Kapitel 10

 

10

 

Als Abel Bellamy feuerte, verschwand die Gestalt und schien sich plötzlich in dem dunklen Schatten aufzulösen. Abel eilte mit der Pistole in der Hand vorwärts, aber als er an die Stelle kam, wo er die grüne Erscheinung gesehen hatte, war nichts mehr zu entdecken. Er fand nur zwei Löcher in dem Paneel der Wand, wo die beiden Geschosse eingeschlagen waren.

 

Der alte Mann hielt schnell Umschau. In der Nähe der Stelle, wo die Gestalt verschwunden war, befand sich eine Tür. Dahinter lag eine Wendeltreppe, die zu den Quartieren der Dienstboten führte. Er versuchte die Tür zu öffnen, aber sie war geschlossen. Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Schnell eilte er den Korridor zurück, an der offenen Tür seines eigenen sternchenland.com Schlafzimmers vorbei, und kam zu Julius Savinis Schlafzimmer.

 

Die Tür war verschlossen und er rüttelte heftig daran.

 

»Savini!« rief er laut.

 

Aber es meldete sich nichts. Die Dienstboten waren munter geworden und er sah einen Mann, nur mit Hemd und Hose bekleidet, auf sich zukommen und rief ihn an.

 

»Was ist geschehen, mein Herr?«

 

»Fragen Sie nicht so dumm!« fuhr Bellamy ihn an. »Ziehen Sie sich an, wecken Sie die anderen Diener und helfen Sie mir das ganze Schloß zu durchsuchen. Telefonieren Sie nach unten zum Portier, aber schnell!«

 

In diesem Augenblick öffnete sich Savinis Tür. Er war im Schlafanzug und hielt verstört ein Licht in der Hand.

 

»Was –« begann er.

 

Bellamy stürzte an ihm vorbei in sein Zimmer und sah sich argwöhnisch darin um. Eins der langen Fenster stand offen, schnell ging er darauf zu und schaute hinaus. Ein schmaler Mauervorsprung lief unmittelbar unter dem Fenster der Mauer entlang, breit genug, daß ein Mann darauf gehen konnte, wenn er nur die nötigen Nerven besaß und schwindelfrei war.

 

»Haben Sie nicht die Schüsse gehört?«

 

»Ich habe etwas gehört, ich glaube, Sie waren es, als Sie an die Tür klopften. Was ist geschehen?«

 

»Ziehen Sie sich sofort um und kommen Sie hinunter in die Bibliothek!«

 

Plötzlich stürzte er auf ihn zu, ohne etwas zu sagen riß er Savinis Jacke auf und starrte auf die bloße Brust seines Sekretärs. Er fluchte vor Enttäuschung, denn er hatte erwartet, unter dem Schlafanzug ein enganliegendes, grünes Trikot zu sehen.

 

Savini kleidete sich eilig an und eilte nach unten, wo er sternchenland.com Bellamy in der Bibliothek fand, der wie ein gefangener Löwe im Käfig auf und ab ging.

 

»Wer hat die Tür zur Dienertreppe abgeschlossen?« fragte er.

 

»Das habe ich getan. Sie haben mir Auftrag gegeben, danach zu sehen, daß die Tür jeden Abend verschlossen wird.«

 

Bellamy sah ihn scharf an.

 

»Und Sie haben natürlich den Schlüssel?«

 

»Nein, der Hausmeister. Er bekommt ihn stets, weil er früher auf ist als ich. Er muß die Tür öffnen, um die Mädchen hereinzulassen, die oben sauber machen.«

 

»Wo ist der Schlüssel jetzt?« fuhr ihn Bellamy wieder an. Er war rot vor Erregung und Zorn. Sein großes, starkes Kinn war vorgeschoben und die Augen zusammengekniffen. »Ich sage Ihnen das, Savini. Wenn Sie nicht irgendwie an diesem Grünen Bogenschützen beteiligt sind, dann irre ich mich gewaltig, aber ich irre mich selten. Holen Sie sofort Wilks.«

 

Julius ging sofort nach unten, um den Hausmeister zu holen, der ihm mit zwei Dienern im unteren Geschoß schon entgegenkam.

 

»Ich habe den Schlüssel in meiner Tasche,« sagte Wilks, als ihm Savini die Botschaft ausrichtete. »Der Eindringling kann nicht den Weg gegangen sein.«

 

Wilks trug eine helle Petroleumglühlampe, die ihm Bellamy aus der Hand nahm, als er in die Bibliothek kam. Der Alte ging nach oben zu seinem Schlafzimmer, und die anderen folgten ihm. Der Hausmeister öffnete die Tür zu der Wendeltreppe mit dem Schlüssel.

 

Bellamy nahm die Pistole aus der Tasche, ging mit der Lampe voraus und stieg vorsichtig die Treppe hinunter. Der Hausmeister und Savini kamen hinter ihm her. Sie gelangten unten an eine unverschlossene Tür, die in einen Nebenraum der Burgküche führte – es war ein gewölbtes Zimmer, sternchenland.com das als Speisekammer benutzt wurde. Die beiden andern Türen dieses Raumes waren von innen verriegelt.

 

Mr. Bellamy stellte die Lampe auf den breiten Kaminsims, aber er konnte nichts Ungewöhnliches in dem Raum entdecken. »Hier ist er nicht durchgekommen,« murmelte er. »Aber trotzdem gab es keinen anderen Weg, den er benützt haben könnte.«

 

Das Frühlicht dämmerte schon am östlichen Himmel, als Bellamy endlich seine Nachforschungen einstellte. Er zog sich in seine Bibliothek zurück, kauerte vor dem frisch entzündeten Feuer im Kamin und trank heißen Kaffee, aber die nervöse Unruhe arbeitete noch in seinen Zügen, während Savini schweigend, ein wenig verwirrt, am Tisch saß und ihn beobachtete. Er unterdrückte ein Gähnen, aber Bellamy hatte es doch bemerkt.

 

»Es steckt irgend etwas hinter dieser Geschichte mit dem Grünen Bogenschützen,« sagte der alte Mann schließlich, indem er das Stillschweigen brach, das fast eine Stunde lang gedauert hatte. »Ein Geist! Pah! Ich glaube weder an Geister noch an Teufel. Es gibt nichts Überirdisches oder Unterirdisches auf Gottes Erde, das mir Furcht einflößen kann! Gegen Teufel und Gespenster bin ich besonders gewappnet, Savini! Der Kerl, der über Nacht hier eingebrochen ist, muß kugelfest sein, um davon zu kommen, wenn ich ihn erwische. Nun?« Er wandte sich schnell zur Tür.

 

Der Hausmeister, eine trotz der einfachen Kleidung achtunggebietende Erscheinung, trat ein.

 

»Ich habe mir noch einmal die Freiheit genommen und habe die Vorratskammer durchsucht, Mr. Bellamy. Dabei habe ich dieses gefunden.«

 

Bellamy stand auf und riß Wilks einen Gegenstand aus der Hand. Er sah aus wie ein kleiner roter Ball, aber als er ihn in die Hand genommen hatte, fand er, daß es ein blutdurchtränktes Taschentuch war. Bellamy zog die Augenbrauen hoch.

 

sternchenland.com »So habe ich das Schwein doch getroffen!« sagte er triumphierend. »Können Gespenster bluten?« wandte er sich unwirsch an Savini. »Sagen Sie mir das, mein Freund!«

 

Er faltete das Taschentuch ganz auseinander.

 

»Ein Damentuch!« sagte er dann verblüfft.

 

Es war ein sehr hübsches Spitzentuch aus feinstem Batist. In der einen Ecke war ein Monogramm eingestickt. Er ging in die Nähe der Lampe, die auf dem Tisch stand.

 

»V. H.« sagte er und runzelte die Stirn wieder. »V. H.! Wer zum Teufel ist denn V.H.?«

 

Er sah Savini nicht an, sonst hätte er dessen entsetzten Blick bemerken müssen.

 

»V.H.! Valerie Howett!« durchzuckte es Savini.

 

Kapitel 11

 

11

 

An dem klaren, frostigen Morgen ging Mr. Bellamy langsam über die Rasenflächen des Parks zum Pförtnerhaus. Er war ein Mann, der sein Ruhebedürfnis ganz den besonderen Umständen anpassen konnte. Manchmal schlief er zwölf Stunden hintereinander, aber er konnte sich auch nach zwei Stunden Ruhe vollständig ausgeschlafen wieder erheben. Er ging zu dem Portierhaus, weil er niemals Fremde in der Burg selbst empfing. Leute, mit denen er etwas zu verhandeln hatte, wurden in ein geräumiges Zimmer des Portierhauses geführt, das besonders für diese Zwecke eingerichtet war.

 

Der mürrisch aussehende Pförtner legte die Hand an die Mütze, als sein Herr eintrat. Der Ortspolizist wartete hier auf Bellamy.

 

»Guten Morgen, mein Herr. Man hat mir erzählt, daß es während der Nacht Unruhe und Aufregung in der Burg gegeben hat.«

 

Bellamy grinste, daß seine weißen Zähne zu sehen waren.

 

»Sagen Sie mir doch nur, wer Ihnen das mitgeteilt hat sternchenland.com und verlassen Sie sich darauf, daß der Betreffende Ihnen nichts mehr erzählen wird,« erwiderte Bellamy unhöflich.

 

Er fuhr mit der Hand in die Tasche und nahm eine Banknote heraus, die er auf den Tisch legte.

 

»Hier ist ein kleines Geschenk für Ihre Bemühungen. Vergessen Sie, was Sie da von dem Vorfall in der Burg gehört haben. Ich hatte einen bösen Traum und habe nach einem Schatten geschossen. Ich dachte, es wäre ein Einbrecher.«

 

»Ich verstehe vollkommen, mein Herr,« sagte der Polizist verbindlich. »Ich habe die Sache meinem Vorgesetzten noch nicht gemeldet.«

 

»Ist auch nicht nötig. Ich vermute, daß in diesem Dorfs nichts passiert, das Sie nicht wissen. Sind in letzter Zeit Fremde hier gewesen?«

 

Der durch das Geschenk sehr höfliche Polizist schaute Bellamy an und schnitt eine Grimasse, als ob er tief nachdächte.

 

»Ja, mein Herr, es sind ein oder zwei Leute hier gewesen. Es war auch eine Dame da, die Lady’s Manor sehen wollte.«

 

»Lady’s Manor?« fragte Bellamy schnell. »Ist das das alte Haus dort an der Straße?«

 

»Ja. Es gehört Lord Tetherton. Es ist sehr baufällig und es würde viel Geld kosten, es instandzusetzen. Deshalb ist es auch noch nie vermietet worden. Einige Teile des Hauses sind so alt wie diese Burg.«

 

»Wann kamen die Leute nach Garre?« fragte Bellamy scharf.

 

»Vor zwei Tagen. Es war eine sehr hübsche Dame, außerordentlich schön. Ich sah sie gerade noch, als sie wieder fortfuhr.«

 

»Können Sie mir vielleicht sagen, woher sie kam?«

 

»Von London, soviel ich weiß. Der Wagen hatte ein Londoner Schild, und ich glaube, daß sie auf dem Weg über sternchenland.com Reading kam. Die Frau, die die Schlüssel von Lady’s Manor aufbewahrt, sagte, daß sie von dem Hausagenten Solders hierhergeschickt wurde. Die Firma hat nämlich das Haus an Hand.«

 

»War sie allein?«

 

»Ich habe niemand in ihrer Begleitung gesehen.«

 

Bellamy ging in das Wohnzimmer des Pförtners, wo ein Telephonapparat angebracht war. Eine Minute später hatte er Verbindung mit dem Hausagenten.

 

Der Mann erinnerte sich genau an die näheren Umstände. Die Dame war von London gekommen, und er hatte ihr die Erlaubnis gegeben, das Haus zu besichtigen. Ihren Namen konnte er leider nicht angeben, er hatte nicht danach gefragt. Es war auch nicht seine Gewohnheit, Leute nach Einzelheiten zu fragen, die noch nicht bestimmt einen Vertrag abschließen Wollten.

 

»Wenn sie Ihnen schreiben sollte oder wieder zu Ihrem Bureau kommt, so möchte ich gern ihre Personalien wissen,« sagte Mr. Bellamy und hing den Hörer wieder an.

 

Als es vollständig Tag geworden war, wurde die Vorratskammer genau untersucht. Bellamy hoffte eine Blutspur zu finden, die ihm irgendwie bei der Lösung des Rätsels Aufschlüsse geben konnte, aber er entdeckte nicht einen einzigen Flecken. Er sandte Savini nach Guildford, um genauere Erkundungen einzuziehen.

 

Im Augenblick war er so beschäftigt, daß er die unverantwortliche Einmischung seines Sekretärs in seine Privatangelegenheiten übersah. Das konnte warten.

 

Julius war nur zu froh, sich entfernen zu können. Er wollte sich selbst über einen Punkt Gewißheit verschaffen, und nachdem er seinen Auftrag in Guildford erledigt hatte, eilte er nach London und ging direkt zum Carlton-Hotel.

 

»Nein, ich glaube nicht,« antwortete der Hotelportier auf seine Frage. »Ich habe Miß Howett den ganzen Morgen sternchenland.com noch nicht gesehen. Ich werde in ihrem Zimmer anläuten, um zu fragen, ob sie dort ist. Wünschen Sie die Dame zu sprechen?«

 

Julius zögerte einen Augenblick.

 

»Ja,« sagte er dann.

 

Er hatte sich zu einem kühnen und gefährlichen Schritt entschlossen. Während der Portier telephonierte, wartete er, und man konnte die Erregung deutlich in seinen Zügen sehen, als er der Unterhaltung am Apparat folgte.

 

»Es tut mir leid, Mr. Savini,« sagte der Portier, als er den Hörer wieder anhing. »Es ist nicht möglich, daß Sie Miß Howett sehen können. Sie hat sich gestern abend den Fuß vertreten, als sie aus dem Wagen stieg und ist in ärztlicher Behandlung. Das hat mir eben ihre Zofe gesagt. Ich erinnere mich jetzt auch, daß ich Miß Howett seit gestern nachmittag nicht mehr gesehen habe.«

 

Julius war verblüfft, als er aus dem Hotel heraustrat. »Vertreten« bedeutete doch wohl, durch einen Schuß verwundet? Aber was hatte sie denn überhaupt in Garre zu suchen? Zu welchem Zweck verkleidete sich denn die Tochter des reichen Mr. Howett als Grüner Bogenschütze? Seine Theorie war phantastisch, aber das Übereinstimmen der Anfangsbuchstaben Valerie Howetts mit dem Monogramm auf dem Taschentuch war doch zu sonderbar. Dazu kam nun noch der verletzte Fuß. Sicher lebten Hunderte von Damen, die dieselben Initialen hatten, aber es war doch äußerst seltsam.

 

Wenn es jemand gab, den Julius an diesem Morgen nicht treffen wollte, so war es Spike Holland. Aber kaum war er ein paar Schritte vom Hoteleingang entfernt, als er dem Journalisten in die Arme lief. Bei schwachen Menschen ist Haß die Folge von Furcht, und so sehr Savini seinen Herrn haßte, der ihn täglich mit Beleidigungen überhäufte, so sehr fürchtete er sich vor seinem Zorn.

 

»Ich habe keine Zeit, Holland. Ich kam nur zur Stadt … sternchenland.com wenn Sie den Alten sehen, so sagen Sie um Gotteswillen nicht, daß Sie mich in London getroffen haben. Er hat mich nach Guildford geschickt und weiß nichts davon, daß ich hierher ging.«

 

»Bellamy hatte letzte Nacht Besuch?« fragte Spike.

 

»Ich schwöre Ihnen –« begann Savini.

 

»Ach was, nun hören Sie doch mit dem Leugnen auf. Was hat denn das für Zweck! Wir haben einen Mann nach dem Dorf geschickt, der seit gestern abend dort ist. Er hat uns gerade telephoniert, daß sich der Grüne Bogenschütze in der vergangenen Nacht wieder gezeigt hat und daß der alte Bellamy mit seinem Revolver aus einem alten Gainsborough ein Auge ausgeschossen hat!«

 

»Das ist nicht wahr!« sagte Julius heftig. »Wenn das in die Zeitung kommt und der Alte erfahrt, daß ich Sie gesehen habe – hören Sie, Holland, ich will ja alles für Sie tun, ich will Ihnen auch die ganze Geschichte erzählen, wenn Sie dafür sorgen, daß ich nicht hineingezogen werde.«

 

»Habe ich Sie denn schon jemals hineingeritten?« fragte Spike und schüttelte seinen rotblonden Lockenkopf. »Kommen Sie mit, Julius, und erzählen Sie mir einmal die ganze Geschichte.«

 

»Ich weiß nicht genau, was eigentlich los war,« begann Julius.

 

»Das ist ja ein verflucht seiner Anfang für einen genauen autoritativen Bericht. Aber nun erzählen Sie endlich!«

 

Julius berichtete ihm denn auch genau alles, was sich zugetragen hatte. Aber fast nach jedem Satz beschwor er Spike, ihn nicht zu verraten. Er hatte alle die charakteristischen Eigenschaften eines Halbbluts. Auf der einen Seite war er fahrlässig, was die Konsequenzen seiner Handlungsweise betraf, auf der anderen Seite hatte er eine so kindische Angst, daß es manchmal zum Erbarmen war. Er wälzte dunkle, unheimliche Pläne gegen Abel Bellamy in seinem Kopf, auf sternchenland.com deren Ausführung die unheimlichsten und schwersten Strafen stunden, und doch zitterte er, wenn er die rauhen Worte seines Herrn hörte, und kroch vor ihm.

 

»Erzählen Sie mir doch, was Bellamy eigentlich in seiner Burg macht? Was für ein Leben führt er denn? Gibt er auch Einladungen?«

 

»Einladungen?« wiederholte Julius grimmig. »Kein Fremder ist nach Garre Castle gekommen, seitdem ich dort bin. Sie wollen wissen, was Bellamy tagsüber macht? Er geht auf dem Grundstück herum, oder er vertrödelt die Zeit, indem er sich die Mauern ansieht. Die Abende bringt er in seiner Bibliothek mit sich allein zu. Niemand darf ihn dann stören, und tatsächlich ist das auch nicht möglich, denn er schließ! sich einfach dort ein. Gewöhnlich von neun bis elf Uhr abends und manchmal auch eine Stunde morgens.«

 

»Was, er schließt sich immer dort ein?« fragte Spike interessiert.

 

»Ja, beide Türen der Bibliothek schließt er zu, es ist nämlich noch eine andere Tür auf der anderen Seite. Aber um Gotteswillen, verraten Sie mich nicht!«

 

»Also nun ängstigen Sie sich nicht, mein Herzchen!« sagte Spike. »Können Sie mir nicht noch ein bißchen mehr von Bellamy erzählen?«

 

Julius, der schon wieder zuviel ausgeplaudert hatte, biß sich auf die Lippen und schaute sich verzweifelt um, ob er nicht irgendwie entwischen könnte.

