Kapitel 11

 

11

 

»Was ist nur mit Marjorie los?« fragte Lance Kelman nachlässig und zündete sich eine Zigarette an.

 

Mrs. Stedman saß mit ihrem Neffen im Empfangszimmer. Sie zuckte die Schultern, was andeuten sollte, daß sie darüber nichts wüßte.

 

»Ich kann das Mädchen überhaupt nicht verstehen. Je älter sie wird, desto mehr lebt sie für sich«, klagte sie. »Sie nimmt nicht mehr die geringste Rücksicht auf mich und weiß auch nicht, was sie mir schuldig ist.«

 

»Ach, sie ist noch sehr jung«, meinte Lance wohlwollend. »Wenn sie erst einmal etwas mehr reist und die Welt kennenlernt, bekommt sie auch einen weiteren Gesichtskreis und bessere Urteilsfähigkeit.«

 

Er tröstete seine Tante stets, und sie bewunderte dafür immer aufs neue seine elegante Erscheinung.

 

»Ich wünschte nur, Marjorie käme endlich einmal zur Vernunft. Das beste wäre doch wirklich, wenn sie sich verheiraten würde. Ich hoffte eigentlich damals, als du diese gefährliche Reise nach Südafrika machtest, daß mein Schwager dir irgendeine Lebensstellung verschaffte, damit du heiraten könntest.«

 

»Du meinst, damit ich Marjorie heiraten könnte?« fragte Lance ruhig, denn dieser Gedanke erschien ihm vollkommen selbstverständlich. »Ich dachte auch schon daran. Sie ist ein ganz nettes Mädel, nur leider etwas engherzig und einseitig, Tante.«

 

»Genau meine Meinung«, entgegnete sie und schaute nervös nach der Uhr. »Ich möchte nur wissen, wie lange sie wieder fortbleibt.«

 

»Gehst du heute nachmittag aus?«

 

»Ja«, erwiderte sie leise. »Aber bitte sage nichts davon zu Marjorie. Sie hat ein so unvernünftiges Vorurteil gegen Lady Tynewood.«

 

»Ach, willst du Lady Alma besuchen? Nun, da tust du ganz recht. Sie ist eine sehr liebenswürdige Dame. Ich habe ihr neulich einmal von meiner Reise nach Südafrika erzählt, und da fragte sie mich, ob ich nicht zufällig ihren Mann, Sir James, dort getroffen hätte. Du weißt doch, daß er sie verlassen hat. Ich bin aber nie ganz hinter die Geschichte gekommen.«

 

»Ja, die Leute haben viel darüber gesprochen«, begann Mrs, Stedman gerade, als sie durch das plötzliche Erscheinen Marjories gestört wurde. Das junge Mädchen trug Reitkleidung und sah in dem hellgrauen Anzug vorzüglich aus. Lance betrachtete sie mit aufrichtiger Bewunderung.

 

»Bei deinen sonst soliden Ansichten kleidest du dich manchmal etwas gewagt, Marje.«

 

»Darüber kannst du nicht urteilen. Und nenne mich doch vor allem nicht Marje. Das klingt so gewöhnlich, ich will es nicht hören.«

 

»Aber Marjorie, wie kannst du nur so schroff sein!« rief ihre Mutter entrüstet.

 

»Bist du fertig, Lance?« fragte Marjorie kurz und ging, ohne seine Antwort abzuwarten, nach draußen, wo die Pferde bereitstanden.

 

Er eilte ihr nach, um ihr behilflich zu sein, aber schon ehe er ankam, hatte sie den Fuß in den Steigbügel gesetzt und sich in den Sattel geschwungen.

 

»Du bist ja kolossal selbständig geworden«, beschwerte er sich, da er sich zurückgesetzt fühlte.

 

Sie ritten durch eine lange Allee, die von hohen Hecken eingefaßt war, und Marjorie blieb zunächst schweigsam. Sie hatte die Absicht, Lance kurz mitzuteilen, was sie telegrafiert hätte, und sie zweifelte natürlich nicht daran, daß er ihre Handlungsweise verurteilen würde.

 

»Deine Mutter hat von Schloß Tynewood gesprochen«, begann er schließlich, und sie ärgerte sich, daß dieser Name fiel.

 

»Ich hoffe nur, daß sie heute nachmittag nicht wieder zu Lady Tynewood geht«, sagte sie plötzlich, aber Lance schwieg über diesen Punkt.

 

»Hast du das Schloß eigentlich schon einmal gesehen?«

 

Sie erinnerte sich gut genug an den schrecklichen Abend, den sie dort zugebracht hatte, und schauderte leicht.

 

»Nein, ich kenne es nicht.«

 

»Es ist ein schönes, altes Gebäude aus der Tudorzeit, und der Park ist wirklich großartig. Ich verstehe nicht, daß Sir James es fertigbringt, seine hübsche Frau und eine solche Besitzung im Stich zu lassen und in der Wildnis umherzustreifen. Ich halte das direkt für Wahnsinn!«

 

»Du scheinst ja mit den Verhältnissen der Familie Tynewood ziemlich gut Bescheid zu wissen.«

 

»Ja, man erfährt so allerlei. Der Baron hat seine Frau verlassen, und zwar einige Tage nach der Hochzeit. Die wirklichen Zusammenhänge sind hier allerdings nicht bekannt. Er hat nämlich zwei große Güter und hält sich meistens auf dem anderen auf. Hier in Schloß Tynewood ist nur der alte Pförtner, der ihn schon seit seiner frühen Jugend kennt. Vor vier Jahren hat Sir James ganz plötzlich geheiratet. Lady Tynewood war früher Schauspielerin, das weißt du wohl auch.«

 

»Ja, ich habe davon gehört.«

 

»Er muß nicht ganz bei Verstand gewesen sein. Ohne daß er ihr die geringste Mitteilung machte, hat er sie einfach verlassen. Die beiden haben in London geheiratet.«

 

»Wer hat dir denn das alles erzählt?«

 

»Nun, wenn ich offen sein soll – Lady Tynewood selbst. Sie hat mich in diese traurige Angelegenheit eingeweiht, als ich neulich zum Tee bei ihr war«, sagte Lance gleichgültig.

 

»Ach so, jetzt verstehe ich.« Marjorie lächelte ein wenig. »Aber sprich nur ruhig weiter. Ich interessiere mich sehr für Sir James Tynewood.«

 

»Also, der Mann ist unbegreiflicherweise auf und davon gegangen«, fuhr Lance fort. Er war sehr stolz darauf, daß er die Geschichte aus erster Hand hatte. »Soweit ich die Sache beurteilen kann, hatte er einen etwas aufbrausenden Charakter und war in mehrere unangenehme Affären verwickelt, bevor er Alma traf – ich meine Lady Tynewood. Man hat seinerzeit viel in den Zeitungen über ihn geschrieben. In einem Artikel wurde auch erwähnt, daß Lady Tynewood in den Besitz des berühmten Halsbandes kommen würde. Es ist ein herrliches Brillantkollier.«

 

»Ich weiß, daß es kein Hundehalsband ist«, erwiderte sie ironisch.

 

Er sah sie mißtrauisch von der Seite an.

 

»Lady Tynewood bestand darauf, daß James es ihr bringen sollte. Das war in ihrer Londoner Wohnung. Er kam bis hierher zum Schloß, und von dem Augenblick an« – er machte eine dramatische Pause – »hat man nie wieder etwas von ihm gesehen. Am nächsten Morgen erhielt sie einen Brief von seinem Rechtsanwalt, daß sie unter keinen Umständen den Versuch machen dürfte, das Schloß und den Park von Tynewood zu betreten. Und dabei war sie doch rechtmäßig verheiratet! Es wurde ihr ein jährliches Einkommen ausgesetzt, aber es ist viel zu gering für eine Frau von ihrer Stellung. Und dann las sie in der Zeitung, daß James Tynewood nach Südafrika gereist sei.«

 

»Nach Südafrika?« wiederholte sie mit besonderer Betonung. »Natürlich, das Schiff ›Carisbrooke Castle‹ fährt ja nach Kapstadt.«

 

»Den Namen des Schiffes habe ich doch gar nicht erwähnt«, entgegnete Lance etwas verblüfft. Aber er war zufrieden mit der Wirkung seiner Worte und machte sich nicht die Mühe, Marjorie näher auszufragen. »Warum hast du denn eigentlich eben so merkwürdig ›Südafrika‹ gesagt?«

 

»Weil ich mich dafür interessiere«, erwiderte sie schroff.

 

Er sah sie erstaunt an.

 

»Ich heirate nämlich einen Pretoria-Smith«, fuhr sie fort.

 

»Pretoria-Smith?« rief er atemlos. »Aber was soll denn das heißen?«

 

»Hier – lies bitte.«

 

Sie nahm den Brief aus der Tasche und gab ihn Lance, der sein Pferd anhielt.

 

»Du wirst doch nicht einen derartigen Unsinn machen«, sagte er heftig, als er die Zeilen überflogen hatte. »Diesen Pretoria-Smith kenne ich sehr gut, er ist ein entsetzlicher Mensch! Furchtbar aufdringlich, spricht nur von sich selbst, verprügelt die Neger und ist ein roher, wüster Kerl. Ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie er einen Eingeborenen geschlagen hat. Es war so schlimm, daß ich dazwischentreten mußte. Einmal stand er auch vor Gericht, weil er einen Buschmann erschossen hatte. Den Namen habe ich vergessen, aber auf jeden Fall bleibt die Tatsache bestehen, daß er vor Gericht stand. Und dann trinkt der Mensch. Ich war mehrmals Zeuge, wie er stockbesoffen durch die Straßen wankte. Man sagt auch –«

 

»Ach, hör doch auf!« sagte sie schaudernd und fuhr mit der Hand über die Augen.

 

»Aber Marjorie, das kann doch nicht dein Ernst sein. Du wirst diesen Mann nicht heiraten! Ich selbst hoffe, dich in allernächster Zeit um deine Hand bitten zu können.«

 

»Dich könnte ich niemals heiraten, Lance«, erwiderte sie ruhig. »Bitte, mache die Sache nicht noch komplizierter, als sie schon ist.«

 

»Aber das ist doch Wahnsinn! Das erlaube ich nicht!«

 

Sie lächelte bitter.

 

»Du kannst doch gar nichts dagegen tun., Und es bleibt mir wirklich nichts anderes übrig.«

 

Sie erzählte ihm nichts von den Torheiten ihrer Mutter und von ihrem eigenen Kummer, als sie weiterritten. Lance war wütend und fühlte sich persönlich gekränkt, während sich Marjorie hilflos dem unabwendbaren Schicksal gegenübersah.

 

Schließlich kamen sie an das Parktor von Tynewood.

 

»Ich möchte mir den Park heute nicht ansehen«, sagte sie abgespannt. »Aber wir wollen einen Augenblick hier ausruhen.«

 

Sie hatten einen schönen Blick auf die großen Wiesen, die alten, mächtigen Bäume mit den weitausladenden Ästen und das graue Haus, dessen Fenster in der Nachmittagssonne glänzten.

 

»Es ist wirklich herrlich hier«, sagte sie leise.

 

Während sie die wundervolle Aussicht genoß, vergaß sie für einen Augenblick ihre Sorgen.

 

Plötzlich kam ein Auto in Sicht und hielt gleich darauf vor dem Parktor. Eine Dame stieg aus.

 

»Lady Tynewood«, flüsterte Lance.

 

Marjorie wollte eigentlich davonreiten, ohne sich umzusehen, aber ihre Neugierde hielt sie doch zurück.

 

Der Pförtner öffnete, blieb aber mitten im Weg stehen.

 

»Kann ich etwas für Sie tun, Mylady?« fragte er und legte die Hand an die Mütze.

 

»Ich möchte mir den Park ansehen«, erwiderte Alma.

 

Der Mann rührte sich jedoch nicht von der Stelle.

 

»Es tut mir sehr leid, Mylady, aber ich habe strengen Befehl, Sie unter keinen Umständen einzulassen.«

 

»Und ich gebe Ihnen jetzt den strikten Auftrag, zur Seite zu treten und mir den Weg freizugeben«, entgegnete sie aufgeregt. »Ich habe mich allzu lange den Wünschen von Sir James gefügt, aber jetzt bestehe ich auf meinem Recht. Ich will den Schloßpark betreten, wann es mir paßt.«

 

Der Pförtner trat einen Schritt zurück und schloß das schwere Tor vor ihrer Nase.

 

»Es tut mir sehr leid, Mylady, aber meine Instruktionen sind eindeutig. Ich kann Ihnen nicht gestatten näherzutreten.«

 

Als sich Lady Tynewood wütend umdrehte, entdeckte sie Marjorie.

 

»Wie kommen Sie denn hierher?« fragte sie mit heiserer Stimme und legte die Hand an die Kehle, als ob ihr das Atmen schwerfiele. »Das ist eine neue Unverschämtheit von Ihnen, daß Sie mir hier nachspüren! Aber das soll Ihnen schlecht bekommen?«

 

Marjorie sagte zunächst nichts, und es entstand eine peinliche Pause.

 

»Ich spüre Ihnen nicht nach«, erwiderte das junge Mädchen schließlich gelassen. »Nicht einmal, wenn Sie meiner Mutter beim Bridgespiel das Geld abnehmen.«

 

Sie wandte ihr Pferd und ritt davon.

 

Kapitel 12

 

12

 

Mr. Vance, Chef der renommierten Rechtsanwaltfirma Vance and Vance, war gerade eifrig beschäftigt, als ihm ein Besuch gemeldet wurde. Er las die Karte und zog die Augenbrauen in die Höhe.

 

»Lassen Sie Miss Stedman näher treten.«

 

Er erhob sich und ging ihr halbwegs entgegen.

 

»Das ist ein unerwartetes Vergnügen«, begann er. »Aber Sie kommen doch hoffentlich nicht zu mir, um sich in Rechtsangelegenheiten beraten zu lassen?«

 

»Nein, das gerade nicht«, entgegnete sie lächelnd.

 

»Man erzählt sich ja große Dinge darüber, wie angesehen Sie in Ihrer Gegend sind. Aber nehmen Sie doch bitte Platz. Ich freue mich, Sie wiederzusehen. Ich muß sagen, daß ich Sie als Privatsekretärin sehr vermißt habe. Ja, der Ruf Ihrer Tüchtigkeit ist selbst bis zu meinem Büro nach London gedrungen. Wie ich hörte, haben Sie eine große Summe für das dortige Hospital zusammengebracht. Ich las auch in der Zeitung, daß Ihnen zu Ehren ein Essen stattfinden sollte. Haben Sie das schon hinter sich?«

 

»Nein, ich habe es noch vor mir, aber es wird nicht für mich allein abgehalten. Man will nur die Gelegenheit feiern, und alle Leute gratulieren sich, daß die Aufbringung des Fonds so gut gelungen ist. Und zu diesen Leuten gehöre ich auch.« Sie machte plötzlich ein ernstes Gesicht. »Mr. Vance, haben Sie eigentlich jemals meinen Onkel Alfred Stedman gesehen?«

 

»Soviel ich weiß, habe ich Ihnen diese Frage schon einmal beantwortet.« Er nickte. »Ich kann mich allerdings nur sehr dunkel auf ihn besinnen.«

 

»Sie wissen aber doch, daß er ein großes Vermögen erworben hat?«

 

»Gewiß. Das haben Sie mir ja damals geschrieben, und ich kann Ihnen dazu nur gratulieren. Aber was ist denn passiert?« fragte er schnell, als er den traurigen Ausdruck in ihren Zügen sah. »Hat er sein Geld etwa wieder verloren?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Manchmal wünschte ich direkt, daß es so wäre. Nein, das ist es nicht. Aber denken Sie, er hat den Versuch gemacht, über meine Zukunft zu bestimmen«, sagte sie zögernd.

 

Mr. Vance sah sie etwas verwirrt an, aber dann verstand er plötzlich den Sinn ihrer Worte.

 

»Ach so, er hat einen Mann für Sie ausgesucht?« fragte er vergnügt und zwinkerte ihr mit den Augen zu.

 

»Sie haben es erraten.«

 

»Und wer ist denn der Glückliche?«

 

»Jemand, den Sie sehr gut kennen.«

 

Das Lächeln verschwand aus dem Gesicht des Rechtsanwalts.

 

»Wie soll ich das verstehen – jemand, den ich sehr gut kenne? Miss Stedman, das müssen Sie mir genauer erklären. Ist es einer meiner Freunde?«

 

»Ich weiß nicht, ob er ein Freund von Ihnen ist. Ich habe ihn allerdings früher einmal in Ihrem Büro hier getroffen – es ist Mr. Smith von Pretoria.«

 

Er erhob sich halb aus seinem Stuhl und sah sie ungläubig an.

 

»Mr. Smith von Pretoria – das ist doch ausgeschlossen!«

 

»Wenn es nur so wäre!«

 

Trotz ihres Kummers amüsierte sie sich einen Augenblick über seine Verwirrung.

 

Dann erzählte sie ihm kurz die näheren Umstände, erwähnte den Brief ihres Onkels, die Unterredung mit ihrer Mutter und deren törichte Handlungsweise. Sie hielt es nicht für angebracht, diese Dinge jetzt noch zu verschweigen.

 

»Ich bin tatsächlich aufs höchste erstaunt«, erwiderte Mr. Vance etwas betreten, als sie geendet hatte. »Vor allem hatte ich nicht die geringste Ahnung, daß Mr. Smith augenblicklich in England ist.«

 

Er dachte einige Zeit nach, und Marjorie beobachtete ihn scharf. Ihre Mitteilungen hatten den alten Herrn in ungewöhnliche Erregung versetzt.

 

»Ich möchte Sie noch etwas fragen, Mr. Vance. Aber bitte sagen Sie mir jetzt die volle Wahrheit. Das klingt zwar etwas unhöflich, aber es handelt sich um meine Zukunft, und da muß ich die Wahrheit erfahren.«

 

»Was wollen Sie denn wissen?« fragte er ruhig.

 

»Was bedeutete der Auftritt, den ich an einem gewissen Abend vor vier Jahren in Schloß Tynewood beobachtete?«

 

Er schwieg eine Weile.

 

»Darauf kann ich Ihnen nicht antworten, Miss Stedman«, sagte er schließlich. »Wenn ich es täte, würde ich das Vertrauen eines Freundes verletzen, und es würde dadurch ein alter, geachteter Name in den Staub getreten werden.«

 

»Sie meinen die Ehre des Hauses Tynewood?« fragte sie schnell.

 

Er nickte.

 

»Dann beantworten Sie mir bitte eine andere Frage. Wenn ich mich für Pretoria-Smith entscheide, heirate ich dann nicht den Mann, der die Veranlassung dazu war, daß Sir James Tynewood aus England verschwand? Ich sage ausdrücklich nicht, daß er ihn ermordete«, fügte sie hastig hinzu. »Das wäre zu schrecklich. Ich weiß allerdings, daß Sir James Tynewood tot ist. Aber ich habe das Versprechen gehalten, das ich Ihnen gab, und mit keinem Menschen über jene Ereignisse auf dem Schloß gesprochen.«

 

Er sah Marjorie mit aufrichtiger Bewunderung an.

 

»Dafür bin ich Ihnen auch zu größtem Dank verpflichtet, Miss Stedman. Und auch Sir James wird Ihnen das sicher hoch anrechnen, wenn er wieder nach England zurückkehrt.«

 

Marjorie schaute ihn durchdringend an.

 

»Sir James Tynewood ist tot«, sagte sie fest. Seine Augen verengten sich.

 

»Ich wiederhole«, entgegnete er ruhig, »daß Sir James Tynewood Ihnen das hoch anrechnen wird, wenn er nach England zurückkehrt.«

 

Marjorie legte die Hand auf den Schreibtisch.

 

»Ich will ganz offen und ehrlich zu Ihnen sein. Ich weiß, daß Sir James Tynewood tot ist. Durch einen Zufall habe ich es erfahren. Ich kam damals in Ihr Zimmer, als Sie mit Doktor Fordham darüber sprachen.«

 

Er erhob sich und ging langsam im Zimmer auf und ab. Nachdenklich hatte er das Kinn auf die Brust gesenkt und die Hände auf dem Rücken gefaltet. Plötzlich blieb er vor ihr stehen.

 

»Sie haben also die Absicht, Pretoria-Smith zu heiraten?« fragte er.

 

Sie zuckte die Schultern. »Was bleibt mir denn sonst noch übrig?«

 

Er rieb sein Kinn.

 

»Sie könnten noch schlimmere Dinge tun. Pretoria-Smith ist ein sehr liebenswürdiger, charaktervoller Mann und stammt aus einer guten, alten Familie.«

 

»Heißt er wirklich Smith?«

 

»Sie wissen doch ganz genau, daß sich viele Leute Smith nennen«, erwiderte er gut gelaunt. »Miss Stedman –« er legte die Hand auf ihre Schulter, »wollen Sie einen guten Rat von Ihrem alten Freund annehmen?«

 

»Was raten Sie mir denn?«

 

»Pretoria-Smith zu heiraten«, lautete die erstaunliche Antwort.

 

»Was, ich soll einen Trunkenbold heiraten?« rief sie erregt und zornig.

