Kapitel 55

 

55

 

Die Leute brachten Sadi Hafis zu Hamons Haus auf dem Hügel zurück. Die Reise war lang für einen Mann, der eine Kugel in der Schulter hatte.

 

»Allah! Dieses Schwein!« stöhnte der Maure. »Wenn sich die Pistole nicht in den Falten meines Mantels verfangen hätte, würde der Kerl jetzt in der Hölle sein!«

 

Hamon schickte nach Frauen, die die Wunde untersuchten und verbanden.

 

»Es ist nichts«, sagte Sadi rauh. »Als er mich das letztemal anschoß, war die Sache schlimmer.«

 

»Sprechen Sie von dem Bettler?« fragte Hamon erstaunt.

 

»Natürlich!«

 

»Ich hätte nie gedacht, daß er Ihnen etwas anhaben könnte. Er ist doch alt und schwach. Und Sie haben mir auch nicht gesagt, daß Sie ihn kannten.«

 

»Ich wußte es selbst bis zum letzten Augenblick nicht, aber dieser Morlake ist ein alter Feind von mir.«

 

Hamon zuckte zusammen.

 

»Sie sprachen doch eben noch von dem Bettler«, erwiderte er und runzelte die Stirn. »Ich bin so aufgeregt heute nacht – Sie meinten doch den alten Bettler Abdul?«

 

»Ich spreche von Morlake«, stieß Sadi zwischen den Zähnen hervor, »den Sie heute morgen so voreilig mit einer Frau verheirateten!«

 

Hamon starrte ihn fassungslos an.

 

»Das verstehe ich nicht. Der Bettler war Morlake? Aber – er war doch ein alter Mann!«

 

»Wenn ich nicht die Augen eines Mondkalbes gehabt hätte«, entgegnete Sadi bitter, »dann hätte ich gleich sehen müssen, daß es Morlake war. Schon früher bevorzugte er diese Verkleidung, als er hier noch im diplomatischen Dienst tätig war.«

 

Hamon ließ sich verstört auf dem Diwan nieder.

 

»Der Bettler war also Morlake – und ich habe die beiden verheiratet!«

 

Er brach in ein hysterisches Lachen aus, aber allmählich beruhigte er sich wieder.

 

»Er haßt Sie!« sagte Sadi nach einem langen Schweigen. »Was steckt eigentlich hinter der ganzen Geschichte?«

 

»Er will ein Schriftstück haben, das in meinem Besitz ist – das ist alles.«

 

Das aufgeregte, rote Gesicht Hamons und der nervöse Ton seiner Stimme weckten Sadis Verdacht. Ob Hamon getrunken hatte?

 

»Sie denken, ich bin betrunken«, meinte Hamon, als ob er Sadis Gedanken gelesen hätte. »Aber das stimmt nicht.«

 

Plötzlich ging er aus dem Zimmer und ließ Sadi allein. Der Scherif dachte über alle Möglichkeiten nach. Hamon mußte verschwinden, entschied er kaltblütig. Wenn es wahr wäre, daß ein englischer Detektiv in Tanger Nachforschungen nach ihm anstellte, dann sollte er auch seine Beute erhalten. Nur auf diese Weise konnte sich Sadi rächen. Hamon war ja auch keine große Einnahmequelle mehr für ihn.

 

Kurz nach Sonnenaufgang stand Sadi auf, um seinen Gastgeber aufzusuchen. Hamon hielt sich in dem Zimmer auf, das Joan innegehabt hatte. Er schlief, sein Kopf ruhte über den gefalteten Armen auf der Tischplatte. Neben ihm lag eine offene Brieftasche mit vielen Papieren. Sadi untersuchte sie leise. Er fand ein halbes Dutzend noch nicht eingelöster Schecks und ein viermal zusammengefaltetes Blatt. Begierig griff er danach und las.

 

›Ich bin zu der Ansicht gekommen, daß Ralph Hamon, den ich für meinen Freund hielt, mich töten will. Er hält mich augenblicklich in einem kleinen Haus in der Nähe von Hindhead gefangen. Auf seinen Rat begleitete ich ihn nach Marokko, um dort eine Mine zu besichtigen, die ich für sein Eigentum hielt. Wir kehrten auf seinen Wunsch heimlich nach London zurück, weil niemand erfahren sollte, daß er seinen Anteil an der Mine verkaufen wollte. Ich hatte den Verdacht, daß die Mine, die er mir als die seine zeigte, in Wirklichkeit nichts mit ihm und seinen Unternehmungen zu tun hatte, kam nach Hindhead und wollte erst dann zahlen, wenn sich mein Argwohn als unbegründet erwiesen hatte. Ich habe eine Vorsichtsmaßregel ergriffen, die ich für sehr wirksam halte. In Hindhead wurde mein Verdacht bestätigt, und ich weigerte mich deshalb, das Geld zu zahlen. Darauf schloß mich Hamon in der Küche ein und ließ mich von einem Araber bewachen, den er von seiner letzten Reise aus Tanger mitgebracht hatte. Sie haben bereits versucht, mich umzubringen, und ich fürchte, das nächstemal –‹

 

Hier endete das Schreiben plötzlich. Aber als Sadi das Blatt umwandte, weiteten sich seine Augen. Die Anklage stand auf der Rückseite einer Tratte auf die Bank von England in Höhe von hunderttausend Pfund …

 

Hamon erwachte, während Sadi noch las.

 

»Geben Sie mir mein Eigentum zurück, wenn Sie fertig sind«, sagte er.

 

Der Maure zeigte nicht die geringste Verlegenheit und legte das Schriftstück wieder auf den Tisch.

 

»Jetzt weiß ich Bescheid. Ich wunderte mich schon immer, warum Sie in so großer Unruhe waren. Sie sind doch ein Narr – das Dokument bringt Sie noch an den Galgen –, warum verbrennen Sie es denn nicht?«

 

»Weil ich es brauche – ich muß es behalten«, erwiderte Ralph und steckte die Brieftasche wütend ein.

 

Gegen Abend sah er, daß einer von Sadis Leuten sein Pferd bestieg und ein anderes am Zaum führte. Das konnte nur eins bedeuten. Dieser Bote sollte so schnell wie möglich nach Tanger reiten. Er nahm ein zweites Pferd mit, um unterwegs wechseln zu können. Und er konnte nur einen bestimmten Auftrag haben.

 

Ralph Hamon lachte leise vor sich hin. Aus irgendeinem Grunde bereitete ihm diese Entdeckung unendliches Vergnügen. Sadi Hafis wollte also auf seine Kosten die eigene Haut retten. In zwei Tagen, vielleicht schon morgen, konnten der Befehl und die Vollmacht von dem Vertreter des Sultans kommen, und er, Ralph Hamon, würde dann von dem Mann verhaftet werden, mit dem er so eng befreundet gewesen war. Sadi würde ihn nach Tanger bringen und dem Gericht ausliefern.

 

Er ging hinters Haus und rief seinen Stallmeister zu sich.

 

»Ich werde heute nacht eine Reise machen, aber sie muß geheim bleiben. Du bringst mein und dein Pferd an den Bach, wo er die Straße kreuzt. Wir reiten zur Küste und gehen später auf spanisches Gebiet über. Du bekommst zweitausend Peseten von mir, wenn du schweigst. Bist du einverstanden?«

 

»O Herr, du hast meinen Mund mit Goldfäden zugenäht«, sagte der Mann.

 

Hamon speiste mit Sadi zu Abend.

 

Von der kleinen Uhr im Wohnzimmer schlug es Mitternacht, als Hamon in Reitanzug und dickem Mantel die Treppe hinunterstieg. Er trug Gummischuhe über den Stiefeln und schlich sich geräuschlos zu Sadis Schlafraum. Leise klinkte er die Tür auf und lauschte, bis er den regelmäßigen Atem des Schlafenden hörte. Dann zog er ein langes, gerades Messer aus der Tasche und trat in das Zimmer ein, in dem nur eine Kerze brannte. Er blieb ein paar Minuten dort, dann löschte er das Licht und verließ den Raum wieder.

 

Er ritt zwei Stunden in scharfem Trab, dann hielt er an, und sein Diener bereitete ein Mahl. Hamon saß am Feuer.

 

»O Herr, ich sehe Blut an deinem Ärmel und an deinen Händen!« rief sein Begleiter plötzlich erregt.

 

»Das ist nichts!« erwiderte Hamon ruhig. »Am Abend wollte mich ein Hund beißen. Ich habe ihn getötet.«

 

Kapitel 56

 

56

 

Eine Flut von Sonnenlicht ergoß sich über Tanger, und die Oberfläche des Meeres erschien wie schimmerndes Gold. Aber die beiden älteren Herren, die an dem Geländer der Hotelterrasse lehnten, sahen nichts von dieser Schönheit.

 

»Keine neuen Nachrichten?« fragte Welling.

 

Lord Creith schüttelte den Kopf, und seine Blicke wanderten zu der prachtvollen Yacht hinüber, die im Hafen vor Anker lag.

