich! Seid Ihr nicht die schüchternsten Wesen, so seid Ihr die tapfersten! Vernunft hat bei Euch keine Geltung. Wie? dieses Kind ermunterte mich, die Reise mitzumachen! Sie hatte keine Furcht vor einer abenteuerlichen Fahrt! Sie drängte mich dazu, den sie doch liebte.

Ich war verlegen und, offen zu sagen, schämte mich.

»Gretchen, fuhr ich fort, wir wollen sehen, ob Du morgen noch ebenso sprichst.

– Morgen, lieber Axel, werd‘ ich reden, wie heute.«

Wir gingen Hand in Hand, aber in tiefem Schweigen unseres Weges weiter. Die Gemüthsbewegungen des Tages hatten mich kleinlaut gemacht.

»Immerhin, dachte ich, ist der erste Juli noch weit entfernt, und bis dahin kann noch Manches vorgehen, was meinen Oheim von der tollen Lust, eine Reise unter die Erde zu machen, heilen mag.«

Es war schon Nacht geworden, als wir bei dem Hause der Königsstraße anlangten. Ich hatte vermuthet, wir träfen die Wohnung ruhig, meinen Oheim, wie gewöhnlich, schon zu Bette, und Martha mit Abstäuben des Speisezimmers beschäftigt.

Aber ich hatte die Ungeduld des Professors nicht in Anschlag gebracht. Ich fand ihn unter einer Truppe Lastträger, welche allerhand Waaren in die Allee brachten, mit lautem Geschrei hin und her rennend; die alte Dienerin wußte nicht, wo ihr der Kopf stand.

»Aber, so komm doch, Axel; eile doch, Unglückseliger! rief mein Oheim schon von Weitem, wie er mich erblickte. Und Dein Koffer ist noch nicht gepackt, und meine Papiere noch nicht geordnet, und der Schlüssel meines Reisesacks nicht zu finden, und meine Kamaschen bleiben aus!«

Ich war wie vom Donner gerührt, die Stimme versagte mir. Kaum vermochten meine Lippen die Worte hervorzubringen:

»Also reisen wir ab?

– Ja, Unglückseliger, und Du gehst spazieren, anstatt bei der Hand zu sein!

– Wir reisen ab? fragte ich nochmals mit schwacher Stimme.

– Ja, übermorgen in aller Frühe.«

Ich konnte nichts weiter anhören und flüchtete in mein Zimmerchen.

Es war nicht mehr daran zu zweifeln. Mein Oheim hatte den Nachmittag dazu verwendet, einen Theil der Reisebedürfnisse anzuschaffen; die Allee lag voll Strickleitern, Fackeln, Reiseflaschen, eisernen Haken, Spitzhauen, beschlagenen Stöcken, Spaten – wofür man zehn Mann wenigstens zum Herbeischleppen brauchte.

Ich brachte eine entsetzliche Nacht hin. Am folgenden Morgen hörte ich schon frühe mich anrufen. Ich war entschlossen, meine Thüre nicht zu öffnen.

Aber wie hätte ich einer so süßen Stimme widerstehen können, die mir zurief: »Lieber Axel!«

Ich ging aus meiner Kammer, und dachte, mein verstörtes blasses Aussehen, meine rothen Augen würden auf Gretchen wirken, daß sie ihre Gedanken änderte.

»Nun! mein lieber Axel, sagte sie zu mir, ich sehe, Du befindest Dich besser, und die Nacht hat Dich beruhigt.

– Beruhigt!« rief ich.

Ich eilte vor meinen Spiegel. Ei nun! Ich sah nicht so übel aus, als ich gedacht hatte. Kaum glaublich.

»Axel, sprach Gretchen zu mir, ich habe lange mit meinem Vormund geplaudert. Es ist ein kühner Gelehrter, ein muthiger Mann, und Du wirst Dich erinnern, daß sein Blut in Deinen Adern fließt. Er hat mir von seinen Plänen erzählt, von seinen Hoffnungen, weshalb und wie er seinen Zweck zu erreichen hofft. Ich zweifle nicht, daß er ihn erreichen wird. Ach! lieber Axel, wie schön ist’s, sich so seiner Wissenschaft zu widmen! Welcher Ruhm wird Herrn Lidenbrock zu Theil werden, und auf seinen Genossen zurückstrahlen! Bei der Rückkehr wirst Du ein Mann sein, seines Gleichen, frei zu reden, zu handeln, frei endlich zu …«

Erröthend stockte das Mädchen. Seine Worte machten mir wieder Muth. Dennoch wollte ich noch nicht an unsere Abreise glauben. Ich zog Gretchen mit mir zu dem Zimmer des Professors.

»Lieber Oheim, sagte ich, es ist also ausgemacht, daß wir abreisen?

– Wie? Du zweifelst daran?

– Nein, sagte ich, um ihm nicht zu widersprechen. Nur möcht‘ ich Sie fragen, ob es so Eile damit hat.