 

»Wie kommen Sie denn auf eine solche Idee?« fragte er betroffen. »Pretoria-Smith ist doch kein Trinker!« sagte er dann ungläubig. »Das müssen Sie mir näher erklären.«

 

»Mein Vetter Lance Kelman hat eine Reise nach Südafrika gemacht und kennt daher den Mann genauer – wahrscheinlich viel besser als Sie. Er hat mir noch heute erzählt, daß er mit eigenen Augen, sah, wie Pretoria-Smith betrunken in den Straßen umherwankte.« Marjorie war ärgerlich auf ihren alten Chef, weil er ihr den Rat, gegeben hatte, diesen Menschen zu heiraten, and sie beobachtete nun triumphierend seine offensichtliche Bestürzung.

 

»Mr. Vance, wollen Sie mir nicht wenigstens sagen, wie er wirklich heißt? Ich kann doch nicht einen Mann heiraten, dessen Namen ich nicht einmal kenne.«

 

Er zögerte und sah sie unentschlossen an.

 

»Wenn ich Ihnen das mitteile, müssen Sie mir aber versprechen, und zwar feierlich und unverbrüchlich, weder Pretoria-Smith noch sonst jemandem zu sagen, daß Sie es von mir erfahren haben.«

 

»Gut, das verspreche ich Ihnen«, erwiderte sie sofort.

 

»Also – er heißt in Wirklichkeit Norman Garrick«, entgegnete er langsam.

 

»Norman Garrick?« wiederholte sie. Plötzlich glaubte sie einen Zusammenhang zu erkennen. »War er irgendwie verwandt mit dem jungen Mann, der jetzt tot ist?«

 

Sie konnte den Namen Tynewood im Augenblick, nicht aussprechen.

 

Mr. Vance suchte Zeit zu gewinnen und antwortete nicht gleich.

 

»Er ist sein Halbbruder«, sagte er dann leise. »Mehr kann ich Ihnen aber nicht erzählen.«

 

Er unterhielt sich noch eine Weile mit ihr über das Leben, das sie auf dem Lande führte, und über das große Festessen. Dann verabschiedete sie sich von ihm. Im äußeren Zimmer hielt sie kurz an, um den Bürovorsteher zu begrüßen, mit dem sie früher sehr gut gestanden hatte.

 

»Man wird wirklich an die guten, alten Zeiten erinnert, wenn man Sie wiedersieht, Miss Stedman«, meinte er vergnügt. »Ich muß schon sagen, es ist nach Ihnen kein Mensch mehr hier gewesen, mit dem ich so gern zusammengearbeitet habe wie mit Ihnen.«

 

»Ich soll wohl wiederkommen und Ihnen helfen? Sie haben sicher sehr viel zu tun und werden nicht mit der Arbeit fertig«, erwiderte sie lachend.

 

»Ach, das habe ich mir schon oft gewünscht. Auf meinem Platz sammeln sich die Aktenstöße und die Dokumente, und es ist niemand da, der alles so schön ordnen könnte, wie Sie es früher taten.«

 

Auf seinem Schreibtisch türmten sich tatsächlich die Schriftstücke in wildem Durcheinander.

 

»Sie haben es niemals verstanden, Ordnung zu halten, Mr. Herman«, sagte sie und begann rein mechanisch die Papiere zu sichten.

 

Als sie einen Stoß auf der einen Seite des Schreibtisches niedersetzte, fiel ihr Blick zufällig auf ein kleines Aktenstück, das mit einer roten Schnur zusammengebunden war. Sie nahm es auf, um es zu den anderen Schriftstücken zu legen, und las dabei die Aufschrift.

 

»In Sachen Norman Garrick.«

 

Mit einem Ausruf ließ sie den Aktendeckel fallen und starrte den Bürovorsteher an.

 

»Wer ist denn Norman Garrick?« fragte sie ängstlich.

 

Mr. Herman sah sie sonderbar an, nahm dann das Aktenstück und schob es in eine Schublade.

 

»Er ist einer unserer Klienten«, entgegnete er gleichgültig. »Das heißt, er gehörte früher dazu, denn vor einiger Zeit ist er gestorben.«

 

Zwei Minuten später ging Marjorie wie im Traum die Straße entlang, und ihre Gedanken wirbelten durcheinander.

 

Pretoria-Smith war Norman Garrick – und Norman Garrick war tot! Wer war denn nun Pretoria-Smith? Der Mann hatte ja überhaupt keine Existenzberechtigung!

 

Kapitel 13

 

13

 

Der Abend war gekommen, an dem die Direktion des Krankenhauses von Droitshire die Aufbringung des Fonds durch ein großes Galadiner feiern wollte. Die Gelder waren notwendig, um die Anstalt weiterführen zu können. Aber eigentlich wurde das Essen zu Ehren der energischen Sekretärin des Hilfskomitees gegeben, deren unermüdliche Tätigkeit den unerwartet großen Erfolg gebracht hatte.

 

Marjorie Stedman hatte das Wissen und die Geschäftserfahrungen, die sie in London gesammelt hatte, praktisch verwertet. Alle Vorteile hatte sie ausgenutzt, und da sie außerdem ein gutes Organisationstalent besaß, hatte sie diese hohe Summe zusammenbringen können.

 

Seine Königliche Hoheit der Herzog von Wight war der Protektor des Hospitals, und er war eigens von London gekommen, um den Vorsitz bei der Feier zu führen. Er war der Gast des Earl von Wadham, der seinen Landsitz in dieser Gegend hatte.

 

Marjorie sah in ihrem weißen Seidenkleid mit Silberbrokat entzückend aus. In der fröhlichen Umgebung und inmitten der glänzenden Gesellschaft vergaß sie für kurze Zeit ihre Sorgen und die unangenehmen Ereignisse des vergangenen Tages. Alle Leute gratulierten ihr. Von jeder hervorragenden Familie war mindestens ein Mitglied erschienen.

 

Lord Wadham war ein älterer Herr mit weißen Haaren und gesundem, gutmütigem Gesicht. Er trug ein Monokel und lächelte fast immer. Um zu Marjorie zu gelangen, mußte er sich einen Weg durch die Menge bahnen, denn sie wurde von allen Seiten umringt.

 

»Ach, hier sind Sie!« sagte er laut. Seine Stimme schrillte, und wenn er flüsterte, konnte man es noch im äußersten Winkel des großen Saales hören. »Kommen Sie doch bitte mit mir, Miss Stedman, ich möchte Sie Seiner Königlichen Hoheit vorstellen.«

 

Er führte sie zu dem Empfangsraum, wo sich der Herzog von Wight, eine jugendlich-schlanke Erscheinung, mit mehreren Herren unterhielt. Über der Frackweste trug der Prinz das blaue Band des Hosenbandordens.

 

»Königliche Hoheit, darf ich mir gestatten, Miss Marjorie Stedman vorzustellen, deren aufopferungsvoller Tätigkeit wir diesen großen Erfolg für das Droitshire-Hospital verdanken?«

 

Der Herzog lächelte und reichte ihr die Hand.

 

»Ich habe schon viel von Ihnen gehört, Miss Stedman, und ich bin hergekommen, um Ihnen meinen Dank persönlich auszusprechen. Wie Sie wissen, interessiere ich mich ganz besonders für das Hospital. Wenn Sie sich nicht mit solcher Tatkraft der Sache angenommen hätten, wären wahrscheinlich große Schwierigkeiten entstanden.«

 

Sie macht einen Hofknicks, als sie ihre Hand in die seine legte.

 

»Königliche Hoheit, die Arbeit für den wohltätigen Zweck war mir das größte Vergnügen.«

 

»Und es muß auch ein großes Vergnügen sein, mit Ihnen zusammenzuarbeiten«, erwiderte der Prinz liebenswürdig. Dann warf er Lord Wadham einen Blick zu und sah auf die große Uhr.

 

Gleich darauf meldete ein Diener, daß das Essen serviert sei, und die Anwesenden begaben sich in den Speisesaal.

 

Etwa fünfzig kleinere Tische waren aufgestellt worden. Nur am hinteren Ende des Raumes stand eine größere, überreich mit Blumen dekorierte Tafel, und dorthin führte der Herzog Marjorie Stedman.

 

»Heute sitzen Sie an meiner Rechten«, sagte er verbindlich, als sie neben ihm Platz nahm.

 

Die Mitglieder der alten Familien neideten ihr diese Ehre nicht, im Gegenteil, sie freuten sich darüber, daß die Verdienste dieses jungen Mädchens belohnt wurden. Aber die kleineren Leute, die Neureichen und Emporkömmlinge, gönnten ihr diese Auszeichnung nicht. Auch Lady Tynewood, die an einem der kleinen Tische mitten im Saal saß, gehörte zu ihnen.

 

»Nun, Mr. Kelman, was halten Sie jetzt von Ihrer Kusine?« wandte sie sich an ihren Tischherrn.

 

»Ach, sie sieht doch ganz nett aus«, entgegnete er vorsichtig, denn er wußte wohl, daß er in Almas Gegenwart Marjorie nicht zu sehr loben durfte. »Ich fürchte nur, sie wird hochmütig, wenn soviel Aufhebens von ihr gemacht wird. Wissen Sie, jungen Leuten steigt dergleichen gewöhnlich zu Kopf.«

 

Sie sah ihn belustigt an.

 

»Aber Sie sind doch selbst noch nicht so alt«, sagte sie ironisch. »Ist es wirklich wahr, daß sie einen Minenbesitzer heiratet? Ich habe gehört, daß sie sich mit einem gewissen Pretoria-Smith aus Südafrika verloben will.«

 

»Das ist ein ganz gemeiner Mensch«, erwiderte Lance heftig. »Wenn sie ihn gesehen hätte, wie ich ihn gesehen habe, würde sie überhaupt nicht daran denken, ihn zu heiraten. Es ist eine unverständliche Laune von ihr, und ich möchte ihr tatsächlich einmal eine Lektion erteilen.«

 

Marjorie dachte im Augenblick weder an Pretoria-Smith noch an sonst jemanden. Während der Herzog mit ihr über das Hospital sprach, ließ er den Blick über die Versammlung schweifen, und plötzlich entdeckte er Alma.

 

»Sitzt dort nicht Lady Tynewood?« fragte er.

 

»Ja, Königliche Hoheit. Ist sie Ihnen bekannt?«

 

»Ich kenne ihren Mann«, entgegnete er nachdenklich. »Wir waren zusammen in Eton auf der Schule. Später habe ich ihn in Südafrika wieder getroffen und war lange Zeit mit ihm dort unten auf der Jagd. Ein wirklich netter, lieber Kerl«, sagte er und schüttelte traurig den Kopf. »Ich habe diese merkwürdige Heirat niemals verstehen können.« Aber dann erinnerte er sich plötzlich daran, daß er sich nicht auf Gerede und Klatsch einlassen durfte, und änderte sofort das Gesprächsthema.

 

Lady Tynewood hatte seinen Blick aufgefangen und mit untrüglichem Instinkt sofort erkannt, daß der Herzog ihr nicht wohlgesinnt war.

 

»Lance, gehen Sie doch einmal zur Garderobe«, wandte sie sich an ihren Tischherrn. »Ich habe meine Handtasche dort gelassen, und darin liegt mein kleines Opernglas. Da ich hier für das Essen bezahlt habe, kann ich mir auch, ruhig den Schnabel Seiner Königlichen Hoheit genauer ansehen.«

 

Mr. Kelman lachte über diesen rohen Scherz und erhob sich.

 

Die Eingangshalle des Hotels war leer, und die Garderobenfrau hatte schnell die Handtasche gefunden.

 

Lance Kelman wollte gerade wieder in den Speisesaal zurückkehren, als ein Herr mit unsicheren Schritten in das Vestibül trat. Er sah ihn genauer an und glaubte seinen Augen nicht trauen zu dürfen. Dann fuhr ihm plötzlich ein teuflischer Gedanke durch den Kopf. Es war eine häßliche, gemeine Intrige, die er inszenieren wollte und über deren Folgen er sich nicht klarwurde.

 

Der Fremde war groß und breitschultrig und hatte ein glattrasiertes Gesicht, aber seine Züge zeigten kein Leben und schienen zu einer Maske erstarrt zu sein. Er trug einen etwas schäbigen, grauen Anzug nach Art der Farmer in Südafrika und ein Oberhemd mit weichem, offenem Kragen.

 

Lance steckte das Opernglas der Lady Tynewood ein und trat auf ihn zu.

 

»Hallo!« rief er.

 

Der Fremde drehte sich langsam nach ihm um.

 

»Hallo!« entgegnete er ein wenig heiser.

 

»Sie sind doch Pretoria-Smith?«

 

Der Mann schwankte von einer Seite zur anderen.

 

»Ja, so heiße ich«, sagte er mit unsicherer Stimme. »Aber zum Kuckuck, wer sind Sie denn?«

 

»Können Sie sich nicht auf mich besinnen? Ich bin doch der Neffe von Mr. Stedman.«

 

»Ach so – ja – jetzt fällt es mir wieder ein.« Pretoria-Smith nickte. »Sagen Sie, wo ist denn der Eingang zum Hotel? Ich bin anscheinend auf einer falschen Seite hereingegangen. Hier ist doch ein Festessen oder etwas Ähnliches im Gang?«

 

Der Gedanke, der Lance Kelman wie ein Blitz durchzuckt hatte, nahm immer festere Gestalt an. Er vergaß alle Rücksicht, die er Marjorie schuldig war, und er dachte nicht an die Folgen, die seine unverantwortliche Handlungsweise haben mußte. Rasch packte er Pretoria-Smith am Arm.

 

»Kommen Sie mit«, sagte er eifrig, »ich bringe Sie auf einem Seitengang dorthin, wo Sie die Dame treffen können, die Sie suchen.«

 

»Warten Sie einen Augenblick. Was haben Sie denn eigentlich vor?«

 

»Sie sind doch hungrig?«

 

»Ja, das stimmt«, erwiderte Pretoria-Smith heiser, nachdem er Lance einige Zeit mit glasigen Blicken betrachtet hatte. »Aber ich möchte doch nichts essen. Ich habe eigentlich mehr Durst.«

 

Wieder schwankte er unsicher.

 

Total betrunken, dachte Kelman frohlockend. Marjorie, du wirst dich sicherlich wundern, was für einen Mann du heiraten willst!

 

»Ich bringe Sie zu einem Büfett, wo Sie etwas trinken können«, sagte er laut. »Dort bekommen Sie alles, was Sie nur wollen.«

 

Er führte ihn den Korridor entlang, der dem Speisesaal parallel lief.

 

Der große Raum hatte mehrere Türen, und an der letzten blieb Mr. Kelman stehen. Er vermutete, daß sie direkt der Ehrentafel gegenüberlag. Wenn er diesen Mann jetzt in den Saal brachte, mußte es eine Sensation geben, die nicht zu überbieten war! Die Tür zu öffnen machte einige Schwierigkeiten, aber schließlich gelang es ihm doch. Er zog Pretoria-Smith schnell hinein, und die Aufmerksamkeit der Gäste richtete sich auch sofort auf den Fremden.

 

Der Herzog sah sich bestürzt um und runzelte die Stirn. Marjorie starrte betroffen auf den Mann, dem sie seit vier Jahren nicht mehr begegnet war. Sie glaubte, daß er betrunken sei, und wurde bleich.

 

Im Saal herrschte plötzlich peinliche Stille. Lance Kelman war befriedigt und redete die Versammlung mit erhobener Stimme an.

 

»Königliche Hoheit, meine Damen und Herren – gestatten Sie, daß ich Ihnen den Verlobten von Miss Marjorie Stedman vorstelle – Mister Pretoria-Smith aus Südafrika«, rief Kelman langsam aus.

 

Der Mann an seiner Seite sah ihn mit halbgeschlossenen Augen an, als ob er nicht verstünde, was um ihn vorging. Er machte ein paar Schritte vorwärts und ging auf den Prinzen zu, der aufgesprungen war. Marjorie war einer Ohnmacht nahe und schrak in ihrem Stuhl entsetzt zurück.

 

»Donnerwetter, ist der Mensch betrunken!« sagte Lord Wadham leise, aber der ganze Saal hörte es.

 

Im gleichen Augenblick strauchelte Pretoria-Smith und fiel polternd gegen den Tisch den Prinzen.

 

Kapitel 14

 

14

 

Marjorie Stedman wäre vor Scham am liebsten in die Erde gesunken, als sie diese demütigende Szene erleben mußte. Wie durch einen Schleier sah sie den großen Saal, der taghell erleuchtet, war, die mit den Landesflaggen dekorierten Wände, die weißen Tische und die prachtvollen Gedecke. Alle Gesichter wandten sich ihr zu, und vor ihr auf dem Boden lag Smith.

 

Er redete in einer fremden, ungewöhnlichen Sprache und mußte nur noch halb bei Bewußtsein sein. Der Prinz hatte beide Hände auf die Tischplatte gelegt und sich leicht vorgeneigt. Er war der erste, der sich rührte. Schnell ging er um den Tisch herum, und bevor die Kellner kommen konnten, hatte er Pretoria-Smith aufgehoben. Anderen Leuten, die nun zu Hilfe kommen wollten, winkte er ab, stützte Pretoria-Smith und führte ihn langsam in die Hotelhalle.

 

Sobald er den Saal verlassen hatte, setzte an allen Tischen lebhafte Unterhaltung ein. Alle sahen zu Marjorie hinüber, die noch starr vor Entsetzen und Furcht auf ihrem Platz saß.

 

Nach kurzer Zeit kam der Prinz ruhig und gelassen zurück, als ob nichts geschehen wäre, und setzte sich wieder an ihre Seite. Freundlich neigte er sich zu ihr und streichelte ihre Hand.

 

»Es tut mir so unendlich leid«, sagte er leise. »Wer ist denn eigentlich dieser junge Mann, der ihn hereingebracht hat?«

 

Er schaute sich um, und sein Blick traf Kelman. Lance fühlte sich nicht besonders wohl, als der Herzog ihn zu sich winkte. Nachdem er seinen niederträchtigen Plan ausgeführt hatte, packte ihn großer Schrecken. Mit zitternden Knien ging er zu dem Tisch und blieb an derselben Stelle stehen, an der Pretoria-Smith wenige Minuten vorher gelegen hatte.

 

»Ich kenne Ihren Namen nicht«, sagte der Prinz und sah ihn mit eisigem Blick an, »und ich wünsche ihn auch nicht zu erfahren. Aber ich möchte Ihnen erklären, daß Sie kein Gentleman sind und nicht in diese Gesellschaft gehören. Ich fordere Sie deshalb auf, den Saal zu verlassen.«

 

Lance Kelman ging hinaus, ohne sich umzusehen. Innerlich kochte er vor Wut, die jedoch zum größten Teil aus einer wahnsinnigen Angst vor den Folgen seiner Unbesonnenheit bestand. Ihn, Lance Kelman, einen vermögenden, angesehenen Mann, der wahrscheinlich später einmal im Parlament sitzen würde, hatte man aus dem Saal gewiesen! Diese öffentliche Schande war doch zu groß. Er hätte laut aufschreien mögen. Die Tränen waren ihm nahe, und er bemitleidete sich selbst, als er in den Wagen stieg und zu dem Haus zurückfuhr, das er für den Sommer gemietet hatte.

 

Nur wenige Leute hatten gesehen, daß er sich entfernte, oder den Grund für sein Verschwinden erkannt.

 

Marjorie hatte die Worte des Prinzen natürlich gehört. Der Herzog wandte sich jetzt wieder lächelnd an sie.

 

»Aber Miss Stedman, Sie essen und trinken ja gar nichts«, sagte er vergnügt. »Darf ich Sie bitten, sich durch dieses traurige Vorkommnis nicht weiter stören zu lassen?«

 

Sie hob das Weinglas, und er sah, daß ihre Hand zitterte.

 

»Es muß entsetzlich für Sie gewesen sein, und es tut mir aufrichtig leid, daß dieser Zwischenfall das schöne Fest gestört hat. Der junge Mann, den ich hinauswies, hat sich aber auch unglaublich betragen. Hat er denn irgendeinen Grund für seine Handlungsweise?«

 

»Ich verstehe nicht, was ihn dazu getrieben hat«, sagte sie und schüttelte den Kopf. »Lance Kelman und ich waren bisher ganz gute Freunde. Aber er scheint irgend etwas übelgenommen zuhaben.«

 

Mit großem Takt verstand es der Herzog,, ihr Vertrauen zu gewinnen, und schließlich erzählte sie ihm, was sie bedrückte. Er erfuhr von dem Brief ihres Onkels, von dem Heiratsbefehl, von ihrer Abneigung und dem Entsetzen, das sie vor diesem unbekannten Mann hatte. Sie erzählte ihm allerdings nicht, daß sie Pretoria schon von früher her kannte, und sie sprach auch nicht über den Leichtsinn ihrer Mutter. Aber er vermutete, daß nur ein äußerst wichtiger Grund sie bestimmt haben konnte, den Vorschlag Mr. Stedmans anzunehmen.

 

»Ich hatte keine Ahnung, daß er schon in England war. Aus dem Brief meines Onkels sah ich nur, daß er unterwegs sein mußte. Er ist wahrscheinlich mit demselben Schiff angekommen, der auch den Brief beförderte.«

 

Der Prinz nickte.

