21.

Seit der Minute, in welcher Aleksey Aleksandrowitsch aus den Erklärungen mit Betsy und mit Stefan Arkadjewitsch erkannt hatte, daß von ihm nur gefordert wurde, er möge sein Weib in Ruhe lassen, indem er sie nicht mehr mit seiner Gegenwart belästigte, und daß sein Weib selbst dies wünschte, fühlte er sich so verlassen, daß er keinen selbständigen Beschluß mehr zu fassen vermochte, nicht mehr wußte, was er jetzt wollte, und sich in die Hände von Leuten gebend, welche sich mit dem bekannten Vergnügen um seine Angelegenheiten kümmerten, auf alles nur billigende Antworten gab.

Nun nachdem Anna schon sein Haus verlassen hatte, und die Engländerin sandte, um ihn fragen zu lassen, ob sie mit ihm zusammen zu Mittag speisen werde oder allein, da erkannte er zum erstenmale klar seine Lage und erschrak über sie.

Am schwierigsten in dieser Lage war vor allem, daß er in keiner Weise seine Vergangenheit mit ihr so wie sie jetzt war, in Einklang und Harmonie bringen konnte. Nicht jene Vergangenheit, in der er glücklich mit seinem Weibe gelebt hatte, machte ihn ratlos. Den Übergang aus derselben zu der Erkenntnis der Untreue seines Weibes hatte er bereits wie ein Märtyrer durchlebt, der Zustand war schwer, aber er war ihm verständlich gewesen. Wäre sein Weib damals, nachdem sie ihm von ihrer Untreue Mitteilung gemacht, von ihm gegangen, so würde er erbittert, unglücklich gewesen sein, aber er hätte sich dann nicht in jener für ihn selbst unentwirrbaren, unbegreiflichen Lage befunden, in der er sich jetzt fühlte.

Er konnte sich durchaus nicht seine neuerliche Verzeihung vergeben, seine Versöhnlichkeit, seine Liebe zu dem kranken Weibe, und dem fremden Kinde, angesichts dessen, was jetzt war, das heißt, dessen, was er, gleichsam als Belohnung für alles dies, jetzt empfand, vereinsamt, beschimpft, verlacht, niemandem brauchbar und von allen verachtet.

In den ersten zwei Tagen nach der Abreise seines Weibes empfing Aleksey Aleksandrowitsch Bittsteller, den Geschäftsführer, begab sich ins Komitee, und ging zur Mittagstafel nach dem Salon wie gewöhnlich. Ohne sich Rechenschaft, weshalb er dies thue, zu geben, verwandte er alle Kräfte seines Geistes in diesen zwei Tagen nur darauf, ein ruhiges, ja selbst gleichmütiges Aussehen zu behaupten.

Indem er auf die Fragen, wie mit den Sachen und den Räumen der Anna Arkadjewna Verfahren werden sollte, antwortete, machte er die gewaltigsten Anstrengungen über sich selbst, um den Anschein eines Mannes zu wahren, für den das stattgehabte Ereignis nicht unvorhergesehen gekommen sei, und nichts in sich trage, was aus der Reihe der gewöhnlichen Vorkommnisse heraustrete; und er erreichte seine Absicht! Niemand vermochte an ihm Anzeichen der Verzweiflung zu finden. Am zweiten Tag nach der Abreise aber, als Korney ihm die Rechnung vom Modewarenmagazin überreichte, welche Anna zu begleichen vergessen hatte, und meldete, der Commis sei selbst da, befahl Aleksey Aleksandrowitsch, diesen hereinkommen zu lassen.

»Entschuldigen Excellenz, daß ich zu stören wage. Aber wenn Excellenz befehlen, daß ich mich an gnädige Frau wende, so geruhen Excellenz wohl, deren Adresse mitzuteilen.«

Aleksey Aleksandrowitsch dachte nach, wenigstens wie es dem Commis schien, und setzte sich, abgewendet, plötzlich an seinen Tisch. Den Kopf in die Hände gestützt, verharrte er lange in dieser Stellung, einige Male zu sprechen versuchend, aber wieder innehaltend.

Die Empfindungen seines Herrn begreifend, bat Korney den Commis, ein ander Mal wiederzukommen. Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch wieder allein war, erkannte er, daß er nicht die Kräfte besitze, die Rolle der Festigkeit und Ruhe noch weiter zu behaupten. Er befahl den auf ihn wartenden Wagen wieder auszuspannen, niemand vorzulassen, und ging auch nicht zur Mittagstafel.

Er fühlte, daß er diesem allgemeinen Andrang von Verachtung und Gefühllosigkeit, wie er beides auf den Zügen des Commis und Korneys und aller ohne Ausnahme, denen er in diesen zwei Tagen begegnet war, offen gesehen hatte, nicht widerstehen könne. Er fühlte, daß er die Gehässigkeit der Menschen nicht werde zurückweisen können, weil diese Gehässigkeit nicht davon herrührte, daß er ein Narr war – in diesem Falle hätte er schon sich bemühen können, als etwas Besseres zu erscheinen – sondern davon, daß er schmachvoll und widerlich unglücklich war.

Er wußte, daß man deswegen – eben deswegen, weil sein Herz zerrissen war – mit ihm mitleidlos sein würde. Er fühlte, daß die Menschen ihn vernichteten, wie man einen zerrissenen Hund, der vor Schmerz winselt, noch erwürgt. Er wußte, daß seine einzige Rettung vor den Menschen die war –- seine Wunden vor ihnen zu verbergen – und er hatte dies zwei Tage unbewußt zu thun versucht, fühlte sich aber jetzt nicht mehr bei Kräften, diesen ungleichen Kampf fortzusetzen.

Seine Verzweiflung vergrößerte sich noch in dem Bewußtsein, daß er vollständig vereinsamt dastand mit seinem Leid. Nicht nur in Petersburg besaß er keinen einzigen Menschen, dem er alles hätte anvertrauen können, was er erfahren hatte, der in ihm nicht den hochgestellten Beamten, nicht das Mitglied der guten Gesellschaft bemitleidet hätte, sondern einfach den leidenden Menschen – nein, nirgends hatte er einen solchen Menschen.

Aleksey Aleksandrowitsch war als Waise aufgewachsen; sie Waren ihrer zwei Brüder gewesen. Auf den Vater konnten sie sich nicht mehr besinnen, die Mutter war gestorben, als Aleksey Aleksandrowitsch zehn Jahre zählte. Das Vermögen war klein; der Onkel Karenin, ein hoher Beamter und einstiger Günstling des verstorbenen Kaisers, erzog die beiden.

Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch das Gymnasium und die Universität mit Prämien absolviert hatte, betrat er sogleich mit Hilfe des Onkels die dienstliche Laufbahn und ergab sich von dieser Zeit an ausschließlich dem amtlichen Strebertum. Weder auf dem Gymnasium noch auf der Universität, oder später im Amte hatte Aleksey Aleksandrowitsch mit irgend jemand freundschaftliche Beziehungen angeknüpft. Sein Bruder war ihm der geistig zunächst stehende Mensch gewesen, doch hatte derselbe im Ministerium der äußeren Angelegenheiten gearbeitet, war stets im Auslande gewesen, und auch bald nach der Verheiratung Aleksey Aleksandrowitschs hier gestorben.

Während er eine Gouverneurstelle bekleidete, hatte die Tante Annas, eine reiche Dame im Gouvernement, den zwar nicht mehr jungen Mann, wohl aber jungen Gouverneur, mit ihrer Nichte bekannt gemacht, und ihn in eine Situation verwickelt, nach welcher er sich entweder erklären oder die Stadt verlassen mußte. Aleksey Aleksandrowitsch schwankte lange. Es gab damals ebenso viel Gründe für diesen Schritt, wie gegen denselben, und es gab keinen entscheidenden Anlaß, der ihn bewogen hätte, seinen Grundsatz, sich im Unentschiedenen zu erhalten, zu ändern. Die Tante Annas indessen hatte ihm bereits durch einen Bekannten zu verstehen geben lassen, daß er das junge Mädchen bereits kompromittiert habe und die Rücksicht auf seine Ehre ihn zwingen müsse, einen Antrag zu machen. Er machte den Antrag, und weihte seiner Braut und Frau alles Gefühl, dessen er fähig war.

Jene Anhänglichkeit, die er für Anna empfand, schloß in seiner Seele auch die letzten Voraussetzungen für eine Unterhaltung herzlicher Beziehungen zu den Menschen aus, und jetzt besaß er unter allen seinen Bekannten keinen Vertrauten. Er besaß wohl viel von dem, was man Verbindungen nennt, Freundschaftsverhältnisse aber hatte er nicht. Aleksey Aleksandrowitsch hatte auch viele, die er zu sich zur Tafel einladen, um Teilnahme in einer ihn interessierenden Sache bitten konnte, um Protektion eines Petenten, mit denen er sich aufrichtig über die Thätigkeit anderer Männer und der höchsten Regierungsstelle äußern konnte – aber seine Beziehungen zu diesen Personen waren in einem durch Sitte und Gewohnheit festbestimmten Bereich begrenzt, aus dem es unmöglich war, herauszutreten. Es war da ein Universitätsfreund, welchem er sich später wieder genähert hatte, und mit dem er über sein persönliches Leid hätte sprechen können, aber dieser Kamerad war Inspizient eines ferngelegenen Lehrbezirks. Unter den Personen, welche in Petersburg waren, standen ihm am nächsten und waren noch die denkbarsten von allen der Kanzleidirektor und sein Arzt.

Michail Wasiljewitsch Sljudin, war ein einfacher, verständiger, guter und moralischer Mensch, und in ihm verspürte Aleksey Aleksandrowitsch eine persönliche Neigung für sich, aber ihre fünfjährige amtliche Thätigkeit hatte zwischen beiden eine Schranke für seelische Beziehungen aufgerichtet.

Aleksey Aleksandrowitsch, die Unterschrift der Papiere beendend, schwieg lange, auf Michail Wasiljewitsch blickend, und versuchte mehrmals zu sprechen, ohne daß er es vermochte. Er hatte schon den Satz vorbereitet »habt ihr von meinem Unglück gehört?« Aber er vollendete damit, daß er, wie gewöhnlich sagte, »macht mir das also fertig,« womit er ihn entließ.

Der zweite Mensch war sein Arzt, der gleichfalls freundschaftlich gesinnt für ihn war, aber zwischen ihnen bestand schon seit langem ein schweigendes Einverständnis darüber, daß sie beide mit Geschäften überhäuft wären, und sich beeilen müßten.

An seine weiblichen Freunde, selbst an den nervösesten unter ihnen, die Gräfin Lydia Iwanowna, hatte Aleksey Aleksandrowitsch nicht gedacht. Alle Weiber, schlechtweg als Weiber, waren ihm furchtbar und widerlich.

22.

Aleksey Aleksandrowitsch hatte die Gräfin Lydia Iwanowna vergessen, diese aber nicht ihn. In der schwersten Minute seiner Vereinsamung und Verzweiflung gerade kam sie zu ihm und trat ohne Meldung in sein Kabinett. Sie traf ihn in der Stellung, in welcher er gesessen hatte, den Kopf auf beide Arme gestützt.

»J’ai forcé la consigne,« sagte sie, indem sie mit schnellen Schritten und schwer atmend vor Erregung und der schnellen Bewegung eintrat. »Ich habe alles gehört! Aleksey Aleksandrowitsch! – Mein Freund!« –fuhr sie fort, mit beiden Händen fest die seine drückend und ihm mit ihren schönen, sinnigen Augen ins Auge blickend.

Aleksey Aleksandrowitsch verfinsterte sich, erhob sich ein wenig, und schob ihr, seine Hand von ihr losmachend, einen Stuhl zu.

»Nicht gefällig, Gräfin? Ich empfange nicht, weil ich krank bin,« sagte er und seine Lippen bebten.

»Mein Freund!« wiederholte die Gräfin Lydia Iwanowna, ohne die Augen von ihm zu verwenden, und plötzlich hoben sich ihre Brauen mit den inneren Seiten, ein Dreieck auf der Stirn bildend, und ihr unschönes gelbes Gesicht wurde noch unschöner; doch Aleksey Aleksandrowitsch empfand, daß sie ihn bemitleide und im Begriff war, zu weinen. Auch ihn überkam eine weiche Stimmung; er ergriff ihre fleischige Hand und küßte sie. »Mein Freund!« sagte sie mit von Erregung unterbrochener Stimme. »Ihr dürft Euch dem Schmerz nicht so hingeben. Euer Leid ist groß, aber Ihr müßt Trost finden.«

»Ich bin zerschmettert, vernichtet, ich bin kein Mensch mehr,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, ihre Hand freilassend, aber weiter, in ihre von Thränen gefüllten Augen schauend. »Meine Lage ist furchtbar dadurch, daß ich nirgends, in mir selbst nicht einmal, einen Stützpunkt dafür finde.«

»Ihr werdet eine Stütze finden; sucht sie aber nicht in mir; obwohl ich Euch bitte, an meine Freundschaft zu glauben,« antwortete sie mit einem Seufzer, »unsere Stütze ist die Liebe, jene Liebe, die der da droben uns gegeben hat. Eine Bürde in ihm ist leicht,« sagte sie mit jenem verzückten Blick, den Aleksey Aleksandrowitsch so gut kannte, »er wird Euch halten und Euch beistehen!«

Trotzdem, daß in diesen Worten sowohl das Mitleid mit seinen erhabenen Empfindungen, wie auch jene, Aleksey Aleksandrowitsch überflüssig erscheinende, neue verzückte, erst seit kurzem in Petersburg verbreitete, mystische Stimmung lag, war es diesem angenehm, sie jetzt zu vernehmen.

