Einundzwanzigstes Kapitel

Einundzwanzigstes Kapitel

Und findet ihr dort einen Mann,
so stirbt Er eines Flohes Tod.
Die lustigen Weiber von Windsor.

Die Wanderer hatten an der Gränze eines Landstrichs gelandet, der bis auf den heutigen Tag den Bewohnern der vereinigten Staaten weniger bekannt ist, als die Wüsten Arabiens oder die Steppen der Tatarei. Es war das unfruchtbare und rauhe Land, das die dem Champlain zinsbaren Flüsse von denen des Hudson, des Mohawk und des St. Lorenz trennt. Seit der Periode unserer Erzählung hat der Unternehmungsgeist des Landes dasselbe mit einem Gürtel reicher, blühender Niederlassungen umgeben, obgleich auch bis jetzt nur der Jäger oder der Indianer in seine wilden Gebiete eingedrungen ist.

Da jedoch Hawk-eye und die Mohikaner die Berge und Thäler dieser endlosen Wildniß oft durchstreift hatten, so bedachten sie sich nicht lange, in ihre Tiefen zu dringen, mit der Zuversicht von Männern, die an Entbehrungen und Anstrengungen gewöhnt sind. Mehrere Stunden lang hatten die Reisenden, von einem Sterne geleitet, oder dem Lauf eines Waldbaches folgend, ihren mühsamen Weg fortgesetzt, da rief der Kundschafter Halt: nach einer kurzen Berathung mit den Indianern wurde ein Feuer angezündet und die gewöhnlichen Vorkehrungen getroffen, den Rest der Nacht an diesem Orte zuzubringen.

Dem ermunternden Beispiele ihrer erfahreneren und zuversichtlicheren Gefährten folgend, überließen sich Munro und Duncan ohne Furcht, wenn auch nicht mit Behaglichkeit der Ruhe. Der Thau war verdunstet, die Sonne hatte die Nebel zerstreut, und goß ein starkes und helles Licht in den Wald, als die Reisenden ihre Wanderung wieder begannen.

Nachdem sie einige Meilen zurückgelegt hatten, fing Hawk-eye, welcher voranging, an, bedächtlicher und wachsamer vorwärts zu schreiten. Er blieb oft stehen, die Bäume zu untersuchen, und ging über keinen Bach, ohne die Tiefe, Schnelligkeit und Farbe seines Wassers zu beobachten. Seinem eigenen Urtheile mißtrauend, holte er häufig und angelegentlich die Meinung Chingachgook’s ein. Während dieser Besprechungen bemerkte Heyward, daß Uncas stets ein ruhiger und stillschweigender, obgleich wie es schien, theilnahmvoller Zuhörer war. Er fühlte sich stark versucht, den jungen Häuptling anzureden und ihn über seine Ansicht von ihren Fortschritten zu befragen; aber die ruhige, würdevolle Haltung des Eingebornen ließ ihn glauben, daß auch der Andere dem Scharfsinne und der Einsicht der Aelteren unbedingt vertraue. Zuletzt sprach der Kundschafter englisch und erklärte mit einem Mal die Verlegenheit ihrer Lage.

»Als ich fand, daß die Spuren des Heimwegs der Huronen nordwärts gingen,« sprach er, »da brauchte es kein gereiftes Urtheil, um zu schließen, daß sie den Thälern nachgehen und sich zwischen den Wassern des Hudson und des Horican halten würden, bis sie zu den Quellen der Flüsse Canadas kämen, die sie in das Herz des Franzosenlandes führen müßten. Jetzt sind wir hier nicht weit von dem Scaroon, und keine Spur einer Fährte haben wir getroffen! Es irrt der Mensch, und möglich ist, daß wir nicht den rechten Weg eingeschlagen haben!« »Der Himmel bewahre uns vor solch einem Irrthum!« rief Duncan. »Wir wollen zurück und mit schärferen Blicken suchen. Hat Uncas in solcher Noth keinen Rath zu ertheilen?«

Der junge Mohikaner warf einen Blick auf seinen Vater, schwieg aber mit der vorigen Miene der Ruhe und Zurückhaltung still. Chingachgook hatte dieß bemerkt und winkte ihm mit der Hand, zu sprechen. Kaum war die Erlaubnis, ertheilt, so ging die ernste Ruhe des Jünglings in einen Ausdruck der Freude und des Scharfsinns über. Mit der Geschwindigkeit eines Wildes lief er eine kleine Anhöhe hinan, die sich kaum vor ihnen erhob, und blieb frohlockend über einer Spur frisch aufgewühlter Erde stehen, die von dem Tritt eines beschwerten Thiers herzurühren schien. Aller Augen folgten der unerwarteten Bewegung und lasen in der triumphirenden Miene des Jünglings den glücklichen Erfolg seiner Forschung.

»Das ist ’ne Spur!« rief der Kundschafter, auf den Ort vortretend; »der Junge ist schnell von Blick und kühn für sein Alter!« »Es ist sonderbar,« murmelte Duncan zur Seite, »daß er mit seiner Entdeckung so lange an sich gehalten hat.«

»Es wäre noch mehr zu verwundern gewesen, wenn er unaufgefordert gesprochen hätte. Nein, nein; ein Junge bei euch Weißen, der seine Weisheit aus den Büchern schöpft, und sein Wissen nach den Seiten eines Buches mißt, mag sich einbilden, daß er mit dem Kopfe, wie mit den Beinen seinen Vater überhole: aber hier, wo es auf Erfahrung ankommt, lernt der Schüler den Werth der Jahre schätzen und achtet sie demgemäß.«

»Seht!« sprach Uncas, nach Norden und Süden auf die deutlichen Zeichen einer starken Fährte zu beiden Seiten deutend; »das schwarze Haar ist hier dem Froste zu gegangen.«

»Kein Spürhund hat je eine schönere Fährte gefunden,« versetzte der Kundschafter, plötzlich auf dem angedeuteten Wege vorwärts eilend; »der Himmel ist uns günstig, sehr günstig, und wir brauchen jetzt die Nase nicht mehr auf die Erde zu halten. Ja, hier sind wieder die zwei einseitigen Pferdchen: der Hurone marschirt wie ein General der Weisen. Er ist nicht recht bei Trost, er ist toll! Sieh, Sagamore, ob du sein Radgeleise findest,« fuhr er fort, indem er mit neuerwachter Befriedigung lachend rückwärts blickte; »bald wird der Thor noch in der Kutsche fahren, indeß ihm sechs der besten Augen auf der Gränze dicht auf der Ferse folgen.«

Die Aufgeräumtheit des Kundschafters und der unerwartet glückliche Erfolg, der ihren über mehr denn vierzig Meilen ausgedehnten Weg nun gekrönt hatte, verfehlte nicht, auch den Andern neue Hoffnung mitzutheilen. Ihr Vordringen geschah überaus schnell und mit einer Zuversichtlichkeit, die ein Reisender auf der Landstraße hätte haben können. Wenn ein Felsen, ein Bach, oder etwas härterer Boden den Faden des Knäuels, dem sie folgten, unterbrach, so fand ihn das untrügliche Auge des Kundschafters in einiger Entfernung wieder auf, und selten war es nöthig, auch mir einen Augenblick stehen zu bleiben. Sehr erleichtert wurde ihre Reise durch die Gewißheit, daß Magua es nothwendig gefunden, seinen Weg durch die Thäler zu nehmen: ein Umstand, der die Hauptrichtung ihrer Straße unbezweifelt sicher machte. Der Hurone hatte übrigens die gewöhnlichen Kunstgriffe der Eingebornen, wenn sie sich vor einem Feinde zurückziehen, nicht gänzlich verabsäumt. Falsche Spuren und plötzliche Wendungen waren häufig, so oft ein Bach oder die Bildung des Bodens es thunlich machte; aber die Verfolger ließen sich nur selten täuschen, oder verfehlten wenigstens nicht, ihren Irrthum zu entdecken, ehe sie Zeit oder Richtung auf der trügerischen Spur verloren hatten.

Gegen die Mitte des Nachmittags waren sie über den Scaroon gegangen und folgten nun der Richtung der untergehenden Sonne. Nachdem sie von einer Anhöhe herab in eine Niederung herabgestiegen waren, durch welche ein kleiner Bach dahin eilte, kamen sie unerwartet an eine Stelle, wo Le Renard’s Zug offenbar Halt gemacht hatte. Halbverzehrte Feuerbrände lagen um eine Quelle: Ueberreste eines Damhirsches waren umher zerstreut, und die Bäume trugen unverkennbare Spuren einer Abweidung durch die Pferde. In einiger Entfernung entdeckte Heyward ein kleines Laubdach, das er mit zärtlicher Rührung betrachtete, in dem Gedanken, daß Cora und Alice darunter geruht hatten. Während aber die Erde rundum zertreten war und Fußtapfen von Männern und Thieren im ganzen Umkreis des Platzes deutlich hervortraten, schien hier mit einem Male alle Spur zu verschwinden.

Leicht konnte man die Fährte der Narragansets verfolgen, sie schienen aber ohne Führer umhergelaufen und nur ihrem Futter nachgegangen zu seyn. Endlich fand Uncas, der mit seinem Vater der Spur der Pferde gefolgt war, ein Zeichen, das ihre Nähe unwiderleglich verkündete. Ehe er aber den Tritten nachging, theilte er die Entdeckung seinen Begleitern mit, und während die letzteren sich über diesen Umstand beriethen, erschien der junge Indianer wieder, die beiden Pferdchen herbeiführend mit zerbrochenen Sätteln und beschmutzten Decken, als wären sie mehrere Tage sich selbst überlassen umhergelaufen,

»Worauf deutet dies?« – fragte Duncan erbleichend, und besorgt um sich her blickend, als ob die Busche und Blätter ein entsetzliches Geheimnis entdecken könnten.

»Daß wir mit unsrer Reise zu einem schnellen Ende gekommen sind und uns in Feindesland befinden,« versetzte der Kundschafter. »Wäre der Schurke gedrängt worden und hätten die Mädchen keine Pferde gehabt, um mit den Uebrigen Schritt halten zu können, so hätte er ihnen vielleicht die Skalpe abgezogen; aber ohne einen Feind auf den Fersen, und mit solchen Thieren, hat er ihnen kein Haar auf dem Haupte gekrümmt. Ich weiß, was Ihr denket; und Schande ist’s für unsere Farbe, daß Ihr Grund dazu habt; wer aber glaubt, ein Mingo mißhandle eine Frau, es sey denn, um sie dann zu erschlagen, der kennt die Indianer und das Leben in den Wäldern nicht. Nein, nein, ich habe gehört, daß die französischen Indianer in diese Berge gekommen sind, um das Mußthier zu jagen, und wir sind in die Nähe ihres Lagers gekommen. Warum sollten sie auch nicht? Jeden Tag kann man Morgens und Abends die Kanonen von Ty in diesen Bergen hören: denn die Franzosen führen eine neue Vertheidigungslinie zwischen den Provinzen des Königs und Canada auf. Es ist wahr, die Pferde sind hier, aber die Huronen sind fort. Wir müssen jetzt den Pfad aufspüren, auf dem sie sich davon gemacht haben.«

Hawk-eye und die Mohikaner gingen alsbald ernstlich an’s Werk. Ein Kreis von einigen hundert Fußen ward um den Platz gezogen, und Jeder nahm sich seinen Theil davon. Die Forschung führte jedoch zu keinem Resultate. Häufige Spuren von Fußtritten waren vorhanden; allein die Leute schienen nur umhergelaufen zu seyn, ohne die Absicht, den Ort zu verlassen. Der Kundschafter und seine Gefährten machten noch einmal die Runde um den Ruheplatz, indem Einer dem Andern langsam folgte, bis sie in der Mitte zusammentrafen, ohne inzwischen klüger geworden zu seyn.

»Solche Arglist deutet auf den Satan!« rief Hawk-eye, als er den ängstlichen Blicken seiner Gefährten begegnete. »Wir müssen wieder hinab, Sagamore, und von der Quelle an den Boden Zoll für Zoll untersuchen. Der Hurone soll sich bei seinem Stamm nicht rühmen, daß sein Fuß keine Spur hinterlasse.«

Mit gutem Beispiel vorangehend, begann der Kundschafter die Untersuchung mit erneutem Eifer. Jedes Laub wurde umgekehrt, jedes dürre Reis weggeräumt, jeder Stein aufgehoben – denn es war eine bekannte List der Indianer, sich solcher Mittel zu bedienen, um jeden Tritt mit der größten Geduld und Sorgfalt zu verdecken. Noch immer blieb die Untersuchung ohne Erfolg. Endlich überdämmte Uncas, den eine gewohnte Lebhaftigkeit am ersten zur Vollendung seiner Aufgabe geführt hatte, den kleinen Bach, der jener Quelle entsprang, mit Erde und lenkte so seinen Lauf in ein anderes Bett. Sobald sein schmaler Grund hinter dem Damme trocken lag, bückte er sich mit scharfem, neugierigem Blicke darüber nieder. Ein Ruf ausgelassener Freude kündigte sogleich den Erfolg des jungen Kriegers an. Alle umstanden die Stelle, wo Uncas in der feuchten Anschwemmumg auf die Spur eines Moccasins deutete.

»Der Junge wird seinem Volke Ehre machen,« sprach Hawk-eye, die Fährte mit so vieler Bewunderung betrachtend, als der Naturforscher dem Hauzahn eines Mammuths oder der Rippe eines Mastoden schenken würde; »ja, und den Huronen ein Dorn im Auge seyn. Das ist aber kein Fußtritt eines Indianers! Das Gewicht ruht zu sehr auf der Ferse, und die Zehen sind viereckig, als wäre einer der französischen Tänzer hier gewesen und hätte seinen Leuten Kunststücke vorgemacht! Geh zurück, Uncas, und bring mir das Maß von des Singmeisters Fuß. Dort dem Felsen gegenüber an dem Abhang des Hügels findest du einen herrlichen Abdruck davon.«

Während der Jüngling mit diesem Auftrag beschäftigt war, betrachteten der Kundschafter und Chingachgook die Spuren mit großer Aufmerksamkeit. Das Maß traf zu, und der Erstere that unbedenklich den Ausspruch, daß es Davids Fußtritt sey, der seine Schuhe wieder mit Moccasins hatte vertauschen müssen.

»Jetzt ist mir Alles so klar und deutlich, als ob ich Le Subtil’s Künsten zugesehen hätte,« fuhr er fort: »da der Singmeister ein Mensch ist, dessen Hauptkraft in seiner Kehle und in seinen Füßen liegt, so mußte er vorausgehen, und die Andern sind in seine Fußstapfen getreten.«

»Aber,« rief Duncan, »ich sehe keine Spuren von –«

»Den Mädchen!« unterbrach der Kundschafter: »der Schelm muß ein Mittel gefunden haben, sie so weit zu tragen, bis er glaubte, er habe allen Verfolgungen die Spur entzogen. Mein Leben daran – ehe wir eine große Strecke hinter uns haben, treffen wir wieder die Spur ihrer niedlichen Füßchen!« Der ganze Zug brach jetzt auf und verfolgte den Lauf des Bachs, mit aufmerksamen Augen die regelmäßigen Spuren verfolgend. Das Wasser floß bald wieder in sein altes Bett, aber sie behielten den Boden auf beiden Seiten stets im Auge, überzeugt, daß unten im Wasser die Fährte fortgehe. Mehr als eine halbe Meile waren sie gegangen, bis der Bach um den Fuß eines großen und kahlen Felsen rieselte. Hier hielten sie, um sich zu vergewissern, daß die Huronen an dieser Stelle das Wasser nicht verlassen hätten.

Und wohl ihnen, daß sie dies nicht unterließen. Das lebhafte, scharfe Auge des jungen Kriegers fand bald die Spur eines Indianerfusses auf einem Büschel Moos, auf den jener aus Unachtsamkeit getreten war. Diese Entdeckung verfolgend, trat er in das nahe Dickicht und fand eine Spur, so frisch und deutlich, als jene, die sie vor der Quelle gefunden hatten. Ein zweiter Ruf verkündete das gute Glück des Jünglings seinen Begleitern und alles Suchen hatte nun ein Ende.

»Ja, ja, indianische Schlauheit war es,« sagte der Kundschafter, als sich alle um die Stelle versammelt hatten; »und sie hätte weise Augen sicherlich irre geführt.«

»Gehen wir weiter?« fragte Heyward,

»Gemach! gemach! Wir kennen jetzt unsern Weg, es wird aber gut seyn, wenn wir Alles genau untersuchen. Das ist mein Grundsatz, Major: und wenn Einer in dem Buche der Natur zu lesen verabsäumt, so erfährt er nicht, was ihm offen vor Augen liegt. Alles ist jetzt klar am Tage, nur nicht, wie er die Mädchen über die nasse Fährte gebracht hat. Selbst ein Hurone wäre zu stolz, die zarten Füße das Wasser berühren zu lassen.«

»Erklärt uns dies vielleicht das schwere Räthsel?« fragte Heyward, auf die Bruchstücke einer Art von Tragbahre deutend, die, aus rohen Aesten verfertigt und mit Weiden zusammengebunden, als unnütz jetzt nachlässig bei Seite geworfen schien.

»Jetzt haben wir’s!« rief der entzückte Hawk-eye. »Wenn die Schelme den Weg in einer Minute zurückgelegt haben, so waren Stunden nöthig, ihrer Fährte ein Lügen-Ende zu zimmern. Nun ich weiß, daß sie mit so geringfügiger Arbeit schon Tage zugebracht haben. Hier haben wir drei Paar Moccasins, und zwei von kleinen Füßen. Es ist erstaunlich, daß menschliche Wesen auf so kleinen Gliedern gehen können! Uncas, gib mir den bockledernen Riemen, daß ich die Länge dieses Fußes messe. Bei Gott, ’s ist der eines Kindes, und doch sind die Mädchen schlank und stattlich. Der Himmel ist parteiisch mit seinen Gaben, wiewohl er seine weisen Gründe dazu haben mag: das müssen die Besten und Zufriedensten von uns zugeben.«

»Die zarten Glieder meiner Töchter sind diesen Mühseligkeiten nicht gewachsen,« sagte Munro, die leichten Fußtritte seiner Kinder mit väterlicher Zärtlichkeit betrachtend; »wir werden ihre verschmachteten Gestalten in dieser Wüste finden.«

»Das habt ihr eigentlich nicht zu besorgen,« versetzte der Kundschafter langsam den Kopf schüttelnd! »das ist ein fester und gerader Schritt, wenn auch kurz und leicht. Seht, die Ferse berührte kaum den Boden, und hier hat die mit dem dunkeln Haar einen kleinen Sprung über Wurzeln gemacht. Nein, nein; wie ich die Sache verstehe, so war hier keine von ihnen dem Verschmachten nahe. Der Sänger fängt aber nun an wunde Füße und müde Beine zu kriegen, das sieht man an der Fährte da. Hier, seht ihr, ist er ausgegleitet. Er hat ein weites und sicheres Geleise; da ist es, wie wenn er auf Schneeschuhen gegangen wäre. Ja, ja. Einer, der immer nur seine Kehle schult, kann seine Beine nicht recht ziehen.«

Durch solch untrügliche Zeugnisse errieth der geübte Waidmann die Wahrheit so sicher und treffend, als ob er bei allen den Vorfällen, die sein Scharfsinn so leicht erklärte, gegenwärtig gewesen wäre. Erfreut über diese Resultate, und beruhigt durch seine so schlagende, einfache Schlußfolge, setzte die Gesellschaft ihren Marsch fort, nachdem sie eine Weile gehalten, um ein eiliges Mal einzunehmen.

Nach beendigtem Essen, warf der Kundschafter einen Blick auf die untergehende Sonne und eilte mit einer Schnelligkeit dahin, daß Heyward und der immer noch kräftige Munro alle Muskeln anstrengen mußten, um gleichen Schritt zu halten. Ihr Weg ging immer längs der schon erwähnten Niederung. Da die Huronen keine weitere Vorsicht gebraucht hatten, ihre Fährte zu verbergen, so hielt keine Ungewißheit die Verfolger mehr auf. Ehe jedoch eine Stunde verging, ließ die Eile Hawk-eye’s merklich nach, und sein Haupt wandte sich, statt die frühere gerade Richtung nach vorne beizubehalten, vorsichtig bald auf diese, bald auf jene Seite, als ob er eine nahende Gefahr ahne. Endlich hielt er an und wartete, bis die ganze Gesellschaft zu ihm herangekommen war. »Ich wittere die Huronen,« sagte er zu den Mohikanern: »dort zwischen den Baumgipfeln wird es Licht, wir kommen am Ende ihrem Lager zu nahe. Sagamore, nimm du den Hügel hier zur Rechten und Uncas geht links den Bach entlang, indeß ich die Spur Verfolge. Wenn es was gibt, so wird dreimal wie ’ne Krähe gekrächzt. Ich sah so eben einen dieser Vögel durch die Luft streichen, gerade über jener abgestorbenen Eiche – auch ein Zeichen, daß wir an ein Lager kommen,«

Die Indianer entfernten sich, ohne ein Wort zu erwiedern, Jeder nach seiner Seite hin, während Hawk-eye mit den beiden Offizieren weiter vorschritt. Heyward drängte sich bald an die Seite ihres Führers heran, begierig, der Feinde, die er mit solcher Mühe und Angst verfolgte, ansichtig zu werden. Sein Begleiter wies ihn an, nach dem Rande des Waldes zu schleichen, der wie gewöhnlich mit einem Dickicht umgeben war, und zu warten bis er komme: denn er wollte einige verdächtige Zeichen, die sich zur Seite darboten, untersuchen. Duncan gehorchte, und fand sich bald an einem Punkte, wo er eine Aussicht beherrschte, die ihm so außerordentlich, als neu erschien.

Die Bäume waren viele Morgen weit gefällt und die Glut eines milden Sommerabends lag auf der Lichtung, in schönem Kontrast mit der dunkleren Färbung der Wälder. In geringer Entfernung von der Stelle, wo Duncan stand, hatte sich der Bach in einen kleinen See erweitert, der den größten Theil der Niederung zwischen den Bergen einnahm und aus diesem weiten Becken in einem so regelmäßigen und sanften Wasserfalle abfloß, daß man mehr das Werk von Menschenhänden, als ein Gebilde der Natur zu erblicken glaubte. Hunderte von Wohnungen aus Erde standen an dem Rande des Sees und selbst noch in dem Wasser, als ob die Flut über ihr gewöhnliches Ufer getreten wäre. Die eigenthümlichen Dächer, zum Schutze gegen das Unwetter wundersam gerundet, zeugten von mehr Sorgfalt und Umsicht, als die Eingebornen ihren gewöhnlichen Hütten zu widmen pflegten, und waren denen am wenigsten zu vergleichen, die nur zu zeitigem Gebrauche während der Jagd und des Kriegs dienten. Kurz das ganze Dorf oder die kleine Stadt, wie man es nennen konnte, war niedlicher und mit mehr Kunstaufwand gebaut, als die Weißen bei den Indianern gewöhnlich vorauszusetzen pflegten. Der Ort schien jedoch verlassen; wenigstens war Duncan eine Weile dieser Meinung: endlich aber glaubte er mehrere menschliche Gestalten zu erblicken, die auf allen Vieren herankamen, und etwas Schweres, wie er schließen wollte, vielleicht eine furchtbare Kriegsmaschine, hinter sich schleppten. Eben jetzt schauten mehrere schwarze Köpfe aus den Wohnungen hervor und der Platz schien plötzlich von Wesen belebt, die so schnell von Versteck zu Versteck eilten, das es ihm unmöglich war ihre Stimmung oder Absicht zu unterscheiden. Beunruhigt durch diese verdächtigen und unerklärlichen Bewegungen, war er im Begriff, das Krähensignal zu geben, als ein nahes Rauschen der Blätter seine Augen nach einer andern Seite zog.

Der junge Mann fuhr auf und prallte einige Schritte instinktmäßig zurück, als er einige hundert Schritte vor sich einen fremden Indianer erblickte. Er ermannte sich jedoch augenblicklich wieder, und blieb, statt Lärm zu machen, der ihm selbst hätte verderblich werden können, unbeweglich stehen, ein aufmerksamer Beobachter des neuen Ankömmlings.

Ein Augenblick ruhiger Betrachtung überzeugte Duncan, daß er noch unentdeckt sey. Der Eingeborne schien, wie er, beschäftigt, die niedrigen Hütten des Dorfes und die eiligen Bewegungen seiner Bewohner zu beschauen. Unter der Maske einer grotesken Malerei waren seine Gesichtszüge unmöglich zu erkennen: doch war es Duncan, als ob sie eher Schwermuth als Wildheit ausdrückten. Sein Kopf war, wie gewöhnlich, geschoren bis auf den Scheitel, von dessen Schopf drei oder vier verwitterte Falkenfedern lose herabwehten. Ein zerrissener Calicomantel umgab seinen Leib zur Hälfte, während der untere Theil seiner Bekleidung aus einem schlichten Hemde bestand, dessen Aermel einen Dienst versahen, der sonst durch eine weit bequemere Vorrichtung geleistet wird. Seine Beine waren nackt und von Dornen kläglich zerrissen, seine Füße aber trugen ein paar Moccasins von gutem Hirschleder. Kurz das Aussehen des Individuums war verwahrlost und elend.

Duncan war immer noch mit neugieriger Betrachtung seines Nachbars beschäftigt, als der Kundschafter still und vorsichtig an seine Seite schlich.

»Ihr seht, wir haben eine ihrer Niederlassungen oder ein Lager erreicht,« flüsterte ihm der junge Mann zu, »und hier ist einer der Wilden selbst, der unsere ferneren Bewegungen sehr störend hemmt.«

Hawk-eye fuhr auf und ließ seine Büchse sinken, als er, dem Finger seines Begleiters folgend, den Fremden gewahrte. Doch senkte er die gefährliche Mündung wieder und streckte seinen langen Nacken vor, als sollte dieser eine so mißliche Untersuchung noch weiter unterstützen.

»Der Schelm ist kein Hurone« sprach er, »auch keiner aus den Canadastämmen, und doch seht Ihr an seinen Kleidern, daß er einen Weißen geplündert hat. Ja, Montcalm hat die Wälder für seinen Einfall gebrandschatzt und eine lärmende, mörderische Rotte um sich versammelt. Könnt Ihr sehen, wo er seine Büchse oder seinen Bogen abgelegt hat?«

»Er scheint unbewaffnet, und überhaupt keine schlimmen Absichten zu hegen. Wenn er nicht seine Gefährten, die dort unten am Wasser sich ducken, in Allarm bringt, so haben wir nur wenig von ihm zu fürchten.«

Der Kundschafter wandte sich gegen Heyward und sah ihn einen Augenblick mit unverholenem Erstaunen an: dann öffnete er den Mund weit und brach in ein volles und herzliches Lachen aus, aber immer in jener schweigsamen Weise, die ihn häufige Gefahr gelehrt hatte.

»Gefährten, die am Wasser herumschleichen!« wiederholte er: »das hat man davon, daß man seine Jugend in der Schule und innerhalb der Niederlassungen verbringt! Der Schelm hat jedoch lange Beine und wir dürfen ihm nicht ganz trauen. Haltet ihn mit eurer Büchse im Respekt, bis ich durch das Gebüsch von hinten heranschleiche und ihn lebendig fange. Schießt aber auf keinen Fall!«

Schon war sein Gefährte halb in dem Dickicht verschwunden, als Heyward seinen Arm vorstreckte, und ihn mit der Frage noch einmal anhielt:

»Wenn ich euch in Gefahr weiß, soll ich da nicht einen Schuß wagen?«

Hawk-eye sah ihn einen Augenblick an, wie einer, der nicht recht wußte, wie er die Frage nehmen sollte; dann nickte er mit dem Kopfe und antwortete lachend, obgleich kaum hörbar:

»Ein ganzes Pelotonfeuer, Major!«

Im nächsten Augenblick verbargen ihn die Blätter. Duncan wartete einige Minuten in fieberhafter Ungeduld, bis er den Kundschafter wieder gewahrte. Jetzt kam dieser von neuem zum Vorschein, auf der Erde liegend, von der ihn sein Anzug schwer unterscheiden ließ, und gerade auf seinen beabsichtigten Gefangenen zukriechend. Als er noch einige Schritte von ihm entfernt war, richtete er sich still und langsam auf. In diesem Augenblick fielen mehrere laute Schläge in das Wasser und Duncan wandte seine Augen gerade noch zur Zeit, um hundert schwarze Gestalten zusammen in das kleine in Aufruhr gebrachte Gewässer plumpen zu sehen. Er griff nach seiner Büchse; und seine Blicke richteten sich wieder auf den nahen Indianer. Statt über den Lärm zu stutzen, streckte der Wilde unwillkührlich den Hals vor, als ob auch er die Bewegungen um den düstern See mit einer Art einfältiger Neugierde bewachen wollte. Mittler Weile schwebte Hawk-eye’s Hand über ihm, sank aber wieder ohne sichtbaren Grund, und ihr Eigenthümer überließ sich von neuem einem langen, obgleich immer noch verborgenen Ausbruch von Heiterkeit. Endlich nachdem sein herzliches Gelächter zu Ende war, gab er, statt sein Schlachtopfer an der Kehle zu fassen, ihm einen leichten Schlag auf die Schulter und rief laut:

»Wie, Freund, habt ihr vor, die Biber singen zu lehren?«

»Gewiß,« war die schnelle Antwort. »Das Wesen, das ihnen möglich machte, seine Gaben so gut anzuwenden, wird ihnen nicht die Stimme versagen, sein Lob zu singen.«

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Grund. Sind wir alle beisammen?
Quitte. Nun hier ist ein ungemein
Bequemer Ort für unsere Probe.
Shakespeare.

Der Leser wird sich Heyward’s Ueberraschung eher vorstellen können, als wir sie zu beschreiben vermögen. Seine lauernden Indianer waren plötzlich in vierfüßige Thiere umgewandelt, sein See in einem Biberteich, sein Wasserfall in einem Damm von diesen fleißigen und erfinderischen Vierfüßlern angelegt, ein verdächtiger Feind in einen erprobten Freund, David Gamut, den Meister im Psalmengesang. Die Gegenwart des Letztern rief so viel unerwartete Hoffnung in Betreff der Schwestern in’s Leben, daß der junge Mann, ohne sich einen Augenblick zu bedenken, aus seinem Verstecke hervor sprang und auf die beiden Hauptspieler in dieser Scene zueilte.

Hawk-eye’s lustige Laune ließ sich nicht so leicht unterdrücken. Ohne Weiteres drehte er mit rauher Hand den geschmeidigen Gamut auf der Ferse herum und versicherte mehr denn einmal, die Wahl seines Costüms mache den Huronen alle Ehre; dann ergriff er des Gefährten Hand, drückte sie mit einer Kraft, die dem ehrlichen David Thränen aus den Augen preßte, und wünschte ihm Glück zu seiner neuen Stellung.

»So waret Ihr also wirklich im Begriff, unter den Bibern eine Singschule aufzuthun, nicht wahr?« fragte er: »die gelehrigen Teufel haben den Handel schon halb los, sie schlagen mit ihren Schwänzen den Takt, wie Ihr eben gehört habt. Uebrigens hatten sie Zeit dazu, sonst hätte ihnen mein Wildtödter den ersten Ton angegeben. Ich habe Leute gekannt, die lesen und schreiben konnten, und nicht halb so viel verstanden, als ein alter Biber. Was aber das Singen betrifft, so läßt sich nichts mit ihnen machen. Die armen Thiere sind stumm geboren. Was haltet Ihr von einem Gesang, wie dieser?«

David hielt sich die Hände vor die beleidigten Ohren, als das Krächzen einer Krähe durch die Luft ertönte, und selbst Heyward, obgleich er die Natur des Geschrei’s kannte, sah unwillkürlich empor, als wollte er den Vogel suchen. »Seht,« fuhr der Kundschafter lachend fort, indem er auf seine zwei Begleiter deutete, die, dem Signale folgend, bereits herbeikamen, »das heiß‘ ich ’ne Musik, die Saft und Kraft hat! Sie bringt zwei gute Büchsen an meine Seite, der Messer und Tomahawks zu geschweigen. Doch wir sehen, daß Ihr gesund und wohlbehalten seyd, nun sagt uns, was aus den Mädchen geworden ist.«

»Sie sind in der Gefangenschaft der Heiden,« sprach David, »und wenn auch im Geiste sehr betrübt, doch körperlich völlig wohlbehalten und sicher.«

»Beide?« fragte Heyward, beinahe athemlos.

»Gewiß. Wenn auch unsere Reise anstrengend, und unsere Kost nicht die beste war, so hatten wir doch wenig zu klagen, außer dem Zwang, den man unserer Neigung anthat, indem man uns in ein fernes Land zur Gefangenschaft führte.«

»Gott segne Euch für diese Worte!« rief der zitternde Munro, »so erhalt‘ ich denn meine Kinder so unverletzt und engelrein wieder, als ich sie verloren habe!«

»Ich glaube nicht, daß Ihre Befreiung so nahe ist,« entgegnete der zweifelnde David. »Der Anführer dieser Wilden ist von einem bösen Geiste besessen, den nur die Allmacht des Herrn zähmen kann. Schlafend und wachend habe ich’s bei ihm versucht, aber weder Töne noch Worte scheinen seine Seele zu rühren,«

»Wo ist der Schurke?« unterbrach ihn der Kundschafter ungestüm.

»Er jagt heute mit seinen jungen Leuten das Mußthier, und morgen, höre ich, ziehen sie weiter in die Wälder, näher an die Gränze Canadas. Das ältere Mädchen ist zu einem benachbarten Volke gebracht worden, dessen Wohnungen dort hinter jenen schwarzen Felsengipfeln liegen; die jüngere aber muß bei den Weibern der Huronen bleiben, deren Hütten nur zwei kurze Meilen von hier auf einem Tafellande stehen, wo das Feuer die Dienste der Axt versehen, und den Ort für ihre Aufnahme bereitet hat.«

»Alice, meine sanfte Alice!« rief Heyward mit gedämpfter Stimme, »Du hast sogar den Trost verloren, bei Deiner Schwester zu seyn.«

»Gewiß. Aber alle Aufrichtung, die das Gebet und Lobgesänge dem niedergebeugten Geist geben können, ist ihr zu Theil geworden.«

»Hat sie denn noch Sinn für die Musik?«

»Ja, wenn sie ernst und feierlich ist; obgleich ich bekennen muß, daß das Mädchen, allen meinen Bemühungen zum Trotz, öfter weint, als lächelt. In solchen Augenblicken gebiete ich den heiligen Gesängen Schweigen; aber es gibt manche liebliche Momente tröstlicher Mittheilung, da dann die Wilden erstaunt aufhorchen, wenn wir unsere Stimmen zum Himmel erheben.«

»Und warum läßt man Euch so unbewacht umher gehen?«

David versuchte seinen Zügen einen Ausdruck bescheidener Demuth zu geben, ehe er mit sanfter Stimme antwortete:

»Wenig Ruhm gebührt einem Wurme, wie ich bin. Aber wenn auch die Macht des Psalmengesangs während der Scene auf jenem schrecklichen Blutfeld unterbrochen ward, so hat er doch selbst auf die Gemüther der Heiden seinen Einfluß wieder gewonnen, und ich darf gehen und kommen, wie ich will.«

Der Kundschafter lachte, berührte bedeutungsvoll seine eigene Stirne und erklärte vielleicht diese absonderliche Nachsicht noch genügender, indem er sagte:

»Die Indianer thun einem Verwirrten nie etwas zu Leide. Warum aber, wenn der Weg offen vor Euch lag, wandeltet Ihr nicht auf Eurer eignen Fährte, die nicht so spurlos ist, als die eines Eichhorns, zurück, und habt Kunde nach dem Fort Edward gebracht?«

Der Kundschafter, der blos seine unerschütterliche Eisennatur im Auge hatte, verlangte von David eine Leistung, die dieser wahrscheinlich unter keinen Umständen vollbracht hätte. Ohne aber seinen sanften Ausdruck ganz zu verlieren, begnügte sich der Psalmensänger zu antworten:

»Wenn sich auch mein Geist nach den Wohnungen des Christenthums zurück sehnt, so wollten doch meine Füße lieber den zarten Wesen, die meiner Obhut anvertraut worden, selbst in die abgöttische Provinz der Jesuiten folgen, als einen Schritt rückwärts thun, während sie in Gefangenschaft und Kummer schmachten.«

Obgleich die figürliche Sprache Davids nicht sehr verständlich war, so konnte doch der treuherzige, entschiedene Ausdruck seines Auges und das Feuer seiner ehrlichen Miene nicht leicht mißdeutet werden. Uncas trat näher zu ihm heran und betrachtete den Sprecher mit beifälligem Blick, während sein Vater durch den gewohnten, kräftigen Ausruf der Befriedigung sein Wohlgefallen zu erkennen gab. Kopfschüttelnd erwiederte der Kundschafter:

»Es war nie des Herrn Wille, daß der Mensch alle seine Sorgfalt auf die Kehle verwenden, und andere edlere Gaben darob vernachläßigen sollte! Aber er ist in die Hände einfältiger Weiber gefallen, statt daß er unter dem blauen Himmel und unter den Schönheiten des Waldes seine Erziehung hätte suchen sollen. Hier, Freund! Ich wollte mit diesem Eurem Tutinstrument ein Feuer anzünden; da Ihr es aber hoch haltet, so nehmt und pfeift wieder nach Herzenslust!«

Gamut empfing seine Pfeife mit einem so lebhaften Ausdruck von Freude, als er mit seinem wichtigen Beruf für verträglich hielt. Nachdem er das Instrument, seiner eigenen Stimme gegenüber, zu wiederholten Malen geprüft hatte, endlich überzeugt, daß es keiner seiner Klänge verloren sey, machte er einen ernstlichen Versuch, einige Stanzen aus einem der längsten Herzensergüsse in dem oft erwähnten Büchlein abzusingen.

