Kapitel 1

 

1

 

Bei den Leuten im Dorf war Mr. Mannering allgemein als ›Der Captain‹ bekannt. Er lebte in Woodern Green, das im äußersten südlichen Winkel von Buckingham liegt, und wahrscheinlich nannten ihn die Leute so wegen seines soldatischen Aussehens und seines schroffen Wesens.

 

Er wohnte in Hexleigh Manor, einem kleinen Haus, das in einem großen Park stand, und man erzählte sich, daß er nicht allzuviel Geld besäße. Das Gebäude befand sich in schlechtem Zustand, als er es übernahm, und er zahlte auch nur einen lächerlich kleinen Betrag als Miete. Interessenten, die vor ihm in das Haus hatten einziehen wollen, verlangten meist die Vornahme umfangreicher Reparaturen, und so war früher nie ein Mietvertrag zustande gekommen.

 

Der Captain hatte nicht darauf bestanden, sondern die notwendigsten Arbeiten selbst ausführen lassen. Er vergab jedoch keinen Auftrag an ortsansässige Handwerker.

 

Er beschäftigte drei Angestellte; zwei davon wohnten im Haus selbst, der dritte in einem kleinen Portierhaus, das ebenfalls auf dem Grundstück stand. Die drei hatten harte Gesichter und ließen sich nie im Dorf sehen. Man hielt sie alle für alte Soldaten, die während des Krieges unter dem Captain gedient hatten.

 

Lebensmittel wurden regelmäßig von den Dorfbewohnern im Portierhaus abgeliefert; es wurde niemand gestattet, zum Hauptgebäude zu kommen. Die Rechnungen ließ der Captain am Ende jeder Woche pünktlich durch Schecks auf eine Londoner Bank bezahlen.

 

Captain Mannering erhielt keine Post mit Ausnahme von Drucksachen und Rundschreiben. Er hatte offenbar weder Freunde noch nähere Bekannte.

 

Nachdem er ein Jahr lang still und zurückgezogen gelebt hatte, trat plötzlich eine Veränderung ein. Lastwagen mit teuren Möbeln kamen von London. Der wortkarge Mann am Eingang des Parks stellte drei Gärtner an, und ein Malermeister erhielt den Auftrag, das Haupthaus auszubessern und das Innere zu renovieren.

 

Mr. Reeder, der als Detektiv bei der Staatsanwaltschaft tätig war, wurde mit Hexleigh Manor auf eine ganz besondere Art bekannt. Alle Welt wußte, daß sein Hobby die Hühnerzucht war; er besaß eine Farm in Kent, wo er seltene und schöne Rassen zog. Auch Captain Mannering legte um diese Zeit einen Hühnerhof an, und der Mann, den er damit beauftragte, wandte sich an Mr. Reeder, der ihn als Sachverständiger beraten sollte.

 

Captain Mannering war nicht zu Hause, als Mr. Reeder hinkam. Fast jeden Tag fuhr der Captain in seinem Wagen zur Hauptstadt. Mr. Reeder konnte also nur mit dem Mann sprechen, der die Hühnerfarm errichten sollte.

 

Nachdem die Angelegenheit zur Zufriedenheit beider abgeschlossen worden war, kletterte Mr. Reeder wieder in seinen Wagen und fuhr nach Hause. Der Weg hatte sich für ihn kaum gelohnt, aber daraus machte er sich nichts. Viel wichtiger war es für ihn, daß er einige seiner selbstgezogenen Tiere untergebracht hatte.

 

Er kam auch an dem Portierhaus in der Nähe des Parktors vorbei. Vor der Tür saß der Angestellte, der dort wohnte, und rauchte seine Pfeife. Er schaute nicht auf, aber Mr. Reeder erkannte ihn sofort.

 

»Da hört sich doch verschiedenes auf«, murmelte der Detektiv erstaunt, denn er kannte den Mann von früher her ganz genau.

 

Mr. Reeders Erinnerungsvermögen war berühmt. Damit und mit seiner unaufhörlichen Neugier fiel er manchen Leuten auf die Nerven.

 

In Scotland Yard erzählte man sich ein wenig neidisch, daß er außerordentlich viel Glück hätte. Man wußte von einer ganzen Anzahl von Fällen, bei denen ihm – wenigstens auf den ersten Blick hin – ein günstiger Zufall die Lösung erleichtert hatte.

 

Mr. Reeder war allerdings gegenteiliger Ansicht; er schrieb seine Erfolge nur seiner eigenen Tüchtigkeit zu.

 

*

 

Bei Gelegenheit, als er gerade einmal nicht soviel zu tun hatte, fuhr er wieder nach Wooden Green und stellte dort einige Nachforschungen an. Nicht, weil er glaubte, daß er davon im Moment irgendeinen Vorteil haben könnte – er wollte ganz einfach seine Neugierde befriedigen.

 

Es war bei ihm geradezu zur Gewohnheit geworden, Erkundigungen einzuziehen und scheinbar ganz unwichtige Nachrichten zusammenzutragen. Tatsachen sammelte er, wie etwa ein Mechaniker oder Bastler Schrauben und Ersatzteile sammelt – nicht, weil er sie im Augenblick benötigt, sondern weil er sie vielleicht irgendwann einmal brauchen kann.

 

Sein Vorgesetzter, dem er von seiner Entdeckung berichtet hatte, fragte ihn, was er erreicht hätte, und Mr. Reeder seufzte.

 

»Ich sehe eben überall nur das Schlechte, selbst bei ganz harmlosen Dingen. Wahrscheinlich kommt das daher, daß ich selbst einen schlechten Charakter habe – mit anderen Worten, den Charakter eines Verbrechers! Wenn ich mutig genug wäre – was Gott sei Dank nicht der Fall ist –, käme ich sicher selbst, auf die schiefe Ebene und geriete mit dem Gesetz in Konflikt.«

 

Der Vorgesetzte grinste verständnisvoll.

 

»Schon gut, Mr. Reeder – ich weiß Bescheid! Damit Sie auf andere Gedanken kommen, möchte ich Sie bitten, morgen Sir Wilfred Hainhall aufzusuchen. Hoffentlich sagt Ihnen Ihr Verbrecherinstinkt, wie Sie ihm am besten helfen können.«

 

Auf diese Weise lernte Mr. Reeder einen einflußreichen Bankkaufmann kennen, der in siebzehn Bankkonsortien zum Aufsichtsrat gehörte und im Präsidium von acht anderen Geldinstituten den Vorsitz führte. Sir Wilfred war über alles genauestens informiert, was sich im Geschäftsleben ereignete. Die Bilanzen einer ganzen Reihe von Firmen kannte er auswendig, und über die Situation des Welthandels war er so gut unterrichtet wie der Wirtschaftsminister selbst. Trotz allen geschäftlichen Spürsinns besaß er aber leider eines nicht – Menschenkenntnis.

 

Mr. Reeder suchte ihn im Auftrag der Staatsanwaltschaft auf, weil einer seiner Angestellten eine Unterschlagung begangen hatte. Im Anschluß an seine Ermittlungen erklärte Mr. Reeder, daß die Geschäftsmethoden ziemlich veraltet seien.

 

»Wenn ich mir die Bemerkung gestatten darf, dann läßt ihr Kontrollsystem – hm – viel zu wünschen übrig.«

 

»Aber das stimmt doch gar nicht«, entgegnete Sir Wilfred entrüstet. »Wollen Sie mir etwa erzählen, wie man ein Geschäft führen muß? Ich glaube nicht, daß Sie der Staatsanwalt zu mir geschickt hat, damit Sie mir einen Vortrag über Buchführung halten!«

 

Er sagte noch mehr, aber Mr. Reeder konnte nicht viel erwidern, da ihn Sir Wilfred Hainhall kaum zu Wort kommen ließ. Die Unterredung fand ein ziemlich plötzliches Ende, da sich der Detektiv schließlich einfach umdrehte und das Haus verließ.

 

Am späten Nachmittag schlenderte Mr. Reeder durch Whitehall. Unterwegs sah er einen Mann, mit dem er sich gern etwas unterhalten hätte, der aber eilig weiterging. Es blieb Mr. Reeder nichts anderes übrig, als hinter dem Betreffenden herzulaufen und ihn am Ärmel zu zupfen.

 

»Was tun Sie denn in der Stadt, Mr. Higson?«

 

Der gutaussehende Mann, der etwa vierzig Jahre alt sein mochte, schaute Mr. Reeder wenig liebenswürdig an, zwang sich dann aber doch zu einem Lächeln.

 

»Hallo, Reeder …«

 

»Mr. Reeder, wenn ich bitten darf. Nun, was führen Sie im Schild? Versuchen Sie wieder, Falschgeld unter die Leute zu bringen – oder handelt es sich diesmal nur um einfachen Diebstahl?«

 

Higson war gut gekleidet, denn es gehörte nun einmal zu seinem Beruf, elegant und vornehm aufzutreten. Er nahm aus seinem goldenen Etui eine Zigarette und steckte sie an.

 

»Ich werde es Ihnen sagen«, erwiderte er dann. Seine Stimme klang weder respektvoll noch unterwürfig. »Als Sie mich seinerzeit durch Ihre verdammten Aussagen ins Gefängnis brachten, hatte ich ein schönes Stück Geld beiseite gelegt. Da bricht Ihnen wohl das Herz, wenn Sie das hören, Sie alter Spürhund, wie? Es waren fünfzehntausend Pfund! Inzwischen habe ich meine Strafe abgesessen, und an das Geld können Sie nicht heran. Ich lasse mir jetzt nichts mehr zuschulden kommen – das kann ich mir leisten. Wenn ich nicht so gut gestellt wäre, würde ich ohne weiteres wieder falsche Fünfpfundnoten vertreiben und bestimmt auch ganz anständig von dem Verdienst leben. Nur würde ich mich diesmal nicht mehr von Ihnen erwischen lassen, Sie gerissener Fuchs!«

 

Mr. Reeder klopfte ihm mit dem Griff seines Schirms so unsanft auf die Schultern, daß Hymie Higson einen Schmerzenslaut ausstieß.

 

»Werden Sie nicht unverschämt«, sagte Mr. Reeder freundlich, »sonst lernen Sie mich noch von einer anderen Seite kennen.«

 

Hymie erinnerte sich plötzlich daran, daß Mr. Reeder recht grob zupacken konnte. Er sah den Detektiv scheu von der Seite an und rieb sich die schmerzende Stelle; dann drehte er sich um und machte, daß er fortkam.

 

»Sehr seltsam«, murmelte Mr. Reeder nachdenklich vor sich hin.

 

Aber diese Begegnung war noch lange nicht so sonderbar, wie die Geschichte mit seinem Dienstmädchen.

 

Lizzie Panton sah unscheinbar aus und fiel auch sonst so wenig auf, daß niemand sich weder für sie noch für ihre Verwandten besonders interessierte. Sie war hager, hatte ein längliches, schmales Gesicht, blasse Hautfarbe und dünne Beine wie Besenstiele.

 

Das Arbeitszimmer Mr. Reeders staubte sie immer sehr sorgfältig ab, zerbrach nichts Wertvolles und machte vor allem niemals den Versuch seinen Schreibtisch aufzuräumen. Ihre Arbeit verrichtete sie so unauffällig wie nur möglich. In ihren Augen war er ›ein älterer Herr‹, und wenn sie sich über etwas wunderte, dann hauptsächlich darüber, daß er einen so altmodischen steifen Filzhut trug. Als ihr Reeders Haushälterin eines Tages erzählte, daß er ein bekannter Detektiv sei, war sie höchst erstaunt.

 

»Was, der?« fragte sie ungläubig.

 

»Sie wollen wohl sagen – Mr. Reeder!« verbesserte die Haushälterin.

 

»Der soll bei der Polizei sein?«

 

»Nicht gerade bei der Polizei, obwohl er viel in Scotland Yard zu tun hat. Er ist Regierungsbeamter und mit besonderen Ermittlungsaufgaben betraut.«

 

»Um Himmels willen!«

 

Das Dienstmädchen hieß eigentlich Elizabeth, aber da das ein so langer Name war, rief man sie einfach Lizzie. Nachdem sie den Beruf ihres Brotgebers erfahren hatte, dachte sie öfters über Mr. Reeder nach. Wenn sie ihm begegnete, sah sie ihn scheu von der Seite her an; manchmal beobachtete sie ihn auch vom Fenster aus, wenn er abends vom Büro heimkam. Aufregend sah er allerdings nicht aus mit seinem zusammengerollten Regenschirm und dem Klemmer, den er meistens an einer Schnur um den Finger wirbelte.

 

Lizzie hatte Sorgen. Sie zerbrach sich schon seit einiger Zeit den Kopf über den Bräutigam ihrer Schwester, die sehr hübsch war. Sie hatte eine so herausfordernde Figur und so schöne Beine, daß kein Mann an ihr vorübergehen konnte, ohne sich umzudrehen. Wer die beiden nebeneinander sah, hätte es nicht geglaubt, daß Ena und Lizzie Panton Schwestern waren.

 

Früher hatte Ena eine Stellung als Stenotypistin gehabt und fünfzig Shilling in der Woche verdient. Dafür hatte sie unzählige Briefe auf der Maschine getippt, Briefe, die für gewöhnlich begannen: »In Erwiderung Ihres werten Schreibens vom …« Jetzt aber brauchte sie nicht mehr zu arbeiten, lebte zu Hause und hatte sich ihr Zimmer gemütlich möbliert. Seit einiger Zeit war sie sogar zu fein dazu, im Bus zu fahren – sie benützte nur noch Taxis, und verschiedentlich hatte sie ihr Bräutigam in einem supereleganten Wagen nach Hause gebracht. Außerdem trug sie zwei wertvolle Brillantringe und hatte drei schicke Abendkleider. Wie sie beteuerte, führte sie aber trotzdem ein ordentliches Leben. Sie war mit Ernie Molyneux verlobt, einem reichen jungen Mann, der nicht in London wohnte, sondern auf dem Lande. Nur übers Wochenende besuchte er sie in der Stadt oder fuhr mit ihr nach Brighton.

 

Die Verbindung war auf ganz normale Weise zustande gekommen. Mr. Molyneux war ein etwas bleicher junger Mann von etwa sechsundzwanzig Jahren, wie es viele gab. Sein Kinn zeugte nicht gerade von Willenskraft, aber sonst sah er sehr gut aus. In Ena hatte er sich bis über beide Ohren verliebt, als er sie einmal zufällig im Kino kennenlernte. Er hatte sie dann nach Hause begleitet und später bei ihren Eltern Besuch gemacht, wie es der Anstand erforderte. Sie hatte ihn ins gute Zimmer geführt und dort über das Wetter und die Politik geplaudert, wie es so üblich war. Er hatte freundlich und liebenswürdig Konversation gemacht und gab auch brav Antwort, als Enas Mutter einige der geschickten Fragen stellte, wie sie Mütter zu stellen pflegten, wenn es sich um die Zukunft ihrer Töchter handelt. Dabei hatte er zugegeben, daß er nicht mehr viel in die Kirche ginge, früher aber sehr eifrig im Kirchenchor mitgesungen habe. Das machte einen guten Eindruck, und man nahm ihn in die Familie auf. Einige Zeit darauf starb sein Onkel in Australien und hinterließ ihm ein großes Vermögen. Erst von da ab war Ena zu vornehm, den Bus zu benutzen, und trug glänzende Brillantringe.

 

Deswegen hätte sich Lizzie Panton aber natürlich noch keine Sorgen gemacht. Sie wurde erst nachdenklich, als sie eines Abends ein vornehmer Herr besuchte. Er kam offensichtlich von einer Gesellschaft, denn er trug einen Smoking. Sein schwarzer Schnurrbart und eine dunkle Brille gaben ihm ganz das Aussehen eines Gentlemans. Es war an einem Samstagabend gegen elf Uhr, als er bei den Pantons in der Friendly Street auftauchte. Die Familie war schon zu Bett gegangen, mit Ausnahme von Lizzie, die sich noch ein paar Strümpfe auswusch. Da sie tagsüber im Haushalt von Mr. Reeder mithalf, fand sie nur wenig Zeit, sich um ihre eigenen Sachen zu kümmern.