»Ich bin schwach. Ich bin vernichtet. Ich habe nichts vorausgesehen und fasse jetzt nichts.«

»Mein Freund,« wiederholte Lydia Iwanowna.

»Nicht der Verlust dessen ist es, was jetzt nicht mehr ist, nicht dies!« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort, »ich klage um nichts. Aber ich muß mich schämen vor den Menschen wegen der Lage, in der ich mich befinde. Das ist schlimm, aber ich kann nicht, kann nicht anders.«

»Nicht Ihr habt jene erhabene That der Vergebung ausgeführt, von der ich entzückt bin, wie jedermann, sondern der droben, der in Eurem Herzen wohnt,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, verzückt die Augen hebend, »und daher dürft Ihr Euch Eurer Handlungsweise nicht schämen.«

Aleksey Aleksandrowitsch verzog das Gesicht und begann, die Hände hinter sich nehmend, mit den Fingern zu knacken.

»Man muß eben alle Einzelheiten kennen,« sagte er mit dünner Stimme, »die Kräfte des Menschen haben ihre Grenze, Gräfin, und ich habe die Grenze der meinigen gefunden. Den ganzen Tag jetzt muß ich Verfügungen treffen, Verfügungen über das Hauswesen, die sich für mich ergeben haben« – er betonte das letztere Wort – »aus meiner neuen, vereinsamten Stellung. Das Gesinde, die Gouvernante, die Rechnungen – dieses Kreuzfeuer hat mich versengt und ich war nicht bei Kräften, es zu ertragen. Bei Tische – ich bin gestern kaum seit der Mittagstafel hinausgekommen. Ich konnte es nicht ertragen, wie mich mein Sohn anblickte. Er frug mich nicht, was das alles bedeuten solle, aber er wollte fragen, und ich konnte diesen Blick nicht ertragen. Er fürchtete, mich anzuschauen, aber das ist noch wenig« – Aleksey Aleksandrowitsch wollte jener Rechnung Erwähnung thun, die man ihm gebracht hatte, doch seine Stimme begann zu zittern und er hielt inne. An diese Rechnung auf blauem Papier, mit den Hüten und Bändern, konnte er nicht ohne Mitleid mit sich selbst denken.

»Ich verstehe, mein Freund,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna. »Ich verstehe alles. Hilfe und Trost werdet Ihr nicht in mir finden, aber ich bin dennoch nur deshalb gekommen, Euch beizustehen, wenn ich kann. Wenn ich doch alle diese kleinlichen, erniedrigenden Mühewaltungen von Euch nehmen könnte. Ich verstehe, daß hier ein Frauenwort, ein weibliches Regiment not thut. Vertraut Ihr es mir an?«

Aleksey Aleksandrowitsch drückte ihr schweigend und dankerfüllt die Hand.

»Wir wollen uns mit dem kleinen Sergey beschäftigen. Ich bin nicht stark in praktischen Dingen. Aber ich werde mich nützlich machen und Eure Hausverwalterin sein. Dankt mir nicht. Ich thue das nicht von mir aus« –

»Ich muß danken.«

»Aber, mein Freund, überlaßt Euch nicht diesem Gefühl, von welchem Ihr gesprochen habt – daß Ihr Euch dessen schämtet, was das höchste Gebot des Christen ist: Wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden. Und danken könnt Ihr nicht mir. Ihm ist zu danken, ihn muß man um Hilfe bitten, in ihm allein finden wir Ruhe, Trost, Heil und Liebe,« sagte sie, und die Augen zum Himmel emporhebend, begann sie zu beten, wie Aleksey Aleksandrowitsch aus ihrem Schweigen erkannte.

Aleksey Aleksandrowitsch vernahm sie jetzt auch, und jene Ausdrücke, welche ihm früher, wenn nicht unangenehm, so doch überflüssig erschienen waren, kamen ihm jetzt natürlich und tröstlich vor. Aleksey Aleksandrowitsch liebte diesen neuen, verzückten Geist nicht; er war ein religiöser Mensch, der sich für Religion hauptsächlich im politischen Sinne interessierte, aber die neue Lehre, die sich mehrere neue Auslegungen gestattete, war ihm deshalb besonders, weil sie dem Streit und der Analyse Thür und Thor öffnete, grundsätzlich unangenehm. Früher hatte er sich kühl, ja selbst feindselig gegen diese neue Lehre verhalten, und mit der Gräfin Lydia Iwanowna, die von derselben eingenommen worden war, zwar nie gestritten, aber geflissentlich durch Schweigen ihre Herausforderungen umgangen. Jetzt nun zum erstenmal hörte er ihre Worte mit Befriedigung und widersprach ihnen innerlich nicht.

»Ich bin Euch sehr, sehr dankbar, sowohl für Eure Thaten als für Eure Worte,« sprach er, als sie mit Beten fertig war.

Die Gräfin Lydia Iwanowna drückte ihrem Freunde nochmals beide Hände.

»Jetzt will ich ans Werk gehen,« sagte sie lächelnd, nachdem sie eine Weile geschwiegen und sich die Spuren der Thränen aus dem Gesicht gewischt hatte. »Ich werde zu Sergey gehen, und mich nur im äußersten Notfall an Euch wenden.« Sie erhob sich und ging hinaus.

Die Gräfin Lydia Iwanowna begab sich zu Sergey und erzählte dem erschreckten Knaben, ihm die Wangen mit Thränen bethauend, daß sein Vater ein Heiliger und seine Mutter gestorben sei.

Die Gräfin Lydia Iwanowna erfüllte ihr Versprechen. Sie nahm in der That alle Sorgen und das Arrangement und die Hausverwaltung Aleksey Aleksandrowitschs auf sich, hatte aber nicht übertrieben, wenn sie sagte, daß sie in praktischen Dingen nicht stark sei. Alle ihre Anordnungen mußten abgeändert werden, da sie unausführbar waren, und sie wurden abgeändert durch Korney, den Kammerdiener Aleksey Aleksandrowitschs, der jetzt, ohne daß dies jemand merkte, das ganze Haus Karenins leitete, und ruhig und schonungsvoll während des Ankleidens seinem Herrn berichtete, was notwendig war. Gleichwohl aber blieb die Hilfe Lydia Iwanownas im höchsten Grade wesentlich: sie verlieh Aleksey Aleksandrowitsch eine moralische Stütze in der Erkenntnis ihrer Liebe und Achtung für ihn, und insbesondere darin, daß sie ihn, – es war ihr dies ein tröstlicher Gedanke – fast zum Christentum bekehrte, das heißt, aus einem gleichgültig und träg Religiösgesinnten zum eifrigen und festüberzeugten Parteigänger jener neuen Offenbarung der christlichen Lehre machte, welche sich in der jüngsten Zeit in Petersburg verbereitet hatte.

Aleksey Aleksandrowitsch wurde es leicht, sich von dieser Lehre überzeugen zu lassen. Er ebenso wie Lydia Iwanowna und andere Leute, die ihre Anschauungen zersplitterten, war einer wahrhaft vertieften Vorstellungskraft, jener geistigen Fähigkeit, dank welcher die Vorstellungen, welche von der Phantasie so hervorgerufen sind, ja tatsächlich werden, daß sie mit den anderen Vorstellungen und mit der Wirklichkeit einen Einklang fordern, völlig beraubt. Er erblickte nichts Unmögliches und Ungestaltes in der Vorstellung, daß der Tod, für die Ungläubigen wirklich vorhanden, für ihn aber nicht da sei, und daß, da er den wahrsten Glauben besitze, über den er selbst Richter wäre, auch keine Sünde mehr in seiner Seele sei, und er schon hier auf Erden ein volles Seelenheil kennen lerne.

Allerdings wurde die Leichtfertigkeit und Fehlerhaftigkeit dieser Vorstellung von seinem eignen Glauben Aleksey Aleksandrowitsch dunkel fühlbar, und er wußte, daß er, wenn er ohne daran zu denken, daß seine Verzeihung die Wirkung einer höheren Kraft gewesen war, sich diesem Gefühl unmittelbar hingab, mehr Glück verspürte, als wenn er, wie jetzt, jede Minute dachte, daß Christus in seiner Seele sei und er, wenn er Akten unterschrieb, damit nur dessen Willen erfülle. Aleksey Aleksandrowitsch war es indessen so unumgänglich notwendig, so zu denken, es war ihm so notwendig, in seiner Herabwürdigung eine, wenn auch nur erklügelte, Erhabenheit zu besitzen, mit welcher er, von allen sonst verachtet, auch alle selbst verachten konnte, daß er sich, wie an eine Rettung, an sein vermeintliches Seelenheil anklammerte.

23.

Die Gräfin Lydia Iwanowna war noch als sehr junges, exaltiertes Mädchen an einen reichen, vornehmen, sehr gutmütigen und sehr ausschweifenden Lebemann verheiratet worden.

Im zweiten Monat schon vernachlässigte sie ihr Gatte und antwortete auf die exaltierten Versicherungen ihrer zärtlichen Gesinnung für ihn nur mit Spott, ja selbst Feindseligkeit, welche sich diejenigen, die das gute Herz des Grafen kannten, und keinerlei Fehler in der verzückten Lydia wahrnahmen, nicht erklären konnten.

Seit jener Zeit lebten beide, wenn auch nicht getrennt, so doch gesondert, und wenn der Gatte seiner Frau begegnete, dann trug er gegen sie einen sich stets gleichbleibenden beißenden Sarkasmus zur Schau, dessen Ursache man nicht begreifen konnte.

Die Gräfin Lydia Iwanowna hatte schon längst aufgehört, in ihren Mann verliebt zu sein, hörte aber von da an nie mehr auf, in irgend jemand sonst verliebt zu sein. Sie war in Mehrere zugleich verliebt, in Männer wie in Frauen; sie war in fast alle Menschen verliebt, die irgendwie besonders hervortraten. Sie war verliebt in alle neuen Prinzessinnen und Prinzen, die mit der Familie des Zaren in Verwandtschaft traten, sie war verliebt in einen Metropoliten, einen Vizegeistlichen und einen Kapellan. Sie war verliebt in einen Journalisten, drei Slovenen und in Komissaroff, in einen Minister, einen Arzt, einen englischen Missionär und in Karenin. Alle diese Liebesverhältnisse, bald sich abschwächend, bald stärker werdend, behinderten sie nicht in der Unterhaltung der verzweigtesten und verwickeltsten Beziehungen mit dein Hof und der Gesellschaft, aber seit der Zeit, da sie nach dem Verhängnis, welches Karenin betroffen, diesen unter ihre Fürsorge genommen hatte, seit der Zeit, da sie im Hause Karmins waltete, in der Sorge um dessen Wohlergehen, empfand sie, daß alle die übrigen Liebesverhältnisse keine echten gewesen waren, und sie jetzt wahrhaft nur in Karenin allein verliebt war.

Das Gefühl, welches sie jetzt für diesen empfand, erschien ihr stärker, als alle früheren Gefühle, und indem sie dasselbe untersuchte und es mit diesen verglich, erkannte sie klar, daß sie in Komissaroff nicht verliebt gewesen sein würde, wenn er nicht das Leben des Zaren gerettet hätte, daß sie in Ristitsch -Kudschizkiy nicht verliebt gewesen sein würde, wenn es keine slavische Frage gäbe, daß sie aber Karenin um seiner selbst willen liebte, um seines hohen, nicht zu erfassenden Geistes, des milden, für sie so zarten Klanges seiner Stimme mit ihren gedehnten Accenten, um seines matten Blickes, seines Charakters, seiner weichen weißen Hände mit den aufgetretenen Adern willen.

Sie freute sich nicht nur der Begegnung mit ihm, sie suchte auch auf seinem Gesicht Kennzeichen des Eindruckes, den sie auf ihn machte. Sie wollte ihm nicht nur in ihren Reden gefallen, sondern mit ihrer ganzen Persönlichkeit. Ihm zu Liebe beschäftigte sie sich jetzt mehr mit ihrer Toilette, als je zuvor. Sie ertappte sich auf Träumereien, was wohl geschehen könne, wenn sie nicht verheiratet und er frei wäre. Sie errötete vor Vergnügen, wenn er in das Zimmer trat, und konnte ein Lächeln des Entzückens nicht unterdrücken, wenn er ihr etwas Angenehmes sagte.

Schon mehrere Tage befand sich die Gräfin Lydia Iwanowna in einer sehr starken Aufregung. Sie hatte erfahren, daß Anna und Wronskiy wieder in Petersburg seien. Man mußte Aleksey Aleksandrowitsch vor dem Wiedersehen mit ihr bewahren, man mußte ihn bewahren selbst vor der qualvollen Kenntnisnahme davon, daß dieses furchtbare Weib in ein und derselben Stadt mit ihm sei und er ihr jeden Augenblick begegnen könne.

Lydia Iwanowna erforschte durch ihre Bekannten, was jene »widerlichen Menschen«, wie sie Anna und Wronskiy nannte, zu thun beabsichtigten, und bemühte sich nun während dieser Tage, alle Bewegungen ihres Freundes zu leiten, damit er ihnen nicht begegnen könnte.

