Kapitel 8

 

8

 

Frank beobachtete die beiden Männer, die vor dem Altar demütig ihre Verehrung darbrachten, und er strengte seine Ohren an, um die merkwürdigen Worte zu verstehen, die gesprochen wurden. Er erkannte die Stimme des Betreffenden nicht, jedenfalls war es keiner der beiden Männer, die ihn in den Keller gesperrt hatten. Die Stimme klang wohllautend und voll, und doch zitterte sie vor Erregung. Ja, der Mann schien in ekstatischer Begeisterung zu sein.

 

»Hades, du großer Gott der Unterwelt, du Spender des Reichtums, höre deine Diener! Du mächtiger Gott, durch dessen Einfluß und Segen dieser Mann, der sich hier vor dir erniedrigt und vor deinem Altar kniet, zu großem Reichtum gelangt ist, höre seine Bitte und sei ihn gnädig, denn er will seinen Reichtum mit den Armen teilen, so daß dein Name groß werde. O Pluto, gefürchteter Herr der Unterwelt, gib deinem Knecht ein Zeichen, daß du ihn erwählt hast!«

 

Der größere der beiden hob den Kopf und blickte auf das goldene Bild. Frank konnte von seinem Standpunkt aus nur den Rücken des Mannes sehen. Das einzige Licht in diesem merkwürdigen Tempel kam von zwei elektrischen Leuchtern, die zu beiden Seiten des Altars standen. Außerdem mußten am Altar selbst für den Beschauer unsichtbare Lichter angebracht sein, die das Bild des goldenen Hades erhellten, so daß es zu strahlen schien.

 

Einige Augenblicke herrschte tiefe Stille, dann hörte man eine Stimme, die aus weiter Ferne zu kommen schien und hohl und unnatürlich klang. Allem Anschein nach ertönte sie aus der Richtung der goldenen Figur.

 

»Deine Opfer sind angenehm vor mir, und ich weiß, daß du mir treu dienst. Du sollst den Leuten, die meine Priester sind, das geben, was du am meisten schätzest, dann wird es dir wohlergehen, und dein Name soll in meinem Buch mit goldenen Lettern geschrieben sein.«

 

Der große Mann warf sich auf den Boden und blieb lange Zeit in dieser Haltung, dann erhob er sich, und die beiden gingen langsam zwischen den Säulen entlang, bis sie an das hintere Ende des Saales kamen und durch den blauen Samtvorhang verschwanden.

 

Frank atmete erregt. Schweiß stand auf seiner Stirn. Geräuschlos kroch er in den Lichtschacht zurück und schlich die Leiter hinunter. Er hatte noch viel Zeit, und als sich die Tür wieder öffnete, war er vollkommen ruhig geworden und schlief allem Anschein nach. Die Stimme kannte er, die gleich darauf sprach.

 

Es war keiner der Männer, die an der sonderbaren Zeremonie teilgenommen hatten, darauf hätte er einen Eid leisten können. Er lag vollkommen ruhig unter seiner Decke. Einer der beiden schlich sich auf Zehenspitzen zu seinem Lager, und Frank mußte seine ganze Kraft zusammennehmen, um reglos zu bleiben. Er zweifelte nicht daran, daß diese Verbrecher ihn einfach ermorden würden, wenn es ihren Plänen entsprach. Er packte die Eisenstange fester, die er mitgenommen hatte, und war entschlossen, sein Leben so teuer wie möglich zu verkaufen, wenn es darauf ankommen sollte. Aber sie schienen mit allem zufrieden zu sein.

 

»Es hat aber ziemlich lange gedauert, bis du gesprochen hast, Tom«, sagte der eine.

 

Der andere antwortete leise. Frank konnte etwas von einem Rohr verstehen.

 

Dann krachte es, und er vermutete, daß sie einen der beiden Kästen hinaustrugen. Die Tür schloß sich hinter den beiden, und der Schlüssel drehte sich im Schloß. Sie trugen den Kasten durch die zweite Tür nach draußen und stellten ihn in der Säulenhalle eines kleinen griechischen Tempels nieder.

 

Das Gebäude war von einer weiten Parkanlage umgeben, die aber nur wenig offene Rasenstellen zeigte. Meistens bildeten große Bäume und dichte Sträucher den Hintergrund. Weit und breit konnte man nichts von einer menschlichen Wohnung entdecken.

 

Tom zog sein Taschentuch heraus und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

 

»Was soll nun mit dem Kerl da unten im Keller werden?« fragte er und zeigte mit dem Daumen nach der Tür, die zur Krypta führte.

 

»Für uns hat er keinen Zweck, selbst Rosie gibt das zu. Außerdem ist er für uns sehr gefährlich.«

 

Die beiden sahen sich einige Zeit schweigend an.

 

»Ich bringe es nicht fertig, einen Mann kaltblütig zu morden«, sagte Tom. »Aber wenn ich ihm erst ein paar Schläge versetze, beginnt er vielleicht einen Kampf mit mir – und dann ist die Sache ja leicht.«

 

Sammy nickte.

 

»Wir wollen jetzt den zweiten Kasten auch noch heraufbringen und nachher den Mann erledigen.«

 

Es machte ziemlich Mühe, auch den zweiten Kasten nach oben zu bringen. Sie stellten ihn in dem Säulengang dicht neben dem ersten auf. Zehn Minuten lang saßen sie dann auf den marmornen Stufen vor der Fassade, bis sie wieder zu Atem gekommen waren. Die Nacht war ruhig, der Himmel war klar und sternenübersät. Die dunklen Schatten zweier Bäume und die Silhouette des Tempels gaben eine gespenstische Kulisse ab. Sie wirkte um so unheimlicher, als die beiden daran dachten, welch grausame Aufgabe vor ihnen lag. Je länger sie warteten, desto unwilliger wurden sie, ihr Vorhaben auszuführen.

 

»Rosie hat die nächste Geldzahlung für das Depot in Philadelphia bestimmt«, sagte Tom, als ob er nur etwas reden wollte.

 

Sammy brummte etwas Unverständliches.

 

Schließlich erhob sich Tom und zog einen Revolver aus der Tasche, dessen Lauf drohend glänzte.

 

»Komm mit«, sagte er kurz entschlossen.

 

Sie gingen die Treppe hinunter, schlossen die Tür des Kellerraums auf und traten zusammen ein. Tom ging direkt auf das Bett zu, und seine Hand tastete nach der Decke.

 

»Heraus jetzt –«

 

Er zog die Decke zurück, fand aber niemand darunter. Papier und Bücher waren in die Mitte gelegt. Sam fluchte.

 

»Er ist fort«, rief er und eilte die Treppe hinauf. Die eine Kiste in dem Säulengang war leer.

 

Kapitel 9

 

9

 

Am nächsten Tag hatte Peter Corelly sehr viel zu tun, viel mehr, als er erwartet hatte.

 

Wenn er behauptete, Professor Cavan erst seit einem Tag zu kennen, dann übertrieb er natürlich. Er wollte damit nur ausdrücken, daß ihn Professor Cavan erst seit gestern interessierte. In New York war der kleine Mann mit dem etwas struppigen grauen Bart, dem kahlen Kopf und den langen grauen Locken wohlbekannt. Er trug stets eine goldene Brille. Es war sonderbar, daß er ein großes Vermögen besaß, denn im allgemeinen haben Gelehrte nicht das Glück, durch ihre Wissenschaft viel Geld zu verdienen.

 

Wilbur Smith lehnte sich in die Kissen zurück, nachdem Peter Corelly fortgegangen war, und es gelang ihm bald, herauszufinden, wer dieser Professor Cavan war. Wenn er es vorher vergessen hatte, dann war das ja entschuldbar; seine Gedanken beschäftigten sich eben nur mit Verbrechen und Verbrechern.

 

Cavan? dachte Wilbur Smith, während er auf die weißgetünchte Decke sah, als ob er dort in einem großen Nachschlagewerk läse. Das ist doch der Spezialist für klassische Mythologie. Peter wird sicher alles von ihm erfahren können, was sich auf den alten griechischen Gott Hades bezieht.

 

Und wenn es jemand auf der Welt gab, der über Hades Bescheid wußte und zur Aufklärung eines Geheimnisses beitragen konnte, mit dem sich die beiden besten Detektive der Geheimpolizei beschäftigten, dann war es Professor Cavan.

 

Als dieser große Gelehrte seinerzeit nach den Vereinigten Staaten kam, nahm ihn die wissenschaftliche Welt gerne in ihre Reihen auf, und auch die Gesellschaft von New York feierte ihn. Dieser Zeitpunkt lag drei Jahre zurück. Cavans gründliches Wissen, seine faszinierende Rednergabe und nicht zuletzt sein Vermögen hatten ihm alle Türen geöffnet. Gleich im ersten Jahr bot man ihm an drei verschiedenen Universitäten einen Lehrstuhl an, aber er lehnte höflich und bestimmt ab.

 

Er lebte in einer luxuriösen Wohnung am Riverside Drive und hatte eine zahlreiche Dienerschaft. Seine glänzenden Vermögensverhältnisse straften die gewöhnliche Ansicht Lügen, daß ein Professor mit seiner Wissenschaft kein Geld erwerben könnte. Selbst Peter Corelly, der sich durch äußeren Reichtum im allgemeinen wenig imponieren ließ, war erstaunt, als er in der Wohnung des Gelehrten vorsprach. Ein stattlicher Butler empfing ihn, der seiner Erscheinung nach Engländer war. Er hatte ein repräsentatives Aussehen und sehr höfliche Manieren.

 

Peter wurde in das Arbeitszimmer des Professors geführt und fand den kleinen Herrn an einem großen, höchst imposanten Schreibtisch, der mit offenen Büchern, Dokumenten, Papieren und Manuskripten bedeckt war; Cavan schrieb gerade eifrig an einer Abhandlung. Als der Butler Peter hereinführte, blickte der Gelehrte auf, griff nach Peters Visitenkarte und las sie, indem er sie nahe an die Augen hielt. Dann nahm er die Brille ab und lehnte sich mit einem verbindlichen Lächeln in seinem Sessel zurück.

 

»Bitte, nehmen Sie Platz, Mr. Corelly. James«, wandte er sich an den Butler, »schieben Sie doch einen Stuhl zurecht. Darf ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten?«

 

»Danke, nein«, entgegnete Peter. »Das ist ein Getränk, an dessen Genuß ich mich noch nicht gewöhnt habe.«

 

»Außerordentlich schade«, meinte Cavan und schüttelte den Kopf. »Es ist ein herrliches Getränk, erhält einen frisch und munter, so daß man angestrengt arbeiten kann, ohne irgendwelche Ermüdung zu spüren. James, Sie können gehen.«

 

Als sich die Tür schloß, sah er wieder auf die Visitenkarte.

 

»Mr. Corelly, soviel ich verstehe, haben Sie mich aufgesucht, um mit mir über eine Spezialfrage der griechischen Mythologie zu sprechen. Ich glaube auch zu wissen, worum es sich handelt.« Er sah Peter mit einem sonderbaren Lächeln an. »Sie wollen genauere Angaben über den goldenen Hades von mir haben.«

 

Peter konnte sich sehr gut beherrschen, aber trotzdem war es ihm in diesem Augenblick kaum möglich, seine Überraschung zu verbergen. Er hatte geglaubt, die Einzelheiten dieses geheimnisvollen Kriminalfalls wären nur den obersten Beamten der Geheimpolizei bekannt.

 

Der Professor war befriedigt von dem Eindruck, den seine Worte hervorriefen.

 

»Mr. Corelly, ich bin kein Hellseher, ich lese nur die Zeitungen sehr genau. Gestern abend fand ich eine Bemerkung im ›Evening Herald‹, die von der Sache handelte. Allem Anschein nach hatte ein Redakteur dieser Zeitung einen Brief erhalten …«

 

»Ach ja, ich entsinne mich«, entgegnete Peter schnell. »Natürlich. Mr. Wilbur Smith hat ihn jetzt.«

 

»Gewiß, das stimmt mit den Zeitungsnachrichten überein. Also, Mr. Corelly, was kann ich für Sie tun?«

 

»Ich möchte Sie bitten, mir möglichst genau zu erklären, welche Funktionen der griechische Gott Hades oder Pluto bei den Römern hatte. Ich habe selbst studiert, aber natürlich besitze ich keine Spezialkenntnisse in griechischer Mythologie. Deshalb wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir über diese Frage genauere Auskunft geben könnten.«

 

Cavan nickte bedächtig.

 

»Ich dachte mir schon, daß Sie sich danach erkundigen würden.«

 

»Ich weiß, daß Sie der beste Kenner der alten Götterkulte sind, die sich bis auf diesen Tag erhalten haben. Vielleicht müßte ich besser sagen, die in neuerer Zeit wieder aufgelebt sind.«

 

Der Professor nickte wieder.

 

»Ich habe allerdings eine sehr eingehende Kenntnis gerade dieser Materie. Es ist erstaunlich, wieviel von den alten Kulten sich bis in unsere Tage herübergerettet hat. Es gibt einige darunter, die eine große Anzahl von Anhängern, ich möchte sogar sagen, von Priestern haben, und es existieren noch ganz bestimmte Rituale. Zum Beispiel gibt es in Norwegen noch Verehrer der altheidnischen Gottheit Troll. Das ist eine Art Teufel aus der skandinavischen Göttersage. In Rußland waren sehr viele Anhänger des Geheimkults von Baba Yaga, auch einer mythologischen Gestalt. Es ist mir gelungen, sie mit der altgriechischen Gottheit Chronos zu identifizieren. In England und Amerika leben eine ganze Anzahl recht unangenehmer Leute, die meistens ein bewegtes und böses Vorleben haben und noch einen anderen Gott der griechischen Mythologie zu ihrem Schutzpatron erklären.«

 

»Bedeutet das auch, daß sie einen gewissen Kult mit ihm treiben?«

 

»Ja, sie verehren diese Gottheiten etwa so, wie die Parsen die Sonne verehren.«

 

»Legen Sie ihnen auch übernatürliche Kräfte bei?«

 

»Ganz gewiß. Nehmen wir einmal den Fall des Gottes Hades, für den Sie sich ja ganz besonders interessieren. Es gibt drei Gruppen von Hadesverehrern. Aus verschiedenen Gründen übt dieser Gott eine größere Anziehungskraft auf die Menschen aus als irgendeine andere Gestalt der alten Mythologie.«

 

»Gibt es denn tatsächlich solche Hadesverehrer hier in Amerika – speziell im Staat New York?«

 

»Ja, die gibt es«, entgegnete der Professor und sah Peter wieder sonderbar an. »Einige von ihnen sind begeisterte Anhänger, und zwar mit vollem Bewußtsein, andere sind in der Beziehung weniger fanatisch. Sie dürfen nicht vergessen, daß Hades oder Pluto unter anderem auch der Gott des Reichtums ist«, fügte er lächelnd hinzu.

 

»Ich möchte eine direkte Frage an Sie stellen. Sie verkehren doch hier in der besten Gesellschaft. Kennen Sie unter diesen Leuten Mitglieder einer Sekte, die den Gott Hades verehrt? Bevor Sie mir antworten, darf ich Ihnen sagen, daß ich ihre Namen jetzt nicht wissen will.«

 

»Ich würde Ihnen gern auch die Namen mitteilen, wenn ich sie wüßte, aber glücklicherweise habe ich mit diesen Dingen direkt nichts zu tun. Meine wissenschaftliche Tätigkeit liegt auf einem anderen Gebiet. Ich weiß wohl, daß solche Sekten existieren, weil ich im allgemeinen davon gehört habe, aber um derartige Absurditäten selbst habe ich mich weniger gekümmert. Und wo man derartige Gemeinden von Hadesverehrern finden kann – das mag der Himmel wissen!«

 

Er erhob sich und reichte seinem Besucher die Hand, »leben Sie wohl, Mr. Corelly.«

 

Peter hatte durchaus nicht die Absicht gehabt, schon zu gehen, aber nun blieb ihm nichts anderes übrig, als die Wohnung zu verlassen.

 

*

 

Am Abend speiste er zusammen mit Flint, und zwar in einem vornehmen Klub, in dem sein Vorgesetzter Mitglied war.

 

»Ich hatte gehofft, daß Cavan Ihnen mehr helfen würde«, sagte der Chef. »Den ganzen Nachmittag habe ich mit dem Generalstaatsanwalt über diesen sonderbaren Fall verhandelt. Es drehte sich schließlich auch um die Frage, was denn der Kult des goldenen Hades sein könnte. Es liegt mir wie ihm viel daran, mehr Einzelheiten zu erfahren. Cavan hätte uns den größten Dienst erweisen können. Der Staatsanwalt hat mir auch gesagt, daß der Professor einer der tüchtigsten und klügsten Leute ist, die er jemals getroffen hat. Der Mann besitzt eine umfassende Allgemeinbildung und ist auf den verschiedensten Gebieten äußerst beschlagen.«

 

»Ich kam gar nicht dazu, weitere Einzelheiten mit ihm zu besprechen. Kaum hatte ich ein paar Worte mit ihm gewechselt, so komplimentierte er mich auch schon hinaus«, entgegnete Peter, nicht gerade rosig gestimmt.

 

»Das ist unendlich schade.«

 

»Auf jeden Fall habe ich mir dauernd den Kopf zerbrochen, wie wir Cavan zum Sprechen bringen könnten. Er hat sehr viel Geld und daher kein pekuniäres Interesse daran, seine Kenntnisse nutzbringend zu verwerten. Auf der anderen Seite ist es auch möglich, daß er mir alles über Hadesverehrer gesagt hat, was er weiß.«

 

»Haben Sie eigentlich nachgeforscht, wer der Requisitenverwalter im Theater ist, und vor allem, wer ihm das Geld mit dem Stempel gegeben hat?«

 

»Ja, ich habe zwei Fragen geklärt, die mir besonders wichtig erschienen. Einmal die Herkunft des Geldes, zweitens die Geschichte Fattys. Sowohl der Requisitenverwalter als auch Fatty haben die Wahrheit gesagt. Der Mann, von dem die Banknoten für das Theater stammen, macht auch Plakate. Er hatte gerade den Auftrag, ein Plakat für einen neuen Film herzustellen, der von Geld und Geldeswert handelte, und es war ihm die Reklameidee gekommen, einen Streifen nachgeahmten Papiergelds als Rahmen um das farbige Bild zu kleben. Als er von Hause fortging, hatte er aber die Scheine noch nicht erhalten. Sein Sohn sollte ihm deshalb außer dem Essen auch das nötige Material zu der Stelle bringen, wo das große Plakat angebracht werden sollte. Der Junge traf auch zur festgesetzten Zeit bei seinem Vater ein und erzählte ihm, daß er unterwegs einen Mann getroffen hätte, der ihm ein Paket in die Tasche steckte. Als er es öffnete, stellte sich heraus, daß es ein großer Stoß Banknoten war. Natürlich glaubte der Plakatmann, daß es sich um die imitierten Scheine für den Streifen um das Bild handelte, und klebte tatsächlich eine Reihe von Tausenddollarscheinen auf die Bretter. Die Polizei ist jetzt damit beschäftigt, diese wertvollen Papiere mit warmem Wasser wieder abzulösen. Merkwürdigerweise war die Anzahl der Banknoten so groß, daß er kaum die Hälfte auf seinem Plakat unterbringen konnte. Er nahm daher die anderen mit nach Hause, und da sie sehr gut aussahen, gab er den Rest dem Requisitenverwalter des Theaters, der ihn schon seit einiger Zeit gebeten hatte, ihm gutes nachgemachtes Geld zu verschaffen.«

 

»Dann stimmte also Fattys Erzählung?«

 

»Vollkommen. Er hat den Jungen des Plakatmanns auf seiner Flucht getroffen. Eines möchte ich noch …« Er brach plötzlich ab und sah nach der Tür.

 

Eine junge Dame ging langsam durch den Mittelgang des Restaurants. Hinter ihr her schritt Mr. Bertram, der ein sehr nachdenkliches Gesicht machte.

 

Aber Peter achtete nur auf die Tochter des Bankiers, die in ihrem Abendkleid ganz besonders schön aussah. Es war fast, als ob sie seine Blicke spürte, denn sie wandte plötzlich den Kopf und sah zu ihm hinüber. Als sie Peter zunickte, sprang er sofort auf. Er sah, daß sie ihrem Vater etwas sagte, und auch Bertram wandte sich um und verbeugte sich leicht in Peters Richtung. Dann verschwanden die beiden in dem angrenzenden Saal.

 

»Setzen Sie sich doch, Peter. Sie fallen allgemein auf«, sagte Flint.

 

Erst jetzt kam Peter zum Bewußtsein, daß er noch stand.

 

»Das war doch der Bankier Bertram mit seiner Tochter?« fragte der Chef. »Wie ich annehme, haben Sie die Angelegenheit heute vormittag zur allgemeinen Zufriedenheit geregelt?«

 

Peter ging zunächst nicht auf die Worte seines Vorgesetzten ein; er beobachtete die Tür, denn er wollte vor allem wissen, wer die Gäste des Bankiers waren. Warum er das allerdings erfahren wollte, wußte er selbst nicht. Es war eine reine Gefühlssache. Er bemerkte Willy Boys, der eilig und mit gerötetem Gesicht in den Speisesaal trat. Willy Boys hatte es niemals verstanden, zur rechten Zeit zu kommen. Dann sah er eine Dame, die er nicht kannte; der Chef erklärte ihm, daß sie eine bedeutende Persönlichkeit der Gesellschaft wäre.

 

»Sehen Sie einmal, wer dort kommt«, sagte Peter erstaunt.

