Kapitel 2

 

2

 

In der amerikanischen Botschaft fand ein Ball statt, und schon seit einer Stunde brachten zahllose elegante Limousinen die vornehmen Gäste herbei. Aus einem der letzten Wagen stieg ein etwas untersetzter Herr mit jovialem Gesicht aus. Er nickte dem Polizisten freundlich zu, der den Eingang von neugierigen Zuschauern freihielt, und betrat gleich darauf die große Halle.

 

»Colonel James Bothwell«, sagte er zu dem Diener und ging auf die Empfangsräume zu.

 

»Verzeihung.«

 

Ein hübscher Herr in tadellosem Frack nahm seinen Arm und führte ihn in ein kleines Vorzimmer.

 

Colonel Bothwell zog die Augenbrauen hoch. Er war etwas erstaunt über diese Vertraulichkeit.

 

»Sie irren sich wohl«, sagte er. »Ich glaube nicht –«

 

Die grauen Augen des anderen lächelten ihn freundlich an.

 

»Mein lieber amerikanischer Freund«, begann der Colonel wieder, »Sie täuschen sich bestimmt.«

 

Der Fremde schüttelte sanft den Kopf.

 

»Ich irre mich nie, und ich bin, wie Sie sehr gut wissen, Engländer – ebenso wie Sie. Es tut mir leid, mein armer, alter Slick!«

 

Slick Smith seufzte.

 

»Sehen Sie her, Captain, ich habe eine Einladung. Und wenn mich mein Botschafter zu sehen wünscht, so geht Sie das vermutlich nichts an.«

 

Captain Dick Shannon lächelte.

 

»Er wünscht Sie ja gar nicht zu sehen. Im Gegenteil, es wäre ihm höchst unangenehm, einen so gewandten englischen Dieb in der Nähe von einer Million Dollars in Diamanten zu wissen. Colonel Bothwell vom vierundneunzigsten Kavallerieregiment würde er gewiß gern die Hand drücken, wenn dieser Mann zu Besuch nach London käme, aber den Juwelendieb Slick Smith kann er wirklich nicht gebrauchen!«

 

»Schade! Den Halsschmuck der Königin von Griechenland hätte ich mir doch zu gern angesehen. Es ist vielleicht die letzte Gelegenheit. Zu meinem Unglück bin ich nämlich mit einem Detektivinstinkt begabt, und Sie dürfen mir glauben, daß die Diamantenkette bereits vorgemerkt ist! Eine sehr geschickte Bande ist dahinter her – Namen nenne ich natürlich nicht.«

 

»Sind die Leute hier?« fragte Dick schnell.

 

»Ich weiß es nicht. Das wollte ich ja selbst feststellen. Ich bin in solchen Dingen wie ein Arzt – sehe gern bei Operationen zu. Man lernt dabei immer etwas Neues, was einem nie einfiele, wenn man immer nur seine eigene Arbeit studierte.«

 

Dick Shannon überlegte einen Augenblick.

 

»Warten Sie hier, und lassen Sie das Silber in Frieden«, sagte er dann und ließ Slick allein, der ihm entrüstet nachschaute.

 

Er drängte sich in den überfüllten Räumen durch die Gäste, bis er von einer freien Stelle aus den Botschafter beobachten konnte. Der Amerikaner sprach mit einer hochgewachsenen, müde aussehenden Dame, zu deren Schutz Dick Shannon in die Gesandtschaft beordert worden war.

 

An ihrem Hals glänzte eine Kette, die auch bei der leisesten Bewegung strahlend aufblitzte. Der Detektiv sah sich um und winkte unauffällig einen jungen Mann zu sich, der mit einem der Legationssekretäre sprach.

 

»Steel, Slick Smith ist hier«, flüsterte er ihm zu. »Und er behauptet, daß man versuchen würde, den Schmuck der Königin zu rauben. Sie dürfen sie keine Sekunde aus den Augen lassen. Und sagen Sie irgendeinem Beamten, daß er die Liste der Gäste nachkontrollieren soll. Wenn sich ein Unbefugter findet, bringen Sie ihn zu mir.«

 

Dann kehrte er zu Slick zurück.

 

»Warum sind Sie eigentlich gekommen, wenn Sie von diesem Plan wissen?« fragte er. »Auch wenn Sie nichts damit zu tun haben, werden Sie doch verdächtigt.«

 

»Das dachte ich mir auch schon. Daher kommt ja auch die Unruhe, die mich seit einer Woche plagt.«

 

Die Tür nach der Halle stand offen, und die beiden konnten die Nachzügler beobachten, die verspätet eintrafen. Eben kam ein stattlicher Herr von mittleren Jahren vorüber, der von einer auffallend schönen Frau begleitet wurde. Sie waren schon außer Sicht, bevor Dick sie näher betrachten konnte.

 

»Sieht ganz gut aus«, meinte Slick. »Martin Elton ist übrigens nicht hier. Seine Frau läuft viel mit diesem Lacy herum.«

 

»Lacy?«

 

»Ja, der Honourable Lacy Marshalt. Er ist Millionär und ein gerissener, zäher Kerl. Kennen Sie die Dame, Captain?«

 

Dick nickte. Dora Elton war eine bekannte Persönlichkeit, die bei keiner Veranstaltung der ultramondänen Welt fehlte. Lacy Marshalt kannte er nur dem Namen nach. Er brachte Slick Smith zur Haustür und wartete, bis dieser mit einem Mietauto davongefahren war. Dann kehrte er in den Ballsaal zurück.

 

Um ein Uhr brach zu seiner größten Erleichterung die Königin auf und fuhr zu ihrem Hotel am Buckingham Gate zurück, wo sie inkognito abgestiegen war. Neben dem Chauffeur saß ein bewaffneter Detektiv, und Dick zweifelte keinen Augenblick daran, daß sie ungefährdet ihr Ziel erreichen würde.

 

Nachdem er sich von dem dankbaren Botschafter verabschiedet hatte, kehrte er nach Scotland Yard zurück. Aber der überaus dichte Nebel ließ nur ein Schneckentempo zu. Als er seinen Wagen nach allerhand Zwischenfällen schließlich in den Hof gesteuert hatte, gab er Auftrag, ihn in die Garage zu bringen.

 

»Ich gehe lieber zu Fuß nach Hause«, sagte er zu dem diensttuenden Beamten. »Das ist sicherer.«

 

»Der Inspektor hat nach Ihnen gefragt«, erwiderte der Mann. »Er ist zum Embankment hinuntergegangen. Sie suchen dort nach der Leiche eines Mannes, der heute abend in den Fluß geworfen wurde.«

 

»Geworfen?« wiederholte Dick bestürzt. »Sie meinen wohl, er ist hineingesprungen?«

 

»Nein. Eine Patrouille der Strompolizei ruderte an der Embankmentmauer entlang, als der Nebel noch nicht so dicht war wie jetzt, und dabei sahen die Leute, wie der Mann aufgehoben und übers Geländer geworfen wurde. Der Sergeant pfiff sofort, aber es war gerade keiner von uns in der Nähe, und so ist der Kerl, der es getan hat, entkommen. Sie suchen jetzt nach der Leiche. Ich sollte es Ihnen mitteilen, wenn Sie kämen, meinte der Inspektor.«

 

Shannon zögerte keinen Augenblick und machte sich sofort wieder auf den Weg. Mühsam tastete er sich durch den Nebel, bis er mit dem Inspektor zusammenstieß.

 

»Ein Mord«, sagte der Beamte. »Eben haben sie die Leiche gefunden. Der Mann ist totgeschlagen und dann ins Wasser geworfen worden. Wenn Sie die Stufen herunterkommen, können Sie ihn sehen.«

 

»Wann ist es denn geschehen?«

 

»Heute – oder vielmehr gestern abend gegen neun. Jetzt haben wir gleich zwei.«

 

Shannon ging hinunter und beugte sich über die dunkle Gestalt, die ein Polizist mit seiner Taschenlampe beleuchtete.

 

»Er hat nichts bei sich«, meldete der Sergeant, »aber seine Persönlichkeit wird sich leicht feststellen lassen. Er hat eine große Narbe im Gesicht.«

 

Als Dick mit dem Inspektor nach Scotland Yard zurückkam, herrschte dort fieberhafte Tätigkeit, denn während ihrer Abwesenheit war eine Nachricht eingelaufen, die auch den letzten Reservedetektiv aus dem Bett jagte.

 

Das Auto der Königin war an der dunkelsten Stelle der Mall überfallen, der Detektiv erschossen und die Diamantkette geraubt worden.

 

Kapitel 11

 

11

 

 

Dick Shannon klopfte heftig an die Glasscheibe seiner Autodroschke, riß das Fenster auf und beugte sich vor.

 

»Wenden Sie und fahren Sie an der anderen Seite entlang«, sagte er. »Ich möchte mit der Dame dort sprechen.«

 

Wenige Augenblicke später stand er Audrey gegenüber und zog lachend den Hut.

 

»Miß Bedford! Das ist aber eine großartige Überraschung!«

 

Und es war wirklich eine Überraschung, und zwar in mehr als einer Beziehung. Audrey war keine Bettelprinzessin mehr, sie war tadellos gekleidet und sah so jung und schön aus, daß sie die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog.

 

»Ich habe Sie schon wie eine Stecknadel gesucht! Als Sie Holloway verließen, kam ich drei Minuten zu spät, und nachher bildete ich mir unbegreiflicherweise ein, daß Sie sich bei der Polizei melden müßten.«

 

»Nein, das blieb mir erspart. Aber ich sah Sie ein paarmal in Holloway, als Sie dort zu tun hatten.«

 

Sie wußte nicht, daß er nur um ihretwillen hingekommen war, und daß sie ihm die Versetzung aus der Waschküche in die Bibliothek verdankte.

 

»Ich werde jetzt einmal ganz offen und ehrlich mit Ihnen sprechen«, sagte er, als sie zum Hannover Square kamen. »Dora Elton ist doch Ihre Schwester?«

 

»Eigentlich nicht – wenn ich es auch annahm. Wir haben nichts mehr miteinander zu tun. Ein Mädchen mit meiner Vergangenheit ist kein Umgang für Dora. So, nun aber genug von diesem Thema!«

 

»Was machen Sie denn jetzt?«

 

»Ich kopiere Briefe für einen garstig aussehenden alten Herrn und werde ungebührlich gut dafür bezahlt«, erwiderte sie etwas verlegen.

 

»Wir wollen ein wenig in den Park fahren«, meinte er und winkte einen Chauffeur heran. »Dort können wir uns ungestört unterhalten.«

 

In dem menschenleeren Park fanden sie zwei abseits stehende Stühle und ließen sich nieder.

 

»Nun erzählen Sie mir einmal etwas Näheres über diesen garstig aussehenden alten Herrn«, begann Dick.

 

Sie berichtete ihm über ihre Erfahrungen mit Mr. Malpas.

 

»Sie werden es gewiß verächtlich von mir finden, daß ich das Geld überhaupt angenommen habe. Aber wenn man sehr hungrig ist und friert, hat man keine Zeit, über moralische Grundsätze nachzudenken. Als ich mich aber gemütlich im Palace-Hotel eingerichtet hatte, stiegen doch Bedenken in mir auf, und ich wollte gerade in ablehnendem Sinn an Mr. Malpas schreiben, als er mir etwa zehn bis zwölf flüchtig mit Bleistift gekritzelte Briefe sandte und mich ersuchte, sie abzuschreiben und wieder an ihn zurückzuschicken.«

 

»Was für Briefe waren es denn?« fragte er neugierig.

 

»Meistens Ablehnungen von allerlei Einladungen. Er machte zur Bedingung, daß ich sie auf dem Briefpapier des Hotels und nicht mit Maschine schreiben müßte.«

 

»Die Sache gefällt mir nicht«, meinte Dick nachdenklich.

 

»Kennen Sie den Mann?«

 

»Ich weiß allerhand von ihm. Wieviel Gehalt beziehen Sie?«

 

»Darüber haben wir noch nicht gesprochen. Er gab mir eine runde Summe und ersuchte mich, nach acht Tagen wiederzukommen. Seitdem habe ich alle Tage abgeschrieben, was mir mit der Morgenpost zuging. Es war ein Briefwechsel zwischen dem Gouverneur von Bermuda und dem Britischen Kolonialamt dabei, der gedruckt und wohl aus einem Blaubuch herausgerissen war. Was soll ich nun tun, Mr. Shannon?«

 

»Ja, wenn ich das wüßte! Eins dürfen Sie jedenfalls nicht tun: nächsten Sonnabend wieder allein in dieses sonderbare Haus gehen. Ich werde Sie auf dem Portman Square erwarten und mit Ihnen hineinschlüpfen.« Er sah, daß sie erschrak, und lächelte. »Sie brauchen keine Bedenken wegen etwaiger hinterlistiger Polizeiabsichten meinerseits zu haben. Wir haben nichts weiter gegen Mr. Malpas, als daß er ›geheimnisvoll‹ ist. Ich bleibe nur unten in der Halle in Rufweite. Waren übrigens auch Briefe an Mr. Lacy Marshalt unter den Papieren?«

 

»Nein. Das ist doch der afrikanische Millionär, der neben Malpas wohnt?« Sie erzählte ihm von dem kleinen Zwischenfall, der sich vor Marshalts Haus abgespielt hatte.

 

»Hm! Das ist vielleicht eine kleine nachbarliche Bosheit des Alten. Ich muß einmal mit Marshalt sprechen und ihn fragen, was es eigentlich mit dieser Feindschaft auf sich hat. Aber hier ist es kalt. Kommen Sie mit, wir wollen eine Tasse Kaffee trinken.«

 

 

Tonger schien anfangs nicht geneigt, Shannon zu melden, als er dem Beamten öffnete.

 

»Sie können Mr. Marshalt nur auf Verabredung hin sehen, wenigstens solange ich in der Nähe bin. Hat er Sie für diese Zeit bestellt?«

 

Shannon hatte den Eindruck, daß Tonger hier im Haus noch eine andere Stellung als die eines Kammerdieners einnahm.

 

»Vielleicht bringen Sie ihm meine Karte?« fragte er lächelnd.

 

»Vielleicht – aber wahrscheinlich nicht. Alle möglichen sonderbaren Menschen kommen hierher und wollen Mr. Lacy Marshalt sprechen, weil er freigebig und großzügig ist.« Er griff nach Dicks Karte und las sie. »Ach, Sie sind ein Detektiv? Na, dann kommen Sie herein, Captain. Wollen Sie denn jemand verhaften?«

 

»Wo denken Sie hin! In diesem wunderschön geordneten Haushalt, wo selbst die Bedienten so höflich sind, daß man sie kaum belästigen mag!«

 

Tonger kicherte.

 

»Ich bin kein Bedienter.«

 

»Der Sohn des Hauses?« scherzte Dick. »Oder gar am Ende Mr. Marshalt selbst?«

 

»Gott behüte! Ich möchte sein Geld und seine Verantwortung nicht haben. Bitte, diesen Weg!«

 

Er führte Dick zu einem Salon und folgte ihm.

 

»Es ist doch nichts Ernsthaftes?« fragte er besorgt.

 

»Nicht daß ich wüßte. Dies ist ein freundschaftlicher Besuch.«

 

»Nun gut, ich werde Mr. Marshalt Bescheid sagen.«

 

Er verschwand und kehrte nach kurzer Zeit mit Lacy Marshalt zurück. Als er Miene machte, zu bleiben, deutete der Millionär stumm auf die Tür.

 

»Hoffentlich hat sich Tonger keine Freiheiten herausgenommen«, sagte er, als er mit Dick allein war. »Er ist mit mir zusammen aufgewachsen und stellt meine Geduld manchmal auf harte Proben. Sie kommen von Scotland Yard, Captain Shannon? Was kann ich für Sie tun?«

 

»Vor allem möchte ich wissen, ob Sie Ihren Nachbar, Mr. Malpas, kennen?«

 

»Nein. Ich habe mich nur über das ewige Geklopfe nebenan beschwert –«

 

»Das habe ich gehört. Die Sache ist wohl durch die Distriktspolizei erledigt worden. Sie kennen ihn also nicht?«

 

»Ich habe ihn noch nie gesehen und kann Ihnen deshalb auch nichts Näheres über ihn sagen.«

 

»Wissen Sie auch nicht vom Hörensagen, wie er aussieht, so daß Sie ihn vielleicht als einen Bekannten aus Südafrika identifizieren könnten?«

 

»Nein, ich habe ihn auch nie beschreiben hören. Feinde hat man ja natürlich immer, wenn man es in der Welt zu etwas bringt.«

 

»Ja, man könnte den Eindruck haben, daß Malpas Sie schikanieren will. Und zwar benützt er dazu immer andere Leute. Ich möchte zum Beispiel glauben, daß die betrunkene Frau, die neulich herkam –«

 

»Eine betrunkene Frau?« Marshalts Stirne verdüsterte sich. Er stand auf und klingelte, worauf Tonger eilfertig erschien.

 

Aber auf die ärgerliche Frage seines Herrn hatte er nur eine gleichmütige Antwort.

 

»Ja, die war ordentlich eingeseift! Fiel ins Haus und auch gleich wieder hinaus. Sie sagte, sie wäre Mrs. Lidderley von Fourteen Streams –«

 

Dick Shannon sah den Hausherrn an, während der Diener sprach und bemerkte, daß Marshalts Gesicht leichenblaß wurde.

 

»Mrs. Lidderley?« wiederholte der Millionär langsam. »Wie sah sie denn aus?«

 

»Ach, ein kleines Ding – aber Kräfte hatte sie!«

 

»Klein? Dann hat sie geschwindelt!« Marshalts Stimme klang merklich erleichtert. »Vielleicht kennt sie die Lidderleys. Vor kurzem hörte ich aus Südafrika, daß Mrs. Lidderley schwer krank läge. Hast du sie nach ihrer Adresse gefragt?«

 

»Ich sollte nach der Adresse eines betrunkenen Frauenzimmers fragen? Aber, Lacy –«

 

»Zum Teufel, ich bin Mr. Marshalt für dich!« schrie ihn der Hausherr an. »Wie oft soll ich dir das noch sagen?«

 

»Ach, es fuhr mir eben so heraus!«

 

»Mach, daß du hinauskommst!« Marshalt schlug die Tür hinter seinem respektlosen Diener zu.

 

»Der Mensch macht mich manchmal wirklich nervös«, entschuldigte er sich dann bei Dick. »Als Jungens haben wir uns natürlich Lacy und Jim genannt, und es wird mir jetzt schwer, auf einer passenderen Anrede zu bestehen, aber man muß die äußere Form doch wenigstens bis zu einem gewissen Grade wahren. – Verzeihen Sie die Störung. Um auf Malpas zurückzukommen, so weiß ich tatsächlich nichts über ihn. Es mag allerdings jemand sein, dem ich vor Zeiten einmal auf den Fuß getreten habe … wissen Sie eigentlich, wie er aussieht?«

 

»Alt und furchtbar häßlich, wie ich gehört habe. Außerdem hat er eine Kabarettsängerin beauftragt, Sie zu belästigen, was ja an sich nicht viel auf sich gehabt hätte. Aber Sie haben zufällig eine Abneigung gegen solche Damen.«

 

»Könnten Sie nicht einmal den Mann besuchen?« fragte Marshalt nach einer kurzen Überlegung. »Das klingt natürlich wie eine Zumutung. Aber mir liegt wirklich daran, die Persönlichkeit von Malpas festzustellen.«

 

Dick hatte ohnehin schon beschlossen, sich den geheimnisvollen Mann anzusehen, so daß dieser Vorschlag überflüssig war. Als Tonger die Haustür hinter Shannon geschlossen hatte, schlenderte der Detektiv zu dem Nachbargebäude und blickte zu den öden Fenstern hinauf. Er war schon oft hier gewesen, aber um eine Unterredung hatte er Mr. Malpas noch nicht gebeten. Er suchte nach einer Klingel, fand keine und klopfte schließlich an die Tür. Als alles still blieb, pochte er kräftiger, schrak aber gleich darauf zusammen.

 

»Wer ist da?« fragte eine Stimme, scheinbar dicht an seinem Ohr.

 

Bestürzt sah er sich um, entdeckte aber sofort die Lösung des Rätsels, als er in dem steinernen Türpfeiler ein kleines Gitter bemerkte. Dahinter befand sich ein lautsprechendes Telephon.

 

»Ich bin Captain Shannon von Scotland Yard und möchte Mr. Malpas sprechen«, sagte er.

 

»Sie können Mr. Malpas nicht sprechen«, knurrte die Stimme, und Dick vernahm ein leises Knacken. Obwohl er noch mehrmals klopfte, erhielt er keine Antwort mehr.

 

Kapitel 12

 

12

 

Nur wenige Dienstboten genossen so viel Freiheit und Behaglichkeit wie Tonger, der das ganze oberste Stockwerk des Hauses bewohnte. Marshalt hatte ihm dort ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer und ein Bad eingerichtet, und Tonger verbrachte den größten Teil seiner Abende in seinen eigenen Räumen, wo er mit Hilfe eines kleinen Roulettespiels endlose mathematische Berechnungen anstellte. Es war sein Ehrgeiz, die Kasinodirektion von Monte Carlo durch ein von ihm erfundenes unfehlbares System in Schrecken und Verzweiflung zu bringen.

 

An diesem Abend war er jedoch anderweitig beschäftigt, als die Klingel über seiner Tür ertönte, und er machte sie sorgsam hinter sich zu, bevor er zu Lacy hinunterging, der bereits ungeduldig wurde.

 

»Erwarte Mrs. Elton um sieben Uhr fünfundvierzig an der Hintertür«, befahl er ihm, »und laß sie herein. Dann bringst du das Auto zur Albert Hall und parkst bei den anderen, bis das Konzert vorbei ist. Nachher kommst du wieder an die Hintertür zurück.«

 

»Ist das nicht ein bißchen gefährlich nach dem Brief, den Sie von Elton erhalten haben?«

 

»Was weißt du denn von dem Brief? Ich hatte ihn doch eingeschlossen!«

 

»Ach, das ist doch gleichgültig. Ich habe ihn jedenfalls gelesen, und ich sage Ihnen, daß es gefährlich ist. In einem Scheidungsprozeß möchten Sie doch wohl nicht auftreten?«

 

»Mit dir als Zeuge!« höhnte Marshalt.

 

»Sie wissen sehr gut, daß ich nie gegen Sie aussagen würde«, erwiderte Tonger gelassen. »Das liegt mir nicht. Aber wenn ein Kerl wie Elton mir schriebe, er würde mich niederschießen, wenn er mich noch einmal mit seiner Frau zusammensähe, würde ich mir die Sache doch sehr überlegen.«

 

»Mrs. Elton hat geschäftliche Angelegenheiten mit mir zu besprechen«, sagte Marshalt kalt. »Tu das, was ich dir sage.«

 

»Das Auto vor der Albert Hall soll beweisen, daß Mrs. Elton das Konzert mit angehört hat!« kicherte Tonger. »Was wollte denn der Detektiv? Kam der auch wegen Mrs. Elton?«

 

»Unsinn! Er wollte sich nur nach dem verrückten Kerl nebenan erkundigen. So, das ist alles. Morgen abend esse ich zu Hause, und wenn ich Glück habe, mit einem sehr interessanten Gast.«

 

»Haben Sie das Mädchen gefunden, hinter dem der Privatdetektiv her war?« fragte Tonger lebhaft.

 

»Woher weißt du denn nun das schon wieder?! Ja, ich hoffe, daß sie kommt. Übrigens brauchst du dabei nicht in Erscheinung zu treten. Das Hausmädchen kann bei Tisch aufwarten.«

 

»Um törichten Jungfrauen Vertrauen einzuflößen«, bemerkte Tonger und verließ das Zimmer …

 

Gegen halb zwölf hielt er wieder mit dem Auto an der Hintertür von Nr.551, nachdem er Marshalts Anweisungen genau befolgt hatte. Dora kam heraus und nahm seinen Platz am Steuer ein.

 

»Haben Sie jemand gesehen?« fragte sie leise.

 

Er dachte an den Mann, der an der Ecke des Portman Square gestanden und so geduldig gewartet hatte.

 

»Nein«, sagte er aber. »An Ihrer Stelle würde ich jedoch ein solches Abenteuer nicht nochmal riskieren.«

 

»Machen Sie den Schlag zu«, erwiderte sie schroff, und gleich darauf fuhr sie ab.

 

Als sie nach Hause kam, fand sie Martin schon im Wohnzimmer vor.

 

»Na, ist die Unterredung befriedigend verlaufen?« fragte sie vergnügt.

 

Er hatte sich auf dem Diwan ausgestreckt und schüttelte mißmutig den Kopf.

 

»Nein, wir werden das Etablissement wohl schließen müssen. Klein verlangt zuviel Prozente und droht mit der Polizei, um sie durchzudrücken. Das macht mir nun zwar keine Sorge, aber die Säle in der Pont Street bringen viel und regelmäßig Geld ein, so daß ich sie ungern schließen würde. Jetzt erwarte ich Stanford. – Übrigens habe ich Audrey heute abend gesehen.«

 

»Wo denn?« fragte sie verwundert.

 

»Im Carlton Grill. Sie aß mit Shannon.«

 

Dora, die sich eben eine Zigarette anstecken wollte, hielt inne.

 

»Mit Shannon?«

 

»Ja. Sie schienen höchst fidel zu sein. Du brauchst aber keine Angst zu haben. Zur Angeberin eignet sich Audrey nicht. Es war mir noch nie klar geworden, wie schön sie eigentlich ist. Und dabei tadellos angezogen. Shannon hat sie ordentlich verliebt betrachtet.«

 

»Na, du scheinst ja auch in sie verschossen zu sein! Das Konzert war übrigens ein großer Genuß für mich, Bunny! Kessler war hervorragend. Eigentlich mache ich mir ja nicht viel aus Geigenspiel, aber –«

 

»Kessler trat doch gar nicht auf«, erwiderte er und blies eine Rauchwolke in die Luft. »Er war indisponiert und ließ absagen. Hast du es denn nicht in der Zeitung gelesen?«

 

»Ach, ich kann diese Leute nicht voneinander unterscheiden«, erklärte sie nach einer kaum merklichen Pause gleichmütig. »Jedenfalls spielte der Mann, der ihn vertrat, glänzend.«

 

»Wahrscheinlich war es Manz.« Er nickte.

 

Zu ihrer Erleichterung klingelte es an der Haustür, und gleich darauf erschien Big Bill Stanford, todmüde von der langen Rückfahrt von Rom. Ohne große Vorrede begann er zu berichten.

 

»Die Contessa trifft am Dienstagabend ein. Ich habe Photos von der Tiara und der Perlenkette. Die Imitation wird sich in fünf bis sechs Tagen herstellen lassen, und das weitere ist dann ja Kinderspiel. Stigman hat sich mit der Zofe angefreundet –«

 

»Ich dachte, mit solchen Geschichten würden wir uns nicht wieder abgeben?« unterbrach ihn Dora unwillig.

 

»Geschieht auch nicht«, murmelte Martin. »Daß du mir nichts von dem Kram ins Haus bringst, Bill!«

 

»Hältst du mich für verrückt? Ich habe von der letzten Affäre noch genug!«

 

»Können wir denn das nicht ganz aufstecken, Bunny?« wandte sich Dora an Elton.

 

»Gewiß, warum nicht? Was bedeuten denn auch zehntausend Pfund für uns? Wir können ja auch ohne sie leben!«

 

»Ich kann es jedenfalls«, entgegnete sie.

 

»Willst du uns vielleicht mit Nähen ernähren oder Klavierstunden geben? Oder wieder zur Bühne gehen? Drei bis vier Pfund die Woche hast du ja wohl verdient, bis ich dich kennenlernte. Rede keinen Unsinn, Dora! Ich habe dich erst zu einer wohlhabenden Frau gemacht. Sogar dein Trauring stammt von einem Diebstahl her. Überlege dir das gefälligst!«

 

Sie stand wortlos auf und verließ das Zimmer.

 

Kapitel 8

 

8

 

Der Mann, der sein Vermögen verspielte

 

Am Samstagabend ist der Martaus-Klub stets von den elegantesten Leuten besucht, die das Wochenende in der Stadt verbringen. Es gibt dort schöne Tischlampen, deren helles Licht durch farbige Seidenschirme abgedämpft ist, blütenweißes Tischzeug, blitzendes Silber, schöne Gläser und exotische Blumen. Die einzelnen Tische stehen an den Wänden, so daß in der Mitte ein freier Platz bleibt, in dessen glattem Parkettboden sich die Kronleuchter spiegeln.

 

Junge und alte Leute können sich im Martaus-Klub sehr wohl fühlen – wenn sie das nötige Geld dazu haben. Aber es ist nicht die Höhe der Rechnungen, die der Oberkellner Louis ausschreibt, noch sind es die Preise für den Wein oder das ausgezeichnete Stachelbeerkompott, die jemand ruinieren können.

 

Mr. John Eder konnte mit Leichtigkeit die Rechnung bezahlen für alles, was er bei Martaus aß. und trank oder rauchte. Und der Klub war wirklich ebenso unschuldig wie amüsant. Niemals wurden in den Räumen Kartenspiele geduldet. Der Oberkellner Louis kannte jedes Gesicht und auch die Geschichte jedes einzelnen Gastes. Mit größter Genauigkeit konnte er angeben, wie hoch die Bankguthaben der Gäste waren, die hier verkehrten.

 

Mr. John Eder kannte er noch nicht, er war das neueste Mitglied, aber er schätzte ihn vorsichtig und sachkundig ein.

 

John Eder hatte mit einer fremden Dame getanzt, was bei Martaus nicht üblich war. Es galt dort als Regel, daß man seine eigene Tanzpartnerin mitbrachte.

 

Aber an dem Abend war Mr. Welby dort. John kannte ihn oberflächlich, obwohl er ihn jahrelang nicht gesehen hatte. Mr. Welby war ein Muster von Eleganz und offenbar eine bedeutende Persönlichkeit. Als er durch den Saal auf ihn zuschritt, fühlte sich John ihm gegenüber wie ein armer Verwandter aus der Provinz. John war acht Jahre in Südafrika gewesen und kam sich jetzt etwas fremd in dem großstädtischen Leben und Treiben vor. Aber Mr. Welby war liebenswürdig und freundlich und bestand darauf, ihm Maggie Vane vorzustellen, eine hübsche junge Dame in prachtvollem Abendkleid. Sie trug reichen Schmuck – ihre Perlenkette kostete allein zwanzigtausend Pfund. Ihre Erscheinung raubte John den Atem, und als sie vorschlug, noch zu Bingley zu gehen, dachte er nicht im Traum daran, zu widersprechen.

 

Sie gingen durch die Vorhalle, wo sich der Oberkellner Louis zu schaffen machte. Mit einer kleinen Entschuldigung trat er an John heran und bürstete ein Stäubchen von dem Kragen seines tadellos sitzenden Fracks. Dabei flüsterte er ihm mit leiser Stimme etwas zu, so daß es seine Begleiter nicht hören konnten.

 

»Gehen Sie nicht zu Bingley.«

 

John sah ihn verwundert an, denn das Benehmen des Mannes erschien ihm ungehörig.

 

Bis sechs Uhr morgens blieb er bei Bingley und ließ dort Schecks zurück in einer Höhe, die seine gesamten aus Afrika zurückgebrachten Ersparnisse ausmachten, ja noch etwas mehr. Er war nach England zurückgekommen und hatte von einem kleinen Gut auf dem Land geträumt, wo er etwas angeln und auf die Jagd gehen konnte. Auch ein Buch über die Jagd auf Hochwild in Afrika hatte er schreiben wollen. Und alle diese Träume waren zu Ende, als der Croupier mit einem faden Lächeln auf den Lippen mechanisch die Karte umwandte:

 

»Le Rouge gagnant et couleur!«

 

Er hatte nicht geahnt, daß Bingley eine Spielhölle war. Zu Anfang hatte das Lokal auch nicht diesen Eindruck gemacht. Erst als ihn dieses schöne Mädchen in die inneren Räume führte, wurde er nervös, denn er sah, daß hier trente et quarante mit hohen Einsätzen gespielt wurde. Er saß an ihrer Seite am Spieltisch, setzte in bescheidenen Grenzen und gewann. Das dauerte an, bis er waghalsiger wurde und seine Einsätze erhöhte.

 

Man war sehr entgegenkommend bei Bingley. Als er kein Geld mehr zu verspielen hatte, nahm man seine Schecks an, ja man hatte sogar Formulare vorrätig, die er nur auszufüllen brauchte.

 

John Eder kam zu seiner Wohnung in der Jermyn Street zurück, die unmittelbar über Georges und Leons Zimmer lag, und schrieb einen Brief an seinen Bruder nach Indien …

 

Manfred hörte den Schuß und wachte auf. Er kam im Pyjama in das Wohnzimmer und fand Leon bereits dort, der zur Decke emporstarrte.

 

Manfred eilte auf das Treppenpodest hinaus und fand dort den Eigentümer der Pension, nur mit Hemd und Hose bekleidet. Auch er hatte den Schuß in seiner unteren Wohnung gehört.

 

»Ich dachte zuerst, es wäre bei Ihnen gewesen«, sagte er. »Dann müssen wir bei Mr. Eder nachsehen.«

 

Als sie zusammen die Treppe emporstiegen, erzählte er, daß Mr. Eder erst vor kurzer Zeit wieder nach England zurückgekommen sei.

 

Die Tür war verschlossen, aber der Hausherr hatte einen Schlüssel, mit dem er öffnen konnte. Im Wohnzimmer brannte das Licht noch, und ein Blick sagte Manfred alles, was vorgefallen war. Eine zusammengesunkene Gestalt lag quer über dem Tisch, das Blut tropfte aus einer Wunde in der Brust auf den Fußboden, wo es sich in einer großen Lache angesammelt hatte. Gonsalez untersuchte ihn sofort.

 

»Er ist nicht tot«, sagte er, »und ich glaube auch nicht, daß die Kugel ein wichtiges Organ getroffen hat.«

 

Der Mann hatte sich in die Brust geschossen, aber aus der Richtung des Schußkanals sah Gonsalez, daß die Verwundung nicht lebensgefährlich war. Er verband ihn in aller Eile, so gut es ging, und sie legten ihn vorsichtig auf das Sofa. Als diese ersten notwendigen Handreichungen geschehen waren, schaute sich Gonsalez um und entdeckte den Brief, der alles erklärte.

 

»Mr. Pinner«, wandte er sich an den Hauswirt, »es liegt doch sicher in Ihrem Interesse, daß von dieser Sache nichts bekannt wird? Sie hätten nur Unannehmlichkeiten davon, wenn herauskäme, daß jemand in Ihrer Pension Selbstmord verüben wollte.«

 

»Das ist das Schlimmste, was mir passieren könnte.«

 

»Dann werde ich diesen Brief in Verwahrung nehmen. Rufen Sie jetzt das Hospital an und sagen Sie, daß ein Unglücksfall vorliegt. Erwähnen Sie nichts von einem beabsichtigten Selbstmord. Erzählen Sie nur, daß der Herr vor kurzer Zeit aus Südafrika zurückkam und daß sich seine Pistole beim Auspacken durch eine Fahrlässigkeit entlud.«

 

Mr. Pinner nickte und verließ schnell den Raum.

 

Gonsalez ging zum Sofa, wo Eder lag. In diesem Augenblick schlug der junge Mann die Augen auf und schaute erregt von Manfred zu Gonsalez.

 

»Mein lieber Freund«, sagte Leon sanft, als er sich über den Verwundeten beugte, »es ist Ihnen ein Unglück passiert – verstehen Sie mich? Ihre Wunde ist nicht lebensgefährlich. Gleich wird der Krankenwagen kommen, um Sie abzuholen. Beruhigen Sie sich, ich werde Sie jeden Tag im Hospital besuchen.«

 

»Wer sind Sie denn?« fragte Mr. Eder mit leiser Stimme.

 

»Ich bin Ihr Nachbar«, erwiderte Leon lächelnd.

 

»Aber der Brief!« stieß Mr. Eder atemlos hervor.

 

Leon legte ihm begütigend die Hand auf die Stirn.

 

»Den habe ich in meiner Tasche. Sie bekommen ihn zurück, wenn Sie wieder gesund sind. Sie haben also verstanden, daß Ihnen ein Unglück passiert ist?«

 

John Eder nickte.

 

Eine Viertelstunde später fuhr der Krankenwagen vor, und Mr. Eder wurde fortgebracht.

 

Als die beiden Freunde wieder in ihrer eigenen Wohnung waren, öffnete Leon in aller Seelenruhe den Brief und las ihn.

 

»Nun?« fragte Manfred.

 

»Unser junger Freund kam von Südafrika mit siebentausend Pfund zurück, die er sich in acht Jahren durch harte Arbeit erspart hat. Die ganze Summe verlor er in weniger als acht Stunden in einer Spielhölle, die er nicht näher bezeichnet. Er ist nicht nur um seine ganzen Ersparnisse gekommen, sondern hat anscheinend noch Schecks geschrieben, um größere Spielschulden zu decken.«

 

Leon strich sein Kinn.

 

»Wir müssen in seinem Zimmer noch genauer Umschau halten. Hoffentlich hat Mr. Pinner nichts dagegen.«

 

Der Hauswirt war sehr zuvorkommend und gestattete gern, daß Leon die Wohnung Mr. Eders durchsuchte, bevor die Polizei auf der Bildfläche erschien. Leon fand denn auch bald das Scheckbuch, das in der inneren Brusttasche von Mr. Eders Frack steckte, und nahm es mit sich nach unten.

 

»Er hat keinen Namen auf die Scheckabschnitte geschrieben«, sagte er enttäuscht. »Es steht immer nur ›bar‹ darauf. Natürlich hat er alles derselben Person übergeben. Er hat ein Konto bei der Third National Bank of South Africa. Die Londoner Niederlassung dieser Bank ist in der Throgmorton Street.«

 

Er notierte sorgfältig die Nummern aller Schecks – es waren im ganzen zehn.

 

»Zuerst müssen wir ein Telegramm an die Bank schicken, um die Auszahlung dieser Schecks zu verhindern. Natürlich kann er verklagt werden, aber Spielschulden brauchen nach dem Gesetz nicht bezahlt zu werden. Und bevor man ihn wegen der Nichteinlösung der Schecks belangt, kann sich noch manches ereignen. Auf jeden Fall gewinnen wir dadurch Zeit.«

 

Am nächsten Nachmittag ereignete sich denn auch schon etwas. Leon hatte strikte Anweisung gegeben, daß jeder, der nach Mr. Eder fragte, an ihn gewiesen würde. Um drei Uhr erschien ein tadellos gekleideter junger. Mann an der Tür.

 

»Ist dies die Wohnung von Mr. Eder?«

 

»Nein, das gerade nicht«, entgegnete Gonsalez. »Hier wohne ich mit meinem Freund, aber wir sind bevollmächtigt, Mr. Eder zu vertreten.«

 

Der Besucher runzelte argwöhnisch die Stirn.

 

»Sie haben Vollmacht? Nun gut, dann können Sie mir ja einige Auskünfte geben. Warum sind denn die Schecks bei der Bank gesperrt worden? Mein Chef ist heute morgen zur Bank gegangen, um die Beträge abzuheben, und die Bank weigerte sich, sie auszuzahlen. Weiß Mr. Eder hierüber Bescheid?«

 

»Wer ist denn Ihr Chef?« fragte Leon liebenswürdig.

 

»Mr. Mortimer Birn.«

 

»Und seine Adresse?«

 

Der junge Mann nannte sie. Mr. Mortimer Birn besaß offensichtlich ein Inkassobüro und zog für eine Reihe von Leuten die Schecks ein, die sie nicht durch ihre Banken gehen lassen wollten. Der junge Mann behauptete mit Nachdruck, daß die Schecks das Eigentum mehrerer Personen seien.

 

»Ein sonderbarer Zufall, daß alle zehn Schecks an Mr. Birn gelangt sind«, meinte Leon lächelnd.

 

»Ich möchte lieber Mr. Eder persönlich sprechen«, sagte der Angestellte Mr. Birns unliebenswürdig.

 

»Sie können ihn nicht persönlich sprechen, er hat einen Unglücksfall gehabt. Aber ich werde Ihren Mr. Birn aufsuchen.«

 

Das kleine Büro Mr. Birns lag in der Glasshouse Street. Die Art des Geschäftes war weder unten am Eingang noch oben an der Bürotür näher angegeben. Aber Leon Gonsalez sah sofort, als er eintrat, daß er es mit einem Geldverleiher zu tun hatte.

 

In dem äußeren Raum befand sich niemand. Es war hier gerade Platz genug für einen kleinen Tisch und einen Stuhl. In Kopfhöhe war eine hölzerne Trennungswand eingezogen, um den wenig beneidenswerten Mann, der in diesem Raum arbeiten mußte; vor Zug und unmittelbarer Sicht zu schützen. Aus diesem kleinen Zimmer führte eine Tür in das Privatbüro Mr. Birns.

 

Leon lauschte, denn er hörte Stimmen.

 

»… hierherkommen, ohne telefonische Anmeldung, was? Sie kommt immer morgens, habe ich Ihnen das nicht schon hundertmal gesagt?« brüllte jemand.

 

»Sie kennt mich nicht«, sagte ein anderer unwirsch.

 

»Sie braucht nur Ihr Haar zu sehen …«

 

In diesem Augenblick kam der junge Mann durch die Tür, dem Leon in der Jermyn Street aufgemacht hatte. Eine Sekunde lang sah Gonsalez zwei Herren in dem anderen Zimmer. Der eine war klein und untersetzt, der andere schlank und rothaarig. Der Angestellte machte sofort kehrt, und die laute Unterhaltung hörte plötzlich auf. Als Gonsalez in das Büro gebeten wurde, war nur der Geschäftsinhaber sichtbar.

 

Birn war der untersetzte, kahlköpfige Mann. Er war sehr liebenswürdig und erzählte Leon dieselbe Geschichte, die ihm der junge Mann vorgetragen hatte.

 

»Was wird nun Mr. Eder wegen dieser Schecks unternehmen?« fragte er schließlich.

 

»Ich glaube nicht, daß er sie einlösen wird«, entgegnete Leon höflich. »Sie wissen ja, daß es Spielschulden sind.«

 

»Es sind aber doch Schecks«, unterbrach ihn nun Mr. Birn. »Und ein Scheck ist ein Scheck, ob er nun für Spielschulden oder für einen Sack Kartoffeln in Zahlung gegeben wird.«

 

»Ist denn das auch nach dem Gesetz so? Und wenn es so ist – sind Sie doch so liebenswürdig und schreiben mir einen Brief dieses Inhalts. In dem Fall wird der Bezahlung nichts mehr im Weg stehen.«

 

»Ja, das will ich tun. Wenn Sie es wünschen, kann ich den Brief gleich schreiben.«

 

»Bitte.«

 

Aber Mr. Birn schrieb den Brief nicht.

 

Statt dessen sprach er von seinen Rechtsanwälten und beklagte sich heftig über die Charakterlosigkeit der jungen Leute, die nicht einmal mehr Ehrenschulden einlösen wollten. (Warum er sich damit zufriedengab, daß die Schecks Spielschulden deckten, erklärte er nicht genauer.) Schließlich beendete er die Unterredung etwas plötzlich. Leon hatte inzwischen darüber nachgedacht, wer wohl der dritte Mann gewesen sein mochte, den er vorher durch die Tür gesehen hatte. Vermutlich hatte er den Raum durch eine der drei Türen des kleinen Büros verlassen.

 

Leon ging die enge Treppe hinunter und trat auf die Straße. Als er auf dem Gehsteig stand, fuhr ein kleiner Wagen vor, aus dem eine junge Dame stieg. Sie sah ihn nicht an, sondern ging an ihm vorbei und stieg die Treppe empor. Sie war allein und hatte das luxuriöse Auto selbst gelenkt. Gonsalez interessierte sich für sie und wartete ungefähr zwanzig Minuten, bis sie wieder herauskam. Sie schien in gedrückter Stimmung zu sein.

 

Leon wurde neugierig und machte sich sofort auf den Weg zu dem Hospital, in dem Mr. Eder lag. Der junge Mann hatte sich schon so weit erholt, daß er sich mit Leon unterhalten konnte.

 

Schon seine ersten Worte verrieten seine Furcht und Bestürzung.

 

»Sagen Sie mir doch, was Sie mit dem Brief gemacht haben? Ich war so töricht –«

 

»Er ist vernichtet«, erwiderte Leon wahrheitsgetreu. »Nun müssen Sie mir aber verschiedenes erzählen, junger Freund. Wo war die Spielhölle, in der Sie Ihr Geld verloren haben?«

 

Es dauerte lange, bis er Mr. Eder überzeugt hatte, daß er keinen Vertrauensbruch damit beging, wenn er ihm die ganze Geschichte von Anfang bis zu Ende erzählte.

 

»Es war also eine Dame, die Sie dorthin gebracht hat«, sagte Leon nachdenklich.

 

»Sie war aber nicht daran beteiligt«, erwiderte John Eder schnell. »Sie war nur ein Besucher wie ich auch, und sie sagte mir, daß sie fünfhundert Pfund verloren hätte.«

 

»Selbstverständlich«, entgegnete Leon begütigend. »Ist sie blond? Hat sie tiefblaue Augen und fährt sie ihr eigenes Auto?«

 

Der junge Mann sah ihn erstaunt an.

 

»Ja, sie hat mich in ihrem Wagen hingebracht. Auch ist sie blond und hat blaue Augen. Sie ist wirklich eine der schönsten Frauen, die ich jemals gesehen habe. Sie brauchen sich ihretwegen keine Sorgen zu machen. Sie ist ein Opfer wie ich und ebenso betrogen worden, wenn überhaupt ein Betrug vorliegt.«

 

»Die Adresse war also Paul Street Nr. 196, Mayfair?«

 

»Die Straße stimmt sicher, hoffentlich auch die Nummer. Aber Sie werden doch nichts gegen die Leute unternehmen? Es war doch mein eigener Fehler. Sind Sie nicht einer der beiden Herren, die unter mir wohnen?«

 

Leon nickte.

 

»Vermutlich sind die Schecks bei der Bank präsentiert und nicht alle bezahlt worden.«

 

»Sie sind noch nicht vorgezeigt – oder jedenfalls noch nicht ausbezahlt worden, will ich lieber sagen. Und wenn Sie sich wirklich erschossen hätten, mein junger Freund, dann wären sie überhaupt nicht ausgezahlt worden, weil dann Ihre Bank verpflichtet gewesen wäre, automatisch alle Zahlungen aus Ihrem Konto einzustellen.«

 

Manfred mußte an diesem Abend allein speisen, denn Leon war von seinem Besuch noch nicht zurückgekehrt. Erst um acht Uhr brachte ein Bote einen Brief, in dem Leon bat, dem Überbringer seinen Gesellschaftsanzug und mehrere andere Gegenstände zu übergeben.

 

Manfred war zu sehr an Leons Art gewöhnt, um erstaunt zu sein. Er packte einen kleinen Handkoffer und händigte ihn dem Boten ein. Er selbst verbrachte den Abend mit Briefschreiben.

 

Um halb drei hörte er auf der Straße eine Schlägerei, und gleich darauf kam Leon herein. Er war gelassen und ruhig, obgleich er kurz vorher einen Zusammenstoß mit einem jungen Menschen gehabt hatte, der ihm vor dem Haus aufgelauert hatte.

 

Manfred sah, daß er nicht in Gesellschaftskleidung war, sondern den Anzug trug, in dem er am Morgen die Wohnung verlassen hatte.

 

»Hast du den Koffer bekommen?«

 

»Ja, es ist alles in Ordnung.«

 

Leon zog einen kurzen Stock aus Rhinozeroshaut aus der Tasche. Es war eine dieser gefürchteten Waffen, die man in Südafrika »sjambok« nennt, ungefähr eineinhalb Fuß lang. Manfred hatte sie ihm auf seine Bitte am Nachmittag mit den anderen Sachen geschickt. Er besah sich den Schläger im Licht.

 

»Es ist gut, ich habe ihm die Haut nicht aufgeschlagen. Ich war schon in Sorge.«

 

»Wer war es denn?«

 

Leon drehte das Licht aus, bevor er antwortete, zog die Gardinen zurück, öffnete das Fenster und schaute hinaus. Dann trat er wieder vom Fenster zurück, ließ die Vorhänge übereinanderfallen und schaltete das Licht wieder ein.

 

»Er ist fortgegangen, aber es wird wohl nicht das letzte Mal sein, daß wir von der Bande belästigt werden.«

 

Er trank ein Glas Wasser, setzte sich an den Tisch und lachte.

 

»Du weißt doch, daß Mr. Fare von Scotland Yard, der uns ab und zu besucht, unser Freund ist?«

 

»Ja, natürlich«, entgegnete Manfred lächelnd. »Warum sagst du das – hast du ihn getroffen?«

 

»Nein, andere Leute haben ihn gesehen und geglaubt, daß ich mit der Polizei in Verbindung stehe. Ich hatte Gelegenheit, Mr. Bingley aufzusuchen, und er und seine Spießgesellen sind davon überzeugt, daß ich ein Spitzel oder, mit anderen Worten, ein Detektiv bin. Man nimmt allgemein in diesen Kreisen an, daß ich von der Polizei beauftragt bin, Spielhöllen zu beobachten. Daher auch die Aufmerksamkeit, mit der man mir nachspürt. Auf meinem Rückweg nach der Jermyn Street hatte ich glücklicherweise vergessen, dem Chauffeur die Nummer zu sagen, und er fuhr an den Leuten vorbei, die auf mich warteten, bevor ich ihn anhalten konnte.«

 

Er erzählte Manfred von seinem Besuch im Hospital und von der Unterredung mit Mr. Birn.

 

»Birn und Bingley sind natürlich identisch. Er ist der Besitzer von drei, vielleicht sogar noch mehr Spielhöllen in London. Auf alle Fälle steht er mit seinem Geld hinter diesen Unternehmungen. Ich glaube nicht, daß er sich persönlich in einem dieser Lokale sehen läßt. Das Haus in Mayfair war selbstverständlich heute abend geschlossen, und ich habe mir auch keine Mühe gegeben, es aufzusuchen. Sie waren sehr besorgt, daß Mr. Eder die Polizei benachrichtigen könnte. Aber wie soll ich dir das elegante und schöne Haus in der Bayswater Road beschreiben, wo sich eine Menge reicher und eleganter Leute Abend für Abend versammeln und ihr Glück beim Bakkarat versuchen?«

 

»Wie bist du denn dahin gekommen?«

 

»Man hat mich mitgenommen. Ich speiste im Martaus-Klub zu Abend, erkannte Mr. Welby nach der Beschreibung sofort wieder und begrüßte ihn als einen alten Freund. Er ließ sich wirklich täuschen und glaubte, daß er mich schon früher getroffen hätte, bevor ich nach Argentinien ging, wo ich ein Vermögen erwarb. Natürlich setzte er sich an meinen Tisch und trank einige Liköre mit mir, dann stellte er mich einer sehr schönen jungen Dame vor, die ein ungewöhnlich luxuriöses Auto fährt.«

 

»Du bist nicht erkannt worden?«

 

Leon schüttelte den Kopf.

 

»Der Schnurrbart, den ich mir diesen Abend zugelegt habe, war zu geschickt angebracht«, sagte Leon stolz. »Ich habe mir auch viel Mühe gegeben und jedes Haar einzeln angesetzt. Mehr als zwei Stunden habe ich mit dieser Arbeit zugebracht. Auch du hättest mich wahrscheinlich nicht gleich wiedererkannt. Ich habe mit der schönen Miss Margaret getanzt und –« er zögerte.

 

»Du hast auch mit ihr geflirtet!«

 

Leon zuckte die Schultern.

 

»Mein lieber Manfred, es war notwendig«, erwiderte er feierlich. »Es war ein glücklicher Zufall, daß sich ein Diamantring in meiner Tasche befand, den ich von Südafrika mitgenommen hatte – in Wirklichkeit kaufte ich ihn heute nachmittag in der Regent Street für hundertzwanzig Pfund. Es war wirklich großartig, wie ihr der Ring paßte. Sie war vorher nicht gerade in der besten Stimmung, aber durch dieses geschickte Geschenk erhielt ich dann Zutritt zu der Spielhölle in der Bayswater Road. Sie brachte mich selbst in ihrem Auto dorthin. Und ich muß sagen, daß mein Besuch nicht ohne Gewinn war«, meinte er bescheiden und zog ein dickes Paket Banknoten aus der Tasche.

 

Manfred lachte leise.

 

Leon war der geschickteste Kartenkünstler Europas. Mit seinen langen, feinen Fingern könnte er mit der unglaublichsten Schnelligkeit Karten mischen. Seine Begabung hätte ihm ein Vermögen eingebracht, wenn er ein berufsmäßiger Falschspieler geworden wäre.

 

»Es wurde Bakkarat gespielt, und ein äußerst intelligenter Croupier holte die Karten aus einem kleinen Kasten hervor«, erklärte Leon. »Die benutzten Karten wurden in eine Schale geworfen. Der Stoß in dem Kasten war natürlich so sorgfältig gemischt, daß der Croupier die Reihenfolge genau kannte. Es war verhältnismäßig leicht, ein Dutzend Karten aus der Schale zu nehmen, aus dem Zimmer zu gehen und sie so zu ordnen, daß sie abwechselnd günstig und ungünstig für die Bank waren. Aber sie nun auf die Karten hinaufzupraktizieren, die der Croupier verteilte, das war ein Meisterstück, mein lieber George!«

 

Leon erzählte nicht, daß er die Aufmerksamkeit des Croupiers, der nur selten die Hand von den Karten nahm, und der ganzen Gesellschaft für einen Augenblick abgelenkt hatte, um dieses Kunststück auszuführen. Daß sein Vorhaben geglückt war, bewies das Paket Banknoten, das vor ihm auf dem Tisch lag.

 

Er legte seinen Rock ab und zog seine alte Samtjacke an. Dann ging er im Zimmer auf und ab und steckte die Hände in die Taschen.

 

»Margaret Vane«, sagte er leise. »Sie ist eine der wunderbarsten Frauen, die jemals gelebt haben, George. Schön, begabt – und doch, wenn sie wirklich das ist, als was sie heute abend auftrat, dann ist sie das verabscheuungswürdigste, gemeinste Wesen, das …«

 

Er schüttelte traurig den Kopf.

 

»Spielt sie eine führende Rolle oder ist sie auch nur eine von den Betrogenen?«

 

Leon antwortete nicht gleich.

 

»Ich weiß es selbst nicht«, sagte er dann langsam. Er erzählte von seinem Erlebnis in dem Büro Mr. Birns, von dem Mann mit den roten Haaren und dem Streit der beiden.

 

»Ich zweifle keinen Augenblick, daß die Dame, von der er sprach, Margaret Vane war. Aber das allein würde meinen Glauben an ihre Schuld nicht erschüttert haben. Nachdem ich die Spielhölle in der Bayswater Road verließ, wollte ich erfahren, wo sie wohnte. Sie hatte alle Fragen darüber so schlau und geschickt umgangen, daß ich argwöhnisch wurde. Ich nahm ein Auto und wartete, bis sie herauskam. Als sie dann wegfuhr, folgte ich ihr. Sie hielt vor dem Haus Mr. Birns am Fitzroy Square. Dort wartete ein Mann auf sie, der ihren Wagen in Empfang nahm. Miss Vane ging direkt in das Haus und schloß die Tür selbst auf. Ich folgerte daraus, daß Mr. Birn und sie viel enger befreundet sind, als ich vorher dachte.

 

Ich entschloß mich, zu warten, und ließ den Wagen auf der anderen Seite des Platzes halten. Etwa eine Viertelstunde später kam sie wieder heraus, und zu meiner größten Überraschung hatte sie sich umgezogen. Ich bezahlte den Wagen und folgte ihr zu Fuß. Sie wohnt in der Gower Street.«

 

»Das ist wirklich sehr merkwürdig«, gab Manfred zu. »Da scheint irgend etwas nicht zu stimmen.«

 

»Das glaube ich auch. Ich werde morgen zur Gower Street gehen.«

 

Gonsalez brauchte nur wenig Schlaf. Am nächsten Morgen um zehn Uhr war er schon unterwegs.

 

Er brachte Manfred einen interessanten Bericht.

 

»Ihr wirklicher Name ist Elsie Chaucer, und sie wohnt mit ihrem Vater zusammen, der an beiden Beinen gelähmt ist. Sie haben eine kleine Wohnung, ein Dienstmädchen und eine Krankenschwester, die den Vater pflegt. Man weiß nicht viel von ihnen in der Nachbarschaft. Ich konnte nur so viel herausbekommen, daß es ihnen früher sehr gut ging. Der Vater beschäftigt sich den ganzen Tag mit Karten, er will ein neues System ausfindig machen. Das erklärt wahrscheinlich auch ihre Anmut. Sie empfangen niemals Besuch. Die Hausbesitzerin nimmt an, daß das junge Mädchen eine Schauspielerin ist. Es ist alles recht sonderbar«, sagte Leon nachdenklich. »Die Lösung finden wir natürlich bei Birn.«

 

»Wir werden die Sache schon aufklären, Leon.«

 

»Das denke ich auch. Seine Wohnung bietet keine unüberwindlichen Schwierigkeiten.«

 

*

 

Mr. Birn war am Abend fast immer zu Hause. Er saß tief vergraben in einem weichen Sessel, rauchte eine lange, teure Zigarre und las die »London Gazette«.

 

Um Mitternacht kam seine Haushälterin, eine ältere Französin, ins Zimmer. Sie führte seinen Haushalt schon lange und hatte sich ihm durch ihre Verschwiegenheit unentbehrlich gemacht.

 

»Alles in Ordnung?« fragte Mr. Birn gleichgültig.

 

»Monsieur, ich wünschte, Sie würden einmal mit Charles sprechen.«

 

Charles war der Chauffeur Mr. Birns, und zwischen ihm und der Haushälterin bestand eine dauernde Fehde.

 

»Was hat er denn wieder angestellt?« Mr. Birn runzelte die Stirn.

 

»Jeden Abend kommt er in die Küche und erhält dort sein Abendessen. Er ist angewiesen, die Tür zu schließen, wenn er fortgeht. Aber als ich um elf Uhr die Tür verriegeln wollte, stand sie offen. Wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, wäre sie offengeblieben, und man hätte uns vielleicht heute nacht umgebracht.«

 

»Ich werde morgen früh mit ihm sprechen«, brummte Mr. Birn. »Haben Sie die Tür zu Mademoiselles Zimmer aufgelassen?«

 

»Jawohl, der Schlüssel steckt.«

 

»Gute Nacht«.« Mr. Birn wandte sich wieder der Lektüre seiner Zeitung zu.

 

Um halb drei wurde die Haustür leise geöffnet, und Mr. Birn hörte leichte Schritte in der Eingangshalle. Er schaute auf die Uhr, steckte sich eine neue Zigarette an, erhob sich und ging mit steifen Schritten zu dem Geldschrank, der in die Wand eingelassen war. Er schloß ihn auf und nahm eine leere Stahlkassette heraus. Diese stellte er auf den Tisch, öffnete sie und setzte sich dann wieder in seinen Stuhl.

 

Gleich darauf klopfte es leicht.

 

»Kommen Sie herein«, sagte Mr. Birn.

 

Die junge Dame, die abwechselnd Vane und Chaucer hieß, trat in das Zimmer. Sie war sehr geschmackvoll gekleidet. In mancher Beziehung hob das schlichte Kostüm ihre ungewöhnliche Schönheit noch mehr. Mr. Birn betrachtete sie mit Genugtuung.

 

»Nehmen Sie Platz, Miss Chaucer.« Er streckte seine Hand nach dem kleinen Leinenbeutel aus, den sie in der Hand trug, öffnete ihn und nahm eine Perlenkette heraus. Er ließ sie durch die Finger gleiten und prüfte sie dann sehr genau.

 

»Ich habe kein Stück davon gestohlen«, sagte sie verächtlich.

 

»Das ist sehr leicht möglich, aber es sind schon die merkwürdigsten Dinge vorgekommen.«

 

Dann nahm er die Diamantnadel, die Ringe mit den großen Brillanten und die Smaragdarmbänder in die Hand und betrachtete alles genau und eingehend, bevor sie in den Beutel zurückwanderten, den er in die Stahlkassette legte.

 

Er sprach nicht, bis er den Kasten wieder in den Safe zurückgestellt hatte. »Nun, wie ist es heute gegangen?«

 

Sie zuckte die Schultern.

 

»Ich interessiere mich nicht für Glücksspiele«, sagte sie kurz.

 

Mr. Birn lachte.

 

»Sie sind wirklich töricht«, erwiderte er ganz offen.

 

»Ich wünschte, man könnte mir nicht mehr vorwerfen«, entgegnete Elsie Chaucer bitter. »Sie brauchen mich doch nicht mehr, Mr. Birn?«

 

»Setzen Sie sich doch«, befahl er. »Wem haben Sie heute abend Gesellschaft geleistet?«

 

Sie zögerte einen Augenblick.

 

»Dem Herrn, den Mr. Welby mir gestern abend vorstellte.«

 

»Ach so, dem Südamerikaner?« Mr. Birn machte ein langes Gesicht. »Von dem haben wir nicht viel Nutzen, das wissen Sie doch? Fast viertausend Pfund haben wir an ihn verloren!«

 

»Abzüglich des Diamantrings.«

 

»Sie meinen den Ring, den er Ihnen geschenkt hat? Nun ja, der ist vielleicht hundert Pfund wert, und ich will froh sein, wenn ich sechzig dafür bekomme«, sagte Mr. Birn achselzuckend. »Sie können ihn übrigens behalten, wenn Sie wollen.«

 

»Nein, danke«, erwiderte sie ruhig. »Ich brauche solche Geschenke nicht.«

 

»Kommen Sie einmal her«, sagte Mr. Birn plötzlich.

 

Widerstrebend erhob sie sich, ging um den Tisch herum und stand nun vor ihm.

 

Er stand auf und nahm ihre Hand in die seine.

 

»Elsie, ich habe Sie wirklich gern und bin immer Ihr guter Freund gewesen, wie Sie wissen. Wenn Sie mich nicht gehabt hätten, was wäre dann aus Ihrem Vater geworden? Man hätte ihn an den Galgen gehängt! Das wäre doch schrecklich gewesen, was?«

 

Sie antwortete nicht und löste nur behutsam ihre Hand aus der seinen.

 

»Sie hätten es wirklich nicht nötig, diese Schmuckstücke und diese schönen Kleider jeden Abend auszuziehen, wenn Sie vernünftig wären«, fuhr er fort, »und –«

 

»Glücklicherweise bin ich vernünftig, wenn Sie darunter einen klaren Verstand verstehen. Und jetzt möchte ich gehen, wenn Sie nichts dagegen haben, Mr. Birn. Ich bin sehr müde.«

 

Er ging wieder zu dem Geldschrank, schloß ihn umständlich auf und nahm ein längliches Paket heraus, das in braunes Papier eingeschlagen, sorgsam verschnürt und versiegelt war.

 

»Das ist eine Brillantenhalskette – sie ist achttausend Pfund wert. Ich werde sie morgen in meinem Safe auf der Bank deponieren – das heißt, wenn Sie –«

 

»Was meinen Sie?« fragte Elsie Chaucer ruhig.

 

»Wenn Sie die Kette gern haben wollen, trage ich sie nicht auf die Bank, sondern schenke sie Ihnen. Ich habe nun einmal eine Schwäche für schöne Frauen.«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ist es Ihnen noch nie aufgefallen, Mr. Birn, daß ich schon viele Halsketten hätte haben können, wenn ich gewollt hätte? Nein, ich danke Ihnen. Ich sehne mich nach dem Ende meines Dienstverhältnisses.«

 

»Und wenn ich Sie nun nicht freilasse?« sagte Mr. Birn ärgerlich, als er das Paket wieder in den Geldschrank zurücklegte und die Tür sorgfältig abschloß. »Nehmen Sie einmal an, ich brauchte Sie noch für weitere drei Jahre? Was meinen Sie denn dazu? Die Tat Ihres Vaters ist in keiner Weise verjährt, er kann jeden Augenblick verhaftet werden. Kein Mensch darf einen anderen umbringen, selbst wenn der andere ein einfacher Croupier ist. In England steht noch immer der Strang darauf.«

 

»Ich habe für den Fehltritt meines Vaters schwer genug bezahlt«, erwiderte sie leise. »Sie wissen ja gar nicht, wie ich dieses Leben hasse, Mr. Birn. Ich fühle mich elender als die verkommenste Frau auf der Welt. Ich muß mein Leben damit zubringen, Männer ihrem Ruin entgegenzulocken! Ich wünschte bei Gott, ich hätte niemals diesen Vertrag mit Ihnen gemacht. Manchmal ist mir schon der Gedanke gekommen, meinem Vater offen zu sagen, wieviel ich für seine Sicherheit zahlen muß, und ihn dann entscheiden zu lassen, ob mein Opfer das wert ist.«

 

Mr. Birn sah sie betroffen an.

 

»Sie werden keinen solchen Unsinn machen«, sagte er dann scharf. »Ich habe doch eben nur gescherzt, als ich davon sprach, daß Sie mir noch länger helfen sollten. Nun gehen Sie aber besser nach Hause, meine Liebe, und legen sich schlafen.«

 

Er begleitete sie die Treppe hinunter bis zur Haustür und schaute ihr noch nach, bis sie in der dunklen Straße verschwand. Dann schloß er die Tür fest zu und ging in sein Zimmer zurück. Er trank das halbe Glas Whisky, das er auf dem Tisch hatte stehen lassen, auf einen Zug aus, aber sein Gesicht verzog sich dabei.

 

»Das Zeug schmeckt aber sonderbar«, sagte er, ging zwei Schritte auf die Tür zu und fiel plötzlich bewußtlos nieder.

 

Während Mr. Birn Elsie Chaucer begleitet hatte, war ein Fremder in das Zimmer geschlüpft. Er trat jetzt hinter den Fenstervorhängen hervor, neigte sich über den Mann und öffnete ihm den Kragen. Dann ging er leise in den schwach erleuchteten Gang und winkte jemand. Manfred kam geräuschlos herein – er trug Gummiüberschuhe.

 

Er blickte auf Mr. Birn und dann auf die Überreste in dem Whiskyglas. »Du hast ihm wohl Buthylchlorid gegeben?«

 

»Ganz recht«, bestätigte Leon sachlich, »den ›Knockout-Tropfen‹, der in Verbrecherkreisen so beliebt ist.«

 

Er durchsuchte die Taschen Mr. Birns, nahm den Schlüsselbund heraus, öffnete den Safe und trug das versiegelte Paket zum Tisch. Dann sah er nachdenklich auf den Bewußtlosen.

 

»Er wird nur fünf Minuten unter der vollen Wirkung des Schlafmittels stehen, aber ich denke, das genügt!«

 

»Hast du dir eigentlich überlegt, welche Folgen derartige Dämmerzustände unter dem Einfluß von Buthyl haben können?« fragte Manfred. »Ich habe dich beobachtet, wie du das Hyocin mit Morphium gemischt hast, bevor wir fortgingen.«

 

»Ich habe die Quantitäten nicht genau gemischt«, erwiderte Gonsalez sorglos. »Und wenn er tatsächlich abkratzte, würde ich nicht darum weinen. Du mußt ihm nach einer halben Stunde noch eine Spritze geben, George, dann werde ich wieder hier sein.«

 

Er nahm einen kleinen, schwarzen Kasten aus der Tasche und öffnete ihn. Die Injektionsspritze war schon gefüllt. Sachkundig rollte er den Ärmel des Mannes zurück und machte die Injektion.

 

Mr. Birn wachte am nächsten Morgen mit fürchterlichen Kopfschmerzen auf.

 

Er konnte sich nicht darauf besinnen, wie er zu Bett gekommen war, aber offensichtlich hatte er sich selbst entkleidet, denn er hatte seinen violettseidenen Pyjama an. Er klingelte und erhob sich. Obgleich der ganze Raum sich um ihn zu drehen schien, konnte er sich doch auf den Füßen halten.

 

Seine Haushälterin trat ein.

 

»Was ist eigentlich gestern abend mit mir passiert?« fragte er.

 

Sie sah ihn verblüfft an.

 

»Nichts – als ich mich von Ihnen verabschiedete, saßen Sie in der Bibliothek im Sessel.«

 

»Dann ist es dieser ganz abscheuliche Whisky«, brummte er.

 

Ein kaltes Bad und eine Tasse Tee milderten die entsetzlichen Schmerzen, aber er war noch sehr schwach auf den Beinen, als er in die Bibliothek ging.

 

Plötzlich kam ihm ein Gedanke, und ein furchtbarer Schrecken erfaßte ihn. Wenn man ihm ein Schlafmittel in den Whisky gegossen hatte! Er konnte sich zwar nicht vorstellen, wann das möglich gewesen wäre. Aber wenn jemand einen Einbruch verübt hatte …!

 

Er öffnete den Geldschrank und atmete erleichtert auf.

 

Das Päckchen lag noch an seiner Stelle. Dann war es also doch dieser verdammte Whisky. Er frühstückte nicht, bestellte seinen Wagen und fuhr direkt zur Bank.

 

Als er später in sein Büro kam, fand er seinen jungen Angestellten in einem Zustand höchster Verwirrung und Aufregung

 

»Vorige Nacht müssen Einbrecher hier gewesen sein, Mr. Birn!«

 

»Einbrecher?« wiederholte Mr. Birn entsetzt. Aber dann lachte er. »Ach, die können ja doch nicht viel holen. Aber wie kommen Sie zu der Annahme?«

 

»Ich will darauf schwören, daß jemand hier war. Der Geldschrank stand offen, als ich heute morgen hierherkam, und eins der Geschäftsbücher war herausgenommen – es lag auf Ihrem Tisch.«

 

Birn lächelte verschmitzt.

 

»Nun, ich wünsche den Herren Einbrechern viel Glück.«

 

Trotzdem war er betroffen und sah alle seine Papiere sorgfältig durch, ob eines der wichtigen Dokumente fehlte. Alle Schuldscheine, die er besaß, befanden sich im Gewahrsam der Bank, in derselben großen Kassette, die nun auch das kostbare Halsband barg. Es war ihm zur Bezahlung einer Schuld übergeben worden.

 

Kurz vor Tischzeit kam der Clerk wieder in sein Büro.

 

»Der bewußte Herr ist wieder da«, sagte er flüsternd.

 

»Wen meinen Sie denn?« fragte Mr. Birn mürrisch.

 

»Sie wissen doch, der Herr von der Jermyn Street, der die Schecks von Mr. Eder gesperrt hat.«

 

»Lassen Sie ihn herein.«

 

»Nun, mein Herr«, begann er liebenswürdig, als Leon hereinkam, »haben Sie sich die Sache überlegt?«

 

»Ja – ich kann Sie doch wohl allein sprechen?«

 

Birn gab seinem Angestellten einen Wink, den Raum zu verlassen.

 

»Ich bin heute gekommen, um alle Schulden zu begleichen, zum Beispiel die Schuld eines Mr. Chaucer.«

 

Mr. Birn starrte ihn an.

 

»Wirklich, ein liebenswürdiger Herr, dieser Chaucer! Ich habe ihn heute morgen besucht. Vor einiger Zeit hat er einen solchen Nervenschock erlitten, daß ihm beide Beine gelähmt wurden. Er konnte infolgedessen seine Wohnung seit langer Zeit nicht mehr verlassen.«

 

»Sie erzählen mir da Zeug, das mich nicht im geringsten interessiert«, sagte Mr. Birn grob.

 

»Der arme Mensch steht unter dem Eindruck, daß er einen rothaarigen Croupier totgeschlagen hat, der in Ihren Diensten stand: Offenbar hat er gespielt und den Kopf verloren, als er sah, daß Ihr Croupier seine letzten Banknoten einstrich.«

 

»Mein Croupier!« entgegnete Mr. Birn mit meisterhaft geheuchelter Entrüstung. »Was meinen Sie denn eigentlich? Ich habe überhaupt keine solchen Angestellten.«

 

»Er schlug ihn mit einem Geldrechen über den Kopf. Am nächsten Morgen sind Sie zu Mr. Chaucer gegangen und haben ihm vorgelogen, daß Ihr Croupier tot sei. Damit versuchten Sie Geld von ihm zu erpressen. Sie erfuhren dann aber, daß er ruiniert war und nichts mehr zahlen konnte. Aber er hatte eine schöne Tochter, und Sie kamen auf die Idee, daß sie Ihnen bei Ihren Plänen behilflich sein könnte. So hatten Sie eine kleine Unterredung mit ihr, und sie willigte ein, in Ihre Dienste zu treten, um ihren Vater vor dem Ruin und dem Zuchthaus zu retten.«

 

»Sie erzählen mir hier ein hübsches Märchen«, sagte Birn, aber er war kreidebleich geworden, und seine Hand, mit der er die Zigarre aus dem Mund nahm, zitterte bedenklich.

 

»Um Ihren Plan zu fördern«, fuhr Gonsalez fort, »haben Sie dann noch eine Annonce unter den Todesanzeigen der ›Times‹ erscheinen lassen, und ebenso haben Sie einer kleinen Zeitung einen großaufgemachten Bericht über das Begräbnis von Mr. Jinkins eingesandt. Das haben Sie nur getan, um Mr. Chaucer und seine Tochter vollständig einzuschüchtern und in die Hand zu bekommen.«

 

»Sie faseln doch nur dummes Zeug«, murmelte Mr. Birn und versuchte zu lächeln.

 

»Ich habe heute morgen Mr. Chaucer davon überzeugen können, daß Mr. Jinkins lebt, sich der besten Gesundheit erfreut und jetzt in Brighton eine Spielhölle leitet. Das ist natürlich eine Filiale Ihrer vielen Unternehmungen. Nebenbei mochte ich Ihnen noch sagen, daß Sie Miss Elsie Chaucer nicht wiedersehen werden.«

 

Mr. Birn atmete schwer.

 

»Sie wissen ja verteufelt viel zu berichten«, begann er wütend, aber als er Leons Blick begegnete, wurde er plötzlich still.

 

»Birn«, sagte Gonsalez sanft, »ich werde Sie ruinieren – ich werde Ihnen den letzten Pfennig des Geldes abnehmen, das Sie den törichten Besuchern Ihrer Spielhöllen gestohlen haben.«

 

»Versuchen Sie das nur«, erwiderte Birn unsicher. »Es gibt noch ein Gesetz in diesem Lande! Gehen Sie doch hin und berauben Sie die Bank! Da werden Sie ja sehen, wo Sie hinkommen.« Er lachte hämisch. »Auf meiner Bank habe ich Werte von etwa zweihunderttausend Pfund – gehen Sie doch hin, mein schlauer Freund, und bitten Sie den Bankdirektor, Ihnen mein Depot auszuhändigen. Die Papiere liegen in Safe Nr. 65«, fügte er höhnisch hinzu. »Das ist die einzige Art, wie Sie mich ruinieren können.«

 

Leon erhob sich achselzuckend.

 

»Möglicherweise irre ich mich. Vielleicht können Sie sich nach alledem doch noch Ihrer unrechtmäßigen Verdienste erfreuen.«

 

»Darauf können Sie Ihren Kopf wetten.« Mr. Birn zündete seine Zigarre wieder an.

 

Aber an demselben Nachmittag erhielt der Spielhöllenbesitzer eine dringende Nachricht von seiner Bank, und die Unterredung, die er mit Leon Gonsalez am Vormittag gehabt hatte, fiel ihm wieder ein. Auf dem schnellsten Weg fuhr er zu der Bank.

 

»Ich weiß nicht, was mit Ihrem Safe los ist«, erklärte ihm der Geschäftsführer. »Einer meiner Clerks bemerkte einen sonderbaren Geruch in der Stahlkammer. Wir haben natürlich die Sache sofort untersucht und dabei entdeckt, daß aus dem Schlüsselloch Ihres Safes Rauchschwaden herauskamen.«

 

»Warum haben Sie ihn nicht sofort geöffnet?« schrie Birn entsetzt und suchte zitternd nach seinen Schlüsseln.

 

»Weil ich keinen Schlüssel habe. Das müssen Sie doch wissen.«

 

Mr. Birn öffnete den Safe hastig. Eine dicke, gelbe Rauchwolke kam daraus hervor, die ihn beinahe bewußtlos machte … Von all seinen Bankpapieren und Schuldscheinen war nichts übriggeblieben als ein Häufchen stinkender, schwarzer Asche, eine flache Glasflasche und ein paar beschmutzte Brillanten …

 

*

 

Der Detektiv, der auf telefonischen Anruf von Scotland Yard herbeigeeilt war, schüttelte den Kopf.

 

»Es sieht so aus, als ob Sie aus Versehen ein Paket hineingelegt haben, das eine scharf ätzende Säure enthielt. Unsere chemische Abteilung wird schon herausbekommen, welche Säure es war. Entweder ist sie herausgeflossen, oder das Päckchen wurde durch eine Explosion gesprengt.«

 

»Das kann nicht stimmen«, jammerte Mr. Birn. »Das einzige Päckchen, das dort lag, enthielt ein Brillantenhalsband.«

 

»Die Überbleibsel haben wir gefunden«, erwiderte der Beamte. »Sind Sie denn sicher, daß niemand an das Päckchen kommen und diese vernichtende Säure hineinschieben konnte? Auf diese Weise ließe sich die Sache leicht erklären. Ein flaches Fläschchen, wie wir es gefunden haben – der Verschluß aus einer Masse, die bald von der Säure zerfressen wurde –, mehr brauchen wir doch nicht. Hat vielleicht jemand das Päckchen vorher geöffnet und die Flasche hineingesteckt?«

 

»Das ist ganz unmöglich!« stöhnte Mr. Birn.

 

Er saß da, hatte sein Gesicht in den Händen vergraben und weinte um sein verlorenes Vermögen.

 

Kapitel 9

 

9

 

Der Mann, der nicht sprechen wollte

 

Mr. Spaghetti Jones war ein großer, stark und kräftig gebauter Mann mit schläfrigen Augen, buschigen Brauen und gutentwickeltem Kinn. Seinen langen, dunklen Schnurrbart zwirbelte er an den Enden in die Höhe und trug eine grün und weiß gestreifte Krawatte zu einem rosafarbenen Oberhemd. Funkelnde Brillantringe zierten seine plumpen Finger, und eine große, goldene Uhrkette lief von einer Westentasche zur anderen. Der lebhaft blaue Anzug war von bestem Schnitt; die Füße steckten in knallgelben Lackschuhen, die für einen so großen Mann ungewöhnlich klein waren. Und allem Anschein nach entsprach Mr. Spaghetti Jones in jeder Beziehung dem Typ eines Gentlemans, den er selbst für sich aufgestellt hatte.

 

Leon Gonsalez sah ihn auf der Rennbahn, aber er wurde nicht durch sein farbenfreudiges Äußeres oder seine auffallende Gestalt auf ihn aufmerksam. Während das Rennen noch im Gang war, stieg Leon von der Tribüne hinunter und ging zu den Pferdeställen. Dort war alles leer, nur Mr. Jones und zwei andere kleine Herren, die bescheidener gekleidet waren, standen dort.

 

Leon hatte sich nahe an die Barriere gesetzt, wo die Pferde vor dem Rennen vorbeigeführt wurden. Die drei kamen jetzt langsam auf den Platz, wo er sich niedergelassen hatte. Sie führten eine ziemlich laute Unterhaltung, und Spaghetti Jones machte keine Anstalten, leiser zu sprechen. Er hatte eine schöne, vollklingende Stimme, und Leon hörte jedes Wort. Einer der Begleiter schien mit Jones zu streiten, der andere verhielt sich nach einem vergeblichen Vermittlungsversuch ruhig.

 

»Ich habe Ihnen doch gesagt, daß Sie auf dem Rennen in Lingfield sein sollten«, sagte Mr. Jones. »Aber Sie sind nicht hingekommen!«

 

Er war gerade damit beschäftigt, seine Nägel mit einem kleinen Federmesser zu reinigen, und soweit Leon beobachten konnte, war seine Aufmerksamkeit scheinbar vollständig auf dieses Verschönerungswerk gerichtet.

 

»Ich gehe nicht nach Lingfield, ich gehe auch nirgends anders für Sie hin, Jones«, erwiderte der andere ärgerlich.

 

Er war ein hagerer, bleicher Mann, und Leon erkannte an dem Klang seiner Stimme sofort, daß er sich fürchtete und daß seine angenommene Bravour nur seine Angst verbergen sollte.

 

»Ach, sehen Sie einmal an … Sie wollen nicht mehr nach Lingfield oder sonstwohin gehen?« wiederholte Spaghetti Jones.

 

Er schob seinen Hut in den Nacken und schaute den Mann einen Augenblick an, dann aber wandte er sich wieder der Reinigung seiner Nägel zu.

 

»Ich habe jetzt genug von Ihnen und Ihrer ganzen Bande! Wir sind weiter nichts als dreckige Sklaven für Sie – so ist es! Ich kann viel mehr Geld verdienen, wenn ich auf eigene Faust für mich allein arbeite. Ich denke, nun haben Sie mich verstanden!«

 

»Ich begreife vollkommen. Aber ich wünsche, daß Sie am nächsten Donnerstag nach Sandown kommen, Tom. Wir werden uns dort auf der Bahn treffen –«

 

»Fällt mir nicht im Traum ein«, brüllte der andere, rot vor Aufregung. »Ich bin nun endlich mit Ihnen fertig und mit all Ihren anderen Kerlen!«

 

»Sie sind ein nichtsnutziger Schlingel«, sagte Spaghetti ruhig, fast liebenswürdig.

 

Zweimal fuhr er mit dem Taschenmesser durch das Gesicht des Mannes, der mit einem lauten Aufschrei zurückprallte.

 

»Sie sind einfach ein unartiger Bengel.« Jones betrachtete seine Nägel. »Und wenn ich Ihnen sage, daß Sie nach Sandown kommen sollen, so werden Sie dort sein!«

 

Nachdem er das gesagt hatte, ging er fort.

 

Tom zog sein Taschentuch heraus und tupfte damit sein blutendes Gesicht ab. Leon sah zwei lange, klaffende Schnittwunden. Mr. Jones wußte ganz genau, wie weit er schneiden durfte, ohne größere Verletzungen hervorzurufen, aber die Wunden waren häßlich und schmerzhaft.

 

Der Verwundete schaute Jones haßerfüllt nach. Aber Leon wußte doch, daß er sich am nächsten Donnerstag in Sandown melden würde, wie ihm aufgetragen war.

 

Dieses Schauspiel war für Leon Gonsalez unendlich interessant gewesen, und als er nach Hause kam, war er noch ganz erfüllt von seinem Erlebnis.

 

Manfred hatte seinen Zahnarzt aufgesucht, aber sobald er zurückkehrte, begann Leon zu erzählen.

 

»Das ist wirklich der interessanteste Mensch, den ich bisher in meinem Leben gesehen habe, George«, sagte er begeistert. »Ich habe einen unheimlichen Atavismus an ihm beobachtet! Das ist ja ein Überbleibsel aus dem Mittelalter, wie man ihm heute nur noch selten begegnet. Du erinnerst dich doch noch an den Schäfer, den wir damals in der Nähe des Escorial trafen? Er kommt diesem Menschen noch am nächsten. Spaghetti Jones ist der Führer einer Bande, die auf den Rennplätzen die Buchmacher erpreßt. Sein Spitzname kommt von seiner italienischen Abstammung, außerdem lebt er im italienischen Viertel. Aus der Unregelmäßigkeit seiner Gesichtszüge und seinem dicken, vollen Kinn möchte ich beinahe schließen, daß in seiner Familie Geisteskrankheit erblich ist. Sicher aber ist er von mütterlicher Seite aus epileptisch veranlagt.«

 

Manfred fragte nicht, wie Leon dazu gekommen war, alle diese Entdeckungen zu machen. Er wußte genau, daß sein Freund rastlos tätig war, wenn er einmal die Spur eines interessanten Falles aufgenommen hatte. Er gab sich erst zufrieden, wenn alle Einzelheiten klargelegt waren.

 

»Er hat vermutlich schon seine Akten bei Scotland Yard?«

 

Gonsalez lachte belustigt auf.

 

»Da irrst du, mein lieber Manfred. Er ist noch niemals verurteilt worden, und es wird wahrscheinlich auch niemals dazu kommen. Ich traf einen kleinen Buchmacher im Silberring – so heißen nämlich die Leute, bei denen die kleineren Wetten abgeschlossen werden –, der seit Jahren diesem Verbrecher Tribut zahlt. Der Buchmacher war sehr verärgert und hatte sich bezecht, sonst hätte ich überhaupt nichts aus ihm herausbekommen. Ich habe ihn zu einem Gasthaus in Cobham mitgenommen, wo ich mit ihm allein war. Er trank so viel Geneverschnaps, bis er das heulende Elend bekam und mir unter Tränen alles erzählte, was seine Seele beschwerte.«

 

Manfred lächelte und klingelte, um das Abendessen zu bestellen.

 

»Das Gesetz wird ihn schon früher oder später erwischen«, meinte er. »Ich habe großes Zutrauen zu den englischen Gerichten. Hier werden die Verbrecher in viel größerem Maße zur Rechenschaft gezogen als in irgendeinem anderen Land.«

 

»Glaubst du das wirklich?« erwiderte Leon skeptisch. »Ich möchte doch gern einmal mit dem liebenswürdigen Mr. Fare über Mr. Jones sprechen.«

 

»Da hast du ja morgen eine schöne Gelegenheit, wir speisen doch abends mit ihm im Metropolitan.«

 

Ihre Empfehlungsschreiben als spanische Kriminologen hatten sie mit Mr. Fare bekannt gemacht, und sie hatten gegenseitig viel voneinander erfahren und lernen können. Besonders Mr. Fare war den beiden sehr dankbar.

 

Als sie am nächsten Abend nach dem Essen eine Zigarre rauchten und die meisten Gäste zum Tanzsaal gingen, erzählte Leon von seinem Erlebnis.

 

Mr. Fare nickte.

 

»O ja, dieser Spaghetti Jones ist eine harte Nuß für uns. Wir haben ihn noch niemals fangen können, obgleich wir genau wissen, daß er an verschiedenen recht bösen Verbrechen beteiligt ist. Er ist unheimlich schlau, obwohl ihm jede Bildung fehlt. Unbarmherzig und rücksichtslos übt er die Herrschaft über seinen kleinen Kreis aus. Es ist uns noch niemals gelungen, einen Mann zu fassen, der gegen ihn als Zeuge aufgetreten wäre. Und er ist selbstverständlich nie auf frischer Tat ertappt worden.«

 

Mr. Fare streifte die Asche seiner Zigarre in die Schale und sah nachdenklich auf die Tischdecke.

 

»In Amerika besteht eine italienische Organisation, die sich die ›Schwarze Hand‹ nennt. Vermutlich wissen Sie das schon? Es ist eine Organisation von Erpressern. Glücklicherweise haben wir von dieser Bande in unserem Lande noch nichts zu spüren bekommen, wenigstens darf ich sagen, daß dies bis vor kurzem der Fall war. Aber ich habe allen Grund zu der Annahme, daß Spaghetti Jones in Verbindung mit dem einen Fall steht, der uns kürzlich gemeldet wurde.«

 

»Wie, hier in London?« fragte Manfred überrascht. »Ich hatte nicht die geringste Ahnung, daß sie es auch in England versuchen.«

 

»Es kann natürlich eine Täuschung sein, aber ich habe einige meiner besten Leute seit einem Monat auf die Spur der Verbrecher gehetzt, die diese Drohbriefe schreiben. Bis jetzt haben wir jedoch nicht den geringsten Erfolg zu verzeichnen. Als ich mich heute morgen anzog, kam mir der Gedanke, ob es nicht ratsam wäre, Sie für diesen Fall zu interessieren. Ich muß wirklich gestehen, daß wir in derartigen Dingen nur wenig Erfahrung haben. Ist Ihnen die Gräfin Vinci bekannt?«

 

Zu Leons größtem Erstaunen nickte Manfred.

 

»Ich habe sie vor ungefähr drei Jahren in Rom getroffen«, sagte er. »Sie ist die Witwe des Grafen Antonio Vinci, nicht wahr?«

 

»Ja, sie ist eine Witwe und hat einen kleinen Sohn von neun Jahren«, entgegnete Mr. Fare. »Sie wohnt am Berkeley Square. Eine sehr reiche Dame und außerordentlich liebenswürdig. Etwa vor zwei Wochen erhielt sie den ersten Brief, der an Stelle der Unterschrift ein schwarzes Kreuz trug. Andere Schreiben folgten. Sie waren in einer wunderbar feinen Schrift geschrieben, und dieser Umstand lenkte den Verdacht auf Spaghetti Jones, der in seinen jungen Jahren Schriftzeichner war.«

 

Leon nickte lebhaft.

 

»Natürlich ist es ganz unmöglich, eine derartige Schrift zu identifizieren«, sagte er bewundernd, »denn sie sieht beinahe wie gedruckt aus. Das ist eine neue, ganz besonders geniale Methode. Aber ich habe Sie unterbrochen, entschuldigen Sie bitte. In den Briefen wurde doch sicher Geld verlangt.«

 

»Natürlich wollten die Leute Geld haben und bedrohten die Gräfin, falls sie das Geld nicht an die angegebene Adresse senden würde. Und hier zeigte sich die maßlose Frechheit von Jones und seinen Komplicen. Jones betreibt in aller Öffentlichkeit das Geschäft eines Nachrichtenagenten. Er hat einen kleinen Laden in Notting Hill, wo er Morgen- und Abendzeitungen verkauft. Außerdem ist er eine Art Lokalagent für berufsmäßige Auskunftgeber über Wetten, deren Plakate man ja manchmal in solchen Läden sieht. Und obendrein dient sein Geschäft noch zur Vermittlung von Briefen, die unter Deckadressen geschrieben werden.«

 

»Das heißt, daß Leute, die bestimmte Briefe nicht in ihre Wohnung geschickt haben wollen, sie dort abholen können?« fragte Manfred.

 

Mr. Fare nickte.

 

»Im allgemeinen werden zwei Pence für den Brief berechnet. Das Gesetz sollte derartige Gebräuche verbieten, denn auf diese Art ist dem Betrug Tür und Tor geöffnet. Die Schlauheit dieser Maßnahme ist ganz offensichtlich. Spaghetti Jones bekommt den Brief natürlich für irgendeinen seiner Kunden. Er ist in seiner Hand, und er kann ihn je nach Belieben öffnen oder geschlossen lassen, so daß er intakt ist, wenn die Polizei den Laden kontrolliert. Neulich haben wir das getan. Wenn es uns nicht gelingt, zu verhindern, daß die Briefe ihn erreichen, sind wir überhaupt machtlos. Der Name des Mannes, an den das Geld von der Gräfin geschickt werden sollte, war ›H. Frascati, p. Adr. John Jones‹. Unser Freund hat natürlich das Antwortschreiben der Gräfin mit all den anderen Briefen erhalten, die täglich bei ihm einlaufen und dann abgeholt werden. Wir beobachteten seinen Laden den ganzen Tag, und als unser Mann abends im Laden erschien, wurde ihm gesagt, daß der Brief bereits abgeholt sei. Der Beamte konnte natürlich nicht jeden durchsuchen, der im Laufe des Tages aus dem Laden kam, und es war infolgedessen unmöglich, ihm etwas nachzuweisen.«

 

»Wirklich genial!« sagte Gonsalez bewundernd. »Hat die Gräfin tatsächlich das Geld geschickt?«

 

»Ja, leider war sie so töricht, zweihundert Pfund zu schicken.« Mr. Fare schüttelte bedauernd den Kopf. »Erst als sie wieder einen Drohbrief erhielt, benachrichtigte sie die Polizei. Wir sandten dann von uns aus ein Antwortschreiben an die angegebene Adresse, um die Leute damit zu fangen, hatten aber ein absolut negatives Ergebnis, wie ich Ihnen eben erzählt habe. Daraufhin bekam sie einen weiteren Brief, in dem sofortige Zahlung von ihr verlangt wurde und eine Drohung gegen sie und ihren Sohn enthalten war. Wieder schickten wir Antwort – das war am letzten Donnerstag. Von einem Haus gegenüber seinem Laden beobachteten zwei unserer Beamten mit Ferngläsern alles, was sich dort zutrug. Sie konnten das Innere des Ladens genau sehen. Den ganzen Tag über händigte Jones keine Briefe aus, und als wir abends den Laden revidierten, fanden wir unseren Brief bei den anderen auf dem Ladentisch. Er war nicht einmal geöffnet worden – und wir hatten uns wieder einmal blamiert«, fügte Mr. Fare lächelnd hinzu. Er schwieg eine Weile nachdenklich. »Wollen Sie die Gräfin Vinci nicht einmal besuchen?« fragte er dann.

 

»O ja, sehr gerne«, erwiderte Gonsalez eifrig und sah auf seine Uhr.

 

»Heute abend geht es nicht mehr«, meinte Mr. Fare lächelnd. »Aber ich werde für morgen nachmittag ein Zusammentreffen vereinbaren. Vielleicht fällt Ihnen irgendein Mittel ein, wie wir die Leute fassen können.«

 

Als die beiden Freunde auf dem Heimweg waren, unterbrach Leon Gonsalez plötzlich das Schweigen mit einer merkwürdigen Frage.

 

»Ich möchte nur wissen, ob es nicht möglich wäre, eine leere Villa mit einem großen Badezimmer zu mieten. Das Badezimmer müßte aber wirklich groß und geräumig sein«, meinte er nachdenklich.

 

»Was führst du denn schon wieder im Schild?« fragte Manfred lachend. »Ich glaube, ich werde alt, Leon«, sagte er, als sie zu Hause ankamen. »Früher überraschten mich deine kühnen Pläne niemals. Welche charakteristischen Eigenschaften muß denn diese Villa noch besitzen?«

 

Leon warf seinen Hut so kunstvoll durch das Zimmer, daß er an einem Haken an der Wand hängenblieb.

 

»Bewunderst du nicht meine Fertigkeiten als Jongleur?« fragte er stolz. »Also, das Haus, nun ja, es müßte etwas abseits liegen, möglichst weit von anderen Gebäuden entfernt. Die Straße dürfte nicht zu nahe und nicht verkehrsreich sein. Am besten wäre es, wenn es durch Büsche und Bäume den direkten Blicken entzogen wäre.«

 

»Das klingt ja beinahe, als ob du irgendein schreckliches Verbrechen vorbereiten wolltest«, erwiderte Manfred gutmütig.

 

»O nein, das beabsichtige ich durchaus nicht«, sagte Leon ruhig. »Aber ich denke, unser Freund Jones ist ein ganz gemeingefährlicher Bursche.« Er seufzte schwer. »Ich würde viel darum geben, wenn ich die Abmessungen seines Schädels hätte.«

 

Ihre Unterredung mit der Gräfin Vinci verlief sehr befriedigend. Sie trafen eine hochgewachsene, schöne Frau von vierunddreißig Jahren, die eine vollendete Dame war.

 

Manfred, der sie rein menschlich betrachtete, war von ihr entzückt, aber Leon Gonsalez erschien sie zu normal, um sich für sie zu interessieren.

 

»Natürlich bin ich sehr beunruhigt«, erklärte sie ihnen. »Philipp ist nicht sehr kräftig, obwohl er nicht verzärtelt ist.«

 

Später kam auch ihr Sohn ins Zimmer, ein schlanker, kleiner Junge mit hellbrauner Gesichtsfarbe und dunklen Augen. Er war selbstbewußter und intelligenter, als Manfred nach seinen Jahren erwartet hatte. Seine Gouvernante, ein hübsches italienisches Mädchen, begleitete ihn.

 

»Ich traue Beatrice mehr als der Polizei«, sagte die Gräfin, nachdem die beiden das Zimmer wieder verlassen hatten. »Ihr Vater ist ein Polizeioffizier in Sizilien gewesen, und ihr Leben war dauernd bedroht.«

 

»Macht der Junge weite Spaziergänge?« fragte Manfred.

 

»Er fährt zweimal am Tag aus. Entweder nehme ich ihn mit oder Beatrice – manchmal begleiten wir ihn auch beide.«

 

»Womit droht man Ihnen eigentlich?« fragte Gonsalez.

 

»Ich werde Ihnen einen der Briefe zeigen.«

 

Sie ging zu einem Schreibtisch, schloß eine Schublade auf und kam mit einem starken Briefbogen zurück. Das Papier war von der besten Qualität, und die Schrift sah wie gestochen aus.

 

›Sie werden uns am 1. März, 1. Juni, 1. September und 1. Dezember je eintausend Pfund senden. Das Geld muß in Banknoten geschickt werden, und zwar an die Adresse von H. Frascati, p. Adr. J. Jones, 194 Notting Hill Crescent. Sollten Sie dieser Aufforderung nicht nachkommen, so wird es Sie viel mehr kosten, Ihren Sohn zurückzuerhalten‹

 

Gonsalez hielt das Papier gegen das Licht und trug es ans Fenster, um es besser betrachten zu können.

 

»Ja, ich dachte es mir schon«, sagte er, als er den Brief zurückgab. »Es wird äußerst schwer sein, den Schreiber dieser Zeilen festzustellen. Da nützen die besten Methoden nichts.«

 

»Ich fürchte, Sie wissen auch keinen Rat.« Die Gräfin schüttelte bedrückt den Kopf, als sich die Freunde erhoben, um sich zu verabschieden.

 

Sie hatte diese Worte an Manfred gerichtet, aber Gonsalez antwortete ihr.

 

»Ich kann Ihnen nur raten, Frau Gräfin, sich sofort mit uns in Verbindung zu setzen, wenn Ihr Sohn verschwinden sollte.«

 

»Mein lieber Manfred, ich bin ganz sicher, daß dieser junge Graf Philipp entführt wird«, sagte Leon, als sie wieder auf der Straße waren. »Ich werde jetzt ein Auto nehmen und in den Außenbezirken Londons nach einer Villa suchen.«

 

»Ist das dein Ernst?«

 

»Ich habe noch niemals eine Sache ernster genommen«, erwiderte Leon trocken. »Ich werde zeitig zum Essen zurück sein.«

 

Aber er kam erst um acht Uhr, eine Stunde später, zur Jermyn Street zurück und eilte in das Wohnzimmer.

 

»Ich habe –«, begann er. Als er aber Manfreds Gesicht sah, unterbrach er sich sofort. »Haben sie den Jungen schon geraubt?«

 

Manfred nickte.

 

»Vor einer Stunde wurde es mir telefonisch mitgeteilt.«

 

Leon pfiff vor sich hin.

 

»Das ist allerdings sehr schnell gegangen«, sagte er zu sich selbst. »Wie ist es denn gekommen?«

 

»Mr. Fare war schon hier. Er ging fort, kurz bevor du kamst. Die Entführung war lächerlich leicht. Gleich nachdem wir das Haus der Gräfin verließen, fuhr die Gouvernante mit dem Jungen im Auto aus. Sie nahmen ihren üblichen Weg durch Hampstead Heath hinaus ins Freie. Gewöhnlich fuhren sie einige Meilen durch die Heide in der Richtung nach Beacon’s Hill und kehrten dann um.«

 

»Daß sie jeden Tag denselben Weg machten, war aber auch heller Wahnsinn … Entschuldige, daß ich dich unterbrochen habe.«

 

»Der Wagen der Gräfin wendet immer an derselben Stelle um«, erklärte Manfred, »und diese Tatsache war natürlich den Entführern genau bekannt. Die Straße ist an der Stelle nicht besonders breit, und mit einem großen Rolls Royce dort zu wenden, erfordert schon einiges Hin- und Hermanövrieren. Der Chauffeur war gerade damit beschäftigt, als ein Radler an ihn heranfuhr und ihm eine Pistole unter die Nase hielt. Zu gleicher Zeit erschienen plötzlich von irgendwoher zwei andere Männer, rissen die Tür des Wagens auf, nahmen den Revolver weg, den die Gouvernante bei sich trug, und brachten den schreienden Knaben zu einem anderen Auto. Der Chauffeur der Gräfin hatte den Wagen vorher an der Seite der Straße stehen sehen, aber keinen Verdacht geschöpft.«

 

»Haben sie die Gesichter der Männer erkennen können?«

 

Manfred schüttelte den Kopf.

 

»Sie trugen diese billigen Theaterbärte, die man für wenig Geld in jedem Spielwarenladen kaufen kann. Außerdem hatten sie Autobrillen. Ich wollte gerade zur Gräfin gehen, als du kamst. Wenn du gegessen hast, Leon, wollen wir –«

 

»Ich esse heute abend nicht«, erwiderte Leon schnell.

 

Auch Mr. Fare war bei der Gräfin, als sie bei ihr vorsprachen. Er bemühte sich vergeblich, die verzweifelte Mutter zu beruhigen, und begrüßte die Ankunft der Freunde mit großer Erleichterung.

 

»Kann ich den Brief sehen?« fragte Leon sofort.

 

»Welchen Brief meinen Sie?«

 

»Den Brief, in dem die Entführer ihre Bedingungen und die Höhe des Lösegeldes mitteilen.«

 

»Er ist bis jetzt noch nicht angekommen«, sagte Mr. Fare leise. »Glauben Sie, daß es Ihnen gelingen wird, die Gräfin zu beruhigen? Sie ist nahe am Zusammenbrechen.«

 

Gräfin Vinci lag totenblaß und mit geschlossenen Augen auf einem Sofa. Zwei Mädchen bemühten sich, sie wieder zum Bewußtsein zu bringen. Als Manfred zu sprechen begann, öffnete sie die Augen und schaute ihn an.

 

»Mein Kind, mein Kind!« schluchzte sie und rang die Hände. »Bringen Sie mir meinen Sohn wieder – ich will alles zahlen, was die Leute haben wollen, alles! Nur meinen Sohn muß ich wiederhaben!«

 

Der Hausmeister trat ein und brachte einen Brief.

 

Sie sprang auf, aber sie wäre beinahe umgesunken, wenn Manfred sie nicht gestützt hätte.

 

»Das ist von – ihnen!« rief sie und riß das Schreiben mit zitternden Fingern auf.

 

Diesmal war der Inhalt etwas länger.

 

›Ihr Sohn wird an einem Platz gefangengehalten, der nur dem Schreiber dieser Zeilen bekannt ist. Der Raum ist vergittert und verschlossen und enthält Nahrung für vier Tage. Wenn die Summe von fünfundzwanzigtausend Pfund gezahlt ist, wird das Versteck bekanntgegeben. Andernfalls muß er dort verhungern‹

 

»Ich muß das Geld sofort senden«, rief die Gräfin verstört. »Sofort! Hören Sie? Mein Junge – mein Junge …«

 

»Vier Tage«, sagte Leon leise, und seine Augen leuchteten auf. »Besser konnte es gar nicht kommen!«

 

Nur Manfred hatte ihn gehört.

 

»Frau Gräfin«, sagte Mr. Fare ernst, »nehmen wir einmal an, Sie würden die fünfundzwanzigtausend Pfund zahlen welche Gewißheit haben Sie dann, daß Sie Ihren Sohn wiederbekommen? Sie sind eine reiche Frau – ist es nicht wahrscheinlich, daß dieser Mann weitere Summen von Ihnen verlangen wird, wenn Sie ihm erst einmal das Geld geschickt haben?«

 

»Außerdem würde das nur Geldvergeudung sein«, unterbrach ihn Leon. »Ich verspreche Ihnen, Ihren Sohn innerhalb zweier Tage wieder herbeizuschaffen. Vielleicht schon früher. Das hängt ganz davon ab, ob Mr. Spaghetti Jones gestern nacht spät zu Bett gegangen ist.«

 

*

 

Mr. Spaghetti Jones hatte in seinem Lieblingsrestaurant in Soho gut zu Abend gespeist. Er saß etwas entfernt von den anderen Gästen, und der Eigentümer des Lokals widmete ihm ganz besondere Aufmerksamkeit. Mr. Jones nahm diese Behandlung mit einer Selbstverständlichkeit entgegen, als ob sie sein gutes Recht sei. »

 

Er benutzte in aller Öffentlichkeit einen Zahnstocher, zahlte dann seine Rechnung, schlenderte selbstbewußt hinaus und rief ein Taxi an. Er wollte gerade einsteigen, als zwei Herren an ihn herantraten und ihn in die Mitte nahmen.

 

»Sind Sie Mr. Jones?« fragte der eine scharf.

 

»Ja, das ist mein Name.«

 

»Ich bin Inspektor Jetheroe von Scotland Yard und verhafte Sie unter der Anklage, den jungen Grafen Philipp Vinci entführt zu haben.«

 

Mr. Jones starrte ihn an. Es waren schon viele Versuche gemacht worden, ihn in die unwirtlichen Räume eines Staatsgefängnisses zu bringen, aber bisher waren sie alle vergeblich gewesen.

 

»Sie müssen sich täuschen«, sagte er lachend, denn er vertraute fest darauf, daß man ihm nichts würde beweisen können.

 

»Steigen Sie in diesen Wagen«, erwiderte der Mann kurz.

 

Mr. Jones war ein zu gewitzter Spitzbube und kannte das Gesetz zu genau, um irgendwelchen Widerstand zu leisten.

 

Er war seiner Sache ja sicher. Niemand würde ihn verraten, niemand würde als Zeuge gegen ihn auftreten, und niemand würde den Knaben entdecken. Er hatte nichts zu fürchten. Diese Verhaftung bedeutete nichts weiter als einen kurzen Besuch auf der Polizeistation – im schlimmsten Falle, mußte er eine Nacht dort bleiben.

 

Einer seiner beiden Wächter hatte eine lange Unterredung mit dem Chauffeur, ehe er einstieg. Mr. Jones sah durch das Fenster, daß er ihm eine Fünfpfundnote gab, und wunderte sich, daß die Polizei plötzlich so freigebig geworden war.

 

Im schärfsten Tempo fuhren sie durch Westend und Whitehall hinunter, aber zu Mr. Jones‘ Erstaunen bogen sie nicht nach Scotland Yard ein, sondern setzten ihren Weg über die Westminster Bridge fort.

 

»Wohin bringen Sie mich denn?«

 

Der kleine Herr, der neben ihm saß und der vorhin mit dem Chauffeur gesprochen hatte, beugte sich vor und drückte einen metallischen Gegenstand gegen Mr. Jones‘ Weste. Bei näherem Zusehen entdeckte der Gefangene, daß es eine Pistole war, und fuhr entsetzt zurück.

 

»Sprechen Sie jetzt nicht«, sagte der andere.

 

Jones konnte die Gesichter der beiden Detektive nicht sehen. Als sie aber an der nächsten großen Straßenlaterne vorbeifuhren, faßte ihn neuer Schrecken. Das Gesicht des Mannes ihm gegenüber war von einem dünnen, weißen Schleier bedeckt, so daß nur die Umrisse undeutlich zu erkennen waren. Spaghetti Jones dachte schnell nach. Aber in seiner gegenwärtigen Lage konnte er nichts tun. Die Pistole seines unheimlichen Gegenübers bedrohte ihn dauernd.

 

Der Wagen sauste durch New Cross, durch Lewisham und fuhr schließlich langsamer Blackheath Hill hinunter. Mr. Jones erkannte die Gegend, er hatte von Zeit zu Zeit hier erfolgreiche Unternehmungen durchgeführt.

 

Jetzt erreichten sie die Heath Road. Der Mann an seiner Seite öffnete das Fenster, schaute hinaus und sprach dann zum Chauffeur.

 

Plötzlich fuhr der Wagen durch ein Gartentor und hielt vor der düsteren Tür eines unheimlichen Hauses.

 

»Bevor Sie aussteigen«, wandte sich der Mann mit der Pistole an Jones, »möchte ich Ihnen eines sagen: Wenn Sie sich unterstehen zu sprechen oder zu schreien oder sich sonstwie dem Chauffeur bemerkbar zu machen, schieße ich Sie durch den Bauch. Es dauert dann drei Tage, bis Sie krepieren, und Sie werden bis dahin unheimliche Schmerzen durchmachen.«

 

Mr. Jones stieg aus und ging gehorsam und schweigend in das Haus. Der Abend war kühl, und er zitterte, als er den leeren, ungeheizten Flur betrat. Einer seiner Begleiter drehte das elektrische Licht an und schloß die Haustüre sorgfältig zu. Dann machte er das Licht wieder aus, und sie stiegen eine staubige Treppe empor. Leon Gonsalez leuchtete mit einer Taschenlampe.

 

»So, hier ist nun Ihre neue kleine Wohnung«, sagte Leon zufrieden, als er eine Tür öffnete und Licht einschaltete.

 

Es war ein geräumiges Badezimmer. Leon hatte offenbar das gefunden, was er suchte. Der Raum war ungewöhnlich groß; außer der Badewanne stand an einer Wand noch ein Bett. George Manfred erkannte, daß sein Freund tagsüber sehr geschäftig gewesen war. Das Bett schien bequem und luxuriös zu sein und sah mit seinen weißen Bezügen und seinen weichen Kissen sehr einladend aus.

 

In der breiten und tiefen Badewanne stand ein schwerer Eichenstuhl, und von einem der Wasserhähne hing ein langer Gummischlauch mit einer Spritze herab.

 

Mr. Jones hatte alles erstaunt betrachtet und auch gesehen, daß das Fenster dicht mit Tüchern verhängt war, so daß kein Licht nach draußen fallen konnte.

 

»Strecken Sie Ihre Hände aus«, befahl Leon kurz, und bevor Spaghetti Jones wußte, was geschah, waren ein Paar Handschellen um seine Handgelenke befestigt. Im nächsten Augenblick zog Leon einen Lederriemen durch die Ösen.

 

»Setzen Sie sich einmal auf das Bett – Sie sollen nur sehen, wie bequem und weich es ist«, sagte Leon ruhig.

 

»Ich weiß nicht, ob Sie wissen, was Sie riskieren«, rief Mr. Jones in einem plötzlichen Wutausbruch, »aber Sie werden noch daran denken! Nehmen Sie den Schleier vom Gesicht, damit ich Sie sehen kann!«

 

»Ich möchte nicht, daß Sie mich sehen«, erwiderte Leon höflich. »Wenn Sie sich meine Züge merken und mich später wiedererkennen könnten, müßte ich Sie töten, und das will ich ja gerade nicht tun. Setzen Sie sich.«

 

Mr. Jones gehorchte verwundert, und sein Erstaunen wuchs, als Leon ihm die Schuhe und Strümpfe auszog und seine Hosenbeine aufkrempelte.

 

»Was soll denn das bedeuten?« fragte er ängstlich.

 

»Setzen Sie sich jetzt auf diesen Stuhl.« Gonsalez zeigte auf die Badewanne.

 

»Nun, hören Sie doch …«, begann Mr. Jones furchtsam.

 

»Wollen Sie wohl machen, daß Sie in die Badewanne kommen?« fuhr Leon auf. Mr. Jones folgte sofort.

 

»Sitzen Sie jetzt bequem?«

 

Mr. Jones sah ihn düster an.

 

»Es wird Ihnen noch recht ungemütlich werden, bevor wir mit Ihnen fertig sind! Wie gefällt Ihnen denn das Bett da drüben?« fragte Leon wieder. »Das sieht doch ganz einladend aus, nicht wahr?«

 

Jones antwortete nicht, Gonsalez klopfte ihm leicht auf die Schulter.

 

»So, mein lieber Freund, jetzt werden Sie mir sagen, wo Sie den jungen Grafen Philipp Vinci versteckt haben.«

 

»Ach, deshalb führen Sie das ganze Theater auf?« Mr. Jones grinste plötzlich. »Da können Sie lange fragen!«

 

Er schaute auf seine nackten Füße hinunter und betrachtete dann die beiden Freunde.

 

»Ich weiß überhaupt nichts von Philipp Vinci. Wer ist denn das?«

 

»Wo haben Sie Philipp Vinci versteckt?«

 

»Sie glauben doch nicht, daß ich es Ihnen sagen würde, wenn ich es auch wüßte?« erwiderte Mr. Jones verächtlich.

 

»Wenn Sie es wissen, werden Sie es uns gewiß noch sagen«, antwortete Leon ruhig. »Aber wir werden wahrscheinlich noch einige Zeit warten müssen. Vielleicht sind Sie in sechsunddreißig Stunden dazu bereit – George, würdest du so liebenswürdig sein, die erste Wache zu übernehmen? Ich werde mich inzwischen in dieses schöne Bett legen. Aber erst müssen wir noch einige kleine Vorsichtsmaßregeln treffen.« Er ergriff einen Lederriemen und schnallte Mr. Jones fest an den Stuhl. »Damit Sie nicht herunterfallen«, sagte er liebenswürdig.

 

Dann legte er sich auf das Bett und schlief sofort ein. Er besaß in verblüffendem Maß diese außerordentliche Gabe, die allen großen Feldherren eigen ist.

 

Mr. Jones sah von dem Schläfer auf den Mann, der ihm gegenüber in einem bequemen Stuhl saß. In den weißen Schleier waren zwei Löcher geschnitten, und sein Wächter las in einem Buch.

 

»Wie lange soll denn dies noch dauern?«

 

»Einen Tag oder auch zwei Tage«, erwiderte Manfred ruhig. »Haben Sie Langeweile? Möchten Sie gerne etwas lesen?«

 

Mr. Jones brummte etwas Unliebenswürdiges und nahm das Angebot nicht an. Er dachte intensiv darüber nach, was die beiden wohl beabsichtigten. Er hatte erwartet, daß man Gewalt gegen ihn anwenden würde, aber offensichtlich täuschte er sich darin. Sie hielten ihn nur gefangen, bis er sprechen würde. Aber er wollte es Ihnen schon zeigen! Allmählich begann er sich müde zu fühlen, und plötzlich fiel sein Kopf vornüber, bis das Kinn die Brust berührte.

 

»Wachen Sie auf!« sagte Manfred kurz.

 

Mit einem Ruck schreckte Mr. Jones empor.

 

»Sie sollen nicht schlafen.«

 

»Warum denn nicht?« murrte der Gefangene. »Ich werde doch schlafen!« Er setzte sich gemütlich in seinem Stuhl zurecht.

 

Mr. Jones begann wieder einzunicken, als er plötzlich eine unangenehme Erfahrung machte und seine Füße mit einem Schrei emporzog. George Manfred hatte einen Strahl eiskalten Wassers auf seine nackten Füße gerichtet, so daß Mr. Jones wieder vollständig wach wurde. Aber eine Stunde später übermannte ihn die Müdigkeit aufs neue. Wieder traf der kalte Strahl seine Füße, und wieder nahm Manfred ein Handtuch und trocknete Mr. Jones ab, als ob er ein kranker, hilfsbedürftiger Invalide sei.

 

Um sechs Uhr morgens starrte Mr. Jones mit roten, entzündeten Augen vor sich hin. Er beobachtete, wie sich Manfred erhob, Leon weckte und sich statt seiner zum Schlafen niederlegte.

 

Immer wieder sank sein Kopf auf die Brust, und in immer kürzeren Zwischenräumen weckte ihn der Wasserstrahl, bis er schließlich fast wahnsinnig wurde.

 

»Lassen Sie mich jetzt schlafen!« schrie er in hilfloser Wut und biß an dem Lederriemen. Er war dem Zusammenbruch nahe, seine Augen waren so schwer wie Blei.

 

»Wo ist Graf Philipp Vinci?« fragte Leon unbarmherzig.

 

»Dies ist eine Folter, Sie verfluchter Kerl –«.

 

»Nicht schlimmer für Sie als für den jungen Grafen, den Sie einsperrten und dem Sie für vier Tage Nahrung gaben. Und es ist auch nicht schlimmer, als wenn Sie einem Mann mit dem Federmesser das Gesicht aufschlitzen. Aber vielleicht glauben Sie, daß es nichts auf sich hat, einen kleinen Jungen zu erschrecken?«

 

»Ich weiß nicht, wo er ist, ich sage es Ihnen doch!« entgegnete Mr. Spaghetti Jones heiser.

 

»Dann werde ich Sie so lange wachhalten, bis es Ihnen wieder einfällt«, erwiderte Leon lachend und steckte sich eine Zigarette an.

 

Kurz darauf ging er aus dem Zimmer und kehrte nach einiger Zeit mit Kaffee und Keks zurück. Inzwischen war Mr. Jones fest eingeschlafen. Aber seine Träume endeten plötzlich mit einem furchtbaren Schrecken.

 

»Lassen Sie mich doch jetzt in Ruhe – lassen Sie mich doch bitte schlafen«, bat er mit Tränen in den Augen. »Ich will Ihnen ja alles geben, wenn Sie mich nur schlafen lassen.«

 

»Sie können in diesem Bett schlafen – es ist ein sehr schönes, weiches Bett. Aber erst wollen wir wissen, wo Philipp Vinci ist.«

 

»Sie werden zur Hölle fahren, bevor ich Ihnen das sage«, rief Spaghetti Jones erregt.

 

»Dann werden Sie eben noch weiter wachen müssen«, antwortete Leon höflich. »Wachen Sie auf!«

 

So ging es den ganzen Tag weiter. Um sieben Uhr abends war Mr. Jones vollständig gebrochen und nannte stöhnend eine Adresse. Manfred fuhr hin, um sich von der Richtigkeit der Angabe zu überzeugen.

 

»Nun lassen Sie mich aber schlafen!«

 

»Sie können noch so lange warten, bis mein Freund wiederkommt!«

 

Um neun Uhr kam George Manfred von Berkeley Square zurück, nachdem er einen vollständig verschüchterten kleinen Jungen aus einem fürchterlichen Keller in Notting Hill befreit hatte.

 

Manfred und Leon hoben den halbtoten Mr. Jones aus der Badewanne und lösten seine Fesseln.

 

»Bevor Sie sich hinlegen, setzen Sie sich hierher. Sie müssen dies unterzeichnen.«

 

Es war ein Dokument, das Mr. Jones nicht hätte lesen können, selbst wenn er gewollt hätte. Schnell schrieb er seinen Namen darunter, dann legte er sich ins Bett. Noch bevor Manfred die Kleider über ihn deckte, war er eingeschlafen. Und er war noch nicht aufgewacht, als ein Beamter von Scotland Yard ins Zimmer trat und ihn kräftig schüttelte.

 

Spaghetti Jones wußte nichts von dem, was der Detektiv ihm sagte, er erinnerte sich auch nicht daran, als ihm sein schriftliches Bekenntnis auf der Polizeistation vorgelesen wurde. Er besann sich auf nichts, bis man ihn in seiner Zelle aufweckte. Er sollte vor dem Polizeirichter erscheinen, um erstmalig verhört zu werden.

 

»Es ist ganz sonderbar«, sagte der Gefängniswärter zu dem Arzt. »Ich kann diesen Karl nicht wachhalten.«

 

»Vielleicht geben Sie ihm einmal ein kaltes Bad«, schlug der Doktor vor.

 

Kapitel 2

 

2

 

Der Mann mit den grossen Eckzähnen

 

»Mord ist eigentlich das zufälligste Verbrechen, mein lieber George«, sagte Leon Gonsalez zu Manfred. Dabei nahm er seine große Hornbrille ab und schaute ihn sinnend an. Manfred, der Anführer der Vier Gerechten, liebte diesen Gesichtsausdruck seines Freundes und betrachtete ihn sehr vergnügt.

 

»Poiccart pflegte zu sagen, daß Mord eine sichtbare Äußerung von Hysterie sei«, erwiderte er lächelnd. »Aber warum sprichst du beim Frühstück über so gräßliche Dinge?«

 

Gonsalez setzte seine Brille wieder auf und wandte sich scheinbar aufs neue dem Studium seiner Zeitung zu. Er überhörte seinen Freund nicht absichtlich, sondern sein Geist war, wie George Manfred wohl wußte, so vollständig von seinen Gedanken beschäftigt, daß er die Frage überhaupt nicht vernommen hatte. Er blickte auch in die Zeitung, ohne zu lesen. Plötzlich begann er wieder zu sprechen.

 

»Achtzig Prozent aller Menschen, die unter Mordanklage stehen, kommen zum erstenmal mit dem Gericht in Berührung. Deshalb sage ich immer, daß Mörder eigentlich nicht zu den wirklichen Verbrechern gehören. Ich spreche natürlich von den Mördern der angelsächsischen Rasse. Es sind faszinierende Leute, George, wirklich faszinierend!«

 

Sein Gesicht leuchtete vor Begeisterung.

 

»Ich habe mich noch nicht zu dieser Anschauung durchringen können«, entgegnete Manfred. »Mir sind sie einfach schrecklich – für mich ist Mord immer noch die Verkörperung des größten Unrechts.«

 

»Vielleicht hast du recht«, antwortete Gonsalez zerstreut.

 

»Wie kamst du eigentlich auf diese merkwürdigen Gedanken«, fragte Manfred, als er seine Serviette zusammenrollte.

 

»Gestern abend habe ich einen Mann mit einer richtigen Mörderphysiognomie getroffen. Er bat mich um ein Streichholz und lachte, als ich es ihm gab. Ich konnte seine wunderbaren Zähnen sehen, sie waren vollkommen – nur …«

 

»Nun, was denn?«

 

»Nur die Eckzähne waren ungewöhnlich stark und lang. Außerdem hatte er tiefliegende Augen, erstaunlich gerade Brauen und unregelmäßige Gesichtszüge: Die letzte Eigenschaft deutet allerdings nicht unbedingt auf einen Verbrecher.«

 

»Das klingt ja, als wäre er ein richtiges Scheusal gewesen.«

 

»Im Gegenteil.« Gonsalez beeilte sich, den falschen Eindruck, den seine Worte hervorgerufen hatten, zu verbessern. »Er sah sehr gut aus. Nur jemand, der sich eingehend mit Physiognomien beschäftigt, konnte die Unregelmäßigkeit in seinen Gesichtszügen wahrnehmen. O nein, er konnte sich wirklich sehen lassen.«

 

Gonsalez erklärte noch näher, unter welchen Umständen er den Fremden getroffen und kennengelernt hatte. Er hatte am vorhergehenden Abend ein Konzert besucht, um die Wirkung der Musik auf bestimmte Typen von Menschen zu studieren. Sein ganzes Programm war mit Notizen vollgekritzelt, und er hatte nachher fast die halbe Nacht damit zugebracht, seine Beobachtungen auszuarbeiten.

 

»Er ist der Sohn von Professor Tableman. Mit seinem Vater steht er allerdings nicht sehr gut, weil dieser die Wahl seiner Verlobten nicht billigt. Außerdem haßt er seinen Vetter.«

 

Manfred lachte laut.

 

»Du bist wirklich großartig! Hat er dir das alles freiwillig erzählt, oder hast du ihn hypnotisiert und alle diese Nachrichten aus ihm herausgelockt? Übrigens hast du mich noch gar nicht gefragt, was ich gestern abend getan habe.«

 

Gonsalez steckte sich umständlich eine Zigarette an.

 

»Der junge Tableman ist fast zwei Meter groß, kräftig gebaut und hat solche Schultern!« Er hielt die Zigarette in der einen Hand, das brennende Streichholz in der anderen, um damit die ungewöhnliche Breite des jungen Mannes anzudeuten. »Er hat große, starke Hände, außerdem ist er ein bekannter Fußballspieler. Wo bist du nun gestern abend gewesen, George? Entschuldige, daß ich dich nicht eher danach gefragt habe.«

 

»In Scotland Yard«, entgegnete Manfred. Aber wenn er erwartet hatte, durch diese Mitteilung eine Sensation hervorzurufen, so mußte er enttäuscht sein. Aber offenbar kannte er Leon genügend, um daran überhaupt nicht zu denken.

 

»Scotland Yard ist ein ganz interessantes Gebäude«, meinte Gonsalez. »Der Architekt hätte nur die Westfassade nach Süden verlegen sollen – obwohl die versteckten Eingänge ganz mit dem Charakter des Baues übereinstimmen. Es fiel dir nicht schwer, dort Bekanntschaften anzuknüpfen?«

 

»Nicht im mindesten. Man kennt dort meine Arbeiten in Verbindung mit dem spanischen Strafgesetzbuch und mein Werk über Fingerabdrücke, und ich habe sofort Zutritt zum Polizeipräsidenten bekommen.«

 

Manfred war in London als der hervorragende Schriftsteller über Kriminologie, »Señor Fuentes«, bekannt. Er und sein Freund Leon Gonsalez hatten als spanische Wissenschaftler die besten Empfehlungsschreiben des spanischen Justizministers bei sich, die ihnen alle Türen öffneten. Manfred hatte lange Jahre in Spanien gelebt, und Gonsalez war dort geboren. Der starke freundliche Poiccart, der Dritte der berühmten Vier Gerechten, verließ selten seinen schönen Garten in Cordova. Vor zwanzig Jahren hatte auch noch der Vierte gelebt.

 

»Das mußt du unserem Freund Poiccart schreiben«, meinte Leon. »Er wird sich sehr dafür interessieren. Heute morgen habe ich einen Brief von ihm bekommen. Zwei seiner Mutterschweine haben Junge geworfen, und seine Orangenbäume stehen in Blüte.« Er lachte, wurde aber plötzlich wieder ernst. »Diese Polizeibeamten haben dich also an ihr Herz gedrückt?«

 

Manfred nickte.

 

»Sie waren sehr liebenswürdig und zuvorkommend. Wir werden morgen mit dem Polizeidirektor Mr. Reginald Fare zu Mittag speisen. Die Methoden der englischen Polizei sind seit unserem letzten Aufenthalt in London bedeutend besser geworden, Leon. Die Abteilung für Fingerabdrücke ist einfach musterhaft, und die neuen Leute, die man eingestellt hat, sind sehr intelligent und geschickt.«

 

»Sie werden uns noch hängen«, sagte Leon vergnügt.

 

»Ich glaube kaum!« erwiderte sein Freund.

 

Das Essen im Ritz-Carlton war recht gemütlich, und besonders Gonsalez fühlte sich sehr angeregt. Mr. Fare, ein Mann von mittleren Jahren, war nicht nur ein hervorragender Beamter und liebenswürdiger Gesellschafter, sondern auch ein befähigter Wissenschaftler auf seinem Spezialgebiet. Die Unterhaltung drehte sich bald lebhaft um die Ansichten und Beobachtungen von Marro, Lombroso, Fere, Mantegazza und Ellis.

 

»Für den gewohnheitsmäßigen Verbrecher besteht das Leben aus einer Reihe von Gefängnisstrafen, und wenn er gerade einmal nicht hinter Schloß und Riegel sitzt, denkt er an neue Taten und genießt das Leben, so gut er kann«, sagte Mr. Fare. »Dieser Ausspruch stammt nicht von mir, sondern ist schon über hundert Jahre alt. Mit den gewohnheitsmäßigen Verbrechern kommt man leicht aus. Aber wenn man mit Leuten zu tun hat, die nicht der Verbrecherklasse angehören, den Mördern, den zufälligen Gesetzesübertretern –«

 

»Das stimmt«, unterbrach ihn Gonsalez. »Ich behaupte immer –«

 

Er kam aber nicht dazu, seine Ansicht zu äußern, denn ein Page brachte Mr. Fare einen Brief. Der Polizeidirektor entschuldigte sich und überflog das Schreiben schnell.

 

»Hm – das ist ein sonderbares Zusammentreffen.« Er sah Manfred nachdenklich an. »Neulich sagten Sie, daß Sie die Beamten von Scotland Yard gerne aus der Nähe bei der Arbeit beobachten möchten, und ich versprach, Ihnen eine Gelegenheit dazu zu geben – sie ist schon da!«

 

Mr. Fare winkte den Kellner heran und zahlte seine Rechnung.

 

»Ich werde mir wahrscheinlich auch Ihre reiche Erfahrung zunutze machen«, fuhr er dann fort, »denn es ist möglich, daß wir bei diesem Fall alle Hilfe in Anspruch nehmen müssen, die wir nur irgendwie erreichen können.«

 

»Worum handelt es sich denn?« fragte Manfred, als sie in dem Auto Mr. Fares saßen, das sich mühsam durch den lebhaften Verkehr bei Hyde Park Corner durcharbeitete.

 

»Man hat einen Mann unter außergewöhnlichen Umständen tot aufgefunden. Er nahm eine hervorragende Stellung in der wissenschaftlichen Welt ein – vielleicht ist Ihnen der Name auch bekannt – ein gewisser Professor Tableman.«

 

»Tableman?« fragte Gonsalez erstaunt. »Das ist doch zu merkwürdig! Sie sprachen vorhin von einem sonderbaren Zusammentreffen. Nun will ich Ihnen einen anderen Fall erzählen.«

 

Er berichtete von seiner Begegnung mit dem Sohn des Professors.

 

»Persönlich«, fuhr Gonsalez fort, »betrachte ich solche Duplizitäten als etwas Normales. Wenn ich morgens eine Rechnung erhalte, so bin ich sicher, daß ich an demselben Tag noch eine oder mehrere zugesandt bekomme. Und wenn mir ein Scheck mit der ersten Post zugestellt wird, so weiß ich gewiß, daß mit der zweiten oder dritten noch einer einläuft. Eines Tages werde ich diesen Zusammenhängen noch einmal genauer nachforschen.«

 

»Professor Tableman wohnt in Chelsea«, erklärte Mr. Fare. »Vor einigen Jahren kaufte er sein jetziges Haus von einem Künstler und ließ das geräumige Atelier in ein Laboratorium umwandeln. Er las an der Bloomsbury-Universität über Physik und Chemie und besaß ein beträchtliches Vermögen. Ich kannte ihn persönlich und speiste noch ungefähr vor einem Monat mit ihm zu Abend. Er hatte damals eine Auseinandersetzung mit seinem Sohn. Der Professor war ein eigenwilliger, unbeugsamer Mann, einer dieser alten Leute, die sich ein Vorbild an den Patriarchen des Alten Testaments nehmen und die milden Lehren des Neuen Testaments nicht kennen.«

 

Inzwischen waren sie vor Tablemans hübschem, modernem Haus angekommen. Es lag in einer der Straßen, die von King’s Road abzweigen. Offenbar war die Nachricht von dem traurigen Ereignis bis jetzt nicht bekanntgeworden, denn die übliche Menge neugieriger Zuschauer hatte sich noch nicht eingefunden. Ein Detektiv erwartete sie und führte Mr. Fare durch einen gedeckten Gang, der an der Seite des Hauses entlanglief. Dann stiegen sie eine Reihe von Stufen empor, die direkt zu dem Laboratorium führten. Der große Raum zeigte kein ungewöhnliches Aussehen, nur war er sehr gut erleuchtet, da eine der Wände aus einem großen Fenster bestand und die Decke des Raumes von einem abfallenden Glasdach gebildet wurde. Breite Arbeitstische standen an den beiden Längsseiten; ein großer Tisch in der Mitte war mit wissenschaftlichen Apparaten bedeckt, während zwei lange Regale über den Tischen mit Flaschen und Gefäßen gefüllt waren, die wahrscheinlich Chemikalien enthielten.

 

Ein hübscher junger Mann erhob sich von einem Stuhl, als sie eintraten.

 

»Ich bin John Munsey«, sagte er, »der Neffe des Professors. Vielleicht entsinnen Sie sich an meinen Namen, Mr. Fare? Ich assistierte meinem Onkel bei seinen Experimenten.«

 

Fare nickte. Er betrachtete die Gestalt, die zwischen den Bänken und dem großen Tisch auf dem Boden lag.

 

»Ich habe ihn nicht angerührt«, sagte der junge Mann mit leiser Stimme. »Ich habe alles so gelassen, wie es war. Nur die Detektive, die hierherkamen, haben seine Lage etwas verändert, um dem Arzt bei der Untersuchung zu helfen.«

 

Professor Tableman war von großer, hagerer Gestalt. In seinen Gesichtszügen prägten sich unverkennbar Schrecken und Todesangst aus.

 

»Es sieht so aus, als ob er erwürgt worden wäre«, meinte Fare. »Hat man einen Strick oder eine Schnur gefunden?«

 

»Nein. Auch die Detektive äußerten die Ansicht, und wir haben daraufhin das ganze Laboratorium eingehend untersucht, aber nichts Derartiges gefunden.«

 

Gonsalez kniete bei dem Toten nieder und schaute interessiert auf den nackten Hals. Um die Kehle lief ein blauer Streifen, der tief eingeschnitten war. Zuerst hielt er ihn für ein Band aus durchsichtigem Stoff, aber bei näherer Betrachtung erkannte er deutlich, daß nur die Haut so verfärbt war. Dann schaute er auf den Tisch, neben dem der Professor niedergefallen war.

 

»Was ist denn das?« fragte er und zeigte auf eine kleine grüne Flasche, neben der ein leeres Glas stand.

 

»Das ist eine Flasche Likör«, erwiderte Mr. Munsey. »Mein armer Onkel trank gewöhnlich ein Gläschen, bevor er sich schlafen legte.«

 

»Gestatten Sie?« fragte Leon, und Fare nickte.

 

Gonsalez nahm das Glas auf und roch daran, dann hielt er es gegen das Licht.

 

»Das Glas wurde gestern abend nicht mit Likör gefüllt. Er muß also getötet worden sein, bevor er trinken konnte«, sagte Mr. Fare. »Mr. Munsey, würden Sie mir einmal die ganze Geschichte erzählen, soweit Sie sie wissen? Schlafen Sie eigentlich hier im Hause?«

 

Nachdem Mr. Fare den Detektiven einige Aufträge gegeben hatte, folgte er dem jungen Mann in die Bibliothek des verstorbenen Professors.

 

»Ich war der Assistent meines Onkels und seit drei Jahren sein Sekretär«, begann Mr. Munsey. »Das Verhältnis zwischen uns ist immer herzlich gewesen. Mein Onkel brachte den Morgen gewöhnlich in der Bibliothek zu, am Nachmittag arbeitete er entweder im Laboratorium oder in seinen Arbeitsräumen auf der Universität. Nach dem Abendessen beschäftigte er sich dann mit seinen Experimenten im Laboratorium, bis er sich schlafen legte.«

 

»Speiste er gewöhnlich zu Hause?« fragte Mr. Fare.

 

»Ja. Nur wenn er abends noch eine Vorlesung hatte oder in einer wissenschaftlichen Gesellschaft einen Vortrag hielt, speiste er im Royal Society’s Club in der St. James‘ Street.

 

Wie Sie wahrscheinlich wissen, hatte sich mein Onkel mit seinem Sohn Stephen überworfen. Der junge Tableman ist ein guter Freund von mir, und ich habe alles getan, was in meiner Macht stand, um die beiden wieder miteinander auszusöhnen. Ungefähr vor zwölf Monaten schickte mein Onkel nach mir und sagte mir hier in der Bibliothek, daß er sein Testament geändert und sein ganzes Vermögen mir vermacht hätte. Sein Sohn wäre vollständig enterbt. Ich war sehr beunruhigt, ging sofort zu Stephen und bat ihn, keine Zeit zu versäumen und sieh mit seinem Vater wieder zu vertragen. Aber Stephen lachte nur und sagte, daß ihm nichts an dem Geld seines Vaters läge und daß er lieber auf sein Erbe verzichten wolle, bevor er Miss Faber aufgäbe. Der ganze Streit mit seinem Vater drehte sich nämlich um seine Verlobung. Er wollte lieber mit dem kleinen Einkommen vorliebnehmen, das ihm aus dem Erbteil seiner Mutter zufloß. Als ich bei meinem Vetter nichts ausrichten konnte, ging ich zu dem Professor zurück und bat ihn, seinen Sohn wieder als Erben in sein Testament einzusetzen. Ich gebe zu«, fuhr er lächelnd fort, »daß ich wohl ein kleines Legat erwarten durfte. Ich habe dasselbe Spezialgebiet als Wissenschaftler wie mein Onkel, und ich habe den Ehrgeiz, seine Lebensarbeit fortzusetzen. Aber der Professor wollte nichts von meinem Vorschlag hören. Er war sehr ungehalten und ärgerlich, und ich hielt es für besser, nicht weiter über die Angelegenheit zu sprechen. Trotzdem legte ich mit der Zeit immer wieder ein gutes Wort für Stephen ein, und als der Professor letzte Woche in einer ungewöhnlich günstigen Stimmung war, habe ich die ganze Sache wieder vorgebracht, und er stimmte auch zu, daß er seinen Sohn wieder sehen wolle. Sie trafen sich hier im Laboratorium. Ich war bei der Unterredung nicht zugegen, aber ich nehme an, daß es einen schrecklichen Streit gegeben hat. Als ich hereinkam, war Stephen schon fort. Mr. Tableman war außer sich vor Zorn. Offensichtlich hat er darauf bestanden, daß Stephen seine Verlobung lösen solle, was dieser schroff ablehnte.«

 

»Auf welchem Weg kam Stephen denn in das Laboratorium?« fragte Gonsalez. »Gestatten Sie, daß ich diese Frage stelle, Mr. Fare?« Der Polizeidirektor nickte.

 

»Er kam durch den seitlichen Gang. Nur wenig Leute betreten das Haus, außer solchen, die in rein wissenschaftlichen Angelegenheiten kommen.«

 

»Dann kann man also zu jeder Zeit ins Laboratorium gelangen?«

 

»Ja, bis abends das äußere Gartentor abgeschlossen wird«, erwiderte der junge Mann. »Mein Onkel pflegte jeden Abend noch einen kleinen Spaziergang zu machen, bevor er zu Bett ging, und benutzte gewöhnlich diesen Ausgang.«

 

»War das Gartentor gestern abend geschlossen?«

 

»Nein. Das war eins der ersten Dinge, die ich nachprüfte. Das Tor nach draußen war nicht zugeschlossen und stand nur angelehnt. Es ist ja eigentlich kein festes Tor, sondern nur ein Eisengitter, wie Sie wohl bemerkt haben.«

 

»Fahren Sie nur fort«, sagte Mr. Fare und nickte.

 

»Der Professor beruhigte sich allmählich wieder. Ein paar Tage lang war er sehr still und nachdenklich. Ich glaube, sein Verhalten tat ihm leid. Am Montag – was haben wir heute? Donnerstag – ja, es war Montag, sagte er zu mir: ›John, wir wollen noch einmal über Stephen sprechen. Glaubst du, daß ich ihm Unrecht getan habe?‹ – ›Du warst sehr hart gegen ihn, Onkel‹, erwiderte ich. ›Ja, vielleicht war ich zu schroff. Miss Faber muß doch ein sehr anziehendes Mädchen sein, wenn Stephen ihretwegen auf sein Erbe verzichten will.‹ Auf diese Gelegenheit hatte ich gewartet, und ich versuchte nun mit allen Mitteln, meinen Onkel wieder für Stephen günstig zu stimmen. Schließlich gab der alte Mann nach und sandte Stephen ein Telegramm, in dem er ihn bat, gestern abend noch einmal hierherzukommen. Der Professor muß schwer mit sich gekämpft haben, um seinen Widerstand gegen Miss Faber aufzugeben, denn wenn es sich um erbliche Belastung handelte, war er sonst ganz fanatisch und unbeugsam –«

 

»Was meinen Sie mit erblicher Belastung?« unterbrach ihn Manfred schnell. »Was stimmte denn bei Miss Faber nicht?«

 

»Ich weiß es nicht.« Mr. Munsey zuckte die Achseln. »Aber der Professor hatte gehört, daß ihr Vater in einem Trinkerheim gestorben sein soll. Meiner Meinung nach war das Gerücht vollständig haltlos.«

 

»Was geschah denn nun gestern abend?« fragte Mr. Fare.

 

»Soviel ich weiß, kam Stephen zu der Unterredung. Ich hielt mich wohlweislich fern und schrieb in meinem eigenen Zimmer einige Briefe, die schon lange fällig waren. Ungefähr um halb zwölf kam ich herunter, aber der Professor war noch nicht in die Wohnung zurückgekommen. Von hier aus können Sie die Fenster des Laboratoriums sehen, und als ich bemerkte, daß drüben noch Licht brannte, dachte ich, die Unterredung hätte sich in die Länge gezogen. Ich hoffte, daß sich die beiden versöhnen würden, wollte nicht weiter stören und ging zu Bett. Es war früher, als ich mich gewöhnlich hinlege, aber es war nichts Besonderes daran, daß ich dem Professor nicht gute Nacht sagte.

 

Und heute morgen wurde ich um acht Uhr vom Hausmeister geweckt. Er sagte mir, daß der Professor nicht in seinem Zimmer sei. Auch das war nicht merkwürdig. Manchmal, wenn er spät im Laboratorium gearbeitet hatte, setzte er sich nur in seinen Armsessel und schlief dort, ohne sich auszukleiden. Ich habe ihm darüber Vorhaltungen gemacht, so oft ich nur konnte, aber er ließ sich in dieser Beziehung nichts sagen. Ich zog meinen Bademantel an und ging ins Laboratorium hinunter, das man auf dem Weg erreichen kann, den wir eben gegangen sind. Als ich eintrat, sah ich ihn auf dem Boden liegen und fand zu meinem Entsetzen, daß er tot war.«

 

»Stand die Tür zum Laboratorium offen?« fragte Gonsalez.

 

»Sie war angelehnt.«

 

»Und die Gartentür war auch angelehnt?«

 

Munsey nickte.

 

»Haben Sie nichts von einem Streit gehört?«

 

»Nichts.«

 

Es wurde draußen geklopft. Munsey ging zur Tür und öffnete.

 

»Es ist Stephen«, sagte er.

 

Gleich darauf trat der junge Mr. Tableman ein. Hinter ihm erschienen zwei Detektive. Sein Gesicht war blaß, und als er seinen Vetter mit einem schwachen Lächeln begrüßte, sah Manfred die außerordentlich starken Eckzähne. Die anderen Zähne waren von normaler Größe.

 

Stephen Tableman war von riesiger Körpergröße, und als Manfred seine großen Hände bemerkte, biß er sich nachdenklich auf die Lippen.

 

»Sie haben die traurige Nachricht erhalten, Mr. Tableman?«

 

»Ja«, sagte Stephen mit leise zitternder Stimme. »Kann ich meinen Vater sehen?«

 

»Gleich«, entgegnete Mr. Fare scharf. »Sie müssen mir erst ein paar Fragen beantworten. Wann haben Sie Ihren Vater zuletzt gesehen?«

 

»Ich habe ihn noch gestern abend lebend getroffen«, erwiderte Stephen schnell. »Er hatte mich in das Laboratorium bestellt, und wir hatten eine lange Aussprache miteinander.«

 

»Wie lange waren Sie hier?«

 

»Ungefähr zwei Stunden, soweit ich mich besinnen kann.«

 

»Verlief die Unterredung friedlich und freundlich?«

 

»O ja, mein Vater war sehr lieb zu mir«, sagte Stephen mit besonderem Nachdruck. »Seit über einem Jahr« – er zögerte einen Augenblick –, »haben wir uns zum erstenmal ruhig über eine gewisse Angelegenheit unterhalten können.«

 

»Sie sprachen mit Ihrem Vater über Ihre Verlobte, Miss Faber?«

 

Stephen sah ihn ruhig an.

 

»Ja, wir sprachen über sie.«

 

»Haben Sie auch noch über anderes mit Ihrem Vater gesprochen?«

 

Stephen zögerte abermals.

 

»Wir haben auch über Geld gesprochen«, sagte er dann. »Mein Vater hatte die Summe, mit der er mich unterstützte, nicht weiter ausgezahlt, und ich war infolgedessen in einiger Verlegenheit. Ich hatte mein Konto bei der Bank überzogen, und er versprach mir, die Sache in Ordnung zu bringen. Auch haben wir uns über – die Zukunft unterhalten.«

 

»Kam dabei auch das Testament zur Sprache?«

 

»Ja, mein Vater sagte, daß er seinen Letzten Willen ändern wolle.« Bei diesen Worten sah er lächelnd zu Munsey hinüber. »Mein Vetter hat mich stets verteidigt und alles getan, was er für mich tun konnte. Ich kann ihm nicht dankbar genug sein, daß er in diesen traurigen Zeiten treu zu mir gehalten hat.«

 

»Haben Sie das Laboratorium durch den Seitenausgang verlassen?«

 

Stephen nickte.

 

»Und haben Sie die Tür geschlossen?«

 

»Mein Vater hat zugeschlossen. Ich kann mich deutlich darauf besinnen, daß ich das Schloß einschnappen hörte, als ich den Gartenweg entlangging.«

 

»Kann die Tür von außen geöffnet werden?«

 

»Ja. Es ist ein Schloß daran. Aber der einzige Schlüssel ist im Besitz meines Vaters. Das stimmt doch, John?«

 

Mr. Munsey nickte.

 

»Wenn Professor Tableman also die Tür schloß, konnte sie nur von jemand geöffnet werden, der selbst in dem Laboratorium war?«

 

Stephen schaute erstaunt auf.

 

»Ich verstehe die Bedeutung dieser Frage nicht ganz. Der Detektiv sagte mir, daß mein Vater tot aufgefunden wurde. Was war denn die Todesursache?«

 

»Ich nehme an, daß er erdrosselt wurde«, erklärte Mr. Fare ruhig.

 

Stephen trat entsetzt einen Schritt zurück.

 

»Erdrosselt?« wiederholte er leise. »Aber er hatte doch keinen Feind auf der ganzen Welt.«

 

»Das wird die Untersuchung ergeben«, sagte Fare trocken. »Sie können jetzt gehen, Mr. Tableman.«

 

Nach einem kleinen Zögern entfernte sich Stephen und ging in das Laboratorium. Nach einer Viertelstunde kam er totenbleich zurück.

 

»Es ist zu schrecklich! Mein armer Vater!«

 

»Soviel ich weiß, haben Sie Medizin studiert, Mr. Tableman? Ich glaube, Sie sind Assistenzarzt am Middlesex-Hospital«, sagte Mr. Fare. »Sind Sie auch der Meinung, daß Ihr Vater erdrosselt wurde?«

 

Stephen nickte.

 

»Es sieht so aus.« Das Sprechen fiel ihm schwer. »Ich konnte die Untersuchung nicht so objektiv durchführen, als wenn es ein Fremder gewesen wäre. Aber es sieht so aus.« –

 

Manfred und Leon kehrten in ihre Wohnung zurück. Manfred konnte am besten nachdenken, wenn er in Bewegung war. Schweigend gingen sie nebeneinander her, jeder war in seine eigenen Gedanken vertieft.

 

»Hast du die großen Eckzähne bemerkt?« fragte Leon nach einer Weile triumphierend.

 

»Ich habe aber auch gesehen, daß Stephen Tableman offenbar sehr niedergeschlagen war«, erwiderte Manfred.

 

Leon lachte leise vor sich hin.

 

»Scheinbar hast du die wunderbare Monographie Mantegazzas über die ›Psychologie des Schmerzes‹ nicht gelesen«, sagte er ein wenig überheblich. Er konnte manchmal sehr mit seinem Wissen prunken. »Und ebensowenig kennst du wahrscheinlich die herrlichen Tabellen Mantegazzas über ›Synonyme Gesichtsausdrücke‹, sonst wäre dir klar, daß der Ausdruck des Schmerzes von dem der Reue nicht zu unterscheiden ist.«

 

Manfred betrachtete seinen Freund mit einem ruhigen Lächeln.

 

»Jeder, der dich nicht kennt, Leon, würde glauben, du seiest felsenfest davon überzeugt, daß Professor Tableman von seinem Sohn erdrosselt wurde.«

 

»Nach einem heftigen Streit«, fügte Leon Gonsalez selbstgefällig hinzu.

 

»Du hast das Laboratorium noch einmal besichtigt, nachdem der junge Tableman gegangen war. Hast du etwas entdeckt?«

 

»Nicht mehr, als ich erwartete«, erwiderte Gonsalez. »Ich habe die gebräuchlichen Apparate zur Herstellung flüssiger Luft, die Behälter zu ihrer Aufbewahrung und die üblichen elektrischen Schmelztiegel gesehen. Ich gebe zu, daß meine Nachforschungen überflüssig waren, denn als ich in das Laboratorium kam und die Thermosflasche mit dem Wattebausch sah, wußte ich sofort, wie der Mord begangen wurde – denn es war natürlich Mord.« Plötzlich runzelte er die Stirn. »Santa Miranda«, rief er. Gonsalez fluchte gerne bei dieser nicht existierenden Heiligen. »Das habe ich ja ganz vergessen!«

 

Er schaute die Straße hinauf und hinunter.

 

»Dort ist ein Laden, von dem aus wir telefonieren können. Willst du mit mir kommen oder willst du hier auf mich warten?«

 

»Ich bin sehr neugierig, was du zu fragen hast«, erwiderte Manfred.

 

Sie traten zusammen in das Geschäft, und Gonsalez wählte sofort eine bestimmte Nummer am Apparat. Manfred fragte nicht, woher er sie wußte, denn auch er hatte sie an dem Telefon im Laboratorium des Professors bemerkt.

 

»Sind Sie dort, Mr. Munsey?« fragte Gonsalez. »Sie wissen, wer ich bin? Ich habe eben Ihr Haus verlassen … ich dachte mir schon, daß Sie mich an der Stimme wiedererkennen würden. Ich möchte Sie nur noch fragen, wo die Brille des Professors ist.«

 

»Die Brille des Professors?« wiederholte Munsey nach einem kurzen Zögern. »Soviel ich weiß, trug er sie doch.«

 

»Ich habe sie nicht bei ihm gesehen und auch nicht in seiner Nähe. Würden Sie so freundlich sein, einmal nachzusehen, ob sie in seinem Zimmer ist? Ich werde solange am Apparat warten.«

 

Gonsalez summte eine Melodie aus der Operette »El Perro Chico«, die vor einigen Jahrzehnten oft in Madrid gespielt wurde. Aber plötzlich war er still und lauschte aufmerksam.

 

»In dem Schlafzimmer des Professors? Ich danke Ihnen vielmals.«

 

Er hängte den Hörer an. Manfred erhielt keine weitere Erklärung, er erwartete sie auch gar nicht, denn Leon liebte es immer, sich in Geheimnisse einzuhüllen.

 

»Die großen Eckzähne!« sagte er noch einmal. Sie schienen ihm viel Spaß zu machen.

 

Als Gonsalez am nächsten Morgen zum Frühstück kam, teilte ihm der Kellner mit, daß Manfred schon zeitig ausgegangen war. Zehn Minuten, nachdem Leon sein Frühstück begonnen hatte, kam George zurück.

 

Leon Gonsalez schaute auf.

 

»Du machst mir Sorge, wenn dein Gesicht wie eine Maske aussieht. Ich weiß dann niemals, ob du in besonders froher oder besonders trauriger Stimmung bist.«

 

»Halb und halb«, erwiderte Manfred, während er am Tisch Platz nahm. »Ich war in der Fleet Street und habe die Berichte der Sportzeitungen durchgesehen.«

 

»Wie kommst du denn auf diese Idee?« Gonsalez sah ihn erstaunt an.

 

»Zufällig traf ich auch Mr. Fare. Er erzählte mir, daß keine Spur von Gift in dem Körper des Toten gefunden wurde. Die Polizei wird Stephen Tableman heute verhaften.«

 

»Das fürchtete ich«, sagte Gonsalez ernst. »Aber warum hast du die Sportzeitungen durchgesehen?«

 

Manfred beantwortete die Frage nicht, sondern erzählte weiter.

 

»Fare ist davon überzeugt, daß der Mord von Stephen Tableman begangen wurde. Er nimmt an, daß die beiden eine heftige Auseinandersetzung hatten, daß Stephen seine Selbstbeherrschung verlor und seinen Vater erwürgte. Scheinbar ergab die Untersuchung der Leiche, daß die Kehle des Professors mit außerordentlicher Gewalt zugedrückt wurde. Alle Blutgefäße am Hals sind zusammengepreßt. Fare sagte mir auch, daß die Ärzte zuerst Vergiftung annahmen. Aber es wurde nicht, die geringste Spur von Gift entdeckt. Die Ärzte erklären, daß ein Gift, das den Tod unter derartigen Symptomen hervorruft, bisher vollständig unbekannt ist. Stephen Tableman ist schwer belastet, weil er sich in den letzten Monaten intensiv mit dem Studium geheimer Gifte beschäftigt hat.«

 

Gonsalez lehnte sich in seinen Stuhl zurück und steckte die Hände in die Taschen.

 

»Ob er nun diesen Mord begangen hat oder nicht«, sagte er nach einer Weile, »sicher wird er früher oder später zum Mörder werden. Ich erinnere mich an einen Arzt in Barcelona, der die gleichen Zähne hatte. Er war ein guter Christ, ein allgemein bekannter Mann, Junggeselle, hatte viel Geld. Es lag für ihn nicht der geringste Grund vor, zu morden, und doch beging er dieses Verbrechen. Er tötete einen Kollegen, der ihm drohte, einen Irrtum aufzudecken, den er bei einer Operation gemacht hatte. Ich kann dir nur sagen, George, wenn ein Mann solche Zähne hat –« Er machte eine Pause und legte die Stirn in Falten. »Ich werde Fare um die Erlaubnis bitten, daß ich einige Stunden allein in Tablemans Laboratorium zubringen darf.«

 

»Warum denn?« begann Manfred, aber er unterbrach sich selbst. »Aber du wirst natürlich schon Grund dafür haben, Leon. Im allgemeinen fällt es mir ja nicht schwer, solche Rätsel zu lösen, aber diesmal bin ich doch etwas verwirrt. Ich glaube übrigens, daß du das Geheimnis bereits erraten hast. Nur sind gewisse Nebenumstände bei diesem Verbrechen außerordentlich verblüffend. Warum hat der alte Mann zum Beispiel die dicken Handschuhe angehabt?«

 

Gonsalez sprang plötzlich auf, seine Augen leuchteten.

 

»Was für ein Narr bin ich doch, daß ich das nicht gesehen habe! George, bist du sicher? Hatte er dicke Handschuhe an?« fragte er begierig.

 

Manfred nickte und lächelte über die Erregung seines Freundes.

 

»Nun habe ich es!« Gonsalez schnippte mit den Fingern. »Ich wußte doch, daß noch irgendein Irrtum in meiner Theorie war. Waren es dicke, wollene Handschuhe?« Plötzlich wurde er nachdenklich. »Ich bin nur neugierig, wie, zum Teufel, er den alten Mann dazu bringen konnte, sie anzuziehen?« sagte er halb zu sich selbst.

 

Mr. Fare gewährte Leons Bitte gern, und die beiden Freunde gingen zum Laboratorium, wo sie von John Munsey erwartet wurden.

 

»Ich entdeckte die Brille neben dem Bett meines Onkels«, sagte er gleich, als Gonsalez eintrat.

 

»Ach ja, die Brille«, erwiderte Leon zerstreut. »Kann ich sie vielleicht einmal sehen?« Er nahm sie in die Hand. »Ihr Onkel war aber sehr kurzsichtig. Ich bin erstaunt, daß er sie nicht immer bei sich trug.«

 

»Ich glaube, er ging in sein Schlafzimmer, um sich umzukleiden, wie er es gewöhnlich nach dem Abendessen tat«, erklärte Mr. Munsey. »Er hat sie dann wohl dort liegenlassen. Gewöhnlich hat er im Laboratorium ein Reserveglas. Aber aus dem einen oder anderen Grunde scheint er es nicht aufgesetzt zu haben. Möchten Sie allein im Laboratorium bleiben?«

 

»Ja, das war meine Absicht«, entgegnete Leon. »Vielleicht sind Sie so liebenswürdig, meinen Freund zu unterhalten, während ich mich umsehe?«

 

Als die beiden gegangen waren, schloß er die Verbindungstür zwischen dem Laboratorium und dem Haus und suchte dann nach der Brille, die der alte Professor trug, wenn er an der Arbeit war.

 

Merkwürdigerweise ging er gerade auf die Stelle zu, wo sie lag – er fand sie in einem großen Aschenkasten, der neben der Treppe stand, die zu dem Laboratorium führte. Es waren nur Scherben zu sehen, auch die Horneinfassung war an zwei Stellen gebrochen. Leon sammelte die Stücke auf, trüg sie in das Laboratorium und legte sie auf den Tisch. Dann ging er ans Telefon und sprach gleich darauf mit Stephen Tableman.

 

»Natürlich«, erwiderte der junge Mann erstaunt. »Mein Vater trug seine Brille während unserer ganzen Unterhaltung.«

 

»Ich danke Ihnen, mehr wollte ich nicht wissen.« Gonsalez hängte den Hörer wieder an.

 

Er trat zu einem der vielen Apparate, die in einer Ecke des Raumes standen, und arbeitete eineinhalb Stunden lang angestrengt. Dann ging er wieder zum Telefon. Als noch eine halbe Stunde vergangen war, zog er ein paar dicke, wollene Handschuhe aus seiner Tasche, schloß die Tür auf, die zum Haus führte, und rief Manfred.

 

»Bitte auch Mr. Munsey, hereinzukommen«, sagte er.

 

»Ihr Freund interessiert sich wohl sehr für die Wissenschaft«, meinte dieser, als er Manfred begleitete.

 

»Ich glaube, er ist einer der klügsten Männer auf seinem Spezialgebiet«, erwiderte Manfred.

 

Er trat vor Munsey in das Laboratorium. Zu seinem Erstaunen stand Gonsalez in der Nähe des Tisches und hielt ein kleines Likörglas in der Hand, das mit einer fast farblosen Flüssigkeit gefüllt war. Es war nur eine schwache, blaue Färbung wahrzunehmen, und auf der Oberfläche der Flüssigkeit lag ein schwacher Dunst. Manfred schaute seinen Freund an, der dicke, wollene Handschuhe angezogen hatte.

 

»Haben Sie Ihre Nachforschungen beendet?« fragte Mr. Munsey lächelnd, als er hinter Manfred eintrat. Als er aber Leon sah, erstarb das Lächeln auf seinen Zügen. Sein Gesicht erschien plötzlich hager und eingefallen, seine Augen lagen tief, und er atmete nur mit Mühe.

 

»Wollen Sie nicht einen kleinen Schluck aus diesem Glas nehmen, mein lieber Freund?« fragte Leon liebenswürdig. »Ein wunderbares Getränk. Sie könnten es mit irgendeinem alten Likör verwechseln – besonders wenn Sie ein kurzsichtiger, zerstreuter Gelehrter sind, dem jemand die Brille weggenommen hat.«

 

»Was meinen Sie?« fragte Munsey heiser. »Ich – ich verstehe Sie nicht.«

 

»Ich versichere Ihnen, daß dies ein ganz unschädliches Getränk ist, es enthält nicht das geringste Gift – es ist so rein wie die Luft, die Sie atmen.«

 

»Verdammt!« schrie Munsey. Aber bevor er auf den Mann losspringen konnte, der ihn so höhnisch anredete, hatte ihn Manfred gepackt und zu Boden geworfen.

 

»Ich habe an den ausgezeichneten Mr. Fare telefoniert, er wird gleich hier sein, ebenso Mr. Stephen Tableman. Ah, da sind sie schon.«

 

Es hatte geklopft.

 

»Willst du bitte öffnen, George? Ich glaube nicht, daß sich unser Freund hier rühren wird. Und wenn er es doch versuchen sollte, werde ich ihm den Inhalt dieses Glases ins Gesicht schütten.«

 

Mr. Fare trat ein, Stephen Tableman und ein anderer Beamter von Scotland Yard folgten ihm.

 

»Hier übergebe ich Ihnen Ihren Gefangenen, Mr. Fare«, sagte Gonsalez. »Und hier zeige ich Ihnen das Mittel, mit dem Mr. Munsey den Tod seines Onkels herbeiführte. Er wurde vermutlich durch die Aussöhnung seines Onkels mit Mr. Stephen Tableman zu der Tat getrieben. Er hatte es so gut einzurichten verstanden, daß das Testament zu seinen Gunsten geändert wurde – und nun war all seine Mühe vergeblich gewesen.«

 

»Das ist eine Lüge«, stieß John Munsey hervor. »Ich habe nur für dich gearbeitet – das weißt du doch am besten, Stephen. Ich tat alles, was in meinen Kräften stand –«

 

»Auch das war nur ein Teil des Gesamtplans, um die anderen zu täuschen – wie ich vermute«, sagte Gonsalez. »Wenn ich nicht recht habe, können sie doch ruhig dieses Glas austrinken. Es ist dieselbe Flüssigkeit, die Ihr Onkel an dem Abend zu sich nahm, an dem er starb.«

 

»Was ist es?« fragte Mr. Fare schnell.

 

»Fragen Sie nur den dort«, antwortete Gonsalez lächelnd und zeigte mit dem Kopf auf Munsey.

 

John Munsey drehte sich um und ging zur Tür. Der Polizeibeamte, der mit Mr. Fare gekommen war, folgte.

 

»Und nun will ich Ihnen erzählen, wie sich alles zugetragen hat«, sagte Gonsalez. »Dies ist flüssige Luft!«

 

»Flüssige Luft?« rief Mr. Fare. »Was meinen Sie damit? Wie kann man denn einen Menschen mit flüssiger Luft vergiften?«

 

»Professor Tableman wurde gar nicht vergiftet. Flüssige Luft erhält man, wenn man die Temperatur der Luft auf einhundertundneunzig Grad unter Null verringert. Wissenschaftler benutzen sie zur Durchführung von Experimenten, und sie wird gewöhnlich in einer Stahlflasche aufbewahrt, deren Öffnung man mit einem Wattebausch schließt, weil die Gefahr einer Explosion vorliegt, wenn man die Luft ganz absperrt.«

 

»Großer Gott!« rief Stephen atemlos vor Schrecken. »Dann war also dieser blaue Streifen am Hals meines Vaters –«

 

»Man hat ihn durch die große Kälte getötet. Seine Kehle erstarrte in dem Augenblick, als er die flüssige Luft zu sich nahm. Ihr Vater trank gewöhnlich vor dem Schlafengehen ein Glas Likör, und zweifellos gab ihm Munsey ein Glas flüssiger Luft, nachdem Sie gegangen waren. Vorher hat er ihn irgendwie überredet, Handschuhe anzuziehen.«

 

»Warum denn? Ach, er sollte natürlich die Kälte nicht fühlen«, meinte Manfred.

 

Gonsalez nickte.

 

»Welche Kniffe Munsey angewandt hat, werden wir vielleicht nie erfahren. Sicher ist nur, daß auch er selbst Handschuhe trug. Nach dem Tod Ihres Vaters bereitete er dann alles vor, um einen anderen zu verdächtigen. Wahrscheinlich hatte der Professor seine Brille beiseite gelegt, als er sich anschickte, zu Bett zu gehen. Munsey hat übersehen, daß der Tote noch Handschuhe trug.«

 

»Meiner Ansicht nach«, sagte Gonsalez später, »hat Munsey schon seit Jahren den Plan verfolgt, seinen Vetter und seinen Onkel zu entzweien. Wahrscheinlich hat er auch die ganzen Gerüchte über den Vater Miss Fabers aufgebracht.«

 

Stephen Tableman hatte die beiden Freunde zu ihrer Wohnung begleitet. Gonsalez erschrak plötzlich, als Stephen über eine seiner Äußerungen lachte.

 

»Ihre – Ihre Zähne?« stotterte er.

 

Stephen wurde rot.

 

»Meine Zähne?« wiederholte er verwirrt.

 

»Sie hatten doch zwei ungewöhnlich große Eckzähne, als ich Sie das letztemal sah! Du erinnerst dich doch auch, Manfred?« Gonsalez war in heller Aufregung. »Ich sagte dir noch –«

 

Plötzlich lachte Stephen laut auf.

 

»Ach, das waren meine falschen Zähne«, sagte er etwas verlegen. »Meine eigenen wurden mir bei einem Fußballspiel ausgeschlagen, und Benson, ein guter Freund von mir, der Zahnheilkunde studiert, hat mir zwei neue eingesetzt. Ich muß allerdings sagen, daß er ein schlechter Dentist ist, denn sie waren viel zu groß und sahen schrecklich aus. Ich glaube schon, daß sie Ihnen aufgefallen sind. Ich habe sie mir von einem anderen Zahnarzt herausnehmen und durch neue ersetzen lassen.«

 

»Ihr Unfall passierte am dreizehnten September vorigen Jahres. Ich habe in der Sportzeitung darüber nachgelesen.«

 

Gonsalez sah George mit einem vorwurfsvollen Blick an.

 

»Mein lieber Leon«, Manfred legte die Hand auf die Schulter seines Freundes, »ich wußte, daß sie falsch waren, genauso wie du entdeckt hattest, daß es außerordentlich große Eckzähne waren.«

 

Als sich die beiden Freunde später allein gegenübersaßen, sagte Manfred:

 

»Um noch einmal auf die großen Eckzähne zurückzukommen –«

 

»Wir wollen lieber von etwas anderem reden«, erwiderte Gonsalez gereizt.

 

Kapitel 3

 

3

 

Der Mann, der die Regenwürmer haßte

 

Aus Staines wird der Tod von Mr. Falmouth gemeldet, der früher Direktor der Kriminalpolizei in London war. Man erinnert sich noch, daß Mr. Falmouth während seiner amtlichen Tätigkeit George Manfred, den berüchtigten Führer der Vier Gerechten, verhaftete. Die aufsehenerregende Flucht dieses bekannten Bandenführers ist vielleicht das bedeutendste Kapitel der modernen Kriminalgeschichte. Die »Vier Gerechten« waren bekanntlich eine Organisation, die sich selbst das Ziel gesetzt hatte, Ungerechtigkeiten zu rächen, die das Gesetz unbestraft ließ. Man nimmt an, daß die Mitglieder dieser Bande außerordentlich reiche Leute waren, die ihr Leben und ihr Vermögen dieser merkwürdigen und vollständig gesetzwidrigen Tätigkeit widmeten. Man hat seit langen Jahren nichts mehr von ihnen gehört.

 

*

 

Manfred las diese Notiz aus dem »Morning Telegram« vor, und Leon Gonsalez runzelte die Stirn.

 

»Ich muß energisch dagegen protestieren, daß man uns eine ›Bande‹ nennt«, sagte er.

 

Aber Manfred lächelte nur.

 

»Der arme, alte Falmouth«, meinte er nachdenklich. »Er war wirklich ein netter Mensch.«

 

»Ich mochte ihn auch gerne«, stimmte Gonsalez zu. »Er war soweit normal, nur Anzeichen von Progenismus –«

 

Manfred lachte.

 

»Entschuldige, wenn ich wieder einmal dumm erscheine, aber ich kann es auf diesem wissenschaftlichen Spezialgebiet nicht mit dir aufnehmen. Progenismus?«

 

»Der Laie sagt gewöhnlich ›hervorragender Unterkiefer‹«, erklärte Leon. »Fälschlicherweise wird dieses Merkmal für ein Zeichen von Willensstärke gehalten!«

 

»Aber abgesehen von allem Progenismus war Mr. Falmouth ein guter Kerl«, erwiderte Manfred, und Leon nickte beifällig. »Er besaß auch gutentwickelte Weisheitszähne«, fügte Manfred ironisch hinzu.

 

Gonsalez wurde rot, denn die Erinnerung an seinen Irrtum war ihm peinlich. Trotzdem lachte er.

 

»Es wird dich vielleicht interessieren, mein lieber George«, sagte er triumphierend, »daß der berühmte Doktor Carrara die Zähne von vierhundert Verbrechern und einer gleichen Anzahl von Nichtverbrechern untersuchte und dabei fand, daß die Weisheitszähne bei den normalen Menschen häufiger vorhanden waren.«

 

»Ich gebe dir ja recht mit deinen Weisheitszähnen«, sagte Manfred hastig. »Aber sieh doch einmal aufs Meer hinaus hast du jemals etwas Schöneres gesehen?«

 

Sie saßen auf einer saftigen, grünen Wiese; von der aus man Babbacombe Beach übersehen konnte. Die Sonne ging unter, ein herrlicher Tag neigte sich seinem Ende entgegen. Die Sonnenstrahlen vergoldeten alle Bäume und Sträucher. Hoch über der blauen See erhoben sich die brandroten Klippen und die grünen Felder von Devonshire.

 

Manfred schaute auf die Uhr.

 

»Wollen wir uns zum Abendessen umziehen? Oder ist dein Freund, für den du dich so sehr interessierst, mehr ein Bohemien?«

 

»Er gehört zu der neuen Generation«, erwiderte Leon. »Über alte Traditionen fühlt er sich erhaben. Ich freue mich sehr, daß du ihn kennenlernst. Seine Hände sind direkt faszinierend.«

 

Manfred war klug genug, nicht zu fragen, warum die Hände faszinierend waren.

 

»Ich habe ihn beim Golfspiel getroffen«, fuhr Gonsalez fort. »Dabei haben sich verschiedene Dinge zugetragen, die mich sehr interessierten. Wenn er einen Regenwurm sah, blieb er zum Beispiel stehen und tötete das unschuldige Tier mit einer solchen Wut, daß ich höchst erstaunt war. Ein Wissenschaftler sollte doch keine solchen Schrullen und Vorurteile haben. Er ist sehr reich. Die Leute im Klub erzählten mir, daß ihm sein Onkel nahezu eine Million hinterlassen hätte. Außerdem ist er der einzige Erbe einer seiner Tanten oder Cousinen, die voriges Jahr starb und ihm ein großes Besitztum hinterließ, das man ebenfalls auf eine Million schätzt. Er ist natürlich eine glänzende Partie. – Ob Miss Moleneux allerdings dasselbe denkt, konnte ich nicht herausbringen«, fügte er nach einer Pause hinzu.

 

»Großer Gott«, rief Manfred verwirrt, »sie kommt wohl auch heute abend zum Essen?«

 

»Sie kommt mit ihrer Mutter«, erklärte Leon ernst.

 

»Diese tüchtige Dame hat brieflichen Unterricht im Spanischen genommen und redet mich immer mit ihrem Kauderwelsch an, wenn ich sie treffe.«

 

Die beiden Freunde hatten für den Frühling Cliff House gemietet, um sich dort zu erholen. Besonders Manfred liebte Devonshire im April, wenn die Abhänge der hügeligen Landschaft mit Schlüsselblumen und Narzissen bedeckt waren, die wie ein goldener Sprühregen auf den grünen Wiesen schimmerten. »Señor Fuentes« hatte das Haus nach einer Besichtigung gemietet. Die Ruhe und der Frieden, die hier von der Natur ausströmten, taten seinem unruhigen, geschäftigen Geist unendlich wohl.

 

Manfred hatte sich zum Essen umgekleidet und saß im Wohnzimmer vor dem großen Kamin, in dem ein Holzfeuer brannte. Als er das Geräusch eines näher kommenden Autos hörte, das vorsichtig den Klippenweg herunterfuhr, stand er auf und trat ins Freie.

 

Leon Gonsalez war bei ihm, bevor die große Limousine vor der Eingangshalle hielt.

 

Zuerst stieg ein großer, schlanker Herr aus dem Wagen. Er sah nicht schlecht aus, obgleich sein Gesicht von Falten durchzogen war und seine Augen tief lagen. Die Brauen waren nicht gewölbt, sondern verliefen in gerader Richtung. Er grüßte Gonsalez mit einer gewissen Herablassung.

 

»Hoffentlich haben wir Sie nicht zu lange warten lassen, meine Experimente haben mich noch etwas aufgehalten. Heute ging alles schief im Laboratorium.«

 

Manfred, der ihn scharf beobachtet hatte, wurde ihm und den Damen vorgestellt. Er reichte einem, ernsten, jungen Mädchen von eigenartiger Schönheit die Hand.

 

Manfred war sehr sensitiv und erkannte sofort, daß Miss Moleneux von einer heimlichen Sorge bedrückt war. Ihr freundliches Lächeln, das zweifellos aufrichtig gemeint war, erschien ihm gleichwohl mechanisch und leer. Leon, der die Menschen mehr nach Verstandes- als nach Gefühlsmomenten beurteilte, zog ebenfalls seine Schlußfolgerungen aus ihrem Verhalten. Der ungewisse Eindruck Manfreds formte sich bei ihm zu einer bestimmten Erkenntnis. Das Mädchen fürchtete sich! Leon hätte gerne gewußt, vor wem sie Angst hatte. Sicherlich nicht vor dieser untersetzten, selbstzufriedenen Frau, die ihre Mutter war, und sicherlich auch nicht vor diesem hageren, bebrillten Gelehrten.

 

Während die Damen ihre Mäntel in einem der oberen Zimmer ablegten, hatte Manfred Gelegenheit, sich ein Urteil über Dr. Viglow zu bilden. Er brauchte ihn nicht zu unterhalten, denn der Doktor war selbst ein gewandter Gesellschafter.

 

»Ihr Freund spielt recht gut Golf«, sagte er, indem er auf Gonsalez zeigte. »Wirklich gut für einen Fremden. Sie sind doch beide Spanier?«

 

Manfred nickte. Eigentlich war er ja mehr Engländer als sein Gast, aber augenblicklich stattete er England als Spanier einen Besuch ab und war auch mit einem spanischen Paß versehen.

 

»Wenn ich Sie recht verstanden habe, sind Ihre Forschungen ungewöhnlich erfolgreich?« fragte Leon.

 

Dr. Viglows Augen leuchteten auf.

 

»Ja, ich bin sehr zufrieden.« Plötzlich fragte er schnell: »Wer hat Ihnen denn das gesagt?«

 

»Sie haben es mir doch selbst im Klub erzählt.«

 

Der Doktor runzelte die Stirn.

 

»So?« Er fuhr mit der Hand über die Stirn. »Ich kann mich gar nicht darauf besinnen. Wann war denn das?«

 

»Heute morgen. Aber Ihre Gedanken waren wahrscheinlich mit wichtigeren Dingen beschäftigt.«

 

Der junge Gelehrte biß sich auf die Lippen.

 

»Ich hätte nicht vergessen dürfen, was heute morgen passierte«, sagte er in besorgtem Ton.

 

Manfred hatte den Eindruck, daß er verzweifelt mit sich selbst kämpfte. Aber schließlich heiterte sich seine Miene wieder auf.

 

»Ja, ich habe wirklich einen ungewöhnlichen Erfolg zu verzeichnen. In einigen Monaten wird mein Name berühmt sein, sogar in meinem eigenen Vaterland. Aber diese Studien kosten auch eine unheimliche Menge Geld. Erst heute habe ich wieder nachgerechnet, daß ich allein für Stenotypistinnen wöchentlich nahezu sechzig Pfund zahle.«

 

Manfred schaute ihn erstaunt an.

 

»Für Stenotypistinnen?« wiederholte er langsam. »Dann schreiben Sie sicher ein wissenschaftliches Werk?«

 

»Hier kommen unsere Damen«, sagte der Doktor.

 

Es lag zuweilen etwas Abruptes, fast Abstoßendes in seinem Wesen, und als sie später bei Tisch saßen, hatte Manfred weiteren Grund, sich über das schlechte Betragen ihres Gastes zu wundern. Dr. Viglow saß neben Miss Moleneux. Als sich das Essen seinem Ende näherte, wandte er sich plötzlich unerwartet zu ihr.

 

»Du hast mich heute noch nicht geküßt, Margaret«, sagte er laut.

 

Das junge Mädchen errötete und wurde dann blaß. Ihre Finger zitterten nervös. »Habe ich dich – noch nicht geküßt, Felix?« stammelte sie.

 

Das Gesicht des Doktors war rot vor Ärger.

 

»Bei Gott, das ist wirklich gut!« schrie er. »Ich bin mit dir verlobt, ich habe dir in meinem Testament mein ganzes Vermögen vermacht, ich zahle deiner Mutter tausend Pfund im Jahr, und du hast mich heute noch nicht einmal geküßt!«

 

»Doktor!« unterbrach plötzlich die sanfte, aber eindringliche Stimme Leons die Spannung. »Können Sie mir nicht sagen, welcher Stoff mit der chemischen Formel Cl 2O 5 bezeichnet wird?«

 

Dr. Viglow wandte langsam den Kopf zu ihm und schaute ihn an. Allmählich verlor sich der seltsame Ausdruck aus seinem Gesicht, und er wurde wieder normal.

 

»Das ist eine Oxydverbindung von Chlor«, sagte er ganz ruhig. Die Unterhaltung wandte sich nun wissenschaftlichen Dingen zu.

 

Die einzige Person bei Tisch, die durch Dr. Viglows Entgleisung nicht außer Fassung gebracht wurde, war die kleine, selbstzufriedene Frau, die an Manfreds rechter Seite saß. Als der Doktor das Jahresgeld erwähnte, das er ihr zahlte, kicherte sie nur. Nachdem die allgemeine Unterhaltung wieder eingesetzt hatte, wandte sie sich zu Manfred und sprach mit leiser Stimme zu ihm.

 

»Felix ist manchmal so exzentrisch, aber gewöhnlich ist er ein ruhiger, liebenswürdiger und freundlicher Charakter. Man muß doch an die Zukunft seines Kindes denken – sind Sie nicht auch meiner Ansicht, Señor?«

 

Die letzte Frage hatte sie in ihrem schlechten Spanisch an ihn gerichtet. Manfred nickte und schaute einen Augenblick zu dem jungen Mädchen hinüber, das immer noch verstört und totenblaß aussah.

 

»Ich bin fest davon überzeugt, daß sie noch ganz glücklich mit ihm werden wird«, fuhr die Mutter fort, »viel glücklicher als mit diesem unmöglichen Menschen.«

 

Sie erklärte nicht genauer, wer dieser unmögliche Mensch war, aber Manfred ahnte eine ganze Tragödie. Er war nicht gerade romantisch veranlagt, aber ein Blick auf das Mädchen hatte ihm gesagt, daß bei dieser Verlobung etwas nicht stimmte. Er kam jetzt zu dem Schluß, den sein Freund Leon schon längst gezogen hatte, und erkannte, daß sie von reiner Furcht beherrscht war. Und er wußte jetzt auch, vor wem sie sich fürchtete.

 

Eine halbe Stunde später standen die beiden vor der Tür und sahen dem verschwindenden roten Schlußlicht von Dr. Viglows Wagen nach. Dann gingen sie zurück in das Wohnzimmer, und Manfred legte etwas Brennholz auf das Feuer, um es neu anzufachen.

 

»Nun, welchen Eindruck hast du?« fragte Gonsalez und rieb sich offenbar erfreut die Hände.

 

»Ich finde dieses Verhältnis einfach entsetzlich«, erwiderte Manfred, als er sich in einen Sessel setzte. »Ich dachte, es käme heutzutage nicht mehr vor, daß unvernünftige Mütter es wagen dürfen, ihre Töchter zu einer Ehe mit einem ungeliebten Mann zu zwingen. Man hört doch immer von den modernen jungen Mädchen, die so selbständig sind.«

 

»Die menschliche Natur bleibt immer dieselbe, daran ändern auch die modernen Zeiten nichts«, sagte Gonsalez lebhaft. »Die meisten Mütter handeln recht töricht, wenn es um das Schicksal ihrer Töchter geht. Ich weiß, daß du mir nicht recht geben wirst, aber ich kann Beweise anführen. Mantegazza hat statistische Angaben über achthundertdreiundvierzig Familien gesammelt …«

 

Manfred mußte lachen.

 

»Du bist nur zufrieden, wenn du deinen ewigen Mantegazza zitieren kannst! Hat dieser schreckliche Mensch denn alles gewußt?«

 

»Fast alles. Aber wir wollen von Miss Moleneux sprechen.« Leon wurde wieder ernst. »Es ist klar, daß sie ihn nicht heiraten will.«

 

»Was ist eigentlich mit ihm los?« fragte Manfred. »Er scheint ein ganz unbeherrschter Mensch zu sein.«

 

»Er ist verrückt«, antwortete Leon ruhig.

 

Manfred schaute ihn erstaunt an.

 

»Verrückt?« wiederholte er ungläubig. »Du meinst doch nicht etwa, daß er geisteskrank ist?«

 

»Ich brauche dieses Wort in vollem Ernst.« Gonsalez steckte sich eine Zigarette an. »Der Mann ist zweifellos verrückt. Vor einigen Tagen war ich meiner Sache noch nicht sicher, aber jetzt weiß ich es gewiß. Eine ganz unzweideutige Probe ist das schwindende Gedächtnis. Leute, die am Rande des Wahnsinns oder in den Anfängen einer Geisteskrankheit stehen, können sich nicht daran erinnern, was kurze Zeit vorher geschah. Hast du nicht bemerkt, wie bestürzt er war, als ich von der Unterhaltung sprach, die ich heute morgen mit ihm hatte?«

 

»Das ist mir allerdings aufgefallen«, gab Manfred zu.

 

»Er kämpfte mit sich selbst. Der noch gesunde Teil seines Gehirns lehnte sich gegen den kranken Teil auf – der Wissenschaftler gegen den unverantwortlichen, kranken Menschen. Der Gelehrte in ihm stellte fest, daß er auf dem Wege zum Wahnsinn war, wenn er plötzlich sein Gedächtnis für Vorfälle verlieren konnte, die nur einige Stunden zuvor passiert waren. Aber der Wahnsinn in ihm sagte, daß er so ein außergewöhnlicher, wunderbarer Mensch sei, daß die allgemein gültigen Regeln für ihn nicht in Betracht kämen. Wir werden ihm morgen einen Besuch machen und uns einmal sein Laboratorium ansehen. Wahrscheinlich entdecken wir dann auch, warum er sechzig Pfund wöchentlich für Stenotypistinnen bezahlt. Und nun gehst du am besten zu Bett, mein lieber George. Ich werde noch ein Kapitel des ausgezeichneten, aber manchmal auch irrenden Lombroso lesen.«

 

Dr. Viglows Laboratorium befand sich in einem neuen, roten Ziegelgebäude, das an der Grenze der Heide von Dartmoor lag. Daneben hatte er vor kurzem eine große Baracke errichten lassen, um die vielen Assistentinnen und Stenotypistinnen unterzubringen.

 

»Seit zwei oder drei Jahren habe ich nun keinen Professor getroffen«, sagte Manfred, als sie quer durch die Heide zu Dr. Viglow fuhren. »Seit fünf Jahren habe ich kein Laboratorium betreten. Und nun habe ich im Laufe weniger Wochen zwei außergewöhnliche Gelehrte kennengelernt, von denen allerdings einer schon tot war. Auch habe ich zwei Laboratorien besucht.«

 

Leon nickte.

 

»Eines Tages muß ich doch tatsächlich noch eine wissenschaftliche Abhandlung über die Duplizität der Fälle schreiben«, meinte er.

 

Vor dem Laboratorium hielt ein Postwagen. Drei Mädchen in weißen Arbeitskitteln trugen Postpakete aus der Tür und verstauten sie in dem Wagen.

 

»Er muß aber eine ungeheuer umfangreiche Korrespondenz haben«, sagte Manfred verwundert.

 

Dr. Viglow, der auch einen weißen Arbeitsmantel trug, stand in der Tür und begrüßte sie freundlich, als sie ausstiegen.

 

»Kommen Sie bitte in mein Büro«, sagte er und führte sie zu einem großen, luftigen Raum.

 

»Sie haben aber unheimlich viel Post«, sagte Leon.

 

Dr. Viglow lachte.

 

»Ich schicke die Pakete vorläufig zum Postamt nach Torquay. Sie lagern einstweilen dort und sollen erst abgeschickt werden, wenn« – er machte eine Pause –, »wenn ich meiner Sache sicher bin. Ein Wissenschaftler kann nicht sorgfältig genug sein«, sagte er ernst. »Wenn er eine Entdeckung bekanntgemacht hat, wird er hinterher dauernd von der Furcht gequält, daß er noch etwas Wichtiges, Ausschlaggebendes vergessen haben könnte, oder daß seine Schlußfolgerungen zu voreilig gezogen wären. Aber ich bin fest davon überzeugt, daß ich recht habe«, sagte er halb zu sich selbst. »Ich bin sicher, daß alles richtig ist, aber ich muß noch mehr Gewißheit haben!«

 

Er führte sie in dem großen Laboratorium umher, aber es war hier für Manfred nicht viel mehr zu sehen als in dem Arbeitsraum des verstorbenen Professors Tableman.

 

Dr. Viglow hatte sie bei ihrer Ankunft herzlich begrüßt und war sehr unterhaltsam gewesen. Aber nach wenigen Minuten schon wurde er immer stiller und gab keine Erklärungen für gewisse Instrumente, die Leon sehr zu interessieren schienen. Erst als er direkt gefragt wurde, antwortete er kurz und ausweichend.

 

In dem nächsten Raum änderte sich plötzlich das Benehmen Dr. Viglows, er wurde wieder mitteilsam und machte einen fast vergnügten Eindruck.

 

»Ich werde es Ihnen jetzt sagen«, rief er. »Ich werde Ihnen alles erklären! Außer mir weiß noch keine lebende Seele davon. Niemand versteht die außerordentlich wichtige Arbeit, die ich geleistet habe, und niemand kennt die Bedeutung meines Planes.«

 

Seine Augen leuchteten, sein Gesicht nahm einen freudigen Ausdruck an, und es schien Manfred, als ob er sich in diesem Augenblick mehr straffte.

 

Dr. Viglow zog die Schublade eines Tisches auf, der an der Wand stand, nahm eine längliche Porzellanplatte heraus und stellte sie auf den Tisch. Aus einem Wandschrank, der mit Drahtgaze geschlossen war, holte er einen Zinnkasten und schüttete den Inhalt mit unverhülltem Widerwillen auf die Porzellanplatte. Es war gewöhnliche Gartenerde. Plötzlich sah Leon zu seinem Erstaunen einen kleinen Regenwurm, der durch das Umstürzen an die Oberfläche gekommen war. Der kleine Kerl versuchte, sich möglichst schnell wieder mit vielen Windungen in den Erdhaufen einzubohren.

 

»Dieser verdammte Bursche!« Viglows Stimme klang zornig und erregt. Sein Gesicht zuckte und war wutentstellt. »Wie ich diese Biester hasse!« Seine Augen sprühten Haß, aber er schien auch von einem entsetzlichen Angstgefühl gepackt zu sein.

 

George Manfred holte tief Atem und trat einen Schritt zurück, um Viglow besser beobachten zu können. Der Mann beruhigte sich allmählich wieder und sah Leon an.

 

»Als ich noch ein Kind war«, sagte er mit zitternder Stimme, »konnte ich mir nichts Schlimmeres vorstellen als diese häßlichen Würmer. Ich hatte damals ein Kinderfräulein, eine böse Person von schlechtem Charakter. Einmal hat sie mir einen solchen Regenwurm in den Halsausschnitt gesteckt. Denken Sie doch, wie schrecklich das gewesen ist!«

 

Leon erwiderte nichts. Für ihn war ein Regenwurm irgendein Tier aus der Familie der Olygochaeten, der den etwas pompösen Namen lumbricus terrestris trug. Er konnte nicht verstehen, warum Dr. Viglow, dieser hervorragende Naturwissenschaftler, das kleine Geschöpf nicht ebenso beurteilte.

 

»Ich habe eine Theorie aufgestellt.« Der Doktor war nun ruhiger geworden und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »In bestimmten großen Perioden kommen alle Lebewesen auf dieser Welt der Reihe nach einmal zur Herrschaft. In Millionen von Jahren wird der Mensch wahrscheinlich zu der Größe einer Ameise zusammenschrumpfen, und der Regenwurm wird an seine Stelle treten. Er wird seine Intelligenz mit unerhörter Kraft steigern und wird sich durch Schlauheit und Grausamkeit die Herrschaft über die Welt aneignen! Dieser Gedanke hat mich immer gequält«, fuhr er fort, als weder Leon noch Manfred irgendeine Bemerkung machte. »Und er quält mich noch dauernd bei Tag und bei Nacht. Deshalb sehe ich meine Lebensaufgabe darin, die Menschheit vor dieser drohenden Gefahr zu schützen.« Er machte eine Pause. »Augenblicklich sind die Regenwürmer weder intelligent noch klug, auch haben sie nicht den geringsten Ehrgeiz. Es ist also jetzt noch leicht, ihrer Herr zu werden.«

 

Dr. Viglow ging wieder zu dem Schrank und nahm eine weithalsige Flasche heraus, die mit grauem Pulver gefüllt war. Er trat an Leon heran und zeigte bedeutsam auf das Gefäß.

 

»Dies ist das Resultat einer zwölfjährigen Arbeit«, sagte er schlicht. »Es ist nicht schwer, irgendeinen Stoff zu finden, der diese pestilenzartigen Tiere tötet. Aber dies ist etwas ganz anderes.«

 

Er nahm eine winzige Portion mit einem Seziermesser heraus, füllte ein Gefäß von zwei Litern mit Wasser und löste das Pulver darin auf. Er rührte die farblose Flüssigkeit mit einem Glasstab um und ließ dann drei Tropfen auf den Erdhaufen fallen, in dem sich der Wurm verborgen hatte. Nach einigen Sekunden bewegte sich die Erde heftig, in der das arme Opfer eingeschlossen war.

 

»Er ist tot«, rief Dr. Viglow triumphierend. Er teilte die Erde mit einem Stäbchen, um die Wahrheit seiner Behauptung zu beweisen. »Und nicht nur das Tier ist tot, sondern diese Handvoll Erde bringt auch jedem anderen Regenwurm Verderben, der damit in Berührung kommt.« Er klingelte, und eine seiner Assistentinnen kam herein. »Nehmen Sie das weg«, sagte er und schüttelte sich vor Widerwillen. Dann ging er mit düsteren Blicken zu seinem Schreibtisch.

 

Leon sprach auf dem Heimweg nicht. Er saß zusammengekauert in einer Ecke des Wagens, hatte die Arme über der Brust gekreuzt und das Kinn nachdenklich gesenkt. Am selben Abend verließ er das Haus ohne irgendein Wort der Erklärung. Er hatte vorher Manfreds Einladung zu einem gemeinsamen Spaziergang abgelehnt und nicht gesagt, wohin er gehen wollte.

 

Gonsalez ging den Weg an den Klippen entlang quer über die Hügel von Babbacombe und kam nach einer längeren Wanderung ungefähr um neun Uhr abends zu der Wohnung Dr. Viglows. Das Haus des Doktors war ziemlich groß und erforderte eine Menge Dienstboten. Aber es gehörte zu seinen vielen Eigentümlichkeiten, daß er in einem kleinen Gärtnerhaus schlief, das in einiger Entfernung von dem Hauptgebäude stand.

 

Erst vor kurzem hatte sich Dr. Viglow diesen einsamen Aufenthaltsort ausgesucht. Vorher war es ihm in dem großen Hause recht gut gegangen, in dem schon sein Vater gewohnt hatte. Aber in letzter Zeit hatte er dort nachts Stimmen und Knarren im Holzwerk gehört, auch hatte er Gestalten aus dem Dunkel auftauchen sehen, die in den langen Gängen einherschlichen. In seinen krankhaften Anwandlungen war er zu der Überzeugung gekommen, daß sich seine Dienstboten gegen ihn verschworen hätten und ihn während der Nacht ermorden wollten. Deshalb hatte er den Gärtner ausquartiert und das kleine Haus neu ausstatten und möblieren lassen. Hier verbrachte er nun hinter verschlossenen Türen die Nächte, indem er las, seinen Gedanken nachhing oder schlief. Gonsalez hatte schon von dieser Schrulle gehört und näherte sich dem Gärtnerhaus mit einiger Vorsicht, denn ein furchtsamer Mann ist gefährlicher als ein böser Mann. Er klopfte an die Tür und hörte gleich darauf Schritte auf dem Steinflur.

 

»Wer ist da?« fragte eine Stimme.

 

»Ich bin es«, erwiderte Gonsalez und nannte den Namen, unter dem er bekannt war.

 

Nach einem Zögern wurde aufgeschlossen, und die Tür öffnete sich.

 

»Treten Sie bitte ein«, sagte Dr. Viglow unwirsch und schloß die Tür wieder hinter ihm zu. »Sie sind sicher hierhergekommen, um mir zu gratulieren. Sie müssen auch zu meiner Hochzeit kommen, lieber Freund. Es wird ein großartiges Fest werden, denn ich werde dabei eine Rede halten über die Bedeutung meiner Entdeckung. Wollen Sie etwas trinken? Ich habe zwar nichts hier, aber ich kann es vom Haupthaus bringen lassen. In meinem Schlafzimmer habe ich ein Telefon.«

 

Leon schüttelte den Kopf.

 

»Ich habe mir noch viele Gedanken über Ihre Entdeckung gemacht, Doktor«, sagte er dann und nahm die angebotene Zigarette an. »Auch die vielen Postpakete, die heute vor Ihrer Tür aufgeladen wurden, habe ich mit der Entdeckung in Verbindung gebracht, von der Sie uns erzählten.«

 

Dr. Viglows Züge erhellten sich, und er strahlte vor Genugtuung. Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück und legte ein Bein über das andere wie jemand, der sich auf eine längere Rede vorbereitet.

 

»Das will ich Ihnen auch erklären. Seit Monaten stehe ich in Briefwechsel mit landwirtschaftlichen Gesellschaften, sowohl hier in diesem Lande als auf dem Kontinent. Ich bin eine europäische Größe«, sagte er hochfahrend und anmaßend. »Ich habe ein Mittel gegen die Reblaus gefunden, und durch mich wurde diese Geißel der Weinberge unschädlich gemacht.«

 

Leon nickte, denn er wußte, daß er die Wahrheit gesprochen hatte.

 

»Sie sehen also, daß man auf mein Wort etwas gibt, wenn es sich um Ackerbau handelt. Aber nach verschiedenen Unterredungen mit unseren beschränkten Landwirten fand ich, daß sie die Vernichtung dieser …«, er erwähnte den Namen der ihm so schrecklichen Tiere nicht, aber er zitterte, »… nicht gerne sehen. Und nach dieser Erfahrung muß ich natürlich meine Handlungsweise einrichten, jetzt, da ich davon überzeugt bin, daß mein Mittel in jeder Weise wirksam ist, kann ich der Post den Auftrag geben, die Pakete abzusenden. Ich wollte eben mit dem Vorsteher des Postamts telefonieren, als Sie an die Tür klopften. Die Pakete sind schon adressiert und mit Marken versehen.«

 

»An wen schicken Sie denn die Pakete?«

 

»An Gutsbesitzer und Landwirte. Es sind ungefähr vierzehntausend Pakete, die nach allen Teilen Europas versandt werden. In jedem Paket befindet sich eine gedruckte Anweisung in Englisch, Französisch, Deutsch und Spanisch. Damit die Leute meine Vorschriften auch ausführen, habe ich ihnen gesagt, daß dieses Pulver ein neues Düngemittel ist.«

 

»Was sollen die Leute denn tun, wenn sie die Pakete bekommen?« fragte Leon weiter.

 

»Sie sollen das graue Pulver in Wasser auflösen und einen gewissen Teil ihres Landes damit besprengen. Ich habe angegeben, daß es am besten auf gepflügtem Lande geschieht. Sie brauchen nur einen Teil ihres Landes damit zu besprengen. Diese niederträchtigen Biester werden das andere Land bald genug infizieren. Ich bin fest davon überzeugt, daß in sechs Monaten in ganz Europa und Asien kein Exemplar dieser schrecklichen Geschöpfe mehr am Leben ist.«

 

»Die Leute wissen also nicht, daß dieses Gift dazu bestimmt ist, Regenwürmer zu töten?«

 

»Nein, das habe ich Ihnen doch eben erklärt«, erwiderte der Doktor böse. »Warten Sie einen Augenblick. Ich will nur mit dem Postmeister telefonieren.«

 

Er erhob sich schnell, aber Leon war noch schneller und packte ihn am Arm.

 

»Mein lieber Freund«, sagte er, »das dürfen Sie nicht.«

 

Dr. Viglow versuchte sich loszumachen.

 

»Lassen Sie mich gehen«, schrie er wütend. »Gehören Sie auch zu diesen Dämonen, die mich quälen?«

 

Unter gewöhnlichen Umständen wäre Leon stark genug gewesen, einen Mann wie Dr. Viglow aufzuhalten, aber der Wahnsinnige besaß außergewöhnliche Kräfte und warf Gonsalez in einen Stuhl. Bevor sich sein Gegner wieder erheben konnte, schlüpfte Dr. Viglow durch die Tür, machte sie rasch zu und schloß sie ab.

 

Das eingeschossige Haus war durch eine Holzwand, die Dr. Viglow hatte einziehen lassen, in zwei Räume geteilt. Ober der Tür war ein Fenster angebracht; Leon zog schnell den Tisch dorthin, sprang hinauf und schlug das Glasfenster mit seinem Ellbogen ein.

 

»Rühren Sie das Telefon nicht an!« rief er Viglow zu. »Hören Sie?«

 

Der Doktor sah sich hämisch lachend um.

 

»Sie sind auch ein Freund dieser Teufel!« Er streckte gerade die Hand aus, um den Hörer abzuheben, als Leon ihn niederschoß.

 

*

 

Als Manfred am nächsten Morgen von seinem Spaziergang zurückkam, traf er Gonsalez, der auf dem Rasen vor dem Haus auf und ab ging und eine besonders lange Zigarre rauchte.

 

»Mein lieber Leon, du hast mir ja nichts von alledem gesagt?« Manfred legte seinen Arm in den seines Freundes.

 

»Ich dachte, es wäre das beste, zu warten.«

 

»Ganz zufällig habe ich die Geschichte gehört. Man erzählt, daß ein Dieb in das Gärtnerhaus einbrach und den Doktor erschoß, als er um Hilfe telefonieren wollte. Alles Silberzeug in dem äußeren Raum ist gestohlen worden, auch die goldene Taschenuhr und die Brieftasche des Doktors sind verschwunden.«

 

»Sie ruhen auf dem Grund des Meeres in der Babbacombe-Bucht«, erwiderte Leon. »Ich bin heute morgen schon zum Angeln ausgefahren, als du noch schliefst.«

 

Sie gingen eine Weile schweigend auf und ab.

 

»War es denn wirklich notwendig?« fragte Manfred dann.

 

»Durchaus«, antwortete Leon ernst. »Du mußt vor allem daran denken, daß dieser Mann, obwohl er verrückt war, nicht nur ein Gift, sondern auch einen Ansteckungsstoff entdeckte.«

 

»Aber mein lieber Leon«, fragte Manfred lächelnd, »waren denn die Regenwürmer das alles wert?«

 

»Ja, sie sind viel mehr wert als sein Leben. Die größten Gelehrten, die sich mit Landwirtschaft befaßt haben, sind darin einig, daß die ganze Erdoberfläche steril würde und die Menschheit in sieben Jahren verhungern könnte, wenn die Regenwürmer nicht dauernd in Tätigkeit wären.«

 

Manfred blieb stehen und starrte seinen Freund an.

 

»Glaubst du das wirklich?«

 

Leon nickte.

 

»Die Regenwürmer sind im Haushalt der Natur unbedingt notwendig«, entgegnete er ernst. »Das Land wird fruchtbar durch sie. Leider ist ihr Nutzen noch nicht allgemein bekannt. Sie sind die besten Freunde der Menschen. – Aber nun will ich zum Postamt gehen und dem Postmeister eine genügend glaubhafte Geschichte erzählen, damit ich alle diese Pakete zurückbekomme.«

 

»Ich bin in mancher Beziehung froh darüber«, sagte Manfred lächelnd. »Eigentlich in jeder Beziehung. Das junge Mädchen hat mir sehr gut gefallen, und ich bin sicher, daß dieser unmögliche Mensch doch nicht so ganz unmöglich ist.«

 

Kapitel 4

 

4

 

Der Mann, der zweimal starb

 

Die Pause zwischen dem zweiten und dritten Akt war ungewöhnlich lang. Aber die drei Herren, die in einer der Logen saßen, waren in so harmonischer Stimmung, daß keiner es für notwendig hielt, Konversation zu machen. Das Theaterstück, das sie sich ansahen, war ein gewöhnliches Detektiv- und Verbrecherstück, und jeder von ihnen hatte das »Geheimnis« des Mordes schon enträtselt, bevor der Vorhang nach dem ersten Akt fiel. Alle drei hatten ohne große geistige Anstrengung die richtige Lösung gefunden.

 

Mr. Fare, der Polizeidirektor, hatte mit George Manfred und Leon Gonsalez zu Abend gespeist, dann waren sie gemeinsam zum Theater gegangen.

 

Mr. Fare runzelte die Stirn, als ob er eine unangenehme Erinnerung hätte. Plötzlich hörte er ein leises Lachen und begegnete den belustigten Blicken Leons, als er aufschaute.

 

»Warum lachen Sie?« fragte er, angesteckt von der Fröhlichkeit des anderen.

 

»Über Ihre Gedanken!«

 

»Über meine Gedanken?« wiederholte Mr. Fare erstaunt.

 

»Ja – Sie dachten eben an die ›Vier Gerechten‹.«

 

»Das ist aber sehr merkwürdig! Ich habe tatsächlich an sie gedacht. War das nun Telepathie?«

 

Gonsalez schüttelte den Kopf.

 

Manfred schaute währenddessen zerstreut ins Parkett.

 

»Nein, es war keine Telepathie«, erwiderte Leon. »Ich konnte Ihre Gedanken von Ihrem Gesichtsausdruck ablesen.«

 

»Aber ich habe doch kein Wort von diesen Kerlen gesagt! Wie kommen Sie denn darauf …?«

 

»Der Gesichtsausdruck, besonders der Ausdruck der Erregung, gehört in die Kategorie der primitiven Instinkte sie sind nämlich nicht gewollt, nicht beabsichtigt.« Leon war nun bei seinem Lieblingsthema. »Wenn ein Billardspieler zum Beispiel einen Ball gestoßen hat, so verrenkt er gewöhnlich seinen Körper je nach der Richtung, die der Ball nimmt. Sie haben doch sicher schon einmal die Verdrehungen eines solchen Spielers beobachtet, der die zweite Kugel nur um ein Geringes verfehlte? Ein Mann, der mit der Schere ein Stück Tuch abschneidet, kaut unwillkürlich, und ein Ruderer bewegt seine Lippen bei jedem Ruderschlag. Wir nennen das unwillkürliche Bewegungen. Bei Tieren können Sie dasselbe bemerken.«

 

»Gibt es denn tatsächlich einen feststehenden Gesichtsausdruck für den Gedanken an die ›Vier Gerechten‹?« fragte Mr. Fare lächelnd.

 

Leon nickte.

 

»Es würde sehr lange dauern, das genau zu beschreiben – aber ich will Sie nicht täuschen. Ich habe Ihre Gedanken weniger gelesen als vermutet, indem ich ihnen folgte. Die letzten Worte des Aktes, den wir eben sahen, wurden von einem theatralischen Geistlichen gesprochen: ›Gerechtigkeit! Es gibt eine Gerechtigkeit, die über dem Gesetz steht!‹ Ich sah, daß Sie die Stirn runzelten und dann dem Redakteur des ›Megaphone‹ zunickten, der in der anderen Logenreihe sitzt. Es fiel mir ein, daß Sie für diese Zeitung einen Artikel über die ›Vier Gerechten‹ geschrieben haben –«

 

»Ach, Sie meinen den kleinen Nachruf für den armen Falmouth«, verbesserte Mr. Fare. »Ja, nun verstehe ich. Sie haben natürlich recht. Ich dachte an diese Leute und an ihre Anmaßung, sich als Richter und Henker aufzuwerfen, wenn das Gesetz die Schuldigen zu strafen verfehlt oder wenn sich die Schuldigen dem gerechten Urteil entziehen konnten.«

 

Manfred wandte sich plötzlich um.

 

»Leon«, sagte er in Spanisch – die drei hatten sich schon den ganzen Abend in dieser Sprache unterhalten –, »sieh dir doch einmal den Herrn mit den großen Brillantknöpfen an der Hemdenbrust an. Was hältst du von ihm?«

 

Leon richtete sein Opernglas auf den Mann und betrachtete ihn eingehend.

 

»Ich würde ihn gern einmal sprechen hören«, erwiderte er nach einer Weile. »Er hat ein zartes Gesicht, aber sein Unterkiefer ist so stark entwickelt, daß die unteren Zähne über die oberen vorgreifen. Sind seine Augen nicht ungewöhnlich groß?«

 

Manfred schaute durch das Opernglas zu dem ahnungslosen Fremden hinüber.

 

»Sie sind groß – ja, sie treten stark hervor.«

 

»Was siehst du sonst noch?«

 

»Seine Lippen sind dick und wie geschwollen.«

 

Leon nahm das Glas zurück und wandte sich an Fare.

 

»Ich wette nie, aber wenn ich es täte, würde ich tausend Pesetas darauf setzen, daß dieser Mann eine heisere, gebrochene Stimme hat.«

 

Mr. Fare schaute auch ins Parkett hinunter.

 

»Sie haben ganz recht. Mr. Ballams Stimme ist tatsächlich ungewöhnlich rauh und heiser. Was schließen Sie denn daraus?«

 

»Daß er einen bösen Charakter hat«, erwiderte Gonsalez. »Mein lieber Freund, dieser Mann ist ein gefährlicher, schlechter Mensch. Die vortretenden Augen und die krächzende Stimme sind untrügliche Zeichen – sie deuten auf nichts Gutes.«

 

Mr. Fare rieb aufgeregt seine Nase.

 

»Wenn ich Sie nicht so genau kennen würde, könnte ich jetzt sehr grob werden und einfach behaupten, daß Ihnen der Mann von früher her bekannt ist und daß Sie ihn schon öfter getroffen haben. Aber nachdem Sie mir gestern eine so außergewöhnliche Probe Ihrer Fähigkeiten gegeben haben, bin ich davon überzeugt, daß doch etwas hinter der Physiognomik stecken muß.«

 

Mr. Fare dachte an den Besuch, den Leon Gonsalez und Manfred in der Registratur von Scotland Yard gemacht hatten. Man hatte vierzig Fotografien auf dem Tisch vor Gonsalez ausgebreitet, und er hatte die Leute nacheinander beurteilt und die Verbrechen aufgezählt, deren sie sich schuldig gemacht hatten. Es unterliefen ihm dabei im ganzen nur vier Fehler, und auch diese waren entschuldbar.

 

»Ja, Gregory Ballam ist ein schlechter Mensch«, sagte der Polizeidirektor nachdenklich. »Er ist uns niemals unter die Hände gekommen, aber das ist eben Glück im Spiel. Er ist so schlau wie der Teufel, und es tut mir leid, daß eine so hübsche Dame wie Genee Maggiore ihn begleitet.«

 

»Ist das die Dame, die neben ihm sitzt?« fragte Manfred interessiert.

 

»Sie ist Schauspielerin«, murmelte Gonsalez. »Siehst du, wie sie in gewissen Zwischenräumen ihren Kopf erst nach links und dann nach rechts dreht, obwohl es weder links noch rechts etwas zu sehen gibt? Sie ist daran gewöhnt, daß man sie beobachtet. Das ist weniger Eitelkeit als ein ganz besonderes Kennzeichen ihres Berufes.«

 

»Was treibt dieser Ballam eigentlich?« fragte Manfred den Polizeibeamten.

 

»Sie kennen doch unseren Dickens?« Mr. Fare hielt Manfred für einen Spanier. »Es ist sehr schwer, Ihnen zu erklären, wie Gregory Ballam sein großes Einkommen erwirbt«, sagte er dann ernst. »Er ist eine Art Geldverleiher und hat nebenbei noch verschiedene andere einträgliche Geschäfte.«

 

»Was denn zum Beispiel?« fragte Manfred.

 

Mr. Fare schien nicht gern zu antworten.

 

»Ich will es Ihnen im tiefsten Vertrauen sagen. Wir haben Grund anzunehmen, daß er eine Opiumhöhle unterhält, die von reichen Leuten besucht wird. Haben Sie nicht letzte Woche von John Didworth gelesen, der eine Krankenpflegerin in Kensington Gardens niederknallte und sich dann selbst erschoß?«

 

Manfred nickte.

 

»Er war doch ein sehr bekannter Mann?«

 

»Ja, er genoß so großes Ansehen und hatte so viele Beziehungen, daß wir den Fall auf sich beruhen ließen. Es hätte zuviel Staub aufgewirbelt. Er starb am nächsten Tag im Hospital, und die Ärzte erklärten, daß er unweigerlich unter dem Einfluß eines indischen Rauschgiftes stand. In den wenigen Augenblicken, in denen er noch zum Bewußtsein kam, erzählte er dem Arzt, daß er in der Nacht vorher betrunken war und schließlich in einer Art Opiumhöhle landete. Von der Zeit an konnte er sich auf nichts mehr besinnen, bis er im Hospital erwachte. Er starb, ohne zu wissen, daß er dieses gräßliche Verbrechen begangen hatte. Zweifellos hat er unter dem Einfluß dieses Rauschgiftes in einer Art Wahnsinn die erste Person niedergeschossen, die ihm begegnete.«

 

»War er in Mr. Ballams Opiumhöhle?« fragte Gonsalez interessiert.

 

In diesem Augenblick hob sich der Vorhang wieder, und sie konnten ihre Unterhaltung nur noch flüsternd fortsetzen.

 

»Das wissen wir nicht genau. In seinem Delirium hat er allerdings Ballams Namen erwähnt. Wir haben alles getan, was in unseren Kräften stand, um es herauszubringen. Ballam ist Tag und Nacht beobachtet worden. Alle Lokale, die er besucht hat, haben wir durchforscht, aber wir haben nichts gefunden, was ihn in irgendeiner Weise belasten könnte.«

 

Leon Gonsalez hatte seine besonderen Eigentümlichkeiten. Morgens um neun Uhr beim Frühstück war er am lebhaftesten und leistungsfähigsten. Am nächsten Morgen legte er die Zeitung hin und fragte:

 

»Was ist eigentlich Verbrechen?«

 

»Mein lieber Professor«, sagte Manfred feierlich, »das will ich dir sagen. Es ist die Abweichung von den Gesetzen, welche die menschliche Gesellschaft beherrschen.«

 

»Das ist eine abgegriffene Erklärung. Mein lieber George, um neun Uhr morgens bist du immer etwas fade. Hätte ich dich um Mitternacht gefragt, so hättest du mir geantwortet, daß jede Handlung ein Verbrechen ist, die absichtlich deinen Nächsten verletzt oder schädigt. Wenn ich die Sache noch genauer bestimmen und, wie man sich hierzulande ausdrückt, juristisch definieren wollte, würde ich hinzusetzen, ›die gegen das Gesetz verstößt‹. Auf ein aufgeklärtes Verbrechen kommen wohl zehntausend unentdeckte. Die Leute nennen eigentlich nur diejenigen Übertretungen Verbrechen, die von einer gewissen Klasse von ungebildeten oder halbgebildeten Verrückten oder Halbverrückten begangen werden. Hier liegt doch eine ganz gemeine Tat vor, ein ungeheuerliches Verbrechen. Wir haben hier einen Mann, der die Lebenskraft junger Menschen zerstört und ihr Glück erbarmungslos mordet. Hier ist einer, der Männer und Frauen in den Schmutz zieht, sie in ihren eigenen Augen herabsetzt und allen Ehrgeiz, alles Aufwärtsstreben in ihnen tötet, nur damit er in einem gewissen Luxus leben, schneeweiße Wäsche tragen, teure Weine trinken und die feinsten Leckerbissen essen kann.«

 

»Wen meinst du denn eigentlich?« fragte Manfred.

 

»Er wohnt Nr. 93 Jermyn Street, er ist sozusagen unser Nachbar.«

 

»Ach so, du sprichst von Mr. Ballam?«

 

»Allerdings«, erwiderte Gonsalez ernst. »Heute abend werde ich als ein ausländischer Artist ausgehen und mir viel Geld in die Tasche stecken. Ich habe die Absicht, mich auf Tod und Leben zu amüsieren, und ich zweifle nicht, daß ich früher oder später dabei mit Mr. Ballam zusammentreffe. Sehe ich eigentlich wie ein Detektiv aus, George?« fragte er unvermittelt.

 

»Du siehst eher wie ein genialer Klaviervirtuose aus«, sagte George.

 

Gonsalez rümpfte die Nase.

 

»Du kannst sogar morgens um neun Uhr schon recht unausstehlich sein.«

 

*

 

Die Verbrecher haben mit zwei Gefahrmomenten zu rechnen, wenn sie darauf ausgehen, schnell und leicht zu Reichtum zu kommen. Zunächst besteht das Risiko der Entdeckung und Bestrafung sowohl für wohlhabende als für arme Verbrecher, und außerdem können sie viel Geld verlieren, das sie angelegt haben, um sich damit noch größere Summen anzueignen. Der Verbrecher, der Geld in ein Geschäft steckt, läuft die geringste Gefahr, entdeckt zu werden. Aus diesem Grunde werden gewöhnlich auch nur die Mittellosen und die Dummen gefaßt und zur Verantwortung vor den Richter gezogen, während die Wohlhabenden selten auf der Anklagebank sitzen.

 

Mr. Gregory Ballam hatte früher bei einer Auktion drei Häuser in der Montague Street, Portland Place, gekauft. Sie standen nebeneinander und bildeten einen Block für sich. Das erste war als Bürogebäude vermietet; ein Rechtsanwalt hatte das Erdgeschoß belegt, im ersten Stock befanden sich die Räume eines Wein- und Spirituosenhändlers. Der zweite Stock enthielt eine Reihe einfacher Zimmer, in denen Mr. Gregory Ballam seine Geschäfte abwickelte. Außerdem benutzte er auch das Kellergeschoß, das er vollständig hatte ausbessern und herrichten lassen. Hier war, wenn auch gerade nicht ein komfortables, so doch nettes und sauberes Lager angelegt. Durch den Keller konnte man unter anderem auch zu einer neuen Garage kommen, die für einen Teilhaber Mr. Ballams eingebaut worden war.

 

Nur die Bauarbeiter, die bei den Reparaturen beschäftigt waren, wußten, daß man auch von einem Haus in das andere gelangen konnte, und zwar durch eine Tür im Keller, die schon vor dem Verkauf der Häuser bestand, oder durch einen neuen Zugang in den Büroräumen Mr. Ballams.

 

Das dritte Haus beherbergte die Räume des Internationalen Artistenklubs. Die Polizei war Mr. Ballam niemals dorthin gefolgt, weil er niemals dorthin gegangen war, wenigstens nicht durch den vorderen Haupteingang. Der Artistenklub hatte unter seinen Räumen auch einen ›Ruhesalon‹, und hier war Mr. Ballam manchmal erschienen, als ob er ein Zauberer wäre. Er hatte dann eine kleine, ausgewählte Gesellschaft getroffen und sie durch eine wohlverborgene Seitentür in das Erdgeschoß des Mittelhauses geführt, welches das ansehnlichste der drei Gebäude war. Hübsche Gardinen hingen an allen Fenstern. Hier wohnte Mr. Reymond, ein älterer, achtbarer Herr mit seiner Frau.

 

Es war seine Gewohnheit, jeden Morgen um zehn Uhr ins Geschäft zu gehen. Sein blitzblanker Zylinder saß dann immer etwas kühn auf dem Kopf, unter dem Arm schaute ein zusammengerollter Regenschirm hervor, und im Knopfloch prangte eine Blume. Die Polizei kannte ihn vom Ansehen, und die Polizisten des Bezirks grüßten ihn freundlich. In früheren Zeiten hatte dieser Mr. Reymond einen prachtvollen, weißen Bart und bezog ein verhältnismäßig hohes Einkommen, indem er Bettelbriefe schrieb und leichtgläubige, mitfühlende alte Damen besuchte, um ihren Geldbeutel zu erleichtern. Damals führte er allerdings einen ganz anderen Namen und genoß auch nicht den guten Ruf, dessen er sich in der Montague Street erfreute. Aber jetzt war er glattrasiert, sah aus wie ein pensionierter Admiral und erhielt vier Pfund wöchentlich dafür, daß er jeden Morgen um zehn Uhr aus dem Hause ging, seinen tadellosen Zylinder kühn durch die Straßen trug, den zusammengerollten Regenschirm unter den Arm klemmte und eine Blume im Knopfloch trug. Die meiste Zeit des Tages verbrachte er in der Guildhall-Bibliothek; um fünf Uhr abends kam er dann wieder heiter und guter Dinge in seine Wohnung zurück.

 

Wenn er sein schweres Tagwerk vollendet hatte, ging er mit seiner Frau in das kleine Wohnzimmer, und dort spielten sie Karten. Sie unterhielten sich dabei lustig und vergnügt, aber ihre Ausdrücke waren keineswegs salonfähig.

 

Im Obergeschoß dieses Mittelhauses befand sich ein geheimnisvoller, luxuriös eingerichteter Salon. Dort frönten hinter dreifachen schwarzen Samtvorhängen Männer und Frauen Tag und Nacht dem Opiumrauchen. Mr. Ballam hatte die Trennungswand zwischen zwei Zimmern herausbrechen lassen und dadurch einen kleinen Saal geschaffen, der unter seiner persönlichen Aufsicht auf das prächtigste ausgestattet worden war. Dieser Raum war nur zum Opiumrauchen bestimmt. Wenn jemand Haschisch bevorzugte, konnte er sich diesen Genuß im Erdgeschoß verschaffen. Zuweilen erschien auch Mr. Ballam selbst, um eine Pfeife von diesem träumeerzeugenden Kraut zu rauchen, aber gewöhnlich beschränkte er seine Besuche auf besondere Gelegenheiten, zum Beispiel die Einführung eines neuen lukrativen Kunden. Merkwürdigerweise hatten die Rauschgifte keinen gesundheitsschädigenden Einfluß auf ihn, worauf er sehr stolz war.

 

Auch jetzt rühmte er sich wieder einem neuen Gast gegenüber. Es war ein reicher, spanischer Artist, den einer seiner Agenten aufgegriffen und zum Internationalen Artistenklub gebracht hatte.

 

»Mir schadet es auch nicht«, erwiderte der Fremde und wehrte einen gelbgesichtigen Chinesen ab, der ihm eine Opiumpfeife anbieten wollte. »Nur bringe ich für gewöhnlich meinen eigenen Stoff mit.«

 

Ballam neigte sich neugierig vor, als der Spanier eine grünliche harzige Pille aus einem kleinen, silbernen Kasten herausnahm.

 

»Was ist denn das?« fragte er neugierig.

 

»Das ist meine eigene Mischung, canabis indica, Opium und etwas türkischer Tabak. Sie ist noch milder als Opium und die Wirkung noch viel wundervoller.«

 

»Das können Sie hier oben aber nicht rauchen«, meinte Ballam kopfschüttelnd. »Versuchen Sie ruhig eine Pfeife Opium, alter Knabe.«

 

Aber der »alte Knabe«, der trotz seiner weißen Haare noch sehr jung war, ließ sich nicht überreden.

 

»Das macht nichts – ich kann ebensogut auch zu Hause rauchen. Ich bin eigentlich nur aus Neugierde hergekommen.« Mit diesen Worten erhob er sich, um zu gehen.

 

»So eilig werden Sie es doch wohl nicht haben«, erwiderte Ballam hastig.

 

»Wir haben unten im Erdgeschoß noch einen Salon für die Hanfraucher – die Leute hier oben können den Geruch nicht vertragen. Ich werde mit Ihnen hinuntergehen und einmal Ihre neue Mischung probieren. Nehmen Sie Ihren Kaffee mit.«

 

Der untere Salon war ganz leer. Sie suchten sich einen bequemen, weichen Diwan aus und nahmen dort Platz.

 

»Meine Mischung können Sie mit einem einfachen Streichholz anzünden, Sie brauchen keinen Spirituskocher dazu«, sagte der Fremde.

 

Ballam nippte an seinem Kaffee und betrachtete argwöhnisch die Pfeife, die ihm Gonsalez anbot.

 

»Ich wollte Sie noch etwas fragen. Verursacht Ihnen der Betrieb eines solchen Lokals nicht schlaflose Nächte?«

 

»Nun seien Sie doch nicht wunderlich.« Mr. Ballam steckte seine Pfeife gemächlich an und rauchte mit offenbarer Befriedigung. »Wirklich eine gute Mischung. Weshalb soll ich denn schlaflose Nächte haben?«

 

»Nun, es werden doch viele Leute hier aus ihrem Gleis geworfen. Ich meine, die Leute, die diese Rauschgifte zu sich nehmen, werden doch alle früher oder später ruiniert.«

 

»Das ist ihre Sache, das geht mich nichts an«, sagte Mr. Ballam selbstzufrieden. »Dafür haben sie aber auch eine ganze Menge Vergnügen genossen. Wir haben eben nur ein Leben, und wir müssen alle einmal sterben.«

 

»Manche Menschen sterben aber zweimal«, erwiderte Leon trocken. »Menschen, die ihr Bewußtsein unter dem Einfluß dieser schädlichen Gifte verlieren und zu Mördern geworden sind, wenn sie wieder aufwachen. Im Osten gibt es ein Rauschmittel, das die Eingeborenen Bal nennen. Es macht die Menschen rasend und wahnsinnig.«

 

»Ach, das interessiert mich nicht.« Ballam wurde ungeduldig. »Ich habe auch nicht mehr viel Zeit, wir müssen schnell machen, daß wir mit dem Rauchen zu Ende kommen. Heute abend besucht mich eine Dame – ich habe noch eine Verabredung, die ich einhalten muß, alter Freund!« meinte er lachend.

 

»Im Gegenteil, diese Frage interessiert Sie sehr, und selbst wenn Sie sich mit Miss Maggiore verabredet haben –«

 

Mr. Ballam starrte ihn erstaunt an.

 

»Zum Teufel, wovon reden Sie denn überhaupt?« fragte er heftig.

 

»Obwohl Sie diese Verabredung haben, muß ich Ihnen mitteilen, daß dieses Rauschgift Bal, das die Menschen zu Amokläufern macht, stärker ist als irgendein anderes Mittel, das Sie hier in Ihrem Lokal verabreichen.«

 

»Was hat denn das mit mir zu tun?« brummte Ballam.

 

»Sehr viel«, entgegnete Leon kühl. »Sie rauchen gerade ein doppeltes Quantum von dem, was ein gewöhnlicher Mensch vertragen kann!«

 

Mit einem Schreckensschrei sprang Ballam auf, aber er konnte sich später nicht mehr auf die weiteren Vorgänge besinnen. Es war ihm nur, als ob ihm irgend etwas den Schädel spaltete, ein entsetzliches Licht blendete seine Augen, und dann schienen Tausende von Jahren an ihm vorüberzuziehen. Eine Ewigkeit lang wurde er von grellen Blitzen geschreckt, donnerähnliche Geräusche betäubten seine Ohren, er hörte flüsternde, geheimnisvolle Stimmen, und eine namenlose Unruhe bemächtigte sich seiner. Manchmal kam ihm zum Bewußtsein, daß er sprach, und er lauschte gierig auf seine eigenen Worte. Zuweilen redeten fremde, unsichtbare Geister zu ihm und verhöhnten ihn, und er fühlte, daß ihn irgend jemand verfolgte.

 

Wie lange dieser Zustand dauerte, konnte er selbst nicht beurteilen. In seiner halb bewußtlosen Verfassung versuchte er, die Zeit nachzurechnen, aber er fand, daß er kein Maß besaß, an das er sich halten konnte. Es schienen ihm viele Jahre verflossen zu sein, als er mit einem tiefen Seufzer die Augen öffnete. Er fuhr mit der Hand über seinen schmerzenden Kopf, und allmählich wurde ihm klar, daß er in einem Bett lag. Es war hart, und die Kopfstütze noch härter. Er starrte zu der weißgetünchten Decke empor und betrachtete dann die einfachen, gekalkten Wände. Als er über die Seite seines Lagers schaute, wurde er gewahr, daß der Fußboden aus Eisenbeton bestand. Zwei Lichter brannten in dem Raum, eins auf dem Tisch und eins in der Ecke des Zimmers, wo ein Mann saß und die Zeitung las. Der Mann kam ihm ganz sonderbar vor, und er blinzelte zu ihm hinüber. »Ich träume natürlich«, sagte er laut.

 

Der Mann schaute auf.

 

»Hallo! Wollen Sie aufstehen?«

 

Ballam antwortete nicht. Er starrte noch mit offenem Munde umher und traute seinen Sinnen nicht. Der Mann war in Uniform, trug einen dunklen, enganliegenden Rock und hatte einen Ledergürtel umgeschnallt. Auf dem Kopf saß eine Mütze mit einer Kokarde. Ballam las die Buchstaben auf den Schulterstücken.

 

»A. W.«, wiederholte er verwirrt. »A. W.«

 

Was sollte dieses »A. W.« bedeuten? Aber plötzlich wurde es ihm klar.

 

Assistenzwärter! Er schaute sich in dem Raum um. Es war nur ein Fenster zu sehen, das mit schweren, eisernen Gittern verschlossen war. Dickes Milchglas war dort eingesetzt. An der Wand hing ein Anschlag. Ballam erhob sich mit großer Mühe vom Bett, taumelte dorthin und versuchte, den Text zu lesen.

 

»Dienstvorschriften für die königlichen Gefängnisse.« Er schaute auf seine eigene Kleidung. Er war allem Anschein nach in Strümpfen und Beinkleidern zu Bett gegangen, aber die Hose, die er trug, war aus einem rauhen, gelblichgrauen Stoff und über und über mit verwaschenen schwarzen Pfeilen bedruckt. Er war im Gefängnis! Wie lange mochte er hier sein?

 

»Wollen Sie sich heute anständig benehmen?« fragte der Wärter kurz. »Wir haben keine Lust, noch mehr von diesen Spektakelszenen zu erleben, wie Sie gestern wieder eine aufgeführt haben!«

 

»Seit wann bin ich denn eigentlich hier?« stieß Ballam heiser hervor.

 

»Sie wissen doch ganz genau, wie lange Sie hier sind. Gestern waren es drei Wochen.«

 

»Drei Wochen!« rief Ballam entsetzt. »Weshalb hat man mich denn angeklagt?«

 

»Nun fangen Sie nicht wieder diesen alten Quatsch an, mein lieber Ballam«, sagte der Wärter nicht unfreundlich. »Sie wissen ganz genau, daß es mir verboten ist, mich mit Ihnen zu unterhalten. Legen Sie sich wieder aufs Bett und schlafen Sie. Manchmal denke ich wirklich, daß Sie so verrückt sind, wie Sie sich anstellen.«

 

»Habe ich denn – irgendwelche Dummheiten angestellt?«

 

»Dummheiten?« Der Wärter wandte sich erstaunt um. »Ich war zwar nicht bei der Gerichtsverhandlung dabei, aber sie haben mir alle erzählt, daß Sie vor Gericht den Verrückten gespielt haben. Und als der Richter Sie zum Tode verurteilte –«

 

»Mein Gott!« schrie Ballam und sank kreidebleich und vernichtet auf das Bett. »Zum Tode verurteilt!« Er konnte die Worte kaum aussprechen. »Was habe ich denn getan?«

 

»Sie haben doch die junge Dame umgebracht – das wissen Sie doch ganz genau… Ich wundere mich nur über Sie, daß Sie mir nun auch noch solch ein Theater vorspielen, nachdem ich doch die ganze Zeit so gut zu Ihnen war, Ballam. Warum bocken Sie denn? Tragen Sie doch Ihre Strafe wie ein Mann.«

 

Über dem Platz des Wärters hing ein Abreißkalender.

 

»Der zwölfte April«, las Ballam. Am liebsten hätte er wieder laut aufgeschrien, denn am ersten März hatte er diesen sonderbaren Fremden getroffen. Jetzt konnte er sich wieder an alles erinnern. Er hatte Bal geraucht, das Gift, das die Menschen zum Wahnsinn treibt!

 

Plötzlich sprang er wieder auf.

 

»Ich will den Gefängnisdirektor sprechen! Ich will ihm die Wahrheit sagen, wie sich alles zugetragen hat… man hat mich betäubt!«

 

»All den Quatsch haben Sie uns ja früher schon, wer weiß wie oft, erzählt«, erwiderte der Wärter ärgerlich. »Als Sie die junge Dame umgebracht haben –«

 

»Welche junge Dame?« schrie Ballam. »Doch nicht Miss Maggiore! Sagen Sie nicht…«

 

»Sie wissen gut genug, daß Sie sie getötet haben. Was hat es denn für einen Zweck, diesen ganzen Lärm zu machen. Legen Sie sich zu Bett, Ballam. Es ist ganz sinnlos, daß Sie heute wieder einen solchen Spektakel aufführen. Ausgerechnet in dieser Nacht!«

 

»Ich muß den Gefängnisdirektor sehen! Kann ich ihm nicht schreiben?«

 

»Sie können ihm schreiben, wenn es Ihnen Spaß macht«, sagte der Wärter und zeigte auf einen Tisch.

 

Ballam taumelte hin und setzte sich in den Stuhl. Er zitterte an allen Gliedern. Vor sich sah er ein halbes Dutzend großer, blauer Briefbogen, auf denen mit schwarzer Schrift »Königliches Gefängnis Wandsworth S. W. J.« gedruckt stand.

 

Er war im Wandsworth-Gefängnis! Wieder schaute er sich in der Zelle um. Sie machte eigentlich kaum den Eindruck einer Zelle, und doch mußte es wahr sein. Es war alles so schrecklich kahl, die Tür war fest und mit Eisen beschlagen. Er war früher niemals in einer Gefängniszelle gewesen, und sie sah doch ganz anders aus, als er gedacht hatte.

 

Plötzlich kam ihm ein fürchterlicher Gedanke.

 

»Wann – wann – findet die Hinrichtung statt?« Er konnte die Worte kaum hervorbringen, so würgten sie ihn.

 

»Morgen!«

 

Die ganze Welt brach für ihn zusammen bei diesem Schicksalsspruch. Er fiel vornüber auf den Tisch und vergrub den Kopf in seine Arme. Ein Weinkrampf befiel ihn. Aber dann riß er sich plötzlich zusammen und begann in fieberhafter Eile zu schreiben. Er konnte kaum klar sehen, immer wieder traten ihm die Tränen in die roten Augen.

 

Was er schrieb, war vollständig zusammenhanglos. Er erzählte von einem Mann, der zu dem Klub gekommen war und ihm ein Gift gegeben hatte. Dann hatte er eine ganze Ewigkeit lang in Finsternis gelegen, hatte Blitze gesehen, war von schrecklichen Gestalten verfolgt worden und hatte unheimliche Stimmen gehört. Und doch war er nicht schuldig, im Gegenteil, er liebte doch Genee Maggiore. Er würde ihr niemals ein Haar gekrümmt haben.

 

Er konnte nicht weiterschreiben, er mußte immer wieder schluchzen. Aber vielleicht war dies alles nur ein schrecklicher Traum? Vielleicht stand er immer noch unter dem Einfluß dieses höllischen Rauschgiftes. Er schlug mit aller Gewalt gegen die Wand und schrie dann vor Schmerz laut auf.

 

»Lassen Sie das bleiben!« sagte der Wärter streng. »Jetzt legen Sie sich sofort wieder zu Bett.«

 

Ballam schaute auf seine blutenden Knöchel. Es war bittere Wahrheit! Es war kein Traum – es war wahr – wahr!

 

Er lag auf dem Bett und verlor das Bewußtsein wieder. Als er aufs neue erwachte, saß der Wärter immer noch auf seinem Platz und las die Zeitung. Es schien ihm, als ob er wieder eine halbe Stunde im Halbschlaf gelegen hätte, obwohl es in Wirklichkeit nur ein paar Minuten gewesen waren. Und jedesmal, wenn er wieder aufschreckte, sagte eine Stimme in ihm: »Heute morgen mußt du sterben!«

 

Einmal sprang er in unheimlicher Angst vom Bett auf und schrie laut vor Furcht. Der Wärter mußte ihn wieder niederdrücken.

 

»Wenn Sie noch mehr solchen Unfug machen, muß ich einen anderen Beamten rufen, dann binden wir Sie ans Bett fest. Warum tragen Sie es denn nicht in aller Ruhe wie ein Mann? Es ist für Sie doch nicht schlimmer als für das arme Mädchen«, sagte der Wärter böse.

 

Ballam lag nun still und fiel wieder in einen längeren Schlaf, aus dem er plötzlich erwachte, als der Wärter ihn an der Schulter berührte. Er sah, daß seine eigenen Kleider sorgfältig zusammengefaltet auf dem Stuhl vor seinem Bett lagen. Eilig kleidete er sich an und schaute sich suchend um.

 

»Wo ist mein Kragen?« fragte er zitternd.

 

»Sie brauchen doch keinen Kragen«, erwiderte der Wärter mit grimmigem Humor. »Nehmen Sie sich doch endlich zusammen! Andere Leute haben das auch durchmachen müssen. Soviel ich weiß, haben Sie doch eine Opiumspelunke gehabt? Viele haben dort ihren Verstand verloren und sind dann auch zu uns gekommen. Die haben es auch ausgehalten. Nun ist die Reihe eben an Ihnen.«

 

Ballam setzte sich auf die Kante seines Bettes und vergrub das Gesicht in den Händen. Plötzlich öffnete sich die Tür, und ein Mann kam herein. Er war schlank, hatte einen roten Bart und rötliche Haare.

 

Der Wärter packte den Gefangenen an der Schulter, stellte ihn auf die Füße und drehte ihn um.

 

»Legen Sie Ihre Hände auf den Rücken«, sagte er.

 

Ballam brach der kalte Angstschweiß aus, als er fühlte, daß seine Handgelenke zusammengebunden wurden.

 

Dann ging das Licht aus. Es wurde ihm eine Kappe über das Gesicht gezogen, und er glaubte, Stimmen hinter sich zu hören. Er war nicht darauf vorbereitet, zu sterben, seine Nerven würden ihn im Stich lassen, das fühlte er jetzt. Aber er hatte doch immer gehört, daß bei solchen Gelegenheiten ein Geistlicher zugegen sein müßte. Zwei Leute faßten ihn an den Armen und führten ihn langsam vorwärts durch die Tür über einen Hof, dann durch eine andere Tür. Der Weg schien endlos zu sein, und einmal gaben seine Knie nach. Gleich darauf hielten sie an.

 

»Bleiben Sie, wo Sie sind!«

 

Es wurde ihm eine Schlinge ums Genick gelegt, und er wartete, wartete verzweifelt und in Todesangst. Minuten vergingen, die ihm wie Stunden erschienen. Plötzlich hörte er schwere Schritte, dann packte ihn jemand am Arm.

 

»Was machen Sie denn hier, mein Herr?« fragte eine Stimme.

 

Die Kappe wurde ihm vom Gesicht gerissen. Er stand auf der Straße. Es war Nacht, neben ihm brannte eine Straßenlaterne. Der Mann, der ihn neugierig betrachtete, war ein Polizist.

 

»Sie haben ja einen Strick um den Hals… jemand hat Ihnen die Hände auf dem Rücken zusammengebunden! Hat man Sie überfallen?« Der Polizist schnitt die Stricke durch. »Oder wollen Sie mir hier etwa einen Schabernack spielen?« fragte der Vertreter des Gesetzes. »Ich bin erstaunt – so ein alter Herr wie Sie, mit weißen Haaren!«

 

Vor sieben Stunden war Gregory Ballams Haar noch schwarz gewesen, Leon Gonsalez hatte ihm ein Betäubungsmittel in den Kaffee geschüttet und ihn dann durch die Tür im Keller auf den großen Hof geführt, der hinter dem Klub lag. Hier befand sich die neue Garage, die Leon entdeckt hatte, als er den Platz auskundschaftete. Und hier konnten Gonsalez und Manfred ungestört die Komödie in der angeblichen Verbrecherzelle mit ihm aufführen. Das blaue Briefpapier hatten sie sich besonders für diesen Zweck beschafft. Ein Exemplar der »Dienstvorschriften für die königlichen Gefängnisse« hatte ihnen Mr. Fare geschenkt, ohne allerdings zu wissen, wozu es dienen sollte.

 

Kapitel 5

 

5

 

Der Mann, der Amelia Jones haßte

 

Leon Gonsalez erhielt einen Brief, der eine spanische Marke trug. Während Cordova schlief, hatte der ruhige Poiccart in einer Mußestunde an seine Freunde geschrieben und von allem berichtet, was ihm in den Sinn kam. Er hatte in einer Orangenlaube gesessen und auf den majestätischen Guadalquivir hinabgeschaut, dessen gelbe Fluten aus den Ufern getreten waren.

 

»Er ist von Poiccart«, sagte Leon.

 

»Ja, was schreibt er denn?« fragte George Manfred, der schläfrig in einem großen Lehnstuhl vor dem Kamin saß.

 

Eine grüne Leselampe und das flackernde Feuer beleuchteten das gemütliche Wohnzimmer in der Jermyn Street.

 

»Also – erzähl.« George streckte sich gemächlich aus.

 

»Auf seinen Zwiebelfeldern ist eine Krankheit ausgebrochen«, begann Leon feierlich.

 

Manfred mußte lachen.

 

»Sieh einmal an, Poiccart hat jetzt eine Zwiebelplantage!«

 

»Warum auch nicht?« fragte Leon. »Hast du eigentlich ›Die drei Musketiere‹ gelesen?«

 

»Natürlich«, erwiderte Manfred und schaute lächelnd in die Flammen.

 

»In welcher Ausgabe?«

 

»In dem Buch ›Die drei Musketiere‹«, antwortete Manfred erstaunt.

 

»Das war nicht richtig. Wenn du den wirklichen Charakter der drei Musketiere kennenlernen willst, dann mußt du das Buch ›Nach zwanzig Jahren‹ lesen. Da ist einer von ihnen behäbig und dick geworden und legt viel Wert auf seine Kleidung, ein anderer ist ein Hofmann beim König von Frankreich, und der dritte kümmert sich auf seine alten Tage um den Liebeskummer seiner Tochter. Sie sind dann ebenso menschlich geworden, mein lieber Manfred, wie Poiccart, der jetzt Zwiebeln züchtet. Soll ich dir ein wenig aus seinem Brief vorlesen?«

 

»Bitte«, sagte Manfred sehr verlegen.

 

*

 

»Ich habe wunderbare Rosenbeete. Manfred würde seine Freude daran haben … Ereifert Euch nicht zu sehr über diese Geschichten von den neuen Blutproben. Irgend so ein amerikanischer Doktor hat behauptet, daß er daraus die Verwandtschaftsgrade zweier Personen feststellen kann … Die kleinen Ferkel gedeihen aufs beste. Eins von ihnen ist ganz besonders intelligent und nachdenklich, ich habe es George getauft.«

 

Manfred grinste vergnügt.

 

»Wir werden ein gutes Weinjahr bekommen, wie man hier allgemein sagt. Aber die Orangenernte wird nicht so gut ausfallen wie letztes Jahr … Wißt Ihr auch schon, daß die Fingerabdrücke von Zwillingen identisch sind? Merkwürdigerweise sind aber die Fingerabdrücke der menschenähnlichen Affen meistens ungleich. Ich wünschte, Ihr würdet Euch darüber etwas genauer informieren …«

 

*

 

Leon las weiter von Poiccarts kleinen häuslichen Sorgen, von seinen neuen wissenschaftlichen Erfahrungen und von dem Stadtklatsch, dann faltete er die zehn engbeschriebenen Blätter und steckte sie in die Tasche.

 

»Was er da über die Fingerabdrücke von Zwillingen schreibt, ist natürlich nicht richtig. In dem Punkt hat sich Lombroso schwer geirrt. Das ganze System ist überhaupt unzureichend.«

 

»Ich habe aber noch nie gehört, daß jemand etwas daran aussetzte. Warum hältst du es denn für unzureichend?« fragte George erstaunt.

 

Leon rollte sich geschickt eine Zigarette und steckte sie in Brand, bevor er antwortete.

 

»In Scotland Yard haben sie eine Sammlung von schätzungsweise hunderttausend Fingerabdrücken. In Großbritannien gibt es aber fünfzig Millionen Menschen. Wir haben also glücklich in Scotland Yard den fünfhundertsten Teil der ganzen Bevölkerung erfaßt. Nehmen wir einmal an, du wärst ein Polizeibeamter und würdest zur Albert Hall gerufen, wo fünfhundert Leute versammelt sind. Man sagt dir, daß einer von ihnen gestohlene Gegenstände bei sich trägt, und gibt dir die Erlaubnis, alle zu durchsuchen. Würdest du zufrieden sein, einen einzigen zu durchsuchen und alle anderen frei laufen zu lassen, wenn du nichts bei ihm findest?«

 

»Natürlich nicht. Aber was willst du damit sagen?«

 

»Meiner Ansicht nach kann man nicht behaupten, daß zwei menschliche Fingerabdrücke gleich sind, bevor man nicht die Fingerabdrücke aller Bewohner dieses Landes und aller Länder Europas miteinander verglichen hat. Es müßte ein Gesetz eingebracht werden, das die Registrierung der Fingerabdrücke aller Bürger fordert, ferner müßten alle Nationen die Fingerabdrücke ihrer Einwohner untereinander austauschen.«

 

»Damit wäre also das System der Fingerabdrücke geregelt«, sagte Manfred mit dem Brustton der Überzeugung.

 

»Logischerweise wohl, aber in der Wirklichkeit noch lange nicht.«

 

Es trat ein langes Schweigen ein, dann nahm Manfred ein Buch von dem kleinen Regal neben dem Kamin.

 

Plötzlich erhob sich Gonsalez und verließ unauffällig den Raum. Manfred schaute auf die Uhr – es war halb neun.

 

Fünf Minuten später kam Leon wieder zurück. Er hatte sich umgezogen, und seine Verkleidung war wie immer vollkommen. Er hatte sich nicht in dem gewöhnlichen Sinn des Wortes maskiert, denn er hatte sein Gesicht in keiner Weise bearbeitet, hatte auch seine Haare nicht anders gefärbt. Seine Verwandlungskunst bestand nur in seiner vollendeten Mimik und einem besonderen Geschick, sich in das Wesen anderer Menschen einzufühlen. Er sah aus wie ein armer Mann. Sein Kragen war sauber, aber ein wenig ausgefranst, seine Stiefel glänzten, aber sie waren alt und geflickt. Die Absätze waren abgetreten, aber er hatte zwei Gummiecken darauf genagelt, die gerade ein wenig zu groß waren.

 

»Du siehst aus wie ein alter Mann, der sich mühsam seinen Lebensunterhalt erwirbt und dabei doch immer noch versucht, standesgemäß aufzutreten«, meinte Manfred.

 

Gonsalez schüttelte den Kopf.

 

»Heute abend spiele ich die Rolle eines Rechtsanwalts, der vor zwanzig Jahren aus der Liste der Anwälte gestrichen wurde und sich ruinierte, weil er einem armen Mann half, der Gesetzesstrafe zu entkommen. Das ist doch noch eine sympathischere Rolle, George. Außerdem haben die Leute mehr Zutrauen zu mir und suchen meinen Rat in allen möglichen Angelegenheiten. An einem der nächsten Abende mußt du mit mir zu dem Wirtshaus ›Cow and Compasses‹ kommen und meinen Vortrag über das Eigenvermögen der verheirateten Frau hören.«

 

»Viel Erfolg, Leon, und meine besten Grüße an Amelia Jones.«

 

Gonsalez biß sich auf die Lippen und sah nachdenklich in das Kaminfeuer.

 

»Ja, die arme Amelia Jones«, sagte er leise.

 

»Du bist wirklich ein prächtiger Mensch.« Manfred lächelte. »Es gelingt nur dir, eine alte Aufwartefrau mit dem Zauber der Romantik zu umgeben.«

 

Leon zog einen abgetragenen Mantel an.

 

»Ich glaube, der englische Dichter Pope sagte einmal, daß jeder romantisch ist, der etwas Schönes bewundern kann oder fähig ist, selbst eine schöne Tat zu tun. Amelia Jones hat beides getan.«

 

»Cow and Compasses« ist ein kleines Gasthaus in der Treet Road in Deptford. Der Abend war kühl und neblig, und die düstere Straße lag einsam und verlassen da, als Leon in die Schenke eintrat. Das ungünstige Wetter hielt wahrscheinlich auch die Gäste fern, denn es waren nur wenig Rechtsuchende an diesem Abend gekommen. Kaum ein halbes Dutzend Leute befanden sich in der Gaststube, als er zu dem Schanktisch ging.

 

Eine Frau, die offensichtlich auf ihn gewartet hatte, erhob sich von einer Bank, als sie ihn sah. Leon schritt mit dem Glas in der Hand auf sie zu.

 

»Nun, Mrs. Jones, wie geht es Ihnen?« begrüßte er sie. Er schaute in das abgezehrte, bleiche Gesicht einer stattlichen Frau. Ihre Hände zitterten krampfhaft.

 

»Ich bin so froh, daß Sie gekommen sind«, sagte sie.

 

Sie hielt ein kleines Glas Portwein in der Hand, aber es war kaum berührt. Leon hatte diese Frau kennengelernt, als sie an einem verzweifelten Abend, von Furcht und Schrecken getrieben, aus ihrer einsamen Wohnung in diese Gaststube geflohen war. Er selbst verfolgte damals mit großer Vorsicht einen breitschulterigen Dienstmann, den er in Covent Garden getroffen hatte und der einen außergewöhnlich geformten Schädel besaß. Er war ihm bis zu seiner Wohnung und diesem Gasthaus gefolgt und war gerade dabei, wenn möglich, die Lebensgeschichte dieses Mannes festzustellen und seine Schädelabmessungen zu nehmen, als er die Bekanntschaft von Amelia Jones machte. Diesen Abend hatte sie scheinbar etwas besonders Wichtiges auf dem Herzen, denn sie machte drei vergebliche Ansätze, bevor sie zu erzählen begann.

 

»Mr. Lukas (unter diesem Namen verkehrte Gonsalez in der Wirtschaft), ich möchte Sie um einen großen Gefallen bitten. Sie sind so gütig zu mir gewesen und haben mir schon manchen Rat gegeben wegen meines Mannes und wegen all dieser unangenehmen Dinge. Aber diesmal ist es ein großes Opfer für Sie – Sie sind ein so vielbeschäftigter Mann.«

 

Sie sah ihn bittend, fast flehend an.

 

»Ich habe im Augenblick viel Zeit«, erwiderte Gonsalez.

 

»Würden Sie morgen mit mir fortfahren? Ich möchte, daß Sie – daß Sie jemand sehen.«

 

»Aber gewiß, Mrs. Jones.«

 

»Können Sie mich morgen früh um neun Uhr am Paddington-Bahnhof erwarten? Ich werde natürlich Ihre Fahrkarte zahlen«, sagte sie eifrig. »Ich kann nicht dulden, daß Sie meinetwegen auch noch Ausgaben haben. Ich habe etwas Geld gespart.«

 

»Ich habe heute auch etwas verdient, so daß Sie sich darum nicht zu kümmern brauchen. Haben Sie etwas von Ihrem Mann gehört?«

 

»Nicht von ihm selbst, aber von einem anderen Mann, der eben aus dem Gefängnis gekommen ist.«

 

Ihre Lippen zitterten, und Tränen traten in ihre Augen.

 

»Er wird seine Drohung schon wahr machen, ich weiß es ganz genau«, sagte sie mit schluchzender Stimme. »Aber ich habe nicht meinetwegen Sorge.«

 

Leon sah sie erstaunt an. »Sie haben keine Sorge um sich?«

 

Er hatte schon immer vermutet, daß noch eine dritte Person im Spiel war, aber er hatte bisher noch nicht klarsehen können.

 

»Nein«, erwiderte sie bedrückt. »Sie wissen, daß er mich haßt, und Sie wissen auch; daß er mich umbringen wird, sobald er aus dem Gefängnis kommt. Aber ich habe Ihnen noch nicht alles erzählt.«

 

»Wo ist er denn jetzt?«

 

»Im Gefängnis zu Devizes. Er ist dorthin versetzt worden, in zwei Monaten wird er entlassen.«

 

»Und Sie glauben, daß er dann gleich zu Ihnen kommt?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein, so wird er es nicht machen«, entgegnete sie bitter. »Das ist nicht seine Art. Sie kennen ihn nicht, Mr. Lukas. Aber niemand kennt ihn so gut wie ich. Wenn er gleich zu mir käme, dann wäre ja alles gut. Aber das tut er nicht. Er wird mich ermorden, ich sage es Ihnen. Ich sorge mich nicht darum, wann es kommt. Er wurde nicht umsonst Bash Jones, der Totschläger, genannt. Ich kann dem Schicksal nicht entfliehen«, fuhr sie grimmig fort. »Er wird geradenwegs in mein Zimmer gehen und mich, ohne ein Wort zu sprechen, einfach niederschlagen. Und das wird dann mein Ende sein. Aber das ist mir alles gleich, darum kümmere ich mich nicht. Es ist das andere, was mir fast das Herz bricht und was mich die ganze Zeit so bedrückt hat.«

 

Leon wußte, es war nutzlos, ihr zuzureden, daß sie ihm alle ihre Sorgen anvertrauen sollte. Kurz darauf verließen sie zusammen die Wirtschaft.

 

»Ich hätte Sie gern gebeten, mich in meiner Wohnung zu besuchen, aber das würde die ganze Sache nur noch schlimmer machen, und ich möchte nicht, daß Sie meinetwegen in Unannehmlichkeiten kommen, Mr. Lukas.«

 

Er gab ihr zum erstenmal die Hand, und sie drückte sie schwach.

 

Nur wenige Menschen haben Amelia Jones bisher die Hand gegeben, dachte Gonsalez.

 

Er ging nach der Jermyn Street zurück und fand Manfred, der vor dem Kamin eingeschlafen war.

 

Am nächsten Morgen wartete er im Paddington-Bahnhof. Sein Anzug war diesmal nicht ganz so abgetragen, und zu seiner Überraschung hatte sich auch Mrs. Jones viel besser gekleidet, als er für möglich gehalten hatte. Ihre Kleider waren zwar einfach, aber niemand hätte in ihr eine arme Aufwartefrau vermutet. Sie lösten Billetts nach Swindon und sprachen auf der Hinfahrt wenig miteinander. Offenbar hatte sie sich noch nicht dazu entschlossen, sich ihm gegenüber auszusprechen.

 

In Newbury wurde der Zug aufgehalten, bis ein Personenzug, der nach der Stadt fuhr, auf ein Nebengeleise umgeleitet war, um einen Feriensonderzug vorbeifahren zu lassen. Frohe Knaben und Mädchen winkten aus den Fenstern.

 

»Ich hatte ganz vergessen, daß die Osterferien beginnen«, sagte Leon.

 

In Swindon stiegen sie aus, und nun sprach Amelia Jones zum erstenmal über den Zweck ihrer Reise.

 

»Wir müssen hier auf dem Bahnsteig bleiben«, sagte sie nervös. »Ich erwarte jemand, und ich möchte gern, daß Sie das Mädchen auch sehen, Mr. Lukas.«

 

Gleich darauf fuhr ein anderer Sonderzug ein, und die Mehrzahl der Fahrgäste waren wieder Kinder. Einige stiegen aus, um von hier aus andere Züge zu benutzen, die nicht nach London fuhren.

 

Leon sprach mit seiner Begleiterin, obwohl er wußte, daß sie ihm nicht zuhörte. Plötzlich sah er, wie ihre Augen aufleuchteten. Sie verließ ihn mit einem kleinen Seufzer, ging den Bahnsteig entlang und begrüßte ein hübsches, schlankes Mädchen, das an der Mütze das rotweiße Band einer berühmten Schule im Westen Englands trug.

 

»Mrs. Jones, es ist lieb von Ihnen, daß Sie hierhergekommen sind, um mich zu treffen. Ich wünschte, Sie würden sich nicht soviel Mühe machen. Ich wäre ebensogerne nach London gekommen«, sagte sie lachend. »Ist dies ein Bekannter von Ihnen?« Sie reichte Leon mit einem freundlichen Lächeln die Hand:

 

»Es ist schon gut, Miss Grace«, entgegnete Mrs. Jones erregt, »ich dachte nur, ich würde schnell hierherfahren, um Sie wieder einmal zu sehen. Wie geht es denn auf der Schule?«

 

»Oh, glänzend. Ich habe einen Schulpreis gewonnen.«

 

»Ist das nicht herrlich?« sagte Mrs. Jones fast ehrfürchtig. »Aber Sie haben Ihre Sachen schon immer sehr gut gemacht, mein Liebling.«

 

Das Mädchen wandte sich an Leon.

 

»Mrs. Jones war meine Kinderfrau vor vielen, vielen Jahren. Das stimmt doch, Mrs. Jones?«

 

Amelia nickte.

 

»Wie geht es denn Ihrem Mann? Ist er noch so unliebenswürdig?«

 

»Ach, er ist nicht so schlecht«, anwortete Mrs. Jones tapfer. »Nur manchmal ist es schwer, mit ihm auszukommen.«

 

»Ich hätte eigentlich Lust, ihn einmal zu sehen.«

 

»Ach nein, das wäre nichts für Sie, Miss Grace«, sagte Mrs. Jones hastig. »Das gibt Ihnen nur Ihr gutes Herz ein. Wo werden Sie denn die Ferien zubringen?«

 

»Ich gehe mit einigen Freundinnen nach Clifton. Molly Walker hat uns eingeladen. Sie ist die Tochter von Sir George Walker.«

 

Amelia Jones sah das Mädchen begeistert an, und Leon verstand, daß sich alle Liebe, deren diese arme Frau fähig war, auf dieses Kind konzentrierte, das sie aufgezogen hatte. Die drei gingen auf dem Bahnsteig auf und ab, bis der Anschlußzug einfuhr. Mrs. Jones stand vor der Tür des Abteils, bis sich der Zug in Bewegung setzte. Dann schaute sie den Wagen nach, die in der Ferne verschwanden.

 

»Ich werde sie nie wiedersehen«, sagte sie verzweifelt. »Nie wieder!«

 

Ihr Gesicht war eingefallen und noch bleicher als sonst. Leon nahm ihren Arm.

 

»Sie müssen jetzt mit mir kommen und etwas zu sich nehmen, Mrs. Jones. Sie haben wohl dieses junge Mädchen sehr gern?«

 

»Ob ich sie gern habe? O ja, ich liebe sie – sie ist ja meine Tochter!«

 

Als sie nach London zurückfuhren, saßen sie allein in einem Abteil, und nun erzählte Mrs. Jones ihre Leidensgeschichte.

 

»Grace war erst drei Jahre alt, als ihr Vater in Schwierigkeiten kam. Er war schon immer ein brutaler Mensch, und ich bin jetzt davon überzeugt, daß die Polizei seit seiner frühesten Jugend immer ein Auge auf ihn hatte. Als ich ihn heiratete, wußte ich das noch nicht. Er brach in ein Haus ein, in dem ich Kindermädchen war, und ich wurde damals entlassen, weil ich die Küchentür für ihn hatte offenstehen lassen. Ich hatte ja keine Ahnung, daß er ein Dieb war. Er wurde dann zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt, und als er wieder herauskam, schwor er, er würde nicht wieder ins Gefängnis zurückgehen. Wenn er das nächstemal in Gefahr käme, würde er einen Mord begehen. Er und einer seiner Bekannten machten bald darauf die Bekanntschaft eines reichen Buchmachers in Blackheath. Mein Mann pflegte alle schmutzige Arbeit für ihn zu tun, aber schließlich zankten sie sich, und Bash beraubte mit seinem Komplicen das Haus des Buchmachers. Sie erbeuteten nahezu neuntausend Pfund. Sie verübten den Einbruch an einem Renntage, und Bash wußte, daß sehr viele Banknoten im Haus lagen, die auf dem Rennplatz eingenommen waren. Man konnte also die Herkunft der Scheine nicht nachweisen. Ich dachte zuerst, daß er den Mann umgebracht hätte, und es lag ja auch nicht an ihm, daß es nicht so gekommen war. Er ging in das Schlafzimmer des Buchmachers und schlug ihn im Bett nieder. Das war so seine Art. Er glaubte, die Polizei würde genaue Nachforschungen anstellen und gab mir das Geld, damit ich es verwahren sollte. Ich mußte die Banknoten in eine alte Bierflasche stopfen, die halb mit Sand gefüllt war, dann fest verkorken und den Flaschenhals über und über mit geschmolzenem Stearin begießen, damit die Flasche wasserdicht wurde. Später versenkte ich sie in eine Zisterne, die man von einem der Räume unserer Wohnung auf der Rückseite des Hauses erreichen konnte. Ich war fast wahnsinnig vor Furcht, weil ich dachte, der Buchmacher sei ermordet worden. Aber ich tat alles, was Bash mir sagte, und versenkte die Flasche in dem Brunnen. Am selben Abend wollte Bash Jones mit seinem Komplicen nach Nordengland fahren, aber sie wurden schon am Euston-Bahnhof verhaftet. Bashs Freund wurde bei einem Fluchtversuch getötet, er lief in einen gerade ankommenden Zug hinein. Aber Bash Jones verhafteten sie, und unsere Wohnung wurde vollständig durchsucht. Er bekam fünfzehn Jahre Zuchthaus und wäre schon vor zwei Jahren herausgekommen, wenn er sich im Gefängnis ordentlich benommen hätte.

 

Ich mußte nun meine Lage überdenken, und mein erster Gedanke galt meinem Kind. Es war mir klar, welch trauriges Los Grace bevorstand, wenn sie unter diesen Umständen aufwuchs, in dieser schrecklichen Umgebung, in den Elendsquartieren von London, in ständiger Furcht vor der Polizei. Mein Mann hätte sein Geld immer wieder in ein paar Wochen durchgebracht, selbst wenn er eine Million besessen hätte. Ich wußte, daß ich Bash nun für mindestens zwölf Jahre los war, und als ich lange und angestrengt alles überdacht hatte, faßte ich einen Entschluß.

 

Nach zwölf Monaten wagte ich es, das Geld aus dem Brunnen zu holen, denn die Polizei hatte immer noch ein Auge auf mich und beobachtete mich scharf, da das gestohlene Geld nicht gefunden worden war. Ich will Ihnen nicht erzählen, wie ich gute Kleider kaufte, so daß niemand eine Arbeiterfrau in mir vermuten konnte, und wie ich das Geld anlegte.

 

Ich kaufte wertbeständige Aktien dafür. Ich habe zwar keine gute Erziehung genossen, aber ich habe monatelang die Zeitungen gelesen und immer die Börsenberichte genau studiert. Zuerst verwirrten mich die vielen Zahlen, und ich wußte nicht, was ich daraus machen sollte. Aber allmählich verstand ich sie immer besser, und schließlich kaufte ich argentinische Eisenbahnaktien. Ich übergab sie einem Rechtsanwalt in Bermondsey, den ich zum Verwalter des Vermögens machte. Meine Tochter erhält vierteljährlich die Zinsen und zahlt davon alle ihre eigenen Rechnungen. Ich habe niemals einen Shilling von dem Geld angerührt. Die nächste Aufgabe war nun, meine Tochter aus dieser armseligen Umgebung fortzubringen. Mein Herz brach beinahe, daß ich mich von ihr trennen mußte, aber ich schickte sie in ein Heim für kleine Kinder, bis sie alt genug war, um in die Schule zu gehen. Ich besuchte sie in regelmäßigen Zwischenräumen. Als ich aber nach meinem ersten Besuch merkte, daß sie fast vergessen hatte, wer ich war, gab ich mich als ihre Kinderfrau aus. Nun wissen Sie alles.«

 

Gonsalez schwieg eine lange Weile.

 

»Weiß Ihr Mann davon?« fragte er dann.

 

»Er weiß, daß ich das Geld verbraucht habe.« Sie starrte geistesabwesend aus dem Fenster. »Er weiß auch, daß das Mädchen auf einer guten Schule ist. Er wird alles herausbringen«, sagte sie leise.

 

Das war also das Geheimnis dieser Frau. Leon war aufs tiefste erschüttert.

 

»Warum glauben Sie, daß er Sie töten will? Diese Leute drohen zwar häufig, aber sie führen ihre Drohungen nicht aus.«

 

»Bash Jones droht für gewöhnlich nicht«, unterbrach sie ihn. »Das hat er auch nicht getan. Ich weiß nur, daß er die Leute, die mich kennen, nach mir ausgefragt hat. Es sind die Leute von Deptford, die er im Gefängnis getroffen hat. Er fragt sie, wo ich über Nacht bin, wann ich zu Bett gehe, welche Beschäftigung ich tagsüber habe.«

 

»Ja, jetzt verstehe ich den Zusammenhang. Haben ihm denn die Leute die nötigen Angaben gemacht?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein, sie sind alle für mich und haben ihr Bestes getan, um mir zu helfen. Es sind wohl schlechte Menschen, sie begehen Verbrechen, aber in mancher Beziehung haben sie doch ein gutes Herz. Sie haben ihm nichts verraten.«

 

»Wissen Sie das ganz bestimmt?«

 

»Ja. Wenn sie es ihm gesagt hätten, würde er doch nicht weiterfragen. Vor einem Monat wurde Toby Brown von dort entlassen. Er erzählte mir, daß Bash Jones immer noch nach mir fragt. Mein Mann will nicht wieder ins Gefängnis zurück und rechnet damit, daß er noch bis Mitte des Jahres zu leben hat, wenn sie ihn fangen.«

 

Leon kehrte in gehobener Stimmung nach Hause zurück.

 

»Wo warst du denn?« fragte Manfred. »Ich habe inzwischen mit dem tüchtigen Mr. Fare zu Mittag gespeist.«

 

»Und ich habe etwas außerordentlich Erhebendes und Großartiges erlebt. Nicht daß ich selbst eine Heldentat vollbracht hätte, George, nein, aber ich bin ganz begeistert von dieser Amelia Jones. Sie ist eine wunderbare Frau, George. Um ihretwillen werde ich einen Monat Ferien machen. Während der Zeit kannst du ja nach Spanien reisen, unseren lieben Poiccart besuchen und einmal hören, wie es mit seinen Zwiebelfeldern steht.«

 

»Ich würde ganz gerne auf einige Tage nach Madrid gehen«, meinte Manfred nachdenklich. »Ich finde zwar London auch sehr anziehend, aber wenn du wirklich eine Erholungsreise machen willst – wo willst du übrigens deine Ferien verbringen?«

 

»Im Gefängnis zu Devizes«, antwortete Gonsalez freundlich.

 

Manfred kannte ihn zu gut, um irgendeine Bemerkung darüber zu machen.

 

Schon am nächsten Nachmittag begab sich Leon Gonsalez nach Devizes. Er kam bei Einbruch der Dunkelheit dort an und schwankte mit unsicheren Schritten auf den Marktplatz. Um zehn Uhr abends lehnte er an der Rückwand des »Hotel zum Bären« und sang mit lauter Stimme lustige Lieder. Ein Polizist fand ihn dort und forderte ihn auf, ruhig zu sein und weiterzugehen. Darauf begann Leon den Beamten in der unflätigsten Weise zu beschimpfen.

 

Am nächsten Morgen mußte er sich deshalb vor dem Polizeirichter verantworten. Er war angeklagt wegen Trunkenheit, wegen widersetzlichen Benehmens gegen einen Polizisten und wegen Beamtenbeleidigung.

 

»Dieser Fall ist so schwer, daß er kaum mit einer Geldstrafe gesühnt werden kann«, sagte der Polizeirichter. »Dies ist ein Fremder, der von London hierhergekommen ist und sich in der niederträchtigsten Weise benommen hat. Liegt sonst etwas gegen den Mann vor?«

 

»Nein«, entgegnete der Gefängniswärter bedauernd.

 

»Sie werden eine Strafe von zwanzig Shilling zahlen oder, wenn Sie nicht zahlen, einundzwanzig Tage ins Gefängnis wandern.«

 

»Dann will ich lieber ins Gefängnis gehen als das Geld zahlen«, erklärte Leon, der Wahrheit entsprechend.

 

So wurde er denn in das Gefängnis des Ortes gebracht, wie er erwartet hatte.

 

Einundzwanzig Tage später kam er braungebrannt, gesund und vergnügt in die gemeinschaftliche Wohnung in der Jermyn Street zurück. Manfred ging ihm mit ausgestreckten Händen entgegen.

 

»Ich habe schon gehört, daß du zurückgekommen bist«, sagte Leon erfreut. »Ich habe eine großartige Zeit verlebt. Sie haben allerdings meine Berechnungen ziemlich über den Haufen geworfen, als sie mir nur drei Wochen statt eines Monats gaben, und ich dachte schon, ich würde vor dir zurück sein.«

 

»Ich kam gestern an«, erwiderte George, und seine Blicke wanderten zum Büfett.

 

Sechs große spanische Zwiebeln lagen dort in einer Reihe. Gonsalez mußte herzlich lachen. Dann ging er in sein Zimmer und legte den abgetragenen Anzug ab. Als er nach einiger Zeit wieder mit seinem gewöhnlichen Aussehen ins Zimmer trat, erzählte er George Manfred von seinen Erfahrungen.

 

»Bash Jones hat unzweifelhaft die Absicht, seine Frau zu ermorden. Ich habe ihn genau betrachtet, derartig unregelmäßige Gesichtszüge habe ich noch nie gesehen. Wir haben zusammen in der Schneiderwerkstätte gearbeitet. Nächsten Montag kommt er heraus.«

 

»Er hat sich wohl an dich herangemacht, als er entdeckte, daß du von Deptford kamst?«

 

Leon nickte.

 

»Er wird den Anschlag gegen seine Frau am Dritten nächsten Monats ausführen, einen Tag nach seiner Entlassung.«

 

»Woher weißt du denn das so genau?« fragte Manfred erstaunt.

 

»Weil das die einzige Nacht ist, in der Amelia Jones allein in dem Hause schläft. Sie hat noch zwei Untermieter, junge Leute, die bei der Eisenbahn beschäftigt sind, die haben am Dritten jeden Monats bis drei Uhr morgens Dienst.«

 

»Entspricht das den Tatsachen, oder hast du ihm das nur eingeredet?«

 

»Ich habe ihm natürlich ein Märchen erzählt, aber er nahm die Geschichte für bare Münze. Die beiden jungen Leute haben keinen Hausschlüssel und müssen durch die Küchentür hereinkommen, die Mrs. Jones für sie offenläßt. Zu der Küchentür kommt man dann durch einen engen Gang von der Little Mill Street aus, der an der Hauswand entlangführt. Er hat mich gleich mit Fragen bestürmt und mir auch gesagt, daß er niemals wieder ins Gefängnis kommen wird, höchstens auf kurze Zeit. Ein interessanter Mann. Es ist wohl das beste, daß er stirbt«, sagte Leon ernst und nachdenklich. »Denke daran, welches Unheil er anrichten kann, George. Das arme Mädchen, das nun glücklich und zufrieden bei ihren Freundinnen weilt – sie ist so wohlerzogen –«

 

»Wenn sie einen so gemeinen Verbrecher wie Bash Jones zum Vater hat?« fragte Manfred lächelnd.

 

»Ich wiederhole, sie ist wohlerzogen. Erziehung erwirbt ein Mensch durch langen Umgang mit vornehm denkenden Leuten. Nimm den Sohn eines Herzogs und lasse ihn in den Verbrechervierteln von London aufwachsen, und du wirst einen Verbrecher aus ihm machen. Denke doch einmal, wie entsetzlich es wäre, wenn man dieses Kind wieder in die traurige Umgebung von Deptford zurückversetzte! Das würde doch die Folge sein, wenn Bash Jones seine Frau nicht umbrächte. Wenn er sie auf der anderen Seite aber tatsächlich ermordet, dann kommt die ganze schreckliche Wahrheit ans Licht. Beides wäre nicht gut, und ich halte es für das beste, daß wir die Sache mit Bash Jones in Ordnung bringen.«

 

»Ich bin ganz deiner Meinung.« Manfred rauchte nachdenklich seine Zigarre.

 

Leon Gonsalez setzte sich an den Tisch, nahm einen Gedichtband von Browning und las darin. Ab und zu machte er eine Pause und sah gedankenvoll auf das Tischtuch, während er den Plan ausarbeitete, auf welche Weise Bash Jones sterben sollte.

 

Am Nachmittag des betreffenden Tages wurde Mrs. Amelia Jones durch ein Telegramm aus ihrer Wohnung gerufen. Sie traf Leon Gonsalez im Paddington-Bahnhof.

 

»Haben Sie Ihre Schlüssel mitgebracht, Mrs. Jones?«

 

»Ja«, erwiderte sie erstaunt. »Wissen Sie auch schon, daß mein Mann aus dem Gefängnis gekommen ist?«

 

»Es ist mir bekannt, und gerade weil er frei ist, möchte ich, daß Sie einige Tage verreisen. Ich habe Freunde in Plymouth, sie werden Sie wahrscheinlich an der Bahn abholen. Und wenn Sie sich verfehlen sollten, so wenden Sie sich an diese Adresse.«

 

Er gab ihr einen Zettel mit der Adresse einer Pension, die er in einer Zeitung von Plymouth gefunden hatte.

 

»So, und hier haben Sie auch einiges Geld. Ich bestehe darauf, daß Sie es annehmen. Meine Freunde wollen Ihnen sehr gern helfen.«

 

Sie vergoß Tränen der Dankbarkeit; als er sich von ihr trennte.

 

»Sind Sie auch sicher, daß Sie Ihr Haus abgeschlossen haben?« fragte Leon beim Abschied.

 

»Ich habe den Schlüssel hier.«

 

Bei diesen Worten öffnete sie ihre Handtasche, und er sah, daß ihre Hände zitterten.

 

»Lassen Sie einmal sehen.« Leon nahm die Handtasche.

 

Er schaute in seiner kurzsichtigen Art hinein. »Ja, ich sehe ihn, er ist da.«

 

Er faßte hinein, brachte seine Hand scheinbar leer wieder heraus und schloß die Handtasche.

 

»Auf Wiedersehen, Mrs. Jones. Lassen Sie den Mut nicht sinken.«

 

Als die Dunkelheit hereinbrach, begab sich Leon Gonsalez in die Little Mill Street. Er gelangte mit seiner schwarzen Tasche unbemerkt in das Haus, denn es war ein regnerischer und windiger Abend, und die Leute zogen es vor, am warmen Kamin zu sitzen und nicht auf die unwirtliche Straße hinauszugehen.

 

Er schloß die Tür hinter sich. Mit Hilfe einer Taschenlampe fand er den Weg zu dem einfachen Schlafzimmer von Mrs. Jones. Er schlug die Bettdecke zurück, öffnete vorsichtig die schwarze Tasche und nahm den wichtigsten Gegenstand, einen großen, runden Glasbehälter, heraus.

 

Nachdem er sorgfältig eine schwarze Perücke darübergezogen hatte, suchte er in dem Raum nach Kleidungsstücken von Mrs. Jones. Er rollte sie zusammen und machte eine Puppe daraus, die er ins Bett legte. Dann trat er einige Schritte zurück und betrachtete mit Genugtuung sein Werk. Als er mit allem fertig war, stieg er die Treppe hinunter und schloß die Küchentür auf, die ins Freie führte. Um seiner Sache ganz sicher zu sein, ging er den Gang am Hause entlang und sah nach, ob die Tür im Zaun offen war. Das Schloß schien in dauernder Unordnung zu sein, so daß es überhaupt nicht geschlossen werden konnte. Beruhigt kehrte er zurück.

 

In einer Ecke des Schlafzimmers befand sich ein Kleiderhalter, der durch einen billigen Kattunvorhang verdeckt war. Die Kleider hatte er schon vorher verwandt. Er holte sich einen Stuhl, setzte sich an den Tisch und wartete. Geduld, die ja auch andere große Wissenschaftler auszeichnet, gehörte zu seinen hervorragendsten Eigenschaften.

 

Die Kirchenglocken hatten eben zwei geschlagen, als er die Küchentür knarren hörte. Geräuschlos erhob er sich, nahm einen Gegenstand aus der Tasche und trat hinter den Vorhang. Es war ein altes, gebrechliches Haus, in dem man sich nicht bewegen konnte, ohne daß die Bodenbretter krachten. Aber der Mann, der Schritt für Schritt die Treppe heraufschlich, war gewandt und geschickt, und Leon vernahm erst wieder einen Laut, als sich die Tür langsam öffnete und eine Gestalt hereintrat.

 

Behutsam ging der Eindringling näher ans Bett und blieb dann einige Sekunden stehen. Vermutlich lauschte er, ob sich irgend etwas regte … Dann sah Leon, wie er einen Stock hob und mit furchtbarer Gewalt auf die vermeintliche Frau im Bett einschlug.

 

Bash Jones hatte kein Wort gesprochen, bis er das Splittern des Glases hörte. Nun stieß er einen wilden Fluch aus und suchte in seinen Taschen nach Streichhölzern. Diese Verzögerung war sein Verhängnis, denn das unter einem Druck von vielen Atmosphären in der Gasflasche komprimierte Chlorgas erfüllte sofort den Raum. Er hustete, keuchte und wandte sich zur Flucht, aber nach einigen Schritten fiel er um. Das todbringende, gelbe Gas hüllte seinen Körper ganz ein.

 

Leon Gonsalez trat aus seinem Versteck hervor. Der sterbende Bash Jones starrte auf die ungeheuer großen Glasaugen einer Gasmaske, als er das Bewußtsein verlor.

 

Leon sammelte die Glassplitter vorsichtig und wickelte die einzelnen Stücke in eine Papiertüte, die er dann in seiner Tasche verwahrte. Mit der größten Sorgfalt hängte er die Kleider wieder an die Wand, entfernte die Perücke, brachte das Zimmer in Ordnung und öffnete Tür und Fenster. Dann ging er nach unten und öffnete auch dort alle Fenster, um frische Luft hereinzulassen. Es wehte ein kräftiger Südwestwind, und am Morgen würde das Haus ganz von dem Gas gesäubert sein.

 

Erst als er durch die Küchentür das Haus verlassen hatte, nahm er die Gasmaske ab und legte sie ebenfalls in die Handtasche.

 

Eine Stunde später lag er in seinem Bett und schlief fest und ruhig.

 

Auch Mrs. Jones verbrachte eine friedliche, unbekümmerte Nacht, und in einem kleinen, prächtigen Schlafzimmer im Westen Englands schmiegte sich ein junges Mädchen in die weichen Kissen und seufzte glücklich. Aber Bash Jones schlief den tiefsten Schlaf, aus dem es kein Erwachen gibt.

 

Kapitel 6

 

6

 

Der Mann, der glücklich war

 

An einem schönen Frühsommerabend stieg Leon Gonsalez am Piccadilly Circus vom Autobus, ging mit energischen Schritten Haymarket hinunter und bog in die Jermyn Street ein, ohne scheinbar zu bemerken, daß ihm jemand wie ein Schatten folgte.

 

Manfred schaute von seiner Schreibarbeit auf, als sein Freund in das Zimmer trat, und nickte ihm lächelnd zu. Leon legte seinen leichten Überzieher ab, trat ans Fenster und sah auf die Straße.

 

»Wonach schaust du denn so ängstlich aus, Leon?«

 

»Nach Jean Prothero, der Barside Buildings Nr. 75 in Lambeth wohnt«, erwiderte Gonsalez, ohne sich in seiner Beschäftigung stören zu lassen. »Ah, dort ist er, dieser eifrige Bursche!«

 

»Wer ist denn eigentlich Jean Prothero?«

 

Leon lachte.

 

»Ein sehr unternehmender Herr, daß er es wagt, sich am hellichten Tag in Westend auf der Straße sehen zu lassen«, gab Leon ausweichend zur Antwort. Er schaute auf seine Uhr. »Es ist allerdings nicht so tollkühn von ihm, denn alle Leute, die etwas vorstellen, kleiden sich jetzt zum Abendessen um.«

 

»Ist er etwa ein Fassadenkletterer, der um diese Zeit in die Wohnungen einbricht?«

 

Leon lachte wieder.

 

»Nein, nicht ganz so etwas Gewöhnliches. Du meinst doch vermutlich einen Menschen, der ins Schlafzimmerfenster steigt, während die Familie im Untergeschoß beim Abendessen sitzt, und dann alle Wertsachen stiehlt, deren er habhaft werden kann?«

 

»Ja, ganz richtig.«

 

Leon schüttelte den Kopf.

 

»Nein, Mr. Prothero ist viel interessanter, und zwar aus einem ganz anderen Grund. Zunächst einmal ist er ein kahlköpfiger Verbrecher, das heißt, er wird wahrscheinlich zum Verbrecher werden. Und wie du wohl weißt, George, sind solche Leute selten. Die Durchschnittsverbrecher haben struppige oder dünne Haare, und manchmal tragen sie einen Scheitel auf der verkehrten Seite, aber in den seltensten Fällen haben sie eine Glatze. Auf dem Schädel von Mr. Prothero wächst auch nicht ein einziges Haar. Er ist Schiffsmaat auf einem Frachtdampfer, der zwischen den Kanarischen Inseln und Southampton verkehrt, und hat eine sehr hübsche junge Frau; sein Schwager ist merkwürdigerweise ein Einbrecher, der allerdings nur kleine Diebstähle begeht. Ohne es zu wissen, habe ich seinen Verdacht erregt. Er weiß nämlich zufällig, daß ich einer der Vier Gerechten bin«, ergänzte er scheinbar sorglos.

 

»Woher weiß er das?« fragte Manfred nach einer Weile.

 

Leon hatte seinen Rock ausgezogen und eine seidene Hausjacke angelegt. Er rollte sich erst eine spanische Zigarette und steckte sie in Brand, bevor er antwortete.

 

»Vor vielen Jahren, als die ganze Welt in Aufruhr war wegen der verderbenbringenden Organisation der Vier Gerechten, wurdest du festgenommen, mein lieber George, und im Chelmsford-Gefängnis eingesperrt. Von dort bist du damals auf eine recht abenteuerliche Weise entkommen, und als wir die Küste erreichten, gingen wir beide und Poiccart an Bord der Jacht unseres guten Freundes, des Prinzen von Asturien, der uns damals die Ehre gab, als Vierter in unserem Bunde zu agieren.«

 

Manfred nickte.

 

»Auf diesem Schiff befand sich auch Mr. Jean Prothero«, fuhr Leon fort. »Wie er dorthin kam, will ich dir später einmal erklären. Ich vergesse niemals ein Gesicht, das ich einmal gesehen habe, George, aber unglücklicherweise geht es anderen Leuten auch so. Mr. Prothero erinnerte sich an mich, und als er mich in Barside Buildings sah –«

 

»Was hast du denn in Barside Buildings zu tun?« fragte Manfred lächelnd.

 

»Dort wohnen zwei Verbrecher, die nichts voneinander wissen und beide farbenblind sind!«

 

Manfred legte seine Feder nieder und wandte sich um. Er war schon darauf gefaßt, wieder einen Vortrag über Verbrecherphysiognomien und Kriminalstatistiken zu hören, denn er hatte die Begeisterung in Gonsalez‘ Stimme gehört.

 

»Diese beiden Leute machen es mir möglich, Mantegazzas und Schemls vollständig falsche Theorien zu widerlegen, daß Verbrecher niemals farbenblind sind. Und doch sind diese beiden Männer von frühester Jugend an Übeltäter gewesen, sie haben schon lange Gefängnisstrafen hinter sich. Und das Merkwürdigste: Auch ihre Väter waren farbenblind und waren Verbrecher!«

 

»Nun gut, aber du wolltest mir doch etwas von Mr. Prothero erzählen?« unterbrach ihn Manfred taktvoll.

 

»Einer der beiden Leute, die ich beobachtet habe, ist Mr. Protheros Schwager, der Halbbruder seiner Frau. Ihr eigener Vater ist ein rechtschaffener Zimmermann, der in einer Wohnung über ihnen haust. Diese Wohnungen sind allerdings nur sehr klein, sie bestehen gewöhnlich aus zwei Zimmern und einer Küche. Die Baumeister dieser Mietskasernen in Lambeth haben den Luxus eines Badezimmers nicht für nötig gehalten. Ich bin auch mit Mrs. Prothero bekannt geworden, als ich versuchte, ihren Bruder auszuholen.«

 

»Und dabei hast du vermutlich auch Mr. Prothero kennengelernt«, sagte Manfred geduldig.

 

»Nein, dem bin ich nur zufällig auf der Treppe begegnet. Ich bemerkte, daß er mich scharf ansah, aber sein eigenes Gesicht lag im Schatten, und ich erkannte ihn erst, als ich ihn heute zum zweitenmal traf. Er folgte mir hierher, und ich habe auch die Überzeugung, daß er mir gestern nachgegangen ist. Heute wollte er sich wohl nun die Bestätigung holen, daß ich wirklich hier wohne.«

 

»Du bist doch ein merkwürdiger Mensch«, meinte Manfred.

 

»Möglich, daß ich noch viel merkwürdiger werde«, erwiderte Leon lächelnd. »Es hängt jetzt alles davon ab, ob Prothero glaubt, daß ich ihn erkannt habe. Wenn das der Fall ist –«

 

Leon zuckte die Schultern.

 

»Es ist nicht das erstemal, daß ich mit dem Tod gespielt habe und doch mit heiler Haut davongekommen bin«, sagte er leichthin.

 

Manfred ließ sich aber durch den sorglosen Ton seines Freundes nicht täuschen.

 

»Ist es so schlimm? Ich glaube, daß die Sache für Prothero noch viel gefährlicher ist. Ich möchte nicht gern einen Menschen töten, nur weil er uns erkannt hat … Das deckt sich durchaus nicht mit meiner Ansicht über Recht und Gerechtigkeit.«

 

»Ganz recht«, entgegnete Leon kurz. »Das wird wohl auch nicht nötig sein. Es sei denn –« Er machte eine Pause.

 

»Was meinst du?«

 

»Es sei denn, daß Prothero seine Frau wirklich liebt. Dann wird es ein sehr schwieriger Fall werden.«

 

Am nächsten Morgen kam er mit seiner Tasse Tee in Manfreds Schlafzimmer. George schaute ihn verwundert an.

 

»Was ist denn mit dir los, Leon? Du bist wohl gar nicht zu Bett gewesen?«

 

Leon Gonsalez trug einen grauen Flanellrock, dazu gleiche Beinkleider und ein weiches, seidenes Hemd. Manfred schloß aus diesem Anzug, daß er die ganze Nacht aufgeblieben war und sich seinen Studien gewidmet hatte.

 

»Ich habe im Speisezimmer gesessen und eine Friedenspfeife geraucht.«

 

»Aber doch nicht die ganze Nacht? Ich wachte einmal auf und sah kein Licht.«

 

»Ich saß im Dunkeln, ich wollte ja auch nur verschiedenes hören.«

 

Manfred rührte nachdenklich seinen Tee um.

 

»Steht es schon so schlimm? Hast du etwa erwartet …?«

 

Leon lächelte.

 

»Ich habe allerdings nicht das erwartet, was eintrat. Willst du mir einen sehr großen Gefallen tun, mein lieber George?«

 

»Was soll es sein?«

 

»Sprich bitte heute nicht über Mr. Prothero. Wir wollen uns lieber über rein wissenschaftliche, am besten landwirtschaftliche Dinge unterhalten, wie es sich für ehrbar andalusische Farmer ziemt. Außerdem wollen wir spanisch sprechen.« Leon war sehr ernst geworden.

 

Manfred runzelte die Stirn.

 

»Warum das alles? Du bist etwas geheimnisvoll. Aber wenn du es willst, werde ich nur in Spanisch über Landwirtschaft sprechen und Prothero in keiner Weise erwähnen.« Er nickte seinem Freund zu und erhob sich. »Darf ich wenigstens darüber sprechen, daß ich ein Bad nehmen will?« fragte er ein wenig ironisch.

 

An diesem Tag ereignete sich nichts Besonderes. Einmal war Manfred nahe daran, doch von Mr. Prothero zu sprechen, aber Leon, der seine Gedanken erriet, hob warnend den Finger.

 

Gonsalez selbst sprach über Verbrechen, er beleuchtete das Thema allerdings mehr von der wissenschaftlichen Seite und ging besonders auf seine Entdeckung ein, daß es farbenblinde Verbrecher gäbe. Aber von Mr. Prothero sagte er kein Wort.

 

Nachdem sie zu Abend gegessen hatten, entfernte sich Leon aus der Wohnung, kam aber gleich wieder zurück.

 

»Gott sei Dank, nun können wir wieder frei und ohne Bedenken miteinander reden.«

 

Er stellte einen Stuhl an die Wand und kletterte hinauf. Direkt über ihnen befand sich ein kleiner Ventilator, der mit Schrauben an der Wand befestigt war. Leon summte eine kleine Melodie, als er den Schraubenzieher ansetzte und geschickt das Deckgitter löste. Manfred sah ihm interessiert zu.

 

»Sieh einmal hierher, George. Nimm dir auch einen Stuhl.«

 

Manfred sah einen kleinen, flachen, braunen Kasten, der etwa 5 X 5 cm groß war. In der Mitte befand sich eine schwarze, etwas vertiefte Scheibe aus Hartgummi.

 

»Weißt du, was das ist?« fragte Leon. »Das ist ein Mikrophon!«

 

»Dann hat wohl jemand unsere ganzen Gespräche belauscht?«

 

Leon nickte.

 

»Der Herr über uns muß einen recht traurigen und öden Tag gehabt haben. Selbst wenn er spanisch sprechen kann, muß er sich da oben schrecklich gelangweilt haben.«

 

»Aber …«, begann Manfred.

 

»Du brauchst dir keine Sorge zu machen. Er ist fortgegangen. Um aber ganz sicher zu sein –«

 

Geschickt löste er einen der Drähte, mit denen der Apparat in dem Lüftungsschacht aufgehängt war.

 

»Mr. Prothero kam gestern abend«, erklärte Leon. »Er mietete das Zimmer über uns. Er hat direkt danach gefragt, das hörte ich von dem Oberkellner. Der Mann ist mir treu ergeben, weil ich ihm dreimal so viel und dreimal so oft Trinkgeld gebe, als er es von den anderen Bewohnern der Pension gewöhnt ist. Ich wußte nicht genau, was Prothero im Schilde führte, bis ich hörte, daß er das Mikrophon den Schacht herunterließ.«

 

Leon befestigte das Gitter wieder über der Öffnung und sprang dann von dem Stuhl herunter.

 

»Du mußt mir versprechen, morgen mit nach Lambeth zu kommen. Es ist nicht wahrscheinlich, daß wir Mr. Prothero dort treffen. Aber wir werden seine Frau sehen, die regelmäßig um elf Uhr ihre Einkäufe in der London Road macht. Sie ist sehr ordnungsliebend.«

 

»Warum soll ich sie denn sehen?«

 

Gewöhnlich deckte Leon seine Pläne nicht eher auf, als bis der dramatische Abschluß dicht bevorstand.

 

»Ich brauche dein Urteil, deine große Menschenkenntnis. Du sollst mir sagen, ob diese Frau solche Eigenschaften besitzt, daß ein kahlköpfiger Mann ihretwegen einen Mord begeht.«

 

Manfred sah ihn bestürzt an.

 

»Wer soll denn das Opfer sein?«

 

»Ich«, entgegnete Gonsalez und krümmte sich vor Lachen, als Manfred ihn verständnislos anschaute. –

 

Einige Minuten vor elf sahen sie Mrs. Prothero. Leon drückte Manfreds Arm und gab ihm ein Zeichen mit den Augen.

 

»Dort geht sie.«

 

Eine junge Frau ging quer über die Straße. Sie war hübsch und viel besser gekleidet, als man es bei ihrem Stand erwarten konnte. Sie hatte Handschuhe an und trug einen Einkaufsbeutel in der einen, eine kleine Handtasche in der anderen Hand.

 

»Sie ist wirklich reizend«, sagte Manfred.

 

Mrs. Prothero war vor dem Schaufenster eines Juweliers stehengeblieben, und Manfred hatte Gelegenheit, sie zu beobachten.

 

»Nun, was hältst du von ihr?«

 

»Sie ist tatsächlich eine außerordentlich schöne junge Frau.«

 

»Komm, ich will dich mit ihr bekannt machen.« Leon zog ihn mit sich fort.

 

Mrs. Prothero sah sich erstaunt um, lächelte dann aber, als sie Leon erkannte. Manfred sah eine Reihe blitzender weißer Zähne und volle, rote Lippen. Sie sprach zwar nicht wie eine Dame, aber sie besaß eine ruhige und klangvolle Stimme.

 

»Guten Morgen, Herr Doktor«, begrüßte sie Leon. »Was tun Sie denn schon so früh morgens hier?«

 

Manfred fiel es auf, daß sie seinen Freund mit »Doktor« anredete, aber er wußte ja, daß Gonsalez in den verschiedensten Berufen auftrat, um sich die gewünschten Nachrichten für seine Zwecke zu verschaffen.

 

»Wir kommen gerade vom Guy-Hospital. Dies ist Dr. Seibert«, stellte er Manfred vor. »Sie sind beim Einkaufen?«

 

Sie nickte.

 

»Eigentlich hätte ich es nicht nötig gehabt, heute auszugehen. Mein Mann ist für drei Tage unten bei den Docks.«

 

»Haben Sie Ihren Bruder heute morgen schon gesehen?« fragte Leon.

 

Ein Schatten glitt über ihr Gesicht.

 

»Nein«, erwiderte sie kurz.

 

Offensichtlich war sie nicht sehr stolz auf diesen Verwandten. Vielleicht ahnte sie sein dunkles Gewerbe, jedenfalls hatte sie nicht den Wunsch, weiter darüber zu sprechen, denn sie änderte das Thema schnell.

 

Sie plauderten noch eine Weile miteinander, dann verabschiedete sie sich mit einer Entschuldigung von ihnen. Die beiden sahen ihr nach, bis sie in einem Lebensmittelgeschäft verschwand.

 

»Glaubst du, daß ihr Mann ihretwegen einen Mord begehen könnte?« fragte Leon.

 

»Es wäre nicht ausgeschlossen. Aber warum sollte er denn dich umbringen?«

 

»Das werden wir ja sehen.«

 

Als sie am Nachmittag wieder nach Hause kamen, fanden sie mehrere Briefe vor. Ein Kuvert, das ein großes Wappen trug, zog Manfreds Aufmerksamkeit auf sich.

 

»Lord Pertham«, sagte er, als er nach der Unterschrift sah. »Wer ist denn eigentlich Lord Pertham?«

 

»Ich habe gerade kein Nachschlagebuch zur Hand, aber mir kommt der Name bekannt vor. Was will denn Lord Pertham von uns?«

 

›Sehr geehrter Herr, unser gemeinsamer Freund, Mr. Fare von Scotland Yard, wird heute bei uns in Connaught Gardens zu Abend speisen. Dürften wir auch Sie bitten, zu kommen? Mr. Fare erzählte mir, daß Sie einer der tüchtigsten Kriminologen unserer Zeit sind, und da ich mich auch für diesen Zweig der Wissenschaft ganz besonders interessiere, würde ich mich freuen, Ihre Bekanntschaft zu machen.‹

 

Unter der Unterschrift stand noch ein Nachsatz:

 

›Natürlich schließt diese Einladung auch Ihren geschätzten Freund ein.‹

 

Manfred rieb sich das Kinn. »Ich möchte wirklich heute abend nicht in vornehmer Gesellschaft speisen.«

 

»Aber ich«, erwiderte Leon entschieden. »Ich habe eine Vorliebe für gute englische Küche, und ich erinnere mich, daß Lord Pertham in dem Ruf steht, eine Art Epikuräer zu sein.«

 

Pünktlich um acht erschienen sie in dem großen Haus von Lord Pertham, das an der Ecke von Connaught Gardens stand. Sie wurden sofort von einem Diener eingelassen, der ihre Hüte und Mäntel abnahm und sie in einen geräumigen, etwas düsteren Empfangssalon führte.

 

Ein großer, schlanker Mann mit vollem, grauem Haar lehnte am Kamin. Er mochte etwa fünfzig Jahre sein. Schnell kam er auf die beiden zu, als sie eintraten.

 

»Wer von Ihnen ist Mr. Fuentes?«

 

»Das ist mein Name«, erwiderte Manfred lächelnd, »aber mein Freund ist der große Kriminologe.«

 

»Ich freue mich sehr, Sie beide kennenzulernen, aber ich muß mich bei Ihnen entschuldigen. Durch einen unglücklichen Umstand ist der Brief, den ich an Mr. Fare geschrieben habe, nicht rechtzeitig aufgegeben worden. Ich habe es leider erst vor einer halben Stunde erfahren. Hoffentlich macht es Ihnen nicht zuviel aus.«

 

Manfred murmelte eine konventionelle Höflichkeitsphrase, als sich die Tür öffnete und eine Dame hereinkam.

 

»Darf ich Sie Mylady vorstellen?«

 

Die Dame war schmal und hager. Ihre blauen, ausdruckslosen Augen und ihre dünnen Lippen entbehrten jedes Reizes. Sie machte einen verdrießlichen Eindruck und runzelte häufig die Stirn, was sie noch mehr entstellte.

 

Leon Gonsalez, der unwillkürlich jedes Gesicht analysierte, das er sah, kam zu dem Urteil: Groll, Argwohn, Undankbarkeit, Hartherzigkeit, Eitelkeit.

 

Als sie Gonsalez und Manfred nachlässig die Hand gab, vertieften sich die Falten auf ihrer Stirn noch mehr.

 

»Das Essen ist fertig, Pertham«, wandte sie sich an den Lord und machte nicht den geringsten Versuch, ihren Gästen gegenüber freundlich zu sein.

 

Bei Tisch war es sehr peinlich. Lord Pertham war nervös, aber obwohl eine denkbar schlechte Stimmung herrschte, ließen sich die beiden Freunde nicht beeinflussen. Dieser große, stattliche Mann schien sich vor seiner Frau zu fürchten, er war sehr rücksichtsvoll, fast unterwürfig in ihrer Gegenwart. Als die unliebenswürdige Gastgeberin schließlich das Zimmer verließ, machte er kein Hehl daraus, daß er sich erleichtert fühlte.

 

»Ich fürchte, daß Sie sich bei Tisch nicht gut unterhalten haben. Mylady hatte eine kleine Auseinandersetzung mit dem Koch.«

 

Offensichtlich hatte Mylady die Angewohnheit, sich stets mit ihren Dienstboten zu überwerfen, denn der Lord erwähnte in der Unterhaltung einige Leute, die sie entlassen hatte. Er sprach des langen und breiten über die Physiognomie von Dienstboten. Aber Manfred, der wie sein Freund eifrig zuhörte, schien es, daß der Lord keine große Autorität auf diesem Gebiet war. Er sprach sehr stockend und machte viele Fehler, aber Leon verbesserte ihn nicht. Gelegentlich erwähnte er auch, daß sein Interesse an Verbrechen noch gestiegen sei, da sein eigenes Leben bedroht würde.

 

»Wir wollen jetzt nach oben gehen und Mylady Gesellschaft leisten«, sagte er nach einer Weile. Manfred hätte darauf wetten können, daß Lord Pertham alles, was er über Kriminologie gesagt hatte, besonders für diesen Abend einstudiert hatte.

 

Sie gingen die breite Treppe zur ersten Etage hinauf und traten in einen kleinen Salon ein. Der Lord schien überrascht zu sein, daß niemand anwesend war.

 

»Ich bin sehr erstaunt«, begann er, als plötzlich die Tür aufgerissen wurde und Lady Pertham hereinstürzte. Sie war totenbleich, und ihre dünnen Lippen zitterten.

 

»Pertham«, rief sie atemlos, »es ist ein Mann in meinem Ankleidezimmer!«

 

»Was, ein Einbrecher?« Der Lord eilte aus dem Zimmer.

 

Die beiden Freunde wollten ihm folgen, aber er blieb halbwegs auf der Treppe stehen und wehrte sie mit einer Handbewegung ab.

 

»Es ist besser, Sie bleiben unten bei Mylady. Läute doch bitte nach Thomas, Liebling!«

 

Leon und George standen am Fuß der Treppe, als er oben eine Tür aufstieß. Gleich darauf hörten sie einen Schrei und Geräusche, als ob jemand handgemein geworden wäre. Manfred eilte die Treppe hinauf; oben wurde eine Tür heftig zugeworfen. Man hörte erregte Stimmen, dann krachte ein Schuß, und etwas fiel schwer zu Boden.

 

Manfred stemmte sich mit aller Gewalt gegen die Tür des Zimmers, aus dem der Lärm kam.

 

»Es ist alles in Ordnung«, hörten sie Lord Perthams Stimme.

 

Einen Augenblick später schloß er die Tür auf.

 

»Ich fürchte, ich habe diesen Menschen umgebracht.«

 

Er hatte die rauchende Pistole noch in der Hand. Mitten im Zimmer lag ein ärmlich gekleideter Mann, sein Blut färbte den perlgrauen Teppich.

 

Gonsalez ging schnell zu dem reglos Daliegenden und drehte, ihn um. Auf den ersten Blick sah er, daß der Mann tot war. Lange und ernst blickte er in das Gesicht des Einbrechers.

 

»Kennen Sie ihn?« fragte Lord Pertham.

 

»Ich glaube, ja«, erwiderte Gonsalez ruhig. »Es ist mein farbenblinder Verbrecher.« Er erkannte den Bruder von Mrs. Prothero.

 

Die beiden Freunde gingen nach Hause und ließen Lord Pertham mit einem Detektiv von Scotland Yard zurück. Seine Frau war ganz aufgelöst vor Aufregung und hatte einen Weinkrampf bekommen.

 

Keiner der beiden sprach, bis sie ihre Wohnung erreicht hatten. Leon setzte sich mit einem Seufzer der Erleichterung in den großen Armsessel und rauchte zufrieden.

 

»Leon!«

 

Gonsalez rührte sich nicht.

 

»Leon!«

 

Gonsalez drehte sich langsam um und sah George an.

 

»Ist dir heute abend bei der Schießerei nichts aufgefallen?«

 

»O doch, verschiedenes.«

 

»Was denn?«

 

»Vor allem dieses seltsame Zusammentreffen, daß ausgerechnet der Bruder von Mrs. Prothero in Lord Perthams Haus einbrechen muß. Hast du eigentlich die Hand des Toten betrachtet?«

 

»Nein.« Manfred sah Leon erstaunt an.

 

»Das ist schade – die Sache wäre dir dann wohl noch viel merkwürdiger vorgekommen. Was hast du denn beobachtet?«

 

»Ich wunderte mich, daß Lord Pertham eine Pistole bei sich trug. Er muß sie schon während des Essens bei sich gehabt haben.«

 

»Das kann ich dir leicht erklären. Erinnerst du dich, daß er uns erzählte, er sei in anonymen Briefen bedroht worden?«

 

»Das hatte ich ganz vergessen. Wer hat denn die Tür oben abgeschlossen?«

 

»Natürlich der Einbrecher.« Leon lächelte, und dieses Lächeln verriet Manfred, daß sein Freund nicht seine wahre Meinung sagte.

 

»Da wir nun gerade von verschlossenen Türen sprechen –«

 

Leon erhob sich, ging in sein Zimmer und kehrte mit zwei kleinen Instrumenten zurück, die wie Glocken von elektrischen Klingeln aussahen. Feine Metallspitzen schauten daraus hervor.

 

Leon schloß die Tür des Wohnzimmers und legte eine der Alarmglocken auf den Fußboden. Dann befestigte er die Metallspitze an dem Türflügel, so daß es unmöglich war, die Tür zu öffnen, ohne einen Druck auf die Klingel auszuüben. Er versuchte es, und sofort ertönte ein schrilles Klingelzeichen.

 

»Das wäre in Ordnung«, sagte er und wandte sich zu den Fenstern.

 

»Erwartest du denn Einbrecher?«

 

»Allerdings, und ich möchte wirklich nicht deshalb meinen Schlaf opfern.«

 

Leon schien mit dem Verschluß der Fenster nicht zufrieden zu sein und schob noch einen Keil hinein.

 

Eine andere Tür, die von Manfreds Zimmer direkt auf den Gang führte, sicherte er in derselben Weise wie die erste.

 

Mitten in der Nacht schlug die eine Alarmklingel schrill an. Manfred sprang aus dem Bett und drehte das Licht an. Seine eigene Tür war intakt, und er eilte in das Wohnzimmer, aber Gonsalez war ihm schon zuvorgekommen und betrachtete die Sicherung. Die Tür war nicht zugeschlossen. Mit dem Pantoffel schob er die Alarmglocke beiseite.

 

»Kommen Sie herein, Lord Pertham«, sagte er dann. »Wir wollen die Sache in aller Ruhe besprechen.«

 

Einen Augenblick herrschte tiefe Stille, dann hörten sie Schritte, und ein Mann trat in das Zimmer. Er war in Gesellschaftskleidung, trug aber keinen Hut. Manfred sah erstaunt auf den kahlen Kopf.

 

»Nehmen Sie Platz und machen Sie es sich bequem. Ich darf Ihnen wohl die Waffe abnehmen, die Sie in der Tasche haben? Vielleicht können wir dann die Angelegenheit auf freundschaftliche Weise erledigen.«

 

Zweifellos war es Lord Pertham, obwohl man nichts mehr von seinem üppigen Haarwuchs sehen konnte. Manfred war aufs höchste überrascht, als Leon mit seiner linken Hand in die Rocktasche des Besuchers griff und eine Pistole hervorzog, die er sorgfältig auf den Kaminsims legte.

 

Lord Pertham sank in einen Stuhl und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Eine Weile herrschte tiefe Stille in dem Zimmer.

 

»Erinnerst du dich des ehrenwerten George Fearnside?« begann Leon.

 

»Fearnside – ja, er war doch damals auf der Jacht des Herzogs«, sagte Manfred verblüfft.

 

»Ganz recht. Wir dachten seinerzeit, daß er uns nicht mit entkommenen Übeltätern identifizieren würde, aber offensichtlich wußte er doch, daß wir die Vier Gerechten waren. Sie erbten Ihren Titel doch etwa vor sechs Jahren, Lord Pertham?«

 

Der zusammengesunkene Mann nickte, aber plötzlich richtete er sich auf. Sein Gesicht war kreidebleich, und tiefe, schwere Schatten lagen unter seinen Augen.

 

»Nun, meine Herren, es scheint, daß Sie mich fingen, anstatt daß ich Sie faßte. Was wollen Sie nun unternehmen?«

 

Gonsalez lachte leise.

 

»Ich habe nicht die geringste Neigung, vor Gericht als Zeuge aufzutreten und zu bekunden, daß Lord Pertham ein Bigamist ist und schon seit vielen Jahren ein Doppelleben führt. Denn das würde bedeuten, daß ich auch gewisse unangenehme Details über mich selbst geben müßte.«

 

Lord Pertham räusperte sich.

 

»Ich kam hierher, um Sie zu töten«, sagte er heiser.

 

»Das haben wir vermutet«, erwiderte Manfred. »Was steckt denn eigentlich hinter dieser ganzen Geschichte, Leon?«

 

»Es wäre wohl das beste, wenn Lord Pertham uns alles erzählte«, entgegnete Gonsalez.

 

Der Lord sah sich im Zimmer um.

 

»Würden Sie mir bitte ein Glas Wasser geben?«

 

Leon erfüllte seine Bitte.

 

»Es ist richtig«, begann er nach einer Weile, »daß ich Sie als zwei Mitglieder der Vier Gerechten erkannte. Ich war mit dem Herzog eng befreundet und befand mich zufällig an Bord seiner Jacht, als Sie dorthin kamen. Mein Freund erzählte mir zwar eine lange Geschichte von einer Flucht, die Ihre Anwesenheit auf der Jacht erklären sollte, aber als ich in Spanien an Land ging und die Berichte in den Zeitungen las, wußte ich, wer Sie waren. Wahrscheinlich wissen Sie auch aus meinem früheren Leben, daß ich als gewöhnlicher Matrose in der Handelsmarine diente und um die ganze Welt reiste. Diese Art Leben sagte mir mehr als alles andere zu. Auf diese Weise konnte ich Land und Leute kennenlernen, und zwar von einem ganz anderen Gesichtspunkt aus, als ich es als Mitglied der großen Gesellschaft jemals hätte tun können. Wenn man die Welt wirklich kennenlernen will, muß man als Matrose reisen!

 

Ich traf Martha Grey eines Abends in einem Theater im Osten Londons. Als ich noch zur See fuhr, handelte ich auch wie ein richtiger Matrose. Zwischen mir und meinem Vater herrschten nicht gerade die besten Beziehungen, und ich hatte deshalb auch nie das Verlangen, nach Hause zu gehen. Es mag Ihnen lächerlich erscheinen, aber als das Mädchen an meiner Seite im dunklen Theater saß, verliebte ich mich in sie.«

 

»Und Sie haben dann Miss Grey geheiratet?« fragte Leon.

 

»Nein«, erwiderte der Lord schnell. »Ich ließ mich törichterweise überreden, mich drei Monate später mit Mylady trauen zu lassen, nachdem mir das Abenteurerleben zur See über geworden war und ich wieder in der Gesellschaft verkehrte. Sie war die Erbin eines großen Vermögens und war aus diesem Grund eine gute Partie. Dies spielte sich ab, bevor mein Vater den Titel und das Vermögen seines Vetters geerbt hatte. Das Eheleben, das ich mit Mylady führte, war entsetzlich, es war die Hölle auf Erden. Sie haben sie ja heute abend selbst gesehen und ihre Art kennengelernt. Ich habe eine zu große Achtung vor Frauen und stand zu sehr unter ihrem Einfluß, als daß ich das giftige Temperament meiner Frau hätte zügeln können. Und dieses schreckliche Leben, das ich zu Hause führen mußte, trieb mich zu Martha.

 

Sie hat einen guten Charakter.« Seine Augen leuchteten auf. »Sie ist die reinste, selbstloseste und liebevollste Frau, die jemals lebte. Als ich sie wieder traf, wurde mir erst bewußt, wie sehr ich sie liebte. Bei einem Mädchen ihrer Art blieb kein anderer Weg – ich heiratete sie. Auf einer Reise nach Australien bekam ich ein schweres Fieber und verlor mein ganzes Haar. Das war aber schon lange, bevor ich Martha traf. Es mag Eitelkeit gewesen sein, daß ich mir eine Perücke machen ließ, als ich wieder zu meinen Verwandten und zur Gesellschaft zurückkehrte. Aber es hatte einen doppelten Vorteil für mich: Einmal verbarg sie meinen kahlen Kopf und außerdem schützte sie mich vor der Gefahr, von meinen früheren Kameraden erkannt zu werden.

 

Als ich allmählich grau wurde, ließ ich auch die Farbe meiner Perücke meinem Alter entsprechend ändern. Martha fand nichts dabei, daß ich keine Haare hatte. Das Leben, das ich mit ihr führe, ist sehr glücklich. Ich muß sie von Zeit zu Zeit verlassen, um mich um die Verwaltung meines Besitzes zu kümmern. Dann gebe ich vor, daß ich eine längere Seereise mache. Mylady muß ich auf der anderen Seite erzählen, daß ich in Geschäftsangelegenheiten nach Amerika fahre, um ihr meine Abwesenheit zu erklären.«

 

»Der Mann, den Sie erschossen haben, war natürlich Marthas Halbbruder«, sagte Gonsalez.

 

Lord Pertham nickte.

 

»Es war einer der unglücklichsten Zufälle, daß er ausgerechnet in mein Haus einbrechen mußte. Bei dem Handgemenge riß er mir die Perücke ab und erkannte mich. Es blieb mir nichts anderes übrig, als ihn zu erschießen«, sagte der Lord ruhig. »Ich tat es mit vollem Bewußtsein, weil mein Lebensglück durch ihn vernichtet worden wäre und weil er schon seit Jahren seine Schwester tyrannisiert und von ihrem geringen Einkommen lebt.«

 

Gonsalez nickte.

 

»Ich sah ein Büschel grauer Haare in seiner Hand und vermutete, was sich zugetragen hatte.«

 

»Was werden Sie nun tun?« fragte Lord Pertham.

 

»Was haben Sie denn vor?« fragte Leon dagegen. »Vielleicht ist es Ihnen lieb, wenn ich es Ihnen sage?«

 

»Das ist wohl das beste«, erwiderte Lord Pertham ernst.

 

»Sie nehmen Mylady mit sich auf eine Reise, sobald die Leichenschau vorüber ist, warten eine genügende Zeit und überreden sie dann, sich von Ihnen scheiden zu lassen. Wenn das geschehen ist, heiraten Sie Mrs. Prothero unter Ihrem wirklichen Namen.«

 

Manfred wandte sich an Leon, nachdem Lord Pertham in das obere Zimmer gegangen war.

 

»Du bist doch eigentlich ein ganz unmoralischer Mensch, Leon. Nimm doch einmal an, Lady Pertham läßt sich nicht von ihm scheiden –«

 

Leon lachte.

 

»Es ist gar nicht nötig, daß sie sich von Lord Pertham scheiden läßt, denn er hat uns ein wenig belogen. Er hat Martha erst geheiratet, verließ sie dann und kehrte wieder zu ihr zurück. Ich weiß das zufällig, weil ich die ganzen Heiratsregister durchgesehen habe. Es gab eine Mrs. Prothero, ehe es eine Lady Pertham gab.«

 

»Du bist wirklich ein Prachtkerl, mein lieber Leon«, sagte Manfred bewundernd.

 

»Ja, da hast du recht«, gab Gonsalez bescheiden zu.