– Ja wohl! die Zeit drängt! die Zeit, die unwiederbringlich schnell entflieht!

– Wir haben ja doch erst den 26. Mai, und bis zu Ende Juni …

– Hm! meinst Du denn, Unwissender, daß man so leicht nach Island komme? Wärest Du nicht wie ein Narr von mir gelaufen, so hätte ich Dich mit auf das Kopenhagener Bureau, zu Lissender & Cie., genommen. Da hättest Du erfahren, daß von Kopenhagen nach Reykjawik nur einmal monatlich, am 22., ein Boot abgeht.

– Nun?

– Nun? wenn wir bis zum 22. Juni warteten, würden wir zu spät kommen, um zu sehen, wie ‚des Scartaris Schatten den Krater des Sneffels liebkoset‘. Wir müssen daher so schnell wie möglich nach Kopenhagen kommen, um daselbst für die Ueberfahrt ein Beförderungsmittel zu finden. Geh‘ und pack‘ Deinen Koffer!«

Darauf war kein Wort zu erwidern. Ich begab mich wieder in mein Zimmer. Gretchen folgte mir nach und bemühte sich selbst, meine Reisebedürfnisse in einen kleinen Ranzen zu packen. Es ging ihr das nicht näher zu Herzen, als wenn sich’s um einen Ausflug nach Lübeck oder Helgoland handelte. Ihre kleinen Hände bewegten sich ohne Uebereilung hin und her. Sie plauderte ruhig und führte mir die verständigsten Gründe zu Gunsten unserer Unternehmung an. Sie wirkten zauberhaft auf mich, und ich konnte ihr nicht zürnen. Manchmal, wenn ich aufbrausen wollte, achtete sie nicht darauf, und setzte mit methodischer Ruhe ihre Arbeit fort.

Endlich war der letzte Riemen des Ranzen geschnallt, und ich kam herab in’s Erdgeschoß.

Diesen Tag über kamen die Ablieferungen von physikalischen Instrumenten, Waffen, elektrischen Apparaten noch häufiger. Die gute Martha verlor den Kopf.

»Ist der Herr ein Narr geworden?« sagte sie zu mir.

Ich machte ein Zeichen der Bejahung.

»Und er nimmt Sie mit?«

Gleiches Ja.

»Wohin soll’s gehen?« fragte sie.

Ich deutete mit dem Finger nach dem Inneren der Erde.

»In den Keller? schrie die alte Dienerin.

– Nein, sagte ich endlich, noch tiefer hinab!«

Der Abend kam. Ich wußte gar nicht mehr, wie die Zeit verflossen war.

»Morgen früh, sagte mein Oheim, präcis sechs Uhr reisen wir ab.«

Um zehn Uhr sank ich wie eine träge Masse auf mein Bett. Während der Nacht kam mir wieder die Angst.

Ich träumte in einem fort von Abgründen! Ich verfiel dem Wahnsinn. Ich fühlte mich von des Professors starker Hand ergriffen, fortgezogen, in einen Schlund gestürzt. Ich fiel in unergründliche Schluchten hinab mit der wachsenden Schnelligkeit fallender Körper. Mein Leben war nur noch ein endloses Fallen.

Um fünf Uhr wachte ich auf, zerschlagen durch Erschöpfung und Aufregung. Ich begab mich in’s Speisezimmer hinab. Mein Oheim saß bei Tische und schlang sein Frühstück hinunter. Ich blickte ihn mit einer Art Grauen an. Aber Gretchen war zugegen. Ich sprach nichts, konnte nicht essen.

Um halb sechs Uhr hörte man das Rasseln eines Wagens in der Straße. Es kam ein großer Wagen, uns auf die Altonaer Eisenbahn zu bringen. Er war bald mit den Collis meines Oheims bepackt.

»Und Dein Koffer? sagte er zu mir.

– Er ist fertig, erwiderte ich, und es ward mir schwach.

– So bring‘ ihn rasch herab, oder Du bist Schuld, daß wir den Zug verfehlen!«

Gegen mein Geschick anzukämpfen, schien mir damals unmöglich. Ich begab mich wieder in meine Kammer, ließ meinen Ranzen die Treppe hinab rutschen und folgte hinterdrein.

In diesem Augenblick gab mein Oheim die »Zügel« seines Hauses in Gretchen’s Hände. Meine hübsche Vierländerin bewahrte ihre gewohnte Ruhe. Sie umarmte ihren Vormund, konnte aber, als sie meine Wange mit ihren süßen Lippen berührte, eine Thräne nicht zurückhalten.

»Gretchen! rief ich aus.

– Geh‘, lieber Axel, geh‘, sagte sie zu mir, Du verlässest Deine Braut, aber bei der Rückkehr findest Du Deine Frau.«

Ich schloß Gretchen in meine Arme, dann setzte ich mich in den Wagen. Martha und das junge Mädchen sagten uns von der Schwelle des Hauses aus Lebewohl. Darauf rannten die Pferde, durch das Pfeifen ihres Kutschers angeregt, im Galop über die Altonaer Straße.