Heyward störte jedoch eilig diesen frommen Vorsatz mit Fragen über Fragen über die bisherige und dermalige Lage seiner Mitgefangenen, und zwar mit mehr Zusammenhang, als seine Gefühle beim Beginn der Unterredung gestattet hatten. David sah sich, obgleich den wiedergewonnenen Schatz mit sehnsüchtigen Augen betrachtend, gezwungen zu antworten, zumal da auch der ehrwürdige Vater an den Fragen Theil nahm, und mit einem Interesse, das gebieterisch Befriedigung forderte. Auch der Kundschafter verfehlte nicht, bei schicklicher Gelegenheit eine Erkundigung einzuwerfen. Aus diese Weise gelangten die Verfolger, obgleich mit häufigen Pausen, welche gewisse drohende Töne aus dem wiedererlangten Instrumente füllten, zur Kenntniß der wichtigsten Umstände, die ihnen zur Ausführung ihres großen, alle Thätigkeit in Anspruch nehmenden Unternehmens, der Befreiung der beiden Schwestern, von großem Nutzen seyn konnten. David’s Erzählung war einfach und der Thatsachen nur wenige.

Magua hatte auf dem Berge gewartet, bis sich ein sicherer Augenblick zum Rückzüge bot; dann war er herabgestiegen und hatte den Weg längs der Westseite des Horican in der Richtung von Canada eingeschlagen. Da der kluge Hurone die Pfade kannte und wußte, daß keine unmittelbare Gefahr der Verfolgung drohte, so drangen sie nur langsam und ohne alle Ermüdung vor. Aus der ungeschmückten Erzählung David’s ging hervor, daß seine Gegenwart mehr geduldet, als gewünscht wurde; obgleich auch Magua nicht ganz frei von der Verehrung war, womit die Indianer diejenigen betrachten, die der große Geist an ihrem Verstande heimgesucht hat. Nachts wurde die größte Vorsicht gegen die Gefangenen beobachtet, um sie vor den Dünsten der Wälder zu schützen, aber auch ihre Entweichung zu verhindern. An der Quelle ließ man die Pferde laufen, wie wir gesehen haben, und ungeachtet der Entfernung und Länge der Fährte wurden doch die bereits erwähnten Kunstgriffe gebraucht, um alle weitere Spur zu ihrem Versteck abzuschneiden. Bei ihrer Ankunft im Lager seines Volks trennte Magua die Gefangenen, einer Politik zu Folge, die selten verlassen wurde. Cora war zu einem Stamme gesandt worden, der ein benachbartes Thal vorübergehend bewohnte; David aber war zu unbekannt mit den Sitten und der Geschichte der Eingebornen, um über seinen Namen oder seine Eigenthümlichkeit genügende Auskunft geben zu können, und wußte blos, daß er den letzten Zug gegen William Henry nicht mit gemacht hatte; daß diese Wilden, gleich den Huronen, Verbündete Montcalm’s waren und einen freundlichen, wie wohl behutsamen Verkehr mit dem kriegerischen und wilden Volke unterhielten, das der Zufall eben jetzt in so nahe und unangenehme Berührung mit ihnen gebracht hatte.

Die Mohikaner und der Kundschafter horchten auf seine oft unterbrochene und unvollständige Erzählung mit einem Antheil, der sichtbar stieg; und als er die Weise des Volksstamms, unter welchem Cora gefangen war, schildern wollte, fragte der Letztere plötzlich:

»Sahet Ihr die Form ihrer Messer? Waren sie englischen oder französischen Ursprungs?«

»Meine Gedanken waren nicht auf solche Eitelkeiten gerichtet, sondern blos auf Trost für die beiden Mädchen bedacht.«

»Die Zeit könnte kommen, wo Ihr das Messer eines Wilden für kein so verächtliches Ding ansehen werdet,« versetzte der Kundschafter, mit dem Ausdruck tiefer Verachtung für die Einfalt des Andern. »Haben sie ihr Kornfest gefeiert? Oder könnet Ihr etwas von den Totems ihres Stammes sagen?«

»Was das Korn betrifft, so hatten wir oft und reiche Feste; es war im Ueberfluß vorhanden, auch ist das Korn, in Milch gekocht, lieblich für den Mund und heilsam für den Magen. Was die Totems betrifft, so weiß ich nicht, was das ist: wenn es sich aber in irgend einer Weise auf die indianische Musik bezieht, so darf man bei ihnen gar nicht darnach fragen. Nie erheben sie ihre Stimmen, Gott zu preisen; und es scheint, daß sie zu den gottlosesten Götzendienern gehören.«

»Da lästert Ihr die Natur der Indianer. Selbst der Mingo betet nur den wahren, lebendigen Gott an; und ich sag‘ es zur Schande unsrer Farbe – ’s ist eine heillose Erfindung der Weißen – wenn sie den indianischen Krieger zu einem Anbeter selbstgeschaffener Bilder machen wollen. Wahr ist es, sie suchen mit dem bösen Feinde Frieden zu schließen, wie’s Einer mit einem Gegner thut, über den er nicht Meister werden kann; aber um Gunst und Beistand flehen sie nur den großen und guten Geist an.«

»Das mag seyn,« bemerkte David; »aber ich habe seltsame, fantastische Bilder gesehen, womit sie sich bemalen; und ihre Bewunderung und Sorgfalt für dieselben hatte viel von geistlichem Stolze; besonders eines, das noch dazu ein ekelhaftes, unreines Thier vorstellte.«

»War es eine Schlange?« fragte schnell der Kundschafter.

»Fast so was. Es hatte viel von einer gemeinen, kriechenden Landschildkröte.«

»Hugh!« riefen die aufmerksamen Mohikaner, in einem Athem, während der Kundschafter den Kopf schüttelte, mit der Miene eines Mannes, der eine wichtige, aber keineswegs erfreuliche Entdeckung gemacht hat. Dann sprach der Vater in der Mundart der Delawaren und mit einer Ruhe und Würde, die sogar die Aufmerksamkeit derer fesselten, denen seine Worte unverständlich waren. Seine Geberden waren ausdrucksvoll und mitunter energisch. Einmal hob er seinen Arm hoch empor, und als er ihn wieder sinken ließ, schoben sich die Falten seines leichten Mantels bei Seite und ein Finger blieb auf der Brust ruhen, als ob er durch diese Stellung seine Meinung bekräftigen wollte. Duncan’s Augen folgten der Bewegung, und er gewahrte, daß das eben erwähnte Thier in blauer Farbe schön, aber schwach auf die schwärzliche Brust des Häuptlings gemalt war. Alles, was er von der gewaltsamen Trennung der mächtigen Stämme der Delawaren je gehört hatte, drängte sich jetzt seinem Geiste auf, und er erwartete den geeigneten Augenblick zum Sprechen mit einer Ungeduld, die sein lebhafter Antheil an der Sache beinahe unerträglich machte. Seinem Wunsche kam jedoch der Kundschafter zuvor, der, von seinem rothen Freunde sich abwendend, begann:

»Wir sind auf etwas gekommen, das uns nützlich oder schädlich werden kann, wie der Himmel es fügen wird. Der Sagamore stammt aus dem edeln Blute der Delawaren und ist der große Häuptling ihrer Schildkröten! Daß Einige aus diesem Geschlecht unter dem Volke sind, von dem der Sänger erzählt, ist aus seinen Worten klar; und hätte er nur die Hälfte des Athems, den er ausblies, indem er aus seiner Kehle eine Trompete machte, auf kluge Fragen verwendet, so wüßten wir jetzt, wie viel Krieger sie zählen. Es ist immer ein gefährlicher Weg, den wir betreten: denn ein Freund, der sein Gesicht von euch abgewandt hat, ist oft blutdürstiger, als ein Feind, der auf euern Skalp ausgeht.«

»Sprecht euch aus,« bat Duncan.

»’s ist ein langer, trauriger Verlauf, an den ich nicht gern denke: denn es läßt sich nicht läugnen, daß das Uebel vornehmlich von Weißhäuten angerichtet wurde; und das Ende vom Liede war, daß der Bruder gegen den Bruder den Tomahawk erhob und der Mingo mit dem Delawaren auf einem Pfade wandelte!«

»So vermuthet Ihr denn, daß es ein Theil jenes Volkes sey, bei welchem sich Cora gegenwärtig befindet?«

Der Kundschafter nickte bejahend, obgleich er wenig geneigt schien, die Erörterung eines ihm peinlichen Gegenstandes weiter fortzuspinnen. Der ungeduldige Duncan entwarf jetzt hastig mehrere tollkühne Vorschläge, die Befreiung der Schwestern zu versuchen, und Munro entschlug sich seiner Theilnahmlosigkeit, auf die verzweifelten Pläne des jungen Mannes mit einer Rücksicht hörend, die man von seinen grauen Haaren und seinem Alter nicht hätte erwarten dürfen. Der Kundschafter aber verzog, bis die Hitze des Liebhabers sich ein wenig gelegt hatte, und wußte ihn dann von der Thorheit vorschnellen Handelns in einer Sache zu überzeugen, welche die kaltblütigste Ueberlegung und die äußerste Seelenstärke erfordere.

»Es wäre am besten,« fügte er hinzu, »wir ließen diesen Mann wieder hineingehen, daß er in ihrem Lager bliebe und den Mädchen Kunde von unserer Annäherung brächte, dann rufen wir ihn wieder durch ein Signal zu weiteren Berathungen. Ihr könnt doch das Geschrei einer Krähe von dem Pfeifen des Windsängers unterscheiden?«

»’s ist ein unterhaltender Vogel,« antwortete David, »und hat einen so sanften und melancholischen Ton, obwohl sein Takt zu schnell und regellos ist.«

»Er meint den Wish-ton-wish,« sagte der Kundschafter; »nun gut, wenn euch jenes Pfeifen gefällt, so soll das euer Signal seyn. Merkt’s euch denn, wenn Ihr den Ruf des Windsängers dreimal hört, so kommt Ihr in die Büsche, wo Ihr den Vogel vermuthet« –

»Halt!« unterbrach ihn Heyward; »ich will ihn begleiten.«

»Ihr!« rief der erstaunte Hawk-eye; »seyd Ihr müde, die Sonne auf- und untergehen zu sehen?«

»David ist ein lebendiger Beweis, daß die Huronen nicht immer unbarmherzig sind.«

»Ja, aber David kann seine Kehle benützen, und kein anderer Mensch, der bei Sinnen ist, wird sie so mißbrauchen.«

»Auch ich kann den Narren, den Wahnsinnigen, den Helden spielen, kurz Alles, wenn es gilt, sie, die ich liebe, zu befreien. Nennt keine Einwendungen mehr; ich bin entschlossen.«

Hawk-eye, sah den jungen Mann einen Augenblick mit sprachlosem Erstaunen an. Aber Duncan, der aus Achtung vor dem Geschick und den Diensten des Andern bisher beinahe blindlings gefolgt war, nahm jetzt die Miene des höheren Ranges an, auf eine Weise, der man nicht leicht widerstehen konnte. Er winkte mit der Hand, zum Zeichen, daß er jede Gegenvorstellung verschmähe, und fuhr dann mit ruhigerer Stimme fort:

»Ihr habt die Mittel, mich zu verkleiden; wandelt mich um, bemalt mich, wie es euch beliebt, kurz, macht einen andern Mann aus mir, einen Narren, wenn Ihr wollt.

»Für einen, wie ich bin, ziemt es sich nicht, zu sagen, daß er, der bereits durch die mächtige Hand der Vorsehung gebildet ist, eine Umwandlung nöthig habe,« murmelte der unzufriedene Kundschafter. »Wenn Ihr eure Abtheilung in den Krieg schicket, so findet Ihr es wenigstens gerathen, Plätze und Abzeichen für ein Lager zu bestimmen, damit die, welche auf eurer Seite fechten, wissen, wann und wo sie einen Freund zu erwarten haben.«

»Hört mich an,« unterbrach ihn Duncan; »Ihr habt von diesem getreuen Begleiter der Gefangenen gehört, daß die Indianer von zwei verschiedenen Stämmen, wo nicht Nationen sind. Bei einem, den Ihr für einen Zweig der Delawaren haltet, ist sie, die Ihr Schwarzhaar nennet, die andere und jüngere der Ladies befindet sich unstreitig bei unsern erklärten Feinden, den Huronen. Meiner Jugend und meinem Range kommt es zu, das letztere Abenteuer zu bestehen. Während Ihr daher mit euern Freunden die Befreiung der einen Schwester unterhandelt, will ich die andere erlösen, oder sterben!«

Neuerwachtes Feuer glühte in den Augen des jungen Soldaten und seine ganze Gestalt erhielt unter diesem Einflüsse etwas Ehrfurchtforderndes. Hawk-eye, welcher den Scharfsinn der Indianer zu gut kannte, um nicht die Gefahr eines solchen Unternehmens vorher zu fühlen, wußte gleichwohl nicht recht, wie er diesen plötzlichen Entschluß bekämpfen sollte.

Es lag vielleicht in diesem Gedanken etwas, was seiner eigenen kühnen Natur und jener geheimen Vorliebe für verzweifelte Abenteuer zusagte. Diese war mit seiner Erfahrung gestiegen, bis Wagniß und Gefahr ihm gewissermaßen zum Lebensbedürfniß geworden waren. Statt dem Plane Duncans sich weiter entgegenzusetzen, schlug seine Stimmung plötzlich um und er bot sich zur Mithülfe an.

»Kommt,« sprach er wohlwollend lächelnd; »dem Bock, der in’s Wasser will, muß man vorangehen, nicht folgen. – Chingachgook hat so viele Farben, als die Frau eines Ingenieuroffiziers, der die Natur auf Papierschnitzel malt, so daß die Berge wie Haufen verdorbenen Heues aussehen, und man den blauen Himmel mit den Händen erreichen könnte. Der Sagamore kann auch gut damit umgehen. Setzt euch da auf den Baumstamm, und ich wette meinen Kopf, er macht noch schneller einen natürlichen Narren aus euch, so daß Ihr euch selbst gefallen sollt.«

Duncan gehorchte, und der Mohikaner, welcher der Unterredung aufmerksam zugehört hatte, unterzog sich gerne dem Geschäft. Lange geübt in all den feineren Künsten der Eingebornen, zog er mit großer Gewandtheit und Schnelligkeit jene fantastischen Schattenlinien, welche die Wilden als ein Zeichen fröhlicher und scherzhafter Gemüthsstimmung zu betrachten pflegen. Jeder Zug, der möglicher Weise auf eine geheime Neigung zum Kriege hätte bezogen werden können, wurde sorgfältig vermieden, während er auf der andern Seite auf jede Nuance achtete, die eine freundliche Gesinnung bekräftigen konnte.

Kurz, er opferte gänzlich den Krieger der Mummerei des Narren. Solche Erscheinungen waren bei den Indianern nicht ungewöhnlich; und da Duncan bereits durch seine Kleidung zur Genüge unkenntlich war, durfte man mit einigem Grund annehmen, er werde sich bei seiner Kenntniß des Französischen für einen Gaukler von Ticonderoga ausgeben dürfen, der unter den verbündeten und befreundeten Stämmen umherschwärme.

Als er sich gehörig bemalt glaubte, gab ihm der Kundschafter manchen freundlichen Rath, verabredete Signale und bezeichnete den Ort, wo sie sich im Falle gegenseitigen Erfolges treffen wollten. Munro’s Trennung von seinem jungen Freunde war schwerer, und doch ergab er sich mit einer Gleichgültigkeit darein, die bei seiner natürlichen Wärme und seinem Edelmuth sich nur aus einer so gedrückten Stimmung erklären ließ. Der Kundschafter führte Heyward bei Seite und theilte ihm mit, daß er den Veteranen unter dem Schutze Chingachgook’s an einem sicheren Orte unterbringen wolle, während er und Uncas unter dem Volksstamm, den sie mit Grund für Delawaren halten durften, Nachforschungen anstellen wollten. Nachdem er ihm wiederholt seinen Rath ertheilt und die nöthigen Vorsichtsmaßregeln angegeben hatte, sprach er endlich in feierlichem Ton und mit einer Wärme des Gefühls, die Duncan tief bewegte: »Und nun segne Euch Gott! Ihr habt einen Muth gezeigt, wie ich ihn liebe; er ist das Angebinde der Jugend, mehr noch eines warmen Blutes und kühnen Herzens. Aber glaubt der Warnung eines Mannes, der Gründe genug für die Wahrheit seiner Worte hat. Ihr werdet all eurer Mannheit und schärferen Verstandes bedürfen, als man aus den Büchern lernt, um einen Mingo zu überlisten, oder seinen Muth zu übertreffen. Gott segne Euch! Wenn die Huronen Herren Eures Skalpes werden, so verlaßt Euch auf das Wort eines Mannes, der zwei tapfere Krieger in seinem Rücken hat; sie sollen ihren Sieg theuer bezahlen – ein Leben für jedes Haar. Noch einmal, junger Herr, die Vorsehung segne Eure gute Sache, vergeßt nicht, daß, um diese Schelme zu täuschen, Dinge erlaubt sind, für die ein Weißer sonst nicht geschaffen ist.«

Duncan schüttelte seinem würdigen und widerstrebenden Gefährten mit Wärme die Hand, empfahl den betagten Freund auf’s Neue seiner Fürsorge und gab, seine freundlichen Wünsche erwiedernd, David das Zeichen zum Aufbruch. Hawk-eye sah dem hochsinnigen, abenteuerlichen jungen Manne mehrere Augenblicke mit unverholener Bewunderung nach, schüttelte dann bedenklich das Haupt, wandte sich und begab sich mit seinen Begleitern in den Schutz des Waldes.

Der Weg, den Duncan und David gingen, führte gerade über die Lichtung längs des Biberteiches hin. Als Heyward sich allein mit einem Menschen sah, der, bei seiner Einfalt, so wenig im Stande war, in Fällen der Noth Beistand zu leisten, fing er an, der Schwierigkeiten seiner Aufgabe sich erst recht bewußt zu werden. Das verschwindende Tageslicht erhöhte noch das düstere Aussehen der öden und rauhen Wildniß, die sich nach jeder Richtung hin erstreckte, und selbst die Stille der kleinen, so stark bevölkerten Hütten hatte etwas Unheimliches. Während er diese staunenswerthen Baue und die wundervollen Vorsichtsmaßregeln ihrer scharfsinnigen Bewohner betrachtete, drang sich ihm auf, daß selbst die Thiere in dieser weiten Wildniß einen Instinkt besäßen, der sich beinahe der Vernunft des Menschen vergleichen dürfe, und konnte nicht ohne Bangigkeit an den ungleichen Kampf denken, in den er sich so unbesonnen gestürzt hatte. Dann trat wieder in glühenden Farben Alicens Bild, ihr Unglück, die Gefahr, in der sie schwebte, vor seine Seele, und alles Bedenkliche seiner eigenen Lage war vergessen. Er munterte David auf und ging mit dem leichten, kräftigen Schritt unternehmenden Jünglingsmuthes dahin.

Nachdem sie beinahe in einem Halbkreis um den Teich gegangen waren, verließen sie den Lauf des Wassers und erstiegen eine kleine Anhöhe auf der Niederung, über welche sie wanderten. Binnen einer halben Stunde kamen sie an den Saum einer zweiten Lichtung, wie es schien, gleichfalls das Werk der Biber, von diesen scharfsichtigen Thieren aber wahrscheinlich aus irgend einem Grunde um der günstigern Stelle willen, die sie jetzt inne hatten, verlassen. Ein sehr natürliches Gefühl ließ Duncan einen Augenblick zögern, als scheue er sich, den Schutz des Waldpfads aufzugeben, einem Manne gleich, der alle seine Energie für ein gewagtes Unternehmen aufbietet, in welchem er ihrer, wie er sich insgeheim sagt, in vollem Maße benöthigt ist. Er benutzte die kleine Pause, sich durch einige flüchtige, eilige Blicke, so weit als möglich, zu unterrichten. Auf der entgegengesetzten Seite der Lichtung und nahe der Stelle, wo der Bach von einer höheren Fläche über Felsenstücke herabfiel, entdecke er fünfzig bis sechszig Wohnstellen, ganz roh aus Baumstämmen, Zweigen und Erde aufgebaut. Sie standen ohne Ordnung durch einander und schienen mit wenig Rücksicht auf Zierlichkeit und Schönheit errichtet. Wirklich so weit blieben sie hinter dem Dorfe, das Duncan so eben gesehen hatte, in jenen beiden Beziehungen zurück, daß er eine zweite, nicht geringere Ueberraschung zu erwarten begann. Dieser Eindruck verminderte sich auch keineswegs, als er in zweifelhaftem Dämmerlicht zwanzig bis dreißig Gestalten erblickte, die sich aus dem Verstecke des hohen, rauhen Grases vor den Hütten abwechselnd erhoben, und dem Auge wieder entschwanden, als ob sie in die Erde schlüpfen wollten. So plötzlich und flüchtig gesehen, erschienen sie mehr wie finstere Gespenster oder andere übermenschliche Wesen, denn als Geschöpfe, aus dem gewöhnlichen Stoffe von Fleisch und Blut gebildet. Eine hagere, nackte Gestalt ward für einen Augenblick sichtbar, warf ihre Arme wild in die Luft und plötzlich war ihre Stelle wieder leer. Mit einemmal erschien sie weit davon von neuem, oder machte einer andern von eben so räthselhaftem Aussehen Platz. Als David bemerkte, daß sein Begleiter zögerte, folgte er der Richtung seines Blickes und rief Heyward einigermaßen zur Besinnung zurück, indem er sagte:

»Hier ist viel fruchtbarer, unbebauter Boden, und ich darf, ohne den sündhaften Sauerteig des Selbstlobs, wohl hinzufügen, daß seit meinem kurzen Aufenthalt in diesen Hütten des Heidenthums viel guter Same, aber leider nur auf den Weg, ausgestreut worden ist.«

»Diese Stämme lieben die Jagd mehr, als Arbeit und Landbau,« antwortete der arglose Duncan, noch immer auf die Gegenstände seiner Verwunderung schauend.

»Es ist eher Freude, als Arbeit für den Geist, die Stimme zum Lob zu erheben; aber diese Jungen mißbrauchen ihre Gaben auf eine traurige Weise; selten habe ich Knaben ihres Alters gefunden, welche die Natur so freigebig mit der Anlage zum Psalmgesang beschenkt hätte; und gleichwohl vernachlässigt sie Niemand mehr. Drei Nächte hab‘ ich hier verweilt, und zu drei verschiedenen Malen die Unholde zu einem heiligen Gesang versammeln wollen, und eben so oft haben sie meine Bemühungen mit einem Geheul und Geschrei erwiedert, daß es mir das Herz durchschnitt.«

»Von wem sprechet Ihr?«

»Von den Teufelskindern dort, welche die kostbare Zeit mit so eiteln Possen vergeuden. Ach, der heilsame Zwang der Kinderzucht ist bei diesem sich selbst dahingegebenen Volke wenig bekannt. In diesem Lande der Birken sieht man keine Ruthe; und es sollte Einen nicht Wunder nehmen, daß die kostbarsten Segnungen des Himmels zu solchen Mißtönen verschwendet werden.«

David hielt sich die Hände vor die Ohren gegen das schrille Geheul der jungen Horde, das den ganzen Wald erfüllte, Duncan aber verzog die Lippe zu einem Lächeln, als spotte er über seinen eignen Aberglauben, und sprach dann mit festem Tone:

»Wir wollen weiter gehen.«

Ohne die Schutzmittel von den Ohren zu entfernen, willfahrte der Singmeister, und sie verfolgten zusammen ihren Weg nach den Zelten der Philister, wie David sich zuweilen auszudrücken liebte.

Sechzehntes Kapitel.

Sechzehntes Kapitel.

Edg. Eh‘ Ihr zum Kampfe gehet, lest den Brief.
Lear.

Major Heyward fand Munro allein mit seinen Töchtern. Alice saß auf seinem Knie und theilte die grauen Haare des alten Kriegers mit ihren zarten Fingern, und als er über ihre Tändelei die Stirne zu runzeln schien, drückte sie ihre Rosenlippen auf das befurchte Haupt, um den scheinbaren Unmuth zu beschwichtigen. Cora saß neben ihnen, eine ruhige und heitere Zuschauerin, indem sie die kindischen Bewegungen ihrer jüngern Schwester mit jener Art von mütterlicher Zärtlichkeit betrachtete, die ihre Liebe zu Alice so eigenthümlich bezeichnete. Nicht blos die Gefahren, die sie überstanden hatten, sondern auch die zukünftigen, die sie noch bedrohten, schienen in diesem harmlosen Familienkreise vergessen. Es war, als ob sie den kurzen Waffenstillstand benützen wollten, um sich für einen Augenblick dem Ergusse der edelsten Zärtlichkeit hinzugeben. Die Töchter vergaßen ihre Befürchtungen, der Veteran seine Sorgen in der Sicherheit des Augenblicks. Duncan, welcher in dem Eifer, von seiner Sendung zu berichten, unangemeldet eingetreten war, blieb einige Augenblicke ein unbemerkter Zuschauer bei einer Scene, die ihn entzückte. Bald aber erblickte das lebhafte, bewegliche Auge Alicens seine Gestalt in einem Spiegel, sprang erröthend von ihres Vaters Knie auf und rief mit lauter Stimme:

»Major Heyward!«

»Was soll der Junge?« fragte ihr Vater, »ich schickte ihn zu dem Franzmann in’s Lager, um ein wenig mit ihm zu schwatzen. Ha! Sir, Sie sind jung und flink! Entfernt Euch, Ihr Schelme! hat der Soldat nicht Beschwerden genug, muß er auch noch das Lager voll solcher Schwätzerinnen haben, wie Ihr seyd?«

Alice folgte lächelnd ihrer Schwester, welche sie aus dem Zimmer führte, wo man ihre Gegenwart nicht länger wünschte. Munro schritt, statt den jungen Mann nach dem Ergebniß seiner Sendung zu fragen, einige Augenblicke in dem Zimmer auf und nieder, die Hände auf dem Rücken und das Haupt zu Boden gekehrt, als ob er in tiefes Nachdenken versunken wäre. Endlich erhob er seine Augen, die in dem Ausdruck väterlicher Zärtlichkeit erglänzten, und rief:

»’s sind ’n paar köstliche Mädchen, Heyward, auf die sich ein Vater was zu Gute thun darf.«

»Sie wollen, hoffe ich, gewiß nicht erst meine Meinung über Ihre Töchter kennen lernen, Obrist Munro?«

»’s ist wahr, Junge, ja,« unterbrach ihn der ungeduldige Alte. »Sie wollten mir Ihr Herz am Tage Ihrer Ankunft umständlicher öffnen, und ich glaubte, es zieme sich für einen alten Soldaten nicht, von Hochzeitfreuden und Hochzeitscherzen zu sprechen, wenn die Feinde seines Königs sich als ungebetene Gäste bei dem Feste einfinden könnten! Aber es war Unrecht von mir, Duncan! Junge, ’s war Unrecht und ich bin jetzt bereit zu vernehmen, was Sie mir zu sagen haben.«

»So viel Freude mir Ihre Versicherung macht, theuerster Herr, so habe ich Ihnen jetzt eine Botschaft von Montcalm« –

»Laßt den Franzmann mit seinem ganzen Heere zum Teufel gehen!« rief der ungestüme Veteran. »Er ist noch nicht Meister von William Henry, und soll es auch nie werden, wofern Webb seine Schuldigkeit thut. Nein, Sir, dem Himmel sey Dank, wir sind noch nicht so in der Klemme, daß Munro nicht einen Augenblick seinen häuslichen Angelegenheiten widmen könnte. Ihre Mutter war das einzige Kind meines Busenfreundes, Duncan, und ich will Sie jetzt anhören, wenn auch alle Ritter von St. Louis vor dem Ausfallthor stünden mit ihrem französischen Heiligen an der Spitze, und ein Wörtchen mit mir sprechen wollten. Ein sauberer Ritterorden, den man mit Zuckertonnen kaufen kann, und dann ihre Pfennigmarquisate! Die Distel ist der Orden der Ehre und des Alterthums; das wahre nemo me impune lacessit des Ritterthums; Sie hatten Ahnen, Duncan, in diesem Orden, und sie waren eine Zierde der schottischen Ritterschaft.«

Heyward, welcher wahrnahm, daß sein Oberer ein boshaftes Vergnügen daran fand, die Botschaft des französischen Generals verächtlich zu machen, wollte einem Spleen keine Nahrung geben, von dem er wußte, daß er nur von kurzer Dauer seyn werde, und erwiederte deshalb mit so viel Gleichgültigkeit, als er hier annehmen konnte:

»Mein Verlangen, Sir, ging, wie Sie wissen, soweit, nach der Ehre zu geizen, mich Ihren Sohn nennen zu dürfen.«

»Ja, Junge, darüber haben Sie sich so ziemlich deutlich auszudrücken gewußt. Aber lassen Sie mich fragen, Sir, haben Sie sich ebenso verständlich gegen meine Tochter ausgesprochen?«

»Bei meiner Ehre, nein,« rief Duncan warm, »es hieße ein mir geschenktes Vertrauen gemißbraucht, hätte ich mein Verhältniß zu einem solchen Zwecke benützt!«

»Sie haben als Ehrenmann gehandelt, Major Heyward, Ihr Benehmen war ganz an seiner Stelle. Aber Cora Munro ist ein zu verständiges Mädchen, ihre Denkungsart zu erhaben und befestigt, als daß sie der Leitung selbst eines Vaters bedürfte.«

»Cora!«

»Ja – Cora! wir sprechen von Ihrer Bewerbung um Miß Munro’s Hand, nicht wahr, Sir?«

»Ich – ich – ich glaube, ihren Namen noch nicht genannt zu haben,« stotterte Duncan.

»Und wen wollten Sie denn heirathen, daß Sie meiner Zustimmung bedürften, Major Heyward?« fragte der alte Soldat, mit der Würde verletzten Gefühls sich emporrichtend.

»Sie haben eine zweite, nicht minder liebenswürdige Tochter!«

»Alice!« rief der Vater, ebenso überrascht, als es Duncan gewesen war, als er den Namen der Schwestern wiederholt hatte.

»Sie war der Gegenstand meiner Wünsche, Sir.«

Der junge Mann erwartete schweigend das Resultat der außerordentlichen Bewegung, die eine, wie sich jetzt zeigte, so unerwartete Mittheilung hervorgebracht hatte. Mehrere Minuten lang ging Munro mit großen und raschen Schritten im Zimmer auf und nieder; seine Gesichtsmuskeln arbeiteten krampfhaft, und jede andere Geistesthätigkeit schien in seinem tiefen Nachdenken zu schlummern. Endlich blieb er vor Heyward stehen, heftete seine Augen fest auf ihn und sprach, indem seine Lippe heftig zitterte:

»Duncan, Heyward, ich habe Sie wegen des Mannes geliebt, dessen Blut in Ihren Adern fließt, ich habe Sie um Ihrer eigenen guten Eigenschaften willen geliebt und habe Sie geliebt, weil ich dachte, Sie würden mein Kind glücklich machen. Aber alle diese Liebe würde sich in Haß verwandeln, wüßte ich, daß das, was ich fürchte, wahr ist.«

»Gott wolle verhüten, daß ich das Geringste thun oder denken sollte, was einen solchen Wechsel herbeiführen könnte!« rief der junge Mann, dessen Auge unter dem durchdringenden Blicke, der ihn traf, nicht wankte. Ohne daran zu denken, daß Heyward zu fassen unvermögend war, was in seinem Innern vorging, schien Munro durch den unverändert ruhigen Blick besänftigt, dem er begegnete, und fuhr in milderem Tone fort:

»Sie wollen mein Sohn werden, Duncan, und kennen die Geschichte dessen nicht, den Sie Vater zu nennen wünschen. Setzen Sie sich, junger Mann, und ich will Ihnen mit wenigen Worten ein Herz öffnen, dessen Wunden noch nicht vernarbt sind.«

Montcalm’s Botschaft war jetzt sowohl von dem, der sie überbringen, als auch von dem, der sie anhören sollte, vollkommen vergessen. Jeder nahm einen Sitz, und während der Veteran einige Augenblicke mit seinen eigenen Gedanken verkehrte, scheinbar bekümmert, unterdrückte der junge Mann seine Ungeduld und suchte in Blick und Geberden achtungsvolle Aufmerksamkeit zu legen.

»Sie wissen bereits, Major Heyward, daß meine Familie alt und ehrenvoll ist,« begann der Schottländer, »obgleich sie mit Glücksgütern nicht so begünstigt war, wie es ihrem Adel gebührt hätte. Ich war ungefähr in Ihrem Alter, als ich mich Alice Graham mit Herz und Mund verpflichtete; sie war das einzige Kind eines benachbarten Lairds, nicht ohne Vermögen. Allein ihr Vater war nicht für die Verbindung, weil außer meiner Armuth noch Mehreres seinen Wünschen entgegen war. Ich that daher, was jeder Mann von Ehre gethan hätte, ich gab dem Mädchen sein Wort zurück und verließ das Land im Dienste meines Königs. Ich hatte schon viele Länder gesehen, schon an vielen Orten mein Blut vergossen, als mich mein Dienst nach den westindischen Inseln rief. Hier wollte mein Schicksal, daß ich mit einem Mädchen bekannt ward, die bald mein Weib und Coras Mutter wurde. Sie war die Tochter eines Mannes von Stand auf jenen Inseln, dessen Gattin das Unglück hatte, wenn Sie so wollen, in einem entfernten Grade von jener unglücklichen Menschenrasse abzustammen,« sprach der alte Mann stolz, »die zu so schändlicher Sklaverei verurtheilt ist, um den Bedürfnissen eines üppigen Volkes zu fröhnen. Ja, Sir, das ist ein Fluch, den Schottland seiner so unnatürlichen Verbindung mit einem fremden Handelsvolke zu danken hat. Aber würde ich unter diesem Einen finden, der sich geringschätzig über mein Kind äußerte, der sollte das volle Gewicht meines väterlichen Zorns empfinden! Doch! Major Heyward, Sie selbst sind im Süden geboren, wo diese unglücklichen Geschöpfe als eine niedrigere Menschenklasse betrachtet werden.«

»Das ist unglücklicher Weise nur zu wahr, Sir,« sprach Duncan, so verlegen, daß er seine Augen zu Boden zu senken gezwungen war.