 

»Was soll ich nun tun?« fragte sie hilflos. »Wenn ich meiner eigenen Neigung folgen könnte, würde ich nach London zurückgehen und dort wieder eine Stellung annehmen, um mir mein Brot zu verdienen. Aber aus bestimmten Gründen geht das nicht. Ich muß deshalb den Wunsch meines Onkels erfüllen und mich mit – Pretoria-Smith abfinden.«

 

Der Herzog schwieg einen Augenblick. Alle Leute im Saal beobachteten, daß sich Marjorie anscheinend angeregt mit ihm unterhielt; nicht die geringste Bewegung der beiden interessanten Persönlichkeiten entging ihnen.

 

Plötzlich erhob sich der Prinz, und es herrschte sofort Stille. Würde er eine Erklärung für den sonderbaren Zwischenfall abgeben?

 

»Meine Damen und Herren«, begann der Herzog von Wight, »ich bringe einen Toast aus auf Seine Majestät den König.«

 

Die Sache wurde also mit Stillschweigen übergangen, und es blieb ihnen selbst überlassen, herauszubringen, was diese ungewöhnliche Szene bedeutet haben mochte.

 

Marjorie war mit niemandem verlobt, soweit ihnen bekannt war, und bestimmt würde dieses Mädchen nicht einen Vagabunden und Herumtreiber heiraten, der sich derartig benahm.

 

Es gab mindestens ein Dutzend junger Leute in der Umgebung, die Marjorie mit Freuden zum Altar geführt hätten. Sie hatte viele Freunde, denen der Auftritt so peinlich war wie ihr selbst. Sie nahmen sich alle vor, später über diese Angelegenheit noch ein ernstes Wort mit Mr. Lance Kelman zu sprechen. So leicht sollte er nicht davonkommen, nachdem er die junge Dame so schwer beleidigt hatte.

 

Schließlich vergaß man die unangenehme Sache, als die Tischreden begannen, und Marjorie hörte wie im Traum das große Lob, das ihr der Prinz in seiner Rede spendete. Nachdem er geendet hatte, wandte er sich zu ihr und heftete ihr die Insignien des Ordens vom Roten Kreuz an.

 

Die Versammlung brach in spontane und begeisterte Hochrufe aus. Nur Lady Tynewood blieb stumm auf ihrem Stuhl sitzen und rührte sich nicht. Sie beobachtete die Szene aber genau durch ihr brillantenbesetztes Opernglas, und ihre Wut und ihr Neid kannten keine Grenzen mehr.

 

»Der Mann muß sich tatsächlich selbst in das Mädchen verliebt haben«, sagte sie laut.

 

Ihr Tischnachbar, ein etwas altmodischer Herr, sah sie mit einem bösen Blick an.

 

»Solche Worte wünsche ich nicht wieder in diesem Saal zu hören«, erwiderte er und wandte ihr den Rücken zu.

 

Sie kümmerte sich aber nicht darum. Ihre Gedanken waren nur damit beschäftigt, wie sie sich an Marjorie rächen könnte. Dieser Pretoria-Smith mußte ihr dabei helfen. Sie hatte ihn an diesem Tag zum erstenmal gesehen, aber sie wollte ihn näher kennenlernen und ihn für ihre Zwecke ausnützen.

 

Kapitel 1

 

1

 

»Deinen Baron hast du dir ja nun glücklich erobert! Was hältst du denn jetzt von ihm?« fragte Javot und schaute sich mit einem zynischen Lächeln um.

 

Der verhältnismäßig kleine Gesellschaftsraum in Almas Wohnung bot ein Bild vollkommener Unordnung. Die Möbel waren an die Wände gerückt, um mehr Raum für die Tanzfläche zu schaffen. Einer der silbernen Armleuchter hing schief, weil ihn ein angetrunkener Gast in seinem Übermut verbogen hatte, und eine große, kostbare Vase mit weißem Flieder war umgeworfen worden. Die welken Blumen lagen zwischen den Porzellanscherben in einer Wasserlache auf dem Boden. Mit schrillem, metallischem Ton spielte ein Schallplattenspieler einen Twostep. Mehrere Paare tanzten mit etwas unsicheren Schritten nach der abgehackten Melodie, die ab und zu von der ausgelassenen, lauten Unterhaltung und dem Gelächter übertönt wurde. Der Sekt hatte seine Wirkung getan; selbst die Damen kicherten und sprachen hemmungslos.

 

Die hübsche Frau, die neben dem Schauspieler Javot stand, sah zu einem jungen Herrn hinüber, der mit hochrotem Gesicht den Versuch machte, auf den Händen zu stehen. Ein Freund, der nicht nüchterner zu sein schien als der Amateurakrobat, feuerte ihn durch laute Zurufe an.

 

Alma Trebizond hob die Augenbrauen leicht und warf Javot einen merkwürdigen Blick zu.

 

»Wenn man kein Geld hat, kann man eben nicht lange wählen«, erwiderte sie nachdenklich. »Großen Eindruck kann ich ja nicht mit ihm machen, aber er ist ein Baron von altenglischem Adel und hat ein jährliches Einkommen von vierzigtausend Pfund. Das fällt doch ins Gewicht.«

 

»Vergiß nicht das berühmte Diamantenhalsband aus dem Familienschmuck der Tynewoods«, entgegnete er leise. »Es wird ein ungewöhnlich entzückender Anblick sein, dich darin zu sehen. Schlecht gerechnet hat es einen Wert von hunderttausend Pfund, mein Liebling. Das gibt dir erst das nötige Profil.«

 

Sie seufzte befriedigt, denn sie hatte ein hohes Spiel gewagt und einen Erfolg errungen, der ihre kühnsten Hoffnungen weit übertraf.

 

»Ja, die Sache ist besser gegangen, als ich je erwartet hätte. Ich habe übrigens eine Vermählungsanzeige an die maßgebenden Zeitungen geschickt.«

 

Er sah sie scharf und durchdringend an. Kalte, habichtähnliche Augen belebten sein sonst sehr intelligentes, hageres Gesicht. Seine Haare hatten sich schon stark gelichtet.

 

»Hast du die Nachricht wirklich schon an die Redaktionen geschickt?« fragte er langsam. »Das wäre aber sehr unüberlegt von dir gewesen.«

 

»Warum denn?« erwiderte sie ärgerlich. »Ich brauche mich doch absolut nicht zu schämen! Ich bin genausoviel wert wie er, und es ist in unseren Tagen durchaus nichts Ungewöhnliches, wenn eine Schauspielerin von meinen Fähigkeiten einen Repräsentanten des hohen Adels heiratet!«

 

»Ein Baron gehört wirklich nicht zum hohen Adel«, verbesserte er sie ironisch. »Aber darauf kommt es im Augenblick ja nicht an. Viel wichtiger ist, daß er dich ausdrücklich gebeten hat, die Eheschließung mit ihm geheimzuhalten.«

 

»Aber ich wüßte gar nicht, warum ich das tun sollte.«

 

Ein sarkastisches Lächeln spielte um seinen Mund.

 

»Es gibt genug Gründe dafür!« sagte er bedeutungsvoll. »Ich könnte dir einen sehr triftigen nennen, der dich allein schon bestimmen müßte, über diese Vorgänge den Mund zu halten! Du wirst deine Vermählung mit dem Baron nicht veröffentlichen, Alma!«

 

»Aber ich habe es doch schon getan«, entgegnete sie düster.

 

Er schüttelte mißbilligend den Kopf.

 

»Du fängst die Sache gleich von vornherein verkehrt an. Sir James Tynewood war nicht betrunken, als er dich dringend bat, die Heirat für ein Jahr geheimzuhalten. Er war sogar sehr nüchtern, und sicher hat er wichtige Gründe.«

 

Mit einem ungeduldigen Achselzucken wandte sie sich von ihm ab und ging zu dem jungen Mann hinüber, der inzwischen seine akrobatischen Kunststücke aufgegeben hatte und mit unsicherer Hand ein Sektglas hielt. Sein Freund bemühte sich, es zu füllen, goß aber dauernd daneben, so daß der fliederfarbene Teppich bald häßliche Flecken zeigte.

 

»Jimmy, komm einmal mit mir«, sagte sie und legte ihren Arm in den seinen.

 

Sein Gesicht war rot und angeheitert, und er lächelte sie verständnislos an.

 

»Einen Augenblick, Schatz«, entgegnete er mit etwas belegter Stimme. »Ich muß noch ein Glas mit meinem lieben alten Mark zusammen trinken.«

 

»Du kommst jetzt mit mir. Ich muß mit dir sprechen«, erklärte sie entschieden.

 

Mit einem Grinsen ließ er den Sektkelch zu Boden fallen, und das Glas zersplitterte in tausend Stücke.

 

»Da merkt man erst, wie verheiratet man ist! Am Ende hat der Pfarrer bei der Trauung noch gesagt, daß man seiner Frau gehorchen soll!«

 

Sie führte ihn zu Javot.

 

»Jimmy«, sagte sie dann unvermittelt, »ich habe den großen Zeitungen und Gesellschaftsblättern unsere Verheiratung mitgeteilt.«

 

Er starrte sie nur erstaunt an und runzelte die Stirn. In seinem betrunkenen Zustand wurde ihm nicht klar, um was es sich eigentlich handelte.

 

»Sag doch – noch einmal –, was du willst.«

 

»Ich habe die Zeitungen davon benachrichtigt, daß sich die bekannte und beliebte Schauspielerin Alma Trebizond mit Sir James Tynewood auf Schloß Tynewood vermählt hat«, erwiderte sie kühl. »Es paßt mir nicht, daß meine Heirat mit dir geheimgehalten werden soll. Du schämst dich doch nicht etwa meinetwegen?«

 

Er zog seinen Arm aus dem ihren und fuhr nervös mit der Hand durch sein Haar. Anscheinend machte er den Versuch, intensiv nachzudenken.

 

»Verdammt noch einmal, ich habe dir doch aber ausdrücklich gesagt, daß du das unterlassen sollst«, entgegnete er mit plötzlicher Heftigkeit. »Zum Henker, habe ich dir das nicht ganz strikt befohlen, Alma?«

 

Plötzlich schlug seine Stimmung jedoch wieder um, und der düstere Ausdruck wich aus seinem Gesicht. Er warf den Kopf zurück und lachte übermäßig laut.

 

»Na, das ist ja der beste Witz, den ich jemals gehört habe«, brüllte er und wischte sich die Tränen aus den Augen. »Javot, darauf müssen wir sofort ein Glas trinken.«

 

Aber Augustus Javot schüttelte den Kopf.

 

»Nein, danke vielmals, Sir James. Wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf –«

 

»Lassen Sie das lieber«, sagte Sir James etwas anmaßend. »In diesen Tagen nehme ich überhaupt von niemandem einen Rat an. Ich habe Alma geheiratet – das ist das einzige, was augenblicklich für mich zählt, und wenn sich die ganze Welt auf den Kopf stellt. Habe ich nicht recht, Liebling?«

 

Als er wieder durch das Zimmer wankte, schaute Javot nachdenklich hinter ihm her.

 

»Ich möchte nur wissen, was seine Verwandten dazu sagen?« fragte er leise.

 

Alma wandte sich gereizt zu ihm um.

 

»Kommt es denn darauf an, was seine Verwandten dazu sagen?« fragte sie scharf. »Außerdem hat er gar keine Verwandten! Nur einen jüngeren Bruder, der sich in Afrika aufhält. Und obendrein ist der Junge nur ein Halbbruder von ihm. Javot, du bist heute abend wirklich unausstehlich. Du fällst mir direkt auf die Nerven mit deinem entsetzlichen Unken. Nimm dich doch ein wenig zusammen.«

 

Er erwiderte nichts und setzte sich nachlässig auf die Sofalehne, als sie ihrem Mann nachging. Seine Gedanken beschäftigten sich unablässig damit, wie dieses Abenteuer wohl noch enden würde.

 

Die ausgelassene Stimmung war gerade auf dem Höhepunkt, als plötzlich eine Unterbrechung kam.

 

Almas Wohnung lag in einem vornehmen Häuserblock in der Nähe des Hyde Parks, und es wohnten im allgemeinen nur ruhige Leute in dieser Gegend. Als das Dienstmädchen in der Tür erschien, glaubte Javot daher, daß sich die Mieter der unteren Stockwerke über den Lärm beschweren wollten. Daran war er schon gewöhnt, denn solche Unterbrechungen kamen, regelmäßig bei den Gesellschaften vor, die Alma in ihrer Wohnung gab.

 

Diesmal schien Janet jedoch eine wichtige Nachricht zu haben, denn Alma brachte die angeheiterten Gäste zum Schweigen.

 

»Was, ich soll hier gestört werden?« fragte Sir James laut.

 

»Ja, die Dame wünscht, Sie dringend zu sprechen«, erwiderte Janet.

 

»Wer ist es denn?« fragte Alma.

 

»Ein hübsches, junges Mädchen, Mylady.« Janet gab sich Mühe, ihre Herrin mit dem neuen Titel anzureden.

 

Lady Tynewood lachte.

 

»Hast du schon wieder eine neue Eroberung gemacht, Jimmy?«

 

Sir James grinste selbstzufrieden, denn er war sehr stolz auf die Wirkung seiner Persönlichkeit.

 

»Na, dann bringen Sie die Dame mal herein«, befahl er gönnerhaft.

 

Janet zögerte.

 

»Haben Sie nicht gehört, was ich gesagt habe?« rief Tynewood übermäßig laut.

 

Janet verschwand.

 

Gleich darauf kam sie zurück und führte eine junge Dame herein.

 

Javots Augen leuchteten auf, als er das unbekannte Mädchen sah.

 

»Ein verdammt hübscher Käfer!« murmelte er halblaut vor sich hin.

 

Miss Stedman sah sich etwas verwirrt in der Gesellschaft um und schien sich in dieser Umgebung wenig wohl zu fühlen.

 

»Sir James Tynewood?« fragte sie leise.

 

»Ja, das bin ich.«

 

»Ich bringe einen Brief für Sie.«

 

»Für mich?« wiederholte er gedehnt. »Zum Teufel, woher kommen Sie denn?«

 

»Von den Rechtsanwälten Vance and Vance.«

 

Sir James Tynewoods Gesicht zuckte nervös.

 

»So, von Vance and Vance kommen Sie?« sagte er heiser.

 

Javot glaubte, einen angstvollen Unterton in der Stimme des jungen Mannes zu hören.

 

»Ich weiß wirklich nicht, wie Mr. Vance dazu kommt, mich zu so später Stunde noch zu stören.«

 

Zögernd nahm Sir James den Brief aus der Hand des Mädchens und betrachtete ihn von allen Seiten.

 

»Mach ihn doch auf, Jimmy«, rief Alma ungeduldig. »Du kannst doch die junge Dame nicht so lange warten lassen!«

 

Ein Herr mit Künstlerlocken trat näher, und bevor Miss Stedman seine Absicht erkennen konnte, hatte er sie schon um die Taille gefaßt.

 

»Das ist meine Partnerin zum Tanz, auf die habe ich schon den ganzen Abend gewartet!« erklärte er ausgelassen. »Dreh doch den Klapperkasten wieder an, Billy.«

 

Sie wollte sich freimachen, aber es gelang ihr nicht, und wohl oder übel mußte sie sich nach dem Takt der Musik bewegen. Hilfesuchend sah sie sich um, aber niemand nahm sich ihrer an. Die anderen grinsten nur und schauten vergnügt zu.

 

»Lassen Sie mich sofort gehen«, rief sie erregt. »Bitte, lassen Sie mich in Ruhe. Sie dürfen doch nicht –«

 

»Immer flott und elegant, meine kleine Puppe«, erwiderte der junge Mann. Aber plötzlich packte ihn eine starke Hand am Arm.

 

»Lassen Sie die Dame sofort los«, sagte Mr. Javot streng.

 

»Verdammt noch mal, kümmern Sie sich doch um Ihren eigenen Kram!« rief ihm der Gast ärgerlich zu.

 

Aber Javot hatte erreicht, daß er das Mädchen freiließ, und trat nun zwischen sie und ihn.

 

»Entschuldigen Sie vielmals«, wandte er sich freundlich an sie und schob den aufgeregten jungen Mann beiseite.

 

Tynewood riß den Umschlag auf, und Javot beobachtete ihn interessiert. Sir James konnte in seinem Rausch das Schreiben nur Wort für Wort lesen. Plötzlich wurde er bleich, und seine Unterlippe zitterte.

 

»Was hast du denn?« fragte Alma scharf, denn auch sie bemerkte die Veränderung in seinen Zügen.

 

Langsam zerknitterte James den Brief in der Hand, und ein häßlicher Ausdruck entstellte sein Gesicht.

 

»Verdammt noch mal, der Kerl ist tatsächlich zurückgekommen!« stieß er heiser hervor.

 

»Wer ist zurückgekommen?« wandte sich Javot schnell an ihn.

 

Sir James antwortete nicht gleich und biß die Zähne aufeinander.

 

»Der Kerl, den ich von allen Menschen auf der Welt am meisten hasse«, sagte er dann böse und schob das zerknüllte Papier in seine Tasche.

 

Dann drehte er sich plötzlich zu dem jungen Mädchen um.

 

»Soll ich etwas bestellen?« fragte sie ängstlich. Sie sah noch blaß aus und zitterte vor Erregung.

 

»Sagen Sie Vance, daß er sich zum Teufel scheren soll! – He, Mark, gieß mir mal einen Kognak ein!«

 

Kapitel 2

 

2

 

Mr. Reeder interessierte sich wirklich außerordentlich für den Fall, der für ihn ziemlich klar lag. Alle diese seltsamen Einzelheiten ordneten sich ihm zu einer zusammenhängenden Geschichte. Nur wußte er nicht, wer Ernie eigentlich war, und noch geheimnisvoller erschien ihm der Mann mit dem falschen Schnurrbart und dem gewandten Auftreten, der die Familie Panton mitten in der Nacht aufgesucht hatte, um das Erscheinen einer Verlobungsanzeige zu verhindern. Mr. Reeder fragte Lizzie, ob sie den Text der Annonce wisse.

 

Sie erklärte triumphierend, daß sie den genauen Wortlaut in ein Heft eingetragen hätte, das sie zu Hause aufbewahrte.

 

»Ich glaube«, fuhr sie fort, »daß Mr. Molyneux meine Schwester los sein will. Vielleicht steckt sein Onkel dahinter, wahrscheinlich aber seine Mutter. Sie wissen ja, wie solche Leute denken – sie haben immer Angst, daß ihr Sohn nicht standesgemäß heiratet. Aber darin täuscht sich die Frau! Ich sage Ihnen, meine Schwester hat einen guten Charakter und ist sehr anständig, und außerdem findet man bei den einfacheren Leuten mehr glückliche Ehen als bei den sogenannten ›Vornehmen‹. Man braucht nur in der Zeitung von all den Ehescheidungen zu lesen …«

 

»Ja, ja, Sie mögen recht haben«, erwiderte Mr. Reeder zerstreut. »So genau bin ich darüber allerdings nicht informiert.«

 

Er erhob sich, ging langsam im Zimmer auf und ab und runzelte die Stirn. Die Hände hatte er in die Taschen gesteckt, und die Schultern ließ er herabhängen.

 

»Und noch etwas«, begann Lizzie wieder, die merkte, daß ihre Geschichte großen Eindruck auf ihn gemacht hatte. »Auch wenn sein Onkel ihn enterben will, könnten die beiden heiraten. Enas Schmuck ist ziemlich wertvoll – mindestens tausend Pfund …«

 

»Wie wäre es – könnte ich einmal mit Ena sprechen?« unterbrach Mr. Reeder das Mädchen. »Sie weiß doch wahrscheinlich, daß Sie mir das alles mitteilen? Oder etwa nicht?«

 

Lizzie schlug verlegen die Augen nieder.

 

»Wenn ich Ihnen die Wahrheit sagen soll«, entgegnete sie verwirrt, »so hat sie keine Ahnung davon. Was wird sie bloß sagen, wenn sie erfährt, daß ich zu einem Detektiv gegangen bin!«

 

Er nickte ihr zu.

 

»Sagen Sie ihr das ruhig«, erwiderte er freundlich. »Und dann bringen Sie Ihre Schwester morgen abend einmal hierher. Sie soll auch die anderen Briefe mitbringen, die sie von Ernie bekommen hat. Mir kann sie ruhig alles anvertrauen, ich verstehe gut, daß sie jetzt sehr traurig ist.«

 

Er wollte den Brief behalten, den Lizzie ihm gezeigt hatte, aber sie bestand darauf, ihn wieder mitzunehmen.

 

*

 

Den größten Teil der Nacht versuchte sie, ihre Schwester zu überreden, mit ihr zusammen Mr. Reeder aufzusuchen. Ena erschrak, als sie alles erfuhr und machte ihrer Schwester heftige Vorwürfe. Aber schließlich gab sie nach.