 

Sie öffnete die Haustür, als es klingelte.

 

»Bitte entschuldigen Sie vielmals, daß ich so spät noch störe«, begann der Fremde, der vor der Tür stand, mit tiefer Stimme. »Ich möchte Sie fragen, ob hier Familie Panton wohnt?«

 

»Ja«, entgegnete sie erstaunt.

 

»Habe ich vielleicht das Vergnügen, mit Miss Ena zu sprechen?«

 

Er trat einen Schritt näher, als Lizzie unwillkürlich einladend die Tür öffnete, und sah sie prüfend an.

 

»Nein – ich bin Lizzie, Enas Schwester.«

 

»Ach so!«

 

Eine Pause.

 

»Sie sind – Sie sind doch das junge Mädchen, das eine Stellung hat?«

 

Lizzie war die Frage unangenehm, sie fühlte sich in ihrem Stolz verletzt.

 

»Ich helfe bei Mr. Reeder im Haushalt aus«, erwiderte sie schnippisch.

 

Wieder entstand eine längere Pause. Ihre Antwort schien ihn nachdenklich gemacht zu haben.

 

»Sie haben eine Stellung bei Mr. Reeder? Bei welchem Mr. Reeder, wenn ich fragen darf?«

 

»Er wohnt in der Brockley Road. Aber was interessiert Sie das eigentlich alles?«

 

Sie sah, daß er die Stirn runzelte.

 

»Ach – nur so! Ist Miss Ena zu Hause?«

 

»Sie ist eben zu Bett gegangen. Kommen Sie vielleicht von Ernie? Ist ihm etwas zugestoßen?«

 

Er zögerte.

 

»Nein, zugestoßen ist ihm nichts. Aber ich bin ein Bekannter von Ernie und wollte Miss Ena etwas sagen: Ernie und Ena haben heute abend den Text einer Zeitungsannonce aufgesetzt – ich wollte darauf aufmerksam machen, daß diese Annonce unter keinen Umständen erscheinen darf.«

 

Ena war an diesem Abend verhältnismäßig früh nach Hause gekommen, und man hatte die Sache mit der Zeitungsanzeige auch in der Familie ausgiebig besprochen. Ursprünglich war es Lizzies Gedanke gewesen, die Verlobung der beiden auf diese Weise bekanntzugeben. »Dadurch werden sie fester aneinander gebunden«, hatte sie mit weiblicher Schläue zu ihrer Mutter gesagt.

 

Schließlich einigte man sich auf folgenden Wortlaut:

 

›Mr. Ernest Jake Molyneux aus Overdeen, Birmingham, hat sich mit Miss Ena Panton in Brockley verlobt. Die Hochzeit wird in Kürze stattfinden.‹

 

Die Wohnung der Pantons in der Friendly Street lag in Deptford, aber Ena hielt Brockley für vornehmer.

 

»Haben Sie die Anzeige schon aufgegeben?«

 

»Nein, noch nicht«, erwiderte Lizzie, die immer weniger wußte, was sie von dem seltsamen Gast halten sollte. Aber warten Sie doch bitte einen Augenblick, ich werde Ena rufen. Wollen Sie nicht hereinkommen?«

 

Er dankte ihr höflich und blieb im Flur stehen.

 

Kurz darauf kam Ena, die sich schnell einen Morgenrock übergeworfen hatte, herunter. Sie war ein wenig verstört und verärgert, denn schon Ernie hatte wegen der Verlobungsanzeige alle möglichen Ausflüchte gemacht.

 

»Wer sind Sie denn eigentlich?« erkundigte sie sich nicht gerade sehr freundlich.

 

»Ich bin Ernies Vormund«, erklärte der Fremde.

 

Lizzie sah deutlich, daß er seiner Ungeduld nur mühsam Herr wurde.

 

»Meiner Meinung nach ist die Ankündigung Ihrer Verlobung in der Zeitung durchaus nicht notwendig«, fuhr er mit gepreßter Stimme fort. »Wahrscheinlich wissen Sie nicht, daß dadurch Ernies gutes Verhältnis zu einem seiner Onkel getrübt werden könnte. Der alte Herr, der sehr reich ist und Ernie zum Erben eingesetzt hat, wünscht nämlich nicht, daß sich sein Neffe schon verheiratet.«

 

Das machte Eindruck auf Ena. Ihr Bräutigam hatte zwar noch nie etwas von diesem Verwandten erwähnt, aber ein Onkel, von dem man etwas erben kann, ist schließlich immer eine große Annehmlichkeit.

 

»Nun ja, wenn es sich so verhält, dann zerreiße ich die Annonce eben«, entgegnete sie zögernd. »Eigentlich wollte ich sie morgen früh gleich an die Zeitung schicken, aber wenn Sie wirklich glauben, daß ich es besser nicht tun soll …«

 

»Würden Sie so liebenswürdig sein und mir das Blatt geben, auf das Ernest den Text geschrieben hat?«

 

Sie hatte es in ihrem Zimmer, stieg die Treppe hinauf und brachte es herunter.

 

Der Fremde bedankte sich höflich, entschuldigte sich nochmals und ging dann.

 

Lizzie sah ihm durch das Fester nach, wie er auf der Straße in ein Taxi stieg, das dort offensichtlich auf ihn gewartet hatte.

 

»Merkwürdig«, sagte sie kopfschüttelnd.

 

»Da hast du recht«, stimmte ihre Schwester zu. »Au!«

 

Sie stieß einen Schrei aus und sprang zur Seite.

 

»Was hast du denn?«

 

»Ich glaube, ich bin gerade auf eine Maus oder so etwas Ähnliches getreten!« rief Ena bestürzt. Sie hatte keine Pantoffeln an.

 

»Rede doch keinen Unsinn! Haben wir jemals Mäuse im Haus gehabt? Warte, ich werde nachsehen.«

 

Lizzie suchte neugierig den Boden ab und entdeckte, daß neben der Tür tatsächlich etwas Dunkles, Weiches lag. Sie bückte sich und hob es mit spitzen Fingern auf.

 

»Um Himmels willen, schau mal her – ein schwarzer Schnurrbart! Den hat dieser Mensch getragen! Es kam mir gleich so vor, als ob er etwas verloren hätte, als er sich beim Abschied verbeugte.«

 

Die beiden jungen Mädchen schauten sich erstaunt an und wußten nicht, was sie davon halten sollten.

 

»Äußerst merkwürdig«, meinte Lizzie gähnend und schüttelte den Kopf.

 

Ena ließ sich nicht so schnell beruhigen. Sie setzte sich sofort hin und schrieb einen Brief an ihren Bräutigam, in dem sie ihn dringend um Aufklärung bat.

 

Sie hatte ihm schon häufig geschrieben, aber fast niemals eine Antwort darauf erhalten; er hatte ihr einmal lachend erklärt, daß er kein großer Briefschreiber sei und sich lieber persönlich mit ihr unterhielte. Sie konnte sich nur an eine Ausnahme erinnern, als er ihr unter der Woche eine Nachricht aus Birmingham schickte. Ihre eigenen Briefe richtete sie immer an eine Adresse in der Nähe von Haymarket in London. Sie hatte ihn dort, in seiner Stadtwohnung, noch nie besucht, gelegentlich eines Spazierganges aber festgestellt, daß es sich um ein großes Mietshaus mit vielen Einzelwohnungen handelte.

 

Nach diesem sonderbaren Ereignis erhielt Ena noch in der gleichen Woche einen Brief von Ernie, in dem er ihr mitteilte, es wäre alles ein großes Mißverständnis, und obwohl er sie über alles liebe, wäre es doch besser für sie und für ihn, wenn sie sich trennten. Er gab ihr keine triftigen Gründe für diesen plötzlichen Entschluß an, sondern bat sie nur, sie möchte alle Geschenke behalten, die er ihr gemacht hatte.

 

Ena weinte lange über ihr Pech. Schließlich raffte sie sich auf und ging zu dem Haus in der Nähe von Haymarket; dort erfuhr sie aber nur, daß Mr. Molyneux seine Wohnung aufgegeben hatte. Der Portier konnte ihr nicht sagen, wohin er gezogen war.

 

Ena und ihre Schwester waren fassungslos – aber die ganze Sache sollte noch verwickelter und geheimnisvoller werden.

 

Ena erhielt einen weiteren Brief, der offensichtlich in größter Eile geschrieben worden war. Ernie versicherte darin, daß er sie immer noch über alles liebe.

 

Der Brief war auf dem Hauptpostamt in Birmingham aufgegeben worden, aber Ernie gab keine Adresse an, unter der sie ihn erreichen konnte. Am merkwürdigsten war die Tatsache, daß er auf Papierbogen geschrieben hatte, deren rechte untere Ecke abgetrennt worden war:

 

 

›Ich liebe Dich über alles … Ich denke dauernd an Dich – Du allein könntest mich vor diesem furchtbaren Menschen retten, der mir keine Ruhe läßt. Wenn ich Dich doch nur ein einziges Mal sehen und Dir alles erklären könnte – aber er läßt mich ja keine Sekunde aus den Augen! Ständig steht er hinter mir, und dauernd redet er von Petroleum, Petroleum und immer wieder Petroleum … Manchmal wache ich mitten in der Nacht auf und sage mir, daß es gar nicht wahr ist. Die Zeit vergeht und schreckliche Gedanken quälen mich! –‹

 

 

»Was soll denn das alles heißen? Ich verstehe kein Wort davon«, sagte Ena und schluchzte dabei leise vor sich hin.

 

»Eines scheint mir immerhin festzustehen – nämlich, daß er dich liebt«, erwiderte ihre Schwester.

 

»Sicher, daran habe ich auch nie gezweifelt«, entgegnete Ena traurig.

 

Dieser Brief war das letzte Lebenszeichen von Ernie gewesen. Er ließ daraufhin nichts mehr von sich hören.

 

Lizzie, die voll Kummer beobachtete, wie niedergeschlagen ihre Schwester war, sagte sich eines Tages, daß es so nicht weitergehen könne. Sie nahm allen Mut zusammen und brachte Brief und Schnurrbart zu Mr. Reeder.

 

Natürlich wartete sie eine günstige Gelegenheit ab, die sich noch am gleichen Abend bot. Mr. Reeder saß in seinem Lehnsessel vor dem Kamin und döste vor sich hin – schöpferische Pause nannte er so etwas.

 

»Ich bitte vielmals um Entschuldigung, daß ich störe«, begann sie verlegen. »Dürfte ich Sie etwas fragen?«

 

Mr. Reeder blinzelte sie schläfrig an.

 

»Was gibt’s denn, liebes Kind?« murmelte er freundlich, als er sah, daß Lizzie vor ihm stand.

 

»Es handelt sich um meine Schwester«, erklärte Lizzie verlegen. Er richtete sich auf, streckte sich, ging zum Schreibtisch und suchte seinen Klemmer.

 

»Na, und was ist mit Ihrer Schwester?«

 

Er hatte Menschenkenntnis genug, um zu sehen, daß es sich um eine für Lizzie äußerst wichtige Sache handelte – wenn sie auch an und für sich vielleicht geringfügig sein mochte. Sicher handelte es sich um eine der vielen kleinen Tragödien, wie sie sich im Alltagsleben so oft ereignen.

 

»Der Bräutigam meiner Schwester hat sich so sonderbar benommen«, erwiderte Lizzie und erzählte dann, was geschehen war. Aber erst zum Schluß berichtete sie von dem falschen Schnurrbart, der auf sie den größten Eindruck gemacht hatte.

 

Mr. Reeder hörte genau zu und prägte sich jede Einzelheit ein. Als Lizzie geendet hatte, wäre er durchaus in der Lage gewesen, die ganze Geschichte von Enas unglücklicher Liebe zu erzählen – und zwar viel zusammenhängender und besser als Lizzie selbst.

 

»Zeigen Sie mir doch den Brief und den Schnurrbart«, sagte er interessiert.

 

Sie zog beides aus ihrer Schürzentasche und legte die Sachen auf den Tisch.

 

»Ich habe Ena nichts davon gesagt – daß ich den Brief genommen habe, meine ich –, aber ich wußte, daß sie ihn in ihrer linken Kommodenschublade aufbewahrt …«

 

Mr. Reeder war über einige Einzelheiten der Geschichte erstaunter, als er zugab. Anderes erschien ihm dagegen ziemlich alltäglich. Als er aber den Schnurrbart sah, runzelte er die Stirn. Das Ding war sehr gut hergestellt, viel besser als die gewöhnlichen falschen Schnurrbärte, die man in den Geschäften kaufen konnte. Wahrscheinlich hatte ihn ein erfahrener Theaterfriseur verfertigt. Reeder bemerkte Spuren einer Gummilösung an der oberen Seite. Von Rechts wegen hätte der Bart eigentlich mit einem Spezialklebstoff angeklebt sein müssen. Wahrscheinlich hatte er sich bei einer heftigen Bewegung des Trägers gelöst.

 

Der Detektiv stellte nun eine ganze Reihe von Fragen an Lizzie, die jedoch nur einige beantworten konnte. Es erschien ihr sonderbar, daß er sich über alle möglichen merkwürdigen Dinge bei ihr erkundigte, die ihrer Meinung nach nicht den geringsten Zusammenhang mit Mr. Molyneux und dem falschen Schnurrbart hatten. Zum Beispiel wollte er wissen, ob Ernie ihrer Schwester Geld gegeben, und ob Ena den Mann mit dem falschen Schnurrbart einmal in Ernies Gesellschaft gesehen hatte – oder vielleicht jemand, der ihm ähnlich sah? Hatte Ernie früher einmal etwas davon gesagt, daß er ins Ausland, zum Beispiel nach Amerika, gehen wolle?

 

Mr. Reeder interessierte sich viel mehr für den Fall, als Lizzie erwartet hatte. Sie erzählte ihm alles, was sie wußte, und schilderte Ernie als einen liebenswürdigen jungen Mann.

 

»Hat er das geschrieben?« Er zeigte auf den Brief.

 

Sie nickte.

 

»Sind Sie auch vollkommen sicher, daß er das selbst geschrieben hat?«

 

Lizzie war fest davon überzeugt. Sie kannte die Handschrift, denn ihre Schwester hatte ihr die beiden Briefe, die sie von Ernie früher erhalten hatte, natürlich gezeigt. Und außerdem stand eine Widmung von ihm in einem Buch, das er ihr geschenkt hatte.

 

»Haben Sie vielleicht zufällig zugeschaut, als er in das Buch schrieb?« fragte Mr. Reeder eifrig.

 

Sie nickte wieder.

 

»Wie hielt er denn den Federhalter? Etwa so?«

 

Er nahm einen Federhalter vom Schreibtisch und zog einige Schnörkel in der Luft, bevor er die Feder aufs Papier setzte.

 

Lizzie war starr vor Staunen.

 

»Ja, genauso hat er es gemacht. Ich erinnere mich noch daran, weil ich zu meiner Mutter sagte: ›Er scheint nicht zu wissen, was er schreiben soll.‹«

 

Mr. Reeder nickte befriedigt.

 

»Wollen Sie auch wissen, was er in das Buch geschrieben hat?«

 

Er zögerte einen Augenblick.

 

»Natürlich interessiert mich das«, sagte er dann.

 

Diese Kleinigkeit mochte an sich bedeutungslos sein, aber sein Interesse war nun einmal geweckt. Vielleicht konnte er dadurch Rückschlüsse auf den Charakter des jungen Mannes ziehen.

 

Ernie hatte einen Vers geschrieben, der zum Ausdruck brachte, daß es für ein Mädchen besser wäre, ein gutes Herz zu haben, als klug zu sein.