»Und Sie werfen deshalb einen Tadel auf mein Kind? Sie verschmähen es, das Blut der Heyward mit dem Blute eines so verachteten, wenn auch noch so liebenswürdigen und tugendhaften Mädchens zu vermischen?« fragte der mißtrauische Vater.

»Der Himmel behüte mich vor einem Vorurtheil, das meiner Vernunft so unwürdig wäre!« erwiederte Duncan, wiewohl er sich sagen mußte, daß wirklich ein solches Vorurtheil so tief in ihm wurzelte, als ob es seiner Natur eingepflanzt worden wäre. »Die Anmuth, die Schönheit, der Zauber Ihrer jüngern Tochter, Obrist Munro, werden meine Beweggründe hinlänglich erklären, ohne mich einer solchen Ungerechtigkeit schuldig erscheinen zu lassen.«

»Sie haben Recht, Sir,« versetzte der alte Mann, der wieder in den Ton der Güte oder vielmehr Sanftmuth überging; »das Mädchen ist das Bild ihrer Mutter in jenem Alter, bevor sie noch den Gram hatte kennen lernen. Als mich der Tod meines Weibes beraubte, kehrte ich, durch diese Heirath reicher geworden, nach Schottland zurück, und werden Sie es glauben, Duncan! der leidende Engel war zwanzig lange Jahre in dem herzlosen Zustand der Ehelosigkeit verblieben, und zwar wegen eines Mannes, der sie vergessen konnte! Sie that noch mehr, Sir; sie vergab mir meine Treulosigkeit, und da alle Schwierigkeiten nun beseitigt waren, nahm sie mich zu ihrem Gatten.«

»Und wurde Alicens Mutter?« rief Duncan mit einer Heftigkeit, die verderblich hätte werden können, wäre nicht Munro in diesem Augenblicke so tief in seine schmerzlichen Erinnerungen versunken gewesen.

»Ja,« antwortete der alle Mann, »und theuer bezahlte sie das kostbare Geschenk, das sie mir hinterließ. Doch sie ist eine Heilige im Himmel, Sir; und nicht ziemt es einem Manne, der mit einem Fuß schon in dem Grabe steht, ein so wünschenswerthes Loos zu beklagen. Ich besaß sie blos ein Jahr, ein kurzes Glück für ein Weib, das ihre Jugend in hoffnungsloser Sehnsucht hatte dahinschwinden sehen.« Es lag in dem Kummer des alten Mannes etwas so Ueberwältigendes, daß Heyward kein Wort des Trostes an ihn zu richten wagte. Munro schien Duncans Gegenwart völlig vergessen zu haben, seine Züge kämpften gegen den Schmerz seiner Empfindungen, während schwere Thränen seinen Augen entquollen und über seine Wangen rollten. Endlich rührte er sich, als sey er plötzlich wieder zu Besinnung gelangt; er stand auf, ging ein Mal durch das Zimmer, und trat dann mit einem Ausdrucke kriegerischer Größe vor Heyward, mit der Frage:

»Haben Sie mir keine Botschaft von dem Marquis von Montcalm zu überbringen, Major Heyward?«

Duncan fuhr auf und begann sogleich mit verlegener Stimme des halbvergessenen Antrags sich zu entledigen. Es ist unnöthig, bei der gewandten, wenn gleich höflichen Art zu verweilen, womit der französische General jedem Versuche Heywards ausgewichen war, ihn über den Inhalt der Mittheilung, die er hatte machen wollen, auszuholen; oder bei der Botschaft, durch welche er seinem Feinde in artigen, aber bündigen Worten bedeuten ließ, daß er selbst kommen und die Erklärung holen, oder darauf verzichten möge. Während Munro die Einzelnheiten des Berichtes anhörte, wich das aufgeregte Vatergefühl allmählig den Rücksichten für seine Dienstpflicht; und als Duncan zu Ende war, erblickte er nur noch den Veteranen, dessen Ehre als Soldat gekränkt worden war.

»Sie haben genug gesagt, Major Heyward!« rief der erzürnte Alte; »genug, um einen Kommentar über französische Höflichkeit zu schreiben. Da ladet mich der Herr zu einer Zusammenkunft ein, und wie ich ihm statt meiner in Ihnen einen tüchtigen Stellvertreter schicke, denn das sind Sie, Duncan, so jung Sie auch noch sind, so antwortet er mir in einem Räthsel.«

»Er hatte vielleicht eine minder günstige Meinung von dem Stellvertreter, mein theuerster Herr! und Sie werden sich erinnern, daß die Einladung, die er nun wiederholt, an den Kommandanten des Forts und nicht an einen Untergebenen geht.«

»Recht, Sir! ist aber nicht der Stellvertreter mit aller Gewalt und Würde desjenigen bekleidet, der ihm den Auftrag gibt? Er wünscht mit Munro zu sprechen! Meiner Treu, Sir, ich habe große Lust, ihm die Unterredung zu gewähren, und sollt‘ es nur seyn, ihm zu zeigen, wie fest wir ihm trotz der Zahl seiner Truppen und seinen Uebergabevorschlägen ins Auge sehen, ’s wäre vielleicht keine üble Politik, junger Mann.«

Duncan, welcher es für höchst wichtig hielt, möglichst bald den Inhalt des von dem Kundschafter überbrachten Briefs zu erfahren, unterstützte ihn gerne dann, indem er sagte:

»Ohne Zweifel wird unsre Gleichgültigkeit seine Zuversicht herabstimmen.«

»Nie haben Sie wahrer gesprochen. Ich wollte, Sir, er käme, und beschaute sich unsere Werke am hellen Tage und zwar in einem Sturm. Das ist das untrüglichste Mittel, zu sehen, ob sich der Feind wacker hält, und tausendmal besser, als das Beschießungssystem, welches er angenommen hat. Das Schöne und Männliche der Kriegskunst hat durch die Künste Ihres Monsieur Vauban sehr gelitten, Major Heyward! Unsre Vorfahren waren über diese systematische Feigheit weit erhaben.«

»Das mag ganz wahr seyn, Sir; jetzt aber müssen wir uns eben mit den Waffen vertheidigen, mit denen wir angegriffen werden. Was sind Sie gesonnen in Betreff der Zusammenkunft?«

»Ich will den Franzosen sprechen, und das ohne Furcht oder Aufschub; prompt! Sir, wie’s einem Diener meines königlichen Gebieters ziemt. Gehen Sie, Major Heyward, lassen Sie eine Fanfare blasen und schicken Sie einen Trompeter, um dem Marquis zu melden, wer komme. Wir folgen mit einer kleinen Bedeckung; denn Ehre gebührt dem, der über die Ehre eines Königs zu wachen hat; und hören Sie, Duncan,« fügte er halbflüsternd, obgleich sie allein waren, hinzu: »es wird gut seyn, eine Verstärkung bei der Hand zu haben, falls eine Verrätherei zulezt Allem zu Grunde läge.«

Der junge Mann benützte den Befehl, um das Zimmer zu verlassen, und beeilte sich, da der Tag zu Ende ging, unverzüglich die nöthigen Vorkehrungen zu treffen. In wenigen Minuten waren Truppen unter das Gewehr getreten, und eine Ordonnanz mit einer weißen Fahne abgeschickt, die Ankunft des Kommandanten von Fort William Henry zu melden. Sobald dies geschehen war, führte er die Bedeckung nach dem Ausfallthor, wo sein Oberer bereits auf ihn wartete. Nach den bei einem Auszug von Truppen üblichen Förmlichkeiten verließ der Veteran und sein jüngerer Gefährte, von der Bedeckung begleitet, die Festung.

Kaum waren sie einige hundert Schritte aus den Festungswerken marschirt, als der kleine Trupp Soldaten, der den französischen General begleitete, aus einem Hohlwege hervorkam, der das Bett eines zwischen den Batterien der Belagerer und dem Fort fließenden Baches bildete. Sobald Munro seine eigenen Werke verließ, um seinen Feinden entgegenzutreten, nahm seine Miene eine gewisse Hoheit an, und Schritt und Haltung wurden ächt kriegerisch. In dem Augenblicke, da er des weißen Federbusches, der von Montcalms Hute wehte, ansichtig ward, blitzten seine Augen und das ganze Feuer der Jugend schien wieder in dem hohen, muskulösen Körper des Greises zu erwachen.

»Sagen Sie den Jungen, sie sollen auf ihrer Hut seyn,« flüsterte er Duncan zu, »und Flinten und Säbel wohl bei der Hand halten, denn man ist bei einem Diener dieser Louis niemals sicher; dabei wollen wir aber die Stirne von Männern zeigen, die sich in tiefer Sicherheit glauben. Verstehen Sie mich, Major Heyward?«

Ein Zeichen mit der Trommel unterbrach sie, und ward sogleich von ihrer Seite beantwortet. Während jede Partei eine Ordonnanz mit einer weißen Fahne vortreten ließ, hielt der vorsichtige Schotte seine Bedeckung dicht hinter dem Rücken. Sobald diese flüchtige Begrüßung vorüber war, trat Montcalm mit leichtem, anstandsvollem Schritte auf ihn hinzu, und entblößte sein Haupt gegen den Veteranen, so daß sein weißer Federbusch beinahe den Boden berührte. War das Aeußere Munro’s männlicher und ehrfurchtgebietender, so fehlte ihm dagegen die leichte, einschmeichelnde Artigkeit des Franzosen. Beide schwiegen eine Weile, indem sie sich mit neugierigem Auge betrachteten; sodann unterbrach Montcalm, wie es sein höherer Rang und die Art der Unterhandlung mit sich brachte, das Stillschweigen. Nach der gewöhnlichen Begrüßung wandte er sich an Duncan und fuhr mit einem Lächeln des Wiedererkennens in französischer Sprache fort:

»Es freut mich, mein Herr, daß Sie uns bei dieser Veranlassung das Vergnügen Ihrer Gegenwart schenken. Wir können so des gewöhnlichen Dolmetschers entbehren; denn bei Ihnen fühle ich die gleiche Sicherheit, als wenn ich selbst Ihre Sprache spräche.« Duncan dankte für dieses Compliment; Montcalm aber wandte sich zu seiner Bedeckung, welche nach dem Vorgang von Munro’s Leuten sich dicht hinter ihm aufgestellt hatte, und fuhr fort:

»Zurück, Kinder – es ist warm; zieht euch ein wenig zurück!«

Ehe Major Heyward diesen Beweis von Vertrauen erwiederte, warf er einen Blick auf die Ebene umher und gewahrte nicht ohne Unruhe die zahlreichen dunkeln Gruppen von Wilden, welche als neugierige Zuschauer der Zusammenkunft aus dem Saum der sie umgebenden Wälder hervorschauten.

»Herr von Montcalm wird ohne Zweifel den Unterschied unserer Lage einsehen,« sprach er mit einiger Verlegenheit und wies zugleich auf die gefährlichen Feinde, die von allen Seiten sichtbar wurden. »Entließen wir unsere Bedeckung, so wären wir der Willkühr unserer Feinde preisgegeben.«

»Monsieur, sie haben das Ehrenwort eines französischen Edelmannes für Ihre Sicherheit!« erwiederte Montcalm, die Hand auf das Herz legend: »das sollte genügen.« »Und genügt auch. Zurück!« sprach Duncan zu dem Offizier, der die Bedeckung befehligte. »Zurück, Sir, bis auf weitere Ordre, so weit, daß Sie uns nicht hören können.«

Munro sah diese Bewegung mit sichtbarer Unruhe und fragte sogleich, was sie zu bedeuten habe.

»Liegt es nicht in unserem Interesse, Sir, sein Mißtrauen zu verrathen?« versetzte Duncan. »Monsieur de Montcalm verpfändet sein Ehrenwort für unsre Sicherheit, und ich habe den Leuten befohlen, sich etwas zurückzuziehen, um zu zeigen, wie fest wir auf seine Zusicherung bauen.«

»Sie können Recht haben, Sir; ich habe aber kein überschwängliches Vertrauen auf diese Marquis, oder wie sie sich nennen. Ihre Adelspatente sind zu gemein, als daß man ihnen auch das Siegel wahrer Ehre zutrauen könnte.«

»Sie vergessen, theuerster Herr, daß wir einen Offizier vor uns haben, der sich durch seine Thaten in Europa und America gleich ausgezeichnet hat. Von einem Kriegsmann seines Rufes können wir Nichts zu befürchten haben.«

Der Veteran machte ein Zeichen, daß er nachgebe; allein seine strengen Züge verriethen immer noch das Beharren in einem Mißtrauen, welches seinen Grund eher in einer gewissen anererbten Verachtung seines Feindes haben mochte, als in klaren, ein so liebloses Gefühl rechtfertigenden Gründen. Montcalm wartete geduldig das Ende dieses halblauten, kurzen Zwiegesprächs ab, trat dann näher und eröffnete die Unterredung mit folgenden Worten:

»Ich habe Ihren Obern um diese Zusammenkunft gebeten, Monsieur, weil ich glaube, er werde sich überzeugen lassen, bereits Alles gethan zu haben, was für die Ehre seines Fürsten nothwendig war, und jetzt auf die Stimme der Menschlichkeit hören. Ich werde ihm stets das Zeugniß des tapfersten Widerstandes geben, der so lange fortgesetzt wurde, als noch Hoffnung vorhanden war.« Als dieser Beginn Munro mitgetheilt wurde, antwortete er mit Würde, aber mit hinreichender Höflichkeit:

»So sehr ich ein solches Zeugniß von Monsieur de Montcalm zu schätzen weiß, so wird es mir doch noch werther seyn, wenn ich es besser verdient haben werde.«

Der französische General lächelte, als ihm diese Antwort übersetzt wurde, und bemerkte:

»Was man erprobtem Muthe so gerne gewährt, dürfte nutzloser Hartnäckigkeit verweigert werden. Monsieur beliebe, mein Lager anzusehen, meine Truppen zu zählen und sich selbst von der Unmöglichkeit eines längeren Widerstandes zu überzeugen!«

»Ich weiß, daß der König von Frankreich gut bedient ist,« erwiederte der unerschütterliche Schotte, sobald Duncan seine Uebersetzung beendigt hatte; »aber mein königlicher Gebieter hat ebenso viele und ebenso getreue Truppen.«

»Die aber zum Glück für uns nicht bei der Hand sind,« entgegnete Montcalm, ohne in seinem Eifer auf den Dolmetscher zu warten. »Es gibt ein Kriegsgeschick, dem sich der tapfere Mann mit demselben Muthe unterwerfen muß, mit dem er den Feinden die Stirne bietet.«

»Hätte ich gewußt, daß Monsieur de Montcalm des Englischen so mächtig ist, so hätte ich mir die Mühe eines so unvollkommenen Verdolmetschens erspart.« versetzte Duncan empfindlich und trocken, indem er sich augenblicklich seines neulichen Intermezzo’s mit Munro erinnerte.

»Verzeihen Sie, mein Herr,« entgegnete der Franzose, indem eine leichte Röthe über seine dunkle Wange flog. »Es ist ein großer Unterschied zwischen dem Sprechen und dem Verstehen einer fremden Sprache, Sie werden daher die Gefälligkeit haben, mir auch ferner Ihren Beistand nicht zu entziehen.« Dann fuhr er nach einer Pause fort: »Diese Berge hier machen es uns sehr bequem, ihre Werke zu rekognosziren, meine Herren, und ich kenne vielleicht ihren schwachen Zustand so gut, als Sie selbst.« »Fragen Sie den französischen General, ob seine Gläser bis an den Hudson reichen!« sprach Munro mit Stolz; »und ob er weiß, wann und wo Webb’s Heer erwartet werden darf.«

»General Webb mag sein eigener Dolmetscher seyn,« versetzte der schlaue Montcalm, indem er mit diesen Worten Munro einen offenen Brief hinhielt; »Sie werden daraus ersehen, mein Herr, daß seine Bewegungen meinem Heere nicht eben viel in den Weg legen werden.«

Der Veteran ergriff das dargebotene Papier, ohne zu warten, bis Duncan Montcalm’s Worte verdolmetscht hatte, mit einer Heftigkeit, welche verrieth, wie wichtig ihm sein Inhalt seyn müsse. Während sein Auge das Schreiben überlief, ging seine Miene plötzlich von dem Ausdruck militärischen Stolzes in den des tiefsten Kummers über. Seine Lippe begann zu beben, das Papier entfiel seiner Hand und das Haupt sank ihm auf die Brust, wie einem Manne, dessen Hoffnungen ein Schlag vernichtet hat. Duncan hob den Brief auf und ohne die Freiheit, die er sich nahm, zu entschuldigen, warf er einen Blick auf dessen grausamen Inhalt. Ihr gemeinschaftlicher Oberer ermunterte sie nicht nur nicht zum Widerstände, sondern rieth ihnen sogar selbst, sich unverzüglich zu ergeben, indem er mit dürren Worten als Grund anführte, es sey ihm durchaus unmöglich, ihnen auch nur einen einzigen Mann zu Hülfe zu senden.

»Hier findet keine Täuschung Statt!« rief Duncan, indem er den Brief sorgfältig außen und innen untersuchte, »Er trägt Webb’s Siegel und es muß der aufgefangene Brief seyn.«

»Der Mann hat mich verrathen!« rief Munro endlich bitter aus; »er hat das Haus eines Mannes entehrt, dem Schande bisher unbekannt war, und Schmach über meine grauen Haare gebracht!«

»Sagen Sie das nicht!« rief Duncan; »noch sind wir Herren des Forts und unserer Ehre. Wir wollen unser Leben um einen Preis verkaufen, der selbst unsern Feinden zu theuer erscheinen soll!«

»Sohn, ich danke dir!« rief der alte Mann, der wie aus einer Betäubung erwachte. »Mit einem Male hast du Munro zu seiner Pflicht zurückgerufen. Wir wollen heim, und unsere Gräber hinter jenen Bollwerken graben!«

»Messieurs,« sprach Montcalm, mit edelmüthiger Theilnahme, einen Schritt vortretend, »Sie kennen Louis de St. Veran wenig, wenn Sie ihn für fähig halten, diesen Brief zur Demüthigung tapferer Soldaten und zur Befleckung seines eigenen Rufes benutzen zu wollen. Hören Sie meine Bedingungen, ehe Sie mich verlassen.«

»Was sagt der Franzose?« fragte der Veteran finster; »macht er sich ein Verdienst daraus, einen Kundschafter mit einem Zettel aus dem Hauptquartier aufgefangen zu haben? Sir, er thäte besser, die Belagerung aufzuheben, und sich vor Fort Edward zu legen, wenn er einen Feind mit Worten einzuschüchtern wünscht.«

Duncan erklärte ihm, was Montcalm gesagt hatte.

»Monsieur de Montcalm, wir sind bereit, Sie anzuhören,« fügte der Veteran hinzu, als Duncan geendet hatte.

»Das Fort zu behaupten, ist jetzt unmöglich,« sprach sein hochsinniger Gegner; »das Interesse meines Gebieters fordert, daß es zerstört werde: was aber Sie selbst und Ihre wackern Kameraden betrifft, so soll Ihnen kein Vorrecht, das dem Soldaten theuer ist, verweigert bleiben.«

»Unsre Fahnen?« fragte Heyward.

»Nehmen Sie nach England, um sie Ihrem Könige zu zeigen.«

»Unsre Waffen?

»Sie sollen ihnen bleiben; Niemand kann sie besser führen.«

»Unser Auszug, die Uebergabe des Platzes?«

»Alles soll auf die ehrenvollste Weise für Sie vor sich gehen.«

Duncan wandte sich jetzt zu seinem Kommandanten, um ihm diese Punkte mitzutheilen. Der Greis hörte ihn mit Erstaunen an und war von einem so ungewöhnlichen und unerwarteten Edelmuth tief ergriffen.

»Gehen Sie, Duncan,« sprach er, »gehen Sie mit diesem Marquis, der ein ächter Marquis ist, gehen Sie mit ihm in sein Zelt und bringen Alles in Ordnung. Zwei Dinge habe ich in meinem Alter erlebt, die ich nie für möglich gehalten hätte. Ein Engländer ist so feig, seinem Waffenbruder Hülfe zu versagen, und ein Franzose hat zu viel Ehrgefühl, um seinen Vortheil auszubeuten.« Mit diesen Worten ließ der Veteran sein Haupt wieder auf die Brust sinken und kehrte langsamen Schrittes nach dem Fort zurück, wo seine Niedergeschlagenheit die bestürzte Besatzung üble Botschaft erwarten ließ.

Dieser unerwartete Schlag hatte Munro’s stolzen Sinn so niedergebeugt, daß er sich nie mehr erholte. Von dem Augenblicke an war in seinem entschiedenen Charakter eine Veränderung vorgegangen, die ihn bald mit in das Grab begleiten sollte. Duncan blieb zurück, um die Bedingungen der Kapitulation festzusetzen. Man sah ihn um die erste Nachtwache in das Fort zurückkehren und unmittelbar nach einer kurzen Besprechung mit dem Kommandanten dasselbe wieder verlassen. Es ward jetzt öffentlich bekannt gemacht, daß die Feindseligkeiten aufzuhören hätten. Munro hatte eine Kapitulation unterzeichnet, laut welcher der Platz mit dem anbrechenden Morgen dem Feinde übergeben werden, die Besatzung aber ihre Waffen, ihre Fahnen und ihr Gepäcke, folglich nach militärischen Begriffen ihre Ehre behalten sollte.

Siebenzehntes Kapitel.

Siebenzehntes Kapitel.

Laßt weben uns. Den Faden dreht geschwind.
Webt das Geweb. Das Werk ist schon zu End‘.
Gray.

Die feindlichen Heere, welche in den Wildnissen des Horican gelagert waren, brachten die Nacht des neunten Augusts 1757 ungefähr auf dieselbe Weise zu, wie wenn sie auf dem schönsten Schlachtfelde Europas zusammengetroffen wären. Während die Besiegten still, verdrossen und niedergeschlagen waren, triumphirten die Sieger. Aber Trauer wie Freude haben ihre Gränzen: und lange vor der Morgenwache wurde die Stille der endlosen Wälder nur noch durch den Jubelruf eines lustigen jungen Franzosen bei einem entfernten Piquet, oder durch ein drohendes Anrufen aus dem Fort unterbrochen, das jede Annäherung von feindlichen Fußtritten vor der festgesetzten Zeit verbot. Selbst diese gelegentlich laut werdenden drohenden Töne verstummten in der unheimlichen Stunde, die dem Anbruch des Tages vorangeht, und auch ein Lauscher hätte vergeblich auf irgend ein Zeichen gehorcht, daß die Anwesenheit der an den Ufern des »heiligen Sees« schlummernden Streitkräfte verkündigt hätte.

Während dieser Augenblicke tiefer Stille wurde der Vorhang vor dem Eingange eines geräumigen Zeltes in dem französischen Lager bei Seite geschoben, und ein Mann schlüpfte unter demselben in die freie Luft hervor. Er war in einen Mantel gehüllt, der ihn gegen die kalten Dünste der Wälder schützen, aber auch seine ganze Gestalt verbergen sollte. Ungehindert ließ ihn der Grenadier, welcher den schlummernden französischen Befehlshaber zu bewachen hatte, vorüber, und die Schildwache machte nur das gewöhnliche Zeichen militärischer Ehrerbietung, als er flüchtigen Schritts durch die kleine Zeltstadt in der Richtung von William Henry forteilte. So oft der Unbekannte auf eine der zahlreichen Schildwachen auf seinem Wege stieß, war seine Antwort kurz und, wie es schien, befriedigend, denn man ließ ihn überall ohne weitere Ausforschung vorüber. Mit Ausnahme solcher oft wiederholten aber kurzen Unterbrechungen störte ihn auf seiner stillen Wanderung von der Mitte des Lagers bis zu den äußersten Vorposten nichts. Als er sich dem Soldaten näherte, der zunächst an den feindlichen Festungswerken Wache hielt, ward er mit dem gewöhnlichen Rufe empfangen: »Wer da?«

»Frankreich,« war die Antwort.

»Die Losung?« –

»Der Sieg!« sprach der Andere, ihm so nahe tretend, daß er ihm seine Antwort zuflüstern konnte.

»Gut,« versetzte die Schildwache, die Muskete wieder auf die Schulter nehmend, »Ihr geht frühe spazieren, Herr!«

»Man muß wachsam seyn, mein Kind,« bemerkte der Andere, indem er eine Falte seines Mantels fallen ließ und beim Vorübergehen den Soldaten scharf in’s Gesicht faßte, indem er seinen Weg nach den brittischen Bastionen verfolgte. Der Soldat fuhr auf, seine Waffen erklirrten stark, als er sie zum ehrerbietigsten militärischen Gruße vorwarf, und ging dann, seine Flinte wieder aufnehmend und zwischen den Zähnen murmelnd, auf und nieder.

»Gewiß muß man wachsam seyn! Ich glaube, wir haben da einen Korporal, der nie ein Auge schließt!«

Der Offizier that nicht, als hatte er die Worte, welche der überraschten Schildwache entschlüpften, gehört, und ging weiter, bis er das niedrige Ufer des Sees in der etwas gefährlichen Nähe der westlichen Wasserbastion des Forts erreichte. Das Licht des überwölkten Mondes reichte eben hin, die Umrisse der Gegenstände schwach unterscheiden zu lassen. Er gebrauchte daher die Vorsicht, sich an den Stamm eines Baumes zu stellen, wo er sich eine Weile anlehnte, und die dunkeln, stillen Erddämme der englischen Festungswerke mit gespannter Aufmerksamkeit zu betrachten schien. Sein Blick nach den Bollwerken war nicht der eines neugierigen oder müßigen Gaffers, sondern wanderte von einem Punkt zum andern und bewies militärische Kenntniß, verrieth aber auch, daß seine Untersuchung nicht ganz frei von Mißtrauen war. Endlich schien er befriedigt, er warf die Augen ungeduldig auf das östliche Gebirge, als könnte er den Anbruch des Morgens nicht erwarten, und war im Begriff, wieder zurückzukehren, als ein leises Geräusch auf der nächsten Ecke der Bastion sein Ohr erreichte und ihn zu bleiben bewog.

Eben näherte sich eine Gestalt dem Rande der Brustwehr, wo sie stehen blieb und die entfernten Zelte des französischen Lagers zu betrachten schien. Ihr Haupt wandte sich nach Osten, als sehe sie dem nahenden Tage mit Bangigkeit entgegen, und schien dann, an den Erdwall gelehnt, die klare Fläche der Wasser zu überblicken, die wie ein zweites Firmament das Bild von tausend Sternen wiederstrahlte. Das melancholische Aussehen, die Stunde und der hohe Wuchs des Mannes, welcher sich sinnend an die englische Brustwehr gelehnt hatte, ließ den aufmerksamen Beobachter über die Person nicht im Zweifel. Zartgefühl nicht minder als Klugheit geboten ihm nun, sich zurückzuziehen, und vorsichtig hatte er sich um den Baumstamm gedreht, um nicht bemerkt zu werden, da zog ein anderer Laut seine Aufmerksamkeit auf sich und ließ ihn abermal stille stehen. Leise, kaum hörbar bewegte sich das Wasser, dann war es, als ob Kieselsteine sich aneinander rieben. In einem Nu erhob sich eine dunkle Gestalt, wie aus dem See, und schlich geräuschlos an das Land, einige Schritte von der Stelle, wo er stand. Nächstdem erhob sich zwischen seinen Augen und dem Wasserspiegel eine Büchse, aber ehe sie noch losgeschossen werden konnte, war schon seine Hand auf dem Schloß.

»Hugh!« rief der Wilde, dessen verrätherische Absicht so seltsam und unerwartet unterbrochen worden war.

Ohne ein Wort zu sprechen, legte der französische Offizier seine Hand auf die Schulter des Indianers und führte ihn in tiefem Stillschweigen von der Stelle weg, wo ihr folgendes Zwiegespräch hätte gefährlich werden können, und wo wenigstens einer von ihnen ein Schlachtopfer zu suchen schien. Den Mantel zurückschlagend, um seine Uniform und das Ludwigskreuz an seiner Brust zu zeigen, fragte jetzt Montcalm in strengem Tone:

»Was soll das? Weiß mein Sohn nicht, daß die Kriegsart begraben ist zwischen dem Engländer und seinem canadischen Vater?«

»Was sollen die Huronen beginnen?« entgegnete der Wilde, ebenfalls französisch, aber nur unvollkommen sprechend. »Kein Krieger hat einen Skalp und die Blaßgesichter werden Freunde.« »Ha! Le Renard Subtil! Mich dünkt, ein übertriebener Eifer für einen Freund, der jüngst noch ein Feind war! Wie viele Sonnen gingen unter, seitdem le Renard den Kriegspfahl der Engländer berührt hat!«

»Wo ist jene Sonne?« fragte der trotzige Wilde. »Hinter den Bergen, und sie ist schwarz und kalt. Aber wenn sie wieder kommt, wird sie glänzen und warm seyn. Le Subtil ist die Sonne seines Stamms, Wolken und viele Berge waren zwischen ihm und seiner Nation; aber jetzt scheint er hell und es ist klarer Himmel!«

»Daß le Renard Macht über die Männer seines Volkes hat, weiß ich wohl,« sprach Montcalm, »denn gestern jagte er noch nach ihren Skalpen, und heute hören sie ihn bei dem Versammlungsfeuer.«

»Magua ist ein großer Häuptling.«

»Er zeig‘ es dadurch, daß er sein Volk lehrt, wie es sich gegen unsere neuen Freunde zu betragen hat.«

»Warum führte der Häuptling von Canada seine jungen Krieger in die Wälder und feuerte sein Geschütz nach dem Haus von Erde ab?« fragte der schlaue Indianer.

»Um es in Besitz zu nehmen. Meinem Herrn gehört das Land und Euer Vater bekam den Befehl, diese englischen Eindringlinge daraus zu vertreiben. Sie willigen ein, zu gehen, und jetzt heißt er sie nicht mehr Feinde.«

»Das ist gut. Aber Magua nahm die Kriegsaxt, um sie mit Blut zu färben. Jetzt glänzt sie; wenn sie roth ist, soll sie wieder begraben werden.«

»Aber Magua ist verpflichtet, Frankreichs Lilien nicht zu beflecken. Die Feinde des großen Königs über dem Salzsee sind seine Feinde; seine Freunde die Freunde der Huronen.«

»Freunde!« wiederholte der Indianer verächtlich, »Der Vater Magua’s lasse ihn seine Hand nehmen.«

Montcalm, welcher wußte, daß er seinen Einfluß auf die kriegerischen Stämme, die er versammelt hatte, mehr durch Nachgiebigkeit, als durch Gewalt behaupten könne, willfahrte ihm widerstrebend. Der Wilde legte den Finger des französischen Befehlshabers in eine tiefe Narbe auf seiner Brust und fragte dann frohlockend:

»Weiß mein Vater, was dies ist?«

»Welcher Krieger sollte das nicht wissen? Es ist von einer bleiernen Kugel.«

»Und das?« fuhr der Indianer fort, dem Andern den nackten Rücken zukehrend, denn er trug gerade seinen Calicomantel nicht.

»Dieß! mein Sohn ist hier schwer mißhandelt worden. Wer hat es gethan?«

»Magua schlief hart in den englischen Wigwams, und Streiche haben ihre Spur zurückgelassen,« antwortete der Wilde mit dumpfem Gelächter, das gleichwohl seinen wilden Trotz nicht zu verbergen vermochte, der ihn beinahe überwältigte. Bald aber faßte er sich und fuhr mit seiner angebornen und schnell wieder gewonnenen Würde fort: »Geh‘, sag‘ Deinen jungen Kriegern, es ist Friede, Le Renard Subtil weiß, wie er mit dem Huronenkrieger sprechen muß.«

Ohne weitere Worte für der Mühe werth zu halten oder eine Antwort zu erwarten, nahm der Wilde seine Büchse in den Arm und schritt langsam durch das Lager auf die Wälder zu, wo sein Stamm sich gelagert hatte. Jede paar Schritte wurde er von den Schildwachen unterbrochen, ging aber trotzig weiter, ohne den Ruf der Soldaten zu beachten, die sein Leben nur schonten, weil sie das Aussehen und den Tritt nicht weniger als die Tollkühnheit des Indianers kannten. Montcalm verweilte noch lange und trübsinnig an dem Ufer, wo ihn der Wilde verlassen hatte, und verfiel in tiefes Nachsinnen über die Stimmung, die sein unbändiger Verbündeter an den Tag gelegt hatte. Bereits war sein Ruf einmal durch eine Gräuelscene befleckt worden, und unter Umständen, die mit den jetzigen eine furchtbare Aehnlichkeit hatten. Je weiter er nachsann, desto lebhafter drang sich ihm das Gefühl auf, welche Verantwortlichkeit derjenige auf sich lade, welcher die Mittel, die ihm für seinen Zweck zu Gebote stehen, nicht gehörig bedenke, und eben so wenig die Gefahr, Kräfte in Thätigkeit zu setzen, deren Leitung über den Bereich menschlichen Vermögens geht. Er entschlug sich aber dieser Gedanken, die er im Augenblick des Sieges für Schwäche hielt, kehrte in sein Zelt zurück und gab im Vorbeigehen Befehl, das Heer aus seinem Schlummer zu erwecken.

Der erste Schlag der französischen Trommeln fand ein Echo im Innern der Festung, und augenblicklich füllte sich das Thal mit den anhaltenden und durchdringenden Klängen einer Kriegsmusik, die ihre lärmende Begleitung noch übertönte. Die Hörner der Sieger bliesen heitere und fröhliche Weisen, bis der letzte Mann im Lager unter den Waffen war; sobald aber die brittischen Pfeifen im Fort ihr schrilles Signal gaben, verstummten sie wieder. Unterdessen war der Tag angebrochen, und als das französische Heer zum Empfange seines Generals in Reihe und Glied bereit stand, erblitzten die Waffen der Krieger von den Strahlen einer glänzenden Sonne. Der gewonnene Vortheil, schon so wohl bekannt, wurde nun öffentlich verkündigt, und die begünstigte Schaar, welcher die Auszeichnung zu Theil wurde, die Thore des Forts zu besehen, zog vor ihrem Chef vorüber: das Zeichen zum Aufbruch ward gegeben, und alle üblichen Vorbereitungen eines Wechsels der Herrschaft wurden unter den Kanonen der bestrittenen Festungswerke getroffen und sogleich ausgeführt.

Einen ganz verschiedenen Anblick gewährten die Reihen des englisch-amerikanischen Heers. Sobald das Abzugssignal gegeben war, gewahrte man alle Zeichen eines übereilten, gezwungenen Abmarsches. Finstern Blickes warfen die Soldaten ihre ungeladenen Feuerrohre auf die Schulter, und als sie in ihre Reihen traten, sah man wohl, daß ihr Blut durch den so lange geleisteten Widerstand erhitzt war, und sie blos nach einer Gelegenheit verlangten, einen Schimpf zu rächen, der ihren Stolz immer noch verletzte, so sehr er auch unter den gewöhnlichen Formen militärischer Etiquette verdeckt worden war. Weiber und Kinder liefen hin und her, theils die spärlichen Reste des Gepäckes tragend, theils in den Reihen der Soldaten die Gesichter derjenigen suchend, von denen sie Schutz und Schirm erwarteten.