 

Am nächsten Abend begleitete sie Lizzie sogar bereitwillig zu der Wohnung Mr. Reeders, denn im Laufe des Tages hatte sich wieder etwas Merkwürdiges ereignet. Sie hatte von Ernie einen eingeschriebenen Brief erhalten, in dem sich drei Banknoten zu je hundert Pfund befanden. Auch eine kurze Mitteilung war dabei:

 

 

›Wenn ein Telegramm mit einer bestimmten Adresse bei Dir eintrifft, so erzähle niemand etwas davon. Verbrenne es und komme sofort zu mir. Ich halte es einfach nicht mehr aus ohne Dich. Besorge dir sofort einen Reisepaß. Sprich aber darüber nicht zu Deiner Mutter oder zu Lizzie. Du brauchst keine Angst zu haben, es wird alles wieder gut.‹

 

 

Auf der Rückseite des Briefes war mit Bleistift eine lange Reihe von Zahlen hingekritzelt, und zwar mußte das in größter Eile geschehen sein.

 

Mr. Reeder zählte die Beträge zusammen, die eine Summe von 310 740 Pfund ergaben.

 

Ena hatte sich einen Detektiv ganz anders vorgestellt. Aber so ging es den meisten Leuten, und Mr. Reeder teilte schon seit langem die Menschen, die er kennenlernte, in zwei Kategorien ein. Die einen waren enttäuscht, wenn sie ihn sahen, die anderen atmeten erleichtert auf. Ena gehörte zu den letzteren.

 

Er war freundlich und liebenswürdig und drängte sie nicht, was sie als sehr angenehm empfand. Sie hatte erwartet, daß er sie mit Fragen bestürmen und in die Ecke treiben würde. Er fragte sie zwar einiges, blieb dabei aber immer zuvorkommend und bemühte sich, sie in keiner Weise zu verletzen.

 

Sie erzählte ihm weit mehr, als sie sich vorgenommen hatte. Es kam ihr selbst erstaunlich vor, einem Fremden so viel anzuvertrauen. Sie schätzte und liebte Ernie sehr; er hatte sich ihr gegenüber immer anständig benommen, und es gab für sie nicht den mindesten Grund zur Klage.

 

»Er hätte doch offen mit mir sprechen können, wenn er mich nicht mehr haben wollte. Ich hätte ihm deswegen bestimmt keine Vorwürfe gemacht«, sagte sie niedergeschlagen.

 

»Aber er mag Sie doch gern und sehnt sich nach Ihnen«, erwiderte Mr. Reeder freundlich. »Trotzdem fürchte ich …«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Sie glauben, daß er es nicht aufrichtig meint, wenn er schreibt, daß ich mir einen Paß besorgen und zu ihm kommen soll?« fragte sie ängstlich.

 

»Ich bin im Gegenteil fest davon überzeugt, daß er das ehrlich gemeint hat«, entgegnete Mr. Reeder bedächtig. »Nein, ich dachte eben an etwas anderes …«

 

»Ich weiß nicht, warum ich mir überhaupt soviel Gedanken mache«, sagte Ena trotzig. »Meiner Meinung nach sind seine Eltern dagegen. Aber wir müssen doch unser eigenes Leben führen, schließlich heiraten wir ja nicht die Eltern – die ich nicht einmal kenne!«

 

Mr. Reeder schien mit seinen Gedanken ganz woanders zu sein.

 

»Hat er jemals gesagt, daß er mit Ihnen eine Reise nach Übersee machen wollte?«

 

»Nein.«

 

»Oder unterhielt er sich mit Ihnen darüber, wo Sie einmal Ihre Flitterwochen verbringen würden?«

 

Ena erklärte, daß sie über so etwas niemals gesprochen hätten – solchen Themen wäre er immer ausgewichen.

 

Er rieb sich die Nase und war ein wenig verwundert.

 

»Sie können mir also gar nichts darüber sagen? Hat er nie eine Andeutung über einen Aufenthalt im Ausland gemacht?«

 

Sie schüttelte den Kopf. Das Gespräch begann ihr allmählich auf die Nerven zu gehen, und besonders die letzte Frage erschien ihr völlig abwegig, nachdem es zumindest unwahrscheinlich war, daß sie Ernie jemals heiraten würde.

 

»Wenn er mir auch geschrieben hat, daß ich zu ihm kommen soll, so weiß er doch ganz genau, daß ich nur zusammen mit meiner Mutter reisen würde.«

 

»Selbstverständlich«, pflichtete er ihr bei.

 

So geschickt er sie auch ausfragte, sie konnte ihm nur wenig von Ernies Charakter erzählen. Er war ganz einfach ein Gentleman für sie, wenn er auch nie über seinen Beruf mit ihr gesprochen hatte. Immerhin schien schon die Tatsache, daß er ihr dreihundert Pfund geschickt hatte, zu beweisen, daß er ein gutes Einkommen bezog. Ena wußte auch, daß er in Birmingham wohnte, weil er dort geschäftlich zu tun hatte. Was er aber eigentlich tat und wie seine genaue Adresse dort lautete, konnte sie auch nicht sagen.

 

»Ich lasse mich nicht so behandeln«, erklärte sie zum Schluß kriegerisch. »Wenn Ernie mich aufgegeben hat, weil ich irgend jemand in seiner Familie nicht gut genug bin, dann …«

 

»Schon gut, Sie haben vollkommen recht«, beruhigte sie der Detektiv.

 

Er nahm wieder den künstlichen Schnurrbart in die Hand und betrachtete ihn nachdenklich, dann stellte er noch einige Fragen. Er wollte wissen, wie groß der fremde Herr gewesen sei, und er erkundigte sich nach dem Klang seiner Stimme, der Kleidung und irgendwelchen besonderen Merkmalen.

 

Sie gab ihm Auskunft, so gut sie konnte. Ziemlich genau glaubte sie sich erinnern zu können, daß er einen Smoking getragen hatte. Völlig sicher war sie sich aber mit der Feststellung, daß sie ihn weder vorher noch nachher jemals gesehen hatte.

 

Als Ena mit ihrer Schwester wieder nach Hause ging, war sie ziemlich ärgerlich.

 

»So habe ich mir einen Detektiv wirklich nicht vorgestellt«, erklärte sie enttäuscht. »Nach jedem Satz macht er eine Pause und sagt ›hm‹. Und dann diese Fragen – ich finde, daß sie in gar keinem richtigen Zusammenhang mit dem Fall stehen. Und meine Ringe hat er überhaupt nicht angesehen. Schließlich hätte er doch wenigstens fragen müssen, ob sie echt sind.«

 

»Du weißt ganz genau, daß sie echt sind«, entgegnete Lizzie gereizt.

 

Sie war selbst ein wenig von Mr. Reeder enttäuscht. Vor allem deswegen, weil er sich nicht weiter zu dem schwarzen Schnurrbart geäußert hatte. Mit einer Bemerkung, daß er sehr kunstvoll angefertigt wäre, hatte er dieses in ihren Augen äußerst wichtige Corpus delicti abgetan.

 

»Am wenigsten gefällt mir, daß er meine Briefe behalten hat«, meinte Ena empört. Ihr ganzer Ärger entlud sich jetzt auf Mr. Reeder, der ihr im Anfang doch eigentlich ganz sympathisch gewesen war.

 

»Es ist doch nur ein Brief, Ena«, beschwichtigte sie Lizzie. »Ich werde Mr. Reeder morgen früh danach fragen, wenn ich ihn sehe. Bestimmt gibt er ihn mir dann zurück.«

 

»Das glaube ich durchaus nicht! Ich habe ihn doch vorhin noch darum gebeten, und er hat sich einfach geweigert, ihn mir zu geben«, erklärte Ena aufgebracht. »An deiner Stelle würde ich bei einem solchen Menschen nicht arbeiten, sondern mir eine andere Stellung suchen.«

 

Lizzie erwiderte nichts darauf. Sie ging ihren eigenen Gedanken nach, und es stieg ein Verdacht in ihr auf, der sich aber nicht gegen den Detektiv richtete.

 

*

 

Am nächsten Morgen ging Mr. Reeder, wie immer tief in Gedanken versunken, in sein Büro. Sogar in der überfüllten U-Bahn beschäftigte er sich eifrig mit Lizzies Schwester und deren sonderbarem Verlobten. Wenn er im Augenblick auch wenig unternehmen konnte, war ihm doch alles klar, was Ernie betraf – und vor allem war er sich über die Bedeutung des Briefes völlig sicher.

 

Es kostete ihn einige Mühe, seinem Chef den Fall auseinanderzusetzen. Er hörte ihm zwar interessiert zu, aber als Reeder alles erzählt hatte, schüttelte er den Kopf.

 

»Man könnte der Sache natürlich auf den Grund gehen«, meinte er, »aber ich bezweifle, daß das unsere Aufgabe ist. Vielleicht benachrichtigen Sie Scotland Yard, die können da mehr tun. Uns geht es eigentlich nichts an. Wenn Scotland Yard etwas damit anfangen kann, müssen wir uns später ja sowieso mit dem Fall beschäftigen.«

 

Mr. Reeder schien damit einverstanden zu sein, aber er meldete die Angelegenheit nicht Scotland Yard, obwohl er noch am selben Tag mit dieser Behörde zu tun hatte. Er wurde nämlich wegen eines aufsehenerregenden Falles konsultiert, der wochenlang die ganze Presse in Atem halten sollte.

 

In Wirklichkeit war es nicht nur ein Fall, sondern eine ganze Reihe von geheimnisvollen Begebenheiten, die scheinbar in keiner Beziehung zueinander standen.

 

Zunächst handelte es sich um Mr. Friston, einen Lehrer in Eton. Er war allgemein bekannt, und man wußte, daß er in bestimmten Dingen eine festumrissene Meinung hatte – besonders was die Wirtschaftspolitik betraf. Er hatte darüber schon öfters auf Versammlungen in London gesprochen und dabei so scharf Stellung genommen, daß man ihn von der Schule aus ersuchte, in dieser Weise nicht mehr in der Öffentlichkeit hervorzutreten.

 

Er war achtundvierzig Jahre alt und äußerst tatkräftig. Dabei hatte er die Angewohnheit, unglaublich früh aufzustehen; allen Leuten erzählte er, daß er höchstens fünf Stunden Schlaf brauche. Da er meist abends um neun Uhr zu Bett ging, saß er für gewöhnlich schon morgens um drei in seinem Studierzimmer und arbeitete, nachdem er einen längeren Spaziergang gemacht hatte.

 

Die Polizeibeamten wußten das und waren auch nicht erstaunt, wenn er ihnen um zwei Uhr nachts begegnete und einen guten Morgen wünschte.

 

Eines Nachts um diese Zeit herrschte leichter Nebel, aber ein Polizist, der im Schatten einer Mauer stand, erkannte Mr. Friston, der hinunter nach Eton wanderte. Der Lehrer wandte sich dann nach links, und man sah ihn nicht wieder, bis ihn derselbe Polizist auf seinem Patrouillengang entdeckte.

 

Inzwischen hatte sich der Nebel in einen Nieselregen verwandelt. Es war Viertel nach drei Uhr, als der Beamte einen Mann fand, der halb auf dem Gehweg, halb auf der Fahrbahn lag. Er leuchtete ihm mit der Taschenlampe ins Gesicht und erkannte zu seinem Schrecken Mr. Friston.

 

Sofort telefonierte er nach einem Krankenwagen. Man brachte den Bewußtlosen ins Krankenhaus und stellte dort fest, daß er eine schwere Gehirnerschütterung erlitten hatte.

 

Polizeibeamte suchten die Umgebung ab und machten dabei eine wichtige Entdeckung: Sie fanden einen blutigen Schraubenschlüssel, ein langes, schweres Werkzeug, mit dem man ohne weiteres einen Menschen niederschlagen konnte. Der Schlüssel lag nicht mehr als einen Meter von der Stelle entfernt, wo man den Bewußtlosen aufgefunden hatte.

 

Der Polizeipräsident von Berkshire, dem die Sache gemeldet wurde, wandte sich an die Mordkommission von Scotland. Yard. Der Fall war um so ernster, als Mr. Friston am anderen Mittag starb, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Man hatte nicht den geringsten Anhaltspunkt gefunden, wer der Täter sein könnte.

 

Mr. Reeder fuhr mit einigen Beamten der Mordkommission nach Windsor und betrachtete den Toten und den blutigen Schraubenschlüssel. Es bestand nicht der geringste Zweifel, daß die Tat mit diesem Werkzeug ausgeführt worden war. Der Täter mußte mehrmals mit aller Kraft auf sein Opfer eingeschlagen haben, wie aus den schweren Verletzungen zu schließen war.

 

»Also, die Waffe, mit der Friston ermordet wurde, haben wir hier«, sagte der Polizeiinspektor, der den Fall bearbeitete. »Wir haben Blut und Haare an dem Schraubenschlüssel gefunden, und der Arzt sagte außerdem, daß das eine Ende des Eisens genau in die Wunde paßte.«

 

Mr. Reeder untersuchte die Wunde und den Schraubenschlüssel genau und legte ihn dann beiseite, ohne ein Wort zu sagen.

 

Er hatte etwas entdeckt, was ihn erstaunte. Allem Anschein nach rührte die Verletzung des Toten von dem Schraubenschlüssel her. Aber es gab da gewisse Einzelheiten, die nicht zu dieser Theorie paßten.

 

»Ein Raubmord kommt nicht in Betracht«, erklärte der Beamte. »Friston hatte zehn Pfund in der Tasche, als er gefunden wurde. Nein, er muß mit jemand in Streit geraten sein – oder seine politischen Gegner haben ihm eins ausgewischt. Wir wissen ja, daß er von dieser Seite mehrmals Drohbriefe erhalten hat. Was meinen Sie dazu, Mr. Reeder?«

 

Der Detektiv schüttelte den Kopf.

 

»Ich kann Ihnen leider nicht zustimmen«, entgegnete er höflich. »Mit Politik hat diese Sache bestimmt nichts zu tun.«

 

»Dachte ich mir doch, daß Sie wieder mal eine ganz andere Ansicht haben würden als wir«, erwiderte der Inspektor ironisch. »Das Gefühl hatte ich schon, als Sie zugezogen wurden.«

 

»Wirklich ein merkwürdiger Fall«, sagte Mr. Reeder, ohne sich um die Worte des anderen zu kümmern. »Als Mr. Friston gefunden wurde, hatte er doch noch seinen weichen Filzhut auf dem Kopf. Der Hut war ziemlich verbeult, aber immerhin nicht heruntergefallen. Inzwischen habe ich mit seinem Diener gesprochen, der mir sagte, daß Mr. Friston den Hut immer sehr fest auf den Kopf setzte, ja, daß er ihn sich fast bis über die Ohren zog. Das haben wir ja auch gesehen – der Hut fiel nicht einmal vom Kopf, als Mr. Friston zu Boden stürzte.«

 

»Der Hut ist aber doch durchlöchert, nicht wahr?«

 

Mr. Reeder nickte.

 

»Ganz richtig. Filzteilchen wurden außerdem in der Wunde gefunden – Sie haben ja selbst gesagt, daß der Täter mit aller Wucht zugeschlagen haben muß.«

 

Mr. Reeder sah von einem zum anderen.

 

»Ich pfusche Ihnen nicht gern ins Handwerk, Inspektor, glauben Sie mir das! Abgesehen davon könnte ich auch noch gar keine Erklärung des Falles geben – ich muß Ihnen gestehen, daß ich bis jetzt noch vor einem Rätsel stehe.«

 

»Das geht uns allen so«, entgegnete der Inspektor, etwas besser gelaunt. »Aber so ist es ja bei jedem Fall, Mr. Reeder – zuerst stehen Sie vor einem Rätsel, und nachdem Sie sich ein wenig mit der Sache beschäftigt haben, finden Sie auch die richtige Lösung. Der Mann, der das getan hat …«

 

»Darüber zerbreche ich mir nicht den Kopf«, erwiderte Mr. Reeder. »Die Frage, die mich vor allem interessiert, lautet ganz anders: Wer war der zweite Mann, der ermordet wurde?«

 

Der Inspektor starrte ihn entsetzt an.

 

»Was reden Sie da von einem zweiten Mann? Wir haben doch nur einen gefunden.«

 

Mr. Reeder nickte.

 

»Gewiß. Aber es ist noch jemand mit diesem Schraubenschlüssel ermordet worden. Es sind Blut und Haare an dem Eisen.«

 

»Nun, das ist doch leicht zu erklären«, widersprach Inspektor Laymen. »Bei einem so gewaltsamen Mord kann man wohl annehmen, daß Blut und Haare an der Waffe kleben.«

 

»Ich bin da anderer Ansicht«, erklärte Mr. Reeder höflich. »Meiner Meinung nach kam die Waffe nicht direkt mit der Wunde in Berührung. Und außerdem ist Mr. Friston kahlköpfig.

 

Laymen war geschlagen. Aufgeregt rieb er sich die Stirn.

 

»Sie haben recht«, sagte er langsam. »Die Wunde hat kaum geblutet, und der Ermordete hat tatsächlich eine Glatze.«

 

Er nahm den Schraubenschlüssel wieder in die Hand und betrachtete ihn.

 

»Die Sache ist mir ein Rätsel«, fuhr Mr. Reeder fort. »Der Mörder von Mr. Friston tötete auch noch einen anderen mit derselben Waffe oder verletzte ihn zum mindesten sehr schwer.«

 

Der Inspektor ließ sich überzeugen und ordnete an, daß die Umgebung genau abgesucht werden sollte. Die Polizei kämmte das Gelände am Flußufer zwei Meilen aufwärts und abwärts durch, ohne jedoch eine Spur, die zur Aufklärung dieses geheimnisvollen Falles hätte dienen können, zu finden.

 

Mr. Reeder brachte den größten Teil des Tages damit zu, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen. Er kehrte nicht zu Laymen und den anderen Beamten zurück, sondern fuhr allein im Zug nach London.

 

In Paddington kaufte er alle Abendzeitungen und las die Berichte über den Mord sorgfältig durch, denn Journalisten beobachten manchmal Dinge, die der Aufmerksamkeit der Polizei entgehen.

 

Aber Mr. Reeder entdeckte nichts, was zur Lösung des Rätsels beitragen konnte.

 

Nachdem er in den Bus gestiegen war, der ihn nach Hause bringen sollte, setzte er sich in eine Ecke und beschäftigte sich mit den anderen Nachrichten, die in den Blättern standen.

 

Er ging dabei sorgfältig und systematisch vor und übersah so leicht nichts. Sogar die Annoncen las er aufmerksam durch, und manche Leute behaupteten, daß er auch noch die Kreuzworträtsel löse.

 

Nach einer Weile entdeckte er einen Bericht mit der Überschrift:

 

 

›Dollarpaket in einem Heuschober. Überraschender Fund eines Landarbeiters. Ein Knecht namens Ward, der bei dem Farmer John Carter arbeitet, machte heute morgen eine seltsame Entdeckung. Er mußte auf einen großen Heuschober klettern, von dem der Wind einige Ziegel abgedeckt hatte. Dabei bemerkte er ein flaches Päckchen, das oben auf dem Heu lag, nahm es mit und brachte es Mr. Carter. Als dieser das Päckchen untersuchte, stellte sich heraus, daß es Banknoten im Wert von fünfundzwanzigtausend Dollar enthielt. Es war mit einem Gummiband verschnürt. Die obersten Scheine waren vom Regen durchnäßt, aber sonst hatten sie nicht gelitten. Mr. Carter setzte sich sofort mit der Polizei in Farnham in Verbindung, die die Banknoten in Verwahrung nahm und Nachforschungen über ihre Herkunft anstellte.

 

 

 

In der Umgebung ist in den letzten drei Monaten verschiedentlich eingebrochen worden, und man neigt zu der Ansicht, daß die Scheine vielleicht ein Teil der Beute sind, die von Dieben während des vergangenen Sommers bei mehreren reichen Amerikanern gemacht wurden, die in der Gegend wohnten. Ungeklärt bliebe dann allerdings, warum die Diebe die Banknoten ausgerechnet in einem Heuschober versteckten und nicht mitnahmen. Natürlich durchsuchten Mr. Carter und der Knecht den ganzen Heuschober, konnten aber sonst nichts mehr finden.‹

 

 

Mr. Reeder, der ein geradezu fabelhaftes Gedächtnis für alles hatte, was auch nur von ferne wie ein Verbrechen aussah, wußte genau, daß verschiedene kleinere Diebstähle in der Gegend von Farnham vorgekommen waren; er konnte sich aber durchaus nicht darauf besinnen, daß dort ein größerer Einbruch verübt worden war. Wenigstens war der Polizei nichts dergleichen gemeldet worden.

 

Er blätterte um und fand auf der letzten Seite unter der Überschrift ›Letzte Meldungen‹ noch folgende Notiz, die sich auf den Geldfund in dem Heuschober bezog:

 

 

›Nach dem unvermuteten Dollarfund in einem Heuschober, über den wir schon berichteten, wurde jetzt ein weiteres Päckchen mit Banknoten, abermals in Höhe von fünfundzwanzigtausend Dollar, in einem trockenen Graben entdeckt, etwa zwei Kilometer von dem ersten Fundort entfernt.‹

 

 

»Hm«, brummte Mr. Reeder und las die nächste Meldung.

 

 

›Wie die polizeilichen Ermittlungen ergaben, wurde der ausgebrannte Wagen, über den wir auf Seite 6 berichtet haben, gebraucht von einem gewissen Mr. Waterloo Stevenson in der Brickfield-Reparaturwerkstätte gekauft.‹

 

 

Reeder blätterte auf Seite 6 zurück und erteilte sich selbst einen Verweis, weil er diese Nachricht übersehen hatte. Was er dann aber las, war nicht besonders aufregend.