 

Der letzte, der in den angrenzenden Raum trat, war Professor Cavan. Er war formvollendet gekleidet. Den Mantel hatte er noch über dem Arm und den Zylinder in der Hand. Er übergab beides einem Pagen, der die Sachen zur Garderobe bringen sollte. Dann ging er in aufrechter Haltung durch den großen Mittelgang. Allem Anschein nach wußte er, daß alle Augen auf ihn gerichtet waren, und empfand stolze Genugtuung darüber.

 

»Ich möchte wissen, ob er uns helfen würde, wenn er die Einzelheiten erführe«, meinte Peter nachdenklich.

 

»Sie könnten ihn ja noch einmal besuchen und ihm, wenn nicht alles, so doch die wichtigsten Punkte mitteilen«, schlug der Chef vor.

 

»Ja, das werde ich auch in den nächsten Tagen versuchen.«

 

Flint verweilte gern längere Zeit beim Essen, aber Peter machte sich nichts aus dem Nachtisch. Ihm war die Speisenfolge an und für sich schon zu lang und umfangreich. Er entschuldigte sich daher bei seinem Chef und verließ den Klub.

 

Plötzlich kam ihm zum Bewußtsein, daß auch Frank Alwin mit Wilbur Smith an jenem Abend, an dem er verschwunden war, hier gespeist hatte. Eine solche Entführung wäre natürlich zu so früher Tagesstunde unmöglich. Die Straßen waren belebt, und ein Polizist stand nur wenige Schritte vom Eingang entfernt. Er hatte die Hände auf den Rücken gelegt und beobachtete den Verkehr. In der Nähe stand eine prachtvolle Limousine, und Peter erkannte den Butler des Professors Cavan, der sich mit dem Chauffeur unterhielt. Peter fragte den Portier und erhielt den Bescheid, daß es der Wagen des Gelehrten wäre. Nun interessierte er sich dafür und wollte die Gelegenheit wahrnehmen, weitere Auskünfte einzuholen. Der Butler berührte seinen Hut, als Peter näher kam.

 

»Guten Abend. Sie waren doch der Herr, der neulich bei dem Professor vorsprach? Er ist gerade im Klub und speist zu Abend.«

 

»Ich weiß es. Ich habe ihn gesehen. Das ist aber ein herrlicher Wagen!«

 

»Ja, einer der besten Wagen, die je nach den Vereinigten Staaten importiert wurden. Sie sollten den Professor einmal darum bitten, Ihnen das Auto zu einem Ausflug zu leihen!«

 

Peter lachte.

 

»Aber ich kenne doch den Professor nicht gut genug, um eine solche Bitte an ihn stellen zu können. Auf jeden Fall ist es ein prachtvoller Wagen!«

 

»Ja. Allein die Innenausstattung kostet ein kleines Vermögen«, erwiderte der Butler stolz, öffnete die Tür der Limousine und deutete hinein.

 

»Das Licht läßt sich leider nicht andrehen. Der Professor ist mit seinem Schirm am Verbindungsdraht hängengeblieben und hat ihn zerrissen. Wir haben es erst gemerkt, als er heute abend ausfahren wollte. Aber fühlen Sie doch nur einmal die wunderbare Polsterung der Ledersitze …«

 

Peter hatte schon den einen Fuß aufs Trittbrett gesetzt, als ein Mann mit schwankenden Schritten aus dem Schatten trat.

 

»Hallo, Peter!« rief er laut. »Lieber alter Junge, wie geht es dir denn?«

 

Peter wandte sich um. Der Mann mußte allem Anschein nach betrunken sein. Es war auch außergewöhnlich, daß er ihn beim Vornamen rief. Nur Flint hatte sonst diese Angewohnheit. Corelly wollte sich den Burschen einmal genauer ansehen, der sich eine derartige Freiheit herausnahm.

 

»Wie geht es denn dem lieben, alten Smith?« fragte der Fremde mit etwas heiserer Stimme.

 

Dann taumelte er und wäre sicher gefallen, wenn Peter ihn nicht in den Armen aufgefangen hätte.

 

»Nanu, was wollen Sie denn, Sie Trunkenbold?« sagte Peter streng. »Meine Schulter ist kein Kopfkissen.«

 

»Wie geht’s denn dem alten Wilbur Smith?« fragte der Mann lallend. Aber dann flüsterte er Peter etwas zu. So standen sie ein paar Sekunden. Der Butler beobachtete die Szene und lächelte. Auch der Polizist hatte den Vorgang beobachtet und kam nun näher.

 

»Nehmen Sie diesen Mann mit zur Wache«, befahl Peter. »Ich werde Ihnen helfen, daß Sie ihn sicher von der Hauptstraße fortbekommen.«

 

»Viel zuviel Mühe, die sich die Leute mit einem Betrunkenen machen«, meinte der Butler. Er war enttäuscht, denn er hatte ein viel aufregenderes Ende dieses Abenteuers erwartet.

 

Ähnlich dachte auch der Betrunkene.

 

»Peter«, hatte er dem Detektiv ins Ohr geflüstert, »wenn Sie in den Wagen steigen, geht es Ihnen schlecht. Ich bin Frank Alwin.«

 

Kapitel 10

 

10

 

Peter brachte den »Gefangenen« bis zur nächsten Straßenecke, wo er den Polizisten entließ und ein Taxi heranwinkte. Er schob Frank hinein und folgte ihm.

 

»Nun, Mr. Alwin«, sagte er, als der Wagen in voller Fahrt war, »jetzt können Sie mir erzählen, wie alles gekommen ist.«

 

Frank lehnte sich in die Polster zurück und lachte nervös.

 

»Ich bin fast die ganzen letzten vierundzwanzig Stunden verfolgt worden, und ich bin durchaus nicht betrunken, aber elend hungrig.«

 

Peter überlegte, daß es jetzt gefährlich sein könnte, mit Alwin in ein Lokal zu gehen. Deshalb brachte er den Schauspieler zu seiner eigenen Wohnung und ließ aus einem nahen Restaurant das nötige Essen holen. Frank war noch so schwach, daß er auch während des Essens auf einer Couch liegen mußte. Schließlich hatte er seinen Hunger gestillt und reichte befriedigt das Tablett zurück.

 

»So, nun kann ich Ihnen meine Geschichte berichten.« Peter hörte ihm eine halbe Stunde zu, ohne ihn zu unterbrechen.

 

»Das klingt fast wie ein Märchen. Wenn mir ein anderer das erzählt hätte, würde ich es ihm nicht geglaubt haben. Die Gesichter der beiden Männer haben Sie also nicht gesehen?«

 

Frank schüttelte den Kopf.

 

»Und Sie haben auch gar keine Anhaltspunkte, mit deren Hilfe Sie die Leute identifizieren könnten?«

 

»Nein. Nur eines ist sicher: Als ich über die Mauer kletterte, holte mich der eine der beiden ein und wollte mich festhalten. Ich schlug mit der Eisenstange zu – der Hieb ging an seinem Kopf vorbei, aber ich traf ihn an der Hand und muß seinen Daumen schwer verletzt haben. Das ging wenigstens aus dem hervor, was er kurz darauf dem anderen erzählte.«

 

Er sah Peter sonderbar an.

 

»Also, nun sagen Sie mir doch auch alles«, erwiderte Corelly. »Sie haben etwas auf dem Herzen, was Sie mir noch nicht anvertraut haben. Warum sollte ich nicht in den Wagen steigen?«

 

Frank Alwin sah zwar etwas besser aus, war aber noch sehr stark angegriffen. Seine Kleider waren nicht gereinigt, und er hatte sich nicht rasiert. Schwäche und Müdigkeit übermannten ihn plötzlich, und er schloß die Augen.

 

»Gute Nacht«, murmelte er leise und schlief gleich darauf fest ein.

 

*

 

Mr. Flint, der Chef der Geheimpolizei, hatte das Essen beendet und den Kellner um die Rechnung gebeten, als Peter wieder in dem Klub erschien, um ihm die neuesten Tatsachen mitzuteilen.

 

»Ich konnte leider nicht mehr aus ihm herausholen. Er ist mir direkt eingeschlafen«, sagte er enttäuscht. »Immerhin kann ich Ihnen eine sonderbare Geschichte erzählen, die ich unter gewöhnlichen Umständen nicht glauben würde.«

 

Flint hörte verblüfft zu.

 

»Das klingt ja wie eine Indianergeschichte aus Wildwest. Meinen Sie nicht, daß Frank Alwin die ganze Sache nur geträumt oder im Fieber erlebt hat?«

 

Peter schüttelte den Kopf.

 

»Nein, dazu ist er ein viel zu ernster und zuverlässiger Mann. Alwin war während des Krieges drei Jahre lang im Geheimdienst tätig.«

 

»Das habe ich vergessen. Jetzt, da Sie es erwähnen, besinne ich mich wieder darauf, daß man eine sehr gute Meinung von ihm hatte. Aber da nun drei so tüchtige Leute wie Sie, Alwin und Wilbur Smith zusammenarbeiten, muß es doch gelingen, dieses Verbrechen des goldenen Hades aufzuklären. Dort kommt übrigens Bankier Bertram mit seinen Gästen.«

 

Peter schaute interessiert hinüber, als nach den anderen Professor Cavan und Bertram aus dem großen Speisesaal traten.

 

Der Gelehrte schien in der besten Laune zu sein. George Bertram schaute etwas düster drein.

 

»Wo bleibt denn die junge Dame?« fragte Flint.

 

Peter war auch erstaunt. Die beiden Herren warteten einige Minuten an der Tür des Restaurants, bevor sie erschien.

 

»Hallo!« sagte Peter zu sich selbst. »Da ist etwas nicht in Ordnung.«

 

Allem Anschein nach hatte Jose Bertram geweint, denn ihre Augen waren gerötet. Auch ihr Gang und ihre Haltung zeigten, daß sie deprimiert war.

 

Die drei verließen zusammen das Lokal. Ohne sich bei seinem Chef zu entschuldigen, ging Peter in den Speisesaal und traf dort den Oberkellner.

 

»Nun, was hat es denn hier gegeben, Luigi?«

 

»Aeh, Sie meinen mit der jungen Dame?« fragte der kleine Italiener und lächelte. »Anscheinend eine Liebesgeschichte! Sie stritt sich mit ihrem Vater. Ich legte der Sache erst gar keine Bedeutung bei, aber dann verließ sie den Tisch und kam nicht wieder zurück. Es kam ja auch nicht darauf an«, meinte er mit philosophischer Ruhe. »Das Dessert taugte nicht viel. Unser Küchenchef hat heute einen schlechten Tag.«

 

Mehr konnte Peter nicht herausbekommen. Als er wieder an seinen Platz zurückkehrte, war Flint bereits verschwunden. Peter dachte an seine Verabredung mit Jose Bertram und beschloß, sie am nächsten Morgen aufzusuchen.

 

Daß eine junge Dame schließlich einmal bei Tisch weint, war besonders bei Miss Bertram, die ja bereits Proben ihres leicht erregbaren Temperaments abgegeben harte, nicht weiter erstaunlich. Aber für ihn war sie doch nicht mit anderen jungen Damen zu vergleichen. Es war merkwürdig, daß er so dachte, denn er war im allgemeinen schwer zu begeistern, und es machte so leicht nichts auf ihn Eindruck.

 

Man hätte jedoch nicht behaupten können, daß sich Peter auf den ersten Blick in Jose Bertram verliebt hätte. Der Anblick der jungen Dame, die er nur ein einziges Mal vorher gesehen hatte, und zwar unter Umständen, die nicht gerade sehr günstig für sie waren, genügte jedoch, um sein Interesse zu wecken. Und während der Unterredung mit Flint dachte er eigentlich dauernd an sie. Aber das war noch keine Liebe, es war nur außerordentliches Interesse. Auch stöhnte und seufzte Peter nicht, weil sie einer höheren Gesellschaftsschicht angehörte als er, oder weil ihr Vater ungewöhnlich wohlhabend und sie deshalb für ihn unerreichbar war. Im Gegenteil, er hielt sich für gesellschaftlich gleichberechtigt mit ihr, und der Reichtum ihres Vaters machte auf ihn verhältnismäßig wenig Eindruck.

 

*

 

Bankier Bertram hatte drei Besitzungen: ein großes Haus in New York selbst, in dem er aber nicht wohnte, dann eine prachtvolle Villa auf Long Island und einen Landsitz in New Jersey. Und dorthin begab sich Peter am nächsten Morgen.

 

Die Familie bestand nur aus dem Bankier selbst und seiner Tochter; es wurden tatsächlich zwei Haushalte geführt, denn obwohl Jose in bestem Einvernehmen mit ihrem Vater lebte und ihn bis zu einem gewissen Grad liebte, hatte sie doch eine Wohnung für sich, die den einen Flügel des großen Gebäudes einnahm, während ihr Vater den anderen bewohnte.

 

Peters Auto fuhr den langen, von herrlichen Bäumen beschatteten Weg vom Tor zum Hauseingang entlang, und er dachte wieder an die Szene, als er sie in dem Geschäft getroffen hatte. Zu gern hätte er gewußt, warum sie im Klub geweint hatte, aber er zweifelte, ob es ihm heute gelingen würde, das Gespräch auf diesen Zwischenfall zu bringen.

 

Ein Diener in vornehmer Livree nahm seine Karte entgegen.

 

»Miss Bertram erwartet Sie, soviel ich weiß. Sie hat mir gesagt, daß ich Sie ins Wohnzimmer bringen soll. Bitte, kommen Sie mit.«

 

Peter war nicht wenig erstaunt.

 

»Mr. Corelly«, meldete ihn der Diener an.

 

Jose trat einige Schritte vor, blieb dann aber plötzlich stehen und sah Peter entsetzt an. Überraschung, Bestürzung, ja selbst Furcht mischten sich in ihrem Gesichtsausdruck, so daß Peter ein Lächeln unterdrückte.

 

»Sie haben mich wohl nicht erwartet?« fragte er.

 

»Ich – ich …«, begann sie verwirrt. »Nein, ich erwartete … Haben Sie einen speziellen Wunsch?« fragte sie dann plötzlich. »Wollen Sie mich in einer besonderen Angelegenheit sprechen?«

 

Jetzt war allerdings Peter überrascht. Er sah, daß sie bleich wurde und sich auf den nächsten Stuhl setzte. Das kam so unvermittelt, daß Corelly ängstlich wurde. Er hatte derartige Symptome schon öfters in seinem Beruf beobachten können. Aber es dauerte nur ein paar Sekunden, dann hatte sie sich wieder gefaßt und erhob sich lächelnd.

 

»Ich hatte Sie gebeten, mich zu besuchen. Sie müssen mein sonderbares Benehmen verzeihen, aber ich habe heute morgen schwere Kopfschmerzen. Bitte, nehmen Sie doch Platz.«

 

Peter folgte ihrer Aufforderung, fühlte sich aber nicht recht wohl. Er glaubte einen gewissen feindlichen Ton aus ihrer Stimme zu hören. Ihre Gesichtszüge glichen plötzlich einer Maske, jeder Ausdruck war daraus verschwanden. Sie hielt sich vollkommen zurück und hatte wahrscheinlich einen bestimmten Grund dafür. Aber worum es sich handelte, konnte er auch nicht annähernd vermuten. Deshalb entschloß er sich, die Unterredung so bald wie möglich zu Ende zu bringen. Wie stets, war er sehr offen.

 

»Miss Bertram, Sie fürchten sich.«

 

»Da irren Sie«, erwiderte sie etwas steif und richtete sich gerade auf. »Warum sollte ich mich denn fürchten? Bilden Sie sich etwa ein, daß ich vor Ihnen Angst habe?«

 

»Nein, und doch sage ich Ihnen, daß Sie sich ängstigen«, entgegnete Peter langsam und mit Nachdruck. »Und es muß ein sehr wichtiger Grund sein.«

 

Er verzog die Lippen und sah sie ernst, fast feierlich an. Sie erwiderte seinen Blick zuerst tapfer, mußte dann aber doch die Augen senken.

 

»Mr. Corelly – ich sehe nicht ein, warum Sie sich über Dinge Sorgen machen sollten, die Sie gar nichts angehen. Ich bin sehr froh, daß Sie mich besucht haben, denn ich habe Sie ja dazu aufgefordert, aber es ist mir unangenehm, daß Sie so … so …« – sie zögerte, denn sie fand im Augenblick nicht das richtige Wort – »vertraut mit mir reden.«

 

»Sie fürchten sieh unheimlich. So etwas habe ich noch nie gesehen«, sagte Peter. »Ich würde viel darum geben, wenn ich Ihnen aus Ihrer schwierigen Lage helfen könnte. Ich weiß, daß etwas Furchtbares geschehen ist.«

 

Sie sah ihn scharf und betroffen an, dann runzelte sie die Stirn. Zum erstenmal kam wieder etwas Farbe in ihre Wangen.

 

»Sie sagen, Sie würden viel darum geben, mir zu helfen?« erwiderte sie mit stockender Stimme. »Das klingt aber doch ganz sonderbar!«

 

Er hatte den Eindruck, daß sie das nur sagte, um keine Stockung in der Unterhaltung eintreten zu lassen.

 

»Ich habe absolut keine Sorgen«, fuhr sie etwas ruhiger fort. »Warum sollten Sie mir helfen?«

 

Während sie dies sagte, sah sie zum Fenster hinaus.

 

»Ich erwarte sehr bald einen anderen Besuch«, erklärte sie nach einer kurzen Pause. »Hoffentlich halten Sie mich nicht für unhöflich, wenn ich diese Unterhaltung jetzt abbreche.«

 

Er erhob sich und trat zu ihr.

 

»Miss Bertram, ich kam heute nur mit der einen Absicht hierher, unsere Bekanntschaft zu erneuern, und zwar unter angenehmeren und günstigeren Umständen. Wenn es möglich wäre, hätte ich gern ein paar Fragen an Sie gerichtet. Gewiß, ich kenne Sie nicht näher, und ich habe durchaus kein Recht, mich um Ihre privaten Angelegenheiten zu kümmern. Ich habe auch nicht das Recht, Antworten auf meine Fragen zu verlangen oder Ihnen mein Vertrauen aufzudrängen. Aber ich möchte doch dies eine sagen: Es gibt keine Schwierigkeiten und keine Sorgen, bei denen ich Ihnen nicht helfen könnte.«

 

Sie erhob sich schnell, ging an ihm vorbei zum Fenster und wandte ihm den Rücken zu.

 

»Gehen Sie jetzt bitte«, entgegnete sie leise. »Ich – ich glaube, daß Sie es gut meinen, aber unglücklicherweise können Sie mir nicht helfen. Leben Sie wohl!«

 

Peter zögerte noch einen Augenblick, dann nahm er seinen Flut und ging zur Tür. Er hatte die Hand bereits auf die Klinke gelegt, als sie ihn zurückrief. Sie streckte die Hand aus, und er ergriff sie.

 

»Leben Sie wohl!« sagte sie noch einmal. »Wenn ich wirklich in eine sehr schwierige Lage komme, bitte ich Sie vielleicht, mir zu …« Sie brach ab und zuckte die Schultern. »Aber welchen Zweck hat das!« rief sie plötzlich leidenschaftlich. »Meine Schwierigkeiten sind ja so nebensächlich … Was kommt es auch darauf an, Mr. Corelly?«

 

Er fühlte die furchtbare nervöse Spannung, in der sie sich befand.

 

»Was kommt es darauf an?« fuhr sie aufgeregt fort. »Früher oder später muß ich doch heiraten, und ein Mann ist ebenso gut oder schlecht wie der andere …«

 

Peter nickte.

 

»Also dann werden Sie heiraten? Das ist allerdings eine genügende Erklärung. Würden Sie mir noch gestatten, zu fragen, wer der glückliche Mann ist, dem Sie Ihre Hand reichen?«

 

Sie sah ihn an, und ihre Lippen verzogen sich verächtlich.

 

»Er ist der Erwählte der Götter«, erwiderte sie bitter. Peter atmete tief.

 

»Ist es etwa der goldene Hades, der das bestimmt hat?«

 

Sie schrak zusammen und wurde rot.

 

»Woher wissen Sie denn das?« fragte sie leise.

 

Ohne noch ein Wort zu sagen, verließ sie das Zimmer. Er wartete, bis sich die Tür hinter ihr schloß, dann ging auch er. Auf der Fahrt zum Portal des großen Gartens begegnete er Professor Cavans Butler.

 

Um Himmels willen, dachte er betroffen, sie wird doch nicht diesen alten Kerl heiraten!

 

Plötzlich fielen ihm Franks Worte ein: »Ich habe ihm den Daumen schwer verletzt!«

 

Peter wollte schon dem Chauffeur zurufen, daß er anhalten sollte, aber dann gab er diese Absicht wieder auf und lehnte sich zurück.

 

Er hatte trotz des schnellen Tempos, in dem sein Wagen vorüberfuhr, gesehen, daß der Butler einen Verband an der Hand trug.

 

Kapitel 17

 

17

 

Tom Scatwell kleidete sich mit ungewöhnlicher Sorgfalt an und wählte lange unter den Westen, die ihm der ängstliche Professor brachte. Er war ein hübscher, stattlicher Mann von neununddreißig Jahren. Die versöhnliche Haltung Rosies zeigte, daß Tom nicht in der besten Stimmung war. Sogar der düstere Mr. Featherstone, der sonst niemals vor einer Auseinandersetzung mit dem Bandenführer zurückschrak, verhielt sich schweigsam.

 

»Wann bist du wieder hier, Tom?« fragte Rosie.

 

»Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten«, brummte Scatwell.