 

»Wollen Sie hier warten, bis Sie etwas hören?«

 

»Das muß ich wohl tun«, sagte der Lord niedergeschlagen. »Und was beabsichtigen Sie?«

 

»Meine Arbeit hier ist eigentlich beendet. Ich wollte die ersten Anfänge von Hamons Aufstieg untersuchen, und ich habe alles, was noch unklar war, vollständig aufgeklärt. Er gründete Schwindelgesellschaften und verdiente damit allerhand Geld. Dann brachte er einen vermögenden Engländer hierher. Sie wohnten ungefähr vierzehn Tage im Hause von Sadi Hafis. Nachher verließen sie das Land wieder. Ich entdeckte, daß der Fremde ihm eine große Geldsumme zahlte – ich habe auch beim Credit Lyonnais Nachforschungen angestellt und die alten Akten eingesehen. Die Geldüberweisung ist klar. Fünfzigtausend Pfund gab der Mann als Anzahlung.«

 

»Wofür denn?« fragte der Lord, der sich trotz seiner Sorgen für die Sache zu interessieren begann.

 

»Das muß ich noch herausbekommen. Allem Anschein nach sollte später noch eine viel größere Summe auf Hamons Konto eingezahlt werden.«

 

»Kennen Sie eigentlich den Namen dieses geheimnisvollen Engländers?«

 

»Nein. Vermutlich wurde die Einzahlung in der Nähe von Hindhead geleistet. Wenn ich das sicher wüßte, würde sich Hamon in Tanger nicht wieder blicken lassen.«

 

»Das wird er auch so nicht mehr wagen«, entgegnete der Lord bitter. »Wenn die Regierung dieses verfluchten Landes morgen nicht etwas unternimmt, dann mache ich auf eigene Faust eine Expedition ins Innere, um meine Tochter zu finden! Und wenn ich Ralph Hamon entdecke, ist es aus mit ihm!«

 

Welling rauchte bedächtig weiter und schaute auf die sonnige Bucht hinaus.

 

»Wenn Jim Morlake sie nicht findet, wird es Ihnen auch nicht gelingen.«

 

»Wo mag sie nur geblieben sein?«

 

Zwei Leute ritten die Küste entlang auf die Stadt zu. Sie waren kaum noch eine halbe Meile entfernt und fielen durch ihr merkwürdiges Betragen auf.

 

»Ein Maure, der sich mit einer Frau in der Öffentlichkeit unterhält, ist ein seltener Anblick«, sagte Welling, der die beiden beobachtete.

 

Lord Creith schaute durch sein Fernglas. Die Frau hob die Hand und winkte, und es sah fast so aus, als ob der Gruß ihm gelten sollte.

 

»Wollen sie uns ein Zeichen geben?«

 

»Es scheint so«, meinte Welling.

 

Lord Creith wurde plötzlich bleich.

 

»Das ist doch nicht möglich!« rief er mit zitternder Stimme, drehte sich plötzlich um und eilte die Stufen zur Uferstraße hinunter. Die beiden Reiter fielen in Galopp.

 

Welling beobachtete die Szene erstaunt und sah, wie die maurische Frau plötzlich aus dem Sattel sprang und in die Arme des alten Mannes eilte. Dann stieg auch ihr Begleiter ab und wurde von Lord Creith aufs herzlichste begrüßt.

 

Wenn das nicht Jim Morlake ist, will ich ein Neger sein, sagte Welling zu sich selbst.

 

Im nächsten Augenblick eilte auch er hinunter, um die beiden zu begrüßen, und eine Stunde später saßen vier glückliche Menschen bei einer vergnügten Mahlzeit.

 

Einen Tag später erfuhren sie von Sadis Tod und der mißglückten Flucht seines Mörders. Sadis Leute hatten Hamon verfolgt, ihm den Weg abgeschnitten und ihn aus dem Hinterhalt erschossen. Sein Dienernder entkommen war, brachte die Nachricht nach Tanger. Die Leiche wurde geborgen, und das Dokument, nach dem Jim seit Jahren vergeblich gesucht hatte, kam endlich zutage.

 

»Wir fahren noch heute abend«, erklärte der Lord. »Mögen die Wellen im Golf von Biscaya haushoch sein, und mag der größte Sturm im Kanal toben – wenn wir nur aus diesem Land fortkommen! Ich muß die Yacht zur Heimfahrt benützen, denn der eigentliche Besitzer ist ein persönlicher Freund von mir, wie ich inzwischen erfahren habe. Sie begleiten uns doch, Morlake?«

 

»Ja«, erwiderte Jim. »Meine Aufgaben sind erledigt. Sie wurden vom Schicksal für mich gelöst. Um so mehr freue ich mich, daß ich jetzt nur noch schöne vor mir habe.«

 

Er sah Joan freudig an, und ihre Augen leuchteten glücklich auf.

 

Kapitel 6

 

6

 

»Hat es nicht eben gedonnert?« fragte Lord Creith. Er hob die Hand zum Mund, um ein Gähnen zu verbergen.

 

Auch Joan fühlte sich gelangweilt. Das Essen nahm kein Ende.

 

»Es klang fast so«, erwiderte Hamon und fuhr aus seinen unangenehmen Gedanken auf.

 

»Im Oktober sind Gewitter sehr selten«, meinte der Lord. »Ich kann mich daran erinnern, als ich noch ein Junge war …«

 

Er machte einen schwachen Versuch, die andern durch eine Geschichte zu unterhalten, die jedoch niemand fesselte. Er schien es auch zu fühlen und brach bald ab. Aber dann brachte er das Gespräch plötzlich auf ein Thema, das seine beiden Tischgenossen in hohem Maße interessierte.

 

»Ich habe Stephens nach diesem Morlake gefragt. Ein merkwürdiger Mensch. Niemand weiß auch nur das Geringste über ihn. Vor drei Jahren kam er von irgendwoher, kaufte Wold House und ließ sich hier als Gutsbesitzer nieder. Er beteiligt sich an keiner Jagd, keinem Ball, lehnt alle Einladungen ab, die ihm geschickt werden, und hat offenbar weder Bekannte noch Freunde. Ein ganz eigentümlicher Kerl!«

 

»Das kann ich nur bestätigen!«

 

Mr. Hamon lachte laut, und Joan sah ihn erstaunt an.

 

»Kennen Sie ihn denn?«

 

»Ziemlich genau – er ist ein amerikanischer Verbrecher!«

 

Joan versuchte vergeblich, ihre Erregung zu verbergen. Aber anscheinend übersah Hamon das Wohlwollen und die Sympathie, die der Besitzer von Wold House hier genoß. Er freute sich über das Aufsehen, das seine Worte hervorriefen.

 

»Ja, er ist ein Verbrecher, einer der größten Geldschrankknacker und Erpresser! Wie er in Wirklichkeit heißt, weiß ich nicht.«

 

»Aber dann ist die Polizei doch sicher über ihn informiert«, meinte Lord Creith verwundert.

 

»Das mag sein, aber ein Mann wie Morlake, der so viel Geld hat, braucht die Polizei nicht zu fürchten.«

 

Joan hatte bis jetzt sprachlos zugehört.

 

»Woher wollen Sie denn das alles wissen?« fragte sie, als sie ihre Stimme wieder beherrschte.

 

Hamon zuckte die Schultern.

 

»Vor einigen Jahren bin ich einmal mit ihm aneinandergeraten. Er dachte, er habe etwas entdeckt, was ihm eine gewisse Macht über mich gebe, und versuchte, mich zu erpressen. Er entkam nur mit genauer Not. Das nächstemal wird es ihm nicht glücken! Und das nächstemal –« er öffnete und schloß die Hand, als ob er jemand erwürgen wollte »– wird recht bald kommen! Ich habe ihn in meiner Gewalt.«

 

Joan haßte Ralph Hamon in diesem Augenblick über alle Maßen, obwohl er sie eigentlich nicht beleidigt hatte.

 

»Ich sagte schon, daß ich nicht weiß, wie er in Wirklichkeit heißt. Die Polizei beobachtet ihn seit Jahren, aber sie hat noch nie genügend Material gegen ihn sammeln können, um ihn vor Gericht zu bringen.«

 

»Ich habe aber noch nie etwas davon erfahren«, unterbrach ihn Lord Creith, »und ich bin doch hier der Ortsvorstand. Die hiesige Polizei hat nichts gegen ihn, im Gegenteil, man spricht ganz gut von Mr. Morlake.«

 

»Als ich eben die Polizei erwähnte, meinte ich damit Scotland Yard in London, und die Leute dort reden natürlich nicht darüber.«

 

»Ich kann das alles nicht glauben!« Joans lange unterdrückte Entrüstung kam zum Durchbruch. »Wahrscheinlich haben Sie irgendwelche Schauergeschichten gehört, die Ihre Phantasie jetzt verwirren!«

 

Hamon lächelte.

 

»Ich gebe zu, daß es recht unglaubhaft klingt, aber es ist die volle Wahrheit. Ich habe Morlake erst heute morgen gesprochen. Er war auf das unangenehmste überrascht, als er mich sah, das kann ich Ihnen sagen. Am meisten schien er sich darüber zu ärgern, daß ich ihn wiedererkannte. Er bat mich auch händeringend, es niemand zu erzählen –«

 

»Das ist nicht wahr! Unter keinen Umständen kann das stimmen!« erklärte Joan zornig. »Mr. Morlake ist der letzte, der einen anderen um etwas bitten würde. Ich glaube auch nicht, daß er ein Dieb ist.«

 

»Ist er denn Ihr Freund?«

 

»Ich bin ihm noch nie begegnet.«

 

Ein verlegenes Schweigen trat ein, aber Ralph Hamon hatte ein dickes Fell. Obwohl sie ihm auf den Kopf zusagte, daß er log, fühlte er sich nicht im mindesten verletzt.