 

»Hm«, meinte Mr. Reeder. »Klingt ja ganz schön.«

 

Kapitel 6

 

6

 

Arthur Jules, der sich stets sehr wichtig vorkam, war ein düsterer, verhältnismäßig kleiner junger Mann. Er trug ein Monokel, hatte eine tadellose Frisur und war immer so gekleidet, als ob er an einer großen Festlichkeit teilnehmen sollte.

 

Als Attaché bei einer südamerikanischen Gesandtschaft befaßte er sich auf eigene Faust mit Diplomatie. In einem Land, wo die Leute mehr verdächtigt werden als in England, hätte man ihm vermutlich äußerst höflich seinen Paß zugestellt und ihn unter besonderer Aufsicht eines Detektivs in seine Heimat abgeschoben.

 

Eines Tages saß er an seinem Fenster, von dem aus er die St. James Street übersehen konnte. Er strich seinen kleinen schwarzen Schnurrbart nachdenklich und unterhielt sich mit Jerry Dornford.

 

Jedermann kannte Jerry. Er besaß all die angenehmen Umgangsformen, die begüterten Leuten einen Verschwender lieb und wert machen. Wie Jules war er Mitglied des Snells-Club. Er gehörte auch all den vornehmen Klubs an, in denen sich die oberen Zehntausend treffen, zahlte pünktlich seine Beiträge, und alle seine Schecks wurden von der Bank honoriert. Man konnte ihm nichts vorwerfen, er war bisher all seinen Verpflichtungen nachgekommen. Er war groß, trug elegante Kleidung, ging aber etwas vornübergeneigt. Seine braunen Haare lichteten sich auf dem Scheitel schon stark. Er hatte tiefliegende Augen und lächelte müde und nachsichtig, wenn er jemand ansah.

 

Jerry hatte ein sehr flottes Leben hinter sich und brauchte viel Geld. Er war Junggeselle und lebte in einer kleinen Wohnung in der Half Moon Street, wo er auch gelegentlich seine Gesellschaften gab.

 

Augenblicklich hatte er wieder einmal dringend Geld nötig, und Jules wußte, wie sehr er in der Klemme war. Die beiden hatten nur wenig Geheimnisse voreinander und kannten sich sehr gut.

 

»Wie heißt denn eigentlich dieser Mann?«

 

»Hervey Lyne.«

 

»Hervey Lyne? Ja, den kenne ich. Das ist ein alter Tapergreis. Als mein Vater in London Legationssekretär war, hat er auch schon Geld von ihm geborgt. Das muß in den neunziger Jahren gewesen sein. Aber ich dachte, der Mann hätte jetzt das Geschäft aufgegeben.«

 

Jerrys Mundwinkel zuckten leicht.

 

»Er hat sich schon lange vom Geschäft zurückgezogen. Seit Jahren schulde ich ihm dreitausend Pfund, jetzt sind es mit Zinsen viertausend geworden. Sie wissen doch, daß ich beim Tod meiner Tante Aussicht auf eine große Erbschaft hatte, aber die alte Hexe hat mir nichts vermacht.«

 

»Und jetzt drängt Sie der Geldverleiher?«

 

»Ja. Er droht, mich zum Bankrott zu treiben, und ich kann ihn leider nicht daran hindern. Bis jetzt habe ich diese Klippe immer vermeiden können. Es hat schon manchmal sehr böse ausgesehen, aber ich habe die Sache stets eingerenkt.«

 

Ein langes Schweigen folgte. Jules strich seinen kleinen Schnurrbart häufiger und schneller.

 

»Mit zweitausend könnten Sie sich helfen? Nun gut, Sie sollen zweitausend haben. Ich stelle nicht die Bedingung, daß Sie zum Kriegsministerium gehen und die Mobilisationspläne stehlen sollen, wie man es in manchen Romanen lesen kann. Aber etwas muß ich doch dafür haben, und zwar für einen Herrn, der einen ähnlichen Beruf hat wie Ihr Freund. Mir erscheint die Summe ja reichlich hoch für einen so kleinen Dienst. Natürlich sage ich das dem Betreffenden nicht. Wenn er so ungeheuere Beträge zahlen will, ist das schließlich seine Sache und berührt mich nicht weiter.«

 

Jerry Dornford sah düster auf die Straße hinaus. Wenn ihm einer sagte, daß er für Geld arbeiten sollte, fiel ihm immer ein, daß er ein Gentleman war, aber er hatte sich schon mit dem Gedanken abgefunden, noch viel unangenehmere Dinge zu tun.

 

»Ich weiß noch nicht genau, ob ich es durchführen kann«, sagte er.

 

In diesem Augenblick kamen zwei Herren in den Rauchsalon. Jerry kannte beide, aber er interessierte sich nur für den einen.

 

»Das ist geradezu ein Wink des Schicksals.«

 

»Wer ist es denn?« fragte Jules. Der zweite war ein Klubmitglied. Aber der andere untersetzte Mann mit den blonden Haaren war ihm fremd.

 

»Das ist Mr. Moran, mein Bankier. Zufällig hat Mr. Lyne auch sein Geld bei ihm.«

 

Jules warf einen schnellen Blick zu den beiden hinüber.

 

»Nun, wie denken Sie über die Sache?«

 

Jerry holte tief Atem, dann schüttelte er den Kopf.

 

»Ich muß es mir erst noch überlegen. Es ist eine ekelhafte Geschichte.«

 

»Aber ein Bankrott wäre doch noch viel ekelhafter«, erwiderte Jules liebenswürdig. »Sie müßten dann aus allen Klubs austreten und wären ein armer Junge wie Mike Hennessey. Das wollen Sie doch sicher nicht?«

 

»Wie kommen Sie auf Mike Hennessey?« fragte Jerry.

 

Jules lachte.

 

»Das ist so eine Gedankenverbindung. Sie gehen doch oft ins Sheridan-Theater? Ich mache Ihnen deshalb nicht die geringsten Vorwürfe. Sie ist wirklich ein hübsches Mädel.« Er verzog den Mund, als ob er pfeifen wollte. »Allenby hat die junge Dame auch sehr gern. Also überlegen Sie es sich noch einmal, Jerry. Sie können mich ja später im Grosvenor-Hotel anläuten.«

 

Er schnappte mit den Fingern, um den Kellner herbeizurufen, schrieb seine Anfangsbuchstaben unter die Rechnung und schlenderte zur Tür. Jerry folgte ihm. Sie mußten an Moran und dessen Freund vorübergehen. Der Bankmann sah gerade auf, nickte Jerry freundlich zu und faßte ihn am Ärmel.

 

»Ich würde diese Woche gern einmal mit Ihnen sprechen, wenn Sie Zeit haben, Jerry.«

 

Dornford vergaß nie, daß er Mitglied des Snells-Club war, wo nur Gentlemen verkehrten. Dieser Mr. Leo Moran stammte aus niederen Kreisen und war früher einmal Bankangestellter gewesen. Jerry ärgerte sich vor allem, daß dieser Mann ihn mit dem Vornamen anredete. Mit einer unwilligen Bewegung machte er sich frei.

 

»Gut, ich werde Sie gelegentlich besuchen«, erwiderte er kühl.

 

Gleich darauf ging er mit Jules die Treppe hinunter.

 

»Dieses Schwein!« sagte er empört. »Wie kommt dieser Kerl in den Klub hinein? Bei Snells geht es auch nicht mehr vornehm zu.«

 

»Es leben alle möglichen Leute auf der Welt, mein Freund, und nicht alle können gleich sein«, entgegnete Jules mit leicht ironischem Unterton. Dann wischte er ein Stäubchen von seinem Rock, klopfte Jerry auf den Arm, als ob er ein Kind wäre, und ging die St. James Street hinauf.

 

Jerry Dornford zögerte eine Sekunde, folgte dann einem augenblicklichen Impuls, winkte ein Taxi heran und fuhr nach Queen’s Gate. Dort stieg er aus und ging zu Fuß weiter.

 

Dick Allenby wohnte in einem großen Haus, das in kleinere Wohnungen aufgeteilt worden war. Da kein Portier vorhanden war, hatte man den Fahrstuhl zur Selbstbedienung eingerichtet. Jerry fuhr zum vierten Stock hinauf und klopfte an Dicks Arbeitszimmer, das in eine Werkstatt verwandelt worden war. Als niemand antwortete, drückte er die Klinke herunter und trat ein. Das Zimmer war leer, aber Dick hatte offenbar Besuch gehabt. Mehrere leere Bierflaschen standen auf einer Werkbank.

 

»Allenby, sind Sie hier?« rief er laut.

 

Alles blieb still. Nun ging Jerry zu dem Tisch, auf dem der Stahlkasten lag, und hob die Kassette auf. Er war befriedigt, daß er sie mühelos tragen konnte, und setzte sie wieder nieder. Dann wandte er sich zur Tür, zog den Schlüssel heraus und betrachtete ihn aufmerksam. Wachs, um einen Abdruck zu machen, hatte er nicht bei sich, weil er kein Berufseinbrecher war. Aber er hatte früher ein paar Semester auf einer Technischen Hochschule studiert, das kam ihm jetzt zustatten.

 

Er lauschte. Vom Fahrstuhl her hörte er kein Geräusch. Wahrscheinlich hielt sich Dick in seinem Schlafzimmer auf, das im Stockwerk darüber lag. Dornford machte auf der Rückseite eines Briefumschlags schnell eine Skizze von dem Schlüssel. Trotz der Schnelligkeit war die Zeichnung sehr genau. Er maß mit dem Bleistift die Länge des Bartes ab und machte sich einige Notizen. Als er hörte, daß jemand die Treppe herunterkam, steckte er den Schlüssel lautlos wieder in die Tür.

 

Er stand gerade vor der Werkbank und betrachtete die leeren Bierflaschen, als Dick eintrat.

 

»Hallo, Dornford, wollten Sie mich sprechen?«

 

Die Frage klang gerade nicht sehr ermutigend und freundlich.

 

Jerry lächelte.

 

»Ja, ich wollte einmal einen Erfinder besuchen und beobachten, wie er arbeitet. Übrigens habe ich Sie neulich im Theater gesehen – muß schon sagen, eine sehr nette junge Dame. Sie war aber verdammt unhöflich zu mir, als ich neulich zum erstenmal mit ihr sprach.«

 

Dick sah ihm gerade ins Gesicht.

 

»Und ich werde auch verdammt unhöflich zu Ihnen sein, wenn Sie die Dame das nächste Mal ansprechen.«

 

Dornford lachte.

 

»Steht es so? Übrigens sehe ich den Alten heute abend – soll ich ihm einen Gruß von Ihnen bestellen?«

 

»Ich würde Ihnen raten, ihm lieber Ihre Schulden zurückzuzahlen«, entgegnete Dick kühl.

 

Er machte diese Bemerkung aufs Geratewohl. Dornford, der sich selten aus der Fassung bringen ließ, zuckte zusammen und konnte seinen Ärger nicht ganz unterdrücken.

 

Merkwürdigerweise war es Dick Allenby noch nie zum Bewußtsein gekommen, wie sehr er diesen Mann haßte.

 

»Warum mögen Sie mich auf einmal nicht mehr? Ich interessiere mich doch überhaupt nicht für Ihre junge Dame. Sie ist eine schöne Frau und ein nettes, liebes Kind, aber auf der Bühne wird sie es in London nicht weit bringen.«

 

»Wenn Sie von Miss Lane sprechen, brauchen Sie kein weiteres Wort zu verlieren. Warum sind Sie eigentlich hergekommen? Sie haben recht, ich bin kein großer Freund von Ihnen. Ich kann mich aber nicht darauf besinnen, daß wir jemals viel füreinander übrig hatten.«

 

»Wir waren doch im selben Regiment«, erwiderte Jerry leichthin. »Großer Gott, das sind nun schon zwölf Jahre her –«

 

Dick öffnete die Tür mit einer nicht mißzuverstehenden Geste.

 

»Ich möchte Sie nicht gern hier in der Werkstatt haben und lege auch keinen Wert auf unsere Bekanntschaft. Wenn Sie meinen Onkel heute abend sehen sollten, dann sagen Sie ihm, daß ich Sie gebeten habe, meine Wohnung zu verlassen.«

 

Jerry Dornford verlor die Ruhe nicht.

 

»Sie kennen wahrscheinlich Tickler, der neulich in einem Auto erschossen wurde?« fragte er.

 

»Ich möchte mit Ihnen nicht über diesen Mord sprechen.«

 

Dick ging auf den Korridor hinaus und zog das Metallgitter vom Lift zurück.

 

Später ärgerte er sich über sich selbst, aber er haßte Jerrys Lebensauffassung und dessen Art, über die Dinge zu reden.

 

Kapitel 7

 

7

 

Die Bank war geschlossen, und Surefoot Smith ging deshalb zu Mr. Morans Wohnung. Er kam an Naylors Crescent vorbei, und dort begegnete ihm zufällig Binny, der Butler des alten Lyne. Er kannte den Mann und wußte, daß er eine geborene Klatschbase war. Plötzlich stieg eine dunkle Erinnerung in ihm auf, daß Binny in irgendwelcher Verbindung mit dem Bankdirektor stehen mußte. Vor vielen Jahren hatte er einmal diesen Bezirk als Polizeibeamter verwaltet, und sein Gedächtnis war außerordentlich gut.

 

»Guten Tag, Mr. Smith.«

 

Binny berührte mit dem Zeigefinger seinen steifen Hut und zögerte einen Augenblick. »Darf ich mir die Frage erlauben, ob es etwas Neues gibt?«

 

»Sie sagten mir doch, daß Sie diesen Tickler kannten?«

 

Binny schüttelte den Kopf.

 

»Ich weiß nur, daß er mein Amtsvorgänger war. Mehr ist mir nicht bekannt.«

 

»Na, das Wort können Sie sich tatsächlich einrahmen lassen«, erwiderte Surefoot kurz. »Er hatte also vorher Ihre Stelle inne. Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Waren Sie nicht übrigens früher einmal bei einem Bankdirektor Moran in Dienst?«

 

Binny lächelte.

 

»Ich habe schon für die verschiedensten Leute gearbeitet, zum Beispiel war ich Kammerdiener bei Lord Frenley –«

 

»Sie brauchen mir Ihre Lebensgeschichte nicht zu erzählen, Binny. Was für ein Mann ist denn dieser Moran? Netter, freundlicher Charakter – großzügig, gibt gern Geld aus?«

 

Binny dachte nach, als ob sein Lebensglück von seiner Antwort abhinge. »Ja, er war wirklich ein sehr netter Herr. Aber ich war nur sechs Monate bei ihm, er wohnt direkt hier um die Ecke am Park.«

 

»Ist er ein ruhiger Mensch?«

 

»Ich habe niemals gehört, daß er großen Lärm machte –«, begann Binny.

 

»Sie haben mich falsch verstanden«, erklärte Surefoot Smith ärgerlich. »Ich meine, ob er viel auf Weiber, Wein und Spiel gibt. Sie kennen doch die Art Leute. Schließlich sind Sie auch einmal jung gewesen, Binny.«

 

»Nein, ich könnte nicht sagen, daß sich Mr. Moran viel daraus gemacht hätte. Früher gab er immer kleine Gesellschaften, Damen und Herren vom Theater waren meistens eingeladen. Aber damit ist es vorbei, seitdem er sein Geld verloren hat.«

 

Surefoot kniff die Augen zusammen.

 

»Seitdem er sein Geld verloren hat? Was soll das heißen? Er ist doch Bankdirektor und mit einem festen Gehalt angestellt. Wie konnte er denn da Geld verlieren?«

 

»Es war sein eigenes Geld«, sagte Binny. »Deshalb mußte ich auch damals meine Stellung bei ihm aufgeben. Er hatte verschiedene Anteile an einer großen Bank, und die brach zusammen.«

 

»Na, das ist ja sehr interessant. Er hat also Schauspieler und Schauspielerinnen eingeladen, gern Wein getrunken und dergleichen mehr.«

 

Binny fühlte sich nicht wohl und sah sich ängstlich nach rechts und nach links um, als ob er davonlaufen wollte.