 

»Sam und ich wollten es nur wissen«, entschuldigte sich der Professor, »weil wir, heute nachmittag um drei eine Verabredung haben. Wir möchten natürlich nicht gern fort sein, wenn du kommst.«

 

»Es ist unwahrscheinlich, daß ich vor drei oder vier wieder hier bin«, meinte Scatwell. »Habt ihr alles gepackt?«

 

»Alles«, erwiderte Cavan. »Wann gehen wir?«

 

»Mach dir darüber keine Sorgen. Ich werde euch schon rechtzeitig Bescheid geben.«

 

»Heute fährt ein Schiff«, schlug Rosie vor. »Das nehmen wir nicht – vielleicht gehen wir nach Kanada.«

 

Rosie beobachtete, wie Scatwell sein Haar immer wieder bürstete und mehrmals seine Krawatte zurechtrückte.

 

»Tom«, sagte er schließlich, »ich bin knapp bei Kasse. Könntest du mir nicht einen Scheck geben?«

 

»Wieviel willst du haben?«

 

»Ach, ich weiß nicht«, entgegnete der Professor unschlüssig.

 

»Na, dann überlege es dir gefälligst«, brummte Scatwell und schaute auf die Uhr.

 

»Erwartest du jemand, Tom?« fragte Cavan.

 

Scatwell drehte sich wütend zu ihm um.

 

»Was geht dich das an?« fuhr er ihn an. »Du bist so nervös und aufgeregt wie eine Katze. Zum Teufel, was mischst du dich immer in meine Angelegenheiten? Du führst dich auf, als ob man dich betrügen wollte.«

 

Der Professor lachte.

 

»Ach nein, Tom, das nicht. Das würde ich am allerletzten von dir erwarten. Wenn jemand wagte, so etwas von dir zu sagen, würde ich ihn glatt niederschlagen.«

 

»Du würdest ihn niederschlagen?« erwiderte Tom verächtlich. »Wenn du es absolut wissen willst, ich warte auf den Italiener – da klingelt es schon. Führe ihn herein und laß mich allein mit ihm.«

 

Er hatte seinen Rock angezogen und betrachtete sich in dem großen Spiegel, als der Besucher ins Zimmer kam.

 

»Setzen Sie sich, Giuseppe«, sagte er auf italienisch. »Sie sind spät dran.«

 

»Ich mußte auf ein Taxi warten«, erklärte der Mann. »Ich fand kaum den Mut dazu.«

 

»Wozu brauchten Sie denn Mut?«

 

»Ein Taxi anzuhalten. Ich fürchtete, sie würden mich entdecken.«

 

»Sie haben das Geld? Nun hören Sie einmal zu. Ich nehme Sie jetzt zu einem großen Landhaus mit. Dort werden Sie eine junge Dame sehen, die Sie für einen anderen halten wird.«

 

»Das ist ein Scherz, nicht wahr?«

 

»Natürlich ist es ein Scherz«, erwiderte Scatwell grimmig.

 

»Und was soll ich tun?«

 

»Stillsitzen und schweigen. Sie haben nur dort zu sein, weiter nichts. Wenn die Dame zu Ihnen spricht, sagen sie ›Ja‹.«

 

»Gewiß.«

 

Tom nickte befriedigt.

 

»Also gut. Mein Wagen steht vor der Tür, Giuseppe, wir wollen gleich abfahren. Unterwegs verbergen Sie Ihr Gesicht so gut wie möglich. Ich möchte nicht, daß Sie gesehen werden. Verstehen Sie?«

 

»Vollkommen«, erwiderte der Italiener und ging voraus. Scatwell folgte ihm.

 

In der Diele wartete der Professor. Er grinste und hatte ein offenes Scheckbuch in der Hand. Scatwell zögerte.

 

»Hat das nicht noch Zeit?« fragte er. »Wieviel brauchst du?«

 

»Wir wollen hundert Dollar sagen«, entgegnete der Professor in bittendem Ton.

 

»Trage die Summe ein«, sagte Scatwell und schrieb seinen Namen unter das Formular.

 

Die Tür schlug hinter ihm zu, und gleich darauf hörten sie, daß der Wagen davonfuhr. Der Professor sah dem Auto nach, bis es verschwunden war, dann trat er ans Telefon und nannte eine Nummer.

 

»In fünfundzwanzig Minuten«, sagte er.

 

Dann ging er in die Halle und rief Sam. Mr. Featherstone erschien auch sofort.

 

»Wann fährt das Schiff?« fragte Cavan.

 

»Um halb zwölf.«

 

»Gut. Dann haben wir ja noch viel Zeit. Hast du die Kabine gebucht?«

 

»Natürlich«, erwiderte Sam bekümmert. »Auf die Namen Miller und Dore. Hier sind die Fahrkarten.« Er zog seine Brieftasche heraus.

 

»Alles in Ordnung«, sagte der Professor schnell. »Nun fülle noch diesen Blankoscheck aus.«

 

»Auf welche Summe?«

 

»Wie hoch ist sein Konto?«

 

»Ungefähr fünfzigtausend Dollar.«

 

»Schreibe fünfundvierzigtausend, dann sind wir auf jeden Fall sicher. Am liebsten ließe ich allerdings dem Schwein gar nichts. Ach, diese verdammten kleinen Verbrecher!«

 

Während Featherstone den Scheck ausfüllte, strich der Professor seinen Bart.

 

»Du hast mich noch nicht glattrasiert gesehen, Sam? Es sieht etwas sonderbar aus, aber du wirst meinen Anblick ertragen müssen.«

 

Featherstone ging mit dem Scheck fort und kam nach zwanzig Minuten mit einem Stoß Banknoten zurück.

 

»Wie denkst du über das Safedepot?« fragte er.

 

Aber Cavan schüttelte den Kopf.

 

»Nein, danke. Der Stempel des goldenen Hades ist darauf, und dieses Zeug möchte ich nicht mit mir herumschleppen. Fünfundvierzigtausend Dollar sind eine ganz schöne Summe, Sam. Es ist nicht alles, was wir verdient haben, aber immerhin – zusammen mit dem anderen, das wir nach England geschickt haben, ist es genug, um zu verschwinden. Wie gefalle ich dir übrigens?«

 

Er wandte Featherstone sein Gesicht zu.

 

»Um Himmels willen!« rief Sam, aufrichtig bestürzt. »So siehst du aus? Ich werde niemals wieder etwas gegen einen Schnurrbart sagen, nachdem ich das erlebt habe.«

 

Der Professor schaute zum Fenster hinaus.

 

»Dort ist unser Taxi. Wo sind die Koffer?«

 

»Alles fertig«, erklärte Sam prompt.

 

»Bring sie hinunter, ich komme gleich nach.«

 

Er warf noch einen Blick des Abschieds und Bedauerns auf seine Bibliothek, denn Rosie Cavanagh war ein aufrichtiger Bücherliebhaber. Dann verließ er den Raum und schloß die Tür.

 

Als fünf Stunden später die Mauretania den Hafen verließ, kratzte er sich das Kinn.

 

»Ich hätte doch eine Notiz für Tom zurücklassen sollen«, meinte er.

 

»Du treibst die Höflichkeit wirklich zu weit«, erwiderte Sam.

 

Soviel man auch gegen Tom Scatwell sagen konnte, zu seinen Gunsten mußte man anführen, daß er kühne Pläne hatte und wagemutig war. Er kannte weder Mitleid noch Erbarmen; aber Rücksichtslosigkeit verlangt einen gewissen Mut, den er in hohem Maße besaß. Er hatte das deutliche Gefühl, daß sich das Netz um ihn zusammenzog, daß er nur durch ein Meisterstück seine sorgfältig angelegten Pläne vor dem Scheitern bewahren konnte.

 

Sein Begleiter plauderte während der Fahrt zu Bertrams Haus dauernd von Italien und dem Leben, das er dort geführt hatte. Scatwell antwortete nur einsilbig, obwohl ihn das Gerede des Mannes weder störte noch aufregte. Im Gegenteil, es klang ihm wie ein monotones, beruhigendes Geräusch, das es ihm ermöglichte, seinen eigenen Gedanken nachzuhängen.

 

Als der Wagen in die Auffahrt einbog, gab er seine letzten Anweisungen.

 

»Sie bleiben im Wagen, den ich in einiger Entfernung vom Haus halten lasse. Wenn Sie mich mit einer Dame zurückkommen sehen, steigen Sie aus und bleiben in der Nähe der Tür stehen. Aber Sie dürfen weder sprechen noch lächeln. Sie sollen nur dort stehen. Haben Sie das verstanden?«

 

»Ja, Signore.«

 

Etwa fünfzig Meter vom Haus entfernt hielt das Auto. Gewöhnlich hatte Sam Featherstone den Chauffeur gespielt, aber heute hatte Tom Scatwell eine Aushilfe engagiert. Auch dieser Mann erhielt noch Anweisungen.

 

»Sie steigen aus und gehen wieder zum Tor hinunter. Wenn ich Sie brauche, lasse ich Sie holen.«

 

»Soll ich den Wagen hier stehenlassen?« fragte der Mann überrascht. »Falls Sie …«

 

»Halten Sie keine langen Reden, sondern tun Sie, was ich Ihnen sage«, erwiderte Scatwell kurz. »Wenn Sie sich in der Zeit zuviel Schuhleder ablaufen, können Sie es auf die Rechnung setzen.«

 

Der Mann faßte an seine Mütze und ging.

 

»Also, denken Sie daran, Giuseppe: Wenn Sie mich mit einer Dame herauskommen sehen, steigen Sie aus.«

 

»Ja, Signore«, erwiderte der Italiener.

 

Jose wußte, daß Scatwell an diesem Morgen zu ihr kommen würde. Woher sie das allerdings wußte, konnte sie nicht sagen. Seit dem Frühstück ging sie in der Säulenvorhalle auf und ab; sie hatte das Auto schon gehört, bevor es in Sicht kam. Nun ging sie Scatwell entgegen.

 

»Ich dachte mir schon, daß Sie kommen würden«, sagte sie so selbstsicher, daß er sich wunderte.

 

Er stand vor ihr und hielt den Hut in der Hand. Seine Haltung verriet, daß er etwas nervös war, denn er spielte ein gewagtes Spiel.

 

»Wie geht es Ihrem Vater?« begann er.

 

Sie hob die Hand.

 

»Bitte, sprechen Sie nicht von meinem Vater. Dies ist wohl kaum der Augenblick für Höflichkeiten. Welchen Vorschlag haben Sie zu machen?«

 

Er konnte seine Verwirrung nicht verbergen.

 

»Wollen wir nicht ins Haus gehen?« fragte er.

 

»Nein, wir unterhalten uns hier. Welchen Vorschlag haben Sie zu machen?«

 

»Einen sehr einfachen, Miss Bertram«, erwiderte er nach einer kleinen Pause. »Das Spiel ist zu Ende, soweit es uns betrifft, und wir wollen aus den Schwierigkeiten herauskommen, um noch größerem Unheil zu entgehen. Ich habe Grund, anzunehmen, daß die Polizei auf unserer Spur ist. Wir haben vermutlich noch achtundvierzig Stunden, um die mexikanische Grenze zu erreichen. Und ich bin bereits auf dem Weg dorthin.«

 

»Mit Ihren Freunden?«

 

Er lachte.

 

»In einem Fall wie diesem sorgt jeder für sich selbst. Die sollen sehen, wie sie durchkommen. Ich gehe nach New York zurück, hebe mein Geld von der Bank ab, und dann …« Er zuckte die Schultern.

 

»Und dann?«

 

»Hängt alles Weitere von Ihnen ab, Miss Bertram. Ich habe nicht die Absicht oder den Wunsch, allein zu gehen. Und ich glaube auch nicht, daß ich allein gehe. Wenn Sie meine Frau sind, vereinfacht sich die ganze Sache bedeutend. Sie sind die einzige, die wirkliche Beweise gegen uns hat, aber wenn Sie mich heiraten, wird Ihr Zeugnis ja hinfällig, da eine Frau nicht gegen ihren Mann aussagen kann.«

 

»Ich verstehe. Nehmen wir einmal an, ich willige ein, welche andere Belohnung habe ich dann noch, außer der zweifelhaften Ehre, den Namen eines Verbrechers zu tragen?«

 

Er verzog das Gesicht.

 

»Ihr Vater wird dadurch entlastet, Miss Bertram. Es liegen weder Beweise für noch gegen ihn vor. Wenn Sie meinen Wunsch erfüllen und versprechen, mich zu heiraten, werde ich vor einem gemeinsamen Freund eine eindeutige Aussage machen, die Ihren Vater entlastet …«

 

»Vor einem gemeinsamen Freund?« fragte sie argwöhnisch. »Wen meinen Sie denn damit?«

 

»Peter Corelly. Ich habe ihn mitgebracht.«

 

Er erwartete, daß diese Mitteilung Überraschung hervorrufen würde, aber er war nicht auf die Wirkung vorbereitet, die seine Worte auf Jose ausübten. Sie preßte eine Hand auf den Mund, als ob sie einen Schrei unterdrücken wollte, und wurde bleich.

 

»Mr. Corelly?« fragte sie entsetzt. »Das verstehe ich nicht.«

 

»Er ist hier«, erklärte er, befriedigt über den Eindruck, den diese Nachricht gemacht hatte.

 

»Aber wie kann er denn Ihre Aussage hören und Sie nicht verhaften? Das ist nicht wahr; Sie wollen mir nur eine Falle stellen.«

 

Er wandte sich halb von ihr ab.

 

»Kommen Sie mit. Sie brauchen keine Angst zu haben – Sie bleiben immer in Rufweite vom Haus. Wie Peter Corelly und ich einig wurden, geht nur uns beide an und tut sonst nichts zur Sache. Wie Sie wahrscheinlich jetzt erkennen werden, sind die Polizeibeamten von New York eben auch keine Engel.«

 

Sie sah ihn zornig an.

 

»Was soll das heißen? Wollen Sie vielleicht damit ausdrücken, daß sich Mr. Corelly bestechen läßt? Das ist eine Lüge, das wissen Sie ebensogut wie ich.«

 

»Ich will gar nichts damit ausdrücken«, entgegnete er hastig. »Es handelt sich hier nicht um irgendwelche Theorien, sondern um vollendete Tatsachen.«

 

Wilder Schrecken packte sie. Vielleicht wollte Peter seine Pflicht verletzen und diesem Mann zur Flucht verhelfen. Das wäre noch schlimmer als der andre unheilvolle Ausweg, den er vorgeschlagen hatte. Sie zitterte bei dem Gedanken.

 

Als sie in die Nähe des Wagens kamen, stieg der Italiener aus.

 

»Wer ist das?« flüsterte sie.

 

Sie wandte den Blick nicht von dem Mann, während sich die Entfernung von dem Wagen immer mehr verringerte.

 

»Peter!« sagte sie halb zu sich selbst.

 

Schließlich standen sie nebeneinander: der Mann am Wagen, das bleiche Mädchen und Tom Scatwell, der sehr befriedigt schien über den Ausgang dieses Abenteuers.

 

»Miss Bertram, in Gegenwart Mr. Corellys werde ich jetzt mein Versprechen einlösen. Sie kennen die Aussage, die ich machen will?« wandte er sich dann an Giuseppe.

 

»Ja«, erwiderte der Italiener.

 

Sie glaubte Peters Stimme zu hören – und doch war sie es auch wieder nicht. Aber sie hätte darauf schwören mögen, daß es kein anderer war als er – dieses braungebrannte Gesicht, die hängenden Schultern, die vergnügten Augen …

 

»Ich erkläre folgendes«, fuhr Scatwell fort. »Mr. Bertram hat nichts mit irgendeinem der Verbrechen zu tun, die im Namen des goldenen Hades begangen wurden. Er ist daran so unschuldig wie seine Tochter. Ich war es, der Mrs. Laste niederschoß, ich war es, der den Schauspieler Frank Alwin und nachher Wilbur Smith entführte. In allen drei Fällen wurde ich unterstützt von Rosie Cavan und Sam Featherstone. Genügt Ihnen das?«

 

Er wandte sich an Jose. Aber sie konnte nicht sprechen; ihre Augen waren auf Peters Gesicht gerichtet. Langsam nickte sie.

 

»Dann sind Sie also jetzt bereit, auch Ihrerseits Ihr Versprechen zu erfüllen?«

 

»Ja«, entgegnete sie leise, konnte aber den Blick nicht von Peters Gesicht abwenden. Wie seltsam war es doch, daß er unbeweglich stehenbleiben konnte, nachdem er all dies gehört hatte!

 

»In zehn Minuten wird der Wagen auf Sie warten«, sagte Scatwell.

 

»Warum nicht gleich?«

 

Scatwell fuhr herum und starrte Giuseppe Gatti an.

 

»Warum wollen Sie noch zehn Minuten warten?«

 

»Was soll das heißen?« fragte Scatwell mit heiserer Stimme. »Sie sprechen ja englisch … Wer sind Sie …?«

 

»Was ist das für eine Frage, nachdem Sie mich eben vorgestellt haben! Ich bin Peter Corelly.«

 

»Wo ist Gatti?«

 

»Es hat niemals einen Gatti gegeben«, erwiderte Peter ruhig. »Ich kam in Ihre Wohnung, um die Fenster zu reparieren, die ich am Tag vorher eingeworfen hatte. Ich wollte gerne einmal sehen, wie Sie sich in Ihrer häuslichen Umgebung benehmen. Übrigens wird Ihnen in New York jedermann erzählen können, daß ich fließend Italienisch spreche. Ich …«

 

Scatwell zog einen Revolver, und Peter konnte sich gerade noch rechtzeitig niederwerfen, als der Schuß krachte. Bevor Corelly selbst seine Waffe ziehen konnte, rannte Scatwell durch die Hecke, die den Fahrweg zu beiden Seiten einsäumte. Er verschwand im Nu, aber Peter machte keinen Versuch, ihm zu folgen.

 

»Ich hoffe …«, begann er, als drei Schüsse in schneller Reihenfolge hintereinander ertönten.

 

Er atmete tief auf.

 

»Wenn Wilbur Smith nicht die Nerven verloren hat«, sagte er trocken, »dann haben wir den goldenen Hades vorher zum letztenmal gehört.«

 

Jose brach in seinen Armen zusammen. Er hielt sie noch, als Wilbur Smith und Alwin langsam aus dem Gebüsch hinter dem Fahrweg ins Freie traten. Sie steckten eben ihre Revolver ein.

 

*

 

Ende

 

Kapitel 3

 

3

 

Stufen. Zwei Stufen – drei Stufen – vier Stufen – noch einmal vier Stufen. Treppenabsatz. Umdrehen. Eine Stufe – zwei Stufen – drei Stufen – vier Stufen – im ganzen elf Stufen – Treppenabsatz – nein, das war das Ende der Treppe.

 

Ein Schlüssel drehte sich, und wahrscheinlich öffnete sich eine Tür. Kalte, etwas muffige Luft wehte heraus, dann ging es weiter.

 

Frank Alwin kam das nach und nach zum Bewußtsein, oder wenigstens zum Halbbewußtsein, während sie ihn die Treppe hinuntertrugen. Seine Gedanken arbeiteten noch nicht vollkommen richtig, sonst hätte er nicht erst bei zwei zu zählen angefangen; sein Kopf schmerzte entsetzlich, und sein Gesicht war verklebt, als ob ihm jemand eine Gummilösung ins Gesicht gegossen hätte. Als er sich rühren wollte, fühlte er einen stechenden Schmerz im Arm, der vom Handgelenk bis zum Ellbogen brannte. Aber der Kopf war das schlimmste. Die Pulse in den Schläfen hämmerten; es war ihm, als ob sein Schädel in der Mitte durchgesägt worden sei und sich nun die beiden Hälften aneinander rieben. Die Qual war fast unerträglich. Am liebsten hätte er laut aufgeschrien, aber im Unterbewußtsein hatte er das Empfinden, daß er schweigen mußte. Er fühlte, daß ihn seine Träger mit der äußersten Sorgfalt behandelten und schließlich auf ein Bett legten.

 

Sprungfedermatratze, feuchtes Kissen, stellte er in Gedanken fest.

 

Eine elektrische Lampe wurde angedreht, und das blendendweiße Licht nach der absoluten Dunkelheit verursachte ihm noch größere Kopfschmerzen. Er stöhnte, drehte sich auf die andere Seite und stöhnte dann noch lauter.

 

»Donnerwetter«, sagte jemand. »Sieh dir einmal meinen Rock an. Blutflecken kann man niemals richtig auswaschen. Ich muß das Stück verbrennen. Es war auch zu blöd, daß wir ihn niederschlugen und hierherbrachten. Warum haben wir ihn nicht einfach auf der Straße liegenlassen?«

 

»Weil Rosie recht hat«, antwortete ein anderer.

 

Seine Stimme klang tiefer und unfreundlich.

 

»Rosie!« erwiderte der erste und lachte verächtlich.

 

Frank Alwin wunderte sich, wer wohl Rosie sein mochte. Trotz seiner großen Schmerzen dachte er nach.

 

Er besann sich jetzt, daß er aus dem Restaurant hinausgegangen war, weil, weil … es fiel ihm im Augenblick nicht ein, warum er auf die Straße getreten war. Nur eine ungefähre Erinnerung der späteren Ereignisse war ihm geblieben. Auf jeden Fall lag er nun hier auf dem Bett, und er lebte noch – das war immerhin etwas. Aber die beiden hatten doch eben von Rosie gesprochen …

 

»Ich sage dir, Rosie hatte recht«, sagte der Mann mit der rauhen Stimme. »Dieser Smith ist der gefährlichste Kerl in New York, und wir haben alle Ursache, uns vor ihm in acht zu nehmen.«

 

»Und wie ist es mit Peter Corelly?« fragte der erste wieder.

 

Der zweite schwieg. Er schien sich die Sache zu überlegen.