 

»Das ist alles, was ich sagen kann, und nun versprechen Sie mir, Holland, daß Sie mich nicht verraten!«

 

»Wo ißt er denn?«

 

»Gewöhnlich in der Bibliothek, den Speisesaal benützt er fast nie. Aber jetzt muß ich gehen, Holland.«

 

Und bevor Spike ihn aufhalten konnte, war er davongeeilt.

 

Auf dem Rückweg nach Guildford machte sich Julius die sternchenland.com größten Vorwürfe, als er sich die Einzelheiten seiner Unterredung mit Spike ins Gedächtnis zurückrief. Große Schweißtropfen traten auf seine Stirn, als er sich klar machte, was er alles ausgeplaudert hatte. Aber er war glücklich, als er sich daran erinnerte, daß er nichts von dem Taschentuch gesagt hatte. Das war doch das Interessanteste an der ganzen Geschichte.

 

Als er zurückkam, fand er seinen Herrn in einer verhältnismäßig guten Stimmung. Er stellte keine unangenehmen Fragen an ihn, warum er z. B. so lange fortgeblieben sei, und zu seiner größten Genugtuung erwähnte Bellamy selbst, daß die Sache wahrscheinlich wieder in die Zeitungen kommen würde.

 

»Man kann dieses Hühnervolk nicht vom Gackern abhalten,« sagte er. »Die Hälfte der Dienstboten hat mir gekündigt. Selbst der dicke Wilks sagt, daß er gehen will. Ich habe ihm gesagt, daß ich ihn wegen Kontraktbruches bei Gericht belangen werde, wenn er seinen Dienst verläßt, bevor ich ihn entlasse. Savini, sehen Sie zu, daß heute nacht alle Lampen im Korridor brennen.«

 

»Erwarten Sie, daß er wiederkommt?« fragte Julius gesprächig, aber ein böser Fluch seines Herrn ließ ihn sofort verstummen.

 

Bei Tageslicht untersuchte Bellamy die Türen seines Zimmers. Die altertümliche äußere Türe konnte ohne große Schwierigkeit leicht geöffnet werden, wenn jemand über die nötigen Werkzeuge verfügte. Aber die Ledertür, die nur auf der Innenseite einen Drücker hatte, schien ganz sicher zu sein, und er war erstaunt, daß sie geöffnet worden war. Mit einem Vergrößerungsglas untersuchte er die Oberfläche des Leders ganz genau. Er hoffte, irgendwelche Spuren oder Kratzer zu finden, aber darin täuschte er sich. Im Rahmenholz der Tür war ein kurzer Eisenhaken eingeschlagen, der die Klinke in ihrer Bewegung nach oben begrenzte. Zuerst dachte er, sternchenland.com daß der Eisenhaken herausgezogen und die Tür auf diese Weise geöffnet worden wäre. Aber er überzeugte sich von der Unmöglichkeit, den Haken zu entfernen. Über der Tür war kein Querbalken befestigt, und obwohl Abel die ganzen Wände und die Decke seines Schlafzimmers sorgfältig untersuchte, konnte er doch nichts entdecken, was das merkwürdig langsame Öffnen der Tür erklärt hatte. In der nächsten Nacht schlief er. Die Pistole lag auf einem kleinen Tisch an der Seite seines Bettes, um fünf Uhr morgens erwachte er und sah, daß beide Türen seines Zimmers weit offen standen und sein Revolver verschwunden war!

 

Kapitel 12

 

12

 

»Vater, ich möchte gern ein Landhaus haben,« sagte Valerie Howett des Morgens beim Frühstück.

 

Mr. Howett schaute erstaunt auf.

 

»Was meinst du?« fragte er verwundert.

 

»Ich möchte ein Landhaus haben,« wiederholte Valerie.

 

Sie sah müde und blaß aus, schwere schwarze Schatten lagen unter ihren Augen, und er bemerkte eine Abgespanntheit und Müdigkeit an ihr, die ihm Sorge machte.

 

»Ich habe einen wunderbaren, alten Landsitz besichtigt, er ist nicht weit von London entfernt und hat nur den Nachteil, daß er an die Besitzung Abel Bellamys grenzt.«

 

»Aber meine Liebe, ich habe doch in Amerika verschiedenes zu erledigen und kann während des Winters nicht in England bleiben! – Aber vielleicht läßt es sich doch einrichten,« meinte er dann. »Wo liegt es denn?«

 

»In Garre – es heißt Lady’s Manor und ist ein alter Witwensitz, der früher zu der Burg gehörte. Das Haus muß allerdings gründlich renoviert werden.« Sie sah auf ihren Teller und fuhr dann geschickt fort: »Ich dachte, das wäre sternchenland.com gerade ein Platz für dich, lieber Vater, wenn du dein Buch schreiben willst.«

 

Mr. Howett träumte davon, eine politische Geschichte Englands zu schreiben. Er plante dieses Buch schon seit zwanzig Jahren und hatte bereits umfangreiche Vorarbeiten dafür gemacht. Die Tatsache, daß schon mehrere gute Werke über dieses Gebiet erschienen waren, schreckte ihn nicht ab, sondern spornte ihn höchstens zum Wetteifer an. Er strich sich nachdenklich über die Haare.

 

»Das Haus liegt so ruhig und friedvoll – ich bin sicher, Vater, daß du das Buch niemals schreiben wirst, wenn du nach Amerika zurückkehrst, wo du von deinen Geschäften vollständig in Anspruch genommen wirst. Und es ist doch auch ganz klar, daß du es in einer so unruhigen Stadt wie London nicht schreiben kannst. Hier ist es doch ebenso schlimm wie in New York.«

 

»Du sagst, es ist sehr still dort?« fragte Howett schon halb überzeugt.

 

»Es ist eine bezaubernde Ruhe dort,« sagte sie lebhaft.

 

»Es ist eigentlich keine schlechte Idee von dir, Valerie.« Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück und schaute zur Decke empor. »Und schließlich ist es ja auch gut für dich – wirklich, wenn ich es mir länger überlege, ist es keine schlechte Idee. Ich werde nach New York kabeln und zusehen, ob ich die Sache nicht anders ordnen kann. – Sage mal, fürchtest du dich eigentlich vor Geistern?« fragte er dann etwas unvermittelt und lächelte.

 

»Nein, ich fürchte mich nicht,« sagte sie ruhig. »Wenn du damit etwa den Grünen Bogenschützen meinen solltest.«

 

»Das ist eine ganz merkwürdige Sache.« Mr. Howett schüttelte den Kopf. »Ich kenne Bellamy nicht, aber wie ich gehört habe, scheint er sich vor nichts in der Welt zu fürchten, es sei denn vor dem Besuch eines Steuerbeamten.«

 

»Bist du ihm niemals begegnet?«

 

sternchenland.com Er schüttelte den Kopf.

 

»Nein, ich habe persönlich noch nichts mit ihm zu tun gehabt. Ich sah ihn oft genug, er wohnte ja hier im Hotel. Ich mag ihn nicht und vor allen Dingen kann ich seinen Sekretär mit dem fahlen, gelben Gesicht nicht leiden.«

 

Sie erhob sich, und er eilte an ihre Seite, um sie zu stützen, als sie den Raum verließ.

 

»Valerie, du mußt einen Arzt wegen deines verrenkten Fußgelenks zu Rate ziehen.«

 

»Ach, das wird heute schon wieder besser werden. Ich werde mich hinlegen, nichts tun und keinen Besuch empfangen.«

 

Lachend lehnte sie seine Hilfe ab und ging allein zu ihrem Zimmer, obwohl sie sich ein wenig schwach fühlte. Am Vormittag meldete sich ein Besuch, und Mr. Howett klopfte an die Tür seiner Tochter.

 

»Captain Featherstone ist hier – er sagt, daß er dich sprechen möchte. Kann er nähertreten?«

 

»Wenn er verspricht, recht ruhig zu sein,« kam die Antwort. »Ich bin gerade nicht in der Stimmung, mir Vorhaltungen machen zu lassen.«

 

»Warum in aller Welt sollte er dir denn Vorhaltungen machen?« fragte ihr Vater erstaunt.

 

»Laß ihn hereinkommen!«

 

Jim Featherstone betrat Valeries Zimmer auf Zehenspitzen mit einer solchen Vorsicht, daß sie ihn hätte schlagen mögen.

 

»Es ist sehr traurig, Sie so liegen zu sehen,« begann er. »Bitte schmollen Sie nicht, Miß Howett, ich bin gekommen, um Ihnen meine Teilnahme auszusprechen.«

 

Mr. Howett ging ins andere Zimmer zurück und schrieb ein Telegramm.

 

»Wo waren Sie vorige Nacht?« fragte Featherstone, als sie allein waren.

 

»Im Bett,« antwortete sie prompt.

 

sternchenland.com »Und die Nacht vorher?«

 

»Auch im Bett.«

 

»Würden Sie mich für zudringlich halten, wenn ich mir die Frage erlaube, ob Sie im Traum nicht jener düsteren Gegend von Limehouse einen Besuch abstatteten, um sich nach einem Mann umzusehen, der unter dem Namen Coldharbour Smith bekannt ist?«

 

Sie wollte ihn ungeduldig abwehren.

 

»Warten Sie einen Augenblick,« sagte er und hob feierlich abwehrend die Hand. »Als Sie nach Coldharbour Smith suchten, gerieten Sie da nicht in eine allgemeine Schlägerei in einer Kneipe, die hauptsächlich von Chinesen und Negern besucht wird?«

 

Sie schauderte bei der Erinnerung.

 

»Sie wurden glücklicherweise von einem ehrlichen, aber rauhen Matrosen gerettet – aber trotzdem haben Sie einen bösen Fußtritt von einem der Kerle abbekommen.«

 

»Waren Sie vielleicht der ehrliche, aber rauhe Seemann?« fragte sie verwirrt.

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Nein, es war einer meiner Leute, Sergeant Higgins, ein guter Kerl, obgleich er nichts von einem Helden oder Stutzer an sich hat. Aber warum unternehmen Sie solche schrecklichen Dinge?«

 

»Weil ich es muß,« antwortete sie verbissen. »Ich hätte Creager sehen müssen, bevor dies alles passierte. Ich wußte manches von ihm, ich wußte, daß er von Bellamy Geld empfing, weil er früher einmal etwas Schreckliches für ihn getan hat. Und auch dieser andere Mann –« sie schauderte wieder. »Es war schrecklich.«

 

»Coldharbour ist kein feiner Mensch,« gab Captain Featherstone zu. »Leute, die derartige Kneipen halten, sind gewöhnlich nicht sehr zartbesaitet. Coldharbour wird also sternchenland.com auch von Bellamy unterstützt?« fragte er scheinbar belustigt. »Das wußte ich noch nicht. Wo bekommen Sie denn nur alle diese Informationen her?«

 

»Ich bezahle dafür,« sagte sie, indem sie eine direkte Antwort ablehnte. »Und ich denke, meine Informationen sind einigermaßen zuverlässig.«

 

Er dachte einige Augenblicke nach und schaute auf den Teppich.

 

»Ich habe das Gefühl, daß Sie sich auf diese Weise selbst zugrunde richten,« sagte er dann ernst. »Glücklicherweise war Coldharbour vorige Nacht nicht zu sehen. Wenn er dort gewesen wäre, so hatte es Bellamy in den nächsten vierundzwanzig Stunden erfahren.«

 

Er sah, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten, und dieser unerwartete Anblick machte ihn betroffen.

 

»Ich habe alles versucht,« sagte sie, »wirklich alles, ich glaube, daß ich eigensinnig und närrisch bin, und ich war eitel genug, zu glauben, ich sei klüger, als die Polizei der ganzen Welt. Aber ich sehe jetzt doch ein, daß ich es nicht bin.«

 

Er sah sie an.

 

»Jagen Sie hinter einem Schatten her, Miß Howett?« fragte er ernst.

 

»Nein, nein, nein!« rief sie heftig. »Ich bin meiner Sache sicher. Irgendein Gefühl sagt mir, daß ich auf dem rechten Wege bin.«

 

»Würden Sie mir nicht mitteilen,« fragte Featherstone leise, »wer die Frau ist, die Sie suchen?«

 

Er sah, wie sie ihre Lippen fest aufeinander preßte.

 

»Das kann ich nicht sagen, es ist nicht mein Geheimnis allein.« sternchenland.com

 

Kapitel 13

 

13

 

Spike Holland war sehr mit dem Vorschlag seines Redakteurs einverstanden, zu John Wood nach Wenduyne zu fahren und ihn zu überreden, eine Artikelserie über Kinderfürsorge zu schreiben. Spike hatte den lebhaften Wunsch, den Mann wiederzusehen, der so außerhalb der Welt und ihrem ewigen Kampf ums Dasein stand.

 

Er verließ London mit dem ersten Zug nach dem Festland und brachte fünf ungemütliche Stunden auf der kalten und unruhigen See zu. Er war eigentlich nicht deshalb gereist, um die Artikelserie für die Zeitung zu sichern, denn Wood hatte ihm seine Zustimmung darüber schon früher ausgedrückt. Der eigentliche Grund war die Hoffnung, noch einiges über Abel Bellamy zu erfahren. Es war merkwürdig, daß man so wenig Nachrichten über den alten Mann bekommen konnte. Spike hatte den Eindruck, daß dieser Menschenfreund ihm sehr viel hätte mitteilen können. Die Schroffheit, mit der Wood damals so plötzlich das Gesprächsthema änderte, als er Bellamys Namen erwähnte, gab ihm diese Gewißheit.

 

Spike war froh, als er in Ostende wieder festen Boden unter den Füßen fühlte. Er mußte eine halbe Stunde auf dem Bahnhofsplatz warten, bis die Bahn kam, die den Dünen entlang nach der holländischen Grenze fuhr, und er fühlte sich glücklich, als er in einem Abteil erster Klasse saß. Es regnete ziemlich heftig, und ein rauher Wind fegte über den verlassenen Platz. Spike war häufig in Belgien gewesen und kannte diesen traurigen Weg gut genug, der durch die Dünen führte. Das Dörfchen Le Coq war ein öder Platz, aber Wenduyne hatte das Aussehen einer Stadt, eines Seebades, das hauptsächlich im Sommer besucht wird. Es lag jetzt verlassen da, nur ein fröstelnder Polizist stand in dem gedeckten Warteraum der Bahn und sah ihm neugierig zu, als er sich gegen den starken Nordwestwind mit Mühe zu der steilen sternchenland.com Böschung emporarbeitete, die zu der Strandpromenade führte.

 

Der Strand war verlassen, und die Fassaden der schönen Villen waren mit Brettern verschlagen. Große Sandhaufen lagen über bei vernachlässigten Strandpromenade. Es war gerade Flut, und die großen Wogen der stürmischen See brandeten heftig gegen die Uferbefestigung, als er schnell den Weg entlangging. Er hatte seinen Mantel bis zum Kinn zugeknöpft. Schließlich stand er vor dem Haus Nr. 94.

 

Eine hohe Villa mit schmaler Frontseite erhob sich vor ihm. Die kleine Säulenhalle und der Eingang waren hinter einer grauen Bretterschutzwand verborgen, nur eine Tür war sichtbar. Er klopfte, aber es meldete sich niemand. Er klopfte noch einmal lauter.

 

Als er es zum drittenmal ohne Erfolg versucht hatte, ging er um das Gebäude herum, um vielleicht auf der Rückseite Einlaß zu finden.

 

Gleich nach seinem Klopfen erschien eine behäbige, ältere Frau mit einem leichten Anflug eines Schnurrbarts. Sie schaute ihn etwas unsicher an.

 

»Wie ist Ihr Name? Monsieur empfängt nicht,« fügte sie französisch.

 

»Ich werde erwartet, ich habe mich telegraphisch angemeldet.«

 

Die Frau wurde plötzlich freundlicher.

 

»Ja, ich weiß, wollen Sie bitte mitkommen?«

 

Sie führte ihn eine Flucht von Treppenstufen hinauf, die nicht einmal mit einem Teppich belegt waren, und klopfte an eine Tür. Er hörte drinnen eine Stimme, und sie ging vor dem Besucher hinein.

 

Spike sah sich in einem im Verhältnis zu seiner Länge und Höhe schmalen Raum, dessen eine Wand mit Teppichen behängt, während die andere ganz mit Bücherregalen verstellt sternchenland.com war. Zwei silberne, elektrische Armlampen verbreiteten ein helles Licht, denn die einzige natürliche Lichtquelle war ein buntes Glasfenster hinten an der Schmalwand am anderen Ende des Raumes.

 

John Wood saß an einem großen, mit Goldbronze beschlagenen Schreibtisch, als Spike eintrat. Er erhob sich und legte die Feder nieder.

 

»Sind Sie trotz des bösen Wetters gekommen? Sie sind ein tapferer Mann. Nehmen Sie bitte Platz, Mr. Holland. Und bevor Sie mich fragen, will ich Ihnen schon sagen, daß ich die Artikelserie gerne schreibe, die Sie in Ihrem Telegramm erwähnten. Es ist mir sehr lieb, daß ich dadurch wieder mehr in der Öffentlichkeit bekannt werde, um meine Pläne durchzusetzen, und ich mache ganz rücksichtslos für mich Reklame.«

 

Sie besprachen noch ein paar Einzelheiten über Länge und Inhalt der Artikel, während die dicke Frau mit dem Schnurrbart Wein, Kaffee und Bisquits servierte.

 

»Wie ruhig und friedvoll haben Sie es doch hier,« sagte Spike neiderfüllt. »Ich dachte, es wäre eine Marotte von Ihnen, im Winter in Wenduyne zu leben. Aber wie geeignet ist dieser Platz doch zum Schreiben!«

 

John Wood lächelte.

 

»Ich möchte Sie nicht mit nach oben nehmen, um Ihnen die Ruhestörer zu zeigen. Sie schlafen jetzt gerade.«

 

»Haben Sie denn Kinder hier?« fragte Spike erstaunt.

 

Wood nickte.

 

»Dreißig, drei große Säle voll!« Er zeigte auf die Treppe, die zu dem oberen Teil des Gebäudes führte. »Ich habe nur die gesunden Kinder hier, das Sanatorium liegt auf der anderen Seite der Stadt.«

 

Sie sprachen noch eine ganze Stunde lang über kleine Kinder. Mr. Wood schien überhaupt über nichts anderes reden zu wollen.

 

sternchenland.com »Ich glaube, Sie wissen viel mehr über Abel Bellamy, als Sie mir sagen. Sie scheinen ihn nicht sehr zu lieben?«

 

Mr. Wood spielte mit einer goldenen Panfigur, einer kleinen, wunderschönen Statuette, die auf seinem Schreibtisch stand.

 

»Ich weiß genug von ihm, um ihn an den Galgen zu bringen,« sagte er, ohne den Blick zu erheben.

 

Spike hörte verwundert zu.

 

»Sie wissen genug, um ihn an den Galgen zu bringen?« wiederholte er. »Das ist doch wohl etwas viel gesagt.«

 

Wood sah ihm jetzt ins Gesicht.