 

Als sich Lord Creith in sein Zimmer zurückgezogen hatte, ging Joan hinaus, um die aufflammenden Blitze am südlichen Himmel zu beobachten. Sie wollte allein sein, doch Hamon folgte ihr.

 

»Es sieht so aus, als ob wir eine stürmische Nacht bekämen«, meinte er, um eine Unterhaltung zu beginnen.

 

Sie gab ihm recht und wollte wieder ins Haus zurückkehren, aber er hielt sie an.

 

»Wo haben Sie denn die Bekanntschaft der Dame gemacht, die dort drüben wohnt?«

 

»Sprechen Sie etwa von Mrs. Cornford? Ist sie vielleicht auch eine Verbrecherin?« fragte sie scharf.

 

Er lächelte nachsichtig über die sarkastische Bemerkung.

 

»Das nicht gerade. Ich interessiere mich nur für sie. Es kommt mir vor, als hätte ich sie schon vor Jahren einmal gesehen. Ich vermute, daß sie mich noch kennt. Hat sie Ihnen etwas davon gesagt?«

 

»Sie hat Ihren Namen niemals erwähnt – wahrscheinlich, weil ich mit ihr nicht über Sie gesprochen habe«, antwortete Joan etwas erstaunt.

 

»Ich glaube mich daran zu erinnern, daß sie nicht ganz richtig im Kopf war – sie war ein Jahr in einer Irrenanstalt.«

 

Joan lachte laut auf.

 

»Ausgezeichnet! Wer von meinen Freunden nicht gerade ein Verbrecher ist, wird von Ihnen für wahnsinnig erklärt!«

 

»Ich wußte nicht, daß er Ihr Freund ist«, sagte er schnell und trat an sie heran.

 

»Mr. Morlake ist unser Nachbar, und Nachbarn sind nach alter Sitte unsere Freunde. Wir gehen jetzt aber besser hinein.«

 

»Einen Augenblick noch.«

 

Er nahm ihren Arm, und sie machte sich durch eine leichte Bewegung wieder frei: »Was wollen Sie mir denn noch sagen?«

 

»Hat Ihr Vater über meinen Antrag mit Ihnen gesprochen?«

 

»Ja, es war die Rede davon«, erwiderte sie gleichgültig. »Ich erklärte ihm, daß ich nicht den Wunsch habe, Sie zu heiraten, obwohl ich gut verstünde, welches Kompliment Sie mir mit Ihrem Antrag machten.«

 

Hamon räusperte sich. »Erwähnte er auch die Tatsache, daß in Wirklichkeit ich der Eigentümer der Creithschen Güter bin?«

 

»Auch das hat er mir gesagt.«

 

»Ich nehme an, daß Ihnen das Stammhaus der Creith doch ein wenig am Herzen liegt? Ihre Vorfahren haben es seit Hunderten von Jahren besessen!«

 

»Sicher, es ist mir sehr teuer«, entgegnete sie steif. »Aber es ist mir doch nicht so kostbar, daß ich das Glück meines Lebens opfern würde, um den Titel einer Herrin von Creith zu behalten. Es gibt noch viel schlimmere Dinge, als heimatlos zu sein, Mr. Hamon.«.

 

Sie machte eine Bewegung, als ob sie gehen wollte, aber wieder hielt er sie zurück.

 

»Warten Sie noch«, sagte er leidenschaftlich. »Joan, ich bin zwanzig Jahre älter als Sie, aber Sie sind die Frau, von der ich geträumt habe, solange ich denken kann. Es gibt nichts, das ich nicht für Sie tun könnte, kein Dienst wäre mir zu schwer. Ich muß Sie besitzen!«

 

Bevor sie wußte, was geschah, hatte er sie in die Arme geschlossen. Sie wehrte sich und wollte sich frei machen, aber er umklammerte sie fest.

 

»Lassen Sie mich gehen – wie dürfen Sie das wagen!«

 

»Ruhe!« zischte er. »Ich liebe Sie, Joan, obwohl Sie mich mit Ihrem Hochmut tief gekränkt haben. Ich liebe Ihr süßes Gesicht, Ihre Augen, Ihren herrlichen, schlanken Körper …«

 

Sie bog den Kopf zur Seite, um dem Kuß seiner gierigen Lippen zu entgehen. Im selben Augenblick klang die Stimme ihres Vaters von der Halle zu ihnen herüber.

 

»Bist du noch draußen, Joan?«

 

Hamon ließ die Arme sinken, und sie taumelte zitternd vor Schrecken und Abscheu zurück.

 

»Es tut mir sehr leid, daß ich mich so vergaß«, flüsterte er.

 

Sie konnte nicht sprechen und zeigte nur zur Tür. Er verließ sie und ging hinein. Erst nach einigen Minuten folgte sie ihm.

 

Lord Creith schaute mit seinen kurzsichtigen Augen prüfend auf seine Tochter.

 

»Ist etwas passiert?« fragte er, als er ihre Blässe bemerkte.

 

»Nein, Vater.«

 

Er sah sich um. Hamon war verschwunden.

 

»Ein Mensch ohne Erziehung – ich werde ihn aus dem Hause weisen, wenn du es wünschest, mein Liebling.«

 

»Ach, das ist nicht notwendig. Aber wenn er morgen nicht von selbst verschwindet, wollen wir dann nicht lieber nach London gehen?«

 

»Ja, das wollen wir tun.«

 

Kapitel 43

 

43

 

Sie schaute ihn minutenlang starr an, dann brach sie plötzlich in Lachen aus.

 

»Mr. Welling, Sie haben mir einen furchtbaren Schrecken eingejagt. Glauben Sie mir, mein Vater tötet niemand.«

 

Er ließ sich aber nicht erschüttern.

 

»Ich will ja auch gar nicht behaupten, daß Ihr Vater Farringdon erschossen hat. Ich stelle nur fest, daß Lord Creith der einzige Mann ist, der hier im Umkreis von zehn Meilen spitze Schuhe trägt.«

 

»Das ist aber doch absurd! Viele Leute tragen spitze Schuhe – Mr. Hamon zum Beispiel –«

 

»Das wollte ich ja nur hören«, erwiderte Captain Welling höflich. »Das ist alles, was ich wissen muß. Trägt Mr. Hamon immer solche Schuhe? Von Lord Creith wußte ich es genau, denn ich habe den Schuhmacher im Dorf gefragt, und der Mann kennt ja sämtliche Schuhe im Herrenhaus.«

 

»Mr. Hamon ist so wohlhabend, daß er seine Schuhe nicht reparieren läßt. Sie haben ihn doch nicht etwa im Verdacht? Er war gestern abend ja gar nicht in Creith!«

 

»Wenn er Farringdon erschossen hat, muß er wohl in Creith gewesen sein, und wenn er es nicht getan hat, kümmere ich mich auch nicht darum, wo er war.«

 

Die Reaktion nach dieser Nacht voll Schrecken und Angst war so groß, daß sie den alten Mann hätte umarmen und vor Freude küssen mögen.

 

»Sind Sie denn ganz sicher?«

 

»Sie meinen über Morlake?« Er wußte, warum sie so ängstlich war. »Ich glaube, daß es da nicht den geringsten Zweifel gibt. Er hat so große Füße, daß er niemals die Schuhe hätte tragen können, deren Spuren wir vor dem Haus gefunden haben. Trotzdem ist es unter keinen Umständen gewiß, daß der Eigentümer der spitzen Schuhe auch der Mörder ist.«

 

Als sie ins Haus traten, beaufsichtigte Lord Creith eben die Diener, die das Gepäck in Ordnung brachten, die einzelnen Koffer numerierten und die Zettel aufklebten.

 

»Hallo, Welling, wen haben Sie heute morgen verhaftet?«

 

»Am Sonnabend verhafte ich niemand – das verdirbt den Leuten das Wochenende. Sie sind von Hamon antelefoniert worden?«

 

»Ja«, sagte der Lord erstaunt. »Ungefähr um Mitternacht.«

 

»Hat er Sie gebeten, ihm etwas nachzuschicken, das er vergessen hatte?«

 

»Nein, er wollte nur wissen, wann ich heute abreise.«

 

»Sehen Sie einmal an«, nickte Welling. »Es war ganz selbstverständlich, daß er das tat, obendrein noch um zwölf Uhr nachts?«

 

»Es war etwas vor zwölf, denke ich. Sicherlich haben Sie das Gespräch belauscht«, sagte Lord Creith vorwurfsvoll.

 

Als er nach dem Verbleib eines Sportgewehrs forschte, das merkwürdigerweise im letzten Augenblick verschwunden war, wandte sich Joan wieder an Welling.