 

»Haben Sie es eilig?« fragte der Polizeibeamte.

 

»Ja – der Hauptfilm beginnt in zehn Minuten, und ich möchte den Anfang nicht gern versäumen.«

 

»Ach so, ins Kino wollen Sie. Sagen Sie mir aber noch, wie das mit Tickler war. Hatte der jemals eine Stellung bei Moran?«

 

Binny überlegte.

 

»Nein – nein. Er war Butler bei Mr. Lyne, als ich den Posten bei Mr. Moran hatte. Aber genau kann ich es im Augenblick wirklich nicht mehr sagen. Wissen Sie übrigens, daß Mr. Moran heute abend einen Radiovortrag hält?«

 

Surefoot sah ihn erstaunt an.

 

»Mr. Moran spricht über das Bankenwesen«, fuhr Binny fort. »Er hält regelmäßig Vorträge.«

 

Surefoot Smith interessierte sich wenig dafür. Er stellte noch ein paar Fragen über den unglücklichen Tickler und ging dann seines Weges.

 

Parkview Terrace war ein vornehmer Häuserblock, den man nach dem Krieg wie so manches andere große Gebäude in kleine Wohnungen aufgeteilt hatte.

 

Mr. Moran wohnte im obersten Stockwerk, und Surefoot Smith traf ihn zu Hause an. Der Bankdirektor war gerade dabei, sich zum Abendessen umzukleiden.

 

Smith wurde in einen großen Raum geführt, der sehr luxuriös und geschmackvoll eingerichtet war. Von zwei Fenstern hatte man einen schönen Ausblick auf den Park und den Kanal. Aber der Beamte achtete nicht darauf. Er interessierte sich mehr für die kostbare Ausstattung des Zimmers, die er mit dem verhältnismäßig bescheidenen Gehalt eines Bankdirektors nicht in Einklang bringen konnte.

 

Ein Perserteppich bedeckte den Fußboden, die Beleuchtungskörper an den Wänden waren anscheinend aus Silber. Im Hintergrund stand eine große, sehr bequeme Couch. Besonders fiel Smith eine prachtvolle Glasvitrine auf, die eine Sammlung kostbarer Miniaturen enthielt. Von Gemälden verstand er nicht viel, aber zwei der großen Bilder, die die Wände zierten, hielt er für sehr wertvoll.

 

Er betrachtete noch den Inhalt der Vitrine, als er Schritte hinter sich hörte. Er wandte sich um und sah Mr. Leo Moran vor sich. Der Bankdirektor trug einen seidenen Schlafrock.

 

»Hallo, Mr. Smith! Wir sehen uns ja gerade nicht allzu häufig. Nehmen Sie Platz und trinken Sie ein Glas.« Er klingelte. »Ihr Lieblingsgetränk ist doch Bier?«

 

»Ganz recht«, erklärte Surefoot befriedigt. »Sie haben aber eine sehr schöne Wohnung.«

 

»Ja, es wohnt sich hier nicht schlecht«, entgegnete der Bankmann gleichgültig. Dann zeigte er auf ein Gemälde. »Das ist ein echter Corot. Mein Vater hat einmal dreihundert Pfund dafür bezahlt. Aber es ist dreitausend wert.«

 

»Ihr Vater war sehr wohlhabend?«

 

Moran warf ihm einen schnellen Blick zu.

 

»Ja, er hatte Geld. Warum fragen Sie danach? Sie glauben doch nicht etwa, daß ich eine Wohnung wie diese mit meinem jetzigen Gehalt hätte einrichten können? Oder denken Sie, daß ich mir auf unrechte Weise Geld beschafft und die Bank betrogen hätte?«

 

»Hoffentlich kommt mir ein solcher Gedanke niemals«, erwiderte Smith ernst.

 

»Bier«, sagte Moran, als sich der Diener in der Tür zeigte. »Aber Sie sind doch mit einer bestimmten Absicht hergekommen? Um was handelt es sich denn?«

 

Surefoot runzelte die Stirn.

 

»Ich stelle Nachforschungen nach diesem Tickler an.«

 

»Ach, das ist der Mann, der neulich erschossen wurde. Wollten Sie fragen, ob ich ihn kannte?«

 

»Ja.«

 

»Der Kerl war eine furchtbare Landplage. Er lauerte mir öfter an der Haustür auf und wollte mir etwas erzählen oder etwas verkaufen – ich habe mich aber nicht mit ihm abgegeben, sondern ihn immer kurz abgefertigt.«

 

Moran hatte sehr schnell gesprochen. Seine manchmal rauhe und etwas gewöhnlich klingende Sprache verriet, daß er keine gute Kinderstube hatte.

 

»Meinen Sie vielleicht, ich hätte den Mann ermordet?« fragte er geradezu.

 

Surefoot lächelte. Es war allerdings nicht klar, ob er über die sonderbare Frage oder über die Flasche Bier lächelte, die der Diener gerade hereinbrachte.

 

»Kennen Sie Miss Lane?«

 

»Ja, oberflächlich«, entgegnete Moran kühl.

 

»Wirklich ein hübsches Mädchen – also, auf Ihr Wohl!«

 

Surefoot hob das Glas und trank es in einem Zuge aus.

 

»Gutes Bier.«

 

»Warum fragen Sie mich nach Miss Lane?«

 

»Ich wußte, daß Sie sich für das Theater interessieren. Sie haben doch früher Gesellschaften gegeben und Leute vom Theater dazu eingeladen?«

 

Der Bankdirektor nickte.

 

»Ja, vor vielen Jahren, in meiner blühenden Jugend. Aber trotzdem verstehe ich die Frage nicht.«

 

»Ach, es interessierte mich nur«, sagte Smith leichthin.

 

Mr. Moran ging im Zimmer auf und ab.

 

»Warum sind Sie hergekommen, Smith? Zum Teufel, Sie sind doch nicht ein Mann, der bloß herumläuft und alberne Fragen stellt. Sie bringen mich irgendwie mit dem Mord an diesem Herumtreiber in Zusammenhang.«

 

Smith schüttelte den Kopf.

 

»Sie können mir doch wenigstens sagen, was los ist«, fuhr Moran fort. »Seien Sie doch nicht so geheimnisvoll und erzählen Sie mir, warum Sie hier sind.«

 

Mr. Smith wischte seinen Schnurrbart ab und erhob sich langsam. Vor einem Spiegel rückte er seine Krawatte zurecht.

 

»Nun gut, ich will Ihnen im Vertrauen mitteilen, um was es sich handelt. Wir erhielten einen anonymen Brief, dessen Herkunft jedoch nicht schwer festzustellen war. Er war von Ticklers Wirtin abgeschickt. Einer meiner Beamten hat sich mit ihr unterhalten und dabei folgendes erfahren: Tickler trank viel, und wenn er zuviel geladen hatte, was manchmal zweimal am Tage passierte, sprach er mit seiner Wirtin gewöhnlich über Sie.«

 

»Was, über mich?« fragte Moran schnell. »Aber er kannte mich doch gar nicht näher?«

 

»Viele Leute sprechen über andere, die sie gar nicht näher kennen. Sehen Sie, wenn man wie Sie in der Öffentlichkeit lebt –«

 

»Aber das stimmt nicht. Ich lebe durchaus nicht in der Öffentlichkeit. Ich bin weiter nichts als ein kleiner, verhältnismäßig armer Bankdirektor, der seinen Beruf haßt. Ich würde gern viel Geld dafür geben, wenn ich alle Bankbücher auf einen Haufen werfen und ein Freudenfeuer anzünden könnte. Ich hasse die Bank und alles, was damit zusammenhängt. Man würde viel besser einen Nachtklub daraus machen.«

 

Smith schaute ihn verwundert an. Dieses Eingeständnis überraschte ihn vollkommen. Morans Züge hatten sich verfinstert, und seine Stimme klang leidenschaftlich erregt, als er weitersprach.

 

»Früher hat man mich beinahe einmal aus der Bank hinausgeworfen, weil ich spekulierte. Ich wäre ruiniert gewesen, und ich mußte die Generaldirektoren auf Knien bitten, mich zu behalten. Ich nahm mir, vor, meinen Beruf so bald wie möglich aufzugeben, aber jedesmal, wenn ich soweit war, kam mir irgend etwas dazwischen.« Er wandte sich an Smith. »Ich kenne Tickler wirklich nicht. Warum er über mich geredet hat, kann ich Ihnen nicht erklären. Ich habe nicht die geringste Ahnung.«

 

Surefoot Smith sah auf seinen Hut, der auf dem Stuhl lag.

 

»Kennen Sie Mr. Hervey Lyne?«

 

»Ja, er ist ein Kunde unserer Bank.«

 

»Haben Sie ihn in letzter Zeit einmal gesehen?«

 

»Nein, in den letzten zwei Jahren nicht.«

 

»Ach so.«

 

Surefoot Smith sagte das nur, weil ihm im Moment nichts Besseres einfiel.

 

»Gut, ich will jetzt gehen. Es tut mir leid, daß ich Sie aufgehalten habe. Aber Sie wissen ja, unser Beruf bringt das mit sich.«

 

Er reichte dem Bankdirektor seine große Hand. Aber Mr. Moran war so in Gedanken versunken, daß er es übersah. Nachdem er die Tür hinter seinem Besucher geschlossen hatte, ging er in sein Schlafzimmer und setzte sich auf den Rand des Bettes. Nach einer Weile stand er auf, ging quer durch das Zimmer zu einem eingebauten Safe, der hinter einem Bild versteckt war, öffnete ihn und entnahm ihm eine Anzahl von Schriftstücken, Sorgfältig sah er sie durch, legte sie dann in den Schrank zurück und holte eine dicke Brieftasche heraus, in der sich merkwürdige farbige Papiere befanden – Eisenbahn- und Schiffskarten. Obenauf lag sein Paß, und darin ein Paket von dreißig Banknoten zu je hundert Pfund.

 

Er schloß den Safe wieder, hängte das Bild darüber und kleidete sich dann vollkommen an. Er war bestürzt. Die zufällige Erwähnung von Hervey Lyne hatte ihn erschreckt.

 

Kapitel 8

 

8

 

Als um acht Uhr abends der Vortrag über »Bankwesen und Sparsystem« im Radio angekündigt wurde, schalteten die meisten Teilnehmer ab, um auf die Jubilee-Jazzband zu warten, deren Spiel um neun Uhr von Manchester übertragen werden sollte.

 

Binny mußte seinem Herrn das Programm vorlesen und kam schließlich auch zu dem Vortrag von Mr. Moran um acht.

 

»Ach, Moran, ist das der Mensch, der gestern hier war?« fragte der alte Herr.

 

»Jawohl.«

 

»Bankwesen!« brummte Lyne. »Nein, das will ich nicht hören.«

 

»Sehr wohl«, entgegnete der Butler.

 

Die weißen, runzeligen Hände des Alten tasteten an dem Tisch entlang, bis sie die goldene Uhr fanden. Dann drückte er auf den Knopf.

 

»Sechs«, sagte er, als die Repetieruhr geschlagen hatte. »Geben Sie mir meinen Salat.«

 

»Ich habe den Chefinspektor heute getroffen, der neulich hier war, diesen Mr. Smith –«

 

»Ich habe Ihnen gesagt, Sie sollen mir meinen Salat bringen.«

 

Hühnersalat mit Mayonnaise war stets die letzte Mahlzeit, die Lyne jeden Tag zu sich nahm. Binny servierte ihm das Essen, aber er konnte ihm nichts recht machen. Wenn er redete, sollte er den Mund halten, und wenn er schwieg, schimpfte der Alte, daß er blöde sei und nichts sage.

 

Der Butler räumte schließlich das Geschirr ab und stellte eine Tasse vor seinen Herrn. Als er sich entfernen wollte, wurde er jedoch zurückgerufen.

 

»Wie stehen die Aktien von Cassari-Petroleum?«

 

Binny hatte die Kurse auf dem Petroleummarkt seit langem nicht mehr verfolgt und konnte deshalb keine Auskunft geben.

 

»Holen Sie eine Zeitung, Sie alter Esel!«

 

Binny brachte ein Abendblatt. Morgens, mittags und abends mußte er seinem Herrn die Kurse der Industrieaktien vorlesen, was er immer sehr langweilig fand. Mr. Lyne hatte sein Geld in goldsicheren Papieren angelegt, die kaum ihren Kurs änderten. Cassari-Petroleum war allerdings eine unangenehme Überraschung gewesen. Die Aktien waren Teile des Vermögens, das er als Treuhänder für Mary Lane verwaltete. Er zögerte lange Zeit, bevor er sie verkaufte und sie gegen sichere Papiere eintauschte. Zwei Jahre lang hatte er sie in Besitz gehabt, und zwei Jahre lang hatte er sich dauernd geängstigt. Die Preise stiegen und fielen wie die Flammen eines Papierfeuers; höchstens eine Woche hielten sie sich.

 

Binny las die Notierung vor, und Mr. Lyne quittierte mit einem Brummen.

 

»Wenn sie in die Höhe gegangen wären, hätte ich die Bank verklagt. Dieser niederträchtige Moran hat mir den Rat gegeben, sie zu verkaufen.«

 

»Sind sie denn in die Höhe gegangen?« fragte Binny interessiert.

 

»Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten«, knurrte der Alte unfreundlich.

 

Um sieben Uhr kam Jerry Dornford. Dauernd hatte er sich unterwegs wiederholt, welche Entschuldigungsgründe er vorbringen wollte. Er hatte das Gefühl, daß er als der letzte Schuldner des alten Finanzmannes von diesem behandelt wurde wie die Maus von der Katze. Sicher freute sich der Mann an seiner Verlegenheit und wollte sich erst noch an seinen Qualen weiden, bevor er ihn erledigte. In dieser Annahme hatte Jerry bis zu einem gewissen Grad recht.

 

Hervey empfing ihn mit einem Grinsen, das eigentlich ein Lächeln sein sollte. »Nehmen Sie Platz, Mr. Dornford«, sagte er mit seiner hohen Stimme. »Binny, gehen Sie hinaus.«

 

»Binny ist nicht hier, Mr. Lyne.«

 

»Dann lauscht er draußen – immer horcht er am Schlüsselloch. Sehen Sie doch einmal nach.«

 

Dornford öffnete die Tür, konnte aber nichts von dem Butler sehen.

 

»Sie kommen also wegen des Geldes«, begann der Alte dann. »Dreitausendsiebenhundert Pfund, wenn ich nicht irre, wollten Sie mir doch heute abend zahlen, nicht wahr?«

 

»Ich bin leider nicht in der Lage, Ihnen heute abend die Summe zu geben, und es wird mir auch nicht so bald möglich sein«, erwiderte Jerry. »Ich kann die Schuld auf keinen Fall schnell begleichen, aber ich habe alles vorbereitet, um Ihnen vier- bis fünfhundert Pfund abzahlen zu können.«

 

»Die leihen Sie wohl von Stelbey, was?«

 

Jerry verwünschte sich selbst wegen dieser Dummheit. Er wußte doch, daß die Geldverleiher untereinander eine Liste all der Leute auswechselten, die sie um ein Darlehen angingen.

 

»Nun, ich kann Ihnen schon im voraus sagen, daß Sie das Geld nicht bekommen. Aber Sie müssen sich Geld beschaffen, sonst übergebe ich die Sache morgen meinem Anwalt.«

 

Diese Drohung hatte Jerry erwartet.

 

»Wenn ich Ihnen Ende der Woche zweitausend Pfund bar bezahlen könnte, würden Sie mir dann genügend Zeit geben, die Restsumme zu besorgen?«

 

Jerry war selbst erstaunt, daß seine Stimme heiser klang. Er hatte doch schon viele Krisen durchlebt und sich nicht aus der Fassung bringen lassen. Aber diesmal war er aufgeregt und nervös.