 

»Mag sein, daß es gewagt ist. Aber ich spreche ja im Vertrauen mit Ihnen.«

 

Spike war gewöhnlich nicht sehr entzückt, wenn jemand ihm Mitteilungen unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit zukommen ließ, aber jetzt war er begierig, auch Nachrichten zu sammeln, die er nicht veröffentlichen durfte.

 

»Ich habe absolut keine Beweise, aber trotzdem weiß ich genug, daß man das Urteil über ihn sprechen könnte. Ich will nicht sagen, daß man ihn nur auf meine Aussage allein hin hängen kann; das Gesetz ist sehr vorsichtig in England, wenn die Todesstrafe in Betracht kommt.«

 

»Sicher handelt es sich um ein Kind,« meinte Spike. »Obwohl ich nicht behaupten will, daß Sie kein Herz für Erwachsene haben oder sich nicht über die Ermordung irgendeines fetten Mannes aufregen würden, schließe ich doch aus Ihren Worten, daß ein Kind im Spiel war.«

 

»Ja, er hat ein Kind umgebracht, ein Kind, an das ich mich dunkel erinnere. Ob er oder einer seiner Helfershelfer dafür verantwortlich ist, weiß ich nicht. Er haßt Kinder. Ich bin neugierig, ob Sie mein Telegramm ernst nehmen, in dem ich Sie fragte, ob Bellamy sich für kleine Kinder interessiert? Es war ein grimmiger, vielleicht ein törichter Scherz. Ich sandte es Ihnen aus dem Impuls des Augenblickes sternchenland.com heraus. Abel Bellamy würde lieber seinen letzten Dollar in die See werfen, als einem Kind auch nur mit ein paar Cent helfen!«

 

»Können Sie mir nicht erzählen, was er getan hat – war es in Amerika?«

 

»Ja, in Amerika, vor vielen Jahren. Aber ich fürchte, daß ich schon zuviel gesagt habe. Früher oder später werde ich auch die Beweise dafür in der Hand haben. Zwei Leute arbeiten schon seit zwei Jahren in meinem Dienst auf Grund der Angaben, die ich machen konnte. Einer lebt in London, der andere in Amerika.«

 

»Er hatte einen bösen Streit mit dem Vormundschaftsgericht in Amerika?«

 

»Ich weiß um die Geschichte, aber das hat nichts mit dem Fall zu tun, den ich meine. Es war auch noch eine andere Geschichte in den Staaten. In New York hätte er auch beinahe einmal einen Bureaujungen umgebracht – er warf ihn eine hohe Steintreppe hinunter. Ich kenne die öffentlichen Akten Mr. Bellamys sehr genau, aber ich bin hinter seinen geheimen Privatakten her, die ich gerne ausfindig machen möchte. Der Mann ist ein brutaler Mensch. Aber er hat sich nicht allein gegen Kinder vergangen, einmal mußte er sogar fünftausend Dollar bezahlen, nur um eine Klage beizulegen, die sein Kammerdiener gegen ihn erhob. Seit der Zeit halt er sich keinen mehr.«

 

»Unser Herrgott hat merkwürdige Geschöpfe geschaffen,« meinte Spike.

 

»Und der Teufel noch schlimmere,« erwiderte John Wood. Sein schönes Gesicht verdüsterte sich. »Er machte manche Menschen zu Tieren.«

 

Spike stellte jetzt endlich die Frage, die er sich schon auf der ganzen Herreise überlegt hatte.

 

»Glauben Sie, daß der Grüne Bogenschütze eins seiner Opfer ist?«

 

sternchenland.com John Woods Stirn glättete sich.

 

»Viele Leute glauben,« sagte er etwas spöttisch, »daß der Grüne Bogenschütze die Erfindung eines gewissen Zeitungskorrespondenten ist – es wäre unhöflich, seinen Namen Ihnen gegenüber zu nennen!«

 

»Ich wäre glücklich, wenn ich der Verfasser einer Geschichte wäre, die ganz England zum Besten hielt,« gestand Spike. »Aber unglücklicherweise trägt der Grüne Bogenschütze selbst die Verantwortung dafür.«

 

Nun erzählte er die Begebenheit von dem letzten Erscheinen des Bogenschützen, und John Wood fragte ihn genau nach allen Einzelheiten aus.

 

»Wer sah denn das ›Gespenst‹ mit Ausnahme von Abel Bellamy?«

 

»Niemand, vielleicht hat er die ganze Sache selbst ausgedacht.«

 

»Das scheint mir nicht sehr wahrscheinlich.« John Wood schüttelte den Kopf. »So raffiniert ist Bellamy nicht, er ist ganz vertiert. Diese Vermutung können Sie ruhig fallen lassen, der Grüne Bogenschütze wird schon wirklich existieren, Wenn Bellamy ihn gesehen hat.«

 

Sein Gesicht verfinsterte sich wieder und er lehnte sich in tiefen Gedanken in seinen Stuhl zurück. Plötzlich erhob er sich, ging zu einem Geldschrank am Ende des Raumes und öffnete ihn. Einige Zeit blieb er dort stehen, und als er wieder zum Schreibtisch zurückkam, hielt er etwas in der Hand.

 

Spike hatte sich erhoben, um sich zu verabschieden. Er hatte nur wenige Stunden zur Verfügung, und die Besprechung der Artikel hatte viel Zeit gekostet.

 

»Sehen Sie einmal dies an, Holland.«

 

Er zeigte ihm einen beschmutzten und verfärbten Kinderschuh aus weichem, weißen Ziegenleder.

 

»Eines Tages werde ich Abel Bellamy diesen Schuh vor einem amerikanischen Gericht zeigen, wenn man ihn nicht sternchenland.com schon vorher überführt – und das wird für ihn ein schrecklicher Tag werden!«

 

In diesem Augenblick kam die alte Frau wieder in den Raum. Ein breites Lachen lag auf ihrem einfachen Gesicht, und sie trug ein kleines weißes Bündel in ihren Armen.

 

»Monsieur, der kleine Allemand will nicht schlafen, bevor er Sie gesehen hat.«

 

Sie hielt ein rosiges kleines Kind mit großen, leuchtenden Augen in ihren Armen, das seinen Kopf John Wood zuwandte und den kleinen, nassen Mund zu einem vergnügten Gurgeln öffnete.

 

Der Wechsel, der mit Wood vorging, war erstaunlich. Seine düstere Stimmung schien wie weggeblasen, und der Frohsinn und die Freude, die ihm sonst eigen waren, zeigten sich wieder in seinen Gesichtszügen, als er die Arme ausstreckte, um das Kind zu nehmen.

 

»Hier ist ein Kleinod meines Schatzes, Holland, das kostbarer ist als die Millionen Bellamy’s!«

 

Er hatte seine Wange an das Gesicht des kleinen Kindes gelegt. Spike sah Tränen in seinen Augen und war überrascht.

 

Als Spike unten am Hause vorbeiging und wieder gegen den Wind ankämpfte, wandte er sich noch einmal um. Durch das Fenster sah er, daß John Wood das kleine Kind auf die Ecke des Schreibtisches gesetzt hatte. Mit der einen Hand hielt er es fest und mit der anderen zeigte er ihm die goldene Panfigur.

 

Kapitel 8

 

8

 

Frank beobachtete die beiden Männer, die vor dem Altar demütig ihre Verehrung darbrachten, und er strengte seine Ohren an, um die merkwürdigen Worte zu verstehen, die gesprochen wurden. Er erkannte die Stimme des Betreffenden nicht, jedenfalls war es keiner der beiden Männer, die ihn in den Keller gesperrt hatten. Die Stimme klang wohllautend und voll, und doch zitterte sie vor Erregung. Ja, der Mann schien in ekstatischer Begeisterung zu sein.

 

»Hades, du großer Gott der Unterwelt, du Spender des Reichtums, höre deine Diener! Du mächtiger Gott, durch dessen Einfluß und Segen dieser Mann, der sich hier vor dir erniedrigt und vor deinem Altar kniet, zu großem Reichtum gelangt ist, höre seine Bitte und sei ihn gnädig, denn er will seinen Reichtum mit den Armen teilen, so daß dein Name groß werde. O Pluto, gefürchteter Herr der Unterwelt, gib deinem Knecht ein Zeichen, daß du ihn erwählt hast!«

 

Der größere der beiden hob den Kopf und blickte auf das goldene Bild. Frank konnte von seinem Standpunkt aus nur den Rücken des Mannes sehen. Das einzige Licht in diesem merkwürdigen Tempel kam von zwei elektrischen Leuchtern, die zu beiden Seiten des Altars standen. Außerdem mußten am Altar selbst für den Beschauer unsichtbare Lichter angebracht sein, die das Bild des goldenen Hades erhellten, so daß es zu strahlen schien.

 

Einige Augenblicke herrschte tiefe Stille, dann hörte man eine Stimme, die aus weiter Ferne zu kommen schien und hohl und unnatürlich klang. Allem Anschein nach ertönte sie aus der Richtung der goldenen Figur.

 

»Deine Opfer sind angenehm vor mir, und ich weiß, daß du mir treu dienst. Du sollst den Leuten, die meine Priester sind, das geben, was du am meisten schätzest, dann wird es dir wohlergehen, und dein Name soll in meinem Buch mit goldenen Lettern geschrieben sein.«

 

Der große Mann warf sich auf den Boden und blieb lange Zeit in dieser Haltung, dann erhob er sich, und die beiden gingen langsam zwischen den Säulen entlang, bis sie an das hintere Ende des Saales kamen und durch den blauen Samtvorhang verschwanden.

 

Frank atmete erregt. Schweiß stand auf seiner Stirn. Geräuschlos kroch er in den Lichtschacht zurück und schlich die Leiter hinunter. Er hatte noch viel Zeit, und als sich die Tür wieder öffnete, war er vollkommen ruhig geworden und schlief allem Anschein nach. Die Stimme kannte er, die gleich darauf sprach.

 

Es war keiner der Männer, die an der sonderbaren Zeremonie teilgenommen hatten, darauf hätte er einen Eid leisten können. Er lag vollkommen ruhig unter seiner Decke. Einer der beiden schlich sich auf Zehenspitzen zu seinem Lager, und Frank mußte seine ganze Kraft zusammennehmen, um reglos zu bleiben. Er zweifelte nicht daran, daß diese Verbrecher ihn einfach ermorden würden, wenn es ihren Plänen entsprach. Er packte die Eisenstange fester, die er mitgenommen hatte, und war entschlossen, sein Leben so teuer wie möglich zu verkaufen, wenn es darauf ankommen sollte. Aber sie schienen mit allem zufrieden zu sein.

 

»Es hat aber ziemlich lange gedauert, bis du gesprochen hast, Tom«, sagte der eine.

 

Der andere antwortete leise. Frank konnte etwas von einem Rohr verstehen.

 

Dann krachte es, und er vermutete, daß sie einen der beiden Kästen hinaustrugen. Die Tür schloß sich hinter den beiden, und der Schlüssel drehte sich im Schloß. Sie trugen den Kasten durch die zweite Tür nach draußen und stellten ihn in der Säulenhalle eines kleinen griechischen Tempels nieder.

 

Das Gebäude war von einer weiten Parkanlage umgeben, die aber nur wenig offene Rasenstellen zeigte. Meistens bildeten große Bäume und dichte Sträucher den Hintergrund. Weit und breit konnte man nichts von einer menschlichen Wohnung entdecken.

 

Tom zog sein Taschentuch heraus und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

 

»Was soll nun mit dem Kerl da unten im Keller werden?« fragte er und zeigte mit dem Daumen nach der Tür, die zur Krypta führte.

 

»Für uns hat er keinen Zweck, selbst Rosie gibt das zu. Außerdem ist er für uns sehr gefährlich.«

 

Die beiden sahen sich einige Zeit schweigend an.

 

»Ich bringe es nicht fertig, einen Mann kaltblütig zu morden«, sagte Tom. »Aber wenn ich ihm erst ein paar Schläge versetze, beginnt er vielleicht einen Kampf mit mir – und dann ist die Sache ja leicht.«

 

Sammy nickte.

 

»Wir wollen jetzt den zweiten Kasten auch noch heraufbringen und nachher den Mann erledigen.«

 

Es machte ziemlich Mühe, auch den zweiten Kasten nach oben zu bringen. Sie stellten ihn in dem Säulengang dicht neben dem ersten auf. Zehn Minuten lang saßen sie dann auf den marmornen Stufen vor der Fassade, bis sie wieder zu Atem gekommen waren. Die Nacht war ruhig, der Himmel war klar und sternenübersät. Die dunklen Schatten zweier Bäume und die Silhouette des Tempels gaben eine gespenstische Kulisse ab. Sie wirkte um so unheimlicher, als die beiden daran dachten, welch grausame Aufgabe vor ihnen lag. Je länger sie warteten, desto unwilliger wurden sie, ihr Vorhaben auszuführen.

 

»Rosie hat die nächste Geldzahlung für das Depot in Philadelphia bestimmt«, sagte Tom, als ob er nur etwas reden wollte.

 

Sammy brummte etwas Unverständliches.

 

Schließlich erhob sich Tom und zog einen Revolver aus der Tasche, dessen Lauf drohend glänzte.

 

»Komm mit«, sagte er kurz entschlossen.

 

Sie gingen die Treppe hinunter, schlossen die Tür des Kellerraums auf und traten zusammen ein. Tom ging direkt auf das Bett zu, und seine Hand tastete nach der Decke.

 

»Heraus jetzt –«

 

Er zog die Decke zurück, fand aber niemand darunter. Papier und Bücher waren in die Mitte gelegt. Sam fluchte.

 

»Er ist fort«, rief er und eilte die Treppe hinauf. Die eine Kiste in dem Säulengang war leer.

 

Kapitel 9

 

9

 

Am nächsten Tag hatte Peter Corelly sehr viel zu tun, viel mehr, als er erwartet hatte.

 

Wenn er behauptete, Professor Cavan erst seit einem Tag zu kennen, dann übertrieb er natürlich. Er wollte damit nur ausdrücken, daß ihn Professor Cavan erst seit gestern interessierte. In New York war der kleine Mann mit dem etwas struppigen grauen Bart, dem kahlen Kopf und den langen grauen Locken wohlbekannt. Er trug stets eine goldene Brille. Es war sonderbar, daß er ein großes Vermögen besaß, denn im allgemeinen haben Gelehrte nicht das Glück, durch ihre Wissenschaft viel Geld zu verdienen.

 

Wilbur Smith lehnte sich in die Kissen zurück, nachdem Peter Corelly fortgegangen war, und es gelang ihm bald, herauszufinden, wer dieser Professor Cavan war. Wenn er es vorher vergessen hatte, dann war das ja entschuldbar; seine Gedanken beschäftigten sich eben nur mit Verbrechen und Verbrechern.

 

Cavan? dachte Wilbur Smith, während er auf die weißgetünchte Decke sah, als ob er dort in einem großen Nachschlagewerk läse. Das ist doch der Spezialist für klassische Mythologie. Peter wird sicher alles von ihm erfahren können, was sich auf den alten griechischen Gott Hades bezieht.

 

Und wenn es jemand auf der Welt gab, der über Hades Bescheid wußte und zur Aufklärung eines Geheimnisses beitragen konnte, mit dem sich die beiden besten Detektive der Geheimpolizei beschäftigten, dann war es Professor Cavan.

 

Als dieser große Gelehrte seinerzeit nach den Vereinigten Staaten kam, nahm ihn die wissenschaftliche Welt gerne in ihre Reihen auf, und auch die Gesellschaft von New York feierte ihn. Dieser Zeitpunkt lag drei Jahre zurück. Cavans gründliches Wissen, seine faszinierende Rednergabe und nicht zuletzt sein Vermögen hatten ihm alle Türen geöffnet. Gleich im ersten Jahr bot man ihm an drei verschiedenen Universitäten einen Lehrstuhl an, aber er lehnte höflich und bestimmt ab.

 

Er lebte in einer luxuriösen Wohnung am Riverside Drive und hatte eine zahlreiche Dienerschaft. Seine glänzenden Vermögensverhältnisse straften die gewöhnliche Ansicht Lügen, daß ein Professor mit seiner Wissenschaft kein Geld erwerben könnte. Selbst Peter Corelly, der sich durch äußeren Reichtum im allgemeinen wenig imponieren ließ, war erstaunt, als er in der Wohnung des Gelehrten vorsprach. Ein stattlicher Butler empfing ihn, der seiner Erscheinung nach Engländer war. Er hatte ein repräsentatives Aussehen und sehr höfliche Manieren.

 

Peter wurde in das Arbeitszimmer des Professors geführt und fand den kleinen Herrn an einem großen, höchst imposanten Schreibtisch, der mit offenen Büchern, Dokumenten, Papieren und Manuskripten bedeckt war; Cavan schrieb gerade eifrig an einer Abhandlung. Als der Butler Peter hereinführte, blickte der Gelehrte auf, griff nach Peters Visitenkarte und las sie, indem er sie nahe an die Augen hielt. Dann nahm er die Brille ab und lehnte sich mit einem verbindlichen Lächeln in seinem Sessel zurück.

 

»Bitte, nehmen Sie Platz, Mr. Corelly. James«, wandte er sich an den Butler, »schieben Sie doch einen Stuhl zurecht. Darf ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten?«

 

»Danke, nein«, entgegnete Peter. »Das ist ein Getränk, an dessen Genuß ich mich noch nicht gewöhnt habe.«

 

»Außerordentlich schade«, meinte Cavan und schüttelte den Kopf. »Es ist ein herrliches Getränk, erhält einen frisch und munter, so daß man angestrengt arbeiten kann, ohne irgendwelche Ermüdung zu spüren. James, Sie können gehen.«

 

Als sich die Tür schloß, sah er wieder auf die Visitenkarte.

 

»Mr. Corelly, soviel ich verstehe, haben Sie mich aufgesucht, um mit mir über eine Spezialfrage der griechischen Mythologie zu sprechen. Ich glaube auch zu wissen, worum es sich handelt.« Er sah Peter mit einem sonderbaren Lächeln an. »Sie wollen genauere Angaben über den goldenen Hades von mir haben.«

 

Peter konnte sich sehr gut beherrschen, aber trotzdem war es ihm in diesem Augenblick kaum möglich, seine Überraschung zu verbergen. Er hatte geglaubt, die Einzelheiten dieses geheimnisvollen Kriminalfalls wären nur den obersten Beamten der Geheimpolizei bekannt.

 

Der Professor war befriedigt von dem Eindruck, den seine Worte hervorriefen.