 

Man hatte in einem Straßengraben zwischen Shrewton und Tilshead in Wiltshire ein Auto entdeckt, das vollkommen ausgebrannt war. Von dem Eigentümer war keine Spur zu finden. Das Nummernschild war außerdem nicht mehr zu entziffern, so daß die Polizei vorerst keinerlei Anhaltspunkte hatte.

 

»Hm«, brummte Mr. Reeder wieder.

 

Zur Hälfte verdankte er seine Erfolge der Fähigkeit, sich auf Grund noch so unscheinbarer Anhaltspunkte eine Geschichte auszudenken. Er hatte eine ganz merkwürdige Gabe, die seltsamsten Dinge miteinander in Verbindung zu bringen. Die Geschichten, die dabei entstanden, waren auch demnach, das heißt, so phantastisch, daß man den Eindruck hatte, er erfinde sie nur zu seinem eigenen Vergnügen.

 

In der Geschichte, die sich Mr. Reeder auf dem Heimweg ausdachte, spielten ein ausgebranntes Auto und zwei Päckchen amerikanischer Banknoten eine Rolle – außerdem ein in Eton angestellter Lehrer, der während der Nacht von einem unbekannten Täter ermordet worden war.

 

Übrigens zog Mr. Reeder keine weiteren Schlüsse aus diesen Geschichten; es sei denn, daß er manchmal plötzlich entdeckte, daß sie der Wahrheit entsprachen. Meistens vertrieb er sich aber nur die Zeit mit diesen Spielereien seiner Phantasie.

 

Er saß gerade beim Abendessen in seiner Wohnung, als er sich eine neue Geschichte ausmalte. Dabei kam ihm auf einmal der Einfall, daß sie diesmal stimmen könnte.

 

Er legte das Brot auf den Teller zurück, trank seine Tasse Tee aus und wischte sich die Hände an der Serviette ab. Dann klingelte er, und, gleich darauf erschien seine Haushälterin.

 

»Bitte räumen Sie das alles ab«, sagte er. »Ich muß jetzt arbeiten.«

 

Dann saß er zwei Stunden vor seinem Schreibtisch, hielt die Hände über der Weste gefaltet und starrte auf seine Schreibunterlage. Nur hin und wieder griff er nach einem Bleistift und schrieb ein paar Worte auf ein Blatt Papier oder strich etwas aus, das er zuvor notiert hatte.

 

Um halb elf ging er in sein Schlafzimmer und zog seinen besten Anzug an. Das war ganz außergewöhnlich, und die Haushälterin erschrak fast, als sie ihn so elegant sah.

 

Kapitel 3

 

3

 

Es war Viertel vor zwölf, als Mr. Reeder die Räume des Ragbag-Klub in der Wardour Street betrat. Die Öffentlichkeit hörte meist nur dann etwas von diesem Lokal, wenn die Polizei dort wieder einmal eine Razzia abgehalten hatte. Obwohl er ein seltener Gast war, kannte man ihn, und der Oberkellner brachte ihn sofort zu einem Ecktisch. Dann servierte er eine Flasche Sprudel und Spiegeleier mit Schinken.

 

»Ist jemand hier, Adolph?«

 

»Nein, noch nicht, Mr. Reeder. Sie kommen vermutlich erst nach der letzten Theatervorstellung.«

 

Der Oberkellner war ein wenig nervös.

 

»Irgend etwas Besonderes los?« fragte er.

 

Mr. Reeder steckte sich eine Zigarette an, bevor er antwortete.

 

»Wenn Sie mich danach fragen, ob die Polizei diese Kneipe heute durchsuchen wird, so kann ich Ihnen das nicht genau sagen … Ich glaube aber, daß Sie diesen Abend sicher sind.«

 

Adolph atmete auf. Mr. Reeders Worte waren so gut wie eine Garantie, daß heute nichts passieren würde.

 

Tatsächlich hatte Mr. Reeder, bevor er zum Ragbag-Klub ging, Scotland Yard über sein Vorhaben informiert.

 

»Erwarten Sie heute jemand?«

 

Adolph schüttelte den Kopf.

 

»Niemand, den Sie kennen.«

 

Diese Versicherung erhielt Mr. Reeder immer, wenn er hierherkam.

 

»Wie steht es denn mit Higson? Kann man Mr. Hymie Higson heute treffen?«

 

Der Oberkellner sah den Detektiv verwirrt an.

 

»Der ist schon lange nicht mehr hiergewesen – seit …«

 

»Sagen Sie mir ruhig die Wahrheit«, entgegnete Mr. Reeder freundlich. »Wenn ich jemand gegenüber offen bin, so erwarte ich dasselbe von ihm. Vor ungefähr einem Jahr gab es große Unannehmlichkeiten wegen eines Mannes, dessen Namen mir im Augenblick entfallen ist. Er hatte gefälschte Banknoten unter das Publikum gebracht. Der Polizei gelang es, die falschen Scheine bis zu diesem Klub zu verfolgen, und besonders der liebenswürdige Oberkellner Adolph, der ja auch Eigentümer des Klubs ist, geriet in Verdacht.

 

Ich widmete mich der Aufklärung des Falles und bekam dabei heraus, daß Sie keine Schuld an der Sache hatten. Natürlich hätte die Geschichte für Sie trotzdem unangenehm werden können, aber ich hatte nun mal nicht die Absicht, Ihre Gäste abzuschrecken. Vor allem deshalb verzichtete ich darauf, Sie als Zeugen vernehmen zu lassen.«

 

Adolph räusperte sich verlegen.

 

»Das stimmt alles, Mr. Reeder. Ich habe Ihnen damals ja auch erklärt, daß ich mich dafür revanchieren würde, sobald sich eine Gelegenheit bietet.«

 

»Gut. Wie steht es also mit Higson?«

 

Mr. Reeder schaute ihn scharf an, aber der Oberkellner antwortete ohne Zögern.

 

»Hymie war seit Sonntagabend nicht mehr hier, aber ich erwarte ihn noch heute. Er hat telefonisch bei mir ein Privatzimmer und ein Menü bestellt. Das Privatzimmer war allerdings bereits vergeben, und ich kann ihm das Essen nur hier servieren. Meiner Meinung nach wird er jeden Augenblick kommen.«

 

»Wann hat er denn angerufen?«

 

Adolph überlegte.

 

»Heute abend – so gegen sechs. Er wollte unter allen Umständen das Nebenzimmer haben.«

 

»Bringt er denn jemand mit?«

 

Der Oberkellner zuckte die Achseln.

 

»Er hat nichts davon gesagt und auch nur ein Gedeck bestellt.«

 

»Schön, ich werde auf ihn warten«, erklärte Mr. Reeder.

 

Adolph sah ihn besorgt an.

 

»Ist denn etwas nicht in Ordnung? Es wäre mir sehr unangenehm, wenn Sie ausgerechnet in meinem Klub jemand verhaften würden. Mein Ruf bei der Polizei ist in der letzten Zeit sowieso nicht sehr gut …«

 

»Keine Sorge, ich werde hier niemand verhaften«, entgegnete Mr. Reeder liebenswürdig. »Ich möchte nur eine alte, nicht gerade sehr angenehme Bekanntschaft erneuern.«

 

Fünf Minuten später kam Hymie Higson durch die Tür und ließ sich vom Kellner aus dem Mantel helfen. Er trug einen unauffälligen Straßenanzug.

 

Als er sich umsah, entdeckte er Mr. Reeder. Er tat, als ob er ihn nicht bemerkt hatte, aber der Detektiv winkte ihn mit einer unmißverständlichen Handbewegung zu sich.

 

Nur wenige Gäste saßen in dem Raum, und Hymie blieb praktisch keine andere Wahl, als Reeders Aufforderung Folge zu leisten.

 

Zögernd kam er an den Tisch.

 

»Sind Sie allein?« erkundigte sich Mr. Reeder freundlich. »Setzen Sie sich doch zu mir.«

 

»Ich erwarte einige Freunde«, erwiderte Hymie kühl und blieb neben dem Tisch stehen.

 

»Meiner Meinung nach wäre es wirklich besser, wenn Sie sich ein wenig zu mir setzten«, sagte Reeder mit einem merkwürdigen Unterton in der Stimme.

 

Widerwillig folgte Hymie der Aufforderung. Er war schlank und hatte ein scharfgeschnittenes Gesicht. Wer ihn beobachtete, dem fielen besonders seine ungewöhnlich langen, schmalen Hände auf.

 

»Also gut, dann sagen Sie mir, was Sie zu sagen haben – aber ein wenig schnell bitte«, erklärte er herausfordernd. »Es schadet meinem guten Ruf, wenn mich Bekannte mit einem Polizeibeamten sehen.«

 

Mr. Reeder lächelte.

 

»Oh, mir macht so etwas nichts aus. Alle Leute, die uns beide zusammen sehen, wissen sowieso, was los ist. Man wird eben denken, daß ich einen Verbrecher ausfrage – schließlich ist es ja bekannt genug, daß Sie Falschgeld vertreiben, Wechsel fälschen und beim Kartenspielen betrügen. Ihre Kameraden in der Offiziersmesse haben Sie doch seinerzeit beim Spiel ganz hübsch hereingelegt, nicht wahr? Deshalb mußten Sie ja den Dienst quittieren. Ich will gar nicht davon reden, was Sie sonst noch alles auf dem Kerbholz haben. Vielleicht auch ein kleiner Mord darunter, wie?«

 

Mr. Reeder hatte mit außerordentlicher Liebenswürdigkeit gesprochen, eine Reaktion war Hymie aber kaum anzumerken.

 

»Sie könnten tatsächlich meine Lebensgeschichte schreiben!«

 

»Jedenfalls bin ich in der Lage, einige interessante Daten dazu zu liefern«, entgegnete Mr. Reeder zuvorkommend. »Mit dem Geld hatten Sie übrigens wirklich Pech«, fügte er unvermittelt hinzu.

 

Obwohl Hymie sich sehr gut beherrschen konnte, fuhr er jetzt doch ein wenig zusammen.

 

»Was soll das heißen?«

 

»Ich meine die fünfzigtausend Dollar«, erwiderte Mr. Reeder lässig. »Das ist immerhin eine ganz schöne Stange Geld, die man im allgemeinen nicht in Heuschobern und Straßengräben liegen läßt.«

 

»Was soll denn das Gerede? Ich habe nichts mit Heuschobern und Straßengräben zu tun«, entgegnete Hymie schleppend. »Haben Sie vielleicht ein neues Rätselspiel erfunden?« Dann lachte er plötzlich. »Um Himmels willen, Sie meinen doch nicht etwa die amerikanischen Banknoten, von denen die Zeitungen heute abend berichten? Ein Landarbeiter in Kent hat sie gefunden, nicht wahr? Wirklich eine der merkwürdigsten Geschichten, die ich je gehört habe. Aber wie kommen Sie nur auf den Gedanken, daß ich etwas davon wissen sollte?«

 

»Sie irren sich, es war nicht in Kent«, verbesserte ihn Mr. Reeder, »sondern in der Nähe von Farnham.«

 

»Dort bin ich noch nie in meinem Leben gewesen«, sagte Hymie lächelnd. »Darauf können Sie sich verlassen, Mr. Reeder. Und wenn ich tatsächlich dort gewesen wäre, hätte ich ganz bestimmt nicht so viel Geld in einem Heuschober liegen lassen! Wenn Sie sich nur darüber mit mir unterhalten wollen, dann vergeuden Sie nur Ihre und meine Zeit.«

 

Er stand auf, aber Mr. Reeder packte ihn am Arm.

 

»Nur noch einen Augenblick, ich habe noch einige Fragen an Sie zu richten.«

 

»Dann wäre es gut, wenn Sie mir einen Brief schrieben – oder noch besser, Sie versuchen es mit dem Lügendetektor bei mir. Ich habe neulich einen Aufsatz in einem amerikanischen Magazin darüber gelesen – man schnallt den Delinquenten einfach an, und wenn er lügt, kann man das an der Reaktion verschiedener Instrumente feststellen. Man hat es bei einem Mann ausprobiert, der einen anderen ermordet hatte …«

 

Plötzlich hielt er inne, und Reeder sah, wie sich sein Gesicht verhärtete.

 

»Und weiter, was wollen Sie sagen? Jemand hat einen anderen ermordet …«

 

Higson lachte grell.

 

»Ich bin nicht hergekommen, um Ihnen Märchen zu erzählen.«

 

Er machte eine knappe Verbeugung und schlenderte davon. Sicher wäre er nicht so ruhig gewesen, wenn er gewußt hätte, daß auch Mr. Reeder den Aufsatz über den Lügendetektor gelesen hatte. Dieser interessante Artikel war wirklich in einem amerikanischen Magazin erschienen.

 

Hymie hatte sich an einen kleinen Tisch gesetzt und ließ sich sein Abendessen servieren. Wie Mr. Reeder bemerkte, schien es ihm nicht sehr zu schmecken. Er hielt sich auch nur verhältnismäßig kurze Zeit in dem Restaurant auf, zahlte bald und ging wieder.

 

Mr. Reeder stellte noch einige andere Nachforschungen an, aber keine führte zu einem befriedigenden Ergebnis.

 

Er suchte einige Klubs auf, die in noch weniger gutem Ruf standen als der Ragbag-Klub. Es waren durchweg keine sehr vornehmen Lokale, in denen er allgemein auffiel. Meistens handelte es sich um kleine Zimmer, die im oberen Stockwerk lagen. Wenn Mr. Reeder die Räume betrat, wurde er sofort erkannt, und es trat Totenstille ein. Trotzdem machte er sich an die unmöglichsten Leute heran und stellte sonderbare Fragen an sie.

 

Nach mehreren Stunden kehrte er sehr müde in seine Wohnung zurück. Es schlug drei, als er sich zur Ruhe legte und die Decke über die Ohren zog. Aber er hatte die Augen noch nicht geschlossen, als er hörte, daß jemand an seiner Haustür klingelte.

 

Da das Klingeln nicht aufhörte, erhob er sich schließlich schimpfend, öffnete das Fenster und schaute hinaus.

 

Vor der Tür stand eine dunkle Gestalt.

 

»Wer ist da?« rief er hinunter.

 

»Ich bin’s, Lizzie – ich muß Sie unbedingt einen Augenblick sprechen, Mr. Reeder. Es ist etwas Schreckliches passiert!«

 

»Warten Sie!«

 

Er schloß das Fenster, machte Licht und kleidete sich hastig an. Dann ging er nach unten und ließ Lizzie herein, die heftig schluchzte.

 

Es dauerte eine ganze Weile, bis sie zusammenhängend erzählen konnte.

 

»Ena ist fort, man hat sie weggeholt! Und ich bin fest davon überzeugt, daß ihr etwas passiert ist, Mr. Reeder …«

 

Er gab ihr ein Glas Wasser, und schließlich hatte sie sich so weit beruhigt, daß sie der Reihe nach berichten konnte, was vorgefallen war.

 

Um elf Uhr hatte sie sich ins Bett gelegt. Sie schlief mit ihrer Schwester in einem Zimmer, dessen Fenster auf der Straßenseite lagen. Fast eine Stunde lang hatten sie noch über Ernie und sein sonderbares Verhalten gesprochen, schliefen dann aber gegen Mitternacht ein.

 

Um ein Uhr wachte Lizzie, die einen sehr festen Schlaf hatte, an einem Geräusch auf. Schläfrig öffnete sie die Augen und sah, daß Ena Licht gemacht hatte und in ihrem Morgenrock gerade aus dem Zimmer gehen wollte. Sie fragte, was es gäbe, und Ena flüsterte ihr zu: »Ernie will mich sprechen, er ist draußen.«

 

Lizzie war noch halb im Schlaf, blieb liegen und versuchte zuerst einmal, ganz wach zu werden.

 

Sie hörte an der Haustür Stimmen, und dann wurde es plötzlich ganz still. Gleich darauf fuhr vor dem Haus ein Auto an. Sie sprang aus dem Bett, ging zur Tür und lauschte – nichts war zu hören. Schnell warf sie sich einen Mantel über und lief die Treppe hinunter.

 

Sie fand die Haustür weit offen, von Ena keine Spur.

 

Bestürzt ging sie wieder nach oben und weckte ihre Mutter. Beide warteten ängstlich, aber Ena blieb verschwunden. Sie hatte nur einen Morgenrock über ihrem Schlafanzug angehabt, als sie hinunterging. Die Nacht war kalt und neblig, bestimmt hätte sie sich in diesem Aufzug nicht vors Haus gewagt.

 

»Haben Sie die Polizei verständigt?« fragte Mr. Reeder.

 

Lizzie, die noch immer weinte, schüttelte ratlos den Kopf.

 

»Mutter wollte es nicht haben. Sie sagte, es wäre so peinlich …«

 

Darum kümmerte sich Mr. Reeder nun nicht im geringsten. Er ging zum Telefon und rief die nächste Polizeiwache an. Glücklicherweise traf er den Inspektor an, dem der Bezirk unterstand, und verabredete mit ihm, daß er ihn in der Wohnung der Pantons in der Friendly Street treffen wolle. Als er sich dann mit Lizzie auf den Weg dorthin machte, rückte sie mit der Sprache über etwas heraus, wovon sie ihm bis jetzt noch kein Wort gesagt hatte.

 

»Natürlich war es eine große Überraschung für uns alle, daß sie plötzlich so viel amerikanisches Geld erhielt.«

 

Mr. Reeder blieb stehen.

 

»Amerikanisches Geld?« fragte er verwundert. »Davon haben Sie mir ja noch gar nichts gesagt!«

 

»Ja, echte amerikanische Dollarscheine«, entgegnete Lizzie. Es waren fünfundzwanzig Banknoten zu je tausend Dollar! Wir alle waren so überrascht – noch niemals hatten wir soviel Geld in Händen gehabt!«

 

»Das ist sehr wichtig«, sagte Mr. Reeder ernst. »Erzählen Sie mir genau, wie Sie das Geld erhalten haben.«

 

»Wir erhielten es in einem Eilbrief, der nicht einmal eingeschrieben war. Gestern morgen in aller Frühe brachte ihn ein Postbote. Ena hat meiner Mutter und mir nichts davon gesagt, daß ihr Ernie schon vorher geschrieben hatte und ihr in seinem Brief das Eintreffen eines Geldbetrages ankündigte. Er hatte sie gebeten, keinem Menschen etwas davon mitzuteilen.«

 

»War bei der Geldsendung ein weiteres Schreiben von Ernie?«

 

»Nein, nur ein Blatt von einem Notizblock. Er hatte es unter das Gummiband gesteckt, mit dem die Banknoten zusammengehalten wurden. Es stand darauf: ›Sag keinem Menschen etwas davon, auch nicht Lizzie.‹ Ich kann Ihnen den Zettel später zeigen.«

 

»Und was hat Ihre Schwester mit dem Geld gemacht?«

 

Lizzie dachte einen Augenblick nach.

 

»Ich weiß gar nicht genau … Ach so, jetzt fällt es mir wieder ein. Sie hat es unter das Kopfkissen gesteckt, bevor sie ins Bett ging.«

 

»Wo war der Brief aufgegeben? Haben Sie den Poststempel gesehen?«

 

»In London. Ich machte Ena noch besonders darauf aufmerksam, daß er auf dem Postamt London W. aufgegeben worden war – und zwar am Abend vorher. Ena wunderte sich darüber, daß Ernie in London war und sie nicht einmal besuchte.«

 

Mr. Reeder fragte noch verschiedenes, bekam aber nicht mehr viel heraus. Lizzie blieb dabei, daß auf dem Zettel nichts weiter gestanden hätte als die Mahnung, keinem Menschen etwas davon zu sagen.

 

»Sie werden ihn ja noch selbst sehen, auch den Briefumschlag. Ena hat das Geld darin gelassen.«

 

Als sie in der Wohnung der Pantons ankamen, fanden sie dort bereits den Polizeiinspektor des Bezirks mit einem seiner Beamten vor. Der Inspektor stellte an die Mutter, die völlig verstört schien, gerade die üblichen Fragen.

 

Mr. Reeder begrüßte ihn kurz und stieg dann sofort die Treppe zu dem gemeinsamen Schlafzimmer der beiden Mädchen hinauf. Ohne weiteres ging er auf das Bett zu, das ihm Lizzie bezeichnete, und schob das Kissen zurück.

 

Das Zimmer war noch nicht aufgeräumt worden, und er konnte deutlich den Kopfabdruck Enas auf dem Kissen erkennen. Darunter aber fand er nichts – weder den Briefumschlag noch das Geld. Er hob die Matratzen hoch – nichts. Ebensowenig lagen die Banknoten in der Kommode, in der Ena ihre Schmucksachen aufbewahrte.

 

»Nein, sie hat das Geld bestimmt nicht in eine Schublade gelegt«, erklärte Lizzie, die sich ganz sicher zu sein schien. »Ich weiß ganz genau, daß sie es unter das Kissen geschoben hat, bevor sie schlafen ging. Sie sagte noch im Spaß, das wäre sicherer, als es auf die Bank zu bringen.«

 

Mr. Reeder verzog kummervoll das Gesicht.