Achtes Capitel.


Achtes Capitel.

Reise nach Island.

Von Altona aus, welches zum Weichbild Hamburgs gehört, führt eine Eisenbahn nach Kiel, wo wir an’s Ufer des Belt gelangten. In zwanzig Minuten kamen wir auf Holsteinisches Gebiet.

Um halb sieben hielt der Wagen vorm Bahnhof; die zahlreichen Collis meines Oheims, seine umfangreichen Reiseartikel wurden abgeladen, transportirt, gewogen, etikettirt, in den Gepäckwagen gebracht; und um sieben Uhr saßen wir in derselben Waggonabtheilung einander gegenüber. Der Dampf zischte, die Locomotive setzte sich in Bewegung. Wir befanden uns unterwegs.

Ich hatte mich noch nicht drein gefunden. Doch wirkten die frische Morgenluft, die bei der Schnelligkeit der Fahrt rasch erneuerten Eindrücke darauf hin, mich durch Zerstreuung aus meiner großen Befangenheit zu reißen.

Die Gedanken des Professors eilten offenbar dem Zug voraus, der für seine Ungeduld zu langsam fuhr. Wir befanden uns allein in dem Waggon, sprachen aber kein Wort mit einander. Mein Oheim durchmusterte seine Taschen und seinen Reisesack mit sorgfältiger Achtsamkeit. Ich sah wohl, daß es ihm für die Ausführung seiner Pläne an nichts mangelte.

Unter Anderem hatte er ein sorgfältig zusammengelegtes Blatt Papier mit dem Wappen der dänischen Kanzlei und der Unterschrift des dänischen Consuls zu Hamburg, der ein Freund des Professors war. Mit Hilfe desselben konnten wir leicht in Kopenhagen Empfehlungen an den Gouverneur von Island bekommen.

Ich bemerkte auch das merkwürdige Document in der geheimsten Tasche des Portefeuille auf’s Sorgfältigste aufgehoben. Ich verfluchte es aus Herzens Grund, und sah mir das Land an. Es war eine ungeheure Reihe wenig merkwürdiger Ebenen, die einförmig, schlammig und ziemlich fruchtbar waren: eine Landschaft, die zur Anlage von Eisenbahnen sehr geeignet war und gerade Linien zuließ, welche den Eisenbahngesellschaften so erwünscht sind. Aber diese Einförmigkeit konnte mir nicht einmal langweilig werden, denn bereits drei Stunden nach unserer Abfahrt hielt der Zug in Kiel zwei Schritte vom Meere.

Da unser Gepäck nach Kopenhagen eingeschrieben war, brauchten wir uns nicht darum zu bekümmern. Doch wurde es von dem Professor während des Transports zum Dampfboot mit sorglichem Auge überwacht. Hier wurde es im unteren Schiffsraum geborgen.

Mein Oheim hatte bei seiner übermäßigen Eile die Stunden des Anschlusses von Dampfboot und Eisenbahn so wohl berechnet, daß wir einen vollen Tag zu verlieren hatten. Das Dampfboot Ellenora ging nicht vor Abend ab.

Daraus entsprang ein neunstündiger Fieberzustand, während dessen der zornmüthige Reisende die Verwaltung der Boote und der Eisenbahnen zum Teufel wünschte, sammt den Regierungen, welche dergleichen Mißbräuche gestatteten. Ich mußte darin einstimmen, als er den Kapitän der Ellenora darüber zur Rede stellte. Er wollte ihn nöthigen, unverzüglich heizen zu lassen. Der aber hieß ihn seines Weges gehen.

In Kiel muß wohl, wie anderwärts, ein Tag hinzubringen sein. Wir gingen an den grünen Ufern der Bai, in deren Hintergrund das Städtchen sich erhebt, spazieren, durchliefen die belaubten Gebüsche, welche ihm das Aussehen eines Nestes unterm Gezweig geben, die Villen zu bewundern, welche sämmtlich mit Badehäuschen versehen sind; so kam unter Herumlaufen und Fluchen zehn Uhr Abends heran.

Die Rauchwolken der Ellenora wirbelten in die Lüfte; das Verdeck zitterte unter den Stößen des Dampfkessels; wir befanden uns an Bord im Besitz von zwei Lagerstätten übereinander in der einzigen Kammer des Bootes.

Um zehn Uhr fünfzehn Minuten wurden die Anker gelichtet, und der Dampfer fuhr rasch über die dunkeln Fluthen des Großen Belt.

Es war dunkle Nacht, ein hübscher Seewind, und das Meer stark wogend; einige Feuer an der Küste schimmerten durch die Finsterniß; später, ich weiß nicht wo, glänzte ein Leuchtthurm hell über den Fluthen.