 

»Woher wissen Sie das alles, Captain?«

 

»Ich vermute es nur. Es ist doch natürlich, daß der Mann mit den spitzen Schuhen, wenn es unser Freund Hamon war, so bald als möglich einen Beweis geben wollte, daß er in der Stadt sei. Die Versuche, sich durch ein Telefongespräch ein Alibi zu verschaffen, sind sehr häufig.«

 

Sie war vollständig von einem Gedanken beherrscht.

 

»Warum mag wohl Mr. Morlake fortgegangen sein?«

 

»Vielleicht hatte er wieder einen kleinen Einbruch vor –«

 

»Seien Sie doch nicht so schrecklich«, rief sie erregt. »Sie wissen genau, daß Mr. Morlake kein Einbrecher ist!«

 

»Wenn ich überhaupt etwas genau weiß«, entgegnete er, »so ist es, daß Morlake tatsächlich ein Einbrecher ist. Ich kümmere mich nicht darum, welche edlen Motive ihn dazu machen – aber er ist ein Einbrecher. Sogar der tüchtigste und schlaueste aller Geldschrankknacker im Land.«

 

»Hat er viel Geld geraubt?«

 

»Viele Tausende, aber es war stets Hamons Eigentum. Das ist das Merkwürdige.«

 

Joan hoffte, daß ein Wunder geschehen und Jim noch im letzten Augenblick erscheinen werde. Aber in dieser Erwartung wurde sie bitter enttäuscht. Sie mußte nach Southampton abfahren, ohne ihn noch einmal gesehen zu haben.

 

Mit Erstaunen und Verwunderung betrachtete sie auf der Reede die Jacht. Sie hatte sich ein winziges Fahrzeug vorgestellt, aber die ›Esperance‹ hatte das Aussehen eines kleinen Kreuzers.

 

»Die muß Freund Hamon aber eine schöne Stange Geld gekostet haben – sieht ja beinahe wie ein Passagierdampfer aus«, meinte Lord Creith.

 

Der englische Kapitän begrüßte sie oben am Fallreep. Alle Vorbereitungen zur Abfahrt waren schon getroffen.

 

»Mr. Hamon wird nicht kommen, wie ich erfahren habe«, sagte Captain Green. »Wenn Sie gestatten, Mylord, lichten wir die Anker.«

 

Kapitel 44

 

44

 

Die Strahlen der Frühsonne lagen über Tanger. Joan Carston schaute verwundert von Bord des Schiffs auf das schöne Bild, als sie langsam in die Bai einfuhren. Über ihr wölbte sich ein fleckenloser, tiefblauer Himmel, und der Wind trug einen feinen, fremdartigen Duft von der Küste herüber.

 

»Freust du dich, daß wir an Land gehen?« fragte ihr Vater.

 

Sie nickte.

 

»Du bist doch ein prächtiges Mädchen!« sagte er bewundernd. »Du hattest in den letzten Wochen mehr Schicksalsschläge zu ertragen als ein Durchschnittsmensch im Lauf seines ganzen Lebens.«

 

»Man kann sich auch gegen Schicksalsschläge abhärten.«

 

»Du bist jetzt nicht mehr in so großer Sorge um Morlake?«

 

»Nein. Ich habe sogar das Gefühl, daß wir ihn bald wiedersehen.«

 

Lord Creith war in guter Stimmung.

 

»Der Kapitän sagte, er habe es so eingerichtet, daß wir eine Woche hier bleiben können, und ich glaube, daß wir unsere Zeit gut ausnützen werden.«

 

Er mietete Zimmer in dem großen weißen Hotel, von dem aus man die Küste übersehen konnte. Später am Tag schaute Joan von der breiten Treppe auf die wunderlichen, bunt durcheinanderliegenden Häuser, die das moderne Tanger so reizvoll machen.

 

»Es sieht aus wie eine Szene aus dem Alten Testament mit elektrischer Beleuchtung«, meinte der Lord. »Ich weiß nicht, ob ich das irgendwo gelesen habe oder ob ich selber darauf kam. Aber es ist ein treffender Ausspruch. Ich hoffe, daß du nicht enttäuscht bist, Joan? Diese Städte sind in der Nähe lange nicht so angenehm wie drei Meilen von der See aus. Und der Geruch – hm!« Er verzog das Gesicht.

 

»Jim hat jahrelang hier gelebt«, sagte sie.

 

»Aber davon duftet die Luft nicht gleich nach Rosenöl«, erwiderte ihr Vater.

 

Am dritten Tag ihres Aufenthaltes begann Joan die Stadt schon etwas langweilig zu werden. Sie hatte den großen Marktplatz und den Basar mehrmals besucht, war zwischen den Holzkohleverkäufern und den ruhenden Kamelen herumgewandert, hatte den eingeborenen Gauklern, Fakiren und heiligen Männern zugesehen und mit Händlern um Bronze- und Messinggeräte gefeilscht.

 

»Den schönsten Teil von Tanger bekommt man eigentlich nicht zu sehen. Erinnerst du dich an die häßliche Straße, durch die wir neulich kamen?« fragte sie ihren Vater. »Dort öffnete sich ein altes Tor, und ich konnte einen Blick in einen großen Garten werfen. Zwei verschleierte Frauen standen auf einem Balkon und fütterten Tauben. Es war ein so liebliches Bild, daß ich ganz entzückt war.«

 

Am Nachmittag erstiegen sie einen Hügel, um einer Festlichkeit beizuwohnen. Eine große Anzahl von Stämmen aus der Wüste hatte sich versammelt, um den Todestag eines Heiligen zu feiern. Als Lord Creith und seine Tochter später durch die Stadt zurückkamen, führte er sie seitlich vom Markt an einem Gefängnis vorbei. Sie schauderte, als sie ein entsetzlich abgemagertes Gesicht hinter den Gittern sah.

 

»Möchtest du dir das Gefängnis auch einmal ansehen?«

 

»Nein, danke«, erwiderte sie schnell, und sie wandten sich wieder dem Basar zu.

 

Er öffnete einen leichten, weißen Sonnenschirm, denn die Sonne schien außerordentlich heiß.

 

»Ost ist Ost, und West ist West«, zitierte er. »Am meisten interessieren mich doch die Gedanken dieser Leute. Man begreift den Osten nicht, wenn man die Mentalität seiner Menschen nicht kennenlernt.«

 

Joan, die schon eine Weile hinter ihm hergegangen war, antwortete nicht, aber er war daran gewöhnt, daß sie auf seine Bemerkungen häufig schwieg.

 

»Und wenn du mich fragst –« begann er wieder und drehte sich um, um festzustellen, ob sie auch zuhöre.

 

Aber Joan war nicht zu sehen.

 

Er ging die Straße zurück. An der Ecke eines Hofes stand ein Bettler und bat im Namen Allahs um Almosen; eine verschleierte Frau, die einen Korb mit allerhand Eingeborenenarbeiten trug, kam an ihm vorüber. Aber Joan war nicht zu entdecken. Er schaute an den hohen Mauern der Straße zu beiden Seiten empor, als ob er erwartete, daß sie durch irgendein Wunder dort oben säße.

 

Dann wurde er unruhig und besorgt und eilte die unebene Straße entlang, bis er ihr Ende erreichte. Er schaute nach rechts und links und bemerkte vier Leute, die einen hölzernen Kasten trugen und dabei sangen. Er lief wieder zu dem Bettler zurück und wollte ihn gerade fragen, ob er nicht eine Dame gesehen habe, als er bemerkte, daß der Mann blind war.

 

»Joan!« rief er laut, erhielt aber keine Antwort.

 

Ein Mann, der im Schatten des Tores schlief, wachte auf, starrte auf den bleichen, alten Herrn und verfluchte alle Fremden, die die Sammlung der Gläubigen stören. Dann rollte er sich wieder zusammen und schlief weiter.

 

Lord Creith sah in einiger Entfernung einen französischen Gendarmerieoffizier und stürzte, zu ihm.

 

»Haben Sie nicht eine europäische Dame gesehen – meine Tochter?« begann er zusammenhanglos. Dann erzählte er schnell, wie er Joan aus den Augen verloren hatte.

 

»Wahrscheinlich ist sie in eins der Häuser gegangen. Haben Sie maurische Freunde hier?«

 

»Nein.«

 

»Wo war sie denn, als Sie sie zuletzt sahen?«

 

Lord Creith zeigte es ihm.

 

»Hier ist eine kleine Straße, auf der Sie schnell zum Basar kommen«, sagte der Offizier und führte ihn dorthin.

 

Aber Joan war nicht auf dem großen Markt. Lord Creith eilte ins Hotel zurück. Sie war weder in ihrem Zimmer noch auf der Terrasse. Dort saß nur ein Herr in grauem Anzug und fächelte sich mit seinem Hut Luft zu.

 

Er schaute sich um, als er Lord Creiths Stimme hörte, und sprang auf.

 

»Morlake!« rief der Lord erleichtert. »Joan …!«

 

»Ist etwas passiert?« fragte Jim schnell.

 

»Sie ist verschwunden! Mein Gott, ich fürchte, daß ihr etwas zugestoßen ist!«

 

Kapitel 45

 

45

 

Jim beriet sich kurz mit dem Polizeioffizier, bevor er sich von Lord Creith an die Stelle führen ließ, wo Joan verschwunden war.