Ein junger Adjutant, ein Freund Wronskiys, durch welchen sie ihre Nachrichten empfangen hatte, und der durch die Gräfin Lydia Iwanowna eine Konzession zu erhalten hoffte, teilte ihr mit, daß die beiden ihre Angelegenheiten ordneten und am nächsten Tage abreisen würden.

Lydia Iwanowna war schon ruhiger geworden, als man ihr am andern Morgen ein Billet brachte, dessen Handschrift sie mit Entsetzen erkannte.

Es war die Handschrift Anna Kareninas. Das Couvert bestand aus dickem, rindenartigem Papier, war länglich und von gelber Farbe und trug ein großes Monogramm, während das Schreiben selbst Wohlgerüche ausströmte.

»Wer hat das gebracht?«

»Ein Beauftragter aus dem Hotel.«

Die Gräfin Lydia Iwanowna vermochte lange nicht, sich zu setzen und den Brief zu lesen. Sie bekam vor Aufregung einen Anfall von Atemnot, an der sie litt. Nachdem sie sich indes beruhigt hatte, las sie folgendes, französisch abgefaßte Schreiben:

»Madame la Comtesse! Die christlichen Gefühle, welche Ihr Herz erfüllen, verleihen mir die, ich fühle es, unverzeihliche Kühnheit, Ihnen zu schreiben. Ich bin unglücklich über die Trennung von meinem Sohne. Ich stehe Sie um die Erlaubnis an, ihn nur ein einziges Mal sehen zu dürfen vor meiner Abreise. Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen mich selbst in Erinnerung bringe, ich habe mich an Sie, und nicht an Aleksey Aleksandrowitsch nur deshalb gewandt, weil ich diesen hochherzigen Mann nicht veranlassen will, in der Erinnerung an mich, zu leiden. Da ich Ihre freundschaftliche Gesinnung für ihn kenne, werden Sie mich verstehen. Senden Sie Sergey zu mir, oder soll ich. ins Haus kommen zu der üblichen, festgesetzten Stunde – oder würden Sie mich wissen lassen, wann und wo ich ihn außerhalb des Hauses sehen kann? Ich versehe mich nicht einer Verweigerung, da ich die Großmut dessen kenne, von dem dies abhängt. Sie können sich die heiße Sehnsucht ihn zu sehen nicht vorstellen, die ich empfinde, und daher auch nicht die Dankbarkeit, die Ihr Beistand in mir hervorrufen würde.

Anna.«

Alles in diesem Briefe versetzte die Gräfin Lydia Iwanowna in Zorn; sowohl der Inhalt im allgemeinen, als der Hinweis auf Großmut und insbesondere der, wie ihr schien, frivole Ton.

»Sag‘, es gebe keine Antwort,« sprach die Gräfin Lydia Iwanowna, und schrieb sogleich an Aleksey Aleksandrowitsch, sie hoffe, ihn um ein Uhr zur Hofcour zu sehen.

»Ich habe mit Euch über eine wichtige und traurige Angelegenheit zu sprechen, und dort wollen wir verabreden, wo dies geschehen kann. Am besten wohl bei mir, wo ich den Thee so wie Ihr ihn ja liebt, bereiten lassen werde. Es ist unbedingt notwendig. Gott legt uns das Kreuz auf, aber er giebt uns auch die Kraft,« fügte sie hinzu, um ihn doch wenigstens in Etwas vorzubereiten.

Die Gräfin Lydia Iwanowna schrieb gewöhnlich zwei oder drei Briefe täglich an Aleksey Aleksandrowitsch. Sie liebte diese Verkehrsweise mit ihm, da sie an sich Eleganz und Diskretion besaß, wie sie sich ihr in persönlichen Beziehungen nicht bot.

24.

Die Hofcour war vorüber. Die Abfahrenden pflogen bei der Begegnung noch Gespräche über die letzten Tagesneuigkeiten, über neuempfangene Auszeichnungen und Versetzungen hoher Beamter.

»Etwa der Gräfin Marja Borisowna das Kriegsportefeuille, und an die Spitze des Stabes die Fürstin Watkowskaja,« sagte ein alter Herr in goldgestickter Uniform zu einer hochgewachsenen Schönheit, die sich bei ihm über die Beförderungen erkundigt hatte.

»Und mich zum Adjutanten,« versetzte das Fräulein lächelnd.

»Ihr habt bereits Eure Bestimmung. Man bestellt Euch in das Ressort für geistliche Sachen. Und zu Eurem Beistande – Karenin.«

»Guten Tag, Fürst,« sagte der alte Herr, einem Hinzutretenden die Hand drückend.

»Was habt Ihr zu Karenin gesagt?« sprach der Fürst.

»Er und Putjakoff haben den Alexander Newskiy erhalten.«

»Ich dachte, er hätte ihn schon.«

»Nein. Seht ihn Euch doch an,« sagte der alte Herr, mit dem goldgestickten Hute auf den, bei einem einflußreichen Mitglied des Staatsrats an der Saalthür stehenden Karenin weisend, der in Galauniform war und das neue rote Band über der Schulter trug. »Glücklich und zufrieden, wie ein Kupfergroschen,« fügte er hinzu, stehen bleibend, um einem athletischgebauten, schöngewachsenen Kammerherrn die Hand zu drücken.

»Er ist gealtert,« sagte der Kammerherr.

»Von Sorgen. Er macht jetzt nur Projekte. Keinen Unglücklichen entläßt er jetzt, bevor er nicht alles gewissenhaft dargelegt hat.«

»Wie, gealtert? Il fait des passions. Ich glaube, die Gräfin Lydia Iwanowna ist jetzt eifersüchtig auf seine Frau.«

»Was soll das heißen! Über die Gräfin Lydia Iwanowna, bitte, sprecht nichts Übles!«

»Ist denn das schlecht, wenn sie in Karenin verliebt ist?«

»Ist es denn wahr, daß die Karenina hier ist?«

»Das heißt nicht hier am Hofe, sondern in Petersburg! Ich begegnete ihr gestern mit Aleksey Wronskiy, bras dessus, bras dessus auf der Morskaja.«

»C’est un homme qui n’a pas« – – begann der Kammerherr, hielt aber inne, indem er grüßend Platz machte vor einer vorüberschreitenden Persönlichkeit ans der Familie des Zaren.

So sprach man fortwährend von Aleksey Aleksandrowitsch, ihn richtend und verspottend, während dieser, dem von ihm in Beschlag genommenen Mitglied des Staatsrates den Weg vertretend, und um keine Minute seine Ausführungen verkürzend, um ihn nicht fortlassen zu müssen, demselben Punkt für Punkt einen Finanzplan vorlegte.

Fast zu gleicher Zeit, als Aleksey Aleksandrowitsch von seinem Weibe verlassen wurde, ereignete sich für diesen das bitterste Ereignis was einem Beamten passieren kann – Stillstand in seiner aufwärtsführenden Carriere. Derselbe war Thatsache geworden, und alle erkannten dies klar, Aleksey Aleksandrowitsch selbst aber hatte sich noch nicht eingestanden, daß seine Carriere zu Ende sei. War es der Zusammenstoß mit Stremoff, war es das Unglück mit seinem Weibe, oder einfach der Umstand, daß Aleksey Aleksandrowitsch zu der ihm bestimmten Grenze gelangt war, für jedermann war es im laufenden Jahre klar geworden, daß es mit seiner amtlichen Laufbahn vorüber war. Er bekleidete noch einen wichtigen Posten, er war noch Mitglied vieler Kommissionen und Komitees, aber auch ein Mann, der in Ungnade gefallen, und von welchem man nichts mehr erwartete. Was er auch reden mochte, was er auch in Vorschlag brachte, man hörte ihn, als wäre das, was er beantragte, schon längst bekannt und eben gerade das, was gar nicht notwendig war.

Aber Aleksey Aleksandrowitsch merkte das nicht, im Gegenteil, der direkten Teilnahme an der Regierungsthätigkeit fernstehend, sah er jetzt viel klarer, als früher, die Mangel und Fehler in der Thätigkeit anderer, und hielt es für seine Pflicht, auf die Mittel zu deren Verbesserung hinzuweisen.

Bald nach seiner Trennung von der Gattin begann er, seine Denkschrift über die neue Rechtsordnung zu schreiben, die erste aus einer zahllosen Reihe niemandem nutzbringender Denkschriften über alle Zweige der Verwaltung, welche er sich vorgenommen hatte, zu schreiben.

Aleksey Aleksandrowitsch erkannte seine hoffnungslose Stellung in der Beamtenwelt nicht nur nicht, er war auch nicht erbittert hierüber, sondern eher noch mehr als je zufrieden mit seiner Thätigkeit.

»Ein Beweibter sorgt sich um das Eitle, wie er seinem Weibe gefallen mag, ein Unbeweibter um das Erhabene, wie er dem Herrn gefallen kann,« sagt der Apostel Paulus, und Aleksey Aleksandrowitsch, in allen Dingen jetzt nur noch geleitet von der heiligen Schrift, erinnerte sich oft dieses Textes. Es schien ihm, daß er seit der Zeit, seit welcher er ohne seine Fran lebte, gerade mit diesen Projekten dem Herrn mehr diente, als früher.

Die augenscheinliche Ungeduld des Mitgliedes des Staatsrats, welches wünschte, von ihm loszukommen, setzte Aleksey Aleksandrowitsch nicht in Verlegenheit; er hörte nicht eher damit auf, seinen Plan zu entwickeln, als bis das Ratsmitglied, die Gelegenheit des Vorüberschreitens der Persönlichkeit aus der Zarenfamilie benutzend, ihm entschlüpft war.

Allein geblieben, ließ Aleksey Aleksandrowitsch den Kopf sinken, indem er seine Gedanken sammelte, blickte dann zerstreut um sich, und schritt der Thür zu, an welcher er der Gräfin Lydia Iwanowna zu begegnen hoffte.

»Wie sind sie alle körperlich so stark und gesund,« dachte Aleksey Aleksandrowitsch, auf den mächtigen Kammerherrn mit seinem frisierten, wohlriechenden Backenbart blickend, auf den rotschimmernden Hals des straff in seiner Uniform erscheinenden Fürsten, an denen er vorbeizuschreiten hatte. »Es ist ganz richtig gesagt, daß alles in der Welt von Übel ist,« dachte er, nochmals seitwärts nach den Waden des Kammerherrn blickend.

Langsam seine Beine weiterbewegend, verbeugte er sich mit dem gewöhnlichen Ausdruck von Ermüdung und Würde vor jenen Herren, welche von ihm gesprochen hatten, und suchte, nach der Thür blickend, mit seinen Augen die Gräfin Lydia Iwanowna.

»Ah, Aleksey Aleksandrowitsch!« sagte der alte Herr, mit boshaft blinzelnden Augen, während Karenin neben ihm hinschritt und mit kalter Bewegung den Kopf neigte.

»Ich habe Euch noch nicht beglückwünscht,« sagte der alte Herr, auf sein neuempfangenes Ordensband weisend.

»Ich danke Euch,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch, welch, ein herrlicher Tag ist heute,« fügte er hinzu, nach seiner Gewohnheit besonders Betonung auf das Wort »herrlich« legend.

Daß man über ihn lachte, wußte er, aber er erwartete von ihnen ja auch gar nichts anderes als Feindseligkeit; er war schon daran gewöhnt.

Als er die aus dem Korsett emporsteigenden gelben Schultern der Gräfin Lydia Iwanowna, die in die Thür getreten war, und ihre ihn zu sich rufenden, schönen sinnigen Augen erblickte, lächelte er, die weißen, nicht schlecht gewordenen Zähne zeigend, und begab sich zu ihr hin.

Die Toilette Lydia Iwanownas hatte große Mühe gekostet, wie überhaupt alle ihre Toiletten in der letzten Zeit. Der Zweck derselben war jetzt ein vollständig umgekehrter im Vergleich zu dem, welchen sie vor dreißig Jahren damit verfolgt hatte.

Damals hatte sie sich nur mit Etwas putzen wollen, je mehr, um so besser. Jetzt, im Gegenteil hatte sie so notorisch in einer ihren Jahren und ihrer Figur nicht entsprechenden Weise an Schönheit verloren, daß sie nur noch darum bemüht war, den Gegensatz zwischen diesem Putz und ihrer äußeren Erscheinung nicht gar zu schrecklich werden zu lassen.

Was Aleksey Aleksandrowitsch anbetraf, so hatte sie dies erreicht, und erschien diesem anziehend. Sie bildete für ihn die einzige Insel nicht nur von Zuneigung, sondern auch der Liebe, inmitten des Meeres von Feindseligkeit und Hohn, das ihn umgab.

Durch die Spießrutengasse von höhnischen Blicken hindurchschreitend, strebte er naturgemäß ihrem Blick voll Liebe zu, wie die Pflanze dem Licht.

»Ich gratuliere Euch,« sprach sie zu ihm, mit den Augen auf sein Ordensband weisend.

Ein Lächeln des Vergnügens unterdrückend, zuckte er nur mit den Schultern, die Augen schließend, als wollte er sagen, es könne ihn dies nicht erfreuen. Die Gräfin Lydia Iwanowna wußte recht wohl, daß dies für ihn eine der höchsten Freuden war, obwohl er es nimmermehr eingestanden haben würde.

»Was macht unser Engel?« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, an Sergey denkend.