Munro erschien festen Antlitzes, aber niedergeschlagen, in der Mitte seiner schweigenden Truppen. Offenbar hatte dieser unerwartete Schlag sein Herz hart getroffen, obgleich er sich anstrengte, sein Unglück als Mann zu tragen.

Duncan war tief bewegt von dem ruhigen und doch so eindringlichen Gram, der aus seiner Miene sprach. Er hatte seine eigene Pflicht erfüllt und eilte jetzt an die Seite des alten Mannes, um ihm seine Dienste anzubieten.

»Meine Töchter!« war der kurze, aber bedeutungsvolle Bescheid.

»Gott des Himmels! Sind noch keine Vorkehrungen für sie getroffen?«

»Heute bin ich blos Soldat, Major Heyward!« sprach der Veteran, »Alle, die Sie hier sehen, wollen ebenso meine Kinder seyn!«

Duncan hatte genug gehört. Ohne einen Augenblick der jetzt so kostbaren Zeit zu verlieren, eilte er nach der Wohnung des Kommandanten, um die Schwestern aufzusuchen. Er fand sie auf der Schwelle des niedern Gebäudes zur Abreise bereit und umgeben von einem Haufen weinender und jammernder Weiber, welche sich gleichsam instinktmäßig hier versammelt hatten, wo sie am ehesten Schutz erwarten durften. Cora hatte nichts von ihrer Festigkeit verloren, obgleich ihre Wange blaß und ihre Miene unruhig war. Alicens Augen aber waren entzündet und verriethen, daß sie lange und bitterlich geweint hatte. Beide empfingen den jungen Mann mit unverhohlener Freude, die Erstere gegen ihre Gewohnheit das Gespräch beginnend.

»Das Fort ist verloren,« sprach sie mit melancholischem Lächeln, »aber unser guter Name ist, darauf traue ich, unverloren!«

»Er steht glänzender da, als je! Aber theuerste Miß Munro, es ist Zeit, weniger an Andere zu denken, und für sich selbst zu sorgen. Militärische Sitte – Stolz – der Stolz, den Sie selbst so hoch schätzen, verlangt, daß Ihr Vater und ich, eine kleine Weile an der Spitze der Truppen ziehen. Aber wo einen geeigneten Beschützer für Sie gegen die Verwirrung und die Wechselfälle eines solchen Abmarsches finden?«

»Es ist keiner nöthig,« versetzte Cora, »wer wird es wagen, die Töchter eines solchen Vaters zu einer Zeit, wie diese, zu beleidigen oder zu beschimpfen?«

»Ich möchte Sie nicht für das Kommando des besten Regiments in königlichem Solde allein lassen,« entgegnete der Jüngling, flüchtig um sich blickend. »Bedenken Sie, unsere Alice besitzt nicht Ihre Seelenstärke, und Gott weiß, welche Schrecken sie könnte auszustehen haben!«

»Sie mögen Recht haben,« sagte Cora, wieder lächelnd, aber viel ernster, als zuvor. »Hören Sie, der Zufall hat uns bereits einen Freund gesandt, da wir ihn am nöthigsten haben.«

Duncan horchte und verstand sogleich, was sie meinte. Die langsamen, ernsten Töne des heiligen Gesangs, so wohl bekannt in den östlichen Provinzen, trafen sein Ohr und führten ihn in das Zimmer eines nahen Gebäudes, das bereits von seinen bisherigen Bewohnern verlassen war. Hier fand er David, der seine frommen Gefühle in der einzigen ihm eignen Weise aussprach. Duncan wartete, bis er aus dem Aufhören seiner Handbewegung schließen durfte, daß der Gesang zu Ende sey, klopfte ihm dann auf die Schulter, um seine Aufmerksamkeit rege zu machen, und sprach ihm in wenigen Worten seine Wünsche aus.

»Recht gerne,« sprach der schlichte Jünger des Königs von Israel, als der junge Mann ausgeredet hatte, »ich habe viel Anmuth und viel melodische Anlagen bei diesen Mädchen gefunden, und es will sich ziemen, daß wir, die wir so viele Gefahren getheilt haben, auch ferner in Frieden zusammenreisen. Ich will sie begleiten, wenn ich mein Morgenlied beendigt habe, wozu blos noch die Lobpreisung fehlt. Wollen Sie mit anstehen, Freund? Das Sylbenmaß ist bekannt und die Weise »Southwell«.«

Dann schlug David sein Büchlein auf, gab mit wohlüberlegter Achtsamkeit den Ton an, begann und endigte seinen Gesang mit jener Bestimmtheit, die nicht leicht eine Unterbrechung sich gefallen ließ. Heyward konnte kaum erwarten, bis die Verse zu Ende waren, und fuhr, sobald er sah, daß David seine Brille in das Futteral und das Buch in die Tasche steckte, fort:

»Eure Pflicht wird seyn, dafür zu sorgen, daß Niemand den Ladies in einer rohen Absicht sich nahe, oder das Unglück ihres tapfern Vaters schmähe oder verhöhne. Die Diener ihres Haushalts werden euch hierin behülflich seyn.«

»Ganz gut.«

»Es ist möglich, daß euch Indianer oder Streifzüge der Feinde etwas anhaben wollen. Ihr verweiset sie dann nur auf die Bedingungen der Uebergabe, und drohet ihnen, die Sache Montcalm zu berichten. Ein Wort wird genügen.«

»Wo nicht, so hab‘ ich hier etwas, das seine Wirkung thut,« versetzte David, mit einer Miene frommer Zuversicht nach seinem Buche greifend, »Hier stehen Worte, welche mit gehörigem Nachdruck und im richtigen Zeitmaße gesprochen oder vielmehr gedonnert, den unbändigsten Sinn zähmen müßen!«

»Warum toben die Heiden so wüthend?«

»Genug!« sprach Heyward, seine musikalische Standrede unterbrechend; »wir verstehen einander; es ist Zeit, daß jeder von uns seiner Pflicht nachgehe.«

Gamut stimmte ein und sie suchten die beiden Schwestern auf. Cora empfing ihren neuen, etwas sonderbaren Beschützer wenigstens mit Artigkeit; und selbst Alicens blasse Gesichtszüge überschlich wieder ein Zug ihrer angebornen Schalkhaftigkeit, als sie Heyward für seine Fürsorge dankte. Duncan versicherte ihnen, er habe so viel gethan als die Umstände erlaubten, und, wie er glaube, genug für ihre Sicherheit, da keine wirkliche Gefahr vorhanden sei. Er sprach dann heiter von seinem Plane, einige Meilen vom Hudson wieder mit ihnen zusammenzutreffen, sobald er die Vorhut bis an den Fluß geführt, und nahm alsbald Abschied.

Das Zeichen zum Abmarsch war indessen gegeben worden, und die englische Kolonne bereits in Bewegung. Die Schwestern erschracken bei dem Trommelschlag, und um sich blickend wurden sie die weißen Uniformen der französischen Grenadiere gewahr, welche die Thore des Forts bereits in Besitz genommen hatten. In diesem Augenblicke schien plötzlich eine ungeheure Wolke an ihren Häuptern vorüberzuziehen, und emporschauend erblickten sie über sich die weiten Falten der Standarte von Frankreich.

»Laßt uns gehen!« sprach Cora; »dies ist kein schicklicher Aufenthalt mehr für die Kinder eines englischen Offiziers.«

Alice hing sich an den Arm ihrer Schwester und zusammen verließen sie den Paradeplatz, umringt von der sich langsam fortbewegenden Menge. Als sie durch den Thorweg gingen, verbeugten sich die französischen Offiziere, welche ihren Rang erfahren hatten, oft und tief, enthielten sich aber weiterer Aufmerksamkeiten, die, wie ein feiner Takt ihnen sagte, nicht an der Stelle seyn konnten. Da alle Wagen und Lastthiere für Kranke und Verwundete in Anspruch genommen waren, so hatte Cora beschlossen, mit ihrer Schwester lieber die Beschwerden eines Fußmarsches zu theilen, als Jener Bequemlichkeit zu verkürzen. Wirklich mußte mancher verstümmelte und schwache Soldat, weil es in diesen Wildnissen an den nöthigen Beförderungsmitteln fehlte, seine erschöpften Glieder hinter den Kolonnen herschleppen. Alles war jedoch in Bewegung: die schwachen und Verwundeten stöhnend und leidend, ihre Kameraden still und verdrießlich, und die Weiber und Kinder von Schrecken ergriffen, ohne zu wissen warum.

Als der verworrene, schüchterne Haufe die schützenden Wälle des Forts verließ und auf die offene Ebene gelangte, stellte sich mit einem Mal die ganze Scene vor Augen. In einiger Entfernung zur Rechten und etwas nach hinten stand das französische Heer unter den Waffen, da Montcalm alle seine Truppen zusammengezogen hatte, so bald seine Wachen Besitz von den Festungswerken genommen. Sie waren aufmerksame, aber schweigende Beobachter der Bewegungen der Besiegten, keine der stipulirten militärischen Ehren versäumend, und im Bewußtseyn ihres Sieges ohne allen Hohn oder Spott gegen ihre minder glücklichen Feinde. Kriegerische Schaaren der Engländer, im Ganzen beinahe dreitausend Mann stark, zogen langsam über die Ebene zu dem gemeinschaftlichen Centrum heran und näherten sich einander allmälich, der Richtung ihres Marsches zueilend, einem durch den hohen Wald gehauenen Wege, der die Straße nach dem Hudson bildete. Um den gedehnten Saum der Wälder hing eine finstere Wolke von Wilden, welche den Marsch ihrer Feinde beobachteten und Geiern ähnlich in einiger Entfernung lauerten, während sie nur die Gegenwart und der Zwang eines überlegenen Heers abhielt, über ihre Beute herzustürzen. Einige hatten sich sogar unter die Kolonnen der Besiegten gemischt, wo sie in finsterem Unmuth, als aufmerksame, für jetzt noch unthätige Beobachter der sich bewegenden Menge mitwanderten. Der Vortrab, von Heyward angeführt, hatte bereits das Defilé erreicht und verschwand allmälig, als Cora’s Aufmerksamkeit sich durch ein lautes Gezänk auf einen Trupp von Nachzüglern richtete. Ein Soldat von den Provinzialen büßte seinen Ungehorsam, indem er eben der Effekten beraubt wurde, die ihn vermocht hatten, seinen Platz in den Reihen zu verlassen. Der Mann war von starkem Körperbau und zu eigennützig, um sich seine Habe ohne Widerstand entreißen zu lassen. Von beiden Seiten mischte man sich in den Streit, die Einen, den Raub zu verhindern, die Andern, um ihn zu unterstützen. Die Stimmen wurden immer lauter und ungestümer, und Hunderte von Wilden erschienen wie mit einem Zauberschlag, wo man vor einem Augenblick kaum ein Duzend zählen konnte. Jetzt erblickte Cora die Gestalt Magua’s, unter seinen Landsleuten umherschleichend, mit seiner arglistigen und verderblichen Beredsamkeit zu ihnen redend. Die Masse der Weiber und Kinder blieb stehen und drängte sich gleich einer verscheuchten, hin- und herflatternden Taubenschaar an einander. Doch die Raubsucht des Indianers war bald befriedigt und der Zug ging wieder langsam vorwärts.

Die Wilden zogen sich jetzt zurück, und schienen ihre Feinde ohne fernere Störung weiter ziehen lassen zu wollen. Als aber der Weiberhaufen herannahte, zog die bunte Farbe eines Shawls die Augen eines wilden und unbewachten Huronen auf sich. Er kam herbei, um sich desselben ohne Weiteres zu bemächtigen. Die Frau hüllte, mehr aus Schrecken, denn aus Liebe zu dem Kleidungsstück, ihr Kind in den gefährdeten Schmuck und drückte beide fester an ihre Brust. Cora wollte eben sprechen und dem Weibe rathen, die Kleinigkeit dem Wilden zu überlassen, als dieser den Shawl fahren ließ und das schreiende Kind aus ihren Armen riß. Alles den gierigen Griffen der Wilden um sie her überlassend, stürzte die Mutter verzweiflungsvoll auf ihn, um ihr Kind zurückzufordern. Der Indianer lächelte grimmig und reckte eine Hand aus, seine Bereitwilligkeit zu einem Tausche anzudeuten, während er mit der andern das Kind an den Füßen um den Kopf schwang, als wollte er dadurch das Lösegeld steigern. »Hier – hier – da – Alles – Alles!« rief die unglückliche Mutter mit zitternden, ungeschickten Fingern die leichtern Kleidungsstücke sich vom Leibe reißend, »nimm Alles, nur gib mir mein Kind wieder!«

Der Wilde verschmähte die werthlosen Lappen und sobald er gewahrte, daß der Shawl bereits die Beute eines Andern geworden war, ging sein spöttisches, aber tückisches Lächeln in einen Ausdruck der Wuth über; er zerschmetterte dem Kinde den Kopf an einem Felsen und warf die noch zuckenden Glieder der Mutter vor die Füße. Einen Augenblick stand die Arme regungslos, ein Bild der Verzweiflung da und blickte wild auf das entstellte Wesen, das sich erst noch an ihren Busen geschmiegt und ihr zugelächelt hatte; dann erhob sie Augen und Gesicht gen Himmel, als flehte sie Gott an, den ruchlosen Verbrecher zu verderben. Die Sünde eines solchen Gebetes blieb ihr erspart; wüthend über die getäuschte Hoffnung, und durch den Anblick des Blutes aufgeregt, spaltete ihr der Hurone mit seinem Tomahawk den Schädel. Die Mutter sank unter dem Streich und stürzte zu Boden, nach ihrem Kinde mit derselben überwältigenden Liebe greifend, mit der sie es im Leben umfaßt hatte.

In diesem gefahrvollen Augenblick brachte Magua beide Hände an den Mund und ließ das verhängnißvolle, furchtbare Kriegsgeschrei ertönen. Die zerstreuten Indianer fuhren bei dem wohlbekannten Rufe auf, wie Rosse, ungeduldig, die Schranken des Ziels zu durchbrechen, und plötzlich erscholl durch die Ebene und die Baumgewölbe des Waldes ein so schreckliches Geheul, wie es selten aus Menschenlippen vernommen ward. Denen, welche es hörten, gerann das Herzblut in einem Entsetzen, wohl nicht viel geringer, als wenn die Posaune des jüngsten Tags ertönt hätte.

Mehr als zweitausend Wilde brachen auf dieses Signal wüthend aus dem Walde und zogen mit instinktmäßiger Eile auf die verhängnißvolle Ebene. Wir verweilen nicht bei den empörenden Gräuelscenen, die jetzt erfolgten. Ueberall war der Tod, und zwar in seinen schrecklichsten, abscheulichsten Gestalten. Widerstand diente nur dazu, die Wuth der Mörder noch mehr zu entflammen. Sie führten noch ihre wüthenden Streiche, wenn ihre Opfer sie schon lange nicht mehr fühlen konnten. Die Ströme von Blut glichen den Wogen eines Gießbachs, und sein Anblick machte die Eingebornen so hitzig und wüthend, daß manche unter ihnen niederknieten, um unter höllischem Jauchzen die dunkelrothe Fluth auszutrinken.

Die regelmäßigen Truppen warfen sich schnell in gedrängte Massen zusammen, um den Angreifern durch eine geschlossene Schlachtordnung zu imponiren. Der Versuch gelang zum Theil, aber nur zu viele Soldaten ließen sich, in der eiteln Hoffnung, die Wilden zu beschwichtigen, die ungeladenen Flinten aus den Händen reißen.

Während einer solchen Scene vermochte niemand die vorübereilenden Augenblicke zu zählen. Zehn Minuten, für sie ebenso viele Jahrhunderte, mochten die Schwestern erstarrt vor Entsetzen und beinahe rettungslos gestanden seyn. Als der erste Streich gefallen war, hatten sich ihre Begleiterinnen laut kreischend um sie zusammengedrängt, jede Flucht verhindernd, und nun, da Furcht oder Tod die Meisten, wo nicht Alle, zerstreut hatte, sahen sie nirgend einen Ausweg, der nicht unter die Tomahawks der Feinde geführt hätte. Von allen Seiten hörte man Geschrei, Gestöhn, Ermahnungen und Flüche. In diesem Augenblick war es Alicen als erblickte sie die hohe Gestalt ihres Vaters unaufhaltsam über die Ebene in der Richtung des französischen Lagers dahin eilend. Er war allerdings, keine Gefahr achtend, auf dem Wege zu Montcalm, um die nur zu späte Begleitung, die er ausbedungen hatte, zu verlangen. Fünfzig blitzende Streitäxte, Speere mit Widerhaken drohten seinem Leben, aber selbst noch in ihrer Wuth achteten die Wilden seinen Rang und seine unerschütterliche Ruhe. Die verderblichen Waffen wichen der immer noch nervigen Hand des Veteranen, oder senkten sie sich, als hätte Keiner den Muth, den lange gedrohten Streich zu vollführen. Zum Glück suchte der rachesüchtige Magua sein Opfer gerade unter der Abtheilung, welche der Veteran so eben verlassen hatte.

»Vater! – Vater! – wir sind hier!« schrie Alice, als er in geringer Entfernung, wie es schien, ohne auf sie zu achten, an ihnen vorübereilte. »Komm zu uns, Vater, oder wir sterben!« Der Hülferuf ward wiederholt und in Worten und Tönen, die ein Felsenherz gerührt haben würden, aber er blieb unbeantwortet. Einmal Wohl schien der alte Mann wirklich die Töne vernommen zu haben, denn er hielt inne und horchte; aber Alice war besinnungslos zu Boden gesunken und Cora kniete ihr zur Seite, mit unermüdlicher Zärtlichkeit über der leblosen Gestalt weilend. Munro ging getäuscht und kopfschüttelnd weiter, nichts als die hohen Pflichten seiner Stellung im Auge.

»Lady,« sprach Gamut, der, so hülf- und nutzlos er auch war, nicht davon träumte, seine Schutzbefohlenen zu verlassen, »das ist ein Jubelfest der Teufel, und kein Ort, wo Christen verweilen können. Auf! laßt uns fliehen!«

»Geh,« sprach Cora, immer noch ihre besinnungslose Schwester anstarrend; »rette dich. Mir kannst du nichts mehr helfen!«

David begriff die Festigkeit ihres Entschlusses vermöge der einfachen, aber ausdrucksvollen Geberde, welche ihre Worte begleitete. Einen Augenblick schaute er noch auf die dunkeln Gestalten, welche rings um ihn her ihr Höllenwerk vollbrachten, und seine hagere Gestalt ward noch höher, während seine Brust sich hob, jeder seiner Züge schwoll und die Gewalt der Gefühle, die ihn beherrschten, hervorströmen zu wollen schien.

»Wenn der jüdische Hirtenknabe durch den Klang seiner Harfe und die Worte heiligen Gesanges Saul’s bösen Geist bezwingen konnte, so wird es nicht am unrechten Orte seyn,« sprach er, »wenn ich hier die Macht der heiligen Musik versuche.« Seine Stimme zur höchsten Höhe erhebend, begann er einen so mächtigen Gesang, daß er selbst in dem Getümmel des blutigen Schlachtfeldes hörbar wurde. Einige Wilde stürzten eben heran, um die unbeschützten Schwestern ihres Schmucks zu berauben, und ihnen die Skalpe abzuziehen, als sie aber diese seltsame und unbewegliche Gestalt fest an ihre Stelle gefesselt erblickten, blieben sie horchend stehen. Ihr Staunen ging bald in Bewunderung über, und offen ihren Beifall über die Standhaftigkeit ausdrückend, womit der weiße Krieger sein Todtenlied sang, wandten sie sich ab, um andere, weniger muthige Schlachtopfer zu suchen. Erhoben und zugleich getäuscht durch diesen ersten Erfolg verdoppelte David seine Anstrengung, um die Kraft dieses, wie er glaubte, heiligen Einflusses zu erhöhen. Diese ungewohnten Laute drangen in das Ohr eines entfernten Wilden, welcher wüthend von Gruppe zu Gruppe eilte, gleich einem, der, den gemeinen Haufen anzurühren verschmähend, nach einem Opfer jagte, würdiger seines Rufes. Es war Magua, der einen Freudenschrei ausstieß, als er seine alten Gefangenen wieder in seiner Gewalt erblickte.

»Komm!« rief er, seine befleckte Hand auf Coras Kleid legend, »der Wigwam des Huronen ist noch leer. Ist er nicht besser als dieser Ort?«

»Hinweg!« rief Cora, ihre Augen vor seinem empörenden Anblick verhüllend.

Der Indianer lachte höhnisch und antwortete, seine rauchende Hand emporhaltend: »sie ist roth, aber das Blut kommt von weißen Adern!«

»Ungeheuer! Blut, Ströme von Blut lasten auf deiner Seele: – dein Geist hat diese Scene herbeigeführt!«

»Magua ist ein großer Häuptling!« erwiederte der frohlockende Wilde: – »will das schwarze Haar zu seinem Stamme gehen?« »Nimmermehr! führe deinen Streich, wenn du willst, und vollende deine Rache!«

Der schlaue Indianer zögerte einen Augenblick; dann aber faßte er rasch die leichte und anscheinend leblose Gestalt Alicens in seine Arme und enteilte über die Ebene dem Wald zu.

»Halt!« schrie Cora, und eilte ihm mit wildem Ungestüme nach. »Laß das Kind! Elender! was willst du mit ihr?«

Aber Magua war taub für ihre Stimme; oder vielmehr er kannte seine Macht und war entschlossen, von ihr Gebrauch zu machen.

»Haltet – Lady – haltet!« rief Gamut der besinnungslosen Cora nach, »Der heilige Zauber beginnt zu wirken und bald werdet Ihr diesen schrecklichen Aufruhr gestillt sehen!«

Da er sah, daß man nicht auf ihn hörte, folgte der treue David der trostlosen Schwester, seine Stimme wieder zu einem heiligen Gesang erhebend, mit seinen langen Armen in steter Begleitung die Luft durchfurchend, das Zeitmaß anzugeben. So eilten sie über die Ebene hin, mitten durch Fliehende, Verwundete und Todte. Der wilde Hurone war Schutz genug für sich selbst, wie für das Schlachtopfer, das er trug; aber Cora wäre mehr denn einmal unter den Streichen ihrer wilden Feinde gefallen, hätten nicht die erstaunten Eingebornen das außerordentliche Wesen, das ihr auf dem Fuße folgte, mit dem schützenden Geiste der Verrücktheit begabt geglaubt.

Magua, welcher den dringendsten Gefahren zu entgehen wußte, trat, um alle Verfolgung zu vereiteln, durch eine kleine Schlucht in den Wald, wo er bereits die Narragansets seiner wartend fand, welche die Reisenden so kurz zuvor verlassen hatten. Hier bewachte sie ein Hurone, dessen Züge eben so wild und boshaft waren als die seinigen. Er setzte Alice auf eines der Pferde und winkte Cora, das andere zu besteigen. Trotz des Abscheus, den die Gegenwart Magua’s in ihr erregte, fühlte sie sich doch für den Augenblick erleichtert, daß sie dem gräßlichen Schauspiele auf der Ebene entronnen war. Sie nahm ihren Sitz ein, und streckte ihrer Schwester die Arme entgegen, mit einem bittenden Ausdruck der Liebe, dessen Gewalt sich sogar der Hurone nicht entziehen konnte. Er brachte Alice auf dasselbe Pferd, auf welchem Cora saß, ergriff den Zügel und drang, seinen Weg fortsetzend, in die Tiefe des Waldes. Als David merkte, daß man ihn allein ließ, als einen, den es nicht einmal verlohne zu verderben, warf er eines seiner langen Beine über den Sattel des zurückgelassenen Pferdes und kam so schnell vorwärts, als es die Schwierigkeiten des Pfades erlauben wollten.

Bald begannen sie zu steigen; da aber diese Bewegung die schlummernde Lebenskraft Alicens wieder zu erwecken schien, so war Cora’s Aufmerksamkeit zu sehr zwischen der zärtlichen Sorgfalt für die Schwester, und dem Geschrei, das sich immer noch laut genug von der Ebene her vernehmen ließ, getheilt, um darauf achten zu können, nach welcher Richtung hin sie reisten. Als sie jedoch auf die ebene Fläche eines Berggipfels gelangt waren, und dem östlichen Absturze nahten, erkannten sie den Platz wieder, zu welchem sie vor einigen Tagen unter der freundlicheren Leitung des Kundschafters geführt worden waren. Hier ließ sie Magua absteigen, und trotz ihrer eigenen Gefangenschaft, trieb sie doch die Neugierde, die vom Schauder unzertrennlich scheint, einen Blick auf das entsetzenvolle Schauspiel unter ihnen zu werfen.

Das grausame Werk war noch nicht zu Ende. Auf allen Seiten flohen die Besiegten vor ihren erbarmungslosen Verfolgern, während die bewaffneten Kolonnen des allerchristlichsten Königs mit einer Gefühllosigkeit stehen blieben, die sich nicht erklären läßt und die auf den sonst so hohen Ruf ihres Anführers einen unauslöschlichen Flecken wirft. Das Schwert des Todes ruhte nicht eher, als bis die Raubgier der Wilden über ihren Blutdurst die Oberhand gewann. Endlich wurde das Gewinsel der Verwundeten und das Schlachtgeheul der Mörder allmählig schwächer, und die Schreckensrufe verstummten oder wurden von dem lauten, langen, durchdringenden Triumphgeschrei der Wilden übertönt. –

Prospectus.

Prospectus.

Die hiermit begonnene neue Ausgabe eines Romanschriftstellers, dessen Werke seit Jahrzehnten eine Lieblingslektüre zweier Welttheile bilden und auch neben den berühmtesten Namen durch eine lebendige Frische, ein stets spannendes Interesse und jenen eigenthümlich fesselnden Reiz hervorragen, wie ihn nur der dichterische Boden einer neuen Welt geben konnte, dem sie entsprungen sind – wird vorerst nur die Meisterwerke Cooper’s umfassen, in denen er sich die Schilderung Amerikanischer Schauplätze und Begebnisse, sowohl der See als des Festlandes, zur Aufgabe gesetzt hat. Diese haben seinen weit verbreiteten Ruhm zuerst begründet und stehen den späteren Erzeugnissen, in welchen er die neue Welt mit Europa vertauscht, in einem Grade voran, der beide außer alle Vergleichung bringt. Sie schließt sich den beliebten Ausgaben deutscher und ausländischer Klassiker an, die seit kurzem den besten Erzeugnissen der Literatur ganz neue Leserkreise gewonnen haben und wird durch die Schönheit der Ausstattung, wie durch die der Übertragung gewidmete Sorgfalt, eine ehrenvolle Stelle unter denselben behaupten, sicher, ein ungewöhnlich zahlreiches Publikum zu finden, da Cooper noch lange nicht geschätzt und verbreitet ist, wie er verdient. Seine Werke werden an Bedeutung und Interesse nur noch gewinnen, je mehr die Zeit und die Verhältnisse seines Vaterlandes, die er schildert, in einen geschichtlich-poetischen Hintergrund treten, je mehr namentlich die unglücklichen Ureinwohner Amerikas, die »Rothhäute,« deren Bild uns Cooper in manchen Helden seiner Romane so unnachahmlich zeichnet, in ihrem verhängnißvollen Schicksale den Augen der Mitwelt entschwinden.

Seine unvergleichlichen Darstellungen, die neben ihren poetischen Vorzügen eine seltene Reinheit der Gesinnung zeigen, gehören zu den wenigen Romanen, die unbedenklich und ohne Einschränkung auch der reiferen Jugend in die Hände gegeben werden können. Hier wird unsere Ausgabe, ihres überaus wohlfeilen Preises und ihrer Käuflichkeit wegen, auf einen vorzugsweise dankbaren Leserkreis rechnen dürfen.

Stuttgart, im August 1840.

S. G. Liesching’s Verlagsbuchhandlung.

Achtzehntes Kapitel.

Achtzehntes Kapitel.

Ja, so etwas:
Ein ehrenwerther Mörder, wenn Ihr wollt; –
That Nichts aus Haß, der Ehre wegen Alles.
Othello.

Die blutige, barbarische Scene, die wir im vorigen Kapitel mehr nur flüchtig erwähnt, als im Einzelnen geschildert haben, führt in der Geschichte der Kolonien den wohlverdienten Namen des »Blutbads von William Henry.« Der Ruf des französischen Heerführers hatte schon durch einen früheren Vorgang ganz ähnlicher Art gelitten, und diesen neuen Flecken konnte selbst sein frühzeitiger, ruhmvoller Tod nicht völlig tilgen. Die Zeit hat ihn jetzt etwas verwischt, und Tausende, die erfahren haben, daß Montcalm auf den Ebenen von Abraham den Tod eines Helden starb, wissen vielleicht nicht, wie sehr es ihm an jenem moralischen Muthe gebrach, ohne den es keine wahre Größe gibt. Seiten ließen sich schreiben, um an diesem allbekannten Beispiele die Mängel menschlicher Vortrefflichkeit zu zeigen – um darzuthun, wie die Eigenschaften der Großmuth, feiner Höflichkeit und ritterlicher Tapferkeit vor dem erstarrenden Frosthauch der Selbstsucht dahinschwinden, und wie ein Mann, groß nach allen niederen Attributen des Charakters, zu Falle kommen kann, wenn es gilt, zu zeigen, wie hoch über der Politik die Forderungen des Sittengesetzes stehen. Aber diese Aufgabe würde die Gränzen unsres Werkes überschreiten; und da die Geschichte, gleich der Liebe, ihre Helden so gern mit einem Heiligenschein umgibt, so wird wohl die Nachwelt in Louis de Saint Veran nur den ritterlichen Vertheidiger seines Vaterlandes erblicken und seine grausame Fühllosigkeit an den Ufern des Oswego und des Horican vergessen. Mit Bedauern über diese Schwäche unsrer Schwestermuse, treten wir aus ihrem geheiligten Gebiete zurück auf das Feld unsres eigenen bescheidenern Berufs.

Der dritte Tag nach der Uebergabe des Forts ging zu Ende; doch muß der Leser noch etwas an den Ufern des heiligen Sees verweilen. Als wir seine Gewässer zuletzt sahen, waren die Umgebungen der Festungswerke der Schauplatz der Gewaltthat und des Aufruhrs; jetzt herrschte dort eine Todtenstille. Die blutbefleckten Sieger waren abgezogen; und ihr Lager, das erst noch vom Jubelruf eines siegreichen Heeres ertönt hatte, war nun eine verlassene Hüttenstadt. Die Festung lag in rauchenden Trümmern: verkohltes Sparrwerk, Stücke zerrissenen Geschützes, zersprengtes Mauerwerk sah man in verworrener Unordnung auf den Erdwällen umher zerstreut.

Ein grauenhafter Wechsel war selbst in der Witterung eingetreten. Die Sonne hatte ihre wärmenden Strahlen hinter eine undurchdringliche Dunstmasse verborgen, und Hunderte lebloser menschlicher Gestalten, welche die glühende Hitze des Augusts geschwärzt hatte, erstarrten vor einem Winde, der mit der Strenge des Novemberfrostes daherstürmte. Die wogenden Nebelwolken, welche über die Berge nach Norden zogen, wurden jetzt mit der Wuth eines Orkans in einem endlosen, schwarzen Streifen nach Süden getrieben. Der ruhige Spiegel des Horican war dahin: statt seiner peitschten grüne, ungestüme Fluten die Ufer, als ob sie alle Unreinigkeit unwillig an den entweihten Strand zurückwerfen wollten. Doch immer noch behielt das weite Becken einen Theil seiner Klarheit, spiegelte aber nur das düstere Gewölk zurück, das den Himmel über ihm verdeckte. Die liebliche, feuchte Atmosphäre, welche sonst der Landschaft Reiz verlieh und den Charakter der Wildheit und Strenge milderte, war verschwunden, und der Nordwind brauste so scharf und ungestüm über die Wasserfläche, daß weder dem Auge, noch der Einbildungskraft etwas blieb, mit dem sie sich gerne hätten beschäftigen können. Das ungestüme Element hatte das Grün der Ebene so verdorren lassen, als wenn ein verzehrender Blitzstrahl darüber hingefahren wäre. Hier und da erhoben sich dunkelgrüne Stellen, inmitten der Verödung, als wollten sie die künftige Fruchtbarkeit des mit Menschenblut getränkten Bodens verkündigen.

Die ganze Landschaft, welche bei günstiger Beleuchtung und Temperatur so lieblich erschien, glich jetzt einem Bilde des Lebens, wo die Gegenstände in ihren grellsten, aber treuen Farben hervortreten, doch ohne durch irgend einen Schatten gemildert zu werden.

Wenn aber die vereinzelten, versengten Grashalme sich vor den darüber hinstreichenden Windstößen nur furchtsam erheben konnten, so traten dagegen die kühnen Felsenberge in ihrer Nacktheit um so deutlicher hervor, und vergeblich suchte das Auge einen Ruhepunkt, indem es die unbegränzte Leere des Himmels, der durch trübe, dahintreibende Nebelzüge dem Blicke verschlossen war, zu durchdringen suchte.

Der Wind blies ungleich: bald strich er dicht über dem Boden hin, als wollte er sein dumpfes Stöhnen in das kalte Ohr der Todten flüstern, bald erhob er sich in ein schrilles, klägliches Pfeifen und fuhr in die Wälder mit einem Ungestüm, welches die Luft mit abgerissenen Blättern und Zweigen erfüllte. Mitten in diesem unnatürlichen Regenschauer kämpften einige hungrige Raben mit dem Sturm, waren aber nicht sobald über das grüne Wäldermeer, das unter ihnen flutete, hinweg, als sie aufs neue zu der willkommenen, scheußlichen Mahlzeit niederschossen, die dort ihrer wartete.

Mit einem Wort, es war eine Scene wilder Verödung; und es schien, als hätte der unerbittliche Arm des Todes Alle ergriffen, die sich in seine Nähe wagten. Doch dieser Bann war vorüber: und zum Erstenmale, nachdem die Urheber jener Gräuelthaten, die den Schauplatz hatten entweihen helfen, verschwunden waren, wagten es wieder menschliche Wesen, dem Orte zu nahen.

An dem bereits erwähnten Tage, etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang, sah man fünf Männer aus dem Waldpfade, der nach dem Hudson führt, hervortreten und den zerstörten Festungswerken zuschreiten. Ihre ersten Schritte waren langsam und vorsichtig, als ob sie nur widerstrebend in den Bereich dieses Ortes träten, oder die Wiederholung seiner Schreckensscenen fürchteten. Die leichte Gestalt eines Jünglings schritt den andern voran mit der Vorsicht und Gewandtheit eines Eingebornen, stieg auf jeden kleinen Hügel, um zu spähen und zeigte durch Geberden seinen Begleitern den Weg, welchen er für den sichersten hielt. Auch die ihm Folgenden ließen es nicht an jener Vorsicht und Wachsamkeit fehlen, die bei einem Kriege in den Wäldern unerläßlich ist. Einer unter ihnen, ebenfalls ein Indianer, hielt sich etwas bei Seite, indem er seine Augen, gewohnt, die nahende Gefahr an dem leisesten Zeichen zu erkennen, unverwandt auf den Saum der Wälder heftete: die drei andern waren Weiße, aber in einem Anzug, der nach Stoff und Farbe für ihr gefahrvolles Unternehmen berechnet war – einem sich zurückziehenden Heere in der Wildniß auf dem Fuße zu folgen.