 

»Mr. Corelly, ich bin kein Hellseher, ich lese nur die Zeitungen sehr genau. Gestern abend fand ich eine Bemerkung im ›Evening Herald‹, die von der Sache handelte. Allem Anschein nach hatte ein Redakteur dieser Zeitung einen Brief erhalten …«

 

»Ach ja, ich entsinne mich«, entgegnete Peter schnell. »Natürlich. Mr. Wilbur Smith hat ihn jetzt.«

 

»Gewiß, das stimmt mit den Zeitungsnachrichten überein. Also, Mr. Corelly, was kann ich für Sie tun?«

 

»Ich möchte Sie bitten, mir möglichst genau zu erklären, welche Funktionen der griechische Gott Hades oder Pluto bei den Römern hatte. Ich habe selbst studiert, aber natürlich besitze ich keine Spezialkenntnisse in griechischer Mythologie. Deshalb wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir über diese Frage genauere Auskunft geben könnten.«

 

Cavan nickte bedächtig.

 

»Ich dachte mir schon, daß Sie sich danach erkundigen würden.«

 

»Ich weiß, daß Sie der beste Kenner der alten Götterkulte sind, die sich bis auf diesen Tag erhalten haben. Vielleicht müßte ich besser sagen, die in neuerer Zeit wieder aufgelebt sind.«

 

Der Professor nickte wieder.

 

»Ich habe allerdings eine sehr eingehende Kenntnis gerade dieser Materie. Es ist erstaunlich, wieviel von den alten Kulten sich bis in unsere Tage herübergerettet hat. Es gibt einige darunter, die eine große Anzahl von Anhängern, ich möchte sogar sagen, von Priestern haben, und es existieren noch ganz bestimmte Rituale. Zum Beispiel gibt es in Norwegen noch Verehrer der altheidnischen Gottheit Troll. Das ist eine Art Teufel aus der skandinavischen Göttersage. In Rußland waren sehr viele Anhänger des Geheimkults von Baba Yaga, auch einer mythologischen Gestalt. Es ist mir gelungen, sie mit der altgriechischen Gottheit Chronos zu identifizieren. In England und Amerika leben eine ganze Anzahl recht unangenehmer Leute, die meistens ein bewegtes und böses Vorleben haben und noch einen anderen Gott der griechischen Mythologie zu ihrem Schutzpatron erklären.«

 

»Bedeutet das auch, daß sie einen gewissen Kult mit ihm treiben?«

 

»Ja, sie verehren diese Gottheiten etwa so, wie die Parsen die Sonne verehren.«

 

»Legen Sie ihnen auch übernatürliche Kräfte bei?«

 

»Ganz gewiß. Nehmen wir einmal den Fall des Gottes Hades, für den Sie sich ja ganz besonders interessieren. Es gibt drei Gruppen von Hadesverehrern. Aus verschiedenen Gründen übt dieser Gott eine größere Anziehungskraft auf die Menschen aus als irgendeine andere Gestalt der alten Mythologie.«

 

»Gibt es denn tatsächlich solche Hadesverehrer hier in Amerika – speziell im Staat New York?«

 

»Ja, die gibt es«, entgegnete der Professor und sah Peter wieder sonderbar an. »Einige von ihnen sind begeisterte Anhänger, und zwar mit vollem Bewußtsein, andere sind in der Beziehung weniger fanatisch. Sie dürfen nicht vergessen, daß Hades oder Pluto unter anderem auch der Gott des Reichtums ist«, fügte er lächelnd hinzu.

 

»Ich möchte eine direkte Frage an Sie stellen. Sie verkehren doch hier in der besten Gesellschaft. Kennen Sie unter diesen Leuten Mitglieder einer Sekte, die den Gott Hades verehrt? Bevor Sie mir antworten, darf ich Ihnen sagen, daß ich ihre Namen jetzt nicht wissen will.«

 

»Ich würde Ihnen gern auch die Namen mitteilen, wenn ich sie wüßte, aber glücklicherweise habe ich mit diesen Dingen direkt nichts zu tun. Meine wissenschaftliche Tätigkeit liegt auf einem anderen Gebiet. Ich weiß wohl, daß solche Sekten existieren, weil ich im allgemeinen davon gehört habe, aber um derartige Absurditäten selbst habe ich mich weniger gekümmert. Und wo man derartige Gemeinden von Hadesverehrern finden kann – das mag der Himmel wissen!«

 

Er erhob sich und reichte seinem Besucher die Hand, »leben Sie wohl, Mr. Corelly.«

 

Peter hatte durchaus nicht die Absicht gehabt, schon zu gehen, aber nun blieb ihm nichts anderes übrig, als die Wohnung zu verlassen.

 

*

 

Am Abend speiste er zusammen mit Flint, und zwar in einem vornehmen Klub, in dem sein Vorgesetzter Mitglied war.

 

»Ich hatte gehofft, daß Cavan Ihnen mehr helfen würde«, sagte der Chef. »Den ganzen Nachmittag habe ich mit dem Generalstaatsanwalt über diesen sonderbaren Fall verhandelt. Es drehte sich schließlich auch um die Frage, was denn der Kult des goldenen Hades sein könnte. Es liegt mir wie ihm viel daran, mehr Einzelheiten zu erfahren. Cavan hätte uns den größten Dienst erweisen können. Der Staatsanwalt hat mir auch gesagt, daß der Professor einer der tüchtigsten und klügsten Leute ist, die er jemals getroffen hat. Der Mann besitzt eine umfassende Allgemeinbildung und ist auf den verschiedensten Gebieten äußerst beschlagen.«

 

»Ich kam gar nicht dazu, weitere Einzelheiten mit ihm zu besprechen. Kaum hatte ich ein paar Worte mit ihm gewechselt, so komplimentierte er mich auch schon hinaus«, entgegnete Peter, nicht gerade rosig gestimmt.

 

»Das ist unendlich schade.«

 

»Auf jeden Fall habe ich mir dauernd den Kopf zerbrochen, wie wir Cavan zum Sprechen bringen könnten. Er hat sehr viel Geld und daher kein pekuniäres Interesse daran, seine Kenntnisse nutzbringend zu verwerten. Auf der anderen Seite ist es auch möglich, daß er mir alles über Hadesverehrer gesagt hat, was er weiß.«

 

»Haben Sie eigentlich nachgeforscht, wer der Requisitenverwalter im Theater ist, und vor allem, wer ihm das Geld mit dem Stempel gegeben hat?«

 

»Ja, ich habe zwei Fragen geklärt, die mir besonders wichtig erschienen. Einmal die Herkunft des Geldes, zweitens die Geschichte Fattys. Sowohl der Requisitenverwalter als auch Fatty haben die Wahrheit gesagt. Der Mann, von dem die Banknoten für das Theater stammen, macht auch Plakate. Er hatte gerade den Auftrag, ein Plakat für einen neuen Film herzustellen, der von Geld und Geldeswert handelte, und es war ihm die Reklameidee gekommen, einen Streifen nachgeahmten Papiergelds als Rahmen um das farbige Bild zu kleben. Als er von Hause fortging, hatte er aber die Scheine noch nicht erhalten. Sein Sohn sollte ihm deshalb außer dem Essen auch das nötige Material zu der Stelle bringen, wo das große Plakat angebracht werden sollte. Der Junge traf auch zur festgesetzten Zeit bei seinem Vater ein und erzählte ihm, daß er unterwegs einen Mann getroffen hätte, der ihm ein Paket in die Tasche steckte. Als er es öffnete, stellte sich heraus, daß es ein großer Stoß Banknoten war. Natürlich glaubte der Plakatmann, daß es sich um die imitierten Scheine für den Streifen um das Bild handelte, und klebte tatsächlich eine Reihe von Tausenddollarscheinen auf die Bretter. Die Polizei ist jetzt damit beschäftigt, diese wertvollen Papiere mit warmem Wasser wieder abzulösen. Merkwürdigerweise war die Anzahl der Banknoten so groß, daß er kaum die Hälfte auf seinem Plakat unterbringen konnte. Er nahm daher die anderen mit nach Hause, und da sie sehr gut aussahen, gab er den Rest dem Requisitenverwalter des Theaters, der ihn schon seit einiger Zeit gebeten hatte, ihm gutes nachgemachtes Geld zu verschaffen.«

 

»Dann stimmte also Fattys Erzählung?«

 

»Vollkommen. Er hat den Jungen des Plakatmanns auf seiner Flucht getroffen. Eines möchte ich noch …« Er brach plötzlich ab und sah nach der Tür.

 

Eine junge Dame ging langsam durch den Mittelgang des Restaurants. Hinter ihr her schritt Mr. Bertram, der ein sehr nachdenkliches Gesicht machte.

 

Aber Peter achtete nur auf die Tochter des Bankiers, die in ihrem Abendkleid ganz besonders schön aussah. Es war fast, als ob sie seine Blicke spürte, denn sie wandte plötzlich den Kopf und sah zu ihm hinüber. Als sie Peter zunickte, sprang er sofort auf. Er sah, daß sie ihrem Vater etwas sagte, und auch Bertram wandte sich um und verbeugte sich leicht in Peters Richtung. Dann verschwanden die beiden in dem angrenzenden Saal.

 

»Setzen Sie sich doch, Peter. Sie fallen allgemein auf«, sagte Flint.

 

Erst jetzt kam Peter zum Bewußtsein, daß er noch stand.

 

»Das war doch der Bankier Bertram mit seiner Tochter?« fragte der Chef. »Wie ich annehme, haben Sie die Angelegenheit heute vormittag zur allgemeinen Zufriedenheit geregelt?«

 

Peter ging zunächst nicht auf die Worte seines Vorgesetzten ein; er beobachtete die Tür, denn er wollte vor allem wissen, wer die Gäste des Bankiers waren. Warum er das allerdings erfahren wollte, wußte er selbst nicht. Es war eine reine Gefühlssache. Er bemerkte Willy Boys, der eilig und mit gerötetem Gesicht in den Speisesaal trat. Willy Boys hatte es niemals verstanden, zur rechten Zeit zu kommen. Dann sah er eine Dame, die er nicht kannte; der Chef erklärte ihm, daß sie eine bedeutende Persönlichkeit der Gesellschaft wäre.

 

»Sehen Sie einmal, wer dort kommt«, sagte Peter erstaunt.

 

Der letzte, der in den angrenzenden Raum trat, war Professor Cavan. Er war formvollendet gekleidet. Den Mantel hatte er noch über dem Arm und den Zylinder in der Hand. Er übergab beides einem Pagen, der die Sachen zur Garderobe bringen sollte. Dann ging er in aufrechter Haltung durch den großen Mittelgang. Allem Anschein nach wußte er, daß alle Augen auf ihn gerichtet waren, und empfand stolze Genugtuung darüber.

 

»Ich möchte wissen, ob er uns helfen würde, wenn er die Einzelheiten erführe«, meinte Peter nachdenklich.

 

»Sie könnten ihn ja noch einmal besuchen und ihm, wenn nicht alles, so doch die wichtigsten Punkte mitteilen«, schlug der Chef vor.

 

»Ja, das werde ich auch in den nächsten Tagen versuchen.«

 

Flint verweilte gern längere Zeit beim Essen, aber Peter machte sich nichts aus dem Nachtisch. Ihm war die Speisenfolge an und für sich schon zu lang und umfangreich. Er entschuldigte sich daher bei seinem Chef und verließ den Klub.

 

Plötzlich kam ihm zum Bewußtsein, daß auch Frank Alwin mit Wilbur Smith an jenem Abend, an dem er verschwunden war, hier gespeist hatte. Eine solche Entführung wäre natürlich zu so früher Tagesstunde unmöglich. Die Straßen waren belebt, und ein Polizist stand nur wenige Schritte vom Eingang entfernt. Er hatte die Hände auf den Rücken gelegt und beobachtete den Verkehr. In der Nähe stand eine prachtvolle Limousine, und Peter erkannte den Butler des Professors Cavan, der sich mit dem Chauffeur unterhielt. Peter fragte den Portier und erhielt den Bescheid, daß es der Wagen des Gelehrten wäre. Nun interessierte er sich dafür und wollte die Gelegenheit wahrnehmen, weitere Auskünfte einzuholen. Der Butler berührte seinen Hut, als Peter näher kam.

 

»Guten Abend. Sie waren doch der Herr, der neulich bei dem Professor vorsprach? Er ist gerade im Klub und speist zu Abend.«

 

»Ich weiß es. Ich habe ihn gesehen. Das ist aber ein herrlicher Wagen!«

 

»Ja, einer der besten Wagen, die je nach den Vereinigten Staaten importiert wurden. Sie sollten den Professor einmal darum bitten, Ihnen das Auto zu einem Ausflug zu leihen!«

 

Peter lachte.

 

»Aber ich kenne doch den Professor nicht gut genug, um eine solche Bitte an ihn stellen zu können. Auf jeden Fall ist es ein prachtvoller Wagen!«

 

»Ja. Allein die Innenausstattung kostet ein kleines Vermögen«, erwiderte der Butler stolz, öffnete die Tür der Limousine und deutete hinein.

 

»Das Licht läßt sich leider nicht andrehen. Der Professor ist mit seinem Schirm am Verbindungsdraht hängengeblieben und hat ihn zerrissen. Wir haben es erst gemerkt, als er heute abend ausfahren wollte. Aber fühlen Sie doch nur einmal die wunderbare Polsterung der Ledersitze …«

 

Peter hatte schon den einen Fuß aufs Trittbrett gesetzt, als ein Mann mit schwankenden Schritten aus dem Schatten trat.

 

»Hallo, Peter!« rief er laut. »Lieber alter Junge, wie geht es dir denn?«

 

Peter wandte sich um. Der Mann mußte allem Anschein nach betrunken sein. Es war auch außergewöhnlich, daß er ihn beim Vornamen rief. Nur Flint hatte sonst diese Angewohnheit. Corelly wollte sich den Burschen einmal genauer ansehen, der sich eine derartige Freiheit herausnahm.

 

»Wie geht es denn dem lieben, alten Smith?« fragte der Fremde mit etwas heiserer Stimme.

 

Dann taumelte er und wäre sicher gefallen, wenn Peter ihn nicht in den Armen aufgefangen hätte.

 

»Nanu, was wollen Sie denn, Sie Trunkenbold?« sagte Peter streng. »Meine Schulter ist kein Kopfkissen.«

 

»Wie geht’s denn dem alten Wilbur Smith?« fragte der Mann lallend. Aber dann flüsterte er Peter etwas zu. So standen sie ein paar Sekunden. Der Butler beobachtete die Szene und lächelte. Auch der Polizist hatte den Vorgang beobachtet und kam nun näher.

 

»Nehmen Sie diesen Mann mit zur Wache«, befahl Peter. »Ich werde Ihnen helfen, daß Sie ihn sicher von der Hauptstraße fortbekommen.«

 

»Viel zuviel Mühe, die sich die Leute mit einem Betrunkenen machen«, meinte der Butler. Er war enttäuscht, denn er hatte ein viel aufregenderes Ende dieses Abenteuers erwartet.

 

Ähnlich dachte auch der Betrunkene.

 

»Peter«, hatte er dem Detektiv ins Ohr geflüstert, »wenn Sie in den Wagen steigen, geht es Ihnen schlecht. Ich bin Frank Alwin.«

 

Kapitel 10

 

10

 

Peter brachte den »Gefangenen« bis zur nächsten Straßenecke, wo er den Polizisten entließ und ein Taxi heranwinkte. Er schob Frank hinein und folgte ihm.

 

»Nun, Mr. Alwin«, sagte er, als der Wagen in voller Fahrt war, »jetzt können Sie mir erzählen, wie alles gekommen ist.«

 

Frank lehnte sich in die Polster zurück und lachte nervös.

 

»Ich bin fast die ganzen letzten vierundzwanzig Stunden verfolgt worden, und ich bin durchaus nicht betrunken, aber elend hungrig.«

 

Peter überlegte, daß es jetzt gefährlich sein könnte, mit Alwin in ein Lokal zu gehen. Deshalb brachte er den Schauspieler zu seiner eigenen Wohnung und ließ aus einem nahen Restaurant das nötige Essen holen. Frank war noch so schwach, daß er auch während des Essens auf einer Couch liegen mußte. Schließlich hatte er seinen Hunger gestillt und reichte befriedigt das Tablett zurück.

 

»So, nun kann ich Ihnen meine Geschichte berichten.« Peter hörte ihm eine halbe Stunde zu, ohne ihn zu unterbrechen.

 

»Das klingt fast wie ein Märchen. Wenn mir ein anderer das erzählt hätte, würde ich es ihm nicht geglaubt haben. Die Gesichter der beiden Männer haben Sie also nicht gesehen?«

 

Frank schüttelte den Kopf.

 

»Und Sie haben auch gar keine Anhaltspunkte, mit deren Hilfe Sie die Leute identifizieren könnten?«

 

»Nein. Nur eines ist sicher: Als ich über die Mauer kletterte, holte mich der eine der beiden ein und wollte mich festhalten. Ich schlug mit der Eisenstange zu – der Hieb ging an seinem Kopf vorbei, aber ich traf ihn an der Hand und muß seinen Daumen schwer verletzt haben. Das ging wenigstens aus dem hervor, was er kurz darauf dem anderen erzählte.«

 

Er sah Peter sonderbar an.

 

»Also, nun sagen Sie mir doch auch alles«, erwiderte Corelly. »Sie haben etwas auf dem Herzen, was Sie mir noch nicht anvertraut haben. Warum sollte ich nicht in den Wagen steigen?«

 

Frank Alwin sah zwar etwas besser aus, war aber noch sehr stark angegriffen. Seine Kleider waren nicht gereinigt, und er hatte sich nicht rasiert. Schwäche und Müdigkeit übermannten ihn plötzlich, und er schloß die Augen.

 

»Gute Nacht«, murmelte er leise und schlief gleich darauf fest ein.

 

*

 

Mr. Flint, der Chef der Geheimpolizei, hatte das Essen beendet und den Kellner um die Rechnung gebeten, als Peter wieder in dem Klub erschien, um ihm die neuesten Tatsachen mitzuteilen.

 

»Ich konnte leider nicht mehr aus ihm herausholen. Er ist mir direkt eingeschlafen«, sagte er enttäuscht. »Immerhin kann ich Ihnen eine sonderbare Geschichte erzählen, die ich unter gewöhnlichen Umständen nicht glauben würde.«

 

Flint hörte verblüfft zu.

 

»Das klingt ja wie eine Indianergeschichte aus Wildwest. Meinen Sie nicht, daß Frank Alwin die ganze Sache nur geträumt oder im Fieber erlebt hat?«

 

Peter schüttelte den Kopf.

 

»Nein, dazu ist er ein viel zu ernster und zuverlässiger Mann. Alwin war während des Krieges drei Jahre lang im Geheimdienst tätig.«

 

»Das habe ich vergessen. Jetzt, da Sie es erwähnen, besinne ich mich wieder darauf, daß man eine sehr gute Meinung von ihm hatte. Aber da nun drei so tüchtige Leute wie Sie, Alwin und Wilbur Smith zusammenarbeiten, muß es doch gelingen, dieses Verbrechen des goldenen Hades aufzuklären. Dort kommt übrigens Bankier Bertram mit seinen Gästen.«

 

Peter schaute interessiert hinüber, als nach den anderen Professor Cavan und Bertram aus dem großen Speisesaal traten.