 

»Ich glaube, es war hier!«

 

Jim sprach mit dem Beamten, aber dieser schüttelte den Kopf.

 

»Dabei kann ich Ihnen nicht helfen – es könnte zu großen Unannehmlichkeiten für mich führen. Ich kann Ihnen nur beispringen, wenn Sie meine Hilfe brauchen.«

 

»Das genügt mir«, sagte Jim.

 

In der Mauer befand sich ein kleines Tor. Jim ging darauf zu und klopfte.

 

Nach einiger Zeit öffnete sich ein Guckloch, und ein braunes Gesicht erschien in der Öffnung.

 

»Der Scherif ist nicht zu Hause«, sagte die Sklavin.

 

»Öffne, du Rose von Saron«, erwiderte Jim liebenswürdig. »Ich komme von dem Pascha und bringe Neuigkeiten für den Scherif.«

 

Die Frau zögerte.

 

»Ich darf nicht öffnen«, entgegnete sie, aber Jim spürte, daß sie unentschlossen war, und zog daraus sofort Vorteil.

 

»Ich bringe Nachricht von Hamon«, flüsterte er. »Geh zum Scherif und sage ihm das.«

 

Das Guckloch wurde geschlossen. Jim sah sich nach Lord Creith um, der neben ihm stand und ein sorgenvolles Gesicht machte.

 

»Es ist besser, Sie warten drüben bei dem Franzosen.«

 

»Aber wenn sie hier in dem Haus ist, werde ich darauf bestehen, daß –«

 

»Wenn überhaupt etwas zu machen ist, werde ich es erreichen«, sagte Jim grimmig. »Und Sie helfen mir am besten damit, daß Sie nicht dazwischentreten.«

 

Gleich nachdem sich der Lord widerwillig entfernt hatte, wurden die Riegel zurückgezogen. Ein Schlüssel drehte sich im Schloß, das Tor wurde ein wenig geöffnet, und Jim trat ein. Er stand auf dem quadratischen Hof, den er schon vor vielen Jahren einmal gesehen hatte, und blickte zu dem alten, verkommenen Brunnen und der verfallenen Veranda mit den verblaßten Polsterstühlen hinüber.

 

Als aber ein Mann dort erschien, ging er schnell quer über den Hof und stieg eilig zur Veranda hinauf.

 

»Sadi Hafis, du mußt mir helfen«, sagte er.

 

Bei dem Klang dieser Stimme schrak der Maure zusammen.

 

»Großer Gott!« sagte er atemlos. »Ich wußte nicht, daß du in Tanger bist, Milaka!«

 

Sein an und für sich blasses Gesicht schien noch farbloser zu werden.

 

»Was kann ich für Sie tun, mein lieber Captain Morlake?« fragte er dann in vorzüglichem Englisch. »Es ist wirklich eine Überraschung für mich – warum haben Sie denn Ihren Namen nicht gesagt?«

 

»Weil du mich dann nicht hereingelassen hättest. Wo ist Lady Joan Carston?«

 

Bestürzung zeigte sich auf Sadis Gesicht.

 

»Lady Joan Carston? Ich kann mich nicht auf den Namen besinnen. Ist es eine Dame von der Britischen Gesandtschaft?«

 

»Wo ist die junge Dame, die vor einer halben Stunde hier hereingelockt wurde? Ich warne dich, Sadi Hafis! Ich werde dieses Haus nicht ohne sie verlassen!«

 

»So wahr der allmächtige Gott lebt«, protestierte Sadi heftig, »ich weiß nicht, wo die Dame ist, und beim Paradiese Allahs, ich habe sie nicht gesehen. Warum sollte sie denn auch in meinem ärmlichen Hause sein, da sie doch offenbar von hohem englischen Adel ist?«

 

»Wo ist Lady Joan Carston?« wiederholte Jim nachdrücklich. »Bei Gott, Sadi, ich rate dir, mir jetzt endlich Antwort zu geben, oder ich frage einen toten Mann um Auskunft!«

 

Im Nu hatte er eine Pistole gezogen. Der Glanz der Waffe schien Sadi einen Augenblick zu blenden, denn er schloß die Augen und blinzelte.

 

»Das ist ein gewaltsamer Überfall!« rief er aufgeregt auf arabisch. »Ich werde es dem Konsulatsgericht melden –«

 

Jim stieß ihn zur Seite und trat in die fliesenbelegte Halle. Links befand sich eine Tür, die offenbar in Sadis Rauchzimmer führte, denn es roch nach Haschisch und Tabak. In der einen Ecke des Raumes war eine eiserne Wendeltreppe, auf der man in das obere Geschoß gelangen konnte. Sie war eine Merkwürdigkeit in dieser primitiven orientalischen Umgebung. Ohne Zögern eilte Jim hinauf. Mit einem Schrei sprang ein Mädchen, das dort gesessen hatte, auf und verhüllte das Gesicht mit einem Schleier.

 

»Wo ist die englische Dame?« fragte Jim schnell.

 

»O Herr«, sagte sie zitternd, »ich habe keine englische Dame gesehen.«

 

»Wer ist sonst noch hier?«

 

Er eilte durch den halbdunklen Raum und zog die Vorhänge von drei Schlafplätzen zur Seite, aber Joan war nicht da. Dann stürzte er die Treppe wieder hinunter. Er wußte, bevor Sadi noch feuern konnte, was sich ereignen würde, denn er hatte das unverzeihliche Verbrechen begangen, in den Harem eines orientalischen Großen einzudringen.

 

»Steck deine Pistole ein, oder du wirst sterben!« rief er.

 

Sadi feuerte nach der Stelle, wo Jim gestanden hatte, aber als dieser dann unerwartet wieder hinter einer Säule erschien, hob er die Hände in die Höhe. Im nächsten Augenblick warf sich Jim auf ihn und nahm ihm die Waffe ab.

 

»Nun – wo ist Joan Carston?«

 

»Ich sagte dir schon, daß ich es nicht weiß.«

 

Vor der Tür sammelte sich eine Schar furchtsamer Diener. Jim warf die Tür schmetternd ins Schloß und schob die Riegel vor.

 

»Wo ist Joan Carston?«

 

»Sie ist fortgegangen«, erwiderte Sadi dumpf.

 

»Du lügst – sie hatte noch keine Zeit fortzugehen.«

 

»Sie war nur eine Minute hier, dann ging sie in die Straße der Schulen – ein Tor führt von meinem Hause dorthin.«

 

»Mit wem ist sie fortgegangen?«

 

»Das weiß ich nicht.«

 

Jim stand drohend vor ihm, und seine Augen sprühten Zorn.

 

»Sadi«, sagte er langsam und nachdenklich, »kennst du Zafuri? Gestern abend erzählte er mir, daß er deinen Kopf abschlagen wird, weil du ihn bei der Regierung verraten hast. Auch hast du Geld von ihm genommen, um Gewehre für ihn zu kaufen, und du hast das Geld für dich verbraucht. Wenn du mir jetzt die Wahrheit sagst, werde ich dir das Leben retten.«

 

»Mir ist schon so oft gedroht worden, Milaka«, entgegnete Sadi wieder kühner. »Und was ist mir geschehen? Ich bin noch immer am Leben. Und ich erkläre dir noch einmal, ich weiß nichts von dieser Dame.«

 

»Du hast doch eben gesagt, daß sie hier im Hof war und daß man sie durch die Tür dort in die Straße der Schulen gebracht hat! Wer hat sie mitgenommen?«

 

»So wahr Allah lebt, das weiß ich nicht!« rief Sadi.

 

»Das wirst du büßen, Sadi Hafis!«

 

Donnernd warf er die Tür ins Schloß und ging aus dem Haus über den Hof. Er sah, daß Sadi wenigstens insofern die Wahrheit gesagt hatte, als noch eine andere Tür nach der engen Straße führte. Dann erinnerte er sich plötzlich daran, daß Joans Vater Leute gesehen hatte, die eine schwere Kiste trugen. Nachforschungen ergaben, daß vier Männer in der nächsten Straße den Kasten auf einen Wagen geladen hatten, der schon den ganzen Morgen dort gewartet hatte. Ein Kameltreiber, der in der Nähe geruht hatte, bestätigte diese Angabe und sagte, daß sich in dem Kasten etwas bewegt habe. Er habe die Männer nach dem Inhalt gefragt, und sie hätten geantwortet, daß sie Hühner trügen.

 

Jim eilte durch die Menge, die sich auf dem Markt angesammelt hatte, und verschwand unter den Leuten. Zehn Minuten später sah Lord Greith ein großes Auto in schnellstem Tempo die Straße entlangrasen: Jim saß am Steuer.

 

»Ich fand den Wagen vor dem Hotel d’Angleterre«, rief er atemlos. »Gott weiß, wem er gehören mag.«

 

Lord Creith sprang schnell hinein.

 

Jim fuhr die Straße nach Fes entlang. Er konnte die Spuren des Wagens noch zehn Meilen von Tanger entfernt verfolgen.

 

»Dort steht der Wagen ja«, sagte er plötzlich.

 

Die Leute hatten ihn stehengelassen, aber die Kiste stand noch darauf. Jim hielt an. Er sah sofort, daß sie leer war; der Deckel lag im niedrigen Gestrüpp an der Seite des Weges.