 

»Wenn Sie zweitausend beibringen, können Sie auch dreitausendsiebenhundert beschaffen. Bis Ende der Woche wollen Sie Zeit haben? Ich gebe Ihnen keinen Tag. Und außerdem, woher wollen Sie denn die zweitausend nehmen?«

 

Jerry räusperte sich.

 

»Ein Freund von mir –«

 

»Das ist doch eine Lüge«, erwiderte Lyne zynisch. »Sie haben keine Freunde. Die Leute, die früher mit Ihnen verkehrten, wollen nichts mehr von Ihnen wissen. Ich werde Ihnen sagen, was ich mit Ihnen mache.« Der Alte lehnte sich über den Tisch und stützte die Fäuste auf die polierte Mahagoniplatte. Er genoß diesen Augenblick des Triumphes. »Ich gebe Ihnen Zeit bis morgen abend um sechs. Dann zahlen Sie mir entweder die ganze Summe, oder ich treibe Sie zum Bankrott.«

 

Wenn er nur einigermaßen hätte sehen können, würde ihn der haßerfüllte Blick Jerrys erschreckt haben. Aber er sah nichts und fühlte nur, daß seine Worte Eindruck gemacht hatten.

 

»Verstehen Sie, was ich sage?«

 

»Ja, ich verstehe.«

 

»Morgen bringen Sie mir das Geld, dann bekommen Sie den Schuldschein. Aber pünktlich um sechs, sonst übergebe ich die Sache dem Gericht und meinem Anwalt.«

 

»Aber Mr. Lyne, zweitausend Pfund sind doch auch eine schöne Summe.«

 

»Bis morgen abend die ganze Summe. Ich habe weiter nichts zu sagen.«

 

Jerry stand auf. Er zitterte vor Wut.

 

»Aber ich habe Ihnen noch etwas zu sagen, Sie verdammter alter Wucherer! Sie Bluthund, Sie wollen mich zum Bankrott treiben?«

 

Hervey Lyne hatte sich erhoben und zeigte mit seiner weißen Hand auf die Tür.

 

»Machen Sie, daß Sie hinauskommen!« Auch der Alte konnte vor Aufregung kaum noch sprechen. »Bluthund hat er gesagt einen verdammten alten Wucherer hat er mich genannt – Binny!«

 

Der Butler kam die Treppe von der Küche herauf.

 

»Werfen Sie ihn hinaus, werfen Sie den Kerl die Treppe hinunter!« zeterte der Alte.

 

Binny zuckte mit den Achseln, als er vor dem Mann stand, der einen Kopf größer war als er selbst.

 

»Es ist besser, Sie gehen jetzt«, wandte er sich dann leise an ihn. »Und hören Sie nicht auf das, was ich sage. – Wollen Sie wohl machen, daß Sie sofort aus dem Haus kommen?« brüllte er und machte geräuschvoll die Haustür auf. »So!« Er schlug sich mit der flachen Hand auf den Schenkel und sah Mr. Dornford entschuldigend an.

 

Als er wieder nach oben kam, hatte sich der Alte erschöpft in die Kissen zurückgelegt.

 

»Haben Sie ihn auch ordentlich verprügelt?« fragte er schwach.

 

»Und ob ich ihn geschlagen habe! Ich habe mir beinahe das Handgelenk gebrochen.«

 

»Darauf kommt es gar nicht an. Haben Sie ihm das Handgelenk gebrochen?«

 

»Der muß mindestens zwei Ärzte rufen, daß sie ihn wieder kurieren«, erklärte Binny mit Überzeugung.

 

»Ich glaube überhaupt nicht, daß Sie ihn angerührt haben, Sie armseliger Wurm«, erwiderte Lyne. Sein Mund zuckte verächtlich.

 

»Haben Sie es denn nicht gehört?« fragte Binny vorwurfsvoll.

 

»Ja, Sie haben die Hände zusammengeschlagen, Sie alter Lügner! Wenn ich auch blind bin, kann ich doch noch sehr gut hören. Haben Sie vielleicht vorige Nacht den Einbrecher auch geprügelt – oder wann war es? Nein, Sie haben ihn nicht einmal gehört!«

 

Binny sah ihn hilflos an. Vor zwei Nächten hatte jemand eine Scheibe an der Rückseite des Hauses eingedrückt und ein Fenster geöffnet. Ob der Einbrecher in die Küche gekommen war, konnte man nicht sagen. Lyne, der nur einen leichten Schlaf hatte, hörte die Scherben auf den Boden fallen, ging von seinem Schlafzimmer zur Treppe und rief Binny, der im untersten Stockwerk neben der Küche schlief.

 

»Haben Sie den etwa verprügelt? Haben Sie den überhaupt gehört?«

 

»Ich habe ja gleich geraten, die Polizei zu rufen«, erwiderte Binny. »In solchen Fällen ist es immer das beste, wenn man den gesetzmäßigen Weg geht.«

 

»Machen Sie, daß Sie verschwinden«, brüllte der Alte noch wütender. »Jetzt redet er von Gesetz und Polizei! Glauben Sie denn, ich will eine Menge von tölpelhaften Polizisten hier in meinem Haus haben? Scheren Sie sich fort – ich werde ganz krank, wenn Sie hier im Zimmer sind!«

 

Binny machte schnell, daß er fortkam.

 

*

 

Lyne saß erregt in seinem Stuhl und sprach mit sich selbst. Er faltete die Hände auf dem Tisch, dann trommelte er nervös mit den Fingern auf der Platte. Als es nach einiger Zeit acht schlug, drehte er den Lautsprecher an.

 

»Bevor ich über das Bankwesen in England spreche, möchte ich erst noch ein paar Worte über die historische Entwicklung der Banken in früheren Zeiten sagen …«

 

Hervey Lyne richtete sich auf und lauschte gespannt. Sein Gehör war, wie er gesagt hatte, noch außerordentlich gut.

 

Kapitel 9

 

9

 

Dick Allenby sagte niemals, daß er verlobt sei, und auch an Mary Lanes Hand war kein Verlobungsring zu sehen. Er erwähnte dies beiläufig, als er zwischen den beiden letzten Akten in ihrer Garderobe saß. Sie sprachen miteinander durch einen Wandschirm, hinter dem sie sich umkleidete.

 

»Ich werde noch einen schlechten Ruf bekommen«, meinte er. »Nichts schädigt das Ansehen eines Erfinders mehr, als wenn ihn der Portier am Bühneneingang eines Theaters genau kennt. Er läßt mich jetzt schon ohne Frage durch und nickt nur freundlich, wenn ich auftauche.«

 

»Dann solltest du eben nicht so oft kommen!«

 

»Ich will nicht gerade sagen, daß es eine Sache auf Leben und Tod mit uns beiden ist, aber du bist mir doch wichtiger und teurer als irgend etwas auf der Welt.«

 

»Einschließlich deiner letzten Erfindung?«

 

»Ach, du meinst die Luftpistole?« fragte er verächtlich. »Übrigens hat ein deutscher Ingenieur mir heute im Namen seiner Essener Firma zehntausend Pfund für das Patent geboten.« –

 

»Was hatte denn der gute Mann?« fragte sie belustigt.

 

»Ja, ich war auch verwundert.« Dick steckte sich verbotenerweise eine Zigarette an. »Du mußt aber nicht denken, daß der Mensch irgendwie betrunken oder nicht bei Verstand war. Er ist ein sehr tüchtiger Mann, der weiß, was er will. Er sagte, daß er mich für einen der größten Erfinder unserer Zeit hielte.«

 

»Das bist du auch, Liebling.«

 

»Das weiß ich«, erklärte Dick befriedigt. »Aber es klang so nett, als mir der Deutsche das sagte. In allem Ernst, Mary, ich hatte keine Ahnung, daß meine Erfindung soviel wert ist.«

 

»Wirst du das Patent verkaufen?«

 

Er zögerte.

 

»Ich bin noch nicht ganz sicher. Aber die Aussicht, soviel Geld auf einmal zu verdienen, hat mich auf die Idee gebracht, daß wir beide uns doch verloben und heiraten könnten.«

 

Mary nahm die Puderquaste.

 

»Ich werde noch eine sehr erfolgreiche Schauspielerin werden.«

 

»Du bist es schon. Du hast es fertiggebracht, daß dir ein großes Genie einen Heiratsantrag macht.«

 

»Weißt du, wovor ich mich fürchte?«

 

»Ich wüßte nicht, wovor du dich fürchten solltest, wenn es nicht die Hochzeit ist.«

 

»In der letzten Zeit ist mir öfters der Gedanke gekommen«, entgegnete sie ernst, »daß dein Onkel mir all sein Geld hinterlassen könnte.«

 

Er lachte leise.

 

»Deshalb lasse ich mir keine grauen Haare wachsen. Aber warum kommst du gerade jetzt darauf?«

 

Sie war mit ihrer Garderobe fertig und schob den Wandschirm beiseite.

 

»Einmal hat er so etwas Ähnliches gesagt«, entgegnete sie nachdenklich und biß sich auf die Unterlippe. »Und als ich das letzte Mal bei ihm war, hatte ich den Eindruck, daß er dich ungeheuer haßt. Schon allein um dich zu ärgern, wird er mir sein Vermögen hinterlassen, und das wäre entsetzlich.«

 

Er starrte sie verwundert an.

 

»Aber um Himmels willen, warum denn?«

 

»Dann wäre ich gezwungen, dich zu heiraten.«

 

»Du meinst, nur um dem Alten ein Schnippchen zu schlagen?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein. Aber es wäre schrecklich.«

 

»Ich glaube, du machst dir unnötige Sorgen. Der Alte wird wahrscheinlich sein Geld eher einem Hundeheim als mir oder dir vermachen. Hast du ihn in letzter Zeit öfters gesehen?«

 

Sie erzählte ihm von ihrem letzten Besuch, aber das wußte er schon alles.

 

Während sie sich noch unterhielten, klopfte es an die Tür. Mary erhob sich schon halb, weil sie dachte, ihr. Auftritt wäre gekommen. Als aber noch einmal geklopft wurde, rief sie: »Herein!«

 

Leo Moran erschien in der Tür. Er warf Dick einen verschmitzten Blick zu.

 

»Sie hätten sich lieber meine Rede im Radio anhören sollen, als Ihre Zeit im Theater zuzubringen«, sagte er.

 

»Haben Sie schon wieder einen Vortrag gehalten?« fragte Dick lächelnd. »Muß man sich so elegant anziehen, wenn man vor dem Mikrophon steht?«

 

»Ich gehe zu einem Souper.«

 

Es klopfte wieder, und sie hörten die helle Stimme des Pagen, der Miss Lane zur Bühne rief. Mary eilte hinaus. Sie war froh, daß sie sich entfernen konnte, denn in Morans Gegenwart fühlte sie sich nie behaglich.

 

»Haben Sie das Stück schon gesehen?« fragte Dick.

 

Moran nickte.

 

»Ja. Es ist eine Strafe, das entsetzlichste Stück in ganz London. Ich wundere mich nur, daß der alte Mike es nicht endlich vom Spielplan absetzt. Er muß einen sehr kapitalkräftigen Hintermann haben, daß er das durchhalten kann.«

 

»Haben Sie schon einmal von Washington Wirth gehört?«

 

Leo Morans Gesicht war ausdruckslos.

 

»Nein. Wer ist das – ein Amerikaner?«

 

»Jedenfalls ein ungewöhnlicher Mann. Ich habe neulich einmal nachgerechnet, daß er allein bei diesem Stück mindestens zehntausend Pfund verloren haben muß. Und ich kann nicht einsehen, warum er darauf versessen ist, es weiterzuspielen. Mary ist die einzige Schauspielerin in der ganzen Truppe, die etwas taugt, und sie ist noch nicht einmal mit ihm befreundet.«

 

»Washington Wirth? Der Name kommt mir doch bekannt vor.« Moran sah auf die Wand. »Ich muß von ihm gehört oder in der Zeitung über ihn gelesen haben. Übrigens habe ich heute einen alten Freund von Ihnen gesehen, Surefoot Smith. Sie waren doch dabei, als der ermordete Tickler aufgefunden wurde?«

 

Dick nickte.

 

»Der Chefinspektor behandelte mich, als ob ich ein Mittäter wäre.«

 

»Nun, da können Sie sich trösten. Mich hat er neulich behandelt, als ob ich der Mörder selbst wäre. Haben Sie ihm auch Bier zu trinken gegeben?«

 

Leo Moran ging zur Tür, öffnete sie, sah den Korridor entlang und schloß sie dann wieder.

 

»Dick, ich möchte Sie um einen Gefallen bitten.«

 

Dick grinste.

 

»Nichts würde mir größeren Spaß machen, als einem Bankdirektor etwas abzuschlagen.«

 

»Reden Sie keinen Unsinn. Es hat nichts mit Geld zu tun. Nur –«

 

Er hielt plötzlich inne, als ob er seine nächsten Worte sorgfältig wählen müßte.

 

»Es ist möglich, daß ich eine oder zwei Wochen nicht in London bin. Mein Urlaub ist fällig; und ich möchte aufs Land gehen. Würden Sie so freundlich sein, die Post aus meiner Wohnung abzuholen und aufzuheben, bis ich wiederkomme?«

 

»Warum lassen Sie sich denn die Post nicht nachschicken?« fragte Dick erstaunt.

 

Leo Moran schüttelte ungeduldig den Kopf.

 

»Ich bitte Sie aus einem ganz bestimmten Grund um die Gefälligkeit. Ich lasse mir überhaupt nichts nachschicken. Mein Diener hat auch Urlaub. Würden Sie ein wenig auf die Wohnung aufpassen, wenn ich Ihnen die Schlüssel schicke?«

 

»Wann reisen Sie ab?«

 

Moran machte keine bestimmten Angaben hierüber. Er sagte, es sei noch ungewiß, ob sein Urlaub überhaupt bewilligt werde. Die Direktion mache Schwierigkeiten, obwohl er einen sehr tüchtigen Assistenten besäße, dem er die Führung seiner Bankfiliale jeden Augenblick übergeben könne.

 

»Ich möchte so bald als möglich abfahren, aber dieser Aufsichtsrat ist eine furchtbar schwerfällige Gesellschaft. Der läßt sich in seiner Gottähnlichkeit überhaupt nicht stören, wenn Sie von dem etwas haben wollen, müssen Sie erst dreimal vor ihm niederknien. Also, wollen Sie meine Bitte erfüllen?«

 

»Gewiß«, erwiderte Dick. »Sie wissen ja, wohin Sie den Schlüssel zu schicken haben. Nun möchte ich Sie aber in einer anderen Angelegenheit um Ihren Rat bitten.«

 

Er erzählte ihm von seiner patentierten Luftpistole und dem Angebot, das ihm der Deutsche gemacht hatte. Die Waffe selbst brauchte er nicht zu erklären, denn Moran hatte sie schon gesehen und geprüft.

 

»Ich würde an Ihrer Stelle eine einmalige Zahlung ablehnen. Nehmen Sie die Hälfte der Summe als Anzahlung auf eine Beteiligung. Gehen Sie bald nach Hause?«

 

»Ja, gleich. Mary ist zum Souper eingeladen.«

 

»Von Mr. Wirth?« fragte Moran lächelnd.

 

»Ich dachte, Sie hätten niemals von ihm gehört?«

 

»Doch, inzwischen ist es mir wieder eingefallen. Er ist doch der Mann, der wegen seiner Einladungen und Feste bekannt ist. Früher habe ich das auch gemacht. Wenn Sie nach Hause gehen, komme ich mit vorbei und sehe mir Ihre Erfindung noch einmal an.«

 

Obgleich der Abend warm war, hatte sich Nebel gebildet, der immer dichter wurde, je mehr sie sich dem Park näherten. Als sie nach Knightsbridge kamen, lichtete er sich etwas.