 

»Haben Sie Ihre Schwester gesehen, als sie das Zimmer verließ? Hatte sie etwas in der Hand?«

 

Lizzie konnte darüber beim besten Willen keine genaue Auskunft geben. Sie erinnerte sich nur noch daran, daß Ena in der offenen Tür stand und mit ihr sprach. Aus tiefem Schlaf hochgeschreckt, war sie so benommen gewesen, daß sie sich nicht einmal genau auf Enas Worte besinnen konnte.

 

»Ich schlafe immer so fest! Es ist auch durchaus möglich, daß Ena das Fenster öffnete und sich einige Zeit mit jemand auf der Straße unterhielt, ohne daß ich es merkte. Auf jeden Fall stand das Fenster offen, und ich wachte wahrscheinlich mehr durch den kalten Luftzug, als durch ein Geräusch auf.«

 

Eines war Mr. Reeder klar – der Mann, der mit Ena gesprochen hatte, mußte ihr gesagt haben, daß sie die fünfundzwanzigtausend Dollar herunterbringen solle.

 

Aber wer war dieser Mann? War es Ernie gewesen? Oder hatte sonst noch jemand solchen Einfluß auf sie, daß sie ihm auf seinen bloßen Wunsch hin das Geld mitten in der Nacht aushändigte?

 

Mr. Reeder ließ den Polizisten rufen, der während der fraglichen Zeit in dem Bezirk Streifendienst gehabt hatte. Der Beamte konnte wenigstens einige Angaben machen.

 

Vor Pantons Haus hatte er einen Wagen gesehen, der dort parkte, und angenommen, daß er einem Arzt gehöre. Für gewöhnlich hielten in der Friendly Street nachts nur selten Autos. Der Polizist hatte den Eindruck gehabt, daß zwei Personen im Wagen saßen, aber mit Sicherheit konnte er das nicht behaupten.

 

Als er auf seinem Rundgang das nächstemal an der Stelle vorbeikam, sah er das Auto nicht mehr.

 

Mr. Reeder stellte fest, daß das etwa eine Viertelstunde nach Enas Verschwinden gewesen sein mußte.

 

Einige Beamte suchten jetzt die Straßen ab und fanden einen weiteren Anhaltspunkt – Enas Pantoffel. Man entdeckte ihn etwa auf der Hälfte des Weges zwischen der Haustür und der Stelle, an der das Auto gehalten hatte. Der Polizeiinspektor brachte ihn ins Haus und untersuchte ihn eingehend, aber er konnte höchstens den Schluß daraus ziehen, daß Ena den Pantoffel verloren hatte, als sie sich von jemand freizumachen versuchte.

 

Mr. Reeder stimmte ihm bei.

 

»Ich bin ganz sicher, daß sie nicht freiwillig mitgegangen ist«, erklärte er besorgt.

 

Und mit dieser Annahme hatte er auch recht.

 

Kapitel 4

 

4

 

Ena Panton konnte nicht sofort einschlafen, als sie sich zu Bett gelegt hatte. Dazu war sie viel zu aufgeregt. Sie wunderte sich immer mehr über Ernies Verhalten. Natürlich hatte sie ihn gern, aber man konnte beim besten Willen nicht behaupten, daß sie sehr verliebt in ihn war.

 

Ernie wirkte nicht besonders männlich und machte eigentlich nur durch seine große Anhänglichkeit Eindruck auf sie. Sie wußte, daß er sie liebte, und das schmeichelte ihr.

 

Es war ihr angenehm, daß ein gutaussehender und vor allem reicher junger Mann sich um sie bemühte, und als er ihr dann die teuren Geschenke brachte, war sie gerührt und glücklich.

 

Aber sie hatte sich eben doch niemals richtig in diesen jungen Mann mit der gepflegten Frisur und dem kleinen Schnurrbart verliebt. Nun war es allerdings für sie plötzlich von allergrößter Bedeutung geworden, denn unter ihrem Kopfkissen lag ein Vermögen. Sie tastete mit der Hand danach und vergewisserte sich, daß der Briefumschlag mit den Banknoten tatsächlich noch vorhanden war und daß sie nicht geträumt hatte.

 

In Gedanken malte sie sich aus, was sie mit dem Geld anfangen wollte.

 

So verging die Zeit, und sie lag noch hellwach, als etwas gegen die Fensterscheibe klirrte. Schnell stand sie auf und zog den Vorhang zurück. Sie tat es vorsichtig, damit ihre Schwester nicht aufwachen sollte.

 

Als sie sich aus dem Fenster lehnte, und hinunterschaute, entdeckte sie ein Auto, das in einiger Entfernung hielt. Unten stand ein Mann mit hochgeschlagenem Mantelkragen.

 

»Sind Sie’s, Ena?« fragte er mit gedämpfter Stimme.

 

»Wer ist da?« erwiderte sie leise.

 

»Ich bin Jack – Ernies Bruder.«

 

Sie hörte das erste Mal, daß Ernie einen Bruder hatte.

 

»Was gibt es denn?«

 

»Ernie möchte Sie sprechen. Er wartet im Wagen. Können Sie einen Augenblick herunterkommen?«

 

Sie zögerte und sah sich nach ihrer Schwester um, aber Lizzie schlief fest.

 

»Ich möchte eigentlich nicht«, sagte sie. »Können Sie mir denn nicht sagen, was er will?«

 

»Es handelt sich um das Geld«, erwiderte der Mann drängend. »Bringen Sie es mit hinunter, ich werde Ihnen alles erklären. Die Polizei ist hinter Ernie her, und es ist möglich, daß auch Sie gesucht werden.«

 

Ena, die sich noch nie hatte etwas zuschulden kommen lassen, erschrak heftig. Sie hatte sich auch schon Gedanken gemacht, wie Ernie zu einer so großen Summe kam, und sich gefragt, ob er das Geld auf ehrliche Weise erworben hätte.

 

»Ich komme«, sagte sie ängstlich, schlüpfte in Morgenrock und Pantoffeln, zog den Umschlag mit den Banknoten unter dem Kopfkissen hervor und lief zur Tür.

 

Vorher hatte sie Licht gemacht, und Lizzie wachte auf.

 

»Ernie will mich sprechen, er ist draußen«, flüsterte sie und lief die Treppe hinunter.

 

Sie nahm die Sicherheitskette von der Haustür, schloß auf und öffnete.

 

Dicht vor ihr stand ein Mann, der sie in den Flur zurückdrängte, und bevor Ena noch wußte, was geschah, legte sich ein starker Arm um sie und eine Hand preßte ihr Mund und Nase zu.

 

»Wenn Sie schreien, bringe ich Sie um«, zischte ihr der Fremde ins Ohr.

 

Sie war vor Schreck wie gelähmt und konnte nicht den geringsten Widerstand leisten. Willenlos ließ sie sich auf die Straße hinausführen, und erst als sie mit dem nackten Fuß auf das feuchte Straßenpflaster trat und merkte, daß sie einen Pantoffel verloren hatte, kam sie wieder zu sich. Der Mann hielt ihr immer noch Mund und Nase zu, und mit einer verzweifelten Anstrengung suchte sie sich zu befreien. Es half ihr nichts; er hob sie einfach auf und lief mit ihr zu einem wartenden Wagen.

 

Der Chauffeur hatte die Tür bereits geöffnet, und nachdem der Fremde sie unsanft hineingeschubst hatte, stieg er selbst ein und setzte sich an ihre Seite.

 

»Vergessen Sie nicht – wenn Sie Lärm machen, dann breche ich Ihnen das Genick. Das ist kein Scherz!«

 

Verstört und zitternd lehnte sie sich in eine Ecke zurück.

 

Er zog schwarze Vorhänge vor den Wagenfenstern vor, und gleich darauf setzte sich das Auto in Bewegung.

 

Sie hatte keine Ahnung, wohin die Fahrt ging, sie fühlte nur, daß sie bergaufwärts fuhren; möglicherweise in Richtung Lewisham.

 

Leise begann sie vor sich hin zu weinen, ohne daß ihr Begleiter Notiz davon genommen hätte. Dann fiel ihr plötzlich ein, daß er ihr den Briefumschlag mit den fünfundzwanzigtausend Dollar aus der Hand gerissen hatte.

 

»Was haben Sie mit dem Geld gemacht, Sie gemeiner Kerl! Sie sind ja gar nicht Ernies Bruder – er hat gar keine Geschwister!«

 

Der Mann lachte trocken.

 

»Was wissen Sie denn von Ernie und seinen Verwandten?« sagte er gleichgültig. »Und was das Geld betrifft – das ist in Sicherheit, ich habe es in der Tasche. Zuviel habe ich schon durch die Dummheit dieses Kerls verloren.«

 

»Wo ist Ernie?«

 

Darauf erhielt sie keine Antwort.

 

»Was wollen Sie denn mit mir anfangen?« fragte sie nach einem langen, bedrückenden Schweigen.

 

»Das hängt ganz von Ihnen ab. Wenn Sie das tun, was ich Ihnen sage, wird Ihnen nicht viel passieren: Sie werden einen Brief an Ihre Mutter oder an Ihre Schwester – vielleicht auch an Mr. Reeder schreiben. Darin teilen Sie mit, daß Sie mit Ernie ins Ausland gereist und sehr glücklich mit ihm sind. In einem Jahr werden Sie zurückkommen, und …«

 

»Ich denke nicht daran, ins Ausland zu fahren; weder mit Ihnen noch mit Ernie!« entgegnete sie heftig. »Man wird Sie festnehmen und einsperren. Was Sie gemacht haben, ist Entführung!«

 

»Sie sind so wenig intelligent«, erwiderte er ironisch, »daß Sie das durch ein hübsches Gesicht ausgleichen müssen. Sonst würde sich ein Mann wie Mr. Reeder bestimmt nicht mit Ihnen abgeben.«

 

Das brachte sie auf einen Gedanken.

 

»Mr. Reeder wird mich finden – er weiß alles, auch über Ernie. Ich habe ihm die Briefe gegeben, die Ernie mir geschrieben hat.«

 

»Was waren das für Briefe?« fragte der Mann schnell. Sie merkte, daß sie einen Fehler gemacht hatte.

 

»Ich meine den einen, den er von Birmingham aus schrieb.«

 

Sie hörte, daß er schnell atmete.

 

»Hat er Ihnen von Birmingham aus geschrieben? Stand ein Absender auf dem Brief?«

 

Als sie zögerte, war er sichtlich erleichtert.

 

»Es stand also keine Adresse darauf«, sagte er dann. »Und Reeder hat diesen Brief?«

 

Als sie nicht antwortete, packte er sie an den Schultern und schüttelte sie grob.

 

»Wenn ich Sie etwas frage, haben Sie zu antworten. So, und nun erzählen Sie mir genau, was Reeder weiß.«

 

Sie fürchtete sich vor ihrem Begleiter und begann wieder zu schluchzen.

 

»Lizzie hat die Briefe zu Mr. Reeder gebracht, und er hat sie über allerhand ausgefragt. Er wollte auch wissen, ob Ernie jedesmal mit der Feder Kringel in der Luft machte, bevor er anfing, etwas zu schreiben.«

 

»So, hat er das gefragt? Der alte schlaue Fuchs!«

 

Es war ihr klar, daß sie vorsichtiger sein mußte.

 

»Es ist gemein von Ihnen, mich fortzuschleppen. Sie werden deshalb ins Gefängnis kommen …«

 

»Darüber brauchen Sie sich nicht den Kopf zu zerbrechen«, entgegnete er kurz. »Berichten Sie mir lieber, was Mr. Reeder sonst noch gesagt hat.«

 

Er merkte aber bald, daß aus ihr nicht mehr viel herauszuholen war.

 

»Weiß er auch von dem Geld, das Sie gestern morgen erhielten?«

 

»Nein. Aber Lizzie wird ihm das schon erzählen, darauf können Sie sich verlassen.«

 

»Ist sie aufgewacht, als Sie fortgingen?« fragte er hastig.

 

»Ja, sie war wach, und ich glaube bestimmt, daß sie aus dem Fenster sah. Sicher hat sie sich die Nummer Ihres Wagens aufgeschrieben. Seien Sie doch vernünftig, sagen Sie, daß alles nur ein Scherz war und bringen Sie mich wieder nach Hause.«

 

»Ich mache keine Scherze – Sie täuschen sich, wenn Sie das annehmen.«

 

Lange Zeit sprachen sie daraufhin nicht mehr miteinander.

 

Der Wagen fuhr jetzt mit höchster Geschwindigkeit, und Ena fragte wieder, wohin die Fahrt ginge.

 

»Ich bringe Sie zu einem hübschen, ruhigen Haus auf dem Land. Dort bekommen Sie ein komfortables Zimmer, und wenn Sie klug sind, regen Sie sich dann nicht weiter auf, sondern vertreiben sich die Zeit mit Handarbeiten. Morgen besorge ich Ihnen Kleider, und falls Sie keinen Fluchtversuch machen, werden Sie in jeder Hinsicht anständig behandelt. Sollten Sie aber doch wagen, sich zu entfernen …«

 

Er beendete den Satz nicht, aber seine Worte klangen auch so drohend genug.

 

Für Ena war die Aufregung zuviel gewesen. Eine lähmende Müdigkeit überkam sie, und sie sank während der letzten halben Stunde der Fahrt in einen ohnmachtähnlichen Schlummer.

 

Erst als der Wagen plötzlich hielt, wachte sie auf. Ihr Begleiter band ihr einen Schal um die Augen, zog sie aus dem Wagen und führte sie in ein Gebäude.

 

Die Luft im Innern roch dumpf und muffig, als ob das Haus lange nicht bewohnt gewesen wäre.

 

Er schob sie eine Treppe hinauf, die sehr breit sein mußte, denn als sie tastend die Hand ausstreckte, fand sie weder an einem Geländer noch einer Wand Halt.

 

In einem kleinen Raum nahm er ihr den Schal von den Augen und ließ sie allein. Zitternd vor Kälte setzte sie sich auf den einzigen Stuhl, den sie sah.

 

Gleich darauf kam er zurück und brachte sie in ein größeres Zimmer, in dem ein Bett stand. Vor den Fenstern waren feste Holzläden angebracht. Die Wände waren offensichtlich erst kürzlich tapeziert worden. Durch eine offene Tür sah sie in ein kleines Bad, das überhaupt keine Fenster zu haben schien.

 

»Ich bringe Ihnen jetzt noch etwas zu essen. Morgen können Sie dann Bücher bekommen, damit es Ihnen nicht zu langweilig wird und auch was Sie sonst noch so brauchen.«

 

Sie sah ihn jetzt im Schein der grellen Deckenbeleuchtung zum erstenmal genauer an. Er war groß und schlank und machte eigentlich einen ganz sympathischen Eindruck.

 

Jetzt hatte auch Hymie Higson Gelegenheit, Ena eingehender zu betrachten – er war erstaunt über Ernies guten Geschmack.

 

»Wirklich, Sie sehen gar nicht so übel aus. Sehr intelligent sind Sie deswegen natürlich trotzdem nicht«, erklärte er um einige Schattierungen freundlicher.

 

»Was fällt Ihnen ein …«

 

»Na, vielleicht lernen Sie ein wenig dazu, wenn Sie sich längere Zeit hier aufhalten. Inzwischen verspreche ich Ihnen, daß Ihnen nichts passiert, wenn Sie vernünftig sind. Sie werden bewacht, denken Sie bitte daran – vor ihrem Fenster und im Haus hält sich immer jemand auf, der auf Sie aufpaßt. Versuchen Sie es also erst gar nicht, hier herauszukommen.«

 

Damit verließ er das Zimmer, kam aber schon nach zehn Minuten mit einem Tablett wieder, auf dem eine Kanne mit heißem Tee und belegte Brote aufgebaut waren.

 

»Noch etwas«, sagte er ernst und stellte das Tablett vor sie hin. »Vielleicht wissen Sie, daß auf Entführung eine Mindeststrafe von zehn Jahren Zuchthaus steht. Das sollte ihnen klarmachen, daß wir vor nichts zurückschrecken. Ich habe Ihnen schon zu Beginn unserer – hm – Bekanntschaft erklärt, wie rücksichtslos ich mich im Notfall gegen Sie benehmen müßte. Vielleicht würde es mir jetzt, nachdem ich gesehen habe, wie hübsch Sie sind, ein wenig schwerer fallen, Ihnen den Hals zuzudrücken – aber bilden Sie sich bloß nicht ein, daß ich deswegen davon Abstand nehmen würde!«

 

Seine gepflegte Redeweise stand in einem schroffen Gegensatz zu diesen groben Andeutungen.

 

Plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen – das war ja der Mann mit dem falschen Schnurrbart, der sie in ihrer Wohnung aufgesucht hatte! Sie sagte ihm ihre Vermutung auf den Kopf zu.

 

Er nickte lächelnd.

 

»Stimmt. Sie haben sich mein Gesicht besser gemerkt, als ich mir das Ihrige. Es war so dunkel in Ihrem Hausflur! Damals wollte ich Ihnen helfen, Sie wußten es nur nicht. Wenn Ihre Schwester nicht zu diesem verdammten Kerl, diesem Reeder gelaufen wäre und alles ausposaunt hätte, wären Sie jetzt nicht in einer so unangenehmen Lage. Ich hätte nicht einmal etwas dagegen gehabt, daß Ihnen Ernie das Geld schickte. Schließlich haben Sie ja ein gewisses Recht auf einen Anteil.«

 

Sie verstand den Sinn seiner Worte nicht, war vorsichtig und schwieg.

 

Er ging fort und ließ sie allein. Erst wartete sie noch ein wenig, aber nach einigem Zögern trank sie den Tee und aß die Brote.

 

Sie sah durch die Ritzen der Fensterläden, daß es hell wurde; dann legte sie sich auf das Bett, zog die Decke über sich und schlief ein.

 

Sie mußte sehr erschöpft gewesen sein, denn als sie wieder aufwachte, war es bereits wieder dunkel geworden. Sie drehte das Licht an und drückte auf einen Klingelknopf, den Hymie ihr gezeigt hatte.

 

Es verging einige Zeit, bis sich jemand meldete, und als sich die Tür öffnete, erschien Hymie selbst mit einem Tablett.

 

»Es tut mir leid, daß Sie so lange warten mußten«, sagte er freundlich und ein wenig ironisch. »Aber ich bin hier Koch und Gefangenenwärter in einer Person. Wir haben auch kein Zimmermädchen, das Sie bedienen könnte, aber ich bringe Ihnen jedenfalls das Beste, was uns hier zur Verfügung steht.«

 

Auf dem Tablett sah sie gekochte Eier, frisches Brot und Butter. Ena war jung und gesund und entwickelte einen guten Appetit.

 

Er verließ das Zimmer wieder und kam gleich darauf mit einigen Kleidungsstücken zurück, die er auf das Bett warf.

 

»Sie sind alle neu. Es hat uns einige Mühe gemacht, das Zeug in verschiedenen Läden Londons zu besorgen. Ich nehme nämlich an, daß dieser verdammte Reeder alle Geschäfte gewarnt hat. Wenn wir so dumm gewesen wären, alles in einem Geschäft zu kaufen, so hätten sie uns bestimmt gefaßt. Also, nun schauen Sie, wie Sie damit zurechtkommen«, meinte er gutgelaunt.

 

»Sind Sie Amerikaner?« fragte sie.

 

Er lächelte und zeigte dabei eine Reihe guterhaltener Zähne.

 

»Ich bin in England geboren, aber in Amerika erzogen worden. Meinen achtzehnten Geburtstag habe ich in einer amerikanischen Anstalt namens Sing-Sing gefeiert. Vielleicht haben Sie schon davon gehört?«

 

»Meinen Sie das berühmte Gefängnis?«

 

Er lachte schallend.

 

»Es wundert mich, daß Sie das wissen. Wahrscheinlich kennen Sie den Ort vom Kino her. Ja, mein Kind, ich saß in Sing-Sing und war zum Tode verurteilt. Aber rechtzeitig kam dann eine allgemeine Amnestie heraus. So war ich gerettet. Im Krieg habe ich mich dann freiwillig gemeldet und bin mit Auszeichnungen heimgekehrt.«

 

Er deutete mit der Hand auf die Kleider.

 

»Ich habe Ihnen alles gebracht, was eine Dame braucht. Hoffentlich habe ich nichts vergessen! Wenn Ihnen etwas fehlen sollte, dann sagen Sie es mir ruhig. Ich werde dann versuchen, es Ihnen noch zu beschaffen.«

 

Als er hinausgegangen war, schob sie den Riegel vor und zog sich an. Das Kleid paßte ausgezeichnet, und wenn auch die Schuhe ein wenig zu groß waren, fühlte sie sich jetzt doch wohler und sicherer.

 

Hymie kam nach einiger Zeit zurück und rüttelte an der Tür.

 

»Das habe ich ja ganz übersehen«, sagte er, als sie ihn hereingelassen hatte.

 

Er ging hinaus und rief nach jemand.

 

Gleich darauf tauchte ein Mann auf, der den Riegel losschraubte, ohne sich viel um Ena zu kümmern.