 

»Peter Corelly?« erwiderte er nach einer langen Pause. »Selbstverständlich ist Peter Corelly gefährlich, aber Wilbur Smith würde ihn nicht zur Bearbeitung desselben Falles heranziehen. Außerdem ist es wohl eine viel zu schwierige Sache für Peter Corelly.«

 

Wieder trat eine Pause ein, und Alwin hörte, daß sich jemand die Hände wusch. Der Mann sang auch leise ein Lied. Es ist merkwürdig, daß die Leute anfangen zu singen, wenn irgendwo ein Wasserhahn läuft.

 

»Aber das ist doch alles nur Annahme«, meinte der erste wieder, und seine Stimme klang noch verächtlicher als vorher. »Rosie glaubt doch nicht, daß Wilbur Smith die Verfolgung aufgibt, wenn sein Freund in Gefahr ist? Und wie soll er überhaupt davon erfahren, daß wir ihn nicht gleich umgebracht haben? Rosie sagte, wir würden zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, aber bis jetzt haben wir noch nicht einmal eine Fliege erwischt Dieser armselige Tropf hat doch das Geld nicht, und er lebt!«

 

Wieder ein langes Schweigen.

 

»Ja«, brummte der andere, »das scheint so zu sein. Vielleicht müssen wir unseren Plan ändern. Hat er wirklich gesagt, daß er Smith das Geld übergab? Vielleicht war er auch so benommen, daß er nicht wußte, was er redete.«

 

»Der wußte ganz genau, was er sagte«, entgegnete der erste. »Wilbur Smith hat das Geld, und dadurch ändert sich die ganze Lage.«

 

Frank versuchte verzweifelt, sich klarzumachen, was in den letzten Stunden oder in den letzten Minuten passiert war. Wann hatte er gesagt, daß er das Geld Wilbur Smith eingehändigt hatte? Er konnte sich nicht mehr an die wenigen Minuten erinnern, in denen er während des Transports das Bewußtsein wiedererlangt hatte. Aber rein gefühlsmäßig ahnte er, daß der Mann die Wahrheit sagte, und stöhnte aufs neue.

 

Einer der Leute trat an das Bett und beugte sich über ihn.

 

»Sie, heda!« sagte der Mann mit der unangenehmen Stimme. »Fühlen Sie sich wohler?«

 

Frank versuchte krampfhaft, die Augen zu öffnen – nach mehrfachen Anstrengungen gelang es ihm endlich. Viel konnte er von dem anderen Mann nicht erkennen, denn der hatte sein Gesicht mit einem seidenen Taschentuch verdeckt.

 

»Sie haben Glück gehabt«, fuhr der Verbrecher fort. »Von Rechts wegen sollten Sie längst tot sein. Sie befinden sich hier in einem kleinen Haus, das für mich gebaut worden ist. Es ist hier sehr wohnlich und komfortabel. Sie können auch ein kaltes Bad zur Erfrischung nehmen, wenn Sie wollen.«

 

Frank stöhnte aufs neue, dann hörte er nichts mehr, denn er verlor wieder das Bewußtsein. Der Mann mit dem halbverdeckten Gesicht setzte sich nieder, legte den Bewußtlosen auf den Rücken und schob ihm vorsichtig ein Augenlid hoch.

 

»Ich glaubte schon, er wäre gestorben. Du hast ihn doch gar nicht so hart geschlagen, Sammy?«

 

Sein Kamerad lachte. Er war kleiner und untersetzter als der andere, aber schneller in seinen Bewegungen. Vorsichtig und behutsam untersuchte er Franks Kopfwunden.

 

»Es ist nichts Ernstes; ein wenig Blut hat er allerdings verloren.«

 

Er sah sich in dem Raum um; die Wände bestanden aus einfachen Ziegelmauern und waren nicht einmal verputzt.

 

»Es mag ja ganz nett hier sein«, sagte er dann, »aber ich bin froh, daß ich mich hier nicht dauernd aufhalten muß. Tom, wenn wir beide und Rosie uns jemals verstecken müssen, dann ist das jedenfalls der letzte Zufluchtsort, den wir wählen würden. Ich weiß wohl, daß es hier ein Bad und eine Bibliothek mit vielen Büchern gibt, auch Vorrat an Konserven für lange Zeit. Sicher kannst du dich ein ganzes Jahr lang hier versteckt halten, wenn du nicht unvorsichtig bist. Aber was uns vor sechs Monaten noch glänzend erschien, ist es heute nicht mehr. Ich hielt es zuerst auch für eine fabelhafte Idee, als Rosie diese Räume einrichtete. Er hat den ganzen Bau geplant, die Maurer von Mexiko herübergebracht und sie dann wieder fortgeschickt. Keiner hier in New York hat gesehen, wie das Haus gebaut wurde. Seit der Zeit haben wir viel Geld gemacht, Tom. Damals erschien die Sache verhältnismäßig klein, so daß man sich kaum darum zu kümmern brauchte, aber jetzt ist es eine große Sache geworden, und ich muß sagen, daß Rosie es sehr fein angefangen hat.«

 

»Ich weiß nicht, was du immer mit Rosie hast.«

 

»Du hast ihn doch eben selbst so gelobt! Übrigens denke ich im Augenblick an etwas«, sagte er plötzlich in verändertem Ton.

 

Auf der anderen Seite des Zimmers standen zwei große Überseekoffer. Tom öffnete den ersten und betrachtete den Inhalt: Bücher, Papier, Schreibzeug und alle möglichen Büroartikel.

 

»Rosie will, daß wir hier aufräumen.«

 

»Aufräumen«, wiederholte Alwin, der plötzlich wieder zum Bewußtsein kam.

 

»Dann soll er herkommen und es selber tun«, erwiderte Sammy. »Das hat doch keine Eile.«

 

Er überlegte einen Augenblick.

 

»Aber vielleicht wäre es doch ganz gut, wenn wir Rosies Aufforderung folgten«, fuhr er fort. »Er sagt, es wäre ein gut Teil von Dingen in den beiden Koffern, die wir gebrauchen könnten. Auch recht gefährliche Sachen, wenn sie in falsche Hände kämen. Wir könnten das Zeug morgen abend zum Tempel mitnehmen. Und dann kann Rosie ja den Dummkopf überreden, es zu seinem Haus zu schicken.«

 

Wer ist wohl der Dummkopf? dachte Alwin. Er hörte, wie der eine seinen Stuhl gegen die Wand stellte.

 

»Jetzt wird es aber allmählich Zeit – warum kommt denn Rosie nicht?« fragte dann einer der beiden.

 

Plötzlich ertönte ein scharfes Klopfsignal. Frank glaubte, daß es von der Decke käme. Es klang, als ob jemand mit einem Spazierstock auf ein Steinpflaster stieße. Alwin überlegte sich, was wohl über dem Gewölbe sein mochte.

 

»Man braucht nur vom Wolf zu sprechen, dann ist er schon da«, sagte Sam. »Also, komm mit, Tom, er wird ja doch nicht heruntersteigen. Was soll er auch mit diesem Kerl hier machen?«

 

»Wir können ihn ruhig einen Augenblick allein lassen. Das Licht mag weiterbrennen! Vor allem wollen wir einmal hören, was Rosie zu berichten hat.«

 

Sie schlossen die Tür leise hinter sich, und Frank wandte mit größter Mühe den Kopf um. Er befand sich in einem geräumigen Keller. Allem Anschein nach waren die Mauern erst vor kurzer Zeit errichtet worden. Der Raum hatte einen rechteckigen Grundriß. Der Betonfußboden war mit weichen Matten bedeckt. Jedenfalls stellte man sich einen Keller im allgemeinen ganz anders vor. In dem sauberen und gutgelüfteten Raum standen drei Betten. Auf einem lag Alwin; die beiden anderen sah er zu beiden Seiten der Tür. Ein großer, einfacher Tisch nahm die Mitte des Zimmers ein; zwei Stühle und ein Sessel waren um ihn herum angeordnet. Diese Möbel und die beiden großen Kabinenkoffer bildeten die ganze Ausstattung des geräumigen Kellers.

 

In der Ecke, die am weitesten von der Eingangstür entfernt war, befand sich eine Tür; sie führte wahrscheinlich zu dem Baderaum, von dem der Mann vorher gesprochen hatte.

 

Mit einer außerordentlichen Willensanstrengung gelang es Alwin, sich bis zur Ecke des Bettes zu schieben. Dann klammerte er sich an das Fußende und erhob sich.

 

Alles um ihn her drehte sich. Er fühlte sich so unsicher, daß er jeden Augenblick umzusinken drohte, aber er riß sich zusammen, um nicht ohnmächtig zu werden. Vor allem hinderten ihn die furchtbaren Kopfschmerzen an klarem Denken. Trotzdem wollte er das Zimmer nach Waffen durchsuchen, die die anderen vielleicht unvorsichtigerweise zurückgelassen hatten – aber er war noch zu schwach.

 

Nachdem er sich ein paar Augenblicke unter größter Anstrengung aufrecht gehalten hatte, sank er wieder aufs Bett und legte sich hin. Die Erleichterung und die Ruhe taten ihm so wohl, daß er vorläufig nicht mehr den Versuch machte, sich zu erheben. Vorsichtig tastete er mit der Hand an den Kopf und entdeckte, daß man ihn oberflächlich verbunden hatte. Es blieb ihm im Augenblick nichts anderes übrig, als sich von der furchtbaren Schwäche zu erholen.

 

Er schlief ein, erst als sich die Tür öffnete, erwachte er. Die beiden Leute traten wieder ins Zimmer. Tom ärgerte sich und fluchte über die Kabinenkoffer. Allem Anschein nach hatte Rosie nicht nachgegeben. Obwohl die beiden verächtlich von ihm sprachen, mußte der Mann doch eine gewisse Bedeutung haben.

 

»Nun, was fangen wir mit dem Kerl hier an?« fragte plötzlich Sammy. Frank wußte, daß sie über ihn sprachen.

 

»Wir wollen ihm noch bis morgen abend Zeit lassen und einmal sehen, was wir mit Smith machen können.«

 

»Glaubst du denn, wir könnten dem etwas anhaben?«

 

»Smith? Aber bestimmt. Der hat das Geld – Rosie sagt es, und Rosie muß es wissen.«

 

»Das macht allerdings einen Unterschied. Die Geschichte kompliziert sich, weil der hier nicht mehr in Betracht kommt. Und ich muß sagen, das ist nun schon der dritte Fehler, den Rosie in den letzten drei Monaten gemacht hat.«

 

Sie hatten sich jetzt nach der anderen Seite des Zimmers gewandt und sprachen leise miteinander, so daß Frank ihre Unterhaltung nicht verstehen konnte. Er hörte nur, daß sie den einen Kabinenkoffer beiseite rückten, dann den zweiten öffneten und darin kramten. Frank hatte die Augen geschlossen, weil er sich schwach fühlte. Nach einer Weile wurde die Tür geschlossen. Die beiden hatten das Zimmer verlassen, und es herrschte wieder tiefes Schweigen.

 

Kapitel 4

 

4

 

»Es tut mir leid, daß ich Sie stören muß.«

 

Beim Morgengrauen stand Wilbur Smith mit dem Hut in der Hand in der Tür eines kleinen Zimmers. Der ältere Mann, der ihm geöffnet hatte, trug einen alten Mantel über den Schlafanzug und sah den unerwarteten Besucher mit schläfrigen Augen an.

 

»Hier ist meine Karte.«

 

Der Mann nahm sie und las.

 

»Sie sind von der Polizei!« sagte er erschreckt. »Warum …? Was ist geschehen?«

 

»Es ist nichts Besonderes …«

 

»Sagen Sie mir nur nicht, daß Maisie …«

 

»Es ist nichts Besonderes passiert, für das Ihre Tochter verantwortlich wäre. Ich nehme an, daß Sie der Vater von Miss Maisie Bishop sind?« »Treten Sie näher. Ich mache Licht.«

 

Das kleine Zimmer war einfach, aber hübsch eingerichtet.

 

»Handelt es sich um das Geld?« fragte der Mann ängstlich. »Ich habe es auch nicht verstanden. Sehen Sie, Maisie fragte Mr. Alwin, weil er früher so freundlich zu ihr gewesen war, und ich war selbst ganz erstaunt, als sie das Geld nach Hause brachte. Ich wußte nicht, daß er so reich ist. Ich dachte, es müßte eine Verwechslung sein. Hat Mr. Alwin Sie deshalb hergeschickt?«

 

Wilbur schüttelte den Kopf.

 

»Nein, das gerade nicht, aber wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich gern Ihre Tochter sprechen.«

 

Er wartete etwas ängstlich und atmete erleichtert auf, als er die Stimme des jungen Mädchens hörte. Gleich, darauf trat sie ins Zimmer. Sie war ein wenig bleich, sah aber trotzdem hübsch aus. In der Hand hielt sie mehrere Banknoten.

 

»Wollten Sie mich deshalb sprechen?« fragte sie. Er nickte.

 

»Mr. Alwin hat sie mir gegeben«, erklärte sie aufgeregt. »Ich dachte mir gleich, daß er sich geirrt haben müßte, aber ich nahm nicht an, daß er gleich die Polizei schicken würde …«

 

»Zunächst möchte ich Sie einmal darüber beruhigen – ich bin nur hergekommenem zu sehen, daß Ihnen nichts passiert ist«, entgegnete Wilbur freundlich. »Wegen des Geldes brauchen Sie sich den Kopf nicht zu zerbrechen. Ich brauche die Scheine für ein paar Tage, und wenn dann nichts geschieht, werde ich sie zurückerstatten.«

 

»Es war mir so furchtbar peinlich, daß ich Mr. Alwin fragen mußte«, erwiderte Maisie. »Aber mein Vater hatte solche Geldsorgen, und wir sind seit mehreren Monaten die Miete schuldig. Ich habe erst alle anderen Bekannten um Hilfe angegangen, bevor ich mich an Mr. Alwin wandte … Es ist entsetzlich, wenn man andere Leute um Geld bitten muß«, fügte sie mit stockender Stimme hinzu.

 

»Ach, seien Sie nur deshalb nicht ängstlich«, erwiderte Wilbur lächelnd. »Ich sorge mich nur um Sie …!«

 

»Wieso?« fragte sie schnell. »Warum sind Sie um meine Sicherheit besorgt?«

 

Er betrachtete die Banknoten genau und sah, daß jeder Schein auf der Rückseite den gelben Stempel aufwies.

 

»Sehen Sie, das ist dieselbe Sorte Papiergeld.« Er zog den dicken Stoß Dollarscheine aus der Tasche, den Frank ihm übergeben hatte.

 

Maisie war verblüfft.

 

»Sie können sich selbst davon überzeugen, daß die Nummern fortlaufend sind und sich den Nummern dieser Scheine anschließen. Ich werde die Zahlen notieren.«

 

Er schrieb etwas in sein Notizbuch und riß dann die betreffende Seite heraus.

 

»Behalten Sie diesen Zettel, das sind die Nummern der Banknoten, die ich genommen habe. Und wie ich schon sagte, werden Sie die Scheine zurückerhalten – wenn inzwischen nichts Weiteres passiert. In der Zwischenzeit« – bei diesen Worten nahm er seine eigene Brieftasche heraus – »müssen Sie mir sagen, wieviel Geld Sie von Mr. Alwin leihen wollten, damit ich Ihnen die Summe vorstrecken kann.«

 

Er sah, daß sie errötete, und lachte.

 

»Sie müssen das als eine Leihgabe von Frank Alwin betrachten«, sagte er.

 

Aber dann kam ihm der furchtbare Gedanke, daß Alwin wahrscheinlich schon längst tot war.

 

Leise nannte sie eine verhältnismäßig geringe Summe. Er zog das Doppelte an Geldscheinen aus der Tasche und legte sie auf den Tisch.

 

Als er an diesem Morgen nach nur zwei- oder dreistündigem Schlaf in sein Büro kam, fand er eine Schar von Zeitungsberichterstattern, die auf ihn warteten. Wilbur Smith hatte seine eigenen Methoden mit der Presse, die sich in den meisten Fällen als gerechtfertigt erwiesen hatten.

 

»Ja, Jungens«, sagte er, »es entspricht vollkommen den Tatsachen, daß Mr. Alwin verschwunden ist. Soviel ich weiß, ist er seit gestern abend nicht mehr gesehen worden. Es steckt ein großes Geheimnis hinter der Sache, und ich habe bereits einen Anhaltspunkt.«

 

»Besteht irgendwelche Verbindung zwischen diesem Verbrechen und der Ermordung von Higgins?« fragte einer der Anwesenden.

 

Wilbur nickte.

 

»Ich weiß nicht, wie die Geschichte herausgekommen ist, aber Sie sind auf dem richtigen Weg, wenn Sie das vermuten. Alwin ist ein sehr guter Freund von mir, und Sie können versichert sein, daß ich nicht eher ruhen werde, als bis man ihn aufgefunden und auch den Täter dingfest gemacht hat. Damit Sie nun nicht alles durcheinanderbringen und nachher widerrufen müssen, will ich Ihnen erzählen, was passiert ist.«

 

Er berichtete alles, was er mit Alwin erlebt hatte, wie er ihn im Theater abgeholt und mit ihm zusammen zu Abend gespeist hatte, wie Alwin zum Telefonieren gehen wollte und nicht mehr wiederkam. Von den sonderbaren Banknoten und dem goldenen Hades erwähnte er jedoch keine Silbe.

 

Das hielt er vorläufig für besser. Später konnte er der Presse immer noch davon Mitteilung machen, wenn es sich lohnte. Im Augenblick wollte er die geheimnisvollen Täter nicht warnen. Wenn sie erfuhren, daß er bereits auf der richtigen Spur war, konnten sie ihre Gegenmaßnahmen nur um so leichter treffen.

 

Aber er mußte seine Ansicht darüber ändern, denn plötzlich stellte einer der Presseleute in der hintersten Reihe eine Frage.

 

»Nun, wie steht es mit dem goldenen Hades, Smith?«

 

Wilbur sah auf.

 

»Wer hat das gefragt?« erwiderte er scharf.

 

Der Mann trat vor.

 

»Wir erhielten heute morgen diesen Brief ins Büro gesandt«, erklärte er und legte ein Schreiben auf den Tisch. Wilbur öffnete es. Sowohl der Umschlag als auch der Bogen waren aus bestem, schwerstem Büttenpapier hergestellt. Auf dem Blatt standen aber nur ein paar Worte, mit Schreibmaschine geschrieben:

 

»Warnen Sie Wilbur Smith. Wenn er seinen Freund retten will, darf er keine weiteren Nachforschungen über den goldenen Hades anstellen.«

 

Wilbur las die Zeilen mehrmals durch.

 

»Wann haben Sie denn den Brief erhalten?«

 

»Etwa eine halbe Stunde, bevor ich das Büro verließ. Er wurde dem Lokalredakteur als Rohrpostbrief zugesandt. Nachdem der die Sache gelesen hatte, erhielt ich das Schreiben, um es Ihnen zu geben. Was für eine Bewandtnis hat es denn nun mit dem goldenen Hades?«

 

Wilbur lächelte.

 

»Das möchte ich selbst auch sehr gern wissen, mein Junge. Bis jetzt tappe ich noch vollkommen im dunkeln. Ich werde den Brief an mich nehmen, wenn Sie nichts dagegen haben.«

 

»Aber das ist doch nicht das erste Mal, daß Sie etwas vom goldenen Hades gehört haben?« fragte der Berichterstatter hartnäckig weiter. »Wenn Sie auch nicht über alles unterrichtet sind, können Sie uns doch wenigstens das sagen, was Sie wissen, Mr. Smith.«

 

Wilbur sah dem jungen Mann offen in die Augen.

 

»Das wäre genau das, was die Verbrecher herausfinden wollen, und deshalb werde ich Ihnen gerade das nicht sagen. Der Brief wurde ja nur zu dem Zweck an Ihre Redaktion geschickt. Vielleicht lebt Alwin noch; sie haben ihn entführt und wollen ein Lösegeld für ihn herausschlagen. Es ist möglich, daß sie ihn umbringen, wenn ich die Sache weiterverfolge. Aber darauf können Sie wetten, die Verbrecher haben den Brief nur an die Redaktion geschickt, damit Sie auf diese Spur gebracht werden und versuchen, alles was ich vom goldenen Hades weiß, aus mir herauszuholen, um es dann in Ihrer Zeitung zu veröffentlichen. – Aber auf den Leim gehe ich nicht.«

 

Er entließ die Presseleute und ging ins Nebenzimmer. Sein Vorgesetzter, der grauhaarige Mr. Flint, hörte seinen Bericht an, ohne ihn zu unterbrechen.

 

»Das hört sich an wie ein spannender Kriminalroman«, sagte der Chef, als Wilbur geendet hatte. »Es ist sicher etwas ganz Außergewöhnliches.«

 

»Ja«, gab Wilbur Smith zu. »So etwas haben wir noch nicht erlebt. Im Vergleich dazu ist die Sache mit der ›Schwarzen Hand‹ ein Kinderspiel und ein Mord im Chinesenviertel eine Kleinigkeit.«

 

Der Chef rieb sich das Kinn.

 

»Wissen Sie, was ich an Ihrer Stelle täte? Ich würde Peter Corelly mit der Aufklärung des Falles betrauen.«

 

»Peter Corelly!« sagte Smith schnell. »Ja, da haben Sie recht. An den habe ich im Augenblick nicht gedacht. Ich werde ihm telefonisch mitteilen, daß er mich in meinem Büro aufsuchen soll.«

 

»Wo ist das Geld?« fragte der Chef.