Um sieben Uhr früh landeten wir zu Korsör, einem Städtchen an der Westküste Seelands. Hier stiegen wir unverzüglich in den Waggon einer neuen Eisenbahn und fuhren durch eine Landschaft, die nicht minder flach war, als die Ebenen Holsteins.

Nach drei Stunden langten wir in der Hauptstadt Dänemarks an. Mein Oheim hatte die ganze Nacht kein Auge geschlossen. Ich glaube, in seiner Ungeduld trappelte er im Waggon und stampfte mit den Füßen.

Endlich gewahrte er eine Mündung in’s Meer.

»Der Sund!« rief er.

Zu unserer Linken befand sich ein ungeheurer Bau, der einem Spital glich.

»Das ist ein Irrenhaus, sagte einer unserer Reisegefährten.

– Gut, dachte ich, da sollten wir bis an’s Ende unserer Tage bleiben! Und so groß dies Spital ist, so wäre es doch zu klein für alle Narrheit des Professors Lidenbrock!«

Endlich, um zehn Uhr, stiegen wir zu Kopenhagen aus; das Gepäck wurde auf einen Wagen geladen und mit uns zum Hotel Phönix in Bred-Gade gefahren. Das dauerte eine halbe Stunde, denn der Bahnhof liegt außerhalb der Stadt. Darauf nahm mein Oheim, nachdem er ein wenig seine Toilette geordnet, mich mit sich. Der Portier des Hotels sprach deutsch und englisch; aber der Professor, der vieler Sprachen kundig war, fragte ihn auf gut dänisch, und in gutem Dänisch gab ihm der Mann an, wo das Museum der Nordischen Alterthümer lag.

In dieser merkwürdigen Anstalt sind eine Menge wunderbarer Dinge aufgestapelt, woraus man die Geschichte des Landes mit seinen alten Steinwaffen, seinen Humpen und Schmucksachen wieder aufbauen könnte. Der Director desselben, der gelehrte Professor Thomson, war ein Freund des Hamburgischen Consuls.

Mein Oheim hatte einen Brief an denselben, der ihn warm empfahl. Im Allgemeinen empfängt ein Gelehrter den anderen ziemlich schlecht. Aber hier war’s ganz anders. Herr Thomson als dienstfertiger Mann ließ dem Professor Lidenbrock, und selbst seinem Neffen einen herzlichen Empfang zu Theil werden. Daß mein Oheim dem trefflichen Director gegenüber sein Geheimniß bewahrte, brauch‘ ich kaum zu sagen. Unsere Absicht war ganz einfach, als Liebhaber ohne Interesse Island zu besuchen.

Herr Thomson stellte sich uns ganz zu Verfügung, und wir liefen über die Quais, um ein abfahrendes Schiff aufzusuchen.

Ich hoffte, es werde ganz an Beförderungsmitteln fehlen; aber ich täuschte mich. Eine kleine dänische Corvette, die Valkyrie, sollte am 2. Juni nach Reykjawik unter Segel gehen. Der Kapitän, Herr Bjarne, befand sich an Bord. Sein demnächstiger Passagier drückte ihm in seiner Freude tüchtig die Hände. Der wackere Mann war über diese Herzlichkeit etwas betroffen. Er fand es ganz einfach, daß er, wie es ihm oblag, nach Island fahre. Meinen Oheim kam das als etwas Erhabenes vor. Der würdige Kapitän benutzte diesen Enthusiasmus, um uns für die Ueberfahrt doppelt bezahlen zu lassen. Aber wir machten uns daraus nicht viel.

Herr Bjarne strich eine ansehnliche Summe Speciesthaler ein und sagte: Erscheinen Sie Dienstag um sieben Uhr frühe an Bord.

Wir dankten Herrn Thomson für seine Bemühung und begaben uns in’s Hotel Phönix zurück.

»Das geht ja schön! recht schön! sprach mein Oheim. Welch glücklicher Zufall, daß wir dies Schiff zum Abfahren bereit fanden! jetzt wollen wir frühstücken und dann die Stadt besehen.«

Wir begaben uns zum Kongens-Nye-Torw, einem unregelmäßigen Platz, wo sich ein Posten befand mit zwei aufgeprotzten unschuldigen Kanonen, die keinem Menschen Angst machen. Dicht daneben, Nr. 5, befand sich eine französische »Restauration«, die von einem Koch Namens Vincent gehalten wurde; wir frühstückten daselbst hinlänglich für den mäßigen Preis von vier Mark die Person.