 

»Durchaus unnötig, daß Sie sich einschließen«, erklärte Hymie. »Ich habe es Ihnen ja schon ein paarmal gesagt – wenn Sie vernünftig sind, passiert Ihnen nicht das geringste. Und sollten Sie irgend etwas im Schilde führen, dann wird Ihnen auch der Riegel nichts helfen.«

 

Kapitel 5

 

5

 

Mr. Reeder behauptete zwar immer, daß er sich ohne weiteres in die Gedankengänge eines Verbrechers versetzen könne, aber selten wurde es so deutlich, daß er damit recht hatte, wie in den zwölf Stunden, die dem Verschwinden Ena Pantons folgten.

 

Er hatte einen Verdacht, ja, er war sich seiner Sache sogar ganz sicher – aber Scotland Yard ist nun einmal sehr vorsichtig. Bevor sich die ein wenig schwerfällige Maschinerie dieser Behörde allmählich in Gang setzt, darf auch nicht mehr der geringste Zweifel bestehen. So machen es sich die Kriminalbeamten, die verdächtige Personen beschatten müssen; zur Regel, für den Verdächtigen wirklich völlig unsichtbar zu bleiben. Das hemmt natürlich in gewisser Weise die Nachforschungen.

 

Aber Mr. Reeder war ja kein Beamter von Scotland Yard, wenn er auch in vielen Fällen mit dieser Behörde eng zusammenarbeitete.

 

Er hatte eine längere Unterredung mit seinem unmittelbaren Vorgesetzten, dem stellvertretenden Staatsanwalt, und der sagte natürlich genau das, was Mr. Reeder erwartet hatte: Man solle alle feststehenden Tatsachen Scotland Yard melden.

 

Leider gähnte zwischen den Vermutungen Mr. Reeders und feststehenden Tatsachen eine tiefe Kluft. Letzten Endes hätte er nur eine Tatsache melden können, die unbedingt feststand: daß eine kleine Stenotypistin nur mit Schlafanzug und Morgenrock bekleidet mitten in der Nacht ihre Wohnung verlassen hatte und seitdem verschwunden war.

 

Er konnte noch nicht einmal mit Sicherheit sagen, daß die Gesuchte im Besitz von fünfundzwanzigtausend Dollar gewesen war. Nichts konnte er als Beweis dafür angeben, nur die Aussage ihrer Schwester. Und Lizzie hatte selbst zugegeben, daß sie nicht viel von ausländischen Banknoten verstand!

 

Scotland Yard würde ihn wahrscheinlich höflich darauf aufmerksam machen, daß es durchaus kein aufsehenerregendes Ereignis wäre, wenn ein hübsches junges Mädchen mangelhaft bekleidet das Haus ihrer Eltern verläßt, um mit irgendeinem Galan das Weite zu suchen. Die Sache würde sich vermutlich als eine ganz harmlose Angelegenheit entpuppen.

 

Inspektor Grayson von Scotland Yard beriet mit Mr. Reeder.

 

»Es besteht immerhin die Möglichkeit«, meinte er, »daß mehr dahintersteckt, als wir im Augenblick beurteilen können. Andererseits wissen Sie aber auch, wie verrückt sich diese jungen Mädchen manchmal benehmen. Es könnte doch sein, daß Ena Panton sich heimlich angezogen und nur auf ihren Freund gewartet hat. Die Tatsache, daß ihre Kleider im Schlafzimmer gefunden wurden, besagt noch nicht viel, denn sie könnte sich ja für dieses Abenteuer neu ausgestattet haben. Sie ist in der Vermißtenliste dieses Jahres unter der Nummer 673 aufgeführt, und von diesen Vermißten sind schon mindestens fünfhundert wieder aufgetaucht, die alle reumütig zurückkehrten. Die Sache mit den fünfundzwanzigtausend Dollar ist mir allerdings auch ein Rätsel, aber ich glaube, daß ich die Lösung bereits gefunden habe.«

 

Er holte einen Zeitungsausschnitt aus der Tasche, der die Banknotenfunde in der Nähe von Farnham behandelte.

 

»Sehen Sie, daher kommt das Gerede von dem Geld. Wahrscheinlich hat sie den Artikel in der Zeitung gelesen und die Geschichte dann einfach erfunden. Sie wissen ja selbst, was für unglaubliche Dinge die Leute manchmal erzählen. Dazu kommt dann meist noch eine krankhafte Geltungssucht, die sie dazu treibt, sich auf irgendeine Weise interessant zu machen.«

 

Mr. Reeder seufzte. Er hatte Hymie Higson eigentlich nur bluffen wollen, als er ihn mit den Dollarnoten auf dem Heuschober in Verbindung brachte. Seine lebhafte Phantasie schien ihm wieder einmal einen Streich gespielt zu haben. Am liebsten hätte er noch einmal mit Higson gesprochen, denn er konnte auch jetzt noch nicht glauben, daß der Mann mit der Sache nichts zu tun hatte … Ob Higson wohl das junge Mädchen entführt hatte? Reeder fragte sich nach den Gründen für eine solche Tat, fand aber keine befriedigende Antwort.

 

Er setzte sich an seinen Schreibtisch und begann aufs neue, sich phantastische Geschichten auszudenken, worin er jedem der Beteiligten das Schlechteste zutraute. Er suchte bei allen, die seiner Meinung nach mit dem Fall in Verbindung standen, nach Motiven.

 

Immerhin war es nicht ausgeschlossen, daß Ena wieder auftauchte und durch ihr Erscheinen alle seine Theorien widerlegte. Er hatte ja nur die Aussagen Lizzies zur Verfügung, die noch dazu halb im Schlaf gewesen war. Wahrscheinlich konnte man sich nicht alllzusehr auf ihre Angaben verlassen, denn auch Lizzie besaß eine außerordentlich lebhafte Phantasie.

 

Eines jedoch stand für ihn fest: Der Schlag, den er erwartete, würde wie ein Blitz aus heiterem Himmel kommen und mehreren großen Banken einen gewaltigen Schrecken einjagen.

 

*

 

Als Reeder am nächsten Morgen sein Büro betrat, wurde er sofort zu seinem Vorgesetzten gerufen.

 

»Ich möchte, daß Sie gleich in die Stadt gehen und Sir Wilfred Heinhell aufsuchen. Die Sache eilt und ist sehr wichtig. Fahren Sie also nicht mit dem Bus, sondern nehmen Sie ein Taxi.«

 

»Sie können sich darauf verlassen, daß ich den schnellsten Weg wähle«, erwiderte Mr. Reeder.

 

Und dann fuhr er mit der U-Bahn.

 

In dem großen, luxuriös ausgestatteten Vorzimmer zu dem Büro Sir Wilfreds erwartete man ihn bereits. Zwei Geschäftsführer und ein Prokurist geleiteten ihn in den fürstlich eingerichteten Arbeitsraum des Bankgewaltigen.

 

»Mr. Reeder, Sir«, stellten sie den Detektiv vor und zogen sich dann auf einen Wink ihres Chefs hin diskret zurück.

 

Sir Wilfred, der Mr. Reeder ja bereits kannte, ging nervös auf dem kostbaren Perserteppich hin und her. Immer wieder fuhr er sich mit der Hand durchs Haar, das bereits dementsprechend zerzaust war. Außerdem sah er aus, als ob er schon eine Woche lang nicht mehr geschlafen hätte.

 

»Nehmen Sie bitte Platz, Mr. Reeder«, begann er schließlich mit Grabesstimme. »Es ist etwas Furchtbares geschehen. Wie recht hatten Sie mit Ihrer Warnung! Sie erwähnten doch bei unserer letzten Unterhaltung, daß meine Geschäftsmethoden veraltet seien. Natürlich widersprach ich Ihnen – aber leider haben sich Ihre Worte nur zu sehr bewahrheitet!«

 

Er machte eine Bewegung mit den Händen, die seine ganze Verzweiflung ausdrücken sollte.

 

Mr. Reeder setzte sich vorsichtig auf die Kante eines Sessels und klemmte seinen zusammengerollten Schirm zwischen die Beine. Die Hände auf den Griff gelegt und das Kinn darauf gestützt, wartete er ab, was Sir Wilfred ihm sonst noch anvertrauen würde.

 

»Ich wiederhole – als Sie mir damals sagten, daß die Geschäftsmethoden einer der Bankfirmen, die ich kontrolliere, veraltet und überholt seien, habe ich Ihnen nicht geglaubt, vielleicht war ich sogar ein wenig unhöflich zu Ihnen …«

 

»Ich kann Ihnen nicht widersprechen«, unterbrach ihn Mr. Reeder.

 

»Das tut mir außerordentlich leid – bitte nehmen Sie meine Entschuldigung an. Es ist etwas ganz Schreckliches geschehen – noch niemals hat sich in einer Bank ein derartiger Fall ereignet. Ein Riesenvermögen ist uns gestohlen worden – nicht hier in London, Mr. Reeder, sondern …«

 

Er machte eine Pause, um Luft zu schöpfen.

 

»Doch nicht etwa in Birmingham?« erkundigte sich Mr. Reeder bedächtig.

 

Sir Wilfred sah ihn völlig entgeistert an.

 

»Wie kommen Sie denn auf Birmingham? Ich habe doch noch keiner Menschenseele mitgeteilt, wo sich das Unglück zugetragen hat – weder der Staatsanwaltschaft noch meinen Direktoren. Aber Sie haben recht, es ist in Birmingham passiert!«

 

Mr. Reeder nickte gewichtig.

 

»Einer Ihrer Angestellten hat Sie betrogen, nicht wahr? Wie sein Nachname lautet, kann ich nicht sagen, aber mit Vornamen heißt er höchstwahrscheinlich Ernest.«

 

Sir Wilfred sank in den nächsten Stuhl.

 

»Was, Sie wußten das?« fragte er fassungslos. »Sie wußten, daß man uns berauben wollte? Der Mann heißt tatsächlich Ernest – Ernest Graddle. Ein entsetzlicher Name! Ich kann ihn nicht mehr hören! Wenn mein Geschäftsführer in Birmingham auch nur einen Funken Verstand gehabt hätte, wäre der Kerl schon seines Namens wegen nicht eingestellt worden!

 

Dieser Ernest Graddle war nur ein kleiner Angestellter, der in der Woche ein paar Pfund verdiente. Er hat die Bank in den letzten zwölf Monaten systematisch betrogen. Im Anfang schaffte er nur kleine Summen beiseite, aber mit der Zeit wurde er frecher, bis er schließlich einen Betrag von fünfundachtzigtausend Pfund entwendete – stellen Sie sich das einmal vor, fünfundachtzigtausend Pfund!«

 

Auf Mr. Reeder machte das alles keinen besonderen Eindruck.

 

»Ich dachte mir gleich, daß es sich um eine ähnliche Summe handeln würde. Wie groß ist denn der Gesamtschaden, den Sie durch Graddle haben?«

 

»Dreihundertundzehntausend Pfund«, entgegnete Sir Wilfred heiser. »Es ist einfach unglaublich! Und der Mann hat das mit einem ganz plumpen Trick geschafft. Einer unserer Kunden, der sehr vermögend ist, läßt stets große Summen auf seinem Bankkonto stehen, anstatt das Geld in Wertpapieren anzulegen. Manchmal bis zu einer halben Million Pfund. Obwohl die Banken in England im allgemeinen derartige laufende Konten nicht verzinsen, haben wir in seinem Fall eine Ausnahme gemacht und ihm drei Prozent zugebilligt.

 

Dieser Graddle hat nun alles Geld von diesem Konto abgehoben. Ich hatte schon mehrmals die Befürchtung ausgesprochen, daß unser Kunde nicht ganz bei Verstand sei, denn kein normaler Mensch würde doch einen derartig hohen Betrag auf seinem Konto stehenlassen. Der Geschäftsführer unserer Bank in Birmingham versuchte dann auf meine Veranlassung hin, ihn umzustimmen, aber ohne Erfolg. Und diesem niederträchtigen Kerl, diesem Graddle, gelingt es, das Geld vor unserer Nase zu stehlen! Dabei ist der junge Mann kaum trocken hinter den Ohren. Es ist unerhört! Wie gesagt, ein ähnlicher Fall ist in der Geschichte des Bankwesens noch nicht vorgekommen!«

 

Mr. Reeder wußte, daß noch unglaublichere Dinge passiert waren, aber er schwieg.

 

»Hoffentlich leidet der gute Ruf der Bank nicht darunter?« fragte er dann.

 

Sir Wilfred fuhr empört auf.

 

»Wie sollte denn das den guten Ruf unserer Bank beeinträchtigen können! Ich bitte Sie, das ist doch wohl kaum anzunehmen!« Er faßte sich wieder. »Erlauben Sie mal, wir haben mindestens zehn Millionen Reserve! Die dreihunderttausend Pfund bedeuten für uns nicht mehr als ein Flohstich! Wenn man natürlich andererseits die nackten Zahlen nimmt, so ist es doch ein ziemlicher Verlust.«

 

Sir Wilfred hätte sich gern noch länger über die absolut sichere Grundlage seiner Bank verbreitet, aber Mr. Reeder lenkte die Unterhaltung auf praktische Dinge.

 

»Wann ist die Sache denn herausgekommen?«

 

»Den Verlust des Geldes entdeckte man vor zwei Tagen, als Ernest Graddle nicht zum Dienst erschien«, berichtete Sir Wilfred. »Der Geschäftsführer in Birmingham glaubte, daß der junge Mann krank sei und schickte einen Boten in dessen Wohnung. Dadurch erfuhr er zum erstenmal, daß Mr. Graddle nur sehr selten zu Hause war und häufig auswärts schlief. Am Abend vorher war er nach London abgereist und hatte alle seine Sachen mitgenommen. Gegen acht Uhr abends erschien er bei seinem Hauswirt, bezahlte die Miete und fuhr dann in einem kleinen schwarzen Auto fort, das man noch nie bei ihm gesehen hatte. Als der Geschäftsführer das hörte, wurde er aufmerksam und ließ die Bücher revidieren; dabei kam man dann den ganzen Unterschlagungen auf die Spur. Graddle hatte die Buchungen für das Bankkonto vorzunehmen, von dem er die Summe abgehoben hatte, und schon nach dreistündiger Revision der Bücher zeigte es sich, daß er dreihunderttausend Pfund unterschlagen hatte. Natürlich wurde sofort die Polizei benachrichtigt, die jetzt Graddle steckbrieflich verfolgt. Und Sie habe ich rufen lassen, Mr. Reeder, weil Sie meine größte Hoffnung sind – bitte übernehmen Sie im Auftrag der Bank die Aufklärung dieses Falles.«

 

Der Detektiv lächelte.

 

»Leider wird das nicht gehen«, entgegnete er bedauernd. »Wenigstens nicht in Ihrem Auftrag. Zu Ihrer Beruhigung kann ich Ihnen aber sagen, daß ich von Seiten der Staatsanwaltschaft dazu ermächtigt bin, diesen Fall zu bearbeiten.«

 

Sir Wilfred war erstaunt. Bis jetzt hatte er immer noch geglaubt, daß Mr. Reeder hauptsächlich als Privatdetektiv tätig sei. Er wußte, daß Mr. Reeder früher mit einem englischen Bankkonsortium zusammengearbeitet hatte und daß er sehr erfolgreich gewesen war.

 

Mr. Reeder setzte dem Bankier auseinander, was für Schritte er zunächst unternehmen wollte, und Sir Wilfred erklärte sich ohne Zögern mit allem einverstanden.

 

Der Geschäftsführer, der Kassierer und mehrere Bankangestellte aus Birmingham waren nach London beordert worden, und Mr. Reeder stellte eine Unzahl von Fragen an sie. Der Geschäftsführer war immer noch ganz außer sich, da er fürchtete, daß die Schuld an ihm hängenbleiben würde.

 

»An und für sich weiß ich von der Sache gar nichts«, erklärte er nervös, »aber die Verantwortung muß ich natürlich trotzdem tragen! Graddle galt als einer unserer fähigsten jungen Leute, und kein Mensch hätte ihm so etwas jemals zugetraut. Wie es überhaupt passieren konnte …? Ja, Mr. Reeder, da muß ich schon sagen, daß daran einfach unsere veralteten Geschäftsmethoden schuld sind. Ich habe Sir Wilfred schon ein dutzendmal darauf aufmerksam gemacht, daß keine richtige Kontrolle vorhanden ist. Bei diesen Zuständen war es wirklich kein Wunder, daß ein Angestellter, besonders wenn er noch jemand fand, der mit ihm zusammenarbeitete, die Bank so hereinlegen konnte!«

 

»Hatte Graddle irgendwelche besonderen Eigenschaften?«

 

Der Geschäftsführer überlegte und sagte dann, daß Graddle Mitglied verschiedener Klubs gewesen sei. Übrigens wäre seine hervorstechendste Eigenschaft gewesen, niemals unangenehm aufzufallen – alle hätten das größte Zutrauen zu ihm gehabt.

 

»Hat er vielleicht gewettet?«

 

»Durchaus nicht! Graddle verabscheute jede Art von Glücksspiel und hat sogar zweimal in öffentlichen Versammlungen dagegen gewettert. Auch mit Frauen gab er sich nicht ab, soviel man wußte. Er führte kein ausschweifendes Leben, er trank nicht – wie gesagt, er hatte keinerlei schlimme Angewohnheiten. Nur sehr ehrgeizig war er! Einmal erklärte er mir, daß er, wenn er ein reicher Mann wäre, an der Börse spielen würde wie auf einem Klavier. Seiner Meinung nach konnte man sich leicht ein ungeheures Vermögen erwerben, wenn man nur das nötige Grundkapital besaß.«

 

»Damit hatte er wahrscheinlich gar nicht so unrecht«, murmelte Mr. Reeder.

 

»Besonders für Ölaktien interessierte sich Mr. Graddle, obwohl niemand bekannt wir, daß er auch nur einen Shilling bei Spekulationen riskiert hatte. Aber er besuchte Abendkurse am hiesigen Polytechnikum – wie er öfter sagte, hatte er die Absicht, umzusatteln und Petroleumingenieur zu werden.«

 

Am Wochenende hielt sich Ernest Graddle für gewöhnlich in London auf und verbrauchte bei diesen Besuchen offensichtlich alle seine Ersparnisse. Als man seinen Schreibtisch öffnete, fand man einen ganzen Stoß von Briefen. Fast alle stammten von Leuten, die petroleumfündige Grundstücke anboten. Allem Anschein nach hatte er sich entsprechende Annoncen aus den Zeitungen herausgesucht und regelmäßig um nähere Auskunft gebeten. Vielleicht hatte er nur ein theoretisches Interesse daran und wollte feststellen, wie zahlreich die einzelnen Petroleumvorkommen waren, die auf dem Markt angeboten wurden. Wie gesagt, nicht das geringste sprach dafür, daß er sich an Spekulationen auf diesem Gebiet beteiligt hätte.

 

Nachdem Mr. Reeder das alles erfahren hatte, dehnte er seine Nachforschungen noch weiter aus.

 

Bei einer amerikanischen Bank erfuhr er, daß Mr. Graddle dort die letzten fünfundachtzigtausend Pfund in amerikanische Banknoten umgewechselt hatte. Der ganz Betrag war an den jungen Mann, der sich durch einen Empfehlungsbrief der Zentral-Bank auswies und die entsprechende Summe in englischem Geld bei sich hatte, ohne weiteres ausgezahlt worden.

 

Schon einige Tage vorher hatte die Bank einen schriftlichen Bescheid erhalten, daß ein Kunde eine größere Summe amerikanischen Geldes in bar benötigte, und man hatte sich auf diesen Fall eingerichtet. Die Beschreibung des jungen Mannes paßte natürlich haargenau auf Ernie.

 

Genaugenommen war das alles ein ganz gewöhnlicher Bankdiebstahl, wie er immer wieder vorkommt. Natürlich war die unterschlagene Summe außerordentlich hoch, aber vor allem in einer Beziehung unterschied sich die Angelegenheit von früheren Fällen.

 

Dieser Unterschied allerdings war merkwürdig – Ernie hatte nämlich auf den ersten Blick keinen einzigen Charakterfehler, wie sie sonst bei einem leichtsinnigen Angestellten üblich waren; vor allem wettete und spekulierte er nicht. Mr. Reeder allerdings traute diesen Angaben nicht ganz. Schließlich hatte er doch den Brief an Ena gelesen, in dem Petroleum erwähnt wurde. Und ihm war klar, was das zu bedeuten hatte.

 

In den Zeitungen werden verhältnismäßig viele Petroleumvorkommen zum Kauf angeboten – und leider ist ein Teil dieser Angebote durchaus nicht solide. Es gibt genügend Gauner, die solche Annoncen aufgeben und damit kleine Leute hereinlegen, die möglichst schnell und einfach reich werden wollen. Möglicherweise war es Graddle ähnlich ergangen.

 

Reeder fragte sich nur: Wer war der Betrüger, der ihn übers Ohr gehauen hatte?

 

*

 

Einige Tage später wurde der ganze Inhalt von Ernies Schreibtisch nach London geschickt, und Mr. Reeder prüfte sorgfältig jedes Blatt Papier. Er hatte mehrere Beamte in die Archive einiger großer Zeitungsredaktionen geschickt; sie hatten den Auftrag, alle Annoncen, die von Petroleum handelten, aus den Anzeigenseiten herauszusuchen. Ein Glück, daß das in England und nicht in Amerika geschah, sonst hätte er eine ganze Armee von Angestellten für diese Aufgabe gebraucht.