 

»In meinem Safe. Ich werde es herbringen und Ihnen zeigen.«

 

Einige Minuten später hielt Flint den dicken Stoß Banknoten in der Hand und betrachtete ihn genau.

 

»Zuerst müssen Sie natürlich herausbringen, wie das Geld überhaupt ins Theater kam. Mit dem Requisitenverwalter haben Sie ja schon gesprochen, wie Sie vorher berichteten.«

 

»Ja. Ich muß nun noch den Händler auskundschaften, von dem er die Scheine erhalten haben will. Vielleicht fallt dann neues Licht auf die Sache. Ich werde die Banknoten auch zur Staatsbank mitnehmen und sie dort prüfen lassen«, erklärte er und steckte sie wieder in die Tasche. »Auf jeden Fall kann ich dort erfahren, an welche Bank das Schatzamt die Noten ausgegeben hat. Wenn wir erst einmal so weit sind, werde ich sicher auch herausfinden, warum das Geld so sonderbar gestempelt ist und warum jeder, der das Geld in der Tasche hat, soviel Unannehmlichkeiten ausgesetzt ist.«

 

Er ging in sein Büro zurück, um sich telefonisch mit Corelly in Verbindung zu setzen, dann verließ er das Polizeipräsidium. Der Beamte, der den Dienst an der Tür versah, beobachtete, wie Wilbur ein Taxi anrief und fortfuhr. Drei Stunden später wurde der Detektiv anscheinend tot in einer leeren Wohnung in der Nähe der Jamaica Street aufgefunden. Nachdem er zum Hospital gebracht worden war, durchsuchte Peter Corelly Wilburs Kleider, aber die Banknoten waren verschwunden.

 

Kapitel 5

 

5

 

Peter Corelly kam von seinem Besuch im Hospital zurück.

 

»Ein Schuß durch die rechte Schulter, beide Beine gebrochen, außerdem Schädelbruch, Gehirnerschütterung und einige wunde Stellen am Körper«, berichtete er dem Chef. »Die anderen Verwundungen sind nicht so wichtig. Die Schulterverletzung wird hoffentlich glatt heilen. Der Arzt hat nur wegen des Schädelbruchs Sorge. Man kann Wilbur Smith noch nicht genauer untersuchen, aber sein Zustand scheint sehr ernst zu sein.«

 

»Hat er denn das Bewußtsein wiedererlangt?« fragte Flint und spielte nervös mit dem Füllfederhalter. Peter Corelly nickte.

 

Der Detektiv war groß und machte einen melancholischen, fast mürrischen Eindruck. Er ging etwas gebeugt, und seine hagere Gestalt täuschte die meisten Leute, so daß man ihn für schwach und kränklich hielt, aber er war weder das eine noch das andere. Er sah immer übermüdet und schläfrig aus – diesen Eindruck rief er mit Absicht hervor, damit andere Leute sich sicher vor ihm fühlten.

 

Er hatte schon viel erreicht; vor allem hatte er seine Schlagfertigkeit und seinen scharfen Verstand gezeigt, als er Madame Recamier verhaftete und ihre Schuld nachwies. Bei dieser großen Skandalaffäre waren verschiedene führende Persönlichkeiten der Gesellschaft entlarvt worden. Corelly hatte aber auch andere wichtige Kriminalfälle aufgeklärt. Zum Beispiel hatte er Eddie Polsoo achttausend Meilen weit verfolgt, nachdem dieser mit Mrs. Stethmans Vermögen durchgebrannt war. Und Eddie hatte erfahren, was hinter der scheinbaren Lethargie Corellys steckte.

 

»Ich habe Ihnen jetzt alles erzählt, was ich von der Geschichte weiß, Corelly«, sagte der Chef, »und Sie wissen ebensoviel wie Smith selbst. Es ist nun äußerst wichtig, daß die Bande entdeckt und bestraft wird. Die Polizei ist selbst angegriffen worden, indem man einen ihrer besten Beamten überfiel. Und das obendrein am hellen Tage! Aus diesen Tatsachen können wir schließen, daß es sich um eine sehr große Organisation handelt, die jedenfalls stärker und gefährlicher ist, als der arme Wilbur Smith selbst annahm.«

 

Peter nickte.

 

»Dann muß ich die Sache eben in die Hand nehmen. Das ist doch wohl der Sinn Ihrer Darlegungen.«

 

Flint sah ihn scharf an.

 

»Sie tun so, als ob Ihnen das unangenehm wäre. Ich verstehe Sie nicht«, erwiderte der Chef bitter. »Sie haben ja früher studiert, so daß Sie sich auch einem anderen Beruf hätten zuwenden können. Aber nachdem Sie nun einmal bei uns sind, dachte ich doch, daß Sie sich für die Arbeit sehr interessieren würden!«

 

Peter unterdrückte allem Anschein nach ein heftiges Gähnen.

 

»Ja, ich bin bei der Geheimpolizei aus dem einfachen Grund, weil ich dadurch meinen Lebensunterhalt verdiene. Das ist die ganze Erklärung. Es ist nicht gerade angenehm, wenn man seine Nase in anderer Leute Angelegenheiten stecken soll, und ich kann nicht sagen, daß mich die ganze Sache sehr begeistert. Ich habe mir ja schon gedacht, daß ich diesen Fall übernehmen muß … Bis Smith wieder soweit gesund ist, daß er auf der Bildfläche erscheinen kann, wird es immerhin ein paar Wochen dauern – das heißt, wenn er überhaupt wieder gesund wird«, fügte er düster hinzu.

 

»Seien Sie doch nicht so ein Pessimist«, entgegnete der Vorgesetzte fast ärgerlich. »Und machen Sie sich jetzt an die Arbeit!«

 

Peter Corelly ging in das Büro von Wilbur Smith, wo er sich den bequemsten Sessel aussuchte. Dort machte er es sich gemütlich und fiel sofort in Schlaf. Drei Beamte kamen herein, sahen ihn und schlichen auf Zehenspitzen wieder hinaus. Als aber Flint selbst zufällig den Raum betrat, wurde er ärgerlich, packte Corelly an der Schulter und rüttelte ihn wach.

 

»Sagen Sie, was hat das zu bedeuten?« fragte der Chef streng. »Sie treiben Ihre Gleichgültigkeit doch ein wenig zu weit, ich dachte, Sie hätten sich sofort aufgemacht, um die Mörder Ihres Kollegen zu verfolgen.«

 

Peter blinzelte ihn an, und dann streckte er sich.

 

»Sie haben vollkommen recht«, entgegnete er ruhig, »aber ich habe die letzten drei Nächte überhaupt nicht geschlafen, weil ich mich bereits mit der Sache befasse. Man kann also wohl annehmen, daß ich etwas müde bin.«

 

»Wie kommen Sie denn dazu, sich mit der Aufklärung des Falles zu beschäftigen, bevor Sie den Auftrag dazu haben?« fragte Flint erstaunt. »Ich habe Ihnen doch erst heute die näheren Umstände erzählt.«

 

»Ich verfolge die Geschichte schon über eine Woche«, entgegnete Peter gähnend. »Wenn ich nicht so furchtbar schläfrig gewesen wäre, hätte ich vielleicht Smith noch warnen können. Auf jeden Fall« – er sah nach der Uhr – »passiert in der nächsten Viertelstunde noch nichts. Aber dann habe ich eine Zusammenkunft verabredet.«

 

Flint schloß die Bürotür.

 

»Jetzt sagen Sie mir alles, was Sie von dem Fall wissen.«

 

»Das ist nicht gerade sehr viel«, gestand Peter und schüttelte traurig den Kopf. »Sie sehen, ich habe die Sache von einer anderen Seite aus angepackt als Smith. Ich habe auch die Geldscheine gesehen, die den Stempel des goldenen Hades auf der Rückseite tragen. Die Sache begann etwa vor sechs Monaten. Damals war ich hinter Tony Meppelli her, der bei einem Frühstück einem anderen Desperado einen Dolch zwischen die Rippen jagte und dann verschwand. Um meine Nachforschungen durchführen zu können, war es wichtig, in einer ärmlichen Gegend der Stadt zu wohnen. Ich mietete mir also ein Zimmer. Bei derselben Frau wohnte auch ein Mädchen, die in einer Fabrik arbeitete; schön war sie nicht, ebensowenig interessant, aber man konnte sich auf sie verlassen. Außerdem hatte sie eine optimistische Lebensanschauung, und wenn es überhaupt etwas gibt, was das Leben lebenswert machen kann …«

 

»Hören Sie bloß mit Ihren philosophischen Erörterungen auf«, erwiderte der Chef ärgerlich, »und kommen Sie endlich zu Tatsachen.«

 

»Das junge Mädchen hieß Madison. Ob der Madison Square nach ihr benannt ist oder umgekehrt, konnte ich nicht herausbekommen. Sie ging eines Abends zur Versammlung einer frommen Gemeinschaft, der sie angehört, aber kaum war sie ein paar Schritte von dem Haus entfernt, als sich ein Mann an sie wandte. Er schien plötzlich aus der Dunkelheit aufzutauchen. Natürlich war sie daran gewöhnt, daß die Männer sie ansprachen, aber sie machte sich weiter nichts daraus. Sie wollte ihm gerade ein paar unfreundliche Worte sagen, als er ihr ein großes Paket in die Hand drückte.

 

›Mögen die Götter Glück bringen!‹ sagte er leise zu ihr und verschwand wieder in der Dunkelheit. Sie hat sein Gesicht nicht gesehen, aber als ich sie ausfragte, erklärte sie, daß es sich um einen gebildeten Mann handeln müsse. Zufällig kam ich die Treppe herunter, als sie in ihre Wohnung zurückkehrte, und sie erzählte mir damals alles ziemlich genau. Zuerst glaubte ich, man hätte ihr einen Ziegelstein oder eine Bombe in die Hand gedrückt und gab ihr den guten Rat, das Päckchen in mein Zimmer oder vielmehr in mein Atelier zu tragen. Ich spielte dort die Rolle eines armen, aber begabten jungen Malers. Als ich das Packpapier entfernt hatte, entdeckte ich zu meinem Erstaunen, daß vier dicke Stöße Banknoten darin enthalten waren. Jedes Bündel enthielt dreißigtausend Dollar.

 

Wir sahen uns erstaunt an, dann betrachteten wir verblüfft die Scheine auf dem Tisch.

 

Als ich sie genauer prüfte, bemerkte ich, daß ein Stempel auf die Rückseite gedruckt war. Er stellte eine Art Götzenbild dar, und die Druckfarbe war später mit Goldbronze eingestäubt worden. Ich sah aber gleich, daß es jemand gemacht haben mußte, der von den Dingen nichts verstand, denn die Umrißlinien waren nicht scharf.«

 

»War es tatsächlich echtes Geld?«

 

»Daran war nicht zu zweifeln. Ich bekomme nicht viel Geld in die Finger, aber ich verstehe doch, echtes von falschem zu unterscheiden. Das junge Mädchen war außer sich vor Freude. Sie gehörte zu den einfachen Gemütern, die noch an Wunder glauben. Und nun zeigte sich, daß sie im stillen einen großen Plan gefaßt hatte. Sie wollte ein großes Haus für junge Mädchen bauen, die ihren Lebensunterhalt durch Arbeit verdienen müssen. Ja, auch der Optimismus solcher einfachen Gemüter ist an sich …«

 

»Fangen Sie nur nicht wieder an, dummes Zeug zu faseln. Erzählen Sie Ihre Geschichte weiter«, brummte Flint.

 

»Sie war fest davon überzeugt, daß ihr diese Gabe vom Himmel zugesandt worden sei, und besprach mit mir schon wichtige Fragen, zum Beispiel, ob die Schlafzimmer weiß gestrichen werden sollten, oder ob sie hellblau hübscher wären. Auf jeden Fall brachte sie das Geld in ihr Zimmer, und ich ging auf die Straße. Ich war sehr überrascht und erstaunt und nahm mir vor, an diesem Abend früh nach Haus zu gehen. Aber ich kam auf die Spur Tony Meppellis. Er hatte ziemlich viel Feuerwasser getrunken und war in großer Fahrt. Ich habe schon häufiger beobachtet, daß die Leute, wenn sie trinken …«

 

»Darauf kommt es jetzt nicht an. Sie sollen mir die Geschichte weitererzählen.«

 

»Also, es gelang mir damals, Tony zu verhaften und in eine Zelle einzuliefern«, erklärte Peter, der sich nicht so leicht einschüchtern ließ. »Und als ich meine Aufgabe gelöst hatte, kehrte ich zu meiner Wohnung zurück und packte meine Sachen. Ich wollte ausziehen, aber die Nacht noch bequem und in aller Ruhe schlafen.

 

Es war nahezu ein Uhr, als ich zu meiner Pension zurückkam. Zu meinem Erstaunen sah ich, daß noch Licht in dem Wohnzimmer der Wirtin brannte. Das war mir sehr recht, denn ich mußte doch vor allem meine Rechnung bezahlen. Als ich die Tür öffnete, sah ich das junge Madchen. Sie hatte auf mich gewartet und erzählte mir nun eine sonderbare Geschichte. Ich hatte kaum das Haus verlassen, als ein Auto vor der Tür hielt. Ein älterer Mann stieg aus, der eine schwarze Tasche trug. Er gab sich als Generaldirektor der Nationalbank aus und sagte ihr, daß er durch den Herrn aus dem Schlaf geweckt worden sei, der ihr das Geld gegeben hätte. Der Wohltäter fürchtete, daß sie es verlieren würde, und deshalb habe er ihn geschickt, um das Geld zur Bank zu bringen. Er stellte ihr eine Quittung aus.

 

Sie zeigte mir ein vorgedrucktes Formular der Bank. Soweit war die Sache in Ordnung; das Papier war auch mit dem Namen des Generaldirektors der Nationalbank unterschrieben. Die Quittung lautete auf hundertzwanzigtausend Dollar.«

 

Peter machte eine Pause.

 

»Und was geschah weiter?« drängte Flint.

 

»Das war das letzte, was ich von dem Geld gehört habe. Auch den Direktor der Nationalbank hat sie nie wieder gesehen.«

 

»Natürlich war es gar nicht der Direktor«, erwiderte Flint und lächelte.

 

»Das konnte man sich ja von vornherein denken.«

 

»Das ist alles sehr sonderbar. Ich verstehe nicht, warum man ihr zuerst das Geld gibt und es ihr später wieder abnimmt. Haben Sie schon eine Lösung gefunden?«

 

»Ich stelle niemals Theorien auf«, entgegnete Peter. »Dadurch werde ich nur in der Arbeit behindert. Es genügt mir, wenn ich ein paar Tatsachen habe. Und als ich vor etwa einer Woche erfuhr …«

 

Plötzlich hielt er inne und fragte unvermittelt:

 

»Kennen Sie eigentlich einen gewissen Fatty Storr?«

 

Der Chef nickte.

 

»Ja. Fatty ist Engländer. Ziemlich groß, sieht aber ungesund aus, noch viel schlimmer als Sie selbst. Wir kennen ihn sehr gut – bringt gefälschtes Geld unter die Leute. In der letzten Zeit habe ich ihn nicht mehr gesehen. Die Leute nennen ihn Fatty, weil er so mager ist!«

 

»Man hat ihn in letzter Zeit nicht gesehen, weil er große Schwierigkeiten hat. Vor ein paar Wochen wurde er auf der Straße beobachtet. Er war sehr gut gekleidet, und daraus ging unzweifelhaft hervor, daß er wieder geschäftlich tätig ist. Man sah, wie er vor einem großen Geschäft stand. Er zog eine Banknote aus der Hüfttasche, faltete sie zusammen und steckte sie gleichgültig in die Westentasche. Er wurde beobachtet –«

 

»Wer hat ihn denn gesehen?« fragte Flint schnell.

 

»Ich habe ihn gesehen«, entgegnete Peter ruhig, »denn ich beschattete ihn, und das ist natürlich die sicherste Art …«

 

»Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?«

 

»Also, er ging in das Geschäft, machte einen kleinen Einkauf und gab dem Kassierer einen Hundertdollarschein. Es mag sein, daß es einige Zeit dauerte, bis die Banknote gewechselt werden konnte. Vielleicht hat Fatty aber auch irgendeine Bewegung unter den Angestellten falsch aufgefaßt. Jedenfalls verließ er den Laden in großer Eile und ging fort. Als er sich umwandte, sah er aber mich und hörte auf zu gehen.«

 

»Wartete er auf Sie?« fragte Flint.

 

Peter schüttelte den Kopf.

 

»Wenn ich sage, er hörte auf zu gehen, dann meine ich doch, daß er anfing zu laufen. Und das versteht Fatty glänzend. Nach kurzer Zeit verlor ich ihn in einem Labyrinth von kleinen Straßen und Gassen, aber später sah ich ihn wieder. Er sagte, daß er mit einem echten Geldschein gezahlt hätte, und ich brachte ihn zu dem Geschäft zurück.

 

Zuerst wollte er nicht hineingehen, aber schließlich redete ich ihm gut zu. Wir sprachen mit dem Geschäftsführer. Fattys Schein war bei der Kasse angenommen worden, und ich ließ ihn mir zeigen. Als ich die Note umwandte, sah ich auf der Rückseite den goldenen Hades.

 

›Das ist ja der Mann‹, sagte der Geschäftsführer. ›Er ist fortgegangen, ohne auf das Wechselgeld zu warten. Hat er den Schein gestohlen?‹

 

›Ist er gefälscht?‹ erkundigte ich mich.

 

Das wurde vom Geschäftsführer verneint. ›Es kommt ja nicht häufig vor, daß bei uns mit einer Hundertdollarnote bezahlt wird; aber wir haben unsere Methoden, Banknoten zu prüfen. Der Schein ist echt.‹«

 

»Aber das wird ja immer verwirrter und unheimlicher«, sagte Flint verzweifelt. »Wie erklären Sie sich denn die ganze Sache?«

 

»Das kann ich im Augenblick noch nicht sagen, das will ich ja erst noch herausbringen. Am meisten erstaunt war Fatty selbst. Er wäre beinahe ohnmächtig geworden, als er erfuhr, daß er echtes Geld unter die Leute gebracht hatte. Ich nahm ihn zur Polizeistation mit, aber unterwegs verlor er die Fassung und fing an, zu weinen und zu heulen wegen der vielen hunderttausend Dollar, die er einem kleinen Jungen gegeben hatte.«

 

»Dann haben Sie sich also schon länger mit der Sache beschäftigt?« fragte Flint erstaunt.

 

»Ja, nun haben Sie es richtig erfaßt. Daß Fatty nichts weiter sagen wollte, ist wohl selbstverständlich, aber er verlangte dringend, entlassen zu werden. Er wollte den Jungen suchen, dem er die vielen Banknoten gegeben hatte. Als er sah, daß ich ihn verfolgte, glaubte er, daß es sich um falsches Geld handelte. Ich wollte ihn heute hierher ins Präsidium bringen, damit Wilbur Smith ihn verhören könnte. Ich glaube auch, daß die Beamten von der Polizeistation ihn inzwischen hier abgeliefert haben.«

 

»Dann sehen Sie einmal nach, wo er jetzt steckt. Und wenn er hier sein sollte, bringen Sie ihn zu mir.«

 

Peter nickte und ging zu der Zelle, in die man Fatty gebracht hatte.

 

Fatty sah verwahrlost aus; die Tage der Haft hatten ihn schwer mitgenommen.

 

Der Mann hatte eine niedrige Stirn und trug das graue Haar zurückgebürstet. Er saß auf einem Stuhl, aber zu beiden Seiten stand ein Polizeibeamter. Als Peter erschien, sah Fatty ihn düster an.

 

»Sie haben mich jetzt lange genug gefangengehalten. Dazu haben Sie überhaupt kein Recht. Ich bin englischer Untertan und ich werde mich beim englischen Gesandten über die Art und Weise beschweren, wie Sie mich behandelt haben, Sie gemeiner Schuft!«

 

»Aber Fatty«, erwiderte Peter vorwurfsvoll, »können Sie sich denn nicht einmal anständig benehmen? Kommen Sie mit, der Chef will Sie sprechen. Dem können Sie alles erzählen. Der ist auch eher geneigt, Sie milder zu behandeln als ich, denn der hat eine Familie und Kinder.«

 

Fatty machte ein böses Gesicht, folgte aber schließlich den Wärtern, die ihn zu Flints Büro brachten.

 

»Hier ist der Kerl«, sagte Peter.

 

Flint nickte dem Gefangenen zu. Er kannte ihn schon seit vielen Jahren.

 

»Beobachten Sie doch die unzulängliche Entwicklung der Stirn, die Verlagerung der Schläfen und die allgemeine Form des Wasserkopfes …«

 

»Die Vorlesung über Anthropologie können Sie später halten, wenn ich nicht dabei bin«, versetzte Flint. »Also, mein Junge, jetzt wollen wir uns mal ein wenig unterhaken. Wir haben Sie mit dem Geld geschnappt, das Sie gestohlen haben …«

 

»Was wollen Sie?« unterbrach ihn der Gefangene heftig. »Was für gestohlene Sachen hatte ich denn? Das Geld, das ich bei mir hatte, war vollkommen echt, Sie können mir nichts anhaben, weil ich echtes Geld ausgegeben habe.«

 

»Deshalb machen wir Ihnen keinen Vorwurf. Aber wir können Sie verhaften, weil Sie im Besitz einer großen Geldsumme waren. Es kommt nicht darauf an, ob es sich um echte oder gefälschte Banknoten handelt, sondern darauf, daß Sie vermutlich nicht auf ehrliche Weise in den Besitz dieser Summe gekommen sind.«

 

»Wir kennen Sie nur zu genau«, fügte Peter hinzu, »und wir wissen, daß Sie nicht imstande sind, Geld im Schweiße Ihres Angesichts zu erarbeiten. Sie schwitzen höchstens, wenn Sie davonlaufen.«

 

»Also, Fatty, erzählen Sie schon alles, was Sie wissen. Sonst werden Sie noch wegen Mordes angeklagt.«

 

»Ich habe niemand ermordet«, erwiderte der andere erschreckt.