 

»Ich wollte schon den ganzen Abend nach Hause gehen und mich nach der Luftpistole umschauen«, sagte Dick. »Im Unterbewußtsein hat mich das dauernd gequält. Es war dumm von mir, daß ich damit experimentiert und sie geladen habe, bevor ich ausging.«

 

Der Nebel hatte sich wieder verdichtet, und der Chauffeur konnte nur langsam am Rinnstein entlangfahren, bis sie zu Dick Allenbys Haus kamen. Der Fahrstuhl war dunkel, und selbst als Dick den Schalter andrehte, flammte das elektrische Licht nicht auf. Er ging einen Schritt weiter und trat dabei auf etwas, das unter seinen Füßen krachend zerbrach.

 

»Zum Teufel, was war denn das?« fragte Moran.

 

Dick steckte ein Streichholz an und sah auf dem Boden die Glassplitter einer elektrischen Birne, die offensichtlich aus der Decke der Kabine herausgeschraubt worden war.

 

»Unser Hausmeister wird nachlässig«, meinte er.

 

Er drückte auf den Knopf, und der Fahrstuhl glitt nach oben. Vor seiner Wohnungstür entdeckte er zu seinem Erstaunen, daß schon ein Schlüssel im Schloß steckte, und zwar so fest, daß er ihn weder nach rechts noch nach links herumdrehen konnte.

 

Als er die Klinke niederdrückte, gab die Tür nach.

 

»Hier hat jemand Dummheiten gemacht«, sagte Dick sehr bestimmt.

 

Er schaltete das Licht ein und blieb wie versteinert stehen. Der Platz, an dem der Stahlkasten mit der Luftpistole gestanden hatte, war leer. Die Waffe war verschwunden, keine Spur davon zu sehen.

 

Kapitel 4

 

4

 

Fünf Minuten später war ein Dutzend Polizeibeamter zur Stelle. Ein Sergeant in der Marlborough Street, der gerade einen Betrunkenen transportierte, hatte sie alarmiert.

 

»Der ist mit einer Pistole von sehr kleinem Kaliber aus allernächster Nähe erschossen worden«, sagte er, als er den Toten oberflächlich untersucht hatte.

 

Kurz darauf kam der Krankenwagen, und Horace Tom Ticklers Leiche wurde fortgeschafft. Ein Polizist brachte das Auto zur nächsten Polizeiwache. Die Nummer war bereits aufgeschrieben, und Scotland Yard hatte Beamte ausgeschickt, um den Eigentümer, den Taxichauffeur Wells, aufzutreiben.

 

Man hatte Dick Allenby nicht besonders eingeladen, an den Ermittlungen teilzunehmen, aber er ging trotzdem zur Polizeiwache mit.

 

Der Mann war tatsächlich im Wagen erschossen worden. Das Geschoß hatte ein Loch in den Lederbezug gerissen.

 

»Wahrscheinlich lebte er noch, als er auf dem Boden lag«, meinte Smith. »Der Mörder muß einen zweiten Schuß abgefeuert haben. Wir haben nämlich eine Kugel im Boden des Wagens entdeckt.«

 

»Haben Sie den Chauffeur gefunden?« fragte Dick.

 

»Der ist auf dem Weg hierher.«

 

Mr. Wells war entsetzt, als er erfuhr, unter welchen Umständen man sein Auto gefunden hatte. Seine Aussagen waren klar.

 

Kurz vor zwei Uhr hatte er den Wagen wie gewöhnlich vor der verschlossenen Garage stehenlassen, damit er am frühen Morgen geputzt und für die Tagestour fertiggemacht werden konnte. Er durfte das riskieren, da Taxis äußerst selten gestohlen wurden; sie konnten leicht erkannt werden und brachten daher den Autodieben nichts ein.

 

Wells hatte ein vorzügliches Alibi. Als er den Wagen verlassen hatte, war er zur nächsten Polizeiwache gegangen, um dort einen Regenschirm und eine Brieftasche abzugeben, die einer der Fahrgäste liegengelassen hatte. Ein Polizist hatte gesehen, wie er den Wagen vor der Garage stehenließ, und war auch später dazugekommen, als der Chauffeur die Gegenstände persönlich auf der Wache abgab.

 

Es war bereits sieben Uhr, und die Straßen in West End belebten sich allmählich. Dick fuhr zu seiner Wohnung in Queen’s Gate zurück. Er war sehr beruhigt darüber, daß Mary nicht über die Straße gegangen war und die Tür des Unglücksautos geöffnet hatte. Es war zwanzig Minuten vor der Entdeckung an der Stelle geparkt worden. Der Portier hatte beobachtet, wie der Chauffeur den Wagen verließ und in Richtung der Air Street ging.

 

Die Polizeibeamten stellten fest, daß der Hebel der Zähluhr immer noch nach unten gedrückt war und auf siebzehn Shilling zeigte. Daraus konnten sie annähernd berechnen, wieviel Zeit zwischen dem Mord und der Entdeckung des Verbrechens vergangen war.

 

Spät am Nachmittag suchte der Chefinspektor Dick Allenby in seiner Wohnung auf.

 

»Ich dachte, Sie würden sich dafür interessieren, wie weit wir mit unseren Nachforschungen gekommen sind. Wir haben in einer der Taschen des Toten hundert Einpfundnoten gefunden.«

 

»Was, so viel Geld hatte Tickler bei sich?«

 

»Woher wußten Sie denn, daß der Mann Tickler heißt?« Surefoot Smith sah ihn argwöhnisch an.

 

Dick antwortete nicht gleich.

 

»Nun ja, ich erkannte ihn, als er im Wagen lag. Früher war er einmal Diener bei meinem Onkel.«

 

»Davon haben Sie aber gestern abend kein Wort gesagt.«

 

»Ich war meiner Sache zuerst nicht ganz sicher. Erst als er aus dem Wagen gehoben wurde, konnte ich es genau feststellen. Ich glaube, der Mann wurde entlassen, weil er gestohlen hatte, und zwar vor etwa sechs oder sieben Jahren.«

 

Der Chefinspektor nickte.

 

»Nun, dann ist alles in Ordnung. Ich wollte Ihnen eben dasselbe erzählen. Heute morgen habe ich nämlich den alten Lyne aufgesucht, aber der kümmert sich nicht um Scotland Yard. Der ist also Ihr Onkel? Da kann man Ihnen ja gratulieren!«

 

»Was sagte er denn?« fragte Dick neugierig.

 

Surefoot Smith steckte seine große Pfeife an und setzte sich.

 

»Die Geschichte machte nicht den geringsten Eindruck auf ihn. Er erinnerte sich nur noch daran, daß Tickler gestohlen hatte, und das wußten wir selbst auch schon. Hundert Einpfundnoten! Wenn wenigstens eine Fünfpfundnote darunter gewesen wäre! Dann kämen wir leichter vorwärts. Ich möchte nur wissen, wer den auf die Fahrt mitgenommen hat. Sicher war es ein Amerikaner.«

 

Smith sah mehrere Flaschen Bier unter einer der Werkbänke, öffnete zwei und trank sie kurz hintereinander aus.

 

»Wie fanden Sie denn meinen lieben Onkel?«

 

»Sind Sie mit ihm befreundet?«

 

Dick schüttelte den Kopf.

 

»Nun, dann kann ich Ihnen ja ruhig sagen, was ich von ihm denke.«

 

Der Chefinspektor äußerte sich in wenig schmeichelhafter Weise über Hervey Lyne.

 

»Das mag stimmen«, pflichtete Dick Allenby bei und sah ruhig zu, wie der Chefinspektor eine weitere Flasche Bier nahm. »Ich spreche in der letzten Zeit überhaupt nicht mehr mit ihm.«

 

»Sagen Sie mal, hatten Sie nicht seinerzeit einen Wortwechsel mit Tickler?«

 

Dick kniff die Augenlider zusammen.

 

»Hat Lyne Ihnen das erzählt?«

 

»Irgend jemand hat es mir gesagt«, bemerkte Smith.

 

»Ja, ich habe ihn aus meiner Wohnung hinausgeworfen. Er brachte eine beleidigende Mitteilung von meinem Onkel und fügte von sich aus noch ein paar unverschämte Bemerkungen hinzu.«

 

Smith erhob sich von der Bank und klopfte sich sorgfältig ab.

 

»Das hätten Sie mir alles gestern abend sagen sollen«, entgegnete er vorwurfsvoll. »Sie hätten mir damit viel Arbeit erspart.«

 

Er betrachtete die merkwürdig aussehende Luftpistole, nahm sie in die Hand und legte sie wieder hin.

 

»Mit so einer Waffe hätte man die Schüsse abfeuern können, die Tickler getötet haben.«

 

»Wollen Sie damit sagen, daß ich den Mann umgebracht habe?« fragte Allenby ärgerlich.

 

Der Chefinspektor lächelte.

 

»Lassen Sie sich die Laune nicht verderben. Ich habe ja gar nichts gegen Sie. Mein Groll richtet sich nur gegen die wissenschaftlichen Methoden, mit denen die Verbrecher heutzutage arbeiten.«

 

»Gewiß ist das eine gute Waffe«, erwiderte Dick, der sich wieder faßte, »aber ich verfolge damit ganz andere Ziele – ich weiß nicht, ob ich das in Ihren Schädel trommeln kann …«

 

»Danke schön«, murmelte Smith.

 

»Sie soll vor allem für die Industrie nutzbar gemacht werden. Wenn ich hier in dieser Stahlkammer eine gewöhnliche Patrone abschieße, erziele ich einen unheimlich hohen Luftdruck, den ich dazu verwenden kann, eine Maschine in Gang zu setzen. Genauso kann ich mit dem Ding einem Galgenvogel das Lebenslicht ausblasen.«

 

Smith sollte um vier Uhr nachmittags an einer Konferenz in Scotland Yard teilnehmen. Er haßte derartige Besprechungen, bei denen die Leute an einem runden Tisch zusammensaßen, rauchten und hochtrabende Reden über Dinge hielten, von denen sie nichts verstanden. Aber dieses Mal kam er pünktlich und fand, daß seine vier Kollegen dieses Verbrechen ebensowenig erklären konnten wie er selbst.

 

Eine neue Nachricht war inzwischen eingetroffen. Ein Polizist, der am Portland Place patrouillierte, hatte in dem Toten einen Mann wiedererkannt, den er kurz vor zwei Uhr in einer Nebenstraße gesprochen hatte. Das stimmte mit den Beobachtungen des Chefinspektors überein, der um zwei Uhr Tickler vom Portland Place her die Regent Street hatte entlanggehen sehen.

 

Merkwürdigerweise hatte der Polizist nichts von dem betrunkenen Mann erzählt, für den sich Tickler so sehr interessiert hatte.

 

»Das bringt mich auch nicht weiter«, sagte Surefoot und legte den Bericht beiseite. »Ich möchte nur wissen, warum dieser kleine Dieb ums Leben kam. Er war ziemlich am Ende. Bevor ich ihn anrief, habe ich mit eigenen Augen gesehen, wie er sich nach Zigarettenstummeln bückte.«

 

Smith fand in seinem kleinen Büro eine Anzahl von Briefen. Einer davon war in Westminster aufgegeben und am Nachmittag zugestellt worden. Das Kuvert war schmutzig, und eine wenig geübte Hand hatte die Adresse geschrieben. Der Chefinspektor riß den Umschlag auf und nahm ein Blatt Papier heraus, das von einem billigen Notizblock abgerissen war. Mit Bleistift stand darauf gekritzelt:

 

Wenn Sie wissen wollen, wer den armen Mr. Tickler ermordet hat, so erkundigen Sie sich am besten bei Mr. L. Moran.

 

Smith sah lange auf die Nachricht.

 

»Warum auch nicht?« fragte er dann laut. Er hielt Mr. Moran schon immer für eine dunkle Persönlichkeit.

 

Kapitel 5

 

5

 

Mary Lane war davon überzeugt, daß sie eines Tages im West End als große Schauspielerin gefeiert werden würde, wenn sie sich auch den Wunschtraum, über Nacht berühmt zu werden, aus dem Kopf geschlagen hatte.

 

Am zweiten Morgen nach der Gesellschaft bei Washington Wirth hatte sie eine kurze Unterredung mit Mr. Hervey Lyne über die Rente, die er ihr zahlte. Es war keine angenehme Unterhaltung.

 

»Wenn du zur Bühne gehst, mußt du eben damit rechnen, daß du nur ein Hungerleben führen kannst. Dein Vater hat mich zum Vollstrecker seines Testaments gemacht, und ich besitze unbeschränkte Vollmacht. Und ich sage dir nochmals, bis zu deinem fünfundzwanzigsten Geburtstag bekommst du nicht mehr als hundertfünfzig Pfund jährlichen Zuschuß. Es hat keinen Zweck, noch weiter darüber zu reden.«

 

Mary Lane beherrschte sich in bewunderungswürdiger Weise.

 

»Ein Vermögen von zwanzigtausend Pfund bringt mehr als hundertfünfzig jährlich ein«, sagte sie.

 

»Du bekommst nicht mehr Geld in die Hand, ehe du fünfundzwanzig bist. Und dann werde ich glücklich sein, wenn ich nicht mehr dein Vormund sein muß. Übrigens noch eins: Du bist mit meinem Neffen Richard Allenby befreundet?«

 

Sie warf den Kopf in den Nacken.

 

»Ja.«

 

Er drohte ihr mit dem Finger.

 

»Ich möchte dich warnen. Von mir bekommt er nichts, ganz gleich, ob ich lebe oder tot bin.«

 

Der Butler Binny begleitete sie bis zur Tür und war sehr liebenswürdig zu ihr.

 

»Nehmen Sie sich das nicht zu Herzen«, sagte er beruhigend. »Heute hat er seinen bösen Tag.«

 

Sie erwiderte nichts darauf. Binny seufzte schwer und schüttelte traurig den Kopf, als er die Haustür schloß.

 

Der alte Hervey Lyne war ein exzentrischer Mensch, mit dem nicht leicht auszukommen war.

 

Die vornehmen Herren, die während der Regierungszeit der Königin Viktoria Tausende auf ihre Rennpferde setzten und Einladungen und Sektgelage gaben, waren manchmal in Schwierigkeiten, bares Geld aufzutreiben. Dann kamen sie immer zu Hervey, weil sie sofort wußten, ob er ihnen Geld leihen würde oder nicht.

 

Das war das Angenehme an ihm, daß er sofort ja oder nein sagte. Und was er sagte, meinte er auch, ohne lange zu handeln oder zu feilschen. Er gab das Geldgeschäft auf, als die Testamentsvollstrecker des Herzogs von Crewdon einen großen Prozeß gegen ihn anstrengten und verloren. Hervey hatte bestimmt damit gerechnet, daß die Gegner gewinnen würden.

 

Er betrachtete alle Leute, die zu ihm kamen, als Narren und hatte nicht die geringste Achtung vor ihnen. Seiner Meinung nach war es töricht, Geld zu borgen, hohe Zinsen zu zahlen und das Geld zurückzugeben.

 

Auch Dick Allenby hielt er für einen Narren, einen unverschämten Burschen, der sich für einen Erfinder hielt und nicht klug genug war, beizeiten Geld zu verdienen. Ebenso war Mary Lane in seinen Augen eine dumme Person, eine alberne Schauspielerin, die sich in Pose setzte, ihr Gesicht schminkte und für eine viel zu kleine Gage auf der Bühne arbeitete. Allenby war sein Neffe, der bei etwas vernünftigem Benehmen leicht von ihm eine Million hätte erben können. Mary Lane war die Tochter seines früheren Partners und hätte, wenn sie einen anderen Beruf gehabt hätte, dieselbe Summe bekommen können.

 

Seine Dienstboten hielt er natürlich auch für besondere Dummköpfe.

 

Binny kümmerte sich aber nicht um das, was sein Herr von ihm dachte. Er war freundlich, hatte große treue Augen und einen vollständig kahlen Kopf. Er war ein wenig faul, und seine Frau hatte morgens immer viel Mühe, ihn aus dem Bett zu bringen.

 

Er versah alle möglichen Dienste bei Mr. Lyne: er war Kammerdiener, Privatsekretär, Bote, Butler und Krankenpfleger. Von Rechts wegen hätte er ein hohes Gehalt haben müssen.

