Fünftes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

»Ei, würd’ger Vater, was doch können wir verlieren?
Ei schützt uns kein Gesetz, und solch ein stolzer Mann
Sollt‘ ferner uns bedroh’n! Seid Richter und Vollstrecker.«

Cymbeline.

 

Während der Teton-Krieger auf diese Art seine schwierige und ihn so sehr bezeichnende Aufgabe löste, unterbrach kein Laut die Stille der umliegenden Steppe. Die ganze Bande lag auf ihren verschiedenen Posten und wartete mit der bekannten Geduld der Eingebornen auf das Zeichen, das sie zum Handeln aufrufen sollte. Den Augen der angstvollen und sehr dabei interessirten Zuschauer, welche die kleine Erhöhung einnahmen, die wir schon als die Stellung der Gefangenen beschrieben haben, zeigte die Scene nur die weite, große Aussicht auf die Wüste, die dunkel von den glimmernden Strahlen eines umwölkten Monds erleuchtet ward. Die Stelle des Lagers war durch ein noch tieferes Dunkel als die schwach beschatteten Niederungen bezeichnet, und hier und da traf ein hellerer Strahl die wellenförmigen Gipfel der Anhöhen. Im Uebrigen die tiefe, ergreifende, lautlose Stille der Wüste.

Aber denen, die so wohl wußten, was unter diesem Mantel der Stille und Nacht brütete, war es eine Scene hoher, stürmischer Bewegung. Ihre Angst ward immer größer, als Minute auf Minute vorüberging, und nicht der geringste Laut des Lebens aus der Stille und Dunkelheit heraufkam, die das Gehölz umgab. Paul’s Athmen ward lauter und tiefer, und Ellen zitterte mehr als einmal, ohne zu wissen worüber, als sie das Zucken seiner kräftigen Gestalt fühlte, während sie sich zur Stütze in voller Hingebung auf seinen Arm lehnte.

Weucha’s schwankende Ehrlichkeit und seine nachstellende Einfalt wurden schon erwähnt. Der Leser wird also nicht erstaunen, wenn er hört, daß er zuerst die Vorschriften vergaß, die er selbst gegeben. Gerade den Augenblick, wo wir Mahtoree in fast unbeherrschter Freude verließen, als er die Menge und Beschaffenheit der Lastthiere Ismael’s übersah, wählte der Mann, den er mit der Wache über seine Gefangene beauftragt, um sich dem boshaften Vergnügen hinzugeben, die zu peinigen, welche zu schützen seine Pflicht gewesen wäre. Er neigte sein Haupt zu den Ohren des Streifschützen und lispelte nicht, sondern brummte:

»Wenn die Teton ihr Oberhaupt durch die Hand der Lang-Messer verlieren, dann stirbt Alt und Jung.«

»Das Leben gibt Wahcondah,« war die ruhige Antwort. »Der schwarzgebrannte Krieger muß seinem Gesetz sich unterwerfen, wie seine andern Kinder. Der Mensch stirbt nur, wenn er es befiehlt, und kein Dahcotah kann die Stunde beschleunigen.«

»Sieh‘,« erwiederte der Wilde, und die Klinge des Messers fuhr an dem Gesicht seines Gefangenen vorbei, »Weucha ist der Wahcondah eines Hunds.«

Der alte Mann schlug die Augen zu dem stolzen Gesicht seines Wärters auf, und ein Blick edlen, kräftigen Unwillens schoß aus ihren tiefen Höhlen; aber schnell war es vorüber, und an seine Stelle trat Ausdruck des Mitleids, wenn nicht des Kummers.

»Warum sollt‘ Einer nach dem wahren Ebenbild Gottes sich über ein Wesen erzürnen, das nur die Gestalt eines Vernünftigen hat,« sagte er auf englisch, und viel lauter, als Weucha die Unterredung begonnen. Dieser benutzte das unbeabsichtigte Vergehen seines Gefangenen, ergriff ihn bei den dünnen, grauen Locken, die unter seiner Mütze hervordrangen und wollte sie in boshaftem Triumph durch die Messerklinge aus der Wurzel vertilgen, als ein langer, greller Schrei die Luft durchdrang, der alsbald aus der umliegenden Wüste wiederhallte, als ob tausend Dämonen ihre Kehlen bei dem Aufruf vereinigt hatten. Weucha ließ los, und stieß einen Ruf wilden Frohlockens aus.

»Nun!« rief Paul, unvermögend, seine Ungeduld länger zu beherrschen; »nun, alter Ismael, kommt die Zeit, zu zeigen, daß das Blut von Kentucky in deinen Adern fließt. Feuert niedrig, Jungen; zielt in’s Gestrüpp; denn die rothen Häute kriechen am Boden.«

Seine Stimme verlor sich jedoch, oder ward vielmehr mitten in dem Geschrei, dem Schießen und Lärmen nicht beachtet, der um diese Zeit aus tausend Kehlen auf allen Seiten von ihm sich erhob. Die Wache behauptete noch ihren Posten bei den Gefangenen; aber mit der Mühe, womit die Pferde bei der Eilpost zurückgehalten werden, wenn sie das Zeichen, ihren schnellen Lauf zu beginnen, erwarten. Sie schlugen mit ihren Armen wild in der Luft herum, sprangen auf und nieder, mehr wie jauchzende Kinder, als wie nüchterne Männer, und fuhren fort, das lauteste, wildeste Geschrei auszustoßen.

Mitten in dieser lärmvollen Unordnung hörte man ein trampelndes Getöse, ähnlich dem, welches der Flucht eines Büffelhaufens vorauszugehen pflegt, und dann kamen Ismael’s Heerden und Vieh zu Gesicht, ein verwirrter, erschreckter Trupp.

»Sie haben dem armen Wanderer seine Thiere genommen,« sagte der auf Alles aufmerksame Streifschütz. »Die Schlangen haben ihm nicht einen Huf gelassen.« – Er sprach noch, als der ganze Haufen des erschreckten Viehs die kleine Anhöhe heraufkam und auf die Stelle zueilte, wo er stand, getrieben von einer Bande schwarzer, teuflisch aussehender Gestalten, welche wie toll zur Eile trieben.

Diese Eile theilte sich den Teton-Pferden mit, welche seit lange gewohnt waren, an den wilden Leidenschaften ihrer Herren Theil zu nehmen und nur mit Mühe konnten ihre Eigenthümer sie zurückhalten. In diesem Augenblick, während aller Augen auf den vorübereilenden Wirbelwind von Menschen und Thieren gerichtet waren, entwand der Streifschütz den Händen seines unaufmerksamen Wächters das Messer, mit einer Gewalt, der sein Alter nicht zu entsprechen schien, und trennte mit einem einzigen Hieb das lederne Band, welches das ganze Rudel vereinigte. Die wilden Thiere wieherten vor Freude und Schrecken, schlugen den Boden mit ihren Hufen und stoben davon in die weiten Steppen nach allen verschiedenen Richtungen hin.

Weucha wandte sich gegen den Angreifer mit der Wuth und Behendigkeit eines Tiegers. Er griff nach der Waffe, der er so plötzlich war beraubt worden, suchte mit unmächtiger Hast nach dem Griff seiner Streitaxt und warf zu gleicher Zeit seine Blicke nach den fliehenden Thieren mit allem Verlangen eines Westindiers. Der Kampf zwischen Durst nach Rache und Habgier war kurz aber heftig. Die letztere erhielt leicht in der Seele eines Menschen das Uebergewicht, dessen Leidenschaften, nach dem Sprichwort, auf dem Bode krochen, und kaum ein Augenblick verfloß zwischen der Flucht der Thiere und dem schnellen Verfolgen der ganzen Wache. Der Streifschütz hatte seinen Feind, während der Augenblicke des Zweifels, die seiner gewagten That folgten, fortwährend ruhig im Auge behalten, und sagte jetzt, als Weucha seinen Gefährten folgte, indem er nach dem dunkeln Zug hindeutete, mit seinem tiefen, kaum hörbaren Lachen.

»Roth ist roth, mag es sich auf der Steppe zeigen oder im Wald. Ein Schlag auf den Kopf wäre die geringste Belohnung für Jeden gewesen, der sich eine solche Freiheit mit einer christlichen Schildwache herausgenommen; aber da geht der Teton nach seinen Pferden, als halte er zwei Beine für so gut, als vier bei einem solchen Lauf! – Und doch werden die Schelme jeden Huf von ihnen vor Sonnenaufgang wieder haben, weil hier Verstand gegen Instinct ist. Ein armer Verstand, freilich, aber selbst noch ein Indianer ist ein großer Theil vom Menschen. Ja, ihr Delawarer, ihr wäret die Rothhäute, worauf Amerika stolz sein könnte; aber gering und zerstreut ist das mächtige Volk jetzt. – Nun, der Wanderer mag eben seine Hütte aufschlagen, wo er gerade jetzt ist; er hat Ueberfluß an Wasser, obgleich die Natur des Vergnügens ihn beraubt hat, die Erde ihrer rechtmäßigen Bäumen zu entblößen. Er hat den letzten seiner vierfüßigen Gefährten gesehen, oder ich verstehe mich schlecht auf Sioux-List.«

»Wär’s nicht besser, wir nähmen Ismael’s Partei?« sagte der Bienenjäger. »Es gibt einen regelmäßigen Kampf darum, oder der alte Bursche müßte plötzlich feigherzig geworden sein.«

»Nein, nein, nein,« rief hastig Ellen.

Sie ward vom Streifschützen unterbrochen, der leise seine Hand auf sie legte, als er antwortete:

»Hst, hst! Reden könnte uns Gefahr bringen. Ist Euer Freund« fuhr er zu Paul gewandt fort, »ein Mann von Klugheit genug«.

»Nennt nicht den Wanderer meinen Freund« unterbrach ihn der Jüngling. »Ich wohnte nie mit Einem, der nicht Brief und Siegel für das Land zeigen konnte, das ihn nährte.«

»Gut, gut. Laßt ihn dann einen Bekannten sein. Ist er ein Mann, der sein Eigenthum tapfer mit Pulver und Blei behaupten kann?«

»Sein Eigenthum! Ei! Und auch, was nicht sein Eigenthum ist, das auch! Könnt Ihr mir sagen, alter Streifschütz, wer die Flinte trug, die dem Abgesandten des Sherifs den Garaus machte, der die ungesetzlichen Ansiedler, die sich am Büffel-See in Alt-Kentucky gesammelt hatten, wegjagen wollte. Ich hatte einen prächtigen Schwarm eben diesen Tag bis in die Höhlung einer abgestorbenen Buche verfolgt, und da lag der Beamte des Volks an ihrem Fuße, mit einer Wunde gerade durch das »Grace of God«, das er in seiner Jacktasche über dem Herzen trug, als dachte er, ein Stück Schafsleder sei ein Brustharnisch gegen die Kugel eines Herumstreichers. Du brauchst aber gar nicht unruhig zu sein, Ellen, es ward ihm nie hinlänglich bewiesen; und fünfzig Andere wurden in der Nachbarschaft eben so empfangen, ohne daß sie das Gesetz besser geschützt hätte.«

Das arme Mädchen schauderte und mühte sich mit aller Macht einen Seufzer zu unterdrücken, der trotz ihrer Bemühungen, wie aus dem innersten Grund ihres Herzens, hervorkam.

Hinlänglich durch die kurze aber bezeichnende Erzählung Paul’s über den Charakter der Wanderer in Kenntniß gesetzt, that der alte Mann keine weiteren Fragen über die Bereitwilligkeit Ismael’s sein Unrecht zu rächen und folgte dem Zug seiner Gedanken, die sich bei dieser Gelegenheit ihm aufdrangen.

»Jeder kennt die Bande am besten, die ihn an seine Mitgeschöpfe binden,« antwortete er; »obwohl es sehr zu bedauern ist, daß Farbe und Eigenthum, Sprache und Wissenschaft eine so weite Schranke zwischen die setzen, die doch bei allem Kinder Eines Vaters sind. Doch,« fuhr er fort mit einem Uebergang, der für den Stand und die Gefühle des Mannes sehr charakteristisch war, »da dies eine Gelegenheit ist, wo eher Kampf als eine Predigt Noth thut, so ist’s am besten, vorbereitet zu sein, auf das was folgen möchte. – Husch, da unten regt‘ sich was; gar leicht können wir gesehen werden.«

»Die Auswanderer nahen,« rief Ellen, mit einer zitternden Stimme, die fast eben so große Furcht über das Nahen ihrer Freunde verrieth, als sie vorher über die Gegenwart ihrer Feinde gezeigt hatte. »Geht Paul, verlaßt mich. Euch zum wenigsten darf man nicht sehen.«

»Wenn ich dich in dieser Wüste verlasse, Ellen, ehe ich dich wenigstens sicher bei’m alten Ismael sehe, so will ich nie das Summen einer Biene wieder hören, oder, was noch schlimmer ist, das Aug‘ verlieren, sie bis in den Stock zu verfolgen!«

»Ihr vergeßt den guten Alten. Er wird mich nicht verlassen; und dann, Paul, haben wir uns doch schon getrennt, wenn mehr als eine solche Wüste zwischen uns war.«

»Nimmermehr! Die Indianer können wieder kommen und was würde dann aus dir? Du wärst halbwegs nach den Felsengebirgen, ehe man nur die Richtung deiner Flucht ausfindig machen könnte. Was denkt Ihr dazu, alter Streifschütz? Wie lang kann’s dauern, bis die Teton, wie Ihr sie nennt, zurückkommen, um den Rest von Ismael’s Habe und Vieh sich zu holen?«

»Vor diesen braucht Ihr Euch nicht zu fürchten,« erwiederte der alte Mann, mit dem ihm eigenen, dumpfen Lächeln; »ich wette, die T–l rennen schon diese sechs Stunden lang ihren Thieren nach. Horcht! Ihr könnt sie in diesem Augenblick in dem Weiden-Grund hören; o, so ächtes Sioux-Vieh läuft Euch wie langbeiniges Wild. Hst, werft Euch in s Gras, nieder mit Euch beiden; so gewiß ich ein armes Stück Erde bin, hört‘ ich das Knattern einer Flinte!«

Der Streifschütz ließ seinen Gefährten nicht lange Zeit zu zaudern, sondern zog sie beide sich nach, und begrub sich fast ganz in das Gestrüpp der Steppe, während er noch sprach. Es war gut, daß die Sinne des alten Jägers so scharf geblieben, und daß er nichts von seiner Entschlossenheit verloren hatte. Die drei lagen kaum auf dem Boden, als ihre Ohren mit dem wohlbekannten, starken, kurzen Knall der Westflinte begrüßt wurden, und bald darauf das Pfeifen des wüthenden Blei’s gehört ward, das in gefährlicher Nähe an ihren Köpfen vorbeiflog.

»Gut gemacht, ihr jungen Bursche, gut gemacht alter Schelm,« lispelte Paul, dessen Frohsinn keine Gefahr, keine Lage trüben konnte. »Ein hübscher Knall, wie man nur einen aus einer Flinte hören kann! Was meint Ihr, Streifschütz? Hier ist ein Kampf von drei Seiten. Soll ich ihnen nicht auch so was schicken?«

»Gebt ihnen nichts, als gute Worte,« entgegnete der Streifschütz hastig, »oder ihr seid beide verloren.«

»Ich weiß nicht, ob es viel besser wäre, wenn ich mit meiner Zunge oder mit meinem Gewehr zu ihnen spräche,« sagte Paul, halb scherzend, halb bitter.

»Um’s Himmelswillen, laßt Euch nicht hören,« rief Ellen, »geht, Paul, geht; Ihr könnt leicht gehen.«

Mehrere Schüsse folgten jetzt schnell auf einander, jeder brachte seine Ladung den Versteckten näher, Ellen schwieg aus Klugheit und Furcht.

»Das muß ein Ende nehmen,« sagte der Streifschütz und stand auf, nur von der Wichtigkeit seines Plans erfüllt. »Ich weiß nicht, warum ihr, meine Kinder, die zu fürchten habt, die ihr beide lieben und ehren solltet; aber etwas muß geschehen, um euer Leben zu retten. – Ein paar Stunden mehr oder weniger kann der leicht missen, der schon so viele Tage zählt, deßwegen will ich voraus. Hier ist offener Raum um euch, benutzt ihn, wie ihr müßt, und möge Gott euch beide segnen und helfen, wie ihr’s verdient.«

Ohne eine Antwort zu erwarten, schritt der Streifschütz kühn den Hügel vor sich hinab und nahm seinen Weg nach dem Lager; beeilte seine Schritte nicht aus Furcht, verzögerte sie nicht vor Angst. Das Mondlicht fiel für einen Augenblick heller auf seine schlanke, hohe Gestalt und ließ die Auswanderer sein Herankommen wahrnehmen. Unbekümmert jedoch um diesen ungünstigen Umstand, setzte er seinen Weg ruhig und standhaft nach dem Gehölz fort, bis eine ernste, drohende Stimme ihn mit den Ruf empfing: »Wer kommt; Freund oder Feind?«–»Freund,« war die Antwort, »einer der zu lang gelebt hat, um die Grenze seines Lebens durch Streit zu trüben.«

»Der aber nicht so lang gelebt hat, um die Ränke seiner Jugend zu vergessen,« sagte Ismael, erhob seine große Gestalt hinter der leichten Verdeckung eines geringen Busches hervor, und stellte sich, Antlitz gegen Antlitz, dem Streifschütz gegenüber; »Ihr habt die T–l über uns gebracht und werdet morgen mit ihnen die Beute theilen.« –

»Was habt Ihr verloren?« fragte ruhig der Streifschütz.

»Acht so gute Pferde, wie je eins am Zaum hing, dann ein Fohlen, dreißig der schönsten Mexikaner werth, die das Bild des Königs von Spanien tragen. Auch hat das Weib keine Klaue mehr, weder zum Melken, noch zum Scheeren, – ich glaube selbst die Grunzer, so lahm sie sind, durchstreichen jetzt die Steppe. Und nun, Fremder,« fuhr er fort und stieß den Kolben des Gewehrs mit einer Gewalt und einem Klirren auf den Boden, das jeden Andern, weniger unerschrockenen, in Furcht gesetzt hätte, »wie viele von diesen Geschöpfen kommen auf Euer Theil?«

»Pferde habe ich nie gewünscht, auch nie gebraucht, obwohl Wenige mehr von den weiten Landschaften Amerika’s durchstreift haben, als ich, so alt und schwach ich auch aussehe. Aber wenig nützt ein Pferd in den Wäldern, auf den Hügeln von York; das heißt, so wie York war, aber, wie ich sehr fürchte, York jetzt nicht mehr ist; was wollene Decken und Kuhmilch betrifft, so verlang‘ ich nicht nach so weibischem Besitz. Die Thiere des Feldes geben mir Nahrung und Kleidung. Nein, ich wünsch‘ keine bessere Kleidung, als die Haut eines Hirsches, kein schmackhafteres Mahl, als sein Fleisch.«

Die Aufrichtigkeit, mit der diese einfache Rechtfertigung vorgebracht ward, verfehlte nicht ganz ihre Wirkung auf den Auswanderer, dessen finsteres Wesen allmählig in eine Erregung überging, die schnell in gefährliche Gewaltthätigkeit hätte ausbrechen mögen. Er hörte zu, als zweifle er, sei aber noch nicht ganz überzeugt und murmelte zwischen den Zähnen die Beschuldigung, womit er einen Augenblick vorher die schnelle Rache, die er gewiß brütete, hatte einleiten wollen.

»Das sind schöne Worte,« brummte er endlich, »aber nach meiner Meinung zu prozeßartig für einen geraden, schön- und schlecht-Wetter-Jäger.«

»Ich nenne mich ja nur einen Streifschützen,« unterbrach ihn der andere sanft.

»Jäger oder Streifschütz; wenig Unterschied. Ich kam in diese Gegenden, alter Mann, weil ich fand, daß das Gesetz mir zu schwer auf dem Nacken lag und bin Nachbarn nicht sehr gut, die keinen Streit ausmachen können, ohne einen Richter oder die Zwölfmänner zu bemühen; aber ich kam nicht hierher, um mich meines Plunders berauben zu lassen, und dann »Dank Euch« zu dem zu sagen, der es gethan.«

»Wer sich in die Steppen wagt, muß wie ihre Eigenthümer leben.«

»Eigenthümer!« wiederholte der finstere Grenzbewohner, »ich hab so großes Recht auf das Land, worauf ich stehe, als irgend ein Herrscher in allen Staaten. Könnt‘ Ihr mir sagen, Fremder, wo man das Gesetz findet, welches bestimmt, daß der Eine einen Bezirk, eine Stadt oder vielleicht ein Land zu seinem Gebrauch haben und der Andere sich ein Plätzchen zu seinem Grab erbetteln soll. Das ist nicht Natur und ich läugne, daß es ein Gesetz ist, das heißt, Euer rechtskräftiges Gesetz.«

»Ich kann nicht sagen, daß Ihr Unrecht habt,« erwiederte der Streifschütz, dessen Meinung über diesen wichtigen Satz, obgleich aus sehr verschiedenen Folgerungen, in sonderbarem Einklang mit denen seines Gefährten stand; »und ich habe oft eben so gedacht und gesprochen, wann und wo ich glaubte, meine Stimme würde gehört werden. Aber Euer Vieh ward Euch gestohlen von denen, welche sich Herren von allem, was sie in den Wüsten finden, nennen.«

»Sie hätten besser gethan, mit einem Mann über eine Sache nicht zu streiten, der sie besser versteht,« sagte der Andere drohend, obgleich der Ton so dumpf und schläfrig schien, als der, welcher ihn vorbrachte. »Ich nenn‘ mich einen guten Handelsmann, der so viel gibt, als er empfängt. Ihr sahet die Indianer?«

»Ja; ich war ihr Gefangener, während sie sich in Euer Lager stahlen.«

»Es hätte sich besser für einen Weißen und Christen geschickt, es mich bei Zeiten wissen zu lassen,« entgegnete Ismael, und warf einen zweiten unglückdrohenden Seitenblick auf den Streifschütz, als sinne er immer noch auf Rache; »ich nenne nicht leicht Jeden, auf den ich treffe, Vetter; aber die Farbe sollte doch etwas gelten, wenn Christen an einem solchen Ort sich begegnen. Aber was geschehen ist, ist geschehen, und kann durch Worte nicht gut gemacht werden. Kommt aus Eurem Versteck, Junge; hier ist nur ein alter Mann; er hat von meinem Brod gegessen, und sollte mein Freund sein; aber es sind gute Gründe zum Argwohn da, daß er es mit meinen Feinden gehalten.«

Der Streifschütz antwortete nicht auf den schnellen Bedacht, den der Andere keinen Anstand nahm, ohne den geringsten Rückhalt zu äußern, ungeachtet der Erklärungen und Betheuerungen, die er eben erst gehört. Der Ruf des ungebeugten Grenzwohners hatte alsbald mehrere herbeigezogen. Vier oder fünf seiner Söhne kamen aus verschiedenen Schlupfwinkeln hervor, in die sie sich in der Meinung begeben, die Figuren, die sie auf dem Hügel der Steppe gesehen, seien ein Theil der Sioux-Bande. So wie jeder herbei kam und sein Gewehr in den Arm nahm, warf er einen ausdruckslosen, aber forschenden Blick auf die Gestalt des Fremden, obgleich keiner die geringste Neugier zeigte, zu erfahren, woher er gekommen, oder warum er da sei. Diese Gleichgültigkeit kam jedoch nur theilweise von der Trägheit ihres Charakters her; denn lange und häufige Erfahrungen in Scenen solcher Art hatten sie die Tugend der Vorsicht gelehrt.

Der Streifschütz ertrug ihre finstere, aber schweigende Untersuchung mit einer Standhaftigkeit, die zeigte, daß er so erfahren sei, als sie selbst; er ertrug sie mit der ganzen Ruhe der Unschuld. Zufrieden mit der schnellen Untersuchung, die er angestellt, wandte sich der älteste der Söhne, welches gerade die schuldige Schildwache war, deren Trägheit der listige Mahtoree so wohl benutzt hatte, zum Vater, und sagte ganz trocken:

»Wenn dieser Mann alles ist, was von dem Trupp, den ich dort oben sah, übrig blieb, so haben wir unser Pulver nicht weggeworfen.«

»Asa, du hast Recht,« sagte der Vater, und wandte sich plötzlich zum Streifschützen, als wenn ein verlorner Gedanke durch den Wink seines trägen Sohnes wieder in ihm hervorgerufen würde. »Wie ist das, Fremder; Ihr wart eben noch zu drei, oder im Mondlicht ist keine Wahrheit!«

»Hattet Ihr die Teton durch die Steppen, wie so viele schwarze böse Geister hinter Eurem Vieh her rasen sehen, so hattet Ihr sie leicht, mein Freund, für tausend halten können.«

»Ja ein in der Stadt geborner Junge oder ein dummes Weib; obwohl, da ist die Esther, sie fürchtet sich nicht mehr vor einer Rothhaut, als einem jungen Fuchs, oder einem Wolf-Säugling, Ich schwöre Euch, hatten Eure diebischen T – l ihren Schlag bei Tageslicht ausgeführt, Ihr hättet das gute Weib kräftig am Werk unter ihnen gesehen, und die Sioux würden gefunden haben, daß sie gar nicht so leicht ohne einen Preis ihren Käse und ihre Butter aufzugeben sich verstanden hätte. Aber es wird eine Zeit kommen, Fremder, recht bald, wo Gerechtigkeit geübt wird, und das auch ohne Hülfe dessen, was man Gesetz nennt. Wir sind ein langsames Volk, man mag es sagen, und es wird oft von uns gesagt, aber langsam ist sicher, und es leben Wenige, die sagen können, daß sie uns je einen Schlag versetzten, den sie nicht eben so hart von Ismael Busch wieder bekamen.«

»Dann hat Ismael Busch mehr die wilden Triebe der Thiere als die eigenthümlichen Grundsätze, die sein Geschlecht leiten sollten, nachgeahmt,« erwiederte der unerschrockene Streifschütz. »Ich selbst hab‘ manchen Schlag gethan, aber nie die Gemüthsruhe empfunden, die der genießt, der seiner Vernunft folgt, wenn ich auch nur einen Hirsch erlegte, ohne sein Fleisch oder seine Haut zu bedürfen; ich empfand’s, als ich einen Mingo unbeerdigt in den Wäldern liegen ließ, wie ich im offenen, gerechten Krieg begriffen war.«

»Wie, Ihr seid Soldat gewesen, wart Ihr, Streifschütz? Auch ich machte einen Zug oder zwei unter, die Cherokee, wie ich noch ein Junge war, und folgte dem rasenden Anton in’s Feld durch die Buchen, aber es war mir viel zu viel Ordnen und Einschränken unter seinen Truppen; so verließ ich ihn, ohne vom Zahlmeister meinen Rückstand zu fordern. Doch hatte, wie sie sich damals rühmte, Esther einen so guten Gebrauch von der Banknote gemacht, daß die Staaten nicht viel durch meine Nachsicht gewannen. Ihr habt gewiß vom rasenden Anton gehört, wenn Ihr Euch lang unter den Soldaten aufhieltet.«

»Ich focht, wie ich hoffe, meine letzte Schlacht unter seinen Befehlen,« erwiederte der Streifschütz, und seine dunkeln Augen glänzten vor Freude, als erinnere er sich an den Vorfall mit Vergnügen; aber bald hatte sie der Kummer umwölkt, eine geheime Stimme schien ihm zu sagen, er habe zu oft in gewaltigen Scenen eine Rolle gespielt. »Ich ging von den Staaten an der Seeküste in diese entfernten Gegenden, als ich auf den Nachtrab seines Haufens stieß und so fast als bloßer Zuschauer unter sie gerieth; wenn es aber zu Schlägen kam, dann ließ sich meine Flinte hören, ob ich gleich, zu meiner Schande sei es gesagt, nie wußte, auf welcher Seite das Recht sei, was doch ein Mann von siebzig wissen sollte, ehe er ein Leben vernichtet, ein Geschenk entreißt, das er nie wieder erstatten kann.«

»Kommt, Fremder,« sagte der Auswanderer, sein rauhes Wesen hatte sich um vieles gemildert, als er gefunden, daß sie auf einer Seite in den wilden Kriegen des Westen gefochten, – »es ist nichts daran gelegen, was die Grundursache des Streits sein mag, wenn Christen gegen Wilde fechten. Wir wollen morgen wegen des Pferdediebstahls weiter hören; für heute können wir nichts Besseres und Vernünftigeres thun, als schlafen.«

So sagend ging er bedachtsam den Weg nach seinem geplünderten Lager voraus, und führte den Mann, dessen Leben einen Augenblick vorher seine Wuth in wahre Gefahr gebracht hatte, in seine Familie ein. Hier erzählte er nach einigen erklärenden Worten, mit wenigen, aber bedeutungsvollen Drohungen gegen die Plünderer untermischt, seinem Weibe den Stand der Dinge in der Steppe, und eröffnete dann seinen Entschluß, sich für die unterbrochene Ruhe dadurch zu entschädigen, daß er den noch übrigen Theil der Nacht dem Schlaf widme.

Der Streifschütz gab der Maßregel seinen vollen Beifall, und streckte seine lange Gestalt auf ein Grasbündel, das man ihm anwies, so ruhig aus, wie sich etwa ein Fürst in der Sicherheit seiner Residenz und von seiner bewaffneten Garde umgeben, dem Schlaf überlassen würde. Doch schloß der alte Mann nicht eher die Augen, als bis er sich überzeugt, daß Ellen Wade unter den Weibern des Zugs sich befinde, und daß ihr Verwandter oder Liebhaber, was er nun sein mochte, die Klugheit gebraucht, sich nicht sehen zu lassen. Daraus schlief er ein, jedoch mit der ihm eigenen Wachsamkeit, die, er gleichsam selbst in den Stunden tiefer Nacht im Schlafe beizubehalten sich gewöhnt hatte.

Sechstes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Er ist zu empfindlich, zu geputzt, zu geziert und zu dumm;
Er ist aus der Fremde; ich behaupt‘ es kurz um.

Shakespeare.

 

Die Angloamerikaner rühmen sich gern und nicht ohne scheinbaren Grund, daß ihr Volk mit weit mehr Recht sich eine rühmliche Abstammung anmaßen kann, als alle andern Nationen, deren Geschichte Glauben verdient. Wie groß auch immer die Schwachheiten der ersten Anpflanzer gewesen sein mögen, ihre Tugenden sind selten geläugnet worden. Wenn sie abergläubisch waren, so waren sie auch aufrichtig fromm, und folglich gut. Die Ankömmlinge dieser einfachen Provinzialen voll Einfalt des Herzens verwarfen die gewöhnlichen und künstlichen Mittel, wodurch Ehrenbezeugungen in den Familien sich fortpflanzen, und setzten an deren Stelle einen Kampfpreis, der den Einzelnen selbst in den Bereich der Würdigung des Staats bringt, indem er so wenig als nur möglich aus Rücksicht auf die Vorfahren zuerkannt wird. Dieser Gleichmuth, diese Selbstverläugnung, dieser gesunde Verstand, oder mit welchem andern Ausdruck man sonst diese Maßregel belegen mag, hat der Nation den Vorwurf zugezogen, als habe sie einen unedeln Ursprung. Lohnte es der Mühe, so würde man bei näherer Untersuchung finden, daß weit mehr als die Hälfte der berühmten Namen des Mutterlandes bis auf diese Stunde in seinen früheren Colonieen gefunden wird; und es ist eine den Wenigen, welche mit einem so unwichtigen Gegenstand sich beschäftigt haben, wohlbekannte Thatsache, daß die Sprößlinge von gerader Linie aus manchem aussterbenden Geschlecht, welches Englands Politik durch Seitenlinien hat stützen wollen, jetzt die Aemter einfacher Bürger unter uns verwaltet. Der Stock ist derselbe geblieben, und die, welche den ehrwürdigen Korb umflattern, mögen gerne die leere Auszeichnung des Alters ihrer Geburt sich anmaßen, uneingedenk der Baufälligkeit ihrer Besitzung, und der Genüsse der zahlreichen und kräftigen Schwärme, welche die frischeren Süßigkeiten einer neuen Welt einsammeln. Aber da dies ein Gegenstand ist, der mehr für einen Politiker und Geschichtschreiber als für den bescheidenen Erzähler der heimischen Vorfälle gehört, die wir darlegen wollen, so müssen wir unsere Betrachtungen auf solche Dinge beschränken, welche eine unmittelbare Beziehung auf den Gegenstand der Erzählung haben.

Obgleich der Bürger der Vereinten Staaten mit so vielem Recht auf ein hohes Geschlecht Anspruch machen darf, ist er doch gar nicht von der Strafe wegen seines Falls befreit. Gleiche Ursachen bringen, wie bekannt, gleiche Wirkungen hervor. Der Tribut, den, wie es scheint, die Nationen immer durch mühsame Erfahrung am Altar der Ceres bezahlen müssen, ehe sie deren volle Gunst erfahren, wird gewissermaßen in Amerika von dem Abkömmling, statt von dem Vorfahr bezahlt. Der Gang der Civilisation bei uns hat eine außerordentliche Aehnlichkeit mit dem aller kommenden Begebenheiten, welche, wie man sagt, »ihren Schatten vor sich werfen.« Alle Stufen der Gesellschaft, von dem Zustand an, welcher der verfeinerte genannt wird, bis zu dem, der so nahe an Barbarei gränzt, als es die Verbindung mit einem verständigen Volk erlaubt, kann man nachweisen aus der Mitte der Staaten, wo Reichthum, Ueppigkeit und Künste anfangen sich niederzulassen, bis zu den entfernten, und immer zurückweichenden Grenzen, welche die Scheide abmarken, und die Nähe der Nation anzeigen, wie bewegliche Nebel dem Tag vorauszugehen pflegen.

Hier und hier allein findet man die weitverbreitete, aber gar nicht zahlreiche Classe, welche in allem mit denen verglichen werden kann, die den intellektuellen Fortschritten der Nationen in der alten Welt den Weg gebahnt haben. Die Aehnlichkeit zwischen dem amerikanischen Grenzwohner und seinem europäischen Urbild ist sonderbar, wiewohl sie nie ganz zur Gleichheit wird. Beide können unbeschränkt genannt werden, da der eine über, der andere unter dem Bereich des Gesetzes ist; – beide tapfer, da sie unter Gefahren aufwuchsen, – stolz, da sie unabhängig waren, – rachsüchtig, da jeder selbst Rächer des ihm angethanen Unrechts war. Eine weitere Fortsetzung der Parallele würde dem Grenzwohner Unrecht thun. Er ist irreligiös, weil er die Lehre ererbt hat, daß die Religion nicht in Formen besteht, und seine Vernunft eine Mummerei verwirft, die sein Gewissen nicht billigt. Er ist nicht Ritter, weil er nicht die Macht hat, Auszeichnungen zu erweisen, und er hat nicht die Macht, weil er das Kind, nicht der Vater des Systems ist. Auf welche Art diese verschiedenen Eigenschaften sich in einigen der markirtesten Menschen aus der letztern Classe darstellen, wird man aus dem Verlauf der folgenden Erzählung ersehen.

Ismael Busch hatte das Ganze eines Lebens von mehr als fünfzig Jahren auf den Grenzen der bürgerlichen Gesellschaft zugebracht. Er rühmte sich, daß er nie gewohnt, wo er nicht sicher jeden Baum hätte fallen können, den er von seiner Schwelle aus sah; daß das Gesetz selten in seinen Wohnbezirk gekommen, und seine Ohren nie freiwillig den Ton einer Kirchenglocke zugelassen. Seine Bemühungen gingen selten weiter als seine Bedürfnisse, die, seiner Classe eigenthümlich, selten unbefriedigt geblieben. Er hatte keine Achtung vor irgend einem Wissen, die Heilkunde ausgenommen; weil er die Anwendung einer Wissenschaft nicht begreifen konnte, wenn sie nicht in die äußern Sinne fiel. Seine Achtung für diesen besondern Zweig der Wissenschaft hatte ihn vermocht, dem Wunsche eines Mediziners Gehör zu geben, dessen Eifer für Naturgeschichte ihn getrieben, die Wanderungsliebe des Grenzwohners zu benutzen. Diesen Herrn hatte er liebevoll in seine Familie oder vielmehr in seinen Schutz aufgenommen, und sie reisten so weit in vollkommner Eintracht durch die Steppen; Ismael wünschte seinem Weibe oft Glück zu dem Besitz eines Gefährten, der in ihrer neuen Wohnung, wo sie auch immer sein möchte, so nützlich sein würde, bis die Familie sich gänzlich acclimatisirt habe. Die Ausflüge des Naturforschers führten ihn jedoch zu Zeiten häufig Tage lang von der geraden Linie der Reiseroute des Grenzwohners ab, der selten eine andere Führerin als die Sonne zu haben schien. Viele würden sich glücklich gepriesen haben, daß sie bei dem gefährlichen Sioux-Einfall abwesend gewesen, und so that auch Obed Bat (oder, wie er sich gern nannte, Battius, M. D. und Mitglied mehrerer cisatlantischen gelehrten Gesellschaften), – der kühne Herr, von dem die Rede ist.

Obgleich Ismael’s träger Charakter nicht sehr aufgeregt ward, war er doch sehr verstimmt durch die Freiheiten, die man sich mit seinem Eigenthum genommen. Er begab sich zur Ruhe, denn es war die Stunde, die er zu dieser Erfrischung bestimmt, und weil er wußte, wie unnütz jede Bemühung sein würde, seine Habe in der Dunkelheit der Mitternacht wieder zu erlangen. Er kannte auch die Gefahr seiner gegenwärtigen Lage zu wohl, um, was noch übrig ist, für das zu wagen, was er verloren. So sehr auch die Bewohner der Steppen, wie man weiß, die Pferde lieben, so wissen sie doch auch andere Dinge, die noch in dem Besitz der Wanderer waren, gehörig zu schätzen. Es war eine gewöhnliche List, die Heerden zu zerstreuen, und dann die Verwirrung zu benutzen. Aber Mahtoree hatte, wie es schien, in dem gegenwärtigen Fall die Klugheit des Mannes, den er angriff, zu gering angeschlagen. Die Gleichgültigkeit, mit der der Grenzwohner seinen Verlust hörte, haben wir schon gesehen, und es bleibt noch übrig, den Erfolg seiner gereifteren Entschließungen darzulegen.

Obgleich das Lager manches Auge einschloß, das lange offen blieb, und manches Ohr, welches das geringste Zeichen eines neuen Lärms schnell auffing, lag es doch in tiefer Ruhe während des übrigen Theils der Nacht. Stille und Ermüdung übten endlich ihre Rechte aus, und ehe der Morgen erschien, war alles, die Schildwachen ausgenommen, wieder in tiefem Schlaf begraben. In wie weit diese schläfrigen Wachter ihre Pflicht nach dem Ueberfall erfüllten, ist nie recht bekannt geworden, da nichts vorfiel, was ihre nachherige Wachsamkeit hätte darthun oder widerlegen können.

Sobald jedoch der Tag zu dämmern begann, und ein graues Licht vom Himmel auf die dunkeln Gegenstände der Ebene fiel, erhob sich Ellen Wade’s halb wirres, angstvolles und doch blühendes Antlitz unter der Masse der Kinder empor, unter die sie sich bei ihrer verstohlnen Rückkehr in’s Lager gemischt hatte. Sie stand leise auf, wand sich leicht durch die ausgestreckten Körper und ging mit derselben Vorsicht bis zu den äußersten Vertheidigungswerken Ismael’s. Hier lauschte sie, als untersuchte sie, ob es rathsam sei, weiter zu gehn. Doch dauerte dies nur einen Augenblick, und lange, ehe die schlaftrunkenen Augen der Schildwache, die die Stelle übersah, wo sie stand, Zeit gehabt, einen Lichtstrahl von ihrer behenden Gestalt aufzufangen, eilte sie der Niederung hin, und stand auf dem Gipfel der nächsten Anhöhe.

Ellen lauschte jetzt lang und aufmerksam, um einen andern Laut zu vernehmen, als das Säuseln der Morgenluft, das leise in dem Gras zu ihren Füßen spielte. Sie wollte eben, in ihrer Erwartung getäuscht, die Erforschung aufgeben, als das Geräusch eines Menschentritts durch das nasse Gras zu ihrem Ohr drang. Schnell vorwärts eilend, sah sie die Umrisse einer Gestalt, die nach der Anhöhe zuschritt, auf der dem Lager entgegengesetzten Seite, als habe sie ihrem Schatten wahrgenommen. Sie hatte schon Paul’s Namen ausgestoßen, und wollte eben mit der eiligen, schnellen Stimme, womit weibliche Zuneigung den Freund zu grüßen pflegt, das Gespräch beginnen, als sich bei’m Umwenden das Mädchen getäuscht sah, und ihrem Gruß kalt hinzufügte: »Ich hätte nicht gedacht, Doctor, Euch zu dieser ungewöhnlichen Stunde zu begegnen.«

»Alle Stunden, jede Zeit, meine gute Ellen, sind dem wahren Freund der Natur gleich« erwiederte ein kleiner, hagerer aber außerordentlich lebendiger Mann, der in eine sonderbare Mischung von Tuch und Häuten gekleidet war, und schon das mittlere Alter zurückgelegt hatte; »und wer bei diesem dunkeln Licht nichts zu finden weiß, was er bewundern muß, kennt einen großen Theil der Segnungen nicht, die er genießt.«

»Sehr wahr,« sagte Ellen, der plötzlich beifiel, daß sie ihr eigenes Erscheinen zu so ungewöhnlicher Stunde entschuldigen müsse, »ich kenne viele, welche meinen, die Erde sei reizender bei der Nacht, als im vollen Sonnenschein!«

»Ei, da müssen ihre Sehorgane zu convex sein; der, welcher die Sitten des Katzengeschlechts, oder die Abart, die Albinos, studiren will, muß sich zu dieser Stunde aufmachen. Ja, es gibt auch Menschen, die lieber bei der Dämmerung die Dinge betrachten, aus dem einfachen Grund, weil sie sie besser zu dieser Tageszeit sehen.«

»Und ist dies die Ursache, warum auch Ihr so viel bei Nacht aus seid?«

»Ich bin auch in der Nacht aus, mein gutes Kind, weil die Erde in ihrer täglichen Umwälzung nur die Hälfte der Zeit das Sonnenlicht unter Einem gegebenen Mittagskreis läßt, und weil, was ich zu thun habe, nicht in zwölf oder fünfzehn Stunden hinter einander abgemacht werden kann. Jetzt bin ich zwei Tage von der Familie weg gewesen, suche eine Pflanze, von der man gewiß ist, daß sie in dem Flußgebiet des la Plata sich findet, ohne auch nur einen Grashalm zu finden, der noch nicht aufgezählt und in seine Classe gebracht wäre.«

»Da seid Ihr recht unglücklich gewesen, Doctor, aber –«

»Unglücklich!« wiederholte der kleine Mann, ihr näher tretend und zog seine Mappe hervor, mit einer Miene, worin Freude auf sonderbare Art mit einer angenommenen Demuth kämpfte. »Nein, nein, Ellen, ich bin eher alles andere als unglücklich; es müßte denn ein Mann so genannt werden können, dessen Glück gemacht, dessen Ruf für immer gegründet ist, dessen Name mit Buffon zur Nachwelt übergehen wird, – mit Buffon, das ist ein bloßer Compilator, ein Mann, der aus dem Grund, den andere bearbeitet, blüht. Nein pari passu (gleichen Schritt) mit Solander der seine Wissenschaft durch Mühe und Entbehrungen erkaufte.«

»Habt Ihr eine Mine entdeckt, Doctor Bat?« – »Mehr als eine Mine; einen gemünzten Schatz; und tauglich zu augenblicklichem Gebrauch, Kind, – hör‘! Ich zog den nöthigen Winkel, um die Linie vom Zug Eures Oheims zu durchschneiden, nachdem ich lange fruchtlos gesucht; als ich einen Schall gleich dem Abbrennen von Feuergewehren hörte –«

»Ja,« rief Ellen schnell, wir hatten Lärm –«

»Und dachtet, ich sei verloren,« fuhr der wissensreiche Mann fort, zu vertieft in seine eigenen Gedanken, um ihre Unterbrechung zu verstehen. – »Da hatte es ein wenig Noth. – Ich zeichnete meine eigene Grundlinie hin, fand die Länge der Perpendiculare durch Rechnung, und hatte nun, um die Hypothenuse zu ziehen, nichts weiter zu thun, als den Winkel zu berechnen. Ich dachte, die Gewehre seien meinetwegen abgefeuert worden, und änderte meine Richtung nach den Tönen, nicht daß ich glaubte, die Sinne seien genauer oder auch nur so genau als eine mathematische Rechnung; sondern ich fürchtete, eins von den Kindern brauche etwa meine Hülfe.« »Sie sind all‘ wohl – –«

»Hört,« unterbrach der andere und hatte schon seine angenommene Aengstlichkeit für seine Patienten bei der größern Wichtigkeit des gegenwärtigen Gegenstandes vergessen; »ich hatte ein großes Stück der Steppe durchschritten, – der Schall dringt weit, wenn ihm nichts entgegensteht, – als ich ein Trappeln hörte, als ob Bison die Erde schlügen. Dann sah ich in der Ferne eine Heerde Quadrupeden, die sprangen die Hügel auf und ab, Thiere, die noch unbekannt und unbeschrieben geblieben, wäre nicht ein höchst glücklicher Zufall eingetreten. Eins, und das ein edleres Exemplar als alle übrigen, sprang ein wenig von den andern weg. Die ganze Heerde machte eine Biegung nach meiner Richtung und das Thier, welches sich abgesondert, schlug eben diese ein, wodurch es auf etwa fünfzig Fuß mir zu Gesicht kam. Ich benutzte die Gelegenheit und schrieb seine Beschreibung mit Hülfe meiner Bleifeder und meiner Lampe auf der Stelle ein. Ich hätte tausend Dollar, Ellen, für einen einzigen Schuß von einem von den Jungen gegeben!«

»Ihr führt ein Pistol, Doctor, warum gebrauchtet Ihr es nicht?« sagte das halb unaufmerksame Mädchen, das ängstlich die Steppe mit dem Blick durchsuchte; aber immer noch blieb, wo sie stand und sich gerne aufhalten ließ.