 

»Ja, das können Sie leicht sagen, aber an dem Geld, das Sie in der Tasche hatten, klebt Blut.«

 

»Das wollen Sie mir nur weismachen«, entgegnete der Gefangene ungeduldig.

 

»Nein, durchaus nicht. Der Chef spricht ganz offen mit Ihnen. Soviel wir bis jetzt herausbekommen haben, handelt es sich um zwei, vielleicht auch um mehr Morde, die mit diesem Geld in Zusammenhang stehen. Aber das wußte ich noch nicht, als ich Sie verhaftete. Also machen Sie weiter keinen Unsinn, und sagen Sie alles, was Sie wissen. Ich möchte Ihnen von vornherein erklären, daß wir die Mitteilungen haben müssen, ganz gleich, ob Sie wollen oder nicht. Sie sind doch ein vernünftiger Mann und wissen ganz genau, daß weder der Chef noch ich Ihnen etwas vormachen wegen der Morde.«

 

»Was wollen Sie denn wissen?« fragte der Gefangene, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte.

 

»Vor allem sagen Sie uns, wie Sie in den Besitz des Geldes gekommen sind und was passierte, als ich hinter Ihnen her war?«

 

Fatty sah die beiden Beamten argwöhnisch von der Seite an. Er hatte seine Erfahrungen mit der Polizei und war ziemlich schlau und gerissen.

 

»Nun gut, ich werde Ihnen alles sagen, was ich weiß, aber ich verpfeife niemand – das heißt niemand, der ähnliche Geschäfte betreibt wie ich.«

 

Der Chef nickte.

 

»Sie brauchen nicht zu fürchten, daß ich Sie frage, woher Sie Ihr Falschgeld beziehen.«

 

»Gut, dann ist die Sache in Ordnung«, erwiderte der Mann erleichtert. »Ich bekomme mein Geld von einem bestimmten Mann. Wir treffen uns an einer verabredeten Stelle, und er gibt mir die Banknoten zusammengebündelt. In jedem Paket sind zweihundert Scheine. Wenn ich Geld brauche, schicke ich ihm einen Brief, dann trifft er mich nachts in einem abgelegenen Vorort von New York an einer Stelle, wo nicht viele Polizisten Wache halten und wo ich unbekannt bin. Ich muß Ihnen das noch genauer erklären, sonst hat die ganze Geschichte, die ich berichten kann, keinen Wert. Vor etwa einer Woche habe ich dem betreffenden Mann geschrieben, einen Tag vor meiner Festnahme.

 

Der Geschäftsgang, der sich im Laufe der Jahre herausgebildet hat, ist folgender:

 

Ich schicke ihm echtes Geld, er kommt dann an den Treffpunkt und gibt mir das gefälschte. Manchmal machen wir es auch anders. Wenn jemand von der Polizei in der Nähe ist, gehen wir die Straße weiter, und zwar immer in nördlicher Richtung, dann können wir uns beide später immer wieder finden.

 

Ais ich nun letzthin zu der Stelle kam, wo ich meinen Geschäftsfreund treffen wollte, stand dort ein Polizist. Verabredungsgemäß ging ich weiter nach Norden zu. Ich bin etwa eine Meile gegangen, aber ich konnte nichts sehen. Ich habe den Eindruck, daß wir uns nicht getroffen haben, weil zuviel Leute auf der Straße waren. Schließlich kam ich zu einer ziemlich einsamen Stelle und ging an einer hohen, glatten Mauer entlang. Dort blieb ich stehen. Ich dachte, daß mein Freund wahrscheinlich hinter mir herkäme. Ich wartete ungefähr fünf Minuten und hielt scharf Ausschau nach der Polizei. Plötzlich hörte ich auf der anderen Seite der Mauer ein Geräusch, als ob die Sehne eines Bogens losgelassen würde, dann fiel etwas zu meinen Füßen nieder.«

 

Er machte eine eindrucksvolle Pause.

 

»Was war es denn?« fragte Peter Corelly.

 

»Ein Pfeil, und zwar ein kurzer, stumpfer Pfeil, wie man sie im Völkerkundemuseum findet. Ich hob ihn auf und sah, das ein kleines Päckchen daran festgebunden war. Kurz entschlossen riß ich die Schnur ab und ging zur nächsten Lampe, um zu sehen, was das Paket enthielt – ich fand das Geld darin.«

 

»War sonst nichts in dem Päckchen enthalten?«

 

Fatty schüttelte den Kopf.

 

»Ich dachte bestimmt, daß es das Falschgeld wäre, das mir mein Freund über die Mauer herüber zugeworfen hätte, ging also geradeaus weiter, bog um eine Ecke und sah, wie zwei Männer aufeinander einschlugen.«

 

»Jetzt kommt ein interessanter Teil«, sagte Peter nachdrücklich. »Ich vermutete schon, daß Sie die beiden treffen würden, die miteinander kämpften.«

 

»Ich wollte vor allem nicht in Händel verwickelt werden und ging daher auf die andere Straßenseite.«

 

»Wie der Pharisäer in der Bibel«, murmelte Peter.

 

»Unterbrechen Sie ihn nicht dauernd, Corelly«. entgegnete der Chef. »Fatty, fahren Sie fort.«

 

»Dann hörte ich, wie mein Name gerufen wurde, und wer war es wohl, der mich rief?«

 

»Ihr Freund, der Ihnen das Falschgeld bringen wollte«, erklärte Peter. »Ich kenne ihn. Es ist ein gewisser Cathcart.«

 

Fatty sah ihn furchtsam und erschrocken an.

 

»Machen Sie sich weiter keine Sorgen, ich weiß, daß es Cathcart war, weil er am nächsten Morgen halbtot von der Polizei an der Grenze von Jersey City gefunden wurde. Wie er dorthin gekommen ist, wissen die Kerle, die ihn niedergeschlagen haben, am besten. Nun, was haben Sie dann getan?«

 

»Ich machte, daß ich verschwand«, sagte Fatty kurz. »Ich war jedenfalls nicht daran beteiligt, ich wollte damit nichts zu tun haben.«

 

»Also, dann wäre die Sache erledigt«, meinte der Chef. »Was haben Sie mit dem Geld gemacht?«

 

»Ich gab es einem Jungen, als ich vor Mr. Corelly fortlief. Ich sage Ihnen die reine Wahrheit. Als ich die Straße entlangeilte, überholte ich ihn. Er trug eine große Tasche an einem Riemen über die Schulter; sie sah aus wie ein Postsack, in dem die Briefe aus den Kisten abgeholt werden. Ich stopfte ihm das Bündel Banknoten in die Tasche und sagte, er solle es zu seinem Vater bringen. Und wenn ich diese Minute tot umfallen soll, das ist die Wahrheit.«

 

»Würden Sie den Jungen wiedererkennen?«

 

»Selbstverständlich«, erwiderte Fatty verächtlich. »Glauben Sie denn, ich laufe mit geschlossenen Augen herum?«

 

Flint sah zu Peter hinüber.

 

»Nun, Corelly, was halten Sie von der Sache? Glauben Sie die Geschichte?«

 

Peter nickte.

 

»Ja, meiner Meinung nach ist das wirklich alles passiert. Aber ich warne Sie, Fatty, Sie sind in großer Gefahr. Wenn Sie ohne polizeilichen Schutz in New York herumlaufen, werden Sie wahrscheinlich ermordet werden.«

 

Fatty sah ihn bestürzt und verängstigt an.

 

»Sie wollen mir nur Angst machen«, protestierte er.

 

Peter schüttelte den Kopf, ging zur Tür, öffnete sie und rief den Polizisten, der den Mann von der Wache zum Polizeipräsidium gebracht hatte.

 

»Bringen Sie ihn zur Wache zurück und entlassen Sie ihn, wann er es will. Vielleicht ist es besser, wenn Sie bis zum Einbruch der Dunkelheit warten. Ich gebe Ihnen den Rat, Fatty, New York so schnell wie möglich zu verlassen.«

 

Fatty sah den Detektiv an und lächelte dann.

 

»Ich weiß schon, was Sie wollen«, entgegnete er ironisch. »Aber ich bleibe so lange in New York, bis ich die hundert Dollar zurückbekomme.«

 

»Das ist die größte Dummheit, die Sie machen können«, sagte Peter und schloß die Tür hinter ihm.

 

»Was werden Sie nun unternehmen?« fragte der Chef.

 

»Ich warte auf die nächsten Ereignisse. Es wird sehr bald etwas passieren. Die Sache ist noch lange nicht zu Ende, und –«

 

Telefonklingeln unterbrach ihn. Flint nahm den Hörer ab.

 

»Wer ist da?« fragte er und runzelte die Stirn. Dann hörte er einige Zeit zu, was von der anderen Seite gesagt wurde. »Wann war das …? Wo …? Hat denn der Geschäftsführer Sie nicht erkannt? Ich werde einen Beamten schicken, der die Sache in Ordnung bringt.«

 

Er legte den Hörer auf und sah zu Peter hinüber.

 

»Kennen Sie Miss Jose Bertram?«

 

»Sie meinen die Tochter des großen Bankiers?« fragte Peter. »Ja, die kenne ich, soweit es einem gewöhnlichen Menschen vergönnt ist, ein Mitglied der oberen Vierhundert zu kennen. Aber warum fragen Sie danach?«

 

»Sie wurde im Augenblick von dem Privatdetektiv der Firma Rhyburn verhaftet.«

 

»Wie kommen denn die Idioten darauf, sie zu verhaften?« erwiderte Peter erstaunt. »Man ist doch nicht so dumm, die Tochter des reichen Bertram zu verhaften! Was soll sie denn getan haben?«

 

»Sie soll versucht haben, eine gefälschte Hundertdollarnote zu wechseln.«

 

Kapitel 6

 

6

 

Als Peter Corelly zu der Firma Rhyburn kam, wurde er sofort zu der Verhafteten geführt. Sie war aufs höchste empört und äußerte das auch in nicht mißzuverstehenden Worten. Aufregung macht manche Frauen häßlich, aber bei Miss Bertram war gerade das Gegenteil der Fall. Peter Corelly hielt den Hut in der Hand und sah sie erstaunt an.

 

Wie gewöhnlich ließ er die Schultern hängen und stand vornübergebeugt. Sie sah seinen müden Blick und hörte seine melancholische Stimme.

 

»Der Polizeipräsident bedauert unendlich, Miss Bertram, daß Sie diese unangenehme Erfahrung gemacht haben. Er hat mich hergeschickt, um die Sache in Ordnung zu bringen.«

 

Sie nickte, preßte die Lippen zusammen und sah ihn feindlich an. Im Augenblick war sie entrüstet über alle Organe des Gesetzes und der öffentlichen Ordnung. Langsam zog sie den Handschuh wieder an, den sie vor ein paar Minuten ebenso langsam ausgezogen hatte.

 

»Es ist empörend, daß ich hier auch nur eine Minute zurückgehalten werde. Das kann natürlich nur in New York passieren und nur auf das Zeugnis eines solchen Menschen hin.«

 

Sie zeigte auf den deprimierten Hausdetektiv der Firma, der ganz zusammengesunken in einer Ecke stand. »Es ist einfach lächerlich, daß so etwas passieren kann!«

 

»Aber meine liebe Miss –« begann Peter.

 

»Ich bin nicht Ihre liebe Miss«, fuhr sie ihn heftig an. »Ich dulde nicht, daß Sie mich so beleidigen. Mein Vater wird bald hiersein, und ich werde sofort zum Polizeipräsidium gehen und mich beschweren.«

 

Peter seufzte, schloß die Augen und sah sehr unglücklich aus. Selbst Miss Bertram, die doch so aufgebracht und erregt war, hätte beinahe lachen müssen.

 

Er wandte sich an den Polizeibeamten, der die Verhaftung durchgeführt hatte.

 

»Sie können die Dame entlassen, sie ist der Polizei bekannt.«

 

Miss Bertram war schon halb beruhigt, aber diese letzten Worte brachten sie wieder in Harnisch.

 

»Wie können Sie sagen, daß ich der Polizei bekannt bin!« rief sie heftig.

 

»Also, hören Sie einmal zu«, entgegnete Peter, dessen Geduld nun auch zu Ende war. »Hier in dieser großen Stadt gibt es Millionen und aber Millionen von Menschen, und nach der Verfassung ist einer so gut wie der andere. Ein solches Mißverständnis kann einmal vorkommen. Sie gehen in einen Laden, in dem man Sie nicht kennt, und wenn Sie dann mit einem gefälschten Geldschein zahlen, werden Sie eben verhaftet. Wer sind Sie denn, daß Sie nicht verhaftet werden sollten, wenn Sie das Gesetz übertreten? Sie wissen doch, vor dem Gesetz sind wir alle gleich. Ich würde keinen Augenblick zögern, den Präsidenten der Vereinigten Staaten zu verhaften, wenn er sich schuldig machte. Aber Sie tun so, Miss Bertram, als ob Sie etwas Besseres wären als andere Leute, als ob für Sie eine Extrapolizei bestünde. Wenn Sie glauben, daß das den amerikanischen Sitten entspricht, dann ist das eben Ihre Privatmeinung. Ich bin gekommen, um Sie freizulassen, ich behandle Sie höflich, und Sie fangen hier an zu schimpfen!«

 

Miss Bertram wußte immer noch nicht, was sie sagen sollte. Da stand nun ein Polizeibeamter vor ihr, hatte die Hände in die Hüften gestemmt, sah sie böse und düster an und hielt ihr eine Strafpredigt! Und dabei war sie doch die Tochter eines großen Geschäftsmannes in New York, eines Multimillionärs, der eine führende Stellung in der Gesellschaft einnahm.

 

Nachdem sie einige Zeit überlegt hatte, antwortete die junge Dame ganz bescheiden und ruhig. Die Umstehenden, die ihr früheres Benehmen miterlebt hatten, sahen sich erstaunt an.

 

»Ich verlange keine andere Behandlung als irgendein anderer Mensch. Es war ein dummer Fehler, den der Geschäftsführer hier gemacht hat. Ich bin früher niemals in dem Geschäft gewesen, und ich wäre auch nicht hierhergekommen, wenn ich nicht meiner Zofe etwas zum Geburtstag schenken wollte. Sie sagte mir, daß ihr ein Kleid so sehr gefallen hätte, das sie hier im Schaufenster sah. Ich verstehe eigentlich nicht, warum Sie mir Vorwürfe machen«, sagte sie, und der letzte Satz klang schon wieder etwas hochfahrend.

 

»Dafür werde ich ja bezahlt, daß ich die Leute in Ordnung halte und zurechtweise«, entgegnete Peter ruhig. »Ich bin da, um die Kinder der Armen zu beschützen und die Übeltäter zu bestrafen. Und dieser Mann hier« – er zeigte auf den nervösen Geschäftsführer – »ist ein Kind der Armen, die ich zu beschützen habe, wenigstens im übertragenen Sinn.«

 

Einen Augenblick sah sie auf den unglücklichen kleinen Herrn, und plötzlich kam ihr die Komik der Situation zum Bewußtsein. Miss Bertram mußte laut lachen.

 

»Sie haben vollkommen recht, ich habe mich von meiner schlechten Stimmung hinreißen lassen – es tut mir leid, daß ich so viel Unannehmlichkeiten verursachte. Hier kommt mein Vater.«

 

Sie ging schnell durch das Zimmer einem älteren Herrn entgegen.

 

George Bertram mochte etwa fünfundfünfzig Jahre alt sein, er hatte einen Spitzbart und war tadellos gekleidet. Sein Gesicht wirkte jugendlich, und vor allem faszinierten seine klugen, wohlwollenden Augen. Er gehörte zu den klügsten Finanzleuten der Weltstadt und dachte von dem Augenblick an, wo er das Geschäftsgebäude der Bank betrat, bis zu dem Augenblick, wo er wieder zu seinem Auto ging, an nichts anderes als an Geldwerte und Spekulationen.

 

»Mein liebes Kind, das ist sicher sehr unangenehm für dich gewesen. Wie war das nur möglich?«

 

»Es war mein eigener Fehler«, erwiderte sie freundlich. »Ich habe mich von meiner Aufregung hinreißen lassen, statt dem Geschäftsführer ruhig zu erklären, wer ich bin.«

 

»Aber was hast du denn eigentlich getan?« fragte er.

 

Als sie es ihm erklärte, sah er sie überrascht an.

 

»Eine gefälschte Banknote …? Aber ich kann mir gar nicht vorstellen, wie du in den Besitz eines solchen Geldscheins kommen könntest«, meinte er ungläubig.

 

»Das Geld habe ich natürlich von deiner Bank abgeholt. Ehe ich zur Stadt fuhr, bin ich dort gewesen und habe für meine Einkäufe Geld abgehoben.«

 

»Ich möchte den Schein einmal sehen.«

 

Der Detektiv zeigte die beschlagnahmte Banknote, und George Bertram prüfte sie sorgfältig.

 

»Ja, das ist tatsächlich eine Fälschung. Hast du noch andere Scheine, die du von der Bank abgeholt hast?«

 

Sie öffnete die Handtasche und nahm noch vier andere Banknoten heraus.

 

»Die anderen sind echt«, erklärte der Bankier, »aber es wäre doch möglich, daß noch weiteres gefälschtes Geld auf der Bank ist. Ich bin erstaunt, daß mein Hauptkassierer Dutton es bei der Auszahlung nicht sofort entdeckt hat. Mein Hauptkassierer ist einer meiner tüchtigsten Beamten. Es ist einfach unglaublich, daß er diesen Schein durchgehen ließ, ohne die Fälschung zu entdecken. Bist du auch ganz sicher, daß du kein anderes Geld in deiner Tasche hattest, als du heute morgen fortgingst?«

 

Sie zögerte einen Augenblick.

 

»Doch, das wäre möglich. Nachdem du darüber sprichst, erinnere ich mich …«

 

Sie zählte das Geld.

 

»Ja, ich hatte noch Geld in meiner Tasche. Es war eine Banknote … Ich müßte mir überlegen, wo ich sie bekommen habe – irgend jemand hat mir einen größeren Schein gewechselt …« Sie zog die Augenbrauen hoch, während sie scharf nachdachte.

 

»Es kommt im Augenblick ja auch gar nicht darauf an, wo Sie das falsche Geld her haben, Miss Bertram«, sagte Peter gutmütig. »Wenn Sie aber imstande sind, darüber genauere Auskunft zu geben, werde ich mich sehr freuen. Auf jeden Fall spreche ich morgen im Laufe des Tages einmal bei Ihnen vor.«

 

Sie lachte, und Peter klang das wie Musik in den Ohren.

 

»Ja, bitte, kommen Sie nur. Dann können Sie mir ja wieder einen Vortrag über die Menschenrechte halten.«

 

»Was für Rechte?« fragte Mr. Bertram erstaunt.

 

»Ach, ich hatte eine kleine Unterhaltung mit Mr. – ich habe Ihren Namen ja noch gar nicht erfahren.«

 

»Ich heiße Peter Corelly. Hier ist meine Karte. Ich komme selten dazu, eine Visitenkarte zu benützen, meistens genügt es, wenn ich die Marke zeige, die mich als Detektiv legitimiert.«

 

»Sie sind ein merkwürdiger Mann«, erwiderte sie, als sie ihm die Hand zum Abschied reichte.

 

Sie interessierte sich für ihn und empfand es unangenehm, daß umgekehrt sein Interesse für sie nicht besonders groß zu sein schien. Sein Beruf und die vornehme Art und Weise, in der er sprach, schienen nicht zusammenzupassen. Er mußte eine gewisse Bildung haben, und vor allem besaß er große Selbstbeherrschung, die sie trotz ihrer impulsiven Art bewunderte.

 

»Also, vergessen Sie nicht, mich zu besuchen«, rief sie, als sie sich noch einmal aus dem Fenster ihres eleganten Autos lehnte. »Ich möchte durch die Unterhaltung mit Ihnen noch viel lernen.«

 

»Das wird nötig sein«, entgegnete er.

 

Sie drehte sich um, nachdem der Wagen angefahren war, und bemerkte zu ihrer Enttäuschung, daß er ihr nicht nachschaute, sondern ihr bereits den Rücken gekehrt hatte.

 

»Mr. Rhyburn«, wandte sich Peter an den Geschäftsführer, »ich habe Sie aus einer großen Klemme befreit. Es konnte doch jeder Mensch, der einigermaßen Augen im Kopf hat, sehen, daß die Dame nicht absichtlich mit einem falschen Geldschein zahlte.«

 

»Aber Mr. Corelly«, protestierte der andere, »ich habe immer mit solchen Schwierigkeiten zu tun. Die Verluste, die ich jährlich durch falsches Geld erleide, sind einfach unheimlich. Ich hatte Miss Bertram noch niemals gesehen – obwohl sie zu meinen Kunden gehört.«

 

»Sie sagten doch, daß sie noch nie in Ihrem Geschäft war.«

 

»Das stimmt, aber ich führe eine Buchhandlung in der Stadt unter einem anderen Firmennamen. Ich kaufte den Laden, als der frühere Geschäftsinhaber starb, und dort ist sie eine gute Kundin. Hoffentlich kann ich mich darauf verlassen, daß Sie die Tatsache ihr gegenüber nicht erwähnen.«

 

Peter schüttelte den Kopf.