 

Der Gelehrte schien in der besten Laune zu sein. George Bertram schaute etwas düster drein.

 

»Wo bleibt denn die junge Dame?« fragte Flint.

 

Peter war auch erstaunt. Die beiden Herren warteten einige Minuten an der Tür des Restaurants, bevor sie erschien.

 

»Hallo!« sagte Peter zu sich selbst. »Da ist etwas nicht in Ordnung.«

 

Allem Anschein nach hatte Jose Bertram geweint, denn ihre Augen waren gerötet. Auch ihr Gang und ihre Haltung zeigten, daß sie deprimiert war.

 

Die drei verließen zusammen das Lokal. Ohne sich bei seinem Chef zu entschuldigen, ging Peter in den Speisesaal und traf dort den Oberkellner.

 

»Nun, was hat es denn hier gegeben, Luigi?«

 

»Aeh, Sie meinen mit der jungen Dame?« fragte der kleine Italiener und lächelte. »Anscheinend eine Liebesgeschichte! Sie stritt sich mit ihrem Vater. Ich legte der Sache erst gar keine Bedeutung bei, aber dann verließ sie den Tisch und kam nicht wieder zurück. Es kam ja auch nicht darauf an«, meinte er mit philosophischer Ruhe. »Das Dessert taugte nicht viel. Unser Küchenchef hat heute einen schlechten Tag.«

 

Mehr konnte Peter nicht herausbekommen. Als er wieder an seinen Platz zurückkehrte, war Flint bereits verschwunden. Peter dachte an seine Verabredung mit Jose Bertram und beschloß, sie am nächsten Morgen aufzusuchen.

 

Daß eine junge Dame schließlich einmal bei Tisch weint, war besonders bei Miss Bertram, die ja bereits Proben ihres leicht erregbaren Temperaments abgegeben harte, nicht weiter erstaunlich. Aber für ihn war sie doch nicht mit anderen jungen Damen zu vergleichen. Es war merkwürdig, daß er so dachte, denn er war im allgemeinen schwer zu begeistern, und es machte so leicht nichts auf ihn Eindruck.

 

Man hätte jedoch nicht behaupten können, daß sich Peter auf den ersten Blick in Jose Bertram verliebt hätte. Der Anblick der jungen Dame, die er nur ein einziges Mal vorher gesehen hatte, und zwar unter Umständen, die nicht gerade sehr günstig für sie waren, genügte jedoch, um sein Interesse zu wecken. Und während der Unterredung mit Flint dachte er eigentlich dauernd an sie. Aber das war noch keine Liebe, es war nur außerordentliches Interesse. Auch stöhnte und seufzte Peter nicht, weil sie einer höheren Gesellschaftsschicht angehörte als er, oder weil ihr Vater ungewöhnlich wohlhabend und sie deshalb für ihn unerreichbar war. Im Gegenteil, er hielt sich für gesellschaftlich gleichberechtigt mit ihr, und der Reichtum ihres Vaters machte auf ihn verhältnismäßig wenig Eindruck.

 

*

 

Bankier Bertram hatte drei Besitzungen: ein großes Haus in New York selbst, in dem er aber nicht wohnte, dann eine prachtvolle Villa auf Long Island und einen Landsitz in New Jersey. Und dorthin begab sich Peter am nächsten Morgen.

 

Die Familie bestand nur aus dem Bankier selbst und seiner Tochter; es wurden tatsächlich zwei Haushalte geführt, denn obwohl Jose in bestem Einvernehmen mit ihrem Vater lebte und ihn bis zu einem gewissen Grad liebte, hatte sie doch eine Wohnung für sich, die den einen Flügel des großen Gebäudes einnahm, während ihr Vater den anderen bewohnte.

 

Peters Auto fuhr den langen, von herrlichen Bäumen beschatteten Weg vom Tor zum Hauseingang entlang, und er dachte wieder an die Szene, als er sie in dem Geschäft getroffen hatte. Zu gern hätte er gewußt, warum sie im Klub geweint hatte, aber er zweifelte, ob es ihm heute gelingen würde, das Gespräch auf diesen Zwischenfall zu bringen.

 

Ein Diener in vornehmer Livree nahm seine Karte entgegen.

 

»Miss Bertram erwartet Sie, soviel ich weiß. Sie hat mir gesagt, daß ich Sie ins Wohnzimmer bringen soll. Bitte, kommen Sie mit.«

 

Peter war nicht wenig erstaunt.

 

»Mr. Corelly«, meldete ihn der Diener an.

 

Jose trat einige Schritte vor, blieb dann aber plötzlich stehen und sah Peter entsetzt an. Überraschung, Bestürzung, ja selbst Furcht mischten sich in ihrem Gesichtsausdruck, so daß Peter ein Lächeln unterdrückte.

 

»Sie haben mich wohl nicht erwartet?« fragte er.

 

»Ich – ich …«, begann sie verwirrt. »Nein, ich erwartete … Haben Sie einen speziellen Wunsch?« fragte sie dann plötzlich. »Wollen Sie mich in einer besonderen Angelegenheit sprechen?«

 

Jetzt war allerdings Peter überrascht. Er sah, daß sie bleich wurde und sich auf den nächsten Stuhl setzte. Das kam so unvermittelt, daß Corelly ängstlich wurde. Er hatte derartige Symptome schon öfters in seinem Beruf beobachten können. Aber es dauerte nur ein paar Sekunden, dann hatte sie sich wieder gefaßt und erhob sich lächelnd.

 

»Ich hatte Sie gebeten, mich zu besuchen. Sie müssen mein sonderbares Benehmen verzeihen, aber ich habe heute morgen schwere Kopfschmerzen. Bitte, nehmen Sie doch Platz.«

 

Peter folgte ihrer Aufforderung, fühlte sich aber nicht recht wohl. Er glaubte einen gewissen feindlichen Ton aus ihrer Stimme zu hören. Ihre Gesichtszüge glichen plötzlich einer Maske, jeder Ausdruck war daraus verschwanden. Sie hielt sich vollkommen zurück und hatte wahrscheinlich einen bestimmten Grund dafür. Aber worum es sich handelte, konnte er auch nicht annähernd vermuten. Deshalb entschloß er sich, die Unterredung so bald wie möglich zu Ende zu bringen. Wie stets, war er sehr offen.

 

»Miss Bertram, Sie fürchten sich.«

 

»Da irren Sie«, erwiderte sie etwas steif und richtete sich gerade auf. »Warum sollte ich mich denn fürchten? Bilden Sie sich etwa ein, daß ich vor Ihnen Angst habe?«

 

»Nein, und doch sage ich Ihnen, daß Sie sich ängstigen«, entgegnete Peter langsam und mit Nachdruck. »Und es muß ein sehr wichtiger Grund sein.«

 

Er verzog die Lippen und sah sie ernst, fast feierlich an. Sie erwiderte seinen Blick zuerst tapfer, mußte dann aber doch die Augen senken.

 

»Mr. Corelly – ich sehe nicht ein, warum Sie sich über Dinge Sorgen machen sollten, die Sie gar nichts angehen. Ich bin sehr froh, daß Sie mich besucht haben, denn ich habe Sie ja dazu aufgefordert, aber es ist mir unangenehm, daß Sie so … so …« – sie zögerte, denn sie fand im Augenblick nicht das richtige Wort – »vertraut mit mir reden.«

 

»Sie fürchten sieh unheimlich. So etwas habe ich noch nie gesehen«, sagte Peter. »Ich würde viel darum geben, wenn ich Ihnen aus Ihrer schwierigen Lage helfen könnte. Ich weiß, daß etwas Furchtbares geschehen ist.«

 

Sie sah ihn scharf und betroffen an, dann runzelte sie die Stirn. Zum erstenmal kam wieder etwas Farbe in ihre Wangen.

 

»Sie sagen, Sie würden viel darum geben, mir zu helfen?« erwiderte sie mit stockender Stimme. »Das klingt aber doch ganz sonderbar!«

 

Er hatte den Eindruck, daß sie das nur sagte, um keine Stockung in der Unterhaltung eintreten zu lassen.

 

»Ich habe absolut keine Sorgen«, fuhr sie etwas ruhiger fort. »Warum sollten Sie mir helfen?«

 

Während sie dies sagte, sah sie zum Fenster hinaus.

 

»Ich erwarte sehr bald einen anderen Besuch«, erklärte sie nach einer kurzen Pause. »Hoffentlich halten Sie mich nicht für unhöflich, wenn ich diese Unterhaltung jetzt abbreche.«

 

Er erhob sich und trat zu ihr.

 

»Miss Bertram, ich kam heute nur mit der einen Absicht hierher, unsere Bekanntschaft zu erneuern, und zwar unter angenehmeren und günstigeren Umständen. Wenn es möglich wäre, hätte ich gern ein paar Fragen an Sie gerichtet. Gewiß, ich kenne Sie nicht näher, und ich habe durchaus kein Recht, mich um Ihre privaten Angelegenheiten zu kümmern. Ich habe auch nicht das Recht, Antworten auf meine Fragen zu verlangen oder Ihnen mein Vertrauen aufzudrängen. Aber ich möchte doch dies eine sagen: Es gibt keine Schwierigkeiten und keine Sorgen, bei denen ich Ihnen nicht helfen könnte.«

 

Sie erhob sich schnell, ging an ihm vorbei zum Fenster und wandte ihm den Rücken zu.

 

»Gehen Sie jetzt bitte«, entgegnete sie leise. »Ich – ich glaube, daß Sie es gut meinen, aber unglücklicherweise können Sie mir nicht helfen. Leben Sie wohl!«

 

Peter zögerte noch einen Augenblick, dann nahm er seinen Flut und ging zur Tür. Er hatte die Hand bereits auf die Klinke gelegt, als sie ihn zurückrief. Sie streckte die Hand aus, und er ergriff sie.

 

»Leben Sie wohl!« sagte sie noch einmal. »Wenn ich wirklich in eine sehr schwierige Lage komme, bitte ich Sie vielleicht, mir zu …« Sie brach ab und zuckte die Schultern. »Aber welchen Zweck hat das!« rief sie plötzlich leidenschaftlich. »Meine Schwierigkeiten sind ja so nebensächlich … Was kommt es auch darauf an, Mr. Corelly?«

 

Er fühlte die furchtbare nervöse Spannung, in der sie sich befand.

 

»Was kommt es darauf an?« fuhr sie aufgeregt fort. »Früher oder später muß ich doch heiraten, und ein Mann ist ebenso gut oder schlecht wie der andere …«

 

Peter nickte.

 

»Also dann werden Sie heiraten? Das ist allerdings eine genügende Erklärung. Würden Sie mir noch gestatten, zu fragen, wer der glückliche Mann ist, dem Sie Ihre Hand reichen?«

 

Sie sah ihn an, und ihre Lippen verzogen sich verächtlich.

 

»Er ist der Erwählte der Götter«, erwiderte sie bitter. Peter atmete tief.

 

»Ist es etwa der goldene Hades, der das bestimmt hat?«

 

Sie schrak zusammen und wurde rot.

 

»Woher wissen Sie denn das?« fragte sie leise.

 

Ohne noch ein Wort zu sagen, verließ sie das Zimmer. Er wartete, bis sich die Tür hinter ihr schloß, dann ging auch er. Auf der Fahrt zum Portal des großen Gartens begegnete er Professor Cavans Butler.

 

Um Himmels willen, dachte er betroffen, sie wird doch nicht diesen alten Kerl heiraten!

 

Plötzlich fielen ihm Franks Worte ein: »Ich habe ihm den Daumen schwer verletzt!«

 

Peter wollte schon dem Chauffeur zurufen, daß er anhalten sollte, aber dann gab er diese Absicht wieder auf und lehnte sich zurück.

 

Er hatte trotz des schnellen Tempos, in dem sein Wagen vorüberfuhr, gesehen, daß der Butler einen Verband an der Hand trug.

 

Kapitel 4

 

4

 

»Es tut mir leid, daß ich Sie stören muß.«

 

Beim Morgengrauen stand Wilbur Smith mit dem Hut in der Hand in der Tür eines kleinen Zimmers. Der ältere Mann, der ihm geöffnet hatte, trug einen alten Mantel über den Schlafanzug und sah den unerwarteten Besucher mit schläfrigen Augen an.

 

»Hier ist meine Karte.«

 

Der Mann nahm sie und las.

 

»Sie sind von der Polizei!« sagte er erschreckt. »Warum …? Was ist geschehen?«

 

»Es ist nichts Besonderes …«

 

»Sagen Sie mir nur nicht, daß Maisie …«

 

»Es ist nichts Besonderes passiert, für das Ihre Tochter verantwortlich wäre. Ich nehme an, daß Sie der Vater von Miss Maisie Bishop sind?« »Treten Sie näher. Ich mache Licht.«

 

Das kleine Zimmer war einfach, aber hübsch eingerichtet.

 

»Handelt es sich um das Geld?« fragte der Mann ängstlich. »Ich habe es auch nicht verstanden. Sehen Sie, Maisie fragte Mr. Alwin, weil er früher so freundlich zu ihr gewesen war, und ich war selbst ganz erstaunt, als sie das Geld nach Hause brachte. Ich wußte nicht, daß er so reich ist. Ich dachte, es müßte eine Verwechslung sein. Hat Mr. Alwin Sie deshalb hergeschickt?«

 

Wilbur schüttelte den Kopf.

 

»Nein, das gerade nicht, aber wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich gern Ihre Tochter sprechen.«

 

Er wartete etwas ängstlich und atmete erleichtert auf, als er die Stimme des jungen Mädchens hörte. Gleich, darauf trat sie ins Zimmer. Sie war ein wenig bleich, sah aber trotzdem hübsch aus. In der Hand hielt sie mehrere Banknoten.

 

»Wollten Sie mich deshalb sprechen?« fragte sie. Er nickte.

 

»Mr. Alwin hat sie mir gegeben«, erklärte sie aufgeregt. »Ich dachte mir gleich, daß er sich geirrt haben müßte, aber ich nahm nicht an, daß er gleich die Polizei schicken würde …«

 

»Zunächst möchte ich Sie einmal darüber beruhigen – ich bin nur hergekommenem zu sehen, daß Ihnen nichts passiert ist«, entgegnete Wilbur freundlich. »Wegen des Geldes brauchen Sie sich den Kopf nicht zu zerbrechen. Ich brauche die Scheine für ein paar Tage, und wenn dann nichts geschieht, werde ich sie zurückerstatten.«

 

»Es war mir so furchtbar peinlich, daß ich Mr. Alwin fragen mußte«, erwiderte Maisie. »Aber mein Vater hatte solche Geldsorgen, und wir sind seit mehreren Monaten die Miete schuldig. Ich habe erst alle anderen Bekannten um Hilfe angegangen, bevor ich mich an Mr. Alwin wandte … Es ist entsetzlich, wenn man andere Leute um Geld bitten muß«, fügte sie mit stockender Stimme hinzu.

 

»Ach, seien Sie nur deshalb nicht ängstlich«, erwiderte Wilbur lächelnd. »Ich sorge mich nur um Sie …!«

 

»Wieso?« fragte sie schnell. »Warum sind Sie um meine Sicherheit besorgt?«

 

Er betrachtete die Banknoten genau und sah, daß jeder Schein auf der Rückseite den gelben Stempel aufwies.

 

»Sehen Sie, das ist dieselbe Sorte Papiergeld.« Er zog den dicken Stoß Dollarscheine aus der Tasche, den Frank ihm übergeben hatte.

 

Maisie war verblüfft.

 

»Sie können sich selbst davon überzeugen, daß die Nummern fortlaufend sind und sich den Nummern dieser Scheine anschließen. Ich werde die Zahlen notieren.«

 

Er schrieb etwas in sein Notizbuch und riß dann die betreffende Seite heraus.

 

»Behalten Sie diesen Zettel, das sind die Nummern der Banknoten, die ich genommen habe. Und wie ich schon sagte, werden Sie die Scheine zurückerhalten – wenn inzwischen nichts Weiteres passiert. In der Zwischenzeit« – bei diesen Worten nahm er seine eigene Brieftasche heraus – »müssen Sie mir sagen, wieviel Geld Sie von Mr. Alwin leihen wollten, damit ich Ihnen die Summe vorstrecken kann.«

 

Er sah, daß sie errötete, und lachte.

 

»Sie müssen das als eine Leihgabe von Frank Alwin betrachten«, sagte er.

 

Aber dann kam ihm der furchtbare Gedanke, daß Alwin wahrscheinlich schon längst tot war.

 

Leise nannte sie eine verhältnismäßig geringe Summe. Er zog das Doppelte an Geldscheinen aus der Tasche und legte sie auf den Tisch.

 

Als er an diesem Morgen nach nur zwei- oder dreistündigem Schlaf in sein Büro kam, fand er eine Schar von Zeitungsberichterstattern, die auf ihn warteten. Wilbur Smith hatte seine eigenen Methoden mit der Presse, die sich in den meisten Fällen als gerechtfertigt erwiesen hatten.

 

»Ja, Jungens«, sagte er, »es entspricht vollkommen den Tatsachen, daß Mr. Alwin verschwunden ist. Soviel ich weiß, ist er seit gestern abend nicht mehr gesehen worden. Es steckt ein großes Geheimnis hinter der Sache, und ich habe bereits einen Anhaltspunkt.«

 

»Besteht irgendwelche Verbindung zwischen diesem Verbrechen und der Ermordung von Higgins?« fragte einer der Anwesenden.

 

Wilbur nickte.

 

»Ich weiß nicht, wie die Geschichte herausgekommen ist, aber Sie sind auf dem richtigen Weg, wenn Sie das vermuten. Alwin ist ein sehr guter Freund von mir, und Sie können versichert sein, daß ich nicht eher ruhen werde, als bis man ihn aufgefunden und auch den Täter dingfest gemacht hat. Damit Sie nun nicht alles durcheinanderbringen und nachher widerrufen müssen, will ich Ihnen erzählen, was passiert ist.«

 

Er berichtete alles, was er mit Alwin erlebt hatte, wie er ihn im Theater abgeholt und mit ihm zusammen zu Abend gespeist hatte, wie Alwin zum Telefonieren gehen wollte und nicht mehr wiederkam. Von den sonderbaren Banknoten und dem goldenen Hades erwähnte er jedoch keine Silbe.

 

Das hielt er vorläufig für besser. Später konnte er der Presse immer noch davon Mitteilung machen, wenn es sich lohnte. Im Augenblick wollte er die geheimnisvollen Täter nicht warnen. Wenn sie erfuhren, daß er bereits auf der richtigen Spur war, konnten sie ihre Gegenmaßnahmen nur um so leichter treffen.

 

Aber er mußte seine Ansicht darüber ändern, denn plötzlich stellte einer der Presseleute in der hintersten Reihe eine Frage.

 

»Nun, wie steht es mit dem goldenen Hades, Smith?«

 

Wilbur sah auf.

 

»Wer hat das gefragt?« erwiderte er scharf.

 

Der Mann trat vor.