»Ei, es schießt nur mit ganz kleinem Blei, wie es sich zur Tödtung größerer Insekten und Reptilen eignet. Nein, ich that so besser, als mich in einen Kampf zu wagen, worin ich nicht Sieger sein konnte. – Ich bemerkte den Vorfall und notirte jedes einzelne mit der Genauigkeit, welche die Wissenschaft fordert. Ihr sollt alles hören, Ellen, denn Ihr seid ein gutes, lernbegieriges Kind, und wenn Ihr behaltet, was Ihr auf diese Art lernt, so könnt Ihr noch der Wissenschaft sehr nützlich werden; sollte mir etwa ein Unglück zustoßen. In der That, würdige Ellen, mein Gewerb hat seine Gefahren eben so gut, als das eines Kriegers. Eben diese Nacht,« fuhr er fort und warf sein Auge unwillkührlich um sich, »diese schreckliche Nacht ist der Funke des Lebens selbst in großer Gefahr gewesen zu erlöschen.«

»Wodurch?«

»Durch das Ungeheuer, das ich entdeckt. Es kam mir oft ganz nahe und selbst wenn ich zurückging, näherte es sich mir. Ich glaubte bloß die kleine Lampe, die ich führte, hat mich geschützt. Ich hielt sie zwischen uns, während ich schrieb, und brauchte sie so zu dem doppelten Zweck, als Leuchte und als Schild. Aber Ihr sollt die Charakterzeichen des Thiers hören und dann über die Gefahr urtheilen, die wir Beförderer der Wissenschaft zum Besten der Menschheit uns aussetzen.«

Der Naturforscher hob jetzt seine Mappe gegen den Himmel, und schickte sich an, so gut als möglich bei dem wenigen Licht, das auf die Ebene fiel, vorzulesen, nachdem er als Vorrede vorausgeschickt:

»Merkt auf, mein Kind, jetzt sollt Ihr hören, mit welchem Schatz es mein schönes Loos war, die Blätter der Naturgeschichte zu bereichern.«

»Es ist also ein Wesen Eurer Schöpfung,« sagte Ellen, von ihrem fruchtlosen Suchen sich wegwendend mit einem Blick aus ihren lebhaften blauen Augen, welcher zeigte, daß sie mit den Schwachheiten ihres gelehrten Gefährten zu scherzen verstehe.

»Ist denn die Kraft, unbelebten Wesen Leben zu geben, ein Geschenk des Menschen? Ich wünschte, es wäre so! Ihr solltet bald eine Historia naturalis Americana sehen, welche die schreienden Nachbeter des Franzmanns Buffon beschämen würde. Große Verbesserung könnte in der Bildung aller Quadrupeden vorgenommen werden, besonders bei denen, wo Schnelligkeit eine Tugend ist. Zwei der untern Gliedmaßen müßten nach den Grundsätzen des Hebels gebaut sein; Räder vielleicht, wie man sie jetzt macht; obgleich ich mich noch nicht entschieden habe, ob die Verbesserung besser an die Vorder- oder an die Hinterbeine angebracht würden, da ich erst noch ausmachen muß, ob Ziehen oder Stoßen eine größere Muskelkraft erfordert. Das natürliche Schwitzen des Thieres würde die Reibung vermindern helfen, und so ein großer Vortheil erlangt werden. Aber all dies ist nicht zu hoffen, wenigstens für jetzt nicht,« fügte er mit einem leichten Seufzer hinzu, hob seine Mappe wieder gegen das Licht, las laut: »October 6ten 1805, – dies ist nur das Datum, welches, wie ich sagen darf, Ihr so gut wißt, als ich, – Quadruped, gesehen bei Sternlicht, und mit Hülfe einer Taschenlampe, in den Steppen von Nordamerika, – Breite und Meridiane sehe Journal, – Genus – unbekannt; deßwegen genannt nach dem Entdecker und von dem glücklichen Zufall, daß es bei Nacht gesehen ward, – Vespertilio horribilis, Americanus . Verhältnisse (nach beiläufiger Schätzung) – Größeste Länge, eilf Fuß; Höhe, sechs Fuß; Kopf, aufrecht; Nasenlöcher, weit aufstehend; Augen, ausdrucksvoll und feurig; Zähne, sägeförmig und zahlreich; Schwanz, horizontal, wellenförmig und fast katzenartig; Beine groß und haarig; Krallen, lang, gekrümmt, gefährlich; Ohren, unansehnlich; Hörner, lang, abstehend, furchtbar; Farbe, aschgrau mit schönen Flecken; Stimme, volltönig, martialisch, schreckhaft; Lebensart, heerdenweis, fleischfressend, stolz und furchtlos. – Da habt Ihr,« rief Obed, als er diese sententiöse aber zusammenfassende Beschreibung geendet, »da habt Ihr ein Thier, das wohl mit dem Löwen um den Titel: König der Thiere streiten mag.«

»Ich verstehe nichts von allem, was Ihr da gelesen habt, Doctor Battius,« erwiederte das listige Mädchen, das die Schwachheiten des Philosophen kannte, und oft ihm einen Titel gab, den er so gern hörte; »aber ich halt‘ es für gefährlich, sich so weit vom Lager zu wagen, wenn solche Ungeheuer in den Steppen wüthen.«

»Ihr könnt’s wohl wüthen nennen,« entgegnete der Naturforscher, drückte sich fester an sie, und dämpfte seine Stimme zu so leisen und vielleicht etwas zu zutraulichen Tönen, daß sie fast noch mehr sagten, als sie sollten; »nie vorher ward mein Muth auf eine solche Probe gestellt; ja es gab einen Augenblick, ich muß es gestehen, wo das fortiter in re vor einem so schrecklichen Feind zurückbebte; aber die Liebe zur Naturwissenschaft hielt mich aufrecht und ließ mich triumphiren.«

»Ihr sprecht eine so ganz verschiedene Sprache von der in Tenessee,« sagte Ellen, und bemühte sich, ihr Lachen zu verbergen, »daß ich kaum weiß, ob ich Euch verstanden habe. Wenn ich nicht irre, so wollt Ihr sagen, Ihr hättet fast ein Herz wie eine Henne.«

»Das ist ein Gleichniß, wie nur gänzliche Unbekanntschaft mit der Bildung dieses Vogels eins machen kann. Das Herz einer Henne steht im gehörigen Verhältniß mit ihren übrigen Organen, und das Hausgeflügel ist in seinem Naturzustand sehr muthig. Ellen,« fügte er mit einem so ernsten Blick hinzu, daß er selbst auf das Mädchen einigen Eindruck machte; »ich ward verfolgt, gejagt, ja es war eine Gefahr, daß ich gar nicht – – doch was ist das!«

Ellen staunte hin, denn der Ernst und die einfache Aufrichtigkeit ihres Gefährten hatte selbst in ihrem leichtfertigen Sinn fast Glauben sich verschafft. Als sie nach der Richtung hinschaute, die der Doctor ihr bezeichnete, sah sie in der That ein Thier, das über die Steppe hinstreifte, und schnurstracks auf die Stelle zukam, die sie einnahmen. Der Tag war noch nicht weit genug vorgerückt, um es ihr möglich zu machen, dessen Gestalt und Art zu unterscheiden, obgleich es sichtbar genug war, ihr den Glauben beizubringen, es sei ein starkes, wildes Thier.

»Es kommt, es kommt!« rief der Doctor, und suchte, fast instinctartig, seine Mappe, während seine Kniee, trotz der Anstrengung, die er machte, sich aufrecht zu erhalten, gar schön zitterten und bebten. »Nun, Ellen, hat das Glück mir eine Gelegenheit gegeben, die bei’m Sternenlicht gemachten Fehler zu verbessern – halt, – aschgrau, – keine Ohren, – Hörner, außerordentlich.« – Seine zitternde Stimme, seine bebende Hand, beides ward durch ein Brüllen oder vielmehr durch einen Schrei des Thieres reglos gemacht, der so furchtbar war, daß er selbst einen größern Muth als den des Naturforschers gebeugt hätte.

Die Töne des Thieres schallten über die Steppe in fremdartigen, wilden Cadenzen, und dann folgte ein tiefes, feierliches Schweigen, das nur durch ein herzliches, unbändiges Gelächter von Ellen Wade’s wohltönenderer Stimme unterbrochen wurde. Indeß stand der Naturforscher wie eine Bildsäule vor Erstaunen, und ließ einen wohlgewachsenen Esel, gegen dessen Annäherung er nicht länger sein gepriesenes Lichtschild vorhielt, ohne weitere Bemerkung oder Weigerung um seine eigene Person herumriechen.

»Es ist Euer eigener Esel,« rief Ellen, so bald sie wieder zu Worten kommen konnte, »Euer eigener geduldiger, hart-arbeitender, armer Schelm.« Der Doctor wandte wild die Augen vom Thier zur Sprecherin, von der Sprecherin zum Thier, aber gab seiner Verwunderung keinen hörbaren Ausdruck. »Wollt Ihr denn ein Thier nicht anerkennen, das so lange in Eurem Dienst sich abgemüht hat,« fuhr das Mädchen, immer noch lachend, fort. »Ein Thier, von dem ich Euch tausendmal sagen hörte, es habe Euch gut gedient, und das Ihr wie Euern Bruder liebtet.«

» Asinus domesticus!« brachte der Doctor hervor, und holte Athem, als wenn er nah‘ am Ersticken gewesen. »Ja das Genus ist nicht mehr zweifelhaft, und ich werde immer behaupten, daß das Thier nicht von der Species equus ist. Es ist offenbar Asinus selbst, Ellen Wade, aber nicht Vespertilio horribilis der Steppen. Sehr verschiedene Thiere, versichere Euch, Kind, und in jedem wichtigeren Einzelnen von verschiedenem Charakter. Jenes fleischfressend,« fuhr er fort, und sein Auge fiel auf seine offene Mappe, »dieses pflanzenfressend; Gemüthsart, stark, gefährlich; Gemüthsart, geduldig, enthaltsam; Ohren, unansehnlich; Ohren, lang; Hörner, abstehend u. s. w.; Hörner, keine!«

Er ward durch ein zweites Lachen von Ellen unterbrochen, und dies diente gewissermaßen dazu, ihn wieder zu sich zu bringen.

»Das Bild des Vespertilio war nur auf der r etina,« bemerkte fast entschuldigend der erstaunte Forscher in die Geheimnisse der Natur, »und ich war thöricht genug, mein eigenes treues Thier für das Ungeheuer zu halten? Doch bin ich auch jetzt noch sehr verwundert, das Thier so im Weiten herumirren zu finden.«

Ellen erzählte ihm dann im Einzelnen die Geschichte des Angriffs und seine Folgen. Sie beschrieb mit einer Genauigkeit, die jedem Andern als ihrem verdachtlosen Zuhörer ihren eigenen Ausflug verrathen hätte, die Art, wie die Thiere aus dem Lager getrieben worden, und sich eiligst in der offenen Ebene zerstreut hätten. Ob sie es gleich nicht mit deutlichen Worten sagte, so wußte sie doch die große Wahrscheinlichkeit ihrem Gefährten einleuchtend zu machen, daß er den erschreckten Haufen für wilde Thiere gehalten, und schloß dann ihre Erzählung mit einem Bedauern des Verlustes, und einigen sehr natürlichen Bemerkungen über den hülflosen Zustand, in welchen er die Familie gebracht. Der Naturforscher hörte in stillem Staunen zu, unterbrach nicht die Erzählung, und unterdrückte selbst jeden Ausruf der Verwunderung. Doch bemerkte das scharfsichtige Mädchen, daß er, als sie fortfuhr, das wichtige Blatt aus der Mappe herausnahm, und auf eine Art, die zeigte, daß ihr Besitzer von seiner Täuschung zurückgekommen war. Seit der Zeit hat die Welt nichts mehr von dem Vespertilio horribilis Americanus gehört, und die Naturwissenschaft unwiederbringlich ein wichtiges Glied in der großen lebendigen Kette verloren, welche Himmel und Erde verbinden soll, und worin der Mensch so traulich mit dem Affen zusammengestellt wird.

Als Doctor Bat alle Umstände des Einfalls vernommen, nahm seine Besorgniß alsbald eine andere Richtung. Er hatte eine Menge Folianten und sehr viele Kisten, mit Pflanzenexemplaren und todten Thieren wohl versehen, unter Ismael’s guter Obhut gelassen; nun fiel’s ihm plötzlich ein, daß so listige Plünderer wie die Sioux nie die Gelegenheit versäumen würden, ihn dieser Schätze zu berauben.

Nichts, was auch Ellen vom Gegentheil versichern mochte, konnte seine Furcht beruhigen; so trennten sie sich, er seiner Zweifel und Besorgnisse ledig zu werden, sie so schnell und leise, wie sie es eben verlassen, in das stille, heimliche Zelt zurück zu schleichen.

Dreißigstes Kapitel.

Dreißigstes Kapitel.

»Ist dies Verfahren recht und ehrenvoll?«

Shakespeare.

 

Während dies auf der Hochebene vorging, waren die Krieger im Grunde nicht müßig gewesen. Wir verließen die feindlichen Banden, wie sie sich einander auf den entgegengesetzten Küsten des Stroms bewachten, und jeder seinen Feind durch die vorwurfvollsten Schmähungen und Schimpfreden zu einer unvorsichtigen Handlung zu reizen sich bemühte. Aber der Pawnee- Häuptling bemerkte bald, daß sein listiger Gegner gerne die Zeit so müßig hinbringen wollte, mit Versuchen, die gegenseitig gänzlich nutzlos waren. Er veränderte also seinen Plan, und zog sich wie schon durch des Streifschützen Mund gesagt worden, vom Ufer zurück, um die zahlreichere Horde der Sioux zum Uebergang einzuladen. Die Herausforderung wurde nicht angenommen, und die Wölfe waren genöthigt, einen andern Weg zu ihrem Zweck einzuschlagen.

Statt länger die kostbaren Augenblicke in fruchtlosen Bemühungen zu vergeuden, um seinen Feind zum Uebergang zu vermögen, führte der junge Häuptling der Pawnee seine Truppen in schnellem Galopp an dem Rand des Stromes hin, um eine günstige Stelle zu suchen, wo durch ein schnelles Hineinspringen er seine Bande ohne Verlust an das andere Ufer bringen könnte. Sobald sein Plan entdeckt wurde, nahm jeder berittene Teton einen Fußgänger hinten auf, und so ward Mahtoree noch in den Stand gesetzt, seine ganze Streitkraft gegen den Versuch zu concentriren. Als er bemerkte, daß man seinem Plan zuvorgekommen, und weil er seine Pferde nicht durch einen Lauf ermüden wollte, der sie zum Dienst untauglich gemacht hätte, selbst wenn es ihm gelungen, die schwerer beladenen Thiere der Sioux zu überflügeln, stand Hartherz, und machte nahe an dem Rande der Fluth plötzlich Halt.

Da das Land zu allen gewöhnlichen Unternehmungen der Kriegskunst der Wilden zu offen war, und die Zeit drängte, entschloß sich der ritterliche Pawnee, die Sache durch eine jener Handlungen persönlicher Kühnheit, wodurch die indianischen Helden so ausgezeichnet sind, und so oft ihren höchsten und theuersten Ruhm erkaufen, zu einem Ausschlag zu bringen. Die gewählte Stelle war zu solch einer Absicht günstig. Der Fluß, der durchaus fast tief und reißend war, hatte sich da zum mehr als Zweifachen seiner gewöhnlichen Breite ausgedehnt, und das Rieseln seiner Wasser bewies, daß er seicht floß. In der Mitte der Fluth war ein weites, nacktes Sandbett, nur wenig über die Fläche des Flusses erhaben und von einer Farbe und Festigkeit, welche einem geübten Auge dafür bürgte, daß es festen, sicheren Grund darböte. Auf diese Stelle lenkte jetzt der Parteiführer seinen scharfen Blick und zögerte nicht lange, sich zu entschließen. Erst sprach er mit seinen Kriegern, und machte sie mit seinen Plänen bekannt, dann stürzte er in die Fluth, und erreichte theils durch Schwimmen, und mehr noch mit Hülfe der Füße seines Pferdes sicher das Eiland.

Hartherzens Erfahrung hatte ihn nicht betrogen. Als seine schnaubende Stute aus dem Wasser heraus kam, fand er sich auf einem zitternden, aber festen Sandbett, das außerordentlich wohl zur Darlegung der besten Eigenschaften des Thiers geschickt war. Das Pferd schien dieses Vortheils sich bewußt zu sein und trug seinen kriegerischen Reiter mit einer Federkraft im Schritt und einem Stolz im Aeußern, die dem bestgezogenen und edelsten Renner keine Schande gemacht hätte. Das Blut des Häuptlings selbst erwärmte bei der Erregung seiner glänzenden Stellung. Er lenkte das Thier, als sei er sich bewußt, daß die Augen der beiden Stämme auf seine Bewegungen gerichtet wären; und wie nichts angenehmer und erfreulicher für seine eigene Bande als die Darlegung seiner angebornen Grazie und Tapferkeit sein konnte, so mochte nichts demüthigender und erniedrigender für seine Feinde sein.

Die plötzliche Erscheinung des Pawnee’s auf dem Sande verkündete sich unter den Teton durch ein allgemeines Geschrei wilder Wuth. Ein Eilen nach dem Ufer entstand und ward von einer Ladung von fünfzig Pfeilen und einigen Flinten begleitet, und von Seiten einiger Tapferen zeigte sich offenbar das Verlangen, in das Wasser zu stürzen, um die Kühnheit ihres verwegenen Feindes zu bestrafen. Aber ein Ruf und Befehl von Mahtoree wehrte dem Aufbruch und fast unbeherrschbaren Geiste unter der Bande. So weit entfernt, einen einzigen Fuß sich benetzen zu lassen, oder eine Wiederholung der fruchtlosen Bemühungen seines Volkes zu gestatten, um ihren Feind durch Geschosse zu vertreiben, erging an das Ganze der Befehl, sich von der Küste zurückzuziehen, während er selbst seine Pläne einem oder zwei seiner Begünstigten aus dem Gefolge mittheilte.

Als die Pawnee das Hervorspringen ihrer Feinde bemerkt hatten, ritten zwanzig Krieger in den Strom, aber sobald sie bemerkt, daß die Teton sich zurückzogen, gingen sie alle zugleich zurück, und überließen den jungen Häuptling seiner eignen oft geprüften Geschicklichkeit und seinem wohlbegründeten Ruhm, Die Anordnungen Hartherzens, als er seine Bande verließ, waren der Selbstbloßstellung und Kühnheit seines Charakters würdig. So lange einzelne Krieger gegen ihn kämen, sollte er dem Verhängniß Wahconda’s und seinem eigenen Arm überlassen bleiben; aber wenn die Sioux ihn in Menge angriffen, sollte er unterstützt werden, Mann gegen Mann, selbst bis zu seiner ganzen Streitkraft, Diese großmüthigen Befehle wurden genau beobachtet, und obgleich so viele Herzen in der Truppe am Ruhm, an der Gefahr ihres Führers Theil zu nehmen sich sehnten, ward doch kein Krieger unter ihnen allen gefunden, der nicht seine Ungeduld unter der gewöhnlichen Maske indianischer Selbstbeherrschung zu bergen wußte. Sie achteten aus den Ausgang mit scharfen, eifersüchtigen Augen, und kein Ausruf des Staunens entging ihnen, da, wie sich bald zeigen wird, sie einsahen, daß das Benehmen ihres Häuptlings eben so leicht zum Frieden, als zum Krieg führen könne.

Mahtoree theilte nicht erst lange seine Pläne seinen Vertrauten mit; er schickte sie schnell zu ihren Gefährten in den Nachtrupp zurück. Der Teton ritt auf eine kurze Strecke in den Fluß und hielt. Hier erhob er mehrere Male seine Hand, mit der Fläche auswärts, und machte mehrere von jenen andern Zeichen, welche als ein Pfand freundschaftlicher Gesinnungen unter den Einwohnern dieser Gegenden gelten. Dann, gleichsam die Aufrichtigkeit seine Herzens zu verbürgen, warf er sein Gewehr an das Ufer und ging tiefer in’s Wasser, wo er wieder stehen blieb, um zu sehen, auf welche Weise der Pawnee seine Friedensanträge aufnehmen würde.

Der listige Sioux hatte seine Berechnungen auf den edeln, guten Charakter seines jugendlicheren Nebenbuhlers nicht vergebens gemacht Hartherz war immer während der Geschosse und so lange der Schein eines allgemeinen Angriffs dauerte, mit derselben stolzen vertrauenden Miene auf dem Sand herumgeritten, mit der er zuerst der Gefahr getrotzt hatte. Als er die wohlbekannte Gestalt des Tetonparteiführers in den Fluß kommen sah, winkte er triumphirend mit der Hand, und erhob, die Lanze schwenkend, das durchdringende Kriegsgeschrei seines Volkes, als eine Herausforderung an ihn, heranzukommen. Aber als er die Zeichen eines Stillstands sah, wollte er, obwohl mit der Verrätherei in den Kämpfen der Wilden wohlbekannt, kein geringeres Vertrauen auf sich selbst als sein Feind zeigen. Er ritt zu der äußersten Spitze der Sandbank, warf seine Flinte von sich, und ritt zu dem Puncte zurück, wovon er ausgegangen war.

Die beiden Häupter waren jetzt gleichförmig bewaffnet. Jeder hatte seinen Speer, seinen Bogen, seinen Köcher, seine kleine Streitaxt und sein Messer, und jeder hatte auch einen Schild von Häuten, der als Verteidigungswaffe gegen einen unvorhergesehenen Angriff mit diesen Waffen dienen konnte. Der Sioux zögerte nicht länger, sondern ging tiefer in den Fluß, und landete bald an einem Punct des Eilands, den sein höflicher Gegner zu diesem Zweck freigelassen hatte. Wäre Jemand da gewesen, Mahtoree’s Angesicht zu bewachen, als er über das Wasser setzte, das ihn von dem furchtbarsten und gehaßtesten aller seiner Nebenbuhler trennte, er hätte glauben können, einen Blick geheimer Freude durch die Wolke brechen zu sehen, welche tiefe List und herzlose Verrätherei über sein schwarzes Gesicht hingezogen hatte, und doch würde es Augenblicke gegeben haben, wo er hätte meinen mögen, die Blitze aus des Tetons Auge, und die Ausdehnung seiner Nasenlöcher hätten ihren Grund in einem edleren Gefühl, in einem, das eines indianischen Häuptlings weit würdiger gewesen.

Der Pawnee hatte sich auf seine Seite der Sandbank zurückgezogen, wo er seinen Feind mit Ruhe und Würde erwartete. Der Teton machte eine kurze Schwenkung oder zwei, um die Ungeduld seiner Stute zu bändigen, und nach der Anstrengung des Uebersetzens, seinen Sitz fester einzunehmen, dann ritt er in die Mitte des Platzes, und lud den Andern durch einen höflichen Wink ein, nahe zu kommen. Hartherz näherte sich, bis er sich in einer zum Vorwärtsschreiten und Rückzug gleich geeigneten Entfernung befand, und stand nun auch, sein glühendes Auge auf das seines Feindes gerichtet. Eine lange, feierliche Stille folgte auf diese Bewegung, während welcher dies, zwei ausgezeichneten Tapfern, die nun zum ersten Mal, die Waffen in der Hand, einander gegenüber standen, wie Krieger auf ihren Pferden da saßen, die den Werth eines tapfern Feindes, so sehr er auch verhaßt sein mag, zu schätzen wissen. Aber Mahtoree’s Blick war bei weitem weniger ernst und kriegerisch als der des Parteiführers der Wölfe. Seinen Schild auf die Schulter werfend, als wolle er bei dem Andern Vertrauen erwecken, machte er eine begrüßende Bewegung und sprach zuerst:

»Möge der Pawnee auf die Hügel gehen,« sagte er, »und von der Morgen- bis zur Abendsonne, vom Land des Schnees bis in das der Blumen schauen, er wird sehen, daß die Erde sehr groß ist. Warum können die Rothhäute nicht Raum finden, für alle ihre Dörfer?«

»Hat der Teton je gehört, daß ein Krieger der Wölfe in seine Städte gekommen, um Raum für sein Zelt zu erbitten?« entgegnete der junge Tapfre mit einem Blick, worin er Stolz und Verachtung nicht zu verbergen suchte. »Wenn die Pawnee jagen, schicken sie dann Boten zu Mahtoree, ihn zu fragen, ob Sioux sind in den Steppe?«

»Wenn Hunger ist im Zelt eines Kriegers, sieht er sich nach Büffeln um, die ihm zur Nahrung gegeben sind;« fuhr der Teton fort, und bemühte sich den Zorn niederzuhalten, der durch des Andern Spott erregt worden. »Wahcondah hat ihrer mehr gemacht, als Indianer sind. Er hat nicht gesagt, dieser Büffel soll für den Pawnee, und jener für den Dahcotah; dieser Biber für einen Konza, und jener für einen Omahaw sein. Nein, er sagte, es sind ihrer genug. Ich liebe meine rothen Brüder, und ich hab‘ ihnen große Reichthümer gegeben. Das schnellste Pferd kann vor vielen Tagen nicht aus dem Dorf der Teton in das Dorf der Wölfe gehen. Es ist weit von den Städten der Pawnee zum Fluß der Osagen. Es ist Raum für Alles, was ich liebe. Warum also sollte ein rother Mann seinen Bruder schlagen?«

Hartherz ließ das eine Ende seiner Lanze zu Erde, und nachdem er auch seinen Schild auf die Schulter geworfen, saß er sich nachlässig auf seine Waffe lehnend da, während er mit einem Lächeln von nicht zweideutigem Ausdruck antwortete:

»Sind die Teton müde der Jagd und des Kriegs? Wünschen sie das Wild zu kochen, und nicht zu tödten? Wollen sie ihr Haar ihr Haupt bedecken lassen, daß ihre Feinde die Köpfe nicht entdecken können? Geht, ein Pawnee-Krieger wird nie unter solche Sioux-Weiber kommen, sich eine Frau zu holen.«

Ein furchtbarer Blick der Wuth brach ans dem beherrschten Gesicht des Dahcotahs, als er diese beißende Beleidigung hörte, aber schnell unterdrückte er dies Gefühl in einem für diese Gelegenheit passenderen Ausdruck.

»So sollte ein junger Häuptling vom Krieg sprechen,« antwortete er mit seltner Fassung; »aber Mahtoree hat das Elend von mehr Wintern gesehen, als sein Bruder. Als die Nächte lang gewesen, wenn Dunkelheit war in seinem Zelt, während die Jüngeren schliefen, hat er nachgedacht über die Noth seines Volks. Er hat zu sich gesagt: Teton, zählt die Schädel im Rauch. Sie sind alle noch, außer zwei! Tödtet der Wolf den Wolf, oder beißt die Schlange ihre Schwester? Ihr wißt, sie thun’s nicht; deßwegen, Teton, thut Ihr Unrecht, auf dem Pfad zu gehen, der in das Dorf einer Rothhaut führt, mit dem Tomahawk in der Hand.«

»Der Sioux möchte den Krieger seines Ruhms berauben? Er möchte zu seinen jungen Leuten sagen: geht, grabt Wurzeln aus den Steppen, sucht Höhlen, euren Tomahawk zu begraben; ihr seid nicht länger Tapfre!«

»Wenn Mahtoree’s Zunge je so sagt,« entgegnete der listige Häuptling mit dem Blick hohen Unwillens; »dann mögen seine Weiber sie ihm ausschneiden, und mit den Büffelstücken verbrennen. Nein,« fuhr er fort und trat dem unbeweglichen Hartherz etwas näher, gleichsam in der Aufrichtigkeit seines Vertrauens; »die Rothhäute können nie einen Feind entbehren, sie sind zahlreicher als die Blätter der Bäume, die Vögel an den Himmeln, oder die Büffel in den Steppen. Möge mein Bruder seine Augen weit öffnen, sieht er nirgends einen Feind, den er schlagen möchte?«

»Wie lange ist’s, seit der Teton die Schädel seiner Krieger zählte, die trockneten im Reich eines Pawneezelts? Die Bande, die sie nahm, ist hier, und bereit, sie zu achtzehn zu machen, zu zwanzig.«

»Nun möge mein Bruder nicht auf irrem Pfad gehen. Wenn eine Rothhaut immer die andere schlägt, wer wird Herr von den Steppen sein, wenn keine Krieger mehr sind, die sagen: sie sind mein. Hört die Stimmen der Alten. Sie sagen uns, daß in ihren Tagen viele Indianer aus den Wäldern unter dem Aufgang der Sonne gekommen sind, und daß sie die Steppen erfüllt haben mit ihren Klagen über die Räubereien der Langmesser. Wohin ein Blaßgesicht kommt, da kann ein rother Mann nicht bleiben. Das Land ist zu klein. Sie sind immer hungrig, seht, sie sind schon hier.«

Während der Teton sprach, deutete er nach Ismael’s Zelten, die ganz sichtbar waren, und dann schwieg er, die Wirkung seiner Worte auf das Gemüth seines freimüthigen Feindes zu erwarten. Hartherz hörte, als wenn eine Reihe neuer Ideen durch die Rede des Andern in ihm erregt worden. Er sann beinahe eine Minute, ehe er fragte:

»Was meinen die weisen Häupter der Sioux, daß geschehen müsse?«

»Sie meinen, der Stiefel jedes Blaßgesichts müsse verfolgt werden wie die Spur des Bären. Das Langmesser, das in die Steppe kommt, dürfe nie wieder zurück. Der Pfad müsse den Kommenden offen, den Weggehenden verschlossen sein. Dort sind viele. Sie haben Pferde und Gewehre. Sie sind reich, wir arm. Werden die Pawnee mit dem Teton übereinstimmen? Ehe die Sonne hinter die Felsengebirge gegangen, werden sie sagen, das gehört den Wölfen, das den Sioux.«

»Teton, nein! Hartherz hat nie den Fremdling geschlagen. Sie kommen in sein Zelt und essen, und gehen hinaus in Sicherheit! Ein mächtiger Häuptling ist ihr Freund! Wenn mein Volk die jungen Leute ruft, um in den Krieg zu ziehen, ist Hartherzens Stiefel der letzte; aber sein Dorf ist nicht sobald hinter den Bäumen verborgen, als er schon der erste ist. Nein, Teton, sein Arm wird sich nie erheben gegen den Fremden.«

»Thor, dann stirb mit leeren Händen!« Mahtoree riefs, legte einen Pfeil auf den Bogen, und sandte ihn mit einem plötzlichen, tödtlichen Druck gerade auf den nackten Busen seines edeln, vertrauenden Feindes.

Die That des verrätherischen Tetons geschah zu schnell, und war zu wohl erwogen, um von Seiten des Pawnee’s eins von den gewöhnlichen Vertheidigungsmitteln zuzulassen. Sein Schild hing an der Schulter, und selbst den Pfeil hatte er fallen lassen; er lag in der hohlen Hand, die den Bogen krampfhaft erfaßte. Aber das schnelle Auge des Tapfern hatte Zeit, die Bewegung zu sehen, und sein gewandter Griff verließ ihn nicht. Fest und mit einem schnellen Griff den Zaum anziehend, zog er seine Stute mit den Vorderfüßen in die Höhe, und da der Reiter sich niederduckte, diente das Pferd selbst als Schild gegen die Gefahr. So sicher jedoch war der Schuß, Und so mächtig die Gewalt, die ihn schickte, daß der Pfeil in den Nacken des Thiers drang und die Haut auf der andern Seite durchbrach.

Schneller als ein Gedanke, sandte Hartherz einen Pfeil dafür zurück, der Schild des Tetons ward durchbohrt, aber er selbst blieb unversehrt. Einige Augenblicke dauerte das Geräusch der Bogen und das Pfeifen der Pfeile ununterbrochen fort, obgleich die Streitenden soviel von ihrer Sorgfalt auf die Vertheidigungsmittel richten mußten. Die Köcher waren bald erschöpft, und obgleich Blut geflossen, war es doch nicht bedeutend genug, um die Wuth des Kampfs zu schwächen.

Nun begann eine Reihe meisterhafter, schneller Evolutionen mit den Pferden. Die Schwenkungen, die Angriffe, die windungsvollen Rückzüge waren gleich dem Flug kreisender Schwalben. Schläge wurden mit der Lanze versetzt, Sand in die Luft geschleudert, und die Anfälle schienen oft unvermeidlich verderblich; aber noch behaupteten beide Theile ihren Sitz, und noch ward von Jedem der Zaum mit fester Hand gehalten. Endlich wurde der Teton genöthigt, sich vom Pferde zu werfen, um einem Stoß zu entgehen, der sonst verderblich gewesen. Der Pawnee trieb seine Lanze durch das Thier, und stieß ein Triumphgeschrei aus, als er vorbei galoppirte. Sich zurückwendend, wollte er den Vortheil verfolgen, als seine eigene entkräftete Stute schwankte, und unter der Last fiel, die sie nicht länger tragen konnte. Mahtoree erwiederte sein zu voreiliges Siegsgeschrei, und stürzte auf den gehinderten Jüngling mit Messer und Tomahawk. Hartherzens äußerste Schnelligkeit würde nicht im Stande gewesen sein, ihn zur rechten Zeit von dem gefallenen Thier loszumachen. Er sah, daß seine Lage verzweifelt war. Da griff er nach seinem Messer, nahm die Klinge zwischen einen Finger und den Daumen, und warf es mit bewunderungswürdiger Geschicklichkeit auf den nahenden Feind. Die scharfe Waffe sauste durch die Luft, ihre Spitze traf auf die Brust des hitzigen Sioux, und die Klinge grub sich ein bis an den bockhornenen Griff.

Mahtoree legte seine Hand an die Waffe, und schien ungewiß, sie herauszuziehen, oder nicht. Für einen Augenblick verfinsterte sich sein Antlitz mit dem unvertilgbarsten Haß und Zorn, und dann, gleichsam von innen ermahnt, wie wenig Zeit er zu verlieren habe, stürzte er nach dem Rande der Sandbank und hielt mit seinem Fuß im Wasser. Die List und Zweizüngigkeit, welche so lange die glänzenderen und edleren Züge seines Charakters verdunkelt hatten, verloren sich in dem nie ersterbenden Gefühl des Stolzes, das er von Jugend auf eingesogen.

»Junge der Wöfe!« sagte er mit einem Lächeln grimmiger Freude, der Schädel eines mächtigen Dahcotah wird nimmer trocknen im Pawnee-Rauch!«

Er zog das Messer ans der Wunde und warf es voll Grimm nach seinem Feind. Dann seinen Arm nach seinem glücklichen Feind bewegend, schien sein schwarzes Gesicht mit einem Gewicht von Verachtung und Haß zu kämpfen, den er mit der Zunge nicht aussprechen konnte. Er stürzte sich jählings in die wildeste Fluth, immer triumphirend die Hand hervorstreckend, selbst als sein Körper schon für immer versunken war in dem reißenden Strudel. Hartherz hatte sich indeß frei gemacht. Die Stille, die bisher in den Banden geherrscht, ward plötzlich durch ein allgemeines, wildes Schreien unterbrochen. Fünfzig der gegenseitigen Krieger waren schon im Fluß, und eilten, den Sieger zu vernichten oder zu vertheidigen, und so war der Kampf eher am Vorabend seines Beginnens als seines Endes. Aber gegen all diese Zeichen von Gefahr und Noth war der junge Ueberwinder unempfindlich. Er lief nach dem Messer, er sprang mit dem Fuß einer Antilope auf dem Sand hin, und sah auf die sich theilende Fluth, die seine Beute barg. Ein dunkler, blutiger Fleck bezeichnete die Stelle, und mit dem Messer bewaffnet, tauchte er in den Strom, entschlossen, in der Fluth zu sterben oder mit der Trophäe zurückzukehren.

Indeß ward der Sand die Scene des Blutvergießens und der Gewaltthätigkeit. Besser beritten und vielleicht feuriger, erreichten sie in hinlänglicher Anzahl die Stelle, um ihre Feinde zum Rückzug zu zwingen. Die Sieger verfolgten ihren Vortheil bis zur entgegengesetzten Küste, und gewannen in dem Schlachtgetümmel festen Grund. Hier stießen sie aber auf all die unberittenen Tetons, und waren ihrerseits zum Weichen genöthigt.

Der Kampf wurde jetzt charakteristischer und mehr umsichtig. Da die wilden Antriebe, die beide Theile in so tödtlichen Kampf gerissen, kälter wurden, konnten die Häuptlinge ihren Einfluß ausüben und die Anfälle mit Klugheit mäßigen. In Folge der Ermahnungen ihrer Führer suchten die Sioux solche Verstecke, wie sie ihnen das Gras, oder hier und da ein Busch und eine leichte Erhöhung des Bodens darbot, und die Angriffe der Pawnee-Krieger wurden nothwendiger Weise behutsamer und daher weniger verderblich.

Auf diese Art dauerte der Streit mit abwechselndem Glücke und ohne großen Verlust fort. Den Sioux war es gelungen, in einen dichten, schlanken Graswuchs einzudringen, wo die Pferde ihrer Feinde nicht hinein konnten, oder wenn sie es thaten, ihnen noch weniger als nutzlos waren. Es wurde nöthig, die Teton aus diesem Versteck herauszutreiben, oder der Gegenstand des Kampfs mußte aufgegeben werden. Verschiedene verzweifelte Angriffe waren zurückgeschlagen worden, und die entmuthigten Pawnee dachten daran, sich zurückzuziehen, als das wohlbekannte Kriegsgeschrei »Hartherz« in der Nähe gehört ward, und im nächsten Augenblick der Häuptling in ihrer Mitte erschien, das Haupt des großen Sioux als eine Fahne schwenkend, die zum Sieg führen würde.

Er ward mit einem Freudengeschrei begrüßt, und in das Versteck mit einer Wildheit begleitet, die für den Augenblick alles vor sich niederstürzte. Aber die blutige Trophäe in der Hand des Parteiführers diente eben so wohl den Angegriffenen als den Angreifenden zum Sporn. Mahtoree hatte manchen kühnen Tapfern in seiner Bande zurückgelassen, und der Redner, der in den Debatten an diesem Tag so friedliche Gesinnungen geäußert hatte, zeigte jetzt die edelste Selbstaufopferung, um das Andenken eines Mannes, den er nie geliebt, den Händen der verschworensten Feinde seines Volks zu entreißen.

Das Ergebniß war zu Gunsten der größern Anzahl. Nach einem schweren Kampfe, worin die schönsten Thaten persönlicher Unerschrockenheit von all‘ den Häuptlingen ausgeführt wurden, waren die Pawnee genöthigt, sich auf ihren eignen Grund zurückzuziehen, und wurden dabei hart von den Sioux bedrängt, die nicht ermangelten, jeden fußbreit Land zu besetzen, der ihnen von den Feinden abgetreten ward. Hätten die Teton ihre Anstrengungen auf den Rand des Grases beschränkt, so ist es wahrscheinlich, die Ehre des Tags würde ihnen gewesen sein, ob sie gleich einen unersetzlichen Verlust durch Mahtoree’s Tod erlitten. Aber die unbedachtsameren Helden der Bande begingen eine Unvorsichtigkeit, die gänzlich das Glück des Gefechts veränderte und plötzlich aller schwererworbenen Vortheile sie beraubte.

Ein Pawnee-Häuptling war unter den zahllosen empfangenen Wunden hingesunken und fiel, eine Zielscheibe für ein Dutzend Pfeile, in dem letzten Haufen der weichenden Truppe. Eben so unbekümmert, ihren Feinden Schaden zuzufügen, als unbesorgt wegen der Gefährlichkeit der That, sprang jeder Sioux-Held mit einem Geschrei hervor, da jeder vor Verlangen brannte, den hohen Ruhm, den Kopf des Todten zu erwerben, sich zu erobern. Sie stießen auf Hartherz und auf einen auserlesenen Kern Krieger, die alle ganz eben so eifrig waren, die Ehre ihrer Nation vor einem so schimpflichen Fleck zu bewahren. Der Kampf war jetzt Hand gegen Hand, und Blut begann reichlicher zu fließen. Da die Pawnee sich mit dem Leichnam zurückzogen, folgten ihnen die Sioux auf den Fersen, und endlich brachen alle mit einem gemeinsamen Geschrei aus dem Versteck hervor und drohten, alle Gegenwehr durch große physische Uebermacht niederzuschlagen.