 

»Ich schicke ihr alle Neuerscheinungen, und sie trifft dann ihre Wahl. Es ist mir furchtbar peinlich, daß das passiert ist. Aber wir hatten, wie gesagt, dieses Jahr schon sehr viel Schwierigkeiten mit falschen Geldscheinen. Auch sonst habe ich gerade genug Sorgen. Vor zwei Monaten wurde in dem Buchladen eingebrochen, und dabei wurden alle Bücher mehr oder weniger ruiniert.«

 

»Melden Sie das dem Sergeanten, die Geschichte, die Sie mir da erzählen, klingt übrigens sehr unglaubwürdig. Ich kenne die Verbrecherwelt schließlich recht gut und weiß, daß sie keine literarischen Interessen hat – es sei denn aus Langeweile im Gefängnis.«

 

»Aber es ist vollkommen wahr, Mr. Corelly«, protestierte der Mann. »Ich dachte, Sie hätten davon gehört. Sie werden noch niemals in Ihrem Leben eine derartige Unordnung gesehen haben, wie ich sie in meinem Geschäft an jenem Morgen vorfand. Die Bücher waren von den Regalen heruntergenommen und auf den Boden geworfen worden, alle Schränke waren ausgeleert …«

 

»Und der Safe war aufgebrochen und ihr gesamtes Vermögen geraubt«, unterbrach ihn Peter.

 

»Nein, das war doch das Merkwürdigste von allem – den Geldschrank hatten die Einbrecher nicht angerührt.«

 

Corelly wurde plötzlich aufmerksam; dieser ungewöhnliche Einbruch interessierte ihn.

 

»Sie wollen mir doch nicht erzählen, daß die Einbrecher das Geld nicht anrührten?«

 

»Doch. Sie haben mir aber sonst genug Schaden zugefügt. Das schlimmste war, daß ich das Lager nicht versichert hatte.«

 

Peter zog sein Notizbuch.

 

»Datum?« fragte er lakonisch.

 

Der Geschäftsinhaber nannte es sofort; er hatte auch allen Grund, sich daran zu erinnern.

 

»Also das wäre erledigt«, meinte Peter, nachdem er zwei Seiten beschrieben hatte. »Darf ich einmal Ihre Bücher einsehen, und zwar für die Woche, bevor dieser Einbruch passierte?«

 

»Gewiß, Mr. Corelly.«

 

»Gut, dann komme ich heute abend um fünf Uhr in Ihre Buchhandlung.«

 

Peter war sehr nachdenklich, als er fortging. Mit langen Schritten wanderte er zum Northern-Hospital und erkundigte sich dort nach seinem Kollegen.

 

»Ja, Mr. Wilbur Smith hat das Bewußtsein wiedererlangt, und ich glaube, sein Zustand ist nicht mehr gefährlich«, meinte der Arzt. »Möchten Sie ihn sprechen? Wenn Sie die Unterhaltung nicht zu lang ausdehnen, wird es möglich sein.«

 

Wilbur Smith lag in einem Privatzimmer; sein Kopf war bis auf die Augen in Bandagen eingehüllt.

 

»Hallo, was wollen Sie denn? Sind Sie hergekommen, um meinen letzten Willen aufzunehmen, bevor ich abkratze?«

 

»Nun, es scheint Ihnen doch schon wieder ganz gut zu gehen«, entgegnete Peter und rückte einen Stuhl ans Bett. »Aber ich muß schon sagen, Sie sind ziemlich mitgenommen.«

 

»Ja, und dabei war es eine Dummheit, in diese Falle zu gehen«, erklärte Wilbur ärgerlich. »Die Leute müssen ja gelacht haben über den Leichtsinn, den ich an den Tag legte. Sie hatten zwei Taxis für mich bereitgestellt, und ich habe gleich das erste genommen.«

 

»Es scheint mir aber ganz unglaublich, daß so etwas am hellen Tag mitten in New York passieren kann.«

 

»Und doch bleibt es eine Tatsache. Sie haben natürlich nichts getan, was irgendwelchen Verdacht hätte erregen können; höchstens haben sie ab und zu einen kürzeren Weg gewählt. Plötzlich fuhr der Wagen in eine Garage. Im nächsten Augenblick waren die Tore hinter uns geschlossen. Ich sprang heraus, aber bevor ich meinen Revolver ziehen konnte, hatten sie mich schon gepackt. Das ist alles, worauf ich mich besinnen kann.«

 

»Und nachher haben sie Sie in eine leere Wohnung geschleppt, ohne daß sie jemand beobachtete. Meiner Meinung nach haben sie angenommen, daß sie tot wären. Haben Sie einen der Leute gesehen, die Sie überfielen? Können Sie sich auf ein Gesicht besinnen?«

 

»Nein«, entgegnete Wilbur entschieden. »Ich kann mich auf nichts besinnen. Ich weiß nur so viel, daß ich in einer ziemlich großen Garage war und sah, wie ein Mann von der anderen Seite mit einer Kanne Benzin auf mich zukam. Das haben sie wahrscheinlich so angeordnet, damit ich keinen Verdacht schöpfen sollte. Und während ich noch überlegte, was ich anfangen könnte, haben sie mich niedergeschlagen. Und das Geld haben sie natürlich gestohlen?«

 

Peter nickte.

 

»Und Sie haben jetzt die Untersuchung des Falles übernommen?«

 

»Ja. Ich habe auch ein paar neue Anhaltspunkte gefunden. Übrigens ist der Fall wirklich sehr interessant.«

 

Er erzählte, was er mit dem jungen Mädchen erlebt hatte, die plötzlich ein Vermögen von hundertzwanzigtausend Dollar in der Hand hatte, und auch die andere Geschichte mit Fatty. Wilbur Smith hörte erstaunt zu.

 

»Das ist ein ganz verhexter Fall. Etwas Ähnliches habe ich noch nicht erlebt. Wie denken Sie denn darüber?«

 

Peter erhob sich zunächst, ging zur Tür des Krankenzimmers und schloß ab,

 

»Mir ist die Sache nicht vollkommen neu, dabei meine ich besonders den Stempel auf der Rückseite der Banknoten – das Bild des goldenen Hades. – Es muß sich um einen Geheimkult handeln.«

 

»Was für einen Geheimkult?« fragte Wilbur erstaunt.

 

»Es gibt die sonderbarsten Kulte, darunter auch eine Art Teufelskult«, erklärte Peter. »Sie glauben wohl, ich wäre verrückt, aber ich kann das durchaus beweisen. Während des großen Prozesses gegen die Kamorra kam auch etwas über einen merkwürdigen Teufelskult in Italien zum Vorschein. Dann gab es etwas Ähnliches in Nordengland… Solche Teufelskulte gab es auch in Südrußland, und jeder Kult hat seine besonderen Priester und sein besonderes Ritual.«

 

»Aber…«, begann Smith.

 

»Warten Sie noch einen Augenblick. Vor allem muß ich Ihnen erzählen, daß die Teufelsanbeter sich bemühen, das Bild ihrer Gottheit, die sie verehren, zu verbreiten. Das ist immer wieder beobachtet worden. In Nordengland haben die Mitglieder dieses Teufelskults das Bild auf ihre Briefumschläge gedruckt. Dann wurde jedesmal die Marke darübergeklebt. Die Verehrer des Teufelsgottes Nick in Südrußland haben das Bild in ihre Schuhsohlen einbrennen lassen. Dort kam auch zum erstenmal die Gewohnheit auf, das Bild der Gottheit auf die Rückseite von Banknoten zu stempeln.«

 

»Das klingt fast, als ob Sie mir etwas vormachen wollten. Woher haben Sie eigentlich diese Kenntnisse?«

 

»Nun, man lebt und lernt«, erwiderte Peter etwas von oben herab. »Mein ganzes Leben lang habe ich Leute verfolgt, die Falschgeld verteilten. Und außerdem kann man in jedem großen Lexikon unter dem Stichwort ›Dämonenkult‹ nachlesen.«

 

»Dann sind Sie also der Meinung…«

 

»Ja – ich glaube, daß es hier in Amerika einen derartigen Teufelskult gibt. Er scheint allerdings eine ganz besondere Abart zu sein.«

 

»Haben Sie etwas von Alwin gehört?« fragte Wilbur, der unvorsichtigerweise seinen Kopf auf die Seite wandte, dann aber vor Schmerzen stöhnte.

 

»Nein, wir haben keine neuen Nachrichten. Aber ich nehme es als sicher an, daß sie Alwin irgendwo gefangengesetzt haben.«

 

»Ich glaube, daß er tot ist«, entgegnete Wilbur ruhig. »Peter, ich sage Ihnen, sobald meine verdammten Rippen wieder einigermaßen zusammengeheilt sind, stehe ich auf. Ich kann es in diesem Bett nicht mehr aushalten. Und dann kaufe ich mir den Mörder Frank Alwins. Ich werde nichts unversucht lassen, und wenn es mein ganzes Leben lang dauern sollte. Sie können sich darauf verlassen, daß ich ihn zum Schluß doch fassen werde.«

 

»Sie sind ja ein ganz wilder Geselle!« Peter seufzte. »An Ihrer Stelle würde ich tatsächlich über andere Dinge nachdenken, die nicht so furchtbar blutrünstig und schrecklich sind.«

 

»Hören Sie bloß damit auf! Erzählen Sie mir lieber noch etwas von diesem tollen Teufelskult.«

 

»Wenn ich wiederkomme, kann ich Ihnen viel mehr berichten«, sagte Peter und nahm seinen Hut. »Heute nachmittag besuche ich Professor Cavan und befrage ihn.«

 

»Zum Teufel, wer ist denn dieser Cavan?«

 

Peter zuckte verächtlich die Schultern.

 

»Es ist ja unheimlich, wieviel Sie nicht wissen. Wollen Sie tatsächlich behaupten, daß Sie Professor Cavan nicht kennen?«

 

»Ich habe noch nie von dem Mann gehört«, erklärte Wilbur verzweifelt. »Wann haben Sie denn etwas von ihm erfahren?«

 

»Erst gestern«, entgegnete Peter lakonisch und verließ das Zimmer.

 

Kapitel 7

 

7

 

Frank Alwin mußte geschlafen haben, nachdem die Leute fortgegangen waren. Er wachte mit Kopfschmerzen auf und fühlte sich furchtbar hungrig. Als er sich erhob, schmerzte sein ganzer Körper, aber er war jetzt doch bedeutend kräftiger.

 

Allem Anschein nach waren die Leute zurückgekehrt, während er schlief, denn auf dem Tisch stand ein großes Paket Schiffszwieback, Käse und eine Flasche Bier. Selten hatte es ihm besser geschmeckt.

 

Als er sich genauer umsah, entdeckte er auch das Bad. In dem Raum stand ein Schrank mit Wäsche, und darunter fand er auch Badetücher. Langsam und vorsichtig entkleidete er sich, und nachdem er ein nicht zu heißes Bad genommen hatte, war er gestärkt und erfrischt. Seine Taschen waren durchsucht worden, trotzdem hatte man ihm die goldene Uhr gelassen. Die Zeiger wiesen auf zwölf. Er wußte aber nicht, ob es Mittag oder Mitternacht war, denn kein Tageslicht fiel in diesen unterirdischen Raum. Nur eine elektrische Birne brannte an der Decke.

 

Die nächsten Stunden brachte er damit zu, sein Gefängnis genauer zu untersuchen, und machte dabei ein paar interessante Entdeckungen. Eine kleine Öffnung vom Badezimmer aus führte zu einem nicht allzu großen quadratischen Raum, der keinem besonderen Zweck zu dienen schien. Er hatte auch keinen Ausgang, wenigstens erschien es Alwin so. Aber in dieser Annahme irrte er sich. In einer der Wände befand sich eine Schiebetür, die allerdings jetzt geschlossen war. Der Raum war nur eineinhalb Meter im Quadrat und besaß keine Beleuchtung. Er überlegte sich, wozu dieses Zimmer dienen mochte. Zuerst hielt er es für einen Vorraum, aber dann sah er, daß es ein großer Luftschacht war. Ein reichlicher Strom frischer Luft kam von oben und machte den Kellerraum, in dem Alwin gefangensaß, überhaupt erst bewohnbar.

 

Er erinnerte sich jetzt daran, daß die Luft dumpf und abgestanden war, als er in den Keller getragen wurde. Erst später hatte sich das gebessert; wahrscheinlich hatten die beiden Männer die Tür zu dem Ventilationsschacht nachher geöffnet.

 

Er tastete an den Wänden entlang, und plötzlich fühlte er eine starke Eisenstange, die quer von einer Mauer zur anderen reichte, weiter oben eine zweite und eine dritte. Es war nicht nur ein Ventilationsschacht, man konnte auf diese Weise auch den Kellerraum verlassen. Er begann also unter Aufbietung aller Kräfte nach oben zu steigen; während er hinaufkletterte, zählte er die einzelnen Sprossen.

 

Zuerst war er skeptisch, denn die unterste Stange schien nicht ganz fest in der Mauer zu sitzen, aber weiter oben waren die Stangen vollkommen fest. Nachdem er achtundzwanzig Sprossen hinaufgeklettert war, faßte er mit der Hand ins Leere; erst als er weiter um sich tastete, entdeckte er eine kleine steinerne Plattform und kletterte darauf. Sie war dreieckig und bot gerade genug Raum, daß er sich hinsetzen konnte. Er suchte die Wand hinter sich ab und fand eine hölzerne Tür. Sie war sehr niedrig, aber man hätte hindurchkriechen können, wenn sie geöffnet gewesen wäre; leider war sie fest verschlossen. Rein instinktiv wußte er, daß das der einzige Ausweg war. Aber ohne Hilfe von außen hatte es keinen Zweck, weitere Anstrengungen zu machen.

 

Nach einer Weile suchte er mit seinen Beinen im Dunkeln wieder nach den eisernen Sprossen und stieg in den Keller hinunter. Er war schwach und müde, und als er sein Gefängnis glücklich wieder erreicht hatte, mußte er sich eine Stunde ausruhen, ehe er einen weiteren Versuch unternahm. Für gewöhnlich trug er einen Schlüsselring in der Tasche, aber der war ihm abgenommen worden. Auch eine Durchsuchung des ganzen Kellerraums förderte nichts zutage, was irgendwie einem Schlüssel ähnlich sah.

 

Einige Zeit später machte er seine zweite Entdeckungsreise und nahm diesmal die untere Eisenstange mit, die er aus der Wand gezogen hatte. Es war eine lange, mühevolle Arbeit, bis er die Tür aufgebrochen hatte, aber schließlich gelang es ihm. Nachdem er hindurchgekrochen war, befand er sich in dem Raum zwischen dem niedrigen Dach und der Decke des obersten Stocks. Am Rand des Daches konnte er durch eine Luke den grünen Rasen unten sehen. Plötzlich hielt er auf seinem Erkundigungsgang inne und lauschte. Er hörte Stimmen. Das mußten die beiden Männer sein, die ihn gefangengenommen hatten. Hastig kletterte er wieder in den Keller hinunter. Kaum lag er auf dem Bett, so öffnete sich die Tür, und die beiden traten ein. Einer trug ein Tablett mit Speisen, der andere setzte zwei Flaschen Bier auf den Tisch. Die Gesichter der beiden waren wie am vorigen Abend mit Taschentüchern verdeckt.

 

»Hallo«, sagte der eine, und Frank erkannte an der Stimme Tom. »Nun, wie geht es Ihnen jetzt?«

 

»Ich fühle mich ganz gut«, erwiderte Frank.

 

»Hoffentlich bleibt es so«, meinte der andere düster. »Hier haben wir Essen für Sie auf den Tisch gestellt.«

 

Tom sah sich im Zimmer um, dann betrachtete er Alwin.

 

»Haben Sie den Weg ins Badezimmer gefunden? Ich möchte Ihnen übrigens etwas sagen, junger Mann.« Seine Stimme war ernst und klang fast drohend. »Sie befinden sich in einer sehr schwierigen Lage, und wenn Sie lebendig hier herauskommen sollten, dann haben Sie Glück. Eigentlich müßten sie längst tot sein, und wenn Rosie – wenn ein Freund von mir nicht eine solche Dummheit gemacht hätte …«

 

»Es hat wohl keinen Zweck, Ihnen zu sagen, daß Sie ein sehr schweres Verbrechen begangen haben«, unterbrach ihn Frank.

 

»Hören Sie mit dem Unsinn auf. Sie sollten sich vielmehr darüber klar sein, daß vielleicht ein noch schwereres Verbrechen begangen wird. Noch sind Sie am Leben, und Sie sollten eigentlich alles daransetzen, daß dieses Abenteuer nicht mit Ihrem Tod endet. Sie sind doch ein guter Freund von Wilbur Smith? Also können Sie ihn doch leicht überreden, daß er sich nicht mehr mit dem goldenen Hades befassen soll. Auch er lebt noch…«

 

»Wie meinen Sie das?« fragte Frank. »Sie haben doch nicht etwa gewagt –«

 

»Regen Sie sich nicht auf. Natürlich haben wir es gewagt. Wir haben unsere Pläne beinahe durchgeführt, und wenn Rosie – wenn nicht einer von uns einen groben Fehler gemacht hätte, dann wäre auch niemand verletzt worden. Smith weiß eine ganze Menge, und wenn er schwierig wird und sich mit den Angelegenheiten des Schatzamts befaßt, müssen wir natürlich Gegenmaßnahmen ergreifen. Aber soweit darf es gar nicht erst kommen. Es wäre also das beste, wenn Sie ihm schrieben. Sagen Sie ihm in dem Brief, sie würden alles erklären, wenn Sie ihn wiedersehen könnten. Teilen Sie ihm auch mit, daß es Ihnen jetzt ganz gut geht. Er soll mit weiteren Maßnahmen so lange warten, bis Sie ihn gesehen haben. Die Banknoten wollen wir ja gar nicht, außerdem sind sie nicht mehr in seinem Besitz. Wir wollen nur, daß er seine Nachforschungen nicht fortsetzt. Mr. Alwin, Sie sind ein vernünftiger Mann. Wollen Sie Ihrem Freund das schreiben?«

 

Frank schüttelte den Kopf.

 

»Nein«, erklärte er entschieden. »Wilbur Smith soll ruhig die Verfolgung ihrer Bande wieder aufnehmen. Wenn Sie ihn in Ihrer Gewalt hatten und am Leben ließen, wird Ihnen das noch sehr leid tun.«

 

Der andere sah ihn lange und durchdringend an.

 

»Nun gut, ich habe noch niemand kaltblütig umgebracht, aber vielleicht sind Sie der erste.«

 

Dann wandte er sich um und ging zu einem der Kästen, in dem der andere schon herumkramte. Leise wechselten sie beim Hinausgehen ein paar Worte. Frank verstand nur: »Um neun Uhr nach der Sitzung.«

 

Frank aß von den Speisen, denn er war sehr hungrig. Dann wartete er, bis es vollkommen ruhig geworden war, stieg wieder die Leiter hinauf und durchsuchte das niedrige Dach. Aber nirgends fand er einen Ausweg.

 

Eine Möglichkeit gab es allerdings, und Frank war fest entschlossen, es mit ihr zu versuchen. Den ganzen Nachmittag arbeitete er so angestrengt, wie er es noch nie in seinem Leben getan hatte. Der Kopf, die Arme und Beine schmerzten, als er um sieben Uhr in den Kellerraum zurückkehrte und sich müde und vollkommen erschöpft aufs Bett legte.

 

Die Hauptschwierigkeit für ihn lag darin, daß er nicht einschlafen durfte. Trotzdem war er bereits im Halbschlaf, als er ein Klopfen über seinem Kopf hörte und wach wurde. Er lauschte angestrengt. Das Geräusch konnte nicht von der Tür kommen, auch nicht von der Eisenleiter. Einen Augenblick zögerte er, dann zog er seine Schuhe aus, kletterte den Schacht in die Höhe, kroch durch die zertrümmerte, niedrige Tür, legte sich auf den Boden und preßte das Ohr auf die Dielen.

 

Bisher hatte er gezögert, die Decke des ersten Stocks zu zerstören, denn er wußte, daß er unweigerlich entdeckt werden würde, wenn der Putz von der Decke herunterfiel und sich andere Leute im Zimmer unten aufhielten. Aber jetzt war seine Neugierde zu groß geworden. Er suchte in seinen Taschen und fand einen Bleistift. Vorsichtig entfernte er ein Brett, das auf dem Fußboden lag, dann bohrte er mit dem Bleistift ein Loch in die verhältnismäßig dünne Putzdecke, so daß er nach unten sehen konnte. Er entdeckte aber nichts als einen Teil des mit schwarzen und weißen Fliesen belegten Bodens. Darauf vergrößerte er das Loch und gab sich alle Mühe, zu verhindern, daß der Putz nach unten fiel. Ab und zu hörte er auf zu arbeiten und lauschte, aber er konnte kein Geräusch vernehmen. Nach und nach erweiterte er das Loch in der Decke derartig, daß es beinahe so groß war wie seine Hand. Dann hörte er plötzlich Schritte in dem unteren Raum und verhielt sich ganz ruhig. Jetzt konnte er alles deutlich erkennen. Unter ihm befand sich ein kleiner Saal; die Decke wurde durch zwei Reihen korinthischer Säulen gestützt, die sich von einem Ende des Raumes bis zum anderen hinzogen. Der hinterste Teil war durch einen langen Samtvorhang abgetrennt. Auf einem Marmorunterbau stand eine kleine Statue, die durch ein weißes Seidentuch verdeckt war.