 

»Wir erhielten heute morgen diesen Brief ins Büro gesandt«, erklärte er und legte ein Schreiben auf den Tisch. Wilbur öffnete es. Sowohl der Umschlag als auch der Bogen waren aus bestem, schwerstem Büttenpapier hergestellt. Auf dem Blatt standen aber nur ein paar Worte, mit Schreibmaschine geschrieben:

 

»Warnen Sie Wilbur Smith. Wenn er seinen Freund retten will, darf er keine weiteren Nachforschungen über den goldenen Hades anstellen.«

 

Wilbur las die Zeilen mehrmals durch.

 

»Wann haben Sie denn den Brief erhalten?«

 

»Etwa eine halbe Stunde, bevor ich das Büro verließ. Er wurde dem Lokalredakteur als Rohrpostbrief zugesandt. Nachdem der die Sache gelesen hatte, erhielt ich das Schreiben, um es Ihnen zu geben. Was für eine Bewandtnis hat es denn nun mit dem goldenen Hades?«

 

Wilbur lächelte.

 

»Das möchte ich selbst auch sehr gern wissen, mein Junge. Bis jetzt tappe ich noch vollkommen im dunkeln. Ich werde den Brief an mich nehmen, wenn Sie nichts dagegen haben.«

 

»Aber das ist doch nicht das erste Mal, daß Sie etwas vom goldenen Hades gehört haben?« fragte der Berichterstatter hartnäckig weiter. »Wenn Sie auch nicht über alles unterrichtet sind, können Sie uns doch wenigstens das sagen, was Sie wissen, Mr. Smith.«

 

Wilbur sah dem jungen Mann offen in die Augen.

 

»Das wäre genau das, was die Verbrecher herausfinden wollen, und deshalb werde ich Ihnen gerade das nicht sagen. Der Brief wurde ja nur zu dem Zweck an Ihre Redaktion geschickt. Vielleicht lebt Alwin noch; sie haben ihn entführt und wollen ein Lösegeld für ihn herausschlagen. Es ist möglich, daß sie ihn umbringen, wenn ich die Sache weiterverfolge. Aber darauf können Sie wetten, die Verbrecher haben den Brief nur an die Redaktion geschickt, damit Sie auf diese Spur gebracht werden und versuchen, alles was ich vom goldenen Hades weiß, aus mir herauszuholen, um es dann in Ihrer Zeitung zu veröffentlichen. – Aber auf den Leim gehe ich nicht.«

 

Er entließ die Presseleute und ging ins Nebenzimmer. Sein Vorgesetzter, der grauhaarige Mr. Flint, hörte seinen Bericht an, ohne ihn zu unterbrechen.

 

»Das hört sich an wie ein spannender Kriminalroman«, sagte der Chef, als Wilbur geendet hatte. »Es ist sicher etwas ganz Außergewöhnliches.«

 

»Ja«, gab Wilbur Smith zu. »So etwas haben wir noch nicht erlebt. Im Vergleich dazu ist die Sache mit der ›Schwarzen Hand‹ ein Kinderspiel und ein Mord im Chinesenviertel eine Kleinigkeit.«

 

Der Chef rieb sich das Kinn.

 

»Wissen Sie, was ich an Ihrer Stelle täte? Ich würde Peter Corelly mit der Aufklärung des Falles betrauen.«

 

»Peter Corelly!« sagte Smith schnell. »Ja, da haben Sie recht. An den habe ich im Augenblick nicht gedacht. Ich werde ihm telefonisch mitteilen, daß er mich in meinem Büro aufsuchen soll.«

 

»Wo ist das Geld?« fragte der Chef.

 

»In meinem Safe. Ich werde es herbringen und Ihnen zeigen.«

 

Einige Minuten später hielt Flint den dicken Stoß Banknoten in der Hand und betrachtete ihn genau.

 

»Zuerst müssen Sie natürlich herausbringen, wie das Geld überhaupt ins Theater kam. Mit dem Requisitenverwalter haben Sie ja schon gesprochen, wie Sie vorher berichteten.«

 

»Ja. Ich muß nun noch den Händler auskundschaften, von dem er die Scheine erhalten haben will. Vielleicht fallt dann neues Licht auf die Sache. Ich werde die Banknoten auch zur Staatsbank mitnehmen und sie dort prüfen lassen«, erklärte er und steckte sie wieder in die Tasche. »Auf jeden Fall kann ich dort erfahren, an welche Bank das Schatzamt die Noten ausgegeben hat. Wenn wir erst einmal so weit sind, werde ich sicher auch herausfinden, warum das Geld so sonderbar gestempelt ist und warum jeder, der das Geld in der Tasche hat, soviel Unannehmlichkeiten ausgesetzt ist.«

 

Er ging in sein Büro zurück, um sich telefonisch mit Corelly in Verbindung zu setzen, dann verließ er das Polizeipräsidium. Der Beamte, der den Dienst an der Tür versah, beobachtete, wie Wilbur ein Taxi anrief und fortfuhr. Drei Stunden später wurde der Detektiv anscheinend tot in einer leeren Wohnung in der Nähe der Jamaica Street aufgefunden. Nachdem er zum Hospital gebracht worden war, durchsuchte Peter Corelly Wilburs Kleider, aber die Banknoten waren verschwunden.

 

Kapitel 5

 

5

 

Peter Corelly kam von seinem Besuch im Hospital zurück.

 

»Ein Schuß durch die rechte Schulter, beide Beine gebrochen, außerdem Schädelbruch, Gehirnerschütterung und einige wunde Stellen am Körper«, berichtete er dem Chef. »Die anderen Verwundungen sind nicht so wichtig. Die Schulterverletzung wird hoffentlich glatt heilen. Der Arzt hat nur wegen des Schädelbruchs Sorge. Man kann Wilbur Smith noch nicht genauer untersuchen, aber sein Zustand scheint sehr ernst zu sein.«

 

»Hat er denn das Bewußtsein wiedererlangt?« fragte Flint und spielte nervös mit dem Füllfederhalter. Peter Corelly nickte.

 

Der Detektiv war groß und machte einen melancholischen, fast mürrischen Eindruck. Er ging etwas gebeugt, und seine hagere Gestalt täuschte die meisten Leute, so daß man ihn für schwach und kränklich hielt, aber er war weder das eine noch das andere. Er sah immer übermüdet und schläfrig aus – diesen Eindruck rief er mit Absicht hervor, damit andere Leute sich sicher vor ihm fühlten.

 

Er hatte schon viel erreicht; vor allem hatte er seine Schlagfertigkeit und seinen scharfen Verstand gezeigt, als er Madame Recamier verhaftete und ihre Schuld nachwies. Bei dieser großen Skandalaffäre waren verschiedene führende Persönlichkeiten der Gesellschaft entlarvt worden. Corelly hatte aber auch andere wichtige Kriminalfälle aufgeklärt. Zum Beispiel hatte er Eddie Polsoo achttausend Meilen weit verfolgt, nachdem dieser mit Mrs. Stethmans Vermögen durchgebrannt war. Und Eddie hatte erfahren, was hinter der scheinbaren Lethargie Corellys steckte.

 

»Ich habe Ihnen jetzt alles erzählt, was ich von der Geschichte weiß, Corelly«, sagte der Chef, »und Sie wissen ebensoviel wie Smith selbst. Es ist nun äußerst wichtig, daß die Bande entdeckt und bestraft wird. Die Polizei ist selbst angegriffen worden, indem man einen ihrer besten Beamten überfiel. Und das obendrein am hellen Tage! Aus diesen Tatsachen können wir schließen, daß es sich um eine sehr große Organisation handelt, die jedenfalls stärker und gefährlicher ist, als der arme Wilbur Smith selbst annahm.«

 

Peter nickte.

 

»Dann muß ich die Sache eben in die Hand nehmen. Das ist doch wohl der Sinn Ihrer Darlegungen.«

 

Flint sah ihn scharf an.

 

»Sie tun so, als ob Ihnen das unangenehm wäre. Ich verstehe Sie nicht«, erwiderte der Chef bitter. »Sie haben ja früher studiert, so daß Sie sich auch einem anderen Beruf hätten zuwenden können. Aber nachdem Sie nun einmal bei uns sind, dachte ich doch, daß Sie sich für die Arbeit sehr interessieren würden!«

 

Peter unterdrückte allem Anschein nach ein heftiges Gähnen.

 

»Ja, ich bin bei der Geheimpolizei aus dem einfachen Grund, weil ich dadurch meinen Lebensunterhalt verdiene. Das ist die ganze Erklärung. Es ist nicht gerade angenehm, wenn man seine Nase in anderer Leute Angelegenheiten stecken soll, und ich kann nicht sagen, daß mich die ganze Sache sehr begeistert. Ich habe mir ja schon gedacht, daß ich diesen Fall übernehmen muß … Bis Smith wieder soweit gesund ist, daß er auf der Bildfläche erscheinen kann, wird es immerhin ein paar Wochen dauern – das heißt, wenn er überhaupt wieder gesund wird«, fügte er düster hinzu.

 

»Seien Sie doch nicht so ein Pessimist«, entgegnete der Vorgesetzte fast ärgerlich. »Und machen Sie sich jetzt an die Arbeit!«

 

Peter Corelly ging in das Büro von Wilbur Smith, wo er sich den bequemsten Sessel aussuchte. Dort machte er es sich gemütlich und fiel sofort in Schlaf. Drei Beamte kamen herein, sahen ihn und schlichen auf Zehenspitzen wieder hinaus. Als aber Flint selbst zufällig den Raum betrat, wurde er ärgerlich, packte Corelly an der Schulter und rüttelte ihn wach.

 

»Sagen Sie, was hat das zu bedeuten?« fragte der Chef streng. »Sie treiben Ihre Gleichgültigkeit doch ein wenig zu weit, ich dachte, Sie hätten sich sofort aufgemacht, um die Mörder Ihres Kollegen zu verfolgen.«

 

Peter blinzelte ihn an, und dann streckte er sich.

 

»Sie haben vollkommen recht«, entgegnete er ruhig, »aber ich habe die letzten drei Nächte überhaupt nicht geschlafen, weil ich mich bereits mit der Sache befasse. Man kann also wohl annehmen, daß ich etwas müde bin.«

 

»Wie kommen Sie denn dazu, sich mit der Aufklärung des Falles zu beschäftigen, bevor Sie den Auftrag dazu haben?« fragte Flint erstaunt. »Ich habe Ihnen doch erst heute die näheren Umstände erzählt.«

 

»Ich verfolge die Geschichte schon über eine Woche«, entgegnete Peter gähnend. »Wenn ich nicht so furchtbar schläfrig gewesen wäre, hätte ich vielleicht Smith noch warnen können. Auf jeden Fall« – er sah nach der Uhr – »passiert in der nächsten Viertelstunde noch nichts. Aber dann habe ich eine Zusammenkunft verabredet.«

 

Flint schloß die Bürotür.

 

»Jetzt sagen Sie mir alles, was Sie von dem Fall wissen.«

 

»Das ist nicht gerade sehr viel«, gestand Peter und schüttelte traurig den Kopf. »Sie sehen, ich habe die Sache von einer anderen Seite aus angepackt als Smith. Ich habe auch die Geldscheine gesehen, die den Stempel des goldenen Hades auf der Rückseite tragen. Die Sache begann etwa vor sechs Monaten. Damals war ich hinter Tony Meppelli her, der bei einem Frühstück einem anderen Desperado einen Dolch zwischen die Rippen jagte und dann verschwand. Um meine Nachforschungen durchführen zu können, war es wichtig, in einer ärmlichen Gegend der Stadt zu wohnen. Ich mietete mir also ein Zimmer. Bei derselben Frau wohnte auch ein Mädchen, die in einer Fabrik arbeitete; schön war sie nicht, ebensowenig interessant, aber man konnte sich auf sie verlassen. Außerdem hatte sie eine optimistische Lebensanschauung, und wenn es überhaupt etwas gibt, was das Leben lebenswert machen kann …«

 

»Hören Sie bloß mit Ihren philosophischen Erörterungen auf«, erwiderte der Chef ärgerlich, »und kommen Sie endlich zu Tatsachen.«

 

»Das junge Mädchen hieß Madison. Ob der Madison Square nach ihr benannt ist oder umgekehrt, konnte ich nicht herausbekommen. Sie ging eines Abends zur Versammlung einer frommen Gemeinschaft, der sie angehört, aber kaum war sie ein paar Schritte von dem Haus entfernt, als sich ein Mann an sie wandte. Er schien plötzlich aus der Dunkelheit aufzutauchen. Natürlich war sie daran gewöhnt, daß die Männer sie ansprachen, aber sie machte sich weiter nichts daraus. Sie wollte ihm gerade ein paar unfreundliche Worte sagen, als er ihr ein großes Paket in die Hand drückte.

 

›Mögen die Götter Glück bringen!‹ sagte er leise zu ihr und verschwand wieder in der Dunkelheit. Sie hat sein Gesicht nicht gesehen, aber als ich sie ausfragte, erklärte sie, daß es sich um einen gebildeten Mann handeln müsse. Zufällig kam ich die Treppe herunter, als sie in ihre Wohnung zurückkehrte, und sie erzählte mir damals alles ziemlich genau. Zuerst glaubte ich, man hätte ihr einen Ziegelstein oder eine Bombe in die Hand gedrückt und gab ihr den guten Rat, das Päckchen in mein Zimmer oder vielmehr in mein Atelier zu tragen. Ich spielte dort die Rolle eines armen, aber begabten jungen Malers. Als ich das Packpapier entfernt hatte, entdeckte ich zu meinem Erstaunen, daß vier dicke Stöße Banknoten darin enthalten waren. Jedes Bündel enthielt dreißigtausend Dollar.

 

Wir sahen uns erstaunt an, dann betrachteten wir verblüfft die Scheine auf dem Tisch.

 

Als ich sie genauer prüfte, bemerkte ich, daß ein Stempel auf die Rückseite gedruckt war. Er stellte eine Art Götzenbild dar, und die Druckfarbe war später mit Goldbronze eingestäubt worden. Ich sah aber gleich, daß es jemand gemacht haben mußte, der von den Dingen nichts verstand, denn die Umrißlinien waren nicht scharf.«

 

»War es tatsächlich echtes Geld?«

 

»Daran war nicht zu zweifeln. Ich bekomme nicht viel Geld in die Finger, aber ich verstehe doch, echtes von falschem zu unterscheiden. Das junge Mädchen war außer sich vor Freude. Sie gehörte zu den einfachen Gemütern, die noch an Wunder glauben. Und nun zeigte sich, daß sie im stillen einen großen Plan gefaßt hatte. Sie wollte ein großes Haus für junge Mädchen bauen, die ihren Lebensunterhalt durch Arbeit verdienen müssen. Ja, auch der Optimismus solcher einfachen Gemüter ist an sich …«

 

»Fangen Sie nur nicht wieder an, dummes Zeug zu faseln. Erzählen Sie Ihre Geschichte weiter«, brummte Flint.

 

»Sie war fest davon überzeugt, daß ihr diese Gabe vom Himmel zugesandt worden sei, und besprach mit mir schon wichtige Fragen, zum Beispiel, ob die Schlafzimmer weiß gestrichen werden sollten, oder ob sie hellblau hübscher wären. Auf jeden Fall brachte sie das Geld in ihr Zimmer, und ich ging auf die Straße. Ich war sehr überrascht und erstaunt und nahm mir vor, an diesem Abend früh nach Haus zu gehen. Aber ich kam auf die Spur Tony Meppellis. Er hatte ziemlich viel Feuerwasser getrunken und war in großer Fahrt. Ich habe schon häufiger beobachtet, daß die Leute, wenn sie trinken …«

 

»Darauf kommt es jetzt nicht an. Sie sollen mir die Geschichte weitererzählen.«

 

»Also, es gelang mir damals, Tony zu verhaften und in eine Zelle einzuliefern«, erklärte Peter, der sich nicht so leicht einschüchtern ließ. »Und als ich meine Aufgabe gelöst hatte, kehrte ich zu meiner Wohnung zurück und packte meine Sachen. Ich wollte ausziehen, aber die Nacht noch bequem und in aller Ruhe schlafen.

 

Es war nahezu ein Uhr, als ich zu meiner Pension zurückkam. Zu meinem Erstaunen sah ich, daß noch Licht in dem Wohnzimmer der Wirtin brannte. Das war mir sehr recht, denn ich mußte doch vor allem meine Rechnung bezahlen. Als ich die Tür öffnete, sah ich das junge Madchen. Sie hatte auf mich gewartet und erzählte mir nun eine sonderbare Geschichte. Ich hatte kaum das Haus verlassen, als ein Auto vor der Tür hielt. Ein älterer Mann stieg aus, der eine schwarze Tasche trug. Er gab sich als Generaldirektor der Nationalbank aus und sagte ihr, daß er durch den Herrn aus dem Schlaf geweckt worden sei, der ihr das Geld gegeben hätte. Der Wohltäter fürchtete, daß sie es verlieren würde, und deshalb habe er ihn geschickt, um das Geld zur Bank zu bringen. Er stellte ihr eine Quittung aus.

 

Sie zeigte mir ein vorgedrucktes Formular der Bank. Soweit war die Sache in Ordnung; das Papier war auch mit dem Namen des Generaldirektors der Nationalbank unterschrieben. Die Quittung lautete auf hundertzwanzigtausend Dollar.«

 

Peter machte eine Pause.

 

»Und was geschah weiter?« drängte Flint.

 

»Das war das letzte, was ich von dem Geld gehört habe. Auch den Direktor der Nationalbank hat sie nie wieder gesehen.«

 

»Natürlich war es gar nicht der Direktor«, erwiderte Flint und lächelte.

 

»Das konnte man sich ja von vornherein denken.«

 

»Das ist alles sehr sonderbar. Ich verstehe nicht, warum man ihr zuerst das Geld gibt und es ihr später wieder abnimmt. Haben Sie schon eine Lösung gefunden?«

 

»Ich stelle niemals Theorien auf«, entgegnete Peter. »Dadurch werde ich nur in der Arbeit behindert. Es genügt mir, wenn ich ein paar Tatsachen habe. Und als ich vor etwa einer Woche erfuhr …«

 

Plötzlich hielt er inne und fragte unvermittelt:

 

»Kennen Sie eigentlich einen gewissen Fatty Storr?«

 

Der Chef nickte.

 

»Ja. Fatty ist Engländer. Ziemlich groß, sieht aber ungesund aus, noch viel schlimmer als Sie selbst. Wir kennen ihn sehr gut – bringt gefälschtes Geld unter die Leute. In der letzten Zeit habe ich ihn nicht mehr gesehen. Die Leute nennen ihn Fatty, weil er so mager ist!«

 

»Man hat ihn in letzter Zeit nicht gesehen, weil er große Schwierigkeiten hat. Vor ein paar Wochen wurde er auf der Straße beobachtet. Er war sehr gut gekleidet, und daraus ging unzweifelhaft hervor, daß er wieder geschäftlich tätig ist. Man sah, wie er vor einem großen Geschäft stand. Er zog eine Banknote aus der Hüfttasche, faltete sie zusammen und steckte sie gleichgültig in die Westentasche. Er wurde beobachtet –«

 

»Wer hat ihn denn gesehen?« fragte Flint schnell.