Hartherzens und seiner Gefährten Schicksal, die alle lieber gestorben wären, als daß sie ihren Plan aufgegeben hätten, wäre jetzt schnell entschieden worden, hätte sich nicht ein mächtiger und unvorhergesehener Umstand zu ihren Gunsten in’s Mittel geschlagen. Man hörte einen Schrei von einer kleinen Erhöhung zur Linken her, und eine Ladung von der verderblichen Westflinte erfolgte sogleich. Fünf oder sechs Sioux liefen vor und fielen todt nieder vor den Schüssen. Jeder Arm unter ihnen blieb plötzlich starr, als war ein Blitzstrahl aus den Wolken gekommen, um die Sache der Wölfe zu unterstützen. Dann ward Ismael und seine stattlichen Söhne sichtbar, wie sie auf ihre früheren verrätherischen Verbündeten mit Blick und Geschrei herfielen, welche die Art ihrer Hülfe andeuteten.

Der Stoß war für die Tapferkeit der Teton zu heftig. Mehrere ihrer tapfersten Häupter waren schon gefallen, und die, welche noch übrig blieben, wurden von all‘ ihrem geringeren Gefolge verlassen. Einige der verzweifeltsten Helden zögerten noch bei dem verderblichen Zeichen ihrer Ehre und fanden da rühmlichen Tod unter den Händen der wieder ermuthigten Pawnee. Eine zweite Ladung von den Büchsen des Auswanderers und seines Haufens aber vollendeten den Sieg.

Die Sioux sah man jetzt zu den entfernteren Schlupfwinkeln mit demselben Eifer und derselben Verzweiflung hinfliehen, mit der sie einige Augenblicke vorher sich in den Kampf gestürzt hatten. Die triumphirenden Pawnee sprangen zur Verfolgung vor, wie wohlgezogene Jagdhunde von guter Race. Auf jeder Seite hörte man das Geschrei des Siegs und den Ruf der Rache. Einige Flüchtlinge bemühten sich, die Leichname ihrer gefallenen Krieger wegzutragen; aber die heftige Verfolgung nöthigte sie bald, die Erschlagenen zu lassen, um die Lebenden zu erhalten. Unter allen Kämpfen, die bei dieser Gelegenheit vorfielen, die Ehre der Sioux vor dem Flecken zu retten, den ihre besondere Meinung mit dem Besitz eines Schädels von einem gefallenen Tapfern verband, ereignete sich nur ein Fall, wo sie glücklich waren.

Der Widerspruch jenes ausgezeichneten Häuptlings gegen die feindlichen Anschläge im Rath jenes Morgens ist schon erzählt worden. Aber nachdem er seine Stimme vergebens für den Frieden erhoben hatte, war sein Arm in seiner Pflicht im Kriege nicht zurückgeblieben. Seine Tapferkeit haben wir gesehen, und vorzüglich sein Muth und Beispiel hielt die Teton aufrecht in den Heldenthaten, die geschahen, als Mahtoree’s Tod bekannt ward. Dieser Krieger, der in der bildlichen Sprache seines Volks »der entsetzliche Adler« genannt wurde, war der Letzte gewesen, der die Hoffnung des Siegs aufgab. Als er fand, daß die Unterstützung der gefürchteten Büchse seine Bande der schwererlangten Vortheile beraubt, zog er sich finster unter einem Schauer von Geschossen zu der versteckten Stelle zurück, wo er sein Pferd in den Irrgängen des höchsten Grases verborgen hatte. Hier fand er einen neuen und ganz unerwarteten Mitbewerber, der bereit war, ihm den Besitz des Thiers streitig zu machen. Es war Bohrecheena, der bejahrte Freund Mahtoree’s, er, dessen Stimme weiseren Meinung entgegengetreten. Von einem Pfeil durchbohrt, litt er augenscheinlich die Schmerzen des nahenden Todes.

»Ich bin auf meinem letzten Kriegszug gewesen,« sagte der grimmige alte Krieger, als er fand, daß der wahre Eigenthümer des Thiers gekommen, um das Seine in Anspruch zu nehmen; »soll ein Pawnee das weiße Haar eines Sioux in sein Dorf tragen, auf daß es der Spott seiner Weiber und Kinder sei?«

Der Andere ergriff seine Hand und antwortete auf die Anrede mit dem ernsten Blick unbeugsamer Entschlossenheit. Mit diesem schweigenden Pfand half er dem Verwundeten aufs Pferd. Sobald er das Pferd an den Rand des Verstecks geführt, warf er sich auch darauf und trieb es, nachdem er seinen Gefährten an seinen Gürtel gebunden, auf die offene Ebene, ganz der wohlbekannten Eile des Thiers ihre gegenseitige Rettung anvertrauend. Die Pawnee bemerkten bald diese neuen Gegenstände, und mehrere wandten ihre Stuten zur Verfolgung. Die Flucht ging eine Meile weit, ohne eine Murren von Seiten des Dulders, ob er gleich außer seinen körperlichen Leiden noch den Verdruß hatte, seine Feinde mit jedem Schritt näher kommen zu sehen.

»Halt,« sagte er und erhob einen schwachen Arm, die Eile seines Gefährten aufzuhalten; »der Adler meines Volks muß seine Fittige weiter entfalten. Möge er die weißen Haare eines alten Kriegers in ein Dorf der Schwarzgebrannten bringen.«

Wenige Worte waren zwischen Leuten nöthig, die von denselben Gefühlen des Ruhms geleitet und so wohl mit den Grundsätzen ihrer romantischen Ehre vertraut waren. »Der entsetzliche Adler« warf sich vom Pferde und half auch dem Andern herunter. Der Alte senkte seine schwankende Gestalt auf die Kniee, warf dann einen Blick zu seinem Landsmann auf, als wolle er ihm Lebewohl sagen, und hielt seinen Nacken dem Schlage dar, den er selbst erbeten. Wenige Hiebe des Tomahawk nebst einem runden Schnitt mit dem Messer reichten hin, das Haupt von dem weniger geehrten Rumpfe zu trennen. Der Teton saß wieder auf, gerade zur rechten Zeit, einer Pfeilwolke zu entgehen, die von seinen eifrigen und getäuschten Verfolgern herkam. Das grimmige, blutige Gesicht schwingend, schoß er weg von der Stelle mit einem Triumphgeschrei, und man sah ihn über die Ebenen jagen, als wenn er wirklich von den Flügeln des mächtigen Vogels getragen würde, von dessen Tugenden er seinen schmeichelhaften Namen empfangen, »Der schreckliche Adler« erreichte wohlbehalten sein Dorf; er war einer der wenigen Sioux, die dem Gemetzel dieses furchtbaren Tages entgingen, und lange Zeit war er allein von den Geretteten im Stande, seine Stimme wieder im Rath seiner Nation mit unvermindertem Vertrauen zu erheben.

Messer und Lanze schnitt dem größern Theil der Besiegten den Rückzug ab. Selbst der fliehende Theil der Weiber und Kinder wurde von den Ueberwindern zerstreut, und die Sonne war längst hinter der gewölbten Linie des Horizonts hinabgesunken, ehe das traurige Tagewerk jener unheilvollen Niederlage beendet worden.

Einunddreißigstes Kapitel.

Einunddreißigstes Kapitel.

»Wer ist der Kaufmann hier, und wer der Jud‘!«

Shakespeare.

 

Der Tag dämmerte am folgenden Morgen über einer ruhigeren Scene. Das blutige Werk hatte gänzlich aufgehört, und als die Sonne aufging, fiel ihr Licht auf eine weite Ausdehnung voll Ruhe und Einsamkeit. Ismael’s Zelte standen noch, wo sie zuletzt gesehen worden; aber keine andere Spur von menschlichem Dasein konnte sonst in der Wüste entdeckt werden. Hier und da segelten kleine Heerden von Raubvögeln vorüber und schrieen bei den Stellen, wo ein schwerfüßiger Teton seinen Tod gefunden; aber jede andere Spur des frischen Kampfs war verwischt. Den Fluß konnte man an seinem geschlängelten, rauchenden Bette weit durch die endlosen Ebenen verfolgen, und die kleinen Silberwolken leichten Dunsts, die über den Sümpfen und Quellen hingen, begannen in der Luft zu zerschmelzen, wie sie die auflösende Wärme fühlten, welche, vom erglühenden Himmel dringend, ihren sanften, leisen Einfluß auf alle Gegenstände der weiten, unbeschatteten Landschaft ausübte. Die Steppe war nach dem trüben Vorübergang des Nebels, wie der Himmel, mild, ruhig und friedlich.

Auf einem solchen Schauplatz versammelte sich die Familie des Auswanderers, um einen endlichen Beschluß wegen der verschiedenen Personen zu fassen, welche durch die wechselnden Umgestaltungen der erwähnten Vorfälle in ihre Hände geworfen worden. Alles, was Leben und Freiheit besaß, war, seit der erste graue Streif den Osten erhellt hatte, auf den Beinen gewesen, und selbst die Jüngsten von der wandernden Brut schienen überzeugt, daß der Augenblick gekommen, wo Dinge geschehen sollten, die einen dauernden Eindruck auf das wilde Geschick ihres halb-barbarischen Zustandes zurücklassen müßten.

Ismael schritt durch sein kleines Lager mit dem Ernst eines Mannes, der unerwartet mit Dingen von einer Wichtigkeit zu thun bekommen, die weit über die gewöhnlichen Vorfalle seines ungeregelten Lebens hinausgingen. Seine Söhne aber, die so oft Gelegenheit gefunden, die unerbittliche Strenge von ihres Vaters Charakter zu erfahren, sahen in seiner trüben Miene, seinem kalten Auge eher seine Entschlossenheit, seinen Willen, auf dem er gewöhnlich eben so fest bestand, als er ihm unklar war, auszuführen, als sonst ein Zeichen von Ungewißheit und Zweifel. Selbst Esther war sichtbar durch die wichtigen Umstände aufgeregt, die ihre Familie so sehr angingen. Während sie keine von den häuslichen Pflichten versäumte, welche wahrscheinlich in allen nur erdenklichen Fällen vor sich gegangen, – gerade wie die Welt sich dreht, während Erdbeben ihre Rinde zerreißen, und Vulcane ihre Eingeweide verzehren, – war doch ihre Stimme zu einem weit niedrigeren Schlüssel als gewöhnlich herabgedampft, und das immer noch häufige Schreien ihrer Kinder wurde durch Etwas, wie die mildere Würde mütterlichen Ansehens gestillt.

Abiram schien wie gewöhnlich, am meisten der Stille und dem Hinbrüten nachhängend. Es lag ein gewisser Verdacht in den öfteren Blicken, die er auf das unbewegte Antlitz Ismaels warf, welcher zeigen mochte, wie wenig ihr früheres Vertrauen und gutes Einverständnis; noch zwischen ihnen bestand. Seine Mienen schienen sonderbar zwischen Hoffnung und Furcht zu schwanken. Manchmal erhellte sich sein Gesicht durch Strahlen wilder Freude, wenn er sein Auge auf das Zelt richtete, das seine wiedererlangte Gefangene in sich schloß, und dann wieder schien der Eindruck unbegreiflicherweise durch die Schatten hoher Besorgniß verjagt zu werden. War er unter dem Einfluß des letztern Gefühls, so ermangelte sein Auge nie, das Antlitz seines finstern, undurchdringlichen Verwandten aufzusuchen.

Aber da fand er eher Grund zur Besorgniß, als Ursache zur Ermuthigung, denn der ganze Charakter von des Auswanderers Antlitz drückte die furchtbare Wahrheit aus, daß er seinen langsamen Geist vom Einfluß des Seelenverkäufers losgemacht, und daß seine Gedanken jetzt nur über der Ausführung seiner eignen störrigen Pläne brüteten.

In diesem Zustand der Dinge führten die Söhne Ismael’s in Folge eines Befehls ihres Vaters die verschiedenen Gegenstände seiner bedächtigen Entschlüsse aus ihrem Gefängniß in die freie Luft. Keiner ward von dieser Anordnung ausgenommen. Middleton und Inez, Paul und Ellen, Obed und der Streifschütz, wurden herbeigebracht, und nahmen Sitze ein, wie man sie zum Anhören des Spruchs ihres eigenmächtigen Richters für passend hielt. Die jüngeren Kinder sammelten sich in einer Art augenblicklicher aber steigender Neugier um die Stelle, und selbst Esther ließ ihre Küchenarbeiten und kam herbei, um zuzuhören.

Hartherz war von seiner Bande allein zugegen, um von dem neuen und gar nicht unfeierlichen Schauspiele Zeuge zu sein. Er stand ernst auf seine Lanze gelehnt, während die rauchende Stute, die in der Nähe graste, zeigte, daß er weither und schnell geritten, um Zuschauer zu sein.

Ismael hatte seinen neuen Verbündeten mit einer Kälte empfangen, welche seine gänzliche Unempfindlichkeit gegen jenen Zartsinn verrieth, der den jungen Häuptling vermocht hatte, allein zu kommen, damit die Gegenwart seiner Krieger keine Unruhe oder Mißtrauen erregen möchte. Er bemühte sich weder um ihren Beistand, noch fürchtete er ihre Feindschaft, und ging jetzt mit eben so vieler Haltung an sein Geschäft, als wenn diese Art patriarchalischer Gewalt, die er sich anmaßte, allein anerkannt wäre.

Es ist etwas Erhabenes in dem Besitz der Macht, mag sie auch mißbraucht werden. Die Seele macht dann gewisse Anstrengungen, um das Passende zwischen den Attributen der Gewalt und dem Zustand ihres Besitzers darzulegen, wenn es auch oft fehlschlagen mag, und das lächerlich macht, was vorher bloß gehässig war. Aber die Wirkung bei Ismael Busch war nicht so entmuthigend. Ernst im Aeußern, wild von Temperament, furchtbar durch seine physische Stärke, und gefährlich durch seine gesetzlose Halsstarrigkeit, erregte er durch sein selbstgeschaffenes Tribunal eine Ehrfurcht, gegen das selbst der verständige Middleton sich nicht ganz unempfindlich halten konnte. Doch ließ man ihm nur wenig Zeit, seine Gedanken zu sammeln, denn der Auswanderer, obwohl an Eile nicht gewöhnt, mochte nicht leicht, war er einmal entschlossen, auch nur Augenblicke durch Zögern verlieren. Als er Alle auf ihren Stellen sah, warf er einen finstern Blick auf seine Gefangnen, und wandte sich an den Capitain, als die Hauptperson unter den vermeintlichen Verbrechern:

»Ich bin heute berufen, das Amt auszufüllen, das Ihr in den Ansiedelungen Richtern übergebt, die gewählt werden, um über Dinge zu entscheiden, welche streitig sind unter den Leuten. Ich kenne nur wenig die Weise der Gerichtshöfe, obwohl es eine Allen bekannte Regel ist, welche sagt, daß es Auge gehen muß um Auge, und Zahn um Zahn. Ich bemühe nicht oft die Gerichtshäuser, und am wenigsten von Allem lieb‘ ich auf einer Plantage zu leben, worüber der Sheriff die Aussicht führt, doch liegt etwas in einem solchen Gesetz, was eine sichere Regel zum Handeln gibt, und deßwegen sei es feierlich ausgesprochen, daß ich heute darnach richte, und Allen und Jedem gebe, was ihnen gebührt, und nicht mehr.«

Als Ismael so weit seinen Entschluß verkündet, machte er eine Pause, und sah um sich, als wolle er die Wirkungen in den Zügen seiner Zuhörer lesen. Als sein Auge auf Middleton traf, antwortete ihm dieser:

»Wenn der Uebelthäter bestraft, und der, welcher Niemanden beleidigt hat, freigegeben werden muß, müßt Ihr mit mir tauschen, und Gefangener sein, statt Richter.«

»Ihr wollt sagen, ich habe Euch Unrecht gethan, indem ich die Dame aus ihres Vaters Haus nahm, und sie so weit gegen ihren Willen in diese wilden Orte führte;« entgegnete unbewegt der Auswanderer, der eben so wenig Aerger, als Reue bei der Beschuldigung verrieth. »Ich will nicht noch eine Lüge zu einer bösen That hinzufügen, und Eure Worte bestreiten. Da die Sachen so zwischen uns gekommen sind, hab‘ ich Zeit gehabt, mit Muße über den Vorfall nachzudenken, und obwohl keiner Eurer schnellen Köpfe, die in die Natur aller Dinge mit einem Blick sehen können, oder zu sehen vermeinen, bin ich doch offen für die Vernunft, und wenn Ihr mir Zeit laßt, Keiner, der die Wahrheit leugnet. Deßwegen bin ich endlich zum Schluß gekommen, daß es ein Mißgriff war, ein Kind von seinem Vater zu nehmen, und die Dame soll zurückkehren, wo sie hergekommen, mit so viel Bequemlichkeit und Sicherheit als möglich.«

»Ja, ja!« fügte Esther hinzu; »er hat Recht. Armuth und Arbeit drückten ihn schwer, besonders da die Einnehmer schwierig wurden, und in einem schwachen Augenblick that er die böse That, aber er hat auf meine Worte gehört, und sein Gemüth ist wieder gut geworden. Ein furchtbares, gefährliches Ding ist es, die Töchter anderer Leute in eine friedliche wohlgeordnete Familie zu bringen.«

»Und wer wird es Euch danken, nach dem, was schon geschehen ist?« murrte Abiram mit einer Grimasse getäuschter Gier, worin Bosheit und Schreck eckelhaft sich einigten; wenn der T – l einmal seine Rechnung macht, setzt er sie nur über Bausch und Bogen auf.«

»Ruhe!« sagte Ismael und streckte seinen Arm gegen seinen Verwandten auf eine Weise aus, die ihn sogleich zum Schweigen brachte. »Eure Stimme ist die des Raben in meinem Ohr. Hättet Ihr nie gesprochen, wäre mir diese Schande erspart!«

»Da Ihr also anfangt, Eure Irrthümer zu verlassen und die Wahrheit zu sehen,« sagte Middleton, »so thut es nicht bloß zur Hälfte, sondern erkauft Euch durch Euer edelmüthiges Betragen Freunde, die Euch von Nutzen im Abwenden aller künftigen Gefahren vor dem Gesetz sein mögen.«

»Junger Mann,« fiel der Auswanderer mit finsterer Stirn ein, »Ihr auch habt genug gesagt! Wäre Furcht vor dem Gesetz über mich gekommen, so wäret Ihr nicht hier Zeuge von der Art, wie Ismael Busch Gerechtigkeit übt.«

»Unterdrückt nicht Eure gute Absichten, und erinnert Euch, daß wenn Ihr Gewalt gegen einen von uns beabsichtigt, der Arm des Gesetzes, den Ihr zu verachten vorgebt, weit reicht, und daß, wenn auch sein Handeln manchmal langsam ist, er deßwegen nicht weniger sicher trifft.«

»Ja es ist zu viel Wahrheit in seinen Worten, Wanderer,« sagte der Streifschütz, dessen aufmerksame Ohren selten eine Silbe unbemerkt ließen, die in ihrer Gegenwart ausgesprochen wurde. »Ein geschäftiger und beschwerlicher Arm ist er oft hier in diesem Amerika, wo, wie man sagt, der Mensch meistens seinen eigenen Wünschen folgen darf, wenn man andere Länder damit vergleicht, und glücklicher, ja, ehrlicher und männlicher auch ist er durch diesen Vorzug! Ei, wißt ihr, Leute, daß es Länder gibt, wo das Gesetz so geschäftig ist, daß es sagt, auf diese Art sollt ihr leben, so sollt ihr sterben, und wieder anders sollt ihr von der Welt Abschied nehmen, um vor den Richterstuhl des Herrn geschickt zu werden. Eine verdammte, unbequeme Einmischung ist das in die Geschäfte des Einen, der seine Geschöpfe nicht gemacht hat, um wie Ochsen zusammen geheerdet und von Feld zu Feld getrieben zu werden, wie ihre dummen, selbstischen Führer es für sie nöthig halten. Ein armes Land muß das sein, wo sie Geist und Körper fesseln, wo die Geschöpft Gottes, als seine Kinder geboren, so durch die schlechten Erfindungen der Menschen eingeengt werden, die sich das Amt des großen Regierers des Alls anmaßen.«

Während er diese sehr starke Meinung aussprach, begnügte sich Ismael zu schweigen, obwohl der Blick, womit er den Sprecher ansah, jedes andere Gefühl eher verrieth, als Freundschaft. Als der Alte fertig war, wandte er sich zu Middleton, und fuhr in dem Gespräch fort, das der Andere unterbrochen:

»Was uns betrifft, Capitain, so war auf beiden Seiten Unrecht. Wenn ich Euer Herz gebrochen, indem ich Euer Weib in der Absicht wegnahm, sie Euch wiederzugeben, sobald die Zwecke dieses eingefleischten T–fels erreicht wären, so seid Ihr in mein Lager, hehlend und helfend, wie man oft einen edleren Handel nennt, gebrochen, und habt meine Habe zerstört.«

»Aber was ich that, geschah zur Befreiung – – –«

»Die Sache ist zwischen uns im Reinen, fiel Ismael mit der Miene eines Mannes ein, der, nachdem er mit sich selbst über die Vortrefflichkeit einer Sache einig geworden, sich wenig mehr um die Meinung Anderer kümmert. »Ihr und Euer Weib seid frei, könnt gehen, wohin es Euch gefällt. Abner, setz‘ den Capitain in Freiheit, und nun, wenn ihr warten wollt, bis ich näher den Colonieen ziehen kann, sollt ihr Beide die Bequemlichkeit des Fahrens haben; wenn nicht, so sagt nie, daß es euch nicht freundlich angeboten worden.«

»Nun mögen die Starken mich drücken, und meine Sünden hart auf mein Haupt fallen, wenn ich Eure Ehrlichkeit vergesse, so langsam Ihr auch in ihrer Ausübung wart,« rief Middleton und eilte zu der weinenden Inez, sobald er befreit war; »und, Freund, ich gebe Euch das Ehrenwort eines Soldaten, daß Euer Antheil an dieser Verhandlung nie vergessen werden soll, welche Wege ich auch einzuschlagen für nöthig halten werde, sobald ich eine Stelle erreicht, wo der Arm der Regierung sich wieder geltend machen kann.«

Das finstere Lächeln, womit der Wanderer auf diese Versicherung antwortete, zeigte, wie wenig er auf das Versprechen gäbe, das der Jüngling im ersten Ausbruch seines Gefühls so freigebig machte.

»Nicht Furcht, noch Gunst, sondern was ich Gerechtigkeit nenne, hat mich zu diesem Spruche gebracht,« sagte er; »thut Ihr, was Euch recht scheint, und glaubt, daß die Welt weit genug ist, uns Beide zu fassen, ohne daß unsere Wege sich wieder durchkreuzen. Wenn Ihr zufrieden seid, gut; wenn nicht, sucht, wie Ihr könnt, Euch zufrieden zu stellen. Ich werde nicht bitten, mich aufzulassen, wenn Ihr mich einmal unten habt. – Und nun, Doctor, bin ich zu Eurem Blatt in meiner Rechnung gekommen. Es ist Zeit, das Wenige abzumachen, was seit einiger Zeit zwischen uns sich aufgesummt hat. Mit Euch ging ich einen offenen, ehrlichen Vertrag ein, wie habt Ihr ihn gehalten?«

Das eigene Glück, womit Ismael die Verantwortlichkeit für Alles, was geschehen, von seinen eigenen Schultern auf die seiner Gefangenen zu schieben gewußt hatte, unterstützt darin durch Umstände, die kaum eine sehr philosophische Untersuchung über irgend einen in der Moral bestrittenen Punct zuließen, war hinlänglich niederschlagend für die verschiedenen Individuen, die so unerwartet Rechenschaft über ein Betragen ablegen sollten, welches sie in ihrer Einfalt für so verdienstlich gehalten hatten. Obed’s Leben war so rein theoretisch gewesen, daß sein Erstaunen über einen Zustand der Dinge nicht gering war, der, hätte er sich ein wenig besser auf die Welt verstanden, ihm nicht so außerordentlich vorgekommen wäre. Der würdige Naturforscher war bei Weitem nicht der Erste, der sich gerade in dem Augenblick‘, wo er Lob erwartete, plötzlich aufgefordert fand, ein Benehmen zu verantworten, auf das er all seine Ansprüche auf Lob gründete. Obwohl nicht wenig betroffen über die unerwartete Wendung der Verhandlung, wollte er doch die Umstände aufs Beste benutzen und das zu seiner Rechtfertigung vorbringen, was sich zuerst seinem etwas verwirrten Geiste darbot.

»Daß ein gewisses Compactum oder Vertrag zwischen Obed Batt, M. D. und Ismael Busch, Viator, oder irrender Anbauer, bestand,« sagte er, und bemühte sich, alles Anstößige im Gebrauch der Wörter zu vermeiden, »bin ich nicht willens, zu leugnen. Ich will zugeben, daß darin bedungen oder stipulirt worden, eine gewisse Reise sollte zusammen und in Gesellschaft gemacht werden, bis so und so viel Tage gezählt worden; aber da die genannte Zeit völlig vorüber, so denke ich, kann man wohl annehmen, der Handel sei zu Ende und obsoIet.«

»Ismael!« fiel die ungeduldige Esther ein, »mach‘ nicht viel Worte mit einem Manne, der deine Gebeine eben so leicht brechen, als einrichten kann, und laß den giftigen Teufel gehen! Er ist ein Betrüger mit Büchse und Arzneiglas. Gib ihm die halbe Steppe und nimm die andere für dich! Er ist ein Arzt für die Kinder! Ich will sie selbst an einen Fieber- und Sumpfboden gewöhnen, in einer Woche, und nichts weiter soll angewandt werden, als die Rinde vom Kirschbaum und vielleicht ein oder zwei Tropfen vom »»Westtrost.«« Das wenigstens ist gewiß, Ismael, ich lieb‘ keine Reisegefährten, die die Zunge eines ehrlichen Weibes schwer machen können, und das, ohne sich zu bekümmern, ob ihr Haushalt in Ordnung ist, oder nicht.«

Das ernste Ansehen, das auf des Auswanderers Gesicht lag, erheiterte sich einen Augenblick in finstern Spott, als er antwortete: »Andere Leute mögen anders von des Mannes Kunst urtheilen, Esther; aber da du willst, daß er fort soll, so will ich die Steppe nicht durchschneiden, um seinen Weg schwierig zu machen. Freund, Ihr seid frei, könnt in die Ansiedelungen gehen und dort würde ich Euch zu bleiben rathen, da Leute, wie ich, die so wenig Contract machen, nicht die Sitte lieben, sie so leicht zu brechen.«

»Und nun, Ismael,« begann sein herrschendes Weib wieder, »um eine ruhige Familie zu behalten und allen Zwist unter uns zu schlichten, zeig‘ jener Rothhaut und seiner Tochter,« – sie deutete dabei auf Le Balafré und die verwittwete Tachechana, – »zeig‘ ihnen den Weg in ihr Dorf und laß uns zu ihnen sagen: »»Gott segne Euch und lebt wohl in demselben Athem.«

»Sie sind des Pawnee Gefangenen nach den Regeln des indianischen Kriegs, und ich kann mich in seine Rechte nicht mischen.«

»Bewahre, Mann! Er ist ein Betrüger und Versucher, und Niemand kann sagen, daß sie sicher sind bei seinen bösen Ränken. Nimm Rath von Einer an, der deine Ehre zu Herzen geht, und schick‘ die zauberische Jesabel fort!«

Der Auswanderer legte seine breite Hand auf ihre Schulter, sah ihr fest ins Auge, und sagte mit einer dumpfen und zugleich ernsten Stimme:

»Weib, wir haben andere Dinge vor uns, als die Thorheiten, die du argwöhnst. Denk‘, was geschehen muß, und gib deine thörichte Eifersucht zufrieden!«

»Wahr, wahr,«‘ murmelte sein Weib, und ging zu ihren Töchtern, »Gott vergebe mir, daß ich es vergessen.«

»Und nun, junger Mann, Ihr, die Ihr so oft in mein Geheg gekommen, unter dem Vorwand, die Biene in ihr Loch zu verfolgen,« begann Ismael nach einer kurzen Pause, gleichsam nachdem er das Gleichgewicht in seiner Seele wieder gewonnen, »mit Euch ist eine schwerere Rechnung abzumachen. Nicht zufrieden, mein Lager in Unordnung zu bringen, habt Ihr auch ein Mädchen weggestohlen, die eine Verwandte meines Weibes ist, und die ich einst zu meiner Tochter machen wollte.«

Durch diese Fragen ward weit größere Spannung erregt, als durch die früheren. Alle jungen Leute richteten ihre Augen auf Paul und Ellen, von denen der Erstere in nicht geringer Verwirrung schien, während die Letztere verschämt ihr Antlitz aus ihren Busen neigte.

»Hört, Freund Ismael Busch,« entgegnete der Bienenjager, der sich genöthigt sah, zugleich auf die Anklage des Raubs und der Entführung zu antworten. »Daß ich Euren Töpfen und Kisten nicht die höflichste Behandlung widerfahren ließ, will ich nicht leugnen. Wenn Ihr den Werth dieser Artikel sagen wollt, so könnte vielleicht der Schaden friedlich ersetzt und alle Feindschaft zwischen uns ausgeglichen werden. Ich war nicht in einer gesammelten Stimmung, als ich auf den Felsen kam, und gewiß wurde eben so viel zertreten, als gepredigt. Aber in des besten Mannes Kleid kann ein Loch durch Geld wieder gut gemacht werden. Was aber Ellen Wade betrifft, so möchten wir nicht so leicht einig werden. Ueber die Ehe hat Jeder seine besondere Meinung. Einige meinen, es sei genug, auf die Fragen des Beamten oder des Pfarrers, wenn einer zur Hand ist, ja und nein zu sagen, damit es ein ruhiges Haus gäbe; aber ich denke, daß, wenn eines Mädchens Sinn einmal eine gewisse Richtung eingeschlagen hat, es ganz klug sein möchte, auch ihren Leib folgen zu lassen. Doch will ich nicht sagen, Ellen habe, was sie that, ganz ohne Zwang gethan, und deßwegen ist sie so unschuldig an der Sache, als jener Packesel, der sie tragen mußte, und es auch gegen seinen Willen that, was er, wie ich schwören möchte, selbst sagen würde, wenn er so laut sprechen, als schreien könnte.«

»Nelly,« begann der Auswanderer, der sehr wenig Acht auf das gehabt hatte, was Paul als eine sehr annehmliche und scharfsinnige Rechtfertigung betrachtet hatte, »Nelly, es ist eine weite, böse Welt, in die Ihr Euch so hastig gestürzt habt; Ihr habt ein Jahr lang in meinem Zelte gegessen und geschlafen, und ich hoffte, Ihr hättet die freie Luft der Grenzwohner hinlänglich nach Eurem Wunsche gefunden, um unter ihnen zu bleiben.«

»Laßt dem Mädchen seinen Willen!« murmelte Esther hinten; »wer sie hatte überreden können, zu bleiben, der schläft in der kalten nackten Steppe, und man kann nicht hoffen, ihren Sinn zu ändern: Außerdem ist eines Weibes Sinn ein störriges Ding und nicht leicht von seinem Vorsatz abgebracht, wie du selbst weißt, Mann, sonst wäre auch ich nicht hier, die Mutter deiner Söhne und Töchter.«

Der Auswanderer schien nicht Willens, seine Absichten mit dem beschämten Mädchen so leicht aufzugeben, und eh‘ er auf die Meinung seines Weibes antwortete, ließ er seinen gewöhnlichen finstern Blick an der Reihe seiner neugierigen Söhne hingehen, als ob er sehen wollte, ob keiner unter ihnen sei, der des Verstorbenen Stelle einnehmen könnte. Paul bemerkte bald diesen Blick und, die geheimen Gedanken des Andern, besser als gewöhnlich errathend, glaubte er auf ein Mittel gestoßen zu sein, das alle Schwierigkeiten wegräumen würde.

»Es ist ganz klar, Freund Busch,« sagte er, »daß es zwei Meinungen über diese Sache gibt; Eure für Eure Söhne und meine für mich. Ich sehe nur ein Mittel, den Streit zu schlichten, und das ist folgendes: Wählt einen Eurer Jungen, welchen Ihr wollt, und laßt uns zusammen einige Meilen in die Steppe gehen; wer dahinter bleibt, kann nie Jemandes Haus beunruhigen, und wer zurückkommt, mag thun, was er kann, um sich die Gunst des Mädchens zu verschaffen.«

»Paul!« rief die unwillige, aber gedämpfte Stimme Ellens.

»Fürchte nichts, Nelly.« lispelte der einfache Bienenjäger, dessen gerades Gemüth keinen andern Grund von seiner Dame Unruhe sich denken konnte, als die Besorgniß für ihn. »Ich hab‘ Alles bedacht, und du kannst einem Auge trauen, das so manche Biene in ihre Höhle verfolgt hat.«

»Ich mag mich nicht zum Beherrscher der Neigung aufwerfen,« bemerkte der Auswanderer. »Wenn das Herz des Kindes wirklich an den Colonieen hängt, so mag sie’s sagen! Ich will ihr nicht im Wege stehen. Sprich, Nelly, und laß deine Worte aus dem Herzen kommen, ohne Furcht oder Gunst. Möchtest du uns verlassen, um mit diesem Jungen in die bebauten Gegenden zu ziehen, oder willst du bleiben und mit uns das Wenige theilen, was wir zu geben haben, was wir dir aber so gerne geben?«

So zur Entscheidung aufgefordert, konnte Ellen nicht länger zögern; ihr Blick war Anfangs furchtsam und verstohlen. Aber als die Röthe über ihre Züge ging, und ihr Athmen schnell und beengt ward, zeigte es sich deutlich, daß der angeborne Verstand des Mädchens das Uebergewicht über die Schönheit ihres Geschlechtes davon trug.

»Ihr nahmt mich vaterlos, eine arme, verlassene Waise auf,« sagte sie mit gepreßter Stimme, »während Andere, die mit Eurer Lage verglichen, in Ueberfluß lebten, mich vergessen wollten, und möge der Himmel in seiner Güte Euch dafür segnen! Das Wenige, was ich dagegen gethan, wird nie diese einzige Handlung Eurer Liebe vergelten. Mir gefällt Eure Lebensweise nicht; sie ist entgegen derjenigen meiner Kindheit, entgegen meinen Wünschen! Doch hättet Ihr nicht dieses sanfte, unschuldige Wesen ihren Freunden entführt, ich würde Euch nie verlassen haben, bis Ihr selbst gesagt: »Geh, und der Segen Gottes sei mit dir!«

»Die Handlung war nicht weise, aber sie ward oft bereut, und soweit es füglich geschehen kann, soll sie wieder gut gemacht werden. Nun, sprich frei, willst du bleiben oder gehen?«

»Ich hab‘ der Dame versprochen,« sagte Ellen und schlug die Augen wieder zu Boden, »sie nicht zu verlassen, und nachdem sie so großes Unrecht von Eurer Hand erduldet, mag sie ein Recht zu fordern haben, daß ich mein Wort halte.«

»Nehmt dem Jüngling die Fesseln ab!« sagte Ismael. Als der Befehl ausgeführt war, winkte er alle seine Söhne herbei und stellte sie in eine Reihe vor Ellen. »Nun scherze nicht; öffne dein Herz! Da ist Alles, was ich außer einem herzlichen Willkomm anzubieten habe.«

Das bestürzte Mädchen wandte ihren verschämten Blick von Einem zum Andern, bis ihr Auge auf die unruhigen, arbeitenden Mienen Paul’s traf. Da siegte Natur über die Formen. Sie warf sich in die Arme des Bienenjägers und verkündete hinlänglich durch lautes Schluchzen ihre Wahl, Ismael winkte seinen Söhnen zurück, und sichtlich betrübt, wiewohl ihm vielleicht der Ausgang nicht unerwartet gekommen, zögerte er nicht länger:

»Nimm sie,« sagte er, »und behandle sie ehrenvoll und freundlich. Das Mädchen hat etwas, was sie willkommen heißen sollte in jeden Mannes Haus, und es würde mich betrüben, hörte ich, es beträfe sie je ein Leid. Und nun hab‘ ich mit euch allen auf eine Weise gehandelt, die ihr, hoff‘ ich, nicht hart finden werdet, sondern im Gegentheil gerecht und männlich. Ich hab‘ nur noch eine Frage zu thun, und die ergeht an den Capitain. Wollt Ihr meine Gespanne zu der Reise in die Colonieen benutzen oder nicht?«

»Ich höre, einige Soldaten meines Haufens suchen nach mir nahe in den Dörfern der Pawnee,« sagte Middleton, »und ich bin Willens, diesen Häuptling zu begleiten, um mich mit meinen Leuten zu vereinigen.«

»Dann je eher wir uns trennen, desto besser. Pferde sind im Ueberfluß in dem Grund; geht, wählt und verlaßt uns in Frieden!«

»Das ist unmöglich, so lange der Greis, der ein halbes Jahrhundert fast der Freund meiner Familie gewesen, Gefangener bleibt. Was hat er gethan, daß er nicht entfesselt wird?«

»Thut keine Fragen, die zu bösen Antworten führen möchten,« entgegnete finster der Auswanderer; »ich hab‘ meine eigenthümlichen Geschäfte mit diesem Streifschützen, in die sich zu mischen einem Diener der Staaten nicht zukommen möchte. Geht, so lange Euch der Weg offen steht!«

»Der Rath mag gut sein, und ein Rath, den zu hören euch allen dienen möchte,« bemerkte der alte Gefangene, der gar nicht unruhig über die außerordentliche Lage schien, worin er sich befand. »Die Sioux sind eine zahllose, blutgierige Race, und Niemand mag sagen, wie lang es dauern kann, ehe sie wieder aus sein werden auf der Spur nach Rache. Deßwegen sage ich euch auch, geht und gebt besonders Acht, wenn ihr über die Niederungen geht, daß ihr nicht wieder vom Feuer umzingelt werdet; denn die ehrlichen Jäger brennen oft zu dieser Zeit das Gras nieder, damit die Büffel weichere und grünere Weide finden im Frühling.«

»Ich würde nicht nur meine Dankbarkeit, sondern auch meine Pflicht gegen die Gesetze vergessen, ließe ich diesen Gefangenen selbst mit seiner Einwilligung in Eurer Hand, ohne die Art seines Verbrechens zu kennen, in welchem wir alle seine unschuldigen Mitschuldigen gewesen sein könnten.«

»Werdet Ihr zufrieden sein, wenn Ihr hört, daß er Alles verdient, was ihm widerfährt?«

»Es wird wenigstens meine Meinung von seinem Charakter ändern!«

»So seht denn hierher,« sagte Ismael, und hielt dem Capitain die Kugel vor, die in dem tobten Asa gefunden worden, »mit diesem Stück Blei hat er den schönsten Jungen niedergestreckt, der je die Freude seiner Eltern war.«

»Ich kann nicht glauben, daß er es gethan, es sei denn zur Selbstvertheidigung oder durch Anreizung. Daß er von dem Tode Eures Sohns wußte, gesteh‘ ich, denn er deutete nach dem Gehölz, worin der Leichnam lag, aber daß er auf eine schändliche Art ihm das Leben genommen, das zu glauben, könnte mich nur sein eigenes Geständniß vermögen.«

»Ich hab‘ lange gelebt,« begann der Streifschütz, welcher an dem allgemeinen Schweigen bemerkte, daß man erwartete, er werde sich gegen die schwere Beschuldigung vertheidigen, »und viel Böses hab‘ ich zu meiner Zeit gesehen. Viel sind der herumschweifenden Bären und springenden Panther, auf die ich getroffen, wie sie um das Stück kämpften, das ihnen in den Weg geworfen, und viel sind der vernünftigen Leute, die ich bis zum Tode mit einander habe kämpfen sehen, damit die menschliche Thorheit auch ihre Stunde habe. Was mich betrifft, so hoffe ich, kann ich ohne Rühmen sagen, daß, obwohl diese Hand Unrecht und Druck hat bekämpfen müssen, sie nie einen Schlag versetzte, worüber ihr Eigner beschämt zu sein brauchte, wenn er ihn auf seine Rechnung gesetzt hört, die er bald einem Mächtigeren wird ablegen müssen.«

»Wenn mein Vater einem seines Stammes das Leben genommen,« sagte der junge Pawnee, dessen schnelles Auge an der Kugel und den Mienen gesehen hatte, was vorging, »so mag er sich den Freunden des Todten als ein Krieger übergeben; er ist zu gerecht, um in Banden zum Gericht geführt werden zu müssen.«

»Jüngling, ich hoffe, du lässest mir Gerechtigkeit widerfahren! Wenn ich die böse That begangen, deren sie mich beschuldigen, hab‘ ich wohl Stärke genug, zu kommen und mein Haupt dem rächenden Schlag zu unterwerfen, wie dies auch alle gute, ehrliche Rothhäute thun.« Dann auf seinen fürchtenden indianischen Freund einen Blick werfend, der ihn von seiner Unschuld überzeugen sollte, wandte er sich zu seinen übrigen aufmerksamen, teilnehmenden Zuhörern, und fuhr auf Englisch fort: »Ich hab‘ eine kurze Erzählung, und wer sie glaubt, wird die Wahrheit glauben; wer nicht, wird sich nur irre führen und vielleicht Andere auch. – Wir umgingen alle Euer Lager, Freund, Ihr werdet es jetzt selbst vermuthen, weil wir gehört, daß es eine bedrückte, gefangene Dame enthielt, und wollten nichts mehr und nichts weniger, als sie in Freiheit setzen, wie sie nach der Natur und dem Recht verlangen konnte. Weil man bemerkt hatte, daß ich besser im Spähen wäre, als die Andern, ward ich, während sie im Hinterhalt blieben, auf die Steppe geschickt, um zu recognosciren. Ihr dachtet wohl nicht, daß einer so nahe wäre, der Eure ganze Jagd mit ansah, aber bald lag ich flach auf der Erde hinter einem Busch oder Gestrüpp, bald rollte ich einen Hügel hinunter auf den Grund, und so dachtet Ihr wenig daran, daß Eure Schritte bewacht würden, wie der Panther bewacht das trinkende Reh. Himmel, Wanderer, als ich ein Mann war im Stolz und der Stärke meiner Tage, hab‘ ich hineingesehen in die Zeltthüre des Feindes; er schlief und träumte auch, er war‘ zu Haus und in Frieden! Ich wünschte, ich hätte Zeit, Euch die Einzel – –«

»Fahrt fort in Eurer Erzählung.’« fiel der ungeduldige Middleton ein.

»Ei, und ein blutiger, böser Anblick war es. Da lag ich im niedern Grasbett, als zwei Jäger aneinander kamen. Ihr Begegnen war nicht herzlich, nicht so, wie es bei Männern, die in einer Wüste auf einander treffen, sein sollte; aber ich dachte, sie würden in Frieden geschieden sein. Da sah ich den einen seine Flinte auf des andern Rücken richten, und nach meiner Meinung einen verrätherischen, fündigen Mord begehen. Es war ein edler, männlicher Junge, der Bursche! Obwohl das Pulver auf seinem Rock brannte, bestand er den Schuß langer, als eine Minute, ehe er fiel. Dann kam er zu knieen und einen verzweifelten, männlichen Kampf focht er am Gehölz, wie ein verwundeter Bär, der ein Versteck sucht.«

»Und warum, um der himmlischen Gerechtigkeit willen, verbargt Ihr dies?« rief Middleton.