 

Der alte Hervey saß in seinem Rollstuhl zwischen den Kissen und sah düster auf die Setzeier und die Toastschnitten, die vor ihm auf einem Tablett standen.

 

»Hat dieser verrückte Detektiv wieder nach mir gefragt?«

 

»Nein«, entgegnete Binny. »Sie meinen doch Mr. Smith?«

 

»Ich meine den blöden Kerl, der sich nach diesem Verbrecher Tickler erkundigte«, rief der Alte heftig und schlug mit der Faust so hart auf den Tisch, daß die Tassen tanzten.

 

»Der im Auto gefunden wurde?«

 

»Fragen Sie nicht so dumm, Sie wissen es doch ganz genau. Natürlich hat ihn irgendeiner von dem Diebsgesindel getötet, mit dem er befreundet war. Die Leute nehmen ja gewöhnlich ein solches Ende.«

 

Hervey Lyne verfiel in Schweigen. Er schaute düster vor sich hin und dachte darüber nach, ob Binny ihn auch bestahl. Seit einiger Zeit war sein Verdacht gewachsen, da die Rechnungen bei der Kolonialwarenhandlung immer größer wurden. Binny hatte zwar erklärt, daß die Lebensmittelpreise in die Höhe gegangen seien, aber das war nach Lynes Meinung gelogen. Der Kerl gehörte zu diesen verdammt ruhigen Leuten, die vor ihrem Herrn kriechen, sich aber kein Gewissen daraus machen, ihn zu bestehlen. Es war höchste Zeit, daß er Binny entließ und einen anderen Butler engagierte.

 

»Wann kommt dieser Bursche?« fragte er barsch.

 

Binny schenkte am Nebentisch seinem Herrn gerade eine Tasse Tee ein. Er wandte den Kopf und sah ihn ungewiß an.

 

»Wen meinen Sie? Die junge Dame ist um neun gekommen.«

 

Hervey verzog verächtlich den Mund.

 

»Sie Dummkopf, ich meine den Bankdirektor.«

 

»Mr. Moran – um zehn.«

 

»Bringen Sie mir den Brief – bringen Sie ihn sofort!«

 

Binny stellte die Teetasse vor Mr. Lyne, blätterte in einem kleinen Stoß von Papieren, die auf dem offenen Sekretär lagen, und fand schließlich, was er suchte.

 

»Lesen Sie vor – lesen Sie genau«, drängte der alte Mann.

 

Sein Augenlicht war sehr schlecht geworden. Er konnte wohl noch hell und dunkel unterscheiden, an dem lichten Schein erkennen, wo das Fenster lag, ohne Hilfe die siebzehn Treppenstufen hinaufsteigen, die zu seinem Schlafzimmer führten, und seinen Namen unterschreiben. Aber das war auch alles.

 

Binny las mit monotoner Stimme:

 

»Sehr geehrter Mr. Lyne, es wird mir ein Vergnügen sein, morgen vormittag um zehn Uhr bei Ihnen vorzusprechen.

 

Mit vorzüglicher Hochachtung

Leo Moran«

 

Hervey lächelte wieder.

 

»So, es wird ihm ein Vergnügen sein?« wiederholte er mit schriller Stimme. »Meint der Kerl denn, ich bestelle ihn zum Vergnügen her?«

 

Es klingelte an der Haustür. Binny ging nach unten und kam kurz darauf mit dem Besucher zurück.

 

»Mr. Moran«, meldete er.

 

»Nehmen Sie Platz, Mr. Moran.« Der alte Mann machte eine ungewisse Handbewegung. »Binny, bringen Sie einen Stuhl, und dann machen Sie, daß Sie hinauskommen – verstanden? Und horchen Sie nicht an der Tür, verdammt noch mal!«

 

Der Besucher lächelte, als sich die Tür hinter Binny schloß. Die Worte schienen wenig Eindruck auf den Butler gemacht zu haben.

 

»Mr. Moran, Sie sind mein Bankier.«

 

»Ja, Mr. Lyne. Ich habe schon vor einem Jahr angefragt, ob ich einmal mit Ihnen sprechen könnte – vielleicht erinnern Sie sich daran?«

 

»Natürlich. Aber ich mag keine Bankdirektoren sehen. Die sollen dafür sorgen, daß mein Geld Zinsen bringt. Das ist ihre Pflicht, dafür werden sie bezahlt. Haben Sie die Abrechnung?«

 

Der andere zog einen Briefumschlag aus der Tasche, öffnete ihn und nahm zwei große, zusammengefaltete Bogen heraus.

 

»Hier«, begann er. Sein Stuhl krachte, als er sich erhob.

 

»Ich will die Abrechnung nicht sehen. Sagen Sie mir die Endsumme.«

 

»Zweihundertundzwölftausendsiebenhundertsechzig Pfund und einige Shilling.«

 

»Hm!« erwiderte Mr. Lyne zufrieden. »Und wie steht es mit den Wertpapieren?«

 

»Nach dem jetzigen Kursstand sind sie sechshundertzweiunddreißigtausend Pfund wert.«

 

»Ich will Ihnen sagen, warum ich mit Ihnen sprechen wollte«, sagte Lyne, fügte aber sofort argwöhnisch hinzu: »Öffnen Sie doch einmal die Tür und sehen Sie zu, ob dieser verdammte Kerl horcht.«

 

Der Besucher erhob sich, machte die Tür auf und schloß sie wieder.

 

»Es ist niemand draußen.«

 

Er lächelte, aber Mr. Lyne konnte das nicht beobachten.

 

»So, es ist niemand draußen? Also, Moran, dann hören Sie einmal zu. Ich halte mich für einen sehr fähigen Mann. Damit will ich mich nicht rühmen; das ist eine Tatsache, die Sie selbst feststellen können. Ich traue niemandem, nicht einmal einem Bankdirektor. Meine Sehkraft ist nicht mehr besonders gut, und es fällt mir schwer, Rechnungen zu kontrollieren. Aber ich habe ein sehr gutes Gedächtnis, das ich dauernd trainiere. Ich kann Zahlen unheimlich lange behalten, und ich hätte Ihnen bis auf einige Shilling genau die Summe nennen können, die Sie eben angaben.« Der alte Mann machte eine Pause und sah durch seine dicken Gläser zu dem Besucher hinüber, der auf der anderen Seite des Schreibtisches saß.

 

»Hoffentlich spekulieren und spielen Sie nicht?«

 

»Nein, Mr. Lyne.«

 

Mr. Moran atmete erleichtert auf, als er sich wieder von dem Alten verabschieden konnte.

 

Binny wurde durch ein Klingelzeichen seines Herrn in seinem Zimmer aufgestört. Als er nach oben kam, war der Besucher schon gegangen.

 

»Sagen Sie, Binny, wie sah der Mann aus? Hatte er ein ehrliches Gesicht?«

 

Der Butler dachte lange nach.

 

»Er hatte ein ganz gewöhnliches Gesicht«, meinte er dann.

 

Lyne war ärgerlich.

 

»Bringen Sie das Frühstücksgeschirr weg. Wer kommt denn heute sonst noch?«

 

Binny überlegte lange.

 

»Ein gewisser Dornford.«

 

»Ein Herr namens Dornford«, verbesserte ihn der Alte. »Er schuldet mir Geld, deshalb ist er ein Herr. Wann kommt er?«

 

»Ungefähr um acht.«

 

»Sie bleiben im Zimmer, wenn er kommt. Haben Sie mich verstanden? Er ist ein gemeiner Kerl – ein gefährlicher Mensch. Es ist gut, wenn Sie da sind.«

 

»Jawohl.«

 

Kapitel 25

 

25

 

»Das sind vorläufig nur Schlußfolgerungen«, meinte Surefoot, »aber ich gehe die höchste Wette ein, daß sie stimmen. Und das will viel heißen, denn ich bin ein äußerst sparsamer Mann und wette im allgemeinen nie. Binny wußte, daß der alte Lyne ihn seit einiger Zeit im Verdacht hatte, und als sich die Verhältnisse mehr und mehr zuspitzten, kam er zu der Überzeugung, daß er schnell handeln mußte. Der alte Mann vermutete, daß seine Bankabrechnung nicht stimmte. Sicher hätte er Binny nicht zu Moran geschickt, wenn er ihn nicht verdächtigt hätte. Er haßte Bankleute und sprach nur mit ihnen, wenn es unumgänglich notwendig war. Als Binny erfuhr, daß Lyne mit Moran sprechen wollte, kam er in große Verlegenheit. Es blieb ihm nur der eine Ausweg, sich einen Verbündeten zu suchen, einen Komplicen, der in der Rolle Leo Morans einen Besuch bei dem alten Lyne machte, und dieser Komplice war –«

 

»Mike Hennessey«, warf Dick ein.

 

Surefoot nickte.

 

»Daran zweifle ich nicht im mindesten. Als wir Hennesseys Kleider durchsuchten, fanden wir ein Stück Papier, auf dem dieselben Zahlen standen, die auf der Bankabrechnung vorkamen. Das konnte nur bedeuten, daß Binny ihm die Zahlen gegeben hatte und daß Mike sie auswendig lernen mußte, falls der Alte ihn danach fragen sollte.«

 

Surefoot hatte irgendwo ein großes Blatt Löschpapier gefunden. Er legte es auf den Tisch und schrieb mit Bleistift die Theorien darauf nieder, die er entwickelte.

 

»Moran hat niemals eine Aufforderung bekommen, den alten Lyne zu besuchen. An dem Vormittag, an dem die Unterredung mit Lyne geplant war, hielt er sich nicht in seinem Büro auf, sondern verhandelte mit den Agenten der Cassari-Petroleum-Gesellschaft. Statt seiner erschien Mike. Hervey Lyne hat also den Bankdirektor nicht gesprochen. Aber Mike mußte etwas gesagt oder getan haben, was den Verdacht des alten Mannes erregte. Was das war, werden wir allerdings nicht mehr erfahren. Lyne nahm dann das erste Stück Papier, das ihm in die Hände fiel, und schrieb eine Mitteilung an Mary Lane darauf. Zufällig erwischte er die Bankabrechnung. Daß Lyne tatsächlich mißtrauisch geworden war, ergibt sich daraus, daß Miss Lane einen Polizeibeamten mitbringen sollte. Binny erfuhr das. Ob der alte Lyne ihm den Betrug auf den Kopf zusagte oder was er sonst tat, werden wir erst hören, wenn Binny im Prozeß die Wahrheit sagt.

 

Den Entschluß, Lyne zu ermorden, muß er gefaßt haben, nachdem er ihn für die Ausfahrt angekleidet hatte. Er trat hinter den Rollstuhl und erschoß ihn mit einem Browning. Ich habe die Kugel in der Tür gefunden. Vielleicht hatte er zuerst gar nicht die Absicht, den Ermordeten noch in den Park zu fahren. Nachdem er aber sah, daß der Alte nur wenig blutete und daß man die Wunde nicht erkennen konnte, riskierte er es. Lynes dunkelblaue Brillengläser verdeckten ja die Augen. Außerdem war er meistens halb im Schlaf, wenn er in den Park gefahren wurde. Binny konnte sein Vorhaben tatsächlich ausführen, ohne daß etwas entdeckt wurde. Er hatte sogar die Kühnheit, den Polizisten zu bitten, den Verkehr anzuhalten, bis er mit dem Rollstuhl auf die andere Seite der Straße gekommen war.«

 

Smith seufzte und schüttelte den Kopf. Im stillen bewunderte er die unglaubliche Kühnheit Binnys.

 

»Hat er irgendwelche Aussichten, aus England fliehen zu können?« fragte Dick.

 

Surefoot strich sich das Kinn.

 

»Theoretisch genommen – nein. Aber man muß bedenken, daß sich dieser Mann sehr gut verkleiden und in anderen Rollen auftreten kann. Im Augenblick ist er in London und wohnt irgendwo unter anderem Namen. Vielleicht hat er zwei oder drei solche Schlupfwinkel in der Stadt. Er ist ein sehr methodischer Mensch und wird alle möglichen Vorbereitungen für seine Flucht getroffen haben. Es stehen ihm genug Geld und Waffen zur Verfügung. Der Galgen wartet auf ihn, aber seine Verhaftung wird uns noch große Schwierigkeiten machen.«

 

»Ich verstehe den Mann nicht«, sagte Dick. »Warum hat er denn nur diese Gesellschaften für die Leute vom Theater gegeben? Warum hat er die Rolle von Washington Wirth gespielt? Das hat ihn doch nur unnötiges Geld gekostet.«

 

»Es mag Ihnen unlogisch erscheinen, aber Binny wollte sich eben auf diese Weise ausleben. Es gefiel ihm, einen klangvollen Namen zu führen. Über diese Theaterliebhaberei kann ich Ihnen noch mehr erzählen. Er hatte vermutlich die Absicht, später erstklassige Stars zu bewirten, die bei solchen Gelegenheiten kostbaren Schmuck trugen. In Chikago hat er einmal die großen Künstlerinnen eingeladen und ihnen dann mit vorgehaltenem Revolver alle Juwelen abgenommen. In London hat er das allerdings nicht wiederholt. Im großen und ganzen ist er furchtbar eitel. Er wollte eben den ganz großen Mann spielen, und das gelang ihm am besten unter kleinen Leuten.«

 

Chefinspektor Smith nahm die Vakuumpumpe wieder auf und betrachtete sie.

 

»Ich möchte nur wissen, wozu er die gebraucht hat. Vorläufig werde ich das Ding einmal mitnehmen.«

 

Er steckte sie in die Tasche, und nachdem er das Haus abgeschlossen hatte, gingen sie fort. Dick begleitete Mary zu ihrem Hotel, und der unermüdliche Smith begab sich in seine Wohnung am Haymarket.

 

Eine Stunde verging, und in Lynes Haus rührte sich nichts. Aber dann öffnete sich in der Küche plötzlich eine Stelle in der Wand, die mit weißen Kacheln bedeckt war, und Binny trat in Gummischuhen heraus. Er hatte eine Pistole in der Hand und sah sich vorsichtig um. Nachdem er eine Weile gelauscht hatte, trat er schnell und geräuschlos in den Gang, durchsuchte das ganze Haus, verriegelte dann die Vordertür und kehrte zur Küche zurück. Er legte die Pistole auf den Tisch und fuhr mit der Hand über sein unrasiertes Kinn.

 

Ein Lächeln glitt über sein häßliches Gesicht.

 

»Eitel soll ich sein!« murmelte er.

 

Das war die einzige Äußerung, die ihn in Wut gebracht hatte.

 

Er stand am Tisch, hielt den Kopf gesenkt und spielte mechanisch mit der schweren Waffe.

 

»Eitel!« Das Wort hatte ihn schwer verletzt. Er haßte diesen Surefoot Smith. In diesem so unscheinbaren Mann hatte er von Anfang an instinktiv seinen gefährlichsten Feind erkannt, der sein Leben bedrohte.

 

Was man auch über Binny sagen mochte, seine Vorliebe für Theater und Bühne war echt. Immer hatte er danach gestrebt, mit Künstlern und Künstlerinnen zu verkehren. Die ersten Veruntreuungen hatte er begangen, um ein Stück zu finanzieren, das nachher nur eine Woche gespielt wurde. Er war selbst kein schlechter Schauspieler.

 

Nun mußte er all seinen Witz und Verstand zusammennehmen, um dem Netz zu entkommen, das sich immer enger um ihn zog. Er trat durch die enge Tür wieder in den kleinen Raum zurück, der schmaler war als eine Zelle.