Die Eindrücke der schrecklichen Scenen, die sich mit jedem Schritte auf ihrem Wege nach dem See den Augen der Wanderer darboten, waren so verschieden als ihre Charaktere. Der Jüngling warf, leichten Schrittes über die Ebene wandelnd, ernste aber verstohlene Blicke auf die verstümmelten Schlachtopfer, ängstlich, die Gefühle, die sich ihm aufdrangen, zu verbergen, und doch zu unerfahren, um ihrem mächtigen Einflusse sich ganz entziehen zu können. Sein rother Gefährte dagegen war weit über eine solche Schwäche erhaben. Festen Schrittes und mit ruhiger Miene ging er durch die Gruppen von Leichnamen hin, so daß man wohl erkannte, lange Gewohnheit habe ihn mit dergleichen Scenen vertraut gemacht. Selbst die Gefühle, welche dieser Anblick in den Gemüthern der Weißen erregte, waren verschiedener Art, doch herrschte bei ihnen Allen der Kummer vor. Der Eine, obwohl jetzt als Waidmann verkleidet, verrieth durch seine grauen Haare, die gefurchte Stirne und seine kriegerische Haltung einen Mann, der an Scenen des Krieges schon lange gewohnt war; er schämte sich aber gleichwohl nicht, laut zu seufzen, wenn ein ungewöhnlich schrecklicher Anblick ihm vor Augen trat. Der junge Mann an seiner Seite schauderte, schien aber aus zarter Schonung für seinen Begleiter solche Empfindungen zu unterdrücken. Unter ihnen allen sprach allein der Letzte, welcher gleichsam den Nachtrab bildete, seine Empfindungen ohne Scheu und Rückhalt laut aus. Mit Blicken und einem Spiel seiner Muskeln, die die tiefste Bewegung verkündigten, schaute er auf die Gräuelscenen um ihn her und mit den stärksten und bittersten Verwünschungen gab er seinen Abscheu vor den Unthaten der Feinde zu erkennen.

Der Leser wird in den beschriebenen Personen alsbald die Mohikaner und ihren weißen Freund nebst Munro und Heyward erkannt haben. Es war wirklich der Vater, der seine Kinder suchte, begleitet von dem jungen Manne, der so innigen Antheil an ihrem Schicksale nahm, und von den wackern und zuverlässigen Waldbewohnern, welche schon in so gefahrvollen Begegnissen Beweise ihres Geschicks und ihrer Treue gegeben hatten.

Als Uncas, welcher voranging, die Mitte der Ebene erreicht hatte, stieß er einen Schrei aus, der sogleich die Gefährten an seine Seite rief. Der junge Krieger stand vor einer Gruppe von Weibern, welche, eine verworrene Masse von Leichen, beisammen lagen. So abschreckend auch die Aufgabe war, so eilten gleichwohl Munro und Heyward auf den Haufen zu, und suchten mit einem Eifer, den keinerlei Scheu mindern konnte, nach Spuren der Vermißten unter den zerstreuten und bunten Gewändern, die umherlagen. Der Vater und der Liebende fanden in dem Ergebniß ihrer Nachforschung augenblickliche Erleichterung, obgleich sie sich wieder aufs neue zu den Qualen einer Ungewißheit verurtheilt sahen, die fast eben so peinlich als die schreckhafteste Ueberzeugung ist. In nachdenkliches Stillschweigen versunken standen sie vor den Todten, als der Kundschafter herbeikam. Die klägliche Scene mit Entrüstung betrachtend, sprach der derbe Waldbewohner zum Erstenmale, seit sie die Ebene betraten, laut und verständlich:

»Ich habe mehr als ein grauenvolles Schlachtfeld gesehen und die Spuren des Blutes oft manche ermüdende Meile weit verfolgt, aber nie habe ich die Hand des Teufels so sichtbar im Spiele gefunden, als hier! Rache ist ein Gefühl des Indianers, und alle, die mich kennen, wissen, daß kein Tropfen ihres Blutes in meinen Adern rinnt; aber so viel will ich sagen – hier, im Angesicht des Himmels, und vor dem Allgewaltigen, der in der heulenden Wildniß seine Macht so laut verkündet – wenn diese Franzosen mir wieder in Schußweite kommen, so gibt es eine Büchse, die ihre Schuldigkeit thut, so lange der Stein noch Feuer gibt und das Pulver zündet! – den Tomahawk und das Messer überlasse ich denen, die von der Natur angewiesen sind, sie zu führen. »Was sagst du dazu, Chingachgook?« fuhr er in Delawarischer Sprache fort; »sollen die Huronen sich dessen gegen ihre Weiber rühmen, wenn der tiefe Schnee fällt?«

Ein Rachestrahl blitzte über die finstern Züge des Mohikaner-Häuptlings, er lockerte sein Messer in der Scheide, wandte aber sein Auge von dem Anblick wieder ab und sein Gesicht wurde so ruhig, als wäre ihm jede Leidenschaft fremd.

»Montcalm! Montcalm!« fuhr der tiefentrüstete Kundschafter fort, der sich weniger Zwang auferlegte; »man sagt, es komme eine Zeit, wo man alle seine Handlungen auf Erden mit Einem Blicke überschaue und zwar mit Augen, die von menschlicher Schwäche gereinigt sind! Wehe dann dem Elenden, der geboren ist, um Rechenschaft von dem abzulegen, was sich auf der Ebene hier begeben hat. Ha – ich bin ein Mann von weißem Blut, aber dort liegt eine Rothhaut, der man den Schopf abgezogen hat. Sieh nach ihm, Delaware, ’s ist vielleicht einer von eurem Volk, den Ihr vermißt! und der sollte ein Begräbniß haben, wie’s ein wackerer Krieger verdient. Ich les‘ es in deinen Augen, Sagamore: ein Hurone zahlt dafür, eh‘ noch die Winde von den Wasserfällen den Geruch seines Blutes weggeweht!

Chingachgook nahte sich dem Verstümmelten, und ihn umkehrend, gewahrte er die unterscheidenden Zeichen Eines aus den sechs verbündeten Stämmen oder Nationen, wie man sie nannte, die, obgleich sie in den Reihen der Engländer fochten, Todfeinde seines Volkes waren. Den unwillkommenen Gegenstand verächtlich mit dem Fuße zurückstoßend, wandte er sich mit derselben Gleichgültigkeit ab, als ob es die Ueberreste eines Thieres gewesen wären. Der Kundschafter begriff die Meinung des Andern wohl und verfolgte bedächtlich seinen Weg, während er fortfuhr, seine rachedürstenden Verwünschungen gegen den französischen Heerführer auszustoßen.

»Nur der tiefsten Weisheit und schrankenloser Macht sollte es zustehen, so viel Menschen auf einmal wegzuraffen,« sprach er; »denn der ersten nur kommt es zu, die Zeit des Gerichts zu bestimmen und wer will sich der zweiten vergleichen, die die Geschöpfe Gottes zu ersetzen im Stande ist? Ich halte es schon für eine Sünde, einen zweiten Rehbock zu schießen, ehe der erste verzehrt ist; ich müßte denn einen Marsch in der Fronte oder einen Hinterhalt vorhaben. Etwas Anderes ist es, wenn man mit wenigen Kriegern in offenem, herbem Kampfe ist; da gilt es den Tod mit der Büchse oder dem Tomahawk in der Hand, je nachdem Eines Haut gerade roth oder weiß ist. Uncas, komm her, Junge, und laß die Raben auf dem Mingo sich niedersetzen; ich weiß, sie haben eine Vorliebe für das Fleisch eines Oneida, und der Vogel mag seinem natürlichen Appetit folgen.«

»Hugh!« rief der junge Mohikan, auf die Spitzen seiner Zehen tretend und aufmerksam geradeaus blickend, indem er die Raben durch den Laut und die Bewegung auf eine andere Beute scheuchte.

»Was gibt es, Junge?« flüsterte der Kundschafter, seine hohe Gestalt wie ein Panther zusammendrückend, der auf seine Beute losspringen will. »Gott gebe, daß es ein saumseliger Franzose ist, der noch plündern will. Ich glaube, mein Wildtödter würde sich heute ganz besonders gut halten.«

Ohne zu antworten, enteilte Uncas und hatte einen Augenblick darauf von einem Gebüsch ein Stückchen von Cora’s grünem Schleier herabgeholt, das er nun wie im Triumphe schwang. Die Bewegung, die Geberde und der Schrei, der den Lippen des jungen Mohikaners entfuhr, riefen die Andern im Augenblick herbei.

»Mein Kind,« rief Munro mit ungestümer, wilder Stimme; »gebt mir mein Kind!«

»Uncas will’s versuchen,« war die kurze und bewegliche Antwort.

Diese einfache aber bedeutungsvolle Zusage ward von dem Vater nicht beachtet. Er ergriff das Stückchen Schleier, preßte es krampfhaft in die Hand, während seine stieren Blicke sich auf die Büsche umher hefteten, als hoffte oder fürchtete er, sie möchten ein Geheimniß enthüllen.

»Hier sind keine Todte!« sprach Heyward, »der Sturm scheint nicht diesen Weg genommen zu haben.«

»Das ist so klar, wie der Himmel über uns,« bemerkte der unverzagte Kundschafter; »aber entweder sie selbst oder diejenigen, die sie entführten, sind durch dieses Gebüsch gedrungen; »ich erinnere mich noch recht gut, daß sie diesen Lappen trug, um ein Gesicht zu verbergen, in das Alle so gern schauten. Uncas, du hast Recht; das schwarzlockige Mädchen ist hier gewesen und wie ein verscheuchtes Hirschkalb in den Wald geflohen – und wer hätte sich auch der Flucht entzogen, um sich morden zu lassen? Wir wollen nach ihrer Spur forschen; es ist mir oft, als ob für ein Indianerauge selbst der Kolibri Merkzeichen in der Luft zurücklassen müßte.«

Der Mohikaner stürzte während dieser Bemerkung fort, und kaum hatte der Kundschafter ausgeredet, so erhob der Erstere vom Saume des Waldes ein neues Freudengeschrei. Als sie an die Stelle kamen, gewahrten sie ein zweites Stückchen Schleier, das an dem niedrigen Aste einer Buche flatterte.

»Gemach! gemach!« rief der Kundschafter, dem eiligen Heyward die lange Büchse vorhaltend; »wir wissen jetzt, wo wir daran sind; aber die Schönheit der Spur darf nicht entstellt werden. Ein Schritt zu früh kann uns Stunden lang zu schaffen machen; wir haben sie; das ist nicht zu läugnen.«

»Gott segne euch, Gott segne euch, würdiger Mann!« rief Munro; »wohin sind sie denn geflohen, und wo sind meine Lieben?«

»Der Weg, den sie genommen haben, hängt von mancherlei Umständen ab. Wenn sie allein geflohen sind, so können sie ebensowohl im Kreis herum, als gerade aus gegangen seyn; dann sind sie wohl nicht mehr als zwölf Meilen von uns. Haben aber die Huronen, oder andere französische Indianer Hand an sie gelegt, so sind sie wahrscheinlich bereits den Gränzen Canadas nahe. Aber was thut das?« fuhr der besonnene Kundschafter fort, der Angst und Bestürzung in den Mienen seiner Zuhörer las; »hier sind die Mohikaner und ich an dem einen Ende der Fährte, und verlaßt euch darauf, wir finden das andere, wenn auch hundert Stunden dazwischen lägen! Sachte! sachte; Uncas! du bist so ungeduldig, wie einer aus den Kolonien! du vergißt, daß leichte Füße nur schwache Spuren hinterlassen!«

»Hugh!« rief Chingachgook, eine Oeffnung untersuchend, die, wie man nur zu deutlich sah, durch das niedrige, den Wald umsäumende Unterholz gemacht worden war, richtete sich auf und deutete auf die Erde in der Stellung und mit der Geberde eines Mannes, der eine widerliche Schlange erblickt hat. »Hier ist die deutlichste Spur eines Männerfußes!,« rief Heyward, indem er sich auf die bezeichnete Stelle niederbückte: »er ist an den Rand dieser Pfütze getreten, das sieht man deutlich. Sie sind Gefangene!«

»Besser als wenn man sie in der Wildniß hätte Hungers sterben lassen!« versetzte der Kundschafter; »und um so sichtlicher wird ihre Fährte werden. Ich wollte fünfzig Biberfelle gegen eben so viel Flintensteine wetten, daß die Mohikaner und ich innerhalb eines Monats in ihren Wigwams sind! Bücke dich, Uncas, und sieh, was du aus dem Moccasin machen kannst: denn ein Moccasin ist’s offenbar und kein Schuh!«

Der junge Mohikaner bückte sich über die Spur, entfernte die zerstreuten Blätter in der Nähe und untersuchte Alles mit der Sorgfalt eines Geldmäklers, der in unsern Tagen der Bedenklichkeit einen verdächtigen Schuldbrief betrachtet. Endlich erhob er sich von den Knieen, mit dem Erfolg seiner Untersuchung, wie es schien, zufrieden.

»Nun, Junge,« fragte der aufmerksame Kundschafter, »was meinst du? Kannst du etwas daraus machen?«

»Le Renard Subtil!«

»Ha, wieder der schleichende Teufel! Es wird kein Ende mit ihm nehmen, bis mein Wildtödter ein vertrauliches Wort mit ihm gesprochen hat,«

Heyward räumte nur widerstrebend die Richtigkeit dieser Betrachtung ein und drückte mehr Hoffnung als Zweifel aus, während er sprach:

»Ein Moccasin ist wie der andere, ’s wird eine Täuschung seyn.«

»Ein Moccasin ist wie der andere! Eben so gut könntet ihr sagen: ein Fuß ist wie der andere; und doch wissen wir alle, daß die einen lang, die andern kurz sind, die einen breit, die andern schmal, daß bei den einen der Rist hoch, bei andern nieder ist; daß die einen einwärts, die andern auswärts gehen. Die Moccasins sehen einander so wenig gleich als ein Buch dem Andern, wenn schon derjenige, der in dem einen liest, nicht immer im Stande ist, etwas vom andern zu sagen. So ist alles aufs Beste geordnet und Jedem sein Vortheil vor dem andern gegeben. Laß mich auch darnach sehen, Uncas: Buch oder Moccasin, zwei Meinungen sind immer besser, als nur eine.« Der Kundschafter bückte sich und fügte augenblicklich hinzu: »Du hast Recht, Junge; hier ist die Spur, die wir so oft gesehen haben, wenn wir Jagd auf ihn machten. Der Bursche trinkt gern, wenn er dazu kommen kann. Wenn ein Indianer den Trunk liebt, so hält er immer ein weiteres Geleise, als der Wilde im Naturzustand, da ein Säufer sich gerne spreizt, mag seine Haut nun von rother oder weißer Farbe seyn. ’s ist auch die rechte Länge und Breite! Da sieh her, Sagamore: du hast die Fußstapfen mehr denn einmal gemessen, als wir das Geziefer von Glenn’s bis zur Heilquelle verfolgten,«

Chingachgook willfahrte, und nach einer kurzen Untersuchung stand er wieder auf und sprach mit seiner eigenthümlichen Ruhe nur das Wort:

»Magua.«

»Ja, soviel ist gewiß; hier ist das Mädchen mit dem schwarzen Haar und Magua vorbeigekommen.«

»Und Alice nicht?« fragte Heyward.

»Von ihr haben wir noch keine Spuren entdeckt,« antwortete der Kundschafter, die Bäume, die Gebüsche und den Boden aufmerksam beäugend. »Aber was sehe ich hier? Uncas, hol‘ mal das Ding, welches dort an dem Dornbüsche hängt.«

Der Indianer gehorchte und der Kundschafter nahm den Fund, hob ihn in die Höhe und lachte still und herzlich vor sich hin.

»Das ist das Spielzeug des Sängers! Jetzt haben wir ’ne Spur, die ein Priester verfolgen könnte,« sprach er, »Uncas, such‘ ‚mal die Spuren eines Schuhs, der lang genug ist, um ein sechs Fuß zwei Zoll hohes schlotterndes Menschengestell tragen zu können. Ich fasse einige Hoffnung für den Burschen, er gibt sein Gequiek auf, um sich auf ein besseres Handwerk zu legen.«

»Wenigstens hat er treu auf seinem Posten ausgehalten,« sprach Heyward; »und Cora und Alice sind doch nicht ohne Freund.«

»Ja,« entgegnete Hawk-eye, indem er seine Büchse senkte und sich mit sichtbarer Verachtung darauf stützte; »er singt für sie! Aber kann er ’nen Rehbock zum Mittagsmahle schießen, nach dem Moos an den Buchen den Weg ermessen, oder einem Huronen die Gurgel abschneiden? Und kann er’s nicht, so lauft ihm der erste beste Spottvogel, den er trifft, den Rang ab. Nun, Junge, findest du was, das ’ne solche Grundlage gibt?«

»Hier ist so was, wie der Tritt von einem, der Schuhe getragen hat; kann es der unsers Freundes seyn?«

»Berührt die Blätter leicht, sonst verrückt ihr die Form. Dies? dies ist der Tritt eines Fußes, aber es ist der des schwarzlockigen Mädchens und klein für eine so edle Höhe und herrliche Haltung. Die Ferse des Sängers würd‘ ihn von vorne bis hinten bedecken.«

»Wo? laßt mich die Fußtritte meines Kindes schauen,« sprach Munro, indem er die Büsche bei Seite schob, und sich sehnsüchtig über den halbverwischten Eindruck des Fußes bückte. Obgleich der Tritt, der die Spur hinterlassen hatte, nur leicht und eilig gewesen war, so ließ er sich doch noch deutlich unterscheiden. Die Augen des alten Soldaten verdunkelten sich während der Beobachtung, und als er sich erhob, sah Heyward, daß er den Fußtritt seiner Tochter mit einer heißen Thräne benetzt hatte. Um den Schmerz zu mildern, der jeden Augenblick über den ihm auferlegten Zwang zu siegen drohte, und den Sinn des Veteranen auf etwas Anderes zu lenken, sprach der junge Mann zu dem Kundschafter: »Da wir nun untrügliche Kennzeichen besitzen, so wollen wir unsern Weg beginnen. Ein Augenblick in solcher Lage muß den Gefangenen zu einer Ewigkeit werden.«

»Der Hirsch, der am schnellsten läuft, gibt nicht die längste Jagd,« entgegnete Hawk-eye, ohne sein Auge von den Spuren, die sich ihm darboten, abzuwenden; »wir wissen, daß der schleichende Hurone – und das Schwarzhaar – und der Sänger hier vorbeigekommen sind – aber wo ist das Mädchen mit den blonden Locken und den blauen Augen? Wenn auch klein und bei weitem nicht so muthvoll, wie die Schwester, ist sie doch lieblich anzuschauen und anmuthig im Gespräch. Hat sie keinen Freund, daß Niemand nach ihr fragt?«

»Das wolle Gott verhüten! Hunderte für Einen! Suchen wir sie nicht eben jetzt? Für Einen stehe ich, ich höre nicht auf zu suchen, bis sie gefunden ist.«

»In diesem Falle müssen wir vielleicht verschiedene Wege einschlagen; denn hier ist sie nun einmal nicht gegangen, so leicht und klein auch ihr Fußtritt ist.«

Heyward schrack zurück, all sein Eifer schien in diesem Augenblicke zu verschwinden. Ohne auf einen so plötzlichen Wechsel in der Stimmung des Andern zu achten, fuhr der Kundschafter nach kurzem Bedenken fort – »Es gibt kein Weib in dieser Wildniß, das eine solche Spur hinterlassen könnte, wie die Schwarzlockige oder ihre Schwester. Wir wissen, daß die Erstere hier gewesen ist aber wo sind die Spuren der Andern? Laßt uns die Fährte schärfer verfolgen, und wenn sich Nichts zeigt, so müssen wir zurück auf die Ebene und Merkmale aufsuchen. Geh‘ voran, Uncas, und richte dein Auge auf das dürre Laub. Ich will die Büsche untersuchen, während dein Vater die Nase dicht auf den Boden halten wird. Freunde! die Sonne sinkt hinter die Berge.«

»Kann ich Nichts dabei thun?« fragte der ängstliche Heyward.

»Ihr!« wiederholte der Kundschafter, der mit seinen rothen Freunden bereits in der vorgeschriebenen Ordnung vorrückte: »ja Ihr könnt hinter uns hergehen und darauf Acht haben, daß Ihr die Fährte nicht durchkreuzt.«

Wenige Ruthen waren sie vorangeschritten, als die Indianer hielten und mit größerer Aufmerksamkeit die Erde betrachteten. Beide, Vater und Sohn, sprachen schnell und laut, indem sie bald den Gegenstand ihrer Verwunderung, bald einander selbst mit der größten Freude anblickten.

»Sie haben den kleinen Fuß gefunden!« rief der Kundschafter indem er auf sie zulief, ohne weiter daran zu denken, was ihm selbst obläge. »Was gibt es hier? Ein Hinterhalt lag an diesem Orte! Nein, bei der sichersten Büchse auf den Gränzen, hier haben wir die einseitigen Pferdchen wieder! Jetzt ist das ganze Geheimniß heraus, und Alles so klar und hell, wie der Nordstern um Mitternacht. Ja, hier sind sie aufgestiegen. Dort waren die Thiere an den jungen Baum gebunden und warteten, und hier führt die breite Fährte in voller Eile nach Canada!«

»Aber immer sind noch keine Spure»von Alice – der jüngeren Miß Munro – vorhanden,« sagte Duncan.

»Wenn nicht das schimmernde Spielzeug, das Uncas just vom Boden aufgehoben, uns darauf hilft. Bring es her, Junge, daß wir’s untersuchen.«

Heyward erkannte es sogleich als das Geschmeide, welches Alice gerne trug, und das, wie er sich mit dem getreuen Gedächtniß eines Liebenden erinnerte, an dem verhängnißvollen Morgen des Blutbades um den schönen Nacken seiner Geliebten hing. Er ergriff das theure Kleinod, und hatte kaum den Fund seinen Gefährten angekündigt, als er auch schon aus den Augen des Kundschafters verschwand, während Duncan das Kleinod längst gegen sein schlagendes Herz drückte.

»Ach!« klagte Hawk-eye, der eine Weile vergeblich mit dem Kolben seiner Büchse in dem Laube wühlte; »es ist ein sicheres Zeichen, daß das Alter naht, wenn Einem das Gesicht abzunehmen anfängt. Ein so glitzerndes Ding, und soll nicht zu finden seyn! Nun ich kann doch noch, selbst wenn’s trübe ist, über den dunkeln Lauf einer Büchse hinschielen, und das ist genug, um allen Streit zwischen mir und den Mingos zu schlichten. Gerne möchte ich das Ding wieder finden, wär’s auch nur, um es der rechten Eigenthümerin wieder zu bringen, und das hieße die zwei Enden einer langen Fährte hübsch zusammengebracht – denn jetzt ist der breite St. Lorenz oder vielleicht selbst die großen Seen zwischen uns.«

»Um so mehr Grund für uns, den Marsch nicht aufzuschieben,« versetzte Heyward; »ziehen wir sogleich weiter!«

»Junges Blut und heißes Blut, sagt man, sind alle Zeit bei einander. Es gilt nicht, Eichhörnchen zu jagen, oder ein Wild in den Horican zu treiben; wir sind Tage und Nächte unterwegs und müssen durch eine Wildniß, die selten ein Menschenfuß betritt, und wo eure Bücherweisheit euch nicht unversehrt durchbringen würde. Ein Indianer unternimmt nie einen solchen Zug, ohne zuvor an seinem Versammlungsfeuer zu schmauchen; und ob ich gleich ein Mann von weißer Abstammung bin, so ehre ich doch auch diesen Punkt ihrer Sitte, da ich sehe, daß sie weise und wohl überlegt ist. Wir wollen daher zurück, heute Nacht unser Feuer in den Ruinen des alten Forts anzünden, und am Morgen frisch und gestärkt das Werk wie Männer beginnen, und nicht wie plaudernde Weiber und unbesonnene Knaben.«

Heyward sah an dem Benehmen des Kundschafters, daß jede Einrede vergeblich wäre. Munro war in jenen Zustand von Theilnahmlosigkeit zurückversunken, aus dem er seit den letzten überwältigenden Unglücksfällen nur durch neue und lebhafte Eindrücke aufgerüttelt werden konnte. Aus der Noth eine Tugend machend, nahm der junge Mann den Veteran unter dem Arm und folgte den Schritten der Indianer und des Kundschafters, welche bereits den Rückweg nach der Ebene eingeschlagen hatten.

Neunzehntes Kapitel.

Neunzehntes Kapitel.

Salarino. Nun, ich bin’s gewiß, wenn er dir verfällt,
so nimmst du doch sein Fleisch nicht, zu was wär’s nütze?
Shylock. Um Fisch‘ damit zu angeln; und sättigt‘ es sonst
Nichts, so sättigt’s meine Rache.
Shakespeare.

Die Schatten des Abends hatten das Unheimliche des Platzes noch vermehrt, als die Reisenden die Ruinen von William Henry betraten. Der Kundschafter und seine Begleiter trafen sogleich Anstalten für die Nacht, aber mit einem Ernste und einer Besonnenheit, welche den tiefen Eindruck verriethen, den der schreckliche Anblick, den sie gehabt hatten, selbst auf ihre abgehärtete Natur hatte ausüben müssen. Einige Trümmer von Balken wurden an eine geschwärzte Wand gelehnt, und nachdem Uncas sie leicht mit Gestrüpp überdeckt hatte, schienen sie ein genügendes Obdach darzubieten. Der junge Indianer deutete auf die einfache Hütte hin, als seine Arbeit zu Ende war, und Heyward, welcher den Sinn dieser schweigsamen Geberde verstand, drang freundlich in Munro, einzutreten. Indem er den alten verlassenen Mann mit seinem Kummer allein ließ, trat er in die freie Luft zurück; denn er fühlte sich zu aufgeregt, um selbst der Ruhe zu genießen, die er so eben seinem alten Freunde empfohlen hatte.

Während Hawk-eye und die Indianer ein Feuer anzündeten und ihre frugale Abendmahlzeit, in gedörrtem Bärenfleisch bestehend, verzehrten, begab sich der junge Mann auf einen Zwischenwall des zerstörten Forts, der auf die Wasserfläche des Horican hinaussah. Der Wind hatte sich gelegt, und die Wogen schlugen bereits in regelmäßigerer, minder ungestümer Folge an das sandige Ufer unter ihm. Die Wolken zertheilten sich, als wären sie ihres wüthenden Treibens müde; und die schwerern unter ihnen sammelten sich in schwarzen Massen um den Horizont, während die leichteren über das Wasser dahinglitten oder um die Gipfel der Berge wirbelten, dem unterbrochenen Fluge gescheuchter Vögel gleich, die um ihre Nester flattern. Hie und da rang sich der rothe, funkelnde Schimmer eines Sterns durch die treibenden Nebel und goß ein schwaches Dämmerlicht über den finstern Himmel.

Im Schooße der umgebenden Berge ruhte bereits undurchdringliche Finsterniß, und die Ebene lag wie ein weites, ödes Beinhaus vor ihm, ohne daß selbst das leiseste Geflüster den Schlummer der zahlreichen auf ihr liegenden Unglücklichen zu unterbrechen versuchte.

Lange stand Duncan in tiefer Betrachtung der Scene versunken, die mit der Vergangenheit in so schrecklichem Einklange stand. Seine Augen wanderten von dem Innern des Erdwalls, wo die Waldbewohner um ihr schwaches Feuer saßen, nach dem schwächern Lichte, das immer noch am Himmel weilte, und ruhten dann lange und besorgt auf dem tiefen, unheimlichen Dunkel, das gleich einem öden Chaos über der Strecke lag, wo die Todten schlummerten. Bald aber war es ihm, als drängen von dieser Seite her unerklärliche Laute so leise und unbestimmt in sein Ohr, daß er über ihren Ursprung und selbst ihre Wirklichkeit ungewiß blieb. Der Unruhe, die ihn unwillkührlich überschlich, sich schämend, wandte sich der junge Mann nach dem Wasser, um seine Aufmerksamkeit auf die Sterne zu lenken, die sich auf der bewegten Oberfläche des See’s spiegelten. Aber immer thaten seine ängstlichen Ohren ihren undankbaren Dienst, als ob sie ihn vor einer drohenden Gefahr warnen wollten. Endlich schien ein rascher Fußtritt ganz hörbar durch die Finsterniß zu tönen. Unfähig, seine Unruhe länger zu beschwichtigen, sprach Duncan leise mit dem Kundschafter, und ersuchte ihn, auf den Erdwall nach der Stelle zu kommen, wo er gestanden hatte. Hawk-eye warf seine Büchse über den Arm und nahte mit einer so unbeweglichen, ruhigen Miene, daß man wohl sah, er glaube sich in völliger Sicherheit.

»Horcht!« sagte Duncan, als sich der Andere bedächtlich an seine Seite gestellt hatte, »ich höre da halblaute Töne auf der Ebene, die mich glauben machen, daß Montcalm seine Eroberung noch nicht gänzlich verlassen hat!«

»Dann sind die Ohren besser als die Augen,« bemerkte der Kundschafter, der, ein Stück Bärenfleisch zwischen seinen Backenzähnen, schwer und undeutlich sprach, wie Einer, dessen Mund zwiefach beschäftigt ist. »Mit meinen leiblichen Augen hab‘ ich ihn mit seinem ganzen Heere auf den Ty gehen sehen; denn wenn eure Franzosen einen guten Streich ausgeführt haben, so eilen sie gleich nach Hause und stellen mit ihren Weibern einen Tanz oder andere Lustbarkeiten an.«

»Das weiß ich nicht; aber ein Indianer schläft selten während des Kriegs, und die Lust zu plündern kann wohl einen Huronen noch zurückgehalten haben, auch nachdem sein Stamm schon abgezogen ist. Es wäre besser, wir löschten das Feuer aus und blieben auf unsrer Hut. Horcht! hört Ihr nicht das Geräusch, das ich meine?«

»Ein Indianer schleicht selten um Gräber herum. Er ist bei der Hand, wenn es gilt, Feinde zu erschlagen, und über die Mittel nicht sehr bedenklich. Er begnügt sich aber gemeiniglich mit dem Skalp, wenn sein Blut nicht zu erhitzt und seine Leidenschaften zu aufgeregt sind. Ist aber der Geist aus dem Körper geschieden, so vergißt er seine Feindschaft und gönnt den Todten ihre Ruhe. Da wir einmal von Geistern sprechen, Major, glaubt Ihr, daß die Rothhäute und wir Weiße dereinst in einen und denselben Himmel kommen?«

»Ohne Zweifel – ohne Zweifel. Aber es war mir, als ob ich wieder den gleichen Laut vernähme! Oder war es vielleicht das Rauschen der Blätter auf der Buche dort?«

»Für meinen Theil,« fuhr Hawk-eye fort, sein Gesicht einen Augenblick mit einer nichtssagenden, gleichgültigen Miene nach der Seite kehrend, nach welcher Heyward wies; »ich glaube, das Paradies ist zur Glückseligkeit bestimmt, und die Menschen werden je nach ihren Neigungen und Anlagen derselben theilhaftig werden. Meine Meinung ist daher, daß die Rothhaut nicht so ganz Unrecht hat, wenn sie die schönen Jagdgebiete, wovon die Sage spricht, wieder zu finden hofft; und so würde es für einen Mann, dessen Blut unvermischt ist, nicht so ganz uneben seyn, wenn er sich die Zeit mit –«

»Hört Ihr’s nicht wieder?« unterbrach ihn Duncan.

»Ja, ja, wenn’s Futter knapp geht, oder im Ueberfluß da ist, werden die Wölfe keck,« bemerkte der unbewegliche Kundschafter. »Es wäre eine hübsche Jagd, die Häute dieser Satane, wenn wir Tag und Zeit zur Kurzweil hätten. Was aber das künftige Leben betrifft, Major, so hört‘ ich Prediger in den Kolonieen sagen, der Himmel sey ein Ort der Ruhe. Nun sind aber die Begriffe der Menschen von Glückseligkeit sehr verschieden. Für mein Theil sag‘ ich bei aller Achtung vor den Fügungen der Vorsehung, – ich würde es ihr nicht groß danken, wenn ich in den Wohnungen von welchen sie predigen, eingeschlossen bleiben würde, der ich doch von Natur einen Hang zur Bewegung und zum Jagen in mir fühle.«

Duncan, der nun die Natur des Geräusches erfahren zu haben glaubte, das ihn beunruhigt hatte, ging in seiner Antwort näher auf den Gegenstand ein, den der Kundschafter sich zur Unterhaltung ausersehen hatte.

»Es ist schwer,« sagte er, »die Gefühle zu beurtheilen, die bei jenem letzten großen Wechsel sich aufdringen mögen.«

»Das wäre freilich ein Wechsel für einen Mann, der seine Tage unter freiem Himmel verlebt, und so oft an den Quellen des Hudson seinen Morgenimbiß eingenommen hat,« versetzte der schlichte Kundschafter, »wenn er im Bereich eines heulenden Mohawk sein Schläfchen halten sollte. Aber ’s ist ein Trost zu wissen, daß wir einem barmherzigen Herrn dienen, wenn’s auch jeder auf seine Weise thut, und viele Wildnisse zwischen uns liegen. – Was war das?«

»Ist das nicht der Tritt der Wölfe, von denen Ihr gesprochen habt?«

Hawk-eye schüttelte langsam den Kopf und winkte Duncan, nach einer Stelle zu kommen, die das Feuer nicht beleuchtete. Nach dieser Vorsichtsmaßregel nahm er die Stellung der gespanntesten Aufmerksamkeit ein, und horchte lang und scharf, ob sich der so unerwartete leise Laut nicht wiederholen würde. Er schien jedoch vergeblich zu lauschen; denn nach einer Minute fruchtloser Stille flüsterte er Duncan zu:

»Wir müssen Uncas rufen, der Junge hat indianische Sinne und hört, was uns ganz verborgen bleibt; denn ich, als eine weiße Haut, kann meine Natur nicht verläugnen.«

Der junge Mohikaner, der sich am Feuer leise mit seinem Vater unterhielt, fuhr auf, als er den Ruf einer Eule vernahm, und blickte nach den schwarzen Erdwällen, als suchte er den Ort, woher der Laut ertönte. Der Kundschafter wiederholte den Schrei und in wenigen Augenblicken sah Duncan Uncas Gestalt vorsichtig nach der Brustwehr heranschleichen, wo sie standen.

Hawk-eye theilte ihm in kurzen Worten seine Wünsche in delawarischer Sprache mit; und sobald dieser vernommen hatte, um was es sich handle, warf er sich mit dem Gesicht auf die Erde, wo er, wie es Duncan schien, ruhig und regungslos liegen blieb. Verwundert über die unbewegliche Lage des jungen Kriegers, und neugierig zu beobachten, wie dieser die gewünschten Erkundigungen einziehen werde, trat Heyward einige Schritte vor und bückte sich zu dem dunkeln Gegenstand nieder, auf den er seine Augen geheftet hielt, entdeckte aber, daß Uncas verschwunden, und was er erblickte, nur der dunkle Umriß hervorstehender Trümmer war.