Hernach freute ich mich wie ein Kind, die Stadt zu besehen; mein Oheim ließ sich führen; übrigens sah er nichts, weder den unbedeutenden Königspalast, noch die hübsche Brücke aus dem siebzehnten Jahrhundert, die vor dem Museum über den Canal führt, noch das ungeheure Grabmal Thorwaldsen’s, das an den Wänden mit abscheulichen Gemälden geziert ist und die Werke dieses Bildhauers enthält, noch in einem ziemlich schönen Park das allerliebste Schloß Rosenberg, noch den bewundernswerthen Renaissance-Bau der Börse, noch deren Thurm, der aus den verschlungenen Schwänzen von vier broncenen Drachen gebildet ist, noch die großen Mühlen der Festungswerke, deren ungeheure Flügel gleich den Segeln eines Schiffes im Seewind schwellen.

Was könnten wir da, meine hübsche Vierländerin mit mir, für köstliche Spaziergänge machen längs des Hafens, wo die Zweidecker und Fregatten unter ihrer rothen Bedachung ruhten, an dem grünen Gestade der Meerenge, durch das schattige Buschwerk, in dessen Schoße die Citadelle sich birgt, deren Kanonen zwischen Hollunder und Weidengezweig ihre schwarze Mündung hervorstrecken!

Aber ach! mein armes Gretchen war fern, und konnte ich hoffen, sie jemals wieder zu sehen?

Mein Oheim jedoch hatte kein Auge für diese reizenden Gegenden; um so mehr aber gefiel ihm ein Glockenthurm der Insel Amak, welche den südwestlichen Theil Kopenhagens bildet.

Wir richteten unsere Schritte dorthin, bestiegen ein kleines Dampffahrzeug, welches zum Verkehr auf den Canälen diente, und in einigen Augenblicken legte es am Quai Dock-Yard an.

Nachdem wir durch einige enge Straßen gekommen, wo Galeerensträflinge in halb gelben, halb grauen Hosen unter dem Stock der Profoßen arbeiteten, kamen wir vor Frelsers-Kirk. Diese Kirche bietet nichts Merkwürdiges. Dagegen wurde die Aufmerksamkeit des Professors durch ihren ziemlich hohen Thurm angezogen, um dessen Spitze sich von der Plateform an außen im Freien eine Treppe spiralförmig windet.

»Steigen wir hinauf, sagte mein Oheim.

– Aber der Schwindel? entgegnete ich.

– Um so mehr, man muß sich gewöhnen.

– Doch …

– Komm‘, sag‘ ich Dir, wir haben keine Zeit zu verlieren.«

Ich mußte mich fügen. Ein Aufseher, der gegenüber wohnte, stellte uns einen Schlüssel zu, und wir begannen hinaufzusteigen.

Mein Oheim ging mit munterem Schritt voran. Ich folgte nicht ohne Angst nach, denn es ward mir sehr leicht schwindelig. Es ging mir die Haltung des Adlers und die Unempfindlichkeit seiner Nerven ab.

So lange wir uns in der inneren Schnecke befanden, ging Alles gut; aber nach etwa hundertundfünfzig Stufen wehte mir die Luft in’s Gesicht; wir waren bis zur Plateform gekommen, von wo aus die Treppe in freier Luft begann, mit einem schwachen Geländer und Stufen, die stets enger wurden und bis zum Unendlichen zu führen schienen.

»Es ist mir nicht möglich! Niemals! – schrie ich.

– Solltest Du wohl so feige sein? Steig‘!« erwiderte unbarmherzig der Professor.

Ich mußte durchaus ihm folgen, und klammerte mich an.

In der freien Luft schwand mir die Besinnung; ich fühlte bei den heftigen Windstößen den Thurm schwanken, meine Beine versagten mir den Dienst; ich ruschte bald auf den Knieen, dann auf dem Leib; ich schloß die Augen; es wurde mir übel.

Endlich, indem mein Oheim mich am Kragen faßte, kam ich bei der Kugel an.

»Jetzt schau‘, sagte er, und schaue recht! Du mußt lernen, in einen Abgrund blicken!«

Ich öffnete die Augen. Ich sah die Häuser platt und zusammengedrückt, wie mitten im Nebel des Rauchs. Ueber meinem Kopf zog flockiges Gewölk, und durch optische Täuschung schien es mir unbeweglich, während der Thurm, die Kugel, wir zugleich mit in phantastischer Eile fortgezogen wurden. In der Ferne sah man auf der einen Seite grüne Felder, auf der andern das im Sonnenschein schimmernde Meer. Bei der Spitze von Helsingör breitete sich der Sund aus, mit etlichen weißen Segeln, und östlich zeigten sich im Nebel wogend die halb vermischten Gestade Schwedens. Dies alles zusammen wirbelte vor meinen Blicken.

Demungeachtet mußte ich aufstehen, mich gerade halten, schauen. Meine erste Schwindellection dauerte eine Stunde. Als ich endlich wieder hinabsteigen und den festen Boden des Pflasters betreten durfte, war ich an allen Gliedern steif.

»Morgen wiederholen wir die Lection«, sagte mein Professor.