 

»Ich habe ihn gesehen«, entgegnete Peter ruhig, »denn ich beschattete ihn, und das ist natürlich die sicherste Art …«

 

»Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?«

 

»Also, er ging in das Geschäft, machte einen kleinen Einkauf und gab dem Kassierer einen Hundertdollarschein. Es mag sein, daß es einige Zeit dauerte, bis die Banknote gewechselt werden konnte. Vielleicht hat Fatty aber auch irgendeine Bewegung unter den Angestellten falsch aufgefaßt. Jedenfalls verließ er den Laden in großer Eile und ging fort. Als er sich umwandte, sah er aber mich und hörte auf zu gehen.«

 

»Wartete er auf Sie?« fragte Flint.

 

Peter schüttelte den Kopf.

 

»Wenn ich sage, er hörte auf zu gehen, dann meine ich doch, daß er anfing zu laufen. Und das versteht Fatty glänzend. Nach kurzer Zeit verlor ich ihn in einem Labyrinth von kleinen Straßen und Gassen, aber später sah ich ihn wieder. Er sagte, daß er mit einem echten Geldschein gezahlt hätte, und ich brachte ihn zu dem Geschäft zurück.

 

Zuerst wollte er nicht hineingehen, aber schließlich redete ich ihm gut zu. Wir sprachen mit dem Geschäftsführer. Fattys Schein war bei der Kasse angenommen worden, und ich ließ ihn mir zeigen. Als ich die Note umwandte, sah ich auf der Rückseite den goldenen Hades.

 

›Das ist ja der Mann‹, sagte der Geschäftsführer. ›Er ist fortgegangen, ohne auf das Wechselgeld zu warten. Hat er den Schein gestohlen?‹

 

›Ist er gefälscht?‹ erkundigte ich mich.

 

Das wurde vom Geschäftsführer verneint. ›Es kommt ja nicht häufig vor, daß bei uns mit einer Hundertdollarnote bezahlt wird; aber wir haben unsere Methoden, Banknoten zu prüfen. Der Schein ist echt.‹«

 

»Aber das wird ja immer verwirrter und unheimlicher«, sagte Flint verzweifelt. »Wie erklären Sie sich denn die ganze Sache?«

 

»Das kann ich im Augenblick noch nicht sagen, das will ich ja erst noch herausbringen. Am meisten erstaunt war Fatty selbst. Er wäre beinahe ohnmächtig geworden, als er erfuhr, daß er echtes Geld unter die Leute gebracht hatte. Ich nahm ihn zur Polizeistation mit, aber unterwegs verlor er die Fassung und fing an, zu weinen und zu heulen wegen der vielen hunderttausend Dollar, die er einem kleinen Jungen gegeben hatte.«

 

»Dann haben Sie sich also schon länger mit der Sache beschäftigt?« fragte Flint erstaunt.

 

»Ja, nun haben Sie es richtig erfaßt. Daß Fatty nichts weiter sagen wollte, ist wohl selbstverständlich, aber er verlangte dringend, entlassen zu werden. Er wollte den Jungen suchen, dem er die vielen Banknoten gegeben hatte. Als er sah, daß ich ihn verfolgte, glaubte er, daß es sich um falsches Geld handelte. Ich wollte ihn heute hierher ins Präsidium bringen, damit Wilbur Smith ihn verhören könnte. Ich glaube auch, daß die Beamten von der Polizeistation ihn inzwischen hier abgeliefert haben.«

 

»Dann sehen Sie einmal nach, wo er jetzt steckt. Und wenn er hier sein sollte, bringen Sie ihn zu mir.«

 

Peter nickte und ging zu der Zelle, in die man Fatty gebracht hatte.

 

Fatty sah verwahrlost aus; die Tage der Haft hatten ihn schwer mitgenommen.

 

Der Mann hatte eine niedrige Stirn und trug das graue Haar zurückgebürstet. Er saß auf einem Stuhl, aber zu beiden Seiten stand ein Polizeibeamter. Als Peter erschien, sah Fatty ihn düster an.

 

»Sie haben mich jetzt lange genug gefangengehalten. Dazu haben Sie überhaupt kein Recht. Ich bin englischer Untertan und ich werde mich beim englischen Gesandten über die Art und Weise beschweren, wie Sie mich behandelt haben, Sie gemeiner Schuft!«

 

»Aber Fatty«, erwiderte Peter vorwurfsvoll, »können Sie sich denn nicht einmal anständig benehmen? Kommen Sie mit, der Chef will Sie sprechen. Dem können Sie alles erzählen. Der ist auch eher geneigt, Sie milder zu behandeln als ich, denn der hat eine Familie und Kinder.«

 

Fatty machte ein böses Gesicht, folgte aber schließlich den Wärtern, die ihn zu Flints Büro brachten.

 

»Hier ist der Kerl«, sagte Peter.

 

Flint nickte dem Gefangenen zu. Er kannte ihn schon seit vielen Jahren.

 

»Beobachten Sie doch die unzulängliche Entwicklung der Stirn, die Verlagerung der Schläfen und die allgemeine Form des Wasserkopfes …«

 

»Die Vorlesung über Anthropologie können Sie später halten, wenn ich nicht dabei bin«, versetzte Flint. »Also, mein Junge, jetzt wollen wir uns mal ein wenig unterhaken. Wir haben Sie mit dem Geld geschnappt, das Sie gestohlen haben …«

 

»Was wollen Sie?« unterbrach ihn der Gefangene heftig. »Was für gestohlene Sachen hatte ich denn? Das Geld, das ich bei mir hatte, war vollkommen echt, Sie können mir nichts anhaben, weil ich echtes Geld ausgegeben habe.«

 

»Deshalb machen wir Ihnen keinen Vorwurf. Aber wir können Sie verhaften, weil Sie im Besitz einer großen Geldsumme waren. Es kommt nicht darauf an, ob es sich um echte oder gefälschte Banknoten handelt, sondern darauf, daß Sie vermutlich nicht auf ehrliche Weise in den Besitz dieser Summe gekommen sind.«

 

»Wir kennen Sie nur zu genau«, fügte Peter hinzu, »und wir wissen, daß Sie nicht imstande sind, Geld im Schweiße Ihres Angesichts zu erarbeiten. Sie schwitzen höchstens, wenn Sie davonlaufen.«

 

»Also, Fatty, erzählen Sie schon alles, was Sie wissen. Sonst werden Sie noch wegen Mordes angeklagt.«

 

»Ich habe niemand ermordet«, erwiderte der andere erschreckt.

 

»Ja, das können Sie leicht sagen, aber an dem Geld, das Sie in der Tasche hatten, klebt Blut.«

 

»Das wollen Sie mir nur weismachen«, entgegnete der Gefangene ungeduldig.

 

»Nein, durchaus nicht. Der Chef spricht ganz offen mit Ihnen. Soviel wir bis jetzt herausbekommen haben, handelt es sich um zwei, vielleicht auch um mehr Morde, die mit diesem Geld in Zusammenhang stehen. Aber das wußte ich noch nicht, als ich Sie verhaftete. Also machen Sie weiter keinen Unsinn, und sagen Sie alles, was Sie wissen. Ich möchte Ihnen von vornherein erklären, daß wir die Mitteilungen haben müssen, ganz gleich, ob Sie wollen oder nicht. Sie sind doch ein vernünftiger Mann und wissen ganz genau, daß weder der Chef noch ich Ihnen etwas vormachen wegen der Morde.«

 

»Was wollen Sie denn wissen?« fragte der Gefangene, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte.

 

»Vor allem sagen Sie uns, wie Sie in den Besitz des Geldes gekommen sind und was passierte, als ich hinter Ihnen her war?«

 

Fatty sah die beiden Beamten argwöhnisch von der Seite an. Er hatte seine Erfahrungen mit der Polizei und war ziemlich schlau und gerissen.

 

»Nun gut, ich werde Ihnen alles sagen, was ich weiß, aber ich verpfeife niemand – das heißt niemand, der ähnliche Geschäfte betreibt wie ich.«

 

Der Chef nickte.

 

»Sie brauchen nicht zu fürchten, daß ich Sie frage, woher Sie Ihr Falschgeld beziehen.«

 

»Gut, dann ist die Sache in Ordnung«, erwiderte der Mann erleichtert. »Ich bekomme mein Geld von einem bestimmten Mann. Wir treffen uns an einer verabredeten Stelle, und er gibt mir die Banknoten zusammengebündelt. In jedem Paket sind zweihundert Scheine. Wenn ich Geld brauche, schicke ich ihm einen Brief, dann trifft er mich nachts in einem abgelegenen Vorort von New York an einer Stelle, wo nicht viele Polizisten Wache halten und wo ich unbekannt bin. Ich muß Ihnen das noch genauer erklären, sonst hat die ganze Geschichte, die ich berichten kann, keinen Wert. Vor etwa einer Woche habe ich dem betreffenden Mann geschrieben, einen Tag vor meiner Festnahme.

 

Der Geschäftsgang, der sich im Laufe der Jahre herausgebildet hat, ist folgender:

 

Ich schicke ihm echtes Geld, er kommt dann an den Treffpunkt und gibt mir das gefälschte. Manchmal machen wir es auch anders. Wenn jemand von der Polizei in der Nähe ist, gehen wir die Straße weiter, und zwar immer in nördlicher Richtung, dann können wir uns beide später immer wieder finden.

 

Ais ich nun letzthin zu der Stelle kam, wo ich meinen Geschäftsfreund treffen wollte, stand dort ein Polizist. Verabredungsgemäß ging ich weiter nach Norden zu. Ich bin etwa eine Meile gegangen, aber ich konnte nichts sehen. Ich habe den Eindruck, daß wir uns nicht getroffen haben, weil zuviel Leute auf der Straße waren. Schließlich kam ich zu einer ziemlich einsamen Stelle und ging an einer hohen, glatten Mauer entlang. Dort blieb ich stehen. Ich dachte, daß mein Freund wahrscheinlich hinter mir herkäme. Ich wartete ungefähr fünf Minuten und hielt scharf Ausschau nach der Polizei. Plötzlich hörte ich auf der anderen Seite der Mauer ein Geräusch, als ob die Sehne eines Bogens losgelassen würde, dann fiel etwas zu meinen Füßen nieder.«

 

Er machte eine eindrucksvolle Pause.

 

»Was war es denn?« fragte Peter Corelly.

 

»Ein Pfeil, und zwar ein kurzer, stumpfer Pfeil, wie man sie im Völkerkundemuseum findet. Ich hob ihn auf und sah, das ein kleines Päckchen daran festgebunden war. Kurz entschlossen riß ich die Schnur ab und ging zur nächsten Lampe, um zu sehen, was das Paket enthielt – ich fand das Geld darin.«

 

»War sonst nichts in dem Päckchen enthalten?«

 

Fatty schüttelte den Kopf.

 

»Ich dachte bestimmt, daß es das Falschgeld wäre, das mir mein Freund über die Mauer herüber zugeworfen hätte, ging also geradeaus weiter, bog um eine Ecke und sah, wie zwei Männer aufeinander einschlugen.«

 

»Jetzt kommt ein interessanter Teil«, sagte Peter nachdrücklich. »Ich vermutete schon, daß Sie die beiden treffen würden, die miteinander kämpften.«

 

»Ich wollte vor allem nicht in Händel verwickelt werden und ging daher auf die andere Straßenseite.«

 

»Wie der Pharisäer in der Bibel«, murmelte Peter.

 

»Unterbrechen Sie ihn nicht dauernd, Corelly«. entgegnete der Chef. »Fatty, fahren Sie fort.«

 

»Dann hörte ich, wie mein Name gerufen wurde, und wer war es wohl, der mich rief?«

 

»Ihr Freund, der Ihnen das Falschgeld bringen wollte«, erklärte Peter. »Ich kenne ihn. Es ist ein gewisser Cathcart.«

 

Fatty sah ihn furchtsam und erschrocken an.

 

»Machen Sie sich weiter keine Sorgen, ich weiß, daß es Cathcart war, weil er am nächsten Morgen halbtot von der Polizei an der Grenze von Jersey City gefunden wurde. Wie er dorthin gekommen ist, wissen die Kerle, die ihn niedergeschlagen haben, am besten. Nun, was haben Sie dann getan?«

 

»Ich machte, daß ich verschwand«, sagte Fatty kurz. »Ich war jedenfalls nicht daran beteiligt, ich wollte damit nichts zu tun haben.«

 

»Also, dann wäre die Sache erledigt«, meinte der Chef. »Was haben Sie mit dem Geld gemacht?«

 

»Ich gab es einem Jungen, als ich vor Mr. Corelly fortlief. Ich sage Ihnen die reine Wahrheit. Als ich die Straße entlangeilte, überholte ich ihn. Er trug eine große Tasche an einem Riemen über die Schulter; sie sah aus wie ein Postsack, in dem die Briefe aus den Kisten abgeholt werden. Ich stopfte ihm das Bündel Banknoten in die Tasche und sagte, er solle es zu seinem Vater bringen. Und wenn ich diese Minute tot umfallen soll, das ist die Wahrheit.«

 

»Würden Sie den Jungen wiedererkennen?«

 

»Selbstverständlich«, erwiderte Fatty verächtlich. »Glauben Sie denn, ich laufe mit geschlossenen Augen herum?«

 

Flint sah zu Peter hinüber.

 

»Nun, Corelly, was halten Sie von der Sache? Glauben Sie die Geschichte?«

 

Peter nickte.

 

»Ja, meiner Meinung nach ist das wirklich alles passiert. Aber ich warne Sie, Fatty, Sie sind in großer Gefahr. Wenn Sie ohne polizeilichen Schutz in New York herumlaufen, werden Sie wahrscheinlich ermordet werden.«

 

Fatty sah ihn bestürzt und verängstigt an.

 

»Sie wollen mir nur Angst machen«, protestierte er.

 

Peter schüttelte den Kopf, ging zur Tür, öffnete sie und rief den Polizisten, der den Mann von der Wache zum Polizeipräsidium gebracht hatte.

 

»Bringen Sie ihn zur Wache zurück und entlassen Sie ihn, wann er es will. Vielleicht ist es besser, wenn Sie bis zum Einbruch der Dunkelheit warten. Ich gebe Ihnen den Rat, Fatty, New York so schnell wie möglich zu verlassen.«

 

Fatty sah den Detektiv an und lächelte dann.

 

»Ich weiß schon, was Sie wollen«, entgegnete er ironisch. »Aber ich bleibe so lange in New York, bis ich die hundert Dollar zurückbekomme.«

 

»Das ist die größte Dummheit, die Sie machen können«, sagte Peter und schloß die Tür hinter ihm.

 

»Was werden Sie nun unternehmen?« fragte der Chef.

 

»Ich warte auf die nächsten Ereignisse. Es wird sehr bald etwas passieren. Die Sache ist noch lange nicht zu Ende, und –«

 

Telefonklingeln unterbrach ihn. Flint nahm den Hörer ab.

 

»Wer ist da?« fragte er und runzelte die Stirn. Dann hörte er einige Zeit zu, was von der anderen Seite gesagt wurde. »Wann war das …? Wo …? Hat denn der Geschäftsführer Sie nicht erkannt? Ich werde einen Beamten schicken, der die Sache in Ordnung bringt.«

 

Er legte den Hörer auf und sah zu Peter hinüber.

 

»Kennen Sie Miss Jose Bertram?«

 

»Sie meinen die Tochter des großen Bankiers?« fragte Peter. »Ja, die kenne ich, soweit es einem gewöhnlichen Menschen vergönnt ist, ein Mitglied der oberen Vierhundert zu kennen. Aber warum fragen Sie danach?«

 

»Sie wurde im Augenblick von dem Privatdetektiv der Firma Rhyburn verhaftet.«

 

»Wie kommen denn die Idioten darauf, sie zu verhaften?« erwiderte Peter erstaunt. »Man ist doch nicht so dumm, die Tochter des reichen Bertram zu verhaften! Was soll sie denn getan haben?«

 

»Sie soll versucht haben, eine gefälschte Hundertdollarnote zu wechseln.«

 

Kapitel 6

 

6

 

Als Peter Corelly zu der Firma Rhyburn kam, wurde er sofort zu der Verhafteten geführt. Sie war aufs höchste empört und äußerte das auch in nicht mißzuverstehenden Worten. Aufregung macht manche Frauen häßlich, aber bei Miss Bertram war gerade das Gegenteil der Fall. Peter Corelly hielt den Hut in der Hand und sah sie erstaunt an.

 

Wie gewöhnlich ließ er die Schultern hängen und stand vornübergebeugt. Sie sah seinen müden Blick und hörte seine melancholische Stimme.

 

»Der Polizeipräsident bedauert unendlich, Miss Bertram, daß Sie diese unangenehme Erfahrung gemacht haben. Er hat mich hergeschickt, um die Sache in Ordnung zu bringen.«

 

Sie nickte, preßte die Lippen zusammen und sah ihn feindlich an. Im Augenblick war sie entrüstet über alle Organe des Gesetzes und der öffentlichen Ordnung. Langsam zog sie den Handschuh wieder an, den sie vor ein paar Minuten ebenso langsam ausgezogen hatte.

 

»Es ist empörend, daß ich hier auch nur eine Minute zurückgehalten werde. Das kann natürlich nur in New York passieren und nur auf das Zeugnis eines solchen Menschen hin.«

 

Sie zeigte auf den deprimierten Hausdetektiv der Firma, der ganz zusammengesunken in einer Ecke stand. »Es ist einfach lächerlich, daß so etwas passieren kann!«

 

»Aber meine liebe Miss –« begann Peter.

 

»Ich bin nicht Ihre liebe Miss«, fuhr sie ihn heftig an. »Ich dulde nicht, daß Sie mich so beleidigen. Mein Vater wird bald hiersein, und ich werde sofort zum Polizeipräsidium gehen und mich beschweren.«

 

Peter seufzte, schloß die Augen und sah sehr unglücklich aus. Selbst Miss Bertram, die doch so aufgebracht und erregt war, hätte beinahe lachen müssen.

 

Er wandte sich an den Polizeibeamten, der die Verhaftung durchgeführt hatte.

 

»Sie können die Dame entlassen, sie ist der Polizei bekannt.«

 

Miss Bertram war schon halb beruhigt, aber diese letzten Worte brachten sie wieder in Harnisch.

 

»Wie können Sie sagen, daß ich der Polizei bekannt bin!« rief sie heftig.