 

Auf dem Boden lag eine Matratze, auf der er geschlafen hatte, am Fußende stand ein kleiner Frisiertisch, unter dem zwei Koffer standen. Er zog einen hervor und schloß ihn auf. Ganz oben lag ein Briefumschlag mit Eisenbahnfahrkarten und drei Pässen. Er nahm sie mit sich in die Küche, stellte einen Stuhl an den Tisch und studierte sie sorgfältig. Er hatte seine Vorbereitungen gut getroffen. Die Pässe waren auf Namen ausgestellt, die noch in keinen Polizeiakten standen, und die Fotos zeigten ihn in den verschiedensten Aufmachungen. Es fiel ihm leicht, in kürzester Zeit die betreffenden Verkleidungen vorzunehmen und auf der Reise seine Persönlichkeit mehrmals zu ändern.

 

Aus der Hüfttasche zog er einen dicken Stoß Banknoten, französisches, englisches und deutsches Geld. Ein anderes Paket nahm er aus einer Geheimtasche seines Rocks. Dann holte er noch ein drittes und viertes hervor und legte alles zusammen auf den Tisch. Eine Viertelstunde saß er ruhig davor und weidete sich an dem Anblick. Dann ging er in die kleine Kammer zurück, holte einen Spiegel und ein Rasiermesser und traf seine Vorbereitungen. Zwei Stunden lang bearbeitete er sein Gesicht und färbte es mit einer braunen Schminke. Dann zog er sich um und steckte das Papiergeld in einen besonders dafür angefertigten Gürtel, den er auf der bloßen Haut trug. Die Reisekoffer ließ er zurück. Er konnte es sich jetzt nicht mehr leisten, großes Gepäck mitzunehmen; er mußte sich mit zwei Pistolen und Munition begnügen.

 

Mit größter Geschicklichkeit verteilte er sie so in den Taschen, daß äußerlich nichts zu sehen war, wenn er sich bewegte. Er wartete bis gegen Mittag, und nachdem er lange Zeit durch ein Seitenfenster Ausschau auf die Straße gehalten hatte, entschloß er sich, das Haus zu verlassen.

 

Die Dienstboten der benachbarten Häuser mochten ihn sehen, aber wahrscheinlich waren sie gerade beim Essen oder mußten ihre Herrschaften bedienen. Um diese Zeit kamen auch keine Händler, um Waren abzuliefern. Es war höchstens zu befürchten, daß Surefoot einigen Beamten den Auftrag gegeben hatte, das Haus zu bewachen. Aber ohne Risiko ging es nun einmal nicht ab.

 

Vorsichtig riegelte er die Haustür auf, öffnete sie leise und trat auf die Straße.

 

Als er auf der anderen Seite angelangt war, bemerkte er eine Frau in schlechten Kleidern, die mit unsicheren Schritten vor ihm herging. Es war die Person, die er als seine Frau ausgegeben hatte. Sie war so betrunken, daß sie ihn nicht erkannte. Vor ein paar Tagen hatte er sie mit dem Auftrag fortgeschickt, nach Wiltshire zu fahren, woher sie stammte. Er hatte ihr genügend Geld gegeben, daß sie sich ein Jahr lang unterhalten konnte.

 

Ruhig, aber vorsichtig ging er die Straße entlang. Nur gelegentlich sah er sich einmal um, ob er beobachtet oder verfolgt würde. Einen Autobus durfte er nicht benutzen, auch ein Taxi war zu gefährlich. Und wenn er in seiner jetzigen Verkleidung selbst ein Auto lenkte, zog er nur allzu leicht die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich.

 

Er erreichte die Finchley Road und kam zu einem Häuserblock, in dessen Untergeschoß sich nur Läden befanden. Die oberen Stockwerke enthielten Büros.

 

Binny betrat das Eckhaus und fuhr mit dem Fahrstuhl nach oben. Direkt dem Lift gegenüber lag ein Zimmer, an dessen Tür ein Messingschild mit der Aufschrift »Neues Theatersyndikat« prangte. Er schloß auf und trat ein.

 

Der selten benutzte Raum war von mittlerer Größe und einfach, aber gut möbliert. Binny verriegelte die Tür von innen, zog Mantel und Rock aus, setzte sich und dachte nach.

 

Von hier aus konnte er leicht fortkommen. Etwas Gepäck befand sich im Aufbewahrungsraum des Liverpool-Bahnhofs. Alles war gut vorbereitet, und doch –

 

Binny hätte ein Buch über die Psychologie des Verbrechers schreiben können. Er war kaltblütig, und die Vernunft behielt bei ihm immer die Oberhand. Viele Menschen hatte er schon ermordet, und niemals hatte er sich zu unbedachten Schritten hinreißen lassen.

 

Es war allerdings ein großer Fehler gewesen, daß er umkehrte, um den Schlüssel in Miss Lanes Zimmer zu suchen. Sonst wäre Leo Moran längst tot, und die gefälschte Selbstbezichtigung wäre von der Polizei geglaubt worden.

 

Binny hatte alles so sorgfältig geplant: Den Schlüssel hatte er auf der Innenseite vor der verschlossenen Tür auf den Boden legen wollen und ihn eigens zu diesem Zweck in die Tasche gesteckt. Aber nachher hatte er es doch vergessen. Und dieses kleine Versehen hatte den ganzen Plan zum Scheitern gebracht.

 

Die Vernunft, die bis dahin alle seine Handlungen diktiert hatte, sagte ihm, daß er jetzt möglichst ruhig aus London verschwinden müsse, und zwar so bald als möglich. Aber plötzlich machte sich der theatralische Zug in seinem Wesen geltend, den man häufig bei Verbrechern findet, und es kam ihm der Gedanke, noch einen großen Streich auszuführen, bevor er den Schauplatz seiner Tätigkeit verließ. Die ganze Welt würde dann über ihn sprechen! Er sah bereits die sensationellen Überschriften der Zeitungen vor sich: »Der berühmte Surefoot Smith ermordet! Täter entkommen!« »Der große Detektiv Smith ermordet, der hervorragende Polizeibeamte, der so viele Mörder gefangen hat!«

 

Binny dachte nicht mehr daran, sich in Sicherheit zu bringen. Seine Gedanken waren nur noch darauf gerichtet, eine ungeheure Sensation hervorzurufen. Es kam ihm nicht zum Bewußtsein, wie sehr sich gerade in diesem Verhalten seine Eitelkeit zeigte.

 

Kapitel 26

 

26

 

Dick Allenby und Mary speisten zusammen im Carlton-Hotel und unterhielten sich, aber Mary war zerstreut.

 

»Du hörst überhaupt nicht zu«, sagte Dick vorwurfsvoll.

 

Sie schrak zusammen.

 

»Ach, ich war unaufmerksam«, erwiderte sie betroffen. »Ich glaube, du hast mir einen Heiratsantrag gemacht, und ich bin mit meinen Gedanken immer noch bei der schrecklichen Küche.«

 

Er lachte.

 

»Wenn du mir tatsächlich zuhören wolltest, wäre ich sehr glücklich. Warum denkst du eigentlich noch daran? Was quält dich?«

 

»Es fehlte dort etwas. Und nun erinnere ich mich, daß Mr. Lyne erzählte, er habe die Küche umbauen lassen. Ich besinne mich, daß er Binny lobte und sagte, er habe die Bauhandwerker beaufsichtigt und dadurch viel Geld erspart.« Sie strich mit der Hand über die Stirn. »Es stand doch früher ein großer Küchentisch an der Wand – den habe ich heute nicht mehr gesehen. In der Ecke war auch noch ein Ausguß … und es kommt mir alles so klein vor …«

 

Plötzlich hielt sie inne und sah ihn mit großen Augen an.

 

»Jetzt weiß ich, was es ist. Die Tür zur Speisekammer habe ich nicht mehr gesehen! Ich weiß ganz genau, daß sie in der Ecke war. Was ist nur daraus geworden?«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Dafür habe ich mich wirklich nicht interessiert.«

 

»Mr. Smith sagte doch, Binny müßte ein Versteck haben! Das ist natürlich die Speisekammer! Sie lag rechter Hand vom Kücheneingang.«

 

Dick Allenby lachte.

 

»Rechter Hand vom Eingang ist eine massive Mauer!«

 

»Aber ich bin sicher, daß sich dahinter ein Raum befindet.«

 

In diesem Augenblick betrat Surefoot den Speisesaal, sah sie und nickte ihnen zu. Aber offenbar war er nicht ihretwegen gekommen, denn er ging weiter, und sein Blick wanderte suchend über andere Tische. Als er wieder in ihrer Nähe war, winkte Mary ihm, und er kam zögernd zu ihnen.

 

»Haben Sie nicht den Polizeipräsidenten gesehen? Er hat mich für drei Viertel zwei eingeladen, und jetzt ist es gleich zwei. Übrigens haben wir Binnys angebliche Frau verhaftet, aber es war nichts aus ihr herauszubringen.«

 

»Ich weiß jetzt aber, wo Binnys Versteck ist!« rief Mary.

 

Smith war sofort aufs höchste interessiert.

 

»Glauben Sie, er hält sich in Naylors Crescent verborgen?«

 

Atemlos erzählte sie ihm, was ihr eingefallen war, und er schlug sich aufs Knie.

 

»Selbstverständlich haben Sie recht! Dadurch erklärt sich auch die Existenz der Vakuumpumpe. Die ganze Wand ist doch mit weißen Kacheln verkleidet. Da konnte er natürlich keine Klinke anbringen, wenn der Unterschlupf wirklich ein Versteck bleiben sollte. Mit der Vakuumpumpe hat er die Tür geöffnet! Ich habe das Ding in meinem Büro und werde es sofort holen. Auf den Polizeipräsidenten kommt es jetzt nicht an, der kann warten.« Er verließ den Speisesaal, und eine halbe Stunde später war Hervey Lynes Haus von Detektiven umstellt.

 

Surefoot ging mit der Pistole in der Hand in die Küche und betrachtete die Wand. Eine Tür war nicht zu entdecken. Er befestigte die Vakuumpumpe an verschiedenen Stellen, und bei dem fünften Versuch wurden seine Anstrengungen belohnt. Er könnte einen Stein herausziehen, der auf Stahlschienen lief, und es zeigte sich eine längliche Öffnung.

 

Er steckte die Hand hinein, fühlte einen Griff und drückte ihn nieder. Nun ging die Tür auf, und er stand in Binnys geheimem Versteck. Er sah die unordentlich durcheinanderliegenden Kleider auf dem Boden, den Spiegel, das Rasiermesser, das nicht gereinigt worden war, und die kleine Schale mit der gelbbraunen Schminke, mit der Binny sein Gesicht behandelt hatte.

 

»Wir werden noch viel Aufregung und Ärger haben«, meinte er dann.

 

Eilig durchsuchte er die Kleider und den ganzen Raum, fand aber nichts, was auf Binnys Pläne schließen ließ.

 

Eins stand fest: Der Mann war in diesem Versteck gewesen, als sie sich am Morgen in der Küche aufhielten, und hatte alles gehört, was sie dort sprachen. Surefoot Smith machte selbst die Probe darauf, daß man in der kleinen Kammer eine Unterhaltung verstehen konnte, die in der Küche geführt wurde.

 

Die Schminke in der Schale verriet, daß er sich nach einem gelbbraunen Mann umsehen mußte. Dieser Anhaltspunkt konnte bei den Nachforschungen sehr gute Dienste leisten.

 

Surefoot entdeckte noch eine Menge Patronen und einen weißen Glacehandschuh, der beschmutzt war, aber offensichtlich zu dem im Garagenzimmer gefundenen gehörte.

 

»Man kann nicht wissen, wozu das gut ist«, sagte er und reichte den Handschuh einem Untergebenen. »Geschworene sind manchmal schwer zu überzeugen, und ein kleines Beweisstück wie dieses hat zuweilen die größte Wirkung. Heben Sie ihn auf, damit wir ihn beim Prozeß verwenden können.«

 

Der Chefinspektor schickte seine Leute die Straße auf und ab. Überall erkundigten sie sich, aber niemand hätte Binny gesehen. Smith eilte zum Carlton-Hotel zurück, wo er Mary Lane mit ihrem Verlobten noch antraf, und berichtete über die Entdeckung, die er gemacht hatte.

 

»Wenn ich nur schon früher daran gedacht hätte!« sagte Mary bedauernd.

 

»Dann wäre jetzt wahrscheinlich einer von uns nicht mehr am Leben. Vielleicht hätten wir auch alle drei daran glauben müssen. Dieser Binny hat ein ganzes Waffenlager mit sich herumgeschleppt. Nein, es war so viel besser.«

 

»Glauben Sie, daß er sich in seinem Versteck aufgehalten hat, als wir uns miteinander unterhielten?«

 

Smith nickte.

 

»Darüber besteht wohl kaum ein Zweifel.«

 

»Dann wird es diesem Erzgauner also aller Wahrscheinlichkeit nach doch noch gelingen, sich in Sicherheit zu bringen?« fragte sie.

 

Surefoot runzelte die Stirn.

 

»Es ist möglich, daß er einen Versuch macht, England zu verlassen. Aber die Häfen sind bewacht, und jeder einzelne Passagier wird beobachtet. Er könnte nur entkommen, wenn irgendwo an der Küste ein seetüchtiges Motorboot für ihn bereitläge. Aber ich glaube, daran hat er nicht gedacht.« –

 

In Scotland Yard hielt man eine eingehende Konferenz ab, und nach allen Teilen des Landes wurden dringende Telegramme ausgesandt, die vor dem bewaffneten Mörder warnten.

 

Um halb zehn abends sah Surefoot die eingegangenen Berichte durch. Alle Züge waren sorgfältig überwacht und durchsucht worden, aber man hatte nichts von Binny gesehen. Nun, Binny war ein tüchtiger Chauffeur, und er würde London vermutlich nicht im Zug verlassen.

 

Kapitel 27

 

27

 

Chefinspektor Smith verließ Scotland Yard ein paar Minuten nach elf. Er ging in der Richtung nach Blackfriars, und wenn er hier entlangwanderte, dachte er gewöhnlich nach. Einer seiner Beamten hatte die Straße von Scotland Yard nach Savoy Hill deshalb »den Garten des Denkens« genannt. Sooft sich Surefoot über ein Problem nicht klarwerden konnte, ging er hier auf und ab, gleichgültig ob es Sommer oder Winter war, ob es regnete oder ob die Sonne schien. Um diese Stunde waren nur wenig Leute auf der Straße zu sehen; ab und zu fuhr ein Auto vorüber, und gelegentlich tauchte auch ein Bettler auf, der nach Zigarren- und Zigarettenstummeln suchte.

 

In der Nähe eines Hotelgartens, der nach dem Themseufer hinausführte, stand ein blauer Luxuswagen, und Smith sah hinein, als er vorüberkam. Er tat es mehr aus Gewohnheit als aus Neugierde. Mit einem flüchtigen Blick streifte er die Dame, die in dem Auto saß, und setzte dann seinen Spaziergang fort.

 

Im Weitergehen dachte er unentwegt darüber nach, wie er Binny verhaften könnte. Das größte Problem war gelöst: Er wußte, wer der Mörder war. Jetzt handelte es sich noch um die schwierige Aufgabe, ihn zu fassen.

 

Er kehrte um und ging nach Scotland Yard zurück. Um diese Zeit mußten die Berichte von der Südküste einlaufen.

 

Das große Luxusauto hielt immer noch neben dem Gehsteig, aber die Dame stand jetzt draußen an der offenen Tür. Sie war etwa Mitte Fünfzig und etwas korpulent.

 

Zu seinem größten Erstaunen sprach sie ihn mit einer merkwürdig hohen Stimme an.

 

»Könnten Sie nicht einen Polizisten für mich holen?«

 

Das war ein Ansinnen für einen so wohlbekannten Mann von Scotland Yard!

 

»Wo fehlt es denn?« fragte er.

 

Sie trat etwas von der Tür zurück.

 

»Mein Chauffeur ist betrunken zurückgekommen, und ich kann ihn nicht aus dem Wagen bringen.«

 

Ein betrunkener Chauffeur ist für alle Polizeibeamten ein Greuel. Surefoot öffnete die Tür und schaute hinein. Aber er sah nichts, ebensowenig hörte oder fühlte er etwas. Sein Bewußtsein schwand plötzlich.