 

Ernies Interesse für Petroleum war zum erstenmal vor ungefähr einem Jahr aufgefallen. Wahrscheinlich hatte er Bücher über dieses Thema gelesen, die ihn auf den Gedanken brachten, sich näher damit zu beschäftigen. Ein Werk mit dem Titel ›Weltmacht Petroleum‹ wurde in seiner Wohnung gefunden. Er hatte es eifrig durchgearbeitet, was aus den vielen Randbemerkungen auf jeder Seite ersichtlich war.

 

Die Korrespondenz Ernies ergab einen stattlichen Aktenordner, in dem die einzelnen Schreiben dem Datum nach geordnet wurden.

 

Am nächsten Tag sollten alle diese Briefe mit den herausgesuchten Zeitungsanzeigen verglichen werden.

 

Ein Steckbrief von Mr. Graddle war an jede Polizeidienststelle durchgegeben worden. Vor allem hatte man seine Personenbeschreibung auch allen Autoverleihfirmen mitgeteilt.

 

Um acht Uhr abends rief der Chef von Scotland Yard Mr. Reeder an.

 

»Ich glaube, wir haben eine Spur von Graddle gefunden«, sagte er. »Erinnern Sie sich noch an die Nachricht, daß ein ausgebranntes Auto auf der Landstraße in der Nähe von Shrewton gefunden wurde?«

 

Mr. Reeder wäre fast vom Stuhl gefallen, als er das hörte. Seine phantastische Geschichte, die er aus Langeweile erfunden hatte, schien sich also doch zu bewahrheiten!

 

»Ja, ich erinnere mich.«

 

»Das war Graddles Wagen. Dem Besitzer der Reparaturwerkstätte gegenüber, wo er den Wagen gekauft hatte, nannte er sich Stevenson, nach der Personalbeschreibung wurde er aber erkannt, und als ich später einen Beamten mit einer Fotografie Graddles hinschickte, ließ sich jeder Zweifel ausschalten.«

 

Kapitel 6

 

6

 

Reeder wartete bis drei Uhr morgens auf den Bericht des Beamten, den er mit dem Auftrag, genauere Nachforschungen anzustellen, nach Shrewton geschickt hatte.

 

Es stellte sich heraus, daß das Auto in Brand gesteckt worden war. Zwei Benzinkanister wurden in einem nahen Gebüsch gefunden, und die Untersuchung der Sachverständigen ergab, daß der Wagen mit Benzin übergössen und durch eine Sprengpatrone mit Spätzünder in Flammen gesetzt worden war. Vermutlich war der Zeitzünder auf eine halbe Stunde Brenndauer eingestellt gewesen.

 

Das Nummernschild des Wagens war unkenntlich gemacht worden, aber bei genauerer Untersuchung konnte man immerhin noch die Nummer des Motorblocks und des Fahrgestells feststellen.

 

Stevenson – richtiger Graddle – war auch von dem Wirt eines Gasthauses in Andover auf einer Fotografie, die man ihm vorlegte, wiedererkannt worden. Spät am Abend war er dort mit dem Wagen angekommen. Er hatte einen kleinen Koffer bei sich und bestellte ein Abendessen. Dem Wirt fiel der Mann auf, weil er so bleich und aufgeregt war; einer der Kellner wollte sogar bemerkt haben, daß Graddle sich Tränen aus den Augen wischte.

 

Nachdem er gezahlt hatte, sagte er, daß er nach Bornemouth weiterfahren wolle – aber dann klappte etwas mit seinem Wagen nicht. Er konnte ihn nicht in Gang bringen und war darüber völlig außer sich. Ein Automechaniker wurde geholt und stellte fest, daß er nur vergessen hatte, die Zündung einzuschalten.

 

Während er sich im Gasthaus aufhielt, ließ er den Koffer nicht aus den Augen, auch im Auto stellte er ihn direkt neben sich.

 

Zuerst hatte man gar nicht an diesen aufgeregten Mr. Stevenson gedacht, als man den ausgebrannten Wagen fand. Erst später, als die Polizei das Auto abschleppte und die Nummer des Motorblocks bekanntgab, meldete sich der Besitzer der Reparaturwerkstätte.

 

Alles stimmte genau mit der Geschichte überein, die sich Mr. Reeder seinerzeit ausgedacht hatte.

 

Hätte Mr. Graddle die Nerven behalten, so wäre bestimmt nichts von alledem passiert, was sich in jener für ihn verhängnisvollen Nacht zutrug. Man hätte sicher keine Banknoten auf einem Heuschober und in einem Straßengraben gefunden, und auch der Lehrer wäre nicht ums Leben gekommen.

 

Mr. Reeder hatte von Anfang an vermutet, daß Ernie ein Bankangestellter war. Er nahm auch an, daß er bei der Zentral-Bank arbeitete, denn alle Briefe, die er von ihm zu Gesicht bekommen hatte, waren an der unteren rechten Ecke abgeschnitten gewesen. An dieser ungewöhnlichen Stelle befand sich der Firmeneindruck auf dem Geschäftsbogen der Zentral-Bank.

 

Immerhin brauchen Bankangestellte nicht gleich Verbrecher zu sein, weil sie Geld haben und jungen Damen teure Geschenke machen.

 

*

 

Mr. Reeder nahm sich einen schnellen Polizeiwagen und machte allein eine Entdeckungsfahrt nach Buckinghamshire. Zuvor hatte er sämtliche Akten durchgestöbert, aber nichts Besonderes gefunden. Mr. Mannering, der sich auch Hymie Higson nannte, mußte noch einen anderen Namen besitzen.

 

Reeder scheute vor keiner Mühe zurück und besuchte die verschiedensten Leute. Auch diesmal hatte er den. Eindruck, am besten dann vorwärtszukommen, wenn er allein arbeitete. Er war nun einmal nicht sehr mitteilsam und hielt mit seinen Entdeckungen so lange hinter dem Berg, wie es nur eben anging.

 

Viele seiner Kollegen beklagten sich bitter über diese Angewohnheit. Sie glaubten, daß er jedesmal selbst den Ruhm einstecken wolle, taten ihm damit aber sehr unrecht. In Wirklichkeit war dieser Hang zur Schweigsamkeit nichts anderes als ein Zeichen seines eigenbrötlerischen Charakters.

 

Auch von seiner Fahrt nach Buckinghamshire sagte Mr. Reeder niemand etwas. Als er am Abend zurückgekommen war, nahm er schnell in einem Restaurant eine kräftige Mahlzeit zu sich, dann stieg er am Paddington-Bahnhof in einen Zug nach Maidenhead. Dort mietete er einen Wagen und fuhr durch Nacht und Nebel in die Nähe des Hauses von Captain Mannering.

 

Die schmiedeeisernen Parktore waren geschlossen, und die Mauer, die das Grundstück umgab, hatte in der Nähe der Einfahrt eine beträchtliche Höhe. Mr. Reeder ließ sich davon nicht abschrecken. Er ging an der Mauer entlang, und als er einige hundert Meter zurückgelegt hatte, fand er eine Stelle, wo es ihm ein dicht neben der Mauer emporgewachsener Baumstamm ermöglichte, hinüberzuklettern.

 

Gleich darauf schlich er sich geduckt durch das niedere Gebüsch des Parks.

 

Ena Panton mochte zwar – wenigstens Hymie Higsons Meinung nach – nicht übermäßig intelligent sein. Immerhin konnte sie aber beobachten und hatte bald herausgefunden, daß der Raum, in dem sie gefangengehalten wurde, sorgsam für ihren Aufenthalt vorbereitet worden war.

 

Die Leute, die sie hier festhielten, mußten ihre Entführung schon seit Wochen geplant haben. Das war aus verschiedenen Umständen klar ersichtlich: Die Fenster waren durch Läden verschlossen, die man von außen an die Rahmen angeschraubt hatte; von innen ließen sie sich nicht öffnen. Zur Lüftung des Raumes diente ein Ventilatorschacht, der so hoch oben an der Wand angebracht war, daß sie nicht hinaufreichen konnte. Verschiedene Bücher sollten offenbar dazu dienen, einem Gefangenen die Zeit zu vertreiben. Merkwürdigerweise handelte es sich aber um Lektüre, aus der sich eine Frau bestimmt nichts machte – es waren wissenschaftliche Werke, die sich meist mit Fragen der Petroleumgewinnung befaßten.

 

Schon einen Tag nach ihrer Ankunft erhielt Ena dann Lesestoff, mit dem sie mehr anfangen konnte: illustrierte Zeitschriften, Unterhaltungsromane, Modejournale und Magazine.

 

Sie sprach mit Hymie, mit dem sie verhältnismäßig gut auskam, über ihre Beobachtungen.

 

»Stimmt es, daß Sie schon lange vorhaben, hier jemand gefangenzuhalten?« erkundigte sie sich geradeheraus.

 

»Wie kommen Sie denn darauf?«

 

»Nun, die Maßnahmen, die Sie getroffen haben, sprechen für sich«, entgegnete sie lächelnd.

 

»Erstaunlich, was Sie, für Schlüsse ziehen können! Aber Sie haben recht – seit einem Monat schon warte ich auf das Vergnügen, Sie hier begrüßen zu dürfen.«

 

Energisch schüttelte sie den Kopf.

 

»Das stimmt ja gar nicht. Sie haben jemand ganz anderen hier erwartet – nicht mich, sondern Ernie!«

 

Er starrte sie an.

 

»Was bringt Sie auf diese Idee?«

 

»Das weiß ich nicht. Ich habe nur so ein Gefühl … Wo ist denn Ernie?«

 

»Er ist ins Ausland gefahren.«

 

»Und warum?«

 

»Ich habe Ihnen doch schon oft genug gesagt, daß Sie keine Fragen stellen sollen!«

 

Er ging zum andern Ende des Zimmers, zog einen Vorhang beiseite, der eine schwere eichene Schiebetür verdeckte, schloß auf und schob sie zurück.

 

»Kommen Sie mit, Sie müssen jetzt einen Spaziergang machen. Ziehen Sie aber Ihren Mantel an, es ist kalt draußen.«

 

Sie folgte seiner Aufforderung, und zusammen gingen sie hinaus. Von einem kleinen, kahlen Vorraum aus führte eine Treppe direkt in den Park. Es war bereits dunkel.

 

Dies war schon die zweite Aufforderung zu einem nächtlichen Spaziergang. Beim erstenmal hatte sie sich geweigert, mitzugehen, und er hatte achselzuckend auch nicht darauf bestanden.

 

»Wenn Sie nicht krank werden wollen, müssen Sie sich etwas Bewegung machen«, hatte er nur gesagt. »Aber wie Sie meinen – bleiben Sie ruhig in Ihrem Zimmer sitzen.«

 

Sie sah schließlich ein, daß er recht hatte, und als er sie an diesem Abend wieder zum Spazierengehen aufforderte, begleitete sie ihn widerspruchslos.

 

Viel sehen konnte sie draußen nicht – nur Bäume und in größerer Entfernung einen roten Schein am Himmel. Sie fragte ihn, was dort für eine Stadt läge, aber er gab ihr keine Antwort.

 

»Ist das nicht London?« begann sie wieder.

 

»Schon möglich«, brummte er unwillig.

 

Sie verbrachte nun bereits den vierten Abend als Gefangene, aber ihre Laune war merklich besser geworden, seit sie sich nicht mehr so fürchtete.

 

Auf ihre stete Frage, was er mit ihr anfangen wolle, hätte er ihr am liebsten eine klare Antwort gegeben, denn ihre Anwesenheit behinderte ihn allmählich.

 

Sie machten einen längeren Spaziergang und kehrten dann ins Haus zurück.

 

Als sie am Fuß der Treppe angekommen waren, die nach oben führte, legte er plötzlich den Arm um Ena und versuchte, sie zu küssen.

 

Ena war außer sich und schlug wütend nach ihm. Daraufhin ließ er sie sofort los und stieg schweigend die Treppe hinter ihr hinauf. Er schob sie in ihr Zimmer und schloß die Tür ab. Als er etwas später das Abendessen brachte, zog sie sich in die äußerste Ecke des Raumes zurück und ließ ihn nicht aus den Augen.

 

»Sie brauchen keine Angst zu haben«, knurrte er. »Ich habe mich schlecht benommen, weiß schon – aber es soll nicht wieder vorkommen.«

 

Wenn sie sich nur den Schlüssel zu ihrer Tür hätte beschaffen können! Sie wußte, daß er ihn stets in einer Seitentasche seines Jacketts trug, und versuchte nun, aus der Tasche eines Kleidungsstücks, das sie über eine Stuhllehne hängte, möglichst unauffällig kleine Gegenstände herauszuziehen. Er gab ihr aber vorerst keine Gelegenheit, ihre neuerworbene Fingerfertigkeit auszuprobieren, sondern hielt sich von ihr fern.

 

An diesem Abend war sie ängstlich und stellte Stühle vor beide Türen, bevor sie sich ins Bett legte.

 

Es war neun Uhr. Zwei Stunden später wachte sie plötzlich auf, weil sie ein Geräusch gehört hatte. Ein Schlüssel bewegte sich leise in dem Schloß der Tür, die zur Treppe führte.

 

Im nächsten Augenblick sprang sie aus dem. Bett, drehte das Licht an und schlüpfte in ihren Morgenrock. Sie war bleich und ihre Knie zitterten, als sie zur hinteren Tür schlich, von der das Geräusch gekommen war.

 

Es blieb eine Weile still, dann hörte sie wieder etwas rascheln.

 

»Machen Sie, daß Sie fortkommen!« schrie sie laut. »Wenn Sie es wagen, hier hereinzukommen, bringe ich Sie um – ich habe ein Messer!«

 

Das Geräusch verstummte, und sie lauschte angestrengt. Als sie das Ohr an die Tür legte, glaubte sie, leise Schritte zu hören.

 

Aber dann drehte sie sich plötzlich zur anderen Tür um. Sie ging auf, und Hymie im Morgenrock trat ein. Er machte ein düsteres Gesicht.

 

»Was soll denn der Krach mitten in der Nacht? Wollen Sie etwa einen Fluchtversuch unternehmen? Legen Sie sich sofort wieder ins Bett!«

 

»Haben Sie denn nicht eben versucht, die Tür zur Treppe aufzumachen?«

 

»Was, diese Tür?«

 

Rasch ging er durch das Zimmer, nahm den Schlüssel aus der Tasche und schloß auf.

 

Aber draußen stand niemand.

 

Er leuchtete die Treppe ab, und auch dort konnte er keinen Menschen entdecken.

 

»Wollten Sie mich hinters Licht führen – oder was soll das Theater?« fragte er barsch.

 

Aber dann sah er etwas und bückte sich schnell. Vorsichtig fuhr er mit den Fingerspitzen über den Fußboden – er fühlte eine feuchte Spur, hier mußte vor kurzem jemand gestanden haben.

 

Er schloß die Tür wieder ab, lief aus dem Zimmer und blieb einige Minuten fort. Als er zurückkam, hatte er einen Mantel übergeworfen und trug eine starke Taschenlampe in der Hand. Sorgfältig untersuchte er den Treppenabsatz und probierte dann die Tür, die ins Freie führte. Sie war nicht verschlossen, obwohl er genau wußte, daß er zugesperrt hatte. Draußen regnete es, und der Boden war naß.

 

Hymie stieg die Treppe wieder hinauf, durchquerte Enas Zimmer und rannte die Stufen zu der großen Halle hinunter. Dort saß, bequem in einen Sessel geflegelt, ein Mann und las die Zeitung. Es war derselbe, der den Riegel von Enas Tür entfernt hatte.

 

»Los, wecken Sie die andern!« befahl Hymie. »Rufen Sie auch Janny.«

 

»Was ist denn passiert?« fragte der Mann und ließ die Zeitung fallen.

 

»Jemand hat versucht, über die hintere Treppe ins Haus einzudringen.«

 

Der Mann grinste ironisch.

 

»Sollten das etwa Einbrecher gewesen sein?« meinte er spöttisch.

 

Hymie wurde wütend.

 

»Tun Sie, was ich Ihnen gesagt habe!« fuhr er ihn an.

 

Natürlich war sich Hymie ziemlich im klaren darüber, wer der nächtliche Besucher gewesen war.

 

Unangenehm, sicher – aber deshalb beunruhigte er sich trotzdem nicht zu sehr. Eigentlich hatte er keinen Augenblick daran gezweifelt, daß Mr. Reeder seinen Aufenthaltsort kannte und auch genau wußte, wer sich unter dem Namen eines Captain Mannering verbarg – bestimmt ahnte der Detektiv aber nicht, daß sich Ena Panton hier befand. Und vor allem lag Hymies größtes Geheimnis so gut verborgen, daß er eine Entdeckung nicht zu befürchten brauchte.

 

Hymie war nicht etwa ein gewöhnlicher kleiner Gauner. Er verfügte über ein eigenes, gut funktionierendes Nachrichtensystem und hatte selbst bei der Polizei und im Innenministerium seine Leute sitzen. Kein Haftbefehl konnte ausgestellt werden, ohne daß er es nicht vorher erfuhr – darauf verließ er sich. Sobald er eine entsprechende Nachricht bekäme, wollte er sich aus dem Staub machen. Erst am selben Abend hatte er ein Telefongespräch mit seinem Vertrauensmann geführt, doch dieser hatte ihm versichert, daß Scotland Yard vorerst nichts gegen ihn unternehmen würde.

 

Leider waren Mr. Reeders Methoden und seine Denkweise ganz anders als die der Leute vom Yard. Hymie wußte das nur zu gut. Dieser Detektiv nahm sich Dinge heraus, die sich andere Beamte nicht erlaubt hätten; unter anderem erschienen ihm Haftbefehle manchmal vollkommen überflüssig.

 

Wer anders als Mr. Reeder hätte es gewagt, bei Nacht und Nebel ein fremdes Grundstück zu betreten und in ein Haus einzubrechen!

 

*

 

Als Hymie seine Leute zusammengetrommelt hatte, setzte er ihnen seinen Plan auseinander.

 

»Ich bringe Ena Panton noch heute abend nach Frankreich. Das hätte ich gleich tun sollen. Sie wird dort gut aufgehoben sein. Morgen abend bin ich wieder zurück. Ich brauche einen Wagen aus der Garage, und dann muß zum Flugzeugschuppen telefoniert werden.«

 

Hymie hatte während des Krieges bei der Luftwaffe gedient und besaß eine zweisitzige Sportmaschine, die ihm schon mehrmals gute Dienste geleistet hatte. Sie stand in einem Schuppen auf einem Feld hinter Wycombe. Der Pilotenschein war aber weder auf den Namen Higson noch auf Mannering ausgestellt, wie Mr. Reeder ganz richtig vermutete.

 

»Ich gehe jede Wette ein, daß der Kerl danach gesucht hat«, sagte einer der Leute.

 

Hymie wandte sich ärgerlich nach ihm um.

 

»Wen meinen Sie – doch nicht etwa Reeder?«

 

»Umsonst hat der sich hier nicht herumgetrieben. Sie haben uns doch erzählt, daß er Sie neulich im Klub gefragt hätte, warum Sie fünfzigtausend Dollar in der Gegend herumliegen lassen.«

 

»Ach, das war nur so eine Vermutung von ihm«, erwiderte Hymie schnell.

 

Aber der Mann schüttelte den Kopf. Es war der Gärtner, der das kleine Haus bewohnte und Mr. Reeder sehr gut kannte.

 

»Er kam doch her und brachte die verdammten Hühner. Ich saß gerade draußen, als er mit seinem Wagen vorbeifuhr, und natürlich hat er mich gleich erkannt, obwohl ich überhaupt keine Notiz von ihm nahm.

 

Vor vier Jahren hat er mich geschnappt, als ich Falschgeld losbringen wollte, und der Kerl hat ein Gedächtnis wie kein anderer. Er weiß einfach alles. Bestimmt brachte er auch irgendwie in Erfahrung, daß Sie fliegen können, und hat sich dann nach der Maschine umgesehen. Und wenn er heute abend hier in der Gegend ist, hält er bestimmt nach diesem Mädel Ausschau. Ich glaube, es ist besser, wenn wir alle verschwinden.«

 

Hymie überlegte, und der Vorschlag erschien ihm ganz vernünftig. Es war sehr dumm von ihm gewesen, daß er diese Entführung inszeniert hatte. Die Sache war von Anfang an viel zu gefährlich gewesen.

 

»Gut, holen Sie alle Wagen heraus. Ich gehe inzwischen nach oben und sage es ihr.«

 

Er eilte die Treppe hinauf und den Gang entlang. Oben schloß er die Tür auf – das Zimmer lag im Dunkeln.

 

»Stehen Sie auf und ziehen Sie sich an«, befahl er. »Wir müssen eine kleine Fahrt machen.«

 

Als er keine Antwort erhielt, tastete er nach dem Lichtschalter.

 

»Rühren Sie sich nicht«, sagte Mr. Reeder, als es hell wurde.

 

Er saß am Tisch, hatte den Hut in den Nacken geschoben und richtete einen Revolver auf Hymie Higson.