»Was! Meint Ihr, Capitain, ein Mann, der sechs Jahrzehnde in der Wildniß zugebracht, habe nicht die Tugend der Verschwiegenheit gelernt? Welcher rothe Krieger läuft, was er gesehen, zu erzählen, ehe die rechte Zeit gekommen? Ich nahm den Doctor mit zur Stelle, um zu sehen, ob seine Kunst nicht von Nutzen sein möchte, und unser Freund, der Bienenjäger, der dabei war, wußte davon, daß die Büsche den Leichnam enthielten.«

»Ja, es ist wahr,« sagte Paul; »aber da ich nicht wußte, welche besondere Gründe der alte Streifschütz haben möchte, um die Sache zu verdecken, sagte ich so wenig als möglich davon; und das war gerade gar nichts.«

»Und wer war der Thäter?« fragte Middleton.

»Dort steht der Mann, und ein Schimpf, eine Schande ist es für unser Geschlecht, daß er zum Blut und zur Familie des Ermordeten gehört.«

»Er lügt, er lügt!« schrie Abiram, »ich mordete ihn nicht, ich gab nur Schlag für Schlag.«

Die Stimme Ismaels war tief und selbst erschütternd, als er antwortete:

»Genug. Laßt den Alten gehen. Jungen, bindet statt seiner den Bruder Eurer Mutter!«

»Berührt mich nicht!« rief Abiram. »Gott verfl – ch Euch, wenn Ihr mich berührt!«

Der wilde, zerstörte Blick seines Auges brachte zuerst die junge n Leute zum Stehen; aber als Abner, älter und entschlossener, als die übrigen, gerade auf ihn losschritt mit einer Miene, die den feindlichen Zustand seines Gemüths verrieth, wandte sich der erschrockene Verbrecher, machte einen vergeblichen Versuch zu fliehen, und fiel mit dem Gesicht auf den Boden, dem Anschein nach vollkommen todt. Unter dem dumpfen Ausruf des Schrecks, welcher folgte, machte Ismael eine Geberde, die den Söhnen befahl, den Leichnam in ein Zelt zu bringen.

»Nun,« sagte er, zu den Fremden in seinem Lager gewandt, »nun bleibt nichts übrig, als daß jeder seinen Weg geht. Ich wünsch‘ Euch allen Wohlergehen, und du Ellen, wenn du auch die Gabe nicht schätzen magst, ich sage dir: Gott segne dich!«

Middleton, wie angedonnert von dem, was er für ein offenbares Gottesurtheil hielt, zögerte nicht länger und bereitete sich zum Abzug. Die Vorkehrungen waren kurz und bald vollendet. Als sie alle bereit waren, nahmen sie kurzen, schweigenden Abschied von dem Wanderer und seiner Familie, und dann sah man das Ganze des sonderbar zusammengesetzten Haufens langsam und schweigend dem siegreichen Pawnee nach seinen fernen Dörfern folgen.

Zweiunddreißigstes Kapitel.

Zweiunddreißigstes Kapitel.

»Und ich beschwöre euch,
Maßt des Gesetzes Macht euch selbst jetzt an;
Um großes Recht zu thun, ein wenig Unrecht selbst.«

Shakespeare.

 

Ismael wartete lange und geduldig, bis der langsame Zug Hartherzens verschwunden. Als sein Kundschafter verkündete, daß der letzte Nachzügler der Indianer, die sich mit ihrem Herrn vereinigt hatten, so bald er so weit vom Lager war, daß sie durch ihre Anzahl keinen Verdacht mehr erregten, hinter der entferntesten Anhöhe der Steppe sei, so ließ er den Befehl zum Abbruch der Zelte ergehen. Die Thiere waren schon an den Deichseln, und das Geräth war bald auf den verschiedenen Wagen an seinen gewöhnlichen Ort gebracht. Als alle diese Vorkehrungen getroffen waren, wurde der kleine Wagen, der so lange das Fuhrwerk von Inez gewesen, vor das Zelt gefahren, worin der empfindungslose Leib des Menschenhändlers niedergelegt worden, und augenscheinlich wurden Vorkehrungen zur Aufnahme eines andern Gefangenen getroffen. Da erschien Abiram, blaß, erschreckt, schwankend unter der Last seiner entdeckten Schuld, so daß jetzt erst die jüngern Glieder der Familie erfuhren, daß er noch zu der Classe der Lebenden gehöre. Eine allgemeine, abergläubische Meinung hatte sich unter ihnen verbreitet, sein Verbrechen sei durch eine furchtbare Vergeltung vom Himmel heimgesucht worden, und sie staunten ihn jetzt als ein Wesen an, das eher zu einer andern Welt gehörte, als zu den Sterblichen, das noch wie sie den letzten Todeskampf zu bestehen habe, ehe die große Kette des menschlichen Daseins gebrochen werden konnte. Der Verbrecher selbst erschien in einem Zustande, in welchem der gefühlteste, niederschlagendste Schreck sonderbar mit gänzlicher körperlicher Empfindungslosigkeit verbunden war. Die Sache war, während sein Körper durch den Schlag vernichtet worden, hielt seine Empfänglichkeit für Furcht seinen bewegten Geist in ununterbrochener Trauer. Als er sich in der freien Luft fand, sah er um sich, um, wo möglich, einige Zeichen von seinem künftigen Schicksal aus dem Antlitz derer zu lesen, die sich um ihn sammelten. Da er überall ernste, aber gesammelte Mienen sah, und in keinem Auge einen Ausdruck fand, der unmittelbare Gewaltthätigkeit drohte, begann der Unglückliche wieder aufzuleben, und als er im Wagen saß, brütete sein listiger Verstand über den Mitteln, der gerechten Rache seiner Verwandten zu entgehen, oder, wenn dies fehlschlagen sollte, einer Strafe zu entfliehen, welche, wie seine Ahnungen ihm sagten, furchtbar sein würde.

Unter allen diesen Vorbereitungen hatte Ismael selten gesprochen; eine Miene, ein Blick hatte hingereicht, seinen Willen seinen Söhnen anzudeuten, und mit diesen einfachen Verständigungsmitteln schienen alle Theile vollkommen zufrieden. Als das Zeichen zum Aufbruch gegeben ward, warf der Auswanderer seine Büchse in seinen hohlen Arm und die Art über die Schulter, und trat wie gewöhnlich an die Spitze. Esther hatte sich in den Wagen unter ihre Töchter vergraben. Die jungen Leute nahmen ihre gewöhnlichen Stellen um das Vieh ein, oder an den Gespannen, und das Ganze schritt in dem gewöhnlichen, trübseligen, aber ausdauernden Schritte fort. Erst kehrte der Wanderer viele Tage lang seinen Rücken dem Untergang der Sonne zu. Der Weg, den er einschlug, war nach dem bewohnten Lande zu, und die Weise, wie er fortschritt, zeigte hinlänglich seinen Kindern, die ihres Vaters Entschlüsse in seinen Mienen zu lesen gelernt hatten, daß ihre Reise in der Steppe bald ein Ende haben werde. Noch hörte man seit Stunden nichts, was das Dasein einer plötzlichen, gewaltsamen Umwälzung in den Plänen und Gefühlen Ismael’s verrathen mochte. Während dieser ganzen Zeit zog er allein, einige hundert Schritte vor seinen Gespannen, selten ungewöhnliche Erregung zeigend. Ein- oder zweimal freilich sah man seine hohe Gestalt auf dem Gipfel einer fernen Anhöhe stehen, das Haupt zur Erde geneigt und auf die Büchse gelehnt. Aber dann waren diese Augenblicke ernsten Nachdenkens selten und von kurzer Dauer. Der Zug hatte lange schon seine Schatten gegen Osten geworfen, ehe eine wesentliche Veränderung mit der Richtung ihres Marsches vorging. Wasser wurden durchwadet, Ebenen überschritten, wellenförmige Erhöhungen auf- und abgestiegen, ohne daß die geringste Veränderung vorging. Lange geübt in den Schwierigkeiten dieser besondern Art zu reisen, die er angefangen, vermied der Wanderer die größeren Hindernisse des Weges durch einen gewissen Instinkt, unabänderlich zur Rechten oder Linken seiner Zeit sich wendend, je nachdem die Bildung des Landes, die Gegenwart von Bäumen, oder die Zeichen von Flüssen ihn an die Nothwendigkeit solcher Bewegungen ermahnte.

Endlich erschien die Stunde, wo Güte gegen Menschen und Vieh einen Aufschub der Mühseligkeit für einige Zeit nöthig machte. Ismael wählte den Ort mit all seiner gewöhnlichen Bedachtsamkeit. Die regelmäßige Bildung des Landes, so, wie sie auf den ersten Blättern unserer Erzählung beschrieben worden, war lange von einer ungleicheren und mehr unterbrochenen Oberfläche abgelöst. Zwar waren es im Allgemeinen dieselben weiten, leeren Wüsten, dieselben reichen, ausgedehnten Gründe, und jene wilde, sonderbare Vereinigung von blühenden Gefilden und Nacktheit, die jener Gegend den Anschein eines alten Landes gibt, das auf unbegreifliche Weise seiner Bewohner und Wohnungen beraubt worden. Aber diese auszeichnenden Züge einer wellenförmigen Steppe waren lange von ungeregelten Hügeln, gelegentlichen Felsmassen und breiten Wälder-Gürteln unterbrochen worden. Ismael wählte eine Quelle, die an einem Felsen gegen vierzig bis fünfzig Fuß hoch entsprang, als einen zu den Bedürfnissen seiner Heerden am besten passenden Ort, Das Wasser benetzte ein kleines Thal, das unten lag, und für die befruchtende Gabe spärlichen Graswuchs bot. Eine einsame Weide hatte in der Anschwemmung Wurzel gefaßt, und den ausschließenden Besitz des Bodens benutzend, schickte der Baum seinen Stamm weit über die Zinne des anliegenden Felsens hinaus, dessen spitziger Gipfel einst von den Zweigen beschattet worden. Aber seine Lieblichkeit war gewichen mit der geheimnißvollen Quelle des Lebens. Gleichsam zum Spott über den mageren Anblick der Grüne, den der Boden gewährte, blieb er ein edles, hohes Denkmal der früheren Fruchtbarkeit. Die größeren, zerrissenen, abenteuerlichen Zweige drängten sich noch hervor, während der weiße, rauhe Stamm nackt und vom Wetter zerschlagen dastand. Nicht ein Blatt, nicht ein Zeichen von Trieb war an ihm zu sehen; überall verkündete er die Gebrechlichkeit des Daseins und die Erfüllung der Zeit.

Hier warf Ismael, nachdem er dem Zug das gewöhnliche Zeichen der Annäherung gegeben, seine hohe Gestalt aus den Boden und schien über die schwere Bedrängniß seiner Lage nachzudenken. Seine Söhne langten bald an, denn das Vieh roch kaum Futter und Wasser, als es seinen Schritt beschleunigte, und dann folgte der gewöhnliche Lärm und die Geschäfte einer Lagerung.

Der Eindruck, den der Auftritt dieses Morgens auf die Kinder Ismael’s und der Esther gemacht hatte, war nicht so tief und dauernd, daß er ihnen die Bedürfnisse der Natur in Vergessenheit gebracht. Aber während die Söhne unter ihrem Vorrath nach etwas Kräftigem suchten, ihren Hunger zu stillen, und der jüngere Schwarm um seine einfachen Gerichte sich sammelte, waren die Eltern der übelberathenen Familie sehr verschieden beschäftigt.

Als der Wanderer sah, daß Alles, selbst der wiederauflebende Abiram, daran waren, ihre Eßlust zu befriedigen, warf er seiner niedergeschlagenen Gefährtin einen Blick zu, und zog sich nach einer fernen Erhöhung des Landes zurück, die die Aussicht nach Osten begrenzte. Die Zusammenkunft des Paares an dieser nackten Stelle war gleich einer Unterredung über dem Grabe ihres ermordeten Sohnes. Ismael bedeutete sein Weib, an einem Felsstück niederzusitzen, und dann folgte eine Weile, während der keines geneigt schien, zu sprechen.

»Wir sind lange zusammen gezogen durch Gutes und Böses,« begann endlich Ismael; »viele Prüfungen haben wir überstanden, und manchen bittern Kelch mußten wir leeren, mein Weib, aber nichts diesem Aehnliches fand je ich auf meinem Pfade.«

»Es ist ein schweres Kreuz für ein armes, irregeleitetes, sündhaftes Weib zu tragen!« entgegnete Esther, beugte ihr Haupt auf ihr Knie und hüllte halb ihr Gesicht ein in ihr Gewand, »Eine schwere, gewichtige Last ist es, die gelegt ward auf die Schultern einer Schwester und Mutter.«

»Ja, darin liegt das Schwierige des Falles. Ich hatte mich ohne große Mühe zur Bestrafung dieses hauslosen Streifschützen entschlossen; denn der Mann hatte mir wenig Gutes erwiesen, und Gott vergebe mir, daß ich mit Unrecht ihn so vieles Bösen beargwöhnte. Doch das heißt nur Beschämung durch die eine Thür meiner Wohnung hereinbringen, um sie durch die andere hinauszutreiben. Aber soll mein Sohn gemordet werden, und der es that frei herumgehen? Der Junge würde nie Ruhe finden!«

»O Ismael, wir treiben die Sache zu weit! Wär‘ weniger gesagt worden, wir würden weiser gewesen sein! Unser Gewissen könnte ruhen.«

»Esther,« sagte der Mann, und warf einen vorwerfenden aber doch milden Blick auf sie; »es gab eine Zeit, Weib, wo du meintest, eine andere Hand habe diese Schandthat gethan?«

»Ja, ich dacht’s; der Herr gab mir dies Gefühl als Strafe für meine Sünden; aber seine Gnade zögerte nicht, den Schleier zu lüften. Ich sah in das Buch, Ismael, und da fand ich Worte des Trostes.«

»Hast du das Buch zur Hand, Weib? es könnte geschehen, daß es uns rathe in so traurigem Falle.«

Esther griff in die Tasche, und brachte bald ein Stück von einer Bibel hervor, das beschmutzt und rußig geworden, bis der Druck fast unleserlich war. Es war der einzige Artikel aus dem Büchergeschlecht, der unter dem Geräthe des Wanderers zu finden war, und sein Weib hatte es aufbewahrt als eine traurige Reliquie ihrer glücklicheren und vielleicht unschuldigeren Tage. Sie war lange gewohnt gewesen, zu ihm ihre Zuflucht zu nehmen, wenn Umstände sie drängten, die über menschliche Hülfe hinaus waren; obgleich ihr Geist und ihre Entschlossenheit ihr selten eine Hülfe in den Fällen nöthig machte, welchen durch gewöhnliche Mittel abgeholfen werden konnte. Auf diese Weise hatte Esther das Wort Gottes zu ihrem beständigen Begleiter gemacht, bemühte es jedoch selten um Rath, außer wenn ihr eigenes Unvermögen, ein Uebel abzuwenden, zu deutlich war. Wir wollen es den Casuisten überlassen, zu bestimmen, in wie weit sie in diesem Puncte andern Gläubigen glich, und gerade in unserer Geschichte fortfahren.

»Es sind viele hohe Stellen auf diesen Seiten, Ismael,« sagte sie, als der Band geöffnet worden, und die Blätter sich langsam unter ihrem Finger bewegten; »und manche auch lehren die Regeln der Bestrafung.«

Ihr Gemahl nickte ihr, eine von jenen kurzen Verhaltungsregeln aufzusuchen, welche von allen christlichen Völkern als die unmittelbaren Befehle des Schöpfers angenommen worden sind, und welche so richtig befunden worden, daß selbst die, welche ihr hohes Ansehen leugnen, ihre Weisheit anerkennen. Ismael hörte mit großer Aufmerksamkeit, als seine Lebensgefährtin alle jene Verse las, die ihr ihr Gedächtniß eingab, und die sie für anwendbar auf die Lage hielt, in der sie sich befanden. Er ließ sich die Worte zeigen, und betrachtete sie mit einer Art ganz besonderer Verehrung. Ein einmal gefaßter Entschluß war gewöhnlich bei ihm, der so schwierig sich bewegen ließ, unwiderruflich. Er legte seine Hand auf das Buch, und machte es selbst zu, zum Zeichen für sein Weib, daß er zufrieden wäre, Esther, die so gut seinen Charakter kannte, zitterte bei dieser Bewegung, und sagte mit einem Blick auf sein festes, zusammengezogenes Auge:

»Und doch, Ismael, mein Blut und das Blut meiner Kinder fließt in seinen Adern! Kann nicht Gnade geschehen?«

»Weib,« antwortete er ernst, »als wir meinten, der arme alte Streifschütz habe die That gethan, ward nichts von Gnade gesprochen!«

Esther antwortete nicht; sie faltete die Hände auf der Brust und saß schweigend und gedankenvoll lange Zeit. Dann blickte sie wieder auf ihren Gemahl, in dessen Gesicht sie alle Leidenschaft und Sorge in der kältesten Unempfindlichkeit, wie es schien, begraben sah. Gewiß jetzt, als das Schicksal ihres Bruders fest beschlossen war, und vielleicht sich bewußt, wie sehr er die Strafe verdiente, die man beabsichtigte, dachte sie nicht ferner an Vermittelung. Nichts weiter ward zwischen ihnen gesprochen. Ihre Augen trafen für einen Augenblick auf einander, und dann standen Beide auf und gingen im tiefsten Schweigen nach dem Lager.

Der Auswanderer fand seine Kinder auf seine Rückkehr in der gewöhnlichen stillen Weise warten, womit sie allen Ereignissen entgegen sahen. Das Vieh war schon gesammelt, die Pferde an der Deichsel, Alles war bereit aufzubrechen, sobald er so seinen Willen äußere. Die Kinder waren schon in ihrem Wagen, und kurz, nichts verzögerte den Abzug, als die Abwesenheit der Eltern von dem wilden Haufen.

»Abner,« sagte der Vater mit der Bedächtigkeit, die all‘ seine Schritte auszeichnete, »nimm den Bruder deiner Mutter vom Wagen und bring ihn zur Erde.«

Abiram kam aus seinem Versteck hervor, zitternd zwar; aber noch gar nicht ohne alle Hoffnung, es werde ihm endlich gelingen, den gerechten Zorn seines Verwandten zu besänftigen. Nachdem er in dem eitlen Wunsch, er werde ein Antlitz finden, worin er einen Strahl des Mitgefühls entdecken könnte, einen Blick um sich geworfen, bemühte er sich, jene Angst zu beschwichtigen, welche um diese Zeit in all‘ ihrer natürlichen Heftigkeit wieder erwachte, indem er eine Art freundlicher Unterredung zwischen sich und dem Wanderer erzwinge.

»Die Thiere sind ermattet, Bruder,« sagte er, »und da wir schon einen so guten Weg gemacht, ist es da nicht Zeit, sich zu lagern? Nach meiner Meinung könnt Ihr weit gehen, ehe ein besserer Ort gefunden wird, um die Nacht zuzubringen.«

»Gut, wenn er Euch gefällt! Euer Bleiben hier wird wohl lang währen. Meine Söhne, kommt näher und hört. Abiram White,« sagte er, lüftete die Mütze und sprach mit einer Feierlichkeit und Würde, die selbst seine finstere Miene imponirend machte, »Ihr habt meinen Erstgebornen erschlagen, und nach menschlichen und göttlichen Gesetzen müßt Ihr sterben!«

Der Seelenverkäufer erstarrte bei diesem fürchterlichen und unerwarteten Spruch in einem Schrecken, den der verrathen würde, welcher sich plötzlich im Bereich eines Ungeheuers befindet, aus dessen Gewalt keine Rettung ist. Obgleich mit den ernsthaftesten Ahnungen dessen erfüllt, was sein Loos sein könnte, war doch sein Muth nicht stark genug gewesen, der Gefahr in’s Antlitz zu sehen; und mit der trügerischen Hoffnung, womit furchtsame Gemüther gerne ihre verzweifelte Lage vor sich verbergen, hatte er sich mehr auf die eitele Hülfe seiner List verlassen, als daß er sich auf das Schlimmste gefaßt gemacht.

»Sterben!« wiederholte er mit einer Stimme, die kaum aus seiner Brust hervordrang; »man ist doch wohl sicher unter seinen Freunden!«

»So meinte mein Junge,« entgegnete der Wanderer und winkte dem Gespann, das sein Weib und die Mädchen enthielt, fortzufahren, während er sehr kaltblütig den Hahn seiner Büchse untersuchte. »Mit der Feuerwaffe tödtetest du meinen Sohn, und es ist schicklich und recht, daß dich der Tod durch dieselbe Waffe treffe.«

Abiram starrte mit einem Blick um sich, der für einen Augenblick eine gestörte Vernunft verrieth. Er lachte sogar, als wolle er nicht nur sich selbst, sondern auch Andere überreden, was er hörte, sei irgend ein Scherz, beabsichtigt, seine Standhaftigkeit zu versuchen. Aber nirgends traf seine furchtbare Freude auf einen antwortenden Wiederhall. Alles ringsum war feierlich und still. Die Gesichter seiner Neffen waren erregt, aber kalt gegen ihn, und das seines früheren Gefährten schreckhaft entschlossen. Gerade diese Festigkeit in der Miene war tausendmal beunruhigender und hoffnungsloser für ihn, als jede gewaltthätige Handlung gewesen sein würde. Das Letztere hätte vielleicht seinen Geist erregt und Widerstand erweckt; aber das Erstere überließ ihn gänzlich seinen eigenen Hülfsmitteln.

»Bruder,« sagte er in einem schnellen, unnatürlichen Lispeln, »hörte ich recht?«

»Meine Worte sind deutlich, Abiram White; Ihr habt gemordet, und dafür müßt Ihr sterben!«

»Wo ist Esther? Schwester, Schwester, willst du mich verlassen! O Schwester, hörst du meinen Ruf?‘

»Ich hör‘ Einen aus dem Grabe sprechen!« entgegneten die rauhen Töne der Esther, während der Wagen an der Stelle vorüberging, wo der Verbrecher stand. »Es ist die Stimme meines Erstgebornen, der laut nach Gerechtigkeit ruft; Gott habe Gnade mit deiner Seele!«

Das Gespann setzte langsam seinen Weg fort, und der verlassene Abiram fand sich jetzt aller Hoffnung beraubt. Noch konnte er nicht Stärke gewinnen, dem Tod entgegen zu treten, und hätten seine Glieder ihm nicht alle Unterstützung versagt, er würde jetzt noch zu fliehen versucht haben. Dann fiel er in einem plötzlichen Uebergang von Hoffnung zur äußersten Verzweiflung auf seine Kniee und begann ein Gebet, worin Geschrei um Gnade zu Gott und zu seinem Verwandten wild und gotteslästerlich sich mischte. Ismael’s Söhne wandten sich entsetzt von einem so widerlichen Anblick weg, und selbst die finstere Natur des Auswanderers fing an, vor solchem verworfenen Elend zu weichen.

»Möge das, was Ihr von ihm verlangt, Euch gewährt werden,« sagte er; »aber ein Vater kann nie ein gemordetes Kind vergessen.«

Ihm ward durch die demüthigsten Bitten um Aufschub geantwortet. Eine Woche, ein Tag, eine Stunde, all‘ dies ward mit einem Ernst erfleht, der dem Werth angemessen war, den sie empfangen, wenn ein ganzes Leben in ihre kurze Dauer zusammengedrängt ist. Der Auswanderer ward wirre und gewährte endlich zum Theil die Bitten des Verbrechers. Sein endlicher Vorsatz ward nicht geändert, obwohl er andere Mittel zählte; »Abner,« sagte er, »steig‘ auf den Felsen und steh‘, nach jeder Seite, daß wir sicher sind, Niemand sei nahe.«

Während sein Neffe dem Auftrag gehorchte, sah man Strahlen wiederauflebender Hoffnung über die beruhigten Züge des Seelenverkäufers schießen. Die Botschaft war günstig; nichts Lebendiges, die abziehenden Gespanne ausgenommen, war zu sehen. Doch kam von diesen ein Bote, wie’s schien in großer Eile. Ismael wartete seine Ankunft ab; er empfing aus den Händen eines seiner verwunderten und bestürzten Mädchen ein Bruchstück von jenem Buch, das Esther mit so vieler Sorgfalt aufbewahrt hatte. Der Wanderer winkte das Kind weg und gab die Blätter dem Verbrecher.

»Esther schickt Euch dies,« sagte er, »daß in Euern letzten Augenblicken Ihr an Gott denken möget.«

»Er segne sie; eine gute, freundliche Schwester ist sie gegen mich gewesen! Aber Zeit muß mir gelassen werden, daß ich’s lesen kann; Zeit, Bruder, Zeit!«

»Zeit soll Euch nicht fehlen. Ihr sollt Euer eigener Henker sein, und dies traurige Amt sollen meine Hände nicht verrichten.«

Ismael machte Anstalt, seinen neuen Entschluß in Ausführung zu bringen. Die unmittelbare Besorgniß des Seelenverkäufers war durch eine Versicherung, daß er noch Tage leben könne, obgleich sein Schicksal unvermeidlich sei, beruhigt worden. Ein Aufschub brachte in einem so verworfenen und schlechten Menschen, wie Abiram, auf einige Zeit dieselbe Wirkung hervor, wie eine Begnadigung. Er war selbst voran, die schrecklichen Vorkehrungen treffen zu helfen, und von all‘ den Handelnden in diesem feierlichen Drama war seine Stimme allein gesprächig und scherzhaft.

Eine schmale Spitze des Felsens dehnte sich unter einem der hohen Aeste einer Weide aus. Sie befand sich viele Fuß über dem Boden und war wunderbar passend zu dem Zweck, zu welchem in der That ihre Beschaffenheit Veranlassung gegeben. Auf diese kleine Plattform ward der Gefangene gestellt; seine Arme waren an den Ellenbogen, ohne alle Möglichkeit sich zu befreien, mit einem tüchtigen Strick auf den Rücken gebunden, während ein anderer von seinem Nacken an den Ast ging. Der letztere war so eingerichtet, daß, wenn er angebunden war, der Körper mit dem Fuß keinen Halt gewinnen konnte. Das Bruchstück von der Bibel wurde ihm gegeben, und er so zurückgelassen, Trost, so gut er konnte, aus ihren Seiten zu suchen.

»Und nun, Abiram White,« sagte der Wanderer, als seine Söhne nach vollendetem Werk herabgekommen waren, »leg‘ ich Euch eine letzte, feierliche Frage vor. Tod ist vor dir in zwei Gestalten. Mit dieser Büchse kann dein Elend schnell, durch diesen Strick früher oder später abgekürzt werden.«

»Laß mich noch leben! O Ismael, du weißt nicht, wie süß das Leben ist, wenn die letzten Augenblicke so nahe sind.«

»Es ist geschehen,« sagte der Auswanderer, und winkte den Beistehenden, den Heerden und Gespannen zu folgen. »Und nun, Unglücklicher, dich zu trösten in deinem Tod, vergeb‘ ich dir deine Schuld und überlaß dich deinem Gott!«

Ismael wandte sich darauf, und setzte seinen Weg über die Ebene in seinem gewöhnlichen, lässigen, schweren Schritt fort. Obwohl sein Haupt etwas zur Erde geneigt war, versuchte ihn doch nicht sein unthätiges Gemüth, einen Blick hinter sich zu werfen. Einmal freilich glaubte er seinen Namen rufen zu hören, und das in einem etwas beengten Ton, aber das konnte ihn nicht zum Stehenbleiben bewegen.

An der Stelle, wo er und Esther sich besprochen hatten, erreichte er die Grenze des vom Felsen aus sichtbaren Horizontes. Hier stand er und wagte einen Blick nach der Stelle, die er eben verlassen. Die Sonne wollte sich gerade hinter den Ebenen hinabtauchen, und ihre letzten Strahlen erleuchteten die nackten Arme der Weide. Er sah die rohen Abrisse des Ganzen wider den glühenden Himmel hingegossen, und unterschied selbst die noch aufrechte Gestalt des Wesens, das er seinem Elend überlassen. Die Spitze der Erhöhung verlassend, schritt er weiter mit dem Gefühl eines Mannes, der für immer plötzlich und gewaltsam von einem Gefährten sich getrennt.

In einer Meile holte der Wanderer seine Gespanne ein; seine Söhne hatten eine zu einer Lagerung für die Nacht passende Stelle gefunden und erwarteten nur, daß er bei seiner Ankunft ihre Wahl bestätige. Wenige Worte waren nöthig, seine Einwilligung darzulegen; Alles ging in einem allgemeineren und auffallenderen Schweigen vor als gewöhnlich. Esther’s Schelten hörte man nicht unter ihren Kleinen, oder wenn es sich hören ließ, waren es mehr Töne sanfter Ermahnung, als Ausbrüche in ihrem gewöhnlichen, zu hoch getriebenen Schlüssel.

Keine Fragen, keine Erklärungen fanden zwischen Mann und Frau statt. Erst als die letztere sich für die Nacht zu ihren Kindern begeben wollte, bemerkte jener, daß sie einen flüchtigen Blick auf die Pfanne seiner Büchse warf. Ismael hieß seine Söhne zur Ruhe gehen, und verkündete seine Absicht, selbst für die Sicherheit des Lagers zu sorgen. Als Alles still war, ging er hinaus auf die Steppe, da er fand, daß ihm das Athmen unter den Zelten zu beschwerlich ward. Die Nacht war sehr geeignet, die Gefühle zu erhöhen, welche durch die Begebenheiten des Tags in ihm erregt worden waren.

Der Wind hatte sich mit dem Aufgang des Mondes erhoben und rauschte zuweilen auf eine Weise über die Steppe, die es der Schildwache leicht machte, sich einzubilden, sonderbare, überirdische Töne mischten sich in das Sausen. Den außerordentlichen Antrieben, deren Beute er war, nachgebend, warf er einen Blick um sich, zu sehen, ob Alles in Sicherheit schlummre, und dann schritt er nach der schon erwähnten Anhöhe. Hier befand sich der Auswanderer auf einem Punct, der eine Aussicht nach Osten und Westen beherrschte. Leichte, flockichte Wolken trieben vor dem Mond, der kalt und neblicht war, obwohl es Augenblicke gab, wo seine ruhigen Strahlen von klaren, blauen Feldern herabschossen, und die Gegenstände zu seiner eignen milden Lieblichkeit sänftigten.

Zum ersten Mal in einem Leben voll von so vielen wilden Abenteuern, fühlte Ismael empfindlich seine Einsamkeit. Die nackten Steppen begannen die Formen unbegrenzter, trauriger Wüsten anzunehmen, und das Rauschen des Windes ertönte wie das Lispeln der Todten. Nicht lange und er glaubte ein Schrei werde vom Wind zu ihm hergetragen. Er tönte nicht wie ein irdischer Ruf, sondern schwebte furchtbar durch die obere Luft und mischte sich mit der rauheren Begleitung des Sturms. Die Zähne des Auswanderers fuhren auf einander, und seine große Hand griff nach der Büchse, als wolle er das Metall wie Papier zerknittern. Dann kam eine Stille, ein neuer Windstoß, und ein Schrei des Schreckens, der an seinen Ohren ausgestoßen worden zu sein schien. Eine Art Wiederhall drang über seine eigenen Lippen, wie man oft bei unnatürlicher Erregung zu thun pflegt, und die Flinte über die Schulter geworfen, eilte er mit Riesenschritten nach dem Felsen.

Nicht oft floß das Blut Ismael’s so, wie es in den Adern gewöhnlicher Leute sich bewegt; aber jetzt fand er es bereit, aus jeder Pore herauszuspringen. Das Thierische war bis aufs Aeußerste erregt. So weit er fortschritt, immer hörte er den Schrei, der manchmal unter den Wolken zu dröhnen schien und dann wieder gleichsam aus der Erde hervorkam. Endlich kam ein Schrei, wobei keine Täuschung stattfinden konnte, oder dem die Einbildung keine Schrecken lieh. Er schien jedes Atom der Luft zu erfüllen, wie oft der scheinbare Horizont bis zum Uebermaß von einem blitzenden Strahl elektrischer Flüssigkeit angeschwängert wird. Der Name Gottes wurde deutlich hörbar, aber er war furchtbar und lästerlich mit Tönen gemischt, die nicht wiederholt werden können. Der Wanderer stand, und bedeckte mit seinen Händen für einen Augenblick die Ohren; als er sie wegzog, fragte eine leise, heisere Stimme an seiner Seite in gedämpftem Tone:

»Ismael, Mann, hörtest du nichts?«

»Hst,« entgegnete dieser, und legte seinen mächtigen Arm auf Esther, ohne die geringste Ueberraschung über die unerwartete Gegenwart seines Weibes zu verrathen; »hst, Weib, wenn du die Furcht Gottes hast, so schweig.«

Eine tiefe Stille folgte. Obwohl der Wind sich erhob und fiel wie vorher, ward doch sein Rauschen nicht ferner von diesem furchtbaren Geschrei begleitet. Die Töne waren imponirend und feierlich; aber es war die Hoheit und Majestät der Natur in ihrer Verlassenheit.

»Wollen weiter gehn,« sagte Esther, »Alles ist still.«

»Weib, was hat dich hierher gebracht?« fragte ihr Mann, dessen Blut in seinen früheren Lauf zurückgekehrt, und dessen Gedanken auch schon einen Theil ihrer Erregung verloren hatten.

»Ismael, er mordete unsern Erstgebornen, aber es ist nicht milde, daß der Sohn meiner Mutter liegen sollte auf dem Boden, wie das Aas eines Hundes.«

»Folg!« entgegnete der Wanderer, wieder seine Büchse ergreifend und nach dem Felsen eilend. Die Entfernung war noch beträchtlich, und ihre Schritte, als sie der Stelle der Hinrichtung nahe kamen, wurden durch Ehrfurcht gemäßigt. Viele Minuten waren vorüber gegangen, ehe sie eine Stelle erreichten, wo sie die Umrisse der dunkeln Gegenstände unterscheiden konnten.

»Wo hast du den Leichnam hingelegt?« lispelte Esther; »sieh hier eine Hacke und Spaten, damit mein Bruder schlafen möge im Schoße der Erde.«

Der Mond brach hinter einer Wolkenmasse hervor, und das Auge des Weibes konnte Ismael’s Finger folgen; er deutete auf eine Menschengestalt, die unter dem nackten, hervorragenden Aste der Weide im Wind hin und her schwang. Esther beugte ihr Haupt, und bedeckte die Augen vor dem Anblick. Aber Ismael trat näher, und lange betrachtete er sein Werk mit Grauen, aber nicht mit Reue. Die Blätter des heiligen Buchs lagen zerstreut am Boden, und selbst ein Bruchstück des Felsens war im Todeskampf vom Seelenverkäufer seiner Stelle entrückt worden. Aber Alles lag jetzt in der Stille des Todes. Die grimmigen, krampfhaften Züge des Opfers wurden zu Zeiten ganz in’s Licht des Mondes gebracht, dann wieder, wenn der Wind nachließ, bildete der tödtliche Strick eine dunkle Linie über seine glänzende Scheibe. Der Wanderer erhob mit großer Vorsicht die Büchse und feuerte. Der Strick zerriß, und der Körper kam polternd zur Erde, eine schwere, unempfindliche Masse.

Bis jetzt hatte sich Esther nicht gerührt und nicht gesprochen. Aber ihre Hand war nicht lässig bei der Arbeit, die jetzt nöthig ward. Das Grab war bald gegraben; schnell konnte es seinen unglücklichen Bewohner aufnehmen. Als die leblose Gestalt hinabstieg, sah Esther, die das Haupt hielt, zu ihrem Manne mit einem Ausdruck voll Angst auf und sagte:

»Ismael, Mann, es ist sehr furchtbar; ich kann den Leichnam nicht küssen von meines Vaters Kind!«

Der Wanderer legte seine breite Hand auf des Todten Brust und sagte:

»Abiram White, wir Alle bedürfen der Gnade; von Herzen, vergeb‘ ich Euch; möge Gott im Himmel Mitleid haben mit Euren Sünden!«

Das Weib beugte ihr Antlitz und drückte ihre Lippen lang und feurig auf die blasse Stirn ihres Bruders. Dann kamen die fallenden Schollen und all das feierliche Getös, wenn ein Grab sich schließt. Esther zögerte auf ihren Knieen, und Ismael stand unbedeckt, während das Weib ein Gebet murmelte. Alles war dann zu Ende.

Am folgenden Morgen sah man die Gespanne und Heerden des Wanderers ihren Weg nach den Ansiedelungen fortsetzen. Als sie den Grenzen der Gesellschaft nahten, verlor sich der Zug unter tausend andern. Obgleich einige der zahlreichen Nachkommen dieses besondern Paars von ihrem gesetzlosen und halbbarbarischen Leben zurückkehrten, hörte man doch von den Häuptern der Familie selbst nichts weiter.

Dreiunddreißigstes Kapitel.

Dreiunddreißigstes Kapitel.

»– – Nicht Abschied nehm‘ ich, denn ich reite.
So weit die Erd‘ sich dehnt, an Eurer Seite.«

Shakespeare.

 

Der Zug des Pawnee nach seinem Dorfe ward durch keinen so gewaltthätigen Auftritt unterbrochen. Seine Rache war eben so vollständig als summarisch gewesen. Selbst nicht ein einzelner Kundschafter der Sioux blieb auf den Jagdgründen, die er überschreiten mußte, und die Reise von Middletons Haufen war folglich eben so sicher, als wenn sie im Schoße der Staaten vor sich ginge. Die Märsche waren, der Schwachheit der Frauen zu begegnen, mäßig. Kurz, die Sieger schienen nach ihrem Erfolg von jeder Spur von Feindseligkeit befreit, und geneigt, den geringsten Bedürfnissen jenes wachsenden Volkes abzuhelfen, das täglich ihre Rechte begrenzte, und die Roth-Leute des Westen aus ihrem Zustande stolzer Unabhängigkeit in die Lage von Flüchtlingen und Wanderern versetzte.

Die Schranken unserer Erzählung erlauben uns reine weitläufige Nachricht über den triumphirenden Einzug der Eroberer. Die Freude des Stammes entsprach dessen früherer Niedergeschlagenheit. Mütter rühmten sich des ehrenvollen Todes ihrer Söhne, Weiber verkündeten den Ruhm und zeigten auf die Narben ihrer Männer und indianische Mädchen belohnten die jungen Tapfern mit Triumphgesang. Die Trophäen ihrer gefallenen Feinde wurden, gleich den eroberten Fahnen in civilisirten Ländern, ausgestellt. Die Thaten früherer Helden wurden von den Greisen erzählt und für verdunkelt erklärt durch diesen Sieg; während Hartherz selbst durch seine Siege von Kindheit an bis auf diese Stunde so ausgezeichnet, allgemein als der würdigste Häuptling und stattlichste Tapfere fort und fort gepriesen ward, den Wahcondah je seinen geliebtesten Kindern, den Wolfs-Pawnee, verliehen.3

Trotz der gewissermaßen sichern Lage, worin Middleton sein wiedererlangtes Kleinod fand, war es ihm doch gar nicht unangenehm, seine getreuen, festen Artilleristen unter dem Haufen stehen zu sehen, wie er in dem wilden Zug ankam, und ihre Stimmen in einem kriegerischen Gruß über seine Rückkehr vernahm. Die Gegenwart dieser Streitkräfte, gering wie sie waren, entfernte jeden Schatten von Unruhe von seinem Sinn. Sie machten ihn zum Herrn über seine Bewegungen, gaben ihm Ansehn und Wichtigkeit in den Augen seiner neuen Freunde und setzten ihn in den Stand, die Schwierigkeiten der weiten Landschaft zu besiegen, die noch zwischen dem Dorf der Pawnee und der nächsten Feste seiner Landsleute lag. Ein Zelt ward Inez und Ellen zum ausschließlichen Besitz gegeben, und selbst Paul, als er eine bewaffnete Wache in der Uniform der Staaten vor dem Eingang hinschreiten sah, gab sich zufrieden und streifte in den Wohnungen der Rothhäute herum, mischte sich in ihre häuslichen Angelegenheiten mit sehr wenigem Rückhalt, machte, bald scherzend, bald ernst, seine Bemerkungen mit großer Freimüthigkeit über ihre verschiedenen Verrichtungen, oder bemühte sich, den verwunderten Hausfrauen seine kostbaren Erklärungen über das, was er für die besseren Gebräuche der Weißen hielt, verständlich zu machen.

Dieser forschende, unruhige Geist fand unter den Indianern keine Nachahmer. Der feste Sinn und die Zurückhaltung Hartherzens theilte sich seinem Volke mit. Als alle Aufmerksamkeiten, die von ihren einfachen Sitten und spärlichen Mitteln gewährt werden konnten, erwiesen waren, nahm sich kein zudringlicher Fuß heraus, den Hütten zu nahen, die zum Dienst der Fremden bestimmt waren. Man ließ sie sich nach ihrer Weise, wie es am besten mit ihrer Gewohnheit und Neigung übereinstimmte, einrichten; die Gesänge und das Jauchzen des Stammes drang jedoch weit in die Nacht, während deren spätesten Stunden die Stimme von mehr als einem Krieger gehört ward, wie er, am Eingang seines Zelts, die Thaten seines Volks und den Ruhm seiner Triumphe erzählte.

Alles Lebendige war, trotz den Vergnügungen der Nacht mit Sonnenaufgang auf; der Ausdruck des Jauchzens, der eben noch auf allen Gesichtern gesehen worden, hatte sich jetzt zu einem für die Gefühle des Augenblicks passenderen umgeändert. Alle hatten erfahren, daß die Blaßgesichter, die mit ihrem Häuptling so sehr sich befreundet hatten, ihren Abschied für immer vom Stamm nehmen sollten. Middletons Soldaten waren in Erwartung seiner Ankunft mit einem unglücklichen Kaufmann wegen Benutzung seines Boots einen Handel eingegangen; es lag in dem Fluß, bereit, seine Ladung einzunehmen, und nichts blieb übrig zu der langen Reise vorzubereiten.

Middleton sah diesen Augenblick nicht ganz ohne Mißtrauen kommen. Die Bewunderung, womit Hartherz Inez betrachtete, war seinem eifersüchtigen Auge, gerade wie die ungesetzlichen Wünsche Mahtoree’s nicht entgangen. Er kannte die kluge Weise, womit ein Wilder seine Pläne verbergen kann, und fühlte, es sei eine strafbare Schwäche, auf das Schlimmste nicht gefaßt zu sein. Geheime Anweisungen wurden daher seinen Leuten gegeben, während die Vorrichtungen, die sie trafen, geschickt hinter einer militärischen Paradeschau verborgen wurden, womit er seine Abreise begleiten wollte.