Und wirklich, fünf Tage wurde diese Schwindelübung fortgesetzt, und ich machte, mit und wider Willen, merkliche Fortschritte in der Kunst, von einem hohen Standpunkt aus zu betrachten.

Neuntes Capitel.


Neuntes Capitel.

Ankunft auf Island.

Der Tag der Abreise kam heran. Tags zuvor überbrachte uns der gefällige Herr Thomson dringende Empfehlungsbriefe an den Statthalter Islands, Grafen Trampe, den Coadjutor des Bischofs, Herrn Picturson, und den Bürgermeister von Reykjawik, Herrn Finsen. Mein Oheim dankte ihm mit wärmstem Händedruck.

Am 2., sechs Uhr frühe, befand sich unser kostbares Gepäck an Bord der Valkyrie. Der Kapitän führte uns in ziemlich enge Cabinen.

»Haben wir günstigen Wind? fragte mein Oheim.

– Vortrefflichen, erwiderte der Kapitän Bjarne; Südost. Wir werden mit vollen Segeln aus dem Sund in die weite See stechen.«

Nach einer kleinen Weile stach die Goelette, mit Fockmast, Mars- und Bramstange, in See und fuhr mit vollen Segeln in die Meerenge ein. Eine Stunde hernach schien die Hauptstadt Dänemarks fern in den Fluthen zu versinken, und die Valkyrie fuhr längs der Küste von Helsingör. Ich befand mich in reizbarer Stimmung, glaubte Hamlet’s Schatten auf der Terrasse des alten Schlosses zu sehen, das übrigens weit jünger ist, als der heroische Prinz von Dänemark. Es dient gegenwärtig als kostbare Hütte des Pförtners am Sund, wo jährlich fünfzehntausend Schiffe aller Nationen vorüber fahren.

Das Schloß Kronborg verschwand bald im Nebel, ebenso der Thurm von Helsingborg auf dem schwedischen Gestade, und die Goelette neigte sich ein wenig unterm Wehen der Seewinde des Kattegat.

Die Valkyrie segelte trefflich, aber auf ein Segelschiff kann man sich nie sehr verlassen. Es war für Reykjawik mit Kohlen, Haushaltungsgegenständen, Töpferwaaren, wollenen Kleidungsstücken und einer Ladung Getreide befrachtet. Fünf Mann, lauter Dänen, genügten als Bemannung.

»Wie lange wird die Ueberfahrt dauern? fragte mein Oheim den Kapitän.

– Zehn Tage etwa, erwiderte letzterer, wenn wir nicht bei den Faröern allzuviel widrigen Wind aus Nordwest gegen uns haben.

– Aber Sie werden dadurch doch nicht einer bedeutenden Verspätung ausgesetzt sein?

– Nein, Herr Lidenbrock; seien Sie ruhig, wir werden ankommen.«

Gegen Abend fuhr die Goelette um das Cap Skagen an der Nordspitze Dänemarks, dann während der Nacht durch den Skager-Rak, streifte beim Cap Lindenäs an der Südspitze Norwegens vorüber und stach in das Nordmeer.

Zwei Tage nachher bekamen wir die schottische Küste bei Peterhead in Sicht, und die Valkyrie fuhr zwischen den Orcaden und den Shetlandinseln auf die Faröer zu.

Bald glitt unsere Goelette über die Wogen des Atlantischen Meeres; sie mußte gegen den Nordwind laviren und kam mit Mühe bei diesen Inseln an. Am 8. erkannte der Kapitän Myggenäs, die östlichste der Gruppe, und von nun an fuhren wir gerade auf Cap Portland an der Südküste Islands.

Es kam nichts Merkwürdiges bei der Fahrt vor. Ich bestand leicht die Seekrankheit; mein Oheim war zu seinem großen Leidwesen beständig unwohl, und schämte sich dessen.

Er konnte also den Kapitän Bjarne nicht über den Snäfields, über die Verkehrsmittel und den Transport befragen. Er mußte dies also auf seine Ankunft verschieben, und brachte seine ganze Zeit in seiner Cabine liegend zu, deren Scheidewände vom Wogenschlag krachten. Er verdiente auch wirklich ein wenig sein Schicksal.

Am 11. bekamen wir Cap Portland in Sicht. Das damals helle Wetter ließ Myrdals Yokul, der es beherrscht, erkennen. Das Cap besteht aus einer starken, vereinzelt am Ufer sich erhebenden Anhöhe mit steilen Abhängen.

Die Valkyrie hielt sich in mäßiger Entfernung von den Küsten, indem sie längs derselben westwärts mitten durch Heerden von Hai- und Wallfischen fuhr. Bald zeigte sich ein ungeheurer durchbrochener Felsen, durch welchen das schäumende Meer mit wüthendem Brausen eindrang. Die Westmaninselchen schienen wie hingesäete Felsen über dem Meeresspiegel emporzuragen. Von hier fuhr die Goelette weiter vom Land ab, um das Cap Reykjanäs, welches die Westspitze von Island bildet, in gehöriger Entfernung zu umsegeln.