 

»Also, hören Sie einmal zu«, entgegnete Peter, dessen Geduld nun auch zu Ende war. »Hier in dieser großen Stadt gibt es Millionen und aber Millionen von Menschen, und nach der Verfassung ist einer so gut wie der andere. Ein solches Mißverständnis kann einmal vorkommen. Sie gehen in einen Laden, in dem man Sie nicht kennt, und wenn Sie dann mit einem gefälschten Geldschein zahlen, werden Sie eben verhaftet. Wer sind Sie denn, daß Sie nicht verhaftet werden sollten, wenn Sie das Gesetz übertreten? Sie wissen doch, vor dem Gesetz sind wir alle gleich. Ich würde keinen Augenblick zögern, den Präsidenten der Vereinigten Staaten zu verhaften, wenn er sich schuldig machte. Aber Sie tun so, Miss Bertram, als ob Sie etwas Besseres wären als andere Leute, als ob für Sie eine Extrapolizei bestünde. Wenn Sie glauben, daß das den amerikanischen Sitten entspricht, dann ist das eben Ihre Privatmeinung. Ich bin gekommen, um Sie freizulassen, ich behandle Sie höflich, und Sie fangen hier an zu schimpfen!«

 

Miss Bertram wußte immer noch nicht, was sie sagen sollte. Da stand nun ein Polizeibeamter vor ihr, hatte die Hände in die Hüften gestemmt, sah sie böse und düster an und hielt ihr eine Strafpredigt! Und dabei war sie doch die Tochter eines großen Geschäftsmannes in New York, eines Multimillionärs, der eine führende Stellung in der Gesellschaft einnahm.

 

Nachdem sie einige Zeit überlegt hatte, antwortete die junge Dame ganz bescheiden und ruhig. Die Umstehenden, die ihr früheres Benehmen miterlebt hatten, sahen sich erstaunt an.

 

»Ich verlange keine andere Behandlung als irgendein anderer Mensch. Es war ein dummer Fehler, den der Geschäftsführer hier gemacht hat. Ich bin früher niemals in dem Geschäft gewesen, und ich wäre auch nicht hierhergekommen, wenn ich nicht meiner Zofe etwas zum Geburtstag schenken wollte. Sie sagte mir, daß ihr ein Kleid so sehr gefallen hätte, das sie hier im Schaufenster sah. Ich verstehe eigentlich nicht, warum Sie mir Vorwürfe machen«, sagte sie, und der letzte Satz klang schon wieder etwas hochfahrend.

 

»Dafür werde ich ja bezahlt, daß ich die Leute in Ordnung halte und zurechtweise«, entgegnete Peter ruhig. »Ich bin da, um die Kinder der Armen zu beschützen und die Übeltäter zu bestrafen. Und dieser Mann hier« – er zeigte auf den nervösen Geschäftsführer – »ist ein Kind der Armen, die ich zu beschützen habe, wenigstens im übertragenen Sinn.«

 

Einen Augenblick sah sie auf den unglücklichen kleinen Herrn, und plötzlich kam ihr die Komik der Situation zum Bewußtsein. Miss Bertram mußte laut lachen.

 

»Sie haben vollkommen recht, ich habe mich von meiner schlechten Stimmung hinreißen lassen – es tut mir leid, daß ich so viel Unannehmlichkeiten verursachte. Hier kommt mein Vater.«

 

Sie ging schnell durch das Zimmer einem älteren Herrn entgegen.

 

George Bertram mochte etwa fünfundfünfzig Jahre alt sein, er hatte einen Spitzbart und war tadellos gekleidet. Sein Gesicht wirkte jugendlich, und vor allem faszinierten seine klugen, wohlwollenden Augen. Er gehörte zu den klügsten Finanzleuten der Weltstadt und dachte von dem Augenblick an, wo er das Geschäftsgebäude der Bank betrat, bis zu dem Augenblick, wo er wieder zu seinem Auto ging, an nichts anderes als an Geldwerte und Spekulationen.

 

»Mein liebes Kind, das ist sicher sehr unangenehm für dich gewesen. Wie war das nur möglich?«

 

»Es war mein eigener Fehler«, erwiderte sie freundlich. »Ich habe mich von meiner Aufregung hinreißen lassen, statt dem Geschäftsführer ruhig zu erklären, wer ich bin.«

 

»Aber was hast du denn eigentlich getan?« fragte er.

 

Als sie es ihm erklärte, sah er sie überrascht an.

 

»Eine gefälschte Banknote …? Aber ich kann mir gar nicht vorstellen, wie du in den Besitz eines solchen Geldscheins kommen könntest«, meinte er ungläubig.

 

»Das Geld habe ich natürlich von deiner Bank abgeholt. Ehe ich zur Stadt fuhr, bin ich dort gewesen und habe für meine Einkäufe Geld abgehoben.«

 

»Ich möchte den Schein einmal sehen.«

 

Der Detektiv zeigte die beschlagnahmte Banknote, und George Bertram prüfte sie sorgfältig.

 

»Ja, das ist tatsächlich eine Fälschung. Hast du noch andere Scheine, die du von der Bank abgeholt hast?«

 

Sie öffnete die Handtasche und nahm noch vier andere Banknoten heraus.

 

»Die anderen sind echt«, erklärte der Bankier, »aber es wäre doch möglich, daß noch weiteres gefälschtes Geld auf der Bank ist. Ich bin erstaunt, daß mein Hauptkassierer Dutton es bei der Auszahlung nicht sofort entdeckt hat. Mein Hauptkassierer ist einer meiner tüchtigsten Beamten. Es ist einfach unglaublich, daß er diesen Schein durchgehen ließ, ohne die Fälschung zu entdecken. Bist du auch ganz sicher, daß du kein anderes Geld in deiner Tasche hattest, als du heute morgen fortgingst?«

 

Sie zögerte einen Augenblick.

 

»Doch, das wäre möglich. Nachdem du darüber sprichst, erinnere ich mich …«

 

Sie zählte das Geld.

 

»Ja, ich hatte noch Geld in meiner Tasche. Es war eine Banknote … Ich müßte mir überlegen, wo ich sie bekommen habe – irgend jemand hat mir einen größeren Schein gewechselt …« Sie zog die Augenbrauen hoch, während sie scharf nachdachte.

 

»Es kommt im Augenblick ja auch gar nicht darauf an, wo Sie das falsche Geld her haben, Miss Bertram«, sagte Peter gutmütig. »Wenn Sie aber imstande sind, darüber genauere Auskunft zu geben, werde ich mich sehr freuen. Auf jeden Fall spreche ich morgen im Laufe des Tages einmal bei Ihnen vor.«

 

Sie lachte, und Peter klang das wie Musik in den Ohren.

 

»Ja, bitte, kommen Sie nur. Dann können Sie mir ja wieder einen Vortrag über die Menschenrechte halten.«

 

»Was für Rechte?« fragte Mr. Bertram erstaunt.

 

»Ach, ich hatte eine kleine Unterhaltung mit Mr. – ich habe Ihren Namen ja noch gar nicht erfahren.«

 

»Ich heiße Peter Corelly. Hier ist meine Karte. Ich komme selten dazu, eine Visitenkarte zu benützen, meistens genügt es, wenn ich die Marke zeige, die mich als Detektiv legitimiert.«

 

»Sie sind ein merkwürdiger Mann«, erwiderte sie, als sie ihm die Hand zum Abschied reichte.

 

Sie interessierte sich für ihn und empfand es unangenehm, daß umgekehrt sein Interesse für sie nicht besonders groß zu sein schien. Sein Beruf und die vornehme Art und Weise, in der er sprach, schienen nicht zusammenzupassen. Er mußte eine gewisse Bildung haben, und vor allem besaß er große Selbstbeherrschung, die sie trotz ihrer impulsiven Art bewunderte.

 

»Also, vergessen Sie nicht, mich zu besuchen«, rief sie, als sie sich noch einmal aus dem Fenster ihres eleganten Autos lehnte. »Ich möchte durch die Unterhaltung mit Ihnen noch viel lernen.«

 

»Das wird nötig sein«, entgegnete er.

 

Sie drehte sich um, nachdem der Wagen angefahren war, und bemerkte zu ihrer Enttäuschung, daß er ihr nicht nachschaute, sondern ihr bereits den Rücken gekehrt hatte.

 

»Mr. Rhyburn«, wandte sich Peter an den Geschäftsführer, »ich habe Sie aus einer großen Klemme befreit. Es konnte doch jeder Mensch, der einigermaßen Augen im Kopf hat, sehen, daß die Dame nicht absichtlich mit einem falschen Geldschein zahlte.«

 

»Aber Mr. Corelly«, protestierte der andere, »ich habe immer mit solchen Schwierigkeiten zu tun. Die Verluste, die ich jährlich durch falsches Geld erleide, sind einfach unheimlich. Ich hatte Miss Bertram noch niemals gesehen – obwohl sie zu meinen Kunden gehört.«

 

»Sie sagten doch, daß sie noch nie in Ihrem Geschäft war.«

 

»Das stimmt, aber ich führe eine Buchhandlung in der Stadt unter einem anderen Firmennamen. Ich kaufte den Laden, als der frühere Geschäftsinhaber starb, und dort ist sie eine gute Kundin. Hoffentlich kann ich mich darauf verlassen, daß Sie die Tatsache ihr gegenüber nicht erwähnen.«

 

Peter schüttelte den Kopf.

 

»Ich schicke ihr alle Neuerscheinungen, und sie trifft dann ihre Wahl. Es ist mir furchtbar peinlich, daß das passiert ist. Aber wir hatten, wie gesagt, dieses Jahr schon sehr viel Schwierigkeiten mit falschen Geldscheinen. Auch sonst habe ich gerade genug Sorgen. Vor zwei Monaten wurde in dem Buchladen eingebrochen, und dabei wurden alle Bücher mehr oder weniger ruiniert.«

 

»Melden Sie das dem Sergeanten, die Geschichte, die Sie mir da erzählen, klingt übrigens sehr unglaubwürdig. Ich kenne die Verbrecherwelt schließlich recht gut und weiß, daß sie keine literarischen Interessen hat – es sei denn aus Langeweile im Gefängnis.«

 

»Aber es ist vollkommen wahr, Mr. Corelly«, protestierte der Mann. »Ich dachte, Sie hätten davon gehört. Sie werden noch niemals in Ihrem Leben eine derartige Unordnung gesehen haben, wie ich sie in meinem Geschäft an jenem Morgen vorfand. Die Bücher waren von den Regalen heruntergenommen und auf den Boden geworfen worden, alle Schränke waren ausgeleert …«

 

»Und der Safe war aufgebrochen und ihr gesamtes Vermögen geraubt«, unterbrach ihn Peter.

 

»Nein, das war doch das Merkwürdigste von allem – den Geldschrank hatten die Einbrecher nicht angerührt.«

 

Corelly wurde plötzlich aufmerksam; dieser ungewöhnliche Einbruch interessierte ihn.

 

»Sie wollen mir doch nicht erzählen, daß die Einbrecher das Geld nicht anrührten?«

 

»Doch. Sie haben mir aber sonst genug Schaden zugefügt. Das schlimmste war, daß ich das Lager nicht versichert hatte.«

 

Peter zog sein Notizbuch.

 

»Datum?« fragte er lakonisch.

 

Der Geschäftsinhaber nannte es sofort; er hatte auch allen Grund, sich daran zu erinnern.

 

»Also das wäre erledigt«, meinte Peter, nachdem er zwei Seiten beschrieben hatte. »Darf ich einmal Ihre Bücher einsehen, und zwar für die Woche, bevor dieser Einbruch passierte?«

 

»Gewiß, Mr. Corelly.«

 

»Gut, dann komme ich heute abend um fünf Uhr in Ihre Buchhandlung.«

 

Peter war sehr nachdenklich, als er fortging. Mit langen Schritten wanderte er zum Northern-Hospital und erkundigte sich dort nach seinem Kollegen.

 

»Ja, Mr. Wilbur Smith hat das Bewußtsein wiedererlangt, und ich glaube, sein Zustand ist nicht mehr gefährlich«, meinte der Arzt. »Möchten Sie ihn sprechen? Wenn Sie die Unterhaltung nicht zu lang ausdehnen, wird es möglich sein.«

 

Wilbur Smith lag in einem Privatzimmer; sein Kopf war bis auf die Augen in Bandagen eingehüllt.

 

»Hallo, was wollen Sie denn? Sind Sie hergekommen, um meinen letzten Willen aufzunehmen, bevor ich abkratze?«

 

»Nun, es scheint Ihnen doch schon wieder ganz gut zu gehen«, entgegnete Peter und rückte einen Stuhl ans Bett. »Aber ich muß schon sagen, Sie sind ziemlich mitgenommen.«

 

»Ja, und dabei war es eine Dummheit, in diese Falle zu gehen«, erklärte Wilbur ärgerlich. »Die Leute müssen ja gelacht haben über den Leichtsinn, den ich an den Tag legte. Sie hatten zwei Taxis für mich bereitgestellt, und ich habe gleich das erste genommen.«

 

»Es scheint mir aber ganz unglaublich, daß so etwas am hellen Tag mitten in New York passieren kann.«

 

»Und doch bleibt es eine Tatsache. Sie haben natürlich nichts getan, was irgendwelchen Verdacht hätte erregen können; höchstens haben sie ab und zu einen kürzeren Weg gewählt. Plötzlich fuhr der Wagen in eine Garage. Im nächsten Augenblick waren die Tore hinter uns geschlossen. Ich sprang heraus, aber bevor ich meinen Revolver ziehen konnte, hatten sie mich schon gepackt. Das ist alles, worauf ich mich besinnen kann.«

 

»Und nachher haben sie Sie in eine leere Wohnung geschleppt, ohne daß sie jemand beobachtete. Meiner Meinung nach haben sie angenommen, daß sie tot wären. Haben Sie einen der Leute gesehen, die Sie überfielen? Können Sie sich auf ein Gesicht besinnen?«

 

»Nein«, entgegnete Wilbur entschieden. »Ich kann mich auf nichts besinnen. Ich weiß nur so viel, daß ich in einer ziemlich großen Garage war und sah, wie ein Mann von der anderen Seite mit einer Kanne Benzin auf mich zukam. Das haben sie wahrscheinlich so angeordnet, damit ich keinen Verdacht schöpfen sollte. Und während ich noch überlegte, was ich anfangen könnte, haben sie mich niedergeschlagen. Und das Geld haben sie natürlich gestohlen?«

 

Peter nickte.

 

»Und Sie haben jetzt die Untersuchung des Falles übernommen?«

 

»Ja. Ich habe auch ein paar neue Anhaltspunkte gefunden. Übrigens ist der Fall wirklich sehr interessant.«

 

Er erzählte, was er mit dem jungen Mädchen erlebt hatte, die plötzlich ein Vermögen von hundertzwanzigtausend Dollar in der Hand hatte, und auch die andere Geschichte mit Fatty. Wilbur Smith hörte erstaunt zu.

 

»Das ist ein ganz verhexter Fall. Etwas Ähnliches habe ich noch nicht erlebt. Wie denken Sie denn darüber?«

 

Peter erhob sich zunächst, ging zur Tür des Krankenzimmers und schloß ab,

 

»Mir ist die Sache nicht vollkommen neu, dabei meine ich besonders den Stempel auf der Rückseite der Banknoten – das Bild des goldenen Hades. – Es muß sich um einen Geheimkult handeln.«

 

»Was für einen Geheimkult?« fragte Wilbur erstaunt.

 

»Es gibt die sonderbarsten Kulte, darunter auch eine Art Teufelskult«, erklärte Peter. »Sie glauben wohl, ich wäre verrückt, aber ich kann das durchaus beweisen. Während des großen Prozesses gegen die Kamorra kam auch etwas über einen merkwürdigen Teufelskult in Italien zum Vorschein. Dann gab es etwas Ähnliches in Nordengland… Solche Teufelskulte gab es auch in Südrußland, und jeder Kult hat seine besonderen Priester und sein besonderes Ritual.«

 

»Aber…«, begann Smith.

 

»Warten Sie noch einen Augenblick. Vor allem muß ich Ihnen erzählen, daß die Teufelsanbeter sich bemühen, das Bild ihrer Gottheit, die sie verehren, zu verbreiten. Das ist immer wieder beobachtet worden. In Nordengland haben die Mitglieder dieses Teufelskults das Bild auf ihre Briefumschläge gedruckt. Dann wurde jedesmal die Marke darübergeklebt. Die Verehrer des Teufelsgottes Nick in Südrußland haben das Bild in ihre Schuhsohlen einbrennen lassen. Dort kam auch zum erstenmal die Gewohnheit auf, das Bild der Gottheit auf die Rückseite von Banknoten zu stempeln.«

 

»Das klingt fast, als ob Sie mir etwas vormachen wollten. Woher haben Sie eigentlich diese Kenntnisse?«

 

»Nun, man lebt und lernt«, erwiderte Peter etwas von oben herab. »Mein ganzes Leben lang habe ich Leute verfolgt, die Falschgeld verteilten. Und außerdem kann man in jedem großen Lexikon unter dem Stichwort ›Dämonenkult‹ nachlesen.«

 

»Dann sind Sie also der Meinung…«

 

»Ja – ich glaube, daß es hier in Amerika einen derartigen Teufelskult gibt. Er scheint allerdings eine ganz besondere Abart zu sein.«

 

»Haben Sie etwas von Alwin gehört?« fragte Wilbur, der unvorsichtigerweise seinen Kopf auf die Seite wandte, dann aber vor Schmerzen stöhnte.

 

»Nein, wir haben keine neuen Nachrichten. Aber ich nehme es als sicher an, daß sie Alwin irgendwo gefangengesetzt haben.«

 

»Ich glaube, daß er tot ist«, entgegnete Wilbur ruhig. »Peter, ich sage Ihnen, sobald meine verdammten Rippen wieder einigermaßen zusammengeheilt sind, stehe ich auf. Ich kann es in diesem Bett nicht mehr aushalten. Und dann kaufe ich mir den Mörder Frank Alwins. Ich werde nichts unversucht lassen, und wenn es mein ganzes Leben lang dauern sollte. Sie können sich darauf verlassen, daß ich ihn zum Schluß doch fassen werde.«

 

»Sie sind ja ein ganz wilder Geselle!« Peter seufzte. »An Ihrer Stelle würde ich tatsächlich über andere Dinge nachdenken, die nicht so furchtbar blutrünstig und schrecklich sind.«

 

»Hören Sie bloß damit auf! Erzählen Sie mir lieber noch etwas von diesem tollen Teufelskult.«

 

»Wenn ich wiederkomme, kann ich Ihnen viel mehr berichten«, sagte Peter und nahm seinen Hut. »Heute nachmittag besuche ich Professor Cavan und befrage ihn.«

 

»Zum Teufel, wer ist denn dieser Cavan?«

 

Peter zuckte verächtlich die Schultern.

 

»Es ist ja unheimlich, wieviel Sie nicht wissen. Wollen Sie tatsächlich behaupten, daß Sie Professor Cavan nicht kennen?«

 

»Ich habe noch nie von dem Mann gehört«, erklärte Wilbur verzweifelt. »Wann haben Sie denn etwas von ihm erfahren?«

 

»Erst gestern«, entgegnete Peter lakonisch und verließ das Zimmer.