 

Als er in die Kiste sah, fand er da einen weißen Schuh.

 

»Er gehört Joan!« rief Lord Creith, als Jim ihm den Fund zeigte.

 

Kapitel 46

 

46

 

Joan Carston schlenderte langsam hinter ihrem Vater her. Sie gingen gerade an einer Gartenmauer vorbei, als sich eine Tür öffnete. Einen Augenblick hielt Joan an, um in den Hof zu sehen. Zuerst war sie sehr enttäuscht, aber im Eingang erschien eine Frau, die sie freundlich anlächelte, die Tür aufhielt und eine einladende Handbewegung machte, als ob hier etwas Schönes zu sehen sei. Joans Neugierde erwachte, und sie trat ein. Plötzlich wurde aber das Tor hinter ihr zugeschlagen, eine große, schwarze Hand bedeckte ihren Mund, und sie wurde von der Türschließerin festgehalten.

 

Bevor ihr zum Bewußtsein kam, was eigentlich geschah, kamen vier Männer auf sie zu, banden ihre Füße mit einem Tuch zusammen und legten ihr ein großes Baumwollbündel auf das Gesicht, das sie am Sehen und Atmen hinderte.

 

Sie sah ein, daß es zwecklos war zu kämpfen, und blieb ruhig liegen, als ihr auch die Hände zusammengeschnürt wurden. Man hob sie auf, nahm die Baumwolle von ihrem Gesicht und band ihr ein Seidentuch um den Mund. Dann wurde sie in einen großen Kasten gelegt und hochgehoben.

 

Die Luft in dem Gehäuse war drückend. Joan fürchtete zu ersticken und versuchte, mit ihrem Kopf den Deckel zu heben. Aber er war von außen fest verschlossen. Sie schien eine Ewigkeit getragen zu werden, dann fühlte sie einen kleinen Stoß, als ob der Kasten auf eine Unterlage gestellt würde. Der Wagen fuhr an, und seine Geschwindigkeit nahm immer mehr zu. Offenbar hatte der Fahrer große Eile, denn er verlangsamte die Fahrt nicht einmal, als es über einen unebenen, holprigen Weg ging. Alle Glieder schmerzten Joan, und sie war daran, das Bewußtsein zu verlieren.

 

Sie mußte wohl auch ohnmächtig geworden sein, denn als sie wieder zu sich kam, lag sie an der Straßenseite. Wagen und Kasten waren verschwunden, die Fesseln an Händen und Füßen gelöst, und die vier Leute, die sie gefangengenommen hatten, beugten sich über sie. Einer von ihnen stellte sie auf die Füße und sagte auf arabisch etwas zu ihr, das sie nicht verstand. Sie schüttelte den Kopf, um ihm klarzumachen, daß sie die Sprache nicht beherrsche. Dann sah sie ein paar Maulesel, die auf sie zu warten schienen. Der größte Mann trug sie zu einem der Tiere und setzte sie in den Sattel. Dann führte er es einen steilen Abhang hinab, der im rechten Winkel von der Straße abbog. Seine Gefährten folgten.

 

Sie hatte furchtbare Kopfschmerzen und konnte kaum ihre Gedanken sammeln. Entsetzlicher Durst quälte sie, und ihre Kehle war ausgetrocknet. Aber der Weg, den sie auf dem Maultier zurücklegen mußte, war nicht lang. In einer Talsenke stand ein Haus mit einem flachen Dach, das von einer hohen, weißen Mauer umgeben war, und die Leute geleiteten sie auf dem Maultier durch das enge Tor.

 

Im Hof blühten viele Blumen in prächtigen Farben, und in der Mitte plätscherte ein Springbrunnen. Sie wartete, während ihre Begleiter die Türen fest verschlossen. Dann wurde ihr bedeutet, daß sie absteigen solle. Man führte sie zum Haus und klopfte an die Tür. Es wurde sofort geöffnet, und ein Mädchen zeigte sich im Eingang. Sie zog Joan herein und brachte sie in einen länglichen Raum. Der Boden war mit schäbigen Teppichen bedeckt, und im Hintergrund stand ein großer, bequemer Diwan.

 

Oben in den Wänden waren Fenster angebracht, durch die helles Licht hereinfiel. Nach den Beschreibungen, die sie gelesen hatte, nahm Joan an, daß sie sich im Harem eines maurischen Hauses befand. Aber sie sah keine anderen Frauen; auch das Mädchen, das sie hereingeführt hatte, verschwand wieder und schloß die Tür.

 

Joan setzte sich auf die Ecke des Diwans und versuchte nachzudenken. Sie mußte der Gefahr tapfer entgegentreten.

 

Die Entführung war so glatt gegangen, daß sie vorbereitet gewesen sein mußte. Aber woher konnten die Leute nur wissen, daß sie durch das Tor gehen würde? Sie mußten tagelang gewartet haben, um ihren Plan zur Ausführung zu bringen. Und wer wollte sie in seine Gewalt bringen?

 

Als sich die Tür öffnete, sprang Joan auf. Das Mädchen trat wieder herein und brachte auf einem großen Messingtablett einheimisches Brot, Früchte und eine braune Flasche mit klarem Wasser. Ein reichverzierter Becher stand daneben. Als sich das Mädchen wieder entfernt hatte, goß Joan Wasser in den Becher und trank gierig. Sie betrachtete die Nahrung zuerst argwöhnisch, aber dann faßte sie Mut und aß von dem Brot.

 

Am anderen Ende des Raumes trat ein Mann durch die Tür und beobachtete sie einige Zeit, ohne daß sie etwas von seiner Anwesenheit ahnte. Schließlich machte er sich durch ein Räuspern bemerkbar, und Joan fuhr entsetzt in die Höhe.

 

»Sie sind es?«

 

Ralph Hamon lächelte gemein.

 

»Das ist ein unerwartetes Vergnügen.«

 

Plötzlich erkannte sie die Zusammenhänge.

 

»Sie also stecken hinter allem?« sagte sie langsam. »Deshalb haben Sie uns zu dieser Reise eingeladen?«

 

»Ja, ich war so frei. Ich wollte Sie ein wenig aus der Nähe dieses Morlake entfernen. Wenn es überhaupt noch eine Gerechtigkeit in England gibt, hat man diesen Menschen verhaftet, denn er hat einen Mord auf dem Gewissen. Sie wissen wahrscheinlich, daß Ihr Gatte in der Nacht vor Ihrer Abreise getötet wurde und daß es Morlake war, der ihn erschossen hat.«

 

Sie warf ihm einen verächtlichen Blick zu.

 

»Sie selbst haben Farringdon getötet – Captain Welling erzählte es mir, bevor ich abfuhr.«

 

Wenn Sie die Absicht hatte, ihm einen Schrecken einzujagen, so hatte sie vollen Erfolg. Sein Gesicht sah plötzlich fahl und verstört aus.

 

»Sie wollen mich nur bluffen!« rief er heiser. »Warum soll denn ausgerechnet ich diesen Säufer erschossen haben?«

 

»Captain Welling hat mir ganz klar gesagt, daß Sie der Mörder sind«, entgegnete sie kühl. »Und Jim Morlake wird bald auf Ihrer Spur sein!«

 

Er nahm sein Taschentuch heraus und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

 

»Was – ich ein Mörder?« fragte er düster. »Nun, mehr als henken können sie mich auch nicht. Ich wollte Ihnen eigentlich etwas sagen, aber Sie haben mein Programm umgestoßen, Joan. Ich kann leicht erfahren, ob Morlake in Tanger ist.«

 

»Ich habe nicht gesagt, daß er in Tanger ist, davon weiß ich nichts.«

 

Seine Züge erheiterten sich.

 

»Ich werde es bald herausbringen«, wiederholte er dann und verließ den Raum durch eine von einem Vorhang verborgene Tür.

 

Einige Minuten später kam das maurische Mädchen zurück und führte Joan in einen Raum auf der Rückseite des Hauses. Aus glasierten Klinkern war hier eine Badewanne in den Fußboden eingemauert, und das Mädchen gab Joan ein Zeichen, sich zu entkleiden. Über der Lehne eines etwas wackligen Stuhls hingen Kleider, wie sie maurische Frauen trugen. Zuerst sträubte sich Joan, aber das Mädchen zeigte bedeutungsvoll auf die Tür, und Joan vermutete, daß man Gewalt anwenden würde, wenn sie Widerstand leistete. Sie entkleidete sich deshalb unter den wachsamen Augen des Mädchens und stieg ins Bad.

 

Ihre Kleider wurden entfernt, und es blieb ihr nichts anderes übrig, als danach das arabische Kostüm anzulegen.

 

Die Dunkelheit brach schon herein, als Ralph Hamon zu ihr zurückkehrte.

 

»Ihr Freund Morlake hat eine böse Geschichte angerichtet die maurischen Behörden sind hinter ihm her, aber er hat es ja selbst so gewollt. Ein Mann, der so gut mit den Sitten des Landes vertraut ist wie er, sollte es sich doch zweimal überlegen, bevor er versucht, in den Harem eines maurischen Großen einzudringen. Sie werden sich vielleicht dafür interessieren, daß er Sie heute nachmittag gesucht hat.«

 

»Alles, was Sie mir von ihm sagen, interessiert mich sehr.«

 

Sein Gesicht verfinsterte sich.