Mein Oheim war durch das starke Wogen des Meeres gehindert das Verdeck zu betreten, um die ausgezackten Küsten zu bewundern.

Achtundvierzig Stunden darauf, nach einem Sturm, der mit zusammengeschlagenen Segeln zu fliehen zwang, gewahrte man östlich die Boje der Spitze Skagen, deren gefährliche Felsen sich weit hin unter dem Wasserspiegel ziehen. Es kam ein isländischer Lootse an Bord und nach drei Stunden ankerte die Valkyrie in der Bai Faxa vor Reykjawik.

Nun kam endlich der Professor aus seiner Cabine heraus, etwas blaß und zerschlagen, aber stets enthusiastisch, und Befriedigung sprach aus seinen Augen.

Die Bevölkerung der Stadt, die sich für das ankommende Schiff ungemein interessirte, strömte am Quai zusammen.

Mein Oheim eilte, sein Gefängniß, um nicht zu sagen, sein Krankenhaus, zu verlassen. Bevor er aber vom Verdeck stieg, zog er mich in den Vordergrund und zeigte mir mit dem Finger auf der Nordseite der Bai einen hohen Berg mit zwei Spitzen, einen doppelten mit ewigem Schnee bedeckten Kegel.

»Der Snäfields! rief er aus, der Snäfields!«

Darauf, nachdem er mir mit einem Wink unbedingtes Schweigen anempfohlen, stieg er in das Landungsboot; ich ihm nach, und bald betraten wir den Boden Islands.

Sofort zeigte sich ein stattlicher Mann in Generalsuniform. Es war jedoch nur ein Magistrat, der Statthalter der Insel, Baron Trampe, in eigener Person. Der Professor überreichte ihm seine Briefe aus Kopenhagen, und es entspann sich in dänischer Sprache eine kurze Unterhaltung, woran ich, aus gutem Grunde, mich durchaus nicht betheiligte. Das Resultat war, daß der Baron Trampe sich dem Professor Lidenbrock völlig zur Verfügung stellte.

Ein herzlicher Empfang wurde meinem Oheim von dem Bürgermeister Finsen zu Theil, der gleich dem Statthalter in militärischer Uniform ebenso friedlichen Charakters war.

Der Coadjutor Pictursson befand sich eben auf einer bischöflichen Rundreise im nördlichen Bezirk; wir mußten vorerst darauf verzichten, ihm vorgestellt zu werden. Aber der Professor der Naturwissenschaften an der Schule zu Reykjawik, Herr Fridrickson, ein sehr gefälliger Mann, gewährte uns einen sehr schätzbaren Beistand. Dieser bescheidene Gelehrte sprach nur Isländisch und Latein; er bot mir in letzterer Sprache seine Dienste an, und wir konnten uns in derselben leicht verständigen. Er war auch in der That der einzige Mann, mit dem ich mich während meines Aufenthalts auf Island unterhalten konnte.

Von den drei Zimmern, welche seine Wohnung enthielt, stellte uns der treffliche Mann zwei zur Verfügung, und wir richteten uns flugs bei ihm ein, über die Menge unseres Gepäcks waren die Bewohner von Reykjawik etwas erstaunt.

»Nun, Axel, sagte mein Oheim, es geht gut; die Hauptschwierigkeit ist schon beseitigt.

– Wie, die Hauptschwierigkeit? rief ich aus.

– Allerdings, wir brauchen nur hinabzusteigen.

– Wenn Sie’s so verstehen, haben Sie Recht; aber am Ende, denk‘ ich, müssen wir auch wieder herauskommen?

– O! Das macht mir keine Sorgen! Wohlan! Es ist keine Zeit zu verlieren. Ich gehe nun auf die Bibliothek, da findet sich vielleicht ein Manuscript von Saknussemm, das ich sehr gerne zu Rathe ziehen würde.

– Dann besehe ich mir unterdessen die Stadt. Wollen Sie das nicht auch thun?

– Das interessirt mich sehr wenig. Die Merkwürdigkeiten dieses Landes sind nicht über, sondern unter der Erde.«

Ich ging aus, streifte umher.

In den zwei Straßen Reykjawiks irre gehen, wäre nicht leicht gewesen. Ich brauchte daher nicht nach dem Weg zu fragen, was in der Geberdensprache zu Mißverständnissen führt.

Die Stadt zieht sich auf ziemlich niederem und sumpfigem Boden zwischen zwei Anhöhen hin. Auf der einen Seite ist sie von einer ungeheuren Lavaschicht bedeckt, die in allmäligen Stufen nach dem Meer zu abfällt; auf der anderen erstreckt sich die ungeheure, nördlich von dem großen Gletscher des Snäfields begrenzte Bai Faxa, worin eben die Valkyrie das einzige vor Anker liegende Schiff war. Gewöhnlich liegen hier die englischen und französischen Fischerboote in Menge; diese waren aber damals auf der Nordküste der Insel beschäftigt.