»Was ist aus dem Mohikaner geworden?« fragte er den Kundschafter, indem er sich erstaunt wieder umwandte; »ich sah ihn hier niederfallen und hätte geschworen, daß er hier auch geblieben sey!«

»St! sprecht leiser; denn wir wissen nicht, was für Ohren uns belauschen, und die Mingos sind eine scharfsichtige Brut. Uncas ist auf der Ebene und die Maquas, wenn welche um uns sind, bekommen vollauf mit ihm zu thun.«

»Ihr glaubt, Montcalm habe nicht alle seine Indianer weggezogen? Wir wollen den Unsern rufen und zu den Waffen greifen. Wir sind fünf und nehmen es schon mit einem Feinde auf.«

»Kein Wort zu ihnen, wenn euer Leben euch lieb ist. Seht den Sagamoren an, wie ganz ein großer Indianerhäuptling sitzt er an dem Feuer! Wenn Laurer in der Finsternis umherschleichen, so erkennen sie gewiß nicht an seiner Miene, daß wir an Gefahr denken!«

»Aber sie entdecken ihn und das ist sein Tod. Seine Gestalt ist am Scheine des Feuers zu deutlich sichtbar und er wird das erste und sicherste Opfer seyn.«

»Die Wahrheit eurer Worte ist unläugbar,« antwortete der Kundschafter, mehr als gewöhnliche Unruhe verrathend, »aber was ist zu thun? Ein einziger Blick des Verdachts führt einen Angriff herbei, ehe wir zum Widerstand uns bereitet haben. Aus dem Zeichen, das ich Uncas gegeben habe, weiß er, daß wir Unrath wittern. Ich will ihm bedeuten, daß wir den Mingos auf der Spur sind; sein Indianerinstinkt wird ihm sagen, was er zu thun hat.«

Der Kundschafter hielt die Finger an den Mund und ließ einen leisen, zischenden Laut hören, über welchen Duncan zuerst bei Seite fuhr, als hätte er eine Schlange gehört. Chingachgook’s Haupt ruhte auf seiner Hand, und er schien in Gedanken versunken; sobald er aber den warnenden Laut des Thieres vernahm, von dem er seinen Namen trug, richtete er sich auf und seine dunkeln Augen blickten schnell und scharf nach allen Seiten hin. Mit dieser plötzlichen und vielleicht unwillkürlichen Bewegung war jeder Anschein von Ueberraschung und Unruhe verschwunden. Seine Büchse lag unberührt und, wie es schien, kaum beachtet, im Bereiche seiner Hand. Der Tomahawk, den er, zu seiner Bequemlichkeit im Gürtel gelockert hatte, fiel sogar auf den Boden und seine Gestalt schien, wie bei einem Manne, dessen Sehnen und Nerven sich der Ruhe überlassen dürfen, zusammenzusinken. Schlau seine frühere Stellung wieder einnehmend, wechselte der Eingeborne gleichwohl die Lage seiner Hände, als ob die Bewegung blos geschehe, um den Arm zu erleichtern, und erwartete den Ausgang mit einer Ruhe und Seelenstärke, die nur ein indianischer Krieger zeigen konnte.

Aber Heyward bemerkte, während der Mohikanerhäuptling für ein minder geübtes Auge zu schlummern schien, wie seine Nasenlöcher sich erweiterten, und sein Haupt sich ein wenig auf die Seite neigte, um den Gehörorganen zu Hülfe zu kommen – wie seine lebhaften und schnellen Blicke sich unaufhörlich nach jedem Gegenstande wandten, den er mit dem Auge erreichen konnte.

»Sehet einmal den edlen Kämpen an!« flüsterte Hawk-eye, Heyward’s Arm drückend; »er weiß, daß ein Blick, eine Bewegung unsre Pläne vereiteln und uns der Satansbrut in die Hände liefern könnte« –

Hier unterbrach ihn der Blitz und Knall einer Büchse. Feuerfunken erfüllten die Luft rings um den Ort, auf den Heywards Augen noch mit Bewunderung und Erstaunen gerichtet waren. Ein zweiter Blick sagte ihm, daß Chingachgook in der Verwirrung verschwunden war. Mittlerweile hatte der Kundschafter seine Büchse vorgeworfen, zum Schusse bereit und erwartete mit Ungeduld den Augenblick, wo ein Feind sich sehen lassen würde. Aber mit dem einzelnen, fruchtlosen Versuche auf Chingachgook’s Leben schien der Angriff beendigt. Ein oder zwei Mal glaubten die Horchenden ein entferntes Rauschen der Gebüsche zu vernehmen, wie wenn unbekannte Massen sich durchdrängten; aber bald deutete Hawk-eye auf ein Rudel verscheuchter Wölfe, die eilends vor dem Eindringling in ihre Gebiete Reißaus nahmen. Nach einer athemlosen Pause der Ungeduld plumpte etwas in’s Wasser und gleich darauf folgte der Knall einer andern Büchse.

»Das ist Uncas!« sprach der Kundschafter; »der Junge führt eine herrliche Büchse! Ich kenne ihren Knall, wie ein Vater die Stimme seines Kindes; denn ich trug sie lange selbst, bis sich mir eine bessere anbot.«

»Was soll das heißen?« fragte Duncan; »wir werden bewacht und es scheint auf unser Verderben abgesehen.«

»Der zerschossene Feuerbrand dort zeigt, daß man nichts Gutes im Schilde führte, und der Indianer hier mag beweisen, daß er keinen Schaden genommen hat.« versetzte der Kundschafter, indem er seine Büchse wieder in den Arm fallen ließ; und Chingachgook, der eben wieder innerhalb des Lichtkreises erschien, in das Innere der Festungswerke folgte. »Wie steht es, Sagamore? Sind uns die Mingos ernstlich auf der Fährte, oder ist’s blos einer von dem Gewürm, das dem Heere nachzieht, um die Todten zu scalpiren – heimzuziehen, um sich bei den Squaws seiner ritterlichen Thaten gegen die Blaßgesichter zu rühmen?«

Chingachgook nahm ruhig seinen Sitz wieder ein, und gab keine Antwort, bis er den Feuerbrand untersucht hatte, den die Kugel getroffen, die ihm selbst beinahe verderblich geworden wäre.

Hierauf hob er einen Finger empor und begnügte sich das englische Wort auszusprechen:

»Einer.«

»Das dachte ich!« versetzte Hawk-eye, sich wieder setzend, »und da er den Schutz des Sees gewonnen hat, ehe Uncas abfeuern konnte, so ist es mehr denn wahrscheinlich, daß der Schurke den Leuten von einem großen Hinterhalte vorlügen wird, in welchem er gegen zwei Mohikaner und einen weißen Jäger gelegen habe – denn die beiden Offiziere können nur als müßige Zuschauer bei einem solchen Scharmützel betrachtet werden. Thu‘ er’s immerhin. Es gibt überall in jeder Nation ein Paar ehrliche Kerls, – obgleich sie, der Himmel weiß es, unter den Maquas dünn genug gesät sind – die einen solchen Glückspilz zurechtweisen können, wenn er es gar zu bunt macht. Aber das Blei von diesem Schuft hat dir recht an den Ohren vorbeigepfiffen, Sagamore.«

Ruhig und gleichgültig wandte Chingachgook sein Auge nach der Stelle hin, wo die Kugel aufgeschlagen hatte, und nahm dann seine frühere Haltung mit einer Fassung wieder an, die ein so unbedeutender Vorfall nicht stören konnte. Jetzt glitt Uncas wieder in ihren Kreis und setzte sich mit derselben Gleichgültigkeit, die sein Vater zeigte, an das Feuer.

Heyward war mit Erstaunen und der lebhaftesten Theilnahme Zeuge aller dieser Bewegungen. Es schien ihm, als hätten die Waldbewohner geheime Zeichen, durch die sie sich verständlich machten, die aber den Sehkreis seiner Beobachtungsgabe überstiegen. Statt jener eilfertigen Geschwätzigkeit, womit ein junger Weißer das, was in der Finsternis der Ebene vorgegangen war, mitgetheilt und vielleicht übertrieben hätte, war der junge Krieger, wie es schien, zufrieden, seine Thaten für sich sprechen zu lassen. Es war wirklich hier für einen Indianer weder der Augenblick noch der Ort, sich des Vollbrachten zu rühmen; und wahrscheinlich wäre kein Wort über den Gegenstand mehr geäußert worden, hätte Heyward nicht dazu Veranlassung gegeben.

»Was ist aus unsrem Feinde geworden, Uncas?« fragte Duncan, »wir hörten deine Büchse und hofften, du werdest nicht umsonst geschossen haben.«

Der junge Häuptling schob eine Falte seines Jagdhemdes zurück und zeigte ruhig den verhängnißvollen Haarschopf, den er als Siegeszeichen trug. Chingachgook legte die Hand auf den Skalp und betrachtete ihn einen Augenblick mit tiefer Aufmerksamkeit; dann ließ er ihn, mit einem Ausdruck von Verachtung in seinen strengen Zügen, los und rief:

»Ein Oneida!«

»Ein Oneida!« wiederholte der Kundschafter, dessen Antheil an dem Ereigniß sich beinahe in die Gleichgültigkeit seiner rothen Genossen verlor, betrachtete aber das blutige Siegesunterpfand mit ungewöhnlichem Ernste. »Bei Gott, wenn die Oneidas uns auflauern, dann sind wir auf allen Seiten von Teufeln umgeben. Nun, für weiße Augen ist zwischen diesem Stückchen Haut und dem eines andern Indianers kein Unterschied, und doch erklärt der Sagamore, sie komme von dem Schädel eines Mingo; ja er nennt sogar den Stamm des armen Teufels mit so viel Sicherheit, als ob der Skalp das Blatt eines Buches und jedes Haar ein Buchstabe wäre. Welches Recht haben die christlichen Weißen, sich ihrer Gelehrsamkeit zu rühmen, wenn der Wilde eine Sprache lesen kann, welche die Kunst ihres Weisesten beschämen müßte! Was sagst du dazu, Junge? Von welchem Volke war der Schurke?«

Uncas schaute in das Antlitz des Jägers und antwortete mit seiner klangreichen Stimme:

»Oneida!«

»Wieder Oneida! Wenn ein Indianer etwas sagt, so ist es gewöhnlich wahr; aber wenn ein Anderer seines Volkes es bestätigt, so darf man’s für ein Evangelium halten!«

»Der arme Schelm hat uns für Franzosen gehalten,« sagte Heyward, »sonst hätte er nicht einem Freunde nach dem Leben gestanden«

»Er einen Mohikaner, mit den Farben seines Volks bemalt, für einen Huronen halten! Eben so leicht könntet Ihr die weißen Röcke von Montcalms Grenadieren mit den rothen Jacken der königlichen Amerikaner verwechseln,« entgegnete der Kundschafter. »Nein, nein, die Natter kannte ihren Weg wohl. Auch ist’s am Ende kein so großer Verstoß; denn zwischen einem Delawaren und einem Mingo ist die Liebe nicht eben groß, gleichviel für wen ihre Stämme in einem Kampfe zwischen den Weißen auch streiten mögen. Was das betrifft, obgleich die Oneidas Seiner Majestät dem König dienen, der mein Souverän und Gebieter ist, ich hätte mich eben nicht lange bedacht, meinen Wildtödter auf ihn loszulassen, wenn er mir in die Quere gekommen wäre.«

»Das wäre eine Verletzung unserer Verträge und Eures Charakters unwürdig gewesen.«

»Wenn Einer viel mit einem Volke verkehrt,« fuhr Hawk-eye fort, »und sie sind ehrlich und er kein Schuft, so werden Sie einander zugethan. – Es ist wahr, die Arglist der Weißen hat unter diese Wilden eine solche Verwirrung gebracht, daß man kaum mehr weiß, wer Freund oder Feind ist. So ziehen denn die Huronen und die Oneidas, welche dieselbe oder beinahe dieselbe Sprache reden, einander die Skalpe ab, und die Delawaren sind in Spaltung unter einander. Einige sind daheim an ihrem Flusse bei ihrem großen Versammlungsfeuer geblieben und fechten für dieselbe Sache, wie die Mingo’s, indes, der größere Theil aus natürlichem Haß gegen die Maqua’s in Canada ist; so ist Alles in Unordnung und kein rechter Gang im Kriegführen! Es liegt jedoch nicht in der Art der Rothhäute, mit jedem Kunstgriff der Politik die Farbe zu wechseln, und darum gleicht die Freundschaft zwischen einem Mohikaner und einem Mingo so ziemlich der Neigung eines Weißen zu der Schlange.«

»Es thut mir wehe, dies zu hören; ich hatte geglaubt, die Eingebornen, die innerhalb unserer Gränzen wohnen, hätten uns zu gerecht und zu gutgesinnt gefunden, als daß sie nicht unsere Sache ganz zu der ihrigen machten.«

»Nun, ich meine, es sey doch natürlich, daß man den eignen Streit vor dem fremden auskämpfe. Ich für mein Theil liebe die Gerechtigkeit und will deshalb nicht sagen, ich hasse einen Mingo, – das würde sich weder für meine Farbe noch für meine Religion schicken– doch – noch einmal: die Nacht allein war Schuld daß mein Wildtödter bei dem Tode dieses schleichenden Oneita nicht betheiligt ist««

Ueberzeugt von dem Gewicht seiner Gründe und unbekümmert um den Eindruck, den sie auf die Ansicht des Andern machten, wandte sich der ehrliche, aber unversöhnlich Waldmann von dem Feuer ab, zufrieden, den Streit ruhen zu lassen. Heyward begab sich wieder auf den Wall, weil er sich, nicht vertraut mit dieser Art von Kriegführung, zu unbehaglich fühlte, um ruhig an einem Orte zu bleiben, wo sich so hinterlistige Angriffe wiederholen konnten. Nicht so der Kundschafter und die Mohikaner. Ihre feinen und lange geübten Sinne, deren Schärfe oft in’s Unglaubliche ging, hatten sie nicht nur in den Stand gesetzt, die Gefahr zu entdecken, sondern ihnen auch über den Umfang und die Dauer derselben Gewißheit gegeben. Keiner von den Dreien schien jetzt im Geringsten zu zweifeln, daß sie in vollkommener Sicherheit seyen; und sie bewiesen ihren Glauben durch die Vorkehrungen welche sie alsbald trafen, um weitere Maßregeln zu berathen.

Die Verwirrung unter den Nationen, ja selbst den Stämmen, auf welche Hawk-eye angespielt hatte, war um diese Zeit auf’s Höchste gestiegen. Das mächtige Band der Sprache, und sonach auch der gemeinschaftlichen Abkunft war mancher Orten gelöst, und so kam es, daß der Delaware und der Mingo (mit welchem Namen man die sechs Nationen bezeichnete), in denselben Reihen kämpften, während der Letztere den Skalp des Huronen suchte, der doch für einen Sprößling desselben Stammes galt. Die Delawaren selbst waren unter sich getheilt. Die Liebe zu dem Boden, der seinen Ahnen zugehört hatte, hielt zwar den Sagamoren der Mohikaner mit einem kleinen Trupp Delawaren, die in dem Fort Edward dienten, unter den Fahnen des Königs von England zurück; der bei weitem größte Theil seiner Nation aber stand, wie man wohl wußte, als Montcalms Verbündete im Felde. Der Leser weiß wahrscheinlich, wenn es aus dem Verlauf unserer Erzählung noch nicht erhellt haben sollte, daß die Delawaren oder Lenapes darauf Anspruch machten, das Stammvolk jener zahlreichen Völkerschaften zu seyn, welche einst Herren der meisten östlichen und nördlichen Staaten Amerikas waren, und unter denen die Gemeinschaft der Mohikaner einen alten und in hohem Ansehen stehenden Zweig bildete.

Mit den kleinlichen und verwickelten Interessen, die Freund gegen Freund bewaffnet und geborne Feinde als Waffenbrüder neben einander gestellt hatte, vollkommen vertraut, schickten sich der Kundschafter und seine Gefährten zur Berathung der Maßregeln an, die ihre künftigen Bewegungen unter so vielen entzweiten und rohen Stämmen zu leiten hätten. Duncan wußte von den indianischen Sitten genug, um zu verstehen, warum das Feuer wieder aufgeschürt wurde, und die Krieger, Hawk-eye nicht ausgenommen, sich mit feierlichem Anstande unter den Wolken des Rauches wieder zusammensetzten. An die Ecke eines Winkels der Festungswerke gelehnt, wo er die Scene im Innern beobachten und zugleich ein wachsames Auge für jede Gefahr von außen behalten konnte, wartete er das Ergebniß der Berathung mit so viel Geduld ab, als er sich abgewinnen konnte.

Nach einer kurzen, bedeutungsvollen Pause zündete Chingachgook eine Pfeife mit hölzernen Rohre an, deren Kopf aus einem weißen Steine des Landes künstlich gearbeitet war, und fing an zu rauchen. Nachdem er den Duft des sänftigenden Krautes zur Genüge eingeathmet, gab er das Instrument in die Hände des Kundschafters. Auf diese Weise hatte die Pfeife drei Mal die Runde gemacht, und einige Zeit verging im tiefsten Stillschweigen, ehe einer der Gefährten seinen Mund öffnete. Endlich trug der Sagamore, als der Aelteste und Höchste im Rang, in wenigen Worten mit Ruhe und Würde den Gegenstand der Berathung vor. Ihm antwortete der Kundschafter, und Chingachgook entgegnete, als der Andere Einwendungen machte. Der jugendliche Uncas blieb ein stiller und ehrerbietiger Zuhörer, bis ihn Hawk-eye in freundlicher Rücksicht um seine Meinung fragte. Heyward schloß aus der Miene und den Geberden der verschiedenen Sprecher, daß Vater und Sohn die eine Meinung verfochten, während der Kundschafter auf der andern beharrte. Der Streit wurde allmählig wärmer, bis man deutlich sah, daß sich die Sprecher ziemlich in ihren Gegenstand vertieft hatten; trotz des zunehmenden Eifers aber, womit die Freunde stritten, hätte die ehrsamste christliche Versammlung, selbst die Zusammenkünfte ehrwürdiger Geistlichen nicht ausgenommen, an der Zurückhaltung und dem Anstande der Streitenden sich ein heilsames Muster der Mäßigung nehmen können. Uncas Rede wurde mit derselben Aufmerksamkeit angehört, als die Worte gereifterer Einsicht, die sein Vater gesprochen; und weit entfernt, Ungeduld zu verrathen, antwortete Keiner, ohne zuvor einige Augenblicke, wie es schien, in stillem Nachdenken über das Gesprochene, schweigend verbracht zu haben.

Die Rede der Mohikaner war von so natürlichen und ausdrucksvollen Geberden begleitet, daß es Heyward nicht schwer fiel, den Faden ihrer Beweisführungen zu verfolgen. Dunkler blieb ihm dagegen der Kundschafter, weil er aus geheimem Stolz auf seine Farbe jener kaltblütigen und nüchternen Sprechweise sich befliß, die allen Klassen der Angloamerikaner eigen ist, so lange sie sich nicht in Aufregung befinden. Aus ihrer häufigen Wiederholung der Merkmale eines Waldzuges ließ sich schließen, daß sie auf eine Verfolgung zu Lande drangen, wogegen des Kundschafters immer wiederkehrende Armbewegung gegen den Horican anzudeuten schien, daß er für die Wasserstraße sprach.

Der Letztere schien zu verlieren, und die Sache war auf dem Punkte, gegen ihn entschieden zu werden, als er sich plötzlich erhob, alle seine Ruhe fahren ließ, und ganz die Weise eines Eingebornen annehmend, alle Künste indianischer Beredsamkeit aufbot. Seinen Arm emporhaltend, wies er auf den Lauf der Sonne und wiederholte diese Geberde für jeden Tag, den er für ihre Aufgabe erforderlich glaubte. Er beschrieb sodann einen langen, mühevollen Weg über Felsen und durch Gewässer. Das Alter und die Schwäche des schlummernden und arglosen Munro wußte er durch Zeichen anschaulich zu machen, die verstanden werden mußten. Selbst von Duncans Kräften schien er in seiner Rede keine gar hohe Meinung zu haben: er reckte seine flache Hand aus und bezeichnete ihn mit der Benennung »offene Hand,« – ein Name, den ihm seine Freigebigkeit bei allen befreundeten Stämmen erworben hatte. Dann folgte eine Darstellung der leichten und zierlichen Bewegungen des Canoe in schreiendem Contraste mit den schwankenden Schritten eines müden und erschöpften Wanderers. Zum Schlusse deutete er auf den Skalp des Oneida, und drang offenbar darauf, eilig aufzubrechen, und zwar so, daß keine Spur von ihnen zurückblieb.

Die Mohikaner hörten mit vielem Ernste zu, und man las in ihrem Ausdrucke die Wirkung der Rede des Andern. Sie ließen sich allmählig überzeugen und begleiteten gegen das Ende Hawk-eye’s Worte mit dem gewohnten Ausruf der Einwilligung. Mit einem Worte, Uncas und sein Vater bekehrten sich zu seiner Meinung und verließen ihre bisher verfochtenen Ansichten mit so viel Bereitwilligkeit und Offenheit, daß sie in Folge eines solchen Mangels an Consequenz sicher allen politischen Ruf eingebüßt hätten, wären sie Repräsentanten eines großen civilisirten Volkes gewesen.

Sobald die Sache nun entschieden war, schien der Streit vergessen, mit allem was daran hing, ausgenommen seinem Resultate. Ohne umzuschauen, um in den Augen der Zuhörer einen Triumph zu lesen, streckte Hawk-eye seine hohe Gestalt ruhig vor dem erlöschenden Feuer auf die Erde nieder und entschlief.

So gleichsam sich selbst überlassen, benützten die Mohikaner, die sich seither so ausschließlich den Interessen Anderer gewidmet hatten, diesen Augenblick für sich selbst. Mit einem Male den Ernst und die Strenge des Indianerhäuptlings ablegend, begann jetzt Chingachgook in dem sanften und heitern Tone der Zärtlichkeit zu seinem Sohne zu sprechen. Uncas begegnete vergnügt der vertraulichen Stimmung seines Vaters, und ehe das tiefe Athemholen des Kundschafters verrieth, daß er eingeschlafen sey, war in dem Benehmen seiner beiden Gefährten ein völliger Wechsel vorgegangen.

Wir versuchen nicht, den Wohllaut dieser Sprache für Ohren, die so melodische Töne noch nie gehört haben, zu beschreiben, während sich die Mohikaner in Scherzen und Liebkosungen ergingen. Ihre Stimmen, besonders die des Jünglings, waren von wundervollem Umfang und vereinigten den tiefsten Baß mit Lauten von fast weiblicher Sanftheit. Die Augen des Vaters folgten den plastischen und sinnigen Bewegungen des Sohnes mit sichtbarem Vergnügen, und er stimmte wohlgefällig in das hinreißende und doch nur halblaute Lachen desselben ein. Unter dem Walten dieser zärtlichen und so natürlichen Gefühle war aus den gesänftigten Zügen des Sagamoren jede Spur von Wildheit verschwunden, und die Sinnbilder des Todes, die in grauenhaften Farben auf seinen Körper gemalt waren, schienen mehr den Scherz einer Mummerei, als die stolze Absicht zu verkünden, Vernichtung und Zerstörung seinen Fußtritten folgen zu lassen.

Eine Stunde war in diesen Ergießungen edlerer Gefühle hingegangen, als Chingachgook plötzlich den Wunsch nach Ruhe zu erkennen gab, indem er den Kopf in seine Decke hüllte und sich auf der nackten Erde niederstreckte. Uncas gebot alsbald seiner lauten Fröhlichkeit Schweigen, schürte sorgfältig die Kohlen des Feuers zusammen, damit sie die Füße seines Vaters wärmen sollten, und suchte dann selbst unter den Ruinen des Forts eine Lagerstätte.

Aus der Sicherheit der erfahrenen Waldbewohner neues Vertrauen schöpfend, folgte Heyward ihrem Beispiel, und lange vor Mitternacht schienen sie, die im Schooße der Festungstrümmer ruhten, in so tiefen Schlaf versunken, als die leblosen Schlachtopfer, deren Gebeine auf der umgebenden Ebene bereits zu bleichen begannen.

Achtes Kapitel.

Achtes Kapitel.

– – Sie säumen noch,
Die Rächer ihres Heimatlandes.
Gray.

Der Warnungsruf des Kundschafters war nicht überflüssig. Während der so eben geschilderte mörderische Kampf Statt fand, wurde das Brausen des Wasserfalls durch keinen menschlichen Laut unterbrochen. Es war, als ob die Theilnahme am Verlaufe desselben die Eingebornen am Gegenufer in athemloser Erwartung erhalten hätte, während die schnellen Bewegungen und die plötzlichen Wechsel in den Stellungen der Kämpfenden wirklich nicht erlaubten, Feuer zu geben, da es dem Freunde wie dem Feinde gefährlich werden konnte. So bald aber der Kampf entschieden war, erhob sich ein so wildes, stürmisches Geheul, wie es nur immer Wuth und Rachsucht hervorbringen kann. Es folgten unaufhörliche Blitze aus den Büchsen, die ihre bleiernen Todesboten in vollen Ladungen über die Felsen entsandten, als ob die Angreifenden an der leblosen Scene des verderblichen Kampfes ihre unmächtige Wuth auslassen wollten.

Stete, besonnene Erwiederung gab die Büchse Chingachgook’s, der während des ganzen Straußes seinen Posten mit unerschütterlicher Entschlossenheit behauptete. Als Uncas‘ Siegsgeschrei in seine Ohren drang, antwortete der erfreute Vater mit einem einzigen Ruf, worauf seine geschäftige Büchse allein bewies, daß er seinen Posten noch mit unermüdetem Eifer vertheidigte. Auf diese Weise flogen viele Minuten mit der Schnelligkeit eines Gedankens vorüber, während die Büchsen der Angreifenden bald in ganzen Salven, bald in vereinzelten Schüssen sich hören ließen. Obgleich der Fels, die Bäume und die Gesträuche, rings um die Belagerten, an hundert Stellen zerschossen und zerrissen wurden, so war doch ihr Versteck so fest und die Verteidiger gebrauchten so große Vorsicht, daß David bis jetzt in der kleinen Truppe der einzige Verwundete war.

»Laßt sie ihr Pulver verschießen,« sprach der besonnene Kundschafter, während Kugel an Kugel an der Stelle, wo er in Sicherheit lag, vorüberpfiff; »da wird’s viel Blei aufzulesen geben, wenn’s vorüber ist, und ich denke, die Kobolte kriegen das Spiel noch eher satt, als die alten Steine da um Pardon bitten werden! Aber Uncas, Junge, du verschwendest ja nur Pulver, wenn du so stark lädst: eine Büchse, die stößt, schießt nie ’ne sichre Kugel. Ich sagte dir, du solltest den vertrakten Springer unter dem weißen Strich an seinem Schlachtschmucke nehmen; wenn deine Kugel nur um ein Haar breit höher gegangen wäre, aber so ging sie ja zwei Zoll weiter hinauf. Der Sitz des Lebens liegt tief bei einem Mingo, und Menschlichkeit gebeut, der Schlangenbrut ein baldiges Ende zu machen.«

Ein ruhiges Lächeln erheiterte die stolzen Züge des jungen Mohikaners und verrieth, daß er sowohl die englische Sprache, als auch die Meinung des Andern wohl verstehe, aber er ertrug die Zurechtweisung, ohne darauf zu erwiedern oder sich zu vertheidigen.

»Ich kann nicht zugeben, daß Ihr Uncas Mangel an Scharfblick und Geschick Schuld geben wollt,« sprach Duncan; »er hat mir auf die kaltblütigste und bereitwilligste Weise von der Welt das Leben gerettet und sich Einen zum Freund gemacht, den man nie daran zu erinnern haben wird, was er ihm schuldig ist!«

Uncas erhob sich etwas, um Heyward’s dargebotene Hand zu drücken. Während diesen Freundschaftsbeweisen wechselten die beiden jungen Männer Blicke der Verständigung, welche Duncan die Stellung und die Verhältnisse seines wilden Genossen vergessen ließen. Hawk-eye, welcher diesen Ausbruch jugendlicher Gefühle kalt, aber nicht unfreundlich mit angesehen hatte, erwiederte unterdessen: »Das Leben ist ein Ding, für das sich Freunde in der Wildniß oft verpflichtet sind. Ich darf wohl sagen, daß ich Uncas schon mehrere Male diesen Dienst geleistet habe, und erinnere mich recht wohl, daß auch er zu fünf verschiedenen Malen zwischen mir und dem Tod gestanden hat. Drei Mal im Kampfe mit den Mingos, einmal, da wir über den Horican gingen und –«

»Diese Kugel war besser gezielt, als gewöhnlich!« rief Duncan, indem er unwillkürlich vor einem Schuße zurückfuhr, der an dem Felsen neben ihm mit Heftigkeit abgeprallt war.

Hawk-eye griff nach dem formlosen Metall und schüttelte bei der Untersuchung den Kopf. »Fallendes Blei,« sprach er, »drückt sich nie platt. Wenn’s aus den Wolken käme, ließ‘ ich mir’s gefallen!«

Aber Uncas‘ Büchse richtete sich bedächtlich gen Himmel und wies den Augen seiner Nachbarn einen Punkt, der das Geheimniß sogleich enthüllte. Eine mächtige Eiche stand auf dem rechten Ufer des Flusses, ihnen beinahe gegenüber, und neigte sich, den freien Luftraum suchend, so weit herüber, daß ihre obern Aeste jenen Arm des Stromes überhingen, der an ihrem eigenen Ufer floß. Unter dem obersten Laubwerk, das die knorrigen, verwitterten Aeste nur spärlich bedeckte, hatte sich ein Wilder eingenistet, den der Stamm des Baumes theilweise verbarg, theilweise aber sichtbar machte, als er auf sie herabblickte, um zu sehen, welche Wirkung sein verrätherischer Schuß hervorgebracht habe.

»Diese Satane werden am Ende noch den Himmel ersteigen, um uns zu Grunde zu richten,« sprach Hawk-eye; »halt‘ ihn im Schach, Junge, bis ich den Wildtödter zum Schusse bringen kann, und wir ihm sein Blei von beiden Seiten des Baumes wieder heimgeben.«

Uncas wartete, bis der Kundschafter das Signal gab. Die Büchsen blitzten, Blätter und Rinde der Eiche flogen in die Luft und wurden vom Winde zerstreut: der Indianer aber erwiederte ihren Angriff mit einem höhnischen Gelächter und antwortete ihnen mit einer zweiten Kugel, welche Hawk-eye die Mütze vom Kopfe schlug. Noch einmal erscholl das wilde Geheul aus den Wäldern, und ein Hagel von Kugeln pfiff über die Köpfe der Belagerten hin, als wollten sie diese an dem Orte zusammenhalten, wo sie ein leichtes Opfer des unternehmenden Kriegers werden mußten, der seinen Standpunkt auf dem Baume genommen hatte.

»Da muß geholfen werden!« sagte der Kundschafter, mit unruhigem Auge um sich blickend. »Uncas, ruf deinen Vater; wir brauchen alle unsre Waffen, um die zähe Raupenbrut von ihrem Aste herab zu schütteln.«

Das Signal ward sogleich gegeben, und ehe Hawk-eye seine Büchse zum zweiten Mal geladen hatte, war Chingachgook bei ihnen. Als der Sohn dem erfahrnen Krieger die Stellung des gefährlichen Feindes gezeigt hatte, entfuhr der gewöhnliche Ausruf: »Hugh« seinen Lippen; weiter ließ er kein Zeichen der Verwunderung oder der Besorgniß vernehmen. Hawk-eye und die Mohikaner beriethen sich einige Augenblicke ernstlich in delawarischer Sprache, dann nahmen sie ruhig ihre Posten ein, um den eilig verabredeten Plan in Ausführung zu bringen.

Der Krieger auf der Eiche hatte von dem Augenblick seiner Entdeckung an, ein ununterbrochenes, aber unwirksames Feuer unterhalten. Die Wachsamkeit seiner Feinde erlaubte ihm jedoch nicht, genau zu zielen, da ihre Büchsen sogleich Alles, was von ihm sichtbar ward, sich zum Ziele nahmen; immer jedoch fuhren seine Kugeln mitten unter die lauernden Vertheidiger. Heyward’s Kleider, die ihn vor den Andern sichtbar machten, wurden wiederholt getroffen und einmal floß sogar Blut aus einer leichten Wunde am Arme.

Endlich versuchte der Hurone, durch die lange ungeduldige Wachsamkeit seiner Feinde verwegen gemacht, besser und genauer zu zielen. Das scharfe Auge der Mohikaner entdeckte durch das dünne Laubwerk wenige Zoll von dem Stamme des Baumes die dunklen Umrisse seiner Beine, welche er unvorsichtiger Weise bloßgestellt hatte. Ihre Büchsen feuerten gemeinschaftlich: da sank er auf sein verwundetes Bein zusammen, so daß ein Theil seines Leibes zum Vorschein kam. Mit Blitzesschnelle benutzte Hawk-eye diesen Vortheil und feuerte sein Gewehr nach dem Gipfel der Eiche ab. Die Blätter bewegten sich ungewöhnlich, die gefährliche Büchse fiel von der Höhe herab und nach wenigen Minuten vergeblicher Anstrengung zeigte sich die Gestalt des Wilden in der Luft schwebend, während er noch einen knorrigen nackten Ast des Baumes verzweiflungsvoll umklammert hielt. »Gebt ihm – um Gottes Willen! gebt ihm noch eine Kugel!« rief Duncan, seine Augen abwendend vor Grauen über das Schauspiel, ein Mitgeschöpf in solch entsetzlicher Todesangst zu sehen.

»Kein Korn!« rief der harte Hawk-eye: »sein Tod ist gewiß, und wir müssen das Pulver sparen: Kämpfe mit Indianern dauern oft ganze Tage: ’s gilt ihren, oder unsern Skalpen! und Gott, der uns erschaffen, hat in unsere Natur den Wunsch gelegt, die Haut auf dem Kopfe zu behalten!« Gegen diese strenge und unbeugsame Moral, die noch durch eine so handgreifliche Politik unterstützt wurde, ließ sich nichts einwenden. Von diesem Augenblicke an verstummte das Geheul in den Wäldern wieder, das Feuer hörte auf, und Aller Augen, der Freunde sowohl als der Feinde waren auf die hoffnungslose Lage des Unglücklichen gerichtet, der zwischen Himmel und Erde schwebte. Sein Körper wurde vom Winde hin und her getrieben, und obwohl dem Schlachtopfer kein Aechzen oder Stöhnen entfuhr, so gab es doch Augenblicke, wo er grimmige Blicke auf seine Feinde herniederschoß, und die Angst kalter Verzweiflung malte sich trotz der Entfernung sehr deutlich auf seinen schwärzlichen Zügen. Drei Mal hob der Kundschafter mitleidig seine Büchse und drei Mal gewann es die Klugheit über sein Gefühl: schweigend senkte er sie wieder. Endlich ließ der Hurone eine Hand los und erschlafft sank sie an seine Seite herab. Eine verzweiflungsvolle fruchtlose Anstrengung, den Ast wieder zu fassen, erfolgte, und man sah, wie er einen flüchtigen Augenblick in der leeren Luft umhergriff. Blitzschnell fuhr ein Schuß aus Hawk-eye’s Büchse, die Glieder des Schlachtopfers zitterten und zogen sich krampfhaft zusammen, das Haupt sank herab auf die Brust, und wie ein Bleiklumpen stürzte die Leiche in die schäumenden Wasser, das Element schloß sich über ihm mit rastlosem Ungestüm, und jede Spur des unglücklichen Huronen war auf immer verschwunden.

Kein Siegesruf folgte dem wichtigen Vortheil; selbst die Mohikaner starrten einander mit schweigendem Entsetzen an. Ein einziger Schrei erscholl aus dem Wald und Alles war wieder still. Hawk-eye, der allein noch die Besinnung behalten zu haben schien, schüttelte den Kopf über seine augenblickliche Schwäche und machte sich laute Vorwürfe darüber.