 

»Ich glaube, es ist besser, wenn Sie die Dinge von einer anderen Seite betrachten, Joan, und vor allem den Tatsachen Rechnung tragen, wie sie nun einmal sind. Es wird eine große Veränderung in Ihrem und in meinem Leben geben.«

 

Er setzte sich neben sie auf den Diwan, aber sie stand auf.

 

»Ich werde jetzt endlich das Leben führen, von dem ich schon so lange geträumt habe.«

 

»Glauben Sie denn nicht, daß die Gerechtigkeit Sie auch hier erreichen wird?«

 

»Gerechtigkeit!« sagte er ironisch. »In diesem Bergland gilt nur das Gesetz des Stärkeren und die Freundschaft des Häuptlings, der den Distrikt regiert. Meine liebe Joan, ich werde Ihnen vielleicht sogar den größten Dienst erweisen – Sie werden das Leben kennenlernen – ein Leben, das wenigstens lebenswert ist.«

 

»Was soll das heißen?«

 

»Sie werden mich heiraten. Sie werden Arabisch lernen. Ich bringe es Ihnen bei, und dann lesen wir zusammen die Gedichte von Hafis. Sie werden erstaunt sein, welche Freuden Ihnen das Leben erschließt.«

 

»Reden können Sie ganz gut«, unterbrach sie ihn. »Sie sind wirklich ein sonderbarer Mensch. Ich weiß nicht, wieviel Morde Sie begangen haben, aber einen haben Sie sicher auf dem Gewissen, und wahrscheinlich ist Ihr ganzer Reichtum auf ein schreckliches Verbrechen gegründet.«

 

Er war sprachlos vor Wut und Furcht, als sie ihm diese Worte ins Gesicht schleuderte.

 

»Ich bin kein gemeiner Mörder«, stieß er hervor. Sein Gesicht zuckte. »Ich bin überhaupt kein Mörder, hören Sie? Ich – ich habe zwar viel getan, aber ein Mörder bin ich nicht.«

 

»Wer hat denn Ferdie Farringdon getötet?« fragte sie kalt.

 

Er hob den Blick, und sie las Sorge und Furcht darin.

 

»Ich weiß nicht – vielleicht habe ich es –, ich wollte ihn ja nicht töten … ich wollte – ich weiß jetzt nicht mehr, was ich beabsichtigte. Ich wollte eigentlich Morlake erschießen – ich fuhr mit meinem Wagen bis an den Ort und ging dann zu Fuß.«

 

Er bedeckte die Augen mit der Hand, als ob er eine schreckliche Erscheinung bannen wollte. Dann verließ er den Raum.

 

Sie sah ihn an diesem Abend nicht wieder, aber als sie auf dem Diwan saß und vor sich hinträumte, hörte sie plötzlich, wie die Tür geöffnet wurde. Sie richtete sich auf und sah die junge Araberin, die einen langen, blauen Mantel über dem Arm trug und ihn über Joans Schultern hängte. Der zweite Teil der Reise sollte also beginnen.

 

Wohin würde sie führen? Sie vertraute darauf, daß Jim Morlake ihr irgendwo begegnen und ihr helfen würde.

 

Kapitel 47

 

47

 

Hamon hatte Joan die Wahrheit erzählt, als er sagte, daß Jim in große Unannehmlichkeiten mit den Behörden geraten sei. Aber das waren Schwierigkeiten, die er kannte und deren er Herr werden konnte. »Es wird nahezu unmöglich sein, die Häuser zu durchsuchen, in denen sie verborgen sein könnte«, sagte er zu Lord Creith. »Ich bin schon jetzt in eine recht böse Lage gekommen. Wenn wir jetzt etwas unternehmen, können wir es nur auf eigene Faust tun. Die Räuber sind jedenfalls nicht die Fesstraße weiter entlanggegangen. Ich bin zwanzig Meilen über die Stelle hinausgegangen, wo wir den Wagen fanden, und ich habe niemand gesehen. Ich werde jetzt weitere Nachforschungen anstellen.«

 

Der alte Herr ging in sein Zimmer hinauf, um eine Vollmacht zu holen, die er diesen Nachmittag von den verschiedenen Konsulaten besorgt hatte. Jim wartete unten und trat auf den Balkon hinaus. Der Abend war kühl, und der Vollmond erhob sich in voller Pracht am wolkenlosen Himmel. Einen Augenblick war er überwältigt von der Schönheit dieses Anblicks. Die breite Hotelterrasse war verlassen, nur ein Mann saß noch dort, der den Mantelkragen hochgeklappt und die Füße auf das Steingeländer gelegt hatte. Er mußte Amerikaner oder Engländer sein. Niemand sonst würde es wagen, sich der Nachtluft auszusetzen. Der Fremde rauchte eine Zigarre.

 

Lord Creith erschien mit der Vollmacht.

 

»Ich fürchte, sie wird Ihnen auch nicht viel nützen«, meinte er, »aber in Orten, die die Oberhoheit des Sultans anerkennen, werden Ihnen die Behörden Hilfe und Beistand leisten.« Er streckte ihm die Hand entgegen. »Also, gehen Sie – ich wünsche Ihnen viel Glück. Bringen Sie mir Joan zurück, ich muß sie wiederhaben – und ich glaube, Sie auch.«

 

Jim drückte die Hand des alten Mannes, nickte ihm noch einmal zu und schob ihn dann durch die Glastür in die große Hotelhalle zurück. Er mußte jetzt allein sein.

 

Eine Sekunde schaute er dem alten Mann noch nach, der etwas gebückt über den Korridor schritt, dann wandte er sich um und eilte die Stufen hinunter, die zur Küstenstraße führten. Er war gerade unten, als er angerufen wurde.

 

»Hallo!«

 

Es war der Fremde mit der Zigarre. Jim dachte, daß der andere sich geirrt habe, und ging weiter.

 

»Kommen Sie doch her, Morlake!«

 

Erstaunt wandte sich Jim um.

 

»Wenn Sie mich so gut kennen, daß Sie meinen Namen wissen, darf ich Ihnen sicher ohne Umschweife sagen, daß ich in großer Eile bin.«

 

»Gewiß.« Der Mann streckte die Beine gemütlich von sich. »Ich möchte von Ihnen nur eins erfahren – haben Sie vielleicht etwas von meinem Freund Hamon gesehen?«

 

Jim beugte sich nieder, um das Gesicht des Fremden besser sehen zu können. Es war Captain Welling …

 

Kapitel 48

 

48

 

»Was in aller Welt tun Sie denn hier?«

 

»Ich werde mir Rheumatismus holen«, brummte Welling. »Sie sind in Eile – was gibt es denn?«

 

»Lady Joan ist verschwunden.« Jim erzählte ihm von der Entführung.

 

Der Detektiv hörte nachdenklich zu.

 

»Das ist allerdings eine schlechte Neuigkeit«, sagte er dann. »Ich hatte schon gehört, daß es einen Skandal gegeben haben soll, aber ich wußte nicht, was es war. Mein Spanisch ist schon sehr in Vergessenheit geraten, und Arabisch verstehe ich so gut wie gar nicht. Lady Joan! Das ist recht böse. Was haben Sie denn nun vor?«

 

»Ich will mich nach ihr umsehen!« erwiderte Jim kurz.

 

»Dann darf ich Sie nicht aufhalten. Haben Sie nichts von Hamon entdeckt? Ich habe ihn bis Cadiz verfolgt. Er kam auf der ›Peleago‹ nach Gibraltar. Dort habe ich die Spur verloren. Er war plötzlich verschwunden, und ich konnte ihn nicht wieder auffinden.«

 

Bestürzt hörte Jim diese Nachricht.

 

»Dann ist er hier – gesehen habe ich ihn allerdings noch nicht. Zuerst hatte ich Sadi Hafis in Verdacht, aber es ist leicht möglich, daß Hamon die Entführung dirigierte.«

 

Mit einem hastigen Lebewohl eilte er fort.

 

In der Nähe der Straße der Moschee stand ein kleines, unansehnliches Haus, zu dessen Tür man auf einer schmalen Treppe emporklettern mußte. Jim stieg hinauf, klopfte an und wurde sofort eingelassen. Er nickte dem maurischen Schneider, der mit untergeschlagenen Beinen bei seiner Arbeit saß, einen Gruß zu, ging in einen inneren Raum, zog den Rock aus und erschien dann wieder in der Tür.

 

»Haben Sie alles vorbereitet?« fragte er.

 

»Ja«, entgegnete der Schneider, der nicht von seiner Arbeit aufschaute. »Sie warten auf Sie in der Straße, wo der englische Arzt wohnt.«

 

Jim hatte die Weste ausgezogen, als er plötzlich ein lautes Brummen hörte. Er sah nach einer viereckigen Öffnung, zu der eine alte, zerbrochene Leiter hinaufführte.

 

»Wer ist dort oben?«

 

Der Schneider fädelte mit außerordentlicher Schnelligkeit eine Nadel ein, bevor er antwortete.