Das Gewissen des jungen Soldaten machte ihm Vorwürfe, als er den ganzen Stamm seine Schaar bis an den Rand des Flusses unbewaffnet und traurig begleiten sah. Sie sammelten sich in einen Kreis um die Fremden und ihr Haupt, und wurden nicht nur friedliche, sondern sehr teilnehmende Beobachter dessen, was vorging. Da es augenscheinlich war, Hartherz wollte sprechen, stand der Führer und bezeigte seine Bereitwilligkeit, zu hören, während der Streifschütz das Amt eines Dollmetschers versah. Da sprach der junge Häuptling zu ihnen in der gewöhnlichen bildlichen Sprach, eines Indianers. Er begann mit einer Hinweisung auf das Alter und den Ruhm seines Volks. Er sprach von dessen Glück auf der Jagd und im Krieg, von der Art, wie sie sie schon ihre Rechte vertheidigen und ihre Feinde hatten bestrafen gesehen. Nachdem er genug gesagt, um seine Ehrfurcht vor der Größe der Wölfe an den Tag zu legen, und den Stolz der Hörer zu befriedigen, machte er einen plötzlichen Uebergang zu der Race, von der die Fremden stammten. Er verglich ihre zahllose Menge mit den Flügen der Wandervögel zur Zeit der Blüthe oder bei der Neige des Jahrs. Mit einer Zartheit, die Niemand besser als ein indianischer Krieger zu wahren versteht, erwähnte er nicht geradezu die raubgierige Sinnesart, welche so viele von ihnen in ihren Verhandlungen mit den Roth-Leuten verrathen hatten. Er wußte, daß das Gefühl des Mißtrauens zu fest in den Gemüthern seines Stammes gewurzelt, und wollte also lieber jede gerechte Rachsucht, die sie noch hegen könnten, durch Entschuldigung und Gründe besänftigen. Er erinnerte seine Zuhörer, daß selbst die Pawnee-Wölfe genöthigt gewesen, manchen Unwürdigen aus ihren Dörfern zu treiben; Wahcondah verschleiere oft sein Antlitz vor einem Rothen. So sehe auch zweifelsohne der große Geist der Blaßgesichter manchmal finster auf seine Kinder. Wer überlassen worden dem Fürsten des Bösen, könnte nie tapfer und gut sein, sei seine Hautfarbe, welche sie wolle. Er hieß seine jungen Leute auf die Hände der Großmesser sehen. Sie seien nicht leer, wie die hungriger Bettler. Auch nicht voll von Gütern, wie bei kargen Händlern. Sie wären wie sie, Krieger, und führten Waffen, die sie wohl zu gebrauchen wüßten; – sie seien würdig, ihre Brüder zu heißen.«

Dann lenkte er Aller Aufmerksamkeit auf das Haupt der Fremdlinge. Er sei ein Sohn ihres großen, weißen Vaters. Er wäre nicht auf die Steppen gekommen, um die Büffel von ihren Weiden zu schrecken, oder das Wild der Indianer zu suchen. Schlechte Männer hätten ihn eines seiner Weiber beraubt, ohne Zweifel war‘ sie die gehorsamste, die sanfteste, die lieblichste von ihnen allen. Sie brauchten nur ihre Augen zu öffnen, um zu sehen, daß seine Worte wahr seien. Nun, da der weiße Häuptling sein Weib gefunden, sei er willens zurückzukehren zu seinem eigenen Volk in Frieden. Er würde ihm sagen, daß die Pawnee gerecht waren, und daß Bande der Freundschaft zwischen beiden Nationen sein würden. Er forderte sein Volk zu Wünschen auf für die sichere Rückkehr der Fremden in ihre Städte. Die Krieger der Wölfe wüßten Beides, wie ihre Feinde zu empfangen und wie die Dornen wegzuwenden vom Pfad ihrer Freunde.

Middletons Herz schlug hoch, als der junge Parteiführer auf Inezens Reize hindeutete, und für einen Augenblick warf er einen ungeduldigen Blick auf die kleine Reihe seiner Artilleristen; aber der Häuptling schien von diesem Augenblick an zu vergessen, daß er je ein so schönes Wesen gesehen. Seine Empfindungen, wenn er Etwas für sie fühlte, wurden hinter der kalten Maske indianischer Selbstüberwindung verschleiert. Er nahm jeden Krieger bei der Hand, selbst den geringsten Soldaten nicht vergessend; aber sein kaltes, strenges Auge wanderte nie für einen Augenblick zu einer von den Frauen hinüber. Vorkehrungen waren zu ihrer Gemächlichkeit mit einer Verschwendung und Sorgfalt getroffen worden, die wirklich seine Leute etwas in Erstaunen gesetzt, aber in keinem andern Puncte stieß er an ihren männlichen Stolz an, daß er einige ängstliche Sorgfalt in Hinsicht des schwächeren Geschlechts verrathen.

Das Abschiednehmen war allgemein und imponirend. Jeder Pawnee bestrebte sich, in Aufmerksamkeit keinem der fremden Krieger nachzustehen, und folglich nahm die Feierlichkeit einige Zeit weg. Die einzige Ausnahme, und die war nicht allgemein, machte Doctor Battius. Nicht wenige der jungen Leute zwar waren gleichgültig in ihren Höflichkeitserweisungen gegen Einen von so verdächtigem Gewerb; aber der würdige Naturforscher fand einigen Trost in der reiferen Artigkeit der Greise, welche schlossen, daß, obwohl nicht sehr tauglich im Krieg, der Zauberer der Großmesser vielleicht von Nutzen im Frieden sein könne.

Als Middletons ganzer Haufen sich eingeschifft, erhob der Streifschütz ein kleines Bündel, das während der vorigen Vorfälle zu seinen Füßen gelegen, rief Hektor’n herbei und nahm zuletzt seinen Sitz ein. Die Artilleristen erhoben das gewöhnliche Geschrei, das von dem Stamm beantwortet wurde, und dann drückte das Boot in die Fluth, und glitt schnell dem Fluß hinab.

Lange, sinnende, wenn nicht melancholische Stille folgte auf diese Abreise. Sie ward zuerst vom Streifschützen unterbrochen, dessen Gram nicht am wenigsten deutlich in seinem niedergeschlagenen, trüben Auge zu lesen war.

»Sie sind ein starker, tüchtiger Stamm,« sagte er, »das behaupte ich kühn zu ihren Gunsten, und stehen bloß, nach meiner Meinung, dem einst mächtigen, aber jetzt zerstreuten Volke der Delawaren vom Hügel nach. Ja, Capitain, wenn Ihr so viel Gutes und Böses, als ich, unter diesen Rothhäuten gesehen hättet, Ihr würdet wissen, von welchem Werth ein tapferer, einfacher Krieger wäre. Ich weiß, man findet Leute, welche denken und sagen, ein Indianer sei nur ein wenig besser als die Thiere dieser nackten Ebenen. Aber man muß selbst ehrlich sein, um einen guten Richter von der Ehrlichkeit Anderer abzugeben. Sicher, sicher, sie kennen ihre Feinde, und wenig kümmern sie sich, ihnen großes Vertrauen oder Liebe zu zeigen.«

»So ist’s mit dem Menschen,« entgegnete der Capitain, »und sie sind wohl in keiner seiner natürlichen Eigenschaften vernachlässigt.«

»Nein, nein, sie brauchen wenig, und das hat ihnen die Natur gegeben. Aber der versteht auch wenig von der Natur einer Rothhaut, der nur einen Indianer gesehen oder nur einen Stamm; gerade wie der die Farbe der Federn kennt, der nur eine Krähe erblickt hat. Nun, Freund Steuermann, haltet das Boot dort nach jener niederen sandigen Spitze, und Ihr erfüllt eine kleine Bitte.«

»Wozu?« fragte Middleton, »wir sind jetzt im schnellsten Lauf, und indem wir nach dem Ufer fahren, verlieren wir die Kraft des Flusses.«

»Der Aufenthalt wird nicht lang sein,« entgegnete der Alte, und legte, selbst Hand an die Ausführung seines Begehrens. Die Ruderer hatten seinen Einfluß bei dem Führer hinlänglich erkannt, um seinen Wünschen zuwider zu sein, und ehe noch zu weiterer Ueberlegung Zeit war, hatte schon das Boot das Land erreicht.

»Capitain,« hob der Andere wieder an, und band seinen Pack mit großer Ürberlegung auf, und selbst auf eine Weise, welche verrieth, daß er Gefallen fand an seiner Langsamkeit. »Ich möchte Euch einen kleinen Handel anbieten. Nichts von Bedeutung, freilich, aber doch das Beste, was einer, dessen Hand längst nicht mehr mit der Büchse umzugehen versteht, und der nichts weiter als ein armer Fallsteller geworden ist, Euch anbieten kann, eh‘ wir uns trennen.«

»Trennen!« wiederholte jeder Mund derer, die noch so eben seine Gefahren getheilt und seine Sorgfalt benutzt hatten.

»Was der T –l, alter Streifschütz, wollt Ihr zu Fuß in die Ansiedelungen, während hier ein Boot ist, das in halb so langer Zeit die Entfernung macht, die der Packesel, den der Doctor dem Pawnee gegeben, durchtrotten könnte.«

»Ansiedelungen, Junge! Es ist lang her, seit ich Abschied nahm von der Verwüstung und Verworfenheit der Ansiedelungen und Dörfer. Wenn ich hier auf einem freien Boden lebe, so hat der Herr ihn so gemacht, und ich habe keine Gedanken über die Sache, aber nie soll man mich wieder freiwillig in die Gefahr der Verworfenheit stürzen sehen.«

»Ich dachte nicht an Trennung,« antwortete Middleton, und bemühte sich einige Erleichterung von seiner Unruhe zu finden, indem er auf die mitfühlenden Züge seiner Freunde die Augen richtete; »im Gegentheil, ich hatte gehofft und geglaubt, Ihr würdet uns hinabbegleiten, wo ich Euch mein feierliches Wort gebe, Nichts Euch fehlen soll, um Eure Tage angenehm zu machen.«

»Ja, Junge, ja, Ihr würdet Euer Möglichstes thun; aber was sind die Bemühungen des Menschen gegen das Wirken des T–ls! Ei, wenn freundliche Hoffnungen und gute Wünsche es hätte thun können, wäre ich wohl schon seit Jahren ein Congreß-Mann oder vielleicht ein Statthalter gewesen. Euer Großvater wünschte dasselbe, und es leben ihrer vielleicht noch in den Otsego-Gebirgen, die mir gern einen Pallast zu meiner Wohnung gegeben hätten, aber was sind Reichthümer ohne Zufriedenheit! Meine Zeit muß jetzt auf jeden Fall kurz sein, und ich denke, es ist für Jemanden keine große Sünde, wenn er, nachdem er seine Rolle ehrlich, fast neunzig Winter und Sommer gespielt hat, die wenigen Stunden, die noch übrig bleiben, in Frieden hinbringen will. Wenn Ihr meint, ich hätte Unrecht gethan, daß ich so weit kam, um Euch dann wieder zu verlassen, Capitain, so will ich die Ursache ohne Scham und Rückhalt Euch sagen. Obwohl ich so viel von der Wildniß gesehen, so kann man doch nicht bestreiten, daß meine Gefühle wie meine Haut weiß sind. Nun wär‘ es aber kein passender Anblick, wenn jene Pawnee-Wölfe die Schwachheit eines alten Kriegers mit ansähen, wenn er etwa Schwachheit zeigte, indem er für immer von denen sich trennte, die er Ursache hätte zu lieben, obwohl sein Herz nicht so fest an ihnen hängt, daß er mit ihnen in die Ansiedelung gehen möchte.«

»Hört, alter Streifschütz,« sagte Paul und räusperte sich auf eine verzweifelte Art, als wenn er entschlossen wäre, seiner Stimme einen vollkommenen, klaren Ausgang zu verschaffen. »Ich hab‘ gerade auch einen Handel zu machen, da Ihr doch davon sprecht, und das ist nichts mehr und nichts weniger als folgender: Ich biet‘ Euch, als einen Theil meines Geschäfts, die Hälfte meines Fangs, und kümmere mich nicht sehr, wenn es die größere ist, den lieblichsten und reinsten Honig, den ich erlangen kann; immer genug zu essen, mit dann und wann einem Mundvoll Wild, oder was das betrifft, einen Bissen Büffelschenkel, da ich gar gern meine Bekanntschaft mit dem Thier ein wenig weiter treiben möchte, und so gute, niedliche Kocherei, wie sie nur von den Händen einer Ellen Wade kommen kann, die bald Nelly und noch etwas sein wird, und überhaupt solche Behandlung, wie ein ordentlicher Mann seinem besten Freund widerfahren zu lassen pflegt, oder vielmehr seinem eigenen Vater. Dafür gebt Ihr uns in langen Augenblicken einige von Euren alten Ueberlieferungen, vielleicht auch etwas heilsamen Rath bei Gelegenheit, in kleinen Dosen, und soviel von Eurer angenehmen Gesellschaft, als Euch gefällt.«

»Gut, gut, Junge,« entgegnete der Alte und suchte an seinem Pack, »ehrlich angeboten, und nicht undankbar abgewiesen; aber es kann nicht sein, nein, nimmer!«

»Verehrungswürdiger Jäger,« sagte Doctor Battius. »Es gibt Pflichten, die Jedermann der Gesellschaft und Menschennatur schuldig ist; es ist Zeit, daß Ihr zu Euren Landsleuten zurückkehrt, einige von jenen Erfahrungsvorräthen zu überliefern, die Ihr ohne Zweifel bei einem so langen Aufenthalt in den Wildnissen gesammelt habt, und die, wären sie auch durch vorgefaßte Meinungen verdorben, doch annehmliche Vermächtnisse für die sein werden, welche, wie Ihr sagt, Ihr bald für immer verlassen müßt.«

»Freund Physikus,« entgegnete der Streifschütz, und sah ihm fest in’s Gesicht; »so wie es nicht leicht sein würde, von der Natur des Damhirsches nach den Gewohnheiten des Wiesels zu urtheilen, so wäre es schwer, von der Nützlichkeit des einen Mannes zu sprechen, indem man zu viel an die Thaten des andern dächte. Ihr habt Eure Gaben, wie Andere, denk‘ ich, und ich will sie gar nicht trüben; aber was mich betrifft, mich hat der Herr zu einem Thäter, nicht zu einem Redner gemacht, und deßwegen halt‘ ich’s für kein Unrecht, wenn ich meine Ohren Eurer Einladung verschließe.«

»Es ist genug,« fiel Middleton ein, »ich hab‘ so viel von diesem außerordentlichen Mann gesehen und gehört, daß ich weiß, Ueberredung wird seinen Entschluß nicht ändern. Erst wollen wir Euer Verlangen hören, Freund, und dann bedenken, was am besten für Euch geschehen kann.«

»Es ist etwas Geringes, Capitain,« entgegnete der Alte und brachte endlich sein Bündel auf, »eine geringe, kleinliche Sache ist es gegen das, was ich sonst im Handel bieten konnte; aber dennoch ist es das Beste, was ich habe und deßwegen nicht zu verachten. Hier sind die Felle von vier Bibern, die ich etwa einen Monat vorher, ehe wir uns trafen, fing, und hier ist noch eins von einem Racoon, das freilich nicht von großem Werthe ist, aber vielleicht zu, unserm Einigwerden beiträgt.«

»Und was soll damit geschehen?«

»Ich biet‘ sie zu ehrlichem Handel. Die Schelme, die Sioux, der Himmel vergebe mir, daß ich je geglaubt, es wären die Konza, haben mir die besten Fallen gestohlen, und mich fast zu ärmlichen Erfindungen genöthigt, die mir einen traurigen Winter voraussagen könnten, wenn meine Zeit sich noch in ein Jahr hinausdehnen sollte. Deßwegen sollt Ihr die Felle nehmen, und sie einem der Fallsteller anbieten, die Ihr sicher unten treffen werdet; und was Ihr von Fallen dafür bekommt, mögt Ihr für mich in das Pawnee-Dorf schicken. Tragt Sorge, daß mein Zeichen darauf kommt; ein N mit einem Hundsohr und einem Flintenschloß. Dann wird keine Rothhaut mein Recht beeinträchtigen. Für all diese Mühe hab‘ ich wenig mehr zu bieten als meinen Dank, wenn nicht mein Freund, der Bienenjager hier, den Racoon annehmen will, und dann besonders den Auftrag übernimmt.«

»Wenn ich es thue, so soll mich – –« Paul’s Mund schloß sich unter Ellens schöner Hand, und er war genöthigt, das Uebrige hinunter zu schlucken, was er mit einer Anstrengung that, die keine geringe Aehnlichkeit mit dem Ersticken hatte.

»Nun, nun,« entgegnete der Greis ruhig, »ich hoffe, dies Anerbieten war keine schwere Beleidigung. Ich weiß, das Racoonfell ist wenig werth, aber dann war es auch keine große Bemühung, die ich dafür verlangte.«

»Ihr habt unsern Freund gänzlich mißverstanden,« fiel Middleton ein, der bemerkte, daß der Bienenjäger nach jeder Seite, nur nicht nach der rechten sah, und daß er gänzlich unfähig sei, sich selbst zu rechtfertigen. »Er wollte nicht sagen, er verweigere Eure Bitte, sondern nur, er schlage jede Belohnung aus. Doch es ist unnöthig, darüber mehr zu sagen; mein ist die Sorge, zu sehen, daß die Schuld der Dankbarkeit, die wir Euch hegen, gehörig abgetragen wird, und all Euern Bedürfnissen soll zuvorgekommen werden.«

»Ei,« sagte der Alte, und sah forschend ihm in’s Angesicht, als wolle er eine Erklärung.

»Es soll Euch Alles nach Wunsch sein. Legt die Häute zu meinem Gepäck; wir wollen für Euch, wie für uns selbst handeln.«

»Danke, danke, Capitain; Euer Großvater hatte ein freies, edles Herz. So sehr in der That, daß eben jenes Volk, die Delawaren, ihn die »offene Hand« nannten. Ich wünsche nun, ich wäre so wie sonst, daß ich der Dame einige seine Marderpelze für ihre Krägen und Oberkleider schicken könnte, nur um zu zeigen, daß ich Gefälligkeit zu erwiedern weiß. Doch erwartet das nicht; ich bin zu alt, etwas zu versprechen. Alles, wie der Herr will. Nichts weiter kann ich Euch bieten, denn ich hab‘ nicht so lange in der Wildniß gelebt, um die schwere Befriedigung eines Herrn zu vergessen.«

»Hört, alter Streifschütz,« rief der Bienenjäger, und schlug seine Hand in die offene Rechte, die der Andere darreichte, daß ein Schall entstand, der einem Flintenschuß nicht so gar weit nachstand; »ich hab‘ gerade noch zweierlei zu sagen; erstens, daß der Capitain Euch meine Meinung besser gesagt hat, als ich selbst im Stande bin; und zweitens, daß, wenn Ihr eine Haut braucht, sei es für Euch selbst, oder um sie zu verschicken, ich eine zu Eurem Befehl habe, und das ist die Haut von einem gewissen Paul Hover.«

Der Alte erwiederte den Händedruck, und öffnete‘, so weit er‘ kennte, den Mund in seinem ungewöhnlichen, dumpfen Lachen.

»Ihr konntet eine solche Hand nicht geben, Junge, als die Teton-Schurken mit den Messern hinter Euch waren,« sagte er. »Ei, Ihr seid in Eurer Blüthe, in Eurer Kraft und im Glück, wenn Ehrlichkeit auf Euerm Weg ist.« Dann änderten sich plötzlich seine verfallenen Züge zu einem Ausdruck voll Ernst und Nachdenken. »Kommt hierher, Junge,« sagte er, und führte den Bienenjäger an einem Knopf an die Küste, und sprach bei Seite zu ihm in einem Tone der Ermahnung und des Vertrauens. »Viel haben wir von der Lust und Achtbarkeit eines Aufenthalts in den Wäldern oder auf der Grenze gesprochen. Ich will nicht sagen, daß, was Ihr gehört, nicht wahr gewesen, aber verschiedene Charaktere verlangen verschiedene Gewerbe. Ihr habt da an Eure Brust ein gutes, freundliches Kind genommen, und Ihr müßt, bei der Wahl einer Lebensart, sie so gut als Euch berücksichtigen. Ihr seid ein wenig geneigt, in den Colonieen herumzustreichen, aber nach meinem geringen Urtheil, ist das Mädchen mehr ähnlich einer prangenden Blume in der Sonne des Anbaues, als in dem Sturm der Steppe. Deßhalb vergeßt Alles, was Ihr von mir gehört haben mögt, ob es gleich wahr ist, und wendet Euch auf die Wege des Binnenlandes.«

Paul konnte nur durch einen Händedruck antworten, der den meisten Augen Thränen entlockt haben würde, der aber auf die gehärteten Muskeln des Greises keine andere Wirkung hervorbrachte, als daß er lächelte und nickte, als wolle er sagen, er empfange den Druck als ein Pfand, daß der Bienenjäger seinen Rath nicht vergessen werde. Dann wandte sich der Streifschütz von seinem rauhen, aber warmfühlenden Gefährten weg, rief Hektor’n aus dem Boot, und schien willens noch einige Worte zu sagen.

»Capitain,« begann er endlich, »ich weiß, wenn ein Armer von Credit spricht, braucht er ein nach den Gebräuchen der Welt delicates Wort, und wenn ein Greis vom Leben redet, spricht er von etwas, was er nicht mehr sehen möchte; dennoch gibt’s noch etwas, wovon ich reden will, und das betrifft nicht so wohl mich als Jemanden anders. Da ist Hektor, ein guter, treuer Bursche, der lange über das Leben eines Hundes hinaus ist, und gleich seinem Herrn sehnt er sich jetzt mehr nach Ruhe, als nach Thaten der Jagd. Aber das Geschöpf hat sein Gefühl, nicht weniger als der Christ. Er hat sich in der letzten Zeit so sehr an seinen Verwandten dort gehängt, und große Freude an seiner Gesellschaft gefunden, so daß ich gestehen muß, es betrübe mich, das Paar sobald zu trennen. Wenn Ihr auf Euern Hund einen Preis setzen wollt, so will ich mich bestreben, den Betrag im Frühling Euch zu schicken, besonders wenn die Fallen sicher ankommen; oder wenn Ihr nicht gern Euch von dem Thier für immer trennen wollt, bitt‘ ich nur, mir ihn für den Winter zu leihen; ich glaube sicher zu sein, daß mein Alter nicht über diese Zeit ausdauern wird, denn darauf versteh‘ ich mich, seit ich so viele Freunde, Hunde und Rothhäute, in meinem Leben habe verscheiden sehen, obgleich der Herr seine Engel noch nicht hat abschicken wollen, um meinen Namen zu rufen.«

»Nehmt ihn, nehmt ihn,« rief Middleton, »nehmt Alles und Jedes!«

Der Greis rief den jüngeren Hund an’s Land, und nahm dann seinen endlichen Abschied. Wenig ward auf beiden Seiten gesprochen. Der Streifschütz nahm Jeden feierlich bei der Hand, und sprach einige freundliche, gütige Worte zu allen. Middleton war ganz sprachlos und mußte sich den Schein geben, als beschäftige er sich mit dem Gepäck. Paul pfiff aus Aller Macht, und selbst Obed nahm seinen Abschied mit einem Zwang, der den Anschein einer verzweifelten, philosophischen Entschlossenheit trug. Als er bei Allen herumgekommen, drückte der Greis mit eigener Hand das Boot in die Fluth, und wünschte zu Gott, er möge ihnen Eile verleihen. Nicht ein Wort ward gesprochen, nicht ein Ruderschlag geschah, bis die Reisenden eine Höhe umsegelt, die den Streifschützen ihren Augen verbarg. Man sah ihn an der niedern Stelle stehen, auf die Büchse gelehnt, Hektor’n zu seinen Füßen niederkauernd, und den jungen Hund auf dem Sand hinspringen im Spiel der Jugend und Kraft.

Vierunddreißigstes Kapitel.

Vierunddreißigstes Kapitel.

»Mich dünkt, ich hört‘ ne Stimm‘.«

Shakespeare.

 

Die Wasser waren in ihrer Höhe und das Boot flog der schnellen Fluth hinunter wie ein Vogel. Die Fahrt war glücklich und schnell. In weniger als einem Drittel der Zeit, die zu derselben Reise aber zu Land, nöthig gewesen, ward sie, begünstigt von diesen schnellen Flüssen, zurückgelegt. Aus einem Strom in den andern eingehend, – ganz wie die Adern des menschlichen Leibes mit den größern Lebenscanälen communiciren, traten sie bald in die große Arterie der westlichen Wasser ein, und landeten glücklich an der Thür des Vaters der Inez.

Die Freude des Don Augustin und die Verlegenheit des würdigen Paters Ignatius kann man sich leicht denken. Der Erstere weinte und sagte dem Himmel Dank, der Letztere dankte und weinte nicht. Die milden Provinzleute waren zu glücklich, um Fragen über die Art einer so erfreulichen Wiederbringung zu thun, und durch eine Art allgemeiner Uebereinkunft ward es bald eine angenommene Meinung, Middletons Braut sei von einem Schelm geraubt, und durch menschliche Anstrengung ihren Freunden wiedergegeben worden. Freilich gab es in Hinsicht dieses Glaubens einige Skeptiker, aber dann erfreuten sie sich ihrer Zweifel im Geheim, mit jener Art hoher, heimlicher Lust, die ein Geiziger empfindet, wenn er auf seine wachsenden aber nutzlosen Haufen hinstarrt.

Um dem würdigen Priester einige Beschäftigung zu geben, machte Middleton ihn zum Werkzeug der Vermählung Pauls mit Ellen. Der Erstere gab seine Zustimmung zu der Ceremonie, weil er fand, daß alle seine Freunde großes Gewicht darauf legten, aber bald nachher führte er seine Braut in die Ebenen von Kentucky unter dem Vorwand, mehreren Gliedern von der Familie Hover die gewöhnlichen Besuche zu machen. Während er hier war, nahm er Gelegenheit, die Vermählung gehörig durch einen Friedensrichter von seiner Bekanntschaft bestätigen zu lassen, da er in dessen Geschicklichkeit, die Ehekette fest zu schmieden, größeres Vertrauen setzte, als in die aller Geistlichen innerhalb der Ringmauern Roms. Ellen, die sich bewußt zu sein schien, daß einige außerordentliche Vorkehrungen nöthig sein möchten, um einen so herumschweifenden Geist, wie ihren Gemahl, in den gehörigen Eheschranken zu halten, machte keine Schwierigkeit wegen dieser doppelten Banden, Und so waren beide Theile befriedigt.

Die locale Wichtigkeit, welche Middleton durch seine Verbindung mit der Tochter eines so begüterten Eigenthümers wie Don Augustin und durch seine persönlichen Verdienste erlangt hatte, zogen die Aufmerksamkeit der Regierung auf ihn. Er wurde bald in verschiedenen Stellungen von Verantwortlichkeit und Vertrauen gebraucht, und dies trug dazu bei, seinen Charakter in der öffentlichen Achtung zu heben, und ihm Mittel zu Empfehlungen zu geben. Der Bienenjäger war unter den Ersten, auf die er seine Gunst ausdehnen wollte; es war gar nicht schwer, passende Stellen für Pauls Geschicklichkeit in dem Staate zu finden, der erst drei und zwanzig Jahre in diesen Gegenden bestand. Die Bemühungen Middletons und der Inez für ihren Gemahl wurden warm und scharfsinnig von Ellen unterstützt, und es gelang ihnen, mit der Zeit eine große, wohlthätige Veränderung in seinem Charakter hervorzubringen. Er wurde bald Landbesitzer, dann ein glücklicher Bebauer des Bodens und kurz nachher ein Stadtbeamter, Durch das allmählige Fortschreiten, das man oft in der Republik so sonderbar von einer entsprechenden Zunahme in Wissenschaft und Selbstachtung begleitet sieht, ging er Schritt für Schritt, bis sein Weib den mütterlichen Trost hatte, ihre Kinder weit über die Gefahr hinaus gestellt zu sehen, wieder in den Zustand zurückkehren zu müssen, aus dem ihre Eltern sich hervorgearbeitet hatten. Paul ist wirklich in diesem Augenblick Mitglied der niederen Gerechtigkeitspflege des Staates, wo er so lange gelebt hatte, und er ist selbst bekannt durch seine Reden, die darauf ausgehen, diesen berathenden Körper in eine gute Laune zu versetzen, und welche, da sie auf große praktische Kenntniß gegründet sind, wie sie für den Zustand des Landes passend ist, noch ein Verdienst haben, das vielen spitzfindigeren und feingesponnenen Theorieen abgeht, die man täglich in ähnlichen Versammlungen von den Lippen gewisser Instinctartiger Politiker kommen hört. Aber alle diese herrlichen Früchte waren das Ergebniß vieler Sorgfalt und langer Zeit. Middleton, der mit einem, seiner verschiedenen Erziehung angemesseneren Ansehen einen Sitz in einem weit höheren Collegium der gesetzgebenden Gewalt einnimmt, ist die Quelle, aus der wir die meisten, zur Verfassung unserer Sage nöthigen Nachrichten geschöpft haben. Außer dem, was er von Paul erzählt hat, und was sein eigenes fortwährendes Glück betraf, hat er auch eine kurze Erzählung von dem, was bei einem folgenden Besuch der Steppen vorging, gegeben, mit der, da wir sie für einen passenden Schluß zu dem Vorhergehenden halten, wir unsere gegenwärtige Arbeit schließen wollen.

Im Herbst des Jahrs, das auf jenes folgte, in das die vorhergehenden Begebenheiten fielen, fand der junge Mann, noch in dem Militärdienst des Landes, sich an den Wassern des Missouri an einem Punct, der nicht weit von den Pawnee-Städten entfernt war. Frei von jeder unmittelbaren Anforderung der Pflicht, und eifrigst zu dem Schritt von Paul angetrieben, der in seiner Compagnie stand, entschloß er sich, Pferde zu nehmen, und das Land zu durchschreiten, um den Parteiführer zu besuchen, und sich nach dem Schicksal seines Freundes, des Streifschützen, zu erkundigen. Da sein Gefolge seinem Amt und Rang angemessen war, ging die Reise mit den gewöhnlichen Entbehrungen und Mühseligkeiten vor sich, die mit einem Zug in einer Wüste verbunden sind, aber ohne alle jene Gefahren und Besorgnisse, die seinen früheren Weg durch dieselben Gegenden ausgezeichnet hatten. Als er in der gehörigen Nähe war, schickte er einen indianischen Boten ab, der zu einem befreundeten Stamm gehörte, um seine und seiner Begleitung Ankunft anzusagen, während er seine Reise bedächtig fortsetzte, damit die Nachricht, wie es gewöhnlich war, seiner Ankunft vorausginge. Zum Erstaunen der Wanderer blieb ihre Botschaft unbeantwortet. Eine Stunde ging nach der andern vorüber, eine Meile ward nach der andern zurückgelegt, ohne daß sie weder ein Zeichen einer ehrenvollen Aufnahme, oder auch nur die einfacheren Versicherungen eines freundlichen Willkommens brachten. Endlich stieg die Cavalcade, an deren Spitze Middleton und Paul ritt, von der Hochebene herab, auf der sie lang hingezogen, und langte auf einem üppigen Grunde an, der sie auf gleiche Höhe mit dem Dorf der Wölfe brachte. Die Sonne begann zu sinken, und eine Schichte goldenen Lichts war über die ruhige Ebene hingegossen, und lieh auch ihrer Oberfläche jene glorreichen Tinten und Farben, welche, wie die menschliche Einbildungskraft so gern sich vorspiegelt, den Reiz noch weit imponirender Auftritte ausmachen. Die Grüne des Jahrs blieb noch, und Heerden von Pferden und Maulthieren grasten friedlich in der weiten natürlichen Weide, unter der Obhut wachsamer Pawnee-Knaben. Paul deutete unter ihnen die wohlbekannte Gestalt des Asinus heraus; schlank, fett, und, wie es schien, schwelgend in der Fülle seiner Zufriedenheit, stand er mit zurückgeschlagenen Ohren und geschlossenen Augenliedern da, dem Anschein nach sinnend über die herrliche Beschaffenheit seines gegenwärtigen, gemächlichen Genusses.

Der Weg führte die Gesellschaft nicht weit von einem jener wachsamen Burschen vorbei, denen ein so wichtiger Auftrag wie der, den Hauptreichthum des Stammes zu bewachen übergeben worden war. Er hörte das Trampeln der Pferde, und warf sein Auge seitwärts, aber statt Neugier oder Unruhe zu verrathen, wandte er seinen Blick sogleich wieder nach der vorigen Richtung, nach der Stelle, wo, wie man wußte, das Dorf stand.

»Das Alles ist etwas sonderbar,« murmelte Middleton, halb beleidigt über das, was er nicht nur für eine Unaufmerksamkeit gegen seinen Rang, sondern auch persönlich gegen sich selbst für eine Unhöflichkeit ansah; »jener Junge hat von unserer Ankunft gehört, sonst würde er nicht verfehlen, sie seinem Stamme anzusagen, und doch beehrt er uns kaum mit einem Blick. Seht nach Euren Waffen, Leute, es möchte nöthig werden, diese Wilden unsere Stärke fühlen zu lassen.«

»Darin, Capitain, glaub‘ ich, irrt Ihr Euch,« entgegnete Paul, wenn man überhaupt Ehrlichkeit auf den Steppen findet, so trefft Ihr sie in Eurem alten Freund Hartherz; auch darf ein Indianer nicht nach den Regeln eines Weißen beurtheilt werden. Seht! wir sind nicht ganz vernachlässigt, da kommt endlich ein Haufen uns entgegen, obgleich er sich ein wenig schlecht ausnimmt nach Zahl und Aeußerem.«

Paul hatte in Beidem Recht. Eine Gruppe Reiter sah man endlich um eine kleine Anhöhe herumschwenken und über die Ebene gerade auf sie zukommen. Ihr Marsch war langsam und würdevoll. Als sie nahe kamen, gewahrte man den Führer der Wölfe an ihrer Spitze; das Gefolge bestand aus einem Dutzend jüngerer Krieger des Stammes. Sie waren alle unbewaffnet und trugen auch nichts an sich von jenen Zierrathen und Federn, welche eben so sehr als Zeichen von Achtung gegen den Gast betrachtet werden, den ein Indianer empfängt, als Beweis seines eigenen Rangs und seiner Wichtigkeit.

Die Zusammenkunft war freundlich, wiewohl etwas zurückhaltend auf beiden Seiten. Middleton, nicht wenig eifersüchtig auf seine eigene Ehre, als auf das Ansehen seiner Regierung, argwöhnte einigen ungebührlichen Einfluß von Seiten der Agenten der Canada, und da er entschlossen war, das Ansehen aufrecht zu erhalten, dessen Repräsentant er war, fühlte er sich genöthigt, eine Hoheit anzunehmen, die ihm wirklich gar nicht natürlich war. Es war nicht so leicht, die Beweggründe der Pawnee zu durchschauen. Ruhig, würdevoll und doch gar nicht abstoßend, gaben sie ein Beispiel von Höflichkeit, mit Zurückhaltung verbunden, das mancher Diplomat des gebildetsten Hofs vergebens nachzuahmen sich bestrebt haben würde.

Auf diese Weise setzten beide Theile ihren Weg nach der Stadt fort. Middleton hatte während des übrigen Theils des Ritts Zeit, bei sich all die möglichen Ursachen zu überlegen, die sein Scharfsinn dieser sonderbaren Aufnahme unterlegen konnte. Obgleich er von einem regelmäßigen Dollmetscher begleitet war, machten die Häuptlinge doch ihre gegenseitigen Grüße auf eine Art, die seine Dienste unnöthig machte. Zwanzigmal warf der Capitain seinen Blick auf seinen früheren Freund, und bemühte sich in seinen strengen Zügen zu lesen; aber alle Anstrengung und Vermuthung zeigte sich gleich fruchtlos. Hartherzens Auge war fest, beständig und etwas ängstlich, aber in Hinsicht jeder andern Bewegung undurchdringlich. Er sprach weder selbst, noch schien er seinen Besuch zum Sprechen einladen zu wollen; Middleton mußte daher die ruhigen Manieren seiner Gefährten annehmen und wegen Aufklärung den Ausgang abwarten.

Als sie in die Stadt traten, sah man alle Einwohner sich auf einem freien Platz versammeln, wo sie mit der gewöhnlichen Rücksicht auf Alter und Rang sich ordneten. Das Ganze bildete einen weiten Kreis, in dessen Mitte vielleicht ein Dutzend der vorzüglichsten Häuptlinge waren. Hartherz bewegte, als er sich näherte, die Hand, und da die Masse sich öffnete, ritt er von seinen Gefährten begleitet, durch. Hier stiegen sie ab, und nachdem die Thiere zur Seite geführt worden, fanden die Fremdlinge sich von Tausenden ernster, gefaßter aber bekümmerter Gesichter umgeben.

Middleton sah in wachsender Besorgniß um sich, denn kein Geschrei, kein Sang, kein Ruf bewillkommte ihn unter einem Volk, von dem er noch vor Kurzem sich mit so viel Betrübniß getrennt hatte. Seine Unruhe, um nicht Furcht zu sagen, wurde von seinem ganzen Gefolge getheilt. Entschlossenheit und ernstes Denken fing an, an die Stelle der Angst, in Aller Augen zu treten, während jeder schweigend nach seiner Waffe griff, und sich versicherte, daß sie im Stande sei, ihn sogleich und verzweifelt zu vertheidigen. Aber kein entsprechendes Zeichen von Feindseligkeit zeigte sich von Seiten der Wirthe. Hartherz winkte Middleton und Paul zu folgen und führte sie nach einem Trupp von Gestalten, die den Mittelpunkt des Kreises einnahmen. Hier fanden die Besuchenden den Schlüssel von all den Bewegungen, die ihnen so viel Grund zu Besorgnissen gegeben hatten.

Der Streifschütz saß auf einem rohen Sitz, der mit gesuchter Sorgfalt gemacht worden war, um seine Gestalt in einer aufrechten, ruhigen Lage zu erhalten. Der erste Blick sagte seinen früheren Freunden, daß der Alte endlich gerufen worden, der Natur die letzte Schuld zu bezahlen. Sein Auge war starr und dem Anschein nach eben so leer an Licht als an Ausdruck; seine Züge waren etwas mehr verfallen, und schärfer markirt als vorher. Aber das war auch alle Veränderung, so weit sie das Aeußere betraf. Sein nahendes Ende konnte keiner eigentlichen Krankheit zugeschrieben werden, sondern war eine allmähliche, milde Abnahme seiner Kräfte gewesen. Leben zögerte zwar noch in seinem Bau, aber es war, als wäre es zu Zeiten ganz bereit zu entfliehen, und dann wollte es wiederscheinen, als ob die sinkende Gestalt sich nochmals belebe, als wolle das Leben nicht gerne den Besitz einer Wohnung aufgeben, die nie durch Laster untergraben und durch Krankheit erschüttert worden. Es hatte keiner großen Einbildungskraft bedurft, um sich vorzustellen, der Geist flattere um die ruhigen Lippen des alten Waldmannes, und widerstrebe aus einer Hülle zu wandern, die ihm so lange eine ehrliche und unbescholtene Wohnung abgegeben.

Sein Leib saß so, daß das Licht der sinkenden Sonne voll auf die feierlichen Züge fiel. Sein Haupt war entblößt, die langen, dünnen Locken von Grau flatterten leicht in der Abendluft. Seine Büchse lag auf seinem Knie, und die andern Bedürfnisse der Jagd waren zur Seite, im Bereich seiner Hand. Zwischen seinen Füßen lag die Gestalt eines Hundes, den Kopf auf den Boden gestreckt, als schlummre er, und so vollkommen ruhig und natürlich war seine Lage, daß ein zweiter Blick nöthig war, um Middleton zu sagen, er sehe nur Hektor’s Haut, die durch indianischen Zartsinn und Geschicklichkeit auf eine Weise ausgestopft worden, daß sie das Thier leibhaftig darstellte. Sein eigner Hund spielte in einiger Entfernung mit dem Kind der Tachechana und des Mahtoree. Die Mutter selbst stand zur Seite, und hielt in ihrem Armen einen zweiten Sprößling, der sich keiner geringeren Abkunft rühmen konnte, als die war, worauf ein Sohn von Hartherz Anspruch machte. Le Balafré saß nahe dem, sterbenden Streifschützen, und trug jedes Zeichen an sich, daß die Stunde seines eigenen Abscheidens auch nicht mehr weit entfernt war. Die Uebrigen derer unmittelbar im Centrum, waren bejahrte Männer, die sich augenscheinlich in die Nähe begeben, um die Art zu beobachten, wie ein gerechter und furchtloser Krieger sich zur größten seiner Reisen anschicken möchte.

Der Alte erntete die Früchte eines Lebens, das so ausgezeichnet gewesen durch Mäßigung und Thätigkeit, in einem stillen, ruhigen Tod. Seine Kraft hatte sich bis zuletzt gewissermaßen gehärtet. Der Verfall, wenn einer da war, ging schnell aber frei von Schmerz vor sich. Er hatte, mit dem Stamm im Frühling gejagt, ja selbst durch einen Theil des Sommers, als seine Glieder plötzlich den gewohnten Dienst zu leisten versagten. Eine gleichförmige Schwäche nahm Besitz von allen seinen Kräften, und die Pawnee glaubten, sie würden auf diese unerwartete Art einen Weisen und Rathgeber verlieren, den sie zu lieben und zu achten angefangen hatten. Aber, wie wir schon gesagt, der unsterbliche Inwohner schien ungern seine Hülle zu verlassen. Die Lampe des Lebens flickerte ohne zu verlöschen. Am Morgen des Tags, an dem Middleton ankam, war ein allgemeines Wiederaufleben der Kräfte in dem ganzen Menschen. Seine Zunge hörte man wieder in heilsamen Grundsätzen, und sein Auge erkannte von Zeit zu Zeit die Gestalten seiner Freunde. Es zeigte sich nur als einen kurzen und letzten Verkehr mit der Welt von Seiten eines Mannes, den man schon, was Geistesgemeinschaft betraf, für immer abgeschieden geglaubt hatte.

Als er seine Gäste vor den Sterbenden gestellt, lehnte Hartherz nach einer Pause, die eben so sehr der Kummer als die Schicklichkeit nöthig machte, sich ein wenig vorwärts und fragte:

»Hört mein Vater die Worte seines Sohns?«

»Sprecht!« entgegnete der Streifschütz in einem Ton, der aus der innersten Brust hervorkam, aber ergreifend hörbar ward durch die todtengleiche Stille, die an dem Ort herrschte. »Ich bin im Begriff abzuscheiden aus dem Dorf der Wölfe und werde bald über dem Bereich Eurer Stimme sein.«

»Möge der weise Häuptling keine Sorge haben für seine Reise,« fuhr Hartherz mit einer ernsten Besorgniß fort, die ihn für einen Augenblick vergessen ließ, daß Andere warteten, um seinen angenommenen Vater anzureden; »hundert Wölfe sollen seinen Pfad reinigen von Dornen.«

»Pawnee, ich sterbe, wie ich gelebt, ein Christ,« begann der Streifschütz mit einer Kraft in seiner Stimme, die dieselbe erstaunende Wirkung hatte, wie eine Trompete, wenn ihr Ton plötzlich und frei in der Luft sich erhebt, nachdem er lange von der Ferne gedämpft gehört worden; »wie ich in’s Leben trat, will ich es verlassen. Pferde und Waffen sind nicht vonnöthen, um vor dem großen Geist meines Volkes zu stehen; er kennt meine Farbe und nach meinen Gaben wird er meine Thaten richten.«

»Mein Vater wird meinen jungen Leuten sagen, wie viele Mingo er erschlagen, und welche Thaten der Kraft und Gerechtigkeit er gethan, daß sie lernen mögen, wie ihn nachzuahmen.«

»Eine ruhmredige Zunge ist im Himmel eines Weißen nicht zu hören,« entgegnete feierlich der Alte. »Was ich gethan, Er hat’s gesehen; Seine Augen waren immer offen. Was wohl gethan worden, dessen wird Er gedenken; wo ich gefehlt, da wird Er nicht zu strafen vergessen, obwohl es geschehen wird mit Gnade. Nein, mein Sohn, ein Blaßgesicht wird sein eignes Lob nicht singen und hoffen können, es würde angenehm sein vor Gott.«

Ein wenig verlegen, schritt der junge Häuptling bescheiden zurück und machte den Neuangekommenen Platz, heranzutreten. Middleton nahm eine der abgemagerten Hände des Streifschützen, und bemüht, seine Sprache zu beherrschen, gelang es ihm endlich, von seiner Gegenwart ihn in Kenntniß zu setzen. Der Alte hörte, wie wenn die Gedanken schon über einen ganz verschiedenen Gegenstand brüteten; aber als der Andere ihm endlich hatte verständlich gemacht, daß er zugegen sei, da ging ein Ausdruck freudigen Wiedererkennens über seine verfallenen Züge.