»’s war die letzte Ladung in meinem Horn und die letzte Kugel in meiner Tasche; das hieß wie ein Knabe gehandelt! Was lag daran, ob er todt oder lebendig auf den Felsen fiel? Mit dem Fühlen wär’s bald vorbei gewesen. Uncas, Junge, geh‘ hinab in das Canoe, und bring‘ das große Horn: es ist alles Pulver, das wir noch haben und wir brauchen’s bis auf das letzte Korn, oder ich kenne die Mingos nicht.«

Der junge Mohikaner willfahrte und verließ den Kundschafter den unnützen Inhalt seiner Tasche durchsuchend und sein leeres Horn mit erneuter Unzufriedenheit schüttelnd. Von dieser unerfreulichen Untersuchung schreckte ihn jedoch bald ein lauter, durchdringender Schrei aus Uncas Mund auf, der selbst Duncans ungeübtem Ohr wie die Botschaft eines neuen, unerwarteten Unfalls klang. Da jeder Gedanke seiner Seele nur auf den kostbaren, ihm anvertrauten, in der Höhle verborgenen Schatz gerichtet war, so fuhr der junge Mann auf, unbekümmert um die Gefahr, der er sich aussetzte. Wie von gleichem Drange getrieben, ahmten auch seine Begleiter diese Bewegung nach und stürzten zu der freundlichen Kluft mit einem Ungestüm, welches das zerstreute Feuer ihrer Feinde vollkommen unschädlich machte. Der ungewohnte Schrei zog auch die Schwestern mit dem verwundeten David aus ihrem Zufluchtsorte herbei, und ein einziger Blick machte sie mit dem Unstern bekannt, der selbst die kalte Ruhe ihres jungen indianischen Beschützers aus dem Gleichgewichte brachte.

In geringer Entfernung von dem Felsen sah man ihre kleine Barke durch den Strudel in der schnellen Strömung des Flusses auf eine Weise dahintreiben, welche schließen ließ, daß ihr Lauf durch eine verborgene Kraft gelenkt wurde. Sobald dieser unwillkommene Anblick sich dem Auge des Kundschafters darbot, griff er instinktmäßig nach seiner Büchse, aber der Lauf entsprach den sprühenden Funken des Steines nicht.

»Es ist zu spät, ’s ist zu spät!« rief Hawk-eye, indem er mit bitterem Unmuth die Waffe sinken ließ: »der Schurke hat die Strömung gewonnen, und hätten wir auch Pulver, so könnt‘ es kaum die Kugel schneller jagen, als er jetzt forttreibt!«

Der wagehalsige Hurone hob jetzt den Kopf über die Wandung des Canue’s empor, winkte, wahrend er pfeilschnell in der Strömung dahinglitt, mit der Hand und stieß einen Schrei aus, der das wohlbekannte Zeichen eines glücklichen Erfolges war. Sein Ruf wurde durch gellendes Geheul und höhnendes Gelächter aus den Wäldern beantwortet, das so boshaft klang, als ob fünfzig böse Geister ihre Lästerungen über den Fall einer Christenseele ausstießen.

»Ihr habt gut lachen, ihr Höllenkinder!« sprach der Kundschafter, indem er sich auf den Vorsprung eines Felsens setzte, und die Büchse nachläßig zu seinen Fußen fallen ließ; »die drei schärfsten und besten Flinten in diesen Wäldern sind jetzt nicht mehr werth, als drei Wollkrautstängel, oder ein vorjähriges Rehgeweih!«

»Was ist zu thun?« fragte Duncan, bei welchem der Eindruck getäuschter Hoffnung dem männlichen Verlangen nach Anstrengung gewichen war; »was wird aus uns werden?« Hawk-eye fuhr statt der Antwort auf eine so bezeichnende Weise mit dem Finger um seinen Schädel, daß seine Herzensmeinung von Niemand bezweifelt werden konnte.

»Gewiß, gewiß steht es mit uns noch nicht so verzweifelt,« rief der junge Mann; »die Huronen sind nicht hier; wir können die Höhlen vertheidigen, uns ihrer Landung widersetzen.«

»Mit was?« fragte kaltblütig der Kundschafter. »Mit Uncas‘ Pfeilen? oder mit Weiberthränen? Nein, nein: Ihr seyd jung und reich und habt Freunde: in solchem Alter ist es freilich hart zu sterben! Aber,« hier warf er einen Blick auf die Mohikaner, »laßt uns bedenken, daß wir Männer reiner Abkunft sind, und diese Eingebornen der Wälder lehren, daß weißes Blut so frei als rothes fließen kann, wenn die bestimmte Stunde gekommen ist.«

Duncan wandte sich schnell nach der Richtung, die ihm des Andern Augen gaben, und las eine Bestätigung seiner schlimmsten Besorgnisse in dem Benehmen der Indianer.

Chingachgook setzte sich mit würdevoller Haltung auf ein anderes Felsstück, hatte bereits sein Messer und seinen Tomahawk bei Seite gelegt und war im Begriff die Adlersfeder vom Haupte zu nehmen, und seinen Harschopf für den letzten, empörenden Dienst in Ordnung zu bringen. Seine Miene war ruhig, obgleich nachdenklich, während das Feuer seiner dunkeln, glühenden Augen allmählig in einen Ausdruck überging, der für das Schicksal, das er im nächsten Augenblick erwartete, mehr geeignet war.

»Unsere Lage kann noch nicht so hoffnungslos seyn!« sprach Duncan: »selbst in diesem Augenblick ist uns vielleicht Hülfe nah. Ich sehe keine Feinde: sie sind offenbar des Kampfes müde, in dem sie so viel wagen und so wenig Aussicht zum Gewinne haben.

»Es steht eine Minute, vielleicht eine Stunde an, so stehlen sich die listigen Schlangen heran, und es ist ganz in ihrer Art, daß sie in diesem Augenblicke schon innerhalb Hörweite sind,« sprach Hawk-eye, »aber kommen werden sie und in einer Weise, die uns nichts mehr hoffen läßt! – Chingachgook« – hier sprach er Delawarisch – »mein Bruder, wir haben unsern letzten Kampf zusammen gekämpft, und die Maquas werden triumphiren über den Tod des weisen Mannes der Mohikaner und des Blaßgesichtes, dessen Auge Nacht zu Tag und Wolken zu Frühlingsnebeln machen kann!«

»Laß die Mingoweiber über ihre Erschlagenen weinen!« entgegnete der Indianer mit charakteristischem Stolz und unerschütterlicher Festigkeit; »die große Schlange der Mohikaner hat sich in ihre Wigwams aufgerollt und ihren Triumph mit den Wehklagen der Kinder vergiftet, deren Väter nicht mehr zurückgekehrt sind! Elf Krieger liegen von den Gräbern ihres Stammes entfernt, seit der Schnee geschmolzen ist, und Niemand kann sagen, wo sie zu finden sind, wenn Chingachgook’s Zunge verstummt! Laß sie ihr schärfstes Messer ziehen, und ihren flinksten Tomahawk schwingen: denn ihr bitterster Feind ist unter ihren Händen. Uncas, letzter Zweig eines edeln Stammes, rufe den Memmen, daß sie sich beeilen, sonst erweichen ihre Herzen und sie werden zu Weibern!«

»Sie suchen unter den Fischen nach ihren Todten!« antwortete die leise, sanfte Stimme des jugendlichen Häuptlings; »die Huronen schwimmen mit den schleimigen Aalen. Sie fallen von den Eichen, wie die Frucht, reif zum Essen! und die Delawaren lachen!«

»Ja, ja,« murmelte der Kundschafter, welcher diesen eigenthümlichen Herzensergießungen mit größter Aufmerksamkeit zugehört hatte: »sie haben ihr indianisches Herz erwärmt und werden bald die Maquas auffordern, ein baldiges Ende mit ihnen zu machen. Was mich betrifft, der ich das reine Blut der Weißen in mir trage, ich muß sterben, wie es meiner Farbe ziemt, mit keinem Scheltwort im Munde und keiner Bitterkeit im Herzen!«

»Warum aber sterben?« fragte Cora: von der Stelle vortretend, wo sie bis auf diesen Augenblick natürlicher Schreck unter dem Schutze des Felsen gehalten hatte. »Flieht in die Wälder und ruft Gott um Beistand an! Geht, wackere Männer, wir verdanken euch bereits zu viel, und wollen euch nicht länger an unser unglückliches Schicksal fesseln.«

»Da kennt Ihr die List der Irokesen wenig, Lady! wenn Ihr glaubt, daß sie uns den Weg in die Wälder offen gelassen haben,« versetzte Hawk-eye, fügte jedoch gleich darauf in seiner schlichten Weise hinzu: »die Strömung würd‘ uns freilich bald aus dem Bereiche ihrer Büchsen oder Stimmen bringen.«

»So versucht es mit dem Fluß! Warum noch säumen und die Zahl der Opfer unsrer erbarmungslosen Feinde vermehren?«

»Warum?« wiederholte der Kundschafter, stolz um sich blickend, »weil es einem Manne besser ziemt, im Frieden mit sich selbst zu sterben, als von bösem Gewissen gepeinigt zu leben! Welche Antwort wollten wir Munro geben, wenn er uns fragte, wo und wie wir seine Kinder verlassen hätten?«

»Geht und saget ihm, daß Ihr sie mit den Auftrage verlassen hättet, ihnen eilig zu Hülfe zu kommen,« versetzte Cora mit edlem Eifer, dem Kundschafter näher tretend; »daß die Huronen sie in die nördlichen Wildnisse schleppten und sie durch Wachsamkeit und Eile noch gerettet werden könnten; und wenn nach alledem es dem Himmel gefallen sollte, daß sein Beistand zu spät käme, so hinterbringt ihm,« fuhr sie mit allmälig sinkender, ihr zuletzt beinahe versagender Stimme fort, »die Liebe, die Segnungen, die letzten Gebete seiner Töchter, und sagt, er solle nicht trauern über ihr frühes Ende, sondern mit demüthigem Vertrauen nach dem Ziel der Christen, wo er seine Kinder wieder begegnen werde, emporblicken!«

Die harten, verwitterten Züge des Kundschafters begannen zu arbeiten, und als sie geendet hatte, stützte er sein Kinn auf seine Hände, in tiefes Nachdenken über den Vorschlag versunken.

»Es liegt Vernunft in ihren Worten!« brach endlich eine Stimme aus den zusammengedrückten, bebenden Lippen hervor: »ja, und sie athmen den Geist des Christenthums; was gut und recht für eine Rothhaut ist, kann Sünde für einen Mann seyn, der keinen unächten Tropfen Blutes hat, um damit seine Unwissenheit zu entschuldigen, Chingachgook! Uncas! Hört Ihr die Worte des schwarzäugigen Weibes?«

Er sprach jetzt in delawarischer Sprache mit seinen Genossen, und seine Rede, obgleich ruhig und bedächtlich, schien dennoch sehr entschieden. Der ältere Mohikaner hörte ihm mit feierlichem Ernste zu und schien seine Worte abzuwägen, wie wenn er die Wichtigkeit ihres Inhalts fühlte. Nach augenblicklicher Zögerung gab er durch einen Wink mit der Hand seine Zustimmung und sprach mit dem seinem Volke eigenthümlichen Nachdruck das englische »Gut!« Dann steckte der Krieger sein Messer und seinen Tomahawk wieder in den Gürtel, und schritt schweigsam auf die Ecke des Felsens zu, die von dem Gegenufer aus am wenigsten gesehen werden konnte. Hier hielt er einen Augenblick, wies bedeutungsvoll auf die Wälder unten, und sprach einige Worte in seiner Sprache, als wollte er den von ihm beabsichtigten Weg andeuten, warf sich dann in das Wasser und seine Bewegungen waren dem Auge der Zuschauer entschwunden.

Der Kundschafter schied erst, nachdem er einige Worte mit der hochsinnigen Cora gesprochen hatte, deren Athem leichter wurde, als sie sah, daß ihre Vorstellungen Eingang fanden.

»Weisheit,« sprach er, »wird oft auch der Jugend, wie dem Alter gegeben, und was Ihr gesprochen habt, ist weise, um nicht mehr zu sagen. Wenn man euch, das heißt Diejenigen, welche für eine Weile verschont werden, in die Wälder führt, so knickt die Zweige an den Büschen, wo Ihr geht, und macht die Merkzeichen eures Zuges so stark, als Ihr könnet. Wenn dann sterbliche Augen sie entdecken können, so verlaßt euch darauf, daß Ihr einen Freund habt, der euch eher bis ans Ende der Erde folgt, als daß er euch verließe.«

Er schüttelte Cora liebevoll die Hand, hob seine Büchse auf, betrachtete sie einen Augenblick mit schmerzlicher Zuneigung, schob sie dann sorgfältig bei Seite, und begab sich nach der Stelle hinab, wo Chingachgook so eben verschwunden war. Einen Augenblick hing er am Felsen, und fügte bitter hinzu, indem er vorsichtig um sich blickte: »hätte das Pulver ausgehalten, so wäre diese Schande nicht über uns gekommen.« Dann ließ er seine Hand los, das Wasser schloß sich über ihm und er war gleichfalls verschwunden.

Aller Augen waren jetzt auf Uncas gerichtet, der sich in unbeweglicher Ruhe an den rauhen Felsen gelehnt hatte, Cora zauderte einige Augenblicke; wies dann auf den Fluß und sprach:

»Deine Freunde sind nicht mehr sichtbar geworden und jetzt wahrscheinlich in Sicherheit. Ist es nicht Zeit, daß du ihnen folgst?«

»Uncas bleibt,« antwortete der Häuptling ruhig in englischer Sprache.

»Um die Schrecken unsrer Gefangennehmung zu vermehren und unsre Rettung weniger möglich zu machen! Geh‘ edler, junger Mann,« fuhr Cora fort, ihre Augen unter dem Blicke des Mohikaners senkend, und vielleicht im Bewußtseyn ihres Einflusses auf ihn, »geh‘ zu meinem Vater, wie ich dir gesagt habe, und sey der vertrauteste meiner Boten. Sag‘ ihm, er solle dir die Geldmittel anvertrauen, um die Freiheit seiner Töchter zu erkaufen. Geh‘! Es ist mein Wunsch, meine Bitte, daß du gehst!«

Der gefaßte, ruhige Blick des jungen Häuptlings ging in den Ausdruck düsterer Traurigkeit über, aber er zögerte nicht länger. Mit geräuschlosem Tritt überschritt er den Felsen und stürzte in den unruhigen Strom. Kaum wagten die Zurückgelassenen Athem zu holen, bis sie, weit im Strome hinab, sein Haupt einen Augenblick auftauchen sahen, um Luft zu schöpfen – dann verschwand er wieder und ward nicht mehr gesehen.

Diese schnellen und anscheinend glücklichen Versuche hatten nur wenige Minuten der setzt so kostbaren Zeit weggenommen. Nach dem letzten Blicke auf Uncas wandte sich Cora mit bebender Lippe zu Heyward: »Ich habe Ihre Fertigkeit im Schwimmen rühmen hören, Duncan,« sprach sie; »folgen Sie dem Vorgang dieser einfachen, getreuen Wesen!«

»Ist das die Treue, welche Cora Munro von ihrem Beschützer fordert?« fragte der junge Mann mit traurigem, aber bitterem Lächeln.

»Es ist jetzt keine Zeit für eitle Spitzfindigkeiten und falsche Meinungen,« antwortete ste, »sondern ein Augenblick, wo jede Pflicht gleich erwogen werden sollte. Für uns können Sie jetzt von keinem weitern Nutzen sein, während Ihr kostbares Leben noch für andere und nähere Freunde gerettet werden kann.«

Er antwortete nicht, aber seine Augen fielen ernst auf die schöne Gestalt Alicens, welche mit kindlicher Hingebung an seinem Arm hieng.

»Bedenken Sie,« fuhr Cora fort, nach einer Pause, während welcher sie mit einem Schmerze zu kämpfen schien, noch bitterer als derjenige, der in ihrer Furcht seinen Grund hatte, »daß das Schlimmste, was wir erleiden können, der Tod ist, ein Zoll, denn wir alle entrichten müssen, wenn Gott ihn von uns fordert.«

»Es gibt Uebel, welche schlimmer sind als der Tod,« entgegnete Duncan, empfindlich über ihre Zumuthung, »die aber die Gegenwart Eines, der für Sie zu sterben bereit ist, abwenden kann.«

Cora drang nicht weiter in ihn, sie verhüllte ihr Gesicht mit ihrem Shawl, und zog die fast besinnungslose Alice hinter sich her in den tiefsten Winkel der inneren Höhle.

Neuntes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

– – – – Sei heiter, Holde,
Zerstreu‘ mit Lächeln du des Kummers Wolk,
Die über deiner offnen Stirne hängt.
Der Tod der Agrippina.

Die plötzliche, fast zauberhafte Umwandlung der wilden Scenen des Kampfes in die Stille, welche rings um ihn herrschte, wirkte auf die erhitzte Einbildungskraft Heywards, wie ein fieberhafter Traum. Obwohl alle Bilder und Vorfälle, von denen er Zeuge gewesen war, sich seinem Gedächtnisse tief eingeprägt hatten, fiel es ihm doch schwer, sich von ihrer Wirklichkeit zu überzeugen. Ungewiß über das Schicksal derer, die sich der reißenden Strömung anvertraut hatten, lauschte er Anfangs auf jedes Zeichen, jeden Laut, der den guten oder schlechten Erfolg ihres gewagten Unternehmens verkünden würde. Aber er lauschte vergeblich: mit Uncas war jede Spur von den Abenteurern verschwunden, und er blieb in gänzlicher Ungewißheit über ihr Schicksal.

In diesem Augenblicke peinlichen Zweifels zögerte Duncan nicht lange, um sich zu blicken, ohne innerhalb des schützenden Felsen zu bleiben, was kaum noch für seine Sicherheit so nothwendig geschienen hatte. Jede Anstrengung jedoch, irgend eine Spur der Annäherung ihrer verborgenen Feinde zu entdecken, blieb eben so fruchtlos als die Nachforschung nach seinen früheren Begleitern. Die bewaldeten Ufer des Flusses schienen wieder von Allem verlassen, was thierisches Leben athmete. Der Aufruhr, welcher eben noch durch die Laubgewölbe des Waldes widerhallte, war vorüber und das Rauschen der Wasser, durch den Luftzug verstärkt oder gemindert, ertönte in unvermischter natürlicher Lieblichkeit, Ein Fischgeier, welcher auf dem obersten Zweige einer abgestorbenen Fichte ein entfernter Zuschauer des Kampfes gewesen war, schoß jetzt von seinem hohen, rauhen Sitze herab und schwebte in weiten Kreisen über seiner Beute, wahrend eine Elster, deren kreischende Stimme durch das noch heischere Geschrei der Wilden übertönt worden war, wieder ihre unharmonische Kehle zu öffnen wagte, als wäre sie von neuem im ungestörten Besitze ihres öden Waldgebiets. Duncan schöpfte aus dieser natürlichen Begleitung der Einsamkeit wieder einige Hoffnung und begann alle seine Geisteskraft zu neuen Anstrengungen aufzubieten, mit neuerwachendem Vertrauen auf Erfolg.

»Die Huronen lassen sich nicht sehen,« sprach er zu David, der sich von den Wirkungen des betäubenden Schusses noch nicht ganz erholt hatte, »wir wollen uns in der Höhle verbergen und das Uebrige der Vorsehung überlassen.«

»Ich erinnere mich,« versetzte der verwirrte Singmeister, »daß ich mit zwei holdseligen Mädchen mich vereinigte, um unsere Stimmen zu Dank und Preis zu erheben; seitdem bin ich von einem schweren Gericht für meine Sünden heimgesucht worden. Es war mir, als läge ich im Schlaf, und Mißtöne zerrissen mein Ohr, als ob die letzte Zeit erfüllt wäre und die Natur ihrer Harmonie vergessen hätte.«

»Armer Mensch! deine eigene Zeit war beinahe selbst abgelaufen! aber steh‘ auf und komm‘ mit mir; ich will dich an einen Ort führen, wo du keine andre Töne als die deines Psalmgesangs hören sollst.«

»Es liegt eine Harmonie in dem Falle des Katarakts, und das Rauschen des Wassers ist oft den Sinnen angenehm!« sprach David, indem er sich noch verwirrt die Hand an die Stirne drückte. »Ist nicht noch immer die Luft mit Geheul und Geschrei erfüllt, als ob die abgeschiedenen Geister der Verdammten –«

»Nicht mehr, nicht mehr,« unterbrach ihn der ungeduldige Heyward, »es hat aufgehört, und sie, die es erhoben, sind, so Gott will, nicht mehr da! Alles ist still und im Frieden bis auf den Fluß; herein denn, wo Ihr jene Laute, die euch so vergnügen, hören lassen könnet.«

David lächelte traurig, obgleich nicht ohne einen flüchtigen Schimmer von Freude über die Anspielung auf seinen Lieblingsberuf. Er zögerte nicht länger, sich an einen Ort zu begeben, welcher ihm so ungestörten Genuß für seine müden Sinne versprach, und auf den Arm seines Begleiters gelehnt, trat er in den engen Eingang der Höhle. Duncan ergriff einen Haufen Sassafras und schob ihn vor den Eingang, so daß keine Spur einer Oeffnung mehr zu sehen war. Innerhalb hängte er vor dieser gebrechlichen Scheidewand die Decken auf, welche die Waldbewohner zurück gelassen hatten, wodurch er das hintere Ende der Höhle verdunkelte, während das vordere von der engen Schlucht, durch welche ein Theil des Flusses rauschte und sich einige Ruthen weiter unten mit seinem Schwesterarm wieder vereinigte, spärliches Licht empfing.

»Ich liebe den Grundsatz der Eingebornen nicht, nach welchem sie unter anscheinend verzweifelten Umständen sich ohne Widerstand ihrem Schicksale fügen«, sprach er, mit diesen Vorkehrungen beschäftigt, »unser Grundsatz, daß die Hoffnung nur mit dem Leben ende, ist weit tröstlicher und des Charakters eines Soldaten würdiger. Sie, Cora, bedürfen der Ermuthigung nicht; Ihre Seelenstärke und ungetrübte Einsicht sagt Ihnen Alles, was sich für Ihr Geschlecht geziemt. Aber können wir nicht die Thränen der Weinenden trocknen, die zitternd an Ihrem Busen liegt?«

»Ich bin ruhiger, Duncan,« sagte Alice, aus den Armen ihrer Schwester sich erhebend, und trotz ihrer Thränen einen Anschein von Fassung erzwingend, »jetzt bin ich viel ruhiger. In diesem Versteck sind wir sicher, geborgen, vor Mißhandlungen geschützt. Wir wollen Alles von den edelmüthigen Männern erwarten, die schon so viel für uns gewagt haben.«

»Jetzt spricht unsere sanfte Alice, wie eine Tochter Munro’s!« sagte Heyward und ging, ihr die Hand drückend, ans den Eingang der Höhle zu. »Zwei solche Muster von Muth vor sich, müßte ein Mann sich schämen, wenn er sich anders denn als Held betrüge!« Er setzte sich dann in die Mitte der Höhle, indem er die einzige ihm noch gebliebene Pistole krampfhaft umklammerte, während seine gerunzelte, drohende Stirn einen verzweifelten Entschluß verrieth »Wenn die Huronen kommen, so sollen sie unsre Position nicht so leicht nehmen, als sie wähnen,« murmelte er leise und schien, mit dem Kopfe an den Felsen gelehnt, in Geduld zu erwarten, was da kommen würde, während sein Auge unverrückt auf den offenen Eingang ihres Asyls gerichtet war.

Dem letzten Laute seiner Stimme folgte eine tiefe, lange, beinahe athemlose Stille. Die frische Morgenluft war in ihren Versteck gedrungen und ihr stärkender Einfluß ward allmählich von seinen Bewohnern empfunden. Da eine Minute nach der andern verging und sie in ungestörter Sicherheit ließ, begann das wohlthuende Gefühl der Hoffnung nach und nach wieder in ihrem Gemüthe Raum zu gewinnen, obgleich Jedes sich scheute, Erwartungen auszusprechen, welche der nächste Augenblick grausam zerstören konnte.

David allein machte eine Ausnahme bei diesem Wechsel von Stimmungen. Ein schwacher Lichtstrahl fiel durch die Oeffnung auf sein bleiches Gesicht und die Seiten des kleinen Buchs, dessen Blätter er überschlug, als ob er einen für ihre Lage passenden Gesang finden wollte. Wahrscheinlich hatte ihn diese ganze Zeit eine verworrene Erinnerung an den ihm von Duncan zugesagten Trost geleitet. Endlich schien es, als ob sein geduldiges Forschen belohnt werden sollte: denn ohne Erklärung oder Einleitung sprach er laut die Worte: »Insel Wight,« zog dann einen langen, sanften Ton ans seiner Pfeife und durchging einige Läufe der Weise, die er eben genannt hatte, mit den süßeren Tönen seiner eigenen klangreichen Stimme. »Ist keine Gefahr hierbei?« fragte Cora, ihr schwarzes Auge auf Major Heyward heftend.

»Armer Schelm! Seine Stimme ist zu schwach, um unter dem Rauschen der Wasserfälle gehört zu werden,« war die Antwort. »Außerdem schützt ihn auch die Höhle. Lassen Sie ihm sein Lieblingsgeschäft, da er’s ohne Gefahr thun kann.«

»Insel Wight!« wiederholte David, indem er mit jener Würde um sich blickte, womit er die flüsternden Echo’s in seiner Schule zum Schweigen zu bringen gewohnt war; »’s ist eine schöne Melodie und ein feierlicher Text. Singen wir’s mit gebührender Andacht!«

Nachdem er eine Weile geschwiegen, um die Wirksamkeit seiner Vorschrift zu erhöhen, ließ sich die Stimme des Sängers erst in leisen, murmelnden Tönen vernehmen, dem Ohre allmählich kund werdend, bis sie endlich das enge Gewölbe mit Klängen füllte, die durch das von seiner Angegriffenheit rührende Zittern noch dreimal gellender wurden. Die Melodie, welche keine Schwäche zerstören konnte, übte allmählig ihren Einfluß auf die Zuhörer aus. Sie ließ selbst die erbärmliche Travestie der Gesänge Davids, den der Sänger aus einem Bande ähnlicher Ergießungen ausgewählt hatte, ja den ganzen Inhalt über der Harmonie der Töne vergessen. Alice trocknete unwillkührlich ihre Thränen und heftete ihre schmelzenden Augen auf Gamuts blasse Züge mit einem Ausdrucke reinen Entzückens, den sie nicht zu verbergen suchte. Cora lächelte den frommen Anstrengungen des Namensbruders des jüdischen Fürsten Beifall zu, und Heyward wandte bald den festen, ernsten Blick von dem Eingang der Höhle ab und richtete ihn mit milderem Ausdruck auf Davids Gesicht und die irrenden Strahlen, die für Augenblicke aus Alicens feuchten Augen leuchteten. Der lebhafte Antheil der Zuhörer erhob das Gemüth des Sängers noch mehr, seine Stimme gewann wieder ihren vollen Umfang und Reichthum, ohne die rührende Sanftheit zu verlieren, die ihr einen geheimen Zauber verlieh. Seine wiederkehrende Kraft auf’s Höchste steigernd, füllte er jetzt die Bogen der Höhle mit langen und vollen Tönen, als sich draußen plötzlich ein Geheul erhob, das die frommen Accorde verstummen ließ und seine Stimme erstickte, als wäre ihm buchstäblich sein Herz in die Kehle gesprungen.

»Wir sind verloren!« rief Alice, indem sie sich Cora in die Arme warf.

»Noch nicht, noch nicht,« entgegnete der aufgeregte, aber unerschrockene Heyward: »das Geschrei kam von der Mitte der Insel und wurde durch den Anblick ihrer todten Gefährten hervorgerufen. Wir sind noch nicht entdeckt, es bleibt immer noch Hoffnung.«

So schwach und beinahe hoffnungslos die Aussicht auf Rettung war, so blieben Duncan’s Worte doch nicht vergeblich: sie weckten die Geisteskraft der Schwestern wieder in so weit, daß sie den Ausgang stillschweigend erwarteten. Das Geheul ertönte zum zweiten Mal, Stimmen erschollen von der obern Spitze der Insel bis zu ihrem niederen Ende und ließen sich bald auch auf dem nackten Felsen über den Höhlen vernehmen, wo nach einem wilden Triumphgeschrei fortwährend ein so entsetzliches Geheul die Luft erfüllte, wie es nur der Mensch, und er nur im Zustand der wildesten Barbarei ausstoßen kann.

Die Töne erschollen bald in allen Richtungen um sie; Einige riefen ihren Gefährten vom Rande des Wassers herauf, und Andere antworteten von der Höhe herab. Schreie ließen sich in der gefährlichen Nähe der Felsenspalte zwischen den beiden Höhlen vernehmen, in welche sich ein kreischendes Geheul aus dem Abgrunde der tiefen Felsenklüfte mischte.

Kurz, so reißend schnell hatten sich die wilden Töne über den ganzen kahlen Felsen verbreitet, daß die geängsteten Zuhörer sich leicht einbilden konnten, sie ertönten auch unter ihnen, während sie in Wahrheit über und auf allen Seiten von ihnen waren.

Mitten in diesem Tumult ertönte ein Triumphgeheul nur wenige Schritte von dem verborgenen Eingang in die Höhle. Heyward gab alle Hoffnung auf, indem er glaubte, dies sey das Signal, daß sie entdeckt worden seyen. Diese Besorgniß verschwand jedoch wieder, als sich die Schreienden um die Stelle sammelten, wo der Weiße so widerstrebend seine Büchse zurückgelassen hatte. Unter dem Kauderwelsch der indianischen Dialekte, das man jetzt deutlich vernahm, ließen sich nicht blos einzelne Wörter, sondern selbst ganze Sätze in dem Patois Canada’s unterscheiden. Viele Stimmen tönten mit einem Mal: »la longue Carabine!« und die Echo der Wälder gegenüber gaben einen Namen wieder, der, wie Heyward sich wohl erinnerte, von seinen Feinden einem berühmten Jäger und Kundschafter des englischen Lagers gegeben wurde, welcher, wie er jetzt zum ersten Mal erfuhr, sein letzter Begleiter gewesen war. »La longue Carabine! la longue Carabine!« ging es von Mund zu Mund, bis die ganze Bande sich, wie es schien, um die Siegestrophäe versammelt hatte, welche den Tod ihres furchtbaren Eigenthümers zu verkünden schien. Nach einer stürmischen Berathung, welche nur zuweilen durch Ausbrüche ihrer wilden Freude unterbrochen ward, trennten sie sich wieder und erfüllten die Luft mit dem Namen eines Feindes, dessen Leiche sie, wie Heyward aus ihren Ausdrücken schloß, in einer Spalte des Felsens zu finden hofften.

»Jetzt,« flüsterte er den zitternden Schwestern zu, »jetzt ist der Augenblick der Entscheidung! wenn unser Versteck dies Mal ihrer Nachforschung entgeht, so sind wir geborgen! Auf jeden Fall können wir gewiß seyn, daß unsre Freunde entkommen sind und daß wir in wenigen Stunden ans Hülfe von Webb hoffen dürfen.«

Einige Minuten des bängsten Stillschweigens folgten, während welcher, wie Heyward wohl wußte, die Wilden ihre Nachforschungen mit mehr Eifer und Umsicht als bisher fortsetzten. Mehr denn ein Mal konnte er ihre Fußtritte unterscheiden, wie sie an dem Sassafras hingingen, so daß die Blätter rauschten und die dürren Aeste brachen. Endlich wich der Haufen ein wenig, die Ecke des Vorhangs sank und ein schwacher Lichtstrahl drang in das Innere der Höhle, Cora drückte Alice in der Angst des Todes an das Herz und Heyward sprang auf. Ein Schrei ward in diesem Augenblick gehört, als ob er aus der Mitte des Felsens käme, und ließ vermuthen, daß sie endlich in die benachbarte Höhle eingedrungen waren. In einer Minute hatte sich, wie die Zahl und das laute Geschrei der Stimmen verrieth, der ganze Haufe in und um diesen verborgenen Ort zusammengedrängt.

Da die innern Eingänge der beiden Höhlen so dicht neben einander waren, schritt Duncan, der ein weiteres Verborgenbleiben nicht länger für möglich hielt, vor David und die Schwestern hin, um sich zwischen diese und den ersten Anlauf der schrecklichen Rotte zu stellen. Durch seine Lage zur Verzweiflung gebracht, trat er ganz nahe an die schwache Barriere, welche ihn nur einige Fuße

von seinen fühllosen Verfolgern trennte, hielt sein Auge an die zufällige Oeffnung, und schaute mit einer Art verzweifelter Gleichgültigkeit hinaus, um ihre Bewegungen zu beobachten.

Im Bereich seines Armes war die braune Schulter eines riesenhaften Indianers, dessen tiefe und gebieterische Stimme Befehle zu ertheilen schien, denen die Andern gehorchten. Vor ihm konnte Duncan in das Gewölbe gegenüber blicken, das mit Wilden angefüllt war, welche das ärmliche Geräthe des Kundschafters durcheinander warfen und durchstöberten. Davids Wunde hatte die Blätter des Sassafras mit einer Farbe gefärbt, die, wie die Wilden wohl wußten, noch nicht an der Zeit war. Ueber dieses Zeichen ihres Erfolgs stimmten sie ein Geheul an, wie eine Koppel Hunde, welche die Fährte wieder gefunden haben. Nach diesem Siegesgeschrei rissen sie das duftende Bett in der Höhle auf und trugen die Zweige in die Felsenspalte, indem sie sie umherstreuten, als ob sie vermutheten, daß sie die Leiche des Mannes verbargen, den sie so lange gehaßt und gefürchtet hatten. Ein wild und grimmig aussehender Krieger näherte sich jetzt dem Häuptling mit einer Ladung Gestrüpp, und gab, mit Frohlocken auf dunkelrothe Flecken, womit sie besprengt waren, deutend, seine Freude durch indianische Ausrufungen zu erkennen, deren Inhalt Heyward blos aus der häufigen Wiederholung des Namens la longue Carabine zu muthmaßen vermochte. Als seine Freudenrufe aufgehört hatten, warf er das Gestrüpp auf den kleinen Haufen, welchen Duncan vor dem Eingang in die zweite Höhle gebildet hatte, und verschloß so wieder die Aussicht. Sein Beispiel ward von Andern nachgeahmt, welche, die Zweige aus der Höhle des Kundschafters heraus schaffend, sie auf den einen Haufen warfen und so unwissend zur Sicherheit derer, die sie suchten, selbst beitrugen. Gerade das Unansehnliche der Vorkehrung war ihr Hauptverdienst: denn Niemand dachte daran, einen Haufen Gestrüpp wegzuräumen, von dem Jeder glaubte, daß er im Augenblick der Eile und der Verwirrung zufälliger Weise unter den Händen der eigenen Partei entstanden sey.

Da die Decken unter dem äußern Drucke wichen und die Zweige sich, durch ihre eigene Last eine dichte Masse bildend, in die Felsspalte eindrückten, so athmete Duncan wieder freier auf. Mit leichtem Tritt und noch leichterem Herzen kehrte er in die Mitte der Höhle nach der Stelle zurück, wo er durch die Oeffnung eine Aussicht nach dem Flusse hatte. Während er diese Bewegung machte, brachen die Indianer, als hätten sie ihren Entschluß geändert, aus der kleinen Felsenschlucht auf und entfernten sich wieder die Insel hinauf nach dem Punkte, von dem sie ursprünglich herabgekommen waren. Hier verrieth ein zweites Klagegeheul, daß sie sich wieder um die Leichen ihrer gefallenen Kameraden versammelt hatten.