 

»Ein Mann«, sagte er dann gleichgültig. »Er hat das Dachzimmer, das früher der Wasserverkäufer bewohnte. Yassin konnte keinen Mieter finden, weil der Wasserverkäufer an den Pocken starb. Deshalb gab er es an den Englesi für sechs Pesetas den Monat. Er raucht und wird jetzt in ein Café gehen, wo er seine Pfeife Haschisch für zehn Centimos bekommt.«

 

Als Jim noch verwundert nach oben schaute, erschien ein zerrissener Schuh auf der Leiter, darüber ein Bein, das kaum durch eine zerlumpte Hose bedeckt wurde. Der Mann stieg langsam herab, und Jim betrachtete ihn genau. Schmutzig graue Haare hingen über den Kragen des Mannes herunter, und sein Anzug war zerschlissen. Er hatte eine dicke, rote Nase, und ein verwilderter Bart umrahmte sein Gesicht. Schläfrig richtete er den trüben Blick auf Jim.

 

»Guten Abend«, keuchte er.

 

»Sind Sie Engländer?« fragte Jim, überrascht und abgestoßen durch die häßliche Erscheinung des Fremden.

 

»Ja, Brite. Aber sehen Sie mich doch nicht so verteufelt an, als ob Ihnen schlecht würde, mein Lieber! An Ihrer verfluchten Aussprache erkenne ich, daß Sie aus den Staaten sind. Was treiben Sie denn hier? Leihen Sie mir fünf Peseten, alter Junge, ich erhalte morgen eine Geldsendung von zu Hause.«

 

Jim drückte ihm eine spanische Münze in die ausgestreckte Hand und sah dem verkommenen Mann nach, der in die Nacht hinauswankte.

 

»Wie lange ist der schon hier?«

 

»Fünf Jahre«, antwortete der Schneider, »mir ist er auch fünf Pesetas schuldig.«

 

»Wie heißt er denn?«

 

»Das weiß ich nicht – was kommt es auch auf den Namen an?«

 

Jim gab ihm innerlich recht.

 

*

 

Der heruntergekommene Mann schwankte die Straße entlang und stieß gleich darauf mit einem anderen Europäer zusammen.

 

»Verdammt noch einmal«, sagte Hamon. »Passen Sie doch auf!«

 

Er war sehr erstaunt, als ihm auf englisch erwidert wurde.

 

»Verfluchter Hund! Machen Sie selbst die Augen auf, Sie Esel! Wie können Sie einen Gentleman anrennen – Sie sind ja vollständig betrunken, Sir!«

 

Ralph war so verwundert, daß er schnell ein Streichholz ansteckte, aber er hätte es beinahe wieder fallen lassen, als er das blutunterlaufene Gesicht und den roten Bart des Mannes sah.

 

»Das Licht bricht aus der Finsternis«, murmelte der Haschischraucher. »Entschuldigen Sie, wenn meine Sprache etwas ungebildet war – verzeihen Sie.« Er schaute zum mondhellen Himmel hinauf.

 

»Würde es Sie sehr belästigen, wenn ich Sie bäte, mir den Stern Gamma im Bild des Orion zu zeigen? Mein Café liegt nämlich ungefähr in dieser Richtung. Ich lebe in einer greulichen Höhle, Sir, über dem Laden eines schrecklichen maurischen Schneiders. Und was bin ich, mein lieber Freund? Ein Geistlicher! Kein Priester, den man ausgestoßen hat – sondern ein Prediger! Ein Offizier, der die höchste Auszeichnung der Welt erhalten hat, das Victoria-Kreuz! Aylmer Bernando Bannockwaite! Aber würden Sie nicht die außerordentliche Liebenswürdigkeit haben, mir fünf Peseten zu leihen – morgen erhalte ich eine Geldsendung von zu Hause.«

 

Wie im Traum gab ihm Ralph Hamon einen Geldschein.

 

Bannockwaite! Der Mann, der Joan und Ferdie Farringdon getraut hatte!

 

Kapitel 49

 

49

 

Vier Stunden lang ritt Joan in der Nacht auf einem tänzelnden Maultier durch eine Landschaft, die sie nicht sah und deren Charakter ihr ein Geheimnis blieb. Soweit sie erkennen konnte, folgte die kleine Karawane keinem festliegenden Weg. Von Zeit zu Zeit verfingen sich ihre Füße in dem dornigen Gebüsch, das sich mit seinen Spitzen auch in ihr weißes Kleid einhakte.

 

Bei Tagesanbruch entdeckte sie, daß sie sich in einem wilden und anscheinend unbewohnten Landstrich befanden. Sechs Männer und das Mädchen, das sie schon bedient hatte, begleiteten sie. Einer der Leute machte ein Feuer und hängte einen Wasserkessel darüber, während ein anderer die Maulesel zu einem nahen Bach führte.

 

Joan blickte umher und versuchte vergeblich, sich vorzustellen, wo sie waren. Blaue Hügel zogen sich am Horizont hin. Ein Araber durchsuchte das Gebüsch und fand ein stilles, schattiges Plätzchen. Dort breitete er ein Tuch aus und deutete ihr an, daß sie sich zur Ruhe legen sollte. Aber nie war sie wacher gewesen, und obgleich sie sich dorthin zurückzog, konnte sie doch nicht schlafen. Sie mußte immer wieder ihre Lage überdenken.

 

Die Araberin brachte ihr Kaffee und Weizenkuchen, und Joan war dankbar für die Erfrischung, denn sie hatte seit dem Mittag vorher nichts gegessen.

 

Nachdem die kleine Karawane zwei Stunden geruht hatte, wurde der Marsch fortgesetzt. Joan wunderte sich zuerst, daß die Leute, denen sie zuweilen begegnete, nicht erstaunt waren, eine europäische Frau zu sehen. Aber dann erinnerte sie sich daran, daß sie maurische Kleidung trug. Wenn die Leute sie überhaupt ansahen, so war es nur, weil sie ihr Gesicht nicht verschleiert hatte.

 

Die Berge rückten näher und näher, und sie entdeckte einen weißen Flecken an einem Abhang, ohne zu wissen, daß es das Ziel ihrer Reise war. Als der Weg sich aufwärtszog, erkannte sie allmählich, daß es ein Gebäude war. Nach und nach traten die Umrisse des palastartigen Hauses immer deutlicher hervor, und sie war erstaunt über die Schönheit dieser Anlage. Es erschien ihr wie ein weitstrahlender Edelstein, und selbst aus dieser Entfernung konnte sie die Anmut der Gärten und Terrassen ahnen, die sich nach oben und unten in verschiedenen Abstufungen um das Haus zogen.

 

Die Landschaft hatte hier wellenförmigen Charakter, und als die kleine Karawane zwischen Sträuchern einen sanften Hügelrücken hinaufritt, sah Joan einen Mann auf einem müden Pferd. Er hielt in kurzer Entfernung von ihnen rechts an der Straße. Die anderen schenkten ihm weiter keine Beachtung, aber das maurische Mädchen sagte ein Wort, das Joan verstand.

 

»Ein Bettler?« fragte sie erstaunt. Bei anderer Gelegenheit hätte sie sich darüber gewundert, einen Bettler zu Pferd zu sehen.

 

Es war ein älterer Mann mit grauem Bart. Sein Gesicht sah aus, als ob er noch nie Wasser und Seife benützt hätte, und seine Kopfbedeckung war alt und verschossen. Er schaute auf die kleine Schar, als sie vorüberkam, und Joan betrachtete bestürzt das zerrissene Gewand, das seine gebeugte Gestalt nur spärlich bedeckte, und das schmutzige Hemd, das sich am Hals zeigte. Sie glaubte, noch nie einen so abstoßenden Menschen gesehen zu haben.

 

»Almosen!« sagte er. »Almosen im Namen des barmherzigen Gottes!«

 

Einer der Männer warf ihm eine Kupfermünze zu, und er fing sie geschickt auf.

 

»Almosen, o du schöne Rose, im Namen des Barmherzigen und Gnädigen! Habe Mitleid mit den Armen!«

 

Seine Stimme erstarb in einem Murmeln.

 

Joan war sehr müde, als sie die Tore erreichten und durch die blühenden Gärten schritten. Das Mädchen lief zum Haus voraus und sprach mit einer der Frauen, die neugierig ihre Ankunft beobachteten.

 

Dann trat eine behäbige Frau einige Schritte vor. Ihr Gesichtsausdruck war düster und verärgert, und sie sagte etwas in scharfem Ton. Als Joan den Kopf schüttelte, um anzudeuten, daß sie sie nicht verstanden habe, biß sie sich ungeduldig auf die Lippen.

 

Das maurische Mädchen schien sich vor der Frau zu fürchten; es zeigte auf eine Tür, öffnete sie schnell und bat Joan herein.

 

Das Zimmer erinnerte an einen geschmackvoll eingerichteten englischen Raum. Nur die Fenster waren, wie in den meisten maurischen Häusern; mit Gittern versehen. Joan sah sich neugierig um.

 

»Wer war denn die Frau?« fragte sie in dem gebrochenen Spanisch, in dem sie sich mit der Araberin zu verständigen suchte.

 

Das Mädchen wollte sich vor Lachen ausschütten.

 

»Das ist Senora Hamon!«

 

Joan setzte sich auf den nächsten Sessel und lachte gleichfalls laut auf.