 

Während er noch alles genau betrachtete, öffnete sich plötzlich der dunkelblaue Samtvorhang, und zwei Männer traten ein. Von Kopf bis Fuß waren diese in lange, braune Kutten gekleidet, ihre Köpfe waren in Mönchskapuzen verborgen. Frank betrachtete sie erstaunt. Sie näherten sich dem Marmorunterbau in großer Verehrung, legten die Hände zusammen und neigten die Köpfe. Langsam gingen sie vorwärts, bis sie dicht vor dem Marmorunterbau standen. Der erste der beiden, der auch der größere war, ließ sich auf die Knie nieder, der zweite näherte sich dem Sockel und nahm das weißseidene Tuch von der Statue.

 

Frank erschrak, denn als das Tuch gelüftet wurde, zeigte sich ein goldenes Bild auf dem Altar. Er irrte sich nicht, es war der goldene Hades mit einem Dreizack in der Hand.

 

Kapitel 12

 

12

 

Professor Cavan putzte prachtvolle Silberlöffel. Er war in Hemdsärmeln, und auch die hatte er aufgerollt, so daß seine sehnigen Arme sichtbar waren. Außerdem hatte er eine große, weiße Schürze umgebunden; während der Arbeit zitierte er griechische Verse aus Sophokles. Der stattliche englische Butler saß auf der Tischkante und rauchte eine große Zigarre; der Diener hatte sich eine Shagpfeife angesteckt und war am Tisch damit beschäftigt, einen Gummistempel zu reparieren.

 

»Rosie«, sagte der Butler, »wenn du diesen dummen Singsang nicht läßt, schlage ich dir auf den Kopf, daß du Backzähne spuckst!«

 

»Laß ihn doch ruhig singen«, meinte der Diener. »Laß ihn tanzen und sonst tun, was er will, wenn er nur nicht redet.«

 

Der Professor lächelte.

 

»Na, ihr könntet doch nichts anfangen und würdet bald auf dem trockenen sitzen, wenn ich nicht reden könnte. Ich bezweifle überhaupt sehr stark, ob es noch einen Mann in dieser Stadt gibt, der so unterhaltend sein kann wie ich.«

 

»Rosie«, sagte der Butler, ohne die Zigarre aus dem Mund zu nehmen, »du hast eine verdammt hohe Meinung von dir. Wenn du so klug wärst, wie du annimmst, wärst du doch niemals ins Gefängnis gekommen.«

 

»Wenn ich nicht ins Gefängnis gekommen wäre«, entgegnete Cavan oder Cavanagh, »dann hätte ich dich nicht getroffen, mein Junge. Und hätten wir nicht zusammen auf derselben Bank gesessen und Postsäcke genäht, dann hättest du weiter Geldschränke geknackt, um jedesmal hundert Pfund oder noch weniger zu erbeuten, und bei drei Einbrüchen wärst du zweimal gefaßt worden.«

 

»Das ist wohl möglich«, entgegnete der Butler gleichgültig. »Und was hätte Sam gemacht?«

 

Sam sah von seiner Arbeit auf.

 

»Ich hätte alte Meister gefälscht und die Bilder verkauft. Das ist eine angenehme, ruhige Art, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich wünschte nur, ich wäre nie auf andere Gedanken gekommen.«

 

»Ja, jetzt könnt ihr euch beschweren und den Mund aufreißen, aber ich habe euch immer gesagt, daß ihr auch ein großes Risiko auf euch nehmen müßt, wenn ihr viel Geld verdienen wollt.«

 

»Aber nicht die Art Risiko, die du auf dich nimmst, Tommy«, meinte Sam und schauerte zusammen. »Ich werde diese Frau niemals vergessen, diese Laste.«

 

Der Butler runzelte die Stirn.

 

»Es war ihre eigene Schuld«, erwiderte er. »Wenn sie mir das Taschentuch vom Gesicht gerissen hätte, dann hätte sie mich erkannt. Es ging um mich oder um sie. Was sagst du dazu, Rosie?«

 

Der Professor betrachtete einen glänzenden Löffel mit kritischen Blicken.

 

»Nun, ich bin schon so ein alter Herr«, entgegnete er bedächtig, »daß es mir wirklich gleichgültig ist, was passiert. Ich würde ebensoleicht zum elektrischen Stuhl gehen – man findet dort ein schmerzloses Ende, soviel ich bis jetzt erfahren konnte –, wie ich den Rest meines Lebens in einem amerikanischen Gefängnis zubringen würde. Du bist etwas voreilig, Tom«, fügte er entschuldigend hinzu.

 

»Die ganze Sache war dein Fehler«, unterbrach ihn der Butler heftig. »Hast du nicht diesem verrückten Bankier gesagt, er solle sein Geld verstecken, damit es die Götter nehmen und den Armen geben könnten?«

 

Rosie nickte.

 

»Ich sagte ihm aber nicht, daß er es zwischen die Seiten der Bücher legen sollte, die seine Tochter liest«, widersprach er. »Habe ich wissen können, daß sie die Bücher zu dem Laden zurückschickt? Ihr hättet es dabei lassen sollen – es wäre ja noch viel mehr gekommen.«

 

»Wir haben alle etwas Schuld«, meinte Sam düster. »Nicht Rosie hat vorgeschlagen, daß das Geld mit einem Bogen über die Mauer geschossen wird – sondern du, Tom.«

 

»Ich habe aber auch vorgeschlagen, daß du auf der andern Seite stehen sollst, um es in Empfang zu nehmen«, erwiderte Tom grimmig.

 

»Ich wäre auch dort gewesen, wenn ich gewußt hätte, wo es hinfallen würde«, erklärte Sammy, ohne sich in seiner Beschäftigung stören zu lassen. »Und ich war auch bei dem Mann, sobald ich ihn wegrennen sah.«

 

Der Professor lachte.

 

»Ein ausgezeichneter Witz. Entzückend! Ein Mann, der mit gefälschten Banknoten handelt! Höchst tadelnswert!«

 

Plötzlich legte er den Löffel nieder und sah den Butler an. Dabei drehte er den Kopf wie eine neugierige Henne.

 

»Weißt du, daß ich beinahe in ernstliche Schwierigkeiten gekommen wäre? Ich habe es erst gestern entdeckt.«

 

»Was für Schwierigkeiten waren das denn?« fragte Tom und unterdrückte ein Gähnen.

 

»Miss Bertram bat mich, eine Tausenddollarnote zu wechseln. Das tat ich auch und gab ihr …«

 

»Doch nicht gefälschtes Geld?« sagte der Butler scharf.

 

»Du alter Narr, hast du das getan?«

 

»Es war ein reiner Zufall, mein Junge«, erwiderte der Professor leichthin und putzte wieder an den Löffeln weiter. »Ich habe eine zufriedenstellende Erklärung abgegeben.«

 

Dann erhob er sich.

 

»Ihr müßt jetzt eines begreifen, was noch nicht zu eurem Verstand durchgedrungen zu sein scheint. Es heißt jetzt Schluß machen und verschwinden. Einige der Besten haben daran glauben müssen, weil sie sich etwas zu spät davongemacht haben.«

 

Tom Scatwell sah zu ihm hinüber und kniff die Augen zusammen.

 

»Ich habe noch nicht alles, was ich brauche«, sagte er ruhig. »Und ich gehe nicht eher, als bis ich es habe. Wir haben Geld – schön. Es hat eine Menge gekostet, aber das Geld war gut angewandt. Wir haben Tausende ausgegeben, um Rosie zu finanzieren und ihm die Stellung in der Gesellschaft zu verschaffen, die er jetzt einnimmt. Allein die Limousine kostete fünftausend und seine Wohnungseinrichtung zwölftausend – aber das ist im Augenblick nebensächlich. Wir haben das Geld – aber wir wollen noch mehr. Der Alte wird nervös, was, Rosie?«

 

Der Professor nickte.

 

»Skeptisch ist ein besserer Ausdruck«, erwiderte er traurig. »Er fühlt sich unbehaglich und bedrückt. Gestern abend fragte er mich, ob die Götter an weiter nichts Interesse hätten als daran, Geld zu verteilen. Das war schlimm.«

 

»Eines Tages wird er den Schnabel aufreißen und uns verpfeifen«, sagte Tom Scatwell. »Und dann ist Schluß, mein Lieber, Schluß mit uns allen. Wir müssen ihm den Mund schließen, wenn wir nicht alle zum elektrischen Stuhl marschieren wollen. Ach, du brauchst gar kein Gesicht zu ziehen, wir stecken alle in der Tinte.«

 

»Mein lieber Thomas«, erwiderte der Professor, »ich nicht, wenn du von dem vorsätzlichen Mord sprichst. Anwendung von Gewalt steht im Gegensatz zu all meinen Prinzipien und Methoden. Jeder Polizist wird dir sagen, daß ich mich niemals an einem Vertreter des Gesetzes vergangen habe, daß ich niemals auch nur ein Kind verletzt habe, wenn ich eine Sache verfolgte, die mich interessierte. Ich bin ein Betrüger«, erklärte er mit bescheidenem Stolz, »das gebe ich zu. Ich schlage Geld aus den Geheimlehren, weil ich für die technische Seite des Okkulten ein besonderes Fingerspitzengefühl habe. Als ich vor zwei Jahren mit George Bertram über die Möglichkeit sprach, daß die alten Götter auf die moderne Welt Einfluß ausüben könnten, hatte ich noch nicht die geringste Ahnung, daß noch einmal eine so große Sache daraus entstehen würde.«

 

»Ist er eigentlich verrückt?« fragte Tom.

 

Der Professor strich seinen Bart.

 

»Das glaube ich nicht; er ist nur sehr sensibel und beeinflußbar – außerhalb der Geschäftsstunden.«

 

Tom Scatwell lachte.

 

»Ist ein Mann, der in Monte Carlo nach einem System spielt, vielleicht verrückt?« fragte er. »Oder haltet ihr Leute für wahnsinnig, weil sie abergläubisch sind und zum Beispiel nicht zu dreizehn an einem Tisch sitzen oder nicht unter einer Leiter durchgehen wollen? Oder weil sie sich bekreuzigen, wenn sie ein scheckiges Pferd sehen? Vielleicht ist das tatsächlich eine Art Wahnsinn. Aber Bertram ist nicht geisteskrank, er hat nur eine schwache Seite …«

 

Es klingelte. Tom erhob sich, schlüpfte in seinen Livreerock und ging hinaus. Nach wenigen Minuten kam er zurück.

 

»Der Portier hat den Glaser heraufgebracht«, meldete er.

 

Rosie begann eilig seine Schürze abzunehmen.

 

»Nur keine Hast«, sagte Tom. »Der Mann hat weiter keine Bedeutung.«

 

»Wie sind denn eigentlich die Fensterscheiben zerbrochen, Rosie?« fragte Scatwell, der in Wirklichkeit der Vorstand des Haushalts war.

 

»Es ist nicht zu glauben!« erwiderte Rosie. »Drei an einem Nachmittag – es ist schrecklich. Und doch sagt man, daß New York die beste Polizei der Welt hätte.«

 

»Es gehört schon allerhand dazu, ein Fenster im dritten Stock einzuschlagen«, brummte Scatwell. »Die jungen Kerle müssen Schleudern benützt haben.«

 

»Es war ein außergewöhnlicher Zwischenfall«, erklärte Rosie. »Ich saß an meinem Tisch und las zum drittenmal den entzückenden Band von Gibbon – du müßtest ihn unbedingt auch lesen, Tom, der Stil ist flüssig und klar, der Aufbau tadellos –, da kracht plötzlich die Scheibe. Ich sprang sofort auf die Füße …«

 

»Ach, mach es doch kurz!« fuhr ihn Tom an. »Niemand erwartet, daß du auf den Kopf gesprungen bist. Hast du einen der Jungen gesehen, die es getan haben?«

 

»Nein«, entgegnete Rosie gekränkt.

 

Scatwell glitt vom Tisch herunter und ging in das große Wohnzimmer. Ein schlanker Mann mit dunkler Hautfarbe und dichtem, schwarzem Haar arbeitete an dem zerbrochenen Fenster. Er schien sich mindestens eine Woche lang nicht rasiert zu haben.

 

Scatwell, der nur selten die Fassung verlor, blieb sprachlos und verwirrt stehen, als er ihn sah, denn dieser Handwerker sah dem Mann täuschend ähnlich, den er als seinen größten und gefährlichsten Feind betrachtete.

 

»Hallo, Wopsy!« begann er schließlich. »Wie lang werden Sie zu tun haben?«

 

Der Mann grinste und schüttelte den Kopf. Dann zog er eine befleckte und beschmutzte Karte aus seiner Bluse und reichte sie Scatwell.

 

»Dieser Mann spricht nicht Englisch«, las der Butler.

 

»Kommen Sie aus Italien?« fragte er in der Sprache dieses Landes.

 

Er hatte sich einmal vier Jahre lang in Neapel versteckt gehalten und diese Zeit benützt, um seine Sprachkenntnisse zu erweitern.

 

»Ja«, erwiderte der Mann sofort. »Ich bin erst seit einem Monat in den Vereinigten Staaten. Kam direkt von Strezza zu meinem Bruder, der hier ein gutes Geschäft hat. Es ist herrlich, daß ich einmal wieder meine Muttersprache höre. Mein Bruder spricht nämlich meistens Amerikanisch, ebenso alle seine Freunde.«

 

»Würden Sie gern viel Geld verdienen?« fragte Scatwell, dem plötzlich ein Gedanke gekommen war.

 

»Natürlich würde ich gern viel Geld verdienen und dann in meine Heimat nach Strezza zurückgehen. Meine Frau ist nicht mitgekommen, und ich habe ihr versprochen, daß ich in drei Jahren wieder bei ihr bin. Ja, ich würde alles tun für Geld, wenn es sich um eine anständige, ehrliche Beschäftigung handelt. Ich stamme aus einer sehr achtbaren Familie, müssen Sie wissen.«

 

»Deshalb brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Ich möchte nur einem Freund gern einen kleinen Streich spielen – verstehen Sie. Und dabei könnten Sie mir vielleicht helfen.«

 

Er verließ den Mann und ging schnell zu dem Anrichteraum zurück, wo er seine beiden Gefährten traf.

 

»Habt Ihr den Mann gesehen«, fragte er eifrig. »Habt ihr ihn euch gut angeschaut?«

 

Die zwei anderen wunderten sich über seine Aufregung.

 

»Ja, ich habe ihn gesehen«, sagte Tom.

 

»Hast du nicht etwas Besonderes an ihm bemerkt?«

 

Tom zögerte.

 

»Nein.«

 

»Dann betrachte du ihn dir einmal, Rosie.«

 

Der Professor nahm sich nicht die Mühe, seine Schürze abzustreifen. Er ging aus dem Zimmer und kam sofort wieder zurück.

 

»Nun?« fragte Scatwell eifrig.

 

»Ich sehe auch nichts Besonderes an ihm. Wirklich nicht, mein Junge.«

 

»Dann beobachte ihn noch einmal, wenn du so blind bist. Der Mann könnte doch der Doppelgänger Corellys sein!«

 

»Corelly? Glaubst du, daß es am Ende Corelly selbst ist?« erwiderte Rosie bestürzt. »Vielleicht ist er in Verkleidung hergekommen?«

 

»Sei doch nicht so albern; ich sagte, er könnte der Doppelgänger Corellys sein.«

 

»Aber warum bist du denn so aufgeregt darüber?« meinte Sam.

 

»Er kann sehr nützlich für uns sein, besonders für mich«, entgegnete Scatwell. »Nehmen wir einmal an, wir schneiden ihm das Haar und stutzen ihn auch sonst zurecht … Dann könnte er selbst im Polizeipräsidium als Corelly auftreten!«

 

Mr. Samuel Featherstone legte den Gummistempel nieder und ging in das Arbeitszimmer des Professors, um von dort aus den Glaser zu beobachten. Als er zurückkam, zuckte er die Schultern.

 

»Ich will nicht sagen, daß dieser Junge Corelly gleicht«, meinte er, »weil ich den noch nicht nah genug gesehen habe, um ihn genau zu kennen. Aber was hast du eigentlich vor?« wandte er sich an Scatwell.

 

»Ja, das möchte ich auch wissen«, erkundigte sich der Professor. »Welcher Einfall ist dir gekommen? Ein neues Risiko dürfen wir nicht mehr eingehen – wir stecken schon tief genug in dieser verrückten Geschichte, und ich bin derselben Ansicht wie Sam. Je eher wir verschwinden, desto besser für uns.«

 

»Ihr verschwindet erst, wenn ich es will«, erwiderte Scatwell. »Ich sage euch, ich führe jetzt einen großen Schlag, und ich habe schon halb gewonnen.«

 

»Es wird aber Schwierigkeiten mit dem jungen Mädchen geben«, meinte der Professor. »Sie wird nicht ohne weiteres den Befehl der – der Götter annehmen.«

 

»Aber sie wird dem Befehl ihres Vaters gehorchen. Und wenn ich diesen Burschen da draußen für mich gewinnen kann, ist die Sache so gut wie erledigt. Nehmt doch nur einmal an, sie erfährt, daß ihr Vater an dem Schwindel mit dem goldenen Hades beteiligt ist und daß wir ihn als Mittäter bei einem Mord ins Zuchthaus bringen können. Glaubt ihr nicht, daß sie dann alles tun wird, um uns zum Schweigen zu veranlassen?«

 

»Und welche Rolle soll Corelly dabei spielen?« fragte der ›Diener‹.

 

»Das werdet ihr schon noch rechtzeitig erfahren«, wich Scatwell aus. »Es handelt sich jetzt nur darum, ob der Italiener den Auftrag annimmt und ob ihr mir helft, wenn er das tut!«

 

»Wozu hast du es nötig, eine solche Frage zu stellen? brummte Featherstone. »Wir müssen dir doch wohl helfen, nicht wahr? Geh zu ihm und erkläre ihm die Geschichte.«

 

Der Glaser äußerte Zweifel und sogar Unbehagen.

 

»Es mag ja ein Scherz sein, aber in meiner Heimat kommt man durch so etwas mit der Polizei in Konflikt. Und ich liebe solche Scherze auch nicht. Ich bin fremd in diesem Land, aber ich weiß sehr wohl, daß die Polizei sehr scharf ist.«

 

»Sie sollen doch gar nichts Ungesetzliches tun, sondern sich nur gut anziehen und sich da und dort sehen lassen. Wenn Sie jemand anspricht, geben Sie keine Antwort. Und für diese Kleinigkeit können Sie tausend Dollar verdienen.«

 

Aber der Mann schüttelte den Kopf.

 

»Nein, das gefällt mir nicht. Vielleicht ist es besser, Sie suchen sich jemand, der wenigstens die Sprache beherrscht.«

 

Bei fünfzehnhundert Dollar wurde er jedoch schwankend, und bei zweitausend änderte er seine Meinung. Er besaß eine gute Auffassungsgabe und verstand sofort, als Scatwell ihm die Einzelheiten auseinandersetzte. Er hörte gut zu und stellte verständnisvolle Fragen, aber auf den Vorschlag, unter demselben Dach mit den drei anderen zu wohnen, ging er nicht ein.

 

»Ich sehe natürlich ein, daß ich nicht in das Haus meines Bruders zurückgehen kann. Das würde Aufsehen erregen, und die Leute würden sicher darüber sprechen. Vielleicht können Sie mir eine kleine Schlafstelle verschaffen. Hier möchte ich nicht bleiben, das wäre nicht klug. Ihr Scherz würde kein Scherz mehr sein, wenn man mich aus diesem Haus kommen sähe.«

 

»Er hat recht«, sagte Rosie. »Vollkommen recht. Wir haben doch noch das Zimmer, das wir seinerzeit für Sam gemietet haben, als er den Chauffeur für Wilbur Smith spielte. Dort kann er schlafen.«

 

Giuseppe Gatti – diesen Namen nannte der Mann – wurde dorthin gebracht. Der Professor schnitt aus einer Zeitschrift des vergangenen Jahres ein Photo von Peter aus, nahm eigenhändig die Maße des Mannes und besorgte die Kleider. Giuseppe bestand aber darauf, seinen eigenen Friseur zu nehmen, einen Landsmann, dem er trauen konnte.

 

Als es gegen zehn Uhr abends klopfte, öffnete Featherstone die Tür und prallte entsetzt zurück.

 

»Aber – aber – Mr. Corelly!« stammelte er.

 

Der Besucher antwortete jedoch in Italienisch. Verwirrt und betroffen führte Featherstone ihn zu Scatwells Zimmer.

 

»Schaut ihn an«, sagte er. »Wer ist das?«

 

Scatwell sprang auf.

 

»Ich wußte; daß ich recht hatte. Die Polizei und sogar selbst Smith werden getäuscht werden. Sie müssen nur noch etwas gebückter gehen, Giuseppe – so. Lassen Sie die Schultern ein wenig hängen.« Er machte es ihm vor. »Und wenn Sie gehen, müssen Sie die Füße etwas nachziehen.«

 

Zwei Stunden lang unterrichteten sie ihn über die Gewohnheiten Corellys und am Ende der Unterweisung erklärte Scatwell, daß Giuseppe nicht mehr von Peter zu unterscheiden wäre.

 

»Wenn mich nun aber jemand anspricht?« fragte der Mann. »Was soll ich dann sagen?«

 

»Niemand wird Sie ansprechen«, erwiderte Scatwell. »Und wenn es doch geschehen sollte, antworten Sie eben nicht. Ich werde Sie sehr bald zu einer jungen Dame bringen. Dann müssen Sie auf jede Frage, die ich an Sie stelle, mit ›Ja‹ antworten.«

 

»Gewiß, das werde ich tun.«

 

»Noch ein wenig mehr Übung und Praxis«, sagte Scatwell begeistert, »dann habe ich Bertrams halbes Vermögen in der Tasche.«