Die längere der beiden Straßen von Reykjawik läuft mit dem Ufer parallel; in derselben wohnen die Kauf- und Geschäftsleute in hölzernen Hütten, die aus rothen, horizontal gelegten Balken aufgebaut sind; die andere läuft westlicher zwischen den Häusern des Bischofs und der anderen, nicht dem Handel angehörigen Personen einem kleinen See zu.

Diese trübseligen, düsteren Straßen hatte ich rasch durchschritten. Ich sah darin mitunter ein Stückchen farblosen Rasen gleich einem alten abgetragenen Teppich; oder auch ein Fleckchen, das wie ein Nutzgarten aussah, mit etwas Gemüse, Erdäpfeln, Kohl und Lattich, welches wohl für eine Liliputertafel ausgereicht haben würde; einige kränkelnde Levkojen suchten auch am Sonnenstrahl Erquickung.

Ungefähr in der Mitte der nicht geschäftlichen Straße fand ich, umgeben von einer Erdmauer, den öffentlichen Friedhof, worin es an Raum nicht gebrach. Hierauf, nach einigen Schritten, gelangte ich zur Wohnung des Statthalters, einem Gemäuer gleich dem Stadthause zu Hamburg, einem Palast neben den Hütten der isländischen Bewohner. Zwischen dem kleinen See und der Stadt erhob sich die Kirche, die im protestantischen Styl aus verkalktem, von den Vulkanen ausgeworfenem Gestein erbaut war; durch die argen Westwinde wäre ihr Dach aus rothem Ziegelstein augenscheinlich in alle Lüfte zerstreut worden.

Auf einer nahen Anhöhe erblickte ich die Nationalschule, wo man, wie ich hernach von unserem Hauswirth hörte, die hebräische, englische, französische und dänische Sprache lehrte, von welchen vier Sprachen ich, zu meiner Schande, nicht ein Wörtchen verstand. Ich wäre unter den vierzig Schülern dieses kleinen Gymnasiums der unterste gewesen, und nicht würdig, mit ihnen in den Schränken mit zwei Abtheilungen zu schlafen, worin die schwächeren in der ersten Nacht ersticken konnten.

In drei Stunden hatte ich nicht allein die Stadt, sondern auch ihre Umgebung gemustert. Im Allgemeinen ein höchst trauriger Anblick. Keine Bäume, so zu sagen keine Vegetation. Ueberall lebende Spitzen vulkanischen Gesteins. Die Hütten der Isländer sind aus Erde und Torf verfertigt, ihre Wände nach innen geneigt. Sie sehen wie Dächer aus, die unmittelbar auf dem Boden ruhen. Nur sind diese Dächer Wiesen, die einigermaßen ergiebig sind. In Folge der Wärme ihrer Bewohner sproßt das Gras darauf ziemlich gut, und man mäht es zur Zeit der Heuernte sorgfältig ab, sonst würden die Hausthiere auf den grünen Dächern weiden.

Während meines Spaziergangs begegneten mir wenig Leute. Auf dem Heimweg durch die gewerbliche Straße fand ich die meisten Einwohner beschäftigt, Kabljau zu trocknen, zu salzen und einzuladen; denn es ist dies der Hauptausfuhrartikel. Die Menschen scheinen kräftig, aber schwerfällig, Musterstücke von blonden Deutschen mit gedankenvollem Auge, die sich etwas außerhalb der menschlichen Gesellschaft fühlen, arme, in dieses Eisland verwiesene Verbannte, welche die Natur dazu verurtheilte, auf dieser Grenze des Polarkreises zu leben! Ich bemühte mich vergebens, ein Lächeln auf ihrem Antlitz zu gewahren; manchmal lachten sie wohl aus unwillkürlicher Muskelbewegung, niemals aber kam’s zur Freundlichkeit des Lächelns.

Ihre Tracht bestand in einem groben Rock von schwarzer Wolle, die in den scandinavischen Ländern unter dem Namen »Vadmel« bekannt ist, einem breitgerandeten Hut, Hosen mit rother Borde, und einem Stück Leder, das zu einer Art Fußbekleidung zusammengelegt ist.

Die Frauen, von traurigem Aussehen, zeigten ziemlich angenehme aber ausdruckslose Züge; ihr Anzug bestand aus Leibchen und Rock aus dunklem »Vadmel«; die Mädchen trugen ihr Haar in Zöpfen geflochten unter einem braunen gestrickten Häubchen; die Verheirateten hatten als Kopfbedeckung ein buntes Tuch, worüber eine Verzierung von weißer Leinwand.

Als ich nach einem hübschen Spaziergang in die Behausung des Herrn Fridrickson zurückkam, fand ich meinen Oheim bereits in Gesellschaft seines Hauswirths.