Nun erst wagte Duncan wieder die Augen nach seinen Begleitern zu wenden: denn während der größten Gefahr fürchtete er, der Ausdruck von Besorgniß in seiner Miene möchte die Unruhe derer vermehren, die ohnedies schon so sehr niedergeschlagen waren. »Sie sind fort, Cora!« flüsterte er: »Alice, sie sind dahin zurückgekehrt, woher sie gekommen sind, und wir sind gerettet! Dem Himmel allein sey Dank, der uns aus den Klauen dieser erbarmungslosen Feinde errettet hat!«

»Dem Himmel will auch ich danken!« rief die jüngere Schwester, aus den umschlingenden Armen Cora’s sich losreißend und mit begeistertem Dankgefühl auf den nackten Felsen sich niederwerfend: »dem Himmel, welcher einem ergrauten Vater bittere Thränen erspart und denen, die ich so sehr liebe, das Leben gerettet hat –«

Heyward und die ruhigere Cora waren von diesem Akt unwillkührlicher Rührung mächtig ergriffen, und Jener glaubte, die Frömmigkeit noch nie in einer so lieblichen Gestalt, wie in der jugendlichen Alice erblickt zu haben. Ihre Augen strahlten von der Glut dankbarer Gefühle, eine schöne Röthe kehrte auf ihre Wangen zurück und ihre ganze Seele schien sich durch ihre beredten Züge in Worte des Dankes ergießen zu wollen. Während sich aber ihre Lippen bewegten, schienen ihr die Worte durch einen neuen und plötzlichen Eindruck im Munde zu ersterben. Die Blüte ihrer Wangen wich der Blässe des Todes; ihre sanften, schmelzenden Augen erstarrten und schienen sich vor Entsetzen krampfhaft zusammenzuziehen, während ihre Hände, zum Dankgebet gen Himmel erhoben, niedersanken und ihre Finger in convulsivischer Bewegung vorwärts wiesen. Alsbald folgten Heyward’s Augen der angedeuteten Richtung und über dem obern Rande des Felsens, der die Schwelle des offenen Ausgangs bildete, erblickte er die boshaften, wilden und grimmigen Züge von le Renard Subtil!

In diesem Augenblick der Ueberraschung verließ Heyward seine Selbstbeherrschung nicht. In dem leeren, ausdrucklosen Gesichte des Indianers las er, daß sein Auge, an das Tageslicht gewöhnt, noch nicht im Stande war, das Dämmerlicht in der Tiefe der Höhle zu durchdringen. Schon wollte er mit seinen Begleiterinnen hinter eine Krümmung an der natürlichen Wand zurücktreten, die sie vielleicht verborgen hätte, als ein plötzlicher Schimmer der Freude, der über das Gesicht des Wilden fuhr, ihm sagte, es sey zu spät und sie seyen verrathen.

Dem empörenden Blick des Frohlockens und des barbarischen Triumphes, der diese schreckhafte Wahrheit bestätigte, konnte Heyward unmöglich widerstehen. Alles vergessend und nur dem Triebe seines heißen Blutes folgend, hob Duncan seine Pistole und gab Feuer. Vom Knall dieser Waffe erdröhnte die Höhle, wie beim Ausbruch eines Vulkans, und als der Rauch von dem Luftzuge der Felsenschlucht vertrieben war, fand er die Stelle leer, die eben noch die Züge seines verrätherischen Führers eingenommen hatten. An den Ausgang stürzend sah Heyward nur noch den Schein seiner dunkeln Gestalt, wie er sich um den niedern Rand eines Felsens schlich, der ihn bald seinen Augen entrückte.

Unter den Wilden herrschte eine Todtenstille auf die Explosion, die sich aus den Eingeweiden des Felsens hatte vernehmen lassen. Als aber Renard seine Stimme zu einem langen und ihnen verständlichen Geschrei erhob, ward es von allen Indianern, die es hören konnten, mit einem gleichzeitigen Geheul beantwortet. Die schreienden Rotten stürzten sich wieder über die Insel herab, und ehe Duncan Zeit hatte, sich von seiner Bestürzung zu erholen, war die schwache Barriere in alle Winde zerstreut. Von beiden Enden drangen die Feinde in die Höhle. Sie wurden aus ihrem Zufluchtsorte an das Tageslicht geschleppt und standen jetzt von der ganzen Bande triumphirender Huronen umgeben.

Zehntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

Ich fürchte, morgen schlafen wir zu lang,
Wie wir in dieser Nacht zu lange wachten.
Sommernachtstraum

Sobald sich Duncan von dem Schrecken über dies plötzliche Unglück erholt hatte, stellte er über das Aeußere und das Benehmen der Sieger seine Beobachtungen an. Gegen ihre sonstige Sitte hatten sich die Eingeborenen im Uebermuthe des Siegs weder an den zitternden Schwestern, noch an ihm selbst vergriffen. Zwar hatten verschiedene Individuen des Stammes die reichen Verzierungen seiner Uniform zu wiederholten Malen betastet, und ihre gierigen Augen drückten den Wunsch nach dem Besitze dieser Kleinigkeiten aus. Aber ehe sie ihrer gewohnten Heftigkeit den Lauf gelassen, hemmte die gebieterische Stimme des schon erwähnten hohen Kriegers die aufgehobenen Hände und überzeugte Heyward, daß man sie zu irgend einem besondern Zwecke aufbewahre.

Während jedoch die Jüngeren und Prunksüchtigen aus der Bande diese Schwäche zu Tage legten, setzten die erfahrnen Krieger ihre Nachforschungen in den Höhlen mit einem Eifer fort, welcher zeigte, daß sie mit dem bereits Gefundenen noch nicht zufrieden waren. Nicht im Stande, neue Opfer aufzufinden, nahten sich die Rachsüchtigen ihren männlichen Gefangenen, indem sie den Namen la longue Carabine mit einem Ungestüm aussprachen, das nicht mißverstanden werden konnte. Duncan stellte sich, als ob er ihre wiederholten und ungestümen Fragen nicht verstünde, während seinem Begleiter eine völlige Unkenntniß der französischen Sprache den Versuch einer solchen Täuschung ersparte. Ermüdet durch ihre Zudringlichkeiten und befürchtend, durch hartnäckiges Stillschweigen seine Sieger aufzureizen, sah sich Duncan nach Magua um, welcher seine Antworten auf die immer ernstlicher und drohender werdenden Fragen allein verdolmetschen konnte.

Das Benehmen dieses Wilden war von demjenigen seiner Genossen sehr verschieden. Während die andern entweder ihre kindische Leidenschaft für den Putz zu befriedigen suchten und die ärmlichen Geräthschaften des Kundschafters plünderten, oder, blutdürstige Rache in ihren Blicken, nach dem abwesenden Eigenthümer forschten, stand le Renard in einiger Entfernung von den Gefangenen so ruhig und zufrieden da, daß man deutlich erkannte, er habe den Hauptzweck seines Verraths bereits erreicht. Als Heyward den Augen seines früheren Führers zuerst begegnete, wandte er sich ab, voll Abscheu über den boshaften, wenn gleich ruhigen Blick, der ihn traf. Er bezähmte seinen Widerwillen und redete mit abgewandtem Gesicht seinen siegreichen Feind in folgenden Worten an:

»Le Renard Subtil ist ein zu großer Krieger,« sprach der widerstrebende Heyward, »als daß er einem unbewaffneten Manne nicht erklären sollte, was seine Sieger wissen wollen.«

»Sie fragen nach dem Jäger, der die Pfade durch die Wälder kennt,« antwortete Magua in gebrochenem Englisch, indem er zu gleicher Zeit mit wildem Lächeln die Hand auf das Bündel Blätter legte, womit eine Wunde an seiner Schulter umbunden war. »La longue Carabine! Seine Büchse ist gut und sein Auge nie geschlossen; aber gleich dem kurzen Gewehr des weißen Häuptlings vermag sie nichts gegen das Leben le Subtils.«

»Le Renard ist zu tapfer, um der im Kriege erhaltenen Wunden, oder der Hände, die sie schlugen, zu gedenken.«

»War es Krieg, als der ermüdete Indianer am Zuckerahorn ruhte, um sein Korn zu essen? Wer füllte die Gebüsche mit den kriechenden Feinden? Wer zog sein Messer? Wessen Zunge war Frieden, indeß sein Herz die Farbe des Blutes hatte? Sagte Magua, daß das Beil nicht mehr in der Erde sey, und daß seine Hand es ausgegraben habe?«

Duncan schwieg, weil er seinem Ankläger nicht damit antworten wollte, daß er ihn an seinen Verrath erinnerte, und verschmähte es, eine Entschuldigung vorzubringen, um Jenes Unmuth zu besänftigen. Magua schien auch zufrieden, den Streit, so wie jede andere Unterhaltung beruhen zu lassen: denn er lehnte sich wieder an den Baum, von dem ihn nur augenblickliche Aufregung entfernt hatte. Aber der Ruf la longue Carabine! erneuerte sich, sobald die ungeduldigen Wilden bemerkten, daß die kurze Unterhaltung abgebrochen war.

»Ihr hört,« sprach Magua mit verstockter Gleichgültigkeit, »die rothen Huronen rufen nach dem Leben der »langen Büchse,« oder wollen sie das Blut derer, die ihn verborgen halten!

»Er ist fort – ist entronnen; er ist zu weit fort, als daß sie ihn erreichen könnten.«

Renard lächelte mit stolzer Verachtung, indem er antwortete: »Wenn der Weiße Mann stirbt, so denkt er, er ist im Frieden, aber die rothen Männer wissen selbst die Geister ihrer Feinde zu quälen. Wo ist seine Leiche? Laß die Huronen seinen Skalp sehen!«

»Er ist nicht todt, er ist entronnen.«

Magua schüttelte ungläubig den Kopf.

»Ist er ein Vogel, um seine Schwingen auszubreiten, oder ein Fisch, um ohne Luft zu schwimmen? Der weiße Häuptling liest in seinen Büchern und hält die Huronen für Thoren?«

»Obgleich kein Fisch, kann doch »die lange Büchse« schwimmen. Er schwamm den Strom hinab, als alles Pulver verschossen und die Augen der Huronen hinter einer Wolke waren.«

»Und warum blieb der weiße Häuptling zurück?« fragte der immer noch ungläubige Indianer. Ist er ein Stein, der zu Boden sinkt, oder brennt der Skalp ihm auf dem Kopfe?« »Daß ich kein Stein bin, könnte euer Kamerad, der in die Wasserfälle stürzte, Dir sagen, wenn er noch am Leben wäre!« entgegnete der gereizte junge Mann, in seinem Aerger jener ruhmredigen Sprache sich bedienend, die am ehesten die Bewunderung eines Indianers zu erregen pflegt. »Der weiße Mann glaubt, daß nur Memmen ihre Weiber im Stiche lassen.«

Magua murmelte einige unverständliche Worte zwischen den Zähnen und fuhr dann fort:

»Können die Delawaren eben so gut schwimmen, als in den Büschen kriechen? Wo ist le gros Serpent

Duncan sah aus dieser kanadischen Benennung , daß seine letzten Begleiter seinen Feinden bekannter, als ihm selber waren, und antwortete ungern: »auch er ist mit dem Strome hinab.«

»Ist le Cerf agile nicht hier?«

»Ich weiß nicht, wen ihr den flinken Hirsch nennet,« antwortete Duncan, der gern eine Gelegenheit ergriff, um Zeit zu gewinnen.

»Uncas,« antwortete Magua, indem er die delawarischen Namen mit noch mehr Schwierigkeit aussprach, als selbst die englischen Worte.

»Das springende Glenn,« sagt der weiße Mann, wenn er den jungen Mohikaner ruft.«

»Es herrscht einige Verwirrung in den Namen unter uns, le Renard,« erwiederte Duncan, indem er eine Erörterung herbeizuführen hoffte, daim ist das französische Wort für Damhirsch und Cerf für Hirsch; elan ist der richtige Ausdruck, wenn du vom Glennthier sprichst.«

»Ja,« murmelte der Indianer in seiner Muttersprache: »die Blaßgesichter sind geschwätzige Weiber! Sie haben für jedes Ding zwei Wörter, während die Rothhaut den Ton ihrer Stimme für sich sprechen läßt.« Dann wieder in die fremde Sprache übergehend, fuhr er fort, indem er sich der unvollkommenen Ausdrucksweise, die er sich in der Provinz zu eigen gemacht, bediente: »der Damhirsch ist schnell, aber schwach; das Glenn schnell und stark, und der Sohn von le Serpent ist le Gerf agile. Hat er sich in den Fluß gestürzt, den Wäldern zu?«

»Wenn du den jungen Delawaren meinst, auch er ist den Fluß hinab.«

Da der Indianer in der Art ihres Entkommens nichts unwahrscheinlich fand, so nahm er die Wahrheit des Gehörten mit einer Bereitwilligkeit an, die ein weiterer Beweis dafür war, wie wenig Werth er auf so unbedeutende Gefangene lege. Seine Gefährten schienen jedoch die Sache anders anzusehen.

Die Huronen hatten das Ergebnis, des kurzen Gesprächs mit der ihnen eigenthümlichen Geduld und einem Stillschweigen abgewartet, das immer mehr zunahm, bis endlich die ganze Bande verstummt war. Als Heyward aufhörte, zu sprechen, wandten sich aller Augen auf Magua, indem sie auf ihre ausdrucksvolle Weise eine Erklärung des Gesagten verlangten. Ihr Dolmetscher wies auf den Fluß und machte sie theils durch Geberden, theils durch wenige Worte, die er ausstieß, mit dem Inhalt des Gesprochenen bekannt. Kaum war dies allgemein bekannt, so erhoben sie ein furchtbares Geschrei, wodurch sie ihre Wuth über das Vorgefallene zu erkennen gaben. Die Einen rannten wie Rasende nach dem Ufer des Flusses und schlugen mit wüthenden Geberden in die Luft; Andere spuckten das Element an, um ihre Entrüstung über den Verrath auszudrücken, den es an ihren anerkannten Siegerrechten begangen hatte. Wieder Andere, und zwar nicht die minder Kräftigen und Furchtbaren der Bande schoßen finstere Blicke, in welchen die wildeste Leidenschaft nur durch ihre gewohnte Selbstbeherrschung gemäßigt wurde, auf die Gefangenen, welche sich in ihrer Gewalt befanden. Einer oder zwei machten ihren boshaften Gefühlen durch die drohendsten Geberden Luft, gegen welche die Schwestern weder Geschlecht noch Schönheit schützen konnte. Der junge Soldat machte einen verzweifelten, wenn gleich fruchtlosen Versuch, Alicen beizuspringen, als er sah, wie ein Wilder seine dunkle Hand mit dem üppigen Haare umwand, das in Locken über ihre Schultern herabfloß, und mit einem Messer um ihr Haupt fuhr, als wollte er bezeichnen, auf welche abscheuliche Weise es seiner schönen Zierde beraubt werden sollte. Aber Heyward’s Hände waren gebunden: und auf die erste Bewegung, die er machte, fühlte er den Griff des kräftigen Indianers, der die Rotte befehligte, seine Schulter wie mit einer Zange zusammendrücken. Erkennend, wie ohnmächtig ein Widerstand gegen die überlegene Gewalt erscheinen mußte, ergab er sich in sein Schicksal und ermuthigte seine zarten Begleiterinnen nur durch die leise und freundliche Versicherung, daß die Drohungen der Indianer gewöhnlich schlimmer als ihre Handlungen seyen.

Während aber Duncan durch diese tröstenden Worte die Besorgnisse der Schwestern zu zerstreuen versuchte, war er nicht so schwach, sich selbst zu täuschen. Er wußte sehr wohl, daß das Ansehen eines Indianerhäuptlings auf schwachen Füßen ruhe, und öfter durch physische Kraft, als durch moralische Ueberlegenheit behauptet werde. Die Gefahr war deshalb in dem Maße größer, je bedeutender die Zahl der Wilden war, die sie umgaben. Der ausdrücklichste Befehl dessen, der ihr anerkannter Führer war, konnte jeden Augenblick durch die rasche Hand eines Wilden überschritten werden, dem es einfiel, den Manen eines Freundes oder Verwandten ein Opfer zu bringen. Während er sich daher den äußern Anschein von Ruhe und Seelenstärke gab, schwebte er in tödtlicher Angst, sobald einer der Sieger den hülflosen Schwestern näher trat, oder einen seiner finstern, irrenden Blicke auf jene zarten Gestalten warf, die so wenig im Stande waren, der geringsten Gewaltthätigkeit zu widerstehen.

Seine Besorgnisse wurden jedoch nicht wenig gemildert, als er den Führer seine Krieger zu einer Berathung, versammeln sah. Sie war kurz und bei dem Stillschweigen der Meisten wurde, wie es schien, ein einmüthiger Beschluß gefaßt. Da die wenigen Sprecher häufig nach der Gegend von Webbs Lager deuteten, fürchteten sie offenbar von dieser Seite Gefahr. Diese Besorgniß beschleunigte wahrscheinlich ihren Entschluß und beeilte die folgenden Bewegungen.

Während dieser kurzen Ueberlegung, die seine schlimmsten Befürchtungen etwas milderte, hatte Heyward Muße, die vorsichtige Art zu bewundern, wie die Huronen, selbst nach dem Aufhören der Feindseligkeiten, ihre Annäherung an die Insel bewerkstelligt hatten. Es ist schon erwähnt worden, daß die obere Hälfte der Insel ein nackter Felsen war, der außer einigen zerstreuten Stämmen Treibholz keine Schutzwehr hatte. Diesen Punkt hatten sie zu ihrer Landung gewählt, und zu diesem Behufe das Canoe durch den Wald um den Wasserfall herum getragen. Nachdem sie ihre Waffen in das kleine Fahrzeug gelegt hatten, hängten sich ein Dutzend Männer an die Seiten des Canoes und folgten seiner Richtung, während zwei der erfahrensten Krieger in Stellungen, die sie den gefährlichen Weg überschauen ließen, in ihm ruderten. Begünstigt durch diese Anordnung, gelangten sie an der Spitze der Insel an jenen Punkt, der für die ersten Wagehälse so verderblich geworden war, aber mit dem Vortheil einer größeren Zahl und im Besitze von Feuerwaffen. Daß dies die Art ihrer Landung gewesen, erkannte Duncan jetzt: denn sie brachten die leichte Barke von dem obern Ende des Felsens und ließen sie nahe am Eingang der äußern Höhle in’s Wasser. Sobald dies geschehen war, winkte der Führer den Gefangenen, herabzukommen und in das Canoe zu steigen.

Da Widerstand unmöglich und Verstellungen nutzlos waren, so gab Heyward zuerst das Beispiel der Unterwerfung und schritt voran in das Canoe, wo er sich mit den beiden Schwestern und dem stets noch verblüfften David niederließ. Obgleich die Huronen die kleinen Kanäle zwischen den Stromschnellen und Wirbeln nicht kennen konnten, so waren sie doch mit den gewöhnlichen Regeln einer solchen Schifffahrt zu vertraut, um einen bedeutenden Fehler zu machen. Als der Lootse, welcher das Canoe zu leiten hatte, seinen Platz eingenommen, sprang die ganze Rotte in den Fluß: das Schifflein glitt auf der Strömung dahin, und in wenigen Augenblicken befanden sich die Gefangenen auf dem südlichen Ufer des Stromes, beinahe dem Punkte gegenüber, wo sie jenes am vorigen Abend getroffen hatten. Hier fand eine zweite kurze, aber ernstliche Berathung Statt, während welcher die Pferde, deren panischem Schrecken die Eigenthümer ihr Unglück hauptsächlich zuschrieben, aus dem Dickicht der Wälder und an den verborgenen Ort geführt wurden, wo sie sich befanden. Der Trupp theilte sich jetzt. Der oft erwähnte erste Anführer bestieg Heyward’s Roß, zog mit dem größten Theil seiner Leute quer durch den Fluß und verschwand in den Wäldern, indem er die Gefangenen der Obhut von sechs Wilden überließ, an deren Spitze le Renard Subtil stand. Duncan betrachtete alle diese Bewegungen mit erneuter Besorgniß.

Aus der ungewöhnlichen Schonung der Wilden gegen ihn glaubte er schließen zu dürfen, daß er Montcalm als Gefangener ausgeliefert werden sollte. Da die Gedanken der Unglücklichen selten schlummern, und die Einbildungskraft nie lebhafter ist, als wenn sie von der Hoffnung, sey sie auch noch so schwach und entfernt, aufgeregt wird, so hatte er schon daran gedacht, ob nicht die väterlichen Gefühle Munro’s benützt werden sollten, ihn seiner Pflicht gegen den König untreu zu machen: denn, obgleich der französische Befehlshaber für einen Mann von Muth und Unternehmungsgeist galt, so sprach man ihn doch nicht von jenen politischen Ränken frei, welche nicht immer den Anforderungen einer strengen Moral Gehör gaben und die europäische Diplomatie jener Zeiten sehr entehrten.

Alle diese geschäftigen und erfinderischen Betrachtungen waren nun durch die Maßregeln seiner Sieger zu Nichte geworden. Derjenige Theil des Trupps, welcher dem riesenhaften Krieger folgte, nahm seine Richtung nach den Quellen des Horican und er und seine Begleiter hatten nichts Geringeres zu gewarten, als daß sie, hülflose Gefangene, in der Gewalt der Sieger bleiben müßten. Um über ihr künftiges Schicksal Gewißheit zu erhalten und je nach Umständen auch die Macht des Goldes zu versuchen, überwand Duncan seinen Widerwillen, mit Magua zu sprechen. Er wandte sich also an seinen früheren Führer, welcher sich das Ansehen und die Miene eines Mannes gegeben hatte, der die künftigen Bewegungen des Trupps zu leiten habe, und sprach in so freundlichem und vertraulichem Tone, als ihm nur immer möglich war:

»Ich wünschte mit Magua Worte zu sprechen, die nur ein so großer Häuptling hören darf.«

Der Indianer wandte seine Augen verächtlich auf den jungen Kriegsmann und antwortete:

»Sprich! die Bäume haben keine Ohren!«

»Aber die rothen Hurone»sind nicht taub, und ein Rath, der sich nur für die großen Männer einer Nation eignet, würde die jungen Krieger trunken machen. Wenn Magua nicht hören will, so weiß der Offizier des Königs zu schweigen.«

Der Wilde sprach nachläßig mit seinen Kameraden, welche beschäftigt waren, in ihrer linkischen Weise die Pferde für die beiden Schwestern herzurichten und trat ein wenig auf die Seite, wohin er mit vorsichtiger Geberde Heyward zu folgen winkte.

»Jetzt sprich!« sagte er, »wenn Deine Worte von der Art sind, daß sie Magua hören kann.«

»Le Renard Subtil hat sich des ehrenvollen Namens, den ihm seine canadischen Väter gaben, würdig erwiesen,« fing Heyward an, »ich erkenne seine Weisheit und Alles, was er für uns gethan hat, und werde es ihm gedenken, wenn die Stunde seiner Belohnung kommt. Ja, Renard hat gezeigt, daß er nicht blos ein großer Häuptling im Rathe ist, sondern auch weiß, wie er seine Feinde hintergehen kann.«

»Was hat Renard gethan?« fragte ihn kalt der Indianer.

»Wie? hat er nicht gesehen, daß die Wälder mit lauernden Feindeshaufen angefüllt waren, und daß selbst eine Schlange sich nicht ungesehen durchschleichen konnte? Verlor er da nicht den Pfad, um die Augen der Huronen zu täuschen? Gab er nicht vor, daß er zu seinem Stamme, der ihn so sehr mißhandelt und wie einen Hund von seinen Wigwams vertrieben hatte, zurückkehren wolle? Und als wir seine Absicht erkannten, standen wir ihm nicht bei, indem wir ein falsches Gesicht machen, um die Huronen auf die Meinung zu bringen, der weiße Mann glaube, daß sein Freund sein Feind geworden sey? Ist nicht alles dies wahr? Und als le Subtil durch seine Weisheit die Augen seiner Nation verschlossen und ihre Ohren verstopft hatte, vergaßen sie nicht, daß sie ihm einst Uebles gethan und ihn gezwungen hatten, zu den Mohawks zu fliehen? Ließen sie ihn nicht auf der Südseite des Flusses mit ihren Gefangenen, während sie thörichter Weise nach dem Norden gingen? Gedenkt er jetzt nicht, wie ein Fuchs seine Schritte rückwärts zu wenden, um dem reichen, grauköpfigen Schotten seine Töchter wieder zuzuführen? Ja, Magua, ich sehe jetzt Alles und habe schon darüber nachgedacht, wie so viele Weisheit und Ehrlichkeit zu belohnen seyn wird. Erstlich wird der Befehlshaber von William Henry ihn für einen solchen Dienst belohnen, wie es eines so großen Hauptes würdig ist. Magua’s Medaille wird nicht länger von Zinn, sondern von geschlagenem Golde seyn; sein Horn wird Pulvers die Fülle haben; Dollars wird er so viel in seiner Tasche tragen, als Kiesel am Horican sind, und das Wild des Waldes wird ihm die Hand lecken, denn es wird wissen, daß es vergeblich vor der Büchse flieht, die er führen wird. Was mich betrifft, so weiß ich nicht, wie ich den Schotten an Dankbarkeit übertreffen soll: aber ich – ja ich will –«

»Was will der junge Häuptling, der vom Aufgang der Sonne kommt, geben?« fragte der Hurone, als er bemerkte, daß Heyward gerade da ins Stocken gerieth, wo er bei der Aufzählung seiner Geschenke mit der Gabe enden wollte, die für einen Indianer das Ziel der höchsten Wünsche bilden mochte,

»Er will das Feuerwasser von den Inseln des Salzsees vor Magua’s Wigwam schneller fließen lassen, als der brausende Hudson strömt, bis das Herz des Indianers leichter wird, als die Feder eines Kolibri, und sein Athem süßer, als der Geruch des wilden Geisblattes.«

Le Renard hatte Heywards schlauer Rede mit tiefem Stillschweigen zugehört. Als der junge Mann von dem Kunstgriffe sprach, womit der Indianer seine eigene Nation hintergangen haben sollte, nahm die Miene des Zuhörers den Ausdruck vorsichtigen Ernstes an. Bei der Anspielung auf das Unrecht, das, wie Duncan sich den Schein gab anzunehmen, den Huronen aus seinem heimatlichen Stamme vertrieben hatte, leuchtete aus des Andern Auge ein Strahl so unbezähmbarer Wildheit, daß der verwegene Sprecher glaubte, die rechte Saite angeschlagen zu haben. Wie er aber auf die Stelle kam, wo er den Durst nach Rache durch das Motiv der Gewinnsucht so listig zu verdrängen suchte, ward ihm die gespannteste Aufmerksamkeit zu Theil. Le Renard hatte seine Frage ruhig und mit aller Würde eines Indianers gestellt. Aus der nachdenklichen Miene des Zuhörers war ersichtlich, daß die Gegenrede auf das schlaueste angelegt war. Der Hurone besann sich einige Augenblicke, legte dann seine Hand auf den rohen Verband seiner verwundeten Schulter und fragte mit einigem Nachdruck:

»Machen Freunde solche Zeichen?«

»Würde la longue Carabine einen Feind so leicht abfertigen?«

»Kriechen die Delawaren gegen diejenigen, welche sie lieben, gleich Schlangen daher, und winden sich, um sie zu stechen?«

»Würde le gros Serpent sich von Ohren hören lassen, von denen er wünschte, daß sie taub wären?«

»Schießt der weiße Häuptling sein Pulver seinen Brüdern in’s Gesicht?«

»Verfehlt er je sein Ziel, wenn er ernstlich gemeint ist zu tödten?« fragte Duncan, mit einem Ausdrucke wohl angenommener Geradheit lächelnd.

Eine wiederholte lange Pause des Nachdenkens folgte diesen klugen Fragen und schnellen Antworten. Duncan sah, daß der Indianer unschlüßig war. Um seinen Sieg zu vollenden, wollte er die Belohnungen wieder aufzählen, als Magua mit einer ausdrucksvollen Geberde sprach:

»Genug, le Renard ist ein weiser Häuptling, und was er thut, wird sich zeigen. Geh und halte den Mund geschlossen. Wenn Magua spricht, wird’s Zeit zur Antwort seyn.«

Als Heyward bemerkte, daß sich seine Augen unruhig auf den Rest der Gesellschaft richteten, wich er alsbald zurück, um den Anschein eines verdächtigen Einverständnisses mit ihrem Führer zu vermeiden. Magua trat auf die Pferde zu und that, als ob er mit der Sorgfalt und dem Geschick seiner Kameraden wohl zufrieden wäre. Er winkte jetzt Heyward, den Schwestern in den Sattel zu helfen, denn selten ließ er sich herab, der englischen Sprache sich zu bedienen, wenn nicht eine mehr denn gewöhnliche Veranlassung ihn dazu nöthigte.

Jetzt war kein weiterer Vorwand zum Aufschub abzusehen, und Duncan sah sich genöthigt, wenn auch ungern, zu willfahren. Während seiner Dienstleistung flüsterte er jedoch seine wiedergewonnenen Hoffnungen den zitternden Mädchen zu, welche, aus Furcht den wilden Blicken ihrer Sieger zu begegnen, selten ihre Augen aufschlugen. Da die Stute Davids von den Begleitern des Häuptlings in Beschlag genommen war, so mußte ihr Eigenthümer, wie Duncan, zu Fuße gehen. Letzterer bedauerte jedoch diesen Umstand nicht, da ihm so vielleicht möglich wurde, die Eile der Reise zu vermindern; denn immer noch wandte er sehnsüchtige Blicke nach der Gegend von Fort Edward hin, in der eiteln Erwartung, von diesem Theile des Waldes her in irgend einem Laute ein Zeichen nahender Hülfe zu entdecken. Als Alles bereit war, gab Magua das Zeichen zum Aufbruch, indem er selbst als Führer an die Spitze des Zuges trat. Nächst ihm folgte David, welcher anfing, sich seiner mißlichen Lage bewußt zu werden, da die Wirkungen seiner Wunde immer mehr verschwanden. Die Schwestern ritten hinter ihm, neben diesen ging Heyward, während die Indianer die Seiten deckten und den Zug in gewohnter unermüdlicher Wachsamkeit schlossen.

So zogen sie in ununterbrochenem Stillschweigen fort; nur hin und wieder richtete Heyward einige Worte des Trostes an die Schwestern, oder machte David seinem Kummer durch fromme Ausrufungen Luft, womit er seine demüthige Ergebung ausdrücken wollte. Ihr Weg ging nach Süden, der Richtung von William Henry beinahe entgegen gesetzt. Obgleich Magua der ursprünglichen Entschließung der Sieger treu zu bleiben schien, so konnte Heyward doch nicht glauben, daß seine lockenden Anerbietungen so bald vergessen worden seyn sollten: er kannte die Krümmungen eines Indianerpfads zu gut, um nicht anzunehmen, daß hier, wo kluge List vor Allem nöthig war, auch diese scheinbar genommene Richtung am Ende doch noch zum Ziele führe. Meile auf Meile wurde in diesen endlosen Wäldern zurückgelegt, und noch war kein Ende ihrer Reise abzusehen. Heyward hatte immer die Sonne im Auge, wie sie ihre Mittagsstrahlen durch die Aeste der Bäume schoß, und sehnte sich nach dem Augenblick, wo Magua’s Politik ihrem Zug eine seinen Hoffnungen günstigere Richtung geben würde. Oft bildete er sich ein, der listige Wilde wende, weil er nicht hoffen dürfte, Montcalms Heer zu umgehen, den Zug nach einer wohlbekannten Pflanzung an der Grenze, wo ein ausgezeichneter Offizier der Krone und beliebter Freund der sechs Nationen große Besitzungen hatte und sich gewöhnlich aufhielt. In die Hände Sir William Johnson´s überantwortet zu werden, war freilich einer Reise in die Wildnisse Canadas bei weitem vorzuziehen; aber selbst um das Erstere auszuführen, mußte noch manche ermüdende Meile im Walde zurückgelegt werden, und jeder Schritt entfernte ihn weiter vom Schauplatz des Kriegs, und folglich von einem Posten, auf den ihn Pflicht und Ehre riefen.

Cora allein erinnerte sich an die Weisungen des scheidenden Kundschafters, und so oft sich Gelegenheit bot, reckte sie ihre Hand aus, um Zweige, die ihr in den Weg kamen, zu zerknicken. Aber die Wachsamkeit der Indianer machte diese Vorsichtsmaßregeln nicht nur schwierig, sondern auch gefährlich. Oft wurde sie in ihrem Vorhaben gestört, wenn sie den wachsamen Augen der Wilden begegnete, wo sie dann eine nichtempfundene Unruhe heucheln und der Bewegung ihres Armes einen Grund weiblicher Aengstlichkeit unterzulegen bemüht seyn mußte. Nur einmal war sie ganz glücklich, als sie den Zweig eines großen Sumachbaumes abbrach und ihr plötzlich der Einfall kam, einen ihrer Handschuhe fallen zu lassen. Dieses Zeichen, das den Nachfolgenden einen Wink geben sollte, ward jedoch von einem ihrer Führer belauscht; er gab ihr den Handschuh zurück, zerbrach die übrigen Zweige umher, um den Schein hervorzubringen, als sey ein Wild dort durchgebrochen, und legte dann seine Hand mit einem so bedeutungsvollen Blicke auf den Tomahawk, daß er diesen verhohlenen Merkmalen ihres Zuges für immer ein Ende machte. Da sich überdies bei beiden Banden Pferde befanden, welche ihre Fußtritte dem Boden eindrückten, so vereitelte dieser Umstand alle Hoffnung, daß die zurückgelassenen Spuren ihnen Hülfe und Rettung verschaffen würden.

Heyward hätte vielleicht eine Einrede gewagt, wenn ihm nicht die finstere Zurückhaltung Magua’s den Muth dazu benommen hätte. Auf dem ganzen Zuge wandte er sich selten, um nach seinen Begleitern zu sehen und sprach kein Wort. Ohne andere Führer als die Sonne und geleitet von Merkzeichen, welche nur dem Scharfblick des Eingebornen erkennbar sind, verfolgte er seinen Weg durch die öden Fichtenwälder, mitunter über kleine, fruchtbare Thäler, durch Bäche und Flüßchen und wellenförmige Hügel, mit instinktartiger Sicherheit und fast in der geraden Richtung des Vogelflugs. Nie schien er unschlüßig zu sein, der Weg mochte kaum erkennbar werden, ganz verschwinden oder gebahnt und offen vor ihm liegen. Nichts hemmte seine Eile oder machte ihn zweifelhaft. Es schien, als ob Ermüdung ihm völlig unbekannt wäre. So oft sich die Augen der ermatteten Wanderer von dem gefallenen Laube, über das sie schritten, erhoben, schwebte seine dunkle Gestalt durch die vorderen Baumstämme hin, sein Auge blieb unbeweglich vorwärts gerichtet, während die leichte Feder auf seinem Schopfe in einem Luftzuge flatterte, der allein durch seine schnelle Bewegung hervorgebracht wurde.

Aber alle diese Sorgfalt und Eile galt einem bestimmten Ziele. Nachdem sie durch ein tiefes Thal gekommen waren, durch welches ein rauschender Bach in Krümmungen dahinfloß, stieg er plötzlich einen Hügel hinan, der so steil und unwegsam war, daß die Schwestern, um zu folgen, absteigen mußten. Als sie den Gipfel erreicht, befanden sie sich auf einer Fläche, auf der nur wenige Bäume standen. Unter einem derselben hatte sich Magua’s dunkle Gestalt hingeworfen, als wollte er jene Ruhe suchen, deren Alle so sehr bedürftig waren.