»Ich hoffe, Ihr habt nicht so bald die vergessen, um die Ihr Euch so hoch verdient gemacht,« schloß Middleton; »es betrübte mich, wenn ich denken müßte, ich sei so leicht in Euerm Gedächtniß vorübergegangen.«

»Wenig, was ich je gesehen, ist vergessen;« entgegnete der Streifschütz; »ich bin am Ende vieler mühevollen Tage, aber es ist keiner unter ihnen allen, den ich übersehen möchte. Ich erinnere mich Eurer mit Eurem ganzen Gefolge; ja und auch Eures Großvaters, der vor Euch kam. Ich bin froh, daß Ihr zurückgekommen auf diese Ebenen, denn ich brauchte Jemanden, der Englisch spricht, weil man wenig sich verlassen kann auf die Handelsleute dieser Gegenden. Wollt Ihr, Junge, einem alten, sterbenden Mann eine Gunst erweisen?«

»Sprecht,« sagte Middleton; »es soll geschehen.«

»Es ist eine weite Reise, um solche Kleinigkeiten zu überschicken,« entgegnete der Alte, der mit kleinen Unterbrechungen sprach, je nachdem es Kraft und Athem ihm erlaubte. »Eine weite, beschwerliche Reise ist es; aber Güte und Freundschaft darf nicht so leicht vergessen werden. Es ist eine Colonie unter den Otsego-Hügeln – –«

»Ich kenne den Ort,« fiel Middleton ein, als er bemerkte, daß der Sterbende mit wachsender Beschwerde sprach; »sagt nur, was Ihr von mir verlangt.«

»Nimm denn diese Büchse, den Ranzen und das Horn und, schick‘ sie zu dem Manne, dessen Name auf der Platte eingegraben ist. Ein Kaufmann schnitt die Buchstaben mit seinem Messer ein; denn es ist schon lange, seit ich ihm solch ein Pfand meiner Liebe zu schicken gedachte.« »Es soll geschehen. Könntet Ihr noch Etwas wünschen?«

»Wenig mehr hab‘ ich zu geben. Meine Fallen geb‘ ich meinem indianischen Sohn; denn ehrlich und freundlich hat er Treue gehalten. Möge er vor mich kommen.«

Middleton bedeutete dem Häuptling, was der Streifschütz gesagt, und überließ ihm seine Stelle.

»Pawnee« fuhr der Alte fort und änderte immer seine Sprache nach der Person, zu der er sprach, und nicht selten auch nach den Ideen, die er ausdrückte; »es ist bei meinem Volk Sitte, daß der Vater seinem Sohn den Segen gibt, ehe er für immer die Augen schließt. Diesen Segen geb‘ ich Euch, nehmt ihn; denn die Bitten eines Christen werden nie den Pfad eines gerechten Kriegers nach den gesegneten Gefilden weder länger noch schwieriger machen. Möge der Gott des Weißen auf Eure Thaten mit gnädigem Auge sehen, und Ihr nie eine Handlung begehen, die sein Antlitz von Euch wegwenden würde. Ich weiß nicht, ob wir uns je wieder treffen. Es gibt viele Ueberlieferungen über den Ort der guten Geister. Nicht ich, alt und erfahren, wie ich bin, kann meine Meinung gegen die einer Nation aufstellen. Ihr glaubt an die gesegneten Gefilde, und ich vertraue auf das, was meine Väter gesagt. Wenn Beides wahr ist, wird unser Scheiden auf ewig sein; aber wenn es sich zeigen sollte, daß derselbe Sinn in den verschiedenen Worten liegt, werden wir noch zusammen stehen, Pawnee, vor dem Antlitz Euers Wahcondahs, der dann kein Anderer sein wird, als mein Gott. Viel kann zu Gunsten beider Religionen gesagt werden; denn jede scheint ihrem Volk angepaßt, und ohne Zweifel sollte es so sein. Ich fürchte, ich hab‘ nicht immer die Gaben meiner Farbe benutzt, da ich es etwas peinlich finde, für immer den Gebrauch der Büchse und die Lust der Jagd aufzugeben. Aber dann ist es mein Fehler, Seiner konnte es ja nicht sein. Ei, Hektor,« fuhr er fort, lehnte sich etwas vor und fühlte nach den Ohren des Hundes; »unser Scheiden ist endlich gekommen, Hund, und es wird ein langer Lauf sein. Du bist ein ehrlicher, ein kühner und ein treuer Hund gewesen. Pawnee, Ihr könnt den Hund auf meinem Grab nicht schlachten; denn wo eines Christen Hund fällt, da liegt er für immer; aber Ihr könnt gütig gegen ihn, wenn ich fort bin, für die Liebe sein, die Ihr gegen seinen Herrn hattet.«

»Meines Vaters Worte sind in meinen Ohren,« entgegnete der junge Führer und nickte ernst und ehrerbietig seine Bejahung.

»Hörst du, was der Häuptling versprochen, Hund?« fragte der Streifschütz und that, als wolle er die Aufmerksamkeit der unempfindlichen Hülle aufregen. Als er keinen erwiedernden Blick empfing, noch ein freundliches Winseln hörte, fühlte der Alte nach dessen Mund und bemühte sich, seine Hand zwischen die kalten Lippen zu bringen. Da drang sich ihm die Wahrheit auf, obwohl er noch gar nicht die ganze Täuschung begriff. Zurücksinkend, hing er den Kopf, als fühle er einen harten, unerwarteten Stoß. Diese augenblickliche Vergessenheit benutzten zwei junge Indianer und brachten die Haut mit demselben Zartsinn weg, der sie veranlaßt hatte, den frommen Betrug zu versuchen.

»Der Hund ist todt!« lispelte der Streifschütz nach einer Pause von einigen Minuten. »Der Hund hat seine Zeit, wie der Mensch; und gut hat er seine Tage gebraucht! Capitain,« fuhr er fort und wollte Middleton winken, »ich bin froh, daß Ihr gekommen; denn obgleich gütig und wohlgesinnt nach den Gaben ihrer Farbe, sind diese Indianer doch nicht die Leute, um das Haupt eines Weißen in’s Grab zu legen. Ich habe auch an diesen Hund zu meinen Füßen gedacht; es geht nicht für einen Christen, zu glauben, daß er seinen Hund wieder finden werde; aber es kann wenig schaden, wenn, was von einem so treuen Diener noch übrig ist, nahe zu den Gebeinen seines Herrn gesetzt wird.«

»Gar nicht; es soll geschehen, wie Ihr wünscht.«

»Es freut mich, daß Ihr darüber mit mir einstimmt. Um nun Arbeit zu sparen, legt den Alten zu meinen Füßen, oder auch Seite an Seite. Ein Jäger braucht sich nie zu schämen, in Gesellschaft seines Hundes gesehen zu werden.«

»Ich übernehme die Erfüllung Eures Wunsches.«

Dann machte der Alte eine lange und, wie es schien, sinnende Pause. Zu Zeiten erhob er sein Auge, als wolle er nochmals Middleton anreden; aber ein angebornes Gefühl schien immer seine Worte zu ersticken. Der andre, der sein Zögern beobachtete, fragte auf die ermuthigendste Weise, ob er noch Etwas zu wünschen hätte.

»Ich bin ohne Verwandte in der weiten Welt!« antwortete der Streifschütz; »wenn ich abgeschieden bin, wird mein Geschlecht zu Ende sein. Wir sind nie Häuptlinge gewesen, aber ehrlich und nützlich nach unserer Weise; so, hoffe ich, haben wir uns immer gezeigt. Mein Vater liegt begraben nahe der See, und die Gebeine seines Sohns werden bleichen auf den Steppen.«

»Nennt den Ort, und Eure Hülle soll ruhen an der Seite Euers Vaters,« fiel Middleton ein.

»Nicht so, Capitain. Laßt mich schlafen, wo ich gelebt, jenseits des Lärms der Colonieen. Doch seh‘ ich nicht, warum das Grab eines ehrlichen Mannes versteckt sein sollte, wie eine Rothhaut in ihrem Dickicht. Ich bezahlte einen Mann in den Ansiedelungen, um einen Grabstein zu hauen auf meines Vaters Ruheplatz. Er kostete zwölf Biberhäute, und geschickt und schön war er eingegraben! Damals sagte er allen Vorübergehenden, daß der Leib eines solchen Christen darunter läge, und er sprach von dessen Lebensart, Jahren und Ehrlichkeit. Als wir mit den Franzosen in dem alten Krieg fertig waren, machte ich eine Reise zur Stelle, um zu sehen, daß Alles recht geschehen; und es freut mich zu sagen, der Werkmann hatte sein Wort nicht vergessen.«

»Und solch einen Stein möchtet Ihr auf Euer Grab?«

»Ich! nein, nein; ich habe keinen Sohn außer Hartherz, und wenig versteht ein Indianer von Sitten und Gebräuchen der Weißen. Außerdem bin ich sein Schuldner schon, da ich so wenig gethan, seit ich in seinem Stamme gelebt. Die Büchse wäre vielleicht so viel werth; aber dann weiß ich, es wird dem Jungen Vergnügen machen, das Gewehr in seiner Halle aufzuhängen; denn viel sind der Rehe und Vögel, die er damit hat tödten sehen. Nein, nein, das Gewehr muß dem gesandt werden, dessen Name auf dem Schloß steht.«

»Aber da ist Einer, der gerne seine Liebe Euch durch Erfüllung Eures Wunsches beweisen möchte; er, der Euch nicht nur seine eigne Befreiung aus so vielen Gefahren verdankt, sondern auch eine schwere Schuld der Dankbarkeit von seinen Vorfahren ererbt. Der Stein soll auf Euer Grab kommen.«

Der Alte reckte seine hagere Hand aus und drückte ihm dankbar die seinige.

»Ich dachte, Ihr würdet es thun; aber ich zögerte mit der Bitte,« sagte er, »da Ihr nicht mein Verwandter seid. Setzt keine ruhmredige Worte darauf, sondern nur den Namen, das Alter und die Zeit des Todes und Etwas aus dem heiligen Buch; nichts weiter. Mein Name wird dann nicht ganz auf Erden verloren sein; ich brauch‘ nicht mehr.«

Middleton nickte ihm seine Einwilligung, und dann folgte eine Pause, die nur von unzusammenhängenden Sentenzen des Sterbenden unterbrochen wurde. Er schien jetzt seine Rechnung mit der Welt abgeschlossen zu haben und nur auf den endlichen Befehl, sie zu verlassen, zu warten. Middleton und Hartherz stellten sich an seinen Sitz gegen einander über und bewachten mit trauernder Sorgfalt die Veränderungen seines Gesichts. Zwei Stunden lang ereignete sich nichts Bemerkenswerthes. Der Ausdruck seines verfallenen, von der Zeit zerstörten Antlitzes war ruhig und würdig. Manchmal sprach er und brachte kurze Reden rathend vor, oder that einfache Fragen nach denen, an deren Schicksal er noch freundlichen Antheil nahm. Während dieser ganzen feierlichen, ängstlichen Zeit wahrte jeder Einzelne des Stamms seine Stelle mit der größten Selbstüberwindung. Wenn der Greis sprach, neigte Jeder sein Ohr und schien über die Weisheit seiner Worte nachzudenken.

Als die Lebensflamme immer mehr verlosch, wurde seine Stimme gebrochen, und es gab Augenblicke, wo die Umstehenden zweifelten, ob er noch zu den Lebenden gehörte. Middleton, der jeden Ausdruck seines vom Wetter gepeitschten Gesichts mit dem Antheil eines scharfen Beobachters der Menschennatur bewachte, welcher noch durch die Zärtlichkeit seiner persönlichen Hochschätzung besänftigt wurde, glaubte, er könne das Arbeiten der Seele in den festen Gesichtszügen lesen. Vielleicht war, was der aufgeklärte Soldat für die Täuschung seiner Einbildungskraft nahm, wirklich geschehen, denn wer ist je aus der unbekannten Welt zurückgekehrt, um zu sagen, durch welche Formen und Weisen er eingeführt ward in ihr hohes Gebiet. Ohne erklären zu wollen, was immer ein Geheimniß bleiben muß, erzählen wir einfach was vorging.

Der Streifschütz war fast eine Stunde regungslos geblieben. Seine Augen allein hatten sich bald geöffnet, bald geschlossen. Wenn geöffnet, schien sein Blick auf die Wolken gerichtet, welche um den westlichen Horizont hingen, und die glänzenden Farben zurückstrahlten, und Form und Lieblichkeit der glorreichen Tinten eines amerikanischen Sonnenuntergangs darboten. Die Stunde, die ruhige Schöne der Jahreszeit, die Umgebung, – Alles vereinte sich, die Zuschauer mit hoher Ehrfurcht zu erfüllen. Endlich, während er über die sonderbare Lage nachdachte, worin er sich befand, fühlte Middleton die Hand, die er hielt, seine mit unglaublicher Kraft drücken, und der Alte, gestützt von beiden Seiten durch seine Freunde, stand aufrecht da. Einen Augenblick sah er um sich, als wolle er Alle zum Hören auffordern (es war der Rest menschlicher Gebrechlichkeit) und dann rief er mit einer hohen, militärischen Haltung, und einer Stimme, die überall in der zahlreichen Versammlung gehört werden mochte, das nachdrucksvolle Wort: »Hier.«

Eine so gänzlich unerwartete Bewegung und das Ansehen von Hoheit und Demuth, die so auffallend in des Streifschützen Miene sich mischten, zusammen mit der klaren und ungewöhnlich starken Stimme, machte die Anwesenden für einen Augenblick verwirrt. Als Middleton und Hartherz, von denen jeder unwillkührlich die Hand ausgereckt, um den Greis zu stützen, sich wieder nach ihm umwandten, fanden sie, daß der Gegenstand ihrer Theilnahme für immer über ihr Bedürfniß erhoben worden. Sie legten traurig die Leiche auf ihren Sitz, und Le Balafré erhob sich, dem Stamm das Ende des Auftritts zu verkünden. Die Worte des greisen Indianers schienen der Widerhall aus jener unsichtbaren Welt, zu der sich des ehrlichen Streifschützen Geist so eben hinaufgeschwungen.

»Ein so kräftiger, gerechter, weiser Krieger hat den Pfad eingeschlagen, der ihn führen wird zu den gesegneten Gefilden seines Volks!« sagte er; »als Wahcondah’s Stimme ihm rief, war er fertig zur Antwort. Geht, meine Kinder, gedenkt des gerechten Häuptlings der Blaßgesichter, und reinigt euren Weg von Dornen.«

Das Grab grub man unter einer edeln Eiche; es ward bis auf diese Stunde sorgfältig von den Wolfs-Pawnee bewacht, und wird dem Reisenden und Handelsmann oft als der Ort gezeigt, wo ein gerechter Weißer schläft. Bald lag ein Stein darauf, und einfach war, wie der Greis gewollt, die Inschrift. Middleton hatte nur hinzugesetzt:

»Möge keine rohe Hand je seine Asche betrüben.«

Viertes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Mit größ’rer Furcht der Kampf mein Herz durchdringt.
Als wer im Kampfe selbst die Waffe schwingt.

Kaufmann von Venedig.

 

Der unglückliche Bienenjäger und seine Genossen waren nun Gefangene eines Volkes geworden, das ohne Übertreibung die Ismaeliten der amerikanischen Wüsten genannt werden könnte. Seit undenklichen Zeiten hatte sich die Macht der Sioux gegen ihre Nachbarn in den Steppen gewendet, und selbst bis auf diesen Tag, wo der Einfluß und das Ansehen einer geordneten Staatsverfassung um sie herum gefühlt wird, werden sie als eine verrätherische und gefährliche Völkerschaft betrachtet. Zur Zeit unsrer Erzählung war dies noch weit schlimmer; wenige weiße Leute wagten sich in die entfernten, gesetzlose Gegenden, wo, wie man wußte, ein so falscher Stamm wohnte.

Trotz seiner friedlichen Unterwerfung kannte der Streifschütz den Charakter der Bande dennoch sehr wohl, in deren Hände er gefallen war. Aber für den scharfsinnigsten Richter würde es schwierig gewesen sein, zu entscheiden, ob Furcht, Klugheit oder Ergebung der geheime Beweggrund des Alten war, als er sich, ohne zu murren, plündern ließ. Weit entfernt, der rohen, gewaltthätigen Art, womit seine Sieger ihr gewöhnliches Amt verwalteten, auch nur eine Vorstellung entgegenzusetzen, kam er sogar ihrer Gier zuvor, und reichte den Häuptlingen, was, wie er voraussetzte, ihnen am angenehmsten sein konnte. Auf der andern Seite zeigte Paul Hover, der so recht buchstäblich ein Besiegter war, den äußersten Unwillen, sich den gewaltthätigen Freiheiten zu unterwerfen, die man sich mit seiner Person und Habe nahm. Er gab selbst, während dem summarischen Prozeß, mehrere, gar nicht zweideutige Zeichen seines Mißvergnügens und würde, mehr als einmal, in offenen, verzweifelten, Widerstand ausgebrochen sein, wären die Ermahnungen und Bitten des zitternden Mädchens nicht gewesen, das sich so hingebend an seine Seite drückte und dadurch dem Jüngling zeigte, daß all ihre Hoffnung nicht weniger auf seine Vorsicht, als auf seiner Neigung, ihr zu dienen, gegründet sei.

Indeß hatten die Indianer den Gefangenen nicht sobald die Waffen und Munition weggenommen, und sie einiger Kleidungsstücke von geringem Nutzen und vielleicht noch geringerem Werthe beraubt, als sie geneigt schienen, ihnen einen Augenblick Ruhe zu lassen. Geschäfte von größerer Wichtigkeit drängten sie, und forderten ohne Aufschub ihre Aufmerksamkeit. Eine zweite Berathung der Häuptlinge ward gehalten, und man erkannte aus der ernsten, heftigen Art der Wenigen, welche sprachen, daß die Krieger ihren Erfolg noch gar nicht für vollständig hielten.

»Es ist viel,« lispelte der Streifschütz, welcher genug von der Sprache verstand, die er hörte, um den Gegenstand der Berathung vollkommen zu vernehmen, »wenn die Wanderer, die dort an den Weiden lagern, nicht aus ihrem Schlaf durch einen Besuch dieser Wichte aufgeweckt werden. Sie sind zu klug, um zu glauben, daß ein Weib von den »blassen Gesichtern« so weit von allen Wohnungen angetroffen wird, ohne die Erfindungen und Bequemlichkeiten eines Weißen bei der Hand zu haben.«

»Wenn sie mir den Stamm dieses wandernden Ismael zu den Felsengebirgen führen,« sagte der junge Bienenjäger bitter lachend, »dann könnte ich vielleicht diesen Schurken verzeihen.«

»Paul! Paul! rief seine Gefährtin im Ton des Vorwurfs, »du vergißt alles. Denk an die traurigen Folgen!«

»Ah, gerade daß ich an das, was du Folgen nennst, Ellen, dachte, hinderte mich, mit jenem rothen T–l auf einmal fertig zu werden, und ihn zu einem wahren Leichnam zu machen. Alter Streifschütz, die Sünde dieses feigen Benehmens ruht auf Eurem Haupt. Aber es ist ja Euer tägliches Geschäft, so Menschen, wie Vieh in Fallen zu fangen.«

»Ich bitt‘ dich, Paul, sei ruhig – gedulde dich.«

»Nun, wenn du es willst, Ellen,« erwiederte der Jüngling und bemühte sich, seinen Aerger zu unterdrücken, »will ich den Versuch machen; obgleich, wie du wissen mußt, es zur Religion eines Bewohners von Kentucky gehört, sich bei einem Unfall ein wenig zu sträuben.«

»Ich fürchte, Eure Freunde auf der andern Seite werden den Augen dieser Wichte nicht entgehen,« fuhr der Streifschütz fort, so kalt, als ob er keine Silbe von der vorigen Rede gehört; – »sie riechen Beute und es wäre eben so schwer, den Hund vom Wild, als dies Geschmeiß von seiner Spur abbringen.«

»Können wir denn gar nichts thun?« fragte Ellen in einem bittenden Ton, der von der Aufrichtigkeit ihrer Besorgniß zeugte.

»Mir wär’s ein Leichtes, so zu schreien, daß der alte Ismael träumen sollte, die Wölfe wären unter seiner Heerde,« erwiederte Paul. »Ich kann mich in diesen offenen Feldern Meilen weit hörbar machen und sein Lager ist kaum eine Viertelmeile von uns entfernt.«

»Und bekommt zum Lohn dafür den Kopf eingeschlagen,« erwiederte der Streifschütz; »nein, nein, List muß List besiegen, oder die Hunde morden die ganze Familie.«

»Morden! nein, – nicht morden. Ismael liebt das Wandern so sehr, – was würd’s ihm schaden, wenn er auch einmal das andere Meer betrachtete; aber der alte Schelm ist schlecht auf die lange Reise vorbereitet! Ich würde selbst mein Gewehr erst gebrauchen, ehe er ganz zu Grunde gerichtet würde.«

»Sein Haufen ist stark an der Zahl und wohl bewaffnet, glaubt Ihr, daß er fechten wird?«

»Seht, alter Streifschütz, es liebt nicht leicht Jemand Ismael Busch und seine sieben Tölpel von Söhnen weniger, als ein gewisser Paul Hover; aber ich mag nicht einmal eine Tenessee-Flinte verläumden. – Es ist unter ihnen so viel wahrer, widerstrebender Muth, als in irgend einer Familie in Kentucky. Sie sind eine langgestaltige, doppeltgenähte Race, und wer von einem unter ihnen das Maß auf der Erde nehmen wollte, müßte ein tüchtiger Handwerksmann sein.«

»Hst! Die Versammlung ist aus, und die Wilden wollen eben ihre verruchten Pläne ausführen. Wir müssen uns gedulden; vielleicht bietet sich noch etwas zu Gunsten unsrer Freunde dar.«

»Freunde! Nennt keinen von der Schaar meinen Freund, wenn Euch mein Wohlwollen lieb ist. Was ich zu ihrem Vortheil sage, geschieht weniger aus Freundschaft als aus Aufrichtigkeit.«

»Ich wußte nicht anders, als daß das Mädchen zu ihnen gehörte,« erwiederte der andere ein wenig trocken, – »aber man sollte nichts für Beleidigung nehmen, was nicht so gemeint ist.« –

Paul’s Mund ward wieder von Ellens Hand zugehalten, die die Antwort nach ihrer höflichen, gewinnenden Art auf sich nahm: »wir sollten alle eine Familie sein, wenn es in unsrer Macht steht, einander zu dienen. – Wir verlassen uns gänzlich auf Eure Erfahrung, guter alter Mann, Ihr mögt ein Mittel entdecken, unsre Freunde von der Gefahr zu benachrichtigen.«

»Es ist auch wirklich Zeit,« murmelte der Bienenjäger lachend, »wenn die Jungen in Ernst mit diesen rothen Häuten zusammen kommen.«

Er ward durch eine allgemeine Bewegung in der Bande unterbrochen. Die Indianer stiegen alle ab, und gaben ihre Pferde an drei oder vier des Haufens, die man zugleich auch mit der Bewachung der Gefangenen beauftragte. Sie bildeten nun einen Kreis um einen Krieger, der das größte Ansehen zu besitzen schien, und auf ein gegebenes Zeichen bewegte sich der ganze Schwarm langsam und vorsichtig in gerader Linie vom Mittelpunkt und also nach allen verschiedenen Richtungen vorwärts. Die meisten ihrer dunkeln Gestalten verschwammen bald mit der braunen Decke der Wüste, wiewohl die Gefangenen, welche auf die geringste Bewegung ihrer Feinde mit wachsamem Auge Acht hatten, manchmal eine Menschengestalt bemerken konnten, die sich am Horizont hinzeichnete, wenn einer, eifriger als die übrigen, seine ganze Höhe darstellte, um die Grenzen seines Gesichtskreises zu erweitern. Aber nicht lange so schwand auch dieser flüchtige Schimmer von dem fortschreitenden und immer größer werdenden Zirkel, und Ungewißheit und Vermuthung kam, noch zur Furcht. So gingen mehrere angstvolle, traurige Minuten vorüber, während die Lauscher mit jedem Augenblick den Ruf der Angreifenden und das Geschrei der Überfallenen durch die Stille der Nacht zu hören erwarteten. Aber es wollte scheinen, als ob das Suchen, welches man so deutlich wahrnahm, ohne hinlänglichen Erfolg geblieben; denn nach einer halben Stunde kamen die Genossen der Bande einzeln, finster und lässig, wie Leute, deren Bemühung vergebens gewesen, wieder zurück.

»Nun kommt die Reih‘ an uns,« bemerkte der Streifschütz, der auf den geringsten Vorfall, aus das unbedeutendste Zeichen von Feindseligkeit unter den Wilden Acht gab; »wir werden jetzt ausgefragt und wenn ich anders weiß, was in unsrer Lage dienlich sein könnte, so möchte ich behaupten, es wäre gut, wenn wir einen aus uns wählten, der Antwort gibt, damit wir in unserm Zeugniß übereinstimmen. Und ferner, wenn die Meinung eines so alten, unbrauchbaren Jägers von achtzig zu berücksichtigen ist, dächte ich, der Mann müßte gerade der sein, welcher mit dem Charakter der Indianer am vertrautesten ist und auch etwas von ihrer Sprache versteht, – seid‘ Ihr mit der Sprache der Sioux bekannt, Freund?«

»Kümmert Euch um Euren eigenen Honig,« erwiederte der unwillige Bienenjäger; »zum Sumsen seid Ihr gut, wenn auch zu sonst nichts.«

»Die Jugend ist rasch und starrig,« entgegnete der Streifschütz ruhig; »es war eine Zeit, junger Mann, wo mein Blut wie Eures war, zu schnell und heiß, um ruhig in den Adern zu fließen. Aber was nützt’s, von thörichten Wagnissen und dummen Streichen in diesem Alter zu reden. Ein graues Haupt muß Besonnenheit, nicht die Zunge eines Prahlers einschließen.«

»Wahr, wahr,« lispelte Ellen, »und wir müssen jetzt auf anderes gefaßt sein! Da kommt der Indianer uns seine Fragen vorzulegen.«

Das Mädchen, dem die Furcht die Sinne geschärft, hatte sich nicht getäuscht. Sie sprach noch, als ein schlanker, halb nackter Wilder sich der Stelle näherte, wo sie standen, welcher, nachdem er zuvor die ganze Gesellschaft so genau, als es das Dunkel erlaubte, langer als eine Minute in vollkommener Stille durchmustert hatte, den gewöhnlichen Gruß in den rauhen Kehllauten seiner Sprache vorbrachte. Der Streifschütz antwortete, so gut er konnte, was, wie es schien, gut genug war, und verstanden wurde. Um dem Vorwurf der Pedanterie zu entgehen, wollen wir den Inhalt, und nur so weit es möglich ist, die Form des Dialogs wieder geben.

»Haben die blassen Gesichter schon all ihre Büffel gegessen, und all ihren Bibern die Häute abgenommen,« fuhr der Wilde fort, nachdem er, wie es die Sitte verlangte, die gehörige Zeit nach seinem Gruß abgewartet hatte, ehe er wieder sprach, »haben sie schon alles aufgegessen, daß sie hierher kommen und zählen wollen, wieviel sich deren noch unter den Pawnee finden?«

»Einige von uns sind hier, um zu kaufen, andere, zu verkaufen,« erwiederte der Streifschütz, »aber keiner wird folgen, wenn sie hören, daß es nicht sicher sei, sich der Wohnung eines Sioux zu nähern.

»Die Sioux sind Diebe, und wohnen im Schnee; warum sprechen wir von einem so entfernten Volk, wenn wir im Land der Pawnee sind?«

»Sind die Pawnee die Eigenthümer dieses Landes, dann sind Weiße und Rothe mit gleichem Recht hier.«

»Haben die Blaß-Gesichter die rothen Leute nicht genug bestohlen, daß Ihr noch so weit herkommt, um uns eine Lüge zu bringen? Ich habe gesagt, dies ist Jagdgrund meines Stammes.«

»Ich hab‘ dasselbe Recht hier zu sein, als Ihr selbst,« entgegnete der Streifschütz mit ungestörter Ruhe; »ich spreche nicht so, wie ich könnte. – Es ist besser zu schweigen. Die Pawnee und die weißen Leute sind Brüder, aber ein Sioux darf sein Gesicht nicht in einem Dorf der Wölfe zeigen.«

»Die Dahcotah sind Männer!« rief der Wilde stolz und vergaß in seinem Zorn, die Rolle beizubehalten, die er angenommen hatte, da er die Benennung gebrauchte, auf die seine Nation am meisten stolz ist; »die Dahcotah kennen keine Furcht; sprecht, was bringt Euch so weit von den Dörfern der blassen Gesichter?«

»Ich sah bei manchen Berathschlagungen die Sonne aufgehen und sinken, und habe nur Worte weißer Männer gehört. Laßt Eure Häuptlinge kommen, und mein Mund soll ihnen nicht verschlossen sein.«

»Ich bin ein großer Häuptling,« sagte der Wilde, und gab sich das Ansehn beleidigter Würde; »haltet Ihr mich für einen Assiniboine! Weucha ist ein oft genannter Held, dem man viel vertraut.«

»Bin ich ein Thor, daß ich einen verbrannten Teton nicht erkennen sollte!« fragte der Streifschütz mit einer Festigkeit, die seinem Muth alle Ehre machte. »Geht; es ist dunkel, und Ihr seht nicht, daß mein Haupt grau ist.«

Der Indianer schien jetzt überzeugt, daß er eine zu platte List gebraucht, um einen so erfahrnen Mann, wie der, mit dem er sprach, zu täuschen; und bedachte jetzt, welche andre Erdichtung er erfinden sollte, um seinen Zweck zu erreichen, als eine geringe Bewegung unter der Bande all seinen Plänen mit einemmal ein Ende machte. Er warf seine Augen hinter sich, als fürchte er eine schnelle Unterbrechung, und sagte in einem weit weniger anmaßenden Tone als früher:

»Gebt Weucha die Milch der Lang-Messer, und er wird Euern Namen in die Ohren der Helden seines Stammes singen.«

»Geht,« sagte der Streifschütz, und wieß ihn mit Unwillen fort; »Ihr jungen Leute sprecht von Mahtoree , meine Worte sind für die Ohren eines Häuptlings.«

Der Wilde warf einen Blick auf ihn, worin ungeachtet der geringen Helle, unversöhnliche Feindschaft nicht zu verkennen war. Er stahl sich dann weg unter seine Gefährten, voll Angst, den Betrug und die Verrätherei, der er sich durch eine beabsichtigte Zueignung eines Theils der Beute schuldig gemacht, vor dem Mann zu verbergen, den der Streifschütz eben genannt hatte, und der jetzt herankam, wie er aus dem öftern Nennen des Namens Mahtoree unter der Bande merken konnte. Er war kaum verschwunden, als ein Krieger von kraftvollem Bau aus dem dunkeln Kreise herauskam, und sich vor die Gefangnen stellte, mit der hohen, stolzen Haltung, die einen indianischen Häuptling immer so sehr auszeichnet. Ihm folgte der ganze Haufen, und stellte sich, in tiefem, ehrfurchtsvollem Schweigen, um ihn herum.

»Die Erd‘ ist groß,« begann der Häuptling nach einem Schweigen voll Würde, die sein Zerrbild so schlecht nachgemacht hatte. »Warum können die Kinder meines weißen Vaters nie Raum genug darauf finden?«

»Einige von ihnen hörten, ihre Freunde in den Steppen brauchten gar manches,« entgegnete der Streifschütz, »und kommen, um zu sehen, ob es wahr ist. Manche von ihnen dagegen brauchen, was die rothen Leute gern verkaufen, und so kommen sie, ihre Freunde mit Pulver und Decken zu bereichern.«

»Setzen Kaufleute mit leeren Händen über den Fluß?«

»Unsere Hände sind leer, weil Eure Jünglinge dachten, wir wären ermüdet, und uns unserer Last entledigten. Sie irrten sich, ich bin alt, aber stark.«

»Es kann nicht sein. Euer Gepäck fiel in die Steppen. Zeigt meinem jungen Volk die Stelle, daß sie es wegnehmen, ehe die Pawnee es finden.«

»Der Weg zur Stelle ist voller Windungen, und es ist jetzt Nacht. Die Stunde des Schlafs ist gekommen,« sagte der Streifschütz mit voller Ruhe. »Heißt Eure Krieger über jenen Hügel gehen; dort ist Wasser und Holz, laßt sie ihr Feuer anzünden, und schlafen mit warmen Füßen. Wenn die Sonne wieder kommt, will ich Euch sprechen.«

Ein dumpfes Murmeln, das jedoch deutlich großen Unwillen ausdrückte, erhob sich unter den aufmerksamen Zuhörern, und lehrte den Alten, daß er nicht behutsam genug gewesen, als er eine Maßregel vorschlug, die den Wanderern an dem Dickicht die Gegenwart so gefährlicher Nachbarn kundthun sollte. Mahtoree jedoch, ohne auch nur im Geringsten die Bewegung zu verrathen, welche seine Genossen so deutlich zeigten, setzte seine Unterredung mit demselben Stolz, wie vorher, fort:

»Ich weiß, mein Freund ist reich,« sagte er, »und hat viele Krieger nicht weit von hier, und mehr Pferde, als Hunde sind unter den Rothen.«

»Ihr seht meine Krieger und meine Pferde.«

»Was! Hat das Mädchen die Füße eines Dahcotah, daß sie dreißig Nächte ziehen kann in den Steppen, und nicht niederfällt. Ich weiß, die rothen Leute der Wälder machen lange Züge zu Fuß, aber wir, wir leben wo das Auge nicht sehen kann von einer Wohnung zur andern; wir lieben unsere Pferde.«

Nun stockte der Streifschütz. Er sah deutlich, daß Täuschung, wenn entdeckt, gefährlich werden könnte, und bei seinem Stand und Charakter hatte er eine gewisse unbeschränkte Achtung vor der Wahrheit. Als er jedoch bedachte, daß das Schicksal anderer sowohl als sein eigenes in seine Hand gegeben sei, entschloß er sich schnell, den Dingen ihren Lauf zu lassen, und den Dahcotah-Häuptling nicht zu hindern, wenn er sich selbst betrügen wolle.

»Die Weiber der Sioux und die der weißen Leute,« antwortete er ausweichend, »sind nicht von derselben Art. Würde ein Teton-Krieger sein Weib über sich selbst setzen; ich weiß, er thät’s nicht, und doch hab‘ ich von Ländern gehört, wo die Berathungen von Weibern gehalten werden.«

Eine zweite geringe Bewegung in dem dunkeln Kreis zeigte dem Streifschütz, daß seine Erklärung nicht ohne Erstaunen, ja vielleicht nicht ganz ohne Mißtrauen aufgenommen ward. Der Häuptling allein schien ungerührt, oder entschlossen, auf keine Weise von dem Stolz und der hohen Würde seines Ansehns etwas nachzulassen.

Meine weißen Väter, welche an den großen Seen wohnen, sagten immer, ihre Brüder gegen Aufgang der Sonne seien keine Männer, und nun sehe ich, sie logen nicht. – Geht, was ist das für ein Volk, dessen Oberhaupt ein Weib ist! Seid Ihr der Hund oder der Mann dieses Weibes?«

»Keins von beiden. Nie sah ich ihr Antlitz, als diesen Tag. Sie kam in die Steppen, weil man ihr gesagt, ein großes und edles Volk, die Dahcotah, lebten hier, und sie wollte Männer sehen. Die Weiber der blassen Gesichter öffnen, wie die Weiber der Sioux, gern ihre Augen, um etwas Neues zu schauen; aber sie ist arm, wie ich, und wird kein Korn und keine Büffel mehr haben, wenn Ihr ihr das Wenige nehmt, was sie und ihr Freund noch hat.«

»Nun hören meine Ohren viele verd – te Lügen auf einmal,« rief der Teton-Krieger mit einer Stimme, so wild, daß sie selbst seine rothen Zuhörer erschreckte. »Bin ich ein Weib! Hat ein Dahcotah keine Augen! Sagt mir, weißer Jäger, wer sind die Leute von Eurer Farbe, die dort nahe den gefallenen Bäumen schlafen?«

Als er sprach, deutete der unwillige Häuptling nach Ismael’s Lager und ließ dem Streifschütz keinen Zweifel darüber, daß die größere Sorgfalt und Spürkraft des Oberhauptes eine Entdeckung gemacht, welche dem Forschen der Uebrigen seines Haufens entgangen war. Trotz seines Verdrusses über einen Vorfall, der den Schläfern verderblich werden konnte, und eines geringen Aergers, daß er sich so gänzlich in dem, von uns niedergeschriebenen Gespräch hatte überlisten lassen, behielt doch der Alte seine frühere Ruhe immer noch bei.

»Es kann sein,« antwortete er, »daß weiße Leute in der Steppe schlafen. Wenn mein Bruder es sagt, so ist es wahr; aber was es für Leute sind, die sich so auf den Edelmuth der Teton verlassen, kann ich nicht sagen. Wenn Fremde dort schlafen, so schickt Eure junge Mannschaft hin, sie aufzuwecken, und laßt sie selbst sagen, wer sie sind; jedes Blaß-Gesicht hat eine Zunge.«

Das Oberhaupt schüttelte den Kopf mit einem wilden, stolzen Lächeln, und antwortete abgebrochen, als er sich wegwandte, um der Unterredung ein Ende zu machen.

»Die Dahcotah sind ein kluges Volk und Mahtoree ist ihr Haupt. Er wird die Fremden nicht rufen, daß sie aufstehen und ihm Antwort geben mit ihren Flinten. Er wird ihnen ganz leise in die Ohren lispeln. Dann mögen die Leute von ihrer Farbe kommen und sie wecken.«

Als er diese Worte aussprach und sich auf dem Absatz herumdrehte, ging ein leises, billigendes Lächeln durch den dunkeln Kreis, der sogleich seinen Stand verließ und ihm in eine geringe Entfernung von den Gefangenen folgte, wo die, welche wagen durften, mit einem so großen Helden Worte zu wechseln, sich wieder um ihn zu einer Berathung sammelten. Weucha benutzte die Gelegenheit, seine Zudringlichkeit zu erneuern; aber der Streifschütz, der jetzt recht gesehen hatte, welch eine elende Nachäffung er von seinem Hauptmann war, stieß ihn mit großer Verachtung zurück. Doch wirksamer wurde den Belästigungen dieses übelwollenden Wilden ein Ende durch den Befehl gemacht, daß der ganze Haufen, Menschen und Pferde, ihre Stellung verändern sollte. Die Bewegung ging in tiefer Stille vor sich, und mit einer Ordnung, die einer disciplinirteren Mannschaft Ehre gemacht hätte. Doch hielten sie bald wieder, und als die Gefangenen Zeit hatten, sich umzusehen, fanden sie, daß sie im Angesicht des kleinen dunkeln Gehölzes waren, an dem Ismael’s schlummernde Familie sich gelagert hatte.

Hier ward eine neue kurze, aber sehr ernste Berathung gehalten. Die Thiere, welche an verdeckte stille Angriffe gewöhnt schienen, wurden nochmals einigen zur Obhut übergeben, die auch zugleich, wie vorher, mit der Wache über die Gefangenen beauftragt wurden. Das Herz des Streifschützen ward gar nicht von der Unruhe befreit, welche sich mit jedem Augenblick mehr seiner bemächtigte, als er fand, daß Weucha ihm so nahe, und wie man aus dessen triumphirenden und gebietenden Mienen schließen konnte, auch an die Spitze der Wache gestellt war. Der Wilde, der ohne Zweifel seine geheimen Verhaltungsbefehle hatte, begnügte sich jedoch für jetzt mit seiner Streitaxt eine bedeutungsvolle Bewegung zu machen, die Ellen schnellen Untergang drohte. Als er auf diese ausdrucksvolle Weise seinen männlichen Gefangenen das Schicksal angedeutet, das auf das geringste Geräusch von ihrer Seite sogleich ihre Gefährtin treffen würde, begnügte er sich damit, während der ganzen folgenden Scene, ein strenges, tiefes Schweigen zu beobachten. Dieses unerwartete Verbot von Weucha’s Seite erlaubte dem Streifschütz und seinen beiden Genossen, ungetheilt ihre Aufmerksamkeit auf das Wenige zu richten, was sie von den für sie so wichtigen Bewegungen vor ihren Augen bemerken konnten.

Mahtoree nahm die zu treffenden Vorkehrungen ganz allein auf sich. Er bestimmte genau die Stelle, die Jeder einnehmen sollte, wie einer, der mit seinem Gefolge genau vertraut ist, und man folgte ihm mit der Unterwerfung und Schnelle, womit ein Indianer den Anordnungen seines Oberhauptes im Augenblick des Streits zu gehorchen pflegt. Die schickte er rechts, jene links. Jeder ging mit dem geräuschlosen, schnellen Schritt, der dieser Menschenrace eigenthümlich ist, bis sie alle ihre angewiesenen Standpunkte besetzt hatten, – zwei ausgenommen, die in der Nähe ihres Führers blieben. Als die Uebrigen weg waren, wandte sich Mahtoree zu diesen auserwählten Gefährten, und bedeutete sie durch ein Zeichen, daß der entscheidende Augenblick gekommen, wo die Unternehmung, die er beabsichtigte, ausgeführt werden sollte.

Jeder legte die leichte Flinte, die er in Folge seines Rangs trug, bei Seite, entledigte sich aller äußern, schweren Kleidungsstücke, und stand bald da, wie eine dunkle, stolze Bildsäule, in der Stellung und fast auch in der Bekleidung der Natur. Mahtoree sah, ob seine Streitaxt an ihrem Ort, ob sein Messer sicher in der Scheide war, band seinen Gürtel fester, und sorgte dafür, daß die Schnüre seiner befranzten und sehr geschmückten Halbstiefel in Ordnung und ihm bei seinem Zug nicht hinderlich seien. So in allem bereit, und fertig zu seiner gewagten Unternehmung, gab der Teton-Häuptling das Zeichen, anzufangen.

Die drei gingen in einer Linie mit dem Lager der Auswanderer vorwärts, bis in dem dunkeln Licht, wodurch sie gesehen wurden, ihre schwarzen Gestalten fast gänzlich den Augen der Gefangenen entschwanden. Hier standen sie still und sahen sich um, als ob sie erst die Folgen bedächten und erwögen, ehe sie einen entscheidenden Schritt thun wollten. Dann zusammensinkend, verloren sie sich im Gras der Steppe.

Die Noth und Angst der verschiedenen Zuschauer bei diesen drohenden Bewegungen, auf deren Ausgang sie so begierig waren, läßt sich leicht denken. Was auch immer die Ursachen sein mochten, warum Ellen keine besondere Zuneigung zu der Familie hatte, worin sie der Leser zuerst gesehen, so ließen schon die Gefühle ihres Geschlechts und vielleicht auch ein noch glimmender Rest von Dankbarkeit, Besorgnis! in ihrem Herzen erwachen. Mehr als einmal fühlte sie sich versucht, der großen und augenblicklichen Gefahr, die einem solchen Beginnen folgen mußte, zu trotzen, und ihre schwache, in Wahrheit unmächtige Stimme zu einem Warnungsruf zu erheben. So stark in der That, und so sehr natürlich war dies Verlangen, daß sie es sehr wahrscheinlich in Ausführung würde gebracht haben, wären Paul Hovers oft wiederholte, obgleich nur zugelispelte Vorstellungen nicht gewesen. In der Brust des jungen Bienenjägers selbst war eine eigene Mischung von Bewegungen. Seine erste und Hauptsorge war natürlich seine liebliche und hülflose Gefährtin; aber mit dem Gefühl für ihre Gefahr einte sich in der Brust des furchtlosen Waldmanns ein wildes Verlangen, an der Schlacht Theil zu nehmen, das gar nicht mißfiel. Obgleich durch noch schlaffere Bande als Ellen mit den Auswanderern verbunden, verlangte es ihn doch, das Knallen ihrer Flinten zu hören, und, hätten es die Umstände erlaubt, er wäre der Erste gewesen, der ihnen zu Hülfe geeilt. Es gab in der That Augenblicke, wo auch er eine fast unwiderstehliche Lust in sich spürte, fortzueilen und die sorglosen Schläfer zu wecken, aber ein Blick auf Ellen war hinreichend, seine wankende Klugheit zu stärken, und ihn auf die Folgen aufmerksam zu machen. Der Streifschütz allein blieb ruhig und beobachtend, als wäre nichts vorgefallen, was seine persönliche Ruhe und Sicherheit gefährde. Seine immer bewegten, wachsamen Augen merkten auf die geringste Veränderung; seine Stellung war so, daß man sah, er sei zu lange an Scenen der Gefahr gewöhnt, um leicht bewegt zu werden; und aus seinem Ausdruck sprach kalte Berechnung, die die Absicht, die er wirklich hegte, andeutete, er werde das geringste Versehen der Wache benutzen.

Indeß waren die Teton-Krieger nicht müßig gewesen. Das hohe Gestrüpp, das in diesen Gründen wuchs, benutzend, waren sie durch das dichte Gras, wie verrätherische Schlangen, die sich auf ihren Raub schleichen, fortgekrochen, bis sie einen Punct erreichten, wo ganz außerordentliche Vorsicht bei ihrem fernern Fortschreiten nöthig ward. Mahtoree allein hatte zu gewissen Zeiten sein dunkles, wildes Antlitz über das Gras erhoben, und strengte seine Augen an, die Finsterniß, welche die Grenze des Gehölzes umfing, zu durchdringen. Bei diesem schnellen Aufblicken gewann er, vereinigt mit dem, was er bei seinem frühern Forschen über die Gegend erfahren hatte, hinlängliche Kenntniß, um sich der Stellung seiner Opfer zu bemeistern, wenn er auch noch ganz in Unwissenheit über ihre Anzahl und Vertheidigungsmittel blieb.

Seine Bemühungen, sich auch über diese zwei wesentliche Puncte die nöthige Kenntniß zu verschaffen, wurden durch die Ruhe im Lager gänzlich vereitelt; – es herrschte tiefe Stille, wie im Lager der Todten. Zu vorsichtig und mißtrauisch, um in so zweifelhaften Fallen sich auf das Benehmen eines weniger Festen und Listigen, als er selbst zu verlassen, hieß der Dahcotah seine Gefährten bleiben, wo sie lagen, und setzte das Wagniß allein fort.

Mahtoree’s Fortschreiten ward jetzt langsam, und für einen an solche Bewegungen weniger Gewöhnten würde es qualvoll, mühsam gewesen sein. Aber selbst der listigen Schlange Nahen ist nicht sicherer und geräuschloser als sein Kommen war. Er zog seine Gestalt, Fuß für Fuß, durch das hohe Gras fort, und hielt nach jeder Bewegung, das geringste Geräusch aufzufangen, das einige Nachricht über die Wanderer in seiner Nähe geben könnte. So hatte er sich endlich aus dem falben Mondlicht in den Schatten des Gehölz glücklich fortgezogen, wo nicht nur seine eigene schwarze Person weniger leicht gesehen werden konnte, wo auch die ihn umgebenden Gegenstände deutlicher seinen scharfen, kühnen Blicken sich zeigten.

Hier stand der Teton lange, vorsichtig seine Beobachtungen zu machen, ehe er sich weiter wage. Durch seine Stellung ward es ihm möglich, von dem ganzen Lager mit seinem Zelt, seinen Wagen und Hütten sich ein dunkles aber fest begrenztes Seitenbild zu verschaffen, wonach der geübte Krieger ziemlich genau die Stärke berechnen konnte, der er begegnen sollte. Noch herrschte unnatürliche Stille an dem Ort, als wenn die Leute selbst das leise Athmen des Schlafs unterdrückten, um ihr Vertrauen noch deutlicher zu zeigen. Der Häuptling neigte sein Ohr zur Erde, und lauschte aufmerksam. Er wollte sich, in seiner Erwartung getäuscht, wieder aufrichten, als ein langer, zitternder Athemzug eines, der nur wenig schlief, zu seinem Ohr drang. Der Indianer war zu erfahren in allen Arten der Täuschung, um selbst das Opfer einer gewöhnlichen List zu werden. Er sah, der Ton war natürlich, das ihm eigene Zittern zeigte es, und so unterbrach er seine Untersuchung nicht länger.

Ein Mann von geringerem Muth als der stattliche, siegreiche Mahtoree würde für all die Gefahren, denen er jetzt so furchtlos entgegen ging, nicht unempfindlich gewesen sein. Der Ruhm dieser kühnen, kraftvollen weißen Abenteurer, welche so oft in die Wildnisse drangen, die sein Volk bewohnte, war ihm wohlbekannt; aber während er sich mit der Achtung und Vorsicht näherte, die ein tüchtiger Feind immer einflößt, fühlte er auch den rachsüchtigen Aerger eines Rothen, der beleidigt und erbost ist über die ungerechten Einfälle des Fremden.

Die Richtung seines früheren Wegs verlassend, schlich der Teton jetzt gerade nach der Gränze des Gehölzes zu. Als er diesen Punct erreicht, stand er auf, und übersah noch besser die ganze Gegend.

Ein Augenblick reichte hin, ihm die Stelle zu zeigen, wo der arglose Wanderer lag. Der Leser wird leicht errathen, daß der Wilde in die gefährliche Nähe eines der trägen Söhne Ismael’s gekommen war, die mit der Wache über das einsame Lager der Wanderer beauftragt worden.

Als er sich versichert, daß er unentdeckt geblieben, näherte sich der Dahcotah und neigte, vorwärts gebeugt, sein schwarzes Antlitz über den Schläfer, ganz so arglos und geschmeidig, wie man oft eine Schlange mit ihrem Opfer spielen sieht, ehe sie ihm den Tod gibt. Endlich, durch seine Untersuchung nicht nur über den Stand, sondern auch den Charakter des Fremden belehrt, wollte Mahtoree eben den Kopf wegwenden, als eine geringe Bewegung des Schläfers zeigte, daß Bewußtsein zurückkehre. Der Wilde ergriff das Messer, das an seinem Gürtel hing, und in einem Augenblick war die Spitze auf der Brust des jungen Wanderers. Da änderte er seinen Plan, mit einer Bewegung, so schnell, als seine blitzenden Gedanken, warf sich hinter den Stamm des gefallenen Baums, wider den sich der andere lehnte, nieder, und lag, in seinem Schatten, so dunkel, so regungslos, und, wie es schien, so unempfindlich wie das Holz selbst.

Die schläfrige Schildwache öffnete die schweren Augen, starrte einen Augenblick nach dem trüben Himmel aufwärts, machte dann große Anstrengung und hob ihre kräftige Gestalt, von dem Stamm auf. Dann schaute er um sich, und ließ, was man vielleicht hätte Wachsamkeit nennen mögen, seine stumpfen Blicke über die nebelichten Gegenstände der Lagerung schweifen, bis sie endlich auf dem entfernten, düsteren Felde der offenen Steppe ruhten. Als er nichts gefunden, was seine Aufmerksamkeit hätte auf sich ziehen können, als die immer wiederkehrende Abwechselung von Hügel und Niederung, die sich überall seinen schlaftrunkenen Augen darstellte, änderte er seine Stellung, so daß er seinem gefährlichen Nachbar gänzlich den Rücken bot, und ließ die Glieder schwerfällig wieder hinsinken in ihre frühere niedergestreckte Lage. Eine lange und von Seiten des Tetons angstvolle peinliche Stille folgte, ehe das tiefe Athmen des Wanderers verrieth, daß er von neuem dem Schlummer sich hingegeben. Doch war der Wilde zu vorsichtig, dem ersten Anschein des Schlafes zu trauen. Aber die Ermüdung eines Tages voll ungewohnter Arbeit lag zu schwer auf der Wache, um den Andern lange in Zweifel zu lassen. Noch war die Bewegung, wodurch Mahtoree sich wieder auf die Kniee richtete, so geräuschlos und vorsichtig, daß selbst ein wachender Beobachter gezögert hätte, ehe er geglaubt, er stehe auf. Doch hatte er allmählig diese Veränderung gemacht, und das Dahcotah-Haupt neigte sich wieder über seinen Feind, ohne lauteres Geräusch erregt zu haben, als das Blatt des Wollenbaums, das an seiner Seite in, Wehen des Windes lispelte.

Nun war Mahtoree Herr über des Schläfers Leben. Zur selben Zeit, wo er die großen Verhältnisse, und athletischen Glieder des Jünglings mit der Bewunderung anstaunte, welche Körpervorzüge selten in der Brust eines Wilden zu erregen verfehlen, machte er kalt alle Vorbereitung, um den Funken des Lebens, der sie allein furchtbar machen konnte, auszulöschen. Nachdem er sich den Sitz aller Lebensthätigkeit ausgesucht, indem er leise die Falten der umhüllenden Kleidung wegräumte, schwang er seine scharfe Waffe, und wollte eben mit Kraft und Kunst den Streich führen, als der Jüngling seinen starken Arm bewußtlos zurückzog, und bei dieser Bewegung die ganze Masse seiner Muskeln zeigte.

Der, kluge, vorsichtige Teton zögerte. Er bedachte, daß in diesem Augenblick der Schlaf ihn weniger gefährlich, als der Tod selbst werden könnte. Das geringste Geräusch, das Sträuben des Todeskampfs, womit sicher ein solcher Bau das Leben nur lassen würde, stellten sich ihm vor, und waren seinem Verstande gegenwärtig. Er sah zurück in das Lager, wandte sein Haupt gegen das Gehölz, und warf seine funkelnden Augen auf die wilden, schweigenden Steppen. Nochmals über das verschonte Opfer gebeugt, versicherte er sich, daß es tief schlief, und gab dann seinen schnellen Entschluß auf, nur den Eingebungen einer listigeren Klugheit folgend.

Mahtoree’s Rückzug geschah so still und vorsichtig, wie sein Kommen gewesen war. Er schlug nun die Richtung nach dem Lager ein, indem er sich längs des Gehölzes hinstahl, um bei dem geringsten Geräusch sich leicht in sein Dunkel flüchten zu können. Die Decke des einsamen Zeltes zog bei’m Vorübergehen seine Aufmerksamkeit auf sich. Nachdem er sein ganzes Aeußere untersucht, und mit der größten Spannung gelauscht, um durch seine Ohren Nachricht zu erhalten, wagte der Wilde das Tuch am Boden zu lüften und sein schwarzes Gesicht hineinzustecken. Eine Minute mochte verflossen sein, ehe der Teton-Häuptling sich zurückbog, und seine ganze Gestalt wieder außerhalb der linnenen Wohnung sich zeigte. Jetzt saß er nieder, und schien mehrere Augenblicke in gänzlicher Unthätigkeit seinen Gedanken nachzuhängen. Dann seine gebeugte Stellung wieder annehmend, barg er sein Gesicht nochmals hinter der Leinwand des Zeltes. Seine zweite Untersuchung dauerte länger, und war, wo möglich, noch ergreifender für ihn; aber, wie alles, nahm sie ein Ende, und der Wilde wandte die funkelnden Blicke von den Geheimnissen des Orts.

Er hatte in seinem langsamen Vorschreiten gegen die gedrängtere Masse von Gegenständen, welche den Mittelpunct des Lagers andeuteten, eine ziemliche Strecke zurückgelegt, ehe er wieder stille stand. Er bedachte von neuem, und sah sich um nach der einsamen, kleinen Wohnung, die er verlassen, als sinne er, ob er nicht wieder zurückkehren solle. Aber die aus den Aesten gebildeten spanischen Reiter, die er jetzt mit der Hand erreichen konnte, und die Sorgfalt, die daraus hervorging, welche verrieth, daß dort Sachen von Werth aufbewahrt würden, reizte seine Gier noch mehr, und bewog ihn, vorwärts zu schreiten.

Der Weg des Wilden durch die zarten, schwachen Zweige der Wollenbäume konnte nur mit den geräuschlosen Windungen der Schlangen verglichen werden, die er eben so sehr in ihrer List als in ihrem Nahen nachahmte. Als er aber durchgedrungen war, und sich, einen Augenblick Zeit genommen hatte, um sich mit den Oertlichkeiten innerhalb der Entschließung bekannt zu machen, gebrauchte der Teton die Vorsicht, sich einen Weg zu bahnen, damit sein Rückzug mit weniger Hindernissen, die seine Schnelligkeit aufhalten könnten, bewerkstelligt werden möge. Nun stand er auf, ging durchs Lager, wie der Fürst des Bösen, suchend, wen und was er zuerst seinen feindseligen Plänen weihen sollte. Schon hatte er den Inhalt des Zeltes, worin das Weib und ihre kleinen Kinder sich befanden, durchforscht, und war an mehreren gigantischen Gestalten vorbeigekommen, die, ihm zum Glück, in dem Gestrüpp ausgestreckt, in unbewußter Hülflosigkeit da lagen, als er endlich die Stelle erreichte, die Ismael in eigener Person einnahm. Mahtoree’s Scharfblick konnte es nicht entgehen, daß er jetzt das Haupt der Wanderer in seiner Gewalt habe. Lange stand er über die ausgestreckte, herculische Form des Wanderers hingebeugt da, sorgsam bei sich betrachtend den Ausgang des Unternehmens, die wirksamsten Mittel, welche ihm die reichste Ernte versprächen.

Er hatte das Messer, welches er bei dem schnellen, wilden Gang seiner Gedanken aus der Scheide genommen, wieder eingesteckt, und wollte weiter gehen, als Ismael sich auf dem Lager herumdrehte, und rauh fragte, wer vor seinen halbgeöffneten Augen herumgehe. Nur die Schnelligkeit und List eines Wilden konnte verhindern, daß jetzt sich alles entschied. Die abgestoßenen, fast unverständlichen Laute, die er gehört, nachahmend, warf sich Mahtoree schwerfällig zu Boden und schien, sich schlafen zu legen. Ismael sah die ganze Bewegung in einer Art von Betäubung mit an, aber die List war zu kühn, und ward zu täuschend ausgeführt, als daß sie ihren Zweck nicht hätte erreichen sollen. Der schlaftrunkene Vater schloß wieder die Augen, und schlief bald wieder tief ein, – der verrätherische Gast mitten in dem Schooß seines Haufens.

Der Teton mußte lange und angstvolle Minuten in der Lage bleiben, die er angenommen, um sicher sein zu können, daß er nicht länger bewacht würde. Aber lag auch sein Leib bewegungslos da, sein thätiger Geist war nicht müßig. Er benutzte diesen Aufschub, um einen Plan zur Reise zu bringen, welcher, wie er hoffte, das ganze Lager, die Leute und ihre Habe, gänzlich in seine Gewalt bringen sollte. Sobald es mit Sicherheit geschehen konnte, war der unermüdliche Wilde wieder in Bewegung. Er nahm jetzt seinen Weg nach der kleinen Hürde, welche die Hausthiere einschloß, wie früher geschmeidig und vorsichtig sich auf dem Boden fortwindend.

Das erste Thier, auf das er unter dem Vieh traf, verursachte einen langen und gewagten Aufenthalt. Das müde Geschöpf, vielleicht durch seinen Instinct belehrt, daß in den endlosen Wüsten der Steppen sein sicherster Schützer der Mensch sei, war außerordentlich geduldig, und überließ sich stille der genauen Untersuchung, der es sich unterwerfen mußte. Die Hand des suchenden Teton streifte über sein zartes Fell, über das sanfte Haupt und die zierlichen Glieder des stillen Thieres mit unermüdlicher Neugier, aber endlich verließ er die Beute als unnütz bei seinen Streifzügen, als zu wenig reizend für seinen Hunger. Sobald er aber zu den Lastthieren kam, war seine Zufriedenheit groß, und kaum enthielt er sich der gewöhnlichen Ausdrücke seiner Freude, die mehr als einmal auf dem Punct waren, seine Lippen zu durchbrechen. Hier verlor er die Gefahr, mit der er Zugang zu dieser gefährlichen Stelle erlangt, aus dem Auge, und die Wachsamkeit des vorsichtigen, lang geübten Kriegers ward einen Augenblick im Taumel des Wilden vergessen.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Einundzwanzigstes Kapitel.

»Spott‘ mit den Göttern nicht, geh‘ fort.
Signor Baptista, soll den Weg ich zeigen?«

Shakespeare.

 

Mahtoree hatte kaum seinen wahren Plan verrathen, als eine allgemeine Salve von Seiten der Grenzwohner bewies, wie sehr sie ihn begriffen. Doch machte die Entfernung und die Schnelligkeit des Ritts ihr Feuer gänzlich nutzlos. Zum Zeichen, wie wenig er diese Feindseligkeit beachte, antwortete der Dahcotah-Häuptling auf die Ladung mit einem schallenden Gelächter, und seinen Carabiner über das Haupt schwingend, machte er, von seinen auserlesenen Kriegern begleitet, einen Umkreis in der Steppe, als verachte er all diese ohnmächtigen Anstrengungen seiner Feinde. Da die Hauptmacht den geraden Weg fortsetzte, kam dieser auserlesene Haufen, von der wilden Darlegung seiner rohen Verachtung zurückkehrend, in den Nachzug, und nahm dort mit einer Geschicklichkeit und Uebereinstimmung seinen Platz ein, die zeigte, daß das Manöuver mit Vorbedacht gemacht worden.

Ladung folgte schnell auf Ladung, bis der erzürnte Auswanderer trotz seines Widerstrebens genöthiget war, den Gedanken, seinem Feind mit so schwachen Mitteln zu schaden, aufzugeben. Er unterließ seine fruchtlose Anstrengung, und begann eine schnelle Verfolgung; gelegentlich eine Flinte abschießend, um die Garnison in Allarm zu bringen, die er klüglich unter dem Commando der furchtbaren Esther selbst zurückgelassen hatte. Auf diese Art wurde die Jagd mehrere Minuten fortgesetzt, während der die Reiter ihren Verfolgern allmählig zuvorkamen, obgleich diese den Lauf mit unglaublicher Ausdauer fortsetzten.

Als der kleine blaue Punct sich an dem Himmel wie ein Eiland zeigte, das aus der Tiefe steigt, erhoben die Wilden gelegentlich ein Triumphgeschrei. Aber die Nebel des Abends sammelten sich schon über den ganzen östlichen Rand der Steppe, und ehe die Bande die Hälfte des Weges zurückgelegt, war der dunkle Rand des Felsen mit dem Gewölk des Hintergrundes zusammengeflossen. Gleichgültig gegen diesen Umstand, der ihre Pläne eher begünstigte als störte, setzte Mahtoree, der wieder an die Spitze geritten, seinen Weg mit der Genauigkeit eines Jagdhundes von der besten Zucht fort, und mäßigte nur ein wenig seine Eile, da die Pferde jetzt ganz außer Athem waren. Um diese Zeit ritt der Alte an Middletons Seite, und sprach zu ihm auf Englisch:

»Das gibt wohl einen Raubzug, woran ich, ich muß es gestehen, nicht gern Theil haben möchte.«

»Was wollt Ihr machen. Es würde gefährlich sein, uns den Schelmen hinter uns zu überlassen.«

»Ja, Schelme sind es, mögen sie roth sein oder weiß. Thut, Junge, als sprächt Ihr von unserer Arznei, oder als lobtet Ihr die Teton-Pferde. Denn die Schelme hören gern den Ruhm ihrer Thiere, wie etwa eine thörichte Mutter in den Ansiedelungen das Lob ihres eigensinnigen Kindes erfreut. So, streichelt das Vieh, und legt Eure Hand auf die Zierrathen, womit die Rothhäute seine Mähne geschmückt haben; richtet Euer Auge auf das Eine und Euer Herz auf das Andere. Hört, wenn wir’s klug anfangen, können wir mit Einbruch der Nacht diese Teton verlassen.«

»Ein herrlicher Gedanke!« rief Middleton, dem der bewundernde Blick, womit Mahtoree die Lieblichkeit seiner Inez betrachtet hatte, so wie auch dessen spätere Anmaßung, ihr Schützer sein zu wollen, noch in peinlichem Andenken war.

»Himmel! Welch ein schwaches Wesen ist der Mensch, wenn die Gaben der Natur in Büchergelehrsamkeit und weibischen Sitten zu Grunde gehen. Noch ein solcher Blick würde den Wichten neben uns gerade eben so deutlich sagen, daß wir gegen sie Complotte machen, als wenn wir es ihnen in ihrer Sprache in die Ohren raunten. Ei, ich kenne die T –l, sie sehen so unschuldig aus wie die spielenden Rehkälber, aber es ist kein einziger unter ihnen, der nicht ein Auge auf unsere geringsten Bewegungen hat. Daher muß Alles, was geschehen soll, mit Weisheit geschehen, um ihre List zu überlisten. So ist’s recht; streichelt seinen Nacken und lächelt, als ob Ihr das Pferd prieset, und haltet Euer Ohr neben mir offen für meine Worte. Gebt Acht, daß Ihr Euer Thier nicht ermüdet, denn so wenig ich auch von Pferden verstehe, sagt mir doch die Vernunft, daß zu einem tüchtigen Ritt Athem gehört, und daß ein müdes Bein einen schlechten Lauf macht. Seid bereit auf das Signal, wenn Ihr den alten Hektor heulen hört Das erste Mal soll es Euch bereit halten, das zweite Mal müßt Ihr Euch von dem Haufen trennen, und das dritte Mal, hu – – Ihr versteht mich?«

»Vollkommen, vollkommen,« sagte Middleton und zitterte vor Eifer, den Plan sogleich in’s Werk zu setzen, und drückte die kleine Hand, die ihn umfaßte, an sein Herz. »Vollkommen; eilt, eilt!«

»Ei, das Thier ist nicht faul,« fuhr der Streifschütz in der Tetonsprache fort und drückte sich zu gleicher Zeit vorsichtig durch den Haufen, bis er sich an Paul’s Seite reiten sah. Er theilte ihm seinen Plan auf dieselbe bedächtige Weise mit, wie dem Andern. Der muthige, furchtlose Bienenjäger empfing die Nachricht mit Entzücken und erklärte seine Bereitwilligkeit, es mit der ganzen wilden Bande aufzunehmen, wenn es zu ihrem Plan nöthig sein sollte. Als der Alte von diesem Paar weggekommen, sah er sich um, die Lage zu entdecken, in der sich der Naturforscher befände.

Der Doctor hatte mit unendlicher Mühe für sich und den Esel eine Stellung in der Mitte der Sioux behauptet, so lange als noch die geringste Ursache zu fürchten da war, es könnten Ismael’s Geschosse in Contact mit seiner Person kommen. Als diese Gefahr sich gemindert, oder vielmehr ganz verschwunden war, lebte sein Muth wieder auf, während der seines Thiers zu sinken begann. Dieser gegenseitigen, aber sehr wichtigen Veränderung war es zuzuschreiben, daß der Reiter und der Esel jetzt unter der Abtheilung der Bande gesucht werden mußten, die gleichsam die Nachhut bildeten. Dahin also gelang es dem Streifschütz seine Stute zu lenken, ohne den Verdacht eines seiner listigen Gefährten zu erregen.

»Freund,« begann der Alte, als er sich in einer zur Unterredung passenden Stellung befand; »würdet Ihr gerne ein Dutzend Jahre unter den Wilden mit geschorenem Kopf, einem bemalten Gesicht und vielleicht einem Schock Weiber und fünf oder sechs Kindern, halberzogen, die Euch Vater nennen würden, zubringen wollen?«

»Unmöglich!« rief der erstaunte Naturforscher: »ich bin überhaupt nicht geneigt zu heirathen, und ganz besonders gegen alle Vermischung zwischen Varietäten einer Species, die nur dazu dienen, die Schönheit zu mindern und die Harmonie der Natur zu unterbrechen. Außerdem ist es eine beschwerdevolle Neuerung in der Ordnung der Nomenklatur.«

»Ei, Ihr habt hinlänglich Grund für Euren Widerwillen gegen solch ein Leben; aber sollten die Sioux hübsch in ihre Dörfer zurückkommen, würde das Euer Loos sein, so gewiß nach dem Willen des Herrn die Sonne aufgeht und niedersinkt.«

»Mich verheirathen mit einem Weib, das nicht geschmückt ist mit der Schönheit ihrer Species!« antwortete der Doctor; »welches Verbrechens hab‘ ich mich schuldig gemacht, daß so schreckliche Strafe meiner warten sollte? Jemanden gegen seinen Willen verheirathen, heißt der Menschennatur Gewalt anthun!«

»Nun, da Ihr von Natur sprecht, hoffe ich, hat die Gabe der Vernunft nicht gänzlich Euren Hirnschädel verlassen,« entgegnete der Alte, und ein versteckter Ausdruck von Scherz spielte um die Winkel seiner Augen, und verrieth, daß ihm nicht ganz die Laune abging. »Ja, sie können Euch als einen ganz besondern Gegenstand ihrer Güte ausersehen, und Euch deßwegen an fünf oder sechs verheirathen. Ich hab‘ in meinem Leben begünstigte Häuptlinge gekannt, die zahllose Weiber hatten.«

»Aber warum sollten sie diese Rache erdenken?« fragte der Doctor, dessen Haar sich aufrichtete, als besäße jede Fiber Empfindung; »welches Böse hab‘ ich gethan?«

»Von der Art ist ihre Güte. Wenn sie erfahren, daß Ihr ein großer Arzt seid, werden sie Euch in den Stamm aufnehmen, ein mächtiger Häuptling wird Euch seinen Namen geben, und vielleicht auch seine Tochter, oder ein Weib oder zwei von seinen eigenen, die lange bei ihm gewohnt, und von deren Werth er aus Erfahrung urtheilen kann.«

»Der Erhalter und Gründer der natürlichen Harmonie schütze mich!« rief der Doctor. »Ich fühle keine Zuneigung zu einer einzigen Gemahlin, viel weniger zu Dupletten und Tripletten aus derselben Classe. Ich werde gewiß eher zu fliehen suchen, als ich in eine so gewaltsame Vereinigung einwillige.«

»So ist Vernunft in Euren Worten, aber warum nicht die Flucht, von der Ihr sprecht, sogleich versuchen?«

Der Naturforscher sah sich furchtsam um, als wenn er geneigt wäre, sogleich eine Probe von seiner verzweifelten Anstrengung zu geben, aber die dunkeln Gestalten, welche auf jeder Seite bei ihm ritten, verdreifachten sich plötzlich an Anzahl, und das Dunkel, das sich schon dicht auf die Steppe herabgelassen, schien in seinen Augen den Glanz des Vollmonds zu bergen.

»Es würde zu frühzeitig sein und die Vernunft verbietet es,« antwortete er. »Laßt mich, verehrungswürdiger Jäger, mit meinen Gedanken zu Rathe gehen, und wenn meine Pläne gehörig geordnet sind, will ich Euch meinen Entschluß mittheilen.«

»Entschluß!« wiederholte der Alte und schüttelte den Kopf etwas verächtlich, als er seinem Pferd die Zügel schießen ließ und ihn unter die Stuten der Wilden trieb. »Entschluß ist kein Wort, das man in den Ansiedelungen gebraucht und an den Grenzen versteht. Kennt mein Bruder das Thier, worauf das Blaßgesicht reitet?« fuhr er fort und wandte sich an einen finsterblickenden Krieger in dessen Sprache, während er zugleich eine Bewegung machte, die ihn auf den Naturforscher und das sanfte Thier hinwies.

Der Teton wandte einen Augenblick sich nach dem Esel, wollte aber nicht im mindesten die Verwunderung verrathen, die er mit all seinen Gefährten empfunden hatte, als er zuerst ein so seltenes Quadruped erblickte. Dem Streifschützen war nicht unbekannt, daß während Esel und Maulthiere bei jenen Stämmen in Gang kamen, die am nächsten bei Mexiko wohnten, sie dagegen so weit nördlich, wie die Wasser des la Plata nicht gewöhnlich waren. Er begnügte sich daher, das stumme Erstaunen, das so tief verborgen lag, in dem rohen Gesicht des Wilden zu lesen, und nahm dem gemäß seine Maßregeln.

»Glaubt mein Bruder, daß der Reiter ein Krieger der Blaßgesichter ist?« fragte er, als er glaubte, es sei hinlängliche Zeit verflossen, um die friedliche Miene des Naturforschers zu untersuchen.

Ein verächtlicher Blick, der über die Züge des Teton schoß, war selbst bei dem düstern Sternenlicht zu bemerken.

»Ist ein Dahcotah ein Narr!« war die Antwort.

»Sie sind eine weise Nation, deren Augen sich nie schließt; so wundere ich mich, daß sie nie den großen Arzt der Langmesser gesehen.«

»Wagh!« rief der Andere und ließ seine volle Verwunderung aus seinen finstern, strengen Zügen bei der Ueberraschung hervorbrechen, wie wenn ein Blitzstrahl das Dunkel der Mitternacht erhellt.

»Der Dahcotah weiß, daß ich nicht zweizüngig bin; er lasse seine Augen sich weiter öffnen; sieht er nicht einen großen Arzt?«

Licht war nicht nöthig, um dem Wilden jenen Zug in dem in der That merkwürdigen Aeußern und Verhalten des Doctor Battius zurückzurufen. Wie die übrige Bande und nach der allgemeinen Gewohnheit der Indianer hatte dieser Krieger, während er nicht zuließ, daß ein Blick eitler Neugierde seine Mannheit entwürdige, nicht einen einzigen auszeichnenden Zug, der einen der Fremden charakterisiren könnte, sich entschlüpfen lassen. Er kannte die Art, Gestalt, die Kleidung die Züge, selbst die Farbe der Augen und des Haars eines jeden Großmesser, mit denen er so seltsam zusammengetroffen, und hatte ernst über den Ursachen gebrütet, die einen so sonderbar beschaffenen Haufen in die Höhlen der rohen Einwohner seiner vaterländischen Wüsten gebracht haben könnte. Er hatte schon die verschiedene Körperstärke des ganzen Haufens betrachtet und ihre Geschicklichkeit mit dem, was er für ihre Absicht hielt, verglichen. Krieger waren’s nicht, denn die Großmesser, wie die Sioux, ließen ihre Weiber in den Dörfern, wenn sie den blutigen Pfad des Kriegs betraten. Dieselben Schwierigkeiten trafen ein, wenn man sie für Jäger oder Kaufleute nahm, jene beiden, Eigenschaften, unter denen gewöhnlich weiße Leute bei ihnen erschienen. Er hatte von einer großen Versammlung gehört, bei der die Menahashah oder Langmesser und die Washsheomantiqua oder Spanier zusammen geraucht hatten, als die letztern den erstern ihre vermeintlichen Rechte über jene weiten Gegenden verkauft hatten, durch die seine Nation seit so vielen Jahrhunderten in voller Freiheit hingewandert. Sein einfacher Verstand war nicht fähig gewesen, die Ursachen zu fassen, aus welchen ein Volk auf diese Art eine Oberherrschaft über die Besitzungen eines andern sich anmaßen könnte, und man wird sich leicht denken, daß bei dem eben vom Streifschützen bekommenen Wink er nicht ungeneigt war, sich einzubilden, es solle etwas von der geheimnißvollen Feinheit jenes magischen Einflusses, woran er so fest glaubte, von dem arglosen Gegenstand ihrer Unterredung zur Förderung jener wunderbaren Ansprüche angewandt werden. Er warf deßwegen bei der sich bewußten Hülflosigkeit alle Zurückhaltung und Würde in seinem Benehmen ab, wandte sich zu dem Alten und sagte, seine Arme ausstreckend, als wolle er dadurch zeigen, wie sehr er seiner Gnade überlassen sei; »möge mein Vater auf mich blicken. Ich bin ein Wilder der Steppen, mein Leib ist nackt, meine Hand wehrlos, meine Haut roth. Ich hab‘ die Pawnee, die Konza, die Omahaw, die Osagen und selbst die Langmesser geschlagen. Ich bin ein Mann unter Kriegern, aber ein Weib unter Beschwörern. Möge mein Vater sprechen; die Ohren des Tetons sind offen; er hört wie ein Reh auf den Schritt des Cougars.

»Dies sind die Wege, die weisen und unerforschlichen Dessen, der allein das Gute zu unterscheiden weiß vom Bösen,« rief der Streifschütz auf Englisch aus. »Dem Einen gibt er List, dem Andern die Gabe der Männlichkeit. Es ist demüthigend und rührend, so ein edles Geschöpf, wie diesen, zu sehen, der in mancher blutigen Schlacht gefochten, und vor seinem Aberglauben sich beugt, wie ein Bettler, der sich die Knochen erbittet, die ihr vor die Hunde werfen würdet. Der Herr möge mir vergeben, daß ich mit der Unwissenheit des Wilden spiele, denn er weiß, ich thu‘ es nicht, aus Scherz über seinen Zustand oder aus eitler Prahlerei über den meinigen, sondern um ein Menschenleben zu retten, und Gerechtigkeit dem Bedrängten zu verschaffen, während ich die T – leien des Bösen zu nichte mache. »Teton,« fuhr er in dessen Sprache fort, »ich frage Euch, ist das nicht ein wunderbarer Arzt? Wenn die Dahcotah weise sind, werden sie die Luft nicht athmen, die er athmet, noch sein Kleid berühren. Sie wissen, daß der Wahconshecheh (böse Geist) seine Kinder liebt, und dem nicht den Rücken kehren wird, der ihnen Leid zufügt.«

Der Alte gab diese Meinung auf eine bedeutungsvolle kurze Weise und ritt dann zur Seite, als habe er genug gesagt. Der Erfolg entsprach seinen Erwartungen. Der Krieger, an den er sich gewendet, theilte bald seine wichtige Nachricht den Uebrigen in der Nachhut mit, und in wenig Augenblicken war der Naturforscher Gegenstand allgemeiner Hochachtung und Ehrerbietung. Der Streifschütz, welcher wußte, daß die Eingebornen oft in der Absicht, sich ihn günstig zu machen, den bösen Geist verehrten, erwartete die Wirkung seiner List mit der Kaltblütigkeit eines Mannes, der nicht den geringsten Antheil an dem Erfolg nähme. Es dauerte nicht lange, und er sah eine dunkele Gestalt nach der andern das Pferd antreiben und schnell in den Mittelpunkt der Bande galoppiren, bis Weucha allein bei ihm und Obed blieb. Nur die Unempfindlichkeit dieses stumpfsinnigen Wilden, der immerfort den vermeintlichen Beschwörer mit einer Art dummer Bewunderung anstaunte, legte jetzt noch das einzige Hinderniß dem vollständigen Gelingen seiner List in den Weg.

Vollkommen mit dem Charakter dieses Wilden bekannt, verlor der Alte keine Zeit, sich auch seiner zu entledigen. Er ritt zu ihm und sagte mit verstelltem Lispeln:

»Hat Weucha von der Milch der Großmesser heute getrunken?«

»Hugh!« rief der erstaunte Wilde, da sogleich jeder dumpfe Gedanke durch die Frage vom Himmel zur Erde herabgerufen ward.

»Weil der große Capitain meines Volkes, der an der Spitze reitet, eine Kuh hat, die nie leer ist. Ich weiß, es wird nicht lange währen und er wird sagen: haben einige meiner rothen Brüder Durst?«

Die Worte waren kaum ausgesprochen, als Weucha ebenfalls sein Thier antrieb und bald mit den Uebrigen in der schwarzen Gruppe sich mischte, die wenig vor ihm in langsamerem Schritt ritten. Der Streifschütz, welcher wußte, wie häufig und plötzlich die Veränderungen in einem wilden Gemüth seien, verlor keinen Augenblick, seinen Vortheil zu benutzen. Er ließ seiner ungeduldigen Stute den Zügel schießen, und war in einem Augenblick wieder bei Obed.

»Seht Ihr den glitzernden Stern, der etwa auf vier Büchsenschuß Länge über der Steppe hierherum sein mag, gegen Norden, mein‘ ich.«

»Ei, er ist von der Constellation – –«

»Den T –l mit Euren Constellationen, Mann; seht Ihr den Stern, den ich meine? Sagt mir auf gut Englisch ja oder nein!« »Ja.«

»Sobald ich mich umwende, laßt Eurem Esel den Zügel schießen, bis Ihr den Wilden aus dem Gesichte kommt. Dann nehmt den Herrn zu Eurem Schutz und diesen Stern zum Führer. Weicht weder zur Rechten noch zur Linken, sondern benutzt Eure Zeit, denn Euer Thier ist nicht schnell genug zu Fuß, um jeder Zoll der Steppe, den Ihr gewinnt, ist ein Tag, den Ihr Eurem Leben und und Eurer Freiheit hinzufügt.«

Ohne die Fragen zu erwarten, zu denen der Andere sich anschickte, ließ der Alte wieder seinem Pferde die Zügel schießen, und alsbald verlor auch er sich in der Gruppe vornen.

Obed war jetzt allein. Der Esel gehorchte willig dem Wink, den sein Herr bald mehr aus Verzweiflung, als weil er sich der Anweisung deutlich bewußt gewesen, die er empfangen, ihm gab; er ritt langsamer. Da die Teton aber stets galoppirten, war nur ein Augenblick nöthig, sie gänzlich aus seinem Gesicht zu bringen. Ohne Plan, Erwartung und Hoffnung irgend einer Art, nur mit dem Wunsch, seinen gefährlichen Nachbarn zu entgehen, suchte sich der Doctor zuerst durch Fühlen zu versichern, ob das Gepäck, das die traurigen Ueberreste seiner Specima und Noten enthielt, sicher hinter ihm verwahrt sei, wandte dann sein Thier nach der bezeichneten Richtung, kniff ihn mit einer Art Wuth, und war bald so glücklich, die Eile des geduldigen Thiers zu einem kurzen Trab zu erhöhen. Er war kaum in eine Höhlung hinabgejagt, und hatte die daranliegende Höhe erstiegen, als er in gutem Englisch aus den Kehlen von zwanzig Teton seinen Namen hörte, oder vielmehr ihn zu hören glaubte. Diese Täuschung gab seinem Eifer neuen Schwung, und kein Tanzmeister übte je größere Geschicklichkeit, als der Naturforscher jetzt mit seinen Fersen auf des Esels Rippen an den Tag legte. Diese Reibung dauerte ohne Unterbrechung mehrere Minuten, und allem Anschein nach würde sie bis jetzt gewährt haben, hätte nicht das stille Gemüth des Thiers selbst eine ungewohnte Erregung gezeigt. Der Weise, worin sein Herr seine Tätigkeit äußerte, nachahmend, änderte Asinus in so weit die Bewegung seiner eigenen Hufe, daß er sie zugleich in unwilligem Schwung in die Luft warf; eine Maßregel, die alsbald den Streit zu seinen Gunsten entschied. Obed verließ seinen Sitz, als eine Position, die nicht länger haltbar sei, setzte jedoch seine Flucht in derselben Richtung fort, während der Esel, als Sieger, Besitz von dem Schlachtfeld nahm, und die trockenen Kräuter, Früchte seiner Tapferkeit, abzuweiden begann.

Als Doctor Battius wieder auf seine Füße gekommen war und sich gesammelt hatte, da seine Geisteskräfte durch die übereilte Weise, wie er seine frühere Lage verlassen, sehr in Unordnung gerathen waren, wandte er um, seine Pflanzen und seinen Esel zu suchen. Asinus war hochherzig genug, die Zusammenkunft eine friedliche sein zu lassen, und so setzte der Naturforscher die nöthige Reise mit sehr löblichem Eifer, aber gemäßigter fort.

Indeß hatte der alte Streifschütz die wichtigen Bewegungen, deren Leitung er selbst über sich genommen, nicht aus dem Auge verloren. Obed hatte sich nicht geirrt, als er vermuthete, daß er schon vermißt und gesucht werde, wiewohl seine Einbildungkraft gewisses wildes Geschrei zu den wohlbekannten Tönen, die seinen lateinischen Namen bildeten, verfälscht hatte. Das Wahre war kurz dieses. Die Krieger des Nachtrupps hatten nicht versäumt, die vor ihnen mit dem mysteriösen Charakter bekannt zu machen, in welchem der Streifschütz den arglosen Naturforscher hatte darstellen wollen. Dieselbe unbegrenzte Bewunderung, welche bei dieser Nachricht die hinten nach vornen getrieben hatte, trieb jetzt viele von der Spitze zu dem Nachtrupp. Der Doctor war aber fort, und das Geschrei war nur der wilde Ruf, den sie im ersten Anfall ihres wilden Befremdens erhoben hatten.

Aber Mahtoree’s Ansehn unterstützte kräftig den Scharfsinn des Streifschützen im Unterdrücken dieses gefährlichen Lärmens. Als die Ordnung hergestellt war, und jener die Ursache erfuhr, warum seine Leute solche Unvorsichtigkeit gezeigt, sah der Alte, der an seine Seite gekommen, mit Bestürzung den Strahl hohen Mißtrauens, der in seinem schwarzen Gesicht blitzte.

»Wo ist Euer Beschwörer?« fragte der Häuptling, und wandte sich plötzlich zum Streifschützen, als wolle er ihn für die Wiedererscheinung Obed’s verantwortlich machen.

»Kann ich meinem Bruder die Zahl der Sterne sagen? Die Wege eines großen Arztes sind nicht gleich den Wegen anderer Leute.«

»Hör‘, Graukopf, und erwäge meine Worte,« fuhr der Andere fort und neigte sich auf seinen rohen Sattelknopf, wie ein gebildeter Reiter, und sprach in den stolzen Worten oberster Gewalt: »die Dahcotah haben kein Weib zu ihrem Anführer gemacht; wenn Mahtoree die Macht eines großen Zauberers empfindet, wird er zittern, – bis dahin, will er selbst sehen, ohne sich die Augen von einem Blaßgesichte zu borgen. Wenn Euer Beschwörer nicht bis morgen bei seinen Freunden ist, sollen meine Leute nach ihm sehen. Eure Ohren sind offen. Genug.«

Dem Streifschützen gefiel’s nicht übel, daß so lange Frist gewährt worden. Er hatte schon vorher sich zu glauben veranlaßt gesehen, der Teton-Häuptling sei einer jener kühnen Geister, die die Schranken überschreiten, welche Gewohnheit und Erziehung den Meinungen des Menschen in jedem Stande der Gesellschaft setzen, und sah nun deutlich, er müsse, um diesen zu täuschen, eine andere List ersinnen, als die gewesen, welche ihm so wohl bei seinen Begleitern geglückt war. Die plötzliche Erscheinung des Felsens jedoch, der eine dunkle, zackige Masse aus der Dunkelheit hervorstreckte, machte für jetzt dem Gespräch ein Ende, da Mahtoree alle seine Gedanken auf die Ausführung seiner Pläne gegen den Rest von des Auswanderers Habe richtete. Ein Murmeln lief durch die Bande, als jeder finstere Krieger den ersehnten Haven zu Gesicht bekam, und dann hatte das zarteste Ohr vergebens sich anstrengen mögen, ein lauteres Geräusch zu vernehmen, als das Rascheln der Tritte in dem hohen Gestrüpp der Steppe war.

Aber Esther’s Wachsamkeit konnte nicht leicht hintergangen werden; sie hatte lange ängstlich auf die verdächtigen Töne gelauscht, die über die nackte Wüste sich dem Felsen näherten, und den plötzlichen Ruf der Wachen des Felsens nicht überhört. Die Wilden, welche in geringer Entfernung abgestiegen waren, hatten nicht Zeit, sich in ihrer gewohnten stillen, nachstellenden Weise um den Fuß des Hügels herumzuziehen, als schon die Stimme der Amazone in der Stille des Orts sich erhob und furchtlos fragte: »Wer ist unten? Antwortet, es gilt Euer Leben! Sioux oder T – l, ich fürcht‘ Euch nicht!«

Der Ausforderung ward nichts erwiedert, und jeder Krieger, sicher, seine dunkle Gestalt schwimme mit den Schatten der Ebene zusammen, hielt, wo er stand. In diesem Augenblick entschloß sich der Streifschütz zu entwischen. Er war mit den übrigen seiner Freunde unter der Bewachung derer, denen auch die Aufsicht über die Pferde gegeben worden war, zurückgelassen worden, und da sie alle zu Pferde blieben, schien der Augenblick dem Plane günstig. Die Aufmerksamkeit der Wachen war auf den Felsen gerichtet, und eine dunkle Wolke, die in diesem Augenblick über ihnen hintrieb, verfinsterte selbst das schwache Licht, das von den Sternen kam. Der Alte lehnte sich auf den Nacken seines Pferdes und flüsterte: »Wo ist mein Kleiner? Wo ist er? Hektor! Wo ist der Hund!«

Das Thier hörte die wohlbekannten Töne und antwortete mit einem freundlichen Winseln, das in ein durchdringendes Heulen auszubrechen drohte. Der Streifschütz wollte sich von seiner gelungenen That erheben, als er Weuchas Hand an seiner Kehle fühlte, wie wenn sie entschlossen sei, seine Stimme durch den kurzen Prozeß der Erdrosselung zu unterdrücken. Diesen Umstand benutzend, erhob er einen zweiten leisen Ruf, als sei er nur die natürliche Anstrengung, zu Athem zu kommen, und erhielt einen zweiten antwortenden Ton von dem Hunde. Weucha ließ sogleich den Herrn los, um seine Rache an dem treuen Diener auszuüben. Aber man hörte wieder Esther’s Stimme, und jeder andere Plan ward im Lauschen aufgegeben.

»Ei, winselt und verstellt eure Kehlen, soviel ihr wollt, ihr Ungeziefer des Dunkels,« sagte sie mit einem verächtlichen Lachen; »ich kenn‘ euch; wartet, ihr sollt Licht zu euern Unthaten haben. Wirf die Kohlen hinein, Phöbe, die Kohlen; dein Vater und die Burschen sollen sehen, daß man sie zu Haus braucht, um ihre Gäste zu bewillkommnen!«

Selbst als sie noch sprach, sah man ein helles Licht, wie das eines glanzenden Sterns, auf der Spitze des Felsen, und dann folgte eine züngelnde Flamme, die für einen Augenblick in den Windungen eines Ungeheuern Strohhaufens sich hinschlängelte, dann in einem Strahl aufschoß, in der bewegten Luft hin und her brauste und mit glänzender Helle alle Gegenstände in ihrem Bereich bestrahlte. Ein erschütterndes Gelächter hörte man von der Höhe, in das sich Stimmen von jedem Alter mischten, als triumphirten sie, daß sie der Teton verrätherische Plane so glücklich an’s Licht gebracht.

Der Streifschütz blickte umher, sich über die Lage seiner Freunde zu unterrichten. Den Zeichen treu, hatten Middleton und Paul sich ein wenig bei Seite gezogen und standen jetzt allem Anschein nach bereit, bei dem dritten Schrei ihre Flucht zu beginnen. Hektor war seinem wilden Verfolger entwischt und krümmte sich wieder an die Hufe von seines Herrn Pferd. Aber der weite Lichtkreis vermehrte sich allmählich in Ausdehnung und Stärke, und der Alte, dessen Auge und Urtheil ihn selten trog, erwartete geduldig einen günstigeren Augenblick für seine Unternehmung.

»Nun, Ismael, Mann, wenn Gesicht und Arm treu sind, wie je, ist eine Gelegenheit da, auf diese Rothhäute loszuschlagen, die all‘ dein Eigenthum, selbst dein Weib und deine Kinder sich zueignen wollen. Nun, mein guter Mann, zeig‘ deiner Abstammung, deines Namens dich würdig!«

Ein fernes Geschrei hörte man in der Richtung des herankommenden Haufens des Wanderers, das der weiblichen Garnison andeutete, daß Hülfe nicht mehr fern sei. Esther antwortete den angenehmen Tönen durch einen Schrei von ihren eignen und erhob ihre Gestalt im ersten Freudenausbruch auf eine Weise über den Felsen hervor, daß sie denen unten ganz sichtbar wurde. Nicht zufrieden mit dieser gefährlichen Preisgebung ihrer selbst, wollte sie ihre Hände frohlockend zusammenschlagen, als Mahtoree’s dunkle Gestalt in das Licht sprang und sie ihr auf den Rücken band. Drei andere Krieger sprangen auf den Gipfel des Felsens gleich nackten Dämonen, die durch die Wolken sausen. Die Luft ward mit Bränden von dem Lärmzeichen angefüllt, und dann folgte tiefes Dunkel, nicht unähnlich jenem, wenn die letzten Sonnenstrahlen durch den herankommenden Mond ausgeschlossen werden. Nun stießen die Wilden ihrerseits ein Triumphgeschrei aus, das von einem langen, lauten Winseln des Hundes mehr begleitet, als abgelöst ward.

In einem Augenblick war der Alte zwischen Middletons und Paul’s Pferden und streckte eine Hand nach dem Zaum eines jeden aus, um die Ungeduld der Thiere zu mäßigen.

»Langsam, langsam,« lispelte er; »ihre Augen sind seltsam für einen Augenblick geschlossen, als hätte der Herr sie mit Blindheit geschlagen; aber ihre Ohren sind offen. Langsam, langsam; fünfzig Schritte, wenigstens, dürfen wir nicht schneller eilen, als man geht.«

Die fünf Minuten, welche folgten, schienen Allen, den Streifschützen ausgenommen, wie ein Jahrhundert. Als sie wieder sehen konnten, schien es Jedem, als ob das augenblickliche Dunkel, das auf das Auslöschen der Feuersäule folgte, durch so helles Licht wie das des Vollmonds ersetzt werden würde. Doch allmählich ließ der Alte die Thiere ihre Schritte beschleunigen, bis sie den Mittelpunkt eines Steppengrundes erreicht hatten. Dann auf seine stille Weise lachend, ließ er die Zügel los und sagte:

»Nun lasst sie ihre Beine anstrengen; aber haltet euch auf dem alten Gestrüpp, um das Geräusch zu dämpfen.«

Wir brauchen nicht erst zu sagen, wie gern man ihm folgte. In wenigen Minuten stiegen sie einer Anhöhe hinauf und durchritten sie, worauf die Flucht mit der größten Eile fortgesetzt ward; wie die arbeitende Barke nach dem Lichte steuert, das den Weg zum Haven und Schutz andeutet, so behielten sie stets den angezeigten Stern im Auge.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Die Wolken und die Strahlen, die umhüllten
Mit ihrem Schatten, ihrem Glanz den Blick;
Sie ließen in den schweigenden Gefilden
Von ihrem Lauf auch keine Spur zurück.

Montgomery.

 

Eine Stille, tief wie die, welche die düstern Wüsten vor ihnen auszeichnete, ward von den Flüchtlingen beobachtet, um die Stelle zu unterscheiden, welche sie eben verlassen hatten. Selbst der Streifschütz bot seine geübte Erfahrung vergebens auf, um etwas von den wohlbekannten Zeichen zu entdecken, welche hätten verrathen können, daß die Feindseligkeiten wirklich zwischen dem Haufen des Mahtoree und Ismael angefangen; ihre Pferde brachten sie außer dem Bereich der Töne, ohne ihnen das geringste Zeichen von dem Vorgefallenen zu gestatten. Der Alte murmelte von Zeit zu Zeit sein Befremden, verrieth aber die Unruhe, die er wirklich fühlte, durch nichts weiter, als vielleicht dadurch, daß er steigende Aengstlichkeit im Antreiben der Thiere zeigte. Er hatte im Vorübereilen auf jene verlassene Erhöhung hingedeutet, wo die Familie des Auswanderers sich zur Nacht gelagert, als sie dem Leser zum ersten Mal vorgeführt wurde, und behielt hernach sein vielbedeutendes Schweigen bei; vielbedeutend, weil seine Gefährten schon genug von seinem Charakter gesehen hatten, um sich zu überzeugen, daß die Umstände in der That gefährlich sein müßten, welche die Gewalt besaßen, die wohlbegründete Ruhe des Alten zu trüben.

»Haben wir nicht genug gethan?« fragte Middleton aus Zärtlichkeit gegen Inez und Ellen, die nach einigen Stunden nicht mehr im Stande waren, so große Ermüdung zu ertragen; »wir sind hart zugeritten und haben eine weite Strecke zurückgelegt. Es ist Zeit, einen Ruheplatz zu suchen.«

»Dann müßt Ihr ihn im Himmel suchen, wenn Ihr zu weiterem Marsch unfähig seid,« murmelte der alte Streifschütz. »Wären die Teton und der Wanderer hinter einander gekommen, wie man hätte vermuthen mögen, sie geneigt wären, dann hätten wir wohl Zeit, uns umzusehen, und nicht allein die Zufälle, sondern auch die Bequemlichkeiten der Reise zu berechnen; aber wie es jetzt steht, würde es uns gewissen Tod oder endlose Gefangenschaft bereiten, wenn wir unsere Augen dem Schlaf überlassen wollten, ehe unsere Häupter sicher in einem ungewöhnlichen Versteck verborgen sind.«

»Ich weiß es nicht,« entgegnete der ungeduldige Jüngling, der mehr auf die Leiden des zarten Wesens, das er unterstützte, als auf die Erfahrung seines Gefährten achtete; »ich weiß es nicht. Wir sind Meilen geritten, und ich kann keine besondern Zeichen von Gefahr sehen; wenn Ihr für Euch fürchtet, guter Freund, glaubt mir, Ihr irrt, denn – –«

»Euer Großvater, lebte er und wäre er hier,« unterbrach ihn der Alte, streckte seine Hand aus, und legte mit Ausdruck einen Finger auf Middletons Arm; »der hätte nicht so gesprochen; er hatte einige Ursache, zu meinen, im Frühling meiner Tage, als mein Auge schärfer war als das des Falken, und meine Glieder so schnell als die Schenkel des Rehs, hätte ich nie zu fest und freudig am Leben gehangen; warum sollte ich nun jetzt eine so kindische Liebe zum Leben fühlen, da ich weiß, daß es eitel ist und der Gefährte der Mühe und Arbeit. Mögen die Teton ihr Schlimmstes thun, sie werden einen armen, abgelebten Streifschützen finden, der aber in seinen Klagen und Bitten nicht der lauteste sein wird.«

»Verzeiht mir, mein würdiger, unschätzbarer Freund,« rief der reuige Jüngling, und ergriff gerührt die Hand, welche dieser wegziehen wollte; »ich wußte nicht, was ich sagte, oder vielmehr ich dachte nur an jene, deren Zärtlichkeit wir besonders beachten müssen.«

»Genug. Es ist Natur und recht. Darin würde Euer Großvater dasselbe gethan haben. Ach, wie viel Jahrszeiten, heiße und kalte, nasse und trockene, sind über meinen armen Kopf hingeflogen, seit wir zusammen jagten unter den rothen Huronen der See’n, bis zurück in jene rauhen Gebirge von alt York, und mancher edle Bock ist seitdem durch meine Hand gefallen, ja, und auch mancher diebische Mingo. Sagt mir, Junge, erzählte der General, denn General, weiß ich, ist er geworden, erzählte er Euch je von dem Thier, das wir jagten in der Nacht, wo die Wegelagerer von dem verfluchten Stamm uns in die Höhlen auf der Insel trieben, und wie wir speisten und tranken in Sicherheit?«

»Ich hab‘ ihn oft die geringsten Umstände von der Nacht, die Ihr meint, erwähnen hören; aber – –«

»Und der Sänger und seine offene Kehle und sein Schreien im Gefecht?« fuhr der Alte fort, und lachte freudig über die Stärke seiner Erinnerung.

»Alles, Alles; er vergaß nichts, bis zum geringsten Umstand. Wißt Ihr nicht – –«

»Was, erzählte er Euch von dem Wicht hinter dem Stamm, – von dem armen Teufel, der über den Wasserfall kam, – oder von dem Schurken im Baum?«

»Von jedem, mit Allem, was dahin gehörte. Ich sollte denken – –«

»Ei,« fuhr der Alte in einem Tone fort, welcher verrieth, wie stark seine Geistesfähigkeiten den Eindruck des Auftritts festhielten; »ich bin ein Bewohner der Wälder und der Wildniß siebzig Jahre lang gewesen, und wenn einer behaupten kann, er kenne die Welt, oder habe schreckliche Scenen gesehen, so bin ich’s. Aber nie vorher, noch nachher habe ich einen Menschen in einem solchen Zustand köstlicher Verzweiflung gesehen, als eben jenen Wilden, und doch wollte er nicht sprechen oder rufen oder seine verlorene Lage gestehen! Es ist ihr Charakter so, und edel behauptete er ihn.«

»Hört, alter Streifschütz,« fiel Paul ein, der zufrieden, daß seine Brust von einem von Ellens reizenden Armen umschlungen werde, bis jetzt in ungewöhnlichem Schweigen geritten war; »meine Augen sind so sicher und genau als die eines Summvogels bei Tage, aber bei Sternenlicht taugen sie nicht besonders. Ist das ein kranker Büffel, der sich am Boden dort hinschleppt, oder ist es eine von den herumstreichenden Kühen der Wilden?«

Die ganze Gesellschaft richtete sich auf, um den Gegenstand zu untersuchen, auf den Paul hingewiesen hatte. Meistens waren sie in den kleinen Thälern geritten, um in den Schatten Schutz zu suchen, aber gerade jetzt waren sie einer Erhöhung in der Steppe hinaufgestiegen, um denselben Grund zu durchreiten, wo dies unbekannte Thier erblickt worden.

»Laßt uns absteigen,« sagte Middleton, »mag es Thier oder Mensch sein, wir sind zu stark, um uns zu fürchten.«

»Nun wenn es nicht moralisch unmöglich wäre,« rief der Streifschütz, der, wie der Leser schon bemerkt haben muß, nicht immer genau in dem Gebrauch der Beiwörter war, »wenn es nicht moralisch unmöglich wäre, würde ich behaupten, es sei der Mann, der auf Ungeziefer und Insecten Jagd macht; unser Reisegefährte, der Doctor.«

»Warum unmöglich? Habt Ihr ihn nicht angewiesen, diesen Weg zu nehmen, um zu uns zu stoßen?«

»Ei, aber ich sagte ihm nicht, er solle es mit seinem Esel einem Pferde zuvorthun, – Ihr habt Recht, – ja, es ist so,« sagte der Streifschütz, und unterbrach sich selbst, als mit der allmählig verminderten Entfernung zwischen ihnen, seine Augen sich versicherten, es sei Obed und Asinus, was er sah, »Ihr habt Recht, so gewiß es ein Wunder ist; Himmel, was thut doch die Furcht! Nun, Freund, Ihr seid eifrig gewesen, um so weit in so kurzer Zeit zu kommen. Ich bewundere die Schnelligkeit des Esels.«

»Asinus ist erschöpft,« erwiederte der Naturforscher traurig. »Das Thier ist wahrhaftig nicht faul gewesen, seit wir uns trennten, aber er weist alle meine Ermahnungen und Aufforderungen zurück, weiter zu gehen. Ich hoffe, wir brauchen für den Augenblick uns vor den Wilden nicht zu fürchten.«

»Ich kann es nicht sagen, ich weiß nicht; es ist nicht so zwischen dem Wanderer und den Teton, wie es sein sollte, auch will ich bis jetzt für die Sicherheit keines unserer Köpfe stehen. Das Thier ist zu Grunde gerichtet; Ihr habt es über seine Kräfte angestrengt, es ist wie ein ausgemergelter Hund. Mitleid und Maß und Ziel muß bei allem sein, selbst wenn Jemand auf Tod und Leben reitet.«

»Ihr zeigtet mir den Stern,« entgegnete der Doctor, »und ich hielt es für gut, mit der größtmöglichen Schnelligkeit die Richtung zu verfolgen.«

»Wolltet Ihr etwa in ihn durch solche Eile? Geht, Ihr sprecht stolz von den Geschöpfen des Herrn, obwohl ich deutlich sehe, daß Ihr nur ein Kind in dem seid, was ihre Naturgaben und ihren Instinkt angeht. In welcher Noth würdet Ihr Euch jetzt befinden, wenn wir unsere Thiere lang und stark anstrengen müßten.«

»Der Fehler liegt in der Bildung des Quadruped’s,« sagte Obed, dessen ruhiges Gemüth sich über so viele schwere Vorwürfe zu empören anfing. »Wären rotirende Hebel statt der beiden Beine dagewesen, würde ihm die Hälfte der Ermüdung erspart worden sein, den – –«

»Weg mit Eurem Rotiren und Halbiren und dergleichen; ein matter Esel ist ein matter Esel, und wer es leugnet ist sein Bruder. Nun, Capitain, müssen wir zwischen zwei Uebeln wählen, entweder diesen zurücklassen, der zu viel unser Glück und Unglück getheilt hat, um leicht aufgegeben zu werden, oder ein Versteck aufsuchen, um das Thier ausruhen zu lassen.«

»Verehrungswürdiger Jäger!« rief der beunruhigte Obed; »ich beschwör‘ Euch bei der geheimen Sympathie unserer gemeinsamen Natur, bei all den versteckten«

»Ah, die Furcht läßt ihn doch jetzt ein wenig vernünftig reden! Es ist nicht Natur in der That, einen Bruder in der Noth zu verlassen, und der Herr weiß, daß ich nie so etwas Schändliches gethan. Ihr habt Recht, Freund; wir müssen uns alle verstecken und das schnell. Aber was mit dem Esel machen? Freund Doctor, schätzt Ihr wirklich sein Leben?«

»Er ist ein alter, treuer Diener,« entgegnete der trostlose Obed, »und ungern würde ich ihm ein Leid widerfahren sehen. Bindet seine untern Gliedmassen und laßt ihn in dem Blätterbett ruhen.

»Ich stehe dafür, wir werden ihn am Morgen finden, wo wir ihn gelassen haben.«

»Und die Sioux? Was würde aus dem Thier werden, wenn die rothen Schelme seine Ohren wie zwei Wollkrautstengel über das Gras hervorpiepen sähen,« rief der Bienenjäger. »Sie würden ihn mit Pfeilen bespießen, gleich einem Weiberkissen voll Nadeln, und dann Wunders meinen, was Großes sie gethan! Welch‘ ein Kaninchen sie gejagt, aber mein Wort darauf, beim ersten Bissen würden sie ihren Fang erkennen!«

Middleton, der bei dem fortgesetzten und in die Länge gezogenen Gespräch ungeduldig zu werden begann, schlug sich jetzt in’s Mittel, und da man seinen hohen Rang sehr verehrte, gelang es seinen Anstrengungen bald, eine Art von Vertrag zu Stande zu bringen. Der demüthige Asinus, zu sanft und müde, um Widerstand zu leisten, war bald gefesselt und auf eine Streu welken Grases gelegt, wo man ihn mit der festen Ueberzeugung ließ, sein Herr werde ihn nach Verfluß einiger Stunden wieder finden. Der Alte war sehr gegen diese Vorkehrung, und gab mehr als einmal zu verstehen, daß das Messer weit sicherer als der Strick sei; aber Obed’s Bitten, unterstützt vielleicht durch den geheimen Widerwillen, den der Streifschütz selbst gegen das Schlachten des Thiers empfand, retteten ihm das Leben. Als Asinus so gesichert und versteckt war, wie sein Herr wenigstens glaubte, schickte sich die ganze Gesellschaft an, eine Stelle aufzusuchen, wo auch sie während der für das Thier nöthigen Ruhe sich erholen könnten.

Nach den Berechnungen des Streifschützen waren sie zwanzig Meilen seit ihrer Flucht geritten. Die zarte Gestalt der Inez begann bei der außerordentlichen Anstrengung kraftlos zu werden, und selbst die stärkere aber immer weibliche Natur Ellens war nicht unempfindlich gegen die übermäßige Ermüdung. Middleton selbst sehnte sich nach Ruhe, auch nahm der kräftige, muthige Paul keinen Anstand, zu erklären, daß durch etwas Erholung alles besser werden würde. Der Alte allein schien gleichgültig gegen die gewöhnlichen Aufforderungen der Natur. Obgleich nur wenig an die ungewöhnliche Art von Bewegung gewöhnt, die er sich eben gemacht, schien er doch allen Angriffen menschlicher Hinfälligkeit Trotz zu bieten. Offenbar ihrer Auflösung nahe, stand seine geschwächte Gestalt noch wie der Stamm einer alten Eiche, trocken, nackt und vom Wetter gepeitscht, aber ungebeugt, und, so schien es, zur Festigkeit eines Steins abgehärtet. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit betrieb er das Suchen nach einem Ruheplatz, das sogleich begann, mit aller Energie der Jugend, gemäßigt durch die Ueberlegung und Erfahrung seines hohen Alters.

Das Graslager, wo man auf den Doctor getroffen, und seinen Esel eben zurückgelassen hatte, ward noch auf eine geringe Entfernung verfolgt, bis man fand, daß die wellenförmigen Erhöhungen der Steppe sich in eine große, weite Ebene verloren, die meilenweit mit derselben Art Gras bedeckt war.

»Ah, das mag’s thun,« sagte der Alte, als sie an die Grenzen dieses, See’s von falbem Gestrüpp kamen, »ich kenne die Stelle, und habe oft in ihren verborgenen Schluchten gelegen, Tage lang; während die Wilden auf dem offenen Grund den Büffel jagten. Wir müssen ihn sehr vorsichtig betreten, denn tiefe Spur könnte gesehen werden, und indianische Neugier ist ein gefährlicher Nachbar.«

Selbst vorangehend, wählte er eine Stelle aus, wo das hohe, wilde Gestrüpp am höchsten stand, und dadurch an Höhe und Dichte einem Schilfboden nicht unähnlich ward. Dahin ging er, allein, und wies die Andern an, so viel als möglich in seine eigenen Fußstapfen zu treten. Als sie einige hundert Schritte in der Wildniß des Gesträuchs zurückgelegt, gab er Paul und Milddleton ihre Anweisung, die tiefer eindrangen, während er abstieg und an den Rand der Wiese zurückging. Hier brachte er mehrere Minuten damit zu, das niedergetretene Gras wieder aufzurichten, und, so weit es möglich, jede Spur ihrer Tritte zu verwischen. Indeß setzte der übrige Theil seinen Weg fort, nicht ohne Mühe, und also in sehr mäßiger Eile, bis sie eine Meile weit in die Stelle eingedrungen. Hier fanden sie einen Ort, der für ihre Absicht paßte, stiegen ab und fingen an ihre Vorkehrungen zu treffen, um da den übrigen Theil der Nacht zuzubringen. Jetzt war auch der Streifschütz zu ihnen zurückgekommen, und unterzog sich wieder der Leitung ihrer Geschäfte.

Das Gestrüpp und Gras war bald von einem beträchtlichen Stück Land ausgerissen und abgeschnitten, und eiligst wurde für Inez und Ellen, ein wenig bei Seite, ein Bett bereitet, das in Weichheit und Bequemlichkeit mit einem von Eiderdunen hatte streiten können. Die erschöpften Frauen begaben sich nun, nachdem sie einige leichte Erfrischungen aus Paul’s und des Alten Vorräthen zu sich genommen, zur Ruhe, und ließen ihren stärkern Begleitern die Freiheit, für ihre eigenen Bedürfnisse nun zu sorgen, Middleton und Paul folgten bald dem Beispiel ihrer Verlobten und ließen den Streifschützen und Naturforscher um ein saftiges Stück Bisonfleisch sitzen, das bei einem vorigen Halt gekocht worden und jetzt, wie gewöhnlich, kalt gegessen ward.

Eine gewisse noch zurückbleibende Erregung, die so lange in Obed’s Gemüth sich behauptet, verbannte noch den Schlaf, und was den Alten betraf, hatten sich seine Bedürfnisse durch Gewohnheit und Noth so sehr seinem Willen unterworfen, daß sie beinahe in jedem Augenblick von seinem Willen abhing. Wie sein Gefährte wollte er daher wach bleiben, und beobachten.

»Wenn die Kinder der Gemächlichkeit und Sicherheit die Mühen und Gefahren der Naturforscher kennten, die sie ihretwegen erdulden,« sagte Obed nach einem Augenblick Stille, als Middleton ihnen gute Nacht gesagt hatte, »sie würden ihnen Säulen von Silber und Statuen von Erz errichten, als dauernde Zeichen ihres Ruhms.«

»Ich weiß nicht,« entgegnete der Andere, »Silber ist gar nicht häufig, wenigstens nicht in der Wildniß, und eherne Götzen sind in den Gesetzen Gottes verboten.«

»Das war die Meinung des großen Gesetzgebers der Juden; aber die Aegypter und Chaldäer, die Griechen und Römer pflegten ihre Dankbarkeit in jenen Musterbildern der Menschengestalt an den Tag zu legen. In der That, viele der ausgezeichneten Meister des Alterthums haben mit Hülfe der Kunst und Geschicklichkeit die Werke der Natur selbst übertroffen, und eine Schönheit und Vollkommenheit in der Menschengestalt dargestellt, die schwer in dem seltensten lebendigen Specimen von einer der Species des Genus: homo zu finden sind.«

»Können Eure Götzenbilder gehen oder sprechen, oder haben sie die glorreiche Gabe der Vernunft?« fragte der Streifschütz etwas unwillig; »obgleich nur wenig geneigt, mich in dem Geräusch und Lärm der Ansiedelungen herumzutreiben, bin ich doch meiner Zeit in den Städten gewesen, um Pelzwerk für Pulver und Blei umzusetzen und oft hab‘ ich eure wächserne Dinger gesehen, mit ihrem Flitterstaat und ihren Glasaugen.«

»Wächserne Dinger!« fiel Obed ein, »es ist eine Entweihung in den Augen der Kunst, die elenden Machwerke der Wachsfigurenhändler den reinen Mustern des Alterthums zu vergleichen.«

»Es ist Entweihung in den Augen des Herrn,« versetzte der Alte, »die Werke seiner Geschöpfe der Macht seiner Hand zu vergleichen.«

»Verehrungswürdiger Jäger,« fuhr der Naturforscher fort und räusperte sich, wie wenn man sehr eifrig ist, »laßt es uns verständig und in Freundschaft untersuchen. Ihr sprecht von dem Troß der Unwissenheit, während meine Gedanken über jenen kostbaren Juwelen schweben, welche ich früher so glücklich war, unter den gehäuften Schätzen der alten Welt zu sehen.«

»Alte Welt!« versetzte der Streifschütz, »das ist der armselige Schrei all der halbverhungerten Wichte, die in das gesegnete Land gekommen sind seit den Tagen meiner Kindheit! Sie sprechen euch von der alten Welt; als ob der Herr nicht Macht hätte, nicht den Willen, das Universum an einem Tag zu schaffen, oder als wenn er seine Gaben nicht mit gleicher Hand ausgetheilt, obwohl nicht mit gleichem Sinn und gleicher Weisheit sie sie angenommen und gebraucht haben. Nennten sie sich eine abgelebte, abgenutzte, verbrecherische Welt, dann wären sie der Wahrheit schon näher.«

Doctor Battius, der es eben so schwierig fand, einen seiner Lieblingssätze gegen einen so regellosen Angreifer zu vertheidigen, als es ihm schwer gefallen sein würde, mit einem Klopffechter des Westen zu ringen, brummte etwas für sich und benutzte die neue Aussicht, die der Streifschütz ihm eröffnete, um den Kampfplatz zu ändern.

»Unter alter und neuer Welt, mein würdiger Gefährte,« sagte er, »darf nicht verstanden werden, es seien die Hügel und Thäler, die Felsen und Flüsse unserer Erdhälfte, physikalisch gesprochen, nicht von eben dem Datum, als die Stelle, wo man babylonische Ziegel findet; es soll nur bedeuten, der moralische Zustand sei nicht gleichzeitig mit ihrer physischen, geologischen Bildung.«

»Ah!« rief der Alte und sah forschend in des Philosophen Gesicht.

»Nur daß sie nicht so lange moralisch bekannt war, als die andern Ländern der Christenheit.«

»Desto besser. Ich bin kein großer Bewunderer eurer alten Moral, wie ihr sie nennt, denn ich hab‘ immer gefunden und hab‘ lange im Herzen der Natur gleichsam gelebt, daß eure alte Moral keine von den besten ist. Der Mensch verwickelt und verkehrt die Gesetze des Herrn, um sie seiner Verderbtheit anzupassen, wenn seine teuflische List zu viel Zeit hat, mit seinen Geboten zu spielen.«

»O, würdiger Jäger, noch begreift Ihr mich nicht. Moral nehm‘ ich nicht in dem beschränkten, buchstäblichen Sinn des Worts, wie etwa seine Synonymie, Moralität, gebraucht wird, sondern es soll das Verhalten der Menschen, wie es sich in ihrem täglichen Verkehr, ihren Einrichtungen und Gesetzen zeigt, andeuten.«

»Aber das nenn‘ ich geradezu baaren Unsinn und Thorheit,« unterbrach ihn sein störriger Gegner.

»Nun, es sei so,« entgegnete der Doctor und gab verzweifelnd seine Worterklärung auf. »Vielleicht hab‘ ich zu viel zugegeben,« fügte er dann zugleich hinzu, da er das Glimmen eines andern Streitpuncts zu erspähen glaubte, den er zu einem neuen Wortstreit ausspinnen wollte, »vielleicht hab‘ ich zu viel zugegeben, als ich sagte, diese Hemisphäre sei buchstäblich in ihrer Bildung so alt, als die, welche die verehrungswürdigen Theile Europa, Asien und Afrika umfaßt.«

»Es ist leicht sagen, eine Erle sei nicht so groß als eine Fichte, aber es würde schwer zu beweisen sein. Könnt Ihr mir den Grund von so thörichtem Glauben angeben?«

»Die Gründe sind zahlreich und mächtig,« entgegnete der Doctor, erfreut über diesen ermuthigenden Anfang; »seht in die Ebenen von Aegypten und Arabien; ihre Sandwüsten sind angeschwängert mit den Denkmalen ihres Alterthums; – und dann haben wir auch geschriebene Zeugnisse ihres Ruhms, die den Beweisen ihrer früheren Größe doppeltes Gewicht geben, nun, da sie daliegen, ihrer Fruchtbarkeit beraubt. Aber vergebens sehen wir uns nach ähnlicher Bürgschaft um, daß der Mensch je den Grad von Cultur auf diesem Continent erreicht habe, und suchen, ohne Lohn für unsere Mühe, nach dem Pfad, auf dem er die Reise zurückgemacht zu seinem jetzigen Zustand einer zweiten Kindheit.«

»Und was seht Ihr in dem Allem?« fragte der Streifschütz, welcher, obgleich etwas durch die Ausdrücke seines Gefährten verwirrt, doch den Faden seiner Ideen ergriffen hatte.

»Einen Beweis für meinen Satz, daß die Natur solch ein großes Land nicht schuf, um so viele Jahrhunderte hindurch dazuliegen, eine unbewohnte Wüste. Das ist nur die moralische Ansicht der Sache, die genauere und geologische – –«

»Eure Moral ist schon genug für mich,« entgegnete der Alte ernst, »denn ich glaube darin den Stolz der Thorheit zu sehen; ich bin nur wenig in den Fabeln über das, was Ihr die alte Welt nennt, bewandert, da ich meine Zeit hauptsächlich damit zugebracht, der Natur fest in’s Angesicht zu sehen, und lieber über das urtheilte was ich selbst geschaut, als was ich durch Andere gehört. Aber nie hab‘ ich mein Ohr den Worten des guten Buchs verschlossen, und viele sind der langen Winterabende, die ich in den Wigwam der Delawaren zugebracht, auf die guten Mähren hörend, wenn sie die Geschichte und Lehren älterer Zeiten dem Volke von Lenape vortrugen. Es war angenehm, solche Weisheit nach beschwerlicher Jagd zu vernehmen! Sehr angenehm fand ich’s und oft hab‘ ich darüber mit der großen Schlange der Delawaren in den friedlicheren Stunden unserer Wegelagerung gesprochen, mochten wir nun im Krieg den Mingo auf der Spur sein oder dem York-Hirsch nachstellen. Ich erinnere mich, hier und da sagen gehört zu haben, das gesegnete Land sei einst fruchtbar gewesen wie die Gründe des Mississippi, habe geächzt unter seinen Vorräthen von Korn und Früchten, aber das Gericht sei einst über es gekommen, und so war das Land jetzt merkwürdiger durch seine Dürre, als durch sonst eine Eigenschaft, der es sich rühmen könne.«

»Es ist wahr, aber Aegypten, ja ein großer Theil von Afrika gibt noch schlagendere Beweise von dieser Erschöpfung der Natur.«

»Sagt mir,« fiel der Alte ein, »ist es Wahrheit, daß noch Gebäude im Lande Pharao’s stehen, die in ihrer Größe verglichen werden mögen mit den Hügeln der Erde?«

»Es ist wahr, eben so wahr, wie die Thatsache, daß die Natur nie ihre incisores den Thieren mammalia, Genus: homo zu geben unterläßt.«

»Es ist sehr bewunderungswürdig! und es zeigt, wie groß er sein muß, wenn seine geringen Geschöpfe solche Wunder vollbringen können. Viele Menschen muß es bedurft haben, solch ein Gebäude aufzuführen, ja und Leute mit Kraft und Geschicklichkeit! Hat das Land auch zu dieser Stunde noch solche Bewohner?«

»Weit gefehlt! Viel vom Land ist eine Wüste; wär‘ ein mächtiger Strom nicht, das Ganze würde so sein!«

»Ja, Ströme sind herrliche Gaben für den, der das Land erbaut, wie jeder sehen mag, der weit zwischen den Felsgebirgen und dem Mississippi hinzieht. Aber wie erklärt ihr diese Veränderungen auf der Fläche der Erde, dieses Sinken der Völker; Männer der Schule, wie erklärt ihr’s?«

»Es ist moralischen Ur –«

»Recht, ihre Moral ist es! Ihre Verkehrtheit, ihr Stolz, und besonders ihre Verwüstung hat all dies bewirkt! Nun hört, was die Erfahrung eines Greises ihn lehrt! Ich hab‘ lang gelebt, wie diese grauen Haare, diese dürren Hände es zeigen würden, selbst wenn meiner Zunge die Weisheit der Jahre fehlte. Ja, viel hab‘ ich gesehen von der Thorheit des Menschen; denn seine Natur ist dieselbe, werd‘ er in der Wildniß, in den Städten geboren. Meinem schwachen Urtheil hat es immer geschienen, seine Gaben seien seinen Wünschen nicht gleich. In den Himmel würde er steigen, mit all seiner Mißgestalt, wüßte er den Weg dahin; wer wird’s leugnen, der seine mühevollen Anstrengungen auf der Erde gesehen? Wenn seine Macht seinem Willen nicht gleich ist, ist es die Weisheit des Herrn, die seinem bösen Streben Schranken gesetzt!«

»Es ist zu gewiß, daß einige Thatsachen auf die natürliche Verderbtheit des Genus hinführen, aber könnte nur die Wissenschaft mit einem Mal auf eine ganze Species zum Beispiel eindringen, dann würde die Erziehung den bösen Grundsatz ausrotten.«

»Genug mit Eurer Erziehung! Es gab eine Zeit, wo ich’s für möglich hielt, einen Gefährten aus einem Thier zu machen; viele junge Bären und gefleckte Rehkälber hab‘ ich mit diesen alten Händen erzogen, bis ich sie endlich für vernünftige und veränderte Wesen hielt; – aber wie weit bracht‘ ich’s? Der Bär biß, das Reh entrann, trotz meiner verkehrten Einbildung, ich könnte die Naturanlage ändern, die der Herr selbst ihnen hatte geben wollen. Nun wenn der Mensch so blind ist, daß er in seiner Thorheit von Geschlecht zu Geschlecht fortschreitet, und dadurch sich Uebel zufügt, kann man sich wohl denken, daß er sein Unglück hier wie in den Ländern, die Ihr so alt nennt, selbst geschaffen hat. Seht um Euch, Mann, wo sind die Mengen, die einst diese Steppen bevölkerten, die Könige und Paläste, der Reichthum und die Macht dieser Wüste?«

»Wo sind die Denkmäler, die eine solche Annahme beweisen würden?«

»Ich weiß nicht, was Ihr ein Denkmal nennt.«

»Die Werke des Menschen! Der Ruhm von Theben und Balbek, – Säulen, Katacomben und Pyramiden, die im Sande des Osten stehen, wie Bretter fluthen an der Felsküste, die Stürme der Jahrhunderte zu bezeugen!«

»Sie sind vergangen. Die Zeit hat zu lang gewährt für sie. Warum? Die Zeit schuf der Herr, und sie waren vom Menschen geschaffen. Diese Stelle voll Schilf und Gras, worauf wir sitzen, mag einst der Garten eines mächtigen Königs gewesen sein! Es ist das Loos aller Dinge, zu reisen und dann abzufallen. Der Baum blüht und trägt seine Frucht, die fällt, fault, vertrocknet und selbst der Same ist verloren. Geht, zählt die Ringe der Eiche und Sycamora; Kreis folgt auf Kreis, einer liegt um den andern, bis das Auge ermüdet, ihre Anzahl zu fassen; und doch vollenden die Jahreszeiten ihren Lauf, ehe der Stamm einen jener Kreise um sich beschreibt; es ändert der Büffel sein Fell, der Bock sein Horn, und was bedeutet das alles? Die edle Eiche nimmt ihre Stelle ein im Wald, luftiger und größer und reicher, und schwerer nachzuahmen als einer Eurer ärmlichen Pfeiler für tausend Jahre, bis die Zeit erfüllt ist, die der Herr ihr gegeben. Dann kommen die Winde, die Ihr nicht seht, und durchfurchen die Rinde, und die Wasser des Himmels erweichen ihre Poren, und die Fäulniß, die wir alle bemerken und Niemand versteht, erniedrigt ihren Stolz, bringt auf den Boden ihre Krone. Dann beginnt ihre Schönheit zu verfallen. Sie liegt noch ein Hundert Jahre, ein faulender Stamm, dann ein Haufen Moos und Erde, ein trauriges Bild vom Grabe des Menschen. Das ist eins von Euren ächten Denkmalen, obwohl von einer andern Macht geschaffen, als die Eurer meißelnden Zimmerei! Und dann, wenn dies all geschehen, könnte der listigste Späher der ganzen Dahcotah-Nation sein Leben im Suchen nach der Stelle hinbringen, wo sie fiel, und würde nicht weiser sein, wenn seine Augen dunkel werden, als da zuerst er sie öffnete. Als wenn dies nicht genug wäre, um den Menschen von seiner Unwissenheit zu überführen, als wenn sie zum Spott über seine Anmaßung hingestellt worden, schießt eine Fichte aus der Fäulniß der Eiche hervor, ganz wie Dürre folgt, auf Fruchtbarkeit, wie diese Wüsten sich ausgebreitet haben, wo einst ein Garten gewesen sein mag. Sprecht mir nicht von Euren Welten, die alt sein sollen, es ist Gotteslästerung, Schranken und Jahreszeiten den Werken des Herrn zu setzen, wie ein Weib zählt die Jahre ihres Kindes.«

»Freund Jäger oder Streifschütz,« entgegnete der Naturforscher, und räusperte sich etwas verwirrt durch den kräftigen Angriff seines Gefährten; »Eure Deduktionen, würden sie von der Welt angenommen, würden gar sehr die Wirkungen der Vernunft beschränken und einengen das Gebiet der Wissenschaft.«

»Desto besser, denn ich hab‘ immer gefunden, daß ein Betrogener nie Maß und Ziel kennt; Alles beweist es. Warum haben wir nicht die Flügel der Taube, die Augen des Adlers und die Füße des Wiesels, wenn der Mensch all seine Wünsche erreichen sollte?«

»Es gibt gewisse physische Mängel, verehrungswürdiger Streifschütz, wo ich immer gerne große und glückliche Aenderungen an Hand geben würde. Zum Beispiel in meiner Phalangaeru – –«

»Greuelhaft genug würden die Aenderungen sein, die von so armen Händen kämen, wie Eure. Eine Berührung von solch einem Finger würde die Mißgestalt eines Affen gefährden. Geht, geht, menschliche Thorheit braucht den großen Plan Gottes nicht auszuführen. Es gibt keine Gestalt, keine Schönheit, kein Verhältniß, keine Farbe, die den Menschen schmücken könnte, welche nicht schon für ihn angewandt worden.«

»Da berühren wir eine zweite große und sehr bestrittene Frage,« rief der Doctor, der jeden klaren Gedanken ergriff, den der feurige und etwas absprechende Alte ihm darbot, bloß in der Hoffnung, er werde eine logische Discussion dadurch bewirken, worin er seine Schlußbatterieen aufführen könnte, um die wenig wissenschaftlichen Vertheidigungen seines Gegners in den Grund zu schießen.

Es ist jedoch für unsere Erzählung unnöthig, die abschweifende Unterredung, welche folgte, wiederzugeben. Der Alte wich den vernichtenden Schlägen seines Gegners aus, wie der leichtbewaffnete Soldat die Bemühungen eines mehr regelmäßig ausgerüsteten Kriegers gerade dann vereitelt, wenn er am meisten gedrängt wird; und eine Stunde ging vorüber, ohne daß sie einen der zahlreichen Gegenstände, die sie berührten, zu einem genügenden Schluß brachten. Doch wirkten die Beweise auf des Doctors Nervensystem, wie eben so viel einschläfernde Mittel, und als sein bejahrter Gefährte sein Haupt auf seinen Pack niederlegte, hatte sich Obed durch diesen Wortkampf so erquickt, daß er in einem Zustand war, sich dem Schlaf zu überlassen, ohne die Qualen des Alps in der Gestalt eines Tetonkriegers mit blutigem Tomahawk zu erdulden.