»Kann nicht gerade sagen, daß ich vollständig zufrieden mit ihm wäre,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, die Brauen in die Höhe ziehend und die Augen öffnend. »Auch Sitnikoff ist nicht zufrieden mit ihm.« Sitnikoff war der Pädagog, dem die weltliche Erziehung Sergeys anvertraut war. »Wie ich Euch schon gesagt habe, besitzt er eine gewisse Kühlheit gerade denjenigen Hauptfragen gegenüber, die die Seele eines jeden Menschen, und jedes Kind berühren,« begann er, seine Gedanken über die einzige, ihn neben seiner amtlichen Thätigkeit interessierende Frage zu entwickeln – über die Erziehung seines Sohnes.

Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch mit Hilfe Lydia Iwanownas aufs neue dem Leben und der Thätigkeit wieder geschenkt worden war, fühlte er auch seine Verpflichtung, sich mit der Erziehung des Kindes zu befassen, welches in seinen Händen geblieben war. Da er sich vorher niemals mit Erziehungsangelegenheiten beschäftigt hatte, so opferte Aleksey Aleksandrowitsch einige Zeit dem theoretischen Studium des Gegenstandes, und indem er einige anthropologische, pädagogische und didaktische Bücher durchlas, stellte er einen Erziehungsplan auf, und ging, den besten Petersburger Schulmann zur Leitung desselben einladend, ans Werk. Dieses Werk nun beschäftigte ihn beständig.

»Ja, aber das Herz? Ich erkenne in ihm das Herz des Vaters und mit einem solchen Herzen kann ein Kind nicht schlecht sein,« sagte Lydia Iwanowna verzückt.

»Ja, mag sein; was mich anbetrifft, so erfülle ich meine Pflicht. Das ist alles, was ich thun kann.«

»Ihr kommt doch mit zu mir,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, eine Pause machend, »ich muß über eine traurige Angelegenheit mit Euch reden. Alles hätte ich darum gegeben, Euch mit gewissen Erinnerungen zu verschonen, aber die anderen denken ja nicht so. Ich habe ein Schreiben ,von ihr^ erhalten. Sie ist hier, in Petersburg.«

Aleksey Aleksandrowitsch erschrak bei der Gemahnung an sein Weib, sofort aber stand auch jene totenhafte Unbeweglichkeit auf seinen Zügen, welche seine vollkommene Hilflosigkeit in dieser Sache ausdrückte.

»Ich habe das erwartet,« sagte er.

Die Gräfin Lydia Iwanowna blickte ihn verzückt an, und die Thränen des Enthusiasmus vor seiner Seelengröße traten ihr in die Augen.

25.

Als Aleksey Aleksandrowitsch in das kleine, mit altertümlichem Porzellan dekorierte und Gemälden behängte anheimelnde Kabinett Lydia Iwanownas trat, war die Herrin selbst noch nicht anwesend. Sie kleidete sich um.

Auf einem runden Tische war ein Tafeltuch aufgedeckt, auf welchem ein chinesisches Service und eine silberne Theemaschine stand. Aleksey Aleksandrowitsch betrachtete zerstreut die unzähligen, ihm bekannten Porträts, welche das Kabinett schmückten, und öffnete, nachdem er sich an dem Tische niedergelassen, das auf demselben liegende Evangelium.

Das Rauschen des seidenen Kleides der Gräfin zog ihn davon ab.

»So, nun wollen wir uns gemächlich setzen,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, mit aufgeregtem Lächeln hastig zwischen Tisch und Diwan durchschreitend, »und bei unserem Thee sprechen.«

Nach einigen Worten der Vorbereitung gab die Gräfin Lydia Iwanowna schwer atmend und errötend das empfangene Schreiben Aleksey Aleksandrowitsch in die Hände.

Das Schreiben durchlesend, blieb dieser lange stumm.

»Ich glaube nicht das Recht zu haben, ihr einen abschläglichen Bescheid geben zu dürfen,« sagte er zaghaft, die Augen erhebend. –

»Mein Freund, Ihr seht doch in keinem Menschen das Böse!.«

»Im Gegenteil sehe ich, daß alles von Übel ist! Ob es aber richtig ist.«

In seinem Gesicht lag Unentschlossenheit und das Suchen nach Rat, nach Unterstützung und Leitung in der Sache, die ihm unerfaßbar war.

»Nein« – unterbrach ihn die Gräfin Lydia Iwanowna, »alles hat seine Grenze! Ich begreife die Unmoral,« sagte sie – nicht ganz aufrichtig, da sie nie begreifen konnte, was Frauen zur Unmoral führt – »begreife aber nicht diese Hartherzigkeit. Gegen wen? gegen Euch! Wie kann man in dieser Stadt verbleiben, in welcher Ihr seid? Nein; man kann hundert Jahre leben und lernt nicht aus! Ich aber lerne Eure Erhabenheit und ihre Niedrigkeit erkennen!« –

»Wer will einen Stein auf sie werfen?« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, augenscheinlich mit seiner Rolle zufrieden. »Ich habe alles vergeben, und kann sie daher nicht dessen berauben, was eine Forderung ihrer Liebe ist, der Liebe zu ihrem Kinde« –

»Aber ist denn das Liebe, mein Freund? Ist das aufrichtig von Euch? Gesetzt auch, Ihr habt ihr vergeben, Ihr verzeiht ihr – haben wir deshalb das Recht, auf die Seele jenes Engels einzuwirken? Er hält sie für tot. Er betet für sie und bittet Gott, ihr ihre Sünden zu vergeben. So ist es doch am besten. Sonst aber – was wird er da denken?« –

»Hieran dachte ich nicht,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch, augenscheinlich zustimmend.

Die Gräfin Lydia Iwanowna bedeckte das Gesicht mit den Händen und blieb stumm. Sie betete.

»Wenn Ihr nach meinem Rate fragt,« sagte sie, mit beten fertig und das Gesicht wieder aufdeckend, »dann empfehle ich Euch, dies nicht zu thun. Sehe ich denn nicht selbst, wie Ihr leidet, wie dies alle Eure Wunden wieder geöffnet hat? Aber nehmen wir an, Ihr vergäßet, wie immer, Euch selbst; wozu könnte das dann führen? Zu neuen Leiden nur Eurerseits, zu Qualen für das Kind! Wenn in ihr noch etwas Menschliches geblieben ist, so darf sie dies selbst nicht wünschen. Ich rate, ohne mich dabei zu bedenken, nicht dazu, und wenn Ihr bestimmt, werde ich ihr schreiben.« –

Aleksey Aleksandrowitsch willigte darein, und die Gräfin Lydia Iwanowna schrieb folgendes Billet auf Französisch:

»Geehrte Frau! Die Erinnerung an Euch kann für Euren Sohn zu Fragen seinerseits führen, auf die es keine Antwort giebt, welche in die Seele des Kindes nicht den Geist des Tadels dem gegenüber einpflanzen müßte, was für ihn ein Heiligtum sein soll; demgemäß ersuche ich Euch, den abschläglichen Bescheid Eures Gatten im Geiste der christlichen Liebe aufzufassen.

Ich bitte den Höchsten um seine Barmherzigkeit mit Euch.

Gräfin Lydia Iwanowna.«

Dieses Schreiben verfolgte jenen geheimen Zweck, den die Gräfin Lydia Iwanowna sogar vor sich selbst verhehlte. Es traf Anna bis auf den Grund der Seele.

Aleksey Aleksandrowitsch seinerseits von Lydia Iwanowna nach Hause zurückgekehrt, vermochte es nicht, sich an diesem Tage seinen gewöhnlichen Geschäften zu widmen, und jenen inneren Frieden des gläubigen und geretteten Menschen zu finden, den er vorher empfunden hatte.

Die Erinnerung an sein Weib, das so schuldbeladen vor ihm war, und vor welchem er so hehr erschien, wie ihm ganz richtig die Gräfin Lydia Iwanowna gesagt hatte, hätte ihn nicht beunruhigen dürfen; und doch war er nicht ruhig; er vermochte das Buch nicht zu verstehen, welches er las, er vermochte die quälenden Erinnerungen an seine Beziehungen zu ihr nicht von sich zu weisen, die Erinnerung an jene Fehler, die er, wie ihm jetzt schien, ihr gegenüber begangen hatte.

Die Erinnerung daran, wie er, bei der Rückkehr von den Rennen, das Geständnis ihrer Untreue entgegengenommen hatte – besonders dies, daß er von ihr nur äußeren Anstand verlangt und nicht zum Duell herausgefordert hatte – peinigte ihn jetzt wie eine Reue. Ebenso folterte ihn auch die Erinnerung an das Schreiben, welches er ihr gesandt hatte, und insbesondere seine Verzeihung, die niemand etwas genützt hatte, und seine Sorge um jenes ihm fremde Kind versengte sein Herz vor Scham und Reue.

Ganz das nämliche Gefühl der Scham und Reue empfand er auch jetzt, da er seine ganze Vergangenheit mit ihr durchmusterte, und indem er sich der ungeschickten Worte erinnerte, mit denen er ihr nach langem Zaudern, seine Erklärung gemacht hatte.

»Aber woran trage ich eine Schuld?« sprach er zu sich selbst, und diese Frage rief in ihm stets eine andere hervor – die, ob die anderen Menschen wohl anders empfänden, anders liebten, anders heirateten. Jene Wronskiy, Oblonskiy, diese Kammerherren mit den drallen Waden, und eine ganze Reihe von jenen strotzenden, starken, rücksichtslosen Männern stieg vor ihm auf, die stets, Wider seinen Willen und allerorten seine Neugier und Aufmerksamkeit erregt hatten.

Er wies diese Gedanken von sich, er bemühte sich, sich zu überzeugen, daß er nicht für das gegenwärtige Leben lebe, sondern für das ewige, daß sich in seiner Seele der Frieden und die Liebe befinde. Aber das, was er in diesem zeitlichen, nichtigen Leben begangen hatte, wie ihm schien, einige unbedeutende Fehler, peinigte ihn doch so, als gäbe es jenes ewige Seelenheil gar nicht, an welches er glaubte.

Aber diese Versuchung währte nicht lange, und alsbald erstand wieder in der Seele Aleksey Aleksandrowitschs jene Ruhe und Erhabenheit, dank welcher er das zu vergessen vermochte, dessen er nicht zu gedenken wünschte.

17.

Das Gasthaus der Gouvernementsstadt, in welcher Nikolay Lewin krank lag, war eines jener Gouvernementshotels, wie sie nach neuen, vervollkommneten Mustern gebaut werden, ausgestattet mit den vorzüglichsten Rücksichtnahmen auf Sauberkeit, Komfort und selbst Eleganz, sich aber infolge des Publikums, das sie besucht, mit außerordentlicher Schnelligkeit in schmutzige Schenken, unter dem Anstrich zeitgemäßer Vervollkommnung, verwandeln, damit aber noch schlimmer werden, als die altmodischen, nur unsauberen Gasthäuser.

Das Hotel war schon in diesen Zustand geraten, und der Soldat in schmutziger Uniform, welcher am Eingang eine Cigarette qualmte, und das Amt eines Portiers versah, sowie die gußeiserne, zugige, düstere und unfreundliche Treppe, der freche Kellner in schmutzigem Frack und der öffentliche Salon mit dem staubbedeckten Bouquet von Wachsblumen, welches den Tisch zierte, der Staub und Schmutz, die Unordnung überall, und dazu noch die eigentümliche gleichzeitig bemerkbare Eisenbahnhast, riefen in dem Lewinschen Ehepaar nach dem jungen Eheleben ein beklemmendes Gefühl hervor; besonders beklemmend dadurch, daß sich der scheinbare Eindruck, den das Gasthaus machte, in keiner Weise mit dem vereinbarte, was beide darin erwartete.

Wie immer, so zeigte es sich auch jetzt, daß, nachdem sie die Frage, zu welchem Preise sie ein Zimmer zu haben wünschten beantwortet hatten, nicht ein einziges in gutem Zustande befindliches da war. Ein gutes Zimmer war von einem Eisenbahnrevisor besetzt, ein zweites von einem Moskauer Advokaten, ein drittes von der Fürstin Astaphjewa, die vom Dorfe gekommen war. Es blieb nur ein schmutziger Raum, neben dem man am Abend noch ein zweites freizumachen versprach.

Voll Verdruß über sein Weib, da es so kam, wie er erwartet hatte, und namentlich, daß er im Augenblick der Ankunft, wo ihm das Herz von Bewegung ergriffen war bei dem Gedanken, wie es mit dem Bruder stehen möge, Sorge für sie zu tragen hatte, anstatt sofort zu dem Bruder eilen zu können, führte Lewin seine Frau in das ihnen zugewiesene Zimmer.

»Geh, geh,« sagte sie, ihn mit schüchternem, schuldbewußtem Blick anschauend.

Schweigend schritt er aus der Thür und traf hier mit Marja Nikolajewna zusammen, die von seiner Ankunft erfahren hatte, aber nicht wagte, bei ihm einzutreten. Sie sah noch geradeso aus, wie er sie in Moskau gesehen hatte, das nämliche wollene Kleid, Arme und Hals nackt, und das nämliche, gutmütig stumpfe, nur etwas voller gewordene, pockennarbige Gesicht.

»Wie geht es? Was macht er? Wie?«

»Sehr schlecht. Er steht gar nicht mehr auf. Er hat Euch schon erwartet. Er – Ihr seid mit Eurer Gattin gekommen?«

Lewin verstand in der ersten Minute nicht, was sie in Verlegenheit setzte, doch klärte sie ihn sogleich auf.

»Ich will gehen – nach der Küche,« sagte sie; »der Herr wird sich freuen. Er hat schon gehört, und kennt die Dame, und entsinnt sich ihrer noch vom Auslande her.«

Lewin verstand jetzt erst, daß sie seine Frau meine, wußte aber nicht, was er ihr antworten sollte.

»Kommt, kommt!« sagte er.

Kaum hatte er sich jedoch zum Gehen angeschickt, als sich die Thür seines Zimmers öffnete und Kity herausblickte. Lewin errötete vor Scham und Ärger über sein Weib, das sich selbst und ihn in diese schwierige Situation gebracht hatte; Marja Nikolajewna errötete aber noch mehr. Sie drückte sich seitwärts, bis zum Weinen rot geworden und drehte die Zipfel ihres Tuches, die sie mit beiden Händen ergriffen hatte, in ihren roten Fingern, ohne zu wissen, was sie sagen oder anfangen sollte.

Im ersten Moment sah Lewin den Ausdruck einer lebhaften Neugier in dem Blick, mit welchem Kity auf dieses für sie unbegreifliche, schreckliche Weib schaute, aber dies währte nur einen Augenblick.

»Nun, wie ist es denn, wie ist es denn?« wandte sie sich an ihren Gatten und an jene. »Was macht er?« wandte sie sich an ihren Mann und dann an sie.

»Man kann indessen auf dem Korridor nicht sprechen!« sagte Lewin sich voll Verdruß nach einem Herrn umblickend, welcher dröhnenden Schrittes, als wäre er ganz allein hier, soeben den Korridor hinabging.

»Nun, so kommt doch herein,« sagte Kity, zu der sich emporrichtenden Marja Nikolajewna gewendet, fügte aber, als sie das erschreckte Gesicht ihres Mannes erblickte, sogleich hinzu, »oder geht, geht, und schickt nach mir,« und wandte sich wieder in ihr Zimmer zurück.

Lewin ging zu seinem Bruder. Er hatte durchaus nicht erwartet, was er bei dem Bruder sah und empfand. Er hatte erwartet, noch den nämlichen Zustand der Selbsttäuschung zu finden, welcher – er hatte dies gehört – bei Brustleidenden so häufig sein soll, und der ihn während des Besuchs seines Bruders im Herbst so betroffen gemacht hatte. Er hatte erwartet, die physischen Anzeichen des nahenden Todes noch ausgeprägter zu finden, eine größere Schwäche und größere Magerkeit, aber es zeigte sich fast noch immer der nämliche Zustand. Er hatte erwartet, selbst wieder jenes Gefühl des Schmerzes über den Verlust des geliebten Bruders und des Entsetzens vor dessen Tode zu empfinden, welches er damals gehabt hatte, nur in noch höherem Grade. Er hatte sich selbst darauf vorbereitet, aber er fand etwas ganz Anderes.

In einem kleinen, unsauberen Zimmer, deren gemaltes Getäfel an den Wänden bespieen und hinter dessen dünner Zwischenwand Gespräch vernehmbar war, in einer von erstickendem Geruch verunreinigten Luft lag auf einem von der Wand abgerückten Bett ein vom Deckbett verhüllter menschlicher Körper. Ein Arm dieses Körpers lag oben auf der Bettdecke, und die große, wie eine Harke aussehende Hand dieses Armes hing auf unbegreifliche Weise an einer dünnen, langen, von Anfang bis zur Mitte gleichmäßig verlaufenden Spule fest. Der Kopf lag seitwärts gedreht auf dem Kissen. Lewin sah die schweißbedeckten, spärlichen Haare an den Schläfen und über der Stirn.

»Es kann nicht sein, daß dieser entsetzliche Körper mein Bruder Nikolay ist,« dachte Lewin. Doch er trat näher, erblickte das Gesicht und sein Zweifel war schon unmöglich geworden. Trotz der furchtbaren Veränderung dieser Züge, mußte Lewin doch erst noch diese lebhaften, sich auf den Eintretenden richtenden Augen, und diese leichte Bewegung des Mundes unter dem zusammenklebenden Schnurrbart erblicken, wollte er die furchtbare Wahrheit begreifen, daß dieser Totenkörper da sein lebender Bruder war.

Die glänzenden Augen blickten ernst und vorwurfsvoll auf den eintretenden Bruder, und sogleich mit diesem Blicke entstand eine lebhafte Wechselbeziehung unter den Lebenden. Lewin fühlte sofort den Vorwurf in dem auf ihn gerichteten Blick, und Reue über sein eigenes Glück.

Als Konstantin Nikolays Hand ergriff, lächelte dieser. Sein Lächeln war schwach, kaum merklich, und trotz dieses Lächelns schwand der strenge Ausdruck seiner Augen nicht.

»Du hast wohl nicht erwartet, mich so zu finden,« brachte er mit Anstrengung hervor.

»Ja – nein« – sprach Lewin, in seinen eigenen Worten irre werdend. »Warum konntest du nicht früher von dir wissen lassen, zur Zeit meiner Verheiratung? Ich habe überall Nachforschungen nach dir angestellt.«

Es mußte gesprochen werden, damit man nicht schwieg, und er wußte doch nicht, was er sagen sollte, um so weniger, als sein Bruder nicht antwortete, sondern nur unverwandt schaute, und offenbar in den Sinn eines jeden Wortes eindringen wollte. Lewin teilte dem Bruder mit, daß auch seine Frau mit ihm gekommen sei. Nikolay drückte sein Vergnügen darüber aus, sagte aber, er fürchte, sie durch seinen Zustand zu erschrecken. Ein Schweigen trat ein. Plötzlich regte sich Nikolay und begann zu sprechen. Lewin erwartete etwas besonders Bedeutendes und Gewichtiges dem Ausdruck seines Gesichts nach, doch sprach Nikolay nur über seine Gesundheit. Er klagte den Doktor an, beklagte, daß er keinen berühmten Moskauer Arzt habe und Lewin erkannte, daß er noch immer Hoffnung hegte.

Die erste Minute des Schweigens benutzend, erhob sich Lewin, im Wunsche, wenigstens für eine Minute von dem peinigenden Gefühl erlöst zu sein, und sagte, daß er gehen wolle, um seine Frau herzuführen.

»Gut, ich will indessen anordnen, daß hier gesäubert wird. Es ist schmutzig hier und riecht übel, glaube ich. Mascha! Räume hier auf,« sagte der Kranke mit Anstrengung, »und wenn du aufgeräumt hast, kannst du hinausgehen,« fügte er hinzu, den Blick fragend auf den Bruder richtend.

Lewin antwortete nichts. Als er auf den Korridor hinaustrat, blieb er stehen. Er hatte gesagt, daß er seine Frau herführen wolle, jetzt aber, als er sich Rechenschaft von jenem Gefühl gab, welches er empfunden hatte, beschloß er, im Gegenteil zu versuchen, sie zu überreden, daß sie nicht zu dem Kranken gehe. »Wozu sie peinigen, wie ich mich peinige?« dachte er.

»Nun? Was ist? Wie steht es?« frug ihn Kity mit erschrecktem Gesicht. »Ach, es ist doch entsetzlich, entsetzlich. Warum bist du nur mitgekommen?« sagte Lewin.

Kity schwieg einige Sekunden, schüchtern und kläglich auf ihren Mann blickend; dann trat sie auf ihn zu und hing sich mit beiden Armen an seinen Ellbogen.

»Mein Konstantin! führe mich zu ihm, es wird uns zu Zweien leichter werden. Führe du mich nur, führe mich, bitte, und komm,« sagte sie, »begreife doch, daß es nur bei weitem schwerer wird, dich zu sehen und ihn nicht. Dort werde ich vielleicht dir und ihm nützlich werden können. Bitte gestatte es!« beschwor sie ihren Mann, als ob das Glück ihres Lebens hiervon abhinge.

Lewin mußte einwilligen und begab sich, nachdem er sich etwas erholt hatte, Marja Nikolajewna schon ganz vergessend, mit Kity wieder zu seinem Bruder.

Leisen Schrittes und unverwandt auf ihren Gatten blickend, welchen sie ihr mutiges und doch gefühlvolles Antlitz wies, betrat sie das Zimmer des Kranken und schloß, sich ohne Hast zurückwendend, geräuschlos die Thür. Mit unhörbaren Schritten näherte sie sich rasch dem Lager des Kranken und so herantretend, daß dieser den Kopf nicht zu drehen brauchte, nahm sie sogleich das Skelett seiner großen Hand in ihre frische, jugendliche, drückte sie und begann dann, mit jener, nur den Frauen eigenen, und nicht verletzenden füllen Lebhaftigkeit mit ihm zu sprechen.

»Wir sind uns in Soden begegnet, sind uns aber dort nicht bekannt gewesen,« sagte sie, »Ihr habt da nicht vermutet, daß ich einmal Eure Schwester werden würde.«

»Ihr solltet Euch nicht nach mir erkundigt haben?« frug er mit dem Lächeln, welches schon bei ihrem Eintreten aufleuchtete.

»Nein; dann hätte ich ja erfahren. Wie recht Ihr doch gethan habt, uns von Euch Nachricht zu geben! Kein Tag ist vergangen, daß Konstantin nicht Eurer gedacht und sich beunruhigt hätte um Euch.«

Die Lebhaftigkeit des Kranken währte indessen nicht lange. Sie hatte noch nicht aufgehört zu sprechen, als auf seinem Gesicht abermals der strenge vorwurfsvolle Ausdruck des Neides des Sterbenden gegenüber dem Lebenden erschien.

»Ich fürchte, Ihr werdet Euch hier nicht recht wohl befinden,« sagte sie, sich von seinem starren Blicke abwendend und im Zimmer Umschau haltend. »Man muß bei dem Wirt ein anderes Zimmer erbitten,« sagte sie zu ihren Manne, »schon, damit wir näher sind.«

18.

Lewin konnte den Bruder nicht ruhig ansehen, nicht natürlich und ruhig unbewegt in seiner Gegenwart sein. Als er bei dem Kranken eingetreten war, hatte sich sein Blick und seine Wahrnehmungskraft unbewußt verdunkelt, und er gewahrte nicht mehr die Einzelheiten des Zustandes seines Bruders. Er hörte von dem entsetzlichen Geruch, sah die Unsauberkeit, Unordnung und die peinvolle Lage, dieses Stöhnen, und fühlte, daß Hilfe nicht mehr möglich war. Es war ihm nicht einmal in den Sinn gekommen, daran zu denken, daß er alle Einzelheiten in dem Zustande des Kranken erfaßte, daß da unter der Decke dieser Körper lag, diese gekrümmten abgezehrten Beine, Brustknochen, dieser Rücken und ob es nicht anginge, das alles, besser zu legen, etwas zu thun, was die Lage, wenn nicht besser, so doch weniger mißlich gestaltete. Kalt rieselte es ihm über den Rücken hinab, als er an alle diese Einzelheiten zu denken begann. Er war fest überzeugt, daß hier nichts mehr zu thun war, weder etwas für eine Verlängerung des Lebens, noch für eine Erleichterung der Leiden; doch das Bewußtsein, sich eingestehen zu müssen, jede Hilfe sei unmöglich, machte sich ihm schmerzlich fühlbar und versetzte ihn in Erbitterung. Lewin wurde es infolge dessen noch schwerer ums Herz. Der Aufenthalt in dem Zimmer des Kranken war qualvoll für ihn, nicht darin zu sein aber noch schlimmer. Unter verschiedenen Vorwänden begab er sich daher fortwährend hinaus, da er nicht die Kraft befaß, allein hier zu bleiben.

Kity aber dachte, fühlte und handelte durchaus nicht ebenso. Bei dem Anblick des Kranken jammerte es sie um ihn, und das Mitleid in ihrer Frauenseele erweckte durchaus nicht jenes Gefühl des Entsetzens und des Ekels bei ihr, wie es dies bei ihrem Manne hervorgerufen hatte, sondern lediglich die Erkenntnis ihrer Pflicht zu handeln, alle Einzelheiten seines Zustandes kennen zu lernen und ihnen beizukommen. Und da in ihr nicht der geringste Zweifel darüber bestand, daß sie ihm Hilfe leisten müsse, so zweifelte sie auch nicht daran, daß dies möglich sei und begab sich sofort ans Werk.

Alle jene Einzelumstände, deren bloße Vorstellung schon ihren Mann in Schrecken versetzt hatte, lenkten sogleich ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie schickte nach einem Arzt und in die Apotheke, befahl der mit ihr gekommenen Zofe, sowie Marja Nikolajewna, zu fegen, den Staub zu wischen und den Kranken zu waschen, wusch selbst mit ab, und reichte Etwas unter die Bettdecke. Gegenstände wurden herbeigebracht oder aus dem Krankenzimmer hinausgetragen nach ihrer Anordnung, und sie selbst begab sich mehrmals nach ihrem Zimmer, ohne die ihr begegnenden Herren zu bemerken, langte Betttücher und Überzüge, Handtücher und Hemden hervor und brachte sie herbei.

Der Diener, welcher im Gesellschaftssaale ein Essen für Ingenieure auszurichten hatte, erschien mehrere Male mit ärgerlicher Miene auf ihren Ruf, konnte aber nicht umhin, ihre Befehle zu erfüllen, da sie dieselben mit so wohlwollender Bestimmtheit erteilte, daß man sie unmöglich sich selbst überlassen konnte. Lewin hieß dies alles durchaus nicht gut; er glaubte nicht, daß daraus noch irgend ein Nutzen für den Kranken erwüchse, vor allem aber fürchtete er, der Kranke könne dabei noch in Aufregung geraten. Dieser jedoch verhielt sich, wenigstens wie es schien, dem gegenüber gleichgültig und geriet nicht in Erregung, sondern empfand nur eine gewisse Scham, interessierte sich aber im allgemeinen für das, was sie an ihm that. Vom Arzte zurückgekehrt, zu welchem Kity ihn gesandt hatte, fand Lewin, die Thüre öffnend, den Kranken in dem Moment, als man nach Kitys Anordnung seine Wäsche wechselte. Das lange bleiche Skelett des Rückens mit den großen hervorstehenden Schulterblättern, und den starrenden Rippen und Rückgratwirbeln war entblößt; Marja Nikolajewna und der Diener waren mit dem einen Hemdärmel in Unordnung geraten und konnten den langen herabhängenden Arm nicht hineinbringen. Kity, welche geschäftig die Thür hinter Lewin wieder schloß, hatte nicht nach dieser Seite geblickt, aber der Kranke stöhnte auf und sie wandte sich schnell zu ihm hin.

»Schneller,« befahl sie.

»Ihr geht ja nicht,« sagte der Kranke gereizt, »ich will selber« –

»Was sagt Ihr?« frug Marja Nikolajewna dazwischen.

Kity hatte jedoch gehört und verstanden, daß es ihm peinlich und unangenehm war, in ihrer Gegenwart entblößt zu sein.

»Ich sehe nicht hin, sehe nicht hin!« sagte sie daher, den Arm richtend, »Marja Nikolajewna, tretet von dieser Seite, bringt ihn in Ordnung,« fügte sie hinzu. – »Geh doch – bitte – in meinem kleinen Reisesack befindet sich ein Riechfläschchen,« wandte sie sich an ihren Mann, »du weißt ja, in der Seitentasche. Bring es mir doch, während man hier noch vollends Ordnung macht.«

Als Lewin mit dem Riechfläschchen zurückkehrte, fand er den Kranken bereits wieder zurecht gelegt, und alles in seiner Umgebung völlig verwandelt. Der drückende üble Geruch war mit einer Atmosphäre von Essig und Parfüms vertauscht worden, welche Kity mit gespitzten Lippen und aufgeblasenen roten Wangen durch das Flacon umhersprengte. Von Staub war nichts mehr zu sehen und vor dem Bett lag ein Teppich. Auf dem Tische standen geordnet Flacons und Caraffen, lag auch die nötige Wäsche, sowie eine Arbeit in broderie anglaise von Kity. Auf einem andern Tische am Bett des Kranken, stand Getränk, ein Licht und Arzneipulver. Der Kranke selbst, gesäubert und gekämmt, lag in frischen Überzügen, auf hochgemachten Kissen und in weißem Hemd mit einem weißen Kragen um den unnatürlich dünnen Hals, und blickte mit einem Ausdruck von Hoffnung unverwandt auf Kity.

Der von Lewin herbeigebrachte, erst im Klub aufgefundene Arzt, war nicht der nämliche, welcher Nikolay Lewin sonst behandelte und mit welchem dieser unzufrieden war. Der neue Arzt langte ein Hörrohr hervor und behorchte den Kranken, schüttelte den Kopf, verschrieb eine Arznei, und erklärte mit großer Ausführlichkeit zunächst, wie die Arznei zu nehmen sei, und dann, welche Diät beobachtet werden sollte. Er empfahl rohe oder nur weichgekochte Eier, und Selterswasser mit warmer Milch von bestimmter Temperatur.

Nachdem der Arzt gegangen war, sagte der Kranke etwas zu seinem Bruder, allein Lewin vernahm nur die letzten Worte »deine Katja«; an dem Blicke jedoch, mit welchem jener sie anschaute, erkannte Lewin, daß sie geloht worden sei. Er rief nun auch Katja, wie Nikolay sie genannt hatte.

»Mir ist schon bei weitem besser,« sagte er, »bei Euch wäre ich freilich schon längst wieder gesund geworden. Wie wohl mir ist!« Er ergriff ihre Hand und zog sie an seine Lippen, gab aber, wie in der Furcht, es möchte ihr dies unangenehm sein, seine Absicht auf, ließ die Hand sinken und streichelte sie nur. Kity faßte diese Hand mit ihren beiden Händen und drückte sie. »Jetzt legt mich auf die linke Seite und geht schlafen,« fuhr er fort.

Niemand hatte verstanden, was er sprach, nur Kity hatte es erfaßt. Sie hatte es verstanden, weil sie fortwährend in Gedanken beobachtete, was er wünschen möchte.

»Auf die andere Seite,« sagte sie zu ihrem Manne, »er schläft stets auf jener. Lege du ihn um, ich möchte nicht gern die Dienerschaft dazu rufen. Ich aber kann es nicht. Ihr könnt es auch nicht?« wandte sie sich an Marja Nikolajewna.

»Ich fürchte mich,« versetzte diese.

So entsetzlich es Lewin auch sein mochte, diesen grauenhaften Körper mit beiden Armen umfassen zu müssen und Stellen unter der Bettdecke zu berühren, von denen er nichts wissen mochte, machte Lewin, dem Einflüsse seines Weibes nachgebend, das energische Gesicht, das dieses schon an ihm kannte und schickte sich dazu an, indem er die Arme vorstreckte, war aber bei aller seiner Kraft, von der seltsamen Schwere dieser ausgemergelten Glieder überrascht.

Während er ihn wandte, seinen Hals von dem abgezehrten, langen Arme umfaßt fühlend, drehte Kity schnell und leise das Kopfkissen um und schob es wieder unter, legte den Kopf des Kranken zurecht und ordnete ihm das spärliche Haar, welches wieder an den Schläfen klebte.

Der Kranke hielt des Bruders Hand in der seinen. Lewin fühlte, daß er etwas mit dieser Hand zu thun wünsche und dieselbe mit sich zog; erstarrend folgte er derselben. Nikolay führte seine Hand an die Lippen und küßte sie und Lewin erschauerte in Schluchzen und verließ, nicht fähig zu reden, das Gemach.

19.

»Er hat sich vor den Weisen verborgen und den Kindern und Thoren entdeckt.« So dachte Lewin auch über sein Weib, als er an diesem Abend mit ihr sprach.

Lewin dachte an das Wort des Evangeliums nicht deshalb, weil er selbst sich für weise gehalten hätte. Er hielt sich nicht für weise, wußte aber auch recht wohl, daß er doch klüger war, als sein Weib und als Agathe Michailowna; wußte recht wohl, daß er, wenn er des Todes gedachte, dies mit allen Kräften seines Geistes that. Er wußte auch, daß viele höhere Geister von Männern, deren Gedanken er darüber gelesen hatte, nicht ein Hundertstel von dem gedacht hatten, was sein Weib und Agathe Michailowna darüber wußten. So ungleich nun diese beiden Weiber einander sein mochten, Agathe Michailowna und Katja, wie sie sein Bruder Nikolay, und auch Lewin sehr gern nannte, hierin waren sie einander vollkommen ähnlich. Beide wußten sicher, was Leben eigentlich war, und auch was Tod sei, und obwohl sie nicht antworten konnten, oder die Fragen auch nur verstehen, die sich Lewin aufdrängten, so zweifelten sie beide doch nicht an der Bedeutung dieser Erscheinung und betrachteten dieselbe vollkommen gleichartig, nicht nur unter sich, sondern, indem sie ihre Anschauung mit Millionen Menschen teilten. Der Beweis dafür, daß sie genau wußten, was Tod sei, lag darin, daß sie, ohne sich eine Sekunde zu besinnen, wußten, wie man mit Sterbenden umgehen müsse, und diese nicht fürchteten. Lewin und die anderen wußten, obwohl sie viel über den Tod sagen konnten, augenscheinlich nicht, warum sie ihn fürchteten; sie wußten sicher nicht, was zu thun sei, wenn ein Mensch starb. Wäre Lewin jetzt allein gewesen mit seinem Bruder, so würde er ihn voll Entsetzen betrachtet, und mit noch größerem Entsetzen gewartet haben, aber nicht imstande gewesen sein, irgendwie zu handeln.

Er wußte nicht, was er sagen, wie er blicken, wie er gehen sollte. Über Fernerliegendes mit ihm zu sprechen, erschien verletzend, das ging nicht; über den Tod zu sprechen, die finstere Macht, ging auch nicht; schweigen – gleichfalls nicht. – Blickte er den Kranken an, so konnte dieser denken, er wolle ihn durchforschen, blickte er ihn nicht an, so konnte Nikolay denken, er sei bei etwas ganz Anderem. Ging er auf den Fußspitzen, so mochte der Bruder unzufrieden damit sein, trat er voll auf, so schickte sich das nicht.

Kity dachte augenscheinlich gar nicht an sich und hatte wohl auch nicht die Zeit, an sich zu denken; sie dachte nur an ihn, weil sie etwas Bestimmtes wußte, und alles ging gut bei ihr von statten. Sie hatte ihm von sich erzählt, von ihrer Hochzeit und hatte gelächelt und ihn bemitleidet, ihm geschmeichelt, und mit ihm über Fälle von Genesungen gesprochen, und das alles ging ihr gut von statten; vielleicht weil sie etwas wußte.

Der Beweis dafür, daß ihre Wirksamkeit, wie diejenige Agathe Michailownas, keine instinktive, rein physische unbedachte war, lag darin, daß außer der physischen Beruhigung, der Erleichterung der Leiden, sowohl Agathe Michailowna als Kity für den Sterbenden noch etwas weit Wichtigeres anstrebten, als physische Beruhigung, ein Etwas, das nichts Gemeinsames besaß mit physischen Umständen. Agathe Michailowna hatte in dem Gespräch über jenen verstorbenen Alten gesagt: »Nun, man hat ihm das Abendmahl, die letzte Ölung gegeben, gebe Gott, daß ein jeder so sterbe!« Ganz ebenso hatte Kity ungeachtet aller Sorge für die Wäsche, die wundgelegenen Stellen, das Trinken des Kranken bereits am ersten Tage demselben von der Notwendigkeit gesprochen, daß er kommuniziere.

Nachdem sie für die Nacht von dem Kranken in ihre beiden Zimmer zurückgekehrt waren, hatte sich Lewin niedergesetzt und den Kopf sinken lassen, ohne zu wissen, was er beginnen solle.

Geschweige, daß er davon gesprochen hätte, zu Abend speisen zu wollen, oder das Nachtlager in Ordnung zu bringen, und zu überlegen, was nun zu thun sei, vermochte er nicht einmal mit seiner Frau zu reden; so schwer war ihm das Herz. Kity hingegen war geschäftiger, als gewöhnlich: sie war sogar lebhafter, als sonst. Sie befahl Abendessen zu bringen, packte selbst die Sachen aus, half die Betten vorzurichten und vergaß nicht einmal, sie mit persischem Pulver zu bestreuen. In ihr lag eine Munterkeit, eine Präzision im Denken, wie sie sich bei den Männern vor einer Schlacht, einem Kampfe, in gefahrvollen entscheidenden Momenten zeigt, jenen Minuten, in welchen ein für allemal der Mann seinen Wert zeigt und beweist, daß seine ganze Vergangenheit nicht umsonst gewesen ist, sondern eine Vorbereitung war für diese Minuten.

Alles ging ihr von statten, und es war noch nicht zwölf Uhr, als alle Sachen sauber ausgepackt waren; sorgfältig und in einer Weise, daß das Zimmer ihrem eigenen Hause ähnlich wurde, ihren Zimmern. Die Betten waren aufgeschlagen, die Bürsten, Kämme, Spiegel aufgelegt, und Servietten übergebreitet.

Lewin fand es sei unverzeihlich, jetzt zu essen, zu schlafen, ja selbst zu reden und dabei zu empfinden, daß jede seiner Bewegungen nicht schicklich sei. Sie hingegen steckte die Bürsten aus, verrichtete aber alles so, daß nichts Verletzendes darin lag.

Essen konnten sie allerdings nicht und lange Zeit fanden sie auch keinen Schlaf, ja sie wollten erst lange Zeit gar nicht zur Ruhe gehen.

»Ich bin sehr froh, daß ich ihm zugeredet habe, morgen zu kommunizieren,« sagte sie, im Ärmelleibchen vor ihrem Necessaire sitzend und sich mit dem dichten Kamme das reiche duftige Haar strählend, »ich habe dies noch nie gesehen, weiß aber, daß Mama mir gesagt hat, es wären Gebete für die Herstellung dabei.«

»Glaubst du wirklich, daß er wieder gesund werden kann?« sagte Lewin, nach der, sobald sie den Kamm vorwärts bewegte, fortwährend verhüllten dichten Zahnreihe an der hinteren Seite ihres runden Köpfchens schauend.

»Ich habe den Arzt gefragt; er sagte mir, daß er nicht länger als noch drei Tage leben könne. Aber können die es wissen? Ich bin gleichwohl sehr froh, daß ich ihn überredet habe,« sagte sie, unter ihrem Haar hervor seitwärts nach ihrem Manne blickend. »Es ist alles möglich,« fügte sie hinzu mit jenem eigentümlichen, ein wenig schlauen Ausdruck, der stets auf ihrem Gesicht lag, wenn sie über Religion sprach.

Nach jenem Gespräch über die Religion, zur Zeit als sie noch Bräutigam und Braut waren, hatte weder er noch sie ein Gespräch darüber wieder angeknüpft, sie aber erfüllte dies Ceremoniell des Kirchenbesuchs, des Gebetes, stets in dem nämlichen ruhigen Bewußtsein, daß es so erforderlich sei. Ungeachtet seiner Versicherungen des Gegenteils war sie fest überzeugt, daß er ein ebensolcher, ja, noch besserer Christ war, wie sie und daß alles, was er darüber sprach, nur eine seiner sarkastischen Männerlaunen sei, ebenso wie das, was er über die broderie anglaise sagte: »Möchten doch die guten Leute lieber die Löcher zustopfen, hier aber werden sie absichtlich eingeschnitten« und Ähnliches.

»Jenes Weib da, die Marja Nikolajewna hat nicht verstanden, alles das einzurichten,« sagte Lewin, »und – ich muß es eingestehen, daß ich sehr, sehr froh bin, daß du mitgekommen bist. Du bist solch eine Reinheit, daß« – er ergriff ihre Hand, küßte sie aber nicht – das Küssen ihrer Hand in dieser Nähe des Todes, erschien ihm unpassend – sondern preßte sie nur, mit schuldbewußtem Ausdruck in ihre aufleuchtenden Augen blickend.

»Für dich allein wäre es doch so peinlich geworden,« sagte sie, wand die Hände emporhebend, welche ihre vor Freude erglühenden Wangen deckten, die Zöpfe auf dem Scheitel zusammen und steckte sie fest. »Nein,« sprach sie, »das hat sie nicht verstanden. Zum Glück habe ich viel in Soden gelernt.«

»Waren denn dort derartige Kranke?«

»Noch schlimmere sogar.«

»Es ist furchtbar für mich, daß ich ihn stets so sehen muß, wie er in der Jugend war. Du glaubst nicht, welch ein schöner Jüngling er gewesen ist; ich aber habe ihn damals nur nicht verstanden.«

»Ich glaube es wohl, recht wohl. Wie empfinde ich es, daß wir so gut mit ihm gewesen sein würden,« sagte sie, erschrak aber sogleich über das was sie gesagt hatte, sich nach ihrem Manne umschauend, und Thränen traten ihr in die Augen.

»Ja – gewesen sein würden« – sagte er traurig, »das ist eben einer jener Menschen, von denen man sagt, daß sie nicht für diese Welt sind.«

»Gleichviel, uns stehen noch viele Tage bevor, doch wir müssen uns niederlegen,« sagte Kity, auf ihre winzige Uhr sehend.

2

Am Tage der Trauung bekam Lewin nach der üblichen Sitte – auf der Beobachtung aller Gebräuche beharrte die Fürstin und Darja Aleksandrowna streng – seine Braut nicht zu sehen und speiste im Hotel wo er wohnte, zusammen mit drei Junggesellen, die sich zufällig gefunden hatten; Sergey Iwanowitsch, Katawasoff, ein Universitätsfreund und nunmehriger Professor der Naturwissenschaften, den Lewin auf der Straße getroffen und mit sich genommen hatte, und Tschirikoff, ein Moskauer Friedensrichter und Gefährte Lewins auf der Bärenjagd.

Beim Diner ging es sehr heiter zu. Sergey Iwanowitsch war in aufgeräumtester Stimmung und trieb seine Kurzweil mit Katawasoffs Eigentümlichkeit. Katawasoff, welcher fühlte, daß seine Originalität geschätzt und verstanden werde, kokettierte mit derselben und Tschirikoff unterstützte die allgemeine Unterhaltung in seiner heiteren und gutmütigen Art.

»Da haben wir es ja,« sagte Katawasoff mit seiner, auf der Katheder angenommenen Art, die Worte zu dehnen, »welch ein tüchtiger Bursch unser Freund Konstantin Dmitritsch ist. Ich spreche von dem Abwesenden natürlich, denn er ist schon gar nicht mehr hier. Erst liebte er die Wissenschaft, und nach seinem Abschied von der Universität pflegte er menschliche Interessen; jetzt verwendet er die eine Hälfte seiner Fähigkeiten darauf, sich selbst zu betrügen, und die andere – um diesen Betrug zu rechtfertigen.«

»Einen entschiedeneren Feind des Heiratens, als Euch, habe ich noch nicht gesehen,« sagte Sergey Iwanowitsch.

»O nein; ich bin kein Feind davon; ich bin vielmehr ein Freund der Arbeitsteilung. Die Menschen, welche selbst nichts fertig bringen können, müssen Menschen hervorbringen, und die übrigen – müssen zu deren Aufklärung und Beglückung wirken. So fasse ich die Sache auf. Für die Mischung dieser beiden Berufszweige giebt es ja eine Unmasse von Liebhabern, ich aber gehöre nicht unter die Zahl derselben.«

»Wie glücklich würde ich sein, wenn ich einmal erführe, daß Ihr Euch verliebt hättet,« sagte Lewin, »ladet mich nur ja zur Hochzeit ein!«

»Ich bin schon verliebt.«

»Ja, ja, vielleicht in einen Tintenfisch. Du weißt doch,« wandte sich Lewin an seinen Bruder, »daß Michail Ssemjonowitsch ein Werk über Ernährung schreibt und« –

»Nun; nur nichts durcheinanderbringen! Das ist doch ganz gleich. Es handelt sich jetzt nur darum, daß ich wirklich einen Tintenfisch lieben soll.«

»Das hindert Euch aber nicht, auch ein Weib zu lieben.«

»Er nicht, aber das Weib hindert.«

»Inwiefern denn.«

»Ihr werdet es schon noch sehen. Ihr liebt das Landleben, die Jagd – paßt nur auf!«

»Archip war heute hier und meldete, daß eine Masse Elentiere in Prudno wären, und zwei Bären,« sagte jetzt Tschirikoff.

»Nun; die müßt Ihr schon ohne mich fangen.«

»Ganz richtig,« sagte Sergey Iwanowitsch, »empfehle dich nur gleich von vornherein der Bärenjagd – deine Frau wird dich nicht mehr fortlassen.«

Lewin lächelte. Der Gedanke, daß seine Frau ihn nicht mehr zur Bärenjagd lassen würde, war ihm so angenehm, daß er bereit war, dem Vergnügen, Bären zu sehen, für immer zu entsagen.

»Aber es ist doch schade, daß diese beiden Bären ohne Euch erlegt werden. Besinnt Ihr Euch noch, das letzte Mal in Chapilowo? Das war eine wunderbare Jagd,« sagte Tschirikoff.

Lewin wollte ihn nicht ernüchtern, indem er sagte, daß es auch ohne die Bärenjagd noch manches Schöne geben könne und antwortete daher nicht.

»Nicht unnützerweise hat sich diese Sitte des Abschiednehmens vom Junggesellenleben eingebürgert,« sagte Sergey Iwanowitsch, »wie glücklich du auch sein magst, schade ist es doch um die verlorene Freiheit. Gesteht nur, man hat dabei ein Gefühl wie der Gogolsche Bräutigam, daß man durch das Fenster hinausspringen möchte.«

»Natürlich ist es so, aber er will es nur nicht zugeben,« sagte Katawasoff und brach in lautes Gelächter aus.

»Was denn! Das Fenster ist ja noch geöffnet! Fahren wir sogleich nach Twjerj! Dort ist eine Bärin, zu der können wir ins Lager. Fahren wir mit dem Fünfuhrzug. Dort macht man was man will,« meinte Tschirikoff lächelnd.

»Nun, bei Gott,« antwortete Lewin lächelnd, »ich kann in meinem Innern dieses Gefühl des Bedauerns über meine verlorne Freiheit nicht finden.«

»Ja, in Eurer Seele ist jetzt aber auch ein solches Chaos, daß Ihr überhaupt nichts darin finden könnt,« sagte Katawasoff, »wartet nur, wenn Ihr erst ein klein wenig mit Euch ins klare gekommen sein werdet, dann werdet Ihr es schon finden.«

»Nein, fühlte ich auch nur im geringsten, daß es außer meinem Gefühl,« – von Liebe wollte er vor dem Freunde nicht reden, »noch ein Glück gäbe, dann wäre es schade, die Freiheit zu verlieren – aber im Gegenteil, ich freue mich sogar über diesen Verlust meiner Freiheit!«

»Schlimm! Ein hoffnungslos Verlorener!« sagte Katawasoff, »nun, trinken wir auf seine Genesung, oder wünschen wir ihm nur, daß wenigstens ein Hundertstel seiner Träume in Erfüllung gehe. Schon dies wird ein Glück werden, wie es nie auf der Erde existiert hat.«

Bald nach dem Essen verabschiedeten sich die Gäste, um zur Hochzeitsfeier Toilette zu machen.

Allein zurückgeblieben und sich die Gespräche dieser Hagestolze vergegenwärtigend, frug sich Lewin noch einmal, ob er denn wirklich dieses Gefühl des Bedauerns über den Verlust seiner Freiheit in der Seele habe, von dem sie gesprochen. Er lächelte bei dieser Frage. »Freiheit? Warum Freiheit? Das Glück besteht allein darin, daß man liebt, wünscht und denkt mit ihren Wünschen, ihren Gedanken, das heißt, ohne jede Freiheit – dies ist das Glück! – Aber kenne ich denn ihre Gedanken, ihre Wünsche, ihre Gefühle?« flüsterte ihm plötzlich eine Stimme zu. Das Lächeln verschwand von seinem Gesicht und er versank in Nachdenken. Plötzlich hatte ihn eine seltsame Stimmung erfaßt, es überkam ihn Furcht und Zweifel – ein Zweifel an allem. – »Wie, wenn sie mich gar nicht liebte? Wie, wenn sie mich nur deswegen heiratete, um sich eben zu verheiraten? Oder, wenn sie gar selbst nicht wüßte, was sie thut?« frug er sich. »Sie kann zur Erkenntnis kommen und, kaum verheiratet erkennen, daß sie gar nicht liebt, mich nicht lieben kann?« Die seltsamsten und schlimmsten Ideen über sie begannen ihm aufzutauchen. Er war eifersüchtig auf sie gegen Wronskiy, wie ein Jahr zuvor; als ob jener Abend, an welchem er sie bei Wronskiy gesehen hatte, erst gestern gewesen wäre. Er argwöhnte, daß sie ihm nicht alles gesagt habe, und er sprang schnell auf. »Nein, so geht es nicht!« sprach er voll Verzweiflung zu sich. »Ich werde zu ihr gehen, sie fragen, und ein letztes Mal ihr sagen: Wir sind noch frei, ist es nicht besser, es zu bleiben? Es wäre dies doch besser, als ein ewiges Unglück, als Schande und Untreue!« Verzweiflung im Herzen und voll Zorn gegen die ganze Menschheit, auf sich und sie, verließ er das Hotel und fuhr zu ihr.

Er traf sie in den Hinterzimmern. Sie saß auf einem Koffer und traf mit einer Dienerin Anordnungen, einen Haufen verschiedenartiger Kleider durchmusternd, welche auf den Rücklehnen der Stühle und auf dem Fußboden ausgebreitet lagen. »Ah!« rief sie, ihn erblickend, und ihr Gesicht erstrahlte vor Freude. »Wie kommst du – wie kommt Ihr« – bis zu diesem letzten Tage hatte sie bald »du«, bald »Ihr« zu ihm gesagt – »das habe ich nicht erwartet. Ich mustere soeben meine Mädchenkleider, für wen das Eine oder Andere« –

»Ach, sehr gut!« antwortete er düster, auf die Zofe blickend.

»Geh hinaus Dunjascha, ich werde dich dann rufen,« sagte Kity. »Was ist dir?« frug sie, ihn unbedenklich mit »du« ansprechend, sobald das Mädchen gegangen war. Sie bemerkte sein seltsames Gesicht, welches aufgeregt und düster aussah, und ein Schrecken befiel sie.

»Kity; ich leide. Ich kann aber nicht allein leiden,« sprach er, Verzweiflung in der Stimme, blieb vor ihr stehen und schaute ihr beschwörend in die Augen. Er hatte schon an ihrem liebevollen, treuherzigen Gesicht gesehen, daß sich nichts aus dem ergeben werde, was er ihr zu sagen beabsichtigte, aber gleichwohl hatte er das Bedürfnis, von ihr selbst seine Zweifel zerstreut zu sehen. »Ich bin gekommen, dir zu sagen, daß es noch nicht zu spät ist, daß alles wieder aufgehoben und in das alte Geleis zurückgebracht werden kann.«

»Was denn? Ich verstehe nichts. Was ist dir?«

»Das was ich tausendmal gesagt habe und woran ich immer denken muß; das, daß ich deiner nicht wert bin. Du konntest nicht einwilligen, mich zum Manne zu nehmen. Bedenke es. Du hast einen Irrtum begangen. Überlege recht wohl! Du kannst mich nicht lieben! Wenn – sage lieber« – sprach er, ohne sie anzublicken. »Ich werde unglücklich sein. Mögen alle reden, was sie wollen, es ist besser so, als ein Unglück; es ist besser, jetzt zu sprechen, so lange es noch Zeit ist« –

»Ich verstehe nicht,« antwortete sie erschreckt, »das heißt, du willst alles aufheben, daß es nicht mehr nötig sei?« –

»Ja, wenn du mich nicht liebst.«

»Du bist von Sinnen!« rief sie aus, vor Unwillen errötend. Aber sein Gesicht sah so kläglich aus, daß sie ihren Verdruß unterdrückte, und sich, die Kleider von einem Lehnstuhl werfend, ihm näher setzte. »Was denkst du eigentlich; sage mir alles!« »Ich denke, daß du mich nicht lieben kannst. Weshalb solltest du mich denn lieben können?«

»Mein Gott, was soll ich anfangen?« sagte sie und brach in Thränen aus.

»O, was habe ich gethan!« rief er jetzt und begann, vor ihr auf die Kniee niederfallend, ihre Hände zu küssen.

Als fünf Minuten später die Fürstin in das Zimmer trat, fand sie die beiden schon vollständig beruhigt. Kity hatte ihm nicht nur versichert, daß sie ihn liebe, sondern ihm sogar, auf seine Frage antwortend, weshalb sie ihn denn liebe, erklärt, warum.

Sie hatte ihm gesagt, daß sie ihn liebe, weil sie ihn ganz kenne, weil sie wisse, was er lieben müsse, und daß alles, was er liebe, stets gut sei. Und dies war ihm auch vollständig klar erschienen. Als die Fürstin bei ihnen eintrat, saßen sie beide nebeneinander auf dem Koffer und musterten Kleider, streitend, daß Kity jenes zimmetfarbene Kleid, welches sie getragen, als ihr Lewin seinen Antrag gemacht hatte, der Dunjascha geben wollte, während er darauf bestand, man dürfe dieses Kleid an niemand weggeben, sondern möge der Dunjascha das blaue schenken»

»Aber verstehst du nicht? Sie ist doch brünett und dies wird ihr daher nicht stehen. Bei mir ist alles schon vorbedacht.«

Als die Fürstin erfahren hatte, weshalb er gekommen sei, geriet sie halb im Scherz und halb im Ernst in Groll und schickte ihn wieder nach Hause, damit er sich ankleide und Kity bei der Toilette nicht störe, da Charles sogleich kommen würde.

»Sie hat so schon während dieser ganzen Tage nicht gegessen und ist magerer geworden und du bringst sie nun mit deinen Thorheiten noch mehr aus der Fassung,« sagte sie zu ihm; »mach daß du fortkommst nach Hause, nach Hause mein Lieber.«

Lewin kehrte verlegen und beschämt, aber beruhigt, nach seinem Hotel zurück. Sein Bruder, Darja Aleksandrowna und Stefan Arkadjewitsch, alle in voller Gesellschaftstoilette, erwarteten ihn schon, um ihn mit dem Heiligenbild zu segnen. Es war keine Zeit mehr zu verlieren.

Darja Aleksandrowna mußte noch nach Hause zurückkehren, um ihren pomadisierten und frisierten Sohn zu holen, welcher das Heiligenbild mit der Braut tragen sollte. Dann mußte ein Wagen nach dem Brautführer gesandt werden und ein anderer, der Sergey Iwanowitsch fortbrachte, wieder hergeschickt werden. Überhaupt gab es sehr viele und verwickelte Überlegungen hierbei, und nur Eines war unzweifelhaft, daß nicht mehr gesäumt werden dürfe, da es bereits halb sieben Uhr war.

Die Segnung mit dem Bilde hatte nichts weiter auf sich. Stefan Arkadjewitsch stellte sich in komisch-feierlicher Haltung neben seine Gattin, nahm das Heiligenbild, segnete Lewin, nachdem er diesem befohlen hatte, sich bis auf die Erde zu verbeugen, mit seinem gutmütigen und sarkastischen Lächeln und küßte ihn dreimal. Das Nämliche that Darja Aleksandrowna, die sich dann sogleich beeilte, abzufahren und abermals in das Arrangement der Bewegung der Wagen vertiefte.

»Nun, so wollen wir es also machen: du fährst in unserem Wagen ihn abzuholen, und Sergey Iwanowitsch würde, wenn er die Güte haben wollte, vorausfahren, den Wagen aber zurückschicken.«

»Gewiß, sehr gern.«

»Wir aber können gleich mit ihm fahren. Sind die Kleider in Ordnung?« frug Stefan Arkadjewitsch.

»Sie sind es,« versetzte Lewin und befahl Kusma, seinen Anzug zu bringen.

16.

Als Lewin nach oben kam, saß seine Gattin vor dem neusilbernen Ssamowar hinter dem neuen Theegeschirr und las, nachdem sie die alte Agathe Michailowna mit einer ihr kredenzten Tasse Thee mit an das kleine Tischchen gesetzt hatte, einen Brief Dollys, mit welcher sie beide in beständigen und lebhaftem Briefwechsel standen.

»Da seht, Eure Herrin hat mich hierher gesetzt; sie sagte, ich solle auch mit bei ihr sitzen,« begann Agathe Michailowna, Kity gutmütig zulächelnd.

In diesen Worten Agathe Michailownas sah Lewin die Lösung eines Dramas, welches sich in jüngster Zeit zwischen dieser und Kity abgespielt hatte. Er sah, daß ungeachtet alles Leides, welches der Agathe Michailowna durch die neue Herrin verursacht worden war, die ihr die Zügel des Hausregiments aus der Hand genommen hatte, Kity sie gleichwohl überwunden und gezwungen hatte, sie zu lieben.

»Da habe ich einen Brief an dich gelesen,« sagte Kity, ihm einen fehlerhaft geschriebenen Brief reichend. »Hier ist einer von jenem Weibe deines Bruders, wie es scheint,« sagte sie, »ich habe ihn nicht gelesen. Der hier ist von den Meinen und von Dolly. Denke dir, Dolly hat Grischa und Tanja zum Kinderball zu den Sarmatskiy geführt! Tanja hatte dabei eine Marquise gemacht.«

Lewin hörte sie jedoch gar nicht; errötend hatte er das Schreiben von Marja Nikolajewna, der früheren Geliebten Nikolays, ergriffen und es zu lesen begonnen. Es war dies bereits das zweite Schreiben von ihr. Im ersten Briefe hatte sie geschrieben, dah sein Bruder sich ihrer entledigt habe, ohne daß sie sich eine Schuld beizumessen hätte, und mit rührender Naivetät hinzugefügt, daß sie, obwohl sie nun wieder im Elend lebe, um nichts bitte und nichts wünsche, und daß sie nur der Gedanke quäle, Nikolay Dmitrjewitsch könne ohne sie mit seiner schwachen Gesundheit ins Verderben geraten; sie hatte den Bruder gebeten, Sorge für ihn zu tragen. Jetzt schrieb sie einen zweiten Brief. Sie hatte Nikolay Dmitrjewitsch gefunden, sich wieder mit ihm in Moskau vereint, und war mit ihm in eine Gouvernementsstadt gereist, woselbst er ein Amt erhalten hatte. Dort war er indessen mit seinem Vorgesetzten in Differenzen geraten und wieder nach Moskau zurückgekehrt, »und der teure Mann ist nunmehr so krank geworden, daß er wohl schwerlich je wieder aufkommen wird,« schrieb sie; »er hat fortwährend Eurer gedacht, Geld besitzt er gar nicht mehr.«

»Lies, da schreibt Dolly von dir,« begann Kity lächelnd, hielt aber plötzlich inne, als sie die Veränderung ihres Gatten gewahrte.

»Was hast du? Was ist da?«

»Sie schreibt mir, daß mein Bruder Nikolay dem Tode nahe ist. Ich muß zu ihm.«

Das Gesicht Kitys veränderte sich plötzlich. Die Gedanken an Tanja als Marquise, an Dolly, alles war verschwunden.

»Wann wirst du fahren?« sagte sie.

»Morgen.«

»Und ich gehe mit dir, darf ich!« fuhr sie fort.

»Kity! Was soll das?« frug er vorwurfsvoll.

»Was das soll?« erwiderte sie, gekränkt, daß er darüber wie es schien ungern und mit Verdruß ihren Vorschlag entgegennahm. »Weshalb soll ich nicht mit reisen? Ich werde dir nicht hinderlich sein. Ich« –

»Ich reise, weil mein Bruder stirbt,« antwortete Lewin. »Weshalb sollst du da« –

»Weshalb? Eben deshalb, weshalb du reisest« –

»In einer für mich so ernsten Minute denkt sie nur daran, daß sie sich allein könnte langweilen,« dachte Lewin, und die Auslegung in der so ernsten Angelegenheit brachte ihn auf. »Es ist aber unmöglich,« sagte er in strengem Tone.

Agathe Michailowna, welche sah, daß es zum Streit kommen wollte, setzte leise ihre Tasse nieder und ging hinaus. Kity hatte sie gar nicht bemerkt. Der Ton in welchem ihr Mann die letzten Worte gesprochen hatte, hatte sie insofern besonders verletzt, als dieser offenbar dem nicht glaubte, was sie sagte.

»Ich sage dir, daß wenn du reisest, ich mit dir reisen werde; unbedingt mit reisen werde,« fügte sie eifernd und zürnend hinzu. »Weshalb ist denn das unmöglich? Weshalb sagst du, es sei unmöglich?«

»Weil wir, Gott weiß wohin, auf was für Wegen und mit welchen Gasthäusern zu reisen haben werden. Du wirst mir nur beschwerlich sein,« sprach Lewin, sich bemühend, kaltblütig zu bleiben.

»Auf keinen Fall! Ich habe keinerlei Bedürfnisse. Wo du bist, kann ich auch sein!«

»Nun dann, schon deshalb kannst du nicht, weil sich dort jenes Weib befindet, dem du dich doch nicht nähern kannst« –

»Ich weiß nichts und will nicht wissen, wer oder was dort ist! Ich weiß nur, daß der Bruder meines Gatten stirbt und daß mein Gatte zu ihm geht; ich aber mit meinem Gatten gehen will, um« –

»Kity! Rege dich nicht auf! Bedenke, die Sache ist zu wichtig, so daß es mir schmerzlich ist, zu denken, du könntest die Empfindung einer Schwäche, die Abneigung davor, allein zu bleiben, hereinmengen. Nun, wird es für dich langweilig hier, so fahre nach Moskau.«

»Da haben wirs! Stets schreibst du mir nur schlechte, niedrige Gedanken zu,« fuhr sie fort, unter den Thränen der Erbitterung und des Zornes. »Ich will nichts; es ist keine Schwäche, nichts; ich fühle nur, daß es meine Pflicht ist, mit meinem Gatten zu sein, wenn er Leid trägt; du aber willst mir absichtlich weh thun, willst mich absichtlich nicht verstehen.«

»Nein; das ist doch zu schrecklich; geradezu ein Sklave zu sein!« rief Lewin aus, indem er aufstand. Er war nicht fähig, seinen Verdruß noch länger zurückzuhalten. Doch in diesem Augenblick empfand er, daß er sich selbst traf.

»Aber weshalb hast du dann geheiratet? Wärest du doch frei geblieben! Weshalb hast du geheiratet, wenn du es bereust!« fuhr sie fort, sprang auf und eilte in den Salon.

Als er ihr nachfolgte, brach sie in Schluchzen aus. Er begann ihr zuzureden mit dem Wunsche die Worte zu finden, welche sie, wenn nicht überzeugen, doch wenigstens beschwichtigen könnten. Aber sie hörte ihn nicht und war mit nichts einverstanden. Er beugte sich herab zu ihr, und ergriff ihre abwehrende Hand. Er küßte die Hand, er küßte ihr das Haar und küßte wiederum ihre Hand – sie schwieg beharrlich. – Als er sie aber mit beiden Händen beim Kopfe nahm und »Kity« sagte, da kam sie plötzlich zur Besinnung, brach in Thränen aus und war beschwichtigt.

Es wurde also bestimmt, daß man morgen vereint reiste. Lewin sagte zu seinem Weibe, daß er wohl glaube, sie wollte nur mitreisen, um ihm nützlich zu sein; er gab auch zu, daß Marja Nikolajewnas Aufenthalt bei dem Bruder nichts Anstößiges habe – reiste aber nichtsdestoweniger, auf dem Grund seiner Seele unzufrieden mit ihr und mit sich selbst.

Mit ihr war er unzufrichen, weil sie es nicht hatte über sich gewinnen können, ihn fort zu lassen, obwohl es doch notwendig war. Wie seltsam ward es ihm jetzt bei dem Gedanken, daß er, der ja noch vor kurzem nicht gewagt hatte, an das Glück zu glauben, daß sie ihn lieben könne, sich jetzt darüber unglücklich fühlte, daß sie ihn zu sehr liebte! – Mit sich hingegen war er unzufrieden, daß er seinen Willen nicht durchgesetzt hatte. Noch weniger war er im Grund seiner Seele damit einverstanden, daß sie mit jener Weibsperson, die bei seinem Bruder lebte, etwas zu thun haben sollte, und er dachte mit Schrecken an alle Berührungen, welche stattfinden konnten.

Schon das Eine, daß sein Weib, seine Kity, in einem Raume mit jenem Mädchen leben sollte, machte ihn schaudern vor Ekel und Entsetzen.