Kapitel 5

 

5

 

Peter Corelly kam von seinem Besuch im Hospital zurück.

 

»Ein Schuß durch die rechte Schulter, beide Beine gebrochen, außerdem Schädelbruch, Gehirnerschütterung und einige wunde Stellen am Körper«, berichtete er dem Chef. »Die anderen Verwundungen sind nicht so wichtig. Die Schulterverletzung wird hoffentlich glatt heilen. Der Arzt hat nur wegen des Schädelbruchs Sorge. Man kann Wilbur Smith noch nicht genauer untersuchen, aber sein Zustand scheint sehr ernst zu sein.«

 

»Hat er denn das Bewußtsein wiedererlangt?« fragte Flint und spielte nervös mit dem Füllfederhalter. Peter Corelly nickte.

 

Der Detektiv war groß und machte einen melancholischen, fast mürrischen Eindruck. Er ging etwas gebeugt, und seine hagere Gestalt täuschte die meisten Leute, so daß man ihn für schwach und kränklich hielt, aber er war weder das eine noch das andere. Er sah immer übermüdet und schläfrig aus – diesen Eindruck rief er mit Absicht hervor, damit andere Leute sich sicher vor ihm fühlten.

 

Er hatte schon viel erreicht; vor allem hatte er seine Schlagfertigkeit und seinen scharfen Verstand gezeigt, als er Madame Recamier verhaftete und ihre Schuld nachwies. Bei dieser großen Skandalaffäre waren verschiedene führende Persönlichkeiten der Gesellschaft entlarvt worden. Corelly hatte aber auch andere wichtige Kriminalfälle aufgeklärt. Zum Beispiel hatte er Eddie Polsoo achttausend Meilen weit verfolgt, nachdem dieser mit Mrs. Stethmans Vermögen durchgebrannt war. Und Eddie hatte erfahren, was hinter der scheinbaren Lethargie Corellys steckte.

 

»Ich habe Ihnen jetzt alles erzählt, was ich von der Geschichte weiß, Corelly«, sagte der Chef, »und Sie wissen ebensoviel wie Smith selbst. Es ist nun äußerst wichtig, daß die Bande entdeckt und bestraft wird. Die Polizei ist selbst angegriffen worden, indem man einen ihrer besten Beamten überfiel. Und das obendrein am hellen Tage! Aus diesen Tatsachen können wir schließen, daß es sich um eine sehr große Organisation handelt, die jedenfalls stärker und gefährlicher ist, als der arme Wilbur Smith selbst annahm.«

 

Peter nickte.

 

»Dann muß ich die Sache eben in die Hand nehmen. Das ist doch wohl der Sinn Ihrer Darlegungen.«

 

Flint sah ihn scharf an.

 

»Sie tun so, als ob Ihnen das unangenehm wäre. Ich verstehe Sie nicht«, erwiderte der Chef bitter. »Sie haben ja früher studiert, so daß Sie sich auch einem anderen Beruf hätten zuwenden können. Aber nachdem Sie nun einmal bei uns sind, dachte ich doch, daß Sie sich für die Arbeit sehr interessieren würden!«

 

Peter unterdrückte allem Anschein nach ein heftiges Gähnen.

 

»Ja, ich bin bei der Geheimpolizei aus dem einfachen Grund, weil ich dadurch meinen Lebensunterhalt verdiene. Das ist die ganze Erklärung. Es ist nicht gerade angenehm, wenn man seine Nase in anderer Leute Angelegenheiten stecken soll, und ich kann nicht sagen, daß mich die ganze Sache sehr begeistert. Ich habe mir ja schon gedacht, daß ich diesen Fall übernehmen muß … Bis Smith wieder soweit gesund ist, daß er auf der Bildfläche erscheinen kann, wird es immerhin ein paar Wochen dauern – das heißt, wenn er überhaupt wieder gesund wird«, fügte er düster hinzu.

 

»Seien Sie doch nicht so ein Pessimist«, entgegnete der Vorgesetzte fast ärgerlich. »Und machen Sie sich jetzt an die Arbeit!«

 

Peter Corelly ging in das Büro von Wilbur Smith, wo er sich den bequemsten Sessel aussuchte. Dort machte er es sich gemütlich und fiel sofort in Schlaf. Drei Beamte kamen herein, sahen ihn und schlichen auf Zehenspitzen wieder hinaus. Als aber Flint selbst zufällig den Raum betrat, wurde er ärgerlich, packte Corelly an der Schulter und rüttelte ihn wach.

 

»Sagen Sie, was hat das zu bedeuten?« fragte der Chef streng. »Sie treiben Ihre Gleichgültigkeit doch ein wenig zu weit, ich dachte, Sie hätten sich sofort aufgemacht, um die Mörder Ihres Kollegen zu verfolgen.«

 

Peter blinzelte ihn an, und dann streckte er sich.

 

»Sie haben vollkommen recht«, entgegnete er ruhig, »aber ich habe die letzten drei Nächte überhaupt nicht geschlafen, weil ich mich bereits mit der Sache befasse. Man kann also wohl annehmen, daß ich etwas müde bin.«

 

»Wie kommen Sie denn dazu, sich mit der Aufklärung des Falles zu beschäftigen, bevor Sie den Auftrag dazu haben?« fragte Flint erstaunt. »Ich habe Ihnen doch erst heute die näheren Umstände erzählt.«

 

»Ich verfolge die Geschichte schon über eine Woche«, entgegnete Peter gähnend. »Wenn ich nicht so furchtbar schläfrig gewesen wäre, hätte ich vielleicht Smith noch warnen können. Auf jeden Fall« – er sah nach der Uhr – »passiert in der nächsten Viertelstunde noch nichts. Aber dann habe ich eine Zusammenkunft verabredet.«

 

Flint schloß die Bürotür.

 

»Jetzt sagen Sie mir alles, was Sie von dem Fall wissen.«

 

»Das ist nicht gerade sehr viel«, gestand Peter und schüttelte traurig den Kopf. »Sie sehen, ich habe die Sache von einer anderen Seite aus angepackt als Smith. Ich habe auch die Geldscheine gesehen, die den Stempel des goldenen Hades auf der Rückseite tragen. Die Sache begann etwa vor sechs Monaten. Damals war ich hinter Tony Meppelli her, der bei einem Frühstück einem anderen Desperado einen Dolch zwischen die Rippen jagte und dann verschwand. Um meine Nachforschungen durchführen zu können, war es wichtig, in einer ärmlichen Gegend der Stadt zu wohnen. Ich mietete mir also ein Zimmer. Bei derselben Frau wohnte auch ein Mädchen, die in einer Fabrik arbeitete; schön war sie nicht, ebensowenig interessant, aber man konnte sich auf sie verlassen. Außerdem hatte sie eine optimistische Lebensanschauung, und wenn es überhaupt etwas gibt, was das Leben lebenswert machen kann …«

 

»Hören Sie bloß mit Ihren philosophischen Erörterungen auf«, erwiderte der Chef ärgerlich, »und kommen Sie endlich zu Tatsachen.«

 

»Das junge Mädchen hieß Madison. Ob der Madison Square nach ihr benannt ist oder umgekehrt, konnte ich nicht herausbekommen. Sie ging eines Abends zur Versammlung einer frommen Gemeinschaft, der sie angehört, aber kaum war sie ein paar Schritte von dem Haus entfernt, als sich ein Mann an sie wandte. Er schien plötzlich aus der Dunkelheit aufzutauchen. Natürlich war sie daran gewöhnt, daß die Männer sie ansprachen, aber sie machte sich weiter nichts daraus. Sie wollte ihm gerade ein paar unfreundliche Worte sagen, als er ihr ein großes Paket in die Hand drückte.

 

›Mögen die Götter Glück bringen!‹ sagte er leise zu ihr und verschwand wieder in der Dunkelheit. Sie hat sein Gesicht nicht gesehen, aber als ich sie ausfragte, erklärte sie, daß es sich um einen gebildeten Mann handeln müsse. Zufällig kam ich die Treppe herunter, als sie in ihre Wohnung zurückkehrte, und sie erzählte mir damals alles ziemlich genau. Zuerst glaubte ich, man hätte ihr einen Ziegelstein oder eine Bombe in die Hand gedrückt und gab ihr den guten Rat, das Päckchen in mein Zimmer oder vielmehr in mein Atelier zu tragen. Ich spielte dort die Rolle eines armen, aber begabten jungen Malers. Als ich das Packpapier entfernt hatte, entdeckte ich zu meinem Erstaunen, daß vier dicke Stöße Banknoten darin enthalten waren. Jedes Bündel enthielt dreißigtausend Dollar.

 

Wir sahen uns erstaunt an, dann betrachteten wir verblüfft die Scheine auf dem Tisch.

 

Als ich sie genauer prüfte, bemerkte ich, daß ein Stempel auf die Rückseite gedruckt war. Er stellte eine Art Götzenbild dar, und die Druckfarbe war später mit Goldbronze eingestäubt worden. Ich sah aber gleich, daß es jemand gemacht haben mußte, der von den Dingen nichts verstand, denn die Umrißlinien waren nicht scharf.«

 

»War es tatsächlich echtes Geld?«

 

»Daran war nicht zu zweifeln. Ich bekomme nicht viel Geld in die Finger, aber ich verstehe doch, echtes von falschem zu unterscheiden. Das junge Mädchen war außer sich vor Freude. Sie gehörte zu den einfachen Gemütern, die noch an Wunder glauben. Und nun zeigte sich, daß sie im stillen einen großen Plan gefaßt hatte. Sie wollte ein großes Haus für junge Mädchen bauen, die ihren Lebensunterhalt durch Arbeit verdienen müssen. Ja, auch der Optimismus solcher einfachen Gemüter ist an sich …«

 

»Fangen Sie nur nicht wieder an, dummes Zeug zu faseln. Erzählen Sie Ihre Geschichte weiter«, brummte Flint.

 

»Sie war fest davon überzeugt, daß ihr diese Gabe vom Himmel zugesandt worden sei, und besprach mit mir schon wichtige Fragen, zum Beispiel, ob die Schlafzimmer weiß gestrichen werden sollten, oder ob sie hellblau hübscher wären. Auf jeden Fall brachte sie das Geld in ihr Zimmer, und ich ging auf die Straße. Ich war sehr überrascht und erstaunt und nahm mir vor, an diesem Abend früh nach Haus zu gehen. Aber ich kam auf die Spur Tony Meppellis. Er hatte ziemlich viel Feuerwasser getrunken und war in großer Fahrt. Ich habe schon häufiger beobachtet, daß die Leute, wenn sie trinken …«

 

»Darauf kommt es jetzt nicht an. Sie sollen mir die Geschichte weitererzählen.«

 

»Also, es gelang mir damals, Tony zu verhaften und in eine Zelle einzuliefern«, erklärte Peter, der sich nicht so leicht einschüchtern ließ. »Und als ich meine Aufgabe gelöst hatte, kehrte ich zu meiner Wohnung zurück und packte meine Sachen. Ich wollte ausziehen, aber die Nacht noch bequem und in aller Ruhe schlafen.

 

Es war nahezu ein Uhr, als ich zu meiner Pension zurückkam. Zu meinem Erstaunen sah ich, daß noch Licht in dem Wohnzimmer der Wirtin brannte. Das war mir sehr recht, denn ich mußte doch vor allem meine Rechnung bezahlen. Als ich die Tür öffnete, sah ich das junge Madchen. Sie hatte auf mich gewartet und erzählte mir nun eine sonderbare Geschichte. Ich hatte kaum das Haus verlassen, als ein Auto vor der Tür hielt. Ein älterer Mann stieg aus, der eine schwarze Tasche trug. Er gab sich als Generaldirektor der Nationalbank aus und sagte ihr, daß er durch den Herrn aus dem Schlaf geweckt worden sei, der ihr das Geld gegeben hätte. Der Wohltäter fürchtete, daß sie es verlieren würde, und deshalb habe er ihn geschickt, um das Geld zur Bank zu bringen. Er stellte ihr eine Quittung aus.

 

Sie zeigte mir ein vorgedrucktes Formular der Bank. Soweit war die Sache in Ordnung; das Papier war auch mit dem Namen des Generaldirektors der Nationalbank unterschrieben. Die Quittung lautete auf hundertzwanzigtausend Dollar.«

 

Peter machte eine Pause.

 

»Und was geschah weiter?« drängte Flint.

 

»Das war das letzte, was ich von dem Geld gehört habe. Auch den Direktor der Nationalbank hat sie nie wieder gesehen.«

 

»Natürlich war es gar nicht der Direktor«, erwiderte Flint und lächelte.

 

»Das konnte man sich ja von vornherein denken.«

 

»Das ist alles sehr sonderbar. Ich verstehe nicht, warum man ihr zuerst das Geld gibt und es ihr später wieder abnimmt. Haben Sie schon eine Lösung gefunden?«

 

»Ich stelle niemals Theorien auf«, entgegnete Peter. »Dadurch werde ich nur in der Arbeit behindert. Es genügt mir, wenn ich ein paar Tatsachen habe. Und als ich vor etwa einer Woche erfuhr …«

 

Plötzlich hielt er inne und fragte unvermittelt:

 

»Kennen Sie eigentlich einen gewissen Fatty Storr?«

 

Der Chef nickte.

 

»Ja. Fatty ist Engländer. Ziemlich groß, sieht aber ungesund aus, noch viel schlimmer als Sie selbst. Wir kennen ihn sehr gut – bringt gefälschtes Geld unter die Leute. In der letzten Zeit habe ich ihn nicht mehr gesehen. Die Leute nennen ihn Fatty, weil er so mager ist!«

 

»Man hat ihn in letzter Zeit nicht gesehen, weil er große Schwierigkeiten hat. Vor ein paar Wochen wurde er auf der Straße beobachtet. Er war sehr gut gekleidet, und daraus ging unzweifelhaft hervor, daß er wieder geschäftlich tätig ist. Man sah, wie er vor einem großen Geschäft stand. Er zog eine Banknote aus der Hüfttasche, faltete sie zusammen und steckte sie gleichgültig in die Westentasche. Er wurde beobachtet –«

 

»Wer hat ihn denn gesehen?« fragte Flint schnell.

 

»Ich habe ihn gesehen«, entgegnete Peter ruhig, »denn ich beschattete ihn, und das ist natürlich die sicherste Art …«

 

»Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?«

 

»Also, er ging in das Geschäft, machte einen kleinen Einkauf und gab dem Kassierer einen Hundertdollarschein. Es mag sein, daß es einige Zeit dauerte, bis die Banknote gewechselt werden konnte. Vielleicht hat Fatty aber auch irgendeine Bewegung unter den Angestellten falsch aufgefaßt. Jedenfalls verließ er den Laden in großer Eile und ging fort. Als er sich umwandte, sah er aber mich und hörte auf zu gehen.«

 

»Wartete er auf Sie?« fragte Flint.

 

Peter schüttelte den Kopf.

 

»Wenn ich sage, er hörte auf zu gehen, dann meine ich doch, daß er anfing zu laufen. Und das versteht Fatty glänzend. Nach kurzer Zeit verlor ich ihn in einem Labyrinth von kleinen Straßen und Gassen, aber später sah ich ihn wieder. Er sagte, daß er mit einem echten Geldschein gezahlt hätte, und ich brachte ihn zu dem Geschäft zurück.

 

Zuerst wollte er nicht hineingehen, aber schließlich redete ich ihm gut zu. Wir sprachen mit dem Geschäftsführer. Fattys Schein war bei der Kasse angenommen worden, und ich ließ ihn mir zeigen. Als ich die Note umwandte, sah ich auf der Rückseite den goldenen Hades.

 

›Das ist ja der Mann‹, sagte der Geschäftsführer. ›Er ist fortgegangen, ohne auf das Wechselgeld zu warten. Hat er den Schein gestohlen?‹

 

›Ist er gefälscht?‹ erkundigte ich mich.

 

Das wurde vom Geschäftsführer verneint. ›Es kommt ja nicht häufig vor, daß bei uns mit einer Hundertdollarnote bezahlt wird; aber wir haben unsere Methoden, Banknoten zu prüfen. Der Schein ist echt.‹«

 

»Aber das wird ja immer verwirrter und unheimlicher«, sagte Flint verzweifelt. »Wie erklären Sie sich denn die ganze Sache?«

 

»Das kann ich im Augenblick noch nicht sagen, das will ich ja erst noch herausbringen. Am meisten erstaunt war Fatty selbst. Er wäre beinahe ohnmächtig geworden, als er erfuhr, daß er echtes Geld unter die Leute gebracht hatte. Ich nahm ihn zur Polizeistation mit, aber unterwegs verlor er die Fassung und fing an, zu weinen und zu heulen wegen der vielen hunderttausend Dollar, die er einem kleinen Jungen gegeben hatte.«

 

»Dann haben Sie sich also schon länger mit der Sache beschäftigt?« fragte Flint erstaunt.

 

»Ja, nun haben Sie es richtig erfaßt. Daß Fatty nichts weiter sagen wollte, ist wohl selbstverständlich, aber er verlangte dringend, entlassen zu werden. Er wollte den Jungen suchen, dem er die vielen Banknoten gegeben hatte. Als er sah, daß ich ihn verfolgte, glaubte er, daß es sich um falsches Geld handelte. Ich wollte ihn heute hierher ins Präsidium bringen, damit Wilbur Smith ihn verhören könnte. Ich glaube auch, daß die Beamten von der Polizeistation ihn inzwischen hier abgeliefert haben.«

 

»Dann sehen Sie einmal nach, wo er jetzt steckt. Und wenn er hier sein sollte, bringen Sie ihn zu mir.«

 

Peter nickte und ging zu der Zelle, in die man Fatty gebracht hatte.

 

Fatty sah verwahrlost aus; die Tage der Haft hatten ihn schwer mitgenommen.

 

Der Mann hatte eine niedrige Stirn und trug das graue Haar zurückgebürstet. Er saß auf einem Stuhl, aber zu beiden Seiten stand ein Polizeibeamter. Als Peter erschien, sah Fatty ihn düster an.

 

»Sie haben mich jetzt lange genug gefangengehalten. Dazu haben Sie überhaupt kein Recht. Ich bin englischer Untertan und ich werde mich beim englischen Gesandten über die Art und Weise beschweren, wie Sie mich behandelt haben, Sie gemeiner Schuft!«

 

»Aber Fatty«, erwiderte Peter vorwurfsvoll, »können Sie sich denn nicht einmal anständig benehmen? Kommen Sie mit, der Chef will Sie sprechen. Dem können Sie alles erzählen. Der ist auch eher geneigt, Sie milder zu behandeln als ich, denn der hat eine Familie und Kinder.«

 

Fatty machte ein böses Gesicht, folgte aber schließlich den Wärtern, die ihn zu Flints Büro brachten.

 

»Hier ist der Kerl«, sagte Peter.

 

Flint nickte dem Gefangenen zu. Er kannte ihn schon seit vielen Jahren.

 

»Beobachten Sie doch die unzulängliche Entwicklung der Stirn, die Verlagerung der Schläfen und die allgemeine Form des Wasserkopfes …«

 

»Die Vorlesung über Anthropologie können Sie später halten, wenn ich nicht dabei bin«, versetzte Flint. »Also, mein Junge, jetzt wollen wir uns mal ein wenig unterhaken. Wir haben Sie mit dem Geld geschnappt, das Sie gestohlen haben …«

 

»Was wollen Sie?« unterbrach ihn der Gefangene heftig. »Was für gestohlene Sachen hatte ich denn? Das Geld, das ich bei mir hatte, war vollkommen echt, Sie können mir nichts anhaben, weil ich echtes Geld ausgegeben habe.«

 

»Deshalb machen wir Ihnen keinen Vorwurf. Aber wir können Sie verhaften, weil Sie im Besitz einer großen Geldsumme waren. Es kommt nicht darauf an, ob es sich um echte oder gefälschte Banknoten handelt, sondern darauf, daß Sie vermutlich nicht auf ehrliche Weise in den Besitz dieser Summe gekommen sind.«

 

»Wir kennen Sie nur zu genau«, fügte Peter hinzu, »und wir wissen, daß Sie nicht imstande sind, Geld im Schweiße Ihres Angesichts zu erarbeiten. Sie schwitzen höchstens, wenn Sie davonlaufen.«

 

»Also, Fatty, erzählen Sie schon alles, was Sie wissen. Sonst werden Sie noch wegen Mordes angeklagt.«

 

»Ich habe niemand ermordet«, erwiderte der andere erschreckt.

 

»Ja, das können Sie leicht sagen, aber an dem Geld, das Sie in der Tasche hatten, klebt Blut.«

 

»Das wollen Sie mir nur weismachen«, entgegnete der Gefangene ungeduldig.

 

»Nein, durchaus nicht. Der Chef spricht ganz offen mit Ihnen. Soviel wir bis jetzt herausbekommen haben, handelt es sich um zwei, vielleicht auch um mehr Morde, die mit diesem Geld in Zusammenhang stehen. Aber das wußte ich noch nicht, als ich Sie verhaftete. Also machen Sie weiter keinen Unsinn, und sagen Sie alles, was Sie wissen. Ich möchte Ihnen von vornherein erklären, daß wir die Mitteilungen haben müssen, ganz gleich, ob Sie wollen oder nicht. Sie sind doch ein vernünftiger Mann und wissen ganz genau, daß weder der Chef noch ich Ihnen etwas vormachen wegen der Morde.«

 

»Was wollen Sie denn wissen?« fragte der Gefangene, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte.

 

»Vor allem sagen Sie uns, wie Sie in den Besitz des Geldes gekommen sind und was passierte, als ich hinter Ihnen her war?«

 

Fatty sah die beiden Beamten argwöhnisch von der Seite an. Er hatte seine Erfahrungen mit der Polizei und war ziemlich schlau und gerissen.

 

»Nun gut, ich werde Ihnen alles sagen, was ich weiß, aber ich verpfeife niemand – das heißt niemand, der ähnliche Geschäfte betreibt wie ich.«

 

Der Chef nickte.

 

»Sie brauchen nicht zu fürchten, daß ich Sie frage, woher Sie Ihr Falschgeld beziehen.«

 

»Gut, dann ist die Sache in Ordnung«, erwiderte der Mann erleichtert. »Ich bekomme mein Geld von einem bestimmten Mann. Wir treffen uns an einer verabredeten Stelle, und er gibt mir die Banknoten zusammengebündelt. In jedem Paket sind zweihundert Scheine. Wenn ich Geld brauche, schicke ich ihm einen Brief, dann trifft er mich nachts in einem abgelegenen Vorort von New York an einer Stelle, wo nicht viele Polizisten Wache halten und wo ich unbekannt bin. Ich muß Ihnen das noch genauer erklären, sonst hat die ganze Geschichte, die ich berichten kann, keinen Wert. Vor etwa einer Woche habe ich dem betreffenden Mann geschrieben, einen Tag vor meiner Festnahme.

 

Der Geschäftsgang, der sich im Laufe der Jahre herausgebildet hat, ist folgender:

 

Ich schicke ihm echtes Geld, er kommt dann an den Treffpunkt und gibt mir das gefälschte. Manchmal machen wir es auch anders. Wenn jemand von der Polizei in der Nähe ist, gehen wir die Straße weiter, und zwar immer in nördlicher Richtung, dann können wir uns beide später immer wieder finden.

 

Ais ich nun letzthin zu der Stelle kam, wo ich meinen Geschäftsfreund treffen wollte, stand dort ein Polizist. Verabredungsgemäß ging ich weiter nach Norden zu. Ich bin etwa eine Meile gegangen, aber ich konnte nichts sehen. Ich habe den Eindruck, daß wir uns nicht getroffen haben, weil zuviel Leute auf der Straße waren. Schließlich kam ich zu einer ziemlich einsamen Stelle und ging an einer hohen, glatten Mauer entlang. Dort blieb ich stehen. Ich dachte, daß mein Freund wahrscheinlich hinter mir herkäme. Ich wartete ungefähr fünf Minuten und hielt scharf Ausschau nach der Polizei. Plötzlich hörte ich auf der anderen Seite der Mauer ein Geräusch, als ob die Sehne eines Bogens losgelassen würde, dann fiel etwas zu meinen Füßen nieder.«

 

Er machte eine eindrucksvolle Pause.

 

»Was war es denn?« fragte Peter Corelly.

 

»Ein Pfeil, und zwar ein kurzer, stumpfer Pfeil, wie man sie im Völkerkundemuseum findet. Ich hob ihn auf und sah, das ein kleines Päckchen daran festgebunden war. Kurz entschlossen riß ich die Schnur ab und ging zur nächsten Lampe, um zu sehen, was das Paket enthielt – ich fand das Geld darin.«

 

»War sonst nichts in dem Päckchen enthalten?«

 

Fatty schüttelte den Kopf.

 

»Ich dachte bestimmt, daß es das Falschgeld wäre, das mir mein Freund über die Mauer herüber zugeworfen hätte, ging also geradeaus weiter, bog um eine Ecke und sah, wie zwei Männer aufeinander einschlugen.«

 

»Jetzt kommt ein interessanter Teil«, sagte Peter nachdrücklich. »Ich vermutete schon, daß Sie die beiden treffen würden, die miteinander kämpften.«

 

»Ich wollte vor allem nicht in Händel verwickelt werden und ging daher auf die andere Straßenseite.«

 

»Wie der Pharisäer in der Bibel«, murmelte Peter.

 

»Unterbrechen Sie ihn nicht dauernd, Corelly«. entgegnete der Chef. »Fatty, fahren Sie fort.«

 

»Dann hörte ich, wie mein Name gerufen wurde, und wer war es wohl, der mich rief?«

 

»Ihr Freund, der Ihnen das Falschgeld bringen wollte«, erklärte Peter. »Ich kenne ihn. Es ist ein gewisser Cathcart.«

 

Fatty sah ihn furchtsam und erschrocken an.

 

»Machen Sie sich weiter keine Sorgen, ich weiß, daß es Cathcart war, weil er am nächsten Morgen halbtot von der Polizei an der Grenze von Jersey City gefunden wurde. Wie er dorthin gekommen ist, wissen die Kerle, die ihn niedergeschlagen haben, am besten. Nun, was haben Sie dann getan?«

 

»Ich machte, daß ich verschwand«, sagte Fatty kurz. »Ich war jedenfalls nicht daran beteiligt, ich wollte damit nichts zu tun haben.«

 

»Also, dann wäre die Sache erledigt«, meinte der Chef. »Was haben Sie mit dem Geld gemacht?«

 

»Ich gab es einem Jungen, als ich vor Mr. Corelly fortlief. Ich sage Ihnen die reine Wahrheit. Als ich die Straße entlangeilte, überholte ich ihn. Er trug eine große Tasche an einem Riemen über die Schulter; sie sah aus wie ein Postsack, in dem die Briefe aus den Kisten abgeholt werden. Ich stopfte ihm das Bündel Banknoten in die Tasche und sagte, er solle es zu seinem Vater bringen. Und wenn ich diese Minute tot umfallen soll, das ist die Wahrheit.«

 

»Würden Sie den Jungen wiedererkennen?«

 

»Selbstverständlich«, erwiderte Fatty verächtlich. »Glauben Sie denn, ich laufe mit geschlossenen Augen herum?«

 

Flint sah zu Peter hinüber.

 

»Nun, Corelly, was halten Sie von der Sache? Glauben Sie die Geschichte?«

 

Peter nickte.

 

»Ja, meiner Meinung nach ist das wirklich alles passiert. Aber ich warne Sie, Fatty, Sie sind in großer Gefahr. Wenn Sie ohne polizeilichen Schutz in New York herumlaufen, werden Sie wahrscheinlich ermordet werden.«

 

Fatty sah ihn bestürzt und verängstigt an.

 

»Sie wollen mir nur Angst machen«, protestierte er.

 

Peter schüttelte den Kopf, ging zur Tür, öffnete sie und rief den Polizisten, der den Mann von der Wache zum Polizeipräsidium gebracht hatte.

 

»Bringen Sie ihn zur Wache zurück und entlassen Sie ihn, wann er es will. Vielleicht ist es besser, wenn Sie bis zum Einbruch der Dunkelheit warten. Ich gebe Ihnen den Rat, Fatty, New York so schnell wie möglich zu verlassen.«

 

Fatty sah den Detektiv an und lächelte dann.

 

»Ich weiß schon, was Sie wollen«, entgegnete er ironisch. »Aber ich bleibe so lange in New York, bis ich die hundert Dollar zurückbekomme.«

 

»Das ist die größte Dummheit, die Sie machen können«, sagte Peter und schloß die Tür hinter ihm.

 

»Was werden Sie nun unternehmen?« fragte der Chef.

 

»Ich warte auf die nächsten Ereignisse. Es wird sehr bald etwas passieren. Die Sache ist noch lange nicht zu Ende, und –«

 

Telefonklingeln unterbrach ihn. Flint nahm den Hörer ab.

 

»Wer ist da?« fragte er und runzelte die Stirn. Dann hörte er einige Zeit zu, was von der anderen Seite gesagt wurde. »Wann war das …? Wo …? Hat denn der Geschäftsführer Sie nicht erkannt? Ich werde einen Beamten schicken, der die Sache in Ordnung bringt.«

 

Er legte den Hörer auf und sah zu Peter hinüber.

 

»Kennen Sie Miss Jose Bertram?«

 

»Sie meinen die Tochter des großen Bankiers?« fragte Peter. »Ja, die kenne ich, soweit es einem gewöhnlichen Menschen vergönnt ist, ein Mitglied der oberen Vierhundert zu kennen. Aber warum fragen Sie danach?«

 

»Sie wurde im Augenblick von dem Privatdetektiv der Firma Rhyburn verhaftet.«

 

»Wie kommen denn die Idioten darauf, sie zu verhaften?« erwiderte Peter erstaunt. »Man ist doch nicht so dumm, die Tochter des reichen Bertram zu verhaften! Was soll sie denn getan haben?«

 

»Sie soll versucht haben, eine gefälschte Hundertdollarnote zu wechseln.«

 

Kapitel 6

 

6

 

Als Peter Corelly zu der Firma Rhyburn kam, wurde er sofort zu der Verhafteten geführt. Sie war aufs höchste empört und äußerte das auch in nicht mißzuverstehenden Worten. Aufregung macht manche Frauen häßlich, aber bei Miss Bertram war gerade das Gegenteil der Fall. Peter Corelly hielt den Hut in der Hand und sah sie erstaunt an.

 

Wie gewöhnlich ließ er die Schultern hängen und stand vornübergebeugt. Sie sah seinen müden Blick und hörte seine melancholische Stimme.

 

»Der Polizeipräsident bedauert unendlich, Miss Bertram, daß Sie diese unangenehme Erfahrung gemacht haben. Er hat mich hergeschickt, um die Sache in Ordnung zu bringen.«

 

Sie nickte, preßte die Lippen zusammen und sah ihn feindlich an. Im Augenblick war sie entrüstet über alle Organe des Gesetzes und der öffentlichen Ordnung. Langsam zog sie den Handschuh wieder an, den sie vor ein paar Minuten ebenso langsam ausgezogen hatte.

 

»Es ist empörend, daß ich hier auch nur eine Minute zurückgehalten werde. Das kann natürlich nur in New York passieren und nur auf das Zeugnis eines solchen Menschen hin.«

 

Sie zeigte auf den deprimierten Hausdetektiv der Firma, der ganz zusammengesunken in einer Ecke stand. »Es ist einfach lächerlich, daß so etwas passieren kann!«

 

»Aber meine liebe Miss –« begann Peter.

 

»Ich bin nicht Ihre liebe Miss«, fuhr sie ihn heftig an. »Ich dulde nicht, daß Sie mich so beleidigen. Mein Vater wird bald hiersein, und ich werde sofort zum Polizeipräsidium gehen und mich beschweren.«

 

Peter seufzte, schloß die Augen und sah sehr unglücklich aus. Selbst Miss Bertram, die doch so aufgebracht und erregt war, hätte beinahe lachen müssen.

 

Er wandte sich an den Polizeibeamten, der die Verhaftung durchgeführt hatte.

 

»Sie können die Dame entlassen, sie ist der Polizei bekannt.«

 

Miss Bertram war schon halb beruhigt, aber diese letzten Worte brachten sie wieder in Harnisch.

 

»Wie können Sie sagen, daß ich der Polizei bekannt bin!« rief sie heftig.

 

»Also, hören Sie einmal zu«, entgegnete Peter, dessen Geduld nun auch zu Ende war. »Hier in dieser großen Stadt gibt es Millionen und aber Millionen von Menschen, und nach der Verfassung ist einer so gut wie der andere. Ein solches Mißverständnis kann einmal vorkommen. Sie gehen in einen Laden, in dem man Sie nicht kennt, und wenn Sie dann mit einem gefälschten Geldschein zahlen, werden Sie eben verhaftet. Wer sind Sie denn, daß Sie nicht verhaftet werden sollten, wenn Sie das Gesetz übertreten? Sie wissen doch, vor dem Gesetz sind wir alle gleich. Ich würde keinen Augenblick zögern, den Präsidenten der Vereinigten Staaten zu verhaften, wenn er sich schuldig machte. Aber Sie tun so, Miss Bertram, als ob Sie etwas Besseres wären als andere Leute, als ob für Sie eine Extrapolizei bestünde. Wenn Sie glauben, daß das den amerikanischen Sitten entspricht, dann ist das eben Ihre Privatmeinung. Ich bin gekommen, um Sie freizulassen, ich behandle Sie höflich, und Sie fangen hier an zu schimpfen!«

 

Miss Bertram wußte immer noch nicht, was sie sagen sollte. Da stand nun ein Polizeibeamter vor ihr, hatte die Hände in die Hüften gestemmt, sah sie böse und düster an und hielt ihr eine Strafpredigt! Und dabei war sie doch die Tochter eines großen Geschäftsmannes in New York, eines Multimillionärs, der eine führende Stellung in der Gesellschaft einnahm.

 

Nachdem sie einige Zeit überlegt hatte, antwortete die junge Dame ganz bescheiden und ruhig. Die Umstehenden, die ihr früheres Benehmen miterlebt hatten, sahen sich erstaunt an.

 

»Ich verlange keine andere Behandlung als irgendein anderer Mensch. Es war ein dummer Fehler, den der Geschäftsführer hier gemacht hat. Ich bin früher niemals in dem Geschäft gewesen, und ich wäre auch nicht hierhergekommen, wenn ich nicht meiner Zofe etwas zum Geburtstag schenken wollte. Sie sagte mir, daß ihr ein Kleid so sehr gefallen hätte, das sie hier im Schaufenster sah. Ich verstehe eigentlich nicht, warum Sie mir Vorwürfe machen«, sagte sie, und der letzte Satz klang schon wieder etwas hochfahrend.

 

»Dafür werde ich ja bezahlt, daß ich die Leute in Ordnung halte und zurechtweise«, entgegnete Peter ruhig. »Ich bin da, um die Kinder der Armen zu beschützen und die Übeltäter zu bestrafen. Und dieser Mann hier« – er zeigte auf den nervösen Geschäftsführer – »ist ein Kind der Armen, die ich zu beschützen habe, wenigstens im übertragenen Sinn.«

 

Einen Augenblick sah sie auf den unglücklichen kleinen Herrn, und plötzlich kam ihr die Komik der Situation zum Bewußtsein. Miss Bertram mußte laut lachen.

 

»Sie haben vollkommen recht, ich habe mich von meiner schlechten Stimmung hinreißen lassen – es tut mir leid, daß ich so viel Unannehmlichkeiten verursachte. Hier kommt mein Vater.«

 

Sie ging schnell durch das Zimmer einem älteren Herrn entgegen.

 

George Bertram mochte etwa fünfundfünfzig Jahre alt sein, er hatte einen Spitzbart und war tadellos gekleidet. Sein Gesicht wirkte jugendlich, und vor allem faszinierten seine klugen, wohlwollenden Augen. Er gehörte zu den klügsten Finanzleuten der Weltstadt und dachte von dem Augenblick an, wo er das Geschäftsgebäude der Bank betrat, bis zu dem Augenblick, wo er wieder zu seinem Auto ging, an nichts anderes als an Geldwerte und Spekulationen.

 

»Mein liebes Kind, das ist sicher sehr unangenehm für dich gewesen. Wie war das nur möglich?«

 

»Es war mein eigener Fehler«, erwiderte sie freundlich. »Ich habe mich von meiner Aufregung hinreißen lassen, statt dem Geschäftsführer ruhig zu erklären, wer ich bin.«

 

»Aber was hast du denn eigentlich getan?« fragte er.

 

Als sie es ihm erklärte, sah er sie überrascht an.

 

»Eine gefälschte Banknote …? Aber ich kann mir gar nicht vorstellen, wie du in den Besitz eines solchen Geldscheins kommen könntest«, meinte er ungläubig.

 

»Das Geld habe ich natürlich von deiner Bank abgeholt. Ehe ich zur Stadt fuhr, bin ich dort gewesen und habe für meine Einkäufe Geld abgehoben.«

 

»Ich möchte den Schein einmal sehen.«

 

Der Detektiv zeigte die beschlagnahmte Banknote, und George Bertram prüfte sie sorgfältig.

 

»Ja, das ist tatsächlich eine Fälschung. Hast du noch andere Scheine, die du von der Bank abgeholt hast?«

 

Sie öffnete die Handtasche und nahm noch vier andere Banknoten heraus.

 

»Die anderen sind echt«, erklärte der Bankier, »aber es wäre doch möglich, daß noch weiteres gefälschtes Geld auf der Bank ist. Ich bin erstaunt, daß mein Hauptkassierer Dutton es bei der Auszahlung nicht sofort entdeckt hat. Mein Hauptkassierer ist einer meiner tüchtigsten Beamten. Es ist einfach unglaublich, daß er diesen Schein durchgehen ließ, ohne die Fälschung zu entdecken. Bist du auch ganz sicher, daß du kein anderes Geld in deiner Tasche hattest, als du heute morgen fortgingst?«

 

Sie zögerte einen Augenblick.

 

»Doch, das wäre möglich. Nachdem du darüber sprichst, erinnere ich mich …«

 

Sie zählte das Geld.

 

»Ja, ich hatte noch Geld in meiner Tasche. Es war eine Banknote … Ich müßte mir überlegen, wo ich sie bekommen habe – irgend jemand hat mir einen größeren Schein gewechselt …« Sie zog die Augenbrauen hoch, während sie scharf nachdachte.

 

»Es kommt im Augenblick ja auch gar nicht darauf an, wo Sie das falsche Geld her haben, Miss Bertram«, sagte Peter gutmütig. »Wenn Sie aber imstande sind, darüber genauere Auskunft zu geben, werde ich mich sehr freuen. Auf jeden Fall spreche ich morgen im Laufe des Tages einmal bei Ihnen vor.«

 

Sie lachte, und Peter klang das wie Musik in den Ohren.

 

»Ja, bitte, kommen Sie nur. Dann können Sie mir ja wieder einen Vortrag über die Menschenrechte halten.«

 

»Was für Rechte?« fragte Mr. Bertram erstaunt.

 

»Ach, ich hatte eine kleine Unterhaltung mit Mr. – ich habe Ihren Namen ja noch gar nicht erfahren.«

 

»Ich heiße Peter Corelly. Hier ist meine Karte. Ich komme selten dazu, eine Visitenkarte zu benützen, meistens genügt es, wenn ich die Marke zeige, die mich als Detektiv legitimiert.«

 

»Sie sind ein merkwürdiger Mann«, erwiderte sie, als sie ihm die Hand zum Abschied reichte.

 

Sie interessierte sich für ihn und empfand es unangenehm, daß umgekehrt sein Interesse für sie nicht besonders groß zu sein schien. Sein Beruf und die vornehme Art und Weise, in der er sprach, schienen nicht zusammenzupassen. Er mußte eine gewisse Bildung haben, und vor allem besaß er große Selbstbeherrschung, die sie trotz ihrer impulsiven Art bewunderte.

 

»Also, vergessen Sie nicht, mich zu besuchen«, rief sie, als sie sich noch einmal aus dem Fenster ihres eleganten Autos lehnte. »Ich möchte durch die Unterhaltung mit Ihnen noch viel lernen.«

 

»Das wird nötig sein«, entgegnete er.

 

Sie drehte sich um, nachdem der Wagen angefahren war, und bemerkte zu ihrer Enttäuschung, daß er ihr nicht nachschaute, sondern ihr bereits den Rücken gekehrt hatte.

 

»Mr. Rhyburn«, wandte sich Peter an den Geschäftsführer, »ich habe Sie aus einer großen Klemme befreit. Es konnte doch jeder Mensch, der einigermaßen Augen im Kopf hat, sehen, daß die Dame nicht absichtlich mit einem falschen Geldschein zahlte.«

 

»Aber Mr. Corelly«, protestierte der andere, »ich habe immer mit solchen Schwierigkeiten zu tun. Die Verluste, die ich jährlich durch falsches Geld erleide, sind einfach unheimlich. Ich hatte Miss Bertram noch niemals gesehen – obwohl sie zu meinen Kunden gehört.«

 

»Sie sagten doch, daß sie noch nie in Ihrem Geschäft war.«

 

»Das stimmt, aber ich führe eine Buchhandlung in der Stadt unter einem anderen Firmennamen. Ich kaufte den Laden, als der frühere Geschäftsinhaber starb, und dort ist sie eine gute Kundin. Hoffentlich kann ich mich darauf verlassen, daß Sie die Tatsache ihr gegenüber nicht erwähnen.«

 

Peter schüttelte den Kopf.

 

»Ich schicke ihr alle Neuerscheinungen, und sie trifft dann ihre Wahl. Es ist mir furchtbar peinlich, daß das passiert ist. Aber wir hatten, wie gesagt, dieses Jahr schon sehr viel Schwierigkeiten mit falschen Geldscheinen. Auch sonst habe ich gerade genug Sorgen. Vor zwei Monaten wurde in dem Buchladen eingebrochen, und dabei wurden alle Bücher mehr oder weniger ruiniert.«

 

»Melden Sie das dem Sergeanten, die Geschichte, die Sie mir da erzählen, klingt übrigens sehr unglaubwürdig. Ich kenne die Verbrecherwelt schließlich recht gut und weiß, daß sie keine literarischen Interessen hat – es sei denn aus Langeweile im Gefängnis.«

 

»Aber es ist vollkommen wahr, Mr. Corelly«, protestierte der Mann. »Ich dachte, Sie hätten davon gehört. Sie werden noch niemals in Ihrem Leben eine derartige Unordnung gesehen haben, wie ich sie in meinem Geschäft an jenem Morgen vorfand. Die Bücher waren von den Regalen heruntergenommen und auf den Boden geworfen worden, alle Schränke waren ausgeleert …«

 

»Und der Safe war aufgebrochen und ihr gesamtes Vermögen geraubt«, unterbrach ihn Peter.

 

»Nein, das war doch das Merkwürdigste von allem – den Geldschrank hatten die Einbrecher nicht angerührt.«

 

Corelly wurde plötzlich aufmerksam; dieser ungewöhnliche Einbruch interessierte ihn.

 

»Sie wollen mir doch nicht erzählen, daß die Einbrecher das Geld nicht anrührten?«

 

»Doch. Sie haben mir aber sonst genug Schaden zugefügt. Das schlimmste war, daß ich das Lager nicht versichert hatte.«

 

Peter zog sein Notizbuch.

 

»Datum?« fragte er lakonisch.

 

Der Geschäftsinhaber nannte es sofort; er hatte auch allen Grund, sich daran zu erinnern.

 

»Also das wäre erledigt«, meinte Peter, nachdem er zwei Seiten beschrieben hatte. »Darf ich einmal Ihre Bücher einsehen, und zwar für die Woche, bevor dieser Einbruch passierte?«

 

»Gewiß, Mr. Corelly.«

 

»Gut, dann komme ich heute abend um fünf Uhr in Ihre Buchhandlung.«

 

Peter war sehr nachdenklich, als er fortging. Mit langen Schritten wanderte er zum Northern-Hospital und erkundigte sich dort nach seinem Kollegen.

 

»Ja, Mr. Wilbur Smith hat das Bewußtsein wiedererlangt, und ich glaube, sein Zustand ist nicht mehr gefährlich«, meinte der Arzt. »Möchten Sie ihn sprechen? Wenn Sie die Unterhaltung nicht zu lang ausdehnen, wird es möglich sein.«

 

Wilbur Smith lag in einem Privatzimmer; sein Kopf war bis auf die Augen in Bandagen eingehüllt.

 

»Hallo, was wollen Sie denn? Sind Sie hergekommen, um meinen letzten Willen aufzunehmen, bevor ich abkratze?«

 

»Nun, es scheint Ihnen doch schon wieder ganz gut zu gehen«, entgegnete Peter und rückte einen Stuhl ans Bett. »Aber ich muß schon sagen, Sie sind ziemlich mitgenommen.«

 

»Ja, und dabei war es eine Dummheit, in diese Falle zu gehen«, erklärte Wilbur ärgerlich. »Die Leute müssen ja gelacht haben über den Leichtsinn, den ich an den Tag legte. Sie hatten zwei Taxis für mich bereitgestellt, und ich habe gleich das erste genommen.«

 

»Es scheint mir aber ganz unglaublich, daß so etwas am hellen Tag mitten in New York passieren kann.«

 

»Und doch bleibt es eine Tatsache. Sie haben natürlich nichts getan, was irgendwelchen Verdacht hätte erregen können; höchstens haben sie ab und zu einen kürzeren Weg gewählt. Plötzlich fuhr der Wagen in eine Garage. Im nächsten Augenblick waren die Tore hinter uns geschlossen. Ich sprang heraus, aber bevor ich meinen Revolver ziehen konnte, hatten sie mich schon gepackt. Das ist alles, worauf ich mich besinnen kann.«

 

»Und nachher haben sie Sie in eine leere Wohnung geschleppt, ohne daß sie jemand beobachtete. Meiner Meinung nach haben sie angenommen, daß sie tot wären. Haben Sie einen der Leute gesehen, die Sie überfielen? Können Sie sich auf ein Gesicht besinnen?«

 

»Nein«, entgegnete Wilbur entschieden. »Ich kann mich auf nichts besinnen. Ich weiß nur so viel, daß ich in einer ziemlich großen Garage war und sah, wie ein Mann von der anderen Seite mit einer Kanne Benzin auf mich zukam. Das haben sie wahrscheinlich so angeordnet, damit ich keinen Verdacht schöpfen sollte. Und während ich noch überlegte, was ich anfangen könnte, haben sie mich niedergeschlagen. Und das Geld haben sie natürlich gestohlen?«

 

Peter nickte.

 

»Und Sie haben jetzt die Untersuchung des Falles übernommen?«

 

»Ja. Ich habe auch ein paar neue Anhaltspunkte gefunden. Übrigens ist der Fall wirklich sehr interessant.«

 

Er erzählte, was er mit dem jungen Mädchen erlebt hatte, die plötzlich ein Vermögen von hundertzwanzigtausend Dollar in der Hand hatte, und auch die andere Geschichte mit Fatty. Wilbur Smith hörte erstaunt zu.

 

»Das ist ein ganz verhexter Fall. Etwas Ähnliches habe ich noch nicht erlebt. Wie denken Sie denn darüber?«

 

Peter erhob sich zunächst, ging zur Tür des Krankenzimmers und schloß ab,

 

»Mir ist die Sache nicht vollkommen neu, dabei meine ich besonders den Stempel auf der Rückseite der Banknoten – das Bild des goldenen Hades. – Es muß sich um einen Geheimkult handeln.«

 

»Was für einen Geheimkult?« fragte Wilbur erstaunt.

 

»Es gibt die sonderbarsten Kulte, darunter auch eine Art Teufelskult«, erklärte Peter. »Sie glauben wohl, ich wäre verrückt, aber ich kann das durchaus beweisen. Während des großen Prozesses gegen die Kamorra kam auch etwas über einen merkwürdigen Teufelskult in Italien zum Vorschein. Dann gab es etwas Ähnliches in Nordengland… Solche Teufelskulte gab es auch in Südrußland, und jeder Kult hat seine besonderen Priester und sein besonderes Ritual.«

 

»Aber…«, begann Smith.

 

»Warten Sie noch einen Augenblick. Vor allem muß ich Ihnen erzählen, daß die Teufelsanbeter sich bemühen, das Bild ihrer Gottheit, die sie verehren, zu verbreiten. Das ist immer wieder beobachtet worden. In Nordengland haben die Mitglieder dieses Teufelskults das Bild auf ihre Briefumschläge gedruckt. Dann wurde jedesmal die Marke darübergeklebt. Die Verehrer des Teufelsgottes Nick in Südrußland haben das Bild in ihre Schuhsohlen einbrennen lassen. Dort kam auch zum erstenmal die Gewohnheit auf, das Bild der Gottheit auf die Rückseite von Banknoten zu stempeln.«

 

»Das klingt fast, als ob Sie mir etwas vormachen wollten. Woher haben Sie eigentlich diese Kenntnisse?«

 

»Nun, man lebt und lernt«, erwiderte Peter etwas von oben herab. »Mein ganzes Leben lang habe ich Leute verfolgt, die Falschgeld verteilten. Und außerdem kann man in jedem großen Lexikon unter dem Stichwort ›Dämonenkult‹ nachlesen.«

 

»Dann sind Sie also der Meinung…«

 

»Ja – ich glaube, daß es hier in Amerika einen derartigen Teufelskult gibt. Er scheint allerdings eine ganz besondere Abart zu sein.«

 

»Haben Sie etwas von Alwin gehört?« fragte Wilbur, der unvorsichtigerweise seinen Kopf auf die Seite wandte, dann aber vor Schmerzen stöhnte.

 

»Nein, wir haben keine neuen Nachrichten. Aber ich nehme es als sicher an, daß sie Alwin irgendwo gefangengesetzt haben.«

 

»Ich glaube, daß er tot ist«, entgegnete Wilbur ruhig. »Peter, ich sage Ihnen, sobald meine verdammten Rippen wieder einigermaßen zusammengeheilt sind, stehe ich auf. Ich kann es in diesem Bett nicht mehr aushalten. Und dann kaufe ich mir den Mörder Frank Alwins. Ich werde nichts unversucht lassen, und wenn es mein ganzes Leben lang dauern sollte. Sie können sich darauf verlassen, daß ich ihn zum Schluß doch fassen werde.«

 

»Sie sind ja ein ganz wilder Geselle!« Peter seufzte. »An Ihrer Stelle würde ich tatsächlich über andere Dinge nachdenken, die nicht so furchtbar blutrünstig und schrecklich sind.«

 

»Hören Sie bloß damit auf! Erzählen Sie mir lieber noch etwas von diesem tollen Teufelskult.«

 

»Wenn ich wiederkomme, kann ich Ihnen viel mehr berichten«, sagte Peter und nahm seinen Hut. »Heute nachmittag besuche ich Professor Cavan und befrage ihn.«

 

»Zum Teufel, wer ist denn dieser Cavan?«

 

Peter zuckte verächtlich die Schultern.

 

»Es ist ja unheimlich, wieviel Sie nicht wissen. Wollen Sie tatsächlich behaupten, daß Sie Professor Cavan nicht kennen?«

 

»Ich habe noch nie von dem Mann gehört«, erklärte Wilbur verzweifelt. »Wann haben Sie denn etwas von ihm erfahren?«

 

»Erst gestern«, entgegnete Peter lakonisch und verließ das Zimmer.

 

Kapitel 7

 

7

 

Frank Alwin mußte geschlafen haben, nachdem die Leute fortgegangen waren. Er wachte mit Kopfschmerzen auf und fühlte sich furchtbar hungrig. Als er sich erhob, schmerzte sein ganzer Körper, aber er war jetzt doch bedeutend kräftiger.

 

Allem Anschein nach waren die Leute zurückgekehrt, während er schlief, denn auf dem Tisch stand ein großes Paket Schiffszwieback, Käse und eine Flasche Bier. Selten hatte es ihm besser geschmeckt.

 

Als er sich genauer umsah, entdeckte er auch das Bad. In dem Raum stand ein Schrank mit Wäsche, und darunter fand er auch Badetücher. Langsam und vorsichtig entkleidete er sich, und nachdem er ein nicht zu heißes Bad genommen hatte, war er gestärkt und erfrischt. Seine Taschen waren durchsucht worden, trotzdem hatte man ihm die goldene Uhr gelassen. Die Zeiger wiesen auf zwölf. Er wußte aber nicht, ob es Mittag oder Mitternacht war, denn kein Tageslicht fiel in diesen unterirdischen Raum. Nur eine elektrische Birne brannte an der Decke.

 

Die nächsten Stunden brachte er damit zu, sein Gefängnis genauer zu untersuchen, und machte dabei ein paar interessante Entdeckungen. Eine kleine Öffnung vom Badezimmer aus führte zu einem nicht allzu großen quadratischen Raum, der keinem besonderen Zweck zu dienen schien. Er hatte auch keinen Ausgang, wenigstens erschien es Alwin so. Aber in dieser Annahme irrte er sich. In einer der Wände befand sich eine Schiebetür, die allerdings jetzt geschlossen war. Der Raum war nur eineinhalb Meter im Quadrat und besaß keine Beleuchtung. Er überlegte sich, wozu dieses Zimmer dienen mochte. Zuerst hielt er es für einen Vorraum, aber dann sah er, daß es ein großer Luftschacht war. Ein reichlicher Strom frischer Luft kam von oben und machte den Kellerraum, in dem Alwin gefangensaß, überhaupt erst bewohnbar.

 

Er erinnerte sich jetzt daran, daß die Luft dumpf und abgestanden war, als er in den Keller getragen wurde. Erst später hatte sich das gebessert; wahrscheinlich hatten die beiden Männer die Tür zu dem Ventilationsschacht nachher geöffnet.

 

Er tastete an den Wänden entlang, und plötzlich fühlte er eine starke Eisenstange, die quer von einer Mauer zur anderen reichte, weiter oben eine zweite und eine dritte. Es war nicht nur ein Ventilationsschacht, man konnte auf diese Weise auch den Kellerraum verlassen. Er begann also unter Aufbietung aller Kräfte nach oben zu steigen; während er hinaufkletterte, zählte er die einzelnen Sprossen.

 

Zuerst war er skeptisch, denn die unterste Stange schien nicht ganz fest in der Mauer zu sitzen, aber weiter oben waren die Stangen vollkommen fest. Nachdem er achtundzwanzig Sprossen hinaufgeklettert war, faßte er mit der Hand ins Leere; erst als er weiter um sich tastete, entdeckte er eine kleine steinerne Plattform und kletterte darauf. Sie war dreieckig und bot gerade genug Raum, daß er sich hinsetzen konnte. Er suchte die Wand hinter sich ab und fand eine hölzerne Tür. Sie war sehr niedrig, aber man hätte hindurchkriechen können, wenn sie geöffnet gewesen wäre; leider war sie fest verschlossen. Rein instinktiv wußte er, daß das der einzige Ausweg war. Aber ohne Hilfe von außen hatte es keinen Zweck, weitere Anstrengungen zu machen.

 

Nach einer Weile suchte er mit seinen Beinen im Dunkeln wieder nach den eisernen Sprossen und stieg in den Keller hinunter. Er war schwach und müde, und als er sein Gefängnis glücklich wieder erreicht hatte, mußte er sich eine Stunde ausruhen, ehe er einen weiteren Versuch unternahm. Für gewöhnlich trug er einen Schlüsselring in der Tasche, aber der war ihm abgenommen worden. Auch eine Durchsuchung des ganzen Kellerraums förderte nichts zutage, was irgendwie einem Schlüssel ähnlich sah.

 

Einige Zeit später machte er seine zweite Entdeckungsreise und nahm diesmal die untere Eisenstange mit, die er aus der Wand gezogen hatte. Es war eine lange, mühevolle Arbeit, bis er die Tür aufgebrochen hatte, aber schließlich gelang es ihm. Nachdem er hindurchgekrochen war, befand er sich in dem Raum zwischen dem niedrigen Dach und der Decke des obersten Stocks. Am Rand des Daches konnte er durch eine Luke den grünen Rasen unten sehen. Plötzlich hielt er auf seinem Erkundigungsgang inne und lauschte. Er hörte Stimmen. Das mußten die beiden Männer sein, die ihn gefangengenommen hatten. Hastig kletterte er wieder in den Keller hinunter. Kaum lag er auf dem Bett, so öffnete sich die Tür, und die beiden traten ein. Einer trug ein Tablett mit Speisen, der andere setzte zwei Flaschen Bier auf den Tisch. Die Gesichter der beiden waren wie am vorigen Abend mit Taschentüchern verdeckt.

 

»Hallo«, sagte der eine, und Frank erkannte an der Stimme Tom. »Nun, wie geht es Ihnen jetzt?«

 

»Ich fühle mich ganz gut«, erwiderte Frank.

 

»Hoffentlich bleibt es so«, meinte der andere düster. »Hier haben wir Essen für Sie auf den Tisch gestellt.«

 

Tom sah sich im Zimmer um, dann betrachtete er Alwin.

 

»Haben Sie den Weg ins Badezimmer gefunden? Ich möchte Ihnen übrigens etwas sagen, junger Mann.« Seine Stimme war ernst und klang fast drohend. »Sie befinden sich in einer sehr schwierigen Lage, und wenn Sie lebendig hier herauskommen sollten, dann haben Sie Glück. Eigentlich müßten sie längst tot sein, und wenn Rosie – wenn ein Freund von mir nicht eine solche Dummheit gemacht hätte …«

 

»Es hat wohl keinen Zweck, Ihnen zu sagen, daß Sie ein sehr schweres Verbrechen begangen haben«, unterbrach ihn Frank.

 

»Hören Sie mit dem Unsinn auf. Sie sollten sich vielmehr darüber klar sein, daß vielleicht ein noch schwereres Verbrechen begangen wird. Noch sind Sie am Leben, und Sie sollten eigentlich alles daransetzen, daß dieses Abenteuer nicht mit Ihrem Tod endet. Sie sind doch ein guter Freund von Wilbur Smith? Also können Sie ihn doch leicht überreden, daß er sich nicht mehr mit dem goldenen Hades befassen soll. Auch er lebt noch…«

 

»Wie meinen Sie das?« fragte Frank. »Sie haben doch nicht etwa gewagt –«

 

»Regen Sie sich nicht auf. Natürlich haben wir es gewagt. Wir haben unsere Pläne beinahe durchgeführt, und wenn Rosie – wenn nicht einer von uns einen groben Fehler gemacht hätte, dann wäre auch niemand verletzt worden. Smith weiß eine ganze Menge, und wenn er schwierig wird und sich mit den Angelegenheiten des Schatzamts befaßt, müssen wir natürlich Gegenmaßnahmen ergreifen. Aber soweit darf es gar nicht erst kommen. Es wäre also das beste, wenn Sie ihm schrieben. Sagen Sie ihm in dem Brief, sie würden alles erklären, wenn Sie ihn wiedersehen könnten. Teilen Sie ihm auch mit, daß es Ihnen jetzt ganz gut geht. Er soll mit weiteren Maßnahmen so lange warten, bis Sie ihn gesehen haben. Die Banknoten wollen wir ja gar nicht, außerdem sind sie nicht mehr in seinem Besitz. Wir wollen nur, daß er seine Nachforschungen nicht fortsetzt. Mr. Alwin, Sie sind ein vernünftiger Mann. Wollen Sie Ihrem Freund das schreiben?«

 

Frank schüttelte den Kopf.

 

»Nein«, erklärte er entschieden. »Wilbur Smith soll ruhig die Verfolgung ihrer Bande wieder aufnehmen. Wenn Sie ihn in Ihrer Gewalt hatten und am Leben ließen, wird Ihnen das noch sehr leid tun.«

 

Der andere sah ihn lange und durchdringend an.

 

»Nun gut, ich habe noch niemand kaltblütig umgebracht, aber vielleicht sind Sie der erste.«

 

Dann wandte er sich um und ging zu einem der Kästen, in dem der andere schon herumkramte. Leise wechselten sie beim Hinausgehen ein paar Worte. Frank verstand nur: »Um neun Uhr nach der Sitzung.«

 

Frank aß von den Speisen, denn er war sehr hungrig. Dann wartete er, bis es vollkommen ruhig geworden war, stieg wieder die Leiter hinauf und durchsuchte das niedrige Dach. Aber nirgends fand er einen Ausweg.

 

Eine Möglichkeit gab es allerdings, und Frank war fest entschlossen, es mit ihr zu versuchen. Den ganzen Nachmittag arbeitete er so angestrengt, wie er es noch nie in seinem Leben getan hatte. Der Kopf, die Arme und Beine schmerzten, als er um sieben Uhr in den Kellerraum zurückkehrte und sich müde und vollkommen erschöpft aufs Bett legte.

 

Die Hauptschwierigkeit für ihn lag darin, daß er nicht einschlafen durfte. Trotzdem war er bereits im Halbschlaf, als er ein Klopfen über seinem Kopf hörte und wach wurde. Er lauschte angestrengt. Das Geräusch konnte nicht von der Tür kommen, auch nicht von der Eisenleiter. Einen Augenblick zögerte er, dann zog er seine Schuhe aus, kletterte den Schacht in die Höhe, kroch durch die zertrümmerte, niedrige Tür, legte sich auf den Boden und preßte das Ohr auf die Dielen.

 

Bisher hatte er gezögert, die Decke des ersten Stocks zu zerstören, denn er wußte, daß er unweigerlich entdeckt werden würde, wenn der Putz von der Decke herunterfiel und sich andere Leute im Zimmer unten aufhielten. Aber jetzt war seine Neugierde zu groß geworden. Er suchte in seinen Taschen und fand einen Bleistift. Vorsichtig entfernte er ein Brett, das auf dem Fußboden lag, dann bohrte er mit dem Bleistift ein Loch in die verhältnismäßig dünne Putzdecke, so daß er nach unten sehen konnte. Er entdeckte aber nichts als einen Teil des mit schwarzen und weißen Fliesen belegten Bodens. Darauf vergrößerte er das Loch und gab sich alle Mühe, zu verhindern, daß der Putz nach unten fiel. Ab und zu hörte er auf zu arbeiten und lauschte, aber er konnte kein Geräusch vernehmen. Nach und nach erweiterte er das Loch in der Decke derartig, daß es beinahe so groß war wie seine Hand. Dann hörte er plötzlich Schritte in dem unteren Raum und verhielt sich ganz ruhig. Jetzt konnte er alles deutlich erkennen. Unter ihm befand sich ein kleiner Saal; die Decke wurde durch zwei Reihen korinthischer Säulen gestützt, die sich von einem Ende des Raumes bis zum anderen hinzogen. Der hinterste Teil war durch einen langen Samtvorhang abgetrennt. Auf einem Marmorunterbau stand eine kleine Statue, die durch ein weißes Seidentuch verdeckt war.

 

Während er noch alles genau betrachtete, öffnete sich plötzlich der dunkelblaue Samtvorhang, und zwei Männer traten ein. Von Kopf bis Fuß waren diese in lange, braune Kutten gekleidet, ihre Köpfe waren in Mönchskapuzen verborgen. Frank betrachtete sie erstaunt. Sie näherten sich dem Marmorunterbau in großer Verehrung, legten die Hände zusammen und neigten die Köpfe. Langsam gingen sie vorwärts, bis sie dicht vor dem Marmorunterbau standen. Der erste der beiden, der auch der größere war, ließ sich auf die Knie nieder, der zweite näherte sich dem Sockel und nahm das weißseidene Tuch von der Statue.

 

Frank erschrak, denn als das Tuch gelüftet wurde, zeigte sich ein goldenes Bild auf dem Altar. Er irrte sich nicht, es war der goldene Hades mit einem Dreizack in der Hand.

 

Kapitel 11

 

11

 

Drei Leute saßen in einem Privatzimmer des Northern-Hospitals zusammen und verglichen ihre Aufzeichnungen und Notizen miteinander.

 

»Frank«, sagte Wilbur Smith und schüttelte den Kopf, »wir können dich nicht frei umherlaufen lassen. Du mußt versteckt bleiben.«

 

Der Schauspieler lachte.

 

»Da gibt es gar nichts zu lachen«, fuhr Wilbur Smith ernst fort. »Diese Verbrecherbande ist hinter dir her. Man hat nur deine Spur noch nicht gefunden, sonst wärst du in diesem Augenblick nicht mehr am Leben. Du weißt zuviel, und vielleicht bilden sich die Verbrecher ein, daß du eine noch größere Kenntnis hast, als es den Tatsachen entspricht.« Er wandte sich an Corelly. »Nun, Peter, haben Sie den Buchladen von Rhyburn aufgesucht?«

 

Corelly nickte.

 

»Die Geschichte klärt sich nach und nach auf, aber je mehr ich mich mit der Sache befasse, desto mehr wird Miss Bertram belastet. Sie erinnern sich noch an den Higgins-Mord, bei dem die Frau des Spielers erschossen wurde?«

 

Die beiden anderen nickten.

 

»Laste sagte doch damals aus, daß seine Frau die Dollarscheine in einem Buch fand, das sie am gleichen Nachmittag bei Rhyburn gekauft hatte. In der nächsten Nacht wurde in dem Laden eingebrochen. Die Frau las sehr viel, und sie bekam diesen Band besonders billig, weil der Umschlag einen Tintenfleck hatte. Aus diesem Grund konnte sich auch Mr. Rhyburn genau auf den Verkauf besinnen, und dadurch war es mir möglich, weitere Nachforschungen anzustellen. Sie entsinnen sich doch noch, daß Rhyburn für gewöhnlich Miss Bertram eine Auswahlsendung der neuesten Romane in die Wohnung schickte. Sie behielt die Bücher zurück, die ihr gefielen, und sandte die anderen wieder in den Laden. Und das Buch, das Mrs. Laste kaufte, gehörte zu diesen. Zweifellos hatte sie darin verschiedene Tausendollarscheine versteckt gefunden. Wahrscheinlich hat sie sogar eine viel größere Summe entdeckt, als sie ihrem Mann sagte, da sie doch wußte, daß er alles verspielen würde.«

 

»Wie erklären Sie sich das?« fragte Wilbur Smith. »Behaupten Sie, daß Miss Bertram die Scheine zwischen die Seiten des Buches legte und sie später vergaß? Oder meinen Sie, daß sie die Scheine absichtlich darin verbarg und das Buch zurückschickte?«

 

»Ich habe noch keine Theorie, die die Sache erklären könnte«, erwiderte Peter. »Ich führe nur Tatsachen an.«

 

Er schien etwas nervös zu sein, und das war ungewöhnlich an ihm. Wilbur merkte es sofort.

 

»Merkwürdig ist nur, daß sich diese Ereignisse innerhalb von vierundzwanzig Stunden zutrugen: die Rückgabe der Bücher durch Miss Bertram, der Verkauf an Mrs. Laste und schließlich der Einbruch in den Bücherladen. Und kaum zwölf Stunden darauf ist dann Mrs. Laste erschossen worden!«

 

»Wir müssen zwei Dinge herausbringen«, erklärte Wilbur nach einiger Überlegung. »Zunächst müssen wir den Tempel in dem Garten wiederfinden, und dann müssen wir entdecken, wer dieser Rosie ist.«

 

»Ich werde mich vor allem mit letzterem beschäftigen«, entgegnete Alwin. »Als ich während des Krieges in Washington war, kam ich mit Lazarus Manton in Berührung, der trotz seines sonderbaren Namens ein hervorragender Polizeibeamter ist. Ich weiß nicht, welchen Rang er jetzt in Scotland Yard einnimmt. Ich habe ihm telegrafiert.«

 

»Vor allem müssen wir den Philadelphia-Bahnhof beobachten. Die Worte, die Alwin hörte, als er gefangensaß, müssen eine besondere Bedeutung haben. Das können Sie ja leicht veranlassen, Corelly.«

 

Peter nickte.

 

»Eine ziemlich schwierige Aufgabe. Ich habe zwei Beamte dorthin beordert, aber ich würde meiner Sache doch erst sicher sein, wenn ich eine größere Anzahl von Beamten zu diesem Zweck zur Verfügung hätte.«

 

»Wo haben Sie die Leute postiert?« fragte Smith.

 

»In den Warteräumen. Ich bin auch der Ansicht, daß wir den nächsten Schritt der Verbrecher auf dem Philadelphia-Bahnhof erwarten können … Ein paar Stunden meiner Zeit verwende ich an jedem Nachmittag auf die Lösung dieser Aufgabe. Aber worauf sollen wir denn achten? Alwin kann uns nicht helfen, die beiden Leute wiederzuerkennen, und da wir nicht genau wissen, was sie unternehmen werden, erscheint mir von vornherein die ganze Sache hoffnungslos.«

 

Aber trotz dieser pessimistischen Äußerung war Corelly am nächsten Tag doch auf der Station. Er hatte sich auf eine Bank gesetzt, so daß er die Menschenmenge beobachten konnte, die in ununterbrochenem Strom vorüberflutete.

 

Peter hatte dabei einen sechsten Sinn. Rein gefühlsmäßig wandte er seine Aufmerksamkeit einem Mann in mittleren Jahren zu, der eine Anzahl Pakete unter dem Arm trug. Er war müde, ließ sich auf einem freien Sitz nieder und legte die Päckchen neben sich auf die Bank. Es war nichts Auffallendes an dem Mann, und Peter sah wieder die Treppe hinauf, auf der die vielen Menschen herunterkamen. Als er den Blick dann wieder in die alte Richtung wandte, bemerkte er, daß sich ein anderer neben dem Mann niedergelassen hatte, jedoch nur eine Minute blieb, dann erhob er sich schon wieder und ging fort. Peter konnte die beiden nur von hinten sehen; der zweite kam ihm bekannt vor, wenn er ihn auch im Augenblick nicht identifizieren konnte. Der Mann mit den Paketen schaute auf die Uhr und erhob sich dann unentschlossen, nachdem er sich hilflos umgesehen hatte.

 

Peter beobachtete genau, wie sich der Mann einem der vielen Ausgänge zuwandte, die zu den Bahnsteigen führten. Bis jetzt hatte er noch keinen besonderen Grund, ihn zu verdächtigen, auch dann noch nicht, als in der Nähe des Ausgangs ein Mädchen auf ihn zutrat. Sie sprachen eine Weile miteinander, und er entnahm aus der Haltung des Mannes, daß das Mädchen ihm fremd sein mußte. Nach einiger Zeit gingen sie beide zu einer anderen Bank. Der Mann legte die Pakete darauf und zählte sie, während das Mädchen danebenstand. Dann nahm er eines der Pakete und reicht es ihr mit einem Lächeln.

 

Peter sah immer noch nichts Außergewöhnliches an diesen Vorgängen.

 

Er wird Einkäufe gemacht und dabei zufällig ein falsches Paket mitgenommen haben, dachte er. Das junge Mädchen hat Glück, daß sie ihr Eigentum zurückerhält, bevor es zu spät ist!

 

Sie trennten sich; der Mann nahm den Hut ab und wandte sich zu einem Ausgang; das Mädchen ging zur Treppe. Sie hatte gerade die Hälfte der Stufen zurückgelegt, als Peter sich entschloß, ihr zu folgen. Er verlor sie aber aus den Augen, und erst auf der Siebenten Avenue traf er sie wieder. Sie ging schnell und sah weder nach rechts noch nach links. Er überlegte gerade, ob er ihr weiter nachgehen sollte, als plötzlich ein Auto direkt vor ihr hielt. Sie öffnete die Tür und stieg ein, worauf sich der Wagen sofort wieder in Bewegung setzte. In diesem Augenblick kam Peter ein guter Gedanke. Er war ein vorzüglicher Läufer, und noch bevor das Auto zwanzig Meter weit gefahren war, sprang er auf das Trittbrett.

 

»Es tut mir leid, daß ich Sie störe«, sagte er kühl, »aber ich …«

 

Plötzlich brach er ab, denn die junge Dame war niemand anders als Jose Bertram.

 

Ein kleines Paket lag auf ihrem Schoß, von dem sie bereits das Papier entfernt hatte. Es war ein dicker Stoß von Banknoten. Ohne noch ein Wort zu verlieren, öffnete Peter die Tür der Limousine und setzte sich neben sie. Er nahm die Banknoten, ohne daß sie Widerstand leistete, drehte die oberste um und erkannte sofort den Stempel des goldenen Hades.

 

Auch jetzt wurde kein Wort zwischen ihnen gesprochen; Peter schien die Sprache verloren zu haben; Jose schaute geradeaus auf den Rücken des Chauffeurs. Erst als der Wagen an einer Kreuzung von dem Verkehrsschutzmann angehalten wurde, bewegte sie sich und gab dem Chauffeur eine Anweisung. Dieser änderte die Richtung und fuhr jetzt die Fünfte Avenue entlang, bis sie an die Glasscheibe klopfte. Vorher hatte sie die Banknoten in eine der tiefen Seitentaschen im Innern des Autos gelegt, und allem Anschein nach interessierte sie sich nicht weiter dafür, was damit geschah.

 

»Wir wollen in den Park gehen«, sagte sie.

 

Schweigend wanderten sie nebeneinander her.

 

Peter wußte kaum, wie er die Unterhaltung beginnen sollte, und sie befand sich offenbar in der gleichen Lage.

 

»Mr. Corelly«, sagte sie schließlich, »wieviel wissen Sie von der ganzen Angelegenheit?«

 

»Sie meinen von dem goldenen Hades? – Ziemlich viel, Miss Bertram. Aber ich hoffe, daß ich von Ihnen noch mehr erfahren werde.«

 

Sie preßte die Lippen zusammen, als ob sie fürchtete, sie könnte ihm ihr Geheimnis enthüllen.

 

»Ich bin nicht imstande, Ihnen etwas zu sagen. Welchen Zweck hätte es auch? Dieses Geld gehört mir. Es ist doch keine Übertretung des Gesetzes, wenn man eine große Summe bei sich trägt, nicht einmal in New York.«

 

»Aber es ist schon etwas Besonderes, wenn man Banknoten im Besitz hat, die den Stempel des goldenen Hades auf der Rückseite zeigen«, erwiderte Peter streng, »denn Banknoten mit diesem goldenen Stempel stehen im Zusammenhang mit einem furchtbaren Mord.«

 

Sie sah ihn erschreckt an.

 

»Mord!« wiederholte sie mit stockender Stimme. »Aber das ist doch nicht Ihr Ernst!«

 

»Ja, mit Mord und mit vielen schlimmen Dingen. Diese Banknoten haben Beziehung zu dem berüchtigten Higgins-Mord, und sie spielen auch eine Rolle bei der Entführung Mr. Alwins .. «

 

»Aber das verstehe ich alles nicht«, erwiderte sie bestürzt. »Ich wußte wohl, daß das Ganze eine furchtbare Torheit und nicht recht ist, aber daß es sich um einen Mord handelte – nein, davon hatte ich keine Ahnung. Bitte sagen Sie mir doch, daß das nicht wahr ist!«

 

Jose war stehengeblieben und sah ihn verzweifelt an. Er legte die Hand auf ihren Arm, aber sie schrak zurück.

 

»Miss Bertram, warum lassen Sie mich Ihnen nicht helfen? Das ist mein größter Wunsch. Ich helfe gern einem Menschen, aber bei Ihnen ist es noch etwas Besonderes. Ich kann mit Ihnen sprechen wie ein Bruder – warum trauen Sie mir nicht?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein, das können Sie nicht – Sie können mir nicht helfen«, entgegnete sie hoffnungslos. »Ich bin es auch nicht so sehr, die Hilfe braucht.«

 

»Wer denn?«

 

»Das kann und darf ich Ihnen nicht sagen. Ich wünschte, es wäre mir möglich – ach, es ist zu schrecklich!«

 

Er faßte sie am Arm und führte sie einen einsamen Seitenweg entlang.

 

»Sagen Sie mir wenigstens, seit wann Sie etwas von dem goldenen Hades wissen.«

 

»Seit zwei Tagen.«

 

Er nickte.

 

»Da haben Sie also während des Essens, das Ihr Vater in dem Klub gab, davon erfahren?«

 

Sie warf ihm einen schnellen Blick zu.

 

»Beantworten Sie bitte meine Frage. War es tatsächlich bei dem Essen?«

 

»Ich wußte es vorher nicht genau, ich hatte nur eine Ahnung – an dem Abend wurde es mir zur Gewißheit.«

 

»Haben Sie damals erfahren, daß Sie heiraten sollen?« fragte er nach kurzem Zögern.

 

Sie nickte. Aber die Frage ihrer Verheiratung schien unwesentlich zu sein im Vergleich mit einer viel ernsteren und größeren Sache.

 

»Ich muß jetzt aber zurückgehen«, sagte sie plötzlich. »Bitte begleiten Sie mich nicht, wir werden beobachtet.«

 

Sie reichte ihm die Hand und wandte sich zum Gehen.

 

»Wenn ich Ihre Hilfe nötig habe, Mr. Corelly, dann telefoniere ich Ihnen – ich habe Ihre Nummer, sie steht auf der Karte.«

 

Ohne ein weiteres Wort ging sie fort, und Peter folgte ihr langsam. Er sah gerade noch, wie ihr Wagen abfuhr, dann kehrte er zu seinem Büro zurück. Ein Brief lag auf seinem Schreibtisch, aber er machte sich nicht die Mühe, ihn zu öffnen. Bequem setzte er sich in seinen Stuhl, legte die Füße auf den Tisch und dachte lange nach. Und je mehr er überlegte, desto mehr wunderte er sich, und schließlich merkte er, daß er sich selbst eine Theorie bildete, obgleich er doch Theorien haßte.

 

Schließlich nahm er den Brief und öffnete ihn.

 

Es war nur eine kurze Mitteilung von Frank Alwin. Er hatte nicht auf die Handschrift geachtet, sonst hätte er den Briefumschlag natürlich sofort geöffnet.

 

Mein lieber Corelly,

 

Eben habe ich dieses Telegramm auf meine Anfrage bekommen. Was halten Sie davon?

 

Mit verbindlichem Gruß

Frank Alwin.

 

Peter entfaltete das Telegramm und las:

 

Der einzige uns bekannte Mann mit dem Spitznamen ›Rosie‹ ist John Cavanagh, gewöhnlich Rosie Cavanagh genannt. Er wurde vor vier Jahren aus dem Zuchthaus entlassen, nachdem er wegen schweren Betruges eine Strafe von zehn Jahren in Portland abgesessen hatte. Das Verbrechen hat er durch spiritistische Sitzungen vorbereitet. Cavanagh hat eine gute Erziehung genossen; er muß jetzt im Alter von etwa fünfundsechzig Jahren stehen. Gestalt klein. Besitzt umfassende Kenntnisse in der griechischen Mythologie, hält sich, soweit hier bekannt, in Spanien auf. Weitere Nachforschungen sind bereits in die Wege geleitet.

 

Peter sah von dem Telegramm zur Decke, dann wieder auf das gelbe Formular. Ein ironisches Lächeln spielte um seinen Mund.

 

Kapitel 12

 

12

 

Professor Cavan putzte prachtvolle Silberlöffel. Er war in Hemdsärmeln, und auch die hatte er aufgerollt, so daß seine sehnigen Arme sichtbar waren. Außerdem hatte er eine große, weiße Schürze umgebunden; während der Arbeit zitierte er griechische Verse aus Sophokles. Der stattliche englische Butler saß auf der Tischkante und rauchte eine große Zigarre; der Diener hatte sich eine Shagpfeife angesteckt und war am Tisch damit beschäftigt, einen Gummistempel zu reparieren.

 

»Rosie«, sagte der Butler, »wenn du diesen dummen Singsang nicht läßt, schlage ich dir auf den Kopf, daß du Backzähne spuckst!«

 

»Laß ihn doch ruhig singen«, meinte der Diener. »Laß ihn tanzen und sonst tun, was er will, wenn er nur nicht redet.«

 

Der Professor lächelte.

 

»Na, ihr könntet doch nichts anfangen und würdet bald auf dem trockenen sitzen, wenn ich nicht reden könnte. Ich bezweifle überhaupt sehr stark, ob es noch einen Mann in dieser Stadt gibt, der so unterhaltend sein kann wie ich.«

 

»Rosie«, sagte der Butler, ohne die Zigarre aus dem Mund zu nehmen, »du hast eine verdammt hohe Meinung von dir. Wenn du so klug wärst, wie du annimmst, wärst du doch niemals ins Gefängnis gekommen.«

 

»Wenn ich nicht ins Gefängnis gekommen wäre«, entgegnete Cavan oder Cavanagh, »dann hätte ich dich nicht getroffen, mein Junge. Und hätten wir nicht zusammen auf derselben Bank gesessen und Postsäcke genäht, dann hättest du weiter Geldschränke geknackt, um jedesmal hundert Pfund oder noch weniger zu erbeuten, und bei drei Einbrüchen wärst du zweimal gefaßt worden.«

 

»Das ist wohl möglich«, entgegnete der Butler gleichgültig. »Und was hätte Sam gemacht?«

 

Sam sah von seiner Arbeit auf.

 

»Ich hätte alte Meister gefälscht und die Bilder verkauft. Das ist eine angenehme, ruhige Art, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich wünschte nur, ich wäre nie auf andere Gedanken gekommen.«

 

»Ja, jetzt könnt ihr euch beschweren und den Mund aufreißen, aber ich habe euch immer gesagt, daß ihr auch ein großes Risiko auf euch nehmen müßt, wenn ihr viel Geld verdienen wollt.«

 

»Aber nicht die Art Risiko, die du auf dich nimmst, Tommy«, meinte Sam und schauerte zusammen. »Ich werde diese Frau niemals vergessen, diese Laste.«

 

Der Butler runzelte die Stirn.

 

»Es war ihre eigene Schuld«, erwiderte er. »Wenn sie mir das Taschentuch vom Gesicht gerissen hätte, dann hätte sie mich erkannt. Es ging um mich oder um sie. Was sagst du dazu, Rosie?«

 

Der Professor betrachtete einen glänzenden Löffel mit kritischen Blicken.

 

»Nun, ich bin schon so ein alter Herr«, entgegnete er bedächtig, »daß es mir wirklich gleichgültig ist, was passiert. Ich würde ebensoleicht zum elektrischen Stuhl gehen – man findet dort ein schmerzloses Ende, soviel ich bis jetzt erfahren konnte –, wie ich den Rest meines Lebens in einem amerikanischen Gefängnis zubringen würde. Du bist etwas voreilig, Tom«, fügte er entschuldigend hinzu.

 

»Die ganze Sache war dein Fehler«, unterbrach ihn der Butler heftig. »Hast du nicht diesem verrückten Bankier gesagt, er solle sein Geld verstecken, damit es die Götter nehmen und den Armen geben könnten?«

 

Rosie nickte.

 

»Ich sagte ihm aber nicht, daß er es zwischen die Seiten der Bücher legen sollte, die seine Tochter liest«, widersprach er. »Habe ich wissen können, daß sie die Bücher zu dem Laden zurückschickt? Ihr hättet es dabei lassen sollen – es wäre ja noch viel mehr gekommen.«

 

»Wir haben alle etwas Schuld«, meinte Sam düster. »Nicht Rosie hat vorgeschlagen, daß das Geld mit einem Bogen über die Mauer geschossen wird – sondern du, Tom.«

 

»Ich habe aber auch vorgeschlagen, daß du auf der andern Seite stehen sollst, um es in Empfang zu nehmen«, erwiderte Tom grimmig.

 

»Ich wäre auch dort gewesen, wenn ich gewußt hätte, wo es hinfallen würde«, erklärte Sammy, ohne sich in seiner Beschäftigung stören zu lassen. »Und ich war auch bei dem Mann, sobald ich ihn wegrennen sah.«

 

Der Professor lachte.

 

»Ein ausgezeichneter Witz. Entzückend! Ein Mann, der mit gefälschten Banknoten handelt! Höchst tadelnswert!«

 

Plötzlich legte er den Löffel nieder und sah den Butler an. Dabei drehte er den Kopf wie eine neugierige Henne.

 

»Weißt du, daß ich beinahe in ernstliche Schwierigkeiten gekommen wäre? Ich habe es erst gestern entdeckt.«

 

»Was für Schwierigkeiten waren das denn?« fragte Tom und unterdrückte ein Gähnen.

 

»Miss Bertram bat mich, eine Tausenddollarnote zu wechseln. Das tat ich auch und gab ihr …«

 

»Doch nicht gefälschtes Geld?« sagte der Butler scharf.

 

»Du alter Narr, hast du das getan?«

 

»Es war ein reiner Zufall, mein Junge«, erwiderte der Professor leichthin und putzte wieder an den Löffeln weiter. »Ich habe eine zufriedenstellende Erklärung abgegeben.«

 

Dann erhob er sich.

 

»Ihr müßt jetzt eines begreifen, was noch nicht zu eurem Verstand durchgedrungen zu sein scheint. Es heißt jetzt Schluß machen und verschwinden. Einige der Besten haben daran glauben müssen, weil sie sich etwas zu spät davongemacht haben.«

 

Tom Scatwell sah zu ihm hinüber und kniff die Augen zusammen.

 

»Ich habe noch nicht alles, was ich brauche«, sagte er ruhig. »Und ich gehe nicht eher, als bis ich es habe. Wir haben Geld – schön. Es hat eine Menge gekostet, aber das Geld war gut angewandt. Wir haben Tausende ausgegeben, um Rosie zu finanzieren und ihm die Stellung in der Gesellschaft zu verschaffen, die er jetzt einnimmt. Allein die Limousine kostete fünftausend und seine Wohnungseinrichtung zwölftausend – aber das ist im Augenblick nebensächlich. Wir haben das Geld – aber wir wollen noch mehr. Der Alte wird nervös, was, Rosie?«

 

Der Professor nickte.

 

»Skeptisch ist ein besserer Ausdruck«, erwiderte er traurig. »Er fühlt sich unbehaglich und bedrückt. Gestern abend fragte er mich, ob die Götter an weiter nichts Interesse hätten als daran, Geld zu verteilen. Das war schlimm.«

 

»Eines Tages wird er den Schnabel aufreißen und uns verpfeifen«, sagte Tom Scatwell. »Und dann ist Schluß, mein Lieber, Schluß mit uns allen. Wir müssen ihm den Mund schließen, wenn wir nicht alle zum elektrischen Stuhl marschieren wollen. Ach, du brauchst gar kein Gesicht zu ziehen, wir stecken alle in der Tinte.«

 

»Mein lieber Thomas«, erwiderte der Professor, »ich nicht, wenn du von dem vorsätzlichen Mord sprichst. Anwendung von Gewalt steht im Gegensatz zu all meinen Prinzipien und Methoden. Jeder Polizist wird dir sagen, daß ich mich niemals an einem Vertreter des Gesetzes vergangen habe, daß ich niemals auch nur ein Kind verletzt habe, wenn ich eine Sache verfolgte, die mich interessierte. Ich bin ein Betrüger«, erklärte er mit bescheidenem Stolz, »das gebe ich zu. Ich schlage Geld aus den Geheimlehren, weil ich für die technische Seite des Okkulten ein besonderes Fingerspitzengefühl habe. Als ich vor zwei Jahren mit George Bertram über die Möglichkeit sprach, daß die alten Götter auf die moderne Welt Einfluß ausüben könnten, hatte ich noch nicht die geringste Ahnung, daß noch einmal eine so große Sache daraus entstehen würde.«

 

»Ist er eigentlich verrückt?« fragte Tom.

 

Der Professor strich seinen Bart.

 

»Das glaube ich nicht; er ist nur sehr sensibel und beeinflußbar – außerhalb der Geschäftsstunden.«

 

Tom Scatwell lachte.

 

»Ist ein Mann, der in Monte Carlo nach einem System spielt, vielleicht verrückt?« fragte er. »Oder haltet ihr Leute für wahnsinnig, weil sie abergläubisch sind und zum Beispiel nicht zu dreizehn an einem Tisch sitzen oder nicht unter einer Leiter durchgehen wollen? Oder weil sie sich bekreuzigen, wenn sie ein scheckiges Pferd sehen? Vielleicht ist das tatsächlich eine Art Wahnsinn. Aber Bertram ist nicht geisteskrank, er hat nur eine schwache Seite …«

 

Es klingelte. Tom erhob sich, schlüpfte in seinen Livreerock und ging hinaus. Nach wenigen Minuten kam er zurück.

 

»Der Portier hat den Glaser heraufgebracht«, meldete er.

 

Rosie begann eilig seine Schürze abzunehmen.

 

»Nur keine Hast«, sagte Tom. »Der Mann hat weiter keine Bedeutung.«

 

»Wie sind denn eigentlich die Fensterscheiben zerbrochen, Rosie?« fragte Scatwell, der in Wirklichkeit der Vorstand des Haushalts war.

 

»Es ist nicht zu glauben!« erwiderte Rosie. »Drei an einem Nachmittag – es ist schrecklich. Und doch sagt man, daß New York die beste Polizei der Welt hätte.«

 

»Es gehört schon allerhand dazu, ein Fenster im dritten Stock einzuschlagen«, brummte Scatwell. »Die jungen Kerle müssen Schleudern benützt haben.«

 

»Es war ein außergewöhnlicher Zwischenfall«, erklärte Rosie. »Ich saß an meinem Tisch und las zum drittenmal den entzückenden Band von Gibbon – du müßtest ihn unbedingt auch lesen, Tom, der Stil ist flüssig und klar, der Aufbau tadellos –, da kracht plötzlich die Scheibe. Ich sprang sofort auf die Füße …«

 

»Ach, mach es doch kurz!« fuhr ihn Tom an. »Niemand erwartet, daß du auf den Kopf gesprungen bist. Hast du einen der Jungen gesehen, die es getan haben?«

 

»Nein«, entgegnete Rosie gekränkt.

 

Scatwell glitt vom Tisch herunter und ging in das große Wohnzimmer. Ein schlanker Mann mit dunkler Hautfarbe und dichtem, schwarzem Haar arbeitete an dem zerbrochenen Fenster. Er schien sich mindestens eine Woche lang nicht rasiert zu haben.

 

Scatwell, der nur selten die Fassung verlor, blieb sprachlos und verwirrt stehen, als er ihn sah, denn dieser Handwerker sah dem Mann täuschend ähnlich, den er als seinen größten und gefährlichsten Feind betrachtete.

 

»Hallo, Wopsy!« begann er schließlich. »Wie lang werden Sie zu tun haben?«

 

Der Mann grinste und schüttelte den Kopf. Dann zog er eine befleckte und beschmutzte Karte aus seiner Bluse und reichte sie Scatwell.

 

»Dieser Mann spricht nicht Englisch«, las der Butler.

 

»Kommen Sie aus Italien?« fragte er in der Sprache dieses Landes.

 

Er hatte sich einmal vier Jahre lang in Neapel versteckt gehalten und diese Zeit benützt, um seine Sprachkenntnisse zu erweitern.

 

»Ja«, erwiderte der Mann sofort. »Ich bin erst seit einem Monat in den Vereinigten Staaten. Kam direkt von Strezza zu meinem Bruder, der hier ein gutes Geschäft hat. Es ist herrlich, daß ich einmal wieder meine Muttersprache höre. Mein Bruder spricht nämlich meistens Amerikanisch, ebenso alle seine Freunde.«

 

»Würden Sie gern viel Geld verdienen?« fragte Scatwell, dem plötzlich ein Gedanke gekommen war.

 

»Natürlich würde ich gern viel Geld verdienen und dann in meine Heimat nach Strezza zurückgehen. Meine Frau ist nicht mitgekommen, und ich habe ihr versprochen, daß ich in drei Jahren wieder bei ihr bin. Ja, ich würde alles tun für Geld, wenn es sich um eine anständige, ehrliche Beschäftigung handelt. Ich stamme aus einer sehr achtbaren Familie, müssen Sie wissen.«

 

»Deshalb brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Ich möchte nur einem Freund gern einen kleinen Streich spielen – verstehen Sie. Und dabei könnten Sie mir vielleicht helfen.«

 

Er verließ den Mann und ging schnell zu dem Anrichteraum zurück, wo er seine beiden Gefährten traf.

 

»Habt Ihr den Mann gesehen«, fragte er eifrig. »Habt ihr ihn euch gut angeschaut?«

 

Die zwei anderen wunderten sich über seine Aufregung.

 

»Ja, ich habe ihn gesehen«, sagte Tom.

 

»Hast du nicht etwas Besonderes an ihm bemerkt?«

 

Tom zögerte.

 

»Nein.«

 

»Dann betrachte du ihn dir einmal, Rosie.«

 

Der Professor nahm sich nicht die Mühe, seine Schürze abzustreifen. Er ging aus dem Zimmer und kam sofort wieder zurück.

 

»Nun?« fragte Scatwell eifrig.

 

»Ich sehe auch nichts Besonderes an ihm. Wirklich nicht, mein Junge.«

 

»Dann beobachte ihn noch einmal, wenn du so blind bist. Der Mann könnte doch der Doppelgänger Corellys sein!«

 

»Corelly? Glaubst du, daß es am Ende Corelly selbst ist?« erwiderte Rosie bestürzt. »Vielleicht ist er in Verkleidung hergekommen?«

 

»Sei doch nicht so albern; ich sagte, er könnte der Doppelgänger Corellys sein.«

 

»Aber warum bist du denn so aufgeregt darüber?« meinte Sam.

 

»Er kann sehr nützlich für uns sein, besonders für mich«, entgegnete Scatwell. »Nehmen wir einmal an, wir schneiden ihm das Haar und stutzen ihn auch sonst zurecht … Dann könnte er selbst im Polizeipräsidium als Corelly auftreten!«

 

Mr. Samuel Featherstone legte den Gummistempel nieder und ging in das Arbeitszimmer des Professors, um von dort aus den Glaser zu beobachten. Als er zurückkam, zuckte er die Schultern.

 

»Ich will nicht sagen, daß dieser Junge Corelly gleicht«, meinte er, »weil ich den noch nicht nah genug gesehen habe, um ihn genau zu kennen. Aber was hast du eigentlich vor?« wandte er sich an Scatwell.

 

»Ja, das möchte ich auch wissen«, erkundigte sich der Professor. »Welcher Einfall ist dir gekommen? Ein neues Risiko dürfen wir nicht mehr eingehen – wir stecken schon tief genug in dieser verrückten Geschichte, und ich bin derselben Ansicht wie Sam. Je eher wir verschwinden, desto besser für uns.«

 

»Ihr verschwindet erst, wenn ich es will«, erwiderte Scatwell. »Ich sage euch, ich führe jetzt einen großen Schlag, und ich habe schon halb gewonnen.«

 

»Es wird aber Schwierigkeiten mit dem jungen Mädchen geben«, meinte der Professor. »Sie wird nicht ohne weiteres den Befehl der – der Götter annehmen.«

 

»Aber sie wird dem Befehl ihres Vaters gehorchen. Und wenn ich diesen Burschen da draußen für mich gewinnen kann, ist die Sache so gut wie erledigt. Nehmt doch nur einmal an, sie erfährt, daß ihr Vater an dem Schwindel mit dem goldenen Hades beteiligt ist und daß wir ihn als Mittäter bei einem Mord ins Zuchthaus bringen können. Glaubt ihr nicht, daß sie dann alles tun wird, um uns zum Schweigen zu veranlassen?«

 

»Und welche Rolle soll Corelly dabei spielen?« fragte der ›Diener‹.

 

»Das werdet ihr schon noch rechtzeitig erfahren«, wich Scatwell aus. »Es handelt sich jetzt nur darum, ob der Italiener den Auftrag annimmt und ob ihr mir helft, wenn er das tut!«

 

»Wozu hast du es nötig, eine solche Frage zu stellen? brummte Featherstone. »Wir müssen dir doch wohl helfen, nicht wahr? Geh zu ihm und erkläre ihm die Geschichte.«

 

Der Glaser äußerte Zweifel und sogar Unbehagen.

 

»Es mag ja ein Scherz sein, aber in meiner Heimat kommt man durch so etwas mit der Polizei in Konflikt. Und ich liebe solche Scherze auch nicht. Ich bin fremd in diesem Land, aber ich weiß sehr wohl, daß die Polizei sehr scharf ist.«

 

»Sie sollen doch gar nichts Ungesetzliches tun, sondern sich nur gut anziehen und sich da und dort sehen lassen. Wenn Sie jemand anspricht, geben Sie keine Antwort. Und für diese Kleinigkeit können Sie tausend Dollar verdienen.«

 

Aber der Mann schüttelte den Kopf.

 

»Nein, das gefällt mir nicht. Vielleicht ist es besser, Sie suchen sich jemand, der wenigstens die Sprache beherrscht.«

 

Bei fünfzehnhundert Dollar wurde er jedoch schwankend, und bei zweitausend änderte er seine Meinung. Er besaß eine gute Auffassungsgabe und verstand sofort, als Scatwell ihm die Einzelheiten auseinandersetzte. Er hörte gut zu und stellte verständnisvolle Fragen, aber auf den Vorschlag, unter demselben Dach mit den drei anderen zu wohnen, ging er nicht ein.

 

»Ich sehe natürlich ein, daß ich nicht in das Haus meines Bruders zurückgehen kann. Das würde Aufsehen erregen, und die Leute würden sicher darüber sprechen. Vielleicht können Sie mir eine kleine Schlafstelle verschaffen. Hier möchte ich nicht bleiben, das wäre nicht klug. Ihr Scherz würde kein Scherz mehr sein, wenn man mich aus diesem Haus kommen sähe.«

 

»Er hat recht«, sagte Rosie. »Vollkommen recht. Wir haben doch noch das Zimmer, das wir seinerzeit für Sam gemietet haben, als er den Chauffeur für Wilbur Smith spielte. Dort kann er schlafen.«

 

Giuseppe Gatti – diesen Namen nannte der Mann – wurde dorthin gebracht. Der Professor schnitt aus einer Zeitschrift des vergangenen Jahres ein Photo von Peter aus, nahm eigenhändig die Maße des Mannes und besorgte die Kleider. Giuseppe bestand aber darauf, seinen eigenen Friseur zu nehmen, einen Landsmann, dem er trauen konnte.

 

Als es gegen zehn Uhr abends klopfte, öffnete Featherstone die Tür und prallte entsetzt zurück.

 

»Aber – aber – Mr. Corelly!« stammelte er.

 

Der Besucher antwortete jedoch in Italienisch. Verwirrt und betroffen führte Featherstone ihn zu Scatwells Zimmer.

 

»Schaut ihn an«, sagte er. »Wer ist das?«

 

Scatwell sprang auf.

 

»Ich wußte; daß ich recht hatte. Die Polizei und sogar selbst Smith werden getäuscht werden. Sie müssen nur noch etwas gebückter gehen, Giuseppe – so. Lassen Sie die Schultern ein wenig hängen.« Er machte es ihm vor. »Und wenn Sie gehen, müssen Sie die Füße etwas nachziehen.«

 

Zwei Stunden lang unterrichteten sie ihn über die Gewohnheiten Corellys und am Ende der Unterweisung erklärte Scatwell, daß Giuseppe nicht mehr von Peter zu unterscheiden wäre.

 

»Wenn mich nun aber jemand anspricht?« fragte der Mann. »Was soll ich dann sagen?«

 

»Niemand wird Sie ansprechen«, erwiderte Scatwell. »Und wenn es doch geschehen sollte, antworten Sie eben nicht. Ich werde Sie sehr bald zu einer jungen Dame bringen. Dann müssen Sie auf jede Frage, die ich an Sie stelle, mit ›Ja‹ antworten.«

 

»Gewiß, das werde ich tun.«

 

»Noch ein wenig mehr Übung und Praxis«, sagte Scatwell begeistert, »dann habe ich Bertrams halbes Vermögen in der Tasche.«

 

Kapitel 13

 

13

 

Am nächsten Nachmittag begegnete Peter Corelly Jose Bertram und Professor Cavan. Sie hatte wieder ihr altes Selbstbewußtsein, war strahlend und vergnügt. In ihrem Gesicht zeigte sich nichts mehr von der Depression, die sie am vergangenen Tag gequält hatte. Peter wunderte sich nicht wenig.

 

»Wie geht es Ihnen, Mr. Corelly? Ich sah Sie heute morgen schon einmal am Broadway, aber Sie nahmen keine Notiz von mir.«

 

»Am Broadway?« wiederholte er. »Ich war diesen Morgen aber gar nicht am Broadway. Ich habe mein Büro seit gestern abend kaum verlassen.«

 

Er bemerkte, daß ihn Cavan ungewöhnlich interessiert betrachtete.

 

»Was haben Sie denn, Professor?«

 

Peter lächelte und legte seine Hand ans Kinn, das mit einem schmalen Streifen Heftpflaster beklebt war.

 

»Ich habe mich heute morgen geschnitten – ist daran etwas Besonderes?«

 

»Nein, nein, Mr. … Ich habe Ihren Namen schon wieder vergessen. Nein, nein, Mr. Corelly. Ich habe Sie zwar betrachtet, in Wirklichkeit aber an etwas ganz anderes gedacht.«

 

»Sie sind vermutlich sehr beschäftigt, Mr. Corelly«, meinte Jose. »Hoffentlich nicht zu beschäftigt.« Ihre Worte hatten einen eigenartigen Unterton, sie klangen fast bittend.

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Nicht so beschäftigt, daß ich mich nicht für die Angelegenheiten meiner Freunde interessieren könnte«, erwiderte er. »Sie erinnern sich …«

 

»Ja, ich erinnere mich«, entgegnete sie hastig. Sie glaubte, er wollte seine Telefonnummer nennen.

 

Es gab im Augenblick nichts weiter zu besprechen, und es schien ihm, daß sie diese Unterhaltung möglichst bald beenden wollte. Trotzdem hatte ihr die Begegnung mit ihm Kraft gegeben und sie mit Mut erfüllt.

 

Sie verabschiedeten sich von Peter und kamen zu dem Portal der Inter-State-Bank. Hier hielt sie an.

 

»Ich werde meinen Vater besuchen«, sagte sie zu ihrem Begleiter. »Und ich hoffe, daß Sie mir beistehen, Professor. Sie können doch nicht an solche abscheulichen Dinge glauben – es ist unmöglich, daß ein intelligenter Mann wie Sie das fertigbringt!«

 

Der kleine Herr streckte hilflos die Arme aus.

 

»Ich kann nur glauben, was ich als wahr erkannt habe. Es gibt gewisse Geheimnisse, die dem normalen menschlichen Auge verborgen, den Empfänglichen und Begabten aber sichtbar sind.«

 

»Sind solche Leute von den Göttern begabt?«

 

»Von den Göttern«, wiederholte er feierlich.

 

Sie preßte die Lippen zusammen.

 

»Dann wollen Sie mir also nicht helfen, Vater von diesen Halluzinationen zu befreien?«

 

»Doch, wenn es Halluzinationen sind. Aber, meine Liebe, es sind eben keine. Ihr Vater ist wirklich besonders begabt, das versichere ich Ihnen. Ich selbst« – er sprach mit großer Überzeugung – »hörte Pluto sprechen. In klaren, verständlichen Worten hat er zu Ihren Vater gesprochen.«

 

Sie sah ihn ungläubig an, aber er begegnete ihrem Blick, ohne mit der Wimper zu zucken.

 

»Sie machen doch nur einen Scherz. Sie haben ein Götzenbild – eine Statue – sprechen hören?«

 

Er neigte den Kopf.

 

»Wann hat Pluto denn Englisch gelernt?«

 

»Die Götter sind mit allen Sprachen vertraut«, erwiderte er sachlich.

 

Sie zuckte die Schultern und wandte sich ab.

 

Der Professor ging lächelnd zu seiner Wohnung zurück.

 

Er hatte viel zu berichten, und Scatwell lauschte mit Genugtuung, als Rosie von dem Zusammentreffen mit Corelly erzählte.

 

»Ihr müßt aber trotzdem vorsichtig sein, Jungens«, sagte Cavan, als er seine kurze Pfeife ansteckte. »Wenn ihr Corelly argwöhnisch macht, und wenn sein Doppelgänger zu häufig gesehen wird, gibt es Nachforschungen, und Giuseppe wird eingebuchtet. Wo ist er denn jetzt?«

 

»Er ist in seine Wohnung zurückgegangen«, erwiderte Scatwell. »Ungefähr vor einer Stunde.«

 

»Übrigens muß ich dir noch eins sagen. Corelly hat sich am Kinn geschnitten, am linken Mundwinkel. Er hat einen kleinen Streifen Heftpflaster darübergeklebt. Den mußt du bei Giuseppe auch anbringen, wenn du ihn wiedersiehst. Außerdem ist der Junge viel zu gut gekleidet. Der wirkliche Corelly sieht wie ein Vagabund aus. Du mußt also vorsichtig sein – wenn der Mann zu gut angezogen ist, fällt er auf.«

 

Scatwell nickte.

 

»Sam, geh hin und sage ihm, daß er vor dem Abend nicht ausgehen soll. Das Heftpflaster kannst du ihm auch gleich ankleben. Zeige Sam noch einmal die Stelle, Rosie.«

 

Rosie beschrieb die genaue Stelle, die Größe und Form des Heftpflasters.

 

Sam erledigte seinen Auftrag und traf Signor Giuseppe Gatti dabei an, wie er vor Langerweile mit sich selbst würfelte.

 

Kapitel 14

 

14

 

Den ganzen Tag über hatte Jose Bertram Kraft gesammelt, um sich für den Kampf zu rüsten. Unerträglich langsam war der Nachmittag vergangen, und vergeblich hatte sie versucht, sich die Zeit durch Lesen zu verkürzen. Endlich hörte sie, daß der Wagen ihres Vaters ankam. Gleich darauf vernahm sie seinen leichten Schritt in der Halle. Er ging zu seinem Zimmer hinauf.

 

Wie sollte sie beginnen? Wieviel sollte sie sagen? Und war er wirklich in diese grauenvolle Geschichte verwickelt? George Bertram war ihr immer ein guter Vater gewesen. In seiner freundlichen, liebenswürdigen, wenn auch etwas unbestimmten Art hatte er alles für sie getan, was ein Vater nur tun konnte, und sie liebte ihn aufrichtig. Er war ein reicher Mann und konnte sich manche Torheit gestatten, nur diese eine nicht. Ob er geisteskrank war? Schon der Gedanke daran ließ sie erzittern. Aber es gab andere Leute, die die merkwürdigsten Ideen hatten und doch vollständig vernünftig waren.

 

Sie klingelte, und Jenkins, ein Engländer, der schon zwanzig Jahre in den Diensten der Familie stand, kam herein.

 

»Schließen Sie die Tür, Jenkins«, sagte sie. »Ich möchte Sie etwas über meinen Vater fragen.«

 

»Ja«, erwiderte der Diener.

 

»Sie wissen, daß ich niemals Fragen über das Leben meines Vaters gestellt habe, und es wäre auch nicht recht gewesen, wenn ich es getan hätte. Aber jetzt hat sich etwas sehr Ernstes ereignet, Jenkins, und ich bitte Sie, mir zu helfen, so gut Sie nur können. Was ist in dem abgegrenzten Teil des Parks verborgen?«

 

Der Diener schüttelte den Kopf.

 

»Es tut mir leid, daß ich Ihnen darüber keine Auskunft geben kann, weil ich es selbst nicht weiß. Es ist auch sonst niemand im Haus, der jemals den Fuß in den inneren Park gesetzt hätte. Als Mr. Bertram dieses Anwesen vor neun Jahren kaufte, gehörte der innere Park zu dem Grundstück. Man konnte dort umhergehen – und ich bin auch tatsächlich oft dort spazierengegangen. Aber als wir vor zwei Jahren von Florida zurückkamen, wo wir den Winter verbracht hatten, war eine hohe Mauer darum gebaut worden. Erst dann wurde der innere Park als ein besonderes Stück abgetrennt. Sie waren damals noch auf der Schule.«

 

Sie nickte.

 

»Mr. Bertram ließ das Tor einsetzen, und seit jener Zeit hat meines Wissens niemand den Park betreten. Ich glaube, er hat sich dort ein Sommerhaus oder etwas Ähnliches gebaut. Gesehen habe ich es allerdings nicht, ebensowenig einer der Leute, die ich kenne.«

 

»Hat Vater verboten, in den inneren Park zu gehen?«

 

»Ja. Jedem Diener im Haus wurde bei Übertretung, des Verbots mit Entlassung gedroht. Und dabei ist Mr. Bertram ein so guter Herr. Es hätte genügt, zu sagen, daß er es nicht wünschte, und alle hätten ihm gehorcht.«

 

»Kommt auch kein Gärtner hin?«

 

»Nein. Ungefähr sechzig Hektar liegen dort brach.«

 

Sie stützte das Kinn in die Hand.

 

»Und was sagen denn die Diener dazu?«

 

»Ach, sie sagen allerhand«, entgegnete Jenkins zögernd. »Einige meinen, daß Mr. Bertram noch …« Verwirrt hielt er inne, und Jose lachte leise.

 

»Daß er noch einen anderen Haushalt hat?« fragte sie. »Das wäre nicht ungewöhnlich für einen reichen Mann, aber ich glaube, das ist es nicht …«

 

Sie erfuhr wenig, was sie nicht schon gewußt hatte, und ging schließlich nach oben, um sich zum Abendessen umzukleiden. Nur selten speiste sie allein mit ihrem Vater; meistens waren der Professor oder Geschäftsfreunde eingeladen.

 

Während des Essens war Bertram einsilbig und nervös. Einmal bemerkte er, daß seine Tochter ihn ernst betrachtete, und senkte den Blick, als ob er bei einer Handlung ertappt worden wäre, deren er sich schämen müßte. Es kam kaum ein Gespräch zustande, und nach Beendigung der Mahlzeit erhob er sich, um wie gewöhnlich den Rest des Abends in seinem Arbeitszimmer zu verbringen.

 

Aber Jose hielt ihn zurück.

 

»Vater, ich hätte gern noch ein wenig mit dir gesprochen, bevor du dich zurückziehst.«

 

»Mit mir, Liebling?« fragte er leicht überrascht. »Brauchst du etwas? Ich dachte, dein Bankkonto …«

 

»Es handelt sich nicht um Geld oder Kleider – es handelt sich um dich.«

 

»Um mich?«

 

Er errötete wie ein kleiner Junge. Dieser große, erwachsene Mann hatte überhaupt etwas Kindliches in seinem Wesen. Jose war darüber schon oft verwirrt und erstaunt gewesen.

 

»Ich möchte mit dir über den goldenen Hades sprechen«, erklärte sie ruhig und selbstsicher.

 

»Den – goldenen – Hades?« erwiderte er mit stockender Stimme. »Aber Liebling, das ist eine Sache, die etwas außerhalb deines Bereiches liegt.«

 

»Ich glaube, daß sie ebenso auch etwas außerhalb deines Bereiches liegt«, sagte sie freundlich.

 

Er wurde im allgemeinen niemals wütend oder zornig, wenn er mit ihr sprach, aber jetzt geriet er doch in Aufregung und wandte sich scharf an sie.

 

»Du achtest nicht auf meine Wünsche, Jose«, sagte er und machte einen kühnen, aber eindruckslosen Versuch, bestimmt und energisch aufzutreten. »Wirklich, du nimmst keine Rücksicht darauf. Neulich abends dachte ich noch, die Götter hätten zu dir gesprochen wie zu mir.«

 

Es zeigte sich plötzlich ein Ausdruck in seinem Gesicht, der seine Züge fast verklärte. Jose beobachtete ihn und sah ihn verwirrt an.

 

»Es ist schwer für dich, zu glauben, daß die Götter einen Gatten für dich erwählt haben und daß du in deinem Glück die Belohnung für meine Gaben an die Armen Plutos finden wirst, aber …«

 

»Warte, warte!« unterbrach sie ihn. »Die Götter haben zu dir gesprochen? Vater, weißt du denn, was du sagst? Du hast mich furchtbar erschreckt, als du mir neulich ganz nebenbei erzähltest, daß die Götter einen Gatten für mich erwählt hätten. Als ich dich dann am nächsten Morgen fragte und du so ernst und sachlich über die ungeheuren Summen sprachst, die du verschleudert hast …«

 

»Durch das Walten des gütigen Pluto kommt dieses Geld in die Hände derjenigen, die die Götter bevorzugen und die es am nötigsten brauchen«, erklärte er mit wachsender Begeisterung. »Manchmal wird es den Ärmsten der Armen zugeteilt; manchmal kommt eine Botschaft, daß ich es dem zehnten Mann übergeben muß, den ich treffe, nachdem die Uhr eine gewisse Stunde geschlagen hat; manchmal wird es mit einem Bogen zum Himmel geschossen und fällt dort nieder, wo es niederfallen soll.«

 

Sie stand auf, ging um den Tisch und legte den Arm um seinen Hals.

 

»Ja, ja, Vater, du hast mir etwas Ähnliches erzählt und auch gesagt, daß dir der Gott befohlen hat, eine große Summe am Philadelphia-Bahnhof zu hinterlassen.«

 

»Nein, nein – nicht so. Der Gott sprach von der siebten Straße –«

 

Sie hätte zu gleicher Zeit lachen und weinen mögen.

 

»Es war auf der siebten Straße«, fuhr er feierlich fort, »im Tempel des Merkur, dem Palast des Erfolges, wo die Menschen von feurigen Pferden zum Ende der Erde getragen werden …«

 

»Ja, der Philadelphia-Bahnhof stimmt mehr oder weniger mit dieser Beschreibung überein, und ich weiß, daß dort Geld zurückgelassen werden sollte. Welches Wunder sollte denn dieses Geld vollbringen?«

 

Er sah sie sonderbar an, als ob er sie nicht mehr für ganz normal hielte.

 

»Es sollte in die Hände eines Menschen gelangen, der es sehr notwendig brauchte«, erwiderte er kurz. »Bitte, mische dich nicht in diese Dinge ein, Jose.«

 

»Und doch ist es in meine Hände gekommen«, unterbrach sie ihn gelassen. »Und dabei brauche ich es gar nicht notwendig – wenigstens jetzt nicht.«

 

»In deine Hände?«

 

Bestürzt schaute er sie an.

 

Sie nickte.

 

»Ich beobachtete deinen Boten, und ich nahm das Päckchen von dem Mann, dem es übergeben wurde.«

 

»Aber – aber – ich verstehe nicht…«

 

»Es fiel in meine Hände, und bis jetzt bin ich mit dem Leben davongekommen. Sieh her!«

 

Sie ging zu dem Büfett und öffnete einen kleinen Kasten, den sie mitgebracht hatte, als sie aus ihrem Zimmer herunterkam. Das dicke Bündel Banknoten, das sie daraus hervorzog, legte sie vor ihn auf den Tisch.

 

»Sicherlich machen die Götter doch keine Fehler?« sagte sie. »Ich hätte die Scheine doch nicht erhalten können, wenn sie nicht für mich bestimmt gewesen wären?«

 

Er ärgerte sich über ihren ironischen Ton.

 

»Warum hast du das Geld genommen?« fuhr er sie an.

 

»Um das Leben des Mannes zu retten, für den es bestimmt war.«

 

»Um das Leben –«

 

»Ja, um das Leben des Mannes zu retten, für den es bestimmt war«, wiederholte sie nachdrücklich.

 

George Bertram sah sie verwirrt an. Seine Bestürzung war so groß, daß er sogar seinen Ärger darüber vergaß.

 

»Willst du mir das bitte näher erklären, Jose?«

 

»Vater, ich möchte nicht vorlaut sein, aber man sagt, daß die Menschen, die die Götter lieben, jung sterben. Sicher ist es jedenfalls, daß sie schnell sterben. Hast du einmal von dem Higgins-Mord gehört?«

 

Er runzelte die Stirn.

 

»Ja, ich erinnere mich an den Fall. Aber was hat das mit dieser Sache zu tun?«

 

»Ich will dir den Zusammenhang erklären. Die Frau wurde ermordet, weil sich gewisse Leute das Geld verschaffen wollten, das deiner Meinung nach den Armen zugute kommen sollte.«

 

»Unmöglich!« rief er atemlos. »Ich …«

 

»Ein Detektiv, der ein anderes Bündel deiner Banknoten erhielt, wurde beraubt und halbtot geschlagen. Das Geld, das du unter dem Einfluß Professor Cavans ausgibst, zieht eine Spur gemeiner Verbrechen nach sich. Männer und Frauen sind ermordet, geschlagen, entführt worden – Diebstahle sind begangen worden –, und das alles im Namen der Götter!«

 

Er sprang auf.

 

»Ich glaube kein Wort davon«, sagte er hitzig. »Du kannst meinen Glauben nicht erschüttern, Jose. Diese Dinge gehen über dein Verständnis hinaus.«

 

»Ich …«

 

»Kein Wort mehr! Ich sagte dir doch, du wirst meinen Glauben nicht erschüttern!«

 

Mit diesen Worten verließ er das Zimmer.

 

Kapitel 15

 

15

 

Jose folgte ihrem Vater langsam, aber als sie in die Halle kam, war er bereits verschwunden. Sie ging zu ihrem Zimmer hinauf, verschloß die Tür und zog ein einfaches Kleid an. Nun war sie endgültig entschlossen, das Geheimnis des inneren Parks zu lösen. Aus einer Schublade ihres Frisiertisches nahm sie einen kleinen Revolver und lud ihn.

 

Nachdem sie ihn in die Tasche gesteckt hatte, drehte sie das Licht aus, öffnete die Fenstertür ihres Schlafzimmers und trat auf den Balkon hinaus. Es bestand die Möglichkeit, daß ihr Vater zu Hause blieb; gedämpftes Licht drang aus seinem Arbeitszimmer, als sie ihre Wache begann. Nach einer Stunde wurde es dunkel, und wenige Minuten später sah sie ihn auf dem Pfad, der zu dem inneren Park führte. Rasch ging sie durch ihr Schlafzimmer, eilte die Treppe hinunter und lief aus dem Haus. Sie hielt sich auf dem Rasen, der ihre Schritte fast unhörbar machte. Gleichzeitig fand sie auch Deckung in dem nahen Gebüsch.

 

Sie verlor ihn aus dem Auge, als er in dem Laubwerk untertauchte, das die Mauer verbarg. Aber sie hörte, wie er den Schlüssel in die Tür steckte. Gleich darauf schlug die Tür zu, und nun konnte Jose es wagen, vorzudringen. Sie hatte diese Tür schon oft besichtigt, aber noch nie daran gedacht, die Anordnungen ihres Vaters nicht zu befolgen.

 

Die Mauer war mindestens dreieinhalb Meter hoch. Jose hatte jedoch ihre Vorbereitungen getroffen. Fünfzig Schritte rechts von der Tür befand sich ein dichtes Gebüsch. Aus diesem Gesträuch zog sie eine leichte Leiter heraus, stellte sie gegen die Mauer und erreichte ohne Schwierigkeiten die Krone. Dann zog sie die Leiter nach oben und ließ sie auf die andere Seite hinunter.

 

Als sie unten angelangt war, ging sie zu der inneren Seite der Tür. Von dort führte ein Pfad zu dem unbekannten Tempel. Es war unbedingt notwendig, daß sie wieder den Rückzug zu ihrer Leiter fand, und nachdem sie sich die Umgebung genau eingeprägt hatte, machte sie sich furchtlos an die Durchführung ihrer Expedition.

 

Der Weg war gut zu erkennen, und der Mond schien hell genug, um ihr das Anknipsen der Taschenlampe zu ersparen, die sie mitgenommen hatte.

 

Bald erreichte sie den Tempel und blieb bei dem seltsamen Anblick stehen. Es war ein kleines, schönes Gebäude, das sich im Stil an den Tempel der Athene anlehnte.

 

Armer Pluto! dachte sie und lächelte. Obwohl es sich um eine grauenvolle Geschichte handelte, hatte sie von Anfang an die humorvolle Seite der Sache gesehen. »Ausgerechnet in dem Tempel der Athene mußt du verehrt werden!«

 

Es war niemand zu sehen, und nirgends zeigte sich Licht in dem Gebäude. Offenbar hielt man es nicht für notwendig, eine Wache auszustellen. Geräuschlos ging sie über den Rasen und stieg die Stufen zu der Säulenvorhalle hinauf.

 

Die verhältnismäßig große Holztür stand offen, und Jose schlich auf Zehenspitzen hinein. Gleich darauf stand sie einem schweren Samtvorhang gegenüber. Durch eine Ritze drang Licht nach außen. Sie trat dicht heran und lugte hindurch.

 

Durch eine Reihe von Säulen sah sie einen Altar, auf dem eine goldene Statue leuchtete; aber ihre Aufmerksamkeit richtete sich weniger darauf als auf die beiden Männer, die in ehrfurchtsvoller Haltung davorstanden. Ohne Mühe erkannte sie den kleinen Mann an der Seite ihres Vaters, obwohl die beiden seltsame Gewänder trugen. Seine Stimme hatte einen schönen, vollen Klang.

 

»O Hades, du Spender des Reichtums!« rief er und breitete flehend die Arme aus. »Gib diesem Zauderer ein Zeichen! Sprich, o Pluto, du Herr der Unterwelt, du Gott des Reichtums!«

 

Jose lauschte angestrengt, aber sie hörte keine Antwort. Das Schweigen wurde schon bedrückend, als plötzlich eine Stimme ertönte – eine hohle, laut schallende Stimme, die aus der Statue selbst zu kommen schien.

 

»Fremdling, erinnere dich an dein Versprechen! Du hast mir gelobt, daß du deine Tochter dem von mir erwählten Mann geben würdest. Die Stunde ist nun gekommen. Wohlfahrt und Glück umgeben dich, und es soll ein Platz an der Tafel der Götter für dich bereitet sein, mein Diener.«

 

Joses Herz schlug wild. Sie fühlte, daß sie ersticken mußte, wenn sie nicht ins Freie kam. Ihre Gedanken jagten wild durcheinander; sie taumelte die Stufen hinunter und stürzte zu Boden.

 

Das war also die Lösung des Geheimnisses – auf solche Weise erhielt ihr Vater seine Inspirationen! Jose richtete sich wieder auf, und obwohl ihre Knie zitterten, eilte sie zu dem anderen Ende des Tempels. Sie erwartete, dort den Mann zu sehen, der eben für den goldenen Hades geantwortet hatte, aber sie konnte niemand entdecken. Verwirrt blieb sie stehen und vergaß über diesem Problem sogar den Schrecken, der sie gepackt hatte.

 

Wenn sie gewußt hätte, daß sich in der einen Ecke des Gebäudes hinter den Karyatiden ein Ventilationsschacht befand, durch den Frank Alwin geklettert war, hätte sie vielleicht das Vorhandensein dieses Raums als eine Erklärung aufgefaßt. Aber in Wirklichkeit hatte der Schacht nichts damit zu tun.

 

Sie dachte schnell nach. Die Stimme Plutos war ihr irgendwie bekannt erschienen. Sie hatte geklungen, als ob … als ob … Plötzlich kam ihr die Erkenntnis. Der Betreffende mußte ein Sprachrohr benützt haben! Wenn ein solches Instrument von außerhalb nach innen ins Gebäude führte, mußte man es in gerader Linie zu der Statue führen. Sie maß die ungefähre Entfernung und begann zu suchen, konnte aber nichts entdecken.

 

Schließlich kniete sie nieder, preßte das Ohr auf die Erde und hörte auch gleich darauf ein schwaches Geräusch. Sie sah sich nach einem brauchbaren Werkzeug um, mußte sich aber mit einem Stück abgestorbenen Holzes begnügen. Damit wühlte sie den Boden auf.

 

Ihre Mühe wurde bald belohnt. Ungefähr zwanzig Zentimeter unter der Oberfläche fand sie eine Röhre, die vom Tempel in ein kleines Gebüsch führte. Wie sie bald darauf entdeckte, war es etwa fünfzig Meter entfernt.

 

Vorsichtig ging sie darauf zu und hütete sich, irgendein Geräusch zu machen. Sie kam an dem Saum des Gebüschs an und schlich dann behutsam von Baum zu Baum weiter. Ab und zu hielt sie an und lauschte, konnte jedoch nichts hören. Aber als sie gerade wieder den Fuß hob, um einen Schritt weiter vorzudringen, vernahm sie plötzlich ein kurzes, lautes Summen. Sie erschrak so sehr, daß sie beinahe einen Schrei ausgestoßen hätte.

 

Das Geräusch konnte nur ein Signal gewesen sein. Sie hielt den Atem an, als sie diese einfache Erklärung fand. Natürlich, der Mann im Tempel mußte seinem Komplicen doch ein Signal geben, damit dieser wußte, wann er sprechen sollte. Und als Beweis für ihre Theorie ertönte jetzt auch dicht in ihrer Nähe seine Stimme:

 

»Dieses sagt der Herr der Unterwelt…«

 

Jose hatte ihre kleine Taschenlampe herausgezogen und leuchtete nun in die Richtung, aus der die Stimme kam. Ein Mann lag dort mit dem Gesicht nach unten auf der Erde und hielt einen Metalltrichter an den Mund. Sie konnte die schmale Zementeinfassung sehen, in der wahrscheinlich das Sprachrohr mit der Signalanlage verborgen war. Der Mann ließ das Mundstück fallen und stand fluchend auf.

 

»Habe ich das Vergnügen, Pluto oder einen seiner Anhänger vor mir zu sehen?« fragte Jose ironisch.

 

»Miss Bertram!« rief der Mann.

 

Sie erkannte ihn an der Stimme.

 

»Sie sind doch der Butler des Professors?«

 

Sie richtete den Lichtstrahl immer noch auf ihn, während er den Staub von seinen Knien wischte. Die auffallende Gelassenheit dieses Mannes beunruhigte sie.

 

»Nun ja, es hat keinen Zweck, noch viel zu reden«, sagte er. »Sie haben mich geschnappt. Miss Bertram, ich glaube, Sie wissen jetzt alles, was über den goldenen Hades zu wissen ist.«

 

»Und ich weiß auch alles über Sie. Und morgen, wenn es noch ein Gesetz in diesem Land gibt…«

 

»Ach, wir wollen nicht über das Gesetz sprechen«, entgegnete er kühl. »Das würde keinem von uns helfen, am allerwenigsten Ihrem Vater.«

 

»Wie meinen Sie denn das?«

 

»Also, seien Sie vernünftig und nehmen Sie an, Sie hätten das alles nur geträumt. Tun Sie, als ob Sie niemals hinter die Kulissen gesehen hätten, und führen Sie den Befehl des Gottes aus.«

 

»Ich soll den Erwählten heiraten?« fragte sie und zog die Augenbrauen hoch.

 

»Jawohl, Sie sollen den Erwählten heiraten«, wiederholte er und nickte. »Und der Erwählte bin ich.«

 

Sprachlos sah sie ihn an.

 

»Sie ersparen sich dadurch selbst viel Mühe und bewahren Ihren Vater vor schlimmen Dingen«, fuhr er fort. »Nehmen Sie Vernunft an, Miss Bertram. Sie müssen das unbedingt tun, weil Sie die einzige sind, die Ihren Vater aus der Geschichte heraushalten und uns vor Schwierigkeiten schützen kann.«

 

»Selbst wenn ich könnte, würde ich Ihnen nicht helfen! Keinem von Ihnen. Mein Vater ist unschuldig an den Verbrechen, die Sie begangen haben.«

 

»Das werden Sie beweisen müssen. Und leicht wird Ihnen das sicher nicht fallen!«

 

»Selbst dann könnte ich Sie nicht retten. Es ist ein Mann auf Ihrer Spur, der Sie verfolgen wird, bis er Sie gefaßt und dorthin gebracht hat, wohin Sie gehören.«

 

»Es ist ein Mann auf Ihrer Spur«, erwiderte Tom Scatwell feindselig, »der nicht nachlassen wird, bis er Sie gefaßt hat. Ich denke an den gleichen wie Sie – an Peter Corelly.«

 

Sie versuchte, die Dunkelheit mit ihrem Blick zu durchdringen; schon lange hatte sie ihre Taschenlampe ausgeschaltet.

 

»Ich verstehe Sie nicht.«

 

»Nicht? Ach, Rosie ist nicht so dumm, wie Sie glauben.«

 

»Rosie?« fragte sie verwirrt.

 

»Ich spreche von dem Professor. Er ist klug, und wenn er auch ein Verbrecher ist, versteht er es doch, in den Herzen der Menschen zu lesen. Sie finden kaum einen größeren Psychologen als ihn. Rosie hat gesehen, mit welchen Blicken Corelly Sie betrachtete, und danach hat er den Fall beurteilt.«

 

Sie errötete und war dankbar, daß man in der Dunkelheit ihr Gesicht nicht sehen konnte.

 

»Sie sind wahnsinnig«, sagte sie. »Sie wollen mich nur beleidigen – ich gehe zu meinem Vater zurück.«

 

»Noch einen Augenblick, Miss Bertram.« Er legte die Hand auf ihren Arm. »Ob Peter Corelly in Sie verliebt ist oder nicht, macht gar keinen Unterschied. Das geht nur ihn an, und ich glaube, ich kann schon mit ihm fertig werden – nachdem wir verheiratet sind. Sie werden und Sie müssen mich heiraten, ob Sie wollen oder nicht, wenn Sie nicht Ihren Vater unter Anklage des Mordes vor Gericht sehen wollen. Es wird einen Run auf die Bank geben, wenn herauskommt, daß er nahezu eine Million Dollar auf diese Weise verschleudert hat – verstehen Sie mich?«

 

»Ja, ich verstehe«, erwiderte sie leise und drehte sich um.

 

Scatwell machte keinen Versuch, sie zurückzuhalten.

 

Kapitel 16

 

16

 

Es war ein Uhr morgens, als Peter Corelly vor dem Haus des Bankiers Bertram erschien. Jose hatte ihn angerufen, und sie öffnete ihm auch selbst die Tür. Ein Blick auf ihr bleiches, ernstes Gesicht verriet ihm, daß etwas ungewöhnlich Ernstes vorgefallen sein mußte. Sie führte ihn nicht ins Wohnzimmer, sondern in die Bibliothek. Als er durch die Halle ging, sah er einen Mann die Treppe herunterkommen, in dem er einen der berühmtesten Ärzte der Stadt erkannte.

 

»Mein Vater hat einen Schlaganfall bekommen«, erklärte sie ihm ruhig. »Die Ärzte nehmen an, daß es Monate dauern wird, bevor er wieder auf der Höhe sein kann.«

 

Ihre Augen waren rot, und ihre Lippen zitterten, als sie sprach. Peter hätte kaum mehr tun können, als in konventioneller Weise sein Bedauern äußern, deshalb schwieg er.

 

»Und ich selbst bin in größten Schwierigkeiten, Mr. Corelly«, fuhr sie fort.

 

Sie setzte sich in einen Sessel an den Kamin, in dem ein schwaches Feuer brannte, und vermied seinen Blick.

 

»Sie sagten mir einmal, ich sollte mich an Sie wenden, wenn ich Sorgen hätte, dann würden Sie mir helfen.«

 

»Sie haben ganz recht getan.« Er lehnte am Kamin und sah sie an. »Erzählen Sie mir, soviel Sie können, und lassen Sie mich vermuten, was Sie nicht sagen wollen. Wann ist das Unglück geschehen?«

 

»Vor ungefähr zwei Stunden«, erwiderte sie leise. »Ich glaube, er machte sich große Sorgen – über mich. Sehen Sie, ich mußte ihm heute abend etwas sagen, Mr. Corelly, und es war nicht leicht – weder für ihn noch für mich.«

 

»War er in dem Tempel?«

 

Sie sah schnell auf.

 

»Dann wissen Sie also von dem Tempel?«

 

Er lächelte.

 

»Ich wußte nicht, daß er dort war, aber ich nahm es als sicher an.«

 

Langsam senkte sie den Kopf wieder.

 

»Mein Vater ist seit zwei Jahren in den Händen einer Verbrecherbande. Ich – ich mußte ihm alles sagen, was ich erfahren hatte. Es gab eine fürchterliche Szene.«

 

Sie nannte keinen Namen, aber er wußte, wen sie meinte.

 

»Mein armer Vater! Er hat sich immer so sehr für das Okkulte interessiert und hat auch selbst ein kleines Buch darüber geschrieben. Wußten Sie das?«

 

»Ja«, entgegnete Peter einfach.

 

»Es war betitelt ›Die Unterwelt‹«, fuhr sie fort. »Ich glaube, dieses Buch hat die Aufmerksamkeit der Bande auf ihn gelenkt, und durch den Professor ist mein Vater dann in diese entsetzliche Affäre hineingezogen worden. Ich weiß nicht, wer der Professor ist – für mich war er immer ein amüsanter, etwas eitler Mann. Und wenn er auch in mancher Weise abstoßend auf mich wirkte, hätte ich ihn doch niemals mit solchen Verbrechen in Verbindung gebracht. Ich wußte, daß mein Vater und er gute Freunde waren, da er fast jeden Abend bei uns speiste. Darüber freute ich mich sogar, da Vater nur wenig Freunde und kaum ein Vergnügen hatte. Ich fühlte mich erleichtert« – sie lächelte schwach –, »daß ich nicht allein die Verantwortung für ihn hatte. Sie müssen sich zum erstenmal getroffen haben, als ich noch auf der Schule war, denn als ich zurückkam, waren sie bereits unzertrennlich – und die große Mauer im Park war auch schon gebaut.«

 

»Ich verstehe. Daher wußten Sie auch nichts von dem Tempel, der dahintersteht. Das erschien mir zuerst etwas rätselhaft.«

 

»Ich hatte keine Ahnung von seiner Existenz, ebensowenig wußte die Dienerschaft etwas davon. Der Tempel muß unter Leitung des Professors oder eines seiner Komplicen gebaut worden sein, und es wurden nur ausländische Arbeiter zu diesem Zweck verwendet. Das habe ich erst erfahren, nachdem ich Nachforschungen anstellte.«

 

»Haben Sie eine Ahnung, wie Ihr Vater geschäftlich steht?« fragte Peter freundlich. Es schmerzte ihn, als er sah, daß sie zusammenzuckte.

 

»Ich glaube nicht, daß wir uns darüber Sorgen machen müssen. Vater ist sehr vermögend. Als meine Mutter starb, hinterließ sie mir eine Million Dollar, die von Treuhändern verwaltet wird, so daß ich also wegen der Finanzlage der Bank nicht ängstlich bin.«

 

Diese Mitteilung erleichterte Peter sehr, denn er hatte in dieser Beziehung die schlimmsten Befürchtungen gehabt. Er hatte das Gefühl, daß der Name Bertram, seit drei Generationen geachtet und angesehen, noch eher mit Mord verknüpft sein dürfte als mit einem Bankrott.

 

»Sie müssen mir noch eines zu meiner Beruhigung sagen«, bat er. »Dieser absurde Vorschlag, daß Sie den Erwählten der Götter heiraten sollen, ist doch nach diesen Enthüllungen vollständig für Sie erledigt?«

 

Zu seiner Überraschung antwortete sie nicht sofort und sah ihn auch nicht an.

 

»Sie meinen doch nicht…«, sagte er erstaunt.

 

»Ich meine, daß diese Heirat stattfinden muß«, erklärte sie und unterdrückte ein Schluchzen. »Mr. Corelly, wissen Sie nicht, daß der Gedanke an diese Heirat von der Bande ausgeht und daß sie den Repräsentabelsten aus ihrer Mitte ausgewählt haben?«

 

»Das konnte ich mir denken«, erwiderte er, »aber es gibt zehntausend Gründe dafür, ein Versprechen, das Ihr Vater oder Sie gegeben haben, nicht zu erfüllen. Um Himmels willen, das wäre ja ein entsetzlicher Gedanke!«

 

Sie schaute immer noch nicht auf.

 

»Ich möchte Sie bitten, mir in dieser schwierigen Lage zu helfen. Aber sagen Sie mir erst, ob es einen Weg gibt, den Namen meines Vaters aus dieser fürchterlichen Geschichte herauszuhalten?«

 

Nun mußte er schweigen. Er wußte sehr wohl, daß das unmöglich war. Sie deutete sein Schweigen richtig.

 

»Merken Sie jetzt, daß ich vollkommen in den Händen dieser drei Leute bin, Mr. Corelly? Das Wort meines Vaters steht gegen das ihre, und sie können ihn … Ach, es ist grauenhaft!«

 

Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen.

 

»Sie können ihn in die Mordaffäre hineinziehen, wollen Sie sagen?«

 

Sie nickte zustimmend.

 

»Und Sie glauben, wenn Sie einen von ihnen heiraten, vermutlich den Führer der Bande, werden sie Ihren Vater in Ruhe lassen? Miss Bertram, Sie kennen die Methoden dieser Verbrecher nicht. Die Sache liegt nicht mehr in Ihren Händen, sie liegt in den Händen der Behörden. Es handelt sich auch nicht mehr darum, daß sie jemanden verraten. Wir haben genügend Beweise …«

 

Sie schüttelte den Kopf, und zum erstenmal sah sie ihm offen und gerade in die Augen.

 

»Sie irren sich, Mr. Corelly«, erklärte sie ruhig. »Sie haben gar keine Beweise, Sie haben nur Theorien. Nur mein Vater könnte beweisen, daß sie ihn betrogen und hintergangen haben, und er – er …«

 

Sie hielt inne und preßte das Taschentuch an die Lippen.

 

Peter zog zerstreut eine Zigarre aus der Tasche, schnitt das Ende ab und steckte sie an, bevor er wußte, was er eigentlich tat. Er wollte sie in den Kamin werfen, aber Jose hinderte ihn daran.

 

»Bitte, rauchen Sie doch …«

 

Sie fühlten sich beide äußerst unglücklich. Peter hatte sich Jose gegenüber niedergesetzt und starrte ins Feuer; sie hatte sich vorgelehnt und das Kinn in die Hände gestützt. Ihre Gedanken hatten dieselbe Richtung.

 

»Sie haben nicht unrecht, Miss Bertram«, meinte er schließlich. »Deshalb sind wir ja auch so niedergeschlagen. Es ist eine verblüffende Tatsache, daß wir bis jetzt keine Beweise haben. Niemand sah, daß Mrs. Laste erschossen wurde, niemand sah den Mann, der Wilbur Smith halbtot schlug oder Frank Alwin entführte. Es besteht starker Verdacht, aber dieser Verdacht führt zu keiner Verurteilung.«

 

Schweigend rauchte er einige Minuten. Nur die französische Uhr tickte auf dem Kamin, sonst war alles still.

 

»Ja, Sie haben wirklich nicht unrecht, Jose«, sagte Peter noch einmal.

 

Sie sah ihn etwas verwirrt an, aber offenbar wußte er gar nicht, daß er eben ihren Vornamen genannt hatte.

 

»Wir wußten schon die ganze Zeit um diese Schwierigkeiten«, fuhr er fort, »solange wir die Bande kennen. Wir hofften wider alles Erwarten, die richtigen Beweise zu bekommen, aber bis jetzt steht nur eine Person unter unmittelbarem Verdacht – und zwar Sie.«

 

»Ich?« erwiderte sie bestürzt.

 

»Es gibt genug Beweise, um Sie dreimal verurteilen zu können, aber ich weiß, daß Sie ein vollkommen unschuldiges Werkzeug in den Händen dieser Verbrecher waren. Ich weiß auch, daß die Leute im Ernstfall, wenn sie nicht besondere Ursache haben zu schweigen, Ihren Vater in die Mordaffäre hineinziehen werden, und zwar in einer solchen Weise, daß es praktisch unmöglich sein würde, seine Unschuld zu beweisen.«

 

Wieder trat Schweigen ein, dann erhob sich Jose.

 

»Sie sehen also doch auch«, sagte sie und machte eine verzweifelte Geste, »daß ich um meines Vaters willen auf die Wünsche dieser Leute eingehen muß – selbst wenn es sich um eine Heirat handelt.«

 

Sie brachte das Wort nur mühsam hervor. Peter stand langsam auf. Er lächelte ein wenig, und das seltsame Leuchten seiner Augen faszinierte sie.

 

»Miss Bertram, vermutlich werden sich dann eben wegen des goldenen Hades noch ein paar Tragödien mehr abspielen.«

 

»Wie meinen Sie das?«

 

»Diese Bande besteht aus drei Mitgliedern«, sagte Peter bedächtig. »Rosie Cavan – das ist der Professor; Tom Scatwell ist ein anderer englischer Verbrecher. Außerdem haben wir noch Sam Featherstone. Vielleicht hatten sie noch einen Helfer, als sie Wilbur Smith überfielen, denn Wilbur ist nicht gerade beliebt in diesen Kreisen. Drei Leute«, fügte er nachdenklich hinzu. »Und wenn die Geschichte nicht anders verläuft, als sie bis jetzt aussieht, dann werden sich wegen des goldenen Hades drei weitere Tragödien ereignen, drei nicht wiedergutzumachende Unglücksfälle.«

 

Im ersten Augenblick verstand sie nicht, aber dann trat sie schnell einen Schritt vorwärts, legte beide Hände auf seinen Arm und schaute ihm in die Augen.

 

»Das werden Sie nicht tun!« rief sie erregt. »Hören Sie? Das dulde ich auf keinen Fall! Lieber will ich alles auf mich nehmen, lieber soll mein Vater die volle Verantwortung tragen, als daß Sie so etwas Entsetzliches tun.«

 

Es wurde ihr klar, welchen Vorsatz er gefaßt hatte.

 

»Sie dürfen es nicht tun. Versprechen Sie mir, daß Sie es nicht tun – bitte, bitte!«

 

Er sah ihr lächelnd ins Gesicht.

 

»Es ist viel besser –«

 

Ihre Hand legte sich auf seinen Mund und brachte ihn zum Schweigen.

 

»Peter!«

 

Dieses eine Wort verwirrte ihn.

 

»Wenn Sie mich nicht ganz unglücklich machen wollen, dann schlagen Sie sich diesen Gedanken aus dem Kopf. Sollen die Gauner die Sache ruhig vor Gericht bringen!«

 

Er konnte nicht sprechen. Sie verstand sein Schweigen falsch und schüttelte ihn mit aller Kraft.

 

»Es muß sich ein anderer Ausweg finden!« drängte sie. »Bitte, bitte, tun Sie es nicht – um meinetwillen! Sie haben mich vorhin Jose genannt, und ich weiß, daß Sie mich gern haben.«

 

Plötzlich zog er sie in die Arme.

 

»Gern haben!« flüsterte er heiser. »Liebe, kleine Jose, vielleicht erschieße ich die Verbrecher nicht, vielleicht vergifte ich sie nur.«

 

Sie lachte wieder, denn sie wußte jetzt, daß sie gewonnen hatte.

 

Kapitel 1

 

1

 

Frank Alwin hob mühsam die Hände, die mit Handschellen aneinandergefesselt waren, und riß sich den angeklebten Schnurrbart ab. Durch den schweren Vorhang drangen schwach die Klänge des letzten Orchesterstückes, während das Publikum das Theater verließ. Der Requisitenverwalter erschien auf der Bühne.

 

»Tut mir leid«, entschuldigte er sich, »ich habe nicht gewußt, daß der Vorhang schon heruntergegangen ist. Heute abend ist die Vorstellung eher zu Ende als sonst.«

 

Frank nickte und sah zu, wie der Mann mit einem besonderen Schlüssel die Handschellen aufschloß und in Verwahrung nahm. Noch vor fünf Minuten hatte Frank Alwin die Rolle des verruchten und bösen Grafen Larska gespielt, der bei einem Einbruch in die Bank von Brasilien ertappt und dann von dem tapferen, unbesiegbaren Detektiv verhaftet wird.

 

In Gedanken versunken blieb er stehen, während die Lampen im Bühnenhaus nach und nach ausgedreht wurden und die Arbeiter die Versatzstücke forträumten. Dann ging er zu dem weißgetünchten Vorraum, der zu den einzelnen Garderoberäumen der Schauspieler führte.

 

Ein junges Mädchen im Straßenkleid wartete dort auf ihn. Sie hatte ihre kleine Nebenrolle schon vor einer Stunde beendet. Frank dachte im Augenblick an ganz andere Dinge; immerhin fiel ihm ein, daß er eine gewisse Verpflichtung ihr gegenüber hatte. Im Unterbewußtsein erinnerte er sich daran, daß er den großen Stoß Papiergeld, den er sich im letzten Akt aus dem Geldschrank der Bank angeeignet hatte, dem Requisitenverwalter noch nicht zurückgegeben hatte. Im Gegenteil, er hatte die Scheine in die Tasche gesteckt und mitgenommen. Er lächelte das ängstliche junge Mädchen an, als er auf sie zuging, und drückte ihr etwa sechs Banknoten in die Hand, die er aus der Tasche zog. Er faltete sie noch besonders sorgfältig, bevor er sie ihr übergab.

 

»Das ist für Sie, Marguerite«, sagte er mit einem gewissen Pathos.

 

Er bemerkte, daß sie ihn erstaunt, fast bestürzt ansah, lachte aber nur still vor sich hin und stieg die Treppe zu seinem Ankleideraum hinauf, immer zwei Stufen mit einem Schritt.

 

Als er fast oben angelangt war, fiel ihm etwas ein. Er hatte sich geirrt, fluchte und eilte wieder nach unten, aber die junge Dame war inzwischen fortgegangen.

 

Wilbur Smith, der früher als Offizier beim Militär gedient hatte und jetzt als Detektiv beim Polizeipräsidium in New York tätig war, machte es sich in einem der großen Armsessel bequem. Er saß in der Garderobe des Schauspielers Frank Alwin, und während er auf seinen Freund wartete, rauchte er dauernd und füllte die Luft mit Tabaksqualm. Als Frank Alwin hereinkam, schaute Smith auf.

 

»Hallo, Frank!« rief er. »Was ist denn los? Hat die Vorstellung heute nicht geklappt?«

 

»Ich bin ein dummer Kerl«, erwiderte Alwin und sank in den bequemen Stuhl vor seinem Ankleidetisch.

 

»In mancher Beziehung gebe ich dir vollkommen recht, aber andererseits bist du auch ein sehr tüchtiger Schauspieler. Welche besondere Dummheit hast du denn begangen?«

 

»Es handelt sich um ein Mädchen«, begann Frank.

 

Smith nickte mitleidig.

 

»Verzeihung, ich wollte mich nicht in deine persönlichen Verhältnisse einmischen. Wenn du in der Beziehung Dummheiten gemacht hast, dann spricht das noch nicht besonders gegen dich.«

 

»Ach, rede doch keinen Unsinn«, entgegnete Alwin gereizt. »Um dergleichen handelt es sich doch überhaupt nicht. Es ist ein nettes kleines Mädchen, das zu unserem Ensemble gehört …«

 

Er zögerte einen Augenblick.

 

»Nun gut, ich kann es dir ja auch sagen. Sie heißt Maisie Bishop und hat eine kleine Rolle in dem Stück, das wir jetzt spielen.«

 

Wilbur nickte.

 

»Ich habe sie schon auf der Bühne gesehen. Sie ist wirklich sehr hübsch. Aber was hast du mit ihr?«

 

Frank antwortete nicht gleich und sah den anderen nachdenklich an.

 

»Als ich heute abend auf die Bühne gehen wollte, kam sie zu mir«, erklärte er etwas betreten. »Sie schien sehr besorgt zu sein und sagte mir, daß sie große Schwierigkeiten hätte. Ihre Familie leide bittere Not, und sie bat mich, ihr etwas Geld zu leihen. Ich hatte im Augenblick natürlich keine Zeit, mich mit ihr zu beschäftigen, da jeden Augenblick mein Stichwort fallen mußte. Ich versprach ihr aber, daß ich ihr helfen wollte, und dann habe ich es ganz vergessen.«

 

»Nun, du kannst sie ja noch aufsuchen, sie ist doch sicherlich nicht schwer zu finden.«

 

»Darüber zerbreche ich mir nicht den Kopf. Aber sieh einmal her!« Er steckte die Hand in die Tasche, holte einen Stoß Banknoten heraus und legte sie auf den Tisch. »Das ist natürlich falsches Geld, wie wir es auf der Bühne brauchen. Ich sah, daß sie wieder unten im Vorraum auf mich wartete, aber durch das Theaterspiel hatte ich tatsächlich vergessen, was wir vorher miteinander besprochen hatten. Ich wollte einen Scherz machen und gab ihr ein halbes Dutzend dieser Scheine. Es sollte wirklich nur ein Scherz sein.«

 

Wilbur lachte.

 

»Aber darüber brauchst du dir keine grauen Haare wachsen zu lassen. Wenn sie verhaftet werden sollte, weil sie Falschgeld unter die Leute bringt, werde ich sie und auch dich schon durchbringen. Das verspreche ich dir. Der Schaden ist also nicht so groß.«

 

Er erhob sich, ging zu dem Ankleidetisch hinüber und nahm den Stoß Banknoten in die Hand. Es war ein dickes Bündel und der aufgedruckte Wert der Scheine ziemlich hoch.

 

»Ich wundere mich, daß ihr auf der Bühne derartig gut gedrucktes Geld benützt.«

 

Alwin war gerade dabei, sein Gesicht mit Creme einzureiben und sich abzuschminken. Plötzlich hielt er jetzt mitten in der Bewegung inne.

 

»Das ist mir auch schon aufgefallen. Es ist jedenfalls nicht das übliche Geld, das wir sonst immer auf der Bühne benützen. Man könnte fast annehmen, daß es sich um echte Scheine handelte.« Er wischte seine Hand an dem Tuch ab, nahm eine der Banknoten und betrachtete sie genau. »Das Wasserzeichen sieht genauso aus, als ob es echt wäre. Ich möchte bloß wissen, wo diese Banknoten herkommen. Noch nie habe ich derartig fabelhaft imitierte Scheine gesehen. Ich fürchte nur, daß die Leute Maisie das Geld als echt abnehmen und daß der Irrtum erst später herauskommt. Wilbur, willst du mir nicht den Gefallen tun, zu ihrer Wohnung zu gehen und mit ihr zu sprechen? Sie wohnt irgendwo im Osten, der Portier am Bühnenausgang wird dir sofort ihre Adresse geben.«

 

»Wirklich merkwürdig«, erwiderte Smith nachdenklich, während er einen der Scheine zwischen den Fingern rieb. »Ich habe auch noch nie so gut gedrucktes Falschgeld gesehen. Aber – um Himmels willen, was ist denn das?«

 

Er hatte die Banknote umgedreht und starrte entsetzt auf die Rückseite.

 

»Was hast du denn?« fragte Alwin erstaunt.

 

Der Detektiv deutete auf ein gelbes Zeichen, das auf die Rückseite des Scheines aufgedruckt war.

 

»Was ist denn das?«

 

»Was glaubst du wohl, daß es sein könnte?« fragte Wilbur. Seine Stimme klang seltsam.

 

»Es sieht fast aus, als ob es die Darstellung eines Götzenbildes wäre.«

 

»Da hast du tatsächlich recht. Es ist das Bild des goldenen Hades.«

 

»Ich habe nicht verstanden. Was soll das sein?«

 

»Der goldene Hades. Hast du niemals von ihm gehört?«

 

»Doch«, erwiderte Frank lächelnd. »Das ist ein Platz, zu dem man die Leute hinbefördert, die einem im Weg stehen!«

 

»Ja, mit anderen Worten – die Unterwelt. Hades kann aber auch der Gott der Unterwelt sein«, erklärte Wilbur Smith grimmig. »Die Römer nannten den alten Herrn Pluto.«

 

»Aber warum nennst du ihn golden? Hat er etwa eine derartige Farbe gehabt?«

 

Sein Freund schüttelte den Kopf.

 

»Das ist das dritte Mal, daß ich Gelegenheit habe, einen derartigen Aufdruck zu sehen. Die anderen Stempel, die ich bisher kennengelernt habe, waren allerdings mehr goldfarben.«

 

Wilbur Smith nahm den Stoß Banknoten vom Tisch auf und zählte ihn sorgfältig durch.

 

»Das sind zusammen sechsundneunzigtausend Dollar!«

 

»Glaubst du tatsächlich, daß es echtes Geld ist?« fragte Frank erstaunt und atemlos.

 

»Daran ist nicht zu zweifeln, es sind echte Scheine«, entgegnete der Detektiv und nickte. »Wo hast du die denn herbekommen?«

 

»Auf die gewöhnliche Weise – vom Requisitenverwalter.«

 

»Den Knaben muß ich sprechen. Kannst du ihn nicht rufen lassen?«

 

»Wenn er noch nicht nach Hause gegangen ist«, erwiderte Frank, ging zur Tür, öffnete sie einen Spalt und rief nach seinem Diener.

 

»Schicken Sie doch bitte Hainz zu mir.«

 

Glücklicherweise konnte der Requisitenverwalter noch angehalten werden, als er gerade das Theater verlassen wollte. Er kam in den Ankleideraum, und zufällig fiel sein Blick sofort auf das Geld, das auf dem Tisch lag. Ungeduldig trat er zu Alwin.

 

»Ich wußte doch, daß ich etwas vergessen hatte, als ich Ihnen die Handschellen abnahm, Mr. Alwin. Ich werde das Geld noch verwahren …«

 

»Warten Sie einen Augenblick«, entgegnete Wilbur Smith. »Sie kennen mich doch, Mr. Hainz?«

 

»Jawohl«, sagte der Mann und grinste über das ganze Gesicht. »Ich habe Sie zwar noch nicht in Ihrer amtlichen Eigenschaft kennengelernt, aber trotzdem weiß ich sehr gut, wer Sie sind.«

 

»Woher haben Sie das Geld?«

 

»Das Geld? Meinen Sie etwa diese Papiere hier?« Er zeigte auf die Scheine, die auf dem Tisch lagen.

 

»Ja.«

 

»Woher ich die habe?« wiederholte Hainz. »Nun, die habe ich in dem Requisitengeschäft gekauft, von dem wir alle Utensilien beziehen. Ich hatte nicht mehr genügend Papiergeld für die Bühne, und so besorgte ich mir wieder einen Stoß. Gleichzeitig wurde bei der Firma übrigens ein Plakat für den Film ›Der verführerische Reichtum‹ zusammengestellt, und ich sah, wie man es mit solchen Scheinen einrahmte. Sie wurden auf den Rand eines großen Bogens geklebt.«

 

»Woher hat sie denn der Händler, von dem Sie sie gekauft haben?«

 

»Ich weiß es nicht – sicher von einer anderen Firma.«

 

»Wissen Sie, wo ich ihn finden kann?«

 

Hainz nahm ein großes Notizbuch aus der Tasche und schlug die Adresse auf.

 

»Ein glücklicher Zufall, daß ich seine Adresse habe. Ich beschäftige ihn nämlich auch hier auf der Bühne.«

 

Als der Mann gegangen war, sah Wilbur Smith seinen Freund nachdenklich an.

 

»Schminke dich endlich ab, Frank, damit man sich mit dir auf der Straße zeigen kann«, sagte er dann gutmütig. »Wenn du nichts dagegen hast, werde ich das Geld an mich nehmen. Dann gehen wir in die Stadt und essen zu Abend.«

 

»Zum Teufel, was hat das nur alles zu bedeuten?« »Das erzähle ich dir während des Essens«, entgegnete Wilbur